Die Könige im Exil. Pariser Sitten-Roman von Alphonse Daudet.     Neu und vollständig verdeutscht von Paul Heichen.     Frankfurt a. O. Druck und Verlag von Hugo Andres \& Co. Erstes Kapitel. Der erste Tag im Exil. Friederike schlief seit dem frühen Morgen. Ein fieberhafter und ermattender Schlaf mit Träumen von alle den Trübsalen und Beschwernissen als vertriebene und gestürzte Königin, ein Schlaf, welchen das Getöse, die Sorgen und Ängste einer achtwöchentlichen Belagerung erschütterten, der von blutigen und kriegswilden Visionen gejagt und unterbrochen wurde, ein Schlaf, von Schluchzern, Schauern und Zufällen nervöser Abgespanntheit war es, welchen Friederike schlief, und aus dem sie erst unter der Empfindung eines jähen Entsetzens in die Höhe schreckte. »Zara? . . . Wo ist Zara?« schrie sie auf. Eine ihrer Frauen trat an das Bett heran, mit der in weichem Tone gebrochenen Versicherung: S. K. H. der Hr. Graf von Zara schlafe in voller Ruhe in seinem Zimmer; Madame Eleonore weile bei ihm. »Und der König?« »Seit Mittag in einem der Hotelwagen ausgefahren!« »Ganz allein?« Nein. Seine Majestät hätte den Herrn Geheimen Rat Boscowich mit sich genommen . . . Je länger die Dienerin in ihrer Dalmatiner Mundart, die volltönend und hart wie eine über Kiesel plätschernde Welle klang, zu ihr sprach, um desto mehr fühlte die Königin ihre Angst und ihre Schrecken sich zerstreuen; und nach und nach erschien ihr das ruhige, friedliche Hotelzimmer, das sie bei ihrer Ankunft gegen Tagesgrauen kaum deutlich hatte sehen können, in seiner geisttötenden und üppigen Alltäglichkeit, mit seinen hellen Vorhängen, seinen hohen Spiegeln, der wolligen Weiße seiner Teppiche, wo der schweigsame, lebendige Flug der Schwalben sich in den Schatten der Stores hernieder senkte und wo es hin und her und durcheinander zitterte, wie wenn große Nachtschmetterlinge das Zimmer durchschwirrten. »Schon fünf Uhr! . . . Vorwärts, Petscha, frisiere mich geschwind . . . Ich schäme mich, daß ich so lange geschlafen habe!« . . . *           * * Fünf Uhr. und der wunderbarste Tag, mit welchem der Sommer des Jahres 1872 die Pariser bislang erfreut hatte. Als die Königin auf den Balkon hinaustrat, auf jenen langen Balkon des »Hotels zu den Pyramiden«, welches mit seinen fünfzehn, mit Rosa-Zwillich verhängten Fenstern an den schönsten Platz der Rue de Rivoli grenzt, blieb sie entzückt vor Verwunderung und Staunen stehen. Unten auf der großen, breiten Straße, das Rädergerassel mit dem leichten Regen der Sprengwagen mischend, fuhr eine ununterbrochene Reihe von Kutschen und Wagen nach dem »Bois« zu mit einem Flimmern und Glitzern von Achsen und Geschirren und hellen, im jähen Fluge der Vorüberfahrt aufflatternden Toiletten. Sodann glitten die begeisterten Augen der Königin von der an dem vergoldeten Tuilerieen-Gitter sich drängenden Menschenmenge hinüber nach jenem leuchtenden Gewirr von weißen Gewändern, blonden Haaren, schimmernden Seidenstoffen, lustigen Spielen, nach allem jenem Leben und Treiben der Sonn- und Festtage und jenem fröhlichen Kindertrubel, wie ihm der große Pariser Garten um seine Terrassen herum reizende Stätten schafft an den Tagen, wo die Sonne am Himmel strahlt. Dann fanden die Augen endlich einen köstlichen Ruhepunkt auf dem Dome von grünem Laub, dem ungeheuren, dicht vollen, gerundeten Blätterdache, welches, von dort oben aus erblickt, die Kastanienbäume im Mittelpunkte des Platzes bilden, die in der gegenwärtigen Stunde ein Militär-Orchester überschatteten und von Kindergeschrei und Blechmusik in allen Winkeln erzitterten. Der herbe Groll der verbannten Frau besänftigte sich nach und nach bei solch stattlicher Entfaltung von Lieblichkeit, Milde und Anmut. Eine behagliche Empfindung von Wärme umschloß sie von allen Seiten, prall und geschmeidig wie ein seiden Netz; ihre durch das nächtliche Wachen und Entbehrungen aller Art gebleichten Wangen belebten sich mit rosigem Hauche. Sie dachte bei sich: »O Gott! wie wohl fühlt man sich doch jetzt!« Die vom größten Unglück verfolgten Menschen erfahren dergleichen Fälle plötzlicher und unbewußt an sie herantretender Linderung ihres Leids. Und diese Linderung erwächst ihnen nicht aus Wesen, sondern aus der hundertfältigen Beredsamkeit der ihnen zustoßenden Dinge. Dieser depossedierten, mit ihrem Gemahl, ihrem Kinde durch einen jener Volksaufstände, die an Erdbeben, von Erdrissen und Erdrutschungen, von Blitz und Donnerschlag und vulkanischen Ausbrüchen begleitet, erinnern, aus Land und Schloß verjagten Königin; dieser Frau, deren ein wenig niedrige und doch so stolze, hehre Stirn die Falte, den Einknick gleichsam einer der schönsten Kronen von Europa auf ihrer Fläche bewahrte, – dieser Frau hätte keine Rede aus menschlichem Munde Tröstung zu schaffen vermocht. Und hier nun redete ihr die fröhliche, neu wieder erblühte, in diesem wunderherrlichen Pariser Sommer, der etwas von der warmen Treibhaus-Temperatur und weichen, linden Frische der Länder an der Riviera an sich hat, zum ersten male von ihr erschaute Natur von Hoffnung, von Wiederauferstehung, von Ruhe und Frieden. Aber während sie ihren Nerven ihre Spannkraft wiederzufinden gestattete, ihren Augen vergönnte, mit vollen Augäpfeln an diesem, im frischesten Blattgrün erstrahlenden Horizonte zu schlürfen, da hat die verbannte Frau plötzlich gebebt und gezittert. Zu ihrer Linken unterhalb des Balkons, nach dem Eingange des Gartens zu, erhebt sich ein gespenstisches Monument, das aus ausgeglühten Mauern, versengten, vergilbten Säulen, zusammengestürztem Dache besteht, dessen Fenster durch Risse und Löcher die Bläue des Himmels zeigen, dessen durchbrochene Fassade Ausblicke auf Ruinen und Trümmer bietet; und, ganz am Ende – auf die Seine schauend – ein fast unversehrter Pavillon, im Bereich der Sonnenflamme, die das Eisen ihrer Balkone geschwärzt hat, und von ihr vergoldet. Das ist alles, alles, was von dem Palaste der Tuilerieen übrig geblieben ist. Dieser Anblick verursachte ihr eine tiefe Erregung, die Betäubung eines Sturzes herzüber auf diese Steine hinunter. Vor zehn Jahren – es waren noch nicht einmal der Jahre zehn seitdem verstrichen – o! über den traurigen Zufall! und der ihr, ach! so prophetisch erschien, hier angesichts dieser Trümmer sich wieder einlogiert zu finden! – hier hatte sie mit ihrem Gemahl gewohnt. Das war gewesen im Frühjahr 1864. Vermählt seit drei Monaten, hatte die Gräfin von Zara damals all ihr Glück und ihre Wonne als Gattin und erbliche Herrscherin durch die ihrem Hause verbündeten Herrscherhöfe spazieren geführt. Jedermann liebte sie, bereitete ihr herzlichen Empfang. In den Tuilerieen besonders, wieviel Bälle! wieviel rauschende Festlichkeiten! Unter diesen zerschellten Mauern fand sie sie abermals wieder. Sie sah sie wieder, die ungeheuren und prächtigen Galerieen, die von Lichtern strahlten und von Edelgestein blitzten; die zwischen einer zwiefachen Reihe von glitzernden Kürassen über die großen Treppen dahinschwebenden hoffähigen Roben; auch die Klänge jener unsichtbaren Musik, die stoßweise vom Garten heraufdrang, hörte sie wieder, und sie kam ihr vor wie das Waldteufel-Orchester in den Marschallsälen. Hatte sie nicht nach dieser sprudelnden, lebensprühenden Melodie mit ihrem Vetter Maximilian acht Tage vor seiner Abfahrt nach Mexiko getanzt? . . . Ja, so war's! genau so! . . . Eine Quadrille hatte sie mit ihm getanzt, eine Quadrille, die von Kaisern und Königen, von Königinnen und Kaiserinnen getanzt worden war, deren üppige Verschlingungen und die an ihnen beteiligten erhabenen Physiognomieen durch jenes Motiv aus der »Schönen Helena« ihr wieder vor die Augen geführt wurden . . . Max, wie er sich mit sorgenumwölkter Miene an dem blonden Barte kaute! Charlotte ihm gegenüber, neben Napoleon, leuchtend, strahlend, von dieser Wonne, Kaiserin zu sein, wie umgewandelt . . . Wo waren sie heute, die Tänzer dieser herrlichen Quadrille? Alle tot, verjagt oder von Wahnsinn umnachtet! Trauer und Leid über Trauer und Leid! Unglück und Unheil über Unglück und Unheil! Gott also war jetzt nicht mehr auf der Seite der Könige! Dann erinnerte sie sich alles dessen, was sie selbst erlitten hatte, seitdem ihr der Tod des alten Leopold die Doppelkrone von Illyrien und Dalmatien auf die Stirn gedrückt hatte. Ihre Tochter, der Erstling ihres Ehebundes, hinweggerissen von ihrer Seite mitten unter den Krönungs-Festlichkeiten durch eine von jenen fremden und namenlosen Krankheiten, welche die Erschöpftheit eines Blutes und das Ende eines Geschlechts in sich zusammenfassen! o! in so nahem Zeitverhältnisse hatten Krönung und Tod zueinander gestanden, daß die Wachskerzen der Sterbenacht sich mit den Illuminationsflammen an den Häusern der Stadt vermischten, und der Tag des Begräbnisses so unmittelbar gefolgt war, daß keine Zeit zur Fortnahme der Flaggen und Wimpel der Freudentage geblieben war. Dann kamen neben jenen großen und tiefen Schmerzen, neben jenem unterbrochenen Herzeleid über die schwächliche Gesundheit ihres Sohnes andere Kümmernisse, andere Trübsale, die nur ihr bekannt, die im geheimsten Winkel ihres weiblichen Stolzes verborgen waren. Ach! das Herz der Völker ist nicht treuer als das Herz der Könige. Eines Tages, ohne daß man wußte warum, entfremdete dieses Illyrien, das ihnen der Feste so viele gefeiert hatte, ihrem Fürstengeschlecht seine Herzen. Es kamen Mißverständnisse, Eigensinn hüben und Eigensinn drüben, Mißtrauen, zuletzt der Haß, jener grausige Haß eines ganzen Landes, jener Haß, den sie in der Luft witterte, in dem Stillschweigen, das über den Straßen lag, in der Ironie der Blicke, in dem Beben der gewölbten Stirnen witterte, so daß sie sich fürchtete, sich an einem Fenster zu zeigen, so daß sie auf den kurzen Ausfahrten, die sie machte, in den Hintergrund ihrer Karosse zurückfuhr. O! diese Todesschreie unter den Terrassen ihres Schlosses von Laibach glaubte sie, als sie den großen Palast der Könige von Frankreich betrachtete, aber- und abermals zu vernehmen. Sie sah die letzte Staatsrats-Sitzung im Geiste wieder, die Minister mit den fahlen Gesichtern, närrisch vor Furcht dem Könige mit der Bitte um Abdankung nahend . . . dann die Flucht in Verkleidung als Bauern, zur Nachtzeit, über das Gebirge . . . die im Aufstand befindlichen, heulenden, brüllenden Dörfer, in denen alles trunken war von dem Freiheits-Rausche, trunken nicht minder wie in den Städten . . . allüberall Freudenfeuer auf den Gipfeln und Halden . . . und der Ausbruch von heißen Thränen, der sie inmitten all dieses Jammers übermannte, als sie in einer Hütte Milch fand als Abendbrot für ihren Sohn . . . endlich der plötzliche Entschluß, den sie dem Könige einflößte, sich in das noch getreue Ragusa einzuschließen, und dort, dort acht Wochen der Entbehrungen und Ängste und Unruhen, die Stadt belagert, eingeschlossen, bombardiert, das königliche Kind krank, fast Hungers sterbend, die Schande und Schmach der Uebergabe, um ein Ende zu machen . . . die unheimliche Einschiffung inmitten einer im tiefen Schweigen verharrenden Menschenmenge, und das französische Schiff, das sie zu andrem Jammer, andrem Elend trug, in die Kälte, in das Unbekannte des Exils hinein, während hinter ihnen die Flagge der Illyrischen Republik funkelnagelneu und sieghaft auf dem in Trümmer geschossenen Königsschlosse flatterte . . . all dies, all dies stand jetzt, durch die Tuilerieen ihr in die Erinnerung gerufen, wieder vor ihrem Auge. »Das ist doch Schön-Paris! nicht wahr?« sagte plötzlich eine lustige und trotz ihres Näselns jugendliche Stimme. Der König war eben auf dem Balkon erschienen, in seinen Armen den kleinen Prinzen haltend und ihm jenen Horizont von Laub, Dächern, Kuppeln und das Leben und Treiben der Straße in seinem schönen Licht gegen Ende des Tages hin zeigend. »O! ja, ja, sehr schön! sehr schön!« sagte das Kind, ein armer Kleiner von fünf bis sechs Jahren, mit müden und scharfgeschnittenen Zügen, allzu blondem, kurz wie nach einer schweren Krankheit geschnittenem Haare. Er sah sich um mit schwachem, kränklichem Lächeln, erstaunt, den Kanonendonner der Belagerung nicht mehr zu hören, und ganz erfreut und aufgeheitert durch die Freude und Luft rings umher. Für ihn, für diesen Knaben, kündigte sich das Exil an auf eine glückliche Weise. Der König zeigte auch nicht mehr die gar so traurige Miene; er brachte von draußen, von einem zweistündigen Aufenthalt auf dem Boulevard, eine strahlende, überlustige Miene mit herein, die zu dem Kummer der Königin im lebhaftesten Gegensatze stand. Es waren übrigens zwei durchaus verschiedene Typen: er klein, schwächlich, matten Teints, mit schwarzem, frisiertem Haar, schwachem Schnurrbart, den er fortwährend mit bleicher und allzu schmiegsamer Hand strich, mit hübschen, etwas trüben Augen und einem Blick, der einen Ausdruck von Unentschlossenheit und Kindlichkeit zeigte, der, wenn man ihn sah und ob er auch die Dreißig schon überschritten hatte, zu dem Ausrufe veranlaßte: »Wie jung er ist!« Die Königin hingegen, eine kräftige Dalmatinerin mit ernster Miene, vornehmer Gebärde, der wirklich männliche Teil dieses Paares trotz dem durchsichtigen Glanze ihrer Hautfarbe und ihrem prächtigen Haar von jenem venetianischen Blond, dem der Orient die roten und malvengelben Töne des Henna beizumischen scheint. Christian ihr gegenüber hatte die gezwungene, ein wenig peinliche Haltung eines Ehemannes, der zuviel Freundschaftsdienste, zuviel Opfer angenommen hat. Er erkundigte sich mit sanfter, weicher Stimme nach ihrer Gesundheit, ob sie geschlafen hätte und wie ihr die Reise bekommen sei. Sie antwortete mit absichtlicher Sanftheit, voller Herablassung, beschäftigte sich in Wirklichkeit aber nur mit ihrem Sohne, dessen Nase, Wangen sie befühlte, dessen sämtliche Bewegungen sie mit Gluckhennen-Ängstlichkeit verfolgte. »Es geht schon besser mit ihm als dort unten,« sagte Christian mit halblauter Stimme. »Ja! er bekommt wieder Farbe,« gab sie in dem nämlichen vertrauten Tone zur Antwort, den sie nur dann anschlugen, wenn sie von dem Kinde redeten. Und das Kind, es lachte dem einen zu und dem andern, und wurde durch die Art seiner niedlichen Liebkosung Ursache, daß die Stirnen des Elternpaares sich einander näherten, ganz so, als hätte das Kind schon Verständnis dafür besessen, daß seine beiden Ärmchen das einzige wahrhafte Band zwischen diesen beiden einander so unähnlichen Wesen bildeten. Unten auf dem Bürgersteig waren seit einer kurzen Weile einige Neugierige, denen die Ankunft der fürstlichen Personen zu Ohren gekommen war, stehen geblieben und richteten die Blicke hinauf zu diesem König und dieser Königin von Illyrien, welche durch ihre heldenhafte Verteidigung in Ragusa zur Berühmtheit gelangt waren und deren Bildnisse in den illustrierten Blättern auf der ersten Seite figurierten. Nach und nach sammelten sich die Gaffer, als sei eine Taube auf Dachesrand oder ein aus seinem Käfig gebrochener Papagei zu sehen, zu Haufen und reckten den Hals in die Höhe, ohne zu wissen, um was es sich handelte. Dem Hotel gegenüber stellte sich eine dichte Menge auf, und alle diese unverwandt starrenden Blicke lenkten andere Blicke auf dieses junge Paar im Reisekostüm hin, das von dem Kind mit seinem blonden Kopfe überragt wurde, gleichsam als fühle es sich auferhoben durch die Hoffnung der Besiegten und durch die Freude, die sie darüber empfanden, es nach einem so schrecklichen Sturme noch lebendig in den Armen zu halten. »Kommst Du, Friederike?« fragte der König, welcher sich durch die Aufmerksamkeit all dieser Menschheit beklommen fühlte. Sie aber, erhobenen Hauptes als Königin, die daran gewöhnt ist, dem Widerstreben der Massen zu trotzen, sagte: »Warum? man sitzt doch sehr gut hier auf diesem Balkon.« »Ach, deshalb . . . ich hatte vergessen . . . Rosen ist da mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter . . . Er bittet, Dir seine Aufwartung machen zu dürfen.« Bei diesem Namen Rosen, der ihr soviel wackere, loyale Dienste in die Erinnerung rief, flammten die Augen der Königin auf. »Mein tapferer Herzog! Ich erwartete ihn,« . . . sagte sie – und als sie vor ihrem Zurücktritt vom Balkon einen stolzen, hoheitsvollen Blick über die Straße warf, schwang sich ein Mann ihr gegenüber auf die Untermauerung des Tuilerieen-Gitters, eine Minute lang die Menschenflut um seine volle Länge überragend. Es war ein Vorgang ganz so wie damals in Laibach, als man nach ihrem Fenster geschossen hatte. Friederike hatte in undeutlicher Weise die Vorstellung von einem Attentate dieser Art und warf sich hinterwärts. Eine große Stirn, ein geschwenkter Hut, fliegendes Haar, das im Glanze des Sonnenlichtes blinkte, während eine ruhige und kräftige Stimme durch das Geschwirr der Menge hindurch ein »Es lebe der König!« rief – das war alles, was sie von diesem unbekannten Freunde hatte sehen können, der es am helllichten Tage in diesem republikanischen Paris, vor den zertrümmerten Tuilerieen wagte, Souveränen ohne Krone einen Willkommen zuzurufen. Dieser sympathische Gruß, dessen sie seit so langer Zeit beraubt gewesen war, machte auf die Königin den Eindruck eines hell aufflammenden Feuers nach einem Marsche in großer Kälte. Sie wurde von ihm wieder warm, warm vom Herzen aus bis auf die äußere Haut, und der Anblick des alten Rosen vervollständigte diese lebhafte und wohlthätige Reaktion. Der General Herzog von Rosen, ehemaliger Chef der Militär-Kanzlei, hatte Illyrien seit drei Jahren verlassen, seit ihn der König seines Vertrauenspostens enthoben, um einen Mann liberaler Richtung mit ihm zu bekleiden, in Begünstigung also der neuen Ideen zum Nachteile und Schaden jener Partei, die man damals in Laibach die Partei der Königin nannte. Gewiß! König Christian hatte ihn kalten Blutes geopfert, hatte ihn ohne ein Wort des Bedauerns, ohne ein Lebewohl ziehen lassen, ihn, den Sieger von Mostar, von Livno, den Helden der großen montenegrinischen Kriege! – gewiß! und er konnte mit Christian schmollen! konnte Christian grollen! Nachdem er Schlösser, Grund und Boden verkauft, seinen Aufbruch aus dem Lande mit allein Eclat eines öffentlichen Protestes in Scene gesetzt hatte, hatte sich der alte General in Paris niedergelassen, verehelichte dort seinen Sohn und fühlte nun während drei langer Jahre vergeblichen Harrens, wie sein Zorn gegen die königliche Undankbarkeit durch die Trübsale der Emigration, durch die Trübsinnigkeit eines Lebens ohne Beschäftigung, ohne Thätigkeit wuchs und sich steigerte. Und doch lief er bei der ersten Kunde, die ihm von der Ankunft seiner Fürsten wurde, ohne Besinnen, ohne Zaudern herbei und stand jetzt, mit seiner kolossalen Gestalt bis zum Kronleuchter hinaufragend, stramm und kerzengrade mitten im Salon und wartete mit soviel Ergriffenheit der Gnade eines huldreichen Empfanges, daß man sehen konnte, wie ihm die langen Pandurenbeine am Leibe zitterten, wie unter dem Großkordon des illyrischen Hausordens sein breiter und kurzer, von einem prallen Fracke militärischen Schnittes bekleideter Rumpf sich in schweren Atemzügen hob und senkte. Der Kopf, ein keiner Sperberkopf mit stahlhartem Blicke und Raubvogel-Physiognomie, verharrte mit seinen drei weißen, zu Berge gesträubten Haaren und den tausenden von Fältchen und Runzeln seiner im Feuer zu Horn gebrannten Haut in unentwegter, unbeirrter Ruhe. Der König, welcher kein Freund von Gefühlsscenen war, und dem dieser Besuch einigermaßen ungelegen kam, entledigte sich seiner Verlegenheit dadurch, daß er einen lustigen Verkehrston, einen Ton ritterlicher Herzlichkeit anschlug. »Nun sehen Sie, General!« sagte er, mit ausgestreckten Händen ihm entgegentretend, »Sie hatten doch Recht! . . . Ich habe den Zügel zu locker gelassen . . . Ich habe mich zusammenbeuteln lassen und sitze nun auf dem Sande.« Als er dann sah, daß der greise Diener im Begriff war, das Knie zu beugen, hob er ihn mit einer Bewegung voll Hoheit und Adel auf und preßte ihn lange an seine Brust. Niemand fürwahr hätte den Herzog hindern können, sich vor seiner Königin auf ein Knie niederzulassen, welcher die in respektvoller Leidenschaftlichkeit dargebrachten Liebkosungen ihrer Hand durch diesen hoch in Jahren stehenden Schnurrbart eine seltsame Erregung bereitete. »Ach! mein armer Rosen! . . . mein armer Rosen!« flüsterte sie. Und behutsam schloß sie die Augen, damit man ihre Thränen nicht sehe. Aber all die anderen Thränen, die sie seit Jahren vergossen hatte, hatten auf der zarten und mit leichtem Flaum überhauchten Seide ihrer blonden Lider ihre Spur zurückgelassen, und die durchwachten Nächte, die Ängste und Unruhen, jene marternden Stunden, welche die Frauen in der tiefsten Tiefe des Wesens zu verwahren glauben und die zur Oberfläche aufsteigen, gleichwie die geringsten Bewegungen die Fläche eines Wassers mit sichtbaren Falten furchen. Auf die Zeitspanne einer Sekunde hatte dieses schöne Gesicht mit der reinen Miene einen ermüdeten, schmerzlichen Ausdruck gezeigt, welcher dem Blicke des alten Soldaten nicht entgangen war. »Wie sie gelitten hat!« dachte er, während er sie betrachtete; und um seine Erregung zu verbergen, die jetzt auch ihn übermannte, erhob er sich plötzlich wieder, wendete sich nach seinem Sohn und seiner Schwiegertochter herum, die beide am andern Ende des Saales stehen geblieben waren, und mit der nämlichen Stimme, wie er in den Straßen zu Laibach: »Säbel heraus! drauf' auf die Kanaille!« schrie, kommandierte er jetzt: »Colette! Herbert! vortreten! begrüßt Eure Königin!« Der Prinz Herbert von Rosen, fast von derselben Körpergröße wie sein Vater, mit der Kinnlade eines Pferdes und harmlosen Püppchen-Wangen, trat näher, gefolgt von seiner Frau. Er ging schwerfällig und mühsam, gestützt auf einen Stock. Vor acht Monaten etwa hatte er sich bei dem Rennen zu Chantilly das Bein gebrochen und ein Paar Rippen verrenkt; und der General ermangelte nicht, hierzu die Bemerkung zu machen, daß wenn nicht dieser Zwischenfall eingetreten wäre, der das Leben seines Sohnes in Gefahr gesetzt hätte, sie beide nach Ragusa geeilt sein würden, sich dort mit einschließen zu lassen. »Ich wäre mit Ihnen mitgereist, teurer Papa!« fiel ihm die Prinzessin mit heroischem Ton ins Wort, der zu ihrem Namen Colette und ihrem kleinen geistreichen, unter einem Wust von Löckchen lustig sich aufwärts reckenden Stumpfnäschen nicht recht passen mochte. Die Königin konnte sich nicht wehren zu lächeln und reichte ihr sehr herzlich die Hand. Christian, der sich den Schnurrbart drehte, betrachtete mit Amateursinteresse, mit eifriger Neugierde dieses hübsche Vögelchen der Mode mit langem und schillerndem Gefieder, alles nur Rock und Volants, und dessen ausgeputzte Allerliebstheit ihm eine angenehme Abwechselung zu sein bedünkte von den großen Zügen und dem majestätischen Typus dort unten zu Lande. »Teufelskerl von einem Herbert! wo hat er sich bloß ein derartiges Juwel verschaffen können!« sagte er bei sich, mit Neid gegen seinen einstmaligen Spielgefährten, diesen großen Tolpatsch mit den Kalbsaugen, dem gescheitelten und nach russischer Weise auf eine kurze und gar zu schmale Stirn geklatschten Haar. Sodann kam ihm der Einfall, daß wenn es in Illyrien an diesem Frauentypus fehle, er in Paris auf den Straßen herumlaufe, und von diesem Gesichtspunkte aus erschien ihm das Exil ganz entschieden erträglich. Übrigens konnte ja dieses Exil doch nicht lange dauern. Die Illyrier würden ihrer Republik schnell genug überdrüssig sein. Es würde eine Sache von acht Wochen sein oder einem Vierteljahr; länger würden sie kaum im Auslande zu verweilen notwendig haben. Eine Art Königs-Ferien also, die er so lustig wie möglich zu verleben bestrebt sein müßte. »Begreifen Sie das, General?« sagte er unter Lachen, »man hat mich bestimmen wollen, ein Haus zu kaufen . . . Ein Herr, ein Engländer, ist heut Morgen hergekommen, hat sich anheischig gemacht, ein prächtiges, möbliertes, tapeziertes Hotel mit Marstall, Equipagen in der Remise, mit Wäsche und Leinenzeug, Silberzeug, Tafelgeschirr, Personal undsoweiter, alles binnen achtundvierzig Stunden und in dem Stadtviertel beschaffen zu wollen, welches mir am besten gefallen würde.« »Ich kenne Ihren Engländer, Monseigneur; es ist Tom Lewis, der Agent für Fremde und Ausländer . . .« »Ja, das scheint er mir freilich . . . ein Name von diesem Klange war es . . . Sie haben Geschäfte mit ihm?« »O! alle Fremden und Ausländer, wenn sie nach Paris kommen, empfangen von Tom und seinem Cab Besuch . . . Aber ich wünsche Ihrer Majestät, daß die Bekanntschaft hierbei ihr Bewenden haben möge . . .« Prinz Herbert musterte, als von Tom Lewis gesprochen wurde, mit besonderer Aufmerksamkeit die Bänder seiner über dem streifigen Muster seiner seidenen Strümpfe ausgeschnittenen Schuhe. Dies und der verstohlene Blick, welchen die Prinzessin nach ihrem Manne hinwarf, benachrichtigten Christian, daß sobald er über den berühmten ›Hans in allen Gassen ‹ der Rue Royale Auskünfte nötig hatte, die jungen Leute sie ihm würden geben können. Wozu aber konnten die Dienste der Agentur Lewis ihm von Nutzen sein? Er hatte weder nach Haus noch Wagen Verlangen, und seine ziemlich feste Absicht war, die paar Monate ihres Aufenthaltes in Paris im Hotel zu verleben . . . »Ist das Ihre Meinung nicht auch, Friederike?« »O! ganz gewiß! es ist weit klüger,« antwortete die Königin, obwohl sie im Grunde ihres Herzens die Illusionen ihres Mannes so wenig teilte, wie seinen Geschmack für diese provisorischen Unterkünfte. Der alte Rosen seinerseits wagte einige Bemerkungen. Dieses Gasthofsleben schien ihm der Würde des illyrischen Königshauses nicht zu entsprechen. Paris war in diesem Augenblicke angefüllt von Souveränen im Exil. Alle führten hier ein sehr verschwenderisches Leben. Der König von Westfalen bewohnte in der Rue Neubourg eine gar prächtige Residenz mit einem berühmten Pavillon daran, in welchem die Verwaltungszweige und andere dienstliche Chargen untergebracht waren. Das Hotel der Königin von Galizien draußen auf den Champs-Elysées war ein wirklicher Palast von echt königlichem Luxus, und das Gefolge, das sie hielt, war ebenso echt königlich. Der König von Palermo hielt seinen Hof in Saint-Mandé, besaß einen großen Marstall und ein ganzes Bataillon von Dienerschaft. Sogar der Herr Herzog von Parma that es nicht anders als daß er in seinem kleinen Hause in Passy eine Art von Hofhaltung führte und immer fünf bis sechs Generäle bei sich zur Tafel hatte. »Ohne Zweifel, ohne Zweifel,« sagte Christian ungeduldig, »aber das ist nicht eine und dieselbe Sache . . . Diese Souveräne, die Sie mir da nennen, werden Paris nicht wieder verlassen . . . Übrigens giebt es einen guten, sehr guten Grund dafür, daß wir das Palais nicht kaufen, Freund Rosen. Man hat uns dort unten alles genommen. Einige hunderttausend Franken bei den Rothschilds in Neapel und unser armseliges Diadem, das Madame de Silvis in einem Hutkarton gerettet hat, das ist alles, was man uns gelassen hat . . . Wunderbare Frau, diese Marquise! hat diese lange Reise ins Exil gemacht, zu Fuß, übers Meer hinüber, im Bahn- und im Reisewagen, und keine Minute ihren kostbaren Karton aus der Hand gelassen. Das war so drollig, so drollig!« Und da das kindliche Temperament in ihm überwog, so fing er an, über die Not, in die sie geraten, wie über die amüsanteste Sache von der Welt zu lachen. Der Herzog hingegen, der Herzog lachte nicht. »Sire,« sprach er mit solcher Ergriffenheit, daß die sämtlichen ihm vom Alter gezogenen Furchen darob erbebten; »Sie erweisen mir eben die Ehre, mir die Versicherung zu geben, daß Sie Bedauern darüber empfinden, mich Ihrem Rat und Ihrem Herzen so lange fern gelassen zu haben . . . Wohlan! ich erbitte mir zum Ersatz hierfür eine Gnade . . . So lange Ihr Exil dauern wird, so lange übergeben Sie mir wieder die Ämter, die ich in Laibach bei Ihren Majestäten inne hatte . . . als Chef des Civil- und Militär-Kabinetts.« »Da seh' mir einer den vom Ehrgeiz Beseelten!« rief der König heiter. Dann fuhr er im freundschaftlichen Tone fort: »Aber es giebt ja kein Königshaus und keine Kanzlei mehr, mein armer General, weder eine Civil- noch eine Militär-Kanzlei . . . Die Königin hat ihren Kaplan und zwei Frauen . . . Zara seine Gouvernante . . . Ich, ich habe mir Boscowich mitgenommen für die Korrespondenz und Meister Lebeau für die Kinnrasur . . . Und das ist alles . . .« »In diesem Fall will ich meine Bewerbung wiederholen. Eure Majestät geruhen vielleicht, meinen Sohn Herbert zum Adjutanten zu ernennen und die hier anwesende Prinzessin zur Vorleserin und Ehrendame der Königin?« »Das heißt meinem Wunsch sehr zuvorkommen, Herzog,« sagte die Königin, mit ihrem schönen Lächeln Colette anblickend, die von ihrer neuen Würde ganz geblendet war. Was den Prinzen angeht, so fand er für seinen Souverän, der ihm mit der nämlichen Huld ein Patent als Adjutant überreichte, als Dank nichts als ein anmutiges Gewieher, das er sich durch den ständigen Aufenthalt im Tattersall zur Gewohnheit gemacht hatte. »Ich werde die drei Ernennungen morgen früh zur Unterschrift unterbreiten,« setzte der General mit respektvollem Tone, aber kurz hinzu, dadurch anzeigend, daß er sich schon als im Besitze seines neuen Amts befindlich ansehe. Als der junge König diese Stimme, diese Redeform hörte, mit denen er so lange und so feierlich verfolgt worden war, ließ er auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Entmutigung und Langweile sichtbar werden; dann aber tröstete er sich mit dem Anblick der Prinzessin, die durch das Glück verschönert und umgewandelt wurde, wie es bei jenen niedlichen Gesichtern ohne Gesichtszüge, die sämtlich unter dem pikanten und unaufhörlich verschobenen Schleier ihrer Physiognomie stecken, der Fall zu sein pflegt. Denke man doch nur! Ehrendame bei der Königin Friederike, sie, Colette Sauvadon, die Nichte von Sauvadon, dem dicken Weinhändler aus Bercy! Was man wohl in der Rue de Varennes, in der Rue Dominique, in jenen so exklusiven Salons dazu sagen würde, wo ihre Vermählung mit Herbert ihr wohl Zutritt zu den großen Festen gewährt hatte, sie aber niemals eines intimeren Verkehrs gewürdigt worden war! Schon schweifte ihr bischen weltliche Einbildungskraft auf Reisen nach einem phantastischen Königshofe. Sie sann über die Besuchskarten, die sie sich drucken lassen würde, über eine vollständige Erneuerung ihrer Toiletten, über eine Robe in den Farben Illyriens, über Kokarden gleicher Art für die Stirnriemen der Rosse . . . Der König aber sprach neben ihr: »Es ist die erste Mahlzeit, die wir auf dem Boden der Verbannung genießen,« sagte er halb ernsten, mit Absicht emphatischen Tones . . . »Ich wünsche, daß die Tafel lustig sei, und daß alle unsre Freunde an ihr mit teilnehmen!« Und als er der ob dieser brüsken Einladung verstörten Miene des Generals ansichtig wurde, fuhr er fort: »Ach richtig! 's ist ja wahr, die Etikette . . . die Tracht! Sapperlot! Wir haben uns alles dessen während der Belagerungszeit entwöhnt, und unser Herr Haushofmeister wird allerhand Reformen zu treffen haben . . . Bloß um das eine bitte ich, daß mit ihnen erst morgen der Anfang gemacht werde.