Das Halsband der Königin (Denkwürdigkeiten eines Arztes II) Alexander Dumas Zweiter Band XXV. Die Academie des Herrn von Beausire. Beausire hatte den Rath des blauen Domino buchstäblich genommen und sich an den Ort begeben, den man seine Academie nannte. Lüstern gemacht durch die ungeheure Zahl von zwei Millionen, hatte der würdige Freund Oliva's ganz besonders bange vor der Art von Ausschließung, die sich seine Collegen dadurch erlaubt, daß sie ihm keine Mittheilung von einem so vortheilhaften Plan machten. Er wußte, daß man sich unter Leuten von der Academie nicht besonders viel mit Gewissenszweifeln trägt, und das war für ihn ein Grund, sich zu beeilen, denn die Abwesenden haben immer Unrecht, wenn sie aus Zufall abwesend sind, und noch viel mehr, wenn man ihre Abwesenheit benutzen will. Beausire hatte sich unter den Verbündeten der Akademie einen Ruf als furchtbarer Mann erworben. Das war weder zum Erstaunen, noch schwierig; Beausire war Gefreiter gewesen; er hatte die Uniform getragen; er wußte eine Hand auf die Hüfte, die andere auf das Stichblatt seines Degens zu setzen. Er hatte die Gewohnheit, beim geringsten Wort seinen Hut auf seine Augen niederzudrücken. Lauter Manieren, die für nur mittelmäßig beherzte Leute erschreckend genug sind, besonders wenn diese Leute den Lärmen eines Duells und die Neugierde der Justiz zu fürchten haben. Beausire gedachte sich also für die Verachtung, die man gegen ihn kundgegeben, dadurch zu rächen, daß er seinen Genossen vom Spielhause der Rue du Pot-de-Fer etwas Angst machen würde. Von der Porte Saint-Martin bis zur Saint-Sulpice-Kirche ist es weit; doch Beausire war reich; er warf sich in einen Fiaker und versprach dem Kutscher fünfzig Sous, das heißt ein Gnadengeschenk von einem Livre. Die Fahrt bei der Nacht kostete nach dem Tarif jener Zeit, was sie heute bei Tag kostet. Die Pferde entfernten sich rasch. Beausire verlieh sich ein wüthendes Gesicht, und in Ermangelung eines Hutes, den er nicht hatte, da er einen Domino trug, in Ermangelung des Degens setzte er sich eine Miene zusammen, händelsüchtig genug, um jeden verspäteten Wanderer, der ihm begegnete, zu beunruhigen. Sein Eintritt in die Academie brachte einen gewissen Eindruck hervor. Es fanden sich hier im ersten Salon, einem schönen, ganz grauen Salon mit Kronleuchtern und vielen Spieltischen, etwa zwanzig Spieler, welche Bier und Syrup tranken und zähnefletschend sieben bis acht abscheulich geschminkten Weibern zulächelten, welche die Karten anschauten. Man spielte Pharo am ersten Tisch; die Einsätze waren mager, die Belebtheit nach Maßgabe der Einsätze. Bei der Ankunft des Domino, der sich an seiner Capuze rieb, während er sich in den Falten des Rockes aufblähte, kicherten einige Weiber, was halb als Spott, halb als Anlockung betrachtet werden konnte. Herr Beausire war ein Schönling und die Damen mißhandelten ihn nicht. Er trat indessen vor, als ob er nichts gesehen, nichts gehört hätte, und erwartete, sobald er beim Tisch war, stillschweigend eine Erwiderung auf seine schlechte Laune. Einer der Spieler, ein zweideutiger Finanzmann, dessen Gesicht es nicht an einer gewissen Treuherzigkeit gebrach, war die erste Stimme, welche Beausire ansprach. »Alle Wetter, Chevalier,« sagte dieser brave Mann, »Sie kommen mit einem sehr verdrießlichen Gesicht vom Ball.« »Es ist wahr,« sagten die Damen. »Ei, lieber Chevalier!« rief ein anderer Spieler, »verwundet Sie der Domino am Kopf?« »Es ist nicht der Domino, was mich verwundet,« antwortete Beausire mit hartem Tone. »Ah! ah!« sagte der Banquier, der eben ein Dutzend Louisd'or zusammengeschaufelt hatte, »der Herr Chevalier von Beausire hat eine Untreue an uns begangen: sehen Sie nicht, daß er auf dem Opernball gewesen ist? in der Gegend des Opernhauses hat er einen guten Einsatz gefunden und verloren.« Jeder lachte oder bemitleidete, je nach seinem Character; die Frauen hatten Mitleid. »Es ist nicht wahr, daß ich eine Untreue an meinen Freunden begangen habe,« entgegnete Beausire, »dazu bin ich unfähig. Eine Untreue, ich! Das taugt für gewisse Leute von meiner Bekanntschaft, Treulosigkeiten gegen ihre Freunde zu begehen.« Und um seinen Worten mehr Gewicht zu geben, nahm er Zuflucht zu einer Geberde, das heißt, er wollte seinen Hut auf seinen Kopf drücken. Zu seinem Unglück plattete er nur ein Stück Seide, was ihm eine lächerliche Breite gab, so daß er statt einer ernsten Wirkung nur eine komische hervorbrachte. »Was wollen Sie damit sagen, lieber Chevalier?« fragten einige von den Verbündeten. »Ich weiß, was ich damit sagen will,« antwortete Beausire. »Aber das genügt uns nicht,« erwiderte der heitere Alte. »Das geht Sie nichts an, Sie, mein Herr Finanzmann!« entgegnete Beausire tölpelhaft. Ein ziemlich ausdrucksvoller Blick belehrte Beausire, seine Phrase sei übel angebracht gewesen. Man durfte in der That in dieser Gesellschaft keine Grenzscheidung zwischen denjenigen, welche bezahlten, und denjenigen, welche das Geld einsackten, vornehmen, Beausire begriff das, aber er war einmal verrannt; die falschen Beherzten halten schwerer inne, als die erprobten Beherzten. »Ich glaubte Freunde hier zu haben,« sagte er. »Ja,« antworteten mehrere Stimmen. »Wohl! ich habe mich getäuscht.« »Worin?« »Darin, daß viele Dinge ohne mich geschehen.« Ein neues Zeichen vom Banquier, neue Betheuerungen von Seiten derjenigen Verbündeten, welche anwesend waren. »Es genügt, daß ich es weiß,« versetzte Beausire, »und die falschen Freunde sollen bestraft werden.« Er suchte den Griff seines Degens, fand aber nichts, als seine Hosentasche, welche voll von Louisd'or war und einen verrätherischen Ton von sich gab. »Ho! ho!« liefen zwei Damen, »Herr von Beausire ist heute Abend in guter Stimmung.« »Ja, wohl,« sagte der Banquier hinterhältisch; »mir scheint, daß er, wenn er verloren, nicht Alles verloren hat, und daß, wenn er eine Untreue gegen die Legitimen begangen hat, dieß keine Untreue ohne Umkehr ist. Auf, setzen Sie, lieber Chevalier.« »Ich danke!« erwiderte Beausire trocken, »da Jeder behält, was er hat, so behalte ich auch.« »Was Teufels willst Du damit sagen?« flüsterte ihm einer der Spieler in's Ohr. »Wir werden uns sogleich erklären.« »Spielen Sie doch!« rief der Banquier. »Einen einfachen Louisd'or,« sagte eine Dame, indem sie Beausire die Schulter streichelte, um sich so viel als möglich seiner Hosentasche zu nähern. »Ich spiele nur um Millionen,« sprach Beausire voll Kühnheit, »und wahrhaftig, ich begreife nicht, daß man hier um elende Louisd'or spielt. Millionen!... Auf, meine Herren, da es sich um Millionen handelt, ohne daß man es vermuthet, fort mit den Einsätzen von einem Louisd'or! Millionen, Millionäre!« Beausire hatte den Augenblick der Exaltation erreicht, der den Menschen über die Grenzen des gemeinen Menschenverstandes hinaustreibt. Eine Trunkenheit, gefährlicher als die vom Weine, belebte ihn. Plötzlich erhielt er von hinten an die Beine einen Stoß, der heftig genug war, daß er sich sogleich unterbrach. Er wandte sich um und sah an seiner Seite eine große, olivenfarbene, steife, löcherige Figur mit schwarzen Augen, welche leuchteten wie glühende Kohlen. Auf die zornige Geberde Beausire's antwortete dieser seltsame Mensch durch einen ceremoniösen Gruß, begleitet mit einem Blick so lang wie ein Raufdegen. »Der Portugiese!« sagte Beausire, erstaunt über diese Begrüßung von Seiten eines Mannes, der ihm so eben einen Stoß gegeben hatte. »Der Portugiese!« wiederholten die Damen. Und sie verließen Beausire, um den Fremden zu umflattern. Dieser Portugiese war in der That der Liebling der Damen, denen er unter dem Vorwand, er spreche nicht Französisch, beständig Leckereien brachte, die zuweilen in ein Kassenbillet von fünfzig bis sechzig Livres eingewickelt waren. Beausire kannte den Portugiesen als einen der Verbündeten. Der Portugiese verlor beständig bei den Stammgästen des Spielhauses. Er bestimmte seine Sätze auf ungefähr hundert Louisd'or in der Woche, und regelmäßig nahmen ihm die Stammgäste seine hundert Louisd'or ab. Das war der Lockvogel der Gesellschaft. Wahrend er sich hundert goldene Federn ausrupfen ließ, plünderten die andern Genossen die angeköderten Spieler. Die Verbündeten betrachteten daher den Portugiesen als den nützlichen Mann, die Stammgäste als den angenehmen Mann. Beausire hegte für ihn die stillschweigende Hochachtung, die sich stets an das Unbekannte anschließt, sollte auch das Mißtrauen einen Antheil daran haben. Beausire, der also den kleinen Fußtritt empfangen, den ihm der Portugiese an die Waden ertheilt hatte, wartete, schwieg und setzte sich. Der Portugiese nahm beim Spiel Platz, legte zwanzig Louisd'or auf den Tisch, und in zwanzig Coups, die einen Kampf von einer Viertelstunde kosteten, war er von seinen zwanzig Louisd'or durch sechs hungrige Pointeurs befreit, welche einen Augenblick die Krallen des Banquiers und der anderen Genossen vergaßen. Es schlug drei Uhr Morgens. Beausire leerte vollends ein Glas Bier. Zwei Bedienten traten ein, der Banquier ließ sein Geld in den doppelten Boden des Tisches fallen, denn die Statuten der Verbindung hatten so sehr das Gepräge des Vertrauens gegen die Mitglieder, daß man nie einem von ihnen die vollständige Verwaltung des Fonds der Gesellschaft übertrug. Das Geld fiel am Ende der Sitzung durch eine kleine Oeffnung in den doppelten Grund des Tisches, und es war als Nachschrift diesem Artikel der Gesellschaftsstatuten beigefügt, daß der Banquier nie lange Aermel haben dürfe, wie er auch nie Geld bei sich tragen könne. Was bedeutete, daß man ihm verbot, zwanzig Louisd'or in die Aermel schlüpfen zu lassen, und daß sich die Gesellschaft das Recht vorbehielt, ihn zu durchsuchen, um ihm das Geld wegzunehmen, das er in seine Tasche spazieren zu lassen gewußt hatte. Die Bedienten, sagen wir, brachten den Mitgliedern der Gesellschaft die Oberröcke, die Mäntel und die Degen; mehrere von den glücklichen Spielern gaben den Damen den Arm; die unglücklichen stiegen in eine Sänfte, was damals in diesen friedlichen Quartieren noch Mode war, und es wurde Nacht im Spielsaal. Beausire hatte sich zum Schein auch in seinen Domino gehüllt, als wollte er eine ewige Reise antreten; aber er ging nicht über den ersten Stock hinab, sondern kehrte, sobald die Hausthüre wieder geschlossen war, in den Salon zurück, in den auch zwanzig von den Verbündeten zurückgekehrt waren. »Endlich werden wir uns erklären,« sagte Beausire. »Zünden Sie Ihre Zuglaterne wieder an und sprechen Sie nicht so laut,« erwiderte kalt und in gutem Französisch der Portugiese, der seinerseits eine auf dem Tisch stehende Laterne ansteckte. Beausire brummte ein paar Worte, auf die Niemand Acht gab. Der Portugiese setzte sich an den Platz des Banquier. Man untersuchte, ob die Läden, die Vorhänge, die Thüren gut geschlossen seien. Man setzte sich sachte, die Ellenbogen auf dem Tisch, mit einer verzehrenden Neugierde. »Ich habe eine Mittheilung zu machen,« sagte der Portugiese; »glücklicher Weise bin ich zu rechter Zeit eingetroffen, denn Herrn von Beausire juckt heute Abend die Zunge ganz unmäßig . . .« Beausire wollte aufschreien. »Friede! Friede!« sagte der Portugiese; »keine verlorenen Worte! Sie haben Worte ausgesprochen, welche mehr als unklug sind. Sie hatten Kenntniß von meinem Gedanken, gut! Sie sind ein Mann von Geist, Sie können ihn errathen haben, doch meiner Ansicht nach darf es die Eitelkeit nie dem Interesse zuvorthun.« »Ich verstehe nicht.« versetzte Beausire. »Wir verstehen nicht,« sprach die ehrenwerthe Versammlung. »Doch wohl: Herr von Beausire wollte beweisen, er habe zuerst das Geschäft gefunden.« »Welches Geschäft?« fragten die Betheiligten. »Das Geschäft mit den zwei Millionen!« rief Beausire mit mächtigem Nachdruck. »Zwei Millionen!« wiederholten die Verbündeten. »Vor Allem,« fiel hastig der Portugiese ein, »Sie übertreiben; das Geschäft kann sich unmöglich so hoch belaufen, das werde ich Ihnen sogleich beweisen.« »Niemand weiß hier, was Sie meinen!« rief der Banquier. »Ja, wir sind aber nichtsdestoweniger ganz Ohr,« fügte ein Anderer bei. »Sprechen Sie zuerst,« sagte Beausire. »Das will ich wohl,« erwiderte der Portugiese. Und er schenkte sich ein Glas Orgeatsyrup ein, das er ruhig trank, ohne etwas an seinem Wesen als eiskalter Mann zu ändern. »Erfahren Sie,« sprach er, »ich sage es nicht wegen des Herrn von Beausire, daß das Halsband nicht mehr als fünfzehnmal hunderttausend Livres werth ist.« »Oh! wenn es sich um ein Halsband handelt!« versetzte Beausire. »Ja, mein Herr, ist das nicht Ihr Geschäft?« »Vielleicht.« »Er spielt den Diskreten, nachdem er der Indiscrete gewesen ist.« Und der Portugiese zuckte die Achseln. »Zu meinem Bedauern sehe ich Sie einen Ton annehmen, der mir mißfällt.« sprach Beausire mit dem Ausdruck eines Hahns, der sich auf seine Sporen erhebt. » Mira! mira! « sprach der Portugiese kalt wie Marmor, »Sie werden nachher sagen, was Sie sagen wollen, ich sage vorher, was ich zu sagen habe, und die Zeit drängt, denn Sie müssen wissen, daß der Gesandte spätestens in acht Tagen ankommt.« »Das wird verwickelt,« dachte die Versammlung, bebend vor Interesse, »das Halsband, die fünfzehnmal hunderttausend Livres, ein Gesandter... was ist das?« »Vernehmen Sie Alles mit zwei Worten,« sprach der Portugiese. »Die Herren Böhmer und Bossange haben der Königin ein Halsband von Diamanten im Werth von fünfzehnmal hunderttausend Livres anbieten lassen. Die Königin hat es ausgeschlagen. Die Juweliere wissen nicht, was sie damit thun sollen und verbergen es. Sie sind sehr in Verlegenheit, denn dieses Halsband kann nur durch ein königliches Vermögen erkauft werden; nun wohl! ich habe die königliche Person gefunden, die dieses Halsband kaufen und aus dem Kasten der Herren Böhmer und Bossange herausbringen wird.« »Das ist?« fragten die Verbündeten. »Es ist meine allergnädigste Gebieterin, die Königin von Portugal.« Bei diesen Worten warf sich der Portugiese gehörig in die Brust. »Wir begreifen weniger als je,« sagten die Verbündeten. »Ich begreife gar nicht mehr,« dachte Beausire. »Erklären Sie sich rein heraus, mein lieber Herr Manoel,« sagte er, »denn die Privatzwistigkeiten müssen vor dem öffentlichen Interesse welchen. Sie sind der Vater der Idee, ich muß es offenherzig anerkennen. Ich verzichte auf jedes Recht der Vaterschaft, aber um Gottes willen! Seien Sie klar.« »Gut, gut,« erwiderte Manoel. Und er leerte einen zweiten Napf Orgeat. »Ich will die Frage durchsichtig machen.« »Wir sind schon sicher, daß ein Halsband von fünfzehnmal hunderttausend Livres existirt,« sagte der Banquier. »Das ist ein wichtiger Punkt.« »Und dieses Halsband befindet sich im Kasten der Herren Böhmer und Bossange. Das ist der zweite Punkt,« fügte Beausire bei. »Aber Don Manoel hat gesagt, Ihre Majestät die Königin von Portugal kaufe das Halsband. Das führt uns irre.« »Es kann doch nichts klarer sein,« versetzte der Portugiese. »Sie brauchen nur meinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken. Der Gesandtschaftsposten ist erledigt; es findet ein Interim statt; der neue Gesandte, Herr von Suza, kommt frühestens in acht Tagen.« »Gut,« sagte Beausire. »Wer verhindert es, daß dieser Gesandte, den es drängt, Paris zu sehen, in acht Tagen ankommt und sich installiert?« Die Anwesenden schauten einander mit Munde an. »Begreifen Sie doch,« rief Beausire lebhaft, »Don Manoel will Ihnen sagen, es könne ein falscher oder ein wahrer Gesandter kommen.« »Ganz richtig,« fügte der Portugiese bei. »Hätte der Gesandte, der sich einfinden wird, Lust zu dem Halsband für Ihre Majestät die Königin von Portugal, wäre er nicht berechtigt dazu?« »Bei Gott!« riefen die Anwesenden. »Und dann unterhandelt er mit den Herren Böhmer und Bossange. Das ist das Ganze.« »Das Ganze!« »Nur muß man bezahlen, wenn man unterhandelt hat,« bemerkte der Banquier vom Pharo. »Oh! bei Gott! ja,« erwiderte der Portugiese. »Die Herren Böhmer und Bossange werden das Halsband nicht in die Hände eines Gesandten übergehen lassen, und wäre es auch ein ächter Suza, ohne gute Garantien zu haben.« »O! ich habe wohl an eine Garantie gedacht,« antwortete der zukünftige Gesandte. »Welche?« »Der Gesandtschaftsposten ist verlassen, haben wir gesagt?« »Ja.« »Es ist nur noch ein Kanzler vorhanden, ein braver Mensch von einem Franzosen, der die portugiesische Sprache so schlecht als irgend Jemand in der Welt spricht und entzückt ist. wenn die Portugiesen Französisch mit ihm sprechen, weil er sich dann nicht plagen muß; wenn die Franzosen Portugiesisch mit ihm reden, weil er glänzt.« »Nun?« fragte Beausire. »Nun! meine Herren, wir erscheinen vor diesem braven Mann mit dem ganzen Aeußern der neuen Gesandtschaft.« »Das Aeußere ist gut.« entgegnete Beausire, »doch die Papiere sind mehr werth.« »Man wird die Papiere haben,« erwiderte Don Manoel laconisch. »Es wäre vergeblich zu bezweifeln, daß Don Manoel ein kostbarer Mann ist,« sagte Beausire. »Sobald das Aeußere und die Papiere den Kanzler von der Identität der Gesandtschaft überzeugt haben, setzen wir uns auf dem Posten fest...« »Ho! ho! das ist stark.« unterbrach ihn Beausire. »Es ist nothwendig!« fuhr der Portugiese fort. »Es ist ganz einfach,« versicherten die anderen Verbündeten. »Aber der Kanzler?« warf Beausire ein. »Wir haben es gesagt: Ueberzeugt.« »Wäre er zufällig minder gläubig, so würde man ihn zehn Minuten, ehe er zweifelte, entlassen. Ich denke, ein Gesandter hat das Recht, mit seinem Kanzler zu wechseln?« »Offenbar.« »Wir sind also Herren der Gesandtschaft, und unsere erste Operation ist, daß wir den Juwelieren Böhmer und Bossange einen Besuch machen.« »Nein, nein,« entgegnete Beausire lebhaft, »Sie scheinen mir einen Hauptpunkt nicht zu kennen, der mir vollkommen bekannt ist, da ich an den Höfen gelebt habe. Eine Operation, wie Sie es nennen, wird nicht von einem Gesandten vorgenommen, ohne daß er, vor jedem andern Schritt, in feierlicher Audienz empfangen worden ist, und hierin liegt eine Gefahr. Der berüchtigte Riza Bey, der in der Eigenschaft eines Gesandten des Schach von Persien Ludwig XIV. vorgestellt wurde und die Dreistigkeit hatte, Seiner allerchristlichsten Majestät für dreißig Franken Türkisse anzubieten, Riza Bey, sage ich, war sehr stark in der persischen Sprache, und der Teufel soll mich holen, wenn es in Frankreich Gelehrte gab, welche im Stande waren, ihn zu überweisen, er komme nicht von Ispahan. Aber wir würden sogleich erkannt werden. Man würde uns auf der Stelle sagen, wir sprechen das Portugiesische in reinem Gallisch, und zum Vorstellungsgeschenk schickte man uns in die Bastille. Nehmen wir uns in Acht.« »Ihre Einbildungskraft reißt Sie zu weit fort, lieber College,« sagte der Portugiese, »wir werden uns nicht allen diesen Gefahren entgegenwerfen; wir bleiben jeder in unserm Hotel.« »Dann wird Herr Böhmer nicht so fest glauben, daß wir Gesandte, daß wir Portugiesen seien, als dieß nothwendig wäre.« »Herr Böhmer wird begreifen, wir seien mit dem ganz einfachen Auftrag, das Halsband zu kaufen, nach Frankreich gekommen, da der Gesandte gewechselt worden, während wir unter Weges gewesen. Es ist uns nur der Befehl, ihn zu ersetzen, zugestellt worden. Nun, diesen Befehl zeigt man, wenn es sein muß, Herrn Bossange, dann wird man ihn auch wohl dem Herrn Kanzler der Gesandtschaft gezeigt haben; nur muß man bemüht sein, diesen Befehl den Ministern nicht zu zeigen, denn die Minister sind neugierig, sie sind mißtrauisch, sie würden uns mit einer Menge kleiner Einzelnheiten belästigen.« »Oh! ja,« rief die Versammlung, »setzen wir uns nicht mit dem Ministerium in Verbindung.« »Verlangen aber die Herren Böhmer und Bossange...« »Was?« fragte Manoel. »Eine Abschlagszahlung,« antwortete Beausire. »Das würde die Sache verwickelt machen,« sagte der Portugiese verlegen. »Denn,« fuhr Beausire fort, »denn es ist gebräuchlich, daß ein Gesandter mit Creditbriefen, wenn nicht mit baarem Geld, ankommt.« »Das ist richtig,« sagten die Verbündeten. »Die Angelegenheit würde hier scheitern,« fügte Beausire bei. »Sie finden immer Mittel, das Geschäft scheitern zu machen,« entgegnete Manoel mit einer eisigen Schärfe. »Sie werden keine finden, um es gelingen zu machen.« »Gerade weil ich solche finden will, erhebe ich Schwierigkeiten,« erwiderte Beausire. »Und... halt, halt, ich finde sie.« Alle Köpfe näherten sich in einem Kreise. »In jeder Kanzlei ist eine Casse.« »Ja, eine Casse und ein Credit.« »Sprechen wir nicht vom Credit,« erwiderte Beausire; »nichts ist so theuer, um es sich zu verschaffen. Um Credit zu bekommen, müßten wir Pferde, Equipagen, Bediente, Möbel und Geräthe aller Art haben, was die Grundlage jedes möglichen Credits ist. Reden wir von der Casse. Was denken Sie von der Ihrer Gesandtschaft? »Ich betrachtete meine Gebieterin, Ihre Allergläubigste Majestät, immer als eine herrliche Königin. Sie muß die Dinge gut gemacht haben.« »Das werden wir sehen; und dann nehmen wir an, es sei nichts in der Casse.« »Das ist möglich,« sprachen seufzend die Verbündeten. »Dann gibt es keine Verlegenheit mehr, denn sogleich fragen wir, der Gesandte, die Herren Böhmer und Bossange, wer ihr Correspondent in Lissabon sei, und wir unterzeichnen, stempeln, siegeln ihnen Wechsel auf diesen Correspondenten für die verlangte Summe.« »Ah! das ist gut,« sagte Don Manoel majestätisch, von der Erfindung eingenommen, »ich war nicht zu den Details hinabgestiegen.« »Welche köstlich sind,« rief der Banquier vom Pharo, indem er mit der Zunge über seine Lippen hinstrich. »Nun laßt uns bedacht sein, die Rollen unter uns aufzutheilen,« sprach Beausire. »Ich sehe Don Manoel im Gesandten.« »Oh! gewiß, ja,« rief im Chor die Versammlung. »Und ich sehe Herrn von Beausire in meinem Secretär-Dolmetscher,« fügte Don Manoel bei. »Wie so?« fragte Beausire ein wenig ängstlich. »Ich darf kein Wort Französisch sprechen, ich, der ich Herr von Suza bin; denn ich kenne ihn, diesen Herrn, und wenn er spricht, was selten vorkommt, so ist es höchstens das Portugiesische, seine Muttersprache. Sie, im Gegentheil, Herr von Beausire, der Sie gereist sind, bei Sie eine große Uebung in den Pariser Unterhandlungen haben, der Sie das Portugiesische angenehm sprechen . . «« »Schlecht,« unterbrach Beausire. »Genug, daß man Sie nicht für einen Pariser hält.« »Das ist wahr ... Aber ...« »Und dann,« fügte Don Manoel, sein schwarzes Auge auf Beausire heftend, bei, »den nützlichsten Agenten der größte Vortheil.« »Gewiß!« sprachen die Verbündeten. »Abgemacht, ich bin Secretär-Dolmetscher.« »Sprechen wir sogleich hiervon,« unterbrach der Banquier; »wie wird man die Sache vertheilen?« »Ganz einfach,« antwortete Don Manoel, »wir sind unser zwölf.« »Ja, zwölf,« wiederholten die Verbündeten, die sich zählten. »In Zwölfteln also,« sagte Don Manoel, »mit dem Vorbehalt indessen, daß Gewisse unter uns anderthalb Theile bekommen sollen; ich, zum Beispiel, als Vater der Idee und als Gesandter: Herr von Beausire, weil er den Streich gewittert hatte und von Millionen sprach, als er hierher kam.« Beausire machte ein Zeichen der Beipflichtung. »Und endlich auch anderthalb Theile demjenigen, welcher die Diamanten verkaufen wird,« fügte der Portugiese bei. »Oh!« riefen einstimmig die Verbündeten, »diesem nichts, nichts als einen halben Theil.« »Warum denn?« fragte Don Manoel erstaunt; »dieser scheint mir viel zu wagen.« »Ja,« sagte der Banquier, »aber er wird die Weinkäufe, die Prämien, die Rimessen bekommen, wodurch ihm ein herrliches Stück zufällt.« Alle lachten; diese ehrlichen Leute verstanden sich vortrefflich. »So ist also die Hauptsache geordnet,« sprach Beausire, »morgen die einzelnen Punkte, es ist spät.« Er dachte an Oliva, welche auf dem Ball allein mit dem blauen Domino geblieben war, für den, so leicht er auch Louisd'or verschenkte, der Liebhaber von Nicole sich nicht durch ein blindes Vertrauen eingenommen fühlte. »Nein, nein, endigen wir sogleich,« riefen die Verbündeten, »was sind die einzelnen Punkte?« »Ein Reisewagen mit dem Wappen von Suza,« antwortete Beausire. »Das Malen und besonders das Trocknen wird zu viel Zeit kosten.« entgegnete Manoel. »Ein anderes Mittel also,« rief Beausire. »Der Wagen des Herrn Gesandten wird unter Weges gebrechen und er genöthigt gewesen sein, den seines Secretärs zu nehmen.« »Sie haben also einen Wagen, Sie?« fragte der Portugiese. »Ich habe den ersten besten.« »Aber Ihr Wappen?« »Das erste beste.« »Oh! das vereinfacht Alles. Viel Staub, viele Kothspritzer auf den Feldern bei der Stelle, wo das Wappen angebracht ist, und der Kanzler wird nichts sehen, als Staub und Kothspritzer.« »Aber der übrige Theil der Gesandtschaft?« fragte der Banquier. »Wir kommen am Abend an, das ist bequemer für ein Debüt, und Sie, Sie treffen am andern Morgen ein, wenn wir schon Alles vorbereitet haben.« »Sehr gut!« »Jeder Gesandte braucht, außer seinem Secretär, einen Kammerdiener,« bemerkte Manoel, »eine delicate Function.« »Mein Herr Commandeur,« sprach der Banquier, indem er sich an einen der Schlauköpfe wandte, »Sie werden die Rolle des Kammerdieners übernehmen.« Der Commandeur verbeugte sich. »Und die Gelder für die Einkäufe?« sagte Don Manoel; »ich bin auf dem Trockenen.« »Ich habe Geld,« sprach Beausire, »aber es gehört meiner Geliebten.« »Wie viel ist in der Casse?« fragten die Verbündeten. »Ihre Schlüssel, meine Herren,« rief der Banquier. Jeder von den Verbündeten zog aus seiner Tasche ein Schlüsselchen, das einen der zwölf Riegel öffnete, mit denen der doppelte Grund des trefflichen Tisches verschlossen war, so daß in dieser ehrlichen Gesellschaft keiner die Casse ohne die Erlaubniß seiner elf Collegen untersuchen konnte. Man schritt zur Beurkundung. »Hundert und achtundneunzig Louisd'or außer dem Reservefonds,« sagte der Banquier, der überwacht worden war. »Geben Sie diese Summe Herrn von Beausire und mir,« sprach Manoel, »das ist nicht zu viel.« »Geben Sie uns zwei Drittel, lassen Sie das übrige Drittel dem Rest der Gesandtschaft,« sprach Beausire mit einer Großmuth, durch die er alle Stimmen für sich gewann. »Auf diese Art bekommen Don Manoel und Beausire hundert und zweiunddreißig Louisdor, und sechsundsechzig bleiben für die Andern.« Man trennte sich, nachdem man sich auf den andern Tag Rendez-vous gegeben hatte; Beausire rollte hastig seinen Domino unter seinen Arm und lief nach der Rue Dauphine, wo er Mlle. Oliva im Besitz alles dessen, was sie an alten Tugenden und neuen Louisd'or hatte, wiederzufinden hoffte.   XXVI. Der Gesandte. Um andern Tag, gegen Abend, kam ein Reisewagen, genug bestaubt, genug mit Koth bespritzt, daß Niemand das Wappen unterscheiden konnte, durch die Barrière de l'Enfer. Die vier Pferde, die ihn führten, liefen in größter Eile; die Postillone sputeten sich, als ob sie einen Fürsten bedienten. Der Wagen hielt vor einem Hotel von ziemlich hübschem Aussehen in der Rue de la Jussienne an. Vor der Thüre dieses Hotels warteten zwei Männer, der eine in einer Kleidung, welche durch ihren Glanz die Ceremonie verkündigte, der andere in einer Art von Alltagslivree, wie sie jeder Zeit die öffentlichen Officianten der verschiedenen Pariser Administrationen gehabt haben. Mit anderen Worten, der Letztere glich einem Portier im Prachtgewand. Der Wagen fuhr in das Hotel hinein, dessen Thüren sogleich wieder mehreren Neugierigen vor der Nase zugemacht wurden. Der Mann im Staatskleid näherte sich sehr ehrfurchtsvoll dem Kutschenschlag und begann mit einer meckernden Stimme eine Rede in portugiesischer Sprache. »Wer sind Sie?« fragte aus dem Innern eine etwas trotzige Stimme ebenfalls Portugiesisch, nur sprach diese Stimme ein vortreffliches Portugiesisch. »Der unwürdige Kanzlei der Gesandtschaft, Excellenz.« »Sehr gut. Wie schlecht sprechen Sie unsere Sprache, mein lieber Kanzler! Sagen Sie, wo steigt man aus?« »Hier, gnädigster Herr, hier.« »Ein trauriger Empfang,« rief der edle Don Manoel, der sich gewaltig in die Brust warf, während er sich auf seinen Kammerdiener und seinen Secretär stützte. »Eure Excellenz wird mir gnädigst verzeihen,« sagte der Kanzler in seiner schlechten Sprache, »der Courier Seiner Excellenz ist erst heute Mittag um zwei Uhr bei der Gesandtschaft abgestiegen, um Ihre Ankunft zu melden. Ich war abwesend, gnädigster Herr, abwesend in Geschäften der Gesandtschaft. Bei meiner Rückkehr fand ich sogleich den Brief Eurer Excellenz. Ich hatte nur noch Zeit, die Zimmer zu öffnen; man beleuchtet sie.« »Gut. gut.« »Ah! es ist eine große Freude, die erhabene Person unseres neuen Gesandten zu sehen.« »Stille! lassen wir nichts bekannt werden, bis neue Befehle von Lissabon eingetroffen sind. Wollen Sie nur die Güte haben, mich in mein Schlafzimmer zu führen, ich falle um vor Müdigkeit. Sie werden sich mit meinem Secretär besprechen, er soll Ihnen meine Befehle mittheilen.« Der Kanzlei verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor Beausire; dieser erwiderte die Verbeugung durch einen freundlichen Gruß und sagte mit einer höflich ironischen Miene: »Sprechen Sie Französisch, mein lieber Herr, das wird Ihnen bequemer sein, und mir ist es auch genehm.« »Ja, ja,« murmelte der Kanzler, »es wird bequemer für mich sein, denn ich muß gestehen, Herr Secretär, meine Aussprache ...« »Ich sehe es wohl,« erwiderte Beausire mit Dreistigkeit. »Ich benütze diese Gelegenheit, da ich in Ihnen einen so liebenswürdigen Mann finde,« sprach der Kanzler mit hastigem Erguß, »ich benütze die Gelegenheit, sage ich, um Sie zu fragen, ob Sie glauben, Herr von Suza werde mir nicht böse sein, daß ich das Portugiesische so radebreche.« »Keineswegs, wenn Sie das Französische rein sprechen.« »Ich!« sagte der Kanzler freudig; »ich, ein Pariser aus der Rue Saint-Honoré?« »Oh! das ist zum Entzücken!« rief Beausire. »Wie heißen Sie? Ducorneau, glaube ich?« »Ducorneau, ja, Herr Secretär, ein ziemlich glücklicher Name, denn er hat eine spanische Endung, wenn man will. Der Herr Secretär wußte meinen Namen, das ist sehr schmeichelhaft für mich.« »Ja, Sie sind dort sehr gut angeschrieben, so gut angeschrieben, daß Ihr Ruf uns abgehalten hat, einen Kanzler von Lissabon mitzubringen.« »Oh! wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, und welch ein Glück ist für mich die Ernennung des Herrn von Suza!« »Oh! ich glaube, der Herr Gesandte läutet.« »Laufen wir!« Man lief in der That. Der Herr Gesandte hatte sich, eifrigst unterstützt von seinem Kammerdiener, schon ausgekleidet und einen prachtvollen Schlafrock angezogen. In Eile gerufen, war ein Barbier mit ihm beschäftigt. Einige dem Anschein nach ziemlich reiche Schachteln und Reisenecessaires schmückten die Tische und Consoles. Ein großes Feuer flammte im Kamin. »Treten Sie ein, treten Sie ein, Herr Kanzler,« rief der Gesandte, der sich in einen ungeheuern Lehnstuhl mit Polstern, ganz nach der Quere vor dem Kamin, begraben hatte. »Der Herr Gesandte wird ärgerlich werden, wenn ich ihm französisch antworte,« sagte leise der Kanzler zu Beausire. »Nein, nein, immer zu.« Ducorneau machte sein Compliment in französischer Sprache. »Ah! das ist sehr bequem, Sie sprechen das Französische bewunderungswürdig, Herr du Corno.« »Er hält mich für einen Portugiesen,« dachte der Kanzler, trunken vor Freude. Und er drückte Beausire die Hand. »Wohlan! kann man zu Nacht speisen?« »Gewiß, ja, Eure Excellenz. Ja, das Palais-Royal ist zwei Schritte von hier, und ich kenne einen vortrefflichen Traiteur, der Eurer Excellenz ein gutes Abendbrod bringen würde.« »Als ob es für Sie wäre, Herr du Corno.« »Ja, gnädigster Herr ... Und ich, wenn es Eure Excellenz erlaubt, würde mir die Freiheit nehmen, ein Paar Flaschen von einem Landwein anzubieten, wie Eure Excellenz keinen in Porto selbst gefunden haben wird.« »Ei! unser Kanzler hat also einen guten Keller?« sagte Beausire munter. »Das ist mein einziger Luxus,« erwiderte demüthig der brave Mann, dessen lebhafte Augen, dicke, runde Backen und blüthenreiche Nase Beausire und Don Manoel zum ersten Mal beim Schein der Kerzen sehen konnten. »Thun Sie, wie es Ihnen beliebt, Herr du Corno,« sagte der Gesandte; »bringen Sie uns von Ihrem Wein, und speisen Sie mit uns zu Nacht.« »Eine solche Ehre ...« »Ohne Etikette, heute bin ich noch ein Reisender, ich werde erst morgen der Gesandte sein. Und dann werden wir von den Geschäften sprechen.« »Oh! der gnädige Herr wird mir doch erlauben, daß ich einen Blick auf meine Toilette werfe.« »Sie sind herrlich,« sagte Beausire. »Empfangstoilette, nicht Gala,« erwiderte Ducorneau. »Bleiben Sie, wie Sie sind, und widmen Sie unseren Anstalten die Zeit, die Sie brauchen würden, um das Galakleid anzuziehen.« Entzückt verließ Ducorneau den Gesandten und lief eiligst weg, um zehn Minuten für den Appetit Seiner Excellenz zu gewinnen. Während dieser Zeit ließen die drei Schelme das Mobiliar und die übrigen Gegenstände ihrer neuen Gewalt die Revue passiren. »Schläft dieser Kanzlei im Hotel?« fragte Don Manoel. »Nein: der Bursche hat einen guten Keller und muß irgendwo eine hübsche Frau oder eine Grisette haben. Es ist ein alter Junggeselle.« »Der Portier?« »Man wird sich seiner entledigen müssen.« »Ich übernehme das.« »Die anderen Bedienten des Hotel?« »Miethbediente, deren Stelle unsere Verbündeten morgen einnehmen werden.« »Was sagt die Küche? was die Vorrathskammer?« »Todt! todt! der frühere Gesandte erschien nie im Hotel. Er hatte sein Haus in der Stadt.« »Was sagt die Casse?« »Was die Casse betrifft, so müssen wir den Kanzler befragen; das ist delicat.« »Das übernehme ich,« sagte Beausire, »wir sind schon die besten Freunde der Welt.« »Stille! er kommt.« Ducorneau kam wirklich athemlos zurück. Er hatte den Traiteur in der Rue des-Bons-Enfans benachrichtigt, aus seinem Cabinet sechs Flaschen von ehrwürdigem Aussehen genommen, und sein freudiges Gesicht verkündigte alle die guten Geneigtheiten, welche die zwei Sonnen, Natur und Diplomatie, zu combiniren wissen, um das zu vergolden, was die Cyniker die menschliche Façade nennen. »Eure Excellenz wird nicht in den Speisesaal hinabgehen?« fragte er. »Nein, nein, wir speisen auf dem Zimmer, unter uns, am Kamin.« »Der gnädigste Herr erfüllt mich mit Freude. Hier ist der Wein.« »Topase!« sagte Beausire, indem er eine der Flaschen zur Höhe einer Kerze emporhob. »Setzen Sie sich, Herr Kanzler, wahrend mein Kammerdiener den Tisch deckt.« Ducorneau setzte sich. »An welchem Tag sind die letzten Depeschen angekommen?« fragte der Gesandte. »Am Vorabend bei Abreise Ihres ... des Vorgängers Eurer Excellenz.« »Wohl! die Gesandtschaft ist in gutem Zustand?« »Oh! ja, gnädigster Herr.« »Keine schlechten Geldangelegenheiten?« »Nicht. daß ich wüßte.« »Keine Schulden? ... Oh! sprechen Sie. Wenn solche vorhanden wären, so würden wir damit anfangen, daß wir sie bezahlten. Mein Vorgänger ist ein wackerer Mann, für den ich mich solidarisch verbindlich mache.« »Gott sei Dank, der gnädige Herr wird das nicht nöthig haben; die Credite sind angewiesen worden, und am andern Tage nach der Abreise des vorigen Gesandten kamen hunderttausend Livres hier an.« »Hunderttausend Livres!« riefen, ganz erschrocken vor Freude, gleichzeitig Beausire und Don Manoel. »In Gold,« sagte der Kanzler. »In Gold,« wiederholte der Gesandte, der Secretär und sogar der Kammerdiener. »Somit,« sagte Beausire, seine Aufregung bewältigend, »somit enthält die Casse ...« »Einmal hunderttausend dreihundert und achtundzwanzig Livres, Herr Secretär.« »Das ist wenig,« sprach Don Manoel kalt; »doch Ihre Majestät hat zum Glück Fonds zu unserer Verfügung gestellt. Ich sagte Ihnen ja, mein Lieber,« fuhr er, sich an Beausire wendend, fort, »ich sagte Ihnen, es würde uns in Paris daran fehlen.« »Ja, wenn Eure Excellenz nicht ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen hätte,« erwiderte Beausire ehrerbietig. Von dieser wichtigen Mittheilung des Kanzlers an nahm die Heiterkeit der Gesandtschaft beständig zu. Ein gutes Abendbrod, bestehend aus einem Salmen, ungeheuren Krebsen, Schwarzfleisch und Cremen, vermehrte die Begeisterung der portugiesischen Herren nicht wenig. Ducorneau, dem man es behaglich gemacht, aß wie zehn Granden Spaniens und zeigte seinen Vorgesetzten, wie ein Pariser aus der Rue Saint-Honoré die Weine von Porto und Xeres als Weine von Brie oder Tonnerre behandelte. XXVII. Die Herren Böhmer und Bossange. Herr Ducorneau segnete noch den Himmel, daß er ihm einen Gesandten geschickt, der die französische Sprache der portugiesischen und die portugiesischen Weine den französischen vorzog; er schwamm in jener köstlichen Glückseligkeit, die der befriedigte und dankbare Magen dem Gehirn bereitet, als ihn Herr von Suza zum Schlafengehen ermahnte. Ducorneau stand auf, und in einer sehr gefährlichen Reverenz, die sich an eben so vielen Möbeln anhing wie der Zweig eines wilden Rosenstocks an Blättern in einem Gebüsch, erreichte der Kanzler die Thüre und die Straße. Beausire und Don Manoel hatten dem Wein der Gesandtschaft nicht genug zugesprochen, um sogleich dem Schlafe zu unterliegen. Ueberdieß mußte der Kammerdiener nach seinen Herren ebenfalls zu Nacht speisen, ein Geschäft, das der Commandeur mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit den von dem Herrn Gesandten und seinem Secretär gegebenen Vorschriften gemäß vollführte. Der ganze Plan für den nächsten Tag war entworfen. Die drei Verbündeten nahmen eine Recognoscirung im Hotel vor, nachdem sie sich versichert hatten, daß der Portier schlief. Durch die Thätigkeit des nüchternen Ducorneau ging am andern Morgen die Gesandtschaft aus ihrer Lethargie hervor. Schreibtische, Mappen, Schreibzeuge, Galakleider, im Hofe tänzelnde Pferde zeigten das Leben da an, wo am Tage zuvor noch Alles still und todt gewesen war. Rasch verbreitete sich das Gerücht im Quartier, eine hohe Person, mit wichtigen Geschäften beauftragt, sei in der Nacht von Portugal angekommen. Dieses Gerücht, das unfern drei Schelmen Credit geben sollte, war für sie eine Quelle immer neuer Beängstigungen. Die Polizei der Herren von Crosne und von Breteuil hatte in der That große Ohren, die sie bei einer solchen Vorkommenheit gut zu schließen sich wohl hüten mußte; sie hatte Argus-Augen, die sie sicherlich nicht zumachte, wenn es sich um die Herren Diplomaten von Portugal handelte. Don Manoel bemerkte aber Beausire, mit Kühnheit könnte man es verhindern, daß die Nachforschungen der Polizei vor acht Tagen zu Verdachten, die Verdachte vor vierzehn Tagen zu Gewißheiten würden, daß folglich vor zehn Tagen, was der Mittelzeitpunkt, nichts die Verbindung in ihrer Bewegung beengen würde, welche Verbindung, um gut zu Werke zu gehen, ihre Operationen vor Ablauf von sechs Tagen beendigt haben mußte. Die Morgenröthe war eben angebrochen, als zwei Miethwagen das Gepäcke der neun Bursche, welche das Personal der Gesandtschaft zu bilden bestimmt waren, in's Hotel brachten. Sie wurden von Beausire sehr rasch in ihre Stellen eingesetzt. Einen verwendete man bei der Casse, den Andern bei den Archiven, ein Dritter nahm die Stelle des bisherigen Portier ein, dem Ducorneau selbst unter dem Vorwand, er verstehe nicht Portugiesisch, den Abschied gab. Das Hotel war also von dieser Garnison bevölkert, welche die Zugänge jedem Profanen verwehren sollte. Die Polizei ist im höchsten Grade profan gegen diejenigen, welche politische oder andere Geheimnisse haben. Gegen Mittag stieg Don Manoel, genannt Suza, sehr elegant gekleidet, in einen anständigen Wagen, den Beausire um 500 Livres für einen Monat, wobei er vierzehn Tage vorausbezahlte, gemiethet hatte. Er fuhr nach dem Hause der Herren Böhmer und Bossange in Gesellschaft seines Secretärs und seines Kammerdieners. Der Kanzler erhielt den Befehl, unter seinem Couvert und wie gewöhnlich in Abwesenheit der Gesandten alle Geschäfte in Beziehung auf Pässe, Entschädigungen und Unterstützungen zu besorgen, mit dem Auftrage jedoch, nur mit dem Gutheißen des Herrn Secretärs Zahlungen zu machen oder Rechnungen zu berichtigen. Diese Herren wollten die Summe von hunderttausend Livres, die Hauptwurzel der ganzen Operation, unberührt erhalten. Man belehrte den Herrn Gesandten, die Juweliere der Krone wohnen auf dem Quai de l'Ecole, wo sie gegen ein Uhr Nachmittags vorfuhren. Der Kammerdiener klopfte bescheiden an die Thüre des Juweliers, welche mittelst starker Schlösser verschlossen und wie eine Gefängnißthüre mit großen breiten Nägeln versehen war. Die Kunst hatte diese Nägel so angebracht, daß sie mehr oder minder angenehme Zeichnungen bildeten. Nur war erwiesen, daß nie Bohrer, Säge oder Feile ein Stück Holz hätte angreifen können, ohne sich einen Zahn auf einem Stück Eisen zu zerbrechen. Ein Schieber, vor welchem ein Gitter, öffnete sich, und eine Stimme fragte den Kammerdiener, was er zu wissen wünsche. »Der Herr Gesandte von Portugal will die Herren Böhmer und Bossange sprechen,« antwortete der Kammerdiener. Alsbald erschien ein Gesicht im ersten Stock, dann vernahm man hastige Schritte auf der Treppe. Die Thüre wurde geöffnet. Don Manoel stieg mit vornehmer Langsamkeit aus dem Wagen. Beausire war zueist ausgestiegen, um Seiner Excellenz den Arm anzubieten. Der Mann, der den beiden Portugiesen mit so großem Eifer entgegenkam, war Herr Böhmer selbst, der, als er den Wagen halten gehört, durch die Fensterscheiben hinausgeschaut hatte und, als das Wort Gesandter zu seinen Ohren gedrungen, fortgeeilt war, um Seine Excellenz nicht warten zu lassen. Der Juwelier verwickelte sich ganz in Entschuldigungen, während Don Manoel die Treppe hinaufstieg. Herr Beausire bemerkte, daß hinter ihnen eine stämmige alte Magd Schlösser und Riegel schloß, wovon ein großer Luxus an der Hausthüre vorhanden war. Da Herr Beausire diese Beobachtungen geflissentlich zu machen schien, so sagte Herr Böhmer zu ihm: »Verzeihen Sie, mein Herr, wir sind bei unserem unglücklichen Gewerbe dergestalt gefährdet, daß jede Vorsichtsmaßregel in unserem Hause zur Gewohnheit geworden ist.« Don Manoel war gleichgültig geblieben; Böhmer sah es und wiederholte ihm selbst die Worte, auf welche Beausire ein angenehmes Lächeln gespendet hatte. Als aber der Gesandte sein Gesicht eben so wenig beim ersten Male, als beim zweiten veränderte, sagte Böhmer, aus der Fassung gebracht: »Verzeihen Sie, Herr Gesandter ...« »Seine Excellenz spricht nicht Französisch und kann Sie nicht verstehen, mein Herr,« erwiderte Beausire; »ich will ihm aber Ihre Entschuldigung übersetzen, wofern Sie nicht,« fügte er eiligst bei, »wofern Sie nicht selbst Portugiesisch sprechen, mein Herr.« »Nein, mein Herr, nein.« »Ich werde also für Sie sprechen.« Und Beausire wälschte einige portugiesische Worte zu Don Manoel, die dieser in derselben Sprache erwiderte. »Seine Excellenz der Herr Graf von Suza, Gesandter Ihrer Allergläubigsten Majestät, nimmt gnädigst Ihre Entschuldigungen an, mein Herr, und beauftragt mich, Sie zu fragen, ob es wahr sei, daß Sie ein schönes Halsband von Diamanten noch in Ihrem Besitze haben.« Böhmer hob den Kopf in die Höhe und schaute Beausire wie ein Mann an, der seine Leute zu messen weiß. Beausire hielt den Angriff als geschickter Diplomat aus. »Ein Halsband von Diamanten,« sprach Böhmer langsam, »ein sehr schönes Halsband.« »Das, welches Sie der Königin von Frankreich angeboten und wovon Ihre Allergläubigste Majestät hat sprechen hören,« fügte Beausire bei. »Der Herr ist bei der Gesandtschaft angestellt?« fragte Böhmer.« »Ich bin der Privatsecretär des Herrn Gesandten.« Don Manoel hatte sich als vornehmer Mann gesetzt und schaute die Malereien eines zierlich schönen Zimmers an, das auf den Quai ging. Eine herrliche Sonne beleuchtete die Seine, und die ersten Pappelbäume zeigten ihre zartgrünen Schützlinge über dem noch vom Aufthauen angeschwollenen und gelben Wasser. Don Manoel ging von der Betrachtung der Gemälde auf die der Landschaft über. »Mein Herr,« sprach Beausire, »es scheint, Sie haben nicht ein Wort von dem, was ich Ihnen gesagt habe, gehört.« »Wie, mein Herr!« erwiderte Böhmer, etwas verblüfft durch den lebhaften Ton von Beausire. »Ich sehe, daß Seine Excellenz ungeduldig wird, Herr Juwelier.« »Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Böhmer, »ich darf mein Halsband nicht zeigen, ohne daß mein Associé, Herr Bossange. anwesend ist.« »Nun. so lassen Sie Ihren Associé kommen.« Don Manoel näherte sich und begann mit seiner eisigen Miene, bei es nicht an einer gewissen Majestät gebrach, in portugiesischer Sprache eine Anrede, bei welcher Beausire wiederholt respektvoll sein Haupt verneigte. Dann drehte er den Rücken und setzte seine Beschauung an den Fensterscheiben fort. »Mein Herr, Seine Excellenz sagt zu mir, sie warte schon zehn Minuten, und sie sei nicht gewohnt, irgendwo zu warten, nicht einmal bei den Königen.« Böhmer verbeugte sich, ergriff eine Klingelschnur und zog daran. Nach einer Minute trat eine andere Gestalt in das Zimmer. Es war Herr Bossange, der Associé. Böhmer setzte ihm die Sache mit ein paar Worten aus einander. Bossange warf einen Blick auf die zwei Portugiesen und verlangte dann von Böhmer seinen Schlüssel, um die Casse zu öffnen. »Mir scheint,« dachte Beausire, »die ehrlichen Leute nehmen eben so viele Vorsichtsmaßregeln gegen einander, als die Diebe.« Nach zehn Minuten kam Herr Bossange zurück und brachte ein Etui iu seiner linken Hand; seine rechte war unter seinem Rock verborgen. Beausire sah sehr deutlich das Relief von zwei Pistolen. »Wir können gut aussehen,« sagte Don Manoel ernst in portugiesischer Sprache, »aber diese Kaufleute halten uns eher für Spitzbuben, als für Gesandte.« Und während er diese Worte sprach, schaute er die Juweliere scharf an, um in ihren Gesichtern die geringste Bewegung zu erhaschen, falls sie Portugiesisch verstehen sollten. Nichts erschien, nichts als ein Halsband, so wunderbar schön, daß der Glanz ihn blendete. Vertrauensvoll gab man das Etui in die Hände von Don Manoel, doch rasch und zornig sprach dieser zu seinem Secretär: »Mein Herr, sagen Sie diesen Burschen, sie machen Mißbrauch von der Erlaubniß, die ein Kaufmann hat, dumm zu sein. Sie zeigen mir Straß, während ich die Diamanten von ihnen verlange. Sagen Sie ihnen, ich werde mich beim französischen Ministerium beklagen und im Namen meiner Königin Unverschämte, die einen Gesandten Portugals mystificiren, in die Bastille werfen lassen.« So sprechend, schleuderte er das Etui mit umgekehrter Hand auf das Comptoir. Beausire hatte nicht nöthig, alle diese Worte zu übersetzen, die Pantomime genügte. Böhmer und Bossange überstürzten sich in Entschuldigungen und sagten, in Frankreich zeige man Modelle von Diamanten, falschen Schmuck, Alles, um ehrliche Leute zu befriedigen, aber um nicht Diebe anzulocken oder in Versuchung zu führen. Herr von Suza machte eine energische Geberde und ging unter den Augen der erschrockenen Kaufleute auf die Thüre zu. »Seine Excellenz beauftragt mich, Ihnen zu sagen« fuhr Beausire fort, »er sei ärgerlich, daß Leute, die den Titel Juweliere der Krone von Frankreich führen, einen Gesandten nicht von einem Schuft zu unterscheiden wissen, und Seine Excellenz kehrt in ihr Hotel zurück.« Die Herren Böhmer und Bossange machten sich ein Zeichen und verbeugten sich, wobei sie abermals ihre ganze Achtung betheuerten. Herr von Suza trat ihnen beinahe auf die Füße und ging hinaus. Die Kaufleute schauten sich offenbar ängstlich an und bückten sich beinahe bis auf den Boden. Beausire folgte stolz seinem Gebieter. Der Alte öffnete die Schlösser der Thüre. »Nach dem Gesandtschaftshotel. Rue de la Jussienne!« rief Beausire dem Kammerdiener zu. »Nach dem Gesandtschaftshotel!« rief der Kammerdiener dem Kutscher zu. Böhmer horchte beim Schieber. »Ein verfehltes Geschäft,« brummte der Bediente. »Ein abgemachtes Geschäft,« sagte Beausire; »In einer Stunde werden diese Tölpel bei uns sein.« Der Wagen rollte fort, als ob er von acht Rossen gezogen würde. XXVIII. Bei der Gesandtschaft. Bei ihrer Rückkehr in's Gesandtschaftshotel fanden diese Herren Ducorneau, der ruhig in seiner Schreibstube zu Mittag speiste. Beausire bat ihn, zum Gesandten hinaufzugehen, und sprach folgende Worte zu ihm: »Sie begreifen, lieber Kanzler, daß ein Mann, wie Herr von Suza, nicht ein gewöhnlicher Mann ist.« »Ich habe es bemerkt,« erwiderte der Kanzler. »Seine Excellenz will in Paris einen ausgezeichneten Platz unter den Reichen und den Leuten von Geschmack einnehmen,« fuhr Beausire fort; »damit sage ich Ihnen, daß der Aufenthalt in diesem gemeinen Hotel in der Rue Jussienne für Seine Excellenz unerträglich ist; dem zu Folge würde es sich darum handeln, eine andere Privatwohnung für Herrn von Suza zu finden.« »Das wird den diplomatischen Verkehr erschweren,« entgegnete der Kanzler; »wir werden der Unterschriften wegen viel zu laufen haben.« »Seine Excellenz wird Ihnen einen Wagen geben, mein lieber Herr Ducorneau,« antwortete Beausire. Ducorneau wäre vor Freude beinahe in Ohnmacht gefallen. »Mir einen Wagen!« rief er. »Es ist ärgerlich, daß Sie nicht daran gewöhnt sind,« fuhr Beausire fort, »ein würdiger Gesellschafts-Kanzler muß seinen Wagen haben; doch hievon zu geeigneter Zeit. Legen wir dem Kanzler für den Augenblick Rechenschaft von dem Zustand der auswärtigen Angelegenheiten ab; die Casse, wo ist sie?« »Hier oben, in der Wohnung des Gesandten!« »So fern von Ihnen?« »Eine Sicherheitsmaßregel, mein Herr; es ist schwieriger für die Diebe, im ersten Stock einzudringen, als hier im Erdgeschosse.« »Diebe,« versetzte Beausire mit verächtlichem Tone, »wegen einer so kleinen Summe!« »Hunderttausend Livres!« rief Ducorneau. »Teufel! man sieht wohl, daß Herr von Suza reich ist! Es sind keine hunderttausend Livres in allen Gesandtschafts-Cassen.« »Wollen wir die Untersuchung und Beurkundung vornehmen?« sagte Beausire; »ich habe Eile, an meine Geschäfte zu gehen.« Die Casse wurde gestürzt, und es fanden sich die hunderttausend Livres in schöner, klingender Münze, halb Silber, halb Gold. Ducorneau bot seinen Schlüssel; Beausire schaute ihn eine Zeit lang an, um die sinnreichen Guillochuren und die complicirten Kleezüge zu bewundern. Er hatte geschickt einen Abdruck mit Wachs genommen. Dann gab er ihn dem Kanzler zurück und sagte zu diesem: »Herr Ducorneau, er ist besser in Ihren Händen, als in den meinigen; gehen wir zum Herrn Gesandten.« Man fand Don Manoel unter vier Augen mit der nationalen Chocolade. Er schien sehr von einem mit Ziffern bedeckten Papier in Anspruch genommen. Als er seinen Kanzler erblickte, fragte er: »Kennen Sie die Geheimschrift der früheren Korrespondenz?« »Nein, Eure Excellenz.« »Nun! Sie sollen fortan eingeweiht sein, mein Herr; Sie werden mich dadurch einer Menge langweiliger Details überheben; ah! wie ist es mit der Casse?« fragte er Beausire. »Im besten Zustand, wie Alles, was zum Ressort von Herrn Ducorneau gehört,« erwiderte Beausire. »Die hunderttausend Livres?« »Liquid, mein Herr.« »Gut, setzen Sie sich, Herr Ducorneau; Sie sollen mir eine Auskunft geben.« »Ich bin zu den Befehlen Eurer Excellenz,« sagte der Kanzler strahlend. »Hören Sie, wie sich die Sache verhält: Staatsangelegenheit, Herr Ducorneau.« »Oh! ich höre, gnädiger Herr,« sprach der würdige Kanzler. Und er rückte seinen Stuhl näher hinzu. »Eine wichtige Angelegenheit, bei der ich Ihrer Erleuchtung bedarf. Kennen Sie ehrliche Juweliere in Paris?« »Da sind die Herren Böhmer und Bossange, Juweliere der Krone,« antwortete der Kanzler. »Gerade diese sind es, deren ich mich nicht bedienen will,« sprach Don Manoel, »ich verlasse sie eben, um sie nie wieder zu sehen.« »Haben sie das Unglück gehabt, die Unzufriedenheit Eurer Excellenz zu erregen?« »In hohem Grade, Herr Corno.« »Oh! wenn ich etwas minder zurückhaltend sein dürfte, wenn ich es wagte ...« »Wagen Sie es.« »Ich würde fragen, worin diese Leute, die in ihrem Gewerbe im besten Rufe stehen ...« »Es sind wahre Juden, Herr Corno, und ihr schlechtes Benehmen hat zur Folge, daß sie eine oder zwei Millionen verlieren.« »Oh!« rief Ducorneau gierig. »Ich war von Ihrer Allergetreusten Majestät abgesandt, um ein Halsband von Diamanten zu kaufen.« »Ja, ja, das bekannte Halsband, das der selige König für Madame Dubarry bestellt hatte, ich weiß, ich weiß.« »Sie sind ein kostbarer Mann, Sie wissen Alles. Nun! ich wollte also das Halsband kaufen; da die Sachen aber so gehen, so kaufe ich es nicht.« »Soll ich einen Schritt thun?« »Herr Corno!« »Einen diplomatischen, sehr diplomatischen, gnädigster Herr?« »Das wäre gut, wenn Sie diese Leute kennen würden.« »Bossange ist ein entfernter Verwandter von mir.« Don Manoel und Beausire schauten sich an. Es trat ein Stillschweigen ein. Plötzlich öffnete einer der Bedienten die Thüre und meldete: »Die Herren Böhmer und Bossange.« Don Manoel stand rasch auf und rief mit zorniger Stimme: »Schicken Sie diese Leute weg!« Der Bediente machte einen Schritt, um zu gehorchen. »Nein, jagen Sie sie selbst fort, Herr Secretär,« fügte der Gesandte bei. »Um Gottes willen!« sprach Ducorneau flehend, »lassen Sie mich den Befehl Seiner Excellenz vollziehen; ich werde ihn mildern, da ich ihn nicht aufheben kann.« »Thun Sie es, wenn Sie wollen,« sagte Don Manoel mit gleichgültigem Tone. Beausire näherte sich ihm in dem Augenblick, wo Ducorneau hinauseilte. »Ah! diese Sache ist also zu scheitern bestimmt,« sagte Don Manoel. »Nein, Ducorneau wird das Geschäft wieder in's Geleise bringen.« »Er wird es vollends in Verwirrung bringen. Unglücklicher; wir haben nur Portugiesisch bei den Juwelieren gesprochen. Sie sagten, ich verstehe kein Wort Französisch, Ducorneau wird Alles verderben.« »Ich laufe nach.« »Es ist vielleicht gefährlich, wenn Sie sich zeigen, Beausire.« »Sie werden sehen, daß dieß nicht der Fall ist; geben Sie mir Vollmacht.« »Bei Gott!« Beausire ging hinaus. Ducorneau hatte unten Böhmer und Bossange getroffen, deren Haltung sich seit ihrem Eintritt im Gesandtschaftshotel im Sinne der Höflichkeit, wenn auch nicht in dem des Vertrauens gänzlich geändert hatte. Sie rechneten wenig auf den Anblick eines bekannten Gesichtes und bewegten sich sehr steif in den ersten Zimmern. Als Bossange Herrn Ducorneau erblickte, gab er einen Schrei freudigen Erstaunens von sich. »Sie hier!« sagte er. Und er näherte sich, um ihn zu umarmen. »Ah! ah! Sie sind sehr liebenswürdig,« sprach Ducorneau. »Sie haben die Güte, mich hier anzuerkennen, mein Herr Vetter, der reiche Kauz. Etwa, weil ich bei einer Gesandtschaft bin?« »Meiner Treue! ja,« erwiderte Bossange, »verzeihen Sie mir, wenn wir ein wenig fremd waren, und thun Sie mir einen Gefallen.« »Ich bin deßwegen hierher gekommen.« »Oh! ich danke. Sie sind also der Gesandtschaft beigegeben?« »Ja.« »Eine Auskunft!« »Welche, und worüber?« »Ueber die Gesandtschaft selbst.« »Ich bin der Kanzler derselben.« »Oh! vortrefflich. Wir wollen mit dem Gesandten sprechen.« »Ich komme in seinem Auftrage.« »In seinem Auftrage! um uns was zu sagen?« »Daß er Sie auffordere, sein Hotel zu verlassen, und zwar rasch, meine Herren.« Die zwei Juweliere schauten sich bestürzt an. »Weil Sie,« sprach Ducorneau mit gewichtiger Miene, »weil Sie ungeschickt und unverständig gewesen sind, wie es scheint.« »Hören Sie uns doch an.« »Das ist unnöthig,« sagte plötzlich Beausire, der kalt und stolz auf der Schwelle des Zimmers erschien. »Herr Ducorneau, Seine Excellenz hat Sie beauftragt, diese Herren wegzuschicken, thun Sie das.« »Herr Sekretär ...« »Gehorchen Sie!« rief Beausire mit verächtlichem Tone. Und er ging vorüber. Der Kanzler nahm seinen Verwandten bei der rechten Schulter, den Associé des Verwandten bei der linken Schulter und schob Beide sachte hinaus. »Das ist ein verfehltes Geschäft,« sagte er. »Wie empfindlich doch diese Fremden sind,« murmelte Böhmer, der ein Deutscher war. »Wenn man Herr von Suza heißt und neunmal hunderttausend Livres Einkünfte hat, mein lieber Vetter,« sagte der Kanzler, »so ist man berechtigt, zu sein, was man will.« »Ah!« seufzte Bossange, »ich habe es Ihnen wohl gesagt, Böhmer, Sie sind zu starr in den Geschäften.« »Ei!« erwiderte der hartnäckige Deutsche, »bekommen wir sein Geld nicht, so bekommt er unser Halsband nicht.« Man näherte sich der Hausthüre. Ducorneau lachte. »Wißt Ihr, was ein Portugiese ist?« sagte er verächtlich; »wißt Ihr, was ein Gesandter ist, Ihr Bürgersleute, die Ihr seid? Nein. Nun wohl, ich will es Euch sagen. Der Lieblingsgesandte einer Königin, Herr Potemkin, kaufte jedes Jahr am ersten Januar für die Königin einen Korb Kirschen, der hunderttausend Thaler kostete, tausend Livres die Kirsche: nicht war, das ist hübsch? Wohl! Herr von Suza wird die Bergwerke Brasiliens kaufen, um in den Gängen einen Diamant zu finden, der so groß ist, als die Eurigen alle zusammen. Das kostet ihn zwanzig Jahre von seinen Einkünften, zwanzig Millionen; doch, was ist ihm daran gelegen, er hat keine Kinder . . . Verstanden!« Und er war im Begriff, die Thüre zuzumachen; da besann sich Bossange eines Bessern und sagte zu ihm: »Bringen Sie das wieder in Ordnung, und Sie bekommen ...« »Hier ist man unbestechlich,« erwiderte Ducorneau. Und er schloß die Thüre. An demselben Abend erhielt der Graf folgenden Brief: »Euere Excellenz! »Ein Mann, der Ihre Befehle erwartet und die ehrerbietigen Entschuldigungen Ihrer unterthänigen Diener zu überbringen wünscht, ist vor der Thüre ihres Hotels; auf ein Zeichen Eurer Excellenz wird er in die Hände eines Ihrer Leute das Halsband niederlegen, dem das Glück zu Theil geworden ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Genehmigen Sie, gnädigster Herr, die Versicherung tiefer Ehrfurcht u. s. w. u. s. w. »Böhmer und Bossange.« »Nun!« sprach Don Manoel, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, »das Halsband gehört uns.« »Nein, nein,« entgegnete Beausire, »es gehört uns erst, wenn wir es gekauft haben; kaufen wir es?« »Wie?« »Eure Excellenz versteht das Französische nicht, das ist abgemacht; vor Allem aber entledigen wir uns des Herrn Kanzlers.« »Wie?« »Auf die allereinfachste Art; man muß ihm eine wichtige diplomatische Sendung geben, das übernehme ich.« »Sie haben Unrecht, er wird hier unsere Bürgschaft sein.« »Er wird sagen, Sie sprechen Französisch wie Herr Bossange und ich.« »Er wird es nicht sagen, wenn ich ihn darum bitte.« »Gut, er bleibe, lassen Sie den Mann mit den Diamanten eintreten.« Der Mann wurde eingeführt; es war Herr Böhmer in Person, Böhmer, der die tiefsten Bücklinge schnitt und die demüthigsten Entschuldigungen stammelte: worauf er seine Diamanten überreichte und Miene machte, sie zur Prüfung zurückzulassen. Don Manoel behielt sie. »Genug der Proben,« sagte Beausire, »Sie sind ein mißtrauischer Kaufmann; Sie müssen ehrlich sein. Setzen Sie sich hierher und lassen Sie uns sprechen, da Ihnen der Herr Gesandte verzeiht.« »Ach! welche Mühe hat man, was muß man ausstehen, um zu verkaufen!« seufzte Böhmer. »Welche Mühe macht man sich, um zu stehlen!« dachte Beausire.   XXIX. Der Handel. Nun verstand sich der Herr Gesandte dazu, das Halsband im Einzelnen zu untersuchen. Herr Böhmer zeigte begierig jedes Stück und hob jede Schönheit hervor. »Ueber die Gesammtheit dieser Steine,« sagte Beausire, mit dem Don Manoel portugiesisch gesprochen hatte, »über die Gesammtheit weiß der Herr Gesandte nichts zu sagen, diese ist befriedigend. Was die Diamanten selbst betrifft, so ist nicht dasselbe der Fall: Seine Excellenz hat zehn ein wenig gepickte, ein wenig fleckige gezählt.« »Oh!« machte Böhmer. »Seine Excellenz,« unterbrach ihn Beausire, »versteht sich besser als Sie auf Diamanten; die adeligen Portugiesen spielen in Brasilien mit Diamanten, wie hier die Kinder mit Glas.« Don Manoel legte wirklich den Finger auf mehrere Diamanten hinter einander, und machte mit bewunderungswürdiger Scharfsicht die unscheinbaren Fehler bemerkbar, die vielleicht sogar ein Kenner nicht getadelt hätte. »So aber, wie es ist,« sprach Böhmer, etwas erstaunt darüber, daß er in einem so vornehmen Herrn einen so feinen Juwelier erblickte, »so wie es ist, ist dieses Halsband die schönste Verbindung von Diamanten, die es in diesem Augenblick in Europa gibt.« »Das ist wahr,« erwiderte Don Manoel, und auf ein Zeichen fügte Beausire bei: »Wohl, Herr Böhmer, hören Sie, wie sich die Sache verhält. Ihre Majestät die Königin von Portugal hat von dem Halsband sprechen gehört; sie hat Seine Excellenz beauftragt, über den Ankauf zu unterhandeln, nachdem der Herr Gesandte die Diamanten gesehen. Die Diamanten sagen Seiner Excellenz zu; was verlangen Sie für das Halsband?« »Sechzehnmal hunderttausend Livres.« Beausire wiederholte seinem Gesandten die Zahl. »Das ist um hunderttausend Livres zu theuer,« sprach Don Manoel. »Gnädiger Herr,« erwiderte Böhmer, »man kann den Nutzen bei einem Gegenstand von dieser Bedeutung nicht genau berechnen; es waren, um einen Schmuck von diesem Werth zu verfertigen, Nachforschungen und Reisen erforderlich, über die man erschrecken würde, wenn man sie kannte, wie ich.« »Hunderttausend Livres zu theuer,« wiederholte der zähe Portugiese. »Und wenn Ihnen der Herr Gesandte dieß sagt,« fügte Beausire bei, »so muß es bei ihm Ueberzeugung sein, denn Seine Excellenz handelt nie.« Böhmer schien ein wenig erschüttert. Nichts beruhigt argwöhnische Kaufleute so sehr, als ein Käufer, der handelt. Nachdem er einen Augenblick gezögert, sprach er: »Ich kann unmöglich eine Preisherabsetzung unterschreiben, welche die Differenz des Gewinns oder Verlustes zwischen meinem Associé und mir bildet.« Don Manoel hörte die Übersetzung von Beausire und stand auf. Beausire schloß das Etui und gab es Böhmer. »Ich werde indessen mit Herrn Bossange reden,« sagte der Letztere; »ist das Euer Excellenz genehm?« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Beausire. »Ich will damit sagen, der Herr Gesandte scheine fünfzehnmal hunderttausend Livres für das Halsband geboten zu haben.« »Ja.« »Bleibt Seine Excellenz bei ihrem Preis?« »Seine Excellenz geht nie von dem, was sie gesagt hat, zurück,« erwiderte Beausire, »aber Seine Excellenz weicht nicht immer vor dem Verdruß zurück, zu handeln oder mit sich handeln zu lassen.« »Herr Secretär, begreifen Sie nicht, daß ich mit meinem Associé sprechen muß?« »Oh! vollkommen, Herr Böhmer.« »Vollkommen,« erwiderte in portugiesischer Sprache Don Manoel, zu welchem die Aeußerung Böhmers gelangt war; »aber für mich ist auch eine rasche Lösung nothwendig.« »Wohl! gnädiger Herr, wenn mein Associé die Herabsetzung annimmt, so nehme ich sie zum Voraus an.« »Gut.« »Der Preis ist also nun fünfzehnmal hunderttausend Livres.« »Es sei.« »Es bleibt nur noch,« sagte Böhmer, »abgesehen von der Ratification des Herrn Bossange ...« »Natürlich.« »Es bleibt nur noch die Zahlungsweise.« »Sie werden in dieser Hinsicht nicht die geringste Schwierigkeit haben,« erwiderte Beausire. »Wie wollen Sie bezahlt sein?« »Ei! in baarem Gelde, wenn es möglich ist!« rief Böhmer lachend. »Was nennen Sie baares Geld?« fragte Beausire kalt. »Oh! ich weiß wohl, daß Niemand anderthalb Millionen in klingender Münze zu geben hat!« rief Böhmer seufzend. »Und Sie würden selbst darüber in Verlegenheit sein, Herr Böhmer.« »Herr Secretär, ich werde indessen nie in den Verkauf ohne Barzahlung einwilligen.« »Das ist nicht mehr als billig,« erwiderte Beausire. Und er wandte sich gegen Don Manoel und fragte: »Wie viel würde Euere Excellenz Herrn Böhmer baares Geld geben?« »Hunderttausend Livres,« antwortete der Portugiese. »Hunderttausend Livres bei Unterzeichnung des Kaufes,« sagte Beausire zu Böhmer. »Und das Uebrige?« fragte dieser. »In der Zeit, die eine Tratte braucht, um von Paris nach Lissabon zu gehen, wenn Sie nicht lieber den von Lissabon nach Paris abgeschickten Avis abwarten wollen.« »Oh!« erwiderte Böhmer, »wir haben einen Correspondenten in Lissabon; schreiben wir ihm ...« »Gut,« sagte Beausire, spöttisch lachend, »schreiben Sie ihm; fragen Sie ihn, ob Herr von Suza zahlungsfähig und ob Ihre Majestät die Königin für vierzehnmal hunderttausend Livres gut sei.« »Mein Herr,« stammelte Böhmer ganz verwirrt. »Nehmen Sie an, oder ziehen Sie andere Bedingungen vor?« »Die, welche der Herr Secretär mir zuerst stellen wollte, scheinen mir annehmbar. Sollen Raten bei der Bezahlung stattfinden?« »Drei Raten, jede von fünfmalhunderttausend Livres, und daraus ginge für Sie eine schöne Reise hervor.« »Eine Reise nach Lissabon?« »Warum nicht? In drei Monaten anderthalb Millionen eincassiren, das lohnt sich doch der kleinen Mühe.« »Oh! gewiß, aber ...« »Ueberdieß reisen Sie auf Kosten der Gesandtschaft, und ich, oder der Herr Kanzler, wir werden Sie begleiten.« »Ich würde die Diamanten bei mir haben?« »Ohne allen Zweifel, wenn Sie es nicht vorziehen, die Tratten von hier abzuschicken und die Diamanten allein gehen zu lassen.« »Ich weiß nicht ... ich ... glaube ... die Reise wäre unnöthig, und ...« »Das ist auch meine Ansicht. Man würde hier unterzeichnen. Sie würden Ihre hunderttausend Livres baar Geld hier in Empfang nehmen, den Verkauf unterzeichnen und die Diamanten Ihrer Majestät überbringen ... Wer ist Ihr Correspondent?« »Die Herren Nunez Balboa und Gebrüder.« Don Manuel schaute empor und sprach lächelnd: »Das sind meine Banquiers.« »Das sind die Banquiers Seiner Excellenz,« sagte Beausire ebenfalls lächelnd. Böhmer schien zu strahlen; sein Gesicht hatte keine Wolke behalten; er verbeugte sich, als wollte er danken und Abschied nehmen. Plötzlich führte ihn eine Betrachtung zurück. »Was gibt es?« fragte Beausire unruhig. »Das Wort ist gegeben?« sagte Böhmer. »Ja gegeben.« »Abgesehen ...« »Abgesehen von der Ratifikation des Herrn Bossange, das haben wir gesagt.« »Abgesehen von einem andern Fall,« fügte Böhmer bei. »Ah! ah!« »Mein Herr, das ist ganz zarter Natur, und die Ehre des portugiesischen Namens ist ein zu mächtiges Gefühl, als daß Seine Excellenz meinen Gedanken nicht begreifen sollte.« »Welche Umschweife! Zur Sache!« »Hören Sie. Das Halsband ist Ihrer Majestät der Königin von Frankreich angeboten worden.« »Die es ausgeschlagen hat. Weiter?« »Wir können das Halsband nicht für immer aus Frankreich weggehen lassen, ohne die Königin davon zu benachrichtigen; und die Ehrfurcht, die Loyalität sogar fordern, daß wir Ihrer Majestät der Königin den Vorzug geben.« »Das ist richtig,« sprach Don Manoel mit Würde. »Ich wollte, ein portugiesischer Kaufmann würde ebenso sprechen, wie Herr Böhmer.« »Ich bin sehr glücklich und sehr stolz, daß Seine Excellenz mir beizustimmen die Gnade hat. Folgendes sind also die zwei vorhergesehenen Fälle: Ratifikation der Bedingungen durch Bossange, zweite und definitive abschlägige Antwort Ihrer Majestät der Königin von Frankreich. Hiezu bitte ich Sie um drei Tage.« »Von unserer Seite,« sagte Beausire, »hunderttausend Livres baar Geld, drei Tratten von fünfmal hunderttausend Livres in Ihre Hände gelegt, das Diamantkästchen dem Herrn Kanzler der Gesandtschaft oder mir übergeben, die wir geneigt sind, Sie nach Lissabon zu den Herren Nunez Balboa und Gebrüder zu begleiten. Vollständige Zahlung in drei Monaten. Reisekosten frei. »Ja, Ew. Excellenz, ja, mein Herr,« sprach Böhmer sich verbeugend. »Oh!« sagte Don Manoel, der nur Portugiesisch sprach. »Was denn?« versetzte Böhmer, nun ebenfalls unruhig. »Als Nadelgeld,« sprach der Gesandte, »einen Ring von tausend Bistolen für meinen Secretär, einen für meinen Kanzler, Ihren Reisegefährten, Herr Juwelier.« »Das ist nur zu billig, gnädiger Herr,« murmelte Böhmer »ich hatte diese Ausgabe schon in meinem Geiste gemacht.« Don Manoel entließ den Juwelier mit der Geberde eines vornehmen Herrn. Die zwei Verbündeten blieben allein. »Wollen Sie mir erklären,« sagte Don Manoel mit einer gewissen Heftigkeit zu Beausire, »erklären Sie mir, was für einen Teufelsgedanken Sie gehabt haben, daß die Diamanten nicht hier ausgeliefert werden sollen? Eine Reise nach Portugal, sind Sie verrückt? Konnte man nicht den Juwelieren die hunderttausend Livres geben und ihre Diamanten dagegen nehmen?