Felix Dahn Fredigundis Historischer Roman aus der Völkerwanderung Motto: »On chante encore, on craint encore De l'Austrasie au Périgord La belle, la blonde, La terrible Frédegonde.« Meinem lieben Freund Wilhelm Hertz in München zu eigen. Erstes Buch Erstes Kapitel. Bei dem Dorfe Fleury, östlich von Rouen, sucht von Norden her in den stolzen, den königlichen Seinestrom eines schönflutigen Wildbachs rasche Welle ihren Weg. Hastig, unberechenbar schießt sie dahin, launenhaft die Richtung wechselnd, wie in neckischem Spiel. Aber, fühlt sich die ungestüme Kraft stark genug, wandelt sie plötzlich das Spiel in drohenden Ernst: bösartig zerreißt sie jeden Widerstand auf ihrer Bahn, verschlingt sie alles Leben; »die Furieuse« heißt sie jetzt, »die Wut-Ach« nannten sie die Franken. Nah ihrer Mündung in die hier nach Westen biegende Seine erhebt sich auf dem linken Ufer jener kleinen Wildflut ein mäßiger Hügel; er trug damals das stattliche Herrenhaus, zu welchem die Ländereien weithin gehörten. Am Fuße des Abhangs lagen ein paar ärmliche Lehmhütten, der Unfreien traurige Heimstätten. Es war ein heißer Sommernachmittag; weißgrau Gewölk zog langsam an dem dunstigen Himmel nach Nordwesten, stromabwärts, dem Meere zu. Drüben, auf dem rechten Ufer des Flüßchens, wo steilere Hebungen ansteigen, kletterten verstreut etliche Ziegen, aus kargem Sandboden salzige Halme rupfend. Da kam aus dem dichten Walde, der hier, auf diesem rechten Ufer, den Höhenzug krönte, ein Knabe von etwa sechzehn Jahren. Den dunklen Jägerhut zierten ihm die bunten Federn des Grauspechts; Bogen und Pfeilköcher trug er auf dem Rücken; aber die netzgestrickte Jagdtasche an seiner Seite war leer. Unter den letzten Bäumen des Waldrandes – mächtigen, hochragenden Eichen – blieb er stehen. Er hielt nun die Hand vor die Augen – die blinkenden Wasserspiegel da unten blendeten –, er spähte so, vorgebeugt, über die vor ihm umher weidenden Ziegen hin. Kopfschüttelnd ging er weiter; er streichelte das nächste der magern Tiere, das er erreichte und sprach zu ihm; er schien es um etwas zu befragen. Und wieder schaute er ringsumher: dann ging er rasch bergab, dem Wildbach in der Tiefe zu. Der Boden war hier wellig, von langen Falten durchzogen. Der Knabe wollte eben eine tiefe Furche dieser Art überspringen, als er mit einem Schrei des Schreckens, als habe er auf eine Natter getreten, zurückfuhr. »Fredigundis! du!« sprach er jetzt. »Ich suche dich überall und du ...! Wie du mich erschreckt hast!« Er schwieg; stark klopfte sein Herz. Ein helles, kicherndes Lachen schlug zu ihm empor. In der dunkeln Furche niedergeduckt lag, auf beide Ellbogen gestützt, ein Kind von noch nicht vollen sechzehn Jahren, das langgestreckte, sehr schmale, blasse Gesicht ganz umrahmt und umflutet von prächtig rotem Haar; ein Paar graue Augen blitzten lustig und listig aus den vornüber gefallenen Locken; die Kleine lehnte das eirunde Kinn auf die Ballen der zarten, außerordentlich feinknochigen Händlein und blickte zu dem Erschrockenen empor, ohne sich zu regen. Plötzlich sprang sie auf die Füße, richtete sich hoch vor ihm auf – sie war klein für ihr Alter – und rief: »Schäme dich, Herrensohn, das Bettelkind hat dich überlistet,« Und siegesfroh, höhnisch, warf sie das rote Gelock in den Nacken mit einer raschen, leichten Bewegung, die ihr sehr wohl ließ. Dann strich sie langsam das Hemd von grauem Ziegenfell herab. Es war ihr einzig Gewand; viel durchlöchert und, wo es endete, unter den Knieen, ausgefranst. Der alte Gürtel, der es um die allzuschmalen Hüften zusammenhielt, hatte die Spange verloren; ein kleiner, starker Zweig von Wildrosen mit seinen festen Dornen mußte die Spangennadel nun ersetzen. »Immer so bösartig,« sprach der Knabe mißbilligend, verweisend. Aber er brachte die ernsten, gutblickenden, dunkeln Augen nicht weg von diesem schmächtigen, weißen Gesicht; und seine Miene strafte den strengen Ton der Rede Lügen. »Du wirst es auch mit mir noch verderben,« schloß er, fast traurig. »Geh zu,« lachte sie und drehte ihm den Rücken. »Ich brauche dich nicht. Dich so wenig wie deinen Bruder.« – »Armer Prätextatus!« – »Wo ist er hin?« Blitzschnell hatte sie sich umgedreht. »Fort! – Fortgebracht! Nach Rouen! In ein Kloster.« – »Schade!« – »Nun recht, – das freut mich. Du vermissest ihn doch, den treuen Gespielen.« – »Gar nicht! – Aber er lehrte mich Lesen und Schreiben. Das muß ich lernen.« – »Warum?« »Dumme Frage! Nur die auch in die Ferne hin reden können – schmeicheln, befehlen, bitten, wollen in die Ferne hin – und geheim –, so daß nur der Vertraute es vernimmt und blindlings rasch es vollführt – nur solche Menschen machen sich gefürchtet und gewaltig.« »Und willst du das werden? Du?« »Die Bettelgundis, willst du sagen?« schrie das Kind und lachte dann höhnisch, grinsend, daß der halb offene Mund die schönsten, zierlichst gereihten, weißesten Zähne zeigte. »Die Bettelgundis genannt, weil mich die Großmutter anhielt, sobald ich schreiten konnte, jedem, der als Gast in reichem Gewand in das Herrenhaus zu euch hinauf ritt, nachzulaufen und Gabe zu heischen. Hui, viele Hiebe mit der Reitgerte trug ich davon, aber wenig Gaben! Bis ich größer wuchs –« fügte sie langsam bei und in seltsamem Stolze funkelten ihre Augen, »Jetzt streichen mir die stolzesten Männer gern, – recht gern! – im Vorüberreiten über das Feuergelock hin.« Der Knabe furchte die Stirn: »Du darfst nie mehr betteln, wenn du mich lieb hast.« – »Ich hab' dich aber nicht lieb! Und nun bettel' ich erst recht. Das heißt, nicht die Frauen: – die geben mir bloß fromme Lehren; – nur die Männer bettel' ich an.« – »Ich verbiet's dir.« – »Ha, ha, Landerich, stolzer Herrensohn! Du bist nicht mein Muntwalt.« – »Nein, denn die Unfreie hat keinen. Aber dein Herr bin ich.« – »Dein Vater ist mein Herr, nicht du. Und schlecht geht es dir bei dem, erzähl' ich ihm, daß du mir gerade so nachläufst wie dein älterer Bruder gethan hat. Und daß ich nicht häßlich bin, – das weiß ich doch schon lang.« – »Du bildest dir doch nicht ein, – schön zu sein?« – »Noch bin ich's nicht: aber bald werd' ich's sein. Ich lag auf meinem Stroh in der Hütte und schlief; das heißt: sie meinten es – als deine Mutter, – sie war mir immer feind: bin froh, daß sie begraben ist! – kurz vor ihrem Tode die Großmutter aufsuchte, und drohte, sie und mich geißeln zu lassen, wenn sie Prätextatus nochmal in unsrer Hütte treffe. ›Denn‹ sagte sie – und nun gieb acht! – ›noch ist die kleine Natter ein mager, ein fast häßlich Ding: aber –‹; und hier funkelten wieder und blitzten Fredigundens Augen – ›mir ist: die wird einmal das verführerischeste Weib auf Erden. Man sollte sie vordem ins Feuer werfen.‹« – »Und das hast du alles ...–?« – »Verstanden? Bin nicht so dumm. Warum hat mich Prätextatus geküßt? Warum läufst du mir immer nach? Bis zum Langweilen! Warum kann ich denn bei dir alles erlangen, was ich will? Hast du nicht sogar deiner Mutter aus der Truhe für mich den kleinen Silberspiegel ... –? Bange nicht! Er liegt versteckt, wo ihn niemand findet. Und ich spiegle mich und meine weißen, nackten Glieder nur darin, wann mich niemand also spielen sieht.« »Das ist Sünde.« – »Still! Was flattert dort über die Wiese hin?« Sie bückte sich und hob einen Stein auf. »Ein Vögelein!« – »Ist es nicht ein Rotkehlchen?« – »Freilich! Wie glänzt im Sonnenschein sein schönes Rot.« – »So? Auch du? Warte!« Sausend flog der Stein. Aufjammernd stürzte, schwer getroffen, der Vogel, und zappelte am Boden. Schon stand Landerich dabei. Schonend hob er das Tierchen auf: noch einmal zuckte das kleine, warme Leben in seiner Hand – und starb. Mit einem Sprung, wie eine Katze, war das Mädchen an seiner Seite, faßte den toten Vogel an einem der Flügelein und schleuderte ihn in hohem Bogen in die unten dahinschießenden Wellen. »So!« – »Pfui, du Unholdin! Warum..?« – »Dein dummer Bruder. Er lobte mein Haar. ›Nichts auf Erden‹, sagte er, ›hat schöneres Dunkelrot. Ausgenommen‹, fügte er bei, ›des Rotkehlchens Brust.‹ Da schwur ich zornig, alle Rotkehlchen zu töten, deren ich mächtig würde. Es soll nichts Schönres leben als Fredigundis.« – »Du bist abscheulich! – Ich gehe!« – »Das ist ja doch nicht dein Ernst! – Ich muß dir was sagen. Komm! Duck dich nieder in die Furche zu mir. Sonst sehn sie uns von der Herren-Villa aus. Komm, Landerich.« Und plötzlich sprang sie an ihm empor, umschlang seinen Hals mit beiden Armen und riß ihn zu sich in die Vertiefung herunter. Willenlos ließ er's geschehen. »Meinst du, ich sah es nicht, wie du, scheinbar um der Jagd willen, zu Walde gingst? – Aber nur mich,« fuhr sie nun eifrig flüsternd fort, »mich suchtest du auf dem Geißhügel. Und dann standest du – unter den Eichen – den Bogen gespannt, den Pfeil auf der Sehne: aber nicht auf die Rehe lauertest du, die gegen Abend aus dem Walde treten. In die Mark-Eiche hast du ein Frauenbild geritzt – mit langem, flatterndem Haar – leider hast du das Gelock nicht rot malen können –! Und in das Herz des Frauenbildes hast du gezielt! – Uralter Liebeszauber! Aber daneben hast du geschossen! Hi, hi!« – »Fredigundis! – Du bist ...« – »Fredigundis. Und dann sah ich dich mich wieder suchen: – wie duckt ich mich und wie freut' ich mich, dich so arg zu erschrecken! Aber nun sei gut. – Versprich, mich vollends lesen und schreiben zu lehren – und ich schenke dir die Locke, um die du solange schon batest. Und ich lehre dich dafür« – nun flüsterte sie ganz sacht, leise bebten dabei die Nüstern ihrer fein gebogenen, schönen Nase – »die Zauberkünste meiner Ahnfrau. Nicht alle freilich!« – lachte sie gleich wieder höhnisch. – »Die besten behalt' ich für mich. Was hilft auch dir die Kunst, Männer wahnsinnig zu machen durch Spruch, Sud und Sang oder blind gehorsam?« – »Mein Vater wird nicht verstatten...« – »Der merkt es ja nicht! Gieb acht. Unter den Weiden – dort an der Wutach – ist ein Versteck, nur vom Fluß aus erreichbar. Ich schwimme wie eine Otter – so leise.« – »Aber die Fischer ...« – »Fischen nur bei Tage. Wir kommen bei Mondlicht zusammen.« – »Und wenn du nun lesen und schreiben kannst... –?« – »Und die Zauberkunst der Ahnfrau dazu? Und wenn ich so schön geworden, wie deine Mutter – widerwillig! – geweissagt, – dann schlag' ich in meine lichten Hände und lasse meine Feuerlocken wallen und breite die Arme in die Nachtluft und rufe: »Kommt, ihr Dämonen, vor denen die Priester sich fürchten. Ich fürcht' euch nicht – ich rufe euch! Gebt mir die Fülle der Kleider und der Macht und der Schätze und der Lust und des Glanzes, gebt mir die Welt zu eigen und nehmt mich dafür hin mit Leib und Seele!« – »Höret sie nicht, ihr Heiligen da oben!« – »Ist nicht nötig! Wenn mich nur die Unheiligen hören da unten.« »Fürchtest du denn nicht die Höllenpein? Arg sollen sie brennen, die Flammen. Und ewig – denke nur!« – »Das ist nicht so! Man muß nur recht, recht viel Gold haben. Die Höllenstrafen kann man abkaufen. Man kann den Heiligen allen Zorn wieder abschmeicheln, schenkt man ihnen was.« – »Ihnen! Sie wohnen über den Wolken, bei dem Herrn Christus. Sie brauchen nichts.« – »Aber ihre Kirchen auf Erden; die brauchen gar viel! Altardecken! Und goldne Schalen! Und Becher mit Edelgestein und viel, viel Wachslichter. Und breite Äcker, viele Höfe mit Unfreien und Zinsleuten und Herden. Aber auch den Armen kann man schenken und so die Heiligen bestechen.« – »Wer hat dich solches gelehrt?« – »Die Großmutter. – Und wir haben's ja selbst erlebt, in diesem Jahr! Weißt du's nicht mehr? Herzog Eulalius hat seine eigne Mutter ermordet. Er zahlte dem Bruder hundert Pfund Gold und kaufte so die Rache ab, er schenkte dem Herrn König einen Wald voll von Hirschen und ward der Strafe frei, dem Heiligen Martinus aber schenkte er drei Weingüter an der Rhone und für die Armen von Tours monatlich eine Speisung. Und alsbald erschien dem Bischof im Schlaf Sankt Martinus und sagte, er habe den Herrn Herzog von allen Strafen losgebeten bei dem Himmelskönig. So siehst du! Seit ich das gelernt, versteh' ich erst, was um mich her geschieht: es kommt alles nur auf Gold an, im Himmel und auf Erden. Darum ist arm sein, wie ich es bin, das elendeste Los. Im Staub bin ich geboren! Könnt' ich nicht gerade so gut als Königstochter geboren sein? – O stünd ich auf der Höhe oben bei denen, welche die andern treten können! O wär' ich so reich wie deine hochfahrende Mutter war! Dürft' ich nur einmal – nur einen Tag! – einen Festtag aber, wann alle Nachbarn in euer Bethaus kommen! – in ihrem goldgestickten blauen Kleide gehen und ihre breite Gürtelspange...« – Da tönte ein greller Pfiff von jenseit des Flüßchens, von den Hütten her. Erschrocken fuhr die Kleine auf. »O weh, o weh!« jammerte sie. »Ich habe die Stunde des Heimtreibens, des Abendmelkens, verpaßt. Und nun erst wieder durch die Furt mit den verfluchten Tieren! Daß sie doch alle ersöffen! Jetzt geißelt mich der Großhirt wieder schwer! O, das thut so weh! Erwürgen möcht' ich ihn mit meinem Haar! – Ducke dich, bleib noch liegen! Sonst läßt auch dein Vater mich geißeln. Aber in der nächsten Mondnacht: – im Weidicht! Bring den Psalter mit. In dem lernt' ich lesen. – Vorwärts, des Donnerteufels Ingesind, ihr Ziegen! Vorwärts!« Zweites Kapitel. Die »Hütte des Ziegeners«, wie man sie im Herrenhof nannte, lag nah an dem Wildbach; das gar elende niedrige Gelaß, ganz aus Lehm, bloß von ein paar Balken zusammengehalten, hob sich nur wenig vom Boden; es schien zu verschwinden, sich zu verstecken unter dem mächtigen Stamm einer Stumpfweide, der seine knorrigen Äste mit den wehenden Blättern breitete oder vielmehr stützte auf das braune Moosdach; vielgeflickt war es und doch löcherig; nicht bloß arm, – verwahrlost, wie das Dach, sah das ganze Hüttlein aus; der Gatterzaun, der das winzige Gärtlein vor dem Eingang, von nur ein paar Schritten im Geviert, umhegte, lag an vielen Stellen zerbrochen, die Latten hingen lose herab in dem Weidengeflecht, das die Nägel ersetzen sollte; mit leichter Mühe hätte man sie zurechtschieben mögen; aber diese Mühe, so schien es, gab sich niemand. Der für die Menschen bestimmte Wohnraum war eine einzige Stube, die zugleich als Küche diente; auf dem Herd, der schmalen Thüre gegenüber, glimmten oder schwelten, übel qualmend, ein paar Kohlen; neben dem Herd, auf dem aus Lehm gestampften Fußboden, lag eine Streu von Schilf, Weidenblättern und Waldmoos. Der gelbe Rauch zog langsam die Wände entlang, den Ausgang suchend durch eine schmale Luke, die das Fenster vertrat. Auf der Streu lag, die Füße verhüllt mit einem alten, schlimm enthaarten Wolfsfell, eine greise Frau; lange Strähne grauen Haares hingen in ihr hageres Gesicht; mit halb geschlossenen Augen raunte sie leise mit sich selber, in den knochigen Fingern ein paar Streifen von Bast seltsam knüpfend und knotend. »Wo sie nur wieder bleibt?« rief die Alte jetzt lauter, sich etwas aufrichtend auf einem Ellbogen und nach der halb offenstehenden Thüre blickend. »Die Schatten fallen länger. Was treibt sie wieder? Gutes gewiß nicht! Wie könnte sie auch! – He, Fredigundis!« Da verfinsterte sich der Eingang einen Augenblick, mit einem Satz sprang die Gerufene über die Schwelle: »Da bin ich!« rief sie, schadenfroh lachend über den Schreck der Alten. »Wer mich ruft, der hat mich am Nacken.« – »Jawohl, wie üble Elben! – So spät! Der Großknecht wird dich wieder schlagen.« – »Nein! Der schlägt mich nie mehr. – Ich weiß was! Ich habe gerade was gelernt.« – »Was Böses: – weil's dich freut.« – »Du hast immer gedroht, du wirst mir nie sagen, wann ich kein Kind mehr bin, damit ich. . –« »Nicht noch frecher werde,« schloß die Alte. – »Eben hab' ich's erfahren. Der Großhirt packte mich mit der Linken und hob die Rechte, er schlägt gar grimmig. – Ich wollte mich losreißen, das Gewand fiel mir von der Schulter; da stockte er, ließ die gehobene Faust sinken und gab mich frei mit einem sanften – ja, denke dir nur! – einem fast kosenden Streich Er ging, mit sich selber redend, recht leise, aber ich habe Ohren wie ein Wiesel. »Sie ist kein Kind mehr, s'ist ein Weib. Und wie schön!« Hell auflachend schlug sie beide Hände zusammen und hüpfte auf einem Fuß, mit dem andern den flatternden Kittel in die Höhe schlagend. »Nun weiß ich's doch! Und alle, – aber auch alle! – sagen's! – Das heißt: alle Männer.« Und verschmitzt, triumphierend, blitzten die dunkelgrauen Augen. »Ach,« brummte die Alte, »wird dir auch nichts helfen. Im Gegenteil! Schaden wird es dir, dich verderben, wie deine...– Ja, wenn du reich wärest! Vornehm geboren! Und dann nur ein Tausendteil so – bethörend! Dann–! Aber so! – Elend geboren, elend erwachsen, elend gelebt und elend gestorben: so wird es gehen. – Wenn ich dir nicht helfe!« schloß sie leise und knüpfte wieder an ihren Bastknoten. »Dann hilf mir bald: ich werde ungeduldig.« – Sie hob den Deckel von einer alten Truhe aus rohem Tannenholz, die neben dem Herde stand und warf ihn heftig wieder zu. »Wieder nichts zum Abendbrot als den alten Ziegenkäse! Den mißratenen! Denn den guten behält der Großhirt für sich. Und mich hungert immer so heiß! Aber doch! Da geh' ich lieber hungrig schlafen, – wie schon so oft,« rief sie trotzig. »Und da droben, im Herrenhaus, da schmausen sie jetzt und schlürfen den dunkeln Wein, der mir durch die Adern glühte wie Feuer, als mir einmal Prätextatus davon gab. O wie ich sie alle hasse! Nein: beneide! – Ich bin schön, sagen alle, und muß hungern!« – Sie stampfte mit dem kleinen Fuß und sie weinte vor Zorn. »Still, still, Liebling,« flüsterte jetzt die Alte. »Warte nur, bis es ein wenig dunkler geworden, dann streu' ich dir wieder den braunen Saft in die Wutach, wo die Forellen stehen unter den alten Weidenwurzeln; mit Händen dann magst du sie greifen. Aber bei Tage wag' ich's nicht mehr. Die Fischer haben gedroht, mich des Zaubers zu zeihen bei unserem Herrn Landbert.« »Dein Zaubern! Wenn's nur was helfen wollte! Warum, wenn du zaubern kannst, verwandelst du nicht diese Spreu da in Gold und die Kohlen am Herd in Rubine?« – »Geduld, Kind, Geduld! – Ich kann doch nur einiges, nicht alles! Und dann: mit den Heiligen möcht' ich's doch auch so ganz nicht verderben.« – »Großmutter, das ist dumm. Gieb acht! Kannst du Gold, kannst du Schätze herzaubern, – freilich ist's arge Sünde! – aber haben wir das Gold, dann kaufen wir den Heiligen ja ihre Strafen ab: hast's mich selbst so gelehrt! Dann haben wir Gold auf Erden und doch das Himmelreich sicher. Aber du kannst nichts! Was knüpfest du da wieder?« Zornig schleuderte die Alte den Bast auf die Kohlen, daß er hell aufflackerte und brannte und flink haschte sie das Mädchen am langen Haar; unsanft riß und raufte sie daran »Ja, schrei nur und winsele! Mich bestechen sie nicht, deine weißen Schultern. Verdorben durch vorlaute Frage das ganze mühsame Werk vieler Stunden! Und alles für dich, undankbare rote Natter. Einen Liebesknoten, unter dem Gürtel zu tragen! Nun muß ich von neuem beginnen. Warte du – da!« – »Laß mich los oder –!« – »Hei, schlage doch zu! Schlage doch deine alte Großmutter, der du das Leben dankst.« Fredigundis hatte sich nun frei gemacht; »ich denke, das dank' ich – wie andre – Vater und Mutter,« höhnte sie. – »Deinem Vater!« schrie die Alte grimmig. »Ja, dem hast du freilich zu danken! Hast ihn nie gesehen!« – »Nicht seine Schuld, hast du mich gelehrt. Er ward gleich, nachdem er die Mutter geheiratet, in den ersten Tagen –« »Der – ? Ja freilich – der! Ja, ja. In den ersten Tagen!« nickte die Greisin bösartig – »in den Krieg geschickt. Und kam nie wieder.« »Auch meine Mutter hab ich ja nicht gekannt. Sie starb ... –« – »Bevor du sie Mutter nennen konntest. Wohl ihr, daß sie starb.« – »Warum?« »Weil ... – weil ihr erspart blieb zu sehen, wie bös, wie frech, wie unbändig du bist. Ihr hatte geträumt, wiederholt klagte sie's, kein richtig Menschenkind, rot fressend Feuer werde sie gebären. – Und so geschah's!« schloß die Alte. »Wie konnt's auch anders werden,« brummte sie nach. »O wär's doch so geschehen! Wär' ich doch rot fressend Feuer! Lustig und wild und heiß und stolz ist der Flamme lodernd Leben! Verderben den Feind, verzehrend umarmen auch den Freund, hoch emporlohen, gefürchtet und doch geliebt, und im höchsten Aufsteigen, im Sieg – verlöschen. Ha, eine Königin ist sie, die rote Flamme! – Und Fredigundis ist ein hungernd Bettelkind, eine unfreie Magd, von allen getreten, von keinem geehrt oder gefürchtet – ! O wär ich tot! Ich will, ich will nicht leben in Niedrigkeit.« Und in Thränen ausbrechend des Zorns, der unbestimmten Sehnsucht, der Heißgier nach Genuß, griff sie in ihr reich flutend Haar und preßte es an die Augen. – »Horch! Schritte? Da kommt der Geschorene, der aus der Kapelle des Herrenhauses, auf unsere Hütte zugeschritten. Demut predigt er und Entsagen! Prätextatus hat ihm anbefohlen, meine Seele zu retten, sagt er. Ich kann's nicht mehr anhören! Mein ganzes Herz schreit dawider. Ich fahr' ihm an die Gurgel. – Fort! – Ins Freie! In die Nacht! In die Wildnis! Aber nur ins Freie!« Mit einem wilden Sprung war sie draußen. Sie kehrte der Hütte den Rücken und rannte dem Wind entgegen, beide Arme ausbreitend, als wollte sie ihn umfangen; weit flatterte hinter ihr nach das rote Haar. Drittes Kapitel. Zwei Monate waren ins Land gegangen. Ein warmer Tag neigte schwül zu Ende. Schwarze, drohende Wolken hatten sich lange schon im Süden dicht emporgeballt; aber die Luft schien müde; kein Windhauch regte sich. Aus der Ziegnerhütte schlüpfte behutsam heraus Fredigundis; leise, ganz leise ließ sie die Thüre einfallen, lauschend. Noch einen Augenblick hielt sie an. Alles blieb ruhig. Sie nickte und schritt nun rasch gegen den Wildbach hin; in der Linken trug sie ein kleines Bündel; es war ein altes Gewandstück, dessen vier Zipfel sie oben zusammengeschnürt hatte. Ernsthafter war heute der Ausdruck ihrer Züge, fest zusammengenommen, wie nach gefaßtem schweren Entschluß. Als sie in der Richtung nach dem Ufer um eine dichte Hecke bog, hob sie erschrocken den schönen Kopf: – sie spähte scharf. »Du bist's, Rulla,« sagte sie dann ruhig. »Schon wieder einmal wartend, hinter der Hecke.« Ein großes starkes Mädchen mit dunkelbraunem Haar und schwarzen Augen richtete sich nun auf aus dem Heckengraben, in welchem es sich versteckt hatte; sie war auch hübsch, sehr hübsch sogar, diese üppige, strotzende Braune von neunzehn Jahren mit den vollen sinnlichen Lippen; und sie war besser gekleidet, zumal viel sorgfältiger war ihr Gewand in stand gehalten – kein Riß, kein Loch wie in dem Rock der Ziegenhirtin – und doch! Gegenüber Fredigundis sah sie aus wie eine dralle Magd vor einer Königin sehr böser, aber sehr schöner Geister. »Verrate mich nicht,« klang es ängstlich. »Dein Oheim, der reiche Müller, mag sein Mündel selber hüten! Bewahre! Mich freut's, wenn die freigeborenen Mädchen, die wohl anständigen, es ärger treiben als die Sklavin, die Ziegenmagd. – Aber ich – an deiner Stelle – ich thät's nicht. Warum thust du's?« – »Weil ich muß.« – »Warum mußt du?« – »Das Blut! Das Blut zwingt mich. Es reißt mich fort. Wenn ich weiß, er, mein Rando, steht hinter der Hecke hier, – er wartet auf mich, wenn ich denke, wie er mich empfängt, in die Arme schließt, als wollte er mich erdrücken – dann muß ich! Es reißt mich fort – bei Tag oder Nacht! Aus dem Gebet, von der kranken Mutter Lager – ich muß!« Fredigundis verzog die schöne Lippe. »Du bist dumm. Er kann dich ja heiraten, der Fischersohn.« Das wird er auch! Sowie er den Brautschatz zusammengespart hat.« – »Nun also!« – »Aber – einstweilen –!« – »Nun?« – »Er liebt mich so heiß? Er kann's nicht erwarten.« »Aber du?« »Ich! – Ich noch weniger! Ich vergehe um ihn!« Ganz leise kam es heraus. Und das glühende Geschöpf drückte den vollen, üppigen Arm vor beide Augen und seufzte – vor Liebe. – »Siehst du, Rulla, das eben nenne ich dumm!« – »Dumm! Weil du nicht weißt, was es ist, einen Mann lieben, – einen Mann lieben müssen, – wie das brennt!« »Nein!« lachte die andre, das Haar lustig schüttelnd. »Freilich nicht! Habe noch keinen Mann gesehen.« – »Ei, wenn das Landerich hörte –!« – »Ist das ein Mann? – Und dein Fischer – mit den plumpen roten Händen!« – »Mach, daß du weiter kommst, willst du ihn schelten. Zwar, ich bin froh, daß du nichts von ihm wissen willst. Er ist dir lange nachgelaufen.« – »Wie alle!« – »Aber er hat's eingesehen: du hast keine Seele, kein Herz, ja auch nicht einmal Blut und Verlangen. Er hat mir's gesagt: halb wahnsinnig war er um dich. Er wollte dich küssen – nur einmal –, mit Gewalt und dann mit dir in die Seine springen. Allein – die Heiligen haben ihn gerettet und damals statt deiner – mich ihm in den Weg geschickt. Dann hat er's eingesehen: du bist nicht geheuer: du bist von den Elbischen. Er hat gesagt, man sollte dir mit deinen eignen roten Haaren einen Mühlstein um den Hals binden und dich in die Seine werfen, wo sie am tiefsten rinnt. Du habest nur daran deine Freude, zum Spiel die Männer zu entzünden. Ich glaub's. Du bist eiskalt. – Du kannst gar nicht lieben.« »Vielleicht!« sprach Fredigundis langsam, sinnend. »Vielleicht hat er recht! Und doch, – wenn du wüßtest, – wohin ich gehe! – Leb wohl Rulla, braune, heißblütige Rulla, Nachbars Kind vom Wildbachufer. Ich glaube fast, ich habe dich gern. Du wärst die einzige dann! Aber es ist wohl nur eine Gewohnheit. – Leb wohl, Rulla.« – »Wohin willst du? Fort? Ganz fort! – Bleibe!« Und bestürzt, in warmer Liebe, reckte sich die Große, über die Hecke hinwegzusehn. Aber Fredigundis war schon verschwunden. Aus dem Uferschilf, von der Furt her, blitzte nochmal ihr leuchtend Haar. Rasch hatte sie jene Furt, über die künstlich gelegten und befestigten Schreitsteine wie die Bachstelze leicht und sicher hüpfend, durchschritten; nochmal warf sie einen scheuen Blick auf die Ziegnerhütte zurück; dann rannte sie, wie um sich selbst zu zwingen, den steilen Berg der Geißenhalde hinauf, ohne auch nur einmal Halt zu machen. Auf der Höhe angelangt blieb sie stehen und schöpfte tief Atem; aber sie schaute nicht mehr um. Dann ging sie langsamer auf den Wald zu; an dem Saume desselben machte sie Halt, mit den Augen suchend. »Das ist die Mark-Eiche. Da ist die Mädchengestalt eingeritzt mit dem flatternden Haar. Die Fratze! Und das soll ich sein! – Hier soll ich auf ihn warten. Ich! Auf ihn, – auf den Werber! Aber freilich – er muß erst bei dem Diakon im Herrenhause die Vesper beten – eh' er davon kann – zu mir!« Sie warf ihr Bündel unter die Eiche. »Da liege, Fredigundens ganze Aussteuer und ganze Mitgift! Ein gestohlener Spiegel, ein paar bunte Fetzen, ein paar Zaubersprüche und Zaubergeräte der Alten.« Sie ließ sich leise zu Boden gleiten und lehnte den Kopf an den Stamm der Eiche, nun hinüberblickend nach der andern Seite des Baches. »Staunen wird sie, die Ahne! Und schelten! Und fluchen: ›Bei allen übeln Wichten!‹ – Eh was! Sie muß sich drein finden. Wie lange kann sie noch leben? – Und bin ich reich, – aber sehr reich –! geworden, schenke ich ihr vielleicht einmal etwas – aber werd' ich reich werden? – Fürs erste einmal sicher nicht! – Erst muß der Hofherr da drüben tot sein. – Bah, ist auch schon alt! – Und Landerich muß dann das Erbe haben. – Prätextatus erbt ja nicht mit. Hat sich ja zum Priester oder gar zum Mönch machen lassen! Aus Gram? Um die Ziegenmagd seines Vaters! Oder zur Buße? Weil er mich geküßt, da er fast noch ein Knabe war und ich ein Kind! Der Thor! – Landerich muß mir freilich sicher bleiben. Ganz sicher! Ei« – sie warf das Haupt in den Nacken. »Er wird schon! Er kommt mir nicht mehr los vom Angelhaken! – Aber vorher: manches Jahr der Entbehrung – der Verborgenheit: er will mich einstweilen unterbringen in waldverstecktem Jägerhaus eines Freundes, eines Forestarius des Herrn Königs. Das kann lange währen! – Und langweilig wird es werden, sehr! – Denn zur Kurzweil – als einzigen Besuch – nur Landerich. – Aber wann sein Vater tot, dann, Fredigundis! – Dann zieh' ich gleich seiner Mutter blaues Festkleid an – es liegt noch in der Truhe, sagte er. – Und vor allem: ich halte dies Leben nicht mehr aus! Not, Hunger, Schmutz, die Zaubersprüche der Alten, die nichts hervorzaubern! – Und Landerich ist nicht mehr abzuwehren. – Ich glaube fast, ich hab's zu arg gemacht, ihn zu entzünden,« lachte sie. »Brauchte keinen Liebesknoten dazu! Nur immer ›Nein‹ sagen! Und ihn dabei anschauen als wäre es ›Ja‹. – Was er eigentlich von mir will? – Ich weiß es nicht! – Sein Weib soll ich werden, sagt er, vor Gott, bis ich dereinst es vor den Menschen werden könne. Und dabei küßte er mich – bis zum Wehe thun; ich wehrte ihm nicht mehr stark – und er fragte: ›Glühst du denn nicht ganz von innen?‹ Ich mußte lachen. – Denn ich dachte gar nicht an ihn! An den Goldbecher seines Vaters dacht' ich, der in der Halle auf dem Eckbrett prangt, und ob ich dann wohl täglich daraus trinken würde? – Aber er drohte, davonzulaufen in die weite Welt, wenn ich ihn nicht endlich ›erhöre‹ –, was immer das nun auch bedeuten mag. Und lesen und schreiben und alles was er lehren kann an Wissen, das hab ich von ihm gelernt. Und so versprach ich denn, heut' abend unter der Mark-Eiche auf ihn zu warten. Und sein Weib zu werden heute noch. Und mich dann von ihm in jene Försterhütte flüchten zu lassen, viele Stunden weit. Und jetzt sitze ich also hier, unter der Eiche. Und warte.« Sie war müde, sie schloß die Augen. »Ich möchte schlafen,« sagte sie gähnend. »Es ist so schwül. – – Ein leiser Wind hebt sich in den Bäumen.« – Sie reckte die Hand empor. »Südwind ist's. Der macht noch viel heißer. – Und der bringt das aufgeballte Gewölk von da drüben her – wie rasch es naht ....! Ich kann von hier die Thüre sehn, aus der er treten, den Pfad, den er einschlagen muß. Er kommt noch nicht.... Er kommt noch nicht. Oh, wenn er doch gar nicht käme! – Seltsam! – Ich sollte ihm zürnen, dem Bräutigam, der säumt, zur Braut zukommen. Ach! Und ich wollte, er käme gar nicht, der Bräutigam! Ei ja! Ich nehme mein Bündel wieder auf und laufe zurück zur Ahne und sage, das Gewitter – denn jetzt kommt's mit Macht! – hat mich aufgehalten. – Oh je, wieder in der Ziegenhütte! Und wieder Hunger und Öde und – eitel nichts! Komm, Bräutigam! – Oh hießest du doch nicht Landerich! Aber wie sollte er heißen, mir zu gefallen? Keiner gefällt mir! Ich kann vielleicht wirklich nicht lieben! Rulla mit den glühenden Wangen hat wohl recht. Hei, das Wetterleuchten! Das war schaurig schön! Ein Wink, ein stummer, des Donnerherrn, des roten, ein Götterzeichen, sagt die Ahne: ein Teufelszeichen, sagt der Diakon. – Wie der Wind jetzt heult und pfeift! Staub wirbelt auf der Geißenhalde empor! Wie der Sturm den Rauch niederdrückt über den Dächern im Dorf! – Hui, jetzt Blitz und Donner! – Und horch! Was war das? Fern im Wald hinter mir. Ein Hornruf? Ein Jäger? Im Bannwald jagen bei solchem Unwetter? Das ist der wilde Jäger wohl, der im Gewittersturme jagt! Hei, der wäre mir gerade recht, der starke Buhle! Komm, roter Donnerkönig, oder wer du auch bist, der im Gewitter dahinrast über mir: – Wildjäger, Rotjäger, Rotkönig, komm! Hier harrt eine Braut eines Bräutigams. Komm! Da! Blitz auf Blitz! Und der Donner jetzt ganz nah! Ist es der Sturm, was mich so wild macht, so berauscht, so freudig? Oh, wüchsen mir Flügel, durch die Lüfte mich zu tragen – zu ihm. Ja, zu wem denn?« »Hei, hilf Sankt Martinus!« kreischte sie und sprang auf mit Entsetzen: ein furchtbarer Schlag krachte über ihrem Haupt, in langhin rollendem Donner sich entladend. Sie sah zitternd empor. »Die Eiche brennt! Der Blitz! Er schlug in unser Brautbett, Landerich! – Und horch! Gewiß, gewiß, das ist ein Horn! Ein Jagdhorn! Es naht! Er naht! Ein Reiter! aus dem innersten Wald! Auf rotem Roß! Rot flattert im Sturmwind sein Mantel. Rot aus dem Jägerhut fluten die langen Locken. Ja, es ist der rote Dämon des Blitzes! Schützt mich, ihr Heiligen! – Oder nein, schützt mich nicht : er hat meinen Ruf gehört – der Bräutigam ist 'kommen.« Und vor ihr hielt ein Reiter, der mit dem rechten Arm weit vom schnaubenden Rotroß herab nach ihr griff. Sie schmiegte sich zitternd an den nächsten Baum. Der brennende Eichenwipfel beleuchtete grell beide Gestalten. Regungslos stand das Mädchen, an den Stamm geduckt, und starrte auf den stolzen Reiter, seine reiche Tracht, seinen blitzenden Goldschmuck: nie hatte sie solche Pracht geschaut. »Wer bist du?« fragte sie bebend, aber sie konnte das Auge nicht von ihm wenden. »Wer ich bin? Dein Herr! – Wer du bist? Ich frag' es nicht, denn du bist zauberschön! Ich bin ein Jäger und du – meine Beute! Willst du nicht? Muß ich dich zwingen!« »Ich will!« rief sie leidenschaftlich und sprang von dem Baume weg auf ihn zu. Rasch hatte er nun die schlanke, fast noch kindliche Gestalt um die Hüfte gefaßt und vor sich in den Sattel gerissen. Er breitete seinen langen roten Flattermantel um sie und jagte mit ihr davon in den dichten Wald unter lohendem Blitz und hell nach prasselndem Donner. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Der Frühling war wunderschön eingezogen in das Land der Rosen und der Reben, in die blühende Provence. Reichen Schmuck hatte er gebreitet über die stolze Stadt Marseille. Und herrlich war von der Burg aus, wo jetzt auf steilem Kalkfels die Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde weithin den Schiffer grüßt, der Ausblick auf das blaue, das leuchtende Meer im Westen und auf die von blühenden Obstbäumen bedeckte »Campania« rings vor den Wällen der Stadt. In der Bogenhalle des königlichen Palatiums in jener Burg standen und saßen in ernstem Gespräch zahlreiche geistliche und weltliche Große des Frankenreichs; ein mächtiger Marmortisch war mit Urkunden und mit Schreibgerät bedeckt. Ein hoher Greis in reichem bischöflichem Gewand beugte sich über eine der Urkunden und schrieb langsam, fast feierlich, mit schönen, festen Zügen unter den Text seinen Namen: »Germanus, durch die Gnade Gottes Bischof der Stadt Paris.« Er legte das Schreibrohr weg und erhob sich! »So! Nun möge Gottes Segen walten über unsrem Werk, daß diesem vielgequälten Reich der Franken endlich Friede werde. Amen.« »Amen!« wiederholten alle. »Verzeiht, ehrwürdige Bischöfe und große Herzoge,« begann ein stattlicher junger Krieger, dessen schönes Antlitz von südlicherer Sonne gebräunt schien, – er sprach das Latein mit andrem Anklang als die Franken, – »wenn ich ein paar Fragen an euch richte. Die Dinge in euren drei – oder vier? – Reichen liegen etwas kraus. Wir Goten kennen nur Einen König, der mächtig zu Toledo thront. Mir ist nicht alles klar geworden aus euren Reden; auch aus den Urkunden nicht ganz. Eure Stadt, Herr Bischof, Paris, scheint mehreren Königen zu gehören? Wie kam das?« »Das kam so, Herr Marschall Sigila. Wir haben noch Zeit: rechtzeitig ruft uns das Zeichen, bevor das Hochzeitschiff den Hafen erreicht. – Ihr könnt dann Eurer jungen Herrin und Königin alles genau klarlegen. Sie ist – das fand ich bald, als ich in Toledo um ihre Hand warb bei ihrem Vater, König Athanagild, – sie ist gar hohen herrschgewaltigen Geistes, eine echte Königstochter vom Wirbel bis zur Sohle.« »Herrlich ist Frau Brunichildis, meine Herrin,« sprach der Gote mit blitzenden Augen. »Glückliches Frankenreich, das sie zur Königin empfing. ›Die neue Perle, die Hispania gebar,‹ wie Venantius Fortunatus gesungen hat. Wie rühmt er sie doch?: ›Schön, anmutig und klug, echt königlich: hehr und doch gütig, Mächtig durch Reiz und durch Geist wie durch ihr fürstlich Geschlecht.‹ »Ja, sie ist unvergleichlich,« sprach ein jüngerer Priester, über die edeln, sehr bleichen Züge flog ein leiser Schimmer hin. »Ei, Prätextatus,« lächelte der Bischof. »Seit Ihr sie mit mir geschaut in Toledo, seid Ihr so begeistert wie jener Poet. Aber ich darf nicht schelten. Ging mir es doch ebenso wie Euch.« »Reinheit thront auf ihrer Stirn,« sprach Prätextatus mit tiefem Ernst, »und hoher Seelenadel leuchtet aus ihrem klaren Auge. Reinheit und Seelenadel! Wie dringend bedarf dieser Tugenden der arge, im Schmutz der Lüste versunkene Hof der Merowingen.« »Nicht unser Herr!« rief da laut ein junger Franke, »nicht König Sigibert. Wer wagt es, ihn zu vergleichen mit jenem geilen Fuchs, dem roten ... –« »Gemach, Herr Charigisel!« unterbrach ein andrer der Großen, ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar, von schönem Antlitz und ruhiger, vornehmer Haltung, der auf der Marmorbrüstung des Bogenfensters saß: der reiche Schmuck seiner Gewandung überstrahlte bei weitem alle andern. – »Zwar sind wir – leider! – keineswegs sonderlich zufrieden mit unserm Herrn – gar nicht! Und die Zeit mag kommen, fürcht' ich, da er das erfährt! – Aber wenn über König Chilperich gescholten wird, so wollen wir das selber thun, nicht von andern gegen ihn schelten hören, Herr Kämmerer!« – »Freilich, Herzog Drakolen, Ihr seid diesem Rechte der nächste! Doch gesteht selbst: ragt nicht Herr Sigibert, der junge Held, wie ein Erzengel Gottes hoch über den guten, aber trägen König Guntchramn von Orleans und über Euren schlauen, ja geistvollen, erfindungsreichen Herrn? Von König Chilperichs Hinterlist, von seiner Wollust ist ganz Gallien voll, – von seinen Heldenthaten hat noch niemand was gehört.« »Daß Gott erbarm!« rief der Herzog, unwillig aufspringend: »Kommt, ihr Getreuen König Chilperichs! Wir können ihn nicht verteidigen mit Gründen – mit den Waffen dürfen wir's nicht – in Gegenwart der heiligen Reliquien, vor denen wir soeben den Frieden beschworen. Aber unsern Herrn schmähen hören ohne dem zu wehren, das stößt mir gegen das Herz. – Wir gehen voran! – Habt ihr ausgescholten, so kommt uns nach.« – Waffenklirrend verließen der Herzog und die übrigen Mannen des Königs von Neustrien den Saal. Der Gote sah ihm nach. »Ein wack'rer Held! Und seinem Herrn getreu.« »Treu wie Gold,« sprach der Bischof. »Gott hat seine Tugend auch auf Erden schon belohnt.« »Ja,« rief der Kämmerer, »das muß wahr sein. Der Herr Herzog von Aquitanien ist wohl der glücklichste Mann im ganzen Reich der Franken; reich wie kein andrer – im schönsten Land des schönen Rhonestroms! – begütert, hochangesehen: in Krieg und Frieden gleich gerühmt; König Chilperich hat ihm seine starke Feste Chartres zur Behütung anvertraut; an der Seite einer trefflichen Gemahlin, umgürtet und umblüht von sechs trefflichen Söhnen, wackern Eidamen vermählt sind die zwei schönen Töchter. – ›glücklich wie Herzog Drakolen.‹ sagt man im Volk.« »Ich sehe aber noch immer nicht klarer,« mahnte der Gote. »So hört,« begann Bischof Germanus. »Als König Chlothachar, der das ganze Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte, zu sterben kam, verteilte er es unter seine vier Söhne: Charibert, Guntchramn und – den Jüngsten – Sigibert, welche drei Königin Ingundis und Chilperich, den ihm deren Schwester Aregundis geboren.« »Wie?« staunte Sigila, »Zwei Schwestern nacheinander?« Beschämt schwieg der Bischof. Aber der Kämmerer lachte. »Nacheinander? Ha, ha! Zugleich, nebeneinander hat er sie gehabt. Als Ehefrauen! Alle beide!« »Die Kirche verbietet das,« fiel Prätextatus eifrig ein, »im Frankenreich, wie überall... –« »Aber,« fuhr Charigisel fort, »ein Merowing läßt sich auch von der heiligen Kirche nicht viel einreden.« – »Und am wenigsten,« seufzte Prätextatus, »wo es sich um Weiber handelt.« »Hei, das war schnurrig,« lachte der Kämmerer, »wie König Chlothachar die zweite Schwester dazu nahm, nur um der ersten einen rechten Gefallen zu erweisen.« »Wie das?« staunte Sigila. – »Je nun, so! Frau Ingundis sprach eines schönen Morgens, da sie sich vom ehelichen Lager hob, zu ihrem Gatten: ›Alles hab ich nun, mein königlicher Herr, erreicht durch deine Liebe und Gnade, was deine Magd ersehnen konnte. Nur Ein Wunsch übrigt noch: siehe, o Herr, Aregundis, meine Schwester, ist allmählich gar schön aufgeblüht; sie sollte nun doch auch bald der Liebe, der Ehe Glück genießen; o thu' mir die Gnade, such' ihr einen ihrer würdigen Gatten. Denn gar sehr begehrenswert ist die reizvoll üppige Gestalt. Du hast sie über Jahr und Tag nicht mehr gesehen. Sie wohnt im Hofe Clichy bei Paris.‹ Der König schwieg und nickte mit dem Kopfe. Zwei Tage darauf trat er vor seine Königin und sprach: ›Aus Clichy komm' ich. Wahr hast du gesprochen. Sehr schön ist deine Schwester geworden, die weißarmige Aregundis. Und ich weiß ihr in meinem ganzen Reich keinen ihrer würdigen Mann – als mich selber. So hab ich sie denn gestern mir vermählt.‹ Und Ingundis, wohl gezogen, sprach: ›Was mein Herr thut, das ist wohl gethan. Wenn nur auch ich... –‹ Darüber beruhigte sie sofort der gnädige Herr König. Und so ist nun Chilperich, Aregundens Sohn, zugleich der Vetter und der Bruder von Ingundens drei Söhnen.« »Das ist ja himmelschreiend,« rief der Gote. »Merowingisch ist es!« meinte Charigisel. – »Und die Kirche – die Bischöfe?« »Leider,« zürnte Prätextatus, »schwiegen sie damals zu solcher Fleischeslust und Vielweiberei. Heute, nicht wahr, ehrwürdiger Vater, würden wir nicht schweigen!« »Wir nicht, mein eifriger Sohn,« sprach Germanus. »Aber auch heute giebt es gar manche Bischöfe und Äbte, welche die Herren Könige aus Herzogen und Grafen plötzlich in Priestergewande steckten und die weltlich denken, nach wie vor der Weihe.« »Aber,« fuhr Charigisel fort, »damit hatte Herr Chlothachar noch lange nicht genug! Im ganzen hat er es, teils neben-, teils nacheinander, auf sieben Weiber gebracht – Eheweiber, – die Buhlinnen nicht gezählt, die er im ganzen Reich sich aufgriff, Hirtinnen, Bäuerinnen, Unfreie, wie Freie und Edle.« Der Gote schüttelte das Haupt; Bischof Germanus aber fiel ein: »Laßt diese Dinge ruhen, die der Kirche und ihrer lässigen Zucht zur Schmach gereichen. – Also König Chlothachar gab vor dem Sterben seinem Sohn Charibert Paris und Aquitanien, Guntchramn Orleans und Burgund, Sigibert Reims und Austrasien, Chilperich Soissons mit Neustrien.« »Aber kaum,« ergänzte der Kämmerer, »hatte er die Augen geschlossen, als, trotz dem Erbvertrag, der Bruderkrieg begann.« »Warum?« fuhr Prätextatus fort. »Weil König Chilperich in maßloser Habgier sofort den Frieden brach, des Vaters Schatzhaus zu Braine überfiel und plünderte und Paris, das er so heiß begehrt, wie sonst nur noch ein schönes Weib ... –« »Wegschnappte,« zürnte Charigisel, »das heißt, durch seine Feldherren, durch seine drei Söhne von Audovera.« »Wie?« fragte Sigila, »Ja, wie alt ist er denn, dieser König Chilperich?« »Etwa zweiundvierzig,« antwortete der Bischof. »Die Merowingen haben meist schon mit sechzehn, siebzehn Jahren Kinder.« »Sogar eheliche,« grollte Prätextatus, »von den andern zu schweigen!« »Das ist ja Unzucht!« rief der Gote entsetzt. »In welchen Pfuhl haben wir dich verpflanzt, o Lilie von Toledo!« »Ihr Gemahl, unser Herr Sigibert, ist frei von solchem Schmutz,« rief Charigisel. – »Durch seine Söhne: Theudibert, Merovech und Chlodovech, vollführt Herr Chilperich seine Heldenthaten.« »Er selbst bleibt klüglich zu Hause, verführt Frauen und Mädchen...« – eiferte Prätextatus. »Oder dichtet zur Abwechslung fromme Lieder,« lachte Charigisel. »Oder erfindet neue Buchstaben,« meinte der Bischof. »Oder neue Steuern,« seufzte ein Kaufherr aus Chartres. »Oder stiftet und beschenkt Klöster, hat ihm der ehrwürdige Vater Germanus das Gewissen wieder einmal geweckt,« meinte der Kämmerer. »Oder widerlegt Juden in scharfsinniger theologischer Disputation« –, fuhr Prätextatus fort. »Sie dürfen ihm aber nicht antworten!« lachte Charigisel. »Und kann er sie nicht zur Taufe bereden ...« – sprach der Bischof – »So führt er sie auf der Folter gelinde zu besserer Einsicht« – meinte Prätextatus. »Und verbrennt die Rückfälligen!« rief der Kämmerer. »Oder behauptet ihren Rückfall, d.h. der Reichen, um sie verbrennen und dann beerben zu können!« schloß der Kaufherr. »Nun also,« begann der Bischof aufs neue, »die drei vollbürtigen Brüder thaten sich zusammen, jagten ihm Paris und seinen übrigen Raub wieder ab und zwangen ihn, Ruhe zu halten.« »Herr Charibert wollte den schlimmen Bruder bestraft wissen; der dicke Guntchramn schwankte,« fuhr Charigisel fort. »Wie gewöhnlich!« meinte der Kaufmann. »Doch unser edler König, Herr Sigibert,« rief der Kämmerer, »erwirkte ihm Verzeihung.« »Der Dank blieb nicht aus,« seufzte Prätextatus. – »Jawohl! Wenige Monate, später ward er heimgezahlt! Kaum hatte Herr Sigibert den ganzen Heerbann Austrasiens ins Thüringland geführt, die Avaren, diese greulichen Unholde, hinauszuschlagen, als Herr Chilperich unsere Länder überfiel.« »Schmählich!« rief der Gote. – »Und da vollführte er denn selbst große Heldenthaten: er nahm Reims, Herrn Sigiberts Königssitz, – freilich: nur Weiber standen auf den Wällen! – und andre Städte mehr. Aber er faßte sich das Herz dazu doch nur, weil ein Gerücht unsern Herrn in der Schlacht geschlagen und gefallen gemeldet hatte. Allein Herr Sigibert war nicht tot. Nach heißem Kampf hatte er den Avaren-Chan bezwungen und auf die Nachricht von dem Fall von Reims flog er aus Thüringland über den Rhein zurück, zornig und rasch, dem Adler gleich, der den eingedrungenen Geier aus dem Horste jagt.« »Herr Chilperich hatte sich zwar längst davongemacht. Nicht einmal in seinem eigenen Königssitz Soissons glaubte er sich sicher,« erzählte der Kaufmann weiter. – »Nur Theudibert, sein ältester Sohn, verteidigte die Stadt: und zwar recht tapfer. Aber wir nahmen sie mit Sturm. Und Herr Sigibert griff mit eigner Hand seinen Neffen, umarmte und küßte ihn, lobte seinen Mut und – ließ ihn frei.« »Ein edler, wahrhaft königlicher Herr!« rief Sigila. »Nur mußte er schwören,« schaltete Prätextatus ein, »niemals wieder gegen Herrn Sigibert das Schwert zu heben. Und da bald darauf Herr Charibert starb, vermittelte Herr Guntchramn den Frieden. Abermals verzieh Sigibert dem besiegten Bruder.« »Aber Soissons behielten wir,« lachte Charigisel. »Herr Chilperich mußte seinen Sitz in das kleine schmale Tournay verlegen. Gewaltig soll es ihn wurmen.« – »Das Erbe Chariberts – Aquitanien – ward unter den drei Brüdern geteilt. Nur über Paris konnten sie sich nicht verständigen. Schon drohte neuer Kampf darüber auszubrechen...« »Da fand,« sprach Prätextatus, »die Weisheit des Bischofs der Stadt, stets bemüht, Blutvergießen zu verhüten, den Ausweg, daß Paris Gemeingut der drei Brüder werden sollte.« »Aber mit so mißtrauischen Augen,« rief der Kämmerer, »betrachten sich die Merowingen, daß keiner den andern in jenen Wällen weilen wissen mag.« »Daher ward,« belehrte Germanus, »von den drei Brüdern, unter fürchterlicher Selbstverwünschung für den Fall des Eidbruches, auf die heiligsten Reliquien von Sankt Hilarius und Sankt Martinus den Bekennern, und zumal von Sankt Polyeuktus dem Martyr, dem furchtbaren Rächer des Meineids, ein schwerer Schwur geleistet, daß keiner ohne die beiden andern Brüder je einreiten solle durch die Thore von Paris.« »Ich erschauerte,« schloß Prätextatus, und ein leises Zittern flog über seine Glieder. »Ich stand nur als Zeuge dabei. Aber Grauen ergriff mich in die Seele der Schwörenden hinein, da sie nun, die heiligen Pfänder, den Reliquienschrein, berührend, die fürchterlichen Worte wiederholten, die der hochwürdige Bischof hier ihnen vorsprach.« »Ich aber hätte das Friedenswerk nicht zu stande gebracht,« beteuerte dieser, »ohne die eifrige Unterstützung dieses jungen Freundes hier. Der Sohn Herrn Landberts, in kurzer Zeit zum Archidiakon des Bischofs von Rouen emporgestiegen, ist ebenso gewandt in weltlichen Geschäften wie eifrig im Gebet und in fast allzustrenger Askese.« »Und als nun unser König Sigibert Friede hatte vor seinem bösen Bruder,« rief der Kämmerer freudig, »da eilte er, das Verlöbnis abzuschließen mit der Königstochter der Westgoten. Der reine Mann, den nie, wie seine Brüder, der Schmutz der Lust besteckt, er wollte nun in seine Halle die edle Gattin führen.« »Und keine herrlichere wahrlich,« sprach Prätextatus, »hätte er wählen können, als diese königliche Brunichildis.« »Ja, gewiß!« rühmte Charigisel. »Wie er bisher schon seine Brüder an Heldenkraft, an Siegesruhm, an edlen Sitten überstrahlte, so wird nun vollends diese Königstochter an seiner Seite seinen Hof, seine ganze Herrschaft weit erhöhen über seine beiden Brüder, die mit unfreien Mägden in Buhlschaft, mit vielen Weibern zugleich leben, ein Zerrbild echter Ehe.« »Und vergeßt nicht, ihr Herren,« sprach der Gote stolz sich aufrichtend, »wie auch seine Kriegsmacht gestärkt wird durch das enge Waffenbündnis mit König Athanagild. Auf sechzig Tausendschaften tapfrer Goten kann er fortab als Rückhalt seines Heerbanns zählen, – wider jeden Feind.« »Horch!« unterbrach der Kaufmann, »das Hornzeichen! Es meldet, daß das Hochzeitsschiff demnächst einlaufen wird.« »Auf! mahnte Germanus. »Schon hör' ich das Psallieren der Geistlichen und Mönche. Der ehrwürdige Herr Bruder, der Bischof von Marseille, zieht mit seinem ganzen Klerus dem Brautpaar entgegen bis in den Hafen.« »Auf, hinunter in den Hafen!« scholl es nun ringsum. Und eilfertig verließen Bischöfe, Äbte, Krieger und Kaufherren den Saal und stiegen die steile Felsentreppe hinab, welche in die untere Stadt führte. Zweites Kapitel. Die Ausschiffung der neuvermählten Gatten, auch der Einzug derselben und ihres zahlreichen Gefolges durch die reichgeschmückten Straßen von Marseille war nahezu vollendet. Nur noch der Weg über den Platz des großen Schutzheiligen der Stadt, Sankt Viktor, war zurückzulegen, dessen eine Seite das Palatium in der »Neustadt« füllte. Hier drängte sich am dichtesten das Volk: denn die vielen Stufen der Basilika gegenüber dem Palast gewährten gute Ausschau und bei dem Einritt in das schmale Thor des Königshauses mußte der Zug notwendig stocken oder sehr langsam vorschreiten und so längere Zeit dem Auge sich darbieten. Auf der breiten Terrasse vor den Thüren der Basilika und auf den Stufen bis hinab zu dem staubigen, ungepflasterten Platz wogte die Menge: man hatte Wasser gesprengt, den Staub zu mindern, aber nun waren vielfach Pfützen und Lachen schmutzigen, staubverdichteten Wassers entstanden. »Jetzt kommen sie!« rief ein Bürger von Marseille. »Eben biegen sie um die Ecke! Seht! König Sigiberts Gefolgschaft in vollem Waffenschmuck!« – »Auf trefflichen Rossen!« – »Ja, alamannischer Zucht!« – »Und nun die Goten, die Begleiter der jungen Königin! Wie glänzt da alles an ihnen von Gold und Silber und bunten Steinen.« – »Ja, sind reiche Herren. Große Schätze soll die Braut von Toledo Herrn Sigibert zubringen.« – »Horch, Trompeten!« – »Was bedeutet das?« – »Ein König reitet an! – Das ist das Brautpaar! Seht nur, seht! Herr Sigibert! Hoch zu Roß! Wie herrlich flutet ihm das dunkel-goldne Gelock aus dem Kronhelm auf die Schultern! Wie Sankt Georg, der den Drachen sticht, auf Goldgrund gemalt, drüben in dem Oratorium! – Was drängst du so, Weib? – 's ist wieder die junge Rothaarige! – Mußt du durchaus den König sehen? Mußt du?« »Ja, ich muß!« – Und eine schlanke junge Frau in schlechtem Gewand, wie es unfreie Mägde trugen, drängte sich keck durch die vor ihr dicht gereihten Männer; es gelang ihr wirklich; aalgleich glitt sie vor; nun stand sie hart an dem Bug des herrlichen weißen Rosses, das den König trug; jetzt sah sie voll sein Antlitz! da rieselte ein süßer Schauer durch ihren Leib: Lohen schlugen ihr in die Wangen, sie suchte gierig sein Auge, aber er sah sie nicht. Ganz versunken in seinen Anblick, machte sie noch einen Schritt weiter vor, da scheute, vielleicht über ihr plötzlich aufleuchtend Rothaar, – denn die Kapuze des Mantels war ihr bei der raschen Bewegung herabgefallen, – ein Pferd neben dem des Königs, – es bäumte sich; das Weib wollte rasch ausbiegen und trat dabei heftig in eine der Pfützen; hoch auf spritzte das gelbbraune Wasser. »Verfluchte Sklavin!« schrie Sigila, welcher jenes zweite, ebenfalls weiße Roß am Zügel führte. »Beschmutzest Frau Brunichildens Hochzeitskleid! Über und über! Da! Freche Magd!« Und mit der Reitpeitsche gab er ihr einen leichten Hieb über das Gesicht. Grimmig schrie die Getroffene auf: beide Hände und das rote Haar vor die Augen drückend. »Was ist, meine geliebte Königin?« fragte Sigibert. Wie wohllautend scholl diese schöne klangreiche Stimme! »Nichts, mein Gemahl!« – die Stimme Brunichildens war fast tiefer, – »einer Plebejerin Keckheit. Sie fand bereits, was solcher Brut gebührt.« Schon waren Braut und Bräutigam vorüber. –- Die Geschlagene warf beiden einen langen, langen Blick nach; sie stand unbeweglich. Sie hemmte so den Zug. »Aus dem Wege, Straßenunkraut!« rief ein fränkischer Reiter vom Pferd herab. Die Gescholtene hörte nicht: sie starrte dem Paare nach. – »Vorwärts! Was stockt da? Was staut den Zug?« rief Charigisel, der Kämmerer, und spornte seinen Rappen. »Eine Dirne? Eine Bettelmagd? Packe dich aus dem Wege! Du trotzest? So stampfe ich denn Kot zu Kot!« Und ein Sprung des Rosses: das Weib lag in der Schmutzlache. Sofort war sie wieder auf den Füßen; sie sah dem Kämmerer stumm ins Auge: der erschrak und sprengte rasch hinweg. »Ha, schau einer die rote Katze! Die ist flink!« »Zurück, Weib!« Über und über beschmutzt schlich die junge Frau wieder hinter die vorderste Reihe. Und sie hielt sich, offenbar mit Mühe, aufrecht an einem auf dem Platz eingemauerten hochragenden Kreuz. »Horch! Wieder ein Trompetenstoß!« – »Wieder ein König?« – »Gewiß! Aber welcher?« – »Guntchramn von Orleans?« – »Nein! Der liegt ja krank zu Bett in Chalons.« – »Dann muß es Chilperich sein!« – »Jawohl! Der ist's auch! Seht! Da trägt schon sein Bandalarius seine scharlachrote Heerfahne.« – »Mit der goldnen Schlange.« – »Ja, unter dem Meerwicht mit dem Fischleib.« – »Den haben alle Merowingen.« – »Jawohl! Und da kommt er selbst! Auf seinem roten Roß! Auch ein gar schöner Herr!« – »Bah! Aber neben seinem Bruder!« »Wie Loge neben Paltar,« murmelte ein eisgrauer Mann. »Du alter Heide, schweig von den Dämonen, daß dich keiner der Geschorenen hört!« Da flog ein Blick des Königs über die Gruppe hin; hastig duckte sich die junge Frau hinter das breite Kreuz. »Aber wer ist das Weib auf dem goldbraunen Zelter an seiner Seite?« – »Ha, wird eine seiner vielen Buhlinnen sein. Wohl Audovera ...« – »Oder die neue, die er sich vor ein paar Monden im Wald gegriffen haben soll. Wie heißt sie doch?« »Nein, nein! König Sigibert soll ihm zur Bedingung gemacht haben bei der Einladung zu seiner Hochzeit, daß er keines seiner Weiber ... –« – »Dirnen sinds! Nicht Frauen!« – »Mitbringen darf, sieben Meilen weit von Marseille!« Hoch auf horchte das Weib an dem Steinkreuz. »Und das, bei Sankt Julianus ...« – »Das ist keine Buhle!« »Laßt sehen, laßt sehen!« riefen alle, zumal die Frauen, und drängten sich vor. »Schaut nur, Nachbarin,« rief ein Weib dem andern zu, wie herrlich die fremde Jungfrau geschmückt ist!« – »Ja, wie ein echtes Königskind.« – »Sehet nur hin! Was glänzt da so weiß an ihrem Halse?« – »Das sind Perlen!« – »Nicht möglich! Nie sah ich soviele auf einmal!« »Wieder stockt der Zug. Man kann alles bequem mustern.« – »Was thut ihr?« – »Vier – fünf! – Ich zähle. – Sieben Schnüre der größten Perlen trägt sie um den Hals!« – »Ja, die reichen Goten! Das stammt all' aus dem Königsschatz zu Toledo.« »Oh,« rief ein junges Mädchen, »welch wunderholde Züge!« – »Nicht so stolz königlich wie Brunichildis.« – »Aber ihr sehr, sehr ähnlich! Nur gar so bleich! Ob sie krank ist?« – »Und gar so schlank!« – »Und gar so jung noch! Seht nur, wie sie so schüchtern den Worten König Chilperichs lauscht.« »Wie er in ihr Ohr flüstert!« – »Wie er sich vorbeugt! Ihr weißes Haar... –« – »Ja, das ist nicht mehr blond, 's ist fast weiß,« – »Es mischt sich mit seiner roten Merowingenmähne.« – »Aber Weib, dränge doch nicht so!« »Du rote, freche Fliege dahinten!« – »Mußt du denn alle Könige begaffen?« – »Hast du nicht genug am ersten Peitschenschlag?« – »Zurück mit dir!« zürnten Bürger und Frauen durcheinander. »Nur Einen Blick. – Nicht auf den König! – Auf das Weib an seiner Seite.« So weichflehend ward das gesprochen, daß ein junger Matrose, von der Stimme gelockt, sich wandte, und die so schmeichelnd Bittende betrachtete. »Zurück,« wiederholte drohend der andere, ein graubärtiger Bürger von Marseille. »Oder –« und er hob die Faust zum Schlag. Da blitzte des Matrosen Messer; der Bürger schrie auf, das Blut spritzte aus seinem Arm: er ließ ihn sinken. »So!« lachte der Seefahrer, das junge Weib vorschiebend, »jetzt magst du schauen nach dem Milchgesicht. Ich kann nichts an ihr finden, du gefällst mir viel besser, Rote.« Und er faßte ihren vollen, nackten Arm und drückte einen Kuß darauf. Das Weib hatte nun die jugendliche Reiterin zur Genüge gemustert. Es wandte sich jetzt seinem Beschützer zu. »Zum Dank für dieses Wort,« flüsterte es und senkte die grauen Augen in die seinen, »nimm das!« Und sie drückte dem Erstaunten ein schweres Goldstück in die Hand. »Und komm heute nacht in die Herberge vor dem Rhonethor, Vergiß dein Messer nicht!« Drittes Kapitel. In einem der Frauengemächer des unteren Palatiums saß auf einer Ruhebank am offenen Bogenfenster die junge Königsfrau. Den Überwurf von schwerem weißem Seidenstoff hatte sie abgestreift, den Kronreif aus dem reichen dunkelbraunen Haare gelöst, das nun in Einer breit wogenden Welle bis auf die Kniekehlen flutete; auch die Goldringe hatte sie von den schimmernden Armen gestreift, den mit edeln Steinen besetzten Gürtel gelockert über den Hüften. Das Licht der Ampel, so gedämpft es aus der Achatschale glimmte, hatte sie gestört: nur wenig hatte sich die hochgewachsene, die junonische Gestalt auf den Zehen heben müssen, das Licht auszublasen. »So,« sprach sie, »nun waltet nur des Mondes trauter, all' verklärender, verschwiegener Schein.« Sie lehnte den linken Arm gegen die Rückwand der Ruhebank und das schöne Haupt darauf; die Rechte lag im Schos. So blickte sie verträumt in den Garten zu ihren Füßen, wo hohe Pinien und breitästige Platanen regungslos die dunklen Wipfel im hellen Guß des Mondlichts badeten. »Der Mond! Er scheint jetzt auch in den Garten, in den Burghof von Toledo! Des Tajo stolze Wellen glänzen wie eitel Silber in seinem Strahl. – Grüße mir die Heimat, grüße den edeln Vater und die bange, allzubange Mutter und sag ihnen – ›glücklich, nein selig, unaussprechlich selig ist euer Kind.‹ – Seine Erkorene! Sein Weib! – Oh, ich fühl es wohl: sein ganzes Glück!« – Sie führte die Rechte an den Mund: »Kleiner, schmaler Ring, welche Wonne, welchen Stolz hast du mir gebracht! Ich bin des besten Helden, des reinsten Mannes, des Herrlichsten Genossin! – Ja, seine Genossin! Nicht seine Liebe nur, – seine innersten, seine echtesten Königsgedanken enthüllt er mir: er hebt mich auf die Höhe seines edeln Willens. – Noch nicht drei Wochen bin ich sein Weib – und schon bin ich die Vertraute seiner Pläne, seiner Sorgen, seiner ganzen Königschaft; und welche Gedanken! Die Pflicht, die Pflicht und noch einmal die Schutzpflicht gegen dies arme Volk der Franken, das aus tiefen Wunden blutet, das ein unbändger Adel knechtet, wie er des Herrschers Herrschaftsrecht nicht achtet. Schutz den Schwachen, Recht für alle, Beugung der frechen Großen unter des Königs Richterschwert – das ist sein Gelübde. Und mitten unter den heißen Küssen der ersten Tage schon hieß er mich schwören auf sein Schwert, dieses Gelübde ihm nachzusprechen, es gleich ihm zu erfüllen. ›Denn nicht mein Lager nur,‹ sprach er zu mir, ›meine Kämpfe sollst du teilen und meinen Sieg.‹ Ich schwur es auf sein Schwert. Und als er im Schlummer neben mir lag in voriger Nacht, da legte ich – nur du, vieltrauter Mond, hast es gesehen – leise, leise diese Hand auf sein Herz und bei seinem heil'gen, edeln Herzen schwur ich s nochmal: – mir selbst! Wie ich ihn liebe! Mehr als Gott den Herrn und alle Heiligen! O zürne mir nicht, strenger Himmelsherr da oben. Und laß mich's nicht entgelten – an ihm! Wer mir ein Haar krümmte seines schönen Hauptes,« – sie sprang aus – »nicht ruhen, nicht rasten könnt' ich, bis ich sein Herzblut fließen sah. – Thörin, die ich bin!« schalt sie. »Welcher Feind reicht an den Herrlichen hinan? Aber horch! Schritte in der Vorhalle? Das ist sein Gang! Er ist's! – O Geliebter!« Sie flog ihm entgegen. Die Vorhänge rauschten auseinander: von der Vorhalle her fiel das rote Licht von mehreren Fackeln seitwärts auf den Eintretenden, während sein Antlitz in hellstem Mondlicht glänzte. Zauberisch war der Eindruck. Wie hatte seit Wochen die bräutliche Frau geschwelgt im Anschauen dieser vornehmen Züge, dieses edel gebildeten Hauptes, umrahmt vom flutenden Dunkelgold des Haargelocks: – aber doch stand sie nun wie geblendet von soviel Mannes-Schöne, vom Glanze dieser herrlichen Gestalt. – Stürmisch schloß er sie in die Arme, führte sie, ohne sie im Schreiten loszulassen, an das Ruhelager: und drückte sie zärtlich darauf nieder, ihr Haar und Stirn und Augen und Mund mit heißen Küssen bedeckend. »O du mein Held!« hauchte sie erglühend. »Mein Herr und mein Gemahl!« Sie fand kaum Atem. Endlich sprach sie: »ich hoffte nicht, dich so früh wieder zu haben. Das Festmahl im Haus des Bischofs ... –« – »Währt noch lang. Aber ich riß mich los mit Gewalt. Mich zog's unwiderstehbar her zu dir, du meines Herzens stolze Königin. Und außer der Sehnsucht noch – die Freude, der Eifer, dir eine Botschaft zu bringen, dir ...« – Bruinchildis fuhr auf, tief erschrocken. »Weh' mir! So ist es wahr? Er hat um sie geworben?« – Freudig nickte Sigibert. »Jawohl! Ich sah es kommen – seit vielen Tagen. Ja, sobald er sie auf dem Schiffe zuerst erschaut: – er war uns ja bis Narbonne entgegengesegelt...« – »O wehe, wehe! Meine arme Schwester! Mein Liebling! Mein Pflegling! Mein allzuzartes Schneeglöcklein!« »Ei was, er wird sie nicht fressen,« lachte der Gemahl. – »Aber verraten – wie alles, was ihm naht.« »Das sollte ihm schlecht bekommen! Beim Sonnenglanz! Er soll uns Eide schwören, wie sogar er sie noch nie gebrochen.« – »Oh mein Gemahl! Ich flehe dich an! Nur das nicht! Nur nicht dieser unheimliche ... –« Sigibert schloß seinem schönen Weibe den Mund mit einem Kusse. »Still, Königin der Franken. Du weißt: es ist deines Vaters Wunsch.« – »Aber die Mutter ward krank vor Schreck über den Plan!« – »Es ist auch mein Wunsch. Denn leider, leider, nicht nur der Adel ist es, der das Volk quält: die Könige, die seine Schützer sein sollten, sind seine Peiniger geworden. Nicht nur, daß sie in unablässigen Bruderkriegen Franken gegen Franken führten, – jeder der drei, vier Herrscher unterdrückte in seinem Gebiet Freiheit und Recht seiner Unterthanen. Weder ihre Truhen noch ihre Weiber und Töchter waren – und sind – sicher vor der Habgier, vor der bösen Lust ihrer Fürsten. Mit der eigenen Besserung müssen die Merowingen beginnen, bevor sie andere bessern oder züchtigen können. Leider mit vollem Recht mahnen mich hieran, wenn ich sie treibe, mir den Adel bändigen zu helfen, die beiden wackersten Männer in meinem ganzen Austrasien.« – »Wer sind sie? Jene beiden, die du mir schon früher rühmtest?« »Jawohl, Herr Karl und Herr Arnulf an der Mosel! – Und mein Bruder Chilperich hat so viele Vorzüge: auch vor mir: ja! ja! er ist zehnmal so gescheit, ist ein Gelehrter. Er kann auch in seinen Sitten gebessert werden, sicher. Und das wird am besten vollbringen die Ehe mit einem edeln, reinen, fünften Kind wie dein bleich Schwesterlein. – Auch mit mir wird er so näher verbunden und – ich zählte darauf! Alles fügt sich wie ich es gehofft – hinweggesonnt ist der letzte Schatte in dem Haus der Merowingen.« »Und das Opfer heißt Galsvintha, das scheue Reh, die bleiche, weiße Blüte!« »Nein, süßes Weib. Denn, deine Schwester ... –« »Sie liebt ihn, jawohl, ich hab's entdeckt mit Zittern und Schrecken. Sie liebt ihn: – desto tiefer elend wird sie werden.« Viertes Kapitel. Eine Stunde später traten aus dem Bischofshause, das mit der Basilika Sankt Viktors zusammengebaut war, mehrere Fackelträger, einen heimkehrenden Gast zu begleiten. Bischof Theodor selbst gab dem Scheidenden das Geleit bis an die Schwelle. »Dank, ehrwürdiger Vater, für die reiche Bewirtung! Freute mich.« – »Das ehrt mich, königlicher Herr!« – »Warum freute sie mich? Warum? Ratet! – Ihr erratet 's doch nicht. Will's Euch sagen. Wo soviel Reichtum ist, da kann, ja, da muß die Steuer erhöht werden, dreifach! So! – Hi, hi! – So! Nun schlaft wohl! Dies Wort sei Euer Schlummerkissen. – Ihr mit euern Fackeln – trollt euch! – Herr Mond giebt Licht genug. – Und des führenden Armes bedarf ich nicht! – Trinke nie zu viel! – Nur ein wenig heiter. Trollt euch, sag ich.« Und er gab dem nächsten einen Schlag mit dem eingescheideten Langschwert, das er, aus dem Wehrgehäng gelöst, in der Rechten trug. »Schurke von einem Knecht!« »Herr König,« rief der Geschlagene und Gescholtene, »ich bin kein Knecht. Freiwillig hab' ich mich dem Herrn Bischof heut' zu Diensten erboten. Ich bin ein freigeborner Bürger dieser Stadt.« – »So! Frei bist du? Dann nimm noch eins dazu.« Und er schlug ihm diesmal schwerer über den Kopf. »Vor uns Königen seid ihr alle Knechte, das merkt euch!« Er schritt nun rasch weiter. – »Heller Mondschein! – Ich spüre Lust, noch auf Abenteuer durch die Stadt zu streunen. Berühmt sind um ihrer Schönheit willen die Weiber von Marseille. Und um ihr heißes Blut. – Ja so! – Ich bin ja Bräutigam! – Wieder einmal! – Zwar hab' ich dem gestrengen Bruder – was hat der Gelbschnabel den reifen Mann zu meistern? – versprochen, meine bisherigen Weiber und – Gespielinnen fortzujagen. Aber nicht hab' ich versprochen, wenn neue auftauchen, die Augen zu schließen! – Hi hi! – Seit ich in der Dialektik diese Kunst der ›Distinktionen‹ lernte, bin ich stärker als alle Gegner, stärker als alle Verträge und alle Eide. – Jedoch Vorsicht! Erst nach der Hochzeit! – Merken sie's vorher, weder der weißen Jungfrau noch ihres roten Goldes werd' ich froh. – Da ist ja das Haus, in dem ich abgestiegen.« Zwei Speerträger hielten davor Wache, sie senkten ehrerbietig die Spitzen ihrer Lanzen. Ohne Gruß schritt er über die Schwelle. In der Vorhalle lag ein junger schöner Knabe am Fuß eines Pfeilers, der in einer Öse eine Kienfackel trug. Der Knabe war tief eingeschlafen, ein Lächeln spielte um die reinen Züge. Der Heimkehrende blieb vor ihm stehen: einen Augenblick betrachtete er den Schlummernden: »der jüngste Sohn des Herzogs Drakolen, Der Alte ist so stolz, so aufrecht! Und so unsinnig reich! Könnt ich ihm an seine Güter! Doch er hütet sich vor jeder Verfehlung! – Der Junge da ist sein Augapfel. Warte!« – Mit einem Fußtritt weckte er den Schläfer: schreiend fuhr der auf und griff ans Schwert: aber bestürzt sank er sofort aufs Knie: »König Chilperich! – Vergebung! Ich war so müde – vier Nächte... –« »Wofür hält man die Wächterhunde, als damit sie wachen?« Der Knabe erbleichte. »So? Blaß, nicht rot wirst du im Zorn? Solche Art ist gefährlich. Sag deinem Vater, du bist aus dem Hofdienst weggejagt.« Und der König drehte ihm den Rücken, und schritt weiter, in sein Schlafgemach. Hier trat er sofort an das offene Fenster und legte Stirnreif und Schwert und Oberkleid ab, seinem Lager, das im Hintergrund des Zimmers hinter Vorhängen aufgeschlagen war, den Rücken kehrend. Eine kurze Weile sah er noch in die Maiennacht, in die schweigenden Straßen hinaus. »Das ist keine Nacht zum Durchschlafen! Weich, warm, wohlig! Zum Durchküssen und Durchkosen! – Ich möchte wohl wissen, wo –? Ei. das ist aber kein Nachtgebet.« – Und plötzlich ernsten, ja furchtsamen Ausdruck annehmend bog er ein wenig das rechte Knie, griff nach der versilberten Reliquienkapsel, die er an seidener Schnur auf der Brust trug und murmelte: »Schütze mich, heiliger Martinus, dieweil ich selbst mich nicht schützen mag, in den unheimlichen Stunden vor den Dunkelelben der Nacht und allen Dämonen. Amen.« – Nun schritt er auf sein Lager zu und schlug den Vorhang zurück. Da saß auf dem Rande seines Bettes regungslos eine verhüllte Gestalt. Kreischend vor Schreck, sinnlos vor Angst fuhr er zurück: »Mörder! Zu Hilfe! Mörder!« lallte er; er wollte nach seinem Schwerte springen, aber er glitt aus auf dem glatten Marmorestrich; – hilflos lag er auf der Seite. Jedoch die Gestalt rührte sich nicht. »Schweig, Chilperich,« sagte sie leise. »Es ist nur ein Weib.« »Ein Weib?« wiederholte er, rasch aufspringend, – »Du – Fredigundis?« – Und zornig stampfte er mit dem Fuß: »Du Walandine! Mich so zu erschrecken!« – »Was kann ich für deine Feigheit –!« – »Und welche Frechheit! Hab' ich dir nicht befohlen – dir und den andern! – bei meinem Zorn, euch nicht nach Marseille zu wagen, auf Meilenweite? Weshalb kommst du?« – »Weil du's verboten hast!« – »Weib!« – Er hob die geballte Faust. – »Schlag' nur zu. Es ist nicht das erste Mal.« Er senkte den Arm. »Wäre aber das letzte Mal,« drohte er. »Denn du siehst mich nie mehr wieder. Das macht dir gar keinen Eindruck? – Du lächelst. – Das Lachen wird dir geschwind vergehen. – Es ist am Ende ganz gut, daß du kamst. So erfährst du noch vorher, was du nicht früh genug befolgen kannst. Aber – was suchtest du hier?« – »Meinen Ehegemahl.« – Er lachte, »Das weiß kein Mensch, ob du, nach der Kirche und des Volkes Recht, mein Eheweib bist.« »Du bist mit mir getraut. Das Gewissen trieb dich doch dazu.« – »Ja, aber auch mit Audovera, mit manchen andern. Leben alle noch! – Trauen! Ich laß' mich immer trauen! Beruhigt die Weiblein! – Und du bist eine Unfreie, bist nach Volksrecht gar nicht der Ehe fähig.« – »Du hast mich losgekauft von Herrn Landbert.« »Aber erst nach der Trauung, hi, hi. Das nennt man ›distinguieren‹. Trauung gilt nicht und Ehevertrag gilt nicht. Nichts gilt, als mein Wille. Und übrigens: als ich dich im Wald, an dem Grenzgraben, auf der Straße auflas, – hast du da lang mit mir – dem niegesehenen Jäger – ein Eheverlöbnis verhandelt? Oder habe ich dich gezwungen? ›Ich will!‹ riefst du – gar laut scholl's durch den Donner – und sprangst mir entgegen in die Arme. Keinen Schatten hast du eines Rechts. Hi, hi,« lachte er, »freilich, große Augen machtest du – später! Im Walde noch, da du mein wardst unter lohendem Blitz und krachendem Donner – die Dämonen freuten sich unserer Umarmung und eine brennende Eiche leuchtete dazu! – erfuhrst du, daß ich der Frankenkönig. Nun wähntest du, – hi, hi! – Frankenkönigin zu sein, Chilperichs alleinige Gemahlin, du! Die Plebejerin, die unfreie Magd!« – Hier zum erstenmal zuckte Fredigundis. »Als du aber nun daheim in meinem Palast Audoveren im Vorbesitze trafst und die andern alle –, da warst du sehr erstaunt! Frech wurdest du vor lauter ›Staunen‹«. »Und du schlugst mich,« sprach sie tonlos. »Mit der Faust. Hierher! Auf Schulter und Rücken!« »Ja, weil du schäumtest! An die Gurgel wolltest du mir fahren. Aber plötzlich – nach dem Faustschlag – wardst du lammfromm. Weiß Gott, was dir da durch die Seele ging!« »Die Hölle weiß es,« sagte Fredigundis ruhig. »Und wahr ist es,« sprach er nachsinnend, »du bist von allen meinen Gespielinnen die schönste, die berückendste. Und – weitaus! die gescheiteste. Weitaus! – Klug sind deine Ratschläge. Ein wenig zaubern kannst du auch, die Eifersucht hast du dir abgewöhnt. – Reizvoll, sehr reizvoll bist du!« Er sprang auf sie zu und küßte sie auf den Mund. – »Warum bist du in tiefster Niedrigkeit geboren!« Fredigundis bebte leise. »Ich verlangte mir keine bessere Königin von Neustrien. Aber so! – Es geht nicht! – Mein Bruder Sigibert mit dieser gotischen Fürstin neben sich – es ist wahr: jede Bewegung Brunichildens bezeugt das throngeborne Königskind. – Was hast du? Was knirschest du mit den Zähnen? – Und dann dieses ungeheure Heiratsgut, das die Gotinnen mit erhalten! Die Jüngere, – denk dir nur! – erhält ebensoviel wie die Ältere.« – »Und ein neues Spielzeug ist das Wachsbild auch. Aber hüte dich, Chilperich, wenn du sie küssest: halte den Atem an. Sie hat die Schwindsucht. Schwindsucht steckt an.« – Der König fuhr zusammen, furchtbar, auf das äußerste erschrocken. »Was? Was? – Bah, Eifersucht! – Du willst sie mir verleiden.« – »Warum? Da ich ja doch verstoßen bin, könnte mir's gleich sein, ob ich der Brustsiechen weiche oder einer andern. – Aber du, du thust mir leid! Siehe, dir das zu sagen, – deshalb kam ich.« Sie erhob sich von dem Bette. – »Wirklich? Nur deshalb? – Das wäre ja –! Diese Sanftmut? – Ich glaub's nicht! Nur deshalb?« »Nein, noch um ein andres Wort.« Sie beugte, wie verschämt, das schöne Haupt, trat dicht an ihn heran und flüsterte in sein Ohr. Dann wollte sie, – so schien's, – zur Thüre eilen: aber er hielt sie fest und riß sie an die Brust. »Mein rotes Fredelein, mein süßes! Wirklich? wirklich? – Nun, mein Gundelein, dann wünsch' ich dir Glück. – Das bringt dir Glück! – Hat dir's schon gebracht! – Nun sollst du nicht, wie ich's vorhatte, in ein Kloster.« Fredigundis lachte übermütig; es stand ihr gut: »Armes Kloster, das mich aufnehmen müßte.« – Chilperich lachte auch und küßte sie: »Du hast Witz. Darum taugst du so gut zu mir. – Taugtest!« seufzte er, »Denn leider – geschieden muß es sein. Geh in meinen – das heißt: jetzt deinen Hof Amica bei Limoges. Ich hab' ihn dir ja geschenkt mit aller Zubehör von Wald, Wiesen und Weide, mit Hirten und Herden, Knechten und Mägden: – recht reichlich kannst du leben von dem Ertrag und noch rotes Gold zurücklegen. Von dort melde mir's. Lauter schreiende Mädchen haben mir die andern geboren. Das allein hat Audovera solange gehalten in meiner Gunst, – sie ist ja fast so alt wie ich, sie muß jetzt ins Kloster! – daß sie mir drei Söhne gab. Aber«, und hier nahm sein Gesicht eine unheimlich drohende Miene an – »ich bin unzufrieden mit meinen Söhnen in jüngster Zeit. Der Trotzkopf Chlodovech grollt, weil ich dich mir gesellt. Merovech! – ha, der ist eigentlich mehr Sigiberts Neffe als mein Sohn.« – »Wie meinst du das?