Charles Dickens Klein-Dorrit. Zweites Buch Der Reichtum. Erstes Kapitel. Reisegenossen. Im Herbste des Jahres krochen Dunkelheit und Nacht zu den höchsten Gipfeln der Alpen empor. Es war die Zeit der Weinlese in den Tälern auf der Schweizer Seite des St. Bernhardpasses und an den Ufern des Genfer Sees. Die Luft war von dem Duft der eingeernteten Trauben geschwängert. Körbe, Bütten und Kübel mit Trauben standen in den dunklen Dorftorwegen, verstellten die steilen und engen Dorfgassen und wurden den ganzen Tag auf Wegen und Straßen hin und her getragen. Trauben, von den Füßen zertreten und zerquetscht, lagen überall umher. Die junge Bäuerin, die sich schwerbeladen nach Hause schleppte, beruhigte ihr schreiendes Kind mit Trauben. Der Idiot, der seinen dicken Kropf unter der Traufe der hölzernen Hütte an dem Wege zum Wasserfall sonnte, saß gierig Trauben kauend da. Der Atem der Kühe und Ziegen duftete angenehm von dem Laub und den Kämmen der Trauben. Die versammelten Gäste in jedem kleinen Wirtshause sprachen, während sie aßen und tranken, von Trauben. Schade, daß aus dem großen Überfluß nicht etwas Reife auf den dünnen, harten, steinigen Wein überging, der im ganzen aus diesen Trauben gemacht wurde! Die Luft war den ganzen schönen Tag über warm und durchsichtig gewesen. Glänzende metallene Kirchturmspitzen und Kirchendächer, die man da und dort in der Ferne sah, hatten die weite Gegend durchblitzt: und die schneeigen Berggipfel waren so klar gewesen, daß nicht daran gewöhnte Augen mit dem Blick über das dazwischenliegende Land hinwegeilten und ihre rauhe Höhe als etwas Fabelhaftes gering achtend, gewöhnlich glaubten, sie seien in wenigen Stunden zu erreichen. Bergkuppen von großer Berühmtheit sah man von den Tälern, wo bisweilen monatelang keine Spur von ihrer Existenz sichtbar war, seit dem Morgen klar und nahe an dem blauen Himmel stehen. Und selbst jetzt, wo es unten dunkel wurde, hoben sie sich – gleichsam feierlich zurückschreitend wie Geister, die entschwinden wollen – doch noch deutlich in ihrer Einsamkeit über dem Nebel und dem Schatten bleich und kalt vom Himmel ab. Von diesen Einöden und vom Paß des großen St. Bernhard aus gesehen stieg die Nacht an den Bergen flutartig empor. Als sie endlich die Mauern des Klosters auf dem großen St. Bernhard erreicht hatte, erschien dieser wetterharte Bau wie eine zweite Arche, die auf den Schattenwogen schwamm. Die Dunkelheit, die einige Fremde überholte, hatte die rauhen Klostermauern erreicht, als diese Reisenden noch den Berg hinanklommen. Wie die Hitze des glühenden Tages, die sie haltzumachen und an den Strömen geschmolzenen Schnees und Eises zu trinken eingeladen hatte, nun in die durchdringende Kälte der frostigen verdünnten Nachtluft auf großer Höhe übergegangen war, so war die frische Schönheit der Reise in tieferliegenden Gegenden jetzt der Dürre und Öde gewichen. Ein schroffer, holperiger Pfad, auf dem die Maultiere, eines hinter dem andern, von Block zu Block kletterten und sich wanden, als wenn sie die verbröckelte Treppe einer riesigen Ruine hinaufstiegen, war jetzt ihr Weg. Kein Baum war zu sehen, keine Pflanze zu erblicken, nur ein armes, braunes, elendes Moos, das in den Ritzen der Felsen erstarrt war. Geschwärzte Skelettarme von Holz zeigten am Wege hinauf nach dem Kloster, als wenn die Gespenster früherer Reisenden, die im Schnee begraben worden waren, an dem Schauplatz ihres Unglücks umgingen. Eiszapfenbehangene Höhlen und Hütten, als Zufluchtsorte für plötzliche Stürme gebaut, glichen ebenso vielen flüsternden Stimmen, die die Gefahren dieses Ortes den Reisenden ins Ohr raunten. Nimmerruhende Wirbel und Labyrinthe von Nebel wanderten, von einem Klagewind gescheucht, umher; und Schnee, die ringsum drohende Gefahr des Berges, gegen die man alle Sicherheitsmaßregeln getroffen, trieb heftig in die Tiefe. Die Reihe der von ihrem Tagewerk müden Maulesel wand sich langsam an dem steilen Abhang in die Höhe: der vorderste wurde von einem Führer zu Fuß geleitet, der einen breitkrempigen Hut und eine runde Jacke hatte, auf der Schulter ein bis zwei Alpenstöcke trug und mit einem andern Führer plauderte. Die Schar der Reiter führte kein Gespräch. Die scharfe Kälte, die Anstrengung der Reise und ein neues Gefühl von gehemmtem Atem, zum Teil, als stiegen sie gerade aus sehr klarem, gekräuseltem Wasser, zum Teil, als wenn sie schluchzten, ließ sie schweigen. Endlich glänzte ein Licht auf der Höhe der Felsentreppe durch Schnee und Nebel. Die Führer trieben die Maultiere an; diese hoben die gesenkten Köpfe, die Jungen der Reisenden waren gelöst, und unter einem plötzlich entstandenen Wirrwarr von Ausgleiten, Klettern, Klingeln, Klirren und Schwatzen kamen alle bei dem Tor des Klosters an. Andre Maultiere waren nicht lange zuvor angekommen, einige mit reisenden Landleuten, andere mit Waren, und hatten den Schnee vor der Tür in einen Pfuhl von Schmutz getreten. Reitsättel und Zügel, Packsättel und Glockenriemen, Maultiere und Menschen, Laternen, Fackeln, Säcke, Mundvorräte, Fässer, Käselaibe, Tönnchen mit Honig und Butter, Strohbündel und Pakete mancherlei Art lagen in diesem aufgetauten Sumpfe und auf den Stufen durcheinander. Hier oben in den Wolken sah man alles durch Wolken, und alles schien sich in Wolken aufzulösen. Der Atem der Leute war Wolke, der Atem der Maultiere war Wolke, die Lichter waren von Wolke umgeben, die dicht nebenan Sprechenden waren vor Wolken nicht zu sehen, obgleich ihre Stimmen und alle andern Klänge überraschend klar waren. Von der wolkigen Reihe von Maultieren, die rasch innerhalb der Mauer Kreise bildeten, biß oder schlug gewöhnlich das eine das andre, und dann war der ganze Nebel zerstreut. Die Männer drangen dazwischen, Geschrei von Menschen und Tieren scholl aus dem Knäuel, und niemand, der dabeistand, konnte unterscheiden, was geschehen war. Mitten in diesem Treiben strömte der Klosterstall, der den untern Stock des Gebäudes bildete und in den man durch die Grundstocktür trat, außerhalb der all dieses Durcheinander sich umhertrieb, seinen Beitrag an Wolke aus, als wenn das ganze rauhe Gebäude mit nichts sonst gefüllt wäre und zusammenstürzen würde, sobald es sich geleert, so daß dann der Schnee auf die kahlen Berggipfel fiele. Während all dieser Lärm und diese Unruhe unter den lebenden Reisenden herrschte, waren still versammelt in einem vergitterten, ein halbes Dutzend Schritte entfernten Hause, das von der gleichen Wolke umhüllt war und in das die gleichen Schneeflocken trieben, die toten Reisenden, die man auf dem Berge gefunden. Die vor vielen Wintern vom Sturm überraschte Mutter, die noch immer mit dem Säugling an der Brust in der Ecke stand; der Mann, der erfroren, während er aus Hunger oder Furcht den Arm zum Munde erhob, und ihn noch immer nach vielen Jahren an seine trockenen Lippen drückte. Eine schreckliche, auf seltsame Weise zusammengekommene Gesellschaft! Ein furchtbares Schicksal für eine Mutter, vorhergesehen zu haben: »Umgeben von so manchen und solchen Gefährten, die ich niemals gesehen und nie sehen werde, werden ich und mein Kind unzertrennlich auf dem großen St. Bernhard zusammen wohnen, Generationen überdauern, die uns zu sehen kommen und nie unsere Namen oder ein Wort von unserer Lebensgeschichte, außer dem Ende, erfahren werden.« Die lebenden Reisenden dachten in jenem Augenblick wenig oder gar nicht an die toten. Sie dachten weit mehr daran, vor dem Klostertor abzusteigen und sich an dem Klosterfeuer zu wärmen. Aus dem Gewirr sich loswindend, das bereits weniger lärmend wurde, da man die Masse der Maultiere in dem Stall unterzubringen begann, eilten sie, schauernd vor Kälte, die Treppe hinauf in das Haus. Dort herrschte ein Geruch, der durch den Boden von den angebundenen Tieren herausdrang, ähnlich dem Geruch einer Menagerie von wilden Tieren. Drinnen befanden sich starke gewölbte Gänge, hohe steinerne Pfeiler und dicke Mauern mit kleinen verfallenen Fenstern – Bollwerke gegen die Bergstürme, als wenn es menschliche Feinde gewesen wären. Ferner düstere gewölbte Schlafzimmer, schrecklich kalt, aber reinlich und gastlich für Fremde eingerichtet. Endlich ein gemeinsames Konversationszimmer, in dem die Gäste saßen und aßen, wo auch bereits ein Tisch aufgestellt war und ein helles Feuer rot und hoch im Kamin flackerte. In diesem Zimmer setzten sich die Reisenden, nachdem ihnen von zwei jungen Mönchen die für die Nacht bestimmten Quartiere angewiesen waren, um den Kamin. Es waren drei Gesellschaften: die erste, als die zahlreichste und bedeutendste, war die langsamste und hatte sich von einer und der andern auf dem Wege herauf überholen lassen. Sie bestand aus einer älteren Dame, zwei grauen Herren, zwei jungen Damen und ihrem Bruder. Diese hatten (vier Führer ungerechnet) einen Kurier, zwei Diener und zwei Kammermädchen bei sich: diese große lästige Gesellschaft wurde anderwärts unter einem Dache untergebracht. Diejenige Gesellschaft, die sie überholte und nun hinterdrein kam, bestand nur aus drei Gliedern: einer Dame und zwei Herren. Die dritte Gesellschaft, die von dem Tal auf der italienischen Seite des Passes heraufkam und zuerst da war, bestand aus vier Gliedern: einem vollblütigen, hungrigen und schweigsamen deutschen Hofmeister mit einer Brille, der sich auf einer Tour mit drei jungen Männern, seinen Zöglingen, befand, lauter vollblütigen, hungrigen und schweigsamen Menschen mit Brillen. Diese drei Gruppen saßen rings um das Feuer, sich trocken ansehend und auf das Nachtessen wartend. Nur einer unter ihnen, einer von den Herren, die zu der Gesellschaft von den dreien gehörten, machte einen Ansatz zu einer Unterhaltung. Indem er seine Angelschnur nach dem Häuptling des bedeutenden Stammes auswarf, während er sich an seine eigenen Reisegenossen wandte, bemerkte er in einem Ton, der die ganze Gesellschaft einschloß, wenn sie eingeschlossen sein wollte, daß es ein langer Tag gewesen und daß er die Damen bedauere. Daß er fürchte, eine von den jungen Damen sei nicht stark genug und nicht hinlänglich ans Reisen gewöhnt und sei vor zwei bis drei Stunden außerordentlich ermüdet gewesen. Er habe von seinem Standort im Nachtrab aus bemerkt, daß sie ganz erschöpft auf ihrem Maultier gesessen. Er habe später zwei- oder dreimal sich die Ehre gegeben, einen von den Führern zu fragen, der nach hinten gekommen sei, wie es der jungen Dame gehe. Er sei entzückt zu erfahren, daß sie sich erholt und daß es nur ein vorübergehendes Unbehagen gewesen wäre. Er glaube (diesmal faßte er den Häuptling ins Auge und wandte sich an ihn), es werde ihm erlaubt sein, seine Hoffnung auszusprechen, daß sie sich nun ganz wohl befinde und nicht bereue, die Reise gemacht zu haben. »Meine Tochter, – ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte der Häuptling, – »ist vollkommen wiederhergestellt und fand großes Interesse an der Gesellschaft.« »Vielleicht zum erstenmal in den Bergen?« sagte der einschmeichelnde Reisende. »Zum – ha – zum erstenmal in den Bergen«, sagte der Häuptling. »Aber Sie sind damit vertraut, mein Herr?« fuhr der einschmeichelnde Reisende fort. »Ich bin – hm – ziemlich vertraut damit. Nicht aus den letzten Jahren. Nicht aus den letzten Jahren«, versetzte der Häuptling, mit der Hand winkend. Der einschmeichelnde Reisende antwortete auf das Winken der Hand mit einer Verbeugung des Kopfes und wandte sich von dem Häuptling zu der zweiten jungen Dame, die er bis jetzt noch nicht angeredet hatte, außer, daß er sie zu den Damen zählte, die er so innig bedauerte. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Anstrengungen des Tages sie nicht zu sehr mitgenommen hätten. »Mitgenommen haben sie mich allerdings«, versetzte die junge Dame, »aber sie haben mich nicht ermüdet.« Der einschmeichelnde Reisende machte ihr sein Kompliment über die richtige Unterscheidung. Das habe er sagen wollen. Jede Dame müsse sich freilich über dieses sprichwörtlich unfügsame und beschwerliche Tier, den Maulesel, beschweren. »Wir mußten natürlich«, sagte die junge Dame, die ziemlich zurückhaltend und stolz war, »die Wagen und den Fourgon in Martigny zurücklassen. Und die Unmöglichkeit, etwas, was man braucht, an diesen unzugänglichen Ort herauszubringen, und die Notwendigkeit, allen Komfort zurückzulassen, ist nicht sehr angenehm.« »Ein wüster Ort, allerdings«, sagte der einschmeichelnde Reisende. Die ältliche Dame, die ein Muster von pünktlichem Anzug war und die in ihrer Art vollkommen genannt werden konnte, wenn man sie als ein Stück Maschine betrachtete, warf hier mit sanfter leiser Stimme eine Bemerkung ein. »Aber wie andere unbequeme Orte«, bemerkte sie, »muß man ihn sehen. Als ein Ort, von dem viel die Rede, muß er mal besucht werden.« »Oh! ich habe durchaus nichts dagegen, daß man ihn sieht, ich versichere Sie, Mrs. General«, versetzte die andere nachlässig. »Sie, Madame«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »haben diesen Ort schon früher besucht?« »Ja«, versetzte Mrs. General. »Ich war früher schon hier. Ich möchte Ihnen raten, meine Liebe«, sagte sie zu der genannten jungen Dame, »Ihr Gesicht vor der Hitze des Feuers zu schützen, nachdem es der Bergluft und dem Schnee ausgesetzt gewesen. Auch Ihnen, meine Liebe«, fügte sie, an die andere junge Dame gewandt, hinzu, die sogleich tat, wie ihr anempfohlen worden, während die erstere einfach sagte: »Ich danke Ihnen, Mrs. General; ich fühle mich ganz behaglich so und ziehe es vor, zu bleiben, wie ich bin.« Der Bruder, der vom Stuhl aufgestanden war, um das Piano zu öffnen, das in dem Zimmer stand, und hineingepfiffen hatte, schlenderte jetzt, das Monokel im Auge, wieder zu dem Feuer zurück. Er war im vollsten und vollständigsten Reiseanzug. Die Welt schien kaum groß genug, um ihm eine seiner Equipierung entsprechende Reisegelegenheit zu bieten. »Diese Burschen brauchen ungeheuer lange zu ihrem Nachtessen«, sagte er schleppend. »Ich bin begierig, was sie uns geben werden! Hat jemand ein Vorstellung davon?« »Keine gebratenen Menschen, glaube ich«, antwortete die Stimme des zweiten Herrn von der Gesellschaft der drei. »Ich vermute nicht. Was meinen Sie?« fragte er. »Daß, da Sie nicht bei dem allgemeinen Souper aufgesetzt werden sollen, Sie uns vielleicht die Gefälligkeit erweisen werden, sich nicht an dem allgemeinen Feuer zu rösten«, versetzte der andere. Der junge Herr, der in einer bequemen Stellung am Kamin stand, das Monokel auf die Gesellschaft gerichtet, den Rücken nach dem Feuer zu und die Rockflügel unter den Armen, als ob er zum Hühnergeschlecht gehörte und an den Spieß gesteckt wäre, um zu braten, verlor bei dieser Antwort die Fassung; er schien im Begriffe, eine Erklärung zu fordern, als man entdeckte – indem alle Augen auf den Sprechenden gerichtet waren –, daß die Dame, die bei ihm war, ein junges und hübsches Geschöpf, nichts von dem gehört hatte, was vorgegangen, da sie ohnmächtig den Kopf auf die Schulter hatte sinken lassen. »Ich glaube«, sagte der Herr in gedämpften Tone, »es wäre das beste, ich brächte sie sogleich nach ihrem Zimmer. Wollen Sie jemanden rufen, daß man Licht bringt?« fügte er, an seinen Begleiter gewandt, hinzu; »man muß uns den Weg zeigen. Ich glaube nicht, daß ich mich in diesem seltsamen Labyrinth zurechtfinden werde.« »Bitte, lassen Sie mich mein Mädchen rufen«, sagte die größere von den jungen Damen. »Bitte, lassen Sie mich dies Wasser an ihre Lippen bringen«, sagte die kleinere, die bis jetzt noch nicht gesprochen hatte. Da jeder tat, was er vorschlug, so war kein Mangel an Beistand. Und als gar die beiden Mädchen eintraten (begleitet vom Kurier, damit niemand ihnen den Mund verstopfe, wenn er sie unterwegs in einer fremden Sprache anredete), war sogar die Aussicht auf zuviel Beistand. Als der Herr dies sah, sagte er einige Worte zu der kleinern und jüngern von den beiden Damen, legte den Arm seiner Frau um seine Schulter, hob sie in die Höhe und trug sie hinweg. Sein Freund, der mit den andern Fremden nun allein war, ging langsam in dem Zimmer auf und ab, ohne wieder zu dem Feuer zu kommen: er zupfte nachdenklich an seinem schwarzen Schnurrbart, als ob er sich für die letzte Erwiderung verantwortlich fühlte. Während der Gegenstand derselben in einer Ecke Schmähungen ausstieß, wandte sich der Häuptling stolz an diesen Herrn. »Ihr Freund, mein Herr«, sagte er, »ist – ha – etwas ungeduldig, und in seiner Ungeduld weiß er vielleicht nicht genau, was er andern schuldig ist – aber wir wollen darüber hinwegsehen, wir wollen darüber hinwegsehen. Ihr Freund ist etwas ungeduldig, mein Herr.« »Es mag wohl sein, mein Herr«, versetzte der andere. »Da ich jedoch die Ehre gehabt, die Bekanntschaft dieses Herrn im Hotel zu Genf zu machen, wo wir und zahlreiche gute Gesellschaft vor einiger Zeit uns trafen, und da ich die Ehre gehabt, bei verschiedenen späteren Ausflügen mich seiner Gesellschaft und Unterhaltung zu erfreuen, so kann ich nichts hören – nicht einmal von einem Mann Ihres Äußern und Ihrer Stellung, was diesem Gentleman nachteilig wäre.« »Sie sind durchaus in keiner Gefahr, mein Herr, irgend etwas Derartiges von mir zu hören. Wenn ich die Bemerkung machte, daß Ihr Freund Ungeduld an den Tag gelegt, so sage ich damit nichts Nachteiliges. Ich mache diese Bemerkung nur, weil nicht zu bezweifeln ist, daß mein Sohn, der durch Geburt und – ha – durch Erziehung – hm – Gentleman ist, sich bereitwillig jedem artig ausgesprochenen Wunsche bezüglich des Feuers gefügt, das für alle Glieder dieser Gesellschaft gleich zugänglich ist. Was ich grundsätzlich richtig finde, denn – ha – alle sind –hm – in solchen Fällen gleichberechtigt.« »Gut!« lautete die Antwort. »Und damit genug! Ich bin Ihres Sohnes ergebener Diener. Ich bitte Ihren Sohn, die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung zu empfangen. Und nun, mein Herr, gestehe ich, gestehe ich offen, daß mein Freund bisweilen von sarkastischem Temperament ist.« »Die Dame ist Ihres Freundes Frau, mein Herr?« »Die Lady ist meines Freundes Frau, mein Herr.« »Sie ist sehr schön.« »Sie ist unvergleichlich schön. Sie befinden sich im ersten Jahre ihrer Verbindung. Sie sind zum Teil noch auf einer Hochzeits-, zum Teil auf einer Kunstreise.« »Ihr Freund ist ein Künstler?« Der Herr antwortete, indem er die Finger seiner rechten Hand küßte und den Kuß armhoch zum Himmel emporwarf, was soviel heißen sollte, wie: ich weihe ihn den himmlischen Mächten als einen unsterblichen Künstler. »Er ist jedoch ein Mann aus vornehmer Familie«, fügte er hinzu. »Er hat die besten Beziehungen. Er ist mehr als ein Künstler. Er stammt aus sehr vornehmem Hause. Er mag seine Verwandtschaft wirklich stolz, ungeduldig, sarkastisch (ich erlaube mir beide Ausdrücke) zurückgestoßen haben, aber er besitzt sie einmal. Funken, die während unserer Unterhaltung fielen, haben mich darüber belehrt.« »Nun! Ich hoffe«, sagte der stolze Herr, mit einer Miene, als wollte er die Sache endlich abtun, »daß die Unpäßlichkeit der Dame nur vorübergehend sein werde.« »Das hoffe ich auch, mein Herr.« »Bloße Ermüdung, glaube ich.« »Nicht Ermüdung allein, mein Herr, denn ihr Maultier strauchelte heute, und sie fiel aus dem Sattel. Sie fiel leicht und stand ohne Unterstützung wieder auf den Füßen; dann ritt sie lachend voraus: aber sie klagte gegen Abend über eine leichte Quetschung in der Seite. Sie sprach mehr als einmal davon, als wir hinter Ihnen den Berg hinauf ritten.« Der Häuptling des großen Gefolges, der gnädig, aber nicht vertraulich war, schien nun der Ansicht zu sein, daß er sich mehr als genug herablassend bewiesen. Er sagte nichts mehr, und es trat für eine Viertelstunde Stille ein bis zum Abendessen. Mit dem Abendessen kam einer von den jungen Mönchen (es schien hier keine alten Mönche zu geben) und setzte sich oben an die Tafel. Das Mahl war ganz ähnlich wie das Abendessen in einem gewöhnlichen Schweizer Hotel, und guter roter Wein, in einer heitereren Luft gewachsen, fehlte nicht. Der reisende Künstler kam ruhig zurück und nahm seinen Platz am Tisch ein, als die übrigen sich setzten: er schien nicht entfernt mehr an sein letztes Scharmützel mit dem Fremden in dem vollkommenen Reiseanzug zu denken. »Bitte«, fragte er den Wirt über seine Suppe hinüber, »hat Ihr Kloster jetzt viele von seinen berühmten Hunden?« »Monsieur, drei.« »Ich sah drei im Gange unten. Ohne Zweifel die fraglichen drei.« Der Wirt, ein schlanker, helläugiger, ernster, junger Mann von feinen Manieren, dessen Kleidung in einer schwarzen Kutte mit Streifen von weißem Tuch darüber, wie Tragbänder, bestand und der der klösterlichen Eigenart der Bernhardiner Mönche nicht mehr glich als wie der klösterlichen Zucht der Hunde von St. Bernhard, antwortete, ohne Zweifel würden es die drei fraglichen sein. »Und ich glaube«, sagte der reisende Künstler, »ich habe einen derselben früher schon gesehen.« Es sei möglich. Es sei ein wohlbekannter Hund. Monsieur könne ihn leicht im Tale oder sonstwo an dem See gesehen haben, wenn er (der Hund) mit einem vom Orden hinabgegangen, um Unterstützung für das Kloster zu sammeln. »Was regelmäßig zu einer bestimmten Zeit im Jahr geschieht, nicht wahr?« Monsieur habe recht. »Und nie ohne den Hund. Der Hund ist sehr wichtig.« Monsieur habe wieder recht. Der Hund sei sehr wichtig. Die Leute interessieren sich sehr für den Hund als einen von den überall bekannten Hunden, wie Mademoiselle begreifen werde. Mademoiselle war etwas langsam im Begreifen, als ob sie noch nicht recht an das Französische gewöhnt wäre. Mrs. General begriff es jedoch statt ihrer. »Fragen Sie ihn, ob er viele Menschen gerettet hat?« sagte der junge Mann, der seine Fassung verloren hatte, in seinem heimischen Englisch. Der Wirt bedurfte keiner Übersetzung der Frage. Er antwortete rasch französisch: »Nein. Dieser niemanden.« »Warum nicht?« fragte derselbe Herr. »Entschuldigen Sie«, antwortete der Wirt gelassen, »geben Sie ihm die Gelegenheit, und er wird es sicher tun. Zum Beispiel, ich bin fest überzeugt«, fügte er, indem er das Kalbfleisch aufschnitt, um es herumreichen zu lassen, ruhig nach dem jungen Mann hinüberlächelnd, der aus der Fassung gekommen, hinzu: »daß, wenn Sie, Monsieur, ihm die Gelegenheit geben sollten, er mit größtem Eifer sich beeilen würde, seine Pflicht zu tun.« Der reisende Künstler lachte. Der einschmeichelnde Reisende (der die lebhafte Besorgnis an den Tag legte, er möchte nicht seinen vollen Anteil an dem Abendessen erhalten) wischte sich einige Tropfen Wein mit einem Stück Brot von dem Schnurrbart und mischte sich in das Gespräch. »Es wird etwas spät, mein Vater«, sagte er, »für Vergnügungsreisende, nicht wahr?« »Ja, es ist spät. Noch zwei bis drei Wochen, und wir liegen im Winterschnee begraben.« »Dann«, sagte der einschmeichelnde Reisende, »gilt's den ausscharrenden Hunden und den begrabenen Kindern, nach den Bildern.« »Entschuldigen Sie«, sagte der Wirt, der die Anspielung nicht ganz verstand, »wie ist das gemeint mit den ausscharrenden Hunden und begrabenen Kindern, nach den Bildern?« Der reisende Künstler fiel wieder ins Wort, ehe eine Antwort gegeben werden konnte. »Wissen Sie nicht«, fragte er seinen Reisegenossen kalt über den Tisch hinüber, »daß nur Schmuggler im Winter dieses Weges kommen oder irgendein Geschäft auf diesem Wege haben können?« »Herr, mein Gott! Nein, davon habe ich nie gehört.« »Dem ist aber so. Und da sie die Vorzeichen des Wetters ziemlich gut wissen, so machen sie den Hunden nicht viel zu schaffen – die infolgedessen auch ziemlich ausgestorben sind – obwohl diese Herberge bequem für sie gelegen ist. Ihre jungen Familien, sagte man mir, lassen sie gewöhnlich zu Hause. Aber es ist ein großer Gedanke!« rief der reisende Künstler, unerwartet in einen enthusiastischen Ton ausbrechend. »Es ist eine erhabene Idee. Es ist die schönste Idee von der Welt und preßt uns Tränen aus, beim Himmel!« Nachdem er geendigt, aß er mit großer Ruhe an seinem Kalbfleisch fort. Es lag genug höhnenden Widerspruchs in diesen Worten, um einen Mißton hervorzurufen, obgleich die Art, wie sie hervorgebracht wurden, sehr fein und die Person, die sie vorbrachte, sehr viel Manier hatte, und obgleich der herabsetzende Teil derselben so geschickt eingekleidet war, daß es für ein an die englische Sprache nicht vollkommen gewöhntes Ohr sehr schwer war, es zu verstehen oder selbst, wenn man es verstanden, sich beleidigt zu fühlen, so einfach und leidenschaftslos war der Ton. Nachdem er mit seinem Kalbfleisch mitten in der allgemeinen Stille zu Ende war, richtete der Sprecher wieder das Wort an seinen Freund. »Sehen Sie«, sagte er in seinem früheren Ton, »sehen Sie diesen Herrn, unsern Wirt, an, der noch nicht mal in dem besten Mannesalter steht und auf so anmutige Weise und mit so seiner Lebensart und Bescheidenheit uns die Honneurs macht! Manieren für eine Krone geeignet! Essen Sie mit dem Lord-Mayor von London (wenn Sie eine Einladung bekommen können) und bemerken Sie den Kontrast. Dieser liebe Junge, mit dem feinstgeschnittenen Gesicht, das ich jemals sah, einem Gesicht von vollendeter Zeichnung verläßt ein tätiges Leben und kommt hier herauf, ich weiß nicht, wie viele Fuß über dem Spiegel des Sees, in keiner andern Absicht (ausgenommen, hoffe ich, um sich in einem trefflichen Refektorium zu ergötzen), als um ein Hotel für müßige arme Teufel, wie Sie und ich, zu halten und die Rechnung unsrem Gutdünken zu überlassen! Wie, ist das nicht ein schönes Opfer? Was brauchen wir mehr, um uns rühren zu lassen? Weil nicht acht bis neun Monate lang von den zwölfen gerettete Leute von interessantem Äußern sich am Halse der klügsten Tiere, die hölzerne Flaschen tragen, festhalten, sollen wir deshalb den Ort tadeln? Nein! Segen über diesen Ort. Es ist ein großer Ort, ein herrlicher Ort!« Die Brust des grauen Gentleman, der der Häuptling der bedeutenden Gesellschaft war, schwoll, als wollte er dagegen protestieren, daß man ihn unter die armen Teufel zähle. Kaum hatte der reisende Künstler zu sprechen aufgehört, als er selbst mit großer Würde das Wort ergriff, als läge es ihm ob, an den meisten Orten das erste Wort zu führen, und er hätte diese Pflicht eine kurze Weile versäumt. Er teilte mit großer Gewichtigkeit ihrem Wirt seine Ansicht mit, daß sein Leben im Winter hier ein höchst trauriges sein müsse. Der Wirt gestand dem Monsieur zu, daß es etwas einförmig sei. Die Luft sei lange Zeit schwer zu atmen. Die Kälte sei sehr streng. Man müsse jung und kräftig sein, um es auszuhalten. Sei man dies jedoch und habe man den Segen des Himmels ... Ja, das sei sehr gut. »Aber die Gefangenschaft?« fragte der graue Herr. Es gebe viele Tage, selbst bei schlechtem Wetter, wo es möglich sei, auszugehen. Es sei dann ihre Gewohnheit, einen kleinen Weg zu bahnen und sich dort Bewegung zu machen. »Aber der Raum«, machte der graue Herr geltend. »So klein! So – ha – sehr beschränkt.« Monsieur möge sich erinnern, daß man die Zufluchtorte besuchen und auch dorthin Wege bahnen müsse. Monsieur machte dagegen geltend, daß der Raum –ha – hm – so schmal sei. Mehr als das. Es sei immer derselbe, immer derselbe. Mit einem ausweichenden Lächeln hob und senkte der Wirt sanft seine Schultern. Das sei wahr, bemerkte er, aber es möge ihm zu sagen gestattet sein, daß beinahe alle Dinge ihre verschiedenen Gesichtspunkte hätten. Monsieur und er sehen dies sein armes Leben nicht vom gleichen Gesichtspunkt an. Monsieur sei nicht an Gefangenschaft gewöhnt. »Ich – ha – ja, sehr wahr«, sagte der graue Gentleman. Er schien einen tüchtigen Stoß von der Kraft dieses Beweises zu bekommen. Monsieur, als ein reisender Engländer, umgeben von allen Mitteln, angenehm zu reisen, ohne Zweifel im Besitz von Vermögen, Wagen, Dienerschaft – »Ja wohl, ja wohl. Ganz richtig –« sagte der Gentleman. Monsieur könne sich nicht leicht in die Lage einer Person setzen, die nicht die Macht habe, zu wählen, ich will heute dahin gehen und morgen dorthin: ich will diese Grenzen überschreiten, die Fesseln, die mich binden, erweitern. Monsieur könnte sich vielleicht nicht vorstellen, wie der Geist sich in solchen Dingen der gebieterischen Notwendigkeit fügt. »Es ist wahr«, sagte Monsieur. »Wir wollen – ha – die Sache nicht weiter verfolgen. Sie sind – hm – sehr genau, ich zweifle nicht daran. Wir wollen nicht weiter davon reden.« Als das Essen vorüber war, zog er während des Sprechens seinen Stuhl weg und bewegte sich nach seinem früheren Platz bei dem Feuer. Da es am größten Teil des Tisches sehr kalt war, nahmen die andern Gäste gleichfalls ihre früheren Sitze bei dem Feuer ein, denn sie hatten die Absicht, sich vor Schlafengehen tüchtig zu wärmen. Als sie sich vom Tische erhoben, verbeugte sich der Wirt vor allen Anwesenden, wünschte ihnen gute Nacht und ging von dannen. Zuvor hatte ihn jedoch der einschmeichelnde Reisende gefragt, ob sie etwas Wein heiß gemacht bekommen könnten; und da er »ja« geantwortet und das Getränk kurz darauf hereingesandt, setzte sich dieser Reisende in die Mitte der Gruppe und war in der vollen Hitze des Feuers bald damit beschäftigt, es den übrigen zu servieren. Um diese Zeit schlüpfte die jüngere von den beiden jungen Damen, die stumm und aufmerksam in ihrer dunklen Ecke (das Kaminfeuer war das Hauptlicht in dem finstern Zimmer, die Lampe brannte rauchig und düster) auf das gehorcht, was von der abwesenden Dame gesprochen wurde, zur Tür hinaus. Sie wußte nicht, welchen Weg sie gehen sollte, als sie leise dieselbe geschlossen hatte; nach einigem Hin- und Hergehen in den hallenden Gängen und den zahlreichen Wegen kam sie an ein Zimmer in einer Ecke des Hauptgangs, wo die Diener beim Abendessen saßen. Diese gaben ihr eine Lampe und zeigten ihr den Weg nach dem Zimmer der Dame. Es lag über der großen Treppe im obern Stock. Da und dort waren die kahlen weißen Wände durch ein eisernes Gitter unterbrochen, und sie glaubte, als sie vorüberging, der Ort sei eine Art Gefängnis. Die rundbogige Tür des Zimmers oder der Zelle der Dame war nicht ganz geschlossen. Nachdem sie zwei- bis dreimal daran geklopft hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte sie sie langsam auf und sah hinein. Die Dame lag mit geschlossenen Augen außen auf dem Bett, durch wollene Decken und Umschlagtücher, mit denen sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht zugedeckt worden, vor der Kälte geschützt. Ein düstres Licht in der tiefen Fensternische verbreitete wenig Helle in dem gewölbten Zimmer. Die Fremde trat schüchtern an das Bett und sagte leise flüsternd: »Befinden Sie sich besser?« Die Dame lag im Schlummer, und das Geflüster war zu schwach, um sie aufzuwecken. Ihr Besuch, der noch immer ganz stille stand, sah sie aufmerksam an. »Sie ist sehr hübsch«, sagte sie bei sich. »Ich sah noch nie ein so schönes Gesicht. O, wie anders sehe ich aus!« Es war ein seltsamer Ausspruch, aber er hatte seine verborgene Bedeutung, denn ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich weiß, ich hatte recht. Ich weiß, er sprach von ihr, an jenem Abend. Ich konnte sehr leicht über alles andre im Irrtum sein. Aber darüber nicht, nicht darüber!« Mit sanfter und zarter Hand strich sie eine verirrte Locke von dem Haar der Schlafenden zurück und berührte dann die Hand, die außerhalb der Decke lag. »Ich sehe sie gern an«, atmete sie leicht vor sich hin. »Ich sehe gerne, was ihn so sehr angezogen hat.« Sie hatte ihre Hand noch nicht losgelassen, als die Schlafende ihre Augen öffnete und zurückfuhr. »Bitte, beunruhigen Sie sich nicht. Ich bin nur eine von den Reisenden unten. Ich kam, um Sie zu fragen, ob Sie sich besser befänden und ob ich etwas für Sie tun könnte.« »Ich danke: Sie waren bereits so freundlich, Ihr Kammermädchen zu meiner Unterstützung zu senden.« »Nein, nicht ich, das war meine Schwester. Befinden Sie sich besser?« »Viel besser. Es ist nur eine leichte Quetschung; man hat nach ihr gesehen und nun geht es beinahe ganz gut. Es machte mich nur einen Augenblick schwindlig und ohnmächtig. Es hatte mir zuvor schon weh getan. Aber zuletzt überwältigte es mich plötzlich.« »Darf ich bei Ihnen bleiben, bis jemand kommt? Ist es Ihnen angenehm?« »Es würde mir sehr lieb sein, denn es ist hier sehr einsam; aber ich fürchte, Sie werden die Kälte zu sehr fühlen.« Ich kümmere mich nicht um die Kälte. Ich bin nicht zart, wenn ich auch danach aussehe.« Sie rückte augenblicklich einen von den rohen Stühlen an das Bett und setzte sich. Die andere nahm ebenso rasch einen Teil eines Reisemantels vom Bett und legte ihn auf sie, so daß ihr Arm, indem sie ihn um sie hielt, auf ihrer Schulter ruhte. »Sie haben so ganz das Aussehen einer freundlichen Pflegerin«, sagte die Dame, sie anlächelnd, »daß es mir ist, als wenn sie aus meiner Heimat zu mir kämen.« »Das freut mich sehr.« »Ich träumte gerade von der Heimat, als ich aufwachte. Von meiner alten Heimat, meine ich, ehe ich verheiratet war.« »Und ehe Sie so weit davon entfernt waren.« »Ich war schon weiter entfernt von ihr, aber damals war der beste Teil derselben bei mir, und ich vermißte nichts. Ich fühlte mich so verlassen, als ich einschlief, und, die Heimat vermissend, wanderten meine Gedanken zu ihr zurück.« Es lag ein traurig inniger und kummervoller Klang in ihrer Stimme, der ihren Gast einen Augenblick lang abhielt, sie anzusehen. »Es ist ein seltsamer Zufall, der uns zuletzt unter dieser Decke zusammenführt, mit der Sie mich umhüllt haben«, sagte die Fremde nach einer Pause: »denn Sie müssen wissen, ich habe Sie schon lange gesucht.« »Sie haben mich gesucht?« »Ich glaube, ich habe ein kleines Billett bei mir, das ich Ihnen geben sollte, wenn ich Sie fände. Da ist es. Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist es an Sie adressiert. Nicht wahr?« Die Dame nahm es, sagte ja und las es. Ihr Besuch beobachtete sie, während sie dies tat. Es war sehr kurz. Sie errötete etwas, als sie ihre Lippen an die Wangen ihres Besuches legte, und drückte ihre Hand. »Die liebe junge Freundin, der er mich vorstellt, soll mir bisweilen ein Trost sein, sagt er. Sie ist wahrlich ein Trost für mich, im ersten Augenblick, da ich sie sehe.« »Vielleicht kennen Sie«, sagte die Fremde zögernd, »vielleicht kennen Sie meine Geschichte nicht? Vielleicht hat er Ihnen nie meine Geschichte erzählt?« »Nein.« »O nein, warum sollte er auch! Ich habe selbst kaum ein Recht, es zu tun, da ich nicht dazu aufgefordert worden bin. Es ist nicht viel dabei, aber sie möchte Ihnen erklären, weshalb ich Sie bitte, nichts von dem Briefe hier zu sagen. Sie sahen vielleicht meine Familie bei mir? Einige Mitglieder derselben – ich sage das zu Ihnen – sind etwas stolz, etwas vorurteilsvoll.« »Sie sollen ihn wieder haben«, sagte die andere, »dann ist mein Gatte sicher, daß er ihn nicht sieht. Er möchte ihn sonst durch irgendeinen Zufall finden oder davon sprechen. Wollen Sie ihn wieder in Ihren Busen stecken, um dessen gewiß zu sein?« Sie tat es mit großer Vorsicht. Ihre kleine, zarte Hand hielt den Brief noch, als sie jemand im Gange draußen hörten. »Ich versprach«, sagte die Fremde aufstehend, »daß ich ihm schreiben wolle, wenn ich sie gesehen hätte (ich mußte Sie sicher früher oder später sehen), um ihm zu sagen, ob Sie wohlauf und glücklich seien. Ich darf wohl sagen, daß Sie wohl und glücklich seien?« »Ja, ja, ja! Sagen Sie ihm, ich sei sehr wohlauf und sehr glücklich. Und ich danke ihm herzlich und werde ihn nie vergessen.« »Ich werde Sie morgen früh sehen. Wir werden uns somit recht bald wiedersehen. Gute Nacht!« »Gute Nacht. Ich danke Ihnen, danke Ihnen. Gute Nacht, meine Liebe.« In größter Hast und Unruhe nahmen sie voneinander Abschied, und ebenso rasch war die Fremde aus der Tür. Sie hatte erwartet, dem Gatten der Dame zu begegnen: aber die im Gange befindliche Person war nicht er: es war der Reisende, der die Weintropfen mit einem Stück Brot vom Schnurrbart gewischt hatte. Als er die Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um – denn er ging in der Dunkelheit. Seine Höflichkeit, die ausnehmend groß war, wollte nicht dulden, daß sie sich selbst die Treppe hinableuchte und allein gehe. Er nahm ihre Lampe, hielt sie so, daß das beste Licht auf die steinerne Treppe fiel, und begleitete sie den ganzen Weg bis zu dem Speisezimmer. Sie hatte Mühe, auf dem Weg hinab zu verbergen, daß sie jeden Augenblick nahe daran war, zitternd zusammenzusinken; denn die Erscheinung dieses Reisenden war ihr besonders unangenehm. Sie hatte vor dem Essen in ihrer Ecke gesessen und sich vorgegaukelt, was er wohl in den Szenen und an den Orten ihrer Vergangenheit für eine Rolle gespielt, um ihr einen solchen Widerwillen einzuflößen, der ihn ihr nahezu furchtbar erscheinen ließ. Er begleitete sie mit seiner lächelnden Höflichkeit hinab, führte sie in das Zimmer und nahm seinen Sitz am besten Platz des Kamins wieder ein. Dort saß er, während das Feuer, das bereits schwächer zu brennen begann, in dem dunklen Zimmer seinen Schein bald heller, bald matter auf ihn warf, die Beine nach der Wärme ausgestreckt, den heißen Wein bis auf den Grund leerend, während ein ungeheurer Schatten seine Bewegungen an Wand und Decke nachahmte. Die müde Gesellschaft war aufgebrochen, und alle andern waren zu Bett gegangen, außer dem Vater der jungen Dame, der in seinem Stuhl am Fenster schlummerte. Der Reisende hatte sich die Mühe genommen, seine Taschenflasche mit Branntwein aus seinem entfernten, im zweiten Stock befindlichen Schlafzimmer zu holen. Er sagte es ihnen, als er den Inhalt in den Rest des Weines goß und ihn mit neuem Behagen trank. »Darf ich Sie fragen, ob Sie auf dem Wege nach Italien sind?« Der graue Herr war aufgestanden und rüstete sich zum Gehen. Er antwortete bejahend. »Ich gleichfalls!« sagte der Reisende. »Ich darf wohl hoffen. Sie in schöneren Gegenden und unter freundlicheren Umständen wieder zu begrüßen als auf diesem traurigen Berge.« Der Fremde verbeugte sich, ziemlich entfernt, und sagte, er sei ihm sehr verbunden. »Wir armen Leute, Sir«, sagte der Reisende, den Schnurrbart mit der Hand trocknend, denn er hatte ihn in den Wein und Branntwein getaucht, »wir armen Leute reisen nicht wie Fürsten, aber die Galanterie und feinere Lebensart hat auch für uns ihren hohen Wert. Ihre Gesundheit, mein Herr!« »Ich danke Ihnen, mein Herr.« »Auf die Gesundheit Ihrer ausgezeichneten Familie, – der schönen Ladies, Ihrer Töchter!« »Nein Herr, ich danke Ihnen abermals. Ich wünsche Ihnen gute Nacht. Meine Liebe, warten unsre – ha – Leute?« »Sie sind ganz nahe zur Stelle, Vater.« »Erlauben Sie!« sagte der Reisende, indem er aufstand und die Tür offen hielt, als der alte Herr, seinen Arm in den seiner Tochter steckend, durch das Zimmer darauf zuschritt. »Angenehme Ruhe! Auf das Vergnügen, Sie wiederzusehen! Auf morgen denn!« Als er in der höflichsten Art und mit dem feinsten Lächeln seine Hand küßte, schmiegte sich die junge Dame fester an ihren Vater an und ging voller Angst, ihn zu berühren, an ihm vorüber. »Hm!« sagte der einschmeichelnde Reisende, der sich gehen und seinen Ton sinken ließ, als er allein war. »Wenn sie sich alle zu Bett begeben, nun, so muß ich eben auch gehen. Sie haben ja eine verdammte Eile. Man sollte glauben, die Nacht wäre lang genug in dieser schauerlich kalten Stille und Einsamkeit, wenn man erst in zwei Stunden zu Bett ginge!« Den Kopf zurücklehnend, während er das Glas austrank, fielen seine Blicke auf das Fremdenbuch, das, nebst Feder und Tinte, offen auf dem Piano lag, wie wenn die Namen während seiner Abwesenheit eingezeichnet worden wären. Er nahm es in die Hand und las die eingetragenen Namen: William Dorrit, Esquire, Frederick Dorrit, Esquire, Edward Dorrit, Esquire, und Dienerschaft. Von Frankreich Miß Dorrit, nach Italien. Miß Fanny Dorrit, Mrs. General, Mr. und Mrs. Henry Gowan. Von Frankreich nach Italien. Dazu fügte er mit einer kleinen, verwickelten Handschrift, in einen dünnen Schnörkel endigend, der einem um alle übrigen Namen geworfenen Lasso ähnlich sah: Blandois. Paris. Von Frankreich nach Italien. Dann begab er sich, während seine Nase über seinen Schnurrbart herabkam und sein Schnurrbart sich unter seiner Nase bäumte, nach der ihm angewiesenen Kammer. Zweites Kapitel. Mrs. General. Es ist unerläßlich, die vollendete Dame vorzustellen, die bedeutend genug im Gefolge der Familie Dorrit war, um ihre eigne Linie im Fremdenbuch zu haben. Mrs. General war die Tochter eines geistlichen Würdenträgers an einem Bischofssitz, wo sie den Ton angegeben, bis sie so nahe an fünfundvierzig war, wie es eine einzelne Dame sein kann. Ein steifer Kommissariatsbeamter von sechzig Jahren, bekannt als ein Mann, der auf strenge Zucht hielt, verliebte sich zu dieser Zeit in die Anstandsgefühle, die sie vierspännig durch die Bischofsstadt kutschierte, und hatte darum angehalten, neben ihr seinen Sitz auf dem Zeremonienwagen nehmen zu dürfen, an den dieses Gespann geschirrt war. Nachdem sein Heiratsantrag von der Dame angenommen worden, nahm der Beamte seinen Sitz hinter den Anstandsgefühlen mit großer Ehrbarkeit ein, und Mrs. General lenkte die Zügel, bis er starb. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Reisen überfuhren sie verschiedene Leute, die den Anstandsgefühlen in den Weg kamen; aber immer großartig und mit äußerster Ruhe. Nachdem der Kommissariatsbeamte mit allem dem Dienst entsprechenden Aufwande begraben worden (das ganze Gespann von Anstandsgefühlen war an seinen Leichenwagen geschirrt, und sie hatten alle Federn und schwarze Samtschabracken mit seinem Wappenschild in der Ecke), begann Mrs. General nachzuprüfen, welche Masse Staub und Asche bei den Bankiers deponiert sei. Es wurde ruchbar, daß der Kommissariatsbeamte in der Stille Mrs. General zuvorgekommen und sich einige Jahre vor der Hochzeit eine Leibrente gekauft, welchen Umstand er verschwiegen hatte, indem er zur Zeit seiner Bewerbung vorgab, sein Einkommen datiere von den Zinsen seines Vermögens. Mrs. General sah infolgedessen ihre Mittel so verringert, daß, wenn sie nicht mit ihrem Verstande sehr im reinen gewesen, sie sich hätte veranlaßt fühlen können, die Richtigkeit des Teiles der Leichenrede zu bezweifeln, der behauptete, der Kommissariatsbeamte könne nichts mit sich hinübernehmen. In dieser Lage kam Mrs. General auf den Gedanken, sie wolle sich der »Geistesbildung« und gesellschaftlichen Erziehung einer jungen vornehmen Dame widmen. Oder auch die Anstandsgefühle an den Wagen einer reichen jungen Erbin oder einer Witwe schirren und zu gleicher Zeit Kutscher und Schaffner eines solchen Fuhrwerks durch die sozialen Irrgänge werden. Die Mitteilung, die Mrs. General ihren geistlichen und kommissariatlichen Bekanntschaften von dieser Idee machte, fand so warmen Beifall, daß, wenn die Verdienste der Dame nicht so außer allem Zweifel gestanden hätten, die Vermutung nahegelegen wäre, man wolle sie los werden. Zeugnisse, die Mrs. General als ein Wunder von Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, Tugend und feiner Lebensart schilderten, wurden von einflußreichen Quartieren verschwenderisch beigesteuert, und ein ehrwürdiger Archidiakon vergoß sogar Tränen, wenn er an sein Zeugnis über die Vollkommenheiten (die ihm von Leuten, auf die er sich verlassen konnte, geschildert wurden) dachte, obgleich er nie in seinem ganzen Leben die Ehre und den sittlichen Genuß gehabt, seine Blicke auf Mrs. General ruhen zu lassen. So gleichsam von Kirche und Staat zu ihrer Mission beordert, fühlte sich Mrs. General, die immer auf vornehmem Boden gewandelt, in der Lage, diesen zu behaupten, und begann damit, ein sehr stolzes Gesicht zur Schau zu tragen. Es trat eine Zwischenzeit von einiger Dauer ein, während der nicht auf Mrs. General geboten wurde. Endlich eröffnete ein gräflicher Witwer mit einer Tochter von vierzehn Jahren Unterhandlungen mit der Dame, und da es entweder im Charakter der angeborenen Würde oder der künstlichen Politik von Mrs. General lag (sicher jedoch eines von beiden), sich dabei zu benehmen, als wäre sie weit mehr die Gesuchte, denn die Suchende, verfolgte der Witwer Mrs. General, bis es ihm gelang, sie zu bewegen, seiner Tochter Geist und Sitten beizubringen. Die Durchführung dieser Aufgabe beschäftigte Mrs. General ungefähr sieben Jahre. Währenddessen machte sie die Tour durch Europa und sah den größten Teil jenes umfangreichen Durcheinanders von Dingen, die wesentlich jeder Mensch von seiner Bildung mit den Augen andrer Leute und niemals mit den seinen sehen sollte. Als ihre Aufgabe endlich gelöst war, hatte sich nicht nur die junge Dame, sondern gleicherweise auch ihr Vater, der Witwer, zum Heiraten entschlossen. Der Witwer, der nun Mrs. General unbequem und kostspielig zu finden begann, wurde beinahe ebenso vernarrt in ihre Verdienste, als es der Archidiakonus gewesen, und verbreitete solche Lobeserhebungen ihres ausnehmenden Wertes in allen Quartieren, wo er glaubte, es könne sich eine Gelegenheit bieten, ihren Segen auf jemand andern zu übertragen, daß Mrs. General ein geschätzterer Name denn je war. Der Phönix stand auf dieser erhabenen Stange zu vermieten, als Mr. Dorrit, der in jüngster Zeit in den Besitz seiner Erbschaft gekommen war, seinen Bankiers gegenüber erwähnte, er wünsche eine feingebildete, gesittete, mit der guten Gesellschaft bekannte und vertraute Dame zu finden, die geeignet wäre, zu gleicher Zeit die Erziehung seiner Töchter zu übernehmen und als Ehrendame oder Anstandswauwau zu dienen. Mr. Dorrits Bankiers, als die Bankiers des gräflichen Witwers, sagten augenblicklich: »Mrs. General.« Dem Lichte folgend, das ihm so glücklich aufgegangen, und das einstimmige Urteil der ganzen Bekanntschaft von Mrs. General so erhaben findend, wie wir bereits erwähnt, nahm sich Mr. Dorrit die Mühe, sich nach der Grafschaft des gräflichen Witwers zu begeben und Mrs. General kennenzulernen, in der er eine Dame fand, die seine höchsten Erwartungen übertraf. »Entschuldigen Sie mich«, sagte Mr. Dorrit, »wenn ich Sie frage – ha – welche Belohn –« »Nein,« versetzte Mrs. General, ihn unterbrechend, »das ist eine Sache, auf die ich lieber nicht eingehen möchte. Ich habe nie darüber mit meinen Freunden hier verhandelt, und ich kann die Delikatesse, mit der ich diese Sache stets betrachtet, Mr. Dorrit, nicht überwinden. Ich bin keine Gouvernante, wie Sie bemerkt haben werden –« »O, gewiß nicht!« sagte Mr. Dorrit. »Bitte, Madame, glauben Sie nicht einen Augenblick, daß ich so etwas denke.« Er errötete wirklich, daß man ihn habe in solchem Verdacht haben können. Mrs. General neigte feierlich den Kopf. »Ich kann deshalb nicht einen Preis auf Dienste setzen, die ich mit Vergnügen leiste, wenn ich sie freiwillig leisten kann, die ich jedoch als Ersatz unter keiner Bedingung zu leisten imstande wäre. Auch weiß ich nicht, wie und wo ich einen Fall finden sollte, der dem meinen ähnlich wäre. Er ist einzig in seiner Art.« »Allerdings. Aber wie sollte man denn«, bemerkte Mr. Dorrit ganz natürlich, »die Sache anfangen?« »Ich kann nichts dagegen einwenden,« sagte Mrs. General, »obgleich selbst das mir unangenehm ist, wenn Mr. Dorrit im Vertrauen meine Freunde fragt, wieviel sie vierteljährlich an meine Bankiers auszubezahlen gewohnt waren.« Mr. Dorrit verbeugte sich zustimmend. »Erlauben Sie mir, hinzuzufügen,« sagte Mrs. General, »daß ich mich nicht weiter auf dieses Kapitel einlassen werde. Ferner, daß ich keine zweite oder untergeordnete Stellung einnehmen kann. Wenn mir die Ehre zuteil würde, Mr. Dorrits Familie kennenzulernen – ich glaube, von zwei Töchtern war die Rede?« »Zwei Töchter.« »So könnte ich es nur unter der Bedingung vollkommener Gleichheit, als Gesellschafterin, Beschützerin, Mentor und Freundin annehmen.« Mr. Dorrit kam es trotz des Bewußtseins seiner Würde vor, als ob es wirklich eine Freundlichkeit wäre, wenn sie es überhaupt unter irgendeiner Bedingung annähme. Er ließ dies beinahe in seinen Worten merken. »Ich glaube,« wiederholte Mrs. General, »von zwei Töchtern war die Rede.« »Zwei Töchter,« sagte Mr. Dorrit wieder. »Es würde deshalb nötig sein,« sagte Mrs. General, »ein Drittel mehr zu der Summe hinzuzufügen (wie groß immer ihr Betrag auch sein mag), die meine Freunde hier bei meinen Bankiers niederzulegen gewohnt waren.« Mr. Dorrit verlor keine Zeit, die delikate Frage dem gräflichen Witwer vorzulegen, und da er fand, daß dieser gewohnt war, jährlich dreihundert Pfund an die Bankiers von Mrs. General zu bezahlen, kam er, ohne seine Arithmetik besonders anzustrengen, zu dem Resultat, daß er vier bezahlen müsse. Da Mrs. General ein Artikel von jener glänzenden Außenseite war, der einen glauben macht, daß sie jeden Preises wert sei, so machte er ihr den förmlichen Antrag, ihm zu gestatten, sie als ein Glied seiner Familie zu betrachten. Mrs. General bewilligte das stolze Privilegium und gehörte von nun an zur Familie. Persönlich war Mrs. General, mit Einschluß ihrer Toiletten, die eine bedeutende Rolle dabei spielten, von würdiger, imposanter Erscheinung: groß, rauschend und sehr umfangreich; beständig aufrecht hinter ihren Anstandsgefühlen. Man hätte sie nach den Höhen der Alpen und den Tiefen von Herkulanum mitnehmen können, und nahm sie auch mit, ohne daß eine Falte ihres Kleides aus der Ordnung gekommen oder eine Stecknadel verrückt worden wäre. Wenn ihr Gesicht und ihr Haar ein ziemlich mehliges Aussehen hatten, als wenn dies vom Aufenthalt in einer außerordentlich eleganten Mühle käme, so war dies eher darum der Fall, weil sie überhaupt eine kreidige Natur, als weil sie ihre Gesichtsfarbe mit Veilchenpulver aufbesserte oder grau geworden war. Wenn ihre Augen keinen Ausdruck besaßen, so war dies wohl deshalb der Fall, weil sie nichts auszudrücken hatten. Wenn sie wenig Runzeln besaß, so war es, weil ihr Geist nie seinen Namen oder eine Inschrift auf ihr Gesicht gezeichnet. Eine kalte, wachsartige, ausgelöschte Person, die niemals gut geleuchtet hatte. Mrs. General hatte keine Meinungen. Ihre Art, einen Geist zu bilden, war die, daß sie ihn hütete, sich Meinungen zu bilden. Sie hatte eine kleine Anzahl kreisförmiger geistiger Rinnen oder Schienen, auf denen sie kleine Züge von andrer Leute Meinungen führte, die sich niemals überholten und nie irgendwohin kamen. Selbst ihr Anstandsgefühl konnte nicht bestreiten, daß es Unanständigkeit in der Welt gebe; aber Mrs. Generals Art, sich davon loszumachen, war, dergleichen aus dem Gesichtskreis zu rücken und glauben zu lassen, daß das gar nicht existiere. Dies war eine zweite Art, wie sie den Geist bildete – alle schwierigen Dinge in Schränke zu kramen, diese zuzuschließen und zu behaupten, sie existierten nicht. Es war die leichteste Art und ohne Vergleich die anständigste. Mrs. General konnte nichts Angreifendes hören. Unglücksfälle, Jammer und Mißhandlungen durften nie vor ihr erwähnt werden. Leidenschaft schlief gewöhnlich in Mrs. Generals Gegenwart ein und Blut ging in Milch und Wasser über. Das wenige zu firnissen und zu beschönigen, was in der Welt übrigblieb, wenn man alle diese Abzüge gemacht, war Mrs. Generals Aufgabe. In diesem ihrem Bildungsprozeß tauchte sie den kleinsten Pinsel in den größten Topf und firnißte die Oberfläche aller Dinge, die in Betracht kamen. Je mehr Risse eine Sache hatte, desto mehr firnißte sie. Es war Firnis in Mrs. Generals Stimme, Firnis in Mrs. Generals Berührung, eine Firnisatmosphäre um Mrs. Generals Gestalt. Mrs. Generals Träume waren sicher gefirnißt – wenn sie welche hatte –, als sie in den Armen des guten hl. Bernhard schlief, während der federige Schnee auf seinen Hausgiebel fiel. Drittes Kapitel. Auf dem Wege. Die helle Morgensonne blendete die Augen, der Schnee hatte aufgehört, die Nebel waren verschwunden, die Bergluft war so klar und leicht, daß das neue Gefühl des Atmens wie das Eintreten in ein neues Dasein erschien. Um die Täuschung zu mehren, schien selbst der feste Boden verschwunden und der Berg eine leuchtende Wüste ungeheurer weißer Haufen und Massen, eine schwimmende Wolkenregion zwischen dem blauen Himmel oben und der Erde tief unten. Einige dunkle Flecken auf dem Schnee, wie Knoten an einer kleinen Schnur, am Klostertor beginnend und sich in gebrochenen Stücken, die noch nicht zusammengebunden waren, fortziehend, wanden sich an dem Abhang hinab und zeigten, wie die Brüder bereits an verschiedenen Punkten beschäftigt waren, den Pfad zu bahnen. Schon hatte der Schnee begonnen, um das Tor her unter den Füßen aufzutauen. Geschäftig wurden Maulesel herausgeschafft, an die Ringe in der Mauer gebunden und beladen; Glockenriemen wurden umgeschnallt, Lasten festgebunden: die Stimmen der Treiber und Reiter klangen harmonisch. Einige von den Frühesten hatten sogar bereits ihre Reise wieder angetreten, und sowohl auf dem flachen Berggipfel bei dem dunkeln Wasser in der Nähe des Klosters als auf dem Wege, auf dem man gestern bergan geklettert war, sah man kleine sich bewegende Gestalten von Menschen und Maultieren, durch den ungeheuren Raum zu Zwergen zusammengeschrumpft, unter dem hellen Klang der Glöckchen und angenehmem, harmonischem Geplauder hinziehen. Im Speisezimmer vom vergangenen Abend war ein neues Feuer auf der federartigen Asche des alten aufgetürmt und schien auf das einfache Frühstück, das aus Brot, Butter und Milch bestand. Es beschien auch den Kurier der Familie Dorrit, der für seine Gesellschaft Tee aus einem Vorrat bereitete, den er, nebst noch einigen andern kleinen Vorräten, mitgebracht hatte, die hauptsächlich für die große unbequeme Masse angelegt waren. Mr. Gowan und Blandois von Paris hatten bereits gefrühstückt und gingen, ihre Zigarre rauchend, am See auf und nieder. »Gowan, hm?« murmelte Tip, sonst Edward Dorrit, Esquire, die Blätter des Buches umdrehend, als der Kurier gegangen war. »Gowan ist also der Name eines Laffen, das ist alles, damit Punktum! Wenn es sich der Mühe für mich lohnte, wollt' ich ihn tüchtig an der Nase herumführen. Aber es lohnt sich der Mühe nicht – das ist ein Glück für ihn. Wie befindet sich seine Frau, Amy? Ich glaube, du kennst sie. Du kennst ja Dinge der Art.« »Sie befindet sich besser, Edward. Aber sie gehen heute noch nicht.« »Oh! Sie gehen heute noch nicht? Das ist ein Glück für diesen Menschen,« sagte Tip, »er und ich möchten sonst in Kollision kommen.« »Man halt es hier für besser, daß sie heute noch ruhig liegenbleibt und sich nicht anstrengt und durch den Ritt hinab erschüttert wird, bis sie sich morgen ganz wohl befindet.« »Meinetwegen. Aber du sprichst ja, als ob du ihre Krankenwärterin gewesen wärest. Du bist doch nicht wieder (Mrs. General ist nicht hier) in deine alten Gewohnheiten zurückgefallen, Amy?« Er tat diese Frage mit einem listig beobachtenden Blick auf Fanny und auf seinen Vater. »Ich war bloß bei ihr, um sie zu fragen, ob ich für sie nichts tun könne, Tip,« sagte Klein-Dorrit. »Du brauchst mich nicht Tip zu nennen, Amy,« versetzte der junge Mann mit gerunzelter Stirn, »denn das ist eine alte Gewohnheit, die du aufgeben mußt.« »Ich wollt' es auch nicht sagen, lieber Edward. Ich vergaß es. Es war einst so natürlich, daß es mir im Augenblick das rechte Wort schien.« »O ja!« fiel Miß Fanny ein. »Natürlich und rechtes Wort und einst, und wie das alles heißt. Unsinn, du kleines Ding! Ich weiß ganz wohl, weshalb du solch ein Interesse an dieser Mrs. Gowan nimmst. Du kannst mich nicht täuschen.« »Ich will es auch nicht, Fanny. Sei nicht böse.« »O, böse!« versetzte die junge Dame auffahrend. »Ich habe keine Geduld« (was auch wirklich der Fall war). »Bitte, Fanny«, sagte Mr. Dorrit, die Augenbrauen aufziehend, »was meinst du? Erkläre dich.« »Oh! sei ruhig, Vater,« versetzte Miß Fanny, »es ist nicht der Rede wert. Amy wird mich verstehen. Sie kannte diese Mrs. Gowan oder wußte von ihr, schon vor dem gestrigen Abend, und sie wird es wohl auch eingestehen, daß dies der Fall.« »Mein Kind,« sagte Mr. Dorrit, sich an seine jüngere Tochter wendend, »hat deine Schwester – irgend – ha – irgendeinen Grund zu dieser seltsamen Behauptung?« »Wie weichherzig wir auch sind,« fiel Miß Fanny ein, ehe sie antworten konnte, »wir schleichen doch nicht in die Zimmer der Leute auf den Spitzen der Berge und sitzen halbtot vor Kälte bei den Leuten, wenn wir sie nicht vorher schon kennen. Ist es nicht schwer zu ahnen, wessen Freundin Mrs. Gowan sei?« »Wessen Freundin?« fragte der Vater. »Papa, ich bedaure, sagen zu müssen,« versetzte Miß Fanny, der es indessen gelungen war, sich in den Zustand der Beleidigten und Geärgerten hineinzustacheln, was sie oft mit großer Anstrengung tat, »daß ich glaube, sie ist eine Freundin jener aus vielen Gründen widerwärtigen und unangenehmen Person, die uns seinerzeit beleidigte. Sie benahm sich mit jenem vollständigen Mangel an Delikatesse, die unsere Erfahrung von ihm erwartet hätte. Sie kränkte aus so öffentliche und absichtliche Weise bei einer Gelegenheit, auf die wir, nach unserer Verabredung, durchaus nicht mehr anspielen wollen.« »Amy, mein Kind,« sagte Mr. Dorrit, milde Strenge mit würdevoller Liebe mäßigend, »ist das der Fall?« Klein-Dorrit antwortete sanft, ja, es sei der Fall. »Ja, es ist der Fall!« rief Miß Fanny. »Natürlich! Ich sagte es ja. Und jetzt, Papa, erkläre ich, ein für allemal (diese junge Dame hatte die Gewohnheit, dasselbe jeden Tag ihres Lebens und oft siebenmal an einem Tag ein für allemal zu erklären), daß das schändlich ist! Ich erkläre ein für allemal, daß dieser Sache ein Ende gemacht werden sollte. Nicht genug, daß wir durchgemacht haben, was nur wir wissen. Wir müssen es uns auch noch von der, die unsre Gefühle am meisten schonen sollte, beharrlich und systematisch ins Gesicht schleudern lassen? Sollen wir unser ganzes Leben lang diesem unnatürlichen Benehmen ausgesetzt sein? Sollen wir niemals vergessen dürfen? Ich sage noch einmal, es ist unerhört!« »Nun, Amy,« bemerkte ihr Bruder, den Kopf schüttelnd, »du weißt, ich stehe immer auf deiner Seite, wo ich kann, und bei den meisten Gelegenheiten. Aber ich muß sagen, ich halte es wahrhaftig für eine ziemlich unerklärliche Art, deine schwesterliche Liebe zu zeigen, daß du einen Mann beschützest, der mich auf die ungesittetste Weise behandelte, in der man einen andern behandeln kann. Und der«, fügte er überzeugend hinzu, »ein sehr niedriggesinnter Schuft sein muß, sonst hätte er sich nicht so gegen mich benehmen können, wie er es tat.« »Und bedenkt,« sagte Miß Fanny, »bedenkt wohl, was das mit sich führt! Können wir erwarten, daß uns unsre Diener respektieren? Nie. Da sind zwei Kammermädchen, und Papas Kammerdiener, und ein Diener, und ein Kurier und alle Arten von Dienerschaft; und umgeben von diesen müssen wir eins von den Unsrigen mit einem Glase kalten Wasser, wie einen Diener umherlaufen sehen. Wahrhaftig,« sagte Miß Fanny, »ein Polizeidiener könnte, wenn ein Bettler in der Straße einen Anfall bekommt, nicht anders mit seinem Glase einherrennen, als Amy es in diesem Jimmer gestern Abend vor unsren Augen getan hat!« »Ich wollte darauf kein so großes Gewicht legen«, bemerkte Mr. Edward. »Aber dein Clennam, wie er sich zu nennen beliebt, das ist etwas anderes.« »Er gehört dazu«, versetzte Miß Fanny, »und zu allem andern. Er drängte sich in erster Linie uns auf. Wir haben nie nach ihm verlangt. Ich zeigte ihm stets, daß ich mit dem größten Vergnügen auf seine Gesellschaft verzichten würde. Und dann beleidigt er unsre Gefühle auf so gröbliche Weise, was er nie getan haben könnte oder würde, wenn es ihm nicht Vergnügen gemacht hätte, uns bloßzustellen; und dann müssen wir uns noch zum Dienste seiner Freunde herabwürdigen lassen! Ich wundre mich auch nicht über das Benehmen Mr. Gowans. Was ließ sich erwarten, da er unser früheres Mißgeschick kannte und sich gerade im Augenblick daran weidete.« »Vater – Edward – wahrhaftig nicht!« verteidigte sich Klein-Dorrit. »Weder Mr. noch Mrs. Gowan hatten je unsere Namen gehört. Sie wußten und wissen durchaus nichts von unsrer Geschichte.« »Um so schlimmer«, warf Fanny ein, entschlossen, nichts zuzugeben, was ihren Angriff hätte abschwächen können, »denn dann hast du keine Entschuldigung. Wenn sie uns gekannt hätten, hättest du dich berufen fühlen können, sie zu versöhnen. Das wäre ein schwacher und lächerlicher Mißgriff gewesen: aber ich kann einen Mißgriff entschuldigen, während ich eine absichtliche und überlegte Erniedrigung derer, die uns am nächsten und teuersten sein sollten, nicht entschuldigen kann. Nein. Ich kann das nicht entschuldigen. Ich kann es nur anklagen.« »Ich beleidige dich nie mit Wissen, Fanny«, sagte Klein-Dorrit, »obgleich du so hart gegen mich bist.« »Dann solltest du vorsichtiger sein, Amy«, versetzte ihre Schwester. »Wenn du solche Sachen durch Zufall tust, so solltest du vorsichtiger sein. Wenn ich etwa an einem gewissen Platz und unter gewissen Umständen geboren wäre, die mein Bewußtsein von Anstand beeinträchtigen, ich glaube, ich würde mich dann für verbunden halten, bei jedem Schritt zu überlegen: ›Werde ich unbewußterweise irgendeinen näheren oder entfernteren Verwandten kompromittieren?‹ Das ist es, glaube ich, was ich tun würde, wenn es mein Fall wäre.« Mr. Dorrit trat nun dazwischen, um zu gleicher Zeit dieser peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen und ihrer Moral durch seine Weisheit die Krone aufzusetzen. »Meine Liebe«, sagte er zu seiner jüngern Tochter, »ich bitte dich, erwidere nichts mehr. Deine Schwester drückt sich etwas streng aus, hat aber ziemlich recht. Du mußt eine – hm – eine große Stellung ausfüllen. Die große Stellung nimmst nicht du allein ein, Sondern auch –ha – ich – und – ha, hm – wir alle. Alle. Es ist nun die Aufgabe aller Menschen in einer bedeutenden Stellung, und insbesondere dieser Familie, aus Gründen, bei denen ich – ha – nicht verweilen will, sich Achtung zu verschaffen. Immer darauf bedacht zu sein, sich die Achtung der Menschen zu erwerben. Untergeordnete Menschen müssen, damit sie uns respektieren, – ha – in Entfernung gehalten werden und – hm – niedergehalten werden. Nieder. Deshalb ist es von höchster Wichtigkeit, daß du dich keinen Bemerkungen unsrer Dienerschaft aussetzest, indem du dich etwa ihrer Dienste entschlagen und dieselben selbst verrichtet zu haben scheinst.« »Nun, wer sollte daran zweifeln?« rief Miß Fanny. »Das ist die Essenz von allem.« »Fanny«, versetzte ihr Vater in feierlichem Tone, »erlaube mir, meine Liebe. Wir kommen jetzt zu – ha – Mr. Clennam. Ich gestehe offen, Amy, daß ich die Gefühle deiner Schwester nicht teile, – das heißt nämlich – hm – in Beziehung auf Mr. Clennam. Ich begnüge mich, dieses Individuum als einen – ha – im allgemeinen – wohlgesitteten Mann zu betrachten. Hm. Einen wohlgesitteten Mann. Auch will ich nicht untersuchen, ob Mr. Clennam sich je meiner Gesellschaft –hm – aufgedrängt. Er wußte, daß – hm – meine Gesellschaft gesucht war, und der Grund, weshalb er es getan hat, mag sein, daß er mich als einen öffentlichen Charakter betrachtete. Aber es gab Umstände im Geleite – ha – meiner geringen Bekanntschaft mit Mr. Clennam (sie war sehr gering), die«, hier wurde Mr. Dorrit außerordentlich ernst und feierlich, »es höchst unzart für Mr. Clennam machen würden, – ha – den Verkehr mit mir oder irgendeinem Glied meiner Familie unter den bestehenden Umständen wieder anzuknüpfen. Wenn Mr. Clennam Zartheit genug besitzt, das Unpassende jedes derartigen Versuches zu begreifen, so bin ich als Mann von Ehre verpflichtet, dieses Zartgefühl auf seiner Seite zu respektieren. Wenn aber auf der andern Seite Mr. Clennam diese Delikatesse nicht besitzt, so kann ich keinen Augenblick – ha – mit einem so ungebildeten Menschen im geringsten Verkehr stehen. In beiden Fällen würde es scheinen, als ob Mr. Clennam ganz und gar nicht in Betracht käme und wir nichts mit ihm oder er mit uns zu tun hätte. Ha – Mrs. General!« Das Eintreten der Dame, die er ankündigte und die ihren Platz beim Frühstück einnehmen wollte, machte der Diskussion ein Ende. Kurz darauf kündigte der Kurier an, daß der Kammerdiener, der Diener, die beiden Kammermädchen, die vier Führer und die vierzehn Maultiere bereitständen: die Frühstücksgesellschaft brach deshalb auf, um sich vor dem Klostertore zu der Kalvalkade zu gesellen. Mr. Gowan stand in der Ferne mit Zigarre und Bleistift, aber Mr. Blandois war an Ort und Stelle, um den Damen seinen Respekt zu bezeugen. Als er höflich seinen ins Gesicht hereingedrückten Hut vor Klein-Dorrit abnahm, war es ihr, als ob er einen noch unheimlicheren Blick hätte, wie er so schwarz und in den Mantel gehüllt im Schnee dastand, als vergangene Nacht, wo ihn das helle Kaminfeuer beleuchtete. Da jedoch ihr Vater und ihre Schwester seine Huldigung mit einigem Wohlwollen aufnahmen, faßte sie sich, um ihr Mißtrauen nicht zu zeigen, damit es nicht wieder einen Beweis des Makels liefere, der von ihrer Gefängnisgeburt stamme. Nichtsdestoweniger sah sie sich, solange sie den rauhen Weg hinabritten und das Kloster noch sichtbar war, mehr als einmal um und gewahrte, wie Mr. Blandois, hinter dem der Klosterrauch senkrecht und hoch aus den Kaminen in einer goldenen Hülle emporstieg, immer noch auf einem hervorragenden Punkte dastand und ihnen nachblickte. Lange, nachdem er nur wie ein schwarzer Stock im Schnee aussah, war es ihr, als ob sie noch immer sein Lächeln, die gebogene Nase und die Augen sehen könnte, die so nahe beieinander standen. Und noch später, als das Kloster verschwunden war und einige leichte Morgenwolken den Paß unter denselben verschleierten, schienen die Skelettarme am Wege alle nach ihm hinaufzudeuten. Trügerischer denn Schnee, vielleicht kälter an Herz und schwerer schmelzend, verschwand Blandois von Paris nach und nach aus ihrem Gedächtnis, als sie in die milderen Regionen kamen. Die Sonne war wieder warm; die Ströme, die von den Gletschern und Schneeklüften herabrauschten, boten wieder frischen Trunk: sie ritten wieder zwischen den Pinien, den Felsbächen, über die grünen Höhen und durch die Täler, an den hölzernen Sennhütten und an den rohen Zickzackgehängen des Schweizerlandes hin. Bisweilen wurde der Weg so breit, daß sie und ihr Vater nebeneinander reiten konnten. Und dann ihn anzublicken, wie er in Pelz und prachtvolles Tuch gehüllt, reich, frei, von vielen Dienern begleitet und bedient, die Augen weit in der Herrlichkeit der Landschaft umherschweifen ließ, während keine elende Scheidewand den Blick verdunkelte und ihren Schatten darauf warf, – das war genug für sie. Ihr Onkel war so weit aus dem früheren Schatten herausgetreten, daß er die Kleider trug, die man ihm gab, und einige Waschungen als Opfer für den Ruf der Familie vornahm und mitging, wohin man ihn führte, mit einer gewissen geduldigen naiven Freude, die auszudrücken schien, daß die Luft und der Wechsel ihm wohltue. In jeder andern Beziehung, eine ausgenommen, gab und spiegelte er kein andres Licht von sich als das, das von seinem Bruder ausstrahlte. Seines Bruders Größe, Reichtum, Freiheit und Herrlichkeit gefiel ihm ohne irgendwelche Rücksicht auf sich. Still und in sich gekehrt, hatte er keine Sprache, wenn er seinen Bruder sprechen hören konnte; keinen Wunsch, selbst bedient zu werden, so daß die Diener nur mit seinem Bruder zu tun hatten. Die einzige bemerkenswerte Neuerung, die in ihm vorging, war sein verändertes Benehmen gegen seine jüngere Nichte. Jeden Tag verfeinerte es sich mehr zu einem ausgeprägten Respekt, wie man ihn selten beim Alter gegenüber der Jugend steht, und noch seltener, möchte man sagen, von einem Takt, ihm den richtigen Ausdruck zu geben, begleitet findet. Sooft Miß Fanny ein für allemal erklärte, pflegte er die nächste Gelegenheit zu ergreifen, sein graues Haupt vor seiner jüngern Nichte zu entblößen, oder er half ihr aufsteigen, oder hob sie in den Wagen, oder erwies ihr sonst mit der tiefsten Ehrerbietung eine Aufmerksamkeit. Und doch erschien alles dies nie am unrechten Ort angebracht oder gezwungen, sondern immer herzlich einfach, natürlich und ungekünstelt. Auch gab er niemals zu, selbst wenn sein Bruder ihn dazu aufforderte, daß man ihm vor ihr einen Platz anwies oder daß er in irgend etwas den Vorrang vor ihr habe. So eifersüchtig war er darauf, daß man sie respektiere, daß er eben auf dem Ritt vom großen St. Bernhard herab plötzlich ganz heftig und ungehalten wurde, als er sah, daß der Diener, obgleich er ganz nahe dabei war, als sie abstieg, ihr den Steigbügel zu halten versäumte; und das ganze Gefolge geriet in grenzenloses Erstaunen, als er auf einem starrköpfigen Maultier, einen Angriff auf ihn machte, ihn in eine Ecke ritt und ihm drohte, ihn totzutreten. Es war eine hochnoble Gesellschaft, und die Wirte stritten sich um sie. Wohin sie kamen, war ihre Wichtigkeit in der Person des vorausreitenden Kuriers ihnen vorangeeilt, um zu sehen, ob die Staatszimmer in Bereitschaft seien. Er war der Herold der Familienprozession. Dann kam der große Reisewagen, der innen enthielt: Mr. Dorrit, Miß Dorrit, Miß Amy Dorrit und Mrs. General; außen saß einer der Diener und (bei schönem Wetter) Edward Dorrit, Esquire, für den der Bock reserviert war. Dann kam der kleine Reisewagen mit Frederick Dorrit, Esquire, und einem leeren Platze für Edward Dorrit, bei schlechtem Wetter. Dann kam der Gepäckwagen mit der übrigen Dienerschaft, dem schweren Gepäck, und soviel er von dem Schmutz und Staub tragen konnte, den die andern Wagen hinter sich ließen. Diese Wagen schmückten den Hof des Hotels in Martigny, als die Familie von ihrer Bergtour zurückkehrte. Es waren noch andere Wagen vorhanden, da viele Reisende sich unterwegs befanden. Von der zusammengeflickten italienischen Vettura – die wie der Stuhl einer Schaukel von einem italienischen Jahrmarkt aussah, den man auf ein hölzernes Speisenbrett mit Rädern gestellt hat, während sich obendrüber ein zweites hölzernes Speisenbrett ohne Räder befand – bis hinauf zum schöngebauten englischen Wagen. Aber etwas anderes schmückte noch das Hotel, was Mr. Dorrit nicht ausbedungen hatte. – Zwei fremde Reisende nämlich schmückten eines seiner Zimmer. Der Hotelbesitzer schwor, den Hut in der Hand, dem Kurier, daß er vernichtet, daß er trostlos, daß er tief bekümmert, daß er das elendeste und unglücklichste aller Tiere sei, daß er den Kopf eines hölzernen Schweins habe. Er würde das niemals zugegeben haben, sagte er, aber die feine Dame habe ihn so inständig gebeten, ihr das Zimmer nur für eine kleine halbe Stunde zum Dinieren einzuräumen, daß er sich habe herumbringen lassen. Die kleine halbe Stunde sei vorüber, die Dame und der Herr nehmen ihr kleines Dessert ein und eine halbe Tasse Kaffee, die Rechnung sei bezahlt, die Pferde befohlen, sie würden augenblicklich abreisen; aber ein unglückliches Schicksal und der Fluch des Himmels wolle, daß sie noch nicht fort seien. Nichts konnte die Entrüstung Mr. Dorrits übersteigen, als er sich am Fuße der Treppe umwandte und diese Entschuldigungen vernahm. Es war ihm, als ob die Würde der Familie von den Händen eines Meuchelmörders getroffen worden. Er hatte ein Gefühl seiner Würde, das von der ausgesuchtesten Art war. Er konnte einen Angriff auf dieselbe entdecken, wo kein Mensch sonst auch nur das geringste merkte. Sein Leben wurde zu einem unaufhörlichen Kampf durch die Masse von Seziermessern, die er beständig mit der Sezierung seiner Würde beschäftigt wähnte. »Ist es möglich, mein Herr«, sagte Mr. Dorrit tief errötend, »daß (Sie – ha – die Kühnheit gehabt haben, eines von meinen Zimmern zur Verfügung einer andern Person zu stellen?« Er bitte tausendmal um Entschuldigung. Es sei des Wirtes größtes Unglück, sich von dieser nur allzu vornehmen Dame haben überreden zu lassen. Er bitte Monseigneur nicht ungehalten zu sein. Er verlasse sich auf Monseigneurs Nachsicht. Wenn Monseigneur die ausgezeichnete Gnade haben wollte, den andern besonders für ihn hergerichteten Salon nur für fünf Minuten einzunehmen, so würde alles gut sein. »Nein, Sir«, sagte Mr. Dorrit, »Ich will gar keinen Salon einnehmen. Ich werde Ihr Haus verlassen, ohne zu essen oder zu trinken oder einen Fuß hineinzusetzen. Wie können Sie es wagen, so zu handeln. Wer bin ich, daß Sie –ha – mich von andern Gentlemen absondern?« Ach! Der Wirt rief das ganze Weltall zu Zeugen auf, daß Monseigneur der liebenswürdigste Mann des ganzen Adels, der bedeutendste, achtungswerteste und geachtetste Mann sei. Wenn er Monseigneur von andern absondere, so geschehe es bloß, weil er ausgezeichneter, geschätzter, edler und berühmter sei. »Sagen Sie mir dergleichen nicht ins Gesicht«, versetzte Mr. Dorrit in großer Hitze. »Sie haben mich beleidigt. Sie haben Beschimpfungen auf mich gehäuft. Wie können Sie das wagen? Erklären Sie sich!« Ach, gerechter Himmel, wie könnte der Wirt sich erklären, da er nichts mehr zu erklären hatte, sondern sich nur noch entschuldigen und sein Vertrauen auf die wohlbekannte Großmut von Monseigneur setzen könnte! »Ich sage Ihnen, Sir«, versetzte Mr. Dorrit, zitternd vor Zorn, »daß Sie mich von andern Gentlemen absondern; daß Sie Unterschiede zwischen mir und andern Gentlemen von Vermögen und Stellung machen. Ich frage Sie, warum? Ich wünsche zu wissen, mit welchem Recht, mit welchem – ha – Recht? Antworten Sie, mein Herr. Erklären Sie sich. Antworten Sie, warum?« Der Wirt müsse sich die Freiheit nehmen, dem Herrn Kurier zu bemerken, daß der sonst so gnädige Monseigneur sich ohne Grund ereifere. Es sei keine Ursache vorhanden. Der Herr Kurier möge Monseigneur vorstellen, daß er sich täusche, wenn er glaube, es sei irgendein Grund vorhanden als der, den sein ergebener Diener bereits ihm mitzuteilen die Ehre gehabt. Die außerordentlich vornehme Dame – »Genug!« rief Mr. Dorrit. »Schweigen Sie. Ich will nichts mehr von dieser außerordentlich vornehmen Dame hören. Sehen Sie diese Familie an – meine Familie – eine vornehmere Familie als irgendwelche Dame. Sie haben diese Familie mit Mißachtung behandelt. Sie waren unverschämt gegen diese Familie. Ich werde Sie ruinieren. Ha – schicken Sie nach den Pferden. Packen Sie die Wagen, ich werde keinen Fuß mehr in dieses Mannes Haus setzen.« Niemand hatte sich in diesen Streit gemischt, der über die französischen Sprachkräfte Edward Dorrits Esq. ging und kaum im Bereich von denen der Damen lag. Miß Fanny jedoch unterstützte jetzt ihren Vater mit großer Bitterkeit, indem sie in ihrer heimischen Sprache erklärte, daß es ganz klar sei, hinter dieses Mannes Impertinenz laure etwas ganz Bestimmtes; und sie betrachte es für wichtig, daß er durch irgendwelche Mittel gezwungen werde, den Grund anzugeben, weshalb er einen Unterschied zwischen dieser Familie und andern reichen Familien mache. Was die Ursache seiner Vermessenheit sein könne, wisse sie sich nicht zu erklären; aber Gründe müsse er haben und man solle sie aus ihm herauspressen. Alle Führer, Maultiertreiber und Müßiggänger im Hofe hatten bei der heftigen Verhandlung zugehört und waren sehr verblüfft, als der Kurier nun die Wagen hinauszuschaffen sich mühte. Mit Hilfe von einigen Dutzend Leuten an jedem Rade geschah dies mit großem Geräusch; dann machte man sich wieder ans Aufladen, bis die Pferde vom Posthause kamen. Da der Wagen der sehr vornehmen englischen Dame bereits angeschirrt an dem Tor des Hotels stand, war der Wirt hinaufgeschlichen, um ihr seinen fatalen Fall mitzuteilen. Dies erfuhr der Hof, indem er jetzt mit dem Herrn und der Dame die Treppe herabkam und auf die beleidigte Majestät von Mr. Dorrit mit einer bezeichnenden Bewegung der Hand hindeutete. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte der Herr, indem er sich von der Dame losmachte und näher kam. »Ich bin ein Mann von wenig Worten und habe kein Talent zum Erklären – aber die Dame hier wünscht sehr, daß jeder Spektakel vermieden würde. Die Lady – meine Mutter – wünscht wegen des Vorgefallenen, daß ich sagen soll, sie hoffe, es werde keinen Spektakel geben.« Mr. Dorrit, der im Gefühle der Kränkung noch immer zitterte, grüßte den Herrn und die Dame in einer sehr fremden, abweisenden unnahbaren Weise. »Nein, aber wahrhaftig – hier, alter Junge; Sie!« Das war die Art des jungen Mannes, wie er sich an Edward Dorrit Esquire wandte, den er als einen großen, von der Vorsehung ihm zugesandten Befreier aus der Verlegenheit packte. »Wir zwei wollen die Sache miteinander zurechtlegen. Die Dame wünscht so sehr, daß es keinen Spektakel gebe.« Edward Dorrit Esquire, der am Knopf etwas auf die Seite gezogen worden, nahm einen diplomatischen Gesichtsausdruck an, indem er antwortete: »Sie müssen doch gestehen, wenn Sie eine Partie Zimmer vorausbestellen lassen und dieselben Ihnen gehören, es nicht angenehm ist, andre Leute in denselben zu finden.« »Ja«, sagte der andre, »allerdings. Ich gebe es zu. Wir zwei wollen die Sache jedoch miteinander zurechtlegen und den Spektakel vermeiden. Der Fehler liegt durchaus nicht an diesem Laffen, sondern an meiner Mutter. Eine sehr feine Frau, die bei Gott keinen Unsinn an sich hat – und sehr gebildet – sie war zuviel für diesen Laffen. Steckte ihn förmlich in die Tasche.« »Wenn das der Fall –« begann Edward Dorrit Esquire. »Ich versichere Sie, auf Ehre, das ist der Fall. Warum deshalb«, sagte der andere, seine frühere gewichtige Stellung wieder einnehmend, »warum Spektakel?« »Edmund«, sagte die Dame vom Tor aus, »ich hoffe, du hast zur Beruhigung des Herrn und seiner Familie erklärt, daß dieser höfliche Wirt keinen Tadel verdient?« »Versichere Sie, Madame«, versetzte Edmund, »ich werde ganz lahm vor Anstrengung.« Dann sah er Edward Dorrit Esquire einige Sekunden lang an und fügte mit einem Ausbruch von Vertraulichkeit hinzu: »Alter Junge! Ist jetzt alles in Ordnung?« »Ich glaube«, sagte die Dame, anmutig einen Schritt oder zwei auf Mr. Dorrit zuschreitend, »es ist besser, wenn ich selbst sage, daß ich diesen Mann versicherte, ich werde alle Folgen auf mich nehmen, die daraus entstehen könnten, daß ich eines von den Zimmern eines Fremden, während seiner Abwesenheit, für die lange (oder kurze) Dauer meines Diners in Beschlag nahm. Ich hatte keine Ahnung, daß der rechtmäßige Inhaber dieser Zimmer so bald zurückkommen würde. Auch hatte ich keine Ahnung, daß er schon angekommen, sonst würde ich mich beeilt haben, mein mit Unrecht in Beschlag genommenes Zimmer zurückzugeben und mich zu erklären und zu entschuldigen. Ich glaube, indem ich dies sage –« Einen Augenblick lang stand die Dame mit dem Glas an dem Auge betroffen und sprachlos vor den beiden Miß Dorrit. In diesem Augenblick hielt Miß Fanny im Vordergrund einer großen malerischen Stellung, die die Familie, die Familienwagen und die Familiendiener bildeten, ihre Schwester fest unter dem Arm, um sie an Ort und Stelle zu fesseln, und mit dem andern Arm fächelte sie sich mit stolzer Miene und betrachtete die Dame nachlässig von Kopf bis zu Fuß. Die Dame, die sich rasch wieder faßte – denn es war Mrs. Merdle, die nicht leicht aus der Fassung zu bringen war – fügte nun hinzu, sie glaube, indem sie dies sage, ihre Kühnheit zu entschuldigen und diesen gebildeten Wirt wieder in den Besitz der Gunst zu setzen, die ihm von so hohem Wert sei. Mr. Dorrit, auf dessen Altar all dies eitel Weihrauch war, gab eine gnädige Antwort und sagte, seine Leute sollten – ha – seine Pferde wieder abbestellen, – er wolle – hm – über das hinwegsehen, was er anfangs für eine Beleidigung gehalten, jetzt aber für eine Ehre ansehe. Daraufhin neigte sich der Busen vor ihm; und die Besitzerin warf mit einer wundervollen Beherrschung ihrer Züge den beiden Schwestern, als jungen Damen von Vermögen, für die sie sehr eingenommen war und die sie nie zuvor das Glück gehabt zu sehen, ein gewinnendes Lächeln zum Abschied zu. Anders benahm sich Mr. Sparkler. Dieser junge Mann, dessen Blicke zu gleicher Zeit wie die seiner Lady-Mutter gefesselt wurden, konnte sich um keinen Preis wieder von den Fesseln losmachen, sondern starrte unverwandt auf die ganze Gesellschaft mit Miß Fanny im Vordergrund. Als seine Mutter sagte: »Edmund, wir sind nun fertig: gib mir deinen Arm«; schien er, nach der Bewegung seiner Lippen, mit einer Bemerkung zu antworten, die ungefähr die Worte enthielt, in denen seine glänzenden Talente sich zumeist äußerten, aber er entspannte keinen Muskel. So steif und starr war seine Gestalt, daß es schwierig gewesen wäre, ihn hinlänglich zu beugen, um ihn in die Wagentür zu bringen, wenn er nicht von drinnen zu rechter Zeit eine mütterlichen Ruck bekommen hätte. Er war kaum im Wagen, als das Kissen an dem kleinen Fenster hinten verschwand und sein Auge den Platz desselben beschlagnahmte. Dort blieb es so lange, als man einen so kleinen Gegenstand unterscheiden konnte, und wahrscheinlich noch weit länger, und starrte (wie wenn einem Stockfisch etwas unaussprechlich Überraschendes begegnet), einem schlechtgemalten Auge in einem großen Armband ähnlich, in die Ferne. Diese Begegnung war für Miß Fanny so angenehm, und sie dachte später so viel mit wahrer Siegesfreude daran, daß ihre Härten sich außerordentlich milderten. Als die Prozession am nächsten Tag wieder im Gange war, nahm sie ihren Platz in derselben mit einer ihr sonst fremden Heiterkeit ein und zeigte wirklich eine so glückliche Laune, daß Mrs. General ziemlich überrascht aussah. Klein-Dorrit war froh, daß man keinen Fehler an ihr fand und daß Fanny heiter war: ihr Teil an der Prozession war jedoch ein stilles sinnendes Träumen. Wenn sie so ihrem Vater in dem Reisewagen gegenübersaß und an das alte Zimmer im Marschallgefängnis dachte, so erschien ihr das gegenwärtige Leben wie ein Traum. Alles, was sie sah, war neu und herrlich, aber es war nicht wirklich. Es war ihr, als wenn diese Visionen von Bergen und malerischen Gegenden jeden Augenblick verschwinden und der Wagen, plötzlich um eine Ecke biegend, mit einem Stoß vor dem alten Gefängnistor stehen könnte. Nichts zu arbeiten zu haben war seltsam, aber nicht halb so seltsam, als in einer Ecke zu sitzen, wo sie für niemanden zu denken, nichts auszusinnen und auszurichten, keine Sorgen von andern auf sich zu übernehmen hatte. Seltsam wie das war, war es doch noch weit seltsamer, einen Raum zwischen sich und dem Vater zu sehen, wo andere sich damit beschäftigten, für ihn zu sorgen und wo man sie gar nicht erwartete. Anfangs war dies mit ihrer alten Erfahrung so widerstreitend, mehr noch als die Berge, daß sie außerstande gewesen war, darauf zu verzichten, und versucht hatte, ihren alten Platz neben ihm zu behaupten. Aber er hatte allein mit ihr gesprochen und ihr gesagt: daß Leute – ha – Leute in einer höheren Stellung ängstlich gewissenhaft von ihren Untergebenen Respekt verlangen müßten; und daß es für sie, seine Tochter, Miß Amy Dorrit, von der einzig noch existierenden Linie der Dorrits von Dorsetshire, unvereinbar mit jener Stellung wäre, dafür zu gelten, daß sie die Funktionen – ha – eines Kammerdieners versehe. Deshalb müsse er ihr seine väterliche – hm – streng verschärfte Mahnung erteilen, sich zu erinnern, daß sie eine Dame, die sich nun mit – hm – dem gebührenden Stolz zu benehmen und den Rang einer Dame aufrechtzuerhalten habe. Deshalb fordre er von ihr, daß sie sich solchen Tuns enthalte – ha –, das unangenehme und nachteilige Bemerkungen hervorrufen könnte. Sie hatte ohne Murren auf sein Wort gehorcht. Es war dahin gekommen, daß sie jetzt in einer Ecke des üppigen Wagens, die kleinen Hände vor sich faltend, saß, selbst von dem äußersten Punkt ihres früheren Platzes weggerückt, den ihr Fuß aufzugeben lange gezögert hatte. Von dieser Stellung aus erschien ihr alles, was sie sah, traumhaft! je überraschender die Szenen, desto mehr glichen sie der Traumhaftigkeit ihres eignen innern Lebens, durch dessen öde Räume sie den ganzen Tag schritt. Die Abgründe des Simplon, seine ungeheuren Tiefen und donnernden Wasserfälle, der herrliche Weg, die gefährlichen Punkte, wo ein loses Rad oder ein strauchelndes Pferd den Untergang brachte, das Hinabsteigen nach Italien, das Aufgehen des schönen Landes, als die rauhe Bergschlucht sich erweiterte und sie aus dem düstern und dunkeln Gefängnis herausließ – alles war ein Traum – nur das alte elende Marschallgefängnis eine Wirklichkeit. Ja, selbst das alte elende Marschallgefängnis war bis auf den Grund niedergerissen, wenn sie es sich ohne ihren Vater malte. Sie konnte kaum glauben, daß die Gefangenen noch in dem engen Hofe weilten, daß die elenden Räume noch immer alle besetzt waren und daß der Schließer noch immer in dem Pförtnerstübchen stehe und die Leute aus- und einlasse – alles, wie sie wohl wußte, daß es noch war. Mit einer Erinnerung an ihres Vaters altes Leben im Gefängnis, die schwer wie eine traurige Weise auf ihr lastete, erwachte Klein-Dorrit gewöhnlich aus einem Traum von ihrem Geburtsort zu dem Traum eines ganzen Tages. Das gemalte Zimmer, in dem sie erwachte, oft ein ehemaliges Prunkzimmer in einem verfallenen Palaste, eröffnete diesen Traum; wildes rotes Herbstweinlaub hing über die Fenster herab, Orangenbäume standen auf der zerrissenen weißen Terrasse vor dem Fenster, eine Gruppe von Mönchen und Bauern ging durch die Straße einher. Elend und Pracht stritten sich auf jedem Fleck Erde, gleichviel unter welcher Gestalt, rings umher um den Vorrang, und das Elend warf die Pracht mit der Stärke des Schicksals zu Boden. Diesem Eingang folgte ein Labyrinth von kahlen Gängen und pfeilertragenden Galerien, während die Familienprozession sich bereits in dem viereckigen Hof zur Abfahrt rüstete, nachdem die Wagen und das Gepäck für die Tagreise von den Dienern zusammengebracht worden. Dann das Frühstück in einem andern gemalten Zimmer, mit feuchten Flecken und von traurigem Aussehen; und dann die Abreise, die für ihre Schüchternheit und das Gefühl, nicht vornehm genug für ihren Platz bei den Zeremonien zu sein, immer eine unbehagliche Sache war. Denn dann erschien der Kurier (der ein Fremder von hoher Auszeichnung im Marschallgefängnis gewesen wäre), um anzuzeigen, daß alles in Bereitschaft sei. Dann hüllte ihres Vaters Kammerdiener ihn mit großem Pomp in seinen Reiserock; dann bedienten sie Fannys Mädchen und ihr eigenes Mädchen (die für Klein-Dorrit eine schwere Last war, sie weinte anfangs über sie, da sie gar nicht wußte, was mit ihr anfangen); dann vollendete ihres Bruders Diener den Anzug seines Herrn; dann gab ihr Vater Mrs. General den Arm, und ihr Onkel gab ihr den seinen, und begleitet von dem Wirt und der Dienerschaft des Hotels rauschten sie die Treppe hinab. Dort war gewöhnlich eine Masse Menschen versammelt, um sie einsteigen zu sehen, was sie dann auch unter vielem Verbeugen, Bitten, Pferdebäumen, Knallen und Knarren taten; und dann ging's toll durch die engen, übelriechenden Straßen und zum Stadttor hinaus. Unter den Traumerscheinungen des Tages waren gewöhnlich Wege, wo das glänzend rote Weinlaub sich wie Girlanden meilenlang an den Bäumen hinzog: Olivenwälder, weiße Dörfer und Städte an Hügel gelehnt, lieblich von außen, aber schrecklich in ihrem Schmutz und ihrer Armut im Innern; Kreuze am Wege; tiefblaue Seen mit schönen Inseln und Gruppen von Booten mit Zelten von glänzenden Farben und Segeln von schönen Formen; massenhafte Gebäude, die in Staub zerfielen; hängende Gärten, wo das wuchernde Gestrüpp so stark geworden, daß seine Stämme wie eingetriebene Keile die Bogen gesprengt und die Mauer zerrissen hatten; steinerne terrassenförmige Gänge, wo die Eidechsen in und aus allen Ritzen krochen; Bettler von allen Arten und überall; bemitleidenswert, malerisch, hungrig, lustig; Bettelkinder und alte Bettler. Oft erschienen ihr an Posthäusern und andern Haltplätzen diese elenden Geschöpfe das einzige Wirkliche des Tages, und manchmal, wenn das Geld, das sie mitgebracht hatten, um es ihnen zu geben, alles verschenkt war, saß sie mit gefalteten Händen gedankenvoll da, nach einem winzig kleinen Mädchen hinblickend, das seinen greisen Vater führte, als wenn dieser Anblick sie an etwas aus längst vergangenen Tagen erinnerte. Dann gab es wieder Orte, wo sie die ganze Woche in glänzenden Zimmern zusammenwohnten, jeden Tag Gastmähler hatten, unter Haufen von Wundern ausfuhren, zwischen Meilen von Palästen hingingen und in dunkeln Winkeln von großen Kirchen weilten; wo es blinkende Lampen von Gold und Silber zwischen Pfeilern und Bogen gab, kniende Gestalten in der Nähe von Beichtstühlen und auf dem Pflaster umherschwärmten: wo Dampf und Geruch von Weihrauch webte: wo man Gemälde, phantastische Bilder, festlich geschmückte Altäre, große Höhen und Entfernungen sah, alles durch buntes Glas sanft beleuchtet und die massiven Vorhänge, die an den Türen hingen. Von den Städten kamen sie wieder auf Wegen mit Wein und Oliven durch schmutzige Dörfer, wo keine Hütte war ohne ein Loch in der trüben Wand, kein Fenster mit einem ganzen Zoll Glas oder Papier; wo nichts zu sein schien, was das Leben erträglich machte, nichts zu essen, nichts zu tun, nichts zu schaffen, nichts zu hoffen, wo man nichts tun konnte als sterben. Dann kamen sie wieder in ganze Städte von Palästen, deren rechtmäßige Einwohner alle verbannt, und die alle in Kasernen verwandelt waren; Scharen von müßigen Soldaten lehnten aus den Staatsfenstern, wo ihre Ausrüstung an der marmornen Architektur zum Trocknen aufgehängt war. Die Soldaten sahen wie Heere von Ratten aus, die (glücklicherweise) die Stützen der Gebäude wegfraßen, die bald mit ihnen über die Häupter der andern Schwärme von Soldaten, und der Schwärme von Priestern, und der Schwärme von Spionen noch, die die unheimliche Bevölkerung bildeten und sich, dem Untergang verfallen, in den Straßen unten umhertrieben, hereinbrechen mußten. Durch solche Szenen bewegte sich die Reisegesellschaft bis nach Venedig. Hier zerstreute sie sich für einige Zeit, da sie in Venedig einige Monate bleiben wollte, in einem Palast (der sechsmal so groß war wie das ganze Marschallgebäude) am Canal Grande. In diesem alles Frühere krönenden Traum, wo alle Straßen mit Wasser gepflastert waren und die Totenstille bei Tag und Nacht nur durch das dumpfe Läuten der Kirchenglocken, das Rauschen des Wassers und den Ruf der Gondoliere unterbrochen wurde, die um die Ecken der fließenden Straßen bogen, saß Klein-Dorrit, ganz in Gedanken versunken, da ihre Arbeit getan war, und sinnend da. Die Familie begann ein heiteres Leben, ging da und dorthin und verwandelte Nacht in Tag; aber sie scheute sich, an ihren Freuden teilzunehmen, und verlangte nur, allein bleiben zu dürfen. Bisweilen stieg sie auch in eine der Gondeln, die immer in Bereitschaft standen und an gemalte Pfosten vor der Tür angelegt waren, – wenn sie sich von der aufdringlichen Bedienung ihres Kammermädchens, die mehr ihre Herrin, und zwar eine sehr harte, war, losmachen konnte – und ließ sich durch die ganze seltsame Stadt fahren. Gesellschaften in andern Gondeln begannen einander zu fragen, wer das kleine einsame Mädchen sei, an dem sie vorüberkamen, und das mit gefalteten Händen in ihrem Boote sitze und so nachdenklich und staunend umherblicke. Nicht entfernt ahnend, daß es irgend jemand für der Mühe wert halte, von ihrem Tun Notiz zu nehmen fuhr Klein-Dorrit in ihrer ruhigen, schüchternen, in sich gekehrten Weise in der Stadt umher. Aber ihr Lieblingsplätzchen war der Balkon ihres Zimmers, der auf den Kanal hinausging, mit andern Balkonen darunter und keinem darüber. Er war massiv von Stein, durch die Zeit geschwärzt und von jener wunderlich phantastischen Bauart, die vom Osten mit andern wunderlich phantastischen Dingen herüberkam; und Klein-Dorrit sah wirklich sehr klein aus, wenn sie sich über das breite Geländer hinauslehnte und hinabschaute. Da sie namentlich abends keinen Ort so sehr liebte wie den Balkon, so fiel sie bald auf, und manche Augen in den vorüberfahrendcn Gondeln erhoben sich zu ihr und manche Leute sagten: »Da ist wieder die kleine Gestalt der jungen Engländerin, die immer allein ist.« Solche Leute waren für die kleine Gestalt der jungen Engländerin keine wirklichen Personen; sie waren ihr ja alle unbekannt. Sie beobachtete den Sonnenuntergang mit seinen langen purpurnen und roten Linien, seinem Flammenbrand, der hoch in die Wolken schlug und die Gebäude mit solcher Glut, ihre Struktur mit solchem Licht übergoß, daß es aussah, als wenn die dicken Wände durchsichtig und von innen erhellt wären. Sie sah, wie diese Pracht unterging; und dann, wenn sie einige Zeit auf die schwarzen Gondeln unten hinabgeblickt, die Gäste zu Musik und Tanz führten, erhob sie die Augen zu den leuchtenden Sternen. War nicht in ihrem eignen früheren Leben eine Gesellschaft, auf die die Sterne schienen? Oh, an jenes alte Tor jetzt zu denken! Sie dachte dann gewöhnlich an jenes alte Tor, und wie sie dort gesessen in der Totenstille der Nacht, Maggys Haupt als Kopfkissen dienend; und an andre Plätze und andre Szenen, deren Erinnerung sich an jene vergangene Zeiten knüpfte. Und dann lehnte sie sich an den Balkon und sah darüber hinaus auf das Wasser, als wenn das alles unten vor ihr läge. Wenn sie so weit gekommen, schaute sie sinnend auf die Strömung, als wenn sie, in der allgemeinen Vision, austrocknen und ihr das Gefängnis und sie selbst und das alte Zimmer und die alten Insassen und die alten Besuche zeigen würde: lauter dauernde Wirklichkeiten, die sich nicht verändert hatten. Viertes Kapitel. Ein Brief von Klein-Dorrit. Lieber Mr. Clennam! Ich schreibe Ihnen aus meinem Zimmer in Venedig, in der Erwartung, daß es Sie freuen werde, von mir zu hören. Aber ich weiß, es kann Ihnen keine so große Freude bereiten, von mir zu hören, als mir, Ihnen zu schreiben; denn alles um Sie her ist, wie Sie es zu sehen gewohnt sind, und Sie vermissen nichts – wenn nicht mich, was nur auf Augenblicke und höchst selten der Fall sein mag –, während alles in meinem jetzigen Leben so fremdartig ist und ich so viel vermisse. Klein-Dorrit in Venedig. Als wir in der Schweiz waren, was mich jetzt schon dünkt, als wäre es vor Jahren gewesen, obgleich es nur wenige Wochen her ist, traf ich die junge Mrs. Gowan, die, wie wir, sich auf einem Bergausflug befand. Sie sagte mir, sie sei sehr wohl und sehr glücklich. Sie trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß sie Ihnen herzlich für Ihre Teilnahme danke und Sie nie vergessen werde. Sie sprach sehr vertraulich mit mir, und ich liebte sie beinahe im ersten Augenblick, als ich mit ihr sprach. Aber dabei ist nichts zu verwundern: wer müßte nicht ein so schönes und gewinnendes Wesen lieben! Ich würde über keinen erstaunen, der sie liebte. Nein, wahrhaftig nicht. Es wird Ihnen hoffentlich keinen Kummer bereiten – denn ich erinnere mich, daß Sie sagten, Sie hätten das Interesse eines wahren Freundes für sie –, wenn ich Ihnen sage, ich wünschte, sie hätte einen Mann geheiratet, der besser für sie paßte. Mr. Gowan scheint sie zu lieben, und natürlich liebt auch sie ihn sehr, aber mir kam es vor, als wenn er es nicht ernst genug meinte, – ich meine nicht in dieser Hinsicht, ich meine im ganzen. Ich konnte mir's nicht aus dem Kopf bringen, daß, wenn ich Mrs. Gowan wäre (welcher Tausch würde das sein und wie müßte ich mich ändern, um ihr zu gleichen), ich mich allein und verlassen fühlen würde, weil mir jemand fehlte, der fest und beharrlich im Entschlüsse wäre. Mir kam es sogar vor, al« wenn sie diesen Mangel etwas fühlte, jedoch ohne es genau zu wissen. Aber lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen, denn sie war »sehr wohl und sehr glücklich«. Und sie sah außerordentlich hübsch aus. Ich hoffe, sie in kurzer Zeit wiederzusehen und erwarte sie sogar seit einigen Tagen hier. Ich werde ihr stets so freundlich um Ihretwillen zugetan sein wie ich kann. Lieber Mr. Clennam, Sie werden wohl wenig daran denken, daß Sie mir ein Freund gewesen sind, wie ich keinen andern hatte (nicht daß ich jetzt welche hätte: denn ich habe keine neuen Freundschaften geschlossen), ich denke viel daran und kann es nicht vergessen. Ich möchte wohl wissen – aber es ist am besten, wenn mir niemand schreibt –, wie sich Mr. und Mrs. Plornish bei dem Geschäft befinden, das ihnen mein lieber Vater gekauft, und ob der alte Mr. Nandy glücklich bei ihnen und seinen zwei Enkeln lebt und immer und immer wieder seine alten Lieder singt. Ich kann die Tränen nicht zurückhalten, wenn ich an meine arme Maggy denke und die Leere, die sie anfangs ohne ihr Mütterchen gefühlt haben muß, so freundlich sie auch alle gegen sie sind. Wollen Sie sie besuchen und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit meinen besten Grüßen sagen, daß sie unsere Trennung nicht inniger beklagt haben kann als ich? Und wollen Sie ihnen allen sagen, daß ich jeden Tag an sie gedacht habe, daß mein Herz treu an ihnen hängt, wie ich auch sein mag? Oh, wenn Sie wissen könnten, wie treu, Sie würden mich beinahe bemitleiden, daß ich so fern und so reich bin. Sie werden sich gewiß freuen zu erfahren, daß mein lieber Vater sehr wohl ist und daß all diese Veränderungen sehr wohltätig auf ihn einwirkten, und daß er ganz anders ist als damals, da Sie ihn noch häufig besuchten. Auch mit meinem Onkel, glaube ich, ist eine Veränderung zum Bessern vorgegangen, wenn er sich auch früher nie beklagte und über das Jetzt nicht gerade in Entzücken gerät. Fanny ist sehr anmutig, lebhaft und gewandt. Es steht ihr ganz natürlich, die Lady zu spielen, sie hat sich an unser neues Glück mit wunderbarer Leichtigkeit gewöhnt. Das erinnert mich daran, daß es mir nicht so leicht wird und daß ich bisweilen ganz daran verzweifle. Ich finde, daß ich das nicht lernen kann. Mrs. General ist immer mit uns, und wir sprechen Französisch und sprechen Italienisch, und sie gibt sich Mühe, uns auf mancherlei Weise zu bilden. Wenn ich sage, wir sprechen Französisch und Italienisch, so meine ich, sie tun's. Was mich betrifft, so bin ich so langsam, daß ich kaum weiter komme. Sobald ich Pläne zu entwerfen, nachzudenken und Versuche zu machen beginne – geht all mein Planentwerfen, Nachdenken und Versuchemachen in alten Geleisen, und ich fange wieder an, um die Kosten des Tages und um meinen Vater und meine Arbeit zu sorgen, und dann erinnere ich mich wieder, daß keine solchen Sorgen mehr existieren, und das ist mir an und für sich so neu und unwahrscheinlich, daß ich mich dem Grübeln ergebe. Ich hätte nicht den Mut, das gegen irgend jemanden als gegen Sie zu erwähnen. Dasselbe ist mit all diesen neuen Ländern und wunderbaren Szenen der Fall. Sie sind sehr schön und setzen mich in Erstaunen, aber ich bin nicht gesammelt genug, nicht vertraut genug mit mir, wenn Sie verstehen können, was ich damit meine – all das Vergnügen aus ihnen zu schöpfen, das ich haben könnte. Was ich vor ihnen kennenlernte, vermischt sich überdies mit ihnen so seltsam. Zum Beispiel, als wir in den Bergen waren, war mir's oft (ich zögere, selbst Ihnen so lächerliche Geschichten zu erzählen, Mr. Clennam), als wenn das Marschallgefängnis hinter diesem großen Felsen sein müßte, oder als wenn das Zimmer von Mrs. Clennam, wo ich so manchen Tag gearbeitet und wo ich Sie zum ersten Male sah, jenseits dieses Schneefeldes sein müßte. Erinnern Sie sich jener Nacht, als ich mit Maggy nach Ihrer Wohnung in Covent Garden kam? Es war oft und häufig, als wenn ich jenes Zimmer vor mir sähe und es meilenweit neben unsrem Wagen herginge, wenn ich zum Fenster hinaus in die Dunkelheit sah. Wir waren jene Nacht ausgeschlossen und saßen an dem eisernen Tor und gingen umher bis zum Morgen. Ich sehe oft zu den Sternen empor, namentlich von dem Balkon dieses Zimmers aus, und glaube wieder in jener Straße zu sein, mit Maggy ausgeschlossen. Das gleiche ist mit den Menschen der Fall, die ich in England zurückgelassen. Wenn ich hier in einer Gondel umherfahre, überrascht es mich oft selbst, daß ich, in andre Gondeln blickend, sie zu sehen hoffte. Es würde mir eine unendliche Freude bereiten, sie zu sehen, aber ich glaube nicht, daß es mich anfangs sehr überraschen würde. In meinen träumerischen Stunden ist es mir, als wenn sie überall sein müßten; und ich meine ihre lieben Gesichter auf Brücken und Quais zu sehen. Eine andre Schwierigkeit, die ich habe, wird Ihnen sehr seltsam erscheinen und erscheint mir sogar so: ich fühle oft das alte traurige Mitleid mit – ich brauchte das Wort nicht zu schreiben – mit ihm. Obgleich er in ganz andrer Lage ist, und so unaussprechlich glücklich und dankbar ich bin, daß ich das weiß, drängt sich das alte kummervolle Gefühl des Mitleids mir bisweilen mit solcher Heftigkeit auf, daß ich wünsche, ich könnte meinen Arm um seinen Hals schlingen, ihm sagen, wie ich ihn liebe, und einige Zeit an seiner Brust weinen. Ich würde dann wieder froh und stolz und glücklich sein. Aber ich weiß, daß ich das nicht tun darf, daß er es nicht gern sähe, daß Fanny ärgerlich würde und Mrs. General aufstaunen müßte, und so beruhige ich mich wieder. Aber wenn ich das tue, kämpfe ich mit dem Gefühl, daß ich eine Kluft zwischen mir und ihm entstehen sehen muß, und daß er mitten unter all seinen Dienern und Untergebenen verlassen ist und ich ihm fehle. Lieber Mr. Clennam, ich habe viel von mir geschrieben, aber ich muß noch etwas mehr schreiben; denn das, woran mir am meisten lag, daß es in diesem schwachen Briefe eine Stelle finde, müßte sonst ausbleiben. Bei all diesen meinen törichten Gedanken, die ich so kühn war. Ihnen zu bekennen, weil ich weiß, daß Sie allein mich verstehen, wenn irgend jemand dazu imstande ist, und mehr Nachsicht gegen mich haben werden, als irgend jemand sonst, wenn Sie es nicht können – bei all diesen törichten Gedanken ist einer, der kaum je – nie – aus meinem Gedächtnis schwinden wird, und dieser ist, daß ich hoffe, Sie werden bisweilen in einem stillen Augenblick an mich denken. Ich muß Ihnen sagen, daß ich in dieser Beziehung beständig, seit ich fort bin, eine Angst habe, die ich mir um jeden Preis vom Herzen zu schaffen wünsche. Ich fürchtete, Sie möchten mich in einem neuen Licht, als ein neues Wesen betrachten. Tun Sie das nicht – ich könnte es nicht ertragen – es würde mich unglücklicher machen, als Sie vermuten. Um was ich Sie bitten und ersuchen möchte, ist, daß Sie nie an mich als an die Tochter eines reichen Mannes denken; daß Sie nie an mich denken, als ob ich besser gekleidet wäre, besser lebte, denn da ich Sie zum ersten Male sah. Daß Sie sich meiner nur als des dürftig gekleideten Mädchens erinnern, das Sie mit so viel Zärtlichkeit beschützt, von dessen fadenscheinigem Kleid Sie den Regen abgehalten und dessen nasse Füße Sie an Ihrem Kamin getrocknet haben. Daß Sie an mich und meine wahre Liebe und innige Dankbarkeit (wenn Sie überhaupt an mich denken) immer und ohne Veränderung gedenken, als an Ihr armes Kind Klein-Dorrit. PS. Besonders erinnern Sie sich, daß Sie wegen Mrs. Gowan nicht unruhig sein dürfen. Ihre Worte waren: »Sehr wohl und sehr glücklich.« Und sie sah außerordentlich hübsch aus. Fünftes Kapitel. Es ist nicht richtig irgendwo. Die Familie war ein bis zwei Monate in Venedig gewesen, als Mr. Dorrit, der viel unter Grafen und Marquis verkehrte und nur wenig übrige Zeit hatte, sich vornahm, eine Stunde an einem besondern Tage zu dem Zweck zu erübrigen, um eine Konferenz mit Mrs. General zu halten. Als die Zeit, die er sich in Gedanken reserviert hatte, gekommen war, schickte er Mr. Tinkler, seinen Kammerdiener, nach Mrs. Generals Zimmer, (das ungefähr ein Dritteil der Grundfläche des Marschallgefängnisses eingenommen haben würde), um dieser Dame seine Empfehlung zu sagen und sie wissen zu lassen, daß er wünsche, sie möge ihm die Gefälligkeit einer Unterredung mit ihr gönnen. Da es die Zeit des Vormittags war, in der die verschiedenen Glieder der Familie auf ihren besondern Zimmern Kaffee tranken, etwa zwei Stunden, ehe man sich in einer verblichenen Halle, die ehemals prächtig gewesen, nun aber die Beute wässriger Dünste und steter Melancholie war, zum Frühstück versammelte, so konnte der Kammerdiener bei Mrs. General vorkommen. Der Abgesandte fand sie auf einem kleinen viereckigen Teppich, der so außerordentlich winzig war im Vergleich mit dem Umfang ihres steinernen und marmornen Fußbodens, daß es aussah, als ob sie ihn ausgebreitet, um eine Paar neuer, im Laden gekaufter Schuhe darauf anzuprobieren, oder als wenn sie in den Besitz des bezauberten Stückes Teppich gekommen, der von einem der drei Prinzen in Tausend und eine Nacht für vierzig Beutel gekauft worden war, – und nun auf ihren Wunsch hin, in diesem Augenblick, auf demselben in einen Salon eines Palastes getragen wäre, der in gar keiner Beziehung zu ihr stand. Da Mrs. General dem Abgesandten, die leere Kaffeetasse niedersetzend, antwortete, sie beabsichtige sich augenblicklich nach dem Zimmer von Mr. Dorrit zu begeben, um ihm die Mühe, zu ihr zu kommen, zu ersparen (was er ihr in seiner Galanterie vorgeschlagen), so stieß der Abgesandte die Tür auf und begleitete Mrs. General zu seinem Herrn. Es war wirklich ein weiter Weg über geheimnisvolle Treppen und Gänge von Mrs. Generals Zimmer nach Mr. Dorrits Gemach: ersteres wurde durch eine enge Seitenstraße, mit einer niedern finstern Brücke, und kerkerartige gegenüberliegende Häuser verdunkelt, deren Mauern mit Tausenden von abwärts gehenden Flecken und Streifen beschmiert waren, als wenn jede baufällige Öffnung in denselben Tränen von Rost seit Jahrhunderten in das Adriatische Meer geweint hatte: das letztere hatte so viel Fenster wie eine ganze englische Hausfront, die Aussicht auf herrliche Kirchtürme, die aus dem Wasser, das sie widerspiegelte, in den klaren blauen Himmel emporstiegen, und man hörte das gedämpfte Gemurmel des großen Kanals, der die Torwege umspüte und auf dem die Gondoliere auf einen Befehl harrten, indem sie träge zwischen dem kleinen Wald von Pfählen hin und her schwammen. Mr. Dorrit, der einen glänzenden Morgenrock und eine elegante Mütze trug – die schlafende Raupe, die so lange ihre Zeit unter den Kollegen ausgehalten, hatte sich in einen seltenen Schmetterling verwandelt –, erhob sich, um Mrs. General zu empfangen. Einen Stuhl für Mrs. General. Einen bequemeren Stuhl, Sir; was tun Sie, was machen Sie, was wollen Sie? Nun, verlassen Sie uns! »Mrs. General«, sagte Mr. Dorrit, »ich nahm mir die Freiheit –« »Nicht doch!« warf Mrs. General ein. »Ich stand ganz zu Ihrem Befehl. Ich hatte meinen Kaffee getrunken.« »Ich nahm mir die Freiheit«, wiederholte Mr. Dorrit, mit der vornehmen Selbstgefälligkeit eines Mannes, der über jede Verbesserung erhaben ist, »mir die Gunst einer kleinen Privatunterhaltung mit Ihnen zu erbitten, – weil mir meine – ha – meine jüngere Tochter ziemlich viel Sorge macht. Sie werden einen großen Unterschied im Temperament zwischen meinen zwei Töchtern bemerkt haben, Madame?« Mrs. General antwortete, indem sie die behandschuhten Hände ineinanderlegte (sie war nie ohne Handschuhe, und diese waren nie schmutzig und immer sehr anliegend): »Es ist allerdings ein großer Unterschied.« »Darf ich Sie um die Gefälligkeit ersuchen, mir Ihre Ansicht darüber mitzuteilen?« sagte Mr. Dorrit mit einer Herablassung, die mit majestätischer Ruhe wohl vereinbar war. »Fanny«, versetzte Mrs. General, »hat Charakterstärke und Selbstvertrauen; Amy beides nicht.« Nicht? Oh, Mrs. General, fragen Sie die Steine und Gitter des Marschallgefängnisses. Oh, Mrs. General, fragen Sie die Putzmacherin, die sie nähen lehrte, und den Tanzmeister, der ihre Schwester im Tanzen unterwies. Oh, Mrs. General, Mrs. General, fragen Sie mich, ihren Vater, was ich ihr schuldig bin; und hören Sie mein Zeugnis über das Leben dieses schwächlichen, kleinen Geschöpfes von ihrer Kindheit an! Keine solche Beschwörung kam Mr. Dorrit in den Sinn. Er blickte Mrs. General an, die in ihrer gewöhnlichen aufrechten Haltung auf ihrem Wagensitz hinter ihren Anstandsgefühlen saß, und sagte in gedankenvoller Weise: »Richtig, Madame.« »Merken Sie wohl«, sagte Mrs. General, »ich möchte nicht so verstanden werden, als wollte ich sagen, es sei nichts an Fanny zu tadeln. Es ist vielleicht nur zuviel Material vorhanden.« »Wollen Sie so freundlich sein, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »sich etwas – ha – deutlicher auszusprechen. Ich verstehe nicht ganz, was das heißen soll, es sei bei meiner älteren Tochter zuviel Material vorhanden. Was für Material?« »Fanny«, versetzte Mrs. General, »bildet sich gegenwärtig zuviel Meinungen. Vollendete Erziehung bildet keine und ist nur demonstrativ.« Damit er nicht in Verdacht käme, als mangelte ihm die vollendete Erziehung, beeilte sich Mr. Dorrit zu erwidern: »Ganz gewiß, Madame, Sie haben recht.« Mrs. General antwortete in ihrer apathischen und ausdruckslosen Weise: »Ich glaube wenigstens.« »Aber Sie wissen, meine liebe Madame«, sagte Mr. Dorrit, »daß meine Töchter das Unglück hatten, ihre tief beweinte Mutter zu verlieren, als sie noch sehr jung waren; und daß sie infolge des Umstandes, der mich erst spät in den Besitz meines rechtmäßigen Erbes setzte, bei mir, einem verhältnismäßig armen, wenn auch immerhin stolzen Gentleman, ein – ha – zurückgezogenes Leben geführt!«- »Ich lasse diesen Gesichtspunkt nicht aus den Augen«, sagte Mrs. General. »Madame«, fuhr Mr. Dorrit fort, »wegen meiner Tochter Fanny habe ich, solange sie unter der gegenwärtigen Leitung steht und solch ein Beispiel beständig vor Augen hat –« Mrs. General schloß ihre Augen. »– keine Besorgnisse. Fanny besitzt einen bildungsfähigen Charakter. Aber meine jüngere Tochter, Mrs. General, flößt mir vielfache Besorgnisse ein und quält meine Gedanken. Ich muß Ihnen sagen, daß sie immer mein Liebling war.« »Diese Vorliebe«, sagte Mr«. General, »kommt nicht in Anrechnung.« »Ha – nicht«, stimmte Mr. Dorrit zu. »Nicht. Nun macht es mir aber Verdruß, daß ich bemerken muß, daß Amy sozusagen nicht zu den Unsrigen zählt. Es liegt ihr nichts daran, mit uns umherzugehen; sie existiert für die Gesellschaft, die wir hier haben, gar nicht; unser Geschmack harmoniert offenbar nicht mit dem ihrigen. Was«, sagte Mr. Dorrit, mit richterlicher Feierlichkeit summierend, »kurz so viel heißen will, als ob etwas nicht richtig sei bei – ha – Amy.« »Sollen wir nicht zu der Vermutung hinneigen«, sagte Mr«. General mit einem leichten Pinsel voll Firnis, »daß der Neuheit der Lage einige Rechnung zu tragen ist?« »Entschuldigen Sie, Madame«, bemerkte Mr. Dorrit ziemlich lebhaft. »Die Tochter eines Gentleman, wenn er auch – ha – zu einer Zeit verhältnismäßig weit entfernt vom Überfluß war – verhältnismäßig – und sie selbst in – hm – großer Zurückgezogenheit aufwuchs, muß diese Lage nicht so unbedingt neu finden.« »Richtig«, sagte Mrs. General, »richtig.« »Deshalb, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »nahm ich mir die Freiheit«, (er legte ein großes Gewicht auf diese Phrase und wiederholte sie, als wollte er sich mit höflicher Bestimmtheit ausgebeten haben, daß ihm nicht abermals widersprochen werde), »ich nahm mir die Freiheit, Sie um diese Unterredung zu bitten, um Ihnen die Sache vorzutragen und Ihren Rat zu vernehmen.« »Mr. Dorrit«, sagte Mrs. General, »ich sprach zu verschiedenen Malen, seit wir hier wohnen, mit Amy im allgemeinen über die Bildung des Betragens. Sie drückte mir ihr großes Staunen über Venedig aus. Ich sagte ihr, daß es besser sei, nicht zu staunen. Ich deutete darauf hin, daß der berühmte Mr. Eustace, der klassische Tourist, nicht viel davon hielt und daß er den Rialto, sehr zu dessen Nachteil, mit den Westminster- und Blackfriars-Brücken verglich. Ich brauche, nach dem, was Sie selbst gesagt, nicht hinzuzufügen, daß ich mit meinen Argumenten keinen großen Erfolg erzielte. Sie erzeigen mir die Ehre, mich um meinen Rat zu befragen. Es erscheint mir immer (sollte es eine grundlose Annahme sein, so bitte ich um Entschuldigung), als wenn Mr. Dorrit gewöhnt gewesen wäre, Einfluß auf den Willen anderer zu üben.« »Hm – Madame«, sagte Mr. Dorrit, »ich stand an der Spitze einer – ha – einer beträchtlichen Gesellschaft. Sie haben recht, wenn Sie vermuten, daß ich an eine einflußreiche Stellung gewöhnt bin.« »Ich bin glücklich«, versetzte Mrs. General, »meine Ansicht so bestätigt zu sehen. Ich möchte deshalb mit um so größerer Zuversicht raten, daß Mr. Dorrit selbst mit Amy spreche und ihr seine Beobachtungen und Wünsche mitteile. Da sie überdies sein Liebling ist und ohne Zweifel sehr an ihm hängt, so wird sie auch um so sicherer seinem Einflusse offen stehen.« »Ich hatte Ihren Wink geahnt, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »war jedoch nicht sicher – ha –, ob ich nicht – hm – dadurch Übergriffe –« »Auf mein Terrain machen, Mr. Dorrit?« sagte Mrs. General freundlich. »Sprechen Sie nicht davon.« »Dann, Madame«, fuhr Mr. Dorrit fort, indem er seinem Kammerdiener läutete, »dann will ich sogleich nach ihr schicken.« »Wünscht Mr. Dorrit, daß ich bleibe?« »Vielleicht, wenn Sie nichts anderes zu tun haben, werden Sie mir eine oder zwei Minuten schenken –« »Gewiß.« Tinkler, der Kammerdiener, wurde beauftragt. Miß Amys Mädchen zu suchen und diesem untergeordneten Wesen zu sagen, daß sie Miß Amy davon in Kenntnis setze, Mr. Dorrit wünsche, sie in seinem Zimmer zu sprechen. Mr. Dorrit sah Tinkler streng an, während er ihm diesen Auftrag erteilte, und hatte einen argwöhnischen Blick auf ihn geheftet, bis er zur Türe hinaus war; denn er mißtraute ihm, er möchte etwas, was der Familienwürde Eintrag tun könnte, im Sinne haben; er möchte von einem kollegialen Scherz Wind bekommen haben, ehe er in seinen Dienst kam, und nun im gegenwärtigen Augenblick zu seinem Hohn die Erinnerung wieder auffrischen. Hätte Tinkler zufällig gelacht, wenn auch noch so flüchtig und unschuldig, würde doch Mr. Dorrit bis zu seiner Todesstunde nichts davon haben überzeugen können, daß dies nicht der Fall gewesen. Da Tinkler jedoch zufällig, und zu seinem großen Glück, gerade ein ernstes und ruhiges Gesicht machte, so entging er der geheimen Gefahr, die ihm drohte. Und da er bei seiner Wiederkunft – als Mr. Dorrit ihn ansah – Miß Amy meldete, als käme sie zu einem Leichenbegängnis, so machte er auf Mr. Dorrit den allgemeinen Eindruck eines ordentlichen Jungen, der im Studium seines Katechismus von seiner verwitweten Mutter erzogen worden. »Amy«, sagte Mr. Dorrit, »du warst gerade der Gegenstand einer Unterredung zwischen mir und Mrs. General. Wir sind beide der Ansicht, daß du dich hier nicht heimisch fühlst. Ha – wie kommt das?« Eine Pause. »Ich glaube, Vater, ich brauche etwas Zeit.« »Papa ist eine bessere Anredeweise«, bemerkte Mrs. General. »Vater ist etwas gewöhnlich, meine Liebe. Das Wort Papa gibt überdies den Lippen eine hübsche Form. Papa , potatoes , poultry , prunes und prism sind lauter gute Worte für die Lippen: namentlich prunes und prism. Sie werden es für die Bildung Ihres Benehmens sehr zweckdienlich finden, wenn Sie bisweilen in Gesellschaft, zum Beispiel beim Einritt in ein Zimmer, vor sich hin sagen: Papa, potatoes, poultry, prunes und prism.« »Bitte, mein Kind«, sagte Mr. Dorrit, »höre auf die Vorschriften von Mrs. General.« Die arme Klein-Dorrit versprach, mit einem ziemlich flüchtigen Blick auf die große Lackiererin, es zu versuchen. »Du sagst, Amy«, fuhr Mr. Dorrit fort, »daß du Zeit zu brauchen glaubst. Zeit, wozu?« Ein zweite Pause. »Um mich an mein neues Leben zu gewöhnen, das war alles, was ich meinte«, sagte Amy, indem ihr liebevoller Blick auf ihrem Vater ruhte, den sie in ihrem Eifer, Mrs. General zu folgen und ihm zu Gefallen zu sein, nahe daran gewesen, als poultry, wenn nicht gar als prunes und prism anzureden. Mr. Dorrit krauste die Stirn und schien nichts weniger als erfreut. »Amy«, versetzte er, »es scheint mir, offen gesagt, als wenn du reichlich Zeit gehabt hättest. Ha – du setzest mich in Erstaunen, du enttäuschst meine Erwartungen. Fanny hat all die kleinen Schwierigkeiten überwunden, und – hm – warum du nicht auch?« »Ich hoffe, es wird bald besser gehen«, sagte Klein-Dorrit. »Ich hoffe auch«, versetzte ihr Vater. »Ich hoffe wahrhaftig recht von Herzen, Amy. Ich schickte nach dir, um dir zu sagen, – hm – dir recht eindringlich, und zwar in Gegenwart von Mrs. General, der wir alle zu so großem Danke verpflichtet sind, daß sie bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten zugegen ist«, Mrs. General schloß ihre Augen, »zu sagen, daß ich – hm – gar nicht zufrieden mit dir bin. Du machst Mrs. Generals Arbeit zu einer sehr undankbaren. Du – ha – setzt mich in große Verlegenheit. Du warst stets (wie ich Mrs. General mitgeteilt habe) mein Liebling; ich habe dich immer – hm – als Freundin und Gesellschafterin um mich gehabt: dafür bitte ich – ha – bitte – ha – ich dich, daß du dich besser den – hm – Umständen anbequemst und pflichtgetreuer tust, was – deine Stellung verlangt.« Mr. Dorrit sprach sogar noch etwas abgebrochener als sonst, da ihn der Gegenstand aufregte und er einen besonderen Nachdruck in seine Worte legen wollte. »Ich bitte dich«, wiederholte er, »daß du dies im Auge behältst und dir ernstlich Mühe gibst, dich in einer Weise zu benehmen, die einerseits für deine Stellung als – ha – Miß Amy Dorrit paßt, anderseits mir und Mrs. General Befriedigung gewährt.« Diese Dame schloß die Augen wieder, als sie abermals sich erwähnen hörte; dann, sie langsam öffnend und aufschlagend, fügte sie diese Worte hinzu: »Wenn Miß Amy Dorrit auf die Bildung einer standesgemäßen Außenseite bedacht sein und meine arme Unterstützung dabei annehmen will, so wird Mr. Dorrit fortan keinen Grund zu Besorgnissen mehr haben. Darf ich diese Gelegenheit ergreifen zu bemerken, daß es zum Beispiel nicht sonderlich fein ist, Vagabunden solche Aufmerksamkeit zu schenken, wie ich es eine mir sehr liebe junge Freundin tun sah? Man steht solche Leute nicht an. Man sollte überhaupt nie etwas Unangenehmes ansehen. Namentlich da eine solche Gewohnheit einer anmutigen Gleichmütigkeit des Gesichtsausdrucks im Wege steht, die mehr als alles ein Zeugnis guter Erziehung ist, scheint es kaum mit seiner Bildung vereinbar zu sein. Ein wirklich feingebildeter Geist wird immer den Anschein haben, als ob er gar nichts von der Existenz von Dingen wüßte, die nicht vollkommen schön, gefällig und angenehm sind.« Nachdem Mrs. General diesen erhabenen Gedanken zum besten gegeben, machte sie eine rauschende Verbeugung und verließ das Zimmer mit einem Ausdruck des Mundes, als ob auf ihren Lippen die Worte prunes und prism schwebten. Klein-Dorrit mochte sprechen oder schweigen, sie behielt ihren ruhigen Ernst und ihren liebevollen Blick. Er hatte sich bis jetzt, mit Ausnahme eines flüchtigen Augenblicks, noch nicht umwölkt. Aber nun, da sie allein mit ihrem Vater war, bewegten sich die Finger ihrer leicht gefalteten Hände etwas unruhig, und in ihrem Gesicht lag eine unterdrückte Aufregung. Nicht ihr selbst galt diese. Sie mochte sich wohl leicht verwundet fühlen, aber ihre Sorge galt nicht ihr selbst. Ihre Gedanken richteten sich wie immer auf ihn. Eine schwache Ahnung, die, seit sie reich geworden, auf ihr gelastet, daß sie selbst jetzt nie mehr die Freude haben sollte, ihn zu sehen, wie er ehedem, vor den Toren des Gefängnisses wartete, hatte mit der Zeit Gestalt bekommen. Sie fühlte, daß in dem, was er soeben zu ihr gesagt, und in seinem ganzen Benehmen gegen sie der wohlbekannte Schatten der Mauern des Marschallgefängnisses auf ihm ruhe. Er nahm jetzt eine neue Gestalt an, aber es war der alte traurige Schatten. Sie begann sich schmerzlich ungern einzugestehen, daß sie nicht stark genug sei, die Furcht von sich fernzuhalten, daß kein noch so langer Zeitraum im Menschenleben jenes Vierteljahrhundert hinter den Gefängnisriegeln zu verwischen vermöge. Sie konnte ihm darob keinen Vorwurf machen; kein Tadel drängte sich auf ihre Lippen, kein andres Gefühl lebte in ihrem treuen Herzen als innige Teilnahme und grenzenlose Zärtlichkeit. Das war der Grund, weshalb sie, selbst jetzt, da er vor ihr auf seinem Sofa saß, in dem glänzenden Lichte eines herrlichen italienischen Tages, – draußen die wundervolle Stadt und drinnen die Pracht eines alten Palastes – ihn in dem wohlbekannten Dunkel seiner Marschallgefängniswohnung zu erblicken glaubte und ihren Sitz neben ihm einzunehmen und ihn zu trösten und wieder voll Zutraulichkeit gegen ihn und voll Dienstbarkeit für ihn zu sein wünschte. Wenn er ahnte, was in ihren Gedanken vorging, so standen die seinen nicht im Einklang damit. Nachdem er sich auf seinem Sitz mehrmals hin und her bewegt, stand er auf und ging mit sehr unzufriedenem Ausdruck im Gesicht auf und ab. »Willst du mir noch irgend etwas anderes sagen, lieber Vater?« »Nein, nein. Nichts sonst.« »Ich bedaure sehr, daß du nicht mit mir zufrieden bist. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht mit Kummer an mich. Ich will mir mehr denn je Mühe geben, mich, wie es dein Wunsch ist, an meine Umgebung anzupassen – denn ich habe wahrhaftig die ganze Zeit her mir alle Mühe gegeben; es ist mir freilich, ich weiß es, nicht gelungen.« »Amy«, versetzte er, sich plötzlich nach ihr umwendend. »Du – ha – verletzt mich fort und fort.« »Ich dich verletzen, Vater! Ich!« »Es gibt einen – hm – einen Punkt«, sagte Mr. Dorrit, indem er dabei an der ganzen Decke umhersah und dem aufmerksamen, schmerzlich bewegten und doch klaglosen Gesicht keinen Blick gönnte, »einen peinlichen Punkt, eine Reihe von Erlebnissen, die ich – ha – gänzlich aus dem Gedächtnis gelöscht wissen möchte. Deine Schwester hat dies begriffen und eingesehen und dich bereits darüber in meiner Gegenwart zur Rede gestellt; dein Bruder hat es eingesehen. Jedermann – ha, hm – hat es eingesehen, wer nur irgend Zartgefühl und Takt besitzt, nur du – ha – es tut mir leid, daß ich es sagen muß – nur du willst es nicht begreifen. Du, Amy, – hm – du allein und nur du – rührst diesen Punkt beständig wieder auf, wenn auch nicht gerade in Worten.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie tat nichts weiter. Sie berührte ihn sanft. Die zitternde Hand sagte vielleicht mit ---Text fehlt--- an meine vielen Sorgen!« Aber sie selbst sagte nicht eine Silbe. Es lag in dieser Berührung der Hand ein Vorwurf, den sie nicht geahnt, sonst würde sie sie zurückgezogen haben. Er begann sich zu rechtfertigen: in einer erhitzten, unbeholfenen und ärgerlichen Weise, die doch nicht« besagen wollte. »Ich war all diese Jahr« dort. Ich war – ha – allgemein als die wichtigste Person jenes Platzes anerkannt. Ich – hm – war Ursache, daß du dort Ansehen genossest, Amy. Ich – ha, hm – gab meiner Familie dort eine Stellung. Ich verdiene Erkenntlichkeit. Ich verlange Erkenntlichkeit. Ich sage, tilge es von der Oberfläche der Erde und beginne ein neues Leben, Ist das viel? Ich frage, ist das viel?« Er sah sie nicht einmal an, während er sie in dieser Weise quälte, gestikulierte dabei jedoch in der leeren Luft herum, als wenn er's mit Gespenstern der Vergangenheit zu tun hätte. »Ich habe viel gelitten. Ich weiß wahrscheinlich besser als irgend jemand, was ich gelitten, ha – ich sage, mehr als irgend jemand. Wenn ich das von mir wälzen kann, wenn ich die Male meiner Wunden vertilgen kann und mich vor die Welt als ein – ha – flecken- und makelloser Gentleman hinzustellen vermag –, so läßt sich doch wohl mit vollem Recht erwarten – ich sage es noch einmal, mit vollem Recht erwarten –, daß meine Kinder – hm – dasselbe tun und diese verwünschte Erfahrung von der Oberfläche der Erde vertilgen!« Trotz seines erhitzten Zustandes sprach er all diese ungehaltenen Worte mit sorgfältig gedämpfter Stimme, damit der Kammerdiener nichts höre. »Wie sich's gebührt, tun sie es. Deine Schwester tut es. Dein Bruder tut es. Du allein, mein Liebling, die ich zur Freundin und Gesellschafterin meines Lebens machte, als du noch ein – hm – bloßes Kind warst, du tust es nicht. Du allein sagst, du könntest es nicht tun. Ich versehe dich mit der besten Stütze, um es tun zu können. Ich gebe dir eine vollendete und außerordentlich fein erzogene Dame – ha – Mrs. General, zur Gesellschaft, um dies zu ermöglichen. Ist es zu verwundern, daß ich ungehalten bin? Soll ich mich gar noch entschuldigen, daß ich mein Mißvergnügen darüber ausspreche? Nein!« Trotzdem fuhr er fort, sich zu entschuldigen, ohne daß sich jedoch seine Hitze gelegt hätte. »Ich bin stets dafür besorgt, ehe ich mein Mißfallen ausdrücke, zuvor die Bestätigung bei dieser Dame einzuholen. Natürlich – hm – apelliere ich innerhalb bestimmten Grenzen, sonst – ha – würde ich dieser Dame zu lesen ermöglichen, was ich ausgewischt zu wissen wünsche. Bin ich egoistisch? Beklage ich mich um meiner selbst willen? Nein. Nein. Vornehmlich um – ha, hm – deinetwillen, Amy.« Diese Worte schienen in der Art, wie er sie vorbrachte, erst in diesem Augenblick in seinem Innern aufgestiegen zu sein. »Ich sagte, ich sei verletzt worden. Das bin ich auch. Ja, ich – ha – bin entschlossen, es zu sein, was auch für das Gegenteil vorgebracht worden. Es verletzt mich, daß meine Tochter, die in dem – hm – Schoß des Glückes sitzt, in stiller Zurückgezogenheit sich ihren Träumereien hingibt und damit sagt, daß sie der hohen Stellung ihres Vermögens und Rangs nicht gewachsen sei, Es verletzt mich, daß sie – ha – systematisch das wieder auffrischt, was die andern aus der Erinnerung getilgt, und daß sie – ich hätte beinahe gesagt, ängstlich darauf bedacht scheint, der reichen und vornehmen Welt zu offenbaren, sie sei an einem Orte – ha – geboren und aufgewachsen, den zu nennen mir zuwider ist. Aber es ist kein Widerspruch darin, nicht der geringste, wenn ich mich verletzt fühle und mich doch vornehmlich deinetwegen beklage, Amy. Ich beklage mich, ich wiederhole es. Um deinetwillen wünsche ich, daß du dir unter den Auspizien von Mrs. General eine – ha – Außenseite bildest. Um deinetwillen wünsche ich, daß du dir – ha – eine echt gesellschaftliche Bildung erwirbst und (um mit den treffenden Worten von Mrs. General zu sprechen) allem fremd bleibest, was nicht schön, angenehm und gefällig ist.« Den letzten Passus seiner Rede hatte er ruckweise wie einen schlecht geordneten Alarm zu Tag gebracht, Amys Hand lag noch immer auf seinem Arm. Er schwieg; und nachdem er noch einmal eine Zeitlang an der Decke umhergeschaut, blickte er wieder auf sie herab. Ihr Kopf hatte sich gesenkt, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen: aber die Berührung ihrer Hand war zärtlich und ruhig, und in dem Ausdruck ihrer gebeugten Gestalt lag kein Vorwurf –, sondern nur Liebe. Er begann zu weinen wie in jener Nacht im Gefängnis, wo sie später bis zum Morgen an seinem Bette gesessen; dann rief er, er sei eine arme Ruine, ein armer, unglücklicher Mann inmitten seines Reichtums und umschlang sie mit seinen Armen. »Ruhig, ruhig, mein lieber Vater! Küsse mich!« war alles, was sie sagte. Seine Tränen waren bald getrocknet, viel rascher als bei jener früheren Gelegenheit, und er benahm sich im nächsten Augenblick sehr hochfahrend gegen seinen Kammerdiener, um sich dafür zu rächen, daß er welche vergossen hatte. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme, die an ihrem Platze erwähnt werden wird, war dies von dem Tage ab, da er frei und reich ward, das einzige Mal, daß er zu seiner Tochter Amy von vergangenen Zeiten sprach. Aber nun war die Stunde des Frühstücks herangerückt; und mit ihr erschienen Miß Fanny, die aus ihrem Zimmer kam, und Mr. Edward, der von seinem Zimmer kam. Diese beiden vornehmen Personen waren wegen der späten Stunde etwas schlimmer daran. Miß Fanny war das Opfer der unersättlichen Manie, immer, wie sie es nannte, »in Gesellschaft zu gehen«, und wäre zu jedermann zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang hingegangen, wenn ihr so viele Gelegenheiten zu Gebote gestanden hätten. Auch Mr. Edward hatte ausgebreitete Bekanntschaften und war gewöhnlich den größten Teil der Nacht (meist in Spielklubs und andern ähnlicher Art) in Anspruch genommen. Dieser Gentleman hatte nämlich, als seine Vermögensverhältnisse sich veränderten, den großen Vorteil, daß er bereits für die höchsten Gesellschaften vorbereitet war und wenig zu lernen brauchte: so viel verdankte er dem glücklichen Umstand, der ihn mit dem Pferdehandel und Billardmarkieren bekannt gemacht. Beim Frühstück erschien auch Mr. Frederick Dorrit. Da der alte Gentleman den höchsten Stock des Palastes bewohnte, wo er sich im Pistolenschießen hätte üben können, ohne daß die andern Bewohner des Hauses es auch nur bemerkt hätten, so hatte seine jüngere Nichte den Mut gefaßt, den Vorschlag zu machen, man solle ihm seine Klarinette zurückgeben, die Mr. Dorrit zu konfiszieren befohlen, die sie jedoch aufzubewahren gewagt. Trotz einiger Einwendungen von Miß Fanny, daß es ein gemeines Instrument sei und daß sie den Ton desselben verabscheue, wurde doch die Konzession gemacht. Aber man machte auch die Entdeckung, daß er des Instrumentes satt war und es nie spielte, nun da es nicht länger das Mittel für ihn war, sein Brot damit zu erwerben. Er hatte unmerklich eine neue Liebhaberei bekommen: nämlich in die Gemäldegalerien zu schlendern: dabei hatte er immer seine zusammengedrückte Papiertüte mit Schnupftabak in der Hand (zum großen Unwillen von Miß Fanny, die den Vorschlag gemacht, ihm eine goldene Dose zu kaufen, damit die Familie nicht in Mißkredit gerate, die er jedoch entschieden zu tragen ausgeschlagen hatte, als sie gekauft war). Er brachte ganze Stunden vor den Bildern berühmter Venezianer zu. Es blieb unentschieden, was seine geblendeten Augen in denselben sahen; ob er ein Interesse an ihnen, als bloß Gemälden hatte, oder ob er sie unklar mit einer Herrlichkeit identifizierte, die vorüber war, wie die Stärke seines eignen Geistes. Aber er machte ihnen mit großer Pünktlichkeit seine Aufwartung und schöpfte offenbar Vergnügen aus diesem Treiben. Nach den ersten wenigen Tagen nahm Klein-Dorrit zufällig an einem dieser Besuche teil: und es mehrte seinen Genuß so sichtlich, daß sie ihn später oft begleitete, und das größte Vergnügen, für das sich der alte Mann seit seinem Ruin empfänglich zeigte, erwuchs ihm aus diesen Gängen, bei denen er ihr gewöhnlich einen Stuhl von Bild zu Bild trug und trotz aller Einwendungen hinter ihr stand, und sie schweigend den edeln Venezianern vorstellte. Bei diesem Familienfrühstück erwähnte er zufällig, daß er am vorhergehenden Tage in einer Galerie die Dame und den Herrn gesehen hatte, die sie auf dem St. Bernhard getroffen. »Ich vergesse den Namen«, sagte er. »Du wirst dich wohl derselben erinnern, William? Oder du, Edward?