« »Sie nehmen Ihre Gesandtenrolle zu sehr im Ernst,« erwiderte Beausire. »Sie sind noch nicht ganz Herr von Suza für Herrn Böhmer.« »Würde er unterhandelt haben, wenn er Verdacht gehabt hätte?« »So lange es Ihnen beliebt. Es ist möglich, er hätte nicht unterhandelt; aber jeder Mensch, der fünfzehnmal hunderttausend Livres besitzt, glaubt sich über allen Königen und allen Gesandten der Welt. Jeder Mensch, der fünfzehnmal hunderttausend Livres gegen Papierstücke tauscht, will wissen, ob diese Papiere etwas werth sind.« »Sie gehen also nach Portugal, Sie, der Sie gar nicht Portugiesisch verstehen? Ich sage Ihnen, Sie sind verrückt.« »Keines Wegs. Sie werden selbst dahin gehen.« »Oh! nein!« rief Don Manoel, »ich, nach Portugal zurückkehren, ich habe zu vortreffliche Gründe! Nein, nein.« »Ich erkläre Ihnen, daß Böhmer seine Diamanten nie gegen Papiere gegeben hätte.« »Papiere mit der Unterschrift eines Suza!« »Ich sagte ja, er hält sich für Suza!« rief Beausire, in die Hände klatschend. »Ich will lieber sagen hören, das Geschäft sei verfehlt.« »Entfernt nicht. Kommen Sie hierher, Herr Commandeur,« sprach Beausire zu dem Kammerdiener, der auf der Schwelle erschien. »Nicht wahr, Sie wissen, um was es sich handelt?« »Ja.« »Sie behorchten mich?« »Gewiß.« »Sehr gut. Sind Sie der Ansicht, ich habe eine Dummheit begangen?« »Ich bin der Ansicht, daß Sie hunderttausendmal Recht haben.« »Sagen Sie, warum?« »Herr Böhmer hätte nie aufgehört, das Hotel der Gesandtschaft und den Gesandten zu überwachen.« »Nun?« fragte Don Manoel. »Mit seinem Geld in der Hand, seinem Etui an der Seite wird Herr Böhmer keinen Verdacht haben und ruhig nach Portugal abreisen.« »Wir werden nicht so weit gehen, Herr Gesandter,« sagte der Kammerdiener, »nicht wahr, Herr Chevalier von Beausire?« »Oh! das ist ein Junge von Geist!« rief der Liebhaber Oliva's. »Erklären Sie Ihren Plan,« sprach Don Manoel ziemlich kalt. »Fünfzig Meilen von Paris,« sagte Beausire, zeigt dieser Junge von Geist, mit einer Maske vor dem Gesicht, unserem Postillon ein paar Pistolen; er raubt uns unsere Tratten, unsere Diamanten, prügelt Herrn Böhmer durch, und Alles ist abgethan.« »Ich verstand das nicht so,« sagte der Kammerdiener. »Ich sah Herrn Beausire sich mit Herrn Böhmer nach Portugal einschiffen.« »Sehr gut.« »Herr Böhmer liebt, wie alle Deutsche, das Meer und geht auf dem Verdeck spazieren. An einem Tag, wo das Schiff schwankt, neigt er sich hinaus und fällt. Man glaubt, das Etui sei mit ihm hinabgefallen. Warum sollte die See nicht für fünfzehnmal hunderttausend Livres Diamanten behalten, während sie die indischen Galionen behalten hat?« »Ah! ja, ich begreife,« sagte der Portugiese. »Das ist ein Glück,« brummte Beausire. »Nur,« versetzte Don Manoel, »nur wird man dafür, daß man Diamanten entwendet, in die Bastille geworfen, dafür, daß man den Herrn Juwelier hat in's Meer schauen lassen, gehenkt.« »Hat man Diamanten gestohlen, so kann man festgenommen werden,« entgegnete der Commandeur; »dafür aber, daß man diesen Menschen ertränkt, kann man nicht eine Minute in Verdacht kommen.« »Wir werden überdieß sehen, wenn wir einmal dort sind,« sagte Beausire. »Nun zu unseren Rollen. Betreiben wir die Gesandtschaft als Muster-Portugiesen, damit man von uns sage: Waren sie nicht ächte Gesandte, so sahen sie wenigstens so aus. Das ist immerhin schmeichelhaft. Warten wir die drei Tage ab.   XXX. Das Haus des Zeitungsschreiber. Es war am Tage, nachdem die Portugiesen mit Böhmer das Geschäft gemacht hatten, und drei Tage nach dem Opernball, dem wir einige von den Hauptpersonen dieser Geschichte beiwohnen sahen. In der Rue Montorgueil, im Hintergrunde eines durch ein Gitter geschlossenen Hofes, erhob sich ein kleines, langes, schmales Haus, geschützt vor dem Geräusch der Straße durch Läden, welche an das Provinzleben erinnerten. Im Hintergrunde dieses Hofes bot das Erdgeschoß, das man mittelst einer Sondirung der verschiedenen Furten von zwei oder drei stinkenden Pfützen suchen mußte, eine Art von halboffener Bude, wenn man das Hinderniß des Gitters überwunden und den Raum des Hofes durchschritten hatte. Es war dieß das Haus eines ziemlich bekannten Journalisten, eines Zeitungsschreibers, wie man damals sagte. Der Redacteur bewohnte den ersten Stock. Das Erdgeschoß diente zur Aufhäufung der Zeitungslieferungen, welche mit Nummern versehen waren. Die zwei andern Stockwerke gehörten ruhigen Leuten, welche sehr wohlfeil die Unannehmlichkeit bezahlten, mehrere Male im Hofe geräuschvollen Scenen beizuwohnen, die dem Zeitungsschreiber durch Polizeiagenten, durch beleidigte Privatleute oder durch Schauspieler, welche er als Heloten behandelt hatte, gemacht wurden. An diesem Tage schloßen die Miethleute vom Hause mit dem Gitter, so nannte man es im Quartier, ihre vorderen Fenster, um besser das Gezänke des Zeitungsschreibers zu hören, der, wenn er verfolgt wurde, sich gewöhnlich in die Rue des Vieux-Augustins durch einen Ausgang flüchtete, welcher auf gleichem Boden mit seinem Zimmer lag. Eine Geheimthüre öffnete und schloß sich wieder, der Lärm hörte auf; der bedrohte Mensch war verschwunden; die Angreifer befanden sich allein vor vier Füsilieren der französischen Garde, welche eine Magd in der Eile auf dem Posten in der Halle requirirt hatte. Es geschah wohl zuweilen, daß die Angreifenden, wenn sie Niemand fanden, gegen den sie ihren Zorn losbrechen lassen konnten, sich an die befeuchteten Papierwische des Erdgeschosses hielten und eine Anzahl schuldiger Papiere zerrissen, zerstampften oder verbrannten, wenn sich unglücklicher Weise Feuer in der Gegend befand. Aber was ist ein Stück Zeitung für eine Rache, welche Stücke von der Haut des Zeitungsschreibers fordert? Abgesehen von diesen Scenen war die Ruhe des Hauses mit dem Gitter beinahe sprichwörtlich. Herr Reteau ging Morgens aus, machte seine Runde auf den Quais, auf den Plätzen und den Boulevards. Er fand die Lächerlichkeiten, die Laster, schrieb Noten dazu, zeichnete sie nach der Natur und nahm sie ganz porträtirt in seine nächste Nummer auf. Die Zeitung erschien wöchentlich. Das heißt vier Tage hindurch machte Herr Reteau seine Artikeljagd, die drei andern Tage ließ er drucken, und der Tag, an dem er die Nummer veröffentlichte, war für seine Belustigung bestimmt. Das Blatt war an dem Tag, von dem wir sprechen, erschienen, gerade zweiundsiebenzig Stunden nach dem Opernball, wo Mlle. Oliva so viel Vergnügen am Arm eines blauen Domino gefunden hatte. Herr Reteau stand um acht Uhr auf und empfing von seiner alten Magd die noch feuchte und unter ihrem graurothen Umschlag stinkende Nummer des Tages. Er beeilte sich, diese Nummer mit der Sorgfalt zu lesen, die ein zärtlicher Vater darauf verwendet, daß er die guten Eigenschaften oder Fehler seines geliebten Sohnes die Revue passieren läßt. Als er geendigt hatte, sagte er zu der Alten: »Aldegonde, das ist eine hübsche Nummer, hast Du sie gelesen?« »Nein, noch nicht, meine Suppe ist noch nicht fertig,« antwortete die Alte. »Ich bin mit dieser Nummer zufrieden,« sagte der Zeitungsschreiber, indem er über seinem mageren Bett seine noch viel magereren Arme erhob. »Ja,« versetzte Aldegonde, »doch wissen Sie, was man in der Druckerei sagt?« »Was sagt man?« »Man sagt, sicherlich werden Sie dießmal der Bastille nicht entgehen.« Reteau setzte sich auf und sprach mit ruhigem Tone: »Aldegonde, Aldegonde! mach mir eine gute Suppe und mische Dich nicht in die Literatur. »Oh! immer derselbe!« rief die Alte, »frech wie ein Spatz!« »Ich kaufe Dir Ohrringe mit der heutigen Nummer,« sprach der Zeitungsschreiber, während er sich in sein zweideutig weißes Leintuch hüllte. »Hat man schon viele Exemplare gekauft?« »Noch nicht, und meine Ohrringe werden nicht sehr glänzend sein, wenn das so fortgeht. Erinnern Sie sich der guten Nummer gegen Herrn von Broglie? Es war noch nicht zehn Uhr, als man schon hundert Nummern verkauft hatte.« »Und ich war dreimal durch die Rue des Vieux-Augustins passirt,« sagte Reteau; »jedes Geräusch machte mir Fieber; diese Militäre sind so roh.« »Daraus schließe ich,« fuhr die alte zähe Aldegonde fort, »daß die heutige Nummer nicht so viel Werth sein wird, als die des Herrn von Broglie.« »Es mag sein; doch ich werde nicht so viel zu laufen haben und in Ruhe meine Suppe essen. Weißt Du warum, Aldegonde?« »Meiner Treue, nein, Herr.« »Statt einen Menschen anzugreifen, greife ich einen Körper an; statt einen Militär anzugreifen, greife ich eine Königin an.« »Die Königin! Gott sei gelobt,« murmelte die Alte; »dann seien Sie unbesorgt, greifen Sie die Königin an, so werden Sie im Triumph getragen; wir verkaufen die Nummern, und ich bekomme meine Ohrringe.« »Man läutet,« sagte Reteau, der wieder in sein Bett zurückgekehrt war. Die Alte lief nach der Bude, um den Besuch zu empfangen. Nach einem Augenblick kam sie leuchtend, triumphirend wieder herauf. »Tausend Exemplare auf einmal, tausend: das ist eine Bestellung.« »In wessen Namen?« fragte Reteau lebhaft. »Ich weiß es nicht.« »Ich muß es wissen, lauf geschwind.« »Oh! wir haben Zeit; es ist keine Kleinigkeit, tausend Nummern zu zählen, mit Schnur zu umbinden und aufzuladen.« »Lauf geschwind, sage ich Dir, und frage den Bedienten ... ist es ein Bedienter?« »Es ist ein Commissionär, ein Auvergnate, mit seinem Reff.« »Gut! forsche ihn aus, frage ihn, wohin er diese Nummern trage.« Aldegonde beeilte sich; ihre plumpen Beine machten die hölzerne Treppe ächzen und ihre fragende Stimme ertönte unablässig durch die Bretter. Der Commissionär erwiderte, er trage diese Nummern nach der Rue Neuve-Saint-Gilles im Marais zu dem Grafen von Cagliostro. Der Zeitungsschreiber machte einen Freudensprung, der sein Lager beinahe umgestürzt hätte. Er stand auf und beschleunigte selbst die Expedition, die der Sorge eines einzigen Commis, einer Art von hungrigem Schatten, noch durchsichtiger als die gedruckten Blätter, anvertraut war. Die tausend Exemplare wurden auf das Reff des Auvergnaten geladen und dieser verschwand, gebückt unter seiner Last, durch das Gitter. Herr Reteau schickte sich an, für die nächste Nummer den günstigen Erfolg von dieser aufzuzeichnen und einige Zeilen dem edelmüthigen Mann zu widmen, der die Gnade gehabt, tausend Nummern von einem angeblich politischen Pamphlet zu nehmen. Herr Reteau, sagen wir, wünschte sich Glück, eine so vortreffliche Bekanntschaft gemacht zu haben, als die Klingel abermals im Hofe ertönte. »Noch einmal tausend Exemplare,« sagte Aldegonde, angelockt durch die erste Gunst des Schicksals. »Ah! Herr, darüber darf man sich nicht wundern; sobald es sich um die Oesterreicherin handelt, macht alle Welt Chorus.« »Stille! stille, Aldegonde: sprich nicht so laut, das ist eine Beleidigung, die mir die Bastille eintragen würde, welche Du mir geweissagt hast.« »Nun! was,« versetzte die Alte mit bissigem Ton, »ja oder nein, ist sie die Oesterreicherin?« »Das ist ein Wort, welches wir Journalisten in Umlauf bringen, mit dem man aber nicht verschwenderisch umgehen darf.« Abermaliges Läuten. »Sieh nach, Aldegonde, ich glaube nicht, daß dieß ist, um Nummern zu kaufen.« »Warum glauben Sie das?« fragte die Alte hinabsteigend. »Ich weiß es nicht; mir scheint, ich sehe einen Menschen von unheilverkündendem Gesicht am Gitter.« Aldegonde stieg fortwährend hinab, um zu öffnen. Herr Reteau schaute mit einer Aufmerksamkeit, die man begreifen wird, nachdem wir den Menschen und seine Officin geschildert haben. Aldegonde öffnete in der That einem einfach gekleideten Mann, der sich erkundigte, ob man den Redacteur der Zeitung zu Hause finde. »Was haben Sie ihm zu sagen?« fragte Aldegonde etwas mißtrauisch. Und sie machte die Thüre kaum ein wenig auf, bereit, sie beim ersten Anschein von Gefahr wieder zuzuschlagen. Der Mann ließ Thaler in seiner Tasche klingen. Dieser Metallton erweiterte das Herz der Alten. »Ich komme,« sagte er, »um die tausend Exemplare der heutigen Zeitung zu bezahlen, die man im Namen des Herrn Grafen von Cagliostro geholt hat.« »Ah! wenn es so ist, treten Sie ein.« Der Mann ging durch das Gitter; doch er hatte es noch nicht wieder geschlossen, als hinter ihm ein anderer Besuch, ein großer junger Mann von schönem Aussehen, dieses Gitter mit den Worten: »Verzeihen Sie, mein Herr!« zurückhielt. Und ohne anders um Erlaubniß zu bitten, schlüpfte er hinter dem vom Grafen von Cagliostro abgesandten Bezahler herein. Ganz nur mit dem Gewinn beschäftigt, bezaubert durch den Klang der Thaler, kam Aldegonde zu ihrem Gebieter. »Ah!« sagte sie, »Alles geht gut. Hier sind die fünfhundert Livres von dem Herrn mit den tausend Exemplaren.« »Empfangen wir sie auf eine noble Weise,« sprach Reteau, Larive in seiner neuesten Schöpfung parodirend. Und er drapirte sich mit einem ziemlich schönen Schlafrock, den er der Freigebigkeit oder vielmehr der Angst von Madame Dugazon zu verdanken hatte, welcher er seit ihrem Abenteuer mit dem Kunstreiter Astley viele Geschenke aller Art entlockte. Der Bezahler des Grafen von Cagliostro erschien, legte ein Säckchen mit Sechs-Livres-Thalern auf den Tisch und zählte davon bis hundert, die er in zwölf Haufen setzte. Reteau zählte sehr genau nach und schaute, ob die Stücke nicht beschnitten waren. Als er die Rechnung richtig fand, dankte er, gab eine Quittung und entließ mit einem freundlichen Lächeln den Zahler, bei dem er sich boshafter Weise nach dem Befinden des Herrn Grafen von Cagliostro erkundigte. Der Mann mit den Thalern dankte wie für ein ganz natürliches Compliment und zog sich zurück. »Sagen Sie dem Herrn Grafen, ich erwarte ihn bei seinem ersten Wunsche,« sagte Reteau, »und fügen Sie bei, er möge ruhig sein, ich wisse ein Geheimniß zu bewahren.« »Es ist unnöthig,« erwiderte der Zahler, »der Herr Graf von Cagliostro ist unabhängig, er glaubt nicht an den Magnetismus; er will, daß man über Herrn Mesmer spotte, und verbreitet das Abenteuer mit der Kufe zu seinem kleinen Vergnügen.« »Gut!« murmelte eine Stimme auf der Thürschwelle, »wir werden bemüht sein, daß man auch auf Kosten des Herrn von Cagliostro lacht.« Und Herr Reteau sah in seinem Zimmer eine Person erscheinen, die ihm noch viel finsterer als die erste vorkam. Es war, wie gesagt, ein kräftiger junger Mann, doch, Reteau theilte keines Wegs die Ansicht, die wir über sein gutes Aussehen ausgesprochen haben. Er hatte in der That die linke Hand auf dem Knopf eines Degens und die rechte Hand auf dem Knopf eines Stockes. »Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr?« fragte Reteau mit einem gewissen Zittern, das ihn bei jeder etwas schwierigen Gelegenheit befiel. Daraus geht hervor, daß Reteau, da die schwierigen Gelegenheiten nicht selten waren, oft zitterte. »Sind Sie Herr Reteau?« fragte der Unbekannte. »Ich bin es.« »Der sich de Billette nennt?« »Ich bin es, mein Herr.« »Zeitungsschreiber?« »Das bin ich immer.« »Verfasser dieses Artikels?« sagte kalt der Unbekannte, indem er aus seiner Tasche eine noch frische Nummer der Zeitung des Tages zog. »Ich bin in Wirklichkeit nicht der Verfasser, sondern der Veröffentlicher.« »Sehr gut; das kommt genau auf dasselbe heraus, denn wenn Sie nicht den Muth besaßen, den Artikel zu schreiben, so hatten Sie doch wenigstens die Feigheit, ihn erscheinen zu lassen. Ich sage, Feigheit,« fuhr der Unbekannte mit kaltem Tone fort, »denn als Edelmann bin ich bemüht, meine Ausdrücke selbst in dieser Baracke abzumessen. Doch Sie dürfen das, was ich sage, nicht buchstäblich nehmen, denn was ich sage, drückt meinen Gedanken nicht aus. Drückte ich meinen Gedanken aus, so würde ich sagen: Derjenige, welcher den Artikel geschrieben hat, ist ein Schandbube; derjenige, welcher ihn veröffentlicht hat, ist ein Elender.« »Mein Herr!« rief Reteau erbleichend. »Ah! bei Gott! das ist eine schlimme Geschichte, es ist wahr,« fuhr der junge Mann fort, der sich immer mehr belebte, je mehr er sprach. »Aber hören Sie doch, mein Herr Schmierer, jedes Ding hat seine Zeit; soeben haben Sie die Thaler erhalten, nun sollen Sie die Prügel bekommen,« »Oh! wir wollen sehen!« rief Reteau. »Und was wollen wir sehen?« versetzte mit kurzem, ganz militärischem Ton der junge Mann, der, während er diese Worte sprach, auf seinen Gegner zuging. Doch Reteau war nicht bei dem ersten Fall dieser Art; er kannte die Gelegenheit seines Hauses, er brauchte sich nur umzuwenden, um eine Thüre zu finden, durch diese hinauszuschlüpfen, den Flügel zuzuschlagen, sich desselben als eines Schildes zu bedienen und von da in ein anliegendes Zimmer zu eilen, das nach dem erwähnten Nebenausgang ausmündete, der auf die Rue des Vieux-Augustins führte. Sobald er hier war, war er auch in Sicherheit: er fand ein anderes Gitter, das er mit einem Umdrehen des Schlüssels – und der Schlüssel war immer bereit – öffnete, wornach er aus Leibeskräften entlaufen konnte. Dieser Tag war aber ein Unglückstag für den armen Zeitungsschreiber, denn in dem Augenblick, wo er die Hand an den Schlüssel legte, erblickte er durch die Oeffnung in der Mauer einen andern Mann, der ihm, ohne Zweifel vergrößert durch die Aufregung des Blutes, wie ein Hercules vorkam, und der, unbeweglich, drohend, zu warten schien, wie der hesperische Drache auf die Esser der goldenen Aepfel wartete. Reteau wäre gern umgekehrt, aber der junge Mann mit dem Stock, derjenige, welcher zuerst vor seinen Augen erschienen war, hatte mit einem Fußtritt die Thüre eingestoßen, war ihm gefolgt und durfte nun, da Reteau durch den Anblick der anderen, ebenfalls mit Stock und Degen bewaffneten Schildwache zurückgehalten wurde, nur die Hand ausstrecken, um ihn zu packen. Reteau fand sich zwischen zwei Feuern gefaßt, oder vielmehr zwischen zwei Stöcken, in einem kleinen, dunkeln, dumpfen Hofe, der zwischen den letzten Zimmern der Wohnung und dem glückseligen Gitter lag, das auf die Rue des Vieux-Augustins ging, d. h. wenn der Weg unbesetzt gewesen wäre, Rettung und Freiheit gebracht hätte. »Mein Herr, lassen Sie mich gehen, ich bitte Sie,« sagte Reteau zu dem jungen Mann, der das Gitter bewachte. »Mein Herr!« rief der junge Mann, der Reteau verfolgte, »mein Herr, nehmen Sie diesen Elenden fest.« »Seien Sie unbesorgt, Herr von Charny, er wird nicht durchkommen,« erwiederte der junge Mann vom Gitter. »Herr von Taverney, Sie hier!« rief Charny, denn er war es wirklich, der sich zuerst bei Reteau hinter dem Bezahler und durch die Rue Montorgueil eingefunden hatte. Beiden war am Morgen, als sie die Zeitung gelesen, derselbe Gedanke gekommen, weil sie dasselbe Gefühl im Herzen trugen, und ohne denselben auch nur entfernt einander mitzutheilen, hatten sie diesen Gedanken in Ausführung gebracht. Sie wollten zu dem Zeitungsschreiber gehen, Genugthuung von ihm verlangen und ihn durchprügeln, im Fall er keine geben wollte. Nur empfand Jeder von ihnen, als er den Andern erblickte, eine Regung übler Laune; Jeder errieth einen Nebenbuhler in dem Mann, der dasselbe Gefühl, wie er, gehabt hatte. Herr von Charny sprach daher mit einem ziemlich verdrießlichen Ausdruck die fünf Worte: »Herr von Taverney, Sie hier?« »Ich selbst,« erwiderte Philipp mit demselben Ausdruck der Stimme, wahrend er seinerseits eine Bewegung gegen den flehenden Zeitungsschreiber machte, der seine beiden Arme durch das Gitter streckte, »ich selbst, doch mir scheint, ich bin zu spät gekommen. Nun Wohl, ich werde nur dem Feste beiwohnen, wofern Sie nicht die Güte haben, mir die Thüre zu öffnen.« »Dem Feste,« murmelte erschrocken der Zeitungsschreiber, »dem Feste, was sagen Sie da? Wollen Sie mich etwa erwürgen, meine Herren?« »Oh!« erwiderte Charny, »das Wort ist stark. Nein, mein Herr, wir wollen Sie nicht erwürgen, aber wir werden Sie befragen und dann sehen. Sie erlauben, Herr von Taverney, daß ich nach meinem Gutdünken gegen diesen Menschen verfahre?« »Gewiß, mein Herr.« erwiderte Philipp, »Sie haben den Vortritt, da Sie zuerst gekommen sind.« »Lehnen Sie sich an die Wand und rühren Sie sich nicht,« sprach Charny zu dem Zeitungsschreiber, während er zugleich mit der Geberde dankte. »Sie gestehen also, mein lieber Herr, daß Sie gegen die Königin das kurzweilige Mährchen, so nennen Sie es, das diesen Morgen in Ihrer Zeitung erschienen ist, geschrieben und veröffentlicht haben?« »Mein Herr, es ist nicht gegen die Königin.« »Ah! das fehlte nur noch.« »Ah! Sie sind sehr geduldig, mein Herr!« rief Philipp von der andern Seite des Gitters. »Seien Sie unbesorgt,« erwiderte Charny, »der Bursche wird durch das Warten nicht verlieren.« »Ja,« murmelte Philipp, »aber ich warte auch.« Charny antwortete nicht, wenigstens nicht Taverney. Aber wandte sich gegen den unglücklichen Reteau und sagte: »Etteniotna ist umgekehrt Antoinette ... Oh! lügen Sie nicht, mein Herr, das wäre so gemein, daß ich Sie, statt Sie zu schlagen oder anständig umzubringen, bei lebendigem Leibe schinden würde. Antworten Sie also und zwar kategorisch. Ich frage Sie, ob Sie der einzige Urheber dieses Pamphlets sind?« »Ich bin kein Angeber,« erwiderte Reteau, sich aufrichtend. »Sehr gut! damit sagen Sie, daß Sie einen Mitschuldigen haben; vor Allem der Mann, der Ihnen tausend Exemplare von dieser Schmähschrift abkaufen ließ, der Graf von Cagliostro, wie Sie vorhin sagten, wohl! der Graf wird für sich selbst bezahlen, wenn Sie für Ihre Person bezahlt haben werden.« »Mein Herr, ich klage ihn nicht an,« jammerte der Zeitungsschreiber, der sich dem Doppelzorn dieser zwei Männer auszusetzen fürchtete, abgesehen von dem Zorn Philipps, welcher jenseits des Gitters erbleichte. »Da ich Sie aber zuerst in meinen Händen habe, so werden Sie auch zuerst bezahlen.« Und er hob seinen Stock in die Höhe. »Mein Herr, wenn ich einen Degen hätte,« heulte der Zeitungsschreiber. Charny ließ seinen Stock sinken. »Herr Philipp,« sagte er, »ich bitte Sie, leihen Sie diesem Burschen Ihren Degen.« »Oh! keineswegs, ich leihe meinen ehrlichen Degen diesem Menschen nicht; hier ist mein Stock, wenn Sie nicht genug an dem Ihrigen haben. Doch nach meinem Gewissen kann ich nichts Anderes für ihn und für Sie thun.« »Alle Wetter! einen Stock,« sagte Reteau außer sich; »wissen Sie, mein Herr, daß ich ein Edelmann bin?« »So leihen Sie mir Ihren Degen,« sagte Charny, indem er den seinigen dem erbleichenden Zeitungsschreiber vor die Füße warf. »Ich werde dadurch quitt sein, daß ich diesen nicht mehr berühre.« Philipp hatte keine Einwendung mehr zu machen. Er zog seinen Degen aus der Scheide und reichte ihn durch das Gitter Charny. Charny nahm ihn mit einer Verbeugung. »Ah! Du bist Edelmann,« sagte er, sich gegen Reteau umwendend, »Du bist Edelmann und schreibst über die Königin von Frankreich solche Schändlichkeiten! Wohl! so hebe diesen Degen auf und beweise, daß Du Edelmann bist.« Aber Reteau rührte sich nicht; es war, als hätte er eben so sehr Angst vor dem Degen, der zu seinen Füßen lag, als vor dem Stock, der einen Augenblick über seinem Haupte geschwebt hatte. »Alle Teufel!« rief Philipp außer sich, »öffnen Sie mir doch dieses Gitter.« »Verzeihen Sie, mein Herr,« erwiderte Charny, »Sie haben zugestanden, daß dieser Herr zuerst mir gehöre.« »So machen Sie schnell ein Ende, denn es drängt mich, auch anzufangen.« »Ich mußte zuerst alle Mittel erschöpfen, ehe ich zu diesem Aeußersten greife, denn ich finde, daß es beinahe eben so viel kostet, Prügel zu geben, als zu empfangen; da aber der Herr die Stockschläge entschieden den Degenstichen vorzieht, so soll er nach seinem Gefallen bedient werden.« Kaum waren diese Worte gesprochen, als ein von Reteau ausgestoßener Schrei verkündigte, daß Charny die That mit den Worten verbunden hatte. Fünf bis sechs gut aufgemessene Schläge, von denen jeder einen dem Schmerz, den er hervorbrachte, gleichkommenden Schrei entriß, folgten auf den ersten. Diese Schreie zogen die alte Aldegonde herbei; doch Charny kümmerte sich eben so wenig um ihre Schreie, als er sich um die ihres Herrn bekümmerte. Während dieser Zeit zernagte sich Philipp, der sich wie Adam jenseits des Paradieses befand, die Finger und ging wie ein Bär, welcher das rohe Fleisch vor seinem Gitter riecht, im Ringe umher. Endlich hielt Charny, des Prügelns müde, inne, und Reteau, der an seiner Prügelsuppe mehr als genug hatte, warf sich zu Boden. »Mein Herr!« rief Philipp, »sind Sie fertig?« »Ja.« sagte Charny. »Wohl! so geben Sie mir nun meinen Degen zurück, der Ihnen unnütz gewesen ist, und öffnen Sie mir gefälligst.« »Oh! mein Herr,« flehte Reteau, der einen Vertheidiger in dem Manne sah, welcher seine Rechnung mit ihm abgeschlossen. »Sie begreifen, daß ich den Herrn nicht vor der Thüre lassen kann,« erwiderte Charny; »ich werde ihm also öffnen.« »Oh! das ist ein Mord!« rief Reteau, »tödten Sie mich auf der Stelle mit einem Degenstich, und damit sei es vorbei.« »Beruhigen Sie sich,« sagte Charny, »ich glaube, dieser Herr wird Sie nicht einmal anrühren.« »Und Sie haben Recht,« sprach Philipp, der eben eingetreten war, mit erhabener Verachtung. »Sie sind geprügelt worden, das ist gut und wie der juridische Grundsatz sagt: non bis in idem , aber es sind Nummern von der Auflage übrig, und es ist wichtig, sie zu zerstören.« »Ah! sehr gut!« rief Charny, »Sie sehen, es ist besser, zu zwei als allein zu sein; ich hätte es vielleicht vergessen; doch durch welchen Zufall waren Sie vor diesem Gitter, Herr von Taverney?« »Hören Sie,« erwiderte Philipp. »Ich habe mich in dem Quartier nach den Gebräuchen dieses Schuftes erkundigt und erfahren, es sei seine Gewohnheit, zu entfliehen, wenn man ihm den Daumen auf das Auge drücke. Ich ließ mich über seine Mittel zur Flucht unterrichten und dachte, wenn ich mich durch die Geheimthüre einfände, statt durch die gewöhnliche Thüre zu kommen, so würde ich meinen Fuchs in seinem Bau fangen. Derselbe Rachegedanke war Ihnen gekommen, nur hatten Sie, eiliger als ich, weniger vollständige Erkundigungen eingezogen. Sie sind durch die allgemeine Thüre eingetreten, und er war nahe daran, Ihnen zu entkommen, als Sie zum Glück mich hier fanden.« »Und ich freue mich darüber! Kommen Sie, Herr von Taverney ... dieser Bursche soll uns zu seiner Presse führen.« »Meine Presse ist nicht hier,« sagte Reteau. »Lüge!« rief Charny drohend. »Nein, nein,« entgegnete Philipp, »Sie sehen, daß er Recht hat, die Lettern sind schon abgelegt; es ist nur noch die Auflage vorhanden. Die Auflage aber muß, außer den an Herrn von Cagliostro verkauften Exemplaren, vollständig sein.« »Dann soll er diese Auflage in unserer Gegenwart zerreißen; nein, er soll sie verbrennen, das ist sicherer.« Philipp billigte diese Art der Befriedigung und schob Reteau nach der Bude fort.   XXXI. Wie zwei Freunde Feinde werden. Aldegonde, welche ihren Herrn hatte schreien hören und die Thüre verschlossen fand, war indessen weggelaufen, um die Wache zu holen. Doch ehe sie zurückkam, hatten Philipp und Charny Zeit gehabt, ein glänzendes Feuer mit den ersten Nummern der Zeitung anzuzünden und dann zerrissen die andern Blätter darauf zu werfen, die in Brand geriethen, sobald die Flamme sie berührte. Die Nachrichter waren bei den letzten Nummern, als die Wache hinter Aldegonde am Ende des Hofes erschien, und zugleich mit der Wache hundert Straßenjungen und Gevatterinnen aller Art. Die ersten Gewehre erschollen auf den Platten des Vorhauses, als die letzte Nummer der Zeitung flammte. Zum Glück kannten Philipp und Charny den Weg, den Reteau ihnen unkluger Weise gezeigt hatte; sie eilten durch den geheimen Gang, schoben die Riegel vor, traten durch das Gitter in die Rue des Vieux-Augustins hinaus, schloßen das Gitter dreifach und warfen den Schlüssel in die erste Rinne, die sich fand. Mittlerweile schrie Reteau, der frei geworden war: »Zu Hülfe! Meuchler! Mörder! zu Hülfe!« und Aldegonde, welche die Fensterscheiben von den Reflexen des brennenden Papiers sich entflammen sah, schrie: »Feuer! Feuer!« Die Fusiliere kamen; da sie aber die zwei jungen Leute weggegangen und das Feuer erloschen fanden, so hielten sie es nicht für geeignet, ihre Nachforschungen weiter fortzusetzen; sie ließen Reteau sich den Rücken mit Kampferspiritus einreiben und kehrten nach dem Wachhause zurück. Aber stets neugieriger als die Wache, lagerte die Menge bis Nachmittag im Hofe des Herrn Reteau, immer in der Hoffnung, daß die Scene vom Morgen sich wiederholen würde. Aldegonde blasphemirte in ihrer Verzweiflung den Namen Marie Antoinette, indem sie diese die Oesterreicherin hieß, und segnete Herrn von Cagliostro, den sie den Beschützer der Wissenschaften nannte. Als Taverney und Charny sich auf der Rue des Vieux-Augustins befanden, sagte Charny: »Mein Herr, darf ich nun, da unsere Execution abgethan ist, hoffen, daß ich das Glück haben werde, Ihnen in etwas zu Diensten sein zu können?« »Ich danke tausendmal, mein Herr, ich wollte eben dieselbe Frage an Sie richten, mein Herr; ich war nach Paris in Privatangelegenheiten gekommen, die mich wahrscheinlich einen Theil des Tages hier aufhalten werden.« »Und ich auch, mein Herr.« »Erlauben Sie also, daß ich Abschied von Ihnen nehme und mir zu der Ehre, sie getroffen zu haben, Glück wünsche.« »Erlauben Sie mir, Ihnen dasselbe Compliment zu machen und beizufügen, es würde mich ungemein freuen, wenn die Angelegenheit, wegen deren Sie hierher gekommen sind, einen glücklichen Verlauf nähme.« Und die zwei Männer grüßten sich mit einem Lächeln und einer Höflichkeit, wobei leicht zu sehen war, daß bei all den Worten, die sie ausgetauscht, die Lippen allein im Spiele gewesen. Als sie sich verließen, wandten sie sich den Rücken zu; Philipp ging gegen die Boulevards hinauf, Charny ging am Fluß hinab. Beide wandten sich zwei- bis dreimal um, bis sie sich aus dem Gesichte verloren hatten. Dann nahm Charny, der, wie gesagt, am Fluß hinabgegangen war, den Weg durch die Rue Beaurepaire, dann nach der Rue Beaurepaire durch die Rue du Renard, dann die Rue du Grand-Hurleur, die Rue Jean-Robert, die Rue des Gravilliers, die Rue Pastourel, die Rue d'Anjou, du Perche, Culture Sainte-Catherine, Saint-Anastase und Saint-Louis. Hier angelangt ging er die Rue Saint-Louis hinab und schritt nach der Rue Neuve-Saint-Gilles zu. Als er sich aber dieser Straße näherte, fiel sein Auge auf einen jungen Mann, der ebenfalls die Rue Saint-Louis hinaufging, und den er zu erkennen glaubte. Er blieb einige Male zweifelnd stehen, doch bald verschwand der Zweifel. Der Hinaufgehende war Philipp. Philipp, der seinerseits den Weg durch die Rue Mauconseil, die Rue aux Ours, die Rue du Grenier-Saint Lazare, die Rue Michel-le-Comte, die Rue des Vieilles-Audriettes, die Rue de l'Homme-Armé, die Rue des Rosiers genommen hatte, war an dem Hotel Lamoignon vorbeigegangen und endlich durch die Rue Saint-Louis an der Ecke der Rue de l'Egout-Sainte-Catherin herausgekommen. Die zwei jungen Leute fanden sich beim Eingang der Rue Neuve-Saint-Gilles zusammen. Beide blieben stehen und schauten sich mit Augen an, die sich dießmal nicht die Mühe nahmen, ihre Gedanken zu verbergen. Jeder hatte dießmal denselben Gedanken, nemlich zum Grafen von Cagliostro zu gehen und Genugthuung zu verlangen. Zu dieser Stelle gelangt, konnte weder der Eine noch der Andere mehr an dem Vorhaben desjenigen zweifeln, welchem er sich abermals gegenüber befand. »Herr von Charny,« sagte Philipp, »ich habe Ihnen den Verkäufer gelassen, Sie könnten mir wohl den Käufer lassen. Ich ließ Sie die Stockschläge austheilen, lassen Sie mich die Degenstiche geben.« »Mein Herr,« erwiderte Charny, »ich glaube, Sie haben diese Galanterie gegen mich gehabt, weil ich der Erste war, und aus keinem andern Grund.« »Ja; aber hierher komme ich zu gleicher Zeit mit Ihnen, und hier, das sage ich Ihnen sogleich, werde ich nichts einräumen.« »Und wer sagt Ihnen, daß ich eine Einräumung von Ihnen verlange? ich werde nur mein Recht vertheidigen.« »Und Ihrer Ansicht nach, Herr von Charny, besteht Ihr Recht in was? . . .« »Darin, daß ich Herrn von Cagliostro die tausend Exemplare, die er von diesem Elenden gekauft hat, verbrennen lasse.« »Sie werden sich erinnern, mein Herr, daß ich zuerst den Gedanken gehabt habe, sie in der Rue Montorgueil zu verbrennen.« »Wohl! es sei, Sie haben dieselben in der Rue Montorgueil verbrennen lassen, ich lasse sie in der Rue Neuve-Saint-Gilles zerreißen.« »Alles, was ich für Sie thun kann, mein Herr, ist, daß ich mich dem Schicksal überlasse; ich werde einen Louisd'or in die Luft werfen; wer gewinnt, hat den Vorgang.« »Ich danke Ihnen, mein Herr; im Allgemeinen habe ich wenig Glück, und vielleicht werde ich so unglücklich sein, zu verlieren.« Und Philipp machte einen Schritt vorwärts. Charny hielt ihn zurück. »Mein Herr,« sagte er, »ein Wort, und ich glaube, daß wir uns verständigen werden.« Philipp wandte sich lebhaft um. Es lag in Charny's Stimme ein Ausdruck der Drohung, der ihm gefiel. »Ah!« sagte er. »es sei.« »Wenn wir, um von Herrn von Cagliostro Genugthuung zu verlangen, durch das Bois de Boulogne gingen, so wäre dieß, ich weiß es wohl, der längste Weg, aber ich glaube, das würde unserer Differenz ein Ende machen. Der Eine von uns würde ohne Zweifel auf dem Wege bleiben, und derjenige, welcher zurückkäme, hätte Niemand Rechenschaft abzulegen.« »In der That, mein Herr,« erwiderte Philipp, »Sie kommen meinem Gedanken entgegen: ja, das ist es, was Alles ausgleicht. Wollen Sie mir sagen, wo wir uns wiederfinden werden?« »Wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht zu unerträglich ist . . .« »Wie so?« »So brauchten wir uns nicht zu trennen. Ich habe meinem Wagen Befehl gegeben, mich auf der Place-Royale zu erwarten, und das ist, wie Sie wissen, nur zwei Schritte von hier.« »Sie würden mir also wohl gütigst einen Platz geben?« »Oh! mit dem größten Vergnügen.« Und die zwei jungen Leute, die sich beim ersten Blick als Nebenbuhler gefühlt, die bei der ersten Gelegenheit Feinde geworden, fingen an, ihre Schritte zu verlängern, um die Place-Royale zu erreichen. An der Ecke der Rue du Pas-de-la-Mule erblickten sie den Wagen Charny's. Dieser machte, ohne daß er sich die Mühe nahm, weiter zu gehen, dem Bedienten ein Zeichen. Der Wagen näherte sich. Charny lud Philipp ein, neben ihm Platz zu nehmen, und der Wagen fuhr in der Richtung der Champs-Elysees ab. Ehe Charny in den Wagen stieg, hatte er ein paar Worte auf ein Blatt seiner Brieftasche geschrieben und diese paar Worte durch seinen Bedienten in sein Hotel in Paris tragen lassen. Die Pferde des Herrn von Charny waren vortrefflich, in weniger als einer halben Stunde befanden sie sich im Bois de Boulogne. Charny ließ seinen Kutscher halten, sobald er in dem Wäldchen einen passenden Ort gefunden hatte. Das Wetter war herrlich, die Luft ein wenig frisch, schon saugte die Sonne mit Gewalt den ersten Wohlgeruch der Veilchen und der jungen Fliederschößlinge am Rande der Wege und unter dem Saume des Gehölzes ein. Auf den vergoldeten Blättern des vorhergehenden Jahres stieg das Gras stolz mit seinen beweglichen Halmen empor, die Goldviolen ließen ihre duftenden Häupter längs der alten Mauern herabfallen. »Es ist heute schönes Wetter für einen Spaziergang, nicht wahr, Herr von Taverney?« sagte Charny. »Ein schönes Wetter, ja, mein Herr.« Und Beide stiegen aus. »Fahre ab, Dauphin,« sagte Charny zu seinem Kutscher. »Mein Herr,« sprach Taverney, »Sie haben vielleicht Unrecht, Ihren Wagen wegzuschicken, einer von uns könnte wohl desselben bedürfen, um zurückzugehen.« »Vor Allem, mein Herr, Geheimhaltung,« erwiderte Charny, »Geheimhaltung dieser ganzen Angelegenheit; einem Lakai anvertraut, läuft sie Gefahr, morgen Gegenstand der Gespräche von ganz Paris zu sein.« »Ganz wie es Ihnen beliebt, mein Herr, aber der Bursche, der uns gebracht hat, weiß sicherlich schon, um was es sich handelt. Dergleichen Menschen kennen die Manieren des Adels zu genau, um nicht zu vermuthen, daß, wenn sich Edelleute in das Wäldchen von Boulogne, von Vincennes oder Satory führen lassen, und zwar so, wie wir uns führen ließen, dieß nicht geschieht, um eine einfache Promenade zu machen. Ich wiederhole also, Ihr Kutscher weiß schon, woran er sich zu halten hat. Ich nehme nun an, er wisse es nicht. Er wird mich oder Sie verwundet, getödtet vielleicht sehen, und das wird genug für ihn sein, daß er begreift, obgleich ein wenig spät. Ist es nicht besser, ihn zu behalten, um denjenigen von uns, der nicht zurückkehren kann, mitzunehmen, als einen von uns in der Verlegenheit des Alleinseins zu lassen?« »Sie haben Recht, mein Herr,« erwiderte Charny. Dann wandte er sich gegen seinen Kutscher um und rief diesem zu: »Dauphin, halt! Du wirst hier warten.« Dauphin hatte vermuthet, man würde ihn zurückrufen; er hatte seine Pferde nicht angetrieben und war folglich nicht über den Bereich der Stimme hinausgekommen. Dauphin hielt also an und da er, wie Philipp vorhergesehen, vermuthete, was vorgehen sollte, so machte er es sich auf seinem Sitze bequem, um durch die noch blätterlosen Bäume die Scene zu sehen, bei der ihm sein Herr eine der spielenden Personen sein zu müssen schien. Philipp und Charny gingen in das Wäldchen hinein; nach Verlauf von fünf Minuten waren sie in der bläulichen Halbtinte, welche die Horizonte desselben gleichsam mischte, verloren. Philipp, der voranging, traf unter seinem Fuß einen trockenen harten Platz; dieser Platz bildete ein langes, für die Sache, welche die jungen Leute herbeiführte, wunderbar geeignetes Viereck. »Unbeschadet Ihrer Ansicht, Herr von Charny, scheint mir dieß eine vortreffliche Stelle zu sein.« »Vortrefflich, mein Herr,« erwiderte Charny, während er seinen Rock auszog. Philipp legte seinen Rock ebenfalls ab, warf seinen Hut auf die Erde und zog vom Leder. »Mein Herr,« sprach Charny, dessen Degen noch in der Scheide war, »zu jedem Andern, als zu Ihnen, würde ich sagen: Chevalier, ein Wort, wenn nicht der Entschuldigung, doch wenigstens der Milde, und nun sind wir gute Freunde, aber zu Ihnen, aber zu einem Braven, der aus America, das heißt, aus einem Lande kommt, wo man sich so gut schlägt, kann ich nur . . .« »Und ich,« erwiderte Philipp, »ich würde sagen: Mein Herr! ich habe Ihnen gegenüber vielleicht den Anschein eines Unrechts, aber zu Ihnen, zu dem braven Seemann, der eines Abends die Bewunderung des ganzen Hofes durch eine so glorreiche Waffenthat bildete, zu Ihnen, mein Herr von Charny, kann ich nichts anderes sagen als: Herr Graf, erweisen Sie mir die Ehre, sich auszulegen.« Der Graf verbeugte sich und zog ebenfalls seinen Degen. »Mein Herr, ich glaube, wir berühren uns, weder der Eine noch der Andere, bei der wahren Ursache des Streites.« »Ich begreife Sie nicht, Graf,« erwiderte Philipp. »Oh! Sie begreifen mich im Gegentheil, und zwar vollkommen, und da Sie aus einem Lande kommen, wo man nicht zu lügen versteht, so sind Sie erröthet, als Sie mir sagten, Sie begreifen mich nicht.« »Ausgelegt!« wiederholte Philipp. Die Degen kreuzten sich. Bei den ersten Ausfällen bemerkte Philipp, daß er eine bedeutende Überlegenheit über seinen Gegner hatte; doch statt ihm einen neuen Eifer zu verleihen, schien diese Sicherheit ihn gänzlich abzukühlen. Da diese Überlegenheit Philipp seine ganze Kaltblütigkeit lieh, so entsprang hieraus, daß sein Spiel bald so ruhig wurde, als wäre er in einem Fechtsaale gewesen und als hätte er statt eines Degens ein Rappier in der Hand. Philipp beschränkte sich auf das Pariren, und der Kampf dauerte über eine Minute, ohne daß er einen Stoß gethan hatte. »Sie schonen mich, mein Herr,« sagte Charny, »darf ich Sie fragen, aus welchem Grunde?« Und eine rasche Finte markirend, fiel er weit gegen Philipp aus. Aber Philipp umkreiste den Degen seines Gegners in einem noch viel rascheren Contre, und der Stoß war parirt. Obgleich die Parade Taverney's den Degen Charny's von der Linie abgebracht hatte, that Taverney doch keinen Gegenstoß. Charny wiederholte sein Manöver, Taverney vereitelte es abermals durch eine einfache Parade; Charny sah sich genöthigt, sich rasch zu erheben. Charny war jünger, glühender besonders, er schämte sich, daß sein Blut so gewaltig kochte, während sein Gegner völlig ruhig blieb; er wollte ihn nöthigen, aus dieser Ruhe hinauszutreten. »Ich sagte Ihnen, mein Herr, weder der Eine, noch der Andere von uns habe die wahre Ursache des Duells berührt.« Philipp antwortete nicht. »Die wahre Ursache, ich will Sie Ihnen nennen: Sie haben Streit mit mir gesucht, denn der Streit rührt von Ihnen her; Sie haben aus Eifersucht Streit mit mir gesucht.« Philipp blieb stumm. »Sprechen Sie,« sagte Charny, den Philipps Kaltblütigkeit immer mehr aufregte, »welches Spiel spielen Sie, Herr von Taverney? Ist es Ihre Absicht, mir die Hand zu ermüden? Das wäre eine Ihrer unwürdige Berechnung. Alle Teufel! tödten Sie mich, wenn Sie können, aber tödten Sie mich wenigstens in voller Verteidigung.« Philipp schüttelte den Kopf und erwiderte: »Ja, mein Herr, der Vorwurf, den Sie mir machen, ist ein verdienter; ich habe Streit mit Ihnen gesucht und ich habe Unrecht gehabt.« »Es handelt sich jetzt nicht mehr um das, mein Herr; Sie haben den Degen in der Hand, bedienen Sie sich Ihres Degens zu etwas Anderem, als zum Pariren, oder, wenn Sie mich nicht besser angreifen, vertheidigen Sie sich weniger.« »Mein Herr,« erwiderte Philipp, »ich gebe mir die Ehre, Ihnen zum zweiten Male zu sagen, daß ich Unrecht gehabt habe und daß ich es bereue.« Aber Charny's Blut war zu sehr entflammt, als daß er die Großmuth seines Gegners begriffen hätte; er nahm sie als eine Beleidigung auf. »Ah!« sagte er, »ich begreife, Sie wollen mir gegenüber Großmuth üben, nicht wahr, so ist es, Chevalier? Heute Abend oder morgen gedenken Sie einigen schönen Damen zu sagen, Sie haben mich auf den Kampfplatz geführt und mir hier das Leben geschenkt.« »Mein Herr Graf,« entgegnete Philipp, »ich befürchte in der That, daß Sie ein Narr werden.« »Sie wollten Herrn von Cagliostro tödten, um der Königin zu gefallen, nicht wahr? und um der Königin noch sicherer zu gefallen, wollen Sie mich auch umbringen, aber durch die Lächerlichkeit.« »Ah! das ist ein Wort zu viel,« rief Philipp, die Stirne faltend. »Und dieses Wort beweist mir, daß Ihr Herz nicht so edel ist, als ich glaubte.« »Wohl! so durchbohren Sie dieses Herz!« rief Charny. indem er sich gerade in dem Augenblick bloßgab, wo Philipp rasch seinen Degen losmachte und ausfiel. Der Degen glitt an den Rippen hin und öffnete eine blutige Furche unter dem feinen Leinwandhemd. »Endlich bin ich verwundet!« rief Charny freudig. »Nun werde ich, wenn ich Sie tödte, die schöne Rolle haben.« »Ah! mein Herr! Sie sind entschieden verrückt; Sie werden mich nicht tödten und nur eine alltägliche Rolle haben, denn Sie werden ohne Ursache und ohne Nutzen verwundet sein, da Niemand weiß, warum wir uns geschlagen haben.« Charny that einen so raschen, geraden Stoß, daß Philipp kaum noch zur rechten Zeit zur Parade kam; als er aber zur Parade kam, band er den Degen und schleuderte ihn mit einer kräftigen Drehung zehn Schritte von seinem Gegner weg. Sogleich stürzte er auf diesen Degen zu und zerbrach ihn mit einem Tritt seines Absatzes. »Herr von Charny,« sagte er, »Sie haben mir nicht zu beweisen, daß Sie ein Braver sind; Sie hassen mich also ungemein, da Sie sich mit einer solchen Erbitterung mit mir zu schlagen suchten?« Charny antwortete nicht; er erbleichte sichtbar. Philipp schaute ihn ein paar Secunden an, um ein Geständniß oder ein Leugnen bei ihm hervorzurufen. »Ah! mein Herr Graf,« sagte er, »das Loos ist geworfen, wir sind Feinde.« Charny wankte. Philipp eilte auf ihn zu, um ihn zu halten; doch der Graf stieß seine Hand zuriick. »Ich danke,« sagte er, »ich hoffe, bis zu meinem Wagen gehen zu können.« »Nehmen Sie wenigstens dieses Sacktuch, um das Blut zu hemmen.« »Gern.« Und er nahm das Sacktuch. »Und meinen Arm, mein Herr; bei dem geringsten Hinderniß, auf das Sie stoßen, werden Sie, wankend wie Sie sind, fallen, und Ihr Fall wird Ihnen einen unnöthigen Schmerz verursachen.« »Der Degen hat nur das Fleisch durchstoßen. Ich fühle nichts in meiner Brust.« »Desto besser, mein Herr.« »Und ich hoffe bald geheilt zu sein.« »Abermals desto besser. Doch wenn Sie Ihre Heilung durch Ihre Wünsche beschleunigen, um diesen Kampf wieder anzufangen, sage ich Ihnen zum Voraus, daß Sie in mir schwer einen Gegner finden werden.« Charny suchte zu antworten, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen; er wankte, und Philipp hatte kaum Zeit, ihn in seinen Armen aufzufangen. Dann hob er ihn wie ein Kind in die Höhe und trug ihn halb ohnmächtig bis zu seinem Wagen. Dauphin, der durch die Bäume gesehen hatte, was vorging, kürzte allerdings den Weg dadurch ab, daß er seinem Herrn entgegenkam. Man legte Charny in den Wagen, er dankte Philipp mit einem Kopfnicken. »Fahren Sie im Schritt, Kutscher,« sagte Philipp. »Aber Sie, mein Herr?« murmelte der Verwundete. »Oh! kümmern Sie sich nicht um mich.« Und er grüßte ebenfalls und schloß den Kutschenschlag. Philipp schaute dem Wagen nach, wie er sich langsam entfernte; sobald er aber an der Biegung einer Allee verschwunden war, schlug er selbst den kürzesten Weg nach Paris ein. Doch er drehte sich noch ein letztes Mal um; da erblickte er den Wagen, der, statt wie er nach Paris zurückzukehren, seine Richtung nach Versailles nahm und sich unter den Bäumen verlor. Und er sprach die vier Worte, die nach einem tiefen Nachsinnen tief aus seinem Herzen gerissen wurden; »Sie wird ihn beklagen,«   XXXII. Das Haus der Rue Saint-Gilles. Vor der Thüre des Aufsehers fand Philipp einen Miethwagen und sprang hinein. »Rue Neuve Saint-Gilles,« sagte er zum Kutscher, »und rasch gefahren.« Ein Mann, der sich so eben geschlagen und eine siegreiche Miene behalten hat, ein kräftiger Mann, dessen Gestalt den Adel verkündigt, ein Mann in bürgerlicher Kleidung, dessen Tournure einen Militär verräth, das war mehr als es brauchte, um den ehrlichen Kutscher anzueifern, dessen Peitsche, wenn nicht, wie der Dreizack Neptuns, das Scepter der Welt, doch wenigstens für Philipp ein sehr wichtiges Scepter war. Der Automedon zu vierundzwanzig Sous durchflog also den Raum und brachte Philipp ganz bebend nach der Rue Saint-Gilles vor das Hotel des Grafen von Cagliostro. Das Hotel war von einer großen äußern Einfachheit, von einer großen Majestät der Linien, wie die Mehrzahl der unter Ludwig XIV. errichteten Gebäude, nach den verschrobenen, bizarren Bauten von Marmor oder Backstein, welche unter ber Regierung Ludwigs XIII. bei der Renaissance errichtet wurden. Ein großer, mit zwei Pferden bespannter Wagen schaukelte sich auf seinen weichen Federn in einem geräumigen Ehrenhofe. Der Kutscher schlief auf seinem Bock, in einen weiten, mit Fuchspelz ausgeschlagenen Oberrock gehüllt; zwei Bediente, von denen einer einen Hirschfänger trug, gingen schweigsam auf der Freitreppe auf und ab. Außer diesen handelnden Personen erschien kein Lebenszeichen im Hotel. Der Fiaker Philipps, obgleich nur Fiaker, hatte Befehl erhalten, hinein zu fahren; er rief den Portier an, und dieser machte sogleich die Angel des massiven Thores krächzen. Philipp sprang zu Boden, eilte gegen die Freitreppe und wandte sich zugleich an die beiden Bedienten mit der Frage: »Der Herr Graf von Cagliostro?« »Der Herr Graf ist im Begriff auszufahren,« antwortete einer der Bedienten. »Ein Grund mehr, daß ich mich beeile,« sagte Philipp, »denn ich muß ihn nothwendig sprechen, ehe er ausfährt. Melden Sie den Chevalier Philipp von Taverney.« Und er folgte dem Lakai so hastig, daß er zu gleicher Zeit mit ihm in den Salon kam. »Der Chevalier Philipp von Taverney!« wiederholte nach dem Bedienten eine zugleich männliche und sanfte Stimme. »Lassen Sie ihn eintreten.« Philipp trat unter dem Einflusse einer gewissen Gemüthsbewegung, welche diese so ruhige Stimme in ihm veranlaßt hatte, ein. »Entschuldigen Sie, mein Herr,« sagte Philipp, indem er einen Mann von hohem Wuchse, von ungewöhnlicher Stärke und Frische begrüßte, der keine andere Person war, als diejenige, welche wir nach und nach an der Tafel des Marschalls von Richelieu, bei der Kufe Mesmers, im Zimmer von Mademoiselle Oliva und auf dem Opernball erscheinen sahen. »Sie entschuldigen, mein Herr! Und worüber?« erwiderte er. »Darüber, daß ich Sie im Ausfahren abhalte.« »Sie hätten sich entschuldigen müssen, wenn Sie später gekommen wären, Chevalier.« »Warum?« »Weil ich Sie erwartete.« Philipp faltete die Stirne. »Wie, Sie erwarteten mich?« »Ja, ich war von Ihrem Besuche in Kenntniß gesetzt.« »Von meinem Besuche waren Sie in Kenntniß gesetzt?« »Ja, seit zwei Stunden. Nicht wahr, es müssen etwa zwei Stunden sein, daß Sie hieher kommen wollten, als ein von Ihrem Willen unabhängiger Zufall Sie nöthigte, die Ausführung Ihres Vorhabens zu verzögern?« Philipp zog die Fäuste zusammen; er fühlte, daß dieser Mann einen seltsamen Einfluß auf ihn gewann. Aber ohne im Mindesten die Nervenbewegungen zu bemerken, welche Philipp schüttelten, sagte der Graf: »Ich bitte Sie, setzen Sie sich, Herr von Taverney.« Und er rückte Philipp einen Lehnstuhl zu, der vor dem Kamin stand. »Dieser Lehnstuhl ist für Sie hieher gestellt worden,« fügte er bei. »Lassen wir die Scherze, Herr Graf,« erwiderte Philipp mit einer Stimme, welche er so ruhig zu machen suchte, als die von Cagliostro war, aus der er aber ein leichtes Zittern nicht zu entfernen vermochte. »Ich scherze nicht; ich erwartete Sie, sage ich Ihnen.« »Genug jetzt der Charlatanerie, mein Herr; sind Sie ein Wahrsager, so bin ich doch nicht gekommen, um Ihre Wahrsagerkunst auf die Probe zu stellen; sind Sie ein Wahrsager, desto besser für Sie, denn Sie wissen schon, was ich Ihnen sagen will, und können sich zum Voraus schützen.« »Mich schützen ...« versetzte der Graf mit einem seltsamen Lächeln, »und wovor, wenn es beliebt?« »Errathen Sie, wenn Sie ein Wahrsager sind.« »Gut. Um Ihnen Vergnügen zu machen, will ich Ihnen die Mühe, mir den Beweggrund Ihres Besuches auseinander zu setzen, ersparen: Sie kommen, um Streit mit mir zu suchen.« »Sie wissen das?« »Allerdings.« »So wissen Sie auch, aus welcher Veranlassung!« rief Philipp. »Wegen der Königin. Nun ist aber die Reihe an Ihnen. Fahren Sie fort, ich höre Sie.« Diese letzten Worte wurden nicht mehr mit dem höflichen Ausdruck des Wirthes, sondern mit dem trockenen, kalten Tone des Gegners gesprochen. »Sie haben Recht, mein Herr,« sagte Philipp, »und das ist mir lieber.« »So kommt die Sache vortrefflich.« »Mein Herr, es gibt ein gewisses Pamphlet ...« »Es gibt viele Pamphlete, mein Herr.« »Veröffentlicht durch einen gewissen Zeitungsschreiber.« »Es gibt viele Zeitungsschreiber.« »Warten Sie ... dieses Pamphlet ... wir werden uns mit dem Zeitungsschreiber später beschäftigen.« »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, mein Herr,« unterbrach Cagliostro mit einem Lächeln, »Sie haben sich schon mit ihm beschäftigt.« »Es ist gut, ich sagte also, es gebe ein gewisses gegen die Königin gerichtetes Pamphlet.« Cagliostro machte ein Zeichen mit dem Kopf. »Sie kennen dieses Pamphlet?« »Ja, mein Herr.« »Sie haben sogar tausend Exemplare davon gekauft?« »Ich leugne es nicht.« »Diese tausend Exemplare sind zum großen Glück nicht in Ihre Hände gelangt.« »Was bringt Sie auf diesen Gedanken, mein Herr?« »Daß ich dem Commissionär, der den Ballen trug, begegnet bin, daß ich ihn bezahlt und in mein Haus geschickt habe, wo mein Bedienter, zuvor benachrichtigt, ihn empfangen mußte.« »Warum besorgen Sie Ihre Angelegenheiten nicht selbst bis zum Ende?« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, sie würden besser besorgt.« »Ich habe meine Angelegenheiten nicht bis zum Ende abgemacht, weil ich, während mein Bedienter diese tausend Exemplare Ihrer sonderbaren Bibliomanie zu entziehen beschäftigt war, den Rest der Ausgabe zerstörte.« »Sie find also sicher, daß die für mich bestimmten tausend Exemplare nicht zu mir gekommen sind?« »Ich bin dessen sicher.« »Sie täuschen sich, mein Herr.« »Wie so?« versetzte Taverney mit einer Beklemmung des Herzens, »und warum sollten sie nicht bei mir sein?« »Weil sie hier sind,« erwiderte ruhig der Graf, indem er sich an den Kamin anlehnte. Philipp machte eine drohende Geberde. »Ah! Sie glauben,« sprach der Graf so phlegmatisch, als Nestor, »Sie glauben, ich, ein Wahrsager, wie Sie mich nennen, lasse so ein Spiel mit mir treiben? Sie glaubten einen Gedanken gehabt zu haben, als Sie den Commissionär bestachen? Wohl! ich habe einen Intendanten; mein Intendant hat auch einen Gedanken gehabt. Ich bezahle ihn hiefür; er hat errathen; das ist ganz natürlich, daß der Intendant eines Wahrsagers erräth; er hat errathen, daß Sie zu dem Zeitungsschreiber kommen, dem Commissionär begegnen und ihn bestechen würden; er folgte dem Commissionär und drohte ihm, er werde ihn zur Herausgabe des Geldes zwingen, das er von Ihnen erhalten: der Mann bekam Angst, und statt seinen Weg nach Ihrem Hause fortzusetzen, folgte er meinem Intendanten hierher. Sie bezweifeln das?« »Ich bezweifle es.« » Vides pedes, vides manus! hat Jesus zum heiligen Thomas gesagt. Ich sage Ihnen, Herr von Taverney: Sehen Sie den Schrank und befühlen Sie die Broschüren.« So sprechend, öffnete er einen bewunderungswürdig geschnitzten Schrank von Eichenholz, und in dem Hauptfach zeigte er dem erbleichenden Chevalier die noch von dem schimmligen Geruch des feuchten Papiers geschwängerten tausend Exemplare der Broschüre. Philipp näherte sich dem Grafen. Dieser rührte sich nicht, obgleich die Haltung des Chevalier äußerst drohend war. »Mein Herr,« sagte Philipp, »Sie scheinen mir ein muthiger Mann zu sein» ich fordere Sie auf, mir mit dem Degen in der Hand Genugthuung zu geben.« »Genugthuung, wofür?« fragte der Graf. »Für die der Königin widerfahrene Beleidigung, eine Beleidigung, deren Sie sich mitschuldig machen, indem Sie auch nur ein Exemplar von diesem Blatt behalten.« »Mein Herr,« erwiderte Cagliostro, ohne seine Stellung zu verändern, »Sie find in der That in einem Irrthum begriffen, der mir leid thut. Ich liebe die Neuigkeiten, die ärgerlichen Gerüchte, die ephemeren Dinge. Ich sammle dergleichen, um mich später an tausend Dinge zu erinnern, die ich ohne diese Vorsicht vergessen würde. Ich habe diese Zeitungen gekauft; wie können Sie ersehen, daß ich durch diesen Kauf irgend Jemand beleidigt habe?« »Sie haben mich beleidigt!« »Sie?« »Ja, mich! mich, mein Herr; verstehen Sie?« »Nein, bei meiner Ehre, ich verstehe nicht.« »Ich frage Sie, warum sind Sie mit einem solchen Eifer darauf bedacht, eine so garstige Broschüre zu kaufen?« »Ich habe es Ihnen schon gesagt, die Manie der Sammlungen.« »Ist man ein Mann von Ehre, mein Herr, so sammelt man keine Schändlichkeiten.« »Sie werden mich entschuldigen, mein Herr, ich bin nicht Ihrer Ansicht über die Betitelung dieser Broschüre: es ist vielleicht ein Pamphlet, aber es ist keine Schändlichkeit.« »Sie werden wenigstens gestehen, dah es eine Lüge ist?« »Sie täuschen sich abermals, mein Herr, denn Ihre Majestät die Königin ist bei Mesmers Kufe gewesen.« »Das ist falsch, mein Herr.« »Sie wollen damit sagen, ich habe gelogen?« »Ich will es nicht sagen, ich sage es.« »Wohl! da es so ist, so antworte ich Ihnen mit einem einzigen Wort: Ich habe sie gesehen.« »Sie haben sie gesehen?« »Wie ich Sie sehe, mein Herr.« Philipp schaute dem Grafen in's Gesicht; er wollte mit seinem so treuherzigen, so edlen, so schönen Blick gegen den leuchtenden Blick von Cagliostro kämpfen, doch dieser Kampf ermüdete ihn am Ende, er wandte das Gesicht ab und rief: »Nun denn, ich beharre nicht minder auf der Behauptung, daß Sie lügen.« Cagliostro zuckte die Achseln, als ob er von einem Narren beleidigt worden wäre. »Hören Sie mich nicht?« sprach Philipp mit dumpfem Tone. »Im Gegentheil, mein Herr, ich habe kein Wort von dem, was Sie sagen, verloren.« »Nun wissen Sie nicht, was die Beschuldigung einer Lüge heißt?« »Doch, mein Herr,« erwiderte Cagliostro, »es gibt sogar ein französisches Sprichwort, welches sagt: auf die Beschuldigung einer Lüge gebühre eine Ohrfeige.« »So wundere ich mich über Eines.« »Worüber?« »Daß ich Ihre Hand noch nicht zu meinem Gesicht sich erheben sah, während Sie Edelmann sind und das französische Sprichwort kennen.« »Ehe mich Gott zum Edelmann gemacht und das französische Sprichwort gelehrt hat, hat er mich zum Menschen gemacht und mir meines Gleichen zu lieben befohlen.« »Mein Herr, Sie verweigern mir also Genugthuung mit bewaffneter Hand?« »Ich bezahle nur, was ich schuldig bin.« »Sie werden mir also auf eine andere Weise Genugthuung geben?« »Wie dies?« »Ich werde Sie nicht schlimmer behandeln, als ein Mann von Adel einen andern behandeln soll; ich verlange nur von Ihnen, daß Sie in meiner Gegenwart alle in diesem Schrank vorhandenen Exemplare verbrennen.« »Und ich, ich weigere mich dessen.« »Bedenken Sie wohl ...« »Ich habe bedacht.« »Sie werden mich in die Notwendigkeit versetzen, gegen Sie zu verfahren, wie ich gegen den Zeitungsschreiber verfahren bin.« »Ah! Stockschläge,« sagte Cagliostro lachend und ohne daß er sich mehr rührte, als eine Bildsäule gethan hätte. »Weder mehr noch weniger, mein Herr; oh, Sie werden Ihre Leute nicht rufen.« »Ich? ah! bah! warum sollte ich meine Leute rufen? das geht sie nichts an, ich werde wohl meine Sachen selbst abmachen. Ich bin stärker, als Sie; Sie bezweifeln es? Ich schwöre es Ihnen. Bedenken Sie es also Ihrerseits . Nähern Sie sich mit Ihrem Stocke, so nehme ich Sie beim Hals und beim Rückgrat und schleudere Sie zehn Schritte von mir, und zwar, verstehen Sie wohl, dieß so oft, als Sie wieder an mich zu kommen versuchen werden.« »Spiel des englischen Lord, das heißt Reffträgerspiel. Wohl! es sei, mein Herr Hercules; ich nehme es an.« Und außer sich vor Wuth, warf sich Philipp auf Cagliostro, doch plötzlich steifte dieser seine Arme wie zwei stählerne Klammern, packte den Chevalier am Hals und am Gürtel und schleuderte ihn ganz betäubt auf einen Haufen von Polster, die auf einem Sopha in einer Ecke des Salons lagen. Nach dieser Probe wunderbarer Stärke stellte er sich wieder vor den Kamin und nahm seine vorige Haltung an, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Philipp erhob sich bleich und schäumend, doch die Rückkehr kalter Beurtheilung gab ihm rasch seine moralischen Fähigkeiten wieder. Er stand auf, richtete seinen Rock und seine Manchetten zurecht und sprach mit düsterem Tone: »Sie sind in der That so stark wie vier Männer, mein Herr, doch Ihre Logik ist nicht so nervig, als Ihre Faustgelenke. Indem Sie mich behandelten, wie Sie es so eben gethan, vergaßen Sie, daß ich, besiegt, gedemüthigt, für immer Ihr Feind, das Recht erlangt habe, Ihnen zu sagen: Den Degen in die Hand, Graf, oder ich tödte Sie.« Cagliostro rührte sich nicht. »Den Degen in die Hand, sage ich Ihnen, oder Sie sind ein Mann des Todes,« fuhr Philipp fort. »Mein Herr, Sie sind noch nicht nahe genug bei mir, daß ich Sie behandle, wie das erste Mal,« erwiderte der Graf, »und ich werde mich nicht der Gefahr aussetzen, verwundet, sogar getödtet zu werden, wie der arme Gilbert.« »Gilbert!« rief Philipp wankend, »Sie sprechen da . . . »Zum Glück haben Sie dießmal kein Schießgewehr, sondern einen Degen.« »Mein Herr!« rief Philipp, »Sie sprechen da einen Namen aus ...« »Ja, nicht wahr, der ein furchtbares Echo in Ihren Erinnerungen erweckt hat?« »Mein Herr!« »Einen Namen, den Sie nicht mehr zu hören glaubten, denn Sie waren allein mit dem armen Jungen in jener Grotte der Azorischen Inseln, als Sie ihn ermordeten, nicht wahr?« »Oh!« rief Philipp, »vertheidigen Sie sich! vertheidigen Sie sich!« »Wenn Sie wüßten,« entgegnete Cagliostro, Philipp anschauend, »wenn Sie wüßten, wie leicht es wäre, den Degen aus Ihren Händen fallen zu machen!« »Mit Ihrem Degen?« »Ja, vor Allem mit meinem Degen, wenn ich wollte.« »Auf denn! auf denn!« »Oh! ich werde mich nicht dem aussetzen, ich habe ein sichereres Mittel!« »Ich sage Ihnen zum letzten Mal, den Degen in die Hand, oder Sie sind ein Mann des Todes!« rief Philipp, gegen den Grafen springend. Doch dießmal von der kaum drei Zoll von seiner Brust entfernten Degenspitze bedroht, nahm der Graf aus seiner Tasche ein Fläschchen, entpfropfte es und spritzte Philipp den Inhalt in's Gesicht. Kaum hatte die Flüssigkeit den Chevalier berührt, als dieser wankte, den Degen fallen ließ, sich um sich selbst drehte, auf die Kniee fiel, als hätten seine Beine die Kraft verloren, ihn zu tragen, und einige Secunden lang gänzlich den Gebrauch seiner Sinne verlor. Cagliostro verhinderte ihn, ganz und gar zu Boden zu fallen, hob ihn auf, übergab ihm seinen Degen in der Scheide, setzte ihn in einen Lehnstuhl, wartete, bis seine Vernunft völlig wiedergekehrt war, und sagte dann: »In Ihrem Alter macht man keine Tollheiten mehr; hören Sie also auf, närrisch zu sein wie ein Kind, und hören Sie mich.« Philipp schüttelte sich, stemmte sich an, vertrieb die Ermattung, die sich seines Gehirnes bemächtigt hatte, und murmelte: »Oh! mein Herr, ist es das, was Sie eines Edelmanns Waffen nennen?« Cagliostro zuckte die Achseln und erwiderte: »Sie wiederholen immer dieselbe Phrase. Wenn wir Leute vom Adel unsern Mund weit geöffnet haben, um das Wort Edelmann durchzulassen, so ist Alles gesagt. Was nennen Sie eines Edelmanns Waffen? Etwa Ihren Degen, der Sie so schlecht gegen mich bedient hat? Oder Ihr Schießgewehr, das Sie so gut gegen Gilbert bedient hat? Was macht die erhabenen Männer, Chevalier? Glauben Sie, es sei das klangvolle Wort: Edelmann? Nein. Es ist vor Allem die Vernunft, sodann die Stärke und endlich die Wissenschaft. Dieß Alles habe ich Ihnen gegenüber benützt; mit meiner Vernunft habe ich Ihren Beleidigungen Trotz geboten, im Glauben, daß Sie mich anhörten; mit meiner Stärke habe ich Ihrer Stärke getrotzt; mit meiner Wissenschaft habe ich zugleich Ihre körperlichen und moralischen Kräfte ausgelöscht; es bleibt nur noch übrig, Ihnen zu beweisen, daß Sie, indem Sie mit Drohungen im Munde hierher kamen, zwei Fehler begingen.« »Sie haben mich vernichtet,« erwiderte Philipp, »ich kann mich nicht mehr bewegen, Sie haben sich zum Herrn meiner Muskeln und meines Geistes gemacht und fragen mich nun, ob ich Sie anhören will, während ich nichts Anderes thun kann?« Da nahm Cagliostro ein goldenes Fläschchen, das ein auf dem Kamin stehender Aesculap von Bronze hielt, und sprach mit einer Sanftheit voll Adel: »Riechen Sie an diesem Fläschchen, Chevalier.« Philipp gehorchte; die Dünste, die sein Gehirn verdunkelten, zerstreuten sich, und es kam ihm vor, als ob die Sonne, in die Wände seines Schädels herabsteigend, alle Ideen darin erleuchtete. »Oh! ich werde wiedergeboren!« sagte er. »Und Sie fühlen sich wohl, das heißt frei und stark?« »Ja.« »Mit der Erinnerung an das Vorgefallene?« »Oh! ja!« »Und da ich es mit einem Manne von Herz zu thun habe, der Geist besitzt, so gewährt mir diese Erinnerung, die bei Ihnen wiederkehrt, jeden Vortheil bei dem, was zwischen uns vorgegangen ist?« »Nein,« sagte Philipp, »denn ich handelte kraft eines Lebensprincips, kraft eines heiligen Princips.« »Was thaten Sie denn?« »Ich vertheidigte die Monarchie.« »Sie, Sie vertheidigten die Monarchie?« »Ja, ich.« »Sie, ein Mann, der nach America gegangen ist, um die Republik zu vertheidigen! Ei! mein Gott, seien Sie doch offenherzig, oder es ist nicht die Republik, was Sie dort vertheidigten, oder es ist nicht die Monarchie, was Sie hier vertheidigen.« Philipp schlug die Augen nieder. »Lieben,« fuhr Cagliostro fort, »lieben Sie diejenigen, welche Sie verachten; lieben Sie diejenigen, welche Sie vergessen; lieben Sie diejenigen, welche Sie hintergehen ... es ist das Eigenthümliche großer Seelen, daß sie in ihren großen Zuneigungen verrathen werden; es ist das Gesetz Jesu Christi, Böses mit Gutem zu vergelten. Sie sind ein Christ, Herr von Taverney.« »Mein Herr!« rief Philipp ganz erschrocken, daß er Cagliostro so in der Vergangenheit und in der Gegenwart lesen sah, »kein Wort mehr, denn wenn ich das Königthum nicht vertheidige, so vertheidige ich die Königin, d.h. eine achtungswerthe, unschuldige Frau, achtungswerth noch, wenn sie es nicht mehr wäre, denn es ist ein göttliches Gesetz, die Schwachen zu vertheidigen.« »Die Schwachen! Nennen Sie eine Königin ein schwaches Wesen? eine Frau, vor welcher achtundzwanzig Millionen lebendiger denkender Wesen das Knie beugen? oh! gehen Sie!« »Mein Herr! man verleumdet sie.« »Was wissen Sie davon?« »Ich will es glauben.« »Sie denken, das sei Ihr Recht?« »Allerdings.« »Wohl! mein Recht ist, das Gegentheil zu glauben.« »Sie handeln wie ein böser Geist.« »Wer sagt Ihnen das?« rief Cagliostro, dessen Auge plötzlich funkelte und Philipp mit Glanz übergoß, »woher kommt die Vermessenheit, zu glauben, Sie haben Recht und ich habe Unrecht? Woher kommt die Kühnheit, Ihr Princip dem meinigen vorzuziehen? Sie vertheidigen das Königthum! Wohl! wenn ich die Menschheit vertheidigte? Sie sagen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist; ich sage: Gebt Gott, was Gottes ist. Republikaner von America, Ritter vom Cincinnatusorden, ich erinnere Sie an die Liebe zu den Menschen, an die Liebe zur Gleichheit. Sie gehen auf den Völkern, um den Königinnen die Hände zu küssen; ich , ich trete die Königinnen mit Füßen, um die Völker um einen Grad zu erhöhen. Ich störe Sie nicht in Ihren Anbetungen, stören Sie mich nicht in meiner Arbeit. Ich lasse Ihnen das große Licht des Tages, die Sonne des Himmels und die Sonne der Höfe; lassen Sie mir den Schatten und die Einsamkeit. Sie begreifen die Stärke meiner Sprache, wie Sie vorhin die Stärke meiner Individualität begriffen haben. Sie sagten zu mir: Stirb, da Du den Gegenstand meiner Verehrung beleidigt hast; ich sage: Lebe, obschon Du meine Anbetungen bekämpfst, und wenn ich dieß sage, so geschieht es, weil ich mich mit meinem Princip stark fühle, weil weder Sie, noch die Ihrigen, so sehr Sie sich auch anstrengen mögen, mich nur einen Augenblick in meinem Gange aufhalten werden.« »Mein Herr! Sie erschrecken mich,« sagte Philipp; »mit Ihrer Hilfe bin ich vielleicht der Erste in diesem Land, der die Tiefe des Abgrundes erblickt, dem das Königthum zuläuft.« »Seien Sie klug, wenn Sie den Absturz gesehen haben.« »Sie, der Sie mir dieß sagen,« erwiderte Philipp, bewegt durch den väterlichen Ton, mit dem Cagliostro zu ihm gesprochen hatte, »Sie, der Sie mir so furchtbare Geheimnisse enthüllen, Sie ermangeln noch des Edelmuthes; denn Sie wissen wohl, daß ich mich in den Schlund werfen werde, ehe ich diejenigen, welche ich vertheidige, hineinfallen sehe.« »Wohl denn! ich werde Sie gewarnt haben und wasche mir, wie jener Präfect des Tiberius, die Hände, Herr von Taverney.« »Wohl! ich!« rief Philipp, mit einer fieberhaften Heftigkeit auf Cagliostro zulaufend, »ich, der ich nur ein schwacher und Ihnen gegenüber untergeordneter Mensch bin, ich werde mich gegen Sie der Waffen des Schwachen bedienen, ich werde Sie mit feuchtem Auge, mit zitternder Stimme und gefalteten Händen ansprechen; ich werde Sie anflehen, mir nur dießmal Gnade für den Gegenstand Ihrer Verfolgung zu gewähren. Ich werde Sie für mich bitten, hören Sie wohl, für mich, der ich mich, ich weiß nicht warum, nicht daran gewöhnen kann, in Ihnen einen Feind zu sehen; ich werde Sie erweichen, ich werde Sie überzeugen, ich werde es endlich bei Ihnen erlangen, daß Sie mich nicht dem Gewissensbiß preisgeben, den Untergang der armen Königin gesehen und ihn nicht beschworen zu haben. Kurz, mein Herr, nicht wahr, ich werde es bei Ihnen dahin bringen, daß Sie das Pamphlet verbrennen, das einer Frau Thränen auspressen wird; ich werde das von Ihnen erlangen, oder, bei meiner Ehre, bei der unseligen Liebe, die Sie so wohl kennen, mit diesem gegen Sie ohnmächtigen Degen durchbohre ich mir das Herz zu Ihren Füßen.« »Ah!« murmelte Cagliostro, indem er Philipp mit Augen voll beredten Schmerzes anschaute: »ah! warum sind sie nicht Alle, wie Sie sind! ich würde ihnen gehören und sie wären nicht verloren!