H. Clauren Der Blutschatz Bei Prelloni waren frische Austern angekommen. Der Kammerrath ließ eiligst ein Umlaufschreiben an die befreundeten Leckermäuler seiner Bekanntschaft ergehen, mit dem Ersuchen, sich diesen Abend bei dem wackern Italiener einzufinden, und Frau und Kind mitzubringen; nahm, als die unerträglich langsame Uhr endlich die achte Stunde verkündete, seine Klotilde an den Arm, und schlenderte fröhlich zum traulichen Schmause. Tausend Stück, Prelloni, zum ersten Anfange. rief beim Eintreten in den stattlich geschmückten Keller der gastliche Fettbauch, und schaute sich schmunzelnd um, denn ihn lüsterte nach den Bayonner Schinken, die riesengroß neben den dutzendweise aufgeknüpften, ellenlangen Eselsfleischwürsten, von der Gewölbdecke herabhingen, und die mitten darunter herabbaumelnden Göttinger und Braunschweiger Prachtexemplare, machten ihm den Mund wässerig und die Wahl schwer; zugleich warf er einen verlangende Blick in die glänzenden Augen eines halb durchgeschnittenen, herrlichen Schweizerkäses, schielte hinab, in die Reize eines geöffneten frischen Kaviarfasses, und rief, das Auge zum Wurst- und Schinkenhimmel andächtiglich gehoben, mit rührender Stimme: Gott was ist deine Welt schön! Klotilde aber zog aus der, eben auf den Ladentisch kommenden großen Terrine, den feinen Duft des Bischofs in die frische Brust, und ergötzte sich an den würzigen geschälten Pomeranzen, die in dem süßen rothen Meere herumschwammen, wie unser Erdball im Ocean. Sie heftete absichtlich den Blick in den Spiegel des aromatischen Bischofblutes, um nicht wieder hinüber zu sehen in den Winkel des Gewölbes; denn da saß an einem gedeckten Tischchen ein junger Grünrock, der kein Auge von ihr verwandte. Ein wildes Gesicht, gelblich und mit Blatternarben bedeckt; das Haar starr und struppig, und im ganzen Wesen etwas Düsteres, Barsches, Trotziges. Hundert Stück Austern, kommandirte er mit einem dröhnenden Basse, daß alle Anwesende sich nach ihm wendeten: und wenn eine darunter ist, die nichts taugt, setzte er, zum Kellner gewendet, hinzu: werf ich Euch alle an den Kopf. Er schielte, nach diesen Worten, über die Achsel wieder nach Klotilden, diese flüchtete aber hinter den Rücken des Vaters, und war froh, daß Einige der für den Abend zusammengeschriebenen Gesellschaft in das Gewölbe traten, mit denen sie, sammt dem Vater, in das bestellte Kabinet ging. Prelloni, wer war denn der? fragte letzterer, als sie, vom Wirthe geführt, in das elegante Kabinet eintraten, der mit der Baßposaune in der Kehle; denke doch, weiß Gott, es fängt der Cyclope Steropes aus dem Schlunde eines feuerspeienden Berges an zu reden. Kann nicht dienen, entgegnete der höfliche Italiener: muß aber ein reicher Herr seyn. Kam gestern Abend mit fünfen seines Kalibers; die aßen männiglich zweihundert Stück Austern und setzten par tète, zwei Flaschen Champagner darauf; heute früh desselben Gleichen, und diesen Mittag hinwiederum; und der Herr mit dem Basse, bezahlt alles in Gold. Hatte der Vater die Blicke des grünröckigen Brummdrüsels bemerkt, mit denen dieser sein Tildchen, wie er das süße Kind gewöhnlich nannte, zu verschlingen drohte? Prelloni's letztes Wort klang ihm recht beifällig; wer 5600 Stück Austern und 36 Flaschen Champagner, mit Prellonischer Kreide berechnet, in 24 Stunden, in blankem Golde bezahlen konnte, mußte des gelben Zeuges im Ueberfluß haben, und ein solcher Eidam – er mußte selbst im Stillen über den weiten Blick lächeln, den er da in das Blaue hinaus that, aber wenn er sich dachte, einmal einen Schwiegersohn zu bekommen, der mit ihm die Liebe zu jenen Schaalthierchen theilte, der für den Knall des Schaumweines gleiche Empfänglichkeit hatte, der, wie hier sichtlich sich zeigte, die Gabe Gottes nicht allein genießen konnte; der sich gewiß eine kindliche Freude daraus machte, vor allen Andern den geliebten Schwiegervater an den reichen Austerbänken seines Ueberflusses schwelgen zu sehen; so – er konnte nicht anders – entzückt über die bloße Möglichkeit einer solchen Zukunft, betrachtete er seine hübsche Klotilde mit Wohlgefallen und drückte ihr den, nach den Kamm-Muscheln wässerigen Mund, lächelnd auf die rosige Wange. Was ist Dir Väterchen? fragte die Holde freundlich; aber der Vater nickte blos schmunzelnd, bestellte, dem eidamlichen Grünrock gleich, ein Dutzend der feinsten Sorten von Ay, und bat die unterdessen vollständig versammelte Gesellschaft, sich zu setzen; man aß und trank und war fröhlich und guter Dinge, und hörte nur mit halbem Ohre auf die salbungvolle Rede des Kammerraths, der sich, das Köstlichste des aufgeblasenen Meeres und Frankreichs auf der Zunge, des Breitern über beides ausließ, und die kleinen Meerungeheuer mit gründlicher Gelehrsamkeit, in Berg-, Sand- und Lehmaustern theilte, den Ersteren, die auf Höhen wohnen, und darum dem Wechsel der Ebbe und Fluth ausgesetzt sind, den Vorzug gab, und die seeländischen, die von Colchester, die Holländischen und Jütländischen, die Triester Pfal-Austern und die Insular-Austern von Venedig, so systematisch kritisirte, daß ihm dabei selbst immer das Wasser im Munde zusammenlief, und er einen drath- und siegelbewahrten Pfropfen nach dem andern, zum Deckengewölbe des paradiesischen Kellers springen ließ, um die unterdessen verschlungene Anzahl der belobten Schaalleckerbissen hinabzuschwemmen. Dankbar pries er des Schöpfers weise Einrichtung, der die Austerbänke mit Millionen dieser Delikatessen besät und ihnen die wohlfeilsten Lebensmittel, ein Bischen Lehmerde und Seegras zur Nahrung angewiesen habe; er schöpfte hieraus die trostreiche Hoffnung, daß es auch der spätesten Nachwelt an dieser Götterspeise nicht fehlen werde; er erlaubte sich gegen die Allweisheit in der Natur nur den einzigen Tadel, daß die Schaalen dieser anbetenswürdigen Seebürger so unnöthig dick und schwer wären, zog nebenbei auf die unmäßig hohen Portosätze der obersten Postbehörde, und auf die unchristliche Accise los, die den Genuß eines Produktes, das wir im Lande ja doch ewig nicht erzeugen könnten, über alle Gebühr vertheuerten, und griff eben zur zweihundert und ersten Auster, als vorn im Laden des Italieners, wo der Grünrock mit seinen Gästen saß, ein von paukenartigem Wirbel begleitetes wildes Vivat-Geschrei ertönte, und Prelloni kurz darauf eintrat und triumphirend berichtete, daß die Herren eben der Mamsell Kammerräthinn Gesundheit getrunken, und dabei, jeder mit zwei vollen Champagnerflaschen auf dem Tische; die Pauken so lange geschlagen hätten, bis sie blos die Hälse der zertrümmerten davon in den Händen behielten. Am ärgsten habe der bewußte Grünrock, der den Toast eigentlich ausbrachte, geschrieen und getrommelt; so daß die Andern selbst gelacht und ihn scherzweise den trojanischen Trompeter Stentor genannt hätten. Der Kammerrath war in der Freude über die seiner Tochter bewiesene Aufmerksamkeit, und im stillen Entzücken, daß er sich in den Blicken des grünen Trompeters nicht irrte, drauf und dran sich durch Prelloni, für die erzeigte Ehre förmlich bedanken zu lassen, und den Toast mit seinem Kreise erwiedern zu wollen; indessen riethen die Vernünftigeren, die wohl abnehmen konnten, daß alsdann das wilde Heer unausbleiblich selbst erscheinen, und ihnen allen vielleicht den ganzen Abend verderben würde, davon ab, und Klotilde, bei dem ganzen Auftritt von sonderbarem Grauen befallen, bat den Vater dringend, das nicht zu thun. Man gab sich von Neuem den Tafelfreuden hin, und der Kammerrath, der in der Kunst, seine Gäste mit verschwenderischer Freigebigkeit fröhlich zu machen, seines Gleichen suchte, schenkte ein, ließ vom Beßten auftragen und ergoß den Zauber seiner rosigsten Laune über den ganzen Zirkel, als wäre es das letzte Freudenmahl, daß er seinen Freunden gebe, als wolle er sich selbst überbieten. Da trat – die Mitternachtstunde war längst schon vorüber – Herr Beifuß, der Supernumerar-Vice-Kontroleur bei der, dem Kammerrath untergebenen General-Kasse, todtenbleich herein und konnte die Bitte, mit ihm zwei Worte allein zu sprechen, kaum herausbringen, so preßte ihm das, was er auf dem Herzen hatte, Brust und Kehle zusammen. Was tausend, Herr Vice-Beifuß! so spät? rief der Kammerrath lachend. Setzen – trinken, fuhr er mit freundlicher Herablassung fort, und schenkte einen rothen Bouzy ihm ein, daß der Schaum über das Glas lief; aber dem jungen Menschen fehlte der Athem, so war er gelaufen. Nur zwei Worte, verehrtester Herr Kammerrath, flüsterte dieser bittend: die Sache ist dringend. Geschäftsachen? fragte der von Lust und Rebenblut halb Berauschte, mit ungewisser Stimme und ging mit dem Unwillkommenen in einen Fensterbogen. Die Marschorder ist heraus, wisperte hier der junge Beifuß in gedrängtester Kürze. Alle Regimenter brechen auf; Alle schreien nach Geld. Für den ersten Augenblick sollen die bereitesten Fonds. wo solche nur irgend befindlich, morgen früh an den Kriegs-Minister überwiesen werden. Sämmtliche Kassen sollen morgen neun Uhr alle ihre Bestände abliefern. Unsere hat nach dem gestrigen Abschlusse 342,000 – – Sämmtliche Ka – Ka –? fiel ihm der Erbebte in das Wort und krampfte sich an den Fensterwirbel fest. Wenn ich gehorsamst bitten darf, fuhr der Unglücksbote fort: so wollen der verehrliche Herr Kammerrath, zur Zeit, von der pflichtmäßigen Mittheilung noch keinen Gebrauch machen. Die Sache soll noch ein Geheimniß bleiben, ich eilte nur her, damit wir morgen bei Zeiten zu zählen anfangen können, und das Geld in Bereitschaft haben, wenn die Herren vom Kassen-Kuratorium und von der Kriegs-Kasse kommen, um unsere Bestände nach den Büchern zu revidiren und die Gelder in Empfang zu nehmen. Geheimniß, stammelte der Kammerrath, wie vom Schlage gelähmt, heimlich nach: aber woher wissen Sie denn darum? Vicebeifüßchen schlug verschämt die Augen nieder, und lispelte: Fiekchen – Fiekchen? fragte der Kammerrath mit schaafähnlichem Blicke, denn im wüsten Kopfe würgte sich Ungeheures durcheinander. Wer ist Fiekchen? Wie kommt die in unsere General-Kasse? – Darin ist selbige wohl nicht, entgegnete Beifuß, von des Kammerraths blutdunkeln Flammenblitzen eingeschüchtert – ich weiß nicht, ob Denenselben das – das Fiekchen bei Geheime Kriegsraths bekannt ist. Das Kammermädchen? brummte der Kammerrath horchend – ja. Bei selbigem habe ich, fuhr der Vicesupernumerar-Kontrolleur entschuldigend fort, und es jammerte ihn, das jahrelang bewahrte Heiligthum seiner stillen Liebe selbst verrathen zu müssen: bei diesem habe ich zuweilen des Abends das kleine Wirthschaftbuch nachzucalculiren, Federposen und das Dintenfäßchen in Ordnung zu halten und solche Keckschooßereien mehr – Weiter, weiter! unterbrach ihn der Kammerrath auf Kohlen. Fiekchen, fuhr Beifuß fort: hatte die Frau Geheime Kriegsräthinn entkleidet, der Herr Geheime Kriegsrath waren zugegen gewesen, hatten mit der Frau Geheimen Kriegsräthinn vom unvermeidlichen Ausbruche des Kriegs gesprochen, dabei des erhaltenen Auftrags erwähnt, in der ganzen Residenz morgen alle Kassenbestände in Empfang zu nehmen, und geäußert, daß das manchen der Herrn Rentanden, die mit ihren Büchern nicht in Ordnung wären, wohl ein etwas schreckhafter Besuch werden dürfte. Solches Alles steckte mir Fiekchen; als sie die Frau Geheime Kriegsräthinn zu Bette gebracht hatte, schleuniglich, weil sie weiß, daß ich das Glück habe, unter den verehrten Herrn Kammerrath, bei der General-Kasse zu arbeiten, und weil der Herr Geheime Kriegsrath im vertraulichen Gespräche mit der Frau Geheimen Kriegsräthinn, quantsweise hatte fallen lassen, daß, wo ein Kreuzer nur fehle, der – mit Respect zu sagen – der Teufel die kalkulatorischen Kassenbestien alle mit einander holen solle – und somit habe ich nicht verfehlen wollen, den durch Fiekchen erhaltenen ersten Wink dem verehrten Herrn Kammerrath fördersamst mitzutheilen. Selbiges Fiekchen war um meinetwillen sehr beängstigt, indessen unser Kaßchen, konnte ich ihr mit gutem Gewissen betheuern, ist in klarvoller Ordnung; und unsere Bücherchen stimmen auf's Daus. Wann befehlen der Herr Kammerrath, daß ich morgen früh zum Zählen – Dieser aber stand, tief in Gedanken verloren, vor dem Demüthigen, hörte und sah nicht und starrte durch die Scheiben in das schwarze Dunkel der Nacht; und erst als Beifuß fragweise flisterte: wäre es vielleicht um 7 Uhr gefällig? brach der Kammerrath das düstere Schweigen, raffte sich zusammen und entgegnete ein leises Nein. Er meinte, daß das aussehen würde, als sey er auf die Ablieferung der Bestände vorbereitet gewesen, äußerte, daß er nicht eher als um 9 Uhr, wie gewöhnlich, auf die Kasse kommen werde, machte dem diensttreuen Supernumerar-Vice-Controlleur Beifuß zur strengsten Pflicht, gegen keine menschliche Seele von der Sache etwas zu verlautbaren, entließ ihn mit vornehmfreundlichem Handwinke, und setzte sich wieder zur Tafel. Allein die Austern hatten kein Wasser und wollten nicht rutschen, und der Champagner zog Fäden: er ließ späterhin merken, daß er anfange schläfrig zu werden; die Gesellschaft dankte für genossene Höflichkeiten, ging auseinander, und Papa Kammerrath wanderte mit Tildchen nach Hause. Die grauenvolle Macht des bösen Gewissens ertödtete den flüchtigen Rausch des Schaumweines, der in der letzten Zeit der einzige Tröster des Verlorenen gewesen war. Jahrelang hatte er durch Feste und Aufmerksamkeiten aller Art, die Kassen-Kuratoren und seine Vorgesetzten geblendet, daß diese nicht sehen wollten, was sie als pflichtstrenge Männer sehen mußten. Ihre Nachsicht hatte ihn immer dreuster gemacht und so war der Defect immer größer geworden. Bei der ganz unerwarteten, morgen früh bevorstehenden Ablieferung aller Kassenbestände, mußte die Sache zur Sprache kommen, wenn er sich nicht unrettbar verloren geben wollte. Den Betrag des Fehlenden sich genau anzugeben, war er jetzt, wo er die auf der Kasse befindlichen Bücher nicht zur Hand hatte, außer Stande; ungefähr aber überschlug er das Deficit auf 30 bis 40,000. Fl. Menschen in solcher Lage haben Beichtväter eigener Art. Diesen werfen sie sich, wenn die Noth am höchsten ist, mit unbedingtem Vertrauen in die Arme, weil sie auf deren Verschwiegenheit rechnen und von ihnen für einen gewichtigen Beichtpfennig, Trost und Rettung ihrer im Fegefeuer der peinigendsten Angst bratenden Seele, mit Sicherheit erwarten können. Der große Haufe haßt gemeiniglich diese Retter aus aller Noth, begreift nicht, warum diese das ausschließliche Vorrecht zum Reichwerden haben, und verfolgt sie mit Haß und Verachtung, und oft doch verdienen diese beides nicht, oder doch wenigstens in weit geringerem Grade, als der, welcher ihnen seine Ehre, seine Pflicht blos gibt, und sich zum nichtswürdigen Werkzeuge ihrer Speculationen erniedrigt. Sie kennen die Schlechtigkeit der Welt, sie wissen, daß auch unter den Höhergestellten ihr Gold einen größern Werth hat, als die Pflicht und daß der Metallklang stärker ist, als die leise Sprache des Gewissens; sie verstehen diesen Umstand zu benutzen, und haben wahrhaftig Recht, wenn sie behaupten, daß der Bestechliche, der Beamte, welcher Fürsten und Vaterland, Diensttreue und Dienstehre für ein Paar Rollen Dukaten verkaufen kann, viel schlechter sey, als sie selbst. Der Kammerrath schrieb an die Wechsler Moses Schmuel und Joel Esau, bat unter dem Siegel der Verschwiegenheit jeden um 20,000 fl., bot 20 Procent, versprach binnen zwei Monaten das Geld wieder zu bezahlen, verpflichtete sich, vorkommenden Falles, zu ähnlichen Gegengefälligkeiten, und ersuchte sie, ihm die gewünschte Summe vor 3 Uhr zu übersenden. Beide lehnten den Antrag ab, weil sie, bei dem bevorstehenden Ausmarsche, ihre Kapitale auf Lieferungen und Verpflegungen weit höher, als zu den gebotenen lumpigen 20 Procent brauchen konnten, und halb neun Uhr war der Kammerrath todt. Der Schlag hatte ihn gerührt, hieß es: die vielen Austern gestern Abend; der in ziemlichem Maaße genossene Wein; der gleich darauf erfolgte Heimgang in der kalten Nacht; der schwammige Körper – das war ja natürlich. Das Deficit der General-Kasse ward – ein in derlei Fällen recht schönes Wort, – vertuscht; aus reinem Patriotismus, aus purer Schonung für den geliebten Landesherrn. Man nannte es eine der zartesten Pflichten, vor der Allerhöchsten Person jede Unannehmlichkeit möglichst zu entfernen. Doppelt sey, hieß es, diese Rücksicht jetzt nöthig, wo das Gemüth Serenissimi, durch den Ausmarsch der Truppen ohnehin beunruhigt sey. Daß indessen mehrere Vorgesetzte des Seligen, diesem bedeutende Summen schuldig waren, daß wenn mit Strenge gefordert wurde, den Defect wenigstens so viel als möglich, aus dessen hinterlassenem Vermögen zu decken, Klotildens Vormund, oder die fiskalische Behörde die Schuldigen zur sofortigen Bezahlung ihrer Schuld, durch Rechts-Mittel dringend anhalten mußte; daß diese also mäuschenstill waren, und die erborgten Kapitälchen in ihrem Leben nie wieder zurückzahlten; daß die Kassen-Kuratoren sammt Weib und Kind, bei Geburttagen, Weihnachtbescherungen und dergleichen freundlichen Veranlassungen, vom Kammerrath mit Aufmerksamkeiten aller Art überschüttet, und bei den Cassen-Revisionen selbst mit den ausgesuchtesten Delikatessen der ganzen Welt so überfüttert und mit den beßten und feurigsten Weinen aller Erdtheile so überschwemmt worden waren, daß sie kein Auge hatten aufthun können – das alles wußte niemand, und wußte oder ahndete es auch hie und da einer der ehrlichen Subalternen, er wäre ja zertreten worden, wenn er nur gemuckt hätte. Kam nur ein Wort vom Defecte vor das Ohr des Fürsten, so war es natürlich, daß die Herren Kuratoren ihn ersetzen mußten; also gebot man, wie es hieß, zur Ehre des in Gott entschlafenen Herrn Kammerraths, den untern Kassenbeamten unverbrüchliches Stillschweigen: meinte, das Fehlende werde sich bei genauerer Durchlegung der Rechnungen wohl noch ermitteln lassen, schob die ganze verhaßte Angelegenheit auf die sogenannte lange Bank, auf der solcher Verbrechen mehrere ruhen, und rühmte sich gegenseitig, die Sache mit pflichtmäßiger Rücksicht auf des Serenissimi verehrteste Person; mit billiger Schonung des lieben seligen Kammerrathes, mit beßter Beachtung der öffentlichen Beamten-Ehre, kurz – wieder in solchem Falle ein recht glattes Wort, – mit der erforderlichen Delikatesse abgemacht zu haben. Onkel Flümer, des Kammerraths Schwager, und wohlbestellter Apotheker zu Finsterberge, eilte auf die erhaltene Todespost in die Residenz, bat im Taumel über die unermeßliche Erbschaft, die er als nächster Verwandter und Vormund von Klotilden zu verwalten bekommen werde, die halbe Stadt zum Leichenbegängnisse, und freute sich wie ein Kind über den langen schwarzen Zug, der dem reich mit Silber beschlagenen Sarge folgte; als er die endlose Reihe Wagen erblickte, stürzte ihm das Wasser in die Augen. Ja, rief er Klotilden zu, die vom kindlichen Schmerze aufgelös't, händeringend im Zimmer auf- und abschwankte: daß der Vater ein reicher, ein vornehmer Mann war, wußte ich; aber daß er so in Ehren, so grausam in Ehren stand, nein das hab' ich nicht gedacht. Sieh nur, alle kommen sie mit ihren Eklipahschen angekariolt, Excellenzen und Geheime Räthe, wie Kraut und Rüben durch einander; Fickerment, Tildchen, sieh die beiden Braunen da vor der gelbausgemalten Staatskarosse; Donner und Wetter sind das Pferde! weine nicht Tildchen, solch eine Ehre widerfährt Dir im Leben nicht wieder. Bei meiner armen Seele, ich stürbe heute noch mit tausend Freuden, wenn ich wüßte, so begraben zu werden. Aber müssen wir nicht hinunter, und die hohen Herrschaften ersuchen, auszusteigen und mit einem Stückchen Leichenkuchen und einem Gläschen Wein vorlieb zu nehmen? Eine eben gegenwärtige Bekannte von Klotilden aber erklärte ihm, daß in allen diesen Equipagen kein Mensch sitze, sondern, daß es unter den Großen hier Sitte sey, die Wagen leer zu schicken, und daß dieß auch für eine Ehrenbezeigung gelte. Der kleinstädtische Apotheker nannte dieß, vielleicht nicht mit Unrecht, eine Narrenposse; meinte, der selige Schwager hätte den Herren wohl oft genug zu essen und zu trinken gegeben, daß sie dafür wohl nun in Person ihn hätten zu Bette bringen können, und lobte sein Finsterberge, wo niemand seinen Knecht zur Leiche schicke, sondern entweder gar nicht, oder in eigener Person komme; doch er gewahrte jetzt die Schaaren von Leichenträgern, deren jeder mit einer Citrone in der Hand paradirte, und sendete Jeremischen , den aus seiner Apotheke zum schwarzen Mohren mitgebrachten Burschen, heimlich hinab, um mit ihnen die Ablieferung der goldgelben Südfrüchte, nach der Rückkunft vom Kirchhofe, für ein Billiges zu behandeln, denn er gedachte, mit diesen die Honoratioren seiner Heimath zu erquicken, die des Abends gewöhnlich bei ihm einzusprechen pflegten, um ihre politischen Gespräche durch ein Glas Punsch zu befeuern. Allein Mohren-Jeremischen kam unverrichteter Sache zurück; denn die lang beflorten Trauer-Figuranten entgegneten einmüthiglich, daß der Italiener Prelloni, seit undenklichen Zeiten schon, wegen Ablieferung der fraglichen Leichencitronen, zu gleichem Behufe mit ihnen eine General-Konvention geschlossen, und mißgelaunt über die raffinirte Spekulation der Großstädter, schimpfte er auf Prelloni, der ihm zuvorgekommen war, recht weidlich, als dieser sich ihm mit freundlichen Bücklingen nahte, und sich äußerst glücklich schätzte, den vielberühmten Herrn Apotheker Flümer aus Finsterberge, den hochgeachteten Herrn Schwager des viel zu früh zu den himmlischen Freuden berufenen Herrn Kammerrathes, persönlich kennen zu lernen. At einer, fuhr er mit gepreßter Stimme fort: Raison, su weine über die Verlust von der Err Kammrath, bin ick; o Signor Flümähr, die Err Kammrath war mon ami le pluis fidèle; ick verlier considerable par son mort. Beßte Kundmahn, beßte Freund, il meglior avventore! l'ottimo amico! Der Schmerz übermannte ihn, er konnte den Thränen nicht länger wehren, und riß mit Hast sein Tuch aus der Tasche. Zufällig fiel ein Packet Papiere mit heraus; Flümer, von des Leidtragenden Theilnahme tief bewegt, bückte sich, ihm die Papiere aufzuheben; da bemerkte erst Prelloni, daß er sie verloren, und rief: o bealte Sie, bealte Sie; das is theuer Souvenir von mein liebe, liebe Freund! Flümer warf einen Blick hinein, es war eine kleine, von dem Hochseligen unberichtigt gelassene Rechnung, die Prelloni mit geziemenden Kratzfüßen begleitete. O Gott, erwiederte Flümer, von den Huldigungen des Höflichen gedrängt; mein würdiger Herr Schwager sind noch nicht unter die Erde, und schon wird man mit derlei liquidirlichen Zumuthungen behelliget. Nur der Ordnung halber, meinte Prelloni, habe er nicht versäumen wollen, das Nötchen zu sich zu stecken. Flümer hatte im Leben schon einen ungemessenen Respect vor seines reichen Schwagers Vermögen gehabt; aber nach dessen Tode erst sollte er die reine Übersicht von dem Umfange seiner Wohlhabenheit bekommen. 1840 fl. war der Selige blos für Austern, Kaviar und dergleichen Leckereien dem ehrlichen Prelloni schuldig geblieben; was mußte jener für ein Einkommen gehabt haben, um auf solche Nebendinge diese enormen Summen verwenden zu können, von der Flümer seinen ganzen Hausstand vier Jahre lang unterhalten hätte. Auch Prelloni stieg bei ihm im Werthe. Im ganzen Jahre nahm er in seiner Finsterberger Apotheke, kaum die Hälfte jener Summe ein, die Prelloni von einem einzigen Kunden zu fordern hatte. Der Vormund der reichen Klotilde, der sich im Stillen immermehr aufblähende Flümer, drückte Prelloni vornehm die Hand, versicherte, daß die Kleinigkeit in wenigen Tagen berichtigt seyn solle, und ging nun, um den schwägerlichen Crösus zur ewigen Ruhe zu begleiten. Klotilde trat halb ohnmächtig aus dem Hause. Auch der Grünrock stand unter den tausend Zuschauern, die sich versammelt hatten, um das Leichengepränge in Augenschein zu nehmen. Er sah das bleiche, schöne Mädchen, von der Gewalt des Schmerzes vernichtet, seiner selbst sich kaum bewußt, zum Trauerwagen geführt werden. Hundertmal hatte er gesehen, daß die weibliche Eitelkeit sich im Schmucke der Leidtragenden gefalle, und daß der schwarze Kreppflor der Frauen, besonders der Blondinen Liebreiz erhöhe. Klotilde aber, das sah man ihr an, wußte von dem Allen nichts. Ihr verweintes Gesicht, die eingesunkene Haltung ihrer stolzen, edlen Figur, ihr zur Erde geschlagener Blick, sprachen deutlich, wie tief sie gebeugt war. Alle Umstehende starrten sie theilnehmend an. Ein jedes wußte etwas Gutes von dem zarten Kinde zu erzählen, und der Grünrock, der gestern so barsch und wild ausgesehen hatte, war von dem sonderbaren Eindruck, den das mit eigener Anmuth ausgestattete, lebendige Bild des Kummers auf ihn machte, so überrascht, daß er eine Thräne, vielleicht die erste in seinem Leben, verstohlen im Auge zerdrückte, weil er sich vor seinen Kameraden schämte, die über die Schuljungen lachten, welche, ihr blankes Zweigroschenstück in den Händen, das eben beginnende Sterbelied mit einem Diensteifer abbrüllten, als wäre es selber ihr letztes. Flümer schnitt auswendig zwar auch das Gesicht eines Leidtragenden; inwendig aber lachte er, und freute sich des großen Augenblickes, der ihm geworden; denn solche Ehre als heute, war ihm noch nicht widerfahren. Er hatte sich, kraft der ihm nicht abzusprechenden Bescheidenheit, im Zuge hinten an die Kanzellisten und solche kleine Leutchen, als seines Gleichen anschließen wollen; allein der Leichenbitter, der bei derlei festlichem Gepränge gewöhnlich den Ceremonienmeister macht, setzte ihm aus einander, daß er heute, als der nächste Verwandte des Hauses, den Vorrang vor Allen habe; erwiederte auf seine mit tausendfältigen Bücklingen begleiteten Bittegehorsamst und auf seine kleinstädtischen Betheuerungen, daß sich das nicht schicken werde, daß er recht gut wisse, wohin er gehöre, um daß er die Achtung und die tiefe Ergebenheit, die er den hohen Herrschaften hier schuldig sey, nimmermehr aus den Augen setzen werde, nichts als ein trockenes: das muß ich besser verstehen! und schob ihn über die hier ganz überflüssige Einrede, ohne Weiteres in den ersten Wagen, wo er den General-Superintendenten als seinen Begleiter fand. Seinen ganzen Chinavorrath hätte Flümer darum gegeben, wenn die Bürgerschaft von Finsterberge ihn diesen Triumph hätte feiern gesehen. Zum Unglück hatte er aber keinen Zeugen seiner Herrlichkeit, als Jeremischen. Dieser trabte, des kalten Wetters ungeachtet, mit entblößtem Haupte neben dem Wagen durch dick und dünn, denn Herr Flümer hatte ihm beim Hineinsteigen zugeflistert, daß der Herr, der heute die Ehre hätte mit ihm zu fahren, in Kirchensachen, nächst dem Fürsten der Erste im Lande sey, und einen solchen hatte Jeremischen noch nicht gesehen. Flümer klemmte sich, aus lauter Ehrfurcht vor Sr. Hochwürden, dergestalt zusammen, daß der General-Superintendent 4 / 5 des Platzes im Wagen zu seiner Bequemlichkeit behielt; dieser aber sprach über den Verstorbenen wohl mit christlicher Schonung, jedoch ließ er manche mißbilligende Aeußerung über die heutige Sucht, vor der Welt glänzen zu wollen, über den immer mehr einreißenden unglücklichen Hang, mehr auszugeben, als man einzunehmen habe, über die fast ganz aus der Mode kommende Tugend, für die Seinigen nach dem Tode zu sorgen, und dergleichen mehr fallen, daß jeder andere leicht hätte merken können, wo Se. Hochwürden hinaus wollten; nur Flümer nicht, der hörte nur halb, und freute sich, wenn die Leute in den Wagen sahen, denn er saß oben an. Was wird denn das arme Kind beginnen, das gute liebe Klotildchen? fragten Se. Hochwürden mit väterlichem Antheil. O die ist dicke durch! entgegnete Herr Flümer: die nehmen wir zu uns; wie unser Kind soll sie da bei uns im Hause seyn; wie den Apfel im Auge wollen wir sie lieb haben. Mein Schatz ist eine tüchtige Wirthinn, der soll sie ein bischen an die Hand gehen, und – Recht, recht, fiel der General-Superintendent beifällig ein, und schien sich jetzt etwas mehr dem Manne nähern zu wollen, der ihm anfänglich nicht recht gefallen haben mochte, in dem er aber jetzt einen wackern, wenn auch etwas ungebildeten Kleinstädter kennen zu lernen glaubte: nur nehmen Sie den zarten Sinn des Mädchens recht in Obacht. Es ist ein gar reines, herrliches Wesen. Sie kam oft zu meinen Töchtern und ich habe sie immer gern gesehen. Sie will mit sehr vieler Liebe behandelt seyn. Der gute, selige Vater, über den sich manches wohl sagen ließe, hat sie an vieles gewöhnt, was ihr schwer werden wird, aufzugeben; dafür hat er aber, und das ist in ihrer nunmehrigen Lage ein großes Glück für das arme Kind, bei ihrer Erziehung keine Kosten gescheut – er hat dem Mädchen einen Schatz hinterlassen – Einen Schatz! schrie Flümer, und spreite alle zehn Finger aus, als wollte er ihn heben, und säße er tausend Klafter unter der Erde. Der Zug aber hielt jetzt auf dem Gottesacker; beflorte Lohnbedienten öffneten die Schläge und beide stiegen aus. Des Nachbars Meisterrede am Sarge des Entschlafenen ging an Flümers Ohren vorüber, denn dieser hatte nichts als den Schatz im Kopfe. Klotilde sollte ein Leben haben, wie im Himmel. Täglich Syrup, Sonntags Zuckerkant im Kaffee. Von Arbeiten war gar nicht die Rede. Ein Bischen Stricken und Lesen war das Ganze. Uebrigens sollte sie ihr eigener Herr seyn, schlafen, so lange sie wollte, aufstehen, wann sie wollte, essen und trinken was sie wollte. Dafür aber natürlich kamen ihm, bis zu ihrer Volljährigkeit, die Zinsen ihres unermeßlichen Vermögens zu Gute; mit seiner Ober-Vormundschaftbehörde, mit dem Magistrate, wollte er deshalb schon fertig werden; seine Apotheke, sein ganzes Hauswesen mußte sich dabei aufnehmen; die langjährigen Bären bei den Droguisten hier in der Residenz wurden abgestoßen; Zucker und Kaffee waren seit Jahren nicht so wohlfeil gewesen, als eben jetzt; er kaufte sich umgehend Vorräthe davon an. Beide Artikel stiegen gewiß einmal im Preise, er gewann dabei Thaler auf Thaler. Das große, schöne Haus des alten pensionirten Obersten, gegenüber, mit dem langen Garten und den zehn Scheffeln Feld, war feil, – wer konnte ihm wehren es zu kaufen! Sollte es, wie man munkeln wollte, zum Kriege wirklich noch kommen, so konnte ihm – er hatte ja Geld in Händen – eine recht fette Lazareth-Lieferung nicht entgehen; dabei war, wenn man den Rummel nur ein Bischen weg hatte, unmenschlich zu verdienen. Großenau, das prächtige Rittergut – kam er mit vollen Händen – der Besitzer stak bis über beide Ohren in Schulden, der schlug gewiß los; dann hieß er Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf – – da polterten die ersten Erdklöße und Steine auf den eingesenkten Sarg hinab, und das grausende Geräusch störte den Träumenden in seiner glücklichen Milchmädchen-Rechnung; Klotilde aber, von der wohlverstandenen Rede des frommen Dieners Christi tief erschüttert, und jetzt von dem hohlen Schauergetöse des herabrollenden Steingerilles bis auf das Mark durchbebt, schrie laut auf, rang voller Verzweiflung die Hände gen Himmel, und sank in die Arme einer Freundinn; man mußte sie zum Wagen tragen. Der Grünrock war der erste, der herbeisprang, um hülfreiche Hand zu leisten. Er benahm sich mit so vielem Antheil, mit solchem Anstand, daß Niemand des unberufenen Liebesdienste verbat; er trug mit fester Kraft das ohnmächtige Mädchen zum Wagen. Als Klotilde aber auf dem Wege bis dahin die Augen aufschlug und zufällig in die seinigen sah, entsetzte sie sich, denn sie hatte in eine Stichflamme gesehen, die dunkelglühend verzehrte, ohne zu erwärmen. Bedienten und Dienstboten empfingen die arme Klotilde aus seinen Armen noch halb erstarrt, und er verschwand unter der Menge. Kaum zu Hause angelangt, kam Onkel Flümer hastig in das Zimmer, nahm das Mädchen aus dem kleinen Kreise seiner Bekanntinnen, die eben gekommen waren, um die Verlassene durch sanfte Tröstungen aufzurichten, in die anstoßende Arbeitstube des seligen Vaters, und fragte dringend: Tildchen, wo ist Dein Schatz; wo sitzt er, wo liegt er, wo steckt er? Das Mädchen schüttelte schweigend das blasse Haupt und glaubte einen Irren reden zu hören. Heraus mit der Sprache, fuhr er pressend fort, und hätte das Kind lieber gleich auf eine Folterbank gespannt: heraus damit, Mädchen, leugne nicht, verstelle Dich nicht. Ich habe Pläne, ich sage Dir, Riesenpläne. Es soll Dir nichts abgehen; wie eine Prinzessinn sollst Du leben; aber ausliefern mußt Du ihn, ich bin Dein Vormund. Klotilde wußte nicht, ob sie wache oder träume; sie hatte in ihrem ganzen Leben von keinem Schatze gehört, und der Doppelsinn, der in dem Worte lag, ließ sie in Ungewißheit, ob der Onkel einen lebendigen oder todten meine. Sprechen Sie denn, fragte sie endlich zweifelnd, von Geld, oder – von Geld, von Geld! rief er hastig: von was sonst? von Pretiosen, Effecten, Gold, Silber und anderen edlen Metallen. Der Schwarzrock, Se. Hochwürden, der Herr General-Superintendent haben mir Alles vertraut. Der Vater hat Dir Mädchen einen Schatz hinterlassen. – Klotilde sah ihn verwundert an, und meinte, ohne auf diese Neuigkeit vielen Werth zu legen, daß sie davon noch keine Sylbe gehört habe; hier im Secretair des Vaters wären alle Papiere desselben befindlich; vielleicht würden diese näheren Aufschluß geben. Nichts von Aufschluß, fiel ihr der Oheim in das Wort: der gute Vater war noch nicht kalt, als ich hier schon Alles durchstöberte. Haben Sie auch das verborgene Fach – Verborgenes Fach? unterbrach sie Flümer hastig; nein, nein, schließ auf englisches Tildchen, zeig' mir das verborgene Fächelchen, bestimmt finden wir da Deine Mosen und Propheten. Klotilde drückte an einer Feder: ein nicht ganz kleines Schubfach sprang hervor. Flümer stierte mit gierigem Blicke hinein; er mochte das Fach bis an den Rand voll mit alten Ducaten oder Juwelen gefüllt sich gedacht haben, denn er brummte ein verdrüßliches Hm! vor sich hin, als er bloß Papiere darin gewahrte; indessen Se. Hochwürden hatten doch Recht gehabt; die Papierchen waren lauter Wechsel von großen, bedeutenden Männern der Residenz, von Geheimen Räthen, Präsidenten, Directoren und dergleichen. Er durchlief die Documente mit flüchtigem Blicke, summirte den Betrag derselben in aller Geschwindigkeit zusammen und murmelte mit freundlichem Lächeln etwas von Fünf und Zwanzigtausend vor sich hin, schob dann, in seinem Gott still vergnügt, das Fach wieder an seinen Ort, nahm