« – »Der seltsame, weiche, träumerische Mensch! Hat von mir gar nichts geerbt. Ich hab' ihn schon als Knaben nicht leiden mögen: nun, da lernte er auch wohl nicht, mich lieben. Als er heranwuchs, – er sah mich immer so vorwurfsschwer an: ich wußte nicht, was er wollte. Endlich kam es heraus. Als er etwa sechzehn Winter zählte, trat er eines Tages vor mich, mit ungewohnter Festigkeit –, und verlangte, fast drohend, – weiß Gott, welcher Priester ihm das in das Ohr gesetzt hatte! – Audovera selbst nicht: der hatte ich solch Ansinnen längst ausgetrieben! – ich müsse seine Mutter feierlich zu meiner Ehefrau erheben. Das sei ich Gott und ihr und ihm und seinen beiden Brüdern schuldig. Ich lachte ihn aus. Aber der weiche Träumer war auf einmal wie Stein und Eisen geworden: er ließ nicht ab, trotz meiner Drohung – er zerrte mich am Mantel: gar rasch fährt mir im Zorn die Hand an den Skramasachs! – ich traf ihn tief. Bruder Sigibert kam dazu, trug den Blutenden davon. – Seither hab ich Merovech wenig gesehen. Sein Oheim hat ihn an seinen Hof genommen seit vielen Jahren. Er hat eine feine Seele, der Junge. Aber eine allzu zarte. Und verträumte Augen, die nur die Sterne suchen, statt die Dinge dieser Welt.« – »Solche Menschen bringen es nicht weit auf Erden,« meinte Fredigundis ruhig, »auch wenn sie Königssöhne sind.« – »Und jüngstens, so scheint's« – lachte er hämisch – »liebt Merovech seine Muhme, Frau Brunichilden, mehr als seine Mutter –« Fredigundis horchte hoch auf. »Nur Theudibert blieb mir: aber der« – und er warf einen raschen, lauernden Blick auf sie – »der verehrt mir seine schöne junge Stiefmutter mehr als nötig.« Fredigundis zeigte die kleinen weißen Zähne: »der Milchbart!« lachte sie. Beruhigt fuhr Chilperich fort: »kurz, die Söhne sind mir nicht recht sicher. Zudem: die Pest hat auch Bruder Guntchramns Söhne sämtlich hingerafft. Meine Knaben schlagen meine Schlachten: – ich werde doch nicht so thöricht sein, diesen meinen gedankenvollen Kopf den Schlachtbeilen dummer Feinde auszusetzen! – Wie leicht fällt man in jenem rohen Mordhandwerk, das sie Heldentum nennen! So steht mein Geschlecht auf sechs Augen nur. Söhne, Söhne will ich haben! Kann ein König gar nicht genug haben! Bring mir einen Knaben, Fredeline! Kann dein Glück werden.« »Aber – der Unfreien – der Buhlin Sohn –, kann er...–?« Chilperich lachte hell: »Hihi! Da hinaus wolltest du? Nein, Gundelchen! Damit erzwingst du die Ehe nicht! Nach zweifellosem Frankenrecht kann jeder Königssohn die Krone seines Vaters erben, auch der Bastard, wenn nur der Vater ihn als sein Blut anerkennt.« Hoch auf atmete Fredigundis; ihr graues Auge leuchtete Triumph. Chilperich sah es scharf. »Du scheinst mir des Knaben allzusicher, Fredeline,« lachte er hämisch. »Ich befragte Zauberlose: – dreimal fielen sie auf den Speer, nicht auf die Spindel.« – »Hi, hi! Ich geh doch lieber sicher! Ich werde einen verlässigen Mann dir an die Seite geben –, daß du mir nicht das Mägdelein, das du etwa geboren, vor lauter Liebe zu mir in einen Buben verzauberst! Ich trau' dir nicht über den Weg! Wie sollte ich? Trau' ich doch mir selber nicht!« – »Wirst du dein Kind nicht sehen?« – »Das Kind? Ja! – Aber dich, Gundelchen, leider nie mehr! Ich mußte es beschwören« – er schauderte hier – »mit gräßlichen Eiden.« – »Wem?« – »Bruder Sigibert. Euch alle fortzujagen. Zumal auch dich. Er hasset dich vor allen.« Sie atmete gepreßt. »Er kennt mich nicht.« – »Er hat genug von dir gehört.« – »Und – warum Chilperich, warum thust du das alles? Was erhältst du dafür? Nur jene Sieche, jene wandelnde Leiche, deren Atem tödlich?« Chilperich stampfte mit dem Fuß. »Schweig davon! Ich muß ein Königskind haben, meiner Franken wegen. Und dann – die volle Aussöhnung mit Bruder Sigibert!« – »Du liebst ihn, diesen Bruder? – Heute hört ich alles Volk rufen: Heil Sigibert dem Helden! Ein feiger Fuchs ist der rote Chilperich.« »Bah,« meinte er spöttisch, aber doch recht geärgert, »ein Stier ist auch ein Held. Giebt gar nichts Dümmeres als so einen Helden.« »Also volle Aussöhnung! – Das ist ja schön. – Giebt er dir auch Soissons zurück?« fragte sie, sich harmlos vorbeugend und ihm ins Auge sehend. »Hölle, Tod und Teufel! Nein! Das thut er nicht! Aber schweig davon! – Es macht mich wütig.« – »Nun gut, gut! – Mir kann es jetzt ja gleich sein. Ich habe ja nicht mehr teil an dir. – Nur noch ein Wort zum Abschied von deiner – armen Fredigundis.« Sie schluchzte. »Nicht weinen, Gundelchen. Ich kann's nicht hören – du weißt es recht gut, es macht mich weich.« Seine Nasenflügel bebten und zuckten. »Ein Wort der Warnung nur. Du kennst meinen Zauberspiegel –? Du weißt... –« »Er zeigt wahr. Sahst du was darin?« forschte er ängstlich. »Ich sah den Dolch des Mörders gegen dich gezückt. Morgen Abend wird's versucht. Trag unter dem Wams die geschuppte Brünne. Und denke Fredigundens!« Ein flammender Blick; sie war verschwunden. »Bleib – bleib doch!« rief er ihr nach. »Noch einen Kuß! Bleib doch! Du hast mein ganzes Herz entzündet. – Fort ist sie! – Läßt mich allein in solchem Sehnen! – Ah so, ja! – O, weshalb ist sie nicht König Athanagilds Tochter geworden?« Fünftes Kapitel. Wenige Tage darauf ward zu Marseille das Fest der Vermählung Chilperichs und Galsvinthens gefeiert; der gotische Mariskalk Sigila übergab an seines Königs Stelle die Braut dem Bräutigam. Der Plan dieser zweiten Heirat war längst zwischen dem Gotenkönig und Sigibert verabredet worden, nur war einerseits Chilperichs Zustimmung und Werbung, andererseits dessen eidliche Übernahme gewisser Verpflichtungen vorbehalten. Denn man wußte in Toledo genug von diesem begabtesten, aber bösartigsten der Nachkommen Chlodovechs, um ihm zu mißtrauen. Der Bräutigam war übler Laune. Nicht jenes Mißtrauen kränkte ihn – er war daran gewöhnt! – Nur daß er – in Folge dieses Mißtrauens – solche Opfer bringen, solche Verbindlichkeiten auf sich nehmen sollte, das verdroß ihn. Hatte er doch noch nicht ausgeklügelt, – so angestrengt er seinen schlauen Kopf bemühte, – wie er diese lästigen Fesseln werde abstreifen können, ohne doch die angestrebten Vorteile wieder herausgeben zu müssen. Auch noch anderes schien ihm die rechte Bräutigamsstimmung zu stören. Er hatte vor dem Kirchgang mit der Braut seine drei Söhne in sein Gemach beschieden. Ärgerlich auf- und niederschreitend, während er sich von den Vestiarii ankleiden ließ, – diese hatten ihre Not, ihrem ungeduldigen Herrn, der nicht stillstand, mit den Gewand- und Schmuckstücken nachzulaufen, – fuhr er bald den einen, bald den andern von ihnen an. »Wenig Freude hab' ich an euch, allen dreien! – Es ist ohnehin schon abgeschmackt, daß ein noch so junger Mann wie ich schon so große, alte, hoch aufgeschossene Lümmel von Söhnen hat. – Jetzt bin ich zweiundvierzig Jahre, und dieser Riese da, dieser Merovech ist dreiundzwanzig! Das ist ein Unsinn!« »Den nicht wir begangen haben,« klang eine trotzige Antwort. Chilperich blieb plötzlich stehen: »Eh? – du, Chlodovech? Natürlich! Der Jüngste und der – Frechste.« »Man sagt, ich gleiche dir am meisten!« erwiderte rasch der Jüngling mit rotbraunem krausem Haar und blaugrauem Auge; und in der That war sein Äußeres dem Vater am ähnlichsten, nur war auch er bedeutend größer, breitknochiger als der feingliedrige Vater. »Höre du! Hüte dich!« rief dieser. Aber er mußte lachen. Er hatte Sinn für Witz, auch für solchen, der sich gegen ihn selbst richtete. – »Also! – Ihr wißt, eure Mutter Audovera – es ist zweifelhaft, ob die Trauung mit ihr gültig war – nun, das schadet keinesfalls eurem Erbrecht, da ich euch – leider! – als mein echtes Blut anerkennen muß, – sie war so verständig, – gutwillig in das Kloster zu gehen, als ich es ihr anriet, damit ich diese neue Ehe schließen könne, die auch euer größter Vorteil ist, sobald ihr mein Reich erbt, – mag es noch recht lange nicht geschehn! – um der Schätze, um der Waffenhilfe der Goten willen. Seht ihr das nicht ein?« »Ich würdige ganz die Ehre,« sprach Merovech, der Älteste, ein Jüngling mit dunkelm Haar, dunkeln, ernsten Augen und sinnigem, fast weichem Ausdruck der edeln Züge, »die in der Verschwägerung mit der herrlichen Frau Brunichildis liegt. Mußte unsre arme Mutter weichen, so ist dieser Ersatz, dieser Preis noch eine Art von Trost.« » Mein Trost ist:« polterte der ungestüme Chlodovech heraus, »nicht unsre liebe Mutter allein räumt das Feld! Auch die andern Freundinnen verschwinden! Vor allem die verhaßte Hexe: Fredigundis, die Verfluchte.« Theudibert, der mittlere Sohn, ein schlanker, stattlicher Jüngling mit offnen, hellbraunen Augen und schönem braunem Flaumbart, fuhr zusammen und wurde, als er durch diese Bewegung des Vaters Auge auf sich gelenkt hatte, blutrot. Chilperich stemmte beide Arme in die Seiten und musterte die drei Jünglinge: »Nette Früchte! Angenehmes Kleeblatt! – Du, Merovech, solltest dich doch lieber gleich von Bruder Sigibert an Sohnes Statt annehmen lassen! Schon wegen der so zu gewinnenden herrlichen Stiefmutter. Meinen Segen hast du dazu. Der Oheim ist dir doch lieber als ich. – Du, Theudibert .....! – Dich sollte ich eigentlich scheren und ins Kloster stecken. Aber ich brauche deine starken Knochen im Schlachtfeld. Und dann: – auch Mönche sollen nicht immer Engel sein, sondern oft nach Verbotenem verlangen. Hi, hi! – Dir aber, Chlodovech, geb' ich zu bedenken: – Nur ihr, nur der ›Hexe‹, wie du sie schiltst, habt ihr's zu danken, daß euer Vater heute noch lebt. Oder wär's euch lieber gewesen, der Dolch des Matrosen neulich hätte mich durchbohrt?« »Dich schützte das Schuppenhemd, Vater,« sprach Chlodovech trotzig, »das du unter dem Wamse trugst, nicht jene ...« – »Gelbschnabel! Daß ich aber das Schuppenhemd angelegt hatte an jenem Abend, – das hatte mir das Gundelchen geraten« »Wann?« fragte Theudibert rasch. »Hattest du sie gesprochen – hier?« – »Geht's dich was an, tapferer Krieger, wann und wo ich meiner Gespielinnen eine spreche? – Übrigens – du warst ja wohl bei seinem Tod zugegen? War denn nicht aus ihm herauszufoltern, wer ihn gedungen?« – »Er sagte: er habe eine Rache vollziehen wollen.« – »Für wen?« – »Für ein Weib.« Chilperich lachte. »Wieder einmal? – Hi, hi! Dadurch werden wir freilich nicht klüger! – Sind ihrer zu viele. – Nannte er keinen Namen?« – »Nein; er konnte ja kaum noch sprechen. Sowie sein Messer abgeprallt war an dir, stieß er sich's selber in die Brust. Auf meine Frage lallte er nur noch: › sie hat das geraten, falls es mißlingt, um der Folter zu entgehen, – Und all das‹, so schloß der Mörder, ›umsonst. Nur für die Hoffnung eines Kusses nach der That.‹ – Damit streckte er sich und war tot.« »Mögen ihm darin noch viele ›Rächer‹ folgen! Nun, ihr Söhne, einen Auftrag für euch. Morgen brecht ihr auf von hier und begleitet eure Mutter Audovera aus Rouen mit allen Ehren in das Kloster der heiligen Chrothechildis, unserer Ahnfrau, zu Beauvais. Sagt der Äbtissin, gut möge sie die Arme halten, bei meinem Zorn! Und grüßt sie mir noch mal! Sie hat es gut gehabt – über zwanzig Jahre! Was kann sie mehr verlangen? – So, nun geht! Wer will das Festmahl heute teilen? Ich zwinge keinen!« »Den Leichenschmaus für meine Mutter? Ich nicht!« rief Chlodovech und stürmte aus dem Gemach. »Ich auch nicht,« sprach Theudibert, ihm folgend. »Ich werde teilnehmen,« sagte Merovech. »Ohm Sigibert, der selbst Galsvintha in die Basilika führt, hat mich beauftragt, an Frau Brunichildens Seite zu gehen.« Chilperich wollte spöttisch erwidern, da wurden von den Thürhütern gemeldet: König Sigibert, dessen Gemahlin und mehrere Priester und weltliche Große. »Aha! – Jetzt kommen sie mit den geistlichen Stricken und Banden, mich zu fesseln. Der Gotin hab' ich schon geschworen; jetzt nochmal, – öffentlich! Laßt sie herein! In aller Teufel Namen!« Sechstes Kapitel. Mit tiefem Schweigen erschienen nun Sigibert, Brunichildis, Bischof Germanus, Bischof Theodor von Marseille, Prätextatus, Sigila, Charigisel, Herzog Drakolen, andre Vornehme mehr und viele andre Geistliche, von welchen vier mittels zwei Tragstangen auf den Schultern eine reich vergoldete Truhe mit hochgewölbtem, dachähnlichem Deckel trugen. Die Kiste, auf zwei zierlichen Rundpfeilern ruhend, war in allen Stücken einer Basilika nachgebildet. Höchst feierlich und andächtig ward das goldstarrende, reich mit bunten Steinen besetzte, kleine Gebäude auf einen Marmortisch niedergestellt, indem die vier Träger niederknieten und die beiden Bischöfe und der Archidiakon Prätextatus dasselbe auf die Marmorplatte hoben, nachdem sie es ehrfürchtig geküßt hatten. »Oh jeh! o jeh!« stieß Chilverich ärgerlich hervor, indem er unter wiederholten tiefen Verneigungen, unwillig und ängstlich, vor der Truhe, soweit er konnte, an das andere Ende des Saales zurückwich. »Da sind sie ja wieder! Da haben wir sie ja wieder alle beisammen, die lieben, gottgesegneten, verfl ..., verehrten, teuern Heiligen. – Weiß der Teufel, das ist derselbe heilige Holzkasten, wie damals bei dem Eide wegen Paris! Lieber hundert lebendige Könige betrügen, als einen solchen heiligen Knochen!« Das hatte er leise grollend vor sich hin gebrummt. »Mein Bruder,« begann Sigibert, »wir haben – wohlmeinend – beschlossen, dir den Eid in der Basilika vor all dem gaffenden Volk zu erlassen und statt dessen dich nur hier, vor wenigen, aber bedeutungsvollen Zeugen schwören zu lassen!« »Sehr gütig,« brachte Chilverich giftig hervor. »Ich habe dies bei meiner Gemahlin und bei Marschall Sigila, als dem Vertreter des Gotenkönigs, erbeten ... –« »Danke sehr, danke!« – »Weil es der Frankenkönige Ehre nicht eben erhöht, daß man solche Eide von ihnen fordern muß.« Chilperich wollte auffahren; aber er bezwang sich. »Tausend Pfund Goldes bringt die Braut,« sagte er zu sich selber, »dafür kann man schon ein paar Tugendwörtlein hinunterwürgen von diesem Ausbund aller Trefflichkeiten. – Macht's kurz,« sprach er brummig, »ich schwöre alles, was man geschworen haben will.« Da trat Frau Brunichildis vor; königlich war ihr Schritt, majestätisch ihre Haltung, als sie das große dunkle Auge voll auf ihn richtete; er ertrug dessen Blick nicht, sondern sah zur Seite und fragte unwirsch: »Was soll's, Frau Schwester?« – »Bevor du schwörst, vertraggebunden, König von Neustrien,« sprach sie feierlich, »höre du – und höret all ihr, ehrwürdige Priester des Herrn, vornehme Franken und ihr, meine edlen Goten, was ich schwöre – freiwillig.« – Sie legte die Rechte auf den Deckel der Kiste und fuhr fort: »Rache schwöre ich, furchtbare Vergeltung, wird meine süße, arme Schwester Galsvintha, das weiße Lamm, gekränkt von König Chilperich! Verletzt er die Eide, die er nun zu schwören hat und sollten die Heiligen im Himmel der Rache vergessen des Eidbruches, – ich, Brunichildis, werd' ihrer nicht vergessen. Und von dir, Herr König von Austrasien, mein Gemahl, von euch, ihr tapfern Franken, aller drei Reiche, so auch von Euch, Herr Herzog von Drakolen, und den übrigen Mannen König Chilperichs, wie von euch, ihr meine Goten, verlange ich's, daß ihr schwört gleich mir: Rache, Rache, Rache für jedes Unrecht wider meine Schwester.« – Laut, mächtig scholl ihre starke, tiefe Stimme durch das weite Gemach. Chilperich erbleichte. Und Sigibert und alle Laien im Saale traten einen Schritt gegen ihn vor, erhoben die Schwurhand und sprachen feierlich »Rache!« Kaum war der Ruf der vielen Stimmen verhallt, als Merovech, die Augen starr auf die herrliche Frau gerichtet, ebenfalls vortrat und laut sprach: »Rache!« Alle erschraken, Merovech selbst zumeist: er hatte wie in Verzückung gehandelt, fortgerissen von dem gewaltigen Eindruck. Ein grimmiger, ein bitterböser Blick seines Vaters traf ihn; er sah es nicht, sein Auge hing noch immer an Brunichildis. Chilperich fand zuerst das Wort; lächelnd trat er an die Kiste: »Der eigne Sohn! – So unmöglich scheint uns allen der Eidbruch, daß der eigene Sohn die Rache versprechen kann. Natürlich. Denn merket: also lehrt die Theologia: ›der Eid ist die bedingte Selbstverfluchung.‹ Verflucht sich der Vater selbst für den Fall der Nichterfüllung, darf auch der Sohn ihm drohen für diesen ganz unmöglichen Casus. Nun vorwärts! Sprecht die Formel!« »Nicht so rasch,« mahnte Bischof Germanus, »Ihr müht dabei die heiligen Reliquien selbst berühren.« »Muß ich?« forschte Chilperich, ängstlich, widerstrebend. »Wirklich – soll ich? Damals – wegen Paris – genügte es, daß ich die Hand auf den Deckel... –« »Die Frau Königin Brunichildis will's,« meinte der Bischof. Er und Bischof Theodor zogen nun zwei kleine goldne Schlüssel aus zwei kleinen Kapseln, die sie auf der Brust trugen, schlossen die zwei Schlösser auf, welche den Deckel an die »Arche« befestigten, und schlugen den hochgewölbten Deckel auf. Ein starker, scharfer Geruch von orientalischem Räucherwerk drang aus der Truhe. Feierliches Schweigen, Schauer der Andacht ergriffen alle und nicht am schwächsten Chilperich; er legte unwillkürlich die Hand aufs Herz und wandte das Haupt ab. Bischof Germanus begann: »Durch die Güte unserer Mitbischöfe und der Äbte in diesem ganzen weiten Reich der Franken haben wir in dieser Arche vereinigt Überbleibsel von Christus selbst, dem Herrn, und von den größten Heiligen. Hier ruhen bei einander: ein Splitter vom Kreuze Christi, Haupthaare des Apostels Petrus, ein Barthaar des Apostels Paulus, ein Zahn des heiligen Bekenners Hilarius von Poitiers, eine Rippe Sankt Martins von Tours und – die Schwurhand des heiligen Polyeuktus, des furchtbaren Rächers des Meineids. König Chilperich von Neustrien, mit leiblicher Berührung all dieser Heiligtümer – bedenk' es wohl! dadurch zwingst du den Herrn Christus selbst und alle die genannten in diesem Augenblick, ob unsichtbar, doch leibhaftig in ihren verklärten Auferstehungsleibern hier zu erscheinen! – sie weilen jetzt in diesem Saal: – sieh', wie geheimnisvoll, von keinem Lufthauch bewegt, die Kerze flackert: – sie schweben über unsern Häuptern – ich fühl' mein spärlich Haar sich sträuben vor heiligem Schauer! – Vor ihnen schwörst du und versprichst du nun zum ersten: »Nie werd' ich Jungfrau Galsvintha, die Tochter Athanagilds, des Königs der Westgoten, die heute mein ehelich Weib werden wird, aus irgend einem Grund oder Vorwand welcher Art immer verstoßen oder, solange sie lebt, von mir scheiden oder ihrem Vater zurückschicken.« »Ich schwöre!« sprach Chilperich mit lauter Stimme. »Zum zweiten: Alle die Frauen oder Mädchen, die ich bisher unter dem Schein oder ohne den Schein der Ehe mir gesellt hatte, entferne und verstoße ich am heutigen Tage.« Unwillig, rasch, polternd, stieß der Gepeinigte heraus: »Ich schwör's! – Ist's nun aus?« »Gemach,« sprach Sigibert vortretend. »Das Gerücht geht durch die Gaue, – es drang auch zu dem Ohre meiner reinen Königin und hat sie erschreckt mit banger Furcht – vor wenig Monden habest du dir aus tiefstem Pöbelstaub, in der That aus der unfreien Mägde Schmutzstand, neuerdings ein solch verworfnes Geschöpf hervorgezerrt ... –« Chilperich biß die Lippe, seine Nüstern flogen. »Es läge zu tief unter unserem Stolz, ihrer zu gedenken. Aber man flüstert, die Unholdin verstehe bösen Zauber, ja durch Zauber Haß und Liebe, Siechtum und Tod herbeizuzwingen. Das hat meine hohe Königin erschreckt. Versprich daher ausdrücklich, auch diese zu verstoßen: vergieb, du Vielreine, – daß ich vor dir den schmutzigen Namen nenne, doch es muß sein: – verstoße auch Fredigundis.« »Was? Heil'ger Gott!« Ein schriller Schrei. Nicht Chilperich hatte ihn ausgestoßen. Er und alle andern fuhren zusammen und blickten nach dem Marmortisch; über denselben gebeugt stand, mühsam sich aufrecht haltend, leichenfahl, Prätextatus. »Was befällt Euch, mein Sohn?« forschte staunend Bischof Germanus. »Welche – welche Fredigundis?« stammelte der Priester. »Ihr scheint deren viele zu kennen,« höhnte Chilperich. – »Ei ja, diese werdet Ihr wohl meinen; sie war ja Eures Vaters Ziegenmagd.« »Ich kannte sie,« sprach Prätextatus, sich eisern zusammenfassend, »Sie war als Kind schon – ruchlos. Und konnte – glaub' ich – zaubern.« – Er atmete schwer. »Auch sie verstieß ich,« rief Chilperich gereizt. »Ist's nun zu Ende?« »Noch nicht!« sprach Sigibert, »König Athanagild verlangt noch eins. Reich ist das Brautgut an gemünztem Gold und Silber, an Gold- und Silberschmuck und Gerät, an köstlichen Gewänden und Edelgestein, an edeln Rossen, Hunden und Habichten, an Knechten und Mägden, ja auch an liegenden Gründen und allerlei Hoheitsrechten im gotischen Gallien, in Septimanien, zumal bei Narbonne: die Mitgift seiner Tochter Galsvintha ist so reich wie die meiner geliebten Gattin Brunichildis. König Athanagild ist ein Greis und darbt der Söhne. Darum will er, daß, falls, – was Gott verhüte! – Galsvintha vor dir sterbe ... –« »Dann erben die Mitgift unsere Kinder,« rief Chilperich. »Selbstverständlich!« »Gewiß. Doch blieb eure Ehe kinderlos, dann soll die Mitgift, das Erbe Galsvinthas, falls sie vor dir verstirbt, an Brunichildis, ihre Schwester, fallen.« »Das ist eine Bosheit!« schrie Chilperich außer sich. »Das will ich nicht! Das thu' ich nicht.« »So seien die Heiligen gelobt!« sprach freudig Brunichildis. »So wird nichts aus der unseligen Vermählung. Komm, mein Gemahl! Wie froh bin ich!« Und sie wandte sich, zu gehen. »Aber so bleibt doch! So hört doch, schöne Schwägerin! – Ein Mann darf sich doch eine Sache überlegen.« »Vater,« flüsterte ihm Merovech zu, »Eure Habgier hat sich allzusehr verraten.« »Du schweig,« fuhr er ihn an. »Du nähmst diese hochfärtige Gotin da und gäbst dein Erbteil obenein dafür.« »Und meine arme Seele,« sagte der Gescholtene ganz leise zu sich selbst. »Höre,« – forschte Chilperich, zögernd – »gilt das – soll das gelten auch umgekehrt – für Galsvintha als Erbin Brunichildens?« Sigibert lachte hellauf. »Herr Bruder, gern! Doch wirst du, – das sag' ich dir schon heute – dieses Trostes nicht froh werden.« In Gluten gebadet senkte sich Frau Brunichildens edles Haupt. »So, so!« – grollte Chilperich leise, sie grimmig betrachtend. »O Fredigundis, brächtest du mir doch den Sohn! – Nun denn, auch das! Es sei! Ich beschwöre auch das.« »Sehr wohl,« sprach der Bischof von Paris: »nun legt die rechte Hand auf den Splitter vom Kreuze Christi und die linke auf die Haare der Apostel Petrus und Paulus und sprecht mir nach die Formel des Schwurs: ›Und wenn ich, Chilperich, König von Neustrien, von diesen, von mir beschworenen Stücken auch nur Eins im mindesten verletze, so sollen mich strafen Gott und alle Heiligen, zumal aber Sankt Polyeuktus, der Rächer des Meineids, und Sankt Hilarius und Sankt Martinus, bei denen ich geschworen. Und ausgestoßen soll ich sein aus der Fürbitte des Herrn Christus und aus der Gemeinschaft der Kirche. Und es treffe mich der Fluch von Data und Abira und der Aussatz Naamans des Syrers schlage mein Gebein. So im Leben. Im Tod aber sollen mich davontragen die Dämonen und peinigen meine Seele in dem gleichen Feuer, in dem sie peinigen Judas Ischariot, den Verräter des Herrn, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.‹« Chilperich fluchte vor sich hin, machte ein sehr finsteres Gesicht und sprach die Formel nach. Siebentes Kapitel. Ziemlich früh in der Nacht nahm das Hochzeitsmahl ein Ende, das Sigibert in dem Palaste den Neuvermählten ausrichtete. Er, nicht der Bräutigam, war es, der das Zeichen zum Aufbruch gab. Hastig stürzte Chilperich noch den Becher Weines hinunter, der halbgeleert vor ihm stand. Galsvintha aber, die bleiche Braut, lag fassungslos, einem geknickten Schilfe vergleichbar, in ihrer Schwester Armen, unter strömenden Thränen, bebend am ganzen Leibe. Holdselig, aber noch vielmehr rührend war der Anblick der nur allzu Zarten, die in dem weißen Gewölk des faltenreichen weiten Brautgewandes fast zu verschwinden drohte. Auch die starkmutige Brunichildis unterdrückte nur mit Anstrengung die Thränen. Endlich löste Sigibert mit sanfter Gewalt die Umarmung der Schwestern. Krampfhaft hatte Galsvintha die langen schmalen durchsichtigen Finger in die Hände Brunichildens gerenkt. »Fasse dich, holde Schwägerin! Sieh, der Bräutigam harret dein mit Ungeduld!« Da hob sie das kleine Köpfchen, schüchtern wie ein Vögelein, von der Schwester hochwogendem Busen: ein verstohlener Blick wagte sich scheu, doch nicht ganz ohne Hoffnung, nach dem schönen, scharfgeschnittenen geistvollen Gesicht Chilperichs: – schon hatten sich die blutlosen Lippen zu einem sanften Lächeln ermutigen wollen. Aber da die Braut den Bräutigam abgewandt, über den Kredenztisch gebeugt sah, – er gebot mit gefurchter Stirn, ihm den Pokal nochmal zu füllen – da legte sich wieder bange Trauer auf die weiße Stirn. Willenlos folgte sie Sigibert, der sie an der Hand aus dem Saale zog. Mürrisch schritt ihnen nach Chilperich, von jungen Männern umgeben; diese riefen ziemlich laut derbe Scherze in sein Ohr, da lachte er einmal grell auf; erschrocken fuhr Galsvintha zusammen. Sie stiegen die Stufen des Palastes hinab. Brunichildis, den Arm in die Hüften gestemmt, sah den Verschwindenden nach: »Mein Lamm! Mein weißes Lamm! Zur Schlachtbank! – Vergieb, Neffe Merovech: er ist dein Vater.« »Leider,« sprach der Jüngling. »Aber nichts als das Blut hab' ich mit ihm gemein.« – An der Behausung Chilperichs angelangt, verabschiedete sich Sigibert von Galsvintha mit einem Kuß auf die Stirn. Dann trat er rasch zu seinem Bruder: »Sei gut, sei zart mit ihr. Sie ist so hilflos, ein zitternd Kind.« »Ich werde sie nicht beißen!« war die unwillige Antwort. »Habe keine Sorge! – Es ist mir gar nicht drum, noch mehr von ihren Thränen zu sehen. Kann ja nichts als weinen, das Geschöpf. Hat wohl Thränen statt Blutes in den Adern.« Um Mitternacht sah der Mond eine weiße Gestalt am offenen Bogenfenster des Brautgemachs stehen. In diesem Lichtguß glänzte das weißgelbe Haar wie Silber; das kleine Köpflein war an den kalten Marmor des Fensterbogens gepreßt. Die Arme hingen schlaff herab; die einsame Braut weinte bitterlich. – – Aber am Hafen unten, in der schlimmst berüchtigten Schenke des rohen Schiffervolkes saß, unter Matrosen, Sklaven, Ruderknechten, Gauklern und Tänzerinnen, ein Mann, der trotz der schwülen Luft, die in dem niedrigen, nach Fischen und Würsten übelriechenden Holzverschlag brütete, sorgfältig das Haar und zum Teil das scharfgeschnittene Gesicht mit der Kapuze des Mantels bedeckt trug. Er würfelte eifrig um Pfennige mit Sklaven, lachte lärmend über die wüstesten Scherze und warf hier und da den braunarmigen Cymbelschlägerinnen, die, hochgeschürzt, um ihn her tanzten, Goldstücke zu. Da sprang mit einem Satz eine solche, eine schwarzlockige Syrerin, auf seine Knie. »Bist du, Goldspender, König Midas, daß du so sorgfältig deine Ohren verbirgst?« Und rasch riß sie ihm die Kapuze ab: – in langen roten Locken flutete ihm nun das Haar auf die Schulter. »Das ist ein Merowing!« – »Ein König der Franken!« – »König Chilperich ist's!« – »Der heute Hochzeit hielt.« »Schon überdrüssig der ›weißen Lilie?‹« höhnte die Syrerin. »Schweigt, ihr Gesindel!« rief er, jäh aufspringend, daß die Tänzerin auf den Boden rollte. »Ein Wort hiervon außer dieser Spelunke und ich laß euch allen die Augen ausbrennen.« – Schon stand er im Freien. Gierig sog er die kühle Nachtluft ein. »Ach, wohin nun? Nach Haus? Ich kann sie nicht anrühren! Eiskalt ist ihre Hand, wie einer Toten. Mir graut vor ihrem Geseufze. – Mir graut vor ihr ganz und gar! – Du hast sie mir gründlich verleidet, Fredigundis! – Beim Dämon! Die Begehrte verstoßen! Die einzige, die ich wirklich will . Und verkettet an dieses Gespenst, vor dem mir schaudert! Das ertrag' ich nicht lang! O läge doch jede von ihnen, wohin jede von ihnen gehört: die eine im kalten Sarge, die andre an meiner heißen Brust.« Nach einer Woche trennten sich die beiden königlichen Paare. Sigibert und Brunichildis brachen von Marseille auf gen Norden, um über Lyon und Langres nach Reims, dem damaligen Königssitze von Austrasien, zu ziehen, während Chilperich seine junge Gattin über Limoges, Poitiers, Tours zunächst nach Rouen, später dann nach Tournay führen wollte. Prätextatus, der nach Rouen zurückkehrte, schloß sich ihnen an, während Bischof Germanus das andere Paar begleitete; ebenso Merovech, den sein Oheim sich zum Majordomus seines Palastes erbeten hatte von Chilperich, der, anfangs betroffen, bald einwilligte. »Es ist gar nicht übel,« dachte er in seinem Sinne, »stets zu erfahren, was da vorgeht im Palast zu Reims: freiwillig wird zwar der Träumer nicht selbst ausplaudern, aber ich will ihn schon ausfragen.« Sigibert hielt beim Abschied ernst und eindringlich Zwiesprach mit seinem Bruder. »So hat sie mich verklatscht, die Thränenprinzessin?« fuhr dieser alsbald auf. »Wohl bei der gestrengen Frau Schwester? Sehr zartfühlig, das muß ich sagen, von Jungfrau Galsvintha! Ist es meine Schuld, daß mir vor ihr graut?« – »Es graute dir gar nicht vor ihr auf dem Schiff, auf der Fahrt von Narbonne bis Marseille. Kaum hattest du das zarte, keusche Kind gesehen mit den großen, den rührenden Rehaugen, – da warbst du um sie wie ein Dämon. Habe noch nie einen Mann so freien sehen: – wie ein Feuerstrom! Wie sollte solchem Andrang eines solchen Geistes ein Mädchen widerstehen? – Noch bei dem Einzug in Marseille! Du verschlangst sie mit den Augen. Und gleich danach – dieser Widerwille! – Keine Silbe hat sie gehaucht! Aber man sieht ja, wie sie leidet, die Verschmähte! Was liegt dazwischen?« »Ein Wort! – Nicht doch, – ich meinte: vielleicht ein Zauber. Du weißt, es giebt solche Künste! Man knüpft Knoten – mit magischen Worten: – Nestelknüpfen nennt man's – und verwandelt ist des Bräutigams Sinn. Er kann gar die Braut nicht küssen, ob er's auch wollte. – So geht es mir. – Will ich ihr nahen –, es bläst mich etwas an wie Furcht vor Siechtum, wie Leichenkälte. – Aber warte nur. Kommt Zeit, kommt Rat. Auf der langen Reise werden wir wohl vertrauter werden. Hier, in dem lärmenden Marseille, werden wir stets auseinandergestört. Es wird schon alles gut werden.« »Wir wollen's hoffen. Leb wohl, Bruder.« »Leb wohl. He, noch eins! Was ist's mit Soissons? Wir sind ja jetzt ausgesöhnt – und nicht nur Vettern – Hi, hi! – und Brüder sind wir – noch Schwäger dazu. Gieb mir meine Stadt Soissons zurück.« »Kann nicht, Bruder. Sieh, ich thät' es gern. Aber ich habe versprochen, dies Pfand für deine friedliche Gesinnung noch zurückzuhalten.« – »Versprochen? Wem versprochen?« – »Einer Seele, die dir wenig traut.« – Er war fort. »Das ist seine Gotin,« rief Chilperich giftig. »Beim Dämon! Warte! Du sollst noch Grund finden für dein Mißtrauen. Was mischt sich das Weib in fränkische Reichsgeschäfte? Sie beherrscht diesen guten Jungen, der früher so leicht zu bereden war. Sie macht ihn mißtrauisch und fest. Warte, Brunichildis!« Schmerzlich und thränenreich war der Abschied der Schwestern. In dem Frauengemach des Palastes saßen die beiden auf der Ruhebank; zärtlich schmiegte sich die schmächtige, kindliche Gestalt Galsvinthens an Brunichildis, diese hatte die Schlanke auf ihren Schos gehoben und wiegte sie leise hin und her, wie die Mutter ein krankes Kind; die Kleine barg das Antlitz an der Schwester Busen; die beiden Hände hatte sie hinter deren Nacken gefaltet. »Meine weiße Wasserrose! Mein schlankes Schilf! Mein silbernes Sternlein!« koste sanft beschwichtigend die ältere Schwester. »Wie soll ich dich entbehren?« »Du – mich? Das wirst du leicht. Du bist so glücklich.« – »Ich kann es nicht sein, weiß ich dich traurig. Du darfst, du sollst mir nicht traurig sein.« Da machte sich Galsvintha los, richtete die sanften dunkeln Augen auf die Trösterin und sprach mit trübem Lächeln: »Warum bist du glücklich? Weil du liebst und geliebt wirst. Warum bin ich elend? Weil ich liebe und ... –!« »Er liebt dich auch. In seiner Art. Hast du vergessen, wie er um dich warb, wie glühend?« – Zornig furchte sich bei der Erinnerung die hoheitvolle Stirn. – »Ich bat Sigibert, als ich dies wilde Werben sah, dem zu wehren. Denn solche Glut steckt an. Und es ist wahr,« – sie wollte die Kleine mit ihrem Lose versöhnen – »er ist schön von Antlitz und rasch von Gedanken und witzig und reich an allerlei blendenden Einfällen und schmeicheln kann er und scherzen und schwatzen zum ... –« »Bethören des ganzen Herzens. Ach, ich ward ihm gut schon am ersten Tage. Und Schwager Sigibert sagte mir gleich, unser Vater wünsche es. Ich fühlte nur, ich sei seiner nicht würdig, seinem Geist nicht gewachsen. Aber die schmeichelnde Welle seiner süßen Rede trug mich schaukelnd dahin – willenlos. Und nun! Ich sehe es jetzt wohl: nur die Schätze lockten ihn, die unseligen, die, wie er wußte, der Vater mir so hochgehäuft wie Dir zum Heiratsgut bestimmt hatte. 's ist auch begreiflich. – Was bin ich!« Heftig rief Brunichildis: »Du bist ein holdes, süßes Mädchen, viel schöner als ich, viel sanfter und viel besser!« und sie drückte die Kleine an die Brust. »Oh nein! – Und gestern, da er wieder so wortkarg mit mir beim freudlosen Abendmahle saß: – seine glitzernden grauen Augen sahen an mir vorbei, weit weg, in die Ferne, als ob sie dort etwas suchten – und als die Diener fortgeschickt waren, da faßte ich mir ein Herz. Leise, leise, – er merkte es nicht, – glitt ich von dem Sitz an seiner Seite auf den Boden und umfaßte seine Kniee.« – »Galsvintha! Du hast vor ihm gekniet? Des Gotenkönigs Tochter!« – »Ei, strenge Schwester,« lächelte das Kind wehmütig unter Thränen, »als ich heute plötzlich in euer Gemach trat: – wer lag auf beiden Knieen vor König Sigibert und bedeckte seine Hände mit demütigen, raschen, raschen Küssen?« – Brunichildis errötete über und über: »Das ist ganz was andres, Kind!« – »Freilich wohl! Denn er liebt dich! – Ich aber – ich bat ja auch nicht um Liebe – kann man Liebe erbitten? – Ich bat nur um meine Freiheit!« »Wie? Was hör' ich?« – »Vielmehr um seinetwillen als um meinetwillen! Denn ich – ach, es ist eine Schmach, es zu gestehen! – ich war es am Ende auch zufrieden, nur still, geduldet, neben ihm hinzugehn und still, ungeliebt, zu welken, seinen überlegenen Worten lauschend, seinem Witz, den ich fürchte und der mich doch anlockt wie die Flamme. – Aber er! – Er leidet auch unter dieser aufgezwungenen Ehe!« »Wer hat ihn gezwungen?« drohte Brunichildis. – »Nun – oder er hat sich geirrt. Er hat gewähnt, um das reiche Heiratsgut sei auch leicht in den Kauf zu nehmen die arme Galsvintha, die nie das Wort findet für ihre Empfindung, für ihre Gedanken –: denn manchmal, Schwester, hab' ich wirklich auch Gedanken, gar nicht ganz üble. Er hat mich überschätzt. Er leidet an meiner Seite, beim Anblick meiner stummen Qual. Ach, ich vermag es wohl nicht genug zu verstecken, daß ich ihn liebe. – Er aber soll nicht leiden! – So sprach ich denn zu ihm, recht flehentlich, so demütig ich bitten konnte: ›Ach Herr König von Neustrien,‹ sprach ich, ›laß deine Magd in Frieden von dir scheiden. Ich bin zu einfältig für deinen raschen, reichen Geist. Laß mich, ohne Groll und Vorwurf, von dir gehen, und über die Berge wieder heimwärts ziehen zur lieben Mutter. Die Schätze aber, die ich dir zugebracht,‹ – so fügte ich eilig bei – ›sollst du behalten.‹« »Mein armes Reh!« rief Brunichildis. »Was hast du gethan!« – »Das Rechte. Es schien auch ihn zu rühren. Ich konnt' es nämlich nicht verhindern, daß mir dabei zwei große Thränen langsam über die Wangen flossen. Er sprang auf, strich mir – oh wie schauderte ich dabei bis ins innerste Mark! – fast zärtlich über das Haupt – und rief: ›Gute Kleine!‹ Er bog sich zu mir nieder: gar traurig sah ich zu ihm auf, er faßte mich an der Schulter, er näherte mir das schöne, schöne Antlitz – ich glaube,« – hauchte sie ganz leise – »er wollte mich küssen, auf den Mund. – Schon fühlte ich seinen warmen Atem mir ganz nah – mir schwindelte dabei ein wenig, liebe Schwester! – aber plötzlich, als habe ihn eine Schlange gestochen, fuhr er weit von mir zurück. ›Unsinn!‹ rief er mit der harten, bösen Stimme, die ihm oft den weichsten Schmeichelton ablöst: ›Unsinn! Geht nicht! Gäbe Krieg mit den Goten und mit Frau Brunichildens gehorsamem Gemahl. Mußt schon bei mir bleiben, Kleine.‹ – Das letzte,« flüsterte sie, »klang beinah wieder zärtlich.« »Nun siehst du?« tröstete die Schwester mit Worten, an die sie selbst nicht glaubte. »Hoffe und vertraue! Wann ich dich wiedersehen werde in wenigen Monden, bist du so glücklich wie« – ›wie ich‹, hatte sie sagen wollen. Aber sie brachte dieses Unrecht gegen die eigene Liebe nicht über die wahrhaftigen Lippen. »Wie die Toten alle«, sprach Galsvintha feierlich und erhob sich. Brunichildis erschrak, so tief ernst, so ruhig, so feierlich gereift klang das Wort: »Schwester,« rief sie, »welcher Wahn!« »Kein Wahn, Wahrheit. Hast du vergessen, wie unsere liebe Mutter daheim, welche dich ohne Klage, mit Stolz, König Sigibert anvertraut hatte, auf den Tod erschrak, da sie hörte, ich – ich solle dich begleiten, um – vielleicht – zu werden, was ich Arme nun geworden bin? ›Niemals seh' ich dich wieder,‹ schrie sie verzweiflungsvoll und raufte das graue Haar. ›Du steigst nicht in das Brautbett, – in das Grab. Totenkränze harren dein in Gallien!‹ – Sie tobte, sie erkrankte. – Wahr hat sie geredet. O Brunichildis, selige Frau! O wer so glücklich wäre wie du! – Aber ungeliebt, verschmäht, dem Geliebten zur Last! – O wenn du mich lieb hast, wünsche mir nicht das Leben, wünsche mir den Tod. Wie oft, wie heiß, wie flehend hab ich in diesen Tagen mir selber ihn gewünscht!« »Nein, nicht den Tod wahrlich,« rief Brunichildis kraftvoll, »aber ein Ende wünsch' ich – und schaff' ich dir! – dieser Schmach, dieser herzverzehrenden Pein. – Drei Monde geb ich ihm noch Frist, dem Herrn Schwager. Nach drei Monden such' ich dich auf, mein holdes Schwesterlein. Und bist du dann noch so geknickt wie heute, – beim Leben unseres Vaters! dann soll dein Wunsch geschehen und ich zerhaue diese Ehe: muß es sein, – mit scharfem Schwert.« »Drei Monate? – O Schwester, was wähnest du! – Horch! Die Hörner mahnen zum Aufbruch. Schritte auf dem Gang! Dein Gatte naht, dich abzuholen und – der König von Neustrien. Noch einen Kuß, den letzten, – den allerletzten, – Schwester Brunichild! – Grüße, o grüße noch die arme Mutter.« Achtes Kapitel. In den nächsten Tagen besserte sich merklich das Verhältnis der Neuvermählten. Viele Stunden ritt Chilperich an der Seite des unschuldigen jungen Geschöpfes, neben ihrem Zelter oder, falls sie der Sattel ermüdete, neben ihrer offenen Sänfte. Es konnte nicht ausbleiben, daß der stille Reiz dieser sanften Natur, der ihn von Anbeginn gelockt, in solch traulichem Verkehr offener entfaltet, auf ihn zu wirken begann. Daß sie ihn liebte, wußte er längst: hatte er es doch von Anfang darauf angelegt, das unerfahrene Kind für sich einzunehmen. Nun kitzelte es seine Eitelkeit, – es machte ihm wirkliches Vergnügen – zu beobachten, wie die scheue, knospenhaft streng in sich geschlossene Mädchenseele sich auf das ängstlichste bemühte, das süße Geheimnis ihrer Neigung vor ihm zu verbergen. Soviel Verwirrung holder Scham, – es war ihm ganz ergötzlich, sie zu betrachten. Aber recht wohl war ihm doch nicht dabei. »Es ist alles so kindisch oder kindlich an dieser ihrer Liebe, – lauter Duft und Mondschein. Ich bin von derberem Stoff und habe heißere Wünsche.« Nach mehreren Tagen kamen sie in die Nähe von Limoges; diese Stadt wäre aber erst in tiefer Nacht zu erreichen gewesen; man beschloß daher, in einem König Guntchramn gehörigen Hof, Baniacus, der am Wege lag, zu übernachten; der gutmütige Beherrscher von Burgund stellte stets seine Paläste und Villen den Brüdern zur Verfügung, was der geizige Chilperich gern annahm, aber nicht erwiderte. Schon zwei Tage vorher war durch Vorreiter angesagt worden, daß das Königspaar hier übernachten werde. Die Sonne neigte zum Untergang, als der Zug der Reisenden sich jenem Hofe näherte. Aber nicht geradeaus nach diesem Ziel der Reise, nach Norden, und auch nicht in den dunkelrot erglühenden Abendhimmel war Chilperichs Auge gerichtet. Unverwandt blickte er seitwärts, nach rechts, nach Osten, aus, wo eine sanfte Hügelkette ziemlich nah und der alten Römerstraße, auf der sie ritten, parallel sich hinzog. Er überhörte wiederholt Fragen der jungen Frau neben ihm. Diese richtete sich endlich neugierig in der Sänfte auf und blickte scharf in die gleiche Richtung. »Was ist dort so Schönes zu sehen, Herr König?« fragte sie. »Auf jenem Hügel? Jene weißen Häuser...–?« – »Sie gehören mir. Es ist ein recht angenehmer Aufenthalt, jener Hof.« – »Warum übernachten wir nicht dort, auf Eurem Eigen?« »Eh – ich versprach mich,« – er ward sehr rot und redete hastig: »Bis vor kurzem war jene Villa mein. Jetzt nicht mehr. Ich habe sie – verschenkt.« »Schaut einmal dorthin, königlicher Herr,« sprach Prätextatus, sein Maultier näher heran spornend, »dort im Westen von Baniacus. Seht Ihr da das schmale turmartige Gemäuer?« – »Jawohl. Sieht aus wie die Cella eines Einsiedlers.« – »Ist es auch. Ein altes zerfallenes Oratorium; in dessen Trümmern hat sich vor kurzem, wie ein Steinkauz, ein Klausner eingenistet.« »Wie heißt er?« fragte Chilperich gleichgültig.–»Winnoch.« »Wie?« rief der König hastig und hielt sein Rotroß kurz an. »Der Kelte, der Britanne aus Vannes? Der Weissager, dem die Zukunft offen liegt wie eine aufgerollte Urkunde? Der Allwisser, wie ihn die Leute nennen?« – »Derselbe. Er weilte früher in der Nähe von Paris. Bischof Germanus hat ihn aber nicht geduldet dort.« – »Warum?« »Weil das Gerücht geht – und er konnte sich nicht gänzlich davon reinigen, – daß er die Zukunft weniger durch den Geist Gottes erkunde und durch Traumgesichte, wie die Heiligen und frommen Büßer nach langem Fasten und Kasteien, als vielmehr durch« – er stockte und bekreuzte sich. – »Nun, wodurch?« – »Durch Anrufung der Dämonen und allerlei Zaubermittel.« »Das wäre mir gleich!« rief Chilperich. »Wüßte ich nur, daß er wirklich die Zukunft schaut.« – »Daran ist kein Zweifel, Herr König. In unzähligen Fällen erfüllte sich sein Wort.« »So, so?« forschte Chilperich nachdenklich; er warf einen raschen Blick nach der fernen Cella. – »Und Bischof Ferreolus von Limoges denkt – leider! – wie Ihr: er schützt ihn, weil er selbst die Zukunft erforschen will, gleichviel durch wessen Hilfe, – was von einem Bischof traurig zu sagen ist.« »Was von einem Bischof gerade so gescheit ist wie von andern Menschen!« lachte Chilperich. »Ihr redet Sünde, Herr König. – Wie gern befragte ich den Klausner – nicht um der Zukunft willen: die liegt in Gottes Hand, der ich mich längst ergeben. – Aber Winnoch weiß auch verborgene Dinge der Gegenwart. Und was gäb' ich darum, zu wissen...« – er seufzte.– »Nun, was erregt sogar Eure Neugierde, in dieser Welt, der Ihr, fast bei lebendigem Leibe schon ein Heiliger, habt abgesagt?« – »Nicht Neugier. Schwere brüderliche Sorge! Verschwunden ist, zu großem Kummer meines Vaters, mein Bruder Landerich. Spurlos verschwunden!« – »Seit wann?« – »Seit vorigem August.« – »So? – Seltsam! Gerade – auch – seit vorigem August?« meinte Chilperich; er warf einen Blick nach Osten, auf die Hügelvilla. – »Ich brauchte nur hinüberzureiten und dem Klausner, der leider sehr geldgierig und weltlich schlau sein soll, ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, – in einer Stunde wüßt' ich, wohin mein Bruder sich gewandt, ob er noch lebt. – Aber ich will meine, selbst des geliebten Vaters Beruhigung nicht den Dämonen zu danken haben.« »Archidiakon,« sagte Chilperich feierlich und laut. »Ihr denkt edel. – Aber dumm!« flüsterte er lachend vor sich hin, seinen schönen roten Bart streichend. – »Seht, da sind wir gleich am Ziel! Schon eilen uns zur Begrüßung der Villicus und die Knechte und Mägde entgegen – ei, was für eine dralle Dirne da, die dritte.« – Er sprang vom Pferd und schritt, den weißbärtigen Villicus, der sich tief vor ihm verbeugte, unsanft zur Seite stoßend, auf die Magd zu. Plötzlich blieb er stehen und sah zurück nach der Sänfte, aus welcher Galsvintha ehrerbietig gehoben ward. »Ja so! Ich bin verheiratet! Und – zum erstenmal – im Ernst – im bittersten Ernst. Nur mit Einer! – Und die, die ist mir so verleidet von der Roten da drüben in der Villa, als wäre sie eine Braut aus Nebelgewölk. Beim roten Höllenwirt, das muß ein Ende nehmen: so oder so! – Vorwärts, ihr Schurken von Knechten! – Pflegt der Rosse! – Und, du, Weißbart, ein reichlich Mahl bitt' ich mir aus. Und höre, von Bruder Guntchramns allerbestem Wein! Es freut den guten Bruder, geht was drauf. – Wir wollen ihm, Herr Archidiakon, recht viele Freude machen.« Die Villa bestand aus einer Mehrzahl von Gebäuden. Der Villicus hatte das stattlich eingerichtete Wohnhaus für die Aufnahme des Königspaares und seiner vornehmsten Begleiter zurüsten lassen: die erhebliche Menge von unfreien und freigelassenen Knechten und Mägden des Trosses wurde in den Wirtschaftsräumen untergebracht. Außer diesem zahlreichen Gefolge und neben den ständigen Bewohnern der Villa trieben sich an diesem Abend auf dem geräumigen Platz vor dem säulengetragenen Hauptgebäude noch gar viele Leute aus der Nachbarschaft umher: Männer, Weiber, Kinder, welche die Neugier herangezogen hatte, das königliche Paar und dessen glänzenden Aufzug zu mustern, auch wohl anzubetteln: denn eine neu vermählte Frau durfte nach dem Glauben der Zeit keine erbetene Gabe weigern. Ungeduldig drängte sich die Menge vor dem Hause während des Mahles, das die Reisenden in dem inneren Hof einnahmen; allerlei Rufe und Bitten klangen bis zu ihnen. »Was will das Gesindel?« fragte Chilperich, den letzten Becher hinunterstürzend. »Jagt die Hunde in den Haufen!« »Herr,« bat der Villicus, »zürnet nicht den guten Leuten. Sie haben sich Eures und zumal Eurer holdseligen Frau Königin Anblicks noch nicht ersättigt. Auch sind viel Arme darunter, die ... –« »Wenn es Euch genehm wäre, Herr König,« sagte Galsvintha mit sanfter schüchterner Stimme, »ich möchte wohl den Dürftigen spenden.« »Es sei! Gehen wir! Der Wein ist sehr stark. Es ist genug!« Er sprang auf und schritt mit der Königin und den Tafelgenossen aus dem Hause auf die Freitreppe, welche mit mehreren Stufen auf den Vorplatz führte. »Heil! Heil König Chilperich! Heil dem Merowing! Heil unserer jungen Königin, der schönen Herrin!« scholl es dem Paar entgegen in fränkischer und in vulgär-lateinischer Sprache. Und schon drängten die Bittenden die Stufen hinauf. »Gebet, gebet, gute Königin! Spendet, holde Frau!« Galsvintha griff in ein ledernes Täschlein, das ihr eine gotische Freigelassene hinhielt, und streute Kupfer- und Silbermünzen unter die Menge. »Danke, Frau Königin!« rief eine junge Frau, die einen Säugling an der Brust trug. »Wie Ihr mir meine Bitte erfülltet, so mögen die Heiligen Euch erfüllen Euren geheimsten, süßesten Wunsch!« »Was mag sie meinen?« fragte Galsvintha ihren Gemahl. »O süße Unschuld!« fuhr die Frau fort, welche die Frage vernommen. – »Das war wirklich nicht Verstellung! Welch reine, kindliche Frau habt Ihr Euch da genommen, Herr König! Nun, vor Jahresfrist, mögt Ihr an die Brust drücken, schöne Königin, einen Sohn, stark wie diesen da, den meinen!« Über und über errötete das bleiche Kind. Das ließ ihr sehr wohl. Die letzten Tage, stets in der warmen Maienluft verbracht, hatten auf ihre bleichen Wangen ohnehin bereits etwas Farbe gezaubert und wie sie nun, in reizender Verwirrung der Scham, die langen, langen Wimpern gesenkt, das Köpflein gegen den knospenden Busen niederbeugte, dem suchenden Blick des Königs ausweichend, während ihr wunderschönes, seidenweiches und silberhelles Haar in zwei reichen Wellen vorn über ihre Schultern wogte, bot sie eine holdselige Schau. Chilperich, ein begabter und viel geübter Kenner aller Art von Weibesschöne, blieb nicht unberührt von diesem Reiz: er ließ mit Wohlgefallen, mit einem Anflug von Stolz, daß die Leute das ihm vermählte Königskind bewundern mußten, die Augen auf der rührenden Gestalt ruhen, trat einen Schritt näher und streichelte freundlich vor allem Volk ihr schön gewölbtes Haupt, das weiche Haar und die liebliche, nur allzuschmale Wange. Noch tiefer errötete Galsvintha: – vor all' den Leuten! – Nie hatte er sie so zärtlich berührt! Und sie fühlte, obwohl sie die Augen eifrigst gesenkt hielt, seinen heißen Blick hingleiten über ihre Gestalt. Dem Volke, das die holde, so gar nicht hochfärtige junge Königsfrau rasch liebgewonnen hatte, gefiel diese eheliche Zärtlichkeit: die Leute hätten es gern gesehen, wenn er sie geküßt hätte. Laute Heilrufe stiegen in die Luft. Aber als sie verhallt waren, schlug an des Königs Ohr ein halblautes Wort: »Werde nicht zu zärtlich, Chilperich, liebst du dein Leben.« Betroffen fuhr der König einen Schritt zurück: – scharf spähte er in die Menge, in die Richtung der geflüsterten Worte: – aber da wogten zu viele Köpfe von Frauen und Männern durcheinander, keine einzelne Gestalt war auszuscheiden in dem Gedränge. Mit verfinsterter Miene nahm er Galsvintha an der Hand und trat mit ihr in das Haus zurück; die Menge draußen begann nun sich zu verteilen und zu entfernen. Galsvintha ward von der Frau des Villicus gebeten, sich den kleinen Blumengarten hinter dem Haus anzusehen: sie nickte freundlich und folgte. »Wo hast du mein Lager gewählt?« fragte Chilperich den Villicus. »Dort, in jenem Gang ist das bräutliche Gemach, Herr König. Ich hoffe, Ihr werdet beide zufrieden sein. Mit Blumenkränzen haben meine Töchter die beiden Ruhebetten aneinandergeknüpft. Sehet nur selbst.« Er stieß die Thüre auf: das sehr schmale Gelaß bot außer den beiden über und über mit Blumen beschütteten Lagern fast gar keinen Raum; eine Ampel, die von der niederen Decke herabhing, war bereits angezündet und verbreitete ein mattes, gedämpftes Licht. Zu Häupten des Doppellagers hing an einem starken, weit vorspringenden Eisenhaken, der die Gestalt eines Greifen trug, an einer zierlichen Kette, ein weites Bronzebecken für geweihtes Wasser. Zögernd blieb Chilperich auf der Schwelle stehen; er schien zu überlegen. – »Es wäre das erste Mal,« murmelte er. – »Hast du kein anderes Gelaß?« fragte er dann. – »Keines, das sich so eignete; nur Vorhänge schließen die Eingänge der andern. Die scheue junge Frau! – Seht, diese Thür hat innen einen Riegel. Ich wüßte hier keinen andern Raum für solch ein Paar.« »Dummes Gerede!« schalt Chilperich. – »Aber – vielleicht ist es ein Wink der Heiligen. – Nun, die Kleine wird staunen über meine Schlafgesellschaft! – Ah, da bist du, meine holde Königin. – Tritt hier ein: hier wirst du heute Nacht ruhen.« – Sie trat auf die Schwelle – – und bebte leise zurück. »Nur hinein, mein Täubchen! – Ich – ich reite noch ein wenig aus. – Du aber« – hier neigte er sich und ganz leise flüsterte er in ihr Ohr – »du riegle mir auf, wann ich poche.« Neuntes Kapitel. Draußen auf dem Vorplatz bestieg alsbald der König ein Pferd, das ihm der Villicus empfohlen. »Ich muß den heißen Wein in meinem Kopf noch kühlen in der Abendluft,« rief er. Laß einen Knecht des Hofes mir folgen, der die Wege, die Nachbarschaft kennt.« – »Wohin?« – »Ich weiß es selbst noch nicht, Herr Archidiakon! Nur ins Freie. – Vorwärts, mein Rößlein!« Und damit sprengte er aus dem Thor des hölzernen Gatterwerks, das den ganzen zu den Gebäuden der Villa gehörigen Hofraum umfaßte. – In gemessener Entfernung folgte ihm ein berittener Knecht. Er hatte nicht gelogen mit den Worten, er wisse selbst noch nicht, wohin? Aber daß er nur zwischen zwei Zielen seines Rittes schwanke, das zu verraten hatte er nicht nötig gefunden. Eine gute Strecke führte nur der eine Weg von dem Hofe weg, ohne Abbiegung. Nach kurzer Frist wilden Jagens zog der König den Zügel an und ließ das Pferd im Schritt gehen; er nahm den breitrandigen Reisehut von Filz ab, steckte ihn in den Schwertgürtel und wischte sich die Stirne. »Heiß, Heiß! Im ganzen Leibe! Es ist nicht nur der Wein! Es ist das wilde Blut. – Wir haben ja den Arzt im Gefolge, den Griechen. – Ob ich mir heut' noch eine Ader schlagen lasse? – Bah, freut mich wenig. – Und allüberall her von den Wiesen, aus den Büschen dringen Wohlgerüche stark duftender Blumen auf mich ein: – betäubend, berauschend, wollustschwül! Und diese Nachtigall mit ihrem brünstig heißen, buhlerisch lockenden Schlag! Diese Töne, die langgezogenen, schmelzenden – sie machen mich ganz toll! Wohin? Wohin will ich denn eigentlich? – Da drüben,« er wandte sich leicht im Sattel zur Seite, »da droben auf dem Hügel winkt die Amica: – ich meine die Villa. – He du, Schneckenreiter, komm' mal heran. Wem gehört die Villa da drüben?« »Man sagt, seit acht Tagen einer sehr schönen Frau.« – »Kennst du sie?« – »Nein, niemand kennt sie; sie war noch nie auf unserem Hof.« – »Wie weit ist's von hier nach der Villa da oben?« »Nicht eine halbe Stunde, und wie Ihr reitet, Herr König, kaum eine Viertelstunde.« – »In einer Viertelstunde,« flüsterte er zu sich selber, »könnte ich in ihren Armen liegen, ihre wilden Küsse pflücken. Und mir wäre wohl, – selig! – Warum soll ich nicht? Bin ich nicht König? – Dort, linkshin zieht sich der Weg. – Ich will –!« Da scheute sein Roß und sprang mit mächtigem Satz nach rechts zur Seite; beinahe wäre der Reiter aus dem Sattel geflogen. Ein zorniger Faustschlag zwischen die Ohren züchtigte das schnaubende Tier. »Was hat die Bestie?« schrie er den Knecht an, der eilig herzusprengte. »Das Roß scheute.« – »Ja, das hab' ich gespürt, Esel. Aber wovor?« »Wohl vor jenem Bildstock an dem Scheideweg; es ist eine Gestalt von Holz, ein Heiliger darauf geschnitzt, den wir hier im Gau sehr hoch verehren.« »Welcher?« fragte Chilperich unwirsch. »Sankt Polyeuktus, der Rächer des Meineids,« sagte der Mann leise bebend. Chilperich erschrak. »Eine Warnung? Eine Mahnung des Himmels an den Eid? Bah, es geschehen wohl nicht ganz so viele Mirakel als mein Bruder Guntchramn glaubt. Weil ein dummer Bauerngaul vor einem Wegkreuz einen Sprung macht, soll ich nicht – –? Aber freilich! Das andre Ziel lockt auch! – Denn wer die Zukunft weiß, – der kann all' seine Feinde schlagen, seine Pläne danach bauen. Halt, wir wollen's davon abhängig machen, was näher ist. Das soll ein Wink der Heiligen sein. – Sage du, wo geht der Weg von hier ab zu dem Hause des heiligen Winnoch?« – »Da, rechts neben Euch, biegt der Weg in die Wiese.« – »Und wieweit ist's dorthin?« – »Genau so weit wie nach Villa Amica, Herr.« »Lieber Gott, sind deine Heiligen eigensinnig,« rief er, das Roß anhaltend. »Ja, wenn die nicht wollen, dann mucksen sie nicht! – Und sonst sind sie oft recht aufdringlich mit ihren Warnungen. – Jetzt bin ich so weise wie zuvor. Nun, wenn der Himmel schweigt, so mag die Hölle reden. Zwar hat's Prätextatus auf der Reise streng verboten, als er mich das alte heidnische Loswerfen üben sah (– ob ich den diebischen Pferdeknecht köpfen oder hängen solle –?), aber der Tugendschwätzer ist ja nicht da. – Also!« – Er nahm aus der Gürteltasche ein Goldstück. »Bild oder Spruch! Der Spruch bedeutet des Heiligen Sprüche, das Bild bedeutet das schöne Gundelchen. Nun flieg' und falle.« – Er legte die Zügel auf des Pferdes Hals, warf mit der Rechten die Münze in die Luft und fing sie mit der Linken. Es war schon ziemlich dunkel, doch konnte er deutlich erkennen, daß die Spruchseite oben lag. »Verdammt!« brummte er. – »Ich glaub', ich sehe schlecht. – Komm her, du Kerl. – Sprich! Siehst du, wie ich's wünsche, so ist das Goldstück dein. – Sag: siehst du da ein Bild oder einen Spruch –?« – »Einen Spruch, ohne Zweifel, Herr König.« »Du bist ein Schaf!« schrie der König zornig. »Der Höllenwirt hole sich die Münze!« Und er warf sie weit von sich. – »Armes Gundelchen! Du hast Unglück. – Und ich noch mehr! – Nun denn, im Namen aller Teufel – zu dem Heiligen!« – Und er gab dem Roß den Sporen und sausend sprengte er davon auf dem Seitenweg nach rechts. – Eine halbe Stunde später war der König bereits im tiefsten Gespräch mit dem Reclausus; den Knecht hatte er außerhalb des schmalen Gemäuers gelassen. »Sagt aber doch, heiliger Vater oder Bruder, – – denn Ihr seid noch ziemlich jung! – ja Jugend schützt im Reich der frommen Franken nicht vor der Heiligkeit! – Warum habt Ihr mich denn anfangs nicht hereinlassen wollen? Mußte erst lange bitten, bis Ihr aus Eurem Turme die schmale Leiter herabließet, auf der allein man zu Euch, wie in einen Taubenschlag, hinaufklettern kann. Wäre schier hinuntergefallen.« »Der Weg ins Himmelreich ist schmal und steil, mein Sohn,« näselte der Einsiedler. »Nun, ich hoffe, ist man aber oben, dann ist's da beim lieben Gott hübscher als bei dir. Sonst danke ich für die Herberge! – Also, warum hast du mich nicht einlassen wollen? Bei dir ist doch nichts zu rauben?« – Er sah sich um in der schmalen Zelle, die ringsum nur die nackten Ziegelsteine wies und einen irdenen Krug mit Wasser. »Freilich nicht, freilich nicht! Wasser und Wurzeln, Wurzeln und Wasser.« – »Höre, das bekommt dir aber gut. Der Kienspan giebt zwar mehr Qualm als Licht. Aber ich sehe doch: deine Wangen sind voll und deine Nase ist rot. – Warum ließest du mich solange harren?« »Herr, – es ist Nacht. Ich war versunken im Gebet.« – »So? – Es klang täuschend wie Schnarchen. – Du sahst ganz verschlafen aus deinen verschmitzten, grünen Augen. Übrigens, diese Augen sehen allerdings so listig aus, als könnten sie, was die Weissagung betrifft, durch ein dickes Brett gucken.« Der Klausner schmunzelte geschmeichelt: »Muß auch sein! Die Zukunft ist dicker verhüllt als mit Bretterverschlägen. Euer Bitten hätte Euch auch den Eingang nicht verschafft: aber daß Ihr gleich ein paar Goldsolidi in die Turmluke warft, das gefiel mir.« »Was thut Ihr mit Geld? Dürft es ja doch nicht behalten!« – »Freilich nicht, freilich nicht,« eiferte Winnoch. »Habe nichts zu eigen als diese Kutte aus Kamelhaar, diesen Strick um die Lenden, jenen Wasserkrug und einen Stab. Aber die Armen in der Nähe – die brauchen gar viel! – Und als Ihr dann beifügtet: ›höre, Kerl, ich bin König Chilperich, der Merowing, und läßt du mich nicht ein, so laß ich dich schinden und pfählen‹, – und als Ihr das beschwort mit so gotteslästerlichem Fluch – da erkannt ich Euch gleich.« Der König lachte. »Sahst du mich denn schon?« »Oh ja, Herr! Ich hab' Euch fluchen gehört und gesehen, wie Ihr pfählen ließet, als Ihr Reims überfallen hattet und die Bürger Euch nicht huldigen wollten, sondern an Herrn Sigibert festhielten.« »Die Hunde! Nie vergeß ich's ihnen! – Nun gieb acht. In der Villa haben sie mir erzählt, dein Hauptkunststück sei: dein Besucher denkt sich einen Menschen, nennt ihn dir nicht, du legst dem Fragenden die Hand auf die Augen und sagst dann, was dieser ungenannte Mensch dem Fragenden in der Zukunft an Glück oder Unglück bedeuten wird. Ist das so?« – »So ist's. Und ist noch immer eingetroffen. Aber –« – »Was aber?« – »Das ist mein allerschwerstes Stück! Das kostet viel Lebenskraft! Und soviel Fasten! Und Beten und Geißeln und Anschreien der Heiligen. Sind oft gar taub und eigensinnig.« – »Ja, das weiß Gott. – Aber höre, Freundchen, du sollst deine Wissenschaft weniger von den Heiligen beziehen als von dem da unten.« – Er stieß mit dem Fuß auf die Ziegel: ein Stein gab nach und senkte sich in die Tiefe. »Was Teufel,« rief Chilperich, »der Boden ist ja hohl! Und was steigt da für ein starker Schmack auf? Das ist ja Wein! Bei Sankt Martinus! Ein halb offener Schlauch, – da rinnt es aus ... – und zwei Becher. Ei, frommer Klausner!« – »Herr König, schweigt! – wißt Ihr nicht, daß man zum heiligen Sakrament des Weines bedarf?« – »Wohl – aber gleich soviel! Und so feurigen! Gieb mir einen Schluck. Der Ritt machte wieder durstig.« – »Vergebt: – er ist schon geweiht und gesegnet!« »Ich bin auch geweiht und gesegnet, als König. Wenn er nur nicht getauft ist! Her damit! So –! Nun fangen wir an. Trink' aus.« – »Gemach, Herr König! Die Goldstücke waren nur für den Eintritt. Für die Weissagung bedarf's besondern Vergelts!« – »Du bist vielleicht gut in der Not, aber jedenfalls teuer im Handel, wie mein Ahn, Herr Chlodovech, von Sankt Martinus sagte. Was verlangst du? Mehr Gold?« »Nein, Herr! Auch sollt Ihr mir nur noch schenken, wenn Ihr mit meinem Spruch zufrieden seid. Dann aber nicht Gold: – ich darf gar nicht viel zeigen, sonst ... –« »Glauben dir die Leute deine andern Gelübde auch nicht,« lachte Chilperich, sich wieder einschenkend. »Höre, dein Wein ist besser, als der König Guntchramns.« »Doch nicht, o Herr. Es ist derselbe, den sie dir in Baniacus vorsetzten. Aber – ich verstehe ihn besser zu behandeln. Denn für den frommen Zweck kann der Saft gar nicht kostbar genug sein. – Kurz, seid Ihr zufrieden mit meinen Worten, sollt Ihr mir einen Weinberg schenken, an der Rhone, in bester Lage: – natürlich für meine Armen.« – »Höre, du bist frech, frommer Bruder. Aber es sei darum. Nun paß auf: – ich denke mir ... –« Verzeiht, Herr König, – nur eins muß ich wissen: ist's ein Männlein oder ein Weiblein?« – »Ein Weiblein ist's.« »Aha,« lächelte der Einsiedler. Jetzt weiß ich's schon,« sagte er zu sich selber. »Wenige Tage vermählt! – Laßt Euch übrigens danken, Herr König,« sprach er nun laut, »daß Ihr, um meine Weissagung zu hören, sogar auf Eurer Hochzeitsfahrt Euch zu mir bemüht.« Damit bekreuzte er seine rechte Hand dreimal mit seiner Linken und legte dann deren innere Fläche auf des Königs heiße Stirn. »Sage, werde ich sie bald wiedersehen?« – »Gewiß! Wenn nicht noch heute nacht: – morgen.« »Ei, das trifft zu,« lachte der König. Und zu sich selber sagte er: »ich hatte es beschlossen. – Wird sie mir Glück bringen oder Unglück?« – »Sie hat Euch bereits die süßesten Stunden Eures ganzen Lebens gebracht: – unvergleichbar allen andern Lebenswonnen, die Ihr je genossen, stehen diese Stunden in Euerem Erinnern.« – »Weiß Gott! Der Mann spricht wahr!« – »Und Glück, heißes Glück wird sie Euch bringen immer aufs neue. Solang Ihr an ihr festhaltet, wird Euer Stern steigen, solang Ihr ihren klugen Rat Euch holet, werdet Ihr siegen über Eure Feinde. Wie Ihr denn nie eines andern Weibes Rede so gerne gelauscht habt.« – »Das ist alles richtig.« »Es gefällt ihm – er ist sehr verliebt: also kühn weiter!« sagte der Klausner zu sich selbst. »Schon trägt sie von Eurer Liebe ein kostbar Pfand unter dem Herzen.« – »Auch das weiß er! Sage: wird's ein Sohn?« »Jawohl, mein König. Einen Sohn wird sie Euch bringen. Und dieser Sohn wird all' Eure andern Söhne überleben.« – »So? Das ist ... –!« – »Diese Söhne lieben Euch nicht sehr.« – »Ich sie auch nicht, bei Gott! Aber – das Reich – die Erben meiner Macht?« – »Merket auf! Der Sohn, den sie Euch bringt, wird nicht nur Eure anderen Söhne überleben, – er wird auch die Söhne Eurer beiden Brüder überleben.« »Wie? Welche Freude!« schrie der König. – »Und er wird alle drei Reiche der Franken vereinigen unter seinem Scepter, nachdem Ihr im höchsten Greisenalter – achtundneunzig Jahre geb' ich Euch ... –« – »Das ist recht! Hundert wären mir noch lieber!« – »Friedlich auf Eurem Bett entschlafen seid: – nicht Mörderdolch, nicht Feindesschwert wird je Euer königlich Blut verspritzen.« – »Das höre ich sehr gern.« – »Nachdem Ihr, fast hundert Jahre alt, selig im Herrn entschlafen, wird dieser Euer Sohn, ihr Sohn ruhmvoll herrschen über Rheims und Soissons und Orléans, von dem Rheinstrand bis an die Pyrenäen, geleitet von dem klugen, von dem unvergleichlich überlegenen Geist seiner Mutter –« » Fredigundis! « rief der König. »Klausner, der Weinberg ist dein. Und dies dazu.« Er warf eine ganze Handvoll Goldstücke klingend auf den Ziegelboden. »Heil Fredigundis! Mit dem Morgenrot bin ich bei ihr.« Und schon hatte er sich zu der Mauerluke, die als Fenster und Thüre zugleich diente, hinausgeschwungen, rasch wie ein Marder glitt er die Leiter hinab; gleich darauf hörte ihn Winnoch eilig davonsprengen. Verblüfft zog er die Leiter herauf. »Fredigundis?« sagte er langsam. »Nicht Galsvintha? – Nun, mir kann's gleich sein. – Der Weinberg ist mir sicher.« Mit wild erregten Sinnen jagte Chilperich durch die Nacht. Kaum konnte der Knecht ihm folgen. »'s ist wahr! – 's ist alles wahr!« raunte der König. »Soviel hat der Pfaff richtig gesagt, was schon vergangen oder was gegenwärtig ist und was ihm nur Engel oder Teufel zugetragen haben können, – warum soll nicht wahr sein, was er von der Zukunft sagt? Bestärkt doch mein Herz mit heißen Schlägen jedes seiner Worte. Keins von all' den vielen Weibern hat mich je so fest gebunden, weil so heiß beglückt. Und nicht nur mein Blut! Es ist ja wahr! Ihr Geist, ihr Verstand! Alle Frauen überragt sie darin, die ich je gesehen. Sie hat viel Ähnlichkeit mit – nun, mit mir selbst. Ja, sie ist gescheiter, listiger, erfindungsreicher und – und kühner als ich. Ein Sohn von ihr! Erbe ihrer Art, meiner Art und Erbe von allen drei Reichen! Wie konnt' ich sie nur verstoßen! Ja, ja! Zu ihr, zu ihr allein zieht es mich! Zwingt es mich! – Und nun diese verfluchte Ehe! Eine Ehe, die ich halten soll! – Es ist nicht zu tragen! – O wär ich ihrer doch ledig, dieser Seufzerprinzessin! – Und nun heute nacht – jetzt – in dieser Erregung – ganz erfüllt von Fredigundens feuerheißem Reiz, in Einem Gemach neben diesem Kinde schlafen! – Das ist wie Wahnsinn! – Und doch! – Ob sie schon schläft?« Er sprang ab am Thor der Villa, die sonst in tiefstem Schweigen lag; nur ein angebundener Hofhund tobte an seiner Kette, zerrte und riß daran und bellte wütend: – aber nicht gegen die beiden Reiter, nach anderer Richtung hin, wo ein kleines Pförtlein in dem Zaun in die Wiesen führte. Der Villicus kam auf den Ruf des Knechtes aus dem Nebenhaus mit einer Fackel, beruhigte mit Mühe das Tier und empfing ehrerbietig den König. »Es schläft schon alles bei Euch?« fragte dieser, in das Haus schreitend. »Schon lang, Herr; Eure Begleiter sind müde von der Reise.« Und er leuchtete mit der Fackel über die Schwelle. »Bleib nur! – Laß nur! Ich sehe genug! In der Mauernische des Ganges brennt ja ein Öllämpchen. Ich weiß ja. Die dritte Thür ist's in diesem Gang.« Der Alte blieb gehorsam stehen und leuchtete nur mit der Fackel weit vor in den Gang; da ward es nun ziemlich hell; doch stolperte der König über etwas Weiches auf dem Estrich; er bückte sich mit einem leisen Fluch und stieß das Hindernis zur Seite – es war ein Schuh –; noch ein paar Schritte; er stand vor der Thür des Schlafgemaches. Der Alte verschwand nun mit seiner Fackel. Eine seltsame Scheu hielt ihn ab von dem Gelaß, in welchem das keusche Kind schlummerte, das er soeben erst – unter heißen Gedanken an eine andere – verwünscht hatte. Durfte er diesen Schlummer stören? Er wollte umkehren, dem Villicus befehlen, ihm ein anderes ... – aber der Alte ging schon über den Hof. »Ach was,« sagte der Merowing, »was für eine thörichte Scheu! Dumme Schwäche! Wie ein Mönch! – Sie muß ganz lieblich aussehen im Schlaf, von ihrem langen, weißen Haare zugedeckt –.« Er pochte. Er lauschte. Er pochte stärker – er drückte auf das Schloß – die Thür ging auf. »Nicht eingeriegelt hat sie sich?« Er trat über die Schwelle, blickte auf das Bett; es war leer: aber die Decken, die Kissen lagen zerwühlt, durcheinandergeworfen: – er sah umher in dem schmalen Raum: die Ampel gab nur trüben Dämmerschein: – er sah zu Häupten des Bettes – da stieß er einen gellenden Schrei aus: denn an dem Eisenhaken der Wand hing neben dem zurückgeschobenen Vorhang eine schlanke, weiße Gestalt, – regungslos; »Galsvintha!« schrie er nun und sprang darauf zu: »Tot! – Erhängt! Sie hat sich selbst getötet!« Zehntes Kapitel. Die Schreckensrufe des Königs, weithin durch die Gänge schallend, weckten das Haus. Sofort stürzten die Reisegenossen und die Leute der Villa herzu. Chilperich selbst hatte mit raschem Hieb des Kurzschwertes das Band zerschnitten, das der Unseligen Kehle zusammenschnürte – es war ihr eigener breiter, seidener Gürtel – und die leichte Last auf das zerwühlte Ruhebett gelegt. »Ich fand sie schon tot, Archidiakon!« rief er dem verstört Eintretenden entgegen. »Welches Glück, daß der Knecht und der Villicus bezeugen müssen, ich war fern vom Hause, wie's geschah. Ihre Schwester wäre im stande ...!« – »Nicht doch, Herr König.« »Selbstmord! Es ist schrecklich! Aber sie hat wiederholt sich den Tod gewünscht in diesen Tagen.« – »Kein Wunder,« sprach Prätextatus zu sich selbst. »Den Tod gewünscht? Das mag sein! Aber sich selbst den Tod gegeben? – Das glaub' ich nicht von Königin Galsvintha! Sie war sehr fromm. – Übrigens, ist sie denn unrettbar tot?« – »Ja, freilich, ja,« rief Chilperich hastig. »Nicht wahr, Grieche? Hier ist all' deine Kunst ohnmächtig?« »O Herr,« klagte dieser, ein alter Mann, welcher die beiden Königstöchter aus Toledo nach dem Frankenreich begleitet und auf Wunsch Brunichildens in Marseille sich der jüngern Schwester angeschlossen hatte. Die Thränen liefen ihm in den grauen Bart. »Meine Kunst kann manchmal Lebenden helfen, aber Tote auferwecken kann nur Gott der Herr. Meine arme Herrin ist tot! Noch ist der zarte Leib ganz warm: aber das Herz steht still: das Auge ist gebrochen; am jüngsten Tage wird sie es wieder aufschlagen und den verklagen, der da schuldig dieser grausen That.« »Also sich selbst!« – »Nein, Herr! Dieses gute Kind, das ich von seinen ersten Atemzügen an kannte und liebte, hat nicht selbst Hand an sich gelegt. Sie ist erwürgt, erdrosselt worden!« – »Wie wagst du, so was zu behaupten?« – »Weil ich's beweisen kann. Sich her, oh König von Neustrien! Das Bett ist zerwühlt, hier ward gerungen: – und nicht der Gürtel, den dein rasches Schwert zerschnitt, hat sie getötet: sie ward erwürgt mit ihrem eignen Haar. Schau – hier, – dicht unter dem Halse zieht sich noch ein Strähn dieses ihres Haares hin, fest zusammengezogen, tief einschneidend in das zarte Fleisch. – Die andern Strähne haben die Mörder nach dem Mord aufgelöst – diesen zu entknoten, vermochten sie wohl nicht in der Eile. Oder sie haben im Halbdunkel den schmalen Streifen übersehen. Sieh, diese tief eingeschnittenen, schmalen, haarscharfen Furchen: – nicht der breite Gürtel konnte sie bewirken. Die Mörder haben die bereits Tote mit deren Gürtel an jenen Wandhaken gehängt, wohl um den Schein des Selbstmordes zu erzielen. Mit dem eignen Haar kann sich kaum ein Weib selbst erwürgen.« »Wohl aber kann ein anderer sie so töten?« fragte Prätextatus. – »Oh ja! Oder – leichter – mehrere.« – »Unsinn!« schalt Chilperich. »Wem hätte sie was zuleide gethan im ganzen Frankenreich? Sie war sanft und gütig.« – ›Wer hätte ihr den Tod wünschen sollen?‹ – so wollte er sagen. Aber er gedachte seiner eigenen wilden Wünsche während seines letzten Rittes – – und er schwieg. – »Strengste, genaueste Untersuchung!« gebot er, von neuem anhebend. »Ob Selbstmord oder Mord – es muß heraus! Ei, wird Frau Brunichildis toben! Und Bruder Ungestüm! – Wahrlich, froh bin ich, – ich muß es nochmal sagen! – daß ich Zeugen meiner Abwesenheit habe. Denn – der Verdacht! – ich – denn freilich – ich war nicht sehr glücklich in dieser kurzen Ehe. Und die Schmerzwut, die Rachsucht vielmehr, einer Schwester, wie diese Brunichildis! – Archidiakon, helft mir die Untersuchung leiten.« Ein Paar auffallende Thatsachen zwar fand man, aber sichere Schlüsse ließen sich nicht daraus ziehen. Wollte man Mord annehmen, so mußten die Verbrecher durch die Thüre eingedrungen sein. Das Gemach hatte nur diesen Einen Eingang und kein Fenster, das Tageslicht fiel von oben ein durch mehrere höchstens handbreite Öffnungen; das kleine Gelaß war nicht bestimmt, bei Tag bewohnt zu werden. Schloß und Riegel waren unversehrt. Die Unglückliche mußte den Mördern selbst geöffnet haben; eine gotische Freigelassene, die sie, nachdem der König abgeritten war, entkleidet hatte, war bereit, zu beschwören, daß ihre Herrin hinter ihr die Thüre nicht nur in das Schloß gedrückt, sondern den Riegel vorgeschoben habe. »Denn die Königin war sehr scheu und furchtsam, seit sie das Gotenreich verlassen,« schloß die Magd; »sie sagte mir, als ich sie entkleidete, sie freue sich des starken Eisenriegels und ganz deutlich hörte ich, wie sie ihn in die eherne Öse schob, als sie die Thüre hinter mir geschlossen hatte.« Die Aussage dieser Freigelassenen war auch sonst noch die wichtigste. Sie berichtete, etwa eine halbe Stunde, bevor der Mordschrei durch das Haus dröhnte, habe sie, die in einem Gemache des Parallelganges schlief, ein leises Rufen oder Wimmern zu vernehmen geglaubt, das aus dem Brautgemach zu kommen schien. Sie habe rasch einen Mantel umgeworfen und sei hinzugeeilt, um nachzusehen, ob die Königin ihr rufe. Aber da sei alles wieder still gewesen. Als sie gleichwohl noch um die Ecke des Ganges geblickt, in welchem das Brautgemach lag, sei ihr von dem Gemache her eine gleich ihr selbst in einen Mantel gehüllte Magd des Hauses entgegengetreten, die ganz leise, vielleicht barfuß, ging und ihr, den Finger auf den Mund legend, Schweigen bedeutet habe, mit der andern Hand winkend, die Herrin schlafe schon wieder; das Gesicht sei fast ganz von der Mantelkapuze bedeckt gewesen. Auf die Frage des Villicus, woher sie wisse, daß dieses Weib eine Magd der Villa, erwiderte die Gotin sofort, sie habe dieselbe unter den Mägden der Villa im Laufe des Abends bereits in der Nähe des Königshauses gesehen. Sofort wurden alle weiblichen Angehörigen der Villa ihr vorgeführt: sie meinte, bald in der einen, bald in der andern eine gewisse Ähnlichkeit zu finden mit dem jungen hübschen Weibe. Allein der Villicus wies nach, daß alle diese die ganze Nacht in dem Frauenhause des Hofes verbracht hatten, das er selbst abgeschlossen hatte. Er erinnerte nun, daß sich im Laufe des Abends noch viele fremde Gäste, Männer und Weiber, um das Haus versammelt und unter das Gesinde gemischt hätten; leicht könne die Gotin eine Fremde für eine Magd der Villa gehalten haben. Die Freigelassene gab denn auch zu, letzteres habe sie nur daraus geschlossen, daß sie das gleiche Weib mitten in der Nacht in dem Gange getroffen. – Ob aber dieses Weib die Thäterin war? Dann hätte dieselbe pochen und die Königin selbst ihr öffnen müssen, in dem Glauben, ihr Gatte stehe vor der Thüre: dann wäre sie also nicht im Schlaf überfallen und überwältigt, sondern nicht ohne Gegenwehr erwürgt worden, worauf auch die durcheinander geworfenen Decken und Kissen des einen Lagers hinwiesen: das des Königs war unberührt. – Der Schuh, über welchen der König gestrauchelt, war, auf den rechten Fuß zugeschnitten, ein Bastschuh, wie ihn die Bäuerinnen des Gaues im Sommer allgemein zu tragen pflegten. – Der Villicus dachte an Raubmord. Er sagte, er habe unter den Fremden in der Menge zwei schlimme Burschen bemerkt und sofort aus dem Hofe fortgewiesen, herumziehende Händler, die, von Hof zu Hof wandernd, allerlei Kleinkram feil hielten; sie waren vor Jahren schon einmal wegen Straßenraubes bestraft und gebrandmarkt worden; nur zögernd, finstere Blicke auf den reichen Glanz des königlichen Aufzugs werfend, hätten sie sich entfernt. Und ganz sicher ward er seiner Sache, als sich herausstellte, daß die goldnen breiten Armreife und ein reich mit Edelsteinen besetztes Busenkreuz, das die treue Freigelassene der Herrin abgenommen und auf einen Marmortisch gelegt hatte, fehlten. Während bei dem Scheine vieler Fackeln das ganze kleine Gelaß nach den fehlenden Stücken durchsucht wurde, bückte sich auch Prätextatus und griff unter das fast ganz auf dem Estrich aufstehende Gestell des Lagers. Mit einem leisen, halb unterdrückten Schrei zog er die Hand rasch wieder hervor und barg sie in dem Busen seiner Stola. »Ihr habt Euch wohl die Hand verletzt?