« »Oh! mein Herr! ich bitte Sie, antworten Sie auf meine Frage.« »Zählen Sie,« erwiderte Cagliostro nach einem Stillschweigen, »zählen Sie, ob die tausend Exemplare wirklich da sind, und verbrennen Sie dieselben bis auf das letzte.« Philipp fühlte, daß sein Herz zu seinen Lippen aufstieg; er lief zu dem Schrank, zog die Broschüren heraus, warf sie in's Feuer, drückte Cagliostro voll Innigkeit die Hand und sprach: »Gott befohlen, mein Herr, hundertmal Dank für das, was Sie für mich gethan haben.« Und er entfernte sich. »Ich war dem Bruder,« sagte Cagliostro, als er ihn weggehen sah, »ich war dem Bruder diese Entschädigung für das schuldig, was die Schwester ausgestanden hatte.« Und die Achseln zuckend, rief er: »Meine Pferde!«   XXXIII. Das Haupt der Familie Taverney. Während diese Dinge sich in der Rue Neuve-Saint-Gilles ereigneten, ging Herr von Taverney, Vater, in seinem Garten spazieren, gefolgt von zwei Lakaien, die einen Lehnstuhl schoben. Es gab in Versailles und gibt vielleicht noch einige jener alten Hotels mit französischen Gärten, die, durch eine knechtische Nachahmung des Geschmackes und der Ideen des Gebieters, im Kleinen an das Versailles von Le Notre und Mansard erinnerten. Mehrere Höflinge, Herr de la Feuillade war das Muster von ihnen, hatten sich in verjüngtem Maßstäbe eine unterirdische Orangerie, einen Schweizer-Teich und Apollo-Bäder bauen lassen. Man fand auch den Ehrenhof und die Trianons, Alles in einem fünfhundertstels Maßstab: jedes Bassin war von einem Eimer Wasser dargestellt. Herr von Taverney hatte dasselbe gethan, seitdem von S. M. Ludwig XV. die Trianons beliebt worden waren. Das Haus in Versailles hatte seine Trianons, seine Obstgärten und seine Blumenbeete bekommen. Seitdem S. M. König Ludwig XVI. seine Schlosserwerkstätte und seine Drechselbank eingerichtet, besaß Herr von Taverney seine Schmiede und seine Hobelbank. Seitdem Marie-Antoinette englische Gärten, künstliche Flüsse, Prairien und Schweizerhütten gezeichnet, hatte Herr von Taverney in einer Ecke seines Gartens ein Trianon für Puppen und einen Bach für junge Enten gemacht. In dem Augenblick, wo wir ihn auffassen, schlürfte er indessen die Sonne in der einzigen Allee vom großen Jahrhundert ein, die ihm blieb, in einer Allee von Linden mit den langen Fasern, so roth wie der Eisendraht, der aus dem Feuer kommt. Er ging in kurzen Schritten, die Hände im Aermel, und alle fünf Minuten näherte sich ihm der Stuhl, der von den Bedienten geschoben wurde, um ihm nach der Leibesübung Ruhe anzubieten. Er genoß, der großen Sonne zublinzelnd, diese Ruhe, als vom Hause ein Portier herbeilief und ihm zurief: »Der Herr Chevalier!« »Mein Sohn!« sagte der Greis mit stolzer Freude. Dann wandte er sich und sprach, als er Philipp erblickte, der dem Portier folgte: »Mein lieber Chevalier!« Und durch eine Geberde entließ er die Bedienten. »Komm, Philipp, komm,« fuhr der Baron fort, »Du erscheinst zu rechter Zeit, mein Geist ist voll freudiger Gedanken. Ei! was für ein Gesicht machst Du denn? Du schmollst?« »Ich, mein Vater, nein.« »Du weißt schon das Resultat der Sache?« »Welcher Sache?« Der Greis wandte sich um, als wollte er sehen, ob man horchte. »Sie können sprechen, Niemand horcht, mein Herr,« sagte Philipp. »Ich meine die Geschichte vom Ball.« »Ich begreife noch weniger.« »Vom Opernball.« Philipp erröthete, der boshafte Greis bemerkte es. »Unkluger!« sagte er, »Du machst es wie die schlechten Seeleute: sobald sie günstigen Wind haben, setzen sie alle Segel ein. Auf, setze Dich auf diese Bank und höre meine Moral.« »Mein Herr ...« »Du treibst Mißbrauch, Du schneidest zu scharf durch; während Du einst so schüchtern, so zart, so zurückhaltend warst, compromittirst Du sie jetzt.« Philipp stand auf. »Von wem sprechen Sie, mein Herr?« »Von ihr, bei Gott, von ihr.« »Wer ist das?« »Ah! Du glaubst, ich wisse nichts von Deinem muthwilligen Streich, von dem Streich, den Ihr Beide auf dem Opernball machtet? das ist hübsch.« »Mein Herr, ich betheure Ihnen ...« »Aergere Dich nicht; was ich Dir sage, sage ich Dir zu Deinem Besten; Du hast keine Vorsicht, was Teufels, man wird Dich erwischen! Man hat Dich dießmal mit ihr auf dem Ball gesehen, man wird Dich ein anderes Mal anderswo sehen.« »Man hat mich gesehen?« »Bei Gott! hattest Du, ja oder nein, einen blauen Domino?« Taverney wollte aufschreien, er habe keinen blauen Domino, und man täusche sich, er sei nicht auf dem Ball gewesen, er wisse nicht, welchen Ball sein Vater meine; aber es widerstrebt gewissen Herzen, sich bei so delicaten Umständen zu vertheidigen; nur diejenigen vertheidigen sich energisch, welche wissen, daß man sie liebt, und daß sie, indem sie sich vertheidigen, dem Freund, der sie anschuldigt, einen Dienst thun. »Wozu soll es nützen, daß ich meinem Vater Erklärungen gebe?« dachte Philipp, »überdieß muß ich Alles wissen.« Er neigte das Haupt, wie ein Schuldiger, der gesteht. »Du siehst wohl,« fuhr der Greis triumphirend fort, »Du bist erkannt worden, dessen war ich sicher. Herr von Richelieu, der Dich ungemein liebt, und der, trotz seiner einundachtzig Jahre, auf dem Ball war, Herr von Richelieu forschte nach, wer der blaue Domino sein könnte, dem die Königin den Arm gab, und er fand nur Dich, den er im Verdacht haben konnte; denn er hat alle andern gesehen, und Du weißt, ob er sich darauf versteht, der Herr Marschall.« »Daß man mich im Verdacht gehabt hat. begreife ich,« erwiderte Philipp mit kaltem Tone; »daß man aber die Königin erkannt hat, das ist noch viel auffallender.« »Es war nicht schwer, sie zu erkennen, da sie die Maske abnahm! Oh! siehst Du, das übersteigt jede Einbildungskraft. Eine solche Verwegenheit! Diese Frau muß rasend in Dich verliebt sein.« Philipp erröthete. Weiter zu gehen und das Gespräch im Gang zu erhalten, war ihm unmöglich geworden. »Wenn es nicht Verwegenheit ist,« fuhr Taverney fort, »so kann es nur ein sehr ärgerlicher Zufall sein. Nimm Dich in Acht, es gibt Eifersüchtige, und zwar Eifersüchtige, die zu fürchten sind. Es ist ein beneideter Posten, der Posten des Günstlings der Königin, besonders wenn die Königin der wahre König ist,« fügte Vater Taverney bei. Und er nahm langsam eine Prise Tabak. »Du wirst mir meine Moral verzeihen, nicht wahr, Chevalier? Verzeih' sie mir, mein Lieber. Ich hege Dankbarkeit gegen Dich, und ich möchte es gern verhüten, daß der Hauch des Zufalls, da es nun einmal der Zufall ist, das Gerüste zerstöre, welches Du so geschickt aufgebaut hast.« Philipp erhob sich in Schweiß gebadet, die Fäuste krampfhaft zusammengezogen. Er schickte sich an wegzugehen, um das Gespräch abzubrechen, mit der Freude, mit der man einer Schlange das Wirbelbein abbricht; doch ein Gefühl hielt ihn zurück, ein Gefühl schmerzlicher Neugierde, eine jener wüthenden Begierden, das Schlimme zu erfahren, ein unbarmherziger Stachel, der die liebevollen Herzen antreibt. »Ich sagte also, man beneide uns,« sprach der Greis; »das ist ganz einfach. Wir haben indessen den Gipfel noch nicht erreicht, zu dem Du uns hinaufsteigen machst. Dir gebührt der Ruhm, Dir haben wir es zu verdanken, daß der Name Taverney über seine demüthige Quelle emporgesprungen ist. Nur sei klug, sonst werden wir nicht zum Ziele gelangen und Deine Pläne werden unter Wegs scheitern. Es wäre in der That Schade. Wir gehen wacker voran.« Philipp wandte sich ab, um den tiefen Eckel, die blutige Verachtung zu verbergen, die seinen Zügen in diesem Augenblick einen Ausdruck verlieh, worüber der Greis erstaunt, vielleicht erschrocken wäre. »In einiger Zeit wirst Du eine hohe Stelle verlangen,« sagte der Greis, sich belebend. »Du lässest mir irgendwo, doch nicht zu fern von Paris, eine königliche Lieutenance geben; Du lässest sodann Taverney-Maison-Rouge zu einer Pairie erheben; Du lässest mich bei der nächsten Promotion des Ordens in die Liste aufnehmen. Du kannst Herzog, Pair und Generallieutenant werden. In zwei Jahren lebe ich noch, dann lässest Du mir ...« »Genug! genug!« brummte Philipp. »Oh! wenn Du mich für befriedigt hältst, ich bin es nicht. Du hast ein ganzes Leben; ich habe nur ein paar Monate. Diese Monate müssen mir die traurige, mittelmäßige Vergangenheit bezahlen. Uebrigens habe ich mich nicht zu beklagen, Gott schenkte mir zwei Kinder. Das ist viel von einem Mann ohne Vermögen; doch wenn meine Tochter für unser Haus unnütz geblieben ist, so machst Du es wieder gut. Du bist der Baumeister des Tempels. Ich sehe in Dir den großen Taverney, den Helden. Du flößest mir Respekt ein, und siehst Du, das ist etwas. Allerdings ist Dein Benehmen gegen den Hof bewunderungswürdig. Oh! ich habe noch nichts Geschickteres gesehen.« »Was denn?« versetzte der junge Mann, den es beunruhigte, daß er sich von dieser Schlange gelobt sah. »Dein Benehmen ist herrlich. Du zeigst keine Eifersucht. Du lässest das Feld scheinbar Jedermann frei und behauptest es in Wirklichkeit. Das ist stark, aber es zeugt von Beobachtung.« »Ich verstehe nicht,« entgegnete Philipp, immer mehr gereizt. »Keine Bescheidenheit, siehst Du, das ist Wort für Wort das Benehmen des Herrn von Potemkin, der die Welt durch sein Glück in Erstaunen setzte. Er sah, daß Katharina die Eitelkeit besonders bei ihren Liebschaften liebte; daß sie, wenn man sie frei ließe, von Blume zu Blume flattern und dann zu der fruchtbarsten und schönsten zurückkehren würde; daß sie, wenn man sie verfolgte, über jeden Bereich hinaus entfliehen würde. Er faßte seinen Entschluß. Er war es, der der Kaiserin die neuen Günstlinge, die sie auszeichnete, angenehmer machte; indem er sie auf einer Seite gelten ließ, behielt er sich ihre verwundbare Seite vor; er ermüdete die Fürstin mit den vorübergehenden Launen, statt sie seiner eigenen Vorzüge überdrüssig zu machen. Indem er das ephemere Reich der Günstlinge, die man ironisch die zwölf Cäsaren nennt, vorbereitete, machte Potemkin seine Herrschaft ewig, unzerstörbar.« »Aber das sind unbegreifliche Schändlichkeiten,« murmelte der arme Philipp, indem er seinen Vater erstaunt ansah. Der Greis fuhr unstörbar fort: »Nach Potemkins System wirst Du indessen einen kleinen Fehler begehen. Er gab die Ueberwachung nicht zu sehr auf, und Du erschlaffst. Freilich ist die französische Politik nicht die russische.« Bei diesen Worten, mit einer Affectation von Feinheit gesprochen, die selbst den stärksten diplomatischen Kopf aus seinem Gange gebracht hätte, glaubte Philipp, sein Vater delirire, und antwortete nur mit einem nicht ehrfurchtsvollen Achselzucken. »Ja, ja,« sagte der Greis, »Du glaubst, ich habe Dich nicht errathen? Du sollst es sehen.« »Sprechen Sie, mein Herr.« Taverney kreuzte sich die Arme. »Wirst Du mir etwa sagen,« sprach er, »daß Du Deinen Nachfolger nicht heranziehest?« »Meinen Nachfolger?« versetzte Philipp erbleichend. »Wirst Du mir sagen, Du wissest nicht, welche Entschiedenheit in den Liebesgedanken der Königin liegt, wenn sie besessen ist, und in der Voraussicht der Veränderung von ihrer Seite wollest Du nicht völlig geopfert, aus dem Besitze gesetzt werden? was immer bei der Königin geschieht, denn sie kann nicht die Gegenwart lieben und die Vergangenheit dulden.« »Sie sprechen hebräisch, mein Herr Baron.« Der Greis brach in jenes scharfe, unheimliche Gelächter aus, das Philipp, wie der Ruf eines bösen Geistes, beben machte. »Du wirst mich glauben machen, daß es nicht Tactik sei, Herrn von Charny zu schonen?« »Charny?« »Ja, Deinen zukünftigen Nachfolger, den Mann, der Dich, wenn er einmal regiert, verbannen lassen kann, wie Du die Herren von Coigny, von Vaudreuil und Andere verbannen lassen kannst.« »Das Blut stieg Philipp gewaltig zu den Schläfen, und er rief noch einmal: »Genug, mein Herr! genug; ich schäme mich in der That, daß ich so lange zugehört habe! Wer sagt, die Königin von Frankreich sei eine Messaline, der ist ein verbrecherischer Verleumder.« »Gut! sehr gut!« rief der Greis. »Du hast Recht, das ist Deine Rolle; doch ich versichere Dich, daß uns Niemand hören kann.« »Oh!« »Und was Charny betrifft, Du siehst, daß ich Dich ergründet habe. So geschickt auch Dein Plan sein mag, siehst Du, das Errathen liegt im Blute der Taverney. Fahre fort, Philipp, fahre fort. Schmeichle Charny; besänftige, tröste ihn, hilf ihm sanft und ohne Unannehmlichkeit vom Zustande des Grases zum Zustande der Blume übergehen und sei versichert, er ist ein Edelmann, der Dir später, wenn er in der Gunst steht, vergelten wird, was Du für ihn gethan hast.« Nach diesen Worten machte Herr von Taverney, ganz stolz auf die Auseinandersetzung seiner Scharfsicht, einen kleinen Luftsprung, der an den jungen Mann, und zwar an den durch sein Glück frech gewordenen jungen Mann erinnerte. Philipp packte ihn beim Aermel, hielt ihn wüthend auf und rief: »So ist es, wohl! mein Herr, Ihre Logik ist bewunderungswürdig.« »Ich habe errathen, nicht wahr, und Du bist mir deßhalb böse? Bah! Du verzeihst mir meiner Aufmerksamkeit wegen. Ich liebe übrigens Charny, und es freut mich sehr, daß Du so gegen ihn verfährst.« »Ihr Herr von Charny ist zu dieser Stunde so sehr mein Günstling, mein Liebling, mein von mir geätzter Vogel, daß ich ihm in der That soeben einen Fuß von dieser Klinge durch die Rippen gestoßen habe.« Und Philipp zeigte seinem Vater seinen Degen. »Wie!« versetzte Taverney, erschrocken bei dem Anblick dieser stammenden Augen, bei der Kunde von diesem kriegerischen Ausfall, »sagst Du nicht, Du habest Dich mit Herrn von Charny geschlagen?« »Und ich habe ihn gespießt! Ja.« »Großer Gott!« »Das ist meine Manier, meine Nachfolger zu besänftigen, zu pflegen und zu schonen,« fügte Philipp bei; »nun, da Sie dieselbe kennen, wenden Sie Ihre Theorie auf meine Praxis an.« Und er machte eine verzweifelte Bewegung, um zu entfliehen. Der Greis klammerte sich an seinen Arm an. »Philipp! Philipp! sage mir, daß Du scherztest.« »Nennen Sie das einen Scherz, wenn Sie wollen, doch es ist geschehen.« Der Greis schlug die Augen zum Himmel auf, murmelte ein paar zusammenhangslose Worte, verließ seinen Sohn und lief bis in sein Vorzimmer. »Geschwind! geschwind! ein Berittener! man eile zu Herrn von Charny, der verwundet worden ist, man erkundige sich nach ihm und vergesse nicht, zu sagen, man komme in meinem Auftrage! Dieser Verräther Philipp,« sprach er, während er in seine Wohnung zurückkehrte, »ist er nicht der Bruder seiner Schwester! Und ich, der ich ihn für gebessert hielt! Oh! es gab nur Einen Kopf in der Familie, den meinigen.« XXXIV. Der Vers des Herrn von Provence. Während alle diese Ereignisse in Paris und in Versailles vorfielen, befand sich der König, ruhig wie gewöhnlich, seitdem er seine Flotten siegreich und den Winter besiegt wußte, in seinem Cabinet, mitten unter kleinen Karten und Weltkarten, kleinen mechanischen Plänen, und beschäftigte sich damit, neue Furchen auf dem Meere für die Schiffe des Herrn von Laperouse zu ziehen. Ein leichtes Klopfen an der Thüre entzog ihn seinen durch ein gutes Vesperbrod, das er zu sich genommen, ganz erhitzten Träumereien. In diesem Augenblick machte sich eine Stimme hörbar. »Darf ich hinein, mein Bruder?« fragte sie. »Der Herr Graf von Provence, der Unwillkommene!« brummte der König, indem er ein offenes Buch voll der größten Figuren von sich schob. »Treten Sie ein,« sagte er. Ein dicker, kurzer, rothbackiger Mann mit lebhaften Augen trat ein; sein Schritt war zu ehrfurchtsvoll für einen Bruder zu vertraulich für einen Unterthanen. »Sie erwarteten mich nicht, mein Bruder,« sprach er. »Meiner Treue, nein.« »Ich störe Sie?« »Nein, doch sollten Sie mir etwas Interessantes zu sagen haben?« »Ein Gerücht, so drollig, so grotesk ...« »Ah! ah! eine Verleumdung.« »Meiner Treue, ja, mein Bruder.« »Die Sie belustigt hat?« »Oh! ihrer Seltsamkeit wegen.« »Irgend eine Bosheit gegen mich?« »Gott ist mein Zeuge, daß ich, wenn dem so wäre, nicht lachen würde.« »Gegen die Königin also?« »Sire, stellen Sie sich vor, daß man mir im Ernste, ganz im Ernste gesagt hat ... oh! ich lasse Sie hundertmal, ich lasse Sie tausendmal rathen.« »Mein Bruder, seitdem mein Lehrer mich diese oratorische Vorsicht als Muster des Genre bei Frau von Sévigné hat bewundern lassen, bewundere ich sie nicht mehr .... Zur Sache.« »Wohl! mein Bruder,« sprach der Graf von Provence, etwas abgekühlt durch diesen brutalen Empfang, »man sagt, die Königin habe einmal auswärts geschlafen, ha! ha! ha!« Und er strengte sich an, zu lachen. »Das wäre sehr traurig, wenn es wahr wäre,« sagte der König voll Ernst. »Aber das ist nicht wahr mein Bruder?« »Nein.« »Es ist ebenso nicht wahr, daß man die Königin vor dem Thore des Reservoirs hat warten sehen?« »Nein.« »Sie wissen, an dem Tag, wo Sie das Thor um eilf Uhr zu schließen befahlen.« »Ich weiß nicht.« »Wohl! stellen Sie sich vor, mein Bruder, das Gerücht behauptet ...« »Was ist das, das Gerücht? wo ist es? wer ist es?« »Das ist ein tiefer Zug, mein Bruder, ein sehr tiefer. In der That, wer ist das Gerücht? Wohl! dieses unfaßbare, unbegreifliche Wesen, welches man Gerücht nennt, behauptet, man habe die Königin mit dem Grafen von Artois Arm in Arm eine halbe Stunde nach Mitternacht an diesem Tage gesehen.« »Wo?« »Auf dem Weg nach einem Hause, das Herr von Artois besitzt, hinter den Ställen. Hat Eure Majestät nicht von dieser seltsamen Geschichte sprechen hören?« »Doch wohl, mein Bruder, ich muß davon gehört haben.« »Wie so, Sire?« »Ja, haben Sie nicht etwas gemacht, damit ich davon sprechen höre?« »Ich?« »Sie.« »Was denn, Sire, was habe ich gemacht?« »Einen Quatrain z. B., der im Mercure abgedruckt worden ist.« »Einen Quatrain?« versetzte der Graf, röther als bei seinem Eintritt. »Man erklärt Sie für einen Liebling der Musen.« »Nicht in dem Grade, um ...« »Um einen Quatrain zu machen, der mit dem Verse endigt: » Héléne n'en dit rien au bon roi Ménelas «. Helena sagt dem guten König Menelaus nichts davon. »Ich, Sire?« »Leugnen Sie es nicht, hier ist das Autograph des Gedichtes; Ihre Handschrift! Ich verstehe mich schlecht auf Poesie, aber auf Handschriften, oh! wie ein Experter.« »Sire, eine Thorheit zieht eine andere nach sich.« »Herr von Provence, ich versichere Sie, daß nur auf Ihrer Seite eine Thorheit stattgefunden, und ich wundere mich, daß ein Philosoph diese Thorheit begangen hat; behalten wir diese Betitelung für Ihr Gedicht.« »Sire, Eure Majestät ist hart gegen mich.« »Die Strafe der Wiedervergeltung, mein Bruder! Statt Ihr Gedicht zu machen, hätten Sie sich über das Geschehene unterrichten lassen können; ich habe das gethan; und statt des Quatrain gegen Ihre Schwägerin, folglich gegen mich, würden Sie ein Madrigal für sie geschrieben haben. Sie werden am Ende sagen, das sei kein Gegenstand, der begeistere; aber eine schlechte Epistel ist mir immer lieber, als eine gute Satyre. Horaz sagt das auch, Horaz, Ihr Dichter.« »Sire, Sie beugen mich nieder.« »Wären Sie der Unschuld der Königin nicht sicher gewesen, wie ich es bin,« fuhr der König mit Heftigkeit fort, »so hätten Sie wohl daran gethan, Ihren Horaz wieder zu lesen. Hat er nicht die schönen Worte gesagt? verzeihen Sie, ich radebreche das Lateinische: Rectius hoc est: Hoc faciens vivam melius, sic dilcis amicis Occurram. »›Das ist besser; wenn ich das thue, werde ich redlicher sein; wenn ich es thue, werde ich gut gegen meine Freunde sein.‹« »Sie, mein Bruder, würden das zierlicher übersetzen.« Und der gute König, nachdem er diese Lection mehr als Vater, denn als Bruder gegeben, wartete, daß der Schuldige eine Rechtfertigung begänne. Der Graf sann eine Zeit lang über seine Antwort nach, doch dieß nicht gerade wie ein verlegener Mensch, sondern mehr wie ein Redner, der Delicatessen sucht. »Sire, sagte er, »so streng auch der Spruch Eurer Majestät ist, ich habe ein Mittel der Entschuldigung, und darf hoffen, daß Sie mir verzeihen werden.« »Sprechen Sie, mein Bruder.« »Nicht wahr. Sie beschuldigen mich, ich habe mich getäuscht, und nicht, ich habe eine schlimme Absicht gehabt?« »Einverstanden.« »Wenn dem so ist, so wird Eure Majestät, welche weiß, daß derjenige, welcher sich nicht täuscht, kein Mensch ist, zugeben, daß ich mich nicht grundlos getäuscht habe.« »Nie werde ich Ihren Geist anklagen, denn er ist groß und erhaben, mein Bruder.« »Wohl, Sire, warum sollte ich mich nicht dadurch getäuscht haben, daß ich Alles anhöre, was preisgegeben wird? Wir Prinzen, wir leben in der Luft der Verleumdung, wir sind damit geschwängert. Ich sage nicht, ich habe geglaubt, ich sage, man habe mir erzählt.« »Ah! gut, wenn dem so ist; doch ...« »Das Gedicht? Oh! die Dichter sind bizarre Wesen; und dann, ist es nicht besser, durch eine sanfte Kritik, die eine Warnung sein kann, als durch eine gefaltete Stirne zu antworten? Drohende Stellungen in Verse gebracht beleidigen nicht, Sire; es ist nicht wie bei den Pamphleten, in Beziehung auf welche man so heftige Zwangsmaßregeln von Eurer Majestät verlangte; Pamphlete wie das, welches ich selbst Eurer Majestät zeigen werde.« »Ein Pamphlet!« »Ja, Sire: ich brauche nothwendig einen Haftbefehl gegen den elenden Verfasser dieser Schändlichkeit.« Der König erhob sich ungestüm und rief: »Lassen Sie hören!« »Ich weiß nicht, ob ich soll, Sire ...« »Gewiß, Sie müssen; es ist hiebei nichts zu schonen. Haben Sie dieses Pamphlet?« »Ja, Sire.« »Geben Sie.« Der Graf von Provence zog aus seiner Tasche ein Exemplar von der Geschichte Etteniotna's, ein unseliges Beweisstück, das der Degen Philipps, der Stock Charny's, das Feuer Cagliostro's der Circulation nicht entzogen hatten. Der König warf die Augen auf das Papier, wie Jemand, der gewohnt ist, die interessanten Stellen eines Buches oder einer Zeitung zu lesen. »Schändlichkeit!« sagte er, »Schändlichkeit!« »Sie sehen, Sire, daß man behauptet, meine Schwägerin sei bei der Kufe von Mesmer gewesen.« »Nun wohl! ja, sie ist dort gewesen!« »Sie ist dort gewesen!« rief der Graf von Provence. »Mit meiner Genehmigung.« »Oh! Sire!« »Und nicht wegen ihrer Gegenwart erhebe ich eine Anschuldigung gegen ihre Weisheit, da ich ihr den Gang nach der Place Vendome erlaubt hatte.« »Eure Majestät hat aber der Königin nicht erlaubt, sich der Kufe zu nähern, um in eigener Person zu versuchen ...« Der König stampfte mit dem Fuße. Der Graf hatte diese Worte gerade in dem Moment ausgesprochen, wo die Augen Ludwigs XVI. die für Marie Antoinette beleidigendste Stelle durchliefen, die Geschichte von ihrer vorgeblichen Crise, von ihren Verdrehungen, von ihrer wollüstigen Unordnung, von allem dem endlich, was den Besuch Oliva's bei Mesmer bezeichnet hatte. »Unmöglich! unmöglich!« sagte der König, der bleich geworden war. »Oh! die Policei muß wissen, was sie hiebei zu thun hat!« Er läutete. »Herr von Crosne,« rief er, »man hole mir Herrn von Crosne!« »Sire, es ist heute der Tag des Wochenberichts, Herr von Crosne wartet im Oeil-de-Boeuf.« »Er trete ein.« »Erlauben Sie mir, mein Bruder,« sagte der Graf von Provence mit heuchlerischem Tone. Und er machte Miene, wegzugehen. »Bleiben Sie,« sprach Ludwig XVI. zu ihm. »Ist die Königin schuldig, wohl! mein Herr , so gehören Sie zur Familie und dürfen es wissen; ist sie unschuldig, so müssen Sie es ebenfalls wissen, da Sie meine Gemahlin im Verdacht hatten.« Herr von Crosne trat ein. Als dieser Beamte Herrn von Provence beim König sah, begann er damit, daß er den zwei Größten des Reiches seine Huldigung darbrachte; dann wandte er sich an den König und sprach: »Der Bericht ist fertig, Sire.« »Vor Allem, mein Herr,« sagte Ludwig XVI., »erklären Sie mir, wie in Paris ein so schändliches Pamphlet gegen die Königin veröffentlicht werden konnte?« »Etteniotna?« fragte Herr von Crosne. »Ja.« »Wohl, Sire, das ist ein Zeitungsschreiber Namens Reteau.« »Ja. Sie wissen seinen Namen und haben ihn nicht an der Veröffentlichung verhindert, oder nach der Veröffentlichung verhaftet!« »Sire, nichts war leichter, als ihn zu verhaften: ich will Eurer Majestät den Einsperrungsbefehl ganz ausgefertigt in meinem Portefeuille zeigen.« »Warum ist dann die Verhaftung nicht erfolgt?« Herr von Crosne wandte sich gegen Herrn von Provence. »Ich verabschiede mich von Eurer Majestät,« sprach dieser langsam. »Nein, nein,« erwiderte der König. »Ich habe Ihnen schon gesagt, Sie sollen bleiben. Bleiben Sie.« Der Graf verbeugte sich. »Sprechen Sie, Herr von Crosne; sprechen Sie offenherzig, ohne Rückhalt: sprechen Sie rasch und unumwunden.« »Wohl, also,« sagte der Policei-Lieutenant, »ich habe den Zeitungsschreiber Reteau nicht verhaften lassen, weil ich ganz nothwendig, ehe ich diesen Schritt that, eine Erklärung mit Eurer Majestät gehabt haben mußte.« »Ich ersuche Sie darum.« »Sire, es wäre vielleicht besser, diesem Zeitungsschreiber einen Sack Geld zu geben und ihn fortzuschicken, daß er anderswo, sehr fern von hier, gehenkt würde.« »Warum?« »Sire, weil, wenn diese Elenden eine Lüge sagen, das Publicum, dem man es beweist, sehr erfreut ist, sie peitschen, ihnen die Ohren abschneiden, sie sogar aufhängen zu sehen. Wenn sie aber unglücklicher Weise eine Wahrheit aufgreifen ...« »Eine Wahrheit?« Herr von Crosne verbeugte sich. »Ja, ich weiß es. Die Königin ist in der That bei der Kufe Mesmers gewesen. Sie ist dort gewesen, das ist ein Unglück, wie Sie sagen, aber ich habe es ihr erlaubt.« »Oh! Sire!« rief Herr von Crosne. Dieser Ausruf des ehrfurchtsvollen Unterthanen fiel dem König noch mehr auf, als er ihm aus dem Munde des eifersüchtigen Verwandten aufgefallen war. »Die Königin ist aber darum nicht verloren, denke ich,« sprach er. »Nein, Sire, aber compromittirt.« »Herr von Crosne, lassen Sie hören, was hat Ihnen Ihre Policei gesagt?« »Sire, viele Dinge, die bei aller Achtung, welche ich Eurer Majestät schuldig bin, bei aller ehrfurchtsvollen Anbetung, die ich für die Königin hege, mit einigen Angaben des Pamphlets im Einklang stehen.« »Im Einklang, sagen Sie?« »Hören Sie, wie. Eine Königin von Frankreich, die in der Tracht einer gewöhnlichen Frau, angelockt von den magnetischen Bizarrerien Mesmers, in diese zweideutige Gesellschaft geht, und die allein geht ...« »Allein!« rief der König. »Ja, Sire.« »Sie täuschen sich, Herr von Crosne.« »Ich glaube nicht, Sire.« »Sie haben schlechte Berichte.« »So genaue, Sire, daß ich die Einzelnheiten der Toilette Ihrer Majestät, die Gesammterscheinung ihrer Person, ihre Schritte, ihre Geberden, ihre Schreie angeben kann.« »Ihre Schreie!« Der König erbleichte und zerknitterte die Broschüre. »Ihre Seufzer sogar sind von meinen Agenten aufgezeichnet worden,« fügte Herr von Crosne schüchtern bei. »Ihre Seufzer! Die Königin hätte sich dergestalt vergessen! ... Die Königin hätte so wohlfeil meine Ehre als König, ihre Ehre als Frau gegeben!« »Das ist unmöglich,« sprach der Graf von Provence, »das wäre mehr als scandalös, und Ihre Majestät ist unfähig ...« Diese Worte waren mehr eine neue Anklage, als eine Entschuldigung. Der König fühlte das. Alles in ihm empörte sich. »Mein Herr,« sprach er zum Policei-Lieutenant, »Sie behaupten, was Sie gesagt haben?« »Ach! bis zum letzten Worte, Sire.« »Ihnen, mein Bruder,« sagte Ludwig XVI., indem er mit dem Sacktuch über seine von Schweiß befeuchtete Stirne fuhr, »Ihnen bin ich einen Beweis für meine Erklärung schuldig. Die Ehre der Königin ist die Ehre meines ganzen Hauses. Ich gebe sie nie preis. Ich habe der Königin erlaubt, zur Kufe Mesmers zu gehen, sie aber zugleich beauftragt, eine sichere, tadellose, sogar fromme Person mitzunehmen.« »Ah!« versetzte Herr von Crosne, »wenn es so gewesen wäre ...« »Ja,« sprach der Graf von Provence, »wenn eine Dame wie Frau von Lamballe z.B. ...« »Ganz richtig, mein Bruder, es ist die Frau Prinzessin von Lamballe, die ich der Königin bezeichnet hatte.« »Leider, Sire, ist die Prinzessin nicht mitgenommen worden.« »Wohl,« fügte der König bei, »wenn der Ungehorsam so weit gegangen ist, so muß ich bestrafen, und ich werde strafen.« Ein ungeheurer Seufzer schloß ihm die Lippen, nachdem er ihm das Herz zerrissen. »Nur,« fügte er leiser bei, »nur bleibt mir ein Zweifel; diesen Zweifel theilen Sie nicht, das ist natürlich; Sie sind nicht der König, der Gatte, der Freund derjenigen, welche man anschuldigt ... diesen Zweifel, ich will ihn aufklären.« Er läutete; der Officier vom Dienst erschien. »Man sehe nach, ob die Frau Prinzessin von Lamballe nicht bei der Königin oder in ihrer Wohnung ist,« sagte der König. »Sire, Frau von Lamballe geht in dem kleinen Garten mit Ihrer Majestät und einer andern Dame spazieren.« »Bitten Sie die Frau Prinzessin, sogleich heraufzukommen.« Der Officier trat ab. »Nun, meine Herren, noch zehn Minuten; bis dahin kann ich keinen Entschluß fassen.« Gegen seine Gewohnheit faltete Ludwig XVI. seine Stirne und warf auf die zwei Zeugen seines tiefen Schmerzes einen beinahe drohenden Blick. Die zwei Zeugen schwiegen. Herr von Crosne war von einer wirklichen Traurigkeit erfüllt, Herr von Provence heuchelte eine Traurigkeit, die sich dem Gotte Momus in Person mitgetheilt hätte. Ein leichtes Rauschen von Seidestoff hinter den Thüren verkündigte dem König die Ankunft der Prinzessin von Lamballe.   XXXV. Die Prinzessin von Lamballe. Die Prinzessin von Lamballe trat ein, schön und ruhig, die Stirne entblößt, die zerstreuten Locken ihrer hohen Frisur stolz hinter die Schläfe zurückgeworfen, ihre Augbrauen schwarz und fein, wie zwei Sepiastriche, ihre Augen blau, durchsichtig, ausgedehnt, voll Perlmutter, die Nase gerade und rein, ihre Lippen keusch und wollüstig zugleich: all diese Schönheit auf einem Körper von unvergleichlicher Schönheit entzückte und beherrschte zugleich. Die Prinzessin brachte mit und um sich jenen Duft von Tugend, Anmuth, Unkörperlichkeit, den Lavallière ehe sie in Gunst gekommen und seitdem sie in Ungnade gefallen, verbreitete. Als der König sie lächelnd und bescheiden erscheinen sah, fühlte er sich von Schmerz durchdrungen. »Ach!« dachte er, »was aus diesem Munde hervorgeht; wird eine Verurteilung sein, gegen welche keine Appellation möglich ist.« »Setzen Sie sich, Prinzessin.« sprach er, indem er sich tief vor ihr verbeugte. Herr von Provence näherte sich, um ihr die Hand zu küssen. Der König sammelte sich. »Was wünscht Eure Majestät von mir?« fragte die Prinzessin mit der Stimme eines Engels. »Eine Mittheilung, Madame, eine genaue Mittheilung, meine Cousine.« »Ich warte, Sire.« »An welchem Tag sind Sie in Gesellschaft der Königin nach Paris gefahren? Besinnen Sie sich wohl!« Herr von Crosne und der Graf von Provence schauten sich erstaunt an. »Sie begreifen, meine Herren,« sagte der König, » Sie zweifeln nicht, ich zweifle noch; ich frage folglich wie ein Mensch, der zweifelt.« »Am Mittwoch, Sire,« erwiderte die Prinzessin. »Sie verzeihen mir,« fuhr Ludwig XVI. fort, »aber, meine Cousine, ich wünsche die Wahrheit zu hören.« »Sie werden sie hören, Sire, indem Sie mich fragen.« »Was machten Sie in Paris, meine Cousine?« »Ich ging zu Herrn Mesmer, auf der Place Vendome, Sire.« Die zwei Zeugen bebten, der König erröthete vor Aufregung. »Allein?« fragte er. »Nein, Sire, mit Ihrer Majestät der Königin.« »Mit der Königin? Sie sagen, mit der Königin!« rief Ludwig XVI, indem er sie gierig bei den Händen nahm. »Ja, Sire.« Herr von Provence und Herr von Crosne näherten sich erstaunt. »Eure Majestät hatte der Königin Erlaubniß dazu gegeben,« sprach Frau von Lamballe; »wenigstens sagte mir das Ihre Majestät.« »Und Ihre Majestät hatte Recht, meine Cousine. Nun ... athme ich wieder auf; denn Frau von Lamballe lügt nie.« »Nie, Sire,« erwiderte die Prinzessin mit sanftem Tone. »Oh! nie!« rief Herr von Crosne mit der achtungsvollsten Ueberzeugung. »Doch dann erlauben Sie mir, Sire ...« »Oh! ja, ich erlaube Ihnen, Herr von Crosne; fragen, verhören Sie, ich setze meine arme Prinzessin auf das Schemelchen des Verbrechers, ich überlasse sie Ihnen.« Frau von Lamballe lächelte und erwiderte: »Ich bin bereit; doch die Folter ist aufgehoben, Sire.« »Ja, ich habe sie für die Anderen aufgehoben, aber man hat sie nicht für mich aufgehoben,« sagte der König mit einem Lächeln. »Madame,« sprach der Policei-Lieutenant, »haben Sie die Güte, dem König zu sagen, was Sie mit Ihrer Majestät bei Herrn Mesmer machten, und vor Allem: wie war die Königin gekleidet?« »Ihre Majestät trug ein Kleid von perlgrauem Taffet eine Mante von gestickter Mousseline, einen Muff von Hermelin, einen Hut von rosa Sammet, mit großen schwarzen Bändern.« Dieses Signalement widersprach dem für Oliva angegebenen gänzlich. Herr von Crosne offenbarte ein lebhaftes Erstaunen, der Graf von Provence biß sich auf die Lippen. Der König rieb sich die Hände. »Und was hat die Königin bei ihrem Eintritt gethan?« fragte er. »Sire, Sie haben Recht, zu sagen, bei ihrem Eintritt, denn kaum waren wir eingetreten ...« »Mit einander?« »Ja, Sire, mit einander; kaum waren wir in den ersten Salon eingetreten, wo uns Niemand hatte wahrnehmen können, so groß war die Aufmerksamkeit, die man den magnetischen Geheimnissen widmete, als eine Frau sich Ihrer Majestät näherte, ihr eine Maske bot und sie anflehte, nicht weiter zu gehen.« »Und Sie gingen nicht weiter?« fragte lebhaft der Graf von Provence. »Nein, mein Herr«« »Und Sie haben die Schwelle des ersten Salons nicht überschritten?« fragte Herr von Crosne. »Nein, mein Herr.« »Und Sie haben den Arm der Königin nicht verlassen?« fragte der König mit einem Reste von Angst. »Nicht eine Secunde; der Arm Ihrer Majestät war unablässig auf den meinigen gestützt.« »Nun!« rief plötzlich der König, »was denken Sie hievon. Herr von Crosne? Was sagen Sie hiezu, mein Bruder?« »Das ist außerordentlich, übernatürlich,« sprach Herr von Provence, der eine Heiterkeit heuchelte, welche mehr als jeder Zweifel seinen ganzen Aerger über den Widerspruch offenbarte. »Darin ist nichts Uebernatürliches,« erwiderte eilig Herr von Crosne, dem die sehr natürliche Freude des Königs eine Art von Gewissensbiß bereitete; »was die Frau Prinzessin gesagt hat, kann nur die Wahrheit sein.« »Daraus geht hervor ...« sagte Herr von Provence. »Daraus geht hervor, Monseigneur, daß meine Agenten sich getäuscht haben.« »Sprechen Sie im Ernste?« fragte Herr von Provence mit demselben Nervenzittern. »Ganz im Ernste, Monseigneur, meine Agenten haben sich getäuscht; Ihre Majestät hat gethan, was Frau von Lamballe so eben gesagt, und nichts Anderes. Was den Zeitungsschreiber betrifft: wenn ich von den vollkommen wahren Worten der Frau Prinzessin überzeugt bin, so muß es dieser Kerl auch sein, und ich lasse den Befehl abgehen, ihn sogleich einzusperren.« Frau von Lamballe drehte den Kopf hin und her, mit der Freundlichkeit der Unschuld, die sich mit mehr Neugierde als Furcht erkundigt. »Einen Augenblick Geduld,« sprach der König, »es wird immer noch Zeit sein, den Zeitungsschreiber festnehmen zu lassen. Sie haben von einer Frau gesprochen, welche die Königin am Eingang des Salons zurückgehalten: Prinzessin, sagen Sie uns, wer diese Frau war?« »Ihre Majestät scheint sie zu kennen; Sire, ich sage sogar, gerade weil ich nicht lüge, Ihre Majestät kennt sie, ich weiß es.« »Cousine, ich muß diese Frau sprechen, das ist unerläßlich. Dort liegt die ganze Wahrheit; dort nur ist der Schlüssel des Geheimnisses.« »Das ist auch meine Meinung,« sagte Herr von Crosne, gegen den sich der König gewandt hatte. »Geschwätz,« murmelte der Graf von Provence. »Es ist eine Frau die den Eindruck des Gottes der Entwickelungen auf mich macht.« »Meine Cousine,« sprach er laut, »die Königin hat Ihnen gestanden, Sie kenne diese Frau?« »Ihre Majestät hat mir nicht gestanden, sie hat mir erzählt.« »Ja, ja, verzeihen Sie.« »Mein Bruder will Ihnen damit sagen,« unterbrach der König, »wenn die Königin diese Frau kenne, so wissen Sie ihren Namen auch.« »Es ist Frau von La Mothe-Valois.« »Die Intrigantin!« rief der König ärgerlich. »Diese Bettlerin!« sagte der Graf. »Teufel! Teufel! sie wird schwer zu befragen sein; sie ist sein.« »Wir werden so fein sein als sie,« sprach Herr von Crosne. »Und überdieß bedarf es, seit der Erklärung der Frau von Lamballe, keiner Feinheit. Ich werde auch auf das erste Wort des Königs ...« »Nein, nein,« sprach Ludwig XVI. entmuthigt, »ich bin müde, diese schlechte Gesellschaft um die Königin zu sehen. Die Königin ist so gut, daß der Vorwand der Dürftigkeit Alles zu ihr führt, was es an zweideutigen Leuten beim niedrigsten Adel des Königreiches gibt.« »Frau von La Mothe ist wirklich eine Valois,« entgegnete Frau von Lamballe. »Mag sie sein, was sie will, meine Cousine, sie soll keinen Fuß hierher setzen. Ich will lieber die unermeßliche Freude entbehren, die mir die vollständige Freisprechung der Königin gemacht hätte, ja, ich will lieber auf diese Freude verzichten, als dieser Creatur in's Gesicht sehen.« »Und dennoch werden Sie diese Frau sehen!« rief die Königin, welche, bleich vor Zorn, die Thüre des Cabinets öffnete und sich, schön von Adel und Entrüstung, vor den geblendeten Augen des Grafen von Provence zeigte, der sich linkisch hinter dem gegen ihn zurückgeschobenen Thürflügel verbeugte. »Ja, Sire,« fuhr die Königin fort, »es handelt sich nicht darum, zu sagen: Ich will diese Creatur gern sehen, oder ich fürchte, diese Creatur zu sehen, diese Creatur ist eine Zeugin, welche der Verstand meiner Ankläger ...« Sie schaute ihren Schwager an. »Und die Freimüthigkeit meiner Richter ...« Und sie wandte sich gegen den König und Herrn von Crosne. »Welcher endlich ihr eigenes Gewissen, so entartet es auch sein mag, einen Schrei der Wahrheit entreißen wird. Ich, die Angeklagte, verlange, daß man sie höre, und man wird sie hören.« »Madame,« erwiderte der König hastig, »Sie begreifen wohl, daß man Frau von La Mothe nicht holen lassen wird, um ihr die Ehre zu erweisen, für oder gegen Sie aussagen zu dürfen. Ich lege Ihre Ehre nicht mit der Wahrhaftigkeit dieser Frau in die Wagschale.« »Man wird Frau von La Mothe nicht holen lassen, Sire, denn sie ist hier.« »Hier!« rief der König, indem er sich umwandte, als wäre er auf eine Schlange getreten, »hier!« »Sire, ich hatte, wie Sie wissen, eine unglückliche Frau besucht, welche einen berühmten Namen führt. An diesem Tag, an welchem man, wie Sie wissen, so viele Dinge gesagt hat ...« Und sie schaute fest über die Achsel den Grafen von Provence an, der gern hundert Fuß unter der Erde gewesen wäre, während sein breites Gesicht einen grimassenhaften Ausdruck der Anschmiegung annahm. »Nun?« fragte Ludwig XVI. »Nun! Sire, an diesem Tage ließ ich bei Frau von La Mothe ein Porträt, eine Büchse liegen. Sie bringt sie mir heute zurück und sie ist hier.« »Nein, nein ... ich bin überzeugt!« rief der König, »und das ist mir lieber.« »Oh! ich bin nicht befriedigt,« sprach die Königin; »ich will sie einführen. Warum übrigens dieses Widerstreben? wer ist sie denn? was hat sie denn gethan? Wenn ich es nicht weiß, so belehren Sie mich. Auf, Herr von Crosne, sprechen Sie, der Sie Alles wissen ...« »Ich weiß nichts, was dieser Dame nachtheilig wäre,« erwiderte der Beamte. »Wahrhaftig?« »Gewiß. Sie ist nur arm; ein wenig ehrgeizig vielleicht.« »Der Ehrgeiz, das ist die Stimme des Blutes. Haben Sie nur dieses gegen sie einzuwenden, so kann sie der König wohl zulassen, um Zeugniß abzulegen.« »Ich weiß nicht,« erwiderte Ludwig XVI., »aber ich habe Ahnungen, Instincte; ich fühle, daß diese Frau ein Unglück, eine Widerwärtigkeit in meinem Leben veranlassen wird ... und das ist genug.« »Oh! Sire, Aberglauben! Hole sie geschwind,« sagte die Königin zur Prinzessin von Lamballe. Nach fünf Minuten trat Jeanne ganz bescheiden, ganz verschämt, aber vornehm in ihrer Haltung wie in ihrem Anzug, in das Cabinet des Königs ein. Unüberwindlich in seiner Antipathie, hatte der König der Thüre den Rücken zugewendet. Die zwei Ellenbogen auf seinem Schreibtische, den Kopf in seinen Händen, schien er ein Fremder mitten unter den Anwesenden. Der Graf von Provence schoß auf Jeanne so forschende und belästigende Blicke ab, daß, wenn die Bescheidenheit von Jeanne eine ächte gewesen wäre, diese Frau alle Fassung verloren und kein Wort aus dem Munde gebracht hätte. Aber es brauchte etwas Anderes, um Jeanne's Gehirn zu stören und zu beunruhigen. Weder König, noch Kaiser mit ihren Sceptern, noch der Papst mit seiner Tiare, noch himmlische Mächte, noch Mächte der Finsterniß hätten auf diesen ehernen Geist durch Furcht oder Verehrung eingewirkt. »Madame,« sprach die Königin, indem sie die Gräfin hinter den König führte, »ich bitte Sie, sagen Sie gefälligst, was Sie am Tage meines Besuches bei Herrn Mesmer gethan haben; wollen Sie es von Punkt zu Punkt sagen.« Jeanne schwieg. »Kein Verschweigen, keine Schonung. Nichts als die Wahrheit, so wie sie in Ihrem Gedächtniß ist.« Nach diesen Worten setzte sich die Königin in einen Lehnstuhl, um nicht durch ihren Blick einen Einfluß auf die Zeugin zu üben. Welche Rolle für Jeanne! Für sie, die schon errathen hatte, daß ihre Souveränin ihrer bedurfte, für sie, welche fühlte, daß Marie Antoinette in falschem Verdachte stand, und daß man sie, ohne sich von der Wahrheit zu entfernen, rechtfertigen konnte. Jede Andere hätte bei dieser Ueberzeugung dem Vergnügen nachgegeben, die Unschuld der Königin durch die Uebertreibung der Beweise darzuthun. Jeanne war aber eine so verschmitzte, so feine und so starke Natur, daß sie sich innerhalb des reinen Ausdruckes der Thatsache hielt. »Sire,« sprach sie, »ich ging zu Herrn Mesmer aus Neugierde, wie ganz Paris dahin geht. Das Schauspiel kam mir ein wenig plump vor. Ich wandte mich um, als ich plötzlich auf der Schwelle der Eingangsthüre Ihre Majestät erblickte, die ich zwei Tage vorher, ohne sie zu kennen, zu sehen die Ehre gehabt hatte, Ihre Majestät, deren Freigebigkeit mir ihren Rang verrathen hat. Als ich ihre erhabenen Züge sah, die nie meinem Gedächtnisse entschwinden werden, da schien es mir, die Gegenwart Ihrer Majestät sei nicht an ihrem Orte in jenem Haus, wo viele Leiden und Heilungen als Schauspiele ausgestellt werden. Ich bitte Ihre Majestät in Demuth um Verzeihung, daß ich es gewagt habe, so frei über ihr Benehmen zu denken, aber es war ein Blitz, ein weiblicher Instinct; ich bitte auf den Knieen um Verzeihung, wenn ich die Linie der Ehrfurcht, die ich den geringsten Bewegungen Ihrer Majestät schuldig bin, überschritten habe.« Eine tiefe Gemüthsbewegung heuchelnd, den Kopf senkend und durch eine unerhörte Kunst beinahe zu der Stockung des Athems gelangt, welche den Thränen vorhergeht, hielt sie inne. Herr von Crosne war dadurch ergriffen. Frau von Lamballe fühlte sich zum Herzen dieser Frau hingezogen, die zugleich zart, schüchtern, geistreich und gut zu sein schien. Herr von Provence war betäubt. Die Königin dankte Jeanne durch einen Blick, den der Blick der Gräfin nachsuchte oder vielmehr duckmäuserisch belauerte. »Nun! Sire, Sie haben gehört,« sagte die Königin. Der König rührte sich nicht. »Ich bedurfte des Zeugnisses dieser Frau nicht,« sagte er. »Man hat mich sprechen heißen, und ich mußte gehorchen,« warf Jeanne schüchtern ein. »Genug!« sprach Ludwig XVI. mit brutalem Tone; »wenn die Königin etwas sagt, so braucht sie keine Zeugen, um ihre Aussagen zu controliren. Hat die Königin meine Billigung, so braucht sie von Niemand Etwas zu verlangen, und sie hat meine Billigung.« Nach diesen Worten, welche Herrn von Provence niederschlugen, stand er auf. Die Königin ermangelte nicht, ein verächtliches Lächeln beizufügen. Der König wandte seinem Bruder den Rücken zu und küßte Marie Antoinette, sowie der Prinzessin von Lamballe die Hand. Er entließ die letztere, indem er sie um Verzeihung bat, daß er sie, wie er beifügte, um Nichts belästigt habe. An Frau von La Mothe richtete er weder ein Wort, noch einen Blick; da er aber an ihr vorübergehen mußte, um zu seinem Lehnstuhl zurückzukehren, und da er die Königin zu beleidigen fürchtete, wenn er es in ihrer Gegenwart an Höflichkeit gegen eine von ihr empfangene Dame fehlen ließe, so zwang er sich zu einem kurzen Gruß gegen Jeanne, den diese ohne Hast durch eine tiefe Verbeugung erwiderte, die ihren ganzen Anstand geltend zu machen fähig war. Frau von Lamballe verließ zuerst das Cabinet, dann Frau von La Mothe, welche die Königin vor sich herschob, endlich die Königin, die einen letzten, beinahe liebkosenden Blick mit dem König wechselte. Und dann hörte man in der Flur die drei Frauenstimmen, die sich zischelnd entfernten. »Mein Bruder,« sprach nun Ludwig XVI. Zum Grafen von Provence, »ich halte Sie nicht mehr zurück. Ich muß meine Wochenarbeit mit dem Herrn Policeilieutenant beendigen. Ich danke Ihnen jedoch, daß Sie dieser vollständigen und glänzenden Rechtfertigung Ihrer Schwägerin Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es ist leicht zu sehen, daß Sie sich ebensosehr darüber freuen, als ich, und das will nicht wenig sagen. Nun ist die Reihe an uns Beiden, Herr von Crosne. Ich bitte Sie, setzen Sie sich hierher.« Der Graf von Provence verbeugte sich, beständig lächelnd, und ging hinaus, als er die Damen nicht mehr hörte und sich außer dem Bereiche eines boshaften Blickes oder eines bitteren Wortes glaubte.   XXXVI. Bei der Königin. Als die Königin das Cabinet Ludwigs XVI. verlassen hatte, untersuchte sie die ganze Tiefe der Gefahr, die sie gelaufen war. Sie wußte zu würdigen, mit welcher Zartheit und Zurückhaltung Jeanne bei ihrer improvisirten Angabe zu Werke gegangen war, sie wußte auch den wahrhaft merkwürdigen Takt zu schätzen, mit dem sie nach dem günstigen Erfolge im Schalten blieb. Jeanne, die durch ein unerhörtes Glück mit dem ersten Schlag in jene vertraulichen Geheimnisse eingeweiht worden war, nach denen die Höflinge zehn Jahre lang jagen, ohne sie zu erreichen, und folglich sicher darauf rechnen konnte, fortan von großem Gewicht an einem für die Königin bedeutungsvollen Tage zu sein, verrieth hierüber nicht jene Freude, welche die hoffärtige Empfindlichkeit der Großen auf den Gesichtern von Untergeordneten zu errathen weiß. Statt das Anerbieten Jeanne's, der Königin ihre Ehrfurcht zu bezeigen und dann wegzugehen, anzunehmen, hielt daher Marie Antoinette Frau von La Mothe durch ein liebenswürdiges Lächeln zurück und sagte zu ihr: »Es ist ein wahres Glück, Gräfin, daß Sie mich abgehalten haben mit der Prinzessin von Lamballe bei Mesmer einzutreten, denn sehen Sie die Anschwärzung, man hat mich bei der Thüre oder im Vorzimmer gesehen und dieß zum Text genommen, um zu behaupten, ich sei in dem gewesen, was Sie den Saal der Crisen nennen, nicht so?« »Den Saal der Crisen, ja, Madame.« »Aber,« sprach Frau von Lamballe, »wie kommt es, daß, wenn die Anwesenden wußten, die Königin sei da, die Agenten des Herrn von Crosne sich getäuscht haben? Darin liegt das Geheimniß meiner Ansicht nach; die Agenten des Policeilieutenants versichern in der That, die Königin sei im Saale der Crisen gewesen.« »Das ist wahr,« sprach die Königin nachdenkend. »Und es waltet kein Interesse von Seiten des Herrn von Crosne ob, der ein ehrlicher Mann ist und mich liebt, doch die Agenten können bestochen worden sein, meine liebe Lamballe. Ich habe Feinde, wie Sie sehen. Dieses Gerücht muß indessen immer auf etwas beruhen. Sagen Sie uns die einzelnen Umstände, Gräfin. Vor Allem stellt mich die schändliche Broschüre berauscht, bezaubert, dergestalt magnetisirt dar, daß ich alle weibliche Würde verloren haben soll. Was ist Wahrscheinliches hieran? Ist wirklich an jenem Tag eine Frau dort gewesen? ...« Jeanne erröthete. Das Geheimniß stellte sich hier abermals dar, das Geheimniß, von dem ein einziges Wort ihren unseligen Einfluß auf das Geschick der Königin zerstören konnte. Enthüllte Jeanne dieses Geheimniß, so verlor sie die Gelegenheit, Ihrer Majestät nützlich, sogar unentbehrlich zu sein. Diese Lage richtete ihre Zukunft zu Grunde; sie blieb zurückhaltend, wie das erste Mal. »Madame,« sagte sie, »es war wirklich eine sehr bewegte Frau dort, die sich durch ihre Verdrehungen und ihr Delirium ungemein zur Schau stallte. Doch mir scheint ...« »Es scheint Ihnen,« fiel die Königin rasch ein, »diese Frau war eine Frau vom Theater oder das. was man ein Weltmädchen nennt, und nicht die Königin von Frankreich, nicht wahr?« »Gewiß nicht. Madame.« »Gräfin, Sie haben dem König sehr gut geantwortet, und nun ist es an mir, für Sie zu sprechen. Lassen Sie hören, wie weit sind Sie mit Ihren Angelegenheiten? zu welcher Zeit gedenken Sie Ihre Rechte zur Anerkennung zu bringen? Doch ist nicht Jemand hier, Prinzessin?« Frau von Misery trat ein. »Will Eure Majestät Fräulein von Taverney empfangen?« fragte die Kammerfrau. »Sie! sicherlich. Oh! das ceremoniöse Ding! nie würde sie sich gegen die Etikette verfehlen. Andree! Andree! kommen Sie doch.« »Eure Majestät ist zu gut gegen mich,« sprach diese, indem sie sich anmuthig verbeugte. Und sie erblickte Jeanne, welche, da sie die zweite Dame vom Unterstützungsbureau erkannte, eine Röthe und eine Bescheidenheit auf Kommando sich zu Hilfe rief. Die Prinzessin von Lamballe benützte die Verstärkung, die der Königin zugekommen, um nach Sceaux zum Herzog von Venthiévre zurückzukehren. Andree setzte sich an die Seite von Marie Antoinette und heftete ihren ruhigen, forschenden Blick auf Frau von La Mothe. »Nun! Andree,« sagte die Königin, »hier ist die Dame, die wir am letzten Tage des Eises besuchten.« »Ich habe sie erkannt,« erwiderte Andree sich verneigend. Schon hochmüthig, beeilte sich Jeanne, auf den Zügen Andree's ein Symptom von Eifersucht zu suchen, doch sie fand nichts als völlige Gleichgültigkeit. Andree, mit denselben Leidenschaften, wie die Königin, Andree, eine Frau und erhaben über alle Frauen an Güte, an Geist und an Großmuth, wenn sie glücklich gewesen wäre, Andree verschloß sich in ihre undurchdringliche Verstellung, welche der ganze Hof für die stolze Schamhaftigkeit der jungfräulichen Diana hielt. »Wissen Sie,« sprach die Königin zu ihr, »wissen Sie, was man dem König über mich sagte?« »Oh! man mußte ihm Alles sagen, was es Schlimmes gibt,« erwiderte Andree, »gerade weil man ihm nicht zu sagen vermöchte, was Gutes an Ihnen ist.« »Das ist das schönste Wort, das ich gehört,« sprach Jeanne einfach. »Ich sage, das schönste, weil es in seiner ganzen Stärke das Gefühl wiedergibt, welches das meines Lebens ist, und das mein schwacher Geist nie so auszudrücken vermocht hätte.« »Ich werde Ihnen die Sache erzählen, Andree.« »Oh! ich weiß sie,« sagte diese; »der Herr Graf von Provence hat sie so eben erzählt, und eine Freundin von mir hat zugehört.« »Das ist ein glückliches Mittel, die Lüge zu verbreiten, nachdem man der Wahrheit gehuldigt hat,« sprach zornig die Königin. »Doch lassen wir das. Ich war eben mit der Gräfin an der Auseinandersetzung ihrer Lage. Wer protegirt Sie, Gräfin?« »Sie, Madame,« erwiderte Jeanne muthig, »Sie, die Sie mir erlauben, Ihnen die Hand zu küssen.« »Sie hat Gemüth, und ich liebe ihre Ergüsse,« sagte Marie Antoinette zu Andree. Andree antwortete nicht. »Madame,« fuhr Jeanne fort, »wenige Personen haben es gewagt, mich zu protegiren, als ich in der Noth und in der Dunkelheit war; nun aber, wenn man mich einmal in Versailles gesehen, wird sich alle Welt um das Recht streiten, der Königin, ich will sagen, einer Person angenehm zu sein, die Ihre Majestät eines Blickes zu würdigen die Gnade gehabt hat.« »Wie!« rief die Königin, indem sie sich setzte; »Niemand war muthig oder verdorben genug, Sie zu protegiren?« »Ich hatte Anfangs Frau von Boulainvilliers,« antwortete Jeanne, »eine wackere Frau; dann Herrn von Boulainvilliers, einen verdorbenen Beschützer; doch seit meiner Verheirathung Niemand, oh! Niemand!« sagte sie mit einer äußerst geschickten Uebergehung. »Oh! verzeihen Sie, ich vergaß einen braven Mann, einen edelmüthigen Prinzen ...« »Einen Prinzen! wen denn, Gräfin?« »Den Herrn Cardinal von Rohan.« Die Königin machte eine ungestüme Bewegung gegen Jeanne. »Mein Feind!« sagte sie lächelnd. »Feind Eurer Majestät! Er! der Cardinal!« rief Jeanne. »Oh! Madame!« »Man sollte glauben, Gräfin, Sie wundern sich darüber, daß eine Königin einen Feind hat. Wie sieht man doch, daß Sie nicht bei Hofe gelebt haben!« »Madame, der Cardinal betet Eure Majestät an, wenigstens glaubte ich das zu wissen, und wenn ich mich nicht getäuscht habe, so kommt seine Ehrfurcht für die erhabene Gemahlin des Königs seiner Ergebenheit gleich.« »Oh! ich glaube Ihnen, Gräfin,« erwiderte Marie Antoinette, die sich wieder ihrer gewöhnlichen Heiterkeit überließ, »ich glaube Ihnen theilweise» Ja, so ist es, der Cardinal betet mich an.« Und so sprechend wandte sie sich mit einem treuherzigen Gelächter gegen Andree von Taverney. »Nun! Gräfin, ja, der Cardinal betet mich an, und darum ist er mein Feind.« Jeanne von La Mothe heuchelte das Erstaunen einer Frau aus der Provinz. »Ah! Sie sind der Schützling des Herrn Prinzen Erzbischofs Louis von Rohan?« fuhr die Königin fort. »Erzählen Sie uns das, Gräfin.« »Das ist ganz einfach, Madame. Seine Excellenz hat mich auf die großmüthigste, zarteste Weise mit der geistreichsten Freigebigkeit unterstützt.« »Sehr gut. Der Prinz Louis ist verschwenderisch, das kann man ihm nicht streitig machen. Denken Sie nicht, Andree, der Herr Cardinal könnte wohl auch einige Anbetung für diese hübsche Gräfin fühlen? Wie? Gräfin, sagen Sie es uns.« Marie Antoinette fing wieder ihr freudiges, treuherziges, glückliches Gelächter an, wozu indeß die fortwährend ernste Andree sie nicht ermuthigte. »Diese geräuschvolle Heiterkeit muß nothwendig bloß scheinbar sein,« dachte Jeanne. »Wir wollen sehen.« »Madame,« sprach sie mit einer ernsten Miene und einem Ausdruck inniger Rührung, »ich habe die Ehre Eure Majestät zu versichern, daß Herr von Rohan ...« »Es ist gut, es ist gut,« unterbrach die Königin. »Da Sie so eifrig für ihn sind ... da Sie seine Freundin sind ...« »Oh! Madame,« machte Jeanne mit einem köstlichen Ausdruck von Schamhaftigkeit und Ehrfurcht. »Gut! liebe Kleine, gut,« fuhr die Königin mit einem sanften Lächeln fort; »aber fragen Sie ihn doch einmal, was er mit gewissen Haaren gethan, welche er mir durch einen Friseur hat stehlen lassen, den dieser Spaß theuer zu stehen kam, denn ich jagte ihn fort.« »Eure Majestät setzt mich in Erstaunen,« sagte Jeanne. »Wie! Herr von Rohan hätte dieß gethan?« »Ah! ja ... die Anbetung, immer die Anbetung. Nachdem er mich in Wien verwünscht, nachdem er Alles angewendet, Alles versucht hatte, um die Zwischen dem Könige und mir beabsichtigte Heirath abzubrechen, bemerkte er eines Tages, daß ich Frau und seine Königin war; daß er, ein großer Diplomat, eine Schule durchgemacht, und daß er immerhin mit mir viel zu kämpfen bekommen würde. Da hatte er bange für seine Zukunft, der liebe Prinz, und er machte es dann, wie alle Leute von seinem Gewerbe, die denjenigen am meisten schmeicheln, vor welchen sie sich am meisten fürchten; und da er wußte, daß ich jung war, da er mich für albern und eitel hielt, so verwandelte er sich in den Seladon. Nach den Seufzern und den schmachtenden Gesichtern hat er sich in die Anbetung versetzt, wie Sie sagen. Er betet mich an, nicht wahr, Andree?« »Madame!« erwiderte diese sich verbeugend. »Ja. Andree will sich auch nicht gefährden; doch ich, ich wage es; das Königthum muß doch zu etwas nütz sein, Gräfin; ich weiß und Sie wissen, daß der Cardinal mich anbetet. Das ist eine abgemachte Sache; sagen Sie ihm, sagen Sie ihm, ich grolle ihm darum nicht.« Diese Worte, welche eine bittere Ironie enthielten, berührten tief das brandige Herz Jeanne's von La Mothe. Wäre sie edel, rein und redlich gewesen, so hätte sie hierin nichts gesehen, als die stolze Verachtung der Frau mit dem erhabenen Herzen, die gänzliche Geringschätzung einer großen Seele gegen die niedrigen Intriguen, die sich unter ihr bewegen. Diese Art von Frauen, diese so seltenen Engel vertheidigen ihren Ruf nie gegen die Hinterhalte, die ihnen auf Erden gelegt werden. Sie wollen ihn nicht einmal ahnen, den Koth, an dem sie sich beschmutzen, den Vogelleim, an dem sie die glänzendsten Federn ihrer Flügel hängen lassen. Jeanne, eine gemeine und verdorbene Natur, erblickte einen großen Aerger bei bei Königin in der Kundgebung dieses Zornes über das Benehmen des Herrn Cardinals von Rohan. Sie erinnerte sich der Gerüchte des Hofes, Gerüchte mit ärgerlichen Sylben, die sich aus dem Innern des Schlosses bis in die Tiefe der Vorstädte von Paris verbreitet und so viel Echo gefunden hatten. Der Cardinal, der die Frauen wegen ihres Geschlechtes liebte, hatte zu Ludwig XV., welcher die Frauen auch auf diese Art liebte, gesagt, die Dauphine sei nur eine unvollständige Frau. Man kennt die seltsamen Ausdrücke Ludwigs XV. im Augenblick der Verheirathung seines Enkels und seine Fragen an einen gewissen neuen Botschafter. Jeanne, eine vollständige Frau, wie es nur eine geben konnte, ein Weib vom Scheitel bis zu den Zehen, eitel auf ein einziges von ihren Haaren, die sie auszeichneten, Jeanne, die das Bedürfniß zu gefallen und durch alle ihre Vorzüge zu siegen empfand, konnte nicht glauben, eine Frau denke anders, als sie, über diese zarte Materie. »Ihre Majestät hat einen Aerger,« sagte sie zu sich selbst. »Wenn sie aber einen Aerger hat, so muß noch etwas Anderes obwalten.« Bedenkend, daß der Anstoß das Licht erzeugt, fing sie an, Herrn von Rohan mit all dem Geiste zu vertheidigen, mit dem die Natur als gütige Mutter sie so reichlich begabt hatte. Die Königin hörte zu. »Sie hört zu,« sagte Jeanne zu sich selbst. Und getäuscht durch ihre schlimme Natur, bemerkte Jeanne nicht einmal, daß die Königin aus Edelmuth zuhörte, weil es bei Hofe gebräuchlich ist, daß nie ein Mensch Gutes von denjenigen spricht, von denen der Gebieter Schlimmes denkt. Dieser Eingriff in die Traditionen, dieses Abgehen von den Gewohnheiten des Schlosses machten die Königin zufrieden und beinahe glücklich. Marie Antoinette sah ein Herz da, wohin Gott nur einen trockenen, verdorbenen Schwamm gelegt hatte. Das Gespräch ging so auf dem Fuße wohlwollender Vertraulichkeit von Seiten der Königin fort. Jeanne war auf Nadeln, sie fühlte sich verlegen, denn sie wußte nicht mehr, wie sie wegkommen sollte, ohne entlassen zu werden; sie, die so eben noch diese schöne Rolle der Fremden hatte, welche um Abschied bittet; doch plötzlich erscholl eine muntere, geräuschvolle, junge Stimme im anstoßenden Cabinet. »Der Graf von Artois!« sagte die Königin. Andree stand sogleich auf. Jeanne schickte sich an, wegzugehen, aber der Prinz war so rasch in das Zimmer, wo sich die Königin befand, eingedrungen, daß der Abgang beinahe unmöglich wurde. Frau von La Mothe that jedoch das, was man auf dem Theater einen Abgang bezeichnen nennt. Der Prinz blieb stehen, als er diese hübsche Person sah, und grüßte sie. »Die Frau Gräfin von La Mothe,« sagte die Königin, Jeanne dem Prinzen vorstellend. »Ah! ah!« versetzte der Graf von Artois. »Ich will Sie nicht vertreiben, Frau Gräfin.« Die Königin machte Andree ein Zeichen, und diese hielt Jeanne zurück. Das Zeichen wollte besagen: Ich hatte Frau von La Mothe ein Geschenk zu machen; ich habe nicht die Zeit dazu gehabt, verschieben wir es auf später. »Sie sind also von der Wolfsjagd zurückgekehrt?« sagte die Königin, indem sie dem Prinzen nach der englischen Mode, die damals schon in Gunst kam, die Hand reichte. »Ja, meine Schwägerin, und ich habe eine gute Jagd gemacht, denn ich habe sieben erlegt, und das ist ungeheuer,« erwiderte der Prinz. »Sie haben selbst so viel erlegt?« »Ich bin dessen nicht ganz sicher,« rief er lachend, »doch man hat es mir gesagt. Wissen Sie indessen, meine Schwägerin, daß ich siebenhundert Livres verdient habe?« »Bah! und wie?« »Sie werden wissen, daß man hundert Livres für jeden Kopf von diesen furchtbaren Thieren bezahlt. Das ist viel, doch ich gebe von ganzem Herzen zweihundert für jeden Kopf von einem Zeitungsschreiber. Und Sie, meine Schwägerin?« »Ah!« sagte die Königin, »Sie wissen schon die Geschichte?« »Herr von Provence hat sie mir erzählt.« »Nun sind es drei,« versetzte Marie Antoinette: »Herr von Provence ist ein unerschrockener, unermüdlicher Erzähler. Sagen Sie uns das doch ein wenig.« »So daß Sie weißer scheinen als Hermelin, weißer als Venus Aphrodite. Es gibt wohl noch einen andern Namen, der mit ène endigt, die Gelehrten könnten Ihnen denselben sagen, mein Bruder von Provence z.B.« »Es ist darum nicht minder wahr, daß er Ihnen das Abenteuer erzählt hat?« »Vom Zeitungsschreiber? Ja, meine Schwägerin. Doch Eure Majestät ist mit Ehren daraus hervorgegangen. Man könnte sogar, wenn man einen Calembourg machen wollte, wie Herr von Bièvre jeden Tag macht, sagen: Die Sache der Kufe ist gewaschen.« »Oh! das abscheuliche Wortspiel.« »Meine Schwägerin, mißhandeln Sie nicht einen Paladin, der seine Lanze und seinen Arm zu Ihrer Verfügung gestellt hat. Zum Glück brauchen Sie Niemand. Ah! liebe Schwägerin, Sie haben ein wahres Glück.« »Sie nennen das Glück! Hören Sie ihn an, Andree.« Jeanne lachte; der Graf, der sie unablässig anschaute, verlieh ihr Muth. Man sprach zu Andree, Jeanne antwortete. »Das ist Glück,« wiederholte der Graf von Artois, »denn es konnte am Ende wohl sein, meine liebe Schwägerin, erstens daß Frau von Lamballe nicht bei Ihnen gewesen wäre.« »Würde ich allein dahin gegangen sein?« »Zweitens daß Frau von La Mothe sich nicht dort vorgefunden hätte, um Sie am Eintritt zu verhindern.« »Ah! Sie wissen, daß die Frau Gräfin dort war?« »Meine Schwägerin, wenn der Herr Graf von Provence erzählt, so erzählt er Alles. Es konnte endlich sein, daß sich Frau von La Mothe zu geeigneter Zeit nicht in Versailles befunden hätte, um Zeugschaft abzulegen. Ohne Zweifel werden Sie mir sagen, die Tugend und die Unschuld seien wie ein Veilchen, das nicht gesehen zu werden braucht, um gekannt zu werden; doch was das Veilchen betrifft, meine Schwägerin, so macht man Sträuße daraus, wenn man es sieht, und man wirft es weg, wenn man seinen Wohlgeruch eingeathmet hat. Das ist meine Moral.« »Sie ist schön.« »Ich nehme sie, wie ich sie finde, und ich habe Ihnen bewiesen, daß Sie Glück gehabt.« »Schlecht bewiesen.« »Soll ich es besser beweisen?« »Das wird nicht überflüssig sein.« »Ei! Sie sind ungerecht, daß Sie das Schicksal anklagen,« sagte der Graf, der sich um und um drehte, um auf einen Sopha neben der Königin zu fallen, »denn am Ende gerettet bei dem bekannten Sprung aus dem Cabriolet ...« »Eins,« sagte die Königin, an ihren Fingern zählend. »Gerettet bei der Kufe.« »Gut, ich zähle das. Zwei. Weiter?« »Und gerettet bei der Geschichte auf dem Ball,« sagte er ihr in's Ohr. »Welchen Ball meinen Sie?« »Den Opernball.« »Wie beliebt?« »Ich sage den Opernball, meine Schwägerin.« »Ich verstehe Sie nicht.« Er lachte. »Welch ein Dummkopf bin ich, daß ich mit Ihnen von einem Geheimnis spreche!« »Ein Geheimniß! In der That, mein Schwager, man sieht, daß Sie vom Opernball sprechen, denn ich bin ganz verwirrt.« Die Worte: Ball, Oper, trafen Jeanne's Ohr, und sie verdoppelte ihre Aufmerksamkeit. »Stille davon!« sagte der Prinz. »Nein, nein, durchaus nicht! Erklären wir uns,« erwiderte die Königin. »Sie sprechen von einer Geschichte im Opernhause; was ist das?« »Ich flehe Ihr Mitleid an, meine Schwägerin.« »Graf, ich beharre darauf, daß ich es wissen will.« »Und ich beharre darauf, daß ich schweige.« »Wollen Sie mich ärgerlich machen?« »Keines Wegs. Ich denke, ich habe genug gesagt, daß Sie begreifen.« »Sie haben gar nichts gesagt.« »Oh! nun quälen Sie mich, mein Schwesterchen ... seien Sie aufrichtig.« »Bei meinem Ehrenwort, ich scherze nicht.« »Wollen Sie, daß ich spreche?« »Auf der Stelle.« »Nicht hier, anderswo,« sagte er, auf Jeanne und Andree deutend. »Hier! hier! es können nie zu viel Leute für eine Erklärung anwesend sein.« »Nehmen Sie sich in Acht, meine Schwägerin.« »Ich will es wagen.« »Sie waren nicht auf dem letzten Opernball?« »Ich!« rief die Königin; »ich auf dem Opernball?« »Ich bitte, leise.« »Oh! nein, schreien wir das, mein Schwager! ich sei aus dem Opernball gewesen, sagen Sie?« »Gewiß, ja, Sie waren dort.« »Sie haben mich vielleicht gesehen?« versetzte sie mit Ironie, aber bis dahin scherzend. »Ich habe Sie gesehen.« »Mich! mich!« »Sie! Sie!« »Das ist stark.« »Das habe ich mit auch gesagt.« »Warum behaupten Sie nicht auch vollends, Sie haben mit mir gesprochen? das wäre noch drolliger.« »Bei meiner Treue, ich war eben im Begriff, Sie anzureden, als ein Schwarm von Masken uns trennte.« »Sie sind verrückt!« »Ich war fest überzeugt, Sie würden mir das sagen. Ich hatte mich dem nicht aussetzen sollen, das ist mein Fehler.« Die Königin stand plötzlich auf und machte in großer Aufregung ein paar Schritte im Zimmer. Der Graf schaute sie mit erstaunter Miene an. Jeanne drückte sich die Nägel in's Fleisch, um eine gute Haltung zu beobachten. Die Königin blieb wieder stehen und sagte zu dem jungen Prinzen: »Mein Freund, scherzen wir nicht, ich habe einen so schlimmen Character, daß Sie sehen, ich verliere schon die Geduld; gestehen Sie geschwind, daß Sie sich auf meine Kosten haben belustigen wollen, und ich werde sehr glücklich sein.« »Ich gestehe Ihnen das, wenn Sie wollen, meine Schwägerin.« »Seien Sie ernst, Carl.« »Ernst wie ein Fisch.« »Ich bitte inständig, sagen Sie mir, nicht wahr, Sie haben dieses Märchen geschmiedet?« Er schaute blinzelnd die Damen an und antwortete dann: »Ich habe geschmiedet, wollen Sie mich entschuldigen.« »Sie haben mich nicht verstanden, mein Schwager,« wiederholte die Königin mit großer Heftigkeit. »Ich frage Sie, ja oder nein, nehmen Sie vor diesen Damen zurück, was Sie gesagt haben? Lügen Sie nicht, schonen Sie mich nicht.« Andree und Jeanne verschwanden hinter der Gobelinstapete. »Nun! meine liebe Schwägerin,« sprach der Prinz mit leiser Stimme, als sie nicht mehr da waren, »ich habe die Wahrheit gesagt; warum warnten Sie mich nicht früher.« »Sie haben mich auf dem Opernball gesehen?« »Wie ich Sie jetzt sehe, und Sie haben mich auch gesehen?« Die Königin stieß einen Schrei aus, rief Jeanne und Andree, lief selber weg, um sie von der andern Seite der Tapete zu holen, nahm jede von ihnen bei einer Hand und zog sie rasch Beide herein. »Meine Damen, der Herr Graf von Artois behauptet, er habe mich im Opernhause gesehen,« sagte sie. »Oh!« murmelte Andree. »Es ist nicht mehr Zeit zurückzuweichen,« fuhr die Königin fort. »Beweisen Sie, beweisen Sie ...« »Hören Sie,« sprach der Prinz. »Ich war mit dem Marschall von Richelieu, mit Herrn von Calonne, mit ... mein Gott, mit einer ganzen Gesellschaft. Ihre Maske ist abgefallen.« »Meine Maske!« »Ich wollte Ihnen sagen: das ist mehr als verwegen, meine Schwägerin! da waren Sie verschwunden, fortgezogen von dem Cavalier, der Ihnen den Arm reichte.« »Der Cavalier! Oh! mein Gott! Sie machen mich toll.« »Ein blauer Domino,« fügte der Prinz bei. Die Königin fuhr mit ihrer Hand über die Stirne. »An welchem Tag war dieß?« fragte sie. »Am Sonnabend, am Tag vor meiner Abfahrt zur Jagd. Sie schliefen noch am Morgen, als ich aufbrach, sonst hätte ich Ihnen da schon gesagt, was ich Ihnen so eben gesagt habe.« »Mein Gott, mein Gott! Um welche Stunde haben Sie mich gesehen?« »Es mochte zwischen zwei und drei Uhr sein.« »Es ist entschieden, entweder bin ich verrückt oder sind Sie es.« »Ich wiederhole Ihnen, daß ich es bin; ich werde mich getäuscht haben ... doch ...« »Doch? ...« »Kümmern Sie sich nicht so sehr, man hat nichts erfahren ... Einen Augenblick glaubte ich, Sie wären mit dem König, doch Ihr Begleiter sprach Deutsch, und der König versteht nur Englisch.« »Deutsch ... ein Deutscher! Oh! ich habe einen Beweis, mein Schwager. Am Sonnabend legte ich mich um eilf Uhr zu Bette.« Der Graf verbeugte sich lächelnd wie ein ungläubiger Mensch. Die Königin läutete. »Frau von Misery wird Ihnen Alles sagen.« Der Graf lachte. »Warum rufen Sie nicht auch Laurent, den Portier? er wird auch Zeugschaft ablegen. Ich habe diesen Lauf gegossen, Schwesterchen, schießen Sie nicht auf mich.