die Schlüssel an sich, und erwiederte auf Klotildens beinahe spottweise hingeworfene Frage: ob er den großen Schatz gefunden habe? mit einer Miene, als meine er, das dumme Ding brauche auch nicht Alles zu wissen: Papier ist kein Geld; so ein Theolog ist doch in der Welt immer wildfremd. Die Paar Schuldbriefchen, ei nun, wenn sie eingehen, ist es wohl gut, aber baar Geld wäre mir lieber gewesen: baar Geld lacht; besser haben, als hätte ich; ein Sperling in der Hand ist mir lieber, als zehn Tauben auf dem Dache. Er wollte morgen den Anfang machen, die Wechsel einzucassiren, aber diesen Abend noch traf ein Eilbote von der Frau Apothekerinn Flümer aus Finsterberge ein, die den Herrn Gemahl dringend bat, die Rückreise sofort anzutreten, weil sonst Apotheke, Ehre, Privilegium und Alles auf dem Spiele stehe! Denk nur Flümerchen, fuhr sie in ihrem Schreiben fort: wie es mir geht; man kann doch nicht immer in der lieben Apotheke stecken, wenn man nicht ganz und gar verputten will; ich bin also gestern Abend bei Steuerrevisors zum Konversations-Thee; der Sextus las uns, wie gewöhnlich, aus dem Konversationslexikon vor; wir hatten schon die Artikel – Miloradowitsch, Miltiades, Milz und Mimen herunter und stehen justement bei dem Artikel von der Mimik, das ist ein sehr schweres Studium, wo Du, mein Kind, auch noch ein schön Stück Arbeit hast, ehe Du darin Meister wirst. Mir war erst die ganze Geschichte von der Objektivität der Darstellung und von dem mimischen Rhytmus und Accent böhmische Dörfer; aber der Herr Sextus demonstrirte uns das alles ganz handgreiflich, und tanzte uns einen mimischen Hopser vor, wie ihn der Herr von Xenophon in der Anabasis beschrieben haben soll, als unsere Anneliese hereingestürzt kommt, und uns unter Schreien und Heulen erzählt, daß sie Postmeisters Sabinchen vergiftet habe. Der Sextus, der eben einen lyrischen Kreuzsprung machte, drei viertel Ellen hoch in die Luft, schlug wie ein Nußsack zur Erde, und mir zitterten alle Glieder am ganzen Leibe. Wie wir uns nur erst wieder ein Bischen recolligirt hatten, erzählte Anneliese, daß Sabinchen mir hätte sagen lassen, sie hätte wieder ihre komischen Krämpfe. – Clonischen, verbesserte Flümer, der den Brief seiner theuern Hälfte dem kleinen Familienkreise laut vorlas – und ich sollte ihr doch etwas dafür schicken. Anneliese sieht sich in der ganzen Apotheke danach um, findet in ihrer Dummheit aber weiter nichts, als ein Bischen Johanniswedel, vergreift sich jedoch in der Angst und gibt statt Johanniswedel, Eselsspringgurkenpulver – Selbst Eselsspringgurke! schrie Flümer und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. – Bei Sabinchen hat sich nun zu den Krämpfen ein nachdrückliches Kneipen gesellt, und was dann weiter erfolgt, kannst Du denken. Sie haben gleich nach dem alten Schäfer geschickt, und der hat das Pulver für Gift erklärt, so das Sabinchen vor Schreck in drei Ohnmachten hinter einander hat fallen wollen, wovon jedoch keine zur Reife kam. Ich setzte mich nun gleich in Trab, lief durch dick und dünn zu Postmeisters, und fand da einen Heidentumult; der Alte wollte eine Stafette an den König schicken, sie, die Postmeisterinn wollte Anneliesen rädern lassen, und das von unten auf, und mir sagte sie Sachen in's Gesicht, daß ich denke der Schlag rührt mich auf der Stelle; Sabinchen aber meinte, ihr sey zu Muthe, wie der Louise in Kabale und Liebe, im letzten Akt; sie hätte lange schon gern sterben wollen, denn die schlechte Welt sey nicht werth, daß man darauf lebe, nur ärgere es sie, daß sie aus Annelisens Hand den Tod empfangen solle; hätte sie dem Leben Ade sagen müssen, so wüßte sie andere Leute, die ihr den Jüngling mit der gesenkten Fackel hätten zuführen sollen, und dann wäre ihr dieser willkommen gewesen. Sie zielte damit ganz bestimmt auf den Sextus, aber der macht sich aus der alten sechs und dreißigjährigen Mamsell keinen Pfifferling. – Schrien die, so schrie ich zehnmal mehr, und endlich drang ich durch und brachte sie zum Schweigen und schwur hoch und theuer, daß das Eselsspringgurkenpulver kein eigentliches Gift sey, daß ich das besser verstehen müsse, als der alte Pfuscher, der Schäfer, daß es, nur im Uebermaße genossen, schädlich werden könne, daß aber von dem Hahnemann'schen Häppchen die Mamsell Zimperlich nicht gleich sterben würde; ich stopfte nun, was ich stopfen konnte, Muskatenbalsam, Kinogummi und Kolumbowurzel in die Trauerspielheldinn, schlemmte Luciuswasser hinterdrein, und sie befindet sich gegenwärtig wie ein Fischchen. Aber was uns der Spaß gekostet hat, will ich keinem Menschen erzählen. Erst kam der Bürgermeister und sprach vom Anzeigen des Vorfalls. Ein Paar Flaschen Wein stimmten ihn indessen wieder zu unsern Gunsten; dann kam der Kreis-Physikus, der wollte die ganze Historie in die Residenz berichten; ich mußte einen Schinken, zwei Pfund Schokolate, und sechs Flaschen Würzburger springen lassen; dann erfuhr ich, daß der Rattenschwanz, der Hofmeister bei Ober-Forstraths, die Geschichte wollte in die Zeitungen setzen lassen, den bearbeitete ich mit zwei Pfund von Deinem beßten Rollknaster, und endlich mischte sich der Amtmann hinein. Der liebt das Klingende – drei schöne, blanke Ducaten – Weiter konnte Flümer nicht lesen; der Schmerz über den verlornen Verdienst eines ganzen Monats schnürte ihm die Kehle zu. Er knillte vor Unmuth den Unglücksbrief in einen Haarwickel zusammen, und erklärte nach einer furchtbaren Pause, daß er fort müsse, gleich auf der Stelle, diesen Abend noch, denn solche Auftritte dürften nicht wieder vorkommen, wenn er nicht sein ganzes Haab und Gut riskiren wolle. Er ließ dabei, nach ächt gemeiner Weise, die zarte arme Klotilde fühlen, daß die Verwandtschaft mit ihr an dem ganzen Unglück allein Schuld sey. Wärst Du nicht meine Nichte, rief er halb weinerlich: so wär' ich nicht hier, sondern zu Hause, und dann wäre die heidnische Konfusion nicht vorgefallen. Jetzt aber marsch fort; pack Deine Siebensachen über Hals und Kopf zusammen, in einer halben Stunde müssen wir in Wagen sitzen. Nimm nur das Nöthigste mit; das Uebrige kann Dir nachgesendet werden. Klotilde fügte sich still. Sie sah in die düstere Zukunft mit banger Ahnung; sie fühlte, wie roh und unleidlich der Oheim war; sie kannte die Tante als eine grillige, eitle, verbildete, unerträgliche Frau; aber sie hatte ja keine Wahl. Beide waren ihre nächsten Verwandten, sie mußte sich fügen, und um den Onkel, der ihr geradezu vorwarf, daß sie eigentlich an Sabinchens Giftmorde, wenn er zur Ausführung gekommen, Schuld gewesen wäre, nur zu beschwichtigen und wieder gut zu machen, beeilte sie die Abreise nach Kräften, und fuhr diesen Abend noch mit ihm ab. Onkel Flümer hatte, auf daß nichts umkomme, noch in den letzten Augenblicken vor der Abreise, alle Reste des Leichenweins möglichst zu gewältigen gesucht, und schnarchte jetzt in dem Winkel des Wagens, daß man fast hätte meinen sollen, er habe sich in ein Plumpenrohr mit desolatem Ventile verwandelt. Klotilde hingegen hüllte sich fröstelnd in die Tiefe ihres weichen Pelzes; Herz und Kniee zitterten ihr heimlich, und Stirn und Auge glüheten wie Feuer. Ohne Abschied von den Gespielinnen ihrer Jugend nehmen, ohne ihnen ein freundliches Wort sagen zu können, war sie in die dunkle Nacht hinausgefahren, und der kalte, schwarze Himmel graus'te sie seltsam an. Kein Stern blinkte am ganzen Himmel. Dichter Nebel lag auf der erstarrten Erde, und der Wind braus'te hohl in den Wipfeln des düstern Nadelholzes. Gibt es Wahrzeichen, so waren diese wahrlich nicht geeignet, um das arme Mädchen auf seinem neuen Lebenswege zu ermuthigen. Vom zärtlichen Vater auf den Händen getragen, der Liebling ihrer Jugendfreundinnen, rein und schuldlos, fröhlich und leicht war sie durch sechszehn Sommer geflattert, und wußte von keinem Kummer und keiner Sorge. Jetzt auf einmal versank sie in die drückendste Aengstlichkeit; sie dünkte sich von der ganzen Welt verlassen, und zagte dem Geschick, dem sie verfallen war, mit geheimen Schauder entgegen. Sie irrte sich. Wenn auch der erste Empfang der Tante nicht ganz so war, wie das verwais'te Kind von der mütterlichen Freundinn ihn gewünscht hätte, so sah Klotilde doch schon in den ersten Stunden nach ihrer Ankunft, daß sie sich die Sache viel schlimmer vorgestellt hatte. Diese schnelle Wandlung hatte einen Grund, den freilich Klotilde nicht ermitteln konnte. Onkel Flümer hatte, gleich nach den ersten, ziemlich kalten Begrüßungen, seine Frau, wie er es nannte coramirt. Klotilde, hatte er ihr gesagt, bringt jährlich 1000 Gulden Zinsen in das Haus. Daß sie so reich ist, wird in der Stadt und Gegend bald ruchbar werden. Zehne, Zwanzig werden kommen, und sich um sie bewerben. Gefällt es ihr bei uns nicht, so wird sie dem Ersten dem Beßten ihre Hand geben; blos um aus unserem Hause zu kommen, und dann sind die tausend Gulden jährlich pritsch; machen wir ihr aber hier das Leben süß, so denkt sie nicht daran; das Ding ist noch ein Kind, und wenn wir es recht anfangen, bleibt sie eine alte Jungfer, und unsere Kinder erben einmal ihr ganzes schönes Bischen. Laß mich nur machen, ich will ihr schon, wenn Einer kommt und ernsthafte Absichten blicken , von dem Mosje so viel Schlechtes erzählen, daß sie Gott dankt, wenn er wieder geht; und haben wir auf die Art nur ihrer drei, vier mit der langen Nase abziehen lassen, so kommt kein fünfter; Jungfer Tildchen bleibt sitzen, und die zwanzig, fünf und zwanzig tausend Gulden sind unser. Aber fein müssen wir es anfangen, mein Putthünchen. Sieh, Du hast, Du mußt mir es nicht übel nehmen, zuweilen wohl so etwas abstringirendes, schweißtreibendes, durchschlagendes in Deinem Gesichte; ich darf Dich, wenn Du nicht bei Laune bist, nur ansehen, und es wirkt auf mich, als hätte ich in hinreichender Dosis genossen. Ich für meine Person bin nun seit den zwanzig Jahren unserer glücklichen Ehe daran gewöhnt, aber das Mädchen – das ist ohnehin ein Bischen superfein; man muß wahrhaftig mit ihr umgehen, wie mit einem rohen Eie. Also Putthühnchen, wenn Du Deine Sächelchen fein hübsch machst, so sollst Du auch aus Tildchens Zinsen, jährlich 100 fl. Nadelgeld haben. Dieser Zusatz wirkte. Madame Flümer gelobte, des schlauen Gatten Willen zu thun, und sah dabei so freundlich aus, daß Flümer in die während seines Ehestandes selten gehörte Betheurung ausbrach, daß in ihrem Gesichte auch emulsirende Kräfte lägen. Klotilde, die von allen diesen künstlichen Berechnungen nichts wußte, lebte still und friedlich. Nach den ihr zugekommenen Beschreibungen von der Tante Flümer, hatte sie sich diese viel schlimmer gedacht, und war zufrieden, daß sie sich geirrt hatte. Wohl vermißte das arme, an die Residenz gewöhnte Mädchen, manche Lebensannehmlichkeit, das Theater, die sehr fröhlichen Zirkel in des Vaters Hause, den Kreis der Jugendfreundinnen, die Konzerte und Bälle; und so jung auch das Kind noch war, so schwebten ihm doch schon die Bilder von dem und jenem hübschen jungen Manne vor der Seele, von dem es glaubte, durch irgend eine kleine Aufmerksamkeit ausgezeichnet worden zu seyn. Ein Weiteres war im Felde der Liebe hier noch nicht geschehen. Noch schlug dieses kindliche Herz ruhig in der zarten Brust, die sich täglich stolzer hob; noch glühte das geistige Feuer im großen blauen Auge, ohne die Allmacht seiner Kraft zu kennen, und sprühte blos zuweilen in den Lichtfunken des jugendlichen Muthwillens auf. Dazu gaben die Huldigungen des stets liebefertigen Herrn Sextus nur zu bald Gelegenheit. Der lose Schmetterling war bisher im ganzen Städtchen von Blume zu Blume geflogen. Postmeisters Sabinchen hatte er durch jahrelangen Umgang im Flümerschen Hause mit allen Offizinalkräutern sattsam bekannt geworden, anfänglich sein Himmelschlüsselchen genannt, jetzt schimpfte er sie, wegen ihres weißen, schwammigen Wesens, einen Puffball ; Rectors Hannchen war sonst sein Königskerzchen; jetzt spottete er ihrer, zuweilen wohl etwas übertriebenen Sentimentalität und nannte sie eine Hiobsthräne ; Einnehmers Lili betete er ehedem, wegen ihrer schwarzen Haare, als sein Engelsüßtüpfelfarn an; jetzt verglich er die Vergessene, wegen ihrer Galläpfelsäure, mit dem Natterwurzknöterich . Selbst Madame Flümer, die ihn alle Sonn- und Festtage zu Tische bat; ihn beim Schlachten unausbleiblich mit frischer Wurst bedachte, und am Weihnachtabende, bei seinem Geburttage und bei ähnlichen Veranlassungen, ihm ihr zärtliches Wohlwollen durch selbst genähte Jabots, seine Leibwäsche oder dergleichen, sattsam beurkundete, hatte er früher als seinen Herzklee, als seinen Liebesapfelnachtschatten verehrt; jetzt zog er, freilich nur unter der Hand, gegen sie los, daß kein gut Haar an ihr blieb; bald taufte er sie zum Rasselkraut , bald zur Teufelsklaue um. Tildchen, Tildchen faßte er in das Auge. Lange schon war bei Flümers vom reichen Schwager Kammerrath die Rede gewesen. Wenn der Apotheker auf das Kapitel von dem fürstlichen Aufwande dieses Hauses kam, ward er immer noch einmal so groß und aufgeblasen, und Madame Flümer erwähnte oft, daß sie es eben so gut hätte haben können, als ihre selige Schwester; um ihre Hand habe sich der Kammerrath zuerst beworben; damals sey aber der Mensch nichts weiter als Steuer-Kanzellist gewesen, dem sie den Korb gegeben; später, als ihre Schwester Frau Kammerräthinn geworden, Kutsche und Pferde, und in jeder Stube eine Servante mir Silberzeug und Porzellain gehabt, habe es ihr wohl oft leid gethan, indessen wäre das nun einmal nicht mehr zu ändern gewesen. Diese und ähnliche Reden gingen jetzt an dem innern Ohre des heirathlustigen Sextus vorüber; er hielt sich im ganzen Städtchen für den einzigen jungen Mann von feiner Lebensart; er ward in alle Zirkel gezogen; er hatte literarische Déjeuners, Singethee und dramatische Abendunterhaltungen eingerichtet; im Spätherbst, wenn die Familien mit dem Sauerkrauteinlegen fertig waren, und im Frühjahre, ehe die Feldarbeit anging, ordnete er allemal zwei glänzende Bälle an; er hatte hier zuerst den Cottillon eingeführt, mit Noth und Mühe einen Journal-Zirkel etablirt, und stand im Begriff, ein Liebhabertheater zu begründen. Es konnte ihm nicht fehlen. Tildchen, das noch gar nichts von Liebe wußte, das noch jedes Eindruckes fähig war, konnte ihm nicht entgehen. Er setzte ihr bei der ersten Gelegenheit mit einem Gedichte zu; das Gefühl, besungen zu seyn, war ihr gewiß noch neu, und hatte er nur erst einen Grad wohlwollender Neigung gewonnen, so war es ihm ein Leichtes, hier, wo ihm niemand in das Gehege kam, wo er ganz allein Hahn im Korbe war, dieses engelschöne, liebenswürdige, steinreiche Kind als Braut heim zu führen. Mit des Mädchens großem Vermögen mußte es seine Richtigkeit haben; denn Flümer, bei dem er jetzt einige Male auf diesen kitzlichen Punkt fein getippt hatte, war der Antwort und statt daß er sonst stundenlang jeden silbernen Kaffeelöffel des Schwager Kammerraths aufzuzählen wußte, dem weiteren Gerede über dieß Kapitel absichtlich ausgewichen. Gerade dieß galt dem schlauen Sextus als ein untrügliches Zeichen, das Tildchen zu der seltenen Gattung der Goldfischchen gehöre; denn wäre des Vaters Hinterlassenschaft der Vermuthung nicht entsprechend ausgefallen, und Klotilde darum unter die Kirchenmäuschen zu setzen gewesen, so hätte Herr Flümer, wie ihn der Sextus zu kennen glaubte, mit dem Vermögen des Mädchens, um dieses je eher je lieber unter die Leute zu bringen, erst recht geprahlt. Ein Hauptbeweis für Klotildens Wohlhabenheit lag ihm aber darin, daß Flümers das Mädchen hielten, wie eine kleine Prinzessinn; dieß that den ganzen lieben langen Tag so viel wie nichts, klimperte ein Stündchen auf dem Klavier, ein halbes auf der Guitarre; nähte und stickte ein bischen, tändelte mit den Kindern und mit dem Kätzchen, nahm und gab Besuche und führte das neidenswertheste Leben. Wie hätte Herr Flümer, so weit er dessen Knickerei kannte, des Mädchens Kunstfertigkeiten nicht für sein Haus benutzt, wie hart und karg es behandelt, wenn dieß in der Lage gewesen wäre, bei ihm das Gnadenbrot zu essen. Klotilde, so viel hatte der weitsehende Sextus schon weg, war ihm nicht gram. Sie lachte immer, wenn sie ihn sah; sie besuchte die von ihm begründeten Gesellschaften gern, und wenn sie gleich sagte, daß sie in die von ihr oft scharf bekrittelten kleinstädtischen Zirkel blos komme, weil sie nichts besseres hier habe, so wußte er ihr Erscheinen doch besser zu deuten. Es war gewiß, ihn in diesen Kreisen zu finden, und darum blieb das lose Kind nie aus. Mittlerweile hatten Prelloni, der Konditor Klebrig, die Weinhandlung Fläschleins seligen Wittwe, der Hofschlächter und viele andere aus der Residenz, Herrn Flümer mit ellenlangen Noten incommodirt, und drohten, nach wiederholten verdrüßlichen Erinnerungen, im Falle noch länger ausbleibender Zahlung, mit Prozeß-Weitläufigkeiten. Der Quälgeister endlich los zu werden, machte sich Flümer, nachdem er zur Vermeidung ähnlicher Verwechselung-Unfälle, als der mit der Eselspringgurke war, die strengsten Maßregeln getroffen hatte, auf den Weg in die Residenz, um einigen Schuldnern des verehrten Schwagers, ihre eben jetzt fälligen Wechsel zu präsentiren. Vier- und fünfmal sprach er bei dem und jenem vor, kein Mensch war zu Hause; zwei und drei Stunden saß er bei dem und jenem im Bedientenstübchen; der erwartete Herr vom Hause kam immer nicht. Endlich, nach achttägigem Laufen, und zehnmaligem Wiederkommen; gelang es ihm, bei einem der Schuldner, bei dem Geheimen Rath von Schlauenheim , vorgelassen zu werden. Der humane Mann ließ Flümer gar nicht zum Worte kommen. Ich weiß, was Sie wollen, sagte er, ihm zum Empfange die Hand freundlich reichend. Unser lieber, guter, seliger Kammerrath, – wir haben beide an ihm unersetzlich verloren. Setzen Sie sich – Johann, eine Flasche Liebfrauenmilch, Achtundvierziger – hat mir oft von Ihnen erzählt. Liebes und Gutes. Freut mich, endlich Ihre werthe Bekanntschaft persönlich zu machen, mein lieber, lieber Herr Flümer! – Hielt viel Stücke auf Sie, der selige Mann; Gott, noch entsinne ich mich, als ob es erst heute gewesen wäre, kam der gute Kammerrath einen Abend, legt mir da, auf das Tischchen da, tausend Stück Louis'dor und dringt mir, so zu sagen, das liebe Geld ordentlich auf; ich wollte damals das Seitenstich'sche Haus unten am Kneiphofe kaufen; hatte daß der Selige gehört, und bringt mir ungebeten das Geld; ich bin in so was ängstlich, delikat; ich wollt's nicht nehmen; ich lasse vorwandweise fallen, daß – es muß mir geschwant haben – daß wir alle sterblich wären, daß beim Verfall des Wechsels er das Zeitliche gesegnet haben könnte; daß mich vielleicht zufällig gerade dann die Wiederbezahlung geniren könnte, daß – fällt mir der Mann – Sie kannten – lieber Gott, Sie kannten seine Weise, fällt mir der Mann in das Wort, sterbe ich, sagte er, es ist, als ob ich ihn noch hörte, hier saß er, auf der Stelle, wo Sie sitzen – trinken Sie doch liebster Herr Flümer, daß Weinchen ist ächt, für den kann ich stehen, liegt schon seine sechs, sieben Jahre in meinem Keller – sterbe ich, sagte er, hat mein Schwager, mein lieber Flümer, mein ganzes Vermögen zu verwalten. Ich, sagte er, ich bin – verzeihen Sie, aber es sind seine eigenen Worte, ich bin ein guter Kerl, aber gegen mich ist Flümer ein Engel. Der wird sie nicht drücken, der nicht. – Auch die Todten sollen leben, sagt Schiller, kommen Sie, alter lieber Freund, stoßen Sie an, auch die Todten sollen leben; so ein Mann, wie unser Kammerrath, wird nicht wieder jung. Flümer trank. Es kribbelte ihn in der Nase, so weinerlich war ihm bei der Gesundheit geworden, und der trauliche Mann hatte ihn tief gerührt; so herablassend, so treuherzig hatte noch kein Großer mit ihm gesprochen, und dieser hier trug zwei Sterne auf der Brust und eine ganze Bandbude im Knopfloch, war aus einer der ältesten, ausgebreitetsten Familien im Lande, nannte ihn seinen alten, lieben Freund, und schenkte den Achtundvierziger ein, als gälte die Flasche sechs Dreier. Er hatte in seinem dummen Finsterberge, nach gemeiner Leute Art, auf die Großen und Vornehmen oft geschimpft, und sie kaltherzige, stolze, eigensüchtige Menschen gescholten. Hier, diesem Biedermanne gegenüber, ward er anderes Sinnes; die Stunde seiner Bekehrung hatte geschlagen, und die zweite Flasche Liebfrauenmilch spülte das letzte Giftrestchen seines kleinstädtischen Grolls auf die Standes-Bevorrechteten der Residenzwelt glücklich hinunter. Der Geheime Rath sprach jetzt mit freundlicher Theilnahme von Flümers Lage, erzählte, wie der selige Kammerrath immer bedauerte, daß ein so tüchtiger Pharmaceutiker in dem kleinen Neste Finsterberge versauern müsse, ließ gesprächweise und unter dem Siegel der Verschwiegenheit fallen, daß in Kurzem die große Salomons-Apotheke am Schloßplatze solle versteigert werden, sicherte ihm, wenn er Lust habe, das Ding unter der Hand für sehr billige Bedingungen zu erlangen, Geld-Vorschüsse und alle mögliche Unterstützung zu, und malte ihm das künftige Salomonsleben mit solchen bezaubernden Farben, daß Flümer, der in Gedanken schon alle Hof- und Leib-Aerzte in der Tasche hatte, den ersten Häusern der Stadt die furchtbarsten Rechnungen schrieb, Kutsche und Pferde hielt, große Gastgebote gab, und unermeßliche Schätze zurücklegte, vor lauter Entzücken, dem himmlischen Geheimen Rathe die Hand küßte und von der Liebfrauenmilch bis auf den Grund der Seele durchweicht, erbsengroße Thränen weinte. Die dritte Flasche kam, allein Flümer bat den übermenschlich gütigen Wohlthäter dringend, sie nicht zu öffnen, denn er fürchtete, daß, tränke er noch einen Tropfen, er aus der Rührung sich gar nicht wieder herausfinden und die weichliche Freudenstimmung seines Gemüthes sich auf mißfälligen Wege Luft machen möchte. Müssen auch noch mit unserer Geldgeschichte in Ordnung kommen, Alterchen, hob der Geheime Rath an, als fiele ihm der verfallene Wechsel zufällig ein, und holte ein Papier aus dem Büreau: da hab' ich auf ein Jahr einen neuen Wechsel ausgestellt, wenn der fällig ist, leg' ich Euch das Geld da wieder auf das Tischchen, wo es der selige Kammerrath hingelegt hatte, und wir trinken dann wieder eins zusammen. Flümer tauschte den neuen gegen den alten Wechsel aus, und wenn es ihm auch nicht ganz recht war, statt des Geldes ein Papierchen zu bekommen, so konnte er in diesem Augenblicke sich dagegen doch nicht äußern; Schlauenheim sollte und wollte ihm ja die Salomonsapotheke um ein Billiges verschaffen – und zur Bezahlung der Läpperschulden des Kammerraths blieb ihm genug Geld übrig, wenn die übrigen jetzt zahlbaren Wechsel eingingen. Mit der eben nach Finsterberge abgehenden Botenfrau schrieb Flümer, als er zurück in seinen Gasthof kam, an seine Frau, daß diese schier glaubte, er wäre in der Stadt verrückt geworden. Herrlicher Mann, krakelte er mit trunkenseligen Zügen, noch keine Viertelstunde, und wir beide die dicksten Specialissimi. Wenn ich an unsern hochnäsigen Stachelbeeribizel von Oberamtshauptmann dagegen denke, welch' Discrimen! Große Apotheke am Schloßplatze! vorn der gekrönte Sohn Davids mit der Bathseba, hinten ein Springbrunnen; ich unten, hinterm Tische von Akoujou, Du oben im prunkvollen Gastzimmer, als vornehme Madame. Der Leibmedikus küßt Dir die Hand, der Hofchirurgus bückt sich vor Dir bis zur Erde. Ich komme; tiefe Reverenzen von allen Seiten; zwölf Schüsseln, sechserlei Weine. Kaffee mit Rhum. Spazierfahrten; Abends Theater. So geht nun das Leben alle Tage; ich aber bin Dein treuer       König Salomon genannt Flümer. Erst als er zu Hause Nachmittags den Rausch ausgeschlafen hatte, fiel ihm auf, daß von den rückständigen Zinsen gar nicht die Rede gewesen war. Gewiß hatte diese der Geheime Rath im neuen Wechsel mit zum Kapital geschlagen; er sah diesen erst jetzt nach; heute am Morgen hatte er ihn zwar eingeblickt, aber der Liebfrauenmilch-Flor hatte ihm die Augen dermaßen getrübt, daß es ihn gedünkt hatte, als schwämmen die Buchstaben und Zahlen auf dem Papiere alle bunt durch einander. Nein, von den Zinsen war keine Sylbe erwähnt, und statt des einen Jahres, lautete der neue Wechsel auf vier. Er wollte Anfangs gleich wieder hin und das kleine Versehen berichtigen lassen, aber – die Salomonsapotheke! – der Geheime Rath konnte empfindlich werden– und er selbst büßte ja nichts ein, das Geld gehörte ja Tildchen. Noch diesen Abend stieg er dafür zum Director von Leisekorn; das war des seligen Schwagers Kasscurator und vieljähriger Freund. Die goldbetreßten Bedienten hatten den Mahnenden schon viermal abgewiesen; heute waren der Herr Director endlich zu Hause. Ein gutes halbes Stündchen mußte Flümer im Vorzimmer warten. Im ganzen großen, hohen Hause war eine Todtenstille. Dem Ungewohnten fing es an, in diesen heimlichen Umgebungen bange zu werden. Kein Mensch rührte sich, die Ampel im Kabinette leuchtete schwach, mit Mühe erkannte er in den, an den Wänden herumhängenden prachtvollen Kupferstichen, lauter biblische Geschichten; ein frommer Mann, der Herr Director! dachte Flümer im Stillen vor sich hin, und holte kaum Athem, so beklommen war ihm von der Lautlosigkeit in dem Hause, und von dem düstern Schimmer der milchweißen Alabasterampel. Auch der Prinzipal seiner künftigen Apotheke, der König Salomo, war in einem dieser herrlichen Kupfer meisterhaft dargestellt, und zwar in dem Augenblicke, wie er den heimlichen Befehl gibt, seinen Bruder Adonai und einige ihm verdächtige demagogische Große zu ermorden. Vom oben erwähnten Oberamtshauptmann seines Ortes hatte Flümer früher einmal gehört, daß Salomo's Tempelbau, Salomo's Siegelring, kurz der ganze König Salomo für die Brüder Freimaurer und Rosenkreuzer von hoher symbolischer Bedeutung sey, und er grübelte in seiner profanen Dummheit eben darüber nach, wie gerade der Herr Salomo, ein Bastard und Brudermörder, zu der Ehre gekommen, noch heute in hohem Ansehen zu stehen, bei einem Bunde, in dem Unbeflecktheit und Bruderliebe die Hauptgesetze seyen, als es durch die Oede des weiten Hauses schellte, daß er heftig erbebte und vor Schrecken den Schlucken bekam. Zwei Diener, in jeder Hand, einen vierarmigen Leuchter, traten schweigend ein, baten, ihnen zu folgen, und geleiteten ihn mit ihren sechszehn brennenden Wachskerzen durch mehrere Zimmer bis zum gnädigen Herrn. Hier, in der Arbeitstube des Directors brannte eine düstere Oellampe, von einem tiefen Blechschirme verdeckt. Herr von Leisekorn, ein baumlanger dürrer Mann, angethan mit einem weißen Flausrocke, erhob sich von seinem Sessel, und fragte in einem tiefen Basse, aber kaum vernehmlich, was sein Begehren sey. Flümers Antwort war ein gellender Schluckauf. Er sah den dürren Riesen mit heimlichem Zittern an; so, accurat so guckten draußen beim Brudermörder Salomo, die blutdürstige Tücke, die erstickte Mordlust auch aus dem scheuen Blicke; nur machte das Erdfahle dieses widrigen Gesichts hier, die Sache noch grauenhafter und die verhaltene Baßstimme rollte aus der Tiefe der hohlen Brust herauf, wie der Donner aus den Schluchten tausend Fuß hoher Felsen. Der Director fragte noch einmal, was Flümers Begehr sey, und da dieser sich hierauf als des Kammerraths Schwager ihm präsentirte, und seine Wünsche wegen hochgeneigter Berichtigung des Wechsels verlautbarte, nahm der lange dürre Mann das Papier aus Flümers Hand, und riß es, ohne eine Miene zu verziehen, in vier Stücke. Flümern rührte vor Entsetzen fast der Schlag. Herr Director, gnädigster Herr Director, rief er halb todt vor Angst; um Gotteswillen, mein Document – das sind Kindesgelder. Teufelsgelder sind es, entgegnete Herr von Leisekorn mit kalter Ruhe. Ihr Schwager war ein leichtsinniger, gott- und pflichtvergessener Mann; ich mußte einst mit meinen Kollegen seine Kasse revidiren; eine halbe Stunde vor dem Geschäft entdeckt er mir, daß er 5000 fl. Defect habe. Auf seinen Knieen bat er mich hier in diesem Zimmer ihn nicht zu entdecken; ich bin ein frommer christlicher Mann, ich lasse mich erweichen und stellte ihm über jene Summe einen Wechsel, verstehen Sie, zum Schein aus, daß er ihn in die Kasse statt baaren Geldes lege. Nach vollzogener Revision soll er das fehlende Geld in die Kasse schaffen, und mir mein Papier zurückgeben; statt dessen legt sich der Mann hin und stirbt, und nun kommen Sie und verlangen das Geld, das ich von Ihrem in seinen Schulden erstickten Herrn Schwager in meinem Leben nicht bekomme habe. Allverehrtester, gnädigster Herr Director, wimmerte Flümer, über die neue Art von Wechseleinlösung noch ganz außer sich: was Sie da zu erzählen belieben, muß ich als Apotheker Flümer glauben, aber als dem Vormund meiner Nichte, erlauben Sie mir hochgeneigtest, solches in unterthänigen Zweifel stellen zu dürfen. 5000 fl. – ich bitte doch um Gotteswillen, die sind – ich habe vor dem verehrten Herrn Director gewiß allen ersinnlichen Respekt! – aber 5000 fl. sind heut zu Tage kein Pappenstiel, und die obervormundschaftliche Behörde wird meines Mündels Rechte gewiß bündigst vertreten. Glauben Sie, oder glauben Sie nicht, erwiederte der Director, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen. Aber wollen Sie mich einer Gewaltthat zeihen, thun Sie gegen meine Ehre einen einzigen Schritt, so – ich habe Ihren Schwager noch unter der Erde in meiner Hand. Bei seiner letzten Kassenrevision, – das wissen Sie nicht, das können Sie nicht wissen, – bei seiner letzten Kassenrevision ergab sich ein Defect von 42000 Gulden. Er wartete diese Revidirung nicht ab, sondern nahm ein Paar Gran Schlafmohn und legte sich damit zur ewigen Ruhe. Ich – ich, Herr Flümer, habe aus christlicher Liebe, aus Attachement zu dem armen verlassenen Kinde zu dem Tildchen, und aus schuldiger Achtung vor der ganzen Familie des Kammerraths – Flümer, dem bei den Neuigkeiten beinahe Hören und Sehen verging, kratzte bei der ehrenvollen Erwähnung der Familie, mit beiden Beinen devotest unter dem Stuhle – die ganze schmutzige Geschichte mit dem Manne begraben lassen, ich habe es durch mein Bischen Konnexionen dahin gebracht, daß ein ewiger Schleier darüber geworfen ist. Nun! in Gottes Namen, rühren Sie es auf. Sie haben, wie ich vermuthen kann, noch mehr Wechsel von hiesigen achtbaren Männern in den Händen. Blasen Sie Lärm; klagen Sie! Ihre obervormundschaftliche Behörde wird Sie darum als wackern Vormund loben; aber mein lieber Herr Apotheker, thun Sie diesen Schritt, so muß – muß ich den zweiten thun. Ich trete nun auch auf, mache die Gaunerstreiche Ihres sauberen Herrn Schwagers kund, lege zum Beßten des Fisci, auf den Betrag aller Ihrer Wechsel Beschlag, und lasse den landesherrlichen Kassenbetrüger, Ihren Herrn Schwager, noch nach seinem Tode, in effigie an den Galgen schlagen. An den Galgen! wisperte Flümer angstvoll heimlich nach. Was haben Sie dann gewonnen? nichts, gar nichts. Klotildchen bekommt von allen Ihren Wechseln keinen Kreuzer, denn diese betragen, wenn sie auch alle eingehen, gewiß kaum die Hälfte des Defects, und was darauf an Geld einkommt, das ziehe ich für die Staatskasse ein; der Name des Mädchens aber, und der ganzen Familie ist mit gebrandmarkt; welcher rechtliche junge Mann wird jenem die Hand bieten, wer mit dieser noch verkehren können? – Wollen Sie also klug handeln und liegt Ihnen des Kindes Wohl und Ihre eigene Ehre am Herzen, so schweigen Sie mit allen Ihren Forderungen; verbrennen Sie die nichtsnutzigen Papiere, und werfen Sie die Asche derselben auf des Kammerrath Grabhügel. Was hier aber noch in seiner Wohnung an Mobilien und Tischgeräth, Wäsche, Wein und dergleichen vorräthig ist, das setzen Sie in Geld um und tilgen Sie damit die kleinen Läpperschulden des Mannes; auf diese Weise retten Sie seine öffentliche Ehre vor der Welt, und das ist dem Mädchen, dem Klotildchen, auch eine schöne Mitgift. Mit diesen Worten stand der Director auf, als hätte er nun nichts mehr zu sagen, und klingelte den Bedienten. Diese traten mit ihren sechszehn Lichterleuchtern wieder ein; Flümer hatte Schlucken und Besinnung verloren, er verbeugte sich, ohne ein Wort zu sprechen, und ging wie ein begossenes Hündlein von dannen. Der Schwager! der Kammerrath an den Galgen! das war von dem Director ein tückischer Einfall. Flümer sah den Mann schon hängen. Wenn sie das Bild nahmen, das der seligen Kammerräthinn Putzzimmer schmückte, mit dem goldenen Rahmen, die blaue Hyacinthe im Knopfloche des braunsammetnen Tressenkleides und die goldene Dose in der Manschettenhand, und die diamantenen Gürtelschnallen in den apfelgrünen Atlasmodesten – wenn sie das Bild an das dreibeinige Lusthaus draußen auf dem Kavillerberg hingen, Flümer hätte den Tod gehabt. Was hatte er in Finsterberge nicht alles vom reichen und angesehenen Schwager Kammerrath erzählt! Wie hatte ihn bei den dortigen Honoratioren diese Verwandtschaft nicht gehoben und in der Höhe erhalten, – und nun – nein das ging nicht, das ging in aller Welt nicht. Der Director hatte Recht. Lieber Ehre und guten Namen gerettet, die schönen Wechsel Preis gegeben, und die kleinen Schulden des Seligen berichtigt. Tildchen – nun, lieber Gott, es gab mehr arme Mädchen. Warum hat der Vater das Kind nicht besser bedacht! Den folgenden Morgen schon räumte Flümer im Nachlasse des Schwagers auf, versilberte Geräthe und Meubles, bezahlte Prelloni und alle andere Gläubiger, und fuhr mit dem kleinen Ueberreste des Geretteten nach Hause. Madame Flümer fiel über die sauberen Neuigkeiten beinahe in Ohnmacht; sie griff nach ihrem Bisambüchschen, und erstarrte so gänzlich, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Endlich schloß sie die Schleusen ihrer Redseligkeit auf, und als sie sich über des seligen Schwagers Schlechtigkeit und über ihres Mannes Dummheit, sich vom Director gleich in das Bockshorn jagen zu lassen, sattsam ergossen, und die Aufhebung der noch in Händen habenden Wechsel, zur unbedingten Pflicht gemacht hatte, fragte sie, vor Aerger über das verlorne Nadelgeld glühroth, was nun mit Klotilde werde, und ob die noch wie eine Prinzessinn im Hause gehalten werden solle. Ihrer Meinung nach, sey es das Gerathenste, sie auf dem Fleck fortzuschaffen; die Baronin Knoll in Knüppelhausen suche so eben eine Kammerjungfer; dort möge die Mamsell Bimpernell ihr Heil suchen. Flümer aber war schlauer. Sehen die Leute hier, meinte er: daß das Mädchen kammerjungfert, so sind wir mit blamirt. So