« In diesem Augenblicke thaten sich die beiden Thürflügel weit auf, und der Oberkellner des Hotels zeigte Ihren Majestäten an, daß das Diner ihrer harre. Die Prinzessin erhob sich schon mit über und über strahlender Miene, um Christians Arm zu nehmen; der König aber reichte der Königin den Arm und führte sie ohne sich wegen der anderen Gäste zu beunruhigen, nach dem Speisesaal. Das ganze Hof-Ceremoniell war, obgleich der König sich so ausgesprochen hatte, doch nicht in den Tiefen der Kasematten von Ragusa sitzen geblieben. Der Übergang vom Sonnen- zum künstlichen Licht berührte die zur Tafel geladenen Personen bei ihrem Eintritte sichtlich. Trotz Kronleuchter und Kandelabern, trotzdem drei große Lampen auf den Buffets standen, sah man doch kaum; es war, als ob das vor der Zeit mit rauher Hand verscheuchte Tageslicht über allen Gegenständen die zögernden Schatten eines Dämmerlichtes zurückgelassen hätte. Was zu dieser Unerquicklichkeit des äußeren Eindrucks hinzutrat, das war die Länge der Tafel und das Mißverhältnis, in welchem sie zu der kleinen Anzahl von Gästen stand, die an ihr Platz nahm. Um hinsichtlich ihrer Größe und Länge den Anforderungen der Etikette gerecht zu werden, hatte man nach ihr im ganzen Hotel herum gesucht. Der König und die Königin nahmen zusammen an einem ihrer beiden Enden Platz, ohne jemand neben sich noch sich gegenüber zu haben. Dieser Brauch erfüllte die kleine Prinzessin mit Staunen und Bewunderung. In den letzten Tagen des Kaiserreichs war sie zu einem Diner in den Tuilerieen hinzugezogen worden und entsann sich noch genau des Umstandes, daß sie den Kaiser und die Kaiserin echt bürgerlich einander gegenüber sitzen gesehen hatte, wie ein junges Ehepaar, das sich zu ihrer ersten Mahlzeit nach dem Hochzeitstage setzt. »Ah! sieh da! sieh da!« sprach das kokette kleine Persönchen zu sich, indem es mit entschlossener Gebärde seinen Fächer zuklappte und zusammen mit ihren Handschuhen neben sich legte; »das also ist die Legitimität! Es geht über sie doch nichts!« Dieser Gedanke wandelte die Art von menschenleerer Table d'hôte, deren Anblick an die prächtigen Gasthöfe des »Italienischen Hornes« zwischen Monaco und San-Remo zu Anfang der Saison erinnerte, wenn das Gros der Touristen noch nicht angekommen ist, in ihren Augen vollständig um. Dasselbe buntscheckige Gewürfel von Menschen und Toiletten: Christian im kurzen Rock, die Königin in ihrem Mittelkostüm zwischen Reit- und Reisekleid, Herbert und seine Frau im Promenaden-Anzug, die Franziskanerkutte des Paters Alpheus und Kaplans der Königin, neben der überladenen Halbuniform des Generals: es ließ sich im großen und ganzen kaum etwas denken, was minder imposant gewesen wäre. Ein einziges Ding machte wirklich den Anblick der Großartigkeit: das war das Gebet des Kaplans, als er den göttlichen Segen über diese erste Mahlzeit im Exil herniederflehte: »quae sumus sumturi primo die in exilio«  . . . . . . (Speisen,) die wir am ersten Tage in der Verbannung essen wollen. sagte der Mönch mit ausgebreiteten Händen; und diese langsam recitierten Worte schienen die kurzen Ferien des Königs in ferne, ferne Zukunft hinaus zu dehnen. »Amen!« antwortete mit ernster Stimme der entthronte König. Es war, als seien ihm in dem kirchlichen Latein endlich die tausende zerrissener, noch frischer und zitternder Bande zur Empfindung gelangt, welche, wie lebendige Wurzeln an ausgerissenen Bäumen, an den Verbannten aller Zeiten hängen bleiben. Aber an dieser schmeichelnden, höflichen Slavennatur hafteten die stärksten Eindrücke nicht. Kaum hatte er sich zur Tafel niedergesetzt, so fand er auch seine frohe Laune, sein zerstreutes Wesen wieder und fing an, fleißig zu plaudern. Aus Rücksicht auf die anwesende Pariserin befleißigte er sich der französischen Sprache, die er sehr rein, aber mit einem leichten italienischen Lispeln sprach, das sich zu seinem Lachen sehr gut schickte. In einem heldenhaft-komischen Tone erzählte er gewisse Episoden aus der Belagerungszeit: Die Unterbringung der Hofhaltung in den Kasematten und die seltsame Figur, die dort die Frau Erzieherin und Marquise Eleonore von Silvis mit ihrem grünbebuschten Tok und ihrem Plaid gemacht hatte. Zum Glück dinierte die harmlose Dame im Zimmer ihres Zöglings und konnte das Lachen nicht hören, das durch die Scherzreden des Königs hervorgerufen wurde. Boscowich und sein Herbarium dienten ihm dann für seinen Witz als Zielscheibe. Man hätte wirklich meinen können, als wolle er am Ernste der Verhältnisse durch dumme Zungenwitze seine Rache kühlen. Der Herr Hofrat Boscowich war ein kleiner Mann, dem man kein Alter ansah, furchtsam und sanft, und hatte Kaninchenaugen, die immer von der Seite guckten. Er war ein gelahrter Jurist und passionierter Botaniker. In Ragusa hatte er, wenn die Gerichtshöfe geschlossen waren, seine Zeit unter Granaten und Bomben mit Botanisieren in den Laufgräben der Festungswerke verbracht, mit der völlig unbewußten Heldenhaftigkeit eines Geistes, der ganz in seiner Manie aufgeht und sich in der ungeheuren Zügellosigkeit aller Verhältnisse daheim einzig und allein um ein in den Händen der Liberalen zurückgebliebenes Herbarium Sorgen und Kummer machte. »Was meinst Du wohl, mein armer Boscowich,« sagte Christian, um ihm einen Schreck einzujagen, »was für ein schönes Freudenfeuer sie aus diesem Berge getrockneter Blumen gemacht haben müssen . . . wenn es nicht am Ende gar der Republik, die ja doch zu arm ist, eingefallen ist, aus Deinen großen grauen Löschbogen Reservekapuzen für ihre Milizen anzufertigen . . .« Der Rat lachte wie die ganze Gesellschaft, aber mit erschreckten Mienen, und rief ein »Ei du! ei du!« über das andre, wodurch sich seine kindlichen Befürchtungen deutlich verrieten. »Wie reizend der König ist! . . . wie geistreich! . . . und was für Augen er hat!« . . . dachte die kleine Prinzessin, nach welcher hin Christian sich aller Augenblicke neigte, bestrebt den Abstand zu verringern, welchen das Ceremoniell zwischen sie setzte. Es war eine Freude mitanzusehen, wie sie unter dem offenkundigen Wohlgefallen dieses erhabenen Blickes aufblühte, mit ihrem Fächer spielte, von Zeit zu Zeit einen schwachen Ausruf that und ihre schmiegsame Taille zurückbeugte, die von dem wohlklingenden Lachen in sichtbaren Wellen erzitterte. Die Königin schien sich durch die Haltung, welche sie zeigte, wie durch die eifrige Unterhaltung, die sie mit ihrem Nachbarn, dem alten Herzog, führte, von dieser übersprudelnden Lustigkeit abzuschließen. Zu zwei, drei malen, wenn das Gespräch auf die Belagerung kam, warf sie einige Worte dazwischen, und immer in der Absicht, die Tapferkeit des Königs, sein strategisches Wissen in das Licht zu setzen. Dann nahm sie ihre Unterhaltung mit dem General wieder auf. Der General befragte sie mit halblauter Stimme nach dem Hofstaat, nach seinen alten Gefährten und Kameraden, welche, glücklicher als er, ihrem Fürsten nach Ragusa gefolgt waren. Viele von ihnen waren dort geblieben, und bei jedem Namen, welchen Rosen aussprach, hörte man aus dem Munde der Königin die ernste Antwort: »Tot! . . . tot!« Ernst und unheimlich klang das Wort, das diesen Verlusten so jungen Datums die Sterbeglocke läutete. Als man nach dem Diner in den Salon zurückgekehrt war, heiterte sich aber auch Friederike einigermaßen auf. Sie forderte Colette von Rosen auf, sich zu ihr auf einen Divan zu setzen, und redete mit ihr in jenem Tone herzlicher Vertraulichkeit, den sie einzuschlagen verstand, wenn sie sich Sympathieen erwecken wollte. Dieser Klang ihrer Stimme hatte Ähnlichkeit mit dem Druck ihrer schönen offnen Hand, deren Finger fein und zart, deren Fläche aber kräftig war und jeden, den sie mit ihr berührte, ihrer wohlthuenden Energie teilhaftig machte. Dann sagte sie plötzlich: »Lassen Sie uns doch einmal sehen, was Zara macht.« Sie schritten einen langen Gang entlang, der wie die übrigen Räume der Wohnung, mit übereinander geschichteten Kästen, mit geöffneten Koffern angefüllt war, auf denen Wäsche und andre Bekleidungsgegenstände im bunten Durcheinander der eben erst stattgefundenen Ankunft ihrer Eigentümer umherlagen. Am Ende dieses Ganges öffnete sich das Zimmer des jugendlichen Prinzen. Es wurde von einer Schirmlampe erhellt, deren Schein aber unmittelbar vor den blauen Bettgardinen, hinter welchen der Prinz ruhte, zu wirken aufhörte. Eine Dienerin saß auf einem Koffer und schlummerte. Ihren Kopf umhüllte die weiße Haube und jenes große, rosig gesäumte Tuch, welches den Kopf der dalmatinischen Frauen vervollständigte. Neben dem Tische saß die Hofmeisterin, den Kopf leicht auf den Ellbogen gestützt und ein aufgeschlagenes Buch auf den Knieen. Auch sie schien dem einschläfernden Einfluß ihrer Lektüre zu erliegen und wahrte noch im Schlummer jenen romantischen, sentimentalen Hauch, an welchem der König so kräftigen Spott übte. Der Eintritt der Königin weckte sie nicht auf; wohl aber den kleinen Prinzen, der bei der ersten Bewegung des ganzen Gewebes, mit welchem seine Lagerstatt verhängt war, seine kleinen Händchen ausstreckte und sich mit offnen Augen, verstörtem Blicke in die Höhe zu richten bemühte. Seit einigen Monaten war er so daran gewöhnt, mitten in der Nacht aus dem Schlafe geweckt, in aller Hast zur Flucht oder zur Abreise angekleidet zu werden, beim Erwachen neue Örtlichkeiten und neue Gesichter zu sehen, daß sein Schlaf seiner heilsamen Dauer verlustig gegangen und nicht länger mehr jene zehnstündige Reise ins Land der Träume war, welche die Kinder mit dem kurzen, regelmäßigen, fast unmerklichen Hauche ihres kleinen, halb geöffneten Mundes vollbringen »Guten Abend, Mamachen,« sagte er ganz leise . . . »müssen wir uns schon wieder flüchten?« Es klang aus diesem ergebungsvollen, rührenden Rufe deutlich heraus, daß das Kind viel gelitten, erduldet hatte, daß das Unglück, das ihm widerfahren, seine Kräfte weit überstieg. »Nein, nein, mein Liebling! diesmal nun sind wir in Sicherheit . . . Schlafe, schlafe! Du mußt schlafen.« »O! dann um so besser . . . Ich will wieder in den Glasberg zurückgehen mit dem Riesen Robistor . . . dort war es mir so wohl.« »Das sind die Geschichten von Frau Eleonore, die ihm den Sinn verwirren,« sagte die Königin sanft . . . »Armer Kleiner! Das Leben ist für ihn so schwarz, so düster . . . Bloß Märchen sind's, die ihm Freude und Unterhaltung schaffen . . . man wird sich doch schlüssig werden müssen, ihm auch andere Dinge in den Kopf zu setzen.« Während dieser Worte richtete sie das Kopfkissen, auf welchem das Kind ruhte, zurecht, und bettete das Kind darauf mit zärtlichen, kosenden Gebärden, wie es keine einfache Bürgersfrau anders gemacht haben würde. Das waren Dinge, die alle die großen Ideen, die Colette von Rosen sich über das Königstum in ihrem Köpfchen zurecht gedacht hatte, vollständig über den Haufen warfen. Und als sich die Königin dann über das Kind beugte, ihm einen Kuß zu geben, da raunte es ihr die Frage ins Ohr, ob was man in der Ferne grollen höre, der Donner von Geschützen sei oder das Brausen des Meeres. Die Königin lauschte eine Sekunde lang einem verworrenen, ununterbrochenen Rollen und Wogen, das von Zeit zu Zeit die Thüren zum Knarren, die Scheiben zum Zittern brachte und das Haus vom Boden bis zum Giebel hinauf einhüllte, bald schwächer wurde, um von neuem einzusetzen, bald sich mit einem male aufnahm und anschwoll, um in die fernen Weiten der Nacht hinaus zu entfliehen. »Es ist nichts, mein Kind, nichts . . . Das ist Paris! Paris, mein Sohn . . . Schlafe nur, schlafe!« Und dieser vom Throne gestürzte kleine Mann, dem man von Paris wie von einer sicheren Zufluchtsstätte gesprochen hatte, schlief vertrauensvoll wieder ein, eingelullt durch die Stadt der Revolutionen. Als die Königin und die Prinzessin wieder in den Salon zurücktraten, trafen sie dort eine junge Dame von sehr vornehmem Wesen und Aussehen, die sich stehend mit dem Könige unterhielt. Der vertrauliche Ton, welcher in dieser Unterhaltung herrschte, die ehrerbietige Entfernung, in welcher sich das Auditorium hielt, waren Anzeichen dafür, daß es sich um eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung handelte. Die Königin that einen erregten Ausruf: »Maria!« »Friederike!« Und der nämliche Ansturm von Zärtlichkeit zu ihrer beider Herzen führte sie einander in die weitgeöffneten Arme. Auf eine stumme Frage seiner Frau nannte Herbert von Rosen den Namen der Dame. Es war die Königin von Palermo. Um ein weniges größer und schmächtiger als ihre Cousine von Illyrien, schien sie auch um einige Jahre älter zu sein. Ihre schwarzen Augen, ihr schwarzes, platt über die Stirn hinaus gekämmtes Haar, ihre matte Hautfarbe liehen ihr das Aussehen einer Italienerin, obwohl sie dem bayrischen Königshause entstammte. Das einzige, was deutsch an ihr zu nennen war, war die stramme Haltung ihrer langen und vollen Büste, der stolze Ausdruck in ihrem Lächeln und eine gewisse Häufung und Harmonielosigkeit in der Toilette, welche die Frauenwelt jenseits von derjenigen diesseits des Rheines unterscheidet. Friederike, welche frühzeitig verwaiste, war zusammen mit dieser Cousine in München erzogen worden, und wenn sie auch das Leben frühzeitig voneinander geschieden hatte, so hatten sie sich einander doch eine lebhafte Zuneigung bewahrt. »Sieh', meine Liebe!« sprach die Königin von Palermo, der Freundin beide Hände entgegenstreckend – »ich habe es nicht erwarten können, Dich zu begrüßen. Cecco ist gar nicht wieder heimgekommen . . . da dachte ich, Du geh'st ohne ihn . . . er läßt auch immer so lange warten! . . . Ich habe Deiner, Eurer so viel gedacht! . . . O! nachts habe ich gemeint, den Kanonendonner von Ragusa, von Vincennes zu hören . . .« »Es war nur das Echo des Donners von Caserta,« fiel Christian ihr ins Wort, auf die heldenhafte Haltung anspielend, welche diese vertriebene und gleich ihnen gestürzte Königin vor ein paar Jahren bewiesen hatte. Sie seufzte: »Ach ja! Caserta! Man hat uns damals recht im Stiche gelassen; uns auch! . . . Wie bedauerlich! wie schade! Wie wenn nicht alle Kronen solidarisch sein müßten! . . . Jetzt aber ist's damit aus und zu Ende . . . die Welt ist ein Narrenhaus . . .« Dann sich zu Christian wendend: »Gleichviel, gleichviel! Mein Kompliment, Vetter! . . . Sie sind als König gefallen!« »O!« sagte er, auf Friederike zeigend, »sie ist der wahrhafte König von uns beiden . . .« Eine Handbewegung seiner Frau schloß ihm den Mund . . . Er verbeugte sich lächelnd und machte eine Schwenkung auf dem Absatze zu Herbert herum. »Rauchen wir doch eine Cigarre, Herbert!« sagte er zu seinem Adjutanten. Und die beiden Herren traten auf den Balkon hinaus. Der Abend war warm und prächtig, der Tag kaum erst in dem blendenden Gaslicht erloschen, in welchem er in bläulichen Schimmern dahinstarb. Ein leiser Wind strich über die schwarze Masse der Kastanienbäume, die um das Tuilerieen-Schloß herum standen, und schöpfte Kühlung und Linderung aus ihr, und der Himmel droben belebte sich mit dem funkelnden Glanze der Sterne. Unter der Wirkung dieses Hintergrundes von Kühle und Frische, ausgestattet mit diesem weiten Raume für das Wogen und Treiben der Menge, verlor die Rue de Rivoli den erstickenden Charakter, welchen die Pariser Straßen zur Sommerszeit zeigen. Man empfand aber doch das ungeheure Pulsieren der Stadt in der Richtung nach den Champs-Elysées hin – vernahm ihre Konzerte im Freien unter Gaskronen und Kandelabern. Die Lust und Freude, die der Winter hinter die warmen Gardinen und Vorhänge verschlossener Fenster bannt, sang hier frisch und frei und lachte aus voller Kehle, tollte sich fröhlich aus unter blumengeschmückten Hüten und in flatternden Mantillen, in Zitz- und Kattun-Gewändern, deren tiefer Ausschnitt auf weißem, von schwarzem Band umschlossenem Halse vom Schein der Lampen und Laternen im Vorbeigange getroffen und aufgehellt wurde. Aus den Cafés und Konditoreien strömte auf die Trottoirs hinaus Geldgeklimper, das Rufen nach Bedienung, das Anrufen von Bekannten, Schwatzen und Gläserklirren. »Dies Paris ist unerhört,« sagte Christian von Illyrien, während er den Rauch vor sich in den Schatten hinaus blies . . . »Die Luft ist da nicht dieselbe wie anderswo . . . es liegt etwas berauschendes, Taumel erweckendes in ihr . . . Wenn ich denke, wie in Laibach zu dieser Stunde alles geschlossen zu Bett gegangen, erloschen, erstorben ist . . .« Dann sprach er lustigen Tones weiter: »Ach Du! weißt Du übrigens, mein lieber Adjutant! ich hoffe doch, daß man mich in die Pariser Vergnügungen und Freuden entsprechend einweihen wird . . . Du scheinst mir in dieser Richtung völlig auf dem Laufenden, ganz gehörig im Zuge . . .« »O das freilich, Monseigneur! das freilich!« sagte Herbert, vor befriedigtem Stolze wiehernd – »im Cercle, in der Oper, überall führe ich den Namen eines Königs der ›Gomme‹.« Und während Christian sich den Sinn dieses neuen Wortes erklären ließ, hatten sich die beiden Königinnen, um ungenierter zu plaudern, in Friederikes Zimmer begeben und ergingen sich dort in langen Erzählungen, vertraulichen Mitteilungen betrübsamer Art, deren Flüsterton hinter der halb zugezogenen Portiere hervordrang. Im Salon saßen der Pater Alpheus und der greise Herzog und plauderten dort ebenfalls mit leiser Stimme. »Er hat freilich Recht,« sagte der Kaplan, »wenn er sagt, daß sie der König sei . . . Jawohl! sie ist der König, der wahre König! . . . Sie hätten sie nur sehen sollen, wie sie, zu Pferde bei Nacht und bei Tag, die Vorposten abgeritten hat! . . . Im Engelsfort ist sie, während es Kugeln hagelte, zweimal den Wall auf und ab geritten, um den Soldaten Mut zu machen . . . kerzengerade und stolz . . . die Schleppe des Reitkleides über dem Arme und die Reitpeitsche in der Faust, ganz wie wenn sie im Schloß-Parke einen Vergnügungsritt machte . . . Unsere Matrosen hätten sie sehen müssen, als sie abgestiegen ist . . . Er – hm, er hat sich unterdeß, Gott weiß wo! herumgetrieben . . . Tapfer, fürwahr, so tapfer wie sie! . . . aber kein Stern . . . kein Glaube! . . . Und um den Himmel zu gewinnen wie um seine Krone zu retten, Herr Herzog, dazu muß man gläubig sein!« Der Mönch geriet in Feuer, wuchs zu riesiger Größe in seiner langen Robe, und Rosen sah sich gezwungen ihn zu besänftigen. »Sachte, Pater Alpheus . . . Pater Alpheus! kommen Sie! kommen Sie!« denn er hatte Furcht, daß Colette sie hören möchte. Sie war bei dem Hofrat Herrn Boscowich gelassen worden, der sie mit seinen Pflanzen unterhielt, ihr Vorträge hielt über seine botanischen Exkursionen und die eingehenden Schilderungen derselben reichlich mit wissenschaftlichen Wörtern und Bezeichnungen durchspickte. Seine Unterhaltung roch nach welkem Heu und nach dem aufgewirbelten Staube seiner alten Bauern-Bibliothek. Und doch ist irdischen Größen ein so mächtiger Reiz zu eigen . . . die Atmosphäre, die sie verbreiten, berauscht gewisse kleine Naturen, die gierig darnach sind, sie zu atmen, gar kräftig, und erfüllt sie mit gar köstlichem Behagen . . . Zu diesen Naturen gehörte auch die junge Prinzessin, diese Prinzessin Colette von den Bällen des High-Life, von den Korsofahrten und Theater-Premieren, die immer auf Vorposten stand in dem »Paris, das sich amüsiert,« die unentwegt ihr niedlichstes Lächeln beibehielt, während sie den dürren Namen-Aufzählungen des Herrn Hofrates lauschte. Das Bewußtsein, daß ein König an diesem Fenster plauderte, daß zwei Königinnen im Zimmer nebenan sich das Herz ausschütteten, war ausreichend für sie, diesen alltäglichen Hotelsalon, in welchem die Eleganz ihrer Toilette sich wie herrenlos, wie nicht hierher gehörig, ausbreitete, mit der traurigen Größe und trübseligen Majestät zu erfüllen, welche die großen weiten Säle von Versailles mit den gebohnten, wie Spiegel leuchtenden Parkettböden so eintönig und düster machte. Sie würde in ihrer Verzückung und Schwärmerei bis Mitternacht dort sitzen geblieben sein; ohne sich zu rühren, ohne sich zu langweilen, einzig und allein ein bischen beunruhigt über die lange Unterhaltung, die Christian mit ihrem Gemahl führte. Was für ernste Fragen die beiden Männer wohl bewegen mochten? was für weit reichende Pläne sie zum Zwecke der Wiederherstellung der Monarchie sie wohl schmieden mochten? Ihre Neugierde verdoppelte sich, als sie sie alle beide mit belebten Gesichtern, entschlossenen Blickes und mit leuchtenden Augen, wieder in den Saal treten sah. »Ich gehe mit Monseigneur aus,« sagte Herbert mit leiser Stimme . . . »mein Vater wird Dich zurück geleiten.« Der König näherte sich ihr nun seinerseits: »Sie werden mir nicht allzu sehr zürnen, Prinzessin . . . Es fängt sein Dienst nun an.« »Alle Augenblicke unsres Lebens gehören Ihren Majestäten,« gab die junge Frau zur Antwort, überzeugt, daß es sich um eine wichtige und geheimnisvolle Maßnahme handelte, vielleicht gar um eine erste Zusammenkunft verschworner Geister . . . O! wenn doch sie, auch sie! mit hätte dabei sein können! . . . Christian war nach dem Zimmer der Königin zugeschritten. Nahe der Thür aber blieb er stehen. »Man weint drinnen,« sprach er, sich umdrehend, zu Herbert . . . »Guten Abend! ich gehe nicht hinein.« Auf der Straße überkam ihn ein Freudentaumel. Er machte seinem Herzen Luft, schob seinen Arm in den Arm seines Adjutanten, nachdem er sich im Vestibül des Hotels eine Cigarre angesteckt hatte, und rief: »Sieh! es ist doch eine herrliche Sache, so allein mitten hinein in die Menge zu laufen, sich auf gleicher Rangstufe wie alle andren Menschen zu bewegen, völlig Herr seiner Worte, seiner Gebärden zu sein, und wenn ein hübsches Mädchen vorbei kommt, den Kopf wenden zu dürfen, ohne daß Europa darob aus den Fugen gerät . . . Das ist die Wohlthat, der Segen des Exils . . . Als ich vor acht Jahren hierher kam, habe ich Paris nur aus den Fenstern der Tuilerieen, nur vom hohen Sitze der Staats-Equipagen aus gesehen . . . Dieses mal will ich alles sehen, alles kennen lernen, will ich überallhin gehen . . . Sapperlot! da fällt mir aber ein: ich lasse Dich laufen, laufen, und Du gehst lahm, mein armer Herbert . . . Warte! wir wollen uns einen Wagen nehmen.« Der Prinz wollte dagegen protestieren. Sein Bein schmerzte ihn ganz und gar nicht, sagte er; er fühlte sich im Gegenteil genug bei Kräften, um »bis dort hinunter« zu Fuße zu laufen. Aber Christian ließ nicht nach: »Nein, nein! ich will nicht, daß mein Führer schon am ersten Tage marode werde.« Der König rief einen Rosselenker an, der nach dem Platze de la Concorde ratterte mit quietschenden Wagenfedern und während er die Peitsche fleißig auf das knochige Rückgrat seines Gaules niederklatschen ließ. Mit flottem Satze sprang der König in den Wagen, setzte sich auf dem alten blauen Tuche der Sitzpolster zurecht und rieb sich mit echt kindlicher Freude die Hände. »Wohin fahren wir, mein Prinz?« fragte der Kutscher, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, wie richtig er seine Anrede getroffen hatte. Und König Christian von Illyrien antwortete mit der siegbewußten Stimme eines emanzipierten Bruders Studio: »Nach Mabille!« Pariser Balllokal für die Halbwelt. Zweites Kapitel. Ein Royalist. Geschornen und unbedeckten Hauptes schritten unter einem scharfen. wenn auch schwachen Dezember-Regen, der sich an die braune Wolle ihrer Kutte wie mit Nadelspitzen festsetzte, zwei Mönche mit weiten Schritten den Abhang der Rue Monsieur-le-Prince hinunter. Sie trugen beide die Leibschnur und die abgerundete Kapuze des Ordens vom heiligen Franziskus. Inmitten der Umwandlungen, die das lateinische Viertel erfährt, jener großen und weiten Einrisse und Durchbrüche. in denen sich die Ursprünglichkeit und die Erinnerungen des alten Paris zu Trümmer-Staub auflösen und verwischen, bewahrt die Rue Monsieur-le-Prince ihr Gepräge als Schul- oder Studentenstraße. Die Buchhandels-Schaufenster, die Milchläden, die Krämer, die Garküchen, die Geschäfte für »Ein- und Verkauf von Gold und Silber« wechseln dort bis hinaus zum Sainte-Geneviève-Hügel; und die Studenten, die ihn stündlich am Tage überschreiten, nicht mehr die Studenten des genialen Gavarni mit dem langen, aus einem wollenen Barett hervordringenden Haare, sondern Advokaten und Sachwalter in spe, von oben bis unten eingepreßt in ihre Ulster-Mäntel, peinlich gekleidet und behandschuht, mit gewaltigen Studienmappen unter dem Arme und Mienen, die schon in ihrer abgebrauchten Blasiertheit und eisigen Kälte an den Geschäftsvermittler und Träger erinnern; oder auch die Ärzte der kommenden Zeit, die ein wenig freier in der Art sich zu benehmen und zu geben sind und aus der stoff- und menschlichen Seite ihrer Studien, gleichsam als die Revanche für ihre Vorbeschäftigung mit dem Tode, sich eine starke Betätigung physischen Lebens wahren. Zu dieser frühen Stunde schritten Dirnen über die Straße, um bei der Milch- und Sahnehändlerin die Milch für ihr Frühstück zu holen, in Schlafrock und Pantoffeln, mit Augen, die vom Nachtwachen gerötet, mit Haaren, die wirr in ein schlotterndes Netz zusammengesteckt sind; die einen lachen und laufen im Trab unter dem Graupelregen hin; die andern hingegen wahren in außerordentlichem Grade ihre Würde, schwenken ihre zinnerne Kanne hin und her und schlürfen mit ihren Holzschuhen, schleppen ihre verschossenen Röckchen mit der hoheitsvollen Unnahbarkeit und Gleichgiltigkeit von Königinnen aus der Feenwelt; und sintemalen trotz Ulstermantel und Studienmappe die Herzen von zwanzig Jahren immer ihr Alter haben, so lachen die Herren Studiosi den jungen Damen zu: »Ei! sieh da! Lea!« –»Nun, guten Tag, Clemence!« Von einem Trottoir zum andern rief man einander an; Stelldichein wurden für den Abend gegeben »bei Medicis« oder auch im »Ludwig dem dreizehnten«, und urplötzlich, auf ein allzu lebendiges oder quer genommenes Spottverschen hin macht sich wohl auch eine von jenen verblüffenden ungemütlichen Dirnen-Stimmungen Luft in der stereotypen Redeweise: »Lauft doch Eures zweibeinigen Weges, Ihr Muster von frechem Patron Ihr!« Denke man sich nun, wie sich die beiden Mönchskutten über das Zusammentreffen mit all dieser jungen Welt entsetzen und sträuben mußten, die sich im Vorbeilaufen nach ihnen umguckte und über sie lachte, aber heimlich und verstohlen lachte, denn der eine von den beiden Franziskanern, ein magerer Mann und schwarz und dürr wie ein Stück Johannisbrot, hatte unter seinen buschigen Brauen eine schreckliche Piraten-Physiognomie, und seine Kutte, die von dem Strick, den er um den Leib trug, in dicken, bauschigen Falten zusammengeschnürt war, markierte Athleten-Hüften und Athleten-Muskeln. Weder er noch sein Gefährte schienen sich übrigens um die Straße zu bekümmern, deren Atmosphäre sie, mit großen Schritten weiter eilend, rasch von sich abschüttelten, starren Blickes, in sich versunken und einzig und allein dem Ziele ihres Laufes zustrebend. Ehe sie zu der breiten Treppe gelangten, die nach der Arznei-Schule hinunter führt, gab der ältere dem andern einen Wink: »Hier ist's!« Dies »Hier« nun war ein Hotel garni von kläglichem Aussehen. Der Weg, der zu ihm führte, war durch ein grünes Vorgitter, an dem ein Klingelzug angebracht war, abgesperrt und lag zwischen dem Lädchen eines Zeitungshändlers und einer Bierstube; das erstere war außer mit Journalen und Blättern, mit Couplets und Liedern, zwei Sous das Stück, ausgefüttert und vollgepfropft, desgleichen mit kolorierten Bilderbogen, auf denen die wunderliche Kappe Hanswursts oder Eulenspiegels sich in einer Unzahl von Formen und Stellungen präsentierte; die andere, eine Bierstube, zeigte auf einem Aushängeschilde die Inschrift »Bierstube zum Rialto«, ohne Zweifel deshalb, weil die Bedienung von jungen Damen in venetianischer Haartracht bewirkt wurde. »Ist Herr Elysée ausgegangen?« fragte der eine der beiden Patres, als er vor dem Klappfenster im ersten Stockwerk des Hotel garni vorbeischritt. Eine feiste Frau, die sich in vielen solcher Hotels bewegt haben mochte, ehe sie eins auf eigne Rechnung mieten konnte, gab träge und ohne auch nur die traurig und betrübt an dem Wandbrette hängende Schlüsselreihe zu befragen, aus ihrem Stuhle heraus die Antwort: »Ausgegangen? um diese Zeit! . . . Sie thäten besser, Sie frügen, ob er schon wieder heim ist!« Dann bewog sie ein Blick auf die härenen Kutten, einen andren Ton anzuschlagen, und in der größten Bestürzung gab sie nun an, wo sich Elysée Mérauts Zimmer befand: »Zimmer sechs, im fünften Stock, am Ende des Korridors.« Die Franziskaner stiegen hinauf, irrten zwischen engen Gängen herum, die dicht belagert waren mit beschmutzten Stiefeln und grauen, goldlackierten, wunderlichen, bald eleganten, bald jämmerlichen Stiefelchen mit hohen Absätzen, die aber alle ein langes und breites vermeldeten über die Sitten des »Insassen« oder der »Insassin«. Aber sie gaben hierauf nicht Acht, die beiden Mönche, fegten im Vorbeigehen darüber hin mit ihren rauhen Röcken und mit dem Kreuze ihrer großen Rosenkränze und gerieten kaum in Erregung, als eine schöne, mit rotem Unterrock bekleidete Dirne, Hals, Brust, Arme in einem Mannskittel steckend, über den Flur des dritten Stockwerkes schritt und dann sich über das Geländer beugte, um dem Kellner etwas zuzurufen mit einer Stimme und einem Lachen, die aus einem auffällig gemeinen Munde hervor klangen. Indes tauschten sie einen bezeichnenden Blick aus. »Wenn dies der Mann ist, von welchem Ihr redet,« flüsterte der »Korsar« mit fremdländischem Accent, »so hat er sich in eine seltsame Umgebung hineingesetzt.« Der andere und ältere, der ein kluges und feines Gesicht hatte, zeigte ein von gotteslästerlicher Bosheit und sündiger Nachsicht umschleiertes Lächeln und flüsterte: »Der heilige Paulus unter den Heiden!« Im fünften Stockwerk angelangt, hatten die Mönche noch einen Augenblick der Verlegenheit zu überstehen, insofern nämlich, als die Wölbung der niedrigen und sehr düsteren Treppe kaum die Zimmer-Nummern und einige mit Visitenkarten geschmückten Thüren unterscheiden ließen, – auf welchen Visitenkarten Namen standen wie »Fräulein Alice«, ohne jegliche andre Angabe von Stand oder Beschäftigung – übrigens deshalb nämlich eine recht überflüssige Bezeichnung, weil sie im selben Hause sich Konkurrenz im selben Handwerk machten . . . Und nun sehe man die frommen Herren Patres aufs geratewohl an eine solche Thüre klopfen! »Fürwahr! man muß ihn rufen!« sagte der Mönch mit den schwarzen Brauen, der auch mit einem militärisch accentuirten »Monsieur Méraut!« das Haus erdröhnen machte. Nicht minder stark und kräftig, nicht minder vibrierend als sein Anruf war die Antwort, die aus dem, am äußersten Ende des Ganges gelegenen Zimmer hervorschallte. Und als sie die Thüre geöffnet hatten, fuhr die Stimme lustig und vergnügt fort: »Seid denn Ihr es, Pater Melchior! . . . Kein Glück! gar keine, gar keine Glücksader! . . . Ich hab' geglaubt, man brächte mir einen Einschreibbrief . . . Nun! tretet trotzdem herein, Ihr meine ehrwürdigen Herren! und laßt mich Euch herzlich willkommen heißen! . . . Wenn sich's machen läßt, werdet Ihr Euch auch setzen, meine ehrwürdigen Herren!« Es lagen in der That auf allen Möbeln Stöße und Berge von Büchern, Zeitungen, Rundschauen, die solcher Art die gemein-schmutzige Art eines solchen Hotel garni achtzehnter Rangstufe, seine abgelaufenen Fußboden, seinen zerschlissenen Divan, das ewige Cylinder-Büreau und die drei nicht minder ewigen Stühle in verschossenem Plüsch verdeckten und verkleideten. Auf dem Bette lagen Druckbogen und Druckblätter im bunten Durcheinander mit Kleidungsstücken und der dünnen braunen Decke, mit Bündeln von Korrektur-Abzügen, die der noch im Bett liegende Zimmerherr mittelst Farbstiftes mit großen Strichen zersäbelte. Dieses jämmerliche Arbeitsstübchen, der Kamin ohne Feuer und die krasse Nacktheit der Wände wurden erhellt durch das Tageslicht der Dächer von den Nachbarhäusern, durch den Wiederschein eines Regenhimmels auf abgewaschenen Schieferflächen; und die große Stirne Méraut's, sein galliges und gewaltiges Antlitz empfingen hiervon den intelligenten und traurigen Glanz, welcher gewisse Gesichter auszeichnet, die man nur in Paris antrifft. »Immer noch mein Hundeloch, wie Ihr seht, Pater Melchior! . . . Nun, nun! was wollt Ihr? Ich bin bei meiner Landung, 's ist an die achtzehn Jahr nun her, hier abgestiegen. Seitdem hab' ich mich nicht von hier gerührt . . . Soviel Träume, soviel Hoffnungen, wie ihrer begraben liegen in allen Winkeln und Ecken . . . soviel Ideen, die ich wieder finde unter alten Staubschichten . . . Ich bin sicher, daß wenn ich dieses armselige Stübchen verließe, ich den besseren Teil von meinem Ich hier lassen würde . . . Das ist so wahr, daß ich das Stübchen auch behalten habe, während ich dort hinüber reiste« . . . »Nun, à propos! Ihre Reise?