« »Oh!« rief die Königin voll Wuth. »Oh! daß man mir nicht glauben will!« »Ich würde Ihnen glauben, wenn Sie weniger in Zorn geriethen. Doch wie ist das möglich! sage ich Ihnen ja, so werden Andere, wenn sie kommen, nein sagen.« »Andere? welche Andere?« »Bei Gott! diejenigen, welche gesehen haben, wie ich.« »Ah! das ist wahrlich seltsam! Es gibt Leute, die mich gesehen haben. Wohl! so zeigen Sie mir diese Leute.« »Sogleich ... ist Philipp von Taverney da?« »Mein Bruder!« sagte Andree. »Er war dort, mein Fräulein,« antwortete der Prinz: »wollen Sie, daß man ihn befrage, meine liebe Schwägerin?« »Ich bitte inständig darum.« »Mein Gott!« murmelte Andree. »Was?« machte die Königin. »Mein Bruder zur Zeugschaft berufen!« »Ja, ja, ich will es.« Und die Königin rief; man lief, um Philipp zu suchen, bis zu seinem Vater, den er eben nach der von uns geschilderten Scene verlassen hatte. Herr des Schlachtfeldes bei seinem Duell mit Charny, ging Philipp, der der Königin einen Dienst geleistet hatte, freudig nach dem Schlosse Versailles. Man fand ihn auf dem Weg, theilte ihm den Befehl der Königin mit, und er eilte, zu gehorchen. Marie Antoinette stürzte ihm entgegen, stellte sich gerade vor ihn und rief: »Mein Herr, sind Sie im Stande, die Wahrheit zu sagen?« »Ja, Madame, ich bin unfähig, zu lügen,« erwiderte er. »So sagen Sie ... sprechen Sie offenherzig, ob ... ob Sie mich seit acht Tagen an einem öffentlichen Orte gesehen haben.« »Ja, Madame.« antwortete Philipp. Die Herzen schlugen im Zimmer, daß man sie hätte hören können. »Wo haben Sie mich gesehen?« fragte die Königin mit einer furchtbaren Stimme. Philipp schwieg. »Oh! seien Sie ohne Schonung, mein Herr, mein Schwager hier behauptet, er habe mich auf dem Opernball gesehen; und Sie, wo haben Sie mich gesehen?« »Wie Monseigneur der Graf von Artois, auf dem Opernball, Madame.« Die Königin sank, wie vom Blitze getroffen, auf den Sopha. Dann erhob sie sich wieder mit der Raschheit eines verwundeten Tigers und rief: »Das ist nicht möglich, da ich nicht dort gewesen bin. Hüten Sie sich wohl, Herr von Taverney, ich bemerke, daß Sie hier Puritaner-Manieren annehmen; das ist gut in America bei Herrn von Lafayette, doch in Versailles sind wir Franzosen, und höflich und einfach.« »Eure Majestät verletzt Herrn von Tavernay,« sprach Andree, bleich vor Zorn und Entrüstung. »Wenn er sagt, er habe gesehen, so hat er gesehen.« »Sie auch!« rief Marie Antoinette: »Sie auch! Es fehlt wahrhaftig nur noch, daß Sie mich auch gesehen haben. Bei Gott! wenn ich Freunde habe, die mich vertheidigen, so habe ich auch Feinde, die mich ermorden. Ein einziger Zeuge gibt kein Zeugniß, meine Herren.« »Sie erinnern mich daran,« sprach der Graf von Artois, »daß ich in dem Augenblick, wo ich Sie sah, und wo ich wahrnahm, der blaue Domino sei nicht der König, glaubte, es sei der Neffe des Herrn von Suffren. Wie heißt er doch, der brave Officier, der die Heldenthat auf der See vollführt hat? Sie haben ihn eines Tags so gut empfangen, daß ich glaubte, er sei Ihr Ehrenritter.« Die Königin erröthete; Andree wurde bleich wie der Tod. Beide schauten sich an und bebten, als sie sich so sahen. Philipp wurde bleifarbig. »Herr von Charny,« murmelte er. »Charny! so ist es.« fuhr der Graf von Artois fort. »Nicht wahr, Herr Philipp, die Tournure dieses blauen Domino hatte Aehnlichkeit mit der des Herrn von Charny?« »Ich habe es nicht bemerkt, Monseigneur,« erwiderte Philipp, beinahe erstickend. »Aber,« fuhr der Graf von Artois fort, »ich habe bald bemerkt, daß ich mich getäuscht, denn Herr von Charny bot sich plötzlich meinen Augen, er war da, bei Herrn von Richelieu, Ihnen gegenüber, meine Schwägerin, in dem Augenblick, wo Ihre Maske fiel.« »Und er hat mich gesehen?« rief die Königin mit Hintansetzung aller Klugheit. »Wenn er nicht blind ist,« erwiderte der Prinz. Die Königin machte eine verzweifelte Geberde und schüttelte abermals die Glocke. »Was machen Sie?« sagte der Prinz. »Ich will auch Herrn von Charny befragen, den Kelch bis auf die Hefe leeren.« »Ich glaube nicht, daß Herr von Charny in Versailles ist,« murmelte Philipp. »Warum nicht?« »Man hat mir, glaube ich, gesagt, er sei ... unpäßlich.« »Oh! die Sache ist ernst genug, daß er kommen muß, mein Herr. Ich bin auch unpäßlich, und dennoch würde ich mit bloßen Füßen bis an's Ende der Welt gehen, um zu beweisen ...« Mit zerrissenem Herzen näherte sich Philipp Andree, welche durch das Fenster schaute, das auf die Blumenbeete ging. Plötzlich konnte sich Andree eines Schreies nicht erwehren. »Was gibt es?« fragte die Königin, indem sie auf Andree zuging. »Nichts, nichts ... Man sagte, Herr von Charny sei krank, und ich sehe ihn.« »Du siehst ihn?« rief Philipp an's Fenster laufend. »Ja, er ist es.« Alles vergessend, öffnete die Königin mit einer außerordentlichen Stärke das Fenster, und rief mit lauter Stimme: »Herr von Charny!« Dieser drehte den Kopf um, und wandte sich dann, ganz bestürzt vor Erstaunen, nach dem Schlosse. XXXVII. Ein Alibi. Herr von Charny trat, etwas bleich, aber aufrecht und ohne ein scheinbares Leiden ein. Beim Anblick dieser hohen Gesellschaft nahm er die achtungsvolle und steife Haltung des Weltmannes und des Soldaten an. »Nehmen Sie sich in Acht, meine liebe Schwägerin,« sagte der Graf von Artois leise zur Königin, »mir scheint, Sie befragen viele Leute.« »Mein Schwager, ich werde die ganze Welt befragen, bis es mir gelingt, Einen zu treffen, der mir sagt, daß Sie sich getäuscht haben.« Mittlerweile hatte Charny Philipp gesehen und diesen höflich begrüßt. »Sie sind ein Henker Ihrer Gesundheit.« sagte Philipp leise zu seinem Gegner. »Verwundet ausgehen! wahrhaftig, Sie wollen sterben!« »Man stirbt nicht daran, daß man sich an einem Strauch im Bois de Boulogne geritzt hat,« erwiderte Charny, glücklich, seinem Feinde einen moralischen Stich zu geben, welcher wohl schmerzlicher war als der vom Degen. Die Königin näherte sich, um diesem Gespräche ein Ende zu machen, das mehr ein doppeltes Beiseit als ein Dialog gewesen war. »Herr von Charny,« sagte sie, »Sie waren, wie diese Herren behaupten, auf dem Opernball?« »Ja, Eure Majestät,« erwiderte Charny, sich verbeugend. »Sagen Sie mir, was Sie dort gesehen haben.« »Fragt mich Eure Majestät, was ich dort gesehen, oder wen ich dort gesehen?« »Ganz richtig ... wen Sie dort gesehen, und keine Discretion, Herr von Charny, kein gefälliges Verschweigen.« »Ich soll Alles sagen, Madame?« Die Wangen der Königin bekamen die Blässe wieder, die an diesem Morgen schon zehnmal an die Stelle einer fieberhaften Röthe getreten war. »Um nach der Hierarchie, nach dem Gesetze meiner Ehrfurcht zu beginnen . . .« sprach Charny. »Gut, Sie haben mich gesehen?« »Ja, Eure Majestät, in dem Augenblick, wo die Maske der Königin durch ein Unglück gefallen ist.« Marie Antoinette zerknitterte in ihren nervigen Händen die Spitzen ihres Halstuches. »Mein Herr!« sagte die Königin mit einer Stimme, in der ein verständigerer Beobachter ein dem Ausbruche nahes Schluchzen errathen hätte, »schauen Sie mich wohl an, sind Sie Ihrer Sache sicher?« »Madame, die Züge Eurer Majestät sind in die Herzen aller Ihrer Unterthanen eingegraben. Wer Eure Majestät einmal gesehen hat, sieht sie immer.« Philipp schaute Andree an, Andree tauchte ihre Blicke in die von Philipp. Diese zwei Schmerzen, diese zwei Eifersuchten schloßen ein peinliches Bündniß. »Mein Herr,« wiederholte die Königin, indem sie sich Charny näherte, »ich versichere Sie, daß ich nicht auf dem Opernball gewesen bin.« »Oh! Madame!« rief der junge Mann, seine Stirne tief gegen den Boden neigend, »hat Eure Majestät nicht das Recht, zu gehen, wohin es ihr gutdünkt, und wäre es in die Hölle? sobald Eure Majestät den Fuß darein gesetzt hat, ist die Hölle gereinigt.« »Ich bitte Sie nicht, meinen Schritt zu entschuldigen,« versetzte die Königin; »ich bitte Sie, zu glauben, daß ich ihn nicht gethan habe.« »Ich werde Alles glauben, was mir Eure Majestät zu glauben befiehlt,« erwiderte Charny, bis in den Grund seines Herzens durch diese Dringlichkeit der Königin, durch diese einnehmende Demuth der stolzen Frau bewegt. »Meine Schwägerin, das ist zu viel,« flüsterte der Graf von Artois Marie Antoinette in's Ohr. Denn diese Scene hatte alle Anwesenden zu Eis erstarren gemacht: die Einen durch den Schmerz ihrer Liebe oder ihrer verwundeten Eitelkeit; die Anderen durch die Erschütterung, welche immer eine angeklagte Frau hervorbringt, die sich muthig gegen niederschmetternde Beweise vertheidigt. »Man glaubt es! man glaubt es!« rief die Königin, außer sich vor Zorn; und entmuthigt sank sie in einen Lehnstuhl und trocknete mit dem Ende ihres Fingers die Spur einer Thräne, die der Stolz am Rande ihres Augenlides versengte. Plötzlich erhob sie sich. »Meine Schwägerin! verzeihen Sie mir,« sagte zärtlich der Graf von Artois, »Sie sind unter ergebenen Freunden; das Geheimniß, vor dem sie übermäßig erschrecken, kennen wir allein, und aus unseren Herzen, in denen es eingeschlossen ist, wird es Niemand, außer mit unserem Leben, herausziehen.« »Das Geheimniß! das Geheimniß!« rief die Königin, »ich will keines.« »Meine liebe Schwägerin!« »Kein Geheimniß. Einen Beweis!« »Madame, man kommt,« sprach Andree. »Madame, der König,« sagte Philipp langsam. »Der König!« rief ein Huissier im Vorzimmer. »Der König! desto besser. Oh! der König ist mein einziger Freund, der König würde mich nicht für schuldig halten, selbst wenn er mich bei einem Fehler gesehen zu haben glaubte; der König ist willkommen.« Der König trat ein. Sein Blick contrastirte gegen diese ganze Unordnung und Verstörtheit der Gesichter um die Königin her. »Was gibt es?« fragte der König, vorschreitend. »Mein Herr, ein Gerücht, ein schändliches Gerücht verbreitet sich. Helfen Sie mir, helfen Sie mir, Sire, denn dießmal sind es nicht mehr Feinde, die mich anklagen, es sind meine Freunde.« »Ihre Freunde?« »Diese Herren, mein Schwager, verzeihen Sie; der Herr Graf von Artois, Herr von Taverney, Herr von Charny versichern, sie haben mich auf dem Opernball gesehen.« »Auf dem Opernball?« rief der König, die Stirne faltend. »Ja. Sire.« Ein furchtbares Stillschweigen lastete eine Zeit lang auf der ganzen Versammlung. Frau von La Mothe sah die düstere Unruhe des Königs; sie sah die Todesblässe der Königin: mit einem Worte konnte sie eine so beklagenswerthe Pein verschwinden machen; sie konnte alle diese Anklagen aus der Vergangenheit vernichten und die Königin für die Zukunft retten. Doch ihr Herz zog sie nicht dahin; ihr Interesse hielt sie von einer solchen Handlungsweise ab. Sie sagte sich, es sei nicht mehr Zeit, sie habe schon in Beziehung auf die Kufe gelogen, und wenn sie ihr Wort zurücknehme, wenn sie sehen lasse, sie habe einmal gelogen, wenn sie der Königin zeige, sie habe sie bei der ersten Anklage nicht schnell genug unterstützt, so richte sich die neue Günstlingin auf den ersten Schlag zu Grunde, zerstöre den Nutzen ihrer zukünftigen Gunst; sie schwieg. Da wiederholte der König mit einer Miene voll Bangigkeit: »Auf dem Opernball? Wer hat hievon gesprochen? Weiß es der Herr Graf von Provence?« »Aber es ist nicht wahr!« rief die Königin mit dem Ausdruck einer verzweifelten Unschuld. »Es ist nicht wahr; der Herr Graf von Artois täuscht sich; Herr von Taverney täuscht sich. Sie täuschen sich, Herr von Charny. Oh! man kann sich täuschen.« Alle verbeugten sich. »Auf!« rief die Königin, »man lasse meine Leute, man lasse alle Welt kommen. Man befrage! Nicht wahr, am Sonnabend war dieser Ball?« »Ja, meine Schwägerin.« »Nun! was habe ich am Sonnabend gethan? Man sage es mir, denn ich werde wahrhaftig toll, und wenn das so fortgeht, so werde ich am Ende selbst glauben, ich sei auf diesem infamen Opernball gewesen; doch wenn ich dahin gegangen wäre, meine Herren, so würde ich es sagen.« Plötzlich näherte sich der König mit fröhlichem Auge, heiterer Stirne, ausgestreckten Händen, und fragte: »Sonnabend, nicht wahr, meine Herren, Sonnabend?« »Ja, Sire.« »Nun wohl!« fuhr er immer ruhiger, immer heiterer fort, »darüber darf man Niemand als Ihre Kammerfrau fragen, Marie« Sie wird sich vielleicht erinnern, zu welcher Stunde ich an diesem Tage bei Ihnen eingetreten bin; es war, glaube ich, gegen elf Uhr Abends.« »Ah!« rief die Königin, berauscht vor Freude, »ja, Sire.« Und sie warf sich in seine Arme; dann plötzlich roth und verwirrt, weil sie sich angeschaut sah, verbarg sie ihr Gesicht an der Brust des Königs, der zärtlich ihre schönen Haare küßte. »Wohl!« sagte der Graf von Artois, ganz verblüfft zugleich vor Erstaunen und Freude, »ich werde mir eine Brille kaufen; doch, bei Gott! ich gäbe diese Scene nicht für eine Million, nicht wahr, meine Herren?« Philipp war, bleich wie der Tod, an das Täfelwerk angelehnt. Kalt und unempfindlich, hatte Charny seine von Schweiß triefende Stirne abgewischt. »Darum, meine Herren,« sprach der König, freudig bei der Wirkung verweilend, die er hervorgebracht, »darum ist es unmöglich, meine Herren, daß die Königin in jener Nacht auf dem Opernball war. Glauben Sie es, wenn es Ihnen gutdünkt; ich bin fest überzeugt, die Königin begnügt sich damit, daß ich ihr glaube.« »Gut,« fügte der Graf von Artois bei, »der Herr Graf von Provence mag davon denken, was er will, aber ich fordere seine Frau heraus, auf dieselbe Art ein Alibi zu beweisen, wenn man sie einmal anklagen wird, sie habe die Nacht auswärts zugebracht.« »Mein Bruder!« »Sire, ich küsse Ihnen die Hände.« »Carl, ich gehe mit Ihnen,« sagte der König, nachdem er der Königin einen letzten Kuß gegeben. Philipp hatte sich nicht gerührt. »Herr von Taverney!« sprach die Königin mit strengem Tone, »begleiten Sie den Herrn Grafen von Artois nicht?« Philipp erhob sich plötzlich. Das Blut strömte nach seinen Schläfen und seinen Augen. Er war einer Ohnmacht nahe. Kaum hatte er die Kraft, zu grüßen, Andree anzuschauen, einen furchtbaren Blick auf Charny zu werfen und den Ausdruck seines wahnsinnigen Schmerzes zurückzudrängen. Er ging hinaus. Die Königin behielt Andree und Herrn von Charny bei sich.   Die Lage Andree's, welche zwischen ihren Bruder und die Königin zwischen ihre Freundschaft und ihre Eifersucht gestellt war, hätten wir nicht zu skizziren vermocht, ohne den Gang der dramatischen Scene, worin der König wie eine glückliche Entwickelung erschien, langsamer zu machen. Nichts verdient indessen mehr unsere Aufmerksamkeit, als das Leiden Andree's. Sie fühlte, daß Philipp sein Leben gegeben hätte, um dieses Zusammensein von Marie Antoinette und Charny zu verhindern, und sie gestand sich, daß sie selbst ihr Herz brechen gefühlt haben würde, hätte sie, um Philipp zu folgen und ihn zu trösten, wie sie es thun mußte, Charny allein frei mit Frau von La Mothe und der Königin, das heißt freier als allein, gelassen. Was sie empfand, wie sollte sie es sich erklären? War es Liebe? Oh! die Liebe, hätte sie sich gesagt, keimt nicht, wächst nicht in der kalten Atmosphäre der Hofgefühle. Die Liebe, diese seltene Pflanze, blüht gern in edlen, reinen, unberührten Herzen. Sie schlägt nicht ihre Wurzeln in einem durch Erinnerungen entheiligten Herzen, in einem Boden, der durch Thränen erweicht worden, welche sich seit Jahren zusammendrängen. Nein, es war nicht Liebe, was Fräulein von Taverney für Herrn von Charny empfand. Sie stieß mit Gewalt einen solchen Gedanken zurück, weil sie sich geschworen hatte, nie etwas auf dieser Welt zu lieben. Warum hatte sie aber denn so sehr gelitten, als Charny einige Worte der Ehrfurcht und Ergebenheit an die Königin gerichtet? Das war sicherlich Eifersucht. Ja. Andree gestand sich, daß sie eifersüchtig, nicht auf die Liebe, die ein Mann für eine andere Frau als sie fühlen mochte, sondern auf die Frau war, die diese Liebe einflößen, empfangen, ermächtigen konnte. Mit Schwermuth sah sie alle die schönen Verliebten des neuen Hofes um sie hergehen: diese muthigen Leute voll Eifer, die sie nicht begriffen und sich entfernten, nachdem sie ihr einige Huldigungen dargebracht, die Einen, weil ihre Kälte nicht Philosophie war, die Anderen, weil diese Kälte einen seltsamen Contrast mit den alten Leichtfertigkeiten bildete, in welchen Andree geboren worden sein mußte. Und dann mißtrauen die Männer, mögen sie das Vergnügen suchen oder von Liebe träumen, der Kälte einer Frau von fünfundzwanzig Jahren, die schön, reich, die Günstlingin bei Königin ist, und allein, schweigsam, eisig und bleich, auf einem Wege geht, wo es zum höchsten Glück und zur höchsten Freude gereicht, einen ungeheuren Lärmen zu machen. Ein lebendiges Räthsel sein ist kein Reiz, kein Anziehungsmittel; das hatte Andree wohl bemerkt; sie hatte die Augen allmälig sich von ihrer Schönheit abwenden, die Geister ihrem Geiste mißtrauen oder ihn leugnen sehen. Sie sah sogar mehr: diese Vernachlässigung wurde eine Gewohnheit bei den Alten, ein Instinct bei den Neuen; es war ebenso wenig gebräuchlich, Fräulein von Taverney anzureden und mit ihr zu sprechen, als es Gewohnheit war, Latona oder Diana in Versailles in ihrem kalten Gürtel von geschwärztem Wasser anzureden. Jeder, der Fräulein von Taverney gegrüßt, seine Pirouette gemacht und einer andern Frau zugelächelt hatte, hatte auch seine Pflicht erfüllt. Alle diese Nuancen entgingen dem scharfen Auge Andree's nicht. Sie, deren Herz allen Kummer empfunden hatte, ohne ein einziges Vergnügen zu kennen; sie, die das Alter mit einem Gefolge von bleichem Verdrusse und schwarzen Erinnerungen vorrücken fühlte, sie rief in der Stille denjenigen, welcher bestraft, mehr an, als denjenigen, welcher verzeiht, und indem sie, in ihren schmerzlichen Schlaflosigkeiten, die den glücklichen Liebenden von Versailles als Futter gebotenen Wonnen an sich vorüberziehen ließ, seufzte sie mit einer tödtlichen Bitterkeit: »Und ich! mein Gott! Und ich!« Als sie am Tag der großen Kälte Charny fand, als sie die Augen des jungen Mannes sich neugierig auf sie heften und sie allmälig mit einem sympathischen Netze umgeben sah, da erkannte sie nicht mehr die seltsame Zurückhaltung, welche alle Höflinge ihr gegenüber zeigten. Für diesen Mann war sie eine Frau. Er hatte in ihr die Jugend wiedererweckt und den Tod galvanisirt; er hatte den Marmor Diana's und Latona's erröthen gemacht. Fräulein von Taverney schloß sich auch rasch an diesen Regenerator an, der ihr selbst ihre eigene Lebenskraft wieder zum Bewußtsein gebracht hatte. Sie fühlte sich glücklich, diesen Mann anzuschauen, für den sie kein Räthsel war. Sie war unglücklich bei dem Gedanken, eine andere Frau werde ihrer azurblauen Phantasie die Flügel abschneiden, ihren Traum rauben, der kaum aus dem goldenen Thore hervorgegangen. Man wird uns verzeihen, daß wir auf diese Art erklärt haben, warum Andree Philipp nicht aus dem Cabinet der Königin folgte, obgleich sie unter der ihrem Bruder angethanen Beleidigung gelitten hatte, obgleich dieser Bruder für sie eine Vergötterung, eine Religion, beinahe eine Liebe war. Fräulein von Taverney, welche nicht wollte, daß die Königin unter vier Augen mit Charny blieb, mischte sich, nachdem man ihren Bruder weggeschickt, nicht mehr in's Gespräch. Sie setzte sich an die Ecke des Kamins, den Rücken beinahe der Gruppe zugewendet, die die Königin, welche saß, Charny, der halb vorgebeugt stand, und Frau von La Mothe bildeten, die sich aufrecht in der Fenstervertiefung hielt, wo ihre falsche Bescheidenheit ein Asyl, ihre wirkliche Neugierde einen günstigen Beobachtungspunkt suchte. Die Königin blieb einige Minuten schweigsam; sie wußte nicht, wie sie ein neues Gespräch an die so heikle Erklärung, welche so eben stattgefunden, anknüpfen sollte. Charny schien leidend, und seine Haltung mißfiel der Königin nicht. Marie Antoinette brach am Ende das Stillschweigen und sagte plötzlich, sowohl ihren eigenen Gedanken, als den der Andern beantwortend: »Das beweist, daß es uns nicht an Feinden fehlt. Sollte man glauben, daß so erbärmliche Dinge am Hof von Frankreich vorgehen? Sollte man es glauben?« Charny erwiderte nichts. »Welch ein Glück,« fuhr die Königin fort, »welch ein Glück, auf Ihren Schiffen in der freien Luft, auf der See zu leben! Man spricht uns Stadtleuten vom Zorne, von der Bosheit der Wellen vor. Oh! mein Herr, mein Herr, schauen Sie sich an! Haben die Wellen des Oceans, die wüthendsten Wellen nicht den Schaum ihres Zornes auf Sie geworfen? Haben ihre Stürme Sie nicht zuweilen, ja sogar oft auf dem Verdeck Ihres Schiffes umgeworfen? Schauen Sie sich an, Sie sind jung, Sie sind gesund, Sie sind geehrt.« »Madame!« »Haben die Engländer Ihnen nicht auch ihren Zorn von Flammen und Kartätschen zugeschleudert, einen für das Leben so gefährlichen Zorn? Doch was ist Ihnen daran gelegen? Sie sind unversehrt, Sie sind stark, und wegen des Zornes der Feinde, die Sie besiegt, hat Sie der König beglückwünscht, geliebkost, das Volk kennt und liebt Sie.« »Nun! Madame?« murmelte Charny, der mit Bangigkeit fah, daß Marie Antoinette sich allmälig fieberisch exaltirte. »Worauf will ich kommen?« sagte sie; »ah! ja: Gesegnet seien die Feinde, die auf uns die Flamme, das Eisen, die schäumende Welle schleudern; gesegnet seien die Feinde, die nur mit dem Tode drohen!« »Mein Gott! Madame,« erwiderte Charny, »es gibt keine Feinde für Eure Majestät; so wenig als es Schlangen für den Adler gibt. Alles, was unten am Boden kriecht, bewegt diejenigen nicht, welche in den Wolken schweben.« »Mein Herr,« entgegnete rasch die Königin, »ich weiß, Sie sind gesund und unversehrt aus der Schlacht, gesund und unversehrt aus dem Sturme zurückgekommen; Sie sind triumphirend und geliebt zurückgekommen, während diejenigen, deren Ruf ein Feind, wie wir sie haben, mit seinem verleumderischen Geifer beschmutzt, allerdings für ihr Leben keine Gefahr laufen, aber nach jedem Sturme altern; sie gewöhnen sich daran, die Stirne zu beugen, weil sie fürchten müssen, wie ich heute, der doppelten, in einem einzigen Angriff verschmolzenen Beleidigung durch Feinde und Freunde zu begegnen. Und dann, mein Herr, wenn Sie wüßten, wie hart es ist, gehaßt zu werden!« Andree erwartete voll Angst die Antwort des jungen Mannes; sie zitterte, er würde mit der liebevollen Tröstung antworten, um welche die Königin anzusuchen schien. Charny aber wischte, ganz im Gegentheil, mit seinem Sacktuch die Stirne ab, suchte einen Stützpunkt auf der Lehne eines Fauteuil und erbleichte. Die Königin schaute ihn an. »Ist es nicht zu warm hier?« fragte sie. Frau von La Mothe öffnete das Fenster mit ihrer kleinen Hand, welche an der Stange rüttelte, wie es nur die kräftige Faust eines Mannes gethan hätte. Charny schlürfte die Luft nur mit Wonne ein. »Der Herr ist an den Seewind gewöhnt, er wird in den Boudoirs von Versailles ersticken.« »Das ist es nicht, Madame, aber ich habe um zwei Uhr einen Dienst, und wenn mir Eure Majestät nicht zu bleiben befiehlt ...« »Nein, mein Herr,« sagte die Königin, »wir wissen, was ein Befehl ist, nicht wahr, Andree?« Dann wandte sie sich gegen Charny um und fügte mit leicht gereiztem Tone bei: »Sie sind frei, mein Herr.« Und sie entließ den jungen Mann mit einer Geberde. Charny verbeugte sich wie ein Mensch, der Eile hat, und verschwand hinter dem Thürvorhang. Nach einigen Secunden hörte man im Vorzimmer etwas wie eine Klage und wie ein Geräusch, das mehrere Personen machen, die sich drängen. Die Königin war nahe an der Thüre – ob nun aus Zufall, oder daß sie Charny nachschauen wollte, dessen hastiger Abgang ihr seltsam vorgekommen war. Sie hob den Thürvorhang auf, stieß einen schwachen Schrei aus und war im Begriff, hinauszustürzen. Doch Andree, die sie nicht aus dem Auge verloren hatte, befand sich zwischen ihr und der Thüre. »Oh! Madame!« rief sie. Die Königin schaute Andree starr an, doch diese hielt den Blick fest aus. Frau von La Mothe streckte den Kopf vor. Zwischen der Königin und Andree war ein unbedeutender Zwischenraum, und durch diesen Zwischenraum konnte sie den ohnmächtigen Charny sehen, dem die Diener und die Wachen Hilfe leisteten. Als die Königin die Bewegung der Frau von La Mothe sah, machte sie rasch wieder die Thüre zu. Doch zu spät; Frau von La Mothe hatte gesehen. Mit gefalteter Stirne und nachdenklicher Haltung setzte sich Marie Antoinette wieder in ihren Lehnstuhl; sie war der düsteren Beklemmung preisgegeben, welche auf jede heftige Gemüthsbewegung folgt. Sie schien gar nicht zu ahnen, daß um sie her Leute lebten. Andree, obgleich sie stehen geblieben war und sich an eine Wand angelehnt hatte, schien nicht minder zerstreut, als die Königin. Es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen. »Das ist doch seltsam,« sprach laut und plötzlich die Königin, deren Wort ihre erstaunten Gefährtinnen beben machte, so unerwartet war dieses Wort: «Herr von Charny scheint noch zu zweifeln ...« »Woran zu zweifeln, Madame? fragte Andree. »An meiner Anwesenheit im Schlosse in jener Ballnacht.« »Oh! Madame!« »Nicht wahr, Gräfin?« sagte die Königin, »habe ich nicht Recht, Herr von Charny zweifelt noch?« »Trotz des Wortes Seiner Majestät, oh! Madame, das ist unmöglich!« erwiderte Andree. »Man kann denken, der König sei mir aus Eitelkeit zu Hilfe gekommen. Oh! er glaubt nicht! nein, er glaubt nicht! das ist leicht zu sehen.« Andree biß sich auf die Lippen. »Mein Bruder ist nicht so ungläubig, als Herr von Charny,« sagte sie; »er schien wohl zu glauben.« »Oh! das wäre schlimm,« fuhr die Königin fort, welche die Erwiderung Andree's nicht gehört hatte. »In diesem Falle hätte der junge Mann kein so redliches, reines Herz, wie ich dachte.« Dann schlug sie zornig in ihre Hände und rief: »Aber warum sollte er am Ende glauben, wenn er gesehen hat? Der Herr Graf von Artois hat auch gesehen, Herr Philipp hat auch gesehen, er sagt es wenigstens; alle Welt hat gesehen, und es bedurfte des Wortes meines Gemahls, daß man glaubte, oder daß man sich vielmehr den Anschein gab, als glaubte man. Oh! hinter Allem dem steckt etwas, was ich aufklären muß, da Niemand daran denkt. Nicht wahr, Andree, ich muß den Grund von Allem dem suchen und entdecken?« »Eure Majestät hat Recht,« sagte Andree, »und ich bin fest überzeugt, daß Frau von La Mothe auch meiner Ansicht ist und denkt, Eure Majestät müsse suchen, bis sie findet. Nicht wahr, Madame?« Unversehens überfallen, bebte Frau von La Mothe und antwortete nicht. »Denn man sagt auch, man habe mich bei Mesmer gesehen,« sprach die Königin. »Eure Majestät war dort,« sagte hastig und mit einem Lächeln Frau von La Mothe. »Gut,« erwiderte die Königin, »aber ich habe dort nicht gethan, was das Pamphlet sagt. Und dann hat man mich im Opernhause gesehen, und da war ich nicht.« Marie Antoinette dachte nach; dann rief sie plötzlich: »Oh! ich habe die Wahrheit.« »Die Wahrheit?« stammelte die Gräfin. »Oh! desto besser!« sagte Andree. »Man lasse Herrn von Crosne kommen!« rief die Königin freudig der eintretenden Frau von Misery zu.   XXXVIII. Herr von Crosne. Herr von Crosne, der ein sehr höflicher Mann war, befand sich in höchster Verlegenheit seit der Erklärung des Königs und der Königin. Es ist nichts so Leichtes um die vollkommene Kenntniß aller Geheimnisse einer Frau, besonders wenn diese Frau die Königin ist und man den Auftrag hat, die Interessen der Krone zu wahren und über einem Rufe zu wachen. Herr von Crosne fühlte, daß er das ganze Gewicht des Zornes einer Frau und der Entrüstung einer Königin tragen sollte; doch er war muthig in seiner Pflicht verschanzt, und seine wohlbekannte Höflichkeit mußte ihm als Panzer dienen, um die ersten Streiche zu schwächen. Er trat gemächlich, mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Die Königin lächelte nicht. »Oh! Herr von Crosne,« sagte sie, »nun ist die Reihe der Erklärungen an uns.« »Ich bin zu den Befehlen Eurer Majestät.« »Sie müssen die Ursache von Allem dem, was mir begegnet, wissen, Herr Policei-Lieutenant.« Herr von Crosne schaute mit einer etwas ängstlichen Miene umher. »Seien Sie unbesorgt,« fuhr die Königin fort, »Sie kennen vollkommen diese zwei Damen; Sie kennen die ganze Welt.« »So ungefähr,« erwiderte der Beamte; »ich kenne die Personen, ich kenne die Wirkungen, aber ich kenne die Ursachen dessen nicht, wovon Eure Majestät spricht.« »Ich werde also das Mißvergnügen haben, sie Ihnen zu offenbaren,« sagte die Königin, ärgerlich über diese Ruhe des Policei-Lieutenant. »Es ist klar, daß ich Ihnen mein Geheimniß, wie dieß gewöhnlich der Brauch ist, leise ober beiseit mittheilen könnte; aber ich bin dahin gekommen, mein Herr, daß ich immer den hellen Tag und die volle Stimme vorziehe. Wohl denn! ich schreibe die Wirkungen, Sie nennen das so, ich schreibe die Wirkungen, über die ich mich beklage, dem schlechten Benehmen einer Person zu, die mir gleicht, und die sich überall, wo Sie selbst oder Ihre Agenten mich zu sehen glauben, zur Schau stellt.« »Eine Ähnlichkeit!« rief Herr von Crosne, zu sehr beschäftigt, den Angriff der Königin auszuhalten, um die vorübergehende Unruhe Jeanne's und den Ausruf Andree's zu bemerken. »Würden Sie diese Annahme für unmöglich halten, Herr Policei-Lieutenant? Würden Sie lieber glauben, ich täusche mich oder ich hintergehe Sie?« »Madame, ich sage das nicht; wie groß aber auch die Ähnlichkeit zwischen jener Frau und Eurer Majestät sein mag, so besteht doch noch ein solcher Unterschied, daß kein geübtes Auge sich täuschen kann.« »Man kann sich täuschen, mein Herr, da man sich täuscht.« »Und ich würde Eurer Majestät ein Beispiel liefern,« sagte Andree. »Als wir mit meinem Vater in Taverney-Maison-Rouge wohnten, hatten wir ein Dienstmädchen, das durch eine seltsame Bizarrerie...« »Mir glich.« »Ja, Eure Majestät, es war zum Täuschen.« »Und was ist aus diesem Mädchen geworden?« »Wir wußten nicht, in welchem Grade der Geist Eurer Majestät edel und erhaben ist; mein Vater fürchtete, diese Aehnlichkeit könnte der Königin mißfallen, und als wir in Trianon warm, verbargen wir das Mädchen vor den Augen des ganzen Hofes.« »Sie sehen wohl, Herr von Crosne. Ah! ah! das interessirt Sie.« »Ungemein, Madame.« »Hernach, meine liebe Andree?« »Dieses Mädchen, ein unruhiger, ehrgeiziger Geist, langweilte sich, daß es so abgeschlossen war; es machte ohne Zweifel eine schlechte Bekanntschaft, und eines Abends, bei meinem Schlafengehen, war ich erstaunt, die Dienerin nicht mehr zu sehen. Man suchte sie. Nichts! Sie war verschwunden.« »Sie hatte Sie wohl ein wenig bestohlen, meine Liebe?« »Nein, Madame, ich besaß nichts.« Jeanne hatte diesem Gespräch mit einer leicht begreiflichen Aufmerksamkeit zugehört. »Sie wußten dieß Alles also nicht, Herr von Crosne?« fragte die Königin. »Nein, Madame.« »Es gibt also eine Frau, deren Aehnlichkeit mit mir auffallend ist; und Sie wissen es nicht? Ein Ereigniß dieser Art kommt im Königreich vor, es veranlaßt ernste Unordnungen, und Sie sind nicht zuerst von diesem Ereigniß unterrichtet? Ah! mein Herr, gestehen Sie, die Policei ist sehr schlecht bestellt.« »Ich versichere Sie, nein, Madame,« erwiderte der Beamte. »Es steht dem großen Haufen frei, die Functionen eines Policei-Lieutenant bis zu den Functionen eines Gottes zu erheben. Aber Eure Majestät, die hoch über mir in dem irdischen Olymp thront, weiß wohl, daß die Beamten des Königs nur Menschen sind; ich befehle den Ereignissen nicht. Es gibt so seltsame Ereignisse, daß der menschliche Geist kaum genügt, um sie zu begreifen.« »Mein Herr, wenn ein Mensch alle möglichen Gewalten erhalten hat, um bis in die Gedanken von seines Gleichen einzudringen, wenn er nebst den Agenten Spione bezahlt, wenn er mittelst seiner Spione Alles sehen kann, sogar die Geberden, die ich vor dem Spiegel mache, wenn dieser Mann nicht der Herr der Ereignisse ist ...« »Madame, als Eure Majestät die Nacht außer ihrer Wohnung zubrachte, habe ich es erfahren. War meine Policei gut bestellt? Ja, nicht wahr? An diesem Tage hat Eure Majestät diese Dame hier, in der Rue Saint-Claude, im Marais, besucht. Das geht mich nichts an. Als Sie bei der Mesmerschen Kufe erschienen, waren Sie, glaube ich, wohl dahin gegangen; meine Policei war gut bestellt, da meine Agenten Sie gesehen haben. Als Sie in's Opernhaus gingen ...« Die Königin hob lebhaft den Kopf empor. »Lassen Sie mich sprechen, Madame. Ich sah Sie, wie der Herr Graf von Artois Sie gesehen hat. Täuschte sich der Schwager in den Zügen der Schwägerin, so wird sich noch viel mehr ein Agent täuschen, der einen kleinen Thaler per Tag bezieht. Der Agent hat Sie zu sehen geglaubt, er hat es gesagt. Werden Sie auch behaupten, meine Agenten haben nicht gut die Sache des Zeitungsschreibers Reteau verfolgt, der von Herrn von Charny so schon gestriegelt worden ist?« »Von Herrn von Charny?« riefen gleichzeitig Andree und die Königin. »Das Ereigniß ist nicht alt, Madame, und die Stockschläge sind noch warm auf den Schultern des Zeitungsschreibers. Das ist eines der Abenteuer, die den Triumph des Herrn von Sartines, meines Vorgängers, bildeten, wenn er sie dem seligen König oder der Favoritin in seiner geistreichen Weise erzählte.« »Herr von Charny hat sich mit diesem Elenden eingelassen?« »Ich habe es nur durch meine so verleumdete Policei erfahren, und Sie werden zugeben, daß es einigen Scharfsinnes für diese Policei bedurfte, um das Duell zu entdecken, das auf diese Angelegenheit folgte.« »Ein Duell des Herrn von Charny! Herr von Charny hat sich geschlagen!« rief die Königin. »Mit dem Zeitungsschreiber?« fragte hastig Andree. »Oh! nein, meine Damen; der so geschlagene Zeitungsschreiber hätte Herrn von Charny den Degenstich nicht gegeben, in Folge dessen es ihm in Ihrem Vorzimmer übel geworden ist.« »Verwundet! er ist verwundet!« rief die Königin. »Verwundet! wann? wie? Ganz gewiß, Sie irren sich, Herr von Crosne.« »Oh! Madame, Eure Majestät findet mich oft genug schlecht unterrichtet, um mir dießmal zuzugeben, daß ich es nicht bin.« »So eben war er hier.« »Ich weiß es wohl.« »Oh! ich habe wohl gesehen, daß er litt,« sagte Andree. Diese Worte sprach sie auf eine Weise, daß die Königin die Feindseligkeit bemerkte und sich rasch umwandte. Der Blick der Königin war ein Gegenstoß, den Andree kräftig aushielt. »Was sagen Sie?« sprach Marie Antoinette. »Sie bemerkten, daß Herr von Charny litt, und Sie haben es nicht gesagt?« Andree antwortete nicht. Jeanne wollte der Günstlingin, aus der man sich eine Freundin machen mußte, zu Hilfe kommen und sprach: »Ich habe auch zu bemerken geglaubt, daß sich Herr von Charny nur mit Mühe während der Zeit, die Ihre Majestät mit ihm zu reden die Gnade hatte, aufrecht hielt.« »Nur mit Mühe, ja,« sagte die stolze Andree, die der Gräfin nicht einmal mit dem Blick dankte. Herr von Crosne, er, den man befragte, schlürfte mit Wohlbehagen seine Beobachtungen über die drei Frauen ein, von denen keine, Jeanne ausgenommen, daran dachte, daß sie vor einem Policei-Lieutenant saß. Endlich fragte die Königin: »Mein Herr, mit wem und warum hat sich Herr von Charny geschlagen?« Während dieser Zeit konnte Andree wieder Haltung gewinnen. »Mit einem Edelmanne, der ... Aber, mein Gott! Madame, das ist jetzt sehr unnütz. Die zwei Gegner leben zu dieser Stunde im besten Einvernehmen, da sie so eben noch vor Eurer Majestät mit einander sprachen.« »Vor mir ... hier?« »Hier ... von wo der Sieger vor ungefähr zwanzig Minuten zuerst weggegangen ist.« »Herr von Taverney!« rief die Königin mit einem Blitze der Wuth in den Augen. »Mein Bruder!« murmelte Andree, die es sich zum Vorwurfe machte, daß sie selbstsüchtig genug gewesen, um nicht Alles zu begreifen. »Ich glaube in der That, daß Herr von Taverney es war, mit dem sich Herr von Charny geschlagen hat,« sagte Herr von Crosne. Die Königin schlug heftig die Hände an einander, was bei ihr das Anzeichen ihres heißesten Zornes war. »Das ist unschicklich ... unschicklich,« sagte sie. »Wie! ... man bringt die Sitten von America nach Versailles ... Oh! nein, darein werde ich mich nicht fügen.« Andree neigte das Haupt, Herr von Crosne ebenfalls.« »Weil man mit Herrn Lafayette und Herrn Wasington,« die Königin affectirte, diesen Namen auf französische Art auszusprechen, »weil man mit diesen Herren herumgelaufen ist, will man meinen Hof in einen Turnierplatz des sechszehnten Jahrhunderts verwandeln; nein, abermals nein! Andree, Sie mußen wissen, daß sich Ihr Bruder geschlagen hat!« »Ich erfahre es so eben,« erwiderte Andree. »Warum hat er sich geschlagen?« »Wir hätten dieß Herrn von Charny fragen können, der sich mit ihm geschlagen hat,« versetzte Andree bleich und mit leuchtenden Augen. »Ich frage nicht,« entgegnete die Königin hochmüthig, »ich frage nicht, was Herr von Charny gethan hat, sondern was Herr Philipp von Taverney gethan?« »Hat sich mein Bruder geschlagen, so konnte das nicht gegen den Dienst Eurer Majestät sein,« erwiderte das Mädchen mit langsamer Betonung jedes Wortes. »Wollen Sie damit sagen, Herr von Charny habe sich nicht für meinen Dienst geschlagen, mein Fräulein?« »Ich habe die Ehre, Eurer Majestät zu bemerken,« sagte Andree mit demselben Tone, »daß ich mit der Königin nur von meinem Bruder, und von keinem Andern rede.« Marie Antoinette hielt sich ruhig. Damit ihr das gelang, bedurfte sie der ganzen Stärke, deren sie fähig war. Sie stand auf, ging im Zimmer auf und ab, stellte sich, als schaute sie in den Spiegel, nahm einen Band aus einem lackirten Fachkasten, durchlief sieben bis acht Zeilen und warf ihn dann weg. »Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte sie zu dem Beamten, »Sie haben mich überzeugt. Mein Kopf war ein wenig in Verwirrung durch alle diese Muthmaßungen, durch alle diese Berichte. Ja, die Policei ist sehr gut bestellt, mein Herr, doch ich bitte Sie, denken Sie an die Aehnlichkeit, von der ich gesprochen, nicht wahr? Adieu!« Sie reichte ihm die Hand mit einer erhabenen Anmuth, und er entfernte sich doppelt glücklich und zehnfach unterrichtet. Andree fühlte die Nuance des Wortes: Adieu; sie machte eine lange und feierliche Verbeugung. Die Königin sagte ihr nachlässig, aber ohne scheinbaren Groll, guten Tag. Jeanne verbeugte sich wie vor einem heiligen Altar und schickte sich an, Abschied zu nehmen. Frau von Misery trat ein. »Madame,« sagte sie zur Königin, »hat Eure Majestät nicht den Herren Böhmer und Bossange Audienz bewilligt?« »Ah! es ist wahr, meine gute Misery, es ist wahr. Sie mögen eintreten. Bleiben Sie noch, Frau von La Mothe; der König soll einen vollständigeren Frieden mit Ihnen schließen.« Indem sie dieses sagte, belauerte die Königin in einem Spiegel den Ausdruck des Gesichtes von Andree, welche langsam auf die Thüre des großen Cabinets zuging. Durch diese Begünstigung der Neuangekommenen wollte sie vielleicht ihre Eifersucht reizen. Andree verschwand unter den Flügeln des Thürvorhangs; sie hatte weder eine Miene verzogen, noch gebebt. »Stahl! Stahl!« rief die Königin seufzend. »Ja, Stahl, alle diese Taverney, aber auch Gold.« »Ah! guten Morgen, meine Herren Juweliere. Was bringen Sie mir Neues? Sie wissen wohl, daß ich kein Geld habe.«   XXXIX. Die Versucherin. Frau von La Mothe hatte ihren Posten wieder eingenommen: sie stand als bescheidene Frau auf der Seite und war aufmerksam wie eine Frau, der man zu bleiben und zuzuhören erlaubt hat. Die Herren Böhmer und Bossange erschienen in Galakleidern in der Audienz der Souveränin. Sie vervielfältigten ihre Verbeugungen bis zum Lehnstuhl von Marie Antoinette. »Juweliere kommen nur hierher, um von Juwelen zu sprechen,« sagte sie plötzlich. »Sie haben es schlecht getroffen, meine Herren.« Herr Böhmer nahm das Wort, er war der Redner der Association. »Madame,« sprach er, »wir kommen nicht hierher, um Waaren anzubieten, denn wir müßten befürchten, unbescheiden zu sein.« »Oh!« versetzte die Königin, die es schon bereute, zu viel Muth gezeigt zu haben. »Man kann Juwelen sehen, ohne sie zu kaufen.« »Allerdings, Madame.« fuhr Böhmer fort, der den Faden feiner Phrase suchte, »doch wir kommen, um eine Pflicht zu erfüllen, und das hat uns ermuthigt.« »Eine Pflicht?« verfetzte die Königin erstaunt. »Es handelt sich abermals um das schöne Halsband von Diamanten, das Eure Majestät nicht zu nehmen geruhte.« »Ah ... gut ... das Halsband ... Hiebei sind wir also wieder!« rief die Konigin lachend. Böhmer blieb ernst. »Es war in der That schön!« fuhr Marie Antoinette fort. »So schön, Madame,« sagte Bossange schüchtern, »daß Eure Majestät allein würdig war, es zu tragen.« »Was mich tröstete,« sprach Marie Antoinette mit einem leichten Seufzer, der Frau von La Mothe nicht entging, »was mich tröstete, war der Umstand, daß es anderthalb Millionen kostete; nicht wahr, Herr Böhmer?« »Ja. Eure Majestät.« »Und daß,« fuhr die Königin fort, »und daß es in der liebenswürdigen Zeit, in der wir leben, wo die Herzen der Völker erkaltet sind, wie die Sonne Gottes, keinen Fürsten mehr gibt, der fünfzehnmal hunderttausend Livres für ein Halsband bezahlen kann.« »Fünfzehnmal hunderttausend Livres!« wiederholte Frau von La Mothe wie ein treues Echo. »So daß Niemand haben wird, was ich nicht kaufen konnte, nicht kaufen durfte, meine Herren ... Sie werden mir antworten, die Stücke davon seien gut. Das ist wahr, doch ich werde Niemand um zwei oder drei Diamanten beneiden; ich würde um sechzig beneiden.« Die Königin rieb sich die Hände mit einer Art von Befriedigung, woran das Verlangen, die Herren Böhmer und Bossange zu ärgern, einigen Theil hatte. »Das ist es gerade, worin sich Eure Majestät irrt,« sprach Böhmer, »und dieser Art ist auch die Pflicht, die wir bei ihr zu erfüllen gekommen find: das Halsband ist verkauft.« »Verkauft!« rief die Königin, sich umwendend. »Verkauft!« sagte Frau von La Mothe, der die Bewegung ihrer Beschützerin Unruhe über ihre angebliche Verleugnung einflößte. »An wen denn?« fragte die Königin. »Ah! Madame, das ist ein Staatsgeheimniß.« »Ein Staatsgeheimniß! gut, wir können darüber lachen,« rief freudig Marie Antoinette. »Was man nicht sagt, das kann man oft nicht sagen, nicht wahr, Böhmer?« »Madame...« »Oh! die Staatsgeheimnisse... damit sind wir Leute vertraut. Nehmen Sie sich in Acht, Herr Böhmer, wenn Sie mir das Ihrige nicht anvertrauen, so lasse ich es Ihnen durch einen Agenten des Herrn von Crosne stehlen.« Und sie lachte treuherzig und offenbarte unverschleiert ihre Ansicht über das vorgebliche Geheimniß, das Böhmer und Bossange abhielt, den Käufer des Halsbandes zu nennen. »Gegen Eure Majestät benimmt man sich nicht, wie gegen andere Kunden,« erwiderte Böhmer ernst; »wir sind gekommen, um Eurer Majestät zu sagen, das Halsband sei verkauft, weil es wirklich verkauft ist, und wir mußten den Namen des Käufers verschweigen, weil der Kauf in der That geheim in Folge der Reise eines incognito abgeschickten Botschafters geschehen ist.« Bei dem Worte Botschafter wurde die Königin von einem neuen Anfall von Heiterkeit ergriffen. Sie wandte sich gegen Frau von La Mothe um und sagte zu ihr: »Was ich an Böhmer bewundere, ist seine Fähigkeit Alles das zu glauben, was er mir so eben gesagt hat. Ah! Böhmer, nennen Sie mir nur das Land, aus dem dieser Botschafter kommt! ... Nein, das ist zu viel!« rief sie lachend ... »Den ersten Buchstaben seines Namens, nicht mehr.« »Es ist der Herr Gesandte von Portugal,« antwortete Böhmer, die Stimme dämpfend, als wollte er sein Geheimniß wenigstens vor den Ohren von Frau La Mothe beschützen. Bei dieser so entschiedenen, so scharf ausgesprochenen Erwiderung hielt die Königin plötzlich inne. »Ein Gesandter von Portugal!« sagte sie, »es gibt keinen hier, Böhmer.« »Er ist ausdrücklich gekommen, Madame.« »Zu Ihnen ... incognito?« »Ja, Madame.« »Wer ist es denn?« »Herr von Suza.« Die Königin erwiderte nichts. Sie wiegte einen Augenblick ihren Kopf; dann sagte sie wie eine Frau, die ihren Entschluß gefaßt hat: »Nun! desto besser für Ihre Majestät die Königin von Portugal; die Diamanten sind schön. Sprechen wir nicht mehr davon.« »Im Gegentheil, Madame; Eure Majestät wird die Gnade haben, mir zu gestatten, daß ich davon spreche ...« »Uns zu gestatten,« sagte Böhmer,« seinen Associé anschauend. Bossange verbeugte sich. »Kennen Sie diese Diamanten, Gräfin?« rief die Königin mit einem Blick auf Jeanne. »Nein, Madame.« »Schöne Diamanten! ... Es ist Schade, daß diese Herren sie nicht mitgebracht haben.« »Hier sind sie,« erwiderte Böhmer voll Eifer. Und er zog aus dem Grunde seines Hutes, den unter dem Arm trug, das kleine platte Etui, das den Schmuck enthielt. »Sehen Sie, Gräfin, Sie sind ein Weib, das wird Sie ergötzen,« sagte die Königin. Und sie entfernte sich ein wenig von dem Guéridon von Sèvres, auf welchem Böhmer mit Kunst das Halsband so ausgebreitet hatte, daß das Tageslicht, auf die Steine fallend, das Feuer aus einer größeren Anzahl von Facetten hervorspringen ließ. Jeanne stieß einen Schrei der Bewunderung aus. Man konnte in der That nichts Schöneres sehen; man hätte glauben sollen, es wäre eine Zunge von Feuern, bald grün und roth, bald weiß wie das Licht selbst. Böhmer ließ das Etui Schwingungen machen und die Wunder dieser flüssigen Flamme rieseln. »Bewunderungswürdig! bewunderungswürdig!« rief Jeanne im Wahnwitz begeisterter Bewunderung. »Fünfzehnmal hunderttausend Livres, die in meiner hohlen Hand Platz hätten,« sprach die Königin, ein philosophisches Phlegma heuchelnd, wie Herr Rousseau von Genf unter solchen Umständen es entwickelt haben würde. Jeanne sah aber in dieser Verachtung etwas Anderes, als die Verachtung selbst, denn sie verlor die Hoffnung nicht, die Königin zu überreden, und nach einer langen prüfenden Beschauung sagte sie: »Der Herr Juwelier hat Recht, es gibt auf der Welt nur Eine Königin, welche würdig ist, dieses Halsband zu tragen, und das ist Eure Majestät.« »Meine Majestät wird es aber nicht tragen,« entgegnete die Königin. »Wir durften es nicht aus Frankreich lassen, ohne unser ganzes Bedauern Eurer Majestät zu Füßen zu legen. Es ist ein Juwel, den ganz Europa jetzt kennt. Daß in Folge der Weigerung der Königin von Frankreich irgend eine andere Fürstin sich damit schmücke, wird uns unser Nationalstolz nur dann erlauben, wenn Sie, Madame, ihn noch einmal entschieden und unwiderruflich zurückgewiesen haben.« »Meine abschlägige Antwort ist ausgesprochen, sie ist öffentlich geworden,« sagte die Königin. »Man hat mich zu sehr gelobt, als daß ich es bereuen sollte.« »Oh! Madame,« erwiderte Böhmer, »hat es das Volk schön gefunden, daß Eure Majestät ein Schiff einem Halsband vorzog, so würde es der Adel, der französisch ist, auch nicht befremdend gefunden haben, wenn die Königin von Frankreich ein Halsband kaufte, nachdem sie ein Schiff gekauft.« »Sprechen wir nicht mehr hievon,« sagte Marie Antoinette, indem sie einen letzten Blick auf das Etui warf. Jeanne seufzte, um den Seufzer der Königin zu unterstützen. »Ah! Sie seufzen, Gräfin! Wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie es machen wie ich.« »Ich weiß nicht,« murmelte Jeanne. »Haben Sie wohl angeschaut?« fragte die Königin hastig. »Ich würde immer anschauen, Madame.« »Lassen Sie diese Neugierige, meine Herren, sie bewundert. Das benimmt den Diamanten nichts: sie sind leider immer fünfzehnmal hunderttausend Livres werth.« Das Wort leider schien der Gräfin eine günstige Gelegenheit. Die Königin bedauerte, folglich hatte sie Lust gehabt. Hatte sie Lust gehabt, so mußte sie noch ein Verlangen tragen, da sie nicht befriedigt worden. »Fünfzehnmal hunderttausend Livres, die an Ihrem Halse allen Frauen, und wären sie Cleopatra, wären sie Venus, den tödtlichsten Neid einflößen würden.« Und sie nahm das königliche Halsband aus dem Etui und befestigte es so geschickt, so zauberhaft auf der Atlashaut von Marie Antoinette, daß diese sich in einem Augenblick von Phosphor und einem Schimmer von allen Farben des Regenbogens überströmt fand. Marie Antoinette näherte sich rasch dem Spiegel: sie blendete. Ihr Hals, so geschmeidig und zart wie der von Johanna Gray, dieser Hals, so zierlich wie ein Lilienstengel, bestimmt, wie die Blumen Birgils unter dem Eisen zu fallen, erhob sich anmuthig, umgeben von seinen goldenen, gekräuselten Locken aus dem Schooße dieser leuchtenden Woge. Jeanne hatte es gewagt, die Schultern der Königin zu entblößen, so daß-die letzten Reihen des Halsbandes auf ihre perlmutterartige Brust fielen. Die Königin war strahlend, die Frau war herrlich. Liebende oder Unterthanen, Alles hätte sich niedergeworfen. Marie Antoinette vergaß sich dergestalt, daß sie sich selbst bewunderte. Dann wollte sie, von Furcht ergriffen, das Halsband von ihren Schultern reißen und sprach: »Genug, genug!« »Es hat Eure Majestät berührt,« rief Böhmer, »es kann Niemand mehr anstehen.« »Unmöglich,« entgegnete fest die Königin. »Meine Herren, ich habe ein wenig mit den Diamanten gespielt; aber es wäre ein Fehler, wenn ich das Spiel weiter fortsetzte.« »Eure Majestät hat jede erforderliche Zeit, um sich an diesen Gedanken zu gewöhnen,« flüsterte Böhmer der Königin zu; »wir kommen morgen wieder.« »Spät bezahlen bleibt immer bezahlen. Und dann warum spät bezahlen? Sie haben Eile. Man bezahlt Sie ohne Zweifel vortheilhafter?« »Ja, Eure Majestät, baar,« erwiderte der Kaufmann, der wieder Kaufmann geworden. »Nehmen Sie, nehmen Sie!« rief die Königin, »die Diamanten in das Etui! Geschwind, geschwind!« »Eure Majestät vergißt vielleicht, daß ein solches Kleinod Geld ist, und daß in hundert Jahren das Halsband immer so viel werth sein wird, als es heute werth ist.« »Geben Sie mir fünfzehnmal hunderttausend Livres, Gräfin, und wir werden sehen,« sagte die Königin mit einem gezwungenen Lächeln. »Wenn ich sie hätte!« rief Jeanne, »oh! ...« Sie schwieg; die langen Sätze haben oft nicht den Werth eines glücklichen Schweigens. Böhmer und Bossange mochten immerhin eine Viertelstunde brauchen, um ihre Diamanten einzulegen und zu verschließen, die Königin rührte sich nicht. Man sah an ihrer gezwungenen Miene, an ihrem Stillschweigen, daß der Eindruck lebhaft, der Kampf peinlich gewesen. Ihrer Gewohnheit gemäß, wenn sie ärgerlich war, streckte sie die Hand nach einem Buche aus und blätterte ein wenig darin, ohne zu lesen. Die Juweliere nahmen Abschied und fragten noch einmal: »Eure Majestät hat es ausgeschlagen?« »Ja ... und abermals ja,« seufzte die Königin, die dießmal für Jedermann seufzte. Sie entfernten sich. Jeanne sah, daß der Fuß von Marie Antoinette sich über dem Sammetpolster, auf dem noch sein Eindruck bezeichnet war, bewegte. »Sie leidet,« dachte die unbewegliche Gräfin. Plötzlich stand die Königin auf und ging einmal im Zimmer auf und ab, dann blieb sie vor Jeanne, deren Blick sie blendete, stehen und sprach: »Gräfin, es scheint, der König kommt nicht mehr. Unsere kleine Bittschrift ist auf eine nächste Audienz verschoben.« Jeanne verneigte sich ehrerbietig und wich bis zur Thüre zurück. »Doch ich werde an Sie denken,« fügte die Königin wohlwollend bei. Jeanne drückte ihre Lippen auf die Hand der Königin, als ob sie ihr Herz darauf legte, ging hinaus und ließ Marie Antoinette ganz belagert und bestürmt von Verdruß und Schwindel zurück. »Der Verdruß der Ohnmacht, der Schwindel des Verlangens,« sagte Jeanne zu sich selbst. »Und sie ist Königin! Oh! nein, sie ist Weib!« Die Gräfin verschwand.   XL. Ein doppelter Ehrgeiz, der für eine doppelte Liebe gelten will. Jeanne war auch Weib, und zwar ohne Königin zu sein. Daraus ging hervor, daß jeanne, als sie kaum in ihrem Wagen saß, diesen schönen Palast von Versailles, dieses reiche und glänzende Ameublement mit ihrem vierten Stock in der Rue Saint-Gilles, diese prächtigen Lakaien mit ihrer alten Magd verglich. Aber sogleich wieder verschwanden die demüthige Mansarde und die alte Magd im Schatten der Vergangenheit, wie eine jener Visionen, die, da sie nicht mehr bestehen, nie bestanden haben, und Jeanne sah ihr kleines Haus im Faubourg Saint-Antoine, so anmuthig, so comfortabel, wie man in unsern Tagen sagen würde, mit Lakaien, an deren Livreen weniger Stickereien sichtbar waren, als an denen von Versailles, die sich aber darum nicht minder ehrerbietig und gehorsam benahmen. Dieses Haus und diese Lakaien, das war ihr Versailles; sie war hier nicht minder Königin, als Marie Antoinette, und wenn sie Wünsche aussprach, so wurden sie, vorausgesetzt, daß sie dieselben nicht auf das Nothwendige, sondern auf das Vernünftige zu beschränken wußte, eben so rasch erfüllt, als hätte sie den Scepter in der Hand gehalten. Darum kehrte Jeanne mit glatter Stirne und einem Lächeln auf den Lippen nach ihrem Hause zurück. Es war noch früh, sie nahm Papier, eine Feder und Tinte, schrieb ein paar Zeilen, legte sie in einen seinen parfümirten Umschlag, schrieb eine Adresse und läutete. Kaum hatte der letzte Schall der Glocke vibrirt, als die Thüre sich öffnete und ein Bedienter auf der Schwelle stehend wartete. »Ich hatte Recht,« murmelte Jeanne, »die Königin ist nicht besser bedient.« Dann streckte sie die Hand aus und sprach: »Diesen Brief an Monseigneur Cardinal von Rohan.« Der Lakai schritt herbei, nahm das Billet und entfernte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen, mit dem stummen Gehorsam der Diener von gutem Hause. Die Gräfin versank in eine tiefe Träumerei, eine Träumerei, die nicht neu war, sondern eine Fortsetzung der auf der Straße begonnenen bildete. Es waren nicht fünf Minuten vergangen, als man an die Thüre klopfte. »Herein!« sagte Frau von La Mothe. Derselbe Lakai erschien. »Nun?« fragte Frau von La Mothe mit einer leichten Bewegung der Ungeduld, als sie sah, daß ihr Befehl noch nicht vollzogen war. »In dem Augenblick, wo ich wegging, um den Befehl der Frau Gräfin zu vollziehen, klopfte Monseigneur an die Thüre,« meldete der Lakai. »Ich sagte ihm, ich gehe nach seinem Hotel. Er nahm den Brief der Frau Gräfin, las ihn, sprang aus seinem Wagen, trat ein und rief mir zu: »Es ist gut, melde mich.« »Weiter?« »Monseigneur ist da und wartet, daß ihm die gnädige Frau einzutreten erlaube.« Ein leichtes Lächeln umschwebte die Lippen der Gräfin. Nach zwei Secunden sprach sie mit einem klaren Ausdruck der Befriedigung: »Lassen Sie ihn eintreten.« War der Zweck dieser zwei Secunden, einen Kirchenfürsten in ihrem Vorzimmer warten zu lassen, oder bedurfte Frau von La Mothe derselben, um ihren Plan zu vollenden? Der Prinz erschien auf der Schwelle. Als sie nach Hause zurückkehrte, als sie den Cardinal holen ließ, als sie eine so große Freude darüber empfand, daß der Cardinal da war, hatte Jeanne also einen Plan? Ja, denn einem jener Irrwische ähnlich, welche ein ganzes Thal mit seinen düsteren Abhängen beleuchten, hatte diese Phantasie einer Königin und eines Weibes besonders vor den Blicken der intriganten Gräfin alle Falten einer Seele geöffnet, die zu hoffärtig war, um sie mit großer Vorsicht zu verbergen. Der Weg von Versailles nach Paris war weit; und macht man ihn Seite an Seite mit dem Dämon der Gierde, so hat dieser Zeit, uns die kühnsten Berechnungen zuzuflüstern. Jeanne fühlte sich trunken von der auf dem weißen Atlas des Etui der Herren Böhmer und Bossange prangenden Zahl: fünfzehnmal hunderttausend Livres. Fünfzehnmal hunderttausend Livres, war dieß nicht in der That ein fürstliches Vermögen, besonders für die arme Bettlerin, die noch einen Monat zuvor die Hand nach den Almosen der Reichen ausstreckte? Es war allerdings eine größere Entfernung von der Jeanne von Valois der Rue Saint-Gilles zur Jeanne von Valois des Faubourg Saint-Antoine, als von der Jeanne von Valois des Faubourg Saint-Antoine bis zur Jeanne von Valois als Besitzerin des Halsbandes. Sie hatte also schon mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, der zum Vermögen führte. Und dieses Vermögen, nach dem Jeanne begehrte, war keine Illusion, wie das Wort eines Vertrages, wie ein Grundbesitz, allerdings Sachen vom ersten Werth, denen sich aber notwendig die Intelligenz des Geistes oder der Augen beifügen muß. Nein, dieses Halsband war etwas ganz Anderes, als ein Vertrag oder ein Landgut; dieses Halsband war das sichtbare Vermögen; es war auch da, immer da vor ihr, brennend, blendend, bezaubernd; und da die Königin es zu besitzen wünschte, so konnte Jeanne von Valois schon davon träumen; da die Königin desselben zu entbehren wußte, so konnte Frau von La Mothe ihren Ehrgeiz wohl hierauf beschränken. Tausend unbestimmte Ideen, diese seltsamen Gespenster mit den wolkigen Umrissen, von denen der Dichter Aristophanes sagte, sie verähnlichen sich mit dem Menschen, tausendfacher Neid, tausendfache Wuth, zu besitzen, nahmen für Jeanne auf dem Wege von Versailles nach Paris die Form von Wölfen, von Füchsen und geflügelten Schlangen an. Der Cardinal der diese Träume verwirklichen sollte, unterbrach sie, indem er durch seine unerwartete Gegenwart dem Wunsch der Frau von La Mothe ihn zu sehen entgegenkam. Er hatte auch seine Träume, er hatte auch seinen Ehrgeiz, den er unter einer Maske von Eifer, unter einem Anschein von Liebe verbarg. »Ah! theure Jeanne,« sagte er, »Sie sind es, Sie sind mir in der That so nothwendig geworden, daß sich mein ganzer Tag bei dem Gedanken, Sie seien fern von mir, verfinsterte. Sie sind doch wenigstens gesund von Versailles zurückgekommen?« »Wie Sie sehen, Monseigneur.« »Und zufrieden?« »Entzückt.« »Die Königin hat Sie also empfangen?« »Sogleich bei meiner Ankunft wurde ich bei ihr eingeführt.« »Sie haben Glück; nach Ihrer triumphirenden Miene wette ich, daß Sie die Königin gesprochen.« »Ich habe ungefähr drei Stunden im Cabinet Ihrer Majestät zugebracht.« Der Cardinal bebte, und es fehlte nicht viel, daß er ausgerufen hätte: »Drei Stunden!« Doch er bewältigte sich.. »Sie sind in der That eine Zauberin, und Niemand vermöchte Ihnen zu widerstehen.« »Oh ho! Sie übertreiben, mein Prinz.« »Nein, wahrhaftig nicht; und Sie sagen, Sie seien drei Stunden bei der Königin geblieben?« Jeanne machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf. »Drei Stunden,« wiederholte der Cardinal lächelnd, »wie Viele Dinge kann eine Frau von Geist in drei Stunden nicht sagen!« »Oh! Monseigneur, ich stehe Ihnen dafür, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.« »Ich wette,« versetzte der Cardinal, »während dieser drei Stunden haben Sie nicht eine Minute an mich gedacht.« »Undankbarer!« »Wahrhaftig!« rief der Cardinal. »Ich habe mehr gethan, als an Sie gedacht.« »Was haben Sie gethan?« »Ich habe von Ihnen gesprochen.« »Von mir gesprochen und mit wem?« fragte der Prälat, dessen Herz zu pochen anfing, mit einer Stimme, deren Erschütterung er mit seiner ganzen Selbstbeherrschung nicht zu verbergen vermochte. »Mit wem anders als mit der Königin!« Indem sie diese für den Cardinal so kostbaren Worte sprach, hatte Jeanne die Kunst, dem Prinzen nicht in's Gesicht zu schauen, als ob sie sich wenig um die Wirkung bekümmerte, die sie hervorbringen mußten. Herr von Rohan zitterte. »Ah!« sagte er, »lassen Sie hören, liebe Gräfin, erzählen Sie mir das. In der That, ich interessire mich so sehr für das, was Ihnen begegnet, daß sie mir nicht den geringsten Umstand verschweigen sollen.« Jeanne lächelte; sie wußte, was den Cardinal interessirte, eben so gut, als er selbst. Doch da diese umständliche Erzählung zum Voraus in ihrem Geiste festgestellt war, da sie dieselbe von selbst zum Besten gegeben haben würde, wenn der Cardinal sie nicht darum gebeten hätte, so fing sie langsam an, und ließ sich jede Sylbe herausziehen; sie erzählte die ganze Zusammenkunft, das ganze Gespräch; sie hob bei jedem Wort den Beweis hervor, daß sie durch einen jener günstigen Zufälle, welche das Glück der Höflinge bilden, in Versailles zu einem bei seltsamen Vorfälle geführt worden war, die an einem einzigen Tag eine Fremde zu einer beinahe unentbehrlichen Freundin machen. Jeanne war in der That an einem Tag in alles Unglück der Königin, in alle Ohnmacht des Königthums eingeweiht worden. Herr von Rohan schien von der Erzählung nur das aufzufassen und zu behalten, was die Königin zu Gunsten von Jeanne gesagt hatte. Jeanne legte in ihrer Erzählung nur auf das Nachdruck, was die Königin zu Gunsten von Herrn von Rohan gesagt hatte. Die Erzählung war kaum beendigt, als derselbe Lakai eintrat und meldete, das Abendbrod sei aufgetragen. Jeanne lud den Cardinal mit einem Blick ein. Der Cardinal nahm mit einem Zeichen an. Er gab der Gebieterin des Hauses, die sich so schnell daran gewöhnt, die Honneurs desselben zu machen, den Arm und ging in das Speisezimmer. Als das Abendbrod beendigt war, als der Prälat mit langen Zügen die Hoffnung und die Liebe aus den zwanzigmal wieder aufgenommenen und zwanzigmal von der Zauberin abgebrochenen Erzählungen getrunken hatte, war er genöthigt, endlich mit dieser Frau zu rechnen, welche die Herzen der betheiligten Mächte in ihren Händen hielt. Denn er bemerkte mit einem Erstaunen, das an Schrecken grenzte, daß sie, statt sich geltend zu machen, wie jede Frau, die man aufsucht und deren man bedarf, seinen Wünschen mit einer Holdseligkeit entgegenkam, welche sehr verschieden war von dem weiblichen Stolze beim letzten Abendbrod, das man an demselben Platz und in demselben Hause eingenommen. Jeanne machte dießmal die Honneurs als eine Frau, die nicht nur sich selbst, sondern auch Andere zu beherrschen weiß. Keine Verlegenheit in ihrem Blick, keine Zurückhaltung in ihrer Stimme. Hatte sie nicht, um diese hohen Lectionen in der Aristocratie zu nehmen, den ganzen Tag die Blüthe des französischen Adels besucht? hatte nicht eine Königin ohne ihres Gleichen sie meine liebe Gräfin genannt? Unterjocht von dieser Erhabenheit, machte der Cardinal, selbst ein erhabener Mann, nicht einmal einen Versuch zu widerstehen. »Gräfin,« sagte er, indem er sie bei der Hand nahm, »es sind zwei Frauen in Ihnen.« »Wie so?« fragte die Gräfin. »Die von gestern und die von heute.« »Und welche zieht Eure Eminenz vor?« »Ich weiß es nicht. Nur ist die von heute Abend eine Armida, eine Circe, etwas Unwiderstehliches.« »Und dem zu widerstehen Sie hoffentlich nicht versuchen werden, Monseigneur, so sehr Sie auch Prinz sind?« Der Prinz glitt von seinem Stuhle herab und fiel vor Frau von La Mothe auf die Kniee. »Sie verlangen ein Almosen?« fragte sie. »Und ich erwarte, daß Sie es mir geben.« »Ein Tag der Freigebigkeit,« erwiderte Jeanne; »die Gräfin von Valois hat ihren Rang eingenommen, sie ist eine Frau vom Hofe; binnen Kurzem wird sie unter den stolzesten Damen des Hofes zählen; sie kann folglich ihre Hand öffnen und reichen, wem es ihr gutdünkt.« »Selbst einem Prinzen?« fragte Herr von Rohan. »Selbst einem Cardinal,« erwiderte Jeanne. Der Cardinal drückte einen langen, brennenden Kuß auf diese hübsche, widerspenstige Hand; dann, nachdem er mit den Augen den Blick und das Lächeln der Gräfin befragt, stand er auf, ging in das Vorzimmer und sagte ein paar Worte zu seinem Läufer. Zwei Minuten nachher hörte man das Geräusch eines Wagens, der sich entfernte. Die Gräfin schaute empor. »Meiner Treue, Gräfin,« sprach der Cardinal, »ich habe meine Schiffe verbrannt.« »Dabei ist kein großes Verdienst, da Sie im Hafen sind,« erwiderte die Gräfin.   XLI. Worin man die Gesichter unter der Maske zu sehen anfängt. Lange Plaudereien sind das glückliche Vorrecht der Leute, die sich nichts mehr zu sagen haben. Nach dem Glück, zu schweigen oder durch Zwischenworte zu wünschen, ist unstreitig das größte Glück, viel zu sprechen ohne Phrasen. Zwei Stunden, nachdem man den Wagen weggeschickt, waren der Cardinal und die Gräfin auf dem Punkt, von dem wir sagen. Die Gräfin hatte nachgegeben, der Cardinal hatte gesiegt, und dennoch war der Cardinal der Sclave; die Gräfin war der Triumphator. Zwei Männer hintergehen sich, indem sie sich die Hand geben. Ein Mann und eine Frau hintergehen sich in einem Kuß. Hier täuschte aber Jedes das Andere nur, weil das Andere getäuscht sein wollte. Jedes hatte einen Zweck. Für diesen Zweck war die Vertraulichkeit nothwendig. Jedes hatte also sein Ziel erreicht. Der Cardinal gab sich auch gar nicht die Mühe, seine Ungeduld zu verbergen. Er beschränkte sich darauf, daß er einen kleinen Umweg machte und dann das Gespräch wieder auf Versailles und auf die Ehren zurückführte, die dort der neuen Günstlingin der Königin harrten. »Sie ist freigebig,« sagte er, »und nichts ist ihr zu theuer für die Leute, die sie liebt. Sie hat den seltenen Verstand, vielen Leuten ein wenig und wenigen Freunden viel zu geben.« »Sie halten sie also für reich?« fragte Frau von La Mothe. »Sie weiß sich mit einem Wort, mit einer Geberde, mit einem Lächeln Mittel zu schaffen. Nie hat ein Minister, Turgot vielleicht ausgenommen, den Muth gehabt, der Königin abzuschlagen, was sie verlangte.« »Nun! mir,« sprach Frau von La Mothe, »mir kommt sie minder reich vor, als Sie sie machen. Arme Königin, oder vielmehr, arme Frau!« »Wie so?« »Ist man reich, wenn man sich Entbehrungen auferlegen muß?« »Entbehrungen! Erzählen Sie mir das, liebe Jeanne.« »Oh! mein Gott, ich werde Ihnen sagen, was ich gesehen habe, nicht mehr, nicht weniger.« »Sprechen Sie, ich höre.« »Stellen Sie sich zwei furchtbare Martern vor, welche die unglückliche Königin ausgestanden hat.« »Zwei Martern? Was für denn?« »Wissen Sie, was ein Frauenverlangen ist, mein lieber Prinz?« »Nein, aber ich wünschte, Sie würden es mir sagen, Gräfin.« »Wohl! die Königin hat ein Verlangen, das sie nicht befriedigen kann.« »Nach wem?« »Nein, nach was.« »Gut! nach was?« »Nach einem Halsband von Diamanten.« »Ah! warten Sie doch, ich weiß. Meinen Sie nicht die Diamanten von Böhmer und Bossange?« »Ganz richtig.« »Oh! die alte Geschichte, Gräfin.« »Alt oder neu. Ist es nicht eine wahre Verzweiflung für eine Königin, das nicht besitzen zu können, was beinahe eine einfache Favoritin besessen hatte? Noch vierzehn Tage Leben für König Ludwig XV., und Jeanne Vauvernier hatte, was Marie Antoinette nicht haben kann.« »Ah! meine liebe Gräfin, darin täuschen Sie sich, die Königin konnte fünf- bis sechsmal diese Diamanten haben, und hat sie immer ausgeschlagen.« »Oh!« »Ich sage Ihnen, der König hat sie ihr selbst angeboten, und sie hat sie aus der Hand des Königs ausgeschlagen.« Und der Cardinal erzählte die Geschichte von dem Schiff. Jeanne hörte gierig, und als der Cardinal geendigt hatte, sagte sie: »Nun! und hernach?« »Wie, hernach?« »Ja, was beweist das?« »Daß sie nicht wollte, wie mir scheint.« Jeanne zuckte die Achseln. »Sie kennen die Frauen, Sie kennen den Hof, Sie kennen die Königin, und lassen sich von einer solchen Antwort bethören?« »Ah! ich bestätige eine Weigerung.« »Mein lieber Prinz, das constatirt Eines: daß die Königin nothwendig einen glänzenden, einen volksthümlichen Ausspruch thun mußte und daß sie ihn gethan hat.« »Gut!« sprach der Cardinal, »so glauben Sie an die königlichen Tugenden? Ah! Sie Skeptikerin! Der heilige Thomas war ein Gläubiger gegen Sie.« »Skeptisch oder gläubig, ich kann Sie eines Umstandes versichern.« »Nun?« »Daß die Königin nicht so bald das Halsband ausgeschlagen hatte, als sie von einer tollen Begierde nach demselben ergriffen wurde.« »Sie schmieden sich solche Ideen, meine Theure, und glauben Sie mir vor Allem, daß die Königin bei allen ihren Fehlern eine ungeheure Tugend hat.« »Welche?« »Sie ist uneigennützig. Sie liebt weder das Gold, noch das Silber, noch die Edelsteine. Sie wiegt die Mineralien nach ihrem Werthe ab; für sie ist eine Blume am Schnürleibe so viel werth, als ein Diamant im Ohr.« »Ich leugne, das nicht. Nur behaupte ich zu dieser Stunde, daß sie Lust hat, sich mehrere Diamanten an den Hals zu hängen.« »Oh! Gräfin! beweisen Sie das.« »Nichts kann leichter sein; ich habe heute das Halsband gesehen.« – »Sie?« – »Ich habe es nicht nur gesehen, sondern auch berührt.« – »Wo dieß?« – »In Versailles.« – »In Versailles?« – »Ja, wohin die Juweliere es brachten, um die Königin zum letzten Mal in Versuchung zu führen.« – »Ist es schön?« – »Es ist wunderbar.« – »Dann begreifen Sie als ein wahres Weib, daß man an dieses Halsband denkt?