« fragte Chilperich. »Auch mir ging es so. Die Spalte zwischen Bett und Boden ist so eng. – Nun also,« schloß er, aufatmend, »nicht Selbstmord, sondern Raubmord. – Schrecklich! Aber doch ist mir's viel, viel lieber! – Nun kann die Frau Königin von Austrasien beim besten Willen nicht sagen, ich sei – auch nur mittelbar – an diesem Unglück schuld. – Verlassen wir die Stätte des Grausens. – Laß die Spur jener Räuber eifrig verfolgen, Villicus. – Kommt alle, folgt mir! Was wollt Ihr noch hier, Archidiakon?« – »Beten bei dieser Leiche. Für die Tote. – Und, – dringender noch! – für die Lebendigen.« – Der König hatte bereits befohlen, ihm ein Roß zu satteln. Er wolle noch in der Nacht einen Ritt machen. Aber dann besann er sich eines andern. Er ließ das Pferd wieder absatteln und sich ein Schlafgemach anweisen. »Ich kann nicht mehr, bin zu müde! Müder in der Seele als im Leibe. Welche Wechsel von Gefühlen! – Ich will versuchen, zu schlafen.« Und nach kurzer Zeit schlief er, fest. Er schlief bis in den hellen Tag hinein; als er allmählich wach wurde, sagte er, noch halb im Traum, zu sich: »Was ist doch so Wunderbares geschehen? Ihr Sohn König aller drei Reiche! Ein Traum? Nein! Der Spruch des Klausners! – Und dann jenes Eheband ... Großer Gott, ich bin ja frei! Das ist auch kein Traum! Die bleiche Braut ist tot. Ich bin Witwer! Ah, ich bin aller Eide und Verträge frei! Ich kann an Herrn Polyeuktus ruhig vorbeireiten. – hinüber nach jenen Hügeln....!« Als er aus dem Bade trat, erbat sich Prätextatus geheimes Gehör. »Um Gott – Ihr sehet ja ganz entstellt, leichenblaß – ganz verstört aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen! Habt Ihr sie etwa wieder lebendig gebetet? – Hat man die beiden Mörder? Die Räuber, mein' ich.« Prätextatus schüttelte das Haupt und legte vor den erstaunten König die vier goldnen Armringe und das Busenkreuz Galsvinthas. »Woher? – Hat man es ihnen abgenommen?« – »Die beiden – ohne Grund – Verdächtigten haben bewiesen, daß sie von Sonnenuntergang bis sie – soeben – ergriffen wurden, die Hütte des Schankwirts im Dorfe nicht verlassen haben.« – »Nun, und die Raubsachen?« – »Aus der Cisterne – neben dem Hofhund – schöpften die Knechte soeben Wasser für die Pferde; mit dem ersten Eimer hoben sie auf Einen Zug diese fünf Schmuckstücke hervor. Die Mörderin ist sehr schlau. Sie wollte zuerst an Selbstmord glauben machen, dann, nachdem sie das Haar nicht völlig losknüpfen konnte, an Raubmord. Auf der Flucht warf sie diese Stücke von sich – in den Brunnen.« – »Sie? Die Mörderin! Ihr meint, jene Magd –?« Da griff Prätextatus an seine Brust und tief aufseufzend legte er vor den König ein kleines in Linnen gehülltes Päcklein. »Sehet her, oh König Chilperich. Ihr wähntet, ich verletzte mir die Hand. Allein ich schrie auf aus tiefstem Schreck, aus tiefstem Weh der Seele. Unter dem Bett hervor zog ich – diese Handvoll ausgerissener langer Frauenhaare. Nicht der Ermordeten! Seht – tief rot – wie eines Rotkelchens Brust. Wem, im ganzen Reich der Franken, von allen Weibern, die Ihr kennt, wem allein gehört dies rote Haar, oh König Chilperich?« Alles Blut wich aus des Königs Wangen. »Oh,« schrie er, »sie ...! Nein! Nein! Ich will's nicht wissen. Ich will gar nichts wissen. Nichts ahnen. – Mir her dies Haar!« – »Nein, Herr König. Dies himmelschreiende Zeugnis bleibt in meiner Hand. Aber – sorgt nicht! Ich werde sie nicht verraten, Eure Buhle! Denn – wehe, wehe mir Sünder, mir Verfluchten! Ich liebe sie noch immer.« Und wie vom Blitze getroffen stürzte der Priester ohnmächtig zusammen. Elftes Kapitel. Am Abend des folgenden Tages saß in seinem Gemach zu Amica-Villa an der Seite Fredigundens König Chilperich. Er hatte zärtlich den Arm um ihren weißen Nacken gelegt und sah ihr aufmerksam zu, wie sie auf wohl geglättetes Pergament mit der Rohrfeder gar zierliche Buchstaben malte, schön und gleichmäßig, einen wie den andern, mit sicherer Hand. Denn er diktierte ihr einen Brief, der also lautete: ›Meinem geliebten Bruder, dem Herrn König Sigibert, und meiner teuren Schwester, seiner Frau Königin Brunichildis. Durch die Boten, die euch dieses Schreiben überbringen, werdet ihr mündlich alles genau erfahren über das Unheil, welches mich, welches euch mit mir betroffen hat. Denn ich wähle zu Boten die Männer und die Frauen, den Villicus, die gotische Freigelassene, den griechischen Arzt, die – nach mir – zuerst die arme Tote sahen.‹ »Hast du das schon?« Fredigundis nickte und wiederholte »arme Tote sahen«. ›Ob Selbstmord, ob Raubmord – noch ist es nicht entschieden. Zwei verdächtige gebrandmarkte Räuber werden so lange gefoltert werden, bis sie ihre Schuld gestehen. Wird der Thäter entdeckt, so ... –‹ Hier löste er seinen Arm von Fredigundens Nacken und machte einen Gang durch das Zimmer, wie um nachzudenken über den Schluß des Satzes. – Aber in Wahrheit sah er scharf in den Fredigunden gegenüber in das Marmorgetäfel der Wand eingelassenen Metallspiegel.– Sie bemerkte es sofort, und wiederholte rasch: »wird der Thäter entdeckt, so – Nun, weiter?« – ›soll er der grausamsten Todesstrafe nicht entgehen.‹ – Er machte Halt in seinem Wandelgang und sah scharf in den Spiegel. Gleichgültig, ohne die leiseste Erregung, wiederholte sie: »grausamsten Todesstrafe nicht – entgehen.« Er trat wieder an sie heran und sah auf das Pergament: »Wie schön du schreiben kannst! Es ist zum Staunen! Du bist mein bester Tabellio. Und sollst es immer bleiben.« Er küßte sie auf den weißen Nacken, und legte dabei ihr offnes Haar auseinander, das nun um sie her flutete. »Laß das! – Du wirst die Schrift verwischen!« Mit ungeduldiger Bewegung entzog sie ihm den Kopf. Er trat wieder von ihr hinweg und fuhr fort: ›Unaussprechlich ist mein Schmerz. ›Allein, als gute Christen müssen wir uns fügen. Denn, oh teure Schwägerin, nicht also dürfen wir meinen, daß Gott und die Heiligen nur jene Ereignisse schicken, welche uns erfreuen. Vielmehr schicken sie Trübsal wie Freude, Tod wie Leben, Frost wie Sonnenschein. Sie haben also auch diesen Schlag auf uns geführt, unsere Häupter zu beugen, zu unserer Prüfung und Läuterung. So lehrt unser heiliger Glaube. Nicht ein Sperling fällt ja vom Dache, nicht ein Haar fällt von unserm Haupt – ohne Gottes Willen: wie sollte eines Frankenkönigs Gattin sterben können ohne Gottes Fügung?‹ »Ohne Gottes Fügung. – Weiter.« ›Nun müssen wir aber die Trauer um die Tote den Pflichten der weltlichen Geschäfte opfern. Ich bin überzeugt, ihr werdet mir Einen Trost in meinem großen Schmerze nicht mißgönnen: ich meine die Schätze, welche die mir Entrissene in die Ehe gebracht hatte. Zwar ist in jenem Vertrag – er bedeutete Unheil, hätten wir ihn lieber nicht abgeschlossen! – vorgesehen, daß ich, falls Galsvintha in unbeerbter Ehe sterbe, diese Schätze an Frau Brunichildis herausgeben solle. Allein! Dabei ward doch vorausgesetzt, daß dieses Bündnis erstens wirklich eine Ehe werde und zweitens, daß es doch einige Zeit dauere.‹ Sie blickte auf: »Chilperich – vergieb, aber dieser zweite Punkt scheint mir sehr schwach.« »So? Soll ich etwa das viele Gold zurückgeben?« fuhr er heraus. »Du glaubst gar nicht, wieviel es ist!« »Zurückgeben? Behüte! Aber laß es doch bei dem ersten Grund bewenden. Er ist auch nicht gerade sehr stark: aber doch noch haltbarer.« – »Nun! Wie du meinst. Bist klüger als ich! Also schreibe: ›daß dieses Bündnis eine Ehe werde: Jungfrau Galsvintha ist mir aber so fern und fremd geblieben, wie wenn sie – ‹ ja: was soll ich nur sagen? Das ist heikel! –« ›die Pyrenäen nie überschritten hätte.‹ »Sehr gut! – Weißt du nicht noch ein Gründchen?« ›Ich will,‹ sprach Fredigundis und schrieb es gleich nieder, ›jene Schätze ja nicht um ihres Goldwertes willen, – als Andenken an die Verlorene nur will ich sie behalten.‹ – »Vortrefflich! Das wäre mir nie eingefallen. Aber wie ist's mit dem Eide? Der Fluch, – ich sage dir, Gundelchen! – der Fluch war schrecklich.« Sie lehnte sich zurück und sprach sehr bedächtig, sein Auge suchend: »Darüber, mein Freund, das heißt über dieses ganze Wesen: – über Sünde und Strafe und Loskauf von der Strafe hab' ich viel, sehr viel nachgedacht in der Zeit, da du mich verstoßen – vergieb! wollte sagen: einstweilen zurückgestellt hattest. Denn im Ernst – das hast du nun zur Genüge erkannt – kannst du ja gar nicht von mir lassen, –« sie lächelte ihn an, er sprang hinzu und küßte sie, – »Also darüber werd' ich dir bald eine Predigt halten. – Aber keine langweilige – und eine höchst ersprießliche, zumal für einen König, der viele Feinde hat. Für diesmal laß mich so schreiben: ›Der Eid aber, den ich geschworen, steht durchaus nicht im Wege. Denn ... –‹ »Jetzt bin ich begierig!« ›Denn ich muß voraussetzen , daß ihr mir die Herausgabe erlaßt. Das Gegenteil hieße euch eine wenig königliche und geschwisterliche Gesinnung zutrauen, was mir ferne sei! Nämlich das Seelenheil der Entschlafenen erheischt das.‹ – »Wieso?« fragte Chilperich erstaunt. ›Denn nur unter der Bedingung, daß ihr mir die Schätze belaßt, kann ich, wie ich beschlossen habe, einen Teil davon zu Seelenmessen für Galsvintha verwenden.‹« – »Ausgezeichnet! Höre, wo hast du Dialektik studiert? Du bist mir auch darin beinah überlegen.« – »Dialektik? Weiß nicht, was das ist. Aber beim Ziegenhüten versah ich manches und sehr früh fand ich – oder erfand – ich Gründe, mich zu entschuldigen. Ich brauchte mir nur die drohenden Geißelhiebe lebhaft vorzustellen: dann fiel mir immer bald was ein, das sie abwandte.« »Nun aber – den Schluß diktiere ich wieder: ›Durch meine betrübende Verwitwung bin ich ferner aller der Eide ledig geworden, mit welchen Sankt Hilarius, Sankt Martin und ganz besonders Sankt Polyeuktus mich recht geängstigt haben während meiner Ehe. Es ist nicht gut, daß der Mann allein sei, sprach Gott der Herr selbst. Zwar steht in jener Stelle – ich weiß es wohl: der Mensch  –‹« – »Soll ich all das schreiben?« – »Jawohl! Schreibe nur! Sie sollen Achtung bekommen am Hof zu Reims, die plumpen Helden von Austrasien, vor meiner Theologie, Grammatik und Exegese! – ›Der Mensch: allein, da der einzige damalige Mensch Adam war, steht hier »Mensch« gleich »Mann«; was man interpretatio logica nennt. Daher hab ich beschlossen, sofort wieder in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Zwar sprechen die Geistlichen, nach römischem Kirchenrecht, von einem sogenannten »Trauerjahr«, – neun oder zehn Monaten – das einzuhalten sei. Jedoch dies bezieht sich, wie die Berechnung der Frist andeutet, nur auf Witwen, nicht auf Witwer. »Trauerjahr« ist falsch: denn bei Nichtigerklärung der Ehe gilt für das Weib das gleiche.‹ Schreib's nur hin! Sie sollen's merken, daß ich auch in Rechtsauslegung ihr Meister bin. ›Und so habe ich denn beschlossen, meine schon früher um vieler Tugenden willen hochgeehrte Freundin Fredigundis nicht nur zu heiraten, sondern ... –‹ Nun, bist du nicht neugierig, Gundelchen? Du bleibst ganz ruhig!« – »Ich habe deine Liebe wieder –, was brauch' ich mehr?« – »Hast sie nie verloren gehabt! – Schreib: sondern auch, nachdem wir heute von dem Bischof von Limoges getraut worden sind, sie sofort nach meiner guten Stadt Rouen zu führen, und sie dort vor allem Volke feierlich krönen zu lassen als meine einzige Gemahlin und als eine Königin der Franken.‹« Fort warf die Schreiberin die Rohrfeder, – sie schnellte sich wie eine Schlange an Chilperichs Brust und umschloß ihn fest mit ihren beiden wunderschönen weißen Armen. »Dank, König Chilperich! Du sollst es nie bereue»,« rief sie, »daß du die niedere Magd zu dir erhöht, sie gleichgestellt hast jener im Purpur gebornen hochmütigen Gotin. Ich will dir eine Königin sein, die dir einen Kanzler ersetzt und sieben weise Räte,« – »Nun, freut mich, Gundelchen, daß dich doch etwas aufreißen konnte aus deiner Ruhe.« Es wäre unnatürlich gewesen, hierbei ruhig scheinen zu wollen, dachte sie, aber sie sagte es nicht. »Nur noch eine kleine Nachschrift, bitte!« Fredigundis ging an ihren Schreibschemel zurück. »Du hinkst ja, Liebchen? – Ich glaubte es schon heute morgen zu bemerken. Aber du kannst dich wunderbar zusammennehmen.« – »Ich trat mir einen Scherben in den Fuß.« »In welchen?« fragte er rasch. »In den rechten.« – »Ei – gehst du barfuß?« – »Ja, zuweilen gern; es erinnert mich an meine Hirtenzeit.« »Eine Königin der Franken darf das nicht wieder thun!« warnte er. »Nun die Nachschrift: ›Bruder Sigibert, es würde meinen großen Schmerz in etwas lindern, wolltest Du mir jetzt endlich herausgeben, die Du mir mit Gewalt entrissen hast, meine gute Stadt Soissons.‹ – So! – Schluß! – Thut er's nicht, hab' ich doch immer Grund zur Beschwerde.« Um Mitternacht lag Fredigundis in festem Schlaf; in gleichmäßigen tiefen Zügen atmete sie; der Gatte auf dem Pfühl neben ihr schlief nicht; zwar hatte er schon lange vor ihr die Augen geschlossen und auf ihr letztes »gute Nacht« keine Antwort mehr gegeben: aber er schlief nicht. Beim Scheine der Ampel, die, von duftendem Öle genährt, oberhalb des Doppellagers schwebte, richtete er sich jetzt behutsam, leise, auf einem Arm auf, lauschte ihrem gleichmäßigen Atem und betrachtete lang ihr schönes edles Antlitz. »Wie sie so friedlich schlummert! Im Kloster zu Poitiers sind auf Goldgrund schlafende Engelein gemalt – nicht heiliger, nicht kindlicher sehen sie aus. – Ist es denn möglich?« – Vorsichtig holte er unter seinem Kissen ein Linnenbündelchen hervor. »Durfte es doch nicht lassen in der Hand des Pfaffen, den die Ohnmacht widerstandlos vor meine Füße gelegt,« Er nahm die Handvoll Haare heraus und hielt sie unter dem Strahle der Ampel an das Gelock der Schläferin. – »Kein Zweifel! – Es ist dasselbe unvergleichliche Rot. Und hier – an ihrem linken Ohr – da! – ist die Lücke: – hier stehen zum Teil die halb abgerissenen Haare noch. Sie passen genau. – Furchtbar. Eine Mörderin! – Allein: – sie that's aus Liebe zu mir. – Gott mag ihr darum zürnen, – nicht ich, den sie befreit hat aus unerträglichen Banden, befreit um den Preis der eigenen Seele. – Ich kann sie nicht darum verdammen. – Und ich muß sie lieben!« Sorgfältig verbarg er wieder das Büschel Haare in seinem Lager, holte tief Atem und bald schlief auch er. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Wenige Tage darauf schmückte sich festlich die schön an dem stolzen Seinestrom gelegene Stadt Rouen zur Feier der Krönung der neuen Königin. Triumphierende Freude füllte Fredigundens Herz. Sie stand am Ziel. Wünsche, Hoffnungen, Träume – oder sollte sie es Ahnungen nennen? – ja, heißgieriges Verlangen eines hohen glänzenden Glückes, waren in ihr aufgestiegen seit frühesten Tagen der Kindheit. Oft, wann sie über ihre Ziegen die Haselgerte schwang, hatte sie gespielt, sie führe das Scepter, wie die steinerne Königin dort in der Kapelle des Herrenhauses. Und wann sie sich um ihre roten Elfenlocken einen Kranz der schlichten Blumen schlang, wie sie auf kargem Sandboden oder am Wegrande sprossen, hatte sie gespielt, es sei ein Diadem, wie es das Bild der heiligen Kaiserin Helena trug in des Prätextatus' Legendenbuch. Und wann sie den langen, langen Sommertag mit ihrer kleinen Herde auf dem Geißenhügel verbrachte, dann hatte sie bald den Streit der um das Futter Hadernden, beide Parteien vor sich rufend, als Königin geschlichtet oder den starken Bock als ihren »Feldherrn« ausgesandt, die Ungehorsamen zu strafen. Oder sie hatte auch wohl stundenlang auf dem Rücken gelegen, die Händchen unter dem Kopf, in einer Ackerfurche, und hatte in den hohen, hohen blauen Himmel hinaufgesehen, bis ihr die Augen übergingen, oder den Flug der Wolken verfolgt mit unbestimmten Wünschen nach Glanz und Herrlichkeit. In die nahe Stadt Rouen hatte sie nur einmal der Zeidler des Herrenhofes mitgenommen auf dem Leiterwagen, den Wachszins zu entrichten, den das Gut der Bischofskirche schuldete. Wie hatte sie gestaunt über all die Pracht und Herrlichkeit der Straßen, der weiten Plätze, der vielen hohen Steinhäuser, der Basiliken und Oratorien! Und da hatte sie die Gattin eines Herzogs in einer Sänfte vorübertragen sehen; deren blauer Mantel, silbergestickt, flutete über die Stangen des Tragstuhls. Ihr Leben hätte sie darum gegeben, – sie war zwölf Jahre damals – diese blaue Herrlichkeit nur eine Viertelstunde über den schmalen Schultern tragen zu dürfen! – Sie konnte sich's nicht versagen, über den weichen glänzenden Stoff, als der ihre Arme streifte, nur einmal liebkosend hinzustreichen mit der Hand – hei, hatte ihr der berittene Begleiter der hohen Frau mit der Reitgerte über die Hand gehauen! Tagelang hatte sie die roten Striemen brennen gefühlt. Und jetzt! Jetzt gehörte die ganze Stadt Rouen und ganz Neustrien ihr zu königlichen Rechten. Und einen Mantel hatte ihr Herr Chilperich fertigen lassen von dunkelroter schwerster Seide; der strotzte nicht von elendem Silber, nein, von funkelndem Gold: Hunderte von massiv goldnen Bienen, – der alte symbolische Königsschmuck der Merowinge –, waren, darüber hin verstreut, aufgenäht und mit edeln Steinen war er übersäet. Um ihren weißen Hals hatte er ihr einen Schmuck gelegt von siebenfachen Perlenschnüren – es stand ihr herrlich. Sie hatte vor wenigen Wochen diesen Schmuck an einer andern gesehen; das störte ihr die Freude des Besitzes nicht. An dem Tage vor der Krönung überraschte Chilperich, der, zärtlicher als je zuvor, unaufhörlich seiner Königin nachschlich, dieselbe bei der Anlegung des ganzen Festgewandes. Von den freigelassenen und unfreien Frauen und Mädchen, die zu dem Palatium in Rouen gehörten, umgeben, saß sie in einem kleinen Gemach, das auf allen vier Seiten mit Metallspiegeln gleichsam getäfelt war. »Hinaus, Herr König,« rief sie lächelnd und in geheucheltem Schreck, als er ihr plötzlich auf die weiße Schulter klopfte, – sie hatte sein Eintreten längst gesehen, – »Wie könnt Ihr Euch unter uns Mädchen wagen? Ich bin ja fast unbekleidet.« Aber Chilperich, statt zu gehen, jagte die Dienerinnen hinaus. »Ich helfe dir viel geschickter als diese plumpen Sklavinnen.« – Er legte ihr jetzt den dunkelroten Mantel um. »Wahrlich!« rief er bewundernd, »so schön warst du noch nie! Es ist, als ob solche Pracht deine natürliche Bekleidung wäre! – Wahrhaft königlich – wie wenn du nie etwas andres getragen hättest: – wie eine geborne Fürstin! Da sieht man's, was das für ein thörichtes Gerede ist von der Vererbung königlichen Blutes. Mein Gundelchen sieht aus wie eine Kaiserin – und ist doch ein Bettelkind, die Ziegenmagd, die Sklavengundel aus dem Kot und Abschaum des schlechtesten Volkes.« Ein zorniger Blitz schoß aus den grauen Augen. »Du brauchst mir das nicht nochmal zu sagen! Ich vergeß' es nicht! – Wer wird morgen die Konsekration an mir vollziehen? Der Herr Bischof ... –?« »Hei ja, ich vergaß! – Das ist ganz herrlich! – Der alte Bischof von Rouen liegt krank: so muß, als sein Stellvertreter, heran – ein alter Bekannter von dir – Prätextatus heißt er!« Hell auf lachte Fredigundis, daß das Gemach davon erdröhnte, sie patschte in die zierlichen kleinen weißen Händchen und hüpfte vor Freude in die Höhe. »Ha, ha, ha! Das ist ihm gesund.« – »Höre du, Gundelchen! Mach' mich nicht eifersüchtig. Ich weiß zufällig ... –!« Sie hing schon an seinem Halse. »O du thörichter Schatz! O du mein dummer, kleiner, schöner Tyrann! Wenn ich den gewollt hätte, – als Ziegenmagd schon hätte ich ihn, mitsamt seiner Frommheit und Gelehrtheit, zum Liebsten haben können! Ich werde doch nicht so dumm sein, diesen meinen hübschen Kopf zu wagen, – nun vollends, da er eine Krone trägt? Nein! Denn ich kenne meinen Chilperich. Er selbst, als König, steht oberhalb jeder Pflicht, also auch oberhalb der ehelichen Treue. Mir aber würde er beim leisesten Verdacht mein rotes Gelock gar blutig roter färben lassen. – Nein, mein König und Gemahl! Fredigundis bleibt dir treu! Ich lebe gar zu gern. Kaiserin will ich nicht werden – die sollen wie die gefangenen Vögel gehalten werden in Byzanz! – So könnte ich mich nur verschlechtern bei einer Veränderung. – Ich hab' es weit genug gebracht im Leben. – Ich bleibe dir treu, Chilperich, und wär es nur aus – Klugheit. – Aber Prätextatus mich weihen! Das ist köstlich! Wo nur sein Bruder hingekommen sein mag? Der müßte mir den Krönungsmantel nachtragen. – Um eine Gunst bitte ich, Schatz. – Du hast auf heut' Abend eine Ratsversammlung deiner Großen anberaumt und dann ein Trinkgelage »nach Sitte der Franken« – das heißt: soviel Räusche als Gäste.« – »Du willst daran teilnehmen?« – »An dem Rate: gewiß. Ich werde niemals fehlen in deinen Staatsberatungen. – Aber laß mich, statt das Festmahl zu teilen, – es wird spät Abend sein – mit einer meiner Vertrauten in unscheinbarem Gewand umherwandern in dieser deiner guten Stadt Rouen. – Das ist ein groß Gelüsten von mir.« »Gelüsten junger – Frauen soll man nachgeben,« lachte der König, »sonst mißrät ihr Kind.« – »Ich habe mich schon als Bettelkind gern verlarvt, verkleidet und bin durch die nächsten Höfe gestrichen, allerlei erkundend und erlauschend, was ich dann oft brauchen konnte, die Leute im Scherz zu necken oder auch – im Ernst sehr zu quälen. Das ist nun für eine Königin noch ein viel höher Spiel. Ich erlausche so, unerkannt, Geheimnisse, die der König sicher nicht erfährt. – Sieh, zum Beispiel, uns ins Gesicht wagen die Bürger nicht zu mucken über unsere etwas geschwinde Heirat. Wer weiß aber, wie sie im stillen denken und untereinander reden? Laß mich auf Spähe gehen. – Du klagst, dein Königsschatz sei leer. Der edle Bruder Sigibert hat dir den zu Soissons genommen. Nun sieh: ertappe ich deine Unterthanen auf verräterischer Rede: – Einziehung der Güter ist, – das hab' ich mir gut gemerkt! – stets die erste Strafe bei Untreue. – Für Füllung deines Schatzes mußt du sorgen, Chilperich. Ein armer König ist kein König, ist ärmer als ein Bettler. Deine Treuen belohnen, in der Treue festigen, die Räte deiner Feinde, d. h. vor allem deiner beiden groben Brüder, die stets gegen dich zusammenhalten ...« – »Gott verdamme sie! Das thun sie!« – »Insgeheim gewinnen, die Gesandten fremder Reiche bestechen, Soldkrieger halten, die nur von dir abhängen, allerlei durch sie erzwingen, ohne immer erst den Heerbann aller Neustrier aufbieten zu müssen ...« – »Sehr richtig! Die Schurken wollen dann auch drein reden, prüfen, ob der Beschluß der Gewalt gerecht, notwendig sei! Gegen meine Brüder wollen sie mir kaum mehr fechten.« – »Zu all dem gehört Geld, viel, sehr viel Geld! – Daß dein Schatz voll werde, dafür laß deine Königin sorgen. Ich will dir viel mehr Geld einbringen, erlisten und erraffen, als ich dir kosten werde an den paar Kleidern. – Laß mich nur gewähren, Chilperlein: wir wollen reich und mächtig werden wie kein Frankenfürst vor dir – und – hör es! – neben dir!« – »Welche Gedanken sprichst du aus!« – Die deinen vielmehr als die meinigen. Ich bin nur ein Weib und zwar« – sie lachte häßlich – »aus dem Abschaum und dem Kot des Volkes ... –« – »Vergieb! Ich will's nie wieder sagen!« »Nicht denken sollst du's mehr,« rief sie mit zornigem Blick. »Denn deine Fredigundis wird dir zeigen, daß sie deine Königspläne dir längst von der schönen Stirn gelesen hat und aus den kleinen, abgrundtiefen, grauen, falschen Augen, daß sie dieselben teilt im eignen plebejischen Herzen. Ja und kein Feldherr und kein Kanzler soll dir nützer sein, sie auszuführen, als dein Weib. Doch – es ist gefährlich, das auszusprechen! Aber es muß einmal , nur einmal, zwischen uns gesagt sein – fort mit dem dummen Guntchramn, fort mit diesem unerträglichen –« sie ward blutrot, wohl vor Zorn, im Gesicht und über ihren Nacken selbst ergoß sich Glut, als sie mit dem Füßlein stampfte – »mit diesem ganz unerträglichen Sigibert, der da den strahlenden Heldenjüngling spielt – wie man von Herrn Siegfried singt von Niederland. Fort mit beiden! Du, ihnen an Geist so überlegen, wie Lucifer zwei einfältigen Seraphknaben, – du mußt der Alleinbeherrscher sein dieses Reiches der Franken. Und daß du's werdest, – nicht durch das blödsinnige Dreinschlagen der Schwerter, – dazu laß mich helfen, dafür laß mich sorgen! – Das sei Fredigundens Dank, dafür, daß du sie aus dem Waldgraben, ja aus dem Schmutz der Unfreiheit auf den Thron gehoben!« Sie glühte: ihre Augen funkelten und blitzten, ihr voller Busen wogte, ihre feingeschnittenen Nüstern flogen: sie war schön, sehr schön, unwiderstehlich schön in diesem Augenblick. Er umarmte sie heiß und strich über ihr Haar. »Horch, wie das knistert! Als ob es Funken sprühe. Hell sprühen sie im Dunkeln! Das soll ein Zeichen elbischer Zauberwesen sein. Und oft mein ich: du bist nicht recht geheuer, Fredigundis. Es ist etwas an dir, – wie wenn du von Dämonen stammtest.« – »Wie du selbst – wie der Merwinge Geschlecht.« »Nie,« fuhr er entzückt fort, »nie hab ich an Mann oder Weib mir so artverwandten Sinn und Geist, ja solche Gleichheit unsrer Art gefunden. Meine geheimsten Gedanken: – du denkst sie mit mir. Du sprichst sie aus, klarer, schärfer, unendlich kühner als ich selbst. – Winnoch hat recht: du bist mein guter Stern. Thu' was du willst; jetzt, heut', immerdar. Ich vertraue dir ganz, dir und deinem Rate will ich folgen. Du bist in Wahrheit meine Machtgenossin, du bist meines Geistes, meiner Gedanken Königin!« Zweites Kapitel. Spät am Abend dieses Tages wanderte die Königin, in unscheinbarem Gewand, nur von einer Freigelassenen begleitet, durch die Straßen und über die Plätze von Rouen. Viel Volks wogte hin und wieder, die Zurüstungen zu dem Krönungszuge zu mustern, der am folgenden Morgen von dem Palatium aus in die bischöfliche Kathedrale sich bewegen sollte. Da wurden hohe, mastähnliche Flaggenstangen eingerammt, Gerüste gebaut für allerlei Kampf- und Kriegspiele, auch ein »Circus« für ein Wettrennen, das der König zum besten geben wollte. Kränze und Blumengewinde, auch Teppiche und bunte Decken wurden nach romanischer Sitte von den Fensterbrüstungen und über die Säulenlogen der ersten Stockwerke ausgehängt. Aufmerksam lauschte die Königin dem Geplauder der feststehenden Gruppen, den abgerissenen Worten der Vorübereilenden. Aber nichts Wertvolles vermochte sie zu erkunden. Es waren geringe Leute, die sich hier drängten, nur die Schaustücke, die Festrüstungen bestaunten, ohne ein Urteil abzugeben über die zweite überraschende Vermählung des Königs. Doch fiel ihr auf, daß auf dem Hauptplatz, neben der Basilika des Bischofs, ein sehr stattliches Haus ungeziert blieb, während die viel bescheideneren Nachbargebäude bereits vollen Festschmuck anlegten. Schon wollte sie ihre Begleiterin, eine Zugehörige zu dem Palaste von Rouen, befragen, als sie aus der Menge heraus Fragen und Antworten vernahm, die ihre Neugier – nicht gerade angenehm – befriedigten. »Wes ist das Haus, Gastfreund, das zu schmollen scheint?« fragte neben ihr ein Fremder einen Bürger. »Des guten Herzogs Drakolen.« »Ist er hier?« – »Nein. Er soll König Sigibert als dessen Gast nach Reims begleiten.« – »Wird Herrn Chilperich wenig freuen! Der Herzog ist der mächtigste eurer Großen.« – »Und der wackerste, der tugendreichste. Er soll aber Herrn Sigibert viel mehr zugethan sein als unserm König.« – »Ei, Drakolen von Chartres ist ein Held. Er ehrt vor allem das Heldentum.« – »Da findet er freilich mehr zu ehren bei dem Austrasier.« Mit gefurchter Stirne schritt Fredigundis weiter. – Da hörte sie in ihrem Rücken hastige Schritte und eine jugendliche, ihr wohlbekannte Stimme rufen: »Bei meinem Schwert! Sie muß es sein! Diese Gestalt! Auch eine Locke des Haares stahl sich aus der Kapuze. – Und jetzt – von der Seite, ihre Wangen! – Ja, sie ist es.« Und nun vertrat ihr den Weg ein junger, schöner, hochaufgewachsener Mann in reichem Waffenschmuck. »Wirklich, Frau Fredigundis, Ihr seid es. – Wie schön sie ist, – auch im Sklavengewande!« sprach er schmerzlich flüsternd zu sich selbst. – »Wie, Ihr streift vermummt zur Nacht durch die Straßen?« – »Schweigt. Verratet mich nicht!« – »Und König Chilperich?« – »Er weiß es.« – »Daß Ihr allein? – Er sollte eifersüchtiger sein.« – »Schweigt doch still. Ihr verderbt höchstens Euch, nicht mich. Ich bin ja nicht allein. Die Freigelassene dort hört alles!« »Gleichviel,« flüsterte der Jüngling in kaum verhaltener Leidenschaft. »Ich gönne dich ihm nicht. Er paßt nicht zu dir.« – »Er scheint darin anderer Meinung, mein Herr Sohn!« – »Nenne mich nicht so! Ich bin älter als du.« – »Aber viel thörichter! – Unsinniger! Willst du dich und mich verderben? Schlage dir alle dummen Gedanken aus dem Sinn. Hörst du? – Für immerdar. – Ja, vielleicht,« lächelte sie, »hättest du mich aus dem Graben gegriffen am Waldrand, als ich da saß, eine Harrende, wartend auf – auf mein Geschick ...« – »Auf deinen Verführer!« – »Wie du es nennen willst! – Es kam aber König Chilperich und nicht sein Sohn Theudibert.« – »Leider, leider!« – »Aber wahr! – Und nun – nun sei vernünftig, um uns beider willen – oder laß mich es sein für zwei.« – »Aber du sollst es wissen, daß ich dich liebe, du bethörendes Weib.« Sie lachte. »Bin weder blind noch taub. Noch vergeßlich – hast mir's oft genug gesagt.« – »Und du zürnst mir nicht deshalb?« Sie zuckte die Achseln. »Kann ein Weib darüber zürnen, daß es gefällt? Andere vielleicht. Ich nicht. Sei klug! Verbirg deine Thorheit vor ihm, – der nicht so duldsam ist wie deine schwache Stiefmutter. – Sei mir treu, diene mir! Bekämpfe meine Feinde, deren ich nur allzuviele habe. Schütze mich: – willst du, Lieber?« – Wie einschmeichelnd, wie zärtlich klang jetzt diese Stimme! »Gegen jedermann!« rief der Jüngling leidenschaftlich. »Gegen alle Teufel! Und muß es sein ... – gegen alle Heiligen, Gott verzeihe mir.« – »Wird nicht nötig sein!« lächelte sie. »Nur gegen ein paar sehr böse Menschen, die der armen Hirtin diesen Glanz nicht gönnen.« – »Du bist zum Glanz geboren! Ja, ich will dir dienen. Auch das ist Glück! Mein Vater mag dich besitzen, – ich will jeden Wunsch ersticken in der Brust, der Sünde ist.« Sie sah ihn rasch an, ganz verstohlen: »Ob er das wohl können wird?« dachte sie. – »Ich – ich will nur, dein Schild, dein Schwert, dich verteidigen gegen alle! – Gebeut: – was soll ich thun?« Edel verklärte sich das begeisterte Antlitz des Jünglings. »Für jetzt nur – mich verlassen! Du bist zu wild. Die Aufpasserin dort horcht schon lange. – Geht nun,« sprach sie lauter, »jung Theudibert. Euer Vater erwartet Euch im Palast. Grüßt ihn von mir und sagt ihm, die Stiefmutter sei mit Euch zufrieden.« Sie bot ihm lächelnd die Hand; er drückte sie leidenschaftlich und eilte davon. Sie nickte seltsam lächelnd, wie sie ihm nachsah. – »Folge mir,« rief sie nach längerem Nachdenken der Freigelassenen zu. »Wir wollen noch über die Brücke gehen, in den Stadtteil auf dem rechten Ufer.« Nachdem sie ein paar Straßen durchwandert, gelangten sie an die breite, stattliche Seinebrücke. Fredigundis, der Dienerin raschen Fußes voraneilend, machte Halt an einer breiten, nischenförmigen Ausmündung der hölzernen, oben gedeckten Brücke, die ein hochragendes Steinkreuz umgab; vor dem Kreuz brannte eine ewige Lampe. In deren mattem Scheine bemerkte sie alsbald eine verhüllte Frauengestalt, die ein Bündel an der Brust trug und über das niedrige, breite Brückengeländer hinweg in den schwarz dahinflutenden, leise gurgelnden Strom starrte. »Es muß sein,« rief die Verhüllte plötzlich. »Herr Christus, sei mir gnädig!« Und sie schwang den einen Fuß über die Brüstung, drückte das Bündel fest an sich, küßte es und wollte, den andern Fuß nachziehend, sich in den Strom gleiten lassen. Da sprang Fredigundis hinzu, faßte sie mit beiden Händen an den Schultern und riß sie zurück, daß sie zu Füßen des Kreuzes auf die Brücke rollte. »Halt!« rief sie. »Wer ist so dumm, zu sterben, ehe er muß?« Sie beugte sich über die Hingesunkene, – »Was seh' ich? – Rulla, Jugendgespiel!« – »Fredigundis! Du –! Warum ließest du mich nicht sterben. Samt meinem Kinde da!« – »Ich ahne! Dies Bündel hier? Dein Kind?« – »O laß mich sterben,« – »Nein, leben sollst du! Du und dein Kind! Komm mit in den Palast!« – »So ist es wahr? – In unser Dorf drang das Gerücht von einer neuen Königin Fredigundis. Manche glaubten – die Männer – du müßtest es sein. Also wirklich, du bist ... –« – »Königin der Franken! – Aber für dich bin ich und bleib ich das Ziegengundelchen. Und nicht will ich des vergessen, wie oft die reiche Müllerstochter dem immer hungrigen Bettelkind ein paar gute Bissen zugesteckt hat. – Sei getrost! Ich will sorgen für dich und dein Kind da, das wohl keinen Vater hat?« Rulla schluchzte laut auf. »Komm nur mit mir. Gieb mir das Kind in die Arme. Ich muß das lernen,« lächelte sie. – »Gott segne dich! Du wardst ja gut, Fredigundis!« »Oh nein,« lachte sie jetzt, den Kopf schüttelnd und die kleinen weißen Zähne zeigend. »Es ist eitel Selbstsucht. Eine treue Seele, eine ganz ergebene, ganz abhängige, – wie ein treuer Hund, – das ist, ahnt mir, viel wert an einem Königshof. Komm, Rulla, wir wollen Freundinnen bleiben wie auf der Geißenhalde.« Während den König tief in die Nacht hinein das Gelage bei seinen Großen fest und von der Seite seiner Königin fernhielt, saßen diese und die von dem Rande des Todes Zurückgerettete in vertrauter Zwiesprach; das Kind hatte Fredigundis mit hundert Koseworten und manchem Kuß seiner schlichten Hülle entkleidet und in weiche, warme Decken gehüllt; sie legte es, sich auf eine niedere Wandtruhe setzend, aus ihren Schoß und wiegte es sorglich hin und her, während die Mutter, ebenfalls in andere, reiche Gewandung gesteckt und wohl gespeist, auf dem von Teppichen bedeckten Estrich zu Fredigundens Füßen saß und zu ihr aufblickte, als sei das alles ein Traum und sie schaue in solchem Traumgesicht eine Heilige des Himmels, welche sie und ihr Kind ins Himmelreich entrückt habe; sie hielt die beiden Kniee mit beiden Händen umschlossen, richtete die großen braunen Augen, in welche immer wieder Thränen traten, bald auf die Königin, bald auf ihr gerettet Kind und führte manchmal den Saum von Fredigundens Gewand an die Lippen. »Schau nur,« sagte diese, sich neugierig über das Kind beugend, »was es für liebe, kluge, vergnügte Augen hat! Braun, wie die deinen! – Und diese kleinen, zierlichen Fingerlein! Wie von Wachs! Und rosig behauchte, winzige Nägel daran! – Und ein Grübchen im Kinn. – Sieh, jetzt hat es mich wirklich angelacht! – Als ob es wüßte, daß ...!« »Oh Gott! Wenn ich denke! Ohne dich – ohne deine helfende Hand läge das süße Ding mit mir in dem Schlamme des schwarzen, des grausigen Stromes und triebe langsam gegen die See und uns beide benagten die Fische und ekles Getier. – Oh Herrin, Retterin!« rief sie leidenschaftlich, und sie warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. »Wie soll ich dir danken?« »Gar nicht! Und nicht meinen rechten Fuß drücken. Er schmerzt noch – wovon? – Ein Scherben! – Ich werde aber doch nicht hinken morgen bei dem Krönungszug. – Nun: meine Geschichte habe ich dir erzählt seit jenem Augustgewitter: – von Landerich weiß man also gar nichts? Dummer Bub! Sich das so zu Herzen zu nehmen! – Das heißt, soweit meine Geschichte für dich paßt, mein frommes Schäfchen. – Nun ist's an dir. Zwar viel kann ich mir denken. – Aber nicht alles. – Du hast also dem großen Fischerssohn – allzu oft traft ihr euch hinter der Weißdornhecke in schwülen, brütenden Sommerdämmerstunden, wann der Sprosser sein heiß brünstig Lied wirbelte! – Du hast ihm allzuviel gegönnt, bevor dein Vater dich ihm vor den Gezeugen in das Haus gebracht als Eheweib. Das muß man nicht thun.« »Ich bereue es nicht,« flüsterte Rulla erglühend, »ich thät's nochmal.« – »Sehr thöricht, Rulla.« – »Und – vergieb, oh Herrin – du selbst?« – »Das war ganz anders! Mich ekelte meiner Armut und des Ziegenhütens und des Hungerns und der vielen Schläge. Dem wollt ich entrinnen und reich werden und Kleider tragen wie – Landerichs Mutter! Haha! Nicht mit der Fußspitze rührte ich deren Staatsgewand jetzt an. So wollt ich Landerichs ›Schätze‹ gewinnen.« – »Du liebtest ihn nicht?« Fredigundis lachte nur und fuhr fort: »Da kam einer geritten, der strotzte von Gold. Schöner war er auch, viel schöner, als jener gute Junge. Und viel gewaltiger. Ich glaube, wäre der Höllenherr damals geritten gekommen in goldblitzendem Rotmantel, ich wäre auch zu ihm auf den Sattel gesprungen.« – »Er hat dich nicht geraubt, gezwungen?« – »Behüte!« »Sieh, also auch du wardst sein, – lange bevor der Priester ... –« – »Wie anders sollte ich ihn an mich binden?« – »Königin, mache dich doch nicht klüger, kälter und – böser als du bist. Du thatst es aus Liebe – wie ich.« Aber Fredigundis schüttelte langsam, ganz ernsthaft, den Kopf und gab der Mutter das Kind zurück, die Falten ihres Kleides glättend. – »Du wirst doch nicht leugnen, – daß du den König liebst?« – »Still! Die Frage schon könnte den Kopf kosten.« – Sie lauschte. – »Aber die Antwort lautet: nein! Oder besser: ich glaub's nicht!« – »Wie! Du weißt das nicht?« – »Wie soll ich? Was ich so von andern Mädchen und Frauen sehe, höre, wie die, von heißem Blute fortgerissen, mit sehenden Augen, in Schmach und Verderben springen, – nein, das thät' ich, das könnt' ich nicht.« »So hast du nie empfunden, daß es dich durchzuckte, vom Wirbel bis zur Sohle, kalt und heiß, bei des geliebten Mannes Anblick?« – »Ich glaub' ... – Nein!« Die Antwort kam sehr zögernd. »Oder nur – Einmal.« – »Als König Chilperich aus dem Walde sprengte und dich ansah?« »Nein doch. Als ... nun, – als ein ganz anderer an mir vorüberritt und mich gar nicht – sah: mein sowenig achtete wie der Pfütze unter seines Weißrosses Huf.« Sie sah wie träumend vor sich hin. – »Ja, damals durchzuckte es mich kalt und heiß. Ich erschauerte bis in den Grund der Seele. Das war der erste Mann, den ich je sah. – Denn Mann sein ist doch wohl Held sein?« Sie fragte das – verträumt – sich selbst, nicht die Freundin. – »Oh Königin – das ist gefährlich,« flüsterte diese warnend, »Herr Chilperich soll furchtbar sein in Eifersucht. Er hat ein Mädchen, das ihn betrogen, von wilden Hengsten auseinanderreißen lassen, so sagt man.« »Ja, das ist wahr! er selbst hat mir's erzählt: gleich damals – noch im Walde! Wohl zur Aufmunterung! Hinterher that's ihm leid. Sie war nämlich unschuldig gewesen.« – »Oh Herrin, hüte dich ... –!« Fredigundis lachte und schüttelte die roten Locken. »Hab' keine Sorge! Ich sagte dir ja: mich reißt das Blut nicht fort. Herr Chilperich – er ist mir selbst viel zu ähnlich, als daß ich ihn lieben könnte. Jenen Einen aber, der mir es, – wie sagt ihr doch, ihr verliebtes Mädchenvolk? – der mir es angethan, – den« – sie drückte die Lippen fest aufeinander – »den muß ich unter die Erde wünschen – lieber heut als morgen. – Könnt' ich den tot zaubern oder tot beten, – ich müßt es thun, sogleich! Aber genug von mir. – Also: wie war's mit dem Fischerssohn?« »Ach! Als er von mir erfuhr – wie, ... – da wollte er die Hochzeit beschleunigen; er hatte auch schon seinen Vater wie meinen Oheim und Muntwalt halb herumgeredet. – Da – oh mein armer, mein süßer Rando! – Da verschlang ihn und seinen Nachen der tückische Seinestrom. – Mein Knabe hat seinen Vater nie gesehen! – Der Oheim warf mich vor die Thür. – Randos Vater gab mir einen Bettelsack und einen halben Laib Brot und einen Faustschlag mit auf den Weg. Ich irrte umher – ich suchte Arbeit, fand keine, – ich bettelte – die Hunde hetzten mich von den Bauernhöfen. – Ein Priester wollte sich meiner annehmen, wenn ich bereue, büße, meine sündige Liebe verwerfe: – das kann ich nicht! Ich kann nicht mein Herz verleugnen: ich thät's nochmal, sagte ich ihm. – Ich küßte mein Kind und lief vor dem strengen Mönch davon – ins Elend, zuletzt ins Wasser. Aber nur nicht ihn verleugnen! Es war so süß in seinen Armen!« – Sie brach in Thränen aus, aber ein Lächeln seliger Erinnerung spielte um ihren roten Mund. – »Welche Dummheit!« Fredigundis sprang auf. »Man könnte dich fast beneiden um solchen – Wahn! – Doch nein, nein! Das ist nichts für mich. – Sage,« – sie kam immer wieder gar rasch von fremdem Geschick auf sich selbst zurück – »was hat man im Dorf, was hat meine Großmutter von meinem Verschwinden gesagt?« – »Die einen meinten, du seiest bei dem argen Gewitter umgekommen, in den Fluß geraten, oder im Walde von einem wilden Tiere zerrissen. Ein Köhler, der vor dem Unwetter in seinem kalten Meiler Schutz gesucht, meinte, er habe den Wildjäger mit einem Weib in flatternden roten Haaren vorübersausen gesehen: aber der Blitze Schein habe ihn zu grell geblendet: er habe des Weibes Züge nicht recht erkannt. Seitdem glaubte deine Großmutter fest, ein Dämon, ein Waldwicht habe dich geholt.« – »Aber als nun die Nachricht von einer Königin Fredigundis kam?« – »Wie gesagt, viele dachten an dich. Aber deine Großmutter, statt sich zu freuen, die tobte darüber und zerschlug sich die Brust und raufte ihr weißes Haar und bedrohte jeden mit dem bösen Blick und zehrendem Wort, der das behaupte. Man fürchtet ihre Künste, den versengenden Blick, – ihre Gifte wenigstens.« »Mit gutem Grund,« nickte die Enkelin. – »So schwieg man vor ihr. Auch ist der Name ja gar häufig in unserem Volk.« – »Ich will dafür sorgen, daß sich die Franken diese Fredigundis merken. – Gehe jetzt, Rulla! Ich höre die Gäste Herrn Chilperichs ausbrechen. – Bald wird er hier sein. – Schlaft ruhig, du und dein Kleiner – wie heißt er?« – »Rando.« – »Natürlich! Und morgen sollst du vom besten Platz aus, neben zwei Herzoginnen sitzend, des Ziegners Bettelkind die Krone tragen sehen.« Drittes Kapitel. Mißmutig erwachte am andern Morgen König Chilperich. – »Wie ich geschlafen habe? Schlecht! Ganz schlecht!« erwiderte er auf die zärtliche Frage seiner Königin und sprang aus den Decken. »Mich schmerzt der Kopf! Das viele unnütze Trinken! Dieser Barbaren gute Meinung und gute Stimmung kann sich auch ihr König nur durch zahllose Becher ertrinken. – Und dann hab' ich schwer geträumt.« – »Wovon? Ich verstehe mich darauf, Träume auszulegen.« – »Das verbieten aber die Priester. Steht auch in der Schrift! Wenn ich nicht irre im Buche...–« – »Aber sie selbst deuten Träume. Wenn sie Kirchen und Klöster gestiftet haben wollen, dann erscheinen ihnen gar fleißig die Heiligen und geben ihnen Auftrage an den – Seckel des guten Königs! In den paar Tagen meiner Herrlichkeit hat der heilige Martinus mich schon mit vier solcher Aufträge beehrt durch Mönche und Diakone, denen er erschien. Wovon hast du geträumt?« – »Von: – ihr.« – »Ja, wie soll ich das raten? Von welcher? Allzugroß ist bisher die Zahl deiner Gespielinnen gewesen, oh böser Chilperich.« – »Von der jüngst – – Verstorbenen.« – »Von Toten träumen – das bedeutet Glück.« – »Ja, man sagt's. Aber an der Leiche stand drohend Frau Brunichildis und schwang ein nacktes Schwert und forderte zornig – die reichen Perlenschnüre zurück. Ich erschrak und gab sie ihr.« – »Das ist gut. Perlen bedeuten Schmerzen, Thränen, dem, der sie verlangt, Freudenthränen, dem, der sie unverlangt geschenkt erhalt – wie ich.« – Wenig getröstet schlug Chilperich die Vorhänge auseinander, welche die Fensteröffnung schlossen, »O weh. Du hast kein Glück beim Himmel. Gestern noch schönster Sonnenschein – heute alles bewölkt – so schwül schon am Morgen, das giebt ein Gewitter.« – »Willkommen sei's! Bei Blitz und Donner gewannst du meinen Gürtel, bei Blitz und Donner gewinn' ich deine Krone. – Übrigens, wer wird auf Wetterzeichen achten? Meine Großmutter konnte Hagel hexen!« Lachend stieg Fredigundis aus dem Bett und rief durch einen Metallhammer ihre Dienerinnen, ihr beim Ankleiden behilflich zu sein. Chilperich ging aus dem Gemach. »Wie sie die Mägde herum befehligt! Als sei sie von jeher von zwölf Händen bedient worden.« – Als er zurückkam, fand er Fredigundis voll angekleidet; nur der dunkelrote Königsmantel fehlte noch; ihr Haar, mit Galsvinthas Perlen durchflochten, flutete auf ein prachtvolles Gewand von weißer Seide. Sie war zauberschön; sehr behaglich schlürfte sie aus einer großen Silberschale Milch. Einigermaßen erheiterte sich bei dem Anblick seiner strahlend schönen Königin Chilperichs umdüsterte Stirn. »Verdruß! Nichts als Verdruß. Und Schwierigkeiten! Herzog Drakolen läßt sich durch einen Eilenden entschuldigen: er liege krank zu Chartres.« – »Das ist erlogen, lieb Männchen. Er reist mit – ihm. Wollte sagen: mit König Sigibert.« – »Woher weißt du –?« – »Genug, ich weiß es! Gieb acht: – der ist dir nicht treu.« – »Ich staune über dein Erraten; es ist wahr: er schwankt insgeheim wohl schon lang. Aber du kennst ihn ja nicht – wie –?« – »Du sollst doch nicht umsonst dein Seelenheil gewagt haben, als du der Hexe Enkelin gefreit.« – »Und daß von Sigibert, von der heißblütigen Gotin noch gar keine Antwort auf unsern, das heißt auf meinen Brief gekommen, das macht mich stutzig.« – »Laß ihnen doch Zeit! Die beiden können nicht so rasch denken, Schatz, und so klug schreiben wie wir.« – »Und Prätextatus ...« – »Nun? Was mit ihm?« – »Macht Schwierigkeiten. Er weigert sich, dich zu konsekrieren,«– »Der Unverschämte! Er allein – von allen Priestern dieser Stadt – hat sich noch nicht bei mir gemeldet. – Befiehl ihm, König.« – »Ich kann nicht. Er stützt sich auf einen Kanon. Vor der Konsekration, einem heiligen Akt, müßtest du gebeichtet und Absolution empfangen haben,« – »Wenn's weiter nichts ist! So beicht' ich denn! Ihm will ich beichten. Schaff' ihn nur her.« Chilperich erschrak. »Nein, das thue nicht, Fredigundis!« – »Warum nicht?« – »Weil – ! Weil – ! Du weißt –, verschweigst du – wissentlich – eine Sünde und erlistest dir so die Absolution, – das ist eine Todsünde.« – »Ich werde ihm aber nichts verschweigen.« Er sah sie erstaunt an. »Wüßte ich's nicht gewiß,« – murmelte er – »fehlte ihr nicht noch heute das Büschel Haare, – ich würde irre. –« »Nein!« sagte er laut. »Er hat durch seine Weigerung die Gunst verwirkt, dich konsekrieren zu dürfen. Ich habe schon einen Diakon gewonnen – ich versprach ihm, die Untersuchung niederzuschlagen wegen – wegen einer jungen Nonne, die – sehr plötzlich starb. Der weiht dich ohne Beichte und Absolution.« Fredigundis schmollte. »Ich wäre aber gerade durch Prätextatus gern geweiht worden. Das wäre ihm recht geschehen. Und du lässest ihn dir trotzen – ungestraft?« – »Nein! Ich hab ihn vorläufig einsperren lassen im Kloster des heiligen Anianus. Ich bin übrigens ganz froh, einen Vorwand zu finden, nein zu sagen, falls sie ihn demnächst zum Nachfolger des Bischofs vorschlagen.« – »Gut, Männchen.« – »Ich kann ihm nicht in die Augen sehen, – vor ihr,« murrte Chilperich für sich. Wenige Stunden darauf setzte sich der Krönungszug in Bewegung. Das Volk drängte in dichten Massen, obwohl der Himmel sich verfinstert hatte und die schwer geballten Gewitterwolken sich jeden Augenblick zu entladen drohten. Schon pfiffen einige kurze Windstöße durch die Straßen, den Staub des Seine-Muschelkalks – es hatte sehr lange nicht geregnet – zu hohen Säulen emporwirbelnd und die Düsterheit, so unheimlich um die Mittagsstunde, noch mehrend. Leise rollte schon der Donner, als der Zug aus den Thoren des Palastes trat. »Hörst du? Der Himmel grollt!« sprach Chilperich, der heute an Krone und Königsmantel schwer zu tragen schien. »So laß die Hörner schmettern, ihn zu übertönen. Vorwärts, König Chilperich, schreite rascher! – Du trägst die Krone schon: aber meine weiße Stirne brennt danach, sie dort am Altare zu empfangen. – Auf, Sohn Theudebert; Euer lieber Vater hört nicht, – er träumt! So gebt denn Ihr das Zeichen!« Der Jüngling winkte mit der Rechten nach rückwärts: hell fielen Hörner und Trompeten ein. Fredigundis ergriff Chilperichs linke Hand und schritt stolzen Ganges aus; mechanisch begleitete ihre Schritte der Gemahl. So ging langsam der Zug vorwärts; nur selten drang der leise murrende Donner durch das Geschmetter der Trompeten, das Psallieren der Priester und das Heilrufen des dichtgedrängten Volkes; kein Regentropfen fiel: es war erdrückend schwül. Chilperich sah sehr bleich; er wischte mit einem Schweißtuch wiederholt die Stirn. Fredigundis strahlte in Schönheit, in Stolz; huldvoll zwar, aber doch sehr vornehm dankte sie manchmal, mit kaum merklichem Nicken des leuchtenden Hauptes, dem ihr zujubelnden Volk. »Wie schön sie ist!« – »Wie zauberschön!« Unaufhörlich drang dieser Ruf an ihr Ohr; sie lächelte still vor sich hin. Plötzlich gellte dicht in ihrer Nähe ein Schrei. »Sie ist's! Wirklich! Sie ist es! Fredigundis, unselig Kind! Halt ein! Kehr' um! Laß von ihm! Du bist verloren!« Nur einzelne dieser Worte vernahm sie. Denn alsbald entstand ein Getümmel an jener Stelle. Das Volk schalt und lärmte. Eine alte Frau ward zu Boden gestoßen. Ein Mann im Hirtengewand schützte sie vor der Menge, die über die Störung erbost war. Als er die Alte wieder aufgerichtet hatte und in eine Nebengasse fortführte, sah Fredigundis von der Seite der Greisin Züge. »Was ist dort?« fragte Chilperich, der, in tiefes Sinnen versunken, die Augen auf den Boden gerichtet, neben ihr ging. »Nichts! Eine Besessene wohl. – Wir sind zur Stelle – gieb doch acht! – die Stufen!« Der König war über die unterste Stufe des Domes gestolpert. Fredigundis hielt ihn ab vom Straucheln. Stets einen Schritt, eine Stufe voran stieg sie hinauf. Als sie auf der Freiplatte vor der Basilika standen, schoß der erste Blitz aus dem schwarzen Gewölk: ein hellkrachender Donnerschlag folgte unmittelbar darauf und heller Feuerschein. In dem Glockenturm, der neben dem Dome stand, hatte es gezündet: die Glocke, die früheste im Frankenreich, war eine kostbare Seltenheit damals! Sie ward von außen durch Hammerschläge gerührt und hätte nun die Krönung mit feierlichem Zeichen begrüßen sollen: sie gab statt dessen einen furchtbaren Klang von sich; sie stürzte, vom Strahle gestreift, aus ihrem hölzernen Gerüst, schlug die Lattendecke des Turmes durch, fiel, furchtbar erdröhnend, wie schreiend und wie stöhnend, auf den Marmorestrich des Turmbodens und zersprang hier in hundert Stücke. Entsetzt schrie das Volk auf und wollte auseinanderstieben, konnte aber nicht, so dicht gedrängt standen die Haufen. »Bleibt!« rief Fredigundis mit lauter, befehlender Stimme, »bleibt, freudige Franken! Ihr seht, es brennt nicht mehr: der Regen hat bereits gelöscht. – Vorwärts! dem Dom ist nichts geschehen: – in den Dom!« Und sie zog Chilperich an der Hand in das weitoffene Doppelthor hinein. Sie hatte recht. Der plötzlich nach jenem ersten Blitz herniederflutende Regen hatte den Brand des Turmdaches sofort gelöscht. Das Paar schritt nun an den Hauptaltar, von Chorknaben mit brennenden Wachskerzen geleitet; die schwangen dabei Rauchfässer und sangen eintönige, aber sehr süß melodische Weisen. Nachdem der Diakon, welcher den Bischof und den Archidiakon vertrat, ein kurzes Gebet über das Paar gesprochen, schickte er sich an sie zu segnen. Schon erhob er feierlich beide Hände, da scholl von dem Eingang her ein Getön streitender, zankender Stimmen. »Halt! Ihr stört jetzt! Wartet bis nach der Krönung!« – »Nein! Wir können nicht warten! Platz! Gebt Raum! Im Namen König Sigiberts.« Bei diesem Wort wichen die Höflinge zurück, die den Eindringenden den Weg versperrt, und alsbald standen auf der untersten Stufe des Altars zwei vollgewaffnete Männer, die, – der Staub und Schmutz auf ihren Reitermänteln und an ihren Knieriemen zeigten es, – nach langem, scharfem Ritt wohl soeben von den Rossen gesprungen waren; statt der Speere trugen sie lange weiße Stäbe in den Händen. »Halt' ein, du Priester!« rief der eine von ihnen mit lauter Stimme. »Hör' uns, König Chilperich,« schloß der zweite. Unbeschreibliche Verwirrung entstand in den Reihen der Höflinge rings um den Altar. Einen flammenden Zornesblick warf Fredigundis auf die beiden Störer. »Wer sind die Frechen?« fragte sie tonlos. »Nieder mit ihnen, mein Sohn Theudibert!« Dieser fuhr ans Schwert. Aber der König rief: »Charigisel! – Sigila! – Das sind die Boten Sigiberts.« Da stieß Theudibert das halbgezückte Kurzschwert in die Scheide zurück. »Ja, und Frau Brunichildens,« rief Sigila, der Gote. »Und also sprechen sie zu dir, König Chilperich: ›Laß, laß ab von diesem Weibe! Steh' ab von dem Frevel, sie mit der Frankenkrone zu schmücken. Du weißt es nicht, bethörter Fürst, aber vernimm es jetzt – und vernehmt es all, ihr Franken – dieses Weib hier ist eine Mörderin: die Mörderin der Königin Galsvintha.‹« Laut auf schrie alles Volk – der Diakon stürzte hinweg von dem Altar. Chilperich wankte und hielt sich aufrecht an einer der Altarsäulen: er sah auf Fredigundis. Diese war sehr blaß geworden: aber hoch aufgerichtet stand sie da. »Und der Beweis?« fragte sie mit lauter stolzer Stimme. »Ja, der Beweis für solch fürchterliche Anklage?« rief Theudibert, vortretend. »Der Beweis?« wiederholte Chilperich sich ermannend, aufgerichtet durch Fredigundens ruhigen Trotz. »Dir, o Bruder unseres Herrn, nicht jenem Weib antworten wir,« sprach Charigisel. – »Der Beweis ist voll erbracht!« »Sofort nach Empfang deines Briefes,« fuhr Sigila fort, »flog Frau Brunichildis, trotz ihres tödlichen Wehs, gefaßt wie eine Heldin, allein, an den Ort der That. König Sigibert war auf der Jagd abwesend, er folgte erst am dritten Tag. – Sie selbst untersuchte, prüfte alles, vernahm alle Leute, auch die beiden gefangenen Landkrämer. Diese hatten, – selbst auf der Folter – jede Schuld geleugnet. Nun forderte die Königin sie auf, nachzuweisen, wo sie den Tag über gewesen. Sie fingen damit an, daß sie am frühen Morgen Villa Amica aufgesucht und dort den Bewohnern allerlei verkauft hätten!« – Charigisel fiel ein: »Auf die Frage, was, sagten sie: unter anderem der stolzen Herrin der Villa ein Paar Bastschuhe, wie sie sonst nur Bäuerinnen tragen.« Um Fredigundens Lippen zuckte es leise: es war wohl Hohn. »Frau Brunichildis,« ergänzte Sigila, »ließ den in dem Gang vor dem Schlafgemach gefundenen Bastschuh bringen, ihnen vorlegen – sie erkannten nicht nur den Schuh ... –« »Ein Bastschuh sieht aus wie der andre,« lachte Chilperich. »Wohl!« erwiderte Charigisel. »Aber sie führten deren noch mehrere Paare mit sich und sie wiesen an dem gefundenen das gleiche Abzeichen nach, – die gleiche Hausmarke ihres Heimathofes – wie an ihrem ganzen Vorrat.« Theudibert warf einen raschen Blick auf Fredigundis. Diese fühlte den Blick, wie sie tausend Augen auf sich gerichtet wußte. »Und darauf hin,« sprach sie ruhig, »hat die Gotin die von ihr bestochenen Angeber freigelassen, nicht wahr? Und auf das Zeugnis von zwei gebrandmarkten Landfahrern –« »Noch mehr!« rief Sigila. »Die Freigelassene Suavigotho, die das verhüllte Weib in der Mordnacht in dem Gange traf, hat, noch bevor sie an Herrn Sigibert gesandt ward, durch Zufall die Herrin von Amicavilla an deiner Seite reiten sehen, o König. Sie will beschwören, daß diese jenem Weib höchst ähnlich sah.« »Höchst ähnlich!« lachte Chilperich gezwungen. »Es war fast ganz finster in dem Gang! Und jenes Weib soll eine Kapuze übers Gesicht gezogen haben.« »Deshalb,« sprach Charigisel, »verlangen auch König Sigibert und Frau Brunichildis nicht die sofortige Bestrafung jenes Geschöpfes; sie verlangen nur, daß du sie auslieferst.« – »Mein Weib!« »Unsere Königin!« rief Theudibert. »Zu gerechtem Gericht,« erklärte Charigisel weiter, »vor den vereinigten Hofgerichten der drei Reiche, unter König Guntchramns Vorsitz. Dort soll sie den Unschuldseid schwören mit zweiundsiebzig Eidhelfern nach unserem salischen Recht.« »Ich bin bereit,« sagte Fredigundis kalt. »Niemals!« rief Chilperich und legte, wie beschützend, den Arm auf seines Weibes Schulter. »Das zeugt von schlechtem Gewissen. Weigerst du das,« drohte Sigila ... – »So wisse, daß dir König Sigibert Krieg ansagt!« – »Krieg, von dem er nicht ablassen wird, bis er gerecht Gericht erzwungen hat über die Mörderin.« – »Krieg, bis du die Schätze der Gemordeten herausgegeben, die du mit frevlem Vorwand vorenthältst.« »Und da wir wissen, daß du gar oft versprichst, was du zu halten nicht gedenkst ... –« – »Und daß du wahrscheinlich den Rächer mit eiteln Reden hinzuhalten suchen würdest ...–« – »So wisse: König Sigibert hat schon seinen Heerbann aufgeboten, seine gerechten Wünsche zu erzwingen.« – »Und schon brauset er heran mit Brunichildis, der Bluträcherin, auf tausend raschen Rossen ihrer Gefolgschaft ... –« – »Schon hat ihnen deine feste Stadt Chartres die Thore geöffnet. –« »Drakolen, der Hund, der Verräter. Die Augen brenn' ich ihm aus,« schrie Chilperich außer sich. »Der Herzog Drakolen war fern; allein treu gedenkend seines schweren Eides zu Marseille, wird er nicht eher für dich kämpfen, bis du die Mörderin vor ein frei Gericht gestellt.« – »Dein eigner Sohn Merovech ... –« – »Der Abtrünnige! Er kämpft wohl für seine Muhme gegen seinen Vater!« – »Nein! Aber auch er gedenkt des feierlichen Racheschwures. Nicht eher, bis über dieses Weib gerichtet ward, wirst du sein Antlitz wiedersehen.« »Es sei denn, ich komme und hole ihn mir aus dem Zelt der Gotin,« drohte der König grimmig. »In wenigen Tagen,« schloß Charigisel, »pochen sie an die Thore von Rouen, die Richter, die Rächer. – Jetzt, wenn du willst, – fahre fort, wo wir dich unterbrachen; der Priester ist vor Entsetzen geflohen: – dieses Weib ist mit Mordblut gesalbt, ist verflucht von allen Guten: – willst du es krönen zu deiner Königin, Herr Chilperich?« – »Reiß' ihm doch die Zunge aus,« mahnte Fredigundis. Aber Chilperich richtete sich hoch auf: er hatte sich gefaßt und gesammelt. – »Sie tragen die weißen Stäbe fränkischer Königsboten: – unverletzbar sind sie. Steigt wieder zu Roß, ihr Herren, und sagt meinem Bruder: ich werde Weib und Land zu schützen wissen gegen jene Rachewütige und gegen seinen Raubeinfall. Und meldet auch, was ihr zuletzt in diesem Dom gesehen. Knie nieder, meine Gattin.« Damit nahm er die Krone von dem Altar, drückte sie fest auf der knieenden Fredigundis Haupt, küßte diese auf die Stirn und sprach: »Ich brauche keines Priesters Hand dazu, steh auf nun, Königin der Franken.« Viertes Kapitel. Noch im Laufe des Krönungstages räumten Chilperich und die Seinigen Rouen. Die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten ließen keinen Zweifel, daß Sigibert in der That alsbald mit überlegener Macht vor den Thoren dieser Stadt stehen werde. Man mußte weiter östlich, im Herzen von Neustrien, eine sichere Stellung suchen, von hier aus den Heerbann aufbieten und den Widerstand ins Werk setzen. Die neue Königin konnte sich nicht des großen Festmahles freuen, welches die Stadt zu ihren Ehren veranstaltet hatte. Hals über Kopf mußten die Kostbarkeiten des Palastes zusammengepackt werden; mit überraschender Sicherheit, Einsicht und Ruhe leitete Fredigundis diese Arbeiten ihres Gesindes. Sie war damit fertig, lange bevor Chilperich seine schwankenden Anordnungen getroffen hatte. Sie trat zu ihm, ihre Hilfe anzubieten. »Hast du dir auch Geiseln geben lassen von der Stadt?« fragte sie. »Nein! Was sollen Geiseln? Die Stadt kann sich aus eigener Kraft nicht halten. Sie muß – vorübergehend – in des Feindes Hände fallen.« – »Gleichviel! Man kann sie doch dafür bestrafen, das heißt, die Geiseln nur um hohe Summen auslösen lassen. Wir werden viel Geld brauchen in diesem Kampf.« – »Du hast Recht wie immer. Aber – Gewalt? Wir haben wenige Gewaffnete bei uns. Ein Kampf in den Straßen ... –« – »Nichts davon! Ich werde die angesehensten Bürger, die reichsten! – in den Palast entbieten, – unter irgend einem Vorwand, ... laß sehen, ... ich hab es schon! Ich muß ihnen ja doch danken für das angebotene Festmahl! – Ich werde sie hier festnehmen und dir gebunden ausliefern.« Und so geschah's. Unter strömendem Regen zog gegen Abend der König mit den Seinen zu dem Nordthor hinaus auf der alten Römerstraße, die nach Amiens führte. Gegen Mitternacht erreichte man eine Sigibert gehörige Villa. Hier ward übernachtet. Die Leute derselben ahnten nichts von Feindseligkeiten zwischen den beiden Brüdern: sie waren sehr erstaunt, als sie sofort ergriffen und gebunden wurden. Am frühen Morgen des folgenden Tages wurde die fluchtartige Reise fortgesetzt. Als Fredigundis auf das Pferd gehoben ward, befahl sie, das ganze Gehöft anzuzünden. Die Bewohner desselben wurden als Gefangene mitgeführt an ihrem scharrenden Rappen vorbei; dann folgten die Geiseln von Rouen, drohende Blicke warfen diese auf die Königin. Sie achtete es nicht; aufmerksam musterte sie die Schar. »Wo ist Prätextatus?« fragte sie den König, als der Zug der Gefesselten an ihr vorüber war. »Im Gefängnis.« – »Wo? In welchem?« – »Nun, im Kloster zu Rouen.« Sie furchte die Stirn. »Das ist nicht wohlgethan, mein König. Mußtest ihn mitführen.« Chilperich schwieg. Sie weiß gar nicht,« dachte er, »wie sehr sie auch hierin recht hat. Aber mir ist es unleidlich, ihm – neben ihr – in die Augen zu sehen.« Zu Amiens ließ Chilperich seine Gemahlin unter dem Schutze Theudiberts zurück; er selbst eilte nach seinem nahen Hofe Baisu, wohin er die Aufgebote der nächsten neustrischen Städte beschieden hatte. Als wenige Tage darauf Theudibert im Auftrag des Vaters Fredigundis aufforderte, auch Amiens zu räumen und ihm noch weiter nach Norden zu folgen, stieß er auf heftigen Widerstand. »Wieder fliehen? Abermals weichen vor –! Warum denn? Erkläre mir doch, mein tapferer Sohn, was ist denn so Unwiderstehliches an diesem blondgelockten Schwäher, daß ihr ihm nicht standhalten wollt?« – »Wir können nicht! Wir müssen noch weiter zurück.« – »Erkläre mir das. Ich verstehe mich schlecht auf Schlachten und Krieg.« Theudibert zeichnete vor ihren Augen mit der Scheide seines Schwertes in den mit Sand bestreuten Weg des Gartens, in welchem sie wandelten. »Unsere Lage, Königin, ist übel, sehr übel. König Sigibert faßt uns von zwei Seiten. Sieh, hier im Osten ist sein Hauptland, Austrasien. Er hat die Stämme, die dort hausen, meist noch Heiden, aufgeboten: die Uferfranken von der Maas und Mosel, – Herr Karl und Herr Arnulf, erprobte Helden, führen sie –, die Hessen von der Lahn, die Thüringe von der Unstrut, die wilden Alamannen vom Neckar, die grimmen Bajuwaren von dem Inn: sie alle ziehen über Metz, Reims und Soissons von Osten gegen uns; Sigibert selbst aber, der von Chariberts Erbschaft manche Gebiete in der Provence, auch in Aquitanien, Tours, Poitiers und andere Städte, erhalten, drangt mit Ungestüm von Süden her uns nach! Schon soll Rouen – siehst du? hier etwa liegt es – sich ihm geöffnet haben.« – »Und alles Land südlich von Rouen?« – »Und westlich von Rouen ist uns verloren. Die Kelten in Bretannia, stets ein unsicherer Besitz, haben sich wieder einmal erhoben, sobald die Nachricht von diesem Krieg sie erreichte; sie haben des Vaters Grafen aus Nantes, Angers, Vannes und Rennes vertrieben, die eingebornen Häuptlinge ihrer Gaue haben Sigibert gehuldigt.« – »Sie werden ihm hoffentlich ebenso treu bleiben wie uns.« – »Herzog Drakolen von Chartres hat erklärt, erst wieder fechten zu wollen für den Vater, nachdem er dich vor Gericht gestellt: sein Eidam, Graf Theudulf von Le Mans, folgte seinem Beispiel.« Fredigundis zog ein Schreibtäfelchen hervor. »Theudulf heißt der? – Die Liste wächst! Drakolen, Sigila, Charigisel – jetzt Theudulf.« – »Was thust du, Königin?« »Ich zähle. – Ich gedenke stets in meinem Nachtgebet meiner Feinde – und Freunde! – Merovech? Bah, überflüssig! Meiner Stiefsöhne vergesse ich ohnehin nicht.« lächelte sie. »Weiter. –« – »König Sigibert hat auch Etampes und Meaux genommen.« »Ist er überall zugleich?« zürnte sie. – »Seine Königin Brunichildis hilft ihm mit dem ganzen Eifer der Rache. In Helm und Brünne reitet sie einher. –« – »Das thu' ich nicht. Sind mir zu schwer. Und stehen mir schlecht. Ich hab's versucht. Der Helm bedrückt mein Gehirn. Das brauch' ich sehr. Und mein Rat wiegt schwerer als mein Arm. – Auch bin ich weichlich, das ist leider wahr. – Jede kleine Wunde thut mir gleich sehr weh – weher als andern, mein' ich fast. Ich kann auch kein Blut sehen, nicht einmal von Tieren.« – »Und doch warfst du neulich einen Stein nach einem kleinen Vogel.« – »Das ist ein Haß-Gelübde. Die muß man halten. – Hat nun das gotische Mannweib irgend etwas erreicht in seiner Verlarvung?« – »Oh ja! Sie hat Beauvais mit Sturm genommen.« – »Sie! Zugesehen wird sie haben. –« – »Nein. Den ersten Anlauf schlug Bruder Chlodovech, der sich in die Stadt geworfen, zurück. Bei dem zweiten Angriff eilte die Königin an die Spitze der Ihrigen: – sie war die erste in dem eingeschlagenen Thor: sie ward verwundet.« »Wo? Im Gesicht?« Rasch, freudig kam die Frage. »Im Arm. Der Pfeil mußte tief herausgeschnitten werden.« – »Hör' auf! Wie gräßlich! – »Sie zuckte dabei nicht mit der Wimper.« »Woher weißt du das alles?« – »Graf Leo von Beauvais, den sie gefangen hat, stand dabei; sie hat ihm dann selbst die Wunden verbunden und ihn freigegeben gegen seinen Eid, in diesem Feldzug nicht mehr zu fechten.« – »Erzwungener Eid. Gilt nicht.« Theudibert sah sie erstaunt an. »Doch, Königin! Er mußte ihn ja nicht schwören; schwor er ihn, muß er ihn halten. Sie entließ ihn: – er ist ganz bezaubert von ihrer Huld und Herrlichkeit. Er eilte zum Vater, ihn zu bewegen, Frieden zu machen.« – »Fünftens: Graf Leo von Beauvais! – Bald ist das erste Täflein voll.« – »Kaum entkam Bruder Chlodovech aus der eroberten Stadt. Er warf sich nach Noyon. Hier belagert ihn das Heer der Königin, während Sigibert auf Amiens zieht. Du bist hier nicht mehr sicher. – Du sollst heute noch aufbrechen nach Arras, allein: ich darf dich nicht mehr begleiten. Ich muß... –« »Endlich ins Feld, dem Feind entgegen! Nicht mehr deinem Vater und deiner Stiefmutter fliehen helfen! Man sagt, du bist trotz deiner Jugend König Chilperichs bester Feldherr: allzulang hast du mein rot Gelock und meinen kleinen Fuß bestaunt. Hinaus zum Kampf! – Bring mir das Haupt dieses unwiderstehlichen Schwähers,« – hier sprühte das graue Auge Blitze, aber gleich darauf lächelte sie berückend, – »und nimm dafür einen mütterlichen Kuß.« Des Jünglings Antlitz überflogen Gluten, er fuhr empor – aber schwer erseufzend schüttelte er das Haupt. »Ich darf nicht fechten wider Oheim Sigibert. Du weißt, ich focht schon einmal gegen ihn in sehr – ungerechtem Auftrage des Vaters. Er nahm mich gefangen. Nicht einen Strohhalm gab man damals für mein Leben. Merowingische Oheime lieben es, ihre Neffen zu morden, wann diese noch als Kinder um ihre Kniee spielen. Und ich, – ich war Kriegsgefangener, gefangen bei treulosem Einfall in sein Reich! Er pflegte mit eigener Hand meiner Wunden, er gab mich frei – nur gegen den Eid, nie mehr das Schwert gegen ihn zu führen.« Heftig wollte Fredigundis entgegnen: aber sie sah den tiefen Ernst in des Jünglings Augen und bezwang sich. »Es ist noch zu früh,« sagte sie sich. »Der Vater sendet mich daher, weil ich nicht fechten darf, in wichtigstem Auftrag« – »An wen?« – »An Oheim Guntchramn von Burgund, der mich von jeher meinen Brüdern vorzog.« – »Wie andre Leute mehr, mein Lieblingssohn.« – »O schweig, und spiele nicht! – Gelingt es mir, ihn für dich – will sagen – für den Vater zu gewinnen, so ist noch Hoffnung.« – »Und wenn nicht?« – »Keine mehr! Des Vaters ganzes Reich ist ja fast schon in Feindes Hand, von größeren Städten sind nur noch unser Arras und Tournay: und – du vergissest wohl! – die Hauptmacht Sigiberts, die schrecklichen Austrasier; die Riesen aus dem inneren Germanien, sind ja erst im Anzug von Osten her. Tritt nicht der König von Burgund vermittelnd ein, sind wir verloren. Ich werde ihn bitten, sein Heer von Langres bis Melun – siehst du, so! – aufzustellen, den Austrasiern in der Flanke: – das muß sie abhalten, die Marne zu überschreiten – und also drohend Sigibert Frieden aufzulegen.« – »Ich merke, ich verstehe nichts von Krieg,« sagte sie unwillig. »Ich sähe dich aber lieber kämpfen, tapfrer Theudibert, als Bündnisse erbitten. Komm bald zurück und bring das Glück mit dir, das uns verlassen hat.« – »Das Glück? Das Glück bist du.« – »Gieb acht –! Laß meine Hand los – du thust mir weh« – sie stieß einen leisen Schrei aus – »meine Finger sind gar zärtlich.« – »Leb wohl! Du bist wie die Flamme: – nichts ist so schön und nichts ist so verderblich.« – Er eilte stürmisch aus dem Garten. – Lange sah ihm Fredigundis nach. »Das muß ein Ende finden. Bald! Er ist zu ungestüm. Chilperich hat schon Verdacht geschöpft – vielleicht auch gegen mich. Das wäre noch schöner! – Gestürzt, geköpft werden ganz unschuldig, um einen Stiefsohn, der mir fast verhaßt. – Ist sein Schwert wirklich nicht zu verwerten gegen ihn – den All-Besieger! – rasch fort dann mit dem Thoren! Ich habe dir's geschworen, du süß Geschöpflein unter meinem Herzen: Du sollst nicht lange leiden unter Stiefbrüdern.« Fünftes Kapitel. So reißend waren die Fortschritte der Feinde, daß die Königin auf dem Wege nach Arras von eilenden Boten ihres Gemahls aufgefordert wurde, über diese Stadt, die auch gar bald bedroht sein werde, hinaus gleich bis nach Tournay zu ziehen. Auch Noyon sei schon gefallen: Chlodovech, vorher aus diesen Mauern entwischt, wolle unter den Wällen von Arras eine Feldschlacht wagen an der Spitze der von Chilperich einstweilen gesammelten Kräfte. – Die fluchtartige Reise von Rouen bis Tournay hatte die junge Frau angestrengt, sie konnte schon lange nicht mehr reiten. In der Sänfte ward sie über die Zugbrücke getragen, die über die Schelde in die enge, schmutzige, unwirtliche Burg Tournay führte, die eben fast nur Feste, keine Stadt, war und in dem alten, schmalen, turmähnlichen Palatium sehr wenig Behaglichkeit darbot. Rulla pflegte mit liebender Sorgfalt die Herrin. Die Dienerin und das übrige Gefolge hatten den Mut sinken lassen. Fredigundis nicht: sie richtete ihre Begleitung auf. »O Herrin,« hatte Rulla nach dem Einzug in Tournay gejammert, »einem Grabgewölbe gleichen diese hohen, dunkeln Mauern. Eine üble Vorbedeutung!« – »Du meinst für die schwere Stunde, die mich erwartet? Sei ruhig, Nachbarskind. Die Großmutter hat mir geweissagt, ich werde viele Söhne gebären: so kann ich unmöglich bei der Geburt des ersten sterben.« – Geraume Zeit – schon waren es Wochen und Monde, und mehr als acht Monde, seitdem Sigibert Frau Brunichildis sich vermählt – gelangte gar keine Nachricht von den Dingen draußen nach Tournay: das schien ein gutes Zeichen, das Vordringen der Feinde mußte zum Stehen gebracht sein. Und also war's. Es war Winter geworden: Schnee und Eis und der Zustand der Straßen machten die Fortführung des Krieges den Angreifern unmöglich: Winterfeldzüge waren jener Zeit fremd. – Und überraschend traf in einer Nacht der König in Tournay ein: »Rasch, man wecke die Königin,« rief er. »Führt mich schnell zu ihr. Wir haben gesiegt.« »Zu guter Stunde,« rief ihm Rulla entgegen, »kommst du, Herr König, mit dieser Nachricht. Die Königin hat dir soeben einen Sohn geboren.« Chilperich stand am Bette Fredigundens, sie legte ihm das Kind in die Arme, ihr Auge strahlte vor stolzer Wonne. »Ein prächtiger Thronerbe!« rief er. »Graue Augen! Und welche Fülle von roten Haaren! Im Siege geboren. Ich hätte Lust, ihn, seinem Oheim zu Ehren, Sigibert zu nennen.« Fredigundis zuckte. »Nicht doch! – Samson soll er heißen, weil er seine Feinde zerschmettern wird. Nicht wahr? Ich sagte es dir: es ist ein Sohn. – Aber was ist's mit dem Siege?« »Chlodovech, der wackere Junge, – er liebt dich nicht, aber auch nicht Brunichildis, Wie der andre, das ist auch was wert! – hat Sigiberts Vorhut, die sich allzukeck vorgewagt, überfallen und zurückgeworfen. Nun beschränken sich die Feinde darauf, Arras zu umschließen, das sich wacker wehrt unter meinem tapfern Herzog Boso. Chlodovech will demnächst die Stadt entsetzen in offener Feldschlacht. Mich trieb die Sehnsucht, die Sorge um dich hierher, als mein eigener Siegesbote dir's zu melden. Und denke dir nur, was uns Bruder Sigibert hat anbieten lassen: er lebte von jeher –, und seine Gotin bestärkt ihn darin wohl – mehr in den Vorstellungen der alten Sagenkönige, wie Dietrich von Bern etwa, denn wie ein Fürst der jetzigen Franken. Höre nur, was ihm nun wieder einfällt! Um das Blut der Krieger, das an vielen Orten zugleich fließe, und das Elend des Volks, das unter langem Kampf schwer leide, zu sparen, schlägt er vor, ich solle ein Schlachtfeld wählen, auf dem unsere Heere an Einem Tag, auf Einen Schlag den Streit entscheiden sollen. Das sei alte Heldensitte unserer Ahnen! Ich ließ ihm sagen, ich sei aber kein Ahn, sondern ein Enkel. Fällt mir gar nicht ein! Gewiß verlöre ich jene Schlacht und damit die Schätze und alles. Nein, nein! Wir führen den Krieg fort ohne solche Thorheiten der Sage!« Aber die Freude sollte von kurzer Dauer sein. Kaum hatte die junge Mutter, die jetzt schöner war als je zuvor, – Chilperich wich nicht von ihrer Seite – den Säugling an der Brust, die ersten Schritte durch die Halle gewagt, als Eilboten dem Königspaar berichteten, Chlodovech sei bei Arras geschlagen und fliehe mit den Trümmern seines Heeres nach Tournay. Arras werde hart bedrängt. Bald kam Chlodovech mit seinen Scharen nach; nur ein Teil derselben konnte Aufnahme finden; die Vorräte in der Festung reichten nicht gar weit. Trotzig weigerte sich Chlodovech, Fredigundis und sein Stiefbrüderlein zu sehen. »Die rote Hexe ist schuld an all' unserm Unheil!