lange wir also nicht eine Gelegenheit haben, das Ding weit weg, am liebsten außer Landes zu bringen, so lange muß es, um unserer Familien-Ehre willen, bei uns bleiben. Damit es aber sein Brot nicht umsonst esse, will ich den Jeremias abdanken, der ohnehin nicht viel taugt, und Tilden in seine Stelle nehmen; wir sagen dann, es wäre bei ihr Liebhaberei, wir hätten sie selbst gebeten, sich mit dergleichen, für ihren Stand unpassenden Beschäftigungen nicht abzugeben, allein das Apothekern wäre nun einmal bei ihr eine wahre Passion. Ihr aber müssen wir anders beikommen; von ihrer Verarmung muß sie nichts wissen; sie kann, wie alle solche junge Kälber, nicht schweigen; in den ersten zwei Stunden weiß es die halbe Stadt, und dann lachen die Leute hier, die so schon, wegen unserer hohen Sippschaft, auf uns mit scheelen Augen sehen, uns nur aus. Ich bringe ihr das in einem Säftchen bei; ich sage, Du hättest sie immer mehr lieb gewonnen, und wenn sie Deine ganze Gunst erwerben wollte, so sollte sie es Dir ein bischen in der Apotheke erleichtern. Laß mich nur machen. Anfänglich lassen wir das Alles sachtchen angehen; die ganze Geschichte muß ihr ordentlich spielig vorkommen, und erst nach und nach bündeln wir ihr Eins nach dem Andern auf, und Du brauchst am Ende gar nicht mehr in die Apotheke zu gehen. Du kannst dann alle Nachmittage in Deine Gesellschaften, das ist auch etwas werth, und was Jeremias kann, wird sie mit ihrem anschlägigen Köpfchen bald lernen, und dann ersparen wir auch einen schönen Thaler Geld. Finden wir aber mit der Zeit eine gute Gelegenheit, ihr die Schippe zu geben – fort mit ihr. So war denn der Stab über die arme Klotilde gebrochen, und so mag durch die Schuld des leichtsinnigen Vaters manches Kind des Lebensglückes hienieden auf ewig verlustig gehen. Schon den folgenden Morgen ließ Flümer gegen Klotilden gesprächweise fallen, daß es seiner Frau oft recht beschwerlich zu werden anfange, tagtäglich in der lieben Apotheke ab und zu gehen. Auf den Jeremias sey kein Verlaß, und er selbst könne, wegen seiner anderen Geschäfte (früh im Weinhause, Abends beim Solo) auch nicht immer auf dem Platze seyn, er müsse jetzt sich nach einer Person umsehen, die seiner guten Frau die Last ein wenig erleichtere. Klotilde ließ ihn nicht ausreden; mit der freundlichen Herzlichkeit, die in diesem schönen jugendlichen Gemüthe lebte, erklärte die Zartfühlende, daß sie da doch wohl die erste sey, welcher die Pflicht obliege, der Tante das Leben so angenehm als möglich zu machen, und daß es ihr wohlthue, dem Onkel für die vielen Beweise von Wohlwollen, mit denen er sie während ihres Aufenthaltes in seinem Hause überhäufte, wenigstens auf einige Art ihre Verbindlichkeit zu bezeigen. Flümer wollte noch einige scheinbare Einwendungen von Sichnichtschicken, Zuvornehmseyn, und dem Urtheil der Welt vorbringen, allein Klotilde nahm ihn lachend an den Arm, zog ihn unter Tanzen und Springen in die Apotheke, bat, ihr nur recht viel zu thun zu geben, und versprach ihre Sächelchen schon zu machen, daß die Leute mit ihr zufrieden seyn sollten. Einen niedlichern Apothekerlehrling gab es vielleicht in der ganzen Welt nicht. Das Mädchen wußte gar nicht, wie schön sie war. Das goldig-glänzende Haar, das selenvolle blaue Auge, der Alpenschnee der zarten Haut, das rosige Grübchen in der blühenden Wange das sich nur bildete, wenn das Engelskind ein sanftes Lächeln überflog, der einzig schön geschnittene kleine Purpurmund, die Perlenpracht im Schmelz der Zähne, die fein geformte Hand, der volle, weichgerundete Arm, die herrliche frische Jugendgestalt – wie ewig Schade, daß dieses liebliche Wesen hier zwischen Salben und Pflastern, zwischen Pulvern und Tränkchen verkümmern sollte! Geht nur hin in die Provinzialstädte, in die vom Residenz-Dünkel verschrieenen kleinen Nester, in die stillen Dörfer, auf die Pfarreien und Pachthöfe, auf die Land- und Rittersitze, und in die waldumgürteten Forsthäuser! Was blühen da auf Gottes lieber deutscher Erde, ungesehen und ungekannt, für wunderhübsche Kinder! Dort, dort, in jenem glücklichen Stillleben, wo die Jungfrau, abgeschieden von der verdorbenen großstädtischen Welt, deren Freuden nur aus den Träumen ihrer Phantasie kennt, dort wohnen noch die Liebe und die Treue. Herr Flümer brachte seinen Zögling ganz behutsam an die Kette. Im Anfange war Jeremieschen noch da; Tildchen brauchte da nur ab und zuzugehen; als Spiel, als Zeitvertreib, lehrte sie der scherzhafte Oheim, Morsellen machen; sie selbst fand Vergnügen daran, zu wissen, wie die Dingerchen verfertigt würden, die ihr als Kind so vortrefflich geschmeckt hatten. sie kochte wie ein Meister, ihren Zucker mit Wasser bis zur Tafel-Consistenz, nahm zur Probe etwas mit dem Spatel heraus, schnellte es in die Luft, und wenn es sich als eine Flaumfeder zertheilte, nahm sie den Zucker vom Feuer, rührte ihn unter Zusatz von etwas Weingeist, bis er abzusterben anfing, mengte dann die vorgeschriebenen Stoffe, vor dem Erkalten, schnell unter, goß das Gemenge in die befeuchtete hölzerne Morsellenform, zerschnitt es, vor dem gänzlichen Erkalten, in schmale viereckige Stückchen, und ihre Morsellchen waren fix und fertig. Man mußte das mit ansehen, um zu diesem Zuckerwerk einen unwiderstehlichen Appetit zu bekommen. Auch rotuliren lernte sie, und wenn sie ihre Zuckermasse tropfenweise auf das dazu eingerichtete Blech fallen ließ, und die Brustküchelchen dutzend- und hundertweise aus der schöpferischen Hand hervorgingen, und sie selbst so reinlich und appetitlich aussah, daß man das ganze Mädchen für ein Brustküchelchen hätte halten mögen; so konnte man wohl begreifen, warum jetzt die liebe Jugend von Finsterberge die Klingel der Apothekenthür mehr als je in Bewegung setzte, denn die Brustküchelchen waren im schwarzen Mohren nie so delikat gewesen. Selbst der Sextus schloß sich zuweilen an den Nachtrab seiner theuern Schuljungen, und bar, wenn diese abgefertigt waren, mit süssen Worten, seinen Heilholder , seine Hygiea, wie er Tildchen im Ergusse seiner Zärtlichkeit nannte, um ein Paar herzerquickliche Morsellen; als diese ihm aber eines Morgens, in einer muthwilligen Anwandlung, um seiner für immer los zu werden, und sein stürmisches Herzklopfen, über das er mit bedeutsam girrenden Blicken klagte, aus dem Grunde zu heilen Mannamorsellen reichte, kam er nicht wieder; denn es ward ihm darauf so mißlich zu Sinne, daß er mitten in einem Satze seines lateinischen Lesebuchs, den vor Angst preßhaft zusammengeknippenen Gedicke in der Hand, seine Klasse eilig verlassen mußte, und selbst diesen Abend noch, den plastisch-mimischen Theezirkel bei Postmeisters zu besuchen nicht die geringste Lust hatte. Er kam zwar, auf dringend wiederholtes Bitten, aber ungewöhnlich spät; er hatte versprochen, diesen Abend den Apoll von Belvedere darzustellen; aber dazu war er schlechterdings nicht zu bewegen; er meinte, mit einem zärtlich strafenden Seitenblick auf Tildchen, daß ihm heute gar nicht apollerig zu Muthe sei, und ließ sich nur durch vieles Zureden bestimmen, dafür den Laokoon zu machen. Des Rectors Aeltester und Postmeisters Davidchen waren seine Söhne, zwei zusammengebundene Shawls vertraten die Stelle der Schlangen. Der Sextus saß, in der ihm heute vorzüglich zusagenden Stellung mit vorwärts gekrümmten Unterleibe, und erreichte im Gesichterschneiden eine so furchtbare Wahrheit, daß Alle sich vor ihm entsetzten, nur Klotilde, der dabei manches einfallen mochte, konnte sich des heimlichen Lachens nicht erwehren. Der Sextus breitete, nach der Vorstellung, über die Geschichte jener grauenvollen Gruppe, zum Staunen des ganzen Kreises, seine Gelehrsamkeit des Weitern aus; erzählte, wie sie Agesander von Rhodus gearbeitet, wie sie 1506 in den Bädern des Titus gefunden worden und wie sie Papst Julius im Belvedere habe aufstellen lassen, als ob er dabei gewesen wäre, und wandte sich dann unvermerkt, mit scherzhaftem Drohfinger zu Tildchen und sagte blümlicher Weise: Laokoon war der Priester des Apollo, dieser aber der Vater des Aesculap; Sie heilloses Heiden-Ysopchen , was würde der Vater meines Prinzipals, zu Ihnen, seinem jüngsten Zögling sagen, wenn ich Sie bei ihm verklagte. Noch will ich glauben, daß ein bloßes Vergreifen am Vorfalle Schuld gewesen ist und muß eigentlich dem Zufalle danken; denn mir ist heute um Vieles leichter, und die Flügelkraft meiner Phantasie entfesselter als je; aber Tildchen, Engelkätzchen , wenn das nicht Fehlgriff, wenn das boshaft berechnete Absicht gewesen wäre! – Klotilde versicherte, daß sie nicht wisse, was er wolle, und wußte, ob es gleich ein starkes Stück war hier das Lachen zu verbeißen, doch das Madonnengesichtchen so ernst zusammen zu halten, daß der purificirte Sextus, in seiner inneren Jury das nicht schuldig laut über sie aussprach. Der seelenschwarze Mohrenkönig Flümer sah mit stillem Entzücken, daß Klotilde sich zum Apothekerburschen anließ, als wäre sie vom Himmel dazu berufen. Nachdem der erste Grundunterricht gelegt war, ging es an das Pulvern, Raspeln, Granuliren, Koliren und Filtriren; er unterwies die Gelehrige im Reiben, Zerquetschen, Ausschwingen und Abschäumen; sie lernte Emulsionen, Pulpen, Pasten und Konserven, Pflaster und Salben bereiten, destilliren und dispensiren und drehte ihr Pillchen nach Noten. Jetzt ward, unter dem Vorwande nöthiger Einschränkung, Jeremias entlassen; Flümer der Heuchler, gestand ihr, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß er hie und da einige Einbußen gehabt, und nicht so viel erübrige, sich einen Gehülfen halten zu können; Klotilde, das sanfte gutmüthige Wesen freute sich, so weit vorgeschritten zu seyn, daß sie dem Oheim an die Hand gehen, und ihm die erzielte Ersparniß bewirken konnte. Allmählig trat nun auch Madame Flümer mit der Schattenseite ihres Charakters hervor. Fallen diese Blätter in die Hand eines armen Mädchens, das so unglücklich ist, von gewissen- und charakterlosen Verwandten das sogenannte Gnadenbrot annehmen zu müssen; so wird dieses Klotildens Lage, die sich von Tage zu Tage verschlimmerte, zu ermessen vermögen. Was die Willfährige anfänglich aus Gefälligkeit, aus Bereitwilligkeit, halb zum Scherz, zur eigenen Lust gethan hatte, ward ihr jetzt als Pflicht angerechnet, und wenn jemand in ihrer Gegenwart äußerte, daß die Tochter des seligen Herrn Geheimen Kammerrath doch wahrhaftig nicht nöthig hätte, zu so schwerer, ungewohnter Arbeit sich herzugeben, fiel ihm das Flümersche Ehepaar gleich lächelnd in die Rede und versicherte, daß dieß auch seine Meinung sey, daß aber das komische Mädchen auf das Apothekerwesen ganz versessen sey, und aller Vorstellungen ungeachtet, diese Liebhaberei nicht aufgeben könne. Klotilde konnte und durfte nicht widersprechen; sie that, was sie that, in ihrem Wahne ja zum Beßten der zurückgekommenen Familie. Wohl ward das Kreuz, das ihr das Geschick aufgelegt hatte, immer schwerer; wohl fühlte sie das Mißverhältniß ihrer früheren Erziehung zu ihrer jetzigen Lage; aber Oheim und Tante waren in der ersten Zeit ihres Hierseyns, ihr mit so vielen Aufopferungen entgegengekommen; hätte sie sich nicht selbst des schwärzesten Undankes anklagen müssen, wenn sie jetzt, da sie ihren Wohlstand erschüttert glaubte, nicht mit Beiden getragen hätte? Zu den neuen Industriezweigen, die Flümer seit kurzem cultivirte, gehörte auch das heilige Parallelopipedum ; so hatte der witzige Sextus eine kleine Gesellschaft getauft, die sich an den unbesetzten Abenden der Woche, bei Flümer, in einem an die Apotheke stoßenden Zimmer von der genannten Form versammelte, und sich mit Kardinal, Grog, Bischof, Wein und Punsch, alles Flümersches Gebräu, sattsam vergnügte. Ein Grundgesetz dieses geistreichen Vereins, der darum auch nur aus Männern bestand, war, daß jeder der Gesellschaft das Recht hatte, den andern, selbst mitten im Trinken, nach dem schweren Losungworte der heiligen Versammlung, Parallelopipedum, zu fragen, und daß dieser, wenn er es nicht ohne Anstoß sprach, den halben Geldbetrag seines Glases in die allgemeine Trinkkasse, als Strafgebühr erlegen mußte. Der pfifige Sextus hatte zu dieser traulichen Bruderschaft unter andern auch mehrere reiche Bürger: Becker, Brenner, Brauer, Schlächter, Gerber, Riemer und dergleichen gezogen, denn diese spieckten die Trinkkasse zum allgemeinen Beßten reichlich, weil sie über das verdammte Wort selten glücklich hinwegkamen, sondern zur lauten Freude der Tafelrunde, fast allemal beim Pip stecken blieben; darum belegten auch Spottvögel, denen nicht das Glück zu Theil wurde, in das Parallelopipedum aufgenommen zu werden, die Mitglieder derselben mit den Spitznamen Pipvögel, Piplinge oder Pipisten. Ein solcher war der Weißgerbermeister Schabig, ein alter reicher Kauz; der kam gewöhnlich zu allererst, damit er sein Viertelchen in Ruhe trinken konnte, ohne über das fatale Losungwort zu stolpern. Eines Abends trat er auch, ziemlich früh noch am Tage, in die Apotheke, besah sich, im Vorbeigehen, Tildchen mit ganz besonders aufmerksamen Auge, bot ihr einen freundlichen guten Abend, brummelte etwas von gnädiger Frau, vor sich lächelnd, in den Bart, winkte Flümer mit dem elfenbeinernen Stockknopfe, ihm zu folgen und schritt quer über in das Parallelopidedum. Er ließ sich statt des üblichen Viertelchens heute eine Halbe, und dann noch eine Ganze geben; Flümer mußte mittrinken und sie plauderten von diesem und jenem, und als der Wendewein In Flümers Wohnorte giebt es bekanntlich drei Sorten selbst gewonnenen Weines; Wendewein , Schulwein und Dreimännerwein . Wer die erste Sorte trinkt, muß sich des Nachts umwenden und auf die andere Seite legen lassen, damit das Getrunkene die Eingeweide nicht durchfresse; der Schulwein ist von noch besserer Qualität, man droht damit den Kindern, wenn sie nicht in die Schule gehen wollen; die Prima Sorte aber ist der Dreiwännerwein, also benannt, weil man ihn in der Regel nicht anders trinkt, als wenn einen zwei Männer halten, und der dritte den Labetrunk eingießt. dem Alten das Herz erwärmt hatte, rückte er Flümern näher, und sagte: Gevatter, ein Wort im Vertrauen! Wie steht es mit der draußen? Es ist jemand eines Abends hier gewesen, hier in unserem Pip, dem hat sie ganz grausam gefallen, und wenn wir hier zusammenkommen, – er machte mit der Rechten die Pantomime des Geldzählens in die hohle Linke – so ist Euch die Mamsell in vier Wochen eine gnädige Frau, mir nichts, dir nichts. Er erzählte nun mit weitschweifiger Umständlichkeit, daß er gestern draußen in Dippelpfützigen auf dem Edelhofe zweihundert Stück Sterblingsfelle gekauft, und daß ihm bei dieser Gelegenheit der gnädige Herr sein ganzes Herz aufgeschlossen habe. Der Dippelpfützinger Herr, rief Flümer ganz verwundert! der alte Herr von Fettsteertken? Herr Schabig aber meinte lachend, daß es der junge, der Sohn sey, der unlängst von dem Militair den Abschied genommen, und jetzt beim Vater auf dem Gute lebe. Flümer konnte sich platterdings nicht entsinnen, ihn hier gesehen zu haben, aber Schabig betheuerte solches, entsann sich, daß es am letzten Viehmarkte war, wo mehrere Fremde in den Pip mitgebracht wurden, und beschrieb ihn als einen jungen barschen Mann, das Haar staar und struppig, ein bischen wild im Blick, die Gesichtfarbe etwas gelblich, und bei seinem Hierseyn wäre er mit einem grünen Rocke angethan gewesen. Das beiseite, Gevatter, fuhr der Gerber traulich fort: die Hauptsache ist's Geld; das Mädel gefällt ihm, aber ohne Klingendes ist es nichts. Ihr wißt schon, wo der Edelmann um ein Bürgerding freit, da hat's in der Regel einen Haken. Wir haben draußen ein bischen schlecht gewirthschaftet. Kein Ziegel auf dem Dache ist mehr unser. Denkt Euch, das delikate Schaafheu, das dort fällt, Alles haben sie verkauft, und nun ist nichts mehr zu füttern da, und die Schaafe, deren Fell ich kaufte, sind vor Hunger crepirt. Das Dippelpfützingen ist wohl ein schönes Gut, aber es gehören ein 16–20,000 Thälerchen hinein, sonst sind wir kapores. Nu seht, Gevatter – es soll auch für Euch was abfallen, versteht Ihr mich – aber wie steht es mit dem Beßten? schenkt reinen Wein ein; mir dürft Ihr keine Flausen machen. Habt immer viel gebrascht vom reichen Kammerrath! was hat die draußen nun eigentlich? mütterliches ist nicht viel da, denn Eure Frau hatte auch nichts; aber der alte Kammerrath – Flümern stand der Schweiß auf der Stirne. Der alte Weißgerber war ein durchtriebener Fuchs und dazu einer seiner Hauptkunden; der Mann brauchte jährlich eine gewaltige Menge Alaun, dem getraute er sich nicht, auf eine so ernste Frage mit einer Windbeutelei zu antworten; er erzählte ihm also klar und bar die ganze Geschichte, schonte dabei des seligen Schwagers, so viel als möglich, fluchte weidlich auf die nichtsnützigen Wechsel, und bat den Alten um geziemende Verschwiegenheit. Dieser aber hatte den elfenbeinernen Vogel seines Stockknopfs im Munde und lachte. Haben Euch da wieder einmal recht betippelt, Flümerchen, die klugen Herren in der Stadt, sagte der alte Schabig und schüttelte spöttelnd das Haupt. Wo die Schelme hinauswollen, liegt ja am Tage. Der geheime Rath, der Schlauenheim, hat Euch mit seiner Liebfrauenmilch zum dummen Teufel umgetauft, und mit seinen pestilentialischen Komplimenten beschwindelt. Zeit gewonnen, Alles gewonnen; darum gibt er Euch einen neuen Wechsel, und macht aus dem besprochenen einem Jahre vier. Die Zinsen rechnet er aber auf seinen Achtundvierziger. Ihr Apotheker, Ihr Neunundneunziger schreibt, wenn es auf das Rechnen ankommt, doch eine schöne Kreide, aber der Schlauenheim versteht es doch noch besser. Leisekorn ist aber der eigentliche Matador! reißt seinen Wechsel vor Euern sichtlichen Augen in Stücken, und schüchtert Euch mit seinem Galgen dermaßen ein, daß Ihr Eure Papierchen ruhig zu Hause nehmt, und selber Gott dankt, wenn nur weiter keine Rede davon ist. Mit nichten! Die Füchschen müssen alle aus dem Loche heraus, und der saubere Herr von Leisekorn zuerst; seyd ganz ruhig, er wird vom seligen Kammerrath nicht Lärmen schlagen; er nicht. Er war der Kassenkurator, und wird die Geschichte mit den Defecten recht ruchbar, und kommt sie vor die Behörde, wohin sie gehört, so muß der Herr Kurator das Fehlende ersetzen und riskirt seinen Posten. Aber Ihr, Flümerchen, taugt nicht, das durchzufechten. Gebt's Mädel mit den Wechseln dem Fettsteertken, der ist von Adel, hat Connexionen, spricht mit allen Ministern, wie wir beide mit einander, und wird schon die Papiere zu Gelde machen. Ihr seyd der Vormund gewesen, und habt das Ding eine lange Weile gefüttert, Ihr müßt auch was davon abhaben; 1000 fl. sind Euer, die verspreche ich Euch in des Edelmanns Namen. Topp! sagte Flümer, und schlug ein, und Klotilde war verrathen und verkauft. Der Postknecht der Liebe, der Gerbermeister Schabig, fuhr den folgenden Tag schon nach Dippelpfützingen, überbrachte dem, unter der Last seiner Schulden zärtlich harrenden Bräutigam das Resultat der gepflogenen Unterhandlungen, und stellte ihm anheim, des ehesten nun in höchsteigener Person nach Finsterberge zu kommen, um das fragliche Mädchen seines Herzens näher kennen zu lernen. Dieser aber meinte, mit dem Kennenlernen hätte es bis nach dem Beilager Zeit; er hätte Tildchen schon hinlänglich ge- und besehen; der Hauptpunkt sey das Geld; er dringe auf abschriftliche Mittheilung der erwähnten Wechsel; mit diesen wolle er erst in die Residenz, und horchen, wie weit es möglich, sie durch seine Verbindungen in Geld umzusetzen; und wenn sich das machen ließe, so wiederhole er das Versprechen, Flümern 1000, und dem Herrn Schabig 500 fl. zu zahlen, und damit könnten, würden und müßten beide Herren zufrieden seyn. Der weißgerbende Liebesbote kam mit diesem Bescheide zurück: Flümer copirte die Wechsel, sandte die Abschriften mit einem höflichen Brieflein nach Dippelpfützingen, und ließ an den Marterschrauben, unter denen das arme Tildchen bisher im Stillen geseufzt hatte, jetzt etwas beträchtliches nach, denn er sah in dem Mädchen schon die gnädige Frau leibhaftig vor sich. Der Sextus hatte Recht; hundertmal hatte dieser, in seiner Extase, die schöne Jungfrau, ihres stolzen Wuchses wegen, eine Königsblume , wegen ihrer vornehmen Haltung, seinen Edelgamander , wegen der Majestät ihres himmelreinen Blicks sein Sonnenauge genannt. Ja, das war die edle Frau von Fettsteertken auf Dippelpfützingen, wie sie leibte und lebte. Er schämte sich, ihr bisher solche, ihres Standes unwürdige Arbeiten aufgebürdet zu haben, dispensirte sie von diesem und jenen, und machte fast Alles selbst, so daß Tildchen, das freilich die Gründe dieser Umwandlung nicht ahnen konnte, fast auf die kränkende Vermuthung gerathen wäre: ihr Ungeschick hätte den Oheim vermocht, sich auf einmal den Geschäften, die sie bisher besorgt hatte, wieder selbst zu unterziehen, aber er war ja freundlicher, als seit langer Zeit; und – Tante Flümer, von der sie, ungeachtet aller Anstrengungen, ihre Zufriedenheit zu gewinnen, noch vor kurzem nichts als Scheltworte gehört hatte, war jetzt die Güte selbst, denn Papa Flümer hatte ihr aus seinen 1000 Kuppelgulden wieder ein erkleckliches Nadelgeld versprochen, ihr aber zugleich dringend empfohlen, gegen Tildchen möglichst gut zu seyn, damit dieses, wenn der Bräutigam aus der Residenz komme, nicht Ursache habe, gegen ihn über die erlittene Behandlung im Hause zu klagen. Statt des Bräutigams aber traf von diesem ein grober Brief an Flümer ein, in welchem der Herr von Fettsteertken, von Aprilschicken, von bürgerlicher Aufführung und dünkelhaften Einbildungen sprach, kurz und rund erklärte, daß, ungeachtet er mit zwei Ministern, drei Geheimen, vier nicht Geheimen, fünf Wirklichen und sechs Titular-Räthen, über die bewußten Wechsel gesprochen, doch Alle einstimmig gelacht und gemeint hätten, daß damit nicht durchzukommen sey, und Herr Flümer wohl am beßten thun werde, die hiermit in Verbindung stehende Angelegenheit für immer unberührt zu lassen. Aus der beabsichteten Heirathgeschichte, schloß endlich der Briefsteller: kann demnach nichts werden, und stelle Ew. Hochedelgeboren ich ergebenst anheim, Ihre Wechsel sauer kochen, Mamsell Tildchen aber, damit selbigem die hochfahrenden Gedanken an eine Verbindung über ihren Stand baldigst vergehen, recht fleißig Pillen drehen zu lassen. Die gnädige Frau Nichte auf Dippelpfützingen, die 1000 fl., das Nadelgeld – Alles, Alles vernichtete dem tief erschütterten Flümer dieser abscheuliche Brief mit einem Male, und hatte der Edelmann mit seinen Verbindungen die Wechsel nicht giltig machen können, so war es Niemand möglich. Er wollte die verhaßten Papiere schon in das Feuer werfen. Hätte er es doch gethan! Es war aber, als erfaßte eine unsichtbare Hand die seinige. Bei Gott ist kein Ding unmöglich, sagte er still brummend vor sich hin: verwandelte sich einmal Wasser in Wein, warum sollte nicht auch einmal Einer kommen, der die infamen Wische doch noch zu Gelde machen könnte. Er legte sie daher verdrüßlich wieder auf ihren alten Platz, und wetteiferte nun mit der lieben Ehehälfte, die arme Klotilde das Unglück ganz verlassen zu seyn, in seinem vollen Umfange fühlen zu lassen. Er erklärte ihr jetzt unverholen, daß sie arm, bettelarm sey; er schimpfte auf den Vater im Grabe, daß dem Kinde das Herz in der Brust blutete. Du mußt nun Dein Brod verdienen, sagte er kurz und kalt: von Deinem bischen Nähen und Flicken und Sticken und Stricken kannst Du Dich nicht satt machen. Euer ganzes Fingeriren wirft ja täglich kaum das Salz ab. Aus dem Hause können wir Dich nicht lassen; Du bist zu jung, zu – dumm wollte er sagen, aber die großen blauen Augen des tief gekränkten Mädchens warfen einen so selenvollen Blick auf den Erbärmlichen, daß er das Wort nicht über die Lippen bringen konnte. Da haben wir uns denn schon entschließen müssen, fuhr er mit scheinheiliger Frömmelei fort: Dich bei uns zu behalten. Denn der Herr spricht: was wir thun einen unter seinen geringsten Brüdern, das haben wir ihm gethan; aber die Apotheke mußt Du nun gänzlich übernehmen; früh, ehe wir öffnen, und Abends, wenn wir geschlossen haben, mußt Du meiner Frau ein paar Stündchen die Näherei für das Haus besorgen, und Sonntags werden wir gern sehen, wenn Du Deinen Unterricht im Französischen und auf dem Klaviere bei den Kindern fortsetzest; dafür will ich gern Nachsicht haben, wenn Du in der Apotheke, falls nicht dringendere Geschäfte da sind, für Dich nähen und arbeiten willst. Klotilde, das fügsame, arme Wesen, ließ sich Alles gefallen. Sie sah Alles für ein Werk der Barmherzigkeit an, denn sie wußte nicht, wie unentbehrlich sie dem Oheim war. Sie kostete ihm nichts als das bischen magere Essen, und war im Laufe der Zeit mit ihrer Gewandtheit, mit ihrem anschlägigen Köpfchen und mit ihrem guten Willen, in den Geschäften der Apotheke so bewandert worden, daß er nur anordnen durfte, und gewiß seyn konnte, Alles mit der größten Genauigkeit ausgeführt zu sehen. Das Gefühl, sich ihr ärmliches Brot einigermaßen wenigstens zu verdienen, und also dem Onkel und der Tante nicht ganz zur Last zu seyn, hielt sie aufrecht; nach der Residenz zurück hatte sie keine Sehnsucht mehr; was sollte sie jetzt dort, wo sie geliebt und geachtet gewesen war, und in Lust und Freude gelebt hatte; wo sie nun, um der Missethat des Vaters willen, sich überall zurückgesetzt zu sehen, mit Recht fürchten mußte. Die ganze übrige Welt war ihr fremd. Einen andern Zufluchtort kannte sie nicht, also blieb ihr nichts übrig, als auszuharren und zu dulden. Die Kraft der Jugend ist allmächtig, und im Tragen des Ungemachs hat das Weib eine Gewalt, daß man das Geschlecht wahrhaftig nicht das Schwache nennen sollte; so fügte sich die sanfte Klotilde in das drückende Verhältniß ohne Murren, und würde bei ihrer Anspruchlosigkeit ihre Lage selbst jetzt noch leidlich gefunden haben, wenn nur die Tante mit ihren furchtbaren Launen nicht gewesen wäre. Klotilde mochte doch thun und machen, was sie wollte und konnte, über Alles zankte und kiff die Frau, und das immer in einem so schneidenden, widrigen Tone, daß Klotilde oft alle Fassung zusammen nehmen mußte, um nicht an sich selbst zu verzweifeln. In ganz Finsterberge war keine, die sich mit ihr in Hinsicht ihrer Kunstfertigkeit in weiblichen Arbeiten hätte messen können; aber Tante Flümer tadelte Alles bis auf den kleinsten Stich. Beim geringsten Versehen mußte Klotilde die giftigsten Vorwürfe über die Residenz-Erziehung, über den hochnasigen Vater hören, der sein Kind zu nichts ordentlich angehalten habe; und schossen dem Mädchen, bei solchen harten Reden, die Thränen in die Augen, so schimpfte es Madame Flümer einen Wasserliesch , eine Pimpinelle , – verhielt es sich das Weinen, so war es ein Holzmangold , – lachte – was recht selten geschah – einmal das niedliche Kind, so hieß es gleich ein Lablabfasel und lachte es zu ihren oft sehr zweiseitigen Späßen nicht, so sprach Madame von Dicksaft, Sauertamarinde und dergleichen Sächelchen mehr. Kein Tag verging ohne die unangenehmsten Auftritte dieser Art; die Mißstimmung der Tante ward immer fühlbarer, und Klotilde fing, bei allem leichten Sinne, mit dem die Natur die bunten Flügel der Jugend verschönt hat, am Ende doch an, den Muth zu verlieren. An allem diesem Unheil war der verwünschte Sextus vorzüglich mit Schuld. Der hatte sonst zu der Frau Apothekerin Flümer Füßen gelegen; jetzt vernachläßigte er Madame sichtlich, hatte nur für Tildchens Reize Augen, und war unbesonnen genug, die Gluth seiner inbrünstigen Liebe frank und frei brennen zu lassen. Dreimal kam er täglich in die Apotheke; früh, um ein Gläschen Bittern für den bösen Nebel zu trinken; nach dem Essen, um sich sein Desert, ein Loth rosenrothe Brustküchelchen zu holen, und Abends, um den Schulstaub mit einem Achtelchen Dreimännerwein hinabzuspülen; in das Zimmer der Madame Flümer, der er sonst täglich seine Huldigungen darbrachte, setzte er jetzt keinen Fuß; und wenn er sie zufällig einmal sah, so war in der Regel sein Erstes, bei allen Göttern der Oberwelt zu versichern, daß Tildchen alle Tage schöner werde, daß sie eine wahre Zierde der Stadt, eine veritable Himmelskerze sey, und zerschnitt mit jedem solchen Worte der Apothekerin das vom Gifte der wüthendsten Eifersucht durchfressene Herz. Lange schon war es aus der Mode gekommen, Klotilden in die geselligen Zirkel des Orts mitzunehmen; heute aber war große literarische Assemblee bei Apothekers selbst, und es ward ihr verstattet, der Gesellschaft beizuwohnen, doch mußte sie, wie sich von selbst verstand, zu ihrem Geschäft zurück, so oft die gellende Klingel der Apothekenthüre sie hinter den Ladentisch rief. Der sinnige Sextus hatte seit seinem Hierseyn die Einrichtung getroffen, daß in dergleichen Zusammenkünften die Auserwählten, die sich den engern Ausschuß nannten, Aufsätze, Gedichte oder dergleichen aus eigener Fabrik ablesen mußten. Der Vorleser saß auf einem dreibeinigen Sessel, den der Sextus in den delphischen Tripos umgetauft hatte, und so wie dort die Priesterinn Pythia, vor Herausgabe ihres Orakelspruchs, sich das Haar im castalischen Quell baden, sich mit Lorbeer bekränzen, beim Niedersetzen auf den Dreifuß, den nebenstehenden Lorbeerbaum schütteln, und einige Lorbeerblätter essen mußte; so wurden auch hier für die Vorlesenden ähnliche Feierlichkeiten vorgeschrieben; nur vertrat die Stelle des castalischen Quells der nahgelegene Mühlgraben; dafür gewährte aber, was an Lorbeerblättern erforderlich war, die Flümersche Apotheke in sattsamer Fülle. Der Sextus hatte für diesen Abend einen lyrischen Hymnus auf Tildchen in der Tasche. Er wollte ihn erst lesen, und dann sollte er mit figurirter Musik gesungen werden. Vom figurirten Gesang erwartete er sich einen wahren Schlag-Effect; der mußte dem Mädchen mitten durch's Herz gehen. Der Kreissecretair, den die postmeisterliche Sabine mit ihren Liebesnetzen umgarnt hielt, wollte seinen Preis steigern, und hatte, von dem, im Publicum heimlich umgehenden Gerücht eines bald ausbrechenden Krieges veranlaßt, ein furchtbares Heldengedicht fabrizirt, an dessen Schluß er nicht undeutlich merken ließ, daß, wenn die Kriegstrommete ertöne, ihn nichts abhalten solle, die Kreisfeder mit dem Schwerte zu vertauschen. Flümer dagegen hatte sich in einem sechs Bogen langen in Prosa gestellten Aufsatz, über die unvermeidlichen Folgen des Brechweins ausgelassen, wollte aber zuvor ein kleines Scherzando zum Beßten gehen, in dem er die Apothekerzeichen rein poetisch erklärt hatte; so hieß es darin unter andern: heißt der Sand, und Acidum die Säure. 