« – »Ich begreife, daß man den Appetit und den Schlaf darüber verliert.« – »Ah! warum habe ich nicht dem König ein Schiff zu geben?« – »Ein Schiff?« – »Ja, er gäbe mir das Halsband, und sobald ich es hatte, könnten Sie ruhig essen und schlafen.« – »Sie scherzen.« – »Nein, ich schwöre Ihnen.« – »Nun, so will ich Ihnen etwas sagen, worüber Sie sich ungemein wundern werden.« – »Sprechen Sie.« – »Ich möchte dieses Halsband nicht.« – »Desto besser, Gräfin, denn ich könnte es Ihnen nicht geben.« – »Ach! weder Sie, noch irgend Jemand, das ist es, was die Königin fühlt, und warum sie darnach verlangt.« – »Ich wiederhole Ihnen, daß der König es ihr angeboten hat.« Jeanne machte eine rasche, beinahe ungestüme Bewegung und erwiderte: »Und ich, ich sage Ihnen, daß die Frauen solche Geschenke ganz besonders lieben, wenn sie nicht von Leuten gemacht werden, die ihre Annahme erzwingen können.« Der Cardinal schaute Jeanne noch aufmerksamer an und sagte dann: »Ich verstehe nicht ganz.« »Desto besser; brechen wir hievon ab. Was geht Sie das Halsband an, da wir es nicht haben können?« »Oh! wäre ich der König und Sie wären die Königin, so würde ich Sie wohl nöthigen, es anzunehmen.« »Wohl! ohne der König zu sein, nöthigen Sie die Königin, es anzunehmen, und Sie werden sehen, ob sie über diese Gewaltthat so ärgerlich ist, als Sie glauben.« Der Cardinal schaute Jeanne noch einmal an. »Wahrhaftig,« sagte er, »sind Sie sicher, daß Sie sich nicht täuschen? Die Königin hat dieses Verlangen?« »Sie wird davon verzehrt. Hören Sie, lieber Prinz, haben Sie mir nicht einmal gesagt, oder habe ich nicht sagen hören, es wäre Ihnen nicht unangenehm, Minister zu sein?« »Es ist wohl möglich, daß ich dieß gesagt habe, Gräfin.« »Wohl! so wetten wir, mein lieber Prinz.« »Was?« »Daß die Königin den Mann, der es so einzurichten wüßte, daß das Halsband in acht Tagen auf ihrem Putztische läge, zum Minister machen würde.« »Oh! Gräfin.« »Ich sage, was ich sage ... Wollen Sie lieber, daß ich ganz leise denke?« »Oh! nie.« »Was ich übrigens sage, betrifft Sie nicht. Es ist sehr klar, daß Sie nicht anderthalb Millionen von einer königlichen Laune verschlingen lassen; das hieße, bei meiner Treue! zu theuer ein Portefeuille bezahlen, das Sie umsonst haben werden und das man Ihnen schuldig ist. Nehmen Sie also das, was ich gesagt habe, für Geschwätz. Ich bin wie die Papageie, man hat mich an der Sonne geblendet, und nun wiederhole ich beständig, es sei heiß. Ah! Monseigneur, welch eine harte Prüfung ist doch ein Tag der Gunst für ein Provinzdämchen! man muß Adler sein, wie Sie, um diesen Strahlen in's Gesicht zu schauen.« Der Cardinal wurde träumerisch. »Ah! ah!« sagte Jeanne, »nun beurtheilen Sie mich schlecht, nun finden Sie mich so gemein und elend, daß Sie nicht einmal mit mir sprechen mögen.« »Ah! ich bitte.« »Die Königin, wie ich sie beurtheilt habe, bin ich selbst.« »Gräfin!« »Was wollen Sie? ich glaubte, sie verlange nach den Diamanten, weil sie seufzte, als sie dieselben sah; ich glaubte es, weil ich an ihrer Stelle darnach verlangt hätte; entschuldigen Sie meine Schwäche.« »Sie sind eine anbetungswürdige Frau, Gräfin, Sie haben durch eine unglaubliche Verbindung die Schwäche des Herzens und die Stärke des Geistes: Sie sind in gewissen Augenblicken so wenig Weib, daß ich darüber erschrecke. Sie sind es in andern auf eine so liebenswürdige Weise, daß ich den Himmel darüber preise und Sie anbete.« Der artige Cardinal punctirte diese Galanterie durch einen Kuß. »Wir wollen nicht mehr von allen diesen Dingen sprechen,« sagte er. »Gut!« murmelt« Jeanne leise, »doch ich glaube, daß die Angel das Fleisch gepackt hat.« Doch während der Cardinal sagte: Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen, fuhr er fort: »Und Sie glauben, Herr Böhmer habe diesen Angriff erneuert?« »Mit Bossange, ja,« antwortete unschuldig Frau von La Mothe. »Bossange ... warten Sie doch,« sagte der Cardinal, als ob er sich besänne, »Bossange, ist das nicht sein Associé?« »Ja, ein großer, dürrer Mann.« »Ganz richtig.« »Er wohnt? ...« »Er muß irgendwo, wie auf dem Quai de la Ferraille, oder auch de l'Ecole wohnen, ich weiß nicht genau, doch in jedem Fall in der Gegend des Pont-Neuf.« »Des Pont-Neuf, Sie haben Recht. Ich habe diese Namen im Vorüberfahren über einer Thüre gelesen.« »Ahl ahl« murmelte Jeanne, »der Fisch beißt immer mehr an.« Jeanne hatte Recht, und die Angel war auf das Tiefste bei der Beute eingedrungen. Am andern Morgen, als er sich aus dem kleinen Hause des Faubourg Saint-Antoine entfernte, ließ sich der Cardinal also unmittelbar zu Böhmer führen. Er gedachte das Incognito zu behaupten, doch Böhmer und Bossange waren die Juweliere des Hofes, und bei den ersten Worten, die er sprach, nannten sie ihn Monseigneur. »Nun wohl, ja, Monseigneur,« sprach der Cardinal, »doch da Sie mich erkennen, seien Sie darauf bedacht, daß mich die Andern nicht erkennen.« »Monseigneur kann ruhig sein. Wir erwarten die Befehle von Monseigneur.« »Ich komme, um Ihnen das Halsband von Diamanten abzukaufen, das Sie der Königin gezeigt haben.« »Wahrhaftig! wir sind in Verzweiflung, doch Monseigneur kommt zu spät.« »Wie so?« »Es ist verkauft.« »Unmöglich! da Sie es gestern Ihrer Majestät abermals angeboten haben.« »Die es abermals ausgeschlagen hat, Monseigneur, darum bleibt es bei dem alten Handel.« »Und mit wem ist dieser Handel abgeschlossen worden?« fragte der Cardinal. »Das ist ein Geheimniß, Monseigneur.« »Zu viel der Geheimnisse, Herr Böhmer!« sagte der Cardinal. Und er stand auf. »Aber, Monseigneur ...« »Mein Herr,« fuhr der Cardinal fort, »ich glaubte, ein Juwelier der Krone Frankreichs müßte damit zufrieden sein, daß er in Frankreich diese schönen Steine verkaufe; Sie ziehen Portugal vor; nach Ihrem Belieben, Herr Böhmer.« »Monseigneur weiß Alles!« rief der Juwelier. »Wohl! was sehen Sie Erstaunliches hierin?« »Wenn Monseigneur Alles weiß, so kann es nur durch die Königin sein.« »Und wenn dem so wäre?« sagte Herr von Rohan, ohne die Vermuthung, die seiner Eitelkeit schmeichelte, zurückzuweisen. »Oh! das würde die Sache sehr ändern, Monseigneur.« »Erklären Sie sich, ich verstehe nicht.« »Will mir Monseigneur erlauben, ganz frei mit ihm zu sprechen?« »Sprechen Sie.« »Wohl! die Königin hat Lust zu unserem Halsband.« »Sie glauben?« »Wir sind dessen sicher.« »Ah! und warum kauft sie es dann nicht?« »Weil sie es dem König ausgeschlagen hat, und weil es launisch erscheinen würde, wenn sie von diesem Beschluß abginge, der Ihrer Majestät so viel Lob eingetragen.« »Die Königin steht über allem Gerede.« »Ja, wenn das Volk, oder sogar wenn die Höflinge sprechen; doch wenn der König spricht ...« »Der König wollte, wie Sie wohl wissen, der Königin dieses Halsband geben.« »Allerdings, doch er beeilte sich, der Königin zu danken, als sie es ausschlug.« »Was schließt Herr Böhmer hieraus?« »Daß die Königin das Halsband gern bekommen möchte, ohne den Anschein zu haben, als kaufte sie es.« »Wohl! Sie täuschen sich, mein Herr,« sagte der Cardinal, »es handelt sich nicht hierum.« »Das ist ärgerlich, Monseigneur, denn es wäre dieß für uns die einzige entscheidende Ursache gewesen, dem Herrn Gesandten von Portugal das Wort zu brechen.« Der Cardinal dachte nach. So stark die Diplomatie der Diplomaten auch sein mag, die der Kaufleute ist ihr überlegen ... Vor Allem unterhandelt die Diplomatie beinahe immer um Werthe, die sie nicht hat; der Kaufmann hält den Gegenstand, der die Neugierde erregt, in seiner Klaue fest; wenn man ihm denselben abkauft und noch theuer bezahlt, so ist es beinahe, als ob man ihn plünderte. Als Herr von Rohan sah, daß er in der Gewalt dieses Mannes war, sagte er: »Mein Herr, nehmen Sie, wenn Sie wollen, an, die Königin habe Lust zu Ihrem Halsband.« »Das ändert Alles, Monseigneur. Ich kann alle Händel brechen, wenn der Königin der Vorzug gegeben werden soll.« »Wie hoch verkaufen Sie Ihr Halsband?« »Zu fünfzehnmal hunderttausend Livres.« »Wie ordnen Sie die Bezahlung?« »Der Portugiese bezahlte mir etwas auf Abschlag, ich sollte das Halsband selbst nach Lissabon bringen, wo man mich nach Sicht bezahlen würde.« »Diese Zahlungsweise ist bei uns nicht ausführbar, Herr Böhmer, aber eine Abschlagszahlung sollen Sie bekommen, wenn sie vernünftig ist.« »Hunderttausend Livres.« »Man kann sie finden. Was das Uebrige betrifft?« »Eure Eminenz möchte gern Zeit haben?« sagte Böhmer. »Mit der Garantie Eurer Eminenz ist Alles thunlich. Nur zieht Zügelung einen Verlust nach sich; denn bemerken Sie wohl, Monseigneur, bei einer Sache von dieser Bedeutung wachsen die Zahlen von selbst, ohne Grund. Die Interessen von fünfzehnmal hunderttausend Livres zu fünf Procent machen fünfundsiebzigtausend Livres, und fünf Procent sind ein Ruin für die Kaufleute. Zehn Procent sind höchstens ein annehmbarer Preis.« »Das wären hundertfünfzigtausend Livres für Ihre Rechnung?« »Ja, Monseigneur.« »Nehmen wir an, Sie verkaufen das Halsband um sechszehnmal hunderttausend Livres, Herr Böhmer, und vertheilen die Bezahlung der fünfzehnmal hunderttausend Livres auf drei vierteljährige Zieler. Ist es abgemacht?« »Monseigneur, wir verlieren fünfzigtausend Livres bei diesem Handel.« »Ich glaube das nicht, mein Herr. Hätten Sie morgen fünfzehnmal hunderttausend Livres einzunehmen, so wären Sie in Verlegenheit. Ein Juwelier kauft kein Gut um einen solchen Preis.« »Wir sind zu zwei, Monseigneur, mein Associé und ich.« »Ich will es wohl glauben, doch gleichviel, und Sie werden viel bequemer die fünfmal hunderttausend Livres jedes Vierteljahr einziehen, das heißt zweimal hundert und fünfzigtausend Livres Jeder.« »Monseigneur vergißt, daß diese Diamanten nicht uns gehören. Oh! wenn sie uns gehörten, so wären wir reich genug um uns weder um die Bezahlung, noch um die Anlage bei Eingang der Gelder zu kümmern.« »Wem gehören sie denn?« »Vielleicht zehn Gläubigern, denen wir diese Edelsteine im Einzelnen abgekauft haben. Wir sind den einen in Hamburg, den andern in Neapel, einem in Buenos-Ayres, zwei in Moskau schuldig. Unsere Gläubiger erwarten den Verkauf des Halsbandes, um befriedigt zu werden. Der Profit, den wir machen, ist unser einziges Eigenthum; aber ach! Monseigneur, seitdem dieses unglückliche Halsband dem Verkauf ausgesetzt ist, das heißt, seit zwei Jahren verlieren wir schon zweimal hunderttausend Livres Interesse. Beurtheilen Sie, ob wir im Vortheil sind.« Herr von Rohan unterbrach Böhmer. »Bei dem Allem,« sagte er, »habe ich es noch nicht gesehen, dieses Halsband.«- »Es ist wahr, Monseigneur, hier ist es.« Und nach allen üblichen Vorsichtsmaßregeln, legte Böhmer das kostbare Kleinod aus. »Herrlich!« rief der Cardinal, indem er voll Liebe die Schließen berührte, die sich auf dem Halse der Königin hatten eindrücken müssen. Als er geendigt und als seine Finger zur Genüge auf den Steinen die sympathetischen Ausflüsse, die daran hängen geblieben sein konnten, gesucht hatten, sagte er: »Abgeschlossener Handel?« »Ja, Monseigneur, und ich gehe auf der Stelle zur Gesandtschaft, um abzusagen.« »Ich glaubte nicht, daß es in diesem Augenblick in Paris einen Gesandten von Portugal gäbe.« »In der That, Monseigneur, Herr von Suza befindet sich in diesem Augenblick hier.« »Um in dieser Angelegenheit zu unterhandeln?« rief der Cardinal lachend. »Ja, Monseigneur.« »Oh! armer Suza! ich kenne ihn genau. Armer Suza!« Und er verdoppelte seine Heiterkeit. Herr Böhmer glaubte sich der Heiterkeit seines Kunden anschließen zu müssen. Man belustigte sich lange über diesen Schmuck auf Kosten des Portugiesen. Herr von Rohan wollte sprechen. Böhmer hielt ihn zurück. »Will mir Monseigneur sagen, wie er die Angelegenheiten ordnen wird? fragte er. »Auf eine ganz natürliche Weise.« »Der Intendant von Monseigneur?« »Nein, Niemand außer mir; Sie werden nur mit mir zu thun haben.« »Und wann?« »Schon morgen.« »Die hunderttausend Livres?« »Ich bringe sie Ihnen morgen hierher.« »Gut, Monseigneur. Und die Papiere?« »Ich unterzeichne sie morgen hier.« »Vortrefflich, Monseigneur.« »Und da Sie ein discreter Mann sind, Herr Böhmer, so bedenken Sie, daß Sie eines der wichtigsten Geheimnisse in Händen haben.« »Monseigneur, ich fühle es, und ich werde Ihr Vertrauen verdienen, sowie das Ihrer Majestät der Königin,« fügte er sein bei. Herr von Rohan erröthete und ging unruhig, aber glücklich weg, wie jeder Mensch, der sich in einem Paroxismus der Leidenschaft zu Grunde richtet. Am andern Tag wandte sich Herr Böhmer mit einer ernsthaften Miene nach dem Hotel der portugiesischen Gesandtschaft. In dem Augenblick, wo er im Begriffe war, anzuklopfen, ließ sich Herr Beausire, der erste Secretär, Rechnungen von Herrn Ducorneau, dem Canzler, vorlegen, und Don Manoel Suza, der Gesandte, erklärte seinem Verbündeten, dem Kammerdiener, einen neuen Feldzugsplan. Seit dem letzten Besuche von Herrn Böhmer in der Rue de la Jussienne hatte das Hotel viele Veränderungen erlitten. Das ganze Personal, das, wie wir gesehen, aus den zwei Postchaisen ausgestiegen war, hatte sich je nach den Bedürfnissen und in den verschiedenen Attributen, die es zu versehen hatte, im Hause des Gesandten aufgepflanzt. Man muß sagen, daß die Verbündeten, indem sie so unter sich die Rollen theilten, welche sie bewunderungswürdig gut durchführten, da sie dieselben wechseln mußten, Gelegenheit hatten, ihre Interessen selbst zu überwachen, was immer, selbst bei den peinlichsten Geschäften, ein wenig Muth gibt. Entzückt über die Verständigkeit all dieser Leute, bewunderte Herr Ducorneau zugleich, daß der Gesandte sich wenig genug um das nationale Vorurtheil bekümmert hatte, um ein vom ersten Secretär bis zum dritten Kammerdiener herab vollständig französisches Haus anzunehmen. Ueber diesen Punkt knüpfte er daher, als er mit Herrn von Beausire die Rechnungen machte, auch mit dem Letzteren ein Gespräch voll Lobeserhebungen auf den Chef der Gesandtschaft an. »Sehen Sie,« sagte Beausire, »die Suza gehören nicht zu jenen eingetrockneten Portugiesen, die sich an das Leben des vierzehnten Jahrhunderts halten, wie Sie viele in unsern Provinzen sehen würden. Nein, es sind reisende Edelleute, Millionen reich, und sie wären irgendwo Könige, wenn sie die Lust dazu ankäme.« »Doch die Lust kommt sie nicht an,« versetzte geistreich Herr Ducorneau. »Wozu denn, Herr Kanzler? Ist man denn mit einer Anzahl von Millionen und einem fürstlichen Namen nicht so viel als ein König?« »Oh! das sind philosophische Lehren,« erwiderte Ducorneau ganz erstaunt. »Ich erwartete solche Gleichheitsmaximen nicht aus dem Munde eines Diplomaten.« »Wir machen eine Ausnahme,« sprach Beausire, ein wenig verblüfft über seinen Anachronismus; »ohne gerade ein Voltarianer oder ein Armenier auf Rousseau's Weise zu sein, kennt man doch seine philosophische Welt, man kennt die natürlichen Theorien der Ungleichheit der Lagen und der Kräfte.« »Wissen Sie,« rief der Kanzler begeistert, »wissen Sie, daß es gut ist, daß Portugal nur ein kleiner Staat ist?« »Ei! warum?« »Weil es mit solchen Männern an seiner Spitze schnell sich vergrößern würde, mein Herr.« »Oh! Sie schmeicheln uns, lieber Kanzler. Nein, nein, wir treiben philosophische Politik. Das ist scheinbar, aber nicht sehr practisch. Doch brechen wir hievon ab. Es sind also hundert und achttausend Livres in der Casse, sagen Sie?« »Ja, Herr Secretär, hundert und achttausend Livres.« »Und keine Schulden?« »Kein Pfennig.« »Das ist musterhaft. Ich bitte, geben Sie mir den Sortenzettel.« »Hier ist er ... Wann soll die Vorstellung stattfinden, Herr Secretär? Ich sage Ihnen, daß dieß im Quartier ein Gegenstand der Neugierde, unerschöpflicher Commentare, beinahe der Unruhe ist.« »Ah! ah!« »Ja, man sieht von Zeit zu Zeit Leute um das Hotel schweifen, welche gerne möchten, daß die Thüre von Glas wäre.« »Leute! ...« versetzte Beausire, »Leute aus dem Quartier?« »Und Andere. Oh! da die Sendung des Herrn Botschafters eine geheime ist, so können Sie sich wohl denken, daß sich die Polizei rasch damit beschäftigen wird, die Motive dazu zu ergründen.« »Ich habe das gedacht wie Sie,« erwiderte Beausire ziemlich unruhig. »Hören Sie, Herr Secretär,« sagte Ducorneau, indem er Beausire an das Gitter eines Fensters führte, das sich gegen die abgeschnittene Mauer vor einem Pavillon des Hauses öffnete, »sehen Sie dort auf der Straße jenen Menschen in einem schmutzigen braunen Ueberrock?« »Ja. ich sehe ihn.« »Wie er schaut, was?« »In der That. Was glauben Sie, daß dieser Mensch ist?« »Was weiß ich! ... Ein Spion des Herr von Crosne.« »Das ist wahrscheinlich.« »Unter uns gesagt, Herr Secretär, Herr von Crosne ist kein Beamter von der Stärke des Herrn von Sartines. Haben Sie Herrn von Sartines gekannt?« »Nein, mein Herr, nein.« »Oh! dieser hätte Sie schon zehnmal errathen. Sie gebrauchten allerdings Vorsichtsmaßregeln ...« Man klingelte. »Der Herr Gesandte ruft,« sagte hastig Beausire, den das Gespräch zu beängstigen anfing. Und er öffnete mit ganzer Kraft die Thüre und stieß mit den beiden Flügeln dieser Thüre zwei Verbündete zurück, die, der Eine mit der Feder hinter dem Ohr, der Andere mit dem Besen in der Hand, der Eine ein Dienstbote vierten Rangs, der Andere Livreebedienter, das Gespräch sehr lang fanden und daran Theil nehmen wollten, und wäre es auch nur durch den Sinn des Gehörs. Beausire dachte, er werde beargwöhnt, unb nahm sich vor, seine Wachsamkeit zu verdoppeln. Er ging also zu dem Gesandten hinauf, nachdem er in der Dunkelheit seinen beiden Freunden und Mitbeteiligten die Hand gedrückt hatte.   XLII. Worin Herr Ducorneau durchaus nichts von dem, was vorgeht, begreift. Don Manoel von Suza war weniger gelb als gewöhnlich, er war nämlich röther. Er hatte soeben mit dem Herrn Commandeur Kammerdiener eine unangenehme Erklärung gehabt. Diese Erklärung war noch nicht beendigt. Als Beausire eintrat, rupften sich die zwei Hähne die letzten letzten Federn aus. »Ah! Herr von Beausire,« sagte der Commandeur, »setzen Sie uns doch in Einklang.« »Worin?« fragte der Secretär, der eine Schiedsrichtermiene annahm, nachdem er mit dem Gesandten, seinem natürlichen Verbündeten, einen Blick gewechselt hatte. »Sie wissen,« sprach der Kammerdiener, »daß Herr Böhmer heute hierher kommen und die Sache mit dem Halsband vollends abschließen soll.« »Ich weiß es.« »Und daß man ihm die hunderttausend Livrez ausbezahlen soll.« »Ich weiß es auch.« »Diese hunderttausend Livres sind das Eigenthum der Gesellschaft, nicht wahr?« »Wer zweifelt daran?« »Ah! Herr von Beausire gibt mir Recht,« sagte der Commandeur, indem er sich gegen Don Manoel umwandte. »Warten wir, warten wir,« entgegnete der Portugiese und machte dabei ein Zeichen der Geduld mit der Hand. »Ich gebe Ihnen nur in dem Punkte Recht, daß die hunderttausend Livres den Verbündeten gehören,« sagte Beausire. »Das ist das Ganze; mehr verlange ich nicht.« »Wohl! dann darf die Casse, welche dieselben enthält, nicht in dem Bureau der Gesandtschaft stehen, das an das Zimmer des Herrn Gesandten stößt.« »Warum nicht?« fragte Beausire. »Und der Herr Gesandte muß Jedem von uns einen Schlüssel zu dieser Casse geben,« fuhr der Commandeur fort. »Nein,« erwiderte der Portugiese. »Ihre Gründe?« »Ah! ja, Ihre Gründe?« fragte Beausire. »Man mißtraut mir,« antwortete der Portugiese, seinen frischen Bart streichelnd, »warum soll ich nicht den Andern mißtrauen! Beschuldigt man mich, ich bestehle den Bund, so kann ich, wie mir scheint, den Bund im Verdacht haben, er wolle mich bestellten. Wir sind Leute von gleichem Werth.« »Einverstanden,« sagte der Kammerdiener, »doch gerade deßhalb haben wir gleiche Rechte.« »Mein lieber Herr, wenn Sie hier Gleichheit treiben wollen, so hätten Sie darauf dringen sollen, daß Jeder von uns seinerseits die Rolle des Gesandten spiele. Das wäre in den Augen des Publicums vielleicht weniger wahrscheinlich gewesen, doch die Verbündeten hätten sich dabei beruhigt. Das ist Alles nicht wahr?« »Und dann,« unterbrach ihn Beausire, »mein Herr Commandeur, Sie handeln nicht als guter College: hat der edle Don Manoel nicht ein unbestreitbares Vorrecht, das der Erfindung?« »Ah! ja ...« sagte der Gesandte, »und Herr von Beausire theilt es mit mir.« »Oh!« entgegnete der Commandeur, »wenn einmal eine Sache im Gang ist, so achtet man nicht mehr auf die Vorrechte.« »Einverstanden, doch man achtet beständig auf das Verfahren,« sagte Beausire. »Ich stelle diese Forderung nicht allein,« murmelte der Commandeur ein wenig beschämt. »Alle unsere Cameraden denken wie ich.« »Und sie haben Unrecht,« versetzte der Portugiese. »Sie haben Unrecht,« wiederholte Beausire. Der Commandeur erhob das Haupt und sprach ärgerlich: »Und ich habe Unrecht gehabt, dem Vorschlag des Herrn von Beausire beizutreten. Der Secretär mußte sich unfehlbar mit dem Gesandten verständigen.« »Herr Commandeur,« erwiderte Beausire mit einem erstaunlichen Phlegma, »Sie sind ein Schuft, dem ich die Ohren abschneiden würde, wenn Sie noch Ohren hätten, doch man hat sie Ihnen zu oft beschnitten.« »Wie beliebt?« versetzte der Commandeur sich aufrichtend. »Wir sind hier ruhig im Cabinet des Herrn Gesandten, und wir werden die Sache unter uns behandeln können. Sie aber beleidigen mich, indem Sie sagen, ich sei im Einverständniß mit Don Manoel.« »Sie haben mich auch beleidigt,« sprach kalt Don Manoel, der Beausire zu Hilfe kam. »Sie müssen uns Genugthuung geben, Herr Commandeur.« »Oh! ich bin kein Bramarbas!« rief der Kammerdiener. »Ich sehe es wohl,« erwiderte Beausire; »Sie werden folglich durchgeprügelt, Commandeur.« »Zu Hilfe!« rief dieser, den der Liebhaber Oliva's schon gepackt und der Portugiese beinahe erwürgt hatte. Doch in dem Augenblick, wo die beiden Chefs sich selbst auf solche Art Recht schaffen wollten, verkündigte die Klingel von unten, daß ein Besuch erschien. »Lassen wir ihn los,« sagte Don Manoel. »Und er thue seinen Dienst,« fügte Beausire bei. »Die Cameraden sollen das erfahren,« sprach der Commandeur, während er sich wieder zurecht machte. »Oh! sagen Sie! fügen Sie ihnen, was Sie wollen; wir wissen, was wir ihnen antworten werden.« »Herr Böhmer!« rief der Portier von unten. »Ah! das macht Allem ein Ende, lieber Commandeur,« sagte Beausire, indem er seinem Gegner einen leichten Schlag in's Genick versetzte. »Wir werden keinen Streit mehr wegen der hunderttausend Livres haben, da die hunderttausend Livres mit Herrn Böhmer verschwinden. Auf, seien Sie freundlich, Herr Kammerdiener.« Der Kammerdiener ging brummend hinaus und nahm wieder seine demüthige Miene an, um den Juwelier der Krone auf geziemende Weise einzuführen. Zwischen seinem Abgang und dem Eintritt Böhmers hatten Beausire und der Portugiese einen zweiten Blick gewechselt, der eben so bezeichnend war als der erste. Böhmer trat ein, gefolgt von Bossange. Beide hatten eine demüthige, gleichsam verdutzte Haltung, in der sich die seinen Beobachter der Gesandtschaft nicht täuschen konnten. »Während sie die von Beausire angebotenen Sitze einnahmen, setzte dieser seine Forschung fort und belauerte das Auge Don Manoels, um die Correspondenz zu unterhalten. Manoel behauptete seine würdige, officielle Miene. Böhmer, der Mann der Initiative, nahm das Wort unter diesen schwierigen Verhältnissen. Er erklärte, daß ihn politische Gründe von hoher Wichtigkeit abhalten, der angefangenen Unterhandlung Folge zu geben. Manoel schrie auf. Beausire machte ein: »Hm!« Herr Böhmer gerieth immer mehr in Verlegenheit. Don Manoel bemerkte ihm, der Handel sei abgeschlossen, das Geld für die Abschlagszahlung liege bereit. Böhmer bedauerte. Stets durch die Vermittlung Beausire's entgegnete der Gesandte, seine Regierung habe oder müsse Kenntniß von dem Abschluß des Handels haben; eine Zurücknahme desselben wäre eine wahre Beleidigung gegen Ihre portugiesische Majestät. Herr Böhmer sagte, er habe alle Folgen dieser Reflexionen abgewogen, aber er könne schlechterdings nicht mehr anders. Beausire entschloß sich nicht, den Bruch anzunehmen. Er erklärte Böhmer unumwunden, seine Zusage zurückzunehmen, sei die Sache eines schlechten Kaufmannes, eines Mannes ohne Wort. Da ergriff Bossange das Wort, um den in seiner und in seines Associé Person angeschuldigten Handel zu vertheidigen. Doch er war nicht beredt. Beausire schloß ihm den Mund mit dem einzigen Wort: »Sie haben einen Steigerer gefunden?« Die Juweliere, welche nicht außerordentlich stark in der Politik waren und von der Diplomatie im Allgemeinen sowie von den portugiesischen Diplomaten in's Besondere einen ausnehmend hohen Begriff hatten, errötheten, da sie sich durchschaut glaubten. Beausire sah, daß er richtig getroffen, und da es für ihn von Bedeutung war, dieses Geschäft, in dem er ein ganzes Vermögen fühlte, zu Ende zu führen, so gab er sich den Anschein, als beriethe er sich in portugiesischer Sprache mit seinem Gesandten. »Meine Herren,« sprach er dann zu den Juwelieren, »man hat Ihnen einen Nutzen angeboten; nichts kann natürlicher sein, und das beweist, daß die Steine einen schönen Werth haben. Wohl! Ihre portugiesische Majestät will nicht einen guten Handel machen, der redlichen Kaufleuten schaden würde. Darf ich Ihnen fünfzigtausend Livres anbieten?« Böhmer machte ein verneinendes Zeichen. »Hunderttausend und hundert und fünfzigtausend Livres,« fuhr Beausire fort, der, ohne sich zu compromittiren, entschlossen war, eine Million mehr anzubieten, um seinen Antheil an den fünfzehnmal hunderttausend Livres zu gewinnen. Die Juweliere waren geblendet und standen einen Augenblick verblüfft da; dann, als sie mit einander beratschlagt hatten, sagten sie zu Beausire: »Mein Herr Secretär, geben Sie sich nicht die Mühe, uns in Versuchung zu führen; der Handel ist abgethan; ein Wille, der mächtiger als der unsrige, zwingt uns, das Halsband im Lande zu verkaufen. Sie begreifen ohne Zweifel, entschuldigen Sie uns, wir sind es nicht, die Ihr Anerbieten ausschlagen, und grollen Sie uns nicht; Jemand, der größer ist als wir, größer ist als Sie, widersetzt sich dem Abschluß mit Ihnen.« Beausire und Manoel fanden nichts zu erwidern. Sie machten im Gegentheil den Juwelieren eine Art von Compliment und suchten sich gleichgültig zu zeigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit war jedoch dergestalt nur dieser Sache zugewendet, daß sie im Vorzimmer den Herrn Commandeur-Kammerdiener nicht sahen, der damit beschäftigt war, daß er an den Thüren horchte, um zu erfahren, wie das Geschäft betrieben würde, von dem man ihn ausschließen wollte. Dieser würdige Verbündete war indessen ungeschickt, denn indem er sich gegen die Thüre neigte, glitschte er aus und fiel dergestalt an die Füllung, daß diese laut erdröhnte. Beausire stürzte nach dem Vorzimmer und fand den Kammerdiener ganz erschrocken. »Was machst Du hier, Unglücklicher?« fragte Beausire. »Gnädiger Herr,« antwortete der Commandeur, »ich brachte den Courier von diesem Morgen.« »Gut! gehe,« sagte Beausire. Und er nahm die Depeschen und schickte den Commandeur weg. Diese Depeschen waren die ganze Correspondenz der Kanzlei: Briefe von Portugal und Spanien, der Mehrzahl nach sehr unbedeutend, welche die tägliche Arbeit von Herrn Ducorneau bildeten, aber, da sie stets durch die Hände von Beausire oder Don Manoel gingen, ehe sie in die Kanzlei kamen, den zwei Chefs schon nützliche Unterweisungen über die Angelegenheiten der Gesandtschaft geliefert hatten. Bei dem Wort »Depeschen«, das die Juweliere hörten, standen sie erleichtert auf, wie Leute, die ihren Abschied nach einer peinlichen Audienz erhalten haben. Man ließ sie gehen, und der Kammerdiener erhielt Befehl, sie bis in den Hof zu begleiten. Kaum hatte er die Treppe verlassen, als Don Manoel und Beausire sich ein paar Blicke von jener Art zusandten, welche rasch eine Thätigkeit eröffnet. Sie näherten sich einander und Don Manoel sagte: »Nun! die Sache ist gescheitert.« »Ganz und gar,« sprach Beausire. »Von hunderttausend Livres, einem mittelmäßigen Diebstahl, bekommen wir jeder achttausend vierhundert Livres.« »Das ist nicht der Mühe werth,« erwiderte Beausire. »Nicht wahr? Während dort in der Casse ...« Er deutete auf die Casse, nach der es den Commandeur so sehr gelüstet hatte. »Dort in der Casse sind einmal hundert und achttausend Livres.« »Wohl! das ist abgemacht,« sprach Don Manoel. »Theilen wir.« »Es sei, doch der Commandeur wird uns nicht verlassen, da er jetzt weiß, daß das Geschäft verfehlt ist.« »Ich will ein Mittel suchen,« sagte Don Manoel mit einer seltsamen Miene. »Und ich, ich habe eines gefunden,« erwiderte Beausire. »Welches?« »Nicht wahr, der Commandeur wird zurückkehren?« »Ja.« »Er wird seinen Antheil für sich und die Verbündeten fordern?« »Ja.« »Wir werden das ganze Haus auf dem Nacken haben?« »Ja.« »Rufen wir den Commandeur, als wollten wir ihm ein Geheimniß erzählen, und lassen Sie mich machen.« »Mir scheint, ich errathe,« sagte Don Manoel, »gehen Sie ihm entgegen.« »Ich war im Begriff, Sie zu bitten, ihm selbst entgegenzugehen.« Weder der Eine noch der Andere wollte seinen Freund allein bei der Casse lassen. Es ist ein seltenes Kleinod um das Vertrauen. Don Manoel erwiderte, seine Eigenschaft als Gesandter halte ihn ab, diesen Schritt zu thun. »Nein, Sie sind kein Gesandter für ihn, doch gleichviel.« »Sie gehen?« »Nein; ich rufe ihn aus dem Fenster.« Beausire rief in der That aus dem Fenster den Commandeur, der sich eben anschickte, ein Gespräch mit dem Portier anzuknüpfen. Als der Commandeur sich rufen hörte, ging er hinauf. Er fand die zwei Chefs in dem Zimmer, welches an dasjenige stieß, wo die Casse war. Beausire wandte sich mit lächelnder Miene gegen ihn und sprach: »Wetten wir, ich weiß, was Sie zu dem Portier gesagt haben?« »Ich?« »Ja. Sie haben ihm erzählt, das Geschäft mit Böhmer sei gescheitert.« »Meiner Treue, nein.« »Sie lügen.« »Ich schwöre Ihnen, nein!« »Das ist gut, denn wenn Sie gesprochen hätten, so würden Sie eine schöne Geldsumme verloren haben.« »Wie so?« rief der Commandeur ganz erstaunt. »Sie begreifen wohl, daß wir drei allein das Geheimniß wissen.« »Das ist wahr.« »Daß wir drei folglich die hundert und achttausend Livres behalten, da Alle glauben, Böhmer und Bossange haben sie mit fortgenommen.« »Alle Wetter!« rief der Commandeur, von Freude ergriffen, »das ist wahr.« »Dreiunddreißigtausend dreihundert und drei und dreißig Franken und sechs Sou für Jeden,« sagte Manoel. »Mehr! mehr!« rief der Commandeur, »es ist dabei ein Bruch von achttausend Livres.« »Ganz richtig,« sagte Beausire, »Sie nehmen es an?« »Ob ich es annehme!« versetzte der Kammerdiener sich die Hände reibend. »Ah! schön, das heiße ich sprechen.« »Das heiße ich sprechen wie ein Schurke,« rief Beausire mit einer Donnerstimme; »ich sagte Ihnen ja, Sie seien nur ein Schuft. »Auf, Don Manoel, Sie, der Sie stark sind, packen Sie mir diesen Burschen und überliefern wir ihn unsern Verbündeten in seiner wahren Eigenschaft.« »Gnade! Gnade!« rief der Unglückliche, »ich wollte nur scherzen.« »Vorwärts!« sprach Beausire, »in die schwarze Stube, bis auf weitere Justiz.« »Gnade!« rief abermals der Commandeur. »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte Beausire zu Don Manoel, der den treulosen Commandeur kräftig würgte, »nehmen Sie sich in Acht, daß Herr Ducorneau nichts hört.« »Wenn Ihr mich nicht loslaßt, zeige ich Euch Alle an,« rief der Commandeur. »Und ich erdroßle Dich,« sprach Don Manoel mit zorniger Stimme, indem er den Kammerdiener in ein nahes Ankleidecabinet fortschob. »Schicken Sie Herrn Ducorneau weg,« flüsterte er Beausire zu. Dieser ließ sich dieß nicht zweimal sagen. Er ging rasch in die an das Zimmer des Gesandten stoßende Stube, während der Letztere den Kammerdiener in dem für ihn bestimmten dumpfen Gefängniß einschloß. Es verging eine Minute, Beausire kam nicht zurück. Don Manoel hatte einen Gedanken; er fühlte sich allein, die Casse war nur zehn Schritte entfernt: um sie zu öffnen und die hunderttausend Livres in Billets daraus zu nehmen, durch ein Fenster zu entspringen und durch den Garten mit der Beute davon zu laufen, dazu brauchte jeder wohl organisirte Räuber nur zwei Minuten. Don Manoel berechnete, daß Beausire, um Ducorneau wegzuschicken und in das Zimmer zurückzukehren, wenigstens fünf Minuten verlieren würde. Er eilte nach der Thüre des Zimmers, worin die Casse war. Man hatte diese Thüre mit einem Riegel verschlossen. Don Manoel war stark, geschickt, ei hätte ein Stadtthor mit einem Uhrenschlüssel geöffnet. »Beausire hat mir mißtraut, weil ich allein den Schlüssel habe,« dachte er; »er hat den Riegel vorgeschoben, das ist in der Ordnung.« Mit seinem Degen sprengte er den Riegel. Er kam zur Casse und stieß einen furchtbaren Schrei aus. Die Casse sperrte den Mund weit und völlig leer auf. Nichts in ihren gähnenden Tiefen. Beausire, der einen zweiten Schlüssel hatte, war durch die andere Thüre hineingegangen und hatte die Summe zusammengerafft. Don Manoel lief wie ein Wahnsinniger bis zur Loge des Portier, der ein Liebchen sang. Beausire hatte fünf Minuten voraus. Als der Portugiese durch sein Geschrei und durch sein Wehklagen das ganze Haus von dem Abenteuer unterrichtet, als er, um sich durch ein Zeugniß zu unterstützen, den Commandeur in Freiheit gesetzt hatte, fand er nur Ungläubige und Wüthende. Man beschuldigte ihn, er habe dieses Complott mit Beausire angezettelt, der ihm voranlaufe und ihm die Hälfte des Diebstahles aufbewahren müsse. Keine Masken, keine Geheimnisse mehr, der ehrliche Herr Ducorneau begriff nicht mehr, mit was für Leuten er in Verbindung stand. Er wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als er sah, wie diese Diplomaten sich anschickten, Don Manoel, der nicht an dem Vorfall schuldig war, unter einem Wagenschoppen zu hängen. »Herrn von Suza hängen!« rief der Kanzler, »das ist ein Verbrechen beleidigter Majestät; nehmen Sie sich in Acht!« Man beschloß, ihn in einen Keller zu werfen, doch schrie zu stark. Drei Schläge, feierlich an die Thüre gethan, machten die Verbündeten beben. Es wurde wieder stille unter ihnen« Die drei Schlage wiederholten sich. Dann rief eine spitzige Stimme in portugiesischer Sprache: »Oeffnen Sie im Namen des Herrn Gesandten von Portugal.« »Der Gesandte!« murmelten die Schufte alle. Und sie zerstreuten sich im ganzen Hotel, und einige Minuten lang war es durch die Gärten, über die Mauern der Nachbarschaft, über die Dächer eine allgemeine Flucht, ein ungeheurer Wirrwarr, Der ächte Gesandte, der wirklich so eben angekommen war, konnte in seine Wohnung nur mit Hilfe der Policeisoldaten eindringen, welche die Thüre in Gegenwart einer ungeheuren, durch dieses seltsame Schauspiel angelockten Menge einstießen. Dann bemächtigte man sich aller Gegenstände, verhaftete Herrn Ducorneau und führte ihn in's Chatelet, wo er nunmehr sein Nachtlager hatte. So endigte das Abenteuer der falschen Gesandtschaft von Portugal. XLIII. Illusionen und Wirklichkeiten. Hätte der Portier der Gesandtschaft Beausire, wie ihm Don Manoel befahl, nachlaufen können, er würde, das müssen wir gestehen, viel zu thun gehabt haben. Beausire hatte, als er kaum das Haus verlassen, in kurzem Galopp die Rue Coquillière und in gestrecktem Galopp die Rue Saint-Honors erreicht. Immer argwöhnend, man könnte ihn verfolgen, hatte er seine Spuren dadurch gekreuzt, daß er in den winkeligen, aller Richtung entbehrenden Gassen, welche unsere Getreidehalle umgeben, lavirte; nach einigen Minuten war er beinahe sicher, daß ihm Niemand hatte folgen können; er war auch noch in einem anderen Punkte sicher, darin, daß seine Kräfte erschöpft waren, und daß ein gutes Jagdpferd nicht mehr hätte thun können. Beausire setzte sich auf einen Getreidesack in der Rue de Biarmes, die sich um die Halle dreht, und stellte sich, als betrachte er mit der größten Aufmerksamkeit die Säule von Medicis, welche Bachaumont gekauft hatte, um sie dem Hammer der Zerstörer zu entziehen und dem Stadthause ein Geschenk damit zu machen. Es ist gewiß, daß Herr von Beausire weder die Säule von Philibert Delorme, noch die Sonnenuhr, womit Herr von Bingré sie geschmückt, betrachtete. Er zog mühsam aus der Tiefe seiner Lunge einen scharfen, heiseren Athem, ähnlich dem Schnaufen einer ermüdeten Schmiede. Mehrere Augenblicke gelang es ihm nicht, die Masse des Athems vollständig zu machen, die er aus seiner Luftröhre herausarbeiten mußte, um das Gleichgewicht in seinen Athmungswerkzeugen wieder herzustellen. Endlich gelang es ihm, und dieß geschah mit einem Seufzer, den die Bewohner der Rue de Biarmes gehört hätten, wären sie nicht mit dem Verkauf oder mit dem Abwägen ihres Getreides beschäftigt gewesen. »Ah!« dachte Beausire, »also ist mein Traum verwirklicht ich habe ein Vermögen.« Und er athmete abermals. »Ich kann also ein vollkommen ehrlicher Mann sein; mir scheint, daß ich schon fetter werde.« Und wahrhaftig, wenn er nicht fetter wurde, so schwoll er doch an. »Ich will,« fuhr er in seinem stillschweigenden Monolog fort, »ich will aus Oliva eine eben so ehrliche Frau machen, als ich ein ehrlicher Manu sein werde. Sie ist schön, sie ist naiv in ihren Neigungen.« Der Unglückliche! »Sie wird ein zurückgezogenes Leben in der Provinz nicht hassen; ein Leben in einer Meierei, die wir unser Gut nennen unfern von einem Städtchen, wo man uns leicht für vornehme Leute halten wird. »Nicole ist gut; sie hat nur zwei Fehler: die Trägheit und die Hoffart.« Nicht mehr! Armer Beausire, zwei Todsünden! »Und mit diesen Fehlern, die ich befriedigen werde, ich der zweideutige Beausire, werde ich mir eine vollkommene Frau gemacht haben.« Er ging nicht weiter, der Athem war ihm wiedergekehrt. Er wischte seine Stirne ab, versicherte sich, daß er die hunderttausend Livres noch in seiner Tasche hatte, und wollte, freier an Geist, als an Körper, nachdenken. Man würde ihn nicht in der Rue de Biarmes suchen, doch man würde ihn suchen. Die Herren von der Gesandtschaft waren nicht die Leute, die gutwillig ihren Antheil an der Beute verloren gaben. Man würde sich in mehrere Banden theilen und mit einer Haussuchung bei dem Dieb anfangen. Hierin lag die ganze Schwierigkeit. In diesem Haus wohnte Oliva. Man würde sie von der Sache in Kenntniß setzen, vielleicht mißhandeln; wer weiß, man würde es vielleicht so weit treiben, daß man sie als Geißel nahm. Warum sollten diese Schufte nicht wissen, daß Oliva die Leidenschaft des Herrn von Beausire war, und wenn sie es wußten, warum sollten sie nicht auf diese Leidenschaft speculiren? Am Rande dieser zwei tödtlichen Gefahren wäre Beausire beinahe ein Narr geworden. Die Liebe trug den Sieg davon. Niemand sollte den Gegenstand seiner Liebe berühren. Er lief wie ein Pfeil nach dem Hause der Rue Dauphine. Uebrigens hatte er ein unbegrenztes Vertrauen zu der Schnelligkeit seines Laufes; seine Feinde, so behend sie auch waren, konnten ihm nicht zuvorgekommen sein. Er warf sich indessen in einen Fiaker; dem Kutscher zeigte er einen Sechs-Livres-Thaler, und sagte: »Nach dem Pont-Neuf!« Die Pferde liefen nicht, sie flogen. Der Abend kam. Beausire ließ sich hinter die Statue Heinrichs IV. führen. Es war dieß ein trivialer Ort zu einem Stelldichein, aber er wurde viel benützt. Hier streckte er seinen Kopf behutsam zu dem Kutschenschlag hinaus und tauchte mit seinen Blicken in die Rue Dauphine. Beausire war nicht ganz unbekannt mit den Leuten der Policei; er hatte zehn Jahre damit zugebracht, sie kennen zu lernen, um ihnen geeigneten Ortes und zur geeigneten Zeit auszuweichen. Er bemerkte auf dem Abhang der Brücke, auf der Seite der Rue Dauphine, zwei in einiger Entfernung von einander stehende Männer, welche ihre Halse gegen diese Straße vorstreckten, um darin irgend ein Schauspiel zu betrachten. Diese Männer waren Spione. Spione auf dem Pont-Neuf waren nichts Seltenes, denn ein Sprüchwort jener Epoche sagt, um zu jeder Zeit einen Prälaten, ein Freudenmädchen und ein weißes Roß zu sehen, könne man nichts Besseres thun, als über den Pont-Neuf gehen. Die weißen Rosse aber und die Prälatenkleider und die Freudenmädchen sind stets Beobachtungspunkte für die Leute von der Policei gewesen. Beausire war nur ärgerlich, nur beengt; ei machte sich ganz buckelig, ganz hinkend, um seinen Gang zu verdecken, durchschnitt die Menge und erreichte die Rue Dauphine. Keine Spur von dem, was er für sich befürchtete. Er erblickte schon das Haus, an dessen Fenstern sich die schöne Oliva, sein Gestirn, häufig zeigte. Die Fenster waren ohne Zweifel geschlossen, sie ruhte auf dem Sopha, oder las irgend ein schlechtes Buch, oder knusperte an einer Leckerei. Plötzlich glaubte Beausire den Oberrock eines Soldaten von der Scharwache im Gang gegenüber zu sehen. Mehr noch, er sah einen am Fenster des kleinen Wohnzimmers erscheinen. Der Schweiß erfaßte ihn wieder: ein kalter Schweiß; dieser ist ungesund. Ein Zurückweichen war unmöglich; man mußte am Hause vorübergehen. Beausire hatte diesen Muth; er ging vorüber und betrachtete dieses Haus. Welch ein Schauspiel! Ein Gang vollgepfropft mit Fußgängern der Garde von Paris, unter denen man einen ganz schwarz angekleideten Commissär des Chatelet erblickte. Diese Leute ... der rasche Blick Beausire's sah sie unruhig, verblüfft, aufgebracht. Man hat sie oder man hat sie nicht, die Gewohnheit, in den Gesichtern der Policei zu lesen; hat man sie, wie Beausire, so braucht man keinen doppelten Anlauf zu nehmen, um zu errathen, daß diese Herren ihren Streich verfehlt haben. Beausire sagte sich, ohne Zweifel, gleichviel wie oder von wem unterrichtet, habe Herr von Crosne Beausire verhaften lassen wollen, habe aber nur Oliva gefunden. Inde irae. Daher der Aerger. Hätte sich Beausire unter gewöhnlichen Umständen befunden, hätte er nicht hunderttausend Livres in seiner Tasche gehabt, so würde er sich sicherlich mitten unter die Alguazils geworfen und wie Nisus gerufen haben: Hier bin ich! hier bin ich! Ich bin es, der Alles gethan hat! Doch der Gedanke, diese Leute würden seine hunderttausend Livres betasten und sich ihr ganzes Leben lang damit lustig machen; der Gedanke, sein so kühn und fein ausgeführter Handstreich würde nur den Agenten des Policei-Lieutenants Nutzen bringen, siegte über alle Bedenklichkeiten und erstickte jeden Liebeskummer. »Logik ...« sagte er zu sich selbst, »mache ich, daß man mich festnimmt, mache ich, daß man die hunderttausend Livres nimmt, so nütze ich Oliva nichts ... Ich richte mich zu Grunde. Ich beweise ihr, daß ich sie liebe wie ein Wahnsinniger ... Doch ich verdiente, daß sie zu mir sagt: Du hättest mich weniger lieben und mich retten sollen. »Wir wollen lieber tüchtig ausgreifen und das Geld in Sicherheit bringen, denn das ist die Quelle von Allem: die Quelle der Freiheit, des Glücks, der Philosophie.« Nach diesen Worten drückte Beausire die Cassenbillets an sein Herz und fing wieder an nach dem Luxembourg zu laufen. Denn seit einer Stunde ging er nur noch durch den Instinct, und da er Oliva hundertmal im Garten des Luxembourg aufgesucht hatte, so ließ er sich von seinen Beinen dahin trage«. Für einen Menschen, der so sehr für die Logik eingenommen ist, war dieß ein armseliges Raisonnement. Die Häscher, welche die Gewohnheiten der Diebe so gut kennen, als Beausire die Gewohnheiten der Häscher kannte, hätten natürlich Beausire im Luxembourg aufgesucht. Doch der Himmel oder der Teufel hatte beschlossen, Herr von Crosne sollte dießmal nichts mit Beausire zu thun haben. Kaum wandte sich der Liebhaber Nicole's um die Ecke der Rue Saint-Germain-des-Prés, als er durch einen schönen Wagen, dessen Pferde stolz nach der Rue Dauphine liefen, beinahe niedergeworfen worden wäre. Beausire hatte nur Zeit, mit der den übrigen Europäern unbekannten Pariser Leichtigkeit der Deichsel auszuweichen; allerdings wich er dem Fluche und dem Peitschenhiebe des Kutschers nicht aus; doch ein Eigentümer von hunderttausend Livres verweilt nicht bei den Erbärmlichkeiten eines solchen Ehrenpunktes, besonders wenn er die Compagnien der Etoile und die Garden von Paris auf seinen Fersen hat. Beausire warf sich also auf die Seite; doch indem er sich bog, sah er in diesem Wagen Oliva und einen sehr schönen Mann, welche eifrig mit einander sprachen. Er stieß einen schwachen Schrei aus, der die Pferde nur noch mehr belebte. Wohl wäre er dem Wagen gefolgt, aber dieser Wagen fuhr in die Rue Dauphine, die einzige Straße von Paris, durch welche Beausire in diesem Augenblick nicht gehen wollte. Und dann, welche Erscheinung war Oliva, die in dem Wagen saß, – Gespenster, Visionen, Albernheiten, das hieß nicht trübe, sondern doppelt sehen, es hieß Oliva sehen, obschon . .. Wie sollte sich denn das zusammenräumen? Oliva konnte unmöglich in dem Wagen sitzen, da die Häscher in der Rue Dauphine sie verhafteten. Moralisch und physisch gehetzt, warf sich der arme Beausire in die Rue des Fossés-Monsieur-le-Prince, erreichte das Luxembourg, durcheilte das schon verödete Quartier und kam vor die Barrière, wo er sich in ein kleines Cabinet flüchtete, dessen Wirthin jede Rücksicht für ihn hatte. Er quartirte sich in dieser Schenke ein, verbarg seine Billets unter einer Fließe des Zimmers, stellte auf diese Fließe den Fuß seines Bettes und legte sich nieder, wobei er schwitzte und fluchte, aber seine Blasphemien mit Danksagungen gegen Mercur, seine fieberhaften Uebelkeiten mit einem Aufguß von Wein, der mit Zimmet und Zucker gewürzt, vermischte, ein Getränke, das ganz geeignet war, die Transspiration bei der Haut und das Vertrauen im Herzen wiederzubeleben. Er war fest überzeugt, die Policei würde ihn nicht finden. Er war fest überzeugt, Niemand würde ihn seines Geldes berauben. Er war fest überzeugt, Nicole könne, falls sie verhaftet würde, keines Verbrechens schuldig sein, und die Zeit der ewigen Einsperrungen ohne allen Rechtsgrund sei vorüber. Er war endlich fest überzeugt, die hunderttausend Livres würden ihm, sollte man Oliva, seine unzertrennliche Gefährtin, zurückbehalten wollen, dazu dienen, sie dem Gefängniß zu entreißen. Es blieben die Gefährten von der Gesandtschaft; mit ihnen war die Rechnung schwieriger abzumachen. Doch Beausire hatte die Chicanen vorhergesehen; er ließ sie alle in Frankreich und reiste nach der Schweiz, einem freien und moralischen Lande, sobald Oliva frei war. Viel von dem, was Beausire, während er seinen Glühwein trank, ausdachte, erfolgte nicht nach seiner Vorhersehung: das stand geschrieben. Der Mensch hat beinahe immer das Unrecht, sich einzubilden, er sehe die Dinge, wenn er sie nicht sieht. Er hat noch viel mehr Unrecht, sich einzubilden, er habe sie nicht gesehen, wenn er sie wirklich gesehen hat. XLIV. Worin Mademoiselle Oliva sich zu fragen anfängt, was man mit ihr wolle. Hätte Herr Beausire auf seine Augen vertrauen wollen, welche vortrefflich waren, statt seinen Geist arbeiten zu lassen, den damals Alles verblendete, so würde er sich vielen Verdruß und viele Täuschungen erspart haben. Es war in der That Mademoiselle Oliva, die er in dem Wagen an der Seite eines Mannes gesehen, den er nicht erkannt, weil er ihn nur einmal angeschaut hatte, und den er erkannt haben würde, hätte er ihn zweimal angeschaut: Oliva, die am Morgen wie gewöhnlich ihren Spaziergang im Garten des Luxembourg gemacht hatte und, statt um zwei Uhr zum Mittagessen nach Hause zu gehen, von dem seltsamen Freund, den sie am Tage des Opernballs kennen gelernt, getroffen, angeredet und befragt worden war. In der That, in dem Augenblick, wo sie ihren Sessel bezahlte, um zurückzukehren, und dem Cafetier zulächelte, dessen beständige Kundin sie war, kam Cagliostro aus einer Allee hervor, lief auf sie zu und nahm sie beim Arm. Sie stieß einen schwachen Schrei ans. »Wohin gehen Sie?« sagte er. »Nach unserer Wohnung in der Rue Dauphine.« »Das entspricht ganz und gar den Wünschen der Leute, die Sie dort erwarten,« erwiderte der unbekannte Herr. »Leute .. die mich erwarten? wie so? Niemand erwartet mich.« »Oh! doch, ungefähr ein Dutzend Besuche.« »Ein Dutzend Besuche!« versetzte Oliva lachend; »warum nicht sogleich ein ganzes Regiment?« »Meiner Treue! wäre es möglich gewesen, ein Regiment in die Rue Dauphine zu schicken, so befände es sich dort.« »Sie setzen mich in Erstaunen.« »Ich werde Sie noch viel mehr in Erstaunen setzen, wenn ich Sie in die Rue Dauphine gehen lasse.« »Warum?« »Weil man Sie dort verhaften wird, meine Liebe.« »Verhaften, mich!« »Sicherlich! die zwölf Herren, die Sie erwarten, sind von Herrn von Crosne abgeschickte Häscher.« Oliva bebte: gewisse Leute haben immer Angst vor gewissen Dingen. Nichtsdestoweniger richtete sie sich nach einer etwas gründlicheren Gewissensinspection hoch auf und erwiderte: »Ich habe nichts gethan. Warum sollte man mich verhaften?« »Warum verhaftet man eine Frau? Wegen Intriguen, wegen Lappereien.« »Ich habe keine Intriguen.« »Sie haben vielleicht viele gehabt.« »Oh! ich leugne das nicht.« »Kurz, man hat ohne Zweifel Unrecht, Sie zu verhaften, doch man sucht dieß zu thun, das ist gewiß. Gehen wir immer noch nach der Rue Dauphine?« Oliva blieb bleich und beklommen stehen. »Sie spielen mit mir, wie eine Katze mit einer armen Maus,« sprach sie. »Wissen Sie etwas, so sagen sie es mir. Nicht wahr, man will an Beausire?« Und sie heftete auf Cagliostro einen flehenden Blick. »Vielleicht wohl. Ich habe halb und halb den Verdacht, daß sein Gewissen minder rein ist, als das Ihrige.« »Armer Junge! ...« »Beklagen Sie ihn, doch wenn er festgenommen wird, ahmen Sie sein Beispiel nicht dadurch nach, daß Sie sich ebenfalls festnehmen lassen.« »Welches Interesse haben Sie denn, mich zu beschützen? welches Interesse haben Sie dabei, daß Sie sich mit mir beschäftigen? Hören Sie!« rief sie kühn, »es ist nicht natürlich, daß ein Mann wie Sie ...« »Vollenden Sie nicht, Sie würden eine Albernheit sagen und die Augenblicke sind kostbar, weil die Agenten Crosne's, wenn sie Sie nicht zurückkehren sehen, im Stande wären, Sie hier aufzusuchen.« »Hier! man weiß, daß ich hier bin!« »Eine schöne Aufgabe, das zu wissen, ich weiß es wohl. Ich fahre fort. Da ich mich für Ihre Person interessire und Ihnen wohlwill, so geht Sie das Uebrige nichts an. Geschwind, eilen wir nach der Ruc d'Eufer, mein Wagen erwartet Sie dort. Ah! Sie zweifeln noch?« »Ja.« »Wohl! wir sind im Begriff, etwas sehr Unvorsichtiges Zu thun. was Sie aber hoffentlich ein- für allemal überzeugen wird. Wir fahren in meinem Wagen an Ihrem Hause vorüber, und haben Sie diese Herren von der Policei fern genug gesehen, um nicht festgenommen zu werden, und nahe genug, um ihre Stimmung zu beurtheilen, dann werden Sie meine guten Absichten nach ihrem wahren Werth schätzen.« Wahrend er so sprach, führte er Oliva bis zum Gitter der Rue d'Enfer. Der Wagen kam herbei, nahm das Paar auf und führte Cagliostro und Oliva in die Rue Dauphine zu der Stelle, wo Beausire Beide erblickt hatte. Hätte er in diesem Augenblicke geschrieen, wäre er dem Wagen nachgelaufen, so würde Oliva sicherlich Alles gethan haben, um sich ihm zu nähern, um ihn, wenn er verfolgt wurde, zu retten, oder, wenn er frei war, mit ihm zu entfliehen. Cagliostro sah aber diesen Unglücklichen und lenkte die Aufmerksamkeit Oliva's dadurch ab, daß er ihr die Menge zeigte, welche sich schon aus Neugierde um die Scharwache versammelte. Sobald Oliva die Policeisoldaten erkannt hatte, sobald sie gesehen, daß ihr Haus belagert war, warf sie sich in die Arme ihres Beschützers, was jeden andern Menschen, als diesen Eisenmann gerührt hätte. Er beschränkte sich darauf, daß er der jungen Frau die Hand drückte und sie selbst durch das Herablassen des Vorhangs verbarg. »Retten Sie mich! retten Sie mich!« wiederholte mittlerweile das arme Mädchen. »Ich verspreche es Ihnen,« erwiderte er. »Doch da Sie sagen, diese Menschen von der Police! wissen Alles, so werden sie mich immer finden.« »Nein, nein! an dem Orte, wo Sie sein werden, entdeckt Sie Niemand, denn wenn man Sie auch in Ihrem Haufe festnehmen will, so wird man Sie doch nicht bei mir festnehmen.« »Oh!« rief sie mit einem Schrecken, »bei Ihnen ... wir gehen also zu Ihnen?« »Sie sind verrückt,« erwiderte er, »man sollte glauben, Sie erinnern sich dessen nicht mehr, was wir verabredet haben. Ich bin nicht Ihr Liebhaber, meine Schöne, und will es nicht sein.« »So bieten Sie mir also das Gefängniß an?« »Ziehen Sie das Hospital vor, so sind Sie frei.« »Wohl denn!« sprach sie voll Bangigkeit, »ich überlasse mich Ihnen; machen Sie aus mir, was Sie wollen.« Er führte sie nach der Rue Neuve-Saint-Gilles in das Haus, wo wir ihn Philipp von Taverney empfangen sahen. Als er sie fern vom Gesinde und von jeder Überwachung in einer kleinen Wohnung im zweiten Stock einquartirt hatte, sagte er: »Es ist mir daran gelegen, daß Sie hier glücklich sein mögen.« »Glücklich! Wie so?« versetzte sie tief betrübt. »Glücklich, ohne Freiheit, ohne Spaziergang! Es ist traurig hier. Nicht einmal ein Garten. Ich werde darüber sterben.« Und sie warf einen irren, verzweifelten Blick auf das Aeußere. »Sie haben Recht,« sagte er, »es ist mein Wille, daß es Ihnen an nichts fehle. Sie wären hier schlimm, und überdieß würden meine Leute Sie hier sehen und beengen.« »Oder gar verkaufen,« fügte sie bei. »Was das betrifft, seien Sie unbesorgt, meine Leute verkaufen nur, was ich ihnen abkaufe, mein liebes Kind. Damit Sie aber jede wünschenswerthe Ruhe haben, werde ich darauf bedacht sein, Ihnen eine andere Wohnung zu verschaffen.« Oliva zeigte sich ein wenig getröstet durch diese Versprechungen. Uebrigens gefiel ihr der Aufenthalt in ihrer neuen Wohnung. Sie fand hier Behaglichkeit und unterhaltende Bücher. Als ihr Beschützer sie verließ, sagte er zu ihr: »Ich will Ihnen den Brodkorb nicht hoch hängen, mein liebes Kind. Wollen Sie mich sehen, so läuten Sie mir, ich komme auf der Stelle, wenn ich mich zu Hause befinde, und sogleich nach meiner Rückkehr, wenn ich ausgegangen sein sollte.« Er küßte ihr die Hand und verließ sie. »Ah!« rief Oliva, »lassen Sie mir besonders Nachricht von Beausire zukommen.« »Vor Allem,« erwiderte der Graf. Und er schloß sie in ihr Zimmer ein. Dann, als er träumerisch die Treppe hinabstieg, sagte er: »Es ist eine Entheiligung, wenn ich sie in dem Haufe der Rue Saint-Claude einquartiere. Doch Niemand darf sie sehen, und in diesem Hause wird Niemand sie sehen. Muß es dagegen sein, daß sie eine einzige Person erblickt, so wird sie diese Person nur in dem Haufe der Rue Saint-Claude allein erblicken. Wohl denn, auch noch dieses Opfer. Löschen wir diesen letzten Funken der Fackel aus, die einst brannte.« Der Graf nahm einen weiten Oberrock, suchte Schlüssel in seinem Secretär, wählte mehrere davon, die er mit gerührter Miene anschaute, verließ allein und zu Fuß sein Hotel und ging die Rue Saint-Louis im Marais hinauf. XLV. Das öde Haus. Herr von Cagliostro kam allein nach dem alten Hause der Rue Saint-Claude, das unsere Leser nicht ganz vergessen haben können. Es wurde Nacht, als er vor der Thüre stehen blieb, und man erblickte nur noch einige seltene Wanderer auf der Chaussee des Boulevard. Der in der Rue Saint-Louis erschallende Tritt eines Pferdes, ein Fenster, das unter dem Geräusch alter Schlösser geschlossen wurde, das Knarren der Querbäume und der Riegel am massigen Thorweg nach der Rückkehr des Herrn vom anstoßenden Hause, dieß waren die einzigen Bewegungen dieses Quartiers zu der Stunde, von der wir sprechen. Ein Hund bellte oder heulte vielmehr in dem kleinen Gehäge des Klosters, und ein lauer Windstoß rollte bis in die Rue Saint-Claude, als es die schwermüthigen drei Viertel in Saint-Paul schlug. Es war drei Viertel auf neun Uhr. Der Graf kam, wie gesagt, vor den Thorweg, zog unter seinem Oberrock einen schweren Schlüssel hervor und zermalmte, um ihn in das Schloß zu bringen, eine Menge von Trümmern, die sich, vom Winde fortgetrieben, darein geflüchtet hatten. Das dürre Stroh, von dem sich ein Hälmchen in den bogenförmigen Eingang des Schlosses geschoben hatte, das kleine Samenkorn, das nach Süden lief, um eine Mauernelke oder eine Malve zu werden, und sich eines Tages in diesem finstern Behälter eingeschlossen befand, der von einem nahen Gebäude abgesprungene Steinsplitter, die seit zehn Jahren in diesem eisernen Hospital einkasernirten Fliegen, deren Leichname am Ende die Tiefe ausgefüllt hatten, dieß Alles krachte und zermahlte sich unter dem Drucke des Schlüssels in Staub. Sobald der Schlüssel seine Bewegungen vollendet hatte, handelte es sich nur noch darum, die Thüre zu öffnen. Aber die Zeit hatte ihr Werk gethan. Das Holz war in den Fugen aufgeschwollen, der Rost hatte in die Angeln eingebissen. Das Gras war in den Zwischenräumen des Pflasters gewachsen und bildete durch seine feuchten Ausströmungen einen grünen Ueberzug an dem untern Theile des Thores; eine Art von Kitt, dem der Schwalbennester ähnlich, verstopfte jeden Zwischenraum, und die kräftige Vegetation der steinartigen Madreporen, die ihre Arcaden über einander legten, hatte das Holz unter dem lebendigen Fleisch ihrer Samenlappen verborgen. Cagliostro fühlte den Widerstand; er drückte die Faust, dann die Ellenbogen, dann die Schulter darauf und überwältigte alle diese Barricaden, welche eine nach der andern mit übellaunigem Gekrach nachgaben. Als diese Thüre sich öffnete, erschien der ganze Hof verödet, moosbewachsen, vor Cagliostro's Augen. Er schloß die Thüre wieder, und seine Tritte drückten sich in das widerspänstige dürre Queckengras ein, das sich auch des Pflasters bemächtigt hatte. Niemand hatte ihn eintreten sehen, Niemand sah ihn in der Umfriedung dieser ungeheuren Mauer. Er konnte einen Augenblick stille stehen und allmälig in sein vergangenes Leben zurückkehren, wie er in sein Haus zurückgekehrt war. Das eine war trostlos und leer, das andere in Trümmern und verödet. Die Freitreppe von zwölf Staffeln hatte nicht mehr drei ganze Stufen. Durch die Arbeit des Regenwassers unterwühlt, durch das gewaltsame Spiel des Mauerkrauts und des Mohns untergraben und gelockert, hatten die andern Anfangs gewankt und waren endlich fern von ihren Haltpunkten weggerollt. Beim Fallen waren die Steine zerbrochen, das Gras hatte sich auf die Trümmer emporgearbeitet und stolz, wie die Standarten der Verwüstung, seine Federbüsche über denselben aufgepflanzt. Cagliostro stieg die unter seinen Füßen zitternde Freitreppe hinauf und gelangte mit Hilfe eines zweiten Schlüssels in das ungeheure Vorzimmer. Hier erst zündete er eine Laterne an, die er vorsichtiger Weise mitgenommen hatte; doch so behutsam er auch das Licht angesteckt, der unheimliche Hauch des Hauses löschte es plötzlich wieder aus. Der Athem des Todes reagirte gewaltsam gegen das Leben; die Finsterniß tödtete das Licht. Cagliostro zündete seine Laterne noch einmal an und ging weiter. Im Speisesaal hatten die in ihren Ecken verschimmelten Anrichttische ihre ursprüngliche Form verloren, die klebrigen Platten davon hielten nicht mehr am Fuße fest. Alle inneren Thüren waren geöffnet und ließen den Geist frei mit dem Blick in die finsteren Tiefen eindringen, wo sie schon den Tod durchgelassen hatten. Der Graf fühlte, wie ein Schauer sein Fleisch beben machte, denn am Ende des Saales, da, wo einst die Treppe anfing, hatte sich ein Geräusch hörbar gemacht. Dieses Geräusch verkündigte einst eine theure Gegenwart, dieses Geräusch erweckte in allen Sinnen des Herrn dieses Hauses das Leben, die Hoffnung, das Glück. Dieses Geräusch, das in der gegenwärtigen Stunde nichts darstellte, erinnerte an Alles in der Vergangenheit. Die Stirne gefaltet, langsam athmend, die Hand kalt, wandte sich Cagliostro nach der Statue des Harpokrates, bei der die Feder der ehemaligen Verbindungsthüre spielte, ein geheimnißvoller, ungreifbarer Ort, der das bekannte Haus mit dem geheimen verband. Die Feder arbeitete ohne Mühe, obschon das wurmstichige Täfelwerk in der Umgegend zitterte. Doch kaum hatte der Graf den Fuß auf die Geheimtreppe gesetzt, als sich dasselbe Geräusch abermals hörbar machte. Cagliostro streckte seine Hand mit der Laterne aus, um die Ursache davon zu entdecken: er sah nur eine große Natter, welche langsam die Treppe herabkam und mit ihrem Schwanz jede Stufe peitschte. Die Natter heftete ruhig ihr schwarzes Auge auf Cagliostro, schlüpfte dann in das erste Loch des Täfelwerks und verschwand. Ohne Zweifel war dieß der Geist der Einsamkeit. Der Graf setzte seinen Gang fort. Ueberall bei diesem Aufsteigen verfolgte ihn eine Erinnerung oder, besser gesagt, ein Schatten, und wenn das Licht an den Wänden eine bewegliche Silhouette zeichnete, bebte der Graf, denn er dachte, sein eigener Schatten sei ein fremder Schatten, der erweckt worden, um auch diesem geheimnißvollen Ort einen Besuch zu machen. So weiter schreitend gelangte er bis zu der Platte jenes Kamins, das als Durchgang zwischen dem Waffenzimmer Balsamo's und dem wohlriechenden Cabinet von Lorenza Feliciani gedient hatte. Die Mauern waren kahl, die Zimmer leer. In dem gähnenden Herd lag noch ein ungeheurer Haufen von Asche, worunter einige kleine Gold- und Silberstangen funkelten. Diese seine, weiße und duftende Asche war das Zimmergeräthe Lorenza's, das Balsamo bis auf das kleinste Theilchen verbrannt hatte; es waren die Armoires von Schildplatt, das Clavier und das Körbchen von Rosenholz, die schönen Porzellane von Sèvres, deren Staub man glimmerartig, dem Staube des Marmors ähnlich, wiederfand; es waren die beim großen hermetischen Feuer geschmolzenen Gesimse und Ornamente; es waren die Vorhänge und Teppiche von Seidenbrocat; es waren die Schachteln von Aloe und Sandelholz, deren durchdringender, zur Zeit des Brandes durch die Kamine ausströmender Duft die ganze Zone von Paris, über welche der Rauch hingegangen war, mit Wohlgerüchen geschwängert hatte, so daß zwei Tage lang die Vorübergehenden ihre Köpfe in die Höhe hoben, um diese seltsamen, mit der Pariser Luft vermischten Arome einzuathmen, so daß der Ladendiener vom Quartier der Hallen und die Kammerjungfer vom Quartier Saint-Honoré sich berauscht hatten in diesen heftigen, entflammten Aromen, die der Wind den Abhängen des Libanon und den Ebenen Syriens entführt. Diese Wohlgerüche, sagen wir, bewahrte das öde, kalte Zimmer immer noch. Cagliostro bückte sich, nahm ein Pfötchen voll Asche und roch lange mit wilder Leidenschaft daran. »Könnte ich so,« murmelte er, »einen Rest von dieser Seele verschlingen, die sich einst diesem Staube mittheilte!« Dann sah er die eisernen Gitter wieder und die Traurigkeit des benachbarten Hofes, und durch die Treppe die hohen Risse, welche der Brand an diesem inneren Hause gemacht, dessen oberes Stockwerk er vernichtet hatte. Ein trauriges und schönes Schauspiel, das Zimmer von Althotas war verschwunden; es blieben nur noch von den Mauern sieben bis acht Auszackungen, auf denen das Feuer seine verzehrenden und schwärzenden Jungen hatte umherlaufen lassen. Für Jeden, der die schmerzliche Geschichte Balsamo's und Lorenza's nicht gelaunt hätte, wäre es unmöglich gewesen, diese Ruine nicht zu beweinen. Alles in diesem Hause athmete die gesunkene Größe, den erloschenen Glanz, das verlorene Glück. Cagliostro erfüllte sich mit diesen Erinnerungen und Träumen. Der Mann stieg von den Höhen seiner Philosophie herab, um sich neu zu beleben in dem Bischen zarter Menschlichkeit, das man die Gefühle des Herzens nennt, welche kein Raisonnement sind. Nachdem er die holden Phantome der Einsamkeit heraufbeschworen und mit dem Himmel abgerechnet hatte, glaubte er mit der menschlichen Schwäche quitt zu sein, als seine Augen auf einen unter all diesem Unstern und all diesem Elend noch glänzenden Gegenstand fielen. Er bückte sich und sah in der Fuge des Bodens, halb unter dem Staub begraben, einen kleinen silbernen Pfeil, der kürzlich erst den Haaren einer Frau entfallen zu sein schien. Es war eine jener italienischen Nadeln, wie die Damen jener Zeit sie gerne wählten, um die gekräuselten Locken ihres Haares zu halten, das zu schwer wurde; wenn es gepudert war. Der Philosoph, der Gelehrte, der Prophet, der Verächter der Menschheit, derjenige, nach dessen Willen der Himmel mit ihm abrechnen sollte, dieser Mann, der so viele Schmerzen bei sich zurückgedrängt und so viele Blutstropfen den Herzen Anderer entzogen hatte, Cagliostro, der Atheist, der Charlatan, der skeptische Spötter hob diese Nadel auf, hielt sie an seine Lippen, ließ, sicher, daß man ihn nicht sehen konnte, eine Thräne bis zu seinen Augen aufsteigen und murmelte: »Lorenza!« Und dieß war Alles. Es war ein Dämon in diesem Menschen. Er suchte den Kampf und unterhielt ihn zu seinem eigenen Glücke in sich selbst. Nachdem er glühend diese heilige Reliquie geküßt, öffnete er das Fenster, streckte seinen Arm durch das Gitter und schleuderte dieses zerbrechliche Stück Metall in das Gehäge des nahen Klosters, in Aeste, in die Luft, in den Staub, man weiß nicht wohin. So bestrafte er sich dafür, daß er von seinem Heizen Gebrauch gemacht. »Fahre wohl!« sagte er zu dem unempfindlichen Gegenstand, der sich vielleicht für immer verlor. »Fahre wohl, Erinnerung, die mir geschickt worden war, um mich zu erweichen, zu verkleinern, ohne Zweifel. Ich werde fortan nur noch an die Erde denken. »Ja, dieses Haus wird entheiligt werden. Was sage ich? es ist dieß vielleicht schon. Ich habe die Thüren wieder geöffnet, ich habe das Licht an die Wände gebracht, ich habe das Innere des Grabes gesehen, ich habe die Asche des Todes durchwühlt. »Entheiligt ist also dieses Haus! Es sei dieß ganz und gar, und zwar für ein gutes Werk. »Eine Frau wird abermals diesen Hof durchschreiten, eine Frau wird ihre Füße auf die Treppe setzen, eine Frau wird unter diesem Gewölbe singen, wo noch der letzte Seufzer Lorenza's vibrirt. »Es sei. Doch alle diese Entheiligungen werden zu einem Zwecke stattfinden, zu dem Zwecke, meiner Sache zu dienen. Das Mysterium wird entfliegen; das Hotel wird ein Schlupfwinkel bleiben und aufhören, ein Allerheiligstes zu sein.« Er schrieb hastig in seine Brieftasche folgende Zeilen: »An Herrn Lenoir, meinen Baumeister. »Hof und Vorhaus reinigen; Remisen und Ställe wiederherstellen; den innern Pavillon zerstören; das Haus auf zwei Stockwerke zurückführen; acht Tage.« »Sehen wir nun,« sagte er, »ob man von hier aus das Fenster der kleinen Gräfin erblickt.« Er näherte sich einem Fenster im zweiten Stock des Hauses. Man überschaute von hier die ganze entgegengesetzte Façade der Rue Saint-Claude über dem Thorweg. Gegenüber, auf höchstens sechzig Schritte, sah man die Wohnung, welche Jeanne von La Mothe inne hatte. »Das ist unfehlbar; die zwei Frauen werden sich sehen,« sagte Cagliostro. »Gut.« Er nahm wieder seine Laterne und stieg die Treppe hinab. Nach einer starken Stunde war er nach Hause zurückgekehrt und überschickte dem Baumeister seinen Auftrag. Schon am andern Morgen bemächtigten sich fünfzig Arbeiter des Hotels: der Hammer, die Säge und die Spitzhauen ertönten überall, das aufgehäufte Gras fing in einer Ecke des Hofes zu rauchen, und am Abend bei seiner Rückkehr sah der seiner täglichen Inspection getreue Vorübergehende eine fette Ratte an einer Pfote unten an einem Reif im Hof hängen, inmitten eines Kreises von Handarbeitern und Maurern, die ihren grauen Bart und ihren ehrwürdigen Bauch verspotteten. Die schweigsame Bewohnerin des Hauses war durch den Fall eines Quadersteines in ihr Loch eingemauert worden. Halbtodt, als der Krahn den Stein wieder aufhob, wurde sie am Schwanz gepackt und der Belustigung junger Auvergnaten, die den Kalk einrührten, geopfert; war es Scham, war es Erstickung, sie starb darüber. Der Vorübergehende hielt ihr folgende Leichenrede: »Hier ist ein Geschöpf, das zehn Jahre glücklich gewesen! » Sic transit gloria» mundi, « Das Haus war in acht Tagen wiederhergestellt, wie Cagliostro dem Baumeister befohlen. XLVI. Jeanne als Beschützerin. Der Herr Cardinal von Rohan erhielt zwei Tage nach seinem Besuche bei Böhmer ein also abgefaßtes Billet: »Seine Eminenz der Herr Cardinal von Rohan weiß ohne Zweifel, wo er heute zu Nacht speisen wird.