« sagte der Pater Melchior, wobei er kaum merklich nach seinem Begleiter hinüber blinzelte – »ich habe geglaubt, Sie würden längere Zeit fortbleiben . . . was ist denn da vorgefallen? . . . Die Stellung hat Ihnen wohl nicht zugesagt?« »O! wenn wir über die Stellung sprechen,« gab Méraut zur Antwort, seine Mähne schüttelnd, »so könnte man etwas schöneres derart wohl nicht finden . . . Botschafters-Einkünfte, Quartier im Palaste, Pferde, Wagen, Dienerschaft . . . Jedermann die Liebenswürdigkeit selbst gegen mich, Kaiser sowohl als auch Kaiserinnen, die Erzherzöge nicht minder . . . Trotz alledem habe ich mich gelangweilt. Es fehlte mir Paris, vor allem unser Latein-Viertel, die Luft, die man dort atmet, die leichte, lose, vibrierende, jugendfrische, frohe Luft . . . Die Galerieen des Odéon, das frisch gedruckte, im Stehen mit Daumen und Zeigefinger durchblätterte Buch . . . oder die Jagd nach Scharteken und Schmökern, jenen, meine ich, die an der Kai-Flucht entlang aufgestapelt stehen oder liegen wie ein Wall, der das studiose Paris gegen die Hohlheit und Windigkeit, gegen die Selbstsucht des andern Paris in Schirm und Schutz nimmt . . . Und weiter, dies ist ja noch nicht alles.« – Hier nun nahm seine Stimme eine ernstere Klangfärbung an. – »Ihr kennet, Pater Melchior, meine Ideen! Ihr wisset, was mein Ehrgeiz erstrebte, als ich diese Subaltern-Stellung annahm . . . Ich wollte einen König aus diesem kleinen Mann machen, einen König, der wirklich, der Wahrheit nach König ist – eine Sache oder Person, wie Ihr wollet, die man heutzutage nicht mehr sieht . . . ich wollte ihn erziehen, ihn meißeln, ihn zurecht schnitzen für jene große Rolle, welche sie alle, alle überragt, zermalmt, zerschmettert, gleich jenen Waffen und Rüstungen aus dem Mittelalter, die in den alten Zeughäusern und Rüstkammern noch vorhanden geblieben sind, um unsre schwächlichen Schultern und eingequetschten Brustkasten zu beugen und demütigen . . . Ach ja doch! hatte sich was! . . . Liberale, mein Teurer, Reformer, Fortschrittsleute, große Geister mit allerhand neuen Ideen im Schädel: das war's, was ich am Hofe zu X . . . gefunden habe . . . Greuliche Bürgerphilister, die nicht verstehen, daß wenn die Monarchie verdonnert ist, es ihr besser, weit besser thut, sie stirbt kämpfend und eingehüllt in ihre Flagge, als daß sie sich in einem, von irgend welchem Parlament oder Reichstag geschobenen Rollsesselchen zu Ende rumpeln läßt . . . Von meiner ersten Unterrichtsstunde an hat das ein Gezeter, einen Spektakel im Palaste gegeben . . . ›Von wo ist denn der her? Was will uns denn dieser Barbar?‹ . . . Da hat man mich denn mit aller erdenklichen Art von Liebenswürdigkeiten und schönen Redensarten gebeten, mich an die bloßen Fragen pädagogischen Gebiets zu halten . . . Ich, und ein Drillpauker! Als mir das vor die Augen getreten ist, habe ich meinen Hut genommen – und . . . wünsche bestens guten Abend, meine Majestäten!« . . . Er sprach mit kräftiger und voller Stimme, deren südländischer Accent die gesamte Skala metallischer Saiten anschlug, und im Verhältnis hierzu veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. Sein Kopf, der im Zustande der Ruhe ungeheuer groß erschien und häßlich war, auf dem, wie ein Höcker, eine gewaltige Stirne saß, von dessen Schädel sich in unbesiegbarem Wuste eine von einer breiten Ähre weißen Haars diademartig überragte schwarze Mähne tief über den Hals nieder in wellenden Linien zog, – dieser Kopf mit seiner dicken, gequetschten Nase, mit dem energischen Munde, den kein einziges Barthaar verdeckte, denn seine Hautfarbe wies die Gluten, die Risse, die Ödeneien eines vulkanischen Bodens auf – dieser Kopf gewann im Zustande der Leidenschaft eine ganz wunderbare Lebendigkeit. Man stelle sich vor, es zerrisse ein Schleier; man denke sich den schwarzen Vorhang eines Herdes, den man über der lustigen und wärmenden Flamme aufhöbe; male sich die Entfaltung einer an die Augen, Nasen, Lippenwinkel gehängten Beredsamkeit, einer Beredsamkeit, die sich mit dem aus dem Herzen heraufgestiegenen Blute über dieses Angesicht, das Excesse und Nachtwachen entfärbten, ergossen, verbreitet hat . . . Den Landschaften des Languedoc, des Heimatslandes Mérauts, mit ihren kahlen, öden Flächen im Grau von staubigen Olivenbäumen ist unter den irisierten Strahlenlagern ihrer unerbittlichen Sonne auch solches herrliche Aufzucken von Flammenzungen, durchsetzt mit märchenhaften Schatten, zu eigen, das Ähnlichkeit hat mit der Zersetzung eines Strahles, mit dem langsamen und schrittweise stattfindenden Ersterben eines Regenbogens. »Sie haben also an Größen Überdruß gefaßt!« fragte der alte Mönch, dessen schmiegsame, jedes Widerklanges entbehrende Stimme in einem so scharfen Gegensatze zu diesem explosiven Hervorbruch der Beredsamkeit des anderen stand. »Gewiß!« . . . versetzte der andere mit energischer Betonung. »Indessen sind nicht alle Könige einander gleich . . . ich kenne ihrer, denen Ihre Ideen . . .« »Nein, nein, Pater Melchior! . . . Das ist aus und vorbei! Ich möchte den Versuch nicht zum zweiten male machen . . . Der Anblick von Souveränen in so dichter Nähe möchte mir, das fürchte ich gar zu sehr, meine loyale Gesinnung verderben.« Nach einem Schweigen machte der kluge Priester einen Umweg und suchte seinen Gedanken durch eine andere Thüre Eingang zu schaffen. »Diese halbjährliche Abwesenheit hat Sie doch schädigen müssen, Méraut?« »Nicht doch! nicht zu sehr! . . . Zunächst ist mir der Onkel Sauvadon treu geblieben . . . Ihr wisset doch, Sauvadon, mein reicher Protze aus Bercy . . . Da er bei seiner Nichte, der Prinzeß von Rosen, große Gesellschaft trifft und den Wunsch in sich fühlt, sich an den dort aufs Tapet kommenden Gesprächen zu beteiligen, bin ich die Persönlichkeit, welche er mit dem Amte betraut hat, ihm zu drei malen in der Woche ›Ideen über alles und jedes‹, wie er die Sache zu nennen liebt, beizubringen. Er ist ein reizender Kerl in seiner Harmlosigkeit und Vertrauensseligkeit, dieser wackere Mensch . . . ›Herr Méraut! was, meinen Sie, muß ich von diesem Buche meinen?‹ – ›Abscheulich, scheußlich.‹ – ›Indes hat es mir geschienen . . . als hörte ich gestern Abend bei der Prinzessin . . .‹ – ›Nun! wenn Sie eine Meinung bereits haben, dann ist meine Gegenwart hier unnütz.‹ – ›Aber nicht doch, mein lieber Freund! nicht doch! . . Sie wissen doch, daß ich darüber keine Meinung habe!‹ Faktum ist, daß es an einer solchen ihm absolut gebricht, und daß er mit geschlossenen Augen alles hinnimmt, was ich ihm reiche . . . Ich bin sein Denkstoff . . . Seit meiner Wegreise hat er, ans Mangel an Ideen, nicht mehr gesprochen . . . Und als ich wiedergekehrt bin, da hat er sich auf mich gestürzt . . . Ei! das hättet Ihr sehen müssen! Ich habe dann noch zwei Walachen, denen ich Unterrichtsstunden in Staatsrechts-Wissenschaft gebe . . . Auch sonst habe ich immer 'was an der Leine . . . So setze ich in diesem Augenblicke den letzten Federstrich an eine ›Denkschrift über die Belagerung von Ragusa‹ nach authentischen Aktenstücken . . . Es ist von meiner Handschrift nicht viel darin zu sehen . . . mit Ausnahme eines Schlußkapitels, mit dem ich leidlich zufrieden bin . . . Ich habe die Korrekturbogen da. Wünschet Ihr, daß ich es vorlese? . . . Ich gebe dem Kapitel den Titel: ›Europa ohne Könige!‹« Während er sein realistisches Exposé las und in Leben und Feuer dabei geriet, ja bis zu Thränen sich an ihm begeisterte, brachte das Erwachen des Hotel garni rings umher jugendliches Lachen und Scherzen hinein zwischen das Klappern von Schüsseln und Gläsern und zwischen die abgerissenen, dürr und trocken wie Holz klingenden Töne eines alten Klaviers, auf dem ein Gassenhauer geklimpert wurde. Ein verwunderlicher Gegensatz, den die Franziskaner in dem Übermaße von Freude, die ihren Ohren durch diese mächtige und rüde Apologie des Königtums bereitet wurde, kaum erfaßten; besonders der größere der beiden Mönche nicht, der, zitternd und bebend und mit den Füßen stampfend, mit energischer Gebärde, die ihm die Arme über der Brust zusammen preßte so nah, daß sie schier bersten wollte, Ausrufe der Begeisterung in der Kehle zurückhielt. Als die Lesung des Schriftstücks von Elysée beendigt war, richtete der Mönch sich in die Höhe, ging mit großen Schritten, lebhaft gestikulierend, auf und nieder und rief in sprudelnder Rede: »Jawohl! das ist die Sache! das ist ganz die Sache! . . . Das ist das Wahre! das einzig Wahre! . . . Das göttliche Recht! das legitime Recht! das absolute Recht! . . . Keine Parlamente mehr! . . . Keine Advokaten mehr! . . . Ins Feuer mit dem ganzen Plunder!« Und in seinem Blicke funkelte und flammte es wie in einem Scheiterhaufen der heiligen Hermandad. Pater Melchior, der ruhigere von den beiden Mönchen, beglückwünschte Méraut zu seinem Buche. »Das werden Sie nun doch hoffentlich mit Ihrem Namen erscheinen lassen?« »Nicht mehr als die anderen . . . Sie wissen doch, Pater Melchior, daß ich nur Ehrgeiz für meine Ideen habe . . . Das Buch wird mir bezahlt werden; der Onkel Sauvadon hat mir diese Zubuße verschafft; aber ich hätte es mit ebenso großem Genusse auch umsonst geschrieben. Es ist so schön, die Annalen dieses im Todeskampf liegenden Königtums aufzuzeichnen, den decrescendo wehenden und in den erschöpften Monarchien ersterbenden Hauch der alten Welt zu vernehmen . . . Zum mindesten doch ein gestürzter König, der ihnen allen eine grimmige Lektion gegeben hat . . . Ein Heros dieser Christian! . . . In diesen Tageblättern hier steht eine Erzählung von einem Spaziergange, den er unter Bomben und Granaten in der Engelsveste unternommen . . . Das ist großartig! kapital! einzig!« Der eine der beiden Patres senkte das Haupt. Besser als sonst jemand wußte er, woran er sich bezüglich dieser heldenhaften Kundgebung und dieser noch heldenhafteren Lüge zu halten hatte . . . Aber ein Wille, welcher höher stand als der seinige, befahl ihm Stillschweigen. Er begnügte sich, seinem Genossen einen Wink zu geben; und dieser sagte, dann plötzlich aufstehend, zu Méraut: »Wohlan denn! um des Sohnes dieses Helden willen suche ich Sie auf . . . mit dem Vater Alpheus, dem Almosenier des illyrischen Königshofes . . . Wollen Sie es auf sich nehmen, das königliche Kind zu erziehen?« »Sie werden bei uns weder Paläste, noch große Equipagen finden,« fuhr Pater Alpheus eintönig und mit trübsinniger Miene fort – »auch nicht die kaiserlichen Großthaten des Hofes von X . . . Sie werden gefallenen Fürsten dienen, um welche ein Exil, das schon älter ist als ein volles Jahr und das sich noch in die Länge zu ziehen droht, Trauer und Einsamkeit gewoben hat . . . Ihre Ideen sind die unsrigen . . . Der König hat freilich einige liberale Willensäußerungen gehabt, hat aber die Nichtigkeit derselben nach seinem Sturze erkannt. Die Königin . . . die Königin ist erhaben . . . Sie werden sie ja sehen.« »Wann?« fragte der begeisterte Mann, den plötzlich wieder seine Schimäre befiel, einen König nach seinem Genie zu formen, in der Weise wie auch der Schriftsteller sein Werk gestaltet. Und sogleich kam man über eine nächste Zusammenkunft überein. Wenn Elysée Méraut seiner Kindheit gedachte – und er gedachte ihrer oft, denn alle stärkeren Eindrücke seines Lebens hafteten in ihr – da trat ihm regelmäßig folgendes vor die Augen: Eine große, dreifenstrige Stube. In ein jedes dieser drei Fenster fiel helles Tageslicht herein, und vor einem jeden von ihnen stand ein Jacquard-Webestuhl für Seide, der wie ein beweglicher Vorhang seine hohen Rahmen, seine durchbrochenen Litzen über dem Licht und der Fernsicht spielen ließ; dahinter ein Gewirr von Dächern, von hoch ansteigenden Häusern, deren sämtliche Fenster, gleich den dreien dieses Hauses, mit Webstühlen besetzt waren. An ihnen arbeiteten, wie Klavierspieler über einem vierhändigen Stück, zwei Männer in Hemdsärmeln über Einschuß und Kette und machten ihre gleichmäßigen Hantierungen und Griffe. Zwischen diesen Häusern krochen kleine Gärtchen in Gassenform an der Küste entlang, Miniatur-Gärtchen des Südens, verbrannt und gebleicht, dürr und der Luft beraubt, angefüllt mit fetten Pflanzen, aufwärts rankenden Birnkürbissen und großen, voll nach Westen zu erblühten Sonnenblumen mit den in gesenkter Stellung die Sonne suchenden Blütenkronen, deren im Reifen begriffene Kerne mit ihrem welken Duft weit und breit die Luft um die Gärten her erfüllten. Diesen Duft meinte Elysée noch dreißig Jahre nachher zu riechen, sobald er des heimatlichen Weilers gedachte. Was diesen Anblick des summenden und wie im Bienenstock zusammen gedrängten Arbeiterviertels beherrschte, war die Kuppe des steinigen Hügels, auf welchem es angebaut war. Dort standen auch einige alte verlassene Windmühlen, einstmals die Ernährerinnen der Stadt, die man um ihrer jahrelang geleisteten Dienste willen stehen ließ; die auf dieser luftigen Höhe das Gerippe ihrer Flügel wie zerbrochene Fühlhörner von riesigem Umfange emporreckten und ihr Gestein in dem Winde, in der Sonne und in dem scharfen Staube des Südens sich ablösen und entweichen ließen. Unter dem Schutze dieser altertümlichen Windmühlen hatten sich dort Sitten und Traditionen einer andren Zeit erhalten. Der ganze Flecken – man nennt diesen Vorstadtwinkel auch »Königs-Hag« – war und ist heute noch von glühendem Royalismus erfüllt, und in jeder Werkstatt fand man dort an der Wand aufgehängt, pausbackig, rosig und blond, mit langem, in Wellen frisiertem Haar, auf dessen Locken die Pomade mit hübschem Licht-Reflexe schimmerte, in 1840er Tracht das Porträt desjenigen, welchen die Bewohner untereinander vertraulich als lou Goï (»den Hinkenden«) bezeichneten. Beim Vater von unserem Elysée hing unterhalb dieses Rahmens ein anderer kleinerer Rahmen, in welchem sich auf blauem Briefpapier-Grunde ein großes Siegel von rotem Wachs heraushob mit den beiden Worten »Fides, Spes« Glaube, Hoffnung. als Inschrift um ein Andreas-Kreuz herum. Von seinem Platze aus, wenn er sein Weberschiffchen laufen ließ, sah Meister Méraut das Porträt und las den Wahlspruch: »Fides, Spes« ; und sein großes Gesicht mit den gemeißelten Zügen, das aussah wie eine alte, unter Antonin geschlagene Medaille, dem selbst die Adlernase und die runden Umrisse jenes Bourbonen-Geschlechts nicht fehlten, das er so heiß und innig liebte – das große Gesicht des Meisters Méraut blähte sich auf und färbte sich mit dem Purpur einer hochgradigen Erregtheit. Dieser Meister Méraut war ein schrecklicher Mann, gewaltthätig und despotisch. Die Gewohnheit, das Geräusch der Laden und des Ladenklotzes am Webstuhle zu überschreien, hatte seiner Stimme einen Klang verliehen, der in seiner kräftigen Wirkung, in seinem Poltern und Rollen an Sturmgewitter erinnerte. Seine Frau dagegen war ein gedrücktes, verschüchtertes Geschöpf; jene südländischen Traditionen, daß der Mann der Herr sei, die aus den Frauen jener Gegenden echte Sklavinnen des Orients machen, waren ihr in Fleisch und Bein übergegangen, und sie hatte sich zu jenem Teil bekannt, kein Wort mehr zu irgendetwas zu sagen. In diesem Rahmen war Elysée aufgewachsen. Er wurde minder hart vorgenommen als seine beiden Brüder, weil er der letztgeborene, der schwächlichste war. Statt ihn vom achten Jahre an ans Weberschiff zu setzen, ließ man ihm ein geringes Teil von jener guten, der Kindheit so nötigen Freiheit. Er wendete sie dazu an, diese Freiheit, den ganzen Tag im Hag herumzustreifen und auf der Hügelkuppe oben mit Windmühlen zu kämpfen, Weiße gegen Rote oder Katholische gegen Hugenotten. Die Leute stehen dort, in diesem Teile des Languedoc, noch heute unter solchem Zeichen diesem Hasses! Die Kinder teilten sich in zwei Lager, wählten sich jeder eine Windmühle, deren abrollendes Gestein ihnen zu Wurfwaffen diente. Dann gab es Schimpfworte von hüben und drüben, die Schleudern schnitten pfeifend durch die Luft, und stundenlang überließ man sich nun homerischen Angriffen und Stürmen, die immer tragischen Ausgangs waren, bei denen es immer eine blutige Schmarre setzte auf einer zehn Jahre alten Stirn oder im Busch eines Seidenhaars, eine von jenen Wunden der Kindheit, die sich für die ganze Lebenszeit auf der zarten Haut abzeichnen und von denen Elysée im Mannesalter noch Spuren an der Schläfe und in den Lippenwinkeln aufwies. O! diese Windmühlen! wie verwünschte die Mutter sie! wenn ihr Kleiner bei Einbruch der Dämmerung über und über voll Blut, und zerrissen und zerfetzt, zu ihr heimkehrte. Der Vater schalt ihn der Form halber aus Gewohnheit, um seine Donnerwetter nicht einrosten zu lassen. Bei Tische aber ließ er sich die Vorgänge der Schlacht und die Namen der Kämpfer berichten. »Tholozan! Tholozan! . . . Es giebt ihrer also noch aus dieser Sippe! . . Ach, der Schuft! Achtzehnhundertfünfzehn war's, da hatt' ich den Vater vor'm Flintenlaufe . . . Ich hätt' besser gethan, ihn ins Gras zu betten.« Und nun folgte in dem phantastisch ausgeschmückten, derben Platt der Bewohner des Languedoc, das dem Ohre keinen Satz, keine Silbe schenkt, eine lange Geschichte aus der Zeit, als er sich bei den »Grünen« des Herzogs von Angoulême, eines großen Generals vorm Herrn und eines heiligen Mannes, hatte in die Musterrolle schreiben lassen . . . Diese Erzählungen waren an die hunderte von malen gehört, aber durch die dem Vater innewohnende Begeisterung auch an die hunderte von malen anders erzählt worden. Sie hafteten in Elysée's Seele ganz ebenso tief, wie auf seinem Gesichte die Schmarren von den Steinwürfen, die es beim Kampf um die Windmühlen gesetzt hatte. Sein Leben verlief im Rahmen einer Königs-Legende, deren Haupt-Erinnerungsdaten im 21. Januar, dem Sankt-Heinrichstage, gipfelten, und die mit heiliger Verehrung berichtete von Märtyrer-Fürsten, welche mit geweihten Fingern die Volksmenge segneten, von unerschrockenen Fürstinnen, die sich für die gute Sache aufs Roß geschwungen hatten, die verfolgt, verraten, in irgend welchem alten Gasthause auf bretonischem Boden unter der schwarzen Kappe eines Rauchfangs erwischt und festgenommen worden waren. Und um dieser Kette von Trauer und Leid und Verbannung, die für einen Kindesgeist zu viel des Unerquicklichen gehabt haben würde, einige Aufklärung zu leihen, wurden die Mär von dem Huhn im Topfe, das jedem Bauer am Sonntag gehöre, und das Lied vom »wackern Edelmanne« Heinrich von Navarra den glorreichen Erinnerungen und dem ganzen Ehrenschwall Alt-Frankreichs eingeflochten. Dies Lied »vom vierten Heinrich« war die »Marseillaise« des Königshags! Sonntags nach dem Vespergottesdienste, wenn der Eßtisch, der kaum auf der Schräge des Miniatur-Gärtchens Platz hatte, hinausgeschafft worden, und die Mérauts im Freien, in der schönen Luft, wie man dort unten sagt, d. h. in der erstickenden Atmosphäre, die auf den Sommertag mit seiner am Erdboden, am Mauerbewurf gehäuften Hitze folgt, und die sich kräftiger und ungesunder ablöst, als wie die Sonne sie herniederstrahlt – wenn der alte Städtler mit seiner gefeierten Stimme sein »Es lebe Heinrich IV., es lebe der tapfere, kühne König!« anstimmte – dann schwieg alles ringsum im Hag. Man hörte nur noch das dürre Knacken der Zaunweiden, die sich unter der Wirkung der Hitze spalteten, das Schnarren, das ein auf seinem Flug verspätetes Heimchen mit seinen Flügeldecken hervorbrachte – und den alten Königssang, der nach seinem Takte des feierlichen altspanischen Pfauentanzes in all der Ungelenkheit von bauschigen Beinkleidern und Frauengewändern mit Hüftenwulst majestätisch dahin rollte. Der Schlußreim wurde im Chor gesungen: Hoch lebe der König unser Herr, – Das ist ein Heinrich von echtem Schrot – Der mir und Dir Heil bringen wird. Dieses im Rhythmus und nach Fugen-Art gesungene »Mir und Dir« machte Elysée und seinen Brüdern außerordentlich viel Spaß. Sie sangen es, während sie sich herumbalgten, herumstießen, was ihnen wohl jedesmal eine derbe Zurechtweisung von väterlicher Seite eintrug; das Lied selbst aber wurde um solch geringfügiger Ursache willen nicht unterbrochen, sondern mitten unter Schlägen, Lachen, Schluchzen fortgesetzt, wie ein Sang von Besessenen am Grabe des vermaledeiten Pâris. Immer in die Familienfestlichkeiten hineinverwoben, gewann dieser Königssang außer dem Prestige, das er in den Feenmärchen und in der »Weltgeschichte erzählt für Kinder« bewahrte, einen Charakter der Intimität und Vertrautheit. Was diese Empfindung noch erhöhte und mehrte, waren die geheimnisvollen Schreiben auf Velin-Papier, die zwei- bis dreimal im Jahr aus Frohsdorf für die sämtlichen Bewohner des Königshags eintrafen, allerhöchst eigenhändig geschriebene Briefe mit großen und deutlichen Buchstaben, worin der König zu seinem Volke sprach, sich in Geduld zu fassen und zu warten. An solchen Tagen der Herzensfreude ließ dann Meister Méraut sein Weberschifflein mit ernsterer Miene denn sonst tanzen, und als der Abend gekommen war, und die Thüren wohlverschlossen waren, da fing er an, das Rundschreiben an die Gemeinde des Hags zu lesen, das immer einunddieselbe süßliche Proklamation enthielt mit den Worten so unbestimmt wie die Hoffnung: »Franzosen! man betrügt sich und betrügt euch . . .« Und immer war auch das unabänderliche Siegel mit den Worten: Fides, Spes darunter gedrückt . . . Ach! ach! die armen Leute! die Treue und die Hoffnung waren die Dinge nicht, an denen es ihnen gebrach. »Wenn der König wiederkommen wird,« sagte Meister Méraut, »dann werde ich mir einen guten Lehnstuhl kaufen . . . Wenn der König wiederkommen wird, dann werden wir die Stube mit neuer Tapete ausschlagen.« Später, nachdem er in Frohsdorf gewesen war, wurde die Redensart wie folgt geändert: »Als ich die Ehre gehabt, den König zu sehen . . .« So sagte er dann immer bei jeder Gelegenheit. Der Biedermann hatte tatsächlich seine Pilgerfahrt nach Frohsdorf gemacht, die ein wahrhaftiges Opfer an Zeit und Geld für diese Arbeitersleute des kleinen Ortes gewesen war, und niemals hatte Hadschi, wenn er von Mekka zurückkehrte, solch eine strahlende Glückseligkeit gezeigt, solch eine Herzenswonne empfunden. Die ihnen gewährte Zusammenkunft war jedoch von sehr kurzer Dauer nur gewesen. Den Getreuen, die vor ihn geführt worden waren, hatte der Kron-Prätendent gesagt: »Ah! sieh da! da seid Ihr ja!« ohne daß jemand den Mut gefunden hatte, auf diesen huldreichen Empfang ein Wort der Erwiderung zu sagen, weder Meister Méraut noch einer von den anderen; Méraut wäre übrigens dazu noch viel weniger imstande gewesen als die anderen, denn die Erregung erstickte ihn fast, und die Augen waren ihm dermaßen getrübt von Thränen, daß er nicht einmal die Gesichtszüge seines Abgottes zu sehen imstande gewesen war. Bloß bei der Abreise hatte ihn der Herzog von Athis, der Sekretär Seiner königlichen Majestät und zum Ehrendienst bei ihnen befohlene Offizier, sich lange bei ihm befragt über den Zustand der Gesinnungen und Meinungen in Frankreich; und man stelle sich vor, was der exaltierte Weber, der nie im Leben den Fuß aus dem Königshag gesetzt hatte, für Antwort geben mußte: »Aber wenn er nur kommen wollte, dem Geschick trotzen wollte, unser Heinrich! wenn er doch nur geschwind kommen wollte! Es sehnt sich doch alles in Frankreich so sehr nach seinem Anblick . . .« Darauf bedankte sich nun der Herzog von Athis, erfreut über diese Auskunft, recht herzlich bei ihm und fragte ihn dann plötzlich: »Habt Ihr Kinder, Meister Méraut?« »Ich habe ihrer drei, Herr Herzog!« »Knaben?« »Ja . . . drei Kinder . . .« wiederholte der alte Städtler (denn Mädchen rechnen bei dem Volke dort unten im Süden Frankreichs nicht als Kinder). »Gut . . . Ich nehme Vormerkung von diesem Umstande . . . Monseigneur wird sich seiner erinnern, wenn die Zeit hierzu gekommen ist.« Daraufhin hatte der Herr Herzog sein Notizbuch aus der Tasche gezogen und . . . kra . . . kra . . . die Namen der drei Söhne Mérauts darin verzeichnet. Mit diesem »Kra . . . kra . . .« brachte der wackere Mensch die Gebärde zum Ausdruck, mit welcher sein Gönner diese Niederschrift bewirkt hatte . . . sie bildete einmal wie allemal einen untrennbaren Bestandteil von der Erzählung des Mannes, die in dieser, in ihrer Unwandelbarkeit der geringfügigsten Einzelheiten wahrhaft rührenden Familien-Chronik aufgesammelt wurde. Und wenn die arbeitslose Zeit kam, und wenn die Mutter mit Schrecken wahrnahm, daß ihr Mann alt zu werden anfing, daß der kleine Sparpfennig, welchen die Familie besaß, auf die Neige ging, dann gab dieses »kra . . . kra . . .« Antwort auf die Worte der Unruhe und Sorge, denen sie im Hinblick auf die Zukunft ihrer Kinder schüchternen Ausdruck gab . . . »Sei ruhig doch!« sprach es aus diesem Worte; »der Herzog von Athis hat ja doch gütigst Vormerkung davon genommen!« Und der alte Weber, den nun plötzlich ein Ehrgeiz für seine Söhne beseelte, setzte all seine Hoffnungen, all sein Sehnen nach Größe, da die beiden älteren Söhne dem Elternhause schon den Rücken gewandt hatten und in den väterlichen Fußtapfen wandelten, auf seinen jüngsten Sohn, auf Elysée. Er wurde auf das »Papel-Institut« gebracht, das von einem jener landesflüchtigen Spanier geführt wurde, welche nach der Kapitulation von Marotto zu Hauf in die Städte des Südens zogen. Es befand sich hinten tief im Schlächter-Quartiere, in einem zerfallenen, moderigen Hause, im Schatten der Kathedrale, wie seine kleinen grünen Fensterchen und die Risse seiner Mauern es bezeugten. Der Weg zum Institut hin führte die Reihe von vergitterten Läden entlang, vor denen mächtige, von einem widerlichen Gesumme umgebene Fleischviertel hingen – und durch ein Gewirr von engen Gassen, die immer schlüpfrig und klebrig und von irgendwelchem Unrat gerötet waren. Wenn er zu späterer Zeit hieran dachte, kam es Elysée vor, als hätte er seine Kindheit im vollen Mittelalter, unter der Fuchtel und dem Knotenstrick eines schrecklichen Fanatikers verlebt, in dessen unsauberer und finsterer Klasse das Latein auf us mit dem segnenden oder zürnenden Klange der nachbarlichen Glocken abwechselte, der sich auf den Sims der alten Kirche, auf ihre Erker, Steinrinnen und die Köpfe über ihren Traufen herniedersenkte. Dieser kleine Herr Papel mit seinem gewaltig großen und öligen Gesichte, das von einem schmutzigen, fettigen, um eine ihm von den Wimpern bis zur Haarkante die Stirne teilende dicke blaue Ader zu verdecken, tief in die Augen hineingedrückten weißen Barett überschattet wurde, sah einem Zwerge aus den Bildern des Velasquez, bis auf die leuchtenden Gewänder und den strengen und ehernen Zug jener Zeit, täuschend ähnlich. Dazu roh und grausam, aber mit einem erstaunlichen Gedankenvorrat unter seinem breiten Schädel ausgestattet, eine Art wandelnden, leuchtenden Konversationslexikons, das aber durch einen hartnäckigen Royalismus gewissermaßen wie durch einen Riegel, den das abnorme Vortreten der seltsamen Ader recht deutlich in Augenschein setzte, mitten auf der Stirn verschlossen war. Es ging das Gerücht in der Stadt, daß dieser Name Papel der Deckmantel sei für einen anderen berühmteren Namen, für den Namen eines cabecilla Parteigänger. des Don Carlos, der sich durch seine wilde Art der Kriegführung und durch die reichen Variationen, die Menschen vom Leben zum Tode zu bringen, berühmt gemacht hatte. In so unmittelbarer Nähe der Grenze war ihm sein schmählicher Ruhm beschwerlich und lästig und zwang ihn zur Führung eines falschen Namens. Was wohl Wahres an dieser Geschichte sein mochte? Während der zahlreichen Jahre, die Elysée bei seinem Lehrer und Meister verlebte, hörte er den schrecklichen Zwerg niemals ein Wort reden, sah ihn niemals einen Besuch oder einen Brief empfangen, der seinen Argwohn in dieser Richtung hätte bestätigen können. Bloß als das Kind zum Manne geworden war, als ihm nach Abschluß seiner Studien der Königshag zu schmal und eng für seine Lorbeern, für seine Auszeichnungen und Diplome und für den Ehrgeiz, der in der Brust seines Vaters wohnte, zu sein bedünkte, als dann die Rede darauf kam, ihn nach Paris zu schicken, da gab ihm Herr Papel mehrere Empfehlungsschreiben an die Häupter der legitimistischen Partei mit, gewichtige, mit geheimnisvollen Wappen versiegelte Briefe, die der Legende vom maskierten cabecilla Rückhalt zu leihen schienen. Meister Méraut hatte diese Fahrt nach Paris verlangt; denn er fing an die Meinung zu gewinnen, daß die Wiederkehr seines Königs sich doch gar zu sehr in die Länge zöge. Er ließ sich weidlich zur Ader, verkaufte mitsamt seiner goldenen Uhr und der silbernen Armspange der Mutter den Weinberg, den jeder Städtler dort besitzt, und das alles schlicht und einfältig aus Heldenmut für die Partei. »Sieh Du doch 'mal ein bischen, was sie denn eigentlich treiben,« sprach er zu seinem Jüngsten . . . »und worauf sie denn noch warten? Der Hag wird schließlich, kommt's zu keinem Ende, müde.« Elysée Méraut war zwanzig Jahre alt, als er den Fuß nach Paris hinein setzte. In seinem Hirne schäumte und kochte es von überspannten Meinungen und Ueberzeugungen. Die blinde Hingabe seines Vaters hatte sich in seinem Gemüte mit dem waffenstarren Fanatismus des Spaniers gepaart und an ihm gefestigt. Er wurde in der Partei wie ein Passagier aufgenommen, der nachts auf halber Fahrtstrecke in einen Wagen erster Klasse steigt, wo jeder sich ein bischen zum Schlafen zurecht gemacht hat. Der Eindringling kommt von draußen, sein Blut ist durch die frische Luft und vom Laufen in Bewegung, er fühlt das Verlangen in sich, sich zu regen, zu plaudern, die schlaflose Zeit der Fahrt zu nützen. Er rennt sich den Schädel ein an der Mißlaune und Verschlafenheit der in ihren Pelz eingemummelten Fahrgäste, die von der schaukelnden Bewegung des Zuges eingelullt, durch den blauen, über die Lampe gezogenen Miniatur-Vorhang vor ihrem Scheine geschützt sind, und die in schwerfälliger, verdickter Dunst-Atmosphäre vor nichts andrem so starke Furcht haben, wie vor Zugluft und störendem Einsteigen neuer Fahrgäste. Genau so war der Anblick, welchen die Legitimisten-Schar unter dem Kaiserreich darbot in ihrem Notstandswagen auf verlassener Strecke. Dieser Tollhäusler mit den tiefschwarzen Augen, mit seinem magern Löwenkopfe, der jede Silbe so energisch markierte, jeden Satz mit so scharfen und schneidigen Gesten redete, als sei nichts gegen seine Reden einzuwenden; der in seinem Gemüt und seinem Geiste die zu allem bereite Glut eines Suleau und Verwegenheit eines Cadoudal Anführer der aufständischen Chouans in den Vendee'er Kriegen mit den Republikanern. barg, dieser Tollhäusler verursachte in der Partei ein Entsetzen, mit dem sich Schreck und Erstaunen mischte. Man fand, daß ein Mensch wie er gefährlich, beunruhigend, ängstigend sei. Unter der übergroßen Höflichkeit und aus den Anzeichen künstlichen, als Folge guter Erziehung bekundeten Interesses merkte Elysée mit jenem hellen Blicke, den sich der französische Süden trotz alles ihm innewohnenden Ungestüms doch eben bewahrt, rasch den Egoismus, der sich hinter diesem Benehmen verbarg, und die Energielosigkeit, die unter den Leuten dieses Schlages herrschte. Wenn es nach ihnen ging, dann ließ sich für den Augenblick nichts machen; es mußte gewartet werden, man mußte sich vor allem in Ruhe fassen, sich vor jugendlicher Raschheit und jugendlichem Unbedacht hüten. »Seht Monseigneur an! . . . was für ein Beispiel giebt er uns!