0–0 Arsenik heißt dieß Gift, dieß Aurum Gold, das Theure. Ihr findet bei mir o°o Oel; mein Ω Geist ist oftmals flüchtig, Nimm dieses Weinsteinsalz, das Mittelchen wirkt tüchtig. Ein wahres Meisterstück der elegischen Dichtkunst aber war Postmeisters Sabinchen geglückt. Sie hatte sich dazu nymphenartig angethan; einen zerrissenen weißen Rosenkranz in dem nachlässigen Haar; am Busen eine verwelkte rothe Rose, in der Hand eine gelbe. So trat sie in langen Trauerkleidern, im Kothurnschritt in das Zimmer, netzte sich bedeutsam schweigend Locken und Stirn mit dem Kristallwasser des Mühlgrabens, ließ sich langsam auf den Tripos nieder, schüttelte an dem danebenstehenden Lorbeerbaume, kaute einige seiner Blätter, verschlang die bittern Dinger, und begann mit tief gefühltem Pathos ihr Elegieion, das eine glückliche Nachbildung des verlorenen Paradieses war, und die Ueberschrift führte: Das verlorene Felleisen . Eine Liebende nämlich harrte auf Nachricht vom fernen Getreuen. Das Felleisen, das die ihr bestimmten Briefe enthalten hatte, war verloren gegangen, und nun überließ sich die Getäuschte der zartesten Schwermuth, und verklagte bei den Göttern, in den rührendsten Ausdrücken, das ganze Postpersonale vom General-Postmeister bis zu Schmierfrieden herab, so hieß der emeritirte alte Postknecht zu Finsterberge, dem das mißliche Amt übertragen war, die Räder des wohllöblichen Postamts geschmeidig zu erhalten. Sie war eben bei der gräßlich schönen Stelle, wo die Verzweifelnde die Rache der himmlischen Mächte beschwört, und deklamirte anfänglich mit schmachtender Zärtlichkeit, dann aber mit steigender Furienwuth: Felleisen sag' wo bist, wo bist Du hingeschwunden Der kecke Frevler, der Dich Liebesschatz gefunden, Er werde schonungslos an's Marterkreuz gebunden. Nicht hören mag ich mehr des Posthorns kreischend Schmettern, Ist noch Gerechtigkeit im Himmel und bei Göttern, So schlagt allmächtig drein mit Euern Donnerwettern. Da donnerte es draußen an der Hausthür, daß sie alle aufflogen, und meinten, die beschworenen Himmelsmächte hätten in die Apotheke eingeschlagen. Aber es war Jeremieschen, in einen schwarzen Schaafzobel gehüllt, ein Paar gewaltige Sporenstiefeln an den Füßen, einen großen mondsichelförmig geschweiften Saracenen-Säbel um die Hüfte, und einen hohen Hühner-Reiher auf dem mit funkelnagelneuen Cordons geschmückten Uniform-Hut. Er kam brühwarm aus der Residenz, berichtete in seiner, gewöhnlicher Weise ziemlich confußen Manier, bunt durcheinander, daß dort, wie der Blitz aus heitern Wolken, der Befehl gekommen wäre, die Armee mobil zu machen; daß ein feindliches Corps im Anmarsch sey, daß sie in der Residenz Alle den Kopf verloren hätten, daß er deßwegen bei der Feldapotheke angestellt sey. daß Alles wie toll und blind zu den Waffen eile, daß er für König und Vaterland auf Tod und Leben Pillen drehen wolle; daß bei seiner Abreise von hier, zwey Paar alte Beinkleider, ein Blaserohr und fünf Sonnette von Mamsell Sabinchen und ein Serviettenband, was ihm Tildchen getapißerirt hätte, hier zurückgeblieben wären; daß er gekommen sei, um dieß alles abzuholen, und mit zu Felde zu nehmen; daß in den Gränzstädten, die der Feind bereits besetzt habe, nach eingelaufenen Spionsberichten, Frauen und Mädchen selbst von Stande, keinen Anstand nähmen, den Anstand zu verletzen, und den standhaften Zumuthungen der feindlichen Offiziere einen nur zu freundlichen Widerstand leisteten; daß die dortigen jungen Leute über diesen Zustand der Dinge, vor Ärger und Bosheit abständen wie die Karpfen, und daß in Kurzem hunderttausend Mann, mehr oder weniger, Freund oder Feind, hier seyn und ohne Umstände ihre vorläufigen Standquartiere hier nehmen könnten. Stielloser Feldehrenpreis! schrie der Sextus, den neugebackenen Feldapotheker in seine Arme schließend: liebster Feldnichel, sollte es möglich seyn! Hier Truppen? in unserm friedlichen Finsterberge, das keinem der weltlichen Potentaten, etwas zu Leide that, Truppen? mein wilder Feldsafran, was für Tage warten unser, wenn Streitwink und Bluthirse unsern gemüthlichen Fluren entsprießen! Ach mein tapferer Feldrittersporn! wo die Teufelsklauen blühen, da gedeiht kein Jungferntrost, da trägt die Mannstreue keine Früchte. Wohl soll, entgegnete weissagend, die delphische Sabine und schlug den Blick auf den Kreissecretair: der Mannstreue von der Minne gelohnt werden, wenn sie aushält im Felde. Finsterbergs Frauen und Mädchen sollen hochstehen in der Chronik unsers Weichbildes; sie werden nicht seyn wie jene an der Gränze, von denen uns hier Freund Jeremias berichtet; sie werden treu halten an ihre Buhlen. Erhebt Euch von Euern Sitzen, verehrliche Schwestern des Kreises, strecket die Rechte zum blauen Himmel empor, und schwört, seine Farbe zu halten. Fluch, dreifacher Fluch treffe eine jede, und verfolge sie durch das ganze Leben bis zum Grabe, die ihr Herz zu Einem der feindlichen Heerschaaren wendet! Die Mädchen alle – jedes hatte ja einen im Sinne, von dem es wußte, daß, wenn's Noth thue, er unter die Fahnen des Vaterlandes eilen werde, und glaubte, durch den Schwur der Treue, die Gegenliebe des Einen sich fester zu machen, – die Mädchen alle flogen von ihren Sitzen auf, hoben die Rechte und schworen, die Deutung auf des Himmels Bläue wohl verstehend, seine Farbe zu halten, und sprachen der überreizten Sabine den Fluch nach, mit dem jede Abtrünnige belegt seyn solle durch das ganze Leben, bis zum Grabe. Klotilde, noch keinem im Herzen, hatte das alles nachgesprochen, ohne weiter großes Gewicht darauf zu legen, nur als sie die letzten Worte der furchtbaren Verwünschung über die Lippen brachte, flogen ihr die Schauer eines leisen Grauens durch die Seele. Es ward ihr unerklärlich bange in der Brust, und sie war froh, als die Gesellschaft aus einander ging. Von dem Tage an verschwand die Ruhe des Friedens aus Deutschlands Gränzen, und der Krieg überzog mit seinen Greueln die halbe Welt. Noch war keine Woche vergangen, als die ersten feindlichen Schaaren, zwei Jäger-Regimenter zu Pferde, schon eintrafen und das Städtchen mit tausend harten Forderungen ängstigten. Ein Hauptunglück für dasselbe war, daß man keinen Menschen der französischen Sprache mächtig ausfinden konnte, der zwischen dem fremden Militair und den Stadtbehörden den Dollmetscher hätte machen können. Daraus entstanden unzählige Mißverständnisse, welche die feindlichen, ohnehin schon barschen und erbarmenlosen Befehlhaber nur noch wilder machten, weil sie gar zu leicht geneigt waren, die Versicherung des geplagten Magistrats, daß in gremio keiner sey, der sich mit ihnen gehörig verständigen könne, für absichtliche Bosheit anzusehen. Der wohlweise Rath, dem das Haupterforderniß seiner Sitzungen in dieser preßhaften Zeit oft mit Grundeise ging, requirirte alle Honoratioren, einen nach dem andern, die Vices eines Stadt-Dollmetschers zu übernehmen, allein der Rektor meinte, wenn es statt Franzosen, die Gracchen wären, die alten Hellenen, die Bewohner des vom Peneos bewässerten Thessaliens, die opuntischen, epiknemidischen, ozolischen Lokrier, oder dergleichen ähnliche, von ihm seit frühster, Jugend traktirte Völker der griechischen Vorzeit, so wollte er wohl mit ihnen fertig werden; allein mit den Galliern der vorliegenden Sorte möge er sich nicht befassen, maßen selbige den humanioribus gänzlich entfremdet seyen; gleicherweise erklärte sich der Conrektor, und meinte, wohl mit den Etruskern und Lateinern, mit den Sabinern und Samnitern fertig werden zu wollen; allein im Wälschen sey er durchaus unbewandert, und müsse daher bitten, ihn mit dem angetragenen Translatorposten gewogentlich zu verschonen. Da fiel dem Consul dirigens Apothekers Tildchen ein, und nach langen Debatten mit Herrn Flümer, überließ dieser dem Magistrate das Mädchen unter der harten Bedingung, daß er für den Verlust desselben in seinem Apotheker-Geschäft täglich einen Gulden Entschädigung, Klotilde selbst aber, aus der Stadtkasse freie Beköstigung erhalte. Die Stipulation des bewußten Guldens sollte übrigens vor dem Mädchen ein Geheimartikel dieser speculativen Convention bleiben. Klotilde sträubte sich zwar anfänglich gegen die Zumuthung, täglich von früh bis abends auf der Rathsstube zu sitzen, und mit den feindlichen Militair-Behörden zu verkehren; als aber der Oheim ihr aus einandersetzte, daß jetzt, wo jeder redliche Deutsche, ohne Ansehn der Person, für das allgemeine Beßte, Gut und Blut hingebe, ein Mädchen, zumal ein armes, Gott danken müsse, wenn es zum Gemeinwohle auch etwas beitragen könne; daß es eine wahre Sünde seyn würde, wenn sie diesen ehrenvollen Antrag des dirigirenden Herrn Bürgermeisters ablehnen wollte, da sie auf dem ihr gebotenen Platze der guten Stadt Finsterberge außerordentliche Dienste leisten, und mancher bedrängten Familie, durch versorgliche Vermittelung und eindringliches Fürwort, Hülfe und Erleichterung verschaffen könne, und daß diese Ansicht und seine ihm beiwohnende treue Bürgerpflicht allein ihn vermocht hätten, der Stadt und dem Gemeinwesen das Opfer zu bringen, und sie aus seinem Apothekergeschäft zur Mitverwaltung des öffentlichen Wohls herzugeben; und als jetzt die Tante Flümer dazu kam, und sie schneidend fragte: ob sie denn alles Gefühl der Dankbarkeit verleugnen, und nicht einsehen wolle, daß in dieser schweren Zeit, wo man ohnehin nicht wisse, wie die Gierwölfe, die ungebetenen Gäste satt zu machen, es dem Onkel und der Tante lieb seyn müsse, einen Esser am Tische weniger zu haben, da rief die arme verrathene, verkaufte und vermiethete Klotilde, im bittern Gefühl ihrer unglücklichen Lage: ja ich will und ging mit schwerem Herzen, an des Bürgermeisters Seite, zu ihrem Golgotha, nach dem Rathhause. Sie erhielt hier, am großen Rathstische, ihren Ehrensitz neben dem dirigirenden Consul, und dieser richtete an sie, in feierlicher Versammlung eine kurze aber recht besonnene Rede, in der er das Wohl der Stadt in ihre Hände legte, ihr versprach, sie, so weit seine und des wohlweisen Rathes Kraft und Gewalt ausreiche, vor jeder Unbill zu schützen, und dagegen ihr zur Pflicht machte, alles aus einer Sprache in die andere, treu zu dollmetschen, und allen überspannten und gesetzwidrigen Forderungen der zulänglichen Gäste die möglichste Festigkeit entgegen zu setzen. Schließlich empfahl er dem versammelten Unterstabe des Magistrats, den Kopisten, dem Stadtdiener, Marktmeister, Polizeisergeanten, Feuer- und Nachtwächter, Raths-Thürmer und den Stadtknechten, ihr den gebührenden Respect in allen Fällen zu erweisen, und, wo es nöthig, oder periculum in mora sey, ihre Anordnungen pünktlich zu befolgen. Das Gefühl, auf dem ihr durch das sonderbarste Geschick, angewiesenen Platz Gutes wirken zu können, ließ sie die Wehthat vergessen, mit der sie Oheim und Base bitter gekränkt hatten; wohl war es ihrer jungfräulichen Schüchternheit ein Schweres, hier öffentlich zu schalten; allein, hatte sie doch gehört, daß in benachbarten Ländern unbescholtene Mädchen in dieser eisernen Zeit zum Waffenrock und Schwerte griffen, und in den Reihen der Krieger die Brust dem Tode bothen; warum sollte sie in diesen Tagen der allgemeinen Noth, nicht auch das Ihre thun, dem Gemeinwesen, nach ihren schwachen Kräften, förderlich zu seyn! Der Lohn dieses kleinen Opfers, was der Drang der Umstände von ihr forderte, war ja schon da; sie fand ihn doppelt, einmal, in dem Gedanken, die häuslichen Ausgaben im Hause des Oheims durch ihre Entfernung zu vermindern, und dann in dem erhebenden Bewußtseyn, für die sämmtlichen Bewohner der Stadt vielfältig Gutes wirken zu können. Sie hatte sich kaum den Umfang ihrer neuen Pflichten und die Ansichten ihrer jetzigen Lage aus einandergesetzt, als ein Trupp feindlicher Husaren, einen Offizier an der Spitze, vor das Rathhaus angesprengt kam, unter wildem Tumulte absaß, und mit klirrenden Schleppsäbeln die Treppe herauf stürmte. Der Bürgermeister zitterte an Händen und Beinen. Ein Schöffe, der eben seines Namens Unterschrift unter die Ausfertigung wegen Klotildens Diäten, mit Streusand vergnügen wollte, goß vor Schreck das Dintefaß darüber, und der Rathsdiener, stolperte, den gräulichen Gästen voran, zweimal der Länge nach, die Treppe herauf, und rapportirte mit halb zugeschnürter Kehle, daß solche mordverbrannte Kerle noch nicht hier gewesen wären. Schimpf und Fluch auf der lästerlichen Zunge, und ungezügelte Rohheit im ganzen Benehmen, braus'te die Horde in das Zimmer und polterte unter Anmeldung eines starken Kavallerie-Corps, eines Marschalls, der General-Kriegskasse und des Armeekommissariats, eine Menge von Forderungen heraus, daß man, hätten sie alle gewährt werden sollen, das Städtchen einem geplünderten gleich achten konnte. Klotilde entgegnete, ohne erst sich in weitläufiges Hin- und Herübersetzen einzulassen, mit sanfter Rede, und in sehr elegantem Französisch, daß man thun werde, was möglich sey, daß aber die Genügung aller gemachten Forderungen über die Kräfte des, von den bereits stattgefundenen Durchmärschen, ausgesogenen Städtchens gehe, und daß sie daher bitte, die Requisitionen nur auf das unentbehrlich Nöthige zu beschränken, wo dann sofort die erforderlichen Anstalten zu dessen Herbeischaffung getroffen werden sollten. Sie lobte mit ächt französischer Geläufigkeit das Betragen der früher hier durchgegangenen Truppen, und gab ihnen unumwunden zu verstehen, daß auf gütlichem Wege, bei dem deutschen Volke überall mehr auszurichten sey, als auf dem der rohen Gewalt, und daß sie daher auch sie bitten müsse, hier die Achtung nicht außer Augen zu setzen, die eine unglückliche Stadt von jedem gesitteten Krieger zu erwarten berechtigt sey. Starr und steif und offenen Mundes standen Bürgermeister, Rathsherren und Beisitzer, als die bildschöne Klotilde, in der Glorie ihrer neuen Amtswürde, zu den Wüstlingen sprach, wie ein Engel der bessern Welt zu sündigen Teufeln. Keiner verstand, was sie sprach, aber jeder sah es in der tiefen Stille des Saales und in den Mienen der Krieger. Die Gewalt der Schönheit, die Allmacht der jugendlichen Unschuld können auch vom Barbaren, so lange er Mensch ist, nicht verleugnet werden. Die Ueberraschung, fern von der Heimath, in seiner Landessprache angeredet zu werden, wirkt überall wundersam auf das Gemüth. In diesem Rosenmunde aber erhielt die besonnene Rede einen eigenen zauberischen Wohllaut; so hatten die wilden Menschen die Sprache ihrer Frauen und Mädchen lange nicht sprechen gehört, und darum waren sie still, und horchten den Silbertönen dieser melodischen Stimme, die wohlgefällig in ihr Inneres drang. Der Offizier, vorhin ein rücksichtloses Ungethüm, erwiederte jetzt in bescheidenem Tone, daß er selbst nur Ordre befolge, und das verlange, was ihm zu verlangen befohlen sey; indessen, wenn die Sachen so ständen, wie sie sage, so dürfte es den Truppen selbst zuträglich seyn, wenn nicht das ganze Corps in das Städtchen zusammen gedrängt würde; er werde dieß daher seiner Behörde durch eine zurückgehende Ordonanz melden, und die Verlegung einiger Regimenter auf die nächsten Dorfschaften anheimstellen. Er that dieß mittelst schriftlichen Rapports auf der Stelle, und Klotilde trug unterdessen dem Magistrate das Resultat ihrer bisherigen Verhandlung vor. Der Offizier aber konnte nicht umhin, der lieblichen Klotilde über ihre Fertigkeit im Französischen, und, jetzt etwas bekannter geworden, über ihr so feines als bestimmtes Benehmen auf diesem sonderbaren Platze, auf dem er in seinem zwanzigjährigen Kriegsleben noch kein Frauenzimmer sah, einige Artigkeiten zu sagen. Bisher hatte der wohlweise Rath, dem das Herz, sobald sich nur ein Quartiermacher von Ferne zeigte, immer gleich in die Kniekehlen sank, sich in jede Forderung schmiegsam gefügt, und dadurch der armen Stadt ungeheure Lasten zugezogen. Klotildens Festigkeit und die dadurch bewirkte Hoffnung, einige Regimenter los zu werden, kamen bald zur Kunde des ganzen Orts, und als der Syndikus, der des Französischen wohl so weit mächtig war, daß er verstand, was gesprochen ward, den Leuten erzählte, wie herzlich sich Klotilde für sie verwendet, wie lebendig sie die Noth der Einsassen geschildert habe, kamen viele, dem holden Mädchen zu danken, und es um fernere Fürsprache in der Noth zu bitten. Dießmal hatten Klotildens Worte wirklich Segen gebracht. Der Marschall kam nur mit seiner Suite, dem Commissariate, der Kriegskasse und zwei Regimentern zur Stadt; das ganze übrige Corps war auf die umliegenden Dörfer vertheilt worden. Das war Klotildens Werk, und Hoch und Niedrig, Reich und Arm prieß die Bescheidene, die immer, nur ihre Pflicht gethan zu haben, versicherte, als seine Retterinn; denn, wäre das ganze Corps in der Stadt einquartirt worden, so war diese verloren. Bis zu diesem Tage hatte Flümer sich durch ein eigenes Kunststückchen immer einquartierungfrei zu erhalten gewußt; er hielt sich nämlich, so oft Truppen angesagt waren, jedesmal in Bereitschaft, laugensalzige Schwefelleber oder emplastrum foetidum zu machen, und trat nun der Einquartirte, seinen Zettel in der Hand, über die Schwelle, so machte Flümer mit einem dieser Medicamente, oft mit beiden zugleich, einen so bestialischen Gestank im ganzen Hause, daß kein Einziger bleiben wollte, sondern unaufhaltsam Kehrt machte, und sich ein anderes Quartier geben ließ. Diesen Abend aber, wo die Offizierquartiere sehr knapp waren, half ihm seine Stänker-Kunst nichts. Er ermangelte zwar nicht, das ganze Haus, als der ihm zugedachte Kriegskassenbeamte um die Ecke kam, und eben eintreten wollte, dermaßen zu parfümiren, daß diesem an der Thür schon übel und wehe ward, und er, das Taschentuch vor der Nase, stracks umwendete, um dem Billet-Amte zu versichern, daß es in diesem Höllenpfuhl Eine Nacht nur auszuhalten, eine reine Unmöglichkeit sey; allein er mochte, um sich verständlich zu machen, seinen Ekel durch Gesichterschneiden zu erkennen geben, so viel er wollte, der Vorsteher des Billetamtes, in dem Wahne, den viele Tausend Deutsche damals mit ihm theilten, daß man nämlich sich den Franzosen am deutlichsten mache, wenn man das deutsche gebrochen und recht laut spreche, schrie ihm entgegen: Billet caput – womit er ihm sehr sinnreich zu verstehen geben wollte, daß keine Billets mehr zu haben seyen, und fuhr tröstend fort, Apothek kut, Schulwein kut, Stink ah kesund, kesund; er meinte mit letzterm Zusatze ihm erklärlich gemacht zu haben, daß das, was vielleicht in der Apotheke zuweilen nicht vorzüglich gut röche, Medicamente waren, die zur Herstellung der menschlichen Gesundheit bereitet würden, schob dem Kriegskassirer das Billet auf das Flümersche Haus, wieder in die Hand, und bedeutete ihm durch Pantomime, daß er doch Gott danken solle, ein so gutes Quartier bekommen zu haben. Der Abgewiesene ging trostlos zurück; er wollte sich ein Herz fassen, und in das, wegen späten Abends schon verschlossene Haus treten; allein der entsetzliche Geruch, der selbst durch die Thürklinse ihm entgegen kam, widerte ihn zu sehr an. Müde, einen zweiten Versuch auf dem Quartieramte zu wagen, im Orte zu fremd, um ein anderes Unterkommen zu suchen, verdrüßlich über sein Mißgeschick, und vom starken Tagemarsch fast bis zum Tode erschöpft, warf er sich, in seinen Mantel gehüllt, auf das Steinpflaster vor der Thür; er beschloß, hier die Nacht zuzubringen und wenn er morgen noch hier bleibe, auf die Anweisung eines andern Quartiers mit Gewalt zu dringen. Die Augenlieder sanken ihm bald zu. Er schlief, als läge er auf weichen Flaumen. Bis diesen Augenblick hatte Klotilde auf dem Rathhause aushalten müssen, weil immer ihre Gegenwart dort an dem heutigen unruhigen Tage nöthig gewesen war; jetzt endlich war es stiller geworden; es war niemand weiter gekommen, der ihre Hülfe und ihren Beistand begehrte, und man hatte sie ihres schweren Postens für heute entlassen, mit dem Ersuchen, morgen hübsch zeitig wieder auf dem Platze zu sein. Um sie vor etwanigen Anfällen auf der Straße zu sichern, ward ihr der Marktmeister mit Ober- und Untergewehr, als Eskorte mitgegeben, und der alte Rathsdiener Schnäpsel, einen rostzerfressenen Wächterspeer in der Rechten, leuchtete mit einem Handlaternchen voran. Dieser aber prallte drei Schritte rückwärts, als er eben an der Flümerschen Hausthür klingeln wollte, und dicht vor der Schwelle einen Menschen quer über liegen sah, der sich weder rührte noch regte. Ein Todter, wisperte er der hinter ihm kommenden Klotilde heimlich zu, und wies auf den steinernen Gast. Klotilde entsetzte sich im ersten Augenblicke, doch fiel ihr zugleich auch ein, daß es ein Kranker seyn könne, der bei dem Oheim ärztliche Hülfe habe suchen wollen, und hier entkräftet umgesunken sey. Sie trat daher mit dem Marktmeister näher, und dieser leuchtete dem Schlafenden in das blasse Gesicht. Gott, das junge Blut schläft hier auf den kalten Steinen, sagte der Alte leise: ein feiner hübscher Mensch, der daheim bei der Mutter wohl auch eines bessern Bettes gewohnt gewesen ist. Klotildens mitleidiger Blick weilte mit stillem Wohlgefallen auf dem Schlummernden. Die Schauer der kalten Mitternacht hatten seine Wange gebleicht; in den Zügen des schön geformten Gesichts lag etwas unbeschreiblich anziehendes, und in den Mundwinkeln schwebte ein mildes Lächeln, daß es schien, als hätte der sanfte Gott der guten Träume ihn das Ungemach der Wirklichkeit vergessen lassen, und umgaukelte ihn mit den rosigsten Phantasiebildern. Mein Gott und Herr, welch' eine Zeit! sagte der Marktmeister halb laut vor sich hin: liegt der arme Mensch hier auf nacktem Stein, wie bei uns kein Hofhund, und daß das nicht schlechter Leute Kind ist, sieht man da an dem Ringelchen; das funkelt meiner Treu, wie der Abendstern selber. Klotilde – den ganzen Tag nichts als den Jammer der gedrückten Einwohner vor Augen, und deren bittere Wehklagen noch im Ohre, hatte, von den vielen Auftritten des Elends hoch aufgereizt und in einer ganz eigenen Stimmung, das Rathhaus verlassen; jetzt wirkte dieses rührende Bild der grauenvollen Zeit um so tiefer auf sie. Die Augen standen ihr voll Wasser, und das Gefühl, hier gern helfen zu wollen, und nicht zu können, beengte ihr die Brust. Ja, und wenn er noch einmal so sanft schliefe, meinte Schnäpfel: so werden wir ihn doch wecken müssen, denn, Mamsellchen, in das Haus müssen Sie, und über ihn weg, geht es doch nicht. Er faßte den jungen Mann behutsam bei der Schulter, rief mit gedämpfter Stimme: Mosje! – lieber Herr Sackernontjeh! – Tuttswitt – und der schöne junge Mann schlug die großen pechschwarzen Augen auf; sein erster Blick fiel auf Klotilden, und, als sähe er in der zarten Gestalt ein ihm eben entflohenes Traumbild, starrte er sie eine ganze Weile schweigend an, und murmelte, noch zwischen Schlaf und Erwachen, fragweise und kaum verständlich – heilige Mildwida von St. Saveur? – Wohl mochte es ihm, noch halb schlaftrunken, vorkommen, als spräche ihn ein befreundetes Wesen aus der fernen Heimath an, da Klotilde mit dem Zauberlaute ihrer melodischen Stimme ihn, in der Sprache seines Landes, theilnehmend fragte, was ihm fehle, warum er hier unter freiem Himmel liege, ob ihm kein Obdach geworden sey; und jetzt erst wieder völlig munter, erzählte er dem mitleidigen Engel zwischen den gewappneten Schaarwächtern, welch' schmerzliches Opfer er seiner Nase gebracht habe. Klotilde hörte kaum, daß er auf das Haus des Oheims gewiesen war, als sie ihre Begleiter, unter Zurückbehaltung der Laterne, verabschiedete, das Haus aufschloß und den Oheim lächelnd entschuldigte, der für die vielen eintreffenden Kranken der Armee, mit der Bereitung der Heilmittel aller Art jetzt fortwährend beschäftigt sey, unter denen wohl manches seyn könne, was keinen einladenden Geruch verbreite; zugleich aber versicherte sie, daß nunmehr bestimmt jede unangenehme Spur davon sich völlig verzogen haben werde, und ersuchte den jungen Fremden mit gastlicher Milde, ihr zu folgen. Weckte sie den Onkel, so mußte sie von seiner natürlichen Aversion gegen alle Einquartierung, die heftigsten Vorwürfe über das Werk ihrer Barmherzigkeit erwarten. Der Mensch war so dankbar; er sprach so bescheiden; ging, um die Bewohner des Hauses nicht zu stören, auf den Zehen, redete aus der nämlichen Ursache immer nur ganz leise, verbat hinsichtlich der Bewirthung, wegen später Nachtzeit, alle Umstände; benahm sich mit so feinem Anstande, und hatte in seiner ganzen Manier etwas so Feines, so Zartes, daß sie, bei der dringenden Lage der Umstände, keinen Anstand nahm, ihm ihr Zimmerchen zu öffnen. Sie bat, wenigstens mit etwas Thee vorlieb zu nehmen, schlich in Apotheke und Küche, und besorgte Alles mit solcher Gewandtheit und freundlicher Gutmüthigkeit, daß der ungebetene Gast immer mehr in Verlegenheit gerieth, und dem gutmüthigen Kinde versicherte, lieber die ganze Nacht auf seinem Steinsopha geblieben zu seyn, wenn er gewußt hätte, daß ihr seine Aufnahme so viel Ungelegenheit mache. Klotilde aber betheuerte, daß sie den Zufall glücklich preise, ihn des Bivouaks in der kalten Nacht überhoben zu haben, das ihm auf jeden Fall eine Krankheit zugezogen haben würde; daß sie das Alles recht gern thue, daß – sie wollte weiter sprechen, allein die schwarzen Augen des sehr hübschen jungen Fremden brannten so eigen auf die sanfte Himmelsbläue der ihrigen, daß sie diese niederschlagen, und sich wegwenden mußte, denn sie fühlte eine blitzschnell sie überfliegende Purpurgluth auf ihren Wangen, und es ward ihr so warm und wohl im wunderbar bewegten Herzen, als ihr noch niemals war. Ist dieß das Quartier? fragte der Gast mit einem halben Seitenblick auf ein niedliches Häubchen, was am Vorhang angesteckt war, und Klotilde bejahte, und verschloß, was sie von ihren Kleidungstücken umherliegen sah, in den Schrank, holte einen frischen Ueberzug aus demselben, und schmückte ihr Bettchen mit dem Schnee des weißen Linnens, daß der junge Fremde, der nicht ahnete, welches große Opfer das Mädchen ihm in diesem Augenblicke brachte, in lautes Entzücken ausbrach, und dankbar meinte, daß er schon lange solche Bequemlichkeit entbehre. Nun schlafen Sie auch recht wohl, sagte Klotilde mit wirthlicher Gastlichkeit: und morgen werde ich schon sorgen, daß Ihnen das Frühstück zu rechter Zeit gebracht werde. Gute Nacht mein liebenswürdiges Mädchen, erwiederte der junge Mann und zog Tildchens Hand an seine Lippen. Lohne Ihnen Gott, was Sie an mir thun; morgen schreibe ich nach Marseille an meine Mutter, die hat ihren Nicolas gar sehr lieb, und was ihm Gutes geschieht, erkennt sie dankbar an, als sey es ihr geschehen: in der Ferne wird diese Sie segnen, und wenn ich einmal weit von Ihnen bin, und es geht Ihnen wohl, so denken Sie daran, daß – Die bescheidene Klotilde ließ ihn nicht ausreden, sie bat, von der Kleinigkeit nicht so viel Aufhebens zu machen, die Mutter aber, wenn er morgen schriebe, von ihr zu grüßen. Sie nahm ihr Licht und ging. In der Apotheke stand ein Sopha für die, welche auf die Bereitung der Arzneien zu warten pflegen. Von Stahlfedern und Roßhaaren war in selbigem zwar nicht viel zu spüren; Tildchen aber streckte, nachdem sie sich eine Decke geholt hatte, ihre zarten Glieder darauf mit solcher Behaglichkeit aus, und ruhete so sanft, als läge sie in einem fürstlichen Prachtbette. Das himmlische Bewußtseyn, den ganzen langen Tag bis zur Mitternacht nichts als Gutes gethan zu haben, verwandelte ihr hartes Lager in das weichste Ruhebette. Die müden Augenlieder senkten sich, und noch im Hinüberschlummern lächelte ihr kleiner Rosenmund lieblich, denn der Herr Nicolas schwebte ihr vor der süßträumenden Seele; die Hand, die er küßte, lag auf ihrem Herzen; sie hörte seine sanfte Stimme; sie ergötzte sich an den milden Ernst seiner frommen Rede, an der Zartheit seiner Kindesliebe, an dem Flammenblick seiner kohlschwarzen Augen, an der jugendlichen, frischen Gestalt seines wohlgebauten Körpers, und an der stillen Weise, die ihn so unbeschreiblich anziehend machte. Sie hätte gern noch acht Tage lang so fortgeschlafen, denn Schalk Amor hatte in der Maske des Traumgottes, ihr tausend süße Bilder vorgeführt, daß sie, mit ihrem Fußspitzchen zum ersten Male im Rosengarten der Liebe, ob der neuen Wunder, in lauter Entzücken schwamm; aber Schnäpsler pochte sie, als der Morgen kaum graute, in dringenden Diensteifer schon wieder heraus. Zwanzig Menschen, berichtete er durch das Fenster, ständen bereits im wohllöblichen Sessionsaale, und warteten ihrer mit Verlangen. Böslich verschüchtert vom lieblosen Diener des rathsbedürftigen Raths, verschwanden im Hui alle die freundlichen Träume, aber der Saamen, den sie in der stillen Nacht streuten, war auf fruchtbares Neuland gefallen. Das trägt, wie bekannt, gar gedeihlich, und als hätte Kupido seine Pfeile in Pflugschaar und Eggenzinken umschmieden lassen, und mit diesen das neuverliehene Grundeigenthum, Tildchens jungfräuliches Herz, die ganze Nacht kreuz und quer durchzogen, auf daß die Saat im warmen lockern Boden bald keime und Wurzel fasse, schmerzte es dem Mädchen, als es aufstand, unter der linken Brust, und doch war der Schmerz süß, und das Wehe wohlthuend. Es war ihr wohl, im Geheimsten ihres Innern, so, als wisse sie, was dieß Alles bedeute, aber sie hatte nicht den Mut, sich genaue Rechenschaft darüber zu geben, und schob die Schuld auf das harte Sopha, auf dem sie schlecht gelegen, und nun davon Herzdrücken bekommen habe. Als mädchenhaftes Kind hatte sich Klotilde gestern niedergelegt, als Jungfrau stand sie auf. Keine der himmlischen Mächte ist auf Erden geschäftiger, als die Liebe; in der tiefsten Mitternacht hatte sie Klotildens argloses Herz beschlichen; es war unwiederbringlich verloren. Klotilde stand, schon wieder völlig angekleidet, mitten in der Apotheke, sah vor sich hin auf Einen Fleck, träumte wachend, und war so in Gedanken vertieft, das sie hoch aufschrack, als Schnäpsler zum zweiten Male an das Fenster pochte, und dringend bat, doch ja gleich zu kommen. Jetzt raffte sie sich mit Gewalt zusammen, eilte zum Dienstmädchen, das noch im Bette lag, und erzählte diesem, das oben in ihrem Zimmer Einquartierung sey, daß für Frühstück und alle übrige Bedürfnisse ordentlich gesorgt werden müsse, und daß vor Allem Onkel und Tante, sobald sie aufständen, davon zu unterrichten wären, und eilte auf ihren, heut ihr noch dreimal ungelegenern Posten. Onkel Flümer, der kurz nachher aufgewacht war, und am Dämmern des Morgens wahrnahm, daß es schon nicht ganz früh mehr sey, fuhr aus dem Bette, um Klotilden zu wecken, damit diese sofort auf das Rathhaus wandere, und er dadurch ihr Frühstück erspare. Er platzte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit in Klotildens Zimmer, und wollte sie rufen, aber die Überraschung speilerte ihm den Mund und schnürte ihm die Gurgel. Als faßte ihn ein Wirbelwind, so ras'te er in drei Sätzen die Treppe hinab, und seine, noch im Bette, befindliche theure Hälfte vermeinte schier, daß aus der Heerde der Gergesener ein Teufel in ihn gefahren sey, denn er sprang wie besessen umher, und sprach von Schnurrbart und Spornstiefeln, von beschimpftem Haus und Apotheke, von unerhörter Scheinheiligkeit, von Czako's, von Halsumdrehen, Landstreicherin, und zum Hausehinauswerfen, so bunt durch einander, daß Madame Flümer mehrere Mal fragte, ob es bei ihm rappele, ob er Rasekraut oder Tollwurzel gegessen habe, ohne jedoch genügende Antwort zu bekommen. Endlich kam dann die saubere Entdeckung im Zusammenhange heraus, und Madame Flümer fuhr mit lautem Schrei aus dem Bette, als sie das schreckliche Skandalum vernahm. Keine Stunde darf sie in meinem Hause bleiben, rief sie wüthend, und steckte aus Furcht vor naher Ohnmacht, die Nase zolltief in ihr Bisambüchschen; aber sag' um Gotteswillen, wo kömmt der Mensch her? Wo er herkömmt? entgegnete er in grimmigen Zorn: wo anders als vom Rathhause; gewiß ist er spät eingetroffen, hat kein Quartier finden können, ein bischen gelärmt, und aus purer Menschenliebe – nein, es ist zu toll! Das Mädchen, Hab und Gut hätt' ich für dem seine Unschuld eingesetzt; nun trau einer noch heut zu Tage einem Mädchen! In dem Augenblicke klingelte es in der Apotheke; Papa Flümer ging. Es war zum Unglück der Pipist, Meister Schabig, der zum frühen Morgen ein Gläschen Bittern verlangte; diesem vertraute Herr Flümer, in der ersten Hitze, die ganze Geschichte, und natürlich stand das arme engelreine Tildchen noch vor Mittage, in jedem Familienkreise der ganzen Stadt, schonunglos am Pranger. Wenn doch auch nur Eins gefragt hätte, ob es denn auch wirklich wahr sey, was man von dem bis dahin ganz unbescholtenen Mädchen sich einander erzähle! O – wenn doch jede Zunge, bei der ersten Verläumdung, gleich auf der Stelle im Munde verdorrte. Stille Wasser sind tief, sagte der Eine; die hat es hinter den Ohren, der Andere, so ein kleines Wetterding, der Dritte, das habe ich ihr schon lange angemerkt, der Vierte, und, wenn es nur kein Franzose gewesen wäre, Alle mit einander. Und während die Unmenschen so ihre Ehre und Ruf unbarmherzig zerfleischten, stand sie unter den Vätern der Stadt, und verfocht, für vier und zwanzig gute Groschen Sündengeld, das in Flümers Tasche floß, ihre bedrängten Mitbürger gegen die unsinnigen Forderungen der Einquartirten mit dem regsamsten Eifer, und der Gott, der die Thränen des zertretenen Deutschlands zählte, gab den Worten des Mädchens Kraft; ihre sanfte Rede machte die wildesten Tiger zahm, und ihren weisen Aussprüchen und ihren billigen Entscheidungen unterwarfen sich die streitenden Partheien ohne Einwand. Das Dienstmädchen erzählte zwar, was ihm Tildchen aufgetragen, an Herr und Madame Flümer, aber das war nur eine zusammengefabelte Geschichte. Der Stab war einmal über sie gehrochen, und Flümer schwur hoch und theuer, daß das liederliche Ding mit keinem Fuß je wieder über seine Schwelle kommen solle. Auch den Herrn Patron oben wollte er schon hinaus complimentiren; er nahm sein Schwefelleberkunststückchen wieder vor, allein Nicolas öffnete, als er den Banndampf von unten herauf verspürte, zum großen Ärger der Madame Flümer, die ihr umsonst verbranntes Holz höchlich bejammerte, die Fenster, und ertrug, in der Meinung, daß die bereitete Pestgerüche wieder von den Arzneien herkämen, die zum Beßten seiner kranken Kameraden gemacht würden, den heillosen Duft, mit stoischer Ruhe. Jetzt sandte er auch sein Quartierzeddel an Herrn Flümer, der nun wohl sah, daß die Aufnahme des Fremden ein bloßes Werk der Barmherzigkeit von Tildchens Seite war; auch milderte sich bei Madame der Zorn um ein Merkliches, als der junge Herr Nicolas, nach der feinen Sitte seines Landes, ihr, als Frau vom Hause, seine Aufwartung machte, sie mußte, ihn von oben bis unten betrachtend, sich gestehen, daß in ganz Finsterberge keiner war, der ihm das Wasser reiche, und sie grollte im Geheimen ihren längst vermoderten Eltern noch im Grabe, daß sie ihr keinen Unterricht im Französischen hatten geben lassen, denn sie hätte gar zu gern mit dem hübschen jungen Manne ein Paar Worte gewechselt. Er hatte ihr die Hand geküßt, er hatte, mit der Pantomime des Entschuldigens, mehrere Verbeugungen gemacht; er hatte im Sprechen die Worte incommoder und Pardon fallen lassen, und bei dem Worte Pardon seine Rechte auf sein Herz gelegt, gleichsam als ob er sagen wolle, wie leid es ihm thue, sie zu incommodiren, und daß sie ihm dieß pardonniren solle, und um ihn darüber zu beschwichtigen, bewirthete sie ihn mit selbstgemachtem Lünel, und klopfte ihm auf die Achsel, und meinte in gebrochenem Deutsch: Mit der Zeit versteh; Mann draußen in Apothek – Burr, immer brumm, brumm, wie alt Bär, gut Logis; nicht stink; Essen viel, Trinken viel; und gewiß hatte er weggekriegt, daß sie hatte sagen wollen, sie würden sich mit der Zeit schon verstehen lernen; ihr Mann sey zwar zuweilen ein wenig mürrisch, allein das Quartier sey gut; die unwillkommenen Gerüche nicht beständig, und was Essen und Trinken anbelange, solle er keine Klage haben, denn Nicolas lachte freundlich zu allem diesem; ihr Gesicht indessen verzog sich bemerkbar, als er sich umsah, und nach Demoiselle fragte; sie entgegnete kurz: Mamsel – Mähr (wahrscheinlich wollte sie sagen; beim Maire) Rathhaus, – viel parlir, und setzte heimlicher hinzu; Mamsell nicht gut – viel Paßion – pauvre falsche Katz. Auch das schien er zu verstehen, und empfahl sich nach einer Weile. Madame Flümer war lange nicht so vergnügt gewesen, wie diesen Morgen. Beim Weggehen hatte ihr der junge Mensch die Hand wieder geküßt; zweimal; und – ja, sie konnte es sich nicht leugnen, und auch sehr bedeutend gedrückt. Was sie alles in seinem Blicke las, wollte sie, lieblich verschämt, sich selbst nicht gestehen, aber sie müßte den Staar haben, meinte sie, wenn der nicht bis über die Ohren in sie verliebt wäre. Mit der Unterhaltung war es, wie sie sich schmeichelte, recht gut gegangen; sie brauchte nicht vier Wochen mit dem niedlichen jungen Menschen zusammen zu seyn, so plapperte sie bestimmt, wie eine geborne Französin. Mittlerweile war Nicolas auf das Rathhaus gegangen, um Klotilden zu sehen. Sie stand eben, hold und heilig wie der Genius des Friedens, zwischen zwei kriegführenden Mächten, einer armen gemißhandelten Bürgerfrau, und einem rauhen Kürassieroffizier, der dieser das Essen vor die Füße geworfen und sie blutrünstig geschlagen hatte, und jetzt mit lautem Lärmen ein anderes Quartier verlangte. Klotilde erschöpfte sich in sanften Vorstellungen und ruhigem Beschwichtigen; und als sie, um sein Ehrgefühl zu wecken, äußerte, daß es ihm wohl besser geziemt haben würde, die Stärke seines Arms für den Feind aufzuheben, als sie an einem schwachem Weibe zu versuchen, und daß dieß Betragen einer sogenannten großen Nation unwürdig sey, riß er, in der Wuth seiner ungemessenen Hitze, das Schwert aus der Scheide, und wollte auf Klotilden loß; doch Nicolas, und mit ihm zehn Franzosen, sprangen dazwischen, und bändigten den Wüthrich. Nicolas mußte nicht ohne Bedeutung sein, denn der Offizier erwiederte, ungeachtet ihm Nicolas, in der ersten Überwallung mit einer Fluth von Vorwürfen über sein tadelnwerthes Benehmen überhäufte, keine