« »Von der kleinen Gräfin,« sagte er, am Papier riechend. »Ich werde kommen.« Man höre, warum Frau von La Mothe diese Zusammenkunft vom Cardinal verlangte. Von den fünf vom Herrn Cardinal zu ihrer Bedienung bestellten Lakaien hatte Frau von La Mothe einen ausgezeichnet, einen Menschen mit schwarzen Haaren und braunen Augen, mit der blühenden Gesichtsfarbe des Sanguinischen, womit sich die solide Färbung des Gallichten vermischte. Es waren dieß für die Beobachterin alle Merkmale einer thätigen, verständigen und hartnäckigen Organisation. Sie ließ diesen Menschen kommen, und in einer Viertelstunde erhielt sie von seiner Gelehrigkeit, von seinem Scharfblick Alles, was sie daraus gewinnen wollte. Dieser Mensch folgte dem Cardinal und meldete, er habe Seine Eminenz zweimal in zwei Tagen zu den Herren Böhmer und Bossange gehen sehen. Jeanne wußte genug. Ein Mann wie Herr von Rohan feilscht nicht. Gewandte Kaufleute, wie die Herren Böhmer und Bossange, lassen den Käufer nicht gehen. Das Halsband mußte verkauft sein. Von Böhmer verkauft. Von Herrn von Rohan gekauft! und der Letztere hätte kein Wort davon bei seiner Vertrauten, bei seiner Geliebten verlauten lassen! Dieses Symptom war ernster Natur. Jeanne faltete ihre Stirne, kniff ihre zarten Lippen und schrieb an den Cardinal das Billet, das wir gelesen. Herr von Rohan kam am Abend. Er hatte einen Korb Tokayer und einige Seltenheiten vorausgeschickt, gerade als ob er bei der Guimard oder bei Mlle. Dangeville speisen würde. Diese Nuance entging Jeanne eben so wenig, als ihr so viele andere entgangen waren; absichtlich ließ sie nichts von dem auftragen, was der Cardinal geschickt hatte; dann, als sie allein waren, eröffnete sie das Gespräch mit einer gewissen Zärtlichkeit und sagte: »In der That, Monseigneur, Eines verdrießt mich ungemein.« »Oh! was denn, Gräfin?« rief der Cardinal, mit jener Affectation von Kummer, die nicht immer als ein Zeichen wirklicher Bekümmernis; betrachtet werden darf. »Wohl! Monseigneur, es verdrießt mich, sehen zu müssen, nicht daß Sie mich nicht mehr lieben, sondern daß Sie mich nie geliebt haben.« »Oh! Gräfin, was sagen Sie da?« »Entschuldigen Sie sich nicht, Monseigneur, das wäre verlorene Zeit.« »Für mich!« erwiderte galant der Cardinal. »Nein, für mich,« entgegnete gerade heraus Frau von La Mothe. »Uebrigens ...« »Oh! Gräfin!« rief der Cardinal. »Seien Sie nicht trostlos hierüber, Monseigneur, das ist mir ganz gleichgültig?« »Ob ich Sie liebe, oder ob ich Sie nicht liebe?« »Ja.« »Und warum ist Ihnen das gleichgültig?« »Weil ich Sie nicht liebe.« »Gräfin, wissen Sie, daß die Erklärung, womit Sie mich da beehren, ganz und gar nicht artig ist?« »In der That, es ist wahr, wir beginnen nicht mit Süßigkeiten; das ist eine Thatsache, die wir außer Zweifel setzen wollen.« »Welche Thatsache?« »Daß ich Sie nie geliebt habe, Monseigneur, daß Sie mich nie geliebt haben.« »Oh! was mich betrifft, das dürfen Sie nicht sagen,« rief der Prinz mit einem Ausdruck beinahe der Wahrheit. »Ich habe viel Zuneigung für Sie gehabt, Gräfin. Beurtheilen Sie mich also nicht nach Ihnen selbst.« »Monseigneur, schätzen wir uns genug, um uns die Wahrheit zu sagen.« »Und was ist die Wahrheit?« »Es gibt unter uns ein Band, das stärker ist, als die Liebe.« »Welches?« »Das Interesse.« »Das Interesse? Pfui, Gräfin!« »Monseigneur, ich muß Ihnen sagen, wie der normannische Bauer vom Galgen zu seinem Sohne sagte: Hast Du einen Ekel davor, so mache nicht, daß es den Andern davor ekelt. Pfui über dem Interesse. Monseigneur! Wie Sie das sagen!« »Wohl denn! nehmen wir an, Gräfin, wir seien interessirt: worin kann ich Ihren Interessen, und worin können Sie den meinigen dienen?« »Vor Allem, Monseigneur, habe ich Lust, Streit mit Ihnen anzufangen.« »Thun Sie das, Gräfin.« »Sie haben des Vertrauens, das heißt der Achtung gegen mich ermangelt.« »Ich! ich bitte, wann dieß?« »Wann? Werden Sie leugnen, daß Sie, nachdem Sie meinem Geiste Einzelnheiten entlockt, die ich Ihnen gar zu gern gab ...« »Worüber, Gräfin?« »Ueber den Geschmack einer gewissen hohen Dame für eine gewisse Sache; daß Sie sich, sage ich, in den Stand gesetzt haben, diesen Geschmack zu befriedigen, ohne mit mit darüber zu sprechen.« »Einzelnheiten entlocken, den Geschmack einer gewissen Dame für eine gewisse Sache errathen, diesen Geschmack befriedigen! wahrhaftig, Gräfin, Sie sind ein Räthsel, eine Sphinx. Ah! ich hatte wohl den Kopf und den Hals der Frau gesehen, aber noch nicht die Krallen des Löwen. Es scheint, Sie wollen mir dieselben zeigen, gut.« »Nein, ich werde Ihnen gar nichts zeigen, Monseigneur, in Betracht, daß Sie nicht mehr Lust haben, etwas zu sehen. Ich werde Ihnen nur ganz einfach den Schlüssel zum Räthsel geben: die Einzelheiten sind das, was in Versailles vorgefallen; der Geschmack einer gewissen Dame, das sind die Diamanten; die gewisse Dame ist die Königin, und die Befriedigung dieses Geschmackes der Königin ist der Ankauf des vielbesprochenen Halsbandes, den Sie gestern bei den Herren Böhmer und Bossange gemacht haben.« »Gräfin!« murmelte der Cardinal, ganz wankend und bleich. Jeanne heftete ihren klarsten Blick auf ihn und sprach: »Sagen Sie, warum Sie mich mit einer so verblüfften Miene anschauen; haben Sie nicht gestern einen Handel mit den Juwelieren des Quai de l'Ecole eingegangen?« Ein Rohan lügt nie, nicht einmal gegen ein Weib. Der Cardinal schwieg. Und da er zu erröthen anfing, eine Widerwärtigkeit, die ein Mann einer Frau nie verzeiht, so fügte sie rasch bei: »Verzeihen Sie, mein Prinz, ich muß Ihnen sogleich sagen, worin Sie sich über mich täuschten. Sie hielten mich für albern und boshaft.« »Oh! oh! Gräfin!« »Kurz ...«« »Nicht ein Wort mehr; lassen Sie mich nun ebenfalls sprechen. Ich werde Sie vielleicht überzeugen, denn von heute an sehe ich klar, mit wem ich zu thun habe. Ich glaubte in Ihnen eine hübsche Frau, eine Frau von Geist, eine reizende Geliebte zu finden. Sie sind etwas Besseres, als dieses. Hören Sie.« Jeanne näherte sich dem Cardinal und ließ dabei ihre Hand in seinen Händen. »Sie wollten meine Geliebte, meine Freundin sein, ohne mich zu lieben. Sie haben mir das selbst gesagt.« »Und ich wiederhole es Ihnen noch einmal,« versetzte Frau von La Mothe. »Der Zweck, Gräfin?« »Muß ich Ihnen denselben erklären?« »Nein, ich berühre ihn mit dem Finger. Sie wollen mein Glück machen. Ist es nicht gewiß, daß, wenn einmal mein Glück gemacht ist, meine ernste Sorge sein wird, das Ihrige zu sichern? Habe ich mich getäuscht?« »Sie haben sich nicht getäuscht, Eminenz, es ist so. Nur glauben Sie mir ohne Phrasen, ich habe diesen Zweck nicht unter Widerstreben, nicht unter Antipathien verfolgt, der Weg war angenehm.« »Sie sind eine liebenswürdige Frau, Gräfin, und es ist ein wahres Vergnügen, mit Ihnen über Geschäftssachen zu sprechen. Ich sagte Ihnen also, Sie haben richtig errathen. Sie wissen, daß ich irgendwo eine ehrfurchtsvolle Zuneigung hege.« »Ich habe das auf dem Opernball gesehen, mein Prinz.« »Diese Zuneigung wird nie getheilt werden. Oh! Gott behüte mich, daß ich das glaube.« »Ei!« versetzte die Gräfin, »eine Frau ist nicht immer die Königin, und Sie stehen, wie ich weiß, dem Herrn Cardinal Mazarin in Nichts nach.« »Das war auch ein sehr schöner Mann,« sagte lachend Herr von Rohan. »Und ein vortrefflicher erster Minister,« erwiderte Jeanne mit der größten Ruhe. »Gräfin, bei Ihnen ist es verlorene Mühe, zu denken, es ist zwanzigmal überflüssig, zu sagen. Sie denken und sprechen für Ihre Freunde. Ja, ich strebe darnach, erster Minister zu werden. Alles treibt mich dazu an: die Geburt, die Gewandtheit in den Geschäften, ein gewisses Wohlwollen, das mir die fremden Höfe bezeigen, viel Sympathie, welche mir vom französischen Volke gewährt wird.« »Kurz Alles,« sagte Jeanne, »nur Eines ausgenommen.« »Einen Widerwillen ausgenommen, wollen Sie sagen.« »Ja, der Königin; und dieser Widerwille ist das wahre Hinderniß. Was sie, die Königin, liebt, muß der König immer am Ende auch lieben; was sie haßt, verabscheut er zum Voraus.« »Und sie haßt mich?« »Oh!« »Seien wir offenherzig. Ich glaube nicht, daß es uns gestattet ist, auf so schönem Wege zu bleiben, Gräfin.« »Wohl! Monseigneur, die Königin liebt Sie nicht.« »Dann bin ich verloren. Was Halsband kommt nicht in Betracht.« »Hierin könnten Sie sich täuschen. Prinz.« »Das Halsband ist gekauft.« »Die Königin wird wenigstens sehen, daß, wenn Marie Antoinette Sie nicht liebt, sie von Ihnen geliebt wird.« »Oh! Gräfin!« »Sie wissen, Monseigneur, wir sind übereingekommen, die Dinge bei ihren Namen zu nennen.« »Gut! Sie sagen also, Sie zweifeln nicht daran, mich eines Tags als ersten Minister zu sehen?« »Ich bin fest davon überzeugt.« »Ich würde mir verargen, wenn ich nicht fragte, wornach Sie streben.« »Ich werde es Ihnen sagen, wenn Sie einmal im Stande sind, mein Streben zu befriedigen.« »Das heiße ich sprechen; ich erwarte Sie an diesem Tage.« »Ich danke; speisen wir nun zu Nacht.« Der Cardinal nahm Jeanne's Hand und drückte sie, wie Jeanne einige Tage vorher gewünscht hatte, daß sie gedrückt würde. Doch diese Zeit war vorüber. Sie zog ihre Hand zurück, »Nun, Gräfin?« »Speisen wir zu Nacht, sage ich Ihnen, Monseigneur.« »Ich habe keinen Hunger mehr.« »So plaudern wir.« »Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.« »So verlassen wir uns.« »Ah! das nennen Sie unser Bündniß? Sie geben mir den Abschied?« »Um wahrhaft einander zu gehören, wollen wir, Monseigneur, Beide uns selbst gehören.« »Sie haben Recht, Gräfin, verzeihen Sie mir, daß ich mich abermals über Sie getäuscht habe. Oh! ich schwöre Ihnen, daß dieß das letzte Mal sein wird.« Er nahm wieder ihre Hand und küßte sie so ehrfurchtsvoll, daß er das höhnische, teuflische Lächeln der Gräfin in dem Augenblick, wo die Worte: »Es wird das letzte Mal sein, daß ich mich in Beziehung auf Sie getäuscht habe,« ertönten, nicht sah. Jeanne stand auf und geleitete den Prinzen in's Vorzimmer zurück. Hier blieb er stehen und fragte ganz leise: »Die Folge, Gräfin?« »Das ist ganz einfach.« »Was werde ich thun?« »Nichts. Warten Sie auf mich.« »Und Sie gehen?« »Nach Versailles.« »Wann?« »Morgen.« »Und ich werde Antwort bekommen?« »Sogleich.« »Wohl, meine Beschützerin, ich übergebe mich Ihnen.« »Lassen Sie mich gewähren.« Nach diesen Worten kehrte sie zurück und legte sich zu Bette. Sie betrachtete noch mit einem unentschiedenen Blick den schönen marmornen Endymion, der auf Diana wartete, und murmelte: »Die Freiheit ist entschieden mehr werth,« XLVII. Jeanne als Schützlingin. Herrin eines solchen Geheimnisses, reich von einer solchen Zukunft, unterstützt von zwei so bedeutenden Mächten, fühlte sich Jeanne stark genug, um eine Welt aus den Angeln zu heben. Sie gab sich vierzehn Tage Frist, um voll in die saftige Traube zu beißen, die das Glück über ihre Stirne aufhing. Bei Hofe nicht mehr als eine Bittstellerin, nicht mehr als die von Frau von Boulainvilliers aus dem Elend gezogene arme Bettlerin, sondern als eine Abkömmlingin der Valois mit einem Reichthum von hunderttausend Livres Einkünften zu erscheinen, einen Herzog und Pair zum Gemahl zu haben, sich die Günstlingin der Königin zu nennen und in dieser Zeit der Intriguen und Stürme den König durch Marie Antoinette, somit also den Staat zu regieren, dieß war ganz einfach das Panorama, das sich vor der unerschöpflichen Einbildungskraft der Gräfin von La Mothe aufrollte. Als es Tag war. machte sie nur einen Sprung bis Versailles. Sie hatte keinen Audienzbrief, aber ihr Vertrauen zu ihrem Glück war so mächtig geworden, daß Jeanne nicht daran zweifelte, die Etikette würde sich vor ihrem Wunsche beugen. Sie hatte Recht. Alle die Dienstfertigen des Hofes, die so eifrig darauf bedacht sind, den Geschmack des Gebieters zu errathen, hatten schon bemerkt, welches Vergnügen die Königin an der Gesellschaft der hübschen Gräfin fand. Das war genug, daß ein verständiger Huissier, der sich einzuschmeicheln wünschte, sich der Königin, welche aus der Capelle kam, in den Weg stellte und hier, wie durch Zufall, vor dem Kammerherrn vom Dienst die Worte sprach: »Mein Herr, was soll ich mit der Gräfin von La Mothe-Valois machen, welche keinen Audienzbrief hat?« Die Königin sprach leise mit Frau von Lamballe. Der Name Jeanne's, geschickt von diesem Menschen hingeworfen, unterbrach sie in ihrem Gespräche.« Sie wandte sich um. »Sagt man nicht, Frau van La Mothe-Valois sei da?« »Ich glaube, ja, Eure Majestät,« erwiderte der Kammerherr. »Wer sagt das?« »Dieser Huissier, Madame.« Der Huissier verbeugte sich bescheiden. »Ich werde Frau von La Mothe-Valois empfangen,« sprach die Königin, welche immer weiter ging. Dann, ehe sie ganz verschwand, fügte sie bei: »Sie werden sie in das Badecabinet führen.« Jeanne, der dieser Mensch einfach erzählte, was er gethan, fuhr sogleich mit der Hand nach ihrer Börse, doch der Huissier hielt sie durch ein Lächeln zurück und sagte: »Frau Gräfin, ich bitte, wollen Sie die Güte haben, diese Schuld anwachsen zu lassen. Sie werden sie mir vielleicht bald nüt besseren Interessen bezahlen können.« »Sie haben Recht, mein Freund, ich danke,« erwiderte Jeanne, und sie steckte ihr Geld wieder in die Tasche. »Warum sollte ich nicht einen Huissier begünstigen, der mich begünstigt hat?« sagte sie zu sich selbst. »Ich thue eben so viel für einen Cardinal.« Jeanne befand sich bald in Gegenwart ihrer Souveränin. Marie Antoinette war ernst, scheinbar nicht ganz gut gestimmt, vielleicht gerade weil sie die Gräfin mit einem unerwarteten Empfang zu sehr begünstigt hatte. »Die Königin bildet sich wohl am Ende ein, ich wolle wieder betteln,« dachte die Freundin des Herrn von Rohan ... »Ehe ich zwanzig Worte gesprochen habe, wird sie entrunzelt sein, oder sie hat mich vor die Thüre werfen lassen.« »Madame,« sagte die Königin, »ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, mit dem König zu sprechen.« »Ah! Madame, Eure Majestät ist nur zu gut gegen mich gewesen, und ich erwarte nichts mehr. Ich komme ...« »Warum kommen Sie?« versetzte die Königin, welche die Uebergänge geschickt aufzugreifen verstand. »Sie hatten keine Audienz verlangt. Es ist vielleicht eine dringliche Sache ... für Sie?« »Dringlich ... ja, Madame; doch für mich ... nein.« »Für mich also ... lassen Sie hören, sprechen Sie, Gräfin.« Und die Königin führte Jeanne in das Badecabinet, wo ihre Kammerfrauen auf sie warteten. Als die Gräfin alle diese Leute um die Königin sah, fing sie ihr Gespräch nicht an. Sobald die Königin im Bade war, schickte sie ihre Frauen weg. »Madame,« sagte Jeanne, »Eure Majestät sieht mich in großer Verlegenheit.« »Wie so?« »Eure Majestät weiß, ich glaube es ihr gesagt zu haben, mit welcher Huld der Herr Cardinal mich zu verbinden sucht.« Die Königin faltete die Stirne. »Ich weiß es nicht,« sagte sie. »Ich glaubte ...« »Gleichviel ... sprechen Sie.« »Wohl! Madame, Seine Eminenz erwies mir vorgestern die Ehre, mich zu besuchen.« »Ah!« »Es war wegen einer Wohltätigkeitsanstalt, deren Vorsteherin ich bin.« »Sehr gut, sehr gut, Gräfin. Ich werde auch schenken ... Ihrer Wohltätigkeitsanstalt.« »Eure Majestät täuscht sich. Ich habe die Ehre gehabt, ihr zu sagen, daß ich nichts fordere. Der Herr Cardinal sprach mit mir nach seiner Gewohnheit von der Güte der Königin, ihrer unerschöpflichen Gnade.« »Und verlangte, daß ich seine Schützlinge beschütze?« »Einmal. Ja, Eure Majestät.« »Ich werde es thun, nicht des Herrn Cardinals wegen, sondern der Unglücklichen wegen, die ich immer gut aufnehme, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Nur sagen Sie Seiner Eminenz, ich sei sehr beschränkt.« »Ach! Madame, das sagte ich ihm, und daher rührt die Verlegenheit, die ich Eurer Majestät bezeichnet habe.« »Ah! ah!« »Ich schilderte dem Herrn Cardinal den so glühenden Wohlthätigkeitssinn, von dem das Herz Eurer Majestät bei der Mittheilung irgend eines Unglücks erfüllt ist; ich schilderte ihm die ganze Freigebigkeit, welche unablässig die stets zu schmale Börse der Königin leert.« »Gut! gut!« »»Hören Sie, Monseigneur,«« sagte ich zu ihm als Beispiel, »»Ihre Majestät macht sich zur Sclavin ihrer eigenen Güte. Sie opfert sich ihren Armen, das Gute, was sie thut, gereicht ihr zum Nachtheil,«« und hierüber klagte ich mich selbst an.« »Wie so, Gräfin?« sagte die Königin, welche horchte, sei es nun daß Jeanne sie bei ihrer schwachen Seite zu fassen gewußt hatte, oder daß der ausgezeichnete Geist Marie Antoinette's unter der Länge dieses Eingangs ein lebhaftes, für sie aus der Vorbereitung entspringendes Interesse fühlte. »Ich sagte, Madame, Eure Majestät habe mir einige Tage zuvor eine starke Summe gegeben; es sei dies; wenigstens tausendmal seit zwei Jahren der Königin begegnet, und wenn die Königin minder gefühlvoll, minder großmüthig gewesen wäre, so hätte sie zwei Millionen in der Casse, in deren Besitz keine Erwägung sie abhalten würde, sich das schöne Halsband zu verschaffen, das sie so edel, so muthig, aber, verzeihen Sie mir. wenn ich es sage, Madame, so ungerecht zurückgewiesen.« Die Königin erröthete und schaute Jeanne an. Offenbar war der Schluß in den letzten Worten enthalten. Lag eine Falle darunter? war es nur Fuchsschwänzerei? Da die Frage so gestellt war, so mußte unfehlbar eine Gefahr für eine Königin dabei sein. Doch Ihre Majestät fand auf dem Gesichte Jeanne's so viel Sanftmuth, so viel unschuldiges Wohlwollen, so viel reine Wahrheit, daß nichts eine solche Physiognomie der Treulosigkeit oder der Schmeichelei beschuldigte. Und da die Königin selbst eine Seele voll wahrer Großmuth hatte, da die Großmuth immer die Stärke, die Stärke immer die Wahrheit in sich schließt, so sagte Marie Antoinette, einen Seufzer ausstoßend: »Ja, das Halsband ist schön; es war schön, will ich sagen, und es freut mich, daß eine Frau von Geschmack mich lobt, daß ich es zurückgewiesen.« »Wenn Sie wüßten, Madame,« rief Jeanne, die Phrase geschickt durchschneidend, »wie man am Ende die Gefühle der Leute kennen lernt, wenn man ein Interesse für diejenigen hegt, welche diese Leute lieben!« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, Madame, ich habe Herrn von Rohan, als er Ihr heldenmüthiges Opfer des Halsbandes erfuhr, erbleichen sehen.« »Erbleichen!« »In einem Moment sah ich seine Augen sich mit Thränen füllen. Ich weiß nicht, Madame, ob es der Wahrheit entspricht, daß Herr von Rohan ein schöner Mann und ein vollendeter Cavalier sei, wie viele Leute behaupten; ich weiß nur, daß in diesem Augenblick sein Gesicht, erleuchtet von dem Feuer seiner Seele und ganz durchfurcht von Thränen, die durch Ihre edelmüthige Uneigennützigkeit, was sage ich? durch Ihre erhabene Selbstberaubung hervorgerufen würden – ... dieses Gesicht wird nie aus meinem Gedächtniß kommen.« Die Königin hielt einen Augenblick inne, um das Wasser aus dem vergoldeten Schwanenschnabel, der sich in ihre marmorne Badewanne herabsenkte, fallen zu lassen. »Wohl! Gräfin,« sprach sie dann, »da Ihnen Herr von Rohan so schön und so vollendet vorgekommen ist, wie Sie so eben gesagt, so fordere ich Sie auf, ihn das nicht sehen zu lassen. Er ist ein weltlicher Prälat, ein Hirte, der das Lamm eben so wohl für sich selbst, als für den Herrn nimmt.« »Oh! Madame!« »Was denn? Verleumde ich ihn etwa? Ist das nicht sein Ruf? Macht er sich nicht eine Art von Ruhm daraus? Sehen Sie ihn nicht an Ceremonientagen seine schönen Hände in der Luft schütteln, – es ist wahr, sie sind schön, – um sie noch weißer zu machen und auf diese vom Hirtenring funkelnden Hände die andächtigen Augen zu heften, welche noch viel glänzender sind, als der Diamant des Cardinals?« Jeanne verbeugte sich. »Die Trophäen des Kardinals,« fuhr die Königin fort, »sind zahlreich. Einige haben Aergerniß erregt. Der Prälat ist verliebt wie die Herren von der Fronde. Lobe ihn, wer da will, ich bleibe fern davon.« »Wohl! Madame,« erwiderte Jeanne, der es bei dieser Vertraulichkeit, wie auch bei der ganzen physischen Lage der Königin behaglich wurde. »Ich weiß nicht, ob der Herr Cardinal an die Andächtigen dachte, als er zu mir mit einer solchen Gluth von den Tugenden Eurer Majestät sprach; doch Alles, was ich weiß, ist, daß seine schonen Hände, statt in der Luft zu schweben, an sein Herz gedrückt waren.« Die Konigin schüttelte den Kopf und fing an, gezwungen zu lachen. »Ah! ah!« dachte Jeanne, »sollten die Sachen besser gehen, als wir glaubten, sollte der Aerger uns zur Unterstützung gereichen? oh! dann hätten wir zu leichte Arbeit.« Die Königin nahm rasch wieder ihre edle, gleichgültige Miene an. »Fahren Sie fort.« sagte sie. »Eure Majestät verwandelt mich in Eis, diese Bescheidenheit, die das Lob sogar zurückweist ... « »Das des Cardinals! Oh! ja.« »Aber warum. Madame?« »Weil es mir verdächtig ist.« »Es geziemt sich nicht für mich,« erwiderte Jeanne mit der tiefsten Ehrfurcht, »es geziemt sich nicht, denjenigen zu vertheidigen, der das Unglück gehabt hat, bei Eurer Majestät in Ungnade zu fallen; wir wollen auch nicht einen Augenblick zweifeln, daß er sehr strafbar ist, da er Eurer Majestät mißfallen hat.« »Herr von Rohan hat mir nicht mißfallen, er hat mich beleidigt. Doch ich bin Königin und Christin, und folglich doppelt angetrieben, Beleidigungen zu vergessen.« Die Königin sprach diese Worte mit jener majestätischen Güte, die nur ihr eigenthümlich war. Jeanne schwieg. »Sie sagen nichts?« »Ich wäre Eurer Majestät verdächtig, ich würde mich der Gefahr Ihrer Ungnade, Ihres Tadels aussetzen, drückte ich eine Meinung aus, welche der Ihrigen widerspräche.« »Sie denken das Gegentheil von dem, was ich in Beziehung auf den Cardinal denke?« »Gerade das Gegentheil, Madame.« »Sie würden nicht so sprechen, wenn Sie erführen, was der Prinz Louis gegen mich gethan hat.« »Ich weiß nur, was ich ihn für den Dienst Eurer Majestät habe thun sehen.« »Galanterien?« Jeanne verneigte sich. »Höflichkeiten, Wünsche, Complimente?« fuhr die Königin fort. Jeanne schwieg. »Sie hegen für den Herrn von Rohan eine lebhafte Freundschaft, Gräfin; ich werde ihn in Ihrer Gegenwart nicht mehr angreifen,« sagte die Konigin. Und sie lachte abermals. »Madame,« sprach Jeanne, »Ihr Zorn wäre mir lieber, als Ihr Gespötte. Was der Herr Cardinal für Eure Majestät empfindet, ist ein so ehrerbietiges Gefühl, daß er, ich bin fest davon überzeugt, wenn er die Königin über ihn lachen sähe, sich zu Tod grämen würde.« »Oh! oh! er hat sich also sehr verändert?« »Eure Majestät hatte neulich die Gnade, mir zu sagen, schon seit zehn Jahren sei Herr von Rohan leidenschaftlich ...« »Ich scherzte, Gräfin,« sprach die Königin mit ernstem Tone. Zum Stillschweigen genöthigt, schien Jeanne sich in die Aufgebung des Kampfes zu fügen; doch Marie Antoinette täuschte sich. Bei diesen Frauen, einem Gemisch von Tiger und Schlange, ist der Augenblick ihres Zurückbiegens immer das Vorspiel des Angriffs; die zusammengedrängte Ruhe geht dem Sprunge vorher. »Sie sprachen von jenen Diamanten,« sagte unkluger Weise die Königin. »Gestehen Sie, daß Sie daran gedacht haben.« »Tag und Nacht, Madame,« sprach Jeanne mit der Freude eines Generals, der auf dem Schlachtfelde seinen Feind einen entscheidenden Fehler machen sieht. »Sie sind so schon, sie werden Eurer Majestät so gut stehen.« »Wie so?« »Ja, Madame, ja, Eurer Majestät.« »Sie sind aber verkauft!« »Ja, sie sind verkauft.« »An den Gesandten von Portugal?« Jeanne schüttelte sachte den Kopf. »Nein!« rief freudig die Königin. »Nein, Madame.« »An wen denn?« »Herr von Rohan hat sie gekauft.« Die Königin machte gleichsam einen Sprung, doch plötzlich wieder erkaltet, ließ sie nur ein halblautes »Ah!« vernehmen. »Hören Sie, Madame,« sagte Jeanne mit einer Beredtsamkeit voller Begeisterung, »was Herr von Rohan gethan hat, ist herrlich; es ist ein Augenblick des Edelmuths und der Gutherzigkeit; es ist eine schöne Bewegung: eine Seele, wie die Eurer Majestät, kann nicht umhin, mit Allem zu sympathisiren, was gut und gefühlvoll ist. Kaum hatte Herr von Rohan durch mich, ich gestehe es, die augenblickliche Beengung Eurer Majestät erfahren, als er ausrief: »»Wie! die Königin von Frankreich versagt sich Etwas, was die Frau eines Generalpächters sich nicht versagen würde! Wie! die Königin kann sich der Widerwärtigkeit aussetzen, eines Tages Madame Necker mit diesen Diamanten geschmückt zu sehen?«« »Herr von Rohan wußte noch nicht, daß der, Gesandte von Portugal sie erhandelt hatte. Ich theilte es ihm mit. Seine Entrüstung verdoppelte sich. »»Es handelt sich hier nicht mehr,«« sagte er, »»es handelt sich hier nicht mehr um ein Vergnügen, das der Königin gemacht werden soll, es handelt sich um die königliche Würde ... Ich kenne den Geist der fremden Höfe: Eitelkeit, Scheingepränge « . . man wird dort lachen über die Königin von Frankreich, die kein Geld hat, um einen erlaubten Wunsch zu befriedigen; und ich, ich sollte dulden, daß man der Königin von Frankreich spottet! Nein, niemals!«« »Und er verließ mich ungestüm. Eine Stunde nachher erfuhr ich, daß er die Diamanten gekauft hatte.« »Um fünfzehnmal hunderttausend Livres?« »Um sechzehnmal hunderttausend.« »Und was war seine Absicht, als er sie kaufte?« »Daß sie, da sie nicht Eurer Majestät gehören konnten, wenigstens keiner andern Frau gehörten.« »Und Sie sind sicher, daß Herr von Rohan das Halsband nicht gekauft hat, um damit irgend einer Geliebten seine Huldigung darzubringen?« »Ich weiß gewiß, daß er es gekauft hat, um es eher zu vernichten, als an einem andern Hals, als an dem der Königin glänzen zu sehen.« Marie Antoinette dachte einen Augenblick nach, und ihr edles Gesicht ließ unverdeckt Alles sehen, was in ihrer Seele vorging. »Was Herr von Rohan gethan hat, ist gut,« sprach sie. »es ist ein edler Zug, ein Zug zarter Ergebenheit.« Jeanne verschlang gierig diese Worte. »Sie werden also Herrn von Rohan danken,« fuhr die Königin fort. »Oh! ja, Madame.« »Sie werden beifügen, die Freundschaft des Herrn von Rohan sei mir erwiesen, und als ehrlicher Mann, wie Katharina sagt, nehme ich von der Freundschaft Alles an; jedoch unter der Bedingung der Wiedervergeltung. Ich nehme auch nicht das Geschenk des Herrn von Rohan ...« »Was denn?« »Sondern seinen Vorschuß an ... Herr von Rohan hat die Güte gehabt, sein Geld oder seinen Credit vorzuschicken, um mir Vergnügen zu machen. Ich werde es ihm zurückbezahlen. Böhmer hatte, glaube ich, Baargeld verlangt?« »Ja, Madame.« »Wie viel?« »Zweimal hundert und fünfzigtausend Livres.« »Zweimal hundert und fünfzigtausend Livres, das ist das vierteljährige Nadelgeld, das mir der König gibt, man hat es mir diesen Morgen geschickt, allerdings zum Voraus, aber man hat es mir geschickt.« Marie Antoinette läutete rasch ihren Frauen; diese hüllten sie in feine gewärmte Batiste und kleideten sie an. Wieder allein mit Jeanne und in ihr Zimmer zurückgekehrt, sprach sie zu der Gräfin: »Ich bitte, öffnen Sie diese Schublade.« »Die erste?« »Nein, die zweite, Sie sehen ein Portefeuille?« »Hier ist es, Madame.« »Es enthält zweimal hundert und fünfzigtausend Livres, zählen Sie dieselben.« Jeanne gehorchte. »Bringen Sie das Geld dem Cardinal, danken Sie ihm noch einmal, sagen Sie ihm, ich werde es jeden Monat einrichten, um so zu bezahlen. Die Interessen wird man berechnen. Auf diese Art bekomme ich das Halsband, das mir so sehr gefallen hat, und wenn ich mich beenge, um es zu bezahlen, so werde ich wenigstens den König nicht beengen.« Sie sammelte sich eine Minute. »Und dabei gewinne ich,« fuhr sie fort, »daß ich erfahre, ich habe einen zartfühlenden Freund, der mir gedient ...« Sie zögerte wieder. »Und eine Freundin, die mich errathen hat,« fügte sie dann bei, indem sie Jeanne ihre Hand bot, auf welche sich die Gräfin stürzte. Dann, als sie wegzugehen im Begriff war, sagte sie, nachdem sie abermals gezögert, ganz leise, als hätte sie Furcht vor dem, was sie sprach: »Sie werden Herrn von Rohan davon unterrichten, daß er in Versailles willkommen ist, und daß ich ihm meinen Dank abzustatten habe.« Jeanne eilte aus dem Zimmer, nicht trunken, sondern wahnsinnig von Freude und befriedigtem Stolz. Sie preßte ihre Cassenbillette zusammen, wie ein Geier seinen Raub. XLVIII. Das Portefeuille der Königin. Dieses wirkliche oder eingebildete Vermögen, das Jeanne von Valois mit sich forttrug. Niemand fühlte die Wichtigkeit desselben so sehr, als die Pferde, welche sie von Versailles wegführten. Wenn je Pferde, die angetrieben wurden, einen Preis zu gewinnen, auf der Rennbahn flogen, so waren es diese zwei armen Rosse eines Miethwagens. Von der Gräfin angestachelt, machte der Kutscher sie glauben, sie seien die leichten Vierfüßler der Landschaft Elis. und es seien zwei Talente Gold für den Herrn und eine dreifach« Ration geschälte Gerste für sie zu gewinnen. Der Cardinal war noch nicht ausgefahren, als Frau von La Mothe mitten in seinem Hotel und mitten unter seinen Leuten bei ihm ankam. Sie ließ sich ceremoniöser melden, als sie dich bei der Königin gethan hatte. »Sie kommen von Versailles?« sagte er. »Ja, Monseigneur.« Er schaute sie an, sie war unerforschlich. Sie sah seinen Schauer, seine Traurigkeit, sein Mißbehagen, und hatte mit nichts Mitleid. »Nun?« fragte er. »Nun! lassen Sie hören, Monseigneur, was wünschen Sie? Sprechen Sie ein wenig, damit ich mir nicht zu viel Vorwürfe mache.« »Ah! Gräfin, Sie sagen mir das mit einer Miene ...« »Nicht wahr, mit einer betrübenden?« »Mit einer tödtenden.« »Sie wollten, ich solle die Königin sehen?« »Ja.« »Ich habe sie gesehen. Sie sollte mich von Ihnen sprechen lassen, sie, die wiederholt ihre Abneigung gegen Sie und ihre Unzufriedenheit, wenn sie Ihren Namen aussprechen hörte, bezeigt hatte?« »Ich sehe, daß ich, wenn ich diesen Wunsch gehabt habe, auf die Erfüllung desselben verzichten muß.« »Nein, die Königin hat mit mir von Ihnen gesprochen.« »Oder vielmehr, Sie sind so gut gewesen, mit ihr von mir zu sprechen?« »Es ist wahr.« »Und Ihre Majestät...hat zugehört?« »Das verdient eine Erläuterung.« »Sagen Sie mir kein Wort mehr, Gräfin, ich sehe, welchen Widerwillen Ihre Majestät gehabt hat ...« »Nicht zu sehr ... Ich habe es gewagt, vom Halsband zu sprechen.« »Sie wagten es, zu sagen, ich habe daran gedacht...« »Es für sie zu kaufen, ja.« »Oh! Gräfin, das ist herrlich: und sie hat zugehört?« »Ja.« »Sie haben ihr gesagt, ich biete ihr die Diamanten an?« »Sie hat es geradezu ausgeschlagen.« »Ich bin verloren.« »Ausgeschlagen, das Geschenk anzunehmen, ja; das Darlehen...« »Das Darlehen!...Sie hatten dem Anerbieten eine so zarte Wendung gegeben?« »So zart, daß sie es angenommen hat.« »Ich leihe der Königin, ich!....Gräfin, ist das möglich?« »Das ist mehr, als wenn Sie schenkten, nicht wahr?« »Tausendmal mehr.« »Ich dachte es wohl. Jedenfalls nimmt Ihre Majestät an.« Der Cardinal stand auf und setzte sich dann wieder. Er rückte bis zu Jeanne, ergriff ihre Hände und sagte: »Täuschen Sie mich nicht, bedenken Sie wohl, daß Sie mich mit einem einzigen Worte zum allerunglücklichsten Menschen machen können.« »Man spielt nicht mit Leidenschaften, Herr Cardinal; das ist gut bei der Lächerlichkeit, doch die Männer von Ihrem Rang und Verdienst können nie lächerlich sein.« »Das ist wahr. Was Sie mir sagen, ist also...« »Die strenge Wahrheit.« »Ich habe ein Geheimniß mit der Königin?« »Ein Geheimniß...ein tödtliches...« Der Cardinal eilte auf Jeanne zu und drückte ihr zärtlich die Hand. »Ich liebe diesen Händedruck,« sprach die Gräfin, »so drücken wahre Menschen einander die Hand.« »So drückt ein glücklicher Mensch seinem Schutzengel die Hand.« »Monseigneur, übertreiben Sie nicht.« »Oh! meine Freude, meine Dankbarkeit, nie...« »Sie übertreiben die eine und die andere. Anderthalb Millionen einer Königin leihen, ist es nicht das, was Sie brauchten?« Der Cardinal seufzte. »Buckingham hätte etwas Anderes verlangt, nachdem er seine Perlen auf dem Boden des königlichen Gemaches ausgestreut.« »Was Buckingham bekommen hat, Gräfin, will ich mir nicht einmal wünschen, und wäre es im Traum.« »Sie werden sich hierüber mit der Königin erklären, denn sie hat mir Befehl gegeben, Ihnen zu verkündigen, Monseigneur, sie würde Sie mit Vergnügen in Versailles sehen.« Die Unvorsichtige batte nicht so bald dieses Wort ausgesprochen, als der Cardinal weiß wurde wie ein Jüngling unter dem ersten Liebeskuß, Er tappte wie ein Betrunkener nach dem Lehnstuhl, der in seinem Bereiche stand. »Ah! ah!« dachte Jeanne, »das ist noch ernster, als ich glaubte. Ich hatte von der Herzogswürde, von der Pairie, von hunderttausend Livres Einkünfte geträumt, ich werde bis zum Fürstentitel, bis zur halben Million gelangen, denn Herr von Rohan handelt weder aus Ehrfucht, noch aus Geiz, sondern aus Liebe.« Herr von Rohan erholte sich schnell. Die Freude ist keine Krankheit, welche lange währt, und da er ein starker Geist war, so hielt er es für geeignet, mit Jeanne von den Angelegenheiten zu reden, um sie vergessen zu machen, daß er mit ihr von der Liebe gesprochen. Sie ließ ihn gewähren. »Meine Freundin,« sagte er, indem er Jeanne in die Arme schloß, »was gedenkt die Königin bei dem Anlehen zu thun, das Sie ihr unterbreitet haben?« »Sie fragen mich das, weil man glaubt, die Königin habe kein Geld?« »Ganz richtig.« »Wohl! sie verlangt sie zu bezahlen, als ob sie Böhmer bezahlte, nur mit dem Unterschied, daß, wenn sie von Böhmer gekauft hätte, ganz Paris es erführe, was seit dem berühmten Worte mit dem Schiff unmöglich ist, und daß, wenn sie den König das Maul hängen machte, ganz Frankreich Grimassen schneiden würde. Die Königin will also die Diamanten im Einzelnen haben und sie im Einzelnen bezahlen. Sie liefern ihr die Gelegenheit dazu; Sie sind ihr ein verschwiegener Cassier, ein zahlungsfähiger Cassier, falls sie in Verlegenheit käme; sie ist glücklich und sie bezahlt; verlangen Sie nicht mehr.« »Sie bezahlt! Wie?« »Die Königin, eine Frau, welche Alles begreift, weiß Wohl, daß Sie Schulden haben, Herr Cardinal, und dann ist sie stolz; es ist keine Freundin, welche Geschenke annimmt...Als ich ihr sagte, Sie haben zweimal hundert und fünfzigtausend Livres vorausbezahlt...« »Sie haben ihr das gesagt?« »Warum nicht?« »Das hieß ihr die Sache sogleich unmöglich machen.« »Das hieß ihr das Mittel, den Grund der Annahme verschaffen. Nichts für Nichts, das ist der Wahlspruch der Konigin.« »Mein Gott!« Jeanne steckte ruhig die Hand in ihre Tasche und zog bann das Portefeuille Ihrer Majestät hervor. »Was ist das?« fragte Herr von Rohan. »Ein Portefeuille, welches für zweimal hundert und fünfzigtausend Livres Cassenbillets enthält.« »Wahrhaftig?« »Und die Königin schickt sie Ihnen mit einem schönen Gruß.« »Oh!« »Das Geld ist darin, ich habe es gezählt.« »Es handelt sich wohl hierum!« »Doch nach was schauen Sie?« »Ich schaue dieses Portefeuille, von dem ich nicht wußte, daß Sie es besaßen.« »Es gefällt Ihnen, obgleich es weder schön, noch reich ist.« »Es gefällt mir, ich weiß nicht, warum.« »Sie haben einen guten Geschmack.« »Sie spotten meiner? In welcher Hinsicht sagen Sie, ich habe einen guten Geschmack.« »Allerdings, da Sie denselben Geschmack haben, wie die Königin.« »Dieses Portefeuille ...« »Gehörte der Königin, Monseigneur.« »Ist Ihnen daran gelegen?« »Oh! viel.« Herr von Rohan seufzte. »Das begreift sich,« sagte er. »Wenn es Ihnen jedoch Vergnügen machen würde,« versetzte die Gräfin mit einem Lächeln, das die Heiligen in's Verderben führt. »Zweifeln Sie nicht daran, Gräfin; doch ich will Sie nicht berauben.« »Nehmen Sie es.« »Gräfin!« rief der Cardinal, fortgerissen von seiner Freude, »Sie sind die kostbarste Freundin, Sie sind die, geistreichste Freundin, die...« »Ja. ja.« »Und es ist unter uns...« »Auf Leben und Tod! man sagt das immer. Nein, ich habe nur ein einziges Verdienst.« »Welches?« »Das, Ihre Angelegenheiten mit ziemlich viel Glück und mit großem Eifer betrieben zu haben.« »Wenn Sie nur dieses Glück hätten, meine Freundin, so würde ich sagen, ich komme Ihnen an Werth beinahe gleich, insofern ich, während Sie nach Versailles gingen, arme Theure, auch für Sie gearbeitet habe.« Jeanne schaute den Cardinal mit Erstaunen an. »Ja, eine Erbärmlichkeit,« sagte er. »Ein Mann, mein Banquier, kam zu mir und trug mir Actien bei einem Geschäfte an, das die Austrocknung oder Ausbeutung von Sümpfen betrifft.« »Ah!« »Der Nutzen war sicher, und ich nahm den Vorschlag an.« »Und Sie haben wohl daran gethan.« »Oh! Sie werden sehen, daß ich Sie in meinem Geiste immer auf den ersten Rang stelle.« »Auf den zweiten, das ist noch mehr, als ich verdiene; doch lassen Sie hören.« »Mein Banquier gab mir zweihundert Actien, ich nahm für Sie den vierten Theil, die letzten.« »Oh! Herr Cardinal.« »Lassen Sie mich doch machen. Zwei Stunden nachher kam er zurück. Nur die Thatsache des Unterbringens der Actien an diesem Tage allein hatte ein Steigen von hundert Procent bewerkstelligt. Er gab mir hunderttausend Livres.« »Eine schöne Speculation!« »Von der hier Ihr Antheil ist, liebe Gräfin, ich will sagen, theure Freundin.« Und er ließ aus dem Päckchen von zweimal hundertfünfzigtausend Livres, die ihm die Königin geschickt, fünf und zwanzigtausend Livres, in die Hand Jeanne's schlüpfen. »Es ist gut, Monseigneur, wer gibt, soll auch empfangen. Was mir jedoch am meisten schmeichelt, ist, daß Sie an mich gedacht haben.« »Es wird immer so sein,« erwiderte der Cardinal, indem er ihr die Hand küßte. »Seien Sie auf ein Gleiches gefaßt,« sprach Jeanne... »Monseigneur, auf baldiges Wiedersehen in Versailles!« Und sie entfernte sich, nachdem sie ihm eine Liste der von der Königin gewählten Termine gegeben hatte, deren erster, auf einen Monat gestellt, eine Summe von fünfmal hunderttausend Livres betrug. XLIX. Worin man den Doctor Louis wiederfindet. Erinnern sich unsere Leser, in welcher schwierigen Lage wir Herrn von Charny verlassen haben, so werden sie uns vielleicht einigen Dank wissen, wenn wir sie in das kleine Vorzimmer der Gemächer von Versailles zurückführen, in welches dieser brave Seemann, den weder die Menschen, noch die Elemente je eingeschüchtert hatten, geflohen war, um nicht vor drei Frauen: der Königin, Andree und Frau von La Mothe, unwohl zu werden. Als Herr von Charny sich mitten im Vorzimmer befand, sah er ein, daß es ihm unmöglich war, weiter zu gehen. Er streckte, ganz schwankend, die Arme aus. Man bemerkte, daß ihn seine Kräfte verließen, und man kam ihm zu Hilfe. Da wurde der junge Offizier ohnmächtig; nach einigen Augenblicken kam er aber wieder zu sich, jedoch ohne zu vermuthen, daß die Königin es gesehen, und daß sie vielleicht in einer ersten Bewegung der Angst herbeigelaufen wäre, wenn nicht Andree, mehr noch durch eine glühende Eifersucht, als durch ein kaltes Gefühl der Schicklichkeit, sie zurückgehalten hätte, Es war indessen gut für die Königin, daß sie auf den von Andree gegebenen Rath in ihrem Zimmer blieb, welches Gefühl auch diesen Rath dictirt haben mochte, denn kaum war die Thüre hinter ihr zugemacht, als sie durch dieselbe den Ruf des Huissier: »Der König!« vernahm. Es war in der That der König, der aus seinen Gemächern nach der Terrasse ging und, vor der Sitzung des Rathes, seine Jagdequipagen, die er seit einiger Zeit etwas vernachlässigt fand, besichtigen wollte. Als der König, dem einige Officianten seines Hauses folgten, in das Zimmer eintrat, blieb er stehen; er sah einen Mann, der auf ein Fenstergesimse zurückgelehnt war, in einer Lage, welche zwei Leibwachen, die ihm beisprangen, nicht wenig beunruhigte, denn sie waren nicht gewohnt, einen Offizier um nichts in Ohnmacht fallen zu sehen. Während sie Herrn von Charny unterstützten, riefen sie: »Mein Herr, was haben Sie denn?« Doch die Stimme versagte dem Kranken, und es war ihm unmöglich zu antworten. An diesem Stillschweigen die Bedeutung des Nebels erkennend, beschleunigte der König seine Schritte. »Ja,« sagte er, »ja, es ist Einer, der das Bewußtsein verliert.« Bei der Stimme des Königs wandten sich die zwei Leibwachen um und ließen durch eine maschinenmäßige Bewegung Herrn von Charny los, der, nur noch durch einen Rest von Stärke unterstützt, auf die Platten sank. »Oh! mein Herr,« sagte der König, »was machen Sie denn?« Man stürzte herbei. Man hob Herrn von Charny, der gänzlich das Bewußtsein verloren hatte, sachte auf und legte ihn auf einen Lehnstuhl. »Ah! es ist Herr von Charny!« rief plötzlich der König, als er den jungen Offizier erkannte. »Herr von Charny!« riefen die Umstehenden. »Ja, der Neffe des Herrn von Suffren.« Diese Worte brachten eine magische Wirkung hervor. Herr von Charny war in einem Augenblick von Riechwasser übergossen, nicht mehr, nicht minder, als befände er sich unter zehn Frauen. Ein Arzt wurde gerufen, er untersuchte rasch den Kranken. Neugierig bei jeder Wissenschaft und mitleidig bei jedem Uebel, wollte der König sich nicht entfernen; er wohnte der Consultation bei. Die erste Sorge des Arztes war, daß er die Weste und das Hemd des jungen Mannes zurückschob, damit die Luft seine Brust berührte; während er aber dieß that, fand er, was er nicht gesucht hatte. »Eine Wunde,« sagte der König, seine Theilnahme verdoppelnd, indem er so nahe hinzutrat, daß er mit seinen eigenen Augen sehen konnte. »Ja, ja,« murmelte Herr von Charny, der sich zu erheben suchte und mit geschwächten Augen umherschaute, »eine alte Wunde, die sich wieder geöffnet hat. Es ist nichts... nichts...« Und seine Hand drückte unmerklich die Finger des Arztes. Ein Arzt begreift Alles und muß Alles begreifen. Dieser war aber kein Hofarzt, sondern ein Wundarzt von Versailles. Er wollte sich ein Ansehen geben und erwiderte: »Oh! alt... das beliebt Ihnen zu sagen; die Lefzen sind zu frisch, das Blut zu hochroth: diese Wunde ist nicht vierundzwanzig Stunden alt« Charny, dem dieser Widerspruch seine Kräfte wiedergab, stellte sich auf seine Füße und sprach: »Ich denke, Sie werden mich nicht lehren, mein Herr, in welchem Augenblick ich meine Wunde bekommen habe; ich sage Ihnen und wiederhole, daß sie alt ist.« In diesem Moment erkannte er den König. Er knüpfte seine Weste zu, als schämte er sich, daß er einen so erhabenen Zuschauer bei seiner Schwäche hatte. »Der König!« sagte er. »Ja, Herr von Charny, ja, ich selbst, und ich segne den Himmel, daß ich hierher gekommen bin, um Ihnen ein wenig Erleichterung zu bringen.« »Eine Schramme, Sire,« stammelte Charny, »eine alte Wunde, Sire, nichts Anderes.« »Alt oder neu,« erwiderte der König, »diese Wunde hat mich Ihr Blut sehen lassen, das kostbare Blut eines wackeren Edelmannes.« »Dem zwei Stunden im Bette seine Gesundheit wiedergeben werden,« fügte Charny bei, und er wollte aufstehen, doch er hatte ohne seine Kräfte gerechnet. Sein Kopf war schwer, seine Beine wankten, und kaum hatte er sich erhoben, als er in den Lehnstuhl zurückfiel. »Ah!« sagte der Konig, »er ist sehr krank.« »Oh! ja,« versetzte der Wundarzt mit einer feinen, diplomatischen Miene, die nach einer Eingabe um Beförderung roch, »doch man kann ihn retten.« Der König war ein redlicher Mann; er hatte errathen, daß Charny etwas verbarg. Dieses Geheimniß war ihm heilig. Jeder Andere hätte es von den Lippen des Arztes, der es so höflich anbot, aufgefangen: Ludwig XVI. aber zog es vor, dieses Geheimniß seinem Eigenthümer zu lassen. »Herr von Charny soll sich nicht durch seine Rückkehr nach Hause einer Gefahr aussetzen,« sagte der König. »Man pflege Herrn von Charny in Versailles; man rufe seinen Oheim, Herrn von Suffren, und hat man diesem Herrn gedankt,« er bezeichnete den dienstfertigen Wundarzt, »so rufe man meinen Leibarzt, den Doctor Louis. Er hat, glaube ich, den Dienst.« Ein Offizier eilte weg, um die Befehle des Königs zu vollziehen. Zwei andere bemächtigten sich des Herrn von Charny und trugen ihn an das Ende der Gallerie in's Zimmer des Officiers der Garden. Diese Scene ging rascher vor sich, als die zwischen der Königin und Herrn von Crosne. Herr von Suffren wurde benachrichtigt, und der Doctor Louis an die Stelle des Ueberzähligen gerufen. Wir kennen diesen redlichen, weisen und bescheidenen Mann, einen weniger glänzenden, als nützlichen Verstand, diesen muthigen Bearbeiter des unermeßlichen Feldes der Wissenschaft, Wo derjenige mehr geehrt ist, der das Korn erntet, wo derjenige nicht minder ehrenwerth ist, welcher die Furche öffnet. Hinter dem Arzte, der sich schon über seinen Kunden neigte, erschien in aller Eile der Bailli von Suffren, dem eine Staffette die Nachricht überbracht hatte. Der berühmte Seemann begriff diese Ohnmacht, dieses plötzliche Unwohlsein durchaus nicht. Als er Charny's Hand ergriffen und seine trüben Augen angeschaut hatte, sagte er: »Seltsam! seltsam! Wissen Sie, Doctor, daß mein Neffe nie krank gewesen ist?« »Das beweist nichts, Herr Bailli,« erwiderte der Doctor. »Die Luft von Versailles ist also sehr schwer, denn ich wiederhole Ihnen, ich habe Olivier zehn Jahre auf der See gesehen, und er war immer kräftig und aufrecht, wie ein Mastbaum.« »Es ist seine Wunde,« sagte einer der anwesenden Officiere. »Wie, seine Wunde!« rief der Admiral; »Olivier ist in seinem Leben nicht verwundet worden.« »Oh! verzeihen Sie,« erwiderte der Officier, auf den gerötheten Batist deutend, »doch ich glaubte ...« Herr von Suffren sah Blut. »Es ist gut, es ist gut,« sagte der Doctor, der dem Kranken den Puls gefühlt hatte, mit vertraulicher Barschheit, »wir wollen uns nicht über den Ursprung des Uebels streiten. Wir haben das Uebel, begnügen wir uns damit und heilen wir dasselbe, wenn es möglich ist.« Der Bailli liebte Aussprüche, die keine Widerrede gestatteten; er hatte die Wundärzte seiner Schiffe nicht daran gewöhnt, ihre Worte zu wattiren. »Ist es sehr gefährlich, Doctor?« fragte er mit einer stärkeren Gemüthsbewegung, als er zeigen wollte. »Ungefähr wie der Schnitt eines Rasirmessers am Kinn.« »Gut. Danken Sie dem König, meine Herren. Olivier, ich werde Dich wieder besuchen.« Olivier bewegte die Augen und die Finger, als wollte er zugleich seinem Oheim, der ihn verließ, und dem Doctor, der ihn in seine Hände nahm, danken. Glücklich in seinem Bette zu sein, glücklich sich einem Manne von Verstand und Milde überlassen zu sehen, stellte er sich dann, als entschliefe er. Der Doctor schickte Jedermann weg. Olivier entschlief nun in der That, doch nicht ohne dem Himmel für Alles, was ihm begegnet, oder vielmehr für das Schlimme, was ihm unter so ernsten Umständen nicht begegnet war, zu danken. Das Fieber hatte sich seiner bemächtigt; jenes wunderbare, die Menschheit wiedergebärende Fieber, ein ewiger Saft, der im Blute des Menschen treibt und, den Absichten Gottes, das heißt der Menschheit dienend, die Gesundheit im Kranken keimen läßt, oder den Lebendigen mitten in der Gesundheit wegrafft. Als Olivier mit jener Hitze der vom Fieber Befallenen die Scene mit Philipp, die Scene mit der Königin, die Scene mit dem König gründlich überlegt hatte, verfiel er in jenen furchtbaren Kreis, den das wüthende Blut wie ein Netz über den Verstand wirft ... Er delirirte. Drei Stunden später hätte man ihn von der Gallerie aus hören können, wo einige Wachen auf und ab gingen! als der Doctor dieß bemerkte, rief er seinen Bedienten und befahl ihm, Olivier in seine Arme zu nehmen. Olivier stieß einige Klageschreie aus. »Wickle ihm die Decke über den Kopf,« »Wie soll ich das machen?« sagte der Bediente. »Er ist zu schwer und vertheidigt sich zu sehr. Ich will einen von den Herren Garden um Beistand bitten.« »Du bist ein Hasenfuß, wenn Du Dich vor einem Kranken fürchtest,« entgegnete der Doctor. »Herr Doctor ...« »Und findest Du ihn zu schwer, so bist Du nicht so stark, wie ich geglaubt habe. Ich werde Dich nach Auvergne zurückschicken.« Die Drohung wirkte. Schreiend, heulend, heftig sich geberdend und delirirend, wurde Charny von dem Auvergnaten wie eine Feder im Angesicht der Leibwachen aufgehoben. Diese umgaben Louis und befragten ihn. »Meine Herren,« sagte der Doctor, der stärker schrie, als Charny, um dessen Schreie zu übertäuben, »Sie begreifen, daß ich nicht alle Stunden eine Meile machen werde, um den Kranken zu besuchen, den mir der König anvertraut hat. Ihre Gallerie liegt am Ende der Welt.« »Wohin bringen Sie ihn, Doctor?« »Zu mir, da ich ein träger Mensch bin. Ich habe hier, wie Sie wissen, zwei Zimmer, ich lege ihn in eines derselben, und übermorgen, wenn Niemand mit ihm verkehrt, werde ich Ihnen Bericht erstatten.« »Aber, Doctor.« sagte der Officir, »ich versichere Sie, daß der Kranke hier sehr gut gewesen wäre, wir lieben Alle Herrn von Suffren, und ...« »Ja, ich kenne diese Pflege des Cameraden für den Cameraden. Der Verwundete hat Durst, man ist gut gegen ihn; man gibt ihm zu trinken, und er stirbt. Zum Teufel mit der guten Pflege der Herren Garden! Man hat so zehn Kranke getödtet.« Der Doctor sprach noch, als schon Olivier nicht mehr gehört werden konnte. »Ah! ja,« fuhr der würdige Arzt fort; »das ist sehr wohl gethan, das ist sehr verständig. Dabei ist nur ein Unglück, daß der König den Kranken wird sehen wollen ... Und wenn er ihn sieht, wird er ihn hören ... Teufel! da ist nicht zu zögern. Ich will die Königin benachrichtigen. Sie wird mir einen guten Rath geben.« Nachdem der gute Doctor diesen Entschluß mit der Raschheit des Menschen gefaßt hatte, dem die Natur die Secunden abzählt, übergoß er das Gesicht des Verwundeten mit frischem Wasser und legte ihn auf eine solche Art in ein Bett, daß er sich nicht tödtete, wenn er sich heftig bewegte oder fiel. Er schloß die Läden mit einem Vorhängeschloß, drehte den Schlüssel der Zimmerthüre zweimal um, steckte diesen Schlüssel in die Tasche und begab sich zu der Königin, nachdem er sich, außen horchend, versichert hatte, daß keiner von den Schreien Olivier's vernommen oder verstanden werden konnte. Es versteht sich von selbst, daß zu größerer Vorsicht der Auvergnat mit dem Kranken eingeschlossen war. Er traf gerade vor dieser Thüre Frau von Misery, welche die Königin abgeschickt hatte, um sich nach dem Verwundeten zu erkundigen. Sie wollte durchaus hinein. »Kommen Sie, kommen Sie, Madame,« sagte der Doctor, »ich gehe weg.« »Aber, Doctor, die Königin wartet.« »Ich gehe zur Königin, Madame.« »Die Königin wünscht ...« »Die Königin wird so viel erfahren, als sie zu wissen wünscht; das sage ich Ihnen, Madame. Gehen wir.« Und er nöthigte die Kammerfrau Marie Antoinette's zu laufen, um zu gleicher Zeit mit ihm an Ort und Stelle zu kommen. L. Aegri Somnia. Die Königin wartete auf die Antwort der Frau von Misery; sie erwartete den Doctor nicht. Dieser trat mit seiner gewöhnlichen Vertraulichkeit ein. »Madame,« sprach er laut, »bei dem Kranken, für den sich der König und Eure Majestät interessiren, geht es so gut, als es geben kann, wenn man das Fieber hat.« Die Königin kannte den Doctor; sie wußte, wie er die Leute haßte, die, wie er sagte, volle Schreie ausstießen, wenn sie halbe Leiden empfinden. Sie bildete sich ein, Herr von Charny habe seine Lage ein wenig übeltrieben» Die starken Frauen sind geneigt, die starken Männer schwach zu finden. »Der Verwundete,« sagte sie, »ist ein Verwundeter zum Lachen?« »He! he!« machte der Doctor. »Eine Schramme ...« »Nein, nein, Madame; aber Schramme oder Wunde, ich weiß nur, daß er das Fieber hat.« »Armer Junge! Ein ziemlich starkes Fieber?« »Ein furchtbares Fieber.« »Bah!« versetzte die Königin erschrocken; »ich dachte nicht, daß so ... auf der Stelle ... das Fieber ...« Der Doctor schaute einen Augenblick die Königin an. »Es gibt Fieber und Fieber,« sagte er. »Mein lieber Louis, Sie erschrecken mich. Sie, der Sie gewöhnlich so beruhigend sind ... ich weiß nicht, was Sie heute Abend haben.« »Nichts Außerordentliches.« »Ah! ah! Sie drehen sich um, Sie schauen nach rechts und nach links, Sie sehen aus wie ein Mensch, der mir gern in großes Geheimniß anvertrauen möchte.« »Ei! wer sagt nein?« »Ah! nicht wahr? Ein Geheimnis, das Fieber betreffend?« »Ja.« »Das Fieber des Herrn von Charny?« »Ja wohl.« »Und Sie kommen dieses Geheimnisses wegen zu mir?« »Ja wohl.« »Geschwind zur Sache! Sie wissen, daß ich neugierig bin. Fangen wir beim Anfang an.« »Nicht wahr, wie Petit-Jean?« »Ja, mein lieber Doctor.« »Wohl! Madame ...« »Ich warte, Doctor.« »Nein, ich warte.« »Worauf?« »Daß Sie mich befragen, Madame. Ich erzähle nicht gut; wenn man jedoch Fragen an mich richtet, so antworte ich wie ein Buch.« »Gut! ich habe Sie gefragt, wie es mit dem Fieber des Herrn von Charny gehe.« »Nein, das ist schlecht begonnen. Fragen Sie mich zuerst, wie es komme, daß Herr von Charny sich bei mir in einem meiner zwei kleinen Cabinete befinde, statt in der Gallerie oder auf dem Posten des Officiers der Leibwachen zu sein.« »Wohl! ich frage Sie das wirklich. Das ist zum Erstaunen.« »Madame, ich wollte Herrn von Charny nicht in dieser Gallerie, auf diesem Posten lassen, weil Herr von Charny kein gewöhnlicher Fieberkranker ist.« Die Königin machte eine Geberde der Verwunderung. »Was wollen Sie damit sagen?« »Herr von Charny delirirt sogleich, wenn er das Fieber hat.« »Oh!« machte die Königin, die Hände faltend. »Und,« fuhr Louis fort, indem er sich der Königin näherte, »und wenn er delirirt, der arme Junge, sagt er eine Menge Sachen von zu delicater Natur, als daß die Herren Garden des Königs oder irgend Jemand sie anhören dürften.« »Doctor!« »Ah! Sie mußten mich nicht befragen, wenn ich Ihnen nicht antworten sollte.« »Sprechen Sie immerhin, mein lieber Doctor.« Hiebei nahm die Königin die Hand des guten Gelehrten. »Dieser junge Mensch ist vielleicht ein Gottesleugner, und in seinem Fieberwahnwitz blasphemirt er?« »Nein, nein, er hat im Gegentheil eine sehr tiefe Religion.« »Sollte es vielleicht eine Ueberspannung in seinen Ideen sein?« »Ueberspannung, das ist das richtige Wort.« Die Königin gab ihrem Gesicht eine den Umständen angemessene Haltung, nahm die stolze Kaltblütigkeit an, welche immer die Handlungen der an die Ehrfurcht der Anderen und an die Selbstschätzung gewöhnten Fürsten begleitet, eine Fähigkeit, welche unerläßlich ist für die Großen der Erde, um zu herrschen und sich nicht zu verrathen; dann sprach sie: »Herr von Charny ist mir empfohlen. Er ist der Neffe des Herrn von Suffren, unseres Helden. Er hat mir Dienste geleistet; ich will ihm eine Verwandte, eine Freundin sein. Sagen Sie mir also die Wahrheit, ich muß und will sie wissen.« »Ich kann sie Ihnen nicht sagen,« erwiderte Louis, »und da Eurer Majestät so viel daran liegt, sie kennen zu lernen, so weiß ich nur ein Mittel: Eure Majestät höre selbst. Wenn dann der junge Mann etwas mit Unrecht sagt, so wird er auf diese Art weder dem Indiscreten, der dieses Geheimniß verlauten ließ, noch dem Unklugen, der es unterdrückt, böse sein.« »Ich liebe Ihre Freundschaft!« rief die Königin, »und sobald Herr von Charny in seinem Delirium seltsame Dinge sagt ...« »Dinge, die Eure Majestät nothwendig hören muß, um sie zu würdigen,« versetzte der gute Doctor. Und er nahm sachte die bewegte Hand der Königin. »Doch vor Allem, nehmen Sie sich in Acht!« rief die Königin, »ich thue hier keinen Schritt, ohne zu wissen, welcher liebreiche Spion hinter mir sein wird.« »Sie werden heute Abend nur mich haben. Es handelt sich einzig und allein darum, meinen Gang zu durchschreiten, der eine Thüre an jedem Ende hat. Ich schließe die, durch welche wir hineingehen, und Niemand wird bei uns sein, Madame.« »Ich überlasse mich Ihnen, mein lieber Doctor,« sagte die Königin. Und sie nahm den Arm von Louis und schlüpfte, ganz bebend vor Neugierde, aus ihren Gemächern. Der Doctor hielt sein Versprechen. Nie wurde ein König, der in den Kampf zog oder eine Recognoscirung in der belagerten Stadt vornahm, nie eine bei einem Abenteuer geleitete Königin auf eine geeignetere Weise von einem Capitän der Leibwachen, oder von einem Oberofficier des Palastes geführt. Der Doctor schloß die erste Thüre, näherte sich der zweiten und hielt sein Ohr daran. »Nun,« fragte die Königin, »ist hier Ihr Kranker?« »Nein, Madame, er ist im zweiten Zimmer. Oh! wenn er in diesem wäre, hätten Sie ihn vom Ende des Ganges gehört. Horchen Sie nur an diesem.« Man vernahm wirklich das unartikulirte Gemurmel einiger Klagen. »Er seufzt, er leidet, Doctor.« »Nein, nein, er seufzt nicht. Er spricht ganz einfach ... Ich will diese Thüre öffnen.« »Ich will aber nicht bei ihm eintreten!« rief die Königin, rasch zurückweichend. »Das ist es auch nicht, was ich Ihnen vorschlage. Ich spreche nur davon, Sie mögen in das erste Zimmer eintreten, und von da werden Sie, ohne Furcht gesehen zu werden oder zu sehen, Alles hören, was der Kranke zu sich sagt.« »Alle diese Vorbereitungen, alle diese Geheimnisse machen mir bange,« murmelte die Königin. »Wie wird es sein, wenn Sie gehört haben!« erwiderte der Doctor. Und er trat allein bei Charny ein. Mit seiner Uniformshose bekleidet, woran der gute Doctor die Schnallen losgemacht hatte, sein nerviges, feines Bein in einem seidenen Strumpfe mit Schneckenlinien von Opal und Perlmutter, die Arme wie die eines Leichnams ausgestreckt und ganz steif in den Aermeln von zerknittertem Batist, suchte Herr von Charny auf sein Kissen seinen Kopf zu erheben, der schwerer als Blei war. Ein siedender Schweiß rieselte in Perlen von seiner Stirne und klebte die aufgelösten Locken seiner Haare an seine Schläfe. Niedergeschlagen, gelähmt, träge, hatte er nur noch einen Gedanken, ein Gefühl, eine Betrachtung; sein Körper lebte nur noch bei dieser Flamme, die sich immer in seinem Gehirn selbst wieder anfachte, wie das Lichtstümpchen in der alabasternen Nachtlampe. Wir haben nicht ohne Absicht diese Vergleichung gewählt, denn diese Flamme, das einzige Dasein Charny's, beleuchtete phantastisch und auf eine gemilderte Weise gewisse einzelne Umstände, die das Gedächtniß allein nicht in lange Gedichte verwandelt hätte. Charny erzählte sich eben sein Zusammentreffen im Fiaker mit der deutschen Dame auf dem Wege von Paris nach Versailles. »Eine Deutsche! eine Deutsche!« wiederholte er beständig. »Ja, eine Deutsche, wir wissen das, auf dem Wege nach Versailles,« sagte Louis. »Königin von Frankreich!« rief er plötzlich. »He!« machte der Doctor, in das Zimmer der Königin schauend. »Weiter Nichts? Was sagen Sie dazu, Madame?« »Oh! das ist gräßlich,« murmelte Charny; »einen Engel lieben, eine Frau wahnsinnig lieben, sein Leben für sie geben, und, wenn man sich ihr nähert, nichts Anderes mehr vor sich haben, als eine Königin von Sammet und Gold, ein Metall oder einen Stoff, kein Herz!« »Oh!« rief der Doctor mit einem gezwungenen Gelächter. Charny achtete nicht auf die Unterbrechung. »Ich würde eine verheirathete Frau lieben,« sagte er. »Ich würde sie mit der heftigen Liebe lieben, welche macht, daß man Alles vergißt. Ich würde zu dieser Frau sagen: Es bleiben uns einige schöne Tage auf dieser Erde; werden diejenigen, welche uns außerhalb der Liebe erwarten, so viel werth sein als diese Tage? Komm, meine Heißgeliebte, so lange Du mich liebst und ich Dich liebe, wird es das Leben der Auserwählten sein. Hernach, nun! hernach wird es der Tod sein, das heißt das Leben, das wir in diesem Augenblick haben. Gewinnen wir also die Vortheile der Liebe.« »Nicht schlecht geurtheilt für einen Fieberkranken,« murmelte der Doctor, »obgleich die Moral nicht ganz stichhaltig ist.« »Aber ihre Kinder!« rief plötzlich Charny voll Wuth; »sie wird ihre zwei Kinder nicht zurücklassen!« »Das ist das Hinderniß, hic nodus sagte, während er den Schweiß auf Charny's Stirne trocknete, der Doctor Louis mit einer Mischung von Spott und Gutherzigkeit. »Oh!« fuhr der junge Mann, unempfindlich gegen Alles, fort, »Kinder würde man im Flügel eines Reisemantels mitnehmen.« »Sage, Charny. da Du die Mutter, sie, die leichter ist, als eine Grasmückenfeder, in Deinen Armen fortträgst, da Du sie aufhebst, ohne etwas Anderes zu fühlen, als einen Liebesschauer statt einer Last, würdest Du nicht auch die Kinder von Marie forttragen? ... Ah!« Er stieß einen furchtbaren Schrei aus. »Die Kinder eines Königs, das ist so schwer, daß man die Leere in der Hälfte der Welt fühlen würde.« Louis verließ seinen Kranken und näherte sich der Königin. Sie stand kalt und zitternd da; er ergriff ihre Hand, sie schauerte auch. »Sie hatten Recht,« sagte Marie Antoinette. »Das ist mehr als Delirium. Der junge Mann würde wirklich Gefahr laufen, wenn man ihn hörte.« »Hören Sie! hören Sie!« fuhr der Doctor fort. »Nein, kein Wort mehr.« »Er besänftigt sich. Hören Sie, nun betet er.« Charny hatte sich wirklich erhoben und faltete die Hände: er heftete die Augen weit aufgesperrt und erstaunt auf das unbestimmte, chimärische Unendliche. »Marie,« sagte er mit vibrirender, sanfter Stimme, »Marie, ich habe wohl gefühlt, daß Sie mich liebten. Oh! ich werde nichts davon sagen. Ihr Fuß hat sich im Fiaker dem meinigen genähert, und es war mir, als müßte ich sterben, Ihre Hand ist auf die meinige herabgesunken ... stille ... stille ... ich werde nichts davon sagen, das ist das Geheimniß meines Lebens. Marie, das Blut mag immerhin aus meiner Wunde fließen, das Geheimniß wird nicht mit ihm hinausgehen ... »Mein Feind hat seinen Degen in mein Blut getaucht; hat er aber ein wenig von meinem Geheimniß, so hat er doch nichts von dem Ihrigen . Seien Sie also unbesorgt, Marie; sagen Sie mir nicht einmal, daß Sie mich lieben: das ist unnöthig; da Sie erröthen, so haben Sie mir nichts mitzutheilen.« »Ho! ho!« sagte der Doctor, »das ist nicht mehr allein Fieber, sehen Sie, wie ruhig er ist ... es ist ...« »Es ist? ...« fragte die Königin ängstlich. »Es ist eine Entzückung, Madame; die Entzückung gleicht der Erinnerung. Das ist in der That das Gedächtniß einer Seele, wenn sie sich des Himmels erinnert.« »Ich habe genug gehört,« murmelte die Königin, so beunruhigt, daß sie zu entfliehen versuchte. Der Doctor hielt sie mit Gewalt bei der Hand zurück und sagte: »Madame, Madame, was wollen Sie?« »Nichts, Doctor, nichts.« »Doch wenn der König seinen Schützling sehen will?« »Ah! ja. Oh! das wäre ein Unglück.« »Was werde ich sagen?« »Doctor, ich habe keinen Gedanken, ich habe kein Wort mehr, dieses gräßliche Schauspiel hat mir das Herz zermartert.« »Und Sie haben ihm sein Fieber genommen, diesem Entzückten,« sagte leise der Doctor; »es sind hundert Pulsschläge weniger.« Die Konigin antwortete nicht, sie machte ihre Hand los und verschwand. LI. Worin nachgewiesen wird, daß die Öffnung des Herzens viel schwieriger ist, als die des Körpers. Der Doctor blieb nachdenkend stehen und schaute der weggehenden Königin nach. Dann sagte er den Kopf schüttelnd zu sich selbst: »Es gibt in diesem Schloß Geheimnisse, die nicht in's Gebiet der Wissenschaft gehören. Gegen die einen bewaffne ich mich mit der Lancette und durchsteche ihnen die Adern, um sie zu heilen; gegen die anderen bewaffne ich mich mit dem Vorwurf, und durchsteche ihnen das Herz; werde ich sie heilen?« Dann, als der Anfall vorüber war, schloß er Charny die Augen, welche offen und starr geblieben, erfrischte ihm die Schläfe mit Wasser und Essig, und traf um ihn her die Vorkehrungen, welche die glühende Atmosphäre des Kranken in ein Paradies der Wonne verwandeln. Hierauf, als er Ruhe in die Züge des Kranken zurückkehren sah, als er bemerkte, daß sich sein Schluchzen ganz sachte in Seufzer verwandelte, daß unbestimmte Sylben statt wüthender Worte aus seinem Munde kamen, sagte er: »Ja, ja, das war nicht nur Sympathie, sondern auch Einfluß; dieses Delirium hatte sich erhoben, als wollte es dem Besuch, den der Kranke erhalten, entgegenkommen; ja, die menschlichen Atome versetzen sich wie der befruchtende Staub; ja, der Geist hat unsichtbare Verbindungen, die Herzen haben geheime Beziehungen.« Plötzlich bebte er, wandte sich, gleichsam mit dem Auge und mit dem Ohr horchend, um und murmelte: »Wer ist wieder da?« Er hatte wirklich etwas wie ein Gemurmel, wie das Rauschen eines Kleides am Ende der Flur gehört. »Das kann unmöglich die Königin sein,« sagte er; »sie würde von einem ohne Zweifel unabänderlichen Entschluß nicht abgehen. Wir wollen sehen.« Und er öffnete sachte eine andere Thüre, welche auch auf den Corridor ging, streckte geräuschlos den Kopf hinaus und sah zehn Schritte von sich eine Frau in langem Gewande mit unbeweglichen Falten und der kalten, trägen Bildsäule der Verzweiflung ähnlich. Es war Nacht, das schwach Licht, das im Gange stand, konnte diesen nicht von einem Ende zum andern beleuchten; doch durch ein Fenster drang ein Mondstrahl, der auf sie fiel und sie sichtbar machte, bis zu dem Augenblick, wo eine Wolke zwischen sie und den Strahl treten würde. Der Doctor kehrte sachte zurück und durchschritt den Raum, der eine Thüre von der andern trennte; dann öffnete er geräuschlos, aber rasch diejenige, hinter welcher die Frau verborgen war. Sie gab einen Schrei von sich, streckte die Hände aus und begegnete den Händen des Doctors. »Wer ist da?« fragte er mit einer Stimme, in der mehr Mitleid, als Drohung lag; denn gerade an der Unbeweglichkeit dieses Schattens errieth er, daß derselbe mehr mit dem Herzen als mit dem Ohr horchte. »Ich, Doctor, ich,« erwiderte eine sanfte und traurige Stimme. Obgleich diese Stimme dem Doctor nicht unbekannt war, erweckte sie doch in ihm nur eine unbestimmte, entfernte Erinnerung. »Ich, Andree von Taverney, Doctor.« »Ah! mein Gott, was gibt es denn?« rief der Doctor. »Ist sie unpäßlich geworden?« » Sie !« rief Andree. » Sie ! welche sie denn?« Der Doctor fühlte, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte. »Verzeihen Sie, ich sah so eben eine Frau weggehen. Vielleicht waren Sie es?« »Ah! ja,« versetzte Andree, »nicht wahr, es ist eine Frau vor mir hierher gekommen?« Andree sprach diese Worte mit einer glühenden Neugierde, die dem Doctor über das Gefühl, das sie dictirt hatte, keinen Zweifel ließ. »Mein liebes Kind,« sagte der Doctor, »mir scheint, wir mißverstehen uns. Von wem sprechen Sie? was wollen Sie von mir? erklären Sie sich.« »Doctor,« erwiderte Andree mit einem so traurigen Ton, daß er dem Frager bis in die Tiefen seines Herzens drang. »Guter Doctor, versuchen Sie es nicht, mich zu täuschen, Sie, der Sie die Gewohnheit haben, mir die Wahrheit zu sagen; gestehen Sie, daß soeben eine Frau hier war, gestehen Sie es mir, denn ich habe sie gesehen.« »Ei! wer sagt Ihnen denn, es sei Niemand hierher gekommen?« »Ja, aber eine Frau, eine Frau, Doctor!« »Allerdings eine Frau; wollen Sie nicht etwa die These behaupten, eine Frau sei nur bis zum vierzigsten Jahre Frau?« »Diejenige, welche hierher gekommen ist, war vierzig Jahre alt, Doctor!« rief Andree, zum ersten Male athmend, »ah!« »Wenn ich sage vierzig, schenke ich ihr noch fünf bis sechs gute Jahre; doch man muß artig gegen seine Freundinnen sein, und Frau von Misery gehört zu meinen Freundinnen, und zwar zu meinen guten Freundinnen,« »Frau von Misery?« »Gewiß.« »Sie ist dagewesen?« »Warum des Teufels sollte ich es Ihnen denn nicht sagen, wenn es eine Andere gewesen wäre?« »Oh! weil ...« »Wahrhaftig, die Frauen sind alle dieselben, unerklärlich; ich glaubte Sie doch zu kennen, Sie besonders. Nein, ich kenne Sie so wenig als die andern. Man möchte wahnsinnig werden.« »Guter, lieber Doctor!« »Genug. Zur Sache!« Andree schaute ihn unruhig an. »Ist es schlimmer bei ihr geworden?« fragte er. »Bei wem denn?« »Bei der Königin.« »Die Königin?« »Ja, die Königin, für die mich Frau von Misery soeben geholt hat; die Königin, welche an Bangigkeiten, an Herzklopfen leidet. Eine traurige Krankheit, mein liebes Fraulein, unheilbar. Geben Sie mir doch Nachricht von der Königin, wenn Sie in ihrem Auftrage gekommen sind, und kehren wir zu ihr Zurück.« Der Doctor machte eine Bewegung, die seine Absicht, den Platz, wo er sich befand, zu verlassen, andeutete. Doch Andree hielt ihn sanft zurück und sagte, leichter athmend: »Nein, lieber Doctor, ich komme nicht im Auftrag der Königin. Ich wußte sogar nicht einmal, daß sie leidend ist. Arme Königin, wenn ich es gewußt hätte! ... Verzeihen Sie mir, Doctor, ich weiß nicht mehr, was ich sage.