« Und diese Ratschläge zur Weisheit, zur Mäßigung schickten sich gar wohl zu den alten Palästen im Faubourg, diesen mit Epheu wattierten Bauten, die stumm im Straßenzuge liegen, von Behaglichkeit und Trägheit hinter ihren massiven, von der Wucht der Jahrhunderte und Ueberlieferungen belasteten Thoren und Thüren strotzen. Man lud ihn aus Höflichkeit zu zwei, drei politischen Vereinigungen ein, die sich, unter allerhand Befürchtungen und Vorsichtsmaßregeln, im Schatten eines von jenen alten Ränkeherden aufs geheimnisvollste von Geschlecht zu Geschlecht erhielten. Er sah dort die großen Namen aus den Vendee'er Kriegen und aus den Füsiladen von Quiberon, jenes ganze Leichen-Vokabularium, das auf dem »Märtyrerboden« verzeichnet steht, Namen, die von wackeren alten Herren geführt wurden – Herren, die fast glatt rasiert und wie Prälaten in feines weiches Tuch gekleidet waren, die Reden süß wie Honigseim im Munde führten, Reden, die immer durch ein paar Tropfen von dem oder jenem Brustthee-Saft verdickt waren. Sie kamen an mit Gebärden und Mienen wie echte Verschwörer, einer wie der andere der Anmaßung voll, durch die Polizei abgefaßt zu werden, die sich in Wahrheit weidlich über diese platonischen Stelldicheins amüsierte. War die Whist-Partie unter dem heimlichen, durch Schirme abgedämpften Lichte der hohen Kerzen im Gange, waren die Schädel erst über die Tischplatte gebückt, so daß sie leuchteten wie die Spielmarken selbst, so gab dann jeder etwas Neues aus Frohsdorf zum Besten; man bewunderte die unabänderliche Geduld der Verbannten, ermutigte einander, stark zu bleiben in ihrer Nacheiferung. Ganz leise, pst! pst! wiederholte man sich das letzte Wortwitzchen des Herrn von Barentin über die Kaiserin; man summte ein Liedchen heimlich, mit vor den Mund gehaltener Hand: »Zieht euch Napoleon – Die Zügel straff – Wird ein jeder von – euch hinten paff« – Dann fuhr ihnen der Schreck über ihre Verwegenheit in die Glieder, und einer nach dem andern von den Verschwörern verduftete schleunigst und schlüpfte an den breiten und menschenleeren Mauern der Rue de Varenne hin, die ihnen das beunruhigende Echo ihrer eigenen Schritte in die Ohren hallte. Elysée sah recht gut, daß er zu jugendlich, zu thatkräftig sei für diese Spukgeister aus dem Frankreich der guten alten Zeit. Übrigens schwamm man damals im Jubelrausch des Kaisertums; das kaiserliche Heer war auf dem Heimmarsche aus den italienischen Kriegen, und siegreiche Adler zogen in Scharen unter den stolzgeschmückten Fenstern vorbei über die Boulevards. Der Sohn des alten Städtlers brauchte nicht lange Zeit dazu, um zu begreifen, daß die Meinung, die im Königshag herrschte, nicht die allgemein herrschende im Lande war, und daß die Wiederkehr des legitimen Königs sich länger hinausziehen würde, als man dort unten wähnte. Sein königstreuer Sinn wurde dadurch nicht beeinträchtigt, sondern erhöhte sich, verbreiterte sich in der Idee, da die Handlung, die That nicht mehr möglich war. Er malte sich im Traume aus, ein Buch hierüber zu schreiben, seine Ueberzeugungen, sein Glaubensbekenntnis, was ihm so zu sagen unter die Leute zu bringen Bedürfnis war, hinein in das große Paris zu schleudern, das er zu überzeugen willens gewesen war. Sein Plan war im Handumdrehen fertig: den täglichen Unterhalt sich durch Stundengeben verdienen, und Gelegenheit hierzu fand sich rasch; in den Mußestunden, die ihm diese Thätigkeit ließ, sein Buch schreiben, was freilich weit mehr Zeit erforderte. Wie alle Leute seines Landes, war auch Elysée Méraut ein Mann der Rede und Gebärde. Es kam ihm die Idee nur, wenn er aufgerichtet stand, über dem Klange seiner Stimme; dem Blitze gleich, der durch die Schwingungen der Glocken angezogen wird. Gesättigt mit reicher Lektüre, mit Ereignissen und Erlebnissen, gesättigt von ununterbrochenen Betrachtungen, von beständigem Grübeln und Sinnen, nahm sein Gedanke, der ihm in schäumenden Wellen von den Lippen enteilte, die Worte den Worten in volltönender Beredtheit einherjagend, seinen Weg aus der Feder nur langsam, nur Tropfen um Tropfen – weil er aus einem Behälter kam, der für diese gemessene, schrittmäßige Filtrierung und für all die Feinheiten der Niederschrift zu groß und weit war. Seinen Ueberzeugungen mündlichen Ausdruck zu geben, schuf er ihm Erleichterung, da er kein andres Mittel, ihnen Abfluß zu schaffen, fand. Er redete demnach in den Winkelkneipen, in den Versammlungen, redete vor allem in den Kaffee-Häusern des Lateinviertels, die in dem niedergeduckten Paris des zweiten Kaiserreichs, als Buch und Zeitungsblatt den Maulkorb trugen, allein noch Opposition machten. Eine jede Kneipe hatte damals ihren Redner, ihren großen Mann. Es hieß: »Der Pesquidoux der ›Voltaire-Kneipe‹ ist ein gar starker Held, aber der Larminat der ›Prokopius-Kneipe‹ ist noch weit stärker als er.« Tatsächlich kam dorthin eine Jungfrankreichs-Welt, die eine tüchtige Schule besaß und eine beredte Zunge führte, die den Geist voll hatte von hohen Dingen, erhabenen Zielen, die mit flotterem Schwunge, mit herrlicherem Feuer die schönen Erörterungen politischer und philosophischer Tendenz der Bonner und Heidelberger Bierstuben wieder aufleben ließ. In diesen rauchigen, lärmenden Ideenschmieden, in denen man wacker schrie und wackerer noch zechte, eroberte sich die wunderliche Begeisterung dieses langen, fortwährend im Sattel sitzenden Gaskogners, der niemals selber rauchte, niemals selber trank und doch immer im Ideenrausche war, sehr schnell Ruhm und Zuhörer. Seine bilderreiche und rüde Art zu reden, über Anschauungen und Meinungen zu reden, die aus der Mode gekommen waren wie Reifrock und Puder, stand zu dem Rahmen, worin sie sich Ausdruck schuf, in ebenso schrillem Mißklange, wie Geschmack und Neigung eines Antiquars mitten drinnen zwischen Pariser Artikeln, und erregte eben hierdurch Aufsehen und brachte ihm Ruf. Wenn um die Zeit, wo in den gerammelt vollen und lärmenden Kaffeehäusern das Gas angesteckt wird, die lange, hagere Gestalt mit dem kurzsichtigen, ein wenig scheuen Blicke, der durch die Anstrengung, die Gegenstände zu erfassen und zu unterscheiden, das Haar nach rechts und links zu wehen, den Hut nach hinten zu kippen schien, auf der Schwelle sichtbar wurde, immer mit irgend einem Schmöker oder Zeitungsblatt, woraus ein mäßiges Falzbein herauslugte, unter dem Arm – da sprang alles von den Sitzen auf, und alles schrie: »Méraut ist da! Méraut ist da!« Und man rückte zusammen, ihm recht viel Platz zu machen, damit er die Ellbogen rühren und nach Lust und Belieben gestikulieren könne. Sobald er den Fuß über die Schwelle setzte, geriet auch sein Blut infolge dieser An- und Zurufe, infolge dieses Empfangs, den ihm Jung-Frankreich bereitete, in Wallung. Die Hitze, das Licht, dieses zu Kopfe steigende, Taumel weckende Gaslicht, halfen das ihrige. Und über dem einen oder dem andern Gegenstande, über der Zeitung vom Tage, über dem Buche, das er im Vorbeigehen unterm Odeon aufgeschlagen liegen sah, begann er, ließ er der Zunge Lauf, sitzend, stehend, das Kaffeehaus unter den Bann seiner Stimme zwingend, die Zuhörerschaft durch seine Gebärde meisternd. Die Domino-Partieen wurden unterbrochen, die Billardspieler im Zwischenstock neigten sich über die Treppe, mit der Pfeife im Munde und dem langen Elfenbein-Queue in der Hand. Die Scheiben, die Schoppen, die Untertassen zitterten, als wenn ein Postwagen vorbeiratterte; und die Dame an der Kasse sagte mit Stolz zu allen, die in das Kaffeehaus traten: »Kommen Sie flink . . . Herr Méraut ist bei uns.« Ach! Pesquidoux und Larminat konnten gar starke Redner vor dem Herrn sein; er, Méraut, schlug sie doch alle aufs Haupt. Er wurde der Redner des Stadtviertels. Dieser Ruhm, nach welchem er nicht gesucht, nicht gestrebt hatte, war für ihn ausreichend, dermaßen daß er sich in verhängnisvoller Weise darüber vertrödelte. So gestaltete sich in dieser Epoche das Geschick mehr als eines solchen »Larminat« – es gingen herrliche Kräfte verloren, die das Zeug zu Motoren oder Hebeln in sich hatten und infolge von Planlosigkeit, Sorglosigkeit oder falscher Führung ihres losen Lenkers ihren nutzlosen Dampf mit großem Spektakel entweichen ließen. Bei Elysée lag noch ein anderer Umstand vor: Dieser Sohn des Südens, der keine Ränke kannte, dem kein persönlicher Ehrgeiz innewohnte, der aus dem Boden seiner Heimat nur die Begeisterung gesogen hatte, betrachtete sich als Sendbote seines Glaubens und bekundete infolge dieses ihm innewohnenden Missionärs-Geistes auch durchaus den unentwegten, unermüdlichen Eifer, Proselyten zu machen, Anhänger für seine Sache zu werben, bekundete die unabhängige kraftstrotzende Natur, die uneigennützige, jedem persönlichen Nutzen oder Verdienst feindliche Denkweise, die sich nichts schert um Sporteln oder Pfründen und Freude fühlt an einem Leben, das den härtesten, empfindlichen Zufällen der dem Individuum vom Schicksal ins Herz gelegten Berufung unterworfen ist. Allerdings, seit diesen achtzehn Jahren, innerhalb deren er nun seine Ideen auf dem Felde von Jung-Paris in breiter Saat ausstreuete, war mehr als einer zu hohen Ehren aufgestiegen, der jetzt verächtlich rief: »Ach ja doch! Méraut! . . . ein alter Bruder Studio!« und doch den besseren Teil seines Ruhms Brosamen zu danken hatte, die dieser wunderliche Gesell über alle Ecken des Tisches, wo er saß, acht- und sorglos zur Erde fallen ließ. Elysée wußte das, und wenn er eins von seinen Hirngespinsten, dem Menschenverstande in einer schönen, akademischen Sprache mundrecht gemacht, unter dem grünen, mit Palmen Abzeichen der Mitglieder der französischen Akademie. gestickten Leibrock eines gelahrten großen Würdeherrn wiederfand, dann fühlte er sich glücklich, glücklich in dem Empfinden eines Vaters, der die Töchter seines Herzens verheiratet und reich sieht, ohne irgend ein Anrecht mehr auf ihre Zärtlichkeiten und Liebe zu haben. Es war die echt edelmännische, echt ritterliche Selbstverleugnung des alten Webers im Königs-Hag, um einige Grade noch verstärkt und erhöht dadurch, daß das Vertrauen zum Erfolge fehlte, jenes unerschütterliche Vertrauen, welches der wackere Vater Méraut bis zu seinem letzten Atemzuge in seinem Herzen bewahrte. – Er war ganz plötzlich fast an einem Sonnenstich verstorben, der alte Vater Méraut – und noch am letzten Abend vor seinem Tode hatte er mit voller Stimme sein: »Es lebe unser Heinrich der Vierte!« nach einer der von ihm so gern in der frischen Luft eingenommenen Mahlzeiten gesungen. Im Augenblicke des Verscheidens noch, als ihm das Auge schon getrübt, die Zunge schon gelähmt war, sprach er zu seinem Weibe: »Ruhig, ruhig wegen der Kinder . . . Herzog von Athis hat Vormerkung genommen . . .« Und mit seinen ersterbenden Händen mühte er sich, »kra . . . kra . . .« auf der Bettdecke zu machen. Elysée war von diesem blitzesgleich hereinbrechenden Unglück zu spät benachrichtigt worden, und als er am Morgen aus Paris anlangte, da lag sein Vater, die Hände im Kreuz gefaltet, starr und bleich auf seinem Pfühl an der Wand, die noch immer ihrer neuen Tapete harrte. Durch die Thür der Werkstatt, die vom Hereintritte des alles um sich her trennenden, lösenden, weitenden Todes offen stehen geblieben war, erblickte man die Webstühle in Ruhe, den des Vaters verlassen, verödet, dem zerschellten Mastwerk eines Schiffes gleich, über das kein Wind mehr hinstreichen wird; erblickte man das Brustbild des Königs und das rote Insiegel, die über diesem Leben voll Arbeit und Treue geschwebt, gewaltet hatten; erblickte man hoch oben, auf der Hügelkupppe des Königs-Hags, staffelförmig und summend, schwirrend am Hange, die alten Windmühlen, die noch immer dort standen, müßig, die Arme als Signale von Not und Verzweiflung zum hellen Himmel hinaufreckend. Niemals in seinem Leben vergaß Elysée das Schauspiel dieses hehren, fröhlichen Todes, der den Arbeiter daheim auf dem Lager ereilte und ihm den Ausblick auf den gewohnten Horizont verschloß. Er fühlte, wie ihm der Neid ob solchen Geschicks das Herz traf, ihm, der sich von dem Traume und abenteuerlichen Hange des dort schlummernden schönen Greises berückt fühlte und dem alle schimärenhaften Illusionen desselben in Fleisch und Bein übergegangen waren. Als er von dieser Trauerfahrt nach Paris zurückkehrte, da hatte man ihm die Stellung als Lehrer und Hofmeister am Hofe von * * * angetragen. Die Enttäuschung, die er gefunden, war so lebendig, die Kleinlichkeiten, die Rang- und Wettstreitigkeiten, die neidischen Verleumdungen, in die er sich hineingezogen fand, das aus zu großer Nähe, hinter den Kulissen beobachtete große Dekorum der Monarchie hatten sein Gemüt in solche Betrübnis gesetzt, daß er, als die beiden Mönche nun fort waren, als das erste Begeisterungsfieber gesunken war, trotz seiner Bewunderung für den König von Illyrien, Bedauern darüber im Herzen fühlte, sich so rasch seinen Entschluß gebildet zu haben. Es fielen ihm alle die Scherereien, die er dort unten gehabt, alle die Verdrießlichkeiten, die er erlitten hatte, wieder ein; es fiel ihm das Opfer ein, das er seiner Freiheit, seinen Lebensgewohnheiten aufzuerlegen hatte; dann fiel ihm sein Buch ein, jenes vielgepriesene Buch, das ihm noch immer im Schädel rumorte . . . Kurz, nach langem Kämpfen und Ringen mit sich selbst gelangte er zu dem Entschlusse, Nein zu sagen; und am Tage vor Weihnachten, als die verabredete Zusammenkunft schon nahe herbeigerückt war, schrieb er dem Pater Melchior, ihn von der gefaßten Entscheidung in Kenntnis zu setzen. Der Mönch erhob keinen Einspruch dagegen. Er begnügte sich mit der Antwort: »Heute Abend, bitte, beim Nachtgottesdienste, in der Rue des Fourneaux . . . Ich hoffe noch Sie zu überzeugen. Das Franziskanerkloster in der Rue des Fourneaux, in welchem der Pater Melchior das Amt eines Haus- und Wirtschafts-Verwalters bekleidete, ist einer der merkwürdigsten, unbekanntesten Winkel des katholischen Paris. Dieses Mutterhaus eines berühmten Ordens liegt im geheimnisvollen Versteck in dem unsauberen Vorstadt-Viertel, das hinter dem Bahnhofe Montparnasse kribbelt, und führt auch den Namen und Titel: »Kommissariat des heiligen Grabes.« Es ist eine Stätte, wo Mönche mit fremdländischem Wesen ihre Wanderkutte dem schwarzen Elend des Stadtviertels zugesellen und – zum Zweck des Reliquien-Fonds – Splitterchen vom echten Heilandskreuze, Rosenkränze von Olivenkernen aus dem Garten vom Oelberge, getrocknete, holzige Rosen von Jericho, die eines Weihwassertropfens harren, einen ganzen Kramladen von Wunderdingen herbeitragen, der sich in den unsichtbaren großen Taschen der frommen Brüder zu schönem, stummem und gewichtigem Gelde verwandelt, das dann nach Jerusalem wandert zur Unterhaltung des Heiligen Grabes. Elysée war durch einen Bildhauer namens Dreux, einen armen Stubenkünstler, der mit zu seinen Freunden gehörte, für das Kloster eine heilige Margaretha von Ossuna geschnitzt hatte und nun soviel Menschen, als er ihrer nur irgend habhaft werden konnte, den Anblick seiner Statue vor Augen rückte, nach dem Kloster in der Rue des Fourneaux geführt worden. Die Stätte war so seltsam wunderlich, so malerisch, schmeichelte seinen südländischen Anschauungen und Überzeugungen so sehr und festigte sie so sehr, indem er sie vor der modernen Aufklärung schützte und in die entlegene Zeit verwichener, ferner Jahrhunderte und legendenhafter Länder zurückversetzte, daß Elysée zur großen Freude seines Freundes Dreux, dem der Stolz über den Erfolg seiner Margarethen-Statue den Kamm schwoll, sehr oft nun nach dem Franziskaner-Kloster den Fuß setzte. An dem Abend, an welchem die Unterredung stattfinden sollte, war es beinahe um Mitternacht, als Elysée Méraut die summenden Straßen des Lateinviertels verließ, wohin die warmen Speisehäuser, die mit Bändern ausgeputzten Wurstläden, die weit offen stehenden Verkaufsläden von Genuß- und Lebensmitteln aller Art, die Bierstuben mit weiblicher Bedienung, die Logierhäuser für Studenten, alle die Ausschanke und Destillationen der Rue Racine und des »Boil Mich« Studenten-Name für Boulevard Saint-Michel. bis zum frühen Morgen hinein das Meer von Dünsten und Gerüchen und Lichterglanz einer universellen Kneiperei und Schlemmerei entsandten. Der schrille Klang von Klosterglocken schallte über ihre von Baum-Skeletten überragten Mauern; aus den großen, verschlossenen Höfen der Lieferanten drang Geräusch und warme Luft herüber, aufgewühltem Stroh und im Schlafe liegenden Ställen entsteigend; und während die breite Straße von dem tagsüber gefallenen und zertretenen Schnee in unbestimmtes Weiß gehüllt war, vermeinte der im vollen Traume gläubigen Eifers dahin wandelnde Sohn des Städtlers, sich zu Häupten, in dem durch die Kälte gesteigerten Lichtglanze der Sterne an dem weiten Himmelsbau denjenigen Stern herauszukennen, welcher den Königen zu Bethlehem als Führer diente. Als er seiner ansichtig wurde, jenes heiligen Sternes, da gedachte er des heiligen Weihnachtsfestes von einst, da rief er sich das im Dome gefeierte, helle Christfest seiner Kinderjahre in die Erinnerung, da sah er sich wieder auf dem Heimweg aus dem Dome durch die phantastischen, vom Mondeslicht übergossenen Straßen und Gassen des »Schlächterviertels« in dem Städtchen, da trat ihm der Familientisch im Königs-Hag wieder vor die Augen, wo ihrer das Weihnachtsmahl harrte, wo in den grünen Blättern der rotgesprenkelten Stechpalme die drei legendenhaften Lichter brannten und drunter die kleinen Christbrötchen lagen, die lieblich nach dem warmen Teig und nach den eingebackenen Speckwürfelchen rochen. Er dachte sich so tief hinein in diese Erinnerung an das Leben daheim im Elternhause im Königs-Hag, daß ihm die Laterne eines am Bürgersteige hinschleichenden Lumpensammlers diejenige zu sein bedünkte, mit welcher Vater Méraut auf diesen Heimgängen aus dem mitternächtlichen Gottesdienste der kleinen Schar voranzugehen pflegte. Ach! armer Vater, den man nicht mehr wiedersehen wird! Und während er ganz leise mit lieben teuren Schatten von der Vergangenheit plauderte, gelangte Elysée nach der Rue des Fourneaux, einem Vorstadtwinkel, der kaum noch bebaut war, den eine einzige Laterne erhellte, wo lange, von ihren geraden Schornsteinen überragte Fabrikanten hinter Bretterzäunen, aus Abbruchstoffen aufgeführten Umfassungsmauern sich reckten und dehnten. Der Wind fegte mit Gewalt über die großen Flächen der Bannmeile. Aus einem nahegelegenen Schlachthause drang klägliches Gequieke, der Schall von dumpfen Schlägen, ein fader Geruch nach Blut und Fett herüber; dort ist die Stätte, wo man, wie vor Zeiten zu den Festen irgendwelches Teutates, Dem römischen Gott Merkur entsprechender Gott der alten Gallier. die für das Christfest geopferten Schweine hinschlachtet. Das Kloster, welches die Straßenmitte hält, hatte die beiden Flügelthüren seines mächtigen Portales weit geöffnet. Auf dem Klosterhofe standen zwei, drei Kutschwagen, deren prächtiges Geschirr Méraut's Erstaunen wachrief. Der Gottesdienst hatte angefangen; Orgelklänge und Gesänge schallten aus der Kirche, die aber, leer und ganz erloschen, allein von dem Lichtschein der Altarlämpchen und den bleichen Schimmern einer Schneenacht auf dem gespenstischen Buntlichte der Kirchenfenster getroffen wurde. Es war ein fast rundes Schiff, das Schiff der Klosterkirche, und ausgeputzt mit großen Standarten aus Jerusalem mit rotem Kreuze, die längs den Wänden hingen, mit bunten, von einem Anfluge von Halbkultur nicht gänzlich freien Statuen, in deren Mitte sich die Margaretha von Ossuna aus reinem Marmor unbarmherzig die weißen Schultern geißelte; denn – wie die Mönche es mit einer gewissen Gefallsucht auszusprechen liebten: »Margaretha war eine große Sünderin in unserem Orden.« Die von kleinen Balken in Kreuzform durchzogene Decke aus gemaltem Holz, der Hauptaltar unter einer Art von Baldachin, den Säulen stützten und trugen, der Chor in Rotundenform, mit leeren Stühlen bestanden und von einem Mondesstrahle getroffen, der über die aufgeschlagenen Blätter des Kirchen-Gesangbuches zitterte – das erriet man alles wohl, ohne daß irgend etwas deutlich erkennbar war. Aber auf einer großen, unter dem Chore versteckten Treppe stieg man zu der unterirdisch gelegenen Kirche hinunter, wo – vielleicht im Gedenken an die Katakomben – die gottesdienstliche Feier gehalten wurde. Ganz am Ende des Gewölbes, in dem weißen, von gewaltigen Säulen romanischen Stiles gestützten weißen Gemäuer stand eine Nachahmung des Heiligen Grabes zu Jerusalem mit seiner niedrigen Pforte, seiner engen, von einer Unzahl flackernder Totenflämmchen erleuchteten Krypta, in deren Hintergrunde, im Zellengewebe ihres steinigen Gemäuers, ein Heiland aus farbigem Wachs in voller Lebensgröße auf ausgespreiztem Linnen lag und aus den frischen Wunden hellrosa blutete. Am andern Ende des Gewölbes dehnte sich, im wunderlichen, den ganzen Heldensang des Christentums zusammenfassenden Gegensatze, an der Wand hin eine von jenen kindlichen Darstellungen der Geburt Jesu mit der Krippe und den Tieren um sie herum und mit dem Kindlein drinnen, die, mit hellfarbigen Guirlanden umwunden, mit grünem Blattwerk aus gekräuseltem Papiere ausgeputzt, alljährlich aus der Legendenschachtel hervorgesucht werden, ganz so wie sie vor Zeiten – gröber geschnitzt ohne Zweifel, aber um vieles erhabener – dem Kopf eines gottbegeisterten Schöngeistes entsprangen. Wie damals, so drängte sich auch jetzt eine nach Wundern lechzende Schaar von Kindern und alten Frauen, von jenen Armen, denen des Heilandes Liebe gehörte, dicht um die Krippe herum; und unter ihnen, was Elysée höchlich erstaunte, vorn in der ersten Reihe dieser Demütigen und Getreuen, lagen zwei Männer von weltlicher Eleganz, zwei vornehm in dunkle Gewänder gekleidete Damen tiefgebeugt auf den steinernen Fliesen, und eine von den beiden Damen hielt einen kleinen Knaben neben sich, den sie mit ihren in schützender, betender Haltung gekreuzten Armen umschlang und bedeckte. »Das sind Königinnen!« sagte eine alte Frau, der vor Bewunderung der Atem ausging, ganz leise. Elysée erbebte; dann trat er näher und erkannte das feine Profil, die aristokratische Gebahrung Christians von Illyrien und neben ihm den braunen, knochigen Kopf, die noch jugendliche und kahle Stirn des Königs von Palermo. Von den beiden Frauen war nur schwarzes Haar, blondes Haar und jene von mütterlicher Leidenschaft und Liebe erfüllte und getragene Haltung eines zum Himmel flehenden Schutzengels zu sehen. Ach! Wie kannte er doch Méraut so gut! dieser pfiffige, listige Priester, der die Begegnung des jungen Prinzen und seines zukünftigen Erziehers und Lehrers gewissermaßen in Scene gesetzt hatte. Diese entthronten Könige, die gekommen waren, der Gottheit zu huldigen, die sich, die Huldigung zu empfangen, selbst hier in dieser Krypta zu verbergen schien, diese Verquickung des gestürzten Königtums und eines in Bedrängnis befindlichen Kultus, der traurige Stern des Exils, der diese armen, gefallenen Größen ohne Geleit und mit leeren Händen den Weg nach einem Vorstadt-Bethlehem wies, alles dies weitete ihm das Herz. Das Kind, vor allem das Kind, das so rührend anzuschauen war mit seinem, nach den Tieren der Krippe hingeneigten Köpfchen, mit der von schmerzendem Zwange gemäßigten Neugierde seines Alters . . . Und angesichts dieser, sechs Lebensjahre zählenden Stirn, auf welcher die Zukunft schon verborgen lag, wie der Schmetterling in seiner blonden Puppe, angesichts dieser Stirn sann und erwog Elysée, wieviel er der Wissenschaft und zarten Fürsorge und Pflege werde aufbieten müssen, sie zur glänzenden, strahlenden Entfaltung zu bringen. Drittes Kapitel. Der Hof zu Saint-Mandé. Das im »Pyramiden-Hotel« einstweilig genommene Quartier hatte sich auf die Zeit zwischen drei und sechs Monaten ausgedehnt. Man hatte die Kisten und Koffer kaum ausgepackt, von den Reisetaschen kaum die Schlösser genommen. Tag für Tag trafen ausgezeichnet Nachrichten aus Illyrien ein. Der Wurzeln entblößt, auf einem neuen Boden, wo sie weder Vergangenheit noch Helden besaß, fand die Republik kein Gedeihen, kein Fortkommen. Das Volk erschlaffte; es that ihm leid um seine Fürsten, und Rechenexempel von unfehlbarer Richtigkeit fanden zu den Ohren der Verbannten den Weg: »Sich bereit halten . . . morgen geht's los!« Man schlug keinen Nagel ein in die Wohnzimmer, rückte kein einziges Stück Möbel vom Flecke, ohne daß man den Hoffnungsruf dabei that: »Es lohnt der Mühe nicht mehr!« Dennoch zog das Exil sich in die Länge, und die Königin säumte nicht zu begreifen, daß dieser Aufenthalt im Gasthofe inmitten von einem ewigen Fremdentrubel, einem ununterbrochenen Aus- und Einfliegen von Reisevögeln jeglichen Gefieders, der Würde ihres Standes sich unzuträglich erweisen würde. Man brach das Zelt ab, erwarb ein Haus käuflich und richtete sich in ihm wohnlich ein. Aus der nomadenhaften Natur des Exils wurde eine seßhafte Natur. In Saint-Mandé, auf der Daumesnil-Avenue, dort wo die Rue Herbillon einmündet, in diesem an das »Bois« grenzenden Teile, der mit vornehmen Bauten eingefaßt ist, durch niedliche Gitter den Blick auf Gärten mit sauberen Kiespfaden, auf Freitreppen im Bogenstile, auf englische Rasenplätze gewährt, die einen in den Wahn hineinzaubern, als weile man in einem Winkelchen der Avenue des Bois-de-Boulogne – in Saint-Mandé stand das Wohnhaus des vertriebenen Königs. In einem von diesen villen- oder palastähnlichen Häusern hatte schon der König und die Königin von Palermo Zuflucht gefunden, die über ein großes Vermögen nicht geboten, und hier sich dem Vergnügungszwange und dem Leben in den luxuriösen Stadtvierteln des High-Life entziehen konnten. Die Herzogin von Malines, die Schwester der Königin von Palermo, war ebenfalls vor kurzem nach Saint-Mandé gezogen, und den beiden Damen war es nicht schwer gefallen, ihre Cousine zur Wahl einer Wohnung in diesem Stadtviertel zu bestimmen. Mit einziger Ausnahme der freundschaftlichen Beziehungen, wünschte sich Friederike von dem Taumel des Pariser Lebens fernzuhalten; sie wünschte Verwahrung einzulegen gegen die neue Welt und gegen das Gedeihen und die Fortschritte des republikanischen Staatslebens, wünschte jener Neugierde aus dem Wege zu gehen, die sich an bekannte Personen hängt, und die ihr eine Beleidigung, ein Schimpf an ihrem Sturze zu sein bedünkte. Der König hatte sich in der ersten Zeit gegen die Abgelegenheit der Wohnung gesträubt, sollte in diesem Umstande aber bald einen Vorwand für seine lange Abwesenheit von zu Haus und für seine häufige Heimkehr zu später Nachtzeit finden. Schließlich, und dieser Umstand hatte alle anderen überwogen, war das Leben dort minder kostspielig als überall anderswo, und man konnte dort seinen Luxus mit verhältnismäßig geringen Unkosten entfalten. Die Einrichtung war wohnlich und behaglich. Das weiße, drei Etagen hohe und rechts und links von einem Türmchenpaar flankierte Haus blickte durch die Bäume seines kleinen Parkes hindurch auf den Wald. Auf der andern Seite, auf der Rue Herbillon, zwischen den Dienerschaftsgebäuden und den ihnen gegenüberliegenden Treibhäusern, zog sich ein großer, runder, besandeter Hof hin bis zur Freitreppe, die von einer mittelst zwei schräger Lanzen gestützten Markise in Form eines Zeltes überdacht wurde. Zehn Pferde im Marstall: Kutschpferde und Reitpferde (denn die Königin ritt alle Tage aus) – die Dienerschafts-Livree in den illyrischen Landesfarben, Haartracht im Perückenstil à la bourbon mit obligatem Puder, dazu ein Schweizer am Thor, dessen Hellebarde und goldgrünes Bandelier in Saint-Mandé und Vincennes so legendenhaft und sagenumkrönt wurden wie es der Stelzfuß der greisen Daumesnil war – dies alles zusammengenommen schuf einen leidlichen und fast neuartigen Luxus. Es war in Wirklichkeit kaum erst ein Jahr her, daß Tom Lewis die fürstliche Bühne, auf welcher sich die Erzählung unseres historischen Dramas abspielen wird, mit all ihrem Dekor und Zubehör improvisiert hatte. Ei! du mein lieber Himmel, Tom Lewis! jawohl, Tom Lewis . . . Trotz alles Mißtrauens, das man gegen ihn hatte, trotz alles Abscheus, den man vor ihm fühlte, hatte man doch zu ihm seine Zuflucht nehmen müssen. Dieses ganz kleine rundliche Männchen war von einer Zähigkeit, von einer Biegsamkeit und Schmiegsamkeit, die erstaunlich waren. Und hatte soviel Ränke und Schliche im Sack, soviel Schlüssel und Dietriche und monseigneurliche Zangen und Zwicken, um Schlösser, die sich nicht schließen lassen wollten, schließlich doch aufzuschließen oder zu sprengen – ganz ungerechnet die Arten und Weisen, wie er sich die Herzen der Lieferanten, der Dienerschaft und der Kammerzofen zu gewinnen verstand. »Vor allen Dingen nichts mit Tom Lewis zu schaffen haben!« So hieß es immer zum Anfange. Aber dann nahm nichts einen Fortgang. Die Lieferanten schafften die Waren nicht richtig zur Stelle, die Dienerschaft lehnte sich so lange auf, bis der Mann in seinem Cab mit der goldenen Brille auf der Nase und den Berlocken an der Uhr auf der Bildfläche erschien. Da senkten sich die Vorhänge von selbst vom Plafond hernieder und streckten sich bis zu den Parkettböden hin und darüber hinweg – knüpften sich von selbst und legten sich von selbst in Falten und Wellen und verdichteten sich von selbst zu Portieren, zu Gardinen, zu Dekorationen und unterwattierten Tapeten. Die Dampfheizung setzte sich in Thätigkeit, die Kamelien wuchsen im Treibhause zu herrlicher Blüte, und die im Handumdrehen eingerichteten Besitzer des vornehmen Hauses hatten nichts weiter zu thun, als sich dem Genusse zu überlassen und auf die bequemen Sessel in den Salons sich zu strecken, und dort des Bündels Rechnungen zu harren, die alsbald aus allen Ecken und Winkeln von ganz Paris herbeigeströmt kamen. In der Rue Herbillon hauste der alte Rosen, der Chef des Civil- und Militär-Kabinetts, der die Rechnungen entgegennahm, die Dienerschaft ablohnte, das kleine Vermögen des Königs verwalte und so geschickt und klug zusammenhielt, daß Christian und Friederike, nachdem ihr Unglück in diesen vergoldeten Rahmen gefaßt worden war, noch immer bequem und reichlich zu leben hatten. Das auf Thronen geborene Königspaar hatte übrigens vom Werte irgendwelchen Gegenstandes absolut keine Kenntnis. Es war daran gewöhnt, sich in effigie auf allen Gold- und Silbermünzen geprägt zu sehen, Gold und Geld schlagen und prägen zu lassen nach ihrem Belieben und Gefallen – und statt sich nun über das Wohlleben, das ihnen bereitet wurde, zu verwundern oder zu erstaunen, empfanden sie im Gegenteil alles, was ihrem neuen Dasein noch fehlte, von der kältenden Leere gar nicht zu sprechen, welche gefallene Kronen auf und um Stirnen zu hinterlassen pflegen. Das Haus in Saint-Mandé, das nach außen hin so schlicht und einfach aussah, mochte in seinem Innern noch so sehr ein kleiner und schmucker Palast sein, das Zimmer der Königin durch seine blauen, mit alten Brügger Spitzen überkleideten Lampas-Tapeten noch so sehr an ihr Zimmer im Laibacher Schlosse erinnern, das Kabinett des Fürsten noch so identisch sein mit dem, das er dort unten geräumt hatte, ja alles bis auf die Reproduktionen der Statuen, die das Treppenhaus der Königsresidenz geschmückt hatten, bis auf die Affen-Kolonie, die sich im lauen Treibhause herumgetollt, bis auf die rankenden Glycinen, die für die allerhöchsten Herzenslieblinge, die Seidenäffchen, dort gepflanzt worden waren – alles mochte noch so sehr an die heimischen Räume erinnern: was war dieses alles, was waren alle diese winzigen Beweisteilchen zartsinniger Schmeichelei ihnen, den Eigentümern von vier historischen Schlössern! ihnen, denen jene sommerlichen Residenzen zivischen Himmel und Wasser zu eigen gehörten, deren samtweicher Rasen unter den Meereswellen dahinstarb auf den Inseln von herrlichem Grün, die man die »Gärten der Adriatica« nennt?! In Saint-Mandé war die Adriatica der kleine See des Wäldchens, der den Fenstern der Königin gegenüberlag, und auf welchen die Königin so traurig hinübersah, wie Andromache in der Verbannung auf ihren falschen Simoïs. So beengt und eingeschränkt indes ihr Leben auch war, so widerfuhr es Christian, der welt- und geschäftserfahrener war als Friederike, doch zuweilen, daß er sich über diese verhältnismäßige Behaglichkeit und Eleganz verwunderte. »Dieser Rosen ist ein ganz unglaubliches Genie . . . Ich weiß wirklich nicht, wie er es anfängt, um mit dem bischen, das uns noch gehört, alles zu bestreiten und nach allen Seiten hin auszulangen.