Sylbe, und bat, da Nicolas erwähnte, daß dieser Auftritt im gegenwärtigen Feldzuge nicht dessen erster dieser Art sey, und bei dieser Gelegenheit etwas von Meldung beim Marschall fallen ließ, eben so eingeschüchtert, als er vorhin trotzig war, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Der armen Bürgerfrau gab Nicolas ein Goldstück Schmerzengeld, empfahl dem Offizier, in sehr gemessenen Ausdrücken, sich künftig bescheidner und mit billigerer Rücksicht auf die Umstände seiner Wirthsleute zu benehmen, und ließ beide in Frieden ziehen. Im Weggehen murmelte der Gedemüthigte mit verbissenem Ingrim in den wilden Schnauzbart, daß er, wenn der Marschall nur nicht der Herr Vetter wäre, dem jungen Laffen, dem Geldzähler, dem Mosje Nicolas, wohl den Hals brechen wolle; dieser aber hörte es nicht, denn er hatte nur das blondlockige Mädchen, die bildhübsche Klotilde, im Auge; aber er konnte kein Wort mit ihr sprechen, denn zwanzig Menschen warteten auf sie, und jeder hatte Dringendes bei ihr vorzubringen, so daß sie keinen Augenblick frei war. Mißmuthig schlich er nach Hause. Der wunderbare Eindruck, denn dieß Mädchen auf ihn gemacht hatte, beschäftigte seine ganze Seele. In der fernen Heimath, als Kind, hatte er Klotilden schon gesehen. Er lächelte bei dem Gedanken still vor sich hin, aber je mehr er ihn festhielt, desto ähnlicher ward Klotilde dort der heiligen Mildwida, Die Legenden nennen sie auch Mildwida, und Mildvitha. Sie war eine Königstochter celtischer Abkunft, und starb im Jahr 676; der 17te Januar ist der Feier ihres Andenkens bestimmt. die im Altarblatte in der Kirche der Benediktinerinnen von St. Saveur, ihn immer so unbeschreiblich angezogen hatte. Mit seltsamen Schauder gedachte er jenes Bildes, wo im düstern Tannenwalde, ein junger Pilger, unter den blutbespritzten Dolchen erbarmenloser Raubmörder, sein Leben aushauchte, und die Heilige, vom blühenden Gebüsch umschattet, und darum von den Verbrechern ungesehen, angstvoll die Hände gen Himmel rang, und auf ihren Knieen um Hülfe flehte; und die in der zweiten Hälfte des Bildes die Wolken sich theilen, und die Engel des ewigen Friedens Blumenketten herablassen, um das Opfer der unmenschlichsten Raubgier, in die himmlische Wohnung der Seligen empor zu heben. Mit treuer, so erzählte die Legende, mit reiner Liebe war die heilige Mildwida dem Pilger zugethan, und als sie mit eigenen Augen, den Liebsten dieser Welt so schmachvoll enden sah, gelobte sie sich dem Himmel und nahm den Schleier; allen Mägdlein zum Muster, führte sie ein frommes gottgeweihtes Leben, daß, zum Lohne für ihren rein christlichen Wandel, und zum Ersatze für das grausame Opfer ihrer Liebe, sie mit Wunderkräften versehen ward, vermöge deren sie große Dinge that, und noch heute, wenn im Geist der Wahrheit angerufen wird, der keuschen, leidenden Liebe eine kräftige Schutzheilige ist. Als hätte Klotilde jenem gemüthvollen Künstler, für die Kirche der frommen Benediktinerinnen von St. Saveur gesessen, so glich sie seinem Bilde. Das war die schlanke, reizvolle Gestalt; das die Jungfräulichkeit im ganzen Wesen jener Heiligen. Aber das Ueberirdische, das in diesem himmelblauen Auge lag, hatte der arme Maler freilich nicht erreichen können; wie dort, schmückte auch hier den schönen Madonnenkopf das seidenartig glänzende Goldhaar in ringelnden Locken und zierlichen Flechten; aber die weiße Alabasterpracht, in der hier Brust und Hals und Nacken prangten, im Bilde anzudeuten, war keine Farbe in der Welt zart genug; wie dort, war auch hier der kleine Purpurmund nach den Regeln der strengsten Kunst geformt, aber freilich, wenn Klotilde ihn öffnete, wenn sie sprach, wenn sie lächelte, wo blieb da die stümperhafte Kunst! Und dieses engelgleiche Mädchen sollte in den gefahrvollsten Tagen unserer Zeit, wo jede züchtige Jungfrau in die innersten Gemächer ihres väterlichen Hauses flüchtete, hier tagtäglich, jedem rohen Krieger Preis gegeben, unter der Last eines öffentlichen Amtes schmachten? Er zersann sich, wie er das arme Wesen von dieser Last frei mache, denn daß sie Klotilden bestimmt sey, lag bei ihm außer allem Zweifel; da stieß ihm der junge Herr Boas auf, der Gehülfe eines Armeelieferanten, beider Sprachen mächtig, und zu jeglichem Geschäftchen wohl brauchbar. Mit diesem trat er in das Heiligthum der Piplinge, in das, seit dem Einmarsch der Truppen ganz verwais'te Weinstübchen, ließ sich eine Flasche vom Beßten geben, und seinem sehr verstimmten Wirth, Herrn Flümer, durch Boas bedeuten, daß er zwar bei ihm einquartirt sey, daß er aber täglich bei seinem Oheim, dem Marschall speise, und daher ihm nicht beschwerlich fallen werde. Was er übrigens an Frühstück, Licht, Holz und dergleichen Kleinigkeiten brauche, dafür werde er sich mit Herrn Flümer täglich durch einen goldenen Napoleon abfinden; er wisse wohl, daß ihm dieß Alles, nach leidigem Kriegsgebrauch, eigentlich unentgeldlich gebühre, allein er wolle, seiner Seits, das allgemeine Elend der harten Zeit nicht vermehren, und daher habe er sich zum Gesetz gemacht, überall so zu verfahren, so lange ihm dieß seine eigenen Mittel erlaubten; ihm sey nichts drückender, als von denen, die durch die Macht der Gewalt gezwungen wären, ihn in ihrem Hause beherbergen zu müssen, mit unfreundlichen Worten und Mienen behandelt zu werden; er bitte daher, ihn auf die kurze Zeit seines von ihm unverschuldeten Aufenthalts als Mitglied der Familie anzusehn, und werde sich auf alle mögliche Weise bemühen, sich dieses, ihm hier besonders theuern Glücks, werth zu machen u. s. w. Dem Armeeverhungerungbehülflichen Herrn Boas gingen diese, allem Kriegsgebrauch entgegenstrebenden Worte mit schwerer Mühe über die Lippen; denn er plagte, für seine werthe Person, die Unbeneideten, die das Unglück hatten, ihn zur Einquartierung zu bekommen, mit den unerschwinglichsten Forderungen, und nach seiner Meinung konnten die gebotenen täglichen Napoleonsd'or zu weit ergötzlichern Zwecken verwendet werden; indessen übersetzte er doch treulich, was ihm Nicolas in den Mund legte, und Herr Flümer traute seinen Ohren kaum, denn ein solcher Antrag war wohl gewiß noch von keinem Quartierberechtigten der großen Armee, so lange die dreifarbige Kokarde existirte, gemacht worden. Er kratzte hinten und vorn aus, bückte sich, den Jabot mit beiden Händen zusammen pressend, bis zur Erde, und sagte, um seinen Dank dem Franzosen auch in dessen Sprache zu verständigen, die Wörter Serviteur und obligirt, zehnmal in einem Athem. Nach einer kleinen Pause äußerte, durch Herrn Boas, Nicolas die Nothwendigkeit, jetzt, wo Deutschland der Schauplatz des Krieges wahrscheinlich mehrere Jahre lang seyn werde, Deutsch zu lernen; fragte Flümern, ob er hier nicht jemand wisse, der ihm darin Unterricht geben könne, und machte, als dieser entgegnete, daß an diesem Artikel hier gänzlicher Mangel, und daher er selbst genöthigt gewesen sey, seine eigene Nichte, zur Verwaltung des Rathsdollmetscheramts herzugeben, den Vorschlag, dieser den gewünschten Unterricht zu übertragen. Flümer zog die Achseln bis über die Ohrläppchen, schüttelte mit dem Kopfe und sagte: non possible. Er setzte dem Herrn Boas auseinander, wie unentbehrlich Tildchen auf dem Rathhause sey, und fügte, mit der Bitte, dieß jedoch hier in der Stadt nicht weiter zu verbreiten, lügenhafter Weise hinzu, daß er dafür täglich einen blanken holländischen Dukaten Auslösung erhalte, und bei seinen bedrängten Umständen und den fürchterlichen Kriegsausgaben, diesen schönen Zuschuß nicht entbehren könne. Da ihm indessen Nicolas darauf erwiedern ließ, daß er einen mit der Armee, aus dem Elsaß gekommenen, und beider Sprachen mächtigen Bedienten wisse, den Flümer unter viel billigern Bedingungen an Tildchens Stelle vorschlagen könne, und der ohnehin hier zurück bleiben müsse, weil er, kränklicher Umstände halber, dem Heere zu folgen, außer Stande sey; daß es des Oheims unwürdig scheine, seine Nichte, mit ihrer feinen Erziehung und ihrem Zartgefühl für Schicklichkeit und Anstand, mitten unter den rohesten, aller Zucht und Sitte jahrelang entwöhnten Krieger zu stellen; daß er gern das, was die arme Stadt an Diäten bewilligt, doppelt berichtigen werde, und daß er, aus Dankbarkeit für die Gefälligkeit, dem verehrten Herrn Flümer, und keinem andern, die große Medikamentenlieferung für das im benachbarten Jagdschlosse Rehburg, auf 5000 Betten zu errichtende Militairlazareth zuzuweisen, sich bei seinem Onkel, dem Marschall, bemühen werde, da schlug es bei Flümer durch. Er sagte unbedingt zu, ließ etwas von bonjour sequens – Maire – Rappell und Lection fallen, womit er wahrscheinlich sagen wollte, daß am folgenden Morgen schon vom Bürgermeister, Klotilde zurückgefordert werden und ihren Unterricht anfangen solle, und stürzte, er konnte sich vor heimlichen Entzücken nicht länger halten, zum Weinstübchen hinaus, um seiner Frau das Vorgefallene kund zu thun. Er kauderwälschte dieser im ersten Ergusse seines Entzückens alles bunt durch einander, pries den jungen Franzosen als einen Engel, und rief: hol nun der Teufel den ganzen König Salomo mit seiner mir vorgewindbeutelten Apotheke in der Residenz; Kaiser Napoleon ist mein Mann; unser schwarzer Mohr, Mäuschen, soll uns reich machen; Rehburg ist mein Peru, mein Guinea, und jedes der 5000 Lazarethbetten ist eine brasilische Goldgrube. Statt China Das Pf. kostet 2½ Rthlr. das Flümersche Surrogat 6 gr. gebe ich Weidenrinde mit Bolus- und Sandelholz gefärbt; statt Ambra Das Loth kostet 1 Rthlr. das Flümersche Surrogat 2 gr. ein bischen Storax; statt des ächten Bibergeils Das Pf. kostet 124 Rthlr. das Flümersche Surrogat 15 gr. englisches, und statt Moschus Das Pf. kostet 384 Rthlr. das Flümersche Surrogat kaum 1 Rhl. mein Mixtum compositum von Benzoe, Judenpech und Bocksblut. Stirbt heute ein Kranker, so lebt er in den Listen noch acht – vierzehn Tage, und nimmt immer frisch weg ein; und die Rechnungen werden nicht mit doppelter, sondern mit zehnfacher Kreide geschrieben; dafür verklebt man billigerweise den Sanitätoffizieren, den Oberärzten und Aufsehern Augen, Ohren und Maul mit goldenem Kleister; leben und leben lassen, ist mein Symbolum, und fangen wir hier es beim rechten Ende an, schlagen wir ein Heidengeld zusammen; bitten wir nur Gott den Allmächtigen, daß der Krieg hübsch lange dauere, dann sollst Du mal die Frau Apotheker Flümer mit ihren Pointkleidern, und ihren reichen Pelzen und den brillantenen Schmucksachen sehen. Donner und Victoria – nur ein zehn, zwanzig Jährchen Krieg, und die Flümers sind gemachte Leute. Die Pointkleider und die Pelze und die Juwelen gefielen Madame Flümer wohl, nur nicht daß Klotilde dem jungen hübschen Nicolas deutsche Stunde geben sollte; das schicke sich nicht, meinte sie, und erglühte im Geheimen vor Eifersucht; Gelegenheit macht Diebe, sagte sie mit scheinheiliger Sittsamkeit: man muß keinen auf das Eis führen, und zum brennenden Schwefel kein Pulverfaß setzen. Pah! erwiederte lachend Herr Flümer: Tilde ist alt genug, um bei ihrer Tugend selbst Schildwache zu stehen! Wir können sie doch nicht hüten. Wenn Er wollte, könnte Er von dem kranken Bedienten das Deutsche eben so gut lernen, als von Tilden; aber – i – so viel habe ich wohl weg, er scheint ein ganz absonderliches Auge auf das Mädchen zu haben. Scheint er das? fragte Madame Flümer rasch, und ihr Auge rollte dunkler: und Du wolltest dem Menschen, dem – – es ward ihr schwer, das Wort auszusprechen, denn es ging ihr nicht vom Herzen, – dem Feinde, das Kind ordentlich absichtlich in die Arme werfen? Herzensputhühnchen, rief der geldsüchtige Gatte: lege in die eine Wagschale fünftausend Krankenbetten, und in die andere das dumme Ding, die Tilde – was wiegt schwerer? Müssen in der jetzigen Zeit doch alle unsere Herren Geheimen Obermedicinalräthe, Präsidenten und Minister ihre Söhne hergeben; was ist denn Mamsell Tildchen Besseres? – und fällt sie, so – so fällt sie auch für das Vaterland! denn durch sie erhalte ich die Lazarethlieferung; die Lebendigen bringen mir da drinn keinen Nutzen, sondern die Todten, die in den Listen noch ein Paar Wochen wenigstens, als lebend fortgeführt werden, und an denen soll es nicht fehlen, dafür laß mich sorgen. Wie die Fliegen sollen die Kerle sterben, und wenn unsere Marschälle und Generale einen Orden verdienen muß ich zwei bekommen; denn was diese nicht im Felde auf das Haupt schlagen, will ich in meinen 5000 Betten schon mürbe machen. Klotilde stutzte nicht wenig, als ihr der Oheim mit freundlichem Gesichte eröffnete, daß sie der lästigen Rathsdollmetscherstelle entbunden sey, dafür aber der Einquartierung Unterricht im Deutschen geben müsse. Der dunkelste Purpur überflog im Augenblicke ihre Wange; sie fühlte, daß sie roth wurde und wußte doch nicht deutlich warum. Sie freute sich wohl, von jenem ihr vom Anfange an widrigen Posten erlös't zu sein; allein nun wieder zu diesem sonderbaren Amte commandirt zu werden! – Ja,. wenn Nicolas sie darum gebeten – dann hätte sie ihm gewiß den Gefallen recht gern gethan; sie war ihm ja Dank schuldig; er hatte sie gegen den wüthenden Kürraßieroffizier geschützt; aber so – unbekannt mit dem Gewebe, in das sie Flümers Eigennutz verstrickt hatte, fand sie in der Manier etwas Unzartes, etwas – sie war selbst nicht recht im Klaren mit sich. Nu, Du sagst ja gar nichts dazu, hob endlich der Oheim an: Du wirst blos roth bis über die Ohren, und antwortest keine Sylbe. Was soll ich entgegnen? sagte Klotilde verlegen: sobald Sie es befehlen, muß ich es thun, nur – Nu, fuhr Flümer auf, der, wenn sie sich weigerte, schon den Franzosen böse werden und dann sein Jagd- und Lustschloß Rehburg, sammt den 5000 Betten, wie ein Traumbild verschwinden sah: nu, was haben wir denn wieder einmal für Bedenklichkeiten! Vergiß nicht, was wir an Dir Alles gethan haben, und noch thun. Der Mensch hat mein Glück in der Hand. Ich muß ihm gefällig seyn; er wünscht Deutsch zu lernen; hier ist kein Mensch, der dazu taugt, als Du: also kann ich, sollte ich meinen, diese kleine Aufmerksamkeit von Dir wohl erwarten; sie wiegt, das wirst Du selber fühlen, all das Gute und Liebe, was Du bei uns genossen, noch lange nicht auf. Ich will ja auch, sagte sanft bittend, die arme Klotilde: nur finde ich nicht recht schicklich, daß ich mit dem jungen Mann stundenlang allein, – Sehr richtig, fiel ihr Madame Flümer beifällig in das Wort. Sieh Männchen, das verstehst Du nicht; Ihr Herren habt von der Blödigkeit, von der schamhaften Schüchternheit unsers Geschlechts keine Idee; Du könntest mir Geld über Geld bieten, ich sollte mit so einem fremden jungen Mann stundenlang allein seyn, besonders mit dem; ich weiß nicht, setzte sie hinzu, wahrscheinlich um Klotilden vor ihm bange zu machen, und jede Annäherung zwischen beiden möglichst zu entfernen: ich weiß nicht, er hat – wenn man ihm in die pechschwarzen Augen sieht, wird es einem ganz deutlich – er hat einen großen, so scheint mir es wenigstens, einen sehr großen Hang zum Tiefsinn; ich fürchtete mich zu Tode, wenn ich mit dem allein seyn sollte; indessen – er wünscht den Unterricht, und Du mein Schatz bestehst darauf, und so will ich, Dir zu Liebe, gern das Opfer bringen, und selbst mit gegenwärtig seyn. Dann ist der Anstand unsers Hauses nicht verletzt, und ich kann den jungen Menschen immer in dem gehörigen Respect halten. Tildchen war das eigentlich nicht recht; warum wußte sie selbst nicht deutlich; aber sie mußte schon so thun, als danke sie der Tante für den mütterlichen Schutz, dessen sie, nach ihrem Gefühl, gar nicht bedurfte. Doch in den ersten Stunden schon belehrte sie sich eines andern. Vor der Gefahr, die sich hier vor ihrem innern Auge aufschloß, konnte sie kein Engel, am wenigsten Tante Flümer schützen. Ja! diese hatte Recht; in seinem Blicke lag etwas ganz eigenes; aber Tiefsinn war es nicht; das unnennbar Heilige der zartesten Liebe war es, das Entzücken der ersten Regungen in dem Tiefsten seiner reinen Brust; Klotilde saß ihm anfangs gegenüber; aber sie konnte das nicht lange aushalten, sah sie ihm in das große, sanfte, schwarze Auge, so meinte sie in eine Kirche zu sehen, so fromm und still und feierlich ward ihr zu Sinne; aber sie mußte lächeln, wenn sie das Schelmengrübchen in der blühenden Wange gewahrte, und laut lachen, wenn sich die frischen Lippen des kleinen hübschen Mundes grausam zerplagten, das schwere Deutsch herauszumartern. Sie ließ ihn neben sich sitzen, aber da ward das Uebel nur ärger; sie sahen beide in ein Buch; sie hatte gemerkt, daß ihm die Worte, wo das r vor einem Mitlauter stand, am schwersten auszusprechen waren; um ihn daher zu üben, hatte sie mehrere Wörter dieser Art aufgeschrieben; z. B. Donnerkeil, Karpfen, Sterben, Marter , sie hielt mit dem rosigen Zeigefinger der Rechten eben die Worte Sterben und Marter, fest, die er lesen sollte; dreimal setzte er mit dem Sterben und Marter an, und blieb immer stecken; er bog sich jetzt näher, als könne er die schweren Worte des Barbaren-Deutsch nicht recht erkennen, zog, von der Tante, der sie den Rücken zuwendeten, ungesehen, die kleine Hand dem Munde näher, drückte ihr in aller Geschwindigkeit einen Kuß darauf, und senkte so, ohne daß er es selbst wußte, das süße Gift der heimlichen Liebe in Klotildens empfängliches Herz; das Mädchen erschrack über den kecken Streich, aber die Tante saß ja hinter ihr; sie schwieg, und ein leiser Schauer, wie sie ihn zuvor nie kannte, überwehete sie sonderbar; sie zitterte in allen Fiebern, und doch konnte sie dem tollen Menschen, der sie so erschreckt hatte, nicht zürnen. Ging es doch dem armen Nicolas in dem seligen Augenblicke, als das Blumenthor in seinem bis jetzt noch völlig liebefrei gebliebenen Herzen, dem stürmenden Amorettenschwarme sich zum ersten Male öffnete, um kein Haar besser. Er weidete sich an Klotildens mädchenhafter Verlegenheit, und war selbst verlegener als sie; er sah am Zittern ihrer Busenschleife, wie gewaltsam sie erschüttert war, und ihm selbst war es, als hätte eine unsichtbare elektrische Macht ihm alle Pulse zerschlagen; er verlor sich in dem stillen Schmachten ihrer himmelblauen Augen, und war, vor Entzücken über die halb dunkele Ahnung, diesem süßen Mädchen nicht ganz gleichgültig zu seyn, unvermögend, ein Wort zu sprechen, weder ein französisches noch ein deutsches. Als aber Madame Flümer, der die Pause etwas zu lange wurde, aufstand, um zu sehen, ob etwa das in der Kehle stecken gebliebene Wort dem jungen Menschen das Leben gekostet habe, fuhr er zusammen, und sprach das Sterben und die Marter mit so furchtbar hohler Stimme aus, als solle noch heute im ganzen Hause keiner am Leben bleiben. Flümer machte mittlerweile ungeheure Geschäfte. Nicolas hatte Wort gehalten; die ganze Medikamentenlieferung in das Lazareth zu Rehburg war dem Glücklichen zugefallen. Nicolas war sein Abgott, und Klotilde, der er unstreitig diese Goldquelle zu verdanken hatte, stieg wieder bei ihm im Preise. Das Flümersche Haus ward jetzt der Sammelplatz der ersten Beamten von der Sanitätparthie, vom Kommissariate, und von der Kasse; der schlaue Flümer verstand recht gut die große Kunst, eine solche Sache beim rechten Ende anzufangen; er gab eine Fete über die andere; ließ auftragen, daß die Tische hätte brechen mögen, und vergoldete die Finger der Bestechlichen in vollem Maaße. Madame Flümer hatte jetzt mit ihrem, auf einmal in die höchst möglichste Eleganz gestürzten Hauswesen, mit den Arrangements zu den ewigen Festins, mit dem Empfange der beständigen Visiten so vollauf zu thun, daß sie den Wachtposten bei Klotilden und Nicolas bald aufgab. Der Mensch gefiel ihr auch gar nicht mehr so, wie anfangs; hübsch war er, das mußte ihm der Neid lassen; aber doch auch gar zu blöde; und hinsichtlich des guten Tildchens war, meinte sie, noch weniger zu besorgen. Ihr machte er zuweilen ein artiges Geschenk, Klotilden hatte er noch keinen Pfifferling gegeben; ihr küßte er jedesmal, wenn er ging und kam, ehrerbietig die Hand; Klotilden sah er nicht an. Mit ihr sprach er, wenn sie große Gesellschaften hatten, fast unaufhörlich; mit Klotilden beinahe kein Wort. Sie hatte übrigens in der französischen Sprache, durch den täglichen Umgang mit ihm und andern Franzosen, recht tüchtige Fortschritte gemacht, so daß die Köchin und das Dienstmädchen und selbst der Mann, oft ihr blaues Wunder darüber hatten; so rief sie z. B. dem Dienstmädchen über die ganze Gesellschaft weg, es solle die Bouillon-Fleischbrühe herumgeben; Nicolas fragte sie, ob man ihm auch einen botte-valet besorgt habe; sie bat ihn um eine lumiere-ciseaux, und da sie das Licht zufällig ausputzte, sagte sie, sich entschuldigend: il est sorti. Dem Marschall, der sie auf Nicolas Veranstaltung mit seinem Besuche beehrte, präsentirte sie ihren Mann, als Klotildens avant-bouche, entgegnete ihm, als er über die Ungefälligkeit der hiesigen Leute gegen seine Soldaten klagte, mon dieu, est il possible; il donne donc ici un tres bon coup des hommes, rückte auf das Sopha zu, und bat ihn, zu thun, als ob er a maison wäre. Nicolas schritt dagegen im Studium der deutschen Sprache gediegener vor. Wenn Klotilde redete, horchte er in stiller Behaglichkeit dem Wohllaute ihrer Worte; er sog jede Sylbe von ihren Purpurlippen, und meinte, vom Zauber ihres gewählten Ausdrucks bestochen, daß keine Sprache der Welt reicher sey, als die Deutsche. Umsonst suchte er in der seinigen den sinnigen Unterschied zwischen tändeln und läppischen, umsonst die zarten Worte lieblich und kosen. Nur die gemüthvolle deutsche Liebe, die unter tausend muthwilligen Neckereyen, unter dem süßen Spiel des schuldlosesten Scherzes ihre ersten Knospen entfaltet, nur diese könne solche bezeichnende Worte erfunden haben. Aus einem der ersten Häuser des südlichen Frankreichs, im Kreise einer sittenreinen Familie erzogen, von den Segnungen einer frommen Mutter begleitet, war Nicolas, als eins der hunderttausend Schlachtopfer des grausamen Konscriptionsgesetzes, den Adlern des despotischen Zwingherrn gefolgt. Der nahen Verwandtschaft mit dem Marschall hatte er die gefahrlosere Anstellung bei der Kriegskasse zu danken. Im Geheimsten seines Herzens bittern Haß gegen den großen Würgengel der Welt, zog ihn das Mitgefühl des Elends, in dem er Deutschland schmachten sah, unwiderstehlich zu dem niedergedrückten Volke. Wir sind Nachbarkinder, sagte er mit freundlicher Gutmüthigkeit. Euer deutscher Rhein und meine Rhone – nur zwei Stunden weit von einander entspringen beide auf den St. Gotthard. Warum sollen wir einander Feinde seyn, warum uns hassen? Was that ich Euch? was ihr mir? Er verrieth in den traulichen Stunden, die er jetzt mit der verständigen Klotilde allein war, und in welchen ihm diese das Glück des vormaligen Landfriedens und die Greuel der jetzigen Lage mit lebendigen Farben schilderte, bald seine Ansichten, und die kleine Scheidewand, die das deutsche Mädchen zwischen sich und dem einnehmenden Franzosen anfänglich aus Patriotismus und Franzosenhaß mühsam zusammen gemauert hatte, fiel bald aus einander, als sie den vermeintlichen Feind ihres Vaterlandes so sprechen hörte. Das Geheimniß seines politischen Glaubens heilig bewahrend, gewann sie ihn um seiner Bescheidenheit, seiner sanften Milde, seines fröhlichen reinen Herzens willen, immer lieber, und als er ihr aus einander setzte, daß die drei Farben seiner Kokarde, roth, weiß und blau, ihm in seinen Augen auf nichts als auf Liebe, Unschuld und Treue deuteten, und ihr sein Blick deutlich sagte, daß er in diesem Sinne dieß Panier einzig und allein in ihrem Dienste trage, verstummte allmählig auch der Widerwille, der sie früher jedesmal überwallt hatte, wenn sie jenes Zeichen der trotzigen Waffengewalt am Andern erblickte. Bei der Rohheit des Flümerschen Ehepaares bedurfte er keines besondern Scharfblicks, um Klotildens Verhältnisse bald kennen zu lernen, die ihr in diesem Hause um so drückender seyn mußten, als sie, in ihrer gepreßten Lage, der Kälte, der Lieblosigkeit, der härtesten Indolenz, nichts als Sanftmuth und Duldung entgegen zu setzen hatte. Klotilde klagte nie, auch wenn sie die ungerechteste Behandlung erlitt; aber an ihrem Schmerzgesichtchen, an ihren verweinten Augen, die wahrhaftig nicht so bezaubernd schön geschaffen waren, um über solche Gemeinheiten eine Thräne zu vergießen, nahm er immer mit bekümmerter Theilnahme, wahr, wie unwürdig sie wieder einmal behandelt worden war. Bisher hatte er den stummen Leidtragenden gespielt; als er aber fortwährend die Gewaltthaten bemerkte, die man sich gegen das hüflose Kind erlaubte, und die in dem Maße zunahmen, in welchem Flümers fühlten, sich in der Gunst der Sanitätoffiziere so festgesetzt zu haben, daß sie Nicolas Verwendung nun nicht mehr bedurften, konnte er dem innern Grimme nicht länger wehren. Er nahm die erste Gelegenheit war, Klotilden auf ihre unverdiente widrige Stellung aufmerksam zu machen; entschuldigte sein unberufenes Einmischen mit seiner Theilnahme, mit seiner – er sprach das Wort zum ersten Male aus – mit seiner Liebe, und bat, ihm die Mittel zu nennen, sie von der Verbindung mit diesem Hause loszumachen. Klotilde hörte dem Strome seiner Eiferrede, der seinem edlen Herzen so heiß und lebendig entquoll, mit wohlgefälliger Rührung zu; sie sah tief gebückt vor sich nieder, um die Thränen vor ihm zu verbergen, die ihr still über die Wange hinab tropften. Seit des Vaters Tode hatte mit solchem freundlichen Antheil, mit solcher innigen Sorglichkeit, mit solcher gutmüthigen Wärme, noch Niemand zu ihr gesprochen. Im ganzen Kreise ihrer Bekanntschaft war Keiner, der die Verlassene geschützt, Keiner, der ihr Rath und Hülfe bot. Wunderbare Fügung! Der blutige Krieg, der unermeßliches Elend über die Erde brachte, sollte ihr, aus weiter Ferne, von den Küsten des mittelländischen Meeres her, den rettenden Freund zuführen. Sie schüttelte, ohne aufzusehen den Kopf und sagte unter sanftem Weinen leise: mir kann Niemand helfen. Da umschlang Nicolas die Tiefgebeugte, und sagte ernst und bewegt, daß er das so nicht länger mit ansehen könne. Er habe bereits an seine Mutter geschrieben, ihr sein Herz entdeckt, und um das Glück gebeten, Klotilden ihr als Tochter zuzuführen. Von den Ansichten der Mutter dürfe er eine bejahende Antwort mit Gewißheit erwarten; noch beim Abschied habe sie halb im Scherz halb im Ernst gesagt, daß er aus Deutschland, wo die Mädchen unterrichteter, häuslicher und fleißiger wären, als in Frankreich, eine hübsche Frau mitbringen solle; in Klotilden habe er die Genügung aller jener Erfordernisse vereinigt gefunden; wolle Klotilde also, wie er, und glaube sie an ihn, an seine Schwüre, so solle sie dort, im mütterlichen Hause, Ersatz für die bisherigen Entbehrungen alles Lebensgenusses, und in seiner Liebe, in seiner Treue das Anerkenntniß ihres Liebreizes, ihres Werthes, ihrer Tugend finden. Ich kann, schloß er tief bewegt, und die Augen standen ihm voll Wasser: leider Dich nicht selbst in meine friedliche Heimath geleiten; aber Du sollst dort in dem milden Klima, in der himmlischen Gegend, in unsern Lorbeer- und Myrthenhainen, im Schatten duftender Orangen, im lauschigem Halbdunkel unserer blaßgrünen Oliven- und Mandel-Wälder, in unserer, von Lavendel und Melisse balsamisch durchwürzten Luft, und im Kreise guter Menschen, bald die Kränkungen vergessen, mit welchem Dich hier das Geschick verfolgte; und kehre ich dann, nach wiederhergestelltem Weltfrieden, zurück in mein herrliches Frankreich, und ich finde Dich dort an dem Ufer der Rhone, im Schooße meiner Familie, und sie schmücken Dir das Haar mit den schönsten Kränzen unserer Myrthen – Klotilde – meine einzige, meine über Alles geliebte Klotilde, meine heilige Mildwida von St. Saveur, sage Ja, und der seligste Mensch dieses Erdenrundes liegt zu Deinen Füßen. Da sank Klotilde fröhlich weinend an sein Herz und der erste Wechsel-Kuß der reinsten Liebe besiegelte den schönen Bund. In diesem süßen Augenblicke, in dem das überraschte Mädchen nicht wußte, ob es wache oder träume; in dem die bräutlichen Schauer schüchterner Befangenheit, Herz und Seele überflogen; in dem die Phantasie den Schwärmenden die reizendsten Bilder der Zukunft, an den blumigen Gestaden des mittelländischen Meeres, vorzauberte; in dem eins das andere fragte, wie das Alles so sonderbar komme, wie eins dem andern betheuerte, ihm gleich vom ersten Augenblicke an, mehr als gut gewesen zu seyn; in dem sie unter Lachen und Scherzen zurückgingen auf die frühere launige Geschichte ihrer Bekanntschaft, wo der Rathsdiener Schnäpsler, den schlafenden Nicolas der erschrockenen Klotilde als einen Todten präsentirt hatte; in dem sie dieß alles sich einander in fröhlicher Unschuld mittheilten, und tausend Pläne schufen, und statt der Kommata und Interpunctionen; die Rede, über alle grammatikalische Gebühr, mit Kosen und Küssen unterbrachen; in diesem überseligen Augenblicke begannen Napoleons Trommeln, unter dem Fenster der Glücklichen, mit rasendem Wirbeln, den Generalmarsch zu schlagen, und an allen Ecken durchkreuzten eilige Trompeter mit verhängtem Zügel die Straßen, und bliesen Alarm. Was ist das? fuhren beide erschrocken auf, und flogen an das Fenster; aus allen Häusern stürzten die Einquartirten mit Sack und Pack heraus; Alles jagte und lief zu den Sammelplätzen, und Nicolas sprang geisterbleich und athemlos zum Marschall. Klotildens schönste Stunde des Lebens hatte geschlagen. Nicolas kam in wenigen Minuten zurück, und berichtete, daß Order zum schleunigsten Aufbruche eingetroffen sey; er tröstete mit gebrochenem Herzen die Verzagende; er betheuerte von Neuem ihr seine treue Liebe bis zum Tode: versprach posttäglich zu schreiben; bat, wenn Briefe an ihn eintreffen sollten, sie zu öffnen; beschwor Klotilden, die Gelegenheit, die er für sie zur Reise in sein Vaterland ehestens ausfindig zu machen hoffe, nicht zurückzuweisen, und stellte sie, da eben Flümers eintraten, um nach der Ursache des schnellen Aufbruchs zu fragen, diesen zu ihrem größten Erstaunen, als seine verlobte Braut vor, die er nach hoffentlich bald beendigtem Feldzuge, in dem Hause seiner Mutter zu finden gedenke, um sich dann dort im Kreise seiner Familie mit ihr auf immer zu verbinden. Klotilde hörte von dem Allem kaum die Hälfte. Ihr vom Schmerz der Trennung zerrissenes Herz lös'te sich in die bittersten Thränen auf. Sie fühlte jetzt erst, mit welcher namenloser Liebe sie den ihr aus fremder Ferne Zugeführten umfaßte. Sie hatte ihm noch tausend Dinge zu sagen, noch tausend ihn zu fragen, und nun sollte er fort, jetzt im Augenblicke fort, dem verhängnißvollen Geschick des blutigen Krieges entgegen. Die letzte Minute ihres Beisammenseyns, vielleicht die allerletzte in ihrem Leben, konnte sie nicht einmal allein mit ihm genießen. Flümers, Adjutanten, Bedienten, Offiziere, Alles kam und rannte wider und über einander, daß Beide nicht zu sich selbst kommen konnten. Das Dunkel der trüben Zukunft in der bangen Seele, die glühendste reine Leidenschaft im liebenden Herzen, lagen im schrecklichen Augenblicke des Scheidens beide einander in den Armen. Treue bis zum Tode, war Beider letztes Wort, und Klotilde sank, als Nicolas vom Adjutanten des Marschalls an den endlichen Aufbruch freundlich erinnert, sich losriß und zum Hause hinaus schwankte, ohnmächtig auf das Sopha nieder. Als sie zurück in das Leben kam, hatte Nicolas schon seinen flüchtigen Braunen unter sich und die Thore der Stadt im Rücken; sein Bursche kam in gestreckter Karriere zurück, und brachte ihr vom Herrn den Schlüssel zum Büreau, den dieser, vorgeblich aus Vergeßlichkeit, mitgenommen hätte, und viel tausend herzliche Grüsse. Klotilde öffnete das Büreau, in der Erwartung, vielleicht einige Worte des Abschieds von ihm darin zu finden. Die arme Getäuschte! wo konnte er, bei diesem Drängen der Umstände, an das Schreiben gedacht haben! – und doch – im letzten Schubfache rollte ihr eine saubergepackte ansehnliche Goldrolle entgegen, mit der Ueberschrift: Der geliebten Klotilde zur baldigen Reise in Nicolas Heimath. Nicht der gewichtige Inhalt der schweren Rolle war es, was Klotildens Schmerzgesichtchen ein dankbares Lächeln abgewann, – denn Gold hat für die engelreine Liebe eines solchen Herzens keinen Werth, sondern die zarte Weise, mit der er, mitten im Gedränge der letzten Augenblicke, des Mittels gedacht hatte, sie in den Schooß seiner Familie zu geleiten, und mit der er sich der Verlegenheit überhoben hatte, von Klotildens Dank beschämt zu werden. Ich will hoffen, und an ihn glauben, sagte Klotilde leise vor sich hin, und sendete ihm der Küsse heimlichste nach. Flümers betrugen sich gegen Klotilden ziemlich artig, denn sie hörten von den Beamten des noch in Rehburg zurückgelassenen Lazareths, daß Nicolas aus einer alten reichen Familie sey, die im ganzen Departement der Rhonemündungen wegen ihrer Rechtlichkeit und ihren Verbindungen in der Residenz, allgemein geachtet werde, und daß Nicolas der künftige alleinige Erbe eines Vermögens sey, das fast einem fürstlichen gleiche. Bei Beaucaire und Arles lägen die Besitzungen seiner Mutter, und von dem Ertrage der, in diesen befindlichen Oliven- und Mandelwälder, und von dem dort wildwachsenden Ueberflusse an Centifolien, Myrthen, Melisse, Lorbeeren, Rosmarin, Lavendel und Salbei erzählten seine Landsleute so viel, daß Flümer schon im Stillen sich beim reichen Neffen Nicolas ausbedung, die Apotheke mit gedachten Artikeln unentgeldlich zu versorgen. Zweimal erhielt Klotilde von dem Geliebten Briefe. Beides waren der Erguß seiner Sehnsucht; beide verriethen die bange Besorgniß über die Ewigkeit, in der er sie nicht wieder sehen werde, und besonders war die Sprache im letzten so weich und düster, daß er Klotilden, so oft sie ihn las, die heißesten Thränchen kostete. Es können Jahre vergehen, schrieb er unter andern: ehe unser Glücksstern uns wieder zusammen führt. Klotilde, meine einzige Klotilde, mein deutsches, treues Mädchen, Du hast geschworen, mein zu seyn, bis zum Tode, aber darf ich denn wagen, dieß zu glauben? War es nicht ein Wort der Übereilung? durfte ich es denn fordern? darf ich denn zürnen, darf ich Dich denn meineidig nennen, wenn Du es brichst? Wenige Monate kannten wir uns, und Du sollst mir für das ganze Leben angehören? Ich wohl, ich werde Dein bleiben, bis in alle Ewigkeit; aber so kannst Du mich auch nicht