« »Ich erinnere mich ihrer allerdings sehr gut«, sagte der letztere. »Ich begreife das«, bemerkte Miß Fanny, mit einem Schütteln ihres Kopfes und einem Blick auf ihre Schwester. »Aber sie wären nicht wieder in unserem Gedächtnis aufgetaucht, glaube ich, wenn Onkel nicht über sie gestolpert wäre.« »Meine Liebe, was für ein seltsamer Ausdruck«, sagte Mrs. General. »Ihnen nicht unvermutet begegnet oder – sie zufällig erwähnt hätte, wäre besser.« »Ich danke Ihnen, Mrs. General«, versetzte die junge Dame, »nein, ich bin aber anderer Meinung. Überhaupt ziehe ich meinen eigenen Ausdruck vor.« Dies war immer die Art, wie Miß Fanny eine Verbesserung von Mrs. General hinnahm. Aber sie bewahrte sie stets sorgfältig in ihrem Gedächtnis und brachte sie bei einer andern Gelegenheit an. »Ich würde unsre Begegnung mit Mr. und Mrs. Gowan erwähnt haben, Fanny«, sagte Klein-Dorrit, »auch wenn Onkel es nicht getan hätte. Ich habe euch seit der Zeit, wie ihr wißt, kaum gesehen. Ich meinte beim Frühstück davon gesprochen zu haben, weil ich Mrs. Gowan einen Besuch zu machen und näher mit ihr bekannt zu werden wünsche, wenn Papa und Mrs. General nichts dagegen einzuwenden haben.« »Wahrhaftig, Amy«, sagte Fanny, »es sollte mich freuen, wenn du zuletzt noch den Wunsch aussprächest, mit allen Leuten in Venedig näher bekannt werden zu wollen. Es bleibt freilich eine Frage, ob Mr. und Mrs. Gowan sehr wünschenswerte Bekanntschaften sind.« »Ich sprach von Mrs. Gowan, meine Liebe.« »Allerdings«, sagte Fanny. »Aber du kannst sie, soviel ich weiß, nicht ohne einen Akt des Parlamentes von ihrem Manne trennen.« »Glaubst du, Papa«, fragte Klein-Dorrit mit schüchternem Zögern, »daß sich irgend etwas gegen meinen Besuch bei Mrs. Gowan einwenden lasse?« »Nein«, versetzte er. »Ha – ich – was ist Mrs. Generals Ansicht?« Mrs. Generals Ansicht war, daß, sofern sie nicht die Ehre habe, die Dame und den Herrn zu kennen, sie auch nicht in der Lage sei, diese Angelegenheit zu firnissen. Sie könne nur die Bemerkung machen, als einen Grundsatz, der bei allem Firnissen beobachtet werden müsse, daß sehr viel davon abhänge, von welcher Seite die genannte Dame an eine Familie empfohlen werde, die eine so hervorragende Nische im sozialen Tempel einnehme wie die Familie Dorrit. Bei dieser Bemerkung verfinsterte sich das Gesicht von Mr. Dorrit bedeutend. Er war bereits im Begriff (da die Empfehlung mit einer aufdringlichen Persönlichkeit namens Clennam in Verbindung stand, deren er sich nur unklar aus einer früheren Zeit erinnerte), dem Namen Gowan eine schwarze Kugel zu geben, als Edward Dorrit, Esquire sich, das Glas im Auge, in die Unterhaltung mischte und die vorläufige Bemerkung: »Ich sage – he da! Geht hinaus, nicht wahr?« zum besten gab. Diese Bemerkung war an zwei Männer gerichtet, die die Tische herbeitrugen, und konnte als eine höfliche Aufforderung gelten, ihre Dienste für einen Augenblick zu suspendieren. Nachdem die Diener der Aufforderung Genüge geleistet, fuhr Edward fort: »Vielleicht ist es eine Klugheitsmaßregel, euch alle wissen zu lassen, daß Mrs. und Mr. Gowan – für die, oder wenigstens für welch letztern ich sehr eingenommen zu sein nicht in den Verdacht geraten kann – mit Leuten von Bedeutung in Verbindung stehen, wenn das einen Unterschied macht.« »Das, möchte ich behaupten«, bemerkte die schöne Firnisserin, »gibt den bedeutendsten Ausschlag, Die fragliche Verbindung, wenn es wirklich Leute von Bedeutung und Ansehen sind –« »Was das betrifft«, sagte Edward Dorrit, »so will ich Ihnen die Mittel an die Hand geben, selbst zu urteilen. Sie kennen vielleicht den berühmten Namen Merdle?« »Den großen Merdle?« rief Mrs. General. » Den Merdle!« sagte Edward Dorrit, Esquire. »Sie sind mit ihm bekannt. Mrs. Gowan – ich meine die Witwe, meines höflichen Freundes Mutter – ist die intime Freundin von Mrs. Merdle, und ich weiß, diese beiden stehen auf ihrer Besuchsliste.« »Wenn dem so ist, bedarf es keiner bessern Garantie mehr«, sagte Mrs. General, indem sie ihre Handschuhe erhob und ihr Haupt senkte, als ob sie irgendeinem sichtbaren geschnitzten Bilde ihre Huldigung darbrächte. »Ich bitte meinen Sohn zu fragen, aus Gründen der – ha – Neugier«, bemerkte Mr. Dorrit mit einer entschiedenen Änderung in seinem Wesen, »wie er in den Besitz dieser – hm – rechtzeitigen Kenntnis kommt?« »Es ist keine lange Geschichte, Sir«, versetzte Edward Dorrit, Esquire, »und Sie sollen es auf der Stelle erfahren. Erstens ist Mrs. Merdle die Dame, mit der Sie die Unterredung hatten, in, wie heißt es nur?« »Martigny«, warf Miß Fanny mit unendlich matter Miene ein. »Martigny«, bejahte ihr Bruder, mit einem leichten Nicken und einem leichten Blinzeln: Miß Fanny wurde darüber etwas verlegen, lachte und errötete. »Wie ist das möglich, Edward?« sagte Mr, Dorrit. »Du teiltest mir doch mit, daß der Name des Herrn, mit dem du verhandelt, Sparkler sei. Wahrhaftig, du zeigtest mir ja seine Karte. Hm. Sparkler.« »Allerdings, Vater; aber daraus folgt ja nicht, daß seiner Mutter Name der gleiche sein muß. Mrs. Merdle war bereits früher verheiratet, und er ist ihr Sohn. Sie ist jetzt in Rom, wo wir wahrscheinlich mehr von ihr erfahren werden, da du den Winter über dort zu bleiben gedenkst. Sparkler ist soeben hier angekommen. Ich brachte die letzte Nacht in Gesellschaft von Sparkler zu, Sparkler ist im ganzen ein sehr guter Junge, obgleich in einer Beziehung ein langweiliger, unausstehlicher Mensch: denn er ist schrecklich verliebt in eine gewisse junge Dame.« Bei diesen Worten sah Edward Dorrit, Esquire, Miß Fanny durch sein Monokel über den Tisch hinüber an, »Wir tauschten zufällig diese Nacht gegenseitig Bemerkungen über unsere Reise aus, und ich erhielt auf diese Weise die Kunde von Sparkler, die ich euch soeben mitgeteilt habe.« Hier brach er ab, beobachtete jedoch Miß Fanny unaufhörlich durch sein Glas, wobei sich sein Gesicht, nicht gerade zur Vermehrung seiner Schönheit, teilweise durch das Festhalten des Glases im Äuge, teilweise durch die große Schlauheit seines Lächelns bedeutend verzog. »Unter diesen Umständen«, sagte Mr. Dorrit, »glaube ich ebensosehr die Gefühle von – ha – Mrs, General als meine eigenen auszudrücken, wenn ich sage, daß kein Hindernis vorhanden ist, sondern – ha, hm – gerade das Gegenteil obwaltet, deinem Wunsche zu entsprechen, Amy, Ich glaube sogar – ha –, diesen Wunsch freudig begrüßen zu müssen«, sagte Mr. Dorrit, mit ermutigendem und vergebendem Ton, »und zwar als ein günstiges Omen. Es ist ganz hübsch, wenn du diese Leute kennst. Es ist ganz passend. Mr. Merdle ist ein – ha – weltberühmter Name. Mr. Merdles Unternehmungen sind außerordentlich. Sie bringen ihm so große Summen Geldes, daß sie als – hm – Nationalwohltaten betrachtet werden. Mr. Merdle ist der Mann unsrer Zeit. Der Name Merdle ist der Name des Jahrhunderts. Bitte, erweise um meinetwillen Mr. und Mrs. Gowan alle Artigkeiten, denn wir wollen – ha – wir wollen sie mit Aufmerksamkeit behandeln.« Dieses großartige Zugeständnis von Mr. Dorrits Anerkennung machte der Sache ein Ende. Man hatte nicht bemerkt, daß der Oheim seinen Teller weggestoßen und sein Frühstück vergessen hatte; aber man achtete überhaupt wenig auf ihn, nur Klein-Dorrit tat es. Die Diener wurden hereingerufen, und das Mahl ging seinem Ende zu. Mrs, General stand auf und verließ den Tisch. Klein-Dorrit stand auf und verließ den Tisch. Als Edward und Fanny über denselben hinüber plaudernd zusammen sitzenblieben und Mr. Dorrit, Feigen essend und eine französische Zeitung lesend, gleichfalls sitzenblieb, zog der Onkel plötzlich die Aufmerksamkeit von allen dreien auf sich, indem er sich erhob, mit seiner Hand auf den Tisch schlug und ausrief: »Bruder! Ich protestiere dagegen!« Wenn er in einer unbekannten Sprache eine Rede gehalten und dann auf der Stelle den Geist aufgegeben, er hätte seine Zuhörer in nicht größeres Erstaunen setzen können. Die Zeitung entfiel Mr. Dorrits Händen, und er saß, eine Feige nach dem Mund führend, wie versteinert da. »Bruder«, sagte der alte Mann, indem er seiner zitternden Stimme eine überraschende Energie verlieh, »ich protestiere dagegen! Ich liebe dich! Du weißt, ich liebe dich von Herzen. Seit vielen Jahren war ich dir niemals auch nur mit einem einzigen Gedanken untreu! So schwach ich bin, würde ich jeden, der je schlecht von dir gesprochen, zu Boden geschmettert haben. Aber Bruder, Bruder, Bruder, ich protestiere dagegen!« Es war merkwürdig zu sehen, welch heftigen Ausbruchs von Eifer dieser gebrochene Mann fähig war. Seine Augen funkelten, sein graues Haar stand zu Berge, Spuren von Willen, die seit fünfundzwanzig Jahren verschwunden waren, traten wieder auf Gesicht und Stirn hervor, und in seiner Hand lag eine Energie, die ihre Aktion kraftvoll machte. »Mein lieber Frederick!« rief Mr. Dorrit matt. »Was ist nicht recht? Was gibt es denn?« »Wie kannst du das wagen?« sagte der alte Mann, indem er sich zu Fanny hinwandte. »Hast du denn kein Gedächtnis? Hast du kein Herz?« »Onkel!« rief Fanny erschrocken und in Tränen ausbrechend, »warum greifst du mich in dieser grausamen Weise an? Was habe ich getan?« »Getan«, versetzte der alte Mann, auf ihrer Schwester Platz deutend, »wo ist deine liebevolle, unschätzbare Freundin? Wo ist dein aufopfernder Schutzengel? Wo ist die, die dir mehr als Mutter war? Wie kannst du es wagen, ein Vorrecht gegenüber all diesen in deiner Schwester vereinigten Eigenschaften geltend zu machen? Schäme dich, falsches Mädchen, schäme dich!« »Ich liebe Amy«, rief Fanny schluchzend und weinend, »ich liebe sie wie mein Leben – mehr als mein Leben. Ich verdiene nicht, daß man mich so behandelt. Ich bin so dankbar gegen Amy und habe Amy so lieb, wie es menschenmöglich ist. Ich wollte, ich wäre tot. Doch nie wurde so schlimm mit mir umgegangen. Und nur, weil ich für den Ruf der Familie besorgt bin.« »Zum Teufel mit dem Ruf der Familie!« rief der alte Mann mit größter Wut und Entrüstung. »Bruder, ich protestiere gegen jeden von uns hier, der erfahren hat, was wir erfahren und gesehen, was wir gesehen, und sich doch etwas erlaubt, was Amy auch nur einen Moment nachteilig sein oder sie nur einen Moment kränken könnte. Wir müssen wissen, daß es eine schlechte Anmaßung ist, da sie diese Wirkung hat. Es müßte ein Gericht über uns herbeiführen. Bruder, ich protestiere dagegen im Namen Gottes!« Die Art, wie er seine Faust emporhob und auf den Tisch fallen ließ, war die eines Grobschmieds. Nach einer kurzen Pause trat wieder seine gewöhnliche Mattigkeit ein. Er ging in seinem bekannten schlürfenden Schritte zu seinem Bruder hin, legte die Hand auf seine Schulter und sagte in milderem Ton: »William, mein Lieber, ich fühle mich verpflichtet, es zu sagen; vergib mir, denn ich fühle mich verpflichtet, es zu sagen!« und dann verließ er in seiner gebeugten Haltung die Palasthalle, gerade wie wenn er das Marschallgefängnis verließe. Die ganze Zeit über hatte Fanny geschluchzt und geweint und tat dies noch. Edward hatte nur einen Augenblick voll Erstaunen den Mund geöffnet und dann die Lippen geschlossen: er begnügte sich, die Sprechenden anzustarren. Mr. Dorrit fühlte sich ebenfalls sehr mißgestimmt und ganz außerstande, sich irgendwie zu verteidigen. Fanny war die erste, die das Wort ergriff. »Ich wurde nie, nie so behandelt!« schluchzte sie. »Es ist mir noch nichts so Unfreundliches und Ungerechtfertigtes, so abscheulich Heftiges und Grausames vorgekommen! Die liebe, gute, ruhige, kleine Amy selbst, was würde sie fühlen, wenn sie ahnen könnte, daß sie das unschuldige Mittel gewesen, mich so grausam zu behandeln! Aber ich werde es ihr nie sagen. Nein, das gute Ding, ich werde es ihr nicht sagen!« Das veranlaßte Mr. Dorrit, sein Schweigen zu brechen. »Meine Liebe«, sagte er, »ich – ha – billige deinen Entschluß. Es wird – ha, hm – weit besser sein, nicht davon mit Amy zu sprechen. Es möchte – ha, hm – sie betrüben. Ha. Gewiß, es würde sie sehr betrüben. Es ist klug und billig, das zu vermeiden. Wir wollen es bei uns behalten.« »Aber die Grausamkeit des Onkels!« rief Miß Fanny. »Oh, ich kann die mutwillige Grausamkeit des Onkels nie vergeben!« »Meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, indem er seinen gewöhnlichen Ton wiederfand, obwohl er ungewöhnlich blaß blieb, »ich muß dich bitten, nicht in diesem Ton zu sprechen. Du mußt dich besinnen, daß dein Onkel nicht mehr ist – ha –, was er früher war. Du mußt dich erinnern, daß der Zustand deines Onkels – hm – große Nachsicht von unsrer Seite verlangt, große Nachsicht.« »Ich bin überzeugt«, rief Fanny traurig, es ist nicht mehr als billig, daß man annimmt, es muß etwas nicht richtig bei ihm sein, sonst könnte er nicht gerade mich von allen Leuten so angegriffen haben.« »Fanny«, versetzte Mr. Dorrit in äußerst brüderlichem Ton, »du weißt, was dein Onkel bei allen seinen unzähligen guten Eigenschaften für ein – hm – Wrack ist: und ich bitte dich, bei der Liebe, die ich für ihn hege, und bei der Treue, die ich ihm, wie du weißt, stets gezeigt habe, deine Schlüsse für dich zu ziehen und meine brüderlichen Gefühle zu schonen.« Damit endigte die Szene; Edward Dorrit hatte während der ganzen Zeit nicht ein Wort gesprochen, sondern nur immer verblüfft und unschlüssig die Sprechenden angestarrt. Miß Fanny verursachte ihrer Schwester an jenem Tage mannigfache liebevolle Unbehaglichkeit, indem sie den größten Teil dieses Tages in heftige Umarmungen ausbrach, ihrer Schwester Broschen schenkte und wünschte, sie selbst wäre tot. Sechstes Kapitel. Etwas richtig irgendwo. In dem schwankenden Zustande von Mr. Henry Gowan sich zu befinden, eine der beiden Mächte mit Abneigung verlassen zu haben, dabei aber die nötigen Eigenschaften zu entbehren, um Förderung durch eine andere zu finden, und verstimmt und beide verwünschend auf neutralem Boden sich umherzutreibcn, das heißt sich in einer für das Gemüt höchst verderblichen Lage befinden, die die Zeit schwerlich bessern wird. Die schlimmste Art von Summe, die in der Alltagswelt zusammengebracht wird, ist die von kranken Arithmetikern berechnete, die bei den Verdiensten und Erfolgen anderer die Subtraktion anwenden und bei ihren eigenen niemals die Addition. Und dann die Gewohnheit, eine Art von Ersatz in dem mißvergnügten Schwatzen von Enttäuschung zu finden, ist ein gewöhnliches Zeichen der Verdorbenheit. Daraus entsteht dann bald eine gewisse Art von träger Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Bestand der Dinge. Würdige und nützliche Dinge durch unwürdige und unnützliche herunterzusetzen, ist eines von den verkehrten Vergnügen dieser Leute; und man kann mit der Wahrheit auf keinerlei Weise spielen, ohne daß sie dabei verlöre. In seinen Aussprüchen über Werke der Malerei, die alles Verdienstes entbehrten, war Gowan der liberalste Mensch, den man sich denken kann. Er erklärte gewöhnlich, solch ein Mann habe mehr Kraft in seinem kleinen Finger (vorausgesetzt er hatte keine) als ein anderer (vorausgesetzt, er hatte viel) in seinem ganzen Geist und Körper. Wenn jedoch der Einwurf gemacht wurde, das Empfohlene sei Plunder, so antwortete er in bezug auf seine Kunst: »Mein Lieber, was produzieren wir alle anderes als Plunder? Ich produziere nichts anderes und mache Ihnen das offenherzige Geständnis davon zum Geschenk.« Mit seiner Armut zu prahlen, war eine weitere Eigenheit seines niedergedrückten Zustandes. Freilich lag darin immer die versteckte Absicht anzudeuten, daß er reich sein sollte; gerade wie er gewöhnlich öffentlich die Barnacles pries und verschrie, damit man nicht vergesse, daß er zu ihrer Familie gehöre. Kurz, diese beiden Dinge waren sehr oft auf seinen Lippen, und er behandelte sie so geschickt, daß er sich hätte einen ganzen Monat lang loben können und doch keinen halb so bedeutenden Mann aus sich gemacht hätte, wie es ihm durch die leichtfertige Verkleinerung seiner Ansprüche auf die Anerkennung der Menschen gelang. Gerade aus dieser Art, so von oben herab über sich zu sprechen, merkte man überall, wohin er mit seiner Frau kam, sehr bald, daß er gegen die Wünsche seiner übermütigen Verwandten geheiratet und viel zu tun hatte, daß sie sie duldeten. Er wies nie darauf hin, sondern schien im Gegenteil diese Idee zu verspotten. Aber es geschah, daß trotz all der Mühe, die er sich gab, sich herunterzusetzen, er doch immer die höhere Stellung bewahrte. Seit den Tagen ihrer Flitterwochen empfand es Winnie Gowan, daß man sie gewöhnlich als die Frau eines Mannes betrachtete, der durch die Heirat mit ihr herabgestiegen war, dessen ritterliche Liebe zu ihr jedoch diese Ungleichheit verwischt hatte. Nach Venedig waren sie von Monsieur Blandois aus Paris begleitet worden, und in Venedig war Monsieur Blandois von Paris sehr viel in Gowans Gesellschaft. Als sie zum erstenmal mit diesem galanten Mann in Genf zusammengetroffen waren, war Gowan unentschieden, ob er abstoßend oder freundlich gegen ihn sein sollte, und blieb vierundzwanzig Stunden so unentschieden, was zu tun, daß er bereits ein Fünffrankenstück mit den Worten: »Rückseite, Fußtritt; Kopfseite, Entgegenkommen«, in die Höhe zu schleudern und sich der Stimme des Orakels zu unterwerfen im Begriff stand. Es geschah jedoch, daß seine Frau einen Widerwillen gegen den einschmeichelnden Blandois bekundete und daß die Wage der Stimmung im Hotel gegen ihn war. Daraufhin beschloß Gowan, freundlich gegen ihn zu sein. Warum diese Verkehrtheit, wenn nicht in einer edlen Absicht? – dies war jedoch nicht der Fall. Warum aber befaßte sich Gowan, der doch weit über Blandois von Paris stand und diesen einnehmenden Mann in Stücke zu schlagen und den Stoff herauszubringen imstande gewesen, aus dem er gemacht war, warum befaßte er sich mit einem solchen Mann? Fürs erste widersetzte er sich dem ersten eignen Wunsche, den er bei seiner Frau fand, weil ihr Vater seine Schulden bezahlt und er wünschen mußte, die erste Gelegenheit zu ergreifen, seine Unabhängigkeit zur Geltung zu bringen. Zweitens widersetzte er sich dem vorwaltenden Gefühl, weil er bei mancherlei Fähigkeiten, etwas anderes zu sein, ein boshafter Mensch war. Er fand ein Vergnügen daran, zu erklären, daß ein Höfling, mit den feinen Manieren von Blandois, in jedem gebildeten Lande es zu der größten Stellung bringen müßte. Er fand ein Vergnügen daran, Blandois als den Typus der Eleganz auszugeben und ihn als Satire auf andere, die sich auf ihre persönlichen Gaben viel zugute taten, hinzustellen. Er versicherte feierlich und ernstlich, Blandois' Verbeugung sei vollendet, sein Benehmen unwiderstehlich und die malerische leichte Haltung desselben (wenn sie nicht eine angeborene Gabe und daher unverkäuflich wäre) nicht für hunderttausend Franken zu teuer erworben. Das Übertriebene in dem Benehmen des Mannes, das wir als ihm und jedem derartigen Menschen so eigentümlich gefunden hatten, wie die Sonne diesem System, welcher Art auch seine ursprüngliche Erziehung gewesen sein mag, war Gowan als eine Karikatur erwünscht, da sie ihm eine humoristische Quelle bot, die er stets zur Hand hatte, um eine Menge von Leuten lächerlich zu machen, die mehr oder weniger trieben, was Blandois übertrieb. Deshalb war er ihm willkommen; und gleichgültig diese Neigung durch die Gewohnheit mehrend und wohl auch an seiner Unterhaltung sich amüsierend, kam er nach und nach dazu, ihn beständig um sich haben zu müssen. Und dies, obgleich er vermutete, daß er von den Kniffen lebe, die er an Spieltischen und dergleichen entwickelte: obgleich er ferner vermutete, daß er ein Feigling sei, während er selbst unternehmend und mutig war; obgleich er endlich ganz genau wußte, daß Minnie ihn nicht leiden mochte, und obgleich er ihm im Herzen so gleichgültig war, daß, wenn er ihr die geringste fühlbare persönliche Ursache gegeben habe, ihn mit Verachtung zu strafen, er sich kein Gewissen daraus gemacht, ihn aus dem höchsten Fenster von Venedig in das tiefste Wasser der Stadt hinabzustürzen. Klein-Dorrit hätte so gerne Mrs. Gowan ihren Besuch allein abgestattet. Da Fanny jedoch, die sich von ihres Onkels Protest noch nicht ganz erholt hatte, obgleich es vierundzwanzig Stunden her war, ihre Begleitung lebhaft aufdrang, stiegen die beiden Schwestern miteinander in eine der Gondeln unter ihres Vaters Fenster und begaben sich, in Begleitung des Kuriers, in pomphaftem Aufzug nach Mrs. Gowans Wohnung. Der Pomp war wirklich zu groß für jene Wohnung, die, wie Fanny klagte, »schrecklich abgelegen war« und sie durch ein Labyrinth von engen Wasserstraßen führte, die dieselbe Dame zu »elenden Gossen« herabwürdigte. Das Haus, das auf einer kleinen verlassenen Insel lag, sah aus, als ob es irgendwo weggebrochen und an seinen gegenwärtigen Ankerplatz durch den Zufall geführt worden wäre, und zwar in Begleitung eines Weinstockes, der beinahe ebensosehr des Aufrichtens bedurfte, wie die armen Teufel, die unter seinen Blättern lagen. Die Staffage des Bildes bestand aus einer von Schutthaufen und Baugerüsten umgebenen Kirche, die so lange der vermutlichen Wiederherstellung harrte, daß das Baumaterial zur Wiederherstellung hundert Jahre alt schien und selbst in Verfall geraten war: einer Menge Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt worden; einer Anzahl von Häusern, die miteinander uneinig und wunderlich aus der rechtwinkligen Stellung gerückt waren, wie wurmstichige, voradamitische Käse in phantastischen Gestalten und voll von Milben; und einem fieberhaften Wirrwarr von Fenstern mit ihren Gitterblenden, die alle seitwärts hingen und aus denen meist etwas Schmutziges und Schmieriges herausflatterte. Im ersten Stockwerk des Hauses war eine Bank – für einen englischen Geschäftsmann, der allen Menschen Gesetze nach den Gewohnheiten einer britischen Stadt vorschreibt, eine befremdliche Erscheinung: zwei magere Kommis standen wie zwei getrocknete Dragoner in grünen Samtmützen mit goldenen Troddeln und großen Bärten hinter einem kleinen Schreibpult in einem kleinen Zimmer, das keinen andern sichtbaren Gegenstand enthielt als eine leere eiserne Geldkasse, deren Deckel offen stand, einen Wasserkrug und Papiertapeten mit Rosengirlanden. Diese Kommis durften jedoch, bei einer rechtmäßigen Forderung, nur die Hände ausstrecken, um unerschöpfliche Massen von Fünffrankenstücken zutage zu fördern. Unter der Bank war eine Reihe von drei bis vier Zimmern mit vergitterten Fenstern, die das Aussehen eines Gefängnisses für verbrecherische Ratten hatte. Über der Bank befand sich die Wohnung von Mr. Gowan. Obgleich die Wände geschwärzt waren, als wenn Missionslandkarten daraus hervorkämen, um geographische Kenntnisse zu verbreiten; obgleich die alten Möbel zum Teil verschossen und muffig waren und der vorherrschende venezianische Geruch von eingedrungenem Wasser und Ebbe auf einem Ufer voll Unkraut sehr stark war, so sah der Ort doch besser von innen aus, als er versprach. Die Tür öffnete ein lächelnder Mann, der wie ein gebesserter Meuchelmörder aussah – ein für kurze Zeit angenommener Diener –, der sie in das Zimmer führte, wo Mrs. Gowan saß, indem er meldete, zwei schöne Engländerinnen wollten Mistreß besuchen. Mrs. Gowan, die mit Nähen beschäftigt war, legte ihre Arbeit in einen bedeckten Korb und stand etwas rasch auf. Miß Fanny war ausnehmend höflich gegen sie und sagte die gewöhnlichen Nichtigkeiten mit der Fertigkeit einer Vielgeübten. »Papa bedauerte außerordentlich«, fuhr Fanny fort, »heute in Anspruch genommen zu sein (er ist hier so viel in Anspruch genommen, da unsre Bekanntschaft so schrecklich groß ist!), und hat mir besonders aufgetragen, seine Karte für Mr. Gowan mitzunehmen. Um mich sicher eines Auftrags zu entledigen, den er mir wenigstens ein dutzendmal anempfohlen, erlauben Sie mir mein Gewissen zu entlasten, indem ich die Karte sogleich auf den Tisch niederlege.« Das tat sie denn auch mit der Gewandtheit einer Vielgeübten. »Wir waren außerordentlich entzückt«, sagte Fanny, »zu erfahren, daß Sie die Merdles kennen. Wir hoffen, dadurch wieder eine Möglichkeit gefunden zu haben, mit denselben zusammenzukommen.« »Sie sind«, sagte Mrs. Gowan, »mit Mr. Gowans Familie befreundet. Ich hatte bis jetzt noch nicht das Vergnügen, die persönliche Bekanntschaft von Mrs. Merdle zu machen, aber ich vermute, daß ich ihr in Rom werde vorgestellt werden.« »So?« versetzte Fanny, mit einem Schein von liebenswürdiger Beiseitesetzung ihrer Überlegenheit. »Ich hoffe, Sie werden Gefallen an ihr finden.« »Sie kennen sie wohl sehr gut?« »Nun, Sie wissen«, sagte Fanny mit einer kecken Bewegung ihrer hübschen Schultern, »in London kennt man jeden Menschen. Wir trafen auf der Reise hierher mit ihr unterwegs zusammen, und, offen gesagt, Papa war anfangs etwas böse mit ihr, weil sie eines von den Zimmern in Beschlag genommen, die unsere Leute für uns bestellt hatten. Das ging jedoch rasch vorüber, und wir waren bald alle wieder gute Freunde.« Obwohl der Besuch Klein-Dorrit bislang noch keine Gelegenheit gegeben, mit Mrs. Gowan zu sprechen, herrschte doch ein schweigendes Einvernehmen zwischen beiden, bei dem sie ihren Zweck ebensogut erreichten. Sie betrachtete Mrs. Gowan mit lebhaftem und unverändertem Interesse. Der Klang ihrer Stimme drang ihr bis in die Seele. Nichts in ihrer ganzen Umgebung, oder was auch nur in geringster Beziehung zu ihr stand, entging Klein-Dorrit. Rascher denn irgendwo sonst – einen Ort ausgenommen – bemerkte sie hier die unbedeutendste Sache. »Sie waren doch ganz wohl«, sagte sie jetzt, »seit jener Nacht?« »Ganz wohl, meine Liebe. Und Sie?« »Oh, ich bin immer wohlauf«, sagte Klein-Dorrit schüchtern. »Ich – ja, ich danke.« Es war kein anderer Grund für ihr plötzliches Stocken und Abbrechen vorhanden, als daß Mrs. Gowan ihre Hand ergriffen hatte, während sie sprach, und ihre Blicke sich begegneten. Ein tiefbesorgter Ausdruck in den großen sanften Augen von Mrs. Gowan hatten Klein-Dorrit einen Moment stutzen machen. »Sie wissen nicht, daß Sie ein Liebling meines Mannes sind, und daß ich beinahe Ursache hätte, eifersüchtig zu sein?« sagte Mrs. Gowan. Klein-Dorrit errötete und schüttelte den Kopf. »Er wird Ihnen sagen, falls er Ihnen sagt, was er mir sagt, daß Sie ruhiger und hilfsbereiter seien als irgendein weibliches Wesen, das er je gesehen.« »Er spricht viel zu gut von mir«, sagte Klein-Dorrit. »Das bezweifle ich; aber ich bezweifle nicht, daß es meine Pflicht ist, ihn von Ihrer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Er würde es mir nie vergeben, wenn ich Sie – und Miß Dorrit gehen ließe, ohne es ihm gesagt zu haben. Darf ich? Sie werden die Unordnung und den Mangel an Komfort in dem Atelier eines Malers entschuldigen?« Diese Fragen wurden an Miß Fanny gerichtet, die freundlich zur Antwort gab, daß es sie überaus interessieren und entzücken werde. Mrs, Gowan ging nach der Tür, sah hinein und kam zurück. »Erzeigen Sie Henry die Freundlichkeit einzutreten«, sagte sie. »Ich wußte, daß es ihn freuen würde!« Das erste, was Klein-Dorrit, die vorausging, ins Auge fiel, war Blandois von Paris in einem großen Mantel und in einem etwas herabhängenden Hute. Er stand auf einer Erhöhung in einer Ecke, wie er auf dem großen St. Bernhard gestanden, als die Warnungspfosten alle nach ihm hinaufzeigten. Sie fuhr vor dieser Gestalt zurück, als er sie freundlich angrinste. »Fürchten Sie sich nicht«, sagte Gowan, von seiner Staffelei hinter der Tür auf sie zukommend. »Es ist nur Blandois. Er dient mir heute als Modell. Ich mache eine Studie von ihm. Es erspart mir Geld, ihn so zu verwenden. Wir armen Maler haben nichts zu vergeuden.« Blandois von Paris nahm seinen ins Gesicht gedrückten Hut ab und grüßte die Damen, ohne aus seinem Winkel hervorzukommen. »Bitte tausendmal um Vergebung«, sagte er. »Aber der Professor hier ist so unerbittlich gegen mich, daß ich mich nicht zu bewegen wage.« »Nun, so bewegen Sie sich nicht«, sagte Gowan kalt, als die Schwestern an die Staffelei traten. »Lassen Sie die Damen wenigsten« das Original der Sudelei sehen, damit sie wissen, was sie vorstellt. Da steht er, sehen Sie. Ein Bravo, der auf seine Beute harrt, ein vornehmer Nobili, der sein Land retten will, ein Engelsbote, der irgend jemandem etwas Gutes zu erweisen wünscht – wem von allen er am meisten ähnlich ist!« »Sagen Sie, Professore mio, ein armer Gentleman, der der Anmut und Schönheit seine Huldigung darbringen will«, bemerkte Blandois. »Oder sagen Sie Cattivo Sogetto mio«, versetzte Gowan, indem er das gemalte Gesicht mit einem Pinsel an dem Punkte berührte, wo das wirkliche Gesicht sich bewegt hatte, »ein Mörder nach der Tat. Zeigen Sie Ihre weiße Hand, Blandois. Stecken Sie sie aus dem Mantel heraus. Halten Sie nun still.« Blandois' Hand war unruhig; er lachte, und das mußte sie natürlich bewegen. »Er war vorher in einem Handgemenge mit einem andern Mörder oder mit einem Opfer, wie Sie bemerken«, sagte Gowan, indem er die Hand mit einigen raschen, ungeduldigen und oberflächlichen Strichen andeutete, »und das sind die Zeichen davon. Heraus mit der Hand aus dem Mantel! Corpo di San Marco, woran denken Sie!« Blandois von Paris schüttelte sich wieder vor Lachen, so daß auch seine Hand sich wieder mehr bewegte. Dann erhob er sie, um seinen Schnurrbart zu drehen, der ein feuchtes Aussehen hatte, und nun stand er in der gewünschten Stellung; seine Haltung hatte wieder etwas Renommistisches. Sein Gesicht war so nach der Stelle gekehrt, wo Klein-Dorrit bei der Staffelei stand, daß er sie scharf ins Auge fassen konnte. Nachdem sie einmal von seinen eigentümlichen Augen gefesselt war, konnte sie die ihren nicht mehr losreißen, und sie sahen sich die ganze Zeit unbeweglich an. Sie zitterte jetzt; Gowan, der dies fühlte und glaubte, sie fürchte sich vor dem großen Hund neben ihr, dessen Kopf sie mit ihrer Hand gestreichelt, und der gerade ein dumpfes Knurren hatte hören lassen, blickte sie an und sagte: »Er tut Ihnen nichts, Miß Dorrit.« »Ich fürchte mich nicht vor ihm«, versetzte sie in demselben Atem; »aber sehen Sie ihn an!« In einem Nu hatte Gowan seinen Pinsel auf den Boden geworfen und den Hund mit beiden Händen am Halsband ergriffen. »Blandois! Wie können Sie ein solcher Narr sein und ihn reizen! Beim Himmel und dem andern Orte, er reißt Sie in Stücke! Leg dich! Lion! Willst du mich hören, Rebelle!« Der große Hund, der es nicht achtete, daß er von seinem Halsband halb erwürgt wurde, stemmte sich mit der ganzen Kraft seines Körpers gegen seinen Herrn, um durch das Zimmer zu springen. Er hatte sich gerade zum Sprung geduckt, als ihn sein Herr ergriffen. »Lion! Lion!« Er stand auf seinen Hinterbeinen, und Herr und Hund rangen miteinander. »Zurück! Leg dich, Lion! Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, Blandois! Was zum Teufel haben Sie in dem Hund beschworen?« »Ich habe ihm nichts getan!« »Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, ich kann das wilde Tier sonst nicht halten! Verlassen Sie das Zimmer. Bei meiner Seele, er bringt Sie um!« Der Hund machte mit wildem Gebell noch eine Anstrengung, als Blandois verschwand: und als der Hund sich beruhigte, warf ihn sein Herr, kaum weniger zornig als der Hund, mit einem Schlag auf den Kopf zu Boden und gab ihm, indem er über ihm stand, viele harte Stöße mit seinem Stiefelabsatz, so daß sein Maul augenblicklich blutete. »Nun geh in die Ecke und lege dich nieder«, sagte Gowan, »oder ich packe dich und erschieße dich!« Lion tat, wie man ihm befohlen, und legte sich, indem er sein Maul und seine Brust leckte. Lions Herr hielt einen Augenblick inne, um zu Atem zu kommen, und wandte sich, nachdem er seine gewöhnliche Kälte wieder erlangt, an seine erschrockene Frau und die Damenbesuche. Das ganze Ereignis hatte wohl nicht zwei Minuten gedauert. »Nun, nun, Minnie! Du weißt, er ist immer gutmütig und leicht zu behandeln. Blandois muß ihn gereizt haben – ihm Gesichter geschnitten haben. Der Hund hat seine Sympathien und Antipathien, und Blandois ist kein großer Liebling von ihm: aber du wirst ihm sicherlich das Zeugnis geben, Minnie, daß er noch niemals vorher so war.« Minnies Aufregung war zu groß, um etwas sagen zu können, das einer Antwort ähnlich gesehen: Klein-Dorrit war bereits bemüht, sie zu beruhigen: Fanny, die zwei- oder dreimal laut aufgeschrien hatte, hielt Gowans Arm, um sich zu schützen: Lion, der sich tief schämte, daß er so große Unruhe verursacht, kam geduckt bis zu den Füßen seiner Herrin herangeschlichen. »Du wütendes Tier«, sagte Gowan, indem er ihn wieder mit den Füßen stieß. »Du sollst deine Strafe dafür haben.« Und er stieß ihn wieder und immer wieder. »Oh, bitte, strafen Sie ihn nicht«, rief Klein-Dorrit. »Tun Sie ihm nicht weh. Sehen Sie, wie zahm er ist.« Auf ihre Bitte schonte ihn Gowan: und er verdiente ihre Einsprache: denn er war wirklich so demütig, so reuevoll und unglücklich, wie ein Hund nur sein konnte. Es war nicht leicht, nach dieser gewaltsamen Unterbrechung wieder ins rechte Geleise zu kommen und den Besuch in die frühere Stimmung zu versetzen, selbst wenn Fanny, im besten Fall, die geringste Sache gewesen, die im Wege gelegen. Während des Verlaufs der Unterhaltung, ehe die Schwestern gingen, glaubte Klein-Dorrit die Bemerkung zu machen, daß Mr. Gowan seine Frau, bei all seiner Liebe, doch zu sehr wie ein hübsches Kind behandle. Er schien die Tiefe des Gefühls so wenig zu ahnen, die sie unter dieser Oberfläche verborgen wußte, daß sie zweifelte, ob in ihm solche Tiefen verborgen seien. Sie hätte gerne gewußt, ob sein Mangel an Ernst das natürliche Resultat seines Mangels an solchen Eigenschaften sei, und ob es mit Menschen wie mit Schiffen ergehe, daß ihre Anker in zu seichten und felsigen Wassern keinen Halt haben und sie deshalb überall herumtrieben. Er begleitete sie die Treppe hinab, indem er sich scherzend wegen der armseligen Quartiere entschuldigte, auf die so arme Leute wie er angewiesen seien, und bemerkte, daß, wenn die hohen und mächtigen Barnacles, seine Verwandten, die sich derselben schämen würden, ihn besser ausstatteten, er besser wohnen würde, um sie zu verbinden. Um Ufer des Wassers wurden sie von Blandois begrüßt, der ziemlich weiß nach seinem letzten Abenteuer aussah, der sich aber trotzdem wenig daraus machte und bei der Erwähnung Lions lachte. Die Schwestern fuhren so pomphaft, wie sie gekommen, wieder ab, während die beiden Männer unter dem Stückchen Weingelände am Dammweg stehenblieben. Gowan streute, in Gedanken versunken, das Weinlaub in das Wasser, und Blandois zündete sich eine Zigarre an. Sie waren erst wenige Minuten gefahren, als Klein-Dorrit bemerkte, daß Fanny sich mehr in die Brust warf, als für die Gelegenheit erforderlich schien, und indem sie durch das Fenster und durch die offne Tür sich nach der Ursache umsah, gewahrte sie eine andre Gondel, die offenbar der ihrigen folgte. Da diese Gondel auf verschiedene künstliche Weise ihre Fahrt mitmachte, indem sie bald an ihnen vorüberschoß und dann wartete, um sie vorbei zu lassen, bald, wenn der Weg breit genug war, dicht neben ihnen fuhr, bald endlich dicht hinter ihnen drein folgte und da Fanny nach und nach offen mit jemandem in der andern Gondel kokettierte, während sie gleichzeitig volle Harmlosigkeit heuchelte, fragte Klein-Dorrit endlich, wer er sei. Worauf Fanny die kurze Antwort gab: »Jener Laffe!« »Wer?« sagte Klein-Dorrit. »Mein liebes Kind«, versetzte Fanny (in einem Ton, dem man anmerkte, daß sie vor ihres Onkels Protest statt dessen ›du kleine Törin‹ gesagt haben würde), »wie langsam du doch begreifst! Der junge Sparkler!« Sie ließ das Fenster neben sich herab, lehnte sich zurück und legte den Ellbogen nachlässig hinaus, indem sie sich mit einem reichen spanischen Fächer von Schwarz und Gold Luft zufächelte. Als die begleitende Gondel wieder vorübergeschwebt war, wobei man einen flüchtigen Schein von einem Auge im Fenster beobachten konnte, lachte Fanny kokett und sagte: »Hast du je einen solchen Narren gesehen, meine Liebe?« »Glaubst du, er beabsichtige, dir auf dem ganzen Wege zu folgen?« fragte Klein-Dorrit. »Mein kostbares Kind«, versetzte Fanny, »ich kann unmöglich sagen, was ein Narr in einem verzweifelten Zustand tut, aber ich halte es für wahrscheinlich. Es ist keine so große Entfernung, Ganz Venedig, glaube ich, würde es kaum sein, wenn er schon nach einem flüchtigen Blick von mir sich sterblich sehnt.« »Und tut er das?« fragte Klein-Dorrit in größter Einfalt. »Nun, meine Liebe, das ist wirklich eine schwer für mich zu beantwortende Frage«, sagte ihre Schwester. »Ich glaube allerdings. Du würdest besser Edward fragen. Er sagte, glaube ich, zu Edward, er würde das tun. Ich höre, er macht förmliches Aufsehen auf dem Kasino und dergleichen Orten, durch die Art, wie er von mir spricht. Aber du fragst besser Edward, wenn du es wissen willst.« »Ich wundre mich, daß er uns nicht besucht«, sagte Klein-Dorrit nach kurzem Sinnen. »Meine liebe Amy, dein Staunen wird bald zu Ende sein, wenn ich recht unterrichtet bin. Ich wäre durchaus nicht überrascht, wenn er uns heute besuchte. Ich vermute, er ist uns bloß deshalb gefolgt, um sich Mut zu machen.« »Wirst du ihn sehen?« »Wahrhaftig, mein Liebling«, sagte Fanny, »je nach Umständen. Hier ist er wieder. Sieh ihn nur an. Oh, du Einfaltspinsel!« Mr. Sparkler machte unleugbar einen jämmerlichen Eindruck; sein Auge in dem Fenster sah wie eine Blase im Glase aus, und seine Barke plötzlich halten zu lassen, gab's auch auf der Welt keinen Grund als den wirklichen und wahren. »Wenn du mich fragst, ob ich ihn sehen werde, meine Liebe«, sagte Fanny, beinahe ebenso gelassen in der anmutigen Nachlässigkeit ihrer Haltung wie Mrs. Merdle selbst, »was meinst du damit?« »Ich meine«, sagte Klein-Dorrit, »ich denke, ich meine, was du meinst, liebe Fanny.« Fanny lachte wieder auf eine ebenso herablassende als schalkhafte und freundliche Art und sagte, indem sie ihren Arm liebevoll scherzend um ihre Schwester schlang: »Nun, sage mir, kleiner Liebling. Als wir diese Frau in Martigny sahen, wie glaubst du wohl, daß sie es sich aus dem Sinn geschafft. Sahst du, wozu sie sich augenblicks entschloß?« »Nein, Fanny.« »Dann will ich dir's sagen. Sie nahm sich vor: ich will bei so veränderten Umständen nie auf jene Begegnung wieder zurückkommen und mir den Gedanken aus dem Sinn schlagen, daß das dieselben Mädchen sind. Das ist ihre Art, wie sie sich aus einer Schwierigkeit hilft. Was sagte ich dir, als wir damals aus Harley Street weggingen? Sie ist so unaufrichtig und falsch, wie nur irgendein Weib auf der Welt ist. Aber bezüglich der ersteren Fähigkeit, meine Liebe, soll sie Leute finden, die es mit ihr aufnehmen können.« Eine bezeichnende Wendung des spanischen Fächers gegen Fannys Busen zeigte höchst ausdrucksvoll, wo solch ein Wesen gefunden werden sollte. »Nicht genug damit«, fuhr Fanny fort, »sondern sie gibt dem jungen Sparkler dieselbe Instruktion und läßt ihn mir nicht früher folgen, bis sie es ihm in seinen lächerlichsten aller lächerlichen Schädel (denn man kann nicht sagen Kopf) gebracht hat, daß er sich den Anschein geben müsse, als ob er sich zum ersten Male in jenem Wirtshaushof in mich verliebt.« »Warum?« fragte Klein-Dorrit. »Warum? Du mein Gott, mein liebes Kind!« (wieder in dem Ton von ›du beschränktes kleines Geschöpf‹) »wie kannst du fragen? Siehst du nicht, daß ich eine ziemlich wünschenswerte Partie für einen solchen Schädel bin? Und siehst du nicht, daß sie die Täuschung uns zuschiebt und sich den Anschein gibt, während sie es von ihren Schultern wälzt (sehr schöne Schultern sind es, das muß ich sagen)«, bemerkte Miß Fanny selbstgefällig auf sich herabblickend, »als ob sie unsren Gefühlen Rechnung trüge?« »Aber wir können ja zu der einfachen Wahrheit zurückgehen.« »Ja, doch wenn's gefällig, so wollen wir nicht«, warf Fanny ein. »Nein; ich werde mir das nicht einfallen lassen, Amy. Ich gebe mir nicht den Schein, sondern sie, und sie soll genug davon haben.« In der triumphierenden Aufregung ihrer Gefühle umschlang Miß Fanny, während sie ihren spanischen Fächer mit der einen Hand bewegte, den Leib ihrer Schwester mit der andern, als wenn sie Mrs. Merdle erdrücken wollte. »Nein«, wiederholte Fanny. »Sie soll mich in ihren Fußstapfen finden. Sie schlug diesen Weg ein, und ich werde ihr folgen. Und wenn mir das Glück beisteht, werde ich in der Bekanntschaft dieser Frau solange Fortschritte zu machen suchen, bis ich ihrem Mädchen vor ihren Augen zehnmal so schöne Arbeiten meines Kleidermachers geschenkt habe, wie sie mir früher von dem ihrigen zukommen ließ.« Klein-Dorrit schwieg: sie hatte das Gefühl, daß man sie doch in keiner Frage, die sich auf die Familienwürde bezog, hören würde, und wollte auch die kaum erst und unerwartet wiedergewonnene Gunst ihrer Schwester nicht schon einbüßen. Sie konnte es nicht billigen, schwieg jedoch. Fanny wußte wohl, woran sie dachte; so wohl, daß sie sie alsbald fragte. Ihre Antwort war: »Beabsichtigst du, Mr. Sparkler zu ermutigen, Fanny?« »Ich ermutigen?« sagte ihre Schwester verächtlich lächelnd. »Das hängt davon ab, wie du das Wort ermutigen auffassest. Ich will einen Sklaven aus ihm machen.« Klein-Dorrit sah sie ernst und ungewiß an, aber Fanny war nicht so leicht einzuschüchtern. Sie legte ihren Fächer von Schwarz und Gold zusammen und tätschelte damit die Nase ihrer Schwester. Sie hatte in diesem Augenblick ganz das Aussehen einer stolzen Schönheit und eines großen Geistes, der mit einer Unbeholfenen spielt und sie spielend unterrichtet. »Ich will machen, daß er hebt und trägt, wie ich will, meine Liebe, und daß er sich ganz und gar mir unterwirft. Und wenn seine Mutter sich nicht auch mir unterwirft, so wird es nicht meine Schuld sein.« »Glaubst du – liebe Fanny, sei nicht böse, wir sind jetzt so behaglich beieinander – glaubst du, das Ende von alledem absehen zu können?« »Ich kann nicht sagen, daß ich schon so weit voraussehe, meine Liebe«, antwortete Fanny mit der größten Gleichgültigkeit: »das hat noch gute Zeit. Das ist mein Plan. Und dieser hat mich soviel Zeit gekostet, daß wir hier vor unsrem Hause sind. Und der junge Sparkler steht vor der Tür, um zu fragen, wer zu Hause sei. Natürlich durch den reinsten Zufall.« Wirklich stand auch der junge Herr aufrecht in seiner Gondel, mit dem Visitenkartentäschchen in der Hand, und schien eine Frage an einen der Diener zu richten. Dieses Zusammentreffen von Umständen war die Ursache, daß er augenblicklich darauf sich vor den jungen Damen in einer Positur zeigte, die in alten Zeiten als keine günstige Vorbedeutung für sein Anliegen betrachtet worden wäre; denn die Gondeliere der jungen Damen, die durch die Jagd etwas ungehalten wurden, brachten ihr Boot so hübsch in Kollision mit der Barke des Mr. Sparkler, daß sie diesen Gentleman wie einen großen Kegel umwarfen, wodurch er in den Fall kam, dem Gegenstand seiner innigsten Wünsche die Sohlen seiner Schuhe darzubieten, während die edleren Teile seines Körperbaus am Boden seines Bootes in den Armen einer seiner Leute sich abmühten. Als Miß Fanny jedoch mit großer Bestürzung fragte, ob der Gentleman sich weh getan, stand Mr. Sparkler schneller wieder auf, als man erwarten konnte, und stotterte errötend: »Durchaus nicht.« Miß Fanny erinnerte sich nicht, ihn jemals früher gesehen zu haben, und ging, mit einer flüchtigen Verbeugung an ihm vorüber: da nannte er seinen Namen. Auch dann kostete es ihr noch große Mühe, ihr Gedächtnis aufzufrischen, bis er endlich erklärte, er habe die Ehre gehabt, sie in Martigny zu sehen. Da erinnerte sie sich seiner und sprach die Hoffnung aus, daß seine Mutter wohl sei. »Ich danke«, stotterte Mr. Sparkler, »sie ist ungemein wohl – wenigstens nur unpäßlich.« »In Venedig?« »In Rom«, antwortete Mr. Sparkler. »Ich bin allein hier, allein. Ich kam, um Mr. Edward Dorrit zu besuchen. Und auch Mr. Dorrit, gewiß. Die ganze Familie, kann ich versichern.« Anmutig sich zu den Dienern wendend, fragte Miß Fanny, ob ihr Papa und Bruder zu Hause seien? Da die Antwort lautete, sie seien beide zu Hause, so bot Mr. Sparkler respektvollst seinen Arm an. Miß Fanny nahm ihn und wurde von Mr. Sparkler die große Treppe hinaufgeleitet. Glaubte Mr. Sparkler noch (woran kein Grund zu zweifeln), daß sie keinen Unsinn an sich habe, so täuschte er sich ziemlich bedeutend. Nachdem sie in ein modriges Empfangszimmer gekommen, wo die fadenscheinigen Vorhänge von einem traurigen Meergrün so gebleicht und verschossen waren, daß sie aussahen, als ob sie auf Verwandtschaft mit herrenlosem Seegrase Anspruch machten, das unter den Fenstern umhertrieb oder sich an die Mauern anklammerte und um seine eingesperrten Verwandten weinte, schickte Miß Fanny nach ihrem Vater und Bruder. Bis diese erschienen, stellte sie sich auf einem Sofa zu großem Vorteil zur Schau aus und vollendete Mr. Sparklers Eroberung durch einige Bemerkungen über Dante, – von dem dieser Gentleman nur so viel wußte, daß er ein exzentrischer Mann, in der Art eines Old fellow, war, der gewöhnliche Blätter um sein Haupt trug und aus einem unerklärlichen Grunde vor der Kathedrale von Florenz saß. Mr. Dorrit bewillkommnete den Fremden mit der größten Zuvorkommenheit und den höflichsten Manieren. Er fragte besonders nach Mrs. Merdle und auch besonders nach Mr. Merdle. Mr. Sparkler sagte, oder zerrte es vielmehr in kleinen Stücken am Halstuche heraus, daß Mrs. Merdle, nachdem sie ihres Landaufenthaltes und auch ihres Hauses in Brigthon überdrüssig geworden und natürlich, wie man sich denken könne, nicht imstande gewesen wäre, in London zu bleiben, wenn keine Seele mehr da sei, und da sie auch dieses Jahr keine Lust gehabt, die Leute auf dem Lande zu besuchen, beschlossen habe, sich nach Rom zu begeben, wo eine Frau wie sie, von sprichwörtlich feinem Wesen und ohne Unsinn an sich, unbedingt eine große Akquisition für die Gesellschaft sein müsse. Mr. Merdle sei den Leuten in der City und an den übrigen Plätzen so unentbehrlich und sei ein so außerordentliches Phänomen als Kaufmann und Bankier, daß Mr. Sparkler zweifle, ob das Geldsystem des Landes ihn entbehren könne; obgleich Mr. Sparkler nicht verbarg, daß ihm seine Arbeit bisweilen über den Kopf wachse, und daß es besser für ihn wäre, wenn er sich zuweilen für einige Zeit auf einen ganz neuen Schauplatz und in ein andres Klima begäbe. Was ihn selbst betreffe, teilte Mr. Sparkler der Familie Dorrit mit, daß er in ganz besonderen Geschäften sich überall dahin begebe, wohin sie gingen. Diese ungeheure Rede erforderte Zeit, aber sie wurde doch zustande gebracht. Nachdem sie zu Ende war, sprach Mr. Dorrit die Hoffnung aus, daß Mr. Sparkler bald mal mit ihnen zu Mittag speise. Mr. Sparkler nahm diesen Gedanken so freundlich auf, daß Mr. Dorrit ihn fragte, was er heute zum Beispiel zu tun beabsichtige? Da er heute nichts zu tun beabsichtigte (seine gewöhnliche Beschäftigung und eine solche, für die er besonders befähigt war), nahm man ihn alsbald in Beschlag und verpflichtete ihn, die Damen am Abend in die Oper zu begleiten. Zur Zeit des Diners tauchte Mr. Sparkler aus dem Meer auf wie der Sohn der Venus, der seiner Mutter nachschwimmt, und gab sich ein glänzendes Ansehen, als er die große Treppe hinaufstieg. Wenn Fanny morgens reizend ausgesehen, so war sie es jetzt dreifach, denn sie hatte sich in die Farben gekleidet, die ihr am besten standen, und hatte dabei eine Nachlässigkeit über sich ergossen, die Mr. Sparklers Fesseln verdoppelte und sie noch fester nietete. »Ich höre. Sie sind mit – ha – Mr. Gowan bekannt, Mr. Sparkler«, sagte der Wirt während des Essens. »Mit Mr. Henry Gowan?« »Allerdings, mein Herr, sehr gut«, versetzte Mr. Sparkler. »Seine Mutter und meine Mutter sind gute alte Bekannte.« »Wenn ich daran gedacht hätte, Amy«; sagte Mr. Dorrit mit so vornehmer Gönnermiene, als die von Lord Decimus selbst, »so hättest du ein Billett an sie schicken und sie zum Essen einladen können. Einige von unsern Leuten hätten sie – ha – holen und wieder nach Hause bringen können. Wir hätten eine Gondel zu diesem Zweck reservieren können. Bedaure, es vergessen zu haben. Bitte, erinnere mich morgen daran.« Klein-Dorrit war etwas zweifelhaft, wie Henry Gowan ihre Gönnerschaft aufnehmen möchte; sie versprach jedoch, nicht zu vergessen, daran zu erinnern, »Bitte, malt Mr. Henry Gowan – ha – Porträts?« Mr. Sparkler vermutete, daß er alles malen werde, wozu er Auftrag bekäme. »Er geht also nicht seinen besonderen Gang«, sagte Mr. Dorrit. Mr. Sparkler, den die Liebe angespornt, den glänzenden Geist zu spielen, antwortete, zu einem besonderen Gang müsse man ein besonderes Paar Schuhe haben: wie zum Beispiel zum Schießen Schießstiefel, zum Kolbenspiel Kolbenstiefel. Er glaube dagegen, daß Henry Gowan keine besonderen Stiefel habe.« »Keine Spezialität?« sagte Mr. Dorrit. Da dies ein sehr langes Wort für Mr. Sparkler und sein Geist durch die letzte Anstrengung erschöpft war, antwortete er: »Nein, ich danke Ihnen. Ich nehme das selten.« »Gut!« sagte Mr. Dorrit. »Es wäre mir sehr angenehm, einem Manne von so großen Verbindungen einen – ha – Beweis meines Wunsches zu geben, seine Interessen zu fördern und die – hm – Keime seines Genies zu entfalten. Ich denke, ich sollte Mr. Gowan auffordern, mein Bild zu malen. Wenn der Erfolg gegenseitig – ha – ein zufriedenstellender wäre, würde ich ihn später auffordern, seine Hand an meiner Familie zu versuchen.« Dieser ausgesucht kühne und originelle Gedanke brachte Mr. Sparkler auf den weitern, daß hier die Gelegenheit geboten wäre, zu sagen, es sei jemand in der Familie (auf das »jemand« mußte mit der größten Emphase der Nachdruck gelegt werden), dem kein Maler gerecht werden könne. Da es ihm jedoch an einer Form des Ausdrucks dafür fehlte, kehrte der Gedanke wieder in die Wolken zurück. Dies war um so mehr zu bedauern, als Miß Fanny den Einfall mit dem Porträt lebhaft applaudierte und ihren Papa ihn bald zu verwirklichen drängte. Sie vermute, sagte sie, daß Mr. Gowan bessere und bedeutendere Gelegenheiten sich habe entgehen lassen, als er seine hübsche Frau geheiratet: und Liebe, in einer Hütte Bilder malend für das liebe Brot, sei ein so entzückender, interessanter Gedanke, daß sie Papa bäte, ihm den Auftrag zu geben, um zu beweisen, ob er ein ähnliches Bild malen könne oder nicht: obgleich sie und Amy wußten, daß er es konnte, da sie gerade heute eine sprechende Ähnlichkeit auf seiner Staffelei gesehen und Gelegenheit gehabt hätten, sie mit dem Original zu vergleichen. Diese Bemerkungen brachten Mr. Sparkler (wie es vielleicht in der Absicht lag) fast von Sinnen: denn während sie auf der einen Seite Miß Fannys Empfänglichkeit für zartere Empfindungen an den Tag legten, zeigte sie solch unschuldige Unbewußtheit seiner Bewunderung, daß seine Augen sich vor Eifersucht auf einen unbekannten Rivalen im Kopf hin und her drehten. Nach Tische stieg man wieder auf das Meer und heraus aus demselben bei der Treppe des Opernhauses: voran ging einer ihrer Gondoliere, wie ein dienender Triton, mit einer großen leinenen Laterne: so traten sie in ihre Loge, und für Mr. Sparkler begann ein Abend voll Kampf. Da das Theater dunkel und die Loge hell war, so kamen mehrere Besuche während der Vorstellung: Fanny interessierte sich so lebhaft für diese Besuche und warf sich während des Gesprächs mit denselben in so reizende Attitüden, da sie kleine Vertraulichkeiten mit denselben hatte und kleine Streite über dir Identität dieser und jener Persönlichkeit in entfernten Logen führte, daß der unglückliche Sparkler alle Menschen haßte. Zweierlei tröstete ihn am Schlusse des Stücks. Sie gab ihm ihren Fächer, um ihn zu halten, während sie ihren Mantel umwarf, und es war sein glückliches Privilegium, ihr seinen Arm zu geben, während sie wieder die Treppe hinabgingen. Diese ermutigenden Brocken, dachte Mr. Sparkler, würden ihn aufrechterhalten: und es ist nicht unmöglich, daß Miß Dorrit ebenso dachte. Der Triton mit seinem Licht stand an der Logentür bereit, und andre Tritonen standen an andern Logen gleichfalls bereit. Der Dorritsche Triton hielt seine Laterne tief, um ihnen die Stufen zu zeigen, und Mr. Sparkler legte eine neue schwere Last von Fesseln an seine frühere, als er ihren glänzenden Fuß neben seinem die Treppen hinabtänzeln sah. Unter den Wartenden befand sich Blandois von Paris. Er sprach und ging neben Fanny her. Klein-Dorrit ging voraus mit ihrem Bruder und Mrs. General (Mr. Dorrit war zu Hause geblieben): am Rande des Quais jedoch kamen sie alle zusammen. Sie erstaunte, Blandois wieder dicht neben sich zu sehen: er half Fanny in das Boot. »Gowan hatte einen Verlust«, sagte er, »seit er so glücklich war, heute mit einem Besuch von schönen Damen beehrt zu werden.« »Einen Verlust?« wiederholte Fanny, die von dem seiner holden Last beraubten Sparkler verlassen war und ihren Sitz einnahm. »Einen Verlust«, sagte Blandois. »Seinen Hund, Lion.« Klein-Dorrits Hand lag in der seinen, als er sprach. »Er ist tot«, sagt« Blandois. »Tot?« wiederholte Klein-Dorrit. »Das edle Tier?« »Allerdings, meine Damen!« sagte Blandois lächelnd und die Achseln zuckend, »es hat jemand das edle Tier vergiftet. Er ist so tot wie die Dogen!« Siebentes Kapitel. Meist Prunes und Prism. Mrs. General, die beständig auf ihrem Kutschbock saß und die Anstandsgefühle tüchtig zusammenhielt, gab sich alle Mühe, ihrer inniggeliebten jungen Freundin eine Außenseite zu verleihen, und Mrs. Generals inniggeliebte Freundin gab sich alle Mühe, sie anzunehmen. So große Mühe sie sich in der arbeitsvollen Zeit ihres Lebens gegeben hatte, viel zu erreichen, größere Mühe hatte sie sich doch nie gegeben als eben jetzt, wo sie sich von Mrs. General firnissen lassen sollte. Es war ihr freilich übel zumute, wenn sie von dieser glättenden Hand an sich herumarbeiten lassen mußte: aber sie ergab sich in die Anforderungen der Familie in ihrer Größe, wie sie sich in die Anforderungen der Familie in ihrer Niedrigkeit gefügt, und achtete dabei auf ihre eigne Neigung so wenig als auf ihren Hunger in jenen Tagen, da sie ihr Mittagessen sich vom Munde abgespart, damit ihr Vater etwas am Abend habe. Ein Trost, der ihr während dieser strengen Feuerprobe blieb, machte sie stärker und dankbarer, als es einem weniger hingebenden und liebevollen Wesen, das nicht an ihre Kämpfe und Opfer gewöhnt war, billig scheinen mochte: und man kann es wirklich oft im Leben beobachten, daß Gemüter, wie Klein-Dorrit, nicht halb so ängstlich auf Gründe achten wie die Leute, die sie benutzen. Die fortgesetzte Freundlichkeit ihrer Schwester war dieser Trost für Klein-Dorrit. Es war ihr gleichgültig, daß diese Freundlichkeit die Form nachsichtiger Gönnerschaft annahm: sie war daran gewöhnt. Es war ihr gleichgültig, daß sie dadurch in eine untergeordnete Stellung kam und hinter den glänzenden Wagen trat, in dem Miß Fanny auf einem erhabenen Sitze saß und Huldigung erwartete; sie suchte keinen bessern Platz. Fannys Schönheit und Anmut und Geistesgegenwart stets bewundernd, und sich nicht fragend, wieviel von ihrer Neigung, sich Fanny anhänglich zu erweisen, wirklich aus ihrem Herzen kam, und wieviel Fanny daran teilhatte, weihte sie ihr alle schwesterliche Liebe, deren ihr großes Herz fähig war. Die großartige Einfuhr von Prunes und Prism in das Familienleben, die Mrs. General besorgte, verbunden mit Miß Fannys fortdauerndem Verkehr mit der Gesellschaft, ließen nur noch einen ganz geringen Rest von natürlichem Niederschlag am Boden der Mixtur zurück. Dies machte vertrauliche Gespräche mit Fanny doppelt wertvoll für Klein-Dorrit, und erhöhte den Genuß, den sie ihr brachten. »Amy«, sagte Fanny zu ihr, als sie am Abend eines Tages sich allein befanden, der so ermüdend gewesen, daß Klein-Dorrit ganz erschöpft war, indes Fanny mit dem größten Vergnügen von der Welt noch einmal in Gesellschaft gegangen wäre, »ich will dir mal etwas in deinen kleinen Kopf zu bringen suchen. Du wirst wohl nicht ahnen, was es ist.« »Ich glaube allerdings nicht, meine Liebe«, sagte Klein-Dorrit. »Nun, ich will dir einen Leitfaden an die Hand geben,« sagte Fanny. »Mrs. General.« Da Prunes und Prism in tausend Kombinationen den ganzen Tag bis zur Ermüdung die Tagesordnung gebildet – da alles Außenseite und Firnis und Schaugepränge ohne innern Gehalt war – so sah Klein-Dorrit aus, als wenn sie gehofft, Mrs. General sei für einige Stunden glücklich in ihrem Bett begraben. »Ahnst du jetzt , Amy?« sagte Fanny. »Nein, meine Liebe. Wenn ich nicht gar etwas getan habe«, sagte Klein-Dorrit, ziemlich ängstlich besorgt, indem sie damit auf einen Sprung im Firnis und eine Falte in der glatten Außenseite zielte. Fanny amüsierte diese Besorgnis so sehr, daß sie ihren Lieblingsfächer nahm (sie saß nämlich an ihrem Ankleidetisch mit dem Arsenal von grausamen Instrumenten um sich, die meistens vom Herzblut Sparklers dampften) und ihre Schwester häufig damit auf die Nase tupfte, wobei sie beständig lachte. »O Amy, Amy!« sagte Fanny. »Was für ein schüchternes Gänschen unsre Amy ist! Aber dabei ist nichts zu lachen. Im Gegenteil, ich bin sehr ärgerlich, meine Liebe.« »Wenn nicht über mich, Fanny, so ist es mir gleichgültig«, versetzte ihre Schwester lächelnd. »Ah! aber mir ist es nicht gleichgültig«, sagte Fanny, »und dir ebensowenig, wenn ich dir's sage. Amy, ist es dir nie aufgefallen, daß jemand außerordentlich höflich gegen Mrs. General ist?« »Jedermann ist höflich gegen Mrs. General«, sagte Klein-Dorrit. »Weil –« »Weil die Leute bei ihr vor Kälte höflich werden?« unterbrach sie Fanny. »Ich meine das nicht; ganz anderes. Sieh! Ist es dir nie aufgefallen, Amy, daß Papa außerordentlich höflich gegen Mrs. General ist?« Amy murmelte »nein« und war sehr bestürzt. »Nicht, wirklich nicht. Aber er ist es«, sagte Fanny, »er ist es, Amy. Und erinnere dich meines Worts, Mrs. General hat Absichten auf Papa.« »Liebe Fanny, hältst du es für möglich, daß Mrs. General auf irgend jemanden Absichten hat?« »Ob ich es für möglich halte?« warf Fanny ein. »Meine Liebe, ich weiß es. Ich sage dir, sie hat Absichten auf Papa. Und mehr als das, ich sage dir, Papa hält sie für solch ein Wunder, für solch ein Muster von vollendeter Bildung und solch einen Gewinn für unsre Familie, daß er jeden Augenblick bereit ist, sich ganz von ihr verblenden zu lassen. Und das bietet uns eine hübsche Aussicht für die Zukunft. Denk dir mich mit Mrs. General als Mama!« Klein-Dorrit antwortete nicht: »Denke dir mal mich mit Mrs. General als Mama«, sondern sah ängstlich drein und fragte ernstlich danach, was Fanny auf diese Vermutung gebracht. »Na, na, mein Liebling«, sagte Fanny schnippisch. »Du könntest mich ebensogut fragen, wie ich wisse, daß ein Mann in mich verliebt ist: Aber ich weiß es ganz natürlich. Es geschieht ziemlich oft, aber ich weiß es immer. Ich weiß es diesmal vermutlich ziemlich auf die gleiche Weise. Jedenfalls weiß ich es.« »Du hörtest doch Papa nie etwas sagen?« »Etwas sagen?« wiederholte Fanny. »Mein allerliebster kleiner Engel, was nötigte ihn bis jetzt, etwas zu sagen?« »Und du hörtest nie Mrs. General etwas sagen?« »Ei du meine Güte, Amy«, versetzte Fanny, »ist sie die Frau dazu, etwas zu sagen? Ist es denn nicht vollkommen klar und deutlich, daß sie für den Augenblick nichts zu tun hat, als sich aufrecht zu halten, ihre verwünschten Handschuhe anzubehalten und die Schleppe weit hinausfliegen zu lassen? Etwas sagen! Wenn sie den besten Trumpf im Whist in Händen hätte, sie würde nichts sagen. Es würde erst herauskommen, wenn sie ihn ausspielte.« »Du kannst dich täuschen, Fanny. Oder meinst du nicht?« »O ja, es ist möglich«, sagte Fanny, »aber ich irre mich diesmal nicht. Indessen freue ich mich doch, daß du dir solch eine Hintertür denken kannst, mein liebes Kind, und freue mich, daß du die Sache vorderhand hinlänglich kaltblütig aufzunehmen imstande bist, um dir einen solchen Fall möglich zu denken. Es läßt mich hoffen, daß du auch imstande sein werdest, diese Verbindung ruhig hinzunehmen. Mir wäre das nicht möglich, und ich würde es auch gar nicht versuchen, mich daran zu gewöhnen. Ich würde lieber den jungen Sparkler heiraten.« »Oh, du würdest ihn sicher unter keinen Umständen heiraten.« »Auf mein Wort, meine Liebe«, entgegnete das junge Mädchen mit der größten Gleichgültigkeit, »ich könnte wirklich nicht mit Bestimmtheit dafür einstehen. Niemand weiß, was geschehen könnte. Namentlich, da mir dadurch später mancherlei Gelegenheit geboten wäre, jenes Weib, seine Mutter, in ihrem eignen Stil zu behandeln. Und ich würde sicherlich nicht lange anstehen, das zu tun, Amy.« Es kam diesmal nicht weiter zur Verhandlung zwischen den beiden Schwestern; aber was vorgekommen, rückte die beiden Fragen über Mrs. General und Mr. Sparkler in den Vordergrund von Klein-Dorrits Gemüt, und sie dachte fortan sehr viel an beide. Da Mrs. General schon längst ihre eigne Außenseite vollkommen ausgebildet hatte, daß man, was darunter war, nicht entdecken konnte (wenn je etwas drunter war), so war in dieser Richtung keine Beobachtung zu machen. Mr. Dorrit war unleugbar sehr höflich gegen sie und hatte eine sehr hohe Meinung von ihr: aber Fanny, ungestüm in den meisten Fällen, konnte sich trotzdem sehr irren. Die Sparklersche Frage dagegen stand ganz anders, da jedermann sehen konnte, was vorging, und Klein-Dorrit sah es und dachte darüber nach, indem ihr mancherlei Zweifel und Fragen dabei aufstiegen. Die Hingebung von Mr. Sparkler war nur mit der Launenhaftigkeit und Grausamkeit derjenigen zu vergleichen, die ihn zu ihrem Sklaven gemacht. Bisweilen zeichnete sie ihn so auffallend aus, daß er vor lauter Freude kicherte; am nächsten Tage oder in der nächsten Stunde beachtete sie ihn mit keinem Blick und schleuderte ihn in einen solchen Abgrund von Vergessenheit, daß er unter dem ärmlichen Vorwand, er habe Husten, ächzte. Die Ausdauer seiner Aufmerksamkeit rührte Fanny durchaus nicht! obschon er so unzertrennlich von Edward war, daß, wenn dieser sich endlich mal nach einer andern Gesellschaft sehnte, er zu dem unangenehmen Ausweg genötigt war, wie ein Verschwörer sich in verdeckten Booten und durch geheime Türen und Hinterpförtchen auf und davon zu machen: obschon er ferner so unermüdlich in der Nachfrage nach Mr. Dorrits Befinden war, daß er jeden andern Tag vorsprach, um sich zu erkundigen, als wenn Mr. Dorrit die Beute eines Wechselfiebers wäre: obschon er sich ferner so beständig vor den Hauptfenstern auf und ab rudern ließ, daß man hätte vermuten können, er habe eine Wette um einen bedeutenden Einsatz gemacht, sich in tausend Stunden tausend Meilen rudern zu lassen; obschon endlich, sobald die Gondel seiner Herrin das Tor verließ, die Gondel von Mr. Sparkler aus irgendeinem Wasserversteck hervorschoß und Jagd auf sie machte, als wenn sie eine hübsche Schmugglerin und er ein Zollbeamter wäre. Vielleicht war es dieser Kräftigung seiner von Natur starken Konstitution durch die häufige Bewegung in der freien Luft und den Einflüssen des Salzwassers zuzuschreiben, daß Mr. Sparkler äußerlich nicht abfiel: was jedoch auch die Ursache sein mochte, er hatte so wenig Hoffnung, seine Herrin durch einen traurigen Zustand seiner Gesundheit zu rühren, daß er jeden Tag dicker wurde, und diese Eigentümlichkeit in seiner Erscheinung, durch die er mehr wie ein geschwollener Junge als wie ein junger Mann aussah, entwickelte sich in außerordentlichem Grad zu rotbäckiger Fettsucht aus. Als Blandois vorsprach, um einen Besuch zu machen, empfing ihn Mr. Dorrit mit Zuvorkommenheit als den Freund von Mr. Gowan und erwähnte gegen ihn seine Idee, Mr. Gowan zu beauftragen, ihn auf die Nachwelt zu bringen. Da Blandois sie bis in die Wolken erhob, fiel es Mr. Dorrit ein, daß es Blandois vielleicht angenehm wäre, die große Gelegenheit, die seiner wartete, sein Talent zu entfalten, ihm mitzuteilen. Blandois nahm den Auftrag in seiner eigentümlich leichten und eleganten Weise an und schwur, er werde sich seiner entledigen, ehe er eine Stunde älter sei. Als er Gowan die Nachricht brachte, wünschte dieser Meister mit großer Freigebigkeit ein volles dutzendmal Mr. Dorrit zum Teufel (denn er ärgerte sich über Gönnerschaft fast ebensosehr, als er sich über den Mangel an Gönnerschaft ärgerte) und hatte gute Lust, sich mit seinem Freunde zu zanken, daß er ihm diese Botschaft gebracht. »Es mag eine Schwäche meines Kopfes sein, Blandois«, sagte er, »aber ich will gleich sterben, wenn ich einsehe, was Sie damit zu tun haben.« »Tod und Teufel«, versetzte Blandois, »auch ich weiß es nicht; nur glaubte ich, meinem Freunde einen Dienst damit zu erweisen.« »Indem Sie ihm das Mietgeld eines Emporkömmlings in die Tasche schoben?« sagte Gowan und zog die Stirn zusammen. »Meinen Sie das? Sagen Sie Ihrem Freunde, er solle seinen Kopf für das Schild eines Wirtshauses malen lassen, und zwar durch einen Schildermaler. Wer bin ich und wer ist er?« »Professore«, versetzte der Abgesandte, »wer ist Blandois?« Ohne sich, wie es schien, für die letztere Frage im mindesten zu interessieren, pfiff sich Gowan ärgerlich Mr. Dorrit aus dem Sinn. Am folgenden Tage nahm er die Sache jedoch wieder auf, indem er in seiner ungezwungenen Weise und mit einem den Gegenstand des Gesprächs herabsetzenden Lächeln sagte: »Nun, Blandois, wann wollen wir zu Ihrem Mäzen gehen? Wir Handwerker müssen Aufträge annehmen, wo wir welche bekommen können. Wann wollen wir gehen und uns diesen Auftrag ansehen?« »Wann Sie wollen«, sagte der gekränkte Blandois, »wie es Ihnen gefällig. Was habe ich damit zu tun? Was geht es mich an?« »Ich kann Ihnen sagen, was es mich angeht«, sagte Gowan. »Das gibt Brot und Käse. Man muß gegessen haben! So kommen Sie denn, mein Bandois.« Mr. Dorrit empfing sie in Gegenwart seiner Töchter und Mr. Sparklers, der durch einen überraschenden Zufall gerade eben auch seinen Besuch machte. »Wie geht es Ihnen, Sparkler?« sagte Gowan flüchtig. »Wenn Sie mal von Ihrem Mutterwitz leben müssen, alter Junge, so hoffe ich, wird es Ihnen besser gehen als mir.« Mr. Dorrit erwähnte sodann seinen Vorschlag. »Sir«, sagte Gowan lachend, nachdem er denselben sehr nachsichtig aufgenommen, »ich bin neu im Handwerk und nicht erfahren in seinen Geheimnissen. Ich glaube, ich sollte Sie in verschiedenem Lichte betrachten, Ihnen sagen, daß Sie ein vortrefflicher Vorwurf seien, und dann erwähnen, wann ich hinreichend Muße haben werde, um mich mit der nötigen Begeisterung dem schönen Bild zu widmen, das ich von Ihnen zu machen gedenke. Ich gebe Ihnen die Versicherung«, fuhr er fort und lachte wieder, »mir ist ganz zumute, als wäre ich ein Verräter im Lager dieser lieben, begabten, guten edlen Jungen, meiner Kunstkollegen, weil ich den Hokuspokus nicht besser mache. Aber ich bin nicht dazu erzogen, und jetzt ist es zu spät, es zu lernen. Nun steht die Sache so, ich bin ein sehr schlechter Maler, aber nicht viel schlechter, als alle im allgemeinen sind. Wenn Sie Lust haben, hundert Guineen ungefähr wegzuwerfen, so bin ich so arm, wie ein armer Verwandter von vornehmen Leuten gewöhnlich zu sein pflegt, und ich werde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie sie an mich wegschleudern wollen. Ich werde mein Bestes für das Geld zu leisten suchen; und wenn dies Beste schlecht sein sollte, so haben Sie wahrscheinlich ein schlechtes Bild mit einem kleinen Namen dazu, statt eines schlechten Bildes mit einem großen Namen.« Dieser Ton, obgleich nicht das, was man erwartet, gefiel Mr. Dorrit im ganzen merkwürdig gut. Er zeigte, daß der Künstler, der von hoher Verwandtschaft und kein bloßer Arbeiter, sich ihm verpflichtet fühlen würde. Er drückte seine Befriedigung darüber aus, indem er sich in Mr. Gowans Hände gab, und sprach die Erwartung aus, daß sie wohl auch das Vergnügen haben würden, sich in ihrer Eigenschaft als Privatleute näher kennenzulernen. »Sie sind sehr gütig«, sagte Gowan. »Ich habe die Gesellschaft nicht verschworen, als ich mich der Zunft vom Pinsel anschloß (die angenehmsten Jungen von der Welt), und ich bin ganz froh, wenn ich dann und wann das alte feine Schießpulver riechen kann, wenn es mich auch in die Luft hinauf und in meinen gegenwärtigen Beruf hineinschleuderte. Sie werden nicht glauben, Mr. Dorrit«, und dabei lachte er wieder in der leichtfertigsten Weise, »daß ich in diese Freimauerei der Zunft hineinkomme – denn das ist nicht der Fall; meiner Treu, ich kann nicht umhin, sie auf Schritt und Tritt zu verraten, obgleich ich, beim Jupiter, die Zunft mit all meiner Macht liebe und ehre –, wenn ich eine Bedingung bezüglich des Orts und der Zeit mache.« Ha! Mr. Dorrit konnte wirklich – hm – keinen Verdacht der Art bei Mr. Gowans Offenheit schöpfen. »Ich muß es wiederholen. Sie sind sehr gütig«, sagte Gowan. »Mr. Dorrit, ich höre, Sie gehen nach Rom. Ich gehe gleichfalls nach Rom, wo ich Freunde habe. Lassen Sie mich die Ungerechtigkeit, die ich Ihnen anzutun geschworen habe, dort beginnen – nicht hier. Wir werden während des Restes unseres Hierseins alle sehr viel zu tun haben; und obschon es in Venedig keinen ärmern Menschen mit heilen Ellbogen gibt als mich, habe ich doch noch nicht so ganz den Kunstfreund abgelegt – verrate die Zunft schon wieder, wie Sie sehen – und kann mich nicht so in der Eile an die Arbeit machen, bloß um des Tagelohns willen.« Diese Bemerkungen wurden nicht weniger günstig von Mr. Dorrit aufgenommen als die früheren. Sie waren das Vorspiel des ersten Empfangs von Mr. und Mrs. Gowan bei einem Mittagessen, und sie stellten Gowan geschickt in der Familie auf den Boden, den er gewöhnlich einnahm. Auch seine Frau stellten sie auf den Boden, den sie gewöhnlich einnahm. Miß Fanny wurde mit besonderer Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß Mrs. Gowans Schönheit ihrem Manne sehr teuer zu stehen gekommen, daß es ihretwegen eine große Störung in der Familie Barnacle gegeben, und daß die verwitwete Mrs. Gowan fast mit gebrochenem Herzen sich entschlossen der Heirat widersetzt, bis sie von ihren mütterlichen Gefühlen überwältigt worden. Mrs. General bekam in gleicher Weise deutlich zu hören, daß diese Neigung viel Kummer und Zwietracht in der Familie hervorgerufen. Von dem wackern Mr. Meagles wurde kein Wort erwähnt; nur, daß es für einen derartigen Menschen ganz natürlich sei, wenn er wünsche, seine Tochter aus seiner eignen dunklen Stellung emporzuheben, und daß ihn niemand tadeln könnte, wenn er in dieser Hinsicht sein Bestes täte. Klein-Dorrits Interesse an dem schönen Gegenstande dieses nur gar zu leicht angenommenen Glaubens war zu ernst und aufmerksam, um der genauen Beobachtung zu ermangeln. Sie konnte sehen, daß dieser seinen Teil daran hatte, wenn auf Mrs. Gowan auch nur ein flüchtiger Schatten fiel, unter dem sie lebte, und sie hatte sogar ein instinktmäßiges Wissen davon, daß durchaus nicht das geringste Wahre daran war. Aber er hatte den Einfluß, daß er ihrem Verkehr mit Mrs. Gowan Hindernisse in den Weg legte, indem er die Schule der Prunes und Prism veranlaßte, sehr höflich, aber nicht sehr vertraulich mit ihr zu sein; und Klein-Dorrit, als gezwungener Famulus dieses Kollegiums, mußte sich demütig seinen Anordnungen unterwerfen. Nichtsdestoweniger hatte sich bereits ein sympathisches Einverständnis zwischen beiden hergestellt, das ihnen selbst über größere Schwierigkeiten hinweggeholfen haben würde und auch aus einem beschränkteren Verkehr eine Freundschaft entwickelt hätte. Wie wenn der Zufall entschlossen gewesen, dieser günstig zu sein, fanden sie eine neue Bestätigung ihrer Geistesverwandtschaft in der Abneigung, die jedes von beiden das andere gegen Blandois von Paris hegen sah: eine Abneigung, die den Grad des Widerwillens und des Schauers einer natürlichen Antipathie gegen ein häßliches Geschöpf ans der Klasse der Reptilien erreichte. Und außer dieser aktiven Geistesverwandtschaft gab es auch noch eine passive zwischen ihnen. Gegen beide benahm sich Blandois in derselben Weise; und gegen beide hatte sein Benehmen ohne Ausnahme etwas an sich, wovon beide wußten, daß es von seinem Benehmen gegen andere abweiche. Der Unterschied war zu unmerklich in seinem Ausdruck, daß die andern es hätten bemerken können. Ein bloßes Zucken seiner falschen Augen, eine flüchtige Bewegung seiner weichen weißen Hand, ein bloßes Haarbreit mehr beim Senken seiner Nase und dem Emporziehen seines Schnurrbarts bei der am häufigsten vorkommenden Bewegung seines Gesichts zeigte beiden gleicherweise, daß sein Großtun ihnen galt. Dies hatten sie beide nie in solchem Grade gefühlt, und nie von jeder einzelnen in Beziehung auf die andre, als eines Tages, da er zu Mr. Dorrit kam, um von ihm Abschied zu nehmen, ehe er Venedig verlasse. Mrs. Gowan war in gleicher Absicht anwesend, und er fand diese beiden allein, da die übrige Familie ausgegangen war. Die beiden Freundinnen waren noch nicht fünf Minuten beisammen, und sein eigentümliches Benehmen schien ihnen zu sagen: »Sie wollten über mich sprechen. Ha! Sehen Sie, ich bin da, es zu verhindern!« »Gowan kommt auch?« sagte Blandois mit seinem Lächeln. Mrs. Gowan sagte: nein. »Nicht!« sagte Blandois. »Erlauben Sie Ihrem ergebenen Diener, wenn Sie weggehen. Sie nach Hause zu begleiten?« »Danke: ich gehe nicht nach Hause.« »Nicht nach Hause!« sagte Blandois. »Dann bin ich verloren.« Das mochte er sein: aber er war nicht so unklug, daß er weggegangen und sie allein gelassen hätte. Er blieb sitzen und unterhielt sie mit seinen feinsten Komplimenten und seinen gewähltesten Redensarten. Aber die ganze Zeit ließ er sie merken: »Nein, nein, nein, liebe Dame. Sehen Sie, ich bin ausdrücklich in der Absicht hier, es zu verhindern!« Er ließ sie dies mit so vielen Hintergedanken merken, und er besaß eine so teuflische Ausdauer, daß Mrs. Gowan endlich aufstand, um sich zu entfernen. Als er Mrs. Gowan die Hand bot, um sie die Treppe hinabzuführen, behielt sie Klein-Dorrits Hand mit einem vorsichtigen Druck in der ihren und sagte: »Nein, ich danke. Wenn Sie jedoch die Güte haben wollen, zu sehen, ob mein Gondelier da ist, so werde ich Ihnen sehr verbunden sein.« Es blieb ihm keine Wahl, als vor ihnen hinabzugehen. Als er dies mit dem Hut in der Hand tat, flüsterte Mrs. Gowan: »Er hat den Hund umgebracht.« »Weiß das Mr. Gowan?« flüsterte Klein-Dorrit. »Niemand weiß es. Sehen Sie mich nicht an, blicken Sie nach ihm hin. Er wird sich augenblicklich umdrehen. Niemand weiß es, aber ich bin überzeugt, daß er es getan. Sie nicht auch?« »Ich – ich glaube ja«, antwortete Klein-Dorrit. »Henry hat ihn lieb und will nichts Böses von ihm denken. Er ist selbst so edel und offenherzig. Aber wir beide fühlen wohl, daß wir von ihm denken, wie er es verdient. Er redete Henry ein, der Hund sei schon vergiftet gewesen, als er sich plötzlich so verändert und auf ihn losgesprungen. Henry glaubt es, aber wir nicht. Ich sehe, er lauscht, aber er kann nicht hören. Leben Sie wohl, meine Liebe! Leben Sie wohl!« Die letzten Worte wurden ausgesprochen, als der wachsame Blandois stehenblieb, den Kopf umwandte und vom Fuße der Treppe zu ihnen emporschaute. Er sah wahrhaftig in diesem Augenblick, obgleich er seine höfliche Miene annahm, gerade aus, wie wenn jeder echte Menschenfreund nichts Besseres zu tun hätte, als ihm einen großen Stein an den Hals zu hängen und ihn in das Wasser zu werfen, das unter dem dunklen gewölbten Torweg floß, in dem er stand. Da kein solcher Wohltäter der Menschheit im Augenblick zur Hand war, half er Mrs. Gowan in das Boot und blieb stehen, bis es aus dem engen Gesichtskreis verschwunden war: dann stieg er in sein eigenes Boot und folgte. Klein-Dorrit stieß bisweilen der Gedanke auf, und dies war in diesem Augenblick, da sie die Treppe hinaufging, wieder der Fall, daß er zu rasch seinen Weg in ihres Vaters Haus gefunden. Aber so manche und so verschiedene Leute taten dasselbe, da Mr. Dorrit an der gleichen Gesellschaftssucht litt wie seine älteste Tochter, so daß es kaum ein Ausnahmefall genannt werden konnte. Eine wahre Wut, Bekanntschaften zu machen, denen er seinen Reichtum und seine Wichtigkeit zum Bewußtsein führen konnte, hatte das Haus Dorrit ergriffen. Es kam Klein-Dorrit im ganzen vor, als wenn diese Gesellschaft, in der sie jetzt lebten, große Ähnlichkeit mit einer vornehmeren Art von Marschallgefängnis hätte. Eine Masse von Menschen schien aus denselben Gründen ins Ausland zu gehen, wie andre ins Gefängnis: wegen Schulden oder aus Trägheit, verwandtschaftshalber, aus Neugier und allgemeiner Unfähigkeit, zu Hause fortzukommen. Sie kamen in diese fremden Städte unter der Obhut eines Kuriers und Lohnbedienten, gerade wie man die Schuldner in das Gefängnis brachte. Sie schlenderten in den Kirchen und Gemäldegalerien gerade so traurig wie auf dem Gefängnishofe umher. Sie waren gewöhnlich im Begriff, morgen oder die nächste Woche wegzugehen, und wußten selten, was sie eigentlich wollten, und taten selten, was sie tun wollten: in allem ganz wie die Schuldner im Gefängnis. Sie bezahlten teuer für schlechte Bequemlichkeit und verschrien einen Ort, während sie vorgaben, daß er ihnen gefalle; ganz wie im Marschallgefängnis. Sie wurden, wenn sie fortgingen, von Leuten beneidet, die zurückblieben und taten, als ob ihnen am Weggehen nichts gelegen wäre: und das war abermals die unveränderliche Gewohnheit im Marschallgefängnis. Eine gewisse Masse von Worten und Phrasen, die dem Touristen so eigentümlich, als das Kollegium und die Snuggery dem Gefängnis, war beständig in ihrem Munde. Sie hatten genau dieselbe Unfähigkeit, etwas Bestimmtes zu treiben, wie die Gefangenen; sie verdarben sich, wie die Gefangenen, gegenseitig und trugen unpassende Kleider und verfielen einem schlaffen Leben: ganz wie die Leute im Marschallgefängnis. Die Zeit des Aufenthalts der Familie in Venedig nahte ihrem Ende, und sie begaben sich mit ihrem Gefolge nach Nom. Durch eine zweite Reihe der früheren italienischen Szenen, die immer schmutziger und häßlicher wurden, je weiter sie kamen, und sie endlich in Gegenden führte, wo selbst die Luft verdorben und krank ist, gelangten sie an den Art ihrer Bestimmung. Es war eine schöne Wohnung für sie auf dem Korso gemietet worden, und dort schlugen sie ihren Sitz auf: in einer Stadt, wo alles still zu sein schien, für immer auf den Trümmern von etwas bemüht zu stehen – mit Ausnahme des Wassers, das ewigen Gesetzen treu aus der Masse von herrlichen Springbrunnen herabplätscherte und fortrauschte. Hier war es Klein-Dorrit, als wenn eine Veränderung mit dem Marshallseageist ihrer Gesellschaft vorgegangen wäre und Prunes und Prism die Oberhand gewönnen. Jedermann ging in der Peterskirche und im Vatikan auf den Korkbeinen andrer Leute umher und preßte jeden sichtbaren Gegenstand durch andrer Leute Sieb. Niemand sagte, was etwas war, sondern jedermann sagte, was Mrs. General, Mr. Eustace oder sonst jemand darüber gesagt. Die ganze Masse der Reisenden schien eine Sammlung freiwilliger Menschenopfer zu sein, die, gebunden an Händen und Füßen, Mr. Eustace und seinen Helfershelfern überliefert wurden, damit er ihnen die Eingeweide ihres Verstandes nach dem Geschmack jener geheiligten Priesterschaft zurechtlege. Durch die verwitterten Reste von Tempeln und Grabdenkmälern und Palästen und Senatshallen und Theatern und Amphitheatern des Altertums suchten Scharen moderner Menschen mit gefesselten Zungen und verbundenen Augen ängstlich ihren Weg, beständig die Worte Prunes und Prism wiederholend und bestrebt, ihre Lippen in die angenommene Form zu bringen. Mrs. General war ganz in ihrem Element. Niemand hatte eine Meinung. In erstaunlichem Grade macht in ihrer Umgebung die Bildung der Außenseite Fortschritte, und nicht die leiseste Spur von Mut und offener freier Sprache war zu entdecken. Eine andere Modifikation von Prunes und Prism drang sich Klein-Dorrits Beobachtung ganz kurz nach ihrer Ankunft auf. Sie bekamen sehr bald einen Besuch von Mrs. Merdle, die diesen Winter in der ewigen Stadt jenes ausgedehnte Departement des Lebens besorgte, und die geschickte Art, wie sie und Fanny miteinander bei dieser Gelegenheit fochten, ließ ihre ruhige Schwester, wie beim Blitzen von Degen, mit den Augen blinzeln. »Ich bin entzückt«, sagte Mrs. Merdle, »eine Bekanntschaft wieder aufzunehmen, die unter so günstigen Auspizien zu Martigny angeknüpft worden.« »In Martigny, ja, ja«, sagte Fanny. »Ebenfalls ganz entzückt.« »Ich erfahre von meinem Sohne Edmund«, sagte Mrs. Merdle, »daß er bereits diese zufällige Gelegenheit sich zunutze gemacht. Er ist ganz bezaubert von Venedig zurückgekommen.« »Wirklich«, versetzte Fanny gleichgültig. »War er lange dort?« »Ich möchte Sie mit dieser Frage an Ihren Herrn Vater verweisen«, sagte Mrs. Merdle, indem sie ihren Busen diesem zuwandte, »da Edmund ihm zu großem Dank verpflichtet ist, daß er ihm seinen Aufenthalt so ungemein angenehm gemacht hat.« »O bitte, sprechen Sie nicht davon«, versetzte Fanny. »Ich glaube, Papa hatte das Vergnügen, Mr. Sparkler zwei- bis dreimal einzuladen, – aber das war ja nichts. Wir hatten so viele Leute bei uns und hielten so offenes Haus, daß, wenn er dies Vergnügen hatte, es weniger als nichts war.« »Ausgenommen, meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, »ausgenommen – ha –, daß es mir ungewöhnliche Befriedigung gewährte, auf –-hm – jede Weise an den Tag zu legen, so unbedeutend und schwach dies auch geschehen mochte –, welch – ha, hm – hohe Achtung ich – ha – gemeinschaftlich mit der übrigen Welt für einen so ausgezeichneten und fürstlichen Charakter wie Mr. Merdle hege.« Der Busen empfing diesen Tribut in seiner gewinnendsten Weise. »Mr. Merdle«, bemerkte Fanny, als ein Mittel, Mr. Sparkler in den Hintergrund treten zu lassen, »ist, wie Sie wissen müssen, ein Lieblingsthema von Papa, Mrs. Merdle.« »Ich bin bitter enttäuscht worden, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »als ich von Mr. Sparkler erfahren mußte, daß keine große Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, Mr. Merdle werde hierherkommen.« »Er ist allerdings so sehr beschäftigt«, sagte Mrs. Merdle, »und in Anspruch genommen, daß ich es gleichfalls fürchten muß. Er ist seit Jahren nicht imstande gewesen, eine Reise zu machen. Sie, Miß Dorrit, sind, glaube ich, seit langer Zeit fortwährend im Auslande.« »O ja«, sagte Fanny mit der größten Keckheit. »Eine ungeheure Zahl von Jahren.« »Das hätte ich annehmen sollen.« »Ganz recht«, sagte Fanny. »Ich hoffe indes«, fuhr Mr. Dorrit fort, »daß, wenn ich nicht den großen Vorteil genieße, mit Mr. Merdle diesseits der Alpen oder des Mittelmeers bekannt zu werden, ich dieser Ehre mich bei meiner Rückkehr nach England erfreuen werde. Es ist eine Ehre, die ich besonders erwünsche und hoch anschlagen werde.« »Mr. Merdle«, sagte Mrs. Merdle, die Fanny bewundernd durch ihr Augenglas angesehen, »wird es sich gewiß nicht minder zur Ehre schätzen.« Vornehmer Besuch bei dem vornehm gewordenen Mr. Dorrit. Klein-Dorrit, die noch immer nachdenklich und einsam, wenn auch nicht mehr allein war, glaubte anfangs, dies sei lauter ›Prunes‹ und ›Prism‹. Als ihr Vater jedoch, nachdem sie einem glänzenden Empfang bei Mrs. Merdle beigewohnt, an ihrem eignen Frühstückstisch wieder seinen Wunsch herableierte, Mr. Merdle kennenzulernen, und die Hoffnung damit verband, durch den Rat dieses Wundermanns bei der Anlegung seines Vermögens zu profitieren, begann sie zu glauben, daß das wirklich etwas zu bedeuten habe, und nun auch ihrerseits eine gewisse Neugierde zu hegen, das strahlende Licht des Zeitalters zu sehen. Achtes Kapitel. Die Witwe Mrs. Gowan wird daran erinnert, daß es nicht geht. Während die Wasser von Venedig und die Ruinen von Rom sich zum Vergnügen der Familie Dorrit sonnten und täglich von unzähligen wandernden Pinseln außer aller irdischen Proportion, Zeichnung und Form skizziert wurden, hämmerte die Firma Doyce und Clennam im Bleeding Heart Yard ruhig fort, und das kräftige Klingen des Eisens auf Eisen konnte man dort durch alle Arbeitsstunden hindurch ununterbrochen hören. Der junge Associé hatte indessen das Geschäft in gute Ordnung gebracht, und der ältere, der nun Zeit hatte, seinen sinnreichen Erfindungen nachzugehen, hatte viel getan, um den Ruf ihrer Manufaktur noch mehr zu heben. Als erfinderischer Mann hatte er natürlich alle Entmutigung zu erfahren, die die regierenden Mächte für lange Zeit auf alle mögliche Weise seiner Klasse von Verbrechern in den Weg zu legen imstande gewesen; aber das war nur die billige Selbstverteidigung der Mächte, da »Wie man's machen müsse« begreiflich der natürliche Todfeind von »Wie man's nicht machen müsse« sein mußte. Darin war die Basis des weisen, von dem Circumlocution Office mit aller Macht aufrecht gehaltenen Systems zu finden, jeden erfinderischen britischen Untertan zu warnen, auf sein Risiko hin erfinderisch zu sein; ihn zu quälen, ihn zu hindern, Diebe aufzufordern (indem man sein Mittel als ungewiß, schwierig und kostbar darstellte), ihn zu plündern, und im besten Fall, nachdem er sich kurz desselben erfreut, sein Eigentum zu konfiszieren, als wenn Erfindung mit Todesverbrechen auf einer Linie ständen. Dies System hatte gleichförmig bei allen Barnacles große Anerkennung gesunden, und das war auch nur zu begreiflich; denn wer ein tüchtiger Erfinder ist, muß seine Sache recht ernst betreiben, und den Barnacles war nichts so sehr in der Seele zuwider als dies. Das war wiederum sehr begreiflich: denn in einem Lande, das unter der Last eines großen Ernstes seufzte, konnte in kürzester Zeit kein einziger Barnacle mehr an einem Posten kleben. Daniel Doyce trug sein Los mit den daran hängenden Beschwerden und Kränkungen, ohne zu murren, und arbeitete ruhig fort um der Arbeit willen. Clennam, der ihn durch kräftige Mitarbeit munter hielt, war eine moralische Stütze für ihn, abgesehen davon, daß er ihm in geschäftlicher Beziehung große Dienste leistete. Das Geschäft ging gut, und die Associés waren die besten Freunde. Daniel konnte das alte Projekt so vieler Jahre nicht vergessen. Es war begreiflich, auch nicht zu erwarten, daß er das vergessen sollte; hätte er es leicht vergessen können, so würde er es nie ausgedacht oder die Geduld und die Beharrlichkeit gehabt haben, es auszuarbeiten. So dachte Clennam, wenn er ihn bisweilen abends die Modelle und Zeichnungen betrachten und sich damit trösten sah, daß er, sie mit einem Seufzer wegstellend, vor sich hinmurmelte, die Sache bleibe so wahr, wie sie immer gewesen war. Für soviel eifrige Ausdauer und soviel Enttäuschung keine Sympathie an den Tag zu legen, hieße das, was Clennam zu den stillschweigenden Verbindlichkeiten seines Geschäftsvertrages rechnete, versäumen. Eine Wiederauffrischung des Interesses an dem Gegenstand, das zufällig an der Tür des Circumlocution Office geweckt worden war, entsprang aus diesem Gefühl. Er bat seinen Associé, ihm die Erfindung zu erklären. »Sie müssen jedoch gefälligst darauf Rücksicht nehmen«, bedingte er, »daß ich kein Techniker bin, Doyce.« »Kein Techniker?« sagte Doyce. »Sie würden ein sehr tüchtiger Techniker geworden sein, wenn Sie sich auf die Sache gelegt hätten. Sie besitzen einen so guten Kopf, solche Dinge zu begreifen, wie mir je einer vorgekommen.« »Einen ganz unausgebildeten, muß ich leider hinzufügen«, sagte Clennam. »Ich weiß das nicht«, versetzte Doyce, »und ich möchte nicht, daß Sie das sagen. Kein Mann von Verstand, der im allgemeinen ausgebildet wurde und sich selbst fortgebildet hat, kann zu irgend etwas unfähig genannt werden. Ich habe keine besondere Vorliebe für Geheimnisse. Ich möchte nach einer klaren und einfachen Auseinandersetzung ebensogern mich von der einen Klasse von Leuten wie von der andern beurteilen lassen, vorausgesetzt, sie haben die Eigenschaft, von der ich sprach.« »Auf alle Fälle«, sagte Clennam, – »es klingt, als wenn wir Komplimente austauschten, und das wollen wir doch nicht – werde ich den Vorteil einer Erklärung haben, die so klar ist, wie sie überhaupt nur gegeben werden kann.« »Nun!« sagte Daniel in seiner ruhigen und gelassenen Weise, »ich will es versuchen.« Er hatte das Talent, das sich oft bei einem solchen Charakter findet, was er selbst ersonnen und gedacht, ebenso scharf und in die Augen springend darlegen zu können, wie es sich seinem eigenen Geiste aufgedrungen. Seine Art zu erklären war so geordnet, sauber und einfach, daß man ihn nicht leicht mißverstehen konnte. Es lag beinahe etwas Spaßhaftes in der vollständigen Unvereinbarkeit einer unbestimmten, übereinkunftsmäßigen Ansicht, daß er ein Seher sein müsse, mit dem sichern und witternden Hin- und Herwandern des Auges und Daumens auf dem Plane, ihrem geduldigen Stillhalten bei besondern Punkten, ihrem bedächtigen Zurückkehren zu andern Punkten, von wo kleine Kanäle der Erklärung ausfindig gemacht werden mußten, und der sorgfältigen Weise, alles gut und alles gründlich bei jedem wichtigen Punkte abzumachen, ehe er seinen Zuhörer um eine Linie breit weiterführte. Daß er sich selbst bei der Beschreibung ganz aus dem Spiel ließ, war kaum weniger bemerkenswert. Er sagte nie, er habe diese Anwendung entdeckt oder jene Verbindung erfunden, sondern zeigte die ganze Sache, als wenn der göttliche Erfinder sie gemacht und es ihm zufällig gelungen sei, sie zu finden. Er war unglaublich bescheiden in dieser Beziehung, es mischte sich die wohltuendste Verehrung in seine ruhige Bewunderung desselben, und dabei war er der unerschütterlichen Überzeugung, daß es auf unumstößlichen Gesetzen beruhe. Nicht bloß diesen Abend, sondern noch mehrere folgende Abende unterhielt sich Clennam mit dieser Untersuchung aufs angenehmste. Je mehr er in sie eindrang und je öfter er das graue Haupt betrachtete, das darüber gebeugt war, und das scharfsinnige Auge, das vor Freude über sein Werk und vor Liebe zu demselben leuchtete – das Mittel, sein Herz zu prüfen, obgleich es vor zwölf langen Jahren gemacht war –, desto weniger konnte es seine jüngere Kraft über sich bringen, die Sache, ohne einen weitern Versuch zu machen, auf sich beruhen zu lassen. Endlich sagte er: »Doyce, die Sache steht jetzt so, daß das Geschäft entweder mit, der Himmel weiß, wie vielen Wracks untergehen oder von neuem begonnen werden muß.« »Ja«, versetzte Doyce, »das ist's, wohin es die vornehmen Herren und Gentlemen nach zwölf Jahren gebracht haben.« »Und schöne Jungen sind das!« sagte Clennam bitter. »Gewöhnlich so!« bemerkte Doyce. »Ich brauche keinen Märtyrer aus mir zu machen, da ich so viele das gleiche Schicksal teilen sehe.« »Wollen wir's auf sich beruhen lassen oder von neuem beginnen?« beharrte Clennam. »So steht die Frage«, sagte Doyce. »Nun, mein Freund«, rief Clennam aufspringend und die rauhe Hand des Arbeiters ergreifend, »es soll von neuem begonnen werden!« Doyce sah unruhig aus und antwortete hastig – soweit ihm das möglich war –: »Nein, nein. Lieber die Sache auf sich beruhen lassen. Weit besser, die Sache auf sich beruhen lassen. Man wird schon mal davon hören. Ich habe es auf sich beruhen lassen. Sie vergessen, mein guter Clennam, ich habe es bereits auf sich beruhen lassen, 's ist aus damit.« »Ja, Doyce«, entgegnete Clennam, »'s ist aus damit, soweit es Ihre Bemühungen und Zurückweisungen betrifft, das gebe ich zu, aber nicht, soweit es die meinen angeht. Ich bin jünger als Sie; ich habe nur ein einziges Mal den Fuß auf jenes kostbare Amt gesetzt und bin deshalb frisches Wild für sie. Ich will's mit ihnen versuchen. Sie sollen nichts anderes tun, als was Sie getan, seitdem wir zusammen arbeiten. Ich will (und kann das leicht) etwas mehr tun als bisher und den Versuch machen. Ihnen zu Ihrem Recht gegenüber dem Staate zu verhelfen; und wenn ich nichts von Erfolg zu berichten habe, so sollen Sie nicht wieder davon hören.« Daniel Doyce wollte noch immer seine Zustimmung nicht geben und kam stets wieder darauf zurück, daß es besser wäre, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber es war natürlich, daß er sich nach und nach von Clennam überreden ließ und nachgab. Er gab nach. Und Arthur nahm die lange und hoffnungslose Arbeit wieder auf, nämlich den Versuch zu machen, sich einen Weg durch das Circumlocution Office zu bahnen. Die Vorzimmer dieses Departements waren bald an seine Anwesenheit gewöhnt, und gewöhnlich wurde er durch die Türsteher in dieselben hineingeführt wie ein Taschendieb in ein Polizeibureau; der Hauptunterschied war nur der, daß die Aufgabe des letztern öffentlichen Amtes die ist, den Taschendieb festzuhalten, während das Circumlocution Office sich bemühte, Clennam loszuwerden. Er war jedoch mal entschlossen, sich an das große Departement festzuhängen, und so begann das große Werk des Formularausfüllens, Korrespondierens, Protokollierens, Memorandummachens, Signierens, Kontrasignierens, Kontrakontrasignierens, Berichterstattens hin und her und Referierens seitwärts, kreuzweise und im Zickzack aufs neue. Hier tritt nun eine Seite des Circumlocution Office hervor, die in gegenwärtiger Erzählung bisher noch nicht erwähnt ist. Wenn dieses bewundernswürdige Departement in Verlegenheit kam und durch ein wütendes Mitglied des Parlaments, das die jüngern Barnacles beinahe immer im Verdacht hatten, daß es vom Teufel besessen sei, nicht wegen eines einzelnen Falles angegriffen wurde, sondern als ein abscheuliches und bedlamitisches Institut, dann schlug und zerhieb der edle oder sehr ehrenwerte Barnacle, der es im Hause repräsentierte, den Gegner mit einem Nachweis der ungeheuren Masse von Geschäften, die das Circumlocution Office (zur Verhütung von Geschäften) zu besorgen habe. Dann hielt gewöhnlich der edle oder sehr ehrenwerte Barnacle in seiner Hand ein Papier mit einigen Zahlen, auf das er, mit Erlaubnis des Hauses, die Aufmerksamkeit desselben lenken wollte. Dann riefen die untergeordneten Barnacles infolge erhaltener Order: »Hört, hört, hört!« und »Lesen!« Dann ersah der edle oder sehr ehrenwerte Barnacle, Sir, aus diesem kleinen Dokument, das nach seiner Ansicht auch den widerspenstigsten Kopf überzeugen mußte (höhnisches Lachen und Beifallsjubel der Barnacles-Brut), daß innerhalb der kurzen Zeit der letzten halbjährigen Finanzperiode dieses vielgeschmähte Departement (Beifall) fünfzehntausend Briefe (lauter Beifall), vierundzwanzigtausend Protokolle (noch lauterer Beifall) und zweiunddreißigtausendfünfhundertundsiebenzehn Memoranda geschrieben und empfangen (lautester Beifall). Ja, ein sinnreicher Gentleman, der zu dem Departement in Beziehung stände und selbst ein würdiger Staatsdiener sei, habe ihm die Gewogenheit erzeigt, eine interessante Berechnung der während dieser Zeit verbrauchten Masse von Schreibmaterialien anzustellen. Die Berechnung bilde einen Teil dieses kurzen Dokuments, und er entnehme ihr das merkwürdige Faktum, daß die Bogen des Propatriapapiers, das es im Interesse des öffentlichen Dienstes verbraucht, das Trottoir zu beiden Seiten der Oxford Street von einem Ende zum andern pflastern könnte, wobei doch immer noch beinahe eine Viertelmeile für den Park übrigbliebe (ungeheurer Beifall und Gelächter): während es Schnüre – rote Schnüre – in solcher Masse gebraucht, daß man in schönem Gewinde den Weg von Hyde Park Corner bis zur General Post Office behängen könnte. Dann setzte sich unter einem Ausbruch von offiziellem Jauchzen der edle oder sehr ehrenwerte Barnacle nieder und ließ die verstümmelten Überreste des Mitglieds auf dem Schlachtfelde liegen. Niemand würde nach dieser exemplarischen Vernichtung des Genannten die Kühnheit gehabt haben, darauf hinzudeuten, daß, je mehr das Circumlocution Office tat, desto weniger getan war, und daß der größte Segen, den es dem unglücklichen Publikum bringen konnte, der war, wenn es nichts tat. Bei genügender Beschäftigung, nun da er diese weitere Aufgabe hatte – an einer solchen Aufgabe war gar mancher nützliche Mann vor seiner Zeit gestorben –, führte Arthur Clennam ein ziemlich abwechslungsloses Leben. Regelmäßige Besuche in dem düstern Krankenzimmer seiner Mutter und kaum weniger regelmäßige Besuche bei Mr. Meagles in Twickenham waren seine einzige Erholung während vieler Monate. Er vermißte Klein-Dorrit bitter und schmerzlich. Er war darauf vorbereitet, daß er sie sehr, aber nicht so sehr vermissen würde. Er wußte erst aus Erfahrung, welch großer Platz in seinem Leben leer geworden, als ihre kleine, vertraute Gestalt daraus verschwunden. Er fühlte auch, daß er auf die Hoffnung ihrer Wiederkehr verzichten mußte, da er den Charakter der Familie zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß sie und er durch eine breite Kluft geschieden waren. Das alte Interesse, das er für sie besaß, und ihr altes Vertrauen auf ihn waren melancholisch gefärbt in seiner Seele; so rasch war die Veränderung eingetreten, und so rasch waren sie mit andern geheimen und zarten Empfindungen in den Schoß der Vergangenheit hinabgesunken. Al« er ihren Brief erhielt, war er tief bewegt: aber das Gefühl, daß sie durch eine weite Kluft von ihm getrennt war, blieb doch in seiner ganzen Stärke in ihm lebendig. Er verhalf ihm im Gegenteil zu einer klareren und deutlicheren Erkenntnis des Platzes, den ihm die Familie angewiesen. Er sah, daß er in ihrer dankbaren Erinnerung still fortlebte, daß die Familie aber seiner nur im Lichte des Gefängnisses und alles übrigen, was dazu gehörte, gedachte und ihm grollte. Trotz all dieser Betrachtungen, die sich Tag für Tag um sie her aufhäuften, dachte er ihrer doch in der alten Weise. Sie war seine unschuldige Freundin, sein zartes Kind, seine liebe Klein-Dorrit. Die veränderten Umstände paßten merkwürdig zu der Gewohnheit – die in der Nacht begonnen, als die Rosen fortschwammen –, sich für einen weit älteren Mann zu halten, als er wirklich war. Er betrachtete sie von einem Gesichtspunkte, von dem er sich kaum dachte, daß er, so zärtlich er auch war, durch seine Entfernung ihr einen unaussprechlichen Schmerz bereitet hätte. Er dachte über ihr künftiges Schicksal und den Gatten, den sie einst wählen würde, mit einer Besorgtheit für sie nach, die ihr Herz des teuersten Tropfens von Hoffnung beraubt und es gebrochen hätte. Alles um ihn her zielte darauf hin, ihn in der Gewohnheit zu bestärken, sich als älteren Mann zu betrachten, von dem solche Hoffnungen, wie er sie in der Sache mit Minnie Gowan bekämpft (obwohl das nicht so lange her war, wenn man nach Monaten und Jahreszeiten rechnete), für immer Abschied genommen hatten. Seine Beziehungen zu ihrem Vater und ihrer Mutter waren so, wie sie etwa zwischen einem verwitweten Schwiegersohn und seinen Schwiegereltern gewesen wäre. Wenn die Zwillingsschwester, die gestorben war, gelebt hätte, um in der Blüte des Frauenalters hinwegzusterben, und er ihr Gatte gewesen, so wäre die Art seines Verkehrs mit Mr. und Mrs. Meagles wahrscheinlich ganz dieselbe gewesen wie jetzt. Dies trug natürlich unmerklich auch dazu bei, den Eindruck in ihm lebendig zu erhalten, daß er mit diesem Teil des Lebens fertig sei und abgeschlossen habe. Er hörte beständig durch sie von Minnie, daß sie in ihren Briefen stets wiederhole, wie glücklich sie sei und wie sie ihren Gatten liebe; aber unzertrennlich davon sah er stets auch die alte Wolke auf Mr. Meagles' Gesicht. Mr. Meagles war nie mehr ganz so freudestrahlend seit der Hochzeit wie zuvor. Er hatte die Trennung von Pet nie ganz verschmerzt. Er war dieselbe gutmütige offene Natur; aber wie wenn sein Gesicht von der beständigen Betrachtung des Bildes seiner Kinder, die ihm nur ein Gesicht zeigen konnten, unbewußt etwas Charakteristisches von denselben herübernähme, lag jetzt, bei allem Wechsel des Ausdrucks, doch immer ein gewisses Gefühl des Verlustes darin. An einem winterlichen Sonnabend, als Clennam auf dem Landhause zu Besuch war, fuhr Mrs. Gowan in dem Wagen von Hampton Court vor, der der ausschließliche Wagen so vieler einzelner Eigentümer zu sein vorgab. Sie stieg in dem schattigen Hinterhalt ihres grünen Fächers aus, um Mr. und Mrs. Meagles mit einem Besuch zu erfreuen. »Und wie befinden Sie sich beide, Papa und Mama Meagles?« sagte sie, ihre bescheidene Verwandtschaft ermutigend. »Und wann hörten Sie zuletzt von meinem armen Jungen?« Mein armer Junge war ihr Sohn; und diese Art von ihm zu sprechen, hielt auf eine Weise, ohne daß irgendeine Beleidigung nachzuweisen war, die Anmaßung aufrecht, daß er den Ränken der Meagles' zum Opfer gefallen. »Und die liebe hübsche Kleine«, sagte Mrs. Gowan. »Haben Sie spätere Nachrichten von ihr als ich?« Auch dies deutete auf zarte Weise an, daß ihr Sohn sich habe von der bloßen Schönheit fangen lassen und unter ihrem Zauber auf alle weltlichen Vorteile verzichtet habe. »Gewiß«, sagte Mrs. Gowan, ohne die Antworten, die sie erhielt, einer Beachtung zu würdigen, »es ist eine unaussprechliche Wohltat, zu wissen, daß sie immer noch glücklich sind. Mein armer Junge ist von so unruhigem Temperament und so an das Reisen gewöhnt und treibt sich so gern, beliebt unter allen Arten von Leuten, umher, daß das der größte Trost ist. Ich denke mir, sie sind so arm wie Mäuse, Papa Meagles?« Mr. Meagles, der während dieser Frage ganz unruhig geworden, antwortete: »Ich denke nicht, Madam. Ich hoffe, sie werden mit ihren kleinen Einkünften auskommen.« »Oh! mein liebster Meagles!« versetzte die Dame, indem sie ihn mit dem grünen Fächer auf den Arm liebkoste und ihn dann geschickt zwischen ein Gähnen und die Gesellschaft hielt, »wie können Sie als Weltmann und einer der mit den Geschäften vertrautesten Menschen – denn Sie wissen. Sie sind ein Geschäftsmann, und zwar viel zu sehr für uns, die wir nichts davon verstehen –« (Was wieder auf das frühere hinzielte, nämlich Mr. Meagles zu einem geschickten Ränkeschmied zu machen). »– Wie können Sie davon sprechen, sie sollen mit den kleinen Mitteln auskommen? Mein armer teurer Junge! Der Gedanke, er solle mit Hunderten auskommen! Und das süße, hübsche Geschöpf dazu. Die Idee, sie soll damit auskommen! Papa Meagles! Lassen Sie sich das nicht einfallen!« »Nun, Ma'am«, sagte Mr. Meagles ernst, »ich bedaure einräumen zu müssen, daß Henry seine Mittel allerdings zu früh verausgabt.« »Mein lieber, guter Mann – ich lasse alle Beschönigungen Ihnen gegenüber beiseite, da wir ja gewissermaßen Verwandte sind – ja, ja, Mama Meagles«, rief Mrs. Gowan heiter, als wenn der ungereimte Zufall ihr jetzt zum ersten Male ins Auge spränge, »gewissermaßen Verwandte! Mein lieber, guter Mann, in dieser Welt kann niemand von uns alles auf seine Weise haben.« Das ging wieder auf den früheren Punkt und zeigte Mr. Meagles bei aller seinen Lebensart, daß er bis dahin mit seinen schlauen Plänen glänzendes Glück gehabt hatte. Mrs. Gowan hielt den Einfall für so gut, daß sie länger dabei verweilte, indem sie wiederholte: »Nicht alles . Nein, nein, in dieser Welt dürfen wir nicht alles erwarten, Papa Meagles.« »Und darf ich fragen, Ma'am«, warf Mr. Meagles etwas angerötet ein, » wer alles erwartet?« »Oh, niemand, niemand!« sagte Mrs. Gowan. »Ich war im Begriff zu sagen – aber Sie bringen mich aus dem Konzept. Sie unterbrechender Papa, was wollte ich nur sagen?« Damit ließ sie ihren großen grünen Fächer sinken und sah Mr. Meagles sinnend an, während sie darüber nachdachte; eine Beschäftigung, die nicht darauf abzielte, die erhitzten Geister dieses Mannes abzukühlen. »Ach ja, richtig!« sagte Mrs. Gowan. »Sie müssen sich erinnern, daß mein armer Junge stets an große Erwartungen gewöhnt war. Sie mögen sich nun realisiert haben oder mögen sich nicht realisiert haben –« »Wir wollen sagen: nicht realisiert haben, –« bemerkte Mr. Meagles. Die Witwe warf ihm einen flüchtigen Blick voll Ärger zu, verscheuchte diesen aber mit einem Schütteln des Kopfes und des Fächers und fuhr in ihrem früheren Ton fort. »Das ist kein Unterschied. Mein armer Junge war daran gewöhnt, und Sie wußten es natürlich und waren auf die Folgen vorbereitet. Ich meinesteils sah immer klar die Folgen vor Augen und war nicht überrascht. Und Sie können auch nicht überrascht sein. Können in der Tat nicht überrascht sein. Müssen darauf vorbereitet gewesen sein.« Mr. Meagles sah seine Frau und dann Clennam an; biß sich auf die Lippen und hustete. »Und nun erfährt mein armer Junge«, fuhr Mrs. Gowan fort, »daß er sich eines Kindes zu gewärtigen habe und all der Ausgaben, die mit einer solchen Vergrößerung der Familie verbunden sind. Der arme Henry! Aber nun ist nichts mehr zu ändern: es ist jetzt zu spät zu helfen. Nur sprechen Sie nicht von dem vorzeitigen Verausgaben der Mittel, Papa Meagles, als von einer Entdeckung, weil das zuviel wäre.« »Zuviel, Ma'am?« sagte Mr. Meagles, als suchte er nach einer Erklärung. »Ja, ja!« sagte Mrs. Gowan, indem sie ihm mit einer ausdrucksvollen Bewegung ihrer Hand seine untergeordnete Stellung anwies. »Zuviel für meines armen Jungen Mutter, um es in dieser Stunde zu tragen. Sie sind fest verheiratet und können nicht unverheiratet gemacht werden. Ja, ja! Ich weiß das! Sie brauchen es mir nicht zu sagen, Papa Meagles. Ich weiß das sehr gut. Was war's, was ich soeben sagte? Daß es eine große Wohltat sei zu wissen, daß sie immer glücklich sind. Es steht zu hoffen, daß sie auch ferner glücklich sein werden. Es steht zu hoffen, daß die hübsche Kleine alles tun wird, was in ihren Kräften liegt, um meinen armen Jungen glücklich und zufrieden zu machen. Papa und Mama Meagles, wir würden besser tun, nicht mehr davon zu sprechen. Wir sahen diese Sache nie vom gleichen Gesichtspunkte aus an und werden es auch nie tun. Ja, ja! Nun bin ich beruhigt.« Wahrlich, nachdem sie inzwischen alles gesagt, was sie sagen konnte, um ihre wunderbare mythische Stellung aufrechtzuerhalten und Mr. Meagles einzuschärfen, daß er die Ehre ihrer Verbindung mit ihm nicht zu billig anschlage, konnte Mrs. Gowan leicht geneigt sein, das übrige zu übergehen. Wenn Mr. Meagles einem bittenden Blick von Mrs. Meagles und einer ausdrucksvollen Gebärde Clennams nachgegeben hätte, so würde er sie im ungestörten Genusse dieser Gemütsverfassung gelassen haben. Pet war jedoch der Liebling und Stolz seines Herzens; und wenn er je ein treuerer Kämpe für sie hätte sein und sie mehr hätte lieben können als in den Tagen, da sie das Sonnenlicht seines Hauses war, so wäre es jetzt gewesen, wo sie aufgehört hatte, Tag für Tag Anmut und Heiterkeit darüber zu verbreiten. »Mrs. Gowan, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »ich war mein ganzes Leben ein ehrlicher, offener Mann. Wenn ich – gleichgültig mit mir oder mit sonst jemandem oder auch mit beiden – irgendeine feine Mystifikation versuchte, würde es mir wahrscheinlich nicht gelingen.« »Papa Meagles«, versetzte die Witwe mit einem freundlichen Lächeln, indes die Röte auf ihren Wangen um so lebhafter hervortrat, je blasser das übrige Gesicht wurde, »wahrscheinlich nicht.« »Deshalb, meine gute Madame«, sagte Mr. Meagles, der große Mühe hatte, an sich zu halten, »hoffe ich auch, ohne anzustoßen, verlangen zu dürfen, daß man mich ebenfalls nicht zum Spielzeug solcher Mystifikationen mache.« »Mama Meagles«, bemerkte Mrs. Gowan, »Ihr guter Mann ist unbegreiflich.« Daß sie sich an diese würdige Dame wandte, war ein Kunstgriff, um sie in das Gespräch zu ziehen, sich dann mit ihr herumzuzanken und sie zuletzt zu besiegen. Mr. Meagles trat dazwischen, um dieser Niederlage zuvorzukommen. »Mutter«, sagte er, »du bist unerfahren in solchen Dingen, meine Liebe, und es ist auch kein gleicher Streit. Laß mich dich bitten, ruhig zu bleiben. Nun, Mrs. Gowan, hören Sie. Lassen Sie uns vernünftig zu sein versuchen, lassen Sie uns versöhnlich zu sein versuchen, lassen Sie uns freundschaftlich zu sein versuchen. Bedauern Sie Henry nicht, so will ich Pet nicht bedauern. Und seien Sie nicht einseitig, Ma'am, das ist nicht rücksichtsvoll, das ist nicht freundlich. Lassen Sie uns nicht sagen, wir hoffen, Pet werde Henry glücklich machen, oder gar, wir hoffen, Henry werde Pet glücklich machen« (Mr. Meagles selbst sah nicht glücklich au«, als er diese Worte sprach), »sondern lassen Sie uns hoffen, daß sie sich gegenseitig glücklich machen.« »Ja, gewiß, und damit genug, Vater«, sagte die gutmütige und behagliche Mrs. Meagles. »Warum, Mutter; nein«, versetzte Mr. Meagles, »noch nicht. Ich kann die Sache damit noch nicht auf sich beruhen lassen; ich muß noch ein halbes Dutzend Worte mehr sagen. Mrs. Gowan, ich hoffe, ich bin nicht empfindlich. Ich glaube, ich sehe nicht so aus.« »Allerdings nicht«, sagte Mr«. Gowan, ihren Kopf und ihren großen grünen Fächer zu gleicher Zeit emphatisch schüttelnd. »Ich danke Ihnen, Ma'am; das ist gut. Trotzdem fühle ich mich ein wenig – ich möchte kein herbes Wort gebrauchen – nun, soll ich sagen, verletzt?« fragte Mr. Meagles mit Offenheit und Mäßigung und mit einer Aufforderung zur Versöhnung in seinem Tone. »Sagen Sie, was Sie wollen«, antwortete Mrs. Gowan, »es ist mir vollständig gleichgültig.« »Nein, nein, sagen Sie das nicht«, bat Mr. Meagles, »weil das keine freundschaftliche Antwort ist. Ich fühle mich ein wenig verletzt, wenn ich auf Folgen anspielen höre, die hätten vorausgesehen werden können, und daß es nun zu spät sei und so fort.« »Wirklich, Papa Meagles?« sagte Mrs. Gowan. »Ich bin nicht überrascht.« »Nun, Ma'am«, fuhr Meagles fort, »ich hoffte, Sie würden wenigstens überrascht sein, weil, mich absichtlich in einer so zarten Sache zu verletzen, sicher nicht sehr edel ist.« »Sie wissen«, sagte Mrs. Gowan, »ich bin nicht für Ihr Gewissen verantwortlich.« Der arme Mr. Meagles sah ganz bestürzt vor Erstaunen aus. »Wenn ich unglücklicherweise eine Mütze tragen muß, die Ihnen gehört und für Sie paßt«, fuhr Mrs. Gowan fort, »so tadeln Sie nicht mich wegen des Musters, Papa Meagles, ich bitte!« »Wie, mein Gott, Ma'am!« brach Mr. Meagles los, »das will so viel sagen, als –« »Nun, Papa Meagles, Papa Meagles«, sagte Mrs. Gowan, die außerordentlich bedächtig und ihrer selbst Herr war, sobald ihr Gegner warm wurde, »vielleicht wäre es von meiner Seite besser, wenn ich, um einer Verwirrung zuvorzukommen, selbst spräche, statt Ihre Freundlichkeit zu bemühen, für mich zu sprechen. Das will so viel sagen, begannen Sie. Wenn Sie erlauben, will ich die Phrase schließen. Das will so viel sagen – nicht daß ich auf die Sache Nachdruck legen oder nur daran zu erinnern wünsche, denn es ist jetzt unnütz, und mein einziger Wunsch ist, aus den bestehenden Umständen so viel Nutzen wie möglich zu ziehen –, daß ich vom ersten bis zum letzten Augenblick Einwendungen gegen diese Verbindung machte und erst sehr spät und äußerst ungern meine Einwilligung dazu gab.« »Mutter!« rief Mr. Meagles. »Hörst du das! Arthur! Hören Sie das!« »Da das Zimmer nicht zu groß ist«, sagte Mrs. Gowan umherblickend, während sie sich fächelte, »und in jeder Beziehung zur ›Konservation‹ ganz geeignet ist, so sollte ich denken, daß man mich in jedem Teil des Zimmers verstehen könnte.« Es vergingen einige Augenblicke, bis Mr. Meagles sich mit genügender Sicherheit auf seinem Stuhl festhalten konnte, um nicht beim nächsten Worte, das er sprach, loszubrechen. Zuletzt sagte er: »Madame, ich frische die Sache sehr ungern wieder auf, allein ich sehe mich genötigt, Sie daran zu erinnern, was meine Ansicht und welcher Art mein Vorgehen in der ganzen unglücklichen Geschichte war.« »O mein lieber Herr!« sagte Mrs. Gowan, mit einer Einsicht, in der eine Anklage lag, lächelnd und kopfschüttelnd, »ich habe es wohl verstanden, ich versichere Sie.« »Ich wußte«, sagte Mrs. Meagles, »vor jenem Zeitpunkt nicht, was Unglück ist, ich kannte keine Angst und Besorgnis vor jener Zeit. Es war eine so traurige Zeit für mich, daß –« Daß Mr. Meagles nichts weiter darüber sprechen konnte, sondern mit seinem Taschentuch über das Gesicht fuhr. »Ich verstand die ganze Sache wohl«, sagte Mrs. Gowan, ruhig über ihren Fächer hinblickend. »Da Sie an Mr. Clennam appelliert haben, so darf ich wohl auch an Mr. Clennam appellieren. Er weiß, ob dies der Fall oder nicht.« »Ich nehme wirklich sehr ungern irgendwie teil an dieser Verhandlung«, sagte Clennam, den alle Parteien betrachteten, »namentlich, weil ich im besten Einverständnis und den unbefangensten Beziehungen zu Mr. Henry bleiben möchte. Ich habe sehr dringende Gründe, diesen Wunsch zu hegen. Mrs. Gowan unterlegte meinem Freunde hier gewisse Absichten bei der Begünstigung dieser Heirat: dies geschah in einem Gespräch, das zwischen uns stattfand, ehe die Heirat vollzogen wurde; ich versuchte, ihr diese Ansicht zu benehmen. Ich stellte ihr vor, ich wisse (damals, wie jetzt) von ihm, daß er durch Ansicht und Handlungsweise ganz strikt diesen Unterstellungen widerspreche.« »Sie sehen«, sagte Mrs. Gowan und streckte das Innere ihrer Hände gegen Mr. Meagles aus, als wenn sie die Gerechtigkeit selbst wäre und ihm vorstellen wollte, daß er besser daran tun würde, zu gestehen, da er ja kein Bein mehr habe, auf dem er stehen könne. »Sie sehen? Sehr gut! Nun, Papa und Mama Meagles!« fügte sie hinzu und stand auf, »erlauben Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, diesem ziemlich häßlichen Streit ein Ende zu machen. Ich will kein Wort weiter darüber verlieren. Nur so viel will ich sagen, daß es ein weiterer Beweis dessen ist, was uns alle Erfahrung lehrt: daß derlei Sachen nichts taugen – wie mein armer Junge selbst sagen würde, daß sie nicht lohnen – mit einem Wort, daß es eben nicht geht.« Mr. Meagles fragte: was für Sachen? »Es ist umsonst«, sagte Mrs. Gowan, »wenn Leute den Versuch machen, zusammengehen zu wollen, die so unendlich verschiedene Antezedenzien haben, die auf diese zufällige Weise durch eine Ehe zusammengeworfen sind und die den verkehrten Umstand, der sie zusammengebracht, nicht im gleichen Lichte betrachten können. Es geht nicht.« Mr. Meagles war im Begriff zu beginnen: »Erlauben Sie mir zu sagen, Madame –« »Nein, lassen Sie's«, sagte Mrs. Gowan. »Warum sollten Sie! Es ist eine anerkannte Tatsache. Es taugt nicht. Ich werde deshalb, wenn Sie erlauben, meinen Weg gehen und Sie den Ihrigen gehen lassen. Es wird mir immer große Freude machen, die hübsche Frau meines armen Jungen zu sehen, und ich werde es mir stets angelegen sein lassen, auf dem liebevollsten Fuß mit ihr zu stehen. Aber was diesen halb familiären und halb fremden, halb warmen und halb kalten Fuß betrifft, so bildet er einen Zustand, der durch seine Unverträglichkeit geradezu spaßhaft ist. Ich versichere, es geht nicht.« Die Witwe machte hier eine lächelnde Verbeugung, mehr gegen das Zimmer als gegen irgend jemand in demselben und nahm damit für immer Abschied von Papa und Mama Meagles. Clennam ging vor, um ihr in die Pillenschachtel zu helfen, die für alle Pillen im Hampton Court Palace bereitstand: sie stieg mit großer Feierlichkeit in den Wagen und fuhr fort. Von da ab erzählte die Witwe mit leichtem und harmlosem Humor gar oft ihren nächsten Bekannten, wie sie es nach einem schweren Versuch unmöglich gefunden, mit diesen Leuten, denen Henrys Frau angehörte, die so verzweifelte Anstrengungen gemacht, um ihn zu fangen, Bekanntschaft zu pflegen. Ob sie schon vorher zu dem Schlusse gelangt war, daß ein Bruch mit diesen Leuten ihrer Lieblingsbehauptung einen bessern Hintergrund geben würde, ihr manche Unannehmlichkeit ersparte und dabei doch kein Verlust auf dem Spiel stünde (das hübsche Wesen war zu fest verheiratet, und ihr Vater liebte sie von ganzem Herzen), das wußte sie selbst am besten. Diese Geschichte hat jedoch nicht minder ihre eigne Ansicht, und diese fällt bejahend aus. Neuntes Kapitel. Erscheinen und Verschwinden. »Arthur, mein lieber Junge«, sagte Mr. Meagles am Abend des folgenden Tages, »Mutter und ich haben die Sache besprochen, und wir fühlen uns nicht behaglich, wenn wir so bleiben, wie wir sind. Diese vornehme Verwandtschaft – diese teure Dame, die gestern hier war –« »Ich verstehe«, sagte Arthur. »Wir fürchten sogar, diese leutselige und herablassende Zierde der Gesellschaft«, fuhr Mr. Meagles fort, »möchte uns in ein falsches Licht stellen. Wir könnten um ihretwillen viel ertragen, Arthur; aber wir denken, wir ertragen es lieber nicht, da es ihr doch nichts nützt.« »Gut«, sagte Arthur, »fahren Sie fort.« »Sie sehen ein«, setzte Mr. Meagles hinzu, »es könnte uns in eine schiefe Stellung zu unserm Schwiegersohn bringen, es könnte uns sogar in eine schiefe Stellung zu unsrer Tochter bringen und zu mancherlei häuslichem Kummer Anlaß geben. Sie sehen doch ein?« »Jawohl«, versetzte Arthur, »es ist vieles wahr in dem, was Sie sagen.« Er hatte Mrs. Meagles angesehen, die immer auf der guten und vernünftigen Seite war, und es lag eine Bitte in ihrem ehrbaren Gesicht, er möchte Mr. Meagles in seinen gegenwärtigen Absichten unterstützen. »Wir sind deshalb entschlossen, Mutter und ich«, sagte Mr. Meagles, »unsre sieben Sachen einzupacken und wieder unter die Alloners und Marchoners zu gehen. Ich meine, wir sind entschlossen, uns auf den Weg zu machen, durch Frankreich nach Italien zu reisen und unsre Pet zu besuchen.« »Und ich bin überzeugt«, versetzte Arthur, gerührt durch die mütterliche Vorfreude in dem hübschen Gesicht von Mrs. Meagles (sie mußte ihrer Tochter einst sehr ähnlich gesehen haben), »daß Sie nichts Gescheiteres tun können. Und wenn Sie mich um Rat fragen, so gebe ich Ihnen den, sich morgen schon auf den Weg zu machen.« »Ist das wahr?« sagte Mr. Meagles. »Mutter, heißt das nicht, einem seine Gedanken wiedergeben?« Mutter antwortete mit einem Blick, der Clennam in einer für ihn höchst angenehmen Weise dankte, daß dies allerdings der Fall sei. »Und dann, Arthur, ist es auch das«, sagte Mr. Meagles, und die alte Wolke überzog sein Gesicht, »daß mein Schwiegersohn bereits wieder Schulden hat, und daß ich ihn vermutlich wieder herausreißen muß. Vielleicht geschieht es ebensowohl aus diesem Grunde, daß ich die Reise unternehme, um ihn auf freundliche Weise zu überwachen. Und dann, darin ist Mutter töricht ängstlich (und doch ist es auch wieder natürlich), wegen Pets Gesundheit; sie soll sich im gegenwärtigen Augenblick nicht einsam und verlassen fühlen. Rom ist unleugbar weit entfernt, Arthur, und unter allen Umständen ein fremder Ort für das arme liebe Kind. Sie mag so gut versorgt sein, wie irgendeine Dame in jenem Lande, es ist und bleibt weit entfernt. Denn Heimat bleibt Heimat, wenn sie auch schon nicht mehr so heimatlich ist. Sie wissen warum«, sagte Mr. Meagles, indem er eine neue Version zu dem Sprichwort »Rom bleibt Rom, wenn es auch nicht mehr so römisch ist« fügte. »Das ist alles vollkommen richtig«, bemerkte Arthur, »und hinlänglicher Grund zum Reisen.« »Ich freue mich, daß Sie so denken; es ist entscheidend für mich. Mutter, meine Liebe, du kannst dich vorbereiten. Wir haben unsern angenehmen Dolmetscher verloren (sie sprach drei fremde Sprachen wundervoll, Arthur; Sie haben es oft gehört), und nun mußt du mir durchhelfen, Mutter, so gut du kannst. Ich nehme viele Hilfe in Anspruch, Arthur«, sagte Mr. Meagles, den Kopf schüttelnd, »viele Hilfe. Ich bleibe bei allem stecken, was über das ›Nomen Substantivum‹ hinausgeht –, und ich bleibe bei ihm stecken, wenn es schwer ist.« »Ah! Nun fällt mir ein«, versetzte Clennam. »Da ist ja Cavalletto. Er soll mit Ihnen gehen, wenn es Ihnen beliebt. Ich würde ihn nicht gern verlieren, aber Sie bringen ihn mir wohlbehalten zurück.« »Schön! Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Lieber«, sagte Mr. Meagles, sich die Sache überlegend, »aber ich will es doch lassen. Nein, ich hoffe, Mutter wird mir durchhelfen. Cavallooro (ich stocke schon ganz verdutzt bei seinem Namen, er klingt wie der Chorus eines komischen Liedes) Cavallooro ist Ihnen so nötig, daß ich mich mit dem Gedanken, ihn mitzunehmen, nicht befreunden kann. Und überdies, wir wissen ja nicht, wann wir wieder heimkommen, es würde doch nicht gehen, ihn auf unbestimmte Zeit so mit uns fortzunehmen. Das Landhaus ist nicht mehr, was es war. Es birgt nur zwei kleine Personen weniger als sonst, Pet und ihr armes unglückliches Mädchen Tattycoram; aber es erscheint doch ganz öde. Sind wir mal fort, wer weiß, wann wir dann wiederkommen. Nein, Arthur, Mutter wird mir schon durchhelfen.« »Sie werden sich vielleicht wirklich am besten selbst helfen«, dachte Clennam und beharrte deshalb nicht länger bei seinem Vorschlag. »Wenn Sie zuweilen hierherkommen und sich hier aufhalten wollten, falls es Ihnen keine Unbequemlichkeit macht«, fuhr Mr. Meagles fort, »so würde mir der Gedanke große Freude machen – und ich weiß, auch bei Mutter ist das der Fall –, daß Sie an den alten Ort etwas Leben brächten, wie er es gewohnt war, als er noch richtig bewohnt war, und daß auf die Kinder an der Wand hier bisweilen ein freundlicher Blick fiele. Sie gehören so wesentlich zu dem Ort und zu ihnen, Arthur, und wir alle wären so glücklich, wenn es anders gekommen wäre – aber, lassen Sie mich mal sehen – wie das Wetter jetzt zum Reisen ist?« Mr. Meagles brach ab, räusperte sich und ging ans Fenster, um nachzusehen. Sie waren einig darüber, daß das Wetter gut zu werden versprach, und Clennam hielt das Gespräch in dieser unschuldigen Richtung fest, bis ein leichterer Ton eingetreten war, worauf er wieder unmerklich zu Henry Gowan hinüberlenkte und von seinem lebhaften Geist und seinen angenehmen Eigenschaften, wenn man ihn gut behandelte, sprach; auch verweilte er einige Zeit bei der unbestreitbaren Liebe, die er für seine Frau hege. Clennam verfehlte seinen Zweck gegenüber dem guten Mr. Meagles nicht, den diese Anpreisungen sehr angenehm berührten, und der Mutter zum Zeugen nahm, daß es sein einziger und herzlicher Wunsch in Beziehung auf den Gatten seiner Tochter sei, in bestem Einvernehmen mit ihm zu stehen, Freundschaft gegen Freundschaft und Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen. Wenige Stunden später wurden die Möbel des Landhauses zur Schonung während der Abwesenheit der Familie überzogen – oder, wie Mr. Meagles sich ausdrückte, das Hau« begann sein Haar in Papier zu wickeln –, und wenige Tage später waren Vater und Mutter fort, Mrs. Tickit und Dr. Buchan wie ehedem auf ihrem Posten, hinter dem Fenster des Empfangszimmers, und Arthurs einsamer Fuß rauschte in dem dürren gefallenen Laub der Gartengänge. Da er eine Vorliebe für den Ort besaß, ließ er selten eine Woche vergehen, ohne ihm einen Besuch zu machen. Bisweilen ging er allein dahin und blieb von Sonnabend bis Montag; bisweilen begleitete ihn sein Associé; bisweilen schlenderte er eine oder zwei Stunden durch Haus und Garten, sah nach, ob alles in Ordnung war, und kehrte wieder nach London zurück. Immer und unter allen Umständen saßen Mrs. Tickit mit der schwarzen Lockenfülle und Dr. Buchan am Fenster des Empfangszimmers und warteten auf die Heimkehr der Familie. Bei einem dieser Besuche empfing ihn Mrs. Tickit mit den Worten: »Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Mr. Clennam, das Sie überraschen wird.« Dieses fragliche Etwas war so überraschend, daß es wirklich Mrs. Tickit von dem Fenster im Empfangszimmer wegbrachte und sie in den Garten führte, als Clennam durch das Tor trat, nachdem man ihm geöffnet hatte. »Was ist es, Mrs. Tickit?« sagte er. »Sir«, versetzte die getreue Haushälterin, nachdem sie ihn in das Empfangszimmer geführt und die Tür geschlossen hatte, »wenn ich je das entführte und betrogene Kind in meinem Leben sah, so sah ich es gestern abend in der Dunkelheit.« »Sie meinen doch nicht Tatty –« »Coram, ja allerdings!« sagte Mr«. Tickit, die Entdeckung mit einem Schlag enthüllend. »Wo?« »Mr. Clennam«, versetzte Mr«. Tickit, »meine Augen waren etwas schwer, da ich länger als gewöhnlich auf meine Tasse Tee wartete, die Mary Jane bereitete. Ich schlief nicht, aber ich döste auch nicht, wie man sich richtig ausdrücken würde. Ich wachte vielmehr mit geschlossenen Augen, wie man das genau bezeichnen könnte.« Ohne auf eine Untersuchung dieses seltsam abnormen Zustandes einzugehen, sagte Clennam: »Jawohl. Nun?« »Nun, Sir«, fuhr Mrs. Tickit fort, »ich dachte an das eine und dachte an das andere. Ganz wie Sie's auch machen würden. Ganz wie es jedermann machen würde.« »Allerdings,« sagte Clennam. »Nun?« »Und wie ich so an das eine denke und an das andre denke«, fuhr Mrs. Tickit fort, »so brauche ich Ihnen kaum zu sagen, Mr. Clennam, daß ich auch an die Familie denke. Weil, natürlich, die Gedanken eines Menschen«, sagte Mrs. Tickit mit einer argumentierenden und philosophischen Miene, »wie sie sich auch zerstreuen mögen, doch immer wieder mehr oder weniger auf das kommen werden, was in seinem Sinn obenan steht. Sie werden es tun, Sir, und niemand vermag sie daran zu hindern.« Arthur unterschrieb diese Entdeckung mit einem Nicken des Kopfes. »Sie finden es selbst so, Sir, das wage ich kühn zu behaupten«, sagte Mrs. Tickit, »und wir alle finden es so. Nicht unsre Stellungen im Leben sind es, die uns ändern, Mr. Clennam; die Gedanken sind frei! – Wie ich sagte, ich dachte an das eine und dachte an das andere und dachte viel an die Familie. Nicht an die Familie in der Gegenwart allein, sondern auch an die Familie in frühern Zeiten. Dann wenn jemand an das eine und an das andre zu denken beginnt, in der Zeit, wo es dunkel wird, so ist das, was ich sagen wollte, daß alle Zeiten wie gegenwärtig erscheinen, und man muß erst aus diesem Zustande herauskommen und überlegen, ehe man sagen kann, was etwas ist.« Er nickte wieder; denn er fürchtete sich, ein Wort zu äußern, damit nicht eine neue Öffnung für das Ausströmen des Konversationstalents entstünde. »Als ich deshalb«, sagte Mrs. Tickit, »mit den Augen zwinkerte und ihre wirkliche Gestalt zum Tor hereinschauen sah, schloß ich sie wieder, ohne mich auch nur vom Fleck zu bewegen; denn diese Gestalt paßte so genau zu der Zeit, da sie noch zu dem Hause gehörte, wie ich und Sie, daß ich nicht in dem Augenblick daran dachte, daß sie fort wäre. Als ich jedoch wieder mit den Augen zwinkerte, Sir, und sah, daß jene Gestalt nicht mehr da war, überkam mich eine bange Furcht und ich sprang auf.« »Sie eilten wohl augenblicklich hinaus?« sagte Clennam. »Ich eilte hinaus«, bejahte Mrs. Tickit, »so schnell mich meine Füße trugen; und wenn Sie mir glauben wollen, Mr. Clennam, so war, so weit der Himmel reichte, keines Fingers groß von dem Mädchen zu sehen.« Über die Abwesenheit dieses neuen Sternes am Firmament wegsehend, fragte Arthur Mrs. Tickit, ob sie auch zum Tore hinausgegangen sei. »Hin und her und auf und ab«, sagte Mrs. Tickit, »und sah keine Spur von ihr.