« schalt er. Chilperich wollte ihn zwingen mit Gewalt, aber Fredigundis lächelte: »Laß doch, Schätzchen! Willst du deinen einzigen Feldherrn, unseren besten Verteidiger, einsperren? – Geduld! – Der Trotzkopf steht längst auf der Liste meiner Feinde, für deren Bekehrung ich täglich bete und plane. Aber wo bleibt Theudibert, mein zärtlicherer Sohn?« Gerade noch bevor die Sieger von Arras heranrückten – schon streiften ihre Reiter bis an die Thore – und Tournay umlagerten, gelangte der Ersehnte in die Festung. Er brachte schlechten Trost, üble Nachrichten. König Guntchramn hatte jede Hilfe abgeschlagen. Theudibert überbrachte außer diesem mündlichen Bescheid einen Brief seines Oheims an seinen Vater. »Es ist wahr,« sagte Chilperich, das Schreiben durchfliegend, »ich hab ihm manche Stadt wegzuschnappen versucht da unten an der Rhone. Er schreibt, ich sei wohl aus Angst vor dem Blonden verrückt geworden, daß ich ihm zumute, mir zu helfen? ›Ich würde,‹ schließt er, ›mit dem Blonden zusammen dir deine roten Haare zausen, hätte mich nicht seine Gotin gekränkt. Die hochfahrende Königstochter hat auch über mich die Nase gerümpft, weil ich mir gern Frauen und Mägdelein von niederem Stande geselle, die nicht so anspruchsvoll sind, wie Königstöchter, und leichter zu wechseln.‹ – Nämlich: unser Dicker zu Orléans ist bei aller Frömmigkeit doch auch ein Freund von weißen Gliedern, wie...« – »Wie die gelehrtesten Theologen – von Merowingen-Blut.« »Er sagte,« berichtete Theudibert, »er finde die Forderungen Sigiberts und Brunichildens ganz gerecht. Warum sich Fredigundis nicht stelle, falls sie schuldlos sei?« »Weil ich nicht will,« fuhr Chilperich auf. »Das hast du ihm doch gesagt?« »Gewiß, mein Vater,« erwiderte Theudibert, der kaum das Auge von Fredigundens Antlitz trennen konnte, »Und ich machte ihm einen Vorschlag, den er Oheim Sigibert empfehlen wollte.« – »Welchen Vorschlag?« – »Es genügt nicht, daß Frau Fredigundis schwört... –« – »Ich bin bereit dazu, ich sagt' es längst,« Chilperich sah sie zornig an: »Ich verbiet' es dir aber.« – »Auch zweiundsiebzig unbescholtene freie Franken müßten als Eidhelfer schwören, daß sie ihren Eid für rein und nicht für mein halten und... –« »Du meinst,« fragte Fredigundis, »das arme Hirtenkind findet nicht so viele Männer, die ihm glauben?« Ihr wehmütig Aussehen dabei, ihre rührende Stimme wirkten wie Zauber auf den Jüngling. »Deshalb – statt des Eides, – schlug ich vor gerichtlichen Zweikampf.« Sein Auge leuchtete, seine Wange glühte, seine Brust hob sich mächtig. Fredigundis hatte Mühe, ihre Freude zu verbergen. Aber Chilperich rief unwillig: »Unsinn! Ich bin kein Mann des plumpen Schwerterschlags!« – »Du nicht Vater! – Aber... –« – »Nun, wer sonst als der Muntwalt ficht für ein Weib?« – »Ein freiwilliger Kämpe.« – »Und wer wollte das ... – ?« – »Ich; wenn ich darf, wenn sie es annimmt – im Gottesgericht – für sie!« – »Ich nehm' es an!« – Blitzschnell fuhr Chilperich, der starr auf seinen Sohn geschaut hatte, herum. »So willst du seinen Tod?« Ein peinliches Schweigen entstand. Bestürzt sah Theudibert auf seinen Vater. Dieser ward blutrot und biß die Lippe. Fredigundis fand zuerst ein Wort: »Wie meint das mein Gemahl?« Ganz kühl kam die staunende Frage heraus. »Nun weil ... – weil! – Der Junge ist Sigibert nicht gewachsen.« – »Aber Gott giebt dem Recht den Sieg!« rief Theudibert mit flammendem Blick auf die ruhig Lächelnde. – »Und sein Eid?« »Bezieht sich nur auf Krieg,« fiel Fredigundis rasch ein. – »Wie lautet die Wortfassung?« fragte Chilperich, in dem die Neigung zu dialektischen Unterscheidungen erwachte. – »Nie mehr im Krieg das Schwert gegen ihn zu heben.« – »So kämpfe auch hier, in Tournay, gegen ihn – mit der Streitaxt,« rief Fredigundis. »Nicht übel,« lachte Chilperich. »Aber vom Gottesgericht will ich nichts mehr hören. Das merkt euch beide! – Ein merkwürdig Geschöpf,« murmelte er. – »Ich muß ergründen, worauf gestützt sie also umzuspringen wagt mit Gott und seinen Heiligen, mit Eid und mit Ordal. – Was sagte Bruder Guntchramn noch?« – »Er habe Oheim Sigibert geschworen, solange dieser lebe, nicht mehr gegen Austrasien zu handeln.« »Wer lebe?« fragte Fredigundis rasch. – »Nun, Oheim Sigibert.« – Fredigundis nickte nachdenklich. – »Und der ist der Jüngste von uns!« rief Chilperich in komischem Verdruß. – »Geh nun, mein Sohn. Suche den Trotzkopf Chlodovech zu besserer Sitte zu bringen gegen diese schöne Frau. Geh, ich habe mit der Königin zu reden.« – Mit einem erstickten Seufzer neigte sich der Jüngling und ging. Der Vater sah ihm nach. »Sage, Gundelchen, hast du keine Schwester?« lachte er dann. – »Wie du weißt: nein. Dank den Heiligen!« – »Warum willst du keine?« – »Nicht wahr, eine jüngere, womöglich? Dann würdest du ihr ebenso den würdigsten Mann in deinem Reich aussuchen, wie dein Vater zuliebe der einen Schwester gethan, und sie neben mir heiraten.« Chilperich schmunzelte wohlgefällig. »Hi, hi! Nein, aber meinem Herrn Sohn Theudibert würd' ich sie geben! – Nun, einstweilen ist es ganz gut so... – ich bin deiner ja sicher.« – »Ja. Du weißt, ich lebe gern. Jetzt erst recht.« Sie drückte den Säugling an den schönen Busen. – »Wenn er doch seinen Eid leichter nähme, etwa so leicht, wie du Eide nimmst, Gundelchen.« – »Was willst du damit sagen?« fragte sie sehr ruhig. »Nun, ich meine ja nicht gerade eigene!« – so wich er aus. – »Aber fremde! Das mit der Streitaxt gefiel mir.« Ganz langsam sprach nun die junge Mutter: »Auch einen eigenen Eid zu brechen oder wissentlich Falsches zu schwören, würde ich mich nicht besinnen, falls der Einsatz, der Gewinn hoch genug.« – Erschrocken sah sie Chilperich an: »Höre du, das ist seltsam! Du bist so wehleidig im Leben: – du schreist bei einem Nadelstich – und die brennenden Höllenstrafen, die ewigen? Die scheust du nicht?« – »Die kauf' ich ab. – Ja, ja! Es ist ganz ersprießlich, Männchen, daß wir auch einmal solche Dinge bereden! Nicht schon wieder küssen, du Unersättlicher! Gieb acht! – Du bist ein gelehrter Theolog und Dialogiker« – »Dialektiker!« – »Das ist mir all Eins! Ich bin ein ungeschultes Weib. Aber ich habe mir aus den Einrichtungen der heiligen Kirche allmählich – als Kind schon fing ich an, die Großmutter half dabei! – eine Lehre gezogen, die ist ohne Zweifel streng folgerichtig. Und die hebt ihren gläubigen Bekenner hoch über alle Schranken, welche die thörichte Menschheit mit Höllenfurcht einpferchen. Gieb acht, mein Schätzchen. Es ist Fredigundens beste Gabe, und viel mehr wert als diese Schönheit, welche – leider! – einmal welken wird. Also merke! – Das Allerschrecklichste wäre, wenn mit dem Tod alles aus wäre.« – Sie schauderte, Frost schüttelte sie, sie bedeckte die Augen mit den Händen. »Gewiß! Aber das ist doch nicht der Fall ... –« »Manchmal – in schlafloser Nacht – beschleicht mich dieser Gedanke. Er würgt mich. Er drückt mir vor Angst die Kehle zusammen: ich muß schreien. Kalter Schweiß bricht mir aus. Ich will leben. Ich muß leben! Leben! Auch ohne Seligkeit will ich leben, wie jetzt! Vernichtung! Nicht mehr sein! Ich, die ich ›Fredigundis‹ zu mir sage, – dieses liebe Ich da drinnen, das ich so gern habe, das sollte nicht mehr sein! Das ist Verzweiflung! Das ist unerträglich!« – Sie sprang auf und riß das Kind von der Brust. Es schrie heftig. »Aber Fredigundis!« Er nahm ihr das Kind ab und wiegte es leise summend auf den Knieen. – »Beruhige dich doch! – Das Kind!« Sie war raschen Schrittes auf und nieder durch die Halle gestürmt. Ihr Herz klopfte so stark, daß ihr Busentuch zitterte. – Nun blieb sie stehen. »Verzeih! – Es ist das einzige, was ich fürchte.« – Sie öffnete die Thür in das Nebenzimmer. »Rulla, nimm den Kleinen. – Er soll jetzt nicht die Milch ... dieser Schrecknisse trinken.« Als die Dienerin mit dem Kinde verschwunden war, setzte sie sich nieder. »Das – das könnte mich einmal wahnsinnig machen! – Aber –« nun lächelte sie schon wieder – »es ist ja nicht so! Die Seele ist unsterblich, so lehrt die heilige Kirche. Nicht gerade alles glaub ich, was sie lehrt ... –« »Ich aber!« sagte Chilperich ernsthaft. »Man muß. Unglaube ist Sünde. Ich mag nicht in die Hölle.« – »Aber das – von der Unsterblichkeit – glaub' ich, weil das Herz schreiend, brünstig, ja nochmal: – schreiend! danach verlangt, wie die Brust nach Luft, nach Atem.« Chilperich sah ruhig vor sich nieder: »Ersticken, erstickt werden, muß doch arg sein.« Fredigundis hatte es nicht gehört; sie fuhr fort: »Also die Seele ist unsterblich. Warum? Weil ein Gott lebt, der unsterblich ist und dem ersten Menschen seinen unsterblichen Atem in die Nase geblasen hat. Wäre kein Gott, so wären keine unsterblichen Menschen.« »Wenn aber kein Gott wäre und doch Menschen, was dann?« fragte Chilperich. »Siehst du, das nennt man Kasuistik.« – »Wäre kein Gott, und wären doch Menschen, dann wären die Menschen sterblich, etwa wie die Tiere oder die Pflanzen, die vergehen.« – »Wie wären dann aber Menschen entstanden?« »Das weiß ich nicht,« rief sie, ungeduldig über diese Fragen. »Ist mir auch ganz gleich. Da – ohne Zweifel – Gott lebt, ist also die Seele unsterblich. Nun handelt sich's darum, daß es ihr nach dem Tode ewiglich so gut geht wie möglich. Das zu erreichen giebt es zwei Mittel: entweder alle Gebote Gottes und der Kirche erfüllen. Dabei lebst du elend wie ein Hund ... –« »Oder wie ein Heiliger,« meinte Chilperich, »was aber hierin dasselbe.« – »Alle klugen Menschen lachen dich aus, trinken und küssen und lachen und listen und herrschen über die Güter der Erde, während du dich elend kasteist, jeden Wunsch, dessen Erfüllung allein das Leben des Lebens wert macht, unterdrückst und der Fußschemel der Weltlinge bist. Und – gieb acht, das ist noch das Ärgste dabei! – giebst du dir auch alle Mühe, – du kannst doch nicht alle Gebote erfüllen, alle Sünde meiden. Schon wegen der Erbsünde! Es müssen doch Christus und die Heiligen dich losbitten bei dem Himmelsherrn. Auf deren guten Willen bleibst du also doch angewiesen, auch bei dem elendesten, wollte sagen: frommsten Leben. Oder: – das ist der andere Weg! – Du lebst nach deines Herzens Gelüsten, genießest, was dich freut, beherrschest durch Gewalt und List – und Falscheid – davon gingen wir ja aus! – die dummen Menschen – und hinterher kaufst du dir der Heiligen Fürbitte. Nur eben reich mußt du sein, um den Heiligen viel schenken zu können. Je reicher du bist, je kühner darfst du also sündigen.« Chilperich schüttelte den Kopf. »Die Priester lehren aber ...–«– »Allerlei! Ich weiß wohl! Sie sagen auch, die Werke ohne den Glauben thun's nicht. Nun gut: ich glaube ja! Sie sagen ferner: ›Du mußt die Sünde bereuen!‹ Nun gut: ich bereue ja, sobald ich sie – genossen! Es ist mir leid, daß es Sünde ist, wäre es nicht Sünde, wär's mir – wirklich! – lieber, weil wohlfeiler. Und ausdrücklich hat mich unser Priester gelehrt: und hätte Einer Vater und Mutter gemordet, und tausend Falscheide geeidet – die Fürbitte der Heiligen kann ihn losbitten. Nur gewinnen muß er sie. Er kann sie aber gewinnen, stiftet er Klöster und beschenkt er die Heiligen und ihre Kirchen reich genug. Man kann ja – wenn man Königsschätze hat – so unermeßlich schenken, daß sich die Heiligen bitter schämen müßten in ihre undankbaren Herzen hinein, ja daß es schreiend ungerecht wäre, bäten sie ihren Wohlthäter, ihre Gönnerin nicht los. Siehst du, Männchen? Auf diesen festen Bau – nicht ein Steinchen, kannst du herausbröckeln mit deiner ganzen Dialogik ...« – »Dialektik!« – »Das ist mir gleich. – Auf diese unerschütterlichen Sätze habe ich all' mein Handeln gegründet. Bis zur Frankenkönigin und Mutter eines Kronerben hab ich's damit gebracht vom Ziegenhüten aufwärts. Dadurch hoff' ich zu herrschen über die Menschen, alle meine Feinde unter meine Füße zu treten und nach freudigem Leben doch an der Hölle vorbeizuhuschen und den Heiligen ihre Gnade so sicher abzukaufen wie dem Syrer ein Stück Seide, das ich ihm bar nach seiner eigenen Preisforderung bezahlt. Man muß nur, wie gesagt, so reich schenken, daß es eine sündhafte, eine unverschämte Habgier der Heiligen wäre, zu erklären, es lange immer noch nicht – und die dürfen sie nicht begehen, dafür sind sie ja heilig!« –Chilperich sprang auf und küßte seine Frau auf die weiße Stirn. »Überzeugend! Unvergleichlich! Ein Stümper bin ich in Vergleich mit dir. Das nenn' ich einmal praktische Theologie. – Aber höre du! Eins ist mir doch bedenklich. Wenn sich solche Weisheit einmal gegen mich wendet . . –« »Aber Chilperich, dummes Männchen!« lachte sie und zauste ihn am roten Krausbart. »Du bist der starke, der einzige Ast, auf dem ich klein rot Eichhörnlein keck und lustig mich wiege – unter mir der Abgrund voll ungezählter Feinde, die Tiefe, aus der nur du mich emporgerissen: – werde ich den Ast zernagen, der allein mich trägt? Nein, deine Feinde sind die meinigen allerwege. Was soll mich von dir hinweglocken? Macht und Glanz kann mir nur von dir kommen.« »Aber eine andere Liebe?« forschte er. »Ich bin dreiundvierzig Jahre – du ... –« – »Darüber sei ganz ruhig. Frage Rulla. Die kennt mich. Ich bin nicht verliebter Art. Wär' ich's, hätt' ich nicht gewartet, bis du kamst, mich zu holen.« Sechstes Kapitel. Am folgenden Tage schlossen die Belagerer die Festung von der Landseite her ein, nur der Verkehr auf der Schelde blieb noch frei: die Feinde verfügten nicht über Schiffe. Chilperich beeilte sich, solange diese Straße noch einigermaßen offen war, Boten, die zur Nacht über den Fluß schwammen, nach allen Richtungen auszusenden, um seinen Gesandten entgegenzueilen, die er schon vor Monaten ausgeschickt hatte zu den Langobarden in Italien, zu dem Kaiser in Byzanz. Ja, die heidnischen Avaren, die Sachsen und Friesen hatte er gegen reiche Schätze erkaufen wollen, dem Bruder in den Arm zu fallen. Schon war der Hunger eingekehrt unter der Bevölkerung. Chlodovech wollte die Frauen und Kinder, die nicht Wehrfähigen überhaupt aus der Burg treiben: aber auf der Landseite wurden dieselben von den Belagerern zurückgewiesen und gleich am zweiten Tag der Einschließung sperrten diese den Fluß oberhalb und unterhalb der Stadt durch hölzerne Wehren so wirksam, daß Schiffe nicht mehr verkehren konnten. Auch Schwimmern ward es nun sehr schwer, zu entkommen. Ärgerlich berichtete Chilperich diese Verschlimmerung ihrer Lage seiner Königin. – »Seltsam ist, ...« – schloß er, nachdenklich und die Finger der linken Hand auseinanderspreitend – »Aha,« unterbrach seine Gattin. »Jetzt kommt ein Stück Kasuistik!« – »Oder doch Meditation. – Seltsam ist: der Mensch kann auch zuviel von einer Tugend haben.« – »Gewiß. Zum Beispiel Großmut. Oder Tapferkeit.« – »Liebe zu den Eltern ist doch eine Tugend? Zugegeben? Gut! Diese Tugend führt heute zwei wackere Sühne an den Galgen. Lebt da hinter der Basilika des heiligen Aper von Toul ein steinaltes Ehepaar, freie Franken, haben ein Gütchen vor der Stadt an der Schelde. Sonst haben sie nichts. Hungern schon elend seit vielen Wochen. Denn die Basilika muß ihre knappen Vorräte zunächst den eigenen Unfreien und Freigelassenen spenden, zu deren Ernährung sie das Gesetz verpflichtet. Die Alten wurden krank vor Hunger. Nun haben sie zwei Söhne. Die konnten den Jammer nicht mehr mit ansehen. Sie brachen nachts in die Basilika, wo die Brote aufbewahrt werden unter dem Altar – bei den Reliquien: – denn jetzt sind die Brote wichtiger und beinahe so kostbar wie die Gerippe der Heiligen. Auf dem Rückweg stießen sie auf Priester; da diese Lärm machten, erschlugen sie den einen, verwundeten den andern, flohen zu ihren Eltern und brachten ihnen allein das entwendete Brot. Nicht einen Bissen davon haben sie für sich genommen,« – »Woher weiß man das?« – »Weil sie das Haus gleich wieder verließen, die Wache auf den Wällen zu beziehen. Dort wurden sie, – der Verwundete hatte sie erkannt, – verhaftet, wie die Alten in der Hütte, die Hehler und Verzehrer der Deube. Die gestanden alles. Nun wird es ihnen übel ergehn. Die Priester der Basilika bestehen auf ihrem Recht: Erbrechung, Schändung des heiligen Altars! Auch ist ein Fingernagel der heiligen Genoveva dabei in Verlust gegangen. Sie müssen wohl alle vier sterben.« Da stürmte Chlodovech in das Gemach; er warf nur einen Blick auf die Königin: »Ich muß Euch leider sehen – Frau Fredigundis! Die Not zwingt. Bald werden wir wohl ohnehin alle in Einem Kerker liegen! Schlimme und schlimmere Nachrichten alle Tage! Herzog Gundovald, der die Belagerer befehligt, hat deine rückkehrenden Gesandten aufgefangen, die du zu den Langobarden und nach Byzanz geschickt: er hielt sie aber nicht zurück! – Er sandte sie herein. Denn die Langobarden lassen dir sagen, du habest ja das Gold behalten, das sie dir für Waffenhilfe gegen die Byzantiner vorausbezahlt, und habest nichts dafür gethan. Und die Byzantiner .. –« »Kann mir schon denken,« unterbrach Chilverich verdrießlich. »Die sagen wörtlich dasselbe – aber ganz wörtlich!« rief Chlodovech. »Als ob sie's verabredet hätten. Erstaunlich!« »Dabei ist gar nichts zu staunen,« brummte Chilperich. »Ich hatte es eben mit ihnen genau gemacht wie mit den Langobarden.« – »Auch deine Boten an die Friesen und Sachsen sind zurück, und von Gundovald selbst in unsere Thore geschickt. Die Friesen haben deine Gesandten gar nicht angehört. Und die Sachsen gaben zur Antwort: »Krieg von Bruder gegen Bruder sei den Göttern der verhaßteste Greuel.« – »Die frechen Heiden! Wollen einen frommen christlichen König belehren? Ein Jahr lang hab' ich Moralia studiert.« »Bloß der Chan der Avaren ...–« – »Was ist mit ihm? Woher weißt du ...?« – »Der Bote, den du zu ihm gesandt, ist unvermerkt vom Feinde zurückgekommen – er tauchte unter der Schelde durch. Der Avare will dir beispringen, wenn ... –« – »Nun was?« – »Wenn du ihm Sigiberts thüringische Lande bis an den Main gewinnen hilfst.« – »Mit Freuden!« – »Mit Freuden? Die Thüringe sind Germanen wie wir.« – »Aber nicht meines Reichs.« – »Es sind schon viel Christen darunter.« – »Denen mag also der Herr Christus helfen. An ihn glauben sie, nicht an mich.« – »Ach Vater! Bis die Avarengäule über den Rhein schwimmen, sind wir in Tournay längst verloren. Die Vorräte schmelzen zusammen ... –« Da eilte Theudibert herein; gegen seine Art suchte sein Auge diesmal nicht zuerst Fredigundens, sondern des Vaters Blick. Tiefe Trauer lag auf seinen Zügen. »O Vater!« rief er, »Unheil über Unheil.« »Was giebt es schon wieder?« fragte Chilperich unwillig. »O Vater! Ich hatte oft gewarnt, die Königsstrenge nicht ins Maßlose zu übertreiben, ins Grausame hinein. Jetzt geht die Aussaat deiner Thaten auf.« – »Verfluchter Prediger! Was ist geschehen?« – »Die freien Franken fast aller deiner Gaue haben getagt und Beschlüsse gefaßt und Gesandte geschickt an Oheim Sigibert und haben ihm – deine Krone angetragen.« »Was?« schrie Chilperich außer sich. »Die Treuverräter! Ich lasse sie alle blenden. – Bah, sie stehen eben unter seinem Druck. Er hat sie gezwungen.« – »Nein, Vater. Auch die Städte, die Gaue, die keiner seiner Krieger bedroht. Sie haben erklärt, du habest oft das Recht der Freien gekränkt, habest dein Königswort gebrochen, und ungezählte Grausamkeiten verübt gegen Männer und – Gewalt gegen Weiber. Sie seien dir Treue nicht mehr schuldig. Ihn, den tapfern und milden und gerechten Herrn, wollten sie sich zum König kiesen, wenn er ihre Huldigung annehmen wolle.« »Hi, er wird schon wollen, der Blonde!« lachte Chilperich grimmig. »Er erbat sich Bedenkfrist.« – »Der Heuchler!« – »Er befragte seinen Beichtiger – den Bischof von Rouen...« – »Den alten, vom Schlage gerührten?« – »Nein! Weißt du's noch nicht? Der Alte ist gestorben: an dessen Statt ist Prätextatus, von Sigibert aus der Haft befreit, von Klerus und Volk von Rouen zum Bischof erkoren. – Er ist des Oheims Berater in geistlichen und ... –« – »Wie es scheint, auch in sehr weltlichen Dingen! Hätt' ich ihm doch damals, solang ich ihn noch hatte, den weisen Kopf herabgeschlagen! Um allzuviel weiß dieser Priester.« – »Prätextatus gab den Ausspruch ab: nach dem, was er von dir wisse – zumal in Rücksicht auf Fredigundis und deine Weigerung, sie vor Gericht zu stellen – seiest du unwürdig, über ein christlich Volk zu herrschen und der Oheim thue kein Unrecht vor Gott und Menschen, wenn er dir das Reich nehme, das sein sieghaft Schwert und des Volkes freie Wahl ihm gewonnen. So erklärte der Oheim seine Zustimmung. Und demnächst soll er nun von deinem ganzen Volksheer, soweit es nicht hier in Tournay eingeschlossen liegt, – auch Arras hat sich ihm ergeben – feierlich zum König von Neustrien ausgerufen und auf den Schild erhoben werden.« »Und wo – wo ist – wo steckt – er?« So schrill scholl diese Frage, daß die drei Männer betroffen sich wandten. Fredigundis hatte geschwiegen während all' dieser Meldungen. Sie war nur geräuschlos mit raschen, kleinen Schritten in dem Gemach auf- und niedergegangen, manchmal plötzlich stehen bleibend. Jetzt war sie dicht vor Theudibert getreten; sie war sehr blaß: ihre feinen Nüstern zuckten, sie hatte die langen, schmalen Finger der beiden Hände fest ineinander gedrückt. »Im Hofe Vitry bei Paris. Dort soll, nach uralter Frankensitte, die feierliche Erhebung auf den Schild geschehen. Graf Theudulf von Le Mans, der Eidam Herzog Drakolens, und Kämmerer Charigisel werden vor allem Volk den Vorschlag laut verkünden.« »Wohin? wohin, Fredigundis?« rief der König. »Du verläßt mich mit deinem klugen Rat in dieser schweren Stunde?« »Der Knabe! – Samson! – Mir ist, ich hör' ihn mahnen! – Die Mutter muß – für ihr Kind – sorgen!« Sie war verschwunden. »Die Scharen,« fuhr Theudibert fort, »die bisher vor Arras festgehalten waren, sind im Anrücken gegen uns.« »Wider solche Übermacht ist dann Tournay nicht mehr zu halten,« rief Chlodovech. »Und wer zog uns diesen ganzen Strom von Unglück zu? Das rote Weib!« »Ich wollte das letzte nicht sagen vor – ihr! Herzog Gundovald verhandelte mit mir vor dem Scheldethor. Er hat mir all das berichtet, die Briefe gewiesen; die Grafen, die Arras bezwungen, sprach ich selbst. Er bot im Namen Sigiberts uns Männern allen freien Abzug unter Sicherung des Lebens: nur sie, – nur Fredigundis müßten wir vor Gericht stellen.« »Niemals!« rief Chilperich. »Und wir Söhne müßten auf das Erbe des Vaters verzichten, nicht?« schrie Chlodovech, »Sigibert als König von Neustrien anerkennen? – Niemals! O Vater, siehst du noch nicht ein, daß dieses Weib« – Aber Chilperich war schon fort: er war Fredigundis nachgeeilt. »Ja Bruder, es ist wahr,« sprach langsam, fast feierlich Theudibert, »sie ist unser Verderben. Aber uns retten, indem wir sie opfern, – das kannst auch du nicht raten.« Chlodovech zuckte ungeduldig die Achseln. »Horch! die Türmer blasen! Die Feinde gehen zum Sturme vor.« Er zog das Schwert. »Ich eile auf den Wall.« »Und ich?« rief Theudibert in tiefem Schmerz. »Ich, statt zu fechten, eile in die Kirche, zu beten. – Ich weiß kaum, was ich beten soll. – So elend bin ich in der Seele.« Am Abend dieses Tages stand Fredigundis in der Krypta der Burgbasilika vor dem geöffneten Reliquienschrein. Zwei Männer knieten vor demselben und legten die Schwurhände auf die Heiligtümer darin; nur trübes Licht verbreitete eine Ampel in dem gruftähnlichen, nach Moder riechenden Raum. »Steht auf! Ihr habt geschworen. Nun hört auch meinen Schwur« – und sie ergriff mit der kleinen weißen Hand einen Totenschädel und hob ihn in die Höhe: »laßt ihr das geringste unerfüllt an eurem Eide, so laß ich euren Vater und eure Mutter Glied für Glied mit glühenden Zangen zerreißen, so wahr ich hier in die Augenhöhlen Herrn Apers, dieses großen Heiligen, greife. Ja, hört noch mehr. Beim Leben meines Knaben schwör ich's euch: das ist mir das Höchste. Nun werdet ihr es wohl glauben. – Geht nun sofort! Ich hab' euch frei Geleit erwirkt bei Herzog Gundovald als Überbringern meiner Bittschrift an ... ihn. Hier sind meine Briefe an ihn und an sein ... Weib, in welchem ich ihrer beider Gnade anflehe. Zeigt sie Herzog Gundovald! – Und hier« – sie blickte scheu um – »hier sind die beiden Messer. – Hütet euch aber! – Das Gift in den eingeritzten Runen ist furchtbar: – ritzt ihr euch nur die Haut mit diesen Skramasachsen, seid ihr tot, rettungslos. – Und merkt euch die Namen der andern: – Sigila, Charigisel, Theudulf! Werdet ihr ergriffen, so trefft euch rasch noch selbst: dann seid ihr schmerzlos tot. – Entkommt ihr aber mit dem Leben, so will ich euch reich und mächtig machen vor allen Franken.« Siebentes Kapitel. Noch einige sehr schwere Wochen gingen hin über die in Tournay Eingeschlossenen. Immer drückender ward der Mangel; Seuchen brachen aus in der hungernden Bevölkerung; auch die Besatzung war auf das Notdürftigste beschränkt; alle Pferde der Reiter waren längst geschlachtet und verzehrt. Die verstärkte Macht der Belagerer bedrängte Tag und Nacht, sich ablösend, die Verteidiger der Wälle, die Hunger und Wachen entkräfteten. In den letzten Tagen hatten die Feinde einen Holzturm gebaut, der die äußere Umwallung an der niedersten Stelle überhöhte, und denselben, trotz aller Gegenanstrengungen der Verteidiger, auf seinen Rädern so nahe an die Mauer geschoben, daß nur noch der schmale und nicht tiefe Festungsgraben, dessen Wasser – aus der Schelde – längst von den Belagerern abgeleitet worden war, mit Reisig ausgefüllt zu werden brauchte: dann konnte man von dem Turm aus die Fallbrücke auf die Zinnen werfen; dies war für den nächsten Morgen vorgesehen. – Gegen Mitternacht erschien Chlodovech vor dem König oben in der Hochburg. »Vater,« sprach er kurz, »du mußt wissen, was bevorsteht. Ich wage einen Ausfall, den letzten. Gelingt es, den Turm in Brand zu stecken oder umzustürzen, so ist noch ein kurzer Aufschub gewonnen. Mißlingt es, so fällt sofort die Stadt; die Burg ist dann auch nicht zwei Tage mehr zu halten.« »Ich will diesen letzten Ausfall führen,« sprach der König entschlossen. – »Nein, Vater, du mußt des Befehls in der Burg walten; all unsere Grafen sind wund oder krank oder – übergelaufen. Und Bruder Theudibert zählt ja nicht.« Aber als Chlodovech um Mitternacht in aller Stille seine kleine Schar an dem Ausfallpförtlein ordnete, trat Theudibert zu ihm, in vollen Waffen. »Was willst du, Bruder?« »Mitkämpfen,« klang es tonlos zurück. – »Und dein Eid? – Hast du dem Gezisch jener Schlange gelauscht, du dürfest mit der Streitaxt ...–? – Aber nein: du führst das Schwert.« »Ich verschmähe diese jämmerliche Ausflucht, obwohl auch der Vater sie empfahl. Ich lüge mir nichts vor. Ich breche meinen Eid.« – »Oh Theudibert, thu's nicht! Warum thust du's?« »Warum?« Er lachte bitter. »Weil ich muß. Sie – sie warf sich mir zu Füßen, das Kind im Arm, die Rechte flehend nach mir ausgestreckt – vom roten Haar umflutet: – sie bat, sie jammerte, sie weinte, ich solle ihr helfen. – Ich muß.« »Thu's nicht, Bruder! Denk der Ehre! Thu's nicht! Ich sorge,« sprach Chlodovech, »der Eidbruch schadet uns viel mehr bei den Heiligen, als dein Schwert, so tapfer ich es weiß, uns nützt gegen die Feinde. – Aber ich fürchte: es ist doch alles gleich. Auf mit dem Thor! Und drauf!« – Heiß, aber kurz war das Gefecht. Die Hoffnung, die Feinde zu überraschen, schlug fehl: Überläufer hatten den geplanten Ausfall verraten. Der Turm schien leer – nur von wenigen Wächtern behütet. Jedoch kaum waren die Ausfallenden auf schmalen Balken – einer Art Notbrücke – über den Graben gelaufen und in die Nähe des Turmes gelangt, als plötzlich aus dessen oberen Stockwerken Geschosse auf sie niederhagelten, aus dem Dunkel des Grabens überall Krieger auf bereit gehaltenen Leitern an die Notbrücke emporkletterten, aus den Zeltreihen hinter dem Turm die Hauptmacht hervorbrach. – Der Lärm des nächtlichen Kampfes schreckte Fredigundis aus schweren Träumen. Sie riß ihr Kind aus den Decken neben ihrem Bett und flog aus dem Schlafgemach in den großen Saal. Hier kam ihr schon Chilperich entgegen, ein nacktes Schwert in der Hand. »Alles ist verloren! Der Ausfall mißlungen! Chlodovech gefangen! Die Unterstadt in Feindes Hand! Theudibert ward blutend in die Burg getragen.« – »Aber diese, die Burg? Sie ist –?« – »Noch nicht genommen. Doch sie fällt morgen bei Tagesanbruch. Fällt sie durch Sturm – wer weiß, wer dann verschont wird im Kampf – nach dem Kampf! Es ist vorbei! Ich habe beschlossen, mich zu ergeben.« »Chilperich!« rief sie entsetzt. Todesangst stieg ihr ans Herz, wie wachsende, würgende Flut. »Das wirst du nicht! Du bist so klug – erfinde, ersinne.« »Hier ist nichts mehr zu ersinnen. – Mein Bruder wird mein, wird unser Blut nicht vergießen.« – »Das deine nicht! Aber – das meine gewiß! – Gewiß! – Oh ich Unselige! – Und jene beiden Boten! Keine Nachricht! – Sie sind gewiß ... verunglückt!« »Wovon redest du? – Es bleibt nichts übrig als... –« »Nein!« schrie Fredigundis. »Töte mich! – Da – du hast ja ein Schwert in der Hand. Aber laß mich nicht lebend in seine, – in Galsvinthens – wollte sagen: in Brunichildens Hände fallen. Nur das nicht! Sie werden mich foltern, mich verstümmeln! – Oh weh! – Es giebt so grausige Dinge. Ich sah ein Weib mit abgeschnittener Nase – schauerlich war's zu sehen! Und ach meine Augen! Sie werden mich blenden! – Wie du, Chilperich, so viele geblendet hast! – Töte mich! – Ich bin zu feig! Ich bring es nicht über mich.« – »Du rasest! Spring nicht in den Tod, aus Furcht vor dem Tod! Aber horch! Das sind Axtschlage.« »Was bedeuten sie?« schrie sie, sich ängstlich an ihn klammernd. – »Sie stürmen schon die Burg selbst. Laß mich! Ich muß eilen, die Übergabe zu erklären.« »Nein, nein, ich laß dich nicht von meiner Seite. Schütze mich! Du bist mein Gatte: du mußt mich schützen« – sie zerrte an ihm – »mich und das Kind!« Der Säugling, verstört durch ihr lautes Rufen und ihre wilden Bewegungen, brach in Geschrei aus. »Ah, und du, armes Geschöpf!« Sie sank mit dem Kind auf dem Arme in die Kniee. »Du mein Liebling auf der ganzen Erde – du mein Stolz, meine Hoffnung? Auch du sollst in des Übermüt'gen Hände fallen und ...–« – »Sei ruhig, Sigibert mordet keine Kinder!« »Aber sein Knecht wirst du sein, solang du lebst! Geduldet bald, bald doch wieder gestoßen und zurückgeschoben hinter – ihren Kindern! – seinem Blut! Um deiner Mutter willen geschmäht, verachtet! – Nein!« – wie rasend sprang sie auf. »Nein! Nein! Das sollst du nicht! Das spar' ich dir – aus Liebe! Aus echter Mutterliebe. Mir selbst kann ich nichts zuleide thun – es thut gewiß so weh!« – klagte sie. – »Ich fürchte mich so vor den scharfen Spitzen. Aber dich – dich kann ich erlösen von dem drohenden Elend. Hinab mit dir, mein süßes Kind!« Und sie faßte es plötzlich mit beiden Händen an dem Knöchel des einen Fußes und sprang damit gegen das offene Saalfenster, von welchem man turmhoch in die Schelde hinuntersah. »Wahnsinnige!« rief Chilperich, fiel ihr in den Arm, entriß ihr das Kind und übergab es Rulla, die auf das Geschrei ihrer Herrin herzugelaufen war. »Dein eigen Kind! Was ist noch vor dir sicher?« – »Ach, leider nur ich selber,« stöhnte sie. »Ich kann's nicht selber thun. Chilperich! Wenn du alles wüßtest – du ließest mich nicht lebend in jene Hände fallen. – Die beiden Boten, die ich mit Flehbriefen ausgesandt, – sie sind gewiß ergriffen! – Oh! – Ich beschwöre dich, durchstoße mir die Brust! – Aber rasch! – Und bitte, nur Einen Stoß,« Und sie riß das Hemd von der Schulter und warf sich vor ihm auf beide Kniee und rief: »hierher! hier ist das Herz.« Unwillig herrschte er ihr zu: – »Ich morde keine Weiber! – Horch! Was ist das? Ein Heroldruf? Nochmal! – Das Stürmen schweigt! Die Unsrigen antworten. – Was geht dort vor? – Wer kommt! – Wie? – Was sehe ich? – Herzog Gundovald, einen weißen Stab in der Hand!« Der Herzog, eine hochragende Kriegergestalt, in vollen Waffen, trat langsam, zögernd ein. Nicht Siegesfreude lag auf seinen Zügen: – vielmehr tiefer Ernst. »Was bringst du, Herzog?« rief Chilperich. Fredigundis raffte sich vom Boden auf und bedeckte ihre Brüste mit der Hand und dem breitwallenden Haar: – sie hatte nicht die Kraft oder die Besinnung, ihr Hemd wieder nach der Ordnung umzuthun: starr heftete sie die grauen Augen auf den Feind, an dessen Wort ihr ganzes Schicksal hing. – »Den Frieden, König Chilperich. – Der Krieg ist aus. – Vor dem letzten Thore deines Burghofs traf mich die furchtbare Nachricht: die Kunde, König Sigibert – ist tot.« – »Ah, ah!« schrie Fredigundis und sprang vom Boden auf. – »Tot!« rief Chilperich. Das Schwert fiel ihm aus der Hand. »Wo? Wie?« – »Ermordet, zu Vitry, bei der Erhebung auf den Königsschild.« »Dank dir, Gott!« jubelte Fredigundis, riß ihren Knaben aus den Händen Rullas und hob ihn hoch empor. »Oh all ihr Heiligen! – Ich danke euch! Ihr hörtet mein heißes Flehen. –Hei, mein süßer Knabe! Du bist gerettet! Nun wirst du doch noch Krone tragen.« Viertes Buch. Erstes Kapitel. Es ging gegen das Frühjahr; in dem Garten des Klosters der heiligen Genoveva zu Rouen sangen bereits die Amseln in der Abenddämmerung; die Schneeglöcklein sproßten auf sonnigen Wiesen. – In dem für den Besuch von Fremden bestimmten Gemach saßen in ernstem Gespräch Merovech und der Bischof von Rouen. »Erzählet mir alles genau,« sprach der letztere. »Soll ich Euch wirksam meinen Rat, meinen Beistand leihen bei der edeln, tief gebeugten Frau, so muß ich alles wissen. Erwäget wohl, ernste Bedenken stehen Euerem Vorschlag entgegen: – soll ich ihn befürworten, soll ich ihn selbst durchführen helfen, so müßt Ihr mich voll überzeugen von der Ersprießlichkeit.« »Ihr kennt den Verlauf der Dinge, ehrwürdiger Herr, bis zu Anfang des Winters. Als Herr Sigibert auf Euern Rat hin die Wahl zum König von Neustrien angenommen, da reistet Ihr aus dem Lager nach Haus und dann verschwandet Ihr in einem unbekannten Kloster. O wie hart vermißten wir Euch bald!« – »Ich eilte an das Sterbelager meines Vaters. Dann hatte ich ein Gelübde zu erfüllen, – ein Gelübde schwerer Buße. – Sagt, wie geschah die Unthat? Wie starb der edle Fürst?« – »Zu Vitry war's, nahe bei Paris. Die Tage sind kurz im Advent. Die Bischöfe von Neustrien, die bei der Feier nicht fehlen durften, – sie sollten den König segnen – kamen nur langsam vorwärts auf den schlechten Wegen. So war es später Nachmittag und bereits dunkel geworden, – der Schnee fiel in großen Flocken – als endlich auf dem weiten Brachfeld von Vitry, wo unser Heer, sofern es nicht vor Tournay lag, dann viele Tausende von Neustriern versammelt standen: die feierliche Erhebung auf den Schild begann. Frau Brunichildis – obwohl sie täglich ihrer schweren Stunde entgegensah, – ließ es sich nicht wehren, der Handlung beizuwohnen: ich hielt neben ihrer halbgeschlossenen Sänfte. Denn wenn ich auch nicht die Waffen führte wider meinen Vater, den Hofdienst der edeln Frau hatte ich nie aufgegeben. Der blutrote, düstre Schein der Pechfackeln spiegelte sich auf den Helmen und Brünnen und Schilden der Heerleute. Graf Theudulf von Le Mans, Herzog Drakolens Eidam...–« – »Und er selbst?« – »Er selbst erklärte, König Chilperich die Treue wahren zu wollen: er mißbilligte Theudulfs Schritt. Graf Theudulf von Le Mans also und Graf Leo von Beauvais fragten im Namen aller neustrischen Großen das versammelte Volksheer der Neustrier, ob sie Chilperich, der so oft der Königspflicht vergessen und der Freien Rechte gekränkt, noch länger dienen wollten? ›Nein!‹ riefen die Tausende. Weiter fragten die beiden Sprecher, ob sie an seiner Statt Herrn Sigibert zum König haben wollten? Brausender Jubel bejahte und nun ward der teure Oheim von zwanzig starken Armen auf den breiten Schild gehoben und, wie er oben stand und dem Volke den Eid seines königlichen Schutzwortes geleistet hatte, im Kreis umhergetragen unter freudigem Zuruf und unter dem Geklirre der aufeinandergeschlagenen Waffen. Vor der Sänfte der Königin sprang er von dem Schild herab: er trat an dieselbe heran, mit Frau Brunichildis zu sprechen. Da drängten sich zwei schlecht gekleidete Männer durch das Volk, unbewaffnet, jeder eine Rolle in der Hand; sie knieten, der eine zu seiner Rechten, der andere zu seiner Linken nieder und reichten ihm mit stummer Bittgebärde jeder seine Bittschrift dar. Der Kämmerer Charigisel und Graf Leo von Beauvais, welche ihm zunächst standen, wollten den Zudringlichen wehren. Doch Oheim Sigibert, mild-gütig wie er war, nahm den beiden Bittenden die Rollen aus der Hand: ›Soll ich die erste Bitte in Neustrien versagen?‹ rief er, winkte einem Fackelträger, ihm zu leuchten, und hob nun beide Hände mit beiden Urkunden in die Höhe gegen die Fackel hin. Im selben Augenblick sprangen die beiden Knieenden auf – ich sah etwas blitzen, hörte einen gräßlichen Schrei, – der König brach zusammen. Furchtbarer Lärm, tosende Verwirrung entstand. Als ich vom Roß gesprungen war und, um die Sänfte herumrennend, den König erreicht hatte, lagen außer ihm schon mehrere Männer tot niedergestreckt neben ihm. Charigisel hatte den Mörder zur Rechten ergriffen, aber laut aufschreiend sank der Kämmerer zu Boden, sterbend; Graf Leo von Beauvais spaltete nun diesem Mann mit der Streitaxt das Haupt. Aber der andere hatte sich den Fäusten entrissen, die ihn hielten: er streifte nur leicht mit dem Dolch des Grafen Gesicht, riß dem Fackelträger die Leuchte aus der Hand, stieß sie in den Schnee, daß sie zischend verlosch und, bevor ihn Sigila und Theudulf, die mir später all' das berichteten, fassen konnten, war er in der Dunkelheit im Gewühl verschwunden. Graf Leo aber, obwohl ihm nur die Haut geritzt war, lag im Sterben.« »Zaubergifte,« sprach Prätextatus schaudernd. »Eine Greisin auf unserem Hof an der Wutach braut solche für Pfeile gegen Wölfe. – Was fand man bei dem Mörder?« »Nichts! die Rolle enthielt keine Bitte – einen Psalm. Sie hatten dem Oheim die Messer, hart neben der Brünne, rechts und links in die Achselhöhlen der beiden erhobenen Arme gestoßen. Er lebte nur noch so lang, bis Frau Brunichildis, im blutigroten Schnee sitzend – sie war nicht ohnmächtig geworden und hatte keinen Schrei ausgestoßen – sein Haupt auf ihren Schoß genommen hatte. Ich kniete neben ihr und hielt seine Hand. Er schlug nochmals das schöne Auge auf, er erkannte sie und mich: da nahm er meine Rechte, legte sie fest in Frau Brunichildis Hand und sprach: ›Dem vertraue ich dich an! – Dich und unser armes Kind. – Merovech – soll dein Schild – der ist dir treu vor allen! – soll unsres Kindes Vater sein.« – »Sind das – genau so – seine Worte?« – »Sie sind es. Fragt sie selbst. – Und seine letzten Worte waren es: er seufzte tief und starb.« – »Arme Frau! ... Und der erschlagene Mörder, – wer war er?« – »Niemand kannte ihn. Das Messer in seiner Faust – ein Skramasachs – trug tiefe Runen, die niemand lesen kann. Und die Runen wie die Spitze sind ganz grüngelb gefärbt. Die Mörder hatten es nicht nur auf den König abgesehen und auf die beiden Getöteten. Sowie der König gefallen, war der eine auf Sigila, der andere auf Theudulf losgesprungen, die beide doch ziemlich ferne standen, und jeder hatte einen Stoß auf die Brust empfangen, den nur die starke Brünne abwehrte.« – »Und nun – nun folgte wohl rasch ein Umschwung aller Dinge?« – »Wie mit einem Zauberschlag! Die Neustrier, des eben gewählten Hauptes beraubt, zitterten vor meines Vaters Rache.« – »Mit Grund. Denn sie ward grauenhaft, so hör' ich.« – »Sie wandten sich an Oheim Guntchramn. Der wies sie ab: er habe Mühe genug, sein Burgund zu regieren. Da unterwarfen sie sich wieder meinem Vater.« – »Ist es wahr, daß er fünf Herzoge hat blenden lassen und elf Grafen? Und Herzog Drakolens Geschick – ist es wahr?« Merovech wandte sich schaudernd ab und schwieg. »Man sagt,« fuhr Pratextatus fort, »Theudulf, sein Eidam, sei entkommen. Darauf habe Chilperich unter dem Vorwand, Drakolen kenne dessen Versteck, diesen und sein ganz Geschlecht geächtet, die unermeßlichen Güter eingezogen, drei der Söhne, die Frau, die beiden Töchter und den Gatten der anderen Tochter, die in seine Hand gefallen, – hat er ihnen – wirklich? – weil sie nicht sagen konnten oder wollten, wo sich Theudulf verborgen halte, allen nach der Folterung die Hände abhauen lassen und sie als Bettler...–« – »Laßt ab! Es ist alles wahr. Die Frauen und ein Sohn sind darüber gestorben. Drakolen und die andern drei Söhne sind noch nicht ergriffen, sie halten sich verborgen; man sucht sie überall. Ich flehe täglich zu den Heiligen, daß man sie nicht finde.« – »Drakolen, der in der Treue nie gewankt!« – »Wahrlich, Ergebung braucht es, starke Ergebung in die unerforschliche Weisheit des Herrn, bei solch' ungeheurem, unverdientem Elend nicht irre zu werden an der Vorsehung und ihrem Walten.« – »Herzog Drakolen, der glücklichste der Menschen!« – »Nun mag er zählen zu den elendesten auf Erden!« – »Und Frau Brunichild?« »Sie rief Oheim Guntchramns Schutz an. Aber der erwiderte, die gotische Königstochter solle sich doch jetzt selber helfen oder von dem Gotenkönig, ihrem Vater, helfen lassen: er, mit Frauen niedrigen Standes vermählt, sei nicht würdig, ihr Beschützer zu sein. Chilperich habe ihm bereits die Teilung von Austrasien angeboten. Er wolle nun abwarten, ob Sigiberts Kind ein Mädchen sei oder ein Knabe. Ein Mädchen sei kein Erbe. Einem Sohn Sigiberts aber werde er Austrasien nicht bestreiten. Und einen Sohn gebar wenige Tage darauf Frau Brunichildis. So schön hab' ich sie nie gesehen, als da sie, unter Thränen lächelnd, den Knaben mir in die Arme legte und sprach: »Da ist er, den du schützen sollst.« Childibert ward er genannt. Bischof Germanus hat ihn getauft. Einstweilen aber hatte – und das ist das Schlimmste! – Herzog Gundovald, das trotzige Haupt des trotzigen Adels von Austrasien, den schon Sigiberts starke Hand kaum hatte beugen und bändigen können, sobald er von dem Mord erfahren, auf eigne Faust seinen Frieden gemacht mit meinem Vater, diesen gegen schwere Summen Goldes aus Tournay abziehen und sich ganz Neustriens wieder bemächtigen lassen.« »Und alle die Getreuen König Sigiberts vom Maas- und Moselland, und die von den Stämmen rechts vom Rhein? Ich weiß, er hielt gar viel von Karl und von Arnulf, den wackern Helden von der Mosel: – er wollte mit ihnen dem mächtigen Adel, diesem Gundovald vor allen, steuern. Was ist mit ihnen allen?« »Die Stämme rechts vom Rheine kehrten um, und gingen nach Hause, sich selber zu helfen: – niemand wußte ja, wer Sigiberts entfallenen Königsstab aufnehmen werde – denn die Avaren sind in Thüringland und Bajuvarien eingebrochen. Auch jene Moselfranken kehrten heim, obzwar sie an der Regentschaft Gundovalds und seines Schwagers, des bösen Bischofs Egidius von Reims, wenig Freude haben: sie eilten über den Rhein, jene Unholde vertreiben zu helfen. – Mich sandte Brunichildis – o hätt' ich ihr doch diesmal nicht gehorsamt! – von ihrer, von ihres Knäbleins Seite, freilich mit heiligem Auftrag. Ich führte die teure Leiche des Oheims nach Soissons, wo ich ihn in der Basilika des heiligen Medardus, welche er selbst gebaut und sich zur Grabstätte bestimmt hatte, feierlich bestattet habe. Aber wehe, wehe! Während ich fern weilte, war Herzog Gundovald nach Paris geeilt, wo die Königin noch lag, und hatte, nachts mit Gewalt eindringend, das Knäblein von ihrer Seite geraubt. Vergeblich warf sich die königliche Frau, verzweifelnd, händeringend, vor des Räubers Füße; er lachte: ›ich mußte mich doch überzeugen, ob wirklich ein Speerlein, nicht eine Spindel, hier in der Wiege liegt. Ich seh', es ist ein Sohn. Ich erkenne dieses Kind als meinen König an. Aber nicht ein Weib, Frau Brunichildis, kann an des Kindes Statt das Königsschwert führen: das kann nur ein Mann. Ich will mich opfern, Euch die Mühe abnehmen. – Ihr zieht wieder heim ins schöne Gotenland! Auch kann ich mit meinen Freunden Euren Knaben viel besser schützen vor seinem gebornen Schützer – und, nach merowingischem Familienrecht – gebornen Mörder: seinem Oheim Chilperich, als Ihr oder auch als jener Merovech, dem ihn der sterbende König empfahl, der leider immer seinen Adel kränkend zurücksetzte.‹ In einem mitgebrachten Korbe trug der Herzog das Kind unter dem Mantel davon nach Reims.« – »Unselige Mutter!« – »Und doch war es Rettung für den Knaben! Denn schon am Tage darauf erschien in Paris – mein Vater.« »Unmöglich! Er hat ja geeidet wie die beiden anderen Brüder, Paris nicht in Abwesenheit des andern – also nun Guntchramns – zu betreten!« – »Er soll auch lange gezögert haben. Sie hat ihn auch dazu gebracht.« – »Wer?« – »Das Weib! Diese verfluchte Fredigundis, die Höllenkonigin!« »Vergebet euren Feinden!« mahnte der Bischof, leise bebte seine Stimme. »Wie hat sie ihn beredet?« »Ihr wißt, die drei Brüder haben geschworen bei dem heiligen Polyeuktus ...–« – »Ich weiß! – Mir graut!« – »Bei Sankt Polyeuktus, Sankt Martinus und Sankt Hilarius, daß keiner der Brüder ohne die beiden andern durch ein Thor von Paris ziehen werde. Sie aber sagte: ›der jungen Brut der Schlange, der Gotin, kann man nicht früh genug den Kopf zertreten.‹ Und sie wußte ihn zu überzeugen, daß die drei Heiligen seinen Eidbruch nicht rächen könnten, falls er unter dem Schutze von noch mächtigeren Heiligen stehe. So gelobte er den beiden Apostelfürsten, Sankt Peter und Sankt Paul, jenem eine Basilika zu bauen in Tournay und diesem Zollfreiheit für sein Kloster zu Bordeaux: und wie er in Paris einritt, ließ er sich den linken Armknochen Sankt Peters reichen und trug ihn in der Hand, und wie er die Seinebrücke betrat, ein Kistchen mit Barthaaren Sankt Pauls, und trug es auf dem Sattel und rief unablässig: ›Herr Petrus und Herr Paulus! So wahr ihr größer seid als jene drei – ihr wißt schon, welche ich meine! – schützt mich vor diesen meinen drei Übelwollern im Himmel.‹ Das soll alles sie ihm geraten haben. Er aber erwiderte dem ehrwürdigen Bischof Germanus auf dessen Vorwürfe: ›Was wollt Ihr? Versteht Ihr so wenig, zu unterscheiden? Ich schwur, nicht durch ein Thor von Paris zu ziehen. Nicht wahr? Nun, hab ich das etwa gethan? Geht hin an das Thor Sankt Pauls: dortselbst ließ ich ein Stück der Mauer niederreißen: nicht durch das Thor, durch jene Mauerlücke bin ich eingeritten.‹ Und zornig tobte mein Vater, da er den Knaben nicht mehr fand. Er ließ Herzog Gundovald scharf verfolgen, aber ohne ihn einzuholen. Auch die Königin wäre wohl dem Tode nicht entgangen. Jedoch ich hatte ihr geraten, falls sie bedroht würde von irgend welchen Feinden, – daß mein Vater Paris betreten werde, das hätt' ich nicht erwartet! – rasch Asyl zu suchen in der Bischofskirche. Das erreichte sie, gerade noch bevor mein Vater über die Seinebrücke drang. Bischof Germanus vermittelte zwischen beiden. Unter furchtbaren Eiden sicherte ihr mein Vater das Leben, falls sie das Asyl verlasse, Paris räume und sich nach Rouen in dieses Kloster begebe. Sie willigte ein; ich erfuhr das Geschehene durch treue Boten und eilte von Soissons hierher.« – »Hier wird nicht lang Eures Bleibens sein. Euer Vater wird, sobald er erfährt, daß ich zurückgekehrt bin, hierher eilen, mich zu strafen. Sollte er seines Hasses gegen mich vergessen – sie wird ihn dessen schon erinnern! Auch Euch wird er nicht an der Seite, im Dienste seiner Feindin lassen.« – »Er schrieb mir schon: ›eine Königin ohne Palast braucht keinen Palastmeister.‹ Ich aber bleib' in ihrem Dienst – so oder anders – solang ich atme.« »Die Königin erwartet Nachricht aus Toledo?« »Jawohl. Sie rief ihres Vaters Waffenhilfe an, ihr den Knaben zurückzuholen aus der Hand des frechen Adels.« – »Die Scheu vor dem gotischen Heerbann hat wohl Euren Vater von manchem abgehalten?« – »Gewiß! Er sprach zu Brunichildis: ›Getrost! Ich halte diesmal meinen Eid: ich scheue mehr noch als den Zorn der Heiligen im Himmel den der Goten auf der Erde.‹« – »Er hat allen Grund. In wenigen Wochen können sie von ihrem Narbonne aus ... – aber horch!« – »Da sprengt ein Reiter in den Hof.« – »Er springt vom Pferd.« – »Sigila ist's, der Königin Marschalk, den sie an ihren Vater entsendet hatte, die Tausendschaften der Goten aufzubieten.« – »Er eilt hierher.« Im gleichen Augenblick trat die Königin aus dem Seitengemach zur Linken in den Saal, über und über in graue Trauergewande gehüllt, gebeugt, doch nicht gebrochen von der Trauer. Sie reichte beiden Freunden die Hand; das edle Antlitz war, jetzt durch den Ausdruck tiefer Trauer geweiht, noch schöner, als da die glückstrahlende Braut eingeritten war in Marseille. Der dichte silbergraue Schleier umrahmte scharf Stirn und Schläfe, keine Locke des braunen Haares zeigend: wahrlich mehr einer Nonne als einer Königin glich sie. Ein leichtes Rot flog, um gleich wieder zu schwinden, über die bleichen Wangen. – »Ich sah Sigila in den Hof reiten – hier ist er schon.« Sie eilte ihm bis an die Thür entgegen: »O Vielgetreuer! Was bringst du mir vom Vater in Toledo? Wie siehst du so ernst!« – Tief traurig erwiderte der Gote: »Faßt Euch, hohe Frau, in Kraft: seinen letzten Gruß.« »Mein Vater! Auch er!« Sie wankte und glitt auf eine Ruhebank. – »Ich fand den Greis im Sterben. Die Wahl des Volkes – Ihr habt ja weder Bruder noch Vetter – berief ein neu Geschlecht. Hofft auf keine Hilfe von unserm Volke.« – »O mein Vater! Der Gatte gemordet! Der Sohn geraubt – und der Rächer: der Vater, gestorben! Von meinem Volke verlassen! O Sigila – was war des Vaters letztes Wort, sein letzter Rat?« Der Marschalk zögerte – er warf einen Blick auf Merovech – dann trat er dicht an die Königin heran und flüsterte in ihr Ohr. Sie schüttelte das Haupt, auch sie warf einen schnellen Blick auf Merovech. Dann sprang sie auf. »Nein!« rief sie. »Das nicht. Das kann ich nicht! Sigiberts Witwe ...« – Rasch trat Merovech vor sie und schlug die dunkeln Augen begeistert zu ihr auf: »– kann keinen zweiten lieben nach Sigibert. Ich weiß es, Königin! Aber dennoch ergreife, – ich flehe dich an vor diesen deinen nächsten Freunden – ergreife meine treue Hand. Gieb mir den Namen deines Gatten und damit das Recht, die Pflicht, deine, deines Kindes Sache zu führen. Niemals – ich schwör' es hier und will es wiederholen vor dem Altar des Herrn – niemals will ich gegen dich, gegen deinen Willen, ein Recht aus diesem Namen ableiten. – Aber die Pflichten gewähre mir deines Gatten, deines Beschützers. Deinen Gemahl kann kein Vater, kein König von deiner Seite reißen. Und hier schwör' ich dir: nicht rasten will ich und nicht ruhen, bis ich dein geraubtes Kind dir wieder an die Mutterbrust gelegt, bis ich sein ganzes Königserbe Austrasien ihm erstritten, bis ich im Geiste Sigiberts den Trotz dieses frevelvollen Adels gebrochen habe. O sieh, Königin: Sigiberts letztes Wort empfahl dich mir: deines sterbenden Vaters Rat war, – ich las es von des treuen Goten Lippen! – meiner Werbung nachzugeben. Hier der fromme Bischof, deines Gatten Beichtiger und Berater – o sprecht für mich, Bischof Prätextatus!« – »Ich rate Euch, edle Frau, schlagt diese treue Hand nicht aus. Ein Weib werden die Franken als Regentin, als Vormünderin des jungen Königs niemals dulden. – Was Ihr von andern Regenten zu fürchten habt, – Ihr habt es schon an Gundovald erfahren. Ein Merowing, ein Glied des Königshauses, wird den Austrasiern ein willkommener Regent sein. Aber nicht als Sohn Chilperichs: – nur als Euer Gatte und Beschirmer kann er Euer Recht verteidigen gegen jedermann. Und Ihr bedürft wahrlich des Beschirmers, nun, da Ihr auf der Goten Heerbann nicht mehr zählen könnt. Wo ist auf Erden ein Beschützer edler, reiner, treuer und –« flüsterte er in ihr Ohr – »uneigennütziger, selbstloser als dieser bescheidene Freund?« »Und gedenket,« rief Sigila, »noch schuldet Ihr der toten Schwester Rache. Ihr habt's geschworen! Dazu bedürft Ihr des Beistands.« »Und gedenket,« mahnte der Bischof, »Ihr habt dem edlen Gatten gelobt, mit ihm und wie er selbst dieses trotzigen Adels Übermut zu brechen, der des Volkes Recht mit Füßen tritt wie Euer mütterliches Recht: dazu braucht Ihr treuer, starker Helfer.« Verwirrt, bestürzt sah die Verlassene vor sich nieder. »Ich liebe ihn nicht! – Ich kann nicht einem andern mein Herz zu eigen geben, das ewig des einen ist. – Und die Kirche! Er ist mein Neffe. Sein Vater ist meines Gatten Halbbruder! Die Kirche verbietet solche Ehe.« – »In diesem Fall – in diesem merket wohl, Merovech! entbinde ich, kraft meiner bischöflichen Gewalt, von diesem Hindernis.« Sie sprang auf: »Laßt mich! Zwingt mich nicht! O Merovech! Willst du ein totes Herz?« »Ich will nur das Recht, dich zu schützen, dich und deinen Knaben!« rief er der Enteilenden nach. Zweites Kapitel. König Chilperich hielt freudig Hof in Soissons, seinem alten Königssitz: diese Stadt hatte ihm Herzog Gundovald als Regent von Austrasien zurückgegeben. In dem reich geschmückten Frauengemache des Palatiums daselbst stand Frau Fredigundis vor zwölf tiefgründigen Truhen, griff hinein mit ihren weißen Armen und wühlte in dem Inhalt mit ihren zierlichen Fingern. Sie war unbeschreiblich vergnügt. Denn es war eitel Gold und Silber, darin sie wühlte: manche der Truhen enthielten nur gemünztes Gold, andere kostbarsten Frauenschmuck jeder Art, dann Tafelgeräte, Schalen, Schüsseln, Geschirr, Frauengewänder und edle Stoffe für solche aus Byzanz, aus Spanien, aus dem Orient. »Ha, das ist Wollust, Rulla,« lachte sie, die kleinen weißen Zähne zeigend, und zwanzig Armringe, die sie auf einmal aufgereiht hatte auf dem nackten rechten Arme, mit blitzenden Augen musternd. »Das ist wie Rausch! Rausch in Reichtum, Macht und Glanz und Herrlichkeit.« »Ich habe nicht gedacht, daß es soviel Geschmeide gebe auf dem ganzen Erdboden,« – staunte Rulla. »Woher diese neuen Kisten? Ich habe sie nie gesehen.« »Das sind die Schätze, welche die Gotin aus Spanien mitgebracht, sowie die, welche ihr Er –: der Tote, mein ich – als Morgengabe geschenkt hatte. Mein Chilperlein hat sie in Paris erbeutet. So ist das Gut der beiden Schwestern, der beiden Königstöchterlein, nun hübsch wieder beisammen. Wie müssen sich die Perlen und Steine freuen, nun in Soissons wieder nachbarlich bei einander zu liegen, wie weiland in dem Gotenhorte zu Toledo! Schau, Rulla, manche Stücke sind offenbar ganz gleich, wie Zwillinge, gebildet worden. Sieh – nochmal sieben Schnüre schönster Perlen. Jetzt – die andern dazu genommen! – kann ich mir den Nacken bis zur Brust damit bedecken. – Und schau nur: das ist das weiße, goldgestickte Kleid, das die Gotin trug beim Einzug in Marseille – geschlagen hat mich um dieses Gewandes willen der Herr Kämmerer Charigisel: – jetzt schlägt er nicht mehr! – Einmal trag ich's – bei der Messe an dem nächsten Ostersonntag – dann, Rulla, schenke ich es dir. – Laß gut sein, danke nicht – das macht mir mehr Freude als dir! Schau nur, wie mein Samson auf die bunten Steine blickt! – Wahrhaftig, er greift danach, während sie deinen Rando auf dem Pfühl dort zu blenden scheinen, er steckt scheu den Kopf in das Kissen. – Da hast du eine Hand voll Solidi für Rando – da! Fang auf! Und gieb mir meinen Königssohn.« Sie nahm ihr das Kind ab: »Schau da, schau hinein, mein Söhnchen – das alles wird einmal dein Eigen! Und noch viel, viel mehr, gönnen die Heiligen deinem Mütterlein langes Leben. – Nach was greift er denn da? Wahrhaftig! – Es ist ein Diadem: Frau Brunichildens Krone! Die ist noch zu weit für dich – laß! – Nein? Nicht die Silberschale? – Die Krone muß es sein? Nun, du gefällst mir. Komm, Herr König von Neustrien, laß dich krönen.« Und sie steckte das Köpflein des Kindes einen Augenblick in den weiten Reif der Krone, und warf dann das Diadem klirrend in eine der Truhen. »Ei, wie das klang, Liebling? Nicht wahr? Dahinein gucken? Ja, da ist noch mehr. Das gefällt dir so sehr? Nun komm, mein kluger kleiner König, du sollst in Golde baden.« Und sie senkte das Kind in eine ganz mit Goldmünzen gefüllte Kiste, legte es wagerecht nieder und schaufelte mit beiden Händen die Goldscheibchen über seine nackten, zappelnden Beinchen. Lustig schrie der Knabe und patschte mit den Händen auf das Gold. Ein Kuß auf ihren weißen Nacken erschreckte sie: Chilperich schlang den Arm um ihre Hüfte: »So ist's recht!« lachte er. »Junge Drachen soll man auf Gold betten, dann wachsen beide: Hort und Drache. – An diesem Sohne hoff ich Freude zu erleben. Er muß mir den Abtrünnigen ersetzen.« – »So ist das Gerücht. –?« – »Kein Gerücht mehr! Soeben erhalte ich einen Brief von Leudast, meinem Grafen aus Rouen. Es ist so. Er hat sich mit der Gotin trauen lassen.« »Gar rasch hat sich der Witwe – Herrn Sigiberts Witwe! – Leid getröstet,« höhnte sie. – »Und weißt du, wer sie getraut hat? Der Bischof von Rouen selbst.« »Prätextatus!« rief Fredigundis wild. Ihr Auge funkelte. »Er wagt es!« Diesem Bischof will ich die kanonischen Ehehindernisse abfragen!« drohte der König. – »Von Fredigundis kannst du ihm bestellen: – für ihn sei weiland das Hauptehehindernis gewesen, daß Fredigundis ihn verschmähte.« Chilperich stellte sich höchlichst erstaunt: »Was hör ich? Der Freche! – Freilich! Er war der Sohn deines Hofherrn!« »Es ist nicht sein Verdienst,« hetzte sie, »daß Fredigundis für dich erhalten blieb.« »Nun, dann ist ihm die Liebe tüchtig in Haß umgeschlagen. Er ist dir bitter feind. Graf Leudast ... –« – »Den Kopf herunter diesem Grafen! Warum schickt er nicht, statt seines Briefes, alle drei gebunden?« »Weil sie alle drei Asylschutz gewonnen haben, in der Bischofskirche, während der Marschall Sigila Abenteurer wirbt, mit welchen sie dann auf Reims ziehen und das Kind dem Herzog Gundovald entreißen wollen. Mein Sohn soll an des Knaben Statt die Regentschaft in Austrasien führen.« – »Das wirst du doch nicht dulden?« – »Beileibe! Gundovald ist mein Verbündeter geworden. Ich hasse den abgefallenen Sohn, der meine Todfeindin zum Weibe nahm. Und gegen die Canones! Schon der Theolog in mir kann das nicht dulden. – Wenn ich nur wüßte, wie ich sie aus dem Asyl herausschaffe? Gewalt – gegen die Heiligen! – ist nicht meine Sache.« – »Laß mich nachdenken.« – »Aber nicht gar lange. Morgen früh brech' ich auf nach Rouen, – ein ungebetener Gast zur Nachhochzeit.« »Gut. Die Nacht genügt mir. Wenn ich ein Kräuterbündlein der Großmutter unter mein Kopfkissen lege und der heiligen Genoveva, der Spenderin kluger Träume, eine Wachskerze gelobe, kommen mir immer, gegen Morgen, halb im Wachen, halb im Schlaf, die klügsten Einfälle.« »Ja, du hast freilich kluge Einfälle! Aber sie steigen wohl mehr aus dem Bilsenkraut und den Tollkirschen deiner alten Hexenmutter zu dir auf, als von der Heiligen zu dir nieder,« – lachte er im Hinausgehen. »Wer weiß?« lächelte Fredigundis still vor sich hin. – »Genoveva gilt als Ehestifterin. Ohne meine Morgenträume hätten weder ich noch Herr Merovech Hochzeit gehalten im Laufe von zehn Monden. – Nun, dieser Stiefsohn,« sprach sie jetzt laut, »nimmt mir die Mühe ab, zu träumen. Der richtet sich viel rascher selbst zu Grund als ich es könnte. – Bleiben die beiden andern. – Theudiberts Wunden sind zwar geheilt; aber sein Geist ist ganz verstört, zerrüttet. Für Chlodovech, diesen zorngemuten, jungen Stier, wird sich wohl auch der richtige rote Lappen finden. Ich brauche nicht weit zu suchen,« lachte sie, ihr Haar über die Schulter zurückwerfend. »Dies Haar und seine Trägerin haßt er ohnehin so hitzig, daß er – Nun? Was reißest du so weit die Augen auf, Rulla? – Glaubst du, mein Samson hier soll ein Viertel- oder Drittel-König werden? Dies Neustrien ist ohnehin so schmal! Austrasien ist groß, Burgund ist reich und soll, ach! so schön sein! Der dicke Guntchramn hat keine Söhne. Der kleine Childibert? – Bah, nicht alle Kinder beißen mit den zweiten Zähnen.« Drittes Kapitel. Wenige Tage darauf stand König Chilperich mit stattlichem Gefolg in Rouen vor dem Gitter des Bischofshauses, das, wie die Kirche selbst, mit der es das Dach gemeinsam hatte, Zufluchtsrecht gewährte. Indessen er ungeduldig auf das Erscheinen der drei Asylgenossen wartete, überreichte ihm ein Bote eine zierlich verschnürte Rolle. Der König schnitt die Verschnürung mit seinem Dolch auf und sah hinein. Ein bittres Lächeln, ein sehr verachtendes, spielte um seinen feinen Mund. »Es giebt doch nichts Erbärmlicheres,« sprach er zu sich selber, »als erstens einen Menschen, zweitens einen Versemacher und drittens einen Priester. Da schickt mir dieser Venantius Fortunatus – der Busenfreund der heiligen Radegundis! Bischof von Poitiers will er werden! Wird es auch, wenn er so fortdichtet! – ein Lobgedicht auf mein Gundelchen. Wie hat er doch vor kurzem Brunichildis verherrlicht und die andre, die »bleiche Gotenlilie« – und Herrn Bruder Sigibert! Nun will ich meinen eignen Bart essen, wenn der nicht ahnt, nicht weiß – die Binsen im Schilfe flüstern es vom Rhein bis an den Ebro – und nur die Furcht vor mir hält die offene Anklage nieder. Er weiß es so gut wie ich, wer jener Jungfrau und meinem Bruder ihr junges Leben abgeschnitten hat – und dieser selbe »christliche Sänger«, wie sie ihn nennen, schreibt von meinem Gundelchen – da steht's! es ist unglaublich: – ›Sie verherrlicht das Reich durch ihre Sitten! Sie führt die Herrschaft mit dem Gemahl, in die Zukunft vorblickend in ihren klugen Ratschlägen, durch alle Tugenden ausgezeichnet, sie, die herrliche Fredigundis! Heiterer Tag strahlt von ihrem Antlitz, sie trägt mit dem Gatten die sonst allzuschweren Lasten der Krone, ihn durch Güte und Trefflichkeit fördernd, durch sie blüht die Ehre des Königshauses!‹ Und da – da steht es wirklich und wahrhaftig: – ›Deines Gatten frommer Glaube hat gesiegt.‹ Und hier: ›Das neidische Schicksal‹ (– giebt es ein solches neben Gott und den Heiligen? –) ›hatte die Freundschaft der Brüder gelöst‹ – (das heißt: jene Würgethat zu Baniacus!) ›Aber es hat Chilperich und Fredigundis nur nützen können – weil Gott eingriff: operante Deo! ‹ – Da steht es geschrieben! So muß ich's wohl glauben. – Er weiß sich denn auch gar vor Freude nicht zu fassen, daß des Bruders Ermordung uns gerettet hat. Freilich, hohe Zeit war es, höchste Zeit. Winnoch hatte Recht: – sie ist mein Glück und meine Retterin! Nie werd' ich's ihr verraten, daß ich's weiß: das würde wie Blutgeruch aufsteigen zwischen unsern Küssen. Aber danken will ich's ihr, solang ich lebe, daß sie's gethan – beides gethan! – mich zu retten, ohne mein Wissen, ohne daß ich mein Gewissen belasten mußte. Ich hab' es nur gewünscht , lieber Gott, – nicht den Finger hab' ich dazu gerührt. Nur sie , nicht mich darfst du dafür bestrafen! Elendes Menschengewürm, verdienst du Besseres, als getreten zu werden? Euch verachten ist der Weisheit Anfang, euch lieben ist der Thorheit Gipfel, euch beherrschen durch eure eigne Schlechtigkeit ist des Klugen Recht. Was seh ich denn, wenn ich um mich her blicke? Dieser Adel, befleckt von seinen Lüsten, vom Mittag an besoffen, tierisch in seiner plumpen Kraft, treulos ohne Geschicklichkeit, tapfer ohne Zweck. Und diese Priester! Heuchler oder Dümmlinge. Oder beides zugleich. Oder – denn es giebt auch ehrliche, die nicht dumm sind – Schwärmer: diese sind dann unheilbar verrückt! – Das ist die Welt, in der ich stehe. Soll ich sie nicht verachten und, soweit ich irgend kann, genießen und beherrschen?« Er drückte sein Siegel auf das Wachs, das die Rolle verschlossen hatte und gab sie dem Boten zurück. »Der Frau Königin,« sprach er, »Hi, hi! Ich laß ihr sagen, sie solle ja nicht lachen, wann sie es liest.« Kaum hatte der König diesen Bescheid erteilt, als aus der dichten Menge des Volkes, das ihn umdrängte, ein kläglicher Ruf an sein Ohr drang: »O Herr König Chilperich! Hilf mir! Rette mich! Befreie mich von meinen Feinden!« Der König stutzte. »Die Stimme kenn' ich, mein' ich! – Ihr Klang hat sich mir tief eingeprägt ... – aber warum? Seit wann? – Wer ruft meine Hilfe an?« – »Ich, o Herr! Winnoch! Euer getreuester Knecht! Der Einsiedler von –« – »Ah ja! Der Weissager! Der so richtig geweissagt hat. Laßt ihn los, ihr Priester und ihr Klosterknechte.« – »O, Herr König! Der neue Bischof –« – »Herr Prätextatus?« – »Jawohl, der! Er hat mich in meinem Turme zur Nacht überrascht – überfallen wollt' ich sagen! Er fand den Wein bei mir, den Ihr, Herr König, mir doch selbst geschenkt hattet. Er hat mich zu schwerster Kirchenbuße verurteilt.« – »Herr König,« sagte einer der Priester, »der Klausner ist ein Lügner!« – »So? Mir hat er die Wahrheit gesagt!« – »Der Herr Bischof fand ihn völlig betrunken.« – »Ei was! Wenn's weiter nichts ist! In vino veritas! – Ich werde bei dem lieben Herrn Bischof ein gutes Wort für ihn einlegen. Der Mann hat Verdienste um den Staat. Warum ist er gebunden mit Stricken?« – »Er wehrte sich gegen den Diakon, der ihn ins Kloster abholen wollte. Wir mußten ihn binden.« Chilperich trat hinzu und schnitt ihn eigenhändig los. »Nicht fortlaufen. Bleibe! Hier, hinter meinen Kriegern.« – Er wandte sich wieder zu dem Boten: »Und dem frommen und edeln Sänger Venantius Fortunatus zu Poitiers schickt – er läßt sich immer gern was schenken für seine Frömmigkeit und für sein Lob! – eine neue Harfe. Ich laß ihm sagen, ich besorge, die Saiten der alten seien ihm gesprungen, als er diesen Hymnus auf Frau Fredigundis sang. Sag's ihm; aber sag' ihm auch, ich erwarte jetzt bald die früher schon bestellte Grabschrift für die selige Galsvintha. Er kann die für meinen armen Bruder gleich auf dasselbe Pergament schreiben! Halt! Schickt ihm auch eine Schüssel mit Aalen, seinen Lieblingsfischen: glatt und fett und durch die Finger gleitend wie er selbst. Er ist ein Schleckmaul, der entsagungsvolle Sänger. Läßt sich gern von Frau Radegundis süße Nonnenherzchen aus Quitten bereiten und gleich darauf dichtet er dann: – so süß wie er gegessen! Ah! Mich ekelt dieser Frommen. Da kommt Herr Prätextatus. Der ist ehrlich: – darum gehört er in den Himmel, nicht auf die Erde.« Hinter dem Gitter erschienen nun der Bischof und einige Priester. Sie neigten sich vor dem König. »Ei,« rief dieser lächelnd, »da seid Ihr ja, ehrwürdiger Bischof. – Wundert mich, daß Ihr, ein so mutiger Bekenner, Asyl gesucht habt. Euer Gewissen muß nicht das reinste sein.« »Ich suchte nicht Asyl, ich suchte nur mein Haus auf; daß dies Asyl gewährt, kann ich nicht ändern.« »Hi, hi,« lachte Chilperich. »Echt theologisch und dialektisch! Liebe diese Wissenschaft. Freue mich immer, wenn auch andere sie pflegen.« »Daß es nicht Dialektik, wie Ihr sagt, Herr König, werdet Ihr sogleich sehen.« Er winkte, das Gitter ward durch einen Ostiarius von innen aufgeschlossen, und Prätextatus trat heraus auf die Stufen, welche zu der Basilika hinanführten. Einen Augenblick schien es, als ob der König wie ein rasches Raubtier vorschnellen wolle auf den nunmehr Schutzlosen: es zuckte wie Wetterschein über sein Gesicht, seine feinen Nüstern flogen. Aber er bezwang sich. Hinter dem Gitter wurden Brunichildis und Merovech sichtbar. »Ah, unser schönes Brautpaar! – Das bleibt noch vorsichtig in seinem Gitterkäfig, durch welchen der böse Staat seine Griffe nicht wagen darf! – Sagt, Herr Bischof, wart Ihr es nicht, der Herrn Sigiberts Bedenken, meine Krone anzunehmen, durch frommen Zuspruch weise überwand?« »Jawohl, Herr König,« – er trat die Stufen hinab, trat dicht an Chilperich und flüsterte ihm ins Ohr: »Ihr wißt, weshalb ich Euch für unwürdig halte, ein christlich Volk zu beherrschen. Ihr habt – wissentlich – die Mörderin Eurer Gemahlin zur Ehe genommen.« »Und Ihr?« zischte Chilperich ebenso leise. »Was thut Ihr? Oder vielmehr, was unterlaßt Ihr? Ihr unterlaßt die Anklage, weil Ihr meine Ehefrau, Eure Königin – liebt! Noch immer liebt in sündhafter Glut.« Prätextatus erbleichte. »Nun denn, junges Paar, meinen Glückwunsch! Nachträglich: – da Ihr meine Zustimmung vorher nicht für nötig erachtet habt. Ich bin also, wie ich euch schrieb, bereit, – um endlich den Frieden herzustellen in unserem Hause – eure Verbindung gelten zu lassen und euch nicht zu trennen, wenn wirklich ein Bischof die Entbindung von dem kanonischen Verbot erteilt hat. Ist dem so?« »Ich habe sie erteilt,« sprach Prätextatus. »So? – Ich habe euch ferner versprochen, auf daß ihr sicher das Asyl verlassen möget, euch nichts zuleide zu thun, und Merovechs Zug gegen Gundovald zu unterstützen. Ich wollte selbst das Knäblein auslösen – mit vielem Golde, – der Herzog aber gab mir's nicht. – Und auf daß ihr völlig vertrauen mögt, versprach ich euch, bei den Reliquien der größten Heiligen meine Worte zu beschwören. Wohlan, hier werden sie schon gebracht.« Aus seinem Gefolge traten vier Priester hervor, welche eine Reliquienkiste trugen, ganz ähnlich der, bei welcher die Eide zu Marseille waren geschworen worden. »Lies ab, Diakon, die Namen der hochheiligen Pfänder.« Ein fünfter Priester trat hinzu, kniete nieder vor der geschlossenen Lade, küßte sie und las ab, was in goldnen Buchstaben auf dem Deckel der Kiste geschrieben stand: »die Kiste birgt das Stirnbein des heiligen Amantius, Bischofs von Rodez, die Schwurhand des heiligen Winwaloc, Abtes von Landévennec, das blutige Büßerhemd des heiligen Bischofs Conogan von Quimper: wer, diese Heiligtümer berührend, schwört und den Schwur bricht, den soll treffen der Fluch von Data und Abira und keine Fürbitte aller Heiligen soll ihn losbitten können von der ewigen Pein.« »Ihr habt gehört?« sprach der König. »Nun sollt ihr sehen.« Ein leises Grausen ging durch die Versammlung. Damit schloß er die Kiste auf mit einem kleinen Schlüssel, den er aus dem Wehrgehänge zog, schlug den Deckel etwas in die Höhe und steckte die rechte Hand in die Öffnung. »Alle meine Zusagen werd' ich erfüllen und für den Fall der Untreue soll mich der angedrohte Fluch treffen, so wahr ich hier die Hand lege auf die Reliquien der genannten Heiligen.« Tiefes Schweigen folgte. Er zog die Hand aus der Kiste, der Deckel fiel zu. Aus dem Gitter hervor traten Merovech und Brunichildis, Hand in Hand, auf die Stufen, welche zu beiden Seiten von den Kriegern des Königs besetzt waren. Schon standen sie auf der dritten Stufe, als Chilperich gellend schrie: »Packt sie, Graf von Rouen. Greift sie alle drei, die Verräter!« Er selbst legte die Hand auf Prätextatus' Schulter. Der Graf von Rouen und vier seiner Krieger ergriffen den waffenlosen Merovech und die Königin. Ein Murren, eine Bewegung des Entsetzens ging durch die Reihen der Priester und der Bürger. »Herr König, denkt an das Heil Eurer Seele!« mahnte Prätextatus. »So hältst du Wort mein Vater?« rief Merovech in seinen Ketten. Brunichildis schwieg: aber sie richtete aus ihren dunkeln, voll aufgeschlagenen Augen einen Blick so unsäglicher Verachtung auf Chilperich, daß dieser die Wimpern senkte. »Hi, hi!« lachte er gleich darauf. »Ich habe weder Wort noch Schwur gebrochen. Hat ein Bischof von dem Hindernis entbunden? Bist du ein Bischof? Nein, du bist es nicht! Hab' ich, der Herr der Stadt Rouen, diese Wahl bestätigt? Das that nur Herr Sigibert, dem Rouen zu Rechte nie gehört hat. – Und die Heiligen? Sie werden mir nichts zuleide thun. Seht her, ihr Dummköpfe. Wohl ist es die rechte Kiste: – aber sie ist leer! Ich habe vorher die Reliquien herausgenommen!« Und er nahm die Kiste in beide Hände, und stürzte sie um, der Deckel hing, an zwei Goldketten hin und her schwankend, zur Seite. Nichts fiel heraus. – »Holzboden, nicht die heiligen Pfänder, berührte meine Hand, während ich eidete. – Fort mit den Gefangenen! Trennt sie! Das Weib in das Kloster der heiligen Chrothechildis nach Beauvais! Den Pseudobischof und meinen abgefallenen Sohn in zwei verschiedene Kerker, hier in dieser Stadt. – Morgen sollen sie ihr Schicksal erfahren. – Jetzt, Graf Leudast, zum Mahle! Mich hungert. Und noch mehr: – mich dürstet. Die Spannung, die Erwartung macht die Kehle trocken. – Ein Eilbote sofort an die Königin! – Wen wähl' ich? – Sie versprach reichen Botenlohn, falls mein – nein: ihr Anschlag gelungen! Ich wäre nie drauf gekommen, auf einen leeren Schrein zu schwören. Wem gönn' ich diesen reichen Lohn? Ei dir, Winnoch, frommer Klausner! Du hast es längst um sie verdient – mit deiner Weissagung.« Am andern Morgen war König Chilperich sehr guter Dinge. Er hatte, nach reichlichem Mahl im Hause des Grafen Leudast, vortrefflich geschlafen und erwachte mit der angenehmen Erinnerung, gestern drei Gegner auf Einen Schlag in seine Gewalt gebracht zu haben. Während des Frühstücks überlegte er, was er nun mit den Überlisteten anfangen solle? Er war so heiter! Er verlangte heute nicht nach Blut. »Die Gotin,« sprach er zu sich selbst, »lasse ich vorläufig, wohlbewacht, im Kloster! Später kann man sie nach Spanien heimschicken. Welch schönes, wahrhaft königliches Weib! Nur zu herb, zu streng, um zu berauschen. – Wie sie mich ansah! Ich mußte an die bleiche Jungfrau denken, wie die auf dem zerwühlten Bette vor mir lag. – Nein! Ich mag nicht noch mehr Tote – tote Weiber! – aus diesem Geschlechte sehen. Fredigundis hat zwar recht schmeichlerisch, recht kosig gebeten, die gefangene Feindin ihr zuzuführen. Aber ich mag nicht! – Ich fürchte: in ihrer Nähe würde die Gotin nicht lang am Leben bleiben. Und das – das will ich nicht! Ob wohl die Goten reiches Lösegeld für sie zahlen? – Meinem Herrn Sohn aber, – dem will ich das Handwerk legen, in Staatshändel einzugreifen. Regent von Austrasien! Behüte! Er taugt nicht dazu. Ins Kloster taugt der weiche Schwärmer. Und ins Kloster soll er. Ich laß ihm die langen Königslocken, die Merowingenlocken, scheren. Mönch soll er werden und für seine Feinde beten! – Und Prätextatus? – Gestern Abend hatt' ich schon seinen Tod beschlossen. – Verdient hat er ihn reichlich um mich –! Aber dann ergellen alle drei Frankenreiche von dem Geschrei der Bischöfe, Priester und Mönche! Das dringt bis nach Rom! Einen Bischof hinrichten! – Auch muß ihn erst eine Synode von Bischöfen absetzen: so haben sie's gar klüglich festgestellt in ihren Canones, die soviel schlauer gedacht sind als unsere ungeschlachten Volksrechte. So sehr sie untereinander eifern und zanken, die Herren Bischöfe, – gegen den König halten sie doch fast immer zäh zusammen. Natürlich: eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Da könnte ich lange warten, bis einer abgesetzt würde. Ich sperre sie deshalb immer lieber ein, an unschädlichen Orten. Dann können sie meinethalben Bischöfe sein – im Gefängnis! – Zwar, er könnte ja – ohne Richtbeil – zufällig sterben? – Allein es ist noch was andres zu erwägen. – Gundelchen, Gundelchen: ich möcht' es in deiner Gegenwart gar nicht denken – aus Furcht, deine alldurchdringenden grauen Augen möchten es lesen hinter meiner Stirn. – Aber es ist wohl klüger, diesen Prätextatus – irgendwo – in Verbannung – leben zu lassen, gleichsam in Bereitschaft zu halten – gegen mein Gundelchen selbst. Er – er allein weiß von jener Würgethat. Er klagt sie nicht an: – sonst hätt' er's längst gethan. Und wagt er's unberufen, so kann er ja immer rasch – am Fieber sterben. – Wird aber meine kluge Königin einmal gar zu übermütig: – ich fürchte sie fast ein wenig! – die Drohung mit dem einzigen, der um ihre That weiß, kann dann recht diensam sein. Tritt er auch nicht als Kläger auf, – sein Zeugnis weigern vor Gericht, falls andre klagen, das erlaubt ihm sein priesterlich Gewissen nicht. Frau Fredigundis, du beherrschest mich schon allzu mächtig. Du zwingst alle: es muß doch etwas geben, wodurch man auch dich bezwingen kann. – Nicht just an Einem Haar« – lachte er – »aber an jenem Büschel roter Haare, hi, hi, Prätextate, hängt dein Leben!