lieben, als ich Dich! Ich denke nichts, als Dich. Ich sehe, ich höre nichts, als Dich; ich träume von Nichts; als von Dir. Ich wiederhole mir jedes Deiner Worte. Ich sehe nur in Dir. Leben und Welt sind mir ohne Dich nicht denkbar. Ich möchte Dir zehntausendmal hinschreiben: Ich liebe Dich; ich möchte es Dir mit meinem Blute hinschreiben! aber Du weißt es ja! Ach nein, Du weißt es nicht, Du kannst es nicht wissen! Mit der schwarzen bittersauren Dinte, mit meiner elenden Feder soll ich Dir sagen! ach, warum nicht mit einem Blicke? warum nicht mit einem Kusse. Klotilde – warum nicht? – Hat denn schon Einer nach mir auf Deinem Stübchen gewohnt? liebe Tilde! um Gotteswillen nicht! Sag deinem Onkel, er solle Schwefelleber machen, Tag und Nacht, und tausendmal mehr als damahls, da er mich mit seinem Pestilenz-Weihrauch wegbannen wollte. Gott – ich kann noch scherzen, und das Herz blutet mir, und die Augen stehen voll Wasser. – Von der Mutter habe ich noch keine Antwort. Das ängstigt mich – nicht weil ich an ihrer Einwilligung zweifle, denn deren bin ich, nach dem, was ich ihr über Dich schrieb, im Voraus völlig gewiß, sondern weil ich für ihre Gesundheit fürchte. Meine gute, meine herrliche Mutter! ihre bange Bekümmerniß um mich trübt ihr jede Stunde, und ich bin so glücklich und so elend! O – Allmächtiger, sende aus Deinem Himmel den Engel Deines Friedens auf die blut- und thränenbedeckte Erde – dann Klotilde, meine einzige, mit deutscher Treue geliebte Klotilde, dann segnen uns, Deinem Ebenbilde der heiligen Mildwida von St. Saveur gegenüber, meine Mutter und die Kirche zu dem Bunde ein, den nichts, auch selbst der Tod nicht trennen soll. Mit Gelegenheit eines Kouriers, den Klotilde kannte, und der eben durchging, um dem Marschall Depeschen zu überbringen, beförderte sie einige Zeilen an Nicolas. Mein einziger, mein innig geliebter Freund, schrieb sie unter andern: Du thust mir wehe, wenn Du an mir zweifelst. Du bist ja mein Alles. Nur durch Dich hat das ärmliche Leben mir neue Reize gewonnen. Ich klage nicht über die tausend Hindernisse, die der Erreichung unsers Ziels im Wege liegen; gerade diese sind mir Bürge, daß mir das Glück werden wird, Dich dereinst mein nennen zu können. Du bist mir das Höchste meines Lebens, und wer das Höchste erringen will, muß, das liegt ja in der Natur der Sache, mit mancher Schwierigkeit kämpfen, ehe er den ersehnten Gipfel erklimmt. Ich weine wohl, wenn ich allein bin, und härme mich, daß Du fern bist, und nicht dicht neben mir in meinem lieben Schmollstübchen, wo Dir immer so behaglich war; aber jetzt, in dem seligen Augenblicke, wo ich die lieben Schriftzüge Deiner Hand vor mir liegen habe, wo ich mit Dir plaudere, kann ich nur fröhlich seyn, daß mir wenigstens das Glück geblieben ist, durch die Feder, die weiter reicht, als das beßte Sprachrohr, mit Dir in vertrauter Beziehung zu bleiben. Rings um mich liegen lauter Bücher über Frankreich. Ich bin schon in Deinem Vaterlande zu Hause, als wär' ich darin geboren, und freilich, wenn ich an die blumenbedeckten Ufer Deiner Rhone, und an Eure Mandel- und Olivenwälder denke, wollen mir unser Kalmus und unser Sumpfporst am Mühlbache, und die dürren Kiefern des Finsterberger Stadt-Forstes nicht mehr gefallen; dorthin zieht es mich mit der süßen Gewalt der Liebe; dort, und nur dort grünen die Saaten meiner glücklichen Hoffnungen. Wenige Tage nach Empfang dieses Briefes hörte Klotilde mit klopfendem Herzen von einer bedeutenden Schlacht, in der das Corps, bei dem Nicolas stand, total geschlagen, und bei dieser Gelegenheit die ganze Kriegskasse erbeutet sey. Die ganze Stadt, in der wenig Einquartierung sich noch befand, überließ sich dem lautesten Jubel, und die Patrioten benutzten die Veranlassung, sich diesen Abend im Flümerschen Pipstübchen etwas zu Gute zu thun. Einer wußte immer mehr als der andere zu erzählen, und der letzte hatte seine Neuigkeiten noch nicht aufgetischt, als schon die ganze feindliche Armee dermaßen zusammengeschossen war, daß sich auch nicht Ein Mann mit dem Leben hatte retten können. Klotilde verlor den Athem aus der Brust. Sie sollte sich mit freuen, mit anstoßen auf Tod und Verderben aller Franzosen! Der Sextus kam, und brachte, außer sich vor Lust und Seligkeit über die erquicklichen Anzeichen vom schlechten Stande des französischen Kriegsglücks, Flümern die Todespost, daß das Rehburger Lazareth über Hals und Kopf evacuirt werde. Morgen, rief er, und stürzte ein Glas Dreimännerwein in die heisere Kehle, als sey es der süßeste Nektar: morgen feiern wir das Siegesfest; ich habe schon mit dem Bürgermeister Alles besprochen. Punkt acht Uhr zieht die ganze Stadt vom Rathhause in die Kirche; auf beiden Thürmen Trompeten und Pauken. Ich führe den Zug; vorn die Schule, dann alle Jungfrauen der Stadt; dann die löblichen Gilden und Bürger, hinter diesen die Frauen; zuletzt der Magistrat, von den Honoratioren begleitet; vorn und hinten die Schützen; Alles geschmückt mit Eichenzweigen, woran sich Eicheln befinden, denn diese deuten auf die Frucht unserer Opfer. – Der anwesende Stadtförster äußerte sich zwar sehr heftig gegen den Schluß dieses Vorschlags, und schob die Bedürftigkeit der Kämmereikasse vor; die den hieraus offenbar entstehenden Ausfall der Mastnutzung gegenwärtig nicht vertragen könne; doch der Sextus rief im glühenden Eifer; was Eichelmast, was Schweine; wir sind auch mager geworden und haben gehungert; der Henker wird das liebe Schwarzvieh nicht holen, wenn es dießmal auf den deutschen Siegesschmuck verzichtet. Während des Triumphzugs lasse ich räuchern; die ganze Prozession muß in einem Qualme von Wohlgerüchen die Straßen entlang schwanken. Flümerchen, Ihr liefert den Weihrauch wohl gratis. Bei Rehburg habt Ihr redlich verdient; das bischen Wachholderbeere und Mastix wird Euch ja den Hals nicht gleich kosten, und Sie, fuhr er zu Klotilden sich wendend fort: Sie, meine stolze Siegwurzel , Sie sollen meine Triumphatrix, meine Victoria machen. Einen Lorbeerkranz im goldgelockten Haar, einen Palmzweig in der Hand, mit Flügeln angethan, und in weißem weitfaltigen Gewande, so stellten die Griechen ihre Nike dar, und so sollst Du, götterschöne Tochter der Titanen, Pallas und der Styx, traute Schwester des Zelos und Kratos und der Bia, Des Muthes, der Stärke und der Gewalt. morgen, im Festzuge, von zwei Brauknechten und zwei Schneidergesellen, hoch über dem Volke getragen werden. Inzwischen wird, was an Halbgenesenen allhier zurückgeblieben ist, unter der Hand, von sichern Leuten in den stillen Orkus befördert, und wir singen im Tempel Te Deum laudamus. Ein Trupp von zwanzig Husaren, der diesen Abend spät, zufällig in Finsterberg eintraf, rettete, ohne seine Großthat zu ahnen, dem, mit der schmählichsten Kürzung bedrohten Schwarzvieh seine Eicheln, Flümern seinen Wachholder und Mastix, den Halbgenesenen aber das Leben, und überhob Klotilden der widrigen Rolle der Siegesgöttinn. Kein Mensch in der ganzen Stadt that, als sey ihm nur im Entferntesten der Gedanke eines Triumphmarsches in den Sinn gekommen, und statt des geträumten Freudenjubels, herrschte auf allen Straßen eine solche öde Stille, daß Flümer in der Trauer über den Verlust seiner brasilianischen Goldgrube, seines Rehburger Lazareths, und die arme Klotilde, in ihrer bangen Besorgniß um Nicolas, durch nichts gestört wurden. Bei dem sehr bedeutenden Vermögen, das Flümer durch seine Weise, die Lazarethunternehmung zu benutzen, in wenigen Monaten zusammengeschlagen hatte, konnte es an Neidern nicht fehlen; man nannte ihn laut und heimlich einen Franzosenanhänger, einen Landesverräther, einen Blauangelaufenen; indessen, er schimpfte, sobald er merkte, daß der Wind dich drehte, wie ein Rohrsperling auf die Hallunken, die ihm den Betrag der in der letzten Woche gelieferten Arznei nicht bezahlt hätten; betheuerte, daß er nur gethan, als ob er es mit ihnen hielte, um den Lazarethbürgern die nöthigen Schlaftränkchen gehörig beibringen zu können, log mit dreister Stirne, daß er mehr geliefert habe, als mancher General im offenen Felde, und gewann damit so ziemlich wieder das Vertrauen seiner Mitbürger. Desto empfindlicher mußte Klotilde büßen. Das trauliche Verhältniß, was zwischen ihr und Nicolas obgewaltet hatte, war nicht unbemerkt geblieben; Flümers Plaudersucht hatte dem und jenem, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, das Geheimniß, daß Klotilde die förmlich erklärte Braut des reichen Nicolas sey, verlautbart; diese und jene hatten die interessante Neuigkeit, natürlich allemal unter dem Siegel der Verschwiegenheit, weiter verbreitet, und so war Klotildens Allerheiligstes in wenigen Tagen stadtkundig. Vielleicht, – gewiß hätte in Klotildens Lage, keine der Finsterberger Schönen, dem liebenswürdigen Nicolas gegenüber, anders gehandelt; aber die Mißgunst, der Neid, die Eifersucht spritzten jetzt in vollem Maaße ihr Gift über das unglückliche Mädchen. Alle verdammten es einmüthiglich, und der Patriotismus mußte das Bollwerk seyn, aus dem sie die Vertheidigunglose mit den glühenden Kugeln des Spottes und der Verachtung, ohne Schonung bewarfen. Man höhnte sie hinter ihrem Rücken mit dem Spitznamen der französischen Mamsell; stichelte in ihrer Gegenwart auf Mädchen der lüderlichsten Klasse, die den Franzosen nachgelaufen waren; ärgerte sie absichtlich mit bald wahren bald erdichteten Geschichten der schändlichsten vom Feinde begangenen Greuelthaten, und quälte sie – alles im Wahne, dadurch einen Beweis seines Patriotismus zu geben, – auf so mannichfaltig hämische Weise, daß sie jedesmal weinend nach Hause kam, und sich jetzt das Versprechen abgewann, in die Kreise dieser Menschen, die sich mit berechneter Bosheit ein wahres Vergnügen daraus machten, sie vor der ganzen Stadt herabzuwürdigen, keinen Fuß wieder setzen zu wollen. Mit Todesangst griff sie jetzt jedesmal nach den Zeitungen, denn die seit der jüngsten Zeit einlaufenden verkündeten eine Niederlage des Feindes nach der andern; in jeder Schlacht waren mehrere Tausende geblieben. – Konnte – mußte Nicolas, wenn er auch aus jener ersten sich gerettet hatte, nicht jetzt ein Opfer des Todes geworden seyn! Er gehörte zwar nicht zu den Combattanten selbst, aber sie hatte in dem Bulletin über jene erste Schlacht, mit blutendem Herzen lesen müssen, daß dabei die Kriegskasse genommen, und deren Bedeckung in die Pfanne gehauen war! Dort lag wieder das neueste, diesen Abend erst angekommene Blatt auf dem Tische; es war ihr so angst, so bange, daß sie nicht wußte, ob sie es aufnehmen oder liegen lassen sollte. Sie griff darnach, – ein flüchtiger Blick – sie entfärbte sich – ein zweiter auf die Unglückszeilen, und der Schlag des Schreckens fuhr ihr durch alle Glieder. – Ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können, rang sie die Hände gen Himmel; der schmerzlich durchkrampften Brust versagten alle Pulse; sie sank halb todt in das Sopha. Der Brief, der unselige Brief, den sie zuletzt an Nicolas geschrieben, stand in der Zeitung wörtlich abgedruckt. Der Kourier, den sie ihn anvertraute, war von einen Streifcorps aufgefangen worden, und der Chef desselben hatte, um die Verworfenheit mancher deutschen Mädchen und Frauen, die mit Verleugnung alles Vaterlandgefühls, ihr Herz dem Feinde schenkten, in ihr gehöriges Licht zu stellen, und andere von dergleichen Frevel abzuschrecken, nichts angelegentlicheres zu thun gehabt, als dieses Schreiben, nebst einigen ähnlichen Liebesbriefchen, die sich, zur gefälligen Weiterbeförderung an die Geliebten im feindlichen Heere, bei dem Kourier vorgefunden hatten, in der Zeitung der Residenz, mit den schärfsten Noten begleitet, abdrucken zu lassen. Klotildens Unterschrift, und die Erwähnung des Finsterberger Stadtforstes, ließen über die Identität der Briefstellerinn keinen Zweifel übrig. Sie war vor ganz Deutschland, vor der ganzen, mit Frankreich im Kriege begriffenen Welt, an den Pranger gestellt. Noch hielt der Krampf der todtenähnlichen Ohnmacht die Unglückliche fest, als Sabine, des Postmeisters Tochter, das Zeitungblatt in der Hand, auf das Zimmer stürzte, und sie mit den grausamsten Vorwürfen weckte. Um Gottes Willen, schrie sie der Erwachenden entgegen, und schlug auf das unselige Papier: was ist das? Man hat lange schon in der Stadt davon gesprochen, und Flümers selbst ließen darüber sich wunderlich vernehmen; aber, eben weil ich die Stadt und Flümers kenne, nahm ich das Alles für bodenloses Geschwätz. – Doch hier – hier ist Dein eigenes Bekenntniß! Du bist verloren! Verfallen bist Du dem Gespötte der Leichtsinnigen, der Verachtung der Rechtlichen, dem Hasse der Partheiwuth! Klotilde, Du hast Dein eigenes Urtheil Dir gesprochen! Dreifacher Fluch – hast Du vor uns Allen laut gesprochen, und Deine Rechte dazu gen Himmel gehoben – dreifacher Fluch solle jede treffen, und sie verfolgen durch das ganze Leben bis zum Grabe, die ihr Herz zu Einem der feindlichen Heerschaaren wende! – Klotilde, des Meineides schreckliche Folgen sind unausbleiblich. Du hast Dich selbst verflucht! Du gehörst den Mächten der Hölle. Ich wende mich weg von Dir – alle Gemeinschaft sey zwischen uns aufgehoben! Geh Deinen dunkeln Weg! sein Ende heißt Verzweiflung! Und wenn selbst der Buhle Deines vom Satan umstrickten Herzens, seinen National-Flattersinn bändigte, und Dich nicht vergäße, und Dich an die, von Dir gepriesenen Blumenufer seiner Rhone führte, der Friede Deiner Seele wird Dich dahin nie begleiten. Ein Grab in deutscher Erde, still beschattet von unsern verschmähten Kiefern, ist bei Gott mir lieber, als der schönste Feenpalast in Deinen Olivenhainen; denn, wo Du auch seyn magst, die Schmach und die Schande, das böse Gewissen und der Fluch des Landverrathes, hängen sich, wie Furienkletten überall an Dich, und zündetest Du in Deinem wonnevollen Frankreich auch tausend Sonnen an, in Dir wird es immer finster seyn. Nur der Tod ist Dein Freund, und den wünsche ich Dir lieber heute als morgen. Nur der Tod ist mein Freund? fragte Klotilde vernichtet, und schoß einen dunkeln Blick auf die Schonunglose. Ihr sprecht mein Urtheil, ohne mich zu hören, Gott wird mich richten! er ist milder als die Menschen. Das Schicksal hat mir Alles genommen! ich habe entbehren, ich habe tragen gelernt! Ich hatte nichts, als meinen guten Namen! Auch den wollt Ihr mir nicht lassen. – Was soll ich unter Euch! Der Vater im Himmel wird in seiner unermeßlichen Gnade mich nicht verstoßen, wenn ich den Schritt thue, zu dem Ihr mich zwingt. Thue den Schritt, mein Kind, sagte Sabine mit kaltem Spott: laufe nach Frankreich, hier kannst, hier darfst Du nicht bleiben. Nein, ich kann nicht bleiben, rief Klotilde schmerzlich, und brach in einen Strom von Thränen aus. Doch, wohin Du meinst, geht mein Weg nicht. – Sehr richtig, fiel Sabine ihr hohnlächelnd in das Wort: lieber dem Herzallerliebsten nach; im Felde lebt es sich fröhlich und guter Dinge, und während wir am Kummertuche nagen, schwelgst Du im Mark Deines ausgesogenen Vaterlandes mit Deiner großen Nation um die Wette. Sabine! – Gott verzeihe Dir und Euch Allen, sagte Klotilde und hob das nasse Auge zum Himmel. Du sollst in der letzten Stunde unsers Beisammenseyns kein böses Wort von mir hören. – Du machst mir den Abschied leicht, und darum danke ich dem, ohne den nichts geschieht, daß er Dich mir gesandt hat. Du hast mich in den Staub treten wollen, und ich bin von Dir aufgerichtet, gestärkt worden, in dem Vorsatze des herben Scheidens. Sollten wir uns nicht wieder sehen, Sabine, so denke an diese Stunde. Vielleicht fällt einmal die Binde der Verblendung von Deinem Auge, und Du – Was sind das, stürzte der Onkel Flümer jetzt in das Zimmer: für verfluchte Streiche. Kommt einer nach dem andern unten in die Weinstube, und Alle bringen das infame Zeitungblatt, und gratuliren mir zum französischen Herrn Vetter! Bist Du denn ganz von Sinnen? Keine Woche darfst Du mir länger im Hause bleiben. Das ganze Gerede in der Stadt, daß ich blau angelaufen wäre, haben wir, wie ich nun sehe, einzig und allein Dir zu danken; freilich nehme ich es jetzt den Leuten nicht übel, wenn sie gesagt haben, Flümers sind französisch. I, so schlage doch der heilige Kreuz-Donnerstag in die ganze französische Pastete. Ich bin nicht Dein Onkel mehr! Meine Frau nicht mehr Deine Tante. Was haben wir an dem Mädchen nicht alles gethan. Wie ein Apfel im Auge haben wir es gehalten! Und das ist nun Dein Dank dafür? wenn ich nun noch an den Generalsuperintendenten in der Residenz denke! Der Vater hat dem Mädchen einen Schatz hinterlassen, sagten Sr. Hochwürden – daß Du das Wetter kriegst mir dem Schatze! In Deinem Blute muß der Reichthum stecken, sonst hättest Du nicht solche verrückte Streiche machen können. Die Frau Mutter selig war accurat so; die hat dem Papa Kammerrath ihre Lebtage auch die Perücke heiß gemacht. Nein, mein Töchterchen; das paßt für mein Haus nicht! Lauf in Dein französisches Frankreich so tief hinein, als Du willst; klettere auf Deine Mandelbäume, so hoch Du willst; lege Dich auf Deine Lavendelwiesen, so lang Du willst; nur mache, daß Du hier bald fortkommst. In acht Tagen können Deine sieben Sachen alle in Ordnung seyn, und dann sage der Stadt Ade, die gleichnißweise zu reden, in ihren verschimpfirten Kieferforsten, Gott sey Dank, keinen einzigen so raupenfräßigen Baum aufzuweisen hat, als Dich. Ich werde noch eher gehen, sagte die Verstoßene mit gebrochener Stimme, und weinte laut. Desto besser, fiel ihr der Oheim trotzig und kalt in das Wort, meinte, daß, so lange sie noch hier wäre, er die undeutsche Landesverrätherinn gar nicht sehen möge, und sie daher ihr Essen auf ihr Zimmer bekommen solle, und ging mit Sabinen, unter Toben und Schimpfen zur Stube hinaus. Klotilde warf den Mantel um, und schlich sich aus dem Hause; als sie über die Schwelle trat, lispelte sie leise: nie wieder zurück, und warf im Vorübereilen den Schmerzensblick der ewigen Scheidung auf die Stelle, auf der sie den Geliebten des blutenden Herzens, in jener Mitternacht, halb erstarrt gefunden hatte. Der Abend war dunkel und trübe. Kein Stern am Himmel. Die verweinten Augen brannten ihr im glühenden Kopfe, und die Schauer des Todes rieselten eissig ihr durch Blut und Mark. Sie eilte unbemerkt durch Thor und Vorstadt, die einsame Heerstraße entlang. Tausend Schritte hatte sie noch, bis zu der Galgen-Brücke, die über den reißenden Strom führte. Dort war ihr Ziel, dort das Ende ihrer Schmach, ihres Jammers. Rundum alles öde und leer; kein lebendes Wesen regte sich; der Abendhimmel war trübe und wolkig; und hohl rauschte der Wind in den Wipfeln des finstern Nadelwaldes. Zweimal ging sie dicht an das Ufer; aber beide Stellen waren ihr zu seicht. Von der Brücke mitten in die Tiefe hinab mußte der rasche Sturz geschehen, wenn das grausende Werk gelingen sollte. Sie ging daher vom Ufer zurück auf die Brücke und bog sich über das Geländer, und stierte einige schreckliche Augenblicke hinunter in die eiligen Fluthen. Es zog sie, wie mit magischen Ketten hinab in die heimliche Tiefe. Keine Thräne netzte ihr brennendes Auge; die Pulse stockten fieberhaft, – das nasse Grab zu ihren Füßen, – ein Sprung der Verzweiflung, und die mitleidigen Wellen nahmen die Geächtete in ihre schweigende Arme. Sie kniete nieder, um unter dem Brücken-Geländer, in den Strom hinabzugleiten – da schlug es in der Stadt drei Viertel auf acht! Das war die selige Stunde, in der sonst Nicolas pünktlich mit dem allemal längst ersehnten dritten Schlage, jeden Abend in ihr Zimmer getreten war, um seinen Sprachunterricht fortzusetzen, um mit ihr zu kosen, mit ihr zu träumen von dem Zauber der Zukunft. Die drei wohlbekannten Schläge der Thurmglocke trafen wunderbar Klotildens Herz. Sie blieb auf ihren Knien liegen, denn sie hatte keine Kraft mehr, sich aufrecht zu erhalten. Kommst Du mein Freund? fragte sie mit weicher leiser Stimme hinaus in das stille Dunkel der heraufdämmernden Nacht, und rang dem Unsichtbaren die krampfhaft zitternden Hände entgegen, und die schwer belastete Brust lös'te sich in schmerzliche Thränen auf. Hast Du in Deinem kalten fremden Grabe die drei Schläge gehört, die Dich sonst an mein treues Herz riefen, und die jetzt meine letzte Stunde schlugen? Reich mir Deine Hand aus Deinem unbekannten Lande herüber, mein Trauter, daß ich auf dem grauenvollen Schritte nicht strauchele. Du aber, Allererbarmer im Himmel, gehe nicht mit mir vor Gericht. Mir war Übermenschliches aufgebürdet – Keine liebende Seele auf dieser Welt; schuldlos geächtet, verstoßen, verbannt, ohne Liebe und Ehre, ohne Hoffnung, ohne Zukunft – – hinab mit dem schmachbedeckten, elenden Leben – Sie bückte sich jetzt in der Wuth der bittersten Verzweiflung rasch unter das Geländer, schickte sich zu dem Todessprunge an, und rief, die Hände in einander geballt, die Augen geschlossen, sich ermuthigend, das Selbstcommando laut zu: eins, zwei, dr – – Wer ist das, brüllte eine donnernde Baßstimme, und packte mit einem Riesengriff die dem Leben Enteilende. Klotilde erbebte, warf einen Blick hinter sich, gewahrte einen baumstarken schwarzen Mann, wollte schreien, hatte aber vor Schreck, Sprache und Besinnung verloren, und schloß das erstarrende Auge. – – Nach länger denn zehn Minuten kehrte sie endlich in das freudenleere Leben zurück; ihr erster Blick fiel auf zwei Laternen, die ihr in das Gesicht blendeten, und auf drei fremde Menschen, von denen einer wilder als der andere aussah. Vom neuem erbebt, sank sie wieder kraftlos in die vorige Betäubung zurück, und nur erst das Rütteln des Wagens, in den man sie gehoben hatte, brachte sie allmählig wieder zu sich. Der unwillkommene Mann, der ihrem grausenden Schritte sich entgegengestellt hatte, saß neben ihr, und schien mit sorglicher Theilnahme ihre endliche Rückkehr in das Leben wahrzunehmen. Täuschten sie nicht ihre noch halb zerstörten Sinne, so hatte er sie bei ihrem Namen genannt. Die Laternen warfen so viel Licht in den Wagen, daß sie seine Gestalt, sein Gesicht ziemlich deutlich sehen konnte; aber in dem jetzigen Augenblicke der tiefsten Zerrüttung ihres Innern konnte sie sich seiner platterdings nicht deutlich erinnern; das Haar starr und struppig, die Kleidung, nicht schwarz, wie sie im ersten Augenblicke wollte bemerkt haben, sondern dunkelgrün; den linken Arm in einer Binde; in den Augen ein düstres wildes Feuerblitzen; die gelbliche Haut mit Blatternarben bedeckt. Ist Ihnen jetzt etwas besser? fragte er mit zarter Schonung, und deutete dadurch feiner Weise darauf hin, daß er den Umstand, sie auf der Brücke gefunden zu haben, blos für eine sie überfallene Unpäßlichkeit gehalten wissen wolle. Sie entgegnete ein kaum vernehmbares Ja, und als er seine Vermuthung äußerte, daß sie wahrscheinlich in Finsterberge wohne, und sie ersuchte, ihm ihre Wohnung zu nennen, um sie dahin bringen zu können, bat sie, den Wagen halten zu lassen, denn sie befanden sich eben vor dem Flümerschen Hause. Der Fremde hob sie mit seinem Bedienten und dem Vorspänner heraus, geleitete sie bis zur Hausthür, öffnete diese, wünschte baldige Wiederherstellung von dem erlittenen kleinen Begegnisse, und, eilte in seinen Wagen zurück, ohne von der Geretteten einen Dank oder nur einen freundlichen Blick zu erhalten. Flümers ahnete von dem Begebnisse kein Wort; sie wußten kaum, daß Klotilde ausgegangen war. Diese eilte aber unbemerkt auf ihr Zimmer, und hier erst ergoß sich das tausendfach gefolterte Herz in den heißesten Thränen. Die Last des Gewissens, die Hand der Vorsehung, die sie wunderbar vom Verbrechen gegen sich selbst rettete, drückte sie zu Boden. Sie wollte beten, aber sie konnte nicht. Die Schuldbelastete vermochte nicht, das Auge zu dem zu erheben, dem sie mit schwacher Hand in die Räder seines unerforschlichen Schicksals zu greifen eigenmächtig gewagt hatte. Sie fand keinen Trost in sich; der Glaube an ihr besseres Selbst schien für sie verloren; der Sturm der Verzweiflung hatte sich in ihr gelegt; nur das dunkle Gefühl, Gott durch irgend ein Opfer versöhnen zu müssen, schwebte ihr vor der düstern Seele, ohne daß sie sich dieser Idee selbst deutlich bewußt war. Es baute sich in ihrer Phantasie ein System zusammen, dem ungefähr gleich, was in der grauen Vorzeit, mancher Gefallenen der Grundstein der Klöster und sogenannter frommen Stiftungen ward. Sie sehnte sich, an der Barmherzigkeit des Ewigen verzagend, etwas Großes zu thun, was ihr seine Liebe wieder gewinnen könnte. Da klopfte es leise an der Thür, und die junge, schöne Mülenau trat ein, freundlich wie der Engel des himmlischen Friedens; entschuldigte ihren späten Besuch mit einigen herzlichen Worten und erzählte, daß sie eben von einem nahen Verwandten ihres Hauses, vom Vetter Rauhenfeld Briefe erhalten habe. Er hat, fuhr sie fort, dem gegenwärtigen Feldzuge beigewohnt, und sich, wie wir von andern wissen, bei allen Gelegenheiten rühmlich ausgezeichnet; wegen eines Lanzenstichs in die Hüfte, und einer Schußwunde im linken Arme ist er dienstunfähig, zur Belohnung seiner außerordentlichen Leistungen aber, und in Betracht seiner forstwissenschaften Kenntnisse, als Forstmeister in Schreckengrund angestellt worden. Er findet dort in seiner neuen Dienstwohnung nichts, als die vier leeren Wände, denn seit der dort geschlagenen blutigen Schlacht, in welcher sein Vorgänger im Amte, ein siebenzigjähriger Greis, von Nachzüglern ermordet ward, ist die Stelle nicht besetzt, und das damals rein ausgeplünderte Haus nicht wieder bewohnt gewesen. Er kann wegen einer Geschäftsreise unter acht, neun Wochen nicht hinkommen, wünscht aber dann seine häusliche Einrichtung in Ordnung zu finden, und hat mich als seine nächste Verwandte gebeten, schleunigst dahin abzugehen, und während seiner Abwesenheit sein ganzes Hauswesen in Stand zu setzen. Kannst und willst Du mit, Klotilde, so thust Du mir einen großen Gefallen. Allein ich gehe morgen früh schon ab; kannst Du bis dahin reisefertig seyn? Gern, gern, erwiederte Klotilde, welche die sanfte hübsche Frau wie einen Boten des Himmels betrachtete, der sie aus dem Kreise verhaßter Umgebungen wunderbar führe, mit leidenschaftlicher Lebendigkeit; sie fiel ihr um den Hals, und brach, im tiefsten Gefühle des Dankes gegen die Vorsehung, die sie hier im Spiele glaubte, und die ihr doch nicht ganz zu zürnen schien, in einen Strom von Thränen aus. Was hast Du, mein Kind. fragte die junge Frau mit zarter Theilname, der man es anhörte, daß sie um das zerstörte Gemüth des unglücklichen Mädchens wisse. Aber Klotilde rief leise schluchzend durch das Tuch: nichts, nichts! barg, von der Empfindung, daß noch eine Seele auf dieser Welt war, die mit Liebe und Wohlwollen zu ihr sprach, sonderbar überwallt, ihr Gesicht an der Brust ihrer gottgesandten Retterinn, bat, ihr nicht zu zürnen, und versprach, morgen zu rechter Zeit sich einzufinden. Die Frau von Mülenau aber ersuchte sie, nicht zu ihr zu kommen, sondern zu warten, bis sie bei ihr vorfahre, um sie abzuholen, dankte für ihre Bereitwilligkeit, ihr Gesellschaft zu leisten, entschuldigte ihren kurzen Besuch mit der Menge kleiner Besorgungen, die ihrer noch warteten, und eilte nach Hause. Klotilde meldete Flümers ihre Abreise und deren Zweck schriftlich, und legte sich, bis zum Tode erschöpft, zu Bette. Aber sie fand keinen Schlaf. Minutenlang fielen ihr wohl die müden Augenlieder zu, aber dann fuhr sie, wie mit glühenden Zangen aufgerissen, in die Höhe, denn des Grausens wildeste Bilder hatten sie aus dem fieberhaften Schlummer geweckt. – Es schlug dreiviertel auf Zwölf – wieder die drei verhängnißvollen Schläge, deren einförmiger Metallton in der stillen Mitternacht verschwamm, und im Tiefsten der wunden Brust seltsam wiederklang. Beim dritten Schlage öffnete sich langsam und leise die Thür des Zimmers, und Nicolas trat ein, in einem weißen Sterbegewande und bleichen Angesichts; das Auge stier: im ganzen Wesen kein Leben. Klotilde konnte vor Schreck keinen Laut über die Lippen bringen: sie starrte die Todtengestalt an; diese aber hob die Hand, zeigte auf eine gräßliche, weit von einander klaffende Wunde im blutrünstigen Schädel, und winkte dem Mädchen schweigend und bedeutsam. Klotilde fuhr mit einem gellenden Klageschrei vom Lager in die Höhe – das Nachtgesicht war verschwunden, das Zimmer finster und still, aber kalt, wie Grabesluft wehte es sie von der Stelle an, wo der Erschlagene gestanden. Der eisige Reif des geheimen Entsetzens schauerte ihr durch Mark und Gebein; hatte sie den Treugeliebten wirklich gesehen? war es Fiebertraum gewesen? sie wußte es selbst nicht. Aber dort, nach jenem Schlachtfelde, wo sie ihn erschlagen hatten, rief sie jetzt ihr Geschick! Er hatte gewinkt, sie solle ihm folgen; was konnte sie bestimmter ahnen, als daß auch sie dort den Tod finden werde, nach dem sie sich sehnte. Kaum dämmerte der Morgen, als Frau von Mülenau vorgefahren kam, und Klotilden abholte. Wohl befremdete es diese, daß sie wieder umlenkten, und vor dem Mülenau'schen Hause vorbeifuhren; sie entsann sich, gestern sich erboten zu haben, zur Frau von Mülenau zu kommen, und, was mit weniger Umständen verknüpft war, sich bei dieser in den Wagen zu setzen; auch schien ihr auffallend, daß, als sie vor der Mülenauer Wohnung vorbeikamen, die Pferde im gestreckten Trabe jagten, und wenn sie sich nicht geirrt hatte, so lag neben Herrn von Mülenau im Fenster, ein Fremder, der – doch sie waren schon vorbei und Frau von Mülenau hatte, wie es ihr vorkam, in demselben Augenblicke absichtlich ihre Aufmerksamkeit auf das Gepäck in den Wagen gerichtet, welches, wie sie vorgab, anders geordnet werden müsse, um bequemer sitzen zu können. Klotilde warf, als sie das Thor passirt hatten und jetzt langsamer fuhren, die Frage hin, wer der Herr neben Mülenau gewesen; allein Frau von Mülenau wollte keinen Menschen gesehen haben, brachte das Gespräch auf etwas anders, und wußte durch ihre muntere Unterhaltung, durch den Wechsel der Gegenstände, die an ihnen vorüberflogen, und späterhin durch die Erzählung aller der Geschäfte, die in Schreckengrund ihrer warteten, das zerstörte Gemüth der armen Klotilde so zu besänftigen, daß diese sich allmählich wieder aufheiterte; und den launigen Einfällen der Witzbegabten zuweilen ein beifälliges Lächeln schenkte. Einen eigenen Reiz gewährte Klotilden der Gedanke, daß denselben Weg, den sie jetzt fuhren, früher Nicolas auch genommen hatte; fand sie einen recht breitästigen Baum an der Straße, so hatte er in dessen Schatten geruht; bemerkte sie eine nahe Quelle, so segnete sie dieselbe im Stillen, denn aus ihr hatte er seinen Durst gelöscht, und so war das Bild, das ihr im Herzen lebte, ewig und immer vor und neben ihr. Am fünften Tage verließen sie die endlose Chaussee, und bogen rechts ab in eine romantisch wilde Gegend; die steilen Berge, der unfahrbare Weg nöthigte sie oft, auszusteigen, und sie ergingen sich in den anmuthigsten Parthien eines tausendjährigen stillen Forstes, während ihnen der Postillion von der hier vorgefallenen blutigen Schlacht erzählte. Er war selbst Augenzeuge jener siegreichen Thaten gewesen; von den Franzosen gezwungen, hatte er – Klotilde verlor alles Blut aus dem Gesichte, als er das erzählte – mit seinen Pferden vorspannen müssen, um die Kriegskasse durch das Gebirge mit schaffen zu helfen; aber das setzte Mühe, fuhr er fort: auf den Wagen mußte unchristlich viel Geld sein, denn wir mußten das liebe Vieh bald halb todt schlagen. Vor uns, dort unten im Thale, ging der Betteltanz los. Daß dich das heilige Donnerwetter, was polterten die alten Kanonen hier im Walde wider; ich dachte doch bei meiner armen Seele, die ganze Erde sollte den Tag untergehen: auf einmal hieß es, Kosacken, Kosacken, und keine zwei Minuten, so brach aus dem Gebüsch ein ganzer Schwarm solcher langspießiger Sappermenter vor, und Hurrah! Hurrah! kamen sie mit eingelegten Lanzen herangeflogen, daß ich denke, der Teufel selbst ist mitten unter ihnen, ich schnitt meine Stränge ab, warf mich auf meinen Gaul und – heidi davon; in demselben Augenblick saß schon ein Kosack dicht hinter uns, stieß mit der Pike ein junges hübsches Bürschchen vom Pferde herunter, und ich nicht faul nahm den Braunen als Beute mit, und brachte ihn glücklich nach Hause. Da vorn auf der Hand, das ist der Mosje Franzos! – Allons Tuttswitt, rief der Erzähler, und gab dem Braunen mit der Peitsche einen leichten Schmitz, und Klotilde wendete das Gesicht weg, denn die Augen standen ihr voll Wasser! Das war Nicolas Reitpferd; die Blässe auf der Stirne, die vier weißen Füßchen! Die Mordfinken, die Kosacken, fuhr der Postknecht fort: bekamen aber doch die Kriegskasse nicht, denn noch ehe ich den Berg hinauf war, stürzte ein Regiment Chasseurs da aus der Schlucht heraus und jagte meine Spitzmützchen mit den langen Zahnstochern wieder in den Wald hinein, und nun ging es mit den Geldwagen in den Hohlweg da hinab, daß ich denke, es bleibt kein Rad ganz. Vom Ende dieses Schlachtberichts hörte Klotilde nichts; es ward ihr immer schwächer und schwächer zu Sinne, und nach einigen Schritten sank sie ohnmächtig in das Moos nieder. Ein wenig köllnisches Wasser, was Frau von Mülenau aus dem Wagen holte, und der frische Kristall, den der Postknecht im Hute aus der nächsten Felsenquelle brachte, gaben dem heimlich verblutenden Herzen bald des Lebens Frische wieder, und als sie endlich die Augen aufschlug, wies der Postillon, der in seiner Gutmüthigkeit meinte, daß der Unfall von der Erschöpfung des ungewohnten Bergsteigens herrühre tröstend in das tief untenliegende Thal, und sagte: nun geht es bergab, und in einem halben Stündchen sind wir in Schreckengrund; da unten, hinter der grauen Felswand liegt das Forsthaus. Der ungeebnete steile Weg, der dicht an jähen Abgründen vorbeiführte, war zu gefährlich; beide hatten den Muth nicht, einzusteigen; sie zogen vor, zu Fuß hinabzugehen, und selbst da gab es noch Noth und Mühe, über manche gefährliche Stellen glücklich wegzukommen. Wie war hier Alles so öde und schauerlich. Rings um schroffe, himmelhohe Felsen; in dem ganzen tiefen Bergkessel eine Todtenstille; nur das Rauschen des Luftzuges in den Wipfeln der zu den Wolken hinanstarrenden Schwarztannen, und das Rieseln der Waldbäche, die aus hundert Steinritzen längs des Weges hinabeilten, waren vernehmbar. Dem Weltkinde, der jungen Mülenau, wandelte bei dem Gedanken, hier