« Er fragte dann Mrs. Tickit, wie groß der Zeitraum zwischen dem zweimaligen Augenzwinkern wohl gewesen sein möchte? Mrs. Tickit, obwohl minutiös umständlich in ihrer Antwort, hatte keine entschiedene Ansicht: sie schwebte zwischen fünf Sekunden und zehn Minuten. Sie war so unsicher in dieser Beziehung und so sicher aus dem Schlafe aufgefahren, daß Clennam sehr geneigt war, diese Erscheinung als einen Traum zu betrachten. Ohne Mrs. Tickit durch diese ungläubige Lösung ihres Rätsels zu kränken, nahm er seine Meinung von dem Landhause mit sich und würde sie wohl für immer festgehalten haben, wenn nicht ein Umstand zufällig bald darauf seine Meinung geändert hätte. Er ging bei Einbruch des Abends am Strande hin, und vor ihm her schritt der Lampenanzünder, unter dessen Hand die Straßenlaternen, durch die neblige Luft angelaufen, eine nach der andern aufflammten, wie ebenso viele leuchtende Sonnenblumen, die plötzlich in volle Blüte treten, als unerwartet eine Stockung auf dem Wege, den ein Zug von Kohlenwagen veranlaßte, die sich von den Kais am Ufer heraufwanden, ihn stillzustehen nötigte. Er war rasch gegangen und in einem raschen Gedankengang begriffen, und die plötzliche Störung, die nun eintrat, ließ ihn sich lebhaft umsehen, wie dies gewöhnlich unter solchen Umständen der Fall ist. Plötzlich sah er vor sich – nur wenige Leute waren zwischen ihnen, so daß er sie hätte berühren können, wenn er den Arm ausgestreckt – Tattycoram und einen fremden Mann von merkwürdigem Äußern: es war ein Bramarbas mit einer gebogenen Nase und einem schwarzen Schnurrbart, der so falsch in seiner Farbe war wie seine Augen in ihrem Ausdruck, und der seinen schweren Mantel so trug, daß man ihn für einen Ausländer hielt. Seine Kleidung und sein ganzes Auftreten waren die eines Mannes auf Reisen, und er schien erst ganz kurz auf das Mädchen gestoßen zu sein. Als er sich zu ihr hinabbeugte (da er weit größer als sie war) und auf das lauschte, was sie zu ihm sagte, warf er den mißtrauischen Blick eines Mannes über seine Schulter, der ziemlich daran gewöhnt ist, fürchten zu müssen, daß man ihm auf dem Fuße folgte. In diesem Augenblick sah Clennam sein Gesicht; er bemerkte, wie seine Augen finster auf die Leute blickten, die sich hinter ihm drängten, ohne besonders auf Clennams oder irgendeinem andern Gesicht zu verweilen. Er hatte kaum wieder seinen Kopf umgewandt und beugte sich noch immer lauschend zu dem Mädchen herab, als die Stockung aufhörte und der gehemmte Menschenstrom fortflutete. Den Kopf zu ihr hinabbeugend und auf das Mädchen lauschend, ging er neben ihr her, und Clennam folgte ihnen, entschlossen, dies unerwartete Spiel zu Ende zu führen und zu sehen, wohin sie gingen. Er hatte kaum diesen Entschluß gefaßt (obgleich er sich noch nicht lange damit trug), als er plötzlich wieder festgehalten wurde, wie dies durch die Stockung geschehen. Sie bogen kurz nach dem Adelphi ab – das Mädchen war offenbar die Führende – und schritten geradeaus, als ob sie nach der Terrasse gehen wollten, die über dem Flusse hängt. Es tritt hier immer – bis heutigentags – eine plötzliche Pause in dem Geräusch der großen Straßen ein. Die wirren Klänge werden plötzlich so gedämpft, daß die Veränderung den Eindruck macht, als ob man Baumwolle in die Ohren steckte oder den Kopf dicht umwickelt hätte. Zu jener Zeit war der Kontrast noch weit größer; da noch keine kleinen Dampfboote auf dem Strom, noch keine Landungsplätze, sondern nur schlüpfrige, hölzerne Stufen und Fußdammwege, keine Eisenbahn auf dem gegenüberliegenden Ufer, keine Hängebrücke, kein Fischmarkt in der Nähe, kein Verkehr auf der nächsten steinernen Brücke war und noch kein Fahrzeug auf dem Strom als die Jollen der Fährleute und Kohlenauslader. Lange und breite schwarze Reihen der letzteren, fest im Schlamme liegend, als wenn sie sich nicht wieder bewegen sollten, machten das Ufer, wenn die Dunkelheit eingetreten war, traurig und still und hielten die geringe Bewegung des Wassers von dem Ufer ab und drängten sie nach der Mitte des Stroms. Sobald die Sonne untergegangen, namentlich sobald die meisten Leute, die zu Hause etwas zu essen haben, nach Hause gehen, um es zu essen, und die meisten von denen, die nichts haben, noch nicht fortgeschlichen sind, um zu betteln oder zu stehlen, war es ein öder Ort, der auf eine öde Szene sah. Zu einer solchen Stunde war es, als Clennam an der Ecke stehenblieb und das Mädchen und den Fremden beobachtete, die die Straße hinabgingen. Die Schritte des Mannes auf den hallenden Steinen waren so geräuschvoll, daß er nicht Lust hatte, den Schall der seinen hinzuzufügen. Als sie jedoch an die Ecke gegangen und in der Dunkelheit der dunklen Ecke sich befanden, die zu der Terrasse führte, ging er in solch gleichgültiger Weise wie nur immer möglich, wie wenn er ein zufälliger Spaziergänger wäre, hinter ihnen drein. Als er um die dunkle Ecke bog, schritten sie die Terrasse entlang auf eine Gestalt zu, die ihnen entgegenkam. Wenn er sie für sich, unter diesen Umständen von Gaslicht, Nebel und Entfernung gesehen, würde er sie wohl auf den ersten Blick nicht gekannt haben; aber da ihn die Gestalt des Mädchens auf die Spur führte, so erkannte er sogleich Miß Wade. Er blieb an der Ecke stehen und sah erwartungsvoll in die Straße hinter sich, als wenn er jemand hierher bestellt hätte; aber er behielt die drei scharf im Auge. Als sie zusammenkamen, nahm der Mann seinen Hut ab und machte Miß Wade eine Verbeugung. Das Mädchen schien einige Worte zu sagen, als wenn sie ihn vorstellte oder Rechenschaft gäbe, warum er so spät oder so früh käme oder etwas dergleichen, und trat darauf einen oder zwei Schritte zurück. Miß Wade und der Mann begannen dann auf und nieder zu gehen; der Mann schien äußerst höflich und komplimentenreich zu sein; Miß Wade dagegen erschien außerordentlich stolz. Als sie an die Ecke kamen und sich umwandten, sagte sie: »Wenn ich deshalb darbe, mein Herr, so ist das meine Sache. Beschränken Sie sich auf Ihre Sache, und fragen Sie mich nichts mehr.« »Beim Himmel, Madame!« antwortete er und machte eine zweite Verbeugung. »Es war mein tiefer Respekt vor Ihrem Charakter und meine Bewunderung Ihrer Schönheit.« »Ich verlange weder das eine noch das andere von irgend jemand«, sagte sie, »und sicher am wenigsten unter allen Geschöpfen von Ihnen. Fahren Sie fort mit Ihrem Bericht.« »Verzeihen Sie mir?« fragte er mit der Miene halbbeschämter Galanterie. »Sie sind bezahlt«, sagte sie, »und das ist alles, was Sie brauchen.« Ob das Mädchen hinterdreinging, weil sie die Sache nicht hören sollte, oder weil sie bereits genug davon wußte, konnte Clennam nicht entscheiden. Sie kehrten um, und sie kehrte um. Sie sah auf den Fluß hinaus, während sie mit gefalteten Händen weiterging, und das war alles, was er von ihr sehen konnte, ohne sein Gesicht zu zeigen. Zufälliger- und glücklicherweise war wirklich ein Müßiggänger in der Nähe, der auf jemand wartete und bald über das Geländer in das Wasser sah, bald nach der dunklen Ecke kam, wodurch Arthur weniger beachtet wurde. Als Miß Wade und der Mann wieder zurückkamen, sagte sie: »Sie müssen bis morgen warten.« »Bitte tausendmal um Entschuldigung!« versetzte er. »Meiner Treu! So ist es also heute abend nicht mehr möglich?« »Nein, ich sage Ihnen ja, daß ich es zuvor selbst haben muß, ehe ich es Ihnen geben kann.« Sie blieb auf dem Wege stehen, als wollte sie der Verhandlung ein Ende machen. Er blieb natürlich gleichfalls stehen. Und das Mädchen blieb stehen. »Es ist etwas unbequem«, sagte der Mann. »Etwas unbequem. Aber freilich, das will bei einem solchen Dienst nichts heißen. Ich bin zufällig heute abend ohne Geld. Ich habe einen guten Bankier in dieser Stadt, aber ich möchte nicht gern auf jenes Haus ziehen, bis die Zeit da ist, wo ich eine runde Summe ziehen kann.« »Harriet«, sagte Miß Wade, »arrangieren Sie die Sache mit ihm – diesem Herrn hier –, daß wir ihm morgen einiges Geld schicken.« Sie sagte das Wort Herrn so flüchtig, daß es verächtlicher klang als jede Emphase, und ging langsam weiter. Der Mann verbeugte sich wieder, und das Mädchen sprach mit ihm, während sie beide hinter ihr dreingingen. Clennam wagte es, das Mädchen anzusehen, als sie weggingen. Er konnte bemerken, daß ihre tiefen schwarzen Augen mit forschendem Ausdruck auf den Mann geheftet waren, und daß sie sich etwas entfernt von ihm hielt, als sie so nebeneinander nach dem andern Ende der Terrasse gingen. Ein lauter und veränderter Schall auf dem Pflaster sagte ihm, ehe er unterscheiden konnte, was vorging, daß der Mann allein zurückkam. Clennam schlenderte in den Weg, nach dem Geländer; und der Mann ging rasch vorüber. Er hatte den Zipfel seines Mantels über seine Schulter geworfen und sang ein Stück aus einem französischen Liebe. Die ganze Aussicht zeigte niemand mehr außer ihm. Der Müßiggänger war fortgeschlendert, und Miß Wade und Tattycoram waren weggegangen. Mehr als je begierig zu sehen, was aus ihnen würde, und um seinem guten Freund Mr. Meagles eine Mitteilung machen zu können, ging er nach dem andern Ende der Terrasse, während er vorsichtig nach allen Seiten sah. Er urteilte richtig, daß sie jedenfalls zuerst eine entgegengesetzte Richtung von ihrem letzten Begleiter einschlagen würden. Er sah sie bald in einer benachbarten Nebenstraße, die nicht befahren wurde, wo sie offenbar abwarten wollten, bis der Mann ihnen den Weg geräumt hatte. Sie gingen gemächlich Arm in Arm auf der einen Seite der Straße hinab und kehrten auf der andern Seite zurück. Als sie wieder an die Straßenecke kamen, vertauschten sie ihren Schritt mit dem von Leuten, die etwas zu tun und einen großen Weg zu machen haben, und schritten fest einher. Clennam behielt sie nicht minder fest im Auge. Sie gingen über den Strand und durch Covent Garden (unter den Fenstern seiner alten Wohnung vorüber, wo die liebe Klein-Dorrit in jener Nacht ihn besucht hatte) und nahmen die Richtung nach Nordost, bis sie an dem großen Gebäude vorüberkamen, dem Tattycoram ihren Namen verdankte, und in Grays Inn Road einbogen. Hier war Clennam ganz zu Hause, durch Flora nämlich, des Patriarchen und Pancks nicht zu gedenken, und konnte sie bequem im Auge behalten. Er fing an neugierig zu werden, wohin sie wohl zunächst gehen würden, als sich diese Neugier in das noch größere Staunen auflöste, sie in die Patriarchenstraße einbiegen zu sehen. Dieses Erstaunen wich seinerseits wieder dem noch größern Staunen, mit dem er sie vor der Patriarchentür halten sah. Ein leises zweimaliges Pochen mit dem glänzenden messingnen Klopfer, ein Lichtstrahl, der aus der geöffneten Tür auf die Straße fiel, eine kurze Pause zu Frage und Antwort, und die Tür ward geschlossen, und sie befanden sich in dem Hause. Nachdem er auf die Umgebung einen Blick geworfen, um sich zu versichern, daß das kein wunderlicher Traum sei, und nachdem er einige Zeit vor dem Hause auf und ab gegangen, pochte Arthur an die Tür. Sie wurde durch die gewöhnliche weibliche Dienerin geöffnet, die ihn mit der gewöhnlichen Behendigkeit nach dem Wohnzimmer Floras führte. Es war niemand bei Flora als Mr. Finchings Tante, welche ehrwürdige Dame, in der balsamischen Atmosphäre von Tee und geröstetem Brot schwelgend, in einen bequemen Stuhl am Kamin verschanzt war, indes ein kleiner Tisch neben ihr stand und ein reines weißes Taschentuch über ihren Schoß gebreitet war, auf dem zwei Scheiben gerösteten Brotes in diesem Augenblick zum Verzehrtwerden bereitlagen. Über einen dampfenden Teekessel herabgebeugt und durch den Dampf schauend und den Dampf ausatmend wie eine böse chinesische Zauberin, die ihren gottlosen Ritus verrichtet, stellte Mr. Finchings Tante ihre große Tasse weg und rief: »Daß ihn doch, da ist er schon wieder!« Es könnte nach dem vorhergehenden Ausruf scheinen, als wenn diese unnachgiebige Verwandte des vielbeweinten Mr. Finching, die die Zeit nach der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, nicht nach der Uhr bemaß, angenommen hätte, Clennam sei erst kürzlich weggegangen; während wenigstens ein Vierteljahr verflossen war, seitdem er die Verwegenheit besessen, vor ihr zu erscheinen. »Ei, du meine Güte, Arthur!« rief Flora, indem sie aufstand, um ihn herzlich zu bewillkommnen. »Doyce und Clennam, welch eine große Überraschung, denn obgleich nicht weit von der Maschinenwerkstätte und der Gießerei und sicherlich kann man es bisweilen genießen, wenn auch zu keiner andern Zeit so doch um Mittag, wo ein Glas Xeres und eine bescheidene Butterschnitte mit etwas kaltem Braten, der gerade noch in der Speisekammer ist, nicht zu verachten ist und nicht schlechter schmeckt weil es die Freundschaft bietet denn Sie wissen kaufen muß man's wo und wo man's kauft muß immer ein Profit dabei sein, sonst würden sie das Geschäft nicht betreiben das versteht sich von selbst obgleich niemals gesehen und doch jetzt gelernt nicht zu erwarten denn wie Mr. Finching selbst sagte wenn Sehen Glauben ist so ist Nichtsehen auch Glauben und wenn man nicht sieht so kann man überzeugt sein man erinnere sich unsrer nicht, nicht daß ich erwarte Sie Arthur Doyce und Clennam sollen an mich denken warum sollt' ich auch, denn die Zeiten sind vorüber bringe gleich noch eine andre Tasse und sorge auch für frischen Toast und bitte setzen Sie sich hier ans Feuer.« Arthur lag sehr viel daran, den Grund seines Besuchs auseinanderzusetzen; aber wider seinen Willen hielt ihn der vorwurfsvolle Inhalt dieser Worte, soviel er davon verstand, und die aufrichtige Freude, die sie bei seinem Anblick zeigte, für den Augenblick davon zurück. »Und jetzt bitte ich, erzählen Sie mir etwas, alles was Sie wissen«, sagte Flora, indem sie ihren Stuhl dicht neben den seinen rückte, »von dem guten, lieben, stillen kleinen Ding und alle ihre Schicksalswechsel; haben jetzt ohne Zweifel Wagen und Pferde ohne Zahl die Leute sehr romantisch ein Wappen natürlich und wilde Bestien auf den Hinterfüßen welche es zeigen als wär's ein Bild das sie gemacht mit Mäulern von einem Ohr zum andern o du mein Himmel und ist sie gesund was doch das Erste und Wichtigste ist denn was ist Reichtum ohne Gesundheit wie Mr. Finching selbst so oft sagte wenn seine Gicht kam daß sechs Pence des Tages und sie selbst erwerben und keine Gicht weiter vorzuziehen wäre; nicht daß er von einer solchen Summe hätte leben können dazu wäre er der Letzte gewesen oder auch nur dieses kostbare kleine Ding obgleich das jetzt ein viel zu vertraulicher Ausdruck ist eine Neigung dazu gehabt sie war viel zu hart und klein dazu aber sie sah so schwächlich aus, Gott segne sie!« Mr. Finchings Tante, die ein Stück Toast bis auf die Rinde gegessen, überreichte nun feierlich die Rinde Flora, die sie für sie aß, gewissermaßen als eine Art von Geschäft. Mr. Finchings Tante leckte dann ihre Finger langsam hintereinander an ihren Lippen und wischte sie genau in derselben Ordnung an dem weißen Taschentuch ab; dann nahm sie das andere Stück Toast und fing an, es zu verzehren. Während sie diese Sache auf ihre gewohnte Weise besorgte, sah sie Clennam mit so fürchterlicher Strenge an, daß er sich gegen seine persönliche Neigung gezwungen fühlte, sie ebenfalls anzusehen. »Sie ist in Italien mit ihrer ganzen Familie, Flora«, sagte er, als die schreckliche Dame wieder mit Essen beschäftigt war. »In Italien ist sie, wirklich?« sagte Flora, »wo die Tauben und Feigen überall wachsen und auch Lava- Hals- und Armbänder in dem poetischen Lande mit feuerspeienden Bergen über die Maßen malerisch obgleich man sich nicht wundern kann daß die Drehorgeljungen aus der Nachbarschaft dieser Berge weggehen um nicht zu verbrennen da sie noch so jung sind und ihre weißen Mäuse mit sich bringen und ist sie wirklich in diesem herrlichen Lande mit ewig blauem Horizont und sterbenden Gladiatoren und Belvederes obgleich Mr. Finching selbst nicht daran glaubte denn er sagte dagegen wenn er guter Laune war daß die Bilder nicht wahr sein könnten da gar keine Mittelstufe zwischen kostspieligen Massen von schlecht geglättetem ganz verkrümpeltem Leinenzeug und gar keinem wäre was sicher nicht wahrscheinlich ist obgleich vielleicht eine Folge der schroffen Gegensätze von reich und arm was die Sache erklären könnte.« Arthur suchte ein Wort einzuschieben, aber Flora fuhr hastig fort: »Auch das frisch erhaltene Venedig«, sagte sie, »ich glaube Sie waren dort ist es schlecht oder gut erhalten denn die Leute sind gar verschiedener Ansicht und Makkaroni wenn sie solche wirklich wie Taschenspieler essen warum schneidet man sie nicht kürzer Arthur – Doyce, denn ich habe nicht das Vergnügen aber bitte entschuldigen lieber Doyce und Clennam wenigstens nicht lieb und sicherlich nicht Sie mich – Sie kennen ja glaube ich Mantua was hat das mit Mantuamachen zu tun, ich konnte das nie herausbringen.« »Ich glaube, sie haben nichts miteinander zu tun, Flora, diese beiden Dinge«, begann Arthur, als sie ihn abermals unterbrach. »Auf Ihr Wort, also wirklich nicht ich glaubt' es auch nie aber das sieht mir gleich ich laufe mit einem Gedanken davon und da ich keinen übrig habe, behalte ich ihn. Ach es gab eine Zeit lieber Arthur ich sollte eigentlich entschieden nicht lieber sagen auch nicht Arthur aber Sie verstehen mich wenn ein schöner Gedanke den wie heißt es nur Horizont vergoldet und so weiter aber es ist jetzt dunkel umwölkt und alles ist vorbei.« Arthurs sich steigernder Wunsch von etwas ganz anderem zu sprechen, stand indessen so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß Flora mit einem zärtlichen Blick innehielt und ihn fragte, was er auf dem Herzen habe? »Ich hege den lebhaftesten Wunsch, Flora, jemand zu sprechen, der in diesem Hause ist – ohne Zweifel bei Mr. Casby. Jemanden, den ich eintreten sah und der irregeleitet auf sehr bedauerliche Weise das Haus einer meiner Freunde verlassen hat.« »Papa sieht so viele und so seltsame Leute«, sagte Flora aufstehend, »daß ich nicht wagen würde hinunterzugehen Arthur außer für Sie. Ihretwegen würde ich willig in eine Taucherglocke gehen, um soviel lieber in ein Speisezimmer und werde augenblicklich zurück sein, wenn Sie während ich fort bin, auf Mr. Finchings Tante achten oder auch nicht achten wollen.« Mit diesen Worten und einem Blick zum Abschied eilte Flora hinaus, während sie Clennam unter schrecklichen Besorgnissen wegen seiner furchtbaren Aufgabe zurückließ. Die erste Veränderung, die sich in Mr. Finchings Tante bemerklich machte, als sie ihr Stück Toast gegessen hatte, war ein lautes und langes Schnauben. Da er diese Demonstration nicht anders denn als eine Herausforderung zu deuten imstande war, weil der finstere Ton nicht mißverstanden werden konnte, so sah Clennam die vortreffliche, obgleich vorurteilsvolle Dame, von der die Herausforderung ausging, flehend an, in der Hoffnung, daß sie durch Demut und Unterwerfung entwaffnet würde. »Richten Sie Ihre Augen nicht so auf mich«, sagte Mr. Finchings Tante vor Feindseligkeit zitternd. »Nehmen Sie das!« »Das« war die Kruste von dem Stück Toast. Clennam nahm die Gabe mit einem Blick voll Dankbarkeit und hielt sie mit einiger Verlegenheit in der Hand: diese Verlegenheit wurde nicht geringer, als Mr. Finchings Tante, ihre Stimme zu einem Schrei von beträchtlicher Kraft erhebend, ausrief: »Er hat einen stolzen Magen, der Laffe! Er ist zu stolz, es zu essen!« Und aus ihrem Stuhl sich erhebend, schüttelte sie ihre ehrwürdige Faust so dicht vor seiner Nase, daß es ihm an der Spitze kitzelte. Ohne die rechtzeitige Rückkehr Floras, die ihn in dieser schwierigen Lage fand, wären weitere Folgen nicht zu vermeiden gewesen. Flora führte, ohne im mindesten außer Fassung zu geraten oder zu staunen, sondern im Gegenteil die alte Dame beifällig beglückwünschend, daß sie »heute abend so lebhaft sei«, dieselbe in ihren Stuhl zurück. »Er hat einen stolzen Magen, der Laffe«, sagte Mr. Finchings Verwandte, als man sie wieder zum Sitzen brachte. »Gib ihm eine Schüssel Häcksel!« »Oh! ich glaube nicht, daß er das schmackhaft fände, Tante«, versetzte Flora. »Gib ihm eine Schüssel Häcksel, sage ich dir«, versetzte Mr. Finchings Tante und sah um Flora herum nach ihrem Feinde, »'s ist das einzige für einen stolzen Magen. Laß ihm Bissen um Bissen aufessen. Dem verwünschten Laffen gib eine Schüssel Häcksel!« Unter einem allgemeinen Vorwande, ihm diese Erfrischung zukommen zu lassen, brachte ihn Flora hinaus bis an die Treppe. Mr. Finchings Tante, die auch da noch mit unaussprechlicher Bitterkeit wiederholte, daß er »ein Laffe« sei und »einen stolzen Magen« habe, bestand immer wieder daraus, daß man ihm diese Stallfütterung bereite, die sie bereits so streng vorgeschrieben hatte. »Eine so unbequeme Treppe und so viele Eckstufen, Arthur«, flüsterte Flora, »würden Sie etwas dawider haben, mir Ihren Arm unter meiner Pelerine zu geben?« Mit dem Gefühl in einer ungemein lächerlichen Weise die Treppe hinabzugehen, nahm Clennam die gewünschte Haltung an und ließ seine schöne Last erst am Speisezimmer los; und auch hier war dies ziemlich schwierig, denn sie blieb in seinen Armen, um ihm zuzuflüstern: »Arthur, ums Himmels Willen nur dem Papa kein Sterbenswort davon!« Sie begleitete Arthur in das Zimmer, wo der Patriarch allein saß, mit den Litzenschuhen auf dem Kamingitter und die Daumen umeinander drehend, als ob er niemals aufgehört, dies zu tun. Der jugendliche Patriarch, zehn Jahre alt, sah aus dem Rahmen über ihm kaum mit einer ruhigeren Miene als er selbst herab. Beide glatten Köpfe waren gleich strahlend, faselhausig und hohl. »Mr. Clennam, ich freue mich, Sie zu sehen. Ich hoffe. Sie befinden sich wohl, Sir, ich hoffe. Sie befinden sich wohl. Bitte, setzen Sie sich, bitte setzen Sie sich.« »Ich hatte gehofft, Sir«, sagte Clennam, indem er einen Stuhl nahm und sich sehr enttäuscht umsah, »ich hatte gehofft. Sie nicht allein zu finden.« »Ah, so?« sagte der Patriarch gütig. »Ah, wirklich?« »Ich sagte es Ihnen ja, Papa, Sie wissen«, rief Flora. »Ach richtig!« versetzte der Patriarch. »Ja, ja. Ach, gewiß.« »Bitte, Sir«, fragte Clennam dringend, »ist Miß Wade wieder fort?« »Miß –? O, Sie nennen sie Miß Wade«, versetzte Mr. Casby. »Ganz hübsch das.« Arthur entgegnete rasch: »Wie nennen Sie sie?« »Wade«, sagte Mr. Casby. »O, immer Wade.« Nachdem Arthur ein paar Sekunden das philanthropische Gesicht und das lange seidene weiße Haar betrachtet, während welcher Zeit Mr. Casby seine Daumen umeinander drehte und in das Feuer lächelte, als wenn er wohlwollend wünschte, es möchte ihn brennen, damit er ihm verzeihen könnte, begann er: »Ich bitte um Vergebung, Mr. Casby –« »Keine Ursache, keine Ursache«, sagte der Patriarch, »keine Ursache.« »– aber Miß Wade hatte eine Begleiterin bei sich, ein junges, von mir befreundeten Menschen erzogenes Mädchen, auf das sie einen Einfluß ausübt, der nicht als sehr heilsam betrachtet werden kann, und der ich so gern mitzuteilen die Gelegenheit haben möchte, daß sie das Interesse dieser Beschützer noch nicht verwirkt hat.« »Wirklich, wirklich?« versetzte der Patriarch. »Wollen Sie deshalb so freundlich sein und mir die Adresse von Miß Wade geben?« »Ei, du meine Güte!« sagte der Patriarch, »wie schade! Wenn Sie nur zu mir geschickt hätten, als sie noch da waren! Ich bemerkte das junge Mädchen wohl, Mr. Clennam. Ein feines, vollblühendes junges Mädchen, Mr. Clennam, mit sehr dunklem Haar und sehr dunklen Augen, wenn ich mich nicht täusche, wenn ich mich nicht täusche?« Arthur stimmte zu und sagte noch einmal mit neuem Nachdruck: »Wenn Sie so gut sein wollten und mir die Adresse geben!« »Ei, du meine Güte!« rief der Patriarch mit holdem Bedauern »Hm, hm, hm! Wie schade, wie schade! Ich habe keine Adresse, Sir. Miß Wade lebt meist im Auslande, Mr. Clennam. Das tut sie seit mehreren Jahren und ist (wenn ich so von einem Mitmenschen und einer Dame sprechen darf) launisch und unzuverlässig, Mr. Clennam. Ich werde sie wohl lange, lange nicht wiedersehen. Wie schade, wie schade!« Clennam sah nun, daß er aus dem Porträt ebensoviel herausbekommen könnte als aus dem Patriarchen; aber er sagte nichtsdestoweniger: »Mr. Casby, könnten Sie mir zur Beruhigung der Freunde, die ich erwähnte, und unter der Versicherung der Verschwiegenheit die Sie mir aufzuerlegen belieben, irgend etwas über Miß Wade mitteilen? Ich habe sie im Auslande gesehen und habe sie in der Heimat gesehen, aber ich weiß nichts von ihr. Können Sie mir irgendwelche Auskunft über sie geben?« »Nein«, versetzte der Patriarch, indem er seinen dicken Kopf mit dem größten Wohlwollen schüttelte. »Durchaus nicht. Ei du meine Güte! Wie ist das zu bedauern, daß sie so kurz hier blieb und Sie nicht früher kamen! Als vertrauter Agent, als Agent habe ich dieser Dame zuweilen Geld ausbezahlt; aber was nützt es, wenn Sie das wissen.« »Allerdings nicht das mindeste«, sagte Clennam. »Ganz gewiß«, stimmte der Patriarch mit leuchtendem Antlitz bei, während er philanthropisch das Feuer anlächelte, »durchaus nichts, Sir. Sie haben die klügste Antwort gefunden, Mr. Clennam. Wahrhaftig nicht das geringste, Sir.« Das Drehen der glatten Daumen umeinander, wie er so dasaß, war Clennam so typisch für die Art und Weise, wie er die Sache drehen und wenden würde, wenn man sie weiter verfolgte, ohne daß eine neue Seite zum Vorschein käme oder er den kleinsten Schritt weiter rückte, daß es viel dazu beitrug, ihn zu überzeugen, seine Bemühungen seien fruchtlos. Er hätte sich Zeit zum Nachdenken darüber nehmen können, soviel er gewollt, denn Mr. Casby, der daran gewöhnt war, daß ihm alles trefflich vonstatten ging, da er es seiner geschwollenen Stirn und seinem weißen Haar überließ, wußte, daß seine Stärke im Schweigen lag. Casby saß deshalb drehend und drehend da und ließ reiches Wohlwollen aus jeder Erhöhung seines glatten Kopfes und seiner glatten Stirn strahlen. Mit diesem Schauspiel vor sich war Arthur aufgestanden, um zu gehen, als aus dem innern Dock, wo das gute Schiff Pancks vor Anker lag, wenn es auf keiner Kreuzfahrt abwesend war, das Geräusch dieses gegen sie heranführenden Dampfboots vernehmbar wurde. Es fiel Arthur auf, daß das Geräusch absichtlich schon in der Ferne begann, als wenn Mr. Pancks jedem, der darüber nachzudenken Lust hätte, den Eindruck machen möchte, er habe sein Arbeiten schon außer dem Hörbereich begonnen. Mr. Pancks und er schüttelten sich die Hände, und der erstere brachte seinem Prinzipal einen oder zwei Briefe zum Unterzeichnen. Beim Händeschütteln kratzte Mr. Pancks seine Augenbraue bloß mit dem linken Zeigefinger und schnaubte einmal, aber Clennam, der ihn jetzt besser als früher verstand, begriff, daß er für den Abend so ziemlich fertig sei und ein Wort draußen mit ihm zu sprechen wünsche. Als er deshalb von Mr. Casby und von Flora (was eine etwas schwierige Prozedur war) Abschied genommen hatte, schlenderte er in der Nachbarschaft auf dem Wege umher, den Mr. Pancks einschlagen mußte. Er hatte nur kurze Zeit gewartet, als Mr. Pancks erschien. Da Mr. Pancks ihm mit einem weiteren ausdrucksvollen Schnauben die Hände schüttelte und seinen Hut abnahm, um sein Haar in die Höhe zu streichen, glaubte Arthur darin einen Fingerzeig sehen zu müssen, daß er mit ihm als mit jemandem spreche, der ganz gut wisse, was soeben vorgegangen. Deshalb fragte er ohne Vorrede: »Ich vermute, sie waren wirklich fort, Pancks?« »Ja«, antwortete Pancks. »Sie waren wirklich fort.« »Weiß er, wo die Dame zu finden ist?« »Ich kann es nicht sagen. Ich glaube aber ja.« Mr. Pancks wüßte es nicht? Nein, Mr. Pancks wüßte es nicht. Wüßte Mr. Pancks sonst etwas von ihnen? »Ich glaube, ich weiß so viel von ihr«, versetzte dieser würdige Mann, »als sie selbst von sich weiß. Sie ist jemandes – jedermanns – niemandes Kind. Man bringe sie in ein Zimmer in London, wo die ersten besten sechs Leute sich befinden, die alt genug sind, um ihre Eltern sein zu können, und sie kann nicht wissen, ob ihre Eltern darunter sind. Sie können in dem ersten besten Hause sein, das sie sieht, sie können auf jedem Kirchhofe liegen, an dem sie vorüberkommt, sie kann in jeder Straße auf sie stoßen, sie kann zu jeder beliebigen Zeit Bekanntschaft mit ihnen machen und es doch nicht wissen. Sie weiß nichts von ihnen. Sie weiß überhaupt von keinem Verwandten etwas. Wußte nie etwas von ihnen. Wird nie etwas von ihnen erfahren.« »Mr. Casby könnte ihr vielleicht Aufklärung geben.« »Wohl möglich«, sagte Pancks. »Ich vermute es, aber ich weiß es nicht. Er hatte seit langer Zeit Geld (nicht besonders viel, wie ich herausbrachte) in seiner Verwahrung, um es ihr auszubezahlen, wenn sie es durchaus nötig brauchte. Manchmal ist sie stolz und will oft lange Zeit nichts davon: manchmal ist sie so arm, daß sie welches haben muß. Sie ringt mit ihrem Leben. Es hat noch nie ein zornigeres, leidenschaftlicheres, sorgloseres und rachsüchtigeres Weib gelebt. Sie kam heute abend, um Geld zu holen. Sagte, sie brauchte es zu einem besonderen Zweck.« »Ich glaube«, bemerkte Clennam sinnend, »ich weiß zufälligerweise zu welchem Zweck, – ich meine, in wessen Tasche das Geld fließt.« »Wirklich?« sagte Pancks. »Wenn's ein Kontrakt ist, so möchte ich dem betreffenden empfehlen, pünktlich zu sein. Ich möchte mich diesem Weib, so jung und schön es ist, nicht anvertrauen, wenn ich ihm unrecht getan; nein, nicht für das doppelte Geld meines Eigentums. Es sei denn«, fügte Pancks als Klausel hinzu, »ich hätte eine schleichende Krankheit und wollte dieselbe los sein.« Bei einer flüchtigen Vergleichung seiner eigenen Beobachtung fand er diese mit Mr. Pancks' Ansicht so ziemlich übereinstimmend. »Was mich wundert«, fuhr Pancks fort, »ist, daß sie meinen Prinzipal noch nicht beiseite geschafft hat, als die einzige Person, die mit ihrer Geschichte in Bezug steht, und deren sie habhaft werden kann. Da ich dies erwähne, so muß ich Ihnen unter uns sagen, daß ich bisweilen in Versuchung gerate, es zu tun.« Arthur erschrak und sagte: »Mein Gott, Pancks, sagen Sie das nicht.« »Verstehen Sie mich recht«, sagte Pancks, indem er fünf schmutzige, kohlige Fingernägel vor Arthurs Augen ausbreitete: »ich meine nicht, daß ich ihm den Hals abschneiden wolle. Aber bei allem, was uns teuer, wenn er zu weit geht, werde ich ihm das Haar abschneiden.« Nachdem sich Mr. Pancks in dem neuen Licht dieser furchtbaren Drohung gezeigt, schnaubte er verschiedene Male mit einer vielbedeutenden Miene und dampfte weg. Zehntes Kapitel. Die Träume der Mrs. Flintwinch mehren sich. Die kühlen Wartezimmer des Circumlocution Office, wo er ziemlich viele Zeit in Gesellschaft verschiedener lästiger Sträflinge verbrachte, die verurteilt waren, bei lebendigem Leibe auf diesem Rade gerädert zu werden, hatten Arthur Clennam während drei oder vier aufeinanderfolgender Tage reichliche Gelegenheit geboten, den Gegenstand seiner letzten flüchtigen Begegnung mit Miß Wade und Tattycoram genügend zu erschöpfen. Er hatte darüber nicht mehr herausbringen können und war darüber auch nicht unklarer geworden, und auf diesem unbefriedigenden Punkte sah er sich halb gezwungen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Während dieser Zeit war er nicht in dem traurigen Hause seiner Mutter gewesen. Da aber jetzt wieder einer seiner gewöhnlichen Besuchsabende gekommen war, verließ er seine Wohnung und seinen Associé gegen neun Uhr und ging langsam nach der düstern Heimat seiner Jugend. Es machte immer auf seine Phantasie den Eindruck von etwas Grimmerfülltem, Geheimnisvollem und Traurigem; und seine Phantasie war empfänglich genug, die ganze Nachbarschaft in dem Anstrich eines dunklen Schattens zu sehen. Wenn er in einer trüben Nacht durch die dunklen Straßen schritt, schienen sie ihm alle wie Niederlagen drückender Geheimnisse. Die verlassenen Kontors mit ihren Geheimnissen von Büchern und Papieren, in Kasten und Schränken eingeschlossen: die Bankhäuser mit ihren Geheimnissen von feuerfesten Zimmern und Kellern, deren Schlüssel sich in sehr wenigen geheimen Taschen und sehr wenigen geheimen Herzen befanden; die Geheimnisse all der zerstreuten Schleifer in der großen Mühle, unter denen ganz gewiß Räuber, Fälscher und Betrüger mancherlei Art waren, die das Licht jedes anbrechenden Tages zur Entdeckung bringen konnte; er dachte vielleicht, daß diese Dinge, durch ihr Verstecktsein die Luft schwer machten. Und während der Schatten immer dichter wurde, je näher man der Quelle kam, dachte er an die Geheimnisse der einsamen Kirchengrüfte, wo die Leute, die heimlich in eisernen Kisten aufgehoben hatten, nun ihrerseits in ähnlicher Weise aufgehoben waren und noch nicht aufgehört hatten wehe zu tun; und dann an die Geheimnisse des Flusses, wie er zwischen zwei finstern Labyrinthen von Geheimnissen, die sich dicht gedrängt viele Meilen weit ausdehnten, die freie Luft und das freie Feld fernhaltend, über denen sich Winde und Vogelflug bewegten, seine trübe wirbelnde Flut hinwälzte. Der Schatten wurde jedoch immer dunkler, je näher er dem Hause kam; das melancholische Zimmer, das sein Vater einst bewohnt, unheimlich durch das bittende Gesicht, das er selbst hatte erstarren sehen, als niemand außer ihm am Bette wachte, tauchte vor seinem Geiste auf. Die erstickende Luft war Geheimnis. Das Düster und der Moder und der Staub des ganzen Gebäudes war Geheimnis. Im Herzen desselben waltete seine Mutter mit dem unveränderlichen Gesicht und dem unbeugsamen Willen, fest die Geheimnisse aus ihrem eigenen und seines Vaters Leben bewahrend und mit strengem Sinn dem großen letzten Geheimnisse des Lebens die Stirn bietend. Er war in die enge und steile Straße eingebogen, auf die der Hof oder die Ringmauer ging, in der das Haus stand, als ein anderer Schritt hinter ihm gleichfalls einlenkte, und zwar so dicht hinter ihm, daß er gegen die Mauer gedrängt wurde. Da sein Geist von jenen Gedanken umfangen war, traf ihn diese Begegnung ganz unvorbereitet, so daß der andre Zeit hatte, ziemlich polternd zu sagen: »Verzeihung! Nicht meine Schuld!« und vorbeizugehen, ehe er Zeit hatte, zum Bewußtsein der ihn umgebenden Wirklichkeit zu kommen. Als dieser Moment vorüber war, sah er, daß der Mann, der vor ihm her ging, derselbe war, der in den letzten Tagen seine Gedanken so vielfach beschäftigte. Es war keine zufällige Ähnlichkeit, unterstützt durch die Kraft des Eindrucks, den der Mann auf ihn gemacht hatte. Es war wirklich der Mann, derselbe, dem er gefolgt, als er mit dem Mädchen ging, und den er dann belauschte, als er mit Miß Wade sprach. Die Straße fiel steil ab und war außerdem krumm, und der Mann (der, obgleich nicht betrunken, doch das Ansehen hatte, von starkem Getränk aufgeregt zu sein) ging so rasch hinab, daß Clennam ihn aus den Augen verlor. Ohne die bestimmte Absicht, ihm zu folgen, aber mit einem unbestimmten Drang, die Gestalt noch ein wenig länger zu beobachten, beeilte Clennam seine Schritte, um über die Biegung der Straße hinauszukommen, die den Unbekannten seinen Blicken entzog. Als er umbog, sah er den Mann nicht mehr. Da stand er nun dicht vor dem Torweg des mütterlichen Hause und sah die Straße hinab: aber sie war leer. Nirgend war ein schattiger Vorsprung, der groß genug gewesen, den Mann zu verstecken! nirgend eine Ecke, hinter der er hätte verschwunden sein können: auch hörte man keine Tür auf- oder zuschließen. Demungeachtet war er der Ansicht, daß der Mann einen Schlüssel in der Hand gehabt, eine der zahlreichen Haustüren geöffnet haben und dort eingetreten sein müsse. Über den seltsamen Vorfall und das seltsame flüchtige Zusammentreffen nachsinnend, trat er in den Hofraum. Als er aus bloßer Gewohnheit nach den schwach erleuchteten Fenstern des Zimmers seiner Mutter hinaufschaute, fielen seine Blicke auf die Gestalt, die ihm soeben aus den Augen verschwunden, die an dem eisernen Gitter des kleinen öden Hofes lehnte und vor sich hinlächelte. Eine von den vielen umherstreifenden Katzen, die sich beständig hier bei Nacht umhertrieben, und die sich vor ihm fürchtete, schien stehengeblieben zu sein, als er stehenblieb, und sah von oben von der Mauer, dem Türbogen und andern sichern Orten auf ihn mit Augen herab, die den seinen durchaus nicht unähnlich waren. Er war nur einen Augenblick stehengeblieben, um sich diesen Spaß zu machen: dann ging er sogleich weiter, indem er den Zipfel seines Mantels über die Schulter warf, stieg die uneben eingesunkenen Stufen hinan und pochte laut an die Tür. Clennams Erstaunen war nicht so groß, daß er außerstande gewesen, seinen Entschluß nicht sogleich fest zu fassen. Er ging ebenfalls nach der Tür und stieg die Stufen hinan. Der Fremde sah ihn mit prahlerischer Miene an und sang vor sich hin: »Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Compagnon de la Majolaine! Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Immer froh!« Darauf pochte er wieder. »Sie sind ungeduldig, Sir«, sagte Arthur. »Das bin ich auch! Tod meines Lebens, Sir«, versetzte der Fremde, »es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein!« Das Klirren der von Mrs. Affery zur Vorsicht vor die Tür gelegten Kette, ehe sie öffnete, bewirkte, daß sie beide nach dieser Richtung blickten. Affery öffnete ein wenig: sie hielt ein flackerndes Licht in der Hand und fragte, wer zu dieser Nachtzeit so laut poche? »Wie, Arthur?« fügte sie erstaunt hinzu, als sie ihn zuerst bemerkte. »Doch Sie nicht, wahrhaftig? Ach, der Herr schütze uns! Nein«, rief sie, als sie den andern sah. »Er ist wieder da!« »Allerdings! Er ist wieder da, liebe Mrs. Flintwinch«, rief der Fremde, »öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich meinen teuren Freund Jeremiah in meine Arme schließen! Öffnen Sie die Tür, und lassen Sie mich in die Umarmung meines Flintwinch eilen!« »Er ist nicht zu Hause«, sagte Affery. »Holen Sie ihn!« rief der Fremde. »Holen Sie meinen Flintwinch. Sagen Sie ihm, daß es sein alter Blandois ist, der soeben in England angekommen ist; sagen Sie ihm, sein kleiner Junge sei hier, sein Kleinod, sein Vielgeliebter! Machen Sie die Tür auf, schöne Mrs. Flintwinch, und lassen Sie mich inzwischen meine Huldigung – Blandois' Huldigung – der Dame des Hauses darbringen. Sie lebt noch immer? Sehr gut. So machen Sie auf!« Zu Arthurs wachsendem Erstaunen machte Mrs. Affery, während sie ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah, als wollte sie ihn warnen, sich mit diesem Herrn einzulassen, die Kette los und öffnete die Tür. Der Fremde trat ohne weiteres in die Vorhalle und ließ Arthur hinter sich dreinkommen. »Machen Sie, daß Sie fortkommen. Beeilen Sie sich! Bringen Sie meinen Flintwinch! Melden Sie mich bei der Dame des Hauses an!« rief der Fremde, indem er mit hallenden Schritten auf dem steinernen Flur einherging. »Bitte, sagen Sie mir, Affery«, sagte Arthur laut und streng, während er den Fremden entrüstet von Kopf bis zu Fuß maß, »wer ist dieser Herr?« »Bitte, sagen Sie mir, Affery«, wiederholte der Fremde nun seinerseits, »wer – ha, ha, ha, wer ist dieser Herr?« Die Stimme von Mrs. Clennam rief gerade zur rechten Zeit von ihrem Zimmer oben: »Affery, lasse sie beide heraufkommen. Arthur, komm gleich zu mir herauf!« »Arthur?« rief Blandois, indem er seinen Hut tief abnahm und die Absätze, die gerade zu einem großen Schritte weit voneinander abstanden, zusammenbrachte, während er sich zeremoniös verbeugte. »Der Sohn vom Hause? Ich bin der ergebenste Diener des Sohnes vom Hause!« Arthur sah ihn nicht gerade schmeichelhafter denn zuvor an und ging ohne Gegengruß die Treppe hinauf. Der Fremde folgte ihm. Mrs. Affery nahm den Schlüssel, der hinter der Tür hing, und schlüpfte hurtig hinaus, um ihren Herrn zu holen. Ein Zuschauer, der von dem früheren Erscheinen Blandois' in diesem Zimmer wußte, würde einen Unterschied in Mrs. Clennams heutigem Empfang mit damals bemerkt haben. In ihrem Gesicht konnte man das freilich nicht sehen; und auch ihr zurückhaltendes Wesen, ihre ruhige Stimme waren vollkommen in ihrer Gewalt. Der Unterschied bestand einzig darin, daß sie von dem Augenblick, da er eingetreten war, keinen Blick von ihm wandte, und daß sie zwei bis dreimal, wenn er zu laut wurde, etwas auf dem Stuhl, auf dem sie aufrecht dasaß, während die Hände unbeweglich auf den Seitenlehnen ruhten, sich vorbeugte, als wollte sie ihm die Versicherung geben, daß Sie ihm augenblicklich, solange er nur wolle, Gehör zu schenken bereit sei. Arthur mußte dies bemerken, obgleich er über den Unterschied zwischen dem gegenwärtigen und dem früheren Empfang nicht urteilen konnte. »Madame«, sagte Blandois, »erzeigen Sie mir die Ehre, mich Ihrem Herrn Sohn vorzustellen. Es scheint mir, Madame, als wenn Monsieur, Ihr Sohn, Lust hätte, sich über mich zu beklagen. Er ist etwas unhöflich gegen mich.« »Sir«, sagte Arthur, indem er ihm rasch ins Wort fiel, »wer Sie immer auch sein mögen, und auf welche Art Sie hierherkommen mögen, wenn ich Herr von diesem Hause wäre, würde ich keine Zeit verlieren, Sie hinauszuwerfen.« »Aber du bist nicht Herr vom Hause«, sagte seine Mutter, ohne ihn anzusehen. »Zum Unglück für die Befriedigung deines unvernünftigen Wunsches bist du nicht Herr vom Hause, Arthur.« »Ich mache auch keinen Anspruch darauf, Mutter. Wenn ich an dem Benehmen dieses Herrn in diesem Hause etwas auszusetzen habe, und zwar so viel, daß ich ihn sicherlich keine Minute länger hier dulden würde, wenn ich etwas zu sagen hätte, so geschieht das nur um Deinetwillen.« »Im Falle eine Zurückweisung nötig wäre, könnte ich sie selbst machen«, versetzte sie. »Und ich würde mich auch nicht besinnen.« Der Gegenstand ihres Streites, der sich gesetzt hatte, lachte laut und schlug sich mit der Hand auf das Bein. »Du hast kein Recht«, sagte Mrs. Clennam, immer in Beziehung auf Blandois, obgleich sie die Worte direkt an ihren Sohn richtete, »zum Nachteil irgendeines Herrn zu sprechen (am wenigsten von allen eines Herrn aus fremden Lande), weil er nicht nach deinem Geschmack ist oder sein Benehmen nicht nach deinen Regeln bildete. Wohl möglich, daß der Herr aus ähnlichen Gründen Einwendungen gegen dich zu machen hat.« »Ich hoffe es«, versetzte Arthur. »Dieser Herr«, fuhr Mrs. Clennam fort, »brachte bei einer frühern Gelegenheit einen Empfehlungsbrief von sehr geschätzten und für seinen Charakter bürgenden Geschäftsfreunden. Ich weiß durchaus nicht, was der Grund ist, der den Herrn diesmal hierherführt. Ich kenne seine Absichten nicht im entferntesten, und es läßt sich auch nicht voraussetzen, daß ich imstande sei, auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben«; ihr gewöhnlich schon sehr finsterer Blick wurde noch finsterer, während sie diese Worte mit langsamer und gewichtiger Emphase aussprach: »wenn der Herr jedoch uns den Zweck seines Besuches auseinandersetzen wird, was ich ihn, gegen mich und Flintwinch, sobald dieser zurück ist, zu tun die Güte zu haben bitte, so wird es sich ohne Zweifel zeigen, daß es sich um unsre gewöhnlichen Geschäfte handelt, die zu fördern unser Beruf und Vergnügen ist. Es kann nichts anderes sein.« »Wir werden sehen, Madame«, sagte der Geschäftsmann. »Wir werden sehen«, stimmte sie zu. »Der Herr ist mit Flintwinch bekannt, und als er das letztemal in London war, erinnere ich mich gehört zu haben, daß er und Flintwinch einen Abend in stiller Vertraulichkeit und Gemütlichkeit miteinander zugebracht haben. Ich habe nicht Gelegenheit, viel von dem zu erfahren, was außerhalb meines Zimmers vorgeht, und das Geklapper des kleinlichen irdischen Treibens hat kein Interesse für mich; aber ich erinnere mich, das gehört zu haben.« »Allerdings, Madame. So war es.« Er lachte wieder und pfiff den Refrain der Melodie, die er vor der Tür gesungen. »Deshalb, Arthur«, sagte die Mutter, »kommt dieser Herr als ein Bekannter und nicht als ein Fremder hierher; und es ist sehr zu bedauern, daß deine unvernünftige Leidenschaftlichkeit Anstoß an ihm genommen. Ich bedaure es. Ich sage dies zu dem Herrn. Ich weiß, du würdest es nicht sagen; deshalb sage ich es für mich und für Flintwinch, da dieser Herr mit uns beiden Geschäfte macht.« Man hörte jetzt den Schlüssel in dem Schloß der Haustür und die Tür auf- und zugehen. Infolgedessen erschien Mr. Flintwinch; bei seinem Eintritt stand der Fremde laut lachend von seinem Stuhl auf und schloß ihn fest in seine Arme. »Wie, geht es, mein teurer Freund?« sagte er. »Wie sieht die Welt aus, mein Flintwinch? Rosenfarbig? Um so besser, um so besser! Ach, aber Sie sehen reizend aus! Sie sehen jung und frisch aus wie Frühlingsblumen! Ach, mein guter, kleiner Junge! Braves Kind, braves Kind!« Während er Mr. Flintwinch mit diesen Komplimenten überhäufte, drehte er ihn mit einer Hand auf jeder der beiden Schultern um und um, bis die Schwankungen des armen Mannes, der bei dieser Behandlung noch trockner und verdrehter aussah denn sonst, dem eines ausgelaufenen Kreisels ähnlich wurden. »Ich hatte das letztemal eine Ahnung, daß wir noch besser und intimer bekannt werden würden. Fühlen Sie das auch, Flintwinch? Fühlen Sie das schon?« »O nein, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »fühle nicht« Ungewöhnliches. Würden Sie sich nicht lieber setzen? Sie kamen gewiß, um noch einmal Portwein zu kosten, Sir?« »Ah, kleiner Spottvogel! kleiner Schäker!« rief der Fremde. »Ha, ha, ha, ha!« Und indem er zum Schlusse seines Scherzes Mr. Flintwinch von sich stieß, setzte er sich wieder. Das Erstaunen, der Verdacht, die Entrüstung und die Scham, womit Arthur alledem zusah, machten ihn stumm. Mr. Flintwinch, der von der Heftigkeit des letzten Stoßes zwei oder drei Ellen zurückgetaumelt war, erholte sich wieder, und sein Gesicht hatte den ruhigen, dummen Ausdruck nicht verloren, nur sein Atem war kürzer geworden. Er stierte Arthur an, und nicht weniger verschlossen und hölzern war Mr. Flintwinch äußerlich, als sonst im gewöhnlichen Verlauf der Dinge; der einzige bemerkbare Unterschied war der, daß der Knoten seiner Krawatte, der sich gewöhnlich unter seinem Ohr befand, sich nach seinem Hinterkopf herumgearbeitet hatte, wo er ein schmuckhaftes Anhängsel bildete, nicht unähnlich einem Haarbeutel, wodurch Flintwinch ein höfisches Aussehen bekam. Da Mrs. Clennam keinen Blick von Blandois wegwandte (auf den sie einen Eindruck machten wie ein stetiger Blick auf einen gemeinen Hund), so wandte Jeremiah kein Auge von Arthur. Es war, als wenn sie stillschweigend übereingekommen wären, jeder seinen besonderen Standpunkt einzunehmen. Während der darauffolgenden Pause stand deshalb Jeremiah da und kratzte an seinem Knie, während er Arthur ansah, als wenn er seine Gedanken mit einem Instrument herauszuholen versuchte. Nach einer Weile stand der Fremde, als ob er das Schweigen langweilig fände, auf und stellte sich ungeduldig mit dem Rücken an das heilige Feuer, das so viele Jahre unausgesetzt gebrannt hatte. Darauf sagte Mrs. Clennam, indem sie zum ersten Male eine ihrer Hände bewegte und damit die Gebärde der Verabschiedung verband: »Bitte, Arthur, überlaß uns unsern Geschäften.« »Mutter, ich tue es mit Widerstreben.« »Laß dich das nicht kümmern oder überhaupt irgend etwas«, versetzte sie. »Bitte, verlasse uns; komm zu jeder andern Zeit wieder, wenn du es für deine Pflicht halten magst, eine halbe Stunde hier langweilig zu verbringen. Gute Nacht.« Sie hielt ihm ihre eingehüllten Finger hin, damit er sie, wie gewöhnlich, mit den seinen berühre, und er beugte sich über ihren Rollstuhl herab, um ihr Gesicht mit seinen Lippen zu berühren. Es kam ihm vor, als wenn ihre Wange gespannter und kälter wäre denn sonst. Als er sich aufrichtete und der Richtung ihres Blickes auf Mr. Flintwinchs guten Freund, Mr. Blandois, folgte, schlug dieser mit seinem Zeigefinger und Daumen ein lautes und verächtliches Schnippchen. »Ich lasse Ihren – Ihren Geschäftsfreund mit großem Erstaunen und höchst ungern in meiner Mutter Zimmer zurück, Mr. Flintwinch«, sagte Clennam. Die genannte Person schlug wieder mit Daumen und Zeigefinger ein Schnippchen. »Gute Nacht, Mutter.« »Gute Nacht!« »Ich hatte einst einen Freund, mein lieber Kamerad Flintwinch«, sagte Blandois, mit ausgespreizten Beinen vor dem Feuer stehend, so deutlich in der Absicht, Clennams zögernde Schritte zu hemmen, daß dieser in der Nähe der Tür stehenblieb: »Ich hatte einst einen Freund, der soviel von der Nachtseite dieser Stadt und ihrem Treiben gehört, daß er sich nach eingetretener Dunkelheit keinen zwei Leuten anvertraut hätte, die Ursache hatten, ihn unter den Boden zu bringen, – meiner Treu! nicht einmal in einem respektablen Hause, wie dieses – außer wenn er ihnen an Körperkraft überlegen war. Bah! was für ein Hasenfuß, mein Flintwinch! Hm?« »Ein Feigling, das, Sir.« »Einverstanden. Ein Feigling. Aber er würde das nicht getan haben, mein Flintwinch, außer wenn er gewußt, daß sie den Willen haben, ihn verstummen zu machen, aber nicht die Macht. Er hätte unter diesen Verhältnissen nicht mal aus einem Glase Wasser getrunken – selbst nicht in einem respektablen Hause, wie dieses, mein Flintwinch –, wenn er nicht zuvor jemanden von ihnen daraus hätte trinken, ja schlucken sehen!« Clennam, der zu antworten verschmähte und es wirklich auch kaum imstande war, da ihm der Atem benommen war, sah den Fremden nur noch beim Hinausgehen flüchtig an. Der Fremde grüßte ihn mit einem abermaligen Schnippchen zum Abschied, und seine Nase senkte sich über seinen Schnurrbart herab, und sein Schnurrbart bäumte sich unter seiner Nase empor, während er unheilverkündend und häßlich lächelte. »Um's Himmels willen, Affery«, flüsterte Clennam, als sie ihm in der dunkeln Halle die Tür öffnete und er den Weg hinaussuchte, bis er den Nachthimmel erblickte, »was geht hier vor?« Ihre Erscheinung war wahrhaftig gespenstisch, wie sie mit der Schürze über dem Kopf in der Dunkelheit dastand und dahinter hervor mit leiser, gedämpfter Stimme sprach: »Fragen Sie mich nach nichts, Arthur. Ich träume seit lange in einem fort. Gehen Sie!« Er ging hinaus, und sie schloß die Tür hinter ihm. Er sah hinauf nach den Fenstern des Zimmers seiner Mutter, und das trübe Licht, durch die gelben Vorhänge noch gedämpft, schien hinter Afferys Warnung drein zu antworten und zu murmeln: »Frage mich nach nicht«. Geh!« Elftes Kapitel. Ein Brief von Klein-Dorrit. Lieber Mr. Clennam! Da ich Ihnen in meinem letzten Brief schrieb, daß es am besten sei, wenn mir niemand schreibe, und da ein Brief, den ich Ihnen sende, Ihnen keine andere Beschwerlichkeit bereiten kann, als ihn zu lesen (vielleicht finden Sie nicht mal dazu Gelegenheit, obgleich ich hoffe, daß auch dieser Tag kommen wird), so will ich nun eine Stunde einem Briefe an Sie widmen. Diesmal schreibe ich Ihnen von Rom. Wir verließen Venedig vor Mr. und Mrs. Gowan, aber sie waren nicht so lange unterwegs wie wir und machten nicht denselben Weg, so daß wir sie bei unserer Ankunft in einer Wohnung hier, an der sogenannten Via Gregoriana, fanden. Ich bin überzeugt. Sie kennen sie. Nun will ich Ihnen alles, was ich von ihnen weiß, erzählen, weil ich überzeugt bin, daß Sie das am liebsten hören. Sie haben keine sehr komfortable Wohnung, aber vielleicht erschien sie mir anfangs weniger so, als es bei Ihnen der Fall gewesen wäre, weil Sie in vielen Ländern waren und mancherlei verschiedene Sitten kennengelernt haben. Natürlich ist es eine viel, viel bessere Wohnung – millionenmal schöner – als diejenige, an die ich bis vor kurzem gewöhnt gewesen bin; ich bilde mir ein, sie nicht mit meinen Äugen, sondern mit den ihrigen zu betrachten. Denn es läßt sich leicht erkennen, daß sie stets in einer liebevollen und glücklichen Umgebung aufgewachsen ist, selbst wenn sie nicht mit so großer Anhänglichkeit davon gesprochen hätte. Nun, es ist eine etwas kahle Wohnung, zu der eine ziemlich dunkle gemeinsame Treppe führt, und besteht aus beinahe nichts denn einem großen, dunklen Zimmer, wo Mr. Gowan malt. Die Fenster, durch die man hinaussehen könnte, sind versperrt, und die Wände sind über und über mit Kreide und Kohle von andern bemalt, die vorher dort gewohnt, – ach, vielleicht seit vielen Jahren! Ein Vorhang, der mehr staubfarbig als rot aussieht, teilt das Zimmer, und der Teil hinter dem Vorhang ist das Privatwohnzimmer. Als ich sie zuerst darin sah, war sie allein, die Arbeit war ihr aus der Hand gesunken, und sie blickte zum Himmel empor, der durch den obern Teil der Fenster hereinschaute. Bitte, grämen Sie sich nicht darüber, wenn ich es Ihnen sage, aber es war alles nicht ganz so luftig, noch so hell und freundlich, noch so glücklich und jugendfrisch, wie ich es wohl gewünscht hätte. Durch den Umstand, daß Mr. Gowan Papas Bild malt (was ich wohl kaum an der Ähnlichkeit gemerkt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wie er malte), hatte ich häufiger Gelegenheit, seit jener Zeit bei ihr zu sein, als es wohl ohne diesen glücklichen Zufall der Fall gewesen. Sie ist sehr viel allein. Wirklich sehr viel allein. Soll ich Ihnen von meinem zweiten Besuch bei ihr erzählen? Ich ging eines Tages, als es sich gerade traf, daß ich allein zu ihr hinüberspringen konnte, um vier oder fünf Uhr nachmittags zu ihr. Sie speiste allein zu Mittag, und ihr einsames Mahl war ihr von irgendwo auf einer Art Kohlenbecken, mit Feuer darin, gebracht worden, und sie hatte keine Gesellschaft oder Aussicht auf Gesellschaft, soweit ich sehen konnte, als den alten Mann, der das Essen gebracht. Er erzählte ihr eine lange Geschichte (von Räubern, die draußen vor der Stadt von einem steinernen Heiligenbild festgenommen worden), um sie zu unterhalten, wie er zu mir sagte, als ich wegging, »weil er selbst eine Tochter habe, die aber nicht so schön sei.« Ich muß nun auch Mr. Gowan erwähnen, ehe ich das wenige sage, was ich weiter von ihr mitzuteilen habe. Er muß ihre Schönheit bewundern und stolz auf sie sein, denn jedermann rühmt sie, und er muß sie lieb haben, und ich zweifle auch nicht, daß dies der Fall, aber, eben in seiner Weise. Sie kennen seine Weise, und wenn sie ebenso nachlässig und gleichgültig in Ihren Augen erscheint als in den meinen, so habe ich gewiß nicht unrecht, wenn ich meine, daß sie wohl etwas anders und besser für sie sein dürfte. Wenn das nicht auch Ihre Ansicht ist, so bin ich überzeugt, daß ich mich vollständig im Irrtum befinde; denn Ihr unverändertes, armes Kind vertraut ganz und gar auf Ihr Wissen und Ihre Güte, mehr als es Ihnen jemals sagen könnte, wenn es auch den Versuch machte; aber erschrecken Sie nicht, ich werde es niemals versuchen. Mr. Gowans unbeständiges und unzufriedenes Wesen ist (wie ich glaube, wenn Sie auch der Ansicht sind) schuld daran, daß er sich seinem Berufe sehr wenig widmet. Er tut nichts mit Ausdauer und Geduld; er fängt die Sachen an und läßt sie ebenso wieder liegen, und nimmt sie in Angriff und schiebt sie wieder beiseite, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wenn ich ihn während der Sitzungen mit Papa habe manchmal sprechen hören, dachte ich mir, ob er vielleicht an gar nichts glaube, weil er keinen Glauben an sich hat. Ist dem so? Ich bin neugierig zu erfahren, was Sie sagen werden, wenn Sie auf diesen Punkt kommen. Ich weiß, wie Sie es ansehen würden und kann beinahe die Stimme hören, mit der Sie zu mir auf der Iron Bridge sprechen würden. Mr. Gowan begibt sich viel unter das, was hier für die beste Gesellschaft gilt – obgleich es nicht den Anschein hat, als wenn er viel Gefallen daran fände oder einen Genuß darin sähe, wenn er dort ist –, und sie begleitet ihn zuweilen, in letzter Zeit ist sie dagegen wenig ausgegangen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß sie in einer sehr ungereimten Weise von ihr sprechen, als wenn sie durch die Heirat mit Mr. Gowan ein sehr eigennütziges Glück gemacht, obgleich ganz dieselben Leute sich nicht im Schlafe einfallen lassen würden, ihn für sich oder ihre Töchter zu nehmen. Dann geht er auch aufs Land hinaus, um zu überlegen, wo und wann er Skizzen machen wolle: und überall, wo Fremde sind, hat er zahlreiche Freunde und ist wohlbekannt. Außerdem hat er einen Freund, der viel in seiner Gesellschaft ist, zu Hause, wie auswärts, obgleich er diesen Freund sehr kühl behandelt und sehr launisch in seinem Benehmen gegen ihn ist. Ich weiß ganz gewiß (denn sie hat es mir gesagt), daß sie diesen Freund nicht gern sieht. Er hat auch für mich etwas so Abstoßendes, daß es eine wahre Erleichterung für meine Seele ist, daß er im Augenblick sich nicht hier befindet. Wieviel mehr für sie! Was ich Ihnen jedoch ganz besonders mitteilen möchte, und weshalb ich mich entschlossen habe, Ihnen so viel zu schreiben, trotzdem ich fürchte, es möchte Sie ohne Grund etwas beunruhigen, ist dies. Sie ist so wahr und hingebend und weiß so vollkommen, daß all ihre Liebe und Pflicht für immer ihm gehören, daß Sie überzeugt sein können, sie wird ihn lieben, ihn bewundern, ihn loben und alle seine Fehler verheimlichen, bis sie stirbt. Ich glaube sogar, sich selbst verbirgt sie dieselben und wird sie sich ewig verbergen. Sie hat ihm ein Herz geschenkt, das nicht mehr zurückgenommen werden kann; und wie sehr er es auch versuchen mag, er wird ihre Liebe niemals erschöpfen. Sie wissen die Wahrheit von solchen Herzen weit besser als ich. Aber ich mußte Ihnen sagen, welches Gemüt sie an den Tag legt und daß Sie nie zu gut von ihr denken können. Ich habe sie in dem ganzen Brief noch nicht beim Namen genannt, aber wir sind jetzt so befreundet, daß ich sie bei ihrem Vornamen nenne, wenn wir ruhig beieinander sitzen, und auch sie nennt mich – nicht bei meinem Taufnamen, sondern bei dem, den Sie mir gegeben haben. Als sie mich Amy zu nennen begann, erzählte ich ihr meine kurze Geschichte, und daß Sie mich immer Klein-Dorrit genannt. Ich sagte ihr, daß mir dieser Name viel teurer sei als irgendein anderer, und so nennt sie mich nun auch Klein-Dorrit. Vielleicht hat es Ihnen ihr Vater oder ihre Mutter noch nicht mitgeteilt, und Sie wissen es deshalb noch nicht, daß sie einen kleinen Jungen hat. Er ist erst vor zwei Tagen geboren, gerade eine Woche nach ihrer Ankunft. Es hat sie sehr glücklich gemacht. Ich muß Ihnen jedoch sagen, da ich Ihnen alles sagen soll, daß es mir vorkommt, als ob sie mit Mr. Gowan etwas gespannt wären, und daß sie seine spöttische Art ihnen gegenüber bisweilen für eine Kränkung ihrer Liebe zu ihrem Kinde ansehen. Erst gestern, als ich drüben war, sah ich Mr. Meagles seine Farbe wechseln und aufstehen und hinausgehen, als ob er fürchtete, er möchte seinen Zorn laut werden lassen, wenn er es nicht auf diese Art hinderte. Und doch bin ich überzeugt, sie sind so rücksichtsvoll, gutmütig und vernünftig, daß er ihnen den Kummer ersparen könnte. Es ist hart von ihm, daß er nicht etwas mehr Rücksicht auf sie nimmt. Ich unterbrach mich bei dem letzten Absatz, um alles noch einmal zu überlesen. Es kam mir anfangs vor, als wenn ich mir eigentlich bloß alles verständlich und deutlich machen wollte; deshalb war ich auch gesonnen, den Brief gar nicht abzusenden. Als ich mir die Sache jedoch ein wenig überlegt, glaubte ich, mich der Hoffnung hingeben zu dürfen, Sie würden gleich merken, daß ich bloß um Ihretwillen so auf alles geachtet und nur beachtet, was ich beobachtet zu haben glaube, weil mich das Interesse, das Sie daran nehmen, dazu anspornte. Wahrhaftig, Sie dürfen mir glauben, das ist die Ursache. Und nun habe ich für den gegenwärtigen Brief mit dieser Sache abgeschlossen und weiß nur wenig mehr zu sagen. Wir sind alle sehr wohl, und Fanny macht jeden Tag Fortschritte. Sie können sich kaum denken, wie freundlich sie gegen mich ist, und welche Mühe sie sich mit mir gibt. Sie hat einen Verehrer, der ihr gefolgt ist, erst den ganzen Weg von der Schweiz, dann den ganzen Weg von Venedig, und der mir eben anvertraut hat, daß er ihr überall hin zu folgen gedenke. Ich war sehr in Verlegenheit, als er mit mir davon sprach, aber er wollte nicht anders. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, zuletzt sagte ich ihm jedoch, daß ich es für besser halte, wenn er es nicht tun würde. Denn Fanny (das sagte ich ihm jedoch nicht) ist viel zu gescheit und gewandt, um für ihn zu taugen. Er sagte aber dennoch, er würde bei seinem Vorsatz beharren. Ich habe natürlich keinen Verehrer. Wenn Sie je soweit in diesem lange Briefe kommen, so werden Sie vielleicht sagen, gewiß wird Klein-Dorrit nicht schließen, ohne mir etwas von ihren Reisen zu sagen, und sicher ist es jetzt auch Zeit dazu. Wahrhaftig der Meinung bin ich auch, aber ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Seit wir Venedig verließen, waren wir in vielen wundervollen Städten, wie Genua und Florenz, und haben so viele wundervolle Eindrücke gehabt, daß mir beinahe schwindlig wird, wenn ich an die große Masse von Dingen denke. Aber Sie könnten mir so viel mehr davon erzählen, als ich Ihnen, daß ich nicht wüßte, weshalb ich Sie mit meinen Berichten und Schilderungen ermüden sollte. Lieber Mr. Clennam, da ich den Mut hatte, Ihnen zu sagen, in welch stille Verlegenheit früher diese Reiseeindrücke meinen Geist versetzten, so will ich auch jetzt nicht verzagt sein. Einer meiner häufigsten Gedanken ist der: So alt diese Städte sind, ist mir ihr Alter kaum so merkwürdig und bietet mir kaum so viel Stoff zum Nachdenken als der Umstand, daß sie die ganze Zeit an ihrem Orte standen, während ich von der Existenz von zweien oder dreien höchstens etwas wußte und kaum etwas außerhalb unserer alten Mauern kannte. Es liegt etwas Melancholisches in dem Gedanken, und doch weiß ich nicht warum. Als wir neulich den berühmten schiefen Turm zu Pisa betrachteten, war's ein heller sonniger Tag, und der Turm und die Gebäude ringsumher sahen so alt aus und die Erde und der Himmel so jung und der Schatten auf dem Boden so weich und ruhig! Ich konnte anfangs gar nicht an das Schöne und Interessante dieses Bildes denken, sondern ich mußte mir sagen: »Oh, wie viele Male, wenn der Schatten der Mauer auf unser Zimmer fiel und die müden Schritte im Hofe drunten auf und ab gingen, – oh, wie viele Male war dieser Platz ebenso still und lieblich wie heute!« Es hat mich ganz überwältigt. Mein Herz war so voll, daß mir die Tränen aus den Augen traten, obgleich ich mir alle Mühe gab, sie zurückzuhalten. Und ich habe dasselbe Gefühl oft – oft. Wissen Sie, daß ich, seit die Veränderung in unsern Vermögensverhältnissen eingetreten ist, obgleich mir ist, als träumte ich öfter denn zuvor, immer von mir geträumt habe, als wäre ich sehr jung? Ich sei nicht sehr alt, werden Sie sagen. Nein, das ist's aber auch nicht, was ich meine. Ich träumte immer von mir, als wäre ich ein Kind, das nähen lernt. Ich träumte oft von mir, als wäre ich wieder dort, schaute auf wenig bekannte Gesichter im Hofe drunten, die ich glauben sollte, ganz vergessen zu haben, aber ebensooft bin ich auf Reisen – in der Schweiz oder Frankreich oder Italien – irgendwo, wo wir gewesen sind – aber immer als das kleine Kind. Mir träumte, ich sei zu Mrs. General mit den geflickten Kleidern hinabgegangen, in denen ich mich meiner zuerst erinnerte. Gar häufig träumte mir, ich setze mich in Venedig in großer Gesellschaft zu Tisch in Trauer um meine arme Mutter, in den Kleidern, die ich trug, als ich acht Jahre alt war, und noch lange trug, nachdem sie ganz fadenscheinig geworden und sich nicht mehr flicken lassen wollten. (5s hat mir großen Kummer gemacht, wenn ich daran dachte, wie wenig passend die Gesellschaft meine Erscheinung zu dem Reichtum meines Vaters finden werde, und wie sehr ich mir sein und Fannys und Edwards Mißfallen und Ungnade dadurch zuziehen würde, daß ich so offen zur Schau trage, was sie geheimzuhalten wünschen. Aber ich bin bei diesem Gedanken doch nicht älter geworden; und im selben Moment träumte mir, ich hätte mit Kopfweh am Tisch gesessen und hätte die Kosten des Diners berechnet und wäre ganz verrückt geworden bei dem Gedanken, wie das wieder gutgemacht werden sollte. Ich habe nie von den Veränderungen in unsern Vermögensverhältnissen geträumt! Nie vor jenem denkwürdigen Morgen, als Sie mit mir nach Hause gingen, um es meinem Vater mitzuteilen; ich habe sogar von Ihnen nie geträumt. Lieber Mr. Clennam, es ist möglich, daß ich an Sie – und andere – bei Tage so oft gedacht habe, daß ich des Nachts keine Gedanken mehr übrig habe, die sich mit Ihnen beschäftigen konnten. Denn ich muß Ihnen jetzt gestehen, daß ich an Heimweh leide – daß ich mich so lebhaft und ernstlich nach der Heimat sehne, daß ich mich manchmal, wenn es niemand sieht, recht darob abhärme. Der Gedanke ist mir unerträglich, mein Gesicht noch weiter davon abzuwenden. Mein Herz wird mir etwas leichter, wenn wir uns der Heimat zukehren, und wären's auch nur ein paar Meilen, wenn ich selbst weiß, daß wir bald wieder umkehren müssen. So teuer ist mir der Schauplatz meiner Armut und Ihrer Güte. Oh, so teuer, oh, so teuer! Der Himmel weiß, wann Ihr armes Kind England wiedersehen wird. Allen (außer mir) gefällt das Leben hier sehr, und es ist noch kein Projekt wegen unserer Heimkehr zur Sprache gekommen, 3I?ein Vater spricht davon, daß er nächsten Frühling wegen einiger Vermögensangelegenheiten nach London gehen werde, aber ich habe keine Hoffnung, daß er mich mitnehmen wird. Ich habe mir Mühe gegeben, unter Mrs. Generals Anleitung einige Fortschritte zu machen, und ich hoffe, daß ich nicht mehr ganz so schwerfällig bin wie früher. Ich fange an, die schweren Sprachen, von denen ich Ihnen sagte, ziemlich leicht zu verstehen und zu sprechen. Ich erinnerte mich nicht, als ich Ihnen das letztemal schrieb, daß Sie beide beherrschen, aber es fiel mir später ein, und das half mir vorwärts. Gott segne Sie, lieber Mr. Clennam. Vergessen Sie nicht Ihre ewig dankbare und ergebene Klein-Dorrit. P. S. Besonders vergessen Sie nicht, daß Minnie Gowan des besten Andenkens würdig ist, das Sie ihr weihen können. Sie vermögen nicht zu edel oder zu hoch von ihr zu denken. Ich vergaß das letztemal Mr. Pancks. Bitte, wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn freundlichst von Ihrer Klein-Dorrit. Er war immer sehr gut gegen Klein-Dorrit. Zwölftes Kapitel In welchem eine große patriotische Konferenz gehalten wird. Der berühmte Name Merdle wurde mit jedem Tage berühmter im Lande. Niemand wußte, daß dieser hochberühmte Merdle je irgend jemand, sei er noch am Leben oder bereits verstorben, oder überhaupt irgendeinem Ding auf Erden irgend etwas Gutes erwiesen; niemand wußte, daß er irgendeine Fähigkeit oder einen Willen besaß, die je für irgendein Geschöpf auch nur den schwächsten Lichtstrahl auf irgendeinen Pfad der Pflicht oder Erholung, des Kummers oder Vergnügens, der Anstrengung oder Ruhe, der Wirklichkeit oder Phantasie unter all den zahlreichen Pfaden jenes Labyrinthes geworfen, in dem sich die Söhne Adams bewegen; niemand fühlte den geringsten Grund anzunehmen, daß der Stoff, aus dem dieser Gegenstand der Verehrung gemacht war, anderer Art sei als der allergewöhnlichste Ton, und dazu mit einem so klumpigen, rauchenden Docht, wie je ein Menschenbild, ehe es auseinanderfiel. Alle Leute wußten oder glaubten zu wissen, daß er sich ungeheuer bereichert, und aus diesem Grunde allein warfen sie sich vor ihm nieder, und zwar auf eine entwürdigendere und unentschuldbarere Weise als der roheste Wilde, der aus seiner Höhle aus der Erde kriecht, um in einem Klotz oder Reptil die Gottheit seiner nachtumhüllten Seele gnädig für sich zu stimmen. Ja, die Hohenpriester dieses Kultus hatten den Mann vor sich als einen Protest gegen ihre Niedrigkeit. Die Masse huldigte auf den Glauben hin – obgleich immer genau wissend warum –, aber die den Kultus verrichtenden Priester am Altare hatten gewöhnlich den Mann selbst vor Augen. Sie saßen bei seinen Festen, und er saß bei ihren Festen. Immer begleitete ihn ein Gespenst, das zu diesen Hohepriestern sagte: »Sind das die Zeichen, an die ihr glaubt und denen zu huldigen euch Vergnügen macht? Dieser Kopf, diese Augen, diese Art zu sprechen, der Ton und das Wesen dieses Mannes? Ihr seid die Stützen des Circumlocution Office und die Beherrscher der Menschen. Wenn ein halbes Dutzend von euch handgemein werden, so scheint die Mutter Erde keine andern Beherrscher mehr zeugen zu können. Liegt eure Berechtigung in der besseren Kenntnis der Menschen, die diesen Mann empfängt, denen er hofiert und die er stolz macht? Oder, wenn ihr imstande seid, die Zeichen richtig zu beurteilen, die ich nie verfehle, euch zu zeigen, wenn er unter euch erscheint, ist es denn eure größere Redlichkeit, die euch dazu berechtigt?« Zwei ziemlich häßliche Fragen, die immer mit Mr. Merdle in der Stadt umhergehen; und es war stillschweigend allgemein angenommen worden, daß man sie niederhalten müsse. Während der Abwesenheit von Mrs. Merdle im Auslande hielt Mr. Merdle das Haus beständig für den großen Strom von Besuchen offen. Einige wenige von diesen nahmen freundlich Besitz von dem Hause. Drei bis vier Damen von Rang und lebhaftem Wesen pflegten zueinander zu sagen: »Wir wollen Donnerstag bei unserm lieben Merdle essen. Wen werden wir einladen?« Unser lieber Merdle erhielt dann seine Instruktion und saß schwerfällig unter der Gesellschaft bei Tisch und ging später schläfrig in seinen Empfangzimmern umher, einzig dadurch auffallend, daß er gar nichts mit der Unterhaltung, die lebhaft im Gange war, zu tun zu haben schien. Der Oberhaushofmeister, der Rachegeist im Leben dieses großen Mannes, verlor nichts von seiner Strenge. Er sah bei diesen Diners, solange der Busen nicht da war, zu, wie er bei den andern Diners zugesehen, wenn der Busen da war; und sein Auge war ein Basilisk für Mr. Merdle. Er war ein strenger Mann und hätte nicht eine Unze Speise oder eine Flasche abgezogen. Er würde nicht erlaubt haben, daß ein Diner gegeben werde, wenn er nicht hätte zusehen können. Er arrangierte die Tafel für seine eigene Würde. Wenn die Gäste das zu genießen beliebten, was serviert wurde, hatte er nichts dagegen: aber serviert wurde es zur Aufrechthaltung seines Ranges. Wenn er so an dem Nebentisch stand, schien er sagen zu wollen: »Ich habe das Amt übernommen, das, was vor mir ist, zu beaufsichtigen und nichts Geringeres als dies zu beaufsichtigen.« Wenn er den Vorsitzenden Busen vermißte, so war es gewissermaßen ein Teil seiner eigenen Würde, dessen er, aus unabweisbaren Gründen, für den Augenblick beraubt war. Gerade wie wenn er einen Tischaufsatz oder einen kostbaren Weinkühler vermißte, die zum Bankier geschickt wären. Mr. Merdle ließ Einladungen zu einem Barnaclediner ergehen. Lord Decimus sollte daran teilnehmen, Mr. Tite Barnacle sollte teilnehmen, der angenehme junge Barnacle sollte teilnehmen; und Bankier Merdle. der Chorus der Parlamentarbarnacles, die in den Provinzen umherzogen, wenn das Haus geschlossen war, und den Ruhm ihres Anführers sangen, auch diese sollten teilnehmen. Natürlich war dies ein großartiges Ereignis. Mr. Merdle wollte die Barnacles bei sich sehen. Einige zarte kleine Geschäfte waren zwischen ihm und dem edlen Decimus zustande gebracht worden – der junge Barnacle mit den einnehmenden Manieren hatte den Unterhändler gemacht –, und Mr. Merdle hatte beschlossen, das Gewicht seiner großen Rechtlichkeit und großen Reichtümer in die Wagschale der Barnacles zu werfen. Mäkelei war den Arglistigen verdächtig: vielleicht weil es unleugbar, daß, wenn die Ergebenheit des unsterblichen Menschenfeindes durch Mäkeln hätte gewonnen werden können, die Barnacles es sicher getan hätten – zum Besten des Landes, natürlich zum Besten des Landes. Mr«. Merdle hatte an diesen ihren herrlichen Gemahl, den als etwas Geringeres anzusehen als alle britischen Kaufleute seit den Tagen Whittingtons Sir Richard (Dick) Whittington, berühmter Lordmayor von London, gestorben 1423. zusammengenommen, und drei Fuß tief vergoldet, Ketzerei war – sie hatte von Rom an ihren Gemahl mehrere Briefe hintereinander geschrieben, worin sie ungestüm in ihn drang, daß jetzt oder nie die Zeit sei, für Edmund Sparkler zu folgen. Mrs. Merdle hatte ihm gezeigt, daß die Sache Edmunds dringend sei, und daß unendliche Vorteile daraus für ihn entständen, wenn er etwas Gutes sogleich bekäme. In der Grammatik von Mrs. Merdles auf diese Sache sich beziehenden Zeitwörtern war nur ein Modus: der Imperativ; und dieser Modus hatte nur eine Zeit: das Präsens. Mrs. Merdles Zeitwörter wurden Mr. Merdle so dringend zum Konjungieren empfohlen, daß sein träges Blut und seine langen Rockaufschläge in große Bewegung kamen. In diesen, Zustande der Aufregung hatte Mr. Merdle – dessen Blicke sich ausweichend um des Oberhaushofmeisters Schuhe hin und her bewegten, ohne sich zu dem Index der Gedanken dieser ungeheuren Kreatur zu erheben, – Mr. Merdle hatte ihm seine Absicht kundgetan, ein spezielles Diner zu geben: nicht ein sehr großes Diner, sondern ein spezielles Diner. Der Oberhaushofmeister hatte darauf kundgetan, daß er nichts dagegen einzuwenden habe, wenn das Diner noch so kostbar sei und er es überwachen werde: und der Tag des Diners war nun erschienen. Mr. Merdle stand in einem seiner Empfangszimmer, den Rücken dem Feuer zugekehrt und die Ankunft seiner wichtigen Gäste erwartend, da. Er nahm sich selten oder nie die Freiheit, mit dem Rücken an seinem Feuer zu stehen, wenn er nicht ganz allein war. In Gegenwart des Oberhaushofmeisters hätte er so etwas nicht getan. Er würde sich selbst in seiner Konstablerart am Handgelenk ergriffen haben und auf dem Teppich vor dem Kamin auf und ab gegangen sein oder wäre unter den rauhen Möbeln hin und her geschlichen, wenn sein tyrannischer Diener in diesem Augenblick im Zimmer erschienen wäre. Die hinterlistigen Schatten, die aus ihrem Versteck hervorzukommen schienen, wenn das Feuer emporflackerte, und sich wieder in dasselbe zurückzogen, wenn das Feuer zusammensank, waren der Zeugen genug, wenn er seiner Bequemlichkeit pflegte. Sie waren sogar mehr als genug, wenn man seinem scheuen Blick auf sie einen Gedanken unterschob. Mr. Merdles rechte Hand war voll von Abendzeitungen und die Abendzeitungen waren voll von Mr. Merdle. Sein erstaunliches Unternehmen, sein erstaunlicher Reichtum, seine erstaunliche Bank war das mästende Futter der Abendzeitung dieses Tages. Die wundervolle Bank, deren Hauptbesitzer, Begründer und Vorstand er war, bildete das jüngste der vielen Wunder Merdles. Bei alledem und mitten in diesen prachtvollen Unternehmungen war Mr. Merdle so bescheiden, daß er weit eher wie ein Mann aussah, der sein gepfändetes Haus nur noch für den Augenblick besaß, als wie ein Handelskoloß, der auf seinem eigenen Kaminteppich stand, während die kleinen Schiffe zum Diner einliefen. Betrachtet mal die in den Hafen steuernden Schiffe! Der gewinnende junge Barnacle war der erste, der kam; aber Advokat holte ihn auf der Treppe ein. Advokat, wie gewöhnlich durch sein doppeltes Augenglas und seine kleine Juryverbeugung unterstützt, war außerordentlich erfreut, den gewinnenden jungen Barnacle zu sehen, und sprach die Vermutung aus, daß sie beide »in Banco« zu sitzen beabsichtigten, wie wir Advokaten das heißen, wenn wir einen ausgezeichneten Fall haben. »Gewiß«, sagte der geistreiche junge Barnacle, der Ferdinand hieß: »Wieso?« »Nun«, lächelte Advokat, »Wenn Sie nicht wissen, wie kann ich wissen? Sie stehen ja im Allerheiligsten des Tempels; ich bin einer von der bewundernden Masse draußen auf dem freien Feld.« Advokat konnte einen leichten oder schweren Ton anschlagen, je nach dem Manne, mit dem er es zu tun hatte. Mit Ferdinand Barnacle scherzte er. Advokat war ferner immer bescheiden und schien sich zu unterschätzen, aber auf seine Art. Advokat war ein Mann von sehr verschiedenem Wesen in seinem Benehmen: aber ein roter Faden Durch alle Taue, Seile usw., die zur engl. Marine gehören, zieht sich ein roter Faden. zog sich durch das Gewebe aller seiner Muster. Jeder, mit dem er zu tun hatte, war in seinen Augen ein Geschworener; und diesen Geschworenen mußte er herumkriegen, wenn er konnte. »Unser hochberühmter Wirt und Freund«, sagte Advokat, »unser glänzender Handelsstern, will sich in die Politik hineinbegeben.« »Hineinbegeben? Er war einige Zeit, wie Sie wissen, im Parlament«, versetzte der gewinnende junge Barnacle. »Allerdings«, sagte Advokat, mit seinem feinkomischen Lachen für ausgezeichnete Geschworene, das sehr verschieden war von dem niedrigkomischen Lachen für drollige Krämer bei gewöhnlichen Jurys, »er war einige Zeit im Parlamente. Aber bis jetzt war unser Stern ein unruhiger und schwankender Stern? Hm?« Ein gewöhnlicher Zeuge wäre durch dieses »Hm?« zu einer bejahenden Antwort verführt worden. Aber Ferdinand Barnacle sah Advokat pfiffig an, während sie hinaufschlenderten, und gab ihm durchaus keine Antwort. »Jawohl, jawohl«, sagte Advokat, mit dem Kopfe nickend, denn er war nicht auf solche Weise abzuspeisen, »und deshalb sprach ich davon, daß wir in Banco sitzen werden, um eine wichtige Sache zu erledigen – das heißt, es werde ein großer und feierlicher Anlaß sein, wo, wie Kapitän Macheath sagt, 'die Richter versammelt sind: ein furchtbarer Anblick!' Wir Advokaten sind sehr liberal, wie Sie sehen, wir zitieren den Kapitän, obgleich der Kapitän sehr streng gegen uns ist. Nichtsdestoweniger glaube ich nachweisen zu können, daß der Kapitän zugibt«, sagte Advokat mit einem leichten scherzhaften Schütteln seines Kopfes, denn bei seinen gerichtlichen rednerischen Ergießungen nahm er immer die Miene an, als hätte er auf die liebenswürdigste Weise von der Welt sich selbst zum besten, »daß der Kapitän zugibt, das Gesetz habe im ganzen die Absicht, unparteiisch zu sein. Denn, wie der Kapitän sagt, wenn ich ihn richtig zitiere – und wenn nicht –« fügte er hinzu, indem er mit seinem Doppelglas feinkomisch die Schulter seines Begleiters berührte, »wird mich mein gelehrter Freund berichtigen: ›Seitdem's Gesetze gibt für jeden Grad, Verbrechen fein zu wenden und zu drehen. Begreif' ich nicht, daß auf dem Rad Wir nicht die nobelste Gesellschaft sehen‹« Diese Worte brachten sie nach dem Empfangszimmer, wo Mr. Merdle vor dem Fenster stand. Mr. Merdle war so verwundert, als er Advokat mit einem solchen Zitat im Munde eintreten sah, daß Advokat sich dahin erklärte, er habe Gay zitiert. »Allerdings keine von unsern Westminster-Hall-Autoritäten«, sagte er, »aber doch keineswegs einer, der von einem Manne verschmäht zu werden verdient, der die große praktische Weltkenntnis Mr. Merdles besitzt.« Mr. Merdle sah aus, als ob er etwas sagen wollte, sah aber später wieder aus, als wenn er nichts sagen wollte. Die Pause, die dadurch eintrat, erlaubte, daß man Bischof meldete. Bischof trat sehr demütig, und doch mit festem und raschem Schritte ein, als ob er seine Siebenmeilenstiefel anzuhaben und eine Reise um die Welt zu machen wünschte, um zu sehen, ob alles in befriedigendem Zustande sei. Bischof hatte keine Idee, daß diese Gesellschaft eine besondere Bedeutung habe. Dies war der bemerkenswerteste Zug in seinem Benehmen. Er war höflich, frisch, heiter, leutselig, sanft: aber außerordentlich unschuldig! Advokat kam herbei, um sich auf die höflichste Weise nach dem Befinden von Mrs. Bischof zu erkundigen. Mrs. Bischof habe sich unglücklicherweise bei einer Konfirmation etwas erkältet, im übrigen sei sie jedoch wohl. Der junge Mr. Bischof sei ebenfalls wohl. Er befinde sich mit seiner jungen Frau und seinen kleinen Kindern bei seiner Seelsorge. Die Repräsentanten des Barnaclechorus liefen darauf ein und nach ihnen Mr. Merdles Arzt. Advokat, der ein bißchen von seinem Auge und ein bißchen von seinem Doppelglas für jeden Eintretenden hatte, gleichgültig, mit wem er sprach oder wovon er sprach, kam auf geschickte Weise mit allen in Berührung, ohne daß man sah, wie er sich an sie machte, und wußte jeden einzelnen Jurymann an seiner besonderen Liebhaberei zu packen. Mit einigen vom Chorus lachte er über das schläfrige Mitglied, das vergangene Nacht ins Vorzimmer hinausgegangen und dann falsch gestimmt hatte: mit andern bedauerte er den Neuerungsgeist der Zeit, der nicht mal daran gehindert werden könne, ein unnatürliches Interesse an dem Staatsdienst und dem Staatsgeld zu nehmen; mit dem Arzt wußte er ein Wort über den allgemeinen Gesundheitszustand zu sprechen; er hatte sich zu gleicher Zeit eine Belehrung bei ihm zu holen, bezüglich eines Handwerkers von unleugbarer Erziehung und artigen Manieren – aber derartige Beglaubigungen in ihrer größten Entfaltung, meinte er, seien im Besitze anderer Bekenner der Heilkunst (Juryverbeugung) –, den er zufällig vorvorgestern unter den beschworenen gehabt, und von dem er durch Querfragen herausgebracht hatte, daß er einer der Ausleger der neuen Heilkunst sei, die Advokat wirklich – ja – hm – Advokat scheine es so; Advokat habe gedacht und gehofft, der Arzt werde ihm das sagen. Ohne sich herauszunehmen zu entscheiden, wo Ärzte nicht einer Meinung seien, wolle es Advokat doch, wenn er es als eine Frage des gemeinen Menschenverstandes und nicht der sogenannten gesetzlichen Ergründung betrachte, bedenken, dieses neue System sei – wenn er das in Gegenwart einer so großen Autorität aussprechen dürfe, Humbug. Ah! gestützt auf solche Ermutigung könne er schon wagen, Humbug zu sagen; und nun fühlte sich Advokats Geist erleichtert. Mr. Tite Barnacle, der wie Dr. Johnsons berühmte Bekanntschaft nur eine Idee in seinem Kopfe hatte, und zwar eine, die falsch war, erschien inzwischen. Dieser ausgezeichnete Mann und Mr. Merdle, die nach verschiedenen Richtungen blickend und wie Wiederkäuer aussehend auf einer gelben Ottomane im Licht des Feuers dasaßen, ohne in einem mündlichen Verkehr miteinander zu stehen, hatten eine große Ähnlichkeit mit den beiden Kühen auf dem Bilde von Cuyp, die ebenfalls abgewandt voneinander dasitzen. Aber nun kam Lord Decimus. Der Oberhaushofmeister, der sich bisher auf einen Teil seiner gewöhnlichen Funktionen beschränkt hatte, indem er die eintretende Gesellschaft ansah (und dies mit mehr Trotz als Gnade), schritt so weit aus seinem Kreise, daß er heraufkam und ihn anmeldete. Da Lord Decimus ein Pair von überwältigendem Eindruck war, so schloß ein schüchternes junges Mitglied des Unterhauses, das der letzte von den Barnacles gefangene Fisch war und zu diesem Diner zur Erinnerung an seinen Fang eingeladen worden, die Augen, als Seine Lordschaft eintrat. Lord Decimus war nichtsdestoweniger sehr erfreut, das Mitglied zu sehen. Er war ebenfalls erfreut, Mr. Merdle zu sehen, erfreut, Bischof zu sehen, erfreut, den Arzt zu sehen, erfreut, Tite Barnacle zu sehen, erfreut, den Chorus zu sehen, erfreut, Ferdinand, seinen Privatsekretär, zu sehen. Lord Decimus, obgleich einer der Größten auf Erden, zeichnete sich nicht durch einschmeichelnde Manieren aus, und Ferdinand hatte ihn bis zu dem Punkt gefahren, von wo er alle, die er hier finden sollte, überschauen und ihnen sagen konnte, daß er erfreut sei, sie zu sehen. Als er diesen ungestümen Anlauf von Lebhaftigkeit und Herablassung hinter sich hatte, brachte sich Seine Lordschaft in dem Gemälde von Cuyp an und bildete die dritte Kuh in der Gruppe. Advokat, der fühlte, daß er die ganze Jury für sich gewonnen und sich nun an den Obmann machen müsse, kam bald, das Doppelglas in der Hand, herbeigeschlichen. Advokat bot das Wetter, als einen Gegenstand, der ziemlich fernab von offizieller Zurückhaltung liegt, der Erwägung des Obmannes an. Advokat versicherte, man habe ihm gesagt (wie man immer jedermann sagt, obgleich, wer es sagt und warum, stets ein Geheimnis bleiben wird), daß es in diesem Jahre kein Spalierobst geben werde. Lord Decimus hatte bis jetzt noch nicht gehört, daß seine Pfirsiche Schaden genommen, er glaube jedoch, wenn seine Leute recht hätten, daß er keine Äpfel bekommen werde. Keine Äpfel? Advokat war ganz aufgelöst in Erstaunen und Bestürzung. Es wäre ihm wirklich völlig einerlei gewesen, wenn es keinen einzigen Apfel auf der ganzen Erde gegeben hätte, aber das Interesse, das er an dieser Apfelfrage zur Schau trug, war wirklich schmerzlich. Welcher Ursache aber, Lord Decimus – denn wir schwierigen Advokaten wollen immer belehrt sein und können nicht sagen, wie sich uns das noch nützlich erweist –, welcher Ursache, Lord Decimus, ist das zuzuschreiben? Lord Decimus war außerstande, eine Theorie darüber aufzustellen. Damit hätte sich ein anderer Mensch begnügt: Advokat jedoch, der nicht davon losließ, fragte mit unermüdlichem Interesse: »Aber was nun die Birnen betrifft?« Lange, nachdem Advokat Generalfiskus geworden, wurde dies von ihm als ein Meisterstreich erzählt. Lord Decimus erinnerte sich eines Birnbaumes, der früher in einem Garten nahe an der Rückmauer des Hauses seiner Wirtin in Eton stand, auf dem der einzige Scherz in seinem Leben immerfort blühte. Es sei ein Scherz von kompakter und tragbarer Natur, der sich um den Unterschied zwischen Eton-Birnen und Parlamentspairs drehte: aber es sei ein Scherz, dessen Feinheit man, nach Lord Decimus' Ansicht, gar nicht verstehen könnte, wenn man den Baum nicht ganz genau kenne. »Deshalb hatte die Geschichte anfangs keine Idee von einem solchen Baum, Sir, dann fand sie ihn nach und nach im Winter, brachte ihn durch die übrigen Jahreszeiten, sah ihn keimen, blühen, Früchte tragen, die Frucht reifen, kurz, kultivierte den Baum, ehe sie aus dem Schlafzimmerfenster die Früchte stahl, in jener fleißigen und sorgfältigen Weise, daß verspätete Lauscher ihren Dank aussprachen, daß der Baum von Lord Decimus Zeit gepflanzt und gepfropft worden war. Advokats Interesse an den Äpfeln wurde durch die entzückte Teilnahme, mit der er die Fortschritte dieser Birnen verfolgte, von dem Augenblick an, als Lord Decimus feierlich begann: »Da Sie die Birnen erwähnen, so erinnern Sie mich an einen Birnbaum«, bis zu dem prachtvollen Schluß: »Und so kommen wir durch die verschiedenen Wechsel des Lebens von Etonbirnen zu Parlamentspairs«, so sehr überboten, daß er mit Lord Decimus die Treppe hinabgehen und sich sogar neben ihn bei Tische setzen mußte, um die Anekdote zu Ende zu hören. Advokat fühlte nun, daß er den Obmann gewonnen und mit gutem Appetit zu Tische gehen könne. Es war einer Diner, das den Appetit hätte wecken können, selbst wenn Advokat keinen gehabt hätte. Die seltensten Speisen, üppig gekocht und prachtvoll serviert; die ausgesuchtesten Früchte; die feinsten Weine; Wunder von Arbeit in Gold und Silber, Porzellan und Glas; unzählige Dinge, köstlich für Geschmack, Geruch und Gesicht, wurden zusammen aufgestellt. Oh! was für ein herrlicher Mann, dieser Merdle, was für ein großer Mann, was für ein ausgezeichneter Mann, wie gesegnet und in welch beneidenswerten Verhältnissen – mit einem Worte, was für ein reicher Mann! Er nahm seine gewöhnliche Achtzehnpennyportion in seiner unverdaulichen Weise zu sich und hatte so wenig für sich zu sagen wie je ein ausgezeichneter Mann. Glücklicherweise war Lord Decimus einer von jenen erhabenen Männern, die es nicht nötig haben, daß man mit ihnen spricht, denn sie können jederzeit genugsam sich mit ihrer eigenen Größe beschäftigen. Dies gestattete auch dem jungen schüchternen Mitglied, zuweilen seine Augen lange genug offen zu halten, um seine Speisen zu sehen. Sobald Lord Decimus jedoch sprach, schloß er sie wieder. Der angenehme junge Barnacle und Advokat waren die Sprecher der Gesellschaft. Bischof wäre gleichfalls außerordentlich angenehm gewesen, wenn seine Unschuld nicht im Wege gestanden. Auf diese Weise mußte er bald zurückstehen. Wenn auf irgend etwas nur hingedeutet wurde, daß etwas zu profitieren sei, so war er alsbald verloren. Weltliche Angelegenheiten waren ihm zu schwierig; er konnte nicht mit ihnen zurechtkommen. Dies zeigte sich namentlich, als Advokat gelegentlich sagte, es freue ihn, zu hören, daß man bald das Vergnügen und den Vorteil haben sollte, den gesunden einfachen Scharfsinn – nicht den demonstrativen und prunkenden, sondern den durch und durch gesunden und praktischen – Scharfsinn des gemeinschaftlichen Freundes Edmund Sparkler in die gute Seite einreihen zu dürfen. Ferdinand Barnacle lachte und sagte: ja, er glaube es. Ein Votum sei ein Votum und immer annehmbar. Advokat bedauerte, den lieben Freund Sparkler heute vermissen zu müssen. »Er ist auf Reisen mit Mrs. Merdle«, versetzte Mr. Merdle, langsam aus seinem tiefen Sinnen erwachend, während er einen Löffel in seinen Ärmel schob, »es ist nicht unumgänglich notwendig, daß er zur Stelle sei.« »Der Zauber des Namens Merdle genügt vollkommen«, sagte Advokat mit der Juryverbeugung. »O – ja – ich glaube wohl«, stimmte Mr. Merdle bei, indem er den Löffel weglegte und linkisch jede seiner Hände in den Rockärmel der andern steckte. »Ich glaube, die Leute dort, die mir verbunden sind, werden keine Schwierigkeiten machen.« »Ausgezeichnete Leute, Muster von Menschen!« sagte Advokat. »Ich freue mich, daß Sie denselben Ihren Beifall schenken«, sagte Merdle. »Und die Leute an den andern beiden Orten«, fuhr Advokat mit einem Blitzen seines scharfen Auges fort, während er sich leicht seinem herrlichen Nachbar zuwandte, »wir Advokaten sind immer neugierig, forschen alles aus, speichern Kleinigkeiten in unsern Flickwerkköpfen auf, da man nie wissen kann, wo es noch irgendwo zu brauchen ist; – wie steht es mit den Leuten an den beiden andern Orten? Sind sie auf ebenso lobenswerte Weise dem großen und kumulativen Einflusse eines so unternehmungsreichen und berühmten Mannes zugänglich? Lassen sich diese kleinen Wässerchen so ruhig und leicht, und wie durch den Einfluß von Naturgesetzen, so schön von dem majestätischen Strome verschlingen, der auf seinem bewundernswürdigen Wege das umliegende Land fruchtbar macht, daß sich ihr Lauf berechnen und genau vorhersagen läßt?« Mr. Merdle, den Advokats Beredsamkeit etwas in Verlegenheit setzte, sah unruhig einige Augenblicke auf die nächste Salzbüchse und sagte dann zögernd: »Sie kennen ihre Pflicht gegen die Gesellschaft ganz genau. Sie werden jeden wählen, den ich ihnen zu diesem Zwecke sende.« »Sehr erfreulich«, sagte Advokat, »sehr erfreulich, das zu erfahren.« Die drei fraglichen Orte waren drei kleine faule Löcher dieser Insel, in denen drei kleine, unwissende, betrunkene, schlemmende, schmutzige, vollmachtgebende Körperschaften wohnten, die in Mr. Merdles Tasche geschwankt waren. Ferdinand Barnacle lachte auf seine behagliche Weise und sagte lustig, das sei eine hübsche Gesellschaft. Bischof, der innerlich auf Friedenspfaden wandelte, war ganz gedankenabwesend. »Bitte«, fragte Lord Decimus, indem er seine Blicke an der Tafel umherlaufen ließ, »was ist das für eine Geschichte, die ich hörte, von einem Gentleman, der lange in einem Schuldgefängnisse gesessen, inzwischen aber nachgewiesen hat, daß er aus reicher Familie sei, und nun eine große Menge Geld geerbt hat? Ich hörte auf sehr verschiedene Art davon sprechen. Wissen Sie etwas davon, Ferdinand?« »Ich weiß nur so viel«, sagte Ferdinand, »daß er dem Departement, dem ich anzugehören die Ehre habe«, – dieser glänzende junge Barnacle sagte die Phrase in scherzhaftem Tone, als wollte er sagen: wir wissen, was wir von diesen Redeformeln zu denken haben, aber wir müssen darauf halten, wir dürfen sie nicht fallen lassen, – »endlose Verlegenheit bereitet hat und uns in unzählige Scheidewasser tauchte.« »Scheidewasser?« wiederholte Lord Decimus mit so majestätischem Hin- und Herwägen des Wortes, daß das schüchterne Mitglied die Augen fest schloß. »Scheidewasser?« »Es war ein sehr schwieriges Geschäft«, bemerkte Mr. Lite Barnacle mit dem Ausdruck tiefen Grolls. »Welcher Art«, sagte Lord Decimus, »war dieses Geschäft? Welcher Art war dieses – ha – Scheidewasser, Ferdinand?« »O, diese Geschichte ist so gut, wie je eine war«, versetzte dieser Gentleman, »eine Sache in ihrer Art so gut wie nur möglich. Dieser Mr. Dorrit (sein Name ist Dorrit) hat sich ganze Menschenalter, ehe die Fee aus der Bank kam und ihm sein Vermögen gab, gegen eine Kaution, die er unterzeichnete, für den Vollzug eines Kontraktes verbindlich gemacht, der nicht vollzogen worden war. Er war Teilhaber eines großen Geschäftes, das in Spirituosen oder Knöpfen oder Wein oder Stiefelwichse oder Hafermehl oder Wollwaren oder Schweinefleisch oder Haften und Haken oder Eisen oder Sirup oder Schuhen oder dem einen oder andern für Ausrüstung von Soldaten oder Matrosen oder in sonst etwas machte; das Haus fallierte, und wir waren unter den Gläubigern; man legte von seiten der Krone den gesetzmäßigen Beschlag auf dasselbe und so fort. Als die Fee erschien und er uns zu bezahlen wünschte, da waren wir mitten in einem solch exemplarischen Kollationieren und Gegenkollatonieren, Signieren und Kontrasignieren begriffen, daß es sechs Monate dauerte, bis wir wußten, wie wir das Geld in Empfang nehmen und eine Bescheinigung dafür geben sollten. Es war ein Triumph der Staatsgeschäfte«, sagte der hübsche junge Barnacle, indem er herzlich lachte. »Sie haben in Ihrem ganzen Leben noch keine solche Masse von Akten gesehen. »Ja«, sagte der Bevollmächtigte eines Tages zu mir, »wenn ich von diesem Bureau zwei- oder dreitausend Pfund zu bekommen wünschte, statt daß ich sie jetzt ihm auszahlen will, ich könnte kaum so viel Mühe haben.« – »Sie haben ganz recht, mein Lieber« sagte ich, »künftig werden Sie wissen, daß wir hier etwas zu tun haben.«« Der angenehme junge Barnacle schloß, indem er abermals herzlich lachte. Er war wirklich ein gewandter, angenehmer, junger Mann, und seine Manieren waren außerordentlich einnehmend. Die Art, wie Mr. Tite Barnacle die Sache ansah, war weniger leichtfertig. Er nahm es übel auf, daß Mr. Dorrit dem Departement durch die Absicht zu bezahlen Mühe gemacht hatte und betrachtete es als eine gröbliche Verletzung der Form, es nach so vielen Jahren zu tun. Aber Mr. Tite Barnacle war ein zugeknöpfter Mann und folglich ein gewichtiger Mann. Alle zugeknöpften Männer haben Gewicht. Allen zugeknöpften Männern wird Glauben geschenkt. Ob nun die zusammengehaltene und nie geübte Kraft des Aufknöpfens die Leute bezaubert; ob man glaubt, die Weisheit werde größer und stärker, wenn sie zugeknöpft sei, und verdampfe, wenn sie aufgeknöpft werde – soviel ist gewiß, daß der Mann, dem man Bedeutung und Wichtigkeit zuschreibt, der zugeknöpfte Mann ist. Mr. Tite Barnacle würde in den Augen der Leute nicht halb den Wert gehabt haben, den man ihm jetzt zuerkannte, wenn sein Rock nicht immer bis unter die weiße Krawatte zugeknöpft gewesen wäre. »Darf ich fragen«, sagte Lord Decimus, »ob Mr. Dorrit – oder Dorrit – Familie hat?« Da niemand sonst antwortete, sagte der Wirt: »Er hat zwei Töchter, Mylord.« »Oh! Sie sind mit ihm bekannt?« fragte Lord Decimus. »Mrs. Merdle ist mit ihnen bekannt. Und Mr. Sparkler ebenfalls. Ja«, sagte Mr. Merdle, »ich glaube sogar, daß eine von den jungen Damen Eindruck auf Edmund Sparkler gemacht hat. Er ist sehr empfänglich und – ich – glaube – die Eroberung –« hier stockte Mr. Merdle und sah auf das Tischtuch, was er gewöhnlich tat, wenn er sich beobachtet sah oder merkte, daß man ihm zuhörte. Advokat war außerordentlich erfreut, zu vernehmen, daß die Familie Merdle und diese Familie bereits in Berührung miteinander standen. Er setzte mit leiser Stimme dem Bischof über den Tisch hinüber auseinander, daß es eine Art analogen Beispiels zu dem physischen Gesetze sei, nach welchem Gleiches und Gleiches sich anziehe. Er betrachtete diese Anziehungskraft, die der Reichtum für den Reichtum habe, als etwas merkwürdig Interessantes und Sonderbares, – etwas, das auf unerklärliche Weise mit dem Magnet und dem Gesetze der Gravitation zusammenhänge. Bischof, der wieder auf die Erde herabgefallen war, als das gegenwärtige Gesprächsthema auf das Tapet gebracht wurde, stimmte zu. Er sagte, es sei allerdings höchst wichtig für die Gesellschaft, daß jemand, der sich plötzlich und unerwartet in der versuchungsvollen Lage sehe, mit der Kraft für das Gute und das Böse in der Gesellschaft ausgerüstet zu sein, sozusagen in der höheren Kraft einer legitimeren und riesenhafteren Potenz sich aufhebe, deren Einfluß (wie in dem Fall mit unserm Freund, an dessen Tisch wir sitzen) gewöhnlich mit den besten Interessen der Gesellschaft im Einklang stehe. Auf solche Weise bekämen wir, statt zwei rivalisierender und wetteifernder Flammen, einer größeren und einer geringeren, von denen jede ein trübes und unsicheres Licht verbreite, wenn sie zusammen als eins brennen, ein sanftes Licht, dessen angenehmer Strahl eine gleichmäßige Wärme durch das Land verbreite. Bischof schien seine Art, die Sache darzustellen, sehr zu lieben und verweilte deshalb lange dabei: Advokat (der keinen Geschworenen verlieren wollte) hatte das Ansehen, als säße er zu seinen Füßen und erquicke sich an seinen Lehren. Da das Diner und Dessert drei Stunden lang dauerte, wurde das schüchterne Mitglied in dem Schatten von Lord Decimus rascher kühl, als er durch Speise und Trank warm geworden, und hatte nur ein Frösteln davon. Lord Decimus schien, wie ein großer Turm in einer flachen Gegend, seinen Schatten über das Tischtuch zu werfen, das Licht von dem ehrenwerten Mitgliede abzuhalten, das Mark des ehrenwerten Mitgliedes zu kühlen und ihm eine traurige Idee von Entfernung zu geben. Als er diesen unglücklichen Wanderer aufforderte, Wein zu trinken, hüllte er die schwankenden Schritte desselben in die dunkelsten Schatten, und als er sagte: »Ihre Gesundheit, Sir!« war alles rings um ihn her öde und trostlos. Endlich begann Lord Decimus, mit einer Kaffeetasse in der Hand, unter den Bildern umherzuschweben und die interessante Erwägung in allen Gemütern hervorzurufen, wann er wohl aufhören würde, herumzuschweben, damit die kleineren Vögel in den zweiten Stock hinaufflattern könnten, was nicht anging, ehe er seine edlen Flügel in dieser Richtung geschwungen. Nach einigem Verweilen vor den Bildern und mehrmaligem Ausbreiten seiner Flügel, das zu nichts geführt, schwang er sich zu den Empfangszimmern empor. Und hier entstand nun eine Schwierigkeit, die immer entsteht, wenn zwei Menschen speziell bei einem Diner zusammengebracht werden, um miteinander zu verhandeln. Jedermann (mit Ausnahme Bischofs, der keine Ahnung davon hatte) wußte genau, daß das Diner ausdrücklich gegessen und getrunken worden war, damit Lord Decimus und Mr. Merdle ein Gespräch von fünf Minuten miteinander führen könnten. Die so künstlich vorbereitete Gelegenheit war nun da, aber es schien von diesem Augenblick an kein einfach menschlicher Scharfsinn imstande zu sein, die beiden Häuptlinge in dasselbe Zimmer zu bringen. Mr. Merdle und sein edler Gast trieben sich beständig an den entgegengesetzten Enden der Perspektive umher. Es war vergeblich, daß der einnehmende Ferdinand Barnacle Lord Decimus veranlaßte, die bronzenen Pferde in der 3^ähe von Mr. Merdle sich anzusehen. Denn Mr. Merdle wich aus und schlich weg. Es war vergeblich, daß er Mr. Merdle zu Lord Decimus brachte, um ihm die Geschichte der Dresdener Vasen, die einzig in ihrer Art waren, zu erzählen. Denn nun wich Lord Decimus aus und schlich weg, während er seinen Mann im Auge behielt. »Haben Sie je etwas dergleichen gesehen?« sagte Ferdinand zu Advokat, als er zwanzigmal gefoppt war. »Oft!« versetzte Advokat. »Wenn ich nicht den einen von beiden in eine bestimmte Ecke dränge und Sie den andern«, sagte Ferdinand, »so bringt man die Sache nicht zustande.« »Ganz wohl«, sagte Advokat. »Ich will Merdle auf mich nehmen, aber nicht Mylord.« Ferdinand lachte mitten in seinem Ärger. »Zum Teufel mit beiden!« sagte er, auf seine Uhr sehend. »Ich sollte weggehen. Warum können sie auch, beim Teufel, nicht zusammenkommen. Sie wissen ja beide, was sie wünschen, und zu tun beabsichtigen. Sehen Sie sie nur einmal an!« Sie zeigten sich beide an den entgegengesetzten Seiten, jeder mit dem absurden Gebaren, als wenn er nicht an den andern dächte, was nicht augenscheinlich lächerlicher hätte sein können, wenn es mit Kreide auf ihren Rücken geschrieben gewesen wäre. Bischof, der eben zu Advokat und Ferdinand getreten war, dessen Unschuld jedoch ihn abermals von der Sache ausgeschlossen und ihn in süßes Öl gewickelt hatte, sah man nun sich Lord Decimus nähern und ein Gespräch mit ihm anknüpfen. »Ich glaube, ich muß Mr. Merdles Arzt zu bekommen suchen, daß er ihn festhält«, sagte Ferdinand; »und dann muß ich an meinen berühmten Verwandten Hand legen und ihn zu der Konferenz ködern, wenn ich kann, oder förmlich ziehen, wenn mir das erstere nicht gelingt.« »Da Sie mir die Ehre erweisen«, sagte Advokat mit dem schlauesten Lächeln, »meine geringe Unterstützung in Anspruch zu nehmen; so ist sie mit größtem Vergnügen Ihnen zugesagt. Ich glaube nicht, daß es ein Mann tun kann. Wenn Sie jedoch versuchen wollen, den Lord in jenem entfernten Empfangzimmer, wo er jetzt im Gespräch vertieft ist, festzuhalten, so will ich versuchen, unsern lieben Merdle ebenfalls dahin zu bringen, ohne daß es ihm möglich werden soll, mir zu entwischen.« »Top!« sagte Ferdinand. »Top!« sagte Advokat. Advokat, der einen prachtvollen und höchst interessanten Anblick bot, wenn er sein Doppelglas an dem Bande lustig schweben ließ und sich freundlich vor einer ganzen Welt von Geschworenen verbeugte, Advokat stand plötzlich auf die scheinbar zufälligste Weise neben Mr. Merdle und ergriff diese Gelegenheit, eines kleinen Punktes zu erwähnen, über den er durch das Licht seiner praktischen Kenntnisse aufgeklärt zu sein wünschte. (Dabei nahm er Mr. Merdle beim Arme und führte ihn unvermerkt weg.) Ein Bankier, den er A.B. nennen wolle, leihe eine beträchtliche Summe Geldes, die er zu fünfzehntausend Pfund annehmen wolle, einem seiner Klienten oder Kunden, den er P.Q. nennen wolle. (Dabei hielt er Mr. Merdle fest im Arme, da sie Lord Decimus näher kamen.) Als Sicherheit für die Rückerstattung der Anleihe, die P.Q. gemacht, die er als verwitwete Dame annehmen wolle, wurden in A.B.'s Händen die Besitzdokumente eines Freiguts deponiert, die er Blinkitter Doddles nennen wolle. Nun sei die Sache die. Ein begrenztes Recht, in den Wäldern von Blinkitte Doddles Holz zu fällen, habe der Sohn von P.Q. besessen, der zu jener Zeit bereits majorenn gewesen und den er X.N. nennen wolle – aber nein, das wäre nicht recht. In Gegenwart von Lord Decimus unfern Wirt mit der trockenen Spreu der Gesetze hinzuhalten, wäre wirklich zu schlecht! Ein andermal. Advokat bedauerte wirklich und wollte kein Wort weiter sagen. Vielleicht gönne ihm Bischof ein halbes Dutzend Worte? (Er hatte Mr. Merdle auf ein Sofa dicht neben Lord Decimus niedergesetzt, und nun mußte die Sache in Gang kommen oder nie mehr.) Und nun stand die ganze übrige Gesellschaft, lebhaft erregt und begierig, immer mit Ausnahme Bischofs, der nicht die leiseste Idee hatte, daß irgend etwas vorging, in einer Gruppe um den Kamin im nächsten Zimmer und gab sich das Ansehen, als ob sie über eine Menge kleiner Gesprächsgegenstände unbefangen plauderte, während im stillen aller Augen und Gedanken nach dem abgesonderten Paare schweiften. Der Chorus war ausnehmend ängstlich besorgt, da ihn vielleicht die bange Ahnung quälte, daß ihm etwas Bedeutendes entzogen werden sollte. Bischof allein sprach ruhig und unbekümmert fort. Er sprach mit dem großen Arzt über die Abspannung der Kehle, mit der junge Geistliche so häufig behaftet seien, und die Mittel, dem häufigen Vorkommen dieses Übels in der Kirche vorzubeugen. Der Arzt meinte, es sei im allgemeinen die beste Art dies zu vermeiden, wenn man wisse, wie man lesen solle, falls man das Lesen zur Profession mache. Bischof sagte zweifelnd, ob das wirklich seine Ansicht sei? Und der Arzt sagte, ganz entschieden sei das seine Ansicht. Ferdinand war indes der einzige, der außerhalb des Kreises umherscharmützelte; er hielt ungefähr die Mitte zwischen diesem und den beiden, als wenn eine chirurgische Operation von Lord Decimus an Mr. Merdle oder von Mr. Merdle an Lord Decimus vorgenommen würde und seine Dienste zum Verbande jeden Augenblick notwendig sein könnten. Wirklich rief Lord Decimus nach einer Viertelstunde: »Ferdinand!«, und er ging hinein und nahm für fünf Minuten eine Stelle bei der Konferenz ein. Dann machte sich ein halbunterdrücktes Aufatmen unter der Gesellschaft Luft: denn Lord Decimus stand auf, um Abschied zu nehmen. Wiederum von Ferdinand nach dem Punkt geleitet, wo er sich herablassend zeigen konnte, schüttelte er der ganzen Gesellschaft auf die glänzendste Weise die Hand und sagte sogar zu Advokat: »Ich hoffe. Sie fühlen sich nicht durch meine Birnen verletzt?« Worauf Advokat entgegnete: »Eton, Mylord, oder Parlament?« was deutlich zeigte, daß er den Scherz verstanden hatte, da er darauf einging und zuletzt noch zart zu verstehen gab, daß er ihn sein ganzes Leben nicht vergessen werde. All die große Bedeutung, die in Mr. Tite Barnacle eingeknöpft war, entfernte sich hierauf: nach diesem Ferdinand, der in die Oper ging. Einige von den übrigen blieben noch ein wenig, indem sie goldene Likörgläser durch klebrige Ringe mit Boule-Tischen vermählten, auf die Gefahr hin, daß Mr. Merdle etwas sage. Aber Mr. Merdle, der wie gewöhnlich träumerisch und verdrießlich in seinen Empfangszimmern umherschlenderte, sagte nie ein Wort. Einige Tage später wurde der ganzen Stadt verkündigt, daß Edmund Sparkler, Esquire, der Stiefsohn des ausgezeichneten, weltberühmten Mr. Merdle, einer der Lords des Circumlocution Office geworden: und allen Treugläubigen wurde proklamiert, daß diese herrliche Ernennung als ein dankbares und schönes Zeichen der Huldigung begrüßt werden müsse, die der dankbare und herrliche Lord Decimus dem kommerziellen Interesse darbringe, das stets in einem großen Handelsstaat – und so weiter mit Pauken und Trompeten. Durch diesen Beweis der Huldigung gehoben, nahmen die herrliche Bank und alle übrigen herrlichen Unternehmungen ihren Fortgang: und Gaffer kamen nach Harley Street, Cavendish Square, nur um das Haus zu betrachten, wo das goldene Wunder lebte. Und wenn sie den Oberhaushofmeister sahen, der in seinen herablassenden Augenblicken zur Flurtür herausschaute, sagten sich die Gaffer, wie reich er aussehe, und hätten gar gern gewußt, wieviel Geld er in der prachtvollen Bank habe. Aber wenn sie diese respektable Nemesis besser gekannt hätten, würden sie nicht neugierig gewesen sein und den Betrag mit der größten Genauigkeit haben angeben können. Dreizehntes Kapitel. Der Fortschritt einer Epidemie. Daß es mindestens ebenso schwierig sei, einer moralischen Ansteckung Einhalt zu tun als einer physischen; daß eine solche Krankheit mit der Bösartigkeit und Raschheit der Pest umsichgreife; daß die Ansteckung, wenn sie mal begonnen, keinen Stand und Beruf schone, sondern sich auf Leute von der besten Gesundheit werfe und an den unempfänglichsten Konstitutionen hervorbreche, ist eine durch die Erfahrung ebensosehr bestätigte Tatsache, als daß wir menschlichen Geschöpfe in einer Atmosphäre atmen. Ein unschätzbares Glück wäre es für alle, wenn die Angesteckten, in deren Schwäche und Verdorbenheit sich der Giftstoff erzeugte, augenblicklich festgenommen und in strengen Gewahrsam gebracht (wir wollen nicht gerade sagen summarisch erstickt) werden könnten, ehe der Giftstoff sich weiter zu verbreiten imstande wäre. Wie ein großes Feuer die Luft weit in der Runde mit seinem Krachen erfüllt, so ließ die heilige Flamme, die die mächtigen Barnacles angefacht, die Luft immer weiter und weiter von dem Namen Merdle erschallen. Er ertönte von jeder Lippe und klang in jedes Ohr. Ein Mann wie Mr. Merdle existierte außer ihm nicht, hatte niemals existiert und konnte niemals wieder existieren. Niemand, wie wir früher erwähnten, wußte, was er getan; aber jedermann wußte, daß er das größte Wunder sei, das jemals existierte. Im Bleeding Heard Yard, wo es keinen unverwendeten halben Penny gab, nahm man ebenso lebhaftes Interesse an diesem Ausbund von Menschen als an der Fondsbörse. Mrs. Plornish, nunmehr Inhaberin eines kleinen Spezerei- und Allerleikrams in einem kleinen Laden am lebhaftesten Ende des Hofes, oben an der Treppe, in dem ihr kleiner alter Vater und Maggy sie unterstützten, predigte gewöhnlich ihren Kunden über den Ladentisch hinüber von ihm. Mr. Plornish, der einen kleinen Anteil an dem Geschäft eines kleinen Bauunternehmens in der Nachbarschaft hatte, sagte, mit der Kelle in der Hand, wenn er oben auf den Gerüsten oder auf den Dachziegeln der Häuser stand, wie die Leute ihm erzählten, sei Mr. Merdle der Mann, »der alles in bezug auf das, was wir alle erwarten, sage ich euch, ins Geleise bringen könnte und, sage ich euch, soviel wir brauchen, sicher auch ins Haus schaffen wird.« Von Mr. Baptist, dem einzigen Mieter von Mr. und Mrs. Plornish, flüsterten sich die Leute zu, er lege die Ersparnisse, die er bei seinem einfachen und mäßigen Leben mache, zurück, um sie in einer oder der andern von Mr. Merdles Unternehmungen anzulegen. Die Bewohnerinnen des Bleeding Heard Yard teilten, wenn sie ihr Lot Tee und ihren Zentner Klatsch holten, Mr. Plornish mit, daß, wie sie von ihrer Base Mary Anne gehört hätten, die in diesem Fache arbeite, die Kleider von Mrs. Merdle drei Frachtwagen füllen würden. Daß sie eine so schöne Frau sei, wie nur irgendwo eine existierte, und einen Busen habe wie Marmor. Daß, soviel sie gehört, ihr Sohn aus einer früheren Ehe bei der Regierung angestellt worden; daß dieser erste Gemahl derselben ein General gewesen, und Armeen habe er ins Feld geführt und sei siegreich aus dem Kampfe hervorgegangen, wenn man alles glauben dürfe, was erzählt werde. Daß man behaupte, Mr. Merdle habe gesagt, wenn sie es ihm der Mühe wert machten, das ganze Ministerium zu übernehmen, wollte er es ohne Profit tun, aber es übernehmen und dabei verlieren könne er nicht. Daß jedoch nicht zu erwarten gewesen, er würde verlieren, denn seine Wege seien, ohne Übertreibung dürfe man das sagen, mit Gold gepflastert; daß es aber sehr zu bedauern wäre, daß man nicht etwas Hübsches zusammengeschossen, um ihm die Übernahme der Mühe wert zu machen; denn solche und nur solche Leute wüßten, wie hoch das Brot und das Fleisch im Preise gestiegen; und solche und nur solche Leute könnten und würden die teuren Preise wieder herunterbringen. So epidemisch und heftig war das Fieber im Bleeding Heard Yard, daß es selbst an Mr. Pancks' Einsammlungstagen nicht von den Patienten wich. Die Krankheit nahm bei solchen Gelegenheiten die eigentümliche Form an, daß die Kranken eine unergründliche Entschuldigung und einen unerschöpflichen Trost in Anspielungen auf den Zaubernamen fanden. »Nun denn!« sagte Mr. Pancks gewöhnlich zu einem säumigen Mietmann, »bezahlen Sie! Vorwärts!« »Ich habe es nicht«, antwortet der Säumige. »Ich sage Ihnen die Wahrheit, wenn ich behaupte, ich habe auch nicht einen einzigen Sixpence.« «Das geht nicht, wie Sie wissen«, versetzt dann Mr. Pancks. »Sie werden doch nicht glauben, daß das gehen kann?« Der Schuldner gibt mit einem niedergeschlagenen »Nein, Sir«, zu, daß er das selbst nicht glaube. »Mein Hauseigentümer läßt sich das nicht gefallen, wie Sie sich denken können«, antwortet Mr. Pancks. »Er schickt mich nicht deshalb her. Bezahlen Sie! Vorwärts!« Der Schuldner antwortet dann: »Ach, Mr. Pancks. Wenn ich der reiche Herr wäre, dessen Name in jedermanns Munde ist, – wenn ich Merdle hieße, Sir, würde ich augenblicklich bezahlen und mit Freuden bezahlen.« Zwiegespräche über die Mietefrage fanden gewöhnlich an den Haustüren oder in den Gängen statt und dies in Gegenwart verschiedener tief teilnehmender »blutender Herzen«. Eine Anspielung dieser Art rief stets bei ihnen ein leises zustimmendes Gemurmel hervor, als ob jene ganz überzeugend wäre; und der säumige Schuldner, mochte er auch vorher noch so ratlos und niedergeschlagen sein, fühlte sich davon immer ein wenig getröstet. »Wenn ich Mr. Merdle wäre, Sir, so sollten Sie keine Ursache haben, über mich zu klagen. Nein, wahrhaftig nicht!« fährt der Schuldner mit Kopfschütteln fort. »Ich würde dann so rasch bezahlen, Mr. Pancks, daß Sie das Geld gar nicht erst zu verlangen brauchten.« Dabei hörte man abermals das zustimmende Gemurmel, das sagen wollte, es sei unmöglich, etwas Besseres vorzubringen, und es stehe dem Bezahlen wohl am nächsten. Mr. Pancks sah sich dann genötigt, während er die Sache in sein Notizbuch eintrug, sich mit den Worten zu begnügen: »Gut! Sie werden Exekution ins Haus bekommen und hinausgesetzt werden; das ist's, was Sie treffen wird. Das nützt nichts, mir da von Mr. Merdle vorzuschwatzen. Sie sind mal nicht Mr. Merdle, so wenig wie ich.« »Nein, Sir,« antwortete der Schuldner. »Ich wünschte nur, Sie wären es, Sir.« »Sie wären nachsichtiger gegen uns, wenn Sie Mr. Merdle wären, Sir,« fuhr dann der Schuldner, mutiger werdend, fort, »und es wäre besser für alle Teile. Besser für uns und besser für Sie. Sie würden dann nicht nötig haben, uns zu quälen, und brauchten sich selbst auch nicht zu quälen. Es würde Ihnen leichter ums Herz sein, Sir, und Sie würden milder gegen andre sein, wenn Sie Mr. Merdle wären.« Mr. Pancks, den diese unpersönlichen Komplimente immer sehr verblüfften, erholte sich nie wieder nach einem solchen Angriff. Er konnte nur an seinen Nägeln beißen und auf den nächsten säumigen Schuldner losdampfen. Der Chorus der »blutenden Herzen« sammelte sich dann um den Schuldner, den er soeben verlassen, und die übertriebensten Gerüchte in Beziehung auf die Masse baren Geldes in Mr. Merdles Besitz gingen dann zu ihrem nicht geringen Tröste im Kreise herum. Nach einer der vielen solchen Niederlagen an einem der vielen Zinstage machte Mr. Pancks nach Beendigung der Tagesgeschäfte, mit seinem Notizbuch unter dem Arm, einen Besuch in Mr. Plornishs Winkel. Mr. Panck's Zweck war nicht geschäftlicher, sondern sozialer Natur. Er hatte einen schweren Tag gehabt und bedurfte einiger Erheiterung. Er stand jetzt auf freundschaftlichem Fuße mit der Familie Plornish, da er oft bei ähnlichen Gelegenheiten sie besucht und mit ihnen von Miß Dorrit geplaudert und Erinnerungen ausgetauscht hatte. Mrs. Plornishs Wohnstübchen hinter dem Laden war nach ihrer eigenen Angabe eingerichtet und gemalt worden und bot auf der Seite des Ladens ein kleines Phantasiestück, das Mrs. Plornish große Freude machte. Dieser poetische Reiz, der dem Stübchen gegeben wurde, bestand darin, daß man die Wand so gemalt, daß sie das Äußere einer strohgedeckten Hütte darstellte: der Künstler hatte (so effektvoll, als es die höchst unproportionierten Verhältnisse nur erlaubten) die wirkliche Tür und das wirkliche Fenster darauf angebracht. Die bescheidene Sonnenblume und die Rosenpappel waren in üppiger Pracht und großem Gedeihen vor dieser ländlichen Wohnung dargestellt, während eine dicke Masse Rauchs, die aus dem Kamin aufstieg, von dem guten Leben drinnen oder vielleicht davon zeugte, daß er lange nicht gekehrt worden. Ein treuer Hund war in dem Moment dargestellt, wie er von der Schwelle auffährt und dem befreundeten Besucher an die Füße springt: ein rundes Taubenhaus, von einer Wolke Tauben umhüllt, erhob sich hinter dem Gartengeländer. An der Tür, wenn sie geschlossen war, befand sich ein Messingschild mit der Aufschrift: »Glückshütte, T. und M. Plornish«: die beiden Namen gehörten Mann und Frau. Keine Poesie und keine Kunst hatte je größeren Reiz für die Phantasie, als die Verbindung beider in dieser gemalten Hütte für Mrs. Plornish hatte. Es war ihr einerlei, daß Plornish die Gewohnheit hatte, sich daran zu lehnen, wenn er nach der Arbeit seine Pfeife rauchte, wenn sein Hut den Taubenschlag und alle Tauben verdeckte, wenn sein Rücken das Haus verschwinden ließ und seine Hände in der Tasche den blühenden Garten ausrodeten und das ganze umliegende Land wüstlegten. Für Mrs. Plornish blieb es immer ein außerordentlich schönes Hüttchen, eine herrliche Täuschung; und sie machte sich nichts daraus, daß Mr. Plornishs Auge einige Zoll über dem Giebelschlafzimmer im Dache war. Nachdem der Laden geschlossen war, hinauszukommen und ihren Vater ein Lied drinnen singen zu hören, war für sie ein wahrhaftes ländliches Fest, das goldne Zeitalter war wieder angebrochen. Und wahrhaftig, wenn diese herrliche Zeit hätte wiederkehren können oder überhaupt je existiert hätte, so möchte man bezweifeln, ob sie je herzlicher bewundernde Töchter hätten zeugen können als diese arme Frau. Von dem Klingeln an der Ladentür aufmerksam gemacht, kam sie aus der »Glückshütte«, um zu sehen, wer es sei. »Ich dachte mir's doch, daß Sie es sein würden, Mr. Pancks«, sagte sie, »denn es ist Ihr gewöhnlicher Abend, nicht wahr? Sehen Sie, hier ist auch schon der Vater auf den Klang der Glocke wie ein flinker junger Ladendiener herbeigeeilt. Sieht er nicht prächtig aus? Vater freut sich mehr, daß Sie es sind, als wenn's ein Kunde wäre, denn er plaudert gar zu gern: und wenn die Rede auf Miß Dorrit kommt, so ist ihm das um so lieber. Sie haben Vater noch nie so gut bei Stimme gehört wie gegenwärtig«, sagte Mrs. Plornish, und ihre eigne Stimme zitterte vor Stolz und Freude. »Er hat uns vergangenen Abend Strophen in einer Weise gesungen, daß Plornish aufstand und ihm folgende Rede über den Tisch hinüber hielt: ›John Edward Nandy‹, sagte Plorish zum Vater, ›ich habe Euch nie solchen Triller singen hören wie heute abend.‹ Ist das nicht wohltuend, Mr. Pancks; nicht wahr?« Mr. Pancks, der den Alten in seiner freundlichsten Weise angeschnaubt hatte, antwortete bejahend und fragte beiläufig, ob der muntre Altrobursche schon da sei? Mrs. Plornish antwortete, nein, noch nicht, er sei mit einer Arbeit nach dem Westend gegangen und habe gesagt, er wolle zur Teezeit wieder da sein. Mr. Pancks wurde dann gastfreundlich eingeladen, in die »Glückshütte« zu treten, wo er den älteren Master Plornish fand, der eben aus der Schule gekommen war. Als er den jungen Schüler über die Fortschritte, die er heute in der Schule gemacht, leicht examinierte, fand er, daß die vorgerückteren Schüler, die schon große Buchstaben und das M. schrieben, als Vorschrift die Worte »Merdle, Millionen« erhalten hatten. »Und wie geht es Ihnen im Geschäft, Mrs. Plornish«, sagte Pancks, »da wir gerade von Millionen sprechen?« »Es geht seinen soliden Gang, Sir«, versetzte Mrs. Plornish. »Lieber Vater, würdest du wohl in den Laden gehen und das Fenster ein wenig putzen, ehe der Tee fertig ist, du verstehst das so vortrefflich.« John Edward Nandy humpelte hinaus, ganz vergnügt, den Wunsch seiner Tochter erfüllen zu können. Mrs. Plornish, die immer bei Erwähnung von Geldangelegenheiten vor dem alten Mann in tödlicher Verlegenheit war, da sie befürchtete, eine ihrer Äußerungen möchte seinen Stolz verletzen und ihn verleiten, wieder in das Armenhaus zu gehen, konnte nun ganz offenherzig gegen Mr. Pancks sein. »Es ist wahr, daß das Geschäft seinen soliden Gang geht«, sagte Mrs. Plornish, indem sie leiser sprach, »und auch eine ausgezeichnete Kundschaft hat. Das einzige, was ihm im Wege steht, Sir, ist der Kredit.« Diese Fatalität, die die meisten Leute, die in Geschäftsbeziehung zu den Bewohnern des »blutenden Herzens« standen, in ihrer ganzen Strenge fühlten, war ein großer Stein des Anstoßes für das Geschäft von Mrs. Plornish. Als Mr. Dorrit sie in dem Laden eingerichtet hatte, legten die »blutenden Herzen« eine große Rührung und den festen Entschluß an den Tag, sie dabei zu unterstützen, ein Zug, der der menschlichen Natur große Ehre macht. Anerkennend, daß sie als ein langjähriges Mitglied ihrer Gemeinde einen Anspruch auf ihre Großmut habe, verpflichteten sie sich mit lebhafter Teilnahme, komme was da wolle, bei Mrs. Plornish zu kaufen und ihre Gönnerschaft keinem andern Geschäft zuzuwenden. Von diesen edlen Gefühlen getragen, hatten sie sich sogar etwas übernommen und Luxus im Ankauf von Waren in dem Spezereigeschäft getrieben, indem sie die Linie überschritten, die sie sonst gewöhnlich zogen: dabei entschuldigten sie sich gegenseitig damit, wenn sie zu viel täten, geschehe es ja nur für eine Nachbarin und Freundin: für wen sollte man denn über die Schnur hauen, wenn nicht für eine solche? So unterstützt ging das Geschäft außerordentlich glänzend, und die vorrätigen Artikel gingen reißend ab. Kurz, wenn die »blutenden Herzen« nur bezahlt hätten, wäre das Geschäft ein äußerst brillantes gewesen: da sie sich jedoch ausschließlich aufs Borgen verlegten, so hatten die wirklich realisierten Gewinne noch nicht begonnen, sich in den Büchern zu zeigen. Mr. Pancks machte ein wahres Stachelschwein aus sich, indem er bei der Betrachtung dieser Sachlage sich beständig durch die Haare strich, als der alte Mr. Nandy, mit geheimnisvoller Miene wieder in die Hütte tretend, die Anwesenden aufforderte, hinauszukommen und zu sehen, wie seltsam sich Mr. Baptist gebare, dem etwas begegnet sein müsse, das ihn erschreckt hätte. Alle drei gingen in den Laden hinaus und sahen durch das Fenster, wie Mr. Baptist, blaß und aufgeregt, folgende Wunderlichkeiten den Zuschauern zum besten gab. Zuerst gewahrte man ihn, wie er oben an der Treppe, die in den Hof hinabführte, die Straße hinauf und hinab blickte, wobei er mit dem Kopf vorsichtig dicht an der Ladentür hervorlugte. Nach sehr ängstlichem Forschen kam er aus seinem Hinterhalt hervor und ging rasch die Straße hinab, als wenn er ganz fortgehen wollte: dann kehrte er plötzlich um und ging im selben Schritt und mit derselben Verstellung die Straße hinauf. Als er ebensoweit die Straße hinauf als hinunter gegangen war, ging er quer über den Weg und verschwand. Was dieses letzte Manöver beabsichtigte, ward erst klar, als er von der Treppe herab plötzlich in den Laden trat, woraus hervorging, daß er einen großen und versteckten Umweg an Doyce und Clennam vorbei gemacht haben und dann gerade über den Hof gelaufen sein mußte. Er war deshalb, wie man sich denken kann, ganz außer Atem, und sein Herz schien rascher zu schlagen als die kleine Ladenglocke, die von seinem hastigen Türzuwerfen hinter ihm zitterte und klingelte. »Hallo, alter Junge!« sagte Mr. Pancks. »Altro, alter Bursche! Was gibt's?« Mr. Baptist oder Signor Cavaletto verstand nunmehr das Englische beinahe so gut als Mr. Pancks selbst und konnte es auch sehr gut sprechen. Nichtsdestoweniger mischte sich Mrs. Plornish, mit verzeihlichem Stolz auf ihr Talent, das sie zu allem nur nicht zur Italienerin machte, als Dolmetscherin in das Gespräch. »Ich fragen«, sagte Mrs. Plornish, »was geschehen sein?« »Kommen Sie in die kleine ›Glückshütte‹, Padrona«, versetzte Mr. Baptiste, indem er noch verstohlener als gewöhnlich mit verkehrter Hand den rechten Zeigefinger rückwärtsdrehte. »Kommen Sie!« Mrs. Plornish war stolz auf den Titel Padrona, dem sie nicht so sehr die Bedeutung Herrin vom Hause als Meisterin der italienischen Sprache beilegte. Sie erfüllte deshalb augenblicklich Mr. Baptists Wunsch, und sie traten alle in die Hütte. »Ich hoffe, Sie sein nicht erschrocken«, sagte Mrs. Plornish und machte sich mit ihrem gewöhnlichen Reichtum an Auswegen zum Dolmetscher gegenüber von Mr. Pancks. »Was geschehen sein? Padrona wünsche wissen?« »Ich habe jemand gesehen«, versetzte Baptist. »Ich habe ihn rincontrato.« »Ihn? wer ihn sein?« fragte Mrs. Plornish. »Ein schlechter Mann. Der schlechteste Mensch. Ich hoffte, ihn nie wieder in meinem Leben zu sehen.« »Wie wissen, daß schlecht sein?« fragte Mrs. Plornish. »Das ist gleichgültig, Padrona. Ich weiß es nur zu gut.« »Er Euch aber gesehen?« fragte Mr. Plornish. »Nein, ich hoffe nicht. Ich glaube nicht.« »Er sagte«, erklärte dann Mrs. Plornish, sich mit gnädiger Herablassung an ihren Vater und Mr. Pancks wendend, »daß er einem schlechten Mann begegnet sei, jedoch hoffe, nicht von ihm gesehen worden zu sein. Nun«, fragte Mr. Plornish, zum italienischen Idiom zurückkehrend, »warum hoffen, daß schlechter Mann Euch nicht gesehen?« »Beste Padrona«, versetzte der kleine Ausländer, den sie so gnädig beschützte, »bitte, fragen Sie nicht. Noch einmal sage ich, es ist gleichgültig. Ich will ihn nicht sehen, ich will nicht von ihm gekannt sein – nimmer, nimmer. Genug, Schönste. Lassen wir die Sache!« Der Gegenstand war ihm so unangenehm und brachte seine gewöhnliche Munterkeit in solche Verwirrung, daß Mrs. Plornish sich enthielt, weiter in ihn zu dringen, um so mehr, als der Tee schon einige Zeit auf dem Feuer gezogen hatte. Aber sie war nichtsdestoweniger sehr überrascht und neugierig, wenn sie auch keine Fragen mehr an ihn richtete; das gleiche war mit Mr. Pancks der Fall, dessen ausdrucksvolles Atmen, seit der kleine Mann eingetreten war, sehr schwerfällig geworden, wie bei einer Lokomotive, die mit einer großen Last einen steilen Abhang hinaufarbeitet. Maggy, die jetzt besser gekleidet war als früher, aber dem monströsen Charakter ihrer Haube treu geblieben, hatte seit dem ersten Augenblick mit offenem Mund und Augen im Hintergrund gestanden, und die starrenden und gaffenden Augen verloren nichts an Breite durch die vorzeitige Beseitigung der Sache. Wenn auch nicht mehr von der Sache geredet wurde, schien man doch von allen Seiten noch daran zu denken; selbst den beiden kleinen Plornishs ging die Sache nicht aus dem Kopf, denn sie nahmen an dem Abendessen in einer Weise teil, als wenn das Essen von Butter und Brot beinahe überflüssig würde durch die peinliche Wahrscheinlichkeit, daß der schlimmste aller Menschen ehestens erscheinen werde, um sie alle aufzuessen. Mr. Baptist begann nach und nach etwas munterer zu werden; aber er verließ nicht einen Augenblick den Stuhl, den er hinter der Tür und dicht am Fenster eingenommen, obgleich es nicht sein gewöhnlicher Platz war. Sooft die kleine Glocke klang, fuhr er zusammen und sah versteckt hinaus, mit dem Zipfel des kleinen Vorhangs in der Hand und dem übrigen vor dem Gesicht, offenbar nichts weniger als beruhigt, daß der Gefürchtete trotz all seiner Umwege und Schliche mit der furchtbaren Sicherheit eines Bluthundes ihn ausfindig machen würde. Das Kommen von zwei oder drei Kunden und von Mr. Plornish, was verschiedene Male Unruhe hervorbrachte, veranlaßte Mr. Baptist häufig genug, seine Manöver zu machen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu richten. Der Tee war getrunken und die Kinder zu Bett, und Mrs. Plornish brachte bereits den schüchternen Wunsch vor, ihr Vater möchte ihnen Chloë singen, als die Glocke wiederum ertönte und Mr. Clennam eintrat. Clennam hatte lange über seinen Büchern und Briefen gesessen; denn die Wartezimmer des Circumlocution Office raubten ihm viel Zeit. Außerdem war er sehr niedergebeugt und unruhig durch den jüngsten Vorfall in seiner Mutter Hause. Er sah angegriffen und verlassen aus. Er fühlte es auch; aber nichtsdestoweniger ging er von seinem Kontor nach diesem Ende des Hofes, um ihnen mitzuteilen, daß er einen weiteren Brief von Miß Dorrit erhalten habe. Diese Neuigkeit machte in der Hütte eine Sensation, die die allgemeine Aufmerksamkeit von Mr. Baptist ablenkte. Maggy, die sich alsbald in den Vordergrund drängte, schien die Nachrichten von ihrer kleinen Mutter gleicherweise mit Ohren, Nase, Mund und Augen einzusaugen, nur daß die letzteren von Tränen verschleiert waren. Sie war besonders erfreut, als Clennam ihr versicherte, daß es in Rom Spitäler gebe, und zwar sehr gut eingerichtete Spitäler. Mr. Pancks stieg im Ansehen, weil er in dem Briefe besonders erwähnt war. Jedermann war erfreut und voll Teilnahme und Clennam für seine Mühe wohl belohnt. »Aber Sie sind müde, Sir. Lassen Sie mich eine Tasse Tee für Sie zurechtmachen«, sagte Mrs. Plornish, »wenn Sie sich herablassen wollen, eine solche in der Hütte anzunehmen, und vielen Dank auch, daß Sie uns so freundlich im Andenken behalten.« Mr. Plornish, der es für seine Pflicht als Wirt hielt, seine persönliche Anerkennung hinzuzufügen, brachte sie in der Form vor, die immer sein höchstes Ideal der Verbindung von Zeremonie und Offenheit darstellte. »John Edward Nandy«, sagte Plornish, indem er sich an den Alten wandte. »Sir. Es ist nicht zu oft, daß Ihr anspruchslose Handlungen ohne einen Funken von Stolz seht, und wenn Ihr deshalb sie seht, so erkennt sie mit dankbarer Verehrung an, denn wenn Ihr sie nicht seht und braucht sie einmal, wo Ihr sie nicht zu sehen bekommt, so ist es natürlich, daß Euch ganz recht geschieht.« Auf diese Anrede antwortete Mr. Nandy: »Ich bin ganz und gar Eurer Meinung, Thomas, und Eure Meinung ist dieselbe wie die meine, und deshalb kein Wort weiter davon, und da ich mit dieser Meinung nicht hinter dem Berge halte, sondern frei heraussage, ja, Thomas, ja, und diese Meinung ist die, in der Ihr und ich immer mit allen übereinstimmen und da also keine Verschiedenheit der Meinungen obwaltet, so kann nur eine Meinung sein, ganz gewiß, ja, Thomas, ja!« Arthur sprach es mit etwas weniger Formalität aus, wie sehr es ihm wohltue, daß sie eine so kleine Aufmerksamkeit von seiner Seite so freundlich aufnähmen, und erklärte hinsichtlich des Tees, daß er noch nicht gespeist und direkt nach Hause gehen wollte, um sich nach einem angestrengten Tage zu erquicken, sonst würde er das gastfreundliche Anerbieten gern angenommen haben. Da Mr. Pancks ziemlich geräuschvoll seinen Dampf für die Abfahrt anspannte, schloß er mit der Frage an diesen Herrn, ob er ihn begleiten wollte? Mr. Pancks sagte, er wünsche nichts angelegentlicher, und die beiden verabschiedeten sich von der »Glückshütte«. »Wenn Sie mit mir nach Hause gehen wollten, Pancks«, sagte Arthur, als sie auf der Straße waren, »und das Diner oder Souper, wie Sie's heißen mögen, mit mir teilen wollten, so würden Sie mir nahezu einen Liebesdienst erzeigen; denn ich bin heute abend sehr müde und schlimmer Laune.« »Verlangen Sie einen größern Dienst als diesen von mir«, sagte Pancks, »wenn Sie einen brauchen, und er soll getan werden.