« Viertes Kapitel So freudig die Königin von Neustrien im Palatium zu Soissons die Botschaft des Klausners aufgenommen hatte, so wenig zufrieden war sie mit der später eintreffenden Nachricht über des Königs Beschlüsse. Sie furchte die schöne weiße Stirn. Ungeduldig ging sie in dem Frauengemach auf und nieder, nur manchmal im Vorübergleiten an dem goldenen kleinen Bette Halt machend, in welchem ihr Knabe schlummerte, und ihm die Mücken verscheuchend: katzenbehend erhaschte sie auch die schnellste stets auf den ersten Griff, und zerdrückte sie. »Welche Weichmütigkeit, welche Schwäche hat meinen Fuchs befallen! Mir die kleine Bitte versagen, die geborne Königin, die Königstochter, in Fesseln vor die Ziegenmagd zu stellen! Auf die Kniee hält' ich sie vor mir brechen lassen, mit Gewalt! – Und sie am Leben lassen, die Bluträcherin für Schwester und Gemahl! – Und den Priester, der mich geliebt hat – mich! – und sich wieder von mir los und ledig gemacht hat! – So ledig, daß er meine Todfeindin beschützt, mit meinem Stiefsohne traut. Nach Jersey hat er ihn verbannt: – soll eine Insel sein. Weiß gar nicht, wo? – Und Merovech verschonen, den Abtrünnigen! In das Kloster Calais bei Le Mans hat er ihn geschickt. – Sollte wirklich das Vaterblut in Chilperich sich regen? (– Warte, du Stechmücke, hab' ich dich? Wolltest Merowingenblut vergießen? Ja, ja! Der Fuchs hütet sein Junges doch nicht so eifrig wie die Füchsin. –) Das darf nicht sein! Drei Stiefbrüder hast du, mein Sohn, mein süßer, rotlockiger Samson: um drei zu viel! Nun warte nur, armes Büblein! Des einen werden wir wohl bald ... Theudibert! – Ihr seid's?« Sie eilte dem Eintretenden entgegen. »Strafe mich Sankt Dionysius, wenn ich nicht gerade Euer dachte.« Schwer verändert war der Jüngling seit den Tagen von Tournay. Hatten ihn die Wunden so erschöpft? Tief lagen die Augen in ihren Höhlen, unruhig zuckten seine Lippen. Die langen Merowingenlocken, die tief dunkelbraun das edle Antlitz umrahmten, ließen es noch bleicher, fahler erscheinen. »Ich aber, ich denke dich – jede Stunde – jeden Augenblick; Tag und Nacht. – Und senkt wirklich der Schlummer diese brennenden Lider ... dann träum' ich dich. Oh nein! Hebe nicht schelmisch drohend den Finger! Es ist zum Sterben ernst, kein Spiel. Es ist nicht mehr bloß die Sünde, der verbrecherische Durst nach des Vaters Eheweib, was mich umtreibt, friedlos, ruhlos, rastlos, bei Sonnenschein und Sternenstrahl. Es ist die Schande, die Ehrenschmach, der Eidbruch, darein du mich gestürzt hast!« »Ich?« sagte sie, höchst erstaunt. »Ja du, unselig Weib! Der gütevollste, edelste Sieger war gegen mich Oheim Sigibert gewesen! Oh, als ich hörte, in jener Nacht zu Tournay, er sei tot, da fiel mir erst mein Eidbruch erdrückend schwer aufs Herz. Wär' er am Leben geblieben, – ich hätte seine Kniee umfassen und ihn bitten können, bis er mir verziehen. Aber ach, er war damals schon tot! Er sah vom Himmelsfenster zürnend, verachtend nieder, als ich, von deinen falschen Augen, von deiner verführerischen Stimme Klang bezwungen, Eid und Ehre brach und gegen seine Krieger das Schwert hob. Die Strafe folgte rasch. Mein Arm hatte kein Mark, mein Schwert keine Schneide. Sofort, vom ersten Speer, der flog, war der Eidbrüchige getroffen. Und auch jetzt ... – geheilt ist die Wunde lang! – aber mein Arm hat kein Mark, mein Herz hat keinen Stolz, meine Seele hat keinen Schwung mehr. »Da geht der Ehrbrüchige, der Eidfrevler:« – so hör ich's rauschen im Wind, im Geflüster der Menschen. – Und grause Gedanken gegen dich steigen auf in mir! Mein Herz sagt heimlich ja dazu, wenn der Bruder, wenn das Volk dich blutiger Thaten zeiht. Mörderin? Warum nicht? Hast du mir doch den Frieden und die Ehre gemordet. Und dazwischen durch, durch beides, das Grauen, ja den Haß, diese wahnsinnige Lust an deiner gleißenden Gestalt: – so gleißt die Schlange in verderblicher Schönheit! Du lockst mich an und tötest mich.« »Du rasest,« sprach sie sehr ruhig. »Wann hätt' ich dich angelockt? Hab' ich dir je ... –?« – »Nichts hast du mir gewährt oder versprochen. Nie! Aber gelacht, gespielt hast du! Und wenn mich dein spottend Wort fortgeschickt hat, dann lächelten deine unwiderstehlichen Augen: ›Komm wieder!‹« »Welche Anklage! Das soll dein Vater wissen.« – »Gewiß! – Und richten soll er zwischen dir und mir.« Fredigundis erbleichte. »Sobald ich ihn wiedersehe, – ich ziehe jetzt in den Krieg gegen die Kelten in der Bretagne, die sich noch nicht wieder unterworfen, – sag' ich ihm alles. Keine Schuld meiner wahnsinnigen Gedanken werd' ich ihm verschweigen: – aber auch nicht dein falsches, bald laut verstoßendes, bald leise lockendes Spiel. O nein, du hast mir nichts gewährt; aber den Brand in mir hast du unablässig genährt. Und daß du der Fluch bist unseres Hauses, wie Chlodovech sagt, das ist wahr. Und das soll der Vater hören, auch aus meinem Mund. Dann wird er mir das Haupt abschlagen lassen und dein Haß wird gesättigt sein.« Er wankte, er tastete nach dem nächsten Pfeiler, sich aufrecht zu halten. Sie trat dicht an ihn heran und strich ihm mit der kühlen Hand die dunkeln Locken aus der brennenden Stirn. »Mein Haß! Thörichter Knabe! Wenn ich dich haßte, hätte ich nicht längst dich und deinen – Wahnsinn bei deinem Vater verklagt? Hab' ich das je gethan? Hab' ich dir nicht gesagt, kein Weib wird grollen, weil es schön gefunden wird? Es ist wahr, – ich schulde dir noch Dank dafür, daß du in jener Nacht der äußersten Not das Schwert zogst für mich und für mein armes Kindlein dort. Wohlan! Nimm heute diesen Dank!« – Sie holte eine Phiole aus einem in die holzgetäfelte Wand eingelassenen Schrank. »Das war für dich bestimmt, sobald ich wußte, daß du in den Keltenkrieg ziehen würdest. Ich kenne deinen ungestümen Mut, der dich, wie dort in Tournay, immer zuerst an des Keiles Spitze in die Speere führt. Sieh, – ich bangte für dein Leben. Glaubst du noch, Theudibert, ich hasse dich?« »Wär' es möglich?« stammelte der Jüngling. »Dieser Trank?« – »Es ist kein Trank, es ist eine Zaubersalbe, von meiner Ahnfrau. Salbe dir Antlitz damit und Leib – vergiß auch nicht die Stelle, wo Herrn Siegfrieds Nacken das Lindenblatt bedeckt hatte ... –« – »Kein Feind sieht jemals meinen Rücken!« »Und sei getrost: nicht Eisen, nicht Stein wird dann dich versehren. Aber,« fügte sie nachlässig bei, »natürlich, wer auf Zauber baut, darf nur auf Zauber bauen. Trägst du die Brünne darüber, so schützt der Zauber nicht.« Theudibert entriß ihr die Phiole: »O, Fredigundis! Ich kann, – ich kann es noch nicht glauben, daß dir mein Leben, dies arme, ehrlose Leben teuer ist. Ich zweifle – ach, ich zweifle an dir. Schickst du mich nicht in den sichern Tod? Aber Dank dir, heißen Dank auch dann für deine Gabe. Sie bringt Entscheidung. Meinst du es treu, so werd' ich, will ich leben. Und willst du meinen Tod , – du selbst ! – so soll dein Wille an mir geschehen. – Horch! Die Hörner unten im Hofe rufen. Mein Streitroß wiehert! Ich komme! – Habe Dank, Königin, für Leben oder Tod.« Er stürmte aus dem Gemach. – Das Kind in dem Bettlein war unruhig geworden; es schrie. Fredigundis sah erst dem Enteilenden nach: »Dieser Wahnsinn war ja im stillen höchst gefährlich geworden! Es ward hohe Zeit, ihm ein Ende zu setzen! – Still, mein Liebling, still, mein süßes Leben! Da bin ich schon! Komm an der Mutter Brust! Still, stille doch! Ja, du sollst ja haben! Da, trinke nun, Herzchen!« Und sie summte vor sich hin, lächelnd auf das Kind herabschauend: »Du bist ein kleiner Königssohn, wirst bald ein großer werden. Dein Vater trägt nur eine Kron', dir soll'n drei Kronen werden.« Fünftes Kapitel. Wenige Wochen darauf verabschiedete sich König Chilperich zu Soissons, wohin er einstweilen von Rouen zurückgekehrt war, von seiner Königin, um einer Versammlung seiner Bischöfe im Süden seines Reiches, in Châteaudun, beizuwohnen. Vor allem galt es der Besserung der Kirchenzucht, die vielfach daniederlag. Aber der König wollte nicht bloß Vorschläge seiner Bischöfe genehmigen, – er wollte auch an sie richten Fragen und Vorschläge mancherlei Art, die seinen regen Geist beschäftigten. War er doch ein gar eifriger Theologe, wohlbelesen in der Bibel und in den wichtigsten Kirchenvätern; die scharfsinnigen Unterscheidungen, die seinen Schattierungen der Lehrmeinungen, die bestrittenen Punkte in gar manchen Dogmen reizten seinen grüblerischen, freilich mehr noch spielerischen Verstand. Es war ihm dabei weit weniger um das richtigste Ergebnis zu thun, als um die feinste scharfsinnigste Beweisführung. So sprach er denn zu Fredigundis, die den Gemahl nie gern auf längere Zeit aus den Augen ließ: »Gönne mir doch diese harmlose Freude an – Worten und Wortgefechten. Wie meine plumpen Franken ihre derben Glieder im Ringkampf üben und messen und sich brüsten, wenn einer den andern in den Staub geworfen hat, daß dem Besiegten die Knochen krachen, so vergnügt es und ergötzt mich, in geschmeidigen Wendungen der Gedanken den Kontra-Disputator zu überwältigen, ihn zu zwingen, die Überlegenheit meines scharfen und raschen Geistes anzuerkennen. Damit dir inzwischen die Zeit schneller verstreicht, bis ich in deine weißen Arme zurückkehre, hab' ich dich ja feierlich vor allen Hofbeamten zu meiner Stellvertreterin bestellt, dir vor ihren Augen meinen Siegelring gegeben. Regieren! Herrschen! Das ist ja doch des Ziegendirnleins höchste Herzenswonne, – vielmehr als Küssen! Wär ich ein Ziegenhirt, – wer weiß, ob du mich liebtest? – Ja, auch unser Kind – gewiß, du bist eine treffliche, nur allzuzärtliche, allzubesorgte Mutter –! Aber auch unser Kind liebst du doch vor allem so heiß, – ich möchte sagen: so gierig – weil es ein Knabe, ein Erbe meiner Macht und Krone, nach meinem Tode deine Stütze wird, dein Werkzeug – unterbrich mich nicht! Ich mach' es dir nicht zum Vorwurf. Bin ich doch mehr als zwanzig Jahre älter denn du. Wieder heiraten wirst du als Witwe nicht: – das heiße Wallen des Blutes ist dir fremd: – aber durch deinen Sohn ganz ebenso Neustrien beherrschen wie jetzt durch deinen allzu gefügigen Mann, das willst du. Laß doch! Ich schelte ja nicht darüber. Befinde mich ganz wohl in meinen Fesseln. Nur sollst du wissen: ich sehe diese Ketten. Noch einen Kuß! – Der jüngste Sohn des flüchtigen Herzogs Drakolen, der letzte, der uns noch fehlte, ward gestern gefangen eingebracht. Laß ihn foltern, bis er seines Vaters Aufenthalt angiebt, dann wie den andern: – Kopf ab! – Noch einen letzten Kuß. – So! – Nun zu den frommen Bischöfen.« Nachdem in der Basilika des heiligen Cäsarius zu Châteaudun die Geschäfte der Synode beendet waren, forderte der König einzelne der Bischöfe und Äbte, denen er besonderes Vertrauen zuwendete oder mit deren Scharfsinn er sich gerne maß, auf, noch zu verweilen, um einige Fragen zu beantworten. Er wandte sich zunächst an den Bischof von Paris. »Was denkt Ihr, ehrwürdiger Vater Germanus, von der kleinen Abhandlung über die heilige Dreieinigkeit, die ich neulich der Versammlung überreichen ließ? – Was habt Ihr dabei zu lächeln, Herr Felix von Nantes?« rief er giftig und wandte sich schnell gegen einen mittelgroßen Herrn, der aus kleinen Augen ziemlich spöttisch auf den König sah. »Ich kenn' Euch schon! – Ihr seid einer von jenen Kelten! »argute loqui« – geistreich plaudern, sagt schon Cäsar von euch. Man wird schwer mit euch fertig! Aber ich – ich werde auch mit Euch fertig.« »Ohne Zweifel, o Herr,« antwortete dieser sehr ruhig, leise nickend. – »Und dabei verzieht Ihr schon wieder diesen übermütigen Mund! Warum werd' ich auch mit Euch fertig und Eurem überklugen Kopf?« – »Weil Ihr ein unwiderleglich Beweismittel zur Verfügung habet, wider jeden noch so feinen Kopf.« »Hi, hi, Ihr meint den hübschen Trugschluß, den ich neulich erfunden?« schmunzelte der König, geschmeichelt. – »Weniger.« – »Nun was denn?« – »Ihr führt die Widerlegung stets bei Euch.« – »Was denn? Was denn?« – »Eure Streitaxt, Herr, mit der Ihr jeden Kopf und Einwand niederschlagen könnt.« Chilperich lachte. »Ihr habt meine Abhandlung auch gelesen, Herr Felix? Und Euer Eindruck?« – »War Staunen.« – »Nicht wahr? Die gelehrten Citate –!« »Weniger. Ich staunte über die Wege Gottes. Der Ahnherr war ein heidnischer Meerwicht, ein Wasserdämon. Der Enkel schreibt über die Dreieinigkeit! – Aber eins verrät noch Euren Ursprung in dieser Abhandlung.« – »Nun was?« – »Die Wäßrigkeit! – wollte sagen: Das Salz.« Der König lupfte leicht die Streitaxt, die an seinem Gürtel hing. »Herr Bischof, hütet Euch! Dies Argument wiegt wirklich schwerer als Euer Witz. – Sprecht Ihr , Bischof Germanus – Ihr habt verstanden? Ich neige in der Lehre der Dreieinigkeit ein wenig zu Sabellius und zu Eutyches. Ich sage, man soll in der Trinität nicht Personen unterscheiden, sondern sie schlechthin ›Gott‹ nennen. Denn Gott, wie einen fleischlichen Menschen, ›Person‹ nennen, ist unwürdig. Ist ja doch der Vater zugleich der Sohn und der Sohn und der Vater zugleich der Geist. Und also, so will ich – hört es wohl, ihr Herren! – daß fortab gelehrt werde in meinem Reich.« Aber Germanus schüttelte das ehrwürdige Haupt. »Diesen Irrglauben mußt du aufgeben, Herr König und dem folgen, was die Apostel lehren.« »Die Apostel! Die Apostel!« eiferte der König. »Das sind mir die Rechten! Der eine war ein Fischer, der andere ein Zöllner. Die hatten von Dialektik keine Ahnung.« – »Nein, aber den heiligen Geist hatten sie,« sprach Germanus. »In Gestalt einer Taube!« sagte Herr Felix. »Und du, o König, hast nur die Taube Fredigundis.« »Hüte dich, Herr Felix! Die versteht nicht soviel Spaß wie ich.« »Auch Sankt Hilarius von Poitiers,« fuhr der Bischof von Paris fort, »und Sankt Eusebius sind dir hierin entgegen.« – »So? So? Das ist – sehr – sehr feindselig von diesen beiden, daß sie gegen mich sind. Aber freilich, ich habe ihnen nie soviel geschenkt wie ich zum Beispiel Sankt Dionysius zugewendet habe. Und Poitiers gehört ja Guntchramn! Natürlich hält da Sankt Hilarius wider mich. – Das ist Parteilichkeit! – Ich werde aber die Sache klügeren Heiligen vorlegen.« So schloß er ganz giftig. – »Und meine Verse? Euch, Herr Bischof von Nantes, schickte ich sie vorgestern. Ich versuchte darin Sedulius nachzuahmen. Habt Ihr das wohl bemerkt?« – »Nein, o Herr. Wie konnte ich das ahnen?« – »Wieso?« – »Nun, Sedulius war ein Unterthan. Er hielt sich an die Gesetze der Metrik gebunden. Ihr aber, Herr ... –!« – »Nun?« – »Ihr steht als König oberhalb der Metrik. Wenigstens, so sagte ich mir stets beim Genusse der Gedichte. Und wenn ein Vers um einen Fuß zu kurz war oder auch keinen Kopf hatte, dann dachte ich Eurer Streitaxt: ›er hat sie ihnen eben abgehauen,‹ sagte ich mir; Strafe verdienen sie ja auch; denn schlecht genug sind sie.« Der König drohte mit dem Finger, aber er lachte. »Nun, und was sagt Ihr zu meinem Buchstabenedikt? Vier neue hab' ich erfunden! Für langes o , wie im Griechischen – für the , für ae , für vi ! Schon werden die alten Handschriften in der Bücherei zu Soissons mit Bimstein radiert und hiernach umgeschrieben. Und in allen Schulen, in allen meinen Städten, werden die Knaben schon hiernach unterrichtet.« »Unrecht!« meinte der Bischof von Nantes. »Ich hätte – an Eurer Stelle – nur die eignen Verse mit diesen neuen Buchstaben geschrieben.« – »Warum!« – »Erstens wäre dadurch die Lesung erschwert worden. Ein König dichtet doch nicht für alle. Dann wäre es das einzige Mittel, ihnen Eigenartigkeit zu sichern.« – »Ihr seid aber sehr keck, Herr Bischof.« – »Denn die Verse, welche nicht falsch, waren früher allerdings – von Sedulius. Freilich, das ist lange her! Ihr habt sie offenbar von ihm geerbt. Du hast, wie mit Bewußtsein neue Buchstaben und neue Glaubenslehren, o großmächtiger König, so unbewußt neue Versarten erfunden.« – »Wie meinst du das, Bischof?« – »Nun, jene Verse von sieben oder auch oft fünf Füßen, die du – allzubescheiden – mit dem gewöhnlichen Namen Hexameter bezeichnest.« – »Bischof, hüte dich. Nicht nur meine Verse, auch meine Unterthanen haben manchmal einen Fuß zu wenig, wenn sie mich erzürnten.« »Oder gleich gar einen Kopf!« nickte Herr Felix. »Nun sollt ihr aber euern Scharfsinn in anderen Dingen erproben. Ihr wißt, ich arbeite angestrengt an der Bekehrung meiner Juden. Wäre eure Sache, ehrwürdige Herren, eure Sache.« »Ich hatte auch schon mehrere halb gewonnen,« sagte der Bischof von Nantes zögernd. »Aber ...–« – »Nun aber?« – »Sie fürchten Euch allzusehr, Herr König.« – »Wieso?« – »Sie fragten, ob sie im Himmel auch Euch treffen würden? Als ich erwiderte, bei Euren vielen Tugenden werde das wohl nicht zu vermeiden sein, erklärten sie, den andern Ort vorzuziehen. Thöricht! Da Ihr ihnen ja doch im Himmel nicht noch einmal Schätze abpressen oder Steuern aufjochen können werdet.« »Führt die Hebräer herein, die Halsstarrigen!« gebot der König. Alsdann erschienen, von Gewaffneten begleitet, drei graubärtige Juden in der Basilika; sie warfen sich demütig vor dem König nieder, der auf einem erhöhten Sitze Platz genommen hatte und küßten ihm die goldgestickten Fußriemen. Chilperich aber sprach: »Rede, Priscus, du bist der Beste von den dreien in dialektischer Kunst. Wenn ich dich widerlegt habe, wirst du dann deine Hartnäckigkeit aufgeben und die heilige Taufe annehmen?« Der Jude seufzte: »O großmächtiger König, fange doch lieber gleich mit dem Ende an. Zweimal schon hast du mit mir gestritten: beidemale hast du behauptet, du habest mich widerlegt: beidemale, weil ich's nicht einsah, hast du mir abgenommen zur Strafe meiner Verstocktheit einen großen, grausam großen Haufen Geldes. Nimm mir heute gleich das Geld und laß mich ziehen in Frieden! Denn warum? Es ängstigt mich, mit dir zu streiten; du schlägst manchmal mitten in der Dialektik mit den Fäusten drein. Und das bringt mich alten Mann in den Schweiß des Todes.« »Das ist nur deine Schuld!« sprach Chilperich. »Wenn du meine Gründe nicht anerkennst – ein elender Jude, seines Königs Gründe! – Soll mich das nicht aufbringen? Glaubst du also noch immer nicht, daß Jesus Gottes Sohn und selbst Gott ist?« – »Gott meiner Väter! Bedarf Jehova eines Eheweibes? Kann Gott, der ein Geist, ein Kind zeugen? Wie soll ein andrer Gott sein neben ihm? Hat er doch gesagt – Ihr glaubt so gut wie wir an seine Offenbarung – im V. Buch Mosis, Kapitel 23, Vers 39: »Sehet ihr nun, daß ich allein Gott bin und ist kein Gott neben mir?« – »Ich sage dir aber, Christus ist geistig gezeugt und ist nicht neben Gott, sondern in Gott.« – »Wo steht das im Alten Testament?« – »Nicht im Alten, aber im Neuen!« – »Gott du gerechter! Ich schlage dich mit dem Alten, an das auch du glaubst: – wie darfst du mich schlagen mit dem Neuen, an das ich nicht glaube?« Der König gab ihm einen leichten Schlag mit einem Stabe, den er in der Hand trug und rief: »Verfluchter Jude! Ich kann dich schlagen, womit ich will! Das merke dir. Dafür bin ich König! Das ist ja eben deine Sünde, daß du an das Neue Testament nicht glauben willst. Willst du jetzt – gutwillig – einräumen, daß du überwunden bist?« »O Herr,« jammerte der Alte, »ich sagte es ja vorher! Bitte, da nehmt diesen Beutel. Es ist wieder soviel darin, wie bei dem ersten Male.« Chilperich riß ihm den Beutel aus der Hand. »Hebe dich hinweg aus meinem Angesicht!« Der Alte ward mit seinen beiden Genossen abgeführt. »Habt ihr jemals eine solche Halsstarrigkeit gesehen? Ja, diese Juden! Härter als Demant. – Aber der Herr verstockt sie zum Vorteil frommer Könige. Vielmehr den rechtlosen Juden als Franken und Römern kann ich abnehmen an Steuern. Und deshalb segnet der Herr auch deren Thun: sie erwerben wie die Bienen: nicht für sich – für mich. Das ist ihre gerechte Strafe. Jedoch – ihr habt das wohl bemerkt ihr Herren, – zumal Ihr, Herr Bischof von Nantes – ich wollte gar nicht mit meinen stärksten Beweisgründen auf ihn eindringen.« »Natürlich,« lächelte Herr Felix. »Welcher Nachteil für Euch, hätte er nachgegeben! So aber, ist Ebbe im Schatz, habt Ihr nur wieder ein Vekehrungsgespräch mit ihm anzuberaumen.« – »Hört einmal, Herr Bischof, Ihr habt mich ja – in einem Brief – einen Tyrannen gescholten und mich einem sehr bösen König von Syrakus verglichen?« »Letzteres ist ein Lob. Der war auch sehr geistreich. – Übrigens war ja der Brief nicht an Euch gerichtet: – ich lobe Euch nicht in das Antlitz hinein! – Wie kamt Ihr denn zu dem Brief?« – »Meine Sache! – Gesteht, bin ich – für einen Tyrannen! – nicht sehr langmütig, daß ich Euch solche Bosheiten reden lasse? Woraufhin wagt Ihr soviel, Herr Felix?« – »Sehr einfach. Ich bin – leider! – Euer Unterthan Ihr könnt mich köpfen lassen für Worte, die ich nicht gesprochen: also will ich doch – vorher! – sprechen, was mich freut. – Auch weiß ich, daß ich Euch unentbehrlich bin.« – »Ihr könntet irren! – Warum?« – »Die Honigreden Eurer Höflinge verderben Euch den Magen: – Ihr braucht dawider manchmal das bittre Salz meiner Wahrheiten.« »Es ist was dran,« lachte Chilperich. »Des Scherzes, Herr König, ist's nun genug,« sprach Bischof Germanus. »Ich glaube auch,« meinte Felix, »der Herr König hat genug daran bekommen.« »Nun laßt Euch in vollem Ernst fragen,« fuhr der Bischof von Paris fort, »ob Ihr jene ketzerische Meinung von der Dreieinigkeit festhaltet?« »Freilich! freilich! Habe Monate zu dem Studium gebraucht.« »Es ist merkwürdig,« staunte Felix, »daß Euch Eure Freundinnen, Eure Verse und Eure andern Laster noch soviel Zeit lassen.« »Dann werden wir Bischöfe,« sprach Germanus sich erhebend, »zu erwägen haben, ob Ihr nicht durch solche Ketzerei thatsächlich bereits von der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen seid. Wir werden uns vorläufig des Verkehrs mit Euch enthalten müssen.« »Aber,« rief Chilperich, »ich habe euch alle auf heute Abend zum Festmahl geladen in den kleinen Palast!« »Schade,« sagte Felix, Germanus folgend im Hinausschreiten. »Das müßt Ihr nun alles allein verzehren. Bis Ihr Euren Irrtum verworfen habt, werden wir mit Euch Becher und Schüssel nicht teilen.« – Damit wandelte er mit den übrigen Bischöfen langsam hinaus. »Wart', Bretone!« sprach Chilperich ihm nachsehend. »Ich werde dir die Standhaftigkeit schwer machen.« Sechstes Kapitel. Am andern Morgen hielten die Bischöfe lange Beratung über die neue Irrlehre des königlichen Theologen, natürlich in Abwesenheit desselben. Dieser wußte, daß der Bischof von Nantes, von Germanus, dem Vorsitzenden, beauftragt, den Bericht darüber erstattet und mehrere Stunden sowohl hierüber als über andere Gegenstände Vortrag gehalten habe; es war ein sehr heißer Julitag, ein austrocknender Wind blies den Staub durch die Straßen. Der König hatte Befehl gegeben, den Bischof, sobald er die Sitzung verlasse, in den Palast zu führen. Erschöpft, mit gerötetem Gesicht und heiserer Kehle, trat der ein. »O, Herr Felix!« rief der König, ihm huldvoll entgegeneilend. »Wie müßt Ihr doch trocken sein im Halse. Ich habe nicht Weisheit zu reden gehabt diesen ganzen Morgen und bin so durstig! Nun, ehe wir von Geschäften, von dem Ergebnis Eurer Verhandlungen sprechen, – setzt Euch und trinkt. Ich weiß, Ihr macht Euch nicht viel aus dem Essen: – Ihr erachtet es wohl zu derb und verdummend für Euern feinen und scharfen Geist? – Aber Ihr seid im ganzen Reich berühmt als ein gar vornehmer, geschmackvoller und höchst erfahrungsreicher Kenner edler Weine: hier hab' ich Euch nun vom besten Gazatiner bereitstellen lassen: und, da Ihr ihn nicht ungemischt trinkt, wie wir Barbaren, Quellwasser dazu in eisgekühlten Krügen. Nur noch einen kleinen Rest davon birgt mein Keller hier. Den wollen wir teilen.« Und eigenhändig goß ihm der huldvolle Fürst in einen schönen Bronzebecher das würzig duftende Naß, sich selbst einen bescheideneren Pokal füllend. »Hi, hi!« lachte er für sich. »Entweder trinkt er mit mir: dann, – ich weiß schon durch meine Horcher an der Thüre: sie haben mich exkommuniziert, bis ich widerrufe, – dann ist er selbst exkommuniziert, weil er mit mir den Trunk geteilt. – Oder er muß Durst leiden, elend! – Wie jener alte König. – Tantalus hieß er wohl.« Den Bischof reizte offenbar der kühle, der würzige Trank, Er blinzelte mit den kleinen Augen und sagte: »Ja, Herr König, wenn das unter uns zwei Trinkern bliebe?« – »Gewiß! Ich verrate nichts.« – »Wer weiß! Und ich meine, Ihr habt schon wieder einen Lauscher aufgestellt hinter jenem Vorhang, – wie in der Kirche.« »So? Habt Ihr den bemerkt?« lächelte Chilperich verlegen. »Aber diesmal irrt Ihr – hinter jenem Vorhang lauscht niemand. – Trinkt immerhin mit mir.« Der Bischof griff nach dem Henkelkrug und goß Wasser in einen Becher. »In einer Stunde,« schmunzelte der König für sich, »weiß es die ganze heilige Synode. »Ich trau' Euch nicht recht,« sprach der Bretone, den Becher, den er schon leicht erhoben, wieder auf den Tisch setzend. »Ich fürchte Eure Späher.« »Nun, so sehet selber,« rief Chilperich, »daß hier niemand steckt.« Er eilte auf den Vorhang zu und schlug ihn zurück. »Ja, das wohl!« Wieder faßte er den Becher, führte ihn an die Nase und roch daran. »Aber dort! Hinter der geschlossenen Thür des Vorgemaches – durchs Schlüsselloch?« – »Auch dort nicht!« rief der König. – »Bitte, überzeugt mich. Es könnte ja ohne Euer Wissen jemand ... –« Chilperich durchschritt das Vorgemach, öffnete die Thür, die in den Gang führte, trat in den Gang hinaus und bewegte von außen, vom Gang aus, den geöffneten Thürflügel hin und her, zum Zeichen, daß da niemand verborgen sei. Nun schloß er die Thüre wieder und wollte durch das Vorgemach zurückeilen. Als er aber an den Vorhang des Innengemaches gelangt war, da stand der Bischof dicht vor ihm mit lustig glänzenden Augen. »Dank, Herr König,« sprach er: »Heil, wer den Durstigen tränkt! Der Wein war wirklich herrlich. In Eurer Abwesenheit durfte ich ihn ja trinken. Ich habe gleich Euren Becher auch geleert. Wirklich: köstlich! Lebet wohl, Herr König. Euer Wein ist viel besser als Eure Theologie!« Verdutzt sah Chilperich dem Bischof nach, der mit einer tiefen Verneigung an ihm vorüber durch die Thüre glitt. Dann lachte er und strich seinen roten Bart. »Der ist nicht übel, dieser Pfaff! – Widerrufen? – Warum nicht? Haben sie doch beschlossen, wie mein Lauscher berichtet, ausdrücklich in der schriftlichen Aufforderung an mich auszusprechen, daß meine Abhandlung ganz außergewöhnlichen Scharfsinn und in einem Laien ganz außerordentliche Kenntnis der heiligen Schrift darlege. Das ist mir genug, daß die Hochfärtigen das eingestehen mußten. Im übrigen ist mir's ja gleich.« Und so ließ er denn, sowie er das Schreiben der Synode empfing, sofort erklären, daß er seine Meinung zurücknehme und sich der Lehre der Bischöfe unterwerfe. – Fröhlich und guter Dinge saß er darauf mit denselben beim Mahl und erzählte selbst lachenden Mundes, wie ihn der kluge Herr von Nantes überlistet. Da brachte ihm ein staubbedeckter Bote ein Schreiben: er las es und erbleichte. Er sprang vom Sitz auf: »Das Mahl ist aus, ihr Herren! Zu Pferd, zu Pferd! Die Königin meldet mir: mein Sohn Theudibert ist im Gefecht gegen die Kelten gefallen. Mein Sohn Merovech ist auf dem Weg in das Kloster entsprungen und mit Gewaffneten nach Austrasien entkommen, den Knaben Childibert zu befreien. Mein Sohn Chlodovech aber hat sich wider die Königin-Regentin erhoben und zieht gegen sie auf Soissons! Zu Pferd! zu Pferd!« Siebentes Kapitel. In einem Walde südlich von Soissons auf dem linken Ufer der Aisne lagerte ein Häuflein von Kriegern; am Eingang des Gehölzes waren Wachen ausgestellt. Auf der alten Römerstraße im Innern des Gehölzes, nah einem kleinen Quell, brannte ein Feuer, an dem ein frisch erlegter Hirsch gebraten ward; auf ihren Kriegsmänteln lagen drei wohlgewaffnete Männer, offenbar die Führer der kleinen Schar, an der vom Wind abgekehrten Seite des Feuers. Die Nachtluft ging in den hohen Waldbäumen, die von dem roten Glast des flackernden Feuers wechselvoll beleuchtet, phantastische, schwarze Schatten warfen. Weder Mond noch Sterne standen am Himmel: durch die Büsche rauschte hier und da ein aufgescheuchter Vogel; ein Roß wieherte, manchmal klirrte eine Waffe: sonst war alles still. – »Wird uns das Feuer nicht verraten, Marschalk?« fragte einer der Männer. »Schwerlich: das Gehölz ist dicht. Der Schein dringt nicht bis auf das freie Feld.« »Und wenn auch, Merovech,« fiel der dritte ein. »Ich bin so hungrig und erschöpft, nach meinem scharfen Ritt. – Nachdem ich den Hirsch aufgetrieben und gefällt, mußte ich mir ein hastig Mahl gönnen. Reiche mir das Trinkhorn! Leider ist nur Quellwasser drin! O König Chlodovech, großer Ahnherr, schau herab aus dem Himmel und sieh, wie zwei deiner Enkel, gleich landflüchtigen Ächtern, gleich Pferdedieben, sich im Walde verbergen müssen auf ihrem eigenen Erbe! Wie ein Wilderer hab ich diesen Hirsch erlegt in meines eigenen Vaters Bannwald. Und meinem Bruder da hat der Vater das lange Königshaar der Merowingen verschnitten mit eigener Hand. Aber getrost, Merovech, es wächst dir schon wieder. Der Stamm ist lebendig: jung Grünholz treibt rasch: es schlägt wieder aus. Doch sagt, als wir plötzlich, vor dem Wald, auf euch stießen – wir wähnten, es seien Verfolger, Feinde – wo kamt ihr her? Und wie gelang dein Entkommen?« »Dem wackern Gotenhelden hier, dem Marschalk, dank' ich die Freiheit. Er hatte erkundet, wann und auf welcher Straße ich von Rouen in das Kloster gebracht werden sollte unter starker Bedeckung. Seine kleine Schar – gotisches Gefolge und Hausdiener der Königin – war viel schwächer, aber sein Mut ersetzte die Zahl. Im ersten Anlauf sprengten sie meine Wächter auseinander. O nie hab ich so erfreut eine Waffe ergriffen, wie das Schwert, das mir der Treue in die Hand drückte. Wir eilten nun nach Osten zurück, um nach Austrasien zu entkommen.« »So war der erste Plan,« meinte Sigila, mit dem Weidmesser die Hirschkeule anstechend. »Der Braten ist gar! Ihr müßt schon, o Herr, den Marschalk auch als Truchseß walten lassen.« – »Und als Kämmerer des Schatzes! Der ganze Hort zählt hundert Schillinge,« lachte Chlodovech, auf seine Ledertasche schlagend. »Und als Mundschenk!« schloß Sigila und schöpfte wieder mit dem Trinkhorn aus dem Quell. »Das laßt euch nicht anfechten, ihr Königssöhne. Als Herr Dietrich von Bern landflüchtig im Walde hauste mit seinen Gesellen, ging es ihm nicht besser – und doch ward er schließlich aller seiner Feinde Meister.« »Hätten wir nur den dritten Bruder noch bei uns – den tapfern Theudibert!« – »Sag doch genau, Chlodovech, wie war es, daß er fiel? Wir wissen ja nur das eine, daß er uns verloren ist.« – »Wie er fiel? Als ein Held. Warum er fiel? Durch elende Tücke der verfluchten Mörderin! Wir führten im Auftrag des Vaters ein kleines Heer von Neustriern, – die Mannschaften von Tours, Poitiers, Bayeux, Le Maus und Angers – wider den Keltenhäuptling Waroch, nördlich der Loire, in der Bretagne. Des Bruders ganzes Wesen war schon seit Monden verändert, verstört. Die Wunden, die er zu Tournay davontrug, zehrten wohl an seinem Leben: er zeigte während unseres Zuges gar seltsames Gebahren. Meist hing er, stumm vor sich hinbrütend, im Sattel, wie verträumt. Oder er redete mit sich selbst; wie er auch nachts im Schlaf oft wirre Worte sprach: – ich verstand sie nicht! Mir fiel auf, daß er keine Brünne trug unter dem Mantel. Als wir die Loire überschritten hatten und uns der Vilaine näherten, hinter der wir die Kelten verschanzt wußten, schwirrte schon manchmal aus dem Hinterhalt in dem sumpfigen Buschwald, durch den unser schmaler Weg – eine lange Kette von Furten! – sich hindehnte, ein Pfeil auf unsern Heereszug. Ich mahnte Theudibert, doch nun endlich Brünne und Schild zu tragen. Er lachte seltsam und sprach: ›ich stehe unter dem Schutz einer ganz besondern Heiligen.‹ Und als wir nun die Vilaine durchritten und durchwatet hatten und auf Vannes zogen, stießen wir alsbald auf dem rechten, dem westlichen Ufer des Flüßchens, auf die Feinde. Theudibert führte den Oberbefehl; er gebot mir, mit der Hauptmacht langsam zu folgen. Er selbst griff an mit den Reitern von Bayeux; die Kelten hatten vor dem Rand eines dichten Waldes auf steiler Höhe starke Verhaue errichtet aus gefällten Baumstämmen. Zu Pferd war da nicht beizukommen. Theudibert ließ seine Leute absteigen und führte sie zu Fuß den kahlen Hügel hinan. Tollkühn, ja wie ein Wahnsinniger, eilte er weit der vordersten Reihe voran. Ein Hagel von Pfeilen und Schleudersteinen schwirrte aus dem Waldversteck den Unsrigen entgegen. Und sofort, auf dem halben Wege schon, als der allererste, fiel Theudibert. Ich sah ihn stürzen, jagte den Hügel hinan, sprang ab und richtete ihn auf; sein Mantel war ganz durchlöchert, sein Leib war ganz gespickt von Pfeilen. Der Unselige war – zu diesem Angriff! – nur vom Helme bedeckt, ohne Brünne und Schild, vorangestürmt. ›O Bruder,‹ rief ich, ›du hast den Tod gesucht.‹ – ›Oder der Tod mich,‹ antwortete er mit seltsamem Lächeln. ›Meine Heilige gab mir eine Zaubersalbe: – unter der Brünne schütze sie nicht – nur bei vollem Glauben an ihre Kraft. – Dieser Glaube,‹ – nun lachte er schrill – ›ich hab ihn wohl nicht stark genug geglaubt. Sie hat mich in den Tod geschickt! Ich danke ihr.‹ – ›Wer? Wer? Bruder?‹ fragte ich. ›O Fredigundis!‹ seufzte er noch und lag tot in meinen Armen. Ich sprang auf, der Schmerz um den Bruder, die Wut gegen die Mörderin gab mir wilde Kraft. – Ich stürmte, den Unsrigen voran, den Waldverhack. Die Kelten flohen, am andern Tage schickten sie Gesandte, unterwarfen sich und stellten Geiseln. Die sandte ich, der Pflicht gemäß, dem Vater und führte dessen Heer zurück über die Loire bei Tours. Dann aber raffte ich zusammen, was ich von meinen Gefolgen, Vassen, Freigelassenen, Knechten – meinen eigenen und des Bruders – auftreiben konnte und so will ich die Walandine zu Soissons überraschen, bevor der Vater sie schützen kann.« – »Du darfst sie nicht morden,« warnte Merovech. »Am liebsten schlüg' ich ihn ihr schon ab, den bösen, schönen Kopf. Aber nein! Ich will nicht für immer mich vom Vater scheiden. Ich bringe sie gefangen zu Oheim Guntchramn. Der soll ein gerecht Gericht über sie halten lassen; wird sie freigesprochen, stell' ich mich selbst dem Vater.« »Freigesprochen!« rief Sigila. »Auch Galsvinthas, meiner jungen Herrin, Mord schreit um Rache gen Himmel.« – »Und fehlt es auch noch an Beweis, – das ganze Volk der Franken nennt sie des Oheims Mörderin.« »So hilf mir, Bruder Merovech, zieh mit mir auf Soissons.« – »Ich kann nicht, Bruder. Mich bindet eidlich Gelübde. Ich that's, da mir der eigene Vater die Königslocken schor, da ich in meinen Fesseln vor ihm stand: ›Wenn ich je die Freiheit wieder erlange, – mein erstes Werk soll sein, Childibert, das gefangene Kind, zu befreien und seiner trauernden Mutter in die Arme zu legen.‹ Gott hat mich wunderbar befreit: – nun muß ich mein Gelübde halten. Ich eile nach dem Norden, dem Nordwesten, wo ich auf meinen Gütern bei Therouanne viele Vassen wohnen habe. Sie biet' ich auf und ziehe dann durch den Kohlenwald und die Ardennen nach Austrasien, den Ort erforschend, wo der Knabe Sigiberts verwahrt wird; denn sein Aufenthalt wechselt gar oft. Das Kind zu befreien, muß meine erste That sein.« »Das darf ich nicht schelten! Aber thöricht ist es, unsere schwachen Häuflein, nachdem sie ein glücklicher Zufall zusammengeführt, wieder zu trennen. Doch ich rüttle nicht an deinem frommen Sinn. Auf, ihr Genossen, zu Pferd! Wir dürfen uns nicht lange Rast gönnen. Zur Nacht noch, in der Dunkelheit, müssen wir Soissons erreichen, soll unser Anschlag gelingen.« »Wie könnt Ihr hoffen,« fragte Sigila, »die starke Feste mit so kleiner Schar zu gewinnen?« »Hei,« lachte Chlodovech vor sich hin. »Das ist zwar ein zartes Geheimnis. Aber« – er spähte sorgfältig umher, ob niemand lausche – »euch beiden kann ich's schon vertrauen. Das Palatium, wo die Unholdin hauset, ist unmittelbar an das Südthor angebaut. Das Südthor hat einen alten Thorwart, einen Freigelassenen unserer armen Mutter Audovera; er haßt die rote Hexe gründlich. Und der Alte, der hat eine junge Tochter. Die Tochter, die hat ein heißes Herz. Dies Herz, das hat mich gar lieb. Und es wäre heute nicht die erste Nacht, daß sie mir das Mauerpförtlein aufthut, das in ihre Kammer führt. – Ein verschwiegener Bote hat ihr mein Kommen für heute Nacht voraus verkündet. Bin ich erst im Palatium: – dann wehe Fredigundis!« Damit sprang der Ungestüme auf, auch Merovech und Sigila erhoben sich. Bald waren die beiden Scharen im Sattel: sie ritten aus dem Wald ins Freie und gemeinsam noch über die alte Römerbrücke über die Aisne; hier gabelte sich die Straße: die Brüder drückten sich noch einmal schweigend die Hände: dann trennten sie sich. Chlodovech mit den Seinen eilte geradeaus auf Soissons zu, Merovech und seine Begleiter bogen ein in die nordwestlich führende Straße. Ganz nahe vor den Thoren von Soissons lag, seitab der Straße, ein kleineres Gehölz. In diesem befahl Chlodovech den Seinen, abzusteigen; er ließ die Rosse anbinden und überwies sie der Obhut von wenigen seiner Getreuen; mit den übrigen, etwa dreißig Männern, eilte er in größter Stille an das Südthor der Stadt, die in tiefem Schweigen, in Nacht und Dunkel gehüllt, vor ihnen lag. Nur in dem obersten Stockwerk des Turmes, welcher das Thor überragte, brannte die Pechfackel des Turmwarts. Chlodovech befahl der Hälfte seiner Leute, in den Gräben zu beiden Seiten der alten Römerstraße zurückzubleiben. Mit der andern Hälfte eilte er an das Thor. Alles still. Bloß durch die Ritzen des Holzladens an der kleinen Kammer oberhalb des Mauerpförtleins glomm mattes Licht. Sie wachte, sie erwartete ihn. Er gebot seinen Begleitern, links und rechts von dem Pförtchen sich seitab zu halten, bis er sie leise mahnen werde, einzudringen. Er trat nun dicht vor das schmale Thürlein und schlug sacht die Hände zusammen – ein – zwei – dreimal. Sofort erscholl antwortend ein leiser Handschlag. Der Schlüssel drehte sich von innen, ohne zu knarren, in dem frisch geölten Schloß: – ein klein wenig öffnete sich die Pforte: schwaches Licht eines Handlämpchens drang durch die Öffnung aus dem dahinter gähnenden Steingang. Rasch schritt Chlodovech über die Schwelle: im Nachtgewand stand vor ihm die jugendliche Gestalt; das Haupt verhüllt, das Öllämpchen in der weißen Hand, sie nickte ihm schweigend zu: Chlodovech trat einen Schritt in den Gang hinein, dann wandte er sich um, die Genossen hereinzurufen. Da flog die Thüre klirrend in das Schloß, der Schlüssel ward umgedreht, vier Männer sprangen von links und rechts aus den Seitenmündungen des Ganges auf den Überraschten und packten seine beiden Arme: die jugendliche Gestalt aber schlug die Kapuze zurück – prachtvolles Rotgelock flutete auf ihre Schultern – und ihm mit der Lampe in das Antlitz leuchtend, lachte Fredigundis: »Willkommen, Herr Sohn! – Jetzt fehlt nur noch Merovech!« Achtes Kapitel. Die Regentin lag in ihrem kleinen Gemach im Palatium zu Soissons anmutig hingegossen auf der Ruhebank, ihren Knaben an die weiße Brust drückend. »Trink,« sagte sie, »saug' und trink, mein kleiner Held! Du kannst gar nicht genug von der Mutter in dich aufnehmen für einen künftigen König. Dein Vater, der geborne König, hat, obzwar ein höchst verschmitzter Dialogiker – oder wie das Ding heißt? – viel zu wenig Königshärte in seinem schlaffen Herzen. Sollst du ein großer, das heißt ein furchtbarer König werden, zu dem die zitternden Völker aufblicken, wie zu der blitzzüngelnden Wetterwolke, dann mußt du nicht nach ihm, mußt nach dem im Staub gebornen Mütterlein arten. Wart, Chilperlein, schwacher Weichling, ich will dir regieren helfen.« Rulla trat ein und meldete: »Die beiden Männer, die du bestellt hast.« – »Laß sie eintreten!« – »Soll ich nicht das Kind ...?« »Nein! Was schadet's, daß sie sehen: die Königin ist eine gute Mutter?« Rulla ging. In das Gemach schritten Winnoch der Klausner, und ein andrer Mann, beide reich gekleidet und wohl gewaffnet mit Brünne, Kurzschwert und Langschwert. »Nun,« lachte Fredigundis, ohne sich zu regen, »frommer Bruder! Ist es nicht besser, Frau Fredigundens Vertrauter sein als ein Heiliger? Verspürt Ihr Sehnsucht aus den ambra-duftenden Gemächern meines Palatiums hinweg nach Eurem einsamen Turm? – Wo es übrigens auch gar nicht übel geduftet haben soll nach – Wein! Ist es besser, dumme Bauern durch Weissagungen um ein paar Eier betrügen, als Frau Fredigundens Vorhersagungen zu erfüllen mit dem Skramasachs?« Der ehemalige Klausner trat einen Schritt vor: »oh Frau Königin – meine Königin – dich anschauen – das ist die Himmelsseligkeit! Mag ich's in der Hölle büßen ewiglich, wie ich dir gedient.« Zornig trat der andre vor und griff an den Dolch: »Schweig, Pfaff, sonst stech' ich dich nieder. Wie darfst du so reden? Hast du wie ich einen Bruder verloren im Dienste dieser allberückenden Frau? Hast du dein Leben eingesetzt für die meeresgrundtiefen, meergrauen Augen wie ich? Pah! Daß du den jungen Chlodovech überwältigen halfst im Gang? Das ist was Rechtes! Hast du einen Frankenkönig ermordet – für sie?« »Verzeihung, Bladast,« lächelte Fredigundis. »Aber das thatest du damals nicht für mich, für meine grauen Augen, wie du sie, – häßlich! – schiltst: sie sind doch eher bläulich, glaub' ich, nicht? – sondern um dein verwirktes Leben zu retten und das deiner greisen Eltern.« »Davon schweige, Königin,« rief der Mann wild. »Das könnte mich ...! Ach nein, auch das kann mich nicht mehr heilen. Du hast mit arger, mit ärgster Bosheit mich und den Bruder – brave, wackere Menschen waren wir, der Bischof in Tournay hat es selbst gesagt! – dahin gebracht, zu morden, um die Eltern und uns selbst vor deinen Folterbänken zu retten. – Des Bruders letztes Wort, – ich hört' es wohl! – als er fiel bei der That, war ein Fluch über dich. Ich hatte ihn geliebt, diesen Bruder, fast wie die weißhaarigen Eltern, – und hatte gelebt in Treue und Manneswackerheit. Und doch! Schon als ich in Tournay zuerst dich sah, als du das Gräßliche den Eltern drohtest und uns zu dem Morde drängtest, der uns der Hölle überliefert, schon da hat mich deine berückende Schöne vergiftet. Und als ich zu dir zurückkam und dich haßte wegen meiner That und wegen des armen Bruders und dir fluchen wollte wie er – und wie du da lächelnd mir diese langen, schmalen Finger hinhieltst, – da ...! Bei allen bösen Geistern, zerfleischen laß ich mich, Glied für Glied, um Einen Kuß auf diesen kleinen weißen Fuß.« Er trat vor. Der Klausner folgte ihm, einen glühenden Blick auf Fredigundens Gestalt werfend. Ruhig schob sie ihr Busentuch zurecht, nahm das Kind auf den Schos und sagte eisig: »Pfählen laß ich euch, rührt ihr mich jemals an. Kein Wort der Art will ich jemals mehr hören. Ich kann's ja nicht hindern, daß ihr Augen habt und daß ich – wirklich – viel schöner bin als andere Weiber. Aber – behaltet's für euch. Bedenkt es stets: ich bin Feuer. Wer mich anrührt, verbrennt. Andern Lohn – Gold – sollt ihr haben, soviel ihr wollt, soviel König Chilperich den freien Franken abpressen kann. – Nun gebt acht! Mein Gemahl setzt, nachdem er erfahren, daß Herr Chlodovech gut aufgehoben ist bei mir, seinem dritten lieben Sohne nach, ohne ihn finden zu können. Aber er ist von Weichmütigkeit befallen über den Verlust seines tapfern Theudibert. Er will Chlodovech, der mich, – die Königin! – gefangen vor den Burgunden schleppen wollte, nicht hinrichten, nur zum Mönch scheren und in ein Kloster stecken. Leider wachsen den Merowingen die abgeschornen Haare wieder: – wir haben's erlebt!« »Königin,« sagte der Klausner, »du hast ja deinen Feind unten im Kerker. Laß mich hinunter und ...« – »Nein, mich laß den Mann erwürgen,« rief Bladast, »der dir ans Leben wollte. Und laß mich dafür nur den Saum deines Mantels küssen ...–« – »Nichts da! Den Mantel hat mir, wie alles, was ich habe, Herr Chilperich geschenkt. Und wenn die Heiligen auch dereinst leider schwere Arbeit haben werden müssen, mich wegen anderer Sünden loszubitten, – aber sie werden's gerne thun: sind reich vorausbezahlt! – Untreue gegen Chilperich soll nicht darunter sein.« »Du bist von Stein,« murmelte Bladast, »daß solche Glut des Bittenden dich nicht erweichen kann. Du bist von Stein!« »Ich glaube – ja. Wenigstens von denen, die da leben ...! Aber: nicht ihn umbringen. Herr Chilperich hat noch den ersten Sohn Frau Audoverens nicht ganz verschmerzt. – Es käme zu Tage, daß ich, gegen des Königs Gebot, ihn tötete. Er muß das selbst vollbringen.« »Wie wirst du das bewirken?« staunte Bladast. »Kennst du das Kurzschwert, den Skramasachs, dort auf dem Tisch?« – »Er ist Chlodovechs! Ich selbst nahm ihm die Waffe ab in dem Thorgang.« – »Nimm sie mit in den Kerker... in deinem Gürtel. Und dieses Schreiben. Lies nur! Es ist unverschlossen.« – »Im ausdrücklichen Auftrag des Herrn Königs Chilperich. Chlodovech soll so lange gefoltert werden, bis er verrät, wohin sich sein Bruder Merovech gewendet hat. – Ja, das wissen wir ja schon!« – »Aber Er weiß nicht, daß wir's wissen. Laß ihn das lesen. Zeig ihm hier das Siegel seines Vaters auf dem Schreiben.« – »Woher konntest du ...?« – »Ich führe Herrn Chilperichs Königsring. Bringe mir das Schreiben wieder zurück. Sag' ihm, in einer Stunde würden ihn meine Folterknechte abholen, und verlaß ihn.« – »Und das Kurzschwert?« – »Bist du aber langsam von Gedanken –! Das Kurzschwert verlierst du! Du läßt es – geräuschlos – auf das Stroh des Kerkers fallen und gehst.« – »Du bist .. –« – »Ich weiß schon, wie ich bin. Geh, Bladast. Es eilt. Der König, – er sucht Merovech: – vergeblich wie wir wissen! – in der Champagne von Reims – aber er kann jede Stunde hier eintreffen. Und du, Winnoch, wirf dich auf das rascheste Roß im königlichen Marstall, fliege zu den Leuten von Thérouanne und sag' ihnen: – aber nur mündlich! kein Schreiben läßt du dir abbringen! – die rückständige Grundsteuer ist ihnen erlassen, thun sie in allem, wie ich ihrem Abgesandten riet. Gehorchen sie aber meinem sanften Rate nicht, so schick ich ihnen den Schatzmeister mit zwanzig Fronboten und lasse sie pfänden und von Haus und Hof treiben ins Elend. Höre – noch eins. In der Nähe von Thérouanne irgendwo steht mit starker Schar Herzog Boso: – auch ein Verehrer meiner roten Haare!« »Jawohl!« sprach Bladast grimmig. »Ich kenn' ihn nur zu gut. Ich sah es, wie er in der letzten Vesper das Auge nicht von dir brachte. Du hast der Verehrer viele, Feuerkönigin.« – »Dank den Heiligen: – ja! Aber alle verehren mich mit gleichem Erfolg. Das mag euch trösten: zur Eifersucht hat keiner von euch Ursach! Dem Herzog sage, Fredigundis läßt ihn bitten, im rechten Augenblick in Thérouanne nicht zu fehlen. Er haftet mir dafür, daß Merovech und Sigila – hörst du? Auch der! Der frech-stolze Gote! ich schulde ihm noch was! – nicht mit dem Leben entrinnen: – sie dürfen sich nicht etwa ergeben und vor den König gebracht werden. Des schwachen Vaters Auge soll den Sohn nicht mehr sehen.« – »Ich verstehe.« – »Fort mit euch! Macht eure Sachen gut.« – Die beiden neigten sich und gingen. – »Rulla,« rief die Königin, »nimm mir den Knaben ab. Ich muß in die Kapelle des heiligen Medardus und beten, daß meine Pläne gelingen; er wird schon dazu helfen. Hab' ich ihm doch das Gewicht klein Samsons in eitel Gold gelobt, sobald mein Knabe der einzige Sohn Herrn Chilperichs geworden. Hilf mir das Haar aufbinden.« Während Rulla ihr behilflich war, sprach sie mit leisem Grauen: »O Königin, ist es wahr ...?« – »Horch, wie mein Haar wieder knistert. Das bedeutet Gelingen! – Was soll wahr sein?« – »Daß du zaubern kannst? Alle Leute sagen's. Und deine Großmutter galt im ganzen Gau als –« »Hexe, willst du sagen? Ja, sie kannte und konnte mehr als andre. Und ich – ich kann mehr als sie!« – »Also hast du wirklich – der ganze Palast behauptet es – deinem Erdspiegel es abgefragt, daß in jener Nacht der arme Königssohn des Thorwarts Töchterlein besuchen wolle?« – »Nein, Närrchen. Zwar wäre es besser, dich in dem Wahn zu lassen: denn die Furcht vor Fredigundis ist aller Weisheit Anfang in Neustrien. Aber du dauerst mich in deiner Dummheit. Nein, ich brauche keinen Zauber, wenn sich meine Feinde selbst verraten. – Höre! Du weißt, das eitle junge Ding hatte Haare, ähnlich den meinigen, nur – natürlich! – lang' nicht so schöne. Aber doch recht ähnliche. Herr Chilperich lobte einmal ihre Haare. Schon das gefiel mir nicht sonderlich. Nun sind mir, wie du weißt – unter dem Druck der schweren Krone – ich bin ja nicht von Jugend auf an die goldne Last gewöhnt: auch,« lachte sie, daß die kleinen Zähne glänzten – »trage ich die Krone vielleicht allzuhäufig! – die Haare ein wenig ausgegangen.« – »Ja, zumal an der linken Seite, am Ohre,« sagte Rulla, »ganz seltsam!« – »Ich weiß, ich weiß. Oh, thu' mir nicht so weh!« – Das kleine Füßlein stampfte. – »Nun, ich befahl der Dirne, sich ihre Haare kurz abzuscheren. Ich wollte – nur für öffentliche Aufzüge oder bei dem Empfang fremder Gesandten: denn mein Fuchs ist nicht zu täuschen! – ihre Flechten zwischen die meinen binden. Ich versprach der Sklavin, der erbärmlichen, noch Geld dafür. Kannst du dir solche Frechheit vorstellen? – Sie weigerte sich!« – »Das kann ich mir gut vorstellen. Hätte mein braunes Haar auch keiner Königin gegeben und für keine Summe Geldes. Denn mein Rando liebte es und lobte es so sehr und streichelte es so oft.« Fredigundis sah ihre Dienerin mit großen Augen an: »Nichts dümmeres an einem Mädchen, als die Liebe, – wie ihr's nennt. Macht aus den Weibern Thörinnen. Jede Laune des Geliebten wird ihr Evangelium. Und oft ihr Verderben. – So hier. Ich bat. Ich! Die freche Magd weigerte sich nochmal! Da riß mir die Geduld. Vier Fäuste hielten das Püppchen, das jammerte und sich drehte und heulte, und ich selber – eine Wollust war mir's! – schnitt der Schreienden das ganze Haar so dicht am Kopf ab, daß sie aussah wie ein frisch geschornes Lamm! Als die letzte Locke zur Erde rieselte, schrie sie wütend: »Oh mein Geliebter, wie hast du dieses Haar geliebt! Aber Geduld, bald rächt er die Schmach.« Ich stutzte: ich sah ihr ins Auge: da erschrak sie und sank, schreiend vor Furcht, vor Reue über das entflohene Wort in Ohnmacht. Rasch weckte sie meine scharfe Schere: das unterste Ohrläppchen schnitt ich ihr ab. Ächzend fuhr sie auf. Sie wollte nichts gestehen. Auch auf der Folter hielt sie tapfer aus – wollte sich die Zunge abbeißen, um nichts verraten zu können – schreiben kann sie ja nicht. Ich merkt' es: denn ich stand dabei ...« – »Oh Königin!« »Ja, es ist arg. Ich thu's nicht wieder, – wenn ich's vermeiden kann. Ich zwängte ihr ein Tuch zwischen die Zähne. – Zuletzt gestand sie alles: des Buhlen Namen, den Plan, die bestimmte Nacht. Ich ließ sie einsperren bis alles gelungen war. Dann gab ich sie frei.« – »Die Arme! Was ward aus ihr? Ich will für sie ...« – »Überflüssig! Als sie erfuhr, daß er gefangen, hat sie sich vom Turme herabgestürzt. – Nun in die Kapelle!« Neuntes Kapitel. Eine Woche später schritt König Chilperich kopfschüttelnd in seinem Gemach in dem Palatium zu Soissons auf und nieder; Fredigundis lehnte auf dem Ruhebett und schien ganz vertieft in Urkunden, die, dicht gehäuft, in einer reich verzierten Erzvase vor ihr auf dem teppichbedeckten Estrich lagen. »Ei, ei!« sprach Chilperich vor sich hin. »Beide tot. Vielmehr: alle drei tot! Sei's um Merovech! Hab' ihn nie gemocht! War Sigibert mehr zugethan als mir. Und diese Ehe! Welche Auflehnung gegen den Vater!« – »Und welche Sünde gegen die Heiligen!« meinte die Königin, ohne von ihren Pergamenten aufzublicken. »Des eignen Oheims Witwe zur Frau nehmen! Blutschande! Gräßlich!« »Ich glaube doch, ich hätte ihm zum zweitenmal das Leben geschenkt. Da schneidet mir der Unsinnige die Wahl ab! Ich grolle fast den Leuten von Thérouanne. Und wer weiß, ob sie nicht anfangs im Ernst, und nicht nur zum Scheine, sich ihm anschließen wollten?« Fredigundis zuckte die Achseln. »Wohl möglich! Strafe sie!' Wie war es doch?« »Winnoch, der zufällig in der Nachbarschaft weilte, erzählt, die Leute dort hätten meinen Sohn, der in der Nähe auf seinen Gütern die Vassen aufbot, zu sich rufen lassen mit dem Versprechen, sich ihm anzuschließen. Aber freilich haben sie alsbald, sowie er mit Sigila ... –« – »Der hochmütige Gote! – Ich gedenke noch, wie ich ihn zuerst sah.« – »Wo war das?« – »Gleichviel! – In Marseille! Neben Herrn ... Sigibert!« – »Also, wie Merovech mit seinen vornehmsten Begleitern, etwa zwölf Helmen, in das kleine Palatium in der Vorstadt Thérouanne – es hat hohe steinerne Mauern und nur Ein Thor – eingeritten war, da warfen sie von außen das Thor hinter ihm zu und umlagerten ihn. Dein Günstling, Herzog Boso, tauchte plötzlich in der Stadt auf mit seiner Schar und übernahm den Oberbefehl. Jene wollten sich durchschlagen! aber bei dem Ausfall, den sie machten, wurden die meisten gefangen. Nur mein Sohn und Sigila gelangten in den Palast zurück. Da sahen sie zu, wie die Gefangenen gar grausam hingerichtet wurden.« – »Du sorgest wohl bang,« fiel Fredigundis ein, ohne aufzublicken, »um deinen Ruhm, der erfindungsreichste Henker in deinem Reiche selbst zu sein? Das Augenausstechen, das du so liebst, ist auch nicht sänftlich. Und hast du vergessen, wie du Herrn Sigiberts Mundschenk hast alle Gelenke mit weißglühenden Eisen verbrennen und Stück für Stück die Glieder mit Zangen abreißen lassen?« »Der Hund hatte gesagt,« erwiderte Chilperich giftig, »ich könne gar nicht von Merowingenblut sein: – wegen meiner Feigheit.« »Du bist just kein Held, Schätzlein,« sagte sie umblätternd. »Nein, denn nur Thoren brauchen den Arm, wo die Zunge ausreicht. Heldentum – wie oft schon sagt ich's! – ist eine barbarische Dummheit. Aber diese Bären wollen's nicht begreifen. – Nun, dein Schützling Boso ließ vor meines Sohnes Augen dessen gefangenem Falkner Grindio Hände, Füße, Ohren und Nase abhauen, seinen Schildträger Gailen flochten sie aufs Rad und hingen ihn hoch auf, Chucilio, weiland Bruder Sigiberts Pfalzgraf, hieben sie nach vielen Martern in Stücke. Da ergriff wohl Merovech und Sigila ein Grauen; man sah, wie sie auf dem flachen Dach des Hauses, wo sie all' das mit angeschaut, erst miteinander redeten, dann die Skramasachse widereinander selbst zückten, sich einander durchbohrten und dann, Brust an Brust sinkend, starben.« »Wie rührend! – Ich habe beider Leichen Frau Brunichildis senden lassen in ihre Klosterzelle. Der Landsmann mag sie Spaniens gemahnen. Und des Hochzeitzugs in Marseille! Und ihren zweiten Mann mag sie neben ihrem ersten bestatten lassen. Bin begierig, ob einer Lust hat, der dritte zu werden; sie sterben rasch, die Gatten Brunichildens.« – »Wie gesagt: sei's um Merovech! – Jedoch daß meinem tapfern Theudibert – infolge eines Gelübdes, heißt es, ging er ohne Brünne in den Kampf: Chlodovech sollte Näheres davon wissen – nun dieser ungestüme, aber kraftvolle Junge, dieser Chlodovech, auch gefolgt, – das ist ein Schlag! Ich hätte ihm das Leben gelassen. Wie hat er nur den Dolch bei sich verbergen können? Der Kerkermeister fand ihn schon tot. Selbstmord bei beiden! Sie werden's büßen im Jenseits.« »Ich habe Messen für sie lesen lassen,« sagte Fredigundis und nahm eine neue Rolle auf. »So hörte ich: – mit Rührung! Ja, für tote Stiefsöhne bist du eine gute Mutter. Im Leben .....? Nun, es ist gut, daß du gegen den Einen nicht zu zärtlich warst. Aber nun habe ich nur den Einen Sohn und Erben. Wenn er uns stürbe!« – »Er sieht nicht danach aus. Hörst du ihn lachen da drüben? So laut! So fröhlich! Er ist bei den Heiligen gut angeschrieben: muß es sein! Dank all meinen – nicht bloßen Gebeten! das sind Worte! Darauf giebt man auch im Himmel nicht viel! – dank meinen Geschenken.« – »Der einzige Erbe!« Chilperich seufzte. »Männchen, komm her! Leih mir dein Ohr,« lächelte sie, die berückenden schwimmenden Augen zu ihm aufschlagend. »Ich sage dir ein Wort des Trostes.« Er beugte sich zu ihr nieder, sie faßte seinen Kopf mit den weißen Händen und flüsterte ihm in das Ohr. »Hi, hi! Mein Gundelchen! Das ist ja herrlich! Das kann freilich ein Trost werden.« Und er küßte sie zärtlich auf den Nacken. »Aber,« fuhr sie fort, »ich bin dir nicht nur die Mutter eines Geschlechts von Königen: ich bin auch dein bester Reichskanzler! Oder Schatzmeister: denn zumeist Dein Schatz bedarf der Stärkung. Ich habe in diesen Wochen, da du mir die Regentschaft übertragen hattest, eifrig gearbeitet, – mit deinen Kämmerern und allein – habe mir die alten Steuerlisten vorlegen lassen aus den Archiven und die Rechnungen, die Steuerbeträge der letzten Jahre damit verglichen. Freue dich, Herr König von Neustrien! Viele Millionen Solidi von Steuerrückständen habe ich entdeckt.« »Das wäre!« rief Chilperich funkelnden Auges. – »Es ist so. – Und was noch viel mehr wert: ich habe gefunden, daß in gar vielen Städten durch Nachlässigkeit, auch wohl Bestechung der Grafen, seit Jahren viel geringere Steuersätze erhoben werden, als dir gebühren. –« – »Die Schurken! Die Augen laß ich ihnen ausstechen.« »Leider sind sie meist schon tot. – Daraus folgt also, daß du ständig , auch künftig, auf viel höhere Einnahmen zählen kannst. Hier die Zusammenstellung.« »Gundelchen!« frohlockte der König, »du bist Gold wert! Buchstäblich!« Gierig durchflog er die hingereichte Rolle: »Das ist ja herrlich! Fast in allen meinen Städten. In Bordeaux, Limoges, Cahors, in Angers, Rouen, Cambray, in Beauvais, und hier in Soissons selbst. – Aber was seh ich? Du hast ja überall in der Richtigstellung der Rechnung die Kirchen, die Klöster vergessen mit ihrem ungeheuren Grundbesitz und ihren Hintersassen! Zieht man auch sie heran, – nach zweifellosem Recht! – so erhöht sich ja diese meine neue Einnahme fast noch um ein Drittel.« »Nicht vergessen!« sprach Fredigundis ernst. »Absichtlich übergangen. Wir wollen gegen sie nicht Gebrauch machen von unserem Recht. Ich bitte dich sogar, ihnen die bisher entrichtete Grundsteuer zu erlassen.« »Fällt mir nicht ein! Warum denn?« »Ja, siehst du, Männchen, Kirchengut gehört den Heiligen. Mit diesen dürfen wir's nicht verderben. Es mußte so manches geschehen und wird – ich seh es kommen! – Wohl auch künftig noch geschehen müssen, was – nun, was der heiligen Fürsprache dringend bedarf.« »Ach was!« rief Chilperich. »Ich habe genug gethan für die Heiligen; sie müßten ja unersättlich sein.« »Nein, ich bitte dich,« mahnte sie dringend. »Es könnte mich sonst die ganze Arbeit reuen. Ich gebe dir gar die Rollen nicht, versprichst du nicht ... –« »Oho, Empörerin!« rief Chilperich lachend, raffte die sämtlichen Urkunden aus dem Erzgefäß und eilte damit zur Thüre. »Heute noch schicke ich die Steuerboten aus. Und die Bischöfe und Äbte sollen sich wundern. Sie besteure ich, nicht die Heiligen im Himmel.« Seufzend, sehr unzufrieden sah ihm Fredigundis nach. »Rulla,« rief sie gegen das Nebenzimmer gewendet, »bringe die Mirakel und hilf mir wieder bei der Arbeit.« Alsbald brachte die Dienerin in einer ähnlichen Erzvase einen hochgehäuften Stoß von Zetteln verschiedener Größe, bald von Pergament, bald von Papyrus. Sie setzte sich auf einen Schemel neben dem Ruhelager und las, schrieb und verteilte die Zettel auf einem niedrigen Tisch nach Anweisung ihrer Herrin. »Ich bin dir so dankbar, Königin, daß du mich alsbald hast lesen und schreiben lehren lassen. So kann ich dir doch in manchen Dingen nützlich sein. Nur bin ich noch nicht rasch genug mit der Rohrfeder.« »Andere sind geschickter, – aber du bist verschwiegen und treu,« sagte Fredigundis und strich über das hübsche Gesicht, das reiche Haar der Dienerin. »Seltsam! Ich glaube, dich hab' ich lieb. Es rührt sich etwas warm in meiner Brust, wann ich dich anschaue. Das kenn' ich sonst nicht, – nur etwa für meinen Sohn. Es thäte mir weh, wenn du von mir ließest.« – »Königin, dir dank' ich, daß mein süßer Knabe lebt. Wie könnt' ich! ... –« – »Du mahnst mich an die Kinderzeit. Weißt du noch, wie wir in die Brombeeren gingen selbander? Oder an der Wutach die weißen Wasserrosen brachen – barfuß.« »Ja! Du warst immer recht wehleidig dabei, wenn dich nur ein Dorn ritzte, Fredigundis.« – »Ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn was unsanft rührt an mein lieb, weiß, weich Fleisch.« Sie küßte ihren eignen vollen Arm. »Lieber noch so viel Wohlbehagen! – Nun an die Arbeit. Was schreibt Herr Felix von Nantes?« – »Er bedaure, aber in seinem Sprengel sei in diesem Jahr kein Wunder vorgekommen.« – »Er paßt schlecht auf! Er glaubt nicht leicht.« – »Ausgenommen das eine, daß der Herr König zwölf Monate lang keinen habe köpfen lassen.« – »Er soll seinen eigenen Kopf hüten.« – »Venantius Fortunatus schickt dir aus Poitiers – in Ermangelung von Mirakeln – neue Verse.« »Weg damit!« – »Ungelesen?« – »Ins Feuer! Oder nein, ich gebe sie dem König. Der hat ja, außer schädlicheren Leidenschaften, auch die für Dichter und Verse.« – »Du magst sie nicht, die Lieder? Ich habe meine Freude an den alten Sängen.« – »Weil du dumm bist, Rulla; deshalb hast du auch so ein liebeheißes Herz! – Nein! Ich hasse die Dichter. Auch die alten Sagen und Lieder, die sie erfinden. Es sind ja lauter Lügen! Nun hab' ich gar nichts gegen das Lügen! Durchaus nicht! Dann muß aber doch ein Vorteil dabei herauskommen! – Und dieser Venantius, der meines Mannes Verse schön findet! Der elende Heuchler! Hier wieder! Da höre nur: ›Du, ein sugambrischer Mann, von dem Stamme von Helden entsprossen, Wie dir beredt aus dem Mund strömt das latinische Wort! Welcher Meister bist du des Worts in der eigenen Mundart, Der du im römischen Vers selber uns Römer besiegst.‹ Welche Unverschämtheit des Lobes! Wenn Chilperich das liest, er muß sich ja schämen. Aber freilich, Dichter können mehr an falschem Lob einsaugen und ertragen als der Schwamm an Wasser! Noch mehr fast als Könige! Dieser Venantius! Und die heilige Radegundis, seine... –« – »Aber Königin! Sie ist steinalt! Und heilig bei lebendem Leibe.« – »Langweilig ist sie, unsäglich! Und dumm! Schreibt mir – ich sage: mir ! –lange Briefe über die Eitelkeit von Macht und Kronenglanz! – Weiter. Dort die lange, lange Liste. – Die ist gewiß von Herrn ... –« – »Gregor von Tours.« »Natürlich! Spare die fromme Einleitung! Zähle gleich die Mirakel auf und die Heiligen.« – »Nur den Schluß der Einleitung höre!« – »In Gottes Namen.« – »Und wenn es also auch sehr löblich ist, daß du, oh Königin, dir von allen Bischöfen, Äbten, Klausnern und Klausnerinnen und anderen Religiosen alle Wunder und Gerichte der Heiligen, die im Laufe des Jahres in allen drei Frankenreichen geschehen, aufzeichnen und einsenden lässest, um danach deine Verehrung und deine Geschenke an die verschiedenen Heiligen abmessend einzurichten, so muß ich dich doch vermahnen, daß die guten Werke dir nicht helfen werden, ohne den rechten lebendigen Glauben.« – »Schon recht! – Nun lies die Mirakel ab und schreib auf.« – »›Großes Hagelwetter bei Chartres: ein Winzer rief Sankt Solemnis an, als die ersten Schloßen fielen – sein Rebgarten allein blieb verschont.‹ Soll ich schreiben: Sankt Solemnis gut gegen Hagel?« – »Nein! Hagelschutz? – Nicht der Mühe wert!« »Eine Frau, Papianilla, sollte vergiftet werden im Frühtrunk von einem verschmähten Liebhaber. Sie opferte am Abend vorher dem heiligen Amabilis von Riom einen Kelch; er erschien ihr im Traum, warnte und rettete sie.« – »Das schreib' auf! – ›Sankt Amabilis von Riom gut gegen Gift‹« – »Sankt Bibian von Saintes erschien frommen Leuten, die ihm eine Kapelle gebaut in seiner Stadt, und warnte sie vor der Ruhr, die tags darauf ausbrach und viele Leute, zumal Kinder, hinraffte in der Saintonge. Die Frommen flohen und nur ihre Familie blieb völlig verschont.« – »Das schreib auf – sofort! ›Sankt Bibian – Ruhr.‹ Dann weiß ich's schon. Weiter!« – »Ein übles Vorzeichen ist der Vogel Corydalus, den die Franken Haubenlerche nennen. Er flog in eine Kirche in Arvern, flog über das ewige Licht, – dasselbe erlosch. Bald darauf schlug der Blitz in die Kirche.« – »Bah, der Vogel kann durch seinen Flügelschlag das Lämpchen ausgelöscht haben. Immerhin: – schreib: ›Haubenlerche vorverkündet Blitz‹« – »Am Grabe Sankt Julians zu Arvern genas ein Kind, das schwer am viertägigen Fieber litt, durch Ausstreuung des Staubes von dem Grabe.« – »Eilig! Mein Samson hatte neulich solchen Anfall. – Halt! Vergiß nicht, heute noch nachzusehen in unserm großen Verzeichnis: – da war ein Heiliger, wie hieß er doch? – Eine Frau hatte einen Feind. Sie konnte ihm nichts anhaben. Da betete sie ihn tot bei jenem Heiligen: – es kostete daneben nur noch eine Stiftung von Wachskerzen; sieh nach! – Weiter.« – »Der heilige Vincentius hat in Paris bei der großen Feuersbrunst, die alle Häuser an der Seinebrücke in einem Flammenmeer begrub, ein ganz aus Holz gebautes Hüttlein verschont, weil sein Bild daran geschnitzt war.« – »Schreib auf! Ich fürchte mich sehr vor Feuer. Der König ließ einen lebendig verbrennen: – er war unschuldig, wie sich dann ergab. Gott könnte das etwa einmal durch Feuer rächen wollen.« – »Der heilige Lupicinus hat einen auf Befehl des Grafen Gehängten, der ganz tot war und lange schon tot am Galgen hing, auf Gebet des Abtes von Javols wieder auferweckt von den Toten.« »Was?« rief Fredigundis aufspringend. »Das ginge mir gerade noch ab! Ein höchst überflüssiger Heiliger! Ja, ein gemeinschädlicher, ein Reichsfeind! Da hätte man mit aller Kunst und Mühe einen Feind glücklich ins Grab geschafft und dieser unverschämte Heilige erlaubte sich, – gegen des Königs Blutbann! – in des Königs Gebiet! – Wunder zu thun und den Toten wieder aufzuwecken? Den Namen streichst du mir aus! Ganz dick, daß ihn kein Mensch mehr lesen kann. – Horch! Samson ruft nach mir. Ich komme, mein süßes Lämmchen.« Zehntes Kapitel Und im folgenden Jahre erhielt das Lämmchen Samson ein Geschwister. Aber Frau Fredigundis tobte vor Zorn, als Rulla ihr das Kind in die Arme legte. »Was?« schrie die schöne Königin. »Ein Mädchen? Ein elendes, unnützes Mädchen? Deshalb mondelang all die geringere Schönheit und die Sorge und Beschwer? Was thu' ich mit einer Tochter? Entweder sie wird nicht so schön wie ich: – das ärgert mich. Oder sie wird schöner als ich: – das ärgert mich noch viel mehr. Ich brauche keine Töchter. Söhne will ich haben, das Reich zu erben!« Begütigend sprach Chilperich: »Nun, man kann auch Töchter brauchen in Königshöfen zu Verschwägerungen mit Nachbarreichen; solche bringen reichen Muntschatz dem verlobenden Vater ein und machtstärkendes Waffenbündnis.« Das leuchtete der jungen Mutter ein; sie tröstete sich einigermaßen, obwohl sie das Töchterlein – Rigunthis ward es getauft – nicht im entferntesten so zärtlich liebte, wie ihren Knaben. Sie gelobte den Heiligen reiche Geschenke dafür, daß ihre künftigen Kinder auf die Speer-, nicht auf die Spindelseite fallen sollten. Und siehe da: die Heiligen schienen mit sich reden zu lassen. Denn drei Kinder, welche sie in den folgenden sechs Jahren gebar, waren sämtlich Söhne; sie erhielten die echt merowingischen Namen Chlodobert, Dagobert und Theuderich. Und nun glich nichts im ganzen Frankenreiche dem Stolze Fredigundens, wann dieselbe bei öffentlichen Aufzügen, bei den großen Bittgängen in die Kirchen, welche die Königin zu begleiten nie versäumte, sich ihre vier Knaben nachtragen ließ. Sie steckte ihnen Blumen, aber auch Goldstücke in die winzigen Händlein, die sie dann auf den Altären der Heiligen niederfallen lassen mußten. Es waren schöne Kinder, alle: blühend, gesund, strotzend, und in den Zügen so echt merowingisch, wie in den Namen: sie sahen beiden Eltern, aber, wie alte Hofleute rühmten, noch viel mehr dem Vater des Königs, Herrn Chlothachar, ähnlich. – Auch das kleine Fräulein Rigunthis ward sehr schön; sie war des Vaters Liebling, der gar zärtlich mit ihr that. »Die Söhne,« so erklärte er seiner Gemahlin, »sind zwar notwendig, aber sie erinnern mich immer daran, daß sie einmal an meiner Statt herrschen werden in Neustrien. Und diese Mahnung ist leidig. Welcher König kann seinen Nachfolger lieben? Sie gemahnen mich und die andern stillschweigend – gesprochen darf nie davon werden in meiner Gegenwart! – an König Chilperichs Tod. Kann's nicht hindern. Aber es verdrießt mich, zu denken, daß König Chilperich einmal nicht mehr lebt.« Die warme Vorliebe des Vaters für die Kleine war der Mutter anfangs nicht erfreulich. Allein bald versöhnte sie sich mit dieser Schwäche; denn sie erleichterte ihr die Durchführung eines Planes. Es war zwischen Chilperich und Leovigild, dem neuen König der Westgoten in Spanien, eine Verschwägerung verabredet worden: Leovigilds Sohn, Rekared, sollte mit Chilperichs Tochter von Audovera, der kleinen Basina, die kurz vor Audoveras Verstoßung war geboren worden, verlobt werden. Sowie Fredigundis es erfuhr, arbeitete sie darauf hin, daß das Kind Basina in ein Kloster – nach Poitiers – gebracht wurde, zur Erziehung zunächst, womöglich aber für immer: – während Fredigundens Töchterlein an Basinas Stelle mit dem westgotischen Königssohn verlobt werden sollte. Gar bald hatte sie dies dem Gatten, der die rotlockige Rigunthis so gern auf den Knieen schaukelte, abgeschmeichelt. So vergingen Jahre und Jahre. – Stolz und in Freuden herrschte Königin Fredigundis an Chilperichs Seite; ihr Wille geschah in ganz Neustrien. Gar gerne hätte sie freilich diesen Willen auch über Austrasien und Burgund gebreitet. Und wiederholt trieb sie ihren unkriegerischen Gemahl dazu an, bei günstiger Gelegenheit zu versuchen, bald Herrn Guntchramn zu Orleans, bald der Regentschaft, die für den Knaben Childibert zu Metz die Herrschaft führte, ein paar Städte zu entreißen. Allein diese Versuche scheiterten im wesentlichen und hatten nur die Folge, daß König Guntchramn sich näher zu seinem Neffen Childibert hingezogen fühlte gegenüber dem argen Bruder Chilperich, dessen wiederholte treulose Angriffe ihn als gemeinsamen Feind der beiden andern Reiche erscheinen ließen. Doch schwankten diese Verhältnisse vielfach, da in Austrasien eine mächtige Adelspartei, geführt von Herzog Gundovald und Bischof Egidius von Reims, von Chilperichs Gold und Fredigundens Ränken gewonnen, zu Neustrien, nicht zu Burgund, neigte. Nachdem so viele Jahre Königin Fredigundis in ungetrübtem Glanz der Herrscherherrlichkeit sich gesonnt hatte, geschah es, daß in einem heißen Sommer – im August – eine furchtbare ruhrartige Seuche ausbrach in Südgallien, die viele Menschen und zumal viele Kinder dahinraffte. Von Marseille aus verbreitete sich die Krankheit, man hielt sie – mit Recht oder Unrecht – für höchst ansteckend, rasch nach Norden und Osten. Sobald die ersten Todesfälle in ihrer Nähe vorkamen, ward Fredigundis von namenloser Angst für ihre Kinder befallen. Rasch floh sie mit ihnen aus dem Süden in den Norden von Chilperichs Reich. Aber die Seuche schien ihr folgen zu wollen; vergeblich flüchtete sie von Angers nach Le Mans, von Le Mans nach Chartres, von Chartres nach Etampes, von Etampes nach Paris: – die Krankheit flog hinter ihr her. Das schien so augenfällig, daß die geängsteten Menschen, im dumpfesten Aberglauben befangen und längst erfüllt von geheimem Grauen vor dieser fürchterlichen Königin, darin die verfolgende Rache der Heiligen sahen. Vergeblich suchte Chilperich zu Paris durch glänzende Feste, durch Wettrennen und Wagenkampf, die er in hölzernen Schranken abhielt, die Leute zu beschäftigen, zu beschwichtigen. Als auch hier die Seuche eindrang, erinnerten sich die Pariser, daß ja der König ohnehin nur durch schweren Eidbruch in ihren Mauern weilte; sie erblickten in der Heimsuchung die Strafe der Heiligen und erhoben wüstes Geschrei, als König und Königin wieder in dem Cirkus erschienen. Chilperich erschrak: auch Fredigundis; beide verließen eilig den Festplatz und zur selben Stunde die Stadt; aber Fredigundis befahl zum Abschied den berittenen Bogenschützen, die ihre und ihrer Kinder Sänften begleiteten, bei dem Vorbeireiten an der Rennbahn unter das versammelte Volk zu schießen; viele wurden getötet oder verwundet. Tag und Nacht ununterbrochen eilten sie nach Norden. Die Königin gönnte sich und den andern keine Rast, bis sie die Oise überschritten hatten; über Flüsse, wähnte man, dringe die Krankheit nicht so leicht nach. Sie befahl, die Brücken abzubrechen und ließ die Furten bewachen. Kein Mensch durfte, ihrem Zuge folgend, die Oise überschreiten. So gelangten sie in stetem Hetzen nach mehreren starken Tagereisen nach der königlichen Villa Secura, der besonders gesunde Luft und Lage nachgerühmt wurden. Kaum hier angelangt, erkrankte Theuderich, der jüngste Knabe, ebenso Rullas Sohn: – diese Mutter wich nicht von dessen Lager. Fredigundis aber brachte rasch ihre andern Knaben in ein benachbartes Gehöft; das Töchterlein führte Chilperich an der Hand ihr nach: sie hatte nur für die drei Knaben Sorge getragen. Sie war nicht zu bewegen, an das Bett des Erkrankten zurückzukehren: – sie könnte dort die andern anstecken, sagte sie, und – – sich selbst. Doch lag sie unaufhörlich auf den Knieen vor den Heiligen in der kleinen Kapelle des Dörfleins und machte so reiche Gelübde, daß Chilperich staunend bemerkte, wieviel seine Königin an Sondergut an sich gerafft habe in diesen Jahren. Durch eine Kette von dreißig Dienern und Mägden ward dafür gesorgt, daß sie stündlich Nachricht von dem am Bette des Kranken weilenden Arzt erhielt, ohne daß doch ein Bote, der jenes Haus betreten, in ihre Nähe kam. Am zweiten Tage meldete der Arzt, er habe nur noch wenig Hoffnung. Fredigundis schrie auf; sie ließ ihm sagen, sie rate ihm, zu hoffen: denn sie habe geschworen, er solle ihr Kind nicht überleben. Am Tage darauf starb Theuderich: – das Weh und die Wut Fredigundens kannten keine Grenzen: – in derselben Stunde ward der Arzt enthauptet. Ein Ersatzmann ward verschrieben, nicht aus Paris, wo die Seuche nun heftig herrschte, sondern aus dem noch unberührten Norden, aus Arras. Am Abend desselben Tages wurden alle drei Knaben von der Seuche ergriffen. – Fredigundis wollte abermals von den Kranken fliehen, deren Pflege dem Arzt und den Dienerinnen überlassen. Aber Chilperich erklärte, er werde bleiben: – nur Rigunthis ließ er fortbringen nach Cambray. »Und du bleibst auch,« befahl er. »Die Mutter gehört noch enger zu ihren kranken Kindern als der Vater.