der Jugend schöne Tage verblühen zu müssen, im Geheimen ein leises Grauen an. Klotilde aber war vor Entzücken außer sich. Dieser Ernst in der Natur, diese Abgeschiedenheit von Welt und Leben, diese wohlthätige Stille, dieser ruhige Frieden – und in der Nähe sein Grab! Sie sank weinend an der Begleiterinn Brust, und sagte bittend: Emilie, laß mich hier sterben. Meine Klotilde! entgegnete diese, sonderbar überrascht, und sichtbar bemüht, in Klotildens Seele eine so trübe Stimmung nicht aufkommen zu lassen. Leben sollst du hier, und das recht vergnügt; sieh, dort das strohbedeckte Hüttchen, das sich da unten am Bache, unter die überhangenden Felsen schmiegt, das hat, wie mir Rauhenfeld beschrieb, das Glück, vor der Hand, und bis wir des Vetters Wohnung im Forsthause eingerichtet haben, unsere Residenz zu seyn; der bläuliche feine Rauch, der dem gebrechlichen Schornsteine entsteigt, deutet hoffentlich auf ein behagliches Kaffeefeuerchen. Ein wahres Idylleben wollen wir hier führen, und das Beßte ist, daß es nicht ewig dauert: denn nur allenfalls im Arm der Liebe mag es sich hier ruhen lassen! Klotilde schüttelte schweigend den Kopf, und ging, in tiefes Sinnen verloren: in den dunkeln Schreckengrund hinab. Nicolas ruhte hier nicht im Arm der Liebe, sondern in dem des Todes, und nach solcher Ruhe sehnte sich ihr gebrochenes, lebensmüdes Herz im Stillen auch. Der Bewohner der kleinen Hütte, ein armer Waldwärter, empfing mit Frau und Kind die beiden Gäste im Feststaate. Er war vom neuen Herrn Forstmeister über ihre Ankunft bereits schriftlich benachrichtigt gewesen, und hatte die Empfangsherrlichkeiten nach Kräften veranstaltet; Haus und Stubenthüren waren mit frischen Maien geschmückt; vor der Hütte lag fein gestreuter Sand, und das Stübchen, das er ihnen als ihr Eigenthum anwies, prangte mit bunten Wald- und Wiesenblumen; das einfache Hausgeräth war sauber und spiegelblank, und aus den kleinen weinumrankten Fenstern übersah man den ganzen Kessel des engen Thales. Des Waldwärters reinliche Hausfrau brachte den von Emilien glücklich prophezeiten Kaffee, und während diese mit der Geschwätzigen über Kinder und Haushalt weitläufig verkehrte, entwendete Klotilde heimlich ein Paar recht große Stücke Zucker, und schlüpfte hinab auf den grünen Anger am Bache, wo die vier Postpferde sich im frischen Grase eine Güte thaten, und gab, als sie vom Kutscher, der im Schatten lag und ausruhte, auf Befragen die Versicherung erhielt, daß der Braune weder schlage noch beiße, dem treuen Thiere des Geliebten den süßen Raub. Das soll dem Mosje Franzmann wohl schmecken, meinte lachend der Postknecht, und lobte den Braunen als sein beßtes Pferd. Klotilde aber streichelte das Thier, und liebkos'te es zärtlich, und nannte es mit den süßesten Schmeichelnamen, und – sie hatte dem Postknecht den Rücken gewendet, daß er das Wasser nicht sehen solle, was ihr klar und warm aus dem Herzen in die Augen schoß, – und küßte es verstohlen. Sie hatte hundertmal schon das Drückende ihrer Armuth gefühlt; wäre sie heute reich gewesen, sie hätte um jeden Preis das Pferd behalten. Aber Klotilde, rief Emilie aus dem Giebelstübchen herab: der Kaffee wird ja eiskalt. Gleich, entgegnete Klotilde, ohne sich umzusehen, pflückte noch eine Hand voll Klee, gab sie mit freundlichen Worten dem Braunen, und trennte sich schmerzlich von dem Thiere, das ihr jetzt unter allen lebenden Wesen auf der Welt das Liebste war. In dem neu einzurichtenden Wohnhause des Forstmeisters gab es viel zu thun. Das Gebäude lag, als sey es zu einem Trappistenkloster bestimmt, tief im kalten Grunde einer schwarzen Felsenschlucht. Wo das Auge sich hinwendet, nichts als himmelhohe, von frühern furchtbaren Revolutionen der Urwelt zerrissene Granitwände; hie und da hausgroße von den Gipfelzacken des Bergkessel-Randes herabgeschleuderte Steinblöcke; überall das Bild der grausamsten Zerstörung. Nur dicht hinter dem Hause war der wilden Natur ein Gartenplätzchen abgewonnen, in dem durch die Sorge des fleißigen Waldwärters, Blumen und Fruchtbäume, Gemüse und blühendes Strauchwerk erfreulich gediehen; einige hohe Buchen und Linden gewährten Schatten und Kühlung, und am Ende des Gartens erhob sich auf der dicken Mauer ein Wartthurm, zu dessen Söller eine kühne Wendeltreppe führte; von diesem aber hatte man durch eine vielleicht meilenlange Schlucht, eine fast unübersehbare Aussicht in eine ferne, mit lichtblauen Nebelflor verhüllte Felsenwelt. Auf diesem Söller verweilte Klotilde am liebsten. Es war ihr, als sähe sie durch das Riesen-Teleskop, die meilenlange Schlucht, in ein unbekanntes Feenland, in die Nebel-Ferne des ewigen Jenseit hinüber. Sie hatte den hiesigen Aufenthalt lieb gewonnen, und es bangte ihr vor dem Augenblick, wo Rauhenfeld eintraf, und sie mit Emilien wieder abreisen sollte; denn – wo sollte sie hin! nach Finsterberge zurück? um keinen Preis der Welt. Sie hatte anfänglich in einem albernen Wahne Emilien in Verdacht gehabt, daß diese die Absicht habe, zwischen ihr und Rauhenfeld eine Verbindung einzuleiten; sie hatte darum, sobald ihr so etwas aus Emiliens sonderbaren Aeußerungen und auffälligem Mienenspiel klar geworden war, zehnmal und tausendmal den Einfall verwünscht, hieher gekommen zu seyn, und absichtlich vermieden, über Rauhenfelds persönliche Verhältnisse eine Frage zu verlieren. Späterhin bat sie aber im Stillen Emilie den Verdacht ab, denn es ergab sich aus mehrern Anstalten die Emilie in Rauhenfelds Hauswesen traf, daß dieser verheirathet war, und Familie hatte; so richtete sie z. B. ein Zimmer für die Frau und eine Kinderstube ein; Klotilde lächelte jetzt über die vergebliche Angst, die sie über die befürchteten Pläne von Emiliens Seite, und über die unerfüllbaren Anträge des ungekannten Rauhenfeld gehabt hatte, und baute sich die Möglichkeit zusammen, vielleicht der Frau zur Gesellschaft, und als Erzieherin der Kinder hier bleiben zu können; doch wollte sie mit diesem Gedanken vor Emilien nicht eher laut werden, als bis sie Rauhenfeld und dessen Frau selbst kennen lernte. Die letzten Tage waren sehr unruhig gewesen; die Handwerker aus den benachbarten Städten hatten alle ihre von Emilien bestellten Arbeiten abgeliefert, das ganze Haus war geordnet und geschmückt und Emilie sagte, als sie mit Klotilden Alles besichtigte und ihren Erwartungen entsprechend fand, daß nun Rauhenfeld kommen könne, wann er wolle, sein wüstes Haus fände er jetzt wie ein Kästchen. Kommt Frau von Rauhenfeld nicht gleich mit? fragte Klotilde, und Emilie verneinte mit sonderbarem Lächeln; als aber Klotilde, dieß nicht bemerkend, weiter fragte, wie viele Kinder Rauhenfelds hätten, lachte Emilie laut, und versicherte, daß die Kinderstube wohl groß genug seyn werde, um sie alle zu fassen. Klotilde ärgerte sich, gefragt zu haben, ging um das Gespräch abzubrechen, in den Garten, setzte sich, von den vielen Geschäften des Tages, bei denen sie fleißig half, erschöpft in den Schatten der dunkellaubigen Linden, und wollte lesen; allein das Buch entsank bald ihrer Hand, und sie schlummerte in das Reich der freundlichsten Träume hinüber. Des Treugeliebten Lichtgestalt schwebte mit glänzendem Gefieder aus dem Nebellande jenseit der Felsenschlucht herüber; die Schwarztannen des Schreckengrundes waren in blühende Mandelbäume, die eilenden Wellen des Waldbaches in die Fluthen der Rhone verwandelt; sie schwebte Nicolas durch die lachenden Fluren seiner paradiesischen Heimath entgegen, und dieser nannte sie freundlich willkommen; sie hörte, noch geschlossenen Auges, aber den fesselnden Armen des Traumgottes schon halb entwunden, das Wort des Willkommens deutlich. Doch war es nicht seine sanfte, melodische Stimme, sie klang ihr viel rauher, viel tiefer. Wacher jetzt geworden, schlug sie das Auge auf, und vor ihr stand der schwarze Mann – derselbe, den sie bei Prelloni zuerst sah; derselbe, der sie bei des Vaters Begräbniß zum Wagen geleitet; derselbe, der sie in jener Grauennacht auf der Galgenbrücke vom Selbstmorde rettete. Vetter Rauhenfeld, sagte Emilie, den wohlbekannten Fremden vorstellend, und der Forstmeister ergriff der Erbebten zitternde Hand, dankte ihr mit freundlichen Worten für die Hülfe, die sie der Cousine Emilie hier mit so vieler Bereitwilligkeit geleistet habe und bekannte sich dafür zu ihrem ewigen Schuldner. Ungewiß, ob Rauhenfeld sie erkannte, raffte sie die ganze Kraft ihrer Besinnung zusammen, um sich nicht zu verrathen, und der Umstand, daß sie, aus tiefem Schlaf erwacht, von Rauhenfelds Begrüßung überrascht würde, entschuldigte ihre anfängliche Verwirrung. Emilie hatte schon früher erklärt, daß, sobald Rauhenfeld angekommen, und ihm das neu eingerichtete Wohnhaus übergeben sey, sie schleunig zurückeilen müsse, weil sie hier wegen der Langsamkeit der Arbeiter ihren Aufenthalt viel mehr verlängert hätte, als Anfangs verabredet war; sie äußerte daher im Laufe des Gesprächs, daß sie übermorgen wieder nach Hause zu reisen gedenke. Klotilde legte bey dieser Erklärung unwillkührlich die Hand auf das gepreßte Herz. Zurück nach Finsterberge konnte sie nicht, und hier bleiben, bei dem Herrn von Rauhenfeld allein, konnte sie auch nicht, und wo sollte sie, in der ganzen Welt fremd, in dem Augenblicke hin. Sie hatte auf Frau von Rauhenfeld gerechnet, und diese war nicht mitgekommen, und von der Zeit, daß diese noch kommen werde, war noch kein Wort gesprochen. Die Zukunft, die auf ein mal wieder so nahe vor ihr stand, die Nothwendigkeit, jetzt durchaus einen Entschluß fassen zu müssen, der Umstand, daß sie Emilien, die ihre Lage in ihrem ganzen Umfange hoffentlich nicht kannte, die Unmöglichkeit der Rückkehr nicht mit allen Details auseinander setzen konnte, der Schmerz sich von der Nähe der Gegend zu trennen, in der Nicolas Hülle ruhte, wenn er wirklich geblieben war, alles dieß zusammen genommen, stürmte so dringend auf sie ein, daß sie die Aufmerksamkeiten, die ihr Rauhenfeld auf alle mögliche Art erwies, übersah, seine Huldigungen überhörte, und für die Herrlichkeiten, die er ihr in einem prächtigen Shawl, und in einem sehr niedlichen Schmuck, als schwaches Zeichen seines Dankes für ihre thätige Mithülfe bei der Einrichtung seines Hauses, mit zarten deutungvollen Worten zu Füßen legte, keinen Sinn hatte. So kam der Vorabend des Reisetages heran. Klotilde hatte noch immer keinen bestimmten Plan; nur halb im Dunkeln lag in ihrer Seele der Gedanke, im ersten beßten Städtchen, wo es ihr auf der Rückreise am meisten gefallen würde, unter dem Vorwande, eines Anfalls von Unpäßlichkeit zurückzubleiben, und sich dort von ihrer Hände Arbeit das stille Leben kümmerlich zu fristen. Sie ging noch einmal nach den wildesten Parthieen des Schreckengrundes, um von all den Plätzchen, die ihr eben wegen ihrer von der verheerenden Kraft der grausigen Vorzeit durcheinander gewürfelten regellosen Lage, so lieb geworden waren, Abschied zu nehmen, als ihr auf schmalem Fußpfad, rechts schroff himmelanstarrender Felsen, links jäher bodenloser Abgrund, Rauhenfeld, die blanke Büchse auf der Achsel, begegnete, und sie aus ihren tiefen Träumen mit einem scherzweise laut donnernden Halt weckte. Ausweichen kann auf der kaum fußbreiten Stelle Keins dem Andern, rief Rauhenfeld lachend also entweder Sie mit mir, oder ich mit Ihnen; Klotilde meinte mit freundlichem Lächeln, daß sie dieß seiner Bestimmung überlasse, doch wäre es ihr lieber, wenn er umkehren wolle, und sie also mit ihm ginge, da der Weg, den er käme, näher nach Hause führe, und sie Emilien noch einpacken helfen wolle. Das Wort Einpacken war dem Forstmeister die Losung, seinen Schmerz über Klotildens baldige Abreise laut werden zu lassen; sie gingen, als der Weg breiter ward, Arm in Arm, den Berg hinab, kamen in den Garten, ließen sich unter den dunkelnden Linden auf die Moosbank nieder, und sie saßen noch nicht, als Rauhenfeld, der längst auf eine passende Gelegenheit gewartet zu haben schien, Klotilde allein zu sprechen, schon seine Bitte vom gepreßten Herzen hatte, diese kleine Felsenwelt als die ihrige anzusehen, ihn in seiner Einsamkeit hier nicht zu verlassen und ihm seinen Aufenthalt hier durch ihre Anwesenheit zu verschönern. Klotilde, die sich bei diesem, mit recht wohlgefälliger Befangenheit vorgebrachten Antrage, auf einmal über die Angst ihrer Zukunft, wenigstens für das Erste, weggehoben sah, nickte zu allem dem recht herzlich bejahend, versicherte, daß der Schreckengrund ihr vom Anfange an gefallen, daß sie die ganze Gegend unbeschreiblich anheimele, und daß gerade diese Einsamkeit, dieses Fernseyn vom herzlosen Getümmel der Welt, ihrem Gemüthe, ihrer Stimmung zusage, nur weiß ich nicht – fuhr sie bedenklicher fort, und schlug das himmelklare blaue Auge bescheiden zur Erde; nur weiß ich nicht ob Ihrer Frau Gemahlinn – Wie denn Frau Gemahlinn, erwiederte Rauhenfeld laut auflachend: eben das, das sollen Sie ja seyn, meine Klotilde! – Schlagen Sie ein, auf gut Waidmannsglück. Klotilde sprang erschrocken auf, und wollte fort; sie war so erschüttert, daß sie keinen Athem in der Brust, kein Wort auf der Zunge hatte; aber Rauhenfeld, der seinem Schöpfer dankte, daß er das Geständniß glücklich heraus hatte, drang auf nähere Erklärung; indessen gewann er von Klotilden weiter nichts, als das Versprechen, mit Emilien weiter darüber zu reden. Und Du besinnst Dich noch? fragte diese, als sie ihr das eben erlebte Ergebniß, davon noch hoch aufgeregt, erzählte. Rauhenfeld liebt Dich seit dem ersten Augenblicke, daß er Dich sah. Er hat sein Brod, steht in Amt und Würden, und der Staat hat es dankbar anerkannt; daß er mit Aufopferung seiner Gesundheit, Blut und Leben für die Ehre seines Vaterlandes eingesetzt hat. Hübsch – ist er nicht; indessen mein Mann gehört auch nicht zu den Apollos von Belvedere, und wir leben darum doch recht glücklich mit einander. Er hat, Du siehst, ich bin gegen seine Fehler nicht blind – er hat etwas Rohes, Barsches, Wildes! doch ist das wohl mehr Folge seiner Erziehung, und seines bisherigen Umgangs, als Eigenthümlichkeit seines Charakters; im Walde, unter Holzschlägern und Köhlern groß geworden, und dann die letzte Zeit in den Feldlagern – wie kann das anders seyn! Deine fleckenlose Klarheit wird in sein düsteres Wesen ein freundliches Licht bringen; Dein einfacher, sanfter Sinn wird ihn milder machen, und an Deiner festen Ruhe wird sein leidenschaftliches Ueberwallen sich brechen, wie die Wogen des Weltmeeres am blumenbedeckten Felsengestade; – so weit von ihm. Jetzt zu Dir, meine Klotilde; Du liebst ihn nicht. Warum, ist jetzt gleichgiltig; aber Du liebst ihn nicht, und glaubst darum, ihm Deine Hand versagen zu müssen. Mein gutes Kind, glaubst Du denn, das heut zu Tage in der Regel alle Ehen aus Liebe geschlossen werden? bietet jetzt, wo die Mannspersonen, fast ohne Ausnahme, ehescheu geworden zu seyn scheinen, ein junger Mann von hinlänglichem Auskommen, einem Mädchen seine Hand, so wird diesem von Eltern, Verwandten und Freunden, unter der Verwarnung, daß nicht sobald ein zweiter, gleich annehmlicher kommen dürfte, so lange zugesetzt, bis es der Vernunft Gehör, und dem Brautwerber die Hand giebt; man gewöhnt sich nach und nach an einander, und lächelt späterhin über die Courschneidereien, die uns in der Blüthenzeit unserer Tage ergötzten, ohne in ernstere Verbindungen überzugehen. Ich mag Dir nicht läugnen, daß Mülenau mir nicht so lieb war, als mancher andere; daß ich mich damals im Stillen sehr unglücklich fühlte, nicht meiner Neigung folgen zu können, die mich in ganz andere Arme geführt hätte. Lieber Gott, wie gut, daß die Vorsehung weiter sah, als ich: diese andern – was waren sie, leichte Tänzer, angenehme Gesellschafter, flatternde Schmetterlinge! Auch Du wirst künftig einmal lächeln lernen, über die Träume Deiner ersten Liebe. Du hast das früher schon verbreitete Gerücht, daß Nicolas bei der in diesen Thälern vorgefallenen Schlacht, das Leben verlor, hier von Allen, die wir gesprochen haben, hundertmal bestätigen gehört. Ueber die Sträflichkeit jener Liebe will ich Dir keine Vorwürfe machen. Das Herz weiß von keiner Politik, von keinen Landesgränzen! aber so billig sind nicht Alle. Du weißt wie sehr Du Dir in der öffentlichen Meinung geschadet hast. Es wird nicht leicht ein junger Mann sich nach der zweiten Hälfte Deiner Zuneigung sehnen, deren erste Du einem, von jedem Deutschen verhaßten Feinde des Vaterlandes schenktest. Rauhenfeld weiß um Deine Verirrung, und seine Liebe ist stark genug, sie Dir zu verzeihen. Ich kenne, fuhr Emilie sanft bewegt mit leiserer Stimme fort: ich kenne die Geschichte jenes unseligen Abends. In diesem ernsten Augenblicke darf ich vor Dir kein Geheimniß haben. Rauhenfeld, der damals bei uns abstieg, theilte sie uns zu unserm tiefen Schrecken mit. Er hatte Dich aus früherer Zeit erkannt; er nannte uns Deinen Namen, und wir entschuldigten Dein entsetzliches Vorhaben mit Deiner Trauer über den durch den Tod verlorenen Geliebten und vorzüglich mit der unwürdigen Behandlung, die Du im Hause Deines Oheims erleiden mußtest, und die Dich wahrscheinlich zu dem, Gott und jenseitige Zukunft verläugnenden Schritte getrieben haben müsse. Rauhenfeld drang mit stürmischer Hast in uns, Dich augenblicklich aus dem lieblosen Hause zu nehmen; darum mein Antrag mich hierher zu begleiten; darum meine schnelle Abreise. – Du hörst von mir keinen Vorwurf über jenen Entschluß. Ich ermesse die angstvolle Nothlage, die Dich von jener Schauerbrücke in die dunkeln Wellen hinabzog, und bitte den Allerbarmer im Himmel, daß er Dir vergebe, wie wir Dir vergeben. Aber fühlst Du nicht seine Vaterhand, die Dir gerade im letzten Augenblicke Deines verstörten Lebens auf wunderbarem Wege seine Hülfe sandte? Regt sich in Deiner erkalteten Brust kein Gefühl des Dankes gegen den Gottgesandten, der, im Momente Deiner allerhöchsten Verzweiflung, Dich aus den offenen Armen des Todes riß, und Dich in das Leben zurückführte? Begreifst Du den Umfang seiner unnennbaren Liebe, der über alle Deine Unbilden gegen Dein Vaterland, gegen Deine öffentliche Ehre, gegen Dein Leben, mit Schonung hinwegsieht, Deine Fehltritte mit Deiner Unerfahrenheit, mit Deiner überreizten Empfindsamkeit, und mit der, Deine zarten Kräfte übersteigenden harten Lage im Hause des Oheims entschuldiget, und in Deiner Liebe sein alleiniges, sein höchstes Lebensglück findet? Ahnest Du nichts von der, in der heutigen Zeit, in der Brust jedes guten Menschen rege gewordenen Pflicht gegen das Gemeinwohl? Rauhenfeld hat seine Gesundheit dem Vaterlande geopfert; er bedarf einer sorglichen Pflege. Du hast in der Periode Deiner Verblendung, gegen Dein Vaterland gefehlt. Hältst Du nicht diese Verbindung in der Du die Verpflichtung übernimmst, des verdienten Kriegers treue Pflegerinn zu seyn, für einen Wink der Vorsehung, jenes Vergehen nach Deinen Kräften wieder gut zu machen? Siehst Du nicht, daß dieß das einzige Mittel ist, Dir die verlorne Achtung Deiner Mitwelt wieder zu gewinnen? Selbst, wenn Du eine noch heftigere Abneigung gegen Rauhenfeld hättest, als Du, ohne auf Deinen moralischen Werth zu verzichten, gegen einen Mann, der Dir das Leben rettete, und Dir mit der reinsten Liebe zugethan ist, haben kannst, selbst dann würde ich als Büßung, als Opfer von Dir fordern, daß Du ihm Deine Hand gebest; hielten die Reinsten, die Edelsten der Nation sich nicht zu hoch, ihr Leben dem Tode zu weihen, warum sollst Du – verzeih, Klotilde, der Schärfe meines Wortes, warum sollst Du, die in dieser großen Zeit für das Heil ihres Volks nicht nur nichts that, sondern gar der allgemeinen Stimme entgegen, einem Feinde des Vaterlandes mit einer Liebe zugethan war, die an das Heiligste, daß ihr Gott zu bewahren gab, an ihrem eigenen Leben sich vergriff, die also weder zu den Reinsten, noch zu den Edelsten ihrer Nazion gehört, warum sollst Du Dich höher achten, als jene? Sieh, wenn Du durchaus zu Rauhenfeld keine wahre, innige Neigung gewinnen kannst, sieh die Verbindung mit ihm als Genügung Deiner, dem Vaterlande abzubüßenden Pflicht an; Du thust dann immer nur den tausendsten Theil von dem, was die für uns gethan, die, in der Blüthe ihrer Jugend, auf den Feldern der Ehre fielen, und der großen Sache ihr Theuerstes, ihr frisches Leben zum blutigen Opfer brachten. – Jetzt Klotilde sprich! Du versöhnst Dein Mißgeschick, Du versöhnst die Bessern Deiner Mitwelt, wenn Du dem Dir gebotenen Winke folgst; und Gott wird Dir Kraft geben, das, was Du ein Kreuz nennst, zu tragen, bis Du, der kleinen Bürden gewohnt, sie für keine mehr ansiehst. Beharrst Du aber auf Deinem Irrwege, der wahrlich nicht zum Heil Deiner Seele führt; so müssen wir an der Rechtlichkeit Deiner Ansichten, an der Gediegenheit Deines Gefühls, an der Reinheit Deiner Grundsätze verzweifeln, und Du hast es Dir allein beizumessen, wenn Dir Deine Zeitgenossen ihre Achtung und Liebe versagen, und Dich aus ihrem Kreise ächten. Jetzt sprich – jetzt entscheide. Klotilde lehnte sich weinend an Emiliens Brust. Habe Mitleid, flehte sie in heißen Thränen sich ergießend: habe Mitleid mit mir, wenn ich den schmerzlichen Kampf in mir selbst nicht so rasch kämpfe als Du von mir forderst. In Vielem magst Du Recht haben; in Allem nicht. Aber ich will ja Alles thun, was Ihr von mir fordert, so lange ich mit meinem Gewissen dabei bestehen kann. Gewissen? fragte Emilie scharf. Nicht so, bat Klotilde, nicht so! ich bin wunden Herzens; Dein schneidender Blick, Emilie, die Härte deines Wortes, fliegen wie Pfeile mir in mein zerrissenes Innere. Sey mild, sey barmherzig mir. Kann – ich frage dich, und werde Dich am Abend meines Lebens hier, oder am jenseitigen Morgen dort einmal daran erinnern, darum erwäge Deine Antwort wohl, kann, darf ich geschworne Eide brechen? Ob ich sie mit Recht oder Unrecht geschworen, gilt gleichviel; – auch mag darüber nur meines Gottes Allweisheit selbst richten – aber ich frage, darf ich sie brechen? Geschworne Eide? wiederholte Emilie ernst: ich verstehe Dich! – aber diese unbesonnenen Schwüre hat der Tod entkräftet. Diesen Fall hofft Ihr; ich fürchte ihn: aber wenn nun, was Euch wahrscheinlich ist, nicht wahr wäre; wenn Nicolas lebte; wenn er wiederkehrte; wenn er dränge auf die Zusage meiner Liebe, die ihm ewig gehören wird, wie willst Du dann die Wehthat, zwei Herzen gebrochen, das Lebensglück zweier schuldloser Menschen auf immer vernichtet zu haben, vor uns, von Dir, vor Gott verantworten? Thörigter Wahn! entgegnete Emilie. Deine kranke Phantasie taucht ihren Pinsel in bunten Seifenschaum, und malet Dir luftige Traumbilder, die in ihr Nichts zerstieben, wenn Du sie eines ruhig prüfenden Blickes würdigest. Aus jenem Schattenreiche kehrt Keiner wieder, und wären alle Gerüchte über seinen Tod nicht wahr, und er käme vor dem Schluß des Friedens – würdest Du dem Manne in das feindliche Land folgen? hättest Du wirklich alle Achtung vor Dir selbst in dem Grade verloren, um den Schimpf, den Spott, die Schmähungen jedes ehrlichen Deutschen zu überhören, die Dich auf dieser schmachvollen Brautfahrt unausbleiblich begleiten würden? Willst Du aber auf den Frieden warten, der die erbitterten Völker versöhnen soll? Armes kurzsichtiges Mädchen! ich will Dir nicht wehe thun, ich will an der Ausdauer seiner Treue bis dahin nicht zweifeln; aber welcher Sterbliche vermag das Ende dieses Völkerkriegs zu berechnen? –Jahrzehende sind vergangen und Europa ist auf dem 700 meilenlangen Striche vom Tejo bis zur Berezyna, mit dem Jammer des Krieges bedeckt. Wer bürgt Dir dafür, daß nicht noch Jahrzehnde dazu gehören, ehe der Würgengel des Mordens müde, des Menschenblutes satt werde? Doch, fuhr Emilie nach einigem Besinnen fort: wenn er lebt, nach dem Friedenschlusse kommt, Dir treu geblieben ist, und Dich bittet, mit ihm zu ziehen – hier meine Hand, so bin ich die erste, welche Deine Trennung von Rauhenfeld bewirkt. Jetzt hast Du keine Ausflucht mehr. Jetzt also ja oder nein. Du bist – erwiederte Klotilde zagend, weil sie keinen Ausweg mehr wußte, sich vor der ihr entgegenstrebenden Verbindung zu retten: Du bist Rauhenfelds Verwandte, – Freundinn. Glaubst Du denn, daß er an meiner Hand glücklich seyn werde, glücklich mit einer Frau ohne Liebe? Hassest Du ihn? fragte Emilie rasch. Nein, sagte Klotilde sanft: aber zwischen nicht hassen und lieben – lieben – ist ein Unterschied. Ich verlange auch keine Liebe in Deinem Sinne, fiel ihr Emilie in das Wort. Rauhenfeld bedarf bei seiner Düsterheit einer verständigen Freundinn; bei seinem verschlossenen Wesen einer freundlichen Gesellschafterinn; bei seinen, mit öfterer Abwesenheit von seiner Wirthschaft verknüpften Dienstreisen, einer wirthlichen Hausfrau; bei seiner zerrütteten Gesundheit einer zärtlichen Pflegerinn. Bist Du ihm dieß, so erfüllst Du den ganzen Kreis Deiner Pflichten gegen ihn; eine weitere kann und wird er nicht von Dir fordern. Klotilde rief Emilie bittend, und schloß die von Qual und Angst gepreßte in die Arme: Klotilde, sag' das einzige Wörtchen Ja, und Gott wird den Sieg Deiner Vernunft über Dein schwaches Herz, durch eine freudenreiche Zukunft Dir verherrlichen. In diesem Augenblicke stürzte Rauhenfeld, der die letzten Worte seiner Vermittlerin belauscht hatte, herein, flog zu Klotildens Füßen, bestürmte mit Emilien vereint, das schwanckende Mädchen, und vierzehn Tage später sprach der Priester der Kirche fromme Weihe über das Bündniß. – Die Fäden, aus denen dieses eheliche Band gewebt ward, lagen tiefer, als Klotilde und Emilie ahnen konnten. Rauhenfeld hatte Klotilden im letzten Augenblicke ihrer väterlichen Herrlichkeit kennen gelernt. Ihr reizvolles Aeußere hatte ihm gefallen. Des Vaters jovialer Tagesbefehl: Tausend Stück Austern, Prelloni, zum ersten Anfange! hatte ihm in dem alten Kammerrath einen reichen Mann verrathen, und Prelloni, den er über diesen Punkt weitläufig ausholte, war in der Schilderung von dem großen Vermögen seines verehrten Herrn Kammerraths, der fast monatlich eine solche Austernfete bei ihm gab, mit Winken und Aeußerungen so verschwenderisch, daß Rauhenfeld den Austernfreund wenigstens für einen halben Millionair halten mußte. Zwei Tage nach dem prachtvollen Begräbniß, dessen Glanz auch das seinige beitrug, um die Idee vom reichen Manne zu bestätigen, verließ Rauhenfeld die Residenz, um sich an der Gränze des Reichs unter die Fahnen des Landes zu stellen, und sah und hörte, den ganzen Feldzug über, von Klotilden nichts eher wieder, als bis an jenem grauenvollen Abend auf der Galgenbrücke. Mülenau's lös'ten ihm das Räthsel über den Zusammenhang der Dinge, durch welche Klotildens Wohnsitz aus der Residenz nach Finsterberge verlegt wurde, und ihr einstimmiges Lob über des Mädchens innern Werth, sprachen den Heirathlustigen um so lebendiger an, als er von der Lieblichen äußern Reizen ohnehin schon bestochen war. In seinem neuen Dienstverhältnisse, welches ihn in eine, bloß durch wirthliche Benutzung des dazu gehörigen Feldbaues und Viehstandes, einträgliche stille Wald-Einsiedelei verwies, sah er sich genöthigt, eine auf die Genüsse des Lebens in der großen Welt verzichtende, an einfache Häuslichkeit gewöhnte Frau zu wählen; dazu schien Klotilde, die im Hause des Oheims die härteste Arbeit verrichten mußte, die sich vor der Welt in den Fluthen hatte verbergen wollen, am passendsten. Der Schreckengrund galt im ganzen Lande für ein zweites Siberien; darum, und wegen seiner persönlichen Unannehmlichkeiten, war Rauhenfeld mit verschiedenen Heirathanträgen verunglückt; die schöne Geächtete aber, meinte er, schlug ihm gewiß ihre Hand nicht ab; hatte sie sich dem Tode in die kalten Arme stürzen wollen, würde sie an seiner Seite gewiß doch lieber durch das Leben gehen können. Von dem gefallenen Geliebten durfte er nichts mehr fürchten, und daß sie dem Menschen, der, nach der ihm von Mülenau's gemachten Schilderung, viel Einnehmendes gehabt hatte, gut gewesen war, rechnete er ihr zu keinem Verbrechen an; hatte er doch auch bis zu dem Tage, an dem er den Lanzenstich in die Hüfte bekam, in manchen noch viel engern Liebesverhältnissen unzarterer Art gestanden. Alle diese Umstände bestimmten ihn, Mülenau's seine Wünsche und Absichten zu entdecken; und Emilie, die Klotilden herzlich wohlwollte, und in Rauhenfelds überraschender Erklärung einen offenbaren Wink der Vorsehung sah, das Mädchen aus den jetzigen ihm widrigen Umgebungen zu entfernen und der Hülflosen eine anständige Lage zu gewähren, fand sich mit tausend Freuden bereit, den Plan nach allen Kräften zu unterstützen. Den geheimen, eigentlichen Hauptbeweggrund von Rauhenfelds raschem Eifer, diese Verbindung zu Stande zu bringen, kannte sie nicht; sie hielt das für glühende Liebe, was nichts als nothgedrungene Spekulation war. Mülenau hatte nämlich seinem Jugendfreunde und Vetter unter vier Augen vertraut, das Klotilde auch nicht ganz blos sey; ihr Vater habe ihr bedeutende Schuldforderungen hinterlassen, die, so viel er wisse, nur darum nicht eingezogen wurden, weil die Schuldner Männer von Einfluß in der Residenz wären, welche die, ohnehin mit Lauigkeit gemachten Versuche des einfältigen bedeutunglosen Flümer, bisher immer vereitelten. Käme aber einer, der das Ding beim rechten Ende anzufangen, und ihm den gehörigen Nachdruck zu geben verstände, so sey es gar keinem Zweifel unterworfen, daß, wo nicht die ganze Summe, die über 20,000 Gulden betragen solle, doch durch Vergleich oder auf andere Weise, wenigstens die Hälfte noch heraus zu bekommen wäre. Die Nachricht schlug ein. Rauhenfeld hatte durch sein bisheriges wüstes, wildes Leben sein weniges Vermögen vergeudet, und erlag fast der Last seiner drückenden Schulden; unbarmherzige Gläubiger quälten ihn oft bis zur Verzweiflung, und drückten ihn durch überspannte Zinsforderungen immer tiefer in den Abgrund, und noch dringender waren die heimlichen Zahlungen, die ihm als Buße für jugendliche Uebereilungen durch Urthel und Recht auferlegt wurden. Auch er sah daher, schon am Rande seines Verderbens, Klotildens Fund auf der Galgenbrücke, für einen Wink der unerforschlichen Vorsehung an; er hatte ihr das Leben gerettet; sonderbare Verkettung; sie sollte ihn aus Dank dafür, von der satanischen Peinigung seiner Gläubiger retten, die wie Vampire an ihm hingen, ihn bis auf das Blut aussaugten, und ihn nie zu Kräften kommen ließen. Jetzt sah er Land! jetzt galt es nur, mit Vorsicht in den Hafen zu steuern. Mülenau ward sein Lootsen. Deine Frau braucht um meine Lage nicht zu wissen, sagte er zu diesem traulich: die Weiber, die gewöhnlich in der Welt nicht zu Hause sind, macht so etwas gleich scheu. Das bischen Schulden ist ja gar nicht der Rede werth. Bekomme ich Klotilden und mit ihr das Geld, so bin ich ein gemachter Mann. Die Hauptsache ist, daß Klotilde hier fortkommt; das Mädchen ist hübsch, der Teufel könnte sein Spiel haben, und einen Dritten herführen, der sie mir wegkapert. Der Fürst hat mir 1000 Gulden zur Einrichtung meiner verwüsteten Wohnung geschenkt; davon händige ich ehrlich und treulich Deiner Frau die Hälfte ein; damit geht sie, ihrem Versprechen gemäß, morgen nach Schreckengrund, um dort anzuschaffen was nöthig ist. Das Mädchen muß mit; dort in dem von Gott und Welt geschiedenen Thale, soll sie kein Teufel mir herausfinden. Wir sehen hier unterdessen, daß wir die Wechsel vom alten Flümer bekommen; diese nehme ich mit in die Residenz, wohin ich ohnedieß muß. Dort sehe ich, wie die Glocken hängen, und wenn wir die alten Papierchen versilbern können, so ist das niedliche Tildchen meine wohlbestallte Frau Forstmeisterin zu Schreckengrund, und dann wollen wir anfangen, ein Leben zu führen, wie die Engel im Himmel; da sollst Du einmal den Keller sehen, den Dein alter Rauhenfeld sich anlegen wird, und kömmst Du, mich zu besuchen, so rufe ich Tildchen zu: Tausend Stück Austern zum ersten Anfang. So lautete damals der geheime Plan, nach dem sich Klotildens Schicksal gestaltete. Flümer hatte indessen wohlweislich die bewußten Wechsel nicht herausgegeben, sondern sich nach vielem Zureden und nach erfolgtem Versprechen einer angemessenen Belohnung, dazu verstanden, die Namen der Schuldner, die Data der Wechsel, und den Betrag des Kapitals und der rückständigen Zinsen anzugeben. Mit diesen Notizen ging Rauhenfeld in die Residenz, wendete sich an den Advokaten Schraube einen der berüchtigsten Rabbulisten, und versprach etwas Ansehnliches, wenn dieser ihm die Wechsel zu Geld mache. Herr Schraube überblinzelte mit kalter Höllenfreude das Namensverzeichniß der Schuldner; alles gute Leute, sagte er im wonnigen Vorgefühl: hier wieder zehn, zwölf Prozeßchen mit einem Male zu bekommen, und die Verzeichneten, nebst seinem Herrn Mandanten, methodisch langsam martern zu können, alles gute Leute, mitunter ein wenig hartleibig, indessen wenn man die Latwerge nur recht zu mischen weiß, das Herz aus dem Leibe müssen sie herausgeben. Sehen Sie verehrter Herr Forstmeister, fuhr er fort, und schlug mit der verwendeten knochendürren Hand auf das Papier, und grinste zähnefletschend: sehen Sie hier das kleine Wechselchen von 500 Gulden, darauf borge ich Ihnen selber die Hälfte, so solide ist das Papierchen, der Aussteller, der Finanzsecretair ist gestorben; die Witwe ist eine einfältige, ehrliche Frau; mit der wollen wir bald umspringen; wenn ich der weiß mache, daß ich dem seligen Herrn Finanzsecretair noch im Grabe Wechselarrest geben müßte, wenn sie nicht zahle, so schafft sie Rath, und sollte sie das Bett unter dem Leibe verkaufen. Er schlug über seinen witzigen Einfall eine so brüllende Lache auf, daß selbst Rauhenfeld vor ihm erschrack. Schraube machte ohne Verzug bei sämmtlichen Schuldnern die Runde, und war es wahr, was er sagte, oder gab er es nur vor, um den neuen Klienten zu ködern, nach seiner Aussage hatte keiner sich sehr gesperrt, seinen Wechsel einzulösen; und die ins Bockshorn gejagte arme Finanzsecretairwitwe war erbötig, gegen Erlaß der rückständigen Zinsen, das Kapital sofort abzutragen, um nur ihren Mann in der Erde, vor den giftigen Bissen der Schlangenzunge des satanischen Herrn Schraube zu bewahren. Jetzt Herr Forstmeister, rief dieser: nur die Wechsel; die 20,000 blanke Gulden sollen Ihnen schon schmecken. Rauhenfeld eilte nun nach Schreckengrund, betheuerte von Neuem der schwachgläubigen Emilie, daß er ohne Klotilde nicht leben könne, daß ihn eine unnennbare Liebe zu