« Dann setzte er mit Lachen hinzu: »Immerhin kann man darüber sicher sein, daß er von dem Seinigen nichts hinzubrocken wird!« Thatsache ist, daß Rosen in Illyrien den Beinamen Harpagon führte. Nach Paris sogar war dem Herzog dieser Ruf von Filzigkeit gefolgt und hatte Bestätigung gefunden in der Verheiratung seines Sohnes – einer in den diesbezüglichen Vermittelungsbureaus geschlossenen Heirat, der die ganze Niedlichkeit und Nettigkeit im Aussehen und Wesen der kleinen Sauvadon den Charakter einer schmutzigen Mésalliance nicht zu nehmen vermocht hatte. Indessen war Rosen reich. Der alte Pandure, dem all seine habgierigen und geizigen Neigungen auf seinem Raubvogel-Profil eingeschrieben standen, hatte den Krieg gegen die Türken und gegen die Montenegriner nicht einzig und allein des Ruhmes halber geführt. Aus jedem Feldzuge kamen seine Bagagewagen vollgepfropft bis an den Rand nach Hause zurück. Das großartige Hotel, das er dicht neben dem Hotel Lambert, am Ausgange der Sankt-Ludwigs-Insel, bewohnte, strotzte von kostbaren Dingen aller Art, von orientalischen Teppichen, von Geräten aus dem Mittelalter und aus der Ritterzeit, von Gefäßen aus massivem Gold, Skulpturen, Reliquien-Schreinen, gewirkten und gestickten Stoffen; alles Beutestücke aus geplünderten Klöstern und Harems, die in einer Flucht von unermeßlichen Empfangs-Salons untergebracht und aufgestapelt standen – aber diese Salons hatten sich bislang der Pariser Gesellschaft ein einziges mal nur geöffnet und zwar gelegentlich der Vermählungs-Feier Herberts und der zu ihren Ehren mit dem Gelde des alten Sauvadon veranstalteten feenhaften Festlichkeit – seitdem hüteten sie, düster und hinter Schloß und Riegel, hinter zugezogenen Gardinen, dicht verschlossenen Jalousieen, als fürchteten sie sogar die Indiskretion eines Sonnenstrahls, ihre Reichtümer und Schätze. Der Biedermann führte dort ein richtiges Narrendasein; eingezwängt in eine einzige Etage des unermeßlichen Hotels, gestattete er sich für die gesamte Bedienung desselben und seiner eigenen Person den Luxus eines einzigen Dienstbotenpaars und übte in allen Dingen das strenge und karge Regiment eines Geizkragens aus der Provinz, während die geräumigen Küchen im Kellergeschoß ebenso streng verschlossen blieben, wie die Gala-Zimmer und weder ein Bratspieß dort gedreht, noch ein Herd dort gefeuert wurde. Die Ankunft seiner Souveräne, die Ernennung aller Personen des Geschlechts und Namens Rosen zu Ämtern an der kleinen Hofhaltung hatten in die Gewohnheiten des alten Herzogs kleine Veränderungen gebracht. Zunächst waren die jungen Leute, deren Wohnung im Park Monceau – ein richtiger Käfig der Neuzeit mit vergoldeten Gittern – zu weit von Vincennes entfernt lag, zu ihm gezogen. Allmorgendlich um neun Uhr, gleichviel wie die Witterung war, hielt sich die Prinzessin Colette in Bereitschaft, der Königin beim Aufstehen aufzuwarten, bestieg an der Seite des Generals die Kutsche und fuhr in dem Nebel, der morgens, zur Winters- wie zur Sommerzeit und bis etwa um die Mittagsstunde, die Spitze der Insel umhüllt wie ein Schleier auf dem Zauberzierrat der Seine, zum königlichen Residenz-Gebäude hin. Zu dieser Stunde bemühte sich der Prinz Herbert regelmäßig, ein bischen von dem ihm im angestrengten Nachtdienste verloren gegangenen Schlafe wieder herein zu bringen. Der König Christian, der zehn Jahre seines Lebens hinten im Lande und hinter dem Kachelofen vertrödelt hatte und nun nachzuholen beflissen war, konnte sich von dem Pariser Nachtleben so wenig trennen, daß er, nach Schluß der Theater und Cafés, beim Heimgange aus den Clubs, einen besonderen Reiz darin fand, die leeren, öden und schallenden oder von Wasser schimmernden Boulevards mit ihrer endlosen Flucht von Laternen und Kandelabern, einer dicht am Rande der langen Fernsicht aufgestellten Feuerwache vergleichbar, entlang schritt. Prinzeß Colette begab sich, sobald sie in Saint-Mandé mit ihrer Kutsche hielt, schnurstracks zur Königin. Der Herzog ließ sich in einem an die Dienerschafts-Gebäude stoßenden Schweizer-Pavillon nieder, allwo er für Dienerschaft und Lieferanten-Volk gleich zugänglich war. Man hatte diesen Pavillon mit der Bezeichnung »Intendantur« getauft, und es war rührend mit anzusehen, wie dieser hohe Greis auf seinem Glanzlederstuhle saß, zwischen Papierstößen und Akten und grünen Schachteln, und kleine Rechnungen von allerhand Bürgervolk entgegennahm und abwickelte – er, unter dessen Befehlen im Laibacher Königsschlosse ein ganzes Volk von galonierten Trabanten gezittert hatte. Er besaß einen so großen Geiz, daß ihm, selbst wenn er nicht für eigene Rechnung zahlte, doch jedesmal, wenn er Geld hergeben mußte, ein krampfhaftes Zucken das ganze Gesicht verrenkte, daß alle Falten und Runzeln desselben von nervösem Ruck befallen und einander näher gejagt wurden, ganz so als hätte man sie mit einer Sackschnur gebunden – sein starrer, strammer Körper erhob Einspruch dagegen, daß er Geld hergeben sollte, und zwar bis auf die automatischen Gebärden hinunter, mit welchen er den in die Mauer eingemauerten Geldkasten aufschloß. Trotz alledem richtete er alles so ein, daß er in fortwährender Bereitschaft stand und mit den bescheidenen Hülfsquellen des Fürsten-Hauses von Illyrien der in einer großen Haushaltung unvermeidlichen Verzettelung und Vergeudung von Material nicht minder gerecht werden konnte, als der Wohlthätigkeit der Königin und der freigebigen Ader des Königs, sogar seinen Neigungen und Zerstreuungen, die das Budget allerdings recht belasteten, denn Christian hatte das sich gegebene Wort redlich gehalten und verlebte die Zeit seines Exils in dulci jubilo . Bei allen Pariser Festlichkeiten rege beteiligt, von den großen Klubs und Gesellschaften als Mitglied angenommen, in den Salons ein gern gesehener, gesuchter Gast, dessen schalkhaftes und pfiffiges Profil in dem regen Wirrwarr der vordersten Logen oder dem lärmenden Schwung einer Korso-Heimfahrt gewissermaßen stereotyp war und seinen Platz in den bekannten Medaillon-Bildern des »Tout Paris« gefunden hatte zwischen der kecken Haarfrisur einer beliebten Schauspielerin und dem zerrütteten Gesicht jenes in Ungnade gefallenen königlichen Prinzen, der sich in der Erwartung, daß die Stunde der Thronbesteigung in Bälde für ihn schlagen möge, in den Pariser Boulevard-Cafés herumdrückt. Christian führte das müßige und doch so stark besetzte, fast auf die Minute ausgenützte Leben der jugendlichen Welt der Pariser ›Gomme‹. Nachmittags beim Ballspiel oder beim Skating, dann eine Spazierfahrt ins Bois, ein Besuch noch zur Tageszeit in einem gewissen »Boudoir chic «, dessen üppige Natur der Ausstattung und dessen überschüssige Freiheit im Ausdruck ihm Spaß machte und seinen Beifall fand – abends in den kleinen Theatern, in den Foyers der Ballets und der Ballsäle, im Kasino und vornehmlich am Spieltische, wo man in der Art der Hantierung mit den Karten seinen slavischen Ursprung, die leidenschaftliche Liebe zum Wagnis und für alle hiermit im Zusammenhange stehenden Ahnungen und Vorempfindungen alsbald herausgefunden hatte. Er ging fast niemals mit der Königin aus, ausgenommen des Sonntags, wenn er sie nach der Kirche von Saint-Mandé führte. Er sah sie auch kaum zu anderen Tagesstunden, als zu den Mahlzeiten. Er hatte Furcht vor dem vernünftigen und geraden Wesen seiner Frau, die sich immer ihre Pflicht vor Augen hielt und deren verächtliche Kälte ihn gleich einem sichtbaren Gewissen bedrückte. Es war das leibhaftige Memento an die ihm als König obliegenden Pflichten, an die Handlungen des Ehrgeizes, deren er vergessen wollte; und da er zu schwach war, sich Auge in Auge gegen diese stumme Oberherrlichkeit aufzulehnen, bedünkte es ihm angenehmer, sich zu drücken, seine Zuflucht zur Lüge zu nehmen, sich zu verleugnen oder zu verstecken. Friederike ihrerseits kannte dieses glutvolle und weichliche, dies vibrierende und schwächliche Slaven-Temperament so gut; sie hatte soviel mal Anlaß gehabt, diesen Menschen, der halb Mann und halb Kind noch war, der alle Eigenschaften des Kindesalters, die Anmut, das Lachen, ja selbst die Grausamkeit des Eigensinns, der Laune noch an sich hatte; sie hatte ihn so oft vor sich auf den Knieen liegen sehen nach einem von jenen Fehltritten, über denen er sein Glück und seine Würde aufs Spiel setzte – daß sie an ihm als Ehemann und Mensch gänzlich verzweifelt war und nur noch Rücksichten für ihn als König kannte. Und dieser Kampf währte nun beinahe zehn Jahre, obwohl nach außen hin die königliche Ehe als höchst einmütig galt. Auf jenen Höhen menschlichen Daseins, in den großen geräumigen Wohnungen, bei der zahlreichen Hausdienerschaft, dem Ceremoniell, das die Abstände beseitigt und die Empfindungen zusammendrängt, sind solche Arten von Lügen möglich. Aber das Exil sollte zum Verräter an ihnen werden. Friederike hatte zu Anfang die Hoffnung gehegt, daß diese harte Prüfung den Verstand des Königs zur Reife bringen, jene herrlichen Umwälzungen in ihm bewirken würde, welche die Männer zu Helden und Siegern gestalten. Statt dessen sah sie nun in seinen Augen einen Fest- und Freuden-Rausch, einen Taumel aufleuchten, den das Pariser Leben, sein satanisches Phosphorlicht, das Inkognito, die Versuchungen und die Leichtigkeit des Vergnügens und Genusses dort entzündet hatten. Ach! wenn sie ihm hätte folgen, wenn sie teil hätte nehmen wollen an diesem tollen Rennen mitten hinein in den Pariser Wirbeltanz; wenn es ihr beliebt hätte, ihre Schönheit, ihre Pferde, ihre Toiletten an die große Glocke hängen zu lassen, sich mit all ihren, ihr als treu anhaftenden Koketterien an die eitle hole Leichtsinnigkeit und Leichtlebigkeit des Herrn Gemahls zu hängen, dann würde eine Annäherung zwischen den beiden Eheleuten möglich gewesen sein. Aber sie blieb mehr denn je Königin, entsagte keinem Tüttelchen von ihrem Ehrgeiz, von ihren Rechten, von ihren Hoffnungen; und kampfesfroh auch fern der Heimath, schickte sie Schreiben auf Schreiben an die Freunde dort unten zu Lande, legte Verwahrung gegen das Thun und Treiben ihrer Feinde dort ein und sorgte bei allen Höfen Europas dafür, daß das Interesse an der schweren Unbilde, die über ihrem Schicksal lag, nicht kalt wurde. Der Rat Boscowich war ihr Geheimschreiber; sie diktierte ihm ihre Gedanken in die Feder; und mittags, wenn der König herunterkam, unterbreitete sie selbst ihm die Schriftstücke, die Briefe, die zur Post gebracht werden sollten, zur Unterschrift. Er unterzeichnete – fürwahr! er unterzeichnete alles was sie wollte, aber in seinen Lippenwinkeln zitterte es dabei immer wie von leiser Ironie. Die skeptische Anschauung, die in seiner zum Spott neigenden kalten Umgebung herrschte, hatte auch ihn angesteckt. Den Illusionen der Anfangszeit war eine bei solchen extremen Naturen gewöhnliche Reaktion gefolgt und hatte der festen Überzeugung Platz gemacht, daß das Exil sich bis aufs unendliche hinaus verlängern würde. Welche langweilige Miene, welche Ermüdung, welche Abgespanntheit brachte er darum auch zu jenen Unterhaltungen mit, in welchen Friederike es versuchte, ihn auf die Höhe des fieberhaften Zustandes zu schwingen, der sie beherrschte – wo sie in der Tiefe seiner Augen jene Aufmerksamkeit, jenes fortwährend sich auf dem qui-vive- Halten suchte, das sie in sie hineinzutragen, in ihnen zu festigen außer stande war! Anderswo mit seinen Gedanken, zerstreut, abgelenkt, den ersten besten dummen Kehrreim im Schädel, summte ihm dort immer der Wahn herum, dem er in der verwichenen Nacht nachgejagt, die Vision, die seinem geistigen Auge aus solchen Stunden des tollen Rausches, der faulen und doch so wohligen Freude seines Pariser Bummel-Lebens noch vorschwebte! Und welches »Uf!« der Erleichterung, der Erlösung, als er endlich draußen war! Welch ein erneutes Aufleben der Jugend und Lebenslust, das die Königin mit jedem male trauriger stimmte und verlassener, einsamer zurückließ! Mit diesen schriftlichen Arbeiten wurden die Frühstunden des Tages ausgefüllt. Verbunden mit ihnen war die Absendung etwelcher von jenen beredten, kurzen Briefen, durch welche sie den fast im Sinken begriffenen Mut ihrer Freunde, die mehr und mehr zu ermatten drohende Anhänglichkeit an ihr Haus und ihre Sache wieder mit Leben befeuerte. Nächst dieser Beschäftigung bildete die Lektüre ihrer königlichen Bibliothek, die aus Memoiren, aus Briefen, aus Chroniken verwichener Zeiten oder hoher philosophisch-religiöser Tendenz sich zusammensetzte, ihre einzige Zerstreuung und Unterhaltung. Sie nahm auch teil an den Spielen, mit welchen ihr Knabe sich im Garten die Zeit vertrieb, ritt auch in den Vincenner Wald hinaus; diese Spazierritte aber wurden selten bis an seinen Saum hinausgedehnt, bis wohin sich die letzten Echos des Pariser Lärms und Lebens fortpflanzten; denn Paris verursachte ihr eine unüberwindliche Abneigung, eine Empfindung des Grausens, deren sie nicht Herrin zu werden vermochte. Kaum ein einziges mal im Monat unternahm sie in großer Gala eine Besuchsfahrt bei den exilierten Fürstlichkeiten. Ohne Lust und Freude fuhr sie aus, und auch die Nachhausekunft war immer unerquicklich; und ihr Mut war in den hierauf folgenden Stunden immer auf ein Minimum herabgesunken. Unter diesen, mit Anstand und Edelsinn getragenen, widrigen Königsschicksalen fühlte sie die gänzliche Verlassenheit, den vollständigen Verzicht, die im Stillen vollzogene, in Geduld hingenommene, zur Gewohnheit gewordene Abfindung mit dem Exil, so sehr man sich auch beflissen zeigte, sich durch allerhand Wahn, durch kindliches Treiben und Thun und manchmal noch schlimmere Dinge, darüber hinwegzutäuschen. Die würdigste, stolzeste dieser gefallenen Majestäten, der König von Westphalen, ein armer, blinder Greis, der ein so rührendes ergreifendes Bild bot neben seiner Tochter, seiner blonden Antigone – der König von Westphalen wahrte die Pracht und alle durch seinen Rang gebotenen Rücksichten nach außen hin mit unentwegter Strenge, beschränkte seine Thätigkeit aber allein noch darauf, Dosen zu sammeln und Kuriositätenschränke in seinen Salons aufzustellen – ein verwunderlicher Hohn auf das körperliche Gebrechen, das ihn verhinderte, sich an dem Anblick seiner Schätze zu weiden. Bei dem Könige von Palermo der nämliche apathische Verzicht, verschärft durch Trauer über den Verlust des einzigen Kindes, durch Trübsinn, Geldmangel, zerrüttetes Eheleben, durch die infolge jenes Todesfalls überhand nehmende Ertötung jeglichen Ehrgeizes. Der König, der fast niemals zu Hause war, ließ seine Frau an ihrem Witttums- und Verbannungs-Herde hocken; während die üppige, für Zerstreuung und Vergnügen leidenschaftlich begeisterte Königin von Galicien ihrem lockeren Lebenswandel als exotische Majestät keinerlei Zwang auferlegte, und der Herzog von Parma von Zeit zu Zeit nach seinem Schießprügel griff, um einen Versuch zur Überschreitung seiner Landesgrenzen zu unternehmen, von dem er aber jedesmal und mit empfindlichen Verlusten in die erbärmliche Müßigkeit und Faulheit seines Lebens zurückgetrieben wurde. In der Hauptsache weit mehr Schmuggler und Schwärzer als Thronwerber, führte er Krieg kaum zu anderem Zwecke, als um sich Geld und Dirnen zu verschaffen, und bereitete seiner armen Herzogin all den Seelenschmerz und all die Aufregungen eines an solchen Banditen der Pyrenäen geketteten verheirateten unglücklichen Weibes, das immer erwarten muß, ihn auf einer Tragbahre heimgeschafft bringen zu sehen, wenn sich die Bande bis zur Frühdämmerung auf ihrem Raubzuge verspätet. Alle diese ihrer Throne verlustig gegangenen Personen führten bloß ein einziges Wort im Munde, kannten nur einen einzigen Wahlspruch, der an die Stelle der Wappensprüche tiefen Klanges über ihren Königsresidenzen getreten war: »Warum, 'was thun? . . wozu kann's dienen?« Für die schwunghafte Begeisterung, für den regen, thätigen Feuergeist Friederikes hatten die höflicheren unter ihnen ein Lächeln übrig; die Damen interessierten sich nur für Theater, Frömmigkeit, für Abenteuer von Moden; und allmähliche schrittweise bemächtigte sich diese stillschweigende Zerrüttung eines Grundsatzes, dieser langsame, fast unmerklich sich vollziehende Kräfteverfall auch der stolzen Dalmatinerin selbst. Zwischen diesem König, der gar nicht mehr König sein wollte, und dem armen schwächlichen Zara, der so langsam, so sehr langsam heranwuchs, wirkte alles schwächend, zersetzend auf sie. Der alte Rosen sprach kaum noch ein Wort und saß den ganzen Tag in seiner Kanzlei eingesperrt. Die Prinzessin war bloß ein Vögelchen, das den ganzen Tag über nichts anderes zu thun wußte, als an ihrem Gefieder herum zu putzen; Boscowich war ein Kind, und die Marquise eine Närrin. Es war wohl der Pater Alpheus noch da; aber dieser grimmige und verharschte Mönch würde kaum imstande gewesen sein, die das Herz erschütternden Empfindungen der Königin, die Zweifel, die sie erfüllten, die Befürchtungen, die sie zu beschleichen, sich ihrer zu bemächtigen drohten, zu verstehen und zu begreifen, wenn sie ihm nicht mit derben, deutlichen Worten erzählt würden. Die Jahreszeit that auch das ihrige. Dieser Wald von Saint-Mandé, dieser im vollen Grün, in voller Blüte stehende Sommer, der während der Woche verlassen und ruhig war wie ein Park, und an Sonntagen von volkstümlicher Freude und Lustigkeit erschallte, gewann über dem Herannahen des Winters, unter dem, Trauer erweckenden Einfluß der sich am Horizont lagernden Regenwolken, des über seinem See sich niedersenkenden Nebels, den trostlosen, aller Größe ermangelnden Anblick von Stätten der Freude. Scharen von Raben flogen über schwarzes Gestrüpp, über hohe knorrige, krumme Bäume, in deren entkrönten Wipfeln Krähennester, zottige Büschel schaukelten. Es war der zweite Winter, den Friederike in Paris verlebte. Warum bedünkte er ihr länger, unheimlicher zu sein als der andre? War es das geräuschvolle Gasthofsleben und Treiben, das ihr fehlte? das Getümmel der regen und reichen Stadt? Nein! Aber in dem Maße, wie die Königin sich auf und in sich selbst zurückzog, überkamen die Frau ihre Schwächen, ihr Weh und Leid als vergessene, verlassene Ehefrau – ihr Heimweh als aus dem Lande ihrer Geburt in die Fremde hinausgetriebenen Frau! *           * * In der an den großen Salon stoßenden Glasgalerie, die zu einem kleinen Wintergarten hergerichtet worden war, hielt sie sich jetzt ganze Tage lang unthätig auf. Es war ein lauschiger Winkel, fernab vom häuslichen Getriebe und in allen Ecken und Eckchen mit hellen Tapeten und Vorhängen und immergrünen Pflanzen ausgeschmückt. Vor sich hatte sie den vom Regen in Beete und Furchen zerschnittenen Garten mit seinem dürren Geäst und Zweigicht, das sich wie eine Kupferstich-Platte vor den grauen Horizont legte, mit einem Mischmasch aus tiefgrünem, unverwüstlichem Laub, das Stechpalmen und Buchsbaum selbst unterm Schnee noch aufbewahrten. Durch seine weiße Decke herauf drangen die Zweige der beiden Pflanzen. Auf den drei übereinander gelagerten Becken des Springbrunnens schlug das niederfallende Wasser einen kalten Silberton an; und drüben über dem hohen Gitter, das sich längs der Avenue Daumesnil hinzog, sausten die Dampfbahnen vorbei, das Schweigen und die Einsamkeit des Bois auf zwei Meilen hin ruckweise unterbrechend. Lange Rauchschwänze zogen sie hinter sich her, und dieser Rauch verteilte sich in der gelben Luft so schwer, daß Friederike ihn lange verfolgen und sehen konnte, wie er sich nach und nach, langsam und glanzlos gleichwie das Leben, verlor. Es war an einem regnerischen Morgen, als Elysée Méraut dem königlichen Kinde seine erste Unterrichtsstunde gab in diesem kleinen Winkel, wohin sich die Königin mit ihrer Trauer und ihren Träumen flüchtete, der aber an diesem Tage den Anblick eines Studierzimmerchens bot: Bücher und Karten lagen auf dein Tische ausgebreitet, ein gedämpftes Werk- oder Schulstubenlicht herrschte, die Mutter war schlicht und einfach in ihr schwarzes Tuchkleid gekleidet, das ihre hohe Gestalt prall umschloß; vor sich hatte sie einen kleinen Stickrahmen stehen, an dem sie ihre Kunst übte; und neben ihr saßen Lehrer und Schüler, einer ebenso befangen und ebenso erregt wie der andre bei dieser ihrer ersten Begegnung. Der kleine Prinz erkannte unbestimmt jenen mächtigen und Blitze schießenden Schädel wieder, den man ihm in der Christnacht in dem beschaulichen Dämmerlichte gezeigt hatte, und den seine, von Madame von Silvis mit Märchen überfütterte Einbildungskraft mit irgend einer Erscheinung des Riesen Robistor oder des Zauberers Merlin über einen Kamm geschoren hatte. Und der Eindruck, den Elysée gewann, war ganz ebenso schimärenhaft, denn ihm war es ganz zu Mute, als ob er in diesem schwächlichen, kleinen Knäblein, in diesem der Krankheit und in seiner frühesten Jugend schon dem Greisentume verfallenen Geschöpfe mit der in Runzeln gelegten Stirn, als lasteten die sechs Jahrhunderte seines Geschlechts auf ihm, einen Herrscher zu erblicken habe, den das Schicksal für seine hohe Stellung erkoren, einen Lenker von Menschen und Völkern. Ernst und mit zitternder Stimme richtete er das Wort an ihn: »Königliche Hoheit! Eines Tages werden Sie die Krone tragen. Sie müssen darum lernen, was ein König ist . . . Hören Sie mich aufmerksam an! Sehen Sie mich aufmerksam an! und was mein Mund nicht klar und deutlich genug zum Ausdruck bringen wird, das wird Ihnen mein Auge mit seinem ehrfurchtsvollen Blicke begreiflich machen . . . .« Dann beugte er sich nieder zu diesem schwachen Verstande, so daß sein Gesicht mit dem Halse des Kindes in fast gleicher Höhe stand, und setzte ihm mit Worten und Gleichnissen, wie sie seiner Fassungskraft angemessen waren, das Dogma vom Gottesgnadentum auseinander, schilderte ihm die Mission der Könige auf Erden als Mittler zwischen den Völkern und Gott, die mit Pflichten beladen sind und Verantwortlichkeit zu tragen haben von Kindesbeinen an, wie andere Menschen sie nicht kennen . . . Daß der kleine Prinz vollkommenes Verständnis besessen hätte für das, was man ihm sagte, ist nicht sehr wahrscheinlich. Vielleicht fühlte er sich eingehüllt von jener belebenden Wärme, mit welcher die Gärtner die zarte Faser, die kränkliche Knospe einer seltenen Pflanze, die sie abwarten und pflegen, umgeben. Was die Königin anbetrifft, die niedergebeugt über ihrer Stickerei saß, so hörte sie mit wonnigem Erstaunen diese Rede zu ihren Ohren dringen, die sie voller Verzweiflung seit Jahren erwartete, die ihren geheimsten Gedanken Rechnung trug, sie wachrief, sie aufrüttelte . . . So lange hatte sie einsam und allein geträumt! Soviel der Dinge, die sie nicht zu sagen vermocht hätte, und wofür Elysée ihr die Ausdrucksform lieh! Vom ersten Tage an kam sie sich in seiner Gegenwart vor wie ein unbekannter Musikus, wie ein ruhm- und namenlos gebliebener Künstler gegenüber dem geschickten Impresario, der seinem Talente, seinem Werke Erfolg und Ansehen schafft. Ihre undeutlichen, losesten Empfindungen über diesen hehren Begriff vom Königtum gewannen Verkörperung und konsolidierten sich auf großartige, dabei doch ganz außerordentlich schlichte und harmlose Weise, da doch ein Kind, ein noch ganz kleines Kind, sie fassen und begreifen konnte. Während sie diesen Mann mit seinem großen, von Glauben und Beredtsamkeit durchglühten Angesicht betrachtete, sah sie im Gegensatz dazu das hübsche, empfindungsfaule Gesicht, jenes weder warme, noch kalte Lächeln Christians; sie hörte das ewige: »Wozu kann's nützen?« von allen diesen, ihrer Krone verlustig gegangenen Königen, das seichte Gewäsch fürstlicher Boudoirs. Und hier war es dieser Plebejer, dieser Weberssohn – dessen Geschichte ihr bekannt war – dieser von armem, niedrigem Volke geborene Mensch, der die abhanden gekommene Ueberlieferung gesammelt, die Reliquien und ihre Fassung, das geheiligte Feuer bewahrt hat, dessen Flamme in diesem Augenblick auf seiner, in der Glut seiner Rede Begeisterung einflößenden Stirne sichtbar wurde. Ach! wäre Christian so gewesen, dann würden sie noch auf dem Throne sitzen, oder beide zusammen unter seinen Trümmern verschwunden, begraben sein . . . Wunderliche Sache! In dieser Aufmerksamkeit, deren sie sich nicht erwehren konnte, verursachten ihr Elysée's Stimme und sein Gesicht einen Eindruck, als habe sie den Mann schon einmal in ihrem Leben gesehen. Aus welchem Schatten ihres Gedächtnisses erhoben sich die Stürme, auf welche der Genius seinen Stempel gedrückt hatte! erklangen die Töne dieser Stimme, die ans der tiefsten Tiefe ihres Seins, in irgendwelcher heimlichen Höhle des Herzens widerhallten? . . . Jetzt hatte der Lehrer begonnen, Fragen an seinen Schüler zu richten, nicht über das, was er wußte – denn das, ach! war gleich nichts oder doch so wenig, so herzlich wenig! – sondern auf der Suche nach solchem, was man ihn lehren könnte. »Ja, Herr! . . . Nein, Herr!« . . . Der kleine Prinz brachte nur diese beiden Worte »Ja« und »Nein« über seine Lippen und wendete seine ganze Kraft auf, sie auszusprechen. Er sprach sie mit jener ängstlichen, schüchternen Artigkeit von Knaben die in den ersten Jahren ihres Kindesalters unter dem dauernden Einflusse von Frauen erzogen worden sind. Er versuchte indessen, das arme Püppchen! unter dem Wust von durcheinander gewürfeltem Wissen, das Frau von Silvis ihm vermittelt hatte, zwischen den Zwergen- und Feen-Abenteuern, die seine schwache, wie ein Zaubertheater zusammengeleimte Phantasie mit ihren Flittern und Flitterchen, Sternchen und Pünktchen gleich, besetzten. Von ihrem Platze aus lieh ihm die Königin Stütze und Beistand, flößte ihm Mut ein, führte ihn auf den Schwingen ihrer Seele aufwärts zu sich. Auf dem Wanderfluge der Schwalben nimmt die Mutter das kleinste Kücken im Nest, wenn's noch nicht flügge ist, ganz ebenso auf die eigenen Fittiche und schwingt es mit hinauf in den Äther. Wenn das Kind mit der Antwort stockte, nahm Friederikens in ihrem meergrünen Auge goldig schimmernder Blick einen tieferen Farbenton an, gleichwie die Wasserflut, über welche die Wolke ihre Schlagschatten senkt, wenn es aber richtige Antwort gegeben hatte, welche Siegesfreude, welcher Stolz lag dann in dem Lächeln, das sie dem Lehrer zuwandte! Seit vielen, vielen Monaten hatte sie eine solche Fülle des Wohlbehagens, der Freude nicht genossen! Der wachsfarbene Teint des kleinen Zara, der seinem Gesicht eigentümliche Ausdruck eines siechen Kindergemüts und kindlichen Körpers schienen mit neuem Blute durchsetzt; ja, die Landschaft sogar, die sich vor ihren Blicken aufthat, schob unter dem Zauber dieser Rede ihre traurigen Flächen und Ebenen beiseite und zeigte nur das Erhabene, Großartige, was dieser winterlichen Entkleidung des Alls zu eigen war. Und während die Königin aufmerksam, den Ellbogen stützend, die Büste vorneigend, dasaß, mit allen Fasern ihres Denkens und Seins sich in jene Zukunft versenkte, wo ihr das königliche Kind auf dem Siegeszuge der Heimkehr nach Laibach erschien, sah Elysée, erschauernd und von einer Vergeistigung berauscht und entzückt, deren Ursache er nicht kannte, auf dieser schönen, achaten glänzenden Stirn die kreuzweis gelegten Flechten der schweren Zöpfe sich zum königlichen Diadem drehen und rollen. Überall läutete es Mittag, dieweil der Unterricht noch immer währte. In dem Haupt-Salon, wo sich der kleine Hof allmorgendlich versammelte, fing man an zu zischeln, sich zu verwundern, daß man weder den König noch die Königin mehr erscheinen sah. Die Eßlust und Leere dieses Augenblicks, in welchem die Mahlzeit auf sich warten läßt, mengten diesen mit leiser Stimme geführten Unterhaltungen eine gewisse Mißlaunigkeit bei. Boskowich, der vor Kälte und Hunger die Farbe wechselte und zwei Stunden lang die Büsche abgeklopft hatte, um irgend ein Blümchen der Nach-Saison aufzustöbern, stand vor dem hohen Kamin aus weißem Marmor in Altarsform, auf welchem der Pater Alpheus des Sonntags zuweilen eine Sondermesse hielt, und suchte sich die Finger aufzuwärmen. Die Marquise, die in majestätischer Haltung, steif wie ein Ladestock, in ihrem grünen Sammet-Gewande auf der Kante eines Divans saß, wiegte mit tragischer Miene auf ihrem langen, mageren, von einer Boa umschlungenen Halse den Kopf hin und her, während sie der Prinzessin Colette allerhand Dinge vertraulicher Art, unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich, zu erzählen hatte. Die arme Frau war in Verzweiflung darüber, daß man ihr ihren Zögling genommen hatte, um ihn einer Spezies von . . ., einer wahrhaftigen Spezies von . . . anzuvertrauen –?! Heute morgen hatte sie ihn quer über den Hof schreiten sehen, diese Spezies von . . . »Mein Herzchen! Sie hätten sich gefürchtet vor ihm! Haare so lang wie das hier – und Mienen und Wesen eines Narren . . . eines Irren . . . Zu solchem Funde gehört natürlich ein Pater Alpheus . . . Wer sonst wohl stöberte so etwas auf!« »Es heißt, er sei sehr gelehrt . . .« bemerkte die Prinzessin zerstreut, mit ihren Gedanken ganz wo anders . . . . Darüber nun geriet die andre Dame ganz außer sich. Sehr gelehrt! . . . sehr gelehrt! . . . Brauchte denn ein Königssohn mit Griechisch und Lateinisch vollgestopft zu werden wie ein leibhaftiges Wörterbuch? . . . »Nein, nein! sehen Sie, mein Liebling, die Erziehung solcher Kinder erheischt ganz besondere Kenntnisse, ganz besondere Anlagen . . ich besaß sie, diese Kenntnisse, diese Anlagen . . Ich war bereit und willig. Ich habe die Abhandlung des Abbé Diguet über ›Die Bildung und Erziehung eines Prinzen‹ von A bis Z durchgenommen, ich kenne die verschiedenen Mittel und Wege, die er zeigte, um den Menschen ins Herz zu sehen, auswendig – kenne auch die andren auswendig, die er angiebt, um den Schmeichlern aus dem Wege zu gehen. Die ersten sind der Zahl nach sechs, und von den zweiten rechnet man ihrer sieben . . . Da, hören Sie! in der folgenden Ordnung sind sie aufgeführt . . .« Und sie machte sich darüber her, der Prinzessin, die für ihre Worte keine Ohren hatte, die im höchsten Grade nervös und mißlaunig, auf einem, aus mehreren zusammengeschobenen Kissen bestehenden ›Pouf-Sopha‹ saß, über das ihre Robe, nach der diesjährigen Mode von sehr blassem Blau, mit langer Schleppe herniederfiel. Den Blick wendete sie nicht von der Thüre hinweg, die zu den Gemächern des Königs führte; es war als ob an den Spitzen ihrer Wimpern Magnetfädchen hingen, die sie mit jener Thür in stetem Kontakte hielten, und auf ihrem Gesichte stand die ärgerliche, verdrießliche Miene einer hübschen Frau deutlich verzeichnet, die sich für jemand geputzt und geschmückt hat, der sich dann nicht sehen läßt. Stramm und streng in seinem, von dem breiten Bande seiner hofmeisterlichen Würde gestreiften Frack, schritt der alte Herzog von Rosen mit automatischem Schritte regelmäßig wie ein Uhrenpendel, lang und quer im Zimmer auf und nieder, blieb bald an diesem, bald an jenem Fenster stehen, die nach dem Garten oder dem Hofe hinaus sahen, und erweckte, wenn er von solchem Standpunkte aus den Blick unter der in Falten gezogenen Stirn aufschlug, ganz den Eindruck eines wachthabenden See-Offiziers, der die Verantwortlichkeit für Fahrt und Schiff zu tragen hat. Und wahrlich! Das Aussehen des Schiffes machte ihm alle Ehre. Die roten Ziegelsteine der Wirtschafts- und Dienerschafts-Gebäude und der Intendantur-Pavillon blinkten, vom Regen gewaschen, der auf die sauberen Freitreppen, auf den goldigen Kiessand plätschernd und knisternd niederschlug. In dem trüben Tageslicht, das jetzt herrschte, lagerte sich über die Ordnung, in der sich alles hier im Hause befand, eine Klarheit und Helligkeit von sehr entschiedenem Ausdruck, die ihren Widerschein bis in den großen Salon hinein warf, der durch die von den Teppichen und von der Dampfheizung ausgehende Wärme, nicht minder heiter gestimmt wurde als durch das in Weiß und Gold gehaltene Mobiliar im Stile des sechszehnten Ludwig mit den klassischen, auch am Holzwerk der Thürfelder und der sehr hohen Spiegel erscheinenden Ornamenten. In einer der Ecken des geräumigen Zimmers stand auf einem Eckbrett im Stile des nämlichen Zeitalters ein transparentes Kästchen, und in ihm lag die aus dem Schiffbruche gerettete Königskrone. Friederike hatte gewünscht, daß sie dort stehen bliebe; »damit man sich,« sagte sie, »ihrer erinnere!