« Grollend und schmollend gehorchte sie; »es ist ein Unsinn!« knirschte sie. »Wie wird die Gotin, wie wird Schwager Guntchramn frohlocken, werden sie unser aller auf einmal ledig.« – Nachdem ihr aber einmal die Flucht abgeschnitten war, gab sie sich eifrig – nur allzu aufgeregt – der Pflege hin. Sie peinigte den Arzt mit endlosen Fragen; einmal ließ dieser, hart bedrängt, das Wörtlein fallen, vielleicht sei das Übel, da es allen Arzeneien trotze, »ein geheimes Gift« – »innere Blattern« –, »erzeugt durch Zauber«. »Gewiß ist es das!« schrie sie auf, »gewiß! Und wider Gift hilft nur Gegenzauber. Die Gotin hat's gebraut. Weh ihr, bleib ich am Leben!« »Die Angst macht dich rasend,« schalt Chilperich. »Die Schwägerin weilt zur Zeit bei Metz, – viele hundert Stunden von uns.« – »Weiht du nicht, daß man auch in die Ferne zaubern, Schlangengift in ferne Feinde hinein beten kann? Wer weiß, was sie alles der heiligen Eulalia – der Goten Schutzpatronin – gelobt hat? Heilige Eulalia, höre mich! Wieviel es auch sei – hilf mir – geh' über zu mir: – und ich gelobe dir das Doppelte.« – »Laß ab –! Sonst lohnt es bald nicht mehr, König sein mit einem leeren Schatz.« Sie holte nun ihre Zettelchen hervor, die sie dereinst in einem seidenen Fetzen aus der Ziegenerhütte mitgenommen; sie kochte Kräuter und Wurzeln, mischte Pulver von zerstoßenen Steinen mancher Art und von zerriebenen Knochen verschiedener Tiere, auch verbrannte Tierhaare und gab es den Kindern ein: – der Arzt wagte keinen Widerspruch. Sie lag auf den Knieen vor den Betten, achtete fieberhaft, ob keine Besserung eintrete, rief alle Heiligen an, deren Namen sie wußte, – dazwischen durch auch wohl irgend einen alten, zum Dämon gewordenen Gott – und verdoppelte die Gelübde. Chilperich fiel ärgerlich ein: »Nun laß gut sein! Jetzt haben Sankt Martinus und Sankta Genoveva, – diese beiden wenigstens, – genug. Wenn sie helfen wollen , können sie's dafür auch schon thun.« Aber es ward nicht besser mit den Kranken. Der brennende Schmerz in den Nieren, das heftige Fieber nahmen zu: Genick und Kopf wurden schwer; der Auswurf nahm plötzlich gelbe oder grüne Farbe an. »Siehst du das Gift? Das gelbe Gift der Gotin?« schrie Fredigundis, raufte ihr Haar und zerschlug die Brüste. »Das ist das gelbe Gift der Kupferotter! Dagegen hilft nur – die Ahne sagte es – frisches Kinderblut, von Säuglingen!« Und sie befahl dem Arzt, den noch gesunden Kindern der Bauern in den Nachbardörfern Blut zu entziehen, einen großen, großen Kessel voll. Gern gehorchte der Arzt sonst allen ihren Weisungen: – er hatte schon bei dem ersten Gegenzauber dem König bemerkt: nun habe er doch keine Verantwortung mehr – Chilperich hatte seltsam gelächelt: »Du denkst an deinen Vorgänger und – Vorangänger.« Aber jetzt wagte der Arzt doch Einspruch: »O Königin,« mahnte er – »ob soviel Blut deinen Kindern hilft, ist doch ungewiß: – aber gewiß ist, daß jene Säuglinge nach Verlust von soviel Blut sterben.« Ein Faustschlag in das Antlitz war die Antwort: »Was thut's, ob alle Bauernkinder in Neustrien hin werden, wenn die drei Königssöhne dadurch gerettet sind? Gehorche, Knecht!« Und der Arzt that, wie ihm befohlen war. Mit gewaffneten Dienern der Königin drang er in die Häuser der Bauern und zapfte den Kindern soviel Blutes ab, als Fredigundis begehrte, unter den Flüchen der schreienden Mütter; mit Gewalt mußten die Väter von der Abwehr zurückgehalten werden. Dann ließ er den Knaben der Königin zur Ader und sie selbst spritzte ihnen das Blut der gesunden Kinder ein. Wenige Stunden darauf starb der kleine Dagobert. Zorn löste nun die Sorge der Mutter ab. »Was?« schrie sie. »Die Knaben sterben mir? Und Rigunthis bleibt gesund! Die Königskinder sterben und Rullas Kind, obwohl erkrankt, bleibt leben? Undankbare Heilige!« Als aber noch vor Mitternacht auch Chlodobert, ihr vorletzter Knabe, der Krankheit erlag, da schlug der Zorn wieder um in äußerste Angst. Wie Chilperich, rasch herzugerufen, eintrat, hielt er eine Pergamentrolle in der Hand; er legte sie auf das Bett des toten Kindes, während er der Stirne desselben den letzten Kuß ausdrückte. Fredigundens Blick fiel auf die geöffnete Rolle. »Die Steuern der Kirchen zu Soissons ...« – sagte sie, gedankenlos ablesend. Aber plötzlich schrie sie auf. »Das ist's! Das ist's, Chilperich! Deine sündhafte Habgier! Wie hab' ich dich gewarnt, dich gebeten, die Heiligen unbesteuert zu lassen! Sie wollen's nun einmal nicht! Sie vertragen's übel, wie die Franken. Aber die Franken müssen gehorchen, weil wir die stärkeren sind. Die Heiligen jedoch, die können sich rächen. Und sie haben sich gerächt – furchtbar. Fort mit der Sündenliste!« Und bevor Chilperich es hindern konnte, warf sie die lange Steuerliste in das Feuer des Herdes, an welchem der Arzt und sie allerlei Arzneien sotten. »Was thust du?« schalt Chilperich auffahrend. »Das Werk mühevoller Arbeit!« – »Ins Feuer damit! Schon lange thun wir allerlei Böses und die Gnade der Heiligen ließ uns doch leben. Denn viel haben wir ihnen geschenkt! Aber nun verlieren wir die Kinder. Warum? Der Heiligen Zorn straft die schuldigen Eltern in den unschuldigen Kindern, wie ja die heilige Schrift lehrt. Wir häuften Schätze aus dem Kirchengut für unsere Söhne: – siehe, nun haben die Heiligen sie uns fast alle genommen, diese Söhne. Mit dem Fluch des Himmels sind sie belastet, unser Hof voll Prunkes wie ein Kaiserhof, unsere Keller voll Weines, unsere Speicher voll Getreide, unsere Schatzkammern mit Gold, Silber, Edelsteinen, Geschmeiden gefüllt, – die vielfach den Kirchen gehörten oder gekauft sind mit Kirchengeld. Kostbareres besaßen wir – die Knaben! und verloren sie bis auf einen. Hört es, ihr Heiligen im Himmel: laßt ihr mir den letzten Sohn, meinen Samson, am Leben, das Kind der Schmerzen von Tournay, so sollen alle Steuerlisten der Kirchen dieser nachfolgen in das Feuer. Ja,« schrie sie, »ja,« da Chilperich einsprechen wollte, »er muß, er soll! Verlaßt euch drauf, er wird. Er soll mich nicht mehr küssen, bis er's gethan hat.« Schwächer und schwächer atmete der Knabe. Da riß ihn Chilperich plötzlich aus den Pfühlen und Kissen, hob ihn in die Höhe, wo in der Wand ein kleines Bild des heiligen Medardus eingelassen war, hielt den Fiebernden dem Heiligen vor die Augen und sprach: »Rette ihn, Sankte Medarde! Rett' ihn vor dem Tode und er soll sein Leben lang dein eigen sein, ein Mönch in deinem Kloster zu Soissons.« Aber Fredigundis fiel ihm in den Arm und zerrte denselben herunter: »Was thust du, Chilperich? Nein! Niemals! Was hilft mir ein Mönch, der weder Schwert führen noch Krone tragen kann? Sankt Medardus kann ihn auch so retten, wenn er will. Und er soll es, bei dem Zorne Fredigundens.« Sie stampfte mit dem Fuße, nahm dem Vater das Kind aus den Armen und legte es wieder auf das Bett. Als aber die Morgensonne in das Gemach schien, da war auch Samson eine Leiche. Mit wildem Geheul stürzte sich Fredigundis über das Lager. »Wehe, wehe!« schrie sie, »nun ist die letzte Hoffnung meines Lebens hin! Wer wird mich nun schützen Wider meine vielen Feinde, wann Chilperich – er ist soviel älter als ich – gestorben ist?« Und sie warf sich auf die Erde und schlug um sich und tobte und schrie und schalt auf die Heiligen, solange Kraft des Atems in ihr war. Eine Drohung gegen den Arzt war ihr letztes Wort. Dann sank sie ohnmächtig an der Leiche zusammen. Der Arzt wollte ihr beispringen. Chilperich aber winkte ihm hinweg. »Mach', daß du fortkommst! Ich könnte dein Leben kaum beschützen vor ihr. – Ei, ei,« sprach er, das Haupt leise schüttelnd, »sie denkt weit voraus! Über meinen Tod hinaus! Man soll aber nicht denken an König Chilperichs Tod. Und nur als Schützer liebt sie ihre Kinder? Beinahe graut mir selbst vor meinem Gundelchen.« Fünftes Buch. Erstes Kapitel. Im wunderschönen Moselthal, dessen rebenumkränzte Gelände schon zwei Jahrhunderte früher Ausonius gepriesen hatte, im Gau Bidberg, nordwestlich von Trier, lagen dicht nebeneinander die Stammsitze von zwei alten, edeln Geschlechtern. Seit den Tagen grauer Vorzeit, da zuerst hier die Uferfranken festen Fuß gefaßt und dem Römerreich den vielumstrittenen Boden abgetrotzt hatten, waren diese beiden Sippen hier eingewurzelt. Großen Grundbesitz hatten sie von dort aus in den Gebieten zwischen Maas, Mosel und Rhein allmählich hinzu erworben durch kluge umsichtige Wirtschaft, durch den freiwilligen Anschluß von kleinen Freien, die sich unter ihren starken Schutz und gerechten Schirm flüchteten vor den schweren Nöten der Zeit, endlich auch durch Landschenkungen der austrasischen Könige, die treue, ausgezeichnete Dienste in Krieg und Frieden diesen tapfern und geistbegabten Edelingen oft und oft zu lohnen alle Ursach hatten. Nicht verwandt, aber verschwägert hatten die beiden Sippen durch ihr treues Zusammenhalten, das in Jahrhunderten nicht durch Zank gestört worden war, ihren Einfluß, ihre Macht gewissermaßen verdoppelt. Ein schmaler Grenzhag nur, nicht, wie sonst wohl, durch Graben und Pfahlwerk feindselig absperrend, trennte, von Norden nach Süden laufend, die beiden meilenlang nebeneinander hingestreckten Besitzungen. Ein grüner Hag des Haselbusches, »der Frau Hasel,« wie der Volksmund sagte und sagt, bezeichnete den Strich, wo die Grenze endete und wendete zwischen den Arnulfingen und den Grimoaldingen, jene westlich, diese östlich: – so nannte man beide Sippen nach den ältesten Ahnherren, zu deren Gedächtnis die Namen Arnulf und Grimoald häufig wiederkehrten in den beiden Geschlechtern. Nach alter Überlieferung sollten aus dem Hause der Arnulfingen zur Heidenzeit wiederholt weise, weissagende Frauen, Priesterinnen der Berahta, wie die Uferfranken Frigga, die Himmelskönigin, nannten, hervorgegangen sein: vielleicht deshalb gaben sie ihren meist ganz helllichtblonden Töchtern gern den Namen Berahta oder Berthrada. Die Heidenzeit lag nun weit zurück; aber ein besonders eifriger Sinn für die Gottesverehrung, eine fromme Richtung auf das Heilige war dem Hause geblieben, das den Kirchen in Trier, zumal aber denen in Metz schon gar manchen tüchtigen Priester, den austrasischen Klöstern schon gar manchen klugen, herrschgewaltigen Abt gestellt hatte. Die Sippe der Grimoaldinge, rotbärtig und rothaarig, war ungleich mächtiger an Gliedern, starkknochig, breiter an Brust und Schultern, aber zugleich hochragend: Männer, welche siebenmal ihres eigenen Fußes Länge maßen, waren nicht allzuselten: – aus ihren sehr großen, weit offenen, blauen Augen leuchtete freudiger, selbstvertrausamer Mut; gar mancher der Ahnherren war zum Herzog erkoren worden der Nachbargaue und hatte, den mächtigen Steinhammer schwingend, an der Spitze des Keils den Ansturm geführt gegen die Erzkohorten von Trier; und in jüngeren Zeiten hatte gar mancher Held dieses Hauses für die austrasischen Könige den Schild gehalten an der Thüringe Mark wider Avaren und Slaven. Die beiden Herrenhäuser standen einander auf Rufes Weite nahe: auf dem Hügel hochragend die stolze Halle der Grimoaldinge, von mächtiger Eiche überschattet, an dem Ursprung einer Quelle, welche, zierlich in Stein gefaßt, hier mächtig aus dem roten Sandstein hervorbrach; im Thal unten, wo die Quelle allmählich zum kleinen Bach sich weitete in breiterem Rinnsal, die etwas bescheidenere Halle der Arnulfinge, in Haselgebüschen und Hagebuchen fast versteckt. – Es war ein heiterer warmer Abend des Spätsommers. An dem Haselhag der Grenze standen hüben und drüben zwei Knaben von etwa vierzehn und zwölf Jahren, gar eifrig beschäftigt, die gerade erst reifenden Nüsse zu brechen. Der ältere, engelschön von Angesicht, mit lang flutendem, hellblondem Haar, schüttelte sie gar sorglich in einen Leinensack, den man ihm wohl zu Hause mitgegeben; der jüngere, ebenfalls schön, aber derber, von dunklerem, fast rot-bräunlichem, kurzkrausem Gelock, knackte viel mehr mit seinen weißen Zähnen auf als er in ein wohl zu gleicher Arbeit ihm über die Schulter gelegtes Lederbeutelchen schob; auch flogen seine blitzenden Augen überall hin, wo irgend ein Geräusch am Boden, im Busch, in der Luft ein Tierlein andeutete; nichts entging ihm: nicht die Eidechse im braunen Grase, nicht der Igel am Grabenrain, nicht der Häher im Busch, der scheltend zu Walde strich, ungern seine Nußweide den beiden Knaben räumend. Neben der Thüre der Halle der Arnulfinge saß auf einer Holzbank, die um das ganze Gebäude lief, nur die breite Hauptthüre vorn und den schmalen Ausgang im Rücken freigebend, in stattlichem Gewand ein Mann von etwa sechzig Jahren, den die große Ähnlichkeit der Züge, das kluge graue Auge, das lang flutende, erst wenig ergraute blonde Haar als den Vater des älteren der beiden Knaben bekundeten. Vor ihm stand, fast sieben Fuß hoch ragend, ein etwa zwölf Jahre jüngerer Krieger, den Schild auf dem Rücken, den Speer in der Hand, die Erzhaube auf das rotbraune Gelock gedrückt, den langen braunen Mantel über der Schulter mit einer Spange befestigt. »Setze dich zu mir, Freund Karl,« sprach der Ältere, zur Seite rückend. »Ich lasse dich noch nicht sobald. Mondelang warst du im Hofdienst fern in Metz, in Reims, – morgen willst du schon wieder fort in Friedens- und in Kriegsdienst – du mußt mir noch viel mehr, viel Genaueres erzählen von all' den grauenhaften Dingen, die sich zutragen in diesem unsel'gen Reiche der Franken. Hierher setze dich! Und versuche den Jungwein vom vorigen Jahr: er ist von dem Weinberg dort an der Mosel, den wir beide gemeinsam angelegt haben. Versuch! Es ist was Gutes, was unsere gemeinsame Arbeit da geschafft hat.« »Wie immer!« sprach der andere freundlich, mit volltöniger, metallreicher Stimme; »wie immer: dein Rat: du hast die Lage als so günstig erkannt ...« – »Und – auch wie immer – deine Kraft,« fuhr der andere fort, in einen zierlichen Holzbecher einschenkend. »Mein Wille erlahmte schon – so steinig erwies sich der Boden! Aber du, – mit manchem hartem Fluch: »beim Donnerhammer!« – den dir Sankt Martin vergeben mag! – du schwurst, Stein und Berg müsse deinem Willen weichen.« – »Und sie wichen, beim Donnerha ... – Nun, kurz, sie wichen! Und trefflich ist der Wein. – Jetzt trinke du, Arnulf! Wo ist dein Becher?« – »Ein Becher genügt für uns beide; ich trinke dir zu, Karl: Ein Sinn und Eine That allzeit! – Nun hör', eh du von den Königen und dem Reich erzählst – was uns angeht hier, unsere Höfe, unser Eigen. Die Mönche des heiligen Maximinus in Trier bitten gar sehr, wir sollen ihnen Holz liefern aus unserm gemeinsamen Eichenschlag zu Echternach für ihren Dachbau.« »Höre du,« rief der andere und schenkte sich wieder ein, »die betteln aber unablässig! Wir brauchen Eichenholz für neue Speere. Wir haben ihnen ja erst vorig Jahr die Eichelmast im ganzen Moselwald geschenkt!« »Aber Karl! Mit den Eicheln können sie doch das Dach nicht flicken. Und es gilt dem heiligen Maximin, neben Sankt Urban dem besten Schutzpatron der Rebgärten. Es regnet ein ins Refektorium.« »Bah, der Heilige wird nicht naß, wenn's einregnet. Der ist oberhalb der Wolken. Nur der dicke Abt beim Schmausen.« – »Bedenke, viel haben uns die Heiligen von jeher geholfen.« »Nun beim D– wollte sagen, bei Dionysius! Meinetwegen. Gottes Barmherzigkeit und Pfaffen-Begehrlichkeit gehn bis in Unendlichkeit. Amen.« »Dann noch was! Da drüben über der Maas zwischen Lüttich und Tongern liegt das große Besitztum Heristal... –« »Jawohl! Das uns der Graf von Brakbant schon früher einmal angeboten hat.« »Der Eigentümer ist, hör' ich, des Hochverrats geziehen ... –« »Und schon geköpft! Auf Betreiben jener Teufelin. Der Fiskus hat das Gut eingezogen: er bietet's zum Verkauf ... –« »Wenn wir beide zusammenlegen, bringen wir das Geld wohl auf.« »Ich mag nicht recht, Arnulf. Ich mag kein Allod haben unter Chilperich und – ihr! Laß uns zunächst unsere Güter hier abrunden, hier in der alten Heimat. Drüben über der Maas mögen unsere Söhne und Enkel einst sich ausbreiten, – falls wieder bessere Tage kommen in Neustrien. Auch haben wir genug zu thun, hier unsere kleinen Bauern zu schützen gegen Gewalt und Druck von Vornehmen, die es nicht so gut meinen mit den geringen Freien wie wir. Sieh, da kommen sie angesprungen von dem Haselhag her, unsere Buben. Mir scheint, sie zanken sich.« »Dann klopfen wir beide , denn beide haben dann Unrecht.« »Natürlich, mein Pippin mit einem Satz über die Hecke!« – »Während mein Arnulf wie ein kluges Kätzlein durch die Lücke schlupft. Was soll's, Pippin? Du bist ja ganz glührot!« »Vor Zorn,« rief der Jüngere, über die vier Stufen springend, die zur Thüre hinauf führten, während der rundliche Arnulf gar bedächtig Schrittlein für Schrittlein abmaß. »Ausraufen dürfen wir ja keinen Streit,« fuhr er eifrig fort, »leider ... –« »Sei du froh,« mahnte sein Vater; »Arnulf ist älter und stärker.« »Aber ich bin rascher.« »Und wilder,« schalt Herr Karl. – »Ich werd' ihm Herr! Ich zwing' ihn. Erst heut früh hab ich ihn ein wenig verhauen müssen.« – »Müssen? Warum?« – »Für Sankt Martinus.« »Ich litt für Sankt Petrus,« sprach Arnulf, etwas kläglich. »Ich hoff', er hat's gesehen und wird mir's lohnen.« »Etwa mit einem Gericht Forellen, du Leckermäulchen?« spottete sein Vater. »Was gab's, Pippin?« »Nun ja! Zürnt nicht, Herr Arnulf! Aber er setzt immer Sankt Martinus, unseres Hauses Schutzherrn, herab gegen Sankt Peter. An dem hat er einen Narren gefressen. Und war doch Sankt Martinus ein Kriegsmann und der andere – ein elender Fischer.« »Er war ein Apostel,« mahnte der alte Arnulf, »das will sagen: im Gefolge des Herrn Christus.« »Und einen sauberen Gefolgsmann hat sich da der Herr Christus gekoren,« fuhr Pippin zornig fort. »Das mit dem Schwerthieb auf den Malchus, das hat mir zwar gefallen. Aber – mein Vater Karl, der jagte doch einen Gefolgen, der ihn dreimal vor Hahnenkräht verleugnet, mit einem Hahn um den Hals, als ehrlos aus seiner Schar.« – Herr Karl gab ihm einen Schlag auf den Mund: – »Schweig! Ich wüßte mir zwar auch einen liebern Gesellen als den feigen Fischer. Aber Gottes Wege sind unerforschlich und sein Geschmack ist oft unbegreiflich. Wäre sonst Fredigundis im Glück und Brunichildis im Elend? Schweig' und glaube der heiligen Kirche. Meinst du, mir wird's immer leicht? Und doch: es muß sein ! Beuge deinen Trotzkopf! – Und du,« lächelte Herr Karl und er strich dem Älteren über das glatt herabflutende Haar, »du hast so was vom Pfäfflein an dir: die Belehrsamkeit: – für die andern –! Und den starken Glauben an dein besser Wissen.« »Ha freilich,« lachte Pippin. »Er lernt Papst,« sagen wir Buben alle von ihm. Er heißt ringsum in allen Höfen: das Bischöflein.« »Ja, ja,« sprach der Kleine und erhob verweisend den Zeigefinger! »Und ihr – ? Ihr pufft mich und haut mich und folgt mir sowenig, wie die schlimmen Grafen dem Oheim folgen, dem Bischof zu Metz, wie er so oft klagen muß.« »Also ausraufen dürfen wir's nicht,« fuhr Pippin fort, »wie doch alle Nachbarssöhne raufen. Warum eigentlich nicht?« »Weil,« antwortete der alte Arnulf, »weil ihr lernen sollt von Kindheit an, daß ihr beiden zusammenhalten und nicht raufen müßt. Schaut um euch! Soweit ihr sehen könnt, gehört alles Land unsern beiden Sippen: als die Ahnen ins Land kamen, hatte jede nur ein paar schmale Hufen. Weil sie nie gerauft, – wie alle andern Nachbarn – sondern stets zusammengehalten und jeden kleinen Grenzstreit friedlich, jeder dem andern nachgebend, geschlichtet haben: deshalb haben wir alle die raufenden Nachbarn aus der Mark hinausgeschafft durch unsere Eintracht. Wollt ihr's nicht auch so machen?« »Gewiß!« sagte der kleine Arnulf und schlang den rundlichen Arm um Pippins Nacken. »Und zum Zeichen, daß ich's will, schenke ich dir mein Recht an dem Häher.« – »Oho, ich laß mich nicht beschämen!« »Was ist's mit dem Häher da?« fragte Karl, seinem Sohn den frisch geschossenen Vogel aus der Hand nehmend. »Wir schossen beide zugleich. Sieh, Vater, mein Pfeil hat ihm die Brust durchschossen, – da ist unsere Hausmarke am Schaft – siehst du den Hammer?« »Aber mein Pfeil,« sprach Arnulf, »hat ihm den Flügel durchbohrt. Siehst du das Sonnenrad daran? Unser Zeichen! Und zweitens: ich hab' ihn zuerst gesehen. Und drittens: er fiel auf unsre Seite der Hecke.« Da gaben die beiden Väter gleichzeitig jeder seinem Sohn einen leichten Nackenstreich; aber Karl zupfte auch noch den seinen am Ohre. »Merkt euch! Das Land hüben und drüben der Hecke ist beiden gemein,« sagte der alte Arnulf. »Zwei Hammerwürfe weit,« schloß Karl. »Hammerwürfe?« fragte Pippin. »Wenn ich aber weiter werfe als Arnulf? Mein Arm ist stärker!« – »Und sein Verstand! Drum haltet nur treu zusammen.« – »Dann werdet ihr die Starken zwingen.« – »Und die Klugen dazu.« »Was wird nun mit dem Vogel?« fragte der alte Arnulf. »Wir werfen ihn in den Bach, da hat ihn keiner,« meinte Pippin. »Das wäre doch recht thöricht,« erwiderte rasch der kleine Arnulf. »Dann fangen ihn da unten die Sühne des Müllers auf, die halbheidnischen Schlingel.« »Weißt du was?« rief Pippin. »Ich schenk' ihn deiner Schwester Itta.« »Nein, wir teilen die beiden Flügel: – sie schimmern so schön blau! – zwischen meiner Itta und deiner Berahta – sie flechten sie in ihre Haare: so sehen gleich alle Leute, daß auch die Mädchen zusammengehören wie wir.« »Ja,« sagte Pippin, »den Mädchen die Federn. Aber den Rumpf muß uns beiden Schwester Berahta braten, – den schmausen wir selbander. – Doch jetzt, Vater, bitte, bitte, deinen Speer! Und auch deinen schweren Schild, – laß sie dir doch abnehmen.« »Und was hast du denn da im Gürtel stecken, oh lieber Nachbar Karl?« fragte Arnulf neugierig, sich auf den Fußspitzen reckend. »Ein Büchlein mit bunten Heiligenbildern und ein paar Sprüchen. Hab' dir's mitgebracht von Metz. Du lernst ja schon lesen, hör ich, bei der frommen Muhme, der Äbtissin. Und du, Pippin, Wildfang, Thunichtgut: – da, in der Manteltasche steckt auch was für dich. Weil du, als du mich heute früh zuerst gesehen, nicht gleich wieder schriest, ob ich dir noch immer keine Waffe mitgebracht! – da – zur Belohnung sollst du's haben – eine kleine Wurfaxt, gut zur Jagd.« – Während die Knaben, voll von Freude und Dank, sich mit ihrem ›Mitgebrachten‹ beschäftigten, fragte nun der alte Arnulf seinen Freund aus über die Dinge, die er erkundet habe. Zweites Kapitel. »Sage vor allem,« forschte er, »wie steht es mit unsrer edeln Herrin, mit Frau Brunichildis? Wo weilt sie? Hast du nichts von ihr gehört?« – »Ich sprach sie selbst.« – »So warst du zu Rouen?« – »Nein, sie lebt nicht mehr dort. König Guntchramn hat zwar seinen Groll gegen die ›stolze Gotin‹ noch immer nicht ganz verwunden. Da er aber erfuhr, daß Fredigundis wiederholt Mörder ausgesandt habe gegen die trotz ihrer Ohnmacht noch immer tödlich gehaßte Feindin, hat er, gutmütig wie er ist, Chilperich gezwungen – unter Kriegsdrohung – der Schwägerin zu verstatten, die Klosterhaft zu Rouen und sein Reich zu verlassen. So wohnt sie nun bald in dieser, bald in jener königlichen Villa in Austrasien: – ich suchte sie auf in dem Gehöft Ponthion.« – »So läßt man sie noch immer nicht nach Metz an den Hof und zu ihrem Knaben?« – »Oh nein! Der böse Bischof von Reims ...« – »Egidius! Wie kann der liebe Gott doch solchen Priester dulden?« – »Und der gewaltthätige Herzog Gundovald, beide von Fredigundens Zauberkünsten oder Gold bestrickt, beherrschen durch ihren Anhang immer noch Hof und Land. Aber ich hoffe,« schloß er, drohend die Faust erhebend – »ich hoffe, sie haben die längste Zeit geherrscht. Ich schlage los in Bälde.« »Noch nicht, Gevatter, noch nicht,« warnte Arnulf, griff nach der erhobenen Faust, zog sie sanft herab und suchte sie zu öffnen. »Wir sind noch zu schwach. Verfrüht würde der Streich mißlingen und nicht nur uns verderben ... –« »Was liegt an mir, kann ich mein Volk erretten?« »Das Volk dazu würdest du verderben, ihm die letzte Hoffnung auf den Retter nehmen.« Die beiden Männer in ihrem eifrigen Gespräch bemerkten nicht, daß die Knaben ihre Geschenke beiseite geschoben hatten und nun, auf der Schwelle des Hauses sitzend, dicht aneinandergeschmiegt, mäuschenstill, gierig lauschten auf jedes ihrer Worte: Pippin griff manchmal, wann ihn etwas erboste oder er den Vater zornig werden sah, nach seiner kleinen Streitaxt, die er in den Gurt gesteckt hatte, worauf jedesmal Arnulf sich beeilte, ihn geräuschlos durch Druck der Hand oder durch gelindes Streicheln zu beschwichtigen. »Du hast – leider – recht. Wie immer!« – »Wie fandest du die hohe Frau?« – »In tiefster Sehnsucht nach ihrem Knaben, aber auch in tiefster Trauer um das arme Volk. Welch' königlicher Geist, welcher Verstand: – wie eines Staatsmannes, nicht eines schwachen Weibes. Und welche Liebe für ihr, für Herrn Sigiberts Land! Trauerschwer, langsam schleichen der hochgemuten Frau diese Jahre hin. Sie ist vereinsamt. Wer bleibt dem Unglück treu? Ihre und Sigiberts treuesten Anhänger sind ermordet.« – »Und Bischof Prätextatus, ihr Freund?« – »Der schreibt ihr oft aus seiner Verbannung. Sie wies mir seinen letzten Brief voll des echt christlichen Trostes – der Entsagung. Sie las mir dann auch ihre Antwort vor. ›Glaubet nicht,‹ schrieb sie ihm, ›daß ich murre wider Gott. Ich ergebe mich in seinen unergründlichen Ratschluß. Glaubet nicht, – ihr warntet davor! – ich rechte mit der Vorsehung darüber, daß jenes Weib in Macht und Herrlichkeit glänzt, an des Gatten Seite, indes ich ... –! Ich rechte nicht, ich murre nicht. Aber heiß und brennend und bitter fließen in stiller Nacht die Thränen meines Sehnens nach meinem, nach seinem Sohn. Und das Herz blutet mir, seh' ich diesen Adel, den seine starke Hand bändigen wollte, die Krone überragen, das Land in frevlen Fehden zerfleischen, die armen Bauern zertreten. Diesem reichsverderberischen, volkzerstampfenden Adel noch einmal das Königsscepter, das Königsschwert weisen zu dürfen, – das ist, ich gestehe es, der Wunsch meiner Seele, nicht minder stark, als der, meinen Sohn bei mir zu haben, um ihn im Geiste seines Vaters zu erziehen. Denn Sigiberts Vermächtnis galt seinem Volk wie seinem Kind: und ich spüre etwas in mir von seinem Heldengeist, von seinem Eifer für die Königspflicht. Hatte ich doch nur um dieses Kindes und um dieses Volkes von Austrasien willen dem ungeliebten Mann, dem Sohn des Feindes, die unheilbringende Hand gereicht.‹« – – »Es ist gut, Karl, daß du das selbst gelesen in ihrem Brief an einen – andern.« – »Weshalb?« – »Weil er so völlig übereinstimmt mit deinen, mit unsern Gedanken und Wünschen ... –« – »Und Plänen und Beschlüssen!« – »Daß es sonst aussähe, als wäre es dir nach dem Munde geredet.« »Immer voll Mißtrauens, Arnulf! – Wahrlich, nicht läßt sie's bei Worten bewenden. Der Heldengeist ihres Gatten ist wirklich übergegangen auf sie. Vor kurzem hatten sich Gundovald und Lupus, der wackere Herzog der Champagne, der dem Hochfärtigen nicht in allem zu Willen, mit ihren Anhängern zu einer Zwiesprach bei Ponthion eingefunden. Aber bald ward die Zwiesprach zum Gefecht: – Pfeile flogen und Speere. Schon lagen Wunde und Tote umher. Plötzlich warf sich die Königin – nahe weilte sie auf dem Hofe Ponthion – mitten zwischen die kämpfenden Scharen, den Helm auf dem Haupte, das Schwert in der Hand; sie schlug dem bösen Grafen Ursio den auf Lupus gezückten Wurfspeer aus der Hand und rief! ›Frevelt nicht, ihr Franken! Zerfleischet euch nicht selbst und damit euer Reich.‹ Wohl schrie sie Ursio an: ›Weiche, Weib! Es genüge dir, daß du deinen Mann beherrscht hast ... –‹ ›Jetzt aber,‹ fiel Gundovald ein, ›jetzt herrscht dein Sohn, und für ihn gebiete ich. Weiche, daß nicht unsrer Rosse Hufe dich zerstampfen.‹ Und er spornte den mächtigen Hengst gegen sie. Aber sie wich nicht, sie fiel dem Roß in die Zügel: ich sprang ihr bei und wirklich gelang es ihr ... –« – »Das heißt wohl: – dir!« Stumm, aber eifrig lachend nickte der kleine Pipin. »Nein, ihrem weisen Wort, ihrem Flehen gelang es, für diesmal das Blutvergießen zu hemmen. Aber freilich: – auf wie lange?« »Ich lobe sie!« sagte Arnulf. »Und ich glaube nun, sie meint es ernst. So wollen wir denn auch die hohe Frau in unsern verschwiegenen Bund ziehen, das arme Austrasien und das noch elendere Neustrien zu retten. Wir müssen König Guntchramn gewinnen: Burgund, wir Uferfranken und dann die Stämme auf dem rechten Rheinufer: die Hessen, Thüringe, Alamannen, Bajuvaren: – laß doch sehen, ob wir nicht stark genug sind, diese Ränkespinner in Metz zu stürzen und auch Neustrien zu erlösen von jenem Paar, das die Hölle vermählt hat.« »So gefällst du mir, Arnulf,« rief Karl. »Siehst du, auch deine Langmut bricht einmal.« Pippin hatte die Streitaxt aus dem Gürtel gerissen und den Mund weit aufgethan zu lautem Ruf. Rasch hielt ihm der kleine Arnulf die Hand vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Sei doch still! Merken sie uns, hören wir kein Wort mehr.« »Laß doch sehen,« fuhr der große Arnulf fort, »ob nicht in diese schwüle, von Lastern vergiftete Luft, in dieses ganz verwelschte Leben dort im Süden und Westen ein frischer Wind von Nordosten fahren kann aus Alpen, Schwarzwald und dem Wasgenwald, der säubert, heilt und rettet.« – »Jawohl! Und ist es auch ein Sturm aus Ostnordost, der vieles über den Haufen wirft, was morsch ist, – desto besser! Freund Arnulf, glaube mir: – ich bin in diesem Jahre durch fast ganz Gallien gekommen, bis über die Loire, bis an die Pyrenäen hin: – viel, sehr viel ist faul in diesem Neustrien und Burgund. Aber nicht nur die Unterthanen, auch ... –« – »Sprich leiser!« – »Bah, bis hierher greift sie nicht, die Mordkönigin. Ist ja niemand hier. Nur unsre beiden Buben: – und schau nur, wie eifrig die dort auf der Schwelle die Heiligenbilder mustern – auch der meine. Wundert mich fast von dem! – Kurz: ich meine, dies Königshaus der Merowingen... –« – »Sprich es nicht aus!« – »Herr Sigibert war der letzte, in dem der Ahnen Heldenkraft gelebt. Sein Knabe soll gar schwächlich sein, – er wird nicht alt, meinen die Ärzte. – Guntchramn ist ein dicker, wohlmeinender Schwätzer und Chilperich ist ein schlauer, aber sehr feiger Bösewicht. Das sind die Könige der Franken! Und dazu: – diese Fredigundis!« – »Erzähle! Was berichtet man von ihr? Hat der Tod all ihrer Söhne, diese greifbare Strafe der Heiligen, sie nicht erschüttert?« – »Vielleicht. Aber nur, um alles Böse in ihrem Herzensgrund noch wilder aufzurühren. So furchtbar, so erpicht, so hungrig nach Frevelthat war sie noch nie! Sie hasset alle Glücklichen, zumal Mütter, die stolz auf ihre Knaben sein dürfen. Es ist, als wolle sie ihren Verlust rächen an allen Menschen. Ich glaube lange nicht alles, was man von ihr sagt. Es ist in das Volk der Franken ein tiefes Grauen gedrungen vor der Unholdin: und wo irgend zwischen Wasgenwald und Pyreneus eine unheimliche That, ein rätselhafter Frevel, ein geheimnisvoller Mord geschieht, – da flüstert's bang in Halle und in Hütte: ›Fredigundis!‹ – Herrenlose Verbrechen: – ihr werden sie ohne weiteres zugesprochen. Die Mütter schweigen ihre wilden Buben mit dem Drohwort: ›Fredigundis kommt, die rote Königin ist nah!‹ Das Volk sieht kein Menschenweib mehr in ihr – eine Walandine. Mit Fledermausflügeln soll sie nachts ausfliegen aus dem Palatium, Säuglingen das Blut auszusaugen, aus solchem Blut sich wieder einen Sohn zu zaubern. Junge Braute soll sie erdrosseln in der Brautnacht, schönen Mädchen fern über Berg und Thal hin die Haare abscheren mit einer Zauberschere, sich selbst zu schmücken. Ihre eigene Tochter soll sie tödlich hassen, weil sie – kein Knabe ist; schon soll sie das Kind haben morden wollen: sie ließ sie in eine Truhe nach goldnen Schätzen greifen und wollte ihr den schweren Deckel auf den Kopf fallen lassen. Der Vater hab' es mit Mühe verhütet. Das mag ja Fabel sein. Aber daß sie Herrn Sigibert ermorden ließ, der starb in seiner jungen Heldenherrlichkeit, dem Frühlingsgott der Ahnen gleich ... –« – »Aber Karl! Unverbesserlicher! Du sollst ja nicht soviel von den Heidengöttern reden. Sonst kommen sie, diese argen Gewalten.« Der alte Arnulf schlug ein Kreuz: – der junge Arnulf that ihm das eifrig nach. »In dem Jahr, seit ihr die Kinder starben, hat sie, im Herzen gehärtet durch Wut des grimmigen Schmerzes, Woche für Woche die Greuel gehäuft. Es sträubt sich das Haar dem Hörer, dem Erzähler.« Er schauerte leise, schüttelte sich und trank einen Trunk aus dem Becher, den ihm der Freund reichte. Atemlos, mit offenem Mund, unhörbar näher rückend, lauschten die beiden Knaben. »Kaum waren,« hob Karl von neuem an, »die toten Kinder, unter großem Gepränge, bestattet, in Basiliken zu Paris und zu Soissons, als die Königin selbst schwer erkrankte, – sie fürchtete sehr, zu sterben. Da sprach sie zu ihrem Gemahl: ,Gar viele würden sich freuen, mein' ich, wenn ich stürbe, und lachen. Aber es soll doch geweint werden, wann Fredigundis stirbt. Wie that jener Herodes von Ascalon? Er befahl, daß nach seinem Tode die Vornehmsten der Juden geköpft werden sollten, auf daß groß Klagen sei im Volk bei seinem Begräbnis. Versprich mir, daß du meine geheimen Feinde – ich Hab' sie alle aufgeschrieben – tötest, muß ich sterben.‹ Und er versprach es ihr. Aber sie starb nicht. Nun beschied sie die Knaben gar vieler Edeln zu sich – angeblich, wie es auch sonst Sitte ist, zu ihrer Bedienung: der Hof Secura galt aber nun als todbringend: – ›auch andere Mütter sollen weinen,‹ meinte sie. Und wirklich starben einzelne der so zum Hofdienst berufenen Knaben: ob an der Ruhr? Darauf trug sie alles zusammen, was sie an ihre Söhne erinnern konnte: deren Gewände, – sogar die teueren, seidenen! – Spielzeug, Becher, Schmuck. Aber auch deren Hort: – denn die eifrige Mutter hatte für jeden der Knaben vom Tage der Geburt an einen kleinen Königshort, einen ›Thesaurus‹ angelegt und emsig gemehrt: – von allem eingezogenen Gut von Hochverrätern ward ein kleiner Betrag unter diesen Hort der vier Söhne verteilt. Vier zweispännige Karren brauchte sie, alles fortzuschaffen. Herr Chilperich, zu dessen stärksten Tugenden die Habgier zählt, soll große Augen gemacht haben, über diese heimlich eingehamsterten Schätze. Sie ließ alles verbrennen, die sonst so Raffgierige. Das Gold- und Silbergerät ließ sie umschmelzen im Hochofen, auf daß nichts in seiner alten Gestalt ihr die Knaben ins Gedächtnis rufe. Das könne sie nicht ertragen, – dann ergreife sie ein wilder Rausch der Wut. Denn diese Mutter, so weichmütig sie ist über den Tod ihrer Söhne: – die wahre Äußerung ihres Schmerzes ist doch die Wut der Rache. Irgend einer ihrer Späher, die sie überall lauschen läßt, trägt ihr zu, ihre Söhne seien vergiftet worden, verzaubert von einem alten Weibe, von der Mutter eines Mädchens, des Türmers Tochter zu Soissons, deren Tod die Königin verschuldet. Was thut sie? Sofort läßt sie die Alte foltern, bis diese alles gesteht, ja gesteht, Chlodovech, der jenes Mädchen geliebt, habe sie dazu angestiftet. Das wird geschwind dem König hinterbracht, der sich über dieses Sohnes Tod noch nicht recht getröstet hatte. Freilich widerruft die Greisin alles, sowie sie von dem Stachelblock losgebunden ist. Es hilft ihr nichts, sie wird an einen Pfahl gekettet und lebendig verbrannt. Darauf hinterbrachte ihr ein anderer Lauscher, Mummolus, der Graf von Paris, habe nach einem starken Trinkgelag unter guten Gesellen sich gerühmt, er kenne ein Kraut, dessen Absud heile unfehlbar die Ruhr, auch wenn der Kranke schon im Sterben liege. Er hab' es nur der Königin nicht gegönnt. Sofort ward er ergriffen. Gleichzeitig hatte sie alle alten Weiber zu Paris, die das Volk der Zauberkünste zieh, verhaften lassen. Denn sie wähnte ganz fest, durch Zauber seien ihre Knaben getötet. Diese Hexen hieß sie so lange foltern, bis sie alles gestanden hätten, was sie wüßten. Sie wußten nichts, die Armen. Da erfuhren sie, Graf Mummolus sei um dieses Argwohns willen auch gefangen. Nun sagten sie aus: – jawohl, der habe sie bestochen, die Knaben der Königin durch Zauber dem Tode zu weihen, indem durch Vertrag mit dem Höllenwirt deren Lebenskraft dann übergehe auf den Grafen. Die Königin ließ die einen erwürgen, die andern rädern oder lebendig verbrennen. Darauf ward der Graf gefoltert, stundenlang, die Hände gebunden, an einen Pfahl gehängt, dann wagerecht auf den Block gespannt und mit dreisträhnigen Riemen so lange gegeißelt, bis die Knechte ermüdeten. Aber der tapfere Mann – du kennst ihn, Arnulf? Von den Wendenkriegen! – stieß keinen Schrei aus, gestand nichts: hatte er doch nichts zu gestehen als eine Berühmung im Weinrausch! – Und als die Henker ermattet von ihm abließen, sprach er, ›sagt der Frau Königin, alles was ihr mir angethan, hat mir keinen Schmerz bereitet.‹ Da erschrak dies Weib. Sie rief: ›Nun sieht man, daß er der allerstärkste Zauberer ist, wenn er solche Qualen nicht spürt. Laßt ab von ihm. Er könnte uns verderben.‹ Aber gleich darauf erlag er schweigend seinen Wunden.« »Ja,« fragte Herr Arnulf, »steht denn kein Rächer auf im Volke? Allzuwild nur üben sonst unsere Franken die Blutrache! – Des Mummolus Bruder, der Marschalk Bertfrid zu Cambray, ist doch ein kraftvoller Mann!« »Und so wie er des Bruders Ermordung vernommen, legte Bertfrid seine Waffen an, ließ satteln und ritt mit seinen Gefolgen nach Compiègne, wo damals das Königspaar Hof hielt; er hatte beim Aufsteigen geschworen, beim Heile seiner armen Seele, den Bruder zu rächen oder zu sterben. Er drang mit seinen Getreuen bis zum König selbst und schwur vor diesem stolz und drohend er werde nicht ruhen und rasten, bis Chilperich sein Weib wegen dieser That vor das Gericht der Franken stelle. Und Chilperich – er hält nicht stand, der feige Fuchs, sieht ihm ein Mann drohend ins Auge – Chilperich erschrak und versprach, sie vor Gericht zu stellen. Er lud ihn zum Mahle, das schlug der Marschalk aus. Aber als der im Hofe just zu Pferde stieg, trat die Königin selbst, in vollem Schmuck und Prunk, mit ihren Frauen, einen Becher Weines in der Hand heran und sprach, Bertfrid, ob auch ihr Feind, solle ihr doch nicht die Schmach aufbürden, aus dem Königshofe zu reiten, ohne des Königs Gast geworden zu sein; er möge doch diese Weigerung, die schwerste Kränkung für den König, seinen Herrn, aufgeben und einen Trunk von ihr annehmen.« »Und er trank, der Unselige, der Unsinnige?« »Er zögerte; da lächelte sie: ›Du traust dem Abschiedstrunke Fredigundens nicht? Wohlan, ich trinke dir zu.‹ Und sie trank vor seinen Augen aus dem Becher, dann sagte sie: ›der Wein ist allzustark für Frauenmund‹ und aus einem kleinen Glase trank sie rasch gleich darauf: – Wasser, wie es schien. Und lächelte und bot nun ihm den Becher. Er aber – sein Falkner sagte mir's, der stand dabei – er hatte die Königin im Leben noch nie gesehen: – er starrte wie in Verzückung auf ihr schönes Antlitz, – nahm und trank. Der Thor! Wie er zum Hof hinausritt, fiel er aus dem Sattel: ›Fliehet, reitet, reitet,‹ rief er noch seinen Gefolgen zu, ›auf daß die Schlange nicht auch euch verderbe.‹ Und voller Entsetzen jagten die andern davon: der treue Falkner aber sprang vom Gaul und hielt seines ächzenden Herrn Haupt in seinem Schos, bis er im Tode verstummte. Fredigundis aber rief frohlockend vor allem Hofgesinde, das zahlreich den Hofraum füllte: ›da sehet, ihr frommen Franken, die Gerichte Gottes! Da sehet, wie Gott aus Einem Becher Leben trinken läßt und Tod. Der ungerechte Ankläger, der eine arme kinderlose Frau verfolgt mit falscher Bezichtung, der trinkt sich das Verderben, während meinen Leib jetzt lang entbehrtes Wohlgefühl durchströmt.‹ »Das ist unglaublich!« staunte Arnulf. »Das ist ja doch nicht möglich.‹ – »Bei Gott, lehrst du gern, ist alles möglich: sollte nicht auch sehr viel möglich sein bei – dem andern? Ich habe bisher nicht oder doch nur halb geglaubt, daß die Unholdin zaubern kann durch Bundvertrag mit den Untern. Nach diesem Streich, den Hunderte von Menschen mit angesehen, glaub' ich's und mir graut, sprech' ich des Weibes Namen.« Beide Männer schwiegen: – den lauschenden Kindern sträubte sich leise das Haar. Drittes Kapitel. Nach einer bangen Weile fuhr Karl fort »So lastet wie Albdruck dieser Unholdin Schreckgewalt über dem ganzen Frankenreich. Der vornehme Edeling in seiner Halle zu Soissons, der den Goldbecher zum Munde hebt, weiß nicht, ob er nicht den Tod trinkt aus Fredigundens Hand; der arme Fischer an der Küste der Bretonen, dessen Boot plötzlich der Südsturm in das Weltmeer treibt, nennt den verderblichen Wind ›das Wetter Fredigundens‹; die Winzerin an der Rhone, welche ihren blühenden Knaben auf einmal am Fieber dahin siechen sieht, nennt das Fieber zitternd ›Fredigundensneid‹, jeder Erschlagene, den man im tiefen Walde findet, – von Fredigundens Mordboten gilt er getroffen. Wie eine feuerrote Wolke des Verderbens schwebt sie über den Häuptern des bebenden Volkes: – keiner weiß, ob nicht ihn der nächste Blitz trifft, der tödlich daraus herniederfährt.« Er hielt inne, erschöpft, tief ergriffen; auch sein Freund schwieg, erschüttert. Die beiden Knaben aber waren leichenblaß geworden: – sie starrten mit weit offenen Augen auf den Erzähler: – ein leises Frösteln rieselte durch ihre Glieder. Als die Hauskatze, die unhörbar herangeschlichen war, mit einem Satz auf jung Arnulfs Schos sprang, fuhren beide Kinder in jähem Schreck zusammen: – Pippin aber griff an seine Waffe. »Ich dachte, sie packt mich, – sie hat mich schon!« flüsterte klein Arnulf. – »Ich auch! Ich wollt' ihr just den Schädel spalten.« »Das kann, das darf nicht so fortgehen,« rief endlich der alte Arnulf ernst und feierlich. »Wer soll's wenden? Ich wüßte nicht, wer? Noch weiß ich: wie.« – »Der König! Weiß er denn um alle diese Frevel? Ein Mann ist kaum so maßlos, so ruchlos böse wie ein Weib. Und seine Königspflicht! Weiß er darum?« Karl zuckte die Achseln. »Wer kann das entscheiden! Ich glaube nicht, daß er von allem weiß.« – »So muß man ihm die Augen öffnen, muß es ihm sagen.« Eifrig nickte jung Pippin Beifall, als ob er selbst bisher mitgesprochen hätte in der Unterredung der Väter. »Das kostet den Kopf,« meinte Karl ruhig. »Wer wagt es, dies Weib bei ihm zu verklagen, das ihn so völlig beherrscht, seine Sinne berauscht – sie soll schöner werden von Jahr zu Jahr! – und seinen Verstand meistert. Wer bisher gegen sie auftrat von jenem mutigen Chlodovech an, – alle, alle büßten's mit dem Tode.« »Wo weilt er zur Zeit?« »Zu Chelles bei Paris.« »Und sie selbst – sie ist doch eine so fromme Christin ... –« Höchst erstaunt riß klein Arnulf die runden Augen noch weiter auf. »Sie beichtet doch. Daß nicht längst ihr die Absolution versagt, die Ausstoßung aus der Kirche verkündet ist?« – »Man sagt, der ehrwürdige Bischof von Paris, Germanus, habe sie exkommuniziert. Er starb auffallend geschwind. Sein Nachfolger, Herr Ragnemod, braucht viel Geld zu seinem üppigen Leben. Und man flüstert: versagt der ihr gleichwohl die Absolution, so läßt sie kommen Herrn Bertchramn von Bordeaux oder Herrn Egidius von Reims, die beide ganz in ihrer Schönheit Netzen liegen sollen.« – »So sollte kein Bischof, kein Abt ihr Gewissen erschüttern, sie zur Reue bringen können? Wahrlich, das wäre ein Versuch, den die Heiligen segnen, unterstützen müßten.« »Freilich, freilich,« flüsterte klein Arnulf vor sich hin. »Man müßte ihr« – fuhr dessen Vater fort – »aber aus einem reinen unbefleckten Herzen, das für sich keine Vorteile sucht! – man müßte ihr einmal im Namen der Heiligen tief ernst in das Gewissen reden, ihr sagen, daß die Heiligen die Gaben aus ihren blutigen Händen verschmähen. – Fände sich nur eine reine Seele, opfermütig bis in den Tod ...« – Karl schüttelte das Haupt: »Das freilich gehörte dazu! Nicht lebend käme der Bekehrer von ihrem Hofe hinweg.« – »Wer weiß, ob nicht die Heiligen durch den Mund gerade eines Schwachen ein desto stärkeres Wunder thäten und die Sünderin plötzlich bekehrten, wie Paulus auf dem Wege nach Damaskus.« – »Gott mag's also fügen! Denn unerträglich ward dies Joch der Schrecknisse. Wüßte König Chilperich, was Männer wie du und ich und andere wackere, zumal auch drüben überm Rhein, geheim im Herzen zu planen gezwungen sind: – wenn's nicht bald besser wird, das ganze Königshaus zu stürzen, – vielleicht brächte es ihn doch dazu, seiner Königin zu wehren. Denn schon grollen schwer die Herzöge da drüben: Irnfried, der Thüring, Lantfried, der Alamanne, auch die mächtigen bajuvarischen Agilolfinge: sie und ihre Vater haben sich den Merowingen gefügt als siegreichen Heldenkönigen: – von einem bösen teuflischen Weib aber oder von einem Knaben, in dessen Namen ein paar ruchlose Höflinge befehlen, werden sie sich, glaub' ich, nicht lange mehr beherrschen lassen. Es gärt, es grollt, es brütet unter allen Stämmen, die noch nicht verwelscht sind, von der Marne bis an die Donau, von der Maas bis an die Unstrut. Finden sie ein Haupt und einen Arm, denen sie vertrauen, dann werden sich diese Starken nicht mehr beugen des großen Chlodovech entarteten Enkeln.« – Stolz, mit leuchtenden Augen sprang der Kräftige auf. »Karl,« mahnte der andere, sich langsam erhebend, »birg deine Gedanken in tiefster Brust. Gut, daß dich niemand hörte, als ich.« Jung Pippin aber und jung Arnulf tauschten bedeutungsvolle Blicke: warnend hob klein Arnulf das Fingerlein gegen den ungestümen Freund. »Übrigens,« fuhr Karl fort – »hat wirklich der Verlust aller Söhne das Gift dieser roten Otter um soviel tödlicher gemacht, – vielleicht nimmt ihre Wut nun wieder ab, wenn ...–« – Was meinst du?« – »Ich begreife die Heiligen nicht immer.« – »Gewiß nicht! Drum muß man glauben und blind vertrauen! Aber Demut ist nicht deine stärkste Tugend, mein Karl.« – »Der Donner schlag' in die Demut, wenn die Heiligen so ungerecht walten! Gar manche wackre Frau harrt umsonst auf Mutterglück und diese böse Katze kitzt so oft, daß man jeden neuen Wurf ersaufen sollte. Sie erwartet schon wieder ein Junges. Die Heiligen müssen an diesem Gewächs starke Freude haben, daß es so viele Früchte trägt.« »Lästre nicht, Karl! Vielleicht, wie du andeutest, ist es ein Knabe und ihre Wut läßt nach.« – »Wenn die Heiligen so schwach sind, daß sie eine Teufelin nur mildern können, indem sie ihr den Willen thun, dann bin ich lieber, denn ein Heiliger im Himmel, ein Mann auf Erden: – ich thät's nicht!« Pippin nickte so eifrig mit dem Kopf, daß klein Arnulf sich im Gewissen gedrungen sah, ihm einen erheblichen Schlag mit dem Heiligenbüchlein auf diesen Kopf zu geben, während gleichzeitig sein Vater seufzte: »O Karl, mein Gevatter! Allzuviel Heidentum steckt noch in dir. Das kommt von den vielen alten Sagen und Liedern, die du dir von jedem Harfner, der des Weges zieht, vorsingen läßt.« »Ich habe nun eben meine Freude dran. Mein Kämmerer kann schreiben; er hat mir schon gar manche Sage aufzeichnen müssen aus dem Munde der Harfner.« »Erwisch' ich diese Sammlung,« drohte Arnulf, »so werf ich sie ins Feuer. Und wirklich morgen schon willst du, kaum von Metz eingetroffen, wieder fort?« »Es muß sein! Ich erwarte heute noch einen Boten vom Grafen Lupus von Champagne. Er hat mir schon zu Metz sagen lassen: vielleicht sei der Apfel reif zum Fall. Es ist etwas im Werk: mit Guntchramn von Burgund und mit Frau Brunichildis gegen Gundovald: – noch weiß ich Näheres nicht. Die Beschlüsse sollen erst gefaßt werden, – wann gewisse Briefe eingetroffen.« – »Wo?« – »Auf einer geheimen Zusammenkunft, bei der du, Arnulf, nicht fehlen darfst,« – »Ich werde nicht fehlen, – schon um zu mäßigen und zu warnen.« – »Allein auch falls ich, falls wir beide nicht zu jener Beratung aufbrechen: – ich muß doch fort!« »Wohin?« – »Ins Feld! Du weißt, der tapfere Graf Landerich, der vor Jahren aus Chilperichs Reich in Sigiberts Dienste trat ... –« – »Jawohl, durch wackere Thaten schwang er sich noch gar jung zum Grafen auf.« – »Er ward – vor vielen Wochen schon – schwer verwundet von einem Avarenpfeil und ging, Genesung zu suchen, in seine alte Heimat bei Rouen. Seitdem dringen diese greulichen Wölfe im Bunde mit ihren lieben Helfern, den Slaven ... –« – »Ja, die wimmeln und stehlen wie die Ratten! Diese Art meiner Nächsten – verzeih mir's Gott! – kann ich nicht lieben wie mich selbst.« – »Beim Donnerhammer! – Nichts da, Sankt Dionysius! – Zu diesem Wunsch gehört der rotbärtige Ahnherr meines Hauses.« – »Aber Karl!« »Siehst du.« flüsterte Pippin mit einem Rippenstoß dem kleinen Arnulf zu, »siehst du? Ich habe recht! Vom Donnergotte stammen wir.« – »Vom Donner teufel , sag'. Sei still und horche!« »Mit einem Axtstreich möcht' ich sie all' verschlagen!« rief Karl. »Sie dringen nun so frech über unsere Ostmark, daß sich der Bajuvarenherzog, der greise Garibald, ihrer kaum erwehren mag. Er ließ mich bitten, eilends an Landerichs Statt neben ihm den Grenzschutz zu übernehmen.« – »Da mußt du freilich ziehen. Und Sankt Martinus möge dich beschirmen.« – »Ja, wohl der Siegspender mit Mantel und Speer!« Viertes Kapitel. Am andern Morgen ganz früh – mit Tagesanbruch war Herr Karl mit wenigen Gefolgen hinweggeritten – glitt Pippin, nachdem er auch vom Wipfel des hohen Eichbaumes aus des Vaters Helm nicht mehr zu sehen vermochte, an dem Stamm herunter wie ein Eichhörnchen, schritt voll Eifers über seinen Hof, öffnete die Pforte in dem Pfahlgeheg der Hofwehre und lief durch den Baumanger, der daran sich schloß, hügelabwärts auf die Haselhecke zu, hinter welcher das Land und das Haus der Arnulfingen lag. Erstaunt blieb er plötzlich stehen; er sah Arnulf durch die Heckenlücke schlüpfen und ihm hurtig entgegenlaufen, viel schneller, als des Rundlichen und Behäbigen Gewohnheit war. »Arnulf! Dick Bischöflein! Schon wach? Ich wollte warten, bist du herunterkämst. Bist sonst nicht ein Frühauf.« Aber Arnulf machte ein sehr ernstes Gesicht und sprach: »Ich wache schon seit der ersten Hahnenkraht.« »Ich auch,« erwiderte Pippin. »Ich hatte nämlich einen Traum.« – »Ich auch,« – »Oder vielmehr! ein Traumgesicht.« – »Eine Traumerscheinung: – ich auch.« – »Nachdem sie verschwunden war ... –« – »Konnte ich nicht mehr einschlafen,« – »Und der Heilige ... –« – »Der mir erschienen, der heilige Martin hat mir einen Auftrag, auch an dich, gegeben.« – »Die heilige Jungfrau und Sankt Petrus wollen, daß du mich begleitest.« – Da schwiegen beide Knaben. Schauer frommer Ehrfurcht durchrieselten sie: sie erbleichten beide und sahen sich mit großen Augen an: sie fühlten, daß ihnen beiden die Himmlischen genaht waren. Leises Grauen, aber doch auch süßes, vertrauensseliges Ahnen, eine heilige Wonne, wie sie nur der feste Glaube reinen, jugendlichen Herzen gewährt, erfüllte ihr ganzes Wesen mit überschwenglicher, mit verzückender Seligkeit: sie zitterten: Thränen traten ihnen in die Augen. Arnulf fand zuerst die Sprache wieder: »O, lieber Bruder, hier ist ein Wunder –! Ein Doppelwunder ist geschehen! – An uns thörichten Kindern ward solche Gnade des Himmels offenbar! – O laß uns knieen, anbeten und danken.« Und beide sanken in das tauige Gras der Wiese: – sie waren ganz allein, kein Mensch war so früh bei der Arbeit auf dem Felde – und in die frische, kühle Morgenluft empor stieg der Schall der hellen, reinen Kinderstimmen. »Lieber Himmelsherr,« betete Arnulf, »und du, Jungfrau Maria da oben über jenem Goldgewölk: – ich danke euch, wir danken euch auf den Knieen für eure Gnade, eure Wunderthat an uns.« »Ja,« rief Pippin lauter, fester: seine Stimme zitterte nicht, wie die seines älteren Freundes – »ich danke dir, Sankt Martinus! Und höre mein Wort, meinen Schwur: ich erfülle dein Gebot – oder ich sterbe darüber. Nicht kehr' ich zurück zum Vaterhaus, bis ich die That gethan.« Arnulf sah ihn freudig an: »Du Wackerer: – das war dein tapferer Mut –! Wohlan: ich will nicht hinter dir zurückstehen! Höret auch mich, Jungfrau Maria und Sankt Petrus mit dem Schlüssel: ich schwöre wie er: – ich erfülle euer Gebot oder sterbe dabei: nicht kehr' ich zurück zu dem lieben Vater, bis die That gethan, – Siehst du, Pippin? Siehst du nicht? – Immer goldiger goldig wird das Gewölk über uns: – dort ist gewiß der Himmel offen und die Herrlichkeit Gottes leuchtet daraus hervor. – Siehst du nicht daraus winken, sich neigend, eine weiße Gestalt?« »Nein,« antwortete Pippin ehrlich und sprang auf, »Seh' nichts als Wolken. Nun aber höre ...« – »Nein, höre du!« – »Nein, ich will reden. Du – du machst es wie der Pfarrer in der Predigt: – hörst sobald nicht auf, wann du einmal angefangen. Also. – Solang ich lebe – und das ist doch nun schon sehr lang! – hat mir nicht Sang noch Sage das Herz so pochen gemacht wie gestern, was der Vater erzählte von dem schönen bösen Weibe.« – »Und von des armen Volkes großer Not: Und wie keiner von den Großen des Reiches helfen könne oder wolle. Wie... –« – »Wie aber doch wohl geholfen werden könne, wenn einer ein reines Herz habe... –« – »Und einen kühnen Mut. Und schon wie das gesagt ward, dacht' ich: ›Mut hätt' ich wohl. Wenn ich nur wüßte, was thun?‹ Und den Abend über brachte ich das Grauen nicht aus mir: – ich ließ sogar den kalten Hirschbraten stehen und trank nur die Milch; denn ich war ganz heiß.« – »Und ich betete nach dem Abendsegen noch lang zu Sankt Peter und zur heiligen Jungfrau, daß sie das Frankenvolk erretten möchten von diesem argen Königspaar.« – »Ich – ich vergaß – leider! – das Abendgebet vor lauter Gedanken an die Not der Franken. Und ich mußte mir immer wieder vorsagen des Vaters Spruch, ›des Helden höchster Hort und sein Stolz ist sein Stamm: freudig fällt er für sein Volk ...–‹« – »Du, du! Aber den Nachsatz sage nie mehr. Er ist heidnische Sünde.« – »Aber so schön! ›Daß er in Walhalls Wonnen erwache!‹ – Weißt du, was das bedeutet? Nein? Ich auch nicht. Aber schön klingt's, hat auch der Pfaff von Trier große Fasten darauf gesetzt, wer's sagt.« »Pippin, du mußt nun fasten!« mahnte Arnulf ernstlich und hob den Zeigefinger. »Fällt mir gar nicht ein! – Hab's ja nur dir zur Erinnerung gesagt! – Also: und zuletzt dachte ich mir noch, wenn mir Sankt Martinus, unseres Hauses Schutzherr, nur sein grauweißes Roß leihen wollte, das durch Wolken und Lüfte sprengt, und seinen Speer: – ich würde Herrn Chilperich schon finden. Und so schlief ich ein.« – »Ganz ähnlich wie ich. Nur daß ich vorher ordentlich betete. Und alsbald erschien mir im Traum ... –« – »Nein! mir erschien im Traum Sankt Martinus, ganz wie er in deinem Heiligenbuch gemalt ist: auf weißem Roß, den Goldhelm auf dem Haupte, mit dem wehenden, grauen Rauschebart, den dunkelblauen Mantel um die Schultern und den Speer in der Hand: ›Steh' auf,‹ sprach er, ›mein Sohn! Dich hab' ich auserkoren zu großem Werk. Zieh deines Vaters Weißroß, Wittchen, aus dem Stall‹ – du weißt? auf dem ich am liebsten reite! So gut kennt er meine Neigung, der liebe Schutzherr! – ›und reite auf und davon. Deinen Freund Arnulf nimm mit dir: – denn er ist klügern Rates voll als du.‹« – »Hat er das wirklich gesagt?« fragte Arnulf eifrig. »Nun, da siehst du's!« – »Hinter dir soll er sitzen und dir nicht widersprechen in der Wahl der Waldwege: denn solches verstehst du am besten.‹« »Nun ja!« meinte Arnulf, ziemlich geringschätzig. »Und nicht ruhen sollst du, bis du den schlimmen König, Herrn Chilperich, findest und sollst zu ihm dringen durch Wasser und Wälder, durch Turm und Thor, unaufhaltbar, und sollst zu ihm sprechen, triffst du ihn allein oder inmitten seiner Gewaffneten: ›Höre mich, Herr König! Denn Sankt Martinus, der mir im Traum erschienen, sendet mich zu dir. Ich soll dir aufdecken alle Frevel‹ – hier zitterte leicht die helle Knabenstimme – ›deines üblen Weibes Fredigundis, die sich das Frankenvolk erzählt, und soll dich warnen: der Speer Sankt Martinus ist wider dich gezückt! Siehe, schon fliegt er gegen dich und dein Geschlecht. Vermorscht ist euer Haus! Alle Völker des Nordens werden sich erheben wider dich. Von Ostnordosten, von den Alpen, vom Schwarzwald und vom Wasgenwald wird ein Sturm wehen und niederwerfen wird er euern Thron.‹ So sollst du sprechen. Nun eile, Pippin, denn es drängt die Zeit.‹ Und er verschwand, davonsprengend auf seinem Weißroß, durch die Wolken.« Der Knabe schwieg: sein Auge loderte in Begeisterung: er riß die kleine Streitaxt aus dem Gürtel: »Ich aber, ich sterbe, oder ich vollbring's!« Mit atemloser Spannung hatte Arnulf ihm gelauscht. Nun faßte er Pippins Hand und sprach feierlich: »Hier wäre Zweifel Sünde. Denn höre nun, was mir im Traum gefügt ward. Mir erschien die heilige Jungfrau – wunderhold war sie zu schauen – etwa wie deine Schwester Berahta, nur noch viel, viel schöner! – vom goldnen Haare ganz den himmelblauen Mantel überflutet – und seltsam: einen blauen Häherflügel trug sie im Gelock! – sie schwebte auf Gewölk dicht an mein Lager. – An ihrer Seite aber schritt Sankt Peter im weißen Langbart, den großmächtigen schweren Himmelsschlüssel in der Hand. Und der Heilige sprach zu mir: ›Steh auf, mein Sohn! Dich hab' ich auserkoren zu großem Werk. Deinen Freund Pippin nimm mit dir: – denn er ist rascher mit der That als du; und ihr gehört zusammen wie Seele und Leib.‹ Sankt Petrus aber fiel ein: ›der Leib aber soll der Seele dienen immerdar.‹ ›Wie der Graf,‹ fuhr die Jungfrau fort, ›dem Bischof folgen soll.‹« »Das hat sie gesagt? Wirklich? – Was versteht so eine Jungfrau vom Grafenamt!« »Petrus nickte dazu mit dem Kopf; ›und nicht ruhen sollst du,‹ sprach die Heilige, ›bis du die Königin Fredigundis gefunden hast, und sollst zu ihr dringen durch Wald und durch Wege, durch Thor und durch Turm und sollst zu ihr sprechen, triffst du sie allein oder inmitten ihrer Frauen: ›höre mich, Frau Königin. Denn die heilige Jungfrau mit Sankt Petrus, die mir im Traum erschienen, senden mich zu dir. Ich soll dich warnen: kehre um auf deinen bösen Wegen. Bereue, büße, bessere dich.‹ ›Siehe, – sollst du sprechen:‹ fiel der Heilige ein, – ›Sankt Peter hebt drohend gegen dich den heiligen Schlüssel: nie thut er dir die goldne Pforte auf, wirst du nicht von Stund' an eine andre und büßest, allem Glanz entsagend, deine Frevel in stiller Klosterzelle.‹ Sprach's und faßte die Hand der Gottesmutter, die sich noch gar lieblich zu mir neigte, und führte sie hinweg von meinem Lager. Ich aber erwachte mit hochklopfendem Herzen und konnte nicht mehr einschlafen und konnte kaum erwarten, bis es tagte, auf daß ich dich aufsuche. O, Freund Pippin – Großes ist an uns geschehen: wir wollen's verdienen: – durch Gehorsam.« »Gewiß,« rief Pippin, »und durch Kühnheit! Ich will's ihm schon deutlich sagen, dem bösen Chilperich. Und ich kann reiten ohne weiteres – mein Vater ist fern! – Ich kann ihn gar nicht fragen – mein Mütterlein, wie deines, ist lange tot: – und die Schwestern haben mir nichts drein zu reden. Aber du? – Dein Vater läßt dich gewiß nicht fort, sagst du es ihm: denn gefährlich ist es wohl ein wenig.« »Drum sag' ich's ihm gar nicht.« »Höre du, ist das recht gethan? Du weißt doch, wüßte er's, – er litt es nicht.« »Das hab' ich mir hin und her gesagt in bangen Zweifeln, da ich mich viele Stunden schlaflos wälzte. – Aber ich hab's zuletzt ausgefunden. Ich muß gehen. Die Heiligen wollen's. Zu bloßer Kurzweil wahrlich geh' ich nicht: – vielleicht in den Kerker, in den Tod. Sag' ich's, kann ich nicht gehen. Er sperrt mich ein. Also darf ich gehen, ohne es zu sagen.« – »Aber du sollst doch thun nach deines Vaters dir bekanntem Willen: – du kennst ihn ohne Frage.« – »Gewiß. Gott gebietet: ›geh!‹ Ein Mensch – ob auch mein Vater, – gebietet: ›bleibe!‹ Also geh' ich: Denn: ›man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.‹« »Eia, Arnulflein, du findest doch stets ein Schriftwort, wie du's gerade brauchst. Manchmal mein' ich, du bist schon Bischof von Metz, wozu dich ja die Muhme auferzieht. Also: wir reiten! Sofort! Geh zurück und rüste dich zur Fahrt. Die Knechte sind noch nicht an der Arbeit. Ich führe Wittchen aus dem Stall. Im Erlenbusch, dort, wo die große alte Straße nach Westen zieht, erwart' ich dich. Und alle guten Wegeholdlein ...–« – »Pfui! Der Engel, der Tobias geleitet hat, sei unser unsichtbarer Pfadgesell.« Fünftes Kapitel. Der Abend fand die beiden Knaben schon ziemlich weit von der Heimat. Sowie der kühne Ritt begann, hatte Pippin die Leitung mit sichrer Hand übernommen; so willig er sonst wohl dem Reiferen sich fügte, – hierbei duldete er keine Einsprache und Arnulf erkannte auch bald, wie viel geschickter jener alle auftauchenden Schwierigkeiten angriff. In den ersten Stunden hatte Pippin den gewöhnlichen offenen Weg, die vortreffliche Römerstraße eingehalten, die, immer noch wohl erhalten, von Trier über Verdun und Châlons an der Marne nach Paris führte. Und in diesen ersten Stunden mußte Wittchen, die starke Stute, welche die leichte Last kaum spürte, weidlich laufen; der kleine Reiter schonte Sporn und Gerte nicht. Aber um Mittag etwa lenkte er von der Heerstraße ab in einen Waldpfad. »Warum?« fragte Arnulf. »Hier kann das Roß lange nicht mehr so gut ausgreifen. Der Weg ist schlecht, die Zweige hängen links und rechts herein.« »Warum?« wiederholte Pippin; er holte eine Kürbisflasche unter dem braunen Mantel hervor. »Das ist doch klar. Da trink' – aber nicht zu viel auf einmal – 's ist von dem starken Jungwein: sonst fällst du mir herunter dahinten. – Die ersten Stunden wurden wir nicht vermißt: – da konnte ich's wagen, auf der offenen Straße zu reiten, um rasch recht weiten Vorsprung zu gewinnen. Aber wenn ich beim Mittagessen fehle –, das ist wider die Natur! Da fangen sie an, zu suchen. Zunächst suchen sie mich bei dir. Fehlen wir beide, – so geht nun erst recht ein eifrig Herumstöbern los.« »Mein armer Vater!« seufzte Arnulf; »aber er wird sich schon ... –!« – »Höre Bischöflein, jetzt werde mir nicht weichmütig! Du hast dir's ja vorher zurecht gelegt in deinem klugen Gewissen.« – »Ja, wohl. Aber doch!« – »Jetzt giebt's kein Aber mehr! Ich lasse dich nicht mehr umkehren: – da kämen sie bald auch mir auf die Spur! Hiebe setzt es freilich, – tüchtige! – haben sie uns erst wieder. Aber vorher muß doch unser Werk vollendet sein. Alsbald werden sie auf allen Straßen uns nachsetzen – sie wissen ja nicht, wohin wir uns gewendet haben! – Natürlich reiten sie auf den großen Heerstraßen; denn auf allen Seitenwegen können sie doch nicht folgen. Bald können sie nun so weit sein, daß sie uns auf der offenen Straße sehen würden. Daher jetzt: in den Busch! Sowie es dunkel ist, reit' ich wieder was Wittchen laufen kann auf der Breitenstraße.« – »Ein Glück, daß dein Vater den Aufenthalt des bösen Paares nannte. Wie wirst du aber den Weg finden bis nach Paris? Das ist weit.« »Kinderleicht! Immer nach Westen! Immer geradeaus! Auch fragt man die Leute auf der Straße.« – »Es sind aber viele Flüsse. Wie kommen wir darüber?« –»Teils auf Brücken. Die Herren Könige halten die gut im stand; denn sie erheben fleißig Brückenzoll.« – »Heilige Jungfrau! Und wir haben kein Geld!« – »Doch, doch. Einen ganzen Haufen! Horch, wie das klingt.« Und er schüttelte eine Ledertasche, die ihm am Gürtel hing. »Um Gott, Pippin! Woher? Du hast's doch nicht ... –?« »Gestohlen?« lachte der andre. »Bei Leibe! – Pfui, Wittchen, nicht scheuen! Siehst du denn nicht? Es war nur ein Reh, das knackend durch die Büsche brach! – Ich fand neulich, im Walde, auf der Fuchsjagd – der Bau hatte eine gar so weite Mündung, fiel mir auf, schürfte eifrig nach – tief vergraben, ein ehernes Gefäß, halb verrostet und zerbrochen, und darin so viele Gold- und Silbermünzen – einen ganzen Helm voll! Ich zeigte sie gestern gleich dem Vater. Der schenkte mir den ganzen Fund: – so ist's mein wohlgewonnen Eigen. – Er sagte mir, das sei viel besseres Geld als heutzutage geprägt werde; also müssen die Leute ja froh sein, zahlt man damit. – Jetzt weißt du was? Nun machen wir Mittag. Wittchen muß rasten. Und ich bin auch hungrig. Und an diesem klaren muntern Waldbach wird sich's lieblich liegen. Hop, Bischöflein, Hop!« Er sprang rasch herunter und gab Arnulf die Hand, der sich schon langsam herabgleiten ließ. – »So, Wittchen,« sprach Pippin und band das Roß mit einem langen Strick, den er aus der Satteltasche zog, mit einem Hinterfuß unten an einen schmalen Erlenstamm. »Besseres Futter als dieses duftige Waldgras hat das Roß des wilden Jägers selber nicht.« Arnulf bekreuzte sich: »Schweig doch von dem! Hier! Mitten im Wald!« »Ich fürcht' ihn nicht,« lachte Pippin. »Er soll den Mutigen hold sein. Komm! Nimm! Kalten Hirschbraten! Meine Schwester Berahta, die viel Sparsame, die strenge Hausfrau, die wird schelten, findet sie die große Fleischschüssel in der Speisekammer leer. Ha, ich möcht' ihre großen Augen staunen sehn,« lachte er. »So nimm doch und iß!« – »Danke.« – »Hungert dich denn nicht?« – »O ja! Beträchtlich!« – »Nun, aber ... –?« »'s ist Feiertag heut'. Da eß ich kein Fleisch.« – »Was? Was?« – »Ich hab' es dem heiligen Petrus versprochen.« – »Was hat jetzt der davon; wenn dir flau im Magen wird?« – »Das verstehst du nicht, Weltkind.« – »Aber das versteh' ich, daß du mir nicht vor Hunger vom Sattel fallen darfst.« – »Hui, sah'st du da im Bach die Forelle huschen?« rief Arnulf eifrig. »Jawohl! Da! Noch eine! Ein ganzes Rudel ... –!« »Jetzt ist mir schon geholfen! Hamen und Schnur trag' ich immer bei mir. – Rasch! Hilf mir dort die schlanke Erle biegen! Das Weidmesser her! – Ein herrlicher Angelstock! Flugs bind' ich die Schnur daran. Fang Heuschrecken, Pippin. Bücke dich! Tummle dich! Und dort die Mücken mit dem langen blauen Leib. Darauf beißen sie am besten. Eile dich! Fang! Schnell! Fang!« Pippin that's, im Schweiße seines Angesichts den Heuhupfern und Fliegen nachspringend, bis er keuchte. Als er mit einer Handvoll zurückkam, lagen schon zwei Forellen zappelnd auf der Waldwiese. »Rasch, Pippin, gieb frischen Köder! Und schlage Feuer. Da! In meiner Tasche sind Stein und Zunder. Hui! Schon wieder eine! Welch' große! – Geschwind! Neuen Köder her! Und schneide vier spitze Weidenstäbe. Und fülle Wasser in deine Sturmhaube. Und blase in die Glut.« – »Höre,« sagte Pippin und stemmte beide Arme in die Hüften: »Nichts kannst du doch so prächtig als befehlen!« – »Besser als du gehorchen! – Brennt noch nicht? Da, Nummer vier! Die beißen!« – »Hör' auf und hilf mir kochen. Es ist ja genug. Aber freilich: ich vergaß! Du bist ja ein gewaltiger Fischer. Du hast die Geduld dazu und das stille, behutsame Wesen. Mir ist's zu langweilig. Ich jage lieber. Du aber bist ... –« »Erst Forellen fischen – später Menschen! Mein Schutzherr war auch Fischer und hat es so gemacht. Von einem heil'gen ›Jäger‹ hab' ich noch nie gehört.« »Aber desto mehr vom wilden ... –« – »Schweig, sag' ich! Da rauscht schon was durch die Wipfel.« Scheu, geduckt sah er empor. »Am Ende –!« – »Ein Reiher ist's, den wir von seinem Fischplatz verscheucht. Ein glücklicher Angang wegfährtigem Mann.« Bald waren nun die Fische gesotten, die den Hungrigen trefflich mundeten; auch die Kürbisflasche ging hin und her. »Ich sage dir,« sprach Pippin, »die Geschorenen hätten's gar nicht nötig, die alten Götter so gar schlecht zu behandeln.« – »Sind üble Wichte, allzumal, sind Dämonen: Frau Berahta und Frau Vrene. Und der Sassenot der Ostfalen und der Schwertherr der Schwaben und die Hollefrau der Thüringe und die drei Jungfrauen der Bajuvaren. Und der rote Donnerteufel und vor allen: der wilde Herr Wotan.« – »Ei, du kannst sie aber gut auswendig!« »Gewiß. Wir lernten in Trier bei der Muhme eine Formel, ihnen allen abzusagen.« – »Schon recht. Aber am Ende der Dinge, wann Not an Mann geht, dann werden deine unwehrhaften Heiligen recht froh sein um die vertriebenen Althelden. Denn außer Sankt Martin mit Mantel und Speer sind sie nicht große Kämpfer, die Heiligen.« »So? Und Sankt Georg? Und Erzengel Michael? Übrigens, was braucht's da viel kämpfen? Sankt Peter hebt den Schlüssel und zaubert alle Feinde tot.« – »Ja, wenn's wahr wäre! Aber es geht nicht ohne Fechten. Ein alter Harfner – sei ruhig! er ist getauft, kein Heide, er kam aus Bajuvarenland, – hat mir erst neulich vorgesungen in der Halle das Lied vom Mudspilli, am Ende der Dinge, wann die Sünde der Menschen überhand genommen, himmelschreiend.« – »Du! Am Ende ist's schon so weit? Kann noch Ärgeres geschehen als geschieht von dem bösen Paare, wider das wir ausgesandt sind?« – »Das wäre recht! Da erlebt ich ihn und föcht' ihn mit, den großen Kampf! Also: da wird der Antichrist auf Erden herrschen und Kirchen und Klöster verbrennen und die Frommen verfolgen. Da wird der Himmelsherr – der neue – Elias auf die Erde senden mit vielen tausend Engeln, die Frommen zu erretten und den Antichrist und die Teufel alle zu besiegen. Und wird da entbrennen der allergrößte Kampf. Denn die Teufel werden die Altriesen losbinden, die lange gefesselt lagen: den Höllenhund, und den großen Drachen in dem Meersee. Und viele andere. Und werden die Feuerriesen Flammen schleudern über die ganze Welt: – es brennt da die alte Erde, in Lohe glüht der Himmel, die Gewalt des Feuers fährt über die Menschen, da mag nicht Freund dem Freunde helfen vor dem Feuer, wann der breite Glutregen alles verbrennt. Elias – wer mag der Degen sein?« – »Er fuhr auf feurigem Leiterwagen gen Himmel.« – »Er und der Antichrist kämpfen Mann gegen Mann. Elias tötet den Feind, stirbt aber selbst an seinen Wunden; und nun gewinnen Riesen-Wolf und Riesen-Wurm die Überhand; die Englein weichen. Da gedenket der neue Himmelsherr des alten Himmelsherrn, den er vermöge seiner stärkern Zaubermacht in einen hohlen Berg entrückt hat mit seinen besten Helden. Und er gedenkt, wie der alte Himmelsherr mit den Seinen weiland jenen Riesen so heldenhaft widerstritt. Und er entsendet einen Engel, der bläst in ein gellendes, gellendes Horn; auf springt der hohle Berg, auf fahren zu ihren Waffen die Althelden: – nicht tragen sie es nach dem neuen Himmelsherrn, daß er sie gestürzt und solange gefangen gehalten, treu wie Heiden sind und großgemut. Und wie sie die alten Feinde sehen, den Wolf und den Wurm, da entbrennt ihnen neu die alte Kampfeswut: und sie fahren heraus von dem Berg mit all' ihren tapfern Gesellen in die Riesen; und der alte Himmelskönig mit Mantel und Speer – ganz wie Sankt Martinus: wie mag das kommen?« »Er hat sie vermutlich dem Heiligen gestohlen,« meinte Arnulf trocken. »– Erlegt den Höllenwolf und der Donnerherr erschlägt mit dem Steinhammer den Meerdrachen und die Engelein fassen sich nun wieder ein Herz und endlich werden alle Unholde erschlagen. Und oben, über dem Regenbogen, sitzt neben dem neuen Himmelsherrn, versöhnt und ohne Groll, der alte Himmelskönig und neben Elias, der auch wieder da ist, sitzt der Donnerherr und neben dem Herrn Christus Paltar, der aufersteht von Hel Jahr für Jahr, wann Frau Ostara in die Lande zieht; und sie reden beide davon, wie schaurig es war unter der Erde. Und Michael und Ziu, der Schwertherr, vergleichen ihre guten Klingen und prüfen im Wettkampf, welche die bessere sei und hauen sich dabei wackre Wunden. Die Jungfrau Maria und Frau Berahta führen, abwechselnd waltend, die himmlische Wirtschaft: bald giebt es Manna, bald Eberbraten. Und die Seelen all' der tapfern Althelden, die neben den Engeln gekämpft im letzten Kampf, sind erlöst aus der Entrückung und teilen fortab der Seligen Halle.« Arnulf sprang auf und griff sich eine neue Forelle aus der Sturmhaube. »Du, der Harfner aus Bajuvarenland, der das gesungen hat, – der war verrückt.« »Ein wenig, ja. Mir schien es auch. Es sind ihm die Alten und die Neuen durcheinander gekommen. Er lebt unter den Neuen und kann von den Alten nicht lassen. Aber gefallen hat mir's doch, weil's so wild dabei hergeht.« »Man muß nicht glauben,« sprach Arnulf, mit vollen Backen essend, »was im Munde der Leute lebt von solchen alten Geschichten; ist meist nicht wahr! Das hab' ich jüngst erfahren an deiner Schwester Berahta; du weißt: ich spielte von je mit ihr am liebsten unter allen Nachbars Kindern, das heißt: unter den Mädchen; sie hört so gut zu, erzähle ich ihr die Heiligengeschichten, die ich gerade erst von der Muhme zu Metz gelernt. Biltrud nun, mein junges Bäslein, trägt lange schon darüber Eifersucht. Und vor Monden, als wir uns wieder einmal ein wenig gestritten hatten, Biltrud und ich: – es war, als Frau Ostaras Häsin die roten Eier gebracht hatte, wie die Heiden sagen: aber es ist nicht wahr: die Hühner legen sie, die Schaffnerin färbt sie und die Kirche weiht sie: – da rief Biltrud ganz giftig: ›Ei ja, schenke doch nur all' deine Eier der blonden Berahta! An der hast du ein sauberes Gespiel! Hat einen Plattfuß, einen Schwanenfuß, wie alle Mädchen von jener Sippe. Ein Erbstück ihrer Ahnin, die eine heidnische Wasserminne war, ein übles, siegzauberndes, schwanenflügliges Weib.