dem Mädchen hinzöge, daß er der allerunglücklichste Mensch sey, wenn dieses ihm seine Hand versage, und daß er sein ganzes Wohl und Wehe ihr allein anvertraue; und so gelang es ihm, sein Ziel zu erreichen. Als Klotildens Gatte hatte er das Recht die Herausgabe der Wechsel von Flümer zu verlangen; allein, die paar hundert Thaler ahgerechnet, welche die Finanzsecretair-Witwe berichtigte, und die Schraube, auf Abschlag seiner Gebühren gleich inne behielt, war, wie dieser schrieb, alle Mühe vergeblich, aus den verstockten Sündern, den übrigen Schuldnern, etwas herauszupressen. Rauhenfeld hatte in der gewissen Überzeugung, die erwarteten Gelder nach und nach einzubekommen, sich mit seinem gewöhnlichen Leichtsinn, eine Menge Ausgaben erlaubt, und dadurch seine alten Schulden um mehr als die Hälfte vermehrt. Jetzt, da Schraube, der wahrscheinlich von den saubern Herrn in der Residenz gehörig bearbeitet worden war, wiederholt versicherte, daß zur Realisirung jener Wechsel, auch nicht die mindeste Hoffnung sey, gähnte dem verlorenen Rauhenfeld ein offener Abgrund entgegen. Gerichtliche Vorladungen, Executionen, Auspfändungen, Gehaltsbeschlagnahmen, Prozesse, Drohungen, grobe Mahnbriefe, lästige Besuche dringender Gläubiger und wie alle die Ungeheuer heißen mögen, welche denn ihnen einmal Verfallenen um Ruhe und Zufriedenheit bringen, plagten und quälten ihn täglich. Mülenau's, meinte er, hätten ihn, blos um Klotilden mit Ehren unter die Haube zu bringen, absichtlich betrogen; er zerfiel mit ihnen auf immer; auf Klotilden selbst aber fiel sein tödtlichster Haß. So aufmerksam er Anfangs gegen sie gewesen war, so kalt und unfreundlich behandelte er sie jetzt. Das letzte Mittel, zu dem Verzweifelnde dieser Lage gewöhnlich ihre Zuflucht nehmen, ist der Genuß geistiger Getränke. Auch Rauhenfeld, der in sich selbst die Grundsäulen der Vernunft und des Glaubens von Jugend auf vermißt, und jetzt nichts hatte, an dem er sich festhalten konnte, ergriff in der Furienangst vor jedem morgenden Tage, die Flasche, und je dunkler ihm das Feuer des Korngeistes auf Stirn und Wangen brannte, je furchtbarer ward der Ausbruch seines Unmuths über seine Lage. Er behandelte die taubenfromme Klotilde mit der unmenschlichsten Härte, sagte ihr oft mit Zähneknirschen, daß er jenen Rettunggriff auf der Galgenbrücke tausendmal bedauere; daß sie ihn jetzt mit in den Abgrund hinabziehe, und daß ihnen am beßten sey, wenn der Teufel sie beide je eher je lieber hole. Diesen Morgen erst vergaß er sich in der Hitze des unseligen Spiritus, den er zum Frühstück im Übermaße trank, so weit, daß er die unglückliche Frau, wegen eines Versehens, an dem sie nicht einmal Schuld war, blutrünstig schlug. Er hing die Büchse über die Achsel, und ging, Klotilden, sich und die ganze Welt verfluchend, zum Hause hinaus. Wäre er doch nie wieder gekehrt! Klotilde trug ihren Kummer mit der Geduld eines Engels. Nach ihren Ansichten, die sie sich selbst nicht einmal deutlich gestand, war ihre jetzige wahrhaft schreckliche Lage nichts als wohlverdiente Strafe ihres Meineides gegen Nicolas. Sie hatte ihm geschworen, Treue bis zum Tode, und vor Gottes Altare hatte sie jenen Schwur gebrochen. Sie büßte als Märtyrin ihre Schuld, und bat Gott oft im Stillen, daß er bald enden möge, denn er hatte ihr mehr aufgelegt, als sie zu tragen vermochte. Rauhenfeld kam, wie das oft der Fall war, wenn er im entfernten Revier zu thun hatte, diesen Mittag nicht zu Hause. Auf dem Heimwege gegen Abend, hörte er von einem Klafterschläger, daß schon seit zwei Tagen ein fremder Herr kreuz und quer im Walde herum gehe. Er habe sich eben wieder oben am Bergrande des Schreckengrundes sehen lassen, sey vor dem und jenem Baume oft stehen geblieben, und habe mit dem Kopfe geschüttelt. Rauhenfeld äußerte die Vermuthung, daß es vielleicht ein Kauflustiger sey, der sich zu dem oder jenem Zwecke, besonders gewachsene Bäume aussuchen wolle; der Klafterschläger aber meinte, daß das nicht wohl der Fall seyn könne, denn der Fremde sey allemal nur vor den ältesten, morschesten, vom Windbruche oder Wetterschaden heimgesuchten Bäumen stehen geblieben, die zu nichts als zum Verbrennen taugten; wolle der Mann aber Brennholz kaufen, so brauche er darnach nicht so sorglich durch den ganzen Forst zu revieren; wenn er urtheilen dürfte, so möchte er vielmehr behaupten; daß es mit dem fremden Herrn da oben, er zeigte auf die Stirn, nicht recht richtig wäre. Rauhenfeld stutzte, nahm seine Büchse vom Arm, schüttete frisches Pulver auf die Pfanne, und ging zu der Felsenschlucht hinab, in die nach Aussage des Klafterschlägers; der Fremde seine Richtung nahm. Unten im Thale stand; abwärts vom Fahrwege, mitten in einer jungen Birkenschonung, der Beschriebene und sah sich um. Als er Rauhenfeld gewahrte, griff er mit dem Anstande, der an einem jungen Manne von Erziehung unverkennbar ist, nach dem Hute, und grüßte. Rauhenfeld hatte schon ein Paar Schock Donnerwetter auf der Zunge, mit denen er den Fremden anfahren wollte, daß dieser sich unterstanden hier in der Schonung herum zu wandeln; allein die feine Art zu grüßen, der gewählte Reiseanzug, das Wohlklingende der Stimme, und die einnehmenden Gesichtszüge, das alles verrieth keinen gewöhnlichen Menschen, und Rauhenfeld fragte also, ebenfalls im Tone der Artigkeit, ob der Fremde sich vielleicht verirrt habe, in welchem Falle er sich gern erböte, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Dieser aber dankte höflich, und erzählte in ziemlich gebrochenem, aber recht wohl verständlichem Deutsch, daß er der hier in dieser Gegend vorgefallenen Schlacht beigewohnt, und das Unglück gehabt habe, gefangen zu werden. Gegenwärtig kehre er aus Rußlands Innerem nach Frankreich zurück, und er habe nicht umhin gekonnt, einen kleinen Umweg zu machen, um dieß merkwürdige Schlachtfeld noch einmal in Augenschein zu nehmen, und sich Alles ganz genau wieder zu vergegenwärtigen; allein er wäre schon den ganzen Nachmittag hier herumgeschweift und könne sich doch nicht zurecht finden. Rauhenfelds einziges leidliches Steckenpferd war die Geschichte des letzten Feldzuges; in der hiesigen Schlacht hatte er die tollkühnsten Unternehmungen mit der entschlossensten Tapferkeit ausgeführt; dazu kannte er das Gebiet seines ganzen Forstes, in dem ein großer Theil der Schlacht geliefert worden war, bis auf den kleinsten Strauch; der Fremde konnte daher keinen unterrichtetern Führer sich wünschen. Rauhenfeld, in den Werken über diesen Feldzug ganz zu Hause, wußte von der Stellung und den Bewegungen jedes einzelnen Corps beider Armeen die genaueste Rechenschaft zu geben, und trug, während sie nach der Gegend zu gingen, wo die Schlacht sich eröffnet hatte, die Geschichte jenes denkwürdigen Tages mit dem lebendigsten Feuer vor. Doch der Fremde schien ihm die ungestörte Aufmerksamkeit, die Rauhenfeld von einem Militair erwartet hatte, der meilenweit umgereis't war, um sein strategisch-taktisches Studium zu berichtigen, nicht zu schenken, sondern stand, wie zerstreut, oft still, und schweifte mit dem Blicke gewöhnlich umher; indessen schien es, als fürchtete er dieß merken zu lassen, und noch auffälliger war, daß er, wie der Klafterschläger bemerkt hatte, immer die Gipfel alter schadhafter und morscher Bäume zum Zielpunkt machte. Beide wanderten wohl über drei Stunden so mit einander herum; sie kamen einander näher, und der Fremde lernte seinen Führer als einen verständigen, und, was ihm ein Hauptpunkt zu seyn schien, als einen vom hiesigen Locale ganz genau unterichteten Mann kennen. Daher nahm er, als ihn Rauhenfeld halb im Scherz fragte, was er den immer da oben in den alten Baumkrüppeln zu suchen habe, keinen Anstand, mit dem eigentlichen Zweck seiner Herreise näher herauszurücken. Ich sehe, hob er lächelnd an: daß ich allein und ohne Ihre Mithilfe nicht zum Ziele komme. In dem Zufall, daß ich gerade Sie , den Oberintendanten des hiesigen Forstes gefunden habe, liegt mir einer der glücklichsten Winke. Sie wissen jeden Stamm, jeden Busch im Walde. Entsinnen Sie sich nicht eines Baumes, vom Blitze getroffen, oder vom Sturme zerrissen? – Rauhenfeld stand und sann. Ob Laub- oder Nadelholz, fuhr der Fremde fort, weiß ich nicht mehr bestimmt; aber glaubhafter ist mir das erstere. Er stand in einem freien, schmalen Thale, auf einer kleinen Höhe, fast ringsum von Dornen und anderm, damals wenigstens, niedrigen Gebüsch umgeben. Rauhenfeld legte die Hand vor die Augen, und revierte in Gedanken durch den ganzen Forst. Die kleine Anhöhe, beschrieb der Fremde weiter, lag auf einem Wiesen- oder Weideplatze; weiter rechts, nach dem Fuße des Berges zu, war ein Streif frisch gepflügtem Ackerlandes. Die eine Seite des geborstenen Baumstammes war halb verkohlt; war das Feuer des Himmels oder die Sorglosigkeit der Hirten die Ursache davon, das weiß ich nicht; dicht unten an der Wurzel, auf der verkohlten Seite, war in der Erde ein längliches muldenförmiges Loch, eine bedeutende Vertiefung vielleicht eben von jenen Hirten gegraben, die vom Stamme gegen den Wind geschützt, sich ihr Feuer hier mochten angemacht haben. – Nun? fragte Rauhenfeld gespannt. Ich halte sie für einen Mann von Ehre; sagte der Fremde mit einer Art Verlegenheit: und darum darf ich von Ihnen erwarten, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden. Es mag Ihnen vielleicht unbesonnen scheinen, daß ich Ihnen, nach einer kaum dreistündigen Bekanntschaft eine Entdeckung mache, die ich, unter andern Verhältnissen, selbst meinem ältesten Freunde vorenthalten würde; allein ich kann ohne Sie nichts wirken; darum muß ich mir Ihre Hülfe erbitten. Ist mein Unternehmen von gehofftem Erfolge; so denke ich, sollen Sie den Augenblick, der uns zusammen führte, nicht bereuen, denn ich werde die Verdienstlichkeit Ihrer Mitwirkung, gehörigen Orts, nicht unerwähnt lassen, und man wird es sich gewiß zur angenehmsten Pflicht machen, Ihnen das dafür gebührende Anerkenntniß, auf irgend eine Ihnen erfreuliche Weise zukommen zu lassen. – Doch zur Sache. – Das Waffenglück war, wie Sie wissen, uns in jener Schlacht nicht günstig. In der Gegend jenes Baumstammes hielt die Kriegskasse unsers Corps; dieses war bei seiner Retirade so gänzlich aufgelös't daß nicht daran zu denken war, die Kasse vor dem nachrückenden Feinde zu retten. Alle unsere Knechte schnitten die Pferde von den Strängen, jagten von dannen; und ließen den Wagen stehen; – um zu erhalten, was möglich war, warf ich mit zwei Collegen, – wir waren bei dieser Kasse angestellt – in aller Geschwindigkeit, die Goldbeutel wenigstens in jene Vertiefung, und verschütteten sie mit Sand und Strauchwerk; aber kaum daß wir mit dieser Arbeit zu Stande waren, und uns nun auch zur Rettung des Silbergeldes auf ähnliche Weise anschicken wollten, wurden wir von der feindlichen leichten Reiterei überrascht; der ganze Rest der Kriegskasse fiel in ihre Hände, meine beiden Gehülfen wurden im Getümmel des Ueberfalls erschossen, ich gerieth in Gefangenschaft. Jetzt, auf dem Heimwege in mein Vaterland begriffen, ist die Neugierde wohl zu verzeihen, die mich hertreibt, nachzusehen, ob jenes Gold, von dessen Vergrabung außer mir, bis jetzt kein lebendiger Mensch wußte, noch da liege, wohin wir es geborgen. Seit fünf Tagen durchkreuze ich, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, Ihren Forst in allen Richtungen; der Platz ist wie verschwunden. War es denn viel? fragte Rauhenfeld mit scheinbarer Gleichgültigkeit. Über drei Millionen Franks , antwortete der Wünschelruthenbedürftige: allerdings könnte ich nach meiner Heimkunft unserm Hofe davon Anzeige machen, und diesem überlassen, bei dem Ihrigen die weitere Verwendung wegen des Aufsuchens jenes Goldes, einzulegen; aber bedenken Sie, wenn man nun suchte und nichts fände! und wie leicht ist dieß nicht möglich! wie leicht können jene Goldsäcke von der Kavallerie, die uns überfiel, selbst noch aufgespürt, wie leicht später, beim Umhauen des Baumes, oder von Hirten, die dort hüteten, gefunden worden seyn. Ganz Frankreich lachte mich ja zeitlebens aus, oder hielt mich für einen spekulativen Betrüger, der mit seiner Anzeige, vom Hofe, Gott weiß welche große Belohnung habe erzielen wollen. Erst also die Gewißheit, und dann die Meldung. Und dann das leere Nest? fiel ihm Rauhenfeld lachend in das Wort. Das könnte eine gute Bescheerung werden. Ehe Sie nach Hause kommen, und dort Ihre Eingabe an den rechten Mann bringen; ehe von da aus die Sache durch eine Menge Behörden und Instanzen hierher kömmt, und wir hier zum Werke selbst, zur Hebung des Geldes schreiten, erfahren zwanzig, dreißig Menschen davon, und wenn ich heute Abend zehn Mann Schildwache hinstellte, morgen wäre das Geld doch zum Teufel. Hätten Sie mir das von der Kriegskasse gleich anfangs gesagt, wären wir vielleicht schon jetzt an Ort und Stelle, denn die Gegend wo diese gestanden, ist am ganz entgegengesetzten Ende des Waldes; dort giebt es wohl drei, vier solcher, von Bergen umschlossener Thäler mit kleinen buschigen Hügeln, und mir schwebt selbst vor, daß auf dem einen oder dem andern dieser Erhöhungen, alte halb abgestorbene Rüstern stehen. Wohl möglich, daß dort Ihr Baum des Lebens mit darunter befindlich ist. Aber, bis dahin haben wir drei volle Stunden zu marschiren, und der Abend dämmert schon; wir kämen in Stockdunkeln hin. Besser, Sie gönnen mir die Ehre, und bleiben diese Nacht bei uns, und morgen mit dem Frühsten fahren wir beide allein an jenes Waldende. Wir nehmen Spaten und Schaufel mit, und liegt der Plunder noch da, so laden wir ihn gleich auf, und fahren damit in das Amt, um dort die gefundenen Herrlichkeiten gerichtlich zu deponiren. Hat das liebe Gut dort so lange gelegen, wird es uns auch diese Nacht niemand wegholen. Der Fremde nahm den vernünftigen Vorschlag und die freundliche Einladung dankbar an, und beide schlenderten langsam nach dem Schreckengrunde hinab. Da Sie, hob jetzt Rauhenfeld, den das morgende Vorhaben der Schatzhebung bis jetzt zu beschäftigen schien, nach einer langen Pause an: da Sie bei der Kriegskasse angestellt waren, müssen Sie auch einen Herrn Nicolas gekannt haben. Nikolas? wiederholte der Fremde; und schüttelte sinnend den Kopf. So heißt er wenigstens mit dem Vornamen, erwiederte Rauhenfeld mit einem Tone, dem man es anhörte, daß er an dem fraglichen Gegenstand keinen besondern Wohlgefallen habe. Seinen Familien-Namen weiß ich nicht; nur so viel ist mir bekannt, daß er aus dem Rhone-Departement war, zu Finsterberge, einem Städtchen unsers Reichs, beim Apotheker, wo ihn in der Weinstube einer meiner Bekannten oft sah, im Quartiere lag, und hier in der Schlacht geblieben seyn soll. Richtig, richtig, fiel der Fremde ihm in das Wort: ja, der hat hier auch in das Gras beißen müssen; das war eben einer von meinen beiden Kollegen, von denen ich Ihnen vorhin erzählte. Was war denn an dem Menschen? fragte Rauhenfeld, lachte, als ihn sein Gast achselzuckend antwortete, daß man den Todten ja nur Gutes reden solle, machte jetzt seine Hofthür auf, und sagte beim Eintreten, weiß ich doch Ihren werthen Namen noch nicht einmal, um Sie meiner Frau vorstellen zu können. Dümarsais, antwortete der Fremde mit einer leichten Verbeugung, und Rauhenfeld flüsterte ihm heimlich die Bitte zu, gegen seine Frau von der bewußten Sache nichts zu erwähnen. Liebe Frau, – Herr Dümarsais, ein Holzhändler aus der Residenz! sagte Rauhenfeld als er mit diesem bei Klotilden in das schwach erleuchtete Zimmer trat. Ein Glück, daß Rauhenfeld sich jetzt nach der Wand wendete um Hut, Jagdtasche und Büchse an die dort befindlichen Nägel zu hängen, denn Klotilde und Nicolas standen erstarrt sich gegenüber. Rauhenfeld fuhr mit dem Gesichte nach der Wand gewendet, und mit seinen Jagdgeräthschaften beschäftigt fort, Klotilden zu eröffnen, daß Herr Dümarsais bey ihnen übernachten werde, und sie benutzte dieß, um sich, unter dem Vorwande häuslicher Angelegenheiten, entfernen zu können, denn sie war bis dahin nicht im Stande gewesen, nur ein Wort über die Lippen zu bringen. Draußen erst rang sie die Hände weinend gen Himmel; die Freude über Nicolas Wiederfinden, der bitterste Vorwurf, ihm scheinbar als Treulose gegenüber zu stehen, beides zerriß ihr das Herz. Doch, was hofft die Liebe nicht! – Wenn er lebt, und nach dem Friedenschlusse kommt, und Dir treu geblieben ist, und Dich bittet, mit ihm zu ziehen, so bin ich die Erste, welche Deine Trennung von Rauhenfeld bewirkt. – So hatte Emilie gesprochen. Darauf baute Klotilde ihre Pläne. Emilie mußte ihr Versprechen halten; sie hatte es gelobt, sie hatte ihr die Hand darauf gegeben; und ob Nicolas ihr treu geblieben war, unterlag keinem Zweifel; sein freudiger Schreck, der sanft fragende Vorwurf seines Blicks hatte es ihr gesagt, mehr als alle Worte es vermögen. Noch stand sie so unentweiht da, als Nicolas sie verließ. Sie war bloß Rauhenfelds Pflegerinn gewesen; seine Gattinn nie. Ihre Hand hatte sie ihm gegeben; ihr Herz besaß Nicolas, und nur Nicolas allein. Als sie sich möglichst gesammelt und mit sorglicher Gastlichkeit zur Bereitung des Abendmahls die nöthigen Anstalten getroffen hatte, kehrte sie in das Zimmer zurück. Rauhenfeld aber bat den vermeintlichen Herrn Dümarsais, nicht übel zu nehmen, wenn er sich einen Augenblick entferne, um die unterdessen eingegangenen Amtsbriefe zu beantworten, und seinen Holzschlägern für morgen die nöthigen Anweisungen zu ertheilen. Endlich – endlich, rief Nicolas, als sie allein waren, und breitete die Arme weit aus, und Klotilde sank fröhlich weinend an seine treue Brust. Seinen Lippen entschlüpfte kein Vorwurf über das gebrochene Wort; nur in seinem Auge sprach eine stille Thräne den Schmerz seiner Seele aus, Klotilden als die Frau eines Andern zu finden. Er erzählte in gedrängter Kürze, wie es ihm in der russischen Gefangenschaft ging, wie er das drückende seiner Lage nur in der Hoffnung des Wiedersehens ruhig ertrug; wie er zweimal an Klotilden schrieb, ohne Antwort zu erhalten; wie er endlich, nach erfolgtem Frieden, zurück eilte; wie er seinen Weg nach Finsterberge richtete, und, statt seines Namens, überall absichtlich den der Familie Dümarsais annahm, um, wie er gleich befürchtete, falls seine Briefe Klotilden nicht erreicht hätten, sie seine Ankunft nicht vielleicht durch einen Zufall im Voraus wissen zu lassen, sondern sie, wenn sie ihn, was er vermuthen müsse, unter den Todten glaube, als Lebender zu überraschen. Freilich, hob er nassen Auges an, und legte die Linke auf die schmerzerfüllte Brust: freilich hoffte ich Dich anders zu finden, meine himmlische Klotilde! Tausendmal habe ich Dich mir gemalt, aber Du bist schöner geworden, als alle Bilder die mir meine Phantasie schufen. Ich hatte große, süße Pläne! sie sind dahin! Meine liebe Mutter! Der Friede sollte ihr den Sohn und die lang verheißene Tochter zuführen. – Klotilde, meine einzige, meine ewig einzige Klotilde! Gott hat das anders gewollt! Ich kehre allein heim! Meine schönen Träume! die einzige Freude meiner Einsamkeit in den Steppen des Nordens! – sie sollten in dem blühenden Paradiese der Heimath sich verwirklichen, und nun werde ich dort unglücklicher sein, als in den Eiswüsten Siberiens! Deine Thränen, Klotilde, sagen mir, daß Du mich nicht ganz vergessen hattest. Gieb mir den Trost mit auf meinen liebeleeren Lebensweg, daß Du mein auch ferner im Guten gedenken willst, daß – Klotilde stürzte, ihrer nicht mehr mächtig, dem treu, dem einzig Geliebten in die Arme, und wäre Rauhenfeld in dem Augenblicke eingetreten, sie hätte gesagt, was sie jetzt sagte, daß sie Nicolas, und nur Nicolas allein liebe; sie erzählte ihm die Begebnisse während der Zeit seiner Abwesenheit alle treu und wahr, seit Du mich verließest, sagte sie, und weinte bitterlich: wich alles Lebensglück von mir; aber jetzt bin ich tausendmal unglücklicher; mein Elend ist unermeßlich. Gott selbst vermag, so lang ich lebe, meinen Jammer nicht zu lindern! Klotilde, rief Nicolas freudig entzückt: mein Ein und mein Alles! was magst Du an des Allmächtigen Hülfe verzweifeln! hast Du Deine Treue so im Herzen bewahrt, so helfe ich, ohne meine schwache Kraft mit der des Allerhöchsten messen zu wollen. Bis jetzt mußte ich Dich an Rauhenfelds Seite glücklich glauben, und Deinen Entschluß, ihm zu gehören, für das Werk Deines Herzens halten. Bis dahin war ich allein unglücklich, und es war die Pflicht des rechtlichen Mannes, Dir und Deinem Gatten gegenüber, seinen Schmerz in die nöthigen Schranken zurückzuweisen. Jetzt, meine heilig geliebte Klotilde, gestaltet sich die Sache anders. Dich aus den Händen des Mannes zu retten, der Dich seiner und Deiner so unwürdig behandelt, ist mein Erstes. Nachdem, was er sich gegen Dich erlaubt hat, kann er Dich nicht lieben. Die Aufhebung Eures Verhältnisses kann und wird ihm daher nicht schwer fallen. So viel ich aus seinen Äußerungen bemerke, hat für ihn das Gold besondern Reiz. Aufwiegen will ich dich mit Golde, mein holdes Kind, setzte er lächelnd hinzu: und sollte er, was gewiß nicht zu befürchten steht, dennoch Hindernisse in den Weg legen, so setze ich die ganze Welt in Bewegung, um das Ziel zu erreichen. Ohne Dich gehe ich nicht von dannen, mein Engel, mein Leben. Fast möchte ich jetzt wünschen, daß wir morgen vergeblich suchten. Klotilde stutzte, und Nicolas vertraute ihr, sie war ja die Erste und Einzige in der Welt, die um alle seine Geheimnisse wußte, – das morgende Vorhaben, und wiederholte den Wunsch, nichts zu finden, weil Rauhenfeld, durch das Geschenk, was ihm für seinen Antheil an dem Ausgegrabenen höchsten Orts, werden müßte, so viel bekommen würde, daß dann Nicolas Anträge für ihn weniger Werth haben möchten, als jetzt, wo er, nach Klotildens Geständniß, in drückender Geldverlegenheit war. Sey jetzt ruhig, flüsterte er ihr noch schnell zu, denn sie hörten Rauhenfeld die Treppe herauf kommen: morgen spreche ich mit ihm. Ich kann mich aber nicht verstellen, und so thun, als ob ich Dir ganz fremd wäre; wir sagen ihm, daß wir uns entsonnen, einander schon im Finsterberge geseh – Rauhenfeld trat ein, und Klotilde erzählte ihn mit weiblich schlauer Gewandtheit, daß, wie sich nach und nach ergeben habe, Herr Dümarsais ein alter halber Bekannter von ihr sey, den sie beim Oheim Flümer zuweilen sah. Dadurch erhielt sich das Gespräch von den ehemaligen Zeiten im lebhaften Gange. Nicolas erzählte viel von Rußland, und Klotildens freudetrunkener Blick hing an seinen Lippen, während Rauhenfeld still vor sich hinstierte, und an der Unterhaltung wenig Theil nahm. Auch bei Tische blieb er stumm, desto mehr sprach er aber der Flasche zu, so, daß es Klotilden bange ward, denn, übernahm er sich im Trinken, so war er seiner Hitze nicht immer Meister. Klotilde hatte, so lange sie in Schreckengrund war, keinen so fröhlichen Abend gehabt; sie mußte den freudeblitzenden Augen Gewalt anthun, damit sie nicht die Seligkeit verriethen, in der das liebende Herz fast verging, den Todtgeglaubten vor sich zu sehen, ihn zu hören, ihn bewirthen zu können. Als sie aber gewahrte, daß Rauhenfeld immer finsterer ward, und ihm das trauliche Plaudern beider lästig zu werden schien, hob sie die Tafel auf, und Nicolas verstand die Frage, ob er nicht müde sey, und sich nach Ruhe sehne, und ging; zweimal sagte er gute Nacht, und hatte immer noch etwas zu erzählen, endlich faßte er Klotildens Hand, küßte sie herzlich; sagte bedeutend: morgen ein Mehreres, und ging, vom Jägerburschen begleitet, auf das ihm bereitete Zimmer. Unerträgliches Volk, die Franzosen, brummte Rauhenfeld ihm nach: das verfluchte langweilige Geschwätz; wie ein Paar alte Waschweiber habt Ihr da gesessen; – und ich war so müde, daß ich kaum mehr die Augen aufhalten konnte – mach', daß Du zu Bette kommst. – Närrisch, – hob er nach einer Weile an – närrisch, wie es doch in der Welt zugeht – wie wir heute Nachmittag im Walde neben einander herschlenderten – da dachte ich daran! Trafen wir uns damals, so brannte ich dem Kerl auf den Kopf, und es krähte kein Hahn darnach! und jetzt, seitdem die großen Herrn ein bischen Pergament genommen; und darauf geschrieben haben, daß Friede ist, soll es Unrecht seyn, was damals Recht, was eine Großthat war. Komische Welt! – dumme Welt.– Bist du denn noch nicht fertig mit Deinem Ausziehen? Ihr Weiber trödelt doch gewaltig. – Klotilde aber eilte, daß sie sich niederlegte, denn es war ihr unheimlich zu Sinne. Was Rauhenfeld von dem auf den Kopf brennen sagte, hatte ihr die Rosenglut der geheimen Freude, die ihr im Wangengrübchen den ganzen Abend lächelte, im Nu gebleicht. Rauhenfeld hatte dazu mit den Zähnen geknirscht, als thue es ihm noch leid, Nicolas damahls nicht begegnet zu sein. Höre, – sagte er leise, und trat traulich näher, und es klang, als frage tief aus seinem Innern heraus, die schwache Stimme des Gewissens: höre, wenn Du etwas findest, und Du weißt nicht, wem es gehört, was machst Du damit? – Ich hebe es auf, sagte Klotilde, den Sinn seiner Worte nicht verstehend. Richtig, erwiederte er, und lachte im donnernden Basse ihr beifällig zu: ich hebe es auf, aber wem gehört – zum Beispiel, ich setze den Fall – Du weißt doch, die Franzosen haben hier ihre Kriegskasse eingebüßt, da, wo dein seliger Mosje Nicolas auch dabei gewesen ist, nun posito, ein Beutelchen davon hätte sich in den Sand verkrümmelt gehabt, und Du fändest es; wem gehört das Beutelchen? der Krone Frankreich? dem Sieger in der damaligen Schlacht? dem Herrn des Grund und Bodens, wo der Quark liegt? oder dem Finder? Wer hat das nächste Recht darauf? – ich meine der Finder, denn der ist ja dem Beutel der nächste – was meinst Du? – Finde Du nur erst das Beutelchen, sagte Klotilde, ihn jetzt, nach dem, was sie durch Nicolas von morgenden Schatzheben wußte, verstehend, mit erzwungenem Lächeln: das Übrige wird sich dann leicht geben; und ging, um nicht mehr in das gelbe Gesicht zu sehen, das ihr heute seit sie sich an den milden Zügen des sanften Nicolas wieder erquickt hatte, widriger vorkam, als je. Morgen ein Mehreres, hatte sein Mund gesprochen, und in seinem geistvollen schwarzen Auge hatte ein ganzer Kommentar zu den paar freundlichen Worten gelegen, den sie sich, jetzt in ihr weißes Bettchen eingehuscht, und gar bald vom Traumgott süß umfangen, des Breitern erklärte. Sie lustwandelte an Nicolas Seite, am Blumengestade des mittelländischen Meeres; ein Perlmutterschiffchen mit lauter Amoretten bemannt, schaukelte von der See zu ihnen herüber; sie eilten eine kleine Anhöhe hinauf, von der sie herab die Küsten von Süd-Europa, Westasien, und Nordafrika übersehen konnten. Eine würzig duftende Orangerielaube empfing sie; das Schiffchen kam näher, die Amoretten, die von rosigem Lichtglanz umflossen seltsam glänzten, winkten unter tausend Scherz mit freundlichen Geberden: Nicolas auf dem luftigem Gipfel des Berges aber warnte der lockenden Einladung zu folgen. Täuschende Irrlichter sind es, sagte er ihr leise in das Ohr: dem Riesenheerde entstiegen, der tief unter dem Meeresgrunde liegt, unter dem ein ewig Feuer brennt. Hörst Du nicht tief unter dem brausenden Wogen der Wellen das rasende Toben der Vulkane? Klotilde fuhr ängstlich aus dem Schlafe auf, und schon völlig erwacht, hörte sie wirklich ein furchtbares Rasseln, das in den schwarzen Thälern des stillen Schreckengrundes weit wiederhallte. Mein Gott, was ist das? fragte sie ängstlich Rauhenfeld, der, zu ihrer Verwunderung, sich noch nicht niedergelegt hatte, sondern am Tische stand und mit einem Paar Pistolen beschäftigt war. Wie man sich nun gleich so haben kann, fuhr sie Rauhenfeld ein, und putzte das Licht aus: nichts ist es, der Johann ist es, der zur Stadt fährt. So spät noch? fragte Klotilde. Ich will, erwiederte Rauhenfeld: morgen früh bei Zeiten mit dem Franzmann, mit dem Holzhändler oben, in den Wald fahren, mein Frühstückwein ist mir ausgegangen; da habe ich den Johann mit dem leichten Jagdwagen in die Stadt geschickt, und ihm eingebunden, daß er morgen bei guter Zeit wieder hier sey. Der dumme Kerl! – er sollte mir die Pistolen da mitnehmen, zum Schwertfeger, und nun hat er sie mir doch vergessen. Die Leute haben doch auch nicht für einen Dreier Gedanken, nichts als Stroh im Kopfe – leg' Du Dich ruhig wieder hin, und schlafe. Morgen brauchst Du nicht aufzustehen, wenn wir wegfahren. Wir brechen früh auf und kommen spät wieder; aber dann mach uns ein gutes Mittagbrot; ich hoffe, es soll uns schmecken. Sie wußte ja, weswegen sie morgen in den Wald wollten; sie verstand daher, warum Rauhenfeld hoffte, daß ihnen das Mittagbrot schmecken werde, und lachte, halb schon wieder einschlummernd, heimlich, wenn sie sich Nicolas als Schatzgräber dachte. Hundert Bilder flogen der Träumenden im bunten Wechsel vor der aufgeregten Seele vorüber; sie hatte so wohl eine Stunde sanft und ruhig geschlafen; da schlug die Wanduhr im Zimmer der Nebenstube drei viertel auf Zwölf, und beim dritten Schlage, den sie halb wachend halb schlafend hörte, öffnete sich langsam und leise die Thür ihres Zimmers, und Nicolas trat ein, im weissen Sterbegewande und bleichen Angesichts; das Auge stier; im ganzen Wesen kein Leben. Klotilde war es selbst im Traume, als hätte sie Nicolas so schon einmal gesehen, aber sie konnte vor Schreck keinen Laut über die Lippen bringen; sie starrte die Todtengestalt an; diese aber hob die Hand, zeigte auf eine gräßliche weit von einander klaffende Wunde im blutigen Schädel, und winkte ihr schweigend und bedeutsam. Klotilde fuhr vom Lager in die Höhe, da stieß die Todtengestalt einen lauten Schrei aus, das Blut schoß stromweise aus der Wunde. Klotilde schlug die Augen auf, das Traumbild war verschwunden, aber ein gellender Schrei, wie sie ihn vorhin im Schlafe hörte, fuhr ihr durch die Seele; es war bestimmt Nicolas Stimme. Mein Gott im Himmel, was ist das? rief sie und raffte sich auf. Mann – Rauhenfeld – hörst Du nicht? – Rauhenfeld – Rauhenfeld! – Sie flog aus dem Bette, warf den Mantel um, eilte zu des Mannes Lager, und fand es leer. – Jetzt schrie es zum dritten Male – es war Nicolas Stimme. Gott und Herr, was ist das! rief Klotilde händeringend, und stürzte, mehr todt als lebendig, nach Nicolas Zimmer. Mein Heiland und mein Gott, schrie die Unglückliche und flog zu dem Bette, auf dem Nicolas im Todeskampfe lag. Einen Stich in die Brust, einen furchtbaren Hieb über den Kopf, warf er, halb entseelt schon, den letzten Scheideblick auf die Durchbebte, lispelte mit der Milde eines Verklärten ihr lächelnd zu, heilige Mildvida von St. Saveur, und verschied. Rauhenfeld aber, das bluttriefende Schwert in der Rechten, das Licht in der Linken, brüllte Klotilden entgegen: was willst Du hier? Doch sie hörte nicht. Nicolas, mein Nicolas, rief sie, und sank laut weinend vor sein Lager, und beschwor ihn, mit herzzerschneidenden Worten, nur ein einziges Mal noch die Augen aufzuschlagen. Da sie aber sah, daß er sie auf ewig schloß, sprang sie hastig auf, und wollte fort, nach Hülfe, nach Menschen. Bist Du rasend, schrie Rauhenfeld und packte sie. Siehst Du nicht, daß der Narr sich selbst mordete? – Dein Nicolas ist es? – Natürlich – nun begreife ich. Er hat den Schmerz nicht überleben können, Dich an meiner Seite zu sehen; darum stößt sich der Mensch das Messer in die Brust; bei der Gelegenheit springt seine alte Kopfwunde auf – und als ich, von seinem Winseln erschrocken, hinauf komme, finde ich ihn schon halb todt in seinem Blute. Mörder – Tiger – Ungeheuer! rief Klotilde und wollte sich seinem Arm entwinden, um die Leute zu wecken, und, wenn es noch möglich war, Hülfe zu schaffen. Nicht von der Stelle, donnerte sie Rauhenfeld an. Im ganzen Hause ist kein Mensch. Heinrich, Georg, die Köchin, Alles ist in der Stadt. Bis dahin, daß sie zurückkommen, muß der Patron hier unter die Erde geschafft werden, sonst haben wir von dem Gaste nichts als tausend Ungelegenheiten und Schererei. Hinten an der Hofmauer ist ein stilles Plätzchen, wo er sanft ruhen wird. Hilf mir ihn fortschaffen. Du nimmst die Schlüssel der Stube an Dich, und lässest niemand hinein, bis alle Spuren des Blutes vertilgt sind. Kommen die Leute zurück, so heißt es, der fremde Herr ist schon wieder abgereis't. Mache Deine Sache klug. Was geschehen ist, steht nicht mehr zu ändern. Ich fahre in den Wald, und komme ich glücklich wieder, so wollen wir leben, wie der liebe Gott in Frankreich. Gräßlicher Unmensch, verruchter Teufel! rief Klotilde im höchsten Schmerz der Verzweiflung, und suchte sich aus den Klauen des Satans zu winden. Keinen Schritt aus dem Zimmer! brüllte Rauhenfeld, keinen Laut! Du thust was ich Dir befehle, oder Du bist ein Kind des Todes. Er zuckte den blutbespritzten Mordstahl ihr auf die fliegende Brust. – Stoße, schrie Klotilde in der Fiebergluth wahnsinnigen Jammers, stoße zu, Elender! daß Dein Maß voll werde! ende mein fluchbedecktes Leben. – Forstmeister, riefen in diesem furchtbaren Augenblick, drei, vier Männerstimmen, unten von der Straße herauf: Forstmeister – Rauhenfeld – Herr von Rauhenfeld – Georg – Heinrich – Hülfe – Mörder! schrie Klotilde, den Major, den Amtmann und dessen Söhne aus dem nächsten Städtchen an der Stimme erkennend, und wollte zum Fenster. Rauhenfeld aber stieß ihr unter schaudervollem Fluche, das Mordmesser durch die Brust, öffnete das Fenster, sagte zu den Angekommenen: Gleich, meine Herren, schloß das Fenster wieder, setzte das Pistol vor den Mund, und jagte sich die Kugel durch den Kopf. Die Gäste, welche zu einer Jagdparthie gekommen waren, und sich durch einen Unfall am Wagen verspätet hatten, sprangen, vom Hülfgeschrei und Pistolenschuß aufgeschreckt, über den Hofzaun, zerschlugen das erste beßte Fenster, eilten nach dem Zimmer, wo sie das Licht bemerkt hatten, und fanden die drei Unglücklichen in ihrem Blute. Klotilde war an Nicolas Lager niedergesunken, und lebte noch so lange, um den Zusammenhang des eben vorgefallenen schrecklichen Begebnisses aus ihren einzelnen, halben Worten errathen zu lassen. Aber Hülfe war vergeblich. Das himmelblaue Auge brach; der letzte Blick der liebenden Sehnsucht hing an Nicolas, die blassen Lippen wimmerten leise seinen Namen – sie neigte das schöne, goldgelockte Haupt auf die blutende Brust, und verstummte unter den Schauern des willkommenen Todes. Beide – Nicolas und Klotilde, ruhen dicht neben einander in des Schreckengrundes einsamem Thale.