« Und trotz der Spott- und Witzreden Christians, der das für »rokoko« hielt, der das Gemach ein »Museum von zum Teufel gejagten Souveränen« nannte, warf das prächtige Juwel des Mittelalters mit dem in dies alte gaufrierte oder durchbrochene Gold gefaßten glitzernden Gestein einen Ton von antiker Ritterlichkeit mitten in die Gefallsüchtelei des achtzehnten Jahrhunderts und des vielseitigen Geschmacks unserer Zeit hinein. Das Rollen eines bekannten Wagens über den Kies verkündete die Ankunft des Adjutanten. Schließlich war es doch immerhin jemand! »Wie spät Du Deinen Dienst antrittst, Herbert!« sagte der Herzog mit Ernst und Würde. Der Prinz, der, trotzdem er ein großer Bursch nun war, noch immer vor seinem Vater bebte und zitterte, wurde rot bis hinter die Ohren und stammelte ein paar Worte der Entschuldigung . . . trostlos . . . nicht seine Schuld . . . im Dienste gewesen die ganze Nacht . . . »Deshalb also ist der König noch nicht heruntergekommen?« fragte die Prinzessin, die ihr schlaues Näschen mitten hinein in das Zwiegespräch der beiden Männer steckte. Ein strenger Blick des Herzogs verschloß ihr den Mund. Die Aufführung des Königs ging keinem Menschen etwas an. »Begieb Dich rasch hinauf, Herbert! Seine Majestät muß Deiner warten!« Herbert gehorchte, nachdem er es versucht hatte, von seiner vielgeliebten Colette ein Lächeln zu erlangen. Die schlimme Laune der Prinzessin war, statt durch seinen Eintritt sich zu besänftigen, nur noch schlimmer geworden. Sie blieb schmollend auf ihrem Divan sitzen, die hübschen Locken hingen ihr wirr über die Stirn, und das blaue Kleid zerknüllte, zerknitterte sich unter dem Drucke einer zur Faust geballten Kindeshand. Und doch hatte er sich seit einigen Monaten zum schönen Manne verwandelt, der Prinz Herbert. Seine Frau hatte darauf bestanden, daß er sich in seiner Eigenschaft als Adjutant des Königs den Schnurrbart wachsen ließ; und dieser Schnurrbart gab seinem gutmütigen, mageren und durch die Nachtwachen, die Anstrengungen seines Dienstes in der Gesellschaft des Königs gebleichten Gesicht einen ganz erschrecklich martialischen Ausdruck . . . Außerdem hinkte er noch immer ein wenig, ging auf sein Rohr gestützt, wie ein echter Held jener Belagerung von Ragusa, deren Memoiren er geschrieben hatte; Memoiren, die schon vor ihrem Erscheinen Berühmtheit genossen, und ihrem Verfasser, als er sie eines Abends bei der Königin von Palermo zur Vorlesung gebracht hatte, neben einer flammenden Ovation weltlichen Charakters das förmliche Versprechen eines Preises der Akademie der Wissenschaft eingetragen hatte. Denke man nun, in welche Stellung der Gemahl von Colette hierdurch kam! welches Ansehen ihm alle diese Umstände verschafften! Aber er bewahrte sich nichtsdestoweniger sein gutmütiges, kindliches Wesen, blieb nach wie vor der täppische, schüchterne Gesell, besonders der Prinzessin gegenüber, die nicht aufhörte, ihn mit allerhuldvollster Verachtung zu behandeln. Wodurch bewiesen wird, daß es keinen großen Mann giebt vor seiner Frau. »Nun, nun! was giebt's denn jetzt noch weiter?« sagte sie mit einem Tone leichter Impertinenz, als sie ihn mit verblüfftem Gesicht, ganz aus dem Häuschen, wieder in die Stube treten sah. »Der König ist noch gar nicht nach Hause gekommen!« Diese wenigen Worte Herberts brachten die Wirkung einer elektrischen Entladung in dem Salon hervor. Colette war die erste, die bleich wie der Kalk an der Wand, mit Thränen in den Augen, die Fähigkeit zum Sprechen wieder erlangte. »Ist das denn möglich?« fragte sie. Und der Herzog stieß mit kurzen, abgerissenen Lauten hervor: »Noch nicht . . . nach Hause . . . gekommen? Wie kommt es, . . daß man . . mich nicht be . . nachrichtigt hat! . . .« Die Boa der Frau von Silvis richtete sich in die Höhe und wand und drehte sich in Krämpfen. »Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!« . . . sagte die Prinzessin in einem Zustand von außerordentlicher Erregtheit. Aber Herbert beruhigte sie. Lebeau, der Kammerdiener, wäre seit einer Stunde schon mit dem königlichen Mantelsacke unterwegs und müßte ganz gewiß bald mit Nachrichten hier sein. In dem nun folgenden Stillschweigen lagerte sich über aller Gemüt der nämliche beunruhigende Gedanke, den der Herzog von Rosen plötzlich in die Worte zusammenfaßte: »Was wird . . die Königin sagen?« Und Boscowich, der am ganzen Leibe zitterte, meinte: »Seine Majestät haben Ihrer Majestät vielleicht Nachricht zukommen lassen!« »Nach meiner Ansicht ganz sicher nicht!« behauptete Colette – »denn die Königin sagte noch in diesem selbigen Augenblicke, daß sie dem König beim Frühstücke den neuen Lehrer und Gouverneur vorzustellen gedenke.« Und zitternd und bebend zischte sie zwischen den Zähnen hervor, laut genug noch, um gehört zu werden:. »Ich an ihrer Stelle – ich wüßte schon, was ich machen würde.« Der Herzog wendete sich unwillig – flammenden Auges – diesem kleinen Weibchen aus dem Bürgerstande zu, die er nun einmal nicht von dem ihr anhaftenden philiströsen Schmutze sollte befreien können! – und hatte wahrscheinlich im Sinne, ihr eine sehr derbe Vorlesung über den, dem Monarchenhause schuldigen Respekt zu halten, als die Königin erschien, von Elysée gefolgt, der seinen königlichen Zögling an der Hand führte. Alles erhob sich von seinen Plätzen. Friederikes Gesicht zeigte ein schönes Lächeln, – ein Lächeln, das eine glückliche Frau verriet, und das man seit langer Zeit nicht an ihr wahrgenommen hatte. . . . Sie zeigte dies schöne Lächeln jetzt, als sie Herrn Méraut vorstellte . . . O! über die Begrüßung, welche die Frau Marquise dem neuen Gouverneur widmete! der Spott, der in ihr lag! die Geschraubtheit, mit welcher sie sich der Notwendigkeit eines Grußes entledigte! o! acht Tage lang hatte sie das schon wiederholt! . . . Die Prinzessin fand nicht einmal die Kraft, eine Bewegung, eine Gebärde zu machen . . . Tiefe Blässe wechselte mit purpurner Röte, als sie in dem neuen Lehrer den seltsamen langen Gesellen erkannte, an dessen Seite sie bei ihrem Onkel das Frühstück eingenommen und der für Herbert das Buch von der Belagerung Ragusa's geschrieben hatte! . . . Stand er denn wirklich hier, auf diesem Flecke, durch das Spiel des Zufalls oder infolge irgend einer teuflischen Machination? Welche Schande für ihren Mann! welch' neuer Fluch der Lächerlichkeit, wenn man hinter seine litterarischen Schwarz- und Schleich-Künste geriet! Sie beruhigte sich einigermaßen angesichts der kalten Begrüßung, die Elysée ihr widmete, trotzdem er sie doch erkannt haben mußte! . . . »Es ist ein Mann von Geist!« dachte sie. Zum Unglück wurde alles durch die Naivität Herberts verdorben, durch die Verblüfftheit, die er über dem Eintritte Herberts zeigte, durch den Händedruck, den er ihm mit einem vertraulichen: »Guten Morgen! na, wie geht's denn?« widmete. »Sie kennen den Herrn wohl also?« fragte ihn die Königin, welche durch ihren Kaplan die Geschichte von der »Denkschrift über die Belagerung« erfahren hatte, und zeigte ein Lächeln. das nicht frei von Bosheit war. Aber sie war zu gutherzig, um sich lange an einem grausamen Spiele zu weiden. »Augenscheinlich vergißt uns der König!« sagte sie . . . »gehen Sie doch hinauf, Herr von Rosen! und sagen Sie ihm, daß wir auf ihn warten!« Es mußte ihr nun die Wahrheit gesagt werden, daß der König noch nicht zurückgekehrt sei, daß er die Nacht außerhalb des Hauses zugebracht und Weisung geschickt hatte, ihm seinen Mantelsack zu schicken. Es war das erste mal, daß etwas dergleichen sich ereignet hatte – und man war auf einen heftigen Ausbruch dieser heißblütigen und stolzen Natur gefaßt, um so mehr als die Anwesenheit eines Fremden das Delikt noch verstärkte. Nein! sie blieb ruhig. Kaum daß sie einige Worte an den Adjutanten richtete, um sich zu erkundigen, zu welcher Zeit er Christian zuletzt gesehen habe. Gegen drei Uhr in der Frühe . . . Seine Majestät wären mit seiner königlichen Hoheit dem Prinzen von Axel zu Fuße den Boulevard entlang gegangen. »Ach ja, richtig! es ist ja wahr . . . ich habe ganz darauf vergessen . . . . sie hatten ja zusammen über etwas zu reden!« In diesen, in ruhigem Tone gethanen Ausrufungen gelang es ihr, ihren Ernst, ihre Ruhe wieder zu finden. Aber niemand von den Anwesenden täuschte sich hierin. Es kannte ein jeder den Prinzen Axel – es wußte ein jeder, zu welcher Gattung dieses mit Seiner versumpften Hoheit verabredete Geschäft gehören mochte – wessen dieser unheimliche Wüstling in dieser Hinsicht fähig war! »Gehen wir zu Tische!« sagte Friederike, mit erhabener Gebärde dem kleinen Kreise ihrer Umgebung die nämliche Ruhe auferlegend, die sie sich zu zeigen den Zwang auferlegte. Es that ihr ein Arm not, um in den Saal zu treten. Sie zauderte, da der König nicht zur Stelle war. Und plötzlich drehte sie sich herum nach dem kleinen Zara, der mit seinen großen Augen, mit dem ihm eigenen verständigen Ausdruck des kranken und frühreifen Kindes, diesem ganzen Auftritte folgte – und sagte mit tiefer, fast ehrfürchtiger Zärtlichkeit, mit einem ernsten und feierlichen Lächeln, das er nicht an ihr kannte: »Kommen Sie, Königliche Hoheit!« Viertes Kapitel. Der König ›leistet sich 'was.‹ Drei Uhr morgens an der Kirche der Sankt-Ludwigs-Insel! Eingehüllt vom Schweigen und vom Schatten, schlummert der Palast Rosen mit der ganzen Wucht seines alten, schweren, von der Zeit zusammengehäuften Gesteins, mit seinen massiven und bogigen Thoren, an denen noch der altertümliche Klopfer zu sehen – und hinter den dicht verschlossenen Fensterläden, den erblindeten Glasscheiben spiegelt sich nur der Schlaf der Jahrhunderte wieder, ein Schlaf, dem die leichten Deckenmalereien Träume zu sein scheinen – hallt nur das Plätschern des nahen Flusses wieder, das sich anhört wie der ungleiche, flüchtige Atemzug des träumenden Schläfers. Wer aber des besten Schlafes sich im ganzen Palast erfreut, das ist der Prinz Herbert, der vor kaum einer Viertelstunde aus dem Klub heimgekehrt ist, erschöpft, zerschlagen an allen Gliedern, lästernd über sein aufreibendes Schlemmer-Dasein, das ihm aufgezwungen wird, das ihn dessen beraubt, was er am meisten liebt auf der Welt: der Pferde und seiner Frau; das ihn der Pferde beraubt, weil der König an dem frischen thätigen Leben im Freien, wie der Sportsman es führt, kein Gefallen findet; das ihn der Gattin beraubt, weil der König und die Königin sehr abgeschlossen voneinander leben und sich bloß bei den Mahlzelten sehen, infolge dessen auch der königliche Adjutant und die königliche Ehrendame sich dieses in halber Scheidung lebenden Ehestandes beflissen zeigen und getrennt von einander leben, wie ein Komödien-Ehepaar. Die Prinzessin fährt nach Saint-Mandé viel früher als ihr Mann aufwacht; nachts wenn er nach Hause kommt, schläft sie schon hinter zweimal verschlossener Thüre. Und wenn er Klage führt, antwortet Colette ihm hoheitsvoll, während aus jedem Winkel ihrer zahlreichen Grübchen ein leises Lächeln spricht: »Wir müssen doch unsren Fürsten dies Opfer bringen!« Eine schöne Abfertigung für den liebedurstigen Herbert, der in seinem großen Zimmer des ersten Stockwerks haust, mutterseelenallein, die Decke vier Meter hoch zu seinen Häupten, Boucher'sche Kabinettsbilder vor den Augen, und hohe in die Wand hineingerahmte Spiegelscheiben um sich und neben sich, die ihm sein eigen Bild in endlosen Perspektiven zurückgeben. Zuweilen indessen, wenn er so ganz zerrüttet und zerschlagen ist wie heute Abend, fühlt der Gemahl der kleinen Colette ein gewisses selbstsüchtiges Wohlbehagen, daß er sich ohne alle eheliche Zwiesprache in seinem Bette strecken und dehnen, seine molligen Junggesellen-Bräuche wieder hervorsuchen kann, daß er sich den Kopf wieder mit einem seidenen Taschentuch von mäßigem Umfange einwickeln kann, worin er sich vor den spöttischen Augen seines Pariser Frauchens zu zeigen niemals wagen möchte! Kaum mit einem Fuße im Bette, so öffnet sich in dem gestickten, wappenverzierten Pfühl eine Fallthüre, durch die der nachtwandelnde, leiblich und geistig geschundene Königsadjutant in die tiefsten Tiefen des Vergessens und der Ruhe hinabsinkt; aber plötzlich wird er durch die schmerzhafte Empfindung eines Lichtes aus diesen Tiefen herausgerissen – dieses Licht gleitet vor seinen Augen hin und her und her und hin – und ein scharfes, bohrende Stimmchen schallte ihm jetzt ins Ohr mit dem Rufe: »Herbert! Herbert!« »Ha! was ist denn? . . Wer ist denn da?« »Aber so sei doch nur still, mein Gott! . . . Ich bin es ja! Colette!« Es ist wirklich Colette, die in ihrem, am Halse offenen, an den Ärmeln geschlitzten Spitzen-Hauskleide vor seinem Bette steht; das Haar trägt sie hochgekämmt in einem einfachen Knoten, ihr Nacken ist ein Nestchen von blondem Kraushaar – und dies alles erscheint in dem milchichten Lichte einer kleinen Diebs-Laterne, deren Schein die Gestalt scharf heraushebt, vergrößert – vergrößert durch einen Ausdruck von Feierlichkeit und dem Auge Herberts jäh aufgeheitert – Herberts, des verschüchterten, dummen und einfältigen Herbert, der aufgerichtet im Bette sitzt mit seinem, in zwei bedrohlichen Spitzen nach Hörner-Art zur Decke hinaus sich reckenden Taschentuch um den Kopf, der mit den nach links und rechts hin sich sträubenden Schnurrbart-Enden aus seinem, im Schnitt einer Erzengel-Gewandung gehaltenen Nachhemdes herausguckt, wie der Kopf eines, über schlimmen Träumen erschreckten Spießbürgers. Die Lustigkeit der Prinzessin ist aber nicht von Dauer. Ernst und feierlich hat sie ihre Nachtlampe auf einen Tisch gestellt, mit der entschiedenen Miene einer Frau, die eine Scene zu machen gedenkt – und ohne sich darum zu kümmern, daß der Prinz vielleicht noch einen Ausdruck von Verschlafenheit. unklarem Bewußtsein in seinen Mienen zeigt, stellt sie sich mit übereinandergekreuzten Armen, so daß die beiden Händchen die Grübchen in ihren Ellenbogen bedecken, vor ihm auf und beginnt also: »Und Du glaubst, daß das ein Leben sei so, wie Du es führst? . . . Tag für Tag um vier Uhr morgens heimkehren? . . . Ist das schicklich? . . . für einen verheirateten Mann?« »Aber, meine liebe Frau« – (hier unterbricht er sich plötzlich, um sein seidenes Tuch vom Kopfe zu reißen und in die erste beste Ecke zu werfen) . . . »das ist doch nicht meine Schuld . . . mir wäre ja gar nichts lieber, als recht viel früher zu meiner lieben Colette, meiner lieben süßen Frau, heimzukehren die sich . . .« Er versucht, während er das sagt, diesen schneeigen Morgenrock, dessen Weiße ihn anlockt, ein bischen zu sich heranzuziehen; aber er wird mit dürrer, trockener Gebärde zurückgestoßen. »Es handelt sich wohl gerade um Dich! wahrhaftig! . . He? doch ganz ohne Zweifel! Man kennt Dich doch, Dich . . .! man weiß doch, daß Du ein großer Tugendbold bist, der ganz unfähig ist der allergeringsten . . . . . . Ich möchte freilich auch sehen, wenn es sich anders verhielte! Aber vom König rede ich! Er, bei der Stellung, die er in der Welt einnimmt! . . . Denke doch nur an den Skandal, den eine solche Führung hervorrufen muß! . . . . Ja, wenn er sein freier Herr, wenn er noch Junggeselle wäre! . . . Junggesellen müssen doch einmal ihr Amüsement haben! . . wenn auch hier der hohe Rang, die Würde des Exils . . .« (O! über die kleine Colette, die sich auf den hohen Hacken ihrer Pantöffelchen in die Höhe reckt, um von der Würde des Exils zu sprechen!) »Aber kurz und gut, schließlich ist er doch nun einmal verheiratet! Und ich begreife nicht, daß die Königin . . . Sie hat also wohl gar kein Blut in den Adern – dieses Frauenzimmer!« »Colette . . .« »Ja doch, ja doch! ich weiß ja . . . Du bist wie Dein Vater . . . Alles was die Königin thut! und so weiter . . . Ei, wohlan! in meinen Augen hat sie ganz eben so viel Schuld wie er . . . Sie! sie allein hat ihn durch ihre Kälte, durch ihre Gleichgiltigkeit bis auf diesen Punkt gebracht . . . . »Die Königin ist nicht kalt . . . sie ist stolz!« »Ach, rede doch nicht! ist man etwa stolz, wenn man liebt? . . . Wenn sie ihn liebte, dann wäre die erste Nacht, die er außer dem Hause verlebt hat, die letzte gewesen. Man redet, droht, zeigt sich, wie man ist . . . besitzt aber nicht diese Feigheit, den Mund zu halten angesichts der Fehler, die einem der Tod sind! . . . So verlebt der König jetzt eine Nacht wie alle Nächte auf dem Boulevard, im Klub, beim Prinzen von Axel, Gott weiß in was für einer Gesellschaft! . . . »Colette . . . Colette . . .« Aber halte doch einer Colette's Redelauf zurück, wenn sie erst einmal im Zuge ist zu sprechen . . . . fließen ihr doch die Worte so leicht aus dem Munde! ihr wie jedem, in Paris aufgewachsenen Bürgerskinde, in diesem aufregenden Paris, wo sogar die Puppen schwatzen! »Dieses Weib liebt nichts, soviel sage ich Dir! nicht einmal ihren Sohn! . . . Würde sie ihn denn sonst diesem Barbar, diesem Wilden anvertraut haben?« . . . sie bringen ihn ja mit Arbeit um, den armen kleinen Kerl! . . . Er scheint nachts, im Schlafe, Latein herzusagen – einen ganzen Wust von Dingen . . . die Marquise hat es mir gesagt . . . Die Königin versäumt nicht eine einzige Stunde . . . Zu zweien sind sie über dies arme Kind hergefallen . . . Damit er dereinst die königliche Herrschaft übe! . . . aber umgebracht werden sie ihn vorher haben . . . O! behaltet ihn doch, euren Méraut . . . ich . . . ich verabscheue ihn! . .« »Er ist aber doch ein guter Kamerad . . . er hätte mir mit der Geschichte von jenem Buche höchst unangenehm werden können . . hat aber kein Sterbenswort darüber verlauten lassen . . .« »Wirklich? . . . Nun! so laß Dir eins sagen, nämlich: wenn man Dich angesichts der Königin zu Deinem Werke beglückwünscht, dann zeigt sie immer ein recht merkwürdiges Lächeln und sieht Dich an wie . . . Aber Du bist ja so einfältig, mein armer Herbert!« Als sie die beleidigte Miene ihres Ehemanns sieht, der plötzlich über und über rot wird und den Mund verzerrt zu einem Schmolllippchen, wie man es bei Kindern sieht – da fürchtet die Prinzessin, daß sie zu weit gegangen sei und sich das verscherzt habe, was sie durch ihre Hierherkunft ausfindig zu machen vorhatte. Wie aber diesem niedlichen Weibe gegenüber, das am Bettrande sitzt, das Köpfchen mit einer Bewegung voll anmutiger Koketterie halb abgewendet, die der jugendlichen, unter den Spitzen von allem Zwange freien Büste, der schlanken Rundung des Halses, dem herausfordernden, schelmischen Blicke zwischen den schönen Wimpern zur vollen Geltung verhilft – wie diesem lieblichen Weibe gegenüber den sittenstrengen Cato spielen! Das gutmütige Gesicht des Prinzen nimmt rasch wieder seinen leutseligen, liebenswürdigen Ausdruck an, fängt sogar an, sich auf ganz ungewöhnliche Art über der wohligen Empfindung, die ihm der Druck auf dies warme Händchen bereitet, das man ihm läßt, über dem feinen, so gern gerochenen Dufte, welcher der Haut des geliebten Weibes entströmt, zu beleben, zu erregen – Ei nun! ei nun! was begehrt sie denn zu wissen, die kleine Colette? . . . O, gar nicht viel! nur ein kleines, ein ganz kleines Bischen, eine ganz einfache Antwort auf eine ganz einfache Frage . . . Hat der König Maitressen? ja, oder nein? . . . Fesselt ihn der Hang zum Spiel oder bloß die Lust an der Freude, an Zerstreuungen gewaltsamer Natur? . . . Der Adjutant zögert mit der Antwort . . . als Kamerad auf allen Schlachtfeldern fürchtet er, daß er, wenn er erzählt was er weiß, das Berufs-, das Standesgeheimnis verletzen möchte . . . Aber, aber . . . dieses kleine Händchen! es ist so schmeichlerisch, übt einen solchen lieblichen Druck, ist so neugierig, so wißbegierig, daß der Adjutant Christian des Zweiten nicht länger mehr Widerstand leistet: »Nun ja doch! freilich! Der König hat in diesem Augenblicke eine Maitresse!« Colette's Händchen in seiner Hand wird feucht und kalt. »Und wer ist denn diese Maitresse?« fragt die junge Frau keuchend, mit abgerissener Stimme. »Eine Schauspielerin aus dem Bouffes-Theater . . . Amy Férat . . .« Colette kennt diese Amy Férat recht gut . . . sie findet sie sogar entsetzlich häßlich . . . »O!« sagt Herbert (gleichsam als Entschuldigung . .) – »Seine Majestät behält sie nicht mehr lange . . .« Und Colette fragt mit augenscheinlicher Befriedigung: »Wirklich?« Daraufhin erdreistet sich Herbert, entzückt von dem Erfolge, den er hat, an einem Atlasknoten zu spielen, der an dem Ausschnitt des Morgenrockes auf- und niedertanzt, und fährt im lockern, leichten Tone fort: »Ja, ja! ich fürchte recht, daß die arme Amy Férat heut oder morgen ihr Seidenäffchen bekommen wird . .« »Ein Seidenäffchen? . . . Wie denn das?« »Nun ja doch! alle, die den König aus der Nähe beobachten können, wissen, wie ich es weiß, daß er, P. P. C. pour prendre congé (zum Abschiede). eins von seinen Seidenäffchen zuschickt, sobald ein Verhältnis ihn zu ermüden anfängt . . . Eine besondere Eigenheit von ihm, jemandem eine Nase zu drehen, den er nicht mehr mag . . .« »O! das wäre!« ruft die Prinzessin empört. »Die reine Wahrheit! . . . Im großen Klub sagt man nicht mehr: einer Maitresse den Laufpaß geben, sondern ihr sein Seidenäffchen zuschicken . . .« Er hält verdutzt, ganz aus dem Häuschen, in seiner Rede inne, als er gewahr wird, daß die Prinzessin urplötzlich in die Höhe springt, nach ihrer Laterne greift und sich in kerzengrader Haltung aus dem Alkoven entfernt . . . »Nun, nun! Aber . . . Colette! . . . Colette!« Sie dreht sich um, voller Verachtung, fast erstickt vor Zorn: »O! ich habe Deine häßlichen Geschichten satt bis zum Überdruß . . . das wird mir schließlich doch zum Ekel!« Und den Thürvorhang aufhebend, läßt sie den unglücklichen König der ›Gomme‹ dumm und blöde, mit ausgestreckten Armen und entbrannten Herzens, in Unwissenheit über das Warum dieses Besuches zu so ungewohnter Stunde und dieses Hinwegganges im Sturme. Fliegenden Schrittes, einer Schauspielerin ähnlich, die von der Bühne eilt, erreicht Colette ihr am äußersten Ende des Palastes gelegenes Zimmer. Die wallende Schleppe ihres Morgenkleides ruht, zusammengerafft und zerknüllt, auf ihrem Arme. Auf der Chaiselongue, in einem Polster mit orientalischer Stickerei, schläft das niedlichste kleine Tierchen der Welt, grau von Farbe, seidig im Griff, mit Haaren so weich wie Gefieder, mit langem Schweife sich umhüllend und zudeckend, um den Hals an rosafarbigem Bande ein silbern' Glöckchen tragend. Es ist ein köstliches Seidenäffchen, das ihr der König vor einigen Tagen in einem Körbchen italienischen Strohgeflechts gesandt und das sie, mit freundlichem Danke für die ihr dargebrachte Huldigung, entgegengenommen hat. Ha! wenn sie die Bedeutung gekannt hätte, die in dem Geschenke lag! Rasend vor Wut packt sie das Tierchen, dieses lebendige, griffige Bündelchen Seide, aus welchem, jäh aus dem Schlummer gescheucht, ein menschliches Augenpaar leuchtet, reißt das nach dem Kai hinaussehende Fenster auf und schreit mit wilder, grimmiger Gebärde: »Warte . . . scheußliches Vieh!« Das Äffchen rollt über den Kairand hinunter in die Flut – und nicht bloß das Tierchen ist's, das in der Nacht verschwindet und verendet, sondern auch der Traum, der gebrechliche neckische Traum verschwindet und endigt gleich ihm – der Traum des armen Geschöpfes, das sich auf sein Bett wirft, das seinen Kopf in dem Pfühle versteckt und schluchzt. Ihr Liebesverhältnis mit ihm hatte fast ein Jahr gedauert – und dieses Jahr, es war die Ewigkeit gewesen für dieses vom Schmetterlingsweh betroffene Kind! Er hatte nur zu winken brauchen. Geblendet, gebannt, war Colette von Rosen ihm in die Arme gesunken – sie, die bis dahin sich als ehrsame Ehefrau bewährt und bewahrt hatte, nicht aus Liebe zu ihrem Mann oder um der Tugend willen, sondern weil in ihrem Vögelchen-Gehirn eine Sorge steckte, sich das Gefieder fein säuberlich zu erhalten – weil diese Fürsorge sie davor geschützt hatte, sich durch Fallen zu beschmutzen – schließlich auch, weil sie Französin war, echte Französin, jenem Schlage Frauen angehörte, denen Molière, lange vor den modernen Physiologen, Temperament abgesprochen und bloß Einbildungskraft und Eitelkeit zuerkannt hat. Nicht Christian hatte die kleine Sauvadon sich in Liebe ergeben, sondern dem Könige – dem Könige von Illyrien! Sie brachte sich nicht zum Opfer jenem idealen Diademe, das sie durch die Brille von Sagen und Märchen, von tagtäglichem und romanhaftem Lesestoff, einer Strahlenkrone gleich, über dem eigensüchtigen und leidenschaftlichen Typus ihres Liebhabers erblickte. Sie gefiel ihm, gefiel ihm so lange, wie er in ihr nur ein nagelneues und recht hübsch bunt bemaltes Spielzeug sah, ein Pariser Spielzeug, das ihm als Anfang für lustigere, lebhaftere Freuden dienen sollte. Aber sie hatte den üblen Geschmack, ihre Stellung als Königs-Maitresse ernst zu nehmen. Alle jene halbgeschichtlichen Frauengestalten, all jenes unechte Krongeschmeide, das helleren Glanz wirft als die wirklichen Juwelen, funkelte in der Welt ihrer ehrgeizigen Träume. Es befriedigte sie nicht, die Dubarry, sondern es verlangte sie, die Châteauroux jenes fünfzehnten Ludwigs am Ende seiner Bahn zu sein. Und Illyrien wieder zu erobern, Verschwörungen, die sie mit der Spitze ihres Fächers gelenkt und geleitet hätte, Handstreiche, Überrumpelungen, heroische Landungen – das waren die Dinge, um welche sich alle ihre Gespräche mit dem Könige in der Hauptsache drehten. Sie sah sich im Geiste, wie sie das Land erhob, wie sie sich in den Erntefeldern und Pachthöfen versteckte, gleich einer von jenen berühmten Banditenweibern der Vendee, deren abenteuerliche Geschichten sie schon im Kloster zum Heiligen Herzen gelesen hatte. Sie hatte sich sogar schon ein Pagen-Kostüm ausgedacht – denn das Kostüm spielte in ihren Erfindungen immer die erste Rolle – ein allerliebstes kurzhosiges Pagen-Kostüm aus der Mode der Renaissance-Zeit, das ihr die Zusammenkünfte mit dem König zu aller Zeit erleichtern, die Möglichkeit, ununterbrochen um den König zu sein, schaffen und sichern sollte. Christian war kein sonderlicher Freund von solchen überspannten Träumen; sein Verstand zeigte ihm rasch die falsche und richtige Seite derselben. Er nahm sich ja doch auch nicht eine Maitresse, um mit ihr über Politik zu schwatzen! und wenn er nun, im losen Gethue der Liebe, im Vergessen und über der Hingabe seines Ich, seine kleine Colette mit dem weichen Pätschchen, mit dem rosigen Mündchen, auf dem Schoße hielt, dann warfen ihm die Beziehungen auf die jüngsten Entschlüsse des Laibacher Parlaments oder die Erörterungen über den Erfolg des letzten königstreuen Mauer-Anschlags jenen Schauer ins Herz, den ein plötzlicher Temperaturwechsel verursacht, den der Aprilfrost über die Blüte eines Obstgartens senkt. Von da an überkamen ihn die Gewissensbedenken und Gewissensbisse – in der verzwickten und naiven Weise, wie sie im Gemüt eines Slaven und Katholiken wohnen. Sobald seine Laune gesättigt war, fing er an das Häßliche zu empfinden, das einer solchen Liaison in unmittelbarer Nähe, fast unter den Augen der Königin anklebte – fing er an, die Gefahr zu fürchten, die über diesen verstohlenen hurtigen Stelldicheins in Gasthöfen, wo ihr Inkognito so leicht verraten werden konnte, schwebte – fing er an, die Grausamkeit zu verabscheuen, die darin lag, ein so gutmütiges Haus, wie es doch dieser arme lange Irrwisch von Herbert war, zu hintergehen, der von seiner Frau in einem fort schwatzte mit einer Zärtlichkeit ohne Ende und Überdruß, der nicht den leisesten Verdacht bezüglich ihrer ehelichen Treue in seinem Herzen hegte, wenn der König sich im Klub zu ihm gesellte, leuchtenden Auges, entflammten Teints, mit jenem wonnigen Duft eines glückseligen Augenblicks an sich, den er aus Colette's weichen Armen mit hinweg genommen hatte. Aber was ihm noch am allermeisten peinlich war, das war der Herzog von Rosen, der ein sehr starkes Mißtrauen gegen die Grundsätze dieser Schwiegertochter in seinem Herzen nährte, die nicht aus seiner Kaste war – der sich um seines Sohnes willen beunruhigte, an dessen Haupte er die unheimlichen Hörner zu sehen vermeinte – er redete das Wort, das auf solchen Mann paßte, schlankweg heraus – und der sich für alles das verantwortlich fühlte deshalb, weil sein Geiz diese »Bauernhochzeit« zu stande gebracht hatte. Er wachte über Colette, hielt sie scharf »an der Kandare«, führte sie morgens nach der königlichen Behausung und nahm sie abends mit sich nach Hause, wäre ihr überallhin gefolgt, wenn ihm das geschmeidige Geschöpfchen nicht in einem fort durch die groben Pandurenfinger geschlüpft wäre. Es bestand zwischen ihnen ein Kampf, der ganz im Stillen, aber sehr erbittert geführt wurde. Vom Fenster der Intendantur aus sah der Herzog, wenn er an seinem Schreibtische saß, nicht ohne Ärger, wie seine Schwiegertochter sich in den kostbaren Toiletten, die sie mit ihrem Prima-Schneider ersann und zusammensetzte, im Fond der Equipage streckte, an die schwitzenden Scheiben, wenn es kalt war, ihr rosiges Gesichtchen lehnte oder an schönen Tagen, unter dem Schutzdach ihres mit Fransen besetzten Sonnenschirmes hervorlugte. »Du fährst aus?« »Dienst bei der Königin!« antwortete mit siegesbewußter Miene die kleine Sauvadon hinter ihrem Schleier hervor – und das war auch wahr! Friederike begab sich nur sehr selten einmal in das Getöse von Paris hinein und überließ gerne die Besorgung aller ihrer geschäftlichen Angelegenheiten ihrer Ehrendame, da sie niemals Verständnis für die Eitelkeit zu gewinnen vermochte, ihren Namen und Rang als Königin in einem der großen Geschäfte vom Tage mitten in das Bedienungspersonal hinein zu werfen und sich an der inquisitorischen Neugierde der anwesenden Frauenwelt zu weiden. Sie ermangelte darum auch der irdischen Volkstümlichkeit. Man erörterte nirgends in einem Salon die Färbung ihres Haars oder ihrer Augen, die etwas überstrenge Majestät ihrer Büste und ihre ungezwungene Art und Weise, die Pariser Moden zu tragen. Eines Tages in der Frühe hatte der Herzog, als er Colette wieder einmal aus Saint-Mandé ausfahren sah, einen so geflissentlich ernsten Ausdruck auf ihrem Gesichte zu sehen vermeint, in Verbindung mit einer sehr scharf markierten Steigerung ihres Grisetten-Typus, daß er instinktiv, ohne es zu wissen – die richtigen »Nimrode vorm Herrn« haben dergleichen jähe Eingebungen – sich auf die Beine gemacht hatte, hinter ihr her, eine geraume, sehr geraume Zeit lang, bis ihn die Hatz schließlich nach einem vielgenannten, starkbeliebten Restaurant am Kai d'Orsay geführt hatte. Mit Hilfe ihrer Erfindungsgabe und Geschicklichkeit war es der Prinzessin gelungen, sich von dem ceremoniösen Diner an der Tafel der Königin zu dispensieren, und sie kam nun, mit ihrem Liebhaber im separaten Kabinett den Morgenimbiß einzunehmen. Sie saßen vorm Fenster, ganz zu ebener Erde, fast in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel, und speisten. Die Aussicht, die sich vor ihnen aufthat, war herrlich – die Seine, vergoldet von den lieblichen Strahlen der Sonne, dahinter die Tuilerieen in einem gehäuften Gewirr von Gestein und von Bäumen, und in nächster Nähe, zwischen grünem Laub, die gekreuzten Masten des Schul-Fregattschiffs, Schatten werfend auf jene Kai-Gelände, welche die Optiker mit Stückchen blauen Glases sternähnlich besetzen. Das Wetter war das richtige Rendezvous-Wetter, die laue Wärme eines schönen, von prickelnden Westwinden gefächelten Tages. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so recht aus vollstem Halse gelacht wie heute; es klang der Triumph ob ihrer Grazie, ob ihres Liebreizes heraus aus diesem Lachen, und Christian, der sie vergötterte, sobald sie eben bloß das Weib der Lust und Freude sein wollte und blieb, als welches er sie liebte, Christian genoß das prächtige Frühmahl in Gesellschaft von seiner Maitresse in vollen Zügen. Plötzlich erblickte sie aus dem Trottoir dem Fenster gegenüber ihren Schwiegervater, der gemessenen Schrittes, entschlossen zu warten und wenn es noch so lange dauerte, auf- und niederschritt: eine Schildwache in aller Form, die an der Thür aufgezogen war, an jener Thür, welche der alte Herr recht gut als den einzigen Ausgang kannte, der aus dem Restaurant ins Freie hinausführte, und vor welcher er nun auf den Heranmarsch der schönen Offiziere lauerte, die, prall in ihrer Uniform und in strammer Haltung, aus der benachbarten Kavallerie-Kaserne hervortauchten; denn in seiner Eigenschaft als alter Panduren-General hielt er diese Waffengattung für unwiderstehlich und zweifelte nicht im geringsten, daß sein Schwiegertöchterlein irgendwelche Intrigue mit Sporen und Säbeltasche eingefädelt hätte. Die Unruhe, die Colette und den König erfüllte, war groß und erinnerte an die Verlegenheit jenes Weisen, der auf einem Palmbaum hockte, an dessen Fuß ein Krokodil gähnt. Der Verschwiegenheit und Unbestechlichkeit des Dienerpersonals sicher, wußten sie wenigstens, daß das Krokodil nicht heraufkriechen würde. Aber wie aus dem Hause hinaus gelangen? Mit dem König ging es noch immer an. Er hatte ja Zeit genug zu warten, bis dem Geschöpfe dort unten die Geduld ausging. Aber Colette! Die Königin würde ihrer warten, würde vielleicht ihren Argwohn demjenigen des alten Rosen zugesellen! Der Wirt des Restaurants, den Christian hinaufrief und über die Situation unterrichtete, besann sich hin und her, kam aber auf kein andres Auskunftsmittel, als die Mauer des Nachbarhauses, wie zu Revolutionszeiten, zu durchbrechen – dann aber kam ihm doch der Gedanke zu einem weit einfacheren Wege. Die Prinzessin sollte sich als Küchenjunge ankleiden, ihr Kleid und ihre Röcke in den Korb legen, den sie auf dem Kopfe tragen würde. und sich bei der Kassiererin, die in einer benachbarten Straße wohnte, wieder umkleiden. Anfänglich wollte Colette von diesem Vorschlage nichts hören – sich vor dem König als › Suppenmatscher‹ zeigen! Und doch mußte es sein, um ernsteren Katastrophen vorzubeugen; und der neue, hurtig zurechtgestutzte Anzug eines Buben von vierzehn Jahren machte aus der Prinzessin von Rosen, gebornen Sauvadon, den niedlichsten, kokettesten aller Küchenjungen, die zu den Leckerstunden in Paris herumlaufen. Da es aber von dieser weißen Leinwandmütze, von diesen Kinderhosen, in denen ihr Füßchen einhertanzte, von dieser langschößigen Jacke, in deren Taschen es von Trinkgeld-Pfennigen klimperte, eine gar stattliche Strecke war bis zu dem heroischen Pagen-Kostüm mit dem Dolch an der Seite in elfenbeingriffiger Scheide und in hohen Stulpstiefeln – welcher Ehrgeiz und Eifer beseelte sie, ihrem ›Lara‹ zu folgen! . . . Der alte Herzog von Rosen sah die beiden Küchenjungen mit ihrem Korb, ohne jedes Mißtrauen, an sich vorbeigehen – der angenehme Duft nach warmem Kuchen, der sie umhüllte, ließ ihn das erste nagende Gefühl des Hungers grausam empfinden; denn er war noch nüchtern, der arme Mensch! Oben saß der König als Gefangener, fühlte sich aber befreit von einer schweren Sorge, las und trank seinen Röderer und guckte von Zeit zu Zeit durch eine Ecke im Vorhang auf die Straße hinunter, ob das Krokodil noch immer da wäre. Abends wurde der alte Rosen, als er wieder nach Saint-Mandé zurückkam, mit dem harmlosesten Lächeln der Frau Prinzessin empfangen. Er begriff auf der Stelle, daß er genasführt worden war, und ließ von dem Abenteuer keinen Mucks verlauten. Es fand aber doch den Weg zu den Ohren der Leute. Wer weiß, durch welche Ritze und Spalten im Salon oder im Vorzimmer, durch welche verdeckte Scheibe eines Coupés, durch welches von den tauben Mauern an die stummen Thüren zurücksandte Echo sich ein Skandalgerücht verbreitet, bis es zum hellen Tageslicht gelangt, das heißt auf die erste Seite eines weltlichen Blattes den Weg findet, von dort aus zur Menge redet, zu tausenden von Ohren dringt, zur öffentlichen Schande wird, nachdem es die unterhaltsame Anekdote eines Klubs gewesen! Acht Tage lang vergnügte sich ganz Paris mit dem Geschichtchen von dem kleinen Küchenjungen. Die Namen, die so leise gezischelt wurden, wie's bei so hohen Namen nur irgend möglich ist, drangen nicht durch Herberts dicke Haut. Die Königin schöpfte aber einigen Argwohn betreffs des Abenteuers, denn trotzdem sie seit einer schrecklichen Auseinandersetzung, die sie in Laibach gehabt hatten, dem König niemals Vorwürfe über seine Aufführung machte, nahm sie ihn doch nach Verlauf von einiger Zeit eines Tages, als sie vom Tische aufstanden, beiseite. »Man redet viel,« sagte sie ernst, ohne ihn anzusehen, »von einer Skandalgeschichte, in die sich Dein Name hineinverwoben findet . . . O! sage nichts zu Deiner Verteidigung! Ich mag nichts weiter hören . . . sei bloß dessen eingedenk, was Du zu wahren und zu hüten hast!« (Sie zeigte ihm die Krone, die in ihrer kristallenen Schachtel lag, über deren Strahlenglanz sich Schleier gesenkt hatten.) »Sieh zu, daß weder die Schande noch die Lächerlichkeit bis zu ihr den Weg finden! . . . Dein Sohn muß sie einst tragen können!« Kannte sie das Abenteuer bis auf den Grund? setzte sie auf dieses, durch die Lästerzungen halb entschleierte Frauengesicht den wahren Namen? Friederike war so starken Geistes, hatte sich so fest in der Gewalt, daß niemand aus ihrem Kreise hierauf mit Ja oder Nein zu antworten gewußt hätte. Aber Christian schrieb sich's hinter die Ohren; und seine Furcht vor Auftritten, vor Gardinenpredigten, sowie die Notwendigkeit für diese schwächliche Natur, Quellen um sich her zu finden, die es dem ewigen Lächeln seines sorglosen Gemüts an Stoff nicht fehlen ließen, bestimmten ihn, aus dem Seidenäffchen-Käfige das hübscheste, herzigste Tierchen herauszunehmen und der Prinzessin Colette zu senden. Sie schrieb; er antwortete nicht, wollte kein Verständnis haben weder für ihre Seufzer, noch für ihre schmachtenden Stellungen, sprach nach wie vor mit ihr in dem Ton jener leichtfertigen Artigkeit, die den Frauen an ihm gefiel; und befreit von der Last dieses Gewissensbisses, die er um so schwerer empfand, je schwächer seine Laune wurde, los und ledig dieser Neigung, die ihn ganz anders tyrannisiert hatte als diejenige seiner Frau, stürzte er sich mit verhängtem Zügel hinein in den Strudel der Freude, dachte an nichts andres mehr als, um sich in der abscheulichen, schlappen und flachen Redeweise der »Löwen vom Tage« auszudrücken, daran »sich zu amüsieren«, »sich 'was zu leisten.« Das war für diese Sache in diesem Jahre der Mode-Ausdruck in den Klubs. Es giebt jetzt zweifellos ein anderes Wort dafür. Die Worte wechseln; was aber unwandelbar und eintönig sich immer gleich bleibt, das sind die bekannten Restaurants, in denen die Sache sich vollzieht, die Gold- und Blumensäle, in denen die Damen der vornehmen Halbwelt sich Rendezvous geben und Besuche annehmen – es ist die entnervende Tagtäglichkeit der Freude, die, ohne sich neue Gestalt, neue Art geben zu können, heruntersinkt bis zur Orgie. Was keinem Wandel unterliegt, das ist die klassische Dummheit dieses Schwarms von Stutzern und Flittchen, die stereotypen Reden ihres Rotwelschs und Arten ihres Lachens, ohne daß sich auch nur ein Krümchen von Phantasie in diese Gesellschaft hineinschliche, die unter ihrem äußeren Anschein von toller Lust ganz ebenso philiströs, ganz ebenso konventionell ist, wie die andere; das ist die zur Regel erhobene Lüderlichkeit, der Frohsinn aus dem Programm und die gähnende. geschundene Langweiligkeit in der Wirklichkeit. Der König wenigstens, der König »amüsierte sich,« »leistete sich 'was« mit all der Raserei eines zwanzigjährigen Bengels. Es wohnte ihm noch ganz dieselbe Gier nach Freudenleben inne, die ihn am Abend seiner Ankunft in Paris nach Mabille gezogen hatte. In diesem Leben suchte er Befriedigung und Sättigung seiner Begierden, die von weitem seit langer Zeit schon geschärft und überreizt waren durch die Lektüre gewisser Pariser Zeitungsblätter, die Tag für Tag das lüsterne Menu des galanten Lebens bringen, durch Theaterstücke und Romane, die es erzählen, idealisieren, für die Provinz sowohl wie für das Ausland. Seine Liaison mit Frau von Rosen hielt ihn einige Zeit an jenem Abhange der Flatterfreude fest, welcher Ähnlichkeit hat mit den kleinen Treppen der Nachtkneipen, die oben taghell erleuchtet und fein mit Teppichen belegt sind, die von dem beginnenden Rausche Stufe um Stufe abwärts gestiegen werden, die immer rascher in die Tiefe hinunter, in die frische Zugluft offen stehender Thüren hinein und geradeswegs zum Rinnsteine, zu der unsteten Stunde der Gassenkehrer und Einbrecher führen. Christian schwebte jetzt mitten über diesem Abhange – er ließ sich hinuntergleiten – er stürzte fast hinunter, und was ihn anspornte, was ihn berauschte, mehr als die schweren Dessertweine die er trank, das war der kleine Hofstaat, der Anhang, mit dem er sich umgab, der aus Edelleuten bestand, die keinen Pfennig Vermögen mehr besaßen und auf dem Anstande lagen nach königlichen Hohlköpfen; aus lebemännischem Journalisten-Volk, dessen bezahlte Schreibereien ihm Spaß machten, und das, stolz auf den intimen Umgang mit diesem erlauchten Mann des Exils, ihn hinter die Kulissen der Theater führten, wo die Weiber keine Augen hatten, als nur für ihn, ihn erregt und herausfordernd, die mit Email belegten Wangen von errötender Schminke gehoben, umbuhlten. Die Boulevard-Sprache hatte er sich mit erstaunlicher Raschheit zu eigen gemacht; verstand alle ihre Pfiffe und Kniffe, alle die Übertreibungen, die sie liebte, alle ihre Keckheiten und Lüsternheiten im Ausdruck. Wie ein vollendetes Mitglied der ›Gomme‹ sprach er sein: »Schneidig! pyramidal!« sein: »Das ist ja gräßlich, abscheulich!« sein »man quält sich wie die Made im Speck« – aber er sprach es weniger gewöhnlich, weniger gemein, dank seinem fremdländischen Accent, der dem Rotwelsch der ›Gomme‹ einen Teil seiner Schärfe nahm und eine zigeunerhafte Färbung lieh. Es gab ein Wort damals, das er besonders in sein Herz geschlossen hatte: »sumpfig.« Er brauchte es bei jeder Gelegenheit, als Wertschätzung für jegliche Lage. Theaterstücke, Romane, Ereignisse im öffentlichen oder privaten Leben, alles war »sumpfig« oder »nicht sumpfig.« Dies Wort überhob Monseigneur jeglichen Ausdrucks. Eines Nachts, am Ausgang eines Soupers, rief ihm Amy Férat, im Rausche und über das Wort ergrimmt, zu: »Ha! nun rede Du, Sumpfhuhn!« Diese Vertraulichkeit gefiel ihm. Dies Frauenzimmer behandelte ihn doch wenigstens nicht als König. Er erhob sie zu seiner Maitresse, und lange noch, nachdem seine Liaison mit der Mode-Schauspielerin ihr Ende gefunden, verblieb ihm noch der Beiname »Sumpfhuhn,« gerade so wie dem Prinzen von Axel, ohne daß man jemals erfahren hätte warum, der Name: »Hühnersterz« noch heute anhängt. Sumpfhuhn und Hühnersterz wurden Freunde, wichen nicht von einander, jagten selbander das Wild und verquickten ihre Schicksale von fast völliger Ähnlichkeit bis in die Boudoirs hinein. Da die Ungnade, in welche der Erbprinz gefallen war, einem wirklichen Exile gleichkam, suchte er sich nach besten Kräften mit diesem Umstande abzufinden und »leistete sich 'was« seit zehn Jahren »auf Tod und Leben« in allen Kneipen und Schenken des Boulevards. Der König von Illyrien hatte seine eigene Wohnung im Axel'schen Palast auf den Champs-Elysées. Er nächtigte dort in der Anfangszeit nur dann und wann, bald aber ebenso häufig, wie in Saint-Mandé. Dieses, um den Schein zu wahren; durch allerhand Auseinandersetzungen und Motivierungen scheinbar gerechtfertigte Ausbleiben von Zuhause brachte die Königin nicht aus ihrer Ruhe, stürzte aber die Prinzessin in einen unheimlich düsteren Kummer. Zweifellos verblieb ihrem gekränkten Stolze die Hoffnung, dieses bewegliche Herz wieder zu erhaschen. Sie verwendete hierauf tausende von koketten Gedanken und Erfindungen, tausenderlei neue Arten von Schmuck und Putz und Frisuren, allerhand Zusammenstellungen von Schnitt und Schattierungen, wie sie sich zu dem Schillerglanze ihrer Schönheit schickten. Und die Enttäuchung dann, wenn der Abend kam und es sieben Uhr schlug, und der König nicht sichtbar wurde, und Friederike in ihrer unerschütterlichen Gemütsruhe die Worte sprach: »Seine Majestät dinieren heut nicht zu Hause« und den hohen Sessel des kleinen Zara auf den Ehrenplatz der Tafeln rücken ließ! Der nervösen Colette, die gezwungen war zu schweigen und ihren Groll in sich hinein zu schlucken, wäre es lieber gewesen, die Königin hätte losgewettert und sich und sie gerächt – aber Friederike, kaum um einen Strich blässer als sonst, bewahrte ihren majestätischen Gleichmut selbst dann, als die Prinzessin mit grausamer weiblicher List durch allerhand Andeutungen zwischen den Zeilen ihrer Rede ihr diese und jene Enthüllungen gab über die Pariser Klubs, über den groben Ton, der die Unterhaltung unter Männern dort beherrschte, über die noch gröberen Zerstreuungen, welche diese Herren an dieses regellose Leben, an diese Unhäuslichkeit fesselten, über die tollen Streiche, über all die großen Vermögen, die auf den Spieltischen in Kartenschlössern verflössen, über die sinnlosen Wetten, die in einem besonderen Buche verzeichnet würden, worin es sich gar seltsam blättere, im goldenen Buche der Verirrung des menschlichen Geistes. All ihr Thun half ihr aber nicht das mindeste; denn die Königin wurde von diesem Gestichel der Prinzessin nicht erreicht, sie verstand die Reden der Prinzessin nicht oder wollte sie nicht verstehen. Ein einziges mal, an einem Morgen während des Spazierritts im Wäldchen von Saint-Mandé, verriet sie sich. Es herrschte eine leichte scharfe Märzkälte, welche die Wasserfläche des Sees aufkräuselte und gegen die noch starren und ihres Blumenschmucks entbehrenden Gestade trieb. Ein paar Knospen trieben schon an dem entlaubten Gesträuch, das noch rote Winterbeeren trug; und die Seite an Seite laufenden Pferde zertraten die abgestorbenen Zweige, mit welchen der Pfad, auf dem sie entlang ritten, bedeckt war, mit ihren Hufen, daß es knackte und krachte; dazwischen knisterte das neue Lederzeug am Geschirr und klapperten die Kinnketten, wenn sie geschüttelt wurden, inmitten des öden Schweigens, das über dem Walde lagerte. Die beiden Damen, die gleich gute Reiterinnen waren, ritten langsam, versunken in jene Ruhe einer Zwischen-Jahreszeit, in welcher sich die Verjüngung des Alls in dem regenbeladenen Himmel und in der vom letzten Schneefall noch schwarzen Erde vorbereitet. Colette kam, wie jedesmal, wenn sie sich allein mit der Königin befand, alsbald auf ihr Lieblingsthema zu sprechen. Sie wagte es nicht, den König direkt anzugreifen, kühlte ihr Mütchen aber an der Umgebung, an den Edelleuten des ›Grand-Klub‹, die sie sämtlich durch Herbert und durch die Pariser Lästerchronik kannte, und die sie, vor allen anderen den Prinzen von Axel, mit geschickter Hand ›kostümierte‹. In Wahrheit begriff sie nicht, wie man sich der Gesellschaft eines solchen Menschen anschließen könnte, der sein Leben in Spiel und Schlemmerei verbrächte, der sich nur in schlimmer Kameradschaft gefiele, der abends auf dem Boulevard bei allerhand weiblichem Gelichter säße, sich mit dem erstbesten wie ein Kutscher zu Biere setzte und die Nacht durchkneipte und mit dem Komödiantenvolk der niedrigsten Gattung auf Du und Du stände. Und das wollte ein Erbprinz sein! das und ein Erbprinz! . . . Er fand also Vergnügen und Freude daran, in seiner Person das Königtum herabzusetzen, zu besudeln! Sie redete weiter, weiter mit einem Feuer, einem Zorn, die keinen Zügel litten, während die Königin mit absichtlicher Zerstreutheit, mit irre schweifendem Blick den Hals ihres Tieres streichelte, dessen Gang sie, als treibe es sie, den Reden ihrer Ehrendame zu entrinnen, zu beschleunigen suchte. Colette aber hielt sich im gleichen Tempo mit ihr. »Übrigens kann er sich ja an berühmte Muster halten, dieser Prinz von Axel! Die Aufführung seines Oheims hält der seinigen die Wage. Ein König, der mit seinen Maitressen mit solcher Frechheit vor seinem Hofe, seiner Frau paradiert! . . . Man frägt sich, welch sklavisches Opferlamm eine Königin sein muß, deren Temperament einen solchen Schimpf über sich ergehen zu lassen dulden kann! . . .« Diesesmal hatte der Hieb gesessen. Friederike erbebte am ganzen Körper, ein Schleier senkte sich auf ihre Augen, und in ihren hohlen Zügen zeigte sich auf eine Sekunde ein so schmerzhafter, ein so ergreifender Ausdruck, daß Colette sich tief erschüttert fühlte, als sie diese stolze Souveränin, zu deren Herz sie niemals heranzureichen vermocht hatte, auf das Niveau weiblicher Seelenpein heruntersteigen sah. Aber außerordentlich rasch gewann sie all ihren Stolz, all ihre Hoheit wieder: »Diejenige, von welcher Sie sprachen, ist eine Königin,« sagte sie lebhaft, »und es würde eine große Ungerechtigkeit sein, sie nach denselben Gesichtspunkten zu beurteilen, wie man die andren Frauen beurteilt. Die andren Frauen können mit Offenheit glücklich sein oder unglücklich, können, so lange Thränen den Weg über ihre Augen finden, weinen und klagen, wenn der Schmerz zu stark wird, wenn das Herzeleid sie übermannt . . . Aber die Königinnen! . . . ihr Weh als Gattinnen, ihren Schmerz als Mutter, allen Schmerz müssen sie verbergen, müssen sie in sich hinein schlingen . . . Kann eine Königin fliehen, wenn sie beschimpft wird? Kann sie auf Scheidung klagen, den Feinden des Throns diese Freude bereiten? . . . Nein! auf die Gefahr hin, grausam, blind, gleichgültig zu erscheinen, muß sie die Stirn immer gerade halten, um ihre Krone dort zu behaupten . . . Und nicht der Stolz, sondern die Empfindung unserer Größe ist es, die uns aufrecht erhält. Sie ist es, die uns den Mut leiht, im offenen Wagen, zwischen dem Kinde und dem Gemahle, auszufahren, ohne der Drohung zu achten, die in der Luft liegt, der Drohung mit Flintenläufen von Verschwörern – sie ist's, die uns die Schwere des Exils und seines von Unrat verdüsterten Himmels verringert – sie endlich ist's, die uns mit Kraft ausstattet, gewisse grausame, schimpfliche Kränkungen zu ertragen, von welchen Sie, Prinzessin von Rosen, zu allerletzt zu mir sprechen sollten!« Sie geriet über ihrer Rede in Feuer, beschleunigte den Fluß derselben, je mehr sie sich dem Ende näherte, setzte dann mit einem kräftigen »Hep!« ihrem Pferde die Sporen ein, daß es im Wirbelsturme durch den Wald dahinschoß – ein Ritt, toll und betäubend, über dem der Amazone blauer Schleier ihr gegen das Gesicht, die Falten ihres Tuchgewandes ihr gegen die Beine geweht wurden. Von diesem Augenblicke an ließ Colette der Königin Ruhe; da ihren Nerven aber eine Erschlaffung, eine Erleichterung not that, wendete sie ihren Zorn, ihre Stichelpfeile gegen Elysée und schlug sich endgültig zur Partei der Marquise, denn das königliche Hoflager war in zwei Parteien geschieden. Elysée hatte kaum eine andere Person als den Pater Alpheus für sich, dessen rauhe Rede und allzeit bereite Fürsprache im gegebenen Falle ihm wohl gar kräftigen Beistand liehen – indes machte der Mönch im Auftrage und mit Botschaften des Mutter-Klosters in der Rue des Fourneaux nach Illyrien häufige Reisen zu den Franziskaner-Klöstern in Zara und Ragusa. Zum mindesten war dies der Vorwand für seine in das tiefste Geheimnis gehüllten Reisen, von denen er immer, mit jedesmal stärkerem Eifer erfüllt, zurückkam, um mit wilden, weiten Schritten die Treppe zu erklettern, den Rosenkranz zwischen den Fingern rollend und ein Gebet zwischen den Zähnen, das er wie eine Kugel kaute. Er schloß sich stundenlang mit der Königin ein und begab sich dann wieder auf die Reise, worauf die ganze Sippe der Marquise wieder freie Hand in ihrem Bunde gegen den Lehrer hatte. Vom alten Herzoge an, welchen die nachlässige Haltung und das buschige Haar Mérauts in seinen Gewohnheiten militärischer und gesellschaftlicher Disziplin verletzten, bis herunter zu Lebeau, dem Kammerdiener, der aus Instinkt einer jeden Unabhängigkeit feindselig gesinnt war, bis zu dem niedrigsten Stallknecht oder Küchenjungen herab, die in allem ihrem Thun sich Herrn Lebeau zum Vorbild nahmen und ja nichts gegen ihn unternommen haben würden, bis hinüber zu dem meinungslosen Boscowich, der sich durch Feigheit, durch Rücksicht auf die Zahl bestimmen ließ, der stärkeren Partei nicht in die Quere zu kommen, war alles um den neuen Lehrer und Erzieher eine richtige Verschwörung. Es kam das weniger durch Handlungen, als durch Worte, Blicke, Stellungen in jenen kleinen nervösen Scharmützeln zum Ausdruck, welche das Alltagsleben zwischen Leuten, die sich verabscheuen, herbeiführt. O! was die Stellungen, das Mienenspiel anbetrifft, so waren dies Spezialitäten der Frau von Silvis. Geringschätzig, hochmütig, ironisch, bitter, spielte sie in Gegenwart von Elysée das ganze Register von gehässigen Charaktermasken herunter – vornehmlich verstand sie sich darauf ganz ausgezeichnet, jedesmal, sobald sie mit dem Prinzen allein war, eine Art von respektvollem Mitleid zu mimen, erstickte Seufzer hören zu lassen, leere Blicke nach der Zimmerdecke hinauf zu werfen, worauf dann die Frage schmachtend den Weg über ihre Lippen nahm: »Sie fühlen sich doch nicht leidend, Königliche Hoheit?« und dabei befühlte sie ihn mit ihren langen mageren Fingern, ermüdete ihn mit Liebkosungen, die sie mit zagender Hand an ihm verschwendete. »Aber so lassen Sie doch nur sein, Marquise; Sie möchten wohl Zara noch glauben machen, daß er krank sei?« »Ich finde, daß ihm die Hände heiß sind, und die Stirn auch.« »Er kommt ja von draußen . . . das ist die Wirkung der frischen Luft,« erwiderte die Königin Mutter. Und sie führte das Kind fort. Diese fortwährend in ihrer Umgebung lautwerdenden Bemerkungen beunruhigten sie doch ein wenig. Es hatte sich förmlich zur Haus-Legende herausgebildet, daß man Seine königliche Hoheit den Prinzen zuviel mit Arbeit anstrengte. Diese Legende wurde von der Pariser Lakeienschaft nachgesprochen, ohne daß von ihr daran geglaubt wurde; sie wurde aber sehr ernst genommen durch das aus Illyrien mit nach Paris genommene Dienstpersonal, und die lange Petscha, wie auch der alte Groeb warfen Méraut Blicke zu von unheimlichem Düster, Blicke, die nichts Gutes verhießen, und peinigten und drangsalierten ihn bei jeder Dienstleistung mit jenem nörgelndem Widerwillen, dessen Betätigung gegen jemand, der selbst in Abhängigkeit steht und an Zerstreuung leidet, so leicht ist . . . Er fand die Verfolgungen, die kleinlichen Dinge, die Eifersüchteleien wieder, die im Palaste von X . . . geherrscht hatten – dasselbe Grollen und Murren von Geistern, die an Thronen kriechen und von denen Throne, wie es scheint, durch Exil und Sturz sogar nicht befreit werden. Seine Natur war zu edel und großmütig, zu liebevoll, als daß sie durch diese ununterbrochene Widerhaarigkeit nicht hätte tief gekränkt werden sollen; sie verursachte ihm eine Empfindung von Beklommenheit, legte ihm einen häßlichen Zwang auf, da seine schlichten und hausbackenen Manieren, seine Gewohnheiten eines zigeunerhaften Künstlerlebens ihm hier, in dem beengenden Ceremoniell, das dem Hause auferlegt wurde, zur Unmöglichkeit wurden – ihm während dieser von hohen Kandelabern erleuchteten Mahlzeiten zur Unmöglichkeit wurden, bei denen die Herren immer im Frack, die Damen in ausgeschnittenen Kleidern um die durch Gäste, die man nicht sah, vermehrte Tafel herumsaßen und erst dann das Wort ergriffen und zu den Speisen zulangten, nachdem der König und die Königin gegessen und gesprochen hatten – das Königspaar selbst stand unter der Herrschaft der unerbittlichen Etikette, deren Innehaltung der Chef des Civil- und Militär-Kabinetts mit um so schärferer Strenge überwachte, als das Exil sich nun so sehr schon in die Länge zog. Und doch ereignete es sich, daß der alte Bruder Studio aus der Rue Monsieur-le-Prince sich mit bunter Kravatte zu Tische setzte, das Wort nahm, ohne Erlaubnis dazu zu haben, sich mit verhängten Zügeln in eine jener beredten Abhandlungen aus dem Stegreife stürzte, von denen die Mauern und Wände des Café Voltaire noch heute widerklangen. Da verursachten ihm dann die niederschmetternden Blicke, die er auf sich lenkte, die wichtige Bedeutung, zu welcher der geringste Verstoß gegen die an dem kleinen Hofe herrschende Etikette aufgebauscht wurde, ein starkes Verlangen, alles im Stiche zu lassen, und so rasch ihn die Füße trügen, nach dem Latein-Viertel zurück zu eilen, wie er es schon einmal gethan hatte. Allein – die Königin war da! Dadurch daß er immer im engeren Verkehr mit Friederiken, mit dem Kinde zwischen ihr und ihm, lebte, hatte sich seiner eine fanatische Hingebung, die sich aus Hochachtung, Bewunderung, abergläubischer Zuversicht zusammensetzte, an ihre Person bemächtigt. Sie faßte in seinen Augen die ganze Gläubigkeit, das ganze Ideal des Königtums in sich zusammen, war das verkörperte Symbol dieser Begriffe und Tugenden, ganz so, wie die Madonna für einen Bauersmann von Trastevere die Verkörperung der gesamten Religion ist. Um der Königin willen blieb er, durch sie fand er den Mut, seine rauhe und schwierige Aufgabe zu Ende zu führen. O! ja, sehr rauh und schwer war sie, diese Aufgabe! und gar viel, gar viel Geduld erheischte sie! Wieviel Mühe machte es ihm, auch nur der geringfügigsten Sache Eingang zu diesem schwachen Köpfchen des königlichen Kindes zu schaffen! Er war allerliebst, dieser arme Zara, sanftmütig und gut. Es fehlte ihm nicht an dem Willen. Die ernste Seele, den geraden Sinn seiner Mutter erriet man wohl in ihm, gemischt indes mit einem Leichtsinn, einer Flüchtigkeit, einer Kindlichkeit, die außer Verhältnis zu seinem Alter als Kind stand. Der Verstand war sichtlich im Rückstande in diesem greisen, verkümmerten Körperchen, das von keinem Drange zu kindlichem Spiele in Versuchung gesetzt wurde, auf dem ein Hang zum Träumen lastete, der zeitweilig bis zum Stumpfsinn ausartete. Während der ersten Lebensjahre, die für ihn bloß eine lange Genesungszeit waren, von den phantastischen Schnurren seiner Erzieherin und Lehrerin, der Marquise, in Schlaf gewiegt, bot ihm das Leben, in das er jetzt einen Blick zu thun anfing, bloß analoge Fälle mit seinen Kindermärchen, in welchen die Feen und guten Geister sich zu den Königen und Königinnen gesellten, sie aus verwunschenen Türmen und Verließen befreiten, aus Drangsalen und Schlingen erlösten mit einem einzigen Schlage ihres goldenen Zauberstabes, der die Spiegelwände und Dornenwälle auseinanderteilte, die feuerspeienden Drachen und alten Hexen, die den Menschen in ein Tier verwandeln, überwältigte. Beim Unterricht rief er dann mitten in eine Erklärung hinein, die man ihm über irgend einen schwierigen Begriff zu geben sich mühte: »Ach! das ist ja ganz so wie in der Geschichte vom kleinen Schneiderlein« – oder wenn er die Schilderung von einer großen Schlacht las: »Der Riese Robistor hat ihrer noch viel mehr erschlagen.« Diese in ihm so stark entwickelte Empfindung des Übersinnlichen war es, was ihm einen Ausdruck von Zerstreutheit lieh, was ihn stundenlang in die Kissen eines Sophas bannte, in der Tiefe seiner Augen das wechselnde, schwebende Feen- und Zauberbild festhielt, jene Blendung mit Truglicht ausübte, das einem Kinde die Augen füllen muß, das aus »Rothomago« ins Leben tritt mit der Fabel in der Erinnerung von dem in wunderbare prismatische Bilder zerlegten Stücke. Und dieser Umstand machte es schwierig, ihm auf vernünftige Weise den Gang der Dinge klar zu legen, machte ihm das ernste Studium schwierig, das man von ihm verlangte. Die Königin wohnte allen Unterrichtsstunden bei, immer jene Stickerei unter den Fingern, die keinen Fortgang nahm, immer jene dem Lehrer so köstliche Aufmerksamkeit in ihrem schönen Blicke, die von ihm so tief empfunden wurde, die sich erschauernd an alle seine Ideen hing, selbst an diejenigen, denen er keinen Ausdruck gab. Durch sie besonders, durch diese unausgesprochenen Ideen, durch die Träume und Hirngespinste, durch das was über den Überzeugungen schwebt und ihnen Verbreitung schafft, hielten sie aneinander. Sie hatte ihn zu ihrem Berater, zu ihrem Vertrauten erhoben, wobei sie aber immer so that, als spreche sie mit ihm im Namen des Königs. »Herr Méraut! Seine Majestät möchten wissen, was Ihre Meinung über das ist – wie Sie über jenes denken.« Und Elysée's Verwunderung darüber war groß, daß er den König niemals selbst das Wort an ihn richten hörte über solche Fragen, die für ihn doch so kräftiges Interesse hatten. Christian der Zweite beobachtete im Verkehr mit ihm gewisse Rücksichten, redete mit ihm im kameradschaftlichen Tone eines Bekannten, der ihm Auszeichnung sein sollte, aber doch recht viel Oberflächlichkeit in sich barg. Hie und da einmal, wenn ihn der Weg durch das Studierzimmer führte, blieb er wohl stehen, um dem Unterrichte sein Ohr zu leihen. Dann legte er die Hand auf die Schulter des Kronprinzen und sagte mit halblauter Stimme, die sich anhörte wie ein Echo aus dem subalternen Gerede, das im Hause herrschte: »Strengen Sie ihn nur nicht allzu sehr an . . . Einen Gelehrten wollen Sie doch nicht aus ihm machen . . .« »Einen König will ich aus ihm machen!« antwortete dann Friederike mit erhabenem Stolz. Und auf eine mutlose Bewegung, die ihr Gemahl mit der Hand hierzu machte, sagte sie weiter: »Soll er denn nicht eines Tages herrschen?« Und er . . . er darauf . . . »Nun ja doch . . . Ja doch . . .« Und nach einer tiefen Verbeugung schloß er, um jede weitere Aussprache kurzweg abzuschneiden, die Thür ab; und dann hörte man ihn draußen nach einer damals gerade in der Mode befindlichen Opern-Melodie trällern: »Herrschen wird er . . . herrschen wird er . . ., denn er ist ein Spanier!« Alles in allem genommen, wußte Elysée nicht so recht, woran er sich in betreff dieses freundlichen, oberflächlichen, duftigen, gefallsüchtigen, launischen Fürsten zu halten hätte, der sich manchmal, von Überanstrengungen entnervt, auf die Polster des Divans streckte – in welchem er den Heros von Ragusa zu erblicken vermeint hatte, den König der starken Willenskraft und kühnen Tapferkeit, als welchen die »Denkschrift« ihn schilderte. Aller Geschicklichkeit Friederikens indes zum Trotz, die Hohlheit und Leere dieser gekrönten Stirn zu maskieren, und ob sie sich auch fortwährend hinter ihm verkroch und versteckte, so zeigte sich doch immer dieser oder jener unvorhergesehene Umstand, bei welchem ihre wahren Temperamente zum Durchbruch gelangten. Eines Morgens nach dem Frühstück, als man sich eben in den Salon verfügt hatte, und Friederike die Zeitungen aufschlug, um, wie es immer ihre Gewohnheit war, zuerst im »Courier von Illyrien« zu lesen, da stieß sie plötzlich einen so kräftigen und schmerzlichen Ruf aus, daß der König, der eben im Begriff war, aus dem Zimmer zu schreiten, stehen blieb, und sämtliche Anwesende sich im Nu um die Königin gruppiert hatten. Die Königin reichte Boscowich das Zeitungsblatt: »Da, lesen Sie!« Es war der Bericht über eine Sitzung des Laibacher Landtags, in welcher der Beschluß gefaßt worden war, den des Landes verwiesenen Souveränen als Ersatz für die sämtlichen Besitztümer der Krone einen Betrag von über zweihundert Millionen Mark in baar auszuzahlen unter der ausdrücklichen Bedingung . . . . . . »Bravo!« ließ sich die näselnde Stimme Christians vernehmen . . . »Das kommt mir wie gerufen . . .« »Lesen Sie weiter!« sagte strengen Tons die Königin. »Unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Christian der Zweite für sich und seine Nachfolger allen Ansprüchen auf den Thron von Illyrien entsagt.