‹ Ich sagte, nein. Aber ich wußte es doch nicht recht. Und es machte mich scheu. Denn vor allem, was von den Heidenwichten stammt, graut mir. Und ich glaubte es beinahe, daß Zauber an ihr hafte. Denn ich muß an deine Schwester Berahta viel mehr denken als ich will, viel öfter als an alle andern Gespielen. Nun, vor ein paar Tagen, als der Wolkenbruch den kleinen Sauerbach so mächtig geschwellt und den Steg fortgerissen hatte, – ich fischte Forellen und sie ging mit und trug den Fang im Schilfkorb – da – wir mußten hinüber, – zog sie die Schuhe unverzagt aus und patschte mit mir durch die Furt. Mir schlug das Herz, wie sie es that: und es graute mir davor, auf ihre Füße zu schauen. Aber es litt mich doch nicht anders: – ich mußte scharf hingucken. Und siehe da: keine Spur! Sie hat vielmehr ein wunderhübsches kleines Füßlein.« »Hätt'st mich gefragt, hätte dir's längst sagen können,« lachte Pippin. »O, das hätt' ich nicht über die Lippen gebracht – zu keinem Menschen. Aber nun bin ich so froh im Herzen, daß nichts Ungeheures ist an Berahta. Denn, weißt du's: Bischöfe dürfen auch heiraten.« Sechstes Kapitel. »So,« rief Pippin aufspringend. »Nun wieder in den Sattel.« – »Gleich! Erst das Nachtischgebet.« – Er murmelte einige lateinische Worte. Pippin kratzte aus mit dem linken Fuß und rief gen Himmel blickend: »Danke, lieber Gott! Deine Fische waren sehr gut. Und des Vaters Wein war noch besser! – Ei, was murmelst du denn da ins Wasser hinein?« Arnulf aber sprach leise, sich neigend, gegen den Bach: »Wogende Welle, Fließende Flut, Fischers Freude! Neck oder Nixe, Wer immer hier wohne –: Dir diene mein Dank. Für jede fließende Flosse, Die der Fischer fing, Die gütig du gönntest, Sollen dir sieben, sollen dir siebzig Wimmelnde wieder erwachsen.« »Hm,« meinte Pippin, das Roß losbindend, welches ihn mit freudigem Wiehern begrüßte. »Neck oder Nixe? – Die hab' ich auch noch in keinem Heiligenverzeichnis nennen hören.« Arnulf errötete. »Ja, ich weiß wohl. Es sind heidnische Elben. Aber – Sankt Petrus muß mir's schon verzeihen. So oft ich auswerfe in seinem Namen: – nicht Eine Flosse! Und dieser uralte Fischerspruch hilft jedesmal. Und fischen ist nun einmal meine Freude – kann's nicht lassen. Weißt du,« fuhr er ganz eifrig fort, »du mußt deshalb nicht gering denken von Sankt Petrus als Fischer. Aber weißt du, – er war ja nie hier im Land. Er ist gut für den großen Meersee und für den Jordan. Hier aber sind ganz andere Fische, von deren Fang er nichts versteht. Und hier walten noch, wie in der Vaterzeit, die alten Wasserelben in den Wellen: so darf's der Fischer mit denen nicht verderben.« »O,« meinte Pippin, »ich hab' nichts dagegen. Nur bitt' ich mir aus, wann ich morgen – der Braten Berahtas geht stark zu Ende! – unser Mahl erjage, daß ich dann auch meinen Weidspruch sprechen darf.« – »Hilft er sehr stark?« – »Immer!« Arnulf kratzte sich hinter dem Öhrlein. »Ja, morgen möcht' ich freilich schon, daß wir Fleisch hätten. – Weißt du: – thu's, wann ich's nicht höre.« – Nun sprang Pippin in den Sattel und half dem dicken Arnulflein hinauf. »Höre,« lächelte er, als der saß, »gar seltsam siehst du aus, mit deinem mächtigen breitrandigen Hut aus Schilfrohr ... –« – »Das ist ein echter Fischerhut! Gegen die stechende Sonne auf dem Wasser.« – »Und mit der langen Angelrute aufrecht hinter deinem Rücken. Mein Köcher und Bogen lassen sich doch besser bergen unter dem Mantel.« – »Dafür ist der lange Stab auch nicht nur zum Fischen nutz! Sankt Peter führt den Stab, mit dem er die Seelen hütet, wie ein treuer Hirt. Vorwärts, sag ich!« Und er gab Wittchen einen Schlag. Aber Wittchen nahm das übel, fuhr zusammen, schlug heftig aus und hätte den hinteren Reiter abgeworfen, wenn der nicht rasch mit beiden Armen den vorderen umfaßt hätte. »Siehst du?« warnte der, »Nüfelchen! Das kommt von der Überhebung! Was hast du mein Pferd zu schlagen? Laß du hübsch die Leitung mir.« »Bis wir wieder aus jeder Gefahr sind – in Gottes Namen,« seufzte der andre, ein wenig gedemütigt. – Gegen Abend, sobald es dunkel ward, bog Pippin aus dem Waldweg auf die große Straße. Als sie an die Brücke der Maas gelangten, fanden sie diese gesperrt durch wagerechte Querbalken, die in die beiden Brückenpfosten links und rechts eingefügt waren. Laut stieß Pippin ins Hifthorn. Alsbald erschien der Brückenwart und sein Gehilfe, die auf dem westlichen Ufer in einer Mühle hausten. Mit Staunen betrachteten die Männer die beiden schönen lichtlockigen Knaben auf dem weißen Roß. »Du, Herr,« raunte der jüngere, der Gehilfe, »die beiden sind nicht geheuer, mein' ich. Zwei Knaben allein, auf Einem Roß: – wie leuchten ihnen Augen und Haar! – ob es nicht Elben sind?« – »Was Elben! Übrigens: Elben oder Landfahrer: zahlen sie nicht das Pontatikum, so kommen sie nicht herüber. Was seid ihr?« fragte er. »Das hast du nicht zu fragen, Knecht,« erwiderte Pippin. »Du bist nur Brückenwart, nicht Markwächter.« – »Wohin wollt ihr?« Pippin wollte auch hierauf nicht antworten. »Zu König Chilperich und Königin Fredigundis,« rief aber Arnulf laut. »Siehst du?« meinte der junge Gehilfe. »Die sind nicht geheuer! Die Königin verkehrt mit übeln Wichten, mit Waldherrlein und –« »Weh euch,« fuhr Arnulf fort, »haltet ihr uns auf! Wir ziehen im Dienst von höheren Gewalten.« »Ich bringe dem König wichtige Botschaft,« schloß Pippin. – »Schon recht! Aber erst zahlen.« – »Gewiß! Was macht der Zoll?« – »Einen halben Silbersolidus für jeden Kopf und einen Viertelsolidus für das Pferd.« »Bah,« lachte Pippin, den Lederbeutel hervorziehend, »mit solchem Bettelgeld giebt man sich da nicht ab, wo wir zu Hause sind.« »Hörst du, hörst du?« mahnte der Gehilfe. »›Elben acht' ich auf Erden an gelbem Golde die reichsten,‹ sagt der alte Merkspruch von den Göttern, Riesen und Elben.« Aber auch der alte Graubart staunte, als er in dem weit geöffneten Beutel alles glitzern sah von seltsamen schweren Goldmünzen fremden Gepräges. Pippin nahm eine Handvoll heraus und warf sie dem Alten in den hingehaltenen Hut. »So! Das wird reichen! Für dich und Kind und Kindeskind.« »Merkst du's?« flüsterte der Gehilfe. »Auf Elbengold liegt Heckezauber: es schwindet nicht, es blüht und wächst.« Einstweilen hatte der andre die schweren vorn in Eisen gefaßten Balken mit einem Hakenschlüssel aus der Sperre gelöst und schob sie langsam zurück; während Wittchen behutsam auf das glatte Brückenholz trat, griff der Alte mit einem finstern Blick an den Skramasachs, den er im Gürtel trug. »Was Elben! Hilflose Kinder sind's! – Ich hätte Lust, ihnen Gold und Leben zu nehmen ... –« Aber Arnulf hatte die leise Handbewegung bemerkt und den bösen Blick: »Mord,« rief er mit heller Stimme, »Mordgedanken seh ich hinter gefurchter Stirn. Wehe dir, Wegwart! Wir ziehen heiligen Weges, von den Unsichtbaren gehütet.« Der Alte erschrak, er trat zur Seite: sein Gehilfe sank ins Knie und streckte mit abgewandtem Gesicht abwehrend die Hände gegen Arnulf. Pippin aber gab Wittchen den Sporn und blitzschnell sprengte das Rößlein über die dröhnende Brücke. »Du,« lachte Pippin, »das hat geholfen! Weiß Gott, für wen die uns halten. Aber weshalb hast du die Heiligen nicht genannt?« »Wohlweislich,« schmunzelte der. »Sahst du nicht? Der Alte trug ein Kreuz, der Junge aber das Hammerzeichen am Halse: der eine glaubt mehr an die Engel, der andere mehr an die Elben: ich wählte die Worte – für beide bedrohlich.« – Als es ganz finster war, näherten sie sich abermals einem Wasserlauf, einem Nebenfluß der Maas. Pippin wußte, daß eine Brücke, – ohne Zollrecht – auch über dieses Gewässer führe und tröstete damit seinen Freund, der nicht gern im Dunkeln sich einer Furt anvertraut hätte. Plötzlich hielt Pippin das Pferd an und lauschte nach rückwärts: »Hörst du nichts?« – »Doch! Ich meine.« – »Jawohl! Ferne Hufschläge! Mehrere Reiter! Wahrscheinlich unsere Verfolger. Sieh, eine Fackel taucht dort aus dem Gehölz.« – »Was thun?« – »Vorwärts! Unter die Brücke!« Und vorwärts jagte das Roß; bald war die Brücke erreicht; beide sprangen ab und führten vorsichtig das Pferd unter den ersten Bogen, es so stellend, daß es von der Straße her völlig durch die Wölbung der Brücke verdeckt war; sie kauerten beide unter dem Bauch des Tieres auf der Erde. Näher und näher kamen die Hufschläge; die Lauschenden hörten lautes Rufen. »Sie rufen uns, unsere Namen,« flüsterte Pippin. »Das sag' ich dir, heiliger Petrus,« flüsterte Arnulf, »ist mein lieber Vater dabei und ruft mich – dann! – dann, glaub' ich, folg' ich meinem Vater!« »Kann's nicht loben,« brummte Pippin; »aber ich bin doch recht froh, daß meiner nicht dabei sein kann !« Nun hatten die Reiter die Brücke erreicht: »Arnulf! Pippin! Arnulf! Pippin!« riefen sie in die Nacht hinaus. »Es ist nur der Großknecht,« hauchte Arnulf erfreut. »Der kann lange schrei'n.« »Und unser Müller. Der ist ein wenig viel dumm!« flüsterte Pippin. »Es ist umsonst,« sprach einer der beiden Reiter und leuchtete mit der Fackel über die ganze Brücke hin. »Hier sind sie auch nicht,« bestätigte der andere. »Sie können auch noch gar nicht so weit gekommen sein.« – »Doch wohl! Wittchen läuft flink.« – »Man sah auch nirgend eine Rossesspur.« »Nur Eine – manchmal, wo die harte Straße weicher war. Aber dieser Eine Reiter ritt von West nach Ost.« – »Kehren wir um.« – »Ja, es ist so nicht geheuer an dieser Brücke. Es solle hier ein grauser Mord geschehen sein. Seit dem ...« – »Horch, das war ein Seufzer!« – »Ein Stöhnen unter der Brücke her!« – »Fort!« – »Rasch fort!« Und sie jagten zurück des Weges, den sie gekommen. Als Pippin lachend das Pferd unter der Brücke hervor und wieder auf die Straße führte, kniete Arnulf nieder und betete gar feierlich: »Ich danke dir, heiliger Petrus, auch für das neue Wunder.« – »Was für ein Wunder? Die Dummheit des Müllers ist schon ein altes.« – »Sankt Peter hat offenbar doch Wittchens Spur umgekehrt.« »Nein, Nülflein!« lachte Pippin aus vollem Halse. »Dieses Wunder hab' ich selbst gethan. Ich habe Wittchen die Hufe verkehrt aufgenagelt. – Vorwärts! Jetzt, Wittchen, sollst du tüchtig laufen. Schau, der liebe Herr Mond taucht dort aus dem dunkeln Tannenwald: Eia, Eia, lieber Lichtherr, Laß dein lindes Licht uns leuchten! Wegfährtig Wandernder Wegetrost!« Sechstes Buch. Erstes Kapitel In dem königlichen Gehöft Chelles bei Paris war große Freude. Denn der neugeborne Sohn Frau Fredigundens war, etwa zwei Monate alt, feierlich aus der Taufe gehoben worden. Der Vater gab ihm den Namen: »Chlothachar«. »Denn,« sprach er zu Fredigunden, die glückstrahlend alle Festlichkeiten an seiner Seite mitmachte, »mein Vater Chlothachar hat alle drei Reiche: Austrasien, Burgund und Neustrien, beherrscht; möge der Name ein gutes Vorzeichen sein für unsern Knaben. Und es sagen alle alten Leute, die meinen Vater in jungen Jahren gekannt, auch dieses Kind in der Wiege wieder – wie schon die süßen Knaben, die wir verloren, und die schöne Rigunthis – sei ruhig, Gundelchen! so schön (und so schlimm) wird sie keinesfalls, wie du! – sehe meinem Vater noch viel, viel mehr ähnlich als mir oder dir.« Am Abend spät nach der Tauffeier, als sich die Königin von der Tafel schon lange zurückgezogen hatte, trat Chilperich freudig an ihr Bett: »Schläfst du schon? Nein? Das ist recht! Höre! Frohe Botschaft,« rief er, »frohe Botschaft, Gundelchen.« »Nachricht von Metz?« ihre Augen leuchteten freudig auf. »Jawohl. Du weißt, bei der letzten Zusammenkunft war ausgemacht, – allzu gefährlich ist der Verkehr durch Briefe! – falls die beiden schlagfertig, nur das Eine Wort mir sagen zu lassen: ›Es geht dem Hamster an den Bau.‹ Nun, soeben kam ein Falkner von Herzog Gundovald an, der mir diese Losung meldete.« – »Das heißt also: am ersten Tage des Oktobermonats schlagen wir alle los?« – »Jawohl! Auf allen Seiten zugleich! Der arme, dicke Hamster zu Orléans! – Wird er erstaunen!« »Bah, kein Mitleid mit dem. Er soll neuerdings ganz verdächtig oft Boten senden an das Gotenweib, an Herzog Lupus von Champagne, an – andre mehr! Während er uns auf die Nachricht von unseres süßen Knaben Geburt noch nicht die üblichen Glückwunschgaben geschickt hat! Sein ganzes Reich solltet ihr ihm nehmen!« – »Gönn' ihm die paar Städte da unten an der Rhone! Sie sind nicht der zwanzigste Teil seines Reichs.« – »Das andere erhältst alles du?« – »Gewiß! Und auch von Auster noch ein gutes Stück.« – »Was bedangen sich die beiden dafür aus?« – »Egidius nur Gold – sehr viel allerdings. Gundovald die Champagne von Reims, wo bisher Lupus waltete, als eignes Herzogtum.« »Ist viel,« meinte Fredigundis und verzog den schönen Mund. »Hi, hi! Er hat's noch nicht,« lachte Chilperich. »Erst soll er die Arbeit thun. Dann, ist er entbehrlich geworden, er trinkt stark: – vielleicht ...« »Ja, nicht alle Tränke sind gesund,« lächelte sie. »Und der Knabe –Childibert?« – »Wird zum Mönch geschoren.« Fredigundis zuckte die Achseln. »Wieder einmal Einer? Es soll schon manchmal ein Geschorner sich wieder haben die Haare wachsen lassen! – Nun, er soll schwächlich sein. – – Und das Weib, die Gotin? Soll sie auch diesmal am Leben bleiben?« Chilperich stand auf; er schüttelte den Kopf. »Ei, Gundelchen, was hat sie dir zu Leide gethan? Kein Leben verfolgst du so unerbittlich. Warum?« »O,« sagte sie langsam, mit ihrem schönen Haare spielend, »ich habe viel an ihr zu rächen. Einen Stoß in den Schmutz bei ihrem Einzug in Marseille. Und ... andres! Und vor allem, daß sie im Purpur, ich – im Sklavenstand, im Staub geboren bin.« – »Laß sie doch atmen, die unglückliche Witwe!« – »Warum ist sie Witwe? Wer befahl ihr, Herrn Sigibert zu heiraten? Wer befahl ihr, Herrn Sigibert auf uns zu hetzen, bis wir schier erlagen in Tournay? Hast du die Angst jener Nächte vergessen? Ich nicht! Und daß sie zum zweitenmal verwitwet ward – ist das meine Schuld? Ha so! Ich vergesse immer. Die Gotin ist nicht nur deine Schwägerin, – auch deine liebe Schwiegertochter! Deshalb dir doppelt wert!« »Du hast recht!« rief er zornig. »Straf' mich Gott, wenn ich ihr das vergebe.« – »Wer wird den Kriegsbefehl führen?« – »Dein Schützling Boso und Gundovald. Ihr Plan ist trefflich. Guntchramn wird, mitten im Frieden, so völlig überrascht, daß er gefangen ist, bevor er vom Angriff nur erfahren hat.« – »Dank für die Nachricht! Darauf läßt sich herrlich schlafen.« – Und als die großen mehrtägigen Gelage vorüber waren, die auf das Tauffest folgten, nahm Chilperich von seiner Gemahlin auf ein paar Tage zärtlich Abschied, um in dem großen Königswald, dem Bannwald, der sich, gleich hinter Chelles beginnend, viele Meilen gen Osten hinzog, zu jagen. Immer wieder küßte er sie und schloß sie in die Arme. »So schön, so zauberschön bist du noch nie gewesen. Laß mich auch den Knaben nochmal sehn.« – »Nicht gern, Schätzlein. Er schläft. Und zumal im Schlafe soll man ihn nicht umhertragen.« – »Warum?« – »Wegen des bösen Blicks, der dann am schärfsten trifft; seine vier Brüder sind ohne Zweifel von meinen Feinden zu Tode gezaubert: – vielleicht durch bösen Blick. Sorgfältig hüte ich deshalb diese unsre jüngste Hoffnung vor jedem Fremden, vor jedem Lufthauch!« »Nun, wie du meinst!« »Sieh,« rief sie, »dieses Kind, dieser Knabe ist ja das Pfand, das ich von den Heiligen mir ausgebeten habe. Als – als jenes vierfache Unheil uns befiel, da ward ich einen Augenblick fast irr an meiner Lehre, worauf ich doch all' mein Leben und seine Werke gebaut. Am Ende, sagte ich mir – und das, das war die Verzweiflung! – Das könnt' ich nie ertragen, – dies Einzige nicht! – Am Ende hast du die Heiligen doch nicht bestechen können und diese vier Schläge sind ihre Strafen. Da war ich dem Allerletzten nahe. Schon hatt' ich mir einmal ein rasches Tränklein gebraut: – diesmal nicht für andere – aber: – mir versagte der Mut. An Dolch und Strick und Wasser konnt' ich schon gar nicht denken. Ich hatte mir den Trank mit Honig recht versüßt: – doch ich fand den Mut auch dazu nicht! Und welches Glück, daß ich so feige war.« – »Jawohl! Der Mut ist der Tugenden dümmste: er tötet seinen Herrn.« – »Bald darauf fühlte ich, daß Rigunthis ein Geschwister haben werde. Da hab' ich geradezu gewettet mit den Heiligen: wird's ein Knabe, meiner heißesten Wünsche Krönung, dann ist meine Rechnung richtig, dann soll's ein Zeichen sein, daß ich die Heiligen mir sicher weiß –! Du ahntest davon nichts – aber als du mir entgegenriefst ›ein Sohn‹ da ... –« – »Da glaubte ich wirklich, du seist wahnsinnig geworden, so überschwenglich, so rasend war dein Jubel und dein Glück.« – »Verstehst du's jetzt, Männchen? Dieser Knabe bedeutet mir nicht nur im Leben das Frankenreich, – auch nach dem Tode das gesicherte Himmelreich, Soll ich ihn nicht hüten?« – »Du hast recht. Wie immer! Leb' wohl! Auf zwei kurze Tage.« Zweites Kapitel Alsbald ritt der König mit wenigen Begleitern aus dem großen Hofthor. Von dem steinernen offenen Pfeilergang aus, der mit schönen Rundbogen um das Hochgeschoß hinzog, grüßte sie ihn noch einmal, nachwinkend mit der weißen Hand. Nun rief sie nach Rulla. Statt ihrer trat eine andere Dienerin ein und sprach: »Rulla ist bereits fortgeritten.« – »Wohin?« – »Das mußt du wissen, Königin. Du hast sie entsendet,« Ein schallender Schlag auf die Wange war die Antwort. »Würd' ich dann fragen? – Was ist mit ihr?« »Ich traf sie vor kurzem,« erwiderte zitternd die Gezüchtigte, »wie sie mit Rando auf ihrem Maultier aus dem Hinterthürlein des Gartens ritt. ›Wohin?‹ fragte ich. ›Fort‹ sprach sie leise. ›Die Königin!‹« Fredigundis schob die Dienerin zur Seite und eilte in das kleine Gemach, in welchem Rulla und deren Knabe schliefen. Alles war darin unverändert, nur die Schmucksachen und Kleider, welche die Herrin beiden geschenkt hatte, lagen und hingen, sorgfältig aufgereiht, sämtlich nebeneinander. Auf einer Truhe lag ein zusammengefalteter Zettel; die Königin nahm ihn, riß ihn auf und las: »Mein Beichtiger, o geliebte Herrin Fredigundis, ein neuer, den ich erst kürzlich aufsuchte, hat mir auferlegt, dich zu fliehen, wenn mir meine und meines Kindes Seele teuer sei. Ich seh' es ein. Arger Thaten viele wußte ich von dir, mehr ahnte ich. Vergebens bat ich dich gar oft, vom Bösen abzustehen: umsonst. Ich gehe ins Elend mit meinem Knaben. Das ist hart. Härter noch ist, dich verlassen. Denn ich danke dir meines Kindes Leben wie das meine. Aber die Seele, die unsterbliche, geht vor. Ich danke dir für alles noch einmal, ich küsse deine Füße. O Fredigundis!« – Finster zog diese die dunkelroten Brauen zusammen, während sie den Zettel in kleine, ganz kleine Stücke zerriß. »Hm,« flüsterte sie, »Wie dumm ich bin! Das thut mir – beinah – weh. Ich war an sie gewöhnt, wie an ein treues Tier aus der Kinderzeit. Undankbare! – Nein: ich weiß, es ward ihr schwer. – Thörin denn! – Als ob ich nicht vortrefflich stände mit den Heiligen. Ins Elend rennen! Wie unsinnig!« – Und sie ließ sich den Säugling bringen; aber sie fühlte sich so seltsam bewegt, daß sie das Kind nicht an die Brust legen konnte, nicht wollte. Sie übergab es wieder den Dienerinnen. Sie ging raschen Schrittes im Gemach auf und nieder. »Thörichte Pfaffen,« murmelte sie. »Was wissen sie von meinem Guthaben bei den Heiligen. Wenn ich nur rechne ... –« Da meldete ein Diener, ein Graf aus Austrasien bitte um Gehör. Es sei dringend. Es gehe nicht ihn an, sondern die Königin in Person und den König. Es sei sehr wichtig. »Erwünschte Arbeit!« rief Fredigundis und die Falten glätteten sich auf ihrer Stirn. »Bringt andre Gedanken. Laß ihn die Waffen ablegen, führ' ihn herein und geh.« Sie schritt noch einmal durch das Gemach; sie warf einen langen Blick durch das Fenster auf die Straße, auf welcher der König in den Wald geritten war: »Ich wollte, er wäre zurück,« sagte sie, nachdenklich. »Ich weiß nicht, warum? Aber... –« Der Vorhang des Eingangs rauschte: sie wandte sich: zwischen den Vorhängen stand, hochaufgerichtet, in reichem Gewand, ein Mann, aus dessen bleichen, edeln Zügen sie eine Erinnerung grüßte, für welche ihr doch der Name fehlte. Der Mann, das Auge fest auf sie gerichtet, wankte: er griff in die Vorhänge, nach den Pfeilern des Eingangs: »O ihr Heiligen,« – brachte er hervor – »schützet mich! Wie schön ist sie geworden!« Der abermalige Sieg ihres so oft erprobten Reizes gab ihr die Freude, die Überlegenheit wieder. Sie lächelte sehr anmutvoll: plötzlich fand sie auch den fehlenden Namen: »Landerich!« rief sie, rasch einen Schritt näher tretend, »alter Freund! Willkommen!« Und sie streckte ihm beide Hände entgegen: ihre Augen blitzten unheimlich: sie weidete sich an der fassungslosen Erregung des stattlichen Mannes. »Landerich!« wiederholte sie, hell, übermütig lachend, und noch einen Schritt näher gleitend wollte sie eine Hand auf seine Schulter legen. Aber rasch trat der Gast zur Seite: abwehrend hielt er ihr den rechten Arm entgegen. Sie stutzte. Ihre Brauen zogen sich wieder zusammen: kalt und höhnisch lächelte sie jetzt: »Ah! Der Nachbarssohn trägt nach! Noch immer? Das ist lang! Er ist noch immer böse, weil ich damals, bei dem Stelldichein am Waldesrand, nicht – noch, noch länger wartete! Ja, das merke dir für dein nächstes Stelldichein: – wer sein Mädchen harren läßt, der muß die Folgen tragen, verliert es die Geduld. Hei, wärst du damals rechtzeitig gekommen, – wie vieles wäre doch anders! Aber ich danke deiner Saumsal! Ihr danke ich die Krone von Neustrien.« »Und die Verdammnis,« stöhnte Landerich auf. »Das laß du doch meine Sorge sein. – Aber, warum eigentlich hast du mich damals – ich sollte ja doch dein ›Weib‹ werden! – auf dem Waldweg! Ohne Priester! – Es schien dir doch sehr damit zu eilen! – Warum hast du mich warten lassen?« – »Warum? Ich betete für dich – im voraus – um Verzeihung für die Sünde, zu der ich dich verleiten wollte.« Hell auf, schallend, lachte Fredigundis. »Da hat es mein Merowing schlauer gemacht! Er raffte mich fort, die reife, rote, süße Beere, die er am Waldstrauch nickend fand – harrend, verlangend des Pflückers – und, nachdem er mich geraubt – dir und mir selbst mich geraubt: aber ich wehrte mich nicht gar lange! – nachher hat er für die süße Sünde gebetet und den Heiligen geschenkt: mein ganz Gewicht – ohne Kleider – in Wachs! Lache doch, Landerich! Warum lachst du denn nicht?« Und sie hüpfte auf ihn zu und wollte ihn höhnisch am Barte zausen. Aber sie erschrak: über sein schönes, edles Antlitz zuckte es wie Grauen und Abscheu: – Abscheu, trotz des Verlangens, das – sie fühlte es wohl – den starken Mann durchrieselte. »Laß, laß ab von mir, o Königin.« Allein sie hatte keine Lust, von ihm abzulassen. Schon um die ernste, finstere Stimmung zu verscheuchen, in welche sie Rullas »Abfall« versetzt, gab sie sich ganz der Freude hin, die ihr stets der Anblick eines durch ihren Reiz Entzündeten gewährte. Und daß dieser Mann, den sie so tödlich gekränkt, nach alledem und nach so vielen Jahren, noch immer nicht sich von ihr reißen konnte, das erfüllte sie mit sehr angenehm kitzelnder Schadenfreude. »Eigentlich,« fuhr sie fort, von ihm zurücktretend und ihn mit prüfendem Blick messend vom Scheitel bis zu den Sohlen, »eigentlich müßte ich dir sehr böse sein.« – »Ihr – mir?« – »Jawohl! Was fiel Euch bei, Herr Graf, König Chilperichs Dienst und Reich zu verlassen, sonder Urlaub? Wißt Ihr nicht, daß dafür allein Anklage wegen Hochverrats erhoben werden, der Kopf Euch abgeschlagen werden konnte? Wäre schade um diesen Kopf! Ihr seid viel hübscher, stattlicher, kraftgedrungener geworden, Graf, als man dem weichen Knaben damals ansah an der Wutach schilf'gem Ufer. Nein, im Ernst! Wie konntet Ihr meines Herrn Schwagers, – den jetzt der Himmelsherr unter seinen schönsten Engeln hat –, Herrn Sigiberts, Dienst suchen? War er doch mein schlimmster Feind! Und ich – ich hätte Euch soviel nützen mögen am Hofe Chilperichs! Zu meinem Kämmerer, ja zum Wächter meines Schlafgemaches – cubicularius , nicht? – hätt' ich Euch längst gemacht. Statt dessen werdet Ihr Graf im äußersten Nordosten und schlagt Euch jahrelang mit Wenden herum und Avaren! Was suchtet Ihr in diesen vielen Schlachten?« »Den Tod! Oder das Vergessen! Beide mieden mich! Immer und immer wieder, am einsamen Wachtfeuer, in der schweigenden Nacht des Wendenwaldes, in dem Fieber der brennenden Pfeilwunde, im wachen Traum über den Avarensumpf hinschweben, wie ein Irrlicht, – immer wieder sah ich dich, deine gleißende Zaubergestalt. O wie betete ich zu der heiligen Jungfrau, deine sündige Schöne vergessen zu können, deinen Namen nicht mehr vor mich hinflüstern zu müssen – selbst in der Kirche. Umsonst! Stets standest du vor meiner Seele.« Er hielt schweratmend inne. Tief befriedigt werdete sie sich an seiner Erregung. »Jetzt weiß ich, warum. Und ich danke der heiligen Jungfrau für alle Qualen dieser Jahre: denn ich litt sie – um dich, um deine Seele zu retten vor dem ewigen Verderben.« Gelangweilt wandte sie jetzt den schönen Kopf. »Du willst mir wieder predigen? Wie schon damals – auf der Ziegenhalde? Höre, das spare dir! Und zumal heute. Ich habe heut' schon schriftlich genug davon gehabt. Brauch's nicht auch mündlich noch. Und es hilft nicht.« – »Es muß helfen.« – »So? Muß es? Soll ich vielleicht die Krone niederlegen und, wie Sankta Radegundis, die unaussprechlich langweilige, in eine Klosterzelle gehen? – Seh' ich aus wie eine Nonne, Landerich?« rief sie; und mit rascher Wendung das Haupt schüttelnd, ließ sie das Gewoge ihres prachtvollen Haares über ihre weißen Schultern fluten. »Höre mich an!« sprach er streng. Aber er senkte dabei die Wimpern, ihren Anblick auszuschließen. »Ich mag nicht!« rief sie übermütig. »Siehst ja so ernst aus, als kämst du selbst aus einer Büßerzelle. Wo kommst du eigentlich jetzt her?« – »Vom Grabe deiner Großmutter.« »Ist sie endlich tot?« lachte die Königin. »Glaubte schon, sie habe sich mit einer ihrer Kesselbrühen unsterblich gezaubert, die alte Sudhexe.« – »Undankbare! All' diese Jahre hast du sie nie gesehen.« – »Nein. Könige lieben es nicht, daran gemahnt zu werden, daß ihrer Königinnen nächste Spindelmagen alte Bettelweiber sind.– Übrigens schickte ich ihr einmal – die dumme Rulla drängte mich dazu! – Geld, ziemlich viel Geld. Was that die Wahnsinnige? Sie warf's dem Boten ins Gesicht, sagte, ich sei die Tochter des Teufels und sie wolle nie mehr von mir hören. Den Willen that ich ihr! – Gern auch noch!« – »Höre aber nun ihr letztes Wort.« – »Ich mag nicht.« – »Du mußt! – Es ist doch hier niemand, der lauschen könnte?« Ängstlich schlug er die Vorhänge des einzigen Einganges auseinander. So furchtbar ernst klang seine Rede, so verzweiflungsvoll war der Ausdruck seines Antlitzes, daß sie doch stutzig ward. »So rede! Aber mach's kurz!« – »Zerschmetternd kurz. Fliehe von König Chilperich: – denn du bist seine Schwester!« Drittes Kapitel Einen Augenblick fuhr sie zurück. Sie erbleichte, aber sie wankte nicht: »Das – das ist – –« sie wollte sagen: »Nicht wahr.« Aber sie sah in Landerichs Augen, und sie konnte es nicht sagen. Noch einen Augenblick stand sie starr vor Staunen und Schreck. Dann sprang sie hoch in die Höhe, schlug die Hände laut patschend zusammen und frohlockte: »Ha, so bin ich denn auch von königlichem Blut, – wie die Gotin! Bin eine Königstochter! Vom Merowingenstamm! Kein Bettelkind! Zu Thron und Krone geboren! Das – ja, das macht mir die eigne Art erst klar. Ich glaub' es! Ja! Ja! Ich seh' ihm, ich bin ihm ja so ähnlich in gar vielen Stücken. Er sagte es oft selbst. Aber wie kann das zusammenhängen? Hei, und unsre Kinder! – Alle Leute sagen's: – sie sehen alle aus wie König Chlothachar. Der also ist ihr Großvater von Mutter wie von Vater Seite her.« Mit Blitzesschnelle jagten diese Gedanken, diese Schlüsse durch ihr Hirn. Und rasch, wie sie ihr aufstiegen, sprudelte sie die Worte hervor. »Entsetzliche! Und andres fällt dir hierbei nicht ein? Blutschande! Dein Bruder dein Gatte! Du darfst ihn nie mehr wiedersehen!« »Oho!« sagte sie, sehr langsam und sehr kühl. Aber eiskalt fiel es ihr doch aufs Herz. »Die Heiligen? Die dürfen mir dafür nichts thun. Ich wußt' es ja nicht!« – »Aber jetzt weißt du's! Flieh! Sofort !« »Oho! Sachte!« wiederholte sie und ließ sich, von der Erschütterung nun doch überwältigt und von dem Kampf widerstreitender Antriebe, langsam auf eine Ruhebank gleiten. »Gemach. – Wie würde denn das alles werden, wenn es bekannt würde? Laß sehen! Mein süßer Sohn – er heißt also wie mein Vater: – welche Fügung der Heiligen!« – aber sie zitterte doch an allen Gliedern, als sie das sagte – »mein Chlothachar – er könnte dann wohl nicht ... –« – »Nie darf er die Frankenkrone tragen! In Blutschande gezeugt! Und du – du mußt sofort verschwinde». Der König darf dich niemals wiedersehen.« »So?« sagte sie gedehnt. »So? Das ist also deine Meinung?« Sie rang nach Fassung. Sie suchte leise, zitternd nach einem Ausweg. »Aber – um Gotteswillen –! Kann's eine andre Meinung, – andre Lösung geben? Graut dir denn nicht in tiefster Seele vor Gemahl, vor Kind und Krone?« »Gar nicht!« rief sie und versuchte aufzustehen. Jedoch die Knie versagten ihr; sie mußte sitzen bleiben. »Ganz und gar nicht! Denn: – es ist ja alles nicht wahr!« lächelte sie nun mit stechendem Blick. »Fredigundis! Belüge dich nicht selbst. Du hast es ja selbst als wahr gefühlt, beim ersten Hören.« – »Das war ... Scherz. – Erzähle deine Fabel! Sie macht mir Spaß.« – »Du weißt , daß ich nicht fable. Dein bleiches Antlitz verrät dein wahr Gefühl. – Höre. Ich kam – vor Monden – schwer verwundet in die alte Heimat. Ich suchte Heilung für den Leib in dem alten Erbsitz! – ach und ich suchte für die sieche Seele – deine Spuren dort: am Fluß, auf der Ziegenhalde, im Walde. Wirklich genas ich allmählich. Deine Großmutter – gleich hatte ich sie aufgesucht – fand ich sehr schwach, sehr krank und wie von namenloser Angst zu Boden gedrückt. Ich meinte manchmal – sie, – sie sei nicht bei gesundem Geist.« – »Aha! Und auf die Fieberrede einer Verrückten hin ... –?« – »O nein, dieser Trost – richtiger, ich seh' es: diese Ausflucht – bleibt dir nicht! Oft sagte sie mir, ein fürchterlich Geheimnis quäle sie. Aber sie dürfe nicht sprechen: das eben sei die Qual dabei. Als sie ihr Ende herannahen fühlte, beschwor sie mich, ihr den Diakon zu holen, der in der Nähe der Anianuskirche wohnt. Er kam, sie beichtete. In äußerster Verstörung eilte der Priester zu mir und beschwor mich, im Namen der Sterbenden, im Namen aller Heiligen an ihr Lager zu eilen, ihren letzten Auftrag entgegenzunehmen. Der Mann sank in Ohnmacht, nachdem er das ausgerichtet. Ich fand sie völlig klar und ruhig. Und erleichtert von furchtbarem Gewissenskampf, den sie getragen Jahre, jahrelang, seit deiner unseligen Hochzeitsfeier zu Rouen.« »Mach's kürzer,« herrschte sie ihn finster an. »Wohlan, sehr kurz. – Du weißt, erst wenige Tage vor deiner Geburt sind deine Mutter und deine Großmutter aus der Nähe von Paris, wo sie auf der Villa eines Großen als unfreie Mägde gelebt hatten, auf jenen Hof verkauft worden, der damals dem König Chlothachar gehörte, später durch Tausch auf meinen Vater überging. Dein Vater – das heißt der Arme, der dafür galt! – war freilich ein freier Mann gewesen und er hatte deine Mutter loskaufen wollen von ihrem Herrn, um sie zu heiraten, loskaufen mit fast all' seinem Vermögen. Nahezu die ganze, aber freie Scholle hatte er deshalb versilbern müssen.« – »Weiter! Ist gleichgültig!« – »Deine Mutter soll sehr schön gewesen sein ... –« – »Doch lange nicht wie ich, sagte die Ahnin oft.« – »Am Tage, da in der kleinen Kapelle des Dörfleins bei Paris der Priester den wackern Francio und seine Fredigardis traute, kam plötzlich – zufällig, so glaubte man – König Chlothachar, der wilde, heißblütige, angesprengt mit seinem Jagdgefolg. Er sah das Paar, das, soeben eingesegnet, die Kapelle verließ. Vom hohen Rappen schaute er hernieder auf die Hochzeitsleute. Plötzlich rief er Francio herbei und fuhr ihn an: ›mein Heerbann ist schon unterwegs gegen die Kelten! Was säumst du noch hier, träger Bauer? Ergreift ihn! Führt ihn in Fesseln dem Heere nach! Sofort!‹ Und flugs war der Neuvermählte auf ein Roß gebunden und fortgeschleppt in sausendem Ritt. Die junge Frau aber ward zum Dienst des Königs in dessen Jagdhaus befohlen. Nie hat man Francio wiedergesehen. Ein paar Tage darauf erschien sie wieder in der Hütte der Mutter. Sie klagte über Gewalt; die Alte wollte verzweifeln vor Wut und Weh, aber der König hatte Mutter und Tochter ihrem Herrn abgekauft und befahl nun beiden, auf das damals noch dem König gehörige Gut an der Wutach zu ziehen, das seinen Jagden näher lag. Knechte des Königs führten die beiden Weiber dorthin. Nach acht Monden dann wardst du geboren. Deine Mutter aber kam dabei zu sterben. Da gestand sie der Alten, – im Angesicht des Todes – daß alles verabredet war. Nicht Zufall und nicht Gewalt. Schon ein paar Wochen vor der Hochzeit mit Francio hatte der König sie beim Jagen im Walde gefunden. Und sie – deine Mutter ... –« »Auch im Walde? Beim Jagen? – Wie seltsam! Nun? Was stockst du?« mahnte Fredigundis, welche den Kopf vorgestreckt, die beiden flachen Hände auf den beiden Knieen ruhend, durstig jedes Wort seiner Erzählung aufgesogen hatte. »Deine Mutter ward lieber als das Eheweib eines wackern Mannes, der ihr all' sein Gut geopfert und sein Leben geweiht, eines Königs – Dirne!« »Ja, ja,« sagte Fredigundis. »Hab's schon verstanden. So was mag geschehen. Weiter.« – »Weiter? – Jetzt gestand deine Mutter im sterben ihre Schmach, ihre Schuld: der König hatte sie ja vergessen! – Nie war er an die Wutach gekommen; sie erbettelte ihrer Mutter Verzeihung und nahm ihr einen furchtbaren Eid ab, solang sie lebe das Geheimnis ihrer Schmach und deiner sündigen Herkunft keinem Menschen zu verraten.« – »Und die Alte plaudert's dem Pfaffen aus und dir ... –« – »Sie hatte geschwiegen, nur zu treu geschwiegen! Geschwiegen auch, da sie ihre Enkelin des eignen Bruders Eheweib werden sah!« – »Wohlan! Das große Unheil, daß ich unter Krone ging, war doch einmal geschehen. Warum schwieg sie nicht bis in ihr Grab?« – »Weil ihr die Gewissensqual das Herz abdrückte! Vor dem Sterben hat sie beichtend gefragt, was die größere Sünde sei, diesen Eid zu brechen oder ihn zu halten? Der Diakon sagte ihr, das einzige Mittel, die Schuld des jahrelangen Duldens dieser Todsünde zu sühnen, sei: zu sprechen und dich so aus des Bruders Armen zu reißen. Er, der arme Priester, wagte es nicht, vor Fredigundis, die schreckliche, zu treten mit solchem Wort. Mir solle sie's entdecken und mir den Auftrag geben, dich zu retten. Sie that's. Sie flehte mich an, dich zu erretten; ich versprach's und sie starb getröstet. Und spornstreichs eilte ich hierher und ... –« Fredigundis stand rasch auf. Sie hatte nun ihren Entschluß gefaßt; sie war ganz gelassen. »Und alles das hast du erlogen. Kein übler Einfall! Aber du hättest nicht vorher gestehen sollen, daß du mich noch immer liebst. Kein übler Einfall, mich von des Gatten Seite hinwegzuzwingen, in irgend einen Versteck! Vielleicht in jenes Waldhaus, he? wohin ich schon damals gebracht werden sollte? – Du würdest dich dann wohl bald einfinden und die schöne Büßerin trösten.« Entsetzt starrte Landerich sie an: »Fredigundis – welche Selbstbelügung! Jeder Ton deines Mundes verrät es: – du weißt es – du weißt es so gut wie ich, der ich die Qual der Sterbenden sah – denn du siehst meine Qual! Du fühlst es: alles ist wahr. Du bist des eignen Bruders Weib! Und du willst ...–« – »Es bleiben ! Ja denn! – Ich wußte es ja nicht. Ich ward es ohne Schuld. Und jetzt dem Glanz entsagen, meinen Knaben brandmarken, enterben? Nein!« »Und du gestehst mir das ein?« – »Warum nicht, da uns niemand hört? Ja! Was soll ich dir unnütz lügen? Ja, ich glaub' es, ich fühl' es: es ist so. Aber wage es,« – und funkelnden Auges, drohend, trat sie auf ihn zu – »wag' es, noch Einer Seele davon zu sprechen. Dann – ich deutete dir vorhin meine Verteidigung an, die dich zerschmettert; wag' es! Und Chilperich erfährt, daß du mir soeben deine sündige Gier nach seinem Weibe verraten. – Meinst du, er wird mir dann nicht glauben, daß du das Ganze erlogen hast, mich von ihm zu trennen? Meinst du, er wird schwanken zwischen dir und Fredigundis? Hättest du sechs Köpfe, er schlüg' dir sie alle ab, ehe er eine Locke hergiebt dieses roten Haares.« – »Und – du – wolltest – sein Weib bleiben!« – »Ich sagt's schon dreimal.« – »Nun denn! Dank sei den Heiligen im Himmel: es giebt ein Mittel, dich zu zwingen.« Und im Augenblick war er verschwunden. Sie starrte vor sich hin. »Welch' Mittel kann er meinen?« Sie mußte es denken, mußte sich immer wieder fragen. »Ich finde es nicht. Bah, gleichviel. Aber ich hätte ihn nicht so offen abweisen sollen! Gewinnen muß ich ihn. Das wird, denk ich, nicht allzuschwer werden.« Sie holte einen kleinen Silberspiegel aus einem Geschmeidekasten hervor und warf einen Blick hinein. »Sein eigen Geschenk! Noch von der Wutach her!« – Befriedigt legte sie den Spiegel nieder. »Er kann das Haus noch nicht verlassen haben. Ich such' ihn auf!« Viertes Kapitel Ganz nah an die Königsvilla reichte im Osten der Königswald, so daß man oft am Abend die Rehe aus dem Waldsaum der hohen Buchen hervor auf die schöne Wiese treten sah. So hatte König Chilperich nicht weit zu reiten gehabt, bis das Weidwerk beginnen konnte. In wenigen Stunden hatten Jagdspeer und Pfeil einen stattlichen Hirsch, einige Rehe und einen ganzen Haufen von Federwild zur Strecke gebracht. Etwa eine Meile waldeinwärts stand neben einem schmalen Brünnlein, das aus dem dichten Moose quoll, ein kleines Jagdhaus, in dem man übernachten wollte, am folgenden Tage ganz früh beim Morgendämmer das Jagdwerk wieder aufzunehmen und tiefer in den mächtigen fast eine Tagereise weit gen Osten sich erdehnenden Wald einzudringen: denn dort, im sumpfigen Innern sielte in dichten Rotten das Schwarzwild. Auf der Waldblößung vor dem Jagdhaus war ein lustig Feuer angezündet, einen Teil der Beute zu braten; geschäftig mühten sich die Knechte an Rost und Spieß. Die sinkende Sonne drang mit warmem Strahlenguß noch einmal durch die hier ziemlich gelichteten Buchen, die schlanken Stämme vergoldend und auf dem hohen Grase in wechselnden Lichtern spielend. König Chilperich ging in einiger Entfernung von dem Feuer und dem Jagdgesind unter den Bäumen auf und nieder. Er war sehr vergnügten Herzens. Der sonnige Herbsttag war so schön gewesen! Das scharfe Reiten im Walde hatte ihn erfrischt. Wiederholt hatte sein Pfeil scharf getroffen: – den schweren Wurfspeer zu schleudern überließ er stärkern Armen. Er war so recht zufrieden mit Gott und der Welt, mit dem Gejaid, mit seinem schönen Weibe, mit seinen zitternden Unterthanen, und am meisten mit sich selbst. Er rieb sich im Auf- und Niedergehen vergnügt die kleinen weißen Hände. »Ich hab' es doch – nach mancher Fährlichkeit, schlimm sah es damals aus zu Tournay! – recht weit gebracht. Dank diesem meinem klugen Kopf und meinem keckgemuten Gundelchen. – Wie konnte ich je daran denken, sie zu verstoßen um jener bleichen Seufzerin willen! Freilich, damals kannte ich noch nicht den Geist, die Kraft, die in meinem Weiblein mit den zarten Gliedern steckten: – auch wohl erst wuchsen, reiften in diesen Jahren. – Wenn nun vollends der Plan mit Egidius und Gundovald gelingt, dann wird unser kleiner Chlothachar nicht mehr viel Mühe haben, alle drei Frankenreiche in seiner Faust zu versammeln. Ja, ja, vielleicht erleb' ich noch, wie Fredigundens Sohn an der Spitze meiner Heere den Rest von Austrasien und von Aquitanien sich holt. Warum nicht? Fünfzehn – zwanzig Winter kann ich doch recht leicht noch leben. Hi, hi! War nie so dumm, durch die Mühen schwerer Feldzüge meines Leibes Kraft zu brechen. Eigentlich hat das Gundelchen recht! Eine Stadt Bruder Guntchramn lassen ist auch genug. Söhne hat der nicht. Das ist gut. Und der Knabe Childibert: – sicherer aufgehoben als im Kloster – ich meine: sicherer für meinen Chlothachar! – wäre er freilich droben bei seinem Vater im Himmelreich. Nun – wir wollen sehen! – Jetzt – angenehm steigt mir der Ruch des Wildbrets in die Nase! – jetzt zum Abendimbiß! Und vom besten Gazzetinerwein! Wird mir das munden nach dem Ritt! – Was giebt es da?« »Herr König,« meldete der Jagdmeister, »ein Reitersmann; er bringt dir wichtige Nachricht. Er suchte dich in Chelles: er sagt, er hab' es sehr eilig, – er komme von der Frau Königin. Sein Roß brach zusammen, wie er absprang.« »Führ' ihn her. – Doch – man kann nie wissen! – Laß ihn vorher Speer und Schwert ablegen.« Der Ankömmling neigte sich tief vor dem König und wies auf die nahestehenden Diener desselben. »So geheim? Nun, tretet zurück, ihr Leute. – Redet! Wer seid Ihr? Was bringt Ihr?« Und der König begann wieder, unter den Bäumen auf- und niederzugehen, der Ankömmling folgte seinen Wendungen. Plötzlich fuhr Chilperich zusammen: er blieb stehen. »All' ihr Heiligen!« rief er. – »Und sie – sie ließ Euch – nach dieser Mitteilung! – aus der Villa reiten?« – »Scharf ward ich verfolgt! Aber mein Roß war besser. Mein Eifer, Euch allein zu sprechen, war brennend.« – »Und – Ihr sagt: – sie glaubt es selbst?« »Sie weiß es: – wie Ihr es jetzt – mit Grausen! – wißt. Ich seh's Euch an –: Ihr glaubt es! Was werdet Ihr beschließen? Bedenkt: – es ist die Sünde des schärfsten Himmelsfluchs. Ihr müßt Euch trennen von ihr!« »Das wird sich finden. – Aber« – er schritt wieder voran, dann blieb er plötzlich stehen. »Vor allem: – es ist ja natürlich all' nicht wahr! – aber – wer – außer Euch, Graf Landerich, weiß davon?« – »Nur der Priester, den das Beichtgeheimnis bindet.« »So? Das ist gut!« flüsterte Chilperich, riß das Schwert aus dem Wehrgehäng und führte einen tückischen Stoß auf Landerich. Schwer getroffen stürzte dieser auf den Rücken: Chilperich bog sich über den Gefallenen und höhnte: »Wer wird jetzt noch mich trennen von Fredigundis!« »Gott! Durch mich!« rief Landerich, sprang mit letzter Kraft noch einmal auf und stieß den Dolch, den er im Gürtel verborgen trug, mit aller Kraft dem König in die Brust: dann sank er wieder um; mit gellendem, mit gräßlichem Weheschrei brach Chilperich zusammen. – Die Begleiter des Königs sprangen hinzu: sie sahen den Ankömmling tot, Chilperich sterbend. Einen Augenblick standen sie sprachlos, fassungslos vor Entsetzen. Da rief einer, ein geringer Knecht: »O weh, weh über uns! Er ist ermordet! Uns alle, die wir mit ihm waren, wird sie – als seine Mörder – zu Tode foltern, die Walandine! die Blutsaugerin! Flieht! Rettet euch! Flieht vor Fredigundis!« »Flieht! Rettet euch vor Fredigundis!« wiederholten alle. Und so betäubend wirkten dieser Name und seine Schrecken, daß alle, alle zwölf Begleiter, in sinnloser Angst auf ihre Rosse sprangen und davonjagten nach allen Richtungen: – nur fort, fort von der Stätte des Mordes. Stille ward's nun vor dem Jagdhaus. In der Ferne verhallten die Hufe der eilenden Rosse. Das Feuer brannte noch einmal hoch, hell lodernd auf: – dann brach es in sich zusammen und erlosch. Das Roß des Königs wieherte einmal: – dann ward alles still, ganz still. Die sinkende Sonne warf nun fast schon wagerecht ihre Strahlen gegen die Stämme der Bäume; hoch auf dem Wipfel einer einsam stehenden Buche hob eine Amsel ihr Abendlied an, feierlich flötend, fromm, wie um Gott dem Herrn zu danken für den wunderschönen, hellen, warmen Tag, der sie in den Sommer zurückgetäuscht hatte. Ein verspäteter Schmetterling, der schöne, breitflüglige Schillerfalter, der die stillen, sonnigen Waldwiesen liebt, schwebte mit langsamem Flügelschlag über die beiden Gestalten hin, ließ sich dicht neben ihnen auf dem dunkelblütigen Akelei nieder und sog den süßen Saft. Sonst alles still, kein Laut ringsum. Ein Rotkehlchen huschte durch den Wildrosenbusch, unter welchem Landerich lag; neugierig kam es näher und näher und sah ihm in das bleiche Gesicht; nun wandte es sich nach dem andern – es hüpfte im hohen Grase näher: – da zuckte der andere mit allen Gliedern: – verscheucht, hastig floh das Vögelein. – Nun wieder lag alles still. – – Endlich spitzte der Hengst des Königs die Ohren, wandte den Kopf nach Osten und wieherte hell. Aus dem Walde her scholl ein Wiehern zur Antwort. Hufschläge näherten sich. Bald nahte auf der großen Heerstraße, die den Wald durchschnitt, in gemächlichem Trab ein weißes Roß; es trug zwei Knaben. »Da ist schon die Lichtung, Arnulf, da steht auch das Jagdhaus, von dem uns der Bauer gesagt, – Nun sind Wir bald in Chelles. – Halt, was ist das?« – »Zwei Männer schlafen im Grase.« »Nein,« rief Pippin, abspringend. »Der hier ist tot. Er blutet am Hals – erstochen.« »Und der hier,« sprach Arnulf, der schon auf dem Rasen kniete – »in dem reichen, goldgestickten Gewand, – der – ist der auch tot?« Da ächzte es: »Nein! Ich lebe! – Rettet mein Leben! – Königlich wird es euch gelohnt!« »Wer bist du?« fragten beide Knaben zugleich. »König Chilperich von Neustrien – Wasser! gebt mir Wasser! – Ruft meine Leute: – wo sind sie?« »Du bist allein!« sprach Arnulf schauernd, ließ sich bei ihm nieder auf den Rasen und legte des Stöhnenden Haupt auf seine Knie, während Pippin schon wieder kam mit der Sturmhaube voll Wassers aus der Quelle. Er besprengte des Ächzenden Antlitz damit. Arnulf flößte ihm, mit der Hand schöpfend, ein paar Tropfen in den Mund. »Dank!« Er schlug die grauen Augen auf. »Ruft sie – ruft Fredigundis!« »Laß ab in deinen Gedanken von der Teufelin,« sprach Arnulf feierlich, »willst du deine Seele retten.« »Ja, laß ab von Fredigundis,« sprach Pippin, »wenn du wirklich König Chilperich bist.« »Er ist es ohne Zweifel,« sagte Arnulf. »Sieh nur die goldnen Bienen auf dem Wehrgehäng und die langen Königslocken: – kein andrer Franke darf sie also tragen.« »Laß ab von Fredigundis,« sprachen beide Knaben zugleich. Chilperich seufzte. »So weiß man's schon im Volk? Die Kinder sagen's schon? O wehe – weh unserem Erben Chlothachar! O, ihr Heiligen!« »Die Heiligen, König Chilperich,« rief Pippin feierlich, und das Grauen des Knaben vor dem Anblick des von Blut überströmten steigerte die erschütternde Gewalt, seiner Worte – »die Heiligen selber sprechen zu dir. Sankt Martinus ist mir im Traum erschienen. Er redet so zu dir aus meinem Munde: ›weh dir, stößt du nicht von dir Fredigundis.‹« – »O, o! Die Heiligen senden die Kinder gegen mich!« – »Dein Reich zerfällt; dein Haus verliert die Krone! Wisse: schon erheben sich von allen Seiten edle, tapfere Männer wider dich und deine blutige Gewalt. Verdammt bist du auf ewig, – ob du nun noch genesen, ob du sterben magst – stößt du nicht von dir Fredigundis. Denn du weißt wohl, wes Geschwister sie ist.« »O! O! Die Kinder wissen's schon! Die Kinder!« schrie er und schloß die Augen wieder. »Ein Geschwister der Teufel!« fuhr Pippin fort. Aber der Wunde hörte es nicht. »Horch,« mahnte Arnulf aufspringend und das bleiche Haupt in das Gras sinken lassend. »Von dorther: – von Westen! Pferde! Rufe! Klirrende Waffen! Komm! Laß uns lauschen.« Beide Knaben sprangen hinter die hohe Hecke von Wildrosen zu Häupten des Königs. Auf die Waldblöße sprengte nun, weit voran einigen Dienern, auf schaumbedecktem Rappen die Königin Fredigundis. Entsetzen lag auf ihren Zügen. Lang nachflatternd flog hinter ihr das rote Haar, den Jagdhut hatte sie auf dem rasenden Ritt verloren. Sie sprang – ohne Hilfe – aus dem Sattel, die Mähne des Rosses fassend und an seinem Halse niedergleitend; sie flog über die Lichtung, an dem erloschenen Feuer vorbei. Landerich sah sie zuerst. Sie beugte sich auf ihn nieder. »Tot? Gott sei Dank!« – Nun sah sie den König auf der andern Seite liegen, ein fremdes, weißes Pferd stand neben ihm und beschnupperte ihn, sich manchmal widerwillig wendend von dem Blutgeruch. »Chilperich!« rief sie neben ihm niederknieend, »Mein Gemahl! Wach auf! Ich will dich pflegen, – will dich retten! Schlag nur noch einmal die Augen auf: – dann zaubere ich dich gesund. Höre mich, Chilperich!« Laut schrie sie in sein Ohr. Aber der König regte sich nicht. »Her mit dem Hund!« knirschte sie. »Wie war's? Erzähle! Lüge nicht! Das Mark quetsch' ich dir aus den Knochen.« Gebunden an beiden Händen führten zwei Diener den Jagdmeister herzu; die Kniee schlotterten dem Mann; die Todesangst verzerrte seine Züge. »Bei Gottes Treue! Wie ich sagte, war's. Ich war so entsetzt, wie ich den König stürzen sah – daß ich – o Königin: ... wir fürchten dich so sehr!« – »Jetzt sollt ihr Ursach haben.« – »Ich floh! – Aber kaum im Sattel, gedachte ich doch der Pflicht, dich herzuholen zu dem Toten.« »Er ist nicht tot! Er darf nicht tot sein!« schrie sie und rüttelte den Regungslosen am Arme. »Ich sprengte auf Chelles zu. Da traf ich schon den ersten deiner Diener. Er fragte, ob wir nicht einen Reiter gesehen, der dir aus der Villa entsprungen sei und den du selbst verfolgest? Bevor ich Antwort fand, warst du zur Stelle und ich sagte dir .. –« »Deine schurkische Feigheit! Wartet! Brennen sollt ihr alle zwölf, die ihr euren König so elend verlassen! – Helft, ihr andern! Richtet den Wunden auf, mit dem Rücken gegen jenen Stamm. So! Nun rasch!« Sie riß sich einen Fetzen ihres weißen Mantels ab und verstopfte die Wunde: sie erschrak, als sie deren Tiefe erkannte. Plötzlich schlug der König die Augen groß auf; er heftete sie starr auf sie. »Er lebt! Er wird leben!« frohlockte sie. Er aber sprach heiser: »Du – bist – Fredigundis? Nicht?« – »Ja, mein Gemahl. Ich bin's, dein Weib und deine ... –« – »Nein! Nicht meine , des Teufels Schwester bist du.« Entsetzt sprang sie empor: »Du, mein böser Geist. – Winnoch log. Um deinetwillen muß ich jetzt schon sterben! Die blonde, bleiche Braut! – Und Bruder Sigibert und –! Wo ist der Engelknabe? Hör' es, Engelknabe! Und bestell' es den Heiligen: so« – er stieß mit der Hand vor sich hin – »so stoß ich sie von mir: – Fluch über Fredigundis!« Und er zuckte am ganzen Leibe: ein Strom von Blut schoß ihm aus dem Mund, er sank vornüber zusammen. Er war tot. Laut auf kreischte Fredigundis und sprang weg von ihm. Das Blut hatte sie über und über befleckt. »Blut! Blut! O wie grausiges Blut! – Er ist tot! Eine Leiche! – Fort! Ich kann sie nicht sehen. – Auf! – Eilt zurück nach Chelles! – Chlothachar ist König von Neustrien! – Ich ergreife die Regentschaft.« Da rauschten die Büsche und daraus hervor traten, vom letzten Abendrot beleuchtet, die beiden Knaben; der eine schritt dicht vor sie hin, richtete die unschuldigen, großen, blauen Augen streng auf sie und sprach mit heller reiner Stimme: »Weh dir! Du bist die Königin Fredigundis: – mir sagt's das Grauen und dieses Sterbenden Verfluchung. Mich senden die Heiligen zu dir: die heilige Jungfrau und Sankt Petrus, und also sprechen sie zu dir durch meinen Mund: ›Kehr' um auf deinen bösen Wegen! Glaube nicht, daß du die Heiligen bestechen kannst. Sankt Peter hebt drohend gegen dich den Himmelsschlüssel. Nie thut er dir die Pforte auf, wirst du nicht von Stund' an eine andere. Bereue, allem Glanz entsagend, büße in stiller Klosterzelle Bessere dich.‹« Sprachlos vor Staunen, entwaffnet durch die furchtbaren Worte aus Kindermund, trat sie einen Schritt zurück: »Wer seid ihr?« Aber Arnulf fuhr unerbittlich fort: »Deinen Gemahl haben die Heiligen noch gebessert, da schon der Tod ihm auf dem Herzen saß: – er folgte unserer, das heißt des heiligen Martinus Mahnung: er hat dich noch von sich gestoßen, bevor er starb. Er hat bereut! Nun bereue auch du, wirf deine blutige Krone fort und büße bis ans Ende.« »Frecher Bube!« schrie Fredigundis. »Sendling meiner Feinde! Ich will dir ... –« »Schau mir ins Auge, Königin Fredigundis. Glaubst du, ich lüge? Glaubst du, ich folge menschlicher Anstiftung? O nein: mich schickt der heilige Gott des Himmels selbst.« Und mit leuchtendem Auge trat er dicht vor sie hin: »Gehorche! Gott ist es, der aus mir spricht zu dir: – zum letztenmal dich warnend.« Und beschwörend hob er die Rechte wider sie. Sie trat nochmal zurück, sie zitterte an allen Gliedern, sie knickte einen Augenblick zusammen. »Unsinn!« rief sie dann grell. – »Die Heiligen sind für mich. Ich weiß es ja! – – Greift die traumtollen Schwärmer. Greift sie, sag ich! Zwar der König ist tot: ich seh's. – Aber tot liegt vor mir – im rechten Augenblick! – auch Landerich .« Die Diener hatten des engelschönen Knaben Worte gehört, seinen Cherubblick geschaut: sie zagten – sie zögerten. »Wollt ihr gehorchen, Hunde? Oder am Marterblock verenden?« schrie Fredigundis wütend. Zwei der Knechte traten nun auf die Knaben zu. Pippin sprang schnell vor seinen Genossen, seine Streitaxt blitzte und des vordersten Speer flog ins Gebüsch: »Wagt es, uns anzurühren! Sankt Martinus schwebt ob unsern Häuptern.« Allein die beiden jungen Helden waren doch verloren, wenn nicht Hilfe kam. Hellauf wieherte plötzlich Wittchen, schnupperte gegen Osten hin in die Luft, schlug dann lustig ein paarmal mit dem Schweif und trabte davon auf jenem Waldweg. Aber nur, um gleich wieder, noch lauter wiehernd, zurückzulaufen: und dicht hinter dem klugen Tiere schollen Hufschläge von mehreren Rossen, Fackeln blinkten durch die nun schon dämmerdunkeln Büsche und eine Schar von dreißig wohlgewaffneten Reitern sprengte auf die Waldblöße. »Der Vater!« Pippin wandte der Königin den Rücken und sprang an dem vordersten Reiter hinauf. »Der Vater!« rief Arnulf und hatte schon des zweiten Reiters Hand geküßt. »Unsere Aufträge haben wir erfüllt,« rief Pippin. »Jetzt, Vater, schlage zu, soviel du willst,« »Daran soll's nicht fehlen!« antwortete dieser, gab ihm aber vorläufig nur einen kosenden Wangenstreich, während Arnulf seinen Sohn sogar auf die Stirne küßte. Dann aber schoben sie die Knaben zur Seite, sprangen von den Rossen und schritten, mit Schrecken im roten Licht ihrer Fackeln die Leichen des Königs und des Grafen Landerich erkennend, auf die Königin zu, die sich hinter ihre Knechte gestellt hatte. Fünftes Kapitel »Du,« sagte Pippin ganz erstaunt zu Arnulf, »das geht aber glimpflich ab! Da sieht man's, daß uns die Heiligen schützen! Ich hatte mich auf sehr, sehr harte Hiebe gefaßt gemacht. Hat Sankt Martin den Vätern aufgedeckt, daß er uns fortschickte?« »Nein,« schmunzelte Arnulf. »Das hat ein viel kleinerer Heiliger gethan.« – »Wer?« – »Ich! Weißt du, – ich bracht' es nicht übers Herz, den guten Vater so ganz im Dunkeln zu lassen. Konnte ja meinen, wir seien ermordet! So schrieb ich denn auf ein Zettelchen, daß uns die Heiligen zu hohem Werk entsendet haben.«– »Ausplaudrermaul! Weibermaul!« Und er gab ihm einen tüchtigen Rippenstoß. »Das Zettelchen steckte ich in den Becher, aus dem der Vater den Abendtrunk nimmt. Mehr schrieb ich nicht: – namentlich nicht, wohin sie uns gesendet.« – »Warum hast du mir's aber nicht vor dem Aufbruch gesagt?« – »Weil du's nicht gelitten hättest.« – »Und nicht nachher?« – »Weil du mich gehauen hättest.« »Sehr wahrscheinlich,« lachte Pippin. »Eigentlich muß ich dir noch danken – denn sonst ... –« – »Hätten uns die Väter beide – sehr – gehauen! Aber komm nun weiter vor, daß wir hören, was da geschieht und geredet wird. Die Königin scheint sehr böse.« Sie schlichen leise heran und lauschten der Unterredung. »Wohl kenn' ich diese eure Namen,« sprach die Königin, »als Namen meiner Feinde. Aber frohlocket nicht über meines Gatten Ermordung! Und auch das Gotenweib soll nicht frohlocken. Mit fester Hand nehm' ich ihn auf, den Königsstab, der Herrn Chilperichs Hand entfallen ist. Und nicht gelinder wahrlich als er werd' ich regieren für meinen verwaisten Knaben. Wer weiß, ob nicht die Gotin jenen Mörder aus Austrasien gesendet hat?« »Das glaubst du selbst nicht,« sprach Arnulf ruhig. »Sie soll sich hüten! Wer weiß, ob nicht auf sie und ihre Gönner demnächst auch ein Schlag herniederfährt, der .. –« »Du meinst,« unterbrach Karl lebhaft, »die Verschwörung, die am ersten des nächsten Monats losbrechen sollte wider König Guntchramn und den Knaben Childibert?« Fredigundis zuckte leicht. »Diesen Schandplan hat König Guntchramns Wachsamkeit entdeckt und mein gutes Schwert hat ihn durchhauen. Gegen deinen Freund, Bischof Egidius von Reims, hegte der König von Burgund schon lang Verdacht; er ließ den Boten greifen, den der Bischof an deinen Feldherrn Boso durch Burgund nach Rouen gesendet: die Briefe, die er trug, verrieten alles. Rasch rief der König treue Männer, darunter meinen Nachbar Arnulf hier und mich, zu einer Besprechung nach Trier. Auf dem Wege gegen die Avaren erhielt ich die Botschaft, kehrte flugs um und holte meinen Freund Arnulf ab. Sofort waren wir entschlossen, zuvorzukommen. Bischof Egidius ist gefangen, Herzog Gundovald, der sich grimmig wehrte in seinem festen Haus im Wavregau, fiel durch mein Schwert. Wir holen Frau Brunichildis aus der Villa Calma hier in der Nähe und geleiten sie an den Hof nach Metz zu ihrem Sohn.« »Sie, die hohe Frau, wird fortab herrschen an seiner Statt in Austrasien unter meinem Rat,« fuhr Arnulf fort. »Und unter meinem Schild,« schloß Karl. Sprachlos, fassungslos hatte Fredigundis all' das angehört. Sie war daran, zu erliegen, zusammenzubrechen unter den hageldicht auf sie fallenden Schlägen des Schicksals. Aber noch einmal raffte sie sich auf, die stumme Wut gab ihr Kraft und, mit einem Blicke tödlichen Hasses Karl musternd, sprach sie: »Nicht lange, wähn' ich, und Euer Schild wird ganz wo anders als zu Metz gebraucht werden!« »O, gegen die Avaren, meint Ihr, Königin? Die Euer Gatte wieder einmal mit rotem Golde gekauft und auf unsere Ostlande gehetzt hatte? – Ihr staunt, daß ich auch dieses weiß? Zurückgeworfen sind von Herzog Garibald und seinen tapfern Bajuvaren die Horden der Avaren und Slovenen. Ein ungeheures Schlachten ist geschehen am Donaustrom: viel Tausende dieser Unholde sind gefallen und ersäuft, bei ihrem toten Chagan fand man sehr viel neustrisch Gold und König Chilperichs Briefe.« Fredigundis stöhnte laut. »Ja, Frau Königin!« fuhr Arnulf fort. »Die Welt hat sich gewendet in diesen Tagen: die Not, die zitternde Angst der Völker vor Euch und ihm, – sie sind gebrochen: es tagt! Ein neues Licht geht auf vom Osten her über die verzweiflungsvolle Nacht in diesem Reich der Franken. Gott hat Wunder gethan in diesen Wochen. Als Tag um Tag solche Nachrichten eintrafen, erschauerten wir in Ehrfurcht. Denn wir hörten die Stimme des Herrn aus den Wolken: »Wehe Chilperich und wehe Fredigundis!« Hochaufgerichtet trat er auf sie zu; da schlug sie beide Hände vor die Augen, sie taumelte und mit schrillem Aufschrei brach sie zusammen. Bestürzt wichen ihre Diener zur Seite. – Keiner wagte, sie aufzuheben; sie zagten, an den Leib der Zauberin zu rühren. Da drängte sich der kleine Arnulf durch die Reihe der Männer: – er hatte gesehen, daß ihr Kopf auf einen alten Markstein aufgeschlagen war. Er kniete neben sie, strich mit seinem Mantelzipfel das hervorrieselnde Blut von ihrer Schläfe und bettete ihr Haupt sanft auf einer kleinen moosbekleideten Erhöhung, »Was thust du?« schalt Pippin. »Sie hätte dich vor kurzem gern gemordet!« »Eben darum,« ermahnte Arnulf. »Wie spricht der Herr? ›Ich aber sag' euch: thuet wohl denen, welche euch Böses gethan‹« Inzwischen hatte Karl den alten Arnulf beiseite gezogen und leise mit ihm geflüstert: »Welch Glück, stünde sie nie wieder auf! Wie mahnt doch der alte Warnspruch?« »Lieber, nicht laß dir Entschlüpfen die Schlange, Faßtest du fest sie unter dem Fuß: Tritt zu und zertritt sie! Bald sonst beißt sie dich bitter!« »Du willst sie doch nicht töten?« »Nein! Aber einsperren, wo sie nicht mehr schaden kann.« »Nicht also, Karl. Wir sind nicht ihre Richter. – Auf, ihr Männer, wieder in den Sattel. Wir reiten noch die Nacht durch: rechts geht der Weg ab von Chelles zur Villa Calma. Mit Sonnenaufgang begrüßen wir Frau Brunichildis als Austrasiens Herrscherin.« Da traten sein Sohn und Pippin an die beiden Männer heran. »Vater,« sagte Pippin, »strafe mich lieber gleich. Das Warten darauf ist das ärgste.« »Du warst gar nicht erstaunt, Vater,« meinte der kleine Arnulf, »als du uns fandest?« »Als wir, die Väter , selber suchten,« sprach Karl, »nicht die Knechte, war eure Spur bald gefunden. Die Leute auf dem Wege gaben uns Bescheid von den zwei Knaben auf dem weißen Roß. Und als wir an eine gewisse Brücke kamen, wo sich zwei bitterböse, davongelaufene Buben, mit uralten Römermünzen des Kaisers Julian zahlend, für Elben ausgegeben hatten ... –« »Oder gar für Engel,« fiel der alte Arnulf drohend ein. »Da wußten wir, wer diese lieben Englein waren.« – »Bald errieten wir, wen ihr suchtet.« – »Und das beflügelte unsere Eile.« »Vater – die Strafe,« mahnte Pippin, etwas ängstlich. »Strafe,« sagte dieser und gab ihm einen zweiten Backenstreich, »hättet ihr nur verdient, weil ihr euern Vätern von eurem Vorhaben nichts gesagt.« »Vater– sag' offen –: hättet ihr uns dann ziehen lassen?« Karl schwieg. Aber Arnulf sprach für beide: »Ich fürchte: nein; und das wäre unser Unrecht gewesen; denn nun, nachdem Gott so sichtbar hier gewaltet, ist es zweifellos, daß euch die Heiligen wirklich erschienen sind. Kommt, besteigt wieder Wittchen. Ihr geht mit zur Königin Brunichildis und an den Hof zu Metz. Dort sollt ihr, unter eurer Väter Augen, lernen, klug gehorchen erst ...« – »Und,« schloß Karl und hob seinen Knaben auf den Gaul »und später: klug befehlen.« Siebentes Buch. Erstes Kapitel Von dem Tag an, der mit Rullas Absage begonnen und mit dem Sturz auf den Markstein geendet hatte, war die Königin Fredigundis tief verändert; sie fühlte das selbst, wie ihre Umgebung. Aber, worin das Wesen dieser Wandlung lag, das wußte weder sie zu sagen, noch ein anderer. Und äußerlich, in ihren Handlungen, war auch keine Änderung wahrzunehmen; vielmehr trat sie in ihrer rings bedrohten Lage mit der viel bewährten Kraft und Schlauheit auf. Aus ihrer Ohnmacht erwacht und nach Chelles zurückgekehrt, floh sie sofort mit ihrem Kinde nach Paris, wo sie in der Hauptkirche unter dem Schutze des Bischofs Ragnemod Asyl suchte. Die großen Schätze, die sie schon lange vorher für alle Falle diesem ihrem Freund anvertraut hatte, ließ sie ebenfalls in die sichere Zufluchtsstätte schaffen. Der Leichnam König Chilperichs ward aus dem Wald abgeholt und feierlich in der Vincentiuskirche zu Paris bestattet. Dann schrieb die Königin gar rührende Briefe an ihren Schwager Guntchramn zu Orleans, beteuerte, allen Plänen, mit welchen sich Egidius, Gundovald, – vielleicht sogar Chilperich! – wider ihn getragen, völlig fremd gewesen zu sein und rief flehentlich den Schutz des Königs für die Witwe und Waise seines Bruders an. Und der gutmütige Guntchramn ließ sich in der That bereden. Wenigstens des Knaben nahm er sich an, wozu freilich außer dem weichen Herzen noch anderes ihn drängte. »Sehet,« sprach er zu seinen Bischöfen und Großen, »ich bin alt und grau; viele Söhne hatt' ich von meinen vielen Frauen und Freundinnen; nicht einer ist mir geblieben, wohl zur Strafe meiner Jugendsünden. So steht nach meinem Tode der Merowingen glorreiches Königshaus nur noch auf vier Augen: der Knabe Childibert und der Säugling Chlothachar sind allein noch übrig von dem einst so sprossenreichen Stamm des großen Chlodovech. Soll ich nicht meines einen Neffen hüten wie des andern? Wer weiß, welcher von beiden erhalten bleiben wird!« – So versicherte er denn Fredigundis seines Schutzes; unbehelligt blieb sie in Paris. Jahr und Tag waren hingegangen seit dem Tode König Chilperichs. Da saßen eines Abends in einem Gemach des Palatiums zu Metz drei Männer in ernstem Gespräch; neben Arnulf und Karl, die nun die hohen Ämter des Cancellarius und des Marschall bekleideten, auch beide als »Nutritores«, Erzieher des jungen Königs bestellt waren, saß ein Gast in bischöflichem Gewand von edeln, ernsten, schmerzgeweihten Zügen. »Trinkt doch, ehrwürdiger Freund,« mahnte Karl, dem Gastfreund den Becher wieder füllend, »thut Bescheid: auf gut Gelingen Eurer Sendung.« »Die Heiligen,« sprach Arnulf, »mögen Euch beistehen.« »Amen,« sagte feierlich der dritte, die Hände zum Gebete faltend. – »Ja, Ihr werdet's brauchen können, Herr Bischof. So fürchterlich war sie noch nie,« – »Desto mehr drängt mein Auftrag.« »Ihr dürft – Ihr sollt uns diesen nicht vertrauen,« meinte Arnulf. »Aber da er gewiß das Gute will, geb' ich Euch wenig Hoffnung.« – »Gleichviel. Ein Gelübde.« – »Ich will froh sein, habt Ihr's erfüllt und lebendig die Schreckliche verlassen.« »O, Freund Arnulf,« schalt Karl, »hättest du mich gewähren lassen im Wald von Chelles! Wie vieles Unheil hätte ich verhütet!« »Erzählt, ihr Freunde,« bat der Fremde. »Deshalb allein weil ich, nach der hohen Frau Brunichildis, euch vor allen vertraue in diesem Reich – und weil ihr mehr als andere von ihr – der Königin Fredigundis – wisset, deshalb bin ich, vom Wege nach Paris abweichend, zuerst zu euch gereist; Frau Brunichildis wies mich hier an euch. Sie scheint nicht viel von den Thaten ihrer Feindin zu wissen.« »O doch! Sie weiß alles. Aber sie meidet es, davon zu reden: sie nimmt jenen Namen, den gottverfluchten, nie in den Mund!« rief Karl. Der Fremde seufzte. »Fredigundis aber,« fuhr Arnulf fort, »man sagt, sie sei nicht mehr die Fredigundis von ehedem, seit dem Tage, da sie Chilperich erschlagen in dem Walde fand.« – »Sie soll oft gar seltsam reden und überall einen drohenden Engel oder Knaben sehen. Sie soll sich damals das Hirn verletzt haben.« – »Andere meinen, es sei das Herz. Sie finde seither oft nicht Atem, mitten in der Rede schwindle ihr und sie greife dann mit beiden Händen nach dem Herzen, daß das wildklopfende nicht springe.« – »Kein Wunder! Was hat das Weib gewagt und erreicht!« – »Es ist, als ob die Wut, zumal der Neid gegen unsere Herrin, ihr am Herzen nage wie ein böser Wurm, und sie aus wildem, heißem Schmerz zu wahnsinnigen Thaten treibe.« – »Wie damals, nach ihrer Söhne Tod ... –« – »Nein, noch wutgrimmiger ist heute diese Natter. Die Witwentrauer wie die Mutterliebe wird bei ihr zur Mordgier.« – »Übt sie auch vermöge ihrer Schönheit, ihres Geistes, ihrer Schätze noch immer große Gewalt in Neustrien, – sie ist doch nicht Regentin, wie unsere Herrin.« – »Ja, eine Weile hatte sie König Guntchramn auf den einsamen Hof Thueil verwiesen, weil sie es in Paris gar zu arg trieb mit Ränken gegen die Regentschaft von Bischöfen und Großen, die der neustrische Reichstag eingesetzt hat. Das konnte sie nicht ertragen.« – »Eines Tages erschien bei uns in Metz ein Diakon; er sagte, er sei vor Fredigundens Zorn entflohen und bitte uns um Aufnahme. Frau Brunichildis nahm sich seiner an. Er gewann ihr Vertrauen.« »Aber nicht das meinige,« rief Karl. »Nun kurz: ich fing den Dolchstoß auf, der sie am Altare der Kirche niederstrecken sollte.« – »Er gestand, – ohne Folter – Fredigundis habe ihn gesendet. Sie sei so traurig, habe sie gesagt, daß es, nun sie beide Witwen seien, der Gotin soviel besser gehe als ihr. Das könne sie nicht aushalten. Sie habe ihn genau unterwiesen, wie er's angreifen solle.« – »Weil's am Todestag Herrn Sigiberts war, befahl die edle Frau, ihn ungestraft zu entlassen.« – »Der Thor ging zu der Mörderin zurück und berichtete, daß es ihm mißglückt sei: sie ließ ihm die Hand und die Füße abhacken.« Der Gast erschrak: »O Gott, vergieb ihr!« »Nein, Gott!« eiferte Karl, »vergieb ihr nicht , wenn du noch gerecht heißen willst bei wackern Leuten. Kaum war der Plan gegen die Mutter gescheitert, da – unser junges Königlein, Herr Childibert, wächst munter heran – nun, Ihr habt ihn ja gesehen ... –« – »Er macht den Nutritores Ehre.« – »Da schickte sie einen Mörder gegen den holden Knaben. – Ihr Chlothachar war erkrankt, ganz leicht: – an den Masern: aber sie konnte es nicht ertragen, sagte sie, daß ihr Kind leide, während das der »Gotin« fröhlich gedeihe.« – »Sie ließ zwei eiserne Messer schmieden, ritzte sie mit Zauberrunen und bestrich sie dick mit Gift.« – »Auf daß, wenn der Stoß die Lebensnerven nicht durchschnitt, doch das Gift in das Blut dringe und so töte.« – »Und wenn Eisen und Gift nicht töteten, sollte der Zauber töten.« – »Diese Messer übergab sie zwei Priestern ...« – »Unmöglich!« zweifelte der Bischof. »Ja, ja! Zumal Priester weiß sie zu berücken; sie sind gescheiter, gelehrter als andere; so lockt sie ihr Geist,« – »Und die verbotene Berauschung an ihrem Anblick reizt deren Sinne noch mehr als die der Laien.« – »So ist sie ... noch immer so ... schön?« – »Schöner als je.« »Jawohl! Nur ihr Blick hat etwas Starres, Unheimliches erhalten seit Chilperichs Tod,« meinte Arnulf. »Wie dem nun sei, gar manche ihrer Mordboten sind Priester.« – »Sie sprach zu diesen beiden: ›nehmet diese Skramasachse und eilet zu dem Knaben, der den König spielt.‹« – »Hüllet euch in Bettlergewand, Krücken nehme der eine, blind stelle sich der andere. Und – denn er soll thöricht mild sein gegen Arme, Krüppel und Sieche – werft euch ihm zu Füßen, wann er zur Kirche geht, vor den Thoren der Basilika auf der obersten Stufe, wo ja die Bettler sitzen, und heischet Almosen.‹« – »›Und beugt er sich zu euch nieder, euch zu geben, so durchstoßet ihm beide die Seiten, hier, unter den Rippen.‹« – »›Auf daß die Gotin, die auf ihn ihren Hochmut stützt, durch seinen Fall mitfalle und noch viel elender als ich werde, des Erben darbend wie des Gatten.‹« – »Wird aber so ängstlich Wache gehalten um den Knaben, daß ihr an ihn nicht gelangen könnt, – die Nutritores sollen scharf ihn hüten, – so trefft doch mindestens sie selber, die Gotin.‹« – »›Leicht mögt ihr bei der Verwirrung entkommen, wie ja der eine Mörder Herrn Sigiberts entkam.‹« – »›Seht – hier steht er: Bladast; ich hab' ihn reich gemacht und vornehm an meinem Hof.‹« – »›Aber,‹ sagte der eine Priester, ›der andere ward dabei erschlagen‹« – »›Nun ja!‹ erwiderte sie. ›Der Tod erwartet alle Menschen. Fallen doch auch Krieger in der Schlacht und trotzdem gehen tapfer die Franken in den Kampf, weil sie wissen, für ihre Gesippen sorget dann der König und erhebet sie zu seinen Edeln. So werd' ich die Gesippen dessen, der hierbei fällt, reich machen und vornehm an meinem Hofe.‹« – »›Aber,‹ wandte der andere ein, mit Zittern, ›die schwere Sünde? ...‹« – »›Ist längst den Heiligen vorausbezahlt. – Also wappnet eure Herzen mit Mannhaftigkeit. Gehet! Und überkommt euch Zagen auf der Reise, so nehmt aus diesem Fläschlein, von diesem Trank‹ – sie gab ihnen sofort davon zu trinken. Da rieselte süße Glut, wie berauschend mit Wein und Liebe zugleich, durch ihre Glieder und sie versprachen alles, was sie von ihnen begehrte.« – »Gleichwohl gebot sie ihnen, das Fläschlein mitzunehmen: ›an dem Tage, da ihr das Werk angreift, kurz vor dem Gang zur Kirche, trinkt davon. Und es wird euch überkommen ein Gefühl der Mannheit und des trotzigen Mutes, zu thun nach meinem Willen.« »Und so unterwiesen kamen sie hierher nach Metz,« fuhr Arnulf fort. »Jedoch ich schöpfte Verdacht, wie ich den Blinden und den Lahmen so behende die Stufen hinaufeilen sah – die Unbekannten, Stufen einer fremden Kirche! – und ließ sie greifen. Und sie gestanden alles.« »Und ich,« schloß Karl, »nahm ihnen das Fläschlein ab und trank daraus: – mich trieb die Neugier. – Es schmeckte herrlich, wie der allerbeste Wein, den ich je gekostet, nur noch viel feuriger. Die Mörder aber ließ ich hängen.« »Diese Thaten gegen Brunichild und Childibert,« sprach der Gast, – »ich kann sie fassen. Aber auch gegen König Guntchramn! Seiner Weichherzigkeit dankt die Witwe alles – und dennoch?« – »Sie kann es nicht ertragen, sagt sie, daß er lebt und herrscht und ihr Chilperich im Grabe liegt.« – »Schon dreimal hat sie Mörder wider ihn ausgeschickt.« – »Eine Gesandtschaft von ihr suchte ihn auf zu Châlons an der Saône,« – »Am andern Morgen, als der fromme König zur Frühmesse ging, – es war um Weihnachten – lange vor Tagesanbruch, sah der Träger der Wachsfackel in dem Bethaus einen Mann mit Speer und Schwert versteckt hinter einer Säule lauern.« – »Der wehrte sich grimmig und wollte hinaus zur Thür. Aber ergriffen und mit den Riemen der Wehrgehänge gebunden, erwies er sich als Knecht eines der Gesandten.« – »Und er gestand, nur dazu sei die Gesandtschaft abgeschickt worden, auf daß er dabei an den König gelange.« »In der Kirche!« sprach der Fremde vor sich hin. Zweites Kapitel. »Ja, Bischof, gerade in der Kirche. O es kommt noch besser,« fuhr Karl fort. »Als im September der König zu Châlons beim Fest des heiligen Marcellus, nach Beendung der Messe, zum Altare trat, das Abendmahl zu nehmen, eilte ein Unbekannter auf ihn zu, als woll' er ihm etwas melden.« – »Und wie er schon den Altar erreicht hat, fällt ihm ein langes Messer aus dem Gürtel und wie sie ihn sofort ergreifen, hat er ein andres im Ärmel.« – »Und alsbald gestand er, ausgesandt zu sein von ihr. ›Die Seinigen umgürten ihn allzudicht,‹ hatte sie ihn belehrt. ›Man kann nicht leicht an ihn kommen: nur etwa in der Kirche, am besten am Altar.‹« – »O, sie versuchte es noch einmal – in größerem Umfang.« – »Aber sie hat, scheint's, kein Glück mehr bei der Hölle.« – »Als zu Ostern unser junger König auf seiner Villa zu Marlenheim im Elsaß weilte und am Sonntag in den Betsaal ging, sahen seine Diener einen Fremden an dem Eingang sich aufstellen.« – »Sie fragten ihn, was er wolle.« – ›Ich gehöre ja zu dieser Villa,‹ sprach er.« – »Aber der Villicus kannte ihn nicht: sofort ward er ergriffen und bekannte, die Königin Fredigundis hab' ihn ausgesandt, den König zu erstechen.« – »›Wir sind,‹ gestand er, ›unser zwölf: sechs sind ausgeschickt, wider Guntchramn, sechs gegen Childibert; mich traf das Los zuerst.‹ Und er gab die Namen und die Verstecke der elf andern an und alle wurden gefangen und gestanden, – ohne Folter.« »Ich begreife nicht,« seufzte der Bischof, »daß König Guntchramn sie nicht längst in ein Kloster gewiesen hat.« »Ja, der!