« Zwischen diesem exzentrischen Charakter und Clennam hatte sich ein beständig wachsendes stilles Einvernehmen und Vertrauen hergestellt, seitdem Mr. Pancks auf dem Hofe des Marshalseagefängnisses über den Rücken von Mr. Rugg geflogen war. Als an dem denkwürdigen Tage der Abreise der Familie der Wagen wegfuhr, hatten diese beiden zusammen ihm nachgesehen und waren langsam miteinander weitergegangen. Als der erste Brief von Klein-Dorrit ankam, hörte niemand mit größerem Interesse seinen Inhalt als Mr. Pancks. Der zweite Brief, der gegenwärtig sich in Clennams Brusttasche befand, erwähnte seinen Namen ganz besonders. Obgleich er nie ein Geständnis oder eine Beteuerung gegen Clennam hatte laut werden lassen, und obgleich, was er soeben gesagt, wenig genug den Worten nach war, war doch die Überzeugung immer lebhafter und stärker bei Clennam geworden, daß Mr. Pancks in seiner eigentümlichen seltsamen Weise eine Neigung zu ihm gefaßt. Wenn man alle diese Fäden zusammenwand, so wurde Pancks an diesem Abend ein wahres Notankertau für ihn. »Ich bin ganz allein«, sagte Arthur, als sie weitergingen. »Mein Kompagnon ist verreist, um an einem andern Ort etwas in der Branche unsres Geschäfts, die er besorgt, zu ordnen, und Sie werden ganz ungeniert sein.« »Danke. Sie haben wohl eben nicht besonders auf den kleinen Altro geachtet, nicht wahr?« sagte Pancks. »Nein. Warum?« »Er ist ein munterer Junge, und ich bin ihm gut«, sagte Pancks. »Es muß ihm heute etwas Unangenehmes zugestoßen sein. Haben Sie keine Idee, was das sein mag, was ihn so außer Fassung gebracht?« »Sie setzen mich in Erstaunen! Nein, durchaus nicht.« Mr. Pancks setzte die Gründe zu seiner Frage auseinander. Arthur war ganz unvorbereitet und außerstande, eine Erklärung dafür beizubringen. »Vielleicht fragen Sie ihn«, sagte Pancks, »da er ein Fremder ist?« »Was soll ich ihn fragen?« versetzte Clennam. »Was er auf der Seele hat.« »Ich glaube, ich sollte zuerst selbst sehen, ob er etwas auf der Seele hat. Ich fand ihn immer und in jeder Beziehung so fleißig, so dankbar (für das wenige) und so zuverlässig, daß es aussehen möchte, als wenn ich ihm mißtraute. Und das wäre doch sehr ungerecht.« »Wohl wahr«, sagte Pancks. »Aber wahrhaftig, Sie dürften kein Hauseigentümer sein, Mr. Clennam. Sie wären viel zu zartfühlend.« »Was das betrifft«, versetzte Clennam lachend, »so habe ich auch kein großes Anrecht auf Cavaletto. Sein Holzschnitzen ist sein Broterwerb. Er hat die Schlüssel der Fabrik in Verwahrung, wacht jede zweite Nacht und vertritt gewissermaßen die Stelle eines Hausmeisters; aber wir haben wenig Arbeit für sein Fach und Talent, nur was wir haben, geben wir ihm. Nein, ich bin mehr sein Berater als sein Herr. Wenn ich mich seinen ständigen Rechtsfreund und Bankier nenne, so komme ich der Wahrheit noch näher. Da ich gerade davon spreche, daß ich sein Bankier sei, ist es nicht seltsam, Pancks, daß die Spekulationen, die jetzt in so vieler Leute Kopf herumgehen, auch den kleinen Cavaletto so lebhaft beschäftigen?« »Spekulationen?« versetzte Pancks mit Schnauben. »Was für Spekulationen?« »Die Spekulationen von Merdle.« »Ah! die Unternehmungen«, sagte Pancks. »Ja, ja! Ich wußte nicht, daß Sie von den Unternehmungen sprechen.« Seine rasche Art, zu antworten, veranlaßte Clennam ihn zweifelhaft anzusehen, ob er mehr meine, als er sagte. Da jedoch seine Antwort von rascherem Gang und einem entsprechend lebhafteren Arbeiten der Maschinen begleitet war, so verfolgte Arthur die Sache nicht weiter, und sie kamen bald bei seinem Hause an. Ein Diner, bestehend aus Suppe und Taubenpastete, auf einem kleinen runden Tisch vor dem Kamin aufgetragen und mit einer Flasche guten Weins versüßt, ölte Pancks Räderwerk auf höchst wirksame Weise ein; so daß, als Clennam seine türkische Pfeife holte und Mr. Pancks eine zweite türkische Pfeife übergab, der letztere sich außerordentlich behaglich fühlte. Sie dampften eine Zeitlang schweigend, Pancks wie ein Dampfboot, das Wind, Flut, ruhige See und alle andern Bedingungen zu einer glücklichen Fahrt hat. Er war der erste, der zu sprechen anfing und sagte: »Ja, Unternehmungen ist das richtige Wort.« Clennam antwortete mit seinem früheren Blick: »Ah!« »Ja, Ich komme darauf zurück, wie Sie sehen«, sagte Pancks. »Ja. Ich sehe, Sie kommen darauf zurück«, versetzte Clennam, der neugierig war, warum. »Ist es nicht seltsam, daß die Sache auch dem kleinen Altro im Kopfe herumgeht? Hm?« sagte Pancks, während er weiterrauchte, »Stellten Sie nicht die Frage so?« »O ja, das war's, was ich sagte.« »So! Aber denken Sie sich nur, der ganze Hof ist voll davon. Sie kommen mir an meinen Zinstagen alle damit, wo ich nur hinkommen mag. Ob sie bezahlen oder nicht bezahlen. Merdle, Merdle, Merdle. Immer Merdle.« »Sehr seltsam, wie diese Verblendung sich aller bemeistert«, sagte Arthur. »Nicht wahr?« versetzte Pancks. Nachdem er eine oder zwei Minuten fortgeraucht, fügte er trockner, als sich mit seiner kürzlichen Ölung vertrug, hinzu: »Weil, wie Sie wissen, die Leute die Sache nicht verstehen.« »Nicht im geringsten«, stimmte Clennam bei. »Nicht im geringsten«, rief Pancks. »Sie verstehen nichts von Zahlen. Verstehen nichts von Geldfragen. Machen keine Berechnung. Haben nie eine solche gemacht, Sir!« »Hätten sie das getan –« war Clennam im Begriff zu sagen, als Pancks ohne eine Veränderung des Gesichts einen seine gewöhnlichen Nasen- oder Kehlanstrengungen übertreffenden Ton hervorbrachte, daß er innehielt. »Hätten sie das getan?« wiederholte Pancks in fragendem Tone. »Ich dachte – Sie sprächen«, sagte Arthur, der in Verlegenheit war, welchen Namen er dieser Unterbrechung geben sollte. »Durchaus nicht«, sagte Pancks. »Noch nicht. In einer Minute vielleicht. Wenn sie also das getan?« bemerkte Clennam, der nicht recht wußte, wie er seinen Freund nehmen sollte, »nun, so denke ich, würden sie es besser gewußt haben.« »Wieso, Mr. Clennam?« fragte Pancks rasch und mit einem seltsamen Ausdruck, als wenn er seit dem Beginn des Gesprächs mit dem schweren Kaliber geladen gewesen, das er jetzt abschoß. »Sie haben recht, wissen Sie. Sie verstehen es nicht, aber sie haben recht.« »Recht, wenn Sie Cavelettos Meinung, mit Mr. Merdle zu spekulieren, teilen?« »Allerdings, Sir«, sagte Pancks. »Ich bin auf die Sache näher eingegangen. Ich habe die Berechnungen gemacht. Ich habe nachgerechnet. Sie sind gut und sicher.« Erleichtert von seiner Last, als er soweit gekommen war, sog Mr. Pancks einen so langen Zug, als seine Lungen erlaubten, aus seiner türkischen Pfeife und sah Clennam schlau und unverwandt an, während er aus- und eindampfte. In solchen Augenblicken begann Mr. Pancks den gefährlichen Giftstoff, mit dem er geschwängert war, auszuströmen. Das ist die Art, wie die Krankheiten sich verbreiten; das ist die seine und verdeckte Weise, wie sie um sich greifen. »Glauben Sie, mein guter Pancks«, fragte Clennam emphatisch, »daß Sie zum Beispiel Ihre tausend Pfund bei einem solchen Unternehmen aufs Spiel setzen würden?« »Gewiß«, sagte Pancks, »und habe es auch bereits getan, Sir.« Mr. Pancks sog abermals langsam den Rauch ein und dann noch einmal und warf dabei einen langen schlauen Blick auf Clennam. »Ich sage Ihnen, Mr. Clennam, ich habe mich dabei beteiligt«, sagte Pancks. »Es ist ein Mann von ungeheuren Mitteln – enormem Kapitalvermögen – und von großem Einfluß bei der Regierung. Es sind die besten Spekulationen, die im Augenblick im Gange sind. Sie sind sicher. Sie sind gewiß.« »So!« versetzte Clennam, indem er zuerst seinen Gefährten ernst ansah und dann ernst in das Feuer blickte. »Sie setzen mich in Erstaunen!« »Bah!« versetzte Pancks. »Sagen Sie das nicht, Sir. Sie sollten das selbst so machen. Warum machen Sie´s nicht wie ich?« Von wem Mr. Pancks die epidemische Krankheit geerbt, konnte er ebensowenig sagen, als wenn er unbewußterweise von einem Fieber befallen worden wäre. Zuerst, wie manche physische Krankheiten, aus der Verderbtheit der Menschen entstanden, und dann in ihrer Unwissenheit weiter verbreitet, stecken diese Epidemien nach einiger Zeit gar manche Leidende an, die weder unwissend noch verderbt sind. Mr. Pancks mochte dir Krankheit selbst von einem Subjekte dieser Art geerbt haben oder nicht, jedenfalls erschien er vor Clennam als ein solcher, und der Krankheitsstoff, den er verbreitete, war um so bösartiger. »Gewiß, Sir!« versetzte Pancks keck, indem er Dampf ausblies. »Und ich wünschte nur, es wäre zehnmal soviel.« Clennam lagen an diesem Abend zweierlei Dinge auf seiner vereinsamten Seele: das eine war seines Kompagnons lang hinausgeschobene Hoffnungen; das andre, was er bei seiner Mutter gesehen und gehört hatte. In dem erleichternden Bewußtsein, Mr. Pancks bei sich zu haben und diesem Manne sein Vertrauen schenken zu können, fing er von beiden Dingen zu reden an, und beide brachten ihn mit vermehrter und beschleunigter Kraft auf den Ausgangspunkt zurück. Es machte sich auf die einfachste Weise. Indem er die Spekulationsfrage, nach einer Pause, während der er durch den Rauch seiner Pfeife auf das Feuer geblickt hatte, verließ, erzählte er Pancks, wie und warum er mit dem großen Staatsdepartment in Berührung stehe. »Es ist eine harte Sache gewesen und ist es noch für Doyce«, sagte er zuletzt mit dem ganzen ehrlichen Gefühl, das der Gegenstand immer in ihm erweckte. »Allerdings, sehr hart,« gab Pancks zu. »Aber Sie haben die Sache für ihn in die Hand genommen, Mr. Clennam.« »Wie meinen Sie das?« »Sie besorgen die Geldangelegenheiten des Geschäfts?« »Ja, so gut ich kann.« »Besorgen sie jedenfalls besser, Sir«, sagte Pancks. »Belohnen ihn für seine Mühe und seine fehlgeschlagenen Hoffnungen. Bieten ihm die Chancen, die die Zeit herbeiführt. Er, der geduldige und vielbeschäftigte Techniker, würde doch nie auf diese Weise Nutzen ziehen können. Er verläßt sich auf Sie, Sir.« »Ich tue mein Bestes, Pancks«, versetzte Clennam, dem etwas unbehaglich wurde. »Um diese neuen Unternehmungen, von denen ich keine Erfahrung habe, genau zu prüfen, dazu glaube ich, nicht mehr zu taugen. Ich werde alt.« »Alt werden?« rief Pancks. »Ha, ha!« Es lag etwas so unzweifelhaft Ungemachtes in diesem wunderbaren Lachen und in dem langandauernden Schnauben und Pusten, das Mr. Pancks Erstaunen über diesen Gedanken und die Zurückweisung desselben ausdrückte, daß es außer allem Zweifel war, es sei ihm ernst damit. »Alt werden?« rief Pancks. »Hört, hört, hört! Alt? Hört, hört!« Diese positive Weigerung, auch nur einen einzigen Augenblick diesen Gedanken zu hegen, die sich in Mr. Pancks' fortdauerndem Schnauben wie in den Ausrufungen aussprach, ließen auch Arthur nicht länger daran festhalten. Ja, er befürchtete, es möchte Mr. Pancks in dem heftigen Kampf zwischen dem Atem, den er ausstieß, und dem Rauch, den er hinunterschluckte, ein Unglück passieren. Dieses Verzichten auf den zweiten Gesprächsgegenstand brachte ihn auf den dritten. »Und Sie haben wirklich Ihre tausend Pfund in der Unternehmung angelegt?« Clennam hatte sich das Wort bereits angeeignet. »Jung, alt oder in mittleren Jahren, Pancks«, sagte er, als eine gelegene Pause eintrat, »ich befinde mich in einer sehr peinlichen und ungewissen Lage, in einem Zustand, der mich bezweifeln läßt, ob überhaupt etwas, was mir zu gehören scheint, auch wirklich mir gehört. Soll ich Ihnen sagen, wie das kommt? Soll ich Ihnen volles Vertrauen schenken?« »Allerdings Sir«, sagte Pancks, »wenn Sie mich desselben für würdig halten.« »Gewiß.« »Das können Sie auch!« Mr. Pancks' kurze und scharfe Antwort, bekräftigt durch das plötzliche Ausstrecken seiner kohligen Hand, war ungemein ausdrucksvoll und überzeugend. Arthur schüttelte ihm warm die Hand. Indem er nun seine alten Befürchtungen so milde darstellte wie möglich, ohne unverständlich zu werden, und seine Mutter dabei niemals mit Namen nannte, sondern nur unbestimmt von einer Verwandten sprach, vertraute er Mr. Pancks in Umrissen die Befürchtungen mit, die er hegte, und die Zusammenkunft, bei der er zugegen gewesen war. Mr. Pancks hörte mit solchem Interesse zu, daß er, die Annehmlichkeit der türkischen Pfeife ganz vergessend, sie an das Kamingitter unter die Feuereisen stellte und während der ganzen Zeit, solange ihm erzählt wurde, die Zinken und Haken seiner Haare mit den Händen am ganzen Kopf in die Höhe strich, daß er, als die Sache zum Schluß kam, wie ein Handwerkerhamlet aussah, der mit dem Geist seines Vaters spricht. »Bringt mich wieder auf die Unternehmungen zurück, Sir!« rief er laut, indem er dabei Clennam lebhaft auf das Knie schlug. »Ich meine nicht, daß Sie sich arm machen sollen, um ein Unrecht, das Sie gar nicht begangen, wieder gutzumachen. Das ist Ihre Sache. Ein Mann muß für sich selbst sorgen. Aber ich sage nur so viel. Da Sie fürchten, Sie werden Geld brauchen, um Ihr eigen Blut von Schmach und Schande zu retten – so suchen Sie soviel wie möglich zu erwerben!« Arthur schüttelte seinen Kopf, aber sah ihn auch gedankenvoll an, »Werden Sie so reich, wie Sie können, Sir«, beschwor ihn Pancks mit mächtiger Konzentration aller seiner Energie auf diesen Rat. »Seien Sie so reich, wie Sie es mit Ehren können. Es ist Ihre Pflicht. Nicht Ihretwegen, sondern andrer wegen tun Sie's. Fassen Sie die Zeit beim Schopfe. Der arme Mr. Doyce (der wirklich alt wird) muß sich auf Sie verlassen. Ihr Verwandter hängt von Ihnen ab. Sie wissen nicht, was alles von Ihnen abhängt.« »Schon recht, schon recht!« versetzte Arthur. »Genug für heute abend.« »Noch ein Wort, Mr. Clennam«, versetzte Pancks, »dann soll es genug sein für heute abend. Warum sollten Sie allen Gewinn den Unersättlichen, Schelmen und Betrügern überlassen? Warum wollen Sie allen Gewinn, der zu machen ist, meinem Hauseigentümer und dergleichen Leuten überlassen? Und doch tun Sie es. Wenn ich sage Sie, so meine ich Leute wie Sie. Sie wissen, daß Sie das tun. Ich muß das jeden Tag meines Lebens sehen. Ich sehe nichts anderes. Es ist mein Beruf, es zu sehen. Deshalb sage ich«, drängte Pancks, »man muß wagen und gewinnen.« »Aber wenn es heißt, wagen und verlieren, wie ist es dann?« sagte Arthur. »Kann nicht geschehen, Sir«, versetzte Pancks. »Ich habe einen tiefen Blick in die Sache getan. Der Name überall obenan – ungeheure Mittel – enormes Kapital – großartige Stellung! – hohe Verbindungen – Einfluß auf die Regierung. Kann nicht sein!« Nach dieser sie Sache zu» Abschluß, bringenden Auseinandersetzung, beruhigte sich Mr. Pancks nach und nach wieder und ließ sein Haar sich wieder so weit senken, als dies der größten Überredungskunst möglich war, reklamierte die Pfeife wieder aus den Feuereisen, stopfte sie aufs neue und rauchte sie aus. Sie sprachen wenig mehr, leisteten jedoch einander Gesellschaft, indem sie schweigend dieselben Gegenstände verfolgten, und schieden nicht vor Mitternacht. Als Mr. Pancks Abschied nahm, steuerte er, nachdem er Mr. Clennam die Hand geschüttelt, ganz um ihn herum, ehe er zur Tür hinausdampfte. Dies nahm Arthur als eine Versicherung auf, daß er sich ganz auf Pancks verlassen könne, wenn er je in die Notwendigkeit versetzt werden sollte, seines Beistandes zu bedürfen, sei es nun in einem von den Punkten, von denen heute abend die Rede gewesen, oder in irgendeiner andern ihn berührenden Angelegenheit. Während des ganzen nächsten Tages, und selbst solange seine Gedanken auf ganz andere Dinge gerichtet waren, fiel ihm bisweilen Mr. Pancks Spekulation mit seinen tausend Pfund und die Behauptung ein, daß er einen tiefen Blick in die Sache getan hätte. Er dachte, wie sanguinisch Mr. Pancks in dieser Sache sei, während er doch sonst keinen sanguinischen Charakter habe. Er dachte an das große Nationaldepartement und an die Freude, die es ihm gewähren würde, Doyce in besseren Umständen zu sehen. Er dachte an den dunkel drohenden Ort, der in seiner Erinnerung den Namen Heimat trug, und an die sich zusammenziehenden Schatten, die ihn noch dunkler drohend denn sonst machten. Er bemerkte aufs neue, daß, wohin er sich wandte, er den berühmten Mann Merdle sah, hörte oder berührte; er fand es sogar schwer, ein paar Stunden lang hintereinander an seinem Pult zu bleiben, ohne daß sich durch irgendeine oder andere Vermittlung dieser Name seinen körperlichen Sinnen dargeboten hatte. Er begann es doch seltsam zu finden, daß er überall war, und daß niemand als er ihm zu mißtrauen scheine. Und doch, wenn er soweit war, begann er sich zu erinnern, daß ja selbst er ihm nicht mißtraue; er hatte sich nur zufällig davon ferngehalten. Solche Symptome sind, wenn eine Krankheit der Art grassiert, die Zeichen des Krankwerdens. Vierzehntes Kapitel. Rats erholen. Als die Briten am Ufer der gelben Tiber erfuhren, daß ihr intelligenter Landsmann Mr. Sparkler einer der Lords des Circumlocution Office geworden, nahmen sie es als eine Nachricht auf, die sie nicht näher anging als jede andere Neuigkeit – jedes andre Ereignis oder Verbrechen – in den englischen Zeitungen. Die einen lachten, die andern sagten, als Entschuldigung, die Stelle sei eine Sinekure, und jeder Dummkopf, der seinen Namen richtig schreiben könne, sei gut genug für dieselbe: noch andre endlich, und dies waren die feierlichsten politischen Orakel, sagten, Decimus handle klug, sich zu verstärken, und der einzige konstitutionelle Zweck aller Stellen, die Decimus zu vergeben habe, sei, daß Decimus sich verstärke. Einige gallige Briten waren allerdings vorhanden, die diesen Glaubensartikel nicht unterschreiben wollten: aber ihre Einwürfe waren rein theoretischer Art. In praktischer Hinsicht ließen sie die Sache gleichgültig liegen, als wenn es die Sache andrer irgendwo oder nirgendwo befindlichen Briten wäre. In gleicher Weise behaupteten viele Briten in der Heimat, wenigstens vierundzwanzig Stunden lang nachher, daß diese unsichtbaren und namenlosen Briten »die Sache in die Hand nehmen sollten« und daß, wenn sie sich's ruhig gefallen ließen, sie es auch nicht besser verdienten. Aber welcher Klasse diese trägen und gleichgültigen Briten angehörten, und wo diese unglücklichen Geschöpfe steckten, und weshalb sie sich verbargen, und woher es beständig kam, daß sie ihr Interesse vernachlässigten, während so viele andere Briten sich gar nicht erklären konnten, warum sie sich nicht um ihre Interessen kümmerten, war weder den Leuten an dem Ufer der gelben Tiber noch den Leuten am Ufer der schwarzen Themse klar. Mrs. Merdle verbreitete die Nachricht, wie sie auch die Gratulationen empfing, mit der sorglosesten Grazie, die die Sache sehr zu ihrem Vorteil hob, wie die Fassung den Juwel. Ja, sagte sie, Edmund hat die Stelle angenommen. Mr. Merdle wünschte, daß er sie annehme, und er hat sie angenommen. Sie hoffe, die Stellung werde Edmund gefallen, aber gewiß wisse sie es nicht. Sie würde ihn einen großen Teil des Jahres in der Stadt festhalten, und er ziehe das Land vor. Es sei jedoch keine unangenehme Stellung – und es sei doch eine Stellung. Es sei nicht zu leugnen, daß es ein Kompliment für Mr. Merdle und keineswegs schlecht sei, wenn Edmund Geschmack daran finde. Es sei ganz gut, daß er etwas zu tun habe, und sei auch ganz gut, daß er etwas dafür bekäme. Ob es besser für Edmund, als wenn er in der Armee diente, das müsse man erst abwarten. So sprach der Busen, geübt in der Kunst, scheinbar nur wenig Wert auf etwas zu legen und es dadurch gerade im Wert zu steigern. Indessen machte Henry Gowan, den Decimus abgeworfen, die Rundreise bei allen seinen bekannten, von der Porta del Popolo bis nach Albano, und beteuerte fast (wenn auch nicht ganz) mit Tränen in den Augen, daß Sparkler der gutmütigste, einfachste, kurz, der liebenswürdigste Esel sei, der jemals auf der Staatswiese gegrast: und daß nur eines ihm (Gowan) Freude bereitet, falls jener (der geliebte Esel) diesen Posten nicht bekommen, und das wäre gewesen, wenn er (Gowan) den Posten erhalten hätte. Er sagte, er passe ganz vortrefflich für Sparkler. Es sei nichts dabei zu tun und das würde er allerliebst machen, und dabei sei eine hübsche Besoldung einzustreichen und diese würde er allerliebst einstreichen; es sei eine angenehme, ganz passende, vortreffliche Stellung, und er vergab dem Verleiher derselben beinahe, daß er ihn übergangen, in der Freude darüber, daß der liebe Esel, für den er eine so große Vorliebe hatte, einen so guten Stall bekommen habe. Damit ließ sein Wohlwollen sich noch nicht genügen. Er nahm sich die Mühe, bei allen geselligen Gelegenheiten Mr. Sparkler hervorzuholen und ihn in der Gesellschaft zu zeigen; und obgleich diese rücksichtsvolle Handlung stets damit endigte, daß dieser junge Mann sich in einem traurigen und hilflosen geistigen Lichte zeigte, so ließ sich doch nicht an der freundlichen Absicht zweifeln. Nur der Gegenstand von Mr. Sparklers Herzensneigung erlaubte sich daran zu zweifeln. Miß Fanny war nun in der schwierigen Lage, allgemein als dieser Gegenstand bekannt zu sein und Mr. Sparkler nicht verabschiedet zu haben, obgleich sie ihn sehr launisch behandelte. Daher war sie genug mit diesem Gentleman verknüpft, um sich kompromitiert zu fühlen, wenn er sich mehr als gewöhnlich lächerlich zeigte, und daher kam sie, da es ihr keineswegs an raschen Einfällen fehlte, ihm gegen Gowan zu Hilfe und leistete ihm sehr gute Dienste. Aber während sie dies tat, schämte sie sich seiner, unentschlossen, ob sie ihn gehen lassen oder ihn noch entschiedener aufreizen sollte, durch die Befürchtung in Verwirrung gesetzt, daß sie sich jeden Tag mehr in das Netz ihrer Ungewißheiten verstrickte, und gequält von dem Argwohn, daß Mrs. Merdle über ihre Verlegenheit triumphiere. Bei so stürmisch bewegtem Gemüt war es nicht zu verwundern, daß Miß Fanny eines Abends von einem Konzert und Ball bei Mrs. Merdle in großer Aufregung nach Hause kam, und als die Schwester sie liebreich trösten suchte, diese von dem Toilettentisch wegstieß, an dem sie saß, und zornig weinend mit gehobenem Busen erklärte, daß sie alle Menschen verabscheue und wünschte, sie wäre tot. »Liebe Fanny, was gibt es? Sage es mir.« »Was es gibt, du kleiner Maulwurf«, sagte Fanny. »Wenn du nicht die Blindeste der Blinden wärest, so brauchtest du mich nicht zu fragen. Der Gedanke, zu behaupten zu wagen, daß man Augen im Kopfe habe, und mich doch zu fragen, was es gebe?« »Handelt es sich um Mr. Sparkler, meine Liebe?« »Mi–ster Spark–ler!« wiederholte Fanny mit unendlicher Verachtung, als wenn er das letzte im Sonnensystem wäre, was möglicherweise ihrem Geiste nahe sein konnte. »Nein, Miß Fledermaus, das ist's nicht.« Alsbald jedoch wieder bereuend, daß sie ihrer Schwester solche Namen gegeben, erklärte sie unter Seufzern, sie wisse, sie mache sich verhaßt, aber die Leute drängten sie dazu. »Ich glaube, du bist heute abend nicht ganz wohl, liebe Fanny.« »Welch ein Unsinn!« versetzte das junge Mädchen ärgerlich werdend, »ich bin so wohl wie du. Vielleicht könnte ich sagen besser, ohne damit zu prahlen.« Die arme Klein-Dorrit, die nicht wußte, wie sie ein beruhigendes Wort anbringen sollte, ohne befürchten zu müssen, zurückgewiesen zu werden, hielt es für das beste, ruhig zu bleiben. Anfangs nahm Fanny auch dies übel auf, indem sie ihrem Spiegel versicherte, daß von allen Prüfungen, die ein Mädchen ertragen müßte, eine Schwester, die nicht begreifen wolle, die größte Prüfung sei. Sie wisse, daß sie zu Zeiten in schrecklicher Stimmung sei; sie wisse, sie mache sich verhaßt, nichts wäre so gut für sie, als wenn man es ihr offen sagte; da sie jedoch eine Schwester habe, die nichts begreifen wolle, so sage man es ihr nie, und daher komme es, daß sie geradezu gereizt und gestachelt sei, sich unangenehm zu machen. Außerdem (sagte sie zornig zu ihrem Spiegel) wolle sie nicht, daß man ihr verzeihe. Es sei doch nicht richtig, wenn sie sich immer durch die Nachsicht einer jüngern Schwester demütigen lassen müsse. Das sei die Kunst, – daß man sie immer in die Lage bringe, wo ihr vergeben werden müsse, ob sie's nun wolle, oder nicht. Zuletzt brach sie in heftiges Weinen aus, und als ihre Schwester kam und sich dicht neben sie setzte, um sie zu trösten, sagte sie: »Amy, du bist ein Engel!« »Aber ich will dir etwas sagen, liebe Kleine«, sagte Fanny, als die Sanftmut ihrer Schwester sie etwas beruhigt hatte, »es ist jetzt an einem Punkt angekommen, daß es nicht mehr so fortgehen kann und soll, wie es im Augenblick geht, und daß auf die eine oder andere Art ein Ende gemacht werden muß.« Da die Erklärung unbestimmt, obgleich sehr peremtorisch war, gab Klein-Dorrit zur Antwort: »Laß uns näher von der Sache sprechen.« »Ganz recht, meine Liebe«, stimmte Fanny zu, während sie ihre Augen trocknete. »Laß uns von der Sache sprechen. Ich bin jetzt wieder vernünftig, und du sollst mir deinen Rat geben. Willst du mir deinen Rat geben, mein süßes Kind?« Selbst Amy lächelte über diese Idee, sagte jedoch: »Ich will es, Fanny, so gut ich kann.« »Dank dir, liebste Amy«, versetzte Fanny, indem sie sie küßte. »Du bist mein Anker.« Nachdem sie ihren Anker mit großer Liebe geküßt, nahm Fanny einen Flacon mit feinem Parfüm vom Tisch und rief ihrem Mädchen, daß sie ihr ein feines Taschentuch bringe. Dann entließ sie die Dienerin für diese Nacht und machte sich bereit, sich Rats zu holen, indem sie von Zeit zu Zeit sich die Augen und Stirn mit dem Tuche betupfte, um sich zu kühlen. »Meine Liebe«, begann Fanny, »unsre Charaktere und Ansichten sind sehr verschiedener Art (küsse mich wieder, mein Liebling), um es sehr wahrscheinlich zu machen, daß dich das, was ich zu sagen im Begriff bin, überraschen werde. Was ich sagen will, meine Liebe, ist, daß wir, trotz unseres großen Vermögens, sozial nicht die richtige Stellung einnehmen. Du wirst nicht verstehen, was ich meine, Amy?« »Ich glaube doch, daß ich dich verstehen werde, wenn du noch ein paar Worte mehr sagst«, versetzte Amy mild. »Gut, mein Liebe, was ich meine, ist dies, daß wir im ganzen Neulinge im fashionablen Leben sind.« »Ich bin überzeugt, Fanny«, warf Klein-Dorrit in ihrem Eifer zu bewundern ein, »niemand wird dies an dir entdecken.« »Gut, mein liebes Kind, vielleicht nicht«, sagte Fanny, »obgleich es recht freundlich und liebevoll von dir ist, du kostbares Mädchen, das zu sagen.« Hier tupfte sie die Stirn ihrer Schwester und blies ein wenig darauf. »Aber du bist, wie jedermann weiß, das liebste kleine Ding, das jemals existiert! Um jedoch wieder auf das frühere zu kommen, mein Kind. Papa ist außerordentlich vornehm in seinem Wesen und sehr gut unterrichtet; aber er ist in einigen Kleinigkeiten etwas verschieden von andern Gentlemen in seinen Vermögensumständen: teils infolgedessen, was er durchgemacht, der arme liebe Mann; teils, glaube ich, weil es ihm oft einfällt, daß andere Leute daran denken, während er mit ihnen spricht. Der Dünkel, meine Liebe, ist ganz unpräsentabel. Obgleich ein lieber Mann, dem ich sehr zugetan bin, ist er doch sozial höchst anstößig. Edward ist furchtbar verschwenderisch und liederlich. Ich sage damit nicht, daß etwas Ungentiles dabei sei – weit entfernt –, aber ich meine, daß er nichts geschickt angreift und daß er, wenn ich mich so ausdrücken darf, für den Ruf der Liederlichkeit, in den er sich setzt, nicht genug bekommt.« »Der arme Edward!« seufzte Klein-Dorrit, und die ganze Geschichte der Familie lag in diesem Seufzer. »Ja. Und auch du Arme und ich Arme«, versetzte Fanny ziemlich scharf. »Sehr wahr. Ferner, meine Liebe, haben wir keine Mutter, nur eine Mrs. General. Und ich sage dir noch einmal, mein Liebling, diese Mrs. General, wenn ich ein gewöhnliches Sprichwort umkehren und auf sie anwenden darf, ist eine Katze in Handschuhen, die Mäuse fangen wird . Diese Frau, davon bin ich fest überzeugt, wird unsere Stiefmutter werden.« »Ich kann mir kaum denken, Fanny«, – Fanny unterbrach sie. »Widersprich mir nicht, Amy«, sagte sie, »weil ich es besser weiß.« Da sie fühlte, daß sie wieder etwas scharf gewesen, tupfte sie ihrer Schwester Stirn und blies darauf. »Um jedoch wieder auf die Sache zu kommen, meine Liebe. Es entsteht jetzt für mich die Frage (aber ich bin stolz und lebhaft, Amy, wie du wohl weißt, vielleicht zu sehr), ob ich mich entschließen und es auf mich nehmen soll, der Familie durchzuhelfen.« »Wie?« fragte Amy ängstlich. »Ich will mich nicht von Mrs. General bestiefmuttern lassen«, sagte Fanny, ohne die Frage zu beantworten, »und ich will mich, auch in keiner Weise von Mrs. Merdle patronisieren und quälen lassen.« Klein-Dorrit legte ihre Hand auf die Hand, die das Parfümfläschchen hielt, und sah dabei noch ängstlicher aus. Fanny, die ihre eigene Stirn mit dem heftigen Tupfen, das sie nun begann, eigentlich mehr strafte, fuhr etwas heftig fort: »Daß er auf die eine oder andere Art – das Wie ist gleichgültig –- eine sehr gute Stellung bekommen hat, kann niemand leugnen. Daß er eine gute Partie ist, kann ebenfalls niemand leugnen. Und was die Frage betrifft, ob er gescheit oder nicht gescheit, so zweifle ich sehr, ob ein gescheiter Mann für mich taugte. Ich kann mal nicht nachgeben. Ich wäre nicht imstande, mich ihm genügend unterzuordnen.« »Ah, meine liebe Fanny!« rief Klein-Dorrit, die eine Art von Schrecken erfaßt hatte, als sie begriff, was ihre Schwester meinte. »Wenn du jemanden liebtest, würden alle diese Gefühle sich ändern. Wenn du jemanden liebtest, würdest du nicht mehr du selbst sein, sondern dich ganz in der Hingabe an ihn aufgeben und verlieren. Wenn du ihn liebtest, Fanny«, – Fanny hatte mit Tupfen aufgehört und sah sie fest an. «Oh, wirklich!« rief Fanny. »Wirklich? Der Tausend, wieviel gewisse Leute über gewisse Dinge wissen. Man sagte, jedermann habe einen Lieblingsgegenstand, und ich scheine wirklich den deinen berührt zu haben, Amy. Ich habe nur gescherzt, du kleines Ding«, sagte sie und betupfte dabei die Stirn ihrer Schwester; »aber sei kein albernes Kätzchen, und sprich nicht leichtsinnig und beredt von entarteten Unmöglichkeiten. So! Nun will ich aber wieder auf meine Sache zurückkommen.« »Liebe Fanny, laß mich dir zuerst sagen, daß es mir weit lieber wäre, wenn wir für ein dürftiges Auskommen arbeiteten, als daß ich dich reich und mit Mr. Sparkler verheiratet sehen sollte.« »Ich soll dich sagen lassen , meine Liebe?« versetzte Fanny. »Nun, ganz natürlich werde ich dich alles sagen lassen . Du brauchst dir hoffentlich keinen Zwang anzutun. Wir sind beieinander, um uns offen auszusprechen. Und was das Heiraten mit Mr. Sparkler betrifft, so habe ich nicht die geringste Absicht, es heute nacht, meine Liebe, oder morgen früh zu tun.« »Aber irgendeinmal?« »Niemals, soviel ich für jetzt weiß«, antwortete Fanny gleichgültig. Dann plötzlich aus ihrer Gleichgültigkeit in glühende Unruhe übergehend, fügte sie hinzu: »Du sprichst von gescheiten Männern, du kleines Ding. Es ist ganz hübsch und leicht, von gescheiten Männern zu sprechen: aber wo sind sie? Ich sehe sie nirgend in meiner Nähe!« »Meine liebe Fanny, in der kurzen Zeit« – »Kurze Zeit oder lange Zeit«, unterbrach Fanny, »ich bin unsrer Stellung überdrüssig, unsre Stellung ist mir zuwider, und wenig wäre nötig, um mich zu bewegen, sie zu verändern. Andre Mädchen, die anders erzogen und in andern Verhältnissen sind, würden sich vielleicht über das wundern, was ich sage oder tue. Meinetwegen, ihr Leben und ihr Charakter weist ihnen die Richtschnur an; mir weist sie mein Leben und mein Charakter an.« »Fanny, meine liebe Fanny, du weißt, daß du Eigenschaften besitzest, die dich zur Gattin eines Mr. Sparkler weit überlegenen Mannes befähigen.« »Amy, meine liebe Amy«, versetzte Fanny, ihre Worte parodierend, »ich weiß, daß ich eine entschiedenere, bestimmtere Stellung in der Gesellschaft einnehmen möchte, durch die ich mich mit größerem Nachdruck gegen diese insolente Frau behaupten könnte,« »Würdest du dann – vergib mir die Frage, Fanny – ihren Sohn heiraten?« »Nun, vielleicht«, sagte Fanny mit triumphierendem Lächeln. »Es kann viel weniger versprechende Wege geben, zu seinem Ziele zu kommen als diese, meine Liebe. Diese insolente Person denkt jetzt vielleicht, daß es ein großer Erfolg ihrer Taktik wäre, wenn sie ihren Sohn an mich losschlüge und mich losschälte. Aber es fällt ihr vielleicht wenig ein, wie ich's ihr vergelten würde, wenn ich ihren Sohn heiratete. Ich würde ihr in allem opponieren und ihr den Rang streitig machen. Ich würde mir dies als Lebensaufgabe stellen.« Fanny setzte das Riechfläschchen nieder, als sie soweit gekommen war, und ging im Zimmer auf und ab: sie blieb jedoch immer stehen, sobald sie sprach. »Eines, mein Kind, könnte ich sicher tun: ich könnte sie älter machen, und ich würde es auch tun!« Sie ging wieder auf und nieder. »Ich würde von ihr als von einer alten Frau sprechen. Ich würde tun, als wüßt' ich – wenn ich's auch nicht wüßte, aber ich wüßt' es von ihrem Sohne –, wie alt sie sei. Und sie sollte mich sagen hören, liebevoll, ganz wie es mir gebührt, und voll Hingebung, wie gut sie aussehe, wenn man ihr Alter in Anschlag bringe. Ich könnte sie älter aussehen machen, sofern ich weit jünger neben ihr wäre. Ich bin vielleicht nicht so hübsch wie sie, ich bin keine Autorität in dieser Beziehung, wie ich glaube: aber ich weiß, ich bin hübsch genug, um ihr ein Dorn im Auge zu sein. Und ich wäre es auch wirklich.« »Aber, meine liebe Schwester, möchtest du dich auf solche Weise zu einem unglücklichen Leben verurteilen?« »Das wäre ja kein unglückliches Leben für mich, Amy. Das wäre das Leben, wie ich's brauche. Sei es nun, daß meine Disposition oder meine Umstände mich darauf hinweisen, das gilt gleich: ich brauche mal ein solches Leben mehr als ein anderes.« Es klang eine gewisse Verzweiflung aus diesen Worten heraus, aber mit einem kurzen stolzen Lachen begann sie aufs neue im Zimmer auf und ab zu gehen, und nachdem sie vor einem großen Spiegel vorübergekommen, begann sie abermals stehenzubleiben. »Figur! Figur, Amy! Wohl, die Frau hat eine hübsche Figur. Ich will ihr geben, was ihr gebührt, und leugne es nicht. Aber ist sie darin allen andern so sehr überlegen, daß sie geradezu unnahbar wird? Auf mein Wort, ich bin davon nicht so sehr überzeugt. Gib einer viel jüngern Frau, wenn sie verheiratet ist, die Erlaubnis, sich so zu kleiden, wie sie, wir wollen sehen, wie es dann steht, meine Liebe!« Es lag etwas in diesem Gedanken, das ihr angenehm war und schmeichelte, wodurch sie in bessere Stimmung kam und sich wieder setzte. Sie nahm ihrer Schwester Hände in die ihren, klatschte mit allen vier Händen über ihrem Kopfe, während sie Amy lachend ins Gesicht sah, und sagte: »Und die Tänzerin, Amy, die sie ganz vergessen hat – die Tänzerin, die auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit mir hatte, und an die ich sie auch nie erinnere, o Liebe, nein! –, sollte durch ihr Leben tanzen und ihr im Wege herumtanzen nach einer Melodie, die ihre anmaßende Ruhe ein wenig aufrütteln würde. Ein ganz klein wenig, meine liebe Amy, nur ein ganz klein wenig!« Da sie dem ernsten und bittenden Blicke Amys begegnete, brachte sie die vier Hände herunter und legte nur eine auf Amys Mund. »Widersprich mir nicht, Kind«, sagte sie in ernsterem Ton, »weil es doch nichts nützt. Ich verstehe diese Sachen weit besser als du. Ich bin noch durchaus nicht entschlossen, aber es wird schon kommen. Wir haben nun die Sache ruhig miteinander besprochen und können zu Bett gehen. Du allerbestes und liebstes kleines Mäuschen, gute Nacht!« Mit diesen Worten lichtete Fanny ihren Anker und ließ – nachdem sie sich so viel Rats geholt – des Ratholens für diesmal genug sein. Von dieser Zeit an beobachtete Amy die Behandlung, die Mr. Sparkler von seinem Unterdrücker zuteil wurde, mit neuen Gründen, allem, was zwischen ihnen vorging, Bedeutung beizulegen. Es gab Zeiten, wo Fanny durchaus nicht imstande zu sein schien, seine geistige Schwäche zu ertragen, und wo sie so ärgerlich und ungeduldig darüber wurde, daß sie gar nicht übel Lust hatte, ihm den Abschied zu geben. Zu andern Zeiten kam sie besser mit ihm zurecht, wo er sie amüsierte und das Bewußtsein der Überlegenheit diese andere Wagschale in der Schwebe zu erhalten schien. Wenn Mr. Sparkler nicht der getreueste und gehorsamste Liebhaber gewesen wäre, so hätte die Härte, mit der er behandelt wurde, ihn wohl dazu bringen können, den Schauplatz seiner Leiden zu fliehen und mindestens die ganze Entfernung von Rom nach London zwischen sich und die Zauberin zu bringen. Aber er hatte keinen größeren Eigenwillen denn ein Boot, das von einem Dampfschiff ins Schlepptau genommen ist, und er folgte seiner grausamen Gebieterin, von gleich starker Macht in Bewegung gesetzt, durch dick und dünn. Mrs. Merdle sprach während dieser Zeit wenig mit Fanny, aber desto mehr von ihr. Sie war wie gezwungen, sie durch ihre Lorgnette anzusehen und in der allgemeinen Unterhaltung sich Lobeserhebungen über ihre Schönheit und die Unwiderstehlichkeit derselben abringen zu lassen. Der herausfordernde Charakter, den Fanny annahm, wenn sie diese Lobsprüche hörte (wie dies gewöhnlich geschah), zeugte nicht von Konzessionen, die sie dem unparteiischen Busen machte: aber die größte Rache, die der Busen nahm, war, recht vernehmlich zu sagen: »Eine verwöhnte Schönheit – aber bei diesem Gesicht und dieser Gestalt, kann man sich darüber wundern?« Es mochte ungefähr einen Monat oder sechs Wochen nach dem Abend sein, an dem man sich Rats geholt, als Klein-Dorrit ein neues Einverständnis zwischen Mr. Sparkler und Fanny zu entdecken schien. Wie wenn ein Vertrag stipuliert worden, sprach Mr. Sparkler kaum je, ohne erst Fanny zuvor um Erlaubnis angesehen zu haben. Diese junge Dame war zu diskret, um ihn je wieder anzusehen: hatte Mr. Sparkler jedoch Erlaubnis zu sprechen, so schwieg sie: hatte er diese nicht, so sprach sie selbst. Außerdem ward es in die Augen springend, daß sooft Henry Gowan ihm den Freundschaftsdienst erweisen wollte, ihn bloßzustellen, er nicht bloßzustellen war. Und nicht allein das, sondern er pflegte auch stets ohne die mindeste nachweisbare Beziehung in der Welt etwas zu sagen, was einen solchen Stachel in sich hatte, daß Gowan augenblicklich sich zurückzog, als wenn er seine Hand in einen Bienenkorb gesteckt hätte. Noch ein andrer Umstand bestärkte Klein-Dorrit nachdrücklich in ihren Besorgnissen, obgleich die Sache an und für sich unbedeutend war. Mr. Sparklers Benehmen gegen sie wurde anders. Es wurde brüderlich. Bisweilen, wenn sie in den äußersten Kreisen der Gesellschaft war – sei es nun im eigenen Hause, bei Mrs. Merdle oder sonstwo –, sah sie sich unversehens von Mr. Sparklers Arm umschlungen. Mr. Sparkler gab nie die geringste Erklärung über diese Aufmerksamkeit, sondern lächelte nur mit der Miene eines läppischen, zufriedenen, gutmütigen Menschen, der Eigentumsrechte geltend macht, was bei einem so schwerfälligen Menschen ominös ausdrucksvoll war. Klein-Dorrit war eines Tages zu Hause und dachte mit schwerem Herzen an Fanny. Sie hatten ein Zimmer an dem einen Ende ihrer Reihe von Salons, das fast ganz aus einem über die Straße hervorragenden Erker bestand und das malerische Leben und Treiben des Korso hinauf und hinunter beherrschte. Um drei oder vier Uhr nachmittags, nach englischer Zeitrechnung, war die Aussicht von diesem Fenster sehr hübsch und eigentümlich: und Klein-Dorrit saß gewöhnlich in sinnendes Träumen versunken hier, wie sie in Venedig auf ihrem Balkon die Zeit zu verscheuchen gewöhnt gewesen war. Als sie eines Tages so dasaß, wurde sie sanft auf der Schulter berührt, und Fanny sagte: »Nun, meine liebe Amy«, und nahm neben ihr Platz. Ihr Sitz war ein Teil des Fensters; wenn eine Prozession oder eine derartige Feierlichkeit war, so pflegten sie bunte Teppiche aus diesem Fenster hinauszuhängen und knieten oder saßen auf einem Sitz und schauten über die glänzende Farbenpracht hinaus. An jenem Tage war jedoch keine Prozession, und Klein-Dorrit staunte einigermaßen darüber, daß Fanny zu dieser Stunde zu Hause war, während sie sonst gewöhnlich um diese Zeit ausritt. »Nun, Amy«, sagte Fanny, »woran denkst du, kleines Geschöpf?« »Ich dachte an dich, Fanny.« »Wirklich? Welch ein Zusammentreffen. Hier ist noch jemand, muß ich dir sagen. Du hast doch nicht auch an diesen jemand gedacht; hm, Amy?« Amy hatte wirklich auch an diesen Jemand gedacht: denn es war Mr. Sparkler. Sie sagte es jedoch nicht, als sie ihm die Hand gab. Mr. Sparkler kam herbei und setzte sich auf die andre Seite von ihr, und sie fühlte den brüderlichen Arm hinter sich herkommen, der offenbar auch Fanny einzuschließen im Begriff war. »Nun, meine kleine Schwester«, sagte Fanny mit einem Seufzer, »ich denke, du weißt, was das bedeutet?« »Sie ist so schön, wie sie feurig angebetet wird«, stammelte Mr. Sparkler, »und es ist kein Unsinn an ihr – es ist alles in Ordnung.« »Du brauchst das nicht auseinanderzusetzen, Edmund«, sagte Fanny. »Nein, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. »Kurz, mein Kind«, fuhr Fanny fort, »um es gleich heraus zu sagen, wir sind verlobt. Wir müssen heute abend oder morgen mit Papa davon sprechen, wie sich die Gelegenheit bietet. Dann ist die Sache abgemacht, und wir brauchen wenig Worte mehr darüber zu verlieren.« »Meine liebe Fanny«, sagte Mr. Sparkler mit ehererbietigem Wesen, »ich möchte Amy ein Wort sagen.« »Nun! nun! sage es meinetwegen«, versetzte die junge Dame. »Ich bin überzeugt, meine liebe Amy«, sagte Mr. Sparkler, »wenn je ein Mädchen existiert, außer unsrer hochbegabten und schönen Schwester, die keinen Unsinn an sich hat –« »Wir wissen das alle wohl, Edmund«, warf Miß Fanny ein. »Sprich nicht davon. Bitte, sprich von etwas anderem als davon, daß wir keinen Unsinn an uns haben.« »Ja, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. »Und ich versichere Ihnen, Amy, daß nichts ein größeres Glück für mich, für mich sein kann – nächst dem Glück, durch die Wahl eines so herrlichen Mädchens geehrt zu sein, das nicht ein Atom von –« »Bitte, Edmund, bitte«, unterbrach ihn Fanny, mit einem leichten Aufstampfen ihres hübschen Fußes auf den Boden. »Meine Liebe, du hast ganz recht«, sagte Mr. Sparkler, »und ich weiß, es ist meine Gewohnheit. Was ich Ihnen erklären wollte,, war, daß nichts ein größeres Glück für mich sein kann, mich sein kann – nächst dem Glück der Verbindung mit dem ausgezeichnetsten und herrlichsten Mädchen –, als das Glück zu haben, die aufrichtige Freundschaft Amys mir zu gewinnen und erhalten zu suchen. Ich bin vielleicht«, sagte Mr. Sparkler mit männlicher Offenheit, »über manche Dinge nicht immer ganz im reinen und aufgeklärt, und ich bin überzeugt, daß, wenn Sie die Gesellschaft um ihre Meinung befragen, diese ziemlich einstimmig sagen wird, ich sei es nicht, aber in Beziehung auf Amy bin ich im reinen!« Mr. Sparkler küßte sie zum Zeugnis dessen. »Ein Messer, eine Gabel und ein Zimmer wird immer Amy zu Gebote stehen«, fuhr Mr. Sparkler fort, der im Vergleich mit seinen Redeantezedenzien ganz weitschweifig wurde. »Mein Erzieher wird, das bin ich überzeugt, immer stolz sein, jemanden zu empfangen, den ich so hoch achte. Und rücksichtlich meiner Mutter«, sagte Mr. Sparkler, »welche eine merkwürdig schöne Frau ist –« »Edmund, Edmund!« rief Fanny wie zuvor. »Mit deiner Erlaubnis, meine Seele«, entschuldigte sich Mr. Sparkler. »Ich weiß, ich habe die Gewohnheit, und ich bin dir sehr dankbar, mein anbetungswürdiges Mädchen, daß du dir die Mühe nimmst, mich zurechtzuweisen; aber meine Mutter ist, nach der allgemeinen Stimme, eine merkwürdig schöne Frau und hat wirklich keinen Unsinn an sich.« »Das mag sein oder nicht«, versetzte Fanny, »aber ich bitte, sprich nicht wieder davon.« »Es soll nicht mehr geschehen, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. »Dann hast du wirklich nichts mehr zu sagen, Edmund, nicht wahr«, fragte Fanny. »So wenig, mein anbetungswürdiges Mädchen«, antwortete Mr. Sparkler, »daß ich mich entschuldige, so viel gesagt zu haben.« Mr. Sparkler bemerkte durch eine Art Inspiration, daß die Frage die weitere enthielt, ob es nicht besser wäre, wenn er ginge? Er zog daher den brüderlichen Arm zurück und sagte hübsch, daß er mit ihrer Erlaubnis Abschied nehmen wolle. Er ging, nicht ohne Amys Glückwunsch zu empfangen, so gut sie dies in ihrer Aufregung und Betrübnis zu tun imstande war. Als er fort war, sagte sie: »O Fanny, Fanny!« und drehte sich in dem hellen Fenster nach ihrer Schwester um und sank ihr an die Brust und weinte dort. Fanny lachte anfangs; aber bald lag ihr Gesicht an dem ihrer Schwester, und nun weinte auch sie – ein wenig. Es war das letztemal, daß Fanny zeigte, daß ein verborgenes, unterdrücktes oder überwundenes Gefühl in dieser Richtung in ihr lebte. Von dieser Stunde an lag der Weg, den sie gewählt, vor ihr, und sie ging ihn mit ihrem herrischen, eigenwilligen Schritt. Fünfzehntes Kapitel. Keine gegründete Ursache und kein Hindernis, warum diese beiden Personen nicht getraut werden sollen. Als Mr. Dorrit durch seine ältere Tochter angezeigt wurde, daß sie einen Heiratsantrag von Mr. Sparkler erhalten, mit dem sie sich verlobt habe, nahm er diese Mitteilung zu gleicher Zeit mit großer Würde und mit pomphafter Entfaltung seines väterlichen Stolzes auf: denn seine Würde vergrößerte sich durch die erweiterte Aussicht auf ein vorteilhaftes Terrain, von dem aus man leicht Bekanntschaften machen konnte, und sein väterlicher Stolz entwickelte sich durch Miß Fannys bereitwillige Sympathie mit seinem großen Lebenszweck. Er gab ihr zu verstehen, daß ihr edler Ehrgeiz harmonische Echos in seinem Herzen finde, und gab ihr seinen Segen, als einem Kinde voll Pflichtgefühl und guter Grundsätze, das sich der Vergrößerung des Familiennamens opfere. Zu Mr. Sparkler, als Fanny ihm die Erlaubnis zu erscheinen gab, sagte Mr. Dorrit, er wolle nicht verhehlen, daß die Verbindung, die Mr. Sparkler ihm vorzuschlagen so freundlich sei, ganz mit seinen Gefühlen harmoniere, da sie sowohl mit den Herzensneigungen seiner Tochter Fanny im Einklang stehe, als auch eine Familienverbindung der freundlichsten Art mit Mr. Merdle, dem ersten Geist des Zeitalters, anknüpfe. Auch Mrs. Merdles, als einer tonangebenden, durch Eleganz, Grazie und Schönheit gleich ausgezeichneten Dame, erwähnte er in sehr rühmenden Ausdrücken. Er halte es jedoch für seine Pflicht zu bemerken (er sei überzeugt, ein Mann von Mr. Sparklers feinem Geist würde seine Worte richtig beurteilen), daß er diesen Antrag nicht als eine abgemachte Sache betrachten könne, bis er erlaubt habe, sich mit Mr. Merdle in Korrespondenz zu setzen, und sich versichert hätte, die Sache stimme soweit mit den Plänen dieses großen Mannes überein, daß seine (Mr. Dorrits) Tochter, in dem, was er, ohne den Schein der Dienerei auf sich zu laden, das Auge der großen Welt nennen dürfe, eine Stellung erhalte, wie ihr Stand, ihre Mitgift und ihre Aussichten ihn für sie zu fordern berechtigten. Während er dies sage, was sein Charakter als Mann von einiger Stellung und sein Charakter als Vater in gleicher Weise von ihm forderten, wolle er nicht so diplomatisch sein, zu verbergen, daß der Vorschlag vorderhand in hoffnungsvoller Unentschiedenheit bleibe und bloß bedingt angenommen sei, und daß er Mr. Sparkler für das Kompliment, das er ihm und seiner Familie gemacht habe, danke. Er schloß mit einigen weiteren und noch allgemeineren Bemerkungen über den – ha – Charakter eines unabhängigen Mannes und den – hm – Charakter eines möglicherweise zu parteiischen und von Bewunderung erfüllten Vaters. Alles in allem nahm er Mr. Sparklers Antrag ungefähr gerade so entgegen, wie er drei bis vier halbe Kronen in vergangenen Zeiten von ihm angenommen hätte. Mr. Sparkler, der sich durch die auf sein harmloses Haupt gehäuften Worte ganz betäubt fühlte, gab eine kurze, aber passende Antwort, die nicht weniger noch mehr besagen wollte, als daß er schon lange bemerkt, Miß Fanny habe keinen Unsinn an sich, und nicht zweifle, daß es seinem Erzieher genehm sein werde. Als er so weit gekommen, schloß ihn der Gegenstand seiner Neigung wie eine Büchse mit einer Springfeder zu und schickte ihn fort. Als Mr. Dorrit kurz darauf dem Busen seinen Besuch abstattete, wurde er mit großer Achtung empfangen. Mrs. Merdle hatte durch Edmund von der Sache gehört. Sie sei anfangs sehr erstaunt gewesen, da sie nicht gedacht hätte, daß Edmund heiraten würde. Die Gesellschaft habe gedacht, Edmund würde nicht heiraten, und doch habe sie natürlich als Frau gesehen (wir Frauen sehen instinktmäßig dergleichen Sachen, Mr. Dorrit!), daß Edmund außerordentlich von Miß Dorrit eingenommen sei, und sie habe offen ausgesprochen, Mr. Dorrit treffe eine große Verantwortung, daß er ein so reizendes Mädchen ins Ausland gebracht habe, das seinen Landsleuten die Köpfe verdrehe. »Darf ich also zu schließen wagen, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »daß die Richtung, die die Neigung von Mr. Sparkler genommen, von – ha – Ihnen gebilligt wird?« »Ich versichere Ihnen, Mr. Dorrit«, versetzte die Dame, »daß es mir persönlich angenehm ist.« Das sei für Mr. Dorrit sehr erfreulich. »Persönlich«, wiederholte Mrs. Merdle, »angenehm.« Diese zufällige Wiederholung des Wortes »persönlich« veranlaßte Mr. Dorrit, die Hoffnung auszudrücken, daß Mr. Merdles Zustimmung nicht ausbleiben werde. »Ich kann es nicht auf mich nehmen«, sagte Mrs. Merdle, »positiv für Mr. Merdle zu antworten; Männer, namentlich Männer, die die Gesellschaft Kapitalisten nennt, haben ihre eignen Ideen über diese Sachen. Aber ich sollte denken – doch ist es nur eine Meinung, Mr. Dorrit –, ich sollte denken, daß es Mr. Merdle im ganzen« – hier hielt sie eine Rundschau über sich, ehe sie behaglich hinzufügte – »sehr angenehm sein werde.« Bei der Erwähnung von Männern, die die Gesellschaft Kapitalisten nennt, hatte Mr. Dorrit gehustet, als ob er einen inneren Protest nicht unterdrücken könnte. Mrs. Merdle hatte es bemerkt und fuhr fort, um diesen Wink aufzunehmen. »Obwohl es freilich, Mr. Dorrit, kaum nötig ist, diese Bemerkung zu machen; ich wollte nur die größte Offenheit gegen einen Mann an den Tag legen, den ich so hoch schätze und mit dem ich in noch angenehmere Verbindung zu kommen das Vergnügen zu haben hoffe. Denn es läßt sich mit der größten Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß Sie diese Sachen von Mr. Merdles eigenem Gesichtspunkte aus betrachten, wenn die Umstände nicht etwa es für Mr. Merdle glücklicher- oder unglücklicherweise so gestalten, daß er ganz in Geschäften steckt und, wie groß diese auch sein mögen, sein Horizont dadurch sich etwas verengt hat. Ich bin ein wahres Kind in Beziehung auf Geschäfte«, sagte Mrs. Merdle, »aber ich fürchte, das könnte der Fall sein.« Dieses gewandte Hin- und Herwägen von Mr. Dorrit und Mr. Merdle, daß jeder den andern in die Höhe schnellte und jeder den andern herabzog und keiner im Vorteil blieb, wirkte beruhigend auf Mr. Dorrits Husten. Er bemerkte mit der größten Höflichkeit, er müsse bitten, daß die vollendete und anmutige Mrs. Merdle (sie verbeugte sich bei diesem Kompliment) sich der Ansicht entschlage, als wenn solche Unternehmungen wie die von Mr. Merdle, die ganz anderer Art als die jämmerlichen Unternehmungen der übrigen Menschen, irgendeine geringere Wirkung hätten, als den Geist, in dem sie empfangen worden, zu erweitern und vergrößern. »Sie sind die Großherzigkeit selbst«, erwiderte Mrs. Merdle mit ihrem anmutigsten Lächeln, »wir wollen uns dieser Hoffnung hingeben. Aber ich gestehe, daß ich in meinen Ansichten von Geschäften beinahe abergläubisch bin.« Mr. Dorrit warf hier ein anderes Kompliment ein, das besagen wollte, Geschäfte, gerade wie die Zeit, die dabei so kostbar, seien für Sklaven gemacht; daß sie deshalb nichts für Mrs. Merdle taugen, die alle Herzen nach ihrem Gefallen regiere. Mrs. Merdle lachte und brachte Mr. Dorrit die Idee von dem Erröten des Busens bei – einem ihrer besten Effekte. »Ich sagte dies bloß«, erklärte sie dann, »weil Mr. Merdle immer das größte Interesse an Edmund nahm und stets den lebhaftesten Wunsch an den Tag legte, seiner Zukunft förderlich zu sein. Edmunds öffentliche Stellung, denke ich, kennen Sie. Seine Privatstellung ruht ganz in Mr. Merdles Händen. In meiner kindischen Unfähigkeit für alles, was Geschäft heißt, versichere ich Sie, daß ich nichts weiter weiß.« Mr. Dorrit drückte aufs neue in seiner Weise die Überzeugung aus, daß Geschäftssachen außerhalb des Gesichtskreises von Zauberinnen, die alles zu Sklaven machen, liegen. Er erwähnte dann seine Absicht, als Gentleman und Vater an Mr. Merdle zu schreiben. Mrs. Merdle war von ganzem Herzen – oder mit all ihrer Kunst, was genau dasselbe war – einverstanden und schickte selbst mit umgehender Post einen vorbereitenden Brief an das achte Wunder der Welt. In seiner brieflichen Mitteilung wie in seinen Gesprächen und Abhandlungen über die große Frage, um die es sich handelte, umgab Mr. Dorrit die Sache mit Floskeln aller Art, wie Schreibkünstler die Schreib- und Rechenbücher mit Arabesken verschönern, wodurch die Titel der Elementarregeln der Arithmetik in Schwäne, Adler, Greife und andere kalligraphische Unterhaltungen auseinanderlaufen und die Anfangsbuchstaben in Extasen von Feder und Tinte Leib und Seele verleugnen. Nichtsdestoweniger machte er den Gegenstand seines Briefes hinlänglich klar, um Mr. Merdle in den Stand zu setzen, sagen zu können, daß er die Sache aus dieser Quelle erfahren habe. Mr. Merdle antwortete Mr. Dorrit demgemäß; Mr. Dorrit antwortete Mr. Merdle; Mr. Merdle antwortete Mr. Dorrit, und bald verlautete, daß die korrespondierenden Mächte zu einem befriedigenden Einverständnis gediehen seien. Nun erst und nicht früher trat Miß Fanny, vollständig für ihre neue Rolle kostümiert, auf die Szene. Nun und nicht früher saugte sie Mr. Sparkler ganz in ihrem Lichte auf und leuchtete für beide und noch zwanzig mehr. Nicht länger den Mangel eines bestimmten Platzes und Charakters vermissend, was ihr so vielen Kummer verursacht, begann dieses schöne Schiff in einer festen Richtung zu steuern und mit einem Tiefgang und einem Gleichgewicht, die ihre hohen Seglereigenschaften entfalteten. »Nachdem die Präliminarien zur Zufriedenheit arrangiert sind, so denke ich, mein liebes Kind«, sagte Mr. Dorrit, »will ich – ha – formell Mrs. General ...« »Papa«, versetzte Fanny, indem sie ihm bei diesem Namen rasch ins Wort fiel, »ich sehe nicht ein, was Mrs. General damit zu tun haben sollte.« »Meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, »es ist ein Akt der Höflichkeit gegen – hm – eine feingebildete und noble Dame –« »Oh! ich habe Mrs. Generals feine Bildung und Noblesse satt, Papa«, sagte Fanny, »ich bin Mrs. Generals müde.« »Müde«, wiederholte Mr. Dorrit mit vorwurfsvollem Erstaunen, »Mrs. Generals müde!« »Ganz übersatt, Papa«, sagte Fanny, »ich weiß wirklich nicht, was sie mit meiner Heirat zu tun hat. Lasse sie sich mit ihren eigenen Heiratsprojekten beschäftigen – wenn sie welche hat.« »Fanny«, versetzte Mr. Dorrit mit ernster und schwerfälliger Langsamkeit des Begreifens, die stark mit der Leichtfertigkeit seiner Tochter kontrastierte, »ich bitte, mir gefälligst erklären zu wollen – ha –, was du meinst.« »Ich meine, Papa«, sagte Fanny, »daß, wenn Mrs. General zufällig selbst Heiratsprojekte haben sollte, diese meiner Ansicht nach ihre freie Zeit in Anspruch zu nehmen imstande sein werden. Wenn sie keine solchen hat, um so besser: aber ich wünsche doch nicht die Ehre zu haben, ihr besondere Mitteilung zu machen.« »Erlaube mir zu fragen, Fanny«, sagte Mr. Dorrit, »weshalb nicht?« »Weil sie selbst hinter meine Verlobung kommen kann, Papa«, versetzte Fanny. »Sie ist meiner Ansicht nach wachsam genug. Ich glaube das an ihr beobachtet zu haben. Kommt sie nicht selbst dahinter, so wird sie's merken, wenn ich verheiratet bin. Und ich hoffe, Sie werden mich deshalb nicht der Liebe gegen Sie zu ermangeln glauben, wenn ich sage, es scheint mir immer noch Zeit genug für Mrs. General zu sein.« »Fanny«, versetzte Mr. Dorrit, »ich bin erstaunt, ich bin höchst ungehalten über diese – hm – launenhafte und unbegreifliche Gehässigkeit, die du gegen – ha – Mrs. General an den Tag legst.« Bei diesen Worten erhob er sich mit einem festen Blick voll strengen Vorwurfs von seinem Stuhl und blieb in seiner Würde vor seiner Tochter stehen. Seine Tochter drehte das Bracelet an ihrem Arm, sah ihn bald an, bald von ihm weg und sagte: »Nun gut. Ich bedaure wirklich, wenn es dir nicht gefällt: aber ich kann mal nicht anders. Ich bin kein Kind mehr und bin nicht Amy, ich muß sprechen.« »Fanny«, sagte Mr. Dorrit halb atemlos nach majestätischem Schweigen, »wenn ich verlange, daß du hier bleibst, während ich Mrs. General, als einer ausgezeichneten Dame, die – hm – ein treues Mitglied unserer Familie ist, – die Veränderung mitteile, die unter uns beabsichtigt ist; wenn ich – ha – nicht allein dies fordere, sondern – hm – darauf bestehe –« »O, Papa«, fiel Fanny mit bedeutungsvollem Nachdruck ein, »wenn du, wie es scheint, so großes Gewicht darauf legst, so ist es meine Pflicht, zu gehorchen. Ich hoffe jedoch, daß ich mir meine Gedanken darüber machen darf, denn ich muß mir unter so bewandten Umständen welche machen.« Fanny setzte sich darauf mit einer Ergebung, die, wenn man die Extreme betrachtete, wie Herausforderung aussah: und ihr Vater, der entweder sie keiner Antwort würdigte oder nicht wußte, was er antworten sollte, lief nach Mr. Tinkler. »Mrs. General.« Mr. Tinkler, der nicht gewöhnt war, so kurze Befehle zu erhalten, wenn es sich um die schöne Firnisserin handelte, blieb stehen. Mr. Dorrit aber, der das ganze Marschallgefängnis und alle Ehrengaben in diesem Stehenbleiben erblickte, fuhr augenblicklich auf ihn zu und rief: »Wie können Sie es wagen, Sir? Was wollen Sie damit?« »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Mr. Tinkler zu seiner Verteidigung, »ich wünschte zu wissen –« »Sie wünschten nichts zu wissen, Herr«, rief Mr. Dorrit stark gerötet. »Sagen Sie mir das nicht. Ha! Das war nichts. Sie haben sich einen Spott erlaubt, Herr.« »Ich versichere Sie, Sir –«, begann Mr. Tinkler. »Versichern Sie mir nichts!« sagte Mr. Dorrit. »Ich will keine Versicherung von einem Bedienten. Sie haben sich einen Spott zuschulden kommen lassen. Sie können zum Teufel gehen –-hm – die ganze Dienerschaft kann zum Teufel gehen, auf was warten Sie noch?« »Nur auf meinen Auftrag, Sir.« »Das ist nicht wahr, Sie haben Ihren Auftrag. Ha – hm. Meine Empfehlung an Mrs. General, und ich lasse sie bitten, die Güte zu haben, herüberzukommen, wenn es ihr gefällig, nur auf einige Minuten. Das ist Ihr Auftrag.« Bei der Entledigung dieses Auftrags ließ Mr. Tinkler vielleicht verlauten, daß Mr. Dorrit höchst aufgebracht sei. Wie dem nun auch war, Mrs. Generals Kleider hörte man alsbald draußen mit ungewöhnlicher Eile rauschen – ja, man möchte beinahe sagen anprallen. An der Tür ließen sie sich jedoch wieder nieder und schwebten mit gewöhnlicher Kälte herein. »Mrs. General«, sagte Mr. Dorrit, »setzen Sie sich.« Mrs. General ließ sich mit anmutig dankender Verbeugung, die einen schönen Bogen bildete, in den Stuhl nieder, den ihr Mr. Dorrit anbot. »Madame«, fuhr dieser fort, »da Sie die Freundlichkeit hatten, sich – hm – mit der Bildung meiner Töchter zu beschäftigen, und da ich überzeugt bin, daß nichts, was dieselben nahe angeht – ha –, Ihnen gleichgültig sein kann –« »Ganz unmöglich«, sagte Mrs. General in ihrer ruhigsten Art. »– so wünsche ich Ihnen mitzuteilen, Madame, daß meine anwesende Tochter –« Mrs. General machte eine leichte Kopfverbeugung gegen Fanny. Diese machte gleichfalls eine sehr tiefe Kopfverbeugung gegen Mrs. General und richtete sich dann wieder stolz auf. »– daß meine Tochter Fanny sich – ha – mit Mr. Sparkler verlobt hat, den Sie kennen. Sie werden von nun an der Hälfte Ihrer schwierigen – ha – schwierigen Aufgabe enthoben sein.« – Mr. Dorrit wiederholte seine Worte mit einem ärgerlichen Blick auf Fanny. »Dagegen wird, wie ich hoffe, in keinem andern Teil der Stellung, die Sie im Augenblick in meiner Familie einzunehmen die Güte haben, die geringste Änderung oder Verminderung eintreten.« »Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, während ihre behandschuhten Hände in exemplarischer Ruhe aufeinander lagen, »ist stets ungemein rücksichtsvoll und schlägt meine freundlichen Dienste viel zu hoch an.« (Miß Fanny hustete, als wollte sie sagen: »Sie haben recht!«) »Miß Dorrit hat ohne Zweifel mit der größten Besonnenheit gewählt, soweit dies die Umstände gestatteten, und wird mir wohl erlauben, ihr meine aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Wenn keine Fesseln der Leidenschaft uns binden«, Mrs. General schloß ihre Augen bei dem Worte, als ob sie es nicht aussprechen und dabei jemanden ansehen könnte, »wenn die nächsten Verwandten ihre Zustimmung geben und das stolze Gebäude einer Familie dadurch befestigt wird – so sind dies gewöhnlich gute Vorbedeutungen. Ich hoffe. Miß Dorrit wird mir erlauben, ihr meine besten Glückwünsche darzubringen.« Hier hielt Mrs. General inne und fügte bei sich hinzu, um ihr Gesicht wieder in die richtigen Falten zu legen: »Papa, Potatoes, Poultry, Prunes und Prism.« »Mr. Dorrit«, fügte sie laut hinzu, »zeigt sich sehr verbindlich gegen mich: und für die Aufmerksamkeit, ja, ich möchte sagen Auszeichnung, daß mir von ihm und Miß Dorrit so früh diese vertrauliche Mitteilung geworden ist, erlaube ich mir, meinen lebhaftesten Dank auszusprechen. Mein Dank und mein Glückwunsch gehören gleicherweise Mr. Dorrit und Miß Dorrit.« »Mir«, bemerkte Miß Fanny, »ist dies ausnehmend erfreulich, ganz außerordentlich erfreulich. Das wohltuende Bewußtsein, daß Sie nichts gegen meine Verbindung einzuwenden haben, Mrs. General, nimmt mir wahrhaftig eine große Last vom Herzen. Ich weiß kaum, was ich getan«, sagte Fanny, »wenn Sie Einwürfe gemacht, Mrs. General.« Mrs. General änderte die Lage ihrer Handschuhe, indem sie den rechten nach oben, den linken nach unten legte und dabei lächelte, während ihr Mund Prunes und Prism auszusprechen schien. »Ihre Zufriedenheit mir zu erhalten, Mrs. General,« sagte Fanny mit einem Lächeln, in dem nichts von Prunes und Prism zu gewahren war, »wird natürlich das höchste Streben meines Lebens sein; sie zu verlieren, wäre natürlich das größte Unglück für mich. Ich bin jedoch überzeugt, Ihre große Freundlichkeit wird nichts dagegen haben, und ich hoffe, auch Papa wird nichts dagegen haben, wenn ich einen kleinen Irrtum, den Sie begangen, berichtige. Die besten Menschen sind so sehr dem Irrtum ausgesetzt, daß selbst Sie, Mrs. General, einen kleinen Irrtum begangen haben. Die Aufmerksamkeit und Auszeichnung, deren Sie so nachdrücklich als in diesem Vertrauen liegend erwähnten, Mrs. General, mögen allerdings äußerst schmeichelhaft und wohltuend sein; aber sie kommen nicht von mir. Das Verdienst, Sie wegen dieser Sache zu Rate gezogen zu haben, wäre so groß für mich gewesen, daß ich fühle, ich darf keinen Anspruch darauf machen, wenn ich es nicht wirklich habe. Es ist ganz und gar Papas Verdienst. Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Ermutigung und Ihr Wohlwollen, aber Papa war es, der sie heischte. Ich habe Ihnen zu danken, Mrs. General, daß Sie meine Brust von einer schweren Last befreiten, indem Sie so freundlich Ihre Zustimmung zu meiner Verbindung geben; aber Sie haben mir durchaus nicht dafür zu danken. Ich hoffe, Sie werden auch künftig, wenn ich das Vaterhaus verlassen habe, mein Tun und Treiben billigen, und meine Schwester wird der Lieblingsgegenstand Ihrer herablassenden Güte sein, Mrs. General.« Nach dieser Anrede, die sie in ihrer höflichsten Weise vorbrachte, verließ Miß Fanny das Zimmer mit artiger und freundlicher Miene, um mit dunkelrotem Gesicht die Treppe hinaufzustürmen, sobald sie aus dem Hörkreis war, auf ihre Schwester loszufahren, sie einen kleinen Hamster zu schelten, sie zu schütteln, daß sie die Augen besser öffne, ihr zu sagen, was unten vorgegangen, und sie zu fragen, was sie jetzt von Papa dächte? Gegen Mrs. Merdle benahm sich die junge Dame mit großer Unabhängigkeit und Selbstbeherrschung; aber noch immer, ohne entschieden die Feindseligkeiten zu eröffnen. Bisweilen hatten sie ein kleines Scharmützel, wenn Fanny sich durch diese Dame auf den Rücken geklopft glaubte, oder wenn Mrs. Merdle besonders jung und gut aussah; aber Mrs. Merdle schloß diese Waffengänge immer nach kurzer Zeit damit, daß sie mit der anmutigsten Gleichgültigkeit in ihre Kissen sank und ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtete. Die Gesellschaft (denn dieses geheimnisvolle Wesen saß auch auf den sieben Hügeln) fand, daß Miß Fanny sich durch ihre Verlobung sehr gebessert habe. Sie war zugänglicher, freier und einnehmender, weit weniger anmaßend; und dies in solchem Grade, daß sie jetzt ein ganzes Heer von Verehrern und Bewunderern um sich versammelte – zu nicht geringem Ärger der Frauen, die heiratsfähige Töchter hatten und die gewissermaßen wegen des Miß Dorritschen Kriegsfalls aus der Gesellschaft aufstanden und eine rebellische Fahne aufpflanzten. Miß Dorrit, die sich der Unruhen freute, die sie hervorrief, schritt nicht nur in eigner Person stolz durch dieselben hindurch, sondern führte selbst Mr. Sparkler prahlend durch die Massen, indem sie zu sagen schien: »Wenn ich es für passend halte, nur von diesem einen schwachen Gefangenen lieber, als von einem stärkeren in Fesseln begleitet, meinen Triumphzug zu halten, so ist das meine Sache. Genug, ich will es so!« Mr. Sparkler seinerseits fragte nichts, sondern ging, wohin man ihn führte, tat, was man ihm sagte, fühlte, daß, wenn er wegen seiner Brautwahl ausgezeichnet wurde, diese Auszeichnung zu erringen ihm wenig Mühe gekostet, und war herzlich dankbar für diese öffentliche Anerkennung. Da der Winter seinem Ende entgegeneilte und der Frühling nahte, während diese Dinge vor sich gingen, wurde es nötig, daß Mr. Sparkler in die Heimat zurückkehrte und die ihm angewiesene Stellung für die Betätigung und Richtung seines Geistes, seiner Kenntnisse, seines Handelstalentes, seiner geistigen und körperlichen Kräfte einnehme. Das Land Shakespeares, Miltons, Bacons, Newtons, Watts, das Land eines Heeres von verstorbenen und lebenden abstrakten Philosophen, Naturphilosophen und Bezwingern der Natur und Kunst in ihren Myriaden Formen rief Mr. Sparkler, daß er komme und sich seiner annehme, da es sonst zugrunde gehen müsse. Mr. Sparkler, der nicht imstande war, den Todesschrei, der aus der Tiefe der Seele seines Landes drang, zu widerstehen, erklärte, daß er gehen müsse. Dadurch wurde natürlich die Frage, wann, wo und wie Mr. Sparkler dem ersten Mädchen der ganzen Welt, das keinen Unsinn an sich habe, angetraut werden sollte, zu einer brennenden. Die Lösung derselben teilte Miß Fanny, nachdem man eine Zeitlang geheime Verhandlungen darüber gepflogen, ihrer Schwester selbst mit. »Nun, mein Kind«, sagte sie, indem sie sie eines Tages aufsuchte, »ich will dir etwas sagen. Es ist eben erst zum Beschluß gekommen, und natürlich eile ich im selben Augenblick zu dir, wo die Sache zum Beschluß gekommen ist.« »Deine Heirat, Fanny?« »Mein kostbares Kind«, sagte Fanny, »greife mir nicht vor. Lasse mich auf meine Weise mein Vertrauen mit dir teilen, du kleines, unruhiges Ding. Wenn ich deine Vermutung wörtlich beantwortete, so würde ich nein antworten. Denn es handelt sich nicht so sehr um meine Heirat als um Edmunds Heirat.« Klein-Dorrit schien, und vielleicht nicht ohne Ursache, etwas verlegen, diese seine Unterscheidung zu verstehen. »Ich mache keine Schwierigkeit«, rief Fanny, »und habe keine Eile. Mich braucht man auf keinem öffentlichen Bureau, noch bedarf man meiner Stimme sonstwo. Aber Edmund wird verlangt. Und Edmund ist sehr niedergeschlagen, daß er fort muß, und wahrhaftig, ich wünschte nicht, daß er sich selbst überlassen wäre. Denn wo es möglich – und es ist gewöhnlich möglich – etwas Törichtes zu tun, so tut er es sicher.« Als sie diesen unparteiischen Inbegriff des Vertrauens, das man auf ihren künftigen Gatten setzen könne, geschlossen, nahm sie mit einer Geschäftsmiene den Hut ab, den sie trug, und ließ ihn an den Bändern auf dem Boden baumeln. »Es handelt sich deshalb mehr um Edmund, als um mich. Doch wir brauchen nicht mehr davon zu sagen. Es springt von selbst in die Augen. Nun, meine liebste Amy, wenn die Frage aufsteigt, geht er allein, oder geht er nicht allein?, so steigt die weitere Frage auf, sollen wir hier und bald getraut werden, oder sollen wir in der Heimat und in einigen Monaten getraut werden?« »Ich sehe, ich soll dich verlieren, Fanny.« »Was für ein kleines Ding du bist«, rief Fanny, halb nachsichtig und halb ungeduldig, »daß du mir immer zuvorkommst! Bitte, mein Liebling, lasse mich ausreden. Jene Frau«, sie sprach natürlich von Mrs. Merdle, »bleibt bis nach Ostern hier; im Falle ich nun hier heirate und mit Edmund nach London gehe, hätte ich den Vorsprung vor ihr. Das ist etwas. Weiter, Amy. Ist jene Frau mir au« dem Wege, so wüßte ich nicht, was ich Besonderes gegen den Vorschlag einzuwenden haben sollte, den Mr. Merdle Papa machte, daß Edmund und ich unsere Wohnung in jenem Hause aufschlagen – du weißt, wo du einst mit einer Tänzerin warst, meine Liebe –, bis unser eigenes Haus gewählt und eingerichtet werden kann. Noch weiter, Amy. Da Papa immer die Absicht hatte, im Frühjahr nach London zu gehen, so würden wir, wenn Edmund und ich verheiratet wären, nach Florenz gehen, wohin uns Papa nachkäme, und wir könnten dann alle drei zusammen nach Hause reisen. Mr. Merdle hatte Papa gebeten, in dem bereits erwähnten Hause bei ihm zu wohnen, und ich glaube auch, er hat die Absicht. Aber er ist Herr seines Tuns, und über diesen Punkt (der auch gar nicht wesentlich ist) kann ich nicht mit Bestimmtheit sprechen.« Fanny legte auf den Unterschied, daß Papa Herr seines Tuns sei, was bei Mr. Sparkler in keiner Weise der Fall, durch die Art, wie sie die Sache darstellte, einen besonderen Nachdruck. Ihre Schwester bemerkte es jedoch nicht; denn ihre Gefühle waren zwischen dem Schmerz einer baldigen Trennung und dem sehnsüchtigen Wunsche geteilt, daß man auch sie in den Plan, England zu besuchen, mit eingeschlossen habe. »Das sind die Arrangements, liebe Fanny?« »Das sind die Arrangements!« wiederholte Fanny. »Nun, wahrhaftig, Kind, du stellst mich nicht wenig auf die Probe. Du weißt, ich hütete mich ganz besonders davor, die Worte so zu setzen, daß irgendeine derartige Deutung möglich war. Was ich sagte, war, daß gewisse Fragen sich darbieten; und dies sind die Fragen.« Klein-Dorrits gedankenvolle Augen ruhten zärtlich und sanft auf ihr. »Nun, mein süßes Mädchen«, sagte Fanny, ihren Hut an seinen Bändern mit großer Ungeduld hin- und herschwingend, »was soll das Stieren? Eine kleine Eule könnte mich ebenso stark ansehen. Ich verlange Rat von dir, Amy. Was rätst du mir zu tun?« »Glaubst du«, fragte Klein-Dorrit nach kurzem Zögern überredend, »glaubst du, Fanny, daß es nicht besser wäre, wenn man alles in Betracht zieht, daß du die Heirat noch einige Monate verschöbest?« »Nein, kleine Schildkröte«, versetzte Fanny in außerordentlich scharfem Tone, »das denke ich durchaus nicht.« Hier schleuderte sie den Hut ganz von sich und warf sich in einen Stuhl. Aber gleich darauf wieder von zärtlichen Gefühlen ergriffen, sprang sie vom Stuhl auf und kniete auf den Boden nieder, um ihre Schwester und den Stuhl und alles zu umarmen. »Glaube nicht, daß ich heftig und unfreundlich bin, liebes Kind, ich bin es wirklich nicht. Aber du bist so ein kleines närrisches Ding! Du machst, daß man dir gleich den Kopf abbeißt, wenn man dich liebkosen möchte. Habe ich dir nicht gesagt, mein liebes Kind, daß man Edmund nicht sich selbst überlassen darf? Und weißt du wirklich nicht, daß dem so ist?« »Doch, doch, Fanny. Du sagtest das, ich weiß es.« »Und du weißt es, das weiß ich«, versetzte Fanny. »Nun, mein kostbares Kind! Wenn man ihn nicht sich selbst überlassen darf, denke ich, so sollt' ich mit ihm gehen – habe ich dich also, liebste Amy, so zu verstehen, daß du, nachdem du gehört, welche Schritte in dieser Sache möglich sind, mir im ganzen rätst, sie zu tun?« »Es scheint so, meine Liebe«, sagte Klein-Dorrit. »Nun gut!« rief Fanny mit resignierter Miene, »dann muß es wohl auch geschehen? Ich kam zu dir, meine Liebe, in dem Augenblick, wo ich den Zweifel und die Notwendigkeit, einen Entschluß zu fassen, fühlte. Ich habe meinen Entschluß nunmehr gefaßt. So mag es nun sein.« Nachdem Fanny in dieser musterhaften Weise schwesterlichem Rat und dem Drang der Umstände nachgegeben, wurde sie außerordentlich wohlwollend, wie jemand, der seine eigenen Neigungen der teuersten Freundin geopfert und in diesem Bewußtsein ein höchst wohltuendes Gefühl empfand. »Im Grunde, meine Amy«, sagte sie zu ihrer Schwester, »bist du das beste kleine Geschöpf, das man sich denken kann; voll Klugheit und Einsicht; und ich wüßte nicht, wie ich's ohne dich anfangen sollte!« Mit diesen Worten umarmte sie sie noch einmal und mit noch größerer Innigkeit und Herzlichkeit. »Nicht, daß ich beabsichtigte, je ohne dich zu sein, Amy, keineswegs, denn ich hoffe, wir werden beinahe unzertrennlich sein. Und nun, mein Liebling, will ich auch dir einen Rat geben. Wenn du hier allein mit Mrs. General bleibst –« »Ich soll hier allein mit Mrs. General bleiben?« sagte Klein-Dorrit ruhig. »Natürlich, mein kostbares Kind, bis der Papa zurückkommt! Wenn du nicht etwa Edward Gesellschaft nennen willst, was er gewiß nicht ist, selbst wenn er hier ist, und noch weniger natürlich, wenn er in Neapel oder Sizilien ist. Ich war im Begriff, zu sagen – aber du bist solch ein närrisches Ding, daß du einen aus dem Konzept bringst – wenn du hier allein mit Mrs. General zurückbleibst, Amy, so dulde nicht, daß sie dich irgendwie auf schlaue Weise dazu bringt, es als etwas Natürliches anzusehen, daß sie sich um Papa oder daß Papa sich um sie bekümmert. Sie wird das tun, wenn sie es kann. Ich kenne ihre schlaue Manier, sich mit ihren Handschuhen fortzutasten. Du aber darfst sie unter keiner Bedingung verstehen. Und wenn Papa dir bei seiner Rückkehr sagen sollte, daß er die Absicht habe, Mrs. General zu deiner Mama zu machen (was durch mein Weggehen nicht wenig wahrscheinlich wird), so rate ich dir, daß du sogleich erklärst: »Papa, ich bitte, mich entschieden dagegen aussprechen zu dürfen. Fanny hat mich davor gewarnt; sie ist dagegen, und ich bin dagegen.« Ich will damit nicht sagen, daß irgendein Einwurf von deiner Seite auch nur die geringste Wirkung zu machen, Aussicht hat, oder daß ich glaube, du werdest ihn mit der nötigen Festigkeit vorbringen. Aber es handelt sich hier um ein Prinzip – ein kindliches Prinzip, und ich bitte dich dringend, dich nicht von Mrs. General bestiefmuttern zu lassen, ohne jenes Prinzip dadurch zu manifestieren, daß du es jedermann so unbehaglich wie möglich machst. Ich erwarte von dir nicht, daß du fest bei demselben beharrst – ich weiß wirklich, du wirst es nicht tun, soweit die Sache Papa betrifft, aber ich möchte dich zum Bewußtsein des Pflichtgefühls bringen. Was die Unterstützung von meiner Seite oder den Widerspruch betrifft, den ich gegen eine solche Heirat einsetzen kann, so werde ich dich nicht im Stiche lassen, meine Liebe. Alles Gewicht, das mir meine Stellung als verheiratete Frau gibt, die nicht ganz aller Anziehungskraft entbehrt, – und gewohnt, dieser Frau Widerstand zu leisten, wie dies immer bei mir der Fall sein wird – all dies Gewicht, darauf kannst du dich verlassen, werde ich auf das Haupt und das falsche Haar (denn ich bin überzeugt, es ist nicht echt, so häßlich es auch ist, und so unwahrscheinlich es auch ist, daß jemand vernünftiges Geld dafür ausgeben sollte) von Mrs. General fallen lassen!« Klein-Dorrit hörte diesen Rat an, ohne zu wagen, etwas gegen denselben einzuwenden, ohne jedoch auch Fanny irgendeinen Grund zu dem Glauben zu geben, sie beabsichtige, ihn zu befolgen. Da Fanny nun gewissermaßen ihr Jungfrauenleben förmlich abgeschlossen und ihre weltlichen Angelegenheiten geordnet hatte, begann sie mit dem ihr eigentümlichen Eifer, sich für die ernste Veränderung in ihrer Lage vorzubereiten. Die Vorbereitung bestand darin, daß sie ihr Mädchen, in Begleitung eines Kuriers, nach Paris sandte, um die Ausstattung für eine Braut zu kaufen, der die gegenwärtige Erzählung –- ohne ins Platte zu verfallen – keinen englischen Namen geben kann, der jedoch einen französischen Namen zu geben (nach dem gewöhnlichen Grundsatz, bei der Sprache zu bleiben, in der sie mal geschrieben), ihr ebenso widerstrebt. Die von diesen Agenten angekaufte schöne und reiche Garderobe machte im Verlaufe weniger Wochen ihren Weg durch das dazwischen liegende Land, das mit Zollhäusern überfüllt war, in dem eine ungeheure Armee schäbiger Bettler in Uniform garnisonierte, die beständig die Bitte um Almosen wiederholten, als wenn jeder einzelne dieser Krieger der alte Belisar wäre, und deren es so zahlreiche Legionen gab, daß, wenn der Kurier nicht genau anderthalb Scheffel Silbergeld ausgegeben hätte, um ihrer Not abzuhelfen, sie durch das bloße Umdrehen schon die Garderobe zerfetzt hätten, ehe sie nach Rom gelangt wäre. Aus all diesen Gefahren ging sie jedoch siegreich hervor, Zoll um Zoll, und kam in bester Beschaffenheit am Ziel ihrer Reise an. Dort wurde sie auserlesenen Gesellschaften von Besucherinnen vorgelegt, in deren zartem Busen sie unversöhnliche Gefühle weckte. Gleichzeitig wurden lebhafte Vorbereitungen für den Tag gemacht, an dem einige von diesen Schätzen öffentlich zur Schau gestellt werden sollten. Die Hälfte der Engländer in der Stadt des Romulus erhielt Einladungskarten zum Frühstück; die andre Hälfte machte Vorbereitungen, um als kritisierende Freiwillige an verschiedenen Vorposten der Feierlichkeit unter Waffen zu sein. Der hochgestellte und ausgezeichnete englische Signor Edgardo Dorrit kam mit Extrapost durch den tiefen Schmutz und auf den schlechten Wegen von Neapel (wo er dem strebenden neapolitanischen Adel Manieren beibrachte), um der Feierlichkeit anzuwohnen. Das beste Hotel und alle seine Kochkünstler waren mit der Bereitung des Festmahles in Anspruch genommen. Die Anweisungen von Mr. Dorrit brachten bei Torlonia beinahe eine Krisis hervor. Der britische Konsul hatte während seines ganzen Konsulats keine solche Hochzeit gehabt. Der Tag erschien, und die Wölfin auf dem Kapitol hätte vor Neid die Zähne fletschen können, wenn sie hatte sehen müssen, wie die Inselwilden die Sache heutzutage treiben. Die bösen Kaiser der Soldateska mit den Mördergesichtern, denen die Bildhauer die abscheuliche Häßlichkeit nicht hatten wegschmeicheln können, hätten von ihren Piedestalen herabkommen können, um die Braut zu entführen. Die vertrocknete alte Fontäne, wo sich ehedem die Gladiatoren gewaschen, hätte zu Ehren der Feierlichkeit wieder springen können. Der Tempel der Vesta hätte sich wieder aus seinen Trümmern erheben können, um bei dieser feierlichen Gelegenheit sich in seiner ganzen Schönheit zu zeigen. Sie hätten es tun können: aber taten es nicht. Wie lebendige Wesen – selbst wie manchmal die Herren und Herrinnen der Schöpfung – hätten sie viel tun können, taten aber nichts. Die Feierlichkeit ging mit staunenswertem Pomp vor sich: Mönche in schwarzen Kutten, weißen Kutten und braunen Kutten blieben stehen, um den Wagen nachzusehen; herumziehende Landleute in Schafpelzen bettelten und bliesen unter den Fenstern des Hauses; die englischen Freiwilligen zogen vorüber; der Tag verging bis zur Vesperstunde; das Fest war vorbei; die Tausende von Kirchenglocken läuteten, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, und St. Peter leugnete, daß er irgend etwas damit zu tun habe. Inzwischen war die Braut dem Ziel ihrer ersten Tagreise auf dem Wege nach Florenz nahe. Es war eine Eigentümlichkeit dieser Hochzeit, daß sie ganz nur Braut war. Niemand nahm von dem Bräutigam Notiz. Niemand nahm von der ersten Brautjungfer Notiz. Wenige hätten vor dem Glanz Klein-Dorrit (die diese Stelle versah) bemerken können, selbst vorausgesetzt, daß viele sie gesucht hätten. So war die Braut in ihren schönen Wagen gestiegen, zufällig von dem Bräutigam begleitet, und fing jetzt an, nachdem sie wenige Minuten lang sanft über ein schönes Pflaster gerollt, sich durch einen melancholischen Sumpf und durch eine lange, lange Straße von Verfall und Trümmern hindurchzuwinden. Andere Hochzeitswagen sollen vorher und seitdem dieselbe Straße gefahren sein. Wenn sich Klein-Dorrit an diesem Abend ein wenig einsam und gedrückt fühlte, so würde sie nichts so sehr erleichtert haben, als wenn sie neben ihrem Vater wie in frühern Zeiten an der Arbeit hätte sitzen oder ihm sein Nachtessen und sein Bett bereiten können. Aber daran war jetzt nicht zu denken, wo sie mit Mrs. General auf dem Bock der Zeremonienkutsche saß. Und das Nachtessen! Wenn Mr. Dorrit ein solches verlangte, mußten ein italienischer Koch und ein Schweizer Konditor Mützen so hoch wie die Mitra des Papstes aufsetzen und die Geheimnisse von Alchimisten in einem mit kupfernen Kasserollen versehenen Laboratorium unter der Erde verrichten, ehe er es bekommen konnte. Er war an diesem Abend sententiös und belehrend; wäre er einfach herzlich gewesen, so hätte das Klein-Dorrit wohler getan; aber sie nahm ihn, wie er war – wann hatte sie ihn nicht genommen, wie er war – und faßte ihn von seiner besten Seite auf. Mrs. General zog sich endlich zurück. Ihr Weggehen am I?7 Abend war immer ihre frostigste Zeremonie, als fände sie es notwendig, die menschliche Phantasie zu Stein erstarren zu machen, daß man ihr nicht folge. Als sie ihre strengen Präliminarien gemacht, die bis zu platonischen Übungen sich verstiegen, verließ sie das Zimmer. Klein-Dorrit schlang dann ihren Arm um ihres Vaters Hals, um ihm gute Nacht zu sagen. »Meine liebe Amy«, sagte Mr. Dorrit, indem er ihre Hand ergriff, »das ist das Ende eines Tages, der mich – ha – sehr gerührt und mir sehr wohlgetan hat.« »Wohl auch ein wenig müde gemacht, Vater?« »Nein«, sagte Mr. Dorrit, »nein, ich fühle keine Müdigkeit, wenn sie eine so – hm – mit Freude der reinsten Art verbundene Veranlassung hat.« Klein-Dorrit freute sich, ihn bei so guter Stimmung zu finden, und lächelte voll Glückseligkeit. »Mein Liebe«, fuhr er fort. »Dies ist ein Tag – ha –, der als ein gutes Beispiel gelten kann. Ein gutes Beispiel, mein treuer Liebling, – hm – für dich.« Klein-Dorrit, durch seine Worte etwas in Verlegenheit gebracht, wußte nicht, was sie sagen sollte, obgleich er innehielt, als ob er erwartete, sie werde etwas sagen. »Amy«, fuhr er fort, »deine liebe Schwester, unsere Fanny, hat – ha, hm – eine Ehe geschlossen, die vortrefflich geeignet ist, die Basis unserer – ha – Bekanntschaft auszudehnen und unsere – hm – sozialen Beziehungen zu konsolidieren. Meine Liebe, ich glaube, daß die Zeit nicht fern sein wird, wo eine – ha – annehmbare Partie sich für dich finden wird.« »O, nein! Laß mich bei dir bleiben. Ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben. Ich verlange nichts weiter, als bei dir zu bleiben und für dich zu sorgen!« Sie sagte es wie jemand, der plötzlich aufgeschreckt wird. »Nein, Amy, Amy«, sagte Mr. Dorrit. »Das ist schwach und kindisch, schwach und kindisch. Deine Stellung – ha – legt dir eine Verpflichtung auf. Es gilt, diese Stellung geltend zu machen; ich kann – ha – selbst für mich sorgen. Oder«, fügte er nach einem Augenblick hinzu, »wenn ich jemand brauchte, der für mich sorgte, so – hm – kann ich, mit dem – ha – Segen der Vorsehung, jemand finden, der für mich sorgt. Ich kann nicht – ha, hm – alle Last auf dich wälzen, liebes Kind, und – ha – dich gewissermaßen aufopfern.« O, welch eine Tageszeit für diese Beteurung von Selbstverleugnung: o; welche Zeit, um sie mit einer Miene auszusprechen, als ob man Glauben für sie forderte; welch eine Zeit, daran zu glauben, wenn das möglich wäre! »Sprich nicht, Amy. Ich sage es ganz entschieden, ich kann das nicht zugeben. – Ich – ha – darf – es nicht zugeben. Mein – hm – Gewissen würde es nicht erlauben. Ich ergreife daher die mir durch diese angenehme und rührende Gelegenheit gebotene Veranlassung, dir feierlich – ha – kundzutun, daß es jetzt mein innigster Wunsch und Vorsatz ist, dich – ha – angemessen (ich wiederhole angemessen) verheiratet zu sehen.« »O nein, mein lieber Vater, ich bitte dich!« »Amy!« sagte Mr. Dorrit, »ich bin fest überzeugt, daß, wenn die Sache, die wir hier besprechen, einer Person von höherer Weltkenntnis, größerem Zartgefühl und schärferer Einsicht vorgelegt würde – wir wollen zum Beispiel sagen, Mrs. General –, so würden nicht zweierlei Ansichten über den – hm – liebevollen Charakter und die Richtigkeit meiner Gefühle stattfinden. Da ich jedoch deinen liebevollen und gehorsamen Charakter aus – hm – Erfahrung kenne, so bin ich überzeugt, daß ich nichts weiter zu sagen brauche. Ich habe – hm – für den Augenblick keinen Gatten, den ich dir vorschlagen könnte; ich habe sogar nicht mal einen in Aussicht. Ich wünsche nur – ha –, daß wir uns verstehen. Hm. Gute Nacht, meine liebe und einzig mir bleibende Tochter. Gute Nacht. Gott sei mit dir!« Wenn Klein-Dorrit jemals in dieser Nacht der Gedanke kam, daß er sie jetzt in seinem Glücke leicht hingeben könnte, jetzt, da er im Sinn hatte, sie durch eine zweite Gattin zu ersetzen, so verscheuchte sie diesen Gedanken alsbald wieder. Unverändert treu gegen ihn wie in den schlimmsten Zeiten, wo sie allein mit ihrer Hand ihn gestützt und aufrechterhalten, wies sie diesen Gedanken von sich ab und kannte in ihrer tränenvollen Ruhelosigkeit keinen herberen Gedanken, als daß er jetzt alles im Licht ihres Reichtums und mit der beständigen Sorge ins Auge faßte, reich zu bleiben und reicher zu werden. Sie saßen noch drei Wochen länger in ihrer Staatskutsche, mit Mrs. General auf dem Bock; dann reiste er nach Florenz, um mit Fanny zusammenzutreffen. Klein-Dorrit hätte ihm so gern bis dahin Gesellschaft geleistet, einzig um ihrer Liebe willen, und wäre dann, an ihr teures England denkend, zurückgekehrt. Aber da der Kurier mit der Braut gegangen, war der Kammerdiener nunmehr an der Reihe; und diese wäre erst an sie gekommen, wenn man niemand mehr für Geld hätte haben können. Mrs. General nahm das Leben leicht – so leicht, heißt das, wie sie überhaupt etwas nehmen konnte –, als der römische Haushalt in ihrem alleinigen Besitz blieb; und Klein-Dorrit fuhr oft in einem Mietswagen, den man ihnen gelassen, aus oder sprang auch allein aus dem Wagen und wanderte unter den Ruinen des alten Rom umher. Die Trümmer des großen alten Amphitheaters, der alten Tempel, der alten erinnerungsreichen Bogengänge, der alten vielbetretenen Straße, der alten Gräber erschienen ihr außer in ihrer eigentlichen Gestalt auch als Ruinen des alten Marschallgefängnisses – als Ruinen ihres eigenen ehemaligen Lebens – als Ruinen der Gesichter und Gestalten derer, die es damals bevölkert, als Ruinen der Neigungen, Hoffnungen, Sorgen und Freuden, die darin gewaltet hatten. Zwei untergegangene Sphären I?9 des Tuns und Leidens standen vor dem einsamen Mädchen, das oft auf einem zerbröckelten Steine saß; und an dem einsamen Orte, unter dem blauen Himmel, sah sie beides zugleich. Dann kam gewöhnlich Mrs. General, nahm allem die Farbe, wie Natur und Kunst alle Farbe aus ihr genommen; sie schob zwischen Mr. Eustaces Text überall Prunes und Prism, wo sie nur konnte; sah sich überall nach Mr. Eustace und Kompagnie um und hatte sonst für nichts Auge; scharrte die dürrsten Knochen Altertum zusammen und verschlang sie ohne menschliches Erbarmen – wie ein Werwolf in Handschuhen. Sechzehntes Kapitel. Vorwärts Das neuverheiratete Ehepaar wurde bei seiner Ankunft in Harleystreet, Cavendishsquare, London, von dem Oberhaushofmeister empfangen. Dieser große Mann nahm kein Interesse an ihnen, aber er duldete sie im ganzen. Es müssen beständig Leute verheiratet und getraut werden, sonst brauchte man keine Haushofmeister. Wie Staaten zum Besteuern da sind, so sind Familien da, um gehaushofmeistert zu werden. Der Oberhaushofmeister dachte jedenfalls, daß der Lauf der Natur seinetwegen die Fortpflanzung der reichen Bevölkerung vorschreibe. Er ließ sich deshalb herab, den Wagen von der Haustür aus ohne zürnende Blicke zu betrachten, und sagte zu einem seiner Untergebenen auf höchst liebenswürdige Weise: »Thomas, hilf beim Abpacken!« Er geleitete sogar die junge Frau die Treppe hinauf zu Mr. Merdle; aber dies war als ein Akt der Huldigung gegen das schöne Geschlecht (das er bewunderte, wie er notorisch in die Reize einer gewissen Herzogin sich verliebt hatte) und nicht als ein Unterordnen seiner selbst unter die Familie zu betrachten. Mr. Merdle schlich auf dem Kaminteppich umher und erwartete die Ankunft Mrs. Sparklers. Seine Hand schien beim Willkomm in seinen Rockärmel hinaufzukriechen, und er gab ihr einen solchen Überfluß von Rockaufschlag, daß es wie ein Empfang von dem der Volksvorstellung entsprechenden Bilde von Guy Fawkes Als letzter bei der Pulververschwörung 1605 unter Jakob I. hingerichtet. war. Als er seine Lippen auf die ihren drückte, nahm er sich bei den Handgelenken fest und deckte sich den Rücken durch die Ottomanen und Stühle und Tische, als wenn er sein eigner Polizeimann wäre, und sagte zu sich: »Nun, nichts da! Kommt! Ich habe euch mal, wie ihr seht, und ihr geht ruhig mit mir!« Mrs. Sparkler, die nun in den Staatszimmern installiert war – dem Allerheiligsten von Eiderdaunen, Seide und feinem Linnen –, fühlte, daß ihr Triumph gelungen und ihr Weg Schritt für Schritt gemacht sei. Am Tage vor ihrer Hochzeit hatte sie der Kammerfrau von Mrs. Merdle mit anmutiger Gleichgültigkeit in Mrs. Merdles Gegenwart ein hübsches kleines Andenken (Armband, Hut und zwei Kleider, alles ganz neu) geschenkt, was ungefähr viermal so viel wert war als das Geschenk, das Mrs. Merdle ihr früher gemacht hatte. Sie wohnte jetzt in Mrs. Merdles eigenen Zimmern, die mit einigen Extranachbesserungen ihrer würdiger gemacht worden waren. Während sie hier weilte, umgeben von allen Luxusgegenständen, die der Reichtum kaufen und die Phantasie erfinden konnte, sah sie mit ihrem innern Auge den schönen Busen, der im Einklang mit ihrem frohlockenden Herzen schlug, mit dem so lange berühmt gewesenen Busen wetteiferten, ihn überglänzen und verdrängen. Glücklich? Fanny mußte glücklich sein, denn sie wünschte nicht mehr, lieber tot zu sein. Der Kurier hatte es nicht gebilligt, daß Mr. Dorrit in dem Hause eines Freundes wohne, und vorgezogen, ihn nach einem Hotel in Brook Street, Grosvenorsquare zu bringen. Mr. Merdle befahl, morgen früh seinen Wagen bereit zu halten, damit er sogleich nach dem Frühstück Mr. Dorrit seine Aufwartung machen könne. Der Wagen sah glänzend aus, die Pferde waren glatt, das Geschirr funkelte, die Livreen machten den Eindruck des Reichen und Soliden. Ein herrliches entsprechendes Äußere. Eine Equipage für einen Merdle. Leute, die früh auf waren, sahen ihr nach, wie sie durch die Straßen hinrollte, und sagten mit ehrfurchtsvollem Ton: »Da fährt er!« Da fuhr er hin, bis Brook Street ihm Halt gebot. Dann kam er wie ein Juwel aus seinem prachtvollen Gehäuse, aber nicht durch sich glänzend, sondern ganz das Gegenteil. Aufruhr in dem Bureau des Hotels. Merdle! Der Wirt, obgleich ein Gentleman von großem Stolz, der kaum mit zwei Vollblutpferden in die Stadt gekommen war, kam heraus, um ihn die Treppe hinaufzuführen. Die Kommis und die Diener schnitten ihm durch Seitengänge den Weg ab und warteten wie zufällig an Gängen und Ecken, um ihn zu sehen. Merdle! O Sonne, Mond und Sterne, der große Mann! Der reiche Mann, der gewissermaßen das Neue Testament verbessert hat, indem er bereits in das Himmelreich gekommen war. Der Mann, der jeden, den er wollte, zu Tische einladen konnte und der so viel Geld verdiente. Als er die Treppe hinaufging, standen die Leute schon auf den untern Stufen, damit sein Schatten auf sie fiele, wenn er herabkäme. So brachte man die Kranken und legte sie auf den Weg, den der Apostel kommen mußte – der nicht in die gute Gesellschaft gekommen und kein Geld verdient hatte. Mr. Dorrit saß im Schlafrock, mit der Morgenzeitung beschäftigt, beim Frühstück. Der Kurier meldete mit aufgeregter Stimme: »Mr. Mairdaile!« Mr. Dorrits übervolles Herz hüpfte vor Freude, als er aufsprang. »Mr. Merdle, das ist wahrhaftig eine Ehre. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen, wie – hm – hoch ich die Ehre – ha – diesen – ha, hm – schmeichelhaften Beweis Ihrer Aufmerksamkeit zu schätzen weiß. Ich weiß recht gut, mein Herr, wie sehr Ihre Zeit in Anspruch genommen ist und – ha – welch unermeßlichen Wert sie hat.« Mr. Dorrit konnte das Wort unermeßlich nicht rund genug zu seiner Zufriedenheit aussprechen. »Daß Sie – ha – zu dieser frühen Stunde etwas von Ihrer unschätzbaren Zeit auf mich verwenden, ist – ha – ein Kompliment, das ich mit der größten Achtung anerkenne.« Mr. Dorrit zitterte wirklich, als er den großen Mann anredete. Mr. Merdle ließ in seiner gedämpften, innerlichen, zögernden Stimme ein paar Worte hören, die nichts besagen wollten; und zuletzt sagte er: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen, Sir.« »Sie sind sehr freundlich«, sagte Mr. Dorrit, »wirklich sehr freundlich.« Inzwischen hatte sich der Besuch gesetzt und fuhr mit seiner großen Hand über die erschöpfte Stirn. »Sie sind hoffentlich wohl, Mr. Merdle?« »Ich bin so wohl, wie ich – ja, ich bin so wohl, wie ich gewöhnlich bin«, sagte Mr. Merdle. »Ihre Geschäfte müssen Sie außerordentlich in Anspruch nehmen?« »So ziemlich. Aber – o nein, es fehlt mir eigentlich nichts«, sagte Mr. Merdle im Zimmer umhersehend. »Etwas schlechte Verdauung?« deutete Mr. Dorrit an. »Wohl möglich. Aber ich – o ich befinde mich ganz gut«, sagte Mr. Merdle. Auf seinen Lippen, wo sie sich schlossen, waren schwarze Streifen, als wenn etwas Pulver darauf abgebrannt worden wäre; und er sah aus wie ein Mann, der, wenn er von etwas lebhafterem Temperament wäre, heute morgen starkes Fieber gehabt haben würde. Dies und die schwerfällige Weise, wie er über seine Stirn strich, hatten Mr. Dorrits besorgliche Erkundigungen veranlaßt. »Mrs. Merdle«, fuhr Dorrit einschmeichelnd fort, »verließ ich, wie Sie wohl zu hören erwarten werden, als die von allen – ha – Beobachtern Beobachtete, von allen – hm – Bewunderern Bewunderte, als die, die die ganze römische Gesellschaft entzückt und bezaubert hat. Sie sah außerordentlich gut aus, als ich die Römerstadt verließ.« »Mrs. Merdle«, sagte Mr. Merdle, »gilt im allgemeinen als eine sehr anziehende Frau. Und sie ist es auch ganz gewiß. Ich weiß es wohl, daß sie es ist.« »Wer wüßte es nicht?« antwortete Mr. Dorrit. Mr. Merdle drehte seine Zunge in seinem geschlossenen Munde umher – es schien eine steife und unlenksame Zunge –, feuchtete die Lippen an, strich mit der Hand über die Stirn und sah wieder im Zimmer umher, hauptsächlich unter die Stühle. »Aber«, sagte er, indem er Mr. Dorrit zum ersten Male ins Gesicht sah und dann augenblicklich die Blicke auf die Westenknöpfe von Mr. Dorrit herabsinken ließ, »wenn wir von anziehendem Wesen sprechen, so sollte Ihre Tochter unser Gesprächsgegenstand sein. Sie ist ausnehmend schön. Nach Gesicht wie Gestalt ist sie eine ungewöhnliche Erscheinung. Als die jungen Leute vergangenen Abend ankamen, war ich wirklich überrascht von dem Anblick solcher Reize.« Mr. Dorrit fühlte sich so geschmeichelt, daß er sagte – ha –, er könne nicht umhin, mündlich Mr. Merdle zu wiederholen, was er bereits brieflich getan, daß er die Verbindung ihrer Familien für eine große Ehre und ein großes Glück halte. Und er bot ihm seine Hand. Mr. Merdle betrachtete die Hand eine Augenblick, nahm sie einen Augenblick, als wenn sie ein gelber Präsentierteller oder eine Fischscheibe wäre, und gab sie dann Mr. Dorrit zurück. »Ich dachte, ich wolle sogleich hierherfahren«, sagte Mr. Merdle, »um meine Dienste anzubieten, im Falle ich etwas für Sie tun kann, und Ihnen zu sagen, ich hoffe, Sie werden mir wenigstens die Ehre erweisen, heute und immer bei mir zu speisen, solange Sie in der Stadt und nicht anderwärts besser in Anspruch genommen sind.« Mr. Dorrit war entzückt über diese Aufmerksamkeiten. »Werden Sie sich lange hier aufhalten?« »Ich habe vorderhand die Absicht«, sagte Mr. Dorrit, »nicht länger als vierzehn Tage zu verweilen.« »Das ist nach einer so langen Reise ein sehr kurzer Aufenthalt«, versetzte Mr. Merdle. »Hm. Ja«, sagte Mr. Dorrit. »Aber offen gesagt – ha – mein lieber Merdle, ich finde das Leben auf dem Kontinent meiner Gesundheit so zuträglich und meinem gegenwärtigen Geschmack so entsprechend, daß ich – hm – bei meinem gegenwärtigen Besuche in London nur zweierlei im Auge habe. Nämlich erstens – ha – das ausgezeichnete Glück und – ha – die Ehre, die mir gegenwärtig zuteil wird und die ich zu schätzen weiß; und zweitens das Arrangement – hm –, das heißt, die beste Anlegung – ha, hm – meiner Kapitalien.« »Nun, Sir«, sagte Mr. Merdle, nachdem er seine Zunge noch einmal gedreht, »wenn ich Ihnen in dieser Beziehung irgendwie von Nutzen sein kann, so befehlen Sie über mich.« Mr. Dorrit zögerte mehr denn gewöhnlich mit seinen Worten, als er auf diesen kitzlichen Punkt zu sprechen kam, denn er war sich nicht ganz klar, wie ein so erhabener Potentat es aufnehmen möchte. Er zweifelte, ob die Erwähnung eines persönlichen Kapitals oder Vermögens nicht ein zu elender Detailkram für einen solchen Großhändler sei. Sehr erleichtert durch Mr. Merdles freundliches Anerbieten seiner Dienste, säumte er nicht, sie anzunehmen, und überhäufte ihn mit Dank. »Ich hätte – ha – kaum gewagt«, sagte Mr. Dorrit, »versichere ich Ihnen, einen so außerordentlichen Vorteil wie Ihren unmittelbaren Rat und Beistand zu hoffen. Obgleich ich natürlich, unter allen Umständen, wie die – ha, hm – ganze übrige zivilisierte Welt Mr. Merdles Spuren gefolgt wäre.« »Sie wissen, wir können uns beinahe Verwandte nennen, Sir«, sagte Mr. Merdle, indem er mit großem Interesse das Muster des Teppichs betrachtete, »und deshalb können Sie ganz auf meine Dienste zählen zu dürfen versichert sein.« »Ah. Sehr hübsch, wahrhaftig!« rief Mr. Dorrit. »Ah. Sehr hübsch!« »Es würde«, sagte Mr. Merdle, »im gegenwärtigen Augenblick für einen, der nicht eingeweiht ist, sehr schwer sein, an einer der guten Spekulationen teilzunehmen – natürlich spreche ich von meinen eigenen guten Spekulationen –« »Natürlich, natürlich!« rief Mr. Dorrit, in einem Ton, der deutlich zu sagen schien, daß es gar keine andern guten Spekulationen geben könne. »– außer zu sehr hohem Preis, was wir eine sehr lange Zahl zu nennen pflegen.« Mr. Dorrit lachte in der gehobenen Stimmung, in der er sich befand. »Ha, ha, ha! Lange Zahl. Gut. Ha. Wirklich sehr bezeichnend.« »Ich behalte jedoch«, sagte Mr. Merdle, »gewöhnlich die Vollmacht für mich, einzelne zu bevorzugen – die Leute würden es vielleicht begünstigen heißen –, was ich als eine Art Belohnung für meine Sorge und Mühe ansehe.« »Und ihren Gemeingeist und Ihr Genie«, fügte Mr. Dorrit hinzu. Mr. Merdle schien mit einer trocknen schlingenden Bewegung diese Eigenschaften wie eine Pille hinunterzuschlucken; dann fügte er hinzu: »Eine Art von Entschädigung. Wenn Sie mir erlauben, will ich sehen, wie ich von dieser beschränkten Vollmacht (denn die Leute sind eifersüchtig, und sie ist beschränkt) in Ihrem Interesse Gebrauch machen kann.« »Sie sind sehr gut«, versetzte Mr. Dorrit. »Sie sind sehr gut.« »Natürlich«, sagte Mr. Merdle, »muß bei diesen Geschäften die größte Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit herrschen; Glaube auf Wort muß zwischen den einzelnen gelten; zweifelloses und unzweifelhaftes Vertrauen muß obwalten; sonst könnte man kein Geschäft machen.« Mr. Dorrit begrüßte diese edlen Gesinnungen lebhaft und freudig. »Deshalb«, sagte Mr. Merdle, »kann ich Ihnen bloß bis zu einer gewissen Ausdehnung den Vorzug geben.« »Ich verstehe. In einer beschränkten Ausdehnung«, bemerkte Mr. Dorrit. »Beschränkten Ausdehnung. Und ganz offen vor der Welt. Mit meinem Rate dagegen ist es etwas anderes«, sagte Mr. Merdle. »Soviel dieser gilt –« »Oh! Soviel dieser gilt!« (Mr. Dorrit konnte selbst bei Mr. Merdle nicht die geringste Unterschätzung seines Wertes ertragen.) »– diesen zu geben, wenn ich Lust habe, hindert mich nichts, was die makellose Ehre zwischen mir und meinen Genossen verlangt. Und dieser«, sagte Mr. Merdle, jetzt ganz auf den Kehrichtkarren, der unter dem Fenster vorüberfuhr, seine Aufmerksamkeit richtend, »wird stets zu Ihren Diensten stehen, wenn Sie denselben einzuholen für passend erachten.« Neuer Dank von seiten Mr. Dorrits. Abermaliges Über-die-Stirne-Fahren von Mr. Merdles Hand. Pause und Schweigen. Betrachten der Westenknöpfe Mr. Dorrits von seiten Mr. Merdles. »Da meine Zeit ziemlich kostbar ist«, sagte Mr. Merdle plötzlich aufstehend, als wenn er inzwischen auf seine Beine gewartet und diese nun gekommen wären, »so muß ich mich jetzt nach der City begeben. Kann ich Sie vielleicht irgendwohin mitnehmen? Ich würde mich glücklich schätzen, Sie irgendwo aussteigen oder mit meinem Wagen weiterfahren zu lassen. Er steht zu Ihren Diensten.« Mr. Dorrit bedachte sich, daß er Geschäfte bei seinem Bankier habe. Sein Bankier wohnte in der City. Das traf sich glücklich; Mr. Merdle konnte ihn in die City mitnehmen. Aber er dürfe natürlich Mr. Merdle nicht aufhalten, bis er seinen Rock angezogen? Jawohl dürfe und müsse er das; Mr. Merdle bestand darauf. Mr. Dorrit zog sich deshalb in das nächste Zimmer zurück, vertraute sich seinem Kammerdiener an und kam nach fünf Minuten strahlend wieder. Dann sagte Mr. Merdle: »Erlauben Sie mir, Sir. Nehmen Sie meinen Arm.« Dann stieg Mr. Dorrit, auf Mr. Merdles Arm gelehnt, die Treppe hinab, sah die Gläubigen auf den Stufen stehen und fühlte, daß ein Abglanz des Lichts von Mr. Merdle auf ihn fiel. Dann stieg man in den Wagen und fuhr in die City, und das Volk staunte sie an, und die Hüte flogen von grauen Köpfen herunter, und es war ein allgemeines Bücken und Kriechen vor diesem wunderbaren Sterblichen; eine solche Demut im Geiste war – beim Himmel, nein! das mögen die Schmeichler aller Namen bedenken – weder in der Westminster-Abtei noch in der St. Paulskirche zusammengenommen an irgendeinem Sonntag im Jahre zu sehen. Es war ein berauschender Traum für Mr. Dorrit, so hoch erhaben in diesem öffentlichen Triumphwagen zu sitzen und diese prachtvolle Fahrt nach dem entsprechenden Ziele, der goldenen Lombardstraße mitzumachen. Dort bestand Mr. Merdle darauf, auszusteigen und seinen Weg zu Fuß zu machen, indem er seinen armen Wagen zu Mr. Dorrits Disposition stellte. So wurde der Traum noch berauschender, als Mr. Dorrit allein von dem Bankier herauskam und die Leute in Abwesenheit Mr. Merdles ihn ansahen und er mit den Ohren seines Geistes den häufigen Ausruf hörte, während er blitzschnell dahinfuhr: »Ein ausgezeichneter Mann muß das sein, wenn er Mr. Merdles Freund ist!« Bei dem Mittagsmahl dieses Tages, obgleich es ganz unvorbereitet arrangiert war, befand sich eine glänzende Gesellschaft von lauter Leuten, die nicht aus irdischem Staube, sondern aus einem wertvolleren, bis jetzt unbekannten Stoffe gemacht waren und ihren herrlichen Segen auf die Ehe der Tochter Mr. Dorrits ausströmten. Und Mr. Dorrits Tochter begann an diesem Tage in allem Ernst ihren Wettkampf mit jener nicht anwesenden Frau; und begann ihn so gut, daß Mr. Dorrit, wenn man es verlangt, die eidliche Erklärung hätte abgeben können, Mrs. Sparkler habe ihr ganzes Leben der vollen Länge nach im Schoße des Glückes gelegen und habe nie von einem so groben Worte der englischen Sprache wie Marshalsea gehört. Am nächsten und übernächsten und allen darauffolgenden Tagen, die stets von neuen Tischgesellschaften beehrt waren, wirbelten Karten auf Mr. Dorrit herab wie Theaterschnee. Als Freund und Verwandter des berühmten Mr. Merdle wünschten Advokat, Bischof, Schatz, Chornus und jedermann Mr. Dorrit kennenzulernen. In den zahlreichen Kontors Mr. Merdles in der City war, wenn Mr. Dorrit in einem derselben bei seinen Geschäftsbesuchen im Osten erschien (was häufig geschah, denn diese nahmen erstaunlich zu), der Name Dorrit stets ein Paß, der Zutritt zu dem großen Merdle verschaffte. So wurde der Traum mit jeder Stunde berauschender, und Mr. Dorrit fühlte immer mehr, daß diese Verbindung ihn wirklich vorwärtsgebracht habe. Nur eines lag nichts weniger als golden und leicht auf Mr. Dorrits Seele. Das war der Oberhaushofmeister. Diese erstaunliche Persönlichkeit sah ihn während seiner offiziellen Beaufsichtigung des Diners in einer Weise an, die Mr. Dorrit sehr in Frage zu ziehen geneigt war. Wenn er durch die Halle und über die Treppe ging, um sich zum Diner zu begeben, sah er ihn mit einer glasigen Starrheit an, die Mr. Dorrit nicht gefiel. Wenn Mr. Dorrit bei Tische saß und trank, sah er durch sein Weinglas, wie der Oberhaushofmeister ihn mit kaltem und geisterhaftem Blicke betrachtete. Der Zweifel stieg in ihm auf, ob ihn nicht der Oberhaushofmeister als Gefangenen gekannt, ihn im Gefängnis gesehen – vielleicht ihm sogar vorgestellt worden. Er sah den Oberhaushofmeister so genau an, als man überhaupt einen solchen Mann ansehen kann, und doch erinnerte er sich nicht, daß er ihn je anderwärts gesehen hatte. Zuletzt neigte er sich zu der Ansicht, daß der Mann keine Ehrfurcht, diese große Kreatur kein Gefühl besitze. Aber das beruhigte ihn nicht, denn, er mochte denken, was er wollte, der Oberhaushofmeister ließ sein geringschätziges Auge auf ihm ruhen, selbst wenn dieses Auge auf das Silberzeug oder andern Tafelschmuck sah. Ihm einen Wink zu geben, daß diese Begrenzung seines Blickes unangenehm sei, oder ihn zu fragen, was das heißen solle, war ein zu kühnes Wagstück, um sich dazu zu entschließen, denn er war gegen seinen Herrn und dessen Gäste entsetzlich streng und erlaubte ihnen nicht, sich die geringste Freiheit gegen ihn herauszunehmen. Siebzehntes Kapitel. Vermißt. Die Abreise von Mr. Dorrit war auf übermorgen bestimmt und er eben im Begriff sich anzukleiden, um eine neue Prüfung vor dem Oberhaushofmeister zu bestehen (denn die Opfer desselben waren immer besonders für ihn herausgeputzt), als einer der Diener des Hotels ihm eine Visitenkarte brachte. Mr. Dorrit nahm sie und las: »Mrs. Finching.« Der Diener wartete in sprachloser Demut. »Mann, Mann«, sagte Mr. Dorrit, sich mit großer Entrüstung zu ihm umwendend, »erklären Sie mir, warum Sie mir diesen lächerlichen Namen bringen. Ich kenne ihn durchaus nicht. Finching, Sir?« sagte Mr. Dorrit, indem er sich vielleicht an dem Oberhaushofmeister durch einen Ersatzmann rächte. »Ha! Was wollen Sie mit dieser Mrs. Finching?« Der Mann, Mann schien so wenig mit dieser Finching zu wollen als mit irgend jemand, denn er trat vor Mr. Dorrits strengem Blick zurück, indem er antwortete: »Eine Dame, Sir.« »Ich kenne keine Dame dieses Namens, Sir«, sagte Mr. Dorrit. »Nehmen Sie diese Karte fort. Ich kenne keine Finching, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts.« »Bitte um Vergebung, Sir. Die Dame sagte, es sei möglich, daß Sie ihren Namen nicht kennen. Aber sie bitte mich zu melden, Sir, daß sie früher die Ehre gehabt, mit Miß Dorrit bekannt zu sein. Die Dame sagte, Sir, mit der jüngsten Miß Dorrit.« Mr. Dorrit zog die Brauen zusammen und entgegnete nach einigen Augenblicken: »Sagen Sie Mrs. Finching, Sir«, indem er den Namen mit einem Nachdruck hervorhob, als wenn der unschuldige Mann allein für ihn verantwortlich wäre, »daß sie heraufkommen könne.« Er hatte während der momentanen Pause überlegt, daß sie, wenn er sie nicht vorlasse, eine Botschaft an ihn hinterlassen oder unten etwas sagen möchte, was eine unangenehme Beziehung auf sein früheres Leben haben könnte. Daher seine Nachgiebigkeit und daher das Erscheinen von Flora, die der Mann, Mann hereinsteuerte. »Ich habe nicht das Vergnügen«, sagte Mr. Dorrit mit der Karte in der Hand und mit einer Stimme, die zu erkennen gab, daß es kaum ein Vergnügen ersten Ranges wäre, wenn er es hätte, »diesen Namen oder Sie selbst zu kennen, Madame. Geben Sie einen Stuhl, Sir.« Der verantwortliche Mann gehorchte aufschreckend und ging auf den Zehen hinaus. Flora schlug mit einem verschämten Beben den Schleier zurück, um sich näher vorzustellen. Zu gleicher Zeit durchströmte eine eigentümliche Mischung von Wohlgerüchen das Zimmer, als wenn etwas Kognak aus Versehen in eine Lavendelwasserflasche oder etwas Lavendelwasser aus Versehen in eine Kognakflasche gekommen wäre. »Ich bitte Mr. Dorrit tausendmal um Verzeihung, und es reicht dies kaum hin für eine solche Freiheit die wie ich wohl weiß für eine Dame außerordentlich kühn erscheinen muß namentlich wenn sie allein kommt aber ich hielt es im ganzen für das beste so schwer und anscheinend unpassend es auch ist obgleich Mr. Finchings Tante mich wohl gern begleitet hätte und als ein Charakter von großer Kraft und vielem Geist wahrscheinlich einen Mann interessiert hätte der eine so große Lebenskenntnis besitzt wie dies bei so vielen Veränderungen der Stellung nicht anders möglich ist, denn Mr. Finching sagte häufig daß obgleich er in der Nähe von Blackheath eine gute Erziehung für ein so bedeutendes Honorar wie achtzig Guineen erhalten welche Summe für Eltern keine Kleinigkeit da die Leute beim Abgang noch überdies das Silberzeug behielten was mehr eine Gemeinheit als daß es gerade sich um den Wert handelte so habe er doch in dem ersten Jahre als Handelsreisender mit einem Artikel von dem niemand habe hören und den noch viel weniger jemand habe kaufen wollen weit mehr gelernt als in den ganzen sechs Jahren auf jener Akademie die ein Junggeselle geleitet obgleich ich nicht einsehe und nie einsehen werde warum ein Junggeselle geschickter sein soll als ein verheirateter Mann aber bitte um Entschuldigung das ist's nicht um was es sich handelt.« Mr. Dorrit stand wie an den Boden genagelt, eine Statue der Mystifikation. »Ich muß offen gestehen daß ich eigentlich kein Recht habe«, sagte Flora, »da ich die liebe Kleine kannte was unter veränderten Umständen gewissermaßen wie eine Anmaßung erscheint aber gewiß von meiner Seite keine solche sein soll und Gott weiß es war kein Geschenk eine halbe Krone für eine solche Näherin wie sie sondern ganz das Gegenteil und es ist auch gar nichts Erniedrigendes darin denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert und wahrhaftig ich wünschte nur er bekäme ihn öfter und mehr Fleisch und weniger Rheumatismus im Rücken und den Beinen die armen Leute.« »Madame«, sagte Mr. Dorrit, indem er mit großer Mühe zu Atem kam, als die Witwe des verstorbenen Mr. Finching innehielt, um selbst Atem zu schöpfen; »Madame«, sagte Mr. Dorrit, sehr rot im Gesicht, »wenn ich Sie recht verstehe, so sprechen Sie – ha – von etwas Vergangenem aus – hm – dem Leben einer meiner Töchter, was – ha, hm – mit einer täglichen Entschädigung in Verbindung steht, Madame. Ich bitte Sie zu bemerken, daß die – ha – Tatsache angenommen, daß – ha – es wirklich eine Tatsache ist, nie zu meiner Kenntnis kam. Ich würde es nicht gestattet haben. Ha! Nie, nie!« »Wir brauchen den Gegenstand nicht weiter zu verfolgen«, versetzte Flora, »und ich würde ihn auch gar nicht erwähnt haben wenn ich es nicht für den einzigen günstigen Empfehlungsbrief gehalten aber daß es Tatsache ist daran kann nicht gezweifelt werden und Sie mögen sich darüber beruhigen denn das Kleid das ich trage kann es beweisen das ist sehr schön gemacht obgleich nicht zu leugnen daß es einer besser gewachsenen Person besser stünde denn ich bin viel zu stark obgleich ich nicht weiß wie ich's verhindern soll bitte entschuldigen Sie ich schweife wieder ab.« Mr. Dorrit trat ganz statuenhaft an seinen Stuhl und setzte sich, während Flora ihm einen besänftigenden Blick zuwarf und mit ihrem Sonnenschirm spielte. »Die liebe Kleine«, sagte Flora, »wurde plötzlich ganz matt und weiß und kalt in meinem Hause oder wenigstens Papas Hause denn wenn es auch noch nicht unser Eigentum so haben wir doch einen langen Pacht für einen Pfifferling an dem Morgen als Arthur – törichte Gewohnheit aus unsrer Jugendzeit und Mr. Clennam weit passender für die gegenwärtigen Verhältnisse namentlich einem Fremden gegenüber der noch überdies ein Mann von hoher Stellung ist – die frohe Nachricht brachte die er von einem Mann namens Pancks hatte das macht mich so kühn.« Bei der Erwähnung dieser beiden Namen zog Mr. Dorrit die Brauen zusammen, starrte die Dame an, zog die Brauen wieder zusammen, besann sich mit den Fingern an den Lippen, wie er es vor langer Zeit gemacht hatte, und sagte: »Haben Sie die Gefälligkeit, mir – ha – zu sagen, was Sie wünschen, Madame.« »Mr. Dorrit«, sagte Flora, »Sie sind sehr freundlich daß Sie mir diese Erlaubnis geben und es erscheint mir sehr natürlich daß Sie so gütig sind denn obgleich Sie stattlicher sind gewahre ich doch eine Ähnlichkeit natürlich voller aber doch eine Ähnlichkeit der Zweck meines Herkommens ist meine Sache ich habe kein menschliches Wesen zu Rate gezogen namentlich nicht Arthur – bitte entschuldigen Sie Doyce und Clennam ich weiß nicht was ich sage Mr. Clennam allein – denn diesen Mann der mit einer goldenen Kette an eine purpurne Zeit gefesselt ist wo alles ätherisch war von einer Sorge zu befreien wäre für mich das Lösegeld eines Königs wert obgleich ich nicht die geringste Idee habe wie hoch sich das belaufen würde aber ich meine damit die Totalsumme von allem was ich auf der Welt besitze und noch mehr.« Mr. Dorrit, ohne den Ernst dieser letzten Worte besonders zu beachten, wiederholte: »Bitte, was wünschen Sie, Madame?« »Es ist nicht wahrscheinlich das weiß ich wohl«, sagte Flora, »aber es ist möglich und da es möglich so entschloß ich mich als ich in den Zeitungen Ihre Ankunft aus Italien und Ihre Rückkehr dahin las zu sehen ob ich Sie nicht veranlassen könnte ihm entgegenzukommen oder etwas von ihm zu hören und wenn das der Fall was wäre das für alle ein Glück und eine Beruhigung.« »Erlauben Sie mir zu fragen, Madame«, sagte Mr. Dorrit, während seine Ideen sich verwirrten, »auf wen – ha – auf wen «, wiederholte er mit gehobener Stimme in seiner Verzweiflung, »auf wen Sie anspielen?« »Auf den Fremden aus Italien der in der City verschwunden ist wie Sie ohne Zweifel so gut wie ich in den Zeitungen gelesen haben werden«, sagte Flora, »abgesehen von Privatquellen wie Mr. Pancks aus welchen man erfährt was für schrecklich bösartige Dinge manche Leute schlecht genug sind sich zuzuflüstern da sie wahrscheinlich andere nach sich beurteilen und wie ärgerlich und entrüstet Arthur – kann nicht anders Doyce und Clennam – darüber sein muß.« Zum Glück für die Aufklärung der Sache hatte Mr. Dorrit nichts von der Sache gehört noch gelesen. Dies veranlaßte Mrs. Finching mit vielen Entschuldigungen wegen der Schwierigkeit unter den Falten ihres Kleides den Weg in ihre Tasche zu finden, endlich eine polizeiliche Bekanntmachung hervorzuholen, die besagte, daß ein fremder Herr namens Blandois, der kürzlich aus Venedig angelangt sei, auf unerklärliche Weise an dem und dem Abend in dem und dem Teil der City von London verschwunden sei; daß man wisse, er sei in das und das Haus zu der und der Stunde gegangen; daß die Bewohner jenes Hauses angegeben, er habe es so und so viele Minuten vor Mitternacht verlassen, und daß man ihn seit dieser Zeit nicht mehr gesehen habe. Dies mit genauen Angaben über Zeit und Örtlichkeit und mit einer detaillierten Beschreibung des so geheimnisvoll verschwundenen Mannes las Mr. Dorrit ein langes und breites. »Blandois!« sagte Mr. Dorrit. »Venedig! Und diese Beschreibung! Ich kenne diesen Herrn. Er war in meinem Hause. Er ist sehr befreundet mit einem Gentleman von guter Familie (obwohl selbst nicht in den besten Umständen), dessen – ha – Gönner ich bin.« »Dann ist es um so mehr meine dringende Bitte«, sagte Flora, »daß Sie auf der Rückreise die Freundlichkeit haben sich nach diesem fremden Herrn auf allen Straßen und an allen Ecken umzusehen und sich in allen Hotels bei allen Orangenbäumen Weinbergen und Vulkanen kurz an allen Orten zu erkundigen denn er muß irgendwo sein und warum kommt er nicht und sagt daß er da sei und klärt alles auf?« »Bitte, Madame«, sagte Mr. Dorrit mit Bezugnahme auf die Bekanntmachung, »wer ist Clennam und Komp.? Ich sehe den Namen hier in Verbindung mit dem Hause erwähnt, in das man Monsieur Blandois gehen sah; wer ist Clennam und Komp.? Ist es jener Mann, mit dem ich früher – hm – eine – ha – vorübergehende Bekanntschaft hatte, und dessen Sie, wie ich glaube, Erwähnung taten? Ist es jener – ha – Mann?« »Eine ganz andere Person«, versetzte Flora, »ohne Beine wofür sie Räder hat und die mürrischste Frau obgleich seine Mutter.« »Clennam und Komp. eine – hm – Mutter?« rief Mr. Dorrit. »Und außerdem ein alter Mann«, sagte Flora. Mr. Dorrit sah aus, als wenn ihn diese Mitteilung sogleich von Sinnen bringen müßte. Auch wirkte es nicht wohltätiger auf seine Gesundheit, daß Flora eine rasche Analyse von Mr. Flintwinchs Kravatte gab und ihn, ohne die geringste Grenzlinie zwischen seiner und Mrs. Clennams Person zu ziehen, als eine rostige Schraube in Gamaschen beschrieb. Diese Zusammensetzung von Mann und Frau, keinen Beinen, Rädern, rostiger Schraube, mürrischem Wesen und Gamaschen verblüffte Mr. Dorrit so vollständig, daß er einen bemitleidenswerten Anblick bot. »Aber ich möchte Sie nicht einen Augenblick länger aufhalten«, sagte Flora, auf welche dieser Anblick die entsprechende Wirkung gemacht hatte, »wenn Sie die Güte haben wollten, mir Ihr Versprechen als Gentleman zu geben daß Sie sowohl auf Ihrer Rückreise nach Italien als in Italien selbst sich nach diesem Herrn Blandois unten und oben umsehen und wenn Sie ihn finden oder von ihm hören ihn veranlassen daß er sich zeige und alles aufkläre.« Inzwischen hatte sich Mr. Dorrit so weit von seiner Verwirrung erholt, daß er in ziemlich zusammenhängender Weise zu erklären imstande war, er werde dies als seine Pflicht betrachten. Flora war entzückt von ihrem Erfolg und stand auf, um sich zu verabschieden. »Tausend Dank«, sagte sie, »und hier meine Adresse auf meiner Karte im Falle mir eine persönliche Mitteilung zu machen wäre ich will meinen Gruß nicht der lieben Kleinen senden denn es würde sich vielleicht nicht schicken und es existiert ja auch eigentlich keine Kleine mehr nachdem sich alles so sehr verändert also hat es auch keinen Grund aber ich und Mr. Finchings Tante wünschen ihr immer das beste Wohlergehen und gründen keine Ansprüche auf Dienste von unserer Seite Sie können dessen versichert sein im Gegenteil denn was sie unternahm das führte sie aus und das ist mehr als viele von uns tun abgesehen davon daß sie was sie tat so gut machte als es nur irgend möglich war und ich selbst bin eine von jenen denn seitdem ich mich von dem Schlage des Todes von Mr. Finching zu erholen begann sagte ich immer ich wolle die Orgel lernen für die ich außerordentlich eingenommen bin aber ich muß mich schämen zu bekennen daß ich noch nicht eine Note kenne guten Abend!« Als Mr. Dorrit, der sie bis zur Zimmertür begleitete, etwas Zeit gefunden sich zu sammeln, fand er, daß die Unterhaltung längst vergessene Erinnerungen in ihm wachgerufen hatte, die sich nicht mit Mr. Merdles Diner vertrugen. Er schrieb ein kurzes Billet, um sich für heute zu entschuldigen, und befahl, daß das Diner augenblicklich in seinem eigenen Zimmer im Hotel serviert werde. Er hatte noch einen andern Grund dafür. Seine Zeit in London war nahezu zu Ende und im voraus vollauf in Anspruch genommen; sein Plan für die Rückreise war entworfen; und er glaubte, es seiner hohen Stellung schuldig zu sein, über das Verschwinden Blandois' nähere Nachforschungen anzustellen, um in der Lage zu sein, Mr. Henry Gowan das Resultat seiner persönlichen Erkundigungen mitteilen zu können. Er beschloß deshalb, diesen freien Abend zu benützen, um zu Clennam und Komp. zu gehen, welche Firma sich nach den Angaben in der Bekanntmachung leicht finden ließ, und sich den Platz anzusehen und selbst einige Erkundigungen einzuziehen. Nachdem er so einfach gegessen, als das Hotel und der Kurier es gestatteten, und einen kurzen Schlaf an dem Kamin gemacht, um sich von Mrs. Finching zu erholen, fuhr er allein in einem Mietwagen aus. Die dumpfe Glocke von St. Paul schlug neun, als er unter dem Schatten des Tempeltors vorüberkam, das in diesen entarteten Zeiten keinen Kopf eines Enthaupteten zeigte und verlassen dastand. Als er durch die Nebenstraßen und Gassen am Wasser dem Ziele seiner Fahrt sich näherte, erschien ihm dieser Teil von London häßlicher, als er sich ihn jemals gedacht hatte. Viele Jahre waren verflossen, seit er ihn gesehen; er hatte sich niemals hier viel umgetrieben; und das Ganze machte einen geheimnisvollen und traurigen Eindruck auf ihn. So mächtig wirkte es auf seine Phantasie, daß, als der Kutscher hielt, nachdem er sich mehr denn einmal nach dem Wege erkundigt, und sagte, dies scheine ihm der fragliche Torweg zu sein, Mr. Dorrit zögernd, mit dem Kutschenschlag in der Hand, und beinahe erschrocken über den finstern Anblick des Ortes, dastand. Sicherlich sah er an jenem Abend so düster aus wie nur je. Zwei von den Bekanntmachungen waren an der Mauer angeklebt, eine auf jeder Seite des Eingangs, und wenn die Laterne in dem Nachtwind sich bewegte, glitten Schatten drüber hin, nicht unähnlich den Schatten von Fingern, die über die Zeilen hinliefen. Offenbar wurde der Ort beobachtet; denn als Mr. Dorrit stehenblieb, ging ein Mann von der andern Seite der Straße an ihm vorüber in den Hof, und ein anderer kam aus einem dunklen Winkel drinnen hervor; und beide sahen ihn im Vorübergehen an, und beide blieben in der Nähe stehen. Da sich nur ein Haus innerhalb der Ringmauer befand, so konnte kein Zweifel möglich sein; er ging daher die Stufen dieses Hauses hinauf und klopfte. Ein schwaches Licht bemerkte man in zwei Fenstern des ersten Stockes. Die Tür gab einen traurigen hohlen Schall von sich, als wenn das ganze Haus leer wäre; aber das war nicht der Fall, denn beinahe im selben Augenblick sah man ein Licht und hörte Schritte. Sie kamen näher, eine Kette klirrte, und, eine Frau, die Schürze über Gesicht und Kopf gezogen, stand in der Öffnung. »Wer ist da?« sagte die Frau. Mr. Dorrit, sehr erstaunt über diese Erscheinung, antwortete, er sei aus Italien und wünsche einige Erkundigungen über die Person einzuziehen, die vermißt werde und die er kenne. »Hi!« rief die Frau, ihre gebrochene Stimme erhebend. »Jeremiah!« Auf diesen Ruf erschien ein vertrockneter alter Mann, in dem Mr. Dorrit durch die Gamaschen die rostige Schraube zu erkennen glaubte. Die Frau fürchtete sich vor diesem vertrockneten alten Mann, denn sie zog die Schürze weg, als er sich näherte, und zeigte ein blasses, erschrockenes Gesicht. »Öffne die Tür, du Närrin«, sagte der alte Mann, »und lasse den Herrn herein.« Mr. Dorrit trat, nachdem er noch nach seinem Kutscher und Kabriolett zurückgesehen, in die dunkle Halle. »Nun, Sir«, sagte Mr. Flintwinch, »können Sie alles fragen, was Ihnen beliebt; es gibt hier keine Geheimnisse, Sir.« Ehe man Zeit zu einer Antwort hatte, rief eine starke strenge Stimme, obgleich eine Frauenstimme, von oben herab: »Wer ist da?« »Wer da ist?« antwortete Jeremiah. »Noch mehr Erkundigungen. Ein Herr aus Italien.« »Bringen Sie ihn herauf.« Mr. Flintwinch murmelte vor sich hin, als wenn er das für unnötig halte; aber zu Mr. Dorrit gewandt setzte er hinzu: »Mrs. Clennam. Sie tut immer, was ihr beliebt. Ich will Ihnen den Weg zeigen.« Er ging dann Mr. Dorrit die dunkle Treppe voran: dieser, der natürlich sich auf dem Weg umsah, erblickte die Frau hinter sich, die Schürze wieder in ihrer früheren geisterhaften Weise über den Kopf geworfen. Mrs. Clennam hatte ihre Bücher offen auf ihrem kleinen Tisch vor sich liegen. »Oh!« sagte sie kurz, während sie den Fremden mit festem Blick ins Auge faßte. »Sie sind aus Italien, Sir, nicht wahr. Hm?« Mr. Dorrit wußte im Augenblick keine passendere Antwort zu geben als: »Ha – hm?« »Wo ist der Vermißte? Können Sie uns Mitteilungen über seinen Aufenthalt machen? Ich hoffe, Sie können es.« »Weit entfernt davon, suche ich – hm – vielmehr hier Auskunft über ihn.« »Unglücklicherweise können wir Ihnen keine geben. Flintwinch, zeigen Sie dem Herrn die Bekanntmachung. Geben Sie ihm mehrere Exemplare zum Mitnehmen. Halten Sie dem Herrn das Licht, damit er besser lesen kann.« Mr. Flintwinch tat, wie ihm befohlen ward, und Mr. Dorrit las die Bekanntmachung, als wenn er sie zum ersten Male in die Hand bekäme, wahrhaft froh, sich auf diese Weise etwas sammeln zu können, da das Aussehen des Hauses und der Bewohner desselben ihn etwas außer Fassung gebracht hatten. Während seine Augen auf dem Papier verweilten, fühlte er, daß die Augen von Mr. Flintwinch und Mrs. Clennam auf ihm ruhten. Er fand, als er aufblickte, daß dies Gefühl keine Einbildung gewesen war. »Nun wissen Sie so viel wie wir, Sir«, sagte Mrs. Clennam. »Ist Mr. Blandois ein Freund von Ihnen?« »Nein, ein – hm – Bekannter«, antwortete Mr. Dorrit. »Haben Sie vielleicht einen Auftrag von ihm?« »Ich? Ha. Gewiß nicht.« Der forschende Blick senkte sich nach und nach zu Boden, nachdem er unterwegs auch Flintwinchs Gesicht mitgenommen. Mr. Dorrit, etwas verwirrt, da er sah, daß er der Befragte statt der Frager war, suchte diese unerwartete Ordnung der Dinge umzukehren. »Ich bin – ha –- ein Mann von Vermögen und wohne gegenwärtig mit meiner Familie, meinen Dienern und – hm – einem ziemlich großen Haushalt in Italien. Da ich mich für kurze Zeit Angelegenheiten wegen, die mit meinen – ha – Besitzungen in Verbindung stehen, in London aufhalte und von diesem seltsamen Verschwinden höre, so wünschte ich mich über die näheren Umstände aus erster Hand zu unterrichten, da ein – ha, hm – englischer Gentleman in Italien ist, den ich zweifelsohne bei meiner Rückkehr sehen werde und der in sehr vertrautem und täglichem Verkehr mit Monsieur Blandois stand. Mr. Henry Gowan. Sie kennen wohl den Namen?« »Habe nie von ihm gehört.« Mrs. Clennam sagte es, und Mr. Flintwinch war ihr Echo. »Da ich ihm – ha – einen zusammenhängenden und genauen Bericht abstatten möchte«, sagte Mr. Dorrit, »so darf ich mir – wohl drei Fragen erlauben?« »Dreißig, wenn Sie wollen.« »Kannten Sie Monsieur Blandois schon lange?« »Kein Jahr. Mr. Flintwinch wird in den Büchern nachsehen und Ihnen sagen, wann und von wem in Paris er an uns empfohlen wurde; wenn dies«, fügte Mrs. Clennam hinzu, »Ihnen zur Beruhigung dienen sollte. Uns ist es eine geringe Beruhigung.« »Haben Sie ihn oft gesehen?« »Nein. Zweimal. Einmal früher und –« »Das eine Mal«, half Mr. Flintwinch nach. »Und dies eine Mal.« »Bitte, Madame«, sagte Mr. Dorrit, der nach und nach, als er seine Wichtigkeit wieder zu fühlen begann, zu dem Gedanken kam, er sei in einer höheren Weise Friedensrichter; »bitte, Madame, darf ich, zur größeren Beruhigung des Herrn, den ich – ha – die Ehre haben zu beschäftigen oder zu protegieren oder, wir wollen sagen – hm – zu kennen – zu kennen – mir die Frage erlauben, war Monsieur Blandois an dem in diesem gedruckten Zettel angegebenen Abend hier in Geschäften?« »Was er Geschäfte nannte«, versetzte Mrs. Clennam. »Sind sie – ha – ich bitte um Entschuldigung, der Art, daß sie mitgeteilt werden können?« »Nein.« Es war offenbar unmöglich, über die Barriere dieser Antwort hinwegzukommen. »Diese Frage ist schon früher gestellt worden«, sagte Mrs. Clennam, »und die Antwort lautete nein. Wir lieben es nicht, unsere Geschäfte, so unbedeutend sie auch sind, der ganzen Stadt mitzuteilen. Wir sagen nein«. »Ich meine, zum Beispiel, er nahm kein Geld mit sich?« sagte Mr. Dorrit. »Er hat keins von uns mitgenommen, Sir, und auch keins von uns erhalten.« »Ich vermute«, bemerkte Mr. Dorrit, von Mrs. Clennam zu Mr. Flintwinch hinüberblickend und umgekehrt, »Sie können sich selbst dieses Geheimnis nicht erklären.« »Weshalb vermuten Sie das?« versetzte Mrs. Clennam. Außer Fassung gebracht durch die kalte und harte Frage, war Mr. Dorrit nicht imstande, irgendeinen Grund für seine Vermutung anzugeben. »Ich erkläre es mir so, Sir«, fuhr sie fort, nach einer unbeholfenen Pause von Mr. Dorrits Seite, »daß er ohne Zweifel irgendwo reist oder sich irgendwo versteckt hält.« »Wissen Sie etwa – ha – weshalb er Grund hat, sich zu verstecken?« »Nein.« Es war genau dasselbe Nein wie zuvor, wodurch eine neue Barriere aufgestellt war. »Sie frugen mich, ob ich mir sein Verschwinden erkläre«, erinnerte ihn Mrs. Clennam streng, »nicht ob ich es Ihnen erklären könne. Ich möchte mir nicht anmaßen, es Ihnen zu erklären, Sir. Ich meine, daß dies ebensowenig meine Sache ist, wie eine Erklärung zu verlangen, die Ihre.« Mr. Dorrit antwortete mit einer um Entschuldigung bittenden Verbeugung. Als er zurücktrat, was besagen wollte, er habe nichts mehr zu fragen, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie düster und fest die Augen zu Boden gerichtet sie dasaß, mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, der darauf deutete, daß sie ruhig warte, und wie derselbe Ausdruck sich von Mr. Flintwinchs Gesicht widerspiegelte, der in einiger Entfernung von ihrem Stuhl, die Augen gleichfalls zu Boden gerichtet und mit der rechten Hand sanft das Kinn reibend, dastand. In diesem Augenblick ließ Mrs. Affery (natürlich die Frau mit der Schürze über dem Kopf) den Leuchter fallen, den sie in der Hand hielt, und rief: »Da! O, guter Gott! Da ist es wieder! Horch, Jeremiah! Jetzt!