« Das gab im Saale einen sturmähnlichen Ausbruch der Entrüstung, des Unwillens. Der alte Rosen drohte zu ersticken; die Wangen des Paters Alpheus wurden weiß wie Leinewand, so daß sein Bart und seine Augen noch schwärzer erschienen als sonst. »Darauf müssen wir Antwort erteilen . . . unter einem solchen Schlag dürfen wir nicht ruhig verharren!« rief die Königin, und ihre Erregung, ihr Unwille suchte Méraut, der seit einem Augenblicke an einer Tischecke mit fieberhaftem Blei Notizen zu Papier brachte. »Was ich schreiben würde, wäre das . . .« sagte er, um einen Schritt vortretend, und las, gekleidet in die Form eines Briefschreibens an einen königstreuen Abgeordneten, eine stolze schwungvolle Proklamation an das illyrische Volk, in welcher der König zunächst das schimpfliche Ansinnen von sich wies, das ihm gestellt worden war, dann seine Anhänger und Freunde in dem erschütterten Tone eines von seinen Kindern hinweg gerissenen Familienhauptes beruhigte und ermutigte. Die schwärmerisch begeisterte Königin klatschte in die Hände, griff nach dem Papiere und reichte es Boscowich. »Geschwind! geschwind! übersetzen und absenden . . . Ist das nicht Deine Meinung auch?« setzte sie hinzu, als sie sich erinnerte, daß Christian zugegen wäre, und daß man sie im Auge hielte. »Ohne Zweifel . . . ohne Zweifel!« sagte der König tief betroffen und kaute sich wütend an den Nägeln . . . »das ist ja alles sehr schön . . sehr schön! Bloß kommt es darauf an . . zu wissen, ob wir uns werden halten können.« Friederike drehte sich um, jäh und leichenblaß, als sei sie von einem schweren Schlag zwischen die Schultern getroffen worden. »Halten! . . ob wir uns werden halten können? . . Ist es der König, welcher spricht!« Er versetzte mit sehr großer Ruhe: »Als es in Ragusa an Brot gemangelt hat, da haben wir uns, dem besten Willen zum Trotz, den es auf Erden wohl geben mag, schließlich doch ergeben müssen.« »Wohlan denn! Diesmal, wenn's uns an Brot gebricht, werden wir den Quersack über die Schulter werfen und an den Thüren betteln gehen . . Das Königtum aber wird sich nicht ergeben!« Welch ein Auftritt hier in diesem engen Saale auf dem Weichbilde von Paris, dieses Ringen zwischen einem entthronten Fürstenpaar: dessen einem Teile man die Ermüdung des Kampfes anmerkte, während infolge seines Mangels an Glauben und Zuversicht der Boden ihm unter den Füßen wich – dessen anderer Teil hingegen von der Glut der Begeisterung und Gläubigkeit gen höhere Sphären getragen ward! und wie sich ihre beiderseitigen Naturen nicht anders so, als wenn man sie zusammen vor Augen hatte, enthüllten und offenbarten! Der König schmiegsam und feingliederig, mit entblößtem Halse, in weiter Kleidung, dem aus der verweichlichten Haltung der schlotternden, fahlen Hände, aus den schwach gefeuchteten Löckchen über der weißen Stirn, die ganze schwächliche Charakterveranlagung deutlich heraussah. Sie dagegen schlank und erhaben im prallen Reitkleide mit breiten Aufschlägen, kurzem, geradem Kragen, schlichten Manschetten, die bloß die düstre Trauer ihres Anzugs umsäumten, aus welcher das lebhafte Blut, der Blitz ihrer Augen, die goldigen Haarwellen jäh hervorbrachen. Elysée hatte zum ersten male das rasche und klare Bild der Vorgänge vor Augen, die sich in diesem königlichen Ehestande abspielten. Plötzlich drehte sich Christian nach dem Herzoge herum, der mit gesenktem Haupte am Kamine lehnte. »Rosen!« »Majestät?« »Du allein bist imstande, uns hierauf Auskunft zu geben . . . Wo stehen wir jetzt? . . Können wir uns noch hinhalten?« Der Haushofmeister zeigte eine stolze Miene: »Gewiß!« »Wie lange? . . Weißt Du's? . . . Annähernd . . .« »Fünf Jahre; ich habe das Facit gezogen.« »Ohne daß irgendwer Entbehrungen sich aufzuerlegen braucht? ohne daß irgendwer von denen, die wir lieben, zu leiden oder gekränkt zu werden brauchte?« »Ganz in diesem Sinne gab ich meine Antwort, Majestät!« »Bist Du Deiner Sache sicher?« »Vollkommen sicher,« bestätigte der Greis, sich zu seiner mächtigen Höhe aufrichtend. »Dann ist's gut! . . Méraut, geben Sie mir Ihr Schreiben . . ich will es unterschreiben, bevor ich ausgehe.« Dann setzte er, während er die Feder ergriff, mit halblauter Stimme hinzu: »Sehen Sie doch nur Frau von Silvis an! . . Ist's nicht gerade, als ob sie ansetzen wollte, das Lied vom finstern, finstern Walde zu singen?« In der That witterte die Marquise, die jetzt mit dem kleinen Prinzen aus dem Garten hereintrat, in dem Salon eine Dramenluft, und geschmückt mit ihrem Barett mit grüner Feder, stand sie in ihrem Sammet-Spenzer, die Hand auf das Herz gelegt, ganz in der überwältigten und romantischen Pose einer Opernsängerin, die eine Cavatine anzustimmen im Begriffe steht. Vorm vollen Landtage verlesen, durch alle Zeitungen verdeutlicht, wurde der Protest des Königs auf Elysée's Rat hin noch in tausenden von Exemplaren autographiert und in den Provinzen und Landschaften der illyrischen Krone verteilt. Der Pater Alpheus schaffte sie ballenweise ins Land hinein, die er unter der Marke »Liebesgaben« zusammen mit Rosenkränzen aus Ölbaumholz und Jericho-Rosen über die Grenze schmuggelte. Die königstreue Gesinnung erhielt hierdurch einen mächtigen Sporn. Dalmatien besonders, wohin der republikanische Gedanke nur sehr schwachen Eingang gefunden hatte, geriet durch die beredte Sprache seines Königs in Bewegung. Sie wurde in vielen Dörfern von der Kanzel herunter verkündet, von den Bettelmönchen des Franziskaner-Ordens ausgestreut und verteilt; an den Thoren der Bauernhöfe lösten sie ihren Quersack und bezahlten die Eier und die Butter, die ihnen gereicht wurden, mit einem Päckchen Flugschriften. Bald bedeckten sich Adressen mit Flugschriften und mit jenen Kreuzchen, die in ihrem wissensarmen guten Willen so ergreifend und rührend sind – bald wurden Pilgerfahrten nach Paris und Saint-Mandé in Scene gesetzt. Ja! das kleine Haus in Saint-Mandé wurde jetzt das Wallfahrts-Ziel von Fischer- und Lastträger-Volk aus Ragusa, das über der reichen muselmännischen Tracht einen schwarzen Mantel trug zum Zeichen der Trauer; von morlakischem Bauernvolke, das zu drei Vierteilen noch Barbarenvolk war. Alle trugen sie die mit Strohseilen über dem Fuß befestigte Opanké aus Schafsfell. Scharenweise stiegen sie aus der Straßenbahn, auf welcher die Zipfel ihrer scharlachroten Dalmatika, ihrer mit Fransen besetzten Schärpen, ihrer Jacken mit den großen Metallknöpfen laut und lärmend zwischen die graue Gleichförmigkeit der französischen Kleidung hinein gerieten. Scharenweise schritten sie, festen sicheren Trittes, über den Hof, blieben dann in der Vorhalle stehen, berieten sich mit leiser Stimme, tief ergriffen und eingeschüchtert. Méraut, welcher allen diesen Vorstellungen beiwohnte, fühlte sich im tiefsten Innern seines Wesens erschüttert; die Legende von seiner Kindheit lebte in dieser, aus so weiter Ferne herbeigeströmten Begeisterung wieder auf, und die Wanderfahrt der Städtler aus dem Königshag nach Frohsdorf, die Entbehrungen, die sich die wackern Leute ihrethalben auferlegt, die Vorbereitungen, die sie für die Abreise getroffen hatten, die Enttäuschungen, mit denen sie, wenn sie ihnen auch nicht Worte liehen, in die Heimat zurückgekehrt waren: dies alles trat ihm wieder in Erinnerung, während er andrerseits die bittersten Qualen litt über Christians gleichgültiges Verhalten, über die verdrießliche Langweile, mit welcher von ihm die erbetenen Audienzen erteilt wurden, über die Seufzer, mit denen er seinem Herzen am Schlusse jeder solchen Audienz Erleichterung schuf. Im Grunde war der König ergrimmt über diese Heimsuchungen, die ihn in seinen Vergnügungen störten, aus seinen Gewohnheiten rissen, ihn dazu verdammten, den ganzen langen Nachmittag in Saint-Mandé zuzubringen. Um der Königin willen nahm er indessen die von Thränen erstickten Loyalitätsversicherungen dieses armen Volks entgegen und antwortete auf sie mit irgendwelchen landläufigen Redensarten. Nachher aber rächte sich sein zur Spottsucht, zur Bosheit geneigter Geist für die erlittene Langweile mit einem schlechten Witze oder einer Karrikatur, die er mit seinem Bleistifte auf die erste beste Tischecke hinwarf. So hatte er auch eines Tages den Obermeister der Fischerinnung von Branizza karikiert, ein breites italienisches Gesicht mit Hängebacken und runden Mopsaugen, das infolge der Erschütterung und Freude über die königliche Audienz gar blöde dreingeschaut hatte, während die Thränen ihm bis auf das Kinn hinunter gerollt waren. Das Meisterwerkchen machte am andern Morgen die Runde bei Tafel, wurde von der Tischgesellschaft belacht und mit beifälligen Ausrufungen überschüttet. Sogar der Herzog hatte eben in seiner Verachtung alles Volkstümlichen seinen greisen Schnabel zu einem Ausbruch gewaltiger Lustigkeit weit geöffnet, und die Zeichnung gelangte eben unter Begleitung von sehr geräuschvollen Schmeichelreden aus Boscowich's Händen in diejenigen Elysée's. Er betrachtete sie lange, gab sie dann aber, ohne irgend ein Wort zu äußern, seinem Nachbarn zurück – und als der König ihm mit seiner impertinenten Stimme durch die Nase vom Ende der Tafel aus zurief: »Sie lachen ja nicht, Méraut . . Und doch ist er ganz nett, mein Herr Innungs-Obermeister!« da antwortete Méraut mit Trauer: »Nein, Königliche Hoheit! ich kann nicht lachen . . es ist das Portrait von meinem Vater.« Einige Zeit nachher traf es sich, daß Elysée der unfreiwillige Zeuge eines Auftrittes war, der ihm über den Charakter Christians und seine Beziehungen zur Königin völlige Klarheit brachte. Es war an einem Sonntage, nach der Messe. Das kleine Hotel, das ein an ihm ungewohntes festliches Aussehen zeigte, hatte beide Flügel seines Thores nach der Rue Herbillon hin weit geöffnet. Die gesamte Dienerschaft war auf den Beinen und bildete Spalier in der Vorhalle der Freitreppe, die wie ein Gewächshaus grünte und blühte. Der Empfang, der für diesen Tag bevorstand, war von hoher Bedeutung. Es wurde eine königstreue Abordnung von Landtagsmitgliedern erwartet, die Elite und Blume der Partei, die nach Paris kam, dem Könige in Treue und Liebe zu huldigen und sich mit ihm über die Maßnahmen zu beraten, die für eine in Bälde zu erwartende Wiederherstellung der königlichen Macht zu treffen seien. Ein wirkliches Ereignis – ein Ereignis, erhofft und verkündigt, dessen feierlicher Charakter durch eine herrliche Wintersonne gehoben und erheitert wurde – durch eine Sonne, welche die weite Einsamkeit des Empfangssaals, den zum Throne hergerichteten großen Lehnsessel des Königs mit ihrem Goldhauch bekleidete und mit wohliger Wärme erfüllte – eine Sonne, welche die Rubine, Saphire, Topase der Königskrone dahinter im Schatten zu blitzendem Gefunkel erweckte. Während das Haus in allen Stockwerken von ununterbrochenem Kommen und Gehen, von dem Knistern und Rauschen seidener Schleppkleider wiederhallte; während der kleine Prinz sich mit seinen langen roten Strümpfen, seinem Samt-Anzug, seinem Kragen aus venetianischer Guipüre ausputzen ließ und die Rede wieder und immer wieder hersagte, die man ihm seit acht Tagen schon beizubringen versuchte – während Rosen sich in großer Uniform, übersäet mit Orden und Auszeichnungen, kerzengerader als je in seinem Leben, in die Höhe richtete, um die Deputierten zum Könige zu führen, saß Elysée in freiwilliger Abwesenheit von all diesem Gewirr allein in dem Studierzimmer, sann über die Folgen der bevorstehenden Zusammenkunft nach und traf unter dem Eindruck einer, seinem südländischen Hirn häufig sich zeigenden Fata Morgana schon Vorkehrungen zu dem sieghaften Wiedereinzug seiner Fürsten in Laibach, der unter Geschützsalven und Glockengeläut, durch die mit Blumen übersäeten, im Freudentaumel wogenden Straßen seinen Weg nahm. Er sah den König und die Königin, die seinen vielgeliebten Zögling, den kleinen Zara, vor sich hielten, gleichsam als eine Verheißung an das Volk, eine Zukunft, die ihnen höheren Adel noch lieh, die sie erhob zu dem Range von jugendlichen Ahnen; und Zara sah verständig aus und ernst, sah sich um mit jenem Ernste von Kindern, die eine für sie zu große Erschütterung zu bestehen hatten. Und der helle Glanz dieses schönen Sonntags, der heitre Klang der zu dieser Stunde vibrierenden Glocken, mitten im Mittagssonnenschein, verdoppelten sich für ihn in der Hoffnung auf ein Fest, in welchem Friederikens mütterlicher Stolz sich vielleicht bis zu ihm hin über den Kopf des Kindes hinweg mit stolzem, befriedigtem Lächeln verirren würde. Inzwischen wurde auf dem Sande, in dem Ehrenhofe, wo die Schläge der Hammerglocken die Ankunft der Gäste verkündeten, das dumpfe Rollen der Galakutschen, welche nach den Hotels gefahren waren, die Abgeordneten dort abzuholen, vernehmlich. Die Flügelthüren schlugen geräuschvoll auseinander, Schritte hallten gedämpft über die Teppiche der Vorhalle und des Salons, und respektvolle Reden wurden leise geflüstert. Dann trat eine lange Stille ein, über welche Méraut sich lebhaft wunderte; denn er harrte der Ansprache des Königs, der Anstrengung seiner näselnden Stimme. Was ging denn vor? welche Zögerung trat denn in der vorgesehenen Ordnung der Feierlichkeit ein? In diesem Augenblicke trat ihm, dicht an den Mauern, dicht an den schwarzen Spalieren des frostigen und hellen Gartens entlang streifend, derjenige vor die Augen, den er in dem benachbarten Zimmer wähnte – von dem er meinte, er präsidiere dem offiziellen Empfange. Mit steifen, gelähmten Schritten kam er einher. Er mußte durch die Thür hereingetreten sein, die hinter den Epheu-Gewächsen der Avenue Daumesnil versteckt lag, und näherte sich langsam und mühsam. Elysée's erster Gedanke war zuerst an ein Duell, an irgend einen Unglücksfall, und bald darauf wurde das Geräusch eines Sturzes in dem obern Stockwerk vernehmlich, eines Sturzes, der sich anhörte, als wenn er durch das Mobiliar, durch die Gardinen und Vorhänge des Zimmers aufgehalten worden sei, so lange währte er; und so dumpf und schwer war sein Geräusch, zu welchem sich ein Krachen gesellte, als wenn Dinge auf dem Boden zerbrächen, zerschellten. Er stieg rasch hinauf zu dem Könige. Christians Zimmer, das im Hauptflügel des Schlosses gelegen und in Halbkreisform gebaut war, war warm und weich gepolstert wie ein Nest, mit purpurnen Vorhängen ausgestattet und an den Wänden mit Trophäen altertümlicher Waffen, mit Divans, niedrigen Sitzmöbeln, mit Bären- und Löwenfellen geschmückt, und barg zwischen diesem weichlichen, fast orientalischen Luxus das seltsame Ding eines kleinen Feldbettes, auf welchem der König in Gemäßheit einer Familien-Tradition und unter dem Einflusse jener Neigung zu spartanischer Einfachheit, die gern von den Millionären und von den Souveränen zur Schau getragen wird, zu schlafen pflegte. Die Thüre stand weit offen. Christian stand aufrecht an die Wand gelehnt, den Hut nach hinten gestülpt auf seinem zerrütteten und fahlen Schädel, den langen Pelzrock halb aufgeknöpft, so daß der umgekippte Rock, die weiße lose Halsbinde, das zerknüllte und beschmutzte große Bruststück seines Hemdes zu sehen waren im Verein mit jener ganzen Verlotterung der Leibwäsche, welche ein deutliches Zeichen für die Ermattung infolge einer durchschwärmten Nacht und für die Verheerung abgiebt, die Betrunkenheit hervorruft. Ihm gegenüber stand die Königin in kerzengerader Haltung, mit strengem Blicke, zitternd am ganzen Leibe infolge der Anstrengung, die sie machte, um die Herrschaft über sich nicht zu verlieren, und rief mit grollender, dumpfer Stimme: »Es muß sein . . . muß sein . . . komm!« Er aber sagte sehr leise und mit betretener Miene: »Ich kann nicht . . . Du siehst doch, daß ich nicht kann . . Später . . verspreche ich Dir . . .« Dann lallte er Entschuldigungen mit blödem Lachen, mit einer Kindesstimme . . . Davon, daß er etwa getrunken hätte, davon rührte sein Zustand nicht her! o, bewahre! ganz und gar nicht! bloß von der Kälte, durch die frische Luft sei es gekommen, als er vom Souper aufgestanden und ins Freie hinaus getreten sei . . »Ja doch . . Ja doch . . ich weiß ja . . . Das thut ja nichts zur Sache! . . . Wir müssen hinunter gehen . . damit sie Dich sehen, Dich bloß sehen! . . . ich, ich werde mit ihnen reden . . . ich weiß ja, was gesagt werden muß . . .« Und als er sich noch immer nicht rührte, als sich ein Schlummer über sein schrecklich erschlafftes Gesicht zu breiten anfing und ihm die Zunge lähmte, da geriet Friederikens Zorn zum heftigen Ausbruch. »Aber begreife doch, daß unser Schicksal auf dem Spiele steht . . . . Christian, Deine Krone ist's, die Krone Deines Sohnes, mit der Du in diesem Augenblicke spielst . . . Höre doch, höre und komm! Ich bitte Dich, flehe Dich an darum – ich will's! « Herrlich stand sie da, getragen von einem starken Willen, dessen Ströme in ihren meergrünen Augen den König zusehends magnetisierten. Sie packte ihn mit ihrem Blicke, versuchte ihm Halt zu geben, ihn wieder aufzurichten, half ihm, sich seines Hutes, seines Pelzrockes zu entledigen, die voll waren der häßlichen Dünste des Rausches, des benebelnden Cigarren-Rauches. Er rückte sich einen Augenblick lang auf seinen schlappen Beinen, that taumelnd ein paar Schritte, stützte die sengenden Hände auf den Marmor der Hände der Königin. Aber plötzlich fühlte sie, daß ihm aller Halt und alle Kraft verloren ging; sie wich nun selbst zurück bei dieser fieberheißen Berührung, und plötzlich – da stieß sie ihn zurück mit Gewalt, mit Abscheu und ließ ihn in seiner vollen Länge auf einen Divan hinschlagen; dann verließ sie das Zimmer, ohne dieser verlotterten faulen Maske, die schon laut schnarchte, noch einen Blick zu schenken, ging an Elysée vorbei, ohne ihn zu sehen, kerzengerade, mit halbgeschlossenen Augen, mit einer Stimme, die einer verstörten Nachtwandlerin zu gehören schien, die übervoll war des Schmerzes: »Alla fina sono stanca de fare gesti de questo monarcaccio!« Ich bin es endlich müde, für dieses klägliche Monarchlein die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen. Fünftes Kapitel. J. Tom Lewis, Fremden-Geschäftsträger. Von allen Pariser Schlupfstätten, von allen Ali-Baba-Höhlen, mit denen die große Stadt miniert und gegenminiert ist, giebt es keine, die merkwürdiger wäre und ein so interessantes Gefüge aufzuweisen hätte, wie die Agentur Lewis. Der Leser kennt sie; es kennt sie jedermann, zum wenigsten doch von außen. Sie befindet sich in der Rue Royale, an der Ecke des Faubourg Saint-Honoré, mitten auf dem Wege, welchen die Kutschen fahren nach dem Wäldchen hin und vom Wäldchen zurück, ohne daß auch nur eine einzige sich der aufdringlichen Reklame dieses luxuriösen Hofparterres erwehren könnte, zu welchem acht Stufen hinaufführen, dieses Hoch-Parterres mit seinen hohen Fenstern aus einer einzigen Scheibe, deren jedes die in Karmesinrot, Azurblau und Gold gemalten Wappen der Hauptmächte Europas, Adler, Einhörner, Leoparden, die gesamte Menagerie der Heraldik, aufweist. Auf dreißig Meter Entfernung lenkt in der ganzen Breite dieser Straße, die einem Boulevard gleichkommt, die Agentur Lewis die Blicke auf sich auch solcher Leute, deren schwache Eigenschaft die Neugierde sonst nicht ist. Es fragt sich ein jeder: »Was wird denn dort verkauft?« – »Was wird dort nicht verkauft?« würde die Frage besser gestellt lauten. Auf jeder Scheibe liest man tatsächlich hier in schönen Goldbuchstaben: »Wein, Liköre, Nahrungsmittel, Pale-Ale, Kümmel, Raki, Kaviar, Stockfisch mariniert« oder auch: »Altes und neues Mobiliar, Tapeten, Blattgewächse, Smyrnaer und Ispahaner Teppiche«; ein paar Scheiben weiter: »Gemälde von berühmten Meistern, Marmor- und Terracotta-Waren, Luxuswaffen, Medaillen, Rüstungen«; an andrer Stelle: »Geld auf Gold, Wechsel-Diskont, ausländische Münzen«; oder auch: »Universal-Buchhandlung, Zeitschriften und Zeitungen aus allen Ländern, in allen Zungen«; und daneben: »Verkäufe, Vermietungen und Verpachtungen, Jagden, Grundstücke, Landsitze«; oder auch: »Auskünfte aller Art, Verschwiegenheit, Promptheit, Geschwindigkeit.« Dieses Gewimmel von Aufschriften und blitzenden Wappen trübt das Licht der Schaufenster auf seltsame Weise und gestattet keinen rechten Blick auf die Gegenstände, die sich dahinter ausbreiten. Undeutlich unterscheidet man Flaschen von fremder Gestalt und in fremden Farben, Stühle aus geschnitztem Holz, Bilder, Pelze, sodann in Mulden und Schüsselchen Piaster in etwelchen losen Rollen und Papiergeld in allerhand Bündeln und Stößen. Aber die geräumigen Untergeschosse der Agentur, die durch vergitterte Guckfenster im Trottoir auf die Straße über ihnen den Blick öffnen, dienen den etwas schreierischen Schaufenstern und Auslagen des großen, weiten Ladens als solider und ernster Unterbau, vermitteln den Eindruck von wohlausgestatteten Magazinen der Londoner Altstadt, ohne den Chic und die Schneidigkeit eines Schaufensters vom Boulevard de la Madeleine vermissen zu lassen. Das schäumt dort unten in diesen Räumen über von Schätzen und Reichtümern aller Art, von Fässern und Fäßchen in Reih und Glied, von Stoffballen, Konservenbüchsen, Kisten und Kästen und Koffern bergehoch; Tiefen eröffnen sich dem Auge dort unten, daß einen Schwindel befällt, ganz so, wie wenn man auf der Brücke eines zur Abfahrt sich rüstenden Packetdampfers der Ozean-Linien steht und den Blick in den gähnenden Schiffsraum versenkt, mit dessen Stauung die Mannschaft beschäftigt ist. In dieser Lage und dieser Beschaffenheit, fest und sicher ausgespannt mitten in dem Pariser Wogenschwall, erhascht die Reuse eine Menge von großen und kleinen Fischen, sogar den Stichling der Seine, den flinksten und heikelsten unter allen; und geht man an ihr in der Nachmittagsstunde vorbei, so wird man sie fast immer bis an den Rand gefüllt sehen. An der hohen und hellen, von breitem Karnies aus geschnitztem Holzwerk überragten Glasthüre auf der Rue Royale – dem Eingange zum Magazin für Neuheiten und Moden – steht der militärisch galonnierte Hausjäger, der, sobald er einen sieht, den Knopf an der Thür dreht oder, wenn die Notwendigkeit hierzu vorhanden, dem aus dem Wagen steigenden Kunden den aufgespannten Regenschirm entgegenträgt. Ein unermeßlicher Saal, durch Verschläge und Schiebegitter in eine Menge von Abteilungen, regelrechten Quadraten zur Rechten und Linken bis hinten ans Ende des Raums zerlegt, eröffnet sich dem Blicke des Eintretenden. Das blendende Tageslicht glitzert auf den gebohnten Parketts, auf dem Getäfel, auf den tadellosen Fracks und Kräuselfrisuren der Verkäufer und Bediensteten, die samt und sonders Muster von Eleganz und hübsche Erscheinungen sind, aber in Rede und Wesen den Ausländer verraten. Man sieht dort die olivbrauue Hautfarbe, die spitzigen Schädel und schmalen Schultern der Asiaten, amerikanische Bart-Halskrausen unter faienceblauen Augen, frischrote deutsche Fleischfarben; und in welchem Idiom auch der Käufer seine Bestellung macht, er darf sicher sein, verstanden zu werden, denn man spricht in dieser »Agentur« hier alle Sprachen der Welt, mit einziger Ausnahm der russischen, die übrigens recht überflüssig ist, da die Russen ja in allen Zungen reden, bloß nicht in der ihrigen. Die Menge kommt und geht an den Schaltern, sitzt wartend auf den bequemen Stühlen; Herren und Damen in Reisekleidern; ein Mischmasch von Astrachan-Mützen, schottischen Käppis, langen Schleiern, die über Regenmäntel, Staubmäntel, karrierte, beiden Geschlechtern unterschiedslos zur Bekleidung dienende Twinen herniederwallen, unter denen in Gurte geschnallte Packete, an Riemen getragene Ledertaschen zu sehen – kurz: ein echtes und rechtes Wartesaal-Publikum, das sich lebhaft gebärdet und laut redet mit der Ungeniertheit und Wichtigkeit von Leuten, die ihre vier Pfähle hinter sich gelassen haben, und in allerhand Zungen das nämliche wirre, buntscheckige Charivari hervorbringen, das man bei den Vogelhändlern auf dem Kai von Gèvres zu hören bekommt. Im nämlichen Augenblick knallen Pfropfen von Pale-Ale oder Selterser, rollen Goldhaufen über das Holz der Zähltische. Endloses Geklingel elektrischer Glocken, endloses Gepfeife mit Sprachrohren zwischen dem knisternden Geräusch, das beim Aufrollen eines Grundrisses von irgendeinem Hause hervorgerufen wird, oder einem Arpeggio, womit auf einem Piano Probe gespielt wird, oder den Ausrufungen einer Samojeden-Schar, die sich um die Photographie einer Kohlenzeichnung von mächtigem Umfange aufgestellt hat. Und dann die Kommis! die einander Auskünste, eine Ziffer, einen Personen- oder Straßennamen zuwerfen, mir lächelnden Mienen und übergeschäftiger Eile, um plötzlich die Majestät selbst, kühl bis ans Herz hinan, gleichgiltig und teilnahmlos zu werden und eine Miene aufzusetzen, die mit den Angelegenheiten und Geschäften dieser Erdkugel in absolut keinem Zusammenhange mehr steht, sobald sich ein unglückliches, verstörtes, schon von Schalter zu Schalter gejagtes Subjekt zu einem vom ihnen herunterbückt, um mit ganz leiser Stimme eine Frage zu stellen über eine gewisse geheimnisvolle Sache, die sie vor Verwunderung und Staunen sozusagen auf den Kopf zu stellen scheint. Bisweilen verliert der Mann, der es satt hat, sich als Windhose oder Meteorstein ansehen zu lassen, die Geduld und verlangt darnach, J. Tom Lewis selbst zu sprechen, der doch ganz gewiß auf der Stelle wissen würde, um was es sich handelte. Da wird ihm mit erhabenem Lächeln geantwortet, daß J. Tom Lewis geschäftlich zu thun habe . . . daß J. Tom Lewis Gesellschaft bei sich habe! und keine solchen armen Nullen von Geschäften, wie Ihr welche treibt – keine so plunderige Gesellschaft, wie Ihr sie darstellt, mein guter Mann! . . . Da, seht mal dort hinunter, ganz im Hintergrunde. Eine Thüre hat sich dort eben aufgethan. J. Tom Lewis zeigt sich auf eine Sekunde, einen weit höheren Grad von Majestät in seiner Person allein zu Tage legend, als all sein Personal zusammen genommen dessen imstande ist – weit majestätischer wirkend, als dieses, durch sein kugelrundes Fettbäuchlein, weit majestätischer kraft seines Schädels, der glatt gewichst ist und schimmert und glänzt wie das Parkett der Agentur-Räume, majestätischer durch die Art, wie er den kleinen Kopf zurück zu werfen beflissen ist, durch seinen, Unnahbarkeit kündenden Blick, durch die gebieterische Gebärde seines kurzen Armes und die Feierlichkeit, mit welcher er, kreischend in seinem stark insularen Accent, die Frage durch den weiten Raum schallen läßt, ob man »die Sendung an Seine Königliche Hoheit den Herrn Prinzen von Wales schon effektuiert habe.« Zu gleicher Zeit hält er hierbei mit der anderen, freigebliebenen Hand die Thüre zu seinem Kabinett hermetisch verschlossen, um hierdurch zu verstehen zu geben, daß die dort eingeschlossene erhabene Persönlichkeit zu jenen Geschöpfen Gottes gehöre, die man unter keinerlei Vorwand in Störung oder Ungelegenheit setzen dürfe. Es versteht sich von selbst, daß der Prinz von Wales niemals einen Fuß in die Agentur gesetzt hat, und daß man an ihn nicht die geringste Sendung zu machen gehabt hat; aber erwäge man doch nur die Wirkung, welche dieser Name auf die in dem Kaufhause versammelte Menschheit und auf den vereinzelten Kunden hervorbringt! zu welchem Tom in seinem Kabinett eben erst die Aeußerung gethan hat: »Verzeihen Sie gütigst . . . eine einzige Minute . . . ich muß nur augenblicklich eine kleine Erkundigung einziehen.« Windbeutelei über Windbeutelei! Es sitzt so wenig ein Prinz von Wales hinter der Thür des Kabinetts, als in den absonderlichen Flaschen der Glasschränke Raki oder Kümmel enthalten ist, oder in den im Untergeschosse kreisförmig aufgeschichteten Tonnen englisches oder Wiener Bier – sowenig als man Waren ausfährt in den mit Wappen geschmückten, vergoldeten, lackierten, mit dem Stempel J. T. L. versehenen Wagen, die im gestreckten Galopp, mit um so größerer Geschwindigkeit, je leerer sie sind, in den vornehmen Stadtvierteln von Paris herumkutschieren – als ambulante und lärmende Reklame, die mit jener rasenden Geschäftigkeit über das Pflaster hinsaust, welche das auszeichnende Merkmal von Mensch und Tier im Rahmen und Gefüge der Agentur Tom Lewis bildet. Wenn's einmal irgend einem armen Teufel, der von all diesem Golde berauscht wurde, einfiele, mit einem Hiebe seiner Faust die Scheibe des Schaufensters zu zertrümmern, hinter welcher die Schüsseln mit den Piastern stehen, und gierig mit der blutigen Hand in das Gold hinein zu fassen, so würde er sie voller Spielmarken zurückziehen! Wenn er nach jenem ungeheuren Banknotenbündel griffe, das neben den Piaster-Schüsseln liegt, so würde er einen Schein über fünfundzwanzig Livres fassen, der über einen Stoß Kanzleipapier geklebt ist! Nichts, absolut nichts in all den Auslagen und Schaufenstern! nichts, absolut nichts im ganzen Untergeschoß! nichts, absolut nichts hier wie überall anderswo in den Räumen dieser Agentur! . . . Aber woher denn jenes Porter-Bier, welches dort die Engländer sich munden lassen? woher die kleine Münze, die dort jener Bojare gegen seine Rubel ausgezahlt erhält? woher denn die kleine antike Bronzefigur, die für jene Griechin von den Inseln dort eingepackt wird? O du meine Güte! es läßt sich ja etwas Einfacheres garnicht denken! Das englische Bier kommt aus der Bierstube nebenan; das Gold aus einem Geldwechsler-Laden auf dem Boulevard; die Nippsache aus dem Allerwelts-Bazar in der Rue du Quatre-Septembre. Es handelt sich um weiter nichts dabei als um einen raschen Lauf, den zwei oder drei Kommis zu machen haben, die unten im Erdgeschoß auf die ihnen durch die Sprachrohre übermittelten Befehle warten. Durch den Hof des Nachbarhauses sind sie hinaus auf die Straße gelangt und kommen in wenigen Minuten zurück, um auf der Wendeltreppe mit durchbrochenem Geländer und Kristallknopf, welche die beiden Stockwerke zusammen verbindet, wieder emporzutauchen. Bitte, hier haben Sie den verlangten Gegenstand, garantiert von J. T. L. und etikettiert mit J. T. L. Und genieren Sie sich ja nicht, mein Fürst, wenn Ihnen dieser Gegenstand nicht recht ist, nicht gefällt, dann kann man ihn Ihnen umtauschen. Die Kellerräume der Agentur sind mit reichem Warenlager gefüllt. Die Sachen sind ja ein bischen teurer, als anderswo sonst, bloß um das Doppelte oder Dreifache. Aber das zahlt man ja doch weit lieber, als in den Kaufhäusern herumzulaufen, in denen man mit keinem Worte, das man spricht, verstanden wird, trotz der Verheißung, welche das Aushängeschild mit der Aufschrift: »English spoken« oder »man spricht deutsch« kündet – in jenen Boulevard-Magazinen, wo der überlaufene, übervorteilte Ausländer nie etwas anderes von Waren findet, als was in den Tiefen der Schachteln verborgen ruht, die Ladenhüter, den Ausschuß, jenen ausrangierter Pariser Kram, jenen Fehlposten des Kassabuchs, »die Sache, die nicht mehr in der Mode ist«, den Überschuß oder Übertrag aus dem verwichenen Jahre, der durch sein Alter noch mehr im Aussehen gelitten hat als durch den Staub oder durch die Sonnenstrahlen in der Auslage oder dem Schaufenster! O über den Pariser Laden-Inhaber, den untertänigen und schnippischen, geringschätziger und gewinnsüchtigen Pariser Krämer! mit ihm ist's nun vorbei – er hat ausgespielt – von ihm mag der Fremde, der Ausländer in Paris nichts mehr hören und sehen! Er ist's endlich doch überdrüssig geworden, auf so barbarische, jeglicher Rücksichtnahme bare Weise ausgebeutelt zu werden, und zwar nicht bloß durch den Pariser Kaufmann und Krämer, sondern durch den Gasthof, in welchem er schläft, durch das Speisehaus, in welchem er ißt, durch den Fiaker, den er auf der Straße anruft, durch den Billethändler, der ihn in leere Theater schickt, um sich dort müde zu gähnen. In dem Hause Lewis, in diesem großartigen Agenturgeschäft für Fremde und Ausländer, wo man alles findet, was das Herz begehrt, in diesem Hause ist man zum mindesten doch sicher, nicht über den Löffel barbiert zu