« »Ich sehe es wohl.« »Ich weiß nicht nur nicht mehr, was ich sage, sondern auch nicht, was ich thue.« »Oh! was Sie thun. weih ich wohl: Sie sind unpäßlich.« Andree hatte wirklich den Arm des Doctors losgelassen; ihre kalte Hand fiel an ihrem Leibe herab; sie neigte sich leichenbleich. Der Doctor hob sie auf, belebte, ermuthigte sie. Andree that sich große Gewalt an. Diese kräftige Seele, die sich nie, weder durch den körperlichen, noch durch den moralischen Schmerz hatte niederbeugen lassen, spannte ihre stählernen Federn. »Doctor, Sie wissen, daß ich nervös bin, und daß mir die Dunkelheit furchtbare Beängstigungen verursacht? Ich habe mich in der Dunkelheit verirrt. Daher rührt der seltsame Zustand, in dem ich mich befinde.« »Und warum des Teufels setzen Sie sich der Dunkelheit aus? Wer zwingt Sie dazu? Es schickte Sie doch Niemand hierher, es führte Sie nichts hierher?« »Ich habe nicht gesagt, nichts , Doctor, ich habe gesagt, Niemand .« »Ah! ah! das sind Spitzfindigkeiten. Wir sind hier schlecht, um solche zu machen. Gehen wir anderswohin, besonders wenn Sie lange bleiben wollen.« »Doctor, zehn Minuten, das ist Alles, was ich von Ihnen verlange.« »Zehn Minuten, es sei, doch nicht stehend, meine Beine sträuben sich entschieden gegen diese Gesprächsweise, setzen wir uns.« »Wohin denn?« »Auf das Bänkchen im Gange.« »Und Sie glauben, es werde Sie hier Niemand hören, Doctor?« fragte Andree voll Angst. »Niemand.« »Nicht einmal der Verwundete dort?« fuhr sie mit demselben Tone fort, indem sie dem Doctor das durch einen sanften, bläulichen Reflex beleuchtete Zimmer bezeichnete, in welchem sie ihren Blick tauchte. »Nein, nicht einmal jener arme Junge, und ich möchte beifügen, daß wenn Einer uns hört, er es nicht ist.« Andree faltete die Hände. »Oh! mein Gott, es steht also sehr schlimm bei ihm?« sagte sie. »Es steht allerdings nicht gut. Doch sprechen wir von dem, was Sie hierher führte; geschwind, mein Kind, geschwind; Sie wissen, daß mich die Königin erwartet.« »Nun, Doctor,« erwiderte Andree seufzend, »mir scheint, wir sprechen davon.« »Wie, Herr von Charny?« »Um ihn handelt es sich, Doctor, und ich wollte mich nach ihm erkundigen.« Das Stillschweigen, mit dem der Doctor diese Worte aufnahm, auf die er doch gefaßt sein mußte, war eisig. Der Doctor stellte in der That in diesem Augenblick den Schritt Andree's mit dem Schritte der Königin zusammen; er sah diese zwei Frauen von einem und demselben Gefühle angetrieben und glaubte an den Symptomen zu erkennen, dieses Gefühl sei eine heftige Liebe. Andree, welche nichts von dem Besuche der Königin wußte und im Geiste des Doctors nicht lesen konnte, was Alles an traurigem Wohlwollen und barmherzigem Mitleid darin enthalten war, hielt das Stillschweigen des Doctors für einen, vielleicht etwas hart ausgeprägten Tadel und richtete sich wie gewöhnlich unter diesem Drucke auf, so stumm er auch war. »Mir scheint, Sie können diesen Schritt entschuldigen, Doctor,« sagte sie; »denn Herr von Charny ist in Folge einer in Duelle erhaltenen Wunde krank, und diese Wunde hat ihm mein Bruder beigebracht.« »Ihr Bruder!« rief der Doctor; »Herr Philipp von Taverney hat Herrn von Charny verwundet?« »Allerdings.« »Oh! dieser Umstand war mir nicht bekannt.« »Nun aber, da Sie ihn kennen, begreifen Sie nicht, daß ich mich nach seinem Zustand erkundigen muß?« »Oh! doch,« sprach der Doctor, entzückt, daß er eine Gelegenheit fand, nachsichtig zu sein. »Ich wußte die wahre Ursache nicht, ich konnte sie nicht errathen.« Und er legte auf seine letzten Worte einen solchen Nachdruck, daß er Andree dadurch bewies, er nehme ihre Schlüsse nur unter allen möglichen Vorbehalten an. »Sprechen Sie, Doctor,« sagte Andree, indem sie ihre beiden Hände auf den Arm von Louis legte und ihm in's Gesicht schaute, »sprechen Sie Ihren ganzen Gedanken aus.« »Ich habe ihn ausgesprochen. Warum sollte ich damit hinter dem Berg halten?« »Ein Duell zwischen zwei Edelleuten ist ein alltägliches Ereigniß.« »Der einzige Umstand, der diesem Duell eine Bedeutung geben könnte, wäre, wenn sich unsere zwei jungen Leute einer Frau wegen geschlagen hätten.« »Einer Frau wegen, Doctor?« »Ja. Ihretwegen, zum Beispiel.« »Meinetwegen!« Andree stieß einen tiefen Seufzer aus. »Nein, Doctor, meinetwegen hat sich Herr von Charny nicht geschlagen.« Der Doctor hatte die Miene, als begnügte er sich mit der Antwort, doch auf die eine oder andere Weise wollte er die Ursache des Seufzers erfahren. »Dann begreife ich,« sagte er, »Ihr Bruder hat Sie also geschickt, um genauen Bericht über den Zustand des Verwundeten zu bekommen.« »Ja, mein Bruder! ja, Doctor!« rief Andree. Der Doctor schaute ihr ebenfalls in's Gesicht und murmelte: »Oh! was Du im Herzen hast, unbeugsame Seele, werde ich wohl erfahren.« Dann sprach er laut: »Wohl! ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen, wie, man sie Jedermann schuldet, der dabei interessirt ist, sie kennen zu lernen. Theilen Sie dieselbe Ihrem Bruder mit, und er treffe dem gemäß seine Vorkehrungen. Sie verstehen?« »Nein, Doctor, denn ich besinne mich, was Sie mit den Worten: Er treffe dem gemäß seine Vorkehrungen – sagen wollen.« »Hören Sie. Ein Duell ist eine dem König nicht angenehme Sache. Es ist wahr, der König läßt die Edicte nicht mehr beobachten; erregt aber ein Duell Aergerniß, s« straft Seine Majestät mit Verbannung oder Gefängniß.« »Das ist richtig, Doctor.« »Und würde unglücklicher Weise ein Mensch getödtet, oh! dann ist Seine Majestät unbarmherzig. Rathen Sie folglich Ihrem lieben Bruder, seine Person für einige Zeit in Sicherheit Zu bringen.« »Doctor!« rief Andree, »Doctor, es steht also bei Herrn von Charny sehr schlimm?« »Hören Sie, mein liebes Fräulein, ich habe Ihnen Wahrheit versprochen: Sie sehen den armen Jungen, der dort schläft oder vielmehr in jenem Zimmer röchelt?« »Doctor, ja,« erwiderte Andree mit erstickter Stimme; »nun?« »Ist er morgen um diese Stunde nicht gerettet, hat das Fieber, das kürzlich entstanden ist und ihn verzehrt, nicht aufgehört, so ist Herr von Charny morgen um diese Stund todt.« Andree fühlte, daß sie einen Schrei auszustoßen im Begriffe war, sie preßte sich die Kehle zusammen, sie drückte die Nägel in das Fleisch, um in dem körperlichen Schmerz Etwas von der Beklemmung zu ersticken, die ihr das Herz zerriß. Louis konnte in ihren Zügen die furchtbare Verheerung nicht sehen, welche dieser Kampf hervorgebracht hatte. Andree beherrschte sich wie eine Spartanerin. »Mein Bruder,« sagte sie, »wird nicht fliehen, er hat mit Herrn von Charny als ein Mann von Herz gekämpft; hat er das Unglück gehabt, ihn zu treffen, so war er dazu gezwungen; hat er ihn getödtet, so wird Gott richten.« »Sie war nicht für ihre Rechnung gekommen,« sagte der Doctor zu sich selbst, »für die Königin also. Wir wollen sehen, ob Ihre Majestät den Leichtsinn so weit getrieben hat.« »Wie hat die Königin dieses Duell aufgenommen?« fragte er. »Die Königin? ich weiß es nicht,« erwiderte Andree. »Was liegt der Königin daran?« »Ich denke, Herr von Taverney ist ihr angenehm.« »Wohl! Herr von Taverney ist unversehrt; wir wollen hoffen, daß Ihre Majestät meinen Bruder selbst vertheidigt, wenn man ihn anklagt.« Auf zwei Seiten in seiner doppelten Hypothese geschlagen, gab Louis die Partie auf. »Ich bin kein Physiologe,« sagte er, »ich bin nur ein Wundarzt. Warum des Teufels soll ich mich, wenn ich das Spiel der Muskeln und der Nerven so gut kenne, in das Spiel der Launen und Leidenschaften der Weiber mischen? ... Mein Fräulein, Sie haben erfahren, was Sie zu wissen wünschten. Machen Sie, daß Herr von Taverney entflieht, oder machen Sie es nicht, das ist Ihre Sache. Meine Pflicht ist es, daß ich den Verwundeten ... heute Nacht zu retten suche, sonst würde mir ihn der Tod, der seine Arbeit ruhig fortsetzt, in vierundzwanzig Stunden entführen. Gott befohlen!« Und er schloß sachte, aber entschieden die Thüre hinter ihr. Andree fuhr krampfhaft mit der Hand über die Stirne, sie sah sich allein, allein mit dieser gräßlichen Wirklichkeit. Es kam ihr vor, als stiege der Tod, von welchem der Doctor so kalt gesprochen, in dieses Zimmer herab und ginge in weißem Schweißtuch durch die finstere Flur. Der Wind der Grauen erregenden Erscheinung vereiste ihre Glieder; sie entfloh bis in ihre Wohnung, drehte den Schlüssel dreimal im Schlosse um, fiel auf den Teppich vor ihrem Bette auf beide Kniee und rief mit einer wilden Energie und unter Strömen glühender Thränen: »Mein Gott! mein Gott! Du bist nicht ungerecht, Du bist nicht thöricht; Du bist nicht grausam, mein Gott! Du vermagst Alles, Du wirst diesen jungen Mann nicht sterben lassen, der nichts Böses gethan hat und auf dieser Welt geliebt wird. Wein Gott! wir armen Menschen glauben wahrhaftig nur an die Macht Deiner Gutthätigkeit, obschon wir bei jedem Anlaß vor der Macht Deines Zornes zittern. Doch ich ... ich ..., die ich Dich anflehe, bin auf dieser Welt genug geprüft worden, ich habe genug gelitten, ohne ein Verbrechen begangen zu haben ... Nun! ich habe mich nie beklagt, nicht einmal bei Dir, ich habe nie an Dir gezweifelt. Wenn Du heute, da ich Dich bitte, heute, da ich Dich beschwöre, heute, da ich um das Leben eines jungen Mannes bitte, mich zurückwiesest, o mein Gott, ich würde sagen, Du habest gegen mich alle Deine Kräfte mißbraucht, und Du seist ein Gott des düsteren Zorns, der unbekannten Rache, ich würde sagen ... Oh! ich blasphemire, vergib, ich blasphemire ... und Du schlägst mich nicht. Vergebung, Vergebung! Du bist wohl der Gott der Milde und Barmherzigkeit.« Andree fühlte ihre Sehkraft erlöschen, ihre Muskeln sich biegen; sie warf sich leblos, mit aufgelösten Haaren, zurück und blieb wie eine Leiche auf dem Boden liegen. Als sie wieder aus diesem kalten Schlafe erwachte, und ihr Alles in den Geist kam, Gespenster und Schmerzen, murmelte sie mit einem düsteren Ausdruck: »Mein Gott, Du bist unbarmherzig gewesen; Du hast mich bestraft, ich liebe ihn! Oh! ... ja, ich liebe ihn! nicht wahr, das ist genug? Wirst Du mir ihn jetzt tödten?« LII. Delirium. Gott hatte ohne Zweifel das Gebet Andree's gehört. Herr von Charny unterlag seinem Fieberanfall nicht. Am andern Tage, als sie voll Gierde alle Nachrichten verschlang, die ihr von dem Verwundeten zukamen, ging dieser durch die Wege des guten Doctors Louis vom Tode zum Leben über. Die Entzündung hatte der Energie und dem Gegenmittel nachgegeben. Die Heilung begann. Sobald Charny gerettet war, beschäftigte sich Louis um die Hälfte weniger mit ihm; der Gegenstand hörte auf, interessant zu sein. Für den Arzt ist der Lebende sehr wenig, besonders wenn er in der Genesung begriffen ist, oder wenn er sich wohl befindet. Nach Verlauf von acht Tagen jedoch, in denen sich Andree völlig beruhigte, hielt es Louis, der alle Offenbarungen des Kranken während der Krise auf dem Herzen hatte, für gut, Charny an einen entfernten Ort bringen zu lassen. Er wollte das Delirium in eine andere Gegend versetzen. Aber Charny weigerte sich bei den ersten Versuchen, welche gemacht wurden. Er schlug von Zorn funkelnde Augen zum Doctor auf und sagte ihm, er sei beim König, und Niemand habe das Recht, einen Mann wegzujagen, dem Seine Majestät ein Asyl gebe. Der Doctor, der gegen widerspänstige Genesende nicht geduldig war, ließ ganz einfach vier Knechte eintreten und befahl ihnen, den Verwundeten aufzuheben. Aber Charny klammerte sich an das Holz seines Bettes an, schlug heftig einen der Männer und bedrohte die Anderen wie Carl XII. bei Bender. Der Doctor versuchte es mit vernünftigem Zureden. Charny war Anfangs ziemlich logisch; als aber die Knechte beharrlich ihre Arbeit fortsetzen wollten, machte er eine so gewaltige Gegenanstrengung, daß seine Wunde sich wieder öffnete und mit seinem Blute seine Vernunft entfloh. Er war in einen Anfall von Delirium zurückgekehrt, der heftiger wurde, als der erste. Da fing er an zu schreien, mau wolle ihn entfernen, um ihn der Visionen zu berauben, die er im Schlafe gehabt, aber es sei vergebens, die Visionen lächeln ihm immer zu, man liebe ihn und werde trotz des Doctors kommen, um ihn zu besuchen: diejenige, welche ihn liebe, sei von einem Range, daß sie keines Menschen Zurückweisung fürchte. Bei diesen Worten schickte der Doctor zitternd in aller Eile die Knechte weg, legte einen Verband auf die Wunde, und versetzte, entschlossen die Vernunft mit dem Körper zu Pflegen, die Wunden in einen befriedigenden Zustand, hielt aber das Fieber nicht auf, was ihn zu erschrecken anfing, in Betracht, daß der Kranke von der Verirrung des Verstandes zur Tollheit übergehen konnte. Alles verschlimmerte sich an einem Tag, so daß der Doctor Louis an die heroischsten Mittel dachte. Der Kranke stürzte nicht nur sich, sondern auch die Konigin in's Verderben; dadurch, daß er viel sprach, schrie er; dadurch, daß er sich viel erinnerte, erfand er; das Schlimmste dabei war, daß Charny in seinen lichten Augenblicken, und er hatte deren viele, toller war, als in seiner Tollheit. Im höchsten Grad verlegen, beschloß Louis, der sich nicht auf die Autorität des Königs stützen konnte, denn der Kranke stützte sich auch darauf, zu der Königin zu gehen und ihr Alles zu sagen, und er benützte, um diesen Schritt zu thun, einen Augenblick, wo Charny, müde durch das Erzählen seiner Träume und das Herbeirufen seiner Vision, schlief. Er fand Marie Antoinette ganz nachdenklich und ganz strahlend zugleich, denn sie dachte, der Doctor würde ihr gute Nachricht von seinem Kranken bringen. Aber sie war sehr erstaunt; gleich bei ihrer ersten Frage antwortete Louis gnade heraus, der Kranke sei sehr krank. »Wie!« rief die Königin, »gestern ging es so gut.« »Nein, Madame, es ging sehr schlecht.« »Ich schickte doch Misery zu ihnen, und Sie antworteten durch ein gutes Bulletin.« »Ich gab mich einer tollen Hoffnung hin und wollte Sie hoffen lassen.« »Was soll das bedeuten?« erwiderte die Königin sehr bleich; »wenn es schlecht geht, warum es mir verbergen? Was habe ich Anderes zu fürchten, Doctor, als ein leider allzu gewöhnliches Unglück?« »Madame ...« »Und wenn es gut geht, warum mich in eine Unruhe versetzen, die ganz natürlich ist, da es sich um einen guten Diener des Königs handelt? Antworten Sie also offenherzig mit ja oder nein. Wie steht es mit der Krankheit, wie steht es mit dem Kranken? Ist Gefahr vorhanden?« »Für ihn noch weniger, als für Andere, Madame.« »Da fangen die Räthsel an!« rief die Königin ungeduldig. «Erklären Sie sich.« »Das ist schwer,« antwortete der Doctor. »Es genüge Ihnen, zu erfahren, daß das Uebel des Grafen von Charny lediglich ein moralisches ist. Die Wunde ist nur eine Beigabe zu dem Leiden, ein Vorwand für das Delirium.« »Ein moralisches Uebel! Herr von Charny!« »Ja, Madame, und ich nenne moralisch Alles, was sich nicht mit dem Zergliederungsmesser analysiren läßt. Erlassen Sie mir, Eurer Majestät mehr zu sagen.« »Sie meinen, der Graf ...« versetzte die Königin. »Sie wollen?« »Gewiß, ich will.« »Ich will sagen, der Graf sei verliebt, das will ich sagen. Eure Majestät fordert eine Erklärung; ich erkläre mich.« Die Königin machte eine kleine Bewegung mit den Schultern, welche bedeutete: eine schöne Geschichte! »Und Sie glauben, man genese hievon, wie von einer Wunde?« fuhr der Doctor fort; »nein, das Uebel wird schlimmer, und vom vorübergehenden Delirium wird Herr von Charny in eine tödtliche Monomanie verfallen. Dann ...« »Dann, Doctor?« »Dann werden Sie den jungen Mann in's Verderben gestürzt haben, Madame.« »In der That, Doctor, man muß sich Wundern über Ihre Manieren. Ich werde diesen jungen Mann in's Verderben gestürzt haben! Bin ich die Ursache, wenn er verrückt ist?« »Allerdings.« »Sie empören mich, Doctor.« »Sind Sie nicht in diesem Augenblick schuld,« fuhr der unbeugsame Doctor, die Achseln zuckend, fort, »so werden Sie es später sein.« »Geben Sie also einen Rath, wie dieß Ihr Gewerbe ist,« sagte die Königin ein wenig besänftigt. »Das heißt, ich soll eine Verordnung machen?« »Wenn Sie wollen.« »Hören Sie, Madame. Der junge Mann werde durch den Balsam oder durch das Eisen geheilt; die Frau, deren Namen er jeden Augenblick anruft, tödte oder heile ihn.« »Das sind wieder Ihre Extreme,« unterbrach die Königin, auf's Neue in ihre Ungeduld verfallend. »Tödten! ... heilen! ... große Worte! Tödtet man einen Mann mit einer Härte? heilt man einen armen Narren mit einem Lächeln?« »Ah! wenn Sie auch ungläubig sind, so habe ich nichts mehr zu thun, als Eurer Majestät meinen unterthänigsten Respect zu bezeugen.« »Lassen Sie vor Allem hören, handelt es sich um mich?« »Ich weiß nichts davon und will nichts davon wissen; ich wiederhole Ihnen nur, daß Herr von Charny ein vernünftiger Narr ist, daß die Vernunft zugleich wahnsinnig machen und tödten kann, daß die Tollheit zugleich vernünftig machen und heilen kann. Wenn Sie also dieses Schloß von Schreien, von Träumen und von Aergerniß befreien wollen, so werden Sie einen Entschluß fassen.« »Welchen?« »Ah! ja, welchen? Ich mache nur Verordnungen und rathe nicht. Bin ich ganz sicher, gehört zu haben, was ich gehört habe, gesehen zu haben, was meine Augen gesehen?« »Nehmen Sie an, ich verstehe Sie, was wird daraus hervorgehen?« »Ein zweifaches Glück: das eine, das Bessere für Sie wie für Alle, ist, daß der Kranke, durch das untrügliche Stilett, welches man die Vernunft nennt, im Herzen getroffen, seinen Todeskampf, welcher beginnt, endigen sieht; das andere ... nun wohl ... das andere ... Oh! Madame, entschuldigen Sie mich, ich habe mir das Unrecht zu Schulden kommen lassen, zwei Ausgänge aus dem Labyrinth zu sehen. Es gibt nur einen für Marie Antoinette, die Königin von Frankreich.« »Ich verstehe Sie, Sie haben offenherzig gesprochen, Doctor. Die Frau, für welche Herr von Charny die Vernunft verloren hat, soll ihm diese Vernunft gutwillig oder mit Gewalt zurückgeben.« »Sehr gut, das ist es.« »Sie soll den Muth haben, ihm seine Träume, das heißt, die nagende Schlange, zu entreißen, welche aufgerollt im tiefsten Grunde seines Herzens liegt.« »Ja, Eure Majestät.« »Lassen Sie Jemand benachrichtigen; Fräulein von Taverney zum Beispiel.« »Fräulein von Taverney?« versetzte der Doctor. »Ja, Sie werden Alles einrichten, daß uns der Kranke auf eine geziemende Weise empfängt.« »Das ist geschehen, Madame.« »Ohne irgend eine Schonung?« »Es muß wohl sein.« »Aber, Doctor,« murmelte die Königin, »es ist trauriger, als Sie glauben, so das Leben oder den Tod eines Menschen aufzusuchen.« »Das thue ich alle Tage, wenn ich eine unbekannte Krankheit anfasse. Werde ich sie durch das Mittel angreifen, welches das Uebel tödtet, oder durch das Mittel, das den Kranken tödtet?« »Sie, Sie sind sicher, die Krankheit zu tödten?« fragte bebend die Königin. »Ei!« erwiderte der Doctor mit düsterer Miene, »wenn auch ein Mann für die Ehre einer Königin stärbe, wie viele sterben nicht alle Tage für die Laune eines Königs? – Gehen wir, Madame.« Die Königin seufzte und folgte dem alten Doctor, ohne daß sie Andree hatte finden können. Es war elf Uhr Morgens. Charny schlief ganz angekleidet in einem Lehnstuhl nach der Aufregung einer furchtbaren Nacht. Sorgfältig geschlossen, ließen die Laden nur einen schwachen Reflex, des Tageslichtes durch. Alles war darauf eingerichtet, von dem Kranken die nervöse Empfindlichkeit, die erste Ursache seines Leidens, abzuhalten. Kein Lärm, keine Berührung, kein Anblick. Der Doctor Louis faßte geschickt alle Vorwände zu einem Wiederaufleben krankhafter Erscheinungen an, und dennoch wich er, entschlossen einen großen Schlag zu thun, nicht vor einer Krise zurück, die seinen Kranken tödten könnte. Allerdings konnte sie ihn auch retten. In einem Morgenkleide, mit einer ganz nachlässigen Eleganz frisirt, trat die Königin ungestüm in die Hausflur, welche zu Charny's Zimmer führte. Der Doctor hatte ihr empfohlen, nicht zu zögern, nicht zu versuchen, sondern auf der Stelle mit einer Entschlossenheit zu erscheinen, um eine heftige Wirkung hervorzubringen. Sie drehte so rasch den ciselirten Knopf der ersten Thüre des Vorzimmers um, daß eine Person, die sich gegen die Thüre von Charny's Zimmer neigte, eine in ihre Mantille gehüllte Frau, nur Zeit hatte, sich aufzurichten und eine Haltung anzunehmen, deren Ruhe ihr verstörtes Gesicht und ihre zitternden Hände Lügen straften. »Andree!« rief die Königin erstaunt. »Sie hier!« »Ich!« antwortete Andree, bleich und ängstlich, »ja, Eure Majestät. Doch ist Eure Majestät nicht auch selbst hier?« »Ho! ho! Verwickelung!« murmelte der Doctor. »Ich suchte Sie überall,« sagte die Königin; »wo waren Sie?« Es lag in diesen Worten der Königin ein Ausdruck, welcher nicht der ihrer gewöhnlichen Güte war. Es war wie das Vorspiel eines Verhörs, wie das Symptom eines Verdachtes. Andree hatte bange; sie fürchtete besonders, ihr unüberlegter Schritt könnte den Schlüssel zu ihren für sie so furchtbaren Gefühlen geben. So stolz sie auch war, so entschloß sie sich doch, zum zweiten Male zu lügen. »Hier, wie Sie sehen.« »Allerdings, doch, wie hier?« »Madame,« erwiderte sie, »man hat mir gesagt, Eure Majestät lasse mich suchen; ich bin gekommen.« Die Königin war nicht am Ende mit ihrem Mißtrauen, sie blieb beharrlich und fuhr fort: »Wie haben Sie es gemacht, um zu errathen, wohin ich ging?« »Das war leicht, Madame; Sie waren mit dem Doctor Louis, und man hatte Sie durch die kleinen Gemächer gehen sehen; von da an hatten Sie kein anderes Ziel, als diesen Pavillon.« »Gut errathen,« erwiderte die Königin, immer noch unentschieden, aber ohne Härte, »gut errathen.« Andree strengte sich gewaltig an und sprach lächelnd: »Madame, wenn es die Absicht Eurer Majestät war, sich zu verbergen, so hätte sie sich nicht auf den unbedeckten Gallerieen zeigen müssen, wie sie es so eben gethan, um hieher zu kommen. Schreitet die Königin über die Terrasse, so sieht Fräulein von Taverney sie von ihrer Wohnung aus, und es ist nicht schwierig, Jemand zu folgen oder voranzugehen, den man von ferne gesehen hat.« »Sie hat Recht,« sagte die Königin, »und zwar hundertmal Recht. Ich habe eine unglückliche Gewohnheit, welche darin besteht, daß ich nie errathe; wenig nachdenkend, glaube ich nicht an die Reflexionen der Andern.« Die Königin fühlte, sie würde vielleicht der Nachsicht bedürfen, weil sie der Vertrauten bedurfte. Ihre Seele war überdieß keine Zusammensetzung von Coketterie und Mißtrauen, wie die der gewöhnlichen Weiber; sie hatte Glauben an ihre Freundschaften, denn sie wußte, daß sie lieben konnte. Die Frauen, welche sich selbst mißtrauen, mißtrauen noch viel mehr den Andern. Ein großes Unglück, das die Coketten bestraft, ist, daß sie sich nie von ihren Liebhabern geliebt glauben. Marie Antoinette vergaß also sehr rasch den Eindruck, den Fräulein von Taverney vor Charny's Thüre auf sie gemacht hatte. Sie nahm Andree bei der Hand, ließ sie den Schlüssel dieser Thüre umdrehen und drang mit einer außerordentlichen Schnelligkeit in das Zimmer des Kranken, während der Doctor mit Andree außen blieb. Kaum hatte diese die Königin verschwinden sehen, als sie zum Himmel einen Blick voll Zorn und Schmerz erhob, einen Blick, dessen Ausdruck einer wüthenden Verwünschung glich. Der gute Doctor nahm ihren Arm, durchschritt mit ihr die Flur und sagte: »Glauben Sie, daß es ihr gelingen wird?« »Gelingen? mein Gott! was?« rief Andree. »Den armen Narren, der hier sterben wird, wenn sein Fieber noch ein wenig fortdauert, anderswohin bringen zu lassen.« »Anderswo wird er also genesen?« fragte Andree hastig. Der Doctor schaute sie erstaunt, unruhig an und antwortete: »Ich glaube, ja.« »Oh! dann möge es ihr gelingen!« rief das arme Mädchen. LIII. Genesung. Die Königin war indessen gerade auf den Lehnstuhl Charny's zugegangen. Dieser erhob den Kopf beim Geräusche der Pantoffeln, welche auf dem Boden krachten. »Die Konigin,« murmelte er, indem er aufzustehen suchte. »Die Königin, ja, mein Herr,« erwiderte rasch Marie Antoinette. »Die Königin, welche weiß, wie Sie daran arbeiten, die Vernunft und das Leben zu verlieren, die Königin, welche Sie in Ihren Träumen und wachend beleidigen, die Königin, welche für ihre eigene Ehre, und für Ihre Sicherheit, mein Herr, besorgt ist. Darum kommt sie zu Ihnen, mein Herr, und Sie sollten sie nicht so empfangen.« Charny war zitternd, verwirrt aufgestanden, dann, bei den letzten Worten war er auf seine Kniee gesunken, so zermalmt durch den physischen und den moralischen Schmerz, daß er, gebeugt wie ein Schuldiger, sich weder erheben wollte noch konnte. »Ist es möglich,« fuhr die Königin, gerührt von dieser Ehrfurcht und diesem Stillschweigen, fort, »ist es möglich, daß ein Edelmann, den man einst den loyalsten beizählte, sich wie ein Feind an den Ruf einer Frau hängt! Denn bemerken Sie wohl, Herr von Charny, schon bei unserem ersten Zusammensein war es nicht die Konigin, was Sie gesehen, und was ich Ihnen gezeigt habe, es war eine Frau, und das hätten Sie nie vergessen müssen.« Hingerissen durch diese aus dem Herzen hervorgegangenen Worte, wollte Charny versuchen, etwas zu seiner Verteidigung zu sprechen, aber Marie Antoinette ließ ihm nicht Zeit dazu. »Was werden meine Feinde thun,« sagte sie, »wenn Sie das Beispiel des Verraths geben?« »Verrath!« stammelte Charny. »Mein Herr, wollen Sie wählen? entweder sind Sie ein Wahnsinniger, und ich werde Ihnen das Mittel, Schlimmes zu thun, entziehen, oder Sie sind ein Verräther, und ich werde Sie bestrafen.« »Madame, sagen Sie nicht, ich sei ein Verräther. Im Munde der Königin geht diese Anklage dem Todesurtheil voran, im Munde einer Frau entehrt sie. Als Königin tödten Sie mich, als Frau schonen Sie mich.« »Sind Sie bei gesundem Verstande, Herr von Charny?« sagte die Königin mit bewegter Stimme. »Ja, Madame.« »Haben Sie das Bewußtsein Ihres Unrechts gegen mich, Ihres Verbrechens gegen den König?« »Mein Gott!« murmelte der Unglückliche. »Denn Ihr vergeßt es zu leicht, Ihr Herren Edelleute, der Konig ist der Gemahl der Frau, die Ihr Alle beleidigt, indem Ihr die Augen zu ihr erhebt; der König ist der Vater Eures zukünftigen Herrn, meines Dauphin. Der König ist ein größerer und besserer Mann, als Ihr Alle, ein Mann, den ich verehre und liebe.« »Oh!« murmelte Charny, einen dumpfen Seufzer ausstoßend; und um nicht vollends niederzustürzen, war er genöthigt, eine seiner Hände auf den Boden zu stützen. Sein Schrei durchdrang das Herz der Königin. Sie las in dem erloschenen Blick des jungen Mannes, daß er auf den Tod getroffen war, wenn sie nicht rasch den Pfeil, den sie gegen ihn abgedrückt, aus der Wunde zog. Barmherzig und sanft, erschrack sie deßhalb über die Blässe und Schwäche des Schuldigen, und sie war einen Augenblick nahe daran, um Hilfe zu rufen. Aber sie bedachte, der Doctor und Andree würden diese Ohnmacht des Kranken schlecht deuten. Sie hob ihn mit ihren Händen auf und sagte: »Sprechen wir, ich als Königin, Sie als Mann. Der Doctor Louis hat es versucht, Sie zu heilen; diese Wunde, welche nichts war, verschlimmert sich burch die Ausschweifungen Ihres Gehirns. Wann wird sie geheilt sein, diese Wunde? Wann werden Sie aufhören, dem Doctor das ärgerliche Schauspiel einer Tollheit zu geben, die ihn beunruhigt? Wann werden Sie vom Schlosse abreisen?« »Madame,« stammelte Charny, »Eure Majestät jagt mich fort ... Ich gehe! ich gehe!« Und er machte eine so heftige Bewegung, um wegzugehen, daß er, aus seinem Gleichgewicht herausgeworfen, sich schwankend in den Armen der Konigin drehte, die ihm den Weg versperrte. Kaum hatte er die Berührung dieser glühenden Brust, die ihn zurückhielt, gefühlt, kaum hatte er sich unter dem unwillkürlichen Drucke des Armes, der ihn trug, gebogen, als seine Vernunft ihn eilig verließ, als sein Mund sich öffnete, um einen verzehrenden Hauch durchzulassen, der kein Wort war und kein Kuß zu sein wagte. Durch diese Berührung selbst versengt, durch diese Schwäche bewegt, hatte die Königin nicht die Zeit, den leblosen Körper auf seinen Stuhl zurückzustoßen. Sie wollte entfliehen, aber Charny's Kopf war rückwärts gefallen; er schlug an das Holz des Stuhles, eine leichte rosenrothe Nuance färbte den Schaum seiner Lippen, ein lauer rosenfarbener Tropfen war von seiner Stirne auf die Hand der Königin gefallen. »Oh! so ist es gut,« murmelte er, »so ist es gut! ich sterbe von Ihrer Hand.« Die Königin vergaß Alles. Sie kam zurück, nahm Charny in ihre Arme, preßte seinen todten Kopf an ihren Busen und legte eine eiskalte Hand auf das Herz des jungen Mannes. Die Liebe bewirkte ein Wund». Charny erwachte wieder. Er öffnete die Augen. Die Erscheinung verschwand. Die Frau erschrack, eine Erinnerung da zurückgelassen zu haben, wo sie nur ein letztes Lebewohl zu geben glaubte. Sie machte drei Schritte gegen die Thüre mit einer solchen Hast, daß Charny kaum Zeit hatte, den Saum ihres Kleides zu ergreifen und auszurufen: »Madame, bei all meiner Verehrung für Gott, die weniger groß ist als meine Verehrung für Sie ...« »Leben Sie wohl!« rief die Königin. »Madame! oh! verzeihen Sie mir!« »Ich verzeihe Ihnen, Herr von Charny!- »Madame, einen letzten Blick!« »Herr von Charny,« sprach die Königin zitternd vor Aufregung und Zorn, »wenn Sie nicht der elendeste Mensch sind, so werden Sie heute Abend oder jedenfalls morgen entweder todt oder vom Schlosse abgereist sein.« Eine Königin bittet, wenn sie in solchen Ausdrücken befiehlt. Charny faltete voll Trunkenheit die Hände und schleppte sich auf den Knieen bis zu den Füßen von Marie Antoinette. Diese hatte schon die Thüre geöffnet, um schneller der Gefahr zu entfliehen. Andree, deren Augen diese Thüre seit dem Anfang der Unterredung verschlungen, sah den jungen Mann niedergeworfen, die Königin schwankend; sie sah die Augen jenes vor Stolz und Hoffnung glänzen, die Blicke dieser sich erloschen gegen den Boden senken. Im Herzen getroffen, verzweiflungsvoll, erfüllt von Haß und Verachtung, beugte sie den Kopf nicht. Als sie die Königin zurückkommen sah, schien es ihr, Gott habe dieser Frau zu viel gegeben, indem er ihr als Ueberfluß einen Thron und die Schönheit gegeben, da er ihr so eben nun auch diese halbe Stunde mit Herrn von Charny geschenkt. Der Doctor sah zu viele Dinge, um eines zu bemerken. Ganz dem Erfolg der gepflogenen Unterhandlung entgegenhaltend, begnügte er sich, zu fragen: »Nun, Madame?« Die Königin brauchte eine Minute, um sich zu erholen und ihre durch die Schläge ihres Herzens erstickte Stimme wiederzuerlangen. »Was wird er thun?« wiederholte der Doctor. »Er wird abreisen,« murmelte die Königin. Und ohne auf Andree, welche die Stirne faltete, und auf Louis zu achten, der sich die Hände rieb, durchschritt sie rasch die Flur und die Gallerie, hüllte sich maschinenmäßig in ihre Mantille mit einer Spitzenkrause, und kehrte in ihre Wohnung zurück. Andree drückte dem Doctor, der wieder zu seinem Kranken eilte, die Hand; dann kehrte sie ebenfalls, mit einem Schritt so feierlich wie der eines Schattens, gesenkten Kopfes, starren Auges und abwesenden Geistes, in ihr Zimmer zurück. Es war ihr nicht einmal eingefallen, die Konigin nach ihren Befehlen zu fragen. Für eine Natur wie Andree ist die Königin nichts, die Nebenbuhlerin Alles. Wieder der Sorge von Louis anheimgegeben, schien Charny nicht mehr derselbe Mensch wie am Tage vorher zu sein. Stark bis zur Uebertreibung, kühn bis zur Prahlerei, richtete er an den guten Doctor so dringende, so energische Fragen über seine nahe bevorstehende Genesung, über die zu befolgende Diät, über die Transportmittel, daß Louis glaubte, es sei ein noch gefährlicherer Rückfall, hervorgebracht durch eine Manie anderer Art, eingetreten. Charny enttäuschte ihn bald; er glich jenen im Feuer gerötheten Eisen, deren Färbung sich vor dem Auge in dem Maße schwächt, in welchem die Hitze an Intensität abnimmt. Das Eisen ist schwarz und spricht nicht mehr zu dem Blick, aber es ist noch glühend genug, um Alles zu verzehren, was man ihm darbieten wird. Louis sah den jungen Mann wieder seine Ruhe und seine Logik aus den guten Tagen annehmen. Charny war in der That so vernünftig, daß er sich für verpflichtet hielt, dem Arzt die plötzliche Veränderung seines Entschlusses zu erklären. »Die Königin,« sagte er, »hat mich, indem sie mich beschämte, mehr geheilt, als Ihre Wissenschaft, mein lieber Doctor, dieß mit vortrefflichen Mitteln gethan hätte. Wer mich bei der Eitelkeit packt, sehen Sie, der bändigte mich wie man ein Pferd mit dem Gebiß bändigt.« »Desto besser, desto besser,« murmelte der Doctor. »Ja, ich erinnere mich, daß ein Spanier – sie sind prahlerisch genug – eines Tags, um mir seine Willensstärke zu beweisen, zu mir sagte, bei einem Duell, in dem er verwundet worden, habe es für ihn genügt, sein Blut zurückhalten zu wollen, damit sein Gegner sich nicht am Anblick seines Blutes habe erlaben können. Ich habe über diesen Spanier gelacht, indessen bin ich ein wenig wie er: wenn mein Fieber, wenn das Delirium, das Sie mir vorwerfen, wiedererscheinen wollten, so würde ich sie, darauf wette ich, verjagen, indem ich sagte: Delirium und Fieber, ihr werdet nicht wiedererscheinen.« »Wir haben Beispiele von diesem Phänomen,« sprach der Doctor mit ernstem Tone. »Jedenfalls erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Glück wünsche. Sie sind nun moralisch geheilt.« »Oh! ja.« »Wohl! Sie werden alsbald sehen, welcher Zusammenhang zwischen dem moralischen und dem physischen Theil des Menschen stattfindet. Das ist eine schöne Theorie, die ich in einem Buche ausführen würde, wenn ich Zeit dazu hätte. Gesund an Geist, werden Sie in acht Tagen auch körperlich gesund sein.« »Lieber Doctor, ich danke Ihnen.« »Und um anzufangen: werden Sie also abreisen?« »Wann es Ihnen beliebt. Auf der Stelle.« »Wir wollen diesen Abend abwarten. Mäßigen wir uns. Mit Extremen zu Werke gehen, heißt Alles auf's Spiel setzen.« »Warten wir bis zum Abend, Doctor.« »Werden Sie weit gehen?« »Bis an's Ende der Welt, wenn es sein muß.« »Das ist zu weit für einen ersten Ausflug,« sprach der Doctor mit demselben Phlegma. »Begnügen wir uns vorerst mit Versailles.« »Versailles, es sei, da Sie es wollen.« »Mir scheint, die Heilung Ihrer Wunde ist für Sie kein Grund, das Land zu verlassen.« Diese studirte Kaltblütigkeit bewog Charny vollends, auf seiner Hut zu sein. »Es ist wahr, Doctor, ich habe ein Haus in Versailles.« »Gut! das ist es, was wir brauchen, man wird Sie heute Abend dahin bringen.« »Sie haben mich nicht recht verstanden, Doctor, ich wünschte eine Fahrt nach meinen Gütern zu machen.« »Ah! ja wohl. Ihre Güter, was Teufels, Ihre Güter sind nicht am Ende der Welt.« »Sie liegen an der Gränze der Picardie, fünfzehn bis zwanzig Meilen von hier.« »Ah! Sie sehen wohl.« Charny drückte dem Doctor die Hand, als wollte er ihm für alle seine Zartheiten danken. Am Abend trugen die vier Knechte, die er bei ihrem ersten Versuche so heftig zurückgeschlagen hatte, Charny bis zu seinem Wagen, der ihn vor dem Pförtchen des Gesindehauses erwartete. Der König hatte den ganzen Tag gejagt, sodann zu Nacht gespeist und schlief nun. Charny, welcher ein wenig darüber besorgt war, daß er sich, ohne Abschied zu nehmen, entfernte, wurde durch den Doctor vollständig beruhigt; dieser versprach ihm, seinen Abgang zu entschuldigen und durch das Bedürfniß der Ortsveränderung zu motiviren. Ehe Charny in seinen Wagen stieg, gab er sich die schmerzliche Befriedigung, bis zum letzten Augenblick nach den Fenstern der Wohnung der Königin zu schauen. Niemand konnte ihn sehen. Einer von den Lakaien, der eine Fackel in der Hand trug, beleuchtete den Weg, ohne das Gesicht zu beleuchten. Charny traf auf den Stufen nur mehrere Officiere, seine Freunde, welche zeitig genug benachrichtigt worden waren, daß sein Abgang nicht das Ansehen einer Flucht hatte. Von diesen heiteren Gefährten bis an den Wagen begleitet, konnte Charny seinen Augen wohl erlauben, an den Fenstern umherzuschweifen; die der Königin glänzten von Licht. Ein wenig leidend, hatte Ihre Majestät die Damen in ihrem Schlafzimmer empfangen. Düster und schwarz, verbargen die Fenster Andree's hinter den Falten ihres Damastvorhangs eine ganz angsterfüllte, ganz zitternde Frau, welche, ohne bemerkt zu werden, jeder Bewegung des Kranken und seines Geleites folgte. Der Wagen fuhr endlich ab, doch so langsam, daß man jedes Hufeisen der Pferde auf dem schallenden Pflaster hörte. »Wenn er nicht mir gehört, so gehört er doch wenigstens Niemand mehr,« murmelte Andree. »Erfaßt ihn wieder die Lust, zu sterben,« sagte der Doctor, während er in seine Wohnung zurückkehrte, »so wird er doch wenigstens weder bei mir, noch in meinen Händen sterben. Der Teufel hole die Seelenkrankheiten, man ist nicht der Arzt von Antiochus und Stratonice, um solche Krankheiten zu heilen.« Charny kam gesund und wohlbehalten in seinem Hause an. Der Doctor besuchte ihn am Abend und fand ihn so gut, daß er ihm sogleich ankündigte, es sei dieß sein letzter Besuch. Der Kranke aß von einer Hühnerbrust und einen Löffel voll eingemachtes Obst von Orleans. Am andern Tag erhielt er einen Besuch von seinem Oheim, Herrn von Suffren, einen von Herrn von Lafayette, sowie von einem Abgesandten des Königs. Es war ungefähr dasselbe am zweiten Tag, und dann kümmerte man sich nicht mehr um ihn. Er stand auf und ging in seinen Garten. Nach acht Tagen konnte er ein frommes Pferd besteigen; seine Kräfte waren wiedergekehrt. Da sein Haus noch nicht ganz verlassen war, so verlangte er nach dem Arzte seines Oheims, und ließ den Doctor Louis um Erlaubniß bitten, nach seinen Gütern abreisen zu dürfen. Louis antwortete mit Zuversicht, die Bewegung von einem Ort zum andern sei der letzte Grad der ärztlichen Behandlung der Wunden: Herr von Charny habe einen guten Wagen, die Straße nach der Picardie sei glatt wie ein Spiegel, und es wäre eine Narrheit in Versailles zu bleiben, wenn man so gut und so glücklich reisen könne. Charny ließ einen großen Wagen mit Gepäcke belade«, verabschiedete sich beim König, der ihn mit Aeußerungen seines Wohlwollens überhäufte, bat Herrn von Suffren, der Königin seine Ehrfurcht zu bezeugen, stieg dann vor dem Thore des königlichen Schlosses in seinen Wagen und reiste nach dem Städtchen Villers-Coterets ab, von wo aus er das Schloß Boursonnes erreichen sollte; dieses lag eine halbe Meile von dem Städtchen, welches die ersten Poesien von Demoustier bereits verherrlichten. LIV. Zwei blutende Herzen. Einen Tag, nachdem Andree die Königin gesehen hatte, wie sie dem vor ihr knieenden Charny entfloh, trat Fräulein von Taverney ihrer Gewohnheit gemäß in das königliche Zimmer, zur Stunde der kleinen Toilette, vor der Messe. Die Königin hatte noch keinen Besuch empfangen. Sie hatte nur ein Billet von Frau von La Mothe gelesen, und ihre Laune war äußerst heiter. Noch bleicher als am Tage vorher, hatte Andree in ihrer ganzen Person jenen Ernst und jene kalte Zurückhaltung, welche die Aufmerksamkeit erregt und selbst die Größten zwingt, mit den Kleinsten zu rechnen. Einfach, so zu sagen streng in ihrer Toilette, glich Andree einer Botin des Unglücks. War dieses Unglück für sie oder für Andere? Die Königin hatte einen ihrer Tage der Zerstreutheit; sie achtete daher nicht auf den langsamen, ernsten Gang Andree's, auf ihre gerötheten Augen, auf die matte Weiße ihrer Schläfe und ihrer Hände. Sie drehte den Kopf gerade nur so viel, als nöthig war, um ihren freundschaftlichen Gruß hören zu lassen. »Guten Morgen, Kleine!« Andree wartete, daß ihr die Königin eine Gelegenheit zum Sprechen gäbe. Sie wartete in der festen Ueberzeugung, ihr Stillschweigen und ihre Unbeweglichkeit würden am Ende die Augen von Marie Antoinette auf sich ziehen. Dieß geschah. Als die Königin keine andere Antwort, als eine tiefe Verbeugung erhielt, wandte sie sich um und bemerkte durch einen Seitenblick dieses Gesicht mit dem scharfen Gepräge des Schmerzes und der Strenge. »Guter Gott! was gibt es, Andree?« fragte sie, indem sie sich ganz umwandte, »ist Dir Unglück widerfahren?« »Ein großes Unglück, ja, Madame,« antwortete die junge Frau. »Was denn?« »Ich werde Eure Majestät verlassen.« »Mich verlassen? Du gehst von hier weg?« »Ja. Madame.« »Wohin gehst Du denn? welche Ursache kann diese plötzliche Abreise haben?« »Madame, ich bin nicht glücklich in meinen Zuneigungen.« Die Königin schaute empor. »In meinen Familienzuneigungen,« fügte Andree erröthend bei. Die Königin erröthete ebenfalls, und der Blitz ihrer beiden Blicke kreuzte sich glänzend wie bei einem Zusammenstoß von Schwertern. Die Königin erholte sich zuerst. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie; »mir scheint, Sie waren gestern glücklich?« »Nein, Madame,« erwiderte Andree mit festem Tone; »gestern war abermals einer der unglücklichen Tage meines Lebens.« »Oh!« machte die Königin, welche träumerisch geworden. Und sie fügte bei: »Erklären Sie sich.« »Ich müßte mich entschließen, Eure Majestät mit Einzelnheiten zu ermüden, welche unter ihrer Würde sind. Ich habe keine Befriedigung in meiner Familie; ich hübe nichts von den Gütern der Erde zu erwarten, und ich bitte Eure Majestät um meinen Abschied, um mich mit meinem Seelenheil zu beschäftigen.« Die Königin stand auf, nahm, obgleich dieser Schritt ihren Stolz schwer anzukommen schien, Andree bei der Hand und sprach: »Was bedeutet dieser Entschluß eines störrischen Kopfes? Hatten Sie nicht gestern auch einen Bruder, einen Vater, wie heute? Waren sie minder beschwerlich und minder schädlich, als heute? Glauben Sie, ich sei fähig, Sie in Verlegenheit zu lassen, und bin ich nicht mehr die Familienmutter, die denjenigen, welche keine Familie haben, eine solche gibt?« Andree fing an zu zittern, wie eine Schuldige; sie verbeugte sich vor der Königin und erwiderte: »Madame, ich bin durchdrungen von Ihrer Güte, aber sie wird mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Ich habe beschlossen, den Hof zu verlassen. Es ist für mich Bedürfniß, in die Einsamkeit zurückzukehren; setzen Sie mich nicht der Gefahr aus, meine Pflichten gegen Sie dadurch zu verrathen, daß ich mich gegen den Beruf verfehle, den ich in mir fühle.« »Seit gestern also?« »Eure Majestät wolle mir nicht befehlen, über diesen Gegenstand zu sprechen.« »Seien Sie frei,« sprach die Königin mit Bitterkeit; »nur bewies ich Ihnen Vertrauen genug, daß Sie solches auch zu mir haben könnten. Doch ein Thor ist, wer einen Menschen, der nicht sprechen will, um ein Wort fragt. Behalten Sie Ihre Geheimnisse, mein Fräulein, seien Sie glücklicher in der Ferne, als Sie es hier gewesen sind. Erinnern Sie sich jedoch stets des Umstandes, daß meine Freundschaft die Leute trotz ihrer Launen nicht verläßt, und daß Sie nicht aufhören werden, für mich eine Freundin zu sein. Nun gehen Sie, Andree, gehen Sie, Sie sind frei.« Andree machte eine Hofverbeugung und entfernte sich. An der Thüre rief die Königin sie zurück. »Wohin gehen Sie, Andree?« »In die Abtei Samt-Denis, Madame,« antwortete Fräulein von Taverney. »In's Kloster! ah! es ist gut, mein Fräulein, Sie haben sich vielleicht nichts vorzuwerfen; doch wäre es nur die Undankbarkeit und die Vergessenheit... so ist das schon zu viel; Sie sind sehr strafbar gegen mich; gehen Sie, Fräulein von Taverney, gehen Sie.« Folge hievon war, daß Andree, ohne andere Erklärungen zu geben, auf welche das gute Herz der Königin rechnete, ohne sich zu demüthigen, ohne sich rühren zu lassen, die Erlaubniß der Königin rasch benützte und verschwand. Marie Antoinette konnte gewahren und gewahrte, daß Fräulein von Taverney auf der Stelle das Schloß verließ. Sie begab sich in der That in das Haus ihres Vaters, wo sie, wie sie erwartete, ihren Bruder im Garten fand. Der Bruder träumte, die Schwester handelte. Als er Andree erblickte, die ihr Dienst im Schlosse zurückhalten mußte, ging Philipp erstaunt, beinahe erschrocken auf sie zu. Erschrocken, besonders über diese düstere Miene, da Andree ihn nie anders als mit einem Lächeln zärtlicher Freundschaft anredete. Er fing an, wie die Königin angefangen hatte; er fragte. Andree teilte ihm mit, sie habe soeben den Dienst der Konigin verlassen, ihr Abschied sei angenommen, und sie werde in's Kloster treten. Philipp schlug heftig in seine Hände, wie ein Mensch, der einen unerwarteten Streich empfangt. »Wie?« rief er, »Du auch, meine Schwester?« »Was! ich auch? was willst Du damit sagen?« »Die Berührung mit den Bourbonen bringt also unserer Familie Nichts als Fluch?« rief er; »Du glaubst Dich genöthigt, das Gelübde abzulegen? Du! Nonne aus Neigung, aus Gemüth! Du, die am Mindesten weltliche der Frauen und am wenigsten zum ewigen Gehorsam gegen die Gesetze des Ascetismus fähig! Laß hören, was wirfst Du der Königin vor?« »Man hat der Königin nichts vorzuwerfen, Philipp,« erwiderte kalt die junge Frau. »Du, der Du so sehr auf die Gunst der Höfe gezählt hast, Du, der Du mehr, als irgend Jemand, darauf zählen mußtest, warum hast Du nicht bleiben können? warum bliebst Du nicht drei Tage? Ich bin drei Jahre geblieben!« »Die Königin ist zuweilen launenhaft. Andree?« »Ist es so, so konntest Du als Mann es ertragen; ich als Weib muß und will es nicht; hat sie Launen, nun wohl! so sind ihre Dienerinnen da.« »Meine Schwester,« erwiderte der junge Mann mit einem düstern Wesen, »das erklärt mir nicht, wie Du Zwistigkeiten mit, der Königin bekommen hast.« »Keine, das schwöre ich Dir; hast Du welche gehabt, Philipp, der Du sie verlassen? Oh! sie ist undankbar, diese Frau.« »Man muß ihr verzeihen, Andree; die Schmeichelei hat sie ein wenig verdorben. Sie ist im Grunde gut.« »Beweis ist, was sie für Dich gethan hat, Philipp.« »Was hat sie gethan?« »Du hast es schon vergessen? Oh! ich, ich habe ein besseres Gedächtniß! Ich bezahle auch an einem und demselben Tage, mit einem und demselben Entschluß Deine und meine Schuld, Philipp.« »Zu theuer, wie mir scheint. In Deinem Alter, mit Deiner Schönheit verzichtet man nicht auf die Welt. Nimm Dich in Acht, liebe Freundin, Du verlassest sie jung, Du wirst Dich alt wieder nach ihr sehnen, und wenn es nicht mehr Zeit ist, wirst Du gegen den Willen aller Deiner Freunde, von denen eine Tollheit Dich getrennt hat, dahin zurückkehren.« »Du urtheiltest nicht so als ein braver, ganz aus Ehre und Gefühl zusammengesetzter Officier, der Du Dich aber um Ruf oder Vermögen so wenig bekümmerst, daß Du da, wo hundert Andere Vermögen und Titel aufgehäuft haben, nur Schulden zu machen und Dich zu verkleinern wußtest; Du urtheiltest nicht so, als Du zu mir sagtest: sie ist launenhaft, Andree, sie ist cokett, sie ist treulos, ich will ihr lieber nicht dienen. Diese Theorie praktisch anwendend, hast Du auf die Welt verzichtet, obgleich Du kein Klosterbruder geworden bist, und wer von uns Beiden den unwiderruflichen Gelübden am nächsten steht, bin nicht ich, die ich sie ablegen will, sondern Du, der sie schon abgelegt hat.« »Du hast Recht, meine Schwester, und ohne unsern Vater ...« »Unser Vater! ah! Philipp, sprich nicht so,« erwiderte Andree voll Bitterkeit, »muß ein Vater nicht die Stütze seiner Kinder sein oder ihre Unterstützung annehmen? Nur unter dieser Bedingung ist er der Vater. Was thut der unsere? frage ich Dich. Hast Du je den Gedanken gehabt, Herrn von Taverney ein Geheimniß anzuvertrauen? Und hältst Du ihn für fähig, Dich zu sich zu rufen, um Dir eines von seinen Geheimnissen mitzutheilen? Nein,« fuhr Andree mit einem Ausdruck von Kummer fort, »Herr von Taverney ist gemacht, um allein in dieser Welt zu leben.« »Das will ich wohl glauben, Andree, doch er ist nicht gemacht, um allein zu sterben.« Diese mit sanfter Strenge gesprochenen Worte erinnerten die junge Frau daran, daß sie ihrem Zorn, ihrer Bitterkeit, ihrem Groll gegen die Welt zu viel Platz in ihrem Herzen ließ. »Ich möchte nicht, daß Du mich für ein Mädchen ohne Gemüth hieltest,« erwiderte sie; «Du weißt, ob ich eine zärtliche Schwester bin, aber es wollte hienieden Jeder in mir den sympathetischen Instinct tödten, der ihm entsprach. Gott hatte mir bei der Geburt, wie jedem Geschöpf, eine Seele und einen Leib gegeben; über diese Seele und diesen Leib kann jedes menschliche Geschöpf zu seinem Glück in dieser und in der andern Welt verfügen. Ein Mann, den ich nicht kannte, hat meine Seele genommen – Balsamo; ein Mann, den ich kaum kannte, und der kein Mann für mich war, hat meinen Leib genommen – Gilbert. – Ich wiederhole Dir, Philipp, um eine gute und fromme Tochter zu sein, fehlt mir nur ein Vater. Gehen wir zu Dir über, untersuchen wir, was Dir der Dienst bei den Großen der Erde eingetragen hat, Dir, der Du sie liebtest.« Philipp neigte das Haupt. »Schone mich,« sagte er, »die Großen der Erde waren für mich nur mir gleiche Geschöpfe; ich liebte sie: Gott hat uns befohlen, einander zu lieben.« »Oh! Philipp!« rief Andree, »es geschieht nie auf dieser Erde, daß das liebende Herz dem, welcher es liebt, unmittelbar entspricht; diejenigen, welche wir gewählt haben, lieben Andere.« Philipp erhob seine bleiche Stirne und betrachtete lange seine Schwester, ohne einen andern Ausdruck, als den des Erstaunens. »Warum sagst Du mir das? worauf zielst Du ab?« fragte er. »Auf nichts,« erwiderte edelmüthig Andree, welche vor dem Gedanken, zu geheimen Mittheilungen oder zu Ohrenbläsereien herabzusteigen, zurückwich. »Ich bin geschlagen, mein Bruder. Ich glaube, daß meine Vernunft leidet; schenke meinen Worten keine Aufmerksamkeit.« »Aber ...« Andree näherte sich Philipp, nahm ihn bei der Hand und sprach: »Genug über diesen Gegenstand, mein geliebter Bruder. Ich bin gekommen, um Dich zu bitten, mich in ein Kloster zu führen: ich habe Saint-Denis gewählt; sei unbesorgt, ich will dort kein Gelübde ablegen. Das wird später kommen, wenn es nothwendig ist. Statt in einem Asyl das zu suchen, was die meisten Frauen darin finden wollen, nämlich Vergessenheit, verlange ich hier die Erinnerung. Mir scheint, ich habe den Herrn zu sehr vergessen. Er ist der einzige König, der einzige Gebieter, der einzige Trost, wie er der Einzige ist, der wirklich niederschlägt. Indem ich mich ihm heute, da ich begreife, nähere, werde ich mehr für mein Glück gethan haben, als wenn Alles, was es Reiches, Starkes, Mächtiges und Liebenswürdiges auf dieser Welt gibt, sich verschworen hätte, um mir ein glückliches Leben zu bereiten. In die Einsamkeit, mein Bruder, in die Einsamkeit, dieses Vorhaus der ewigen Glückseligkeit! ... In der Einsamkeit spricht Gott zum Herzen der Menschen.« Philipp hielt Andree durch eine Geberde zurück. »Erinnere Dich,« sagte er, »daß ich mich moralisch diesem verzweifelten Vorhaben widersetze; Du hast mich nicht zum Richter der Ursachen Deiner Verzweiflung gemacht.« »Verzweiflung!« rief sie mit einer erhabenen Verachtung, »Du sagst Verzweiflung l Oh! Gott sei Dank, ich gehe nicht in Verzweiflung von hinnen! Bedauern mit Verzweiflung! Nein! nein! tausendmal nein!« Und mit einer Geberde voll unbändigen Stolzes warf sie über ihre Schultern die seidene Mantille, welche in ihrer Nähe auf einem Lehnstuhl lag. »Gerade dieses Uebermaß von Verachtung offenbart bei Dir einen Zustand, welcher nicht fortwähren kann,« sprach Philipp. »Du willst das Wort Verzweiflung nicht, nimm das Wort Trotz.« »Trotz!« entgegnete die junge Frau, indem sie ihr höhnisches Lächeln in ein Lächeln voll Stolz verwandelte: »mein Bruder, Du hältst Fräulein von Taverney nicht für so schwach, daß sie ihren Platz auf der Welt aus einer Regung des Trotzes abträte. Der Trotz ist die Schwäche der Gefallsüchtigen oder der Dummen. Das Auge, das sich durch den Trotz entzündet Hai, befeuchtet sich bald mit Thränen, und der Trotz ist gelöscht. Ich habe keinen Trotz, Philipp. Ich möchte gern, daß Du mir glaubtest, und zu diesem Ende brauchtest Du Dich nur selbst zu befragen, wenn Du eine Beschwerde haben zu können vermeinst. Antworte mir, Philipp, wenn Du Dich morgen nach la Trappe zurückzögest, wenn Du Carthäuser wurdest, wie würbest Du die Ursache nennen, die Dich zu diesem Entschluß angetrieben hätte?« »Ich würde diese Ursache einen unheilbaren Kummer nennen, meine Schwester,« antwortete Philipp mit der sanften Majestät des Unglücks. »Gut, Philipp, das ist ein Wort, welches mir zusagt und das ich annehme. Wohl! es ist also ein unheilbarer Kummer, was mich nach der Einsamkeit treibt.« »Gut, und der Bruder und die Schwester werden im Leben keine Unähnlichkeit gehabt haben. Gleich glücklich, werden sie stets in demselben Grade unglücklich gewesen sein. Das macht die gute Familie, Andree.« Andree glaubte, durch seine Gemüthsbewegung fortgerissen, Philipp werde neue Fragen an sie richten, und vielleicht wäre ihr unbeugsames Herz unter dem Drucke der brüderlichen Freundschaft gebrochen. Aber Philipp wußte aus Erfahrung, daß die großen Seelen sich selbst genügen; er beunruhigte Andree nicht in der Verschanzung, die sie sich gewählt hatte. »In welcher Stunde und an welchem Tage gedenkst Du abzugehen?« »Morgen; heute noch, wenn es Zeit wäre.« »Wirst Du nicht einen letzten Spaziergang mit mir im Parke machen?« »Nein!« antwortete sie. Er begriff wohl an dem Händedruck, der diese Weigerung begleitete, daß die junge Frau nur eine Gelegenheit, sich erweichen zu lassen, zurückwies. »Ich bin bereit, wenn Du mich benachrichtigst,« sagte er. Und er küßte ihr die Hand, ohne ein Wort beizufügen, das die Bitterkeit ihres Herzens zum Ueberströmen gebracht hätte. Nachdem Andree die ersten Vorbereitungen getroffen, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wo sie folgendes Billet von Philipp erhielt: »Du kannst unsern Vater heute Abend um fünf Uhr besuchen. Der Abschied ist unerläßlich. Herr von Taverney würde über Vernachlässigung, über schlechtes Benehmen schreien.« Sie antwortete: »Um fünf Uhr werde ich im Reisekleid bei Herrn von Taverney sein. Um sieben Uhr können wir in Samt-Denis ankommen. Wirst Du mir Deinen Abend schenken?« Statt jeder Antwort rief Philipp aus seinem Fenster, welches nahe genug bei der Wohnung Andree's lag, daß diese es hören konnte: »Um fünf Uhr die Pferde an den Wagen.« LV. Ein Finanzminister. Wir haben gesehen, daß die Königin, ehe sie Andree empfing, ein Billet von Frau von La Mothe gelesen und gelächelt hatte. Dieses Billet enthielt nur, mit allen möglichen Formeln des Respects, die Worte: » ... Und Eure Majestät kann versichert sein, daß ihr Credit gegeben, und die Waare im Vertrauen abgeliefert wird.« Die Königin hatte also gelächelt und das Billet von Jeanne verbrannt. Nachdem sie sich in der Gesellschaft des Fräuleins von Taverney ein wenig verdüstert, kam Frau von Misery und meldete, Herr von Calonne warte auf die Ehre, bei ihr zugelassen zu werden. Es kann nicht ungeeignet erscheinen, wenn wir diese Person dem Leser ein wenig erklären. Die Geschichte hat ihm dieselbe so ziemlich bekannt gemacht, aber der Roman, der die Perspectiven und die großen Züge minder genau zeichnet, gibt vielleicht der Einbildungskraft ein befriedigenderes Detail. Herr von Calonne war ein Mann von Geist, sogar von unendlich viel Geist, welcher, aus der nicht sehr an Thränen gewöhnten, obwohl vernünftig urtheilenden Generation der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hervorgehend, in Beziehung auf das über Frankreich schwebende Unglück mit sich im Klaren war, sein Interesse mit dem gemeinschaftlichen Interesse vermischte, wie Ludwig XV. sagte: Nach uns das Ende der Welt! und überall Blumen suchte, um seinen letzten Tag zu schmücken. Er war vertraut mit den Geschäften und zugleich Hofmann. Alle Frauen, die sich durch ihren Geist, durch ihren Reichthum und ihre Schönheit auszeichneten, hatte er durch seine Huldigungen cultivirt, wie etwa die Biene den mit Aromen und Säften erfüllten Pflanzen ihre Huldigungen darbringt. Die Conversation von sieben bis acht Männern und zehn bis zwölf Frauen war damals der Inbegriff aller Kenntnisse. Herr von Calonne hatte mit d'Alembert rechnen, mit Diderot Vernunftschlüsse machen, mit Voltaire spotten, mit Rousseau trauern können. Er war endlich stark genug gewesen, der Volksthümlichkeit Neckers in's Gesicht zu lachen. Herrn Necker, den Weisen und Tiefen, dessen Rechenschaftsbericht ganz Frankreich zu erhellen geschienen hatte, machte Calonne, nachdem er ihn von allen Seiten beobachtet, am Ende lächerlich, selbst in den Augen derjenigen, welche ihn am meisten fürchteten, und der König und die Königin, welche dieser Name beben machte, hatten sich nur zitternd daran gewöhnt, ihn durch einen eleganten Staatsmann von gutem Humor schmähen zu hören, der, um auf so viele schöne Ziffern zu antworten, sich auf die Bemerkung beschränkte: »Wozu nützt es, zu beweisen, daß man nichts beweisen kann?« Necker hatte in der That nur Eines bewiesen, die Unmöglichkeit, worin er sich befand, noch ferner die Finanzen zu verwalten. Herr von Calonne übernahm sie wie eine für seine Schultern zu leichte Last. Was wollte Herr Necker? Reformen. Diese theilweisen Reformen erschreckten alle Geister. Wenige Menschen gewannen dabei, und diejenigen, welche dabei gewannen, gewannen wenig; viele dagegen verloren dabei, und sie verloren zu viel. Wenn Necker eine gerechte Vertheilung der Steuer in's Werk setzen wollte, wenn er die Güter des Adels und die Einkünfte der Geistlichkeit mit Abgaben zu belasten beabsichtigte, bezeichnete er brutaler Weise eine unmögliche Revolution. Er spaltete die Nation und schwächte sie zum Voraus, während er alle Kräfte hätte concentriren müssen, um sie zu einem allgemeinen Resultat der Regeneration zu führen. Dieses Ziel bezeichnete Necker, aber seine Erreichung machte er schon dadurch unmöglich, daß er es bezeichnete. Wer von einer Reform von Mißbräuchen mit denjenigen spricht, welche nicht wollen, daß diese Mißbräuche reformirt werden, setzt sich der nicht dem Widerstande der Betheiligten aus? Darf man den Feind von der Stunde in Kenntniß setzen, zu der man einen Platz stürmen wird? Das hatte Calonne begriffen, und in dieser Hinsicht war er wirklich mehr Freund der Nation, als der Genfer Necker, mehr Freund, sagen wir, in Betreff der vollendeten Thatsachen, denn, statt einem unvermeidlichen Uebel zuvorzukommen, beschleunigte Calonne den Einbruch der Geißel. Sein Plan war kühn, riesenhaft, sicher; es handelte sich darum, iu zwei Jahren zum Bankerott den König und den Adel fortzureißen, die ihn um zehn Jahre verzögert hätten; aber wenn der Bankerott gemacht war, zu sagen: »Nun, ihr Reichen, bezahlt für die Armen, denn sie haben Hunger und werden diejenigen verschlingen, welche sie nicht nähren.« Warum sah der König nicht von Anfang an die Folgen dieses Planes oder diesen Plan selbst? Er, der bei Durchlesung des Rechenschaftsberichts vor Wuth gezittert hatte, warum schauerte er nicht, indem er seinen Minister errieth? Warum wählte er nicht zwischen diesen Systemen, und zog es vor, sich dem Zufall zu überlassen? Das ist die einzige wirkliche Rechnung, welche Ludwig XVI. als Politiker mit der Nachwelt zu ordnen hat. Es war das bekannte Princip, dem sich stets Jeder widersetzt, der nicht Macht genug hat, um das Uebel abzuschneiden, wenn es eingewurzelt ist. Aber um zu erklären, warum sich die Binde dergestalt vor den Augen des Königs verdichtete, warum die in ihren Wahrnehmungen so scharfsichtige und klare Königin sich in Beziehung auf das Benehmen des Ministers so blind als ihr Gemahl zeigte, wird die Geschichte, man müßte vielmehr sagen der Roman, hier ist er willkommen, ewige unerläßliche Details geben. Herr von Calonne trat bei der Königin ein. Er war schön, groß von Wuchs und edel von Manieren. Er wußte die Königin lachen und seine Geliebten weinen zu machen. Obschon fest überzeugt, Marie Antoinette habe in einem dringenden Bedürfnisse nach ihm verlangt, kam er mit einem Lächeln auf den Lippen. Viele Andere wären mit einer verdrießlichen Miene gekommen, um hernach das Verdienst ihrer Einwilligung zu verdoppeln. Die Königin war auch sehr freundlich, sie hieß den Minister sitzen und sprach zuerst von tausend bedeutungslosen Dingen. »Haben wir Geld, mein lieber Herr von Calonne?« sagte sie sodann. »Geld!« rief Herr von Calonne, »gewiß haben wir, wir haben immer.« »Das ist herrlich!« rief die Königin, »ich habe nie einen Mann gekannt, der so wie Sie bei Geldfragen antwortete; als Finanzmann sind Sie unvergleichlich.« »Welche Summe braucht Eure Majestät?« »Ich bitte, erklären Sie mir zuerst, wie haben Sie es gemacht, um Geld da zu finden, wo Herr Necker sagte, es gebe keines?« »Herr Necker hatte Recht, es war kein Geld mehr in den Cassen, und das ist so wahr, daß ich am Tag, wo ich das Ministerium übernahm, am 3. November 1783, man vergißt dergleichen Dinge nicht, Madame, als ich den öffentlichen Schatz suchte, in der Casse nicht mehr als mehr als zwei Säcke mit zwölf hundert Livres fand.« Die Königin lachte. »Nun?« sagte sie. »Nun! Madame, wenn Necker, statt zu sagen: Es ist kein Geld mehr vorhanden, so wie ich hundert Millionen im ersten Jahre und hundert und fünf und zwanzig im zweiten entlehnt und die Ueberzeugung von einem weiteren Anlehen von achtzig Millionen für das dritte gehabt hätte, so wäre Necker ein wahrer Finanzmann gewesen; Jedermann kann sagen: Es ist kein Geld mehr in der Casse; aber nicht Jeder weiß zu antworten: Es ist vorhanden.« »Das sagte ich Ihnen, hierüber beglückwünschte ich Sie. Wie wird man bezahlen? das ist die Schwierigkeit.« »Oh! Madame,« erwiderte Calonne mit einem Lächeln, dessen tiefe, erschreckliche Bedeutung kein menschliches Auge ermessen konnte, »ich stehe Ihnen dafür, daß man bezahlen wird.« »Ich verlasse mich auf Sie,« sagte die Königin, »doch sprechen wir immerhin von den Finanzen; bei Ihnen ist es eine Wissenschaft voll Interesse; ein Strauch bei den Andern, ist es bei Ihnen ein Baum mit Früchten!« Calonne verbeugte sich. »Haben Sie einige neue Gedanken?« fragte die Königin; »ich bitte, geben Sie mir den ersten davon.« »Ich habe einen Gedanken, der zwanzig Millionen in die Taschen der Franzosen und sieben bis acht in die Ihrige bringen wird; verzeihen Sie, in die Casse Seiner Majestät.« »Diese Millionen werden hier willkommen sein. Woher werden sie fließen?« »Es ist Eurer Majestät nicht unbekannt, daß die Goldmünze nicht denselben Werth in allen Staaten Europa's hat!« »Ich weiß es. In Spanien ist das Gold theurer, als in Frankreich.« »Eure Majestät hat vollkommen Recht, und es ist ein Vergnügen, mit Eurer Majestät über Finanzangelegenheiten zu plaudern. Das Gold gilt in Spanien seit fünf bis sechs Jahren achtzehn Unzen mehr der Mark nach, als in Frankreich. Daraus geht hervor, daß die Exportanten mit einer Mark Gold, die sie von Frankreich nach Spanien ausführen, den Werth von ungefähr vierzehn Unzen Silber gewinnen.« »Das ist unbedeutend!« »So daß in einem Jahre,« fuhr der Minister fort, »wenn die Capitalisten wüßten, was ich weiß, kein einziger Louisd'or mehr in unserem Land wäre.« »Sie werden das verhindern?« »Unmittelbar, Madame; ich will den Werth des Goldes auf fünfzehn Mark vier Unzen erhöhen, ein Fünfzehntel Nutzen. Eure Majestät begreift, daß kein Louisd'or in den Cassen bleiben wird, so bald man erfährt, daß in der Münze denjenigen, welche Gold bringen, dieser Nutzen gegeben wird. Es wird die Umschmelzung dieser Münze vorgenommen werden, und in der Mark Gold, welche heute dreißig Louisd'or enthalt, finden wir zwei und dreißig.« »Ein gegenwärtiger Nutzen, ein zukünftiger Nutzen!« rief die Königin; »das ist eine herrliche Idee, welche Furore machen wird.« »Ich glaube es, Madame, und bin sehr glücklich, daß sie so vollkommen Ihre Billigung erhalten hat.« »Haben Sie immer solche, und ich bin sicher, daß Sie alle unsere Schulden bezahlen werden.« »Erlauben Sie mir, Madame, daß ich auf das, was Sie von mir wünschen zurückkomme.« »Wäre es möglich, mein Herr, hätten Sie in diesem Augenblick ...« »Welche Summe?« »Oh! sie ist vielleicht viel zu stark.« Calonne lächelte auf eine Weise, welche die Königin ermuthigte. »Fünfmal hunderttausend Livres,« sagte sie. »Ah! Madame!« rief Calonne, »welche Angst hat mir Eure Majestät gemacht! ich glaubte, es handle sich um eine wahre Summe.« »Sie können also?« »Sicherlich.« »Ohne daß der König . . «« »Ah! Madame, das ist unmöglich; alle meine Rechnungen werden jeden Monat dem König vorgelegt; aber es gibt kein Beispiel, daß bei Konig sie gelesen hat, und ich schätze es mir zur Ehre!« »Wann kann ich auf diese Summe zählen?« »An welchem Tage braucht Eure Majestät das Geld?« »Erst am fünften des nächsten Monats.« »Die Zahlungen sollen für den zweiten befohlen werden; Sie werden Ihr Geld am dritten haben, Madame.« »Herr von Calonne, ich danke.« »Mein höchstes Glück ist, Eurer Majestät zu gefallen. Ich flehe Sie an, sich bei meiner Casse nie Zwang anzuthun. Das wird ein Vergnügen voll Eigenliebe für Ihren Generalcontroleur der Finanzen sein.« Er stand auf und verbeugte sich demüthig; die Königin reichte ihm ihre Hand zum Kuß. »Noch ein Wort.« sagte sie. »Ich höre, Madame.« »Dieses Geld kostet mich einen Gewissensbiß.« »Einen Gewissensbiß ...« »Ja. Es dient zur Befriedigung einer Laune.« »Desto besser, desto besser. Es wird bei der Summe wenigstens die Hälfte Nutzen für unsere Industrie, für unsern Handel und unsere Vergnügungen sein.« »Das ist in der That wahr,« murmelte die Königin, »und Sie haben eine reizende Art mich zu trösten, mein Herr!« »Gott sei gelobt, Madame; mögen wir nie andere Gewissensbisse haben, als die Eurer Majestät, und wir werden geraden Weges in's Paradies eingehen.« »Sehen Sie, Herr von Calonne, es wäre zu grausam für mich, wenn ich das arme Volk meine Launen bezahlen ließe.« »Wohl!« erwiderte der Minister, indem er auf jedes seiner Worte einen Nachdruck mit seinem unheimlichen Lächeln legte, »haben Sie keine Bedenklichkeiten mehr, Madame, denn ich schwöre Ihnen, es wird nie das arme Volk sein, das bezahlt.« Warum nicht?« fragte die Königin erstaunt. »Weil das arme Volk nichts mehr hat,« antwortete unstörbar der Minister, »und weil da, wo nichts ist, der Kaiser sein Recht verliert.« Er verbeugte sich und ging ab. LVI. Wiedergefundene Illusionen. – Verlorenes Geheimniß. Kaum hatte Herr von Calonne die Gallerie durchschritten, um nach Hause zurückzukehren, als der Nagel einer eilfertigen Hand an der Thüre des Boudoirs der Königin kratzte. Jeanne erschien. »Madame,« sagte sie, »er ist da.« »Der Cardinal?« fragte die Königin, ein wenig erstaunt über das Wort er , das, von einer Dame ausgesprochen, so viele Dinge bezeichnet. Sie vollendete nicht. Jeanne hatte schon Herrn von Rohan eingeführt und sich, dem beschützten Beschützer verstohlen die Hand drückend, wieder entfernt. Der Prinz befand sich allein, drei Schritte von der Königin, vor der er ehrerbietig die schuldigen Bücklinge machte. Die Königin, als sie diese taktvolle Zurückhaltung sah, war gerührt; sie reichte dem Cardinal, bei seine Augen noch nicht zu ihr erhoben hatte, ihre Hand. »Mein Herr,« sprach sie, »man hat mir einen Zug von Ihnen mitgetheilt, der viel Unrecht tilgt.« »Erlauben Sie mir,« erwiderte der Prinz, zitternd vor einer Gemüthsbewegung, welche nicht geheuchelt war, »erlauben Sie mir, Madame, Sie zu versichern, daß das Unrecht, von dem Eure Majestät spricht, durch ein Wort der Erklärung zwischen ihr und mir sehr geschwächt würde.« »Ich verbiete Ihnen durchaus nicht, sich zu rechtfertige«,« sprach die Königin mit Würde, »aber das, was Sie mir sagen würden, wärfe einen Schatten auf die Liebe und die Achtung, die ich für mein Vaterland und meine Familie hege. Sie können sich nur entlasten, indem Sie mich verletzen, Herr Cardinal. Doch wir wollen dieses schlecht erloschene Feuer nicht anrühren, es würde vielleicht noch Ihnen und mir selbst die Finger verbrennen; Sie unter dem neuen Lichte sehen, das Sie mir geoffenbart haben, verbindlich, ehrerbietig, ergeben...