« höhnte Karl. »Der heilige König scheut das Asyl. Sobald solch ein Streich entdeckt wird, öffnet ihr Herr Ragnemod die Bischofskirche zu Paris. Da darf man ihr nichts thun. Mit Krieg drohte mir Herr Guntchramn, als ich nach jenen beiden Anschlägen sie mit Gewalt aus ihrem Asyle holen wollte.« »Ja, er übertreibt,« gab Arnulf zu. »Hat er doch sogar jene beiden Mörder nur mit Schlägen züchtigen lassen. Es ist Unrecht, meinte er, deren Blut zu vergießen, die in der Kirche ergriffen wurden.« »Weil sie in der Kirche morden wollten!« zürnte Karl und schlug auf den Tisch. »Ihr seid ein Bischof, Herr: aber könnt' Ihr solch' einen König loben?« Der Fremde schwieg nachdenkend; dann sagte er: »Nicht am König, nicht am Hofe liegt allein die Schuld. Die Kirche – schmerzlich zu sagen! – ist fast am meisten verderbt in diesem Reich. Sie hätte längst jenem unseligen Weibe wehren müssen. Aber Geduld, ihr Freunde! Solche Bischöfe wie Ragnemod von Paris, Egidius von Reims, Bertchramn von Bordeaux und gar manche andre noch sollen nicht mehr lange die Kirche Galliens schänden. Ein läuterndes Gewitter ist im Anzug! – Wie ihr, wackre Männer von Austrasien, den Hof, so werden – andre die Kirche reinigen in diesen Landen. Schon zieht von Stadt zu Stadt, der aus Irland, der Insel der Heiligen, herüber kam, der heilige Bußprediger Columban. Im härenen Gewand, den Stab in der Hand, pocht er an die vergoldeten Pforten der üppigen Bischöfe und Äbte. Und starken Zulauf findet seine Predigt von Buße und von Besserung. Schon hat er in wildester Wildnis des Wasgensteines ein Kloster gebaut, der Bären und der Luxe Waldgenoß. Und anderes, größeres ist im Werk: – von einem Größeren! – Und so geb' ich auch die Hoffnung nicht auf, der unseligen Witwe Gewissen zu erschüttern und sie zur Buße zu führen.« »Beim Donnerha – Donnerhimmel! Herr Bischof,« rief Karl, »wenn Ihr das fertig bringt, seid Ihr ein größerer Wunderthäter als Sankt Martin von Tours.« – »Lästert nicht, Herr Mariskalk!« »Herr Bischof,« meinte Arnulf, leise das Haupt neigend, »ich fürchte sehr, Ihr wagt zu viel.« – »Welch' furchtbar Geschick hat sie dem alten wackern Herzog Drakolen bereitet! Es ist grauenhaft.« – »Dies Weib ist mordtoll; wie soll ich sagen? – Mordberauscht!« – »Jawohl, wie der Marder blutgierig im Taubenhause wütet, gar bald nicht mehr aus Freßlust, nur aus Mordlust, allen die Kehlen durchbeißt, die er erreichen kann, ja fortmordet und fortbeißt, wann schon der Taubenwart, von dem Lärm der armen Opfer aufgeweckt, zur Stelle ist, das Untier zu erschlagen – so Fredigundis! Sie mordet, um zu morden!« »Wenigstens,« milderte Arnulf, »man findet oft keinen Grund mehr für ihre Thaten. Ich glaube aber doch, sie kämpft furchtbar mit ihrem Gewissen.« »Das wäre der Anfang der Umkehr,« rief der Bischof. »Weiß nicht!« fiel Karl ein. »Sie wählt dann wenigstens seltsame Wege. – War da jüngst ein Betrüger in Paris, ein entsprungener Knecht des Bischofs von Arles, wie sich dann bald erwies. Gab sich für einen Heiligen aus, handelte mit Reliquien, das heißt: so sagte er. Viel weniger kluge Leute erkannten bald in dem oft Betrunkenen den plumpen Betrüger. Und dieses Weib, sonst schlauer als wir alle, glaubt an ihn, erkauft sich mit vielem Golde seine Vergebung all' ihrer Sünden; ja, sie kauft ihm, ohne vorher zu prüfen, seinen ganzen Bettelsack voll Heiligtümern ab: sie – die Hochfärtige! – rutscht vor ihm auf den Knieen die ganze Basilika entlang!« »Am andern Morgen war der Kerl entflohen, sie öffnete den Sack. Und was fand sie? Ein paar Maulwurfszähne, ein paar Knochen von Mäusen, ein paar Bärenkrallen und ein wenig Bärenfett!« – »Der Heilige aber lief vor den Thoren von Paris zufällig seinem alten Herrn in die Hände, ward erkannt, gebunden und wieder in die Weinbergarbeit geschickt.« »Noch ärger ist, daß sie an den Pseudo-Messias glaubte!« – »Ja, ein armer Teufel, ein Betrüger, der sich selbst betrog, ein junger Bauer. – Vor Jahren geriet er im Walde bei Bourges beim Holzfällen in einen Schwarm von Hornissen. Die zerstachen ihn, daß er den Verstand verlor von Stund an. Bald darauf hielt er sich für den Herrn Christus, gesellte sich ein Weib, das er Maria nannte, und zog predigend durch die Dörfer. Viel Volkes lief ihm zu: denn er verkündete, er komme, den Reichen ihren Reichtum zu nehmen und ihn den Armen zu geben. Und wo er und sein Hause von Bettlern auf der Straße einen Wohlgekleideten trafen, zogen sie ihm die Kleider aus und gaben sie den Bettlern.« – »So kam er bis nach Paris. Er soll wirklich unterwegs ein paar wunderbare Heilungen verrichtet haben.« »Schon möglich,« meinte der Gast. »Die Dämonen thun dergleichen, die Frommen zu berücken.« – »Und die Königin glaubte an ihn: sie nahm ihn für Christi Vorläufer, wenn nicht für Christus selbst; sie erkaufte auch von ihm wieder Vergebung all' ihrer Sünden um viel Geld; dann verlangte sie, er solle gewisse Tote auferwecken.« – »Das soll jetzt ihr brennendstes Begehr sein!« – »Der Narr vertröstete sie auf seine Wiederkunft: er müsse vorher auch die Ostlande aufsuchen. So kam er mit seinem Troß, der täglich wuchs, nach der Champagne von Reims. Da sie alle Reichen plünderten, ging ihnen Herr Lupus mit Gewaffneten entgegen, den Wahnsinnigen zu greifen. Das Gesindel widersetzte sich – schon war Mut geflossen. Da trat der Schwärmer in die Mitte der Kämpfenden, und sprach: ›Zielt alle auf mich mit euren Pfeilen, ihr Krieger. Ich werde sie zurückblasen mit dem Hauch meines Mundes: und ihr werdet erkennen, daß ich Gottes Sohn bin und mich anbeten.‹ Und er breitete die Arme aus, die Krieger schossen und von zwanzig Pfeilen durchbohrt fiel der Arme. So tief ist jene einst so Geistgewaltige gesunken, daß sie solchem Schwärmer glaubt.« »Ich seh' in ihre Seele,« seufzte der Bischof. »Es ist die Reue! Sie greift nach plumpen Trugbildern, wenn's nur Hilfen sind, – sich aus der dunklen Sündenangst zu ziehen!« – »Ich glaub', Ihr denkt zu gut von ihr, Herr Bischof. Nicht beichten nur wollte sie bei jenen Betrügern, vor allem ihre Feinde verderben durch Wunderkraft.« – »Aber woher wißt ihr das alles so genau, ihr hier in Metz, was sie in Paris treibt?« – »Von ihrem Gesinde. Vornehm und Gering, Freie und Unfreie, Knechte und Mägde, flüchten in Scharen aus Paris, aus ihrem Dienst, aus ihrer Nähe. Nicht ihre Strenge verscheucht sie oder ihre Grausamkeit. Streng, grausam war sie immer – dazwischendurch verschwenderisch. Aber –« – »Aber, um es kurz zu sagen: – die meisten halten sie für besessen.« Der Bischof erschrak heftig: er fuhr zusammen und erbleichte. »O Gott sei mir gnädig!« »Euch!« fragte Arnulf. »Was habt Ihr dabei zu verantworten?« Tief auf seufzte der Fremde, er konnte oder wollte nicht sprechen. Arnulf bemerkte es und fuhr fort: »Ihre Mägde fürchten sich vor dem Dienst in ihrem Gemach: – sie kann nicht allein sein, weder nachts noch tags; und sie führe dann, heißt es, oft mit sich selbst so grausige Gespräche, daß dem Gesinde die Haare sich sträuben. Auch greife sie gar oft an die linke Schläfe, auf welche sie an jenem Abend gefallen war, und klage wohl, sie müsse ganz anders denken als sie wolle.« – »Ich warn' Euch, geht nicht in das Lager dieser tollen Wölfin.« »Wie?« rief der Gastfreund, sich erhebend. »Habt ihr mir nicht erzählt, wie eure Söhne, noch Kinder, mutvoll dem Ruf der Heiligen gefolgt sind in das schier unvermeidliche Verderben? Die Kinder, die Unschuldigen, gehorchen einem bloßen Traumgesicht und ich, der Mann, der Priester, der Bischof – der ach! nicht unschuldige – ich sollte minderen Mut erweisen, ich, den ein Gelübde treibt, an dem Grab der Apostelfürsten gelobt, und der Auftrag des obersten Hauptes der Christenheit, des größten Papstes, der je dem heiligen Petrus nachgefolgt? Nein, meine Freunde, habt Dank für eure Gastlichkeit, für eure Unterweisung. Wohl unterrichtet nah' ich der Unseligen. – Ich rette ihre Seele oder sterbe drum. Lebt wohl! Es läßt mich nicht mehr ruhen, nachdem ich all' das Gräßliche erfahren: – nun keine Nacht mehr ruhen. Ich steige zu Pferd – sofort – und raste nicht, bis ich sie gefunden und gerettet habe.« Drittes Kapitel. Die Königin Fredigundis bewohnte in Paris ein königliches Haus, das unmittelbar an die Bischofskirche stieß, durch einen Gang mit derselben verbunden, so daß sie, sobald es wünschenswert schien, das Asyl gewinnen mochte. In einem Gemache dieses Palatiolums saß sie vor einem mit Büchern und Schriften bedeckten Tisch; neben ihr stand Winnoch, die Rohrfeder in der Hand. »Laß es nun genug sein,« sprach sie ermüdet, das Haupt auf die Hand beugend. »Ich finde doch kaum einen neuen Heiligen mehr.« »Schwerlich,« meinte Winnoch. »Du hast dir ja aus allen Klöstern schicken oder abschreiben lassen, was sie nur an Mirakeln und an Heiligenleben in ihren Büchereien bergen. Was willst du eigentlich damit? Es ist immer eine solche Geschichte ziemlich wie die andre. – Aber du hörst nicht! Was starrest du dorthin ins Leere?« Sie fuhr auf. »Ich meinte, – ich sah dort, zu Häupten des Ruhebetts, eine weiße Gestalt hängen. – Ich muß oft sehen, was nicht da ist. – Geh' nur! Ich merke, du bist schon wieder schreibmüde. Oder durstig. Die andre war besser beim Schreibedienst und beim Vorlesen. – Wie hieß sie doch? Mein Gedächtnis ist so schwach geworden!« – »Du meinst Rulla?« Fredigundis nickte langsam, nachdenklich: »Ja, die von der Wutach her. Sie war besser.« »Sie hat dich aber verlassen, während ich treu bei dir ausharre. – Übrigens, irre ich nicht sehr, hab' ich sie gestern an mir vorüberhuschen sehen, nahe dem Kloster der heiligen Genoveva.« Fredigundis hatte ein Buch aufgegriffen und starrte hinein. »Es muß doch möglich sein,« sagte sie vor sich hin. »Nicht nur Christus hat's gethan. Auch – nach ihm – ganz kleine Heilige.« – »Was meinst du, Königin?« »Sie – Rulla – las mir einmal vor: vom Galgen herunter, einen Gehängten, hat ein Heiliger wieder erweckt. Damals achtete ich nicht recht darauf – ließ es ausstreichen, damals lebte er ja noch. Und nun« – sie tastete unter den Schriften umher – »nun ich diesen Heiligen brauche, – so dringend! – nun kann ich ihn nicht mehr finden. – Ich möcht' es doch lieber durch einen Heiligen thun, als durch – das andre. Das ist dann wieder Sünde, muß wieder abgelöst werden. Ah, das geht immer so fort –! Ein Netz, ein unabsehbares. Eine Masche mach' ich auf ... – dann zieht sich die andre fest. O, ich bin müde, müde!« – Und sie sank vornüber mit der Stirn auf den Tisch, schlaff hingen ihr die Arme herab, auf beiden Seiten überflutet von dem wunderschönen Haar. – Eine lange Stille entstand. Winnoch ward es unheimlich; kopfschüttelnd, leise ging er hinaus. Gleich darauf trat ein Thürhüter ein und meldete: »Frau Königin, ein fremder Bischof bittet um Gehör.« Sie hob rasch das Haupt: »Ein Fremder? Das ist recht. Das ist was Neues. Das Alte ist so – alt. Laß ihn herein. – Aber erst durchsuche ihn, ob er nicht Waffen versteckt trägt.« Alsbald trat der Gemeldete ein; nach dem ersten Blick auf Fredigundis schlug er die langen dunklen Wimpern nieder; er blieb mit stummer Verneigung am Eingang des Gemaches stehen. »Was?« schrie sie aufspringend. »Prätextatus? Ihr wagt es, vor mein Angesicht zu treten! Ihr, der die Gotin mit meinem Stiefsohne getraut? Euren Verbannungsort zu verlassen? Wähnt Ihr, weil König Chilperich im Grabe liegt, darf man seinem Bannbefehl trotzen? Ihr irrt! Ich führe seinen Königsstab.« Plötzlich aber fuhr sie zusammen. »O wie ihr Landerich ähnlich seht – so bleich fast wie er – als er auf dem blutigen Waldmoos lag. Was willst du, Landerich, von mir? – Ich hab' dich nicht erschlagen. – Er that's! – Laß mich! Jetzt ist es doch zu spät für die Zusammenkunft am Waldessaum.« »Königin, ich bin Prätextatus,« sprach er sanft, immer ohne die Augen aufzuschlagen. »Ich komme – ohne Groll – ich komme als Freund –« »Als Freund! – Ich kann Freunde brauchen,« sprach sie nachdenklich, »und Ihr – nun freilich,« und jetzt kam ein Lächeln der Erinnerung über ihre Züge – »Ihr seid mein allererster Freund, mein frühester, gewesen. Wißt Ihr's noch, an der Wutach? Ei, ei, Herr Bischof, wer hat dem Kind Fredigundis die ersten Küsse – wie heiß brannten sie doch! – auf die magern, die nackten Schultern geküßt! Und auf die Augen! Und Einen auf den Mund. Damals hört' ich's zum erstenmal im Leben: – wie süß klang mir's im Ohre! – ›o wie schön bist du, Fredigundis!‹« Da stürzte der Bischof auf beide Kniee, schlug mit den Fäusten gegen die Brust und stöhnte: »O Gott! O Gott! Es ist wahr! Verzeih mir, großer Gott! Du weißt, wie ich gebüßt hab' jahrelang.« Erstaunt sah sie ihn an: »Steht doch auf! Seid Ihr bei Sinnen? War das eine Sünde – damals?« Prätextatus erhob sich: »Es war aller Sünden, aller Greuel Anfang. Ich, ich Unseliger habe sie in dir geweckt, die schlummernden Dämonen, in dem halbreifen Kinde, die Unkeuschheit, die Eitelkeit, die Gier nach Genuß und Glanz und Macht! Ich – ich Sünder trage Schuld an allem.« Und er bedeckte das Antlitz mit den Händen. Es behagte ihr, daß ein tüchtiger, starker Geist so leiden mußte um ihretwillen. Sie dachte bei sich: »Ei, all' das ist an mir wohl angeborne Merowingenart.« Aber sie sagte langsam, nachdrucksvoll: »Ja, ja – Ihr war't der erste. – Es mag wohl also alles Eure Schuld sein. – Aber was führt Euch jetzt zu mir – trotz der Verbannung?« »Die Reue,« sprach er fest, die Augen wieder senkend, »und die Pflicht der Sühne. – Jenes war nur der Anfang meiner schweren Sünden, die ich an dir begangen.« »An mir?« fragte sie verwundert. »Wir haben uns ja nie wieder gesehen. Das heißt: Nur noch einmal sah ich dich – nicht du sahst mich! – an dem Tag, als – als – als ... –« Jetzt schlug er die Wimpern auf und sah ihr tief in die Augen. »Als du Galsvintha erwürgtest.« Grell schrie sie auf und taumelte zurück. »Was – du wußtest das? Das heißt: du wähntest das?« »Dein Opfer riß dir im Todeskampf ein Büschel Haare aus! Ich trage sie noch auf dem Herzen. – Hier, kennst du dies dunkelrote Haar? Das ist die eine Hälfte...–« »Die andere,?« fragte sie, zitternd an allen Gliedern. »Hat Chilperich gehabt.« – »Er wußte es?« – »Und schwieg ! Und freite die Mörderin. Das ist ein Greuel. Aber ich – ich wußte es auch und schwieg auch – o, wehe, wehe mir –« – »Warum?« »Warum?« ächzte er und trat leidenschaftlich auf sie zu. »Weil ich elender, verworfener Sünder vor den Menschen, vor Gott – weil ich nie aufgehört habe, dich zu lieben, du furchtbares Geschöpf.« »Ah so!« lächelte sie, sich hoch aufrichtend, triumphierend. »Und deshalb auch kamst du jetzt zu der – Witwe?« Ein flammender Blick der grauen Augen sollte ihn vollends berauschen: – aber es gelang nicht: die langen, dunklen Wimpern hatten sich schon wieder gesenkt. »Und deshalb kam ich jetzt zu dir. Nicht, wie du es denkst. Als auch auf meine einsame Insel der entsetzliche Ruf deiner Thaten drang, – als jedes Fischerboot von der Küste her neue Frevel meldete jener fürchterlichen Fredigundis, die längst das zitternde Volk als eine Teufelin sich ausmalt ... –« Hell auf lachte sie: »O wär ' ich eine! Und nicht ein ohnmächtig Weib.« – »Da traf jede deiner Thaten wie ein Keulenschlag mein Gewissen. Ich, ich bin der Mitschuldige dieser Greuel. Ich küßte die Hölle wach in dir und ich, der dich unschädlich machen konnte nach jenem ersten Mord: ich ließ dich in der Freiheit, in der Macht, ließ sie weiter fressen die rote Flamme, die ich austreten konnte beim ersten Aufzüngeln. O, ich war dem Wahnsinn nah.« »Ist das,« fragte sie sehr rasch, »wenn man denken muß, was man nicht will?« – »Einmal trieb mich der böse Feind so weit, daß ich mich von der Adlerklippe in die See warf. Fischer zogen mich ans Land – für tot.« »Können diese Fischer Tode auferwecken?« fragte sie sehr schnell. »Da, als ich erwachte, gelobte ich, nach Rom zu pilgern, an das Grab der Apostelfürsten, dem heiligen Vater selbst zu beichten meine schwere Schuld und jede Buße auf mich zu nehmen, welche mir auferlegt würde. Ich floh von der Insel unter vielen Gefahren. Verfolgt von deines Gatten Spähern durch sein ganzes Reich gelangte ich nach Italien. Und in Rom fand ich den größten Mann, der jemals Sankt Peters Schlüssel hat geführt.« Sie furchte finster die Brauen: »Ich weiß von ihm. Er heißt Gregor und ist der Gotin Freund. Wir fingen Briefe auf von ihm an sie: – ich will nichts von ihm hören, will vergessen, daß er lebt.« »Du wirst von ihm bald hören, was du dein Lebtag nicht vergißt. Papst Gregor – schon jetzt heißt er der Heilige, der Große, der Unvergleichliche – hörte meine Beichte und schalt mich schwer. Doch, er sah meine Reue – er sprach mich los der Sündenstrafe unter der Bedingung, – eidlich schwur ich es ihm! – dich aufzusuchen, dein Gewissen zu erschüttern.« Fredigundis lachte kurz. – »Du mußt die Krone niederlegen.« – »So? Muß ich?« – »Mußt bereuen, büßen. In ein Kloster treten.« – »Du! Hüte dich vor diesem Rat! Dein Bruder gab ihn mir: – er hat den Tag nicht überlebt.« – »Ich lasse nicht von dir, bis ich dich zwang! Es gilt deine Seele, dein unsterblich Teil zu retten.« – »Darum sorge dich nicht, Jugendgespiel! Ich stehe sehr gut bei den Heiligen. Und die sind doch noch mehr als Papst Gregor. Geh' und sag' ihm das. Und sag' ihm: Fredigundis stirbt im Purpur, – der ihr zukommt aus viel besserem Recht. – Hi, hi! – als all' ihr Pfaffen wissen könnt. Geh!« – Sie drehte ihm den Rücken zu. »Ist das dein letztes Wort?« »Mein allerletztes,« sprach sie, sich den Büchern zuwendend. – »So wisse, daß ich dich vor allem Volk der Franken des Mordes an Galsvintha überführen werde – ich hab's gelobt – ich werd's erfüllen.« Blitzschnell wandte sie sich. »Das thust du ja doch nicht. Und wenn auch! Und wenn das Gericht der Franken mich noch andrer Morde überführt hätte, – mich ficht's nicht an. Niemand wagt, mich anzutasten – beim Zorn der Heiligen –! Ich hab' Asyl bei Bischof Ragnemod.« – »So wisse denn, – muß man dich zwingen mit dem Äußersten? – Papst Gregor wird diese Kirche hier in Gallien furchtbar fichten. Er hat einen Legaten abgesandt, –« – »Der bist wohl du?« – »Ein Konzil aller Bischöfe abzuhalten; in Anklage stehen schon alle deine Freunde unter diesen: Ragnemod ist suspendiert und – hör' es! – dir ist, wegen maßlosen Mißbrauchs, der Schutz des Asyls entzogen in allen Freistätten dieser Reiche – ja, der ganzen Christenheit.« Da erbleichte Fredigundis. »Das ist unerhört ... –« »Wie deine Frevel. – Gieb dich in Güte, Königin! Zwinge mich nicht zur Gewalt. Beuge dich! Nicht vor mir, nicht vor dem Papste: vor Gott selbst, dem allmächtigen Herrn. Rette deine Seele vor der Hölle.« Widerstrebend schüttelte sie das rote Gelock. »Die Heiligen sind abgefunden!« – »Das alles schreckt dich nicht? So rette deinen Nacken vor dem Richtbeil!« Da schrie sie laut gellend auf und brach in die Kniee: »O weh! – Weh! Kein Asyl mehr? – Der Block! Das scharfe Beil? – Blut? – Wie so grausig aus Chilperich sprang? Geh, guter Prätextatus, geh! Verlaß mich jetzt! – Gönne mir Bedenkzeit: – nur kurze: – drei Tage!« »Drei Stunden!« sprach der Bischof feierlich. »Ich gehe in die Klosterkirche der heiligen Genoveva: daselbst ist eine Bußzelle für dich bereit gestellt: ich werde dort brünstig beten, daß Gott deinen Starrsinn breche. In drei Stunden stehe ich wieder vor diesem Hause. Bist du dann noch nicht bereit, mir zu folgen, so geht dies Anklagschreiben an König Guntchramn, an König Childibert und alles Volk der Franken: und heute noch verkünd' ich im Namen des großen Papstes in den Kirchen, auf den Straßen von Paris, daß dich kein Asyl mehr schützt. O, Fredigundis! Rette Leib und Seele.« Er war verschwunden. – Wie eine Schlange schnellte sie empor. »O hätt' ich jetzt ein Schwert im Gürtel getragen wie du, mein Chilperich! Der zweite Bruder wäre schon so stumm wie der erste. Wart', Prätextatus!« – – Eine kurze Weile darauf standen in demselben Gemach vor ihr Winnoch und Bladast; die beiden Männer sahen finster, unentschlossen vor sich nieder. Sie aber glitt von einem zum andern. »Bedenkt euch nicht zu lang! Es eilt,« drängte sie. »Nein,« sagte Winnoch. »Ich mag nicht. In der Kirche! Ich war doch Mönch! Ich bin geweihter Priester. Das ist unzerstörbar in der Seele. Ich kann's nicht.« Und er ging hinaus. »Ich bin nicht geweiht,« rief Bladast. »Aber doch! Sei's um Herrn Sigibert! Es war Krieg zwischen Euch. Und er nahm Chilperich sein Land weg. Aber dieser Bischof! Ich sah sein Antlitz. Er sieht so fromm!« – »Unerträglich!« rief sie und stampfte mit dem Fuße. »Gieb' ihm Gift: – morgens beim Frühstück,« riet er. – »Ich sagte ja, es muß geschehen sein vor drei Stunden.« »Ich will nicht,« wiederholte Bladast. »Er sieht so heilig aus!« »Heilig! Der?« zischte sie. »Blöde Thoren! Er brennt in sünd'ger Gier! Er wollte schweigen, für einen – Kuß von mir.« »Das wäre?« fuhr Bladast auf. »Dann soll er ... – Aber er – der Bischof –?« – »Du zweifelst? Wohl, – wenn er liegt, reiß' ihm das Brustgewand auf: – er trägt auf seiner Brust heute noch eine Locke dieses Haars, die er – als Kind mir stahl!« »Die soll er hergeben! Der heuchlerische Pfaff! Aber,« rief Bladast, sie mit gierigen Augen musternd vom Wirbel bis zur Sohle, – »ich fordere andern Lohn als Gold: des hab ich genug. – Den Kuß, den dein Todfeind begehrte, deinem treusten Freunde – fast deinem letzten! – darfst du ihn nicht weigern.« Fredigundis sah ihn kühl an: »Du bist sehr frech,« sagte sie langsam. – »Du bist kein Eheweib mehr; – du thust kein Unrecht an Herrn Chilperich.« »Es sei!« sagte sie kalt. »Ist es geschehen, – ganz geschehen, – so komm zu mir. Dann küss' mir die Wange. – Wagst du mehr, bist du des Todes.« – »Es gilt! Er soll nicht leben.« »Wie tief bin ich doch herabgekommen,« seufzte sie, »seit Er starb!« Viertes Kapitel. In der Kapelle des Genoveva-Klosters auf dem rechten Ufer der Seine lag in brünstigem Gebet auf die Stufen des Hauptaltars hingestreckt Prätextatus. Er war allein in der geräumigen Kirche, die außer der schmalen, in die Sakristei führenden Pforte nur einen Ausgang hatte auf den großen Platz: die Freitreppe, die mit vielen Stufen von der Basilika zu diesem hinabreichte. Gegen diesen Platz hin bewegte sich langsam über die Seinebrücke unter lautem Psallieren ein Zug von Geistlichen und Mönchen, dem sich ein großer Haufe Volkes, Männer und Weiber, angeschlossen hatte; es war ein Bittgang um Regen: denn die Ernte drohte zu mißraten. Viele Wochen hatte es nicht mehr geregnet, das Getreide verbrannte unter der sengenden Sonne auf den Feldern. Vor der Basilika, auf der untersten Stufe, saß, in elende Lumpen gehüllt, eine bejammernswerte Gestalt; ein zerfetzter Mantel, der seltsamerweise hier und da durch einen mattglänzenden Faden verriet, daß er einst mit Gold durchwirkt gewesen, verhüllte den Leib des Greises nur wenig. Man sah, daß ihm der rechte Arm und der linke Fuß fehlte; er hielt in der Linken eine lange, stelzengleiche Krücke, an die mit einem Strick eine kleine irdene Urne gebunden war; diese Urne, mit schmaler Öffnung, Pflegte er hinzustrecken, wann er Schritte in der Nähe hörte: – denn der Arme war blind; zwei große schwarze Höhlen klafften an der Stelle der Augen. Jetzt aber brauchte er sich nicht auf das Ohr zu verlassen; ein junges Weib in schlichter, jedoch reinlicher Gewandung, das neben ihm saß, sprach zu ihm, ihn sanft erhebend, stützend und führend: »Kommt, Herr Herzog – rückt ein wenig zur Seite, daß Ihr nicht getreten werdet; der Bittgang kommt nun gleich die Stufen hinan.« »Danke dir, du Gute,« sprach der Alte mit zitternder Stimme; »danke dir. Warum, sage mir doch, warum nimmst du dich meiner an, so rührend? Hast du mich gekannt in fühern – bessern Tagen?« »Nein, Herr Herzog!« – »Warum also?« – »Aus Erbarmen mit Eurem unermeßlichen Elend. Herzog von Aquitanien! Der mächtigste, reichste, geehrteste Mann nach den drei Königen, und jetzt...« – »Der elendeste! Geblendet, ein hilfloser Krüppel. Das ist noch nicht das Ärgste! Mein Weib, meine beiden Eidame, meine sechs Söhne, ja und meine zwei Töchter sogar, grausam hingemordet von – von ihr. Aber das ist noch nicht das Fürchterlichste, sondern ... – wie heißt du, o barmherziges Weib?« – »Rulla.« – »Sondern das, o liebe Rulla, ist das Ärgste, daß ich all' das erlitten habe ohne Schuld!« »O Herr Herzog!« – »Nenne doch mich armen kriechenden Wurm nicht Herzog.« – »O Herr Drakolen, wäre Euch denn lieber, Ihr hättet es verdient?« – »Ja.« – »Aber! Dann käme die Gewissenspein dazu. Seht, ich habe nicht teilgenommen an – an Verbrechen, die – eine Herrin von mir verübte: ich habe sie nur – allmählich – entdeckt; bin aber leider doch noch lang im Dienst dieser Herrin geblieben, weil – ich ihr Dank schuldete und, ach, auch wohl, weil es meinem Knaben gut erging bei ihr. Und doch hat mich, nur deshalb, solche Gewissensangst ergriffen, daß ich jetzt zur Sühne, freiwillig, als Magd der frommen Schwestern dieses Klosters, schwere gute Werke auf mich nehme. – Nun denkt, wenn Ihr Euch schuldig fühltet! Wenn Ihr Euer großes Elend auch noch verdient hättet! Was dann?« »Dann hätt' ich Reueschmerzen. Aber ich hätte doch noch einen Gott.« – »Was redet Ihr da! Ihr seid wohl irrsinnig?« – »O nein. Ich denke klar. Es ist kein Gott.« »Entsetzliches Wort!« rief Rulla, sich bekreuzend. »Der Himmel ist leer. Eine Welt, in der Drakolen schuldlos solche Qualen leidet, Fredigundis – verflucht sei ihr Name, solang ihn Menschen nennen!« – er schlug heftig mit der Krücke auf die Steinstufe – »straflos waltet, all' ihre Feinde sieghaft überwindet, – in einer solchen Welt ist kein Gott. Er wäre ja ein Teufel.« – »Bei allen Heiligen – schweigt! Sonst verlaß ich Euch! Horch, hört Ihr den frommen Gesang? Das Gebet der vielen Hunderte?« »Ha, ha,« lachte der Blinde laut. »Gebet! Weder Bitte noch Fluch eines Menschen drang jemals durch die Wolken.« »Schweigt doch!« mahnte sie. »Sie sind schon nahe. Sie schlagen Euch tot, hören sie die Lästerung. Kommt hierher! Noch mehr aus dem Wege.« In diesem Augenblick sprang ein Mann die Stufen hinauf. Er war nicht von der Brücke her gekommen, über welche jetzt die Betenden sich drängten, sondern von einer Seitengasse her. Rulla erkannte ihn und sie sah seinen Blick: – sie erschrak. »Der? In die Kirche?« sagte sie, leise schaudernd. Der Mann schob die Vorhänge zur Seite, die das Thor der Basilika verkleideten, und trat rasch in das Innere. Sofort eilte er durch den mittleren Gang auf den Hauptaltar zu. Sein Schritt widerhallte in dem weiten leeren Raum, Der Beter hatte ihn gleichwohl nicht gehört. Der Mann stand nun dicht hinter ihm. »Steh auf,« sprach er, »Bischof! Mich schickt die Königin Fredigundis.« Hocherfreut erhob sich der Beter. »Dank euch, ihr Heiligen, ihr habt mein Flehen erhört, ihr Herz erweicht! Sie bereut! – Was schickt mir Fredigundis?« flüsterte er. »Diesen Kuß,« schrie der Mann und stieß ihm den Dolch in die Kehle. Der Getroffene seufzte tief, fiel auf den Rücken und starb. »Mord! Mord! Der Bischof am Altar ermordet!« So scholl ein gellender Schrei. Rulla, von seltsamem Grauen ergriffen, war Bladast gefolgt; sie hatte ihm durch den Vorhang nachgeblickt. »Mord? Was? Mord? Ein Bischof? Ach, hier vor dem Altar? Haltet den Mörder!« So klang es draußen auf den Stufen, wo der Bittgang nun angelangt war. Entsetzt war Rulla die Stufen hinabgesprungen. Bladast folgte ihr auf der Ferse. »Mord!« schrie er. »Greift das Weib!« Er sprang mit einem Satz über alle Stufen und wäre sicher in dem wilden Gewühl der Hunderte entkommen. Aber er stolperte – die lange Stelzkrücke des Blinden war ihm auf der untersten Stufe zwischen die Beine gekommen: – er fiel vornüber. »Haltet ihn!« rief Rulla. »Er ist der Mörder. Es ist Bladast – seht: da entfiel ihm das blutige Messer!« Einstweilen strömten bereits die Priester und Mönche aus der Basilika wieder zurück, die durch die Thür eingedrungen waren. – »Bischof Prätextatus von Rouen!« – »Am Altar ermordet! Hier ist der Mörder!« – »Bringt ihn zur Königin!« – »Nein! Es ist Bladast, ihr Günstling! Sie läßt ihn entkommen.« »Zerreißt ihn!« rief eine einzelne Stimme. Und buchstäblich – und in furchtbarer Geschwindigkeit – war das geschehen. Die Messer in den Fäusten der Männer, die Nägel der wütenden Weiber hatten den Schreienden in kürzester Zeit in eine blutige formlose Masse verwandelt: – der Ferge der Seinefähre schlug seine lange Schiebstange mit der harpunengleichen Eisenspitze in den Rumpf und schleifte ihn in den Strom. Platschend fiel er von dem erhöhten Damm hinein: – hochauf spritzten die schmutzigen Fluten. Die Menge strömte in die leere Kirche, an der Leiche des Bischofs zu beten. Es war ganz still wieder auf dem Platz vor der Basilika. Drakolen war allein; auch Rulla war in die Kirche geeilt; sie hatte dem Blinden, der das meiste erraten, den entsetzlichen Tod des Mörders kurz berichtet. »Rulla!« sagte er jetzt: »Wo bist du? – Bist du nicht mehr da?« – Dann schüttelte er den weißhaarigen Kopf. »Es ändert nichts. Es ist doch kein Gott.« Fünftes Kapitel. Kein Mensch in Paris zweifelte daran, in wessen Auftrag Bladast, das berüchtigte und gefürchtete Werkzeug der Königin, gehandelt habe. Von der Stätte des Mordes hinweg hatte sich der Strom der zornigen Menge gegen das königliche Haus und die Bischofskirche gewälzt. Verwünschungen, Flüche, Drohungen waren durch die dicken Mauern bis zu den Ohren Fredigundens gedrungen; ihre gemieteten Lanzenträger hatten mit vorgestreckten Speeren die Andrängenden abwehren müssen; sie hatte bei dem ersten Lärm das Asyl der Bischofskirche aufgesucht. Und als die Nachricht von der neuen Unthat, die, nach der Urteilsweise der Zeit, alle früheren zu überragen schien, nach Orléans und nach Metz gelangte, da erklärten übereinstimmend König Guntchramn und die Regentschaft zu Metz: das Maß sei voll. Mit den Waffen in der Hand würden sie Fredigundis für diesen und für andre Frevel zur Rechenschaft ziehen, Paris besetzen, die Königin daselbst umschließen, und den Papst und ein allgemeines Konzil der gallischen Bischöfe befragen, ob das Asyl, das zur Anstiftung so vieler Verbrechen mißbraucht worden, sie noch schütze. Am gleichen Tage traf diese Kriegserklärung von Orléans und von Metz her bei Fredigundis ein. Und Fredigundis erschrak und verzagte. Krieg, Waffen, tapfre Männer, ein gezücktes Schwert: – all' das gegen sie gerichtet, das konnte sie nicht ertragen, nicht denken in ihren Gedanken. Sie war schon lange so einsam. Aber jetzt, nach dem Eintreffen dieser gepanzerten Botschaften, fühlte sie sich mehr denn je so schutzlos, – so verwitwet .... Das war es! Verwitwet! Zwar war ihre Lage keineswegs so übel. Ihr Günstling, Herzog Boso, galt für den besten Feldherrn der Zeit, zumal denen Guntchramns weit überlegen; aber auch mit den austrasischen Führern hatte er sich früher wiederholt erfolgreich gemessen. Er übernahm sofort den Befehl über die neustrischen Streitkräfte, die er eilig aufbot; und er versicherte seiner schönen Königin, er werde die Feinde einzeln schlagen: zuerst die weichlichen Burgunden, dann die schwerfälligen Austrasier, und mit Glück und Sieg zu ihr heimkehren nach Paris. Mit starker Macht eilte er gen Nordosten, – die Marne aufwärts, den Burgunden entgegen, die bereits bis in den Gau von Soissons vorgedrungen sein sollten. Aber Fredigundis zagte. Ihre Lanzenträger hatte sie dem Herzog nicht mitgegeben. Sie schien dem Asyl allein nicht mehr trauen zu wollen; auch stieß sie, wagte sie sich einmal auf die Straße, auf so finster drohende Mienen bei den Bürgern von Paris, ja auch wohl auf leise Verwünschungen der hastig an ihr Vorübereilenden, daß sie ihre Sänfte stets von einem starrenden Rechen von Lanzen begleiten ließ; zu Pferde war sie nicht mehr gestiegen seit Chilperichs Todestag! sie konnte sich seitdem nicht mehr im Sattel halten vor Schwindel und Herzklopfen. Die aus Furcht und Abscheu gemischte Stimmung gegen die Königin ward den Einwohnern nicht gebessert durch die Aussicht auf eine Belagerung durch die verbündeten Burgunden und Austrasier. Als man der Fürstin von der gärenden Erbitterung des Volkes meldete, hatte sie zuerst wieder ihre Pfeilschützen unter die sich auf den Hauptplätzen sammelnden Haufen schießen lassen wollen. Aber sie besann sich, wie Chilperich das weiland scharf mißbilligt, vielmehr in solchen Fällen versucht hatte, durch öffentliche Spiele die Laien, auch wohl durch fromme Stiftungen die Geistlichen der Städte zu gewinnen, umzustimmen. Seinem Beispiel folgend ließ sie bei Trompetenschall in den Straßen verkünden, bei dem Eintreffen der ersten Siegesnachricht werde sie auf dem Campus Martins ein großes Wettrennen und Kampfspiele veranstalten und alle Bürger von Paris in diesem »Cirkus« mit Fleisch und Wein bewirten; auch gelobte sie, für den ersten Sieg der heiligen Jungfrau der Siegverleiherin eine Kapelle auf der kleineren Seineinsel zu bauen, deren Grundstein am Tage des Eintreffens der Siegesnachricht feierlich gelegt werden sollte. Sie fragte Winnoch, wie diese Zusagen gewirkt hätten unter den Parisern. »Einstweilen,« meinte er achselzuckend, »noch nicht gar viel. Aber siegst du wirklich: – dann gieb acht, wie sie dir zujubeln werden im Cirkus und bei der Kapelle.« Nachdem Herzog Boso und dessen kriegerische Scharen die Stadt verlassen, fühlte sie sich noch viel mehr vereinsamt – »verödet, so recht verwitwet,« sagte sie. Bischof Ragnemod, ihr Freund, hatte sich nach der ersten Unterredung mit dem ermordeten Prätextatus in ein Bußgemach zurückgezogen und ließ nur seinen Beichtiger zu sich. So ging sie allein durch die weiten, leeren, schweigenden Räume des Königshauses, des Bischofshauses, der Kirche. Unter ihren Dienerinnen war keine, der sie vertraute, der sie sich mitteilte; doch mußte sie stets einen Menschen wenigstens in Sehweite haben. Ihr kleiner Knabe ermüdete sie; sie trug ihn lang, stundenlang, mit sich umher, ohne ihn anzulächeln, anzusprechen. So hatte sie auch an dem Abend des Tages, da die Krieger die Stadt verlassen hatten, gethan. Erschöpft legte sie das weinende Kind auf sein Pfühl: »Armer Wurm,« sagte sie, »wonach verlangst du? Ah, du weinst nach deinem – Vater. Hast recht, Kind; wir sind so allein; mich fröstelt. – – Man rufe Winnoch,« gebot sie einer Magd; »ich muß laut denken können,« sagte sie, auf das Ruhebett sinkend und müde das Haupt auf die weiße, kleine Hand stützend. »Ich halt' es nicht mehr aus, allein. Es ist zuviel. Oder doch: zu schwer. Immer Orléans und Metz! Und Krieg! Ich versteh' davon nichts! Ich fürchte es! Und alles Boso überlassen? Wer weiß, ob er mich nicht verrät? Du warst freilich kein Held, Chilperich. Oft hab' ich dich darum verspottet und des – andern heimlich im Herzen gedacht; des einzigen, der mir – einmal, nur einmal sah ich ihn! – das Blut heiß in die Wangen schießen ließ. War er schön, dieser blonde Heldenjüngling! Wie schade, daß ich ihn umbringen mußte: – den Einzigen, den ich so gerne geküßt hätte! Und ihm durfte die Gotin einen Sohn gebären! Wie, wenn ich ihn – Sigibert – auferweckte von den Toten und ... – ach, ja so! Er war ja auch mein Bruder! – Die Gotin würde er küssen und mich zertreten –! Chilperich! – Du wußtest doch, was Krieg ist. – Und auch sonst! Wie oft hab' ich im Herzen mich heimlich berühmt, ich sei klüger, kühner als du. War es auch: – solange du neben mir standest, – solange du ausführtest, was ich dachte. Aber jetzt! Ach ich bin so allein! – Und immer seh' ich, wenn ich so allein bin, den blonden Knaben erhobenen Fingers mit dem Zorne Gottes mich bedräuen. – Ich trag' es nicht mehr. – Ich muß dich wieder haben, Chilperich. Den Fluch, den du in Umnachtung des Todes gegen mich geschleudert, den mußt du zurück, mußt ihn mir von der Seele nehmen. Ich muß dich wieder haben, muß es sein, durch eine neue große Sünde. – Ah, da bist du, Winnoch.« »Was befiehlst du, Königin?« fragte dieser finster. »Deine Befehle bringen Unheil ihren Vollstreckern.« – »Was siehst du so verdrossen, elender Knecht, wenn deine Herrin dich entbietet?« – »Wo war' ich, hätt' ich, wie Bladast, deinen letzten Befehl erfüllt?« Sie lachte. »Geschah ihm recht, dem Frechen. – Ich ward der Lohnzahlung ledig! – Aber höre nun. Beantworte meine Fragen.« – »Sind es abermals dieselben? Zum hundertsten Mal? Es macht die öde Wiederholung meinen Kopf, meine Gedanken so krank wie ... –« »Die meinigen, willst du sagen? O ja, mag wohl sein, daß die Gedanken da links in meiner Stirn nicht gesund sind, seit – seit ich auf diese Schläfe fiel. Es schmerzt oft so – ganz tief im Gehirn.« Sie rieb die Schläfe und neigte das Haupt langsam von rückwärts nach vorn. »Aber die andern – die Gedanken rechts sind frisch.« – »Das ist thöricht, Königin!« – »Gieb acht und antwort. Also: nicht wahr, es ist ein Gott?« Gelangweilt erwiderte er: »Ja! Tausendmal ....!« – »Schweig! Es muß ein Gott sein, weil es erstens die Kirche lehrt – weiter: – wie geht es weiter?« »Und zweitens die Natur« – sagte er gähnend auf. »Woher wäre sonst die Welt? Und drittens –« »Nun drittens!« – »Du weißt es ja selbst, – wie's im Buche steht.« – »Aber du sollst es sagen  –« »Und drittens – das Gewissen!« flüsterte er scheu. »Siehst du?« lachte sie seltsam. »Du magst dies stechende Wort auch nicht gern aussprechen! ›Und weil Gott ist, ist auch‹ – weiter!« – »Die Seele unsterblich, weil Gott die unsterbliche Seele geschaffen hat.« – »Und sie lebt nach dem Tode –« – »In ewiger Qual oder ewiger Seligkeit.« – »Und die Hölle kann man abkaufen ...« – »Durch gute Werke.« »Und jede Sünde, ausgenommen die wider den heiligen Geist. Bis dahin,« fragte die Königin müde, »war es das Alte. Aber nun gieb acht! – Ist Zauber, ist die Anrufung der Dämonen die Sünde gegen den heiligen Geist?« – »Nein.« – »Weißt du's gewiß?« – »Ja.« »Gut. Ich weiß es auch. Schon lange. Aber ich wollte es bestätigt hören: – du bist ja Priester –! Denn ich fürchte mich ein wenig.« Sie fröstelte. »Was willst du thun?« Sie beugte sich dicht an sein Ohr und flüsterte: »König Chilperich aufwecken von den Toten.« Winnoch sprang auf, sie faßte ihn am Arm und zog ihn zurück. »Bleib. Es muß sein. Ich halt' es nicht aus ohne ihn. Den Heiligen, der es kann, den – hab' ich verlegt, verschoben, ausgestrichen, vergessen. Der Christus, der mir das zu thun versprach, der war, wie sich ergab, ein Narr. Mit Pfeilen haben sie ihn erschossen, wie einen Vogel. Der Heilige, der es mir versprochen, war vollends ein Betrüger. Aber ich habe nun, für sehr viel Gold, von einer alten Pythonissa ... –« »Von der Hexe von Paris?« rief Winnoch erschrocken. »So heißt sie. Ein bergalt Weib, halb verrückt; aber sehr kräuterkundig. Sie hat mir schon früher einen Berauschungstrank gebraut – und dann ein Gift, vortrefflich! – Ha, wie geschwind –« sie lachte laut, »fiel doch jener plumpe Frankenriese vom Gaul! – Und ein Gegengift, ich nehm's nach jeder Mahlzeit –! Die haben sich alle meisterlich bewährt. Wohlan, die hat mir einen Leichenzwang verkauft: – Kräuter, Dämpfe und – mit Anrufung der Dämonen, weiß nicht, welcher Völker. Hilft, hilft gewiß! Wie Rauschkraut half und Gift und Gegengift! Ist sehr schwere Sünde – aber die kauf' ich ab. Ich habe noch Schätze liegen, geheime – in der ...«: plötzlich hielt sie inne. – »Nein! Ich sag's dir nicht, wo. Chilperich meinte, jeder Mensch hat seinen Preis. Du könntest mich auch verraten. – Glaubst du wohl, daß Boso mich verrät? – Also – heut' um Mitternacht weck' ich den toten Chilperich, meinen Bruder –« – »Du redest irre, Königin.« Sie lachte schrill: »Hi, hi! Sind wir nicht alle Brüder und Schwestern in dem Herrn? Schlechter Christ, ungelehrter Priester! War nicht Eva von demselben Fleisch wie Adam? Seine Schwester! Und Gott selber gab sie ihm zum Weibe. Also, wo liegt da die Sünde?« – »Königin, ich verstehe dich nicht.« – »Das will ich hoffen! Also: ich wecke Chilperich wieder auf: ich brauch' ihn, brauch' ihn, brauch' ihn!« Sie schrie jetzt. – »Nicht, wie du meinst. – Du Knecht deines Blutes. Nicht das Eheweib begehrt des Mannes: sein Kind braucht den Vater! Und ich brauche den Schützer, den klugen, kühlen Kopf –: denn mein Kopf – ach er schmerzt mich oft! Jetzt gerade wieder! – gar so sehr. Und das Herz, das drückt oft noch ärger. – Horch auf: – du holst mich kurz vor Mitternacht hier ab .. – ich mag nicht allein ... –« »Nein!« rief Winnoch aufspringend. »Den Leichenzwang mach' ich nicht mit: – ich will nicht mit ansehen, wie Herr Chilperich aus dem blutigen Bahrtuch steigt!« »Thor! Das sollst du nicht. Nur bis an die Basilika sollst du mich begleiten. Ich fürchte mich nicht vor dem toten Gemahl, nur vor den Lebendigen auf der Straße. Ich steige allein hinab in die Krypta zu – ihm. – Allein muß ich's vollbringen.« Sechstes Kapitel. Schwül brütete die Augustnacht über Paris. Nur wenig hatte die drückende Hitze abgenommen seit Sonnenuntergang. Es war Vollmond. Der Fluß, die flachen Dächer der alten, oft bis in die Römerzeit zurückreichenden Häuser glänzten in geisterhaftem Licht, während die sehr engen, winkeligen Gassen, von hohen Mauern und Türmen überragt, in tiefschwarzem Schatten lagen. Kurz vor Mitternacht ward durch die Straßen eine geschlossene Sänfte geführt; neben den vier Knechten, die sie an langen, über die Schultern gelegten Stangen trugen, schritten vier Lanzenträger; Winnoch folgte. Weite Wege gab es noch nicht in dem Paris von damals: von Fredigundens Wohnung, dem neuen Palast Chlodovechs, den sich dieser, den alten römischen Palast der Thermen verlassend, im Herzen der Stadt, neben der Peter- und Paulskirche, nahe der größeren Seineinsel, auf dem linken, dem südlichen Ufer des Stromes erbaut hatte, war in einer Viertelstunde weiter stromabwärts die Basilika des heiligen Vincentius leicht zu erreichen. Aber die Königin hatte doch die geschlossene Sänfte befohlen; sie fürchtete den Groll des Volkes und mehr noch den Schwindel und das Herzpochen, die sie beim Gehen leicht befielen. Als der kleine Zug vor der Basilika angelangt war, – schwarzes Dunkel warf der hohe Römerturm daneben auf ihre Stufen – wurde das Thor leise geöffnet. – Der nächtliche Besuch war vorher angesagt worden: ein paar Priester traten hervor, mattleuchtende kleine Lampen in den Händen; schweigend, mit verstörten Mienen begrüßten sie, tief sich neigend, die Königin, die ihren weiten dunkelroten Mantel über ein mächtiges Gefäß geschlagen hatte, das sie nicht aus der Hand ließ; mühsam, schwer atmend stieg sie die Stufen hinan; auf der vierten machte sie Halt und stützte sich auf Winnoch, die Linke auf die Brust pressend. »Wie dein Herz schlägt, Königin!« warnte der. »Du solltest nicht so Grauenvolles wagen.« »Schweig,« befahl sie, sich aufrichtend und die übrigen Stufen hinansteigend. »Du folgst mir – du allein – bis an die Pforte der Krypta. Dort wartest du – bis wir ... bis ich daraus hervortreten werde. Ist die Pforte der Grufthalle von Innen schließbar?« fragte sie die Priester. »Ja, o Herrin!« – »Desto besser. Ich werde von innen schließen. Und keiner wag's, so wahr ihm sein Leben lieb,– ihr mögt hören, was es sei, es mag dauern, solang es wolle – keiner wage, einzudringen, bis ich selbst die Thür erschließe. Er wäre verloren!« Und zu Winnoch sagte sie leise: »Nicht ich selber könnte dich retten vor der Wut der belauschten Dämonen. Vorwärts! Leuchtet!« gebot sie. Die Knechte und die Lanzenträger setzten sich auf die unterste Stufe der Basilika. Sie aber durcheilte nun raschen Schrittes das Mittelschiff der Kirche, bog um den Hauptaltar in der Absis und setzte den Fuß auf die erste der Staffeln, die hinter dem Altar in die Krypta hinunterführten. Sie zögerte, sie erschauerte leis: in dem Steinbau, innerhalb der dicken Mauern, war es sehr erheblich kühler als in der Sänfte und vor der Kirche; sie fror, es schüttelte sie. Der Diakon bemerkte es: »O Herrin,« sprach er zaghaft, »verstatte deinem Knecht ein warnend Wort. Dich schaudert ...« »Nein! Es ist die Kälte,« sagte sie und zog den roten Mantel dichter an sich. – »Ich muß dir doch sagen: es ist nicht geheuer da unten.« »Wird bald noch weniger geheuer werden,« murmelte sie. – »Von je her galt die Krypta als von Dämonen heimgesucht. Man vernahm gar oft von unten her geheimnisvolle Geräusche. Aber niemals so häufig, als in den letzten drei Tagen.« – »So? Das ist mir lieb zu hören. Sehr lieb.« – »O spotte nicht! Es kracht und stöhnt und ächzt da unten. Es ist, als ob einer der dort Bestatteten mit aller Gewalt den furchtbar schweren Erzdeckel seines Sarkophages heben, sprengen wolle.« »O,« atmete sie tief auf. »Die vorbereitenden Zaubersprüche wirkten,« flüsterte sie Winnoch zu. »Seit drei Tagen, nicht?« – »Ja, seit drei Tagen: bevor wir – heute erst – auf Euren Befehl den Sargdeckel Herrn Chilperichs gehoben.« »Es trifft zu. – Geduld, mein Chilperich: – ich komme, dich zu holen. – Ihr wißt,« sprach sie laut, »ich muß am offenen Sarge meines Gatten beten: – ein Gelübde. – Ei ist hier alles schwarz und finster! Als ging es in die Unterwelt. Hinab! Leuchte voran!« Über viele, viele Stufen ging es hinab; Wasser troff aus den roh behauenen Steinwänden an beiden Seiten. Endlich war die letzte Staffel erreicht; eine starke Thüre, mit ehernen Platten bekleidet, schloß die Krypta. Der Priester sperrte auf: – kalte Kellerluft schlug entgegen aus dem nachtschwarzen Gruftgewölbe. Entschlossen schritt Fredigundis über die Schwelle: geduckt, mit Grauen, sah ihr Winnoch nach. – Sie setzte das schwere Gefäß, das sie allein getragen hatte, jenseit der Schwelle nieder. – »Gieb mir die Ampel – nein, jene offene –! Und nun wartet: – draußen!« Der Priester stellte die offene, schalenförmige Ampel auf den Estrich, dicht hinter der Schwelle nieder: – »Hier ist der Riegel, der Innenriegel!« fügte er bei und trat zurück. Fredigundis schlug die Thüre ins Schloß – sie sah noch Winnoch warnend den Finger erheben – und schob den mächtigen Eisenriegel vor: sie war allein in der Unterwelt bei den Toten. Siebentes Kapitel. Tiefe, dunkle Nacht, wohin sie blickte in dem sehr großen Raum. Die Ampel zu ihren Füßen erhellte nur die nächste Umgebung mit ganz mattem Scheine. »Wenn das Licht erlöschte!« Es war ihr erster, erschreckender Gedanke. – »Bah, ich finde mich leicht zu der Thüre zurück!« Sie hob nun mit der Linken die Ampel von dem Estrich auf; mit der Rechten ergriff sie das schwere Gefäß, das sie niedergestellt hatte, und ganz langsam, Schritt vor Schritt setzend, ging sie vorwärts, mit der Ampel vor sich hinleuchtend. Nur einmal war sie bisher in dem Grabgewölbe der Merowingen gewesen: als Chilperichs Leiche hier in dem alten Römersarkophag war beigesetzt worden. Seither hatte sie eine seltsame Scheu fern gehalten von dem Grabe des Gatten, der – ihr Bruder war. Allein nun zwang die Not, die innere Not des Herzens. Sie erinnerte sich: der Sarkophag Chilperichs war der letzte in einer ganzen Reihe von solchen Steinsärgen – am weitesten rechts. Sie durchschritt zuerst geradeaus den Gang des Mittelgewölbes, wandte sich dann nach rechts und hielt vor dem letzten Sarkophag. – Es war ganz richtig. Der Deckel dieses Sarges – eine wuchtige, hoch' gewölbte, ausgemeißelte Marmorplatte mit ehernem Randbeschlag und langem, spitzem Zahndorn, der genau in eine Öffnung des Randes der steinernen Sarkophagtruhe paßte, war – auf ihren Befehl – heute in die Höhe gehoben worden. Eine dünne Eisenstange war zwischen der Truhe – an deren Fußende – und dem Deckel eingespreizt, diesen emporzuhalten. Ein dunkelfarbiges Bahrtuch war über die Leiche des Königs gespreitet, die nach Entfernung der Eingeweide, gemäß der aus Byzanz und Ägypten herübergenommenen, bei Königen und Heiligen ganz regelmäßig angewandten Sitte der Zeit, kunstvoll einbalsamiert und vor Verwesung geschützt war. Sie stellte das Gefäß nieder und leuchtete mit der offenen Ampel umher, das Gruftgewölbe musternd, das sie umgab. Es fiel ihr auf, daß der Qualm der Ampel stark nach links abdampfte: – Zugluft drang rechts von der Mauer her, die hoch über Menschenhöhe eine Lücke haben mußte; aber alsbald kehrte der Qualm zurück: auch auf der linken Seite drang ein Luftzug ein durch das Gemäuer. Nachdem sie die Inschrift auf Chilperichs Sarg – sie selber hatte sie verfaßt und die Lobesworte nicht gespart – gelesen, schritt sie weiter nach links, suchend mit der Ampel. Nach einigem Suchen fand sie, was ihr im Sinne schwebte. Sie machte Halt und las: ›Hier ruhen die irdischen Reste des ruhmvollen Mannes, Herrn Chlothachars, des Königs der Franken, der zuerst seit König Chlodovech wieder alle drei Reiche der Franken: Austrasien, Neustrien und Burgund, unter seinem Scepter vereinen durfte. Das gewährte ihm Gott zum Lohne seiner Tugenden: Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Keuschheit.‹ Sie las es, langsam, bei jedem Wort verweilend, mit der Ampel den einzelnen schwarzen Buchstaben in dem grauen Gesteine folgend. Als sie zu Ende war, lachte sie. Aber sie erschrak: denn von allen Seiten, – und viel lauter, dünkte ihr, – scholl ihr Lachen wieder in der Wölbung. »Herr Chlothachar – mein Vater!« – sagte sie bitter – »wenn ich dich nun aufweckte, mit all' deinen Tugenden? Und wenn dich deine Tochter fragte: warum hast du meine Mutter verlassen – nach einem Tag –? Warum bist du nie auf deinen Hof an der Wutach gekommen, wo du sie geborgen hattest: – doch nur, um sie wieder aufzusuchen? Hast sie vergessen, wie das Eichhorn die süße Nuß, die es sich versteckt hat im hohlen Baum, sie später wiederzuholen? Hast dein Kind nie aufgesucht? Weshalb hast du nicht auch mich anerkannt als dein Blut, wie so viele andere, und mich gemäß meinem, – gemäß deinem Blut – erzogen wie andere und vermählt irgend einem stolzen Herzog? Dann wäre vieles nicht geschehen. Zwei deiner Söhne – meine Brüder! – lebten noch! Und ich hätte mich nicht mit Gewalt eindrängen müssen in den Glanz, der mir gebührt von Geburt. – Denn nicht wir, nicht ich und mein Chilperich, tragen Schuld, daß die Schwester des Bruders Gattin ward. Du bist der Schuldige! – Schlafe fort, du tugendreicher König! Aber schilt nicht, wenn ich mir den Gatten erwecke.« Und sie kehrte zurück an Chilperichs Sarkophag. Sie nahm nun aus dem großen Erzgefäß allerlei seltsame Dinge heraus: ein rundes Kohlenbecken, auf einem ehernen Dreifuß ruhend, eine Pergamentrolle und mehrere Säcke, teils von grober Leinwand, teils von ungegerbtem Leder, ein paar schmale, winzige Krüge, auch ein Päcklein Werg und Zunder. Und nun begann sie ein geschäftig Werk. Den langfaltigen Mantel, der sie in der Bewegung der Arme hinderte, warf sie ab. – Vor allem entzündete sie einen Streifen Werg an ihrer offenen Ampel und setzte damit kleine Holzspäne und Kohlen in Glut, die sie aus dem größten Sacke genommen und in das runde Becken, hoch aufgehäuft, geschichtet hatte. Sofort stieg ein eigenartig und stark duftender Rauch empor, der sich gelblich braun über dem Becken hinwegzog vor dem Luftzug aus der Mauerlücke zur Rechten. Nun streifte sie beide Schuhe ab und trat, mit leisem Frösteln, nacktfüßig auf den kalten Estrich; sie löste das dunkelblaue Band, das ihre Haare auf dem Wirbel zusammenhielt, und ließ sie über die weißen Schultern rieseln. »Ob ich ihn vorher schon aufdecke? – Nein!« sagte sie schaudernd. Und nun, in feierlichem Taktschritt den Sarkophag umwandelnd, las sie aus der Pergamentrolle Wörter ab, die sie meist nicht verstand. Sobald sie aber wieder an dem Kohlenbecken, das an dem Fußende des Toten stand, angelangt war, warf sie, in bestimmter Reihenfolge in die weit geöffneten Säcklein greifend, eine Handvoll des Inhalts auf die glimmenden Kohlen. Immer rascher ward dabei ihr Schritt : – und immer qualmender, immer stärker duftend zogen die gelben, braunen, schwarzen, roten Dämpfe von dem Becken aus über sie und über den Sarg hin, allmählich das ganze Gewölbe füllend. – Manchmal prasselte auch nach solchem neuen Einwurf das schwelende Feuer hoch lodernd auf, Funken sprühend, knisternd und knatternd. Und sie sprach dabei, ablesend aus der langen Rolle, bald aus diesem, bald aus jenem Säcklein oder Krüglein schöpfend, und geschäftig ausstreuend oder sprengend aus vollen Händen: »Erst Honig und Milch, dann Wein, Öl und Mehl: alles Lebenden Grundstoffe. Dann Walrat und Rostwurz! Dann Safran, Bisam und Moschus. Dann Thymian und des Maulwurfs getrocknetes Blut. Ein Kuckucksei und die Schnurren des Luchses. Nun rasch! Bilsenkraut, drei rechte Hände voll. Und der letzte Schweiß eines Mannes, der am Galgen verstarb. Und Schwefel, drei linke Hände voll. Und das Kraut Johannis des Täufers. Und eines Knaben mit auf die Welt geborne Glückshaube! Und Teufelsabbiß und Alraunwurzeln! Schierling und Mandragora! Und Nachtschatten und schwarzen Mohn! Sumpfeppich und Sumpfporst! Koriander und Eppichwurzeln! Und Bibergeil! Und Raute und Drachenpilz und Fliegenschwamm. Und schwarzer Mohn und Eppichsaft. Und nochmal eine Hand Schwefel und Bilsenkraut. Und ganz zuletzt: das nie genannte, das dreimal gebrannte, das nur dem Höllenwirt Bekannte, das hell auflodernde Mächtigste: – das blutrote Pulver des Leichenzwangs!« Endlich war der letzte Wurf aus dem letzten der Säcklein – bis auf Einen – geschehen: geleert lagen diese auf dem Estrich; schon lange war solcher Qualm aufgestiegen aus den bald hell auflohenden, bald gedämpften Kohlen, daß in allerlei phantastischen Streifen, Schleiern und rundgeballten Leibern dichte Wolken über dem Sarkophage schwebten, diesen wie die Beschwörerin verhüllend. Der Geruch, der strenge, war so betäubend, daß sie manchmal nur schwer Atem fand und, sich mit der Hand auf die offene Sargwand stemmend, tiefer, mit Anstrengung, Luft schöpfte. Nun hielt sie inne: – erschöpft, bleich, mit gewaltig klopfendem Herzen: – der Schweiß trat ihr auf die Stirn und doch fror sie: von den kalten Füßen stieg aus dem Marmorestrich die Kälte ihr bis ans Herz; sie raffte daher den weitfaltigen Mantel wieder auf, schlug ihn um die linke Schulter und schloß die Spange auf derselben. »Jetzt kommt's – jetzt kommt das Ärgste!« sagte sie. »Mir graut. – Doch es muß sein.« – Und sie begann nun mit lauter Stimme: – obwohl sie zuerst über den Wiederhall der eigenen Worte erschrak, fuhr sie doch so fort – ihre Stimme gab ihr bald Mut: – sie las ab: »Nun höret mich – ihr, die ich nicht kenne und doch verehre, nicht sehe, aber anwesend spüre« – da erschauerte sie – »in dieser Stunde der Nacht, in der Nähe der Toten, die ja nicht tot sind, sondern nur schlafen und oft ächzen« –: da schrie sie leise auf – aber es war nur ein zerspringendes Stück Räucherwerk auf dem Becken gewesen – höre mich: du der Dämonen nächtliche Herrin, Hekate mit den Schlangen im Haar! Höre mich, Hermes Trismegistos, du mit den Drachenflügeln! Höre mich, Teutates, dem der Druide die heilige Mistel schnitt mit goldener Hippe! Höre mich du, waltender Wotan, der du mit Leichenrunen neun tote Walas geweckt hast und gezwungen zur Rede. Ich hab' euch gerufen, ich hab' beschworen: – ich bete euch an – ihr gewaltgen Dämonen! Auf den Knieen bete ich euch an« – und sie warf sich auf die Knie und preßte das Antlitz auf den Boden. – Als sie sich aufgerichtet – es ward ihr schwer! – lag eine breite gelbweiße Qualmwolke über dem Sarkophag. – »Ich ruf' euch und zwing' euch! – Erweckt mir vom Tode – ihn, der da vor mir im Sarge nur schläft – ich ruf' ihn, ich zwing' ihn, ich will ihn lebendig, daß er spreche und wandle – ihn, – ihn: – Chilperich, den Sohn Chlothachars.« Nun faßte sie das letzte Säcklein und entleerte dessen ganzen Inhalt auf einmal in die Glut. – Laut prasselte diese, hoch schlug eine blaue Flamme empor. – Sie erlosch und dichter Dampf stieg auf, hoch, weit über Menschenhöhe: – »Ja, ich will – nein, nein, nein,« schrie sie Plötzlich – »ich kann es nicht! – Ob dann wohl das Blut wieder aus seiner Wunde auf mich spritzt? Doch! Ich will! Ich muß. – Komm! Wach auf! Ich rufe dich, Chilperich – mein Gemahl!« Und entschlossen riß sie, ganz dicht an den Sarkophag hinantretend, das dunkle Bahrtuch weg – da – wirklich! – sie sah's mit Grausen und Entsetzen, da stieg vor ihr gelbbrauner Dampf empor und in dem Qualm ballte sich's zu einer Gestalt: – das Kopfende der Leiche schien sich langsam zu heben. »Ah!« schrie sie. »Er kommt! Wirklich!« Sie fuhr zurück mit gellendem, gellendem Schrei, stürzte nieder auf ihr Antlitz, ganz hart neben dem Sarkophag, mit dem linken Ellbogen stieß sie dabei die Eisenstange aus dem Sarg: – – und furchtbar dröhnend schmetterte der centnerschwere Deckel hinab. – Der gewaltige Krach schreckte sie auf. Sie wollte aufspringen. – Weh! sie konnte nicht! Der spitze Zahndorn des Deckels war zwischen ihren Haaren und durch ihren Mantel hindurch, einen Teil ihrer Haare einklemmend in den Sarg, zugeschlagen: sie konnte nicht auf. »Der Tote hält mich fest!« – So schrie sie. Und sank wieder auf den Estrich, diesmal ohnmächtig. – Die Sinne waren ihr vergangen. – – – Lang, lange lag sie so. Zuerst, bald, erloschen die Kohlen – einen letzten, dumpf betäubenden Qualm aushauchend. – Dann losch auch die Ampel. Nun war alles dunkle Nacht. – – – Lange hatten Winnoch – wohl vernahm er das Krachen des lauten Schlages und ihren Schrei – und die von seiner Angst herbeigerufenen Priester nicht gewagt, trotz ihrer Besorgnis, zu rufen. Sie fürchteten die Königin. Endlich, als Stunden vergangen waren: – schon war die Nacht der Dämmerung gewichen, – befahl der Diakon, mit Brecheisen die Thür zu sprengen; sie eilten mit Grauen in das Gewölbe. An dem Sarg Chilperichs lag bewußtlos Fredigundis noch immer mit eingeklemmtem Haare: selbst die Erbrechung der Thüre hatte sie nicht geweckt: mit Stangen und Hebeln mußte der Sargdeckel gehoben werden. Nun trugen sie die Königin die Stufen empor, durch die Basilika; erst in der frischen Morgenluft draußen erwachte sie, die Augen groß aufreißend. – Aber sie schloß sie wieder: ihr Blick war auf ihr Haar gefallen, das über ihre Brust hing. »Das bin ich ja nicht« – sagte sie und schloß die Augen wieder. – »Ich bin es nicht. – Fredigundis, die hatte schön rotes Haar – dies Haar ist ja schneeweiß.« Und schneeweiß war es geworden in der Einen Nacht. Mit schweigendem Entsetzen wies es Winnoch, zitternd am ganzen Leibe, den Priestern. Schweigend trug man die wieder Bewußtlose in der Sänfte in den Palast zurück. Achtes Kapitel Eine Woche lang lag Fredigundis wie niedergeschmettert vom Blitzstrahl. Grauen und Schrecknis jener Nacht schienen ihre Kraft geknickt zu haben; sie öffnete nur selten die Augen, genoß wenig, sprach gar nicht. Aber am Morgen des achten Tages richtete sie sich auf und blickte erstaunt um sich. »Ich glaubte, ich sei gestorben,« sagte sie zu den Dienerinnen. »Nun leb' ich doch noch. Wie seltsam! Rüstet mir ein Bad. Und dann bringt mir vom besten Wein. Und bratet mir Fleisch. Gutes, saftiges Fleisch; mich hungert.« Rasch erholte sie sich: noch einmal richtete sich diese zähe Natur auf. Auch über die weiße Färbung ihres Haares, die sie anfangs sehr schmerzte, tröstete sie sich, als ihre Umgebung versicherte, es stehe ihr wunderschön. »Ja,« sagte sie, nach langer Prüfung den Silberspiegel Landerichs weglegend, »es ist wahr. Es ist sehr schön. – Ein wenig unheimlich –: so geisterhaft, die doch noch recht jugendlichen Wangen umrahmt von diesem schneeweißen Haar.« – Die Mägde wußten nicht, ob sie das zu ihnen oder zu sich selbst sprach: – sie unterschied das manchmal nicht mehr. »Ei,« lachte sie, leiser fortfahrend, »nun mag Prätextatus kommen und allen Richtern des Erdballs vorweisen jene rote Locke: sie hat nicht mehr die Farbe Fredigundens! Und die Rotkehlchen, – die mögen sich freuen! Die haben nun Friede von Fredigundis. – Ah so, Prätextatus ist – nicht mehr da. Auch Bladast ist –! Wo ist Winnoch? – Ich muß ihn etwas fragen über jene Nacht.« »Winnoch, o Frau Königin,« erwiderte eine der Dienerinnen, »hat Paris verlassen. Er läßt dir sagen, er bereue seine vielen Sünden. Das Wunder, das dein Haar gebleicht, habe ihn erschüttert; er kehre zurück, zerknirscht und reuig, in seinen Klausnerturm bei Villa amica.« »Villa amica!« wiederholte sie. »O dort? – Das ist lange her. – Wo ist Bischof Ragnemod? Ruft ihn her! Er spielt gut das Brettspiel und erzählt dabei so lustige Geschichten aus der Beichte. Ich will spielen und lachen.« – »Herr Ragnemod, Frau Königin, hat seine Bischofswürde niedergelegt: – auf Mahnung eines Briefs aus Rom, sagt man. Er trat in das Kloster, das Herr Columban aus Hibernia gestiftet hat im Ödwald des Wasgensteins.« – »So! – Es wird leer, einsam um mich her. Wo ist Herzog Boso? Horch, was ist das? Trompetenklang und freudiger Hörnerruf auf der Straße. Was mag das bedeuten?« Ein Thürwart trat ein und meldete: »Frohe Botschaft, Frau Königin, vom Krieg« – »Vom Krieg? Von welchem Krieg? Ach – jawohl! Den ganzen Krieg hatt' ich vergessen. Boso führt ihn – nicht Theudibert. – Theudibert ist auch schon lange – fort.« – »Du hast gesiegt, Frau Königin. Dein Herzog Boso hat die Burgunden überfallen in ihrem Lager bei Droisy, südlich von Soissons. Viel Tausende deiner Feinde sind gefallen.« »Das ist recht! Das ist fein!« rief sie lebhaft, vom Bett aufspringend: sie patschte die kleinen Hände zusammen, daß es laut erschallte. »Die noch übrig, sind zersprengt und nach Burgund zurückgeflohn.« »Das ist der Dank der Heiligen,« nickte sie vergnügt. »Viel hatte ich ihnen für den Sieg gelobt. Ah, man sieht, die alten Mittel helfen noch,« schloß sie beruhigt. »Deine gute Stadt Paris,« fuhr der Mann fort, »atmet hoch auf, befreit von der Furcht, belagert zu werden. Die Bürger wünschen dir Glück zu diesem Sieg. Sie bekränzten die Pforten des Palastes. – Hörst du sie draußen? Sie rufen dir zu! Sie wünschen dir Heil!« »Jawohl,« lachte sie höhnisch »und sie erinnern mich an die versprochene Speisung und die Spiele. Es soll geschehen! Geht, sendet mir den Kämmerer und den Kellerer und den Truchseß. Sie sollen das Fest rüsten: groß, königlich, ein echtes Siegesfest der Merowingen. – Und den Geistlichen sagt, heute noch – ich hab's gelobt! – heute nach Mittag lege ich den Grundstein zu dem Bethaus unserer lieben Frau vom Siege.« – – Und so geschah's. In den vorher schon aufgeschlagenen Schranken des »Cirkus« auf dem Campus Martius vor dem Thore der Stadt, einer weiten Wiese, wurden nach wenigen Stunden die lange vorbereiteten Wettrennen und Kampfspiele abgehalten; außerhalb der Schranken auf einigen Hunderten von hölzernen Gestellen und Schemeln, die unsern Schulbänken einigermaßen ähnlich, Tisch und Sitz vereinten, wurde Taufenden von Bürgern mit ihren Weibern und Kindern Wein und Bratfleisch gespendet. Und als die Königin, – sie ließ sich's von den Ärzten nicht verbieten – hoch zu Roß, auf prachtvollem Rappen, – Mähne und Schweif waren ihm von scharlachroten Bändern durchflochten, und zwei Stratores führten ihn an den purpurfarbenen Zügeln, – von der Grundsteinlegung zurückkehrend, durch das Marsfeld ritt, da begrüßte sie brausender Jubel. »Heil Fredigundis, Heil der Siegerin! Heil der Spenderin! Heil ihr und langes Leben!« Und sie ließ sich den Knaben reichen, der neben ihr in einem purpurbehangenen Wägelein von zwei kleinen weißen Pferdchen gezogen ward; sie hob ihn hoch empor und zeigte ihn den Tausenden: »Schau her,« rief sie, »du Volk der freien Franken, ihr lieben Bürger von Paris, schaut her, da seht ihr euren jungen König, der alten Merowingen echten Erben. Schwört ihm Treue. Er soll heranwachsen, euch zu schützen vor euren Feinden und euch reich zu beschenken.« »Heil König Chlothachar,« scholl es in die Lüfte. »Heil dem Sohne! Heil der Mutter! Heil Fredigundis!« Stolz, voll befriedigt, legte sie das Kind in den Wagen zurück, grüßte mehrmal anmutvoll und doch königlich und gebot, ihr Roß zu wenden. »Nach Hause! Nun in den Palast zurück.« Lange, lange hatte sie solche Wonne nicht gekostet. Höher hob sich ihr Haupt. Ihre Brust weitete sich, in ihren Zügen atmete sie Lebensfreude, Siegesglanz, Machtgenuß. »So schön hat sie noch nie ausgesehen,« riefen die Männer ihr nach. »Wie hoheitsvoll läßt ihr das weiße Haar!« »Vor Gram um ihren Gatten! Am Sarg desselben betend ward sie so verwandelt,« meinte ein Weib. – »Sie muß die Heiligen versöhnt haben für gar manche That. Wie hätten sonst die Heiligen ihr Sieg gewährt?« – »Wie dem sei, die Burgunden thun uns nichts zuleide, Dank Fredigunden.« – »Und ihr Wein ist gut.« – »Und reichlich ward er gespendet.« – »Darum: Heil Fredigundis.« Und ihrem stattlichen Aufzug von Geistlichen, Höflingen und Kriegern folgte vom Marsfeld an ein Haufe Volkes: – auf allen Straßen, durch welche sie ritt, schlossen sich Leute an und stimmten ein in den Ruf: »Heil, Heil Fredigundis!« Der Zug mußte an dem Kloster der heiligen Genoveva vorbei. Gern hätte die Königin, als sie die Richtung erkannte, einen andern Weg eingeschlagen; sie sagte das den Stratores. »Es geht nicht anders, hohe Frau,« erwiderten diese. »Die andern Gassen sind zu eng: schau nur, wie dein treues Volk von allen Seiten herandrängt. Auch auf dem Klosterplatz sogar – sieh nur hin! – staut sich der Zug. – Treibt sie auseinander.« »Nein, laßt sie nur. Es eilt ja nicht. – Es thut mir Wohl,« sagte langsam Fredigundis. Sie wiegte sich in dem Wohlgefühl lärmender Huldigung. So zürnte sie denn auch nicht, als ihr Zug vor den Stufen der Basilika völlig zum Halten kam. Es wollte den Vorreitern nicht gelingen, die dichtgedrängten Massen zu zerstreuen. Ihr edler Rappe scharrte ungeduldig den Grund, ihr langer Purpurmantel wallte, sie streichelte des Rosses Nacken, sich wiegend im golddurchwebten Sattel, auf dem sie seitlings, wie heute Damen reiten, saß. »Heil Fredigundis, der Siegerin!« scholl es nochmal laut. Da fiel ihr Blick auf einen Bettler, der barhaupt auf der untersten Stufe saß, dicht neben den Hufen ihres Rosses, das sich hüten mußte, ihn zu treten; denn der Alte schien der Hufe nicht zu achten. Sie sah erstaunt auf ihn herab und hörte, wie er langsam ganz laut vor sich hin sprach: »Da sieht man's wieder, unbestreitbar klar. – Es ist kein Gott.« Wie vom Blitz getroffen fuhr die stolze Reiterin zusammen, »Was,« – kreischte sie – »was sagst du da? – Wer bist du?« – »Ich heiße Drakolen. Wer aber bist du?« – »Und was hast du – gesagt, – zu denken gewagt?« – »Es ist kein Gott. – Könnte sonst Fredigundis siegen?« Da ließ die Königin mit gellendem Schrei die Mähne fahren, an welcher sie sich herabgebeugt gehalten: »Kein Gott?« schrie sie. »Und daher kein Leben nach dem Tode! – Vernichtung! – Ah!« Sie schrie aus Leibeskräften, und drückte, die Zügel fallen lassend, beide Hände auf das Herz. Hoch bäumte der Rappe. Und sie stürzte aus dem Sattel auf ihr Antlitz, auf die staubige Straße. Ihre Diener hoben die Bewußtlose auf. Sie legten sie in die Sänfte, die der Arzt für alle Fälle hatte mitführen lassen. Das Volk stob schreiend auseinander. »Das ist der Fluch der Heiligen!« – »Das ist der Finger Gottes!« – »Vor der Kirche, wo sie den Bischof morden ließ!« – »Vor dem blinden Herzog traf sie der Streich des Herrn!« – »Flieht – weicht von der Verdammten!« – »Flieht! – Fluch über Fredigundis!« – Mit gefällten Speeren brachen die Krieger Bahn: – Blut floß dabei: – Steine und Verwünschungen flogen der Sänfte nach. Neuntes Kapitel. In ihrem Schlafgemach auf dem Bette lag die Königin – sterbend. Der Arzt hatte es gesagt; es sei das Herz geborsten und keine Hilfe; vielleicht erwache sie noch einmal, aber nicht auf lange mehr. Mit diesem Wort zog er den kostbaren Goldkelch von ihren festgeschlossenen Lippen; er wollte ihn auf den Schanktisch stellen – er betrachtete ihn dabei: – das Gold funkelte im Licht der Abendsonne, die durch das offene Rundfenster brach. – »Er ist sehr wertvoll,« sagte er zu der nächsten Dienerin. »Weißt du was? Ich nehm' ihn. – Sie wollte mich Schuldlosen morden, als ihr Sohn Samson starb! Die Teufelin, sie ist des Todes. Ihr Erbe ist ein Kind. Wer weiß, wer all' die Schätze gewinnt? Es ist doch allen uns – den Franken, dem Volk – abgepreßt von der Tyrannin und ihrem bösen Gemahl! Wenn ihr klug seid, – so thut wie ich.« Er faßte noch eine Schale dazu, barg sie im Gewand und eilte hinaus. Und die Mägde, die Dienerinnen alle – thaten wie er. Sie nahmen von den Tischen, was an Kostbarkeiten umherlag, – sie rissen die Truhen auf, fuhren mit den Armen hinein und rafften hastig heraus, was sie fassen, was sie tragen konnten. Kein Auge sah mehr auf die Kranke. Und als sie das Schlafzimmer ausgeleert hatten, ließen sie hinaus und setzten die Plünderung fort im Vorsaal. Hier stießen sie auf die Diener, die Thürhüter, ihre Gesippen, ihre Freunde, ihre Buhlen; jubelnd folgten die Männer dem Beispiel der Mägde. Lärm, Lachen, Streit scholl aus den äußeren Räumen, aus den Gängen. Dann ward es still, ganz still in dem Königshaus: – es war leer geworden. Die Abendsonne sank und sank. Sie warf ihr Licht jetzt auf das niedere Pfühl, das nur zwei Schuh vom Estrich sich erhob. Der Strahl traf auf die Augen der Kranken. Der Lichtreiz weckte sie: sie schlug die Lider auf, wandte den Kopf und stöhnte. »Wasser! Wasser!« ächzte sie. »Ich verschmachte.« Nichts regte sich. »Niemand hier? Wo ist Chilperich?« Sie richtete sich mühsam auf den Ellbogen. »Wie war es doch? Nachdenken! – Ah,« schrie sie plötzlich, »so war es! Falsch, falsch ist alles! – Ist die ganze Rechnung meines Lebens! – Kein Gott! Keine Heiligen! – Natürlich! Wie konnte ich sonst siegen? Und aber auch – o schrecklich, schrecklich! keine Auferstehung! Winnoch, – wo bist du? – Falsch, falsch war dein Beweis, deine Folgerung Wahn. – Die Toten stehen nicht mehr auf! – Natürlich! Daher konnte auch Chilperich nicht auferstehen. – Vermodern, verfaulen! Gar nicht mehr sein! Ich! ich, Fredigundis, die ich doch so lieb habe, so lieb – ich soll nicht mehr sein! Und die andern sollen noch sein? Und diese falsche Sonne soll scheinen auf mein Grab, indes andere lachen, tanzen! Und ich nicht mehr? Oh lieber noch solange leben: in der Vorhölle, auch in der Hölle: – aber nur leben! Ewig – ewig sein! – Nur nicht ganz aufhören! – Ob ich diesmal wohl schon sterbe? Sterbe für immer? Nein, nein, ich will ...!« Sie wollte aufspringen: – aber ihre Kräfte versagten: – sie fiel aus dem niederen Bett auf den Estrich. Sie rief – rief laut, sie schrie um Hilfe, bis sie nicht mehr schreien konnte. »Oh, sie lassen mich allein! – Die Hunde! Alle, alle! – Allein! mit dem Tode ! Denn gewiß: – jetzt kommt der Tod, – der ewige Tod. Ich will nicht sterben! Ich kann nicht sterben!« Und sie fuhr mit beiden Händen in ihr weißes Haar und raufte es wild und riß lange Strähnen heraus und schlug um sich mit den Fäusten auf dem harten Marmorestrich. »Da ist er wohl! – Da schleicht er heran! – Leise, ganz leise. Hu, da ist er selbst, der ewige Tod.« »Nein, Fredigundis,« sprach eine sanfte Stimme und eine Gestalt kniete neben ihr nieder und richtete sie auf und legte ihren Kopf mit den gräßlich verzerrten Zügen zärtlich, pfleglich auf zwei weiche Kniee. »Wer – wer bist du?« Sie starrte mit offenen Augen auf die Frau. »Rulla bin ich, deine Magd, dein Gespiel von der Wutach her: – weißt du nicht mehr?« – »Wo – kommst du her?« – »Vom Kloster. Ich sah dich vom Pferde stürzen. Ich schlich deiner Sänfte nach bis an den Palast. – Bald strömten die Knechte und Mägde aus allen Thoren auf die Straße, Gold und Silber in den Händen. Ich erreichte... –« – »O Rulla – Dank! Sag's – ist ein Gott und ein unsterblich Leben –? Sag's« – schrie sie. »Rasch, sag's, sonst hör' ich's ja nicht mehr. – Sag's!« – »Ja, so wahr dort Gottes Sonne scheint in den Saal! –« Aber die Sterbende hatte es nicht mehr gehört: »Nacht!« schrie sie. »Nacht wird's ringsum! Nacht auf ewig. Oh! ... Die Qual! Die Angst! – Verzweiflung!« Sie schnellte noch einmal auf und sank zurück. Und sie war tot. Rulla schloß ihr die starren, Furcht und Entsetzen blickenden Augen und weinte, weinte bittere Thränen, die langsam auf der Leiche Antlitz troffen. Wenige Tage darauf stand Arnulf der Cancellarius vor Frau Brunichildis in dem Schreibgemach im Palatium zu Metz. »Es ist so, zweifle nicht mehr, Königin. Was anfangs als dumpfes Gerücht zu uns drang, – es wird durch dieses Schreiben aus Paris bekräftigt. – Deine Feindin ist nicht mehr. Sie starb, von allen verlassen, auf dem Schos einer armen Magd.« »So dank' ich dir, Gott, und deinen Heiligen! Die Schwester und der Gatte sind endlich gerächt!« sprach die Königin, beide Arme hoch erhebend. »Frohlocke nicht, o Brunichildis, über tote Feinde! – Aber horch, welcher Lärm im Vorfall! ? Das ist Pippins Stimme. – Wie kommt der Knabe aus dem Feldzug heim?« – »Da ist er wirklich.« Durch die Vorhänge herein sprang Pippin, die Sturmhaube auf den krausen Locken, den jungen Arnulf an der Hand nach sich zerrend. »Was bringst du, kleiner Held!« fragte Brunichildis. »Den Sieg, Frau Königin! Den Sieg! Mein Vater hat die Neustrier geschlagen vor Paris, ihr Herzog Boso fiel von seiner eigenen Hand. Die stolze Stadt that uns die Thore auf. Und ich – ich war auch dabei! Ich durfte ihm das zweite Roß nachführen. Ein Pfeil hat mir den Arm gestreift: es that nicht weh. Und deshalb, weil's nicht weh that, hat mich der Vater mit den andern Siegesboten zu dir geschickt, Frau Königin. Wir ritten Tag und Nacht.« »Heil meinem Marschalk Karl!« rief Brunichildis mit leuchtenden Augen. »Zum Majordomus von Austrasien mach ich ihn.« »Nun, was hast du indes getrieben, Nülfchen?« fragte Pippin. – »Ich lerne griechisch. Denn ich werde Priester, dir einstmals deine Sünden zu vergeben.« »O Gott der Heerscharen! Ich danke dir!« rief Brunichildis. »Ja, dankt ihm, edle Frau,« sprach der Cancellarius. »Doch denkt auch stets, daß das Glück wandelbar. Jetzt steht Ihr auf der Höhe. Wer weiß, wie lang? Wer weiß, was Euch noch vorbestimmt ist an Weh?« »Kommt es, so werd' ich's tragen,« sprach die Königin, »wie es Sigiberts Witwe ziemt: – mit Heldensinn.« »Und,« mahnte der alte Arnulf, »mit der Christin Demut und Ergebung.« »Ja!« sprach der kleine Arnulf und faltete die Hände. »Denn was er thut, der große Himmelsherr, ob uns unerforschlich, das ist heilig. So laßt uns beten: ›Wir danken dir, Herr Gott für deine Siegesgnade. Wir bitten dich um deinen Siegessegen. Doch nicht unser Wille geschehe, sondern der deinige, gleichwie im Himmel also auch auf Erden. Amen!‹«