« Wenn auch wirklich ein Geräusch vorhanden war, so war es jedenfalls so leise, daß sie es nur bei ihrer zur Manie gewordenen Gewohnheit, immerfort zu lauschen, hören konnte; aber Mr. Dorrit glaubte ebenfalls etwas zu hören wie das Niederfallen dürrer Blätter. Der Schrecken der Frau schien für einen kurzen Augenblick die andern anzustecken, und sie lauschten alle. Mr. Flintwinch war der erste, der sich wieder faßte. »Affery, arme Frau«, sagte er, indem er mit geballten Fäusten auf sie zu wackelte, während seine Ellbogen vor Begierde, sie zu schütteln, zitterten: »Du machst wieder deine alten Streiche. Du wirst nächstens wieder im Schlafe wandeln, Weib, und die ganze Reihe deiner verrückten Gaukelei durchmachen. Du mußt einnehmen. Wenn ich diesem Herrn das Geleit gegeben habe, werde ich dir ein angenehmes Pulver geben; ein ganz angenehmes Pulver.« Diese Aussicht schien Mrs. Affery nichts weniger als angenehm zu sein; Jeremiah aber nahm, ohne weiter von seiner heilsamen Medizin zu sprechen, ein zweites Licht von Mrs. Clennams Tisch und sagte: »Nun, mein Herr, soll ich Ihnen hinableuchten?« Mr. Dorrit sagte, daß er ihm dankbar dafür sein werde, und ging hinab. Mr. Flintwinch schloß ihn durch Tür und Kette hinaus, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren. Wiederum gingen die beiden Männer an ihm vorüber, indem der eine von draußen, der andre von drinnen kam; nachdem er in den Wagen gestiegen, der auf ihn gewartet hatte, fuhr er fort. Ehe er weit gefahren war, hielt der Kutscher an, um ihm mitzuteilen, daß er auf ihr gemeinschaftliches Verlangen den beiden Männern seinen Namen, seine Nummer und seine Adresse gegeben habe; auch die Adresse, wo Mr. Dorrit eingestiegen, die Stunde, wo man ihn von seinem Standort abgeholt, und den Weg, den er gemacht habe. Dies trug gerade nicht dazu bei, den Eindruck, den dieses nächtliche Abenteuer auf Mr. Dorrit gemacht, abzuschwächen; die ganze Szene stand ihm lebhaft vor Augen, als er vor seinem Kamin saß und als er zu Bett ging. Die ganze Nacht verließ ihn das Bild des unheimlichen Hauses nicht; er sah, wie die beiden Männer unverdrossen warteten, hörte, wie die Frau mit der Schürze über dem Kopf wegen des Geräusches schrie, und erblickte die Leiche des vermißten Blandois bald in einem Keller begraben, bald in einer Wand vermauert. Achtzehntes Kapitel. Ein Luftschloß. Mannigfach sind die Sorgen des Reichtums und Glanzes. Mr. Dorrits Zufriedenheit bei dem Gedanken, daß er sich habe bei Clennam und Komp. nicht zu nennen brauchen und ebensowenig auf die Bekanntschaft mit einer zudringlichen Person dieses Namens hatte anspielen müssen, wurde am Abend, selbst während sie noch frisch war, von einem Kampf getrübt, der in ihm erwachte, ob er nämlich auf dem Rückweg an dem Marschallgefängnis vorbeifahren und sich das alte Tor ansehen sollte oder nicht. Er entschied, es nicht zu tun, und setzte den Kutscher durch seine Heftigkeit in Erstaunen, mit der er seinen Vorschlag zurückwies, über die Londonbrücke und dann auf die Waterloobrücke zurück über den Fluß zu fahren, – ein Weg, der ihn ganz in die Nähe seiner alten Wohnung gebracht hätte. Trotz alledem hatte die Frage einen Konflikt in seinem Innern hervorgerufen, und er war aus irgendeinem schlechten oder gar keinem Grunde unzufrieden mit sich. Selbst bei Tisch am andern Tage in Merdles Hause war er dadurch so verstimmt, daß er beständig wieder die Sache in seinem Innern hin und her wog, was ein Benehmen zur Folge hatte, das die gute Gesellschaft um ihn her verlegen machen mußte. Es überlief ihn heiß, wenn er daran dachte, was wohl die Meinung des Oberhaushofmeisters von ihm sein würde, wenn diese erlauchte Person mit ihrem lästigen Blick den Strom seiner Gedanken ermessen könnte. Das Abschiedsbankett war prachtvoll und bildete einen höchst glänzenden Schluß seines Besuches. Fanny verband mit den Reizen ihrer Jugend und Schönheit ein gewisses gewichtiges Selbstbewußtsein, als wenn sie schon zwanzig Jahre verheiratet wäre. Er fühlte, daß er es ihr mit ruhigem Gefühl überlassen könne, die Pfade der vornehmen Welt zu betreten, und wünschte – aber ohne Verminderung seines Wohlwollens und ohne Vorurteil gegen die stilleren Tugenden seines Lieblings –, daß er noch eine solche Tochter hätte. »Meine Liebe«, sagte er beim Scheiden zu ihr, »unsere Familie blickt auf dich – ha –, daß du ihre Würde und – hm – Bedeutung aufrechterhaltest. Ich weiß, du wirst diese Erwartung nie täuschen.« »Nein, Papa«, sagte Fanny, »darauf darfst du vertrauen. Meine besten Grüße der lieben, lieben Amy, ich werde ihr bald schreiben.« »Soll ich – ha – sonst noch jemandem etwas ausrichten?« fragte Mr. Dorrit mit einschmeichelndem Ton. »Papa«, sagte Fanny, vor der Mrs. General augenblicklich auftauchte, »nein, ich danke Ihnen. Sie sind sehr freundlich, Papa, aber ich muß um Entschuldigung bitten: ich habe niemandem etwas sagen zu lassen, ich danke Ihnen, lieber Papa, nichts, was Ihnen angenehm sein würde.« Sie nahmen in einem äußern Salon voneinander Abschied, wo nur Mr. Sparkler auf seine Frau wartete und pflichtschuldig des Zeitpunktes harrte, wo er Mr. Dorrit die Hand schütteln konnte. Als Mr. Sparkler zu dieser Schlußaudienz zugelassen war, kam Mr. Merdle hereingeschlichen und machte den Eindruck, als wenn er nicht viel mehr Arme in seinen Ärmeln hätte denn ein Zwillingsbruder von Miß Biffin, und bestand darauf, Mr. Dorrit die Treppe hinabzugeleiten. Da alle Protestationen Mr. Dorrits vergeblich waren, genoß er die Ehre, von diesem ausgezeichneten Mann, der (wie Mr. Dorrit ihm unter Händeschütteln auf der Treppe sagte) ihn wirklich während seines unvergeßlichen Besuchs mit Aufmerksamkeiten und Diensten überhäuft hatte, bis an die Haustür begleitet zu werden. Hier schieden sie, und Mr. Dorrit stieg mit schwellendem Herzen in den Wagen, durchaus nicht unzufrieden, daß sein Kurier, der in den untern Regionen Abschied zu nehmen gekommen war, Gelegenheit erhalten hatte, Zeuge seiner ehrenvollen Abreise zu sein. Die erwähnte Ehre ergoß noch ihren ganzen Glanz auf Mr. Dorrit, als er vor seinem Hotel abstieg. Von dem Kurier und einem halben Dutzend Bedienten des Hotels aus dem Wagen gehoben, ging er mit heiterem Gepränge durch die Vorhalle, als er ein Schauspiel erblickte, das ihn stumm und bewegungslos machte. John Chivery, in seinen besten Kleidern, mit seinem hohen Hut unter dem Arme, seinen Stock mit der Elfenbeinhand in gentiler Verlegenheit festhaltend und ein Bündel Zigarren in der Hand. »Sehen Sie, junger Mann«, sagte der Portier. »Das ist der Herr. Dieser junge Mann wollte durchaus auf Sie warten, Sir, indem er behauptete, Sie würden sich freuen, ihn zu sehen.« Mr. Dorrit stierte den jungen Mann an, würgte und sagte im mildesten Tone: »Ach! Der junge John! Sie sind es, mein lieber John, nicht wahr?« »Ja, Sir«, versetzte der junge John. »Ich – ha – dachte es doch, der junge John werde es sein!« sagte Mr. Dorrit. »Der junge Mann kann mit mir heraufkommen«, fuhr er, an die Dienerschaft gewandt, fort, indem er weiterging. »O ja, er soll nur heraufkommen. Der junge John soll mir folgen. Ich will oben mit ihm sprechen.« Der junge John folgte lächelnd und sehr geschmeichelt. Man hatte Mr. Dorrits Zimmer erreicht. Lichter wurden angesteckt. Die Dienerschaft entfernte sich. »Nun, Sir«, sagte Mr. Dorrit, indem er sich nach ihm umwandte und ihn am Rockkragen faßte, als sie ganz allein wahren. »Was soll das heißen?« Das Erstaunen und der Schrecken, die sich auf dem Gesicht des unglücklichen John malten – denn er hatte eher erwartet, umarmt zu werden –, waren von so ungemein ausdrucksvoller Art, daß Mr. Dorrit seine Hand zurückzog und ihn bloß anstierte. »Wie können Sie das wagen?« sagte Mr. Dorrit. »Wie können Sie sich herausnehmen, hierherzukommen? Wie wagen Sie es, mich zu beleidigen?« »Ich Sie beleidigen, Sir?« rief der junge John. »Oh!« »Ja, Sir«, versetzte Mr. Dorrit, »mich beleidigen. Ihr Hierherkommen ist eine Beleidigung, eine Impertinenz, eine Frechheit. Man hat Sie hier nicht verlangt. Wer schickte Sie? Was – ha – zum Teufel haben Sie hier zu tun?« »Ich dachte, Sir«, sagte der junge John mit so blassem und erschrockenem Gesicht, als Mr. Dorrit je nur eines in seinem Leben gesehen, »ich dachte, Sie würden wohl die Güte haben, dieses Päckchen Zigarren anzunehmen.« »Verdammt sei Ihr Päckchen, Sir!« rief Mr. Dorrit in nicht zu bezähmender Wut. »Ich – hm – rauche nicht!« »Ich bitte Sie demütig um Verzeihung, Sir. Sie rauchten früher.« »Sagen Sie mir das noch einmal«, rief Mr. Dorrit ganz außer sich, »und ich lasse Sie das Schüreisen fühlen.« John Chivery trat den Rückzug nach der Tür an. »Halt, Sir!« rief Mr. Dorrit. »Halt! Setzen Sie sich. Still, setzen Sie sich!« John Chivery sank auf den neben der Tür stehenden Stuhl, und Mr. Dorrit ging im Zimmer auf und nieder: anfangs rasch; dann immer langsamer. Einmal trat er ans Fenster und stand dort mit der Stirn an der Scheibe. Plötzlich drehte er sich um und sagte: »Was wollten Sie sonst noch hier?« »Nichts in der Welt sonst, Sir. O Gott, wahrhaftig nicht. Ich wollte nur sagen, Sir, ich hoffe, daß Sie sich wohl befinden, und fragen, ob Miß Amy wohl ist?« »Was geht das Sie an, Sir?« versetzte Mr. Dorrit. »Es geht mich freilich von Rechts wegen nichts an. Ich will durchaus die Kluft, die zwischen uns ist, nicht ausfüllen. Ich weiß, daß ich mir etwas herausnehme, aber ich dachte nicht, daß Sie es so übel aufnehmen würden. Auf mein Ehrenwort, Sir«, sagte der junge John bewegt, »trotz meiner Armut bin ich zu stolz, als daß ich hierhergekommen wäre, wenn ich dies gewußt, das versichere ich Ihnen.« Mr. Dorrit war beschämt. Er ging wieder an das Fenster und lehnte seine Stirn einige Zeit an die Scheibe. Als er sich umwandte, hatte er sein Taschentuch in seiner Hand und trocknete sich die Augen damit und sah angegriffen und unwohl aus. »Mein lieber John, ich bedaure, heftig gegen Sie gewesen zu sein, aber – ha – aber es gibt Erinnerungen, die nicht gerade zu den glücklichen zählen, und – hm – Sie hätten nicht kommen sollen.« »Ich fühle das jetzt, Sir«, erwiderte John Chivery; »aber ich habe es nicht früher überlegt, und der Himmel weiß, ich habe es nicht böse gemeint, Sir.« »Nein. Nein«, sagte Mr. Dorrit. »Ich – ha – bin davon überzeugt. Ha. Geben Sie mir die Hand, mein lieber John, geben Sie mir die Hand.« Der junge John gab sie; aber Mr. Dorrit hatte ihm das Herz herausgeschreckt, und nichts konnte mehr den bleichen, entsetzten Ausdruck seines Gesichts ändern. »So!« sagte Mr. Dorrit, ihm langsam die Hand schüttelnd. »Setzen Sie sich wieder, mein junger John.« »Ich danke Ihnen, Sir, – aber ich möchte lieber stehen.« Mr. Dorrit setzte sich statt dessen. Nachdem er seinen Kopf einen Augenblick, als wenn er ihn schmerzte, gehalten, wandte er sich an seinen Besuch und sagte, indem er sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen: »Und wie geht es Ihrem Vater, lieber John? Wie – ha – geht es ihnen allen, lieber John?« »Danke Ihnen, Sir. Sie befinden sich alle ziemlich wohl. Sie klagen über nichts.« »Hm. Sie sind – hm –, wie ich sehe, noch in Ihrem alten Geschäft, John?« sagte Mr. Dorrit mit einem Blick auf das beleidigende Päckchen, das er verwünscht hatte. »Zum Teil, Sir. Ich bin auch«, John zögerte ein wenig, »in meines Vaters Geschäft.« »O, so!« sagt« Mr. Dorrit. »Sie – ha, hm – helfen ihm beim – ha –« »Schließen, Sir? Ja, Sir.« »Viel zu tun, John?« »Ja, Sir; wir haben gegenwärtig ziemlich anstrengenden Dienst. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wir haben meistens ziemlich anstrengenden Dienst.« »Um diese Jahreszeit, lieber John?« »Beinahe zu allen Zeiten des Jahres, Sir. Ich wüßte nicht, daß die Zeit großen Unterschied bei uns machte. Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Sir.« »Bleiben Sie einen Augenblick, John, – ha – bleiben Sie einen Augenblick. Hm. Lassen Sie mir die Zigarren, John, ich – ha – bitte.« »Gern, Sir.« John legte sie mit zitternder Hand auf den Tisch. »Bleiben Sie noch einen Augenblick, lieber John: bleiben Sie noch einen Augenblick. Es würde mir – ha – sehr angenehm sein, eine kleine – hm – Ehrengabe einem so sichern Boten zu übergeben, damit es – ha – hm – unter sie – sie – nach ihrem Bedürfnisse verteilt werde. Hätten Sie etwas dagegen?« »Durchaus nicht, Sir. Gar viele, bin ich überzeugt, können es gut brauchen.« »Ich danke Ihnen, John. Ich – ha – will es aufschreiben, John.« Seine Hand zitterte so, daß er lange dazu brauchte und zuletzt die Anweisung nur ein unleserliches Gekritzel war. Sie betrug hundert Pfund. Er legte sie zusammen, übergab sie dem jungen John und drückte ihm die Hand. »Ich hoffe. Sie werden – ha – vergessen – hm –, was geschehen ist, John.« »Sprechen Sie doch nicht mehr davon, Sir. Ich hege durchaus keinen Groll.« Aber nichts konnte, solange er hier war, Johns Gesicht seine natürliche Farbe und seinen gewöhnlichen Ausdruck wiedergeben oder John seine alle Ungezwungenheit verleihen. »Und, John«, sagte Mr. Dorrit, indem er ihm die Hand noch einmal drückte und sie dann losließ, »ich hoffe – ha –, wir verstehen uns, daß wir im Vertrauen gesprochen haben; und daß Sie beim Weggehen unterlassen, irgend etwas zu jemand zu sagen, was – hm – auf die Vermutung führen könnte, daß – ha – ich einmal –« »O, ich versichere Sie, Sir«, versetzte John Chivery, »ich bin trotz meiner Armut zu stolz und zu ehrenhaft, um so etwas zu tun.« Mr. Dorrit war nicht zu stolz und zu ehrenhaft, an der Tür zu horchen, um sich zu versichern, ob John wirklich geradewegs fortgehe oder vorziehe, unten mit irgend jemandem ein Gespräch anzuknüpfen. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß er geradeswegs zur Tür hinaus und raschen Schrittes die Straße hinabging. Nachdem er eine Stunde lang allein geblieben, läutete Mr. Dorrit dem Kurier, der ihn mit dem Stuhl an dem Kamin, den Rücken nach der Tür und das Gesicht dem Feuer zugekehrt, fand. »Sie können dies Bündel Zigarren nehmen und auf der Reise rauchen, wenn Sie wollen«, sagte Mr. Dorrit mit einer gleichgültigen Handbewegung. »Ha – 's ist – hm – ein kleines Geschenk von – ha – dem Sohn eines alten Pächters auf meinen Gütern.« Die Sonne des nächsten Morgens sah Mr. Dorrits Wagen auf der Straße von Dover, wo jeder rotbejackte Postillion das Schild eines grausamen Hauses war, das dazu eingerichtet worden war, die Reisenden unbarmherzig zu plündern. Da das ganze Geschäft des Menschengeschlechts zwischen London und Dover Freibeuterei war, so wurde Mr. Dorrit in Dartford angefallen, in Gravesend ausgeplündert, in Rochester beraubt, in Sittingbourne gepreßt und in Canterbury marodiert. Da es jedoch die Aufgabe des Kuriers war, ihn aus den Händen der Banditen zu befreien, so kaufte ihn dieser auf jeder Station los; und die Rotjacken ritten heiter glänzend durch die Frühlingslandschaft hin, im Takte zwischen Mr. Dorrit in seiner gemütlichen Ecke und der nächsten kalkigen Anhöhe der staubigen Landstraße auf und nieder humpelnd. Die Sonne eines zweiten Tages sah ihn in Calais. Und da er jetzt den Kanal zwischen sich und John Chivery hatte, begann er sich sicher zu fühlen und zu finden, daß die fremde Luft sich leichter atmen lasse als die englische Luft. Nun ging es weiter auf den kotigen französischen Straßen nach Paris. Da er jetzt sein volles Gleichgewicht des Geistes wiederhatte, so beschäftigte sich Mr. Dorrit in seiner gemütlichen Ecke mit Luftschlösserbauen; während er so dahinfuhr. Offenbar hatte er den Bau eines sehr großen Schlosses unternommen. Den ganzen Tag baute er Türme auf, trug er Türme ab, fügte hier einen Flügel an, setzte dort eine Zinne auf, sah nach den Mauern, verstärkte die Verteidigungswerke, brachte Verzierungen im Innern an – und machte in jeder Beziehung ein prachtvolles Schloß daraus. Sein sinnendes Gesicht verriet so deutlich, womit er beschäftigt war, daß jeder Krüppel in den Posthäusern, der nicht blind war und seine kleine verwetterte Zinnbüchse m den Wagen hereinhielt, um im Namen des Himmels, im Namen der heiligen Jungfrau, im Namen aller Heiligen eine Gabe zu erbitten, ebensogut wissen konnte, was in ihm vorging, als ihr Landsmann Lebrun es gewußt hätte, wenn er den englischen Reisenden zum Gegenstand einer speziellen physiognomischen Abhandlung gemacht hätte. In Paris angelangt, wo er sich drei Tage aufhielt, wanderte Mr. Dorrit viel allein in den Straßen umher und blieb an den Ladenfenstern, besonders der Juweliere, stehen. Zuletzt ging er in den Laden des berühmtesten Juweliers und sagte, er wünsche ein kleines Geschenk für eine Dame zu kaufen. Es war eine reizende kleine Frau, zu der er dies sagte – eine muntere kleine Frau, mit vorzüglichem Geschmack gekleidet, die aus einem grünen Samtkäfig hervorkam, um ihn zu bedienen, wo sie mit hübschen kleinen Rechnungsbüchern beschäftigt war, die kaum zum Eintragen eines andern Handelsartikels geeignet erschienen als Küsse, und wo sie vor einem hübschen kleinen und glänzenden Pult saß, das selbst schon wie Zuckerwerk aussah. Welcher Art soll denn das Geschenk sein, das Monsieur machen wolle? Eine Liebesgabe? Mr. Dorrit lächelte und sagte: Nun, vielleicht! Was wisse er? Es sei immerhin möglich: das Geschlecht sei so reizend. Ob sie ihm welche zeigen wolle? »Mit dem größten Vergnügen«, sagte die kleine Frau. Sie fühle sich geschmeichelt und sei entzückt, ihm viele vorlegen zu dürfen. Aber Verzeihung! Zuerst wolle sie bemerken, daß dies Liebesgabe und dies Hochzeitsgeschenke seien. Zum Beispiel diese reizenden Ohrringe und dies prächtig dazu passende Halsband würden eine Liebesgabe sein. Diese Broschen und diese Ringe von so anmutiger und himmlischer Schönheit möchte sie, mit des Herrn Erlaubnis, eine Hochzeitsgabe nennen. »Vielleicht wird es am besten sein«, meinte Mr. Dorrit lächelnd, »beide Sachen zu kaufen und die Liebesgaben zuerst und zuletzt die Hochzeitsgeschenke« zu überreichen?« »O, Himmel!« sagte die kleine Frau, indem sie die Fingerspitzen ihrer beiden kleinen Hände aneinander legte. »Das wäre wirklich sehr edel. Das wäre eine große Galanterie! Und die Dame, die so mit Geschenken überhäuft würde, müßte Sie sicherlich unwiderstehlich finden.« Mr. Dorrit war davon nicht überzeugt. Aber die muntere kleine Frau war davon überzeugt, wie sie sagte. So kaufte Mr. Dorrit ein Geschenk von jeder Art und bezahlte eine hübsche Summe dafür. Als er wieder nach seinem Hotel zurückging, trug er den Kopf sehr hoch; denn sein Schloß ragte jetzt offenbar weit höher empor als die beiden viereckigen Türme von Notre-Dame. Aus allen Kräften fortbauend, aber die Pläne seines Schlosses ganz für sich behaltend, fuhr Mr. Dorrit nach Marseille weiter. Immer bauend, immer bauend, geschäftig und unermüdlich vom Morgen bis in die Nacht. Er schlief ein und ließ große Granitblöcke in der Luft schweben; und wenn er erwachte, machte er sich wieder an die Arbeit und brachte sie an ihren Platz. Unterdessen ließ der Kurier auf dem Bedientensitz, die besten Zigarren des jungen John rauchend, ein kleines Wölkchen dünnen, leichten Rauches hinter sich – vielleicht baute auch er mit einigen verlorenen Stücken von Mr. Dorrits Geld ein Schloß oder zwei. Keine von den befestigten Städten, durch die sie auf ihrer ganzen Reise kamen, war so stark, keine Kathedralenspitze so hoch wie Mr. Dorrits Schloß. Weder die Saone noch die Rhone flossen so rasch dahin, wie dieses unvergleichliche Gebäude erstand; auch war das Mittelländische Meer nicht so tief wie seine Fundamente, und die fernen Landschaften auf der Cornichestraße oder die Hügel und die Bucht des stolzen Genua waren nicht so schön. Mr. Dorrit und sein unvergleichliches Schloß landeten unter den schmutzigen, weißen Häusern Civitavecchias und rumpelten dann, so gut es eben ging, durch den Schmutz, der die Straßen bedeckte. Neunzehntes Kapitel Der Sturm auf das Luftschloß Die Sonne war volle vier Stunden untergegangen, und es war später, als die meisten Reisenden sich gern außerhalb der Mauern von Rom befinden, als Mr. Dorrits Wagen immer noch auf der letzten mühsamen Station über die einsame Campagna hinrollte. Die wilden Hirten und die finster blickenden Bauern, die noch den Weg belebt und bunt gemacht hatten, solange es hell war, waren alle mit der Sonne zur Ruhe gegangen und ließen die Einöde leer. An einigen Ecken des Weges zeigte ein blasser Schimmer am Horizont, gleich einer Ausdünstung aus dem trümmerübersäten Land, daß die Stadt noch weit entfernt war; aber dieser dürftige Trost war selten und kurz. Der Wagen senkte sich wieder in ein Loch des schwarzen, trockenen Meeres, und für lange Zeit war wieder nichts zu sehen als die versteinerte Woge und der düstere Himmel. Mr. Dorrit, obgleich er mit dem Bau seines Luftschlosses beschäftigt war, fühlte sich doch an diesem Ort nicht ganz behaglich. Er war bei jedem Umbiegen des Wagens und jedem Ruf des Postillions neugieriger als er auf dem ganzen Wege seit London gewesen. Der Kammerdiener auf dem Bock zitterte sichtlich. Dem Kurier Hintenauf war es nicht wohl zumute. Sooft Mr. Dorrit das Fenster herunterließ und sich nach ihm umsah (was sehr oft geschah), sah er ihn allerdings John Chivery rauchen, aber dabei zumeist stehen und sich umschauen wie ein Mann, der seinen Verdacht hat und auf seiner Hut bleibt. Dann zog Mr. Dorrit die Fenster wieder in die Höhe und dachte bei sich, diese Postillione seien mörderartig aussehende Kerle, und er würde besser daran getan haben, wenn er in Civitavecchia übernachtet und beizeiten morgens aufgebrochen wäre. Aber trotzdem baute er immer wieder an seinem Luftschloß. Und jetzt zeigten Bruchstücke verfallener Einfassungen, gähnende Fensteröffnungen und morsche Mauern, öde Häuser, lecke Brunnen, geborstene Zisternen, gespenstische Zypressen, Büsche verschlungener Weinreben und der Übergang des Geleises in eine lange, unregelmäßige, unordentliche Gasse, wo alles im Verfall war, von den unansehnlichen Gebäuden bis zu dem holperigen Weg – all dies zeigte, daß sie sich Rom näherten. Und jetzt flößte ein plötzliches Ausbiegen und Anhalten des Wagens Mr. Dorrit die Besorgnis ein, daß nun der Straßenräuberaugenblick gekommen sei, um ihn in einen Graben zu schleppen und auszuplündern; bis er das Fenster wieder herunterließ und sah, daß ihm nichts Schlimmes den Weg versperrte als eine Leichenprozession, die ein undeutliches Schauspiel von schmutzigen Kleidern, flackernden Fackeln, geschwungenen Weihrauchpfannen und einem großen, vor einem Priester hergetragenen Kreuze entfaltete, mit mechanischer Gleichgültigkeit an ihm vorüberzog. Jener Priester war ein häßlicher Mann, wenn man ihn so bei Fackellicht sah, von finsterem Aussehen, mit vorstehender Stirn, und als seine Augen denen von Mr. Dorrit begegneten, der entblößten Hauptes zum Wagen heraussah, schienen die vom Singen bewegten Lippen diesem bedeutenden Reisenden zu drohen, auch die Bewegung seiner Hand, die nichts als die Erwiderung des Grußes des Reisenden war, schien diese Drohung zu unterstützen. So kam es wenigstens Mr. Dorrit vor, dessen Phantasie durch das ermüdende Bauen und Fahren aufgeregt war, als der Priester an ihm vorüberzog und die Prozession mit ihrer Leiche sich entfernte. Einen ganz andern Weg schlug Mr. Dorrit mit seinem Gefolge ein; und bald klopften sie mit ihrer Wagenladung von Luxuswaren aus den beiden großen Hauptstädten Europas (gleich umgekehrten Goten) an die Tore von Rom. Mr. Dorrit wurde von seinen Leuten nicht mehr diese Nacht erwartet. Man hatte auf ihn gewartet, hatte es aber endlich bis zum andern Morgen verschoben, da man glaubte, er werde zu so später Nachtzeit nicht mehr in einem solchen Lande unterwegs sein. Als daher sein Wagen vor der Tür seines Hauses hielt, erschien niemand zu seinem Empfang als der Portier. Ob Miß Dorrit nicht zu Hause, fragte er. Doch, sie sei zu Hause. Gut, sagte Mr. Dorrit zu den herbeikommenden Dienern, sie sollten bleiben, wo sie wären, und den Wagen abladen helfen, er wolle Miß Dorrit selbst aufsuchen. Er ging langsam und müde die große Treppe hinauf und blickte in verschiedene Zimmer, die leer waren, bis er Licht in einem kleinen Vorzimmer bemerkte. Es war ein verhangener Raum wie ein Zelt, hinter dem sich zwei Zimmer befanden; er sah warm und hellfarbig aus, da er durch den dunklen Gang geschritten kam. Der Eingang hatte eine Portiere, aber keine Tür, und als er hier stehenblieb und ungesehen hineinschaute, fühlte er einen Stich im Herzen. Wohl nicht aus Eifersucht? Warum auch Eifersucht? Es waren ja nur sein Bruder und seine Tochter drinnen; er hatte den Stuhl an den Kamin gerückt und genoß die Wärme des abendlichen Holzfeuers; sie saß an einem kleinen Tischchen und war mit einer Stickerei beschäftigt. Wenn man den großen Unterschied in der Umgebung des Bildes zugibt, so bleibt doch eine große Ähnlichkeit in den Personen, denn sein Bruder sah ihm ähnlich genug, um ihn für einen Augenblick vorstellen zu können. So hatte er manchen Abend an einem Steinkohlenfeuer in der alten Heimat gesessen, so hatte sie gesessen, ganz nur seinem Dienst geweiht. Und doch war in der alten, elenden Armut nichts, worauf man hätte eifersüchtig sein können. Woher dann dieser Stich im Herzen? »Weißt du, Onkel, ich glaube, du wirst wieder jung.« Ihr Onkel schüttelte den Kopf und sagte: »Seit wann, meine Liebe, seit wann?« »Ich glaube«, versetzte Klein-Dorrit, fleißig mit der Nadel fortarbeitend, »daß du schon seit Wochen immer jünger wirst. So heiter, Onkel, und so munter und so teilnehmend an allem, was vorgeht!« »Mein liebes Kind – das tust du mir alles.« »Ich alles, Onkel?« »Ja, ja. Du hast unendlich wohltätig auf mich eingewirkt. Du warst so rücksichtsvoll gegen mich und gingst so zart mit mir um und suchtest so zart mir deine Aufmerksamkeiten zu verbergen, daß ich – ja, ja, ja! Ich habe es in treuem Herzen bewahrt, gutes Kind, in treuem Herzen bewahrt.« »Aber, lieber Onkel, das phantasierst du dir nur alles so zusammen«, sagte Klein-Dorrit heiter. »Ja, ja, ja!« murmelte der Alte. »Gott sei Dank!« Sie hielt einen Augenblick mit ihrer Arbeit inne, um ihn anzusehen, und ihr Blick machte, daß der Stich in ihres Vaters Brust wieder schmerzte: in seiner armen, schwachen Brust, die so voll von Widersprüchen, Ungereimtheiten und Schwankungen, so voll von den kleinen armseligen Verlegenheiten dieses dunklen Lebens war, Nebeln, die der Morgen ohne Nacht allein verscheuchen kann. »Ich konnte mein Herz offner vor dir ausschütten, mein Täubchen«, sagte der alte Mann, »seit wir allein sind. Ich sage allein, denn ich zähle Mrs. General nicht: ich kümmere mich nicht um sie: sie hat nichts mit mir zu schaffen. Aber ich weiß, Fanny hat keine Geduld mit mir. Und das wundert mich nicht, auch klage ich nicht darüber, denn ich fühle wohl, ich muß im Wege sein, obgleich ich mich so viel wie möglich seitab halte. Ich weiß, ich passe nicht in unsre Gesellschaft. Mein Bruder William«, sagte der alte Mann ganz von Bewunderung voll, »würde ein Umgang für Fürsten sein: aber mit deinem Onkel ist's etwas anderes, mein Kind. Frederick Dorrit mehrt das Ansehen William Dorrits nicht, und er weiß es ganz wohl. Ach! Wie, da ist ja dein Vater, Amy! Mein lieber William, sei willkommen! Mein geliebter Bruder, ich freue mich herzlich, dich wiederzusehen!« Als er sich während des Sprechens umgewandt, hatte er ihn auf der Schwelle stehen sehen. Klein-Dorrit schlang mit einem Freudenschrei die Arme um ihres Vaters Hals und küßte ihn wieder und wieder. Ihr Vater war etwas ungeduldig und mißgestimmt. »Ich freue mich, dich endlich wiederzusehen, Amy«, sagte er. »Ha. Wirklich, ich freue mich, endlich – hm – irgend jemand zu finden, der mich empfängt. Ich scheine so wenig – ha – erwartet worden zu sein, daß ich wahrhaftig – ha – hm – zu glauben begann, es werde nötig sein, mich zu entschuldigen, daß ich – ha – mir die Freiheit nahm, überhaupt zurückzukommen.« »Es war so spät, mein lieber William«, sagte sein Bruder, »daß wir die Hoffnung für heute nacht aufgegeben hatten.« »Ich bin stärker als du, lieber Frederick«, versetzte sein Bruder mit einer gemachten Brüderlichkeit, in der mehr Strenge lag, »und ich hoffe, ich kann ohne Nachteil für meine Gesundheit – ha – zu jeder Stunde, wenn ich will, reisen.« »Gewiß, gewiß«, versetzte der andere, besorgt, er möchte Anstoß gegeben haben. »Gewiß, William.« »Ich danke dir, Amy«, fuhr Mr. Dorrit fort, während sie ihm die Schals abnehmen half, »ich kann es schon allein machen. Ich will – ha – dir keine Mühe verursachen, Amy. Könnte ich ein Stückchen Brot und ein Glas Wein haben, oder – hm – würde es zu viele Umstände machen?« »Lieber Vater, du sollst dein Abendessen in wenigen Minuten haben.« »Ich danke, mein liebes Kind«, sagte Mr. Dorrit mit vorwurfsvoller Kälte; »ich – ha – fürchte zu viele Umstände zu veranlassen. Hm. Mrs. General ganz wohl?« »Mrs. General klagte über Kopfweh und Müdigkeit; sie ging deshalb zu Bett, als wir glaubten, du kämst nicht mehr, mein lieber Vater.« Vielleicht dachte Mr. Dorrit, Mrs. General habe recht gehabt, wenn sie durch die Täuschung, die durch ein Nichtankommen verursacht worden, sich gedrückt gefühlt. Jedenfalls heiterte sich sein Gesicht auf, und er sagte mit offenbarer Befriedigung: »Bedaure außerordentlich zu hören, daß Mrs. General nicht wohl ist.« Während dieses kurzen Gespräches hatte ihn seine Tochter mit etwas mehr als gewöhnlichem Interesse betrachtet. Es hatte den Anschein, als wenn er ihr verändert und schlechter aussehend vorkäme: er bemerkte es und nahm es empfindlich auf: denn er sagte, mit neuer Verdrießlichkeit, als er sich seines Reiserocks entledigt hatte und an das Feuer getreten war: »Amy, wonach siehst du? Was siehst du an mir, das dich veranlaßt, deine – ha – besorgte Teilnahme mir in – hm – so eigentümlicher Weise zuzuwenden?« »Ich wußte es nicht, Vater: ich bitte um Entschuldigung. Es beglückte meine Augen, dich wiederzusehen: das ist alles.« »Sage nicht, das ist alles, weil – ha – das nicht alles ist. Du – hm – glaubst,« sagte Mr. Dorrit mit einer Emphase, in der eine Anklage lag, »daß ich nicht gut aussehe.« »Ich dachte, du sähest etwas ermüdet aus, lieber Vater.« »Dann täuschest du dich«, sagte Mr. Dorrit. »Ha, ich bin nicht müde. Ha, hm. Ich bin frischer, als ich war, als ich wegging.« Er war so nahe daran, in Zorn auszubrechen, daß sie nichts mehr zu ihrer Verteidigung sagte, sondern ruhig neben ihm stehenblieb und seinen Arm umschlungen hielt. Als er so dastand, wahrend sein Bruder von der andern Seite ihn ansah, versank er in eine Träumerei von kaum einer Minute, aus der er plötzlich auffuhr. »Frederick«, sagte er, sich zu seinem Bruder umwendend, »ich empfehle dir, augenblicklich zu Bett zu gehen.« »Nein, William, ich will aufbleiben und dich zu Nacht speisen sehen.« »Frederick«, versetzte er, »ich bitte dich, zu Bett zu gehen. Tue es mir zu Gefallen und gehe zu Bett. Du solltest schon lange zu Bett sein. Du bist sehr schwach.« »Ha!« sagte der alte Mann, der keinen andern Wunsch hatte, als ihm zu Gefallen zu leben. »Ja, ja, ja! Das bin ich wohl.« »Mein lieber Frederick«, versetzte Mr. Dorrit mit erstaunlicher Überlegenheit über die schwachen Kräfte seines Bruders, »es kann kein Zweifel darüber sein. Es ist sehr schmerzlich für mich, dich so schwach zu sehen. Ha. Es macht mir großen Kummer. Hm. Ich finde nicht, daß du wohl aussiehst. Du bist nicht für dergleichen Dinge gemacht. Du solltest ängstlicher auf deine Gesundheit bedacht sein, weit mehr auf deine Gesundheit bedacht sein.« »Soll ich zu Bett gehen?« fragte Frederick. »Lieber Frederick«, sagte Mr. Dorrit, »tue es, ich beschwöre dich! Gute Nacht, Bruder. Ich hoffe, du wirst dich morgen kräftiger fühlen. Dein Aussehen gefällt mir ganz und gar nicht. Gute Nacht, lieber Junge!« Nachdem er seinen Bruder auf diese freundliche Weise fortgeschickt, versank er wieder in ein träumerisches Sinnen, ehe der alte Mann noch zum Zimmer hinaus war; und er wäre über die Schwelle gestolpert, wenn seine Tochter ihn nicht gehalten hätte. »Dein Onkel ist sehr verwirrt, Amy«, sagte er, als er aus seinem Sinnen erwachte. »Er spricht weniger zusammenhängend, und seine Konversation ist – hm – gebrochener, als ich es je – ha – hm – an ihm gekannt. Ist er unwohl gewesen, seit ich fort war?« »Nein, Vater.« »Du – ha – findest ihn doch auch sehr verändert. Amy?« »Ich habe nichts bemerkt, Vater.« »Er ist ganz gebrochen«, sagte Mr. Dorrit. »Ganz gebrochen. Mein armer liebevoller, schwacher Frederick! Ha. Wenn ich namentlich bedenke, was er früher war, so ist er jetzt – hm – traurig gebrochen.« Sein Nachtessen, das ihm nunmehr gebracht und auf dem kleinen Tisch aufgestellt wurde, an dem er sie hatte arbeiten sehen, lenkte seine Aufmerksamkeit von dem bisherigen Gesprächsgegenstand etwas ab. Sie saß an seiner Seite wie in jenen früheren Tagen, zum ersten Male, seit jene Tage ihr Ende genommen. Sie waren allein, und sie reichte ihm die Speisen und schenkte ihm den Wein ein, wie sie es im Gefängnis zu tun gewohnt gewesen war. All dies geschah jetzt zum ersten Male, seit sie reich geworden. Sie fürchtete sich, ihn viel anzusehen, nachdem er Ärgernis daran genommen; aber sie beobachtete zweimal während des Essens, daß er sie ganz plötzlich ansah und sich dann umschaute, als wenn die Ideenverbindung so stark wäre, daß er sich durch seinen Gesichtssinn versichern müsse, sie seien nicht in dem alten Gefängnis. Beide Male legte er seine Hand an seinen Kopf, als vermißte er seine alte schwarze Mütze – obwohl diese schmählicherweise im Marschallgefängnis weggeschenkt und bis zu dieser Stunde nicht frei geworden, sondern noch immer auf dem Kopfe seines Nachfolgers im Hofe sich umhertrieb. Er nahm sehr wenig zu sich, aber verweilte sehr lange beim Essen und kehrte oft auf den schwachen Zustand seines Bruders zurück. Obwohl er das größte Mitleid mit ihm aussprach, war er doch beinahe ärgerlich auf ihn. Er sagte, der arme Frederick – ha, – hm – fasle. Es gebe kein andres Wort dafür: fasle. Der arme Junge! Es war ein trauriger Gedanke, wenn man bedächte, was Amy von der unendlichen Langweiligkeit seiner Gesellschaft ausgestanden haben mußte – von der Gesellschaft dieses Mannes, der immerfort schwätze und fasle, der arme, gute, liebe Mensch, der immerfort fasle und schwatze – wenn sie nicht in Mrs. General eine Aufheiterung gefunden. Er bedauere sehr, wiederholte er dann mit der früheren Zufriedenheit, daß diese – ha – herrliche Frau unpäßlich sei. Klein-Dorrit mit ihrer aufmerksamen Liebe würde sich des Geringsten, was er in jener Nacht sagte und tat, erinnert haben, obgleich sie später keinen Grund hatte, jene Nacht sich ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie erinnerte sich immer, daß wenn er unter dem starken Einfluß der Ideenverbindung des Jetzt und Ehemals umherblickte, er ihr und vielleicht sich selbst den Gedanken fernzuhalten suchte, indem er augenblicklich wieder von dem großen Reichtum und der vornehmen Gesellschaft sprach, mit der er während seiner Abwesenheit verkehrt, und von der hohen Stellung, die er und seine Familie zu behaupten hätten. Auch erinnerte sie sich deutlich, daß durch das ganze Gespräch und das ganze Benehmen ihres Vaters zwei Strömungen durchliefen, nämlich, daß er zeigen wollte, wie gut es ihm ohne sie gegangen, und wie unabhängig er von ihr sei, und daß er sich auf eine passende, zart andeutende Weise beklagte, es wäre möglich, sie hätte ihn, während er fortgewesen, vernachlässigt. Seine Schilderung von der großartigen Stellung, die Mr. Merdle einnehme, und von dem Hofe, der sich vor ihm beuge, brachte ihn natürlich auf Mrs. Merdle. So natürlich, daß, obgleich ungewöhnlicher Mangel an Folgerichtigkeit in dem größern Teil seiner Bemerkungen sichtlich war, er plötzlich auf sie überging und fragte, wie sie sich befände. »Sie ist ganz wohl. In nächster Woche geht sie fort.« »Nach Hause?« fragte Mr. Dorrit. »Nachdem sie sich einige Wochen unterwegs aufgehalten habe.« »Sie wird ein großer Verlust für die hiesige Gesellschaft sein«, sagte Mr. Dorrit. »Ein großer Gewinn für die Heimat. Für Fanny und – hm – die übrige – ha – große Welt.« Klein-Dorrit dachte an den Wetteifer, der nun beginnen sollte, und stimmte außerordentlich sanft zu. »Mrs. Merdle will eine große Abschiedsgesellschaft geben, lieber Vater, der ein Diner vorangehen soll. Sie drückte ihre Besorgnis aus, du möchtest nicht mehr zur rechten Zeit eintreffen. Sie hat dich und mich zu ihrem Diner eingeladen.« »Sie ist – ha – sehr freundlich. Wann soll es stattfinden?« »Übermorgen.« »Schreibe ihr morgen und sage, daß ich zurückgekehrt sei und mich sehr – hm – freue.« »Darf ich dich die Treppe hinauf in dein Zimmer begleiten, lieber Vater?« »Nein!« antwortete er, ärgerlich sich umsehend: denn er ging weg, als wenn er das Abschiednehmen vergäße. »Du sollst nicht, Amy! Ich brauche keine Hilfe. Ich bin dein Vater, nicht dein gebrechlicher Onkel!« Er unterbrach sich ebenso plötzlich, als er diese Antwort gegeben hatte, und sagte: »Du hast mich nicht geküßt, Amy. Gute Nacht, liebes Kind! Wir müssen dich nun verheiraten – ha – dich verheiraten.« Mit diesen Worten ging er langsam und müde die Treppe hinauf nach seinen Zimmern, und beinahe sofort, als er dort angekommen, entließ er seinen Kammerdiener. Die nächste Sorge war, nach seinen Pariser Einkäufen zu sehen und, nachdem er ihre Kapseln geöffnet und sie genau in Augenschein genommen hatte, sie unter Schloß und Riegel zu legen. Darauf sank er, halb dösend, halb Schlösser bauend, auf lange Zeit in träumerisches Sinnen, so daß bereits ein leichter Morgenschimmer den östlichen Rand der öden Campagna umsäumte, als er in das Bett kroch. Mrs. General ließ sich am nächsten Tag frühzeitig nach seinem Befinden erkundigen: sie hoffe, er habe nach seiner anstrengenden Reise wohl geruht. Er ließ ihr danken und bat Mrs. General zu versichern, daß er vortrefflich geschlafen und sich außerordentlich wohl befinde. Nichtsdestoweniger verließ er seine Zimmer erst spät am Nachmittag, und obgleich er sich für eine Fahrt mit Mrs. General und seiner Tochter prachtvoll ankleiden ließ, reichte doch seine äußere Erscheinung nicht an die Beschreibung, die er von sich machte. Da die Familie an diesem Tage keine Besuche hatte, speisten die vier Familienmitglieder allein zusammen. Er führte Mrs. General mit ungeheurer Zeremonie an den Platz zu seiner Rechten, und Klein-Dorrit bemerkte unwillkürlich, als sie mit ihrem Onkel folgte, daß er wieder mit ausgesuchtem Geschmack gekleidet, und daß sein Benehmen gegen Mrs. General ganz eigentümlicher Art war. Die vollendete Bildung des Äußern dieser vollkommenen Dame machte es schwierig, ein Atom von ihrer feinen Politur zu verrücken, aber Klein-Dorrit glaubte in einer Ecke ihres frostigen Auges ein flüchtiges Auftauen des Triumphes zu gewahren. Trotz des prunischen und prismatischen Charakters des Familienbanketts, wie wir jenen in diesem Roman bezeichnen wollen, schlief Mr. Dorrit mehrere Male im Verlauf des Diners ein. Seine Anfälle von Schlummer waren so plötzlich, als sie es in der Nachtzeit vor Schlafengehen waren, und auch so kurz und tief. Als ihn zum erstenmal ein solcher Schlummer überfiel, war Mrs. General etwas erstaunt, aber bei jeder Wiederholung dieses Symptoms betete sie ihren höflichen Rosenkranz, der aus den Worten: Papa, Potateos, Poultry, Prunes und Prism bestand: und indem sie äußerst langsam dieses unfehlbare Mittel anwandte, schien sie mit ihrem Rosenkranz beinahe im selben Augenblick zu Ende zu kommen, als Mr. Dorrit aus seinem Schlafe auffuhr. Er bemerkte wieder eine Neigung zur Schlafsucht bei Frederick (die außerhalb seiner Phantasie jedoch nicht existierte) und entschuldigte nach dem Diner, als Frederick weggegangen, im Vertrauen den armen Mann bei Mrs. General. »Der ehrenwerteste und liebevollste Bruder, den man sich denken kann«, sagte er, »aber –- ha, hm – ganz gebrochen. Ein großes Unglück, er wird immer schwächer.« »Mr. Frederick, Sir«, sagte Mrs. General, »ist gewöhnlich abwesend und gedrückt, aber lassen Sie uns hoffen, daß es nicht so schlimm mit ihm steht.« Mr. Dorrit war jedoch entschlossen, ihn nicht aufkommen zu lassen. »Er wird sichtlich schwächer. Ein Wrack. Eine Ruine. Er fällt vor unsern Augen zusammen. Hm. Der gute Frederick.« »Sie haben hoffentlich Mrs. Sparkler wohl und glücklich verlassen?« sagte Mrs. General, nachdem sie Frederick einen kühlen Seufzer gewidmet. »Umgeben«, versetzte Mr. Dorrit, »von allem – ha –, was die Sinne erfreuen und – hm – den Geist erheben kann. Ganz glücklich, meine Verehrte, im Besitze eines – ha – Gatten.« Mrs. General wurde etwas verlegen; sie schien das Wort zart mit ihren Handschuhen wegzuschieben, als wenn sie nicht wüßte, wie man dazu kommt. »Fanny«, fuhr Mr. Dorrit fort, »Fanny, Mrs. General, hat bedeutende Eigenschaften. Ha. Ehrgeiz – hm –, festen Charakter, Bewußtsein – ha – ihrer Stellung, Entschlossenheit, diese Stellung zu wahren – ha, hm –, Anmut, Schönheit und angeborene Noblesse.« »Ganz gewiß«, sagte Mrs. General mit einer kleinen Extrasteifheit. »In Verbindung mit diesen Eigenschaften, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »hat Fanny – ha – einen Fehler an den Tag gelegt, der mir sehr – hm – unangenehm war und – ha –, ich muß hinzufügen, mich ärgerlich machte; der jedoch als abgemacht zu betrachten sein dürfte, sogar was sie selbst betrifft, und unzweifelhaft auch – ha –, was andere betrifft – getilgt ist.« »Worauf, Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, während ihre Handschuhe wieder etwas in Aufregung kamen, »worauf können Sie anspielen? Ich weiß nicht –« »Sagen Sie das nicht, meine Verehrte«, unterbrach sie Mr. Dorrit. Mrs. Generals Stimme erstarb in den Worten: »Ich weiß nicht, was ich mir denken soll.« Mr. Dorrit überkam wieder ein Schlummer von ungefähr einer Minute, aus dem er mit krampfhafter Schnelligkeit erwachte. »Ich meine, Mrs. General, jenen – ha – starken Oppositionsgeist, oder – hm – ich möchte sagen – ha – jene Eifersucht bei Fanny, die bisweilen gegen dieses Gefühl – ha – aufgetaucht, das ich von den Ansprüchen hege, die die Dame, mit der ich jetzt zu sprechen die Ehre habe, machen könnte.« »Mr. Dorrit«, versetzte Mrs. General, »ist stets zu gütig gegen mich, schlägt meine Verdienste stets zu hoch an. Wenn es Augenblicke gab, wo ich mir einbildete, Miß Dorrit sei ungehalten über die günstige Meinung, die Mr. Dorrit von meinen Diensten habe, so fand ich eben in dieser nur zu hohen Meinung meinen Trost und Lohn.« »Meinung von Ihren Diensten, Madame?« sagte Mr. Dorrit. »Von meinen Diensten«, wiederholte Mrs. General in zarter und eindrucksvoller Weise. »Von Ihren Diensten allein, meine Teure?« sagte Mr. Dorrit. »Ich denke wohl«, versetzte Mrs. General in ihrer früheren eindrucksvollen Weise, »von meinen Diensten allein. Denn wem sonst«, sagte Mrs. General mit einer flüchtig fragenden Bewegung ihrer Handschuhe, »könnte ich die Schuld geben –?« »Ihnen selbst, Mrs. General. Ha, hm. Ihnen selbst und Ihren Verdiensten«, lautete Mr. Dorrits Antwort. »Mr. Dorrit wird mir verzeihen«, sagte Mrs. General, »wenn ich die Bemerkung mache, daß jetzt nicht die Zeit und dies nicht der Ort ist, dieses Gespräch fortzusetzen. Mr. Dorrit wird mich entschuldigen, wenn ich ihn daran erinnere, daß sich Miß Dorrit im anstoßenden Zimmer befindet, und daß ich sie sehen kann, während ich ihren Namen ausspreche. Mr. Dorrit wird mir verzeihen, wenn ich bemerke, daß ich aufgeregt bin und daß ich finde, es gibt Augenblicke, wo die Schwache, die ich überwunden zu haben glaubte, sich mit verdoppelter Kraft wieder geltend macht. Mr. Dorrit wird mir erlauben, mich zu entfernen.« »Hm. Vielleicht nehmen wir ein andermal diese – ha – interessante Unterhaltung wieder auf«, sagte Mr. Dorrit: »wenn sie nicht etwa, was ich nicht hoffe, irgendwie Mrs. General – ha – unangenehm wäre.« »Mr. Dorrit«, sagte Mrs. General, ihre Blicke niederschlagend, während sie mit einer Verbeugung aufstand, »wird mich stets zu seinen Diensten finden.« Mrs. General entfernte sich in pomphafter Weise und nicht mit jenem Grade von Zittern, den man bei einer minder bedeutenden Person wohl gefunden hätte. Mr. Dorrit, der seinen Teil am Gespräch mit einer gewissen majestätischen und bewundernden Herablassung vorgebracht hatte – ganz wie man manche Leute in der Kirche ihren Teil am Gottesdienst verrichten sieht –, erschien im ganzen sehr zufrieden mit sich und auch mit Mrs. General. Bei der Rückkehr dieser Dame zum Tee hatte sie sich mit etwas Puder und Pomade aufgebessert und war gleicherweise auch moralisch in etwas gesteigerter Stimmung! das letztere zeigte sich in der sanften wohlwollenden Art ihres Benehmens gegen Miß Dorrit und in der Äußerung zärtlichen Interesses für Mr. Dorrit, soweit sich dies mit dem strengen Anstand vertrug. Am Schluß des Abends, als sie aufstand, um sich zu entfernen, nahm Mr. Dorrit sie bei der Hand, als wollte er sie hinaus auf die Piazza del Popolo führen, um ein Menuett mit ihr beim Mondenschein zu tanzen, und brachte sie mit großer Feierlichkeit nach der Zimmertür, wo «r ihre Knöchel an seine Lippen hob. Nachdem er mit einem, wir dürfen wohl sagen, ziemlich knochigen Kuß von kosmetischem Duft sich von ihr verabschiedet hatte, gab er seiner Tochter seinen freundlichen Segen. Und nachdem er auf diese Weise angedeutet, daß etwas Wichtiges im Anzüge sei, ging er wieder zu Bett. Er blieb am nächsten Morgen wieder auf seinem Zimmer für sich abgeschlossen: aber früh am Nachmittag schickte er seine besten Empfehlungen an Mrs. General durch Mr. Tinkler und bat, sie möchte Miß Dorrit auf einem Spaziergang ohne ihn begleiten. Seine Tochter war für Mrs. Merdles Diner angekleidet, ehe er erschien. Endlich zeigte er sich in strahlendem Glänze, was seinen Anzug betrifft, im übrigen aber sah er unbeschreiblich gebrochen und alt aus. Da er jedoch offenbar entschlossen war, ärgerlich zu werden, wenn sie ihn fragte, wie er sich befände, so wagte sie es nur, seine Wange zu küssen, ehe sie ihn mit ängstlichem Herzen zu Mrs. Merdle begleitete. Die Entfernung bis zum Hause derselben war sehr kurz: aber er war wieder an seinem Luftschlösserbauen, ehe der Wagen die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Mrs. Merdle empfing ihn mit großer Auszeichnung. Der Busen befand sich im allerbesten Wohlsein und war höchst zufrieden mit sich: das Diner war außerordentlich fein und die Gesellschaft sehr erlesen. Sie bestand meist aus Engländern, mit Ausnahme des gewöhnlichen französischen Grafen und der gewöhnlichen italienischen Marchese – dekorativen sozialen Meilensteinen, die man immer an gewissen Orten trifft und die im Äußern wenig voneinander variieren. Der Tisch war lang, und das Diner dauerte lange, und Klein-Dorrit, überschattet von einem großen schwarzen Backenbart und einer großen weißen Krawatte, verlor ihren Vater ganz aus dem Gesicht, bis ein Diener ein Stückchen Papier ihr in die Hand steckte und ihr im Auftrag von Mrs. Merdle zuflüsterte, sie möchte dies augenblicklich lesen. Mrs. Merdle hatte mit Bleistift darauf geschrieben: »Bitte, kommen Sie und sprechen Sie mit Mr. Dorrit. Ich glaube, er ist nicht ganz wohl.« Sie eilte unbemerkt zu ihm hin, als er sich aus seinem Stuhl erhob und, sich über den Tisch hinüberbeugend, ihr, in der Meinung, sie sei noch an ihrem Platze, zurief: »Amy, Amy, mein Kind!« Diese Handlung war so ungewöhnlich, ganz abgesehen von seinem seltsam aufgeregten Aussehen und seiner seltsam hohen Stimme, daß augenblicklich tiefe Stille eintrat. »Meine liebe Amy«, wiederholte er. »Willst du nachsehen, ob Bob heute das Schließeramt hat?« Sie war nun an seiner Seite, aber er glaubte immer noch in seinem Wahn, sie sitze an ihrem Platze, und rief, über die Tafel hinübergelehnt: »Amy, Amy. Ich fühle mich nicht ganz Herr meiner selbst. Ha. Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich wünsche besonders Bob zu sehen. Ha. Von allen Schließern ist er ebensosehr mein Freund wie der deine. Sieh, ob Bob im Schließerstübchen ist, und bitte ihn, zu mir zu kommen.« Alle Gäste waren konsterniert und standen auf. »Lieber Vater, ich bin nicht dort: ich bin hier, bei dir.« »Oh! Du bist hier, Amy! Gut. Hm. Gut. Ha. Rufe Bob. Wenn er abgelöst wurde und nicht am Tor ist, so sage Mrs. Bangham, sie möchte gehen und ihn holen.« Sie suchte ihn freundlich wegzuführen; aber er widerstand und wollte nicht gehen. »Ich sage dir, Kind«, rief er trotzig, »ich kann die engen Treppen nicht ohne Bob hinaufkommen. Ha. Schick' nach Bob. Hm. Schick' nach Bob, Hm. Schick' nach Bob – dem besten aller Schließer – schick' nach Bob!« Er sah sich verlegen um, und als er bemerkte, von welcher Menge von Gesichtern er umgeben war, redete er sie folgendermaßen an: »Ladies und Gentlemen, es ist – ha – meine Pflicht – hm –, Sie im Marschallgefängnis willkommen zu heißen. Willkommen im Marschallgefängnis! Der Raum ist – ha – beschränkt – beschränkt – der Spazierplatz könnte größer sein; aber Sie werden ihn sichtlich mit der Zeit weiter werden sehen – mit der Zeit, Ladies und Gentlemen, und die Luft ist, im ganzen genommen, sehr gut. Sie kommt über die – ha – Surreyhügel herüber. Weht über die Surreyhügel herüber. Das ist die Snuggery. Hm. Unterhalten durch eine kleine Subskription der – ha – Kollegiatenkörperschaft. Dafür hat man heißes Wasser – gemeinschaftliche Küche – und kleine häusliche Vorteile. Die Habitués des – ha – Marschallgefängnisses nennen mich gern den Vater. Ich bin daran gewöhnt, daß Fremde dem – ha – Vater des Marschallgefängnisses ihre Aufwartung machen. Und wirklich, wenn jahrelanger Aufenthalt in demselben auf einen solchen Ehrentitel ein Anrecht geben kann, so darf ich diese – hm – Auszeichnung annehmen. Mein Kind, Ladies und Gentlemen, meine Tochter, hier geboren!« Sie schämte sich deswegen nicht, noch seinethalben. Sie war blaß und erschrocken; aber sie hatte keine andere Sorge, als ihn zu besänftigen und ihn um seiner selbst willen fortzubringen. Sie stand zwischen ihm und den erstaunten Gesichtern und drehte sich zu ihm herum, indem sie die Augen zu ihm erhob. Er hielt sie mit seinem linken Arm umschlungen, und zuweilen hörte man sie mit ihrer sanften Stimme ihn zärtlich bitten, mit ihr wegzugehen. »Hier geboren«, wiederholte er unter Tränen. »Ladies und Gentlemen, meine Tochter. Kind eines unglücklichen Vaters, aber – ha – doch eines Gentleman. Arm, freilich, aber – hm – stolz. Immer stolz. Es wurde eine – hm – nicht ungewöhnliche Sitte unter – ha – meinen persönlichen Verehrern – sich das Vergnügen zu machen, mir ihren Wunsch auszudrücken, meiner halboffiziellen Stellung hier ihre Huldigung durch die Anerbietung eines kleinen Tributs darzubringen, der gewöhnlich die Form von – ha – Ehrengeschenken – Ehrengeschenken in Geld annahm. In der Annahme dieser – ha – freiwilligen Anerkennung meiner schwachen Bemühungen, einen – ha – Ton hier aufrechtzuerhalten einen Ton – bitte mich wohl zu verstehen, halte ich mich nicht für kompromittiert. Ha. Nicht kompromittiert. Ha. Nicht kompromittiert. Ha. Kein Bettler. Nein, ich weise diesen Titel zurück! Zu gleicher Zeit sei es fern von mir – hm –, auf die zarten Gefühle, von denen meine parteiischen Freunde geleitet waren, den mindesten Verdacht fallen zu lassen, als wenn – hm – solche Gaben nicht außerordentlich annehmbar wären. Im Gegenteil, sie sind äußerst annehmbar. In meines Kindes Namen, wenn auch nicht meinem, muß ich dies energisch behaupten, indem ich zu gleicher Zeit – ha –- meine persönliche Würde bewahre. Ladies und Gentlemen, Gott segne Sie alle!« Inzwischen hatte die furchtbare Kränkung, die der Busen erdulden mußte, den größern Teil der Gesellschaft veranlaßt, in andre Zimmer zu gehen. Die wenigen, die so lange geblieben waren, folgten den übrigen, und Klein-Dorrit und ihr Vater waren mit der Dienerschaft allein noch im Zimmer. »Liebster, bester Vater, willst du jetzt nicht mit mir gehen, nicht?« Er antwortete auf ihre dringende Bitte, er werde die engen Treppen nicht ohne Bob hinaufkommen; wo Bob sei, ob niemand Bob holen wolle! Unter dem Vorwand, nach Bob zu sehen, brachte sie ihn hinaus; sie mußte dabei an der nun hereinströmenden glänzenden Gesellschaft vorbei, die zu der Abendunterhaltung eingeladen war; sie setzte ihn in einen Wagen, der eben hielt, und führte ihn nach Hause. Die breiten Treppen seines römischen Palastes waren in seinen gebrochenen Augen zu den engen Treppen seines Londoner Gefängnisses zusammengeschrumpft, und er würde sich von niemand haben anrühren lassen als von ihr und seinem Bruder. Sie brachten ihn ohne Hilfe in sein Zimmer hinauf und legten ihn auf sein Bett. Und von diesem Augenblick war in seinem gelähmten Geist, der sich nur noch des Ortes erinnerte, wo er seine Schwingen gebrochen, der Traum verwischt, durch den er sich seit jener Zeit getastet, und er wußte von nichts mehr als vom Marschallgefängnis. Wenn er Tritte auf der Straße hörte, hielt er sie für die alten traurigen Schritte auf dem Hof. Wenn die Stunde zum Schließen kam, glaubte er, alle Fremden seien nun für die Nacht ausgeschlossen. Wenn dann wieder die Stunde zum Öffnen kam, wollte er um jeden Preis Bob sehen, so daß sie genötigt waren, eine Geschichte zu erfinden, wie dieser Bob, der edle Schließer, der seit vielen Jahren tot war, sich erkältet habe – aber morgen oder den nächsten Tag oder den übernächsten wieder ausgehen zu können hoffe. Er wurde so außerordentlich schwach, daß er seine Hand nicht aufheben konnte. Aber er ließ seinem Bruder, wie er es seit lange gewohnt war, seine Nachsicht angedeihen und sagte wohl fünfzigmal am Tage, wenn er ihn an seinem Bett stehen sah, mit wohlwollender Teilnahme: »Nein, guter Frederick, setze dich. Du bist wirklich sehr schwach.« Sie versuchten es mit Mrs. General, ihm sein früheres klares Bewußtsein zu geben, aber er hatte nicht die geringste Ahnung von ihr. Ein beleidigender Verdacht schlich sich sogar in sein Gehirn, sie wolle nämlich Mrs. Bangham ersetzen und sei dem Trunk ergeben. Er machte ihr in maßlosen Ausdrücken Vorwürfe darüber und drang so ungestüm in seine Tochter, sie solle zum Marschall gehen und ihn bitten, sie hinauszuschaffen, daß man sie nach diesem ersten mißlungenen Versuche nicht mehr zum Vorschein brachte. Mit Ausnahme der einmaligen Frage, ›ob Tip in die Stadt gegangen sei‹, schien er keine Erinnerung an seine beiden abwesenden Kinder zu haben. Aber das Kind, das so viel für ihn getan und so armselig dafür belohnt worden, verlor sich keinen Augenblick aus seinem Gedächtnis. Nicht, daß er sie geschont hätte oder fürchtete, sie möchte durch das Wachen und die Anstrengung sich aufreiben; er machte sich darüber so wenig Sorgen wie gewöhnlich. Nein, er liebte sie auf seine alte Weise. Sie waren wieder im Gefängnis, und sie pflegte ihn, und er bedurfte ihrer beständig und konnte sich nicht ohne sie hin und her wenden; er sagte ihr bisweilen, daß er gern viel um ihretwillen gelitten. Sie aber beugte sich mit ihrem stillen Gesicht zu ihm herab und hätte ihr eigenes Leben hingegeben, wenn sie das seine damit hätte wieder anfachen können. Als er auf diese schmerzlose Weise zwei bis drei Tage lang an Kräften abgenommen, bemerkte sie, daß ihn das Ticken seiner Uhr inkommodiere – einer prachtvollen goldenen Uhr, die viel Lärm mit ihrem Gehen machte, wie wenn sonst nichts ginge als sie und die Zeit. Sie ließ sie ablaufen; aber er war immer noch unruhig und gab zu verstehen, daß es das nicht gewesen, was er gewollt. Endlich raffte er sich soweit auf, um zu erklären, daß er Geld auf diese Uhr aufgenommen zu wissen wünsche. Er war sehr angenehm berührt, als sie vorgab, sie zu diesem Zweck fortzunehmen, und er fand von da ab die kleinen Delikatessen von Wein und Gelee weit besser als früher. Er gab bald deutlich zu verstehen, daß das seinem Wunsche gemäß sei: denn er schickte ein oder zwei Tage später seine Hemdenknöpfe und Fingerringe fort. Es gewährte ihm eine ganz erstaunliche Mr. Dorrits Tod. Befriedigung, wenn er ihr diese Aufträge erteilt, und schien sie wie die methodischsten und vorsorglichsten Anordnungen, die man treffen könnte, zu betrachten. Nachdem seine Kleinodien oder zum mindesten diejenigen, die er davon zu sehen imstande, versetzt waren, zogen seine Kleider seine Aufmerksamkeit auf sich; und es ist so wahrscheinlich wie nicht, daß ihn einige Tage die Befriedigung am Leben erhielt, sie Stück für Stück zu einem eingebildeten Pfandleiher zu schicken. So beugte sich Klein-Dorrit zehn Tage lang über sein Kissen und legte ihre Wange an die seine. Bisweilen war sie so erschöpft, daß sie beide einige Minuten lang schliefen. Dann erwachte sie wieder, um mit rasch fließenden stillen Tränen zu bedenken, was sie mit ihrem Gesicht berührte, und über das geliebte Gesicht auf dem Pfühl einen dunklern Schatten ziehen zu sehen, als der Schatten der Mauer des Marschallgefängnisses. Leise und unmerklich verschwammen alle Linien des Plans zu dem großen Schlosse, eine nach der andern. Unmerklich wurde das Gesicht, auf dem sich diese Linien kreuz und quer gezogen hatten, glatt und schön. Unmerklich verschwanden die Schatten der Gefängnisgitter und der Zickzackstacheln auf dem Mauerfirst. Unmerklich wurde das Gesicht zu einem weit jüngeren Ebenbild ihres eigenen, als sie es sonst unter dem grauen Haar zu sehen gewöhnt war, und schlief endlich zur ewigen Ruhe ein. Anfangs war ihr Oheim ganz verstört, »O, mein Bruder! O, William, William! Du gehst mir voran, du gehst allein. Du sollst gehen, und ich soll bleiben. Du, der so viel höher stand. Du ein so ausgezeichneter, vornehmer Charakter, und ich eine arme, nutzlose Kreatur, die zu nichts taugt und die niemand vermißt haben würde!« Das tat ihr für den Augenblick soweit gut, als sie an ihn denken, ihm eine Stütze sein mußte. »Onkel, lieber Onkel, schon dich, schone mich!« Der alte Mann war nicht taub für die letzten Worte. Als er sich zusammenzunehmen anfing, tat er es, um sie zu schonen. Er kümmerte sich nicht um sie; aber mit der ganzen Kraft, die seinem ehrlichen Herzen noch übrigblieb, dem Herzen, das so lange geschlummert und nun aufwachte, um gebrochen zu werden, ehrte und segnete er sie. »O Gott!« rief er, ehe sie das Zimmer verließen, indem er seine runzlichen Hände über ihr faltete. »Du siehst dieses Kind meines teuren verstorbenen Bruders. Alles, was ich mit meinen halbblinden und sündigen Augen gesehen, hast du klar und hell erkannt. Nicht ein Haar ihres Hauptes soll vor dir gekrümmt werden. Du wirst sie aufrechterhalten bis zu ihrer letzten Stunde. Und ich weiß, du wirst sie belohnen in der andern Welt!« Sie blieben in einem schwach erleuchteten Zimmer, bis es beinahe Mitternacht war, und saßen still und traurig beisammen. Bisweilen suchte sein Schmerz Erleichterung in einem Ausbruch, gleich jenem, in dem er zuerst seinen Ausdruck gefunden; aber außer daß die Kraft, die er noch besaß, solchen Anstrengungen nicht mehr standhalten konnte, erinnerte er sich auch stets wieder ihrer Worte, machte sich Vorwürfe und beruhigte sich. Die einzige Äußerung, mit der er seinem Kummer Luft machte, war der häufige Ausruf, daß sein Bruder allein von der Erde geschieden, daß sie beim Eingang ihres Lebens zusammengewesen, daß sie zusammen ins Unglück geraten, daß sie in den langen Jahren ihrer langen Armut zusammengehalten, daß sie bis auf den heutigen Tag zusammengeblieben, und daß dieser Bruder dennoch allein, allein von hinnen gegangen. Sie schieden mit schwerem und kummervollem Herzen. Sie wollte ihn erst in seinem eigenen Zimmer verlassen, und sie sah ihn sich in seinen Kleidern auf das Bett legen und deckte ihn mit eignen Händen zu. Dann sank sie auf ihr Bett und fiel in einen tiefen Schlaf: den Schlaf der Erschöpfung und Ruhe, obgleich nicht vollständig befreit von einem alles durchdringenden Schmerzbewußtsein. Schlafe, gute Klein-Dorrit. Schlafe die Nacht hindurch! Es war Mondnacht; aber der Mond ging spät auf, da der Vollmond längst vorüber. Als er hoch an dem friedlichen Firmament stand, schien er durch halbgeschlossene Jalousien in das feierlich stille Gemach, wo die unsicheren Schritte und Tritte eines Lebens vor so kurzer Zeit stillgestanden. Zwei stumme Gestalten waren im Zimmer; zwei Gestalten, gleich still und regungslos, gleich entfernt durch einen unüberschreitbaren Raum von der fruchtbaren Erde und allem, was sie birgt, obgleich sie bald in ihr liegen werden. Eine Gestalt ruhte auf dem Bett. Die andere kniete auf dem Boden und war über sie gesunken; die Arme ruhten leicht und friedlich auf der Bettdecke; das Gesicht war herabgesunken, so daß die Lippen die Hand berührten, über die sein letzter Atem sich gebeugt hatte. Die beiden Brüder standen vor ihrem Vater, weit erhaben über dem dämmerartigen Urteil der Welt; hoch über ihren Nebeln und Finsternissen. Zwanzigstes Kapitel. Einleitung zum nächsten Die Passagiere stiegen vom Paketboot an dem Hafendamm von Calais aus. Calais war ein niedrigliegender und niederdrückender Ort in diesem Augenblick, wo die Ebbe aus ihrem niedrigsten Punkte stand. Es war auf der Barre nur noch so viel Wasser, um das Paketboot hereinzulassen; und nun sah die Barre selbst, während eine seichte Brandung sich darüber hinwälzte, wie ein träges, eben an die Oberfläche gekommenes Seeungeheuer aus, dessen Gestalt nur undeutlich zu unterscheiden war, während es so schlafend dalag. Der hagere, ganz weiße Leuchtturm, der wie ein Gespenst am Meeresufer umging, als wäre er der Geist eines Gebäudes, das einst Farbe und Rundung gehabt, weinte melancholische Tränen, wenn die See gegen ihn angestürmt. Die langen Reihen nackter, schwarzer Pfähle, schleimig und naß und wasserzerfressen, mit Leichenkränzen von Seetang, die die letzte Flut ihnen umgewunden, hätten einen unheimlich aussehenden Meereskirchhof vorstellen können. Jeder wellenumbrauste, windumsauste Gegenstand erschien unter dem weiten, grauen Himmel, in dem Lärm von Wind und Meer und vor den krausen Gestalten der Brandung, die sich wild an ihnen brach, so niedrig und klein, daß man sich wundern mußte, daß es überhaupt noch ein Calais gab und daß seine niedrigen Tore und niedrigen Mauern und niedrigen Dächer und niedrigen Gräben und niedrigen Dünen und niedrigen Festungsgräben und flachen Straßen nicht längst der unterwühlenden und belagernden See zur Beute geworden wie die Festungen, die die Kinder am Meeresufer bauen. Nach vielfachem Ausgleiten zwischen schleimigen Pfählen und Planken, vielfachem Stolpern auf nassen Treppen und mancher Überwindung der Schwierigkeiten, die das Salzwasser bot, traten die Passagiere ihre trostlose Wanderung über den Hafendamm an, wo alle französischen Vagabunden und englischen Flüchtlinge der Stadt (die Hälfte der Bevölkerung) sie erwarteten, um sie von ihrer Verwirrung sich nicht erholen zu lassen. Nachdem alle Engländer sie aufmerksam besichtigt und alle Franzosen als Beute in Anspruch genommen und sich streitig gemacht und endlich Beschlag auf sie gelegt hatten, durften sie, nachdem sie ein meilenlanges Handgemenge durchgemacht hatten, endlich die Straßen betreten und hitzig verfolgt ihre verschiedenen Richtungen einschlagen. Clennam, den mehr als eine Sorge in Anspruch nahm, war unter diesen Opfern. Nachdem er die Wehrlosesten unter seinen Landsleuten aus dieser äußerst peinlichen Lage befreit hatte, ging er allein seines Weges oder eigentlich so allein, wie es möglich war, verfolgt von einem eingeborenen Herrn in einem schmierigen Anzug und einer Mütze von derselben Beschaffenheit, der ihm in einer Entfernung von fünfzig Schritt nacheilte und ihm beständig in geradebrechtem Englisch nachrief: »Sir! Sir! halten Sie! Ich führe Sie nach dem schönsten Hotel!« Aber selbst dieser gastfreundliche Mann mußte zuletzt zurückbleiben, und Clennam setzte seinen Weg unbelästigt fort. Die Stadt hatte ein ruhiges, stilles Aussehen nach dem Lärm des Kanals und des Strandes, und die Öde hatte im Vergleich damit sogar etwas Angenehmes. Er begegnete neuen Gruppen seiner Landsleute, die alle ein wucherpflanzenartiges Aussehen hatten, als wenn sie einmal zu stark geblüht hätten, wie gewisse ungesunde Arten von Blumen, und wären nun reines Unkraut; sie hatten den Anstrich, als wenn sie Tag für Tag in einem beschränkten Raum die Runde machten, was ihn stark an das Marschallgefängnis erinnerte. Aber ohne weiter Notiz von ihnen zu nehmen, als genügte, um diesen Gedanken in ihm wachzurufen, suchte er eine gewisse Straße und Hausnummer auf, die er im Kopfe hatte. »Pancks nannte mir dies«, murmelte er vor sich hin, als er vor einem düstern Hause stillhielt, das mit seiner Adresse korrespondierte. »Ich denke, seine Weisung wird richtig sein und seine Entdeckung unter Mr. Casbys zerstreuten Papieren unbestreitbar, sonst würde ich dies schwerlich für das richtige Haus gehalten haben.« Ein totes Haus mit einer kahlen Mauer gegenüber und einem öden Torweg an der Seite, wo ein hängender Glockengriff ein totes Geklingel und ein Klopfer ein totes, mattes Geklopf hervorbrachte, das nicht kräftig genug zu sein schien, um selbst durch die geborstene Tür durchzudringen. Die Tür ging jedoch langsam durch eine tote Springfeder auf, und er schloß sie hinter sich, als er in einen stillen Hof trat, den bald eine andere kahle Wand abschloß, an der man den Versuch gemacht, einige Schlinggewächse emporzuziehen, die jedoch abgestorben waren; auch hatte man einen kleinen Springbrunnen in einer Grotte angelegt, er war jedoch vertrocknet; die kleine Statuette, die man darauf angebracht, war zerbrochen. Der Eingang in dies Haus war zur Linken und war wie der äußere Torweg mit zwei gedruckten Anschlägen in französischer und englischer Sprache geschmückt, die meldeten, daß hier augenblicklich möblierte Zimmer zu vermieten seien. Eine kräftige, muntere Bauerfrau, ganz Strumpf, Unterrock, weiße Mütze und Ohrring, stand hier in einem dunklen Torweg und sagte, indem sie ihre hübschen, weißen Zähne zeigte, in gebrochenem Englisch: »Was gibt es, Sir? Wen rufen Sie?« Elennam antwortete auf französisch: Die englische Dame, er wünsche die englische Dame zu sprechen. »So treten Sie ein und kommen Sie herauf, wenn's gefällig«, versetzte die Bäuerin jetzt gleichfalls französisch. Er tat beides und folgte ihr eine dunkle kahle Treppe hinauf nach einem hinteren Zimmer des ersten Stocks. Hier hatte man eine düstere Aussicht auf den stillen Hof und die abgestorbenen Schlinggewächse und den vertrockneten Springbrunnen und das Piedestal der zerbrochenen Statuette. »Monsieur Blandois«, sagte Elennam. »Mit Vergnügen, Monsieur.« Darauf entfernte sich die Frau und ließ ihm Zeit, sich in dem Zimmer umzusehen. Es war das Muster eines Zimmers, wie sie in solchen Häusern immer zu finden sind. Kühl, düster und dunkel. Ein gebohnerter, sehr glatter Boden. Ein Zimmer, nicht groß genug, um darin Schlittschuh zu laufen; und ungeeignet zum bequemen Betrieb einer andern Beschäftigung. Rot und weiß verhangene Fenster, eine kleine Strohmatte, ein kleiner runder Tisch mit einer wirren Masse von Beinen, plumpe Strohstühle, zwei große, rotsamtne Armstühle, in denen Platz genug war, um sich unbehaglich zu fühlen, ein Schreibtisch, ein Kaminspiegel aus mehreren Stücken zusammengesetzt, der sich aber das Ansehen gab, als wäre er aus einem Stück, ein paar übertrieben glänzende Vasen mit äußerst künstlichen Blumen: zwischen ihnen ein griechischer Krieger mit abgenommenem Helm, der dem Genius Frankreichs eine Uhr opfert. Nach einer kurzen Pause ging eine Nebentür auf und eine Dame trat ein. Sie legte großes Erstaunen an den Tag, als sie Clennam sah, und ihr Blick lief im Zimmer umher, als ob sie noch jemand suche. »Verzeihen Sie, Miß Wade. Ich bin allein.« »Man hat mir doch nicht Ihren Namen gemeldet?« »Nein; ich weiß das. Entschuldigen Sie mich. Ich habe bereits die Erfahrung gehabt, daß mein Name Sie nicht gerade sehr zu einer Unterredung mit mir geneigt macht; und ich wagte, den Namen eines Mannes nennen zu lassen, den ich suche.« »Bitte«, versetzte sie, indem sie ihm so kalt einen Stuhl anbot, daß er stehenblieb, »unter welchem Namen ließen Sie sich melden?« »Unter dem Namen Blandois.« »Blandois?« »Ein Name, den Sie kennen.« »Es ist seltsam«, sagte sie, indem sie ihre Stirn runzelte, »daß Sie beständig ein Interesse an mir und meinen Bekanntschaften, an mir und meinen Angelegenheiten nehmen, das man gar nicht von Ihnen heischt, Mr. Clennam. Ich weiß nicht, was Sie wollen.« »Verzeihen Sie. Sie kennen jenen Namen?« »Was können Sie mit dem Namen zu schaffen haben? Was kann ich mit dem Namen zu schaffen haben? Was geht es Sie an, ob ich irgendeinen Namen kenne oder nicht? Ich kenne viele Namen und habe noch mehr vergessen. Dieser kann zu der einen oder zu der andern Klasse gehören, oder ich habe ihn vielleicht auch nie vernommen. Ich kenne keinen Grund, warum ich mich darüber besinnen oder mich nach ihm fragen lassen sollte.« »Wenn Sie mir erlauben wollen«, sagte Clennam, »so werde ich Ihnen den Grund sagen, weshalb ich mich mit so großem Eifer danach erkundige. Ich gebe zu, daß ich zudringlich bin, und ich muß Sie sehr ernstlich um Verzeihung bitten, daß ich es bin. Der Grund rührt ganz von mir her. Ich will durchaus nicht andeuten, daß es irgendwie Ihretwegen geschähe.« »Gut, Sir«, versetzte sie, indem sie etwas weniger stolz als zuvor ihre frühere Aufforderung, sich zu setzen, wiederholte; – er gehorchte ihr diesmal, da sie das gleiche tat. »Ich freue mich wenigstens zu erfahren, daß es sich nicht abermals um eine Sklavin eines Ihrer Freunde handelt, die nicht frei wählen darf und die ich weggelockt habe. Ich will Ihren Grund hören, wenn's gefällig ist.« »Um bei der Person zu bleiben, von der wir sprechen«, sagte Clennam, »lassen Sie mich bemerken, daß es dieselbe Person ist, die Sie vor einiger Zeit in London trafen. Sie werden sich erinnern, es war unweit des Flusses – in Adelphi.« »Sie mischen sich auf ganz unerklärliche Weise in meine Geschäfte«, antwortete sie und sah ihn mit strenger Unzufriedenheit an. »Wie wissen Sie das?« »Ich bitte Sie, es nicht übelzunehmen. Durch reinen Zufall.« »Wie durch Zufall?« »Durch den einfachen Zufall, daß ich in der Straße hinter Ihnen drein ging und Zeuge der Zusammenkunft war.« »Sprechen Sie von sich selbst oder von sonst jemand?« »Von mir selbst. Ich sah es.« »Allerdings war es auf offener Straße«, bemerkte sie, nachdem sie einige Augenblicke nachgedacht und ihr Ärger nachgelassen hatte, »fünfzig Leute hätten es sehen können. Es würde nichts ausgemacht haben.« »Ich lege auch keine Bedeutung darauf, es gesehen zu haben; ebensowenig bringe ich meinen Besuch (außer als eine Erklärung, daß ich überhaupt hierherkomme) oder die Gunst, die ich mir von Ihnen zu erbitten habe, in irgendwelche Verbindung damit.« »Oh! Sie haben von mir eine Gunst zu erbitten! Es dünkt mich«, und das schöne Gesicht sah ihn bitter an, »als wenn Sie milder geworden wären, Mr. Clennam.« Er begnügte sich, mit einer leichten Handbewegung dagegen zu protestieren, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Dann erwähnte er Blandois' Verschwinden, von dem sie wahrscheinlich gehört hätte? Nein. So unwahrscheinlich es ihn auch dünken möge, habe sie doch nichts davon gehört. Er möge sich umsehen (sagte sie) und selbst urteilen, wie eine allgemeine Kunde zu dem Ohr einer Frau dringen könne, die hier, ganz ihrem Schmerze lebend, wohne. Als sie diese Verneinung ausgesprochen, an deren Wahrheit er glaubte, fragte sie ihn, was es mit dem Verschwinden für eine Bewandtnis habe? Dies veranlaßte ihn, die Umstände ausführlich zu erzählen, und seinen lebhaften Wunsch zu erkennen zu geben, zu erfahren, was wirklich aus dem Mann geworden, um den schwarzen Verdacht zu verscheuchen, der auf seiner Mutter Haus lastete. Sie hörte ihn mit sichtlichem Staunen an und verriet mehr heimliche Teilnahme, als er bisher an ihr bemerkt hatte; aber dennoch änderte sich dadurch nichts Wesentliches in ihrem fernhaltenden, stolzen und verschlossenen Wesen. Als er zu Ende war, sagte sie nichts als die Worte: »Sie haben mir noch nicht gesagt, was die Sache mich angeht und welche Gunst Sie von mir fordern. Wollen Sie die Güte haben, jetzt darauf zu kommen?« »Ich setze voraus«, sagte Arthur, noch immer bemüht, ihr verächtliches stolzes Benehmen zu besänftigen, »daß, da Sie im Verkehr – darf ich sagen, im vertrauten Verkehr? – mit dieser Person stehen –« »Sie können natürlich sagen, was Ihnen beliebt«, bemerkte sie, »aber ich unterschreibe Ihre Voraussetzungen nicht, Mr. Clennam, so wenig wie die jedes andern.« »– daß, da Sie wenigstens im persönlichen Verkehr mit ihm stehen«, sagte Clennam, seine Worte anders stellend, um einem neuen Widerspruch zu begegnen, »Sie mir etwas von seinem früheren Tun und Treiben, seinen Erlebnissen, seinem gewöhnlichen Wohnorte werden sagen können, daß Sie mir eine Andeutung an die Hand geben können, um ihn am ehesten aufzufinden und ihn entweder herbeizuschaffen oder nachzuweisen, was aus ihm geworden ist. Das ist die Gefälligkeit, die ich mir von Ihnen erbitte, und ich erbitte sie in einer Seelenpein, auf die Sie einige Rücksicht nehmen werden. Wenn Sie irgendeinen Grund haben, mir Bedingungen aufzuerlegen, so werde ich ihn achten, ohne weiter danach zu fragen.« »Sie haben mich zufällig mit dem Manne auf der Straße gesehen«, bemerkte sie, nachdem sie sehr zu seinem Verdruß sich offenbar mehr mit ihren eigenen Gedanken über diese Sache als mit seiner Bitte beschäftigt hatte. »Sie kannten also den Mann früher?« »Nicht früher: ich lernte ihn erst später kennen. Ich habe ihn nie zuvor gesehen, aber ich sah ihn wieder in jener Nacht, als er verschwunden ist. Wirklich in meiner Mutter Hause. Dort verließ ich ihn. Sie werden in diesem Blatt alles finden, was von ihm bekannt ist.« Er übergab ihr einen der gedruckten Zettel, den sie mit ruhigem und aufmerksamem Gesicht las. »Das ist mehr, als ich von ihm wußte«, sagte sie und gab das Blatt zurück. Clennams Blick gab seine schmerzliche Enttäuschung zu erkennen, vielleicht sogar seinen Unglauben; denn sie fügte in dem gleichen teilnahmslosen Tone hinzu: »Sie glauben es nicht. Und doch ist dem so. Was den persönlichen Verkehr betrifft, so scheint es mir, daß er im persönlichen Verkehr mit Ihrer Mutter stand: Und dennoch sagen Sie, Sie glaubten ihrer Erklärung, daß sie nicht mehr von ihm wisse.« Es lag ein so deutlicher Verdacht in diesen Worten und dem Lächeln, das sie begleitete, daß Clennam das Blut in die Wangen schoß. »Nun, Sir«, sagte sie mit einem grausamen Vergnügen den Stich wiederholend, »ich will offen gegen Sie sein, wie Sie nur immer wünschen mögen. Ich will gestehen, daß, wenn mir etwas an meinem Ruf läge (was nicht der Fall ist) oder ich mir einen guten Namen zu erhalten hätte (was wieder nicht der Fall ist, denn es ist außerordentlich gleichgültig, ob er für gut oder schlecht gilt), so würde ich mich für schwer kompromittiert halten, daß ich irgend etwas mit diesem Menschen zu tun gehabt habe. Aber er schritt nie über meine Schwelle – noch hat er je mit mir bis Mitternacht zusammengesessen.« Sie rächte ihren alten Groll, indem sie so die Sache gegen ihn kehrte. Es lag nicht in ihrer Natur, zu schonen, und sie hatte kein Mitleid. »Daß er ein gemeiner, für Geld zu habender Mann ist: daß ich ihn zuerst in Italien fand, wo er sich herumtrieb (und wo ich vor nicht langer Zeit war), und daß ich ihn dort als das geeignetste Werkzeug für einen Zweck, den ich gerade verfolgte, in Sold nahm, will ich Ihnen offen gestehen. Kurz, ich hielt es für der Mühe wert, zu meinem Vergnügen – zur Befriedigung eines sehr lebhaften Gefühls – einen Spion zu bezahlen, der mir für Geld zutrug, was ich wissen wollte. Ich bezahlte diese Kreatur. Und ich darf wohl sagen, wenn ich ihn zu einem solchen Geschäft gebraucht und wenn ich ihm genug hätte bezahlen können und wenn er es im Dunkeln tun gekonnt, ohne etwas zu riskieren, er würde jemand mit ebensowenig Bedenken das Leben genommen haben, wie er mein Geld nahm. Das ist wenigstens meine Meinung von ihm; und ich sehe, sie ist nicht sehr von der Ihrigen verschieden. Die Ansicht Ihrer Mutter von ihm, darf ich wohl annehmen (indem ich Ihrem Beispiele folge, dies und jenes anzunehmen), war eine ganz andere.« »Meine Mutter, lassen Sie mich Ihnen sagen«, versetzte Clennam, »kam erst im unglücklichen Verlauf des Geschäftes mit ihm in Verkehr.« »Es scheint mir ein unglückliches Geschäft gewesen zu sein, das ihn mit ihr in Verkehr brachte«, versetzte Miß Wade; »und die Geschäftsstunden waren bei dieser Gelegenheit sehr spät.« »Sie wollen zu verstehen geben«, sagte Arthur, unter diesen kaltblütigen Stichen zuckend, deren Kraft er bereits tief gefühlt hatte, »daß noch etwas –« »Mr. Clennam«, unterbrach sie ihn ruhig, »erinnern Sie sich, daß ich durchaus nicht andeutungsweise von diesem Manne spreche. Er ist, ich sage es noch einmal ohne allen Hehl, eine niedrige Söldnernatur. Ich glaube, ein solches Geschöpf geht überall hin, wo es für sich etwas zu tun findet. Wenn ich nichts für ihn zu tun gehabt hätte, so würden Sie ihn und mich nicht beisammen gesehen haben.« Gequält von der Beharrlichkeit, mit der sie diese dunkle Seite der Sache, die ihm selbst wie ein flüchtiger Schatten durch die Seele zog, ihm vor Augen hielt, schwieg Clennam. »Ich sprach von ihm, als ob er noch lebte«, fügte sie hinzu, »aber er kann ebensogut aus irgendeinem Grunde aus dem Wege geschafft worden sein. Mir ist es völlig gleichgültig. Ich habe nichts weiter mit ihm zu schaffen.« Mit einem schweren Seufzer und verzweifelnder Miene stand Arthur Clennam langsam auf. Sie stand nicht auch auf, sondern sagte, nachdem sie ihn eine Zeitlang mit einem festen Blick voll Argwohn und die Lippen fest zusammengepreßt betrachtet hatte: »Er war der Lieblingsumgang Ihres werten Freundes Mr. Gowan, nicht wahr? Warum holen Sie sich nicht Rat bei Ihrem werten Freunde?« Die Antwort, daß er nicht sein werter Freund sei, stand bereits auf Arthurs Lippen; aber er hielt sie zurück, indem er sich an seine alten Kämpfe und Entschlüsse erinnerte, und sagte: »Anderes, als daß er Blandois nicht gesehen, seitdem dieser von England abgereist ist, weiß Mr. Gowan nichts von ihm. Es war eine zufällige Reisebekanntschaft.« »Eine zufällige Reisebekanntschaft!« wiederholte sie. »Ja. Ihr werter Freund hat wohl das Bedürfnis, sich mit allen Bekanntschaften, die er machen kann, zu amüsieren, wenn man bedenkt, was für eine Frau er hat. Ich hasse seine Frau, Sir.« Die Aufgeregtheit und die Leidenschaft, mit der sie dies sagte und die um so auffälliger war, als sie sich sonst so sehr in ihrer Gewalt hatte, fesselte Clennams Aufmerksamkeit und bewog ihn, noch länger zu bleiben. Es blitzte aus ihren dunklen Augen, als sie ihn ansah, zuckte in ihren Nasenflügeln und durchglühte sogar den Atem, den sie ausströmte; auf ihrem Gesicht lag im übrigen eine geringschätzige Ruhe verbreitet, und ihre Haltung war so sicher und stolz, als ob sie völlig gleichgültig gegen alles wäre, was um sie her vorging. »Alles, was ich sagen will, Miß Wade«, bemerkte er, »ist, daß man Ihnen keinen Anlaß zu einem Gefühl gegeben haben kann, das, wie ich glaube, niemand mit Ihnen teilt.« »Sie mögen Ihren werten Freund fragen, wenn Sie wollen, was er über diese Sache denkt«, versetzte sie. »Ich stehe kaum auf so vertrautem Fuße mit meinem werten Freunde«, sagte Arthur, trotz seiner Entschlüsse, »um eine solche Berührung der Sache sehr wahrscheinlich zu machen, Miß Wade.« »Ich hasse ihn«, versetzte sie. »Mehr als seine Frau noch, weil ich einst töricht genug und treulos genug gegen mich selbst war, ihn fast zu lieben. Sie haben mich nur bei gewöhnlichen Gelegenheiten gesehen, Sir, wo Sie mich vermutlich auch nur für ein gewöhnliches Weib gehalten, höchstens etwas eigenwilliger als die meisten andern sind. Sie wissen nicht, was ich unter Hassen verstehe; Sie können es nicht wissen, ohne zu wissen, mit welcher Sorgfalt ich mich und die Menschen um mich her studiert habe. Aus diesem Grunde hatte ich seit einiger Zeit Lust, Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen – nicht um Ihre gute Meinung mir zu gewinnen, denn ich lege keinen Wert darauf, sondern damit Sie begreifen, wenn Sie an Ihren werten Freund und an Ihre werte Freundin denken, was ich unter Haß verstehe. Soll ich Ihnen etwas geben, was ich geschrieben und für Sie zurückgelegt habe, oder soll ich es behalten?« Arthur bat sie, es ihm zu geben. Sie ging nach dem Schreibtisch, schloß ihn auf und holte aus einer verborgenen Schublade einige zusammengelegte Bogen Papier hervor. Ohne ihn im mindesten zu gewinnen zu suchen, ja, kaum die Worte an ihn richtend, sondern eher sprechend, als rechtfertigte sie sich gegen ihren Spiegel wegen ihres Trotzes, sagte sie, indem sie ihm die Papiere gab: »Jetzt werden Sie erfahren, was ich unter Haß verstehe! Genug jedoch davon. Sir, Sie mögen mich nun vorübergehend in einer billigen leeren Londoner Wohnung finden oder in einem Hause von Calais, Sie werden stets Harriet bei mir treffen. Sie möchten sie vielleicht gern sehen, ehe Sie gehen. Harriet, kommen Sie!« Sie rief Harriet noch einmal. Auf das zweite Rufen kam Harriet, einst Tattycoram. »Hier ist Mr. Clennam«, sagte Miß Wade, »er kommt nicht Ihretwegen; er hat Sie aufgegeben. Ich vermute es wenigstens.« »Da ich weder Autorität noch Einfluß habe – ja«, stimmte Clennam bei. »Sie sehen, er sucht Sie nicht, aber er sucht dennoch jemand. Er möchte wissen, wo jener Blandois ist.« »Mit dem ich Sie am Strand zu London sah«, fügte Arthur als nähere Bezeichnung hinzu. »Wenn Sie etwas von ihm wissen, Harriet, außer daß er von Venedig kam – was wir alle bereits wissen – so sagen Sie es Mr. Clennam offen.« »Ich weiß nichts weiter von ihm«, sagte das Mädchen. »Sind Sie zufrieden?« fragte Miß Wade Arthur. Er hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben; das Benehmen des Mädchens war so natürlich, daß es beinahe hätte überzeugend wirken müssen, wenn er früher gezweifelt hätte. Er antwortete: »Ich muß anderswo etwas zu erfahren suchen.« Er ging nicht im selben Augenblick; aber er war bereits aufgestanden, ehe das Mädchen eintrat, und sie glaubte offenbar, er sei im Begriff zu gehen. Sie sah ihn lebhaft an und sagte: »Geht es ihnen gut, Sir?« »Wem?« Sie unterbrach sich selbst, indem sie im Begriff war zu sagen: »ihnen allen«; sie sah Miß Wade an und sagte: »Mr. und Mrs. Meagles.« »Jawohl, als ich zuletzt von ihnen hörte, – sie sind nicht in England. Erlauben Sie mir beiläufig eine Frage. Ist es wahr, daß man Sie dort gesehen hat?« »Wo? Wo will man mich gesehen haben?« versetzte das Mädchen und schlug verdrießlich die Augen nieder. »Als Sie an der Gartentür des Landhauses standen.« »Nein«, sagte Miß Wade. »Sie war nie dort.« »Sie irren sich«, sagte das Mädchen. »Ich ging, als wir das letztemal in London waren, hin. Ich tat es eines Nachmittags, als Sie mich allein ließen. Und ich warf einen Blick hinein.« »Du armseliges Geschöpf«, versetzte Miß Wade mit unendlicher Verachtung; »hat all unser Zusammensein, haben alle unsere Gespräche und alle Ihre früheren Klagen so wenig bewirken können?« »Es war ja ganz unschuldig, einen Augenblick hineinzublicken, als ich an der Gartentür stand«, sagte das Mädchen. »Ich bemerkte an den Fenstern, daß die Familie nicht da war.« »Warum gingen Sie in die Nähe jenes Ortes?« »Weil ich ihn sehen wollte, weil ich fühlte, daß ich gern wieder einmal einen Blick darauf ruhen lassen würde.« Wie so die beiden hübschen Gesichter sich gegenseitig ansahen, hatte Clennam ein Gefühl, als ob diese beiden Naturen sich beide beständig zerfleischen müßten. »Oh!« sagte Miß Wade, kalt ihrem Blick gebietend und ihn abwendend, »wenn Sie irgend den Wunsch hatten, den Ort wiederzusehen, wo Sie jenes Leben führten, von dem ich Sie befreite, weil Sie zur Erkenntnis gekommen waren, was das für ein Leben sei, so ist das etwas anderes. Aber ist das Ihre Wahrheit gegen mich? Ist das Ihre Treue gegen mich? Heißt das gemeinschaftliche Sache mit mir machen? Sie sind des Vertrauens nicht würdig, das ich Ihnen geschenkt habe. Sie sind nicht besser als ein Schoßhündchen und täten besser, Sie gingen zu den Leuten zurück, die Ihnen noch mehr als die Peitsche zu kosten geben.« »Wenn Sie im Beisein eines Dritten so von ihnen sprechen, so werden Sie mich reizen, ihre Partei zu ergreifen«, sagte das Mädchen. »Kehren Sie zu ihnen zurück«, entgegnete Miß Wade. »Gehen Sie nur zu ihnen zurück.« »Sie wissen Wohl«, versetzte nun Harriet, »daß ich nie zu ihnen zurückkehren werde. Sie wissen ganz wohl, daß ich mich von ihnen losgesagt habe und nie mehr zu ihnen zurückkehren kann, will und werde. Also sprechen Sie nicht mehr von ihnen, Miß Wade.« »Sie ziehen ihren Überfluß Ihrer weniger üppigen Kost hier vor«, versetzte sie. »Sie setzen sie hinauf und mich herunter. Was hätte ich sonst von Ihnen erwarten können. Ich hätte es wissen sollen.« »Dem ist nicht so«, sagte das Mädchen, hochrot werdend, »und Sie sagen nicht, was Sie meinen. Ich weiß, was Sie meinen. Sie machen mir unter der Hand den Vorwurf, daß ich niemand habe als Sie. Und weil ich niemand habe als Sie, glauben Sie, ich solle alles tun und lassen, was Sie wünschen, und solle mir jede Beleidigung von Ihnen gefallen lassen. Sie sind in jeder Hinsicht so schlimm wie jene. Aber ich will mich nicht ganz zahm und unterwürfig machen lassen. Ich sage es noch einmal, daß ich hinging, um mir das Haus anzusehen, weil ich oft gedacht, daß ich es gern noch einmal sehen würde. Ich will mich noch einmal erkundigen, wie sie sich befinden, weil ich sie einst lieb gehabt und bisweilen gedacht habe, sie seien freundlich gegen mich.« Darauf sagte Clennam, er sei überzeugt, sie würden sie freundlich aufnehmen, wenn sie jemals zurückzukehren wünschen sollte. »Nie!« sagte das Mädchen leidenschaftlich. »Das werde ich nie tun. Niemand weiß dies besser als Miß Wade, obgleich sie mich schmäht, weil sie mich von sich abhängig gemacht hat. Und ich weiß, daß ich es bin; und ich weiß, daß es ihr außerordentliche Freude macht, wenn sie es mir vorwerfen kann.« »Ein guter Vorwand!« sagte Miß Wade mit nicht weniger Entrüstung, Stolz und Bitterkeit; »aber zu abgenützt, um zu bedecken, was ich klar dahinter sehe. Meine Armut hält den Wettstreit mit deren Geld nicht aus. Es ist besser, auf der Stelle zurückzukehren, besser, auf der Stelle zurückzukehren und damit die Sache abzumachen!« Arthur Clennam betrachtete sie, wie sie in dem dunklen beschränkten Zimmer unfern voneinander standen, jedes nur seinem Zorn sich stolz hingebend, jedes mit dem festen Entschluß, sein eigenes Herz und das des andern zu peinigen. Er sprach etwas vom Abschiednehmen; aber Miß Wade neigte einfach den Kopf, und Harriet tat mit der geheuchelten Demut einer abhängigen Sklavin (aber dennoch nicht, ohne Trotz), als ob sie zu niedrig stände, um zu beachten oder beachtet zu werden. Er ging die dunkle Wendeltreppe hinab in den Hof mit einem lebhafteren Gefühl des düstern Eindrucks, den die leere Mauer und die abgestorbenen Gewächse und die vertrocknete Fontäne und die geborstene Statue auf ihn machte. Ganz beschäftigt mit dem Gedanken an das, was er in diesem Hause gesehen und gehört, und an das Fehlschlagen aller seiner Bemühungen, die Spur des verdächtigen Charakters, der verschwunden war, aufzufinden, kehrte er mit demselben Paketboot nach London zurück, das ihn herübergebracht hatte. Auf dem Wege nahm er die Papiere auseinander und las in ihnen, was das nächste Kapitel wiedergibt. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Geschichte einer Selbstquälerin Ich hatte das Unglück, nicht einfältig zu sein. Schon in frühester Jugend durchschaute ich, was meine Umgebung mir verborgen zu halten dachte. Wäre ich gewöhnlich hintergangen worden, statt daß ich gewöhnlich hinter die Wahrheit kam, so hätte ich so ruhig leben können, wie die meisten Toren leben. Meine Kindheit verlebte ich bei meiner Großmutter, das heißt bei einer Dame, die diese Stelle bei mir vertrat und diesen Titel für sich in Anspruch nahm. Sie hatte kein Recht auf denselben, aber ich – so töricht war ich doch damals – hegte kein Mißtrauen gegen sie. Sie hatte einige Kinder ihrer eigenen Familie bei sich und einige Kinder von anderen Leuten. Lauter Mädchen, zehn an der Zahl, mich eingerechnet. Wir lebten alle miteinander, wurden alle zusammen erzogen. Ich muß ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich zu merken anfing, wie entschlossen diese Mädchen waren, mich zu bevormunden. Man sagte mir, ich sei eine Waise. Es war keine andere Waise unter uns; und ich bemerkte (das war der erste Nachteil, nicht einfältig zu sein), daß sie mich mit einem zudringlichen Mitleid und mit einer gewissen Überlegenheit schonten. Ich nahm dies nicht so unbesonnen hin. Ich stellte sie oft auf die Probe. Ich konnte sie nur mit Mühe dahin bringen, daß sie sich mit mir zankten. Wenn es mir bei einer gelang, so kam sie gewiß nach einer oder zwei Stunden und versuchte eine Aussöhnung. Ich stellte sie immer und immer wieder auf die Probe und erlebte es nie, daß eine auf mich gewartet hätte, bis ich begonnen. Sie verziehen mir immer in ihrer Eitelkeit und Herablassung. Kleine Ebenbilder erwachsener Leute. Eines der Mädchen war meine erwählte Freundin. Ich liebte dieses dumme unbedeutende Geschöpf mit einer Leidenschaft, die sie ebensowenig verdiente, wie ich mich ihrer erinnern kann, ohne mich zu schämen, obgleich ich nur ein Kind war. Sie hatte, was man ein liebenswürdiges Temperament, ein liebevolles Wesen nannte. Sie hatte für jedes von uns einen freundlichen Blick und ein freundliches Lächeln. Ich glaube, es war nicht eine Seele im Hause außer mir, die wußte, daß sie es vorsätzlich tat, um mich zu verletzen und zu erbittern. Demungeachtet liebte ich dieses unwürdige Mädchen so, daß mein Leben durch meine Liebe zu ihr ein ungemein unruhiges wurde. Ich bekam beständig Strafreden und zog mir ihren Unwillen zu, weil, wie sie es nannte, ich »sie reize«, mit andern Worten, weil ich dem Mädchen seine kleine Perfidie vorwarf und sie zu Tränen brachte, indem ich ihr zeigte, wie ich in ihrem Herzen las. Und dennoch liebte ich das Kind aufrichtig und begleitete sie mal während der Festtage nach Hause. Sie war zu Hause schlimmer, als sie in der Schule gewesen war. Sie hatte eine Unzahl von Kusinen und Bekannten, und wir tanzten zu Hause bei ihr und bei andern Leuten, und sowohl zu Hause als auswärts quälte sie meine Liebe, daß es nicht zu ertragen war. Ihre Absicht war, alle in sich verliebt zu machen und mich vor Eifersucht wahnsinnig werden zu lassen, mit allen vertraut und gegen alle liebreich zu sein – und mich vor Neid vergehen zu lassen. Des Abends, wenn wir allein in unserm Schlafzimmer waren, machte ich ihr gewöhnlich Vorwürfe und zeigte ihr, wie sehr ich ihre niedrige Gesinnung durchschaue; dann weinte sie in einem fort und sagte, ich sei grausam; dann hielt ich sie in meinen Armen bis zum Morgen: und liebte sie so sehr wie immer, und oft war es mir, als wenn, lieber denn so zu leiden, ich sie so in meinen Armen halten und mich in einen tiefen Strom stürzen möchte – wo ich sie immer noch umschlungen halten würde, wenn wir beide längst tot wären. Es kam zu einem Ende, und ich wurde wieder frei. In der Familie war eine Tante, die mich nicht leiden mochte. Ich zweifle, daß irgend jemand von der Familie mich leiden mochte; aber ich kümmerte mich ja auch nicht darum, daß sie mich leiden mochten, so sehr nahm mich ganz und gar dieses eine Mädchen in Anspruch. Die Tante war eine junge Frau, und sie hatte eine ernste Art, mich mit ihren Augen zu beobachten. Sie war eine kecke Frau und sah mich mit unverhohlenem Mitleid an. Nach einer von den Nächten, von denen ich gesprochen, kam ich vor dem Frühstück in ein Gewächshaus. Charlotte (so hieß meine falsche junge Freundin) war vor mir hinuntergegangen, und ich hörte, wie ihre Tante mit ihr von mir sprach, als ich eintrat. Ich blieb einen Augenblick stehen, wo ich war, und lauschte, von dem Laub versteckt. Die Tante sagte: »Charlotte, Miss Wade quält dich zu Tode, und das darf nicht fortdauern.« Ich wiederhole wörtlich, was ich gehört hatte. Was antwortete sie nun? Sagte sie: »Ich bin es, die sie zu Tode quält, ich, die sie beständig auf der Folter hält, ich bin der Henker, und doch sagt sie mir jede Nacht, dass sie mich von Herzen liebt, obwohl sie weiß, was sie von mir zu erdulden hat?« Nein. Meine erste denkwürdige Erfahrung entsprach ganz dem, was ich von ihr erwartet, und all meinen übrigen Erfahrungen. Sie begann zu schluchzen und zu weinen (um sich die Teilnahme der Tante zu sichern) und sagte: »Liebe Tante, sie hat ein unglückliches Temperament; auch andere Mädchen in der Schule, außer mir, geben sich viele Mühe, es zu bessern: wir geben uns alle viele Mühe.« Als sie dies sagte, liebkoste die Tante sie, als wenn sie etwas Edles gesagt hätte, statt etwas Verächtliches und Falsches, und ging auf die niederträchtige Behauptung durch die Antwort ein: »Aber es gibt für alles Vernünftige Grenzen, mein liebes Kind, und ich sehe, daß dies arme dürftige Mädchen dir mehr beständigen und nutzlosen Schmerz verursacht, als sogar ein so guter Zweck rechtfertigt.« Das arme dürftige Geschöpf trat aus seinem Schlupfwinkel hervor, wie Sie sich wohl denken können, und sagte: »Schicken Sie mich nach Hause.« Ich habe nie ein anderes Wort zu einem von ihnen gesprochen als: »Schicken Sie mich nach Hause, oder ich werde allein heimgehen, bei Tag und Nacht!« Als ich nach Hause kam, erzählte ich meiner vermeintlichen Großmutter, wenn man mich zur Vollendung meiner Erziehung nicht anderswohin schicke, ehe dies Mädchen oder eines von den andern zurückkäme, so würde ich mir lieber die Augen ausbrennen, indem ich mich selbst in das Feuer würfe, als den Anblick ihrer intriganten Gesichter ertragen. Ich kam darauf unter andre junge Mädchen und fand sie nicht besser. Schöne Worte und schöner Schein: aber ich durchschaute diese Versicherungen von sich und ihre Herabsetzungen meiner Person, und sie waren nicht besser. Ehe ich sie verließ, erfuhr ich, daß ich keine Großmutter und keine anerkannten Verwandten hatte. Ich beleuchtete mit dem Lichte dieses Wissens meine Vergangenheit und meine Zukunft. Es zeigte mir viele neue Gelegenheiten, wo Leute über mich triumphierten, während sie sich den Anschein gaben, als behandelten sie mich voll Rücksicht oder erwiesen mir einen Dienst. Ein Geschäftsmann hatte für mich ein kleines Vermögen zu verwalten. Ich sollte Gouvernante werden und kam in die Familie eines armen Edelmanns, der zwei Töchter hatte – kleine Mädchen, aber die Eltern wünschten sie womöglich unter einer Erzieherin aufwachsen zu lassen. Die Mutter war jung und hübsch. Vom ersten Augenblick an machte sie es recht in die Augen fallend, daß sie mich mit großem Zartgefühl behandeln wolle. Ich behielt meinen Groll für mich; aber ich wußte recht wohl, daß dies ihre Art war, sich mit dem Bewußtsein zu schmeicheln, daß sie meine Herrin sei und ihre Dienerin anders behandeln könnte, wenn ihr das in den Sinn käme. Ich sage, daß ich keinen Groll hegte, und es war auch nicht der Fall; aber ich zeigte ihr, indem ich ihr nicht zu Gefallen lebte, daß ich sie durchschaute. Wenn sie mich aufforderte, Wein zu nehmen, so nahm ich Wasser. Wenn etwas ausgesucht Feines auf den Tisch kam, so schickte sie es immer mir; aber ich lehnte, es stets ab und aß von den verschmähten Gerichten. Dies Zurückweisen ihrer Gönnerschaft war ein scharfer Gegendruck und gab mir ein Gefühl der Unabhängigkeit. Ich liebte die Kinder. Sie waren schüchtern, aber im ganzen sehr willig, sich an mich anzuschließen. Es war jedoch eine Kinderfrau im Hause, eine Frau mit einem rosigen Gesicht, die immer ihre Heiterkeit und ihre gute Stimmung jedermann aufdrängte: sie hatte beide gestillt und sich ihre Liebe zu erwerben gewußt, ehe ich sie sah. Ich hätte, wenn diese Frau nicht gewesen wäre, mit meinem Schicksal zufrieden sein können. Ihre Kunstgriffe, ihren beständigen Wettkampf mit mir vor den Kindern zu zeigen, hätte manches Mädchen an meiner Stelle nicht bemerkt; aber ich durchschaute sie vom ersten Augenblick an. Unter dem Vorwand, in meinem Zimmer aufzuräumen und mich zu bedienen und für meine Garderobe zu sorgen (was sie alles mit großer Geschäftigkeit besorgte), war sie beständig um mich. Der schlauste ihrer vielen Kunstgriffe war die Art, wie sie sich stellte, als gebe sie sich Mühe, die Kinder mich liebgewinnen zu lehren. Sie führte sie mit allen möglichen Liebkosungen zu mir. »Kommt zur guten Miß Wade, kommt zur lieben Miß Wade, kommt zur hübschen Miß Wade. Sie liebt euch so sehr. Miß Wade ist eine gescheite Dame, die eine Menge von Büchern gelesen hat und euch weit bessere und interessantere Geschichten erzählen kann als ich. Kommt und hört Miß Wade zu!« Wie konnte ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen, während mein Herz gegen diese gemeinen Pläne sich empörte? Wie konnte ich mich wundern, wenn ich sah, wie ihre unschuldigen Gesichter sich abwandten und ihre Arme sich um den Hals der Kinderfrau schlangen statt um den meinen. Dann sah sie mich wieder an, strich die Haare aus dem Gesicht und sagte: »Sie werden bald zu Ihnen kommen. Miß Wade; sie sind sehr einfach und herzensgut; grämen Sie sich nicht deshalb, Ma'am.« Das war ein Triumph für sie. Noch etwas anderes tat die Frau. Bisweilen, wenn sie sah, daß es ihr gelungen war, mich auf diese Weise in ein finsteres, dumpfes Brüten zu versetzen, richtete sie die Aufmerksamkeit der Kinder darauf und zeigte ihnen den Unterschied zwischen ihr und mir. »Still! Die arme Miß Wade ist nicht wohl. Macht kein Geräusch, Kinder, sie hat Kopfweh. Kommt, tröstet sie. Kommt und fragt sie, ob sie sich besser befinde. Kommt und bittet sie, daß sie sich zu Bett lege. Ich hoffe, Sie haben doch keinen Kummer, der Sie drückt, Ma'am? Nehmen Sie's nicht so schwer, Madame, und grämen Sie sich nicht.« Es wurde unausstehlich. Als die gnädige Frau, meine Herrin, eines Tages, da ich allein war, zu mir kam und ich recht lebhaft fühlte, daß ich es nicht länger ertragen könne, sagte ich ihr, daß ich um meine Entlassung bitten müsse. Ich könne das Zusammensein mit dieser Dawes nicht ertragen. »Miß Wade! Die arme Dawes hat Sie ja so sehr lieb: sie würde alles für Sie tun!« Ich wußte es im voraus, daß sie das sagen würde; ich war ganz darauf vorbereitet; ich antwortete nur, es sei nicht meine Sache, meiner Herrin zu widersprechen; ich müsse gehen. »Ich hoffe, Miß Wade«, versetzte sie, indem sie augenblicklich den Ton der Überlegenheit anschlug, den sie bis dahin so schwach verdeckt hatte, »daß nichts, was ich seit unsrem Zusammensein gesagt oder getan habe, Ihren Gebrauch dieses unangenehmen Wortes ›Herrin‹ gerechtfertigt habe. Es müßte ganz unabsichtlich von meiner Seite geschehen sein. Bitte sagen Sie mir, was es ist.« Ich antwortete, daß ich mich nicht zu beklagen habe, weder über meine Herrin, noch gegen meine Herrin; aber ich müßte fort. Sie war einen Augenblick unschlüssig, setzte sich aber dann neben mich und legte ihre Hand auf die meine, als wenn diese Ehre jede Erinnerung verwischen würde. »Miß Wade, ich fürchte, Sie sind unglücklich, aus Gründen, auf die ich keinen Einfluß habe.« Ich lächelte, indem ich an die Erfahrung dachte, die dieses Wort mir vor Augen rief, und sagte: »Ich habe vermutlich ein unglückliches Temperament.« »Ich sagte das nicht.« »Es läßt sich auf solche Weise alles erklären«, sagte ich. »Wohl möglich; aber ich sagte das nicht. Was ich zu berühren wünschte, ist etwas ganz anderes. Mein Gemahl und ich haben mehrmals darüber gesprochen, seit wir mit Schmerz bemerkt haben, daß Sie sich nicht behaglich bei uns fühlen.« »Behaglich? Oh! Sie sind so vornehme Leute, Mylady«, sagte ich. »Ich bin unglücklich, wenn ich ein Wort gebrauchte – und offenbar ist dies der Fall -, das gar nicht in meiner Absicht lag. (Sie hatte meine Antwort nicht erwartet, die sie in Verlegenheit setzte.) Ich meinte nur, daß Sie sich nicht glücklich bei uns fühlen. Es ist ein schwieriger Gegenstand, über den nicht leicht zu sprechen ist: aber eine junge Frau kann das doch wohl gegenüber einer andern tun, – kurz, wir haben befürchtet, daß gewisse Familienverhältnisse, an denen niemand weniger schuld sein kann als Sie, auf Ihren Geist niederdrückend wirken möchten. Wenn dies der Fall ist, so lassen Sie uns bitten, daß Sie sich nicht zu sehr darüber grämen. Mein Gatte selbst, wie wohl bekannt ist, hatte früher eine sehr liebe Schwester, die nicht seine rechtmäßige Schwester war, die jedoch allgemein beliebt und geachtet war.« Ich sah gleich, daß sie mich nur wegen dieser Verstorbenen aufgenommen hatte, wer diese auch war, nur um mir diese gegenüberzustellen und dadurch einen Vorteil über mich zu haben: ich sah darin, daß die Kinderfrau es wußte, eine Aufmunterung für sie, mich zu quälen, wie sie es getan hatte; und ich sah in dem Fernbleiben der Kinder den Ausdruck des unbestimmten Gefühls, daß ich nicht sei wie andere Leute. Ich verließ noch am selben Abend das Haus. Nach ein oder zwei kurzen ähnlichen Erfahrungen, die hier zu erzählen unnütz wäre, trat ich in eine andere Familie, wo ich nur einen Zögling hatte: ein Mädchen von fünfzehn Jahren, die einzige Tochter des Hauses. Die Eltern waren ältliche Leute: Leute von Rang und Vermögen. Ein Neffe, den sie auferzogen, besuchte neben manchen andern Gästen das Haus häufig, und er begann, mir den Hof zu machen. Ich war entschlossen, ihn zurückzuweisen: denn ich hatte den festen Vorsatz, als ich in diese Familie eintrat, mich von niemand mitleidig und herablassend behandeln zu lassen. Aber er schrieb mir einen Brief. Es führte dazu, daß wir uns verlobten. Er war ein Jahr jünger als ich und sah noch jünger aus, als diese Verlobung eingegangen wurde. Er war auf Urlaub von Indien, wo er einen Posten innehatte, der bald sehr einträglich zu werden versprach. In sechs Monaten wollten wir uns heiraten und dann nach Indien gehen. Ich sollte im Hause bleiben, und im Hause sollte auch die Hochzeit gefeiert werden. Niemand hatte etwas gegen die Sache einzuwenden. Ich kann nicht verschweigen, daß er mich bewunderte: aber ich würde es gern, wenn ich es könnte. Eitelkeit ist bei dieser Erklärung nicht im Spiel, denn seine Bewunderung quälte mich. Er gab sich keine Mühe, sie zu verbergen: ja, er machte nur den Eindruck, als stellte er mich unter den reichen Leuten aus, um zu zeigen, daß er mich wegen meines Gesichts gekauft und seinen Kauf rechtfertigen wolle. Sie schätzten mich im stillen ab, wie ich sah, und waren neugierig, was wohl mein voller Wert wäre. Ich war entschlossen, sie es nicht wissen zu lassen. Ich war unbeweglich vor ihnen und stumm und hätte mich lieber von jedem von ihnen töten lassen, als daß ich mich zur Schau gestellt, um mir ihren Beifall zu erringen. Er sagte mir, ich handle ungerecht gegen mich. Ich sagte ihm, das sei nicht der Fall, und gerade weil ich gegen mich gerecht sei und bis zum letzten Augenblick bleiben würde, wolle ich mich nicht herablassen, einen von ihnen zu gewinnen zu suchen. Er war betroffen und sogar verletzt, als ich hinzufügte, ich wünschte, er würde seine Neigung zu mir nicht so zur Schau tragen: aber er sagte, er wolle selbst diese ehrlichen Regungen seiner Liebe meinem Frieden opfern. Unter diesem Vorwand begann er Vergeltung an mir zu üben. Ganze Stunden lang hielt er sich fern von mir, indem er mit jedermann eher als mit mir sprach. Ich saß halbe Abende lang allein und unbemerkt, während er mit seiner jungen Kusine, meinem Zögling, sich unterhielt. Während dieser Zeit las ich in den Augen der Leute, daß sie dachten, diese beiden paßten besser zusammen als er und ich. Ich ahnte ihre Gedanken und erwog sie lange bei mir, während ich so dasaß, bis ich fühlte, daß sein junges Aussehen mich lächerlich mache, und ich habe gegen mich gewütet, daß ich ihn jemals geliebt hatte. Denn ich liebte ihn einst. So wenig er es verdiente und so wenig er an all diese Kämpfe dachte, die es mich kostete, – Kämpfe, die ihn hätten bis an mein Lebensende mir ganz zu eigen und dankbar machen sollen – liebte ich ihn. Ich ertrug es, daß seine Kusine ihn mir ins Gesicht lobte und zu glauben vorgab, daß es mir Freude mache, obgleich sie wohl wußte, daß es mir das Herz zerriß. Ich ertrug es um seinetwillen. Während ich in seiner Gegenwart dasaß und mir alles von ihm geschehene Unrecht, alle Vernachlässigungen ins Gedächtnis zurückrief und mir überlegte, ob ich nicht gleich aus dem Hause fliehen sollte, um es nie wieder zu sehen, – liebte ich ihn. Seine Tante – man wolle sich erinnern, daß es meine Herrin war – trug absichtlich und wohlüberlegt zu meinen Prüfungen und Qualen bei. Es machte ihr Vergnügen, sich in Schilderungen unseres Lebens in Indien und des Hauses, das wir machen, und der Gesellschaft, die wir bei uns sehen würden, sobald er sein Avancement habe, zu ergehen. Mein Stolz empörte sich gegen dieses plumpe Hervorheben des Kontrastes, in dem mein Leben als Frau zu meiner gegenwärtigen abhängigen und untergeordneten Stellung stehen würde. Ich verbarg meine Entrüstung; aber ich zeigte ihr, daß ihre Absicht an mir nicht unerreicht bleibe, und bezahlte ihre Quälereien mit geheuchelter Demut. Was sie schildere, sei sicherlich zu viel Ehre für mich, sagte ich dann gewöhnlich. Ich fürchtete, einen so großen Wechsel der Verhältnisse nicht ertragen zu können, wenn man sich denke, eine Gouvernante, die Gouvernante ihrer Tochter, die zu einer so hohen Auszeichnung gelange! Sie war verlegen, und alle übrigen waren verlegen, wenn ich auf solche Weise antwortete. Sie wußten, daß ich sie vollständig verstand. Gerade zu der Zeit, als meine Qual am höchsten gestiegen und ich am aufgebrachtesten gegen die Undankbarkeit meines Geliebten war – der sich so wenig um die zahllosen Kränkungen kümmerte, die ich um seinetwillen erfuhr, erschien Ihr teurer Freund, Mr. Gowan, in dem Hause. Er war mit demselben seit lange befreundet, aber auf Reisen gewesen. Er merkte mit einem Blick, wie es stand, und verstand mich. Er war die erste Person, die mir je im Leben begegnet, die mich verstand. Er war nicht dreimal bei uns gewesen, als ich schon wußte, daß er jeder Regung meines Geistes folgte. In seiner kalten nachlässigen Weise, wie er sich gegen alle und gegen mich benahm und die ganze Sache behandelte, sah ich das deutlich. In seiner flüchtigen Beteurung der Bewunderung meines künftigen Gatten, in seinem Enthusiasmus über unsere Verbindung und unsere Aussichten, in seinem hoffnungsvollen Glückwunsch zu unserm künftigen Reichtum und seinen niedergeschlagenen Äußerungen über seine Armut – alle gleich hohl, ironisch und voll Spott – sah ich das klar. Er machte mich immer ungehaltener über mich und lehrte mich, mich verachten, indem er mir alles, was mich umgab, in einem neuen hassenswerten Lichte zeigte, während er sich beständig den Anschein gab, als stelle er sie mir in ihrem besten Lichte, zu meiner und seiner Bewunderung dar. Er war wie der aufgeputzte Tod in den holländischen Totentänzen; was für eine Gestalt es sein mochte, die er mit seinem Arm umfaßte, mochte sie jung oder alt sein, hübsch oder häßlich, ob er mit ihr tanzte, sang, spielte oder betete, sie bekam ein geisterhaftes Aussehen. Sie werden begreifen, daß, wenn Ihr teurer Freund mir Komplimente machte, er mich wirklich bedauerte: daß, wenn er mich in meinem Kummer zu trösten suchte, er jede schmerzende Wunde bloßlegte: daß, wenn er erklärte, mein »getreuer Schäfer« zu sein, der verliebteste junge Mann mit dem zärtlichsten Herzen, das jemals geschlagen, er meine alte Besorgnis wieder wachrief, man mache mich lächerlich. Das waren keine großen Dienste, werden Sie sagen. Sie waren dennoch annehmbar für mich, weil sie das Echo meines eigenen Gefühls waren und meine eigene Ansicht bestätigten. Ich war bald gern in der Gesellschaft Ihres teuren Freundes, lieber als in jeder andern. Als ich gewahr wurde (was fast sogleich geschah), daß Eifersucht daraus entstand, war mir diese Gesellschaft noch lieber. Hatte ich nicht selbst von Eifersucht leiden müssen und sollte ich allein leiden? Nein. Er sollte wissen, was es ist. Ich freute mich, daß er es erfahren sollte; ich freute mich, daß er es tief empfand, und ich hoffte es. Mehr noch. Er war zahm im Vergleich mit Mr. Gowan, der mich auf gleichem Fuß zu behandeln verstand und unsre elende Umgebung zu zergliedern wußte. Das ging so fort, bis die Tante, meine Herrin, es übernahm, mit mir zu sprechen. Es sei kaum der Rede wert: sie wüßte, ich dächte nichts dabei: aber sie möchte von sich aus die Andeutung machen, und sie wisse, daß eine solche genüge, ob es nicht besser wäre, wenn ich etwas weniger mit Mr. Gowan verkehrte. Ich fragte sie, wie sie für das, was ich meinte, stehen könne? Sie antwortete, sie könne gewiß dafür stehen, daß ich nichts Böses dabei denke. Ich dankte ihr, sagte jedoch, ich würde vorziehen, für mich selbst zu stehen und mir selbst Rede zu stehen. Ihre andern Diener würden ihr wahrscheinlich für ein gutes Zeugnis dankbar sein, aber ich brauchte keines. So gab ein Wort das andere, und es bot sich die Veranlassung, sie zu fragen, wie sie wisse, daß es nur eine Andeutung von ihr bedürfe, um mich gehorchen zu machen? Ob sie meine Geburt oder meinen Lohn dabei in Anschlag bringe? Ich sei nicht mit Leib und Seele gekauft. Sie scheine zu glauben, daß ihr ausgezeichneter Neffe auf den Sklavenmarkt gegangen und sich eine Frau erhandelt habe. Es würde wahrscheinlich früher oder später zu dem Ende gekommen sein, zu dem es kam, aber sie brachte die Sache sogleich zur Entscheidung. Sie sagte mir mit gemachtem Mitleid, daß ich ein unglückliches Temperament habe. Bei dieser Wiederholung der alten boshaften Beleidigung hielt ich nicht länger an mich, sondern setzte ihr alles auseinander, was ich von ihr wußte und gesehen, und was ich innerlich durchgemacht, seitdem ich diese verabscheuungswerte Stellung, mit ihrem Neffen verlobt zu sein, eingenommen hätte. Ich sagte ihr, Mr. Gowan sei mein einziger Trost in meiner Erniedrigung; ich hätte es zu lange ertragen und schüttle es zu spät ab; aber ich wolle nie wieder einen von ihnen zu Gesicht bekommen. Und dies geschah auch. Ihr werter Freund folgte mir in meine Einsamkeit und war sehr drollig, wenn er über den Bruch des Verhältnisses sprach: obgleich ihm auch die ausgezeichneten Leute leid taten (in ihrer Art die besten, die er kannte) und die Notwendigkeit bedauerte, bloße Stubenfluren rädern zu müssen. Er beteuerte bald und weit aufrichtiger, als ich vermutete, daß er nicht wert sei, vor einer Frau von solchen Gaben und solcher Charakterkraft Gnade zu finden: aber – schon gut, schon gut! – Ihr werter Freund amüsierte mich und amüsierte sich, solange er daran Geschmack fand; und dann erinnerte er mich, daß wir beide Leute von Welt seien und daß wir beide die Welt kennten, daß wir beide wüßten, es gebe keine Poesie auf Erden, daß wir beide darauf gefaßt seien, verschiedene Wege zu gehen, um unser Glück zu suchen wie vernünftige Menschen, und daß wir beide einsähen, wenn wir uns wieder einmal begegnen sollten, wir uns als die besten Freunde von der Welt begrüßen würden. So sagte er, und ich widersprach ihm nicht. Es dauerte nicht lange, so entdeckte ich, daß er seiner gegenwärtigen Frau den Hof machte, und daß man mit ihr weggereist sei, um sie aus seinem Bereich zu bringen. Ich haßte sie damals, ganz wie ich sie jetzt noch hasse; und ich konnte deshalb natürlich nichts mehr wünschen, als daß sie ihn heirate. Aber ich hatte keine Ruhe mehr, ich mußte sie sehen – ich war so neugierig, daß ich fühlte, es sei einer der wenigen Genüsse, die mir noch geblieben wären. Ich machte einige kleine Reisen: reiste, bis ich mit ihr zusammenkam und mit ihr und ihnen reiste. Ihr teurer Freund war, wie ich glaube, Ihnen damals noch nicht bekannt, und er hatte Ihnen noch keinen jener ausgezeichneten Beweise seiner Freundschaft gegeben, mit denen er Sie seitdem beschenkte. In dieser Gesellschaft befand sich ein Mädchen, dessen Lage in verschiedenen Beziehungen der meinen so ähnlich war, und in dessen Charakter ich mit Interesse und Freude viel von dem als mir eigentümlich bezeichneten Widerstand gegen anmaßende Gönnerschaft und Selbstsucht fand, die sich Freundlichkeit, Herablassung, Wohlwollen und andre schönen Namen beilegt. Ich hörte oft von ihr sagen, »daß sie ein unglückliches Temperament habe«. Da ich wohl wußte, was durch diese bequeme Phrase gesagt werden sollte, und da ich eine Gefährtin brauchte, die wußte, was ich wußte, und erfahren, was ich erfahren hatte, so kam ich auf den Gedanken, das Mädchen von ihrer Sklaverei und dem Gefühl ungerechter Behandlung zu befreien. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß es mir gelang. Wir haben die ganze Zeit zusammen gelebt und meine kleinen Mittel miteinander geteilt. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Arthur Clennam hatte seine nutzlose Expedition nach Calais inmitten eines großen Geschäftsandrangs gemacht. Eine gewisse barbarische Macht, mit bedeutenden Besitzungen auf der Landkarte, brauchte die Dienste von ein bis zwei Ingenieuren von rascher Erfindungsgabe und Entschlossenheit in der Durchführung: praktischen Männern, die die Menschen und Mittel, die ihr Scharfsinn für notwendig hielt, aus bestem Material, das sie finden konnten, zu machen imstande waren; und die so kühn und fruchtbar in der Verwendung solchen Stoffes zu ihrem Zweck waren als im Entwerfen ihrer Pläne selbst. Da diese Macht eine barbarische war, so kamen sie nicht auf den Gedanken, eine große Nationalsache in einem Circumlocution Office zu begraben, wie man starken Wein in einem Keller vom Licht abschließt, bis sein Feuer und seine Jugend verflogen und die Arbeiter, die im Weinberg gearbeitet und die Trauben gepreßt, zu Staub geworden sind. Mit charakteristischer Unwissenheit handelte diese Macht nach dem entschiedensten und energischsten Begriffe, »wie man's machen müsse«, und zeigte nie die geringste Achtung vor der großen politischen Wissenschaft, »wie man's nicht machen müsse«, oder beachtete sie auch nur im mindesten. Kurz, sie hatte eine barbarische Art, die letztere geheimnisvolle Kunst in der Person jedes erleuchteten Kopfes, der sie übte, totzuschlagen. In dieser Richtung wurden die Männer, deren man bedurfte, gesucht und gefunden: was schon an und für sich ein höchst unzivilisiertes und unregelmäßiges Verfahren war. Als man sie gefunden, behandelte man sie mit großem Vertrauen und vieler Auszeichnung (was abermals die größte politische Unwissenheit bewies) und lud sie ein, sogleich zu kommen und zu tun, was ihnen als Aufgabe gestellt war. Kurz, man betrachtete sie als Männer, die etwas zu tun beabsichtigten, und die mit andern Männern einen Kontrakt eingehen, die etwas getan wissen wollten. Daniel Doyce war einer von den Auserwählten. Man konnte nicht absehen, ob er Monate oder Jahre abwesend sein würde. Die Vorbereitungen zu seiner Abreise und die gewissenhafte Zusammenstellung aller Einzelheiten und Resultate ihres gemeinschaftlichen Geschäfts, damit er eine Übersicht habe, veranlaßte in kurzer Zeit große Arbeit, die Clennam Tag und Nacht beschäftigt hatte. Im ersten freien Augenblick war er über See gegangen und war ebenso bald wieder zurückgekehrt, um Doyce Lebewohl zu sagen. Arthur legte ihm jetzt sorgfältig und genau den Stand ihrer Gewinne und Verluste, ihrer Verbindlichkeiten und Aussichten dar. Daniel sah alles in seiner geduldigen Weise durch und bewunderte es ganz außerordentlich. Er ging die Rechnungen durch, und sie erschienen ihm ein weit sinnreicherer Mechanismus, als er jemals einen konstruiert, und blieb dann betrachtend vor ihnen stehen und hielt den Hut in der Hand, als wenn er in die Betrachtung einer herrlichen Maschine versunken wäre. »Es ist alles wunderschön, Clennam, so einfach und geordnet. Nichts kann einfacher sein. Nichts kann besser sein.« »Ich freue mich, daß Sie der Sache Ihre Billigung zuteil werden lassen, Doyce. Was jedoch nun die Verwendung unseres Kapitals während Ihrer Abwesenheit betrifft und das Flüssigmachen der Summen, die das Geschäft von Zeit zu Zeit nötig hat –« Sein Associé unterbrach ihn. »Was das betrifft und alles andere, so bleibt das Ihnen überlassen. Sie werden auch künftig in allen derartigen Dingen für uns beide handeln, wie Sie bisher getan, und meiner Seele eine Last abnehmen, um die sie sich bisher leichter gefühlt hat.« »Obgleich, wie ich Ihnen oft sage«, versetzte Clennam, »Sie ganz ungerecht Ihre Fähigkeiten als Geschäftsmann herabsetzen.« »Vielleicht wohl«, sagte Doyce lächelnd. »Und vielleicht auch nicht. Wie dem nun aber auch sei, ich habe einen Beruf, den ich gründlicher als dergleichen Sachen studiert, und ich tauge besser für diesen Beruf. Ich habe vollkommenes Vertrauen in meinen Associé gesetzt, und ich bin überzeugt, daß er tun wird, was das beste ist. Wenn ich ein Vorurteil in Beziehung auf Geld und Geldzahlen habe«, fuhr er fort, indem er den sprechenden Arbeiterdaumen auf den Revers des Rockes seines Associé legte, »so ist es gegen das Spekulieren. Ich glaube nicht, daß ich ein anderes habe. Ich möchte freilich behaupten, daß ich dieses Vorurteil habe allein deshalb, weil ich niemals ernstlich darüber nachgedacht habe.« »Aber Sie sollten es kein Vorurteil nennen«, sagte Clennam. »Mein lieber Doyce, es ist der gesundeste Verstand.« »Ich freue mich, daß Sie so denken«, versetzte Doyce. »Eben jetzt, keine halbe Stunde, ehe Sie kamen, sagte ich dasselbe zu Pancks, der hier vorsprach. Wir waren beide der Ansicht, daß das Anlegen von Kapitalien in unsicheren Unternehmungen eine der gefährlichsten, wenn auch eine der gewöhnlichsten von den Torheiten ist, die häufig sogar den Namen Verbrechen verdienen.« »Pancks?« sagte Doyce, indem er seinen Hut hinten in die Höhe schob und mit einer vertrauensvollen Miene nickte. »Ja, ja, ja, das ist ein vorsichtiger Mann.« »Allerdings, er ist ein sehr vorsichtiger Mann«, versetzte Arthur. »Ein wahres Muster von Vorsicht.« Sie schienen beide aus dem vorsichtigen Charakter von Pancks weit mehr Befriedigung zu schöpfen, als man aus ihrem Gespräch schließen konnte. »Und jetzt«, sagte Daniel, indem er auf seine Uhr blickte, »da Zeit und Flut auf niemand warten, mein wackerer Associé, und da ich bereit bin abzureisen, denn meine Bagage ist bereits vor der Tür unten, so lassen Sie mich Ihnen ein letztes Wort sagen. Sie sollten mir eine Bitte gewähren.« »Jede Bitte, die Sie aussprechen. – Ausgenommen«, Clennam kam rasch mit seiner Ausnahme, denn er las rasch auf dem Gesicht seines Associé, »ausgenommen die, daß ich Ihre Erfindung auf sich beruhen lassen soll.« »Das ist die Bitte, und Sie wissen sie schon im voraus«, sagte Doyce. »So sage ich nein. Ich sage entschieden nein. Jetzt, da ich einmal begonnen, will ich einen entschiedenen Grund, eine verläßliche Darlegung, etwas, was wie eine wirkliche Antwort aussieht, von diesen Leuten haben.« »Sie werden sie aber nicht erhalten«, versetzte Doyce, den Kopf schüttelnd. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie bekommen sie nicht.« »Wenigstens will ich es versuchen«, sagte Clennam. »Es wird mir keinen Kummer machen, wenn ich es versuche.« »Davon bin ich nicht überzeugt«, versetzte Doyce, indem er ihm überredend die Hand auf die Schulter legte. »Es hat mir Kummer bereitet, Freund. Es hat mich alt, müde gemacht, es hat mich geärgert und enttäuscht. Es tut niemand gut, wenn seine Geduld erschöpft wird und er Unrecht leiden zu müssen glaubt. Ich meine selbst jetzt schon, daß nutzloses Warten auf Verzögerungen und Ausflüchte Ihnen etwas von der Elastizität genommen, die Sie früher besessen haben.« »Familiensorgen mögen daran im Augenblick schuldig sein«, sagte Clennam, »aber nicht amtliche Quälereien. Noch nicht, ich bin noch nicht verwundet und verletzt.« »Dann wollen Sie also meine Bitte nicht gewähren?« »Entschieden nicht«, sagte Clennam. »Ich würde mich schämen, wenn ich mich so bald aus dem Felde schlagen ließe, wo ein weit älterer und weit näher bei der Sache interessierter Mann so lange und so tapfer ausgehalten hat.« Da es unmöglich war, ihn andern Sinns zu machen, erwiderte Daniel Doyce den Druck seiner Hand, und nach einem Abschiedsblick in dem Kontor umher ging er mit ihm die Treppe hinab. Doyce wollte nach Southampton, um dort die kleine Zahl seiner Mitreisenden zu treffen; und ein Wagen stand an der Tür, wohl ausgestattet und gepackt, und bereit, ihn fortzufahren. Die Arbeiter standen an der Tür, um ihn abreisen zu sehen, und waren außerordentlich stolz auf ihn. »Glückliche Reise, Mr. Doyce!« sagte einer von ihnen, »wo Sie auch hingehen mögen, die Leute werden finden, daß sie einen Mann berufen, einen Mann, der seine Instrumente kennt und den seine Instrumente kennen, einen Mann, der will und der kann, und wenn das kein Mann ist, wo ist dann noch ein Mann!« Diese Rede, von einem sonst mürrischen Freiwilligen gehalten, der im Hintergrund stand, und dem man früher so etwas gar nicht zugetraut hatte, wurde mit drei lauten Cheers aufgenommen; und der Sprecher wurde dadurch in der Folge ein Mann von Ansehen und Bedeutung. Inmitten der drei Cheers sagte ihnen Daniel ein herzliches: »Lebet wohl, Ihr Lieben!« und der Wagen verschwand, als wenn die Erschütterung der Luft ihn aus dem Hofe zum blutenden Herzen hinausgeblasen hätte. Mr. Baptist hatte als dankbarer Mensch, der einen Vertrauensposten einnahm, unter den Arbeitern gestanden und bei diesen Cheers so viel mitgejauchzt, als es einem Fremden überhaupt möglich ist. Denn niemand auf der Welt kann so »cheer« rufen wie die Engländer, die, wenn es ihnen ernst damit ist, so ihr Blut und Feuer zusammenraffen, daß man glauben möchte, ihre ganze Geschichte vom sächsischen Alfred bis auf unsere Tage brause mit allen ihren Bannern im Winde daher. Mr. Baptist war gewissermaßen vor dem Sturm einhergewirbelt worden und schöpfte ganz verwirrt Atem, als Clennam ihm winkte, er solle mit ihm hinaufkommen und Bücher und Papiere wieder an ihren Platz bringen. Während der nach der Abreise eintretenden Stille – in jener ersten Leere, die immer auf jede Trennung folgt und eine Ahnung von der großen Trennung gibt, die beständig über der ganzen Menschheit schwebt – stand Arthur an seinem Pulte und sah träumerisch einem Sonnenstrahle nach. Aber seine freigewordene Aufmerksamkeit kehrte bald zu dem Gegenstand zurück, der seine Gedanken am meisten beschäftigte, und er begann zum hundertsten Male auf jedem Umstand zu verweilen, der in jener geheimnisvollen Nacht, als er den Mann bei seiner Mutter gesehen, sich seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Wiederum stieß der Mann in der krummen Straße auf ihn, wiederum folgte er dem Mann und verlor ihn aus den Augen, wiederum fand er den Mann auf dem Hofe, nach dem Hause hinaufschauend, wiederum folgte er dem Mann und stand neben ihm auf den Stufen der Haustür. »Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Compagnon de la Majolaine; Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Immer froh!« Es war nicht das erstemal, daß er sich das Liedchen aus dem Kinderspiel zurückrief, von dem jener Mann, als er neben ihm stand, diesen Vers gesummt hatte; aber er wußte so wenig, daß er es hörbar gesummt, daß er erschrak, als er den nächsten Vers hörte: »Die Blüte aller Ritterschaft, Compagnon de la Majolaine, Die Blüte aller Ritterschaft, Immer froh!« Cavaletto hatte bescheiden die Worte und die Melodie ergänzt, da er geglaubt hatte, er habe abgebrochen, weil ihm die Fortsetzung unbekannt war. »Ah! Sie kennen das Lied, Cavaletto?« »Beim Bacchus, ja, Sir! Jedermann kennt es in Frankreich. Ich habe es oft von kleinen Kindern singen hören. Das letztemal, als ich es gehört«, sagte Mr. Baptist, früher Cavaletto, der immer zu seiner von Jugend auf gewohnten Konstruktion des Satzes zurückkehrte, wenn sein Gedächtnis sich der Heimat näherte, »war es von einer süßen kleinen Stimme. Einer kleinen, sehr hübschen, sehr unschuldigen Stimme. Altro!« »Das letztemal, daß ich es gehört habe«, versetzte Arthur, »war es von einer Stimme, die ganz das Gegenteil von hübsch und ganz das Gegenteil von unschuldig war.« Er sagte dies mehr zu sich als zu seinem Gefährten und fügte mit jenes Mannes weitern Worten bei sich hinzu: »Tod meines Lebens, es liegt in meinem Charakter, ungeduldig zu sein.« »Oh!« lief Cavaletto erstaunt, und alle Farbe war mit einem Male aus seinem Gesicht verschwunden. »Was gibt es?« »Sir! Sie wissen, wo ich dieses Lied zum letztenmal gehört habe?« Mit der raschen Gebärdensprache des Italieners machten seine Hände den Umriß einer großen Habichtsnase, zerzausten seine Haare, machten seine Oberlippe dick, um einen vollen Schnurrbart anzudeuten, und warfen den schweren Zipfel eines eingebildeten Mantels über seine Schulter. Während er dies mit einer Schnelligkeit tat, die jedem unbegreiflich ist, der nicht einen italienischen Landmann beobachtet hat, zeigte er ein sehr merkwürdiges und falsches Lächeln. Die ganze Veränderung fuhr wie ein Blitz über ihn hin, und er stand im selben Augenblick wieder leichenblaß und erstaunt vor seinem Patron. »Im Namen aller Wunder«, sagte Clennam, »was wollten Sie damit sagen? Kennen Sie einen Mann mit Namen Blandois?« »Nein«, sagte Mr. Baptist, den Kopf schüttelnd. »Sie haben eben einen Mann beschrieben, der dabei war, als Sie jenes Lied hörten, nicht wahr?« »Ja!« sagte Mr. Baptist, fünfzigmal nickend. »Und hieß er nicht Blandois?« »Nein!« sagte Mr. Baptist. »Altro, Altro, Altro, Altro!« Er konnte mit der gleichzeitigen Bewegung seines Kopfes und seines rechten Zeigefingers nicht energisch genug von sich abweisen. »Halt!« rief Clennam und breitete die Bekanntmachung auf seinem Pulte aus. »War es dieser Mann? Sie verstehen doch, was ich laut lese?« »Ganz und gar. Vollkommen.« »Aber sehen Sie zugleich hinein. Kommen Sie hierher und sehen Sie mir über die Schulter, während ich lese.« Mr. Baptist näherte sich, folgte jedem Wort mit seinen raschen Augen, sah und hörte alles mit der größten Ungeduld; dann schlug er mit beiden Händen flach auf den Zettel, als wenn er in seiner Wut ein gefährliches Tier finge, und rief, indem er Clennam dabei fest ins Auge faßte: »Das ist der Mann! Sehen Sie ihn!« »Das ist mir von unendlich größerer Wichtigkeit«, sagte Clennam äußerst aufgeregt, »als Sie sich denken können. Sagen Sie mir, wo Sie den Mann kennengelernt haben.« Mr. Baptist, der das Papier sehr langsam und sehr ungern losließ und zwei bis drei Schritte zurücktrat, tat, als ob er seine Hände abstäubte, und versetzte sehr gegen seinen Willen: »In Marsiglia – Marseilles.« »Was war er?« »Ein Gefangener und – Altro! Ich glaube ja! – ein«, Mr. Baptist trat näher, um ihm zuzuflüstern, »ein Mörder!« Mr. Clennam fuhr zurück, als wenn das Wort ihm einen Schlag versetzt: so furchtbar ließ es ihm den Verkehr seiner Mutter mit diesem Mann erscheinen. Cavaletto sank auf ein Knie und bat ihn mit den lebhaftesten Gebärden, anzuhören, was ihn in solche schlechte Gesellschaft gebracht. Er erzählte ihm vollkommen der Wahrheit gemäß, wie er durch ein kleines Schmuggelgeschäft in das Gefängnis geraten, wie er seinerzeit wieder frei geworden, und wie er sein früheres Tun und Treiben aufgegeben habe. Wie er in dem Wirtshaus zum Tagesanbruch in Chalons an der Saone von demselben Mörder, der damals den Namen Lagnier angenommen, obgleich er früher Rigaud geheißen, bei Nacht in seinem Bett aufgeweckt worden sei; wie der Mörder ihm vorgeschlagen, sie wollten gemeinschaftliche Sache machen; wie er solche Furcht und solchen Abscheu vor dem Mörder gehegt, daß er mit Tagesanbruch ihm entflohen sei, und wie ihn seitdem beständig die Angst gequält habe, dem Mörder wieder zu begegnen und von ihm als alter Bekannter angeredet zu werden. Als er dies mit großer Emphase und einem Nachdruck auf dem Worte Mörder, der seiner Muttersprache eigentümlich war, und der es Clennam nicht gerade weniger schrecklich machte, erzählt hatte, sprang er plötzlich wieder auf, stürzte auf den Zettel los und rief mit einer Heftigkeit, die bei jedem Nordländer unbedingt Wahnsinn gewesen wäre: »Sehen Sie hier den Mörder! Das ist derselbe!« In seiner heftigen Aufregung vergaß er ganz die Tatsache, daß er kürzlich in London den Mörder gesehen hatte. Als er sich daran erinnerte, schöpfte Clennam anfangs Hoffnung, das Zusammentreffen möchte von späterem Datum sein als der nächtliche Besuch bei seiner Mutter, aber Cavaletto wußte zu genau Zeit und Ort, um einen Zweifel offen zu lassen, daß es vorher gewesen war. »Hören Sie nun«, sagte Arthur mit großem Ernst. »Dieser Mann ist, wie wir hier gelesen haben, gänzlich verschwunden.