« »Ergeben bis zum Tod,« unterbrach der Cardinal. »Gut. Doch,« sagte Marie Antoinette lächelnd, »doch bis jetzt handelt es sich nur um den Ruin. Sie wären mir bis zum Ruin ergeben, Herr Cardinal? Das ist sehr schön, das ist schön genug. Zum Glück bringe ich Ordnung in die Sache. Sie werden leben und nicht ruinirt sein, wenn Sie nicht etwa, wie man sagt, sich selbst ruiniren.« »Madame...« »Das ist Ihre Sache. Als Freundin, da wir nun gute Freunde sind, will ich Ihnen indessen einen Rath geben: Seien Sie sparsam, das ist eine Hirtentugend; der König wird Sie mehr lieben, wenn Sie sparsam, als wenn Sie verschwenderisch sind.« »Ich werde geizig werden, um Eurer Majestät zu gefallen.« »Der König,« versetzte die Königin mit einer zarten Nüance, »der König liebt auch die Geizigen nicht...« »Ich werde werden, was Eure Majestät will,« fiel der Cardinal mit einer schlecht verkleideten Leidenschaft ein. »Ich sagte Ihnen also,« schnitt die Königin kurz ab, »Sie werden durch meine Schuld nicht zu Grunde gerichtet werden. Sie find für mich gut gestanden, ich danke Ihnen dafür, aber ich habe Mittel, meinen Verbindlichkeiten zu entsprechen; kümmern Sie sich also nicht mehr um diese Angelegenheiten, welche von der ersten Zahlung an nur mich angehen werden.« »Damit die Sache beendigt sein möge, Madame,« sprach der Cardinal, sich verbeugend, »habe ich Eurer Majestät nur noch das Halsband anzubieten.« Zu gleicher Zeit zog er das Etui aus seiner Tasche und überreichte es der Königin. Sie schaute es nicht einmal an, was bei ihr ein sehr großes Verlangen, es zu sehen, offenbarte, und zitternd vor Freude legte sie es auf ein Arbeitstischchen, doch so, daß sie es unter ihrer Hand behielt. Der Cardinal versuchte sodann einige Worte der Höflichkeit, welche sehr gut aufgenommen wurden, und kam hernach auf das zurück, was die Königin in Betreff ihrer Versöhnung gesagt hatte. Da sie sich aber gelobt hatte, die Diamanten nicht in seiner Gegenwart anzuschauen, und da sie vor Begierde, dieselben zu sehen, brannte, so hörte sie ihn nur noch zerstreut an. Aus Zerstreuung überließ sie ihm auch ihre Hand, die er mit entzückter Miene küßte. Dann nahm er Abschied, da er zu geniren glaubte, was ihn mit Freude erfüllte. Ein einfacher Freund genirt nie, ein gleichgültiger noch viel weniger. Das war der Verlauf dieser Zusammenkunft, welche alle Wunden im Herzen des Kardinals schloß. Er verließ die Königin begeistert, trunken von Hoffnung, und bereit, Frau von La Mothe für die Unterhandlung, die sie so glücklich geführt, eine grenzenlose Dankbarkeit zu beweisen. Jeanne erwartete ihn mit ihrem Wagen, hundert Schritte von der Barriere; sie empfing die glühende Betheurung seiner Freundschaft. »Nun,« sagte sie nach dem ersten Ausbruch dieser Dankbarkeit, »weiden Sie Richelieu oder Mazarin sein? Hat Ihnen die österreichische Lippe Ermuthigungen des Ehrgeizes oder der Zärtlichkeit gegeben? Sind Sie in die Politik oder in die Intrigue versetzt?« »Scherzen Sie nicht, Gräfin, ich bin wahnsinnig vor Glück.« »Schon!« »Stehen Sie mir bei, und in drei Wochen kann ich ein Ministerium in den Händen haben.« »Teufel! in drei Wochen; wie lange das ist! der Verfall der ersten Verbindlichkeiten ist auf vierzehn Tage gestellt.« »Ah! alles Glück kommt zugleich; die Königin hat Geld, sie wird bezahlen; ich werde mir das Verdienst der Absicht haben. Das ist Zu wenig, Gräfin, auf Ehre, es ist zu wenig. Gott ist mein Zeuge, daß ich diese Versöhnung gern um den Preis von fünfmal hunderttausend Livres bezahlt hätte...« »Seien Sie unbesorgt,« unterbrach ihn lächelnd die Gräfin, »Sie werben dieses Verdienst neben den anderen haben. Ist Ihnen viel daran gelegen?« »Ich gestehe, daß ich es vorzöge, wenn die Königin meine Schuldnerin geworden wäre ...« »Monseigneur, es sagt mir Etwas, daß diese Befriedigung Ihnen werden soll. Sind Sie darauf vorbereitet?« »Ich habe meine letzten Güter verkaufen lassen, und für das nächste Jahr meine Einkünfte und Pfründen verpfändet.« »Sie haben also die fünfmalhunderttausend Livres?« »Ich habe sie; nur weiß ich nicht, wenn die Zahlung geleistet ist, wie ich es nachher machen werde.« »Diese Zahlung,« rief Jeanne, »gibt uns ein Vierteljahr Ruhe. In drei Monaten, guter Gott! welche Ereignisse können da eintreten!« »Das ist wahr; doch der König läßt mir sagen, ich solle keine Schulden machen.« »Ein Aufenthalt von zwei Monaten im Ministerium wird alle Ihre Schulden bereinigen.« »Oh! Gräfin...« »Empören Sie sich nicht. Wenn Sie es nicht thäten, würden es Ihre Vetter thun.« »Sie haben immer Recht. Wohin gehen Sie?« »Ich will die Königin wieder aufsuchen und in Erfahrung bringen, welche Wirkung Ihre Gegenwart gemacht hat.« »Sehr gut, ich kehre nach Paris zurück.« »Warum? Sie wären heute Abend zum Spiel zurückgekommen. Das ist gute Tactik; verlassen Sie den Platz nicht.« »Ich muß leider bei einem Rendezvous sein, das ich diesen Morgen vor meinem Abgang erhalten habe.« »Ein Rendezvous?« »Von ziemlich ernster Natur, nach dem Inhalt des Billets zu urtheilen, das man mir zugeschickt hat. Sehen Sie.« »Eine männliche Handschrift,« sagte die Gräfin. Und sie las: »»Monseigneur, es will sich Jemand mit Ihnen über die Deckung einer bedeutenden Summe besprechen. Diese Person wird sich heute Abend bei Ihnen in Paris einfinden, um die Ehre einer Audienz zu erhalten.«« »Anonym ... Ein Bettler.« »Nein, Gräfin, man setzt sich nicht mit heiterem Herzen der Gefahr aus, von meinen Leuten durchgeprügelt zu werden, weil man mich hintergangen hat. »Ich weiß nicht warum, doch mir scheint, ich kenne diese Handschrift.« »Wohl denn! Monseigneur; überdieß wagt man nie viel bei Leuten, welche Geld versprechen. Das Schlimmste wäre, wenn sie nicht bezahlen würden. Guten Tag, Monseigneur.« »Gräfin, ich rechne auf das Glück, Sie wiederzusehen.« »Ah! Monseigneur, zwei Dinge!« »Sprechen Sie.« »Wenn Ihnen unerwartet eine große Summe einginge?« »Nun. Gräfin!« »Etwas Verlorenes; ein Fund! ein Schatz!« »Ich verstehe Sie, Schlimme, Halbpart, nicht wahr?« »Meiner Treue, Monseigneur!« »Sie bringen mir Glück, Gräfin, warum sollte ich Ihnen nicht dafür Rechnung tragen? Das wird geschehen. Nun daß Andere?« »Hören Sie. Lassen Sie sich nicht einfallen, die fünfmal hunderttausend Livres anzugreifen.« »Oh! seien Sie unbesorgt.« Und sie trennten sich. Der Cardinal kehrte in einer Atmosphäre himmlischer Glückseligkeit nach Paris zurück. Das Leben nahm für ihn in der That seit zwei Stunden ein anderes Gesicht an. War er nur verliebt, so hatte ihm die Königin mehr gegeben, als er von ihr zu hoffen gewagt hatte; war er ehrgeizig, so ließ sie ihn noch mehr hoffen. Geschickt von seiner Frau geleitet, wurde der König das Werkzeug eines Glückes, das fortan kein Hindernis; mehr kannte. Der Prinz Louis fühlte sich voll Ideen: er hatte so viel politisches Genie, wie keiner von seinen Nebenbuhlern, er verstand die Frage der Verbesserung, er versöhnte die Geistlichkeit mit dem Volk, um eine jener festen Majoritäten zu bilden, welche lange durch die Stärke und das Recht regieren. An die Spitze dieser Reformbewegung die Königin stellen, die er anbete, und deren beständig zunehmende Unbeliebtheit er in eine Popularität ohne Gleichen verwandelt hätte: das war der Traum des Prälaten, und diesen Traum konnte ein einziges zärtliches Wort der Königin Marie Antoinette in eine Wirklichkeit verwandeln. Dann Verzichtete der Unbesonnene auf seine leichten Siege, der Weltmensch machte sich zum Philosophen, der Müßiggänger wurde ein unermüdlicher Arbeiter. Es ist eine leichte Aufgabe für große Charactere, die Blässe der Schwelgereien mit der Ermüdung durch das Studium zu vertauschen. Fortgezogen durch das Gespann, das man den Ehrgeiz und die Liebe nennt, war Herr von Rohan weit gegangen. Er glaubte sich schon bei seiner Rückkehr nach Paris am Werke, verbrannte auf einmal eine Kiste voll Liebesbillets, rief seinen Intendanten, um Reformen anzuordnen, ließ durch einen Secretär Federn schneiden, um Memoiren über die Politik Englands zu schreiben, die er vortrefflich verstand, und, seit einer Stunde bei der Arbeit, fing er an wieber in ben Besitz seiner selbst zurückzukehren, als ihm der Ton einer Klingel in seinem Cabinet einen wichtigen Besuch verkündigte. Ein Huissier trat ein. »Wer ist da?« fragte der Prälat. »Die Person, welche diesen Morgen an Monseigneur geschrieben hat.« »Ohne zu unterzeichnen?« »Ja, Monseigneur.« »Doch diese Person hat einen Namen. Fragen Sie danach.« Der Huissier kam nach einem Augenblick zurück und meldete: »Der Herr Graf von Cagliostro.« Der Prinz bebte. »Er trete ein.« Der Graf trat ein, die Thüren schlössen sich wieder hinter ihm. »Großer Gott!« rief der Cardinal, »was sehe ich?« »Nicht wahr, Monseigneur, daß ich mich kaum verändert habe.« »Ist es möglich ...« murmelte Herr von Rohan, »Joseph Balsamo am Leben, während man sagte, er sei bei jenem Brand umgekommen, Joseph Balsamo...« »Graf von Fönix am Leben, ja, Monseigneur, und lebendiger, als je.« »Aber mein Herr, unter welchem Namen erscheinen Sie denn? und warum haben Sie nicht den alten behalten?« »Gerade, Monseigneur, weil er alt ist und, vor Allem bei mir, sodann bei den Andern zu viel traurige oder lustige Erinnerungen zurückruft. Ich spreche nur von Ihnen, Monseigneur, hätten Sie Joseph Balsamo nicht von Ihrer Thüre gewiesen?« »Ich? oh! nein, mein Herr, nein.« Und der Cardinal bot, immer noch erstaunt, Cagliostro nicht einmal einen Stuhl an. »Dann hat Eure Eminenz mehr Gedächtniß und Ehrlichkeit, als alle Menschen miteinander,« sagte Cagliostro. »Mein Herr, Sie haben mir einst einen solchen Dienst geleistet ...« »Nicht wahr, Monseigneur, ich habe mein Alter nicht verändert,« unterbrach ihn Balsamo, »und ich bin ein schönes Muster der Resultate meiner Lebenstropfen.« »Ich gestehe es, mein Herr, doch Sie stehen über der Menschheit, da Sie so freigebig Allen Gold und Gesundheit spenden.« »Die Gesundheit, ich leugne das nicht, Monseigneur; doch das Gold ... nein, oh! nein ...« »Sie machen kein Gold mehr?« »Nein, Monseigneur.« »Und warum nicht?« »Weil ich das letzte Theilchen einer unentbehrlichen Ingredienz verloren habe, die mir mein Lehrer, der weise Althotas, nach seinem Abgange aus Aegypten gegeben hatte; es ist dieß das einzige Recept, welches ich nicht eigen besaß.« »Er hat es behalten?« »Nein, das heißt, ja, behalten oder mit in's Grab genommen, wie Sie wollen.« »Er ist gestorben?« »Ich habe ihn verloren.« »Warum haben Sie nicht das Leben dieses Mannes, des unumgänglich notwendigen Verwahrers dieses unumgänglich notwendigen Recepts, verlängert, während Sie doch sich selbst seit Jahrhunderten lebendig und jung erhalten haben, wie Sie sagen?« »Weil ich Alles gegen die Krankheit, gegen die Wunde vermag, aber Nichts gegen den Unfall, der tödtet, ohne daß man mich ruft.« »Und es war ein Unfall, der die Tage von Althotas endigte?« »Sie müssen es erfahren haben, da Sie meinen Tod wußten.« »Der Brand der Rue Saint-Claude, bei welchem Sie verschwanden ...« »Hat Althotas allein getödtet, oder der Weise wollte vielmehr, des Lebens müde, sterben.« »Das ist seltsam.« »Nein, es ist natürlich, ich meinerseits habe schon hundertmal daran gedacht, ich sollte zu leben aufhören.« »Aber Sie haben dennoch auf dem Leben beharrt.« »Weil ich mir einen Jugendzustand wählte, in welchem die schöne Gesundheit, die Leidenschaften oder Vergnügungen des Körpers mir noch eine Zerstreuung verschaffen; Althotas dagegen hatte sich den Alterszustand gewählt.« »Althotas mußte es machen, wie Sie.« »Nein, er war ein tiefer und erhabener Mann; von allen Dingen dieser Welt wollte er nur die Wissenschaft. Und diese Jugend mit dem gebieterischen Blut, diese Leidenschaften, diese Vergnügungen hätten ihn von der ewigen Beschauung abgelenkt; Monseigneur, es ist von Gewicht, daß man immer fieberfrei ist; um gut zu denken, muß man sich in einer unstörbaren Schlafsucht absorbiren können. Der Greis sinnt besser nach, als der junge Mann; wenn ihn die Traurigkeit erfaßt, gibt es auch kein Mittel mehr. Althotas ist als ein Opfer seiner Ergebenheit für die Wissenschaft gestorben. Ich lebe wie ein Weltkind, verliere meine Zeit und thue durchaus nichts. Ich bin eine Pflanze. Ich darf nicht sagen, eine Blume, ich lebe nicht, ich athme.« »Oh!« murmelte der Cardinal, »mit dem wiedererstandenen Mann ersteht auch wieder mein ganzes Erstaunen. Sie geben mich jener Zeit zurück, mein Herr, wo die Zauberkraft Ihrer Worte, wo die Wunderbarkeit Ihrer Handlungen alle meine Fähigkeiten verdoppelten und in meinen Augen den Werth eines Geschöpfes erhöhten. Sie erinnern mich an die zwei Träume meiner Jugend. Wissen Sie, es sind siebzehn Jahre, daß Sie mir erschienen.« »Ich weiß es, wir haben Beide sehr abgenommen. Monseigneur, ich bin kein Weiser mehr, sondern ein Gelehrter. Sie, Sie sind nicht mehr ein schöner junger Mann, sondern ein schöner Fürst. Erinnern Sie sich, Monseigneur, jenes Tages, wo ich in meinem heute durch die Tapeten verjüngten Cabinet Ihnen die Liebe einer Frau versprach, deren blonde Haare meine Seherin befragt hatte?« Der Cardinal erbleichte und erröthete dann plötzlich. Der Schrecken und die Freude hatten hinter einander die Schläge seines Herzens unterbrochen. »Ich erinnere mich,« sagte er, »doch nur verworren.« »Wir wollen sehen,« sprach Cagliostro lächelnd, »wir wollen sehen, ob ich noch für einen Zauberer gelten könnte. Warten Sie, bis ich diese Idee fest erfasse.« Er dachte nach. »Die blonde junge Person Ihrer Liebesträume,« sagte er nach einem Stillschweigen, »wo ist sie? was macht sie? Ah! bei Gott, ich sehe sie; ja ... und Sie selbst haben sie heute gesehen. Mehr noch, Sie kommen von ihr her.« Der Cardinal drückte eine eiskalte Hand auf sein klopfendes Herz. »Mein Herr!« sagte er so leise, daß Cagliostro es kaum hörte, »ich bitte ...« »Wollen Sie, daß wir von etwas Anderem sprechen?« versetzte der Wahrsager mit höflichem Tone. »Oh! ich bin ganz zu Ihren Befehlen, Monseigneur. Haben Sie die Güte, über mich zu verfügen.« Und er streckte sich ziemlich frei auf einem Sopha aus, den der Cardinal ihm zu bezeichnen seit dem Anfang dieses interessanten Gesprächs vergessen hatte. LVII. Gläubiger und Schuldner. Der Cardinal sah seinem Gaste mit einer beinahe verdutzten Miene zu. »Nun!« sagte Cagliostro, »da wir unsere Bekanntschaft erneuert haben, Monseigneur, plaudern wir, wenn es Ihnen beliebt.« »Ja,« erwiderte der Prälat, der sich allmälig erholte, »ja sprechen wir von der Deckung, welche ... welche ...« »Die ich in meinem Briefe bezeichnet habe. Nicht wahr, Eure Eminenz wünscht eiligst zu erfahren ...« »Oh! das war ein Vorwand ... so denke ich wenigstens.« »Nein, mein Herr, durchaus nicht, es war eine Wirklichkeit, und zwar eine höchst ernste. Diese Deckung lohnt sich wohl der Mühe, bewerkstelligt zu werden, da es sich um fünfmal hunderttausend Livres handelt und fünfmal hunderttausend Livres eine Summe sind.« »Und zwar eine Summe, die Sie mir zuvorkommend geliehen haben!« rief der Cardinal, auf dessen Gesicht eine leichte Blasse erschien. »Ja, Monseigneur, die ich Ihnen geliehen habe,« sprach Balsamo; »ich sehe mit Vergnügen bei einem so großen Fürsten wie Sie ein so gutes Gedächtniß.« Der Cardinal hatte den Schlag empfangen; er fühlte einen kalten Schweiß von seiner Stirne nach seinen Wangen herabrieseln. »Ich glaubte einen Augenblick,« sagte er, indem er zu lächeln suchte, »Joseph Balsamo, der übernatürliche Mann, habe seine Schuldforderung in sein Grab mitgenommen, wie er meinen Schein in's Feuer geworfen hatte.« »Monseigneur,« erwiderte der Graf mit ernstem Tone, »das Leben von Joseph Balsamo ist unzerstörbar, wie dieses Blatt Papier, das Sie für vernichtet hielten. Der Tod vermag nichts gegen das Lebenselixir, das Feuer vermag nichts gegen den Asbest.« »Ich verstehe nicht,« sagte der Cardinal, dem eine Blendung vor den Augen vorüberzog. »Sie werden verstehen, Monseigneur, dessen bin ich sicher.« »Wie so?« Und er gab dem Prinzen ein zusammengelegtes Papier, und dieser rief, sogar ehe er es geöffnet: »Mein Schein!« »Ja, Monseigneur, Ihr Schein,« erwiderte Cagliostro mit einem leichten Lächeln, das noch durch eine kalte Verbeugung gemildert wurde. »Sie verbrannten ihn doch, ich sah die Flamme davon.« »Ich habe das Papier allerdings in's Feuer geworfen, aber, wie gesagt, Monseigneur. der Zufall wollte, daß Sie auf ein Stück Asbest geschrieben hatten, statt auf ein gewöhnliches Papier, so daß ich den Schein unversehrt auf den verbrannten Kohlen gefunden habe.« »Mein Herr,« sprach der Cardinal mit einem gewissen Stolz, denn er glaubte in der Vorweisung des Scheins ein Zeichen von Mißtrauen zu sehen, »mein Herr, glauben Sie mir, daß ich diese Schuld eben so wenig ohne dieses Papier geläugnet hätte, als ich sie mit diesem Papier läugne. Sie hatten also Unrecht, daß Sie mich täuschten.« »Ich, Sie täuschen? Ich hatte nicht einen Augenblick diese Absicht, das schwöre ich Ihnen.« »Sie haben mich glauben gemacht, das Unterpfand sei vernichtet.« »Um Ihnen den ruhigen und glücklichen Genuß der fünfmal hunderttausend Livres zu lassen,« erwiderte Balsamo mit einer leichten Bewegung der Schultern. »Aber, mein Herr,« fuhr der Cardinal fort, »warum haben Sie zehn Jahre lang eine solche Summe ausgesetzt gelassen?« »Monseigneur, ich wußte, bei wem ich sie angelegt hatte. Die Ereignisse, das Spiel, die Diebe haben mich allmälig aller meiner Güter beraubt. Da ich aber wußte, daß ich dieses Geld in Sicherheit hatte, so wartete ich geduldig bis zum letzten Augenblick.« »Und der letzte Augenblick ist gekommen?« »Ach! ja, Monseigneur.« »So, daß Sie sich weder mehr gedulden, noch warten können?« »Das ist mir in der That unmöglich,« antwortete Cagliostro. »Sie verlangen also Ihr Geld von wir zurück?« »Ja, Monseigneur.« »Schon heute?« »Wenn es Ihnen beliebt.« Der Cardinal beobachtete ein verzweiflungsvolles Stillschweigen. Dann sprach er mit bebender Stimme: »Herr Graf, die unglücklichen Fürsten der Erde improvisiren nicht so rasche Vermögen, wie Ihr Zauberer, die Ihr über die Geister der Finsterniß und des Lichtes gebietet.« »Oh! Monseigneur, glauben Sie mir, ich würde diese Summe nicht von Ihnen gefordert haben, hätte ich nicht vorher gewußt, daß Sie dieselbe besitzen.« »Ich habe fünfmal hunderttausend Livres, ich?« rief der Cardinal. »50.000 Livres in Gold, 10.000 in Silber, das Uebrige in Bankscheinen.« Der Cardinal erbleichte. »Welche dort in jenem Schranke von Boule sind,« fügte Cagliostro bei. »Oh! mein Herr, Sie wissen das?« »Ja, Monseigneur, und ich kenne auch alle die Opfer, die Sie bringen mußten, um sich diese Summe zu verschaffen. Ich hörte sogar sagen, Sie haben dieses Geld um seinen doppelten Werth gekauft.« »Oh! das ist wahr.« »Doch ...« »Doch?« rief der unglückliche Prinz. »Doch ich, ich wäre seit zehn Jahren zwanzigmal beinahe vor Hunger oder in Verlegenheit neben diesem Papier gestorben, das für mich eine halbe Million darstellte, und dennoch habe ich, um Sie nicht zu beunruhigen, gewartet. Ich glaube daher, daß wir so ungefähr quitt sind, Monseigneur.« »Quitt, mein Herr!« rief der Prinz, »oh! sagen Sie nicht, wir seien quitt, da Ihnen der Vortheil bleibt, mir so großmüthig eine Summe von dieser Bedeutung geliehen zu haben; quitt! oh! nein, nein! ich bin und bleibe ewig Ihr Schuldner. Nur frage ich Sie, Herr Graf, warum Sie, der Sie seit zehn Jahren diese Summe von mir zurückverlangen konnten, geschwiegen haben? Seit zehn Jahren hätte ich zwanzigmal Gelegenheit gehabt, Ihnen dieses Geld zurückzugeben, ohne daß es mir schwer gefallen wäre.« »Während heute?« ... fragte Cagliostro. »Oh! heute verberge ich Ihnen nicht, daß diese Wiedererstattung, die Sie fordern, denn nicht wahr, Sie fordern sie...« »Leider, Monseigneur.« »Mir gewaltig schwer fällt.« Cagliostro machte mit dem Kopf und den Schultern eine kleine Bewegung, welche bedeutete: Was wollen Sie, Monseigneur? es ist einmal so und kann nicht anders sein. »Aber Sie, der Sie Alles errathen!« rief der Prinz, »Sie, der Sie im Grunde der Herzen wie im Grunde der Schränke, was zuweilen noch viel schlimmer ist, zu lesen vermögen, Sie brauchen ohne Zweifel nicht erst zu erfahren, warum mir so viel an diesem Gelde liegt, und was der geheimnißvolle und heilige Gebrauch ist, zu dem ich es bestimme?« »Sie irren sich, Monseigneur.« erwiderte Cagliostro mit einem eisigen Ton, »nein, ich habe keine Ahnung, und meine Geheimnisse haben mir Betrübnis;, Täuschungen und Jammer genug zugezogen, daß ich mich durchaus nicht um die Geheimnisse Anderer bekümmere, wenn sie mich nicht interessiren. Es interessirte mich, zu wissen, ob Sie Geld hatten oder ob Sie keines hatten, insofern ich von Ihnen zu fordern befugt war. Als ich aber einmal wußte, daß Sie hatten, lag mir wenig daran, zu erfahren, wozu Sie es bestimmten. Ueberdieß, Monseigneur, wenn ich in diesem Augenblick die Ursache Ihrer Verlegenheit wüßte, würde sie mir vielleicht gewichtig genug und so achtenswerth erscheinen, daß ich die Schwäche hätte, noch zuzuwarten, was mir unter den gegenwärtigen Umständen, ich wiederhole es Ihnen, den größten Nachtheil brächte. Ich ziehe es daher vor, nichts zu wissen.« »Oh! mein Herr!« rief der Cardinal; dessen Stolz und Empfindlichkeit diese letzten Worte wieder erweckt hatten, »glauben Sie wenigstens nicht, ich wolle Ihr Mitleid in Beziehung auf meine persönlichen Verlegenheiten erregen; Sie haben Ihre Interessen, sie sind vertreten und garantirt durch diesen Schein, dieser Schein ist von meiner Hand unterzeichnet, das ist genug. Sie sollen Ihre fünfmal hunderttausend Livres bekommen.« Cagliostro verbeugte sich. »Ich weiß wohl.« sprach der Cardinal, verzehrt von dem Schmerz in einer Minute so viel mühsam aufgehäuftes Geld zu verlieren, »ich weiß, daß dieses Papier nur eine Anerkennung der Schuld ist und keine Verfallzeit für die Bezahlung bestimmt.« »Eure Eminenz wolle mich entschuldigen,« erwiderte der Graf, »ich berufe mich auf den Buchstaben des Scheins und sehe hier geschrieben: »»Ich bescheinige, von Herrn Joseph Balsamo die Summe von 500,000 Livres empfangen zu haben, die ich ihm auf seine erste Forderung zurückbezahlen werde. »Unterz. Louis von Rohan .« Der Cardinal schauerte an allen seinen Gliedern; er hatte nicht nur die Schuld, sondern auch die Worte, in denen sie bescheinigt war, vergessen. »Sie sehen, Monseigneur, daß ich nicht das Unmögliche verlange,« fuhr Balsamo fort. »Sie können nicht, gut. Nur bedaure ich, daß Eure Eminenz zu vergessen scheint, daß die Summe aus freien Stücken von Joseph Balsamo in einer bedeutungsvollen Stunde gegeben worden ist, und dieß wem? Herrn von Rohan, den er nicht kannte. Das ist, wie mir scheint, das Benehmen eines vornehmen Mannes, das Herr von Rohan, in jeder Hinsicht ein so vornehmer Mann, bei der Wiedererstattung hätte nachahmen können. Noch Sie dachten, das müßte nicht so geschehen, sprechen wir also nicht mehr davon; ich nehme meinen Schein zurück. Gott befohlen, Monseigneur.« Nach diesen Worten legte Cagliostro das Papier kalt zusammen und schickte sich an, es wieder in seine Tasche zu stecken,. Der Cardinal hielt ihn zurück. »Herr Graf,« sagte er, »ein Rohan duldet nicht, daß ihm irgend Jemand in der Welt Lectionen in der Großmuth gibt« Ueberdieß wäre es hier ganz einfach eine Lection der Redlichkeit. Ich bitte Sie, mein Herr, geben Sie mir den Schein, damit ich ihn bezahle.« Nun war es Cagliostro, der seinerseits zu zögern schien. Das bleiche Gesicht, die angeschwollenen Augen, die bebende Hand des Kardinals schienen in der That ein lebhaftes Mitleid in ihm zu erregen. Der Cardinal, so stolz er war, begriff diesen guten Gedanken von Cagliostro. Einen Augenblick hoffte er, es würde ein gutes Resultat daraus hervorgehen. Plötzlich aber verhärtete sich das Auge des Grafen, eine Wolke lief über seine gefaltete Stirne hin und er streckte die Hand und den Schein gegen den Cardinal aus. Im Herzen getroffen, verlor Herr von Rohan nicht einen Augenblick; er wandte sich nach dem Schranke, den Cagliostro bezeichnet hatte, und zog daraus ein Bündel Anweisungen auf die Wasser- und Forstkasse; dann bezeichnete er mit dem Finger mehrere Säcke Silber und öffnete eine Schublade voll Gold. »Herr Graf,« sagte er, »hier sind Ihre fünfmal hunderttausend Livres! nur bin ich Ihnen zu dieser Stunde noch weitere zweimal hundert und fünfzig tausend Livres schuldig, indem ich annehme, daß Sie Zins aus Zins ausschlagen, was eine noch viel beträchtlichere Summe machen würde. Ich will die Rechnungen durch meinen Intendanten stellen lassen und Ihnen Sicherheiten für diese Bezahlung geben, wobei ich Sie bitte, mir Zeit bewilligen zu wollen.« »Monseigneur,« erwiderte Cagliostro, »ich habe Herrn von Rohan fünfmal hunderttausend Livres geliehen. Herr von Rohan ist mir fünfmal hunderttausend Livres schuldig und nicht mehr. Hätte ich Interessen ziehen wollen, so würde ich sie in dem Schein ausbedungen haben. Mandatar oder Erbe von Joseph Balsamo, wie es Ihnen beliebt, denn Joseph Balsamo ist wirklich todt, darf ich nur die in der Schuldurkunde ausgesprochenen Summen annehmen. Sie bezahlen mir dieselben, dafür sage ich Ihnen meinen ehrerbietigen Dank. Ich nehme also die Anweisung an, Monseigneur, und da ich noch am heutigen Tage der ganzen Summe bedarf, so werde ich das Gold und das Silber, was ich Sie bereit zu halten bitte, abholen lassen.« Nach diesen Worten, auf welche der Cardinal nichts zu erwidern wußte, steckte Cagliostro das Bündel mit den Papieren in die Tasche, verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Prinzen, in dessen Hände er den Schein legte, und entfernte sich. »Das Unglück,« seufzte der Prinz, nach dem Abgang Cagliostro's, »das Unglück trifft nur mich, da die Königin zu bezahlen im Stande ist, und zu ihr wenigstens kein unerwarteter Joseph Balsamo kommen wird, um einen Rückstand von fünfmal hunderttausend Livres zu fordern.« LVIII. Haushaltungsrechnungen. Es war zwei Tage vor der ersten von bei Königin bestimmten Zahlung. Herr von Calonne hatte sein Versprechen noch nicht gehalten. Seine Rechnungen waren noch nicht vom König unterzeichnet. Der Minister hatte viel zu thun gehabt und dadurch die Königin ein wenig vergessen. Sie ihrerseits hielt es nicht ihrer Würbe angemessen, das Gedächtniß des Controleur der Finanzen aufzufrischen. Da sie seine Zusage erhalten hatte, so wartete sie. Sie fing indessen an unruhig zu werden und sich zu erkundigen, sie sann eben auf Mittel, Herrn von Calonne, zu sprechen, ohne die Königin zu compromittiren, als ihr ein Billet folgenden Inhalts vom Minister zukam: »Diesen Abend wird die Sache, mit der mich Eure Majestät gnädigst beauftragt hat, im Rathe unterzeichnet werden, und die Gelder werden morgen früh bei der Königin sein.« Ihre ganze Heiterkeit kehrte auf Marie Antoinette's Lippen zurück. Sie dachte an nichts mehr. Man sah sie sogar auf ihren Spaziergängen die einsamsten Alleen suchen, als wollte sie ihre Gedanken von aller materiellen und weltlichen Berührung absondern. Sie ging noch mit Frau von Lamballe und dem Grafen von Artois spazieren, als der König nach seinem Mittagsmahle in der Sitzung des Rathes erschien. Der König war von einer wunderlichen Laune. Aus Rußland kamen schlimme Nachrichten. Ein Schiff war im Golf von Lyon untergegangen. Einige Provinzen verweigerten die Steuerbezahlung, Eine schöne, vom König selbst polirte und gefirnißte Weltkugel war vor Hitze zersprungen, und Europa fand sich bei der Vereinigung des 30. Grades der Breite mit dem 55. der Länge in zwei Theile geschnitten. Seine Majestät schmollte mit der ganzen Welt, selbst mit Herrn von Calonne. Vergebens bot dieser sein schönes parfümirtes Portefeuille mit seiner lachenden Miene an. Schweigsam und verdrießlich kritzelte der König auf ein Stück weißes Papier Schraffirungen, welche Sturm bedeuteten, wie die Gliedermännchen und die Pferde schön Wetter bedeuteten. Es war eine Manie des Königs, während der Rathssitzungen zu zeichnen. Ludwig XVI. liebte es nicht, den Leuten in's Gesicht zu sehen, er war schüchtern: eine Feder in seiner Hand gab ihm Sicherheit und Haltung. Während er sich so beschäftigte, konnte der Redner seine Beweisgründe entwickeln; der König, indem er das Auge verstohlen aufschlug, gebrauchte von Zeit zu Zeit ein wenig von dem Feuer seiner Blicke – gerade so viel, als nöthig war, um die Idee zu beurtheilen und den Menschen nicht zu vergessen. Sprach er selbst, und er sprach gut, so benahm seine Zeichnung seiner Rede jedes Ansehen der Anmaßung: er brauchte keine Geberde mehr zu machen; er konnte nach Belieben sich unterbrechen oder erwärmen, der Zug auf dem Papier ersetzte im Nothfall die Zierrathen des Wortes. Der König nahm also seiner Gewohnheit gemäß die Feder, und die Minister fingen an Entwürfe oder diplomatische Noten vorzulesen. Der König gab keine Sylbe von sich, er ließ die auswärtige Korrespondenz vorüber gehen, als begriffe er kein Wort von dieser Art von Arbeit. Aber man kam zum Detail der Rechnungen des Monats; er erhob das Haupt. Herr von Calonne hatte eine Denkschrift in Beziehung auf das für das folgende Jahr beabsichtigte Anlehen zu lesen angefangen. Der König machte mit der größten Wuth Schraffirungen. »Immer entlehnen, ohne zu wissen, wie man es zurückgeben wird,« sagte er; »das ist doch ein Problem, Herr von Calonne.« »Sire, ein Anlehen ist ein Aderlaß, den man an einer Quelle macht, das Wasser verschwindet hier, um dort im Ueberfluß zu strömen. Mehr noch, es verdoppelt sich durch die unterirdischen Anpumpungen. Und vor Allem, statt zu sagen: wie werden wir bezahlen? müßte man sagen: wie und worauf werden wir entlehnen? Denn das Problem, von dem Eure Majestät sprach, heißt nicht: womit wird man zurückgeben? sondern: wird man wohl Gläubiger finden?« Der König trieb seine Schraffirungen bis zum undurchsichtigsten Schwarz, doch er fügte kein Wort mehr bei; seine Züge sprachen von selbst. Nachdem Herr von Calonne seinen Plan, mit dem Gutheißen seiner Collegen, auseinandergesetzt hatte, nahm der König den Entwurf und unterzeichnete ihn, obwohl seufzend. »Nun, da wir Geld haben, geben wir aus,« sagte Herr von Calonne lachend. Der König schaute seinen Minister mit einer Grimasse an und machte aus der Schraffirung einen ungeheuren Tintenklecks. Herr von Calonne gab ihm einen Etat, aus Ruhegehalten, Gratificationen, Aufmunterungen, Geschenken und Besoldungen bestehend. Die Arbeit war kurz, gut auseinandergesetzt. Der König wandte die Blätter um und eilte zur Gesammtsumme. »Eine Million und viermal hunderttausend Livres für so wenig! Wie kommt das?« Und er lieh die Feder ruhen. »Lesen Sie, Sire, lesen Sie, und wollen Sie bemerken, daß bei den elfmal hunderttausend Livres ein einziger Artikel auf fünfmal hunderttausend Livres gestellt ist.« »Welcher Artikel, Herr Generalcontroleur?« »Der Vorschuß für Ihre Majestät die Königin, Sire.« »Für die Königin!« rief Ludwig XVI. »Fünfmal hunderttausend Livres der Königin! Ei, mein Herr, das ist nicht möglich!« »Verzeihen Sie, Sire, die Zahl ist vollkommen richtig.« »Fünfmal hunderttausend Livres der Königin!« wiederholte der König. »Es muß ein Irrthum obwalten. In der vorigen Woche, nein, vor vierzehn Tagen habe ich Ihrer Majestät ihre drei Monate ausbezahlen lassen.« »Sire, wenn die Königin Geld nöthig hat, und man weiß, wie Ihre Majestät Gebrauch davon macht, so ist es nichts Außerordentliches ...« »Nein, nein!« rief der König; – er fühlte nämlich das Bedürfniß, von seiner Sparsamkeit sprechen zu machen, um der Königin einiges Jubelgeschrei zu verschaffen, wenn sie in die Oper gehen würde –; »die Königin will diese Summe nicht, Herr von Calonne. Die Königin hat mir gesagt, ein Schiff sei mehr werth, als Juwelen. Die Königin denkt, wenn Frankreich entlehne, um seine Armen zu ernähren, so müssen die reichen Leute Frankreich borgen. Braucht die Königin dieses Geld, so wird ihr Verdienst größer sein, wenn sie darauf wartet; und ich stehe Ihnen dafür, daß sie warten wird.« Die Minister zollten diesem patriotischen Erguß des Königs, den der göttliche Horaz in diesem Augenblick nicht Uxorius genannt hätte, großen Beifall. Nur Herr von Calonne, der die Verlegenheit der Königin kannte, beharrte auf der Genehmigung des Postens. »Wahrhaftig,« sprach der König, »Sie sind mehr für uns interressirt, als wir selbst. Beruhigen Sie sich, Herr von Calonne.« »Die Königin, Sire, wird mich beschuldigen, ich sei nicht sehr eifrig für ihren Dienst gewesen.« »Ich werde Ihre Sache bei ihr vertheidigen.« »Die Königin, Sire, verlangt nie, wenn sie nicht durch die Notwendigkeit gezwungen wird.« Hat die Königin Bedürfnisse, so sind sie, wie ich hoffe, minder gebieterisch, als die der Armen, und das wird sie zuerst zugestehen.« »Sire...« »Besagter Artikel ...« sprach der König entschlossen. Und er nahm die Feder von den Schraffirungen. »Sie durchstreichen diesen Credit, Sire?« rief Herr von Calonne bestürzt. »Ich durchstreiche ihn,« antwortete Ludwig XVI. majestätisch. »Und es ist mir, als hörte ich hier die edle Stimme der Königin mir danken, daß ich ihr Herz so gut erkannt.« Herr von Calonne biß sich auf die Lippen. Mit diesem heldenmütigen persönlichen Opfer zufrieden, unterschrieb der König alles Ueblige in blindem Vertrauen. Und er zeichnete ein schönes Zebra, umgeben von Nullen, und wiederholte; »Ich habe heute Abend fünfmal hunderttausend Livres gewonnen, ein schöner Königstag, Herr von Calonne; Sie werden diese gute Kunde der Königin überbringen, Sie werden sehen, Sie werden sehen.« »Ah! mein Gott. Sire,« murmelte der Minister, »ich wäre in Verzweiflung, wenn ich Ihnen die Freude dieses Bekenntnisses rauben sollte. Jedem nach seinen Verdiensten!« »Es sei,« erwiderte der König, »heben wir die Sitzung auf. Genug der Arbeit, wenn die Arbeit gut ist. Ah! dort kommt die Königin; gehen wir ihr entgegen, Calonne.« »Sire, ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, ich habe meine Unterschrift.« Und er machte sich so schnell als möglich durch den Corridor aus dem Staube. Der König ging muthig und ganz strahlend Marie Antoinette entgegen, welche, mit ihrem Arm auf den Grafen von Artois gestützt, im Vorhause sang. »Madame,« sagte er, »nicht wahr, Sie haben einen guten Spaziergang gemacht?« »Einen vortrefflichen, und Sie, haben Sie eine gute Arbeit gemacht?« »Beurtheilen Sie selbst, ich habe fünfmal hunderttausend Livres für Sie gewonnen.« »Calonne hat Wort gehalten,« dachte die Königin. »Stellen Sie sich vor,« fügte Ludwig XVI. bei, »Calonne hatte Sie für eine halbe Million auf den Credit gesetzt.« »Oh!« machte Marie Antoinette lächelnd. »Und ich ... ich habe durchstrichen. So sind fünfmal hunderttausend Livres mit einem Federstrich gewonnen.« »Wie, durchstrichen?« rief die Königin erbleichend. »Gerade zu; das wird Ihnen ungeheuer nützen. Guten Abend, Madame, guten Abend « »Sire! Sire!» »Ich verspüre gewaltigen Hunger unb kehre in meine Gemächer zurück. Habe ich mein Abendbrod nicht wohl verdient?« »Sire, hören Sie doch.« Doch Ludwig hüpfte und entfloh, hocherfreut über seinen Scherz. Die Königin blieb erstaunt, stumm und bestürzt zurück. »Mein Schwager,« sagte sie endlich zum Grafen von Artois, »lassen Sie mir Herrn von Calonne holen, dahinter ist ein schlimmer Streich.« Gerade in diesem Augenblick brachte man der Königin folgendes Billet des Ministers: »Eure Majestät wird erfahren haben, daß der Credit vom König verweigert worden ist. Das ist unbegreiflich, Madame, und ich habe mich krank und von Schmerz durchdrungen aus dem Rathe entfernt.« »Lesen Sie,« sagte sie, das Billet dem Grafen von Artois reichend. »Und es gibt Leute, welche behaupten, wir verschleudern die Staatseinkünfte, meine Schwägerin!« rief der Prinz. »Das ist das Verfahren ...« »Eines Ehemanns,« murmelte die Königin. »Guten Abend, mein Schwager.« »Empfangen Sie meine Beileidsbezeigungen, liebe Schwägerin; ich bin nun gewarnt, denn ich hatte morgen verlangen wollen.« »Man hole mir Frau von La Mothe,« sagte die Königin nach langem Nachsinnen zu Frau von Misery, »wo sie auch sein mag, und auf der Stelle.«   LIX. Marie Antoinette als Königin. Frau von La Mothe als Weib. Der Courier, den man nach Paris an Frau von La Mothe absandte, fand die Gräfin oder fand sie vielmehr nicht beim Cardinal von Rohan. Jeanne hatte Seiner Eminenz einen Besuch gemacht, sie hatte hier zu Mittag gespeist, sie speiste hier zu Nacht und unterhielt sich mit ihm von der unseligen Rückerstattung, als der Läufer anfragte, ob sich die Gräfin bei Herrn von Rohan befinde. Der Portier, als ein gewandter Man, erwiderte, Seine Eminenz sei ausgefahren, und Frau von La Mothe befinde sich nicht im Hotel, doch nichts sei leichter, als ihr das sagen zu lassen, womit Ihre Majestät ihren Boten beauftragt habe, insofern sie wahrscheinlich diesen Abend in das Hotel kommen würde. »Sie soll sich so schnell als möglich nach Versailles begeben,« sagte der Läufer; und er entfernte sich, nachdem er denselben Auftrag in allen muthmaßlichen Wohnungen bei nomadischen Gräfin hinterlassen hatte. Doch kaum war der Läufer weggegangen, als der Portier, der seinen Auftrag besorgte, ohne weit zu gehen, Frau von La Mothe durch seine Frau bei Herrn von Rohan, wo die zwei Verbündeten nach Muße über die Unhaltbarkeit großer Geldsummen philosophirten, benachrichtigen ließ. Die Gräfin begriff bei dieser Mittheilung, es sei dringend, daß sie sogleich abgehe. Sie verlangte ein Paar gute Pferde vom Cardinal, der sie selbst in eine Berline ohne Wappen setzte, und während er viele Commentare über diese Botschaft machte, fuhr die Gräfin so gut, daß sie in einer Stunde vor das Schloß kam. Hier wartete Jemand, um sie ohne Verzug bei Marie Antoinette einzuführen. Die Königin hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Der Nachtdienst war abgethan und keine Frau mehr in den Gemächern, außer Frau von Misery, welche im kleinen Boudoir las. Marie Antoinette stickte, oder gab sich den Anschein, als stickte sie, und horchte dabei mit unruhigem Ohr auf alles Geräusch außen, als Jeanne auf sie zustürzte. »Ah!« rief die Königin, »Sie sind hier, desto besser. Eine Neuigkeit, Gräfin ...« »Eine gute, Madame?« »Beurtheilen Sie. Der König hat die fünfmal hunderttausend Livres verweigert.« »Herrn von Calonne?« »Jedermann. Der König will mir kein Geld mehr geben. Dergleichen Dinge begegnen nur mir.« »Mein Gott!« murmelte die Gräfin. »Das ist unglaublich, nicht wahr, Gräfin? Verweigern, die schon ausgefertigte Anweisung durchstreichen! Doch, sprechen wir nicht mehr von dem, was todt ist. Sie werden sogleich nach Paris zurückkehren.« »Ja. Madame.« »Und dem Cardinal sagen, da ei mit so viel Hingebung zu Werke gegangen, um mir Vergnügen zu machen, so nehme ich seine fünfmal hunderttausend Livres bis zum nächsten Quartal an. Das ist selbstsüchtig von mir, Gräfin, doch ich muß ... ich mißbrauche seine Güte.« »Ah! Madame,« murmelte Jeanne, »wir sind verloren, Der Herr Cardinal hat kein Geld mehr.« Die Königin sprang auf, als wäre sie verwundet oder beleidigt worden. »Kein ... Geld ... mehr?« stammelte sie. »Madame, eine Schuldforderung, an die Herr von Rohan nicht mehr dachte, ist an ihn gestellt worden. Es war eine Ehrenschuld, er hat bezahlt.« »Fünfmal hunderttausend Livres!« »Ja, Madame.« »Aber ...« »Sein letztes Geld ... Kein Mittel mehr.« Die Königin hielt, wie betäubt durch dieses Unglück, inne. »Nicht wahr, ich bin wohl wach?« sagte sie dann. »Alle diese Widerwärtigkeiten müssen mir zustoßen? Woher wissen Sie, Gräfin, daß Herr von Rohan kein Geld mehr hat?« »Er erzählte mir diesen Unstern vor anderthalb Stunden, Madame. Das Unglück ist um so weniger wieder gut zu machen, als diese fünfmal hunderttausend Livres das waren, was man den Boden der Schublade nennt.« Die Königin stützte ihre Sinne auf ihre beiden Hände. »Man muß einen großen Entschluß fassen.« sagte sie. »Was will die Königin thun?« dachte Jeanne. »Sehen Sie, Gräfin, das ist eine furchtbare Lection, die mich dafür bestrafen wird, daß ich hinter dem Rücken des Königs eine Handlung mittelmäßigen Ehrgeizes, kleinlicher Coketterie begangen habe. Gestehen Sie, dieses Halsband war kein Bedürfniß für mich.« »Das ist wahr, Madame, doch wenn eine Königin nur ihre Bedürfnisse und nicht auch ihre Neigungen um Rath fragte...« »Ich will vor Allem meine Ruhe, das Glück meines Hauses zu Rathe ziehen. Es brauchte nicht mehr, als diese erste Niederlage, um mir darzuthun, wie vielen Verdrießlichkeiten ich mich auszusetzen im Begriff stand, wie furchtbar an Widerwärtigkeiten der Weg war, den ich gewählt hatte. Gehen wir offen, gehen wir frei, gehen wir einfach zu Werke.« »Madame!« »Und um anzufangen, opfern wir unsere Eitelkeit auf dem Altar der Pflicht, wie Herr Dorat sagen würde.« Dann murmelte sie mit einem Seufzer: »Oh! das Halsband war doch sehr schön!« »Es ist noch so.« »Von nun an ist es nur noch ein Haufen Steine für mich. Mit den Steinen macht man, wenn man damit gespielt hat, was die Kinder nach dem Mühlenspiel damit machen, man wirft sie weg, man läßt sie liegen.« »Was will die Königin hiemit sagen?« »Die Königin will sagen, liebe Gräfin, Sie werden das von Herrn von Rohan mir überbrachte Etui zurücknehmen und wieder zu den Juwelieren Böhmer und Bossange tragen.« »Es ihnen zurückgeben?« »Allerdings.« »Aber, Madame, Eure Majestät hat zweimal hundert und fünfzigtausend Livres Angeld gegeben?« »Dabei gewinne ich abermals zweimal hundert und fünfzigtausend Livres, und ich bin nun im Einklang mit den Rechnungen des Königs.« »Madame! Madame!« rief die Gräfin, »so eine Viertelsmillion verlieren! Denn es kann geschehen, daß die Juweliere Schwierigkeiten machen, die Gelder zurückzugeben, über die sie verfügt haben werden.« »Darauf zähle ich und ich überlasse ihnen das Angeld unter der Bedingung, daß der Handel rückgängig wird. Seitdem ich dieses Ziel sehe, Gräfin, fühle ich mich viel leichter. Mit diesem Halsband haben sich hier Sorgen, Verdruß, Angst, Argwohn einquartiert. Nie hatten diese Diamanten Feuer genug gehabt, um alle die Thränen zu trocknen, die ich in Wolken über mir lasten fühle. Gräfin, tragen Sie mir dieses Etui auf der Stelle fort. Die Juweliere machen da ein gutes Geschäft. Zweimal hundert und fünfzigtausend Livres Reukauf, das ist ein Gewinn; es ist der Nutzen, den sie an mir machten, und dabei haben sie noch das Halsband. Ich denke, sie werden sich nicht beklagen, und Niemand wird etwas davon erfahren.« »Aber Herr von Rohan, Madame?« »Der Cardinal hat nur in der Absicht, mir Vergnügen zu machen, gehandelt. Sie sagen ihm, es sei mein Vergnügen, das Halsband nicht mehr zu haben, und wenn er ein Mann von Geist ist, so wird er mich verstehen; ist er ein guter Priester, so wird er mein Benehmen billigen und mich in meinem Opfer bestärken.« So sprechend, reichte die Königin Jeanne das geschlossene Etui. Diese schob es sanft zurück und sagte: »Madame, warum wollen Sie es nicht versuchen, noch eine Frist zu erlangen?« »Verlangen ... nein!« »Ich habe gesagt erlangen, Madame.« »Verlangen, heißt sich demüthigen, Madame; erlangen, heißt gedemüthigt werden. Ich würde vielleicht begreifen, daß man sich für eine geliebte Person demüthigte, daß man sich demüthigte, um ein lebendes Geschöpf zu retten, und wäre es nur sein Hund; doch um das Recht zu haben, diese Steine zu behalten, welche brennen wie die angezündete Kohle, ohne mehr zu leuchten und ebenso dauerhaft zu sein, oh! Gräfin, nie wird mich ein Rath bestimmen, das anzunehmen! Tragen Sie das Etui fort, meine Liebe, tragen Sie es fort.« »Aber bedenken Sie, Madame, welchen Lärmen diese Juweliere machen werden, aus Höflichkeit wenigstens, und um Sie zu beklagen. Ihre Zurückweisung wird Sie eben so sehr dem Verdruß und der Nachrede aussetzen, als Ihre Einwilligung. Das ganze Publicum wird erfahren, daß Sie die Diamanten in Ihrer Gewalt gehabt haben.« »Niemand wird es erfahren. Ich bin diesen Juwelieren nichts mehr schuldig; ich werde sie nicht mehr empfangen; es ist doch des Wenigste, daß sie für meine zweimal hundert und fünfzigtausend Livres schweigen; und meine Feinde, statt zu sagen, ich kaufe für anderthalb Millionen Diamanten, werden nun sagen, ich werfe mein Geld in den Handel. Das ist minder unangenehm. Tragen Sie es fort, Gräfin, tragen Sie es fort, und danken Sie Herrn von Rohan für seine Freundlichkeit und seinen guten Willen.« Und mit einer gebieterischen Geberde reichte die Königin das Etui abermals Jeanne, welche diese Last nicht ohne eine Bewegung in ihren Händen fühlte. »Sie haben keine Zeit zu verlieren,« fuhr die Königin fort; »je weniger die Juweliere Unruhe haben werden, desto sicherer werden wir der Geheimhaltung sein; fahren Sie rasch zurück, und Niemand sehe das Etui. Begeben Sie sich zuerst in Ihre Wohnung, denn ich befürchte, ein Besuch bei Böhmer zu dieser Stunde könnte Verdacht bei der Police! erregen, die sich sicherlich mit dem beschäftigt, was man bei mir thut; dann wenn Ihre Rückkehr die Spione von der Fährte abgebracht hat, gehen Sie zu den Juwelieren und bringen Sie mir einen Empfangschein von ihnen.« »Ja, Madame, es soll so geschehen, da Sie es wollen.« Sie steckte das Etui unter ihr Mäntelchen, wobei sie besorgt war, daß nichts den Umfang desselben verrieth, und stieg in den Wagen mit all dem Eifer, den die Genossin ihrer Handlung forderte. Zuerst fuhr sie nach Hause und schickte den Wagen zu Herrn von Rohan zurück, um dem Kutscher, der sie geführt, nichts von dem Geheimniß zu enthüllen. Dann ließ sie sich umkleiden, um ein minder elegantes und für dieses nächtliche Unternehmen besser geeignetes Gewand anzulegen. Ihre Kammerfrau kleidete sie rasch an, und bemerkte, daß sie während dieser Operation, welche gewöhnlich mit der ganzen Aufmerksamkeit einer Dame vom Hof beehrt wurde, nachdenklich und zerstreut war. Jeanne dachte in der That nicht an ihre Toilette, sie ließ mit sich machen, und richtete ihr Nachdenken auf eine seltsame, ihr von der Gelegenheit eingegebene Idee. Sie fragte sich, ob der Cardinal nicht einen großen Fehler begehe, wenn er die Königin diesen Schmuck zurückgeben lasse, und ob der begangene Fehler nicht eine Verminderung des Glückes herbeiführen werde, das Herr von Rohan träume, und welches zu erreichen er, die kleinen Geheimnisse der Königin theilend, sich schmeicheln könne. Wenn sie Marie Antoinette's Befehl vollzog, ohne sich mit Herrn von Rohan zu berathen, verfehlte sie sich nicht gegen die ersten Pflichten des Bündnisses? Würde der Cardinal, wenn er mit allen seinen Mitteln am Ende wäre, nicht lieber sich selbst verkaufen, als die Königin eines Gegenstandes beraubt lassen, nach dem sie begehrt hatte? »Ich kann es nicht anders machen, ich muß mich mit dem Cardinal berathen,« sagte Jeanne zu sich selbst. »Vierzehnmal hunderttausend Livres,« fügte sie in ihrem Geiste bei; »nie wird er vierzehnmal hunderttausend Livres haben!« Dann wandte sie sich plötzlich gegen ihre Kammerfrau um und sagte: »Gehen Sie, Rose.« Die Kammerfrau gehorchte, und Frau von La Mothe setzte ihren geistigen Monolog fort. »Welche Summe! welch ein Vermögen, und wie all die Glückseligkeit, all der Glanz, den eine solche Summe verschafft, durch die kleine Schlange in Edelsteinen, welche in diesem Etui hier flammt, so gut dargestellt sind!« Sie öffnete das Etui und versengte sich die Augen bei der Berührung dieser rieselnden Flammen. Sie zog das Halsband aus dem Atlas, rollte es in ihren Fingern, schloß es in ihre zwei kleinen Hände und sagte: »Vierzehnmal hunderttausend Livres, welche hierin Raum haben, denn dieses Halsband hat wirklich einen Geldwerth von vierzehnmal hunderttausend Livres, und die Juweliere würden noch heute diesen Preis bezahlen. »Ein seltsames Geschick, das Jeanne von Valois, der Bettlerin, der Unbekannten gestattet, mit ihrer Hand die Hand der Königin, der größten Fürstin der Welt, zu berühren, und auch in ihren Händen, allerdings nur für eine Stunde, vierzehnmal hunderttausend Livres zu besitzen, eine Summe, die in dieser Welt nie allein geht, und die man stets durch bewaffnete Wächter oder durch Garantien begleiten läßt, welche in Frankreich nicht geringer sein können, als die eines Cardinals und einer Königin. »Das Alles in meinen Fingern! Wie schwer das ist und wie es leicht ist! »Um in Gold, diesem kostbaren Metall, das Aequivalent dieses Kleinods fortzuschaffen, hätte ich zwei Pferde nöthig; um es in Cassenbillets fortzuschaffen ... und werden die Cassenbillets immer bezahlt? muß man nicht unterzeichnen, controliren? Und dann ist ein Billet Papier; das Feuer, die Luft, das Wasser zerstören es. Ein Cassenbillet hat nicht in allen Ländern Curs; es verräth seinen Ursprung, es offenbart den Namen seines Inhabers. Ein Cassenbillet verliert nach einiger Zeit einen Theil seines Werthes, oder seinen ganzen Werth. Die Diamanten dagegen sind die harte Materie, welche Allem widersteht, und die Jedermann kennt, schätzt, bewundert und kauft, in London, in Berlin, in Madrid, in Brasilien sogar. Alle verstehen einen Diamanten, besonders von dem Schnitt und Wasser, die man in diesen findet! Wie schön sind sie! Wie bewunderungswürdig! Welches Ganze und welche Einzelheiten! Jeder von ihnen ist für sich allein vielleicht verhältnißmäßig mehr werth, als alle miteinander! »Doch woran denke ich!« sagte sie plötzlich; »fassen wir rasch den Entschluß, entweder den Cardinal aufzusuchen, oder das Halsband, dem Auftrage der Königin gemäß, Böhmer zurückzugeben.« Sie erhob sich, immer in ihrer Hand die Diamanten haltend, die sich erwärmten und glänzten. »Sie werden also zu dem kalten Juwelier zurückkehren, der sie abwägen und mit seiner Bürste Poliren wird. Diese Juwelen, die an Marie Antoinette's Hals glänzen könnten ... Böhmer wird zuerst aufschreien, dann sich bei dem Gedanken, er habe den Nutzen und behalte die Waare, beruhigen. Ah! ich vergaß, in welcher Form soll ich den Empfangschein für die Juwelen abfassen lassen? Das ist ernster Natur, man muß bei dieser Abfassung mit viel Diplomatie zu Werke gehen. Die Schrift darf weder Böhmer, noch die Königin, noch den Cardinal, noch mich verbindlich machen. »Ich werde nie eine solche Urkunde allein entwerfen. Ich bedarf eines Rathes. »Der Cardinal ... Oh! nein, wenn der Cardinal mich liebte oder reicher wäre und mir die Diamanten schenkte ...« Sie setzte sich auf ihren Sopha, die Diamanten um ihre Hand gewickelt, den Kopf brennend, voll verworrener Gedanken, die sie bald erschreckten, bald von ihr mit einer fieberhaften Energie zurückgestoßen wurden. Plötzlich ward ihr Auge ruhiger, fester, mehr auf ein Bild des Geistes geheftet; sie gewahrte nicht, daß die Minuten vergingen, daß Alles in ihr eine fortan unerschütterliche Haltung annahm; daß sie, jenen Schwimmern ähnlich, die den Fuß in den Schlamm der Flüsse gesetzt haben, durch jede Bewegung, die sie machte, um sich zu befreien, weiter hinabgezogen wurde. Eins Stunde verging in dieser stummen und tiefen Beschauung eines geheimnißvollen Ziels. Dann stand sie langsam auf, erbleicht wie die Priesterin durch die Inspiration, und läutete ihrer Kammerfrau. Es war zwei Uhr Morgens. »Suchen Sie mir einen Fiaker,« sagte sie, »oder einen Handwagen, wenn kein anderes Gefährt mehr da ist.« Die Dienerin fand einen Fiaker, der in der Vieille Rue du Temple schlief. Frau von La Mothe stieg allein ein und schickte ihre Kammerfrau zurück. Nach zehn Minuten hielt der Fiaker vor der Thüre des Pamphletschreibers Reteau von Villette. LX. Der Empfangschein Böhmers und die Verschreibung der Königin. Das Resultat dieses nächtlichen Besuchs bei dem Pamphletschreiber Reteau von Billette erschien erst am andern Tag, und zwar auf folgende Weise: Um sieben Uhr Morgens übersandte Frau von La Mothe der Königin einen Brief, der den Empfangschein der Juweliere enthielt. Dieses wichtige Aktenstück war also abgefaßt: »Wir, die Unterzeichneten, anerkennen, das ursprünglich an die Königin gegen eine Summe von sechszehnmal hunderttausend Livres verkaufte Diamanten-Halsband wieder in Besitz genommen zu haben, da die Diamanten Ihrer Majestät nicht anstanden, welche uns für unsere Bemühungen und Auslagen durch die Überlassung einer in unsere Hände bezahlten Summe von zweimal hundert und fünfzigtausend Livres entschädigt hat. Unterz. Böhmer und Bossange .« Nunmehr über die Angelegenheit, welche sie lange gequält hatte, beruhigt, schloß die Königin den Schein in ihr Arbeitstischchen ein und dachte nicht mehr daran. Aber in einem seltsamen Widerspruch mit diesem Schein, erhielten die Juweliere Böhmer und Bossange zwei Tage nachher einen Besuch vom Cardinal von Rohan, der einige Bangigkeit über die Bezahlung der zwischen den Verkäufern und der Königin festgesetzten ersten Rate gehegt hatte. Herr von Rohan fand Böhmer in seinem Hause auf dem Quai de l'Ecole. Seit dem Morgen, der VErfallzeit der ersten Rate, mußte, wenn Verzug oder Weigerung stattgefunden hätte, Lärm im Lager der Juweliere sein. Aber das Haus Böhmer athmete ganz im Gegentheil Ruhe, und Herr von Rohan fühlte sich glücklich, als er ein gutes Gesicht bei den Dienern, einen runden Rücken und einen wedelnden Schwanz bei dem Hunde des Juweliers fand. Böhmer empfing seinen vornehmen Kunden mit der freudigen Miene der Befriedigung. »Nun!« sagte Herr von Rotzan, »es ist heute Zahlungstermin. Die Königin hat also bezahlt?« »Monseigneur, nein,« antwortete Böhmer. »Ihre Majestät konnte kein Geld geben. Sie wissen, daß Herr von Calonne vom König abgewiesen wurde; die ganze Welt spricht davon.« »Ja, die ganze Welt spricht davon, Böhmer, und gerade diese Abweisung ist es, was mich hierher führt.« »Doch Ihre Majestät ist vortrefflich und vom besten Willen. Da sie nicht bezahlen konnte, so hat sie die Schuld garantirt, und wir verlangen nicht mehr.« »Ah! desto besser!« rief der Cardinal, »die Schuld garantirt, sagen Sie? Das ist sehr gut, doch ... wie?« »Auf die einfachste und zarteste Weise,« erwiderte der Juwelier, »auf eine ganz königliche Weise.« »Durch die Vermittelung der geistreichen Gräfin vielleicht?« »Nein, Monseigneur, nein. Frau von La Mothe ist nicht einmal erschienen, und das hat Herrn Bossange und mir ungemein geschmeichelt.« »Nicht erschienen! die Gräfin ist nicht erschienen? Glauben Sie mir, daß sie bei dieser Sache ein Wort mitzusprechen hat, Herr Böhmer. Jede gute Eingebung muß von der Gräfin kommen. Sie begreifen, ich will damit Ihrer Majestät nicht zu nahe treten.« »Monseigneur wird beurtheilen, ob Ihre Majestät zart und gut gegen uns gewesen ist. Es hatten sich Gerüchte über die Weigerung des Königs in Betreff der Anweisung der fünfmal hunderttausend Livres verbreitet; wir schrieben an Frau von La Mothe.« »Wann?« »Gestern, Monseigneur« »Was antwortete sie?« »Eure Eminenz weiß nichts davon?« fragte Böhmer mit einer unmerklichen Nuance ehrerbietiger Vertraulichkeit. »Nein, seit drei Tagen habe ich nicht die Ehre gehabt, die Frau Gräfin zu sehen,« erwiderte der Prinz als wahrer Prinz. »Wohl! Frau von La Mothe erwiderte mir die zwei Worte: »»Warten Sie.«« »Schriftlich?« »Nein, Monseigneur, mündlich. In unserem Briefe baten wir Frau von La Mothe, Sie um eine Audienz zu ersuchen und die Königin darauf aufmerksam zu machen, daß der Zahlungstermin herannahe.« »Das Wort: Warten Sie, war ganz natürlich,« sagte der Cardinal. »Wir warteten also, Monseigneur, und gestern Abend erhielten wir von der Königin, durch einen sehr geheimnisvollen Courier, einen Brief.« »Einen Brief! an Sie, Böhmer?« »Oder vielmehr eine Verschreibung in guter Form, Monseigneur.« »Lassen Sie sehen.« »Oh! ich würde sie Ihnen zeigen, hätten wir, mein Associé und ich, nicht geschworen, sie Niemand sehen zu lassen.« »Und warum?« »Weil diese Behutsamkeit uns von der Königin selbst auferlegt worden ist; beurtheilen Sie, Ihre Majestät empfiehlt Geheimhaltung.« »Ah! das ist etwas Anders; Sie sind sehr glücklich, meine Herren Juweliere, daß Sie Briefe von der Königin besitzen.« »Für dreizehnmal hundert und fünfzigtausend Livres, Monseigneur,« sagte kichernd der Juwelier, »kann man allerlei haben . . .« »Zehn Millionen, hundert Millionen bezahlen gewisse Dinge nicht,« erwiderte der Kardinal mit strengem Tone; »Sie haben also gute Garantie?« »So gut als möglich, Monseigneur.« »Die Königin hat die Schuld anerkannt?« »In gebührender Form.« »Und macht sich verbindlich zu bezahlen ...« »In drei Monaten fünfmal hunderttausend Livres; den Rest in einem halben Jahr.« »Und ... die Interessen?« »Oh! Monseigneur, ein Wort Ihrer Majestät verbürgt uns dieselben. »» Machen wir ,«« fügt Ihre Majestät voll Güte bei, »» machen wir diese Angelegenheit unter uns ab;«« unter uns , Eure Eminenz begreift die Empfehlung: »» Sie werden keinen Anlaß haben, es zu bereuen .«« Und sie unterzeichnet. Von nun an, sehen Sie, ist das für mich und meinen Associé eine Ehrensache.« »Ich bin nun quitt gegen Sie, Herr Böhmer,« sagte der Cardinal entzückt; »bald ein anderes Geschäft.« »Wenn uns Eure Eminenz mit Ihrem Vertrauen beehren wird ...« »Doch bemerken Sie abermals hierin die Hand dieser liebenswürdigen Gräfin...« »Wir sind Frau von La Mothe sehr dankbar, Monseigneur, und Herr Bossange und ich haben beschlossen, für diese Güte erkenntlich zu sein, wenn uns die vollständige Bezahlung des Halsbandes wieder zu baarem Gelde verholfen haben wird.« »St! st!« machte der Cardinal, »Sie haben mich nicht begriffen.« Und er kehrte zu seinem Wagen zurück, geleitet von den Ehrfurchtsbezeigungen des ganzen Hauses. Man kann nun die Larve aufheben. Für Niemand ist der Schleier auf der Bildsäule geblieben. Was Jeanne von La Mothe gegen ihre Wohlthäterin gethan, hat Jedermann begriffen, als er sie die Feder des Pamphletschreibers Reteau von Billette entlehnen sah. Keine Unruhe bei den Juwelieren, keine Bedenklichkeiten bei bei Königin, keine Zweifel bei dem Cardinal mehr. Drei Monate sind der Ergründung des Betrugs und Verbrechens vergönnt; in diesen drei Monaten werden die unseligen Früchte hinreichend gereift sein, daß die ruchlose Hand sie pflücken kann, Jeanne kehrte zu Herrn von Rohan zurück, und dieser fragte sie, wie die Königin es angestellt habe, um auf solche Art den Forderungen der Juweliere zu entsprechen. Frau von La Mothe erwiderte, die Königin habe den Juwelieren eine vertrauliche Mittheilung gemacht; Geheimhaltung sei empfohlen worden; eine Königin welche bezahle, habe schon genug nöthig, sich zu verbergen, aber sie sei hiezu noch weit mehr gezwungen, wenn sie Credit verlange. Der Cardinal gab ihr Recht, und zu gleicher Zeit fragte er, ob man sich noch seiner guten Absichten erinnere. Jeanne entwarf ein solches Gemälde von der Dankbarkeit der Königin, daß Herr von Rohan viel mehr als Liebhaber, denn als Unterthan, viel mehr in seinem Stolze, als in seiner Ergebenheit begeistert war. Indem Jeanne diese Unterredung zu ihrem Ziele führte, hatte sie beschlossen, friedlich nach Hause zurückzukehren, sich mit einem Edelsteinhändler zu besprechen, für hunderttausend Thaler Diamanten zu verkaufen und damit nach England oder Rußland zu entweichen, freien Ländern, wo sie mit dieser Summe fünf bis sechs Jahre reich leben würde, nach deren Ablauf sie, ohne beunruhigt werden zu können, den Rest der Diamanten vortheilhaft einzeln verkaufen würde. Doch es gelang nicht alles nach ihren Wünschen. Bei den ersten Diamanten, die sie zwei Kenner sehen ließ, erschreckten das Erstaunen und das zurückhaltende Benehmen dieser Argusse die Verkäuferin. Der Eine bot verächtliche Summen, der Andere gerieth in Extase über die Steine und sagte, er habe nie ähnliche gesehen, außer in dem Halsband Böhmers. Jeanne hielt inne. Sie begriff, daß die Unvorsichtigkeit in einem solchen Fall der Ruin, daß der Ruin der Schandpfahl und lebenslängliches Gefängnis war. Sie verschloß die Diamanten in das tiefste ihrer Verstecke und faßte den Entschluß, sich mit so soliden Vertheidigungs-, mit so scharfen Angriffswaffen zu versehen, daß im Falle eines Krieges diejenigen, welche sich im Kampfe zeigen würden, zum Voraus verloren wären. Zwischen dem Verlangen des Cardinals, der immer zu erfahren suchen, zwischen den Indiscretionen der Königin, die immer sich rühmen würde, daß sie ausgeschlagen habe, laviren, war eine furchtbare Gefahr. Ein Wort zwischen der Königin und dem Cardinal, und Alles war entdeckt. Jeanne tröstete sich wieder dadurch, daß sie bedachte, verliebt in die Königin, habe der Cardinal, wie alle Verliebte, eine Binde auf der Stirne und würde folglich in alle Fallen stürzen, die ihm die List unter einem Schatten von Liebe stellen würde. Doch diese Falle mußte eine geschickte Hand so legen, daß die zwei Interessirten darin gefangen wurden. Entdeckte die Königin den Diebstahl, so durfte sie es nicht wagen, sich zu beklagen; entdeckte der Cardinal den Betrug, so mußte er sich verloren fühlen. Es war ein Meisterstreich, gegen zwei Gegner zu spielen, welche zum Voraus die ganze Gallerie für sich hatten. Jeanne wich nicht zurück. Sie gehörte zu jenen unerschrockenen Naturen, welche das Böse bis zum Heldenmuth, das Gute bis zum Schlimmen treiben. Ein einziger Gedanke beschäftigte sie von diesem Augenblick an, der, eine Zusammenkunft des Cardinals mit der Königin zu verhindern. So lange sie, Jeanne, zwischen ihnen stand, war nichts verloren; wechselten sie hinter ihr ein Wort, so richtete dieses Wort bei Jeanne das Glück der Zukunft zu Grunde, dessen Gerüste auf der Harmlosigkeit der Vergangenheit errichtet war. »Sie werden sich nicht mehr sehen,« sagte sie. «Nie mehr.« »Aber,« warf sie ein, »der Cardinal wird die Königin wiedersehen wollen; er wird Versuche zu diesem Ende machen.« »Warten wir nicht, bis er es versucht,« dachte die Schlaue; »geben wir ihm einen Gedanken ein. Er wolle sie sehen, er bitte sie darum; er compromittire sich, indem er darum bittet. »Ja, doch wenn nur er compromittirt ist?« Dieser Gedanke versetzte sie in eine schmerzliche Verlegenheit. »Wäre er allein compromittirt, so hätte die Königin ihre Zuflucht; sie spricht so laut, die Königin; sie weiß so gut den Betrügern eine Larve abzureißen. »Was ist zu thun? Damit die Königin nicht anschuldigen kann, muß sie den Mund nicht öffnen können; um diesen edlen und muthigen Mund zu schließen, muß man die Federn desselben durch die Initiative einer Anklage niederdrücken. »Vor einem Gerichte seinen Diener eines Diebstahls zu bezüchtigen, wagt derjenige nicht, der durch seinen Diener eines Verbrechens, so entehrend als der Diebstahl, überwiesen werden kann. Wird Herr Rohan in Beziehung auf die Königin compromittirt, so ist es beinahe sicher, daß die Königin in Beziehung auf Herrn von Rohan compromittirt werden wird. »Doch der Zufall nähere einander diese zwei Personen nicht, in deren Interesse es liegt, das Geheimniß zu entdecken.« Jeanne wich Anfangs vor der Unermeßlichkeit des Felsen zurück, den sie über ihrem Haupte aufgehängt hatte. So keuchend, erschrocken, angstvoll, unter der Drohung eines solchen Sturzes leben! Ja, doch wie dieser Angst entgehen? Durch die Verbannung, durch die Flucht! durch die Ueberschaffung der Diamanten vom Halsband der Königin in ein fremdes Land! Entfliehen! ein Leichtes. Eine gute Chaise bringt die Sache in zehn Stunden zu Wege; die Zeit, welche die Königin zu einem guten Schlafe braucht; der Zwischenraum, den der Cardinal zwischen ein Abendbrod mit seinen Freunden und sein Aufstehen am andern Tag legt. Die Landstraße entrolle sich vor Jeanne, sie biete ihr endloses Pflaster den brennenden Füßen der Rosse, das genügt. Jeanne wird in zehn Stunden frei und unversehrt sein. Doch welches Aergerniß! welche Schmach! Verschwunden, obgleich frei; in Sicherheit, obgleich geächtet; Jeanne ist keine Frau von Stand mehr, sie ist eine Diebin, eine dem Gerichte Entwichene, welche von der Justiz nicht erreicht, aber bezeichnet, in Folge der weiten Entfernung nicht vom Eisen des Henkers gebrandmarkt, aber von der öffentlichen Meinung zermalmt wird. Nein. Sie wird nicht fliehen. Der Gipfel der Verwegenheit und der Gipfel der Gewandtheit sind wie jene zwei Spitzen des Atlas, die den Zwillingen der Erde gleichen. Der eine führt zum andern, der eine hat denselben Werth, wie der andere. Wer den einen sieht, sieht den andern. Jeanne beschloß, Verwegenheit zum Wahlspruch zu nehmen und zu bleiben. Sie beschloß dieß besonders, als sie die Möglichkeit gesehen hatte, zwischen dem Cardinal und der Königin eine Solidarität der Angst für den Tag zu schaffen, wo der Eine oder die Andere wahrnehmen wollte, es sei ein Diebstahl innerhalb ihrer innigen Freundschaft begangen worden. Jeanne hatte sich gefragt, wie viel in zwei Jahren die Gunst der Königin und die Liebe des Cardinals eintragen würden; sie hatte den Ertrag dieser beiden glücklichen Umstände zu sechsmal hunderttausend Livres geschätzt, worauf Ueberdruß, Ungnade und Vernachlässigung sühnend an die Stelle der Günstingschaft und des lustigen Lebens treten würden. »Ich gewinne bei meinem Plan sieben bis achtmal hunderttausend Livres,« sagte die Gräfin zu sich selbst. Man wird sehen, wie diese tiefe Seele den gekrümmten Weg zurücklegte, der zur Schande für sie, zur Verzweiflung für die Andern auslaufen sollte. »In Paris bleiben,« faßte die Gräfin zusammen, »festen Fußes dem ganzen Spiele der zwei Personen beiwohnen, sie nur die meinen Interessen nützliche Rolle spielen lassen; unter den guten Augenblicken einen für die Flucht günstigen Augenblick wählen, mag dieß ein von der Königin gegebener Auftrag oder eine Ungnade sein, die man im Flug auffangen würde. »Den Cardinal verhindern, sich je mit Marie Antoinette zu unterreden. »Das ist hauptsächlich die Schwierigkeit, da Herr von Rohan verliebt ist, da er Prinz ist, da er mehrere Male im Jahr das Recht des Eintritts bei der Königin hat, und die Königin, cokett, huldigungssüchtig, überdieß dankbar gegen den Cardinal, nicht entfliehen wird, wenn man sie aufsucht. »Das Mittel, diese zwei erhabenen Personen zu trennen, wird der Zufall liefern. Man wird die Ereignisse unterstützen. »Nichts wäre so gut, so geschickt, als bei der Königin den Stolz anzustacheln, der die Keuschheit krönt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine etwas lebhafte Dringlichkeit des Cardinals die zarte und empfindliche Frau verletzt. Naturen wie die Königin lieben die Huldigungen, fürchten aber die Angriffe und weisen sie zurück. »Ja, das Mittel ist unfehlbar. Indem man Herrn von Rohan räth, sich frei zu erklären, wird man im Geiste der Königin eine Regung des Ekels, des Widerwillens hervorrufen, welche, nicht den Fürsten von der Fürstin, sondern den Mann von der Frau, das Männchen vom Weibchen auf immer trennen wird. Aus diesem Grunde wird man Waffen gegen den Cardinal ergriffen haben, dessen Manöver man insgesammt am großen Tage der Feindseligkeiten lähmt. »Gut. Doch ich wiederhole, wenn man den Cardinal der Königin zuwider macht, wirkt man nur auf den Cardinal; man läßt die Tugend der Königin strahlen, das heißt, man befreit die Fürstin, und man gibt ihr jene Freiheit der Sprache, welche jede Anklage erleichtert und ihr das Gewicht des Ansehens verleiht. »Was man braucht, ist ein Beweis gegen Herrn von Rohan und die Königin; es ist ein zweischneidiges Schwert, das rechts und links verwundet, das verwundet, indem es aus der Scheide geht, das verwundet, indem es die Scheide selbst zerschneidet. »Was man braucht, ist eine Anklage, welche die Königin erbleichen, den Cardinal erröthen machen muß, eine Anklage, der man Glauben verschaffen muß, so daß Jeanne, die Vertraute der zwei Hauptschuldigen, von allem Verdachte reingewaschen wird. Was man braucht, ist eine Combination, hinter der Jeanne, zu rechter Zeit und geeigneten Ortes verschanzt, sagen kann: Klagt mich nicht an, ober ich klage Euch an; richtet mich nicht zu Grunde, oder ich richte Euch zu Grunde. Laßt mir das Geld, ich werde Euch die Ehre lassen. »Das lohnt der Mühe, daß man sich besinnt,« dachte die treulose Gräfin, »und ich werde mich besinnen. Meine Zeit wird mir von heute an bezahlt.« In der That, Frau von La Mothe versenkte sich in gute Polster, rückte näher zu ihrem, von einer milden Sonne beschienen Fenster und suchte in Gegenwart Gottes mit der Fackel Gottes. Ende des zweiten Bandes