« »Das ist mir äußerst angenehm«, sagte Cavaletto, indem er seine Blicke dankbar zum Himmel erhob. »Tausend Dank dem Himmel! Verwünschter Mörder!« »Nicht doch«, versetzte Clennam, »denn bis ich nicht etwas weiteres von ihm höre, habe ich keine ruhige Stunde.« »Genug, Wohltäter; das ist etwas anderes. Bitte tausendmal um Entschuldigung.« »Jetzt, Cavaletto«, sagte Clennam, indem er ihn sanft beim Arme umdrehte, daß sie sich in die Augen sehen konnten. »Ich bin überzeugt, daß Sie für das wenige, was ich für Sie tun konnte, der aufrichtigste und dankbarste Mensch sind.« »Ich schwöre es«, rief der andere. »Ich weiß es. Wenn Sie diesen Mann finden oder herausbringen, was aus ihm geworden ist, oder irgendeine spätere Kunde von ihm bekommen könnten, so würden Sie mir einen Dienst erweisen, der mir über jeden andern in der Welt ginge, und würden mich (mit weit mehr Grund) so dankbar gegen Sie machen, wie Sie es gegen mich sind.« »Ich weiß nicht, wohin ich meine Blicke richten soll«, rief der kleine Mann, indem er Arthurs Hand in seiner Begeisterung küßte, «ich weiß nicht, wo beginnen. Ich weiß nicht, wohin gehen. Aber Mut! Genug! Es ist eins! Ich gehe noch diesen Augenblick.« »Kein Wort davon mit jemand anderem als mir, Cavaletto!« »Altro!« rief Cavaletto. Und war in größter Eile fort. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Mrs. Affery macht ein bedingtes Versprechen bezüglich ihrer Träume. Clennam, der jetzt allein war, während die ausdrucksvollen Blicke und Gebärden Mr. Baptists, ehemals Giovanni Baptista Cavaletto, ihm lebhaft vor der Seele standen, begann einen langweiligen Tag. Vergebens suchte er seine Aufmerksamkeit zu fesseln, indem er sie auf ein Geschäft oder einen Gedankengang richtete; sie lag beständig vor dem unheimlichen Hauptgedanken vor Anker und wollte bei keiner andern Idee festhalten. Wie wenn ein Verbrecher in einem stillstehenden Boote auf einem tiefen klaren Flusse an Ketten gebunden gewesen wäre, verurteilt, wie zahllose Meilen Wassers auch an ihm vorüberflossen, immer den Leichnam des Mitmenschen, den er ertränkt, am Grunde liegen zu sehen, unbeweglich und unveränderlich, nur daß die Wirbel ihn bald breit, bald lang machten, seine Umrisse bald auseinander-, bald zusammenzogen, so sah Arthur, unter dem wechselnden Flusse durchsichtiger Gedanken und Phantasiebilder, die verschwanden und durch andere ebenso rasch wieder ersetzt wurden, unveränderlich und düster, und unverrückbar von seinem Platze, den einen Gegenstand, von dem er sich mit aller Macht loszureißen suchte, und dem er nicht entfliehen konnte. Die Überzeugung, die er jetzt besaß, daß Blandois, wie auch sein wahrer Name lauten mochte, einer der schlimmsten Charaktere sei, vermehrte die Last seiner Sorgen wesentlich. Wenn auch morgen schon das Verschwinden sich erklärte, so blieb doch die Tatsache, daß seine Mutter mit einem solchen Mann in Verbindung gestanden, unverändert stehen. Daß die Verbindung von geheimnisvoller Art, und daß sie unterwürfig gegen ihn gewesen und sich vor ihm gefürchtet, hoffte er, werde niemand bekannt sein außer ihm; da er es jedoch wußte, wie konnte er es von seinen alten unbestimmten Befürchtungen trennen und wie glauben, daß in solchen Beziehungen nichts Schlimmes sei? Ihre Entschlossenheit, nicht mit ihm auf diese Frage einzugehen, und seine Kenntnis ihres unbeugsamen Charakters erhöhte das Gefühl seiner Hilflosigkeit. Es wirkte wie der Druck eines Traumes, denken zu müssen, daß Schande und Bloßstellung ihr und seines Vaters Gedächtnis drohe, und wie durch eine eherne Mauer von der Möglichkeit abgehalten zu sein, ihnen zu Hilfe zu kommen. Der Vorsatz, den er in seine Heimat zurückgebracht und an dem er beständig seit jener Zeit festgehalten hatte, wurde, immer wenn er fürchtete, daß es am meisten dränge, von seiner Mutter mit größter Entschiedenheit vereitelt. Sein Rat, seine Energie, seine Tätigkeit, sein Geld, sein Kredit, all seine Mittel wurden nutzlos gemacht. Wenn sie den alten Einfluß aus den Zeiten der Fabel gehabt und die, die sie angesehen, in Stein verwandelt hätte, sie könnte sie nicht machtloser gemacht haben (so erschien es ihm in seinem Herzenselend) als jetzt, wo sie ihr starres Antlitz in ihrem düstern Zimmer ihm zuwandte. Aber das Licht, das ihm durch die Entdeckung des heutigen Tages aufgegangen war und das auf diese Betrachtungen fiel, brachte ihn zu dem Entschluß, ein entschiedeneres Verfahren einzuschlagen. Auf die Rechtlichkeit seines Vorsatzes bauend und durch ein Gefühl ringsumher schwer drohender Gefahr gedrängt, beschloß er, wenn seine Mutter fortfahre, unnahbar für ihn zu bleiben, sich in seiner Verzweiflung an Affery zu wenden. Wenn sie dazu gebracht werden könnte, offenherzig zu sein und, was an ihr war, zu tun, um den Zauberbann des Geheimnisses, der auf dem Hause lag, zu brechen, so mußte er auch die Lähmung loswerden, die ihm mit jeder Stunde, die über sein Haupt hinging, fühlbarer wurde. Das war das Resultat der Herzensbeklemmung, die ihn den ganzen Tag niedergedrückt hatte, und dies der Entschluß, den er zur Ausführung bringen wollte, sobald der Tag zu Ende ging. Seine erste Enttäuschung, als er an das Haus kam, war, die Tür offen und Mr. Flintwinch auf der Treppe eine Pfeife rauchend zu finden. Wenn die Umstände sich nur gewöhnlich günstig gestaltet hätten, würde Mrs. Affery die Tür auf sein Pochen geöffnet haben. Da die Umstände jedoch ungewöhnlich ungünstig waren, so stand die Tür offen, und Mr. Flintwinch rauchte seine Pfeife auf der Treppe. »Guten Abend«, sagte Arthur. »Guten Abend«, sagte Mr. Flintwinch. Der Rauch kam in gewundenen Wölkchen aus Mr. Flintwinchs Munde, als wenn er sich durch seinen ganzen verdrehten Körper gewunden und in seinen krummen Hals zurückkäme, ehe er herausträte, um sich mit dem Rauch der gewundenen Kamine und dem Nebel des gewundenen Flusses zu vermischen. »Wissen Sie irgend etwas Neues?« sagte Arthur. »Wir wissen nichts Neues«, sagte Jeremiah. »Ich meine von dem fremden Mann«, erklärte Arthur. »Ich meine von dem fremden Mann«, sagte Jeremiah. Er sah so griesgrämig aus, wie er so quer dastand, mit dem Knoten seiner Halsbinde unter dem Ohr, daß Clennam der Gedanke in den Sinn kam, und dies nicht zum erstenmal, ob Flintwinch nicht in seinem eignen Interesse Blandois auf die Seite geschafft hatte? Galt es sein Geheimnis und seine Sicherheit? Er war klein und gebeugt und vielleicht nicht sehr stark; aber er war zähe wie ein alter Eibenbaum und listig wie eine alte Dohle. Wenn solch ein Mann hinter einen weit jüngeren und weit kräftigeren Mann kommt und den festen Willen hat, ihm den Garaus zu machen und sich nicht erweichen zu lassen, so ließ sich das an diesem einsamen Ort zu so später Stunde gar leicht machen. Während in dem krankhaften Zustande seiner Phantasie diese Gedanken sich über den Grundgedanken lagerten, der Clennams Geist unablässig beschäftigte, stand Mr. Flintwinch mit einem bösartigen Ausdruck seines Gesichtes da und betrachtete das gegenüberliegende Haus über den Einfahrtweg mit gekrümmtem Nacken und einem Auge; und er machte mehr den Eindruck, als wolle er die Mundspitze seiner Pfeife zerbeißen, als sich an ihr erfreuen. Und doch genoß er sie in seiner Weise. »Sie werden das nächste Mal, wenn Sie wiederkommen, wie mich dünkt, Mr. Arthur, mein Bild malen können«, sagte Mr. Flintwinch trocken, als er sich bückte, um die Asche auszuklopfen. Etwas verlegen, als er inneward, was er getan, bat Arthur um Verzeihung, wenn er ihn unhöflich lange angesehen hatte. »Aber meine Gedanken drehen sich so viel um diesen Gegenstand«, sagte er, »daß ich mich ganz vergesse.« »Hah! Ich sehe nicht ein«, versetzte Flintwinch gemächlich, »warum das Sie kümmern sollte, Arthur.« »Nicht?« »Nein«, sagte Flintwinch kurz und entschieden; ganz als wenn er von der Hunderasse wäre und nach Arthurs Hand schnappte. »Es ist gleichgültig für mich, wenn ich solche Plakate angeschlagen sehe? Es ist gleichgültig für mich, wenn ich meiner Mutter Haus und Wohnung in solcher Verbindung in der Leute Mund sehe?« »Ich sehe keinen Grund ein«, versetzte Mr. Flintwinch, indem er sich die hornige Wange strich, »warum das für Sie so wichtig sein soll. Aber ich sage Ihnen, was ich sehe, Arthur«, fuhr er fort, indem er nach den Fenstern hinaufblickte, »ich sehe das Kamin- und Kerzenlicht im Zimmer Ihrer Mutter.« »Und was hat das damit zu schaffen?« »Nun, Sir, ich ersehe daraus«, sagte Flintwinch, sich an ihm hinaufschraubend, »daß, wenn es rätlich ist (wie das Sprichwort sagt), einen schlafenden Hund liegen zu lassen, es vielleicht ebenso rätlich ist, einen vermißten Hund liegen zu lassen. Kümmern Sie sich nicht darum. Sie stehen beide gewöhnlich bald genug wieder auf.« Mr. Flintwinch drehte sich kurz um, nachdem er diese Bemerkung gemacht hatte, und ging in die dunkle Halle. Clennam stand da und folgte ihm mit den Blicken, während er in dem kleinen Zimmer an der Seite in die Phosphorbüchse tauchte, um ein Licht anzuzünden, und nach drei- bis viermaligem Versuch endlich Licht gemacht hatte, worauf er die trübe Lampe an der Wand anzündete. Während der ganzen Zeit beschäftigte sich Mr. Clennam mit der vermutlichen Art und Weise – mehr, als wenn sie ihm von einer unsichtbaren Hand gezeigt würden, denn als daß er sie selbst beschwöre – mit der vermutlichen Art und Weise, sagen wir, von Mr. Flintwinchs Mitteln und Wegen, jene dunklere Tat zu tun und die Spuren derselben in einem der dunklen Schattengänge ringsumher zu entfernen. »Nun, mein Herr«, sagte der mürrische Jeremiah, »ist es Ihnen angenehm, mit mir heraufzukommen?« »Meine Mutter ist hoffentlich allein?« »Nein«, sagte Mr. Flintwinch, »Mr. Casby und seine Tochter sind bei ihr. Sie kamen, während ich rauchte; ich blieb deshalb zurück, um meine Pfeife auszurauchen.« Das war die zweite Enttäuschung. Arthur machte keine Bemerkung darüber und ging nach dem Zimmer seiner Mutter, wo Mr. Casby und Flora Tee mit Sardellenbrot und gerösteten Schnitten mit Butter nahmen. Die Überreste dieser Delikatessen waren noch nicht entfernt, weder von dem Tisch, noch von dem erhitzten Gesicht Afferys, die mit der Röstgabel in der Hand wie eine Art allegorischer Figur aussah, nur daß sie in Beziehung auf die sinnbildliche Bedeutung ihrer Erscheinung weit im Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Schlag der Allegorien war. Flora hatte ihren Hut und Schal auf eine Art über das Bett ausgebreitet, daß man deutlich erkennen konnte, sie beabsichtige einige Zeit zu bleiben. Auch Mr. Casby strahlte neben dem Kaminrücken, indem die wohlwollenden Erhöhungen auf seiner Stirn glänzten, als wenn die warme Butter der gerösteten Schnitten durch den patriarchalischen Schädel schwitzte, und sein Gesicht so rot war, als wenn der Färbestoff des Sardellenteiges über diese patriarchalische Physiognomie sich ausbreitete. Da er dies bei dem Austausch der gewöhnlichen Begrüßungen bemerkte, beschloß Clennam ohne Aufschub mit seiner Mutter zu sprechen. Es war eine alte Gewohnheit, da sie niemals ihr Zimmer verließ, wenn ihr jemand etwas im geheimen sagen wollte, sie an ihren Schreibtisch zu rollen; dort saß sie gewöhnlich, den Rücken ihres Stuhls dem übrigen Zimmer zukehrend, während die Person, die mit ihr sprach, in einer Ecke auf einem Stuhl saß, der immer zu diesem Zwecke bereit stand. Ausgenommen, daß es lange her war, seit Mutter und Sohn ohne Einmischung einer dritten Person miteinander gesprochen, war es eine alte Gewohnheit, die jeder Besuch von Mrs. Clennam kannte, daß sie mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Unterbrechung befragt wurde, ob man mit ihr in einer Geschäftsangelegenheit sprechen könne, und wenn sie bejahend antwortete, daß man sie in der bezeichneten Richtung fortrollte. Als deshalb Arthur eine solche Entschuldigung machte und diesen Wunsch aussprach, dann sie an ihren Schreibtisch rollte und sich auf den Stuhl setzte, begann Mrs. Finching noch lauter und schneller zu sprechen, um anzudeuten, daß sie nichts hören könne, und Mr. Casby strich seine langen weißen Haare mit schläfriger Ruhe. »Mutter, ich habe heute etwas gehört, wovon ich überzeugt bin, daß Sie es nicht wissen, und das Sie, nach meiner Ansicht, wissen müssen: es betrifft das frühere Leben des Mannes, den ich hier traf.« »Ich weiß nichts von dem früheren Leben des Mannes, den du hier trafst, Arthur.« Sie sprach laut. Er hatte seine Stimme gedämpft; aber sie wies dieses Entgegenkommen des Vertrauens ab, wie sie jedes andere Entgegenkommen abwies, und sprach in ihrer gewöhnlichen Weise und in ihrem gewöhnlichen strengen Tone. »Ich habe dies nicht auf Umwegen erfahren; sondern es ist mir ganz direkt zugekommen.« Sie fragte ihn, genau wie zuvor, ob er ausdrücklich deshalb gekommen sei, um ihr zu sagen, was es sei. »Ich halte es für gut, daß Sie es wissen.« »Und was ist es?« »Er saß in einem französischen Gefängnis.« Sie antwortete mit der größten Ruhe: »Ich halte das für sehr möglich.« »Aber in einem Gefängnis für Verbrecher, Mutter. Er war eines Mordes beschuldigt.« Sie fuhr bei diesem Worte zusammen, und ihre Blicke drückten ihren unwillkürlichen Schauer aus. Aber sie sprach dennoch laut, als sie fragte: »Wer sagte dir das?« »Ein Mann, der mit ihm gefangen saß.« »Die Vergangenheit jenes Mannes war dir, glaube ich, nicht bekannt, ehe er dies sagte?« »Nein.« »Aber der Mann selbst?« »Ja.« »Das ist auch mein und Mr. Flintwinchs Fall mit jenem andern Mann. Die Ähnlichkeit ist indes, darf ich wohl sagen, nicht so groß, da der Mensch, der dir diese Mitteilung gemacht, dir wohl nicht durch einen Brief eines Korrespondenten zugeführt wurde, bei dem er Geld deponiert hatte? Wie steht es mit diesem Punkte der Parallele?« Arthur hatte keine andere Wahl, als zu erklären, daß sein Gewährsmann ihm nicht durch Vermittlung solcher Beglaubigungsschreiben, wie überhaupt durch gar keine Beglaubigungsschreiben, bekannt geworden. Mrs. Clennams aufmerksames Gesicht bekam immer mehr den Ausdruck strengen Triumphs, und sie versetzte mit Emphase: »Nimm dich in acht mit deinem Urteil über andere. Ich sage dir, Arthur, nimm dich in acht mit deinem Urteil: es könnte dir gefährlich werden!« Ihre Emphase lag ebensosehr in dem Ausdruck ihrer Augen als in dem Nachdruck, den sie auf ihre Worte legte. Sie sah ihn unverwandt an, und wenn er bei seinem Eintritt ins Haus die geringste Hoffnung im stillen hegte, Eindruck auf sie zu machen, so verscheuchte ihr Blick diese Hoffnung wieder aus seinem Herzen. »Mutter, kann ich Ihnen in nichts behilflich sein?« »Nein.« »Wollen Sie mir kein Vertrauen schenken, mir keinen Auftrag und keine Erklärung geben? Wollen Sie keinen Rat von mir annehmen? Wollen Sie mich Ihnen nicht näher kommen lassen?« »Wie kannst du mich so fragen? Bist du es denn nicht gewesen, der sich von meinen Sachen losgesagt? Es war nicht mein Werk, sondern das deine. Wie kannst du beständig eine solche Frage an mich richten? Du weißt, daß du mich den Händen Mr. Flintwinchs überließest, und daß er nun deine Stelle einnimmt.« Mit einem Blicke auf Jeremiah sah Clennam sogar an den Gamaschen desselben, daß seine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, obwohl er, sein Kinn reibend, an der Wand lehnte und tat, als ob er auf Flora horchte, die in höchst zerstreuender Weise sich in einem Chaos von Gegenständen bewegte, in dem Makrelen und Mr. Finchings Tante in einer Schaukel mit Maikäfern und dem Weinhandel verstrickt wurden. »Ein Gefangener in einem französischen Gefängnis, der des Mordes angeklagt war«, wiederholte Mrs. Clennam, ruhig überlegend, was ihr Sohn gesagt. »Das ist alles, was du von seinem Mitgefangenen über ihn erfahren hast?« »Genau genommen alles.« »Und war der Mitgefangene auch sein Mitschuldiger, ebenfalls ein Mörder? Aber er wird freilich besser von sich als von seinem Freunde sprechen; ich brauche gar nicht zu fragen. Casby, Arthur sagt mir –« »Halten Sie ein, Mutter. Halten Sie ein, halten Sie ein!« Er unterbrach sie rasch, denn es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß sie laut preisgeben würde, was er ihr gesagt hatte. »Was soll's?« fragte sie mißvergnügt. »Was gibt's?« »Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Casby – und auch Sie, Mrs. Finching – gestatten Sie nur noch einen Augenblick mit meiner Mutter –« Er hatte seine Hand auf ihren Stuhl gelegt, sie hätte ihn sonst mit einem Druck des Fußes auf den Boden herumgedreht. Sie saßen sich auf diese Weise noch immer gegenüber. Sie sah ihn an, während er an die Möglichkeit eines Resultats dachte, das er nicht beabsichtigt und nicht voraussehen konnte, und das er von dem Offenkundigwerden von Cavalettos Enthüllung fürchten mußte; er kam deshalb rasch zu dem Entschluß, daß es besser wäre, wenn man gar nicht davon spräche; obwohl ihn bei seiner Mitteilung vielleicht kein entschiedenerer Grund leitete, als daß er es für gewiß betrachtete, seine Mutter werde es für sich und ihren Kompagnon behalten. »Was gibt es?« sagte sie wiederum ungeduldig. »Was soll's?« »Ich meinte nicht, daß Sie wiederholen sollten, was ich Ihnen mitteilte. Ich hielte es für besser, wenn Sie's nicht preisgeben.« »Machst du mir das zur Bedingung?« »Nun ja!« »So bedenke wohl, du bist es, der daraus ein Geheimnis macht«, sagte sie, ihre Hand aufhebend, »nicht ich. Du bist es, Arthur, der Zweifel und Verdacht und Bitten um Aufklärungen hierherbringt, und du bist es, Arthur, der Geheimnisse hier hereinschleppt. Was gilt es mir, wo der Mann war oder was er war? Was kann es mir bedeuten? Die ganze Welt darf es wissen, wenn sie es wissen will, es gilt mir gleich. Nun, laß mich gehen.« Er gab ihrem gebietenden und stolzen Blick nach und rollte ihren Stuhl wieder zurück an den Ort, wo er vorher gestanden hatte. Während er dies tat, bemerkte er einen übermütigen Ausdruck auf Mr. Flintwinchs Gesicht, der gewiß nicht durch Flora hervorgerufen war. Die Art und Weise, wie sie sein Wissen und seinen Angriff und seine Pläne gegen ihn drehte, überzeugte ihn sogar noch weit mehr als die Entschiedenheit und Festigkeit seiner Mutter von der Vergeblichkeit aller seiner Bemühungen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich an seine alte Freundin Affery zu wenden. Aber selbst nur dies höchst zweifelhafte und näherbringende Ziel zu erreichen, sich an Affery wenden zu können, schien eine der wenigst versprechenden menschlichen Unternehmungen. Sie war so vollständig in der Sklaverei der beiden Gescheiten, wurde so systematisch von dem einen oder andern beaufsichtigt und fürchtete sich außerdem so sehr, im Hause umherzugehen, daß jede Gelegenheit, mit ihr allein sprechen zu können, im voraus unmöglich zu sein schien. Überdies hatte Mrs. Affery durch gewisse Mittel (es war nicht schwer zu ahnen, daß es die strengen Argumente ihres Eheherrn waren) eine so lebendige Überzeugung von der Gefährlichkeit, irgend etwas unter irgendwelchen Umständen zu sagen, gewonnen, daß sie die ganze Zeit in einem Winkel stehengeblieben war, indem sie sich mit ihrem symbolischen Instrument vor jedem Nahenden schützte; so daß, als Flora oder der flaschengrüne Patriarch selbst einige Worte an sie richteten, sie wie eine Stumme jedes Gespräch mit ihrer Röstgabel von sich abwies. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, Affery zu vermögen, daß sie ihn ansehe, während sie den Tisch abräumte und das Teeservice reinigte, dachte Arthur an ein Auskunftsmittel, zu dem ihm Flora behilflich sein sollte. Er flüsterte ihr deshalb zu: »Könnten Sie nicht sagen, Sie möchten gern einen Gang durch das Haus machen?« Die arme Flora, die immer in der schwankenden Erwartung der Zeit war, wo Clennam seine Jugend wieder aufleben lassen und sterblich in sie verliebt sein würde, vernahm das Geflüster mit dem höchsten Entzücken; denn es wurde nicht nur durch seinen geheimnisvollen Charakter ihr wertvoll, sondern bahnte ihr auch den Weg zu einem zärtlichen Rendezvous, bei dem er ihr den Zustand seiner Neigungen erklären würde. Sie begann deshalb alsbald den Wink auszuführen. »Ach mein Gott, das gute alte Zimmer«, sagte Flora und sah sich dabei um, »es sieht gerade noch immer so aus Mrs. Clennam das rührt mich wahrhaftig nur ist es etwas rauchiger was sich mit der Zeit erwarten ließ und was wir alle erwarten müssen und worein wir uns fügen müssen ob wir Lust haben oder nicht wie ich überzeugt bin daß es auch mit mir der Fall sein wird nur daß ich nicht gerade rauchiger geworden aber schrecklich viel dicker was dasselbe oder gar noch schlimmer wenn ich an die Tage denke wo Papa mich hierherbrachte das kleinste Mädchen eine reine Frostbeulenmasse und man mich auf einem Stuhle festsetzte die Füße auf den Rädern wo ich Arthur – bitte entschuldigen Sie – Mr. Clennam den kleinsten Knaben in der furchtbarsten Halskrause und Jacke ansah ehe Mr. Finching erschien ein nebliger Schatten am Horizont und aufmerksam gegen mich war wie das wohlbekannte Gespenst eines gewissen Ortes in Deutschland der mit B anfängt eine moralische Lehre die uns sagt daß alle Wege im Leben den Wegen im Norden von England ähnlich sind wo sie die Kohlen gewinnen und das Eisen und die Dinge die mit Asche bedeckt sind.« Nachdem sie den Tribut eines Seufzers der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge bezahlt, fuhr Flora rasch in ihrem Vorhaben fort. »Nicht daß jemals sein schlimmster Feind hätte sagen können es sei ein freundliches Haus denn das war es nie aber es machte immer einen großen Eindruck ein verliebtes Gedächtnis erinnert sich einer Gelegenheit in der Jugend ehe das Urteil reif war wo Arthur –- eingewurzelte Gewohnheit – Mr. Clennam mich in eine unbenutzte Küche hinabnahm die in außerordentlich verschimmeltem Zustande war und mir den Vorschlag machte mich dort mein ganzes Leben lang zu verbergen und mich mit dem zu nähren was er von seinen Mahlzeiten beiseite schaffen könnte außer wenn er während der Feiertage nicht zu Hause oder in Ungnade und auf trocken Brot gesetzt war, was in jener friedlichen Zeit gar häufig vorkam – wäre es unpassend oder zuviel verlangt wenn ich bäte man möge mir erlauben diese Szene wieder in meinem Gedächtnis aufzufrischen und einen Gang durch das Haus zu machen?« Mrs. Clennam, die Mrs. Finching gezwungen für die Güte dankte, daß sie überhaupt hier sei, obwohl ihr Besuch (vor Arthurs unerwartetem Erscheinen) eine Art reiner Gutmütigkeit und nicht des Egoismus war, sagte ihr, daß ihr das ganze Haus offen stehe. Flora stand auf und sah Arthur mit einem Blicke an, der ihn aufforderte, daß er sie begleite. »Gewiß«, sagte er laut, »und Affery wird uns hoffentlich leuchten.« Affery entschuldigte sich mit den Worten: »Verlangen Sie nichts von mir, Arthur!« als Mr. Flintwinch sie zum Schweigen brachte, indem er sagte: »Warum nicht? Affery, was ist mit dir, Weib? Warum nicht, Dirne?« Auf solche Weise zur Rede gestellt, kam sie aus ihrem Winkel hervor, lieferte die Röstgabel der einen Hand ihres Gatten aus und nahm den Leuchter, den er ihr bot, von der andern in Empfang. »Geh voran, du Närrin!« sagte Jeremiah. »Wollen Sie hinauf- oder hinuntergehen, Mrs. Finching?« Flora antwortete: »Hinunter!« »Dann gehe die Treppe hinunter voran, Affery«, sagte Jeremiah. »Und mache deine Sache gut, sonst komme ich die Treppe hinunter und falle über dich her!« Affery ging der Expedition voran, Jeremiah schloß sie. Er hatte nicht die Absicht, sie zu verlassen. Clennam sah zurück, und da er bemerkte, daß er drei Stufen hinterdrein in der kältesten und methodischsten Weise folgte, rief er mit leiser Stimme: »Kann man ihn denn nicht loswerden?« Flora beruhigte ihn, indem sie rasch antwortete: »Nun obgleich nicht ganz passend Arthur und etwas woran ich vor einem jüngern Mann oder einem Fremden nicht denken möchte kümmere ich mich doch nicht um ihn besonders wenn Sie es so wünschen und vorausgesetzt Sie haben die Güte mich nicht zu fest anzufassen.« Da er nicht das Herz hatte, zu erklären, daß das gar nicht sei, was er meinte, bog Arthur seinen unterstützenden Arm um Floras Hüfte. »O du meine Güte«, sagte sie, »Sie sind wirklich sehr gehorsam, und es ist gewiß außerordentlich ehrenhaft und artig von Ihnen aber wenn Sie mich etwas fester anfassen wollten würde ich es doch nicht für zudringlich halten.« In dieser albernen Stellung, die in unendlichem Widerspruch mit der Beklommenheit seines Herzens stand, stieg Clennam in den untern Stock des Hauses hinab, und er fand, je dunkler es wurde, desto schwerer wurde Flora und umgekehrt. Als sie von der düstern Küchenregion zurückkehrten, die so traurig wie möglich war, ging Mrs. Affery mit dem Licht in seines Vaters einstiges Zimmer und dann in das alte Speisezimmer, immer voran wie ein Phantom, das man nicht einholen kann; auch wandte sie sich weder um, noch antwortete sie, wenn er flüsterte: »Affery, ich möchte mit Ihnen sprechen!« In dem Speisezimmer überkam Flora der sentimentale Wunsch, in das Drachenkabinett hineinzusehen, das Arthur so oft in den Tagen seiner Kindheit verschlungen – wahrscheinlich wohl auch, weil es als ein sehr dunkles Kabinett die vortreffliche Gelegenheit bot, sehr schwer zu sein. Arthur, der beinahe verzweifelte, öffnete es, als man ein Klopfen an der äußeren Tür hörte. Mrs. Affery zog mit einem unterdrückten Schrei ihre Schürze über den Kopf. »Wie? Du brauchst wohl wieder eine Dosis?« sagte Mr. Flintwinch. »Du sollst sie haben, Frau. Du sollst eine tüchtige Dosis haben! Oh! Ich will dich striegeln und prügeln!« »Geht inzwischen jemand nach der Tür?« sagte Arthur. »Ich gehe inzwischen nach der Tür, Sir«, versetzte der alte Mann, so wild, daß es klar wurde, er fühle, in solcher Verlegenheit müsse er selbst gehen, obgleich er vorgezogen hätte, nicht zu gehen. »Bleibe indessen ruhig stehen! Affery, wenn du dich um einen Zoll breit bewegst oder ein Wort in deiner Dummheit sprichst, so werde ich die Dosis verdreifachen.« Sobald er gegangen war, ließ Arthur Mrs. Finching los; es war dies mit einiger Schwierigkeit verbunden, weil diese Dame seine Absicht mißverstand und ihre Arrangements so traf, daß sie ihn fesselten, statt ihm freie Hand zu lassen. »Affery, sprechen Sie jetzt mit mir!« »Berühren Sie mich nicht, Arthur!« rief sie, ihm ausweichend. »Kommen Sie mir nicht nahe. Er wird Sie sehen. Jeremiah wird es sehen. Tun Sie es nicht.« »Er kann mich nicht sehen«, versetzte Arthur, indem er die Tat mit dem Worte verband, »wenn ich das Licht ausblase.« »Er wird Sie hören«, rief Affery. »Er kann mich nicht hören«, versetzte Arthur, indem er wieder die Tat dem Wort folgen ließ, »wenn ich Sie in dieses dunkle Kabinett ziehe und hier spreche. Warum verbergen Sie Ihr Gesicht?« »Weil ich etwas zu sehen fürchte.« »Sie können nicht fürchten, in dieser Dunkelheit etwas zu sehen, Affery.« »Doch, ich fürchte mich. Noch mehr, als wenn es hell wäre.« »Warum fürchten Sie sich?« »Weil das Haus voll von Geheimnissen steckt; weil es voll Geflüster und Gewisper ist; weil es voll Geräusch ist. Es wird mich noch umbringen, wenn Jeremiah mich nicht vorher erdrosselt; was er sicherlich tut.« »Ich habe hier nie ein Geräusch gehört, das der Beachtung wert gewesen.« »Ach ja! Aber Sie würden solches hören, wenn Sie noch in dem Hause wohnten und darin herumgehen müßten wie ich«, sagte Affery; »und Sie würden fühlen, daß es wohl der Beachtung wert ist, und Sie würden zu bersten glauben, wenn Sie nicht davon sprechen dürften. Da ist Jeremiah! Sie werden noch schuld sein, daß man mich umbringt.« »Meine gute Affery, ich erkläre Ihnen feierlich, daß ich das Licht der offenen Tür auf den Fliesen des Ganges sehen kann, und das würden Sie auch können, wenn Sie die Schürze von Ihrem Gesicht und Ihren Augen wegnehmen wollten.« »Ich möchte das nicht tun«, sagte Affery, »ich möchte es um keinen Preis tun, Arthur. Ich habe immer etwas vor den Augen, wenn es Jeremiah nicht sieht, und sogar bisweilen, wenn er es sieht.« »Er kann die Tür nicht schließen, ohne daß ich es sehe«, sagte Arthur, »Sie sind so sicher bei mir, als wenn er fünfzig Meilen von mir entfernt wäre.« (»Ich wünschte, er wäre es!« rief Affery.) »Affery, ich möchte wissen, was hier für ein Unrecht begangen worden; ich möchte einiges Licht auf die Geheimnisse dieses Hauses geworfen wissen.« »Ich sage Ihnen, Arthur«, unterbrach sie ihn, »das Geheimnis besteht in dem Geräusch, dem Gerassel und dem Schleichen, dem Zittern und den Tritten über uns und unter uns.« »Aber das sind doch nicht alle Geheimnisse?« »Ich weiß nicht«, sagte Affery. »Fragen Sie mich nicht mehr, Ihre ehemalige Geliebte ist in der Nähe, und sie ist eine Schwätzerin.« Seine Geliebte war allerdings so nahe bei der Hand, daß sie in diesem Augenblick in einem wirklichen Winkel von fünfundvierzig Graden sich schwankend zu ihm herabneigte und ihnen ins Wort fiel, um Mrs. Affery mit mehr Ernst als direkter Beteuerung zu versichern, was sie auch hören möge, nichts werde über ihre Lippen kommen, sondern sie werde es für sich behalten, wenn auch nur um Arthurs willen – sie wisse wohl, diese Vertraulichkeit klinge aufdringlich, besser Doyce und Clennam. »Ich wende mich bittend an Sie, Affery, an Sie, eine der wenigen angenehmen Erinnerungen aus früheren Zeiten, die ich habe, – um meiner Mutter, um Ihres Mannes, um meiner, um unserer aller willen wende ich mich an Sie. Ich bin überzeugt, Sie können mir etwas sagen, was sich auf das Hierherkommen dieses Mannes bezieht, wenn Sie nur wollen.« »Nun, so will ich Ihnen sagen, Arthur«, versetzte Affery, – »Jeremiah kommt.« »Nein, wahrhaftig nicht. Die Tür ist offen, und er steht draußen und spricht.« »So will ich Ihnen sagen«, sagte Affery, nachdem sie gelauscht hatte, »daß das erstemal, als er kam, er selbst das Geräusch hörte. ›Was ist das?‹ sagte er zu mir. ›Ich weiß nicht, was es ist‹, sagte ich zu ihm, indem ich ihn festhalte, ›aber ich habe es schon oft gehört.‹ Während ich dies sage, steht er an allen Gliedern zitternd da und starrt mich an.« »War er oft hier?« »Nur jenes Mal, und als er zum letzten Male hier war.« »Was sahen Sie von ihm an jenem letzten Abend, nachdem ich fortgegangen war?« »Die beiden Gescheiten waren ganz allein mit ihm. Jeremiah kam hüpfend neben mir her, nachdem ich Sie hinausgelassen (er kommt immer hüpfend neben mir her, wenn er mir wehe tun will), und sagte zu mir: ›Nun, Affery, ich komme hinter dir drein, Weib, um dir Füße zu machen.‹ Damit nahm er mich hinten am Halse und drückte mich, bis ich den Mund aufsperrte, und trieb mich vor sich zu Bett, indem er mich den ganzen Weg zwickte. Das nennt er mir Füße machen. Oh, er ist ein bösartiger Mann.« »Und hörten und sahen Sie sonst nichts, Affery?« »Sagte ich Ihnen nicht, ich wurde zu Bett geschickt, Arthur? Hier ist er!« »Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Dieses Geflüster und Gewisper, Affery, von dem Sie gesprochen haben, was ist das?« »Wie kann ich wissen! Fragen Sie mich nicht weiter, Arthur. Gehen Sie jetzt.« »Ich versichere Sie, er ist noch immer an der Tür. Das Geflüster und Gewisper, von dem Sie gesprochen, Affery. Was ist damit?« »Wie sollt' ich es wissen! Fragen Sie mich nicht danach, Arthur. Gehen Sie!« »Aber meine liebe Affery, wenn ich nicht einen Einblick in diese verborgenen Dinge, trotz Ihres Mannes und trotz meiner Mutter, bekommen kann, so wird das größte Verderben daraus entstehen.« »Fragen Sie mich nichts«, wiederholte Affery. »Ich war die ganze Zeit in einem Traum. Gehen Sie, gehen Sie!« »Sie sagten das früher schon«, versetzte Arthur. »Sie gebrauchten denselben Ausdruck in jener Nacht an der Tür, als ich Sie fragte, was hier vorgehe. Was meinen Sie mit dem Ausdruck ›in einem Traum sein‹?« »Ich kann es Ihnen nicht sagen. Gehen Sie! Ich würde es Ihnen nicht sagen, wenn Sie allein wären; noch weniger, da Ihre ehemalige Geliebte zugegen ist.« Es war gleich vergeblich, daß Arthur bat und Flora ihre Verschwiegenheit beteuerte. Affery, die die ganze Zeit zitterte und sich loszumachen suchte, hatte ein taubes Ohr für alle Beschwörungen und dachte nur, wie sie aus dem Kabinett hinauskommen, könnte. »Ich würde lieber Jeremiah rufen, als noch ein Wort sagen! Ich werde ihn rufen, wenn Sie nicht aufhören, mit mir zu sprechen. Vernehmen Sie das allerletzte Wort, das ich sage, ehe ich ihn rufe. Wenn Sie jemals der beiden Gescheiten Meister werden (Sie sollten es tun, wie ich Ihnen am ersten Tage Ihrer Ankunft sagte, denn Sie haben hier nicht so lange Jahre zugebracht, daß Sie sich Ihr Leben lang zu fürchten brauchen wie ich), so werden Sie ihrer vor meinen Augen Meister; und dann sagen Sie zu mir: ›Affery, erzählen Sie Ihre Träume.‹ Vielleicht erzähle ich sie Ihnen dann.« Das Schließen der Tür schnitt Arthurs Antwort ab. Sie stellten sich wieder an den Ort, wo Jeremiah sie verlassen; und Clennam, der vortrat, als der alte Mann zurückkam, sagte ihm, daß er durch Zufall das Licht ausgelöscht habe. Mr. Flintwinch sah darauf hin, während er es an der Lampe in der Halle wieder anzündete, und beobachtete ein tiefes Schweigen bezüglich der Person, mit der er gesprochen hatte. Vielleicht forderte seine Reizbarkeit Ersatz für die Langeweile, die ihm der Besuch verursacht; wie dem nun auch war, er wurde so ärgerlich, als er seine Frau mit der Schürze über dem Kopf sah, daß er über sie herfiel, und indem er ihre verhüllte Nase zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, in dem Druck, mit dem er jene umdrehte, seine ganze Schraubkraft zu erschöpfen schien. Flora entband Arthur der Besichtigung des Hauses nicht früher, als bis sie auch in seinem ehemaligen Schlafzimmer gewesen war, das sich in dem Giebelstock befand. Seine Gedanken waren mit andern Dingen beschäftigt als mit dieser Besichtigungstour; aber später, wenn er sich bisweilen wieder daran erinnerte, fiel ihm besonders die dumpfe Luftlosigkeit des Hauses auf; ferner, daß man die Spur ihrer Tritte in dem Staub der obern Boden sah; und daß endlich eine Zimmertür Widerstand leistete, was Affery veranlaßte, laut zu schreien, es habe sich jemand drin verborgen, auf welchem Glauben sie beharrte, obgleich man jemand suchte und niemand fand. Als sie endlich nach seiner Mutter Zimmer zurückkehrten, fanden sie sie, das Gesicht mit ihrer eingehüllten Hand beschattend, während sie leise mit dem Patriarchen sprach, der vor dem Kamin stand. Seine blauen Augen, sein glatter Kopf und seine seidenen Haare, die sich ihnen zuwandten, als sie eintraten, verliehen einen unschätzbaren Wert und eine unerschöpfliche Liebe der Bemerkung, die er machte: »So, Sie haben das Haus sich angesehen, – das Haus – das Haus sich angesehen!« Es war an und für sich nicht gerade ein Juwel von Wohlwollen und Weisheit, aber er machte seine Worte doch zu einem Muster von beidem, daß man gerne eine Kopie davon gehabt hätte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Der Abend eines langen Tages Der berühmte Mann und anerkannte Schmuck der Nation, Mr. Merdle, schritt auf seiner glänzenden Bahn voran. Es begann weit und breit anerkannt zu werden, daß ein Mann, der der Gesellschaft den bewundernswerten Dienst geleistet, so viel Geld aus ihr herauszuschlagen, nicht ein Mitglied vom Unterhause bleiben dürfe. Man sprach mit Zuversicht von einer Baronie; häufig war auch von der Pairswürde die Rede. Das Gerücht ging, Mr. Merdle habe sein goldenes Gesicht von einer Baronie mit Verachtung abgewandt; er habe Lord Decimus offen zu verstehen gegeben, daß eine Baronie nicht genug für ihn sei; er habe gesagt: »Nein, eine Pairswürde oder einfach Merdle.« Man erzählte sich, dies habe Lord Decimus' adliges Kinn so tief in eine Pfütze von Zweifeln gestürzt, wie eine so hohe Person sinken konnte. Denn die Barnacles, als eine abgesonderte Gruppe in der Schöpfung, waren der Ansicht, daß solche Auszeichnungen nur für sie seien und daß, wenn ein Soldat, Seemann oder Advokat geadelt würde, sie ihn gleichsam durch einen Akt besonderer Herablassung an der Familientür empfingen und diese dann alsbald wieder schlössen. Nicht allein (sagte das Gerücht) hatte der verlegene Decimus seine eignen Erben dabei vor Augen, sondern er wußte auch von mehreren Barnacles, die auf der Liste standen und mit den Ansprüchen des vornehmsten Geistes in Kollision kamen. Mit Recht oder Unrecht, das Gerücht war sehr geschäftig, und Lord Decimus, der die Schwierigkeit in ernstliche Erwägung zog, oder von dem man vermutete, daß er es tat, lieh ihm einigen Vorschub, indem er bei verschiedenen öffentlichen Gelegenheiten seinen Elefantentrott durch eine Dschungel von hochgewachsenen Redensarten anschlug, indem er auf seinem Rüssel Mr. Merdle als Riesenunternehmungsgeist, Reichtum von England, Elastizität, Kredit, Kapital, Wohlfahrt und alle Arten von Segen hin und her bewegte. So ruhig mähte die alte Sense fort, daß volle drei Monate unbemerkt vergangen waren, seit die beiden englischen Brüder in ein Grab auf dem Fremdenkirchhof von Rom gelegt worden waren. Mr. und Mrs. Sparkler hatten sich nun in ihrem eignen Hause eingerichtet; ein kleines Herrschaftshaus, etwa von der Tite Barnacle-Klasse, ein wahrer Triumph der Unbequemlichkeit mit dem beständigen Geruch der Suppe vom vorgestrigen Tage und von Wagenpferden, aber außerordentlich teuer, weil es genau im Mittelpunkt des bewohnbaren Globus lag. In dieser beneidenswerten Wohnung (und sie wurden wirklich darum von vielen beneidet) hatte Mrs. Sparkler die Absicht, sogleich sich ans Werk der Vernichtung des Busens zu machen, als der Ausbruch der Feindseligkeiten durch die Ankunft des Kuriers mit der Todesnachricht unterbrochen wurde. Mrs. Sparkler, die nicht gefühllos war, hatte die Kunde mit einem heftigen Ausbruch von Schmerz vernommen, der zwölf Stunden lang dauerte. Nach diesen hatte sie sich aufgerafft, um an ihre Trauerkleidung zu denken und alle Vorbereitungen zu treffen, die sie so vorteilhaft machen könnten wie Mrs. Merdle. Ein düsterer Schatten fiel auf mehr als eine hohe Familie (so berichteten die höflichsten Anzeigen), und der Kurier kehrte wieder zurück. Mr. und Mrs. Sparkler hatten allein gespeist, und der düstere Schatten ruhte auf ihnen; nun lag Mrs. Sparkler auf einem Salonsofa. Es war ein heißer Sommersonntagsabend. Die Wohnung in der Mitte des bewohnbaren Globus, die zu allen Zeiten verstopft und verschlossen war, als wenn sie an einer unheilbaren Erkältung des Kopfes litt, war an jenem Abend besonders dumpf. Die Kirchenglocken hatten ihr abscheulichstes Gewimmer angestimmt, das in den Straßen ein unmelodisches Echo fand, und die erleuchteten Fenster der Kirchen hatten in dem grauen Nebel ihre gelbe Farbe verloren und waren in dunkles Schwarz übergegangen. Mrs. Sparkler, die auf ihrem Sofa lag und lange durch ein offenes Fenster auf der entgegengesetzten Seite über Nelken- und andere Blumenkistchen hinweg nach der entgegengesetzten Seite einer engen Straße gesehen hatte, war dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah dann zu einem andern Fenster hinaus, wo ihr Gatte auf dem Balkon stand, und ward bald auch dieses Anblicks müde. Mrs. Sparkler sah sich selbst in ihrer Trauerkleidung an und ward sogar dieses Anblicks müde; obgleich natürlich nicht so müde wie die beiden andern Male. »Es ist, als wenn man in einem Brunnen läge«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie verdrießlich ihre Stellung änderte. »Mein Gott, Edmund, wenn du etwas zu sagen hast, warum sagst du es nicht?« Mr. Sparkler hätte aufrichtig antworten können: »Meine Liebe, ich habe nichts zu sagen.« Da ihm jedoch diese passende Antwort nicht einfiel, so begnügte er sich, den Balkon zu verlassen und sich neben das Sofa zu stellen, auf dem seine Frau lag. »Du meine Güte, Edmund!« sagte Mrs. Sparkler noch verdrießlicher, »du wirst die Nelken noch in deine Nase stecken! Laß das, bitte!« Mr. Sparkler, der geistesabwesend war – vielleicht wörtlicher geistesabwesend, als man gewöhnlich diese Phrase versteht –, hatte so dicht an einem Schößling in seiner Hand gerochen, daß er das fragliche Vergehen beinahe begangen hätte. Er sagte lächelnd: »Ich bitte um Vergebung, meine Liebe«, und warf ihn zum Fenster hinaus. »Du machst mir Kopfweh, wenn du in dieser Stellung bleibst, Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, indem sie nach einer weitern Minute die Blicke zu ihm erhob. »Du siehst in diesem Lichte so ungeheuer groß aus. Setze dich.« »Gern, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. Und stellte einen Stuhl an den Ort, wo er gestanden hatte. »Wenn ich nicht wüßte, daß der längste Tag vorüber ist«, sagte Fanny, furchtbar gähnend, »so wäre ich fest überzeugt gewesen, dies sei der längste Tag. Ich habe nie einen solchen Tag erlebt.« »Ist das dein Fächer, meine Liebe?« fragte Mr. Sparkler, indem er einen solchen aufhob und ihn ihr gab. »Edmund«, versetzte seine Frau noch müder, »frage nicht dergleichen, ich bitte dich. Wem kann er denn gehören als mir?« »Ja, ich dachte mir, daß er dir gehören werde«, sagte Mr. Sparkler. »Dann solltest du nicht fragen«, versetzte Fanny. Nach einer kurzen Weile drehte sie sich auf ihrem Sofa um und rief: »Mein Gott, mein Gott, es war noch kein Tag so lang wie dieser!« Nach einer zweiten Pause erhob sie sich langsam, ging auf und nieder und kam wieder zurück. »Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, den ein origineller Gedanke durchblitzte, »ich denke, du wirst einen Nervenanfall haben –« »Oh! Nervenanfall!« wiederholte Mrs. Sparkler. »Sage das nicht!« »Mein anbetungswürdiges Kind!« bat Mr. Sparkler, »versuche deinen aromatischen Essig. Ich habe meine Mutter oft Gebrauch davon machen sehen, und es schien sie zu erfrischen. Und sie ist, wie du wohl bemerkt haben wirst, eine außerordentliche feine Frau, die keinen –« »Gütiger Gott!« rief Fanny, wieder auffahrend, »es ist, um alle Geduld zu verlieren! Das ist gewiß der langweiligste Tag, der je über der Welt anbrach!« Mr. Sparkler sah ihr demütig nach, während sie im Zimmer auf und ab ging, und schien etwas erschrocken. Nachdem sie mehrere Kleinigkeiten umhergeworfen und aus allen drei Fenstern in die dunkler werdende Straße hinabgesehen hatte, kehrte sie zu ihrem Sofa zurück und warf sich in die Kissen. »Nun, Edmund, komm hierher! Komm etwas näher, weil ich dich mit meinem Fächer zu berühren imstande sein möchte, um dir genau einzuschärfen, was ich dir nun zu sagen im Begriff bin. So wird's recht sein. Schon nahe genug. Oh, du siehst so groß aus!« Mr. Sparkler entschuldigte sich wegen dieses Umstandes, versicherte, daß er nichts dafür könne, und sagte »unsre Jungen«, ohne besonders zu sagen, welche Jungen, hätten ihn gewöhnlich Quinbus Flestrin Junior oder den »Young Man Mountain« genannt. »Das hättest du mir früher sagen sollen«, klagte Fanny. »Meine Liebe«, versetzte Mr. Sparkler, fast angenehm berührt, »ich wußte nicht, daß dich das interessieren würde, sonst würde ich dir gewiß davon gesprochen haben.« »Nein! Um aller Güte willen, sprich nicht«, sagte Fanny, »ich möchte selbst sprechen. Edmund, wir dürfen nicht mehr allein sein. Ich muß Vorkehrungen treffen, die es unmöglich machen, daß ich immer wieder in diesen Zustand schrecklicher Gedrücktheit verfalle, in dem ich mich heute abend befinde.« »Meine Liebe«, antwortete Mr. Sparkler, »da du als eine außerordentlich feine Frau bekannt bist, die keinen –« »O, Grundgütiger!« rief Fanny. Mr. Sparkler wurde durch die Heftigkeit dieses Ausrufs, der von einem Auffahren vom Sofa und einem Niedersinken begleitet war, so außer Fassung gebracht, daß es ein bis zwei Minuten dauerte, ehe er sich imstande fühlte, zur Erklärung zu sagen: »Ich wollte sagen, meine Liebe, jedermann wisse, du seiest darauf angewiesen, in Gesellschaft zu glänzen.« »Darauf angewiesen, in. Gesellschaft zu glänzen«, versetzte Fanny mit großer Gereiztheit! »ja, wahrhaftig. Ich erhole mich durch die Besuche kaum von dem Schlag des Todes meines armen teuren Vaters und meines armen Onkels – obgleich ich nicht verhehle, daß das letztere eine große Wohltat war, denn wenn man nicht in Gesellschaft gebracht werden kann, so tut man besser zu sterben –« »Du meinst damit hoffentlich nicht mich?« unterbrach sie Mr. Sparkler demütig. »Edmund, Edmund, du könntest einen Heiligen aus der Fassung bringen. Spreche ich nicht ausdrücklich von meinem armen Onkel?« »Du sahst mich so bedeutsam an, mein liebes Kind«, sagte Mr. Sparkler, »daß mir etwas unbehaglich wurde. Ich danke dir, meine Liebe.« »Nun hast du mich aus dem Konzept gebracht«, bemerkte Fanny mit einem resignierten Schlag ihres Fächers, »und ich ginge besser zu Bett.« . »Tue das nicht, meine Liebe«, drängte Mr. Sparkler. »Bleibe noch etwas.« Fanny wartete noch etwas lange; sie lehnte sich zurück, schloß die Augen und zog die Augenbrauen mit einem hoffnungslosen Ausdruck hinauf, als wenn sie alle irdischen Dinge völlig aufgegeben hätte. Endlich öffnete sie ohne die geringste Warnung die Augen wieder und begann in ihrer kurzen, scharfen Weise: »Was geschieht, frage ich? Was geschieht? In der Lebensperiode, wo ich am meisten in der Gesellschaft glänzen sollte und aus sehr wichtigen Gründen am meisten in der Gesellschaft zu glänzen wünschte – sehe ich mich in einer Lage, die bis zu einem gewissen Grade mich unfähig macht, in Gesellschaft zu erscheinen. Es ist wahrhaftig schrecklich!« »Meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler, »ich glaube nicht, daß du deshalb zu Hause zu bleiben brauchst.« »Edmund, du lächerlicher Mensch«, versetzte Fanny mit großer Entrüstung; »glaubst du, daß eine Frau in der Blüte der Jugend, und nicht ganz aller persönlichen Reize bar, sich zu solcher Zeit mit ihrer Gestalt dem Vergleich mit einer Frau aussetzen darf, die in jeder andern Beziehung unter ihr steht? Wenn du das glaubst, so bist du ein grenzenloser Narr.« Mr. Sparkler machte den bescheidenen Einwurf, er habe gemeint, »daß es sich überwinden ließe.« »Überwinden!« sagte Fanny in grenzenlosem Zorn. »Eine Zeitlang!« meinte Mr. Sparkler bescheiden. Diesen letzten schwachen Einwurf keiner Beachtung würdigend, erklärte Mrs. Sparkler mit bitterem Ausdruck, daß es wirklich zu traurig sei und hinreichend, einen zu dem Wunsche zu bringen, man wäre tot. »Freilich«, sagte sie, als sie sich einigermaßen des Gefühls entschlagen, daß sie grausam behandelt werde, »so empörend es ist, und so grausam es scheint, man muß sich eben darein finden.« »Namentlich, wenn man es erwarten mußte«, sagte Mr. Sparkler. »Edmund«, versetzte seine Frau, »wenn du nichts Passenderes zu tun weißt, als die Frau zu beleidigen zu suchen, die dich mit ihrer Hand beehrte, wenn sie sich unglücklich fühlt, so glaube ich, es wäre besser, du gingest zu Bett.« Mr. Sparkler war sehr unglücklich über diese Beschuldigung und suchte sich aufs zärtlichste und ernstlichste zu entschuldigen. Seine Entschuldigung wurde angenommen; aber Mrs. Sparkler bat ihn, auf die andere Seite des Sofas zu gehen, hinter dem Fenstervorhang zu sitzen und leiser zu sprechen. »Nun, Edmund«, sagte sie, indem sie ihren Fächer ausstreckte und ihn damit auf Armslänge berührte, »was ich dir sagen wollte, als du wie gewöhnlich zu schwatzen begannst, ist, daß ich nicht länger allein zu sein im Sinne habe und daß, wenn die Umstände mir verbieten, nach Belieben auszugehen, ich es arrangieren muß, beständig die einen oder die andern bei mir zu haben; denn ich kann und will keinen solchen Tag mehr erleben wie den heutigen.« Mr. Sparklers Ansicht in Beziehung auf diesen Plan war in Kürze die, daß kein Unsinn darin sei. Er fügte hinzu: »Und außerdem, wie du weißt, wirst du bald deine Schwester hier haben –« »Die liebe Amy, ja!« rief Mrs. Sparkler mit einem liebevollen Seufzer. »Ein allerliebstes kleines Ding. Aber Amy würde allein doch nicht genügen.« Mr. Sparkler war im Begriff, mit einem fragenden »Nein?« zu antworten. Aber er sah, welche Gefahr für ihn darin lag, und sagte bestätigend: »Nein. Allerdings nicht: sie würde allein nicht genügen.« »Nein, Edmund. Denn nicht nur sind die Vorzüge dieses kostbaren Kindes von jener stillen Art, daß sie eines Kontrastes bedürfen – Leben und Bewegung um sich her brauchen, um sie ins richtige Licht zu stellen und sie allgemein beliebt zu machen; sondern sie muß in mehr als einer Beziehung aufgeweckt werden.« »Das ist es«, sagte Mr. Sparkler, »aufgeweckt.« »Bitte, laß das, Edmund! Deine Gewohnheit zu unterbrechen, ohne daß du das geringste von der Welt zu sagen hast, bringt einen in Verwirrung. Das mußt du dir abgewöhnen. Ich sprach von Amy; meine arme Kleine war außerordentlich anhänglich an den armen Papa und hat gewiß seinen Tod schmerzlich beweint und sich sehr gehärmt. Ich habe es ja auch getan. Ich habe den Verlust tief empfunden. Aber Amy wird ihn noch schmerzlicher empfunden haben, da sie die ganze Zeit an Ort und Stelle war und den armen, lieben Papa bis zum letzten Augenblick gepflegt hat; was mir leider nicht vergönnt war.« Hier hielt Fanny inne, um zu weinen, und sagte dann: »Der liebe, liebe, gute Papa! Was für ein echter Gentleman er war! Was für ein Kontrast mit dem armen Onkel!« »Die Nachwirkungen dieser Prüfungszeit«, fuhr sie fort, »wird man bei meiner guten kleinen Maus durch Aufheiterung zu verwischen suchen müssen. Ebenso die Nachwirkungen der langen Pflege bei Edwards Krankheit: einer Pflege, die noch nicht vorüber ist und die noch einige Zeit dauern kann, die außerdem uns alle so lange nicht zur Ruhe kommen läßt, bis die Angelegenheiten des armen guten Papa ins reine gebracht werden können. Glücklicherweise sind die Papiere bei seinen Agenten hier alle gesiegelt und verschlossen, wié er sie zurückließ, als er gewissermaßen ahnungsvoll nach England kam; seine Sachen sind in dem geordneten Zustande, daß es mit ihnen Zeit hat, bis mein Bruder Edward sich in Sizilien wieder so weit erholt hat, um herüberzukommen und anzuordnen, was zu tun ist, auszuführen oder was sonst geschehen soll.« »Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben«, war Mr. Sparkler so kühn auszusprechen. »Es ist ein Wunder, daß ich dir recht geben kann«, versetzte seine Frau, indem sie langsam ihre Augenlider etwas nach ihm hinrichtete (sie predigte sonst, als wenn es den Möbeln des Wohnzimmers gälte), »und deinen Worten beipflichten kann. Er konnte keine bessere Pflegerin bei sich haben. Es gibt Zeiten, wo mein liebes Kind für einen lebhaften Geist etwas Ermüdendes hat; aber als Pflegerin ist sie die Vollkommenheit selbst. Die beste Amy, die es gibt!« Mr. Sparkler, dem nach seinem letzten Erfolg der Mut rasch gestiegen war, bemerkte, Edward schlage sich wahrlich lange herum. »Wenn ›sich herumschlagen‹ der technische Ausdruck für Unwohlsein ist«, versetzte Mrs. Sparkler, »so ist das allerdings der Fall. Wenn aber nicht, so bin ich außerstande, eine Meinung über die barbarische Sprache abzugeben, die du an Edwards Schwester richtest. Daß er sich das Malariafieber irgendwo geholt – entweder, als er Tag und Nacht nach Rom reiste, wo er doch zu spät angekommen, um den armen lieben Papa noch vor dem Sterben zu sehen, oder bei einer andern unglücklichen Gelegenheit – ist unzweifelhaft, wenn es das ist, was du meinst. Ebenso, daß sein außerordentlich leichtfertiges, Leben die Krankheit sehr gefährlich für ihn gemacht hat.« Mr. Sparkler hielt es für einen ähnlichen Fall, wie den mit einzelnen von unsern jungen Leuten in Westindien, wenn sie das gelbe Fieber bekommen. Mrs. Sparkler schloß ihre Augen wieder und wies jede Bekanntschaft mit unseren jungen Leuten in Westindien oder dem gelben Fieber von sich ab. »Amy«, fuhr sie fort, als sie ihre Augen wieder öffnete, »wird es nötig haben, daß man sie von den Nachwirkungen mancher ermüdenden und bangen Woche durch Erheiterung befreit. Endlich wird sie nötig haben, daß man ihr die Richtung aufs Niedrige benimmt, die, wie ich wohl weiß, in der Tiefe ihres Herzens ruht. Frage mich nicht, Edmund, was es ist, weil ich dir eine Antwort versagen müßte.« »Ich will es auch gar nicht wissen, meine Liebe«, sagte Mr. Sparkler. »Ich werde somit manches an meinem lieben Kind gutzumachen haben«, fuhr Mrs. Sparkler fort, »und kann sie nicht bald genug bei mir haben. Die liebenswürdigen und lieben kleinen Füßchen! Was das Ordnen der Angelegenheiten des armen Papa betrifft, so ist mein Interesse dabei durchaus nicht selbstsüchtiger Natur. Papa zeigte sich außerordentlich freigebig gegen mich, als ich heiratete, und ich habe wenig oder nichts zu erwarten. Vorausgesetzt, daß er kein rechtsgültiges Testament gemacht, das Mrs. General ein Legat aussetzt, bin ich zufrieden. Der liebe Papa, der liebe Papa!« Sie weinte wieder, aber Mrs. General war das beste stärkende Mittel. Der Name schon veranlaßte sie, ihre Augen zu trocknen und zu sagen: «Es ist ein sehr ermutigender Umstand bei Edwards Krankheit, ich erkenne es mit Dank an, und es gibt mir die größte Zuversicht, daß sein Kopf nicht gelitten oder sein Geist schwächer geworden ist – wenigstens nicht bis zu des lieben Papas Tod –, daß er Mrs. General augenblicklich ausbezahlte und sie aus dem Hause wegschickte. Ich muß ihm dafür meinen Beifall zollen. Ich könnte ihm viel vergeben, weil er so rasch und so genau tat, was ich selbst getan haben würde!« Mrs. Sparkler glühte ganz vor Dankbarkeit, als man zweimal an die Tür pochen hörte. Ein höchst wunderliches Pochen. Leise, als wenn man ein Geräusch zu machen oder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermeiden wollte. Lange, als wenn die Person, die klopfte, mit andern Dingen beschäftigt wäre und aufzuhören vergäße. »Hallo!« sagte. Mr. Sparkler. »Wer ist das?« »Doch nicht Amy und Edward, ohne es uns zuvor wissen zu lassen und ohne einen Wagen?« sagte Mrs. Sparkler. »Sieh hinaus!« Das Zimmer war dunkel, aber die Straße war wegen der Lampen heller. Mr. Sparklers Kopf sah, während er über den Balkon herabschaute, so groß und schwer aus, daß er das Übergewicht zu bekommen und den Unbekannten unten plattzuschlagen drohte. »Es ist ein Mann«, sagte Mr. Sparkler. »Ich kann nicht sehen, wer – halt, indessen!« Bei diesem zweiten Gedanken ging er wieder auf den Balkon und sah zum zweiten Male hinab. Er kam zurück, als die Tür unten geöffnet wurde, und meldete, daß, er »seines Erziehers Hut« erkannt zu haben glaube. Er hatte sich nicht getäuscht, denn sein Erzieher trat unmittelbar darauf mit seinem Hut in der Hand in das Zimmer. »Lichter!« sagte Mr. Sparkler mit einem Wort der Entschuldigung wegen der Dunkelheit. »Es ist hell genug für mich«, sagte Mr. Merdle. Als die Lichter hereingebracht waren, sah man Mr. Merdle hinter der Tür stehen und sich auf die Lippen beißen, »Ich dachte, ich wollte euch besuchen«, sagte er. »Ich bin jetzt gerade sehr beschäftigt; und da ich zufällig einen Gang durch die Stadt machte, dachte ich, ich wollte euch besuchen.« Da er wie zu einem Diner gekleidet war, fragte Fanny, wo er diniert habe? »Nun«, sagte Mr. Merdle, »ich habe eigentlich nirgends diniert.« »Sie haben doch gespeist?« sagte Fanny. »Ja – nein, ich habe eigentlich nicht gespeist«, sagte Mr. Merdle. Er fuhr mit der Hand über die Stirn und besann sich, als wenn er die Sache nicht ganz gewiß wüßte. Man bot ihm etwas zu essen an. »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich habe keinen Appetit. Ich wollte mit Mrs. Merdle auswärts speisen. Da ich aber die Lust verlor, ließ ich Mrs. Merdle, gerade als wir in den Wagen stiegen, allein gehen und dachte, ich wolle statt dessen einen Gang durch die Stadt machen.« Ob er Tee oder Kaffee wolle? »Nein, ich danke«, sagte Mr. Merdle. »Ich war einen Augenblick im Klub und trank eine Flasche Wein.« Nun nahm Mr. Merdle den Stuhl, den Edmund Sparkler ihm angeboten und den er bisher langsam vor sich hergeschoben hatte, wie ein unbehilflicher Mensch, der zum ersten Male ein Paar Schlittschuhe anhat und sich nicht entschließen kann, damit auszuschreiten. Dann stellte er seinen Hut auf einen anderen Stuhl neben sich, sah in denselben hinein, als wenn er zwanzig Fuß tief wäre, und sagte wieder: »Ihr seht, ich wollte euch einen Besuch machen.« »Sehr schmeichelhaft für uns«, sagte Fanny, »denn Sie sind kein Mann, der Besuche macht.« »N – ein«, versetzte Mr. Merdle, der sich inzwischen an den Rockärmeln in Haft genommen. »Nein, ich bin kein Mann, der Besuche macht.« »Dafür haben Sie zu viel zu tun«, sagte Fanny. »Da Sie so viel zu tun haben, Mr. Merdle, ist der Mangel an Appetit bei Ihnen sehr bedenklich, und Sie müssen etwas dafür tun. Sie dürfen nicht krank sein.« »Oh, ich bin ganz wohl«, versetzte Mr. Merdle, nachdem er die Sache überlegt hatte. »Ich bin so wohl wie immer. Ich bin wohl genug. Ich bin so wohl, wie ich zu sein brauche.« Der vornehmste Geist des Zeitalters, treu seinem Charakter, immer so wenig wie möglich für sich zu sagen zu haben, und dies nur mit großer Mühe zu sagen, ward wieder stumm. Mrs. Sparkler hätte gern gewußt, wie lange der vornehmste Geist zu bleiben beabsichtige. »Ich sprach vom armen Papa, als Sie eintraten, Sir.« »Ah! Ein hübsches Zusammentreffen«, sagte Mr. Merdle. Fanny sah das nicht ein, aber hielt es für ihre Aufgabe, weiterzusprechen. »Ich sagte«, fuhr sie fort, »meines Bruders Krankheit habe einen Aufschub der Prüfung und Ordnung des Vermögens meines Papa veranlaßt.« »Ja, ja«, sagte Mr. Merdle. »Sie veranlaßte einen Aufschub.« »Nicht, daß dieser gerade von Bedeutung wäre«, sagte Fanny. »Nein«, stimmte Mr. Merdle bei, nachdem er den ganzen Kreis, rings im Zimmer umher, soweit sein Gesichtskreis reichte, gemustert hatte, »nicht daß es von Bedeutung wäre.« »Das einzige, woran mir, liegt«, sagte Fanny, »ist, daß Mrs. General nichts bekommt.« » Sie wird nichts bekommen«, sagte Mr. Merdle. Fanny war entzückt, ihn diese Ansicht aussprechen zu hören. Nachdem Mr. Merdle noch einen Blick in die Tiefen seines Hutes geworfen, als wenn er darin etwas zu sehen glaubte, fuhr er sich in die Haare und hing langsam seiner letzten Bemerkung die bestätigenden Worten an: »Oh, sicher nicht. Nein. Sie nicht. Nicht wahrscheinlich.« Da dieser Gesprächsgegenstand erschöpft zu sein schien und auch Mr. Merdle, so fragte Fanny, ob er Mrs. Merdle und den Wagen unterwegs abholen würde? »Nein«, antwortete er; »ich werde den kürzesten Weg machen, und Mrs. Merdle« – dabei blickte er über das Innere seiner beiden Hände hin, als wenn er sich sein Schicksal prophezeite– »für sich selbst sorgen lassen. Ich bin überzeugt, es wird ihr gelingen.« »Wahrscheinlich«, sagte Fanny. Es entstand eine lange Pause, wahrend der Mrs. Sparkler, sich wieder in ihr Sofa zurücklegend, die Augen schloß und ihre Augenbrauen in die Höhe zog, um sich wie zuvor ganz von weltlichen Dingen abzuwenden. »Aber«, sagte Mr. Merdle, »ich halte euch und mich auf, Ich dachte, ich wollte euch einen Besuch machen.« »Gewiß, wir fühlen uns sehr geschmeichelt«, sagte Fanny. »So will ich denn gehen«, fügte Mr. Merdle hinzu und stand auf. »Könnten Sie mir ein Federmesser leihen?« . Es sei doch seltsam, bemerkte Fanny lächelnd, daß sie, die es selten über sich vermöchte, auch nur einen Brief zu schreiben, einem Mann von so großen Geschäften etwas leihen sollte. »Nicht wahr?« stimmte Mr. Merdle bei; »aber ich brauche ein solches; und ich weiß, ihr habt zur Hochzeit mehrere kleine Keepsakes bekommen, mit Scheren und Zänglein und dergleichen. Ihr sollt es morgen wiederhaben.« »Edmund«, sagte Mrs. Sparkler, »öffne mal (aber sehr vorsichtig, ich bitte dich dringend, denn du bist so ungeschickt), öffne das Perlmutterkästchen auf meinem kleinen Tischchen dort, und gib Mr. Merdle das Perlmutterfedermesser.« »Ich danke«, sagte Mr. Merdle, »aber wenn Sie eines mit einem dunklern Griff hätten, so würde ich das vorziehen.« »Schildpatt?« »Ich denke«, sagte Mr. Merdle, »ja. Ich glaube, ich würde Schildpatt vorziehen.« Edmund erhielt demzufolge Befehl, das Schildpattkästchen aufzumachen und Mr. Merdle das Schildpattfedermesser zu geben. Während er dies tat, sagte seine Frau gnädig zu dem großen Geist: »Ich werde Ihnen verzeihen, wenn Sie einen Tintenfleck darauf machen.« »Ich denke nicht, einen Tintenfleck darauf zu machen«, sagte Mr. Merdle. Der berühmte Besuch streckte jetzt seinen Ärmelaufschlag vor und begrub für einen Augenblick Mrs. Sparklers Hand, Armgelenke, Bracelet und alles darin. Wo sich seine eigene Hand hinverlor, war nicht deutlich, aber Mrs. Sparkler konnte sie so wenig fühlen, als wenn er ein hochverdienter Chelseaveteran oder Greenwichpensionär gewesen wäre. Vollständig überzeugt, als dieser das Zimmer verließ, daß es der längste Tag sei, der jemals zu Ende gegangen, und daß nie eine Frau existiert, die, nicht ganz aller persönlichen Reize bar, so von einfältigen und langweiligen Leuten gequält würde, trat Fanny auf den Balkon hinaus, um etwas frische Luft zu schöpfen. Tränen des Verdrusses füllten ihre Augen, und sie machten den Eindruck durch sie, als ob der bejahrte Mr. Merdle, wie er die Straße hinabging, spränge und walzte und sich im Kreise herumdrehte, als wäre er von verschiedenen Teufeln besessen. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der Oberhaushofmeister gibt sein Amtssiegel zurück. Das Diner fand bei dem berühmten Arzt statt. Advokat war dort und in vollem Glanz. Ferdinand Barnacle war dort und in seiner gewinnendsten Erscheinung. Wenige Wege des Lebens waren dem Arzt verborgen, und er betrat die dunkelsten Orte häufiger als sogar Bischof. Es gab glänzende Damen in London, die ganz in ihn verliebt waren und ihn den reizendsten Mann und den liebenswürdigsten Mann nannten, und die geschaudert hätten, so dicht bei ihm zu stehen, wenn sie gewußt hätten, worauf diese gedankenvollen Augen vor ein oder zwei Stunden geruht und an welchen Betten und unter welchen Dächern seine ruhige Gestalt gestanden hatte. Aber der Arzt war eine stille Natur, die weder auf ihrer eigenen Trompete, noch auf der Trompete andrer Leute blies. Mancherlei wunderbare Dinge sah und hörte er, und unter vielen unversöhnlichen Widersprüchen sittlicher Art verbrachte er sein Leben; aber sein teilnahmvolles Herz blieb sich unverändert gleich wie das des göttlichen Meisters aller Heilkunst. Er kam wie der Regen zu den Gerechten und Ungerechten, tat so viel Gutes, als er konnte, und verkündete es weder in den Synagogen noch an den Straßenecken. Wie kein Mann von großer Menschenkenntnis, so wenig er auch daraus machen mag, anders als ungemein interessant durch den Besitz solchen Wissens sein kann, so war auch der Arzt eine anziehende Persönlichkeit. Selbst die feineren Herren und Damen, die keine Idee von seinem Geheimnis hatten, und die vor Schrecken von mehr Verstand gekommen wären, als sie besaßen, wenn er ihnen den ungeheuer unpassenden Vorschlag gemacht: »Kommt und seht, was ich sehe!«, gestanden, daß er ein anziehender Mann sei. Wo er war, war etwas Reelles. Und ein halber Gran Wirklichkeit gibt wie der kleinste Teil einiger anderer kaum natürlicher Produkte einem unermeßlichen Quantum Verdünnungsstoff Geschmack. Daher kam es auch, daß die kleinen Diners des Arztes die Leute in ihrem mindest konventionellen Licht zeigten. Die Gäste sagten sich, unbewußt oder nicht: »Hier ist ein Mann, der uns wirklich kennt, wie wir sind, der jeden Tag einige von uns bei seinen Besuchen ohne Perücke und Schminke sieht, der unsern Gedankengang kennt und den unverstellten Ausdruck unserer Züge sieht, wenn wir über beide keine Macht mehr haben; wir können ihm gegenüber schon mehr die natürliche Seite herauskehren, denn er ist im Vorteil uns gegenüber und ist uns zu sehr überlegen.« Deshalb ließen sich die Gäste an seinem Tisch so überraschend gehen, daß sie beinahe natürlich waren. Advokats Kenntnis der Masse der Jurymänner; die man Menschheit nennt, war so scharf wie ein Rasiermesser, aber ein Rasiermesser ist kein allgemein anwendbares Instrument, und des Arztes einfaches, glänzendes Skalpiermesser, obgleich weit weniger scharf, war zu unendlich mehr Zwecken zu gebrauchen. Advokat kannte die Leichtgläubigkeit und Unredlichkeit der Menschen; aber der Arzt hätte ihm in einer Woche seiner Krankenbesuche eine bessere Einsicht in ihre zarten und liebevollen Gefühle geben können als Westminster Hall und alle Assisen zusammen in siebenzig Jahren. Advokat hatte immer eine Ahnung davon und bestärkte sie vielleicht gern (denn wenn die Welt wirklich ein großer Gerichtshof wäre, so sollte man denken, die Schlußsitzung könnte nicht früh genug kommen);, so hatte er den Arzt ebensogern und respektierte ihn ebensosehr als jede andere Menschenklasse. Mr. Merdles Ausbleiben ließ einen Banko stuhl am Tische frei: aber wenn er auch dagewesen, wäre er eben nur Banko gewesen, und folglich war es kein Verlust. Advokat, der rings um Westminster Hall nichts unaufgelesen ließ, gerade wie ein Rabe, wenn er so viel Zeit dort zugebracht, hatte in den letzten Tagen viele Strohhalme dort aufgelesen und in die Luft geworfen, um zu sehen, woher der Merdlewind bliese. Er sprach jetzt ein paar Worte über diese Sache mit Mrs. Merdle selbst, auf die er, natürlich mit seinem doppelten Augenglas und einer Juryverbeugung, zugekommen war. »Ein gewisser Vogel,« sagte Advokat, und er sah dabei aus, als ob es kein anderer Vogel hätte sein können als eine Elster, »zwitscherte neuerdings unter uns Advokaten, daß die betitelten Personen dieses Reiches einen Zuwachs erhalten sollten.« »Wirklich?« sagte Mrs. Merdle. »Ja«, sagte Advokat, »Hat dieser Vogel nicht auch in weit andere Ohren als die unsrigen – in liebliche Ohren gezwitschert?« Er sah dabei ausdrucksvoll auf Mrs. Merdles nächsten Ohrring. »Meinen Sie die meinigen?« fragte Mrs. Merdle. »Wenn ich sage lieblich«, sagte Advokat, »so meine ich immer Sie.« »Ich glaubte, Sie meinen nie etwas«, versetzte Mrs. Merdle (nicht unangenehm berührt). »Oh, wie grausam ungerecht!« sagte Advokat. »Aber der Vogel?« »Ich bin die letzte Person in der Welt, die Neuigkeiten hört«, bemerkte Mrs. Merdle, nachlässig sich ihren festen Platz zurechtrückend. »Wer ist es?« »Was für eine bewundernswerte Zeugin würden Sie abgeben!« sagte Advokat. »Keine Jury (wenn wir sie nicht etwa aus Blinden zusammensetzten) könnte Ihnen widerstehen, wenn Sie auch noch so schlecht aussagten; aber Sie würden sicher nur gut aussagen.« »Warum, Sie lächerlicher Mann?« fragte Mrs. Merdle lachend. Advokat bewegte sein doppeltes Augenglas drei- bis viermal zwischen sich und dem Busen, gewissermaßen als scherzhafte Antwort, und fragte dann in dem einschmeichelndsten Ton: »Wie darf ich die eleganteste, vollkommenste und reizendste der Frauen in einigen Wochen oder vielleicht in einigen Tagen nennen?« »Hat Ihr Vogel Ihnen nicht gesagt, wie Sie sie nennen sollen?« antwortete Mrs. Merdle. »Fragen Sie ihn morgen, und sagen Sie es mir, wenn wir uns wieder sehen, was er sagt!« Dies führte zu weitern scherzhaften Reden zwischen den beiden; aber Advokat konnte trotz all seiner Schlauheit nichts aus ihr herausbringen. Der Arzt dagegen, der Mrs. Merdle zu ihrem Wagen hinabbrachte und ihr den Mantel umnehmen half, erkundigte sich mit seiner gewöhnlichen ruhigen Gewandtheit nach den Symptomen. »Darf ich fragen«, sagte er, »ob es wahr ist, mit Merdle?« »Mein lieber Doktor«, erwiderte sie, »Sie fragen mich dieselbe Frage, die ich Lust hatte, an Sie zu richten.« »An mich? Warum an mich?« »Auf meine Ehre, ich denke, Mr. Merdle schenkt Ihnen größeres Vertrauen als irgend jemand.« »Im Gegenteil, er sagt mir absolut gar nichts, selbst nicht mal in ärztlicher Beziehung. Sie haben natürlich von dem Gerede gehört?« »Natürlich. Aber Sie wissen, wie Merdle ist; Sie wissen, wie schweigsam und zurückhaltend er ist. Ich versichere Sie, ich weiß nicht im mindesten, ob die Sage Grund hat. Ich wünschte, es wäre wahr; warum soll ich das leugnen! Sie würden es doch besser wissen, wenn es wahr wäre!« »Allerdings!« sagte der Arzt. »Aber ob es ganz wahr, oder halb wahr, oder ganz falsch, bin ich außerstande zu sagen. Es ist eine höchst ärgerliche Lage, eine höchst abgeschmackte Lage; aber Sie kennen Mr. Merdle und werden sich nicht darüber wundern.« Der Arzt war nicht verwundert, half ihr in den Wagen und wünschte ihr gute Nacht. Er stand einen Augenblick an der Tür seines Hauses und sah ruhig der eleganten Equipage nach, wie sie davonrollte. Als er wieder hinaufkam, zerstreuten sich die übrigen Gäste auch bald, und er war allein. Da er sich fleißig in aller Art von Literatur bewegte (über welche Schwäche er nie ein Wort der Entschuldigung verlor), setzte er sich behaglich nieder, um noch zu lesen. Die Uhr auf seinem Studiertisch zeigte ein paar Minuten vor zwölf, als ein Läuten an der Hausglocke seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Als ein Mann von einfachen Gewohnheiten hatte er die Dienerschaft zu Bett gehen lassen und mußte nun selbst hinuntergehen, um die Tür zu öffnen. Er ging hinab und fand einen Mann ohne Hut und Rock, dessen Hemdärmel bis dicht unter die Schultern hinaufgestülpt waren. Einen Augenblick glaubte er, er komme von einer Boxerei; um so mehr, als er sehr aufgeregt und außer Atem war. Ein zweiter Blick jedoch zeigte ihm, daß der Mann besonders reinlich und an seinem Anzug nichts anderes in Unordnung war, als was eben beschrieben worden ist. »Ich komme von den warmen Bädern, Herr, hier in der Straße nebenan.« »Und was ist mit den warmen Bädern?« »Wollten Sie so gefällig sein, sogleich hinzukommen. Wir fanden dies auf dem Tisch liegen.« Er legte ein Stück Papier in die Hand des Arztes. Der Arzt betrachtete es und las seinen eigenen Namen und seine Adresse mit Bleistift geschrieben; nichts weiter. Er sah die Schrift näher an, blickte dann den Mann an, nahm seinen Hut von einem Haken, steckte den Hausschlüssel in die Tasche, und so eilten sie miteinander fort. Als sie an das Badehaus kamen, erwarteten alle zu dem Etablissement gehörigen Leute sie an der Tür oder rannten in den Gängen auf und ab. »Bitte, lassen Sie niemand uns folgen«, sagte der Arzt laut zu dem Bademeister, »und führen Sie mich geradewegs an Ort und Stelle, mein Freund«, zu dem Boten. Der Bote eilte ihm voraus an einer Reihe kleiner Kabinette vorüber und ging in eines am Ende der Reihe, indem er hineinblickte. Der Arzt folgte ihm dicht auf dem Fuß und sah gleichfalls zur Tür hinein. In dieser Ecke war ein Bad, aus dem man das Wasser in der Eile abgelassen hatte. In dem Bad lag wie in einem Grabe oder Sarkophag, flüchtig mit einem Leintuch und einer wollenen Bettdecke umwickelt, der Leichnam eines schwergebauten Mannes, mit aufgedunsenem Kopf und groben, gewöhnlichen Gesichtszügen. Ein Schrägfenster an der Decke war geöffnet, um den Dampf hinauszuschaffen, mit dem das Zimmer geschwängert war; aber er hing, zu Wassertropfen niedergeschlagen, schwer an den Wänden und auf dem Gesicht und der Gestalt im Bade. Das Zimmer war noch heiß und der Marmor des Bades noch warm; aber das Gesicht und der Körper war klebrig bei der Berührung. Der weiße Marmor am Boden des Bades war von einem schrecklichen Rot geädert. Auf dem Rand an der Seite sah man ein leeres Laudanumfläschchen und ein Schildpattfedermesser – befleckt, aber nicht mit Tinte. »Durchschneiden der Halsader – rascher Tod – schon eine halbe Stunde tot.« Das Echo der Worte des Arztes schallte durch die Zimmer und Kabinette und durch das Haus, während er sich noch aus seiner gebückten Stellung emporrichtete, denn er hatte sich hinabgebeugt, um bis an den Boden des Bades zu reichen, und noch während er sich die Hände im Wasser abspülte, so daß dieses rötliche Adern durchzogen wie den Marmor, ehe dieser wie eine rote Wand aussah. Er richtete seine Blicke auf die Kleider auf dem Sofa und die Uhr, das Geld und die Brieftasche auf dem Tisch. Ein gefaltetes Papier, halb umgebogen in dem Taschenbuch, halb aus demselben hervorsehend, fiel ihm in die Augen. Er sah es an, faßte es mit den Händen, zog es ein wenig weiter aus den Blättern heraus, sagte ruhig: »Das ist an mich gerichtet«, öffnete und las es. Er hatte keine Anweisungen zu geben. Die Leute im Hause wußten, was sie zu tun hatten; die Beamten, deren Aufgabe dies war, fanden sich ein, und sie nahmen in gleichmütiger, geschäftsmäßiger Weise Besitz von dem Verstorbenen und was sein Eigentum gewesen, gerade so ruhig und gefaßt, wie wenn man eine Uhr aufzieht. Der Arzt war froh, wieder in die Nachtluft hinauszukommen – war sogar froh, trotz seiner großen Erfahrung, für einige Augenblicke auf eine Treppenstufe niederzusitzen; denn er fühlte sich unwohl und schwach. Advokat wohnte nahe bei ihm, und als er vor das Haus kam, sah er ein Licht in dem Zimmer, wo er wußte, daß sein Freund oft noch spät bei seiner Arbeit saß. Da nie Licht dort war, wenn der Advokat nicht in seinem Zimmer war, so gab ihm dies die Gewißheit, daß Advokat noch nicht zu Bett gegangen war. In der Tat hatte der geschäftige Mann morgen ein Verdikt gegen die Zeugenaussagen zustandezubringen und benutzte die goldenen Morgenstunden, um den Herren von der Jury Schlingen zu legen. Das Pochen des Arztes setzte Advokat in Erstaunen; da er aber augenblicklich Verdacht schöpfte, es komme jemand, um ihm zu sagen, daß ein anderer Jemand ihn zu bestehlen oder ihn anderweitig zu übervorteilen suchen wolle, so kam er rasch und leise herab. Er hatte sich den Kopf mit kaltem Wasser gekühlt, als gute Vorbereitung, die Köpfe der Jury mit heißem Wasser zu waschen, und las, während er den Hemdkragen weit offen hatte, damit er die Gegenzeugen um so besser würgen könnte. Er sah deshalb etwas wild aus. Als er den Arzt erblickte, den er am wenigsten erwartet hatte, sah er noch verstörter aus und sagte: »Was gibt's?« »Sie fragten mich einst, was Mr. Merdles Übel sei.« »Seltsam! Ich erinnere mich dessen.« »Ich sagte Ihnen, daß ich es noch nicht herausgefunden hätte.« »Ja, ich weiß das.« »Ich habe es nun gefunden.« »Mein Gott!« sagte Advokat, erschrocken zurücktretend und seine Hand auf die Brust des andern legend. »Und ich weiß es jetzt auch! Ich lese es jetzt in Ihrem Gesicht.« Sie gingen in das nächste Zimmer, wo der Arzt ihm einen Brief zu lesen gab. Er las ihn ein dutzendmal durch. Es stand nicht viel darin, aber er nahm seine volle und dauernde Aufmerksamkeit in Anspruch. Er konnte sein Bedauern nicht genug aussprechen, daß er nicht selbst den Schlüssel dazu gefunden. Der kleinste Schlüssel, sagte er, würde ihm genügt haben, und welch ein Glück wäre das gewesen, dieser Sache auf den Grund zu kommen! Der Arzt hatte es übernommen, die Nachricht nach Harley Street zu bringen. Advokat war außerstande, sogleich wieder an seine Verlockungen der erleuchtetsten und bedeutendsten Jury zu gehen, die er je auf dieser Bank gesehen, bei denen, das konnte er seinem gelehrten Freunde sagen, keine seichte Sophisterei angebracht wäre, und die sich von keiner unglücklicherweise mißbrauchten advokatorischen Schlauheit und Geschicklichkeit imponieren lasse (auf diese Weise gedachte er zu beginnen); deshalb sagte er, er wolle seinen Freund begleiten und in der Nähe des Hauses auf und ab gehen, während sein Freund drinnen sei. Sie gingen zu Fuß, um in der Luft sich etwas zu erholen und zu fassen; und die Fittiche des Tages verscheuchten bereits die Nacht, als der Arzt an die Tür pochte. Ein Bedienter, in den Farben des Regenbogens, so dünkte es dem Publikum, wartete auf seinen Herrn – das heißt, er schlief in der Küche vor ein paar Lichtern und einer Zeitung, indem er dadurch die große Masse mathematischen Übergewichts gegen die Wahrscheinlichkeit, daß ein Haus durch Zufall in Brand gerät, demonstrierte. Als dieser dienstbare Geist geweckt war, mußte der Arzt noch das Wecken des Oberhaushofmeisters abwarten. Endlich kam dieses vornehme Geschöpf in einem Flanellrock und Salbandschuhen in das Speisezimmer; aber er trug eine Krawatte und war von Kopf bis zu Fuß Haushofmeister. Es war jetzt Morgen. Der Arzt öffnete die Läden eines Fensters, während er wartete, um das Licht sehen zu können. »Mrs. Merdles Kammerjungfer lassen Sie rufen, damit sie Mrs. Merdle aufwecke und sie so vorsichtig wie möglich auf meinen Besuch vorbereite. Ich habe ihr eine furchtbare Nachricht mitzuteilen.« So sprach der Arzt zu dem Oberhaushofmeister. Der letztere, der ein Licht in der Hand hatte, rief dem Bedienten, daß er es nehme. Dann trat er würdevoll an das Fenster, indem er die Nachricht des Arztes genau so entgegennahm, wie er in demselben Zimmer den Diners zugesehen hatte. »Mr. Merdle ist tot.« »Ich wünschte in diesem Falle«, sagte der Oberhaushofmeister, »in einem Monat meine Stelle niederlegen zu dürfen.« »Mr. Merdle hat sich das Leben genommen.« »Sir«, sagte der Oberhaushofmeister, »das ist sehr unangenehm für die Gefühle eines Mannes in meiner Stellung, da es geeignet ist, Vorurteile zu erwecken; und ich wünschte meine Entlassung sogleich zu haben.« »Wenn Sie auch nicht erschüttert sind, sind Sie nicht wenigstens erstaunt, Mann?« fragte der Arzt warm. Der Oberhaushofmeister warf sich ruhig in die Brust und sagte die denkwürdigen Worte: »Sir, Mr. Merdle war nie ein Gentleman, und kein unnobler Akt von seiten Mr. Merdles würde mich überrascht haben. Kann ich Ihnen sonst jemand schicken oder irgend sonst etwas tun, was Sie wünschen sollten, ehe ich das Haus verlasse?« Als der Arzt, nachdem er sich seiner Aufgabe oben entledigt, wieder zu Advokat auf die Straße hinabkam, sagte er nichts weiter von seiner Begegnung mit Mrs. Merdle, als daß er ihr noch nicht alles gesagt, daß sie aber, was er ihr gesagt, mit vieler Fassung getragen habe. Advokat hatte die Zeit, die er allein auf der Straße zubrachte, der Konstruktion einer höchst sinnreichen Falle, um die ganze Jury mit einem Schlage zu fangen, gewidmet; und nachdem er sich die Sache zurechtgelegt hatte, wurde es hell in seinem Geist, er konnte sich der letzten Katastrophe ganz hingeben, und sie gingen langsam miteinander nach Hause und besprachen sie nach allen Richtungen hin. Ehe sie an der Tür des Arztes schieden, sahen sie beide nach dem sonnenhellen Morgenhimmel auf, zu dem der Rauch einiger früher Feuer und der Atem und die Stimmen von einigen Frühaufgestandenen friedlich emporstiegen, blickten dann rund umher auf die ungeheure Stadt und sagten: Wenn alle diese Hunderte und Tausende von Bettlern, die noch schlafen, nur wissen könnten, wie sie beide, die jetzt miteinander sprachen, welches Verderben über ihnen schwebte, was für ein entsetzlicher Schrei gegen eine elende Seele würde zum Himmel aufgellen! Das Gerücht, daß der große Mann tot sei, verbreitete sich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Anfangs war er an allen Krankheiten gestorben, die man je gekannt, und an verschiedenen nagelneuen Krankheiten, die man mit Blitzesschnelligkeit für die Gelegenheit erfunden hatte. Er hatte von Kindheit an eine Wassersucht verheimlicht, er hatte vom Großvater eine große Masse Wasser auf der Brust geerbt, seit achtzehn Jahren wurde jeden Morgen eine Operation mit ihm vorgenommen, es platzten ihm zuweilen wichtige Adern (nach der Art von Feuerwerken), er hatte bald ein Lungenleiden, bald ein Herzleiden, bald auch ein Gehirnleiden. Fünfhundert Leute, die von nichts wissend sich zum Frühstück setzten, glaubten, ehe sie noch mit diesem zu Ende waren, daß sie privatim und persönlich in Erfahrung gebracht, der Arzt habe zu Mr. Merdle gesagt: »Sie müssen sich darauf gefaßt machen, eines Tages auszulöschen wie ein Licht«, und daß sie wüßten, Mr. Merdle habe geantwortet: »Der Mensch kann nur einmal sterben.« Gegen elf Uhr vormittags wurde die Gehirnkrankheit die Lieblingstheorie gegen alle übrigen; und um zwölf Uhr hatte man die Gehirnkrankheit näher als einen »Druck« bezeichnet. Druck war so befriedigend für die öffentliche Meinung und schien jedermann so zu beruhigen, daß es den ganzen Tag hätte dabei bleiben können, wenn Advokat nicht um halb zehn Uhr den wirklichen Stand der Dinge im Gerichtshof mitgeteilt hätte. Dies führte anfangs dazu, daß man gegen ein Uhr in ganz London sich zuflüsterte, Mr. Merdle habe sich selbst entleibt. Aber das Wort »Druck« wurde, weit entfernt, durch diese Entdeckung beseitigt zu werden, mehr als je der Lieblingsausdruck. In jeder Straße moralisierten die Leute über den Druck. Alle Leute, die Geld zu gewinnen versucht hatten und denen es nicht gelungen war, sagten: Da habt ihr's! Kaum fangt ihr an, dem Gelde nachzujagen, so bekommt ihr den Druck. Die Müßiggänger benutzten den Fall in ähnlicher Weise. Seht ihr, sagten sie, wohin ihr's durch das ewige Arbeiten und wieder Arbeiten und wieder Arbeiten bringt! Ihr arbeitetet in einem fort, ihr übertriebt es, nun kam der Druck, und es war um euch geschehen! Diese Betrachtung machte an vielen Orten großen Eindruck, aber nirgends mehr, als bei den jungen Kommis und Associés, die noch niemals Gefahr gelaufen, daß sie sich überarbeiten würden. Diese erklärten einstimmig und feierlich, sie hofften ihr Leben lang diese Warnung nicht mehr zu vergessen und ihr Tun und Treiben so einzurichten, daß sie sich vor Druck bewahrten und sich selbst, zum Trost für ihre Freunde, noch lange am Leben erhielten. Aber ungefähr um die Börsenzeit begann es mit dem Druck zu Ende zu gehen, und erschreckliches Geflüster verbreitete sich im Osten und Westen, Norden und Süden. Anfangs war es nur leise und ging nicht weiter als der Zweifel, ob Mr. Merdles Reichtum sich wohl so groß herausstellen würde, wie man vermutete; ob nicht eine augenblickliche Schwierigkeit eintreten würde, ihn zu »realisieren«; ob nicht sogar die wunderbare Bank eine Zeitlang (etwa einen Monat oder so) ihre Zahlungen einstellen würde. Je lauter das Geflüster wurde, was mit jeder Minute geschah, desto drohender wurde es. Er war aus nichts hervorgegangen und durch kein natürliches Wachstum oder Fortschreiten, soviel man wußte, in die Höhe gekommen; er war im Grunde doch ein gemeiner, nichtswissender Mensch; er hatte immer scheu zu Boden gesehen, und niemand war es je gelungen, einen Blick von ihm zu erhaschen; er war von allen Arten von Leuten in einer ganz unbegreiflichen Weise poussiert worden; er hatte nie eigenes Geld gehabt, seine Spekulationen waren außerordentlich planlos gewesen und seine Ausgaben unermeßlich. In stetigen Progressen nahm mit dem Dahinschwinden des Tages das Gerede an Stärke und Umfang zu. Er hatte in dem Bade einen an den Arzt adressierten Brief hinterlassen, und sein Arzt hatte den Brief erhalten, und der Brief würde morgen bei der Totenschau vorgelegt werden, und es werde die Tausende, die er betrogen, wie ein Donnerschlag treffen. Zahllose Menschen von jedem Stand und Gewerbe würden durch seine Zahlungsunfähigkeit vernichtet; alle Leute, die ihr ganzes Leben lang in behaglichen Umständen gewesen, würden ihr Vertrauen auf ihn an keinem andern Orte bereuen können als im Armenhause; Legionen von Frauen und Kindern würden ihre ganze Zukunft durch die Hand dieses mächtigen Schurken zerstört sehen. Jeder Gast bei seinen prachtvollen Festen würde sich als Teilnehmer an der Plünderung unzähliger Familien darstellen; jeder servile Verehrer des Reichtums, der ihn mit auf sein Piedestal zu heben geholfen, hätte besser daran getan, lieber gleich den Teufel selbst anzubeten. So schwoll das Gerede immer höher und wuchs durch eine Bestätigung um die andere, durch eine Abendzeitungsausgabe um die andere zu solchem Getöse an, daß man hätte glauben können, ein einsamer Wächter auf der Galerie an der St. Paulskirche hätte die Nachtluft von einem dumpfen Gemurmel des Namens Merdle geschwängert und mit jeder Art von Verwünschung erfüllt sehen müssen. Denn um diese Zeit wußte man, daß das Übel des verstorbenen Mr. Merdle nichts als Fälschung und Betrug gewesen sei. Er, der wunderliche Gegenstand so weitverbreiteter Verehrung, der Gast bei den Festen der Vornehmen, das Wunder der großen Damengesellschaften, der Beseitiger der Ausschließlichkeit, der Vernichter des Stolzes, der Patron der Patrone, der Feilscher um die Lordschaften des Circumlocution Office, der Mann, der innerhalb von einigen zehn bis fünfzehn Jahren mehr Anerkennung gefunden, als seit mindestens zwei Jahrhunderten in England auf alle friedlichen öffentlichen Wohltäter und auf alle Führer von allen Arten der Kunst und Wissenschaft, trotz alles Zeugnisses ihrer Werke, gehäuft worden, – er, das leuchtende Wunder, der neue Stern, dem die Weisen mit Geschenken folgten, bis er stehenblieb über einem gewissen Aas am Boden einer Badewanne und verschwand – war einfach der größte Betrüger und der größte Dieb, der jemals den Galgen um seine Beute geprellt hatte. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Sturmernte. Mr. Pancks, der sein Erscheinen durch ein ungestümes Keuchen und einen raschen Schritt angekündigt hatte, stürzte in Arthur Clennams Kontor. Die Totenschau war vorüber, der Brief publiziert, die Bank bankerott, die andern Musterbauten von Stroh hatten Feuer gefangen und waren in Rauch aufgegangen. Das bewunderte Piratenschiff war inmitten einer großen Flotte von Schiffen aller Art und Booten jeder Größe in die Luft geflogen, und auf dem Meere war nichts zu sehen als Trümmer; nichts als brennende Schiffsrümpfe, in die Luft fliegende Magazine, von selbst losgehende Kanonen, die Freunde und Nachbarn in Stücke zerrissen, Ertrinkende, die sich an untaugliche Bretter anklammerten und jede Minute unterzugehen drohten, todmüde Schwimmer, hin und her treibende Leichen und Haifische. Der gewöhnliche Fleiß und die gewöhnliche Ordnung des Kontors der Fabrik war verschwunden. Uneröffnete Briefe und unsortierte Papiere lagen zerstreut auf dem Pult herum. Inmitten dieser Zeichen gebrochener Energie und erloschener Hoffnung stand der Herr des Kontors müßig an seinem gewöhnlichen Platz und hatte die Arme auf dem Pult gekreuzt, während sein Kopf darauf herabgesunken war. Mr. Pancks stürzte herein, sah ihn und blieb stehen. In der nächsten Minute lagen auch Mr. Pancks' Arme auf dem Pult, und Mr. Pancks' Kopf lag auf den Armen; und sie blieben einige Zeit müßig und schweigend in dieser Stellung, nur durch die Breite des kleinen Zimmers voneinander getrennt. Mr. Pancks war der erste, der den Kopf erhob und sprach. »Ich habe Sie dazu überredet, Mr. Clennam. Ich weiß es. Sagen Sie, was Sie wollen. Sie können mir nicht mehr sagen, als ich mir selbst sage. Sie können mir nicht mehr sagen, als was ich verdiene.« »Oh, Pancks, Pancks!« versetzte Mr. Clennam, »sprechen Sie nicht von verdienen. Was verdiene ich selbst!« »Besseres Glück«, sagte Pancks. »Ich«, fuhr Clennam fort, ohne auf ihn zu achten, »ich, der ich meinen Associé ruiniert habe! Pancks, Pancks, ich habe Doyle ruiniert! Den ehrlichen, sich selbst mühsam durchhelfenden, unermüdlichen, alten Mann, der alles durch sich selbst geworden ist; den Mann, der gegen so viele Enttäuschung angekämpft und aus dem Kampfe mit einer so guten und hoffnungsvollen Natur hervorgegangen ist; den Mann, für den ich so viel gefühlt und dem ich so treu und nützlich sein wollte; ich habe ihn ruiniert, habe ihn in Schande und Verderben gebracht – habe ihn ruiniert, ruiniert!« Die Seelenqual, die ihm dieser Gedanke verursachte, bot einen so schmerzlichen Anblick, daß Mr. Pancks sich selbst beim Haar packte und es aus Verzweiflung über dies Schauspiel auszureißen schien. »Machen Sie mir Vorwürfe!« rief Pancks. »Machen Sie mir Vorwürfe, Sir, oder ich tue mir ein Leid an. Sagen Sie: Du Narr, du Schurke. Sagen Sie: Esel, wie konntest du das tun; Vieh, was wolltest du damit! Packen Sie mich irgendwo. Sagen Sie mir irgend etwas Beleidigendes!« Während der ganzen Zeit zerrte Mr. Pancks auf die erbarmungsloseste und grausamste Weise an seinem struppigen Haar. »Wenn Sie nie dieser unglückseligen Manie gefrönt hätten, Pancks«, sagte Clennam, mehr aus Mitleid als um der Wiedervergeltung willen, »wieviel besser für Sie wäre es gewesen und wieviel besser für mich!« »Nur immer zu, Sir!« rief Pancks, indem er vor Reue mit den Zähnen knirschte. »Nur immer zu!« »Wenn Sie sich nie auf diese verwünschten Berechnungen eingelassen und Ihre Resultate nicht mit so abscheulicher Klarheit dargelegt hätten«, seufzte Clennam, »wieviel besser wäre es für Sie, Pancks, und wieviel besser für mich!« »Immer so fort, Sir!« rief Pancks, indem er sein Haar losließ, »immer so fort, so fort!« Clennam jedoch, der fand, daß er bereits ruhiger wurde, hatte alles gesagt, was er sagen wollte, und sogar noch mehr. Er drückte ihm die Hand und fügte nur hinzu: »Blinde Führer der Blinden, Pancks! Blinde Führer der Blinden! Aber Doyce, Doyce, Doyce, mein zu Schaden gebrachter Kompagnon!« Damit legte er den Kopf wieder auf das Pult. Die frühere Haltung und das frühere Schweigen wurden abermals von Pancks unterbrochen. »Nicht zu Bett gewesen, Sir, seit es bekanntgeworden. Ich war an allen Ecken, in der Hoffnung, noch einige Kohlen aus dem Feuer zu retten. Alles vergeblich. Alles vorbei. Alles dahin!« »Ich weiß es nur zu wohl«, erwiderte Clennam. Mr. Pancks füllte eine Pause mit Seufzen aus, das aus der Tiefe seiner Seele kam. »Erst gestern, Pancks«, sagte Arthur, »erst gestern, Montag, hatte ich die feste Absicht, alles zu verkaufen, zu realisieren und mich von der Sache ganz loszumachen.« »Das kann ich nicht von mir sagen, Sir«, versetzte Pancks. »Obgleich es wunderbar ist, von wie vielen Leuten ich hörte, daß sie von allen dreihundertfünfundsechzig Tagen gerade gestern im Begriff gewesen seien zu realisieren, wenn es nicht zu spät gewesen wäre!« Sein dampfmaschinenartiges Keuchen, gewöhnlich von drolliger Wirkung, war jetzt tragischer als ebenso viele Seufzer, während er von Kopf bis zu Fuß in dem rußigen, schmierigen und vernachlässigten Zustand war, daß man ihn für ein authentisches Porträt hätte halten können, das wegen mangelnder Reinigung kaum zu erkennen war. »Mr. Clennam, haben Sie – alles verloren?« Er machte einen Gedankenstrich vor den letzten Worten und brachte sie nur mit großer Mühe hervor. »Alles.« Mr. Pancks packte wieder sein struppiges Haar und zerrte so heftig daran, daß er mehrere Zinken herausriß. Nachdem er sie mit dem Ausdruck wilden Zorns angesehen, steckte er sie in seine Tasche. »Meine Maßregeln müssen sogleich getroffen werden«, sagte Clennam, indem er einige Tränen wegwischte, die ihm still über das Gesicht geflossen waren. »Das bißchen Ersatz, das ich leisten kann, muß geleistet werden. Ich muß den guten Ruf meines Kompagnons zu wahren suchen. Ich darf nichts für mich behalten. Ich muß in die Hände unsrer Gläubiger die Dispositionsbefugnis, die ich so sehr mißbraucht, niederlegen, und von meinem Fehler – oder Verbrechen – so viel wieder gutmachen, wie ich während meiner übrigen Lebenszeit noch gutmachen kann.« »Ist es nicht möglich, Sir, über den Augenblick sich hinüberzuhelfen?« »Durchaus nicht. Aufschub nützte doch nichts, Pancks. Je früher das Geschäft aus meinen Händen kommt, desto besser für dasselbe. Es sind diese Woche noch Verbindlichkeiten zu erfüllen, die die Katastrophe in wenigen Tagen herbeiführen müßten, selbst wenn ich sie nur einen Tag hinausschieben und das Geschäft so lange, trotz dem, was ich im stillen weiß, fortführen wollte. Die letzte Nacht habe ich bedacht, was ich tun will; es bleibt nur noch, was ich beschlossen, auszuführen.« »Doch nicht ganz allein?« sagte Pancks, dessen Gesicht so feucht war, als wenn sein Dampf rasch zu Wasser würde, während er ihn in seiner Trübsal ausstieß. »Nehmen Sie juridischen Beistand an.« »Vielleicht wäre es besser.« »Nehmen Sie Rugg.« »Es ist nicht viel zu tun, er wird es so gut machen wie ein anderer.« »Soll ich Rugg holen, Mr. Clennam?« »Wenn Sie Zeit dazu haben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden.« Pancks hatte auch schon den Hut auf und dampfte fort nach Pentonville. Während er fort war, richtete Arthur nicht einmal den Kopf vom Tische auf, sondern blieb unbeweglich in dieser Stellung. Mr. Pancks brachte seinen Freund und Rechtsbeistand Mr. Rugg mit sich zurück. Mr. Rugg hatte unterwegs Mr. Pancks' unzurechnungsfähigen Zustand so genau kennengelernt, daß er seine geschäftliche Vermittlung damit eröffnete, diesen Herrn zu bitten, sich zu entfernen. Mr. Pancks gehorchte vernichtet und unterwürfig. »Er ist geradeso, wie meine Tochter war, Sir, als wir den Prozeß wegen des gebrochenen Heiratsversprechens Rugg contra Bawkins einleiteten, in dem sie Klägerin war«, sagte Mr. Rugg. »Er nimmt ein zu lebhaftes und direktes Interesse an der Sache. Seine Gefühle werden zu sehr davon in Mitleidenschaft gezogen. Und mit Gefühlen kommt man in unserm Berufe nicht vorwärts, Sir.« Während er seine Handschuhe auszog und sie in seinen Hut legte, sah er mit einem oder zwei Seitenblicken, daß mit seinem Klienten eine große Veränderung vorgegangen war. »Ich bedaure sehr zu bemerken, Sir«, sagte Mr. Rugg, »daß Sie Ihre Gefühle gleichfalls nicht aus dem Spiele zu lassen vermögen. Bitte, tun Sie das doch, bitte, tun Sie das doch. Die Verluste sind sehr zu beklagen, Sir, aber wir müssen ihnen ins Gesicht sehen.« »Wenn das Geld, das ich geopfert habe, ganz mein eigenes gewesen wäre, Mr. Rugg«, seufzte Clennam, »so würde es mich weit weniger kümmern.« »Wirklich, Sir?« sagte Mr. Rugg, indem er sich mit heiterer Miene die Hände rieb. »Sie setzen mich in Erstaunen. Das ist eigentümlich, Sir. Ich habe, soweit meine Erfahrung reicht, im allgemeinen gefunden, daß die meisten Leute mit ihrem eigenen Gelde am ängstlichsten sind. Ich habe Leute eine tüchtige Summe von anderer Leute Geld loswerden und es recht gut tragen sehen; wirklich recht gut.« Mit diesen tröstenden Bemerkungen setzte sich Mr. Rugg auf einen Kontorstuhl am Pult und ging an die Arbeit. »Jetzt, Mr. Clennam, lassen Sie uns mit Ihrer Erlaubnis an die Arbeit gehen. Lassen Sie uns sehen, wie die Sachen stehen. Die Frage ist einfach. Die Frage ist die gewöhnliche, simple, gerade, gemeinverständliche Frage. Was können wir für uns tun? Was können wir für uns tun?« »Das ist für mich nicht die Frage, Mr. Rugg«, sagte Arthur. »Sie sind von vornherein im Irrtum. Die Frage ist, was kann ich für meinen Kompagnon tun, wie kann ich ihm am besten Entschädigung leisten?« »Ich fürchte, Sir«, argumentierte Mr. Rugg mit überredendem Ton, »daß Sie sich noch immer von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen? Ich höre das Wort ›Entschädigung‹ nicht gern, ausgenommen, wenn es ein Hebel in der Hand des Advokaten ist. Wollen Sie mir die Bemerkung erlauben, daß ich es für meine Pflicht halte, Sie zu warnen, daß Sie sich wirklich nicht von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen?« »Mr. Rugg«, sagte Clennam, indem er all seine Kraft zusammennahm, um das durchzuführen, was er beschlossen hatte, und diesen Herrn dadurch in Erstaunen versetzte, daß er trotz seiner Niedergeschlagenheit fest auf seinem Vorsatz beharrte, »Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie nicht allzusehr geneigt wären, die Richtung einzuschlagen, die ich zu gehen entschlossen bin. Wenn Ihre Mißbilligung derselben Sie zu abgeneigt machen sollte, die notwendigen Geschäfte zu übernehmen, so tut es mir leid, und ich muß mich nach anderm Beistand umsehen. Aber ich versichere Sie einmal für allemal, daß es vergeblich wäre, dagegen zu argumentieren.« »Gut, Sir«, antwortete Mr. Rugg achselzuckend. »Gut Sir. Da jemand die Sache in die Hand nehmen muß, so lassen Sie mich sie in die Hand nehmen. Das war mein Prinzip in der Sache Rugg contra Bawkins. Das ist mein Prinzip in den meisten Fällen.« Clennam setzte dann Mr. Rugg seinen festen Vorsatz auseinander. Er sagte Mr. Rugg, daß sein Kompagnon ein Mann von großer Einfachheit und Rechtschaffenheit sei und daß er in allem, was er zu tun beabsichtige, sich ganz und einzig von der Kenntnis des Charakters seines Kompagnons und von der Rücksichtnahme auf seine Gefühle leiten lasse. Er setzte ferner auseinander, daß sein Kompagnon mit einem wichtigen Unternehmen im Ausland beschäftigt und daß es besonders seine Aufgabe sei, den Tadel für das, was unüberlegt geschehen, auf sich zu nehmen und seinen Kompagnon von aller Teilnahme an der Verantwortlichkeit für dasselbe zu entlasten, damit die erfolgreiche Leitung dieses Unternehmens auch nicht durch den leisesten Verdacht, der sich ungerechterweise an die Ehre und den Kredit seines Kompagnons im Auslande heften könnte, gefährdet werde. Er sagte Mr. Rugg, seinen Kompagnon moralisch im vollsten Sinne des Wortes zu reinigen und die öffentliche und rückhaltlose Erklärung abzugeben, er, Arthur Clennam, Teilhaber der Firma Clennam und Komp., habe aus eigenem freiem Antrieb und ausdrücklich gegen die Warnung seines Kompagnons die Kapitalien in den Schwindelspekulationen angelegt, die eben jetzt verunglückt – das sei die einzige wirkliche Sühne, die in seinem Bereich liege, für diesen Mann sogar eine weit bessere Sühne, als es für viele andere sein würde, und deshalb die Sühne, die er zuerst darzubringen habe. In dieser Absicht gedachte er eine Erklärung in dem angedeuteten Sinne drucken zu lassen – er hatte eine solche bereits aufgesetzt – und außer der Mitteilung derselben an alle die, die Geschäfte mit dem Hause hatten, sie auch in die öffentlichen Blätter einzurücken. Gleichzeitig mit dieser Maßregel (bei deren Auseinandersetzung Mr. Rugg unzählige Gesichter schnitt und eine große Unruhe in den Gliedern entwickelte) gedachte er ein Schreiben an alle Gläubiger zu erlassen, das seinen Kompagnon feierlich von aller Schuld freisprach, sie von der Zahlungseinstellung in Kenntnis setzte, die dann eintreten sollte, wenn ihre Wünsche bekannt wären und sein Kompagnon davon unterrichtet sein könnte, und sich ihnen ganz ergebenst zur Verfügung stellte. Wenn sie auf die Unschuld Rücksicht nehmen wollten und das Geschäft wieder so in Schwung gebracht werden könnte, um es mit Gewinn fortzusetzen und den gegenwärtigen Sturz zu verschmerzen, dann sollte sein Anteil an demselben seinem Kompagnon als die einzig mögliche Entschädigung anheimfallen, die er ihm an Geldeswert für die Sorgen und den Verlust geben konnte, die er unglücklicherweise veranlaßt, und er selbst wollte um Erlaubnis bitten, gegen ein so kleines Honorar wie zum Leben ausreichte, in dem Geschäft als Kommis tätig sein zu dürfen. Obgleich Mr. Rugg deutlich sah, daß er sich nicht davon würde abbringen lassen, forderten doch die Verzerrungen seines Gesichts und die Unruhe seiner Glieder so gebieterisch einen Protest heraus, daß er ihn aussprach. »Ich mache keinen Einwand, Sir«, sagte er, »ich führe keine Gründe gegen Sie an. Ich will Ihre Ansichten durchführen, Sir; aber unter Verwahrung.« Mr. Rugg führte dann, nicht ohne Weitschweifigkeit, die Hauptpunkte seines Protestes an. Diese waren folgende: daß die ganze Stadt, oder er möchte sagen, das ganze Land noch in der ersten Aufregung über die Entdeckung der jüngsten Tage sei, und daß die Erbitterung gegen die Opfer sehr stark sein würde; diejenigen, die sich nicht hätten verführen lassen, würden sicherlich außerordentlich aufgebracht auf sie sein, weil sie nicht so klug gewesen waren wie sie; und diejenigen, die sich hätten verführen lassen, würden gewiß Entschuldigungen und Gründe für sich finden, von denen sie gleichfalls sicher sein könnten, daß sie sie bei den andern Leidenden vermissen würden; ganz abgesehen von der großen Wahrscheinlichkeit, daß sich jeder einzelne Leidende in seiner heftigen Entrüstung überreden würde, er habe sich nur durch das Beispiel aller andern Leidenden verleiten lassen. Daß eine solche Erklärung, wie die von Clennam, zu einer solchen Zeit abgegeben, einen Sturm von Gehässigkeit auf ihn herabziehen und es unmöglich machen würde, auf Nachsicht bei den Gläubigern oder auf Einstimmigkeit unter ihnen zu rechnen, und ihn als vereinzelte Zielscheibe einem regellosen Kreuzfeuer aussetzte, das ihn von einem halben Dutzend Seiten aus zu gleicher Zeit zu Boden werfen würde. Auf all dies antwortete Clennam bloß, daß, die Nichtigkeit des ganzen Protestes auch zugegeben, nichts die Kraft der freiwilligen und öffentlichen Schuldloserklärung seines Kompagnons schwächte oder schwächen könnte. Er forderte deshalb Mr. Rugg einmal für allemal auf, das Geschäft augenblicklich in Angriff zu nehmen. Mr. Rugg machte sich auch sofort an die Arbeit, und Arthur, der nichts für sich behielt als seine Kleider und Bücher und eine kleine Summe Geld, stellte sein kleines Privatkonto beim Bankier zu gleicher Zeit zu den Geschäftspapieren. Die Auseinandersetzung erschien in der Öffentlichkeit, und der Sturm raste fürchterlich, tausende von Menschen suchten ungestüm nach einem Lebenden, auf den sie ihre Vorwürfe häufen könnten; und dieser ausgezeichnete Fall, der der Öffentlichkeit schmeichelte, stellte den so sehr gewünschten Lebendigen auf ein Schafott. Wenn Leute, die nichts mit der Sache zu tun haben, die Offenkundigkeit so übel aufnahmen, so war von Leuten, die Geld dabei verloren hatten, kaum zu erwarten, daß sie milde dabei verfahren würden. Es regnete Briefe von den Gläubigern, die voll von Vorwürfen und Beleidigungen waren; und Mr. Rugg, der täglich auf dem hohen Stuhl saß und sie alle las, benachrichtigte vor Ablauf der nächsten acht Tage seinen Klienten, er fürchte, es sei ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgestellt. »Ich muß die Folgen von dem, was ich getan habe, auf mich nehmen«, sagte Clennam. »Die Verhaftsbefehle werden mich hier finden.« Schon am nächsten Morgen, als er bei Mrs. Plornishs Ecke in den Hof zum blutenden Herzen einbog, stand Mrs. Plornish auf ihn wartend an der Tür und ersuchte ihn geheimnisvoll in die »Glückshütte« zu treten. Dort fand er Mr. Rugg. »Ich dachte, ich wollte hier auf Sie warten. Wenn ich Sie wäre, ginge ich diesen Morgen nicht auf das Kontor.« »Warum nicht, Mr. Rugg?« »Es sind, soviel ich weiß, nicht weniger als fünf Verhaftsbefehle ausgewirkt.« »Es kann nicht bald genug vorüber sein«, sagte Clennam. »Sie sollen mich nur gleich packen.« »Wohl, aber«, sagte Mr. Rugg und trat zwischen ihn und die Tür, »nehmen Sie Vernunft an, nehmen Sie Vernunft an. Sie werden Sie bald genug festnehmen, Mr. Clennam, ich zweifle nicht daran; aber nehmen Sie Vernunft an. In solchen Fällen geschieht es immer, daß sich eine unbedeutende Sache in den Vordergrund drängt und viel Lärm macht. Nun finde ich, daß ein unbedeutender Verhaftsbefehl ausgewirkt ist – eine bloße Hausgerichtshofsache –, und ich habe Grund zu vermuten, daß man damit schon heute vorgeht. Ich möchte nicht, daß Sie deshalb verhaftet würden.« »Warum nicht?« fragte Clennam. »Ich möchte mich lieber wegen einer bedeutenden Sache verhaften lassen, Sir«, sagte Mr. Rugg. »Man muß auch den Schein aufrechterhalten. Als Ihr Rechtsbeistand würde ich es vorziehen, wenn Sie auf den Verhaftsbefehl eines höheren Hofes festgenommen würden; wenn Sie nichts dagegen haben, erweisen Sie mir diese Gefälligkeit. Es sieht besser aus.« »Mr. Rugg«, sagte Arthur in seiner Niedergeschlagenheit, »mein einziger Wunsch ist, daß es vorbei wäre. Ich will gehen und es darauf ankommen lassen.« »Noch ein vernünftiges Wort, Sir!« rief Mr. Rugg, »Das, werden Sie zugeben müssen, ist Verstand. Das andere mag Geschmacksache sein, aber das ist die reine Vernunft. Wenn Sie wegen der geringfügigen Sache verhaftet werden, Sir, so kommen Sie in das Marschallgefängnis. Nun, Sie wissen ja, was das Marschallgefängnis ist. Sehr beschränkt und außerordentlich eng, während die Kings Bench« – Mr. Rugg schwenkte die rechte Hand, um den Überfluß an Raum anzudeuten. »Ich möchte mich lieber in das Marschallgefängnis einsperren lassen als in jedes andere Gefängnis«, sagte Clennam. »Ist das Ihr Ernst, Sir?« versetzte Mr. Rugg. »Das ist Geschmacksache, und wir können gehen.« Er war anfangs etwas beleidigt, aber er dachte bald nicht mehr daran. Sie gingen durch den Hof nach dem andern Ende. Die »blutenden Herzen« nahmen an Arthur, seit es ihm schlecht ging, mehr Interesse als zuvor; sie betrachteten ihn jetzt als einen, der dem Charakter des Ortes treu war und sein Bürgerrecht erworben hat. Manche von ihnen kamen heraus, um ihm nachzusehen und mit großer Salbung die Bemerkung gegeneinander auszusprechen, daß es ihn »tief gebeugt« habe. Mrs. Plornish und ihr Vater standen sehr niedergeschlagen und den Kopf schüttelnd auf der Seite des Hofes, wo sie wohnten, oben an der Treppe. Es war niemand da, der auf sie wartete, als Arthur und Mr. Rugg nach dem Kontor kamen. Aber ein ältliches Mitglied der jüdischen Gemeinde, in Rum konserviert, folgte ihnen dicht auf dem Fuße und sah zur Glastür herein, ehe Mr. Rugg einen von den heute eingetroffenen Briefen geöffnet hatte. »Oh!« sagte Mr. Rugg, indem er aufsah. »Wie geht es Ihnen? Kommen Sie herein. – Mr. Clennam, ich glaube, das ist der Herr, von dem ich sprach.« Der »Herr« erklärte, der Zweck seines Besuches sei ein ganz »kleines unbedeutendes Geschäftchen«, und vollzog seine gesetzliche Funktion. »Soll ich Sie begleiten, Mr. Clennam?« fragte Mr. Rugg höflich, indem er sich die Hände rieb. »Ich will lieber allein gehen, ich danke Ihnen. Haben Sie die Güte, und senden Sie mir meine Kleider.« Mr. Rugg antwortete in sorglos heiterer Weise, daß er es besorgen werde, und schüttelte ihm die Hände. Er und sein Begleiter gingen dann die Treppe hinab, stiegen in den ersten besten Wagen, den sie fanden, und fuhren nach der alten Pforte. »Ich dachte mir wahrhaftig nicht, der Himmel verzeihe mir, daß ich je unter solchen Umständen diese Schwelle betreten würde«, sagte Clennam bei sich. Mr. Chivery hatte heute das Schließeramt, und der junge John war in dem Pförtnerstübchen; entweder eben erst abgelöst oder im Begriff abzulösen. Beide waren, da sie sahen, wer der neue Gefangene war, mehr erstaunt, als man es von Schließern je hätte erwarten sollen. Der ältere Mr. Chivery schüttelte ihm verlegen die Hand und sagte: »Ich erinnere mich nicht, Sir, daß ich Sie jemals so ungern gesehen habe.« Der junge Mr. Chivery, der entfernter stand, gab ihm nicht mal die Hand; er sah ihn im Gegenteil mit so sichtbarer Unentschlossenheit an, daß es selbst Clennam mit seinem schweren Herzen und seinen schweren Augen auffiel. Gleich darauf verschwand der junge John in dem Gefängnis. Da Clennam die Ortsverhältnisse genau genug kannte, um zu wissen, daß er einige Zeit in dem Pförtnerstübchen warten müsse, nahm er einen Stuhl, setzte sich in eine Ecke und tat, als ob er mit Briefen beschäftigt wäre, die er aus der Tasche zog. Sie nahmen seine Aufmerksamkeit nicht so sehr in Anspruch, daß er nicht voll Dank hätte bemerken können, wie der ältere Mr. Chivery das Pförtnerstübchen von Gefangenen freihielt, wie er einigen mit den Schlüsseln winkte, daß sie nicht hereinkämen, wie er andre mit den Ellbogen stieß, daß sie hinausgingen, und wie er ihm sein Unglück so leicht machte, wie er konnte. Arthur saß da, die Augen fest auf den Boden geheftet, während er die Vergangenheit an seinem Auge vorüberziehen ließ, über die Gegenwart brütete und wieder beide vergaß, als er fühlte, daß sich eine Hand auf seine Schulter legte. Der junge John tat dies und sagte: »Sie können jetzt kommen.« Er stand auf und folgte dem jungen John. Als sie das innere Gittertor ein paar Schritte hinter sich hatten, drehte sich der junge John um und sagte zu ihm: »Sie brauchen ein Zimmer. Ich habe eines für Sie in Bereitschaft.« »Ich danke Ihnen herzlich.« Der junge John wandte sich wieder um, führte ihn zum alten Torweg hinein, die alte Treppe hinauf, in das alte Zimmer. Arthur streckte seine Hand aus. Der junge John sah sie an, sah dann ihn an – ernst und stolz, und sagte etwas zurückhaltend: »Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein, ich kann's nicht. Aber ich dachte nur, Sie würden das Zimmer gern haben, deshalb gab ich es Ihnen.« Das Erstaunen über dies ungereimte Benehmen wich, als er weggegangen war (er ging sogleich weg), den Gefühlen, die das leere Zimmer in Clennams wunder Brust erweckte, und der Menge von Ideenassoziationen mit dem guten und lieben Wesen, das es geheiligt hatte. Ihre Abwesenheit bei seinen veränderten Glücksumständen ließen ihm das Zimmer und sich selbst darin so verlassen und so sehr eines so lieben und treuen Gesichtes bedürftig erscheinen, daß er sich gegen die Wand kehrte, um zu weinen, und seufzend sich der herzerleichternde Ausruf: »O, meine Klein-Dorrit!« aus seiner Brust losrang. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Zögling des Marschallgefängnisses. Es war ein sonniger Tag, und das Marschallgefängnis lag in den heißen Mittagssonnenstrahlen ungewöhnlich still da. Arthur Clennam sank in einen einsamen Lehnstuhl, der so abgeschabt war wie die Schuldner in dem Gefängnis, und hing seinen Gedanken nach. In dem unnatürlichen Frieden, der in dem Bewußtsein lag, die drohende Verhaftung überstanden zu haben, – dem ersten Wechsel der Gefühle, die das Gefängnis meist herbeiführt, und von welchem gefährlichen Ruhepunkt so manche in die Tiefen der Erniedrigung und der Schmach auf so manche Art gesunken waren, – konnte er an einige Episoden seines Lebens in einer Weise denken, als wenn er von ihnen in ein anderes Leben entrückt wäre. Wenn man erwägt, wo er war, welches Interesse ihn zuerst hierhergeführt, als es ihm noch freistand, wegzubleiben, wenn man an das sanfte Wesen denkt, das so untrennbar von Mauern und Gittern ringsum war wie von unfaßbaren Erinnerungen seines späteren Lebens, die weder Mauer noch Gitter einkerkern konnte, so war es nicht merkwürdig, daß ihm alles, worauf seine Erinnerung fiel, Klein-Dorrit zurückrief. Ihm war es aber dennoch merkwürdig; nicht die Tatsache selbst; sondern weil sie ihn daran mahnte, welch großen Einfluß das liebe kleine Geschöpf auf seine besseren Entschlüsse gehabt hatte. Niemand von uns weiß, welchen Menschen oder Dingen wir in dieser Weise verschuldet sind, bis eine auffällige Stockung in dem rasch sich drehenden Rade des Lebens uns dies Bewußtsein gibt. Krankheiten, Kummer, der Verlust teurer Geliebten führen es uns zu Gemüt, und es ist eine der häufigsten nützlichen Folgen des Unglücks. Dies Gefühl überkam Clennam in seinem Unglück und machte einen tiefen und rührenden Eindruck auf ihn. »Als ich mich zuerst sammelte«, dachte er, »und meinen müden Augen etwas wie ein Ziel setzte, wen sah ich vor mir, mühevoll arbeitend, um eines guten Zweckes willen, ohne Entmutigung, und ohne der gemeinen Hindernisse zu achten, die eine Armee von Helden und Heldinnen entmutigt hätten? – Ein schwaches Mädchen! Als ich meine schlecht gewählte Liebe zu bekämpfen und gegen den Mann, der glücklicher als ich war, edel zu sein strebte, obgleich er es vielleicht nie erfahren oder nur mit einem freundlichen Worte danken würde, wessen Geduld, Selbstverleugnung, Selbstbezwingung, Barmherzigkeit und edle Großmut des Herzens beobachtete ich da? Eben dieses armen Mädchens! Wenn ich, ein Mann mit den Vorteilen und Mitteln und Kräften eines Mannes, die geheime Stimme meines Herzens mißachtet hätte, daß, wenn mein Vater gefehlt, es meine erste Pflicht sei, diesen Fehler zu verdecken und gutzumachen, – welche jugendliche Gestalt, die, ihre zarten Füße beinahe entblößt, durch die feuchten Straßen ging, mit ihren schwachen Händen immer arbeitete, ihren schwachen Körper vor der Rauheit des Wetters kaum geschützt hätte, wäre mir erschienen und hätte mich beschämt? Klein-Dorrit.« So dachte er in einem fort, solange er allein in dem abgeschabten Stuhle saß. Immer Klein-Dorrit. Bis es ihm schien, als wenn er jetzt den Lohn fände, daß er sie von sich gelassen und geduldet hätte, daß etwas zwischen ihn und seine Erinnerung an ihre Tugenden träte. Seine Tür war offen, und der Kopf des älteren Chivery sah ein wenig herein, ohne daß er gerade ihm zugewandt gewesen wäre. »Ich bin abgelöst, Mr. Clennam, und gehe weg. Kann ich etwas für Sie tun?« »Vielen Dank. Nein.« »Sie werden entschuldigen, daß ich die Tür aufgemacht habe, aber ich konnte mich nicht anders bemerklich machen«, sagte Mr. Chivery. »Haben Sie geklopft?« »Ein halbes dutzendmal.« Clennam stand auf und sah, daß das Gefängnis von seinem Mittagsschläfchen erwacht war, daß die Bewohner sich auf dem schattigen Hofe umhertrieben und daß es schon spät am Nachmittag war. Er hatte stundenlang dagesessen und vor sich hingebrütet. »Ihre Sachen sind angekommen«, sagte Mr. Chivery, »und mein Sohn wird sie herausbringen. Ich würde sie schon heraufgeschickt haben, aber er wünschte durchaus, sie selbst herauszubringen. Wahrhaftig, er ließ sich das nicht nehmen, deshalb konnte ich sie nicht heraufschicken. Mr. Clennam, dürft' ich ein Wort mit Ihnen sprechen?« »Bitte, treten Sie ein«, sagte Arthur; denn von Mr. Chiverys Kopf war bislang nur ein kleines Stück zu sehen, und Mr. Chivery hatte ihm bloß ein Ohr zugewandt statt beide Augen. Das war angeborenes Zartgefühl bei Mr. Chivery – echte Höflichkeit; obgleich sein Äußeres sehr viel vom Schließer hatte und nicht das mindeste von einem Gentleman. »Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Mr. Chivery, ohne hereinzukommen. »Mr. Clennam, nehmen Sie es nicht übel (wenn Sie so gut sein wollen), falls Sie ihn etwas kurios finden, mein Sohn hat ein Herz, und meines Sohnes Herz ist auf dem rechten Fleck. Ich und seine Mutter wissen, wo es zu finden ist, und wir finden's am rechten Platz.« Nach dieser geheimnisvollen Rede zog Mr. Chivery sein Ohr zurück und schloß die Tür. Er mochte ungefähr zehn Minuten weggegangen sein, als sein Sohn ihm folgte. »Hier ist Ihr Mantelsack«, sagte er zu Arthur, indem er ihn sorgfältig zu Boden setzte. »Das ist sehr freundlich von Ihnen. Es beschämt mich, daß Sie sich so viel Mühe machen.« Er war fort, ehe Clennam dies gesagt; kehrte jedoch bald wieder zurück, indem er genau wie zuvor sagte: »Hier ist Ihr schwarzes Kistchen«, das er ebenfalls sorgfältig hinstellte. »Ich erkenne diese Aufmerksamkeit mit großem Dank an. Ich hoffe, wir können uns jetzt die Hand schütteln, Mr. John.« Der junge John jedoch trat zurück, indem er sein rechtes Handgelenk in einer Höhlung drehte, die er mit dem linken Daumen und Mittelfinger bildete, und dann wie zuvor sagte: »Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein; ich sehe, daß ich nicht kann!« Er sah darauf den Gefangenen mit einem ernsten Blick an, während seine Empfindung sich in einem Grade steigerte, daß sie beinahe in Mitleid überging. »Warum sind Sie ungehalten auf mich«, sagte Mr. Clennam, »und doch so bereit, mir diese freundlichen Dienste zu erzeigen? Es muß ein Mißverständnis zwischen uns obwalten. Wenn ich irgendwie dazu Veranlassung gegeben haben sollte, so würde mir das sehr leid tun.« »Kein Mißverständnis, Sir«, sagte John, indem er das Handgelenk in der Höhlung vor- und zurückbewegte, obgleich sie sehr eng war. »Kein Mißverständnis, Sir, waltet in dem Gefühle ob, mit dem meine Augen Sie im gegenwärtigen Moment betrachten. Wenn ich überhaupt mich Ihnen gleichstellen könnte, Mr. Clennam – was ich nicht kann; und wenn nicht ein Druck auf Ihnen lastete – was im Augenblick der Fall ist; und wenn es nicht gegen alle Regeln des Marschallgefängnisses wäre – was es doch ist; – so wären meine Gefühle derart, daß sie mich eher als zu allem andern dazu antreiben würden, auf der Stelle die Sache durch Boxen mit Ihnen abzumachen.« Arthur sah ihn einen Augenblick erstaunt und etwas ungehalten an. »Nun, nun!« sagte er. »Ein Mißverständnis, ein Mißverständnis!« Er wandte sich weg und setzte sich mit einem schweren Seufzer wieder in den abgeschabten Stuhl. Der junge John folgte ihm mit den Blicken und rief nach einer kurzen Pause: »Ich bitte um Vergebung!« »Sie ist Ihnen gern gewährt«, sagte Clennam, indem er mit seiner Hand winkte, ohne sein gesunkenes Haupt zu erheben. »Sagen Sie nichts mehr. Ich bin dessen nicht würdig.« »Diese Möbel, Sir«, sagte der junge John mit dem Ton zarter und freundlicher Erklärung, »gehören mir. Ich habe die Gewohnheit, sie an solche auszuleihen, die das Zimmer bewohnen und keine eigenen Möbel haben. Es ist nicht viel, aber es steht zu Ihren Diensten. Umsonst, meine ich. Ich könnte mir keine andren Bedingungen denken, unter denen ich sie Ihnen liehe. Es wird mich freuen, wenn Sie die Sachen umsonst benutzen wollen.« Arthur erhob seinen Kopf wieder, um ihm zu danken und zu sagen, er könne diese Güte nicht annehmen. John drehte noch immer sein Handgelenk und war noch so unschlüssig wie früher. »Was ist denn zwischen uns?« sagte Arthur. »Ich kann es nicht nennen, Sir«, versetzte der junge John, plötzlich laut und scharf sprechend. »Nichts ist zwischen uns.« Arthur sah ihn wieder an, aber sein Blick bat vergeblich um eine Erklärung dieses Benehmens. Kurz darauf wandte Arthur seinen Kopf wieder weg. Der junge John sagte alsbald mit der größten Weichheit: »Der kleine runde Tisch, Sir, der neben Ihnen steht, gehörte – Sie wissen, wem – ich brauche ihn nicht zu nennen – er ist tot, ein echter Gentleman. Ich kaufte ihn von einem Menschen, dem er ihn schenkte und der nach ihm dieses Zimmer bewohnte. Aber dieser Mensch stand ihm in keiner Weise gleich. Die wenigsten Menschen würden imstande sein, sich auf seine Höhe zu schwingen.« Arthur zog den kleinen Tisch näher an sich, legte seinen Arm darauf und blieb in dieser Stellung. »Vielleicht wissen Sie nicht, Sir«, sagte der junge John, »daß ich ihm beschwerlich fiel, als er hier in London war. Er schien es wenigstens für eine Zudringlichkeit zu halten, obgleich er so freundlich war, mich sitzen zu heißen und nach dem Vater und allen alten Freunden zu fragen. Selbst nach seinen geringsten Bekannten. Er erschien mir sehr verändert, ich sagte es, als ich nach Hause kam. Ich fragte ihn, ob Miß Amy wohl sei – –« »Und er sagte ja?« »Ich hätte gedacht, das wüßten Sie, ohne diese Frage an mich zu richten«, versetzte der junge John, während er ein Gesicht machte, als verschluckte er eine große unsichtbare Pille. »Da Sie jedoch diese Frage an mich richten, schmerzt es mich, daß ich sie nicht beantworten kann. Aber offen gesagt, er sah die Frage nach ihrem Befinden als eine Anmaßung an und sagte: ›Was das mich angehet?‹ Da wurde ich erst recht gewahr, daß ich zudringlich gewesen; vorher hatte ich es nur befürchtet. Er sprach jedoch später sehr gütig; sehr gütig.« Sie schwiegen beide mehrere Minuten lang; der junge John unterbrach die Pause nur einmal mit den Worten: »Er sprach und handelte wirklich sehr gütig.« Später war es wieder der junge John, der die Pause mit der Frage unterbrach: »Wenn es nicht zudringlich erscheinen sollte, wie lange beabsichtigen Sie ohne Essen und Trinken zu bleiben?« »Ich habe bis jetzt noch in keiner Richtung ein Bedürfnis gefühlt«, versetzte Clennam. »Ich habe keinen Appetit.« »Um so mehr Grund, Sir, daß Sie etwas zu sich nehmen sollten«, drängte der junge John. »Wenn Sie so Stunde um Stunde dasitzen und keine Erfrischung zu sich nehmen, weil Sie keinen Appetit haben, nun so sollen Sie eben eine Erfrischung zu sich nehmen ohne Appetit. Ich werde auf meinem Zimmer Tee trinken. Wenn es nicht zudringlich klingt, bitte, so kommen Sie mit mir und trinken Sie eine Tasse bei mir. Oder ich könnte das Teebrett auch in zwei Minuten herüberbringen.« Da Arthur fühlte, daß der junge John sich diese Mühe machen würde, wenn er es ausschlüge, und da er zu gleicher Zeit zu zeigen den Wunsch hegte, daß er des ältern Mr. Chiverys Bitte und des jüngeren Chiverys Entschuldigung alle Beachtung schenke – so stand er auf und drückte seine Bereitwilligkeit aus, eine Tasse Tee in Mr. Johns Zimmer zu trinken. Der junge John schloß statt seiner die Tür, ließ ihm den Schlüssel mit großer Gewandtheit in die Tasche gleiten und führte ihn nach seiner Wohnung. Diese befand sich im Giebel des Hauses, zunächst dem Torweg. Es war dasselbe Zimmer, nach dem Clennam an dem Tage geeilt war, an dem die reich gewordene Familie das Gefängnis für immer verließ, und wo er sie ohnmächtig vom Boden aufgehoben. Er ahnte, wohin sie gingen, sobald ihr Fuß die Treppe berührte. Das Zimmer hatte sich soweit geändert, daß es jetzt tapeziert und neu gemalt, auch weit komfortabler eingerichtet war; aber er konnte es sich genau erinnern, wie er es mit einem flüchtigen Blick gesehen, als er sie vom Boden aufhob und in den Wagen hinabtrug. Der junge John sah ihn unverwandt an und nagte dabei an seinen Fingern. »Ich sehe, Sie erinnern sich des Zimmers, Mr. Clennam?« »Ich erinnere mich dessen ganz genau, Gott segne sie!« Den Tee ganz vergessend, fuhr der junge John fort, an den Fingern zu nagen und seinen Gast zu betrachten, solange sich dieser in dem Zimmer umsah. Endlich aber griff er doch nach der Teekanne, scharrte aus einer Büchse rasch eine Portion zusammen, die er hineinwarf, und ging nach der gemeinschaftlichen Küche, um die Kanne mit heißem Wasser zu füllen. Das Zimmer sprach trotz der veränderten Umstände, unter denen er das elende Marschallgefängnis betrat, so beredt zu ihm; es sprach so traurig von ihr und von seinem Verlust der Kleinen, daß es ihm schwer gewesen wäre, sich dem rührenden Eindruck zu entziehen, selbst wenn er nicht allein gewesen wäre. Allein wollte er es nicht versuchen. Er legte seine Hand auf die gefühllose Wand, so zärtlich, als wenn sie es selbst gewesen, die er berührt, und sprach ihren Namen mit leiser Stimme aus. Er stand an dem Fenster und sah über die Gefängnismauer mit ihrer abscheulichen Spitzenkante hin und flüsterte einen Segen durch die Sonnennebel nach dem fernen Lande hin, wo sie reich und glücklich war. Der junge John war einige Zeit abwesend, und man sah, als er zurückkam, daß er außerhalb der Gefängnismauern gewesen, da er frische Butter in einem Kohlblatt, einige dünne Schnitten gekochten Schinken in einem zweiten Kohlblatt und ein kleines Körbchen mit Wasserkresse und Salatkräutern brachte. Als dies zu seiner Zufriedenheit auf dem Tische arrangiert war, setzten sie sich zum Tee nieder. Clennam suchte der Einladung Ehre anzutun, aber es wollte ihm nicht gelingen. Der Schinken machte ihn krank, und das Brot schien sich in seinem Munde in Sand zu verwandeln. Er vermochte nicht mehr über sich, als eine Tasse Tee zu trinken. »Versuchen Sie doch ein wenig Grünes«, sagte der junge John, indem er ihm das Körbchen darbot. Er nahm etwas Wasserkresse und versuchte es aufs neue; aber das Brot verwandelte sich in noch schwereren Sand denn zuvor, und der Schinken (obwohl er an und für sich ganz gut war) schien einen schwachen Samum von Schinken durch das ganze Marschallgefängnis zu blasen. »Versuchen Sie noch etwas mehr Grünes, Sir«, sagte der junge John und bot ihm wieder das Körbchen. Dies machte so sehr den Eindruck, als wenn man grüne Kräuter in den Käfig eines traurigen, einsamen Vogels schöbe, und John hatte so offenbar das kleine Körbchen als eine Handvoll Erfrischung, die bei den alten, heißen Pflaster- und Mauersteinen des Gefängnisses nötig war, gekauft, daß Clennam mit einem Lächeln sagte: »Es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie auf den Gedanken kamen, dies zwischen die Drahtstäbe zu senken; aber ich kann heute nicht mal dies hinunterbringen.« Als wenn die Schwierigkeit ansteckend wäre, schob auch der junge John bald seinen Teller weg und begann das Kohlblatt, in dem der Schinken gewesen war, aufzurollen. Als er es mehrmals zusammengerollt, daß es ganz klein zwischen seinen Händen geworden, begann er es platt zu drücken und sah dabei Clennam aufmerksam an. »Ich wundre mich«, sagte er endlich, indem er sein grünes Bällchen mit einiger Kraft zusammendrückte, »daß, wenn Sie es nicht um Ihrer selbst willen für der Mühe wert halten, Sorge für sich zu tragen, Sie es nicht um einer andern Person willen tun.« »Wahrhaftig«, versetzte Arthur mit einem Seufzer und einem Lächeln, »ich wüßte nicht, um wessen willen.« »Mr. Clennam«, sagte John warm, »ich bin erstaunt, daß ein Gentleman, der solcher Offenheit fähig ist wie Sie, der niedrigen Handlung fähig sein soll, mir eine solche Antwort zu geben. Mr. Clennam, ich bin erstaunt, daß ein Gentleman, der ein Herz hat, die Herzlosigkeit besitzen soll, das meine in solcher Weise zu behandeln. Ich bin darüber erstaunt, Sir. Wirklich und wahrhaftig, ich bin erstaunt.« Da er aufgestanden war, um seinen Schlußworten den rechten Nachdruck zu verleihen, setzte sich der junge John, nachdem er gesprochen hatte, wieder, und begann sein grünes Bällchen auf seinem rechten Bein zu rollen, indem er dabei kein Auge von Clennam abwandte, sondern ihn mit dem Blicke vorwurfsvoller Entrüstung ansah. »Ich war mit der Sache fertig geworden«, sagte John, »Ich hatte sie bekämpft, da ich fühlte, daß sie bekämpft werden müsse, und war zu dem Entschluß gekommen, nicht mehr daran zu denken. Ich würde gar nicht mehr daran gedacht haben, hoffe ich, wenn man Sie nicht in dies Gefängnis gebracht, und dies in einer unglücklichen Stunde für mich, heute. (In seiner Aufregung brauchte der junge John die wirkungsvolle Satzkonstruktion seiner Mutter.) Als Sie heute zuerst in das Pförtnerstübchen traten, mehr wie ein gefangener Giftbaum denn wie ein Privatverbrecher, strömten so viele Gefühle auf mich ein, daß im ersten Augenblick alles von ihnen weggeschwemmt wurde und ich mich wie in einem Wirbel drehte. Ich rettete mich aus demselben. Ich kämpfte und rettete mich aus demselben. Wenn es das letzte Wort wäre, das ich zu sprechen hätte, gegen diesen Wirbel kämpfte ich mit der äußersten Kraft an und kam heraus. Ich dachte, wenn ich unzart gewesen, sei eine Entschuldigung nötig, und eine solche Entschuldigung machte ich. Und nun, da ich so lebhaft den Wunsch habe, zu zeigen, daß ich ein beinahe heiliges Gefühl hege, das mir über alle andern geht, – jetzt machen Sie Winkelzüge, während ich die Sache so zart andeute, und werfen mich zurück. »Denn Sie werden nicht so falsch sein«, sagte der junge John, »zu leugnen, daß Sie Winkelzüge machen und mich auf mich zurückwerfen.« Arthur sah ihn höchlich erstaunt und verlegen an; er konnte nicht mehr hervorbringen als: »Was soll's damit? Was meinen Sie, John?« Aber John, der in jener Gemütsverfassung war, in der einer gewissen Klasse von Menschen nichts unmöglicher scheinen würde, als eine Antwort zu geben, fuhr blindlings fort. »Ich hatte nie«, erklärte John, »nein, ich hatte niemals die Kühnheit, zu denken, das weiß ich gewiß, die Sache könne anders denn verloren sein. Ich hatte nie, nein, warum sollte ich sagen, ich hatte nie, wenn ich sie jemals gehabt, ich hatte nie die Hoffnung, daß es möglich wäre, ich könnte so glücklich sein, nach den Worten, die zwischen uns gewechselt wurden, selbst nicht, wenn keine so unübersteiglichen Hindernisse sich mir entgegengetürmt hätten. Aber ist das ein Grund, weshalb ich nicht mehr daran denken sollte, weshalb ich mich nicht erinnern dürfte, weshalb es für mich keine geheiligten Orte oder dergleichen geben sollte?« »Was können Sie nur mit alledem meinen?« rief Arthur. »Man kann ganz gut darauf herumtreten, Sir«, fuhr John fort, indem er eine Prärie von wilden Worten zum besten gab, »wenn jemand es über sich vermag, dieser Handlung sich schuldig zu machen. Man kann die Sache mit Füßen treten, aber sie bleibt doch, was sie ist. Wohl möglich, daß man sie nicht mit Füßen treten könnte, wenn sie nicht existierte. Aber das macht es nicht fein, das macht es nicht ehrenhaft, das rechtfertigt es nicht, einen Menschen wieder in den Strudel zurückzuschleudern, nachdem er sich herausgearbeitet hat wie ein Schmetterling. Die Welt mag über einen Schließer spötteln, aber er ist ein Mann – wenn er nicht eine Frau ist, was er wohl unter weiblichen Verbrechern sein wird.« So lächerlich auch das Unzusammenhängende seiner Rede war, so lag doch etwas so Treuherziges in dem einfachen, sentimentalen Charakter des jungen John, und ein Gefühl, an einem zarten Punkt tief verletzt worden zu sein, in seinem glühenden Gesicht und in der Erregtheit seines Tones und Wesens, daß Arthur hätte grausam sein müssen, wenn er es hätte nicht beachten wollen. Er richtete seine Gedanken auf den Ausgangspunkt dieser ihm unbewußten Beleidigung, während der junge John, nachdem er sein grünes Bällchen hübsch rund gerollt hatte, es in drei Stücke schnitt und sorgfältig auf einen Teller legte, als wenn es eine besondere Delikatesse wäre. »Es dünkt mich nicht unwahrscheinlich«, sagte Arthur, als er das Gespräch bis auf die Wasserkresse zurückverfolgt und dann aufs neue begann, »daß Sie auf Miß Dorrit angespielt haben?« »Allerdings, Sir«, versetzte John Chivery. »Ich verstehe das nicht. Ich hoffe, ich bin nicht so unglücklich, Sie glauben zu machen, ich wolle Sie wieder beleidigen, denn ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, wenn ich sage, ich verstehe Sie nicht.« »Sir«, sagte der junge John, »wollen Sie so perfid sein, zu leugnen, daß Sie wissen und lange schon gewußt haben, daß ich für Miß Dorrit, nennen Sie es nicht Anmaßung der Liebe, sondern Verehrung und Hingebung fühle?« »Wahrhaftig, John, es ist keine Perfidie, wenn ich es weiß; warum Sie solche bei mir voraussetzen, frage ich mich vergeblich. Hörten Sie je von Mrs. Chivery, Ihrer Mutter, daß ich sie eines Tages besuchte?« »Nein, Sir«, versetzte John kurz. »Habe nie davon gehört.« »Aber ich war bei ihr. Können Sie sich denken, weshalb?« »Nein, Sir«, antwortete John kurz. »Ich kann mir nicht denken, warum.« »So will ich es Ihnen sagen. Ich wünschte, zu Miß Dorrits Glück etwas beizutragen; und wenn ich glaubte, Miß Dorrit erwidere Ihre Liebe –« Der arme John Chivery wurde hochrot bis hinter die Ohren. »Miß Dorrit erwiderte sie nicht. Ich wünsche ehrenhaft und wahr zu sein, soweit mir dies in meiner bescheidenen Stellung möglich ist, und ich würde es verschmähen, auch nur einen Augenblick zu behaupten, daß sie es je getan oder mich je glauben ließ, sie tue es; nein, nicht einmal, daß es je bei ruhigem Verstand zu erwarten war, sie werde oder könne es tun. Sie stand zu allen Zeiten und in jeder Beziehung weit über mir. Gerade wie ihre vornehme Familie«, fügte John hinzu. Sein ritterliches Gefühl gegenüber von allem, was zu ihr gehörte, machte ihn, trotz seiner kleinen Gestalt und seiner ziemlich schwachen Beine und seines sehr schwachen Haares und seines poetischen Temperaments, doch so bedeutend, daß selbst ein Goliath an seiner Stelle weniger Respekt bei Arthur gefunden hätte. »Sie sprechen wie ein Mann, mein lieber John«, sagte er mit herzlicher Bewunderung. »Nun, Sir«, versetzte John, mit der Hand über die Augen fahrend, »dann wünsche ich, Sie würden dasselbe tun.« Er war rasch mit dieser unerwarteten Antwort zur Hand, und Arthur sah ihn wieder mit einem staunenden Ausdruck des Gesichtes an. »War das zu stark«, sagte John, indem er seine Hand über das Teebrett hinüberbot, »so nehme ich es zurück. Aber warum nicht, warum nicht? Wenn ich Ihnen sage, Mr. Clennam, sorgen Sie um einer andern Person willen für sich, warum soll ich nicht offenherzig sein, obgleich ich ein Schließer bin? Warum gab ich Ihnen das Zimmer, von dem ich wußte, daß es Ihnen das liebste sein würde? Warum brachte ich Ihre Sachen herauf? Nicht, daß ich sie schwer gefunden habe; ich sage das nicht in dieser Beziehung; weit entfernt. Warum habe ich mich seit diesem Morgen in solcher Weise um Sie gemüht? Wegen Ihrer eigenen Verdienste etwa? Nein. Sie mögen sehr groß sein; ich zweifle nicht daran; aber nicht auf Grund dieser. Die Verdienste eines andern Wesens fielen in die Wagschale und hatten für mich größeres Gewicht. Warum nicht offen sprechen?« »Ehrlich und offen, John«, sagte Clennam, »Sie sind ein so guter Mensch, und ich habe eine so aufrichtige Achtung vor Ihrem Charakter, daß, wenn ich weniger, als es wirklich der Fall, die freundlichen Dienste, die Sie mir heute leisteten, dem Umstand zuzuschreiben schien, daß mich Miß Dorrit mit ihrer Freundschaft beehrt, – so gestehe ich dies als einen großen Fehler ein, und ich bitte um Vergebung.« »Ah, warum nicht«, wiederholte John mit erneutem Hohn, »warum nicht offen sprechen?« »Ich erkläre Ihnen«, versetzte Arthur, »daß ich Sie nicht verstehe. Betrachten Sie mich. Erwägen Sie die Sorgen, die mich niederdrücken. Ist es wahrscheinlich, daß ich zu den andern Vorwürfen, die ich mir machen muß, den fügen sollte, undankbar und verräterisch gegen Sie zu sein? Ich verstehe Sie nicht.« Johns ungläubiges Gesicht bekam nach und nach den Ausdruck des Zweifels. Er stand auf, trat an das Fenster des Dachstubenzimmers, bat Arthur näher zu kommen und sah gedankenvoll zu ihm hin. »Mr. Clennam, wollen Sie damit sagen, daß Sie es nicht wissen?« »Was, John?« »Himmel«, sagte John, indem er mit tiefem Atemholen an die Eisenspitzen auf der Mauer appellierte. »Er sagt: ›Was?‹« Clennam sah nach den Eisenspitzen hin und dann John an; und sah die Eisenspitzen und dann John noch einmal an. »Er sagt: Was! Und was noch mehr«, rief der junge John und betrachtete ihn in kläglicher Verlegenheit, »er scheint es sogar wirklich zu meinen! Sehen Sie dieses Fenster, Sir?« »Natürlich sehe ich dieses Fenster.« »Sehen Sie dieses Zimmer?« »Nun, natürlich sehe ich dieses Zimmer.« »Die gegenüberstehende Mauer und den Hof dort unten? Sie waren alle Zeugen davon, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat. Denn wie oft habe ich Miß Dorrit hier gesehen, während sie mich nicht gesehen hat!« »Zeugen, von was?« sagte Clennam. »Von Miß Dorrits Liebe.« »Zu wem?« »Zu Ihnen!« sagte John. Und berührte mit dem Rücken seiner Hand Clennams Brust und trat zu seinem Stuhl zurück und setzte sich mit blassem Gesicht hinein, indem er die Arme übereinanderschlug und ihn kopfschüttelnd ansah. Wenn er Clennam einen derben Schlag versetzt hätte, statt ihn so leicht zu berühren, so hätte dieser nicht mehr erschüttert sein können. Er stand erstaunt da, die Augen auf John geheftet und den Mund offen, während seine Lippen die Worte: ›Zu mir‹ zu bilden schienen, ohne sie jedoch laut auszusprechen; seine Hände hingen an seiner Seite herab, und seine ganze Erscheinung war die eines Mannes, der aus dem Schlaf erwacht ist und die bestürzende Nachricht, die man ihm gebracht hat, nicht begreifen kann. »Zu mir!« sagte er endlich laut. »Ach!« stöhnte der junge John. »Zu Ihnen!« Er strengte sich an, ein Lächeln zu erzwingen, und er versetzte: »Das ist Einbildung von Ihnen. Sie sind vollständig im Irrtum.« »Ich im Irrtum!« sagte der junge John. » Ich vollständig im Irrtum über diese Sache! Nein, Mr. Clennam, sagen Sie mir das nicht! Bei jeder andern Sache wäre das möglich, denn ich maße mir nicht an, sehr scharfblickend zu sein, und bin mir meiner Schwächen sehr gut bewußt. Aber ich soll mich irren über einen Punkt, der mir die Brust mehr zerrissen hat als ein Hagel von Pfeilen, die eine wilde Horde auf mich abschösse! Ich soll mich irren über einen Punkt, der mich beinahe in das Grab gebracht, was ich manchmal gewünscht, wenn sich das Grab nur mit dem Tabaksgeschäft und den Gefühlen für Vater und Mutter hätte vertragen können! Ich mich irren über einen Punkt, der mich selbst im gegenwärtigen Augenblick veranlaßt, mein Taschentuch, wie die Leute sagen, wie ein großes Mädchen herauszuziehen; obgleich ich nicht weiß, warum ein großes Mädchen ein Ausdruck des Vorwurfs sein sollte, denn jedes unverfälschte männliche Gemüt liebt sie groß und klein. Sagen Sie mir das nicht, sagen Sie mir das nicht!« Im Grunde immer noch sehr ehrenwert, obgleich auf der Oberfläche lächerlich genug, zog der junge John sein Taschentuch heraus, und dies so ganz ohne Schaustellung oder Heimlichkeit, wie man es nur bei einem Mann, der ein tüchtiges Stück guten Charakters besitzt, finden wird, wenn er sein Taschentuch herauszieht, um sich die Augen damit abzuwischen. Nachdem er sie getrocknet und sich den harmlosen Genuß verschafft hatte zu schluchzen, steckte er es wieder ein. Die Berührung wirkte noch immer so schlagartig nach, daß Arthur nicht viele Worte finden konnte, um die Sache zum Abschluß zu bringen. Er versicherte John Chivery, nachdem er sein Taschentuch wieder eingesteckt, daß er jener Uneigennützigkeit und der Treue, mit der er an Miß Dorrit festhalte, alle Anerkennung zollen müsse. Was die soeben von ihm kundgegebene Idee betreffe – hier unterbrach ihn John und sagte: »Keine Idee! Gewißheit!« –, so würden sie vielleicht ein andermal darüber sprechen, für den Augenblick aber wolle er nichts weiter sagen. Da er sich niedergedrückt und müde fühle, wolle er mit Johns Erlaubnis in sein Zimmer zurückkehren und es für diesen Abend nicht mehr verlassen. John gab seine Zustimmung, und er schlich in dem Schatten der Mauer nach seiner Wohnung zurück. Das Gefühl des Schlags war noch so lebhaft, daß er, als das schmutzige alte Weib fort war, das er auf der Treppe vor seiner Tür sitzend fand, und das auf ihn wartete, um sein Bett zu machen, und ihm, während sie dies tat, zu verstehen gab, daß sie ihre Instruktionen von Mr. Chivery, ›nicht dem alten, sondern dem jungen‹, erhalten habe, – in den verschossenen Armstuhl sank und den Kopf mit beiden Händen zusammenpreßte, als wenn er betäubt wäre. Klein-Dorrit ihn lieben! Das machte ihn weit verwirrter als sein Unglück, weit verwirrter. Man denke nur die Unwahrscheinlichkeit. Er war gewöhnt gewesen, sie sein Kind zu heißen, und sein liebes Kind, und ihr Vertrauen dadurch zu wecken, daß er auf den Unterschied in ihrem Alter Nachdruck legte und von sich wie von einem sprach, der alt würde. Aber sie hatte ihn vielleicht nicht für alt gehalten. Etwas erinnerte ihn sogar, daß er sich selbst nicht für alt gehalten habe, bis die Rosen auf dem Strom dahingeschwommen. Er hatte ihre beiden Briefe unter andern Papieren in seinem Pult, und er holte sie hervor und las sie. Es schien ein Ton aus ihnen hervorzuklingen wie der Ton ihrer süßen Stimme. Es schlug an sein Ohr mit manchen zarten Tönen, die mit der neuen Bedeutung nicht unvereinbar waren. Jetzt fiel ihm die scheinbar ruhige und doch so verzweiflungsvolle Antwort: ›Nein, nein, nein‹ an jenem Abend in demselben Zimmer ein – an jenem Abend, wo er das Morgenrot ihres veränderten Schicksals gesehen und wo sie noch andere Worte gewechselt hatten, an die er sich nun in seiner Erniedrigung und Gefangenschaft erinnern sollte. Man bedenke die Unwahrscheinlichkeit. Aber diese nahm bei näherer Erwägung sichtlich ab. Eine andre und seltsame Frage seines Herzens drängte sich gleichzeitig immer mehr vor. Lag nicht in seinem Widerwillen gegen den Gedanken, daß sie einen andern liebe; in seinem Wunsche, diese Frage zu beseitigen; in seinem halbfertigen Bewußtsein, daß es edel sei, ihre Liebe zu einem andern zu unterstützen, – lag darin nicht ein unterdrücktes Etwas auf seiner Seite, das er beschwichtigt hatte, wie es in ihm lebendig zu werden anfing? Hatte er sich jemals zugeflüstert, daß er niemals denken dürfe, sie könne ihn lieben, daß er keinen Vorteil aus ihrer Dankbarkeit ziehen dürfe, daß er seine Erfahrung als Warnung und Mahnung vor Augen behalten müsse; daß er solche jugendliche Hoffnungen als geschiedene zu betrachten habe, wie seines toten Freundes Tochter geschieden sei; daß er nicht aufhören dürfe, sich zu sagen, die Zeit für ihn sei vorüber, und er sei zu ernst und zu alt? Er hatte sie geküßt, als er sie vom Fußboden aufgehoben, an jenem Tage, als man sie so genau wie sonst und so bedeutungsvoll vergessen hatte. Ganz, wie er sie geküßt hätte, wenn sie bei Bewußtsein gewesen wäre? Kein Unterschied? Das Dunkel fand ihn noch mit diesen Gedanken beschäftigt. Das Dunkel fand auch Mr. und Mrs. Plornish pochend an seiner Tür. Sie brachten ein Körbchen, gefüllt mit einer Auswahl jener Waren, die so raschen Absatz fanden und so langsam bezahlt wurden. Mrs. Plornish war zu Tränen gerührt. Mr. Plornish brummte liebenswürdig in seiner philosophischen, aber nicht sonderlich klaren Weise, daß es im Leben bald auf-, bald abwärts gehe. Es wäre vergeblich, zu fragen, warum bald auf-, bald abwärts, so sei es eben einmal. Er habe es als ganz sicher erzählen hören, daß, wie die Welt sich drehe, was gewiß und erwiesen sei, so müsse sich auch der vornehmste Mann gefallen lassen, mit dem Kopf nach unten zu stehen und sein Haar in der verkehrten Richtung im Raum, wenn man's so nennen dürfe, fliegen zu lassen. Gut denn. Was Mr. Plornish sagte, war: Gut denn also. Des einen Herrn Kopf würde in die Höhe kommen, wenn die Reihe an ihm wäre. Des andern Herrn Haar würde einen reizenden Anblick darbieten, so glatt würde es werden, und damit gut! Wir haben bereits erwähnt, daß Mrs. Plornish, die keinen philosophischen Geist besaß, weinte. Es geschah ferner, daß Mrs. Plornish, die keinen philosophischen Geist besaß, verständlich war. Es war eine Folge ihrer milderen Stimmung oder des weiblichen Scharfblicks oder der raschen Kombinationsgabe oder des Mangels an Logik, der den Frauen eigen, – aber es geschah auch, daß Mrs. Plornishs Verständlichkeit sich gerade an dem Gegenstände betätigte, mit dem Arthurs Gedanken beschäftigt waren. »Was Vater von Ihnen sagte, Mr. Clennam, werden Sie kaum glauben«, sagte Mrs. Plornish. »Es hat ihn ganz unglücklich gemacht. Und seine Stimme hat dieses Unglück ganz weggenommen. Sie wissen, wie schön Vater singt, aber er konnte auch nicht einen Ton beim Tee für die Kinder herausbringen, wenn Sie mir glauben wollen, was ich Ihnen sage.« Während sie so sprach, schüttelte Mrs. Plornish ihren Kopf, wischte ihre Augen und sah sich mit Gedanken an die Vergangenheit im Zimmer um. »Und was Mr. Baptist tun wird, wenn er es erfährt, kann ich mir gar nicht denken oder träumen«, fuhr Mrs. Plornish fort. »Sie können sicher sein, er wäre schon hier gewesen, wenn er nicht in Ihren eigenen vertraulichen Aufträgen fort wäre. Die Ausdauer, mit der er diesen Aufträgen nachgeht und sich keine Ruhe gönnt, – ist wahrhaftig«, sagte Mrs. Plornish und schloß in ihrer italienischen Weise, »wie ich zu ihm sage: erstaunlich, Padrona.« Obgleich nicht eingebildet, fühlte Mrs. Plornish doch, daß sie diese toskanische Sentenz mit besonderer Eleganz angebracht. Mr. Plornish konnte seine Freude über ihre vollendete sprachliche Bildung nicht verbergen. »Aber was ich sagen wollte, Mr. Clennam«, fuhr die gute Frau fort, »ist, daß wir immer noch für etwas dankbar sein müssen, wie Sie gewiß selber zugeben werden. Da wir in diesem Zimmer sprechen, so ist es nicht schwer, zu finden, was dieses Etwas ist. Man muß wahrhaftig sehr dankbar sein, daß Miß Dorrit nicht hier ist und es weiß.« Arthur glaubte, sie sehe ihn mit besonderem Ausdruck an. »Es ist etwas«, wiederholte Mr«. Plornish, »wofür man wirklich dankbar sein muß, daß Miß Dorrit weit weg von hier ist. Es steht zu hoffen, daß sie nichts davon hört. Wenn sie hier gewesen und es gesehen hätte, Sir, so läßt sich nicht zweifeln, daß Ihr Anblick«, Mrs. Plornish wiederholte diese Worte, – »nicht zu zweifeln, daß Ihr Anblick, wie Sie im Unglück und Bedrängnis schmachten, beinahe zu viel für ihr liebreiches Herz gewesen wäre. Ich kann mir auf der Welt nichts denken, was Miß Dorrit so schmerzlich berührt haben müßte als dies!« Ganz gewiß sah Mrs. Plornish ihn jetzt mit einer Art zitternder Herausforderung in ihrer freundlichen Rührung an. »Ja«, sagte sie. »Und es zeigt, wie gut der Vater Achtung gibt, obgleich er schon so bei Jahren ist, daß er diesen Nachmittag zu mir sagte, was, wie die Glückshütte weiß, ich weder erfinde, noch vergrößere: ›Mary, wir müssen doch recht froh sein, daß Miß Dorrit nicht da ist und es mit ansehen muß.‹ Das waren Vaters eigene Worte. Vaters eigene Worte waren: ›Wir müssen sehr froh sein, Mary, daß Miß Dorrit nicht da ist, um es mit ansehen zu müssen‹. Darauf sage ich zum Vater, sage ich, ›Vater, du hast recht!‹ Das«, schloß Mrs. Plornish mit der Miene eines sehr gewissenhaften Zeugen vor Gericht, »das ist's, was zwischen uns vorging. Und ich sage Ihnen nichts, als was zwischen mir und Vater vorging.« Mr. Plornish, der von einem etwas lakonischeren Temperament war, ergriff diese Gelegenheit, um die Bemerkung einfließen zu lassen, daß sie jetzt Mr. Clennam sich selbst überlassen solle. »Denn du siehst«, sagte Mr. Plornish mit großem Ernst, »ich weiß, was es ist, Alte.« Diese wertvolle Bemerkung wiederholte er mehrmals, als ob sie ihm ein großes moralisches Geheimnis einzuschließen schiene. Zuletzt ging das würdige Paar Arm in Arm fort. Klein-Dorrit, Klein-Dorrit, wieder ganze Stunden lang. Immer Klein-Dorrit! Zum Glück, wenn es je so gewesen, war es vorbei, und es war besser so. Angenommen, daß sie ihn geliebt hätte und er es gewußt und seiner Liebe nachgegeben hätte, welchen Weg hätte er sie dann geführt, – den Weg, der sie an diesen Jammerort zurückgebracht hätte. Es mußte für ihn ein außerordentlich tröstlicher Gedanke sein, daß sie für immer von diesem Ort geschieden war; daß sie verheiratet war oder bald heiraten würde (unbestimmte Gerüchte von ihres Vaters Plänen in dieser Richtung waren in den Hof zum blutenden Herzen zur gleichen Zeit mit der Nachricht von ihrer Schwester Hochzeit gekommen), und daß das Tor des Marschallgefängnisses allen diesen wirren Möglichkeiten einer vergangenen Zeit sich für immer verschlossen hatte. Liebe Klein-Dorrit! Wenn er zurückblickte auf seine Leidensgeschichte, so erschien sie ihm wie ein verschwindendes Moment darin. Alles führte in der Perspektive auf ihre unschuldige Gestalt hin. Er war Tausende von Meilen nach diesem Ziele gereist; frühere unruhige Hoffnungen und Zweifel hatten sich davor gelöst, es war der Mittelpunkt der Interessen seines Lebens; es war der Schlußpunkt von allem, was gut und angenehm darin war; darüber hinaus war nichts als bloße Wüstenei und dunkler Himmel. So ruhelos wie in der ersten Nacht, als er sich innerhalb dieser traurigen Mauern zu Bett gelegt hatte, brachte er diese Nacht mit solchen Gedanken zu. Unterdessen lag der junge John in friedlichem Schlummer, nachdem er folgende Grabschrift auf seinem Kissen zusammengestellt und angeordnet hatte: Fremdling! Achte das Grab von John Chivery junior, gestorben in hohem Alter, das der Erwähnung nicht wert. Er begegnete seinem Nebenbuhler in Bedrängnis und fühlte Lust, sich mit ihm zu boxen. Aber um der Geliebten willen bekämpfte er diese bitteren Gefühle und zeigte sich hochherzig . Achtundzwanzigstes Kapitel. Eine Erscheinung im Marschallgefängnis. Die Meinung der Gesellschaft außerhalb des Gefängnisses sprach sich mit der Zeit sehr hart über Clennam aus, und unter der Gesellschaft innerhalb der Mauern gewann er sich keine Freunde. Zu niedergedrückt, um sich unter den großen Haufen auf dem Hof zu mischen, der zusammenkam, um seine Sorgen zu vergessen; zu sehr zurückhaltend und zu unglücklich, um an den armseligen Freuden des Wirtshauses teilzunehmen, blieb er auf seinem eigenen Zimmer und ward mit Mißtrauen angesehen. Einige sagten, er sei stolz; andere meinten, er sei mürrisch und zurückhaltend; noch andere verachteten ihn, denn er sei ein armseliger Hans, der sich wegen seiner Schulden gräme. Die ganze Bevölkerung des Gefängnisses wich ihm scheu wegen dieser verschiedenen Beschuldigungen aus, namentlich wegen der letzteren, die eine Art Verrat am Hause in sich schloß, und er gewöhnte sich bald so sehr an seine Einsamkeit, daß er nur noch auf dem Hof auf und ab ging, wenn der Abendklub bei seinen Liedern und Toasten und Gefühlsüberschwenglichkeiten versammelt war und der Hof fast ausschließlich den Frauen und Kindern überlassen blieb. Die Gefangenschaft begann Einfluß auf ihn zu gewinnen. Er wußte, daß er damit nur eitel seine Zeit verträumte. Nach dem, was er von dem Einfluß der Gefangenschaft in den vier engen Mauern dieses Zimmers, das er jetzt bewohnte, gesehen hatte, flößte ihm dies Gefühl Angst vor sich selbst ein. Vor dem beobachtenden Blicke anderer und seinem eigenen sich scheuend, begann er sich merklich zu ändern. Jedermann konnte sehen, daß der Schatten der Mauer dunkel auf ihn fiel. Eines Tages – er mochte ungefähr zehn oder zwölf Wochen im Gefängnis gewesen sein –, als er zu lesen versucht und nicht imstande gewesen war, die dichterischen Gestalten des Buchs vom Marschallgefängnis zu trennen, hielt ein Schritt vor seiner Tür, und eine Hand pochte daran. Er stand auf und öffnete, und eine angenehme Stimme rief ihm entgegen: »Wie geht es Ihnen, Mr. Clennam? Ich hoffe, mein Besuch ist Ihnen nicht unangenehm.« Es war der muntere junge Barnacle, Ferdinand Barnacle. Er sah sehr freundlich und einnehmend aus, vielleicht zu heiter und ungebunden im Gegensatz zu dem schmutzigen Gefängnis. »Sie sind überrascht, mich zu sehen, Mr. Clennam«, sagte er, indem er den Stuhl nahm, den ihm Mr. Clennam bot. »Ich muß gestehen, daß ich sehr überrascht bin.« »Nicht unangenehm, hoffe ich.« »Keineswegs.« »Danke. Offen gestanden«, sagte der einnehmende junge Barnarle, »es hat mir ausnehmend leid getan, zu vernehmen, daß Sie sich in die Notwendigkeit versetzt sahen, sich zeitweilig hierher zurückzuziehen, und ich hoffe (natürlich spreche ich hier als Privatmann zum Privatmann), daß unser Amt nichts damit zu tun hat.« »Ihr Amt?« »Unser Circumlocution Office.« »Ich kann keinen Teil meines Mißgeschicks auf dieses bedeutende Amt schieben.« »Wahrhaftig«, sagte der lebhafte junge Barnacle, »ich bin herzlich froh, das zu erfahren. Es nimmt mir wirklich eine Last vom Herzen, Sie so sprechen zu hören. Ich würde es ausnehmend bedauert haben, erfahren zu müssen, daß unser Bureau irgend etwas mit Ihren Widerwärtigkeiten zu tun gehabt hätte.« Clennam versicherte ihm abermals, daß er ihn von aller Verantwortlichkeit freispreche. »Das ist recht«, sagte Ferdinand. »Ich bin sehr glücklich, das zu hören. Mir war innerlich nicht ganz wohl bei der Sache; ich befürchtete, wir möchten dazu beigetragen haben, Sie zu ruinieren, weil es außer Zweifel ist, daß wir das hier und da tun. Wir wollen es nicht; aber wenn Leute durchaus ruiniert sein wollen, nun – so können wir es nicht ändern.« »Ohne Ihnen in dem, was Sie sagen, unbedingt beizustimmen«, versetzte Arthur düster, »bin ich Ihnen doch für Ihr Interesse an meinem Wohl und Wehe sehr verbunden.« »Nein, aber wahrhaftig! Unser Bureau«, sagte der leutselige junge Barnacle, »ist das harmloseste Bureau, das man sich denken kann. Sie sagen vielleicht, unsere Sache sei Humbug. Ich will nicht das Gegenteil behaupten; aber alle diese Dinge sollen so sein und müssen so sein. Sehen Sie das nicht ein?« »Nein«, sagte Clennam. »Sie sehen die Sache nicht vom richtigen Gesichtspunkt an. Der Gesichtspunkt ist das wichtigste. Betrachten Sie unser Bureau von dem Gesichtspunkt, daß wir von Ihnen nur verlangen, uns ungeschoren zu lassen, und wir sind ein so ausgezeichnetes Departement, wie es nur eines geben kann.« »Ist Ihr Bureau dazu da, um ungeschoren gelassen zu werden?« fragte Clennam. »Sie treffen den richtigen Punkt«, versetzte Ferdinand. »Es besteht zu dem ausdrücklichen Zweck, daß man es ungeschoren lasse. Das ist's, was es will. Allerdings muß eine gewisse Form zu andern Zwecken beobachtet werden, aber das ist nur eine Form. Nun, mein Gott, wir sind ja nichts als Form. Denken Sie nur, welche Masse von Formalitäten Sie haben durchmachen müssen. Und Sie sind dem Ziele doch nicht näher gekommen. Sehen Sie die Sache vom rechten Gesichtspunkt an, und Sie werden uns – in unsrer offiziellen Wirksamkeit haben. Es ist wie eine geschlossene Partie Kricket. Eine Partie Draußenstehender drängt sich immer herein, um nach dem Staatsdienst zu zielen, und wir schlagen die Bälle zurück.« Clennam fragte, was aus den Ballwerfenden würde. Der lustige junge Barnacle antwortete, daß sie der Sache müde, lahm und im Rücken gebrochen würden, abstürben, die Partie aufgäben und ein anderes Spiel begännen. »Und dies veranlaßt mich abermals, mir zu gratulieren«, fuhr er fort, »daß unser Bureau keine Schuld an Ihrer momentanen Zurückgezogenheit trägt. Es hätte so leicht eine Hand darin haben können, weil sich nicht leugnen läßt, daß wir bisweilen mit unsrem Bureau sehr großes Unglück haben, namentlich bei Leuten, die uns nicht ungeschoren lassen. Mr. Clennam, ich spreche ganz offen mit Ihnen. Zwischen Ihnen und mir brauche ich nicht hinter dem Berg zu halten. Ich habe das schon getan, als ich zuerst bemerkte, daß Sie den Mißgriff machten, uns nicht ungeschoren lassen zu wollen; weil ich sah, daß Sie unerfahren und sanguinisch waren und – ich hoffe, Sie werden nichts gegen meinen Ausdruck einzuwenden haben – die Sache einfältig angriffen?« »Durchaus nicht.« »Etwas einfältig. Deshalb fühlte ich, wie schade es sei, und ich ging so weit von meinem gewöhnlichen Verfahren ab, daß ich Sie warnte (was freilich nicht amtlich gehandelt war, aber ich tue das nie, wenn ich nicht muß) und Ihnen andeutete, wenn ich Sie wäre, würde ich mich nicht weiter darum kümmern. Aber Sie quälten sich mit der Sache noch weiter herum und haben sich seitdem fortgequält. Nun aber, bitte ich Sie, lassen Sie die Sache gehen.« »Es ist nicht wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit habe, mich weiter darum zu mühen«, sagte Clennam. »O doch! Sie werden diesen Ort wieder einmal verlassen. Niemand bleibt immer hier. Es gibt eine Menge Wege, von hier fortzukommen. Aber kommen Sie nicht wieder zu uns. Diese Bitte ist der zweite Grund meines Besuches. Bitte, kommen Sie nicht wieder zu uns. Auf meine Ehre«, sagte Ferdinand in sehr freundschaftlicher und vertraulicher Weise, »es wird mir sehr weh tun, wenn Sie sich nicht durch die Vergangenheit warnen lassen und sich fern von uns halten sollten.« »Und die Erfindung?« sagte Clennam. »Mein guter Freund«, versetzte Ferdinand, »wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen, niemand will etwas von dieser Erfindung wissen, und niemand gibt dritthalb Pence darauf.« »Das heißt, niemand auf dem Bureau?« »Weder in noch außerhalb des Bureaus. Jedermann ist bereit, die Erfindungen, die gemacht werden, zu verachten und zu verlachen. Sie glauben nicht, wie viele Menschen ungeschoren sein wollen. Sie haben keine Idee, wieviel dem Genius des Landes (achten Sie nicht auf den parlamentarischen Ton des Ausdrucks, und lassen Sie sich nicht dadurch langweilen) daran liegt, ungeschoren zu bleiben. Glauben Sie mir, Mr. Clennam«, sagte der muntere junge Barnacle in seiner freundlichsten Weise, »unser Bureau ist kein verderbenbringender Riese, auf den man mit eingelegter Lanze ansprengen muß, sondern bloß eine Windmühle, die Ihnen zeigt, während sie ungeheure Massen Spreu mahlt, woher der Wind des Landes weht.« »Wenn ich das glauben könnte«, sagte Clennam, »so wäre es eine schlimme Aussicht für uns alle.« »Oh, sagen Sie das nicht!« versetzte Ferdinand. »Es ist alles in Ordnung. Wir müssen Humbug haben, wir haben alle unsre Freude am Humbug, wir könnten ohne Humbug gar nicht vorwärts kommen. Ein wenig Humbug und ein gutes Geleise, und alles geht vortrefflich, wenn Sie die Sache ungeschoren lassen.« Mit diesem hoffnungsvollen Geständnis seines Glaubens stand Ferdinand auf, als das Haupt der sich zu Ehrenstellen emporschwingenden Barnacles, die vom Weibe geboren waren, um unter einer Masse von Losungsworten, die sie äußerlich verleugneten und entkräfteten, Nachtreter zu finden. Nichts konnte angenehmer sein als seine offene und höfliche Haltung, oder mit einem vornehmeren Instinkt den Umständen seines Besuches angepaßt sein. »Ist es erlaubt zu fragen«, sagte er, als Clennam ihm mit einem wirklichen Gefühl von Dankbarkeit für seine Offenheit und gute Laune die Hand gedrückt, »ob es wahr ist, daß unser verstorbener, beweinter Merdle die Ursache dieser vorübergehenden Fatalitäten ist?« »Ich bin einer von den vielen, die er ruiniert hat. Ja.« »Er muß ein außerordentlich schlauer Mensch gewesen sein«, sagte Ferdinand Barnacle. Arthur, der nicht in der Stimmung war, das Andenken des Verstorbenen zu preisen, schwieg. »Natürlich ein vollkommener Spitzbube«, sagte Ferdinand, »aber außerordentlich schlau; man muß ihn unwillkürlich bewundern. Er muß ein Meister im Humbug gewesen sein, kannte die Menschen so gut – kriegte sie so vollständig herum – wußte so viel mit ihnen anzufangen!« Er war wirklich in seiner leichtfertigen Weise von aufrichtiger Bewunderung erfüllt. »Ich hoffe«, sagte Arthur, »daß er und seine Betrogenen eine Warnung für die Leute sein werden, nicht so viel mit sich anfangen zu lassen.« »Mein lieber Clennam«, versetzte Ferdinand lachend, »haben Sie wirklich eine so grüne Hoffnung? Der nächste beste Mann, der ebensoviel Klugheit und ebensoviel offenbaren Geschmack für den Humbug hat, wird ebenso sicher zu seinem Ziele kommen. Verzeihen Sie mir, aber ich glaube, Sie haben wirklich keine Vorstellung davon, wie die menschlichen Bienen dem Klappern jedes alten Blechkessels nachschwärmen. In dieser Tatsache liegt der ganze Schlüssel zum Geheimnis, sie zu beherrschen. Wenn man sie glauben machen kann, daß der Kessel von edlem Metall ist: darin liegt die ganze Macht von Menschen wie unser beweinter Verstorbener. Allerdings gibt es hier und da Ausnahmefälle«, sagte Ferdinand höflich, »wo sich Leute haben hintergehen lassen, weil ihnen die Sache auf viel besserer Grundlage zu beruhen schien; und ich brauche nicht weit zu gehen, um einen solchen Fall zu finden; aber diese stoßen die Regel nicht um. Leben Sie wohl! Ich hoffe, daß, wenn ich das Vergnügen habe, Sie das nächste Mal zu sehen, diese vorübergehende Wolke dem Sonnenschein gewichen sein wird. Begleiten Sie mich nicht über die Schwelle, Ich kenne den Weg ganz genau. Guten Tag!« Mit diesen Worten ging der beste und gescheiteste der Barnacles die Treppe hinab, summte auf dem Weg durch das Schließerstübchen vor sich hin, bestieg sein Pferd im vordern Hof und ritt zu einer Konferenz mit seinem vornehmen Verwandten, der ein wenig des Einfahrens bedurfte, bis er mit Siegesbewußtsein gewissen ungläubigen Menschen aus dem Volke antworten konnte, die die vornehmen Herren über ihr staatsmännisches Prinzip beunruhigen wollten. Er mußte Mr. Rugg unterwegs begegnet sein; denn eine oder zwei Minuten später leuchtete dieser rotköpfige Gentleman wie ein ältlicher Phöbus zur Tür herein. »Wie befinden Sie sich heute, Sir?« sagte Mr. Rugg. »Kann ich heute irgendeine Kleinigkeit für Sie tun?« »Nein, ich danke Ihnen.« Mr. Ruggs Freude an gehäuften und verwirrten Geschäften war gleich der Freude der Hausfrau am Einsalzen und Einmachen oder gleich der Freude einer Waschfrau an einer großen Wäsche oder der Freude eines Kehrichtkärrners an einem überfüllten Kehrichtkasten oder jeder andern gewerbsmäßigen Freude an einem Geschäftsmischmasch. »Ich sehe noch immer von Zeit zu Zeit nach, Sir«, sagte Mr. Rugg heiter, »ob sich noch welche verspätete Arreste an der Tür ansammeln. Sie sind ziemlich massenhaft vorhanden; so massenhaft, wie wir erwarten konnten.« Er erwähnte dieses Umstandes, als ob er Grund zum Glückwünschen gäbe, rieb sich munter die Hände und wiegte dann den Kopf ein wenig hin und her. »So massenhaft«, wiederholte Mr. Rugg, »wie wir vernünftigerweise erwarten konnten. Ein ganzer Regenschauer von solchen Verhaftsbefehlen. Ich störe Sie nicht oft, wenn ich hierherkomme, weil ich weiß, daß Sie Gesellschaft nicht lieben, und daß sie es im Schließerstübchen sagen würden, wenn Sie mich zu sprechen wünschten. Aber ich bin fast jeden Tag hier, Sir. Wäre dies eine unpassende Zeit, Sir«, fragte Mr. Rugg einschmeichelnd, »mir eine Bemerkung zu erlauben?« »So passend wie jede andere Zeit.« »Hm! Die öffentliche Meinung, Sir«, sagte Mr. Rugg, »hat sich sehr viel mit Ihnen beschäftigt.« »Ich zweifle nicht daran.« »Wäre es nicht ratsam, Sir«, sagte Mr. Rugg, noch einschmeichelnder, »jetzt ein für allemal der öffentlichen Meinung ein Zugeständnis zu machen? Wir tun es alle auf die eine oder andere Weise. Kurz, wir müssen es tun.« »Ich kann mich damit nicht befreunden, Mr. Rugg, und sehe nicht voraus, daß ich es je können werde.« »Sagen Sie das nicht, Sir, sagen Sie das nicht. Die Kosten, um sich in die Queens Bench versetzen zu lassen, sind kaum nennenswert, und wenn die allgemeine Meinung sich stark dafür ausspricht, daß Sie dort sein sollten, nun – wahrhaftig – –« »Ich dachte, Sie hätten sich bei dem Gedanken beruhigt, Mr. Rugg«, sagte Arthur, »daß mein Entschluß, hierzubleiben, eine Geschmackssache sei.« »Ja, Sir, ja. Aber ist es ein guter Geschmack, ist es ein guter Geschmack? Das ist die Frage.« Mr. Rugg war so besänftigend in seiner Überredung, daß er ganz pathetisch wurde. »Ich hätte beinahe gesagt, heißt das richtig fühlen? Ihre Sache ist eine bedeutende Sache, und daß Sie hierbleiben, wo man wegen ein oder zwei Pfund festgehalten werden kann, ist als etwas Seltsames besprochen worden. Es geht wirklich nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, an wie vielen Orten ich habe davon sprechen hören. Ich hörte vergangenen Abend in einem Salon, den ich die beste juridische Gesellschaft nennen würde, wenn ich nicht selbst dann und wann denselben besuchte, Bemerkungen darüber, die hören zu müssen mir leid tat. Sie haben mir Ihretwegen weh getan. Erst heute morgen wieder beim Frühstück. Meine Tochter (nur eine Frau, werden Sie sagen: aber doch ein feinfühlendes Wesen in Dingen dieser Art und selbst nicht ohne einige persönliche Erfahrung, sofern sie Klägerin in Sachen Rugg contra Bawkins war) hat ihr großes Erstaunen ausgedrückt; ihr großes Erstaunen. Würde unter solchen Umständen und in Anbetracht dessen, daß kein Mensch sich ganz über die öffentliche Meinung hinwegsetzen kann, eine kleine Konzession an diese Meinung nicht – nun, Sir«, sagte Rugg, »ich will das Geringste annehmen – nicht liebenswürdig sein?« Arthurs Gedanken waren wieder einmal bei Klein-Dorrit, und die Frage blieb unbeantwortet. »Was mich selbst betrifft, Sir«, sagte Mr. Rugg, in der Hoffnung, seine Beredsamkeit habe ihn in einen Zustand der Unentschiedenheit versetzt, »so ist es mein Grundsatz, keine Rücksicht auf mich zu nehmen, wenn die Neigungen eines Klienten in die Wagschale fallen. Da ich jedoch Ihren rücksichtsvollen Charakter und Ihren allgemeinen Wunsch, andere zu verbinden, kenne, so will ich wiederholen, daß ich es lieber sähe, wenn Sie in der Queens Bench säßen. Ihre Sache hat viel Lärm verursacht; sie verschafft dem Rechtsanwalt, der sie führt, Kredit; ich würde mich besser mit meinen Bekannten stehen, wenn Sie in die Queens Bench gingen. Lassen Sie sich jedoch dadurch nicht beeinflussen, Sir, ich führe nur die Tatsachen an.« So abschweifender Natur war bereits die Aufmerksamkeit des Gefangenen durch die Einsamkeit und die Niedergeschlagenheit geworden, und so gewohnt war er, mit einer einzigen schweigsamen Gestalt innerhalb der finstern Mauern zu verkehren, daß Clennam sich aus einer Art Erstarrung aufraffen mußte, ehe er Mr. Rugg ansehen, den Faden des Gesprächs aufnehmen und sagen konnte: »Ich beharre unverändert auf meinem Entschluß. Bitte, lassen Sie die Sache ruhen; lassen Sie sie ruhen!« Mr. Rugg gab, ohne zu verbergen, daß ihm dies ärgerlich und peinlich war, zur Antwort: »Oh! Ganz gewiß, Sir! Ich bin von den Akten abgeschweift, das weiß ich wohl, indem ich Ihnen diesen Wink gab. Aber wahrhaftig, wenn ich in verschiedenen Gesellschaften und in sehr guten Gesellschaften die Bemerkung machen höre, wenn es auch für einen Fremden angehe, so sei es doch für den Charakter eines Engländers nicht würdig, im Marschallgefängnis zu bleiben, da die glorreichen Freiheiten seiner Insel ihm gestatten, sich nach der Queens Bench versetzen zu lassen, so glaube ich, ich dürfte von dem schmalen geschäftlichen Pfade, der mir vorgezeichnet ist, abweichen und es erwähnen. Persönlich habe ich keine Meinung über diese Sache«, sagte Mr. Rugg. »Das ist gut«, versetzte Arthur. »Oh! Nein, durchaus keine Meinung, Sir!« sagte Mr. Rugg, »sonst würde ich es nur ungern gesehen haben, daß vor einigen Minuten einer meiner Klienten von einem Gentleman aus vornehmer Familie, der zu Pferde kam, einen Besuch erhielt. Wenn ich eine Meinung hätte, so wünschte ich, daß ich ermächtigt wäre, einem andern Gentleman, einem Gentleman von militärischem Äußern, der jetzt im Schließerstübchen wartet, zu erkennen zu geben, daß mein Klient gar nicht beabsichtigte hierzubleiben und im Begriffe sei, eine vornehmere Wohnung zu beziehen. Aber mein Gang als juridische Maschine ist klar; ich habe nichts damit zu tun. Haben Sie Lust, den Gentleman zu sehen, Sir?« »Wer, sagten Sie, wünsche mich zu sprechen?« »Ich habe mir diese unjuristische Freiheit genommen, Sir. Da er hörte, daß ich Ihr juridischer Beistand sei, wollte er nicht früher eintreten, ehe ich meine sehr beschränkte juridische Funktion verrichtet hätte. Zum Glück«, sagte Mr. Rugg mit einem Sarkasmus, »habe ich mich nicht so weit aus den Akten verirrt, daß ich den Herrn nach seinem Namen gefragt hätte.« »Ich vermute, ich kann nichts anders tun, als ihn empfangen«, seufzte Clennam müde. »So haben Sie also Lust, Sir?« versetzte Rugg. »Wollen Sie mich mit dem Auftrag beehren, dies dem Herrn zu sagen, wenn ich hinausgehe? Soll ich? Ich danke Ihnen, Sir. Ich verabschiede mich«, und er empfahl sich wirklich, etwas übel gestimmt. Der Herr von militärischem Aussehen hatte Clennams Neugierde bei seinem gegenwärtigen Gemütszustände in so geringem Grade rege gemacht, daß er die Erwähnung eines solchen Besuches halb vergessen und die schwache Erinnerung daran sich wie ein Teil des düstern Schleiers, der jetzt sein Gemüt beinahe immer verdunkelte, auf dasselbe gelegt hatte, als ein schwerer Tritt auf der Treppe ihn weckte. Er schien heraufzukommen, nicht sehr rasch und freiwillig, aber mit einem absichtlichen Lärm, der etwas Beleidigendes haben sollte. Als die Schritte einen Augenblick auf dem Ruheplatz vor der Tür anhielten, konnte er sich nicht auf die Ideenverbindung besinnen, die der eigentümliche Schall in ihm hervorgerufen hatte, obgleich er glaubte, dies sei der Fall gewesen. Nur ein Augenblick war ihm zum Besinnen vergönnt. Gleich darauf flog die Tür durch einen Stoß auf, und auf der Schwelle stand der vermißte Blandois, die Ursache so vieler Sorgen. »Salve, Kamerade Gefängnisvogel!« sagte er, »Sie brauchen mich, wie es mir scheint. Hier bin ich.« Ehe Arthur ihm seine entrüstete Verwunderung aussprechen konnte, folgte ihm Cavaletto in das Zimmer. Mr. Pancks folgte Cavaletto. Keiner von beiden war hier gewesen, seitdem sein gegenwärtiger Bewohner das Zimmer in Besitz genommen. Mr. Pancks bewegte sich langsam und schwer keuchend nach dem Fenster, stellte seinen Hut auf den Boden, strich sich das Haar mit beiden Händen in die Höhe und verschränkte die Arme wie ein Mann, der von einer schweren Tagesarbeit ausruht. Mr. Baptist, der kein Auge von dem gefürchteten ehemaligen Stubenburschen verwandte, ließ sich langsam mit dem Rücken gegen die Tür auf den Boden nieder und nahm einen seiner Fußknöchel in jede Hand; auf diese Weise nahm er dieselbe Stellung wieder ein (nur, daß sie jetzt unverwandte Wachsamkeit ausdrückte), die er vor demselben Mann in dem tieferen Schatten eines anderen Gefängnisses an einem heißen Morgen in Marseille eingenommen hatte. »Ich habe diese beiden Wahnsinnigen zu Zeugen«, sagte Monsieur Blandois, sonst auch Lagnier oder Rigaud genannt, »daß Sie mich zu sehen wünschen, Brüderchen. Hier bin ich.« Indem er einen verächtlichen Blick auf die Bettstelle warf, die während des Tages zugeschlagen war, lehnte er sich mit dem Rücken daran, ohne seinen Hut vom Kopfe zu nehmen, und stand trotzig herausfordernd, mit den Händen in den Taschen, da. »Sie unheilbringender Bösewicht!« sagte Arthur. »Sie haben absichtlich einen schlimmen Verdacht auf das Haus meiner Mutter geworfen. Warum haben Sie das getan? Was veranlaßte Sie zu dieser teuflischen Erfindung?« Nachdem Monsieur Rigaud ihn einen Augenblick zürnend angesehen, lachte er. »Da hört diesen edlen Herrn! Alle Welt höre dieses Tugendmuster. Aber nehmen Sie sich in acht. Nehmen Sie sich in acht! Es könnte leicht geschehen, daß Ihr Eifer ein wenig kompromittierend würde. Sacre bleu! Es wäre leicht möglich.« »Signore!« unterbrach ihn Cavaletto, sich gleichfalls an Arthur wendend, »um anzufangen, hören Sie mich an! Sie gaben mir Instruktionen, ihn ausfindig zu machen, diesen Rigaud; nicht wahr?« »Allerdings.« »Ich ging deshalb zuerst zu meinen Landsleuten. Ich frage sie, was Neues in London von Fremden angekommen sei. Dann gehe ich zu den Franzosen. Dann zu den Deutschen. Sie sagen mir alles. Der größte Teil von uns kennt die andern gut, und sie sagen mir alles. Aber niemand kann mir etwas von ihm sagen, von diesem Rigaud. Fünfzehnmal«, sagte Cavaletto, indem er dreimal seine linke Hand mit ausgebreiteten Fingern vorwarf und dies so rasch tat, daß der Gesichtssinn dieser Aktion kaum folgen konnte, »fünfzehnmal habe ich an jedem Orte, wo man Fremde findet, nach ihm gefragt! und fünfzehnmal« – dabei wiederholte er dieselbe rasche Gebärde, – »wußten sie nichts. Aber! –« Bei dem bezeichnenden italienischen Ausruhen auf dem Worte »Aber« kam sein Schütteln des verkehrten rechten Zeigefingers in das Spiel; nur sehr wenig und sehr vorsichtig. »Aber! – Nach langer Zeit, während der ich nicht imstande gewesen war, ihn hier in London aufzufinden, erzählte mir jemand von einem Militär mit weißem Haar – hm? – nicht Haar wie das, das er trägt – einem Militär mit weißem Haar –, der an einem gewissen Ort ganz zurückgezogen lebe. Aber«, fuhr er fort, indem er abermals darauf ausruhte, »er gehe zuweilen nach dem Essen spazieren und rauche dabei. Man muß Geduld haben, wie sie in Italien sagen (und wissen, die armen Leute). Ich habe Geduld. Ich frage, wo jener Ort sei. Der eine meint da, der andere dort. Nun schön! Er ist jedoch weder da noch dort. Ich warte mit der größten Geduld. Zuletzt mache ich ihn doch ausfindig. Da stell' ich mich denn auf den Posten; ich verstecke mich, bis er spazierengeht und raucht. Es ist ein Militär mit grauem Haar, aber –«, er ruhte sehr entschieden auf dem Worte aus und bewegte den verkehrten Zeigefinger kräftig hin und her, »es ist dieser Mann, den Sie da sehen.« Es war auffallend, daß er in seiner alten Gewohnheit, sich unterwürfig gegen einen Menschen zu benehmen, der sich die Mühe genommen, sich eine Überlegenheit über ihn anzumaßen, selbst jetzt noch verlegen vor Rigaud sich verbeugte, nachdem er so auf ihn hingewiesen. »Nun denn, Signore!« schloß er, indem er sich wieder an Arthur wandte, »ich wartete auf eine gute Gelegenheit. Ich schrieb einige Worte an Signor Panco« – Mr. Pancks bekam durch diese Benennung ein ganz neues Aussehen – »er solle kommen und mir helfen. Ich zeigte Signor Panco diesen Rigaud an seinem Fenster, und Signor Panco stand oft den Tag über Wache. Ich schlief bei Nacht in der Nähe der Haustür. Endlich kamen wir hinein; erst heute, und nun sehen Sie ihn hier. Da er nicht in Gegenwart des berühmten Anwaltes« – dies war der Ehrentitel, den Mr. Baptist Mr. Rugg gab – »heraufkommen wollte, so warteten wir drunten zusammen, und Signor Panco bewachte die Straße.« Am Schlusse dieser Erzählung richtete Arthur seinen Blick auf das freche und verworfene Gesicht. Und als der Blick des andern dem seinen begegnete, senkte sich die Nase über den Schnurrbart, und der Schnurrbart bäumte sich unter der Nase. Als Nase und Schnurrbart wieder an ihrem alten Platze waren, schnalzte Monsieur Rigaud ein halbes dutzendmal laut mit den Fingern und beugte sich dabei vor, um Arthur anzuschnalzen, als wenn es handgreifliche Wurfgeschosse wären, die er ihm ins Gesicht schleuderte. »Nun, Philosoph!« sagte Rigaud, »was wollen Sie von mir?« »Ich möchte von Ihnen wissen«, versetzte Arthur, ohne seinen Abscheu zu verbergen, »wie Sie es wagen können, einen Verdacht des Mordes auf meiner Mutter Haus zu lenken?« »Wagen!« rief Rigaud. »Ho, ho! Da höre mal einer! Beim Himmel, mein kleiner Junge, Sie sind etwas unvorsichtig.« »Ich will, daß dieser Verdacht behoben werde«, sagte Arthur. »Sie sollen dorthin gebracht werden, damit man Sie allgemein sieht. Ich wünsche außerdem zu wissen, was für ein Geschäft Sie dort hatten, als ich ein brennendes Verlangen fühlte, Sie die Treppe hinabzuwerfen. Werfen Sie mir keine solche finstern Blicke zu, Mann! Ich habe Sie genug kennengelernt, um zu wissen, daß Sie ein Renommist und eine Memme sind. Ich brauche mich nicht erst von den Einflüssen dieses traurigen Ortes zu erholen, um Ihnen eine so einfache Tatsache, die Sie ganz gut kennen, zu bestätigen.« Weiß bis zu den Lippen, strich sich Rigaud den Schnurrbart und murmelte: »Beim Himmel, mein Junge, Sie kompromittieren ein wenig Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter.« Er schien einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Seine Unschlüssigkeit war jedoch bald vorüber. Er setzte sich mit drohender Prahlerei hin und sagte: »Geben Sie mir eine Flasche Wein. Sie können hier welchen bekommen. Senden Sie einen von Ihren Verrückten fort, um mir eine Flasche Wein zu holen. Ich werde kein Wort reden ohne Wein. Wollen Sie? Ja oder nein?« »Holen Sie, was er wünscht, Cavaletto«, sagte Arthur verachtungsvoll und nahm das Geld aus der Tasche. »Schmugglerbestie«, fügte Rigaud hinzu, »bring Portwein! Ich trinke nichts als Portwein, Portwein.« Da die Schmugglerbestie jedoch mit ihrem bezeichnenden Finger allen Anwesenden versicherte, daß sie sich aufs entschiedenste weigere, ihren Posten an der Tür zu verlassen, so bot Signor Panco seine Dienste an. Er kehrte bald mit der Flasche Wein zurück, die der Sitte des Ortes gemäß, an dem sie sich befanden, einer Sitte, die aus dem Mangel an Korkziehern unter den Kollegialen entstanden war (denn es fehlte an solchen, wie an noch vielem andern), bereits entkorkt war. »Verrückter! Ein großes Glas!« sagte Rigaud. Signor Panco stellte einen Becher vor ihm nicht ohne einen sichtbaren innern Kampf, ob er ihm denselben nicht an den Kopf werfen sollte. »Haha!« prahlte Rigaud. »Einmal ein Kavalier und immer ein Kavalier. Ein Gentleman von Anfang bis zu Ende. Was zum Teufel! Ein Kavalier muß bedient werden, hoffe ich. Es liegt in meinem Charakter, bedient zu werden!« Er füllte bei diesen Worten den Becher halb und trank ihn aus, nachdem er jene Worte gesprochen. »Hah!« sagte er, mit den Lippen schmatzend, »kein sehr alter Gefangener, dieser Wein! Ich denke, nach Ihrem Aussehen, edler Herr, wird diese Haft Ihr Blut viel eher zähmen, als sie diesen Wein mildert. Sie werden mürbe, – verlieren schon an Fleisch und Blut. Ich trinke Ihnen zu!« Er leerte wieder ein halbes Glas; und hielt es vorher und nachher in die Höhe, wie um seine kleine weiße Hand zu zeigen. »Zu unsern Geschäften nun«, fuhr er dann fort. »Sprechen Sie. Sie haben sich in Worten freier gezeigt als mit dem Körper, Sir.« »Ich habe mir die Freiheit genommen. Ihnen zu sagen, was Sie von sich selbst recht gut wissen. Sie wissen wie wir alle, daß Sie noch viel schlechter sind.« »Setzen Sie immer hinzu, ein Gentleman, es hat nichts zu sagen. Außer in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Zum Beispiel: Sie könnten um Ihr Leben kein Gentleman sein; ich könnte um den gleichen Preis nichts anderes sein. Wie groß ist der Unterschied! Wir wollen fortfahren, Worte haben nie Einfluß auf die Lage der Karten oder den Fall der Würfel gehabt. Wissen Sie das? Wirklich? Ich spiele auch ein Spiel, und Worte sind ohne Einfluß darauf gewesen.« Jetzt, da er Cavaletto gegenübergestellt war und wußte, daß man seine Geschichte kannte, ließ er die dünnste Verkleidung, die er getragen, fallen und trotzte, ein frecher Mensch, wie er einer war, mit offenem Visier. »Nun, mein Sohn«, fuhr er mit einem Schnalzen seines Fingers fort. »Ich spiele trotz der Worte mein Spiel zu Ende; und – Tod meines Leibes und Tod meiner Seele! – ich will es gewinnen. Sie möchten wissen, warum ich diesen kleinen Streich spiele, den Sie unterbrochen. So wissen Sie denn, ich hatte und habe – verstehen Sie mich? habe – eine Ware an Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter, zu verkaufen. Ich schilderte meine kostbare Ware und bestimmte meinen Preis. Was diesen Handel betrifft, so war Ihre bewundernswürdige Mutter ein wenig zu ruhig, zu zähe, zu unbeweglich und statuenartig. Kurz, Ihre bewundernswürdige Mutter ärgerte mich. Um etwas Abwechslung in meine Lage zu bringen und mich zu amüsieren – ein Gentleman muß sich auf irgendeines andern Kosten amüsieren –, verfiel ich auf die glückliche Idee, zu verschwinden. Ein Gedanke, sehen Sie, den Ihre charaktervolle Mutter und mein lieber Flintwinch gar zu gern verwirklicht hätten. Ah! bah, bah, bah, sehen Sie nicht so von oben herab auf mich! Ich wiederhole es. Sie waren wirklich sehr froh gewesen, ausnehmend glücklich, wahrhaft bezaubert gewesen, wenn es in der Tat geschehen wäre. Wie stark soll ich mich noch ausdrücken?« Er spritzte alles, was noch im Glase war, auf den Boden, so daß Cavaletto beinahe davon beschmutzt wurde. Dies schien aufs neue seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Er setzte sein Glas nieder und sagte: »Ich mag nicht einschenken. Was! Ich bin geboren, bedient zu werden. Kommt, Cavaletto, und füllt das Glas!« Der kleine Mann sah Clennam an, dessen Augen mit Rigaud beschäftigt waren, und da er nichts Abmahnendes gewahrte, so stand er vom Boden auf und goß von der Flasche in das Glas. Die Art, wie sich seine alte Unterwürfigkeit beim Einschenken mit einem Gefühl für das Humoristische mischte; der Kampf dieser Empfindung mit einer gewissen kochenden Wut, die jeden Augenblick zum Ausbruch kommen konnte (wie der geborene Kavalier selbst zu fürchten schien; denn er hatte ein wachsames Auge auf ihn): und das bequeme Nachgeben gegenüber einer gutmütigen, sorglosen, vorherrschenden Neigung, sich wieder auf den Boden zu setzen, bildeten eine merkwürdige Zusammensetzung seines Charakters. »Diese glückliche Idee, edler Herr«, fuhr Rigaud, nachdem er getrunken, fort, »war aus verschiedenen Gründen eine glückliche Idee. Es amüsierte mich, es ließ Ihrer teuren Mama und meinem lieben Flintwinch keine Ruhe, es machte ihnen Kummer und Sorgen (meine Bedingungen für eine Lektion der Höflichkeit gegen einen Gentleman), und es deutete allen liebenswürdigen Beteiligten an, daß Ihr ganz Ergebener ein zu fürchtender Mann ist. Beim Himmel, er ist ein Mann, der zu fürchten ist! Mehr noch; er hätte Mylady, Ihre Mutter, zur Vernunft bringen können, – hätte unter dem Druck des schwachen Verdachts, den Ihre Weisheit erkannt hat, sie endlich bewegen können, in den Zeitungen auf verdeckte Weise anzukündigen, daß die Schwierigkeiten eines gewissen Kontraktes durch das Erscheinen einer gewissen für die Sache sehr wichtigen Partei verschwinden würden. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber das haben Sie abgeschnitten. Was haben Sie nun zu sagen? Was wollen Sie?« Clennam hatte nie peinlicher gefühlt, daß er ein Gefangener war als jetzt, da er diesen Mann vor sich sah und ihn nicht nach seiner Mutter Haus begleiten konnte. All die unmerklichen Schwierigkeiten und Gefahren, die er je gefürchtet hatte, waren jetzt im Anzuge, wo er weder Hand noch Fuß rühren konnte. »Vielleicht, mein Freund, Philosoph, Mann der Tugend, Tor, was Sie wollen, vielleicht«, sagte Rigaud und unterbrach sich im Trinken, um ihn mit seinem furchtbaren Lächeln über das Glas hin anzusehen, »vielleicht hätten Sie besser getan, mich in Ruhe zu lassen?« »Nein!« sagte Clennam. »Wenigstens weiß man setzt, daß Sie am Leben und unverletzt sind. Wenigstens können Sie diesen beiden Zeugen jetzt nicht entgehen; und sie sind imstande, Sie vor jeder öffentlichen Behörde und vor Hunderten von Leuten zu zeigen.« »Aber sie werden mich vor niemandem zeigen«, sagte Rigaud, indem er wieder mit einer siegesbewußten Drohung mit den Fingern schnalzte. »Zum Teufel mit Ihren Zeugen; zum Teufel mit Ihren Zeugen! Zum Teufel mit Ihnen selbst. Wie? Sollte ich deshalb wissen, was ich weiß? Habe ich dafür meine Ware zu verkaufen? Bah, armer Schuldner! Sie haben meinen kleinen Plan unterbrochen. Lassen wir das. Was nun? Was bleibt? Ihnen nichts; mir alles. Mich anzeigen? Ist's das, was Sie wollen? Ich werde mich nur zu bald selbst anzeigen. Schmuggler! Gebt mir Feder, Tinte und Papier.« Cavaletto stand wie zuvor auf und legte sie in seiner früheren Weise vor ihn. Nachdem Rigaud einen Augenblick boshaft nachgedacht und gelächelt, schrieb und las er folgendes: »An Mrs. Clennam. Um Antwort wird gebeten. Marschallgefängnis. Im Zimmer Ihres Sohnes. Verehrte Frau! Ich bin in Verzweiflung, heute von unserem Gefangenen hier (der die Güte gehabt, Spione nach mir auszusenden, da er aus politischen Gründen zurückgezogen lebt) zu erfahren, daß Sie wegen meiner Sicherheit besorgt sind. Beruhigen Sie sich, verehrte Frau. Ich bin wohlauf, stark und beharrlich. Mit der größten Ungeduld würde ich nach Ihrem Hause eilen, wenn ich nicht unter den obwaltenden Umständen die Möglichkeit voraussähe, daß Sie sich noch nicht definitiv über den kleinen Vorschlag entschieden haben sollten, den ich Ihnen zu machen die Ehre hatte. Ich setze eine Woche, von heute an gerechnet, als den Zeitpunkt fest, wo ich Sie zum letzten Male besuchen werde; dann mögen Sie den Vorschlag unbedingt annehmen oder denselben mit allen daraus hervorgehenden Folgen verwerfen. Ich unterdrücke meinen heißen Wunsch, Sie zu umarmen und dieses interessante Geschäft zum Abschluß zu bringen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, alle Einzelheiten zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu ordnen. Inzwischen ist es gewiß nicht zuviel, wenn ich Ihnen den Vorschlag mache (nachdem unser Gefangener mich in meiner Wirtschaft derangiert), daß Sie meine Ausgaben für Logis und Kost in einem Hotel bezahlen. Empfangen Sie, verehrte Frau, die Versicherung meiner größten und ausgezeichnetsten Hochachtung Rigaud Blandois. Tausend Grüße an meinen lieben Flintwinch. Ich küsse Madame Flintwinch die Hand.« Als Rigaud diesen Brief zu Ende gelesen, faltete er ihn und warf ihn mit einem Schwunge Clennam vor die Füße. »Holla! Lassen Sie das jemanden an seine Adresse befördern und die Antwort zurückbringen.« »Cavaletto«, sagte Arthur. »Wollen Sie den Brief dieses Menschen besorgen?« Da jedoch Cavalettos ausdrucksvoller Finger wieder zu verstehen gab, daß es seine Aufgabe sei, an der Tür Rigaud zu bewachen, nachdem er ihn mit so viel Mühe ausfindig gemacht hatte, und daß es auf seinem Posten Pflicht für ihn sei, auf dem Boden mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu sitzen, Rigaud anzusehen und seine eigenen Knöchel zu halten – so bot Signor Panco abermals freiwillig seine Dienste an. Als diese angenommen wurden, ließ Cavaletto die Tür gerade weit genug aufmachen, daß er sich durchquetschen konnte, und schloß sie dann gleich wieder hinter ihm. »Berührt mich mit einem Finger, verletzt mich mit einem Wort, zieht meine Überlegenheit in Frage, während ich nach meinem Behagen meinen Wein trinke«, sagte Rigaud, »und ich folge meinem Brief und ich widerrufe meine Wochenfrist. Sie verlangten nach mir? Sie haben mich jetzt. Wie gefalle ich Ihnen?« »Sie wissen«, versetzte Clennam mit einem bittern Gefühl seiner Hilflosigkeit, »daß, als ich Sie suchte, ich kein Gefangener war.« »Zum Teufel mit Ihnen und Ihrem Gefängnis«, versetzte Rigaud langsam, indem er aus seiner Tasche eine Kapsel nahm, die die zum Anfertigen von Zigaretten nötigen Materialien enthielt, und mit seinen gewandten Händen einige für den augenblicklichen Gebrauch zurechtmachte, »ich kümmere mich um keinen von euch beiden. Schmuggler! Ein Licht!« Cavaletto stand wieder auf und reichte ihm, was er brauchte. Es lag etwas Banges in dieser geräuschlosen Geschicklichkeit seiner kalten weißen Hände, deren Finger sich so geschmeidig durcheinander bewegten wie Schlangen. Clennam konnte sich eines innerlichen Schauers nicht erwehren; es war ihm, als ob er in ein Nest solcher Kreaturen sähe. »Holla! Schwein!« rief Rigaud mit lauter, anspornender Stimme, als wenn Cavaletto ein italienisches Pferd oder Maultier wäre. »Wie! Das höllische, alte Gefängnis war wirklich prachtvoll gegen dieses. Es lag eine gewisse Würde in den Gittern und Steinen jenes Ortes. Es war ein Gefängnis für Männer, aber dies? Bah! Ein Hospital für Schwachsinnige!« Er rauchte seine Zigarette aus, während das häßliche Lächeln auf seinem Gesicht so festgebannt war, daß er gerade aussah, als wenn er mit seinem gesenkten Schnabel von Nase und nicht mit seinem Mund rauchte. Eine phantastische Gestalt in einem Zauberbild. Als er eine zweite Zigarette an dem noch brennenden Ende der ersten angezündet, sagte er zu Clennam: »Man muß sich die Zeit vertreiben, solange der Verrückte fort ist. Man muß schwatzen. Man kann nicht den ganzen Tag starke Weine trinken, sonst möchte ich wohl noch eine Flasche haben. Sie ist schön, Sir. Obgleich nicht ganz nach meinem Geschmack, so ist sie doch, bei Donner und Blitz! hübsch. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Geschmack.« »Ich weiß nicht und will nicht wissen, von wem Sie sprechen«, sagte Clennam. »Della bella Gowana, Sir, wie sie in Italien sagen. Von der hübschen Gowan.« »Deren Gemahl Sie – als Aufwärter begleiteten, glaube ich.« »Sir! Aufwärter? Sie werden unverschämt. Als Freund.« »Verkaufen Sie alle Ihre Freunde?« Rigaud nahm die Zigarette aus dem Mund und sah ihn einen Augenblick voll Erstaunen an. Aber er steckte sie wieder zwischen die Lippen, als er kalt antwortete: »Ich verkaufe Ihnen alles, was einen Preis hat. Wovon leben Ihre Advokaten, Ihre Politiker, Ihre Detektive, Ihre Bankiers? Wovon leben Sie? Wie kommen Sie hierher? Haben Sie nicht Ihren Freund verkauft? Heilige Jungfrau! Ich sollte doch meinen, ja!« Clennam drehte ihm den Rücken und sah zum Fenster hinaus auf die Mauer. »Wirklich, Sir«, sagte Rigaud, »die Gesellschaft verkauft sich selbst und verkauft mich, und ich verkaufe die Gesellschaft. Ich weiß, daß Sie auch mit einer andern Dame Bekanntschaft haben. Ebenfalls hübsch. Ein fester Charakter. Nun, wie heißt sie nur? Made.« Er erhielt keine Antwort, konnte aber leicht merken, daß er das Ziel getroffen. »Ja!« fuhr er fort, »jene hübsche Dame mit dem festen Charakter redete mich auf der Straße an, und ich bin nicht gefühllos. Ich antworte ihr. Die hübsche Dame mit dem festen Charakter erzeigt mir die Ehre, mir in großem Vertrauen zu sagen: ›Ich möchte etwas wissen und habe einen Kummer. Sie sind vielleicht ein Mensch von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit?‹ Ich erwidere: ›Ein Kavalier von Geburt und ein Kavalier bis zu meinem Tode; aber allerdings von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit. Ich verachte eine so schwächliche Phantasie.‹ Darauf war sie so freundlich, mir ein Kompliment zu machen. ›Der Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen Menschen ist‹, antwortet sie, ›daß Sie es offen gestehen.‹ Denn sie kennt die Gesellschaft. Ich nehme ihre Gratulationen mit galanter Höflichkeit an. Höflichkeit und kleine Galanterien sind unzertrennlich von meinem Charakter. Sie macht mir dann einen Vorschlag, der darin besteht: sie habe uns oft zusammen gesehen, es scheine ihr, ich sei für den Augenblick die Hauskatze, ihre Neugier und ihr Kummer machten es ihr wünschenswert, zu erfahren, was Sie tun, zu wissen, wie Sie leben, ob die hübsche Gowana geliebt werde und so weiter. Sie ist nicht reich, erbietet sich jedoch zu der und der kleinen Entschädigung für die kleinen Mühen und Angelegenheiten solcher Dienste; und ich erkläre mich huldvoll – alles huldvoll zu tun, ist eine Eigenschaft meines Charakters – erkläre mich huldvoll bereit, die Entschädigung anzunehmen. O ja! So geht es in der Welt. Das ist die Mode.« Obgleich Clennam ihm den Rücken zugewandt, während er sprach, und auch später noch bis zum Schluß der Verhandlung, heftete er doch seine funkelnden Augen, die zu nahe beieinander standen, so fest auf ihn und sah offenbar schon an der Haltung des Kopfes, während er mit seiner prahlerischen Rücksichtslosigkeit Punkt für Punkt erzählte, daß er nichts sagte, was Clennam nicht bereits wußte. »Oh! Die schöne Gowana!« sagte er, indem er eine dritte Zigarette mit einem Ton anzündete, wie wenn sein leichtester Atem sie wegblasen könnte. »Reizend, aber unvorsichtig. Denn es war nicht gut getan von der hübschen Gowan, Briefe von ehemaligen Liebhabern in dem Schlafzimmer zu verstellen, damit ihr Gatte sie nicht sehe. Nein, nein. Das war nicht gut. Oh! Die Gowana hat sich da getäuscht!« »Ich hoffe in allem Ernst«, rief Arthur laut, »daß Pancks nicht lange fortbleibt, denn die Gegenwart dieses Mannes verpestet dies Zimmer.« »Ja, aber er gedeiht hier und überall«, sagte Rigaud, indem er mit triumphierendem Blick die Finger schnalzen ließ. »Überall ist das geschehen, und immer wird es geschehen!« Darauf streckte er seinen Körper auf den einzigen drei Stühlen, die mit Ausnahme von dem, auf dem Clennam saß, im Zimmer waren, aus und sang, indem er sich auf die Brust schlug, als wäre er der Held des Liedes: »Was kommt so spät bei Nacht vorbei? Compagnon de la Majolaine; Was kommt so spät bei Nacht vorbei? Immer froh!« »Sing' den Refrain, Schwein! Du konntest ihn ja sonst in einem andern Gefängnisse singen. Sing ihn. Oder, bei jedem Heiligen, der zu Tode gesteinigt wurde, ich werde mich als beleidigt betrachten und grob werden; dann würden einige Leute, die noch nicht tot sind, besser daran tun, sich mit ihnen steinigen zu lassen.« »Die Blüte aller Ritterschaft, Compagnon de la Majolaine; Die Blüte aller Ritterschaft, Immer froh!« Teils aus alter unterwürfiger Gewohnheit, teils, weil, wenn er es nicht tat, dies vielleicht seinem Wohltäter schaden könnte, teils, weil er es ebensogut tun konnte wie etwas anderes, sang Cavaletto diesmal den Refrain. Rigaud lachte und rauchte mit geschlossenen Augen weiter. Es mochte wohl noch eine Viertelstunde gedauert haben, ehe man Pancks' Tritte auf der Treppe hörte, aber die Zwischenzeit erschien Clennam unerträglich lang. Ein andrer Tritt begleitete ihn. Sobald Cavaletto die Tür öffnete, traten Mr. Pancks und Mr. Flintwinch ein. Der letztere war kaum sichtbar, so stürzte Rigaud auf ihn zu und umarmte ihn ungestüm. »Wie befinden Sie sich, Sir?« sagte Mr. Flintwinch, sobald er sich wieder hatte losmachen können, was er mit sehr wenig Zeremonie zu bewerkstelligen suchte. »Ich danke Ihnen, nein; ich habe genug!« Das bezog sich auf eine neue Drohung zärtlicher Zuneigung von seiten seines wiedergefundenen Freundes. »Nun, Arthur, Sie erinnern sich, was ich Ihnen von schlafenden Hunden und von Vermißten sagte. Es ist wahr geworden, wie Sie sehen.« Er war allem Anschein nach so gefaßt wie immer und nickte moralisierend mit dem Kopfe, während er im Zimmer umhersah. »Und das ist das Marschallgefängnis für Schuldner?« sagte Mr. Flintwinch. »Ha! Sie haben Ihre Ferkel auf einen sehr schlechten Markt gebracht, Arthur.« Wenn Arthur Geduld hatte, so hatte Rigaud keine. Er nahm seinen kleinen Flintwinch mit ungestümem Scherz an den zwei Lappen seines Rockes und rief: »Zum Teufel mit dem Markte, zum Teufel mit den Ferkeln, zum Teufel mit dem Ferkeltreiber. Nun! Geben Sie mir doch die Antwort auf meinen Brief.« »Wenn es Ihnen beliebt, mich einen Augenblick loszulassen, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »so will ich zuerst Mr. Arthur ein kleines Billett geben, das ich für ihn habe.« Er tat dies. Es war auf einem Zettel, von der gelähmten Hand seiner Mutter geschrieben, und enthielt nur folgende Worte: »Ich hoffe, es ist genug, daß du dich selbst ruiniert hast. Laß ab von Weiterem. Jeremiah ist mein Abgesandter und Stellvertreter. Deine dich liebende Mutter M.C.« Clennam las es zweimal in der Stille und zerriß es dann in Stücke. Rigaud stieg unterdessen auf einen Stuhl und setzte sich auf die Rücklehne, indem er die Füße auf den Sitz stellte. »Jetzt, schöner Flintwinch«, sagte er, nachdem er dem Zerreißen des Zettels aufmerksam zugesehen, »die Antwort auf meinen Brief?« »Mrs. Clennam schrieb keine solche, Mr. Blandois, da ihre Hände zu gelähmt sind und sie es für ebensogut hielt, die Sache mündlich durch mich besorgen zu lassen.« Mr. Flintwinch schraubte dies schwer und rostig aus sich heraus. »Sie sendet Ihnen ihre Empfehlungen und sagte, sie wünsche im ganzen nicht unbillig gegen Sie zu sein und nehme an, ohne jedoch die Zusammenkunft von heute über acht Tagen zu präjudizieren.« Nachdem Monsieur Rigaud ein Gelächter angeschlagen hatte, stieg er von seinem Throne und sagte: »Gut! Ich gehe, mir ein Hotel zu suchen!« Hier fielen seine Augen auf Cavaletto, der noch immer auf seinem Posten saß. »Vorwärts, Ferkel«, fügte er hinzu, »du hast mich wider meinen Willen begleitet, nun sollst du's auch wider deinen Willen tun. Ich sage euch, meine kleinen Reptilien, ich bin geboren, um bedient zu werden. Ich verlange den Dienst dieses Schmugglers bis heute über acht Tage.« Als Antwort auf Cavalettos fragenden Blick gab ihm Clennam ein Zeichen zu gehen, aber er fügte laut hinzu: »Außer wenn Sie ihn fürchten.« Cavaletto antwortete mit sehr emphatischer Fingervereinung: »Nein, Herr, ich fürchte ihn nicht mehr, seitdem ich es nicht mehr geheimzuhalten brauche, daß er einst mein Kamerad gewesen ist.« Rigaud nahm keine Notiz von dieser Bemerkung, bis er seine letzte Zigarette angezündet und zum Aufbruch bereit war. »Ihn fürchten«, sagte er und blickte sie dann der Reihe nach an. »Auf! meine Kinderchen, meine Püppchen, ihr fürchtet ihn alle! Ihr gebt ihm hier seine Flasche Wein: ihr gebt ihm Essen, Trinken, Wohnung; ihr wagt ihn nicht mit einem Finger anzurühren oder mit einem Wort zu kränken. Nein. Es liegt in seinem Charakter zu triumphieren! Auf!« »Die Blüte aller Ritterschaft, Ist immer froh!« Mit dieser Anwendung des Refrains auf sich selbst verließ er das Zimmer, während ihm Cavaletto dicht auf der Ferse nachfolgte! er hatte diesen vielleicht für seinen Dienst verlangt, weil er recht gut wußte, daß es nicht leicht sein würde, ihn loszuwerden. Mr. Flintwinch, nachdem er sich am Kinn gerieben und mit deutlicher Geringschätzung des Schweinemarkts umgesehen, nickte Arthur zu und folgte. Mr. Pancks, immer noch bußfertig und niedergedrückt, folgte gleichfalls, nachdem er mit großer Aufmerksamkeit ein paar heimlichen Worten von Arthur das Ohr geliehen und ihm zugeflüstert hatte, daß er die Sache genau verfolgen und zu Ende führen wolle. Der Gefangene blieb mit dem Gefühl, daß er verachteter, verstoßener und hilfloser, kurz elender und gesunkener sei denn je, allein zurück. Neunundzwanzigstes Kapitel. Eine Bitte im Marschallgefängnis. Bitterer Kummer und Reue sind schlechte Gesellen für einen Gefangenen. Den ganzen Tag vor sich hinbrüten und bei Nacht wenig ruhen kann einen Mann nicht gegen das Elend wappnen. Am nächsten Morgen fühlte Clennam, daß seine Gesundheit schwächer wurde, wie sein Mut bereits gesunken war, und daß die Last, unter der er seufzte, ihn erdrücken mußte. Eine Nacht um die andere war er um zwölf oder ein Uhr von seinem Jammerlager aufgestanden und hatte sich an sein Fenster gesetzt, um die trübe brennenden Lampen im Hofe unten zu beobachten und auf den ersten bleichen Schimmer des Tags zu harren, stundenlang, ehe es möglich war, daß dieser am Himmel sich zeigte. Jetzt, da die Nacht kam, konnte er sich nicht mal überreden, sich auszukleiden. Denn es stellte sich eine brennende Unruhe, eine qualvolle Ungeduld, wie das Gefängnis sie hervorbringt, und die Überzeugung ein, daß das Herz hier ihm brechen und er hier sterben müßte, was ihm unbeschreibliche Leiden verursachte. Sein Widerwille und Abscheu gegen diesen Ort wurde so groß, daß es ihm Mühe kostete, darin Atem zu holen. Das Gefühl zu ersticken bemächtigte sich seiner oft so gewaltig, daß er am Fenster stehenblieb und, den Hals haltend, nach Luft seufzte. Zu gleicher Zeit erweckte die Sehnsucht nach anderer Luft und das Verlangen, außerhalb dieser öden weißen Mauer sich bewegen zu können, ein Gefühl in ihm, als wenn ihn die Inbrunst dieses Wunsches wahnsinnig machen müßte. Viele andere Gefangene hatten vor ihm ähnliche Gefühle gehabt, aber die Heftigkeit und Dauer derselben hatte sie abgestumpft, was auch bei ihm der Fall wurde. Dazu genügten zwei Nächte und ein Tag. Es kam wohl hier und da wieder, aber weit schwächer und auch in größeren Zwischenräumen. Eine traurige Ruhe folgte auf diesen Zustand, und schon um die Mitte der Woche war er in die Abgespanntheit eines langsam schleichenden Fiebers versunken. Da Cavaletto und Pancks fort waren, hatte er keinen andern Besuch zu fürchten als Mr. und Mrs. Plornish. Sein Bemühen betreffs dieses würdigen Paares war, daß es ihm nicht zu nahe komme; denn in der krankhaften Stimmung seiner Nerven suchte er allein zu sein und von der Pein, daß man ihn in diesem gedrückten und schwachen Zustand sehe, verschont zu werden. Er schrieb einen Brief an Mrs. Plornish, worin er mitteilte, daß er von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen und durch die Notwendigkeit, sich ihnen ganz und gar zu widmen, sich gezwungen sehe, einige Zeit auf das Vergnügen verzichten zu müssen, sich durch den Anblick ihres freundlichen Gesichts zu zerstreuen. Wenn der junge John, der täglich zu einer gewissen Stunde, wo die Schließer abgelöst wurden, hereinsah, sich bei ihm erkundigte, ob er etwas für ihn besorgen könnte, tat er immer, als ob er mit Schreiben beschäftigt wäre, und antwortete mit einem freundlichen »Nein.« Der Gegenstand ihrer einzigen langen Unterredung war nie mehr mit einem Wort berührt worden. Durch alle diese Wandlungen des Unglücks hindurch hatte Clennam ihn nicht einen Augenblick aus dem Auge verloren. Der sechste Tag der erwähnten Woche war ein feuchter, heißer, nebliger Tag. Es war, als nähme die Armut, die Schäbigkeit und der Schmutz in der schwülen Atmosphäre zu. Mit einem brennenden Kopf und müdem Herzen hatte Clennam die traurige Nacht durchwacht, indem er dem Tröpfeln des Regens auf das Hofpflaster gelauscht und an das sanftere Rieseln auf den Boden im Freien gedacht hatte. Ein trüber Kreis von gelbem Nebel war statt der Sonne am Himmel aufgestiegen, und er hatte den trüben Schein beobachtet, den er auf die Mauer warf und der wie ein Stück Gefängnislumpen aussah. Er hatte das Öffnen der Türen, das Hereinschlürfen der schlechten Schuhe, die draußen gewartet hatten, das Kehren und Pumpen und das Hin- und Hergehen gehört, womit der Gefängnismorgen gewöhnlich anfängt. Er fühlte sich so schwach und krank, daß er oftmals innehalten mußte, Clennam im Schuldgefängnis. während er sich wusch, und war endlich nach seinem Stuhl am offenen Fenster hingekrochen. Dort saß er schlummernd, während die alte Frau, die sein Zimmer aufräumte, ihre Morgengeschäfte besorgte. Halb wirr durch den Mangel an Schlaf und Nahrung (sein Appetit und sogar sein Geschmack waren ganz verlorengegangen) war er sich zwei- oder dreimal im Verlauf der Nacht bewußt geworden, daß er an Sinnestäuschungen litt. Er hatte durch die warme Nachtluft Bruchstücke von Liedern und Melodien klingen hören, von denen er wußte, daß sie gar nicht existierten. Jetzt, da er in einem Zustand der Erschöpfung halb im Schlummer lag, vernahm er sie wieder. Stimmen schienen ihn anzureden, und er antwortete ihnen und fuhr auf. Schlummernd und träumend, ohne die Kraft, die Zeit zu berechnen, so daß eine Minute eine Stunde und eine Stunde eine Minute hätte sein können, schlich sich dies Bild eines Gartens in seine Phantasie, eines Blumengartens, dessen Düfte ein feuchter bunter Wind auf sanften Schwingen trug. Es kostete ihn eine so schmerzliche Anstrengung, den Kopf aufzurichten, um sich darüber ins reine zu setzen oder überhaupt ins reine zu kommen, daß jene Vorstellung von dem Garten ihm eine alte und lustige erschien, als er sich umsah. Neben der Teetasse auf seinem Tische sah er einen blühenden Strauß; eine prächtige Handvoll der auserlesensten und lieblichsten Blumen. Noch nie war etwas in seinen Augen so schön erschienen. Er nahm sie in die Hand, schlürfte ihren Duft ein, hielt sie an seine heiße Stirn, legte sie nieder und breitete seine trocknen Hände darüber, als wollte er die wohltuende Wärme eines Feuers genießen. Erst als er sich desselben einige Zeit erfreut hatte, fragte er sich, wer sie wohl geschickt, und öffnete seine Tür, um die Frau zu fragen, wie sie in ihre Hände gekommen. Aber sie war fort und schien schon lange gegangen zu sein; denn der Tee, den sie für ihn auf dem Tische gelassen, war kalt. Er wollte eine Tasse trinken, aber er konnte den Geruch desselben nicht ertragen; deshalb kroch er nach seinem Stuhl am offenen Fenster zurück und stellte die Blumen auf den kleinen runden Tisch aus alten Zeiten. Als die erste Schwäche, die eine Folge seines Herumgehens gewesen, ihn verlassen hatte, verfiel er wieder in seinen früheren Zustand. Eine von den nächtlichen Melodien spielte in dem Wind, als die Tür seines Zimmers sich einem leichten Druck zu öffnen und nach einer kurzen Pause eine stille Gestalt in einem schwarzen Mantel auf der Schwelle zu stehen schien. Es war, als ob sie den Mantel fallen ließe, und dann schien es seine Klein-Dorrit in ihrem alten, abgeschabten Kleid zu sein. Sie schien zu zittern und ihre Hände zu falten und zu lächeln und in Tränen auszubrechen. Er raffte sich auf und rief. Und dann sah er in dem liebevollen, mitleidigen, kummervollen, teuren Gesicht als wie in einem Spiegel, wie verändert er war. Sie kam auf ihn zu, und die Hände auf seine Brust legend, daß er sitzenbleibe, und vor ihm auf den Boden kniend und die Lippen zu ihm erhebend, um ihn zu küssen, und mit ihren Tränen ihn befeuchtend, wie der Regen vom Himmel die Blumen befeuchtet, rief ihn Klein-Dorrit, die leibhaftig vor ihm lag, bei seinem Namen. »Oh, mein bester Freund! Lieber Mr. Clennam, lassen Sie mich keine Tränen sehen! Wenn Sie nicht gar aus Freude weinen, mich zu sehen. Ich hoffe, das ist der Fall! Ihr armes Kind ist wieder da!« So treu, so zärtlich, so unverdorben vom Glück. Im Klang ihrer Stimme, im Licht ihrer Augen, in der Berührung ihrer Hände so engelhaft tröstend und wahr! Als er sie küßte, sagte sie zu ihm: »Niemand hat mir gesagt, daß Sie krank seien«, und ihren Arm sanft um seinen Arm schlingend, zog sie seinen Kopf an ihre Brust, legte ihre Hand auf sein Haupt, ließ ihre Wange auf dieser Hand ruhen und liebkoste ihn so zärtlich und, Gott weiß, so unschuldig, wie sie ihren Vater in demselben Zimmer geliebkost hatte, als sie noch ein kleines Kind gewesen und alle die Pflege von andern bedurft hätte, die sie ihnen angedeihen ließ. Als er sprechen konnte, sagte er: »Ist es möglich, daß Sie zu mir kommen? Und in diesem Kleid?« »Ich hoffte, Sie würden mich in diesem Kleid lieber sehen als in jedem andern. Ich habe es immer zur Erinnerung aufbewahrt; obgleich ich die Erinnerung nicht brauche. Ich bin nicht allein, wie Sie sehen. Ich habe eine alte Freundin mit mir gebracht.« Als er sich umsah, erblickte er Maggy in ihrer großen Haube, die sie schon lange nicht mehr getragen, mit einem Korb am Arm wie in früheren Tagen, und ganz vergnügt vor sich hin lachend. »Erst gestern abend bin ich mit meinem Bruder in London angekommen. Ich schickte fast unmittelbar nach unserer Ankunft zu Mrs. Plornish, um von Ihnen zu hören und Sie meine Ankunft wissen zu lassen. Da hörte ich, daß Sie hier seien. Haben Sie vielleicht während der Nacht an mich gedacht? Ich glaube fast, daß Sie ein wenig an mich gedacht haben. Ich habe so besorgt an Sie gedacht, und es schien mir so lange, bis der Morgen anbrach.« »Ich habe an Sie gedacht« – er stockte, da er nicht wußte, wie er sie nennen sollte. Sie merkte es augenblicklich. »Sie haben mich noch nicht bei meinem rechten Namen genannt. Sie wissen, was stets mein rechter Name bei Ihnen war.« »Ich habe jeden Tag, jede Stunde, jede Minute an Sie gedacht, Klein-Dorrit, seit ich hier bin.« »Wirklich! Wirklich!« Er sah die helle Freude auf ihrem Gesicht und die Röte, die darüber hinflammte, mit einem Gefühl der Scham. Er, ein gebrochner, bankerotter, kranker, entehrter Gefangener! »Ich war schon hier, ehe das Tor aufging, aber ich fürchtete mich, so geradezu zu Ihnen zu kommen. Ich hätte im ersten Augenblick mehr geschadet als genützt; denn das Gefängnis kam mir so vertraut und doch so fremd vor, und es rief so viele Erinnerungen an meinen armen Vater und auch an Sie in mir wach, daß ich anfangs ganz überwältigt davon war. Aber wir gingen zu Mr. Chivery, ehe wir hierher an das Tor kamen, und er brachte uns herein und schloß uns Johns Zimmer auf – Sie wissen, mein armes, altes Zimmer –, und wir warteten dort ein wenig. Ich brachte die Blumen an die Tür, aber Sie hörten mich nicht.« Sie sah etwas frauenhafter als vor ihrer Reise aus, und die reifende Berührung der italienischen Sonne war auf ihrem Antlitz sichtbar. Im übrigen war sie jedoch ganz unverändert. Denselben tiefen, scheuen Ernst, den er immer und nie ohne Rührung an ihr bemerkt, fand er auch jetzt noch. Wenn dieser Ernst eine neue Bedeutung hatte, die ihm tief ins Herz drang, so lag die Veränderung in seiner Auffassung, nicht in ihr. Sie nahm ihren alten Hut ab und hing ihn an die alte Stelle und fing an, mit Maggys Hilfe das Zimmer so frisch und sauber zu machen, wie es nur möglich war, und es mit wohlriechendem Wasser zu besprengen. Als dies geschehen, wurde der Korb, der mit Trauben und anderem Obst gefüllt war, ausgepackt und sein Inhalt geräuschlos untergebracht. Als auch dies geschehen war, wurde Maggy mit einigen zugeflüsterten Worten weggeschickt, um jemanden anders wegzuschicken, der den Korb wieder vollfüllen sollte. Dieser kam auch bald wieder mit neuen Vorräten, aus denen zuerst ein kühlendes Getränk und Gelee und weiter ein gebratenes Huhn und Wein und Wasser herausgenommen wurden. Nachdem diese verschiedenen Anordnungen getroffen waren, nahm sie ihr altes Nähkistchen heraus, um ihm einen Vorhang für sein Fenster zu machen; und so sah er Klein-Dorrit, während er ruhig in seinem Stuhl saß, ruhig in seinem Zimmer walten und arbeiten, eine Ruhe, die sich auch über das sonst so geräuschvolle Gefängnis zu verbreiten schien. Das bescheidene Köpfchen wieder über die Arbeit herabgebeugt und die flinken Finger geschäftig an ihrer alten Arbeit zu sehen – obgleich sie nicht so in die Arbeit vertieft war, daß ihre teilnahmsvollen Blicke sich nicht zu ihm erhoben und, wenn sie sich senkten, Tränen zeigten – so getröstet und gestärkt zu werden und zu glauben, daß alle Hingebung dieser großen Natur in seinem Unglück ihm zugewandt sei, um ihren unerschöpflichen Reichtum von Güte über ihn auszuschütteln, machte Clennams zitternde Stimme oder Hand nicht ruhiger und stärkte ihn nicht in seiner körperlichen Schwäche. Aber es flößte ihm eine moralische Kraft ein, die mit seiner Liebe wuchs. Und wie zärtlich er sie jetzt liebte, vermögen Worte nicht auszudrücken. Wie sie so nebeneinander saßen, in dem Schatten der Mauer, fiel der Schatten wie Licht auf ihn. Sie wollte ihn nicht viel sprechen lassen, und er legte sich in seinen Stuhl zurück und blickte sie an. Dann und wann stand sie auf und gab ihm ein Glas zum Trinken oder strich die Stelle glatt, wo sein Kopf ruhte; dann kehrte sie still zu ihrem Sitz zurück und beugte sich wieder über ihre Arbeit. Der Schatten bewegte sich mit der Sonne, aber sie wich nicht von seiner Seite, außer wenn sie ihm etwas bringen wollte. Sie war jetzt mit ihrer Arbeit fertig, und ihre Hand, die, seitdem sie ihm zum letzten Male etwas gereicht, auf dem Arm des Stuhles zitternd geruht hatte, weilte noch darauf. Er legte seine Hand darauf, und sie faßte sie mit bebendem Flehen. »Lieber Mr. Clennam, ich muß Ihnen etwas sagen, ehe ich gehe. Ich habe es von Stunde zu Stunde verschoben, aber nun muß ich es sagen.« »Auch ich, liebe Klein-Dorrit. Auch ich habe aufgeschoben, was ich sagen mußte.« Sie bewegte ängstlich besorgt ihre Hand nach seinen Lippen, als wollte sie ihn zum Schweigen bringen; dann ließ sie sie zitternd wieder sinken. »Ich verlasse England nicht wieder. Mein Bruder hat die Absicht, aber ich nicht. Er war immer sehr anhänglich an mich, und er ist jetzt so dankbar gegen mich – viel zu dankbar, denn es ist nur, daß ich zufällig während seiner Krankheit bei ihm war –, daß er sagt, es soll ganz in meinem Willen stehen, zu bleiben, wo es mir am besten gefällt, und zu tun, was mir am besten gefällt. Er wünsche mich nur glücklich zu wissen, sagt er.« Ein heller Stern glänzte am Himmel. Sie blickte zu ihm auf, während sie sprach, als wäre es der inbrünstige Vorsatz ihres Herzens, der über ihr erglänzte. »Sie werden sich denken können, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauche, daß mein Bruder hierher gereist ist, um das Testament meines lieben Vaters zu eröffnen und von seinem Vermögen Besitz zu ergreifen. Er sagt, wenn ein Testament vorhanden wäre, würde ich gewiß reich bedacht sein; und wenn keines vorhanden sei, wolle er mich reich machen.« Er wollte sprechen, aber sie hob wieder ihre zitternde Hand empor, und er schwieg. »Ich wüßte nicht, was mit dem Gelde tun, und wünschte mir keines. Es wäre durchaus ohne Wert für mich, außer um Ihretwillen. Ich könnte unmöglich reich sein, solange Sie hier sind. Ich wäre im Gegenteil immer unsagbar arm, wenn Sie hier in Not schmachten. Wollen Sie mir erlauben, alles, was ich habe, Ihnen zu leihen? Wollen Sie mir gestatten, es Ihnen zu geben? Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu zeigen, daß ich nie vergessen habe und nie vergessen kann, wie Sie mich zu der Zeit, da dies meine Heimat war, beschützt haben? Lieber Mr. Clennam, machen Sie mich zum glücklichsten Menschen von der Welt, indem Sie Ja sagen. Machen Sie mich so glücklich, wie ich es sein kann, solange Sie hier bleiben, indem Sie mir heute abend noch keine Antwort geben und mich mit der Hoffnung von hier fortgehen lassen, daß Sie die Sache sich freundlich überlegen wollen; und daß Sie mir um meinetwillen – nicht um Ihretwillen, sondern um meinetwillen, einzig um meinetwillen! – die größte Freude machen würden, die ich je auf Erden erleben kann, die Freude, zu wissen, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, und daß ich etwas von der großen Schuld meiner Liebe und Dankbarkeit abgetragen. Ich kann nicht sagen, was ich sagen möchte. Ich kann Sie hier nicht besuchen, wo ich so lange gewohnt, ich kann nicht hier an Sie denken, wo ich Sie so viel gesehen habe, und so ruhig und trostvoll sein, wie ich sollte. Meine Tränen drängen sich unwillkürlich hervor. Ich kann sie nicht zurückhalten. Aber bitte, bitte, bitte, wenden Sie sich jetzt in Ihrem Kummer nicht von Ihrer Klein-Dorrit! Bitte, bitte, bitte! ich flehe Sie aus tiefstem bekümmertstem Herzen an, mein Freund – Sie Lieber! – nehmen Sie alles, was ich habe, und machen Sie es zu einem Segen für mich!« Der Stern hatte bis jetzt auf ihr Gesicht geschienen, aber ihr Gesicht sank nun auf ihre und seine Hand. Es war dunkler geworden, als er sie in seinem Arme aufrichtete und ihr mit sanftem Tone antwortete: »Nein, liebe Klein-Dorrit. Nein, mein Kind. Ich darf nicht von einem solchen Opfer hören. Freiheit und Hoffnung um solchen Preis wären so teuer erkauft, daß ich nie ihre Last, nie den Vorwurf, sie zu besitzen, tragen könnte. Aber mit welch heißem Danke und welch inniger Liebe ich dies sage, mag der Himmel mir bezeugen!« »Und doch wollen Sie nicht gestatten, Ihnen in Ihrem Unglück treu zu bleiben?« »Sagen Sie, liebste Klein-Dorrit, und doch will ich versuchen, Ihnen treu zu bleiben. Wenn in vergangenen Tagen, wo dies Ihre Heimat und dies Ihr Kleid war, ich mich selbst besser verstanden (ich spreche nur von mir selbst) und die Geheimnisse meiner Brust deutlicher gelesen hätte; wenn ich trotz meiner Zurückhaltung und meines Mißtrauens gegen mich ein Licht erkannt hätte, das ich jetzt hell leuchten sehe, wo es weit entfernt von mir ist und meine schwachen Füße es nicht mehr einholen können; wenn ich damals gewußt und Ihnen gesagt hätte, daß ich Sie liebe und ehre, nicht als das arme Kind, als das ich Sie zu betrachten gewohnt war, sondern als eine Frau, deren wackere Hand mich weit über mich selbst erheben und mich zu einem weit glücklicheren und bessern Mann machen konnte; wenn ich so die Gelegenheit benutzt hätte, die nun nicht zurückzurufen ist, – wie ich wünsche, daß ich's getan, und wie sehr ich das wünsche! – und wenn uns damals etwas fern voneinander gehalten hätte, wo ich mich in mäßigem Wohlstand befand, während Sie arm waren; da würde ich Ihr edles Anerbieten Ihres Vermögens, liebstes Mädchen, mit andern Worten angenommen haben und hätte doch erröten müssen, es anzurühren. Aber wie es jetzt ist, darf ich es nie anrühren, nie!« Sie bat ihn ergreifender und inniger mit ihrer kleinen bittenden Hand, als sie es mit Worten hätte tun können. »Ich bin genug mit Schmach beladen, meine liebe Klein-Dorrit. Ich darf nicht so tief sinken und Sie – ein so liebes, edles, gutes Wesen – mit mir hinabziehen. Gott segne Sie, Gott lohne Ihnen! Es ist vorbei!« Er schloß sie in seine Arme, als wenn sie seine Tochter wäre. »Immer so viel älter, so viel rauher, so viel weniger wert, müssen wir beide selbst das vergessen, was ich war, und Sie dürfen mich nur sehen, wie ich jetzt bin. Ich drücke diesen Scheidekuß auf Ihre Wange, mein Kind – das mir hätte näher stehen, aber nie lieber sein können – ich, ein zu Grunde gerichteter Mann, der weit ab von Ihnen steht, für immer von Ihnen getrennt, dessen Laufbahn beinahe zu Ende ist, während die Ihre eben beginnt. Ich habe nicht den Mut zu verlangen, daß Sie mich in meiner Erniedrigung vergessen; aber ich bitte Sie, meiner nur so zu gedenken, wie ich bin.« Die Glocke begann zu läuten, zum Zeichen, daß die Fremden sich aus dem Gefängnis zu entfernen hatten. Er nahm ihren Mantel von der Wand und legte ihn zärtlich besorgt um ihre Schulter. »Noch ein Wort, Klein-Dorrit. Ein hartes Wort für mich, aber ein notwendiges. Die Zeit, wo Sie und dies Gefängnis etwas miteinander gemein hatten, ist längst vorbei. Verstehen Sie mich?« »Oh, Sie werden mir doch nicht sagen wollen, daß ich nicht wiederkommen soll«, rief sie, bitterlich weinend und ihre gefalteten Hände zu ihm aufhebend. »Sie werden mich gewiß nicht so verlassen!« »Ich würde es sagen, wenn ich könnte; aber ich habe nicht den Mut, dieses liebe Gesicht so ganz von mir zu verbannen und auf alle Hoffnung, es wiederzusehen, zu verzichten. Aber kommen Sie nicht bald, kommen Sie nicht oft. Es ist ein verpesteter Ort, und ich weiß wohl, daß die Ansteckung mir anklebt. Sie gehören in eine heiterere und bessere Umgebung. Sie dürfen nicht hierher zurückschauen, meine Klein-Dorrit; Sie müssen auf ganz andere und glücklichere Pfade blicken. Noch einmal, Gott segne Sie auf denselben! Gott lohne Ihnen!« Maggy, die sehr traurig gestimmt wurde, rief in diesem Augenblick: »Oh, bring' ihn in ein Spital. Er wird nie wieder wie früher werden, wenn man ihn nicht in ein Spital bringt. Und dann kann die kleine Frau, die immer an ihrem Rade spann, an den Schrank gehen mit der Prinzessin und sagen: Für wen bewahrt Ihr das Hühnchen auf? Und dann können sie es herausnehmen und ihm geben und alle glücklich sein!« Die Unterbrechung kam zur rechten Zeit! denn die Glocke hatte beinahe zu Ende geläutet. Arthur wickelte sie noch einmal sorgfältig in ihren Mantel, gab ihr seinen Arm (obgleich er ohne ihren Besuch beinahe zu schwach zum Gehen gewesen wäre) und führte sie die Treppe hinab. Sie war der letzte Besuch, der zum Schließerstübchen hinausging, und das Tor fiel schwer und hoffnungslos hinter ihr ins Schloß. Mit dem Grabeston, der damit in Arthurs Herz klang, kehrte auch sein Gefühl der Schwäche zurück. Es war eine mühselige Reise die Treppe hinauf in sein Zimmer, und er betrat den dunklen einsamen Raum in unaussprechlich elender Stimmung. Als es beinahe Mitternacht und im Gefängnis längst still geworden war, hörte man ein vorsichtiges Krachen die Treppe heraufkommen und ein vorsichtiges Klopfen eines Schlüssels an der Tür. Es war der junge John. Er schlüpfte auf Socken herein und hielt die Tür zu, während er flüsternd sprach: »Es ist gegen alle Vorschriften, aber es ist mir einerlei. Ich war entschlossen, mir Bahn zu brechen und zu Ihnen zu kommen.« »Was gibt es?« »Nichts gibt's, Sir. Ich wartete auf dem Hofe auf Miß Dorrit, bis sie herauskam. Ich dachte, es würde Ihnen angenehm sein, wenn jemand auf sie achtgebe.« »Danke, danke! Sie führten sie nach Hause, John?« »Ich begleitete sie bis in ihr Hotel. Dasselbe, in dem auch Mr. Dorrit gewohnt hatte. Miß Dorrit sprach auf dem ganzen Wege so freundlich mit mir, daß ich vor Freuden außer mir war. Warum glauben Sie wohl, daß sie ging, statt zu fahren?« »Ich weiß es nicht, John.« »Um von Ihnen zu reden. Sie sagte zu mir: ›John, Sie waren immer ein Ehrenmann, und wenn Sie mir versprechen, daß Sie für ihn sorgen wollen und es ihm nie an Hilfe und Trost fehlen lassen werden, wenn ich nicht um ihn bin, so wird mein Gemüt beruhigt sein.‹ Ich versprach es ihr. Und ich will Ihnen zur Seite sein in alle Ewigkeit«, sagte John Chivery. Tief gerührt bot Clennam dem ehrlichen Menschen die Hand. »Ehe ich sie nehme«, sagte John, indem er sie ansah, ohne die Tür zu verlassen, »müssen Sie erst raten, welche Botschaft mir Miß Dorrit gegeben hat.« Clennam schüttelte den Kopf. »›Sagen Sie ihm‹, wiederholte John mit deutlicher, obgleich zitternder Stimme, ›daß seine Klein-Dorrit ihm ihre nimmer aufhörende Liebe sendet.‹ Jetzt ist's heraus. Habe ich redlich gehandelt?« »Gewiß, gewiß!« »Wollen Sie Miß Dorrit sagen, daß ich redlich gehandelt habe, Sir?« »Das will ich.« »Hier ist meine Hand, Sir«, sagte John, »und ich will Ihnen zur Seite sein in alle Ewigkeit.« Nach einem herzlichen Händedruck verschwand er mit demselben vorsichtigen Schritt, schlich ohne Schuhe über das Pflaster des Hofes, schloß das Tor hinter sich und ging nach dem Vordergebäude, wo er seine Schuhe gelassen hatte. Wäre dieser Weg mit glühenden Pflugscharen gepflastert gewesen, so ist doch nicht unwahrscheinlich, daß John um desselben Zweckes willen ihn mit der gleichen Hingebung gegangen wäre. Dreißigstes Kapitel. Abschließen. Der letzte Tag der erwähnten Woche beschien die Riegel des Marschallgefängnistores. Die eisernen Bänder, die die ganze Nacht, seit das Tor hinter Klein-Dorrit ins Schloß gefallen war, schwarz ausgesehen, verwandelten sich im Glanze der frühen Morgensonne in goldene Bänder. Quer über die Stadt, über ihre wirren Dächer, durch die offene Ornamentik ihrer Kirchtürme schlugen die langen glänzenden Sonnenstrahlen die Riegel des Gefängnisses dieser niederen Welt. Den ganzen Tag blieb das alte Haus hinter dem Torweg von Besuchen verschont. Als die Sonne jedoch herabsank, traten drei Männer in den Torweg und schritten auf das verwitterte Haus zu. Rigaud war der erste und ging rauchend allein. Mr. Baptist war der zweite und schlenderte, nicht rechts, nicht links blickend, hinter ihm drein. Mr. Pancks war der dritte; er trug seinen Hut unter dem Arm, um sein starres Haar frei emporstehen zu lassen, da das Wetter außerordentlich heiß war. Sie kamen alle an der Haustreppe zusammen. »Ihr beiden Verrückten!« sagte Rigaud, indem er sich umsah. »Geht noch nicht!« »Das ist auch nicht unsere Absicht«, sagte Mr. Pancks. Rigaud pochte laut, indem er ihm einen finstern Blick als Anerkennung seiner Antwort zuwarf. Er hatte sich etwas angetrunken, um sein Spiel auszuspielen, und harrte ungeduldig auf den Beginn. Er hatte kaum einmal gepocht, daß es lang nachtönte, als er wieder nach dem Klöpfel griff und zum zweitenmal pochte. Dies war noch nicht zu Ende, als Jeremiah Flintwinch die Tür öffnete und sie alle in die steinerne Halle hineinstürmten. Rigaud stieß Mr. Flintwinch auf die Seite und eilte die Treppe hinauf. Seine beiden Gefährten folgten ihm, Mr. Flintwinch diesen, und zuletzt traten sie alle hastig in das stille Zimmer von Mrs. Clennam. Es befand sich in seinem gewöhnlichen Zustand, nur daß eines von den Fenstern weit offen war. Affery saß auf ihrem altvaterischen Fenstersitz und stopfte einen Strumpf. Die gewöhnlichen Gegenstände befanden sich auf dem kleinen Tisch: das gewöhnliche herabgebrannte Feuer flackerte auf dem Kaminrost; auf dem Bette lag das gewöhnliche Bahrtuch: und die Herrin von alledem saß auf ihrem schwarzen bahrenartigen Sofa und stützte sich auf das schwarze eckige Polster, das wie der Block des Henkers aussah. Und doch war eine unbeschreiblich eigentümliche Luft in dem Zimmer, als wenn sie für eine besondere Gelegenheit gespannt wäre. Woher das kam – da jeder kleine Gegenstand den Platz einnahm, den er seit Jahren eingenommen – konnte niemand sagen, wenn er die Herrin nicht aufmerksam beobachtet hätte, und zwar überdies ausgerüstet mit einer genauen Kenntnis des Gesichts, wie es früher war. Obgleich ihr unveränderliches schwarzes Kleid in jeder Falte noch wie früher lag und ihre unveränderliche Haltung streng beibehalten war, trat ein neuer, an sich unbedeutender Zug in ihrem Gesicht und eine Zusammenziehung der düstern Stirn so scharf hervor, daß dieser Ausdruck sich gleichsam der ganzen Umgebung mitteilte. »Wer ist das?« sagte sie erstaunt, als die beiden Gefährten eintraten. »Was wollen diese Leute hier?« »Wer dies sei, verehrte Frau?« versetzte Rigaud. »Nun, das sind Freunde Ihres gefangensitzenden Sohnes. Und was sie wollen, fragen Sie? Zum Teufel, Madame, ich weiß es nicht. Sie werden am besten tun, wenn Sie sie fragen.« »Sie wissen, Sie sagten uns an der Tür unten, wir sollten noch nicht gehen«, warf Pancks ein. »Und Sie wissen, Sie sagten mir an der Tür, es sei auch nicht Ihre Absicht zu gehen«, versetzte Rigaud. »Mit einem Worte, Madame, erlauben Sie mir, Ihnen zwei Spione des Gefangenen – verrückte Menschen, aber Spione – vorzustellen. Wenn Sie wünschen, daß sie während unserer kurzen Verhandlung hierbleiben sollen, so sagen Sie es. Es gilt mir gleich.« »Warum sollte ich wünschen, daß sie hierbleiben?« sagte Mrs. Clennam. »Was habe ich mit ihnen zu schaffen?« »Dann, teuerste Frau«, sagte Rigaud, indem er so schwer in einen Armstuhl niederfiel, daß das alte Zimmer zitterte, »dann werden Sie gut daran tun, wenn Sie sie entlassen. Es ist Ihre Sache. Sie sind nicht meine Spione, nicht meine Spitzbuben.« »Hören Sie, Mr. Pancks«, sagte Mrs. Clennam, indem sie zornig die Augenbrauen gegen ihn senkte. »Sie Buchhalter von Casby! Gehen Sie Ihres Prinzipals und Ihren eigenen Geschäften nach. Gehen Sie. Und nehmen Sie den andern Mann mit sich.« »Danke, Madame«, versetzte Mr. Pancks, »ich freue mich, sagen zu können, ich finde kein Hindernis für unsern Weggang mehr. Wir haben getan, was wir für Mr. Clennam zu tun uns verpflichteten. Seine beständige Sorge (die ihn noch mehr drückte, als er Gefangener wurde) war die, daß dieser angenehme Mensch hierhergebracht werde, an den Ort, von dem er verschwunden ist. Hier ist er nun – wir haben ihn zurückgebracht. Und ich sage es ihm in sein häßliches Gesicht«, fügte Mr. Pancks hinzu, »daß meiner Ansicht nach die Welt ebensogut bestehen könnte, wenn er ganz aus ihr verschwände.« »Sie werden nicht nach Ihrer Ansicht gefragt«, antwortete Mrs. Clennam. »Gehen Sie.« »Ich bedauere, Sie nicht in besserer Gesellschaft lassen zu können«, sagte Pancks, »und bedauere außerdem, daß Mr. Clennam nicht zugegen sein kann. Es ist meine Schuld, daß dies der Fall ist.« »Sie meinen, seine eigene?« versetzte sie. »Nein, ich meine, die meinige, Madame«, sagte Pancks, »denn es war mein Unglück, daß ich ihn zu dieser verderblichen Geldanlage veranlaßte.« (Mr. Clennam hielt immer noch an diesem Worte fest und sagte nie Spekulation.) »Obgleich ich durch Zahlen beweisen kann«, fügte Mr. Pancks mit kummervollem Ausdruck des Gesichts hinzu, »daß es eigentlich aller Berechnung nach eine günstige Geldanlage hätte sein sollen. Ich habe die Sache, seitdem sie fehlgeschlagen ist, Tag für Tag berechnet und wieder berechnet, und sie geht immer – als Zahlenfrage betrachtet – siegreich aus der Berechnung hervor. Hier ist nicht Zeit und Ort«, fuhr Mr. Pancks mit einem sehnsüchtigen Blick in seinen Hut fort, in dem seine Berechnungen lagen, »um auf Zahlen einzugehen, aber die Zahlen lassen sich nicht bestreiten. Mr. Clennam müßte jetzt in seinem Wagen mit zwei Pferden sitzen, und ich müßte drei- bis fünftausend Pfund verdient haben.« Mr. Pancks strich sein Haar mit einem Ausdruck der Zuversichtlichkeit, der kaum hätte intensiver sein können, wenn er jenes Geld in der Tasche gehabt hätte, in die Höhe. Diese unwiderleglichen Zahlen waren die Beschäftigung jedes freien Augenblicks gewesen, seit er sein Geld verloren, und sollten ihn bis an das Ende seiner Tage trösten. »Genug jedoch davon«, sagte Mr. Pancks. »Altro, alter Junge. Sie haben die Zahlen gesehen und Sie wissen, wie sie herauskommen.« Mr. Baptist, der nicht das geringste Rechentalent besaß, sich in solcher Weise zu entschädigen, nickte und zeigte, dabei die glänzendsten Zähne. Mr. Flintwinch hatte ihn inzwischen angesehen und sagte jetzt zu ihm: »Oh! Sind Sie es? Ich dachte, ich erinnerte mich Ihres Gesichts, aber ich war meiner Sache nicht gewiß, bis ich Ihre Zähne sah. Ah! ja, Sie sind's. Dieser dienstfertige Flüchtling war es«, sagte Jeremiah zu Mrs. Clennam, »der an die Tür pochte in der Nacht, als Arthur und Chatterbox hier waren, und der einen ganzen Katechismus von Fragen wegen Mr. Blandois an mich richtete.« »Das ist wahr«, bestätigte Baptist freundlich. »Und sehen Sie nun, Padron! Ich habe ihn daraufhin wirklich gefunden.« »Ich hätte nichts dagegen gehabt«, versetzte Mr. Flintwinch, »wenn Sie daraufhin wirklich den Hals gebrochen hätten.« »Und jetzt«, sagte Mr. Pancks, dessen Auge oft verstohlen nach dem Fenstersitz und dem Strumpf hinübergeblickt hatte, der dort gestopft wurde, »jetzt habe ich nur ein Wort zu sagen, ehe ich gehe. Wenn Mr. Clennam hier wäre – aber unglücklicherweise, obgleich er diesem Herrn so weit zuvorgekommen, daß er ihn wider Willen an diesen Ort schaffte, ist er krank und im Gefängnis – krank und im Gefängnis, der arme Junge – wenn er hier wäre«, sagte Mr. Pancks, indem er einen Schritt seitwärts nach dem Fenstersitz machte und seine rechte Hand auf den Strumpf legte, »würde er sagen: ›Affery, erzählen Sie Ihre Träume!‹« Mr. Pancks hielt seinen rechten Zeigefinger zwischen seine Nase und den Strumpf, mit dem gespenstischen Ausdruck der Mahnung, drehte sich um, dampfte hinaus und nahm Mr. Baptist ins Schlepptau. Man hörte die Haustür hinter ihnen ins Schloß fallen, hörte ihre Tritte auf dem dumpfen Pflaster des hallenden Hofes, und noch hatte niemand ein Wort gesprochen, Mrs. Clennam und Jeremiah hatten einen Blick gewechselt und sahen dann unverrückt auf Affery, die eifrig mit dem Stopfen des Strumpfes beschäftigt dasaß. »Nun!« sagte Mr. Flintwinch endlich, indem er sich um ein bis zwei Kurven nach dem Fenstersitz zu höherschraubte und sich die Hände an seinem Frackflügel rieb, als wenn er sich etwas mit ihnen zu unternehmen rüstete: »Es wäre besser, wenn wir mit dem, was unter uns zu verhandeln ist, sogleich begännen, ohne weiter Zeit zu verlieren. Affery, Frau, mache, daß du fortkommst!« In einem Augenblick hatte Affery den Strumpf beiseite gelegt, war aufgesprungen, hatte die Fensterbank mit der rechten Hand angefaßt, das rechte Knie auf den Fenstersitz gestemmt und schwang nun die linke Hand, um den erwarteten Angriff abzuwehren. »Nein, ich will nicht, Jeremiah – nein, ich will nicht – nein, ich will nicht! Ich will nicht gehen, ich will hierbleiben. Ich will alles hören, was ich noch nicht weiß, und alles sagen, was ich weiß. Ich will's, wenn ich darum stürbe! Ich will's, ich will's, ich will's, ich will's!« Mr. Flintwinch, der vor Staunen und Entrüstung ganz starr war, befeuchtete die Finger der einen Hand an seinen Lippen, beschrieb mit ihnen einen Kreis im Innern der andern Hand und bewegte sich mit einem drohenden Grinsen auf seine Frau zu, indem er eine Bemerkung hervorjapste, von der in seinem heftigen Zorn nur die Worte: »Solch eine Dosis!« vernehmbar waren. »Nicht einen Schritt näher, Jeremiah!« rief Affery, die nicht aufhörte, in der Luft umherzufahren. »Nicht einen Schritt näher, oder ich rufe die Nachbarschaft herbei! Ich springe zum Fenster hinaus! Ich schreie Feuer und Mord! Ich wecke die Toten auf! Bleib, wo du bist, oder ich schreie so laut, daß die Toten aufwachen!« Die entschiedene Stimme von Mrs. Clennam rief: »Halt!« Jeremiah hatte bereits innegehalten. »Es ist gut, Flintwinch. Lassen Sie sie gehen. Affery, empörst du dich nach so vielen Jahren gegen mich!« »Ja, wenn das Empörung heißt, zu hören, was ich nicht weiß, und zu sagen, was ich weiß. Ich habe nun einmal begonnen und kann nicht zurückgehen. Ich bin entschlossen, die Sache durchzuführen. Ich will es durchführen, ich will, ich will, ich will! Wenn das Empörung heißt, ja: ich empöre mich gegen die beiden Gescheiten. Ich sagte Arthur, als er in die Heimat zurückkehrte, er solle gegen Sie auftreten. Ich sagte ihm, wenn ich mich meines Lebens bei Ihnen fürchte, so sei das kein Grund für ihn. Alle möglichen Dinge sind seitdem geschehen, und ich will nicht, daß mich Jeremiah zu Boden schmettert, noch die Augen mir ausreißt, noch mich schreckt, noch mich zu irgend etwas mißbraucht. Ich will es nicht, ich will es nicht, ich will es nicht! Ich will für Arthur auftreten, solange er nichts hat und krank ist und gefangensitzt und nicht selbst für sich eintreten kann. Ich will, ich will, ich will, ich will!« »Wie kannst du wissen, du Haufen von Konfusion«, fragte Mrs. Clennam streng, »daß du durch die Art, wie du verfährst, Arthur auch wirklich dienst?« »Ich weiß nichts ganz gewiß«, sagte Affery; »und wenn Sie je ein wahres Wort in Ihrem ganzen Leben gesprochen, so ist es das, daß Sie mich einen Haufen Konfusion heißen, denn Sie beide Gescheite haben Ihr möglichstes getan, um mich dazu zu machen. Sie haben mich verheiratet, ob ich wollte oder nicht, und haben mich recht hübsch seit dieser Zeit in einem Traum und in einer Furcht erhalten, wie solche bis jetzt unerhört war. Was können Sie anderes von mir erwarten, als daß ich ein Haufen Konfusion bin? Sie wollten mich zu einem solchen machen, und es ist Ihnen gelungen; aber ich will nicht länger die Unterwürfige spielen; nein, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!« Sie schlug immer noch in der Luft herum, um jede Annäherung unmöglich zu machen. Nachdem sie sie schweigend angesehen hatte, wandte sich Mrs. Clennam an Rigaud. »Sie sehen und hören dieses törichte Geschöpf. Haben Sie etwas dagegen, daß eine solche verwirrte Person bleibt, wo sie ist?« »Ich, Madame?« versetzte er. »Ich? Das ist Ihre Sache.« »Ich habe nichts dagegen«, sagte sie finster. »Es bleibt wenig anderes übrig. Flintwinch, die Sache drängt.« Mr. Flintwinch antwortete, indem er einen Blick furchtbarer Rache auf seine Frau warf und, wie um sich zu halten, damit er nicht auf sie losfahre, seine verschränkten Arme in die Brust seiner Weste steckte und, sein Kinn ganz nahe an den Ellbogen, in einer Ecke stand, indem er Rigaud so in der wunderlichsten Stellung beobachtete. Rigaud dagegen stand auf aus seinem Stuhl und setzte sich auf den Tisch, indem er die Füße baumeln ließ. In dieser bequemen Stellung sah er in Mrs. Clennams gesetztes Gesicht, während sein Bart sich bäumte und seine Nase darüber herabkam. »Madame, ich bin ein Gentleman –« »Von dem«, unterbrach sie ihn in ihrem gemessenen Ton, »von dem ich entehrende Dinge wie Gefangenschaft in Frankreich und Anklage auf Mord vernommen.« Er warf ihr mit übertriebener Galanterie eine Kußhand zu. »Ganz richtig. Genau so war es. Und noch dazu an einer Dame! Welche Abgeschmacktheit! Wie unglaublich! Ich hatte damals die Ehre, mich großen Erfolgs rühmen zu können: ich hoffe, daß dies jetzt wieder der Fall sein wird. Ich küsse Ihnen die Hand, Madame. Ich bin ein Gentleman (wollt' ich bemerken), der, wenn er sagt: ›Ich will diese oder jene Angelegenheit in dieser Sitzung zum Abschluß bringen‹, sie auch wirklich zum Abschluß bringt. Ich erkläre Ihnen, daß wir heute unsere letzte Sitzung wegen unseres kleinen Geschäfts halten. Sie haben doch die Güte, meinen Worten zu folgen und zu begreifen?« Sie heftete ihre Augen auf ihn, während sich ihre Stirn runzelte, und sagte: »Ja«. »Ferner bin ich ein Gentleman, der mit dem rein kaufmännischen Geschäftsbetrieb nicht vertraut ist, der aber immerhin Sinn für das Geld hat, da es ihm die Mittel bietet, sich Vergnügen zu verschaffen. Sie haben doch die Güte, meinen Worten zu folgen und zu begreifen?« »Kaum nötig zu fragen, möchte man sagen. Ja.« »Ferner bin ich ein Gentleman von der sanftesten und zartesten Gemütsart, der jedoch, wenn man seinen Spaß mit ihm treiben will, wütend wird. Edle Naturen werden in solchen Fällen immer wütend. Ich besitze eine edle Natur. Wenn der Löwe gereizt ist – das heißt, wenn ich wütend werde –, so liegt mir die Befriedigung meines Rachedurstes so sehr am Herzen wie das Geld. Sie haben doch die Güte, meinen Worten zu folgen und zu begreifen?« »Ja«, antwortete sie etwas lauter als früher. »Lassen Sie sich nicht durch mich aus Ihrer Ruhe bringen, bitte, verhalten Sie sich ganz ruhig. Ich sagte, wir seien jetzt zu unserer letzten Sitzung gekommen. Erlauben Sie mir, die beiden früheren Sitzungen kurz zu vergegenwärtigen.« »Es ist nicht nötig.« »Tod und Teufel, Madame«, brach er los, »ich will aber! Außerdem ebnet es den Weg. Die erste Sitzung war sehr beschränkt. Ich hatte die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen – meine Briefe zu übergeben; ich bin ein Industrieritter, wenn Sie wollen, Madame, aber meine feinen Manieren hatten mir, der vieler Sprachen mächtig ist, unter Ihren Landsleuten, die so steif sind wie ihre gegenseitige Steifheit, gegenüber einem Fremden von feinen Manieren jedoch gern etwas ungezwungener werden, mir so viel Erfolge verschafft und mich zwei bis drei Kleinigkeiten in diesem ehrenwerten Hause herausfinden lassen«, – er blickte im Zimmer umher und lächelte – »daß ich wußte, was nötig war, um mich zu vergewissern und zu überzeugen, daß ich das ausgezeichnete Vergnügen habe, die Bekanntschaft der Dame zu machen, die ich suchte. Dies gelang mir. Ich gab unserm teuren Flintwinch mein Ehrenwort, daß ich zurückkehren wolle. Ich reiste gnädigst ab.« Sie gab weder ihre Zustimmung zu erkennen, noch machte sie Einwendungen. Er mochte innehalten oder sprechen, ihr Gesicht zeigte ihm immer dieselbe aufmerksame gerunzelte Stirn und machte den früher erwähnten Eindruck auf ihn, daß sie alle ihre Kraft für die Verhandlung zusammengenommen. »Ich sage, ich reiste gnädigst ab, weil es gnädig war, wegzugehen, ohne eine Dame in Aufruhr zu bringen. Moralisch gnädig zu sein, nicht weniger denn physisch, ist eine Eigenschaft des Charakters von Rigaud Blandois. Auch war es schlau: da ich Sie verließ, während über Ihnen eine Gefahr schwebte, mußten Sie mich ja an irgendeinem Tag mit einiger Angst erwarten. Aber Ihr Sklave ist schlau. Beim Himmel, Madame, schlau! Kehren wir zur Sache zurück. An jenem unbestimmten Tage habe ich wieder die Ehre, mich nach Ihrer Wohnung zu begeben. Ich gebe zu verstehen, daß ich etwas zu verkaufen habe, das, wenn es nicht gekauft wird, die Dame, die ich so hoch schätze, kompromittieren muß. Ich erkläre mich im allgemeinen. Ich verlange – ich glaube, es waren tausend Pfund. Wollen Sie mich berichtigen?« So zu sprechen genötigt, antwortete sie mit einigem Zwang: »Sie verlangten tausend Pfund.« »Jetzt verlange ich zweitausend. Das sind die üblen Folgen des Zögerns. Aber noch einmal darauf zurückzukommen. Wir sind nicht eines Sinnes in dieser Sache; wir differieren. Ich scherze gern; Scherz ist eine Eigenschaft meines liebenswürdigen Charakters. Im Scherz gesprochen, mir wird wie einem zumute, der ermordet und versteckt worden ist. Denn es mag für Madame nur die halbe Summe wert sein, von dem Verdacht, den mein drolliger Gedanke erweckt, gereinigt zu werden. Zufall und Spione mischen sich darein, verderben meinen Scherz und verderben die Frucht, vielleicht – wer weiß? nur Sie und Flintwinch – gerade, wenn sie reif ist. Deshalb, Madame, bin ich zum letzten Male hier. Hören Sie! Entschieden zum letzten Male!« Während er mit seinen schlenkernden Stiefelabsätzen an die Klappe des Tisches schlug und ihrem finsteren Gesicht mit einem unverschämten Blick begegnete, begann er einen stolzeren Ton anzuschlagen. »Bah! Warten Sie einen Augenblick! Lassen Sie uns Schritt für Schritt vorgehen. Hier ist meine Wirtshausrechnung, die vertragsmäßig bezahlt werden muß. Fünf Minuten später sind wir vielleicht im bittersten Streite begriffen. Ich will es nicht bis dahin anstehen lassen. Sie möchten mich sonst darum betrügen. Bezahlen Sie die Rechnung. Zählen Sie mir das Geld vor.« »Nehmen Sie sie aus seiner Hand und bezahlen Sie, Flintwinch«, sagte Mrs. Clennam. Er warf sie Mr. Flintwinch ins Gesicht, als der alte Mann näher trat, um sie in Empfang zu nehmen: dann streckte er seine Hand aus und wiederholte geräuschvoll: »Bezahlen Sie! Geben Sie das Geld! Gutes Geld!« Jeremiah hob die Rechnung auf, sah mit blutunterlaufenem Auge nach der Summe, nahm einen kleinen Kanevasbeutel aus der Tasche und zahlte ihm den Betrag in die Hand. Rigaud klimperte mit dem Geld, wog es in seiner Hand, warf es etwas in die Höhe, fing es wieder auf und klimperte noch einmal. »Der Klang dieses Geldes ist für den kühnen Rigaud Blandois wie der Genuß von frischem Fleisch für den Tiger, So sagen Sie denn, Madame. Wieviel?« Er drehte sich rasch mit einer drohenden Bewegung der vollen Hand, die das Geld einschloß, nach ihr um, als ob er die Absicht hätte, sie damit zu schlagen. »Ich sage Ihnen noch einmal, wie ich Ihnen früher schon sagte, daß wir hier nicht so reich sind, wie Sie wohl von uns vermuten, und daß Ihr Verlangen unmäßig ist. Ich habe die Mittel nicht gegenwärtig, um einem solchen Verlangen zu genügen, selbst wenn ich es zu erfüllen auch noch so geneigt wäre.« »Wenn!« rief Blandois. »Hört diese Dame mit ihrem ›Wenn‹! Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht dazu geneigt sind?« »Ich will sagen, wie die Sache sich mir darstellt, nicht wie Ihnen.« »So sagen Sie denn, ob Sie geneigt sind. Rasch. Kommen Sie zu dem Punkt, ob Sie geneigt sind, und ich weiß, was zu tun ist.« Sie antwortete nicht rascher und nicht langsamer. »Es scheint, Sie seien in den Besitz eines Papiers – oder mehrerer Papiere – gekommen, die ich allerdings wieder an mich zu bringen geneigt bin.« Rigaud trommelte laut lachend mit den Absätzen an dem Tisch und klimperte mit seinem Geld. »Ich denke wohl! Ich glaube, daß das Ihre Absicht ist.« »Das Papier mag für mich eine Summe Geldes wert sein, ich kann nicht sagen, wieviel oder wie wenig.« »Was zum Teufel?« fragte er wild. »Nicht mal, nachdem ich Ihnen eine Woche Bedenkzeit gegeben?« »Nein! Ich werde nicht aus meinen schwachen Mitteln – denn ich sage Ihnen noch einmal, wir sind hier arm und nicht reich – Ihnen einen Preis für eine Macht bestimmen, deren volle und schlimmste Tragkraft ich nicht kenne. Es ist zum dritten Male, daß Sie bloß andeuten und drohen. Sie müssen sich genau erklären, oder Sie mögen gehen, wohin Sie wollen, und tun, was Sie wollen. Es ist besser, auf einmal zerrissen zu werden, als die Maus für die Laune einer solchen Katze zu sein.« Er sah sie mit seinen Augen, die viel zu nahe beieinander standen, so gefühllos an, daß der unheimliche Blick des einen, der sich mit dem des andern kreuzte, die Brücke seiner gebogenen Nase zu verschieben schien. Nachdem er sie lange angesehen hatte, sagte er, sein höllisches Lächeln fortsetzend: »Sie sind eine kühne Frau!« »Ich bin eine entschlossene Frau.« »Das waren Sie immer. Wie? Das war sie immer; nicht wahr, mein kleiner Flintwinch?« »Flintwinch, sprechen Sie nichts mit ihm. Es ist an ihm, hier und jetzt alles zu sagen, was er sagen kann; oder er mag fortgehen und tun, was er kann. Sie wissen, daß das unser Entschluß ist. Lassen Sie ihn nun tun, was ihm beliebt.« Sie wich seinem scheelen Blick nicht aus und vermied ihn nicht. Er richtete ihn wieder auf sie, aber sie blieb unverwandt in der Stellung, die sie einmal gewählt. Er verließ den Tisch, stellte einen Stuhl an das Sofa, setzte sich darein und lehnte den Arm auf jenes, dicht neben den ihren, den er mit seiner Hand berührte; ihr Gesicht war immer finster, aufmerksam und ruhig. »Es ist also Ihr Wunsch, Madame, daß ich ein Stück Familiengeschichte in dieser kleinen Familienversammlung erzähle«, sagte Rigaud, mit einer warnenden Bewegung seiner gelenkigen Finger auf ihrem Arm. »Ich bin ein wenig Arzt. Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen.« Sie gestattete es, daß er ihr Gelenk in seine Hand nahm. Dann fuhr er fort, während er dieses hielt: »Eine Geschichte von einer seltsamen Heirat und einer seltsamen Mutter, und einer Rache und einer Unterschlagung. – Ei, ei, ei! Der Puls schlägt wunderlich! Es scheint mir, daß er sich verdoppelt, während ich ihn in der Hand halte. Kommt dieser Wechsel in Ihrer Krankheit gewöhnlich vor, Madame?« Es war ein Kampf in ihrem gelähmten Arm, als sie ihn wegzog, aber es war kein Kampf in ihrem Gesicht. Auf seinem Gesicht spielte sein eigentümliches Lächeln. »Ich habe ein abenteuerliches Leben geführt. Ich bin ein abenteuerlicher Charakter. Ich habe manche Abenteurer gekannt, interessante Menschen – liebenswürdige Gesellschaft. Einem von ihnen verdanke ich meine Wissenschaft und meine Beweise – ich wiederhole es, schätzbarste Dame, – Beweise – von der reizenden kleinen Familiengeschichte, die ich nun zu erzählen im Begriff bin. Sie werden entzückt sein darüber. Bah, bah! Ich vergesse. Man muß einer Geschichte auch einen Namen geben. Soll ich sie die Geschichte eines Hauses nennen? Aber nein! Es gibt so viele Häuser. Soll ich sie die Geschichte dieses Hauses heißen?« Über das Sofa gelehnt, auf zwei Beinen seines Stuhles und seinem linken Ellbogen sich wiegend, mit der Hand ihren Arm berührend, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen; die Beine kreuzend, während seine rechte Hand bald sein Haar in Ordnung brachte, bald seinen Bart, bald seine Nase strich und, was sie auch tun mochte, eine drohende Haltung hatte, grob, unverschämt, raubsüchtig, grausam und eindringlich setzte er seine Erzählung gemächlich fort. »Kurz, ich nenne sie die Geschichte dieses Hauses. Ich beginne: Es wohnen hier, wollen wir annehmen, ein Onkel und ein Neffe. Der Onkel, ein strenger, alter Mann von starkem Charakter; der Neffe, gewöhnlich schüchtern, gedrückt und unter einem Zwange lebend.« Mrs. Affery, die in ihrem Fenstersitz ganz Auge und Ohr war und, an ihrem Schürzenende nagend, von Kopf bis zu Fuß zitterte, rief, als er dies sagte: »Jeremiah, komm mir nicht nahe! Ich habe in meinen Träumen von Arthurs Vater und seinem Onkel gehört! Er spricht von diesen. Es war, bevor ich hierherkam; aber ich hörte in meinen Träumen, daß Arthurs Vater ein armer; unselbständiger, eingeschüchterter Mensch war, dem man nichts als sein armseliges Waisenbewußtsein gelassen, als er noch jung war, und der bei der Wahl seiner Frau keine Stimme hatte; denn sein Onkel wählte sie für ihn. Da sitzt sie! Ich hörte es in meinen Träumen, und Sie sagten es ja auch zu ihr.« Während Mr. Flintwinch mit der Faust ihr drohte und Mrs. Clennam sie anstarrte, warf Rigaud ihr eine Kußhand zu. »Ganz richtig, liebe Madame Flintwinch, Sie haben ein Talent für das Träumen.« »Ich will nicht von Ihnen gelobt sein«, versetzte Affery. »Ich habe überhaupt nichts mit Ihnen zu schaffen. Aber Jeremiah sagt, es seien Träume, und ich will sie Ihnen als solche erzählen!« Dabei steckte sie wieder ihre Schürze in den Mund, als ob sie eines andern Mund stopfte – vielleicht den von Jeremiah, der mit Drohungen zitterte, als wenn er schrecklich fröre. »Unsere liebe Madame Flintwinch«, sagte Rigaud, »entfaltet plötzlich eine solche Feinfühligkeit und Geistigkeit, daß sie ein wahres Wunder ist. Ja. So ist die Geschichte. Der Herr Onkel befiehlt dem Neffen zu heiraten. Dieser Herr sagt wirklich zu ihm: ›Mein Neffe, ich führe dich zu einer Dame von starkem Charakter, ganz wie ich selbst; einer entschlossenen Dame, einer ernsten Dame, einer Dame, deren Wille den Schwachen zu Staub zerdrücken kann; einer Dame ohne Mitleid, ohne Liebe, unversöhnlich, rachsüchtig, kalt wie Stein, aber ungestüm wie das Feuer.‹ Ha, welche Seelenstärke! Ha, welche Überlegenheit an geistiger Kraft! Wahrhaftig, ein stolzer und edler Charakter, den ich in den angeführten Worten des Herrn Onkels beschreibe. Ha, ha, ha! Tod meiner Seele, ich liebe diese süße Dame.« Mr. Clennams Gesicht hatte einen andern Ausdruck angenommen. Es hatte sich sichtlich dunkler gefärbt, und die Stirn war mehr zusammengezogen als gewöhnlich. »Madame, Madame«, sagte Rigaud, indem er sie auf den Arm streichelte, als wenn seine grausame Hand ein musikalisches Instrument probierte, »ich merke, daß ich Sie interessiere. Ich merke, daß ich Ihre Teilnahme rege mache. Lassen Sie uns fortfahren.« Er mußte jedoch die sich senkende Nase und den sich bäumenden Schnurrbart zuvor mit der weißen Hand einen Augenblick bedecken, ehe er fortfahren konnte; so sehr freute er sich über die Wirkung, die seine Worte hervorbrachten. »Da der Neffe, wie die erleuchtete Madame Flintwinch bemerkte, ein armer Teufel war, dem man durch Furcht und Hunger nichts als sein armseliges Waisenbewußtsein gelassen, – so verbeugt sich der Neffe und gibt die Antwort: ›Mein Onkel, Sie haben zu befehlen, tun Sie, wie Ihnen beliebt!‹ Der Herr Onkel tut, wie ihm beliebt. Ganz wie von jeher. Die glückversprechende Heirat findet statt; die Neuverheirateten kommen in dieses reizende Haus; die Dame, wollen wir annehmen, wird von Flintwinch empfangen. Hm, alter Intrigant?« Jeremiah, der seine Augen auf seine Herrin geheftet hatte, antwortete nicht. Rigaud sah bald den einen, bald den andern an, strich an seiner häßlichen Nase und schnalzte mit der Zunge. »Die Dame macht ehestens eine eigentümliche und beunruhigende Entdeckung; voll Zorn, voll Eifersucht, voll Rache entwirft sie – beachten Sie wohl, Madame! – einen Racheplan, dessen ganze Schwere sie scharfsinnigerweise ihren vernichteten Gatten sowohl selbst zu tragen, als auch auf ihre Feindin zu werfen zwingt. Welch überlegener Geist!« »Laß ihn nicht weiter sprechen, Jeremiah!« rief Affery mit Herzklopfen, indem sie die Schürze wieder aus dem Munde zog. »Aber es war einer meiner Träume, daß du ihr sagtest, als du eines Winterabends mit ihr in der Dunkelheit strittest – sie saß hier, und du sahst sie an –, sie hätte von Arthur, als er nach Hause kam, es durchaus nicht dulden sollen, daß er auch nur den leisesten Verdacht auf seinen Vater werfe; sie habe immer die Stärke und die Macht gehabt; und sie hätte Arthur gegenüber für seinen Vater kräftiger auftreten sollen. In demselben Traume sagtest du zu ihr, sie sei nicht – nicht, ich weiß nicht was, denn sie fuhr heftig auf und brachte dich zum Schweigen. Du kennst den Traum so gut wie ich. Es war damals, als du mit dem Licht in der Hand die Treppe herabkamst und mir die Schürze vom Kopfe rissest; damals, als du mir sagtest, ich hätte geträumt, und als du nicht an das Geräusch glauben wolltest.« Nach diesem Ausbruch steckte Affery wieder die Schürze in den Mund; dabei hielt sie immer die Fensterbank fest und kniete auf dem Fenstersitz, bereit, jeden Augenblick aufzuschreien oder loszufahren, wenn ihr Herr und Meister sich näherte. Rigaud hatte von alledem nicht ein Wort verloren. »Haha!« rief er, die Augenbrauen emporziehend, seine Arme kreuzend und im Stuhl sich zurücklehnend. »Ganz gewiß, Madame, Flintwinch ist ein Orakel! Wie sollen wir das Orakel erklären. Sie und ich und der alte Intrigant? Er sagte, Sie seien nicht –? Und Sie fuhren heftig auf und brachten ihn zum Schweigen! Was ist das, was Sie nicht waren? Was ist das, was Sie nicht sind? Sprechen Sie, Madame!« Bei diesem frechen Spott atmete sie schwerer, und ihr Mund war unruhig. Ihre Lippen zitterten und öffneten sich, obgleich sie sich die größte Mühe gab, sie ruhig zu halten. »Nun, Madame! Sprechen Sie! Unser alter Intrigant sagte, Sie seien nicht – und Sie brachten ihn zum Schweigen. Er war im Begriff zu sagen, Sie seien nicht – was? Ich weiß es bereits, aber ich verlange etwas Vertrauen von Ihrer Seite. Nun denn? Sie seien nicht, was?« Sie versuchte, sich wieder zusammenzunehmen, brach aber ungestüm in die Worte aus: »Nicht Arthurs Mutter!« »Gut«, sagte Rigaud. »Sie sind gehorsam.« Der gesetzte Ausdruck ihres Gesichte war durch den Ausbruch ihrer Leidenschaft verschwunden, und aus jeder Falte ihres Gesichts brach das so lange zurückgehaltene dampfende Feuer, als sie ausrief: »Ich will es selbst sagen! Ich will es nicht von Ihren Lippen hören, da sonst der Flecken Ihrer Bosheit daran klebt. Wenn es einmal an den Tag kommen muß, will ich, daß man es in dem Licht sehe, in dem ich stand. Kein Wort mehr. Hören Sie mich!« »Wenn Sie nicht eine halsstarrigere und hartnäckigere Frau sind, als ich Sie kenne«, warf Mr. Flintwinch ein, »so würden Sie besser daran tun, wenn Sie Mr. Rigaud, Mr. Blandois, Mr. Beelzebub es auf seine Weise sagen ließen. Was hat es zu bedeuten, wenn er alles weiß?« »Er weiß nicht alles.« »Er weiß alles, woran ihm zu wissen liegt«, drängte Mr. Flintwinch mürrisch. »Er kennt mich nicht.« »Was glauben Sie denn, daß er sich um Sie kümmern werde, Sie eingebildete Frau?« sagte Mr. Flintwinch. »Ich sage Ihnen, Flintwinch, ich will sprechen. Ich sage Ihnen, da es so weit gekommen, so will ich es mit meinen eigenen Lippen sagen und mich ganz und gar aussprechen. Habe ich nichts in diesem Zimmer gelitten, keine Entbehrung, keine Gefangenschaft, um mich zuletzt dazu herbeizulassen, daß man mich durch ein solches Glas wie dieses betrachte! Können Sie ihn sehen? Können Sie ihn hören? Wenn Ihre Frau hundertmal so undankbar wäre, wie sie ist, wenn ich tausendmal weniger Hoffnung hätte, als ich wirklich habe, sie zum Schweigen zu bringen, wofern dieser Mann zum Schweigen gebracht ist, so würde ich es doch lieber selbst sagen, ehe ich die Qual ertrüge, es vom ihm zu hören.« Rigaud schob seinen Stuhl etwas zurück; streckte seine Füße gerade vor sich aus und saß mit gekreuzten Armen ihr gegenüber. »Sie wissen nicht, was es heißt«, fuhr sie, an ihn gewandt, fort, »streng und hart erzogen zu werden. Ich wurde so erzogen. Ich kannte keine Jugend irdischer Heiterkeit und Lust. Ich kannte nur Tage heilsamer Unterdrückung, Züchtigung und Furcht. Die Verdorbenheit unsrer Herzen – das Böse unsres Treibens, der Fluch, der auf uns lastet, die Schrecken, die uns umgeben – das waren die Gedanken, mit denen meine Kindheit beschäftigt wurde. Sie bildeten meinen Charakter und erfüllten mich mit Abscheu vor denen, die Böses tun. Als der alte Mr. Gilbert Clennam seinen verwaisten Neffen meinem Vater als Gatten für mich vorschlug, wies mich mein Vater nachdrücklich darauf hin, daß seine Erziehung wie die meine von der größten Strenge geleitet gewesen sei. Er sagte mir, daß, abgesehen von der Zucht, in der sein Geist gehalten worden, er in einem sparsamen Hause gelebt habe, wo Schwelgerei und Heiterkeit unbekannte Gäste seien, und wo jeder Tag wie der vorhergehende ein Tag voll Mühe und Last war. Er sagte mir, er sei ein Mann bei Jahren gewesen, ehe sein Onkel ihn als solchen anerkannt, und daß von seiner Schulzeit bis zu jener Stunde seines Onkels Dach ein Heiligtum für ihn gewesen, das die ansteckende Hand der Irreligiosität und des Leichtsinns nicht berührte. Als ich ein Jahr nach unsrer Hochzeit entdeckte, daß mein Gatte gegen Gott gesündigt und mich beschimpft, indem er einem verbrecherischen Geschöpf meine Stelle eingeräumt, konnte ich da zweifeln, daß es mir auferlegt sei, diese Entdeckung zu machen, und daß es mir bestimmt sei, die strafende Hand an dieses verdorbene Geschöpf zu legen? Sollte ich in einem Augenblick – nicht die mir widerfahrene Unbill – was war ich! – sondern all den Abscheu vor der Sünde und all den Kampf gegen sie, in dem ich erzogen wurde, vergessen?« Sie legte ihre zornige Hand auf die Uhr, die auf dem Tisch lag. »Nein! ›Vergiß nicht!‹ Die Initialen dieser Worte stehen jetzt hier innen und standen damals hier innen. Es war mir bestimmt, den alten Brief zu finden, der darauf Bezug hatte und mir sagte, was sie bedeuten sollten, und wessen Arbeit sie waren, und weshalb sie gestickt wurden; jener Brief lag bei dieser Uhr in seiner geheimen Schieblade. Wäre es mir nicht bestimmt gewesen, ich hätte die Entdeckung nicht gemacht. ›Vergiß nicht.‹ Es sprach zu mir wie eine Stimme aus einer Zorneswolke. Vergiß nicht die Todsünde. Vergiß nicht die dir bestimmte Entdeckung. Vergiß nicht das dir bestimmte Leiden. Ich habe nicht vergessen. Was ist die mir widerfahrene Unbill, von der ich sprach? Meine Unbill! Ich war ja nur eine Dienerin und ein Werkzeug. Welche Macht hätte ich über sie haben können, wenn sie nicht in den Banden ihrer Sünde gelegen und mir ausgeliefert gewesen wären!« Mehr als vierzig Jahre waren über das graue Haupt dieser entschlossenen Frau seit der Zeit hingegangen, von der sie sprach. Mehr als vierzig Jahre unausgesetzten Kämpfens und Ringens, und es ging ein Geflüster, daß, welchen Namen sie auch ihrem rachesüchtigen Stolz und Grimm geben mochte, nichts in alle Ewigkeit ihre Natur zu ändern imstande sein würde. Nachdem jedoch diese vierzig Jahre vorübergegangen waren und diese Nemesis ihr nun ins Gesicht schaute, beharrte sie dennoch bei ihrer alten Gottlosigkeit – verdrehte die Ordnung der Schöpfung und blies ihren Atem einem Lehmbilde ihres Schöpfers ein. Wahrlich, wahrlich, viele Reisende haben viele ungeheuerliche Idole in vielen Ländern gesehen; aber kein menschliches Auge sah je keckere, gröbere und widrigere Bilder der göttlichen Natur, als wir Staubgeborene aus unsern schlechten Leidenschaften uns zum Bilde schaffen. »Als ich ihn zwang, mir ihren Namen und ihre Wohnung zu nennen«, fuhr sie in der vollen Entrüstung ihrer Verteidigung fort; »als ich ihr Vorwürfe machte und sie, ihr Gesicht bedeckend, mir zu Füßen fiel, war es da meine Kränkung, wegen der ich mich erhob, waren es meine Vorwürfe, die ich auf sie schleuderte? Die, die in alten Zeiten auserwählt wurden, zu gottlosen Königen zu gehen und sie anzuklagen – waren das nicht Werkzeuge und Diener? Und hatte ich Unwürdige und weit unter ihnen Stehende keine Sünde zu bekennen? Als sie mir ihre Jugend vorhielt und sein elendes und hartes Leben (das war ihr Ausdruck für die tugendhafte Erziehung, die er Lügen gestraft hatte) und die entweihte Hochzeitszeremonie, die sie im geheimen begangen, und die Schrecken des Mangels und der Schande, die über ihnen geschwebt, als ich zuerst die Mission erhielt, das Werkzeug ihrer Züchtigung zu werden, und die Liebe vorhielt (denn sie gebrauchte das Wort, als sie zu meinen Füßen lag), um deretwillen sie ihn verlassen und ihn mir wieder geschenkt, war es da mein Feind, der mein Schemel wurde, waren es die Worte meines Zornes, die sie niederschmetterten und erbeben machten? Nicht mir darf diese Strenge zugemessen werden; nicht mir die Qual der Sühne!« Manches Jahr war gekommen und gegangen, seit sie den freien Gebrauch ihrer Finger besessen; aber es war bemerkenswert, daß sie bereits mehr als einmal mit ihrer geballten Hand kräftig auf den Tisch geschlagen hatte, und daß sie bei diesen Worten ihren Arm in die Luft erhob, als wenn dies eine gewöhnliche Gebärde für sie wäre. »Und was war die Reue, die ich ihrem harten Herzen und ihrer schwarzen Verdorbenheit abringen konnte? Ich rachsüchtig und unversöhnlich? Es mag Leuten wie Ihnen, die keine Gerechtigkeit, keine Mission als die des Satans kennen, so erscheinen. Lachen Sie; aber ich will gekannt sein, wie ich mich kenne und wie Flintwinch mich kennt, obgleich ich es nur mit Ihnen und dieser einfältigen Person zu tun habe.« »Fügen Sie hinzu, mit sich selbst, Madame«, sagte Rigaud. »Ich habe meine bescheidene Vermutung, daß Madame bemüht ist, sich vor sich selbst zu rechtfertigen.« »Das ist falsch. Dem ist nicht so. Ich brauche das nicht«, sagte sie mit großer Energie und Entrüstung. »Wirklich!« versetzte Rigaud. »Ha!« »Ich frage, was war die tatsächliche Buße, die man von ihr verlangte? ›Sie haben ein Kind; ich habe keines. Sie lieben dieses Kind, geben Sie es mir. Es soll glauben, daß es mein Sohn, und jedermann soll glauben, daß es mein Sohn ist. Um Sie vor Bloßstellung zu sichern, soll sein Vater schwören, daß er Sie nie wiedersehen noch mit Ihnen verkehren wolle; und um auch ihn davor zu sichern, daß ihn sein Onkel nicht enterbe und sein Kind ein Bettler werde, sollen Sie schwören, keines von beiden je wiederzusehen oder mit ihnen zu verkehren. Wenn dies geschehen und Sie auf die von meinem Manne bezogenen Mittel verzichtet haben, übernehme ich Ihren Unterhalt. Sie mögen dann, während Ihr Aufenthaltsort unbekannt ist, wenn Sie wollen, die Lüge hinterlassen, daß Sie einen guten Namen verdienen, und ich werde nicht widersprechen.‹ Das war alles. Sie hatte ihre sündige und schmachvolle Neigung zu opfern; nicht mehr. Sie konnte die Last ihrer Schuld im stillen tragen, und ihr Herz konnte im stillen brechen. Durch solchen Schmerz in diesem Leben aber (der, sollt' ich denken, leicht genug für sie war) die Erlösung von dem ewigen Verderben sich erkaufen, wenn es ihr möglich wäre. Wenn ich sie hienieden strafte, öffnete ich ihr nicht einen Weg für das Jenseits? Wenn sie sich von unersättlicher Rache und unlöschbaren Feuern umgeben sah, waren diese mein? Wenn ich ihr damals und später mit den Schrecken drohte, die sie umringten, hielt ich sie in meiner rechten Hand?« Sie drehte die Uhr auf dem Tische, öffnete sie und blickte mit ungemildertem Ausdruck auf die darinstehenden Buchstaben. »Sie vergaßen sich nicht . Es ist solchen Sünden eigentümlich, daß die Sünder nicht imstande sein sollen zu vergessen. Wenn die Gegenwart Arthurs für seinen Vater ein täglicher Vorwurf war und die Abwesenheit Arthurs ein täglicher Stachel für seine Mutter, so war dies die gerechte Fügung Jehovas. Ebensogut könnte es mir zur Last gelegt werden, daß der Stachel des erwachten Gewissens sie wahnsinnig machte, und daß es der Wille des Lenkers aller Dinge war, daß sie in diesem Zustand viele Jahre lebte. Ich opferte mich, den sonst verlorenen Knaben zu beanspruchen, ihm den Namen ehrlicher Geburt zu geben; ihn in Furcht und Zittern zu erziehen, in einem Leben werktätiger Zerknirschung für die Sünden, die schwer auf seinem Haupt lasteten, ehe er in diese verdammte Welt trat. War das grausam? Litt ich nicht ebenfalls unter den Folgen der ursprünglichen Schande, an der ich keine Mitschuld trug? Arthurs Vater und ich lebten nicht geschiedener voneinander zu der Zeit, da die halbe Erde zwischen uns lag, denn da wir zusammen in diesem Hause wohnten. Er starb und schickte mir diese Uhr mit ihrem ›Vergiß nicht‹. Ich vergesse nicht , obgleich ich diese Worte nicht lese, wie er sie las. Ich lese aus denselben heraus, daß es meine Mission war, dies zu tun. Ich habe diese Buchstaben so gelesen, seit die Uhr auf diesem Tisch liegt. Und ich las sie ebenso deutlich, als sie Tausende von Meilen entfernt waren.« Als sie das Uhrgehäuse mit jener Freiheit des Gebrauchs der Finger, von der sie kein Bewußtsein zu haben schien, in die Hand nahm und mit den Augen sich darüber herabbeugte, als wollte sie sie herausfordern, sich zu bewegen, rief Rigaud mit lautem und verächtlichem Schnalzen seiner Finger: »Nun, Madame, vorwärts. Die Zeit verfliegt. Vorwärts, Frau des Mitleids, es muß sein! Sie können nichts sagen, was ich nicht wüßte, kommen Sie zu dem gestohlenen Gelde, oder ich werde es tun. Tod meiner Seele, ich habe genug von Ihrem übrigen Geschwätz gehört. Kommen Sie sogleich zu dem gestohlenen Gelde!« »Schurke, der Sie sind!« antwortete sie, und dabei faßten ihre Hände an ihren Kopf. »Durch welch unglückseligen Irrtum Flintwinchs, durch welche Unvorsichtigkeit seinerseits, da er die einzige damit vertraute und dabei helfende Person war, durch wessen und was für eine Sammlung der Asche eines verbrannten Papieres Sie in den Besitz einer Urkunde gekommen sind, weiß ich so wenig, als wie Sie zu der übrigen Macht an diesem Ort gelangten –« »Und doch habe ich das wunderliche Glück, an einem nur mir bekannten geeigneten Ort eben diesen kleinen Anhang zu dem Testament von Monsieur Gilbert Clennam zu besitzen, geschrieben von einer Dame und bezeugt von eben dieser Dame und auch dem alten Intriganten! Ah, bah, alter Intrigant, alte krumme Puppe! Madame, lassen Sie uns fortfahren. Die Zeit drängt. Sie oder ich müssen die Sache zu Ende bringen!« »Ich!« antwortete sie mit gesteigerter Entschiedenheit, wenn eine solche möglich, »ich, weil ich es nicht ertragen werde, mich mit Ihrer abscheulichen Verzerrung meines Bildes vor mir selbst oder einem andern zu zeigen. Sie, mit Ihren Ränken aus abscheulichen fremden Gefängnissen und Galeeren, würden das Geld als meine Triebfeder hinstellen. Es war nicht das Geld.« »Oho, oho, oho! Ich verzichte für den Augenblick auf meine Höflichkeit und sage: ›Lügen, Lügen, Lügen.‹ Sie wissen, Sie unterschlugen die Urkunde und behielten das Geld.« »Nicht um des Geldes willen, Schurke!« Sie machte eine Anstrengung, als wenn sie auffahren und in ihrer Entrüstung sich auf ihre lahmen Füße erheben wollte. »Wenn Gilbert Clennam, geistig und körperlich schwach geworden, im Begriff zu sterben und in dem Wahn einer gerührten Stimmung gegenüber einem Mädchen, von dem er gehört, daß sein Neffe einst eine Neigung für sie gehabt, die er in ihm unterdrückt, und daß das Mädchen später in Melancholie und geistiger Zerrüttung untergegangen – wenn er, sage ich, in diesem Zustand der Schwäche mir, deren Leben sie durch ihre Sünde verdunkelt und der es auferlegt war, ihre Gottlosigkeit von ihrer eigenen Hand und ihren eigenen Lippen zu erfahren, ein Legat diktierte, das als eine Entschädigung für vermeintlich unverdientes Leiden gelten sollte, war in diesem Falle kein Unterschied zwischen meiner Widersetzlichkeit gegen diese Ungerechtigkeit und der bloßen Gier nach dem Geld – einer Sache, die Sie und Ihre Kameraden in den Gefängnissen jedermann stehlen?« »Die Zeit drängt. Bedenken Sie das!« »Wenn dieses Haus vom Dach bis zum Boden brennte«, entgegnete sie, »würde ich darin bleiben, um mich dagegen zu wehren, daß meine gerechten Motive nicht mit denen von Meuchelmördern und Dieben verwechselt werden.« Rigaud schnalzte ihr höhnisch in das Gesicht. »Tausend Guineen, für die kleine Schönheit, die Sie langsam zu Tode gehetzt. Tausend Guineen für die jüngste Tochter, die ihr Beschützer im fünfzigsten Jahre hätte, oder (wenn er keinen hätte) für die jüngste Tochter des Bruders, wenn sie mündig wäre, als Anerkennung seiner uneigennützigen Protektion, die er einer freundelosen jungen Waise angedeihen ließ. Zweitausend Guineen. Wie! Sie werden doch endlich zu dem Gelde kommen?« »Dieser Beschützer«, fuhr sie ungestüm fort, als er sie wieder unterbrach. »Namen! Nennen Sie ihn Mr. Frederick Dorrit. Keine ausweichenden Redensarten mehr!« »Dieser Frederick Dorrit war der Anfang von all dem Unglück. Wenn er kein Musiker gewesen wäre und in jenen Tagen seiner Jugend und seines Glückes nicht ein üppiges Haus geführt hätte, wo Sänger und Musiker und solche Kinder des Satans ihren Rücken dem Licht und ihr Gesicht der Finsternis zugekehrt, so wäre sie wohl in ihrer untergeordneten Stellung verblieben und nicht aus ihr hervorgehoben worden, um wieder hinabgeschleudert zu werden. Doch nein. Der Satan kam zu diesem Frederick Dorrit und sagte ihm, er sei ein Mann von unschuldigem und lobenswertem Sinn, der edle Handlungen zu tun imstande wäre, und hier sei ein armes Mädchen mit Talent für den Gesang. Da muß er sie in Unterricht nehmen. Da wird Arthurs Vater, der sich auf den Pfaden rauher Tugend schon lange nach den verruchten Schlingen gesehnt, die man Künste nennt, mit ihr bekannt. Und so trägt eine schamlose Waise, die zur Sängerin abgerichtet wird, durch die Vermittlung dieses Frederick Dorrit den Sieg über mich davon, und ich bin gedemütigt und hintergangen! Nicht ich, soll das heißen«, fügte sie rasch hinzu, während Röte ihr Gesicht übergoß, »ein größerer als ich. Was bin ich?« Jeremiah Flintwinch, der immer näher zu ihr hinkam und jetzt dicht bei ihr stand, ohne daß sie es wußte, machte ein besonders schiefes, vorwurfsvolles Gesicht, als sie dies sagte, und zupfte außerdem an seinen Gamaschen, als wenn diese die Stellung kleiner Bärte an seinen Beinen einnähmen. »Kurz«, fuhr sie fort, »denn ich bin zu Ende mit dieser Angelegenheit und werde nicht weiter darüber sprechen, und auch Sie sollen nicht weiter darüber sprechen; alles, was noch bleibt, ist zu entscheiden, ob die Kenntnis dieser Dinge unter uns, die wir hier anwesend sind, bleiben kann: kurz, als ich jenes Papier mit Wissen von Arthurs Vater unterschlug –« »Aber nicht mit seiner Zustimmung, werden Sie wissen«, sagte Mr. Flintwinch. »Wer sagte, mit seiner Zustimmung?« Sie erschrak, Jeremiah so nahe bei sich zu sehen, und hielt den Kopf zurück, indem sie ihn mit wachsendem Mißtrauen ansah. »Sie waren oft genug zwischen uns, wenn er wollte, daß ich es herausgebe, und ich nicht wollte, um mir zu widersprechen, wenn ich sagte, mit seiner Zustimmung. Ich sagte, als ich jenes Papier unterschlug, tat ich nichts, es zu vernichten, sondern bewahrte es auf, in diesem Hause, viele Jahre lang. Da das übrige Vermögen Gilberts Arthurs Vater zufiel, konnte ich jederzeit, ohne mehr als die beiden Summen in Zweifel zu stellen, behaupten, ich hätte es gefunden. Aber abgesehen davon, daß ich eine solche Behauptung durch eine direkte Falschheit hätte unterstützen müssen (eine große Verantwortung), sah ich keinen neuen Grund, während meiner ganzen Prüfungszeit, das Papier ans Licht zu bringen. Es war eine Strafe für die Sünde; die schlimme Folge eines Betrugs. Ich tat, was mir zu tun bestimmt war, und ich habe getragen innerhalb dieser vier Wände, was mir zu tragen bestimmt war. Als das Papier endlich – wie ich glaubte – in meiner Gegenwart vernichtet wurde, war sie lange tot, und ihr Beschützer, Frederick Dorrit, war verdienterweise lange schon ruiniert und kindisch. Er besaß keine Tochter. Ich hatte die Nichte schon früher gefunden, und was ich für sie tat, war besser als das Geld, von dem sie keinen Nutzen gehabt.« Sie fügte einen Augenblick später, als spräche sie mit der Uhr, hinzu: »Sie selbst war unschuldig, und ich würde nicht versäumt haben, es ihr bei meinem Tode zu hinterlassen«: dabei sah sie auf die Uhr. »Soll ich Sie an etwas erinnern, würdige Frau?« sagte Rigaud. »Das kleine Papier befand sich in diesem Hause an jenem Abend, als unser Freund, der Gefangene – der Gefängnisfreund meiner Seele – von fernen Ländern heimkehrte. Soll ich Sie noch an etwas Weiteres erinnern? Der kleine Singvogel, der nie flügge ward, wurde lange von einem durch Sie bestellten Wächter im Käfig gehalten, der auch unsrem alten Intriganten hier wohlbekannt ist. Sollten wir unsern alten Intriganten zwingen, uns zu sagen, wo er ihn zuletzt sah?« »Ich will es Ihnen sagen!« rief Affery, die Schürze aus ihrem Munde nehmend. »Es war der erste aller meiner Träume. Jeremiah, wenn du mir jetzt zu nahe kommst, schreie ich, daß man es bei St. Pauls hört! Die Person, von der dieser Mann sprach, war Jeremiahs eigener Zwillingsbruder; er war in totenstiller Nacht hier, in jener Nacht, als Arthur heimkehrte, und Jeremiah gab ihm mit eigner Hand dieses Papier, von dem ich nichts weiter weiß, und er trug es in einer eisernen Kapsel weg. – Hilfe! Mörder! schützt mich vor Jere – mi – ah!« Mr. Flintwinch war auf sie zugestürzt, aber Rigaud hatte ihn noch zur rechten Zeit am Arme gegriffen. Nachdem er einen Augenblick mit ihm gerungen, ließ Flintwinch los und steckte seine Hände in seine Taschen. »Wie!« rief Rigaud spottend, indem er ihn mit seinem Ellbogen zurückstieß, »Eine Dame angreifen, die ein solches Talent für das Träumen besitzt? Ha, ha, ha! Sie wird eine Quelle des Reichtums für Sie werden, wenn Sie sie öffentlich zeigen. Alles, was sie träumt, trifft ein. Ha, ha, ha! Sie sehen ihm so ähnlich, kleiner Flintwinch. So ähnlich, als ich ihn kennenlernte (da ich zuerst englisch für ihn mit dem Wirt sprach), in der Schenke zu den drei Billards, in der kleinen Straße mit den hohen Dächern an dem Kai von Antwerpen. Ach, er war ein tüchtiger Junge im Trinken! Und ein tüchtiger Junge im Rauchen! Er wohnte in einem hübschen möblierten Junggesellenlogis im fünften Stock, über dem Holz- und Kohlenhändler und dem Frauenschneider und dem Stuhlmacher und dem Böttcher – dort kannte ich ihn, und dort machte er bei seinem Kognak und seinem Tabak zwölf Schläfchen des Tages und hatte jeden Tag seine Ohnmacht, bis er einst eine Ohnmacht zuviel hatte und zum Himmel emporstieg. Ha, ha, ha! Was tut das zur Sache, wie ich von den Papieren in seiner eisernen Kapsel Besitz nahm? Vielleicht vertraute er sie meinen Händen an, um sie Ihnen zu geben; vielleicht war die Kapsel geschlossen, und meine Neugierde wurde dadurch gereizt, vielleicht unterschlug ich sie. Ha, ha, ha! Was hat es auch zu sagen, wenn ich sie noch ganz besitze? Wir sind hier nicht so eigen; hm, Flintwinch? Wir sind hier nicht so eigen; nicht wahr, Madame?« Mr. Flintwinch hatte sich mit boshaften Gegenstößen seiner Ellbogen in seinen Winkel zurückgezogen, wo er jetzt, atemholend und Mrs. Clennams Blicke erwidernd, mit den Händen in den Taschen stand. »Ha, ha, ha! Was ist das?« rief Rigaud. »Es scheint, als kennten Sie sich gegenseitig nicht. Erlauben Sie mir, Madame Clennam, die unterschlägt, Mr. Flintwinch, der betrügt, vorzustellen.« Mr. Flintwinch, der eine Hand aus der Tasche zog, um sich am Kinn zu kratzen, trat in dieser Haltung einen Schritt vor, während er immer noch Mrs. Clennams Blick erwiderte, und sagte zu ihr: »Ich weiß, was Sie damit sagen wollen, daß Sie die Augen so weit aufreißen, aber Sie brauchen sich die Mühe nicht zu nehmen, weil ich mich nicht darum kümmere. Ich habe Ihnen seit vielen Jahren gesagt, daß Sie eine der starrsinnigsten und hartnackigsten Frauen seien. Das sind Sie. Sie nennen sich demütig und sündenvoll, aber Sie sind die anmaßendste Frau Ihres Geschlechts. Das sind Sie. Ich habe Ihnen ab und zu, wenn wir miteinander grollten, gesagt, daß Sie möchten, alles solle sich Ihnen fügen, aber ich wollte mich Ihnen nicht fügen, daß Sie gern jeden Menschen bei lebendigem Leibe verschlängen, aber ich wollte mich nicht bei lebendigem Leibe verschlingen lassen. Warum vernichteten Sie das Papier nicht, als Sie zum ersten Male Hand an dasselbe legten? Ich riet Ihnen dazu: aber nein, es ist nicht Ihre Sache, Rat anzunehmen. Sie mußten es freilich statt dessen aufbewahren. Vielleicht werden Sie es zu einer andern Zeit zum Vorschein bringen. Als ob ich es nicht besser wüßte. Ich denke, ich sehe Ihren Stolz noch das Papier selbst auf die Gefahr hin zum Vorschein bringen, daß Sie in den Verdacht geraten, es zurückbehalten zu haben. Aber das ist die Art, wie Sie sich selbst betrügen. Gerade wie Sie sich auch betrügen, indem Sie vorgeben, Sie tun all das nicht, weil Sie eine harte Frau sind, ganz Stolz und Haß und Gewalt und Unversöhnlichkeit, sondern weil Sie eine Dienerin und ein Werkzeug seien, dem diese Mission zuteil geworden. Wer sind Sie denn, daß Sie eine solche Mission erhalten haben sollten? Es mag das für Sie Religion sein, für mich sind es Possen. Und um Ihnen die ganze Wahrheit zu sagen, da ich mal im Zuge bin«, fuhr Mr. Flintwinch fort, indem er die Arme übereinander kreuzte und das vollendete Bild eines gereizten Murrkopfs darbot, »Sie haben mich förmlich geraspelt – geraspelt, sage ich, in den letzten vierzig Jahren – indem Sie sich auf einen so hohen Standpunkt selbst mir gegenüber stellten, der die Sache doch besser kennt. Nie Absicht war freilich allein die, mich um so tiefer zu stellen. Ich bewundre Sie sehr; Sie sind eine Frau von starkem Kopf und großem Talent; aber der stärkste Kopf und das größte Talent kann einen Mann nicht vierzig Jahre lang raspeln, ohne ihn zu reizen. Ich kümmere mich nichts darum, was für Blicke Sie mir zuwerfen. Ich komme jetzt zu dem Papier, und merken Sie nun, was ich sage. Sie brachten es irgendwohin auf die Seite, hielten aber den Art, wo Sie es versteckt, geheim. Sie waren damals noch eine rüstige Frau, und wenn Sie das Papier brauchten, konnten Sie es jeden Augenblick holen. Aber merken Sie wohl! Es kommt eine Zeit, wo Sie gelähmt sind wie jetzt: und wenn Sie dann das Papier brauchen, können Sie es nicht holen. So liegt es lange Jahre an dem verborgenen Platz. Zuletzt, da wir Arthurs Heimkehr jeden Tag erwarten und jeder Tag ihn bringen kann, da sich ferner unmöglich sagen läßt, wie er das Haus durchstöbern wird, mache ich Ihnen fünftausendmal den Vorschlag, wenn Sie das Papier nicht holen könnten, wolle ich es holen, um es in das Feuer zu werfen. Doch nein – niemand als Sie weiß, wo es ist, und das ist eine Macht; geben Sie sich so bescheidene Namen wie Sie wollen, ich heiße Sie einen weiblichen Luzifer in der Gier nach Macht! An einem Sonntagabend kommt Arthur zurück. Er ist noch nicht zehn Minuten in diesem Zimmer, so spricht er von seines Vaters Uhr. Sie wissen wohl, daß das ›Vergiß nicht‹ zu der Zeit, da sein Vater jene Uhr Ihnen sandte, nur so viel bedeuten konnte als, da alles übrige vorüber und vergessen ist, so vergiß die Vernichtung des Papiers nicht. Es herausgeben! Arthurs Benehmen hat Sie ein wenig erschreckt, und das Papier soll nun verbrannt werden. Ehe diese tolle Dirne und Jesabel«, grinste Mr. Flintwinch seine Frau an, »Sie zu Bett gebracht hat, sagen Sie mir deshalb endlich, wohin Sie das Papier getan, nämlich unter die alten Lagerbücher im Keller, wohin Arthur schon am nächsten Morgen kommt, als er im Hause herumstöbert. Aber an einem Sonntagabend soll es nicht verbrannt werden. Nein, Sie sind streng; wir müssen bis über zwölf warten, um in den Montag hineinzukommen. Das geht mir denn doch zu weit, das reizt mich, und da ich etwas ärgerlich bin und nicht so streng als Sie, so werfe ich vor zwölf Uhr einen Blick in das Dokument, um mein Gedächtnis bezüglich seines Aussehens zu erfrischen, lege eines von den vielen alten, vergilbten Papieren im Keller gerade wie das Dokument zusammen und mache später, als es Montagmorgen geworden und ich bei dem Scheine Ihrer Lampe von dem Bett, in dem Sie liegen, nach diesem Kamingitter gehen soll, einen kleinen Tausch, wie etwa ein Zauberer, und verbrenne das falsche Papier. Mein Bruder Ephraim, der Irrenpfleger (ich wünschte, er hätte sich selbst in die Zwangsjacke gesteckt), hatte seit dem großen einträglichen Auftrage, mit dem Sie ihn betrauten, gar mancherlei Aufträge, aber er spann trotzdem keine Seide. Seine Frau starb (das hatte gerade nichts zu bedeuten, die meine hätte statt ihrer gern sterben können), er spekulierte unglücklich mit den Irren und verwickelte sich in allerlei Schwierigkeiten, indem er einem Patienten zu sehr zusetzte, um ihn zur Vernunft zu bringen, und geriet darüber in Schulden. Er machte sich mit dem, was er aufbringen konnte, und einer Kleinigkeit von mir aus dem Staube. Er war an jenem Montagmorgen in der Frühe hier, um die Abfahrt des Schiffes abzuwarten; kurz, er ging nach Antwerpen, wo er (ich fürchte, Sie werden sich ärgern, wenn ich es sage: Hol' ihn der Teufel!) die Bekanntschaft dieses Herrn machte. Er hatte einen weiten Weg gemacht, und ich glaubte damals, er sei nur schläfrig: aber jetzt vermute ich, er war betrunken. Als Arthurs Mutter unter seiner und seiner Frau Obhut stand, schrieb sie immer und in einem fort – meist Briefe mit Bekenntnissen, die an Sie gerichtet waren und Bitten um Ihre Verzeihung enthielten. Mein Bruder hatte mir von Zeit zu Zeit Stöße von solchen Papieren eingehändigt. Ich dachte, ich könnte sie ebensogut für mich behalten, als sie auch lebendig verschlingen zu lassen; deshalb bewahrte ich sie in einer Kapsel auf und durchblätterte sie, wenn ich in der Stimmung dazu war. Überzeugt, daß es rätlich sei, das Papier fortzuschaffen, wenn Arthur nicht dahinterkommen sollte, legte ich es in dieselbe Kapsel, schloß das Ganze mit zwei Schlössern und übergab es meinem Bruder, daß er es mit sich nehme und aufbewahre, bis ich ihm schriebe. Ich schrieb ihm darüber, aber erhielt nie eine Antwort. Ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte, bis dieser Herr uns mit seinem ersten Besuch beehrte. Natürlich begann ich nun auf die Vermutung zu kommen, wie all das zusammenhing: und ich brauchte seine Erklärung nicht, um zu verstehen, wie er aus meinen Papieren und Ihrem Papier und dem Kognak- und Tabaksgeschwatze meines Bruders (ich wollte, er hätte sich knebeln müssen) zu seiner Wissenschaft kam. Ich habe jetzt nur eines noch zu sagen. Sie hartnäckige Frau, und das ist, daß ich mir nie klar wurde, ob ich Ihnen mit dem Dokument einen Kummer bereitet haben möchte oder nicht – ich glaube nicht –, und daß ich ganz damit zufrieden war, daß ich wußte, ich hatte den Vorteil über Sie errungen und hielt Sie in meiner Hand. Unter den gegenwärtigen Umständen habe ich Ihnen keine Erklärung mehr zu geben bis morgen abend um diese Stunde. Deshalb mögen Sie Ihre Augen gegen jemand andern aufreißen«, sagte Mr. Flintwinch, indem er seine Rede mit einer Steigerung schloß, »denn es ist unnütz, sie gegen mich aufzureißen.« Sie wandte sich langsam weg, als er geschlossen hatte, und senkte ihre Stirn auf ihre Hand. Ihre andre Hand drückte sie schwer auf den Tisch, und wieder war die seltsame Unruhe bei ihr zu bemerken, als beabsichtigte sie aufzustehen. »Diese Kapsel kann nie und nirgend so teuer verkauft werden wie hier. Dieses Geheimnis kann Ihnen nie den gleichen Nutzen bringen, wenn Sie es an jemand anderen verkaufen, als wenn Sie es an mich verkaufen. Aber ich habe im Augenblick nicht die Mittel, die Summe aufzutreiben, die Sie verlangten. Ich war in meinen Geschäften nicht glücklich. Was wollen Sie jetzt und was später, und wie kann ich mich Ihrer Verschwiegenheit versichern?« »Mein Engel«, versetzte Rigaud, »ich sagte, was ich verlange, und die Zeit drängt. Ehe ich hierherkam, deponierte ich Abschriften der wichtigsten unter diesen Papieren in einer andren Hand. Verzögern Sie den Abschluß, bis das Tor des Marschallgefängnisses sich für die Nacht geschlossen hat, und es wird zu spät sein. Der Gefangene wird dann die Papiere gelesen haben.« Sie legte wieder ihre beiden Hände an den Kopf, stieß einen lauten Seufzer aus und fuhr in die Höhe. Sie schwankte einen Augenblick, als wollte sie fallen: dann stand sie fest. »Sagen Sie, was Sie damit meinen. Sagen Sie, was Sie damit meinen, Mann!« Vor dieser geisterhaften Gestalt, die man so lange nicht mehr in dieser aufrechten Stellung gesehen, in der sie wie erstarrt war, fuhr Rigaud zurück und dämpfte seine Stimme. Es war für alle drei, als wenn eine tote Frau auferstanden wäre. »Miß Dorrit«, antwortete Rigaud, »die kleine Nichte von Monsieur Frederick, den ich jenseits des Meeres kannte, ist um die Person des Gefangenen. Miß Dorrit, die kleine Nichte von Monsieur Frederick, pflegt in diesem Augenblick den Gefangenen, der krank ist. Für sie hinterließ ich in eigner Person auf dem Wege hierher ein Paket in dem Gefängnis, nebst einem Brief mit Instruktionen Die gelähmte Mrs. Clennam steht auf und geht. ›in seinen Angelegenheiten‹ – und in seinen Angelegenheiten wird sie gern zu allem bereit sein – welches Paket sie aufbewahren und nicht erbrechen solle, für den Fall, daß es vor dem Torschluß reklamiert würde; im Fall dies jedoch vor dem Läuten der Gefängnisglocke nicht geschähe, es ihm zu geben; es enthält eine zweite Abschrift für sie selbst, die er ihr geben soll. Ja! Ich halte mich unter euch nicht mehr sicher, nachdem wir so weit gediehen sind; deshalb habe ich mein Geheimnis verdoppelt. Was im übrigen das betrifft, Madame, daß es mir nirgends einen solchen Nutzen abwerfen kann als hier, so sagen Sie denn, haben Sie den Preis bestimmt und festgesetzt, den die kleine Nichte – um seinetwillen – geben wird, um es zu vertuschen? Noch einmal sage ich Ihnen, die Zeit drängt. Ist das Paket vor dem Läuten der Glocke zu Nacht nicht reklamiert, so können Sie es nicht mehr kaufen. Ich verkaufe dann an das kleine Mädchen!« Noch einmal sah man einen Kampf und Aufruhr in ihr, dann eilte sie nach einem Kabinett, riß die Tür auf, nahm eine Kapuze oder einen Schal heraus und warf ihn über den Kopf. Affery, die sie erschrocken beobachtet hatte, stürzte nach der Mitte des Zimmers, wo ihre Herrin stand, erfaßte ihr Kleid und rutschte auf den Knien zu ihr. »Bleiben Sie, bleiben Sie, bleiben Sie! Was wollen Sie tun? Wohin gehen Sie? Sie sind eine furchtbare Frau, aber ich hege keine Feindschaft gegen Sie. Ich kann dem armen Arthur jetzt nicht nützlich sein, das sehe ich; und Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten. Ich will Ihr Geheimnis bewahren. Gehen Sie nicht aus, Sie sterben auf der Straße. Versprechen Sie mir nur, wenn es sich um die Arme handelt, die hier im geheimen eingesperrt ist, lassen Sie mich sie pflegen und für sie sorgen. Versprechen Sie mir nur das, und Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten.« Mrs. Clennam stand mitten in ihrer ungestümsten Hast einen Augenblick still und sagte in finsterem Erstaunen: »Hier eingesperrt? Sie ist seit zwanzig Jahren und länger tot. Frage Flintwinch – frage ihn . Sie können beide sagen, daß sie starb, als Arthur auf Reisen ging,« »Um so schlimmer«, sagte Affery mit einem Schauer, »denn sie geht dann als Gespenst im Hause umher. Wer sonst als sie raschelt hier herum und macht Zeichen, indem sie sanft Staub fallen laßt? Wer sonst als sie geht aus und ein und macht lange krumme Striche an die Wände, wenn wir alle zu Bett sind? Wer sonst als sie hält die Türen zuweilen fest? Aber gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort! Mistreß, Sie werden auf der Straße sterben!« Ihre Herrin machte einfach ihr Kleid von den bittenden Händen los, sagte zu Rigaud: »Warten Sie hier, bis ich zurückkomme!« und stürzte aus dem Zimmer. Sie sahen sie vom Fenster aus, wie sie ungestüm durch den Hof und zum Torweg hinauseilte. Einige Augenblicke standen die Zurückbleibenden bewegungslos da. Affery war die erste, die sich rührte: händeringend folgte sie ihrer Herrin. Nach ihr zog sich Jeremiah Flintwinch langsam nach der Tür zurück und schlich sich, die eine Hand in der Tasche, mit der andern das Kinn reibend, in seiner verstohlenen Weise und still hinaus. Rigaud, der allein zurückgeblieben, setzte sich auf die Fensterbank ans offene Fenster in seiner alten Positur wie ehedem in dem Gefängnis zu Marseille. Er legte seine Zigarette und seine Zündholzschachtel neben sich und begann zu rauchen. »Puh! Beinahe so düster wie das alte höllische Gefängnis. Wärmer, aber beinahe so trübselig. Warten, bis sie zurückkommt? Ja, gewiß; aber wohin ist sie gegangen und wie lange wird sie fortbleiben? Gleichgültig! Rigaud Lagnier Blandois, mein liebenswürdiges Ich, du wirst dein Geld bekommen. Du wirst dich bereichern. Du hast als Gentleman gelebt; du wirst als Gentleman sterben. Du triumphierst, mein kleiner Junge; aber es liegt in deinem Charakter, zu triumphieren. Uf!« In der Stunde seines Triumphes bäumte sich sein Schnurrbart, und seine Nase senkte sich, während er einen großen Balken über seinem Kopf mit besonderem Vergnügen beäugelte. Einunddreißigstes Kapitel. Abgeschlossen. Die Sonne war untergegangen, und die Straßen in ihrem staubigen Zwielicht waren düster, als die Gestalt, die für sie so lange schon eine ungewöhnliche Erscheinung war, durch sie dahineilte. In der unmittelbaren Umgebung des alten Hauses zog sie wenig Aufmerksamkeit auf sich, denn es trieben sich dort nur wenige Leute umher, die sie hätten bemerken können; als sie jedoch vom Flusse heraufkam und durch die krummen Straßen ging, die nach der London Bridge führen, und die große Hauptstraße betrat, wurde sie von Staunen umringt. Entschlossen und wilden Blickes, raschen Fußes und doch schwach und unsicher, auffallend gekleidet in ihrem schwarzen Anzug und mit der flüchtig übergeworfenen Kopfbedeckung, hager und leichenblaß eilte sie durch die Masse, ihrer so wenig achtend wie ein Schlafwandler. Auffallender noch durch die Scheidewand zwischen ihr und der Menge, unter der sie sich befand, als wenn sie auf einen Sockel gehoben gewesen, um gesehen zu werden, zog die Gestalt aller Augen auf sich. Müßiggänger richteten ihre Aufmerksamkeit auf sie; geschäftige Leute, die an ihr vorüberkamen, gingen langsam, um ihr nachzusehen; wo zwei und zwei beisammenstanden, flüsterten sie einander zu und machten sich auf die gespenstische Frau aufmerksam, die vorüberkam; und die Schleppe dieser Gestalt schien, während sie so vorübereilte, einen Wirbel aufzutreiben, der die Müßigsten und Neugierigsten nach sich zog. Schwindlig gemacht durch das stürmische Eindringen dieser Masse von gaffenden Gesichtern in ihre viele Jahre verschlossene Zelle, durch das verwirrende Gefühl, in der Luft zu sein, und durch das noch verwirrendere Gefühl, auf den Füßen zu stehen, durch die unerwartete Veränderung, die mit halb in ihren Erinnerungen lebenden Gegenständen vorgegangen war, und den Mangel an Ähnlichkeit zwischen den willkürlich zu gestaltenden Bildern, die ihre Phantasie sich oft von dem Leben entworfen, von dem sie ausgeschlossen war, und dem überwältigenden Drängen und Treiben der Wirklichkeit, ging sie ihres Weges dahin, mehr als wäre sie von zerstreuenden Gedanken als von leibhaft beobachtenden Menschen umgeben. Nachdem sie jedoch über die Brücke und noch eine Strecke weiter geradeaus gegangen, fiel ihr ein, daß sie nach der Richtung fragen müsse; und erst jetzt, als sie stehenblieb und nach einem Orte sich umsah, wo sie fragen könnte, sah sie sich von neugierigen Blicken umgeben. »Warum drängt ihr euch um mich?« fragte sie zitternd. Keiner von denen, die um sie her standen, antwortete; aber aus dem Kreis der Entfernterstehenden ertönte der gelle Ruf: »Weil Sie verrückt sind!« »Ich bin so gesund wie jeder andere. Ich wünsche nach dem Marschallgefängnis zu kommen.« Der gelle Ruf der Entfernterstehenden versetzte: »Wenn nichts anderes, würde uns das beweisen, daß Sie verrückt sind, denn das Gefängnis liegt gerade gegenüber!« Ein kleiner, sanfter, ruhig aussehender junger Mann drängte sich durch die Masse zu ihr, als auf diese Antwort ein Zischen entstand, und sagte: »Verlangten Sie nicht nach dem Marschallgefängnis zu kommen? Ich gehe gerade in Geschäften dahin. Kommen Sie mit mir.« Sie legte die Hand auf seinen Arm, und er führte sie über den Weg, während die Masse, die etwas ungehalten war, daß man ihr das Schauspiel zu entziehen im Begriff stand, sich vorn und hinten und auf beiden Seiten herandrängte und einen Aufenthalt in Bedlam empfahl. Nach einem kurzen Gedränge in dem äußeren Hofe öffnete sich das Gefängnistor und schloß sich hinter ihnen. Im Pförtnerstübchen, das im Gegensatz zu dem Geräusch draußen ein Ort der Ruhe und des Friedens zu sein schien, stritt bereits eine gelbe Lampe mit dem Gefängnisschatten. »Nun John«, sagte der Schließer, der sie eingelassen. »Was gibt es?« »Nichts, Vater; diese Dame wußte den Weg nicht und wurde von den Straßenjungen gehetzt. Zu wem wollten Sie, Madame?« »Zu Miß Dorrit. Ist sie hier?« Des jungen Mannes Interesse wuchs bei diesen Worten. »Ja, sie ist hier. Wie ist wohl Ihr Name?« »Mrs. Clennam.« »Mr. Clennams Mutter?« fragte der junge Mann. Sie preßte ihre Lippen zusammen und zögerte. »Ja, Sie würden besser daran tun, wenn Sie sagten, es sei seine Mutter.« »Sehen Sie«, sagte der junge Mann, »da die Familie des Marschalls im Augenblicke auf dem Lande ist, so hat der Marschall Miß Dorrit eines von den Zimmern in seinem Hause gegeben, um es zu benutzen, wenn sie Lust hätte. Würden Sie es nicht für besser halten, wenn Sie dahin gingen und ich Miß Dorrit zu Ihnen brächte?« Sie gab ihre Zustimmung zu erkennen, und er schloß eine Tür auf und führte sie eine Seitentreppe hinauf in ein Wohnhaus. Dort zeigte er ihr ein halbdunkles Zimmer und verließ sie. Das Zimmer ging auf den halbdunklen Gefängnishof hinab, wo die Insassen da und dort auf- und abschlenderten, zu den Fenstern herauslehnten, soweit es möglich, abgesondert von den andern, mit abschiednehmenden Freunden sprachen und im allgemeinen ihre Gefangenschaft, so gut es ging, hinbrachten. Es war ein Sommerabend. Die Luft war schwer und heiß, die Enge und Abgeschlossenheit des Raumes drückend, und draußen hörte man den Lärm freier Stimmen, wie man die wirre Erinnerung solcher Töne bei Kopf- und Herzweh hat. Sie stand an dem Fenster und schaute verwirrt gleichsam aus ihrem eigenen Gefängnis in dieses andere Gefängnis, als ein oder zwei sanfte Worte der Ueberraschung sie aufschreckten und Klein-Dorrit vor ihr stand. »Ist es möglich, Mrs. Clennam, daß Sie sich so glücklich erholt haben, um –« Klein-Dorrit hielt inne, denn es lag weder Glück noch Gesundheit in dem Gesicht, das sich ihr zuwandte. »Das ist keine Erholung; es ist keine Stärke; ich weiß nicht, was es ist.« Mit einem unruhigen Wink ihrer Hand wies sie das alles von sich ab. »Es wurde Ihnen ein Päckchen überbracht, das Sie Arthur geben sollten, wenn es nicht vor Torschluß heute abend reklamiert würde.« »Ja.« »Ich reklamiere es.« Klein-Dorrit zog es aus ihrem Busen und gab es ihr in die Hand, die ausgestreckt blieb, nachdem sie es empfangen hatte. »Haben Sie eine Ahnung von seinem Inhalt?« Eingeschüchtert durch die Anwesenheit dieser Frau, die eine neue Bewegkraft in sich hatte, die nicht Stärke sein sollte, und auf die zu blicken so unheimlich war, als wenn ein Bild oder eine Statue lebendig würde, antwortete Klein-Dorrit: »Nein!« »Lesen Sie.« Klein-Dorrit nahm das Päckchen aus der noch immer ausgestreckten Hand und erbrach das Siegel. Mrs. Clennam gab ihr dann das innere Päckchen, das an sie selbst adressiert war, und behielt das andre. Der Schatten der Mauer und der Gefängnisbauten, die das Zimmer schon am Mittag verdüsterten, machten es bei der rasch zunehmenden Dämmerung zu dunkel, wenn man nicht am Fenster stand. Im Fenster, wo ein Streifen von dem hellen Sommerabendglanze auf sie fallen konnte, stand Klein-Dorrit und las. Nach einem kurzen Ausruf des Staunens und Schreckens las sie still weiter. Als sie zu Ende war, sah sie sich um, und ihre alte Herrin beugte sich vor ihr. »Sie wissen jetzt, was ich getan habe.« »Ich glaube. Ich fürchte, obgleich mein Gemüt so aufgeregt und schmerzerfüllt ist und so viel Mitleid fühlt, daß es nicht imstande war, alles ganz zu fassen, was ich gelesen!« sagte Klein-Dorrit mit zitternder Stimme. »Ich will Ihnen ersetzen, was ich Ihnen vorenthalten habe. Vergeben Sie mir. Können Sie mir vergeben?« »Ich kann, und der Himmel weiß, ich tue es auch! Küssen Sie mein Kleid nicht, und knien Sie nicht vor mir. Sie sind zu alt, um vor mir zu knien; ich vergebe Ihnen, frei und ungezwungen, auch ohne das.« »Ich habe noch mehr von Ihnen zu fordern.« »Nicht in dieser Stellung«, sagte Klein-Dorrit. »Es ist unnatürlich, Ihr graues Haar tiefer als das meine zu sehen. Bitte, stehen Sie auf; lassen Sie mich Ihnen helfen.« Damit hob sie sie auf und stand etwas gebeugt vor ihr, sah sie jedoch ernst an. »Die große Bitte, die ich an Sie richte (es bleibt noch eine andre, die aus ihr erwächst), die große Bitte, die ich an Ihr mitleidiges und liebevolles Herz richte, ist, daß Sie dies nicht früher Arthur mitteilen, als bis ich tot bin. Wenn Sie, nachdem Sie sich die Sache einige Zeit überlegt, der Ansicht sind, es könne ihm irgendwie von Nutzen sein, es zu wissen, solange ich noch lebe, so sagen Sie es ihm. Aber Sie werden nicht dieser Ansicht sein; und wollen Sie in solchem Falle mir versprechen, mich zu schonen, bis ich tot bin?« »Ich bin so niedergeschlagen, und was ich gelesen, hat mich so verwirrt in meinen Gedanken«, versetzte Klein-Dorrit, »daß ich kaum eine bestimmte Antwort zu geben imstande bin. Wenn ich völlig überzeugt wäre, daß die Bekanntschaft mit dieser Sache Mr. Clennam von keinem Nutzen wäre –« »Ich weiß, Sie hängen an ihm und werden die erste Rücksicht auf ihn nehmen. Es ist recht und billig, daß Sie das tun; ich wünsche das selbst. Aber wenn Sie sein Interesse berücksichtigt haben und noch finden, daß Sie mich für die kurze Zeit, die ich auf Erden zubringe, schonen können, wollen Sie es dann tun?« »Ja.« »Gott segne Sie!« Sie stand im Schatten, so daß sie Klein-Dorrit, die im Lichte stand, nur wie eine verschleierte Gestalt erschien; aber der Klang ihrer Stimme, als sie diese drei Worte des Dankes sagte, war zu gleicher Zeit inbrünstig und gebrochen. Gebrochen durch die Rührung, die ihren starren Augen so ungewohnt war als Bewegung ihren starren Gliedern. »Sie werden sich vielleicht wundern«, sagte sie in kräftigerem Tone, »daß ich es leichter nehme, von Ihnen gekannt zu sein, der ich Unrecht zugefügt habe, als dem Sohne meiner Feindin, die mir Unrecht zugefügt. Denn sie hat mir Unrecht zugefügt! – Sie sündigte nicht allein furchtbar gegen den Herrn, sondern sie fügte mir Unrecht zu. Wie sich Arthurs Vater gegen mich benahm, das war ihre Schuld. Von unsrem Hochzeitstage an war ich sein Schrecken, und dazu machte sie mich. Ich war die Geißel für beide, und daran ist sie schuld. Sie lieben Arthur (ich kann die Röte auf Ihren Wangen sehen!), und Sie werden bereits gedacht haben, er sei so barmherzig und freundlich wie Sie, warum ich mich deshalb nicht so gut an ihn als an Sie gewandt habe. War das nicht Ihr Gedanke?« »Kein Gedanke«, sagte Klein-Dorrit, »kann meinem Herzen ganz fremd sein, der aus dem Bewußtsein entspringt, daß man auf Mr. Clennam immer vertrauen könne, weil er freundlich, edel und gut ist.« »Ich zweifle nicht daran. Aber Arthur ist die einzige Person auf der Welt, vor der ich dies verbergen möchte, solange ich noch lebe. Ich erzog ihn in den frühesten Tagen seiner Erinnerung mit züchtigender Hand. Ich war streng gegen ihn, da ich wußte, daß die Vergehen der Eltern an ihren Nachkommen heimgesucht werden und daß ein Zorneszeichen ihm bei seiner Geburt aufgeprägt wurde. Ich sah, wenn ich mit ihm und seinem Vater zusammen war, wie die Schwäche seines Vaters ihn von diesen Fesseln loszubinden sich sehnte; und drängte diesen Wunsch zurück, damit das Kind in Banden und Druck frei zu werden lerne. Ich sah, wie er mit seiner Mutter Gesicht scheu von seinen kleinen Büchern zu mir aufblickte und mich in dem Ton seiner Mutter, der mich hart machte, zu erweichen suchte.« Der Schauer ihrer Zuhörerin machte, daß sie den Fluß ihrer mit einer durch den Blick auf die Vergangenheit düster klingenden Stimme vorgebrachten Worte für einen Augenblick unterbrach. »Es geschah um seinetwillen. Nicht um mich für das mir angetane Unrecht zu rächen. Was war ich und was wollte es heißen gegenüber dem Fluch des Himmels! Ich sah das Kind heranwachsen, nicht zu hoher Frömmigkeit (dazu lag das Vergehen seiner Mutter zu schwer auf ihm), doch zu Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit und Demut gegen mich. Er liebte mich nicht, wie ich mir einst die schwache Hoffnung gemacht – so schwach sind wir, und so streiten die verdorbenen Neigungen unseres Fleisches mit unserer Aufgabe, unserer Mission: aber er achtete mich und ordnete sich treulich mir unter. Er tut es noch bis auf diese Stunde. Mit einem leeren Platze in seinem Herzen, dessen Bedeutung er nie gekannt, hat er sich von mir abgewandt und ist seinen gesonderten Weg gegangen; aber auch dies tat er rücksichtsvoll und mit Ehrerbietung. Das waren seine Beziehungen zu mir. Die Ihrigen waren schwächere und von nicht so altem Datum. Wenn Sie mit Ihrer Näharbeit in meinem Zimmer saßen, fürchteten Sie sich vor mir, aber Sie waren der Ansicht, ich wolle Ihnen eine Güte erzeigen. Nun sind Sie besser unterrichtet und wissen, daß ich Ihnen ein Unrecht zugefügt. Ihre Mißdeutung und Ihr Mißverstehen der Ursachen und Gründe, deretwegen ich dies getan, ist leichter zu ertragen, als es das seinige wäre. Ich möchte um keinen Preis der Welt, daß er einen Augenblick, wenn auch blindlings, mich von dem Standpunkt herabriß, den ich sein ganzes Leben ihm gegenüber eingenommen, mir seinen Respekt entzöge, daß ich mich entdeckt und bloßgestellt sähe. Mag es geschehen, wenn es geschehen soll, aber nur lassen Sie mich nicht mehr leben, um es zu sehen. Lassen Sie mich immer fühlen, solange ich lebe, daß ich vor seinem Antlitz sterbe und gänzlich vor ihm zugrunde gehe wie einer, den der Blitz verzehrt oder ein Erdbeben verschlingt.« Ihr Stolz trat mächtig zutage, und die Qualen, die der Stolz und ihre alten Leidenschaften ihr verursachten, waren peinlicher denn sonst, als sie diese Worte sprach. Nicht geringer aber, als sie hinzufügte: »Auch jetzt noch sehe ich Sie vor mir beben, als wenn ich grausam gewesen wäre.« Klein-Dorrit konnte dem nicht widersprechen. Sie suchte es nicht zu zeigen, aber sie schauerte bei dem Gedanken an den Gemütszustand, unter dessen Druck sie so lange geseufzt. Der Gedanke drängte sich ihrer einfachen Natur ohne Sophisterei in seiner ganzen Peinlichkeit auf. »Ich habe getan«, sagte Mrs. Clennam, »was mir zu tun bestimmt war. Ich habe mich gegen das Böse gestemmt; nicht gegen das Gute. Ich war ein Werkzeug der Strenge gegen die Sünde. Haben nicht zu allen Zeiten bloße Sünder wie ich die Mission erhalten, die Sünde in den Staub zu beugen?« »Zu allen Zeiten?« wiederholte Klein-Dorrit. »Hätte ich, selbst wenn das mir zugefügte Unrecht bei mir in den Vordergrund getreten wäre und meine eigne Rache die Triebfeder meines Handelns gewesen, keine Rechtfertigung gefunden? Keine in jenen alten Zeiten, wo der Unschuldige mit dem Schuldigen unterging, tausend gegen einen? Wo der Zorn dessen, der das Ungerechte haßte, nicht einmal in Blut erlosch und doch Gnade fand?« »Oh, Mrs. Clennam, Mrs. Clennam«, sagte Klein-Dorrit, »Gefühle des Zornes und Taten der Unversöhnlichkeit sind kein Trost und keine Richtschnur für Sie und mich. Mein Leben verfloß in diesem armseligen Gefängnis, und mein Unterricht war sehr mangelhaft; aber lassen Sie mich Sie bitten, späterer und besserer Tage zu gedenken. Lassen Sie sich einzig leiten durch den Heiler der Kranken, den Erretter vom Tode, den Freund aller Bekümmerten und Verlorenen, den geduldigen Meister, der Tränen des Mitleids über unsre Schwächen vergoß. Wir können nur auf dem rechten Wege sein, wenn wir alles übrige wegwerfen und alles im Gedanken an ihn tun. Keine Rache ist möglich, wenn wir ihm folgen und keine andren Fußstapfen als die seinen suchen; des bin ich gewiß!« In dem sanften Lichte des Fensters, wie sie von dem Schauplatz ihrer ersten Prüfungen zu dem glänzenden Himmel aufschaute, stand sie in keinem grelleren Gegensatz zu der schwarzen Gestalt im Schatten als das Leben, und die Überzeugung, auf die sie baute, zu der Geschichte dieser Gestalt, die langsam ihr Haupt senkte und kein Wort sprach. So blieb sie, bis das erste Zeichen der Glocke ertönte. »Horch!« rief Mrs. Clennam, aus ihrem Sinnen auffahrend. »Ich sagte, ich habe noch eine andre Bitte. Es ist eine Bitte, die keinen Verzug gestattet. Der Mann, der Ihnen das Päckchen brachte und die Beweise in Händen hat, befindet sich gegenwärtig in meinem Hause und will erkauft sein. Ich kann die Sache Arthur nur dadurch geheimhalten, daß ich diesen Mann erkaufe. Er verlangt eine große Summe; mehr, als ich für den Augenblick zusammenbringen kann, um ihn zu bezahlen. Er will nichts von einem Nachlaß wissen, denn er droht, wenn die Sache mit mir nicht ins reine komme, zu Ihnen zu gehen. Wollen Sie mit mir kommen und ihm zeigen, daß Sie die Sache bereits wissen? Wollen Sie mit mir kommen und ihn zu überreden suchen? Wollen Sie mit mir kommen und mir gegen ihn beistehen? Verweigern Sie mir nicht, was ich in Arthurs Namen bitte, obgleich ich es nicht um Arthurs willen zu bitten wage!« Klein-Dorrit sagte bereitwillig zu. Sie eilte für einige Augenblicke nach dem Gefängnis, kehrte zurück und sagte, sie sei bereit zu gehen. Sie gingen über eine andre Treppe weg und vermieden das Schließerstübchen; als sie über den vordern Hof kamen, war alles still und öde, und sie traten auf die Straße. Es war einer jener Sommerabende, wo keine größere Dunkelheit eintritt als ein langandauerndes Zwielicht. Die Aussicht auf Straße und Brücke war klar und der Himmel rein und schön. Die Leute standen und saßen an ihren Türen, spielten mit ihren Kindern und freuten sich des Abends; andere gingen spazieren, um Luft zu schöpfen; die Last des Tages hatte sich beinahe selbst erschöpft, und wenige, außer ihnen, hatten Eile. Als sie über die Brücke gingen, sahen die klarumrissenen Glockentürme der zahlreichen Kirchen aus, als ob sie aus der Dunkelheit herausgetreten, die sie gewöhnlich umhüllte, und näher gekommen wären. Der Rauch, der zum Himmel aufstieg, hatte seine schmutzige Farbe verloren und ein glänzendes Aussehen angenommen. Die Schönheit des Sonnenuntergangs war noch auf dem in friedlicher Ruhe mit leichten Wölkchen überzogenen Abendhimmel ausgebreitet. Aus einem leuchtenden Mittelpunkt ergossen sich über die ganze Länge und Breite des ruhigen Firmaments große Lichtströme zwischen die frühen Sterne, als Zeichen des heiligen neuen Friedens- und Hoffnungsbundes, der die Dornenkrone in eine Glorie verwandelt. Weniger auffallend, weil sie nicht mehr allein und es auch schon dunkler war, eilte Mrs. Clennam unbelästigt an Klein-Dorrits Seite durch die Straßen. Sie verließen die Hauptstraße bei der Ecke, bei der sie sie betreten, und schlugen den Weg durch die stillen, leeren Querstraßen ein. Ihre Füße waren an dem Torweg, als sie ein plötzliches Geräusch wie Donner vernahmen. »Was war das? Wir wollen rasch eintreten«, rief Mrs. Clennam. Sie standen in dem Torweg. Klein-Dorrit hielt sie mit einem gellen Schrei zurück. Einen flüchtigen Augenblick sahen sie noch das alte Haus vor sich, in dessen Fenster der rauchende Fremde saß: noch ein Donnerschlag, und es erhob sich, schwoll, ging an fünfzig Stellen auseinander, brach zusammen und lag in Trümmern. Betäubt durch das furchtbare Geräusch, atemlos, erstickt und geblendet durch den Staub, bedeckten sie ihre Gesichter mit der Hand und standen wie an den Boden gewurzelt da. Der Staubwirbel, der zwischen ihnen und dem heitern Himmel auftrieb, verteilte sich einen Augenblick und zeigte ihnen die Sterne. Als sie ungestüm nach Hilfe rufend wieder aufblickten, wankte die große Masse der Kamine, die allein noch stehengeblieben waren, wie ein Turm im Wirbelwind, brach zusammen und stürzte wie ein Hagel auf den Trümmerhaufen, als wenn jeder niederfallende Stein den zermalmten Schurken noch tiefer begraben wollte. So bis zur Unkenntlichkeit durch die in der Luft umherfliegenden Teilchen des Schuttes geschwärzt, eilten sie weinend und schreiend nach der Straße zurück. Dort sank Mrs. Clennam auf die Steine, und sie bewegte von dieser Stunde keinen Finger wieder, noch konnte sie fortan ein Wort sprechen. Denn über drei Jahre lag sie in ihrem Räderstuhle und betrachtete aufmerksam die Umstehenden, während es das Aussehen hätte, als ob sie verstünde, was sie sprechen; aber das strenge Schweigen, das sie so lange beobachtet hatte, wurde jetzt auf immer zum Zwang für sie, und abgesehen davon, daß sie ihre Augen bewegen und Bejahen und Verneinen schwach mit dem Kopfe andeuten konnte, lebte und starb sie wie eine Statue. Affery hatte im Gefängnis nach ihnen gefragt und sie unfern von der Brücke zu Gesicht bekommen. Sie eilte herbei, um ihre alte Herrin in ihren Armen aufzufangen, sie in ein benachbartes Haus tragen zu helfen und ihr dienstlich zu sein. Das Geheimnis des Geräusches war jetzt am Tage: Affery, wie bedeutendere Leute, hatte immer recht in Beziehung auf Tatsachen und immer unrecht in Beziehung auf die Theorie, die sie daraus entwickelte. Als sich die Staubwolken verzogen und die Sommernacht wieder ruhig geworden, versperrten zahlreiche Menschenmassen jeden Straßenzugang, und es bildeten sich Abteilungen von Arbeitern, die sich im Durchsuchen der Trümmer ablösen sollten. Es waren hundert Menschen zur Zeit des Zusammenstürzens in dem Hause gewesen, dann wieder fünfzig, dann fünfzehn, dann zwei. Das Gerücht blieb bei der Zahl zwei stehen: nämlich dem Fremden und Mr. Flintwinch. Die Arbeiter gruben die kurze Nacht hindurch beim flackernden Gaslicht, und auf gleicher Höhe mit der frühen Morgensonne, und tiefer und tiefer hinab, je mehr sich die Sonne zum Zenit erhob, und unter ihren schwachen Strahlen, als sie hinabsank, und wieder auf gleicher Höhe mit ihr, als sie schied. Das angestrengte Graben und Schaufeln und Wegführen in Karren, auf Tragbahren und in Körben dauerte ohne Unterbrechung Tag und Nacht fort. Aber es wurde zum zweiten Male Nacht, als sie den schmutzigen Klumpen fanden, der einst der Fremde gewesen war, ehe sein Kopf in Atome wie Glas von dem großen Balken, der auf ihm lag, zermalmt worden. Aber sie waren noch nicht auf Flintwinch gestoßen. So dauerte das emsige Graben und Schaufeln und Wegführen ohne Unterbrechung Tag und Nacht fort. Das Gerücht ging, daß das alte Haus ein ausgezeichnetes Kellergeschoß gehabt (was wirklich wahr war), und daß Flintwinch in jenem Augenblick in einem Keller gewesen oder Zeit gehabt, in einen zu entkommen, und daß er unter dem starken Gewölbe sicher sei, ja, daß man ihn sogar in hohlen, unterirdischen, halberstickten Tönen habe rufen hören: »Ich bin hier!« Am entgegengesetzten Ende der Stadt wußte man sogar, daß die Ausgrabenden imstande gewesen, durch eine Röhre eine Verbindung mit ihm herzustellen, und daß er durch diesen Kanal Suppe und Branntwein erhalten, und daß er mit bewundernswürdiger Fassung gesagt habe, er befinde sich ganz wohl mit Ausnahme seines Schlüsselbeines. Aber das Graben und Schaufeln und Wegführen dauerte ohne Unterbrechung fort, bis die Trümmer alle weggeschafft und die Keller geöffnet waren, doch weder durch Picke noch durch Spaten wurde ein Flintwinch, lebendig oder tot, ganz wohl oder ganz übel, herausgeschafft. Man merkte nun, daß Flintwinch zur Zeit des Einfallens gar nicht im Hause dagewesen; und man merkte ferner, daß er anderwärts ziemlich beschäftigt gewesen, indem er Wertpapiere in so viel Geld umsetzte, wie in der Eile zu erlangen war, und seine Vollmacht, für die Firma zu handeln, ausschließlich in seinem eigenen Interesse benutzt hatte. Affery, die sich erinnerte, daß der Gescheite gesagt, er wolle sich in vierundzwanzig Stunden weiter erklären, entschied sich dahin, daß sein Verschwinden in diesem Augenblick und mit allem, was er aufbringen konnte, die Summe und der wesentliche Inhalt seiner versprochenen Erklärung sei; aber sie verhielt sich ruhig, von Herzen dankbar, daß sie ihn los und seiner ledig war. Da es ein vernünftiger Schluß zu sein schien, daß ein Mann, der nicht begraben worden, auch nicht ausgegraben werden könne, so gaben ihn die Arbeiter auf, als ihre Arbeit geschehen war, und gruben nicht auch noch in den Tiefen der Erde nach ihm. Dies vermerkte eine große Masse Menschen gar übel; denn sie beharrten bei der Ansicht, daß Flintwinch irgendwo unter den geologischen Formationen Londons liege. Auch war ihr Glaube nicht sonderlich erschüttert durch die wiederholte Nachricht, die im Verlauf der Zeit über den Kanal kam, daß ein alter Mann, der den Zipfel seines Halstuches unter einem Ohr trage und als Engländer bekannt sei, mit den Holländern an den saubern Ufern der Kanäle im Haag und in den Wirtshäusern von Amsterdam unter dem Titel und Namen eines Mynheer von Flyntevynge verkehre. Zweiunddreißigstes Kapitel. Zum Ende! Da Arthur beständig noch sehr krank im Marschallgefängnis lag und Mr. Rugg noch keine hellere Stelle an dem juristischen Himmel entdeckte, aus dem ein Hoffnungsstrahl für seine Befreiung dringen konnte, litt Mr. Pancks verzweiflungsvoll unter den Vorwürfen, die er sich selbst machte. Wenn die unfehlbaren Zahlen nicht gewesen wären, die bewiesen, daß Arthur, statt sich im Gefängnis abzuhärmen, in einem Wagen mit zwei Pferden fahren, und daß Mr. Pancks, statt auf seine Buchhalterbesoldung angewiesen zu sein, drei- bis fünftausend Pfund eigenes Vermögen besitzen sollte, das ihm zur freien Verfügung stünde, der unglückliche Arithmetiker hätte sich in sein Bett gelegt und würde dort eine der vielen unbedeutenden Persönlichkeiten abgegeben haben, die ihr Gesicht der Wand zukehrten und starben, als letztes Opfer für die Größe des geschiedenen Mr. Merdle. Nur durch die unbestreitbaren Berechnungen gehoben, führte Mr. Pancks ein unglückliches und ruheloses Leben; denn er trug beständig seine Zahlen mit sich im Hut umher und rechnete sie nicht allein selbst bei jeder Gelegenheit durch, sondern zwang auch jedes andere menschliche Wesen, dessen er habhaft werden konnte, sie mit ihm durchzurechnen und sich zu überzeugen, wie klar der Fall sei. Drunten im Hof zum blutenden Herzen war kaum ein Insasse von nur einiger Bedeutung, dem Mr. Pancks nicht seinen Beweis vorgeführt hatte, und da Ziffern ansteckend sind, so brachen an diesem Ort eine Art Ziffermasern aus, unter deren Einfluß der ganze Hof verrückt wurde. Je ruheloser Mr. Pancks im Geiste wurde, desto ungeduldiger wurde er auch dem Patriarchen gegenüber. In ihren jüngsten Geschäftsunterredungen nahm sein Schnauben einen gereizten Ausdruck an, der den Patriarchen nichts Gutes ahnen ließ; auch hatte Mr. Pancks bei verschiedenen Gelegenheiten die patriarchalischen Beulen näher angesehen, als sich mit der Tatsache vereinigen ließ, daß er weder Maler, noch Perückenmacher war, der nach einem lebenden Modell sucht. Er dampfte jedoch in seinem kleinen hintern Dock aus und ein, je nachdem der Patriarch seiner bedurfte oder nicht bedurfte, und das Geschäft ging seinen gewohnten Gang. Der Hof zum blutenden Herzen wurde zu den bestimmten Zeiten von Mr. Pancks gepflügt und von Mr. Casby abgemäht: Mr. Pancks hatte alle Plackerei und allen Schmutz des Geschäfts auf sich genommen, Mr. Casby dagegen allen Nutzen, allen ätherischen Duft und allen Mondschein für sich; und wenn man den Worten trauen durfte, deren dieser wohlwollende, glänzende Kopf an den Samstagabenden sich bediente, wenn er seine fetten Daumen umeinanderdrehte, nachdem er die Balance der Woche gemacht hatte, war »alles für alle Teile befriedigend – befriedigend für alle Teile.« Das Dock des Schleppdampfers Pancks hatte ein bleiernes Dach, das, in dem heißen Sonnenschein glühend, das Schiff geheizt haben mochte. Sei dem, wie ihm wolle, an einem glühenden Samstagabend kam das Schleppboot, von dem schwankenden flaschengrünen Schiff gefolgt, augenblicklich in einem sehr erhitzten Zustand aus dem Dock herausgedampft. »Mr. Pancks«, lautete die Bemerkung des Patriarchen, »Sie sind Ihren Pflichten sehr schlecht nachgekommen, sehr schlecht nachgekommen, Sir.« »Was meinen Sie damit?« war die kurze Erwiderung. Der Zustand des Patriarchen, immer ein Zustand der Ruhe und Fassung, war diesen Abend so besonders ruhig, daß er etwas Herausforderndes hatte. Alle andern Leute, die auf der Liste der Sterblichen standen, waren heiß; aber dem Patriarchen war es vollständig kühl, jedermann war durstig, und der Patriarch trank. Er war in einen Wohlgeruch von Limonen gehüllt: er hatte sich ein Getränk von goldenem Sherry gebraut, das in einem großen Glase glänzte, als wenn er den Abendsonnenschein tränke. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, daß er mit seinen großen blauen Augen und seinem polierten Kopf, seinem langen weißen Haar und seinen flaschengrünen, geradeausgestreckten Beinen, die in bequemen und bequem über dem Rist gekreuzten Schuhen endigten, ein so strahlendes Aussehen hatte, als wenn er in seinem unendlichen Wohlwollen für das ganze Menschengeschlecht den Trank gemacht, während er für sich nichts brauchte als die eigne Milch der Menschenliebe. Deshalb sagte Mr. Pancks: »Was meinen Sie damit?« und strich in höchst unheilverkündender Weise sein Haar mit beiden Händen in die Höhe. »Ich meine, Mr. Pancks, Sie sollten schärfer gegen die Leute verfahren, schärfer gegen die Leute verfahren, viel schärfer gegen die Leute verfahren, Sir. Sie drängen sie nicht. Ihre Einnahmen erreichen das Soll nicht. Sie müssen sie pressen, Sir, oder unsere Verbindung wird nicht länger so befriedigend für alle Teile sein, wie ich wünschen möchte. Nicht so befriedigend für alle Teile.« »Presse ich sie etwa nicht?« versetzte Mr. Pancks. »Wozu bin ich denn sonst da?« »Sie sind zu nichts anderem da, Mr. Pancks. Sie sind dazu da, Ihre Pflicht zu tun, aber Sie tun Ihre Pflicht nicht. Sie sind dafür bezahlt, zu pressen, und Sie müssen pressen, um bezahlt zu werden.« Der Patriarch war so überrascht über dieses glänzende Wortspiel nach Doktor Johnson, das er nicht im mindesten erwartet noch beabsichtigt, daß er laut lachte und mit großer Selbstgefälligkeit, während er seine Daumen umeinanderdrehte und seinem jugendlichen Porträt zunickte, das Wortspiel: »Bezahlt, zu pressen, Sir, und müssen pressen, um bezahlt zu werden«, wiederholte. »Oh!« sagte Pancks. »Nichts weiter?« »Doch, Sir, doch, Sir. Noch etwas. Sie werden gefälligst den Hof noch einmal pressen; das erste, was sie Montag früh tun, Mr. Pancks.« »Oh!« sagte Pancks. »Sollte das nicht zu früh sein? Ich habe ihn heute völlig ausgepreßt.« »Possen, mein Herr. Nicht soweit, wie die Leute schuldig sind.« »Oh!« sagte Pancks, indem er ihn betrachtete, wie er wohlwollend einen tüchtigen Schluck seiner Mixtur trank. »Nichts weiter?« »Doch, Sir, doch, Sir. Noch etwas. Ich bin durchaus nicht zufrieden mit meiner Tochter, Mr. Pancks; durchaus nicht zufrieden. Sie geht viel zu oft, um sich nach Mrs. Clennam zu erkundigen, Mrs. Clennam, die sich jetzt nicht gerade in den Umständen befindet, die man irgendwie zu den – zu den für alle Teile befriedigenden zählen kann; sie fragt sogar, wenn ich nicht falsch unterrichtet bin, im Gefängnis nach Mr. Clennam. Denken Sie sich, Mr. Pancks, im Gefängnis.« »Er muß, wie Sie wissen, das Zimmer hüten«, sagte Pancks. »Vielleicht ist es sehr wohltuend.« »Pah, pah, Mr. Pancks. Sie hat nichts damit zu schaffen, nichts damit zu schaffen. Ich kann es nicht dulden. Er soll seine Schulden bezahlen und herauskommen, herauskommen; seine Schulden bezahlen und herauskommen.« Obgleich Mr. Pancks' Haar wie starker Draht emporstand, gab er ihm doch noch einen Strich in der Schwungrichtung und lächelte seinen Patron in äußerst häßlicher Weise an. »Sie werden gefälligst meine Tochter wissen lassen, Mr. Pancks, daß ich es nicht dulden kann, nicht dulden kann«, sagte der Patriarch in sanftem Tone. »Oh!« sagte Pancks. »Könnten Sie es ihr nicht selbst mitteilen?« »Nein, Sir, nein; Sie sind dafür bezahlt, es ihr mitzuteilen« – der läppische alte Einfaltspinsel konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal ein Wortspiel anzubringen, – »und Sie müssen es ihr mitteilen, um bezahlt zu werden, mitteilen, um bezahlt zu werden!« »Oh!« sagte Pancks. »Nichts weiter?« »Doch, Sir. Es scheint mir, Mr. Pancks, als ob Sie selbst zu oft und zuviel in jener Richtung, in jener Richtung sich bewegten. Ich empfehle Ihnen, Mr. Pancks, sowohl Ihre eigenen Verluste als die Verluste anderer sich aus dem Sinn zu schlagen und an Ihr Geschäft zu denken, an Ihr Geschäft zu denken.« Mr. Pancks erkannte diese Empfehlung an mit einer so außerordentlich abgerissenen, kurzen und lauten Äußerung der einen Silbe »Oh!«, daß sogar der schwerfällige Patriarch seine blauen Augen in einer gewissen Hast nach ihm wandte, um ihn anzusehen. Mr. Pancks fügte dann mit einem Schnauben von entsprechender Kraft hinzu: »Nichts weiter?« »Im Augenblicke nichts, im Augenblicke nichts. Ich will einen kleinen Gang machen, einen kleinen Gang machen«, sagte der Patriarch, indem er austrank und mit liebenswürdiger Miene aufstand, »vielleicht finde ich Sie hier, wenn ich zurückkomme. Wenn nicht, Sir, Pflicht, Pflicht; pressen, pressen, pressen am Montag; pressen am Montag!« Nachdem Mr. Pancks noch einmal sein Haar in die Höhe gestrichen, sah er, wie der Patriarch seinen breitkrempigen Hut nahm, und schien einen Augenblick unentschlossen mit dem Gefühl widerfahrener Kränkung zu kämpfen. Es war ihm auch heißer als anfangs, und er atmete schwerer. Aber er ließ Mr. Casby weggehen, ohne daß er eine weitere Bemerkung gemacht, und sah ihm dann über die kleinen grünen Fensterblenden nach. »Ich dachte mir's«, sagte er. »Ich wußte, Sie würden dahin gehen. Gut!« Dann dampfte er nach seinem Dock zurück, brachte es sorgfältig in Ordnung, nahm seinen Hut, sah sich in dem Dock um, sagte: »Gute Nacht!« und stieß auf eigene Rechnung ab. Er steuerte gerade auf Mrs. Plornishs Ende im Hof zum blutenden Herzen zu und kam erhitzter denn je oben an der Treppe an. Oben auf der Treppe blieb Mr. Pancks, nachdem er die Aufforderungen von Mrs. Plornish, einzutreten und mit ihrem Vater in der »Glückshütte« zu plaudern, abgelehnt hatte – Aufforderungen, die zu seiner Beruhigung nicht so zahlreich waren, als sie es an jedem andern Abend denn Samstagabend gewesen wären, wo die Kunden, die das Geschäft so freundlich mit allem außer Geld unterstützten, ungemein freigebig mit ihren Bestellungen waren – oben an der Treppe blieb Mr. Pancks, bis er den Patriarchen, der immer von der andern Seite in den Hof kam, langsam, strahlend und von Bittstellern umgeben näher kommen sah, Dann ging Mr. Pancks hinab und steuerte mit äußerster Dampfkraft auf ihn zu. Der Patriarch, der mit seinem gewöhnlichen Wohlwollen durch den Hof schritt, war erstaunt, Mr. Pancks zu sehen, glaubte jedoch, er habe sich zu einem sofortigen Pressen angeregt gesehen und wolle es nicht bis zum Montag verschieben. Die Bewohner des Hofes waren erstaunt über dieses Zusammentreffen, denn die beiden Mächte waren, soweit die Erinnerung der ältesten »blutenden Herzen« reichte, nie hier zusammen, gesehen worden. Aber das unaussprechlichste Staunen erfaßte sie, als Mr. Pancks, rasch auf den verehrungswürdigsten der Menschen zugehend, dicht vor der flaschengrünen Weste stehenblieb, aus seinem rechten Daumen und Zeigefinger einen Drücker machte, denselben an die Krempe des breitkrempigen Hutes setzte und mit besonderer Kraft und Präzision ihn von seinem polierten Kopfe herabschnellte, als wäre er eine große Schnellkugel. Nachdem er sich diese kleine Freiheit mit der Person des Patriarchen erlaubt, machte Mr. Pancks die blutenden Herzen weiter staunen und näher treten, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte: »Nun, Sie zuckersüßer Schwindler, denke ich mit Ihnen ein- für allemal abzurechnen!« Mr. Pancks und der Patriarch waren augenblicklich der Mittelpunkt eines Gedränges das ganz Ohr und Auge; Fenster wurden aufgerissen, und auf den Türschwellen standen die Leute dicht geschart. »Was maßen Sie sich denn an?« sagte Mr. Pancks. »Was ist Ihr Plan? Worin machen Sie Geschäfte? In Wohlwollen, nicht wahr? Sie Mann des Wohlwollens!« Bei diesen Worten holte Mr. Pancks aus, offenbar nicht in der Absicht, ihn zu treffen, sondern nur, um sein Herz zu erleichtern und seine überflüssige Kraft in einer heilsamen Leibesbewegung zu verwenden – Mr. Pancks holte zu einem Schlag auf das beulige Haupt aus, aber das beulige Haupt beugte sich, um dem Schlag auszuweichen. Diese seltsame Handlung wurde zum wachsenden Erstaunen der Zuschauer am Schlusse jedes folgenden Absatzes von Mr. Pancks' Rede wiederholt. »Ich bin aus Ihren Diensten getreten«, sagte Pancks, »um Ihnen ins Gesicht schleudern zu können, was Sie sind. Sie gehören zu einer Rasse von Betrügern, die die schlimmste von allen Rassen ist, die man finden kann. Obgleich ich als Opfer von beiden sprechen kann, so wüßte ich doch nicht, ob mir die Merdlesche Rasse nicht noch lieber ist als Ihre Rasse. Sie sind ein verkleideter Leuteschinder durch Bevollmächtigte, ein Ausbeuter und Erpresser und Zwacker durch Stellvertreter. Sie sind ein philanthropischer Schleicher! Sie sind ein schäbiger Betrüger!« Die Wiederholung der Drohung mit dem Schlag bei diesem Absatz wurde mit lautem Gelächter aufgenommen. »Fragt diese guten! Leute: Wer ist der harte Mann hier? Sie werden Euch sicherlich ›Pancks‹ antworten.« Dies wurde durch die Ausrufe: »Gewiß!« und »Hört!« bestätigt. »Aber ich sage euch, gute Leute – Casby ist es. Dieser Berg von Milde, dieser Klumpen von Liebe, dieser flaschengrüne Lächler ist euer Dränger!« sagte Panck«. »Wenn ihr den Mann sehen wollt, der euch lebendig schinden würde – hier ist er! Sucht ihn nicht in mir, mit meinen dreißig Schillingen die Woche, sucht ihn in Casby, mit seinen ich weiß nicht wieviel das Jahr!« »Gut!« riefen mehrere Stimmen. »Hört Mr. Pancks.« »Hört Mr. Pancks?« rief dieser (nach seinem gewöhnlichen Ausholen, das den Leuten zu gefallen schien), »ja, ich dächte wohl. Es ist endlich Zeit, Mr. Pancks anzuhören. Mr. Pancks ist heute abend in den Hof gekommen, daß ihr ihn höret. Pancks ist nur das Werkzeug, hier ist der, der es handhabt!« Die Zuhörer wären zu Mr. Pancks wie ein Mann, Frau und Kind übergegangen, wenn das lange, graue, seidene Haar und der breitkrempige Hut nicht gewesen. »Hier ist der Schlüssel«, sagte Mr. Pancks, »der den Ton zum Pressen angibt. Und es gibt nur einen Ton, und sein Name ist Presse, Presse, Presse! Hier ist der Gutsbesitzer, und hier ist der Ausjäter. Ja, gute Leute, wenn er wie ein langsamer, wohlwollender Brummkreisel, sanft sich drehend, zu Abend in den Hof kommt und ihr ihn mit euren Klagen über den Ausjäter umringt, so ahnt ihr nicht, was für ein Betrüger der Patron ist. Solltet ihr glauben, daß der Grund, weshalb er sich heute zeigt, der ist, damit am Montag alle Schuld mich treffe? Solltet ihr glauben, daß er mich heute abend erst auf den Kohlen hatte, weil ich euch nicht genug presse? Solltet ihr glauben, daß ich im gegenwärtigen Augenblick den speziellen Befehl habe, euch am Montag zu pressen?« Die Antwort war ein Gemurmel, das wie »Schmachvoll!« »Schäbig!« lautete. »Schäbig?« schnaubte Pancks. »Ja, ich sollte wohl denken! Die Rasse, zu der euer Casby gehört, ist die schäbigste aller Rassen. Sie stellen ihre Ausjäter mit einem elenden Solde an, und diese müssen nun tun, was sie selbst sich zu tun schämen, fürchten und leugnen und dennoch getan wissen wollen oder den Leuten keine Ruhe lassen. Sie hintergehen euch, und ihr schiebt auf ihre Ausjäter alle Schuld und auf sie alles Gute. Ja, der erbärmlichst aussehende Betrüger in der ganzen Stadt, der achtzehn Pence unter falschem Vorgeben erschwindelt, ist kein halb so großer Schwindler als dieses Schild von Casbys Kopf hier!« Die Umstehenden riefen: »Das ist wahr!« und »Mehr ist er nicht!« »Und seht nun, was ihr von diesen Burschen bekommt«, sagte Pancks. »Seht, was ihr weiter von diesen kostbaren Brummkreiseln bekommt, die sich so glatt unter euch drehen, daß ihr nicht ahnen könnt, was für ein Muster auf ihnen gemalt ist oder wie das kleine Fenster an ihnen aussieht! Ich wünsche für einen Augenblick eure Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich weiß es wohl, meine Rede ist nicht angenehm.« Der Kreis der Zuhörer war über diesen Punkt geteilt; denn die weniger leicht Zufriedenzustellenden riefen: »Nein, sie ist nicht angenehm«, während die Höflicheren sagten: »Doch, sie ist angenehm.« »Ich bin im allgemeinen«, sagte Mr. Pancks, »ein trockener, unangenehmer, trauriger Arbeiter und Ausjäter. Das ist euer ergebener Diener. Das ist sein vollständiges Porträt, von ihm selbst gemalt und unter der Garantie der Ähnlichkeit euch vorgestellt! Aber was soll der Mensch sein, wenn er einen solchen Patron hat? Was kann von ihm erwartet werden? Fand jemals jemand gekochtes Hammelfleisch mit Kapernsoße in einer Kokosnuß?« Keiner von den blutenden Herzen konnte das von sich behaupten, das sprach sich deutlich in der Raschheit ihrer Antwort aus. »Nun«, sagte Mr. Pancks, »und niemand wird bei Ausjätern, wie ich, unter Patronen, wie dieser, angenehme Eigenschaften finden. Ich bin ein Ausjäter von Jugend auf gewesen. Was war mein Leben? Ein Quälen und Peinigen, Quälen und Peinigen und ein unaufhörliches Raddrehen. Ich war mir selbst nicht angenehm und bin wahrscheinlich auch niemandem sonst angenehm gewesen. Hätte ich in zehn Jahren auch nur für einen Schilling die Woche weniger gearbeitet, dieser Betrüger würde mir einen Schilling weniger gegeben haben; wenn ein ebenso nützlicher Mensch um einen Sixpence billiger zu bekommen gewesen wäre, er würde ihn statt meiner für einen Sixpence billiger angenommen haben. Das ist Handelsbrauch, Gott sei euch gnädig! Feste Grundsätze! Es ist ein sehr gutes Schild, dieser ›Zum Kopf von Casby‹«, sagte Mr. Pancks, indem er ihn nichts weniger als bewundernd betrachtete, »aber der wahre Name des Hauses ist: ›Zum Menschenschinder‹. Sein Motto ist: ›Laß dem Ausjäter keine Ruhe‹. Ist irgend jemand zugegen«, sagte Mr. Pancks, indem er sich unterbrach und umsah, »der mit der englischen Grammatik vertraut wäre?« Der Hof zum blutenden Herzen scheute sich, diese Vertrautheit zu beanspruchen. »Es hat nichts zu sagen«, fuhr Mr. Pancks fort. »Ich wollte nur die Bemerkung machen, daß die Aufgabe, die mir dieser Patron gestellt hat, die war, die Imperativform des Präsens des Zeitworts ›keine Ruhe lassen‹ zu konjugieren. Laß keine Ruhe! Laß er keine Ruhe! Lassen wir keine Ruhe! Lassen Sie keine Ruhe! Da steht ein wohlwollender Patriarch von Casby, und das ist seine goldene Regel. Es ist ungewöhnlich angenehm, ihn anzusehen; das ist bei mir durchaus nicht der Fall. Er ist so süß wie Honig, und ich bin so trübe wie Gossenwasser. Er sorgt für das Pech, ich handhabe es, und an mir bleibt es kleben. Jetzt«, sagte Mr. Pancks, indem er wieder näher auf seinen ehemaligen Patron zutrat, von dem er etwas weggegangen, um ihn dem Hof besser zeigen zu können, »da ich nicht gewohnt bin, öffentlich zu sprechen, und da ich eine ziemlich lange Rede gehalten habe, wenn man alle Umstände in Betracht zieht, so werde ich meine Bemerkungen mit der Bitte zum Beschluß bringen, daß Sie sich fortmachen.« Der letzte der Patriarchen war so überwältigt durch den Angriff und brauchte so viel Raum, um einen Gedanken zu fassen, und so viel Raum mehr, um sich darin zu drehen, daß er kein Wort als Antwort vorbringen konnte. Er schien auf einen patriarchalischen Ausweg aus dieser peinlichen Lage zu sinnen, als Mr. Pancks, indem er plötzlich noch einmal den Drücker an seinen Hut setzte, denselben wieder mit seiner früheren Gewandtheit herabschnellte. Bei der früheren Gelegenheit hatten ein oder zwei von den Bewohnern des blutenden Herzens ihn dienstfertig aufgehoben und ihn dem Besitzer zurückgegeben, aber Mr. Pancks hatte auf seine Zuhörerschaft nunmehr so großen Eindruck gemacht, daß der Patriarch sich bücken und ihn selbst aufheben mußte. Rasch wie der Blitz holte Mr. Pancks, der einige Augenblicke seine Hände in der Rocktasche gehabt hatte, eine Schere aus der Tasche, fiel dem Patriarchen in den Rücken und schnitt ihm die heiligen Locken, die auf seine Schultern hinabflossen, ab. In einem Paroxysmus ungestümer Wut riß er dann dem erstaunten Patriarchen den breitkrempigen Hut aus der Hand, verschnitt ihn zu einer bloßen Schmorpfanne und setzte ihn auf den Kopf des Patriarchen. Vor den furchtbaren Folgen dieser verzweifelten Tat schauerte Mr. Pancks selbst entsetzt zurück. Eine kahlgeschorene, glotzäugige, dickköpfige und schwerfällige Gestalt starrte ihn an, ohne im mindesten einen großen und ehrwürdigen Eindruck zu machen; sie schien aus der Erde emporgestiegen, um zu fragen, was aus Mr. Casby geworden. Nachdem Mr. Pancks in stummem Grausen sie wieder angestarrt, warf er die Schere weg und floh nach einem Versteck, wo er sich vor den Folgen seines Verbrechens retten könnte. Mr. Pancks hielt es für klug, sich schleunigst aus dem Staub zu machen, obwohl ihn nichts verfolgte als ein schallendes Gelächter, das die Luft im Hof zum blutenden Herzen erschütterte, daß dieser davon widerhallte. Dreiunddreißigstes Kapitel. Zum Ende. Die Veränderungen im Zimmer eines Fieberkranken sind langsam und schwankend; aber die Veränderungen in der fiebernden Welt sind rasch und unwiderruflich. Es war Klein-Dorrits Los, für beide Arten von Veränderungen zu sorgen zu haben. Die Mauern des Marschallgefängnisses hüllten sie wieder während eines Teiles des Tages als ihr Kind in ihre Schatten ein, während sie für Clennam dachte, für ihn arbeitete und ihn nur verließ, um ihm ihre größte Liebe und Sorge zu weihen. Auch ihr Leben außerhalb des Gefängnisses machte drängende Anforderungen an sie, denen zu entsprechen ihre Geduld nicht müde wurde. Hier war Fanny, stolz, launenhaft, phantastisch, noch weiter in der Unfähigkeit vorgerückt, in Gesellschaft zu gehen, jener Unfähigkeit, die sie an jenem Abend des Schildpattmessers so sehr geärgert hatte; sie war entschlossen, immer des Trostes zu bedürfen, und entschlossen, keinen Trost anzunehmen, entschlossen, sich tief verletzt zu fühlen, und entschlossen, es nicht zu dulden, daß jemand die Kühnheit haben dürfte, dies zu glauben. Ferner ihr Bruder, ein schwacher, stolzer, berauschter, junger Greis, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, so undeutlich sprach, als ob etwas von dem Geld, auf das er sich so viel zugute tat, ihm im Munde steckengeblieben und nicht mehr herauszubringen wäre, unfähig, irgend etwas in seinem Leben allein durchzuführen, und den Gönner seiner Schwester spielend, die er selbstsüchtig liebte (er hatte immer dieses negative Verdienst gehabt, der arme Tip mit seinem Unglücksstern!), weil er duldete, daß sie ihn führte. Ferner Mrs. Merdle in einer Trauerkleidung von Gaze – die ursprüngliche Haube war möglicherweise in einem Anfall von Schmerz zerrissen worden, hatte dagegen sicher einem sehr kleidsamen Artikel vom Pariser Markt Platz gemacht – mit Fanny in beständiges Kampfe und sie jede Stunde des Tages mit ihrem öden Jammer eingreifend. Ferner der arme Mr. Sparkler, der nicht wußte, wie er den Frieden zwischen ihnen aufrechterhalten sollte, aber bescheiden sich zu der Meinung neigte, daß sie nichts Besseres tun könnten als zuzugeben, daß sie beide zwei merkwürdig schöne Frauen seien, und daß keine einen Unsinn an sich habe – zum Dank für welche freundliche Empfehlung sie vereint furchtbar über ihn herfielen. Endlich Mrs. General, die aus fremden Ländern heimgekehrt war und jeden andern Tag einen Prunes- und Prismbrief sandte, worin sie um ein neues Zeugnis zum Zweck der Empfehlung für eine oder die andere erledigte Stelle bat. Über diese merkwürdige Dame möge zum Schluß noch bemerkt werden, daß sicher nie eine Name existiert hat, von deren überschwenglicher Befähigung für jede erledigte Stelle auf dieser Welt (wie aus der Wärme der Zeugnisse hervorging) so viele Leute so vollkommen überzeugt waren –- oder die so unglücklich war, einen so großen Kreis glühender und vornehmer Verehrer zu haben, die niemals Gelegenheit fanden, sie anzustellen. In der ersten Aufregung, die der Tod Mr. Merdles veranlaßte, waren viele angesehene Personen ungewiß, ob sie Mrs. Merdle fallen lassen oder sie trösten sollten. Da es jedoch, um ihre eigne Sache in ein recht grelles Licht zu stellen, dienlich schien, sie als grausam hintergangen zu betrachten, so machten sie gnädigst dieses Zugeständnis und kannten sie auch ferner. Die Folge war, daß Mrs. Merdle, als eine Dame von Welt und feiner Erziehung, die der List eines gemeinen Barbaren (denn Mr. Merdle galt vom Scheitel bis zur Zehe als ein solcher, seit man seine Taschen leer gefunden hatte) zum Opfer gefallen war, um ihres Standes willen von ihrem Stande tapfer verteidigt werden mußte. Sie vergalt diese Treue, indem sie zu verstehen gab, daß sie gegen den verbrecherischen Schatten des Verstorbenen viel erzürnter war als jeder andere: so kam sie aus dem feurigen Ofen als eine weise Frau hervor und befand sich in diesem Zustand ausnehmend wohl. Mr. Sparklers Lordschaft war glücklicherweise einer von den Ruheplätzen, auf denen man hoffen kann, sein ganzes Leben zu bleiben, es sei denn, daß Gründe vorhanden wären, ihn mit dem Barnacleschen Kran zu einer gewinnbringenderen Stellung emporzuheben. Dieser patriotische Diener hielt deshalb fest zu seiner Fahne (dem Banner mit den vier Ahnen) und war ein wahrer Nelson in der Art, wie er sie an den Mast nagelte. In die Früchte seiner Unerschrockenheit teilten sich Mrs. Sparkler und Mrs. Merdle, die verschiedene Stockwerke des vornehmen kleinen Tempels der Unbehaglichkeit bewohnten, dem der Geruch der vorgestrigen Suppe und der Kutschenpferde so treu blieb wie der Tod dem Menschen, und rüsteten sich zum Kampfe in den Schranken der Gesellschaft als geschworene Feinde. Und Klein-Dorrit, die der Entwicklung aller dieser Dinge zusah, mußte sich unwillkürlich besorgt fragen, in welche versteckte Ecke des vornehmen Haushaltes Fannys Kinder nach und nach gedrängt werden würden, und wer sich der kleinen ungeborenen Opfer annehmen würde. Da Arthur viel zu krank war, als daß man hätte über aufregendere und beunruhigende Dinge mit ihm sprechen dürfen, und seine Genesung wesentlich von der Ruhe anhing, die man seiner Schwäche verschaffte, so war Klein-Dorrits einzige Stütze während dieser schweren Zeit Mr. Meagles. Er war noch immer auf Reisen im Ausland. Aber sie hatte durch seine Tochter, unmittelbar nachdem sie Arthur im Marschallgefängnis gesprochen, und seitdem öfters an ihn geschrieben, indem sie ihm ihre Sorgen über die Punkte mitteilte, die ihr am meisten am Herzen lagen, besonders aber über einen. Dieser eine Punkt war schuld, daß Mr. Meagles noch immer auf Reisen war, während seine Anwesenheit im Marschallgefängnis so viel Tröstliches gehabt hätte. Ohne ihn ganz genau über das Wesen der Dokumente aufzuklären, die in Rigauds Hände gefallen, hatte Klein-Dorrit Mr. Meagles in allgemeinen Umrissen diese Geschichte mitgeteilt und ihm auch sein Schicksal erzählt. Die alten vorsichtigen Gewohnheiten von Schale und Schaufel zeigten Mr. Meagles sogleich die Wichtigkeit, wieder in den Besitz der Originalpapiere zu gelangen; deshalb schrieb er zurück an Klein-Dorrit, bekräftigte sie in dem dringenden Verlangen, das sie in dieser Richtung ausgesprochen, und fügte hinzu, daß er nicht nach England zurückkehren werde, ohne den Versuch gemacht zu haben, sie aufzufinden. Mr. Henry Gowan war inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß es angenehm für ihn sein würde, die Meagles nicht zu kennen. Er war so rücksichtsvoll in diesem Punkt, seiner Frau darüber keine besondern Vorschriften zu geben. Aber er äußerte Mr. Meagles gegenüber, daß es ihm dünke, als ob sie persönlich nicht füreinander taugten, und daß sie es für gut halten würde, wenn sie – höflich und ohne eine Szene oder etwas Derartiges – gegenseitig anerkennten, sie seien die besten Menschen von der Welt, die aber am besten täten, sich nicht zu sehen. Der arme Mr. Meagles, der ohnehin das Gefühl hatte, als mehre er das Glück seiner Tochter nicht, wenn er in ihrer Gegenwart so geringschätzig behandelt werde, sagte: »Gut, Henry! Sie sind der Gatte meiner Pet; Sie haben mich, wie es die Natur der Dinge mit sich bringt, ersetzt; wenn Sie es wünschen, gut!« Dieses Arrangement hatte den weiteren Vorteil, den Henry Gowan vielleicht nicht vorausgesehen hatte, daß Mr. und Mrs. Meagles, seitdem sie nur noch mit ihrer Tochter und deren kleinem Kinde verkehrten, noch freigebiger waren als zuvor; und daß sich sein Stolz noch besser mit Geld versehen sah, ohne der erniedrigenden Notwendigkeit ausgesetzt zu sein, zu wissen, woher es kam. Mr. Meagles widmete sich natürlich, da die Sachen jetzt so lagen, mit großem Eifer der Beschäftigung, die sich ihm bot. Er wußte von seiner Tochter die verschiedenen Städte, die Rigaud seit längerer Zeit besucht, und in welchen Hotels er gewohnt hatte. Die Beschäftigung, der er sich widmete, war die, diese Orte mit aller Diskretion und so rasch es ging zu beweisen und, im Fall, daß jener irgendwo eine Rechnung unbezahlt und eine Kiste oder einen Pack statt der Bezahlung zurückgelassen, die Rechnung zu bezahlen und Kiste oder Pack mitzunehmen. Ohne andre Begleitung als die seiner Frau trat Mr. Meagles seine Reise an und erlebte zahlreiche Abenteuer. Nicht die unbedeutendste der Schwierigkeiten war die, daß er nie verstand, was die Leute zu ihm sagten, und daß er unausgesetzt seine Nachforschungen unter Leuten anstellte, die nie wußten, was er zu ihnen sagte. Mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß die englische Sprache gewissermaßen die Muttersprache der ganzen Welt sei und daß die Leute sie aus reiner Einfalt nicht verständen, überhäufte Mr. Meagles die Hotelbesitzer mit den geläufigsten Reden, erging sich in lauten Auseinandersetzungen der verwickeltsten Art und wies Antworten in der heimischen Sprache aufs entschiedenste zurück, weil es lauter »dummes Zeug« sei. Bisweilen wurden Dolmetscher herbeigerufen, die Mr. Meagles in so volksmäßigen Ausdrücken anredete, daß sie augenblicklich zum Schweigen gebracht waren – was die Sache nur noch schlimmer machte. Reiflich erwogen jedoch steht zu bezweifeln, ob er viel verlor; denn, obgleich er kein Eigentum vorfand, fand er so viele Schulden und so vielerlei schlechte Gerüchte in Verbindung mit dem Namen – dem einzigen Wort, das er verständlich machen konnte, daß er fast überall mit beleidigenden Beschuldigungen bedrängt wurde. Nicht weniger denn viermal wurde die Polizei herbeigerufen, um Mr. Meagles bei ihr als Industrieritter, als Taugenichts und Dieb zu denunzieren; Schimpfwörter, die er mit der ruhigsten Fassung hinnahm (da er keine Idee davon hätte, was sie bedeuteten) – und dabei wurde er auf die schmählichste Weise nach Dampfbooten und Postwagen transportiert, nur, damit man ihn loswurde, wobei er, die Mutter am Arme führend, die ganze Zeit als redefertiger und heiterer Engländer unaufhörlich fortschwatzte. Aber in seiner eigenen Sprache und in seiner eigenen Meinung war Mr. Meagles ein klarblickender, schlauer und ausdauernder Mann. Als er sich, wie er es nannte, bis Paris »durchgearbeitet« hatte, ohne etwas erreicht zu haben, war er noch nicht entmutigt. »Je näher ich seine Spur gegen England verfolge, siehst du, Mutter«, argumentierte Mr. Meagles, »desto näher bin ich wahrscheinlich seinen Papieren, mögen sie zum Vorschein kommen oder nicht. Denn es ist die einzige vernünftige Ansicht, die man haben kann, daß er sie irgendwo niedergelegt hat, wo sie vor den Leuten in England sicher sind, während sie für ihn doch immer leicht zugänglich bleiben, nicht wahr?« In Paris fand Mr. Meagles einen Brief von Klein-Dorrit vor, der ihn erwartet hatte. In diesem erwähnte sie, daß sie mit Mr. Clennam ein paar Minuten über den Mann habe sprechen können, der unter den Ruinen begraben worden war; und daß auf ihre Mitteilung, sein Freund Mr. Meagles, der auf dem Wege zu ihm sei, habe ein Interesse, womöglich etwas über diesen Mann zu erfahren, Mr. Clennam ihr geantwortet habe, sie möge Mr. Meagles sagen, er sei mit Miß Wade bekannt gewesen, die in der und der Straße in Calais wohne. »Oh!« sagte Meagles. So kurz darauf, wie es in jenen Tagen möglich war, wo man noch mit Eilwagen fuhr, zog Mr. Meagles die zersprungene Klinge an dem zersprungenen Tor, und es ging auf, und die Bauersfrau stand in dem dunklen Torweg und sagte in ihrem französischen Englisch: »Was gibt es, Sir? Zu wem wollen Sie?« Dieser Anrede Gerechtigkeit widerfahren lassend, murmelte Mr. Meagles vor sich hin, daß diese Leute von Calais doch einigen Verstand hätten und einigermaßen wüßten, was man von ihnen wolle; er gab deshalb zur Antwort: »Miß Wade, meine Liebe!« Sie führte ihn alsbald zu Miß Wade. »Es ist lange her, daß wir uns begegneten«, sagte Mr. Meagles, indem er sich räusperte; »ich hoffe. Sie haben sich immer wohl befunden. Miß Wade?« Ohne die Hoffnung auszusprechen, daß er oder sonst jemand sich wohl befunden, fragte ihn Miß Wade, welchem Umstand sie die Ehre verdanke, ihn wiederzusehen? Mr. Meagles sah inzwischen im ganzen Zimmer umher, ob er nichts in Form einer Kiste entdecke. »Die Wahrheit zu sagen. Miß Wade«, sagte Mr. Meagles in gemütlichem, vertraulichem, wir wollen nicht sagen, schmeichelndem Ton, »es ist möglich, daß Sie imstande sind, etwas Licht auf eine Sache zu werfen, die bislang noch im Dunkel schwebt. Alles Unangenehme, was zwischen uns vorgekommen, ist hoffentlich vergessen. Es ist jedoch nicht mehr zu ändern. Sie erinnern sich meiner Tochter? Die Zeiten, ändern sich so! Sie ist jetzt Mutter!« Mr. Meagles hätte in seiner Unschuld keine schlimmere Saite anschlagen können. Er wartete auf ein Wort der Teilnahme, aber er wartete vergebens. »Das ist wohl nicht die Sache, wegen der Sie mit mir zu sprechen wünschen?« sagte sie nach einem kalten Schweigen. »Nein, nein«, versetzte Mr. Meagles, »nein. Ich dachte. Ihr gutes Herz werde –« »Ich dachte. Sie wüßten«, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, »daß auf mein gutes Herz nicht zu rechnen ist.« »Sagen Sie das nicht«, versetzte Mr. Meagles; »Sie tun sich unrecht. Um jedoch auf die Sache selbst zu kommen« – denn er fühlte, daß er nichts gewonnen hatte, indem er sich auf einem Umwege zu nähern gesucht, – »ich hörte von meinem Freunde Clennam, der, wie Sie gewiß mit Bedauern hören werden, seit längerer Zeit sehr krank darniederliegt –« Er hielt wieder inne, und sie schwieg abermals. »– daß Sie einige Bekanntschaft mit einem gewissen Blandois gehabt haben, der kürzlich in London durch einen Unglücksfall getötet wurde. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen! Ich weiß, daß es eine sehr oberflächliche Bekanntschaft war«, sagte Mr. Meagles, gewandt einer ungehaltenen Unterbrechung, die er drohen sah, vorbeugend. »Ich weiß das ganz gut. Ich weiß, es war eine oberflächliche Bekanntschaft. Aber die Frage ist die«, hier wurde Mr. Meagles' Stimme wieder zutraulich, »hinterließ er nicht auf seiner Reise nach England das letztemal eine Kiste mit Papieren oder einen Pack Papiere oder überhaupt Papiere in irgendeinem Behälter – kurz, Papiere bei Ihnen, mit der Bitte, sie bei Ihnen für kurze Zeit deponieren zu dürfen, bis er sie brauchte?« »Die Frage ist?« wiederholte sie. »Wessen Frage ist das?« »Meine Frage«, sagte Mr. Meagles. «Und nicht nur meine Frage, sondern Clennams Frage und anderer Leute Frage. Ich bin überzeugt«, fuhr Mr. Meagles fort, dessen Herz von Pet überströmte, »daß Sie kein unfreundliches Gefühl gegen meine Tochter hegen können; es ist unmöglich. Nun, denn! Es ist auch ihre Frage, weil eine intime Freundin nahe bei der Sache interessiert ist. Ich bin denn hierhergekommen, um Ihnen offen zu sagen, daß dies die Frage ist, und Sie zu fragen: Hat er etwas zurückgelassen?« »Wahrhaftig«, erwiderte sie, »ich scheine die Zielscheibe der Nachfragen für jeden zu sein, der irgend etwas von einem Manne wissen will, den ich mal in meinem Leben gemietet und bezahlt habe.« »Bitte«, warf Mr. Meagles ein, »fühlen Sie sich doch nicht verletzt, denn es ist die einfachste Frage in der Welt, die jedem Menschen vorgelegt werden könnte. Die Dokumente, um die es sich handelt, gehörten nicht ihm, waren auf unrechtmäßige Weise erlangt, können irgendeinmal einer unschuldigen Person, die sie aufbewahrte, Unannehmlichkeiten bereiten und werden von Leuten gesucht, denen sie wirklich gehören. Er kam auf der Reise nach London durch Calais, und es gibt Gründe, weshalb er sie nicht mit sich genommen haben dürfte, aber den Wunsch gehegt, sie beständig in der Hand zu haben, und sie nicht Leuten seines Schlages anvertrauen wollte. Ließ er sie hier? Ich erkläre, wenn ich wüßte, wie ich es vermeiden könnte, Sie zu verletzen, ich würde mir alle Mühe geben, es zu tun. Ich stelle die Frage persönlich, aber es ist nichts Persönliches in ihr. Ich würde sie jedermann vorlegen und habe sie bereits vielen Leuten vorgelegt. Hat er sie hier gelassen? Hat er überhaupt etwas hier gelassen?« »Nein.« »So wissen Sie unglücklicherweise nichts davon, Miß Wade?« »Ich weiß nichts davon. Ich habe jetzt Ihre unerklärliche Frage beantwortet. Er hat sie nicht hier gelassen, und ich weiß nichts davon.« »So!« sagte Mr. Meagles und stand auf. »Ich bedaure es sehr; nun ist die Sache abgemacht; und ich hoffe, es ist nicht viel Ungelegenheit damit. – Befindet sich Tattycoram wohl, Miß Wade?« »Harriet, wohl? O ja!« »Da habe ich wieder etwas falsch gemacht«, sagte Mr. Meagles, als sie ihn auf diese Weise korrigierte. »Es scheint, als ob ich hier alles falsch machen müßte. Vielleicht, wenn ich mir die Sache zweimal überlegt, hätte ich ihr nicht den seltsam klingenden Namen gegeben. Aber wenn man mit jungen Leuten einen vertraulichen und scherzhaften Ton anschlagen will, so überlegt man sich's nicht zweimal. Ihr alter Freund läßt ein freundliches Wort für sie zurück, Miß Wade, wenn Sie es für ratsam halten, es ihr zu sagen.« Sie sagte nichts darauf, und Mr. Meagles verließ mit seinem ehrlichen Gesicht das dunkle Zimmer, wo es wie eine Sonne geglänzt, brachte es mit nach dem Hotel, wo er Mrs. Meagles gelassen und wo er den Bericht abstattete: »Geschlagen, Mutter; erfolglos!« Er nahm es mit nach dem nächsten Londoner Dampfschiff, das in derselben Nacht abfuhr, und dann nach dem Marschallgefängnis. Der treue John hatte den Dienst, als Vater und Mutter gegen Abend sich an dem Pförtchen einfanden. Miß Dorrit, sagte er, sei nicht da; aber sie sei vormittags dagewesen und käme jeden Abend. Mr. Clennam erhole sich langsam, und Maggy und Mrs. Plornish und Mr. Baptist pflegten ihn abwechselnd. Miß Dorrit würde ganz gewiß noch kommen, ehe die Abendglocke läutete. Wenn sie Lust hätten, könnten sie in dem Zimmer, das der Marschall ihr oben eingeräumt, auf sie warten. In der Befürchtung, daß es Arthur schaden könnte, wenn er ihn unvorbereitet besuchte, nahm Mr. Meagles das Anerbieten an, und sie blieben allein in dem Zimmer und sahen durch das vergitterte Fenster in das Gefängnis hinab. Der enge Raum des Gefängnisses machte einen solchen Eindruck auf Mrs. Meagles, daß sie zu weinen anfing, und auf Mr. Meagles, daß er begann, nach Luft zu schnappen. Er ging keuchend im Zimmer auf und ab und verschlimmerte seinen Zustand noch, indem er sich eifrig mit dem Taschentuch fächerte, als er sich nach der aufgehenden Tür umsah. »Ei, du Grundgütiger!« sagte Mr. Meagles, »das ist ja nicht Miß Dorrit! Sieh, Mutter, sieh! Tattycoram!« Es war niemand anderes. Und in Tattycorams Armen befand sich eine eisenbeschlagene Kapsel von zwei Fuß im Quadrat. Solch eine Kapsel hatte Affery Flintwinch im ersten ihrer Träume in stiller Nacht unter des Doppelgängers Armen aus dem Hause gehen sehen. Diese stellte Tattycoram vor die Füße ihres alten Herrn auf den Boden; dann fiel Tattycoram auf ihre Knie und schlug mit den Händen darauf, indem sie halb triumphierend, halb verzweifelnd, halb lachend, halb weinend ausrief: »Verzeihung, guter Herr, nehmen Sie mich wieder an, gute Herrin, hier ist es!« »Tatty!« rief Mr. Meagles. »Was Sie suchen!« sagte Tattycoram. »Hier ist es! Ich wurde ins nächste Zimmer geschickt, daß ich Sie nicht sehen sollte. Ich hörte Sie danach fragen, ich hörte sie sagen, sie habe es nicht bekommen, während ich dabei war, wie er es daließ, und ich nahm den Kasten nachts, als ich zu Bett gehen sollte, und brachte ihn weg. Hier ist er!« »Nun, mein Kind«, rief Mr. Meagles, atemloser denn zuvor, »wie kamst du denn herüber?« »In demselben Boot mit Ihnen. Ich saß eingehüllt am andern Ende. Als Sie am Kai einen Wagen nahmen, nahm ich einen andern Wagen und folgte Ihnen hierher. Sie hätte den Kasten nie herausgegeben nach dem, was Sie zu ihr über das Verlangen sagten, das man danach hatte; sie würde ihn lieber ins Meer geworfen oder verbrannt haben. Aber hier ist er!« Mit wunderbarem Frohlocken und Entzücken sagte das Mädchen das: Hier ist er! »Das muß ich zu ihrer Verteidigung sagen, daß sie ihn durchaus nicht wollte; aber Blandois ließ ihn zurück, und ich wußte wohl, daß, nach dem, was Sie gesagt, und nachdem sie ihn verleugnet, sie ihn nie herausgegeben haben würde. Doch nun ist er hier! Lieber Herr, liebe Herrin, nehmen Sie mich wieder an und geben Sie mir den lieben alten Namen wieder! Lassen Sie dies für mich sprechen. Hier ist er!« Vater und Mutter Meagles verdienten ihren Namen nie besser als in dem Augenblick, als sie das trotzige Findelkind wieder in ihren Schutz nahmen. »Oh, ich bin so unglücklich gewesen«, rief Tattycoram, indem sie noch mehr weinte denn zuvor, »ich habe so unglückliche Tage verlebt und so viel Reue empfunden. Von dem ersten Augenblick, da ich sie sah, fürchtete ich mich vor ihr. Ich wußte, sie hatte eine Macht über mich erlangt, indem sie so scharf erkannte, was böse in mir war. Es brütete ein Wahnsinn in mir, und sie konnte ihn heraufbeschwören, sooft sie wollte. Ich dachte gewöhnlich, wenn ich in diesen Zustand verfiel, die Leute seien alle wegen meiner frühern Jugend mir feindlich gesinnt; und je freundlicher sie gegen mich waren, desto schlimmer fand ich sie. Ich setzte mir in den Kopf, daß sie über mich triumphierten, und daß sie mich neidisch auf sich machen wollten, während ich weiß – was ich selbst damals wußte, wenn ich ehrlich sein wollte –, daß sie nie an dergleichen gedacht. Und meine hübsche junge Herrin ist nicht so glücklich, als sie zu sein verdient, und ich bin von ihr weggelaufen. Für wie schlecht und roh sie mich halten muß! Aber wollen Sie ein Wort für mich bei ihr einlegen und sie bitten, so versöhnlich zu sein, als Sie beide sind? Denn ich bin nicht so schlecht, wie ich war«, sagte Tattycoram zu ihren Gunsten. »Ich bin sehr schlecht, aber doch nicht so schlecht wie ich war. Wahrhaftig nicht! Ich hatte die ganze Zeit Miß Wade vor Augen, als mein zur Reife gekommenes Ich – das alles nach der schlimmen Seite wendet und Gutes in Böses verwandelt hat. Ich habe sie die ganze Zeit vor mir gehabt, wie sie an nichts Vergnügen fand, als mich zu einem ebenso elenden, mißtrauischen und selbstquälerischen Wesen zu machen, wie sie selbst eines ist. Nicht daß ihr das große Mühe gekostet hätte«, rief Tattycoram in einem letzten Ausbruch reuevollen Schmerzes, »denn ich war so schlimm wie nur möglich. Ich will nur sagen, daß, nach dem, was ich durchgemacht, ich hoffe, nie wieder ganz so schlimm zu werden, und langsam Fortschritte zum Bessern zu machen glaube. Ich will mir alle Mühe geben. Ich will nicht bei fünfundzwanzig stehen bleiben, Sir. Ich will bis fünfundzwanzighundert, bis fünfundzwanzigtausend zählen!« Die Tür öffnete sich wieder, und Tattycoram schwieg, und Klein-Dorrit trat ein, und Mr. Meagles brachte mit Stolz und Freude die Kiste herbei, und ihr sanftes Gesicht strahlte von Dank und Freude und Glück. Das Geheimnis war jetzt in Sicherheit! Sie konnte ihm ihren eigenen Anteil daran verschweigen; er sollte nie ihren Verlust erfahren; in spätern Zeiten sollte er alles wissen, was von Wichtigkeit für ihn sein konnte; aber er sollte niemals erfahren, was nur sie allein betraf. Das war alles vorbei, vergeben und vergessen. »Nun, meine liebe Miß Dorrit«, sagte Mr. Meagles, »ich bin ein Geschäftsmann – oder war es wenigstens –, und ich will sogleich in dieser Richtung meine Maßregeln treffen. Wäre es nicht besser, wenn ich Arthur noch heute abend spräche?« »Ich glaube nicht, daß es heute abend gut wäre. Ich will nach seinem Zimmer gehen und sehen, wie er sich befindet.« »Da haben Sie ganz recht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »und deshalb bin ich ihm auch nicht näher gekommen als bis in dies ungemütliche Zimmer. Ich werde ihn wohl in der nächsten Zeit noch nicht zu sehen bekommen. Aber ich werde Ihnen auseinandersetzen, wenn Sie wiederkommen, was ich meine.« Sie verließ das Zimmer. Mr. Meagles blickte ihr durch das Gefängnisgitter nach und sah sie aus dem Schließerhäuschen unten in den Gefängnishof treten. Dann sagte er sanft: »Tattycoram, komme einen Augenblick zu mir, mein gutes Kind.« Sie trat zu ihm ans Fenster. »Du siehst die junge Dame, die eben hier war – die kleine, stille, zarte Gestalt, die dort geht, Tatty? Sieh. Die Leute treten beiseite, um sie vorüberzulassen. Die Männer – sieh die armen, schäbigen Burschen – ziehen höflich vor ihr den Hut ab, und nun schlüpft sie dort in den Torweg. Siehst du sie, Tattycoram?« »Ja, Sir.« »Ich hörte sagen, Tatty, daß man sie einst gewöhnlich das Kind dieses Ortes hieß. Sie wurde hier geboren und lebte viele Jahre hier. Ich kann hier nicht atmen. Ein trauriger Ort, um hier geboren zu werden und aufzuwachsen, nicht wahr, Tattycoram?« »Gewiß, Sir!« »Wenn sie immer an sich gedacht und sich der Ansicht hingegeben, daß jedermann ihr den Ort entgelten lasse, ihn ihr zum Vorwurf mache und ihr vorhalte, so würde sie ein sehr gereiztes und wahrscheinlich nutzloses Dasein geführt haben. Aber ich habe mir sagen lassen, Tattycoram, daß ihr junges Leben voll tätiger Resignation, voll Güte und edler Dienstbereitwilligkeit gewesen sei. Soll ich dir sagen, was diese Augen, die soeben hier waren, meiner Meinung nach beständig als ihr Ziel betrachtet, um diesen Ausdruck zu bekommen?« »Ja, wenn Sie so gut sein wollen, Sir.« »Die Pflicht, Tattycoram. Fange frühzeitig damit an und erfülle sie nach strengem Gewissen; und nichts, in welchem Stande wir geboren sind oder in welcher Stellung wir leben, wird gegen uns vor dem Allmächtigen oder vor uns auftreten.« Sie blieben am Fenster stehen, nachdem die Mutter zu ihnen getreten war, und bemitleideten die Gefangenen, bis man sie zurückkommen sah. Sie war bald in dem Zimmer und bat, Arthur, den sie ruhig und gefaßt verlassen hatte, diesen Abend nicht zu besuchen. »Gut!« sagte Mr. Meagles heiter. »Ich zweifle nicht, daß es das beste ist. Ich werde Ihnen, meine süße Pflegerin, Grüße für ihn auftragen, und ich weiß, daß sie in keinen besseren Händen sein können. Ich reise morgen früh wieder ab.« Klein-Dorrit fragte ihn verwundert: »Wohin?« »Meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »ich kann nicht leben, ohne zu atmen. Dieser Ort hat mir den Atem benommen, und ich werde nicht früher aus voller Brust Luft schöpfen, als bis ich Arthur hier heraushabe.« »Inwiefern ist das ein Grund, morgen früh wieder abzureisen?« »Sie werden es gleich einsehen«, sagte Mr. Meagles. »Diese Nacht bleiben wir alle drei in einem City-Hotel. Morgen früh werden Mutter und Tattycoram hinunter nach Twickenham gehen, wo Mrs. Tickit, die mit Dr. Buchan neben sich am Wohnzimmerfenster sitzt, sie für ein paar Gespenster halten wird; und ich verreise wieder, um Doyce aufzusuchen. Wir müssen Dan hier haben. Ich will Ihnen sagen, meine Liebe, es ist unnütz, zu schreiben und Pläne zu machen und zu spekulieren über dies und das und jenes und alles aufs Ungewisse und unsichere, wir müssen Doyce hier haben. Vom morgenden Tag an, wenn die Sonne aufgeht, soll es meine Aufgabe sein, Doyce hierherzubringen. Es ist eine Kleinigkeit für mich, ihn ausfindig zu machen. Ich bin ein alter Reisender, und alle fremden Sprachen und Gebräuche sind mir gleich – ich habe nie etwas davon verstanden. Deshalb kann ich auch in keine Ungelegenheiten kommen. Gehen muß ich auf der Stelle, das ist klar; weil ich nicht leben kann, ohne frei zu atmen: und ich kann nicht frei atmen, bis Arthur aus diesem Marschallgefängnis heraus ist. Ich ersticke beinahe in diesem Augenblick und habe kaum Atem genug, um dies zu sagen und Ihnen diese kostbare Kiste die Treppe hinabzubringen.« Sie kamen in die Straße, als die Glocke zu läuten begann: Mr. Meagles trug die Kiste. Klein-Dorrit hatte keinen Wagen, was ihn ziemlich überraschte. Er rief eine Kutsche für sie herbei, und sie stieg ein; er stellte die Kiste neben sie, als sie sich gesetzt hatte. In ihrer Freude und Dankbarkeit küßte sie ihm die Hand. »Das gefällt mir nicht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles. »Es widerstrebt meinem Gefühl von dem, was recht ist, daß Sie mir diese Huldigung erweisen – hier am Tore des Marschallgefängnisses.« Sie beugte sich vor und küßte ihn auf die Wange. »Sie erinnern mich an frühere Tage«, sagte Mr. Meagles und verfiel plötzlich in einen ernsteren Ton, »aber sie hat ihn sehr lieb und verbirgt seine Fehler und denkt, niemand sieht sie – und er hat außer allem Zweifel vornehme Verbindungen und ist von guter Familie.« Es war der einzige Trost, den er für den Verlust seiner Tochter hatte, und wenn er ihn soviel wie möglich ausbeutete, wer könnte ihn darob tadeln? Vierunddreißigstes Kapitel. Ende An einem schönen Herbsttag lauschte der Gefangene im Marshalsea, noch schwach, aber sonst genesen, einer Stimme, die ihm vorlas. Es war ein froher Herbsttag, wo die goldenen Felder geerntet und wieder gepflügt werden, wo die Sommerfrüchte gereift und gebleicht sind, wo die grünen Gassen der Hopfenstangen von den fleißigen Lesern umgestürzt waren, wo die Äpfel in Büscheln rotbäckig und die Beeren der Eberesche purpurn zwischen dem gelben Laub hervorsahen. Im Walde konnte man schon Spuren des nahenden rauhen Winters sehen in den ungewohnten Öffnungen des Laubgewölbes, wo die Aussicht sich klar und bestimmt zeigte, ohne den Duft des schläfrigen Sommerwetters, der darauf lag wie der Reif auf einer Pflaume. Und auch am Strand schlummerte der Ozean nicht mehr in der Hitze; seine tausend funkelnden Augen standen offen, und sein ganzer Atem war freudiges Leben, von dem kühlen Sand am Ufer bis zu den kleinen Segeln am Horizont, die dahintrieben wie herbstlich gefärbte Blätter, die von den Bäumen herabwirbelten. Unveränderlich und kahl, gleichgültig alle Jahreszeiten mit dem stieren, hagern Gesicht der Armut und Not ansehend, hatte das Gefängnis auch nicht eine Spur von all diesen Schönheiten an sich. Mochte blühen, was da wollte, seine Mauern und Gitter trugen immer dieselben toten Halme. Aber Clennam vernahm, während er der Stimme lauschte, die ihm vorlas, in ihr alles, was die große Natur schafft, alle die versöhnenden Lieder, die sie dem Menschen singt. An keiner andern Mutter Knie als an dem ihrigen hatte er je in der Jugend bei hoffnungsvollen Versprechungen, bei heitern Träumen, bei den reichen Ernten von Liebe und Demut verweilt, die in dem frühzeitig gepflegten Samen der Phantasie verborgen liegen; oder an den Eichen, die uns vor verheerenden Winden schützen und deren starke Wurzeln in dem Keim von Ammenstubeneicheln ruhen. Aber in den Tönen der Stimme, die ihm vorlas, lagen Erinnerungen an alte Empfindungen solcher Dinge und Echos jedes barmherzigen und liebevollen Geflüsters, das sich jemals in seinem Leben zu ihm geschlichen hatte. Als die Stimme schwieg, legte er die Hand über seine Augen und murmelte, daß das Licht ihn blende. Klein-Dorrit legte das Buch weg und stand sogleich auf, um das Fenster zu verhängen. Maggy saß an ihrem alten Platz bei der Arbeit. Als das Licht gedämpft war, rückte Klein-Dorrit den Stuhl näher zu ihm. »Das wird nun bald vorüber sein, lieber Mr. Clennam, Nicht nur sind Mr. Doyces Briefe an Sie so freundschaftlich und ermutigend, sondern Mr. Rugg sagt auch, seine Briefe an ihn äußerten sich hilfsbereit, und jedermann spreche (nachdem das bißchen Ärger vorüber ist) sich so rücksichtsvoll und gut über Sie aus, daß es jetzt bald vorüber sein werde.« »Liebes Mädchen. Teures Herz. Guter Engel!« »Sie sprechen viel zu gut von mir. Und doch ist es ein so süßes Gefühl für mich, Sie so warm von mir reden zu hören und dabei – zu sehen«, sagte Klein-Dorrit, indem sie ihre Augen zu ihm erhob, »wie es aus tiefster Seele kommt, daß ich nicht sagen kann: Tun Sie es nicht.« Er hob ihre Hand an seine Lippen. »Sie waren hier viele, viele Male, wo ich Sie nicht gesehen habe, Klein-Dorrit.« »Ja, ich war hier manchmal, ohne in dies Zimmer gekommen zu sein.« »Sehr oft?« »Ziemlich oft«, sagte Klein-Dorrit schüchtern. »Jeden Tag?« »Ich denke«, sagte Klein-Dorrit nach einigem Zögern, »daß ich wenigstens zweimal täglich hier war.« Er hätte die kleine leichte Hand loslassen können, nachdem er sie glühend geküßt, wenn sie nicht durch das zarte Verweilen, wo sie war, ihn aufzufordern schien, sie zu behalten. Er nahm sie in seine beiden Hände und legte sie sanft an seine Brust. »Liebe Klein-Dorrit, nicht nur meine Gefangenschaft ist es, die bald vorüber sein wird, sondern auch Ihr Opfer muß ein Ende nehmen. Wir müssen lernen, zu scheiden und unsere gesonderten Wege zu gehen. Sie haben nicht vergessen, was wir zusammen gesprochen haben, als Sie in die Heimat zurückkehrten?« »O nein, ich habe es nicht vergessen. Aber etwas – Sie fühlen sich heute recht wohl, nicht wahr?« »Recht wohl.« Die Hand, die er hielt, näherte sich ein wenig mehr seinem Gesicht. »Fühlen Sie sich stark genug, um zu erfahren, was für ein großes Vermögen ich erhalten?« »Ich werde mich freuen, es zu vernehmen. Kein Vermögen kann zu groß oder zu gut für Klein-Dorrit sein.« »Ich wartete lange auf den Augenblick, wo ich es Ihnen sagen könnte. Ich habe mich seit lange gesehnt, es Ihnen zu sagen. Wissen Sie ganz gewiß, daß Sie es nicht annehmen werden?« »Nie!« »Sie wissen ganz gewiß, daß Sie nicht die Hälfte annehmen werden?« »Nie, liebe Klein-Dorrit.« Wie sie ihn so schweigend ansah, lag etwas in ihrem liebevollen Gesicht, das er nicht ganz verstand; ein Etwas, das in einem Augenblick hätte in Tränen ausbrechen können und dennoch glücklich und stolz war. »Es wird Ihnen leid tun, zu hören, was ich Ihnen von Fanny zu sagen habe. Die arme Fanny hat alles verloren. Alles, was ihr Papa bei der Verheiratung gab, ist verloren, wie Ihr Geld verlorenging. Es befand sich in denselben Händen und ist verloren.« Arthur war von dieser Nachricht mehr erschüttert als überrascht. »Ich hatte gehofft, es wäre nicht so schlimm«, sagte er, »aber ich hatte bei der Verwandtschaft zwischen ihrem Gatten und dem Bankerottierer einen schweren Verlust befürchtet.« »Ja. Es ist alles verloren. Fanny tut mir sehr leid; sehr leid, sehr leid, sehr leid, die arme Fanny. Auch mein armer Bruder.« »Hatte er gleichfalls Geld in diesen Händen?« »Ja. Und es ist alles verloren. Wie groß glauben Sie wohl, daß mein eigenes Vermögen ist?« Als Arthur, von einer neuen Ahnung erfaßt, sie fragend ansah, zog sie ihre Hand weg und legte ihr Gesicht an den Ort, wo jene geruht. »Ich habe nichts in der Welt. Ich bin so arm, wie da ich hier gewohnt. Als Papa nach England herüberkam, vertraute er alles, was er besaß, denselben Händen an, und es ist alles verloren. Oh, liebster und bester Mann, wissen Sie jetzt ganz gewiß, daß Sie mein Vermögen nicht mit mir teilen wollen?« In seine Arme geschlossen, an sein Herz gepreßt, mit seinen Mannestränen auf ihren Wangen, legte sie ihre zarte Hand um seinen Hals und schlang sie dort in die andere. »Nie scheiden wir wieder, liebster Arthur; nie wieder bis zum letzten Augenblick! Ich war noch nie so reich, noch nie so stolz, noch nie so glücklich wie jetzt. Ich bin reich, da du mich nimmst, ich bin stolz, daß du mir entsagtest, ich bin glücklich, daß ich mit dir in diesem Gefängnis bin, wie ich glücklich sein würde, wenn ich mit dir hierher zurückkehren könnte, wenn es der Wille Gottes wäre, um dich mit all meiner Liebe und Wahrheit zu trösten und zu pflegen. Ich gehöre dir in allem und überall! Ich liebe dich von Herzen! Ich möchte lieber hier mein Leben mit dir verbringen und täglich in die Stadt gehen, um für unser Brot zu arbeiten, als das größte Vermögen haben, das man je gekannt, und die größte Dame sein, der man je gehuldigt hat. Oh, wenn der arme Papa jetzt nur wissen könnte, wie glücklich endlich mein Herz in diesem Zimmer ist, wo er so viele Jahre gelitten!« Maggy hatte natürlich vom ersten Augenblick die Augen weit aufgerissen und sich die Augen lange vor diesen Worten ausgeweint. Maggy war jetzt so überglücklich, daß sie ihre kleine Mutter ungestüm umarmte und dann die Treppe hinuntertanzte, um irgend jemanden zu finden, dem sie ihres Herzens Freude mitteilen könnte. Wem konnte Maggy anders begegnen als Flora und Mr. Finchings Tante, die gerade im rechten Augenblick eintraten? Und wen anders konnte Klein-Dorrit infolge dieser Begegnung auf sich warten finden, als sie volle zwei bis drei Stunden später ausging? Floras Augen waren ein wenig rot, und sie schien nicht sonderlich guter Stimmung. Mr. Finchings Tante war so steif, daß sie aussah, als ob man sie nicht mehr bewegen könnte, außer mit Anwendung von großen mechanischen Kräften. Ihr Hut stand hinten in schrecklicher Weise in die Höhe, und ihr steinharter Strickbeutel war so starr, als wäre er durch das Haupt der Medusa versteinert und hätte es jetzt eingepackt. Mit diesen imposanten Eigenschaften war Mr. Finchings Tante, die auf den Stufen der Amtswohnung des Marschalls saß, in jenen zwei bis drei Stunden den jüngern Bewohnern der Nachbarschaft ein großer Genuß gewesen, indem sie, die humoristischen Ausfälle derselben von Zeit zu Zeit mit der Spitze ihres Regenschirms zurückweisend, sich sehr erhitzt hatte. »Ich fühle wirklich recht schmerzlich Miß Dorrit«, sagte Flora, »daß es als eine Zudringlichkeit erscheinen muß wenn ich Ihnen, die an Vermögen so weit über mir steht und der von der besten Gesellschaft so sehr gehuldigt wird, den Vorschlag mache sich mit mir an einen Ort zu begeben selbst wenn es kein Pastetenbäckerladen der weit unter Ihrer gegenwärtigen Stellung steht und ein hinteres Zimmer wäre obgleich ein höflicher Mann aber wenn ich um Arthurs willen – kann es nicht überwinden obgleich es unschicklicher ist als früher Doyce und Clennam – eine letzte Bemerkung machen eine letzte Erklärung abgeben möchte so würde vielleicht Ihr gutes Herz unter dem Vorwand von drei Nierenpasteten den bescheidenen Ort der Unterhaltung entschuldigen.« Diese ziemlich dunkle Rede richtig auslegend, erwiderte Klein-Dorrit, daß sie ganz zu Floras Diensten stehe. Flora führte sie deshalb über die Straße nach dem fraglichen Pastetenbäckerladen; Mr. Finchings Tante schritt hinterher und setzte sich mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache wert gewesen, der Gefahr aus, überfahren zu werden. Als die drei »Nierenpasteten«, die als Vorwand für die Unterhaltung dienen sollten, auf drei kleinen Zinnplatten vor sie gesetzt waren, jede Pastete oben mit einer Öffnung geziert, in die der höfliche Mann heiße Bouillon aus einer mit einer Schnauze versehenen Kanne goß, als ob er drei Lampen speiste, nahm Flora ihr Taschentuch heraus. »Wenn die schönen Träume der Phantasie«, begann sie, »mir jemals vorgespiegelt daß wenn Arthur – kann es nicht überwinden bitte entschuldigen Sie mich – wieder frei wäre selbst eine Pastete die so wenig frisch ist wie die gegenwärtige und so wenig Niere hat daß sie in dieser Hinsicht wie eine zerhackte Muskatnuß aussieht würde nicht unannehmbar erscheinen wenn die Hand wahrer Achtung sie darböte so sind solche Träume längst dahin und alles ist vorbei aber da ich weiß daß zärtlichere Beziehungen in Aussicht stehen so bitte ich sagen zu dürfen daß ich von Herzen beiden alles Glück wünsche und an keinem von beiden im mindesten etwas auszusetzen habe es mag wohl peinlich sein zu wissen daß ehe die Hand der Zeit mich viel weniger schlanker als früher gemacht und bei der geringsten Anstrengung schrecklich rot namentlich nach dem Essen wo wie ich wohl weiß es die Form von Hitzblattern annahm es hätte geschehen können aber durch das Dazwischentreten der Eltern nicht geschah und es trat eine geistige Gefühllosigkeit ein bis Mr. Finching den geheimnisvollen Schlüssel brachte so möchte ich doch nicht ungroßmütig gegen beide sein und ich wünsche beiden von Herzen Glück.« Klein-Dorrit nahm ihre Hand und dankte ihr für all ihre frühere Güte. »Nennen Sie es nicht Güte«, versetzte Flora, indem sie ihr einen ehrlichen Kuß gab, »denn Sie waren immer das beste und liebste kleine Ding das je existierte wenn ich mir die Freiheit nehmen darf und selbst im Geldpunkte eine Ersparnis da Sie das Gewissen selbst waren obgleich ich hinzufügen muß viel angenehmer als meines jemals für mich war obschon ich hoffe daß es nicht mit größeren Sünden beladen sei als das von andern so habe ich es doch immer bereitwilliger gefunden einem das Leben unangenehm statt angenehm zu machen und offenbar das erstere lieber – aber ich schweife da wieder ab eine Hoffnung wünsche ich auszusprechen ehe die letzte Szene spielt und die ist daß ich hoffe um der alten Zeit und der alten Aufrichtigkeit willen soll Arthur erfahren daß ich ihn in seinem Unglück nicht verlassen habe sondern beständig dort aus- und eingegangen bin um mich zu erkundigen ob ich irgend etwas für ihn tun könnte und daß ich in dem Pastetenbäckerladen saß wo sie sehr höflich etwas Warmes für mich in einem Glase aus dem Hotel herbeiholten und es war wirklich sehr hübsch eine Stunde um die andere ihn über die Straße zu besuchen ohne daß er es wußte.« Flora hatte wirklich in diesem Augenblick Tränen in den Augen, und sie standen ihr sehr gut. »Außerdem«, sagte Flora, »bitte ich Sie inständig als das herzigste Ding das es jemals gab die Vertraulichkeit einer Person zu entschuldigen die sich in ganz andern Kreisen bewegt wenn ich Sie bitte Arthur zu verstehen zu geben daß ich nach allem doch nicht wisse ob es lauter dummes Zeug zwischen uns war obgleich angenehm und auch versuchungsvoll und gewiß hat Mr. Finching eine Veränderung zuwege gebracht und nachdem der Zauber zerbrochen war konnte natürlich nichts herauskommen ohne ihn neu zu weben was zu verhindern sich verschiedene Umstände vereinigten von denen vielleicht nicht der unwichtigste der war daß es nicht sein sollte ich möchte jedoch nicht sagen daß ich nicht froh gewesen wenn es Arthur angenehm gewesen und sich im ersten Augenblick auf natürliche Weise gemacht hätte denn ich bin von lebhafter Natur und langweile mich zu Hause wo Papa gewiß der ärgerlichste Mensch von der Welt ist und sich auch seit der Zeit nicht gebessert da er von der Hand des Aufwieglers zu einem Wesen zusammengeschnitten worden ist wie ich in meinem ganzen Leben nichts Ähnliches sah; Eifersucht liegt jedoch nicht in meinem Charakter so wenig als Mißgunst obgleich ich viele Fehler habe.« Ohne ganz imstande zu sein, Mrs. Finching durch dieses Labyrinth zu folgen, verstand Klein-Dorrit doch, was sie meinte, und übernahm mit herzlicher Bereitwilligkeit diesen Auftrag. »Der verwelkte Kranz meiner Liebe«, sagte Flora mit großem Genuß, »ist nun zerrissen die Säule ist gefallen und die Pyramide steht verkehrt auf ihrem wie heißt es nur nennen Sie es nicht Unbeständigkeit nennen Sie es nicht Schwäche nennen Sie es nicht Torheit ich muß mich jetzt in die Einsamkeit zurückziehen und darf nicht mehr auf die Asche verschwundener Freuden blicken sondern mir nur noch die Freiheit nehmen für die Pasteten zu bezahlen die den bescheidenen Vorwand für unsere Unterhaltung gebildet haben und dann Ihnen auf ewig Lebewohl sagen!« Mr. Finchings Tante, die ihre Pastete mit großer Feierlichkeit verzehrt und über einer herzzerreißenden Anklageschrift gebrütet hatte, seitdem sie zuerst die öffentliche Stellung auf den Stufen der Marschallswohnung eingenommen, ergriff nun diese Gelegenheit, folgende sibyllinischen Worte an die Witwe ihres verstorbenen Neffen zu richten. »Bringt ihn her und ich will ihn zum Fenster hinauswerfen!« Flora suchte vergeblich die ausgezeichnete Frau zu besänftigen, indem sie ihr erklärte, daß sie zum Essen nach Hause gingen. Mr. Finchings Tante bestand auf ihrem: »Bringt ihn her und ich will ihn zum Fenster hinauswerfen!« Nachdem sie dieses Verlangen unzählige Male mit einem festen und herausfordernden Blick auf Klein-Dorrit wiederholt hatte, faltete Mr. Finchings Tante die Arme und setzte sich in eine Ecke des Pastetenbäckerladens, indem sie sich standhaft weigerte, dort wegzugehen, bis »er hergebracht« wäre und sie ihn zum Fenster hinausgeworfen hätte. In dieser Lage vertraute Flora Klein-Dorrit an, daß sie Mr. Finchings Tante so lebenskräftig und charakterfest seit Wochen nicht gesehen; daß sie es notwendig finde, vielleicht »stundenlang« hierzubleiben, bis die unerbittliche alte Frau besänftigt werden könnte, und daß sie am besten mit ihr fertig werden würde. Sie schieden deshalb in der freundschaftlichsten Weise und mit den freundlichsten Gefühlen von beiden Seiten. Da Mr. Finchings Tante wie eine grollende Festung aushielt und Flora sich nach einer Erfrischung sehnte, so wurde ein Bote nach dem bereits erwähnten Glase in das Hotel geschickt, das später noch einmal gefüllt wurde. Mit Hilfe seines Inhalts, einer Zeitung und dem Abrahmen des Pastetenvorrats brachte Flora den übrigen Teil des Tages in vollkommen gutem Humor zu; obgleich sie bisweilen durch die Folge eines leeren Gerüchtes gequält wurde, das unter der leichtgläubigen Jugend der Nachbarschaft zirkulierte, daß nämlich eine alte Frau sich dem Pastetenbäcker zum Verarbeiten verkauft und jetzt in dem Pastetenladen sitze, beharrlich sich weigernd, ihren Kontrakt zu erfüllen. Dies zog so viele junge Leute beiderlei Geschlechts herbei und verursachte, als der Abend hereinbrach, so viel Störungen in dem Geschäft, daß der Pastetenhändler endlich mit seinem Vorschlag, Mr. Finchings Tante fortzuschaffen, sehr dringend wurde. Man brachte deshalb einen Wagen vor die Tür, in den einzusteigen sich diese merkwürdige Frau durch die gemeinschaftlichen Bemühungen des Pastetenhändlers und Floras endlich bewegen ließ. Obschon nicht ohne auch dann noch den Kopf zum Fenster hinauszustecken und zu verlangen, daß man ihn zu dem ursprünglich erwähnten Zwecke »herbeibringe«. Da sie bei diesen Worten giftige Blicke nach dem Marschallgefängnis schoß, so war man der Meinung, daß diese wunderbar konsequente Frau unter diesem »ihn« Arthur Clennam verstand. Dies ist jedoch bloße Vermutung; wer die Person war, die zur Beruhigung von Mr. Finchings Tante hätte hergebracht werden sollen und niemals hergebracht wurde, wird nie mit Bestimmtheit bekannt werden. Die Herbsttage dauerten noch fort, und Klein-Dorrit kam jetzt nie nach dem Marschallgefängnis und ging nie weg, ohne ihn gesehen zu haben. Nein, nein, nein. Eines Morgens, als Arthur horchte, ob die leichten Füße nicht kämen, die jeden Morgen beschwingt zu seinem Herzen kamen und den himmlischen Glanz einer neuen Liebe in das Zimmer brachten, wo die alte Liebe sich so eifrig gemüht und so treu gewesen, – eines Morgens, als er so lauschte, hörte er sie kommen, jedoch nicht allein. »Lieber Arthur«, sagte ihre heiter klingende Stimme schon vor der Tür, »ich habe jemanden mitgebracht, darf ich ihn hereinführen?« Nach den Tritten hatte er geglaubt, es seien zwei mit ihr gekommen. Er antwortete »Ja«, und sie trat mit Mr. Meagles ein. Sonngebräunt und vergnügt sah Mr. Meagles aus, und er öffnete seine Arme und umschlang Arthur wie ein sonngebräunter und vergnügter Vater. »Nun ist alles in Ordnung«, sagte Mr. Meagles nach einer Minute. »Nun ist alles vorbei. Arthur, mein lieber Junge, gestehen Sie nur, daß Sie mich früher erwartet haben.« »Allerdings«, versetzte Arthur; »aber Amy sagte mir –« »Klein-Dorrit. Nie einen andern Namen.« (Sie war es, die ihm das zuflüsterte.) » – aber meine Klein-Dorrit sagte mir, daß ich, ohne weitere Erklärung zu verlangen, Sie nicht eher erwarten sollte, als bis ich Sie sähe.« »Und nun sehen Sie mich, mein Junge«, sagte Mr. Meagles und schüttelte ihm derb die Hand; »und nun sollen Sie alle und jede Erklärung haben. Ich war nämlich hier – kam direkt von den Alloners und Marschoners, sonst würde ich mich geschämt haben, Ihnen heute ins Gesicht zu sehen –, aber Sie waren damals nicht zu haben und ich mußte gleich wieder fort, um Doyces habhaft zu werden.« »Der arme Doyce«!« seufzte Arthur. »Geben Sie ihm keine Namen, die er nicht verdient«, sagte Mr. Meagles. »Er ist nicht arm; er befindet sich in ganz guten Verhältnissen. Drüben auf dem Kontinent ist Doyce ein ganz wunderbarer Kerl. Ich versichere Sie, er zeigt dort, was er wert ist. Er ist auf seine Beine gefallen, dieser Dan. Wo sie etwas nicht getan haben wollen und einen Mann finden, der es tun kann, da ist er nicht auf dem rechten Fleck. Aber wo sie etwas getan haben wollen und den Mann finden, der es tut, da ist er auf dem rechten Fleck. Sie werden keine Veranlassung mehr haben, das Circumlocution Office zu belästigen. Ich will Ihnen ganz einfach sagen, Dan ist auch ohnehin vorwärtsgekommen.« »Welch eine Last Sie mir vom Herzen nehmen!« rief Arthur. »Wie glücklich Sie mich machen!« »Glücklich«, versetzte Mr. Meagles. »Sprechen Sie mir nicht von Glück, bis Sie Dan sehen. Ich versichere Sie, Dan leitet dort drüben Arbeiten und führt Werke aus, daß Ihnen die Haare zu Berge stünden, wenn Sie's sähen. Er ist jetzt kein Verbrecher am Staate mehr, bewahre nicht! Er bekommt Medaillen und Bänder und Sterne und Kreuze, und ich weiß nicht was alles, wie ein geborner Edelmann. Aber Sie dürfen hier in England nicht davon sprechen.« »Warum nicht?« »Nun, Sie wissen ja!« sagte Mr. Meagles, indem er sehr ernst den Kopf schüttelte, »er muß, wenn er hier herüberkommt, alle diese Sachen hinter Schloß und Riegel verbergen. Es geht hier nicht. In dieser speziellen Sache ist Britannia wie eine Klein-Dorrit im Brautkleide Britannia in der Speisenkammer – will ihren Kindern selbst keine solche Auszeichnung geben und will sie auch nicht zeigen lassen, wenn andre Länder sie geben. Nein, nein, Dan!« sagte Mr. Meagles wieder kopfschüttelnd. »Das ginge hier nicht.« »Wenn Sie mir das Doppelte meines Verlustes gebracht hätten«, rief Arthur!, »so würden Sie mir (außer um Doyces willen) nicht solche Freude gemacht haben als durch diese Nachricht.« »Nun, natürlich, natürlich«, stimmte Mr. Meagles bei. »Natürlich weiß ich das, mein Bester, und deshalb mußte ich auch gleich im ersten Augenblick damit herausplatzen. Aber um wieder darauf zurückzukommen, daß ich Doyces habhaft zu werden suchte. Ich fand Doyce. Ich stieß auf ihn unter einem Haufen jener schmutzigen braunen Hände in Frauennachtmützen, die ihnen viel zu groß sind und sich Araber heißen, oder irgendein solcher verzettelter Stamm sind. Sie kennen sie ja! Nun! Er kam direkt auf mich zu, und ich ging direkt auf ihn zu, und so sind wir beide zurückgekommen.« »Doyce in England?« rief Arthur. »Da haben wir's«, sagte Mr. Meagles und breitete seine Arme auseinander. »Ich bin der ungeeignetste Mensch zu einer solchen Geschichte. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich Diplomat gewesen wäre – vielleicht hätt' ich's recht, gemacht! Das Lange und das Kurze von der Sache ist, Arthur, daß wir beide seit vierzehn Tagen in England sind. Und wenn Sie weiter fragen, wo Doyce jetzt ist, nun, so lautet meine einfache Antwort: – Hier ist er! Und nun kann ich endlich wieder atmen!« Doyce sprang hinter der Tür hervor, ergriff Arthur bei beiden Händen und sagte das übrige selbst. »Meine Sache, die ich vorbringen wollte, hat nur drei Teile, mein lieber Clennam«, sagte Doyce, indem er sie nebeneinander mit seinem plastischen Daumen auf die Fläche seiner Hand zeichnete, »und sie sind bald abgemacht. Erstlich nicht ein Wort von dem, was geschehen ist. Es war ein Irrtum in Ihrer Berechnung. Ich weiß, was das heißen will. Es greift die ganze Maschine an, die infolgedessen nicht gehen kann. Sie werden aus dem gemachten Fehler Nutzen ziehen und ihn zum zweiten Male vermeiden. Ich habe selbst bei der Konstruktion Ähnliches getan. Jeder Fehler lehrt uns etwas, wenn wir lernen wollen; und Sie sind ein viel zu verständiger Mann, um nicht aus diesem Fehler zu lernen. Soviel fürs erste. Zweitens. Ich bedauerte, daß Sie es sich so sehr zu Herzen genommen und sich so schwere Vorwürfe gemacht haben. Ich reiste Tag und Nacht, um mit der Unterstützung unseres Freundes die Sache in Ordnung zu bringen, als ich unserem Freunde begegnete, wie er Ihnen sagte. Drittens: Wir beide waren der Ansicht, daß, nach dem, was Sie gelitten haben, nach Ihrem Kummer und nach Ihrer Krankheit, es eine angenehme Überraschung für Sie sein würde, wenn wir uns soweit still verhalten könnten, bis wir alles ohne Ihr Wissen arrangiert und dann kämen und sagten, daß das Geschäft Ihrer jetzt mehr bedurfte denn je und daß uns beiden als Kompagnons eine neue und glückliche Karriere offenstünde. Dies ist das Dritte. Aber Sie wissen, daß wir immer etwas für die Friktion zugeben, und deshalb habe ich noch einen freien Raum übrig. Mein lieber Clennam, ich setze mein ganzes Vertrauen auf Sie; Sie haben es in Händen, mir ebenso nützlich zu sein, wie ich es in meinen Händen habe oder hatte, Ihnen nützlich zu sein: Ihr alter Platz erwartet Sie und bedarf Ihrer sehr: es gibt nichts, was Sie nur eine halbe Stunde länger hier festhalten könnte.« Es trat eine Pause ein, die nicht früher unterbrochen wurde, als bis Arthur einige Zeit, den Rücken ihnen zugekehrt, am Fenster gestanden und seine künftige kleine Frau zu ihm getreten und bei ihm geblieben war. »Ich machte vorhin eine Bemerkung«, sagte Daniel Doyce, »die ich nun für nicht ganz richtig zu halten geneigt bin. Ich sagte, es gebe nichts, was Sie eine halbe Stunde länger hier festhalten könnte. Täusche ich mich, wenn ich vermute, daß Sie lieber bis morgen früh hierbleiben möchten? Errate ich, ohne sonderlich klug zu sein, wohin Sie direkt aus diesen Mauern und diesem Zimmer gehen möchten?« »Ja, Sie erraten es«, versetzte Arthur. »Es war unser liebster Wunsch.« »Gut denn!« sagte Doyce. »Wenn diese junge Dame mir die Ehre erzeigen will, mich für vierundzwanzig Stunden als ihren Vater zu betrachten, und mit mir nach der St. Paulskirche fahren will, so glaube ich sagen zu können, was wir dort wollen.« Klein-Dorrit und er verließen bald darauf das Zimmer, und Mr. Meagles blieb noch einen Augenblick zurück, um seinem Freunde ein Wort zu sagen. »Ich glaube, Arthur, Sie werden morgen Mutter und mich nicht brauchen; wir wollen wegbleiben. Es möchte Mutter an Pet erinnern; sie ist eine weichherzige Frau, sie bleibt am besten auf dem Landhaus, und ich bleibe bei ihr und leiste ihr Gesellschaft.« Damit schieden sie vorderhand. Und der Tag endigte und die Nacht endigte und der Morgen kam und Klein-Dorrit, einfach gekleidet wie gewöhnlich und ohne andre Begleitung als Maggy, erschien mit dem Sonnenschein im Gefängnis. Wo in der Welt war ein Zimmer so voll stiller Freude! »Mein liebes Kind«, sagte Arthur. »Warum zündet Maggy Feuer an? Wir gehen ja im nächsten Augenblick.« »Ich bat sie darum. Ich habe mir das in den Kopf gesetzt. Ich möchte, daß du mir etwas verbrennest.« »Was?« »Nur dies zusammengelegte Papier. Wenn du es eigenhändig in das Feuer werfen würdest, so wie es ist, so ist meine Grille befriedigt.« »Abergläubisch, liebe Klein-Dorrit. Ist es ein Zauber?« »Es ist alles, was du willst, mein Lieber«, antwortete sie, indem sie mit strahlenden Augen lachte und sich auf die Zehenspitzen erhob, um ihn zu küssen, »wenn du nur meiner Laune genügst, sowie das Feuer in die Höhe flackert.« So standen sie vor dem Feuer und warteten; Clennam hatte den Arm um sie geschlungen, während das Feuer, wie es oft an diesem Ort getan, in Klein-Dorrits Augen glänzte. »Brennt es schon stark genug?« sagte Arthur. »Vollkommen stark genug«, sagte Klein-Dorrit. »Müssen bei dem Zauber auch Worte gesprochen werden?« fragte Arthur, während er das Papier über die Flamme hielt. – »Du kannst sagen (wenn du nichts dawider hast): ›Ich liebe dich!‹«, antwortete Klein-Dorrit. So sagte er denn diese Worte, und das Papier loderte auf. Sie gingen sehr still über den Hof; denn niemand war da, obgleich viele Köpfe verstohlen aus den Fenstern guckten. Nur ein vertrautes Gesicht befand sich in dem Schließerstübchen. Als sie beide es angeredet und viele freundliche Worte mit ihm gewechselt hatten, wandte sich Klein-Dorrit noch einmal, zum letzten Male, nach ihm um, bot ihm ihre Hand und sagte: »Leben Sie wohl, guter John! Ich hoffe. Sie werden sehr glücklich werden. Sie lieber Mensch!« Dann schritten sie die Stufen der nahen St. Georgskirche hinauf und traten an den Altar, wo Daniel Doyce in seiner Funktion als Vater ihrer wartete. Dort stand auch Klein-Dorrits alter Freund, der ihr das Begräbnisregister als Pfühl gegeben: voll von Bewunderung, daß sie doch noch zu ihnen käme, um sich trauen zu lassen. Und sie wurden getraut, während die Sonne durch die gemalte Gestalt unseres Erlösers im Fenster auf sie herabschien. Und sie traten in dasselbe Zimmer, wo Klein-Dorrit nach ihrer Abendgesellschaft geschlummert hatte, um dort in das Trauungsregister sich einzuzeichnen. Dort sah Mr. Pancks (bestimmt, erster Kommis bei Doyce und Clennam und später Geschäftsteilhaber zu werden), den Aufwiegler im friedlichen Freund aufgehen lassend, zur Tür herein, um Zeuge des Aktes zu sein, während er in seiner Galanterie Flora am einen Arm und Maggy am andern führte, mit einem Hintergrunde von John Chivery und dessen Vater und andern Schließern, die auf einen Augenblick herübergelaufen waren und das väterliche Marschallgefängnis verlassen hatten, um sein glückliches Kind zu sehen. Flora zeigte nicht die geringste Spur eines eingezogenen Lebens, trotz ihrer neulichen Erklärung, sondern sah im Gegenteil ungemein frisch und munter aus und hatte eine große Freude an der Zeremonie, wenn auch in einer etwas aufgeregten Weise. Klein-Dorrits alter Freund hielt das Tintenfaß, während sie ihren Namen unterschrieb, und der Küster hielt einen Augenblick inne, als er dem guten Geistlichen den Chorrock abnahm, und alle Zeugen waren mit größtem Interesse bei der Handlung. »Denn Sie müssen wissen«, sagte Klein-Dorrits alter Freund, »diese junge Dame ist eine von unsern Merkwürdigkeiten und ist jetzt bei dem Nach dem Trauungsprotokoll. dritten Bande unserer Register angekommen. Ihre Geburt steht in dem, was ich den ersten Band nenne; sie lag auf diesem Boden mit ihrem hübschen Köpfchen auf dem, was ich den zweiten Band nenne; und nun schrieb sie ihren kleinen Namen als Braut in das, was ich den dritten Band nenne, nun.« Sie traten alle auf die Seite, als das Einschreiben vorüber war, und Klein-Dorrit und ihr Gatte gingen allein aus der Kirche hinweg. Einen Augenblick blieben sie auf den Stufen des Portals stehen, schauten in die frische Perspektive der Straße, die im Morgenstrahl der Herbstsonne glänzte, und stiegen dann hinab. Stiegen hinab in ein bescheidenes Leben voll Nützlichkeit und Glück. Stiegen hinab, um mit der Zeit Fannys vernachlässigten Kindern keine geringere mütterliche Sorgfalt zu widmen als ihren eigenen und diese Dame statt dessen immer und ewig in Gesellschaft gehen zu lassen. Stiegen hinab, um noch einige wenige Jahre Tip zu pflegen, der sich niemals Gewissensbisse über die großen Opfer machte, die er als Ersatz für die Reichtümer verlangte, die er ihr gegeben haben würde, wenn er sie selbst gehabt, und der liebevoll seine Augen vor dem Marschallgefängnis und allen seinen am Wachstum verhinderten Früchten schloß. Sie stiegen still hinab in die lärmenden Straßen, unzertrennlich und glücklich, und wie sie im Sonnenschein und im Schatten dahingingen, eilten und stürmten die Lärmenden und die Geschäftigen, die Anmaßenden und die Eigensinnigen und die Eitlen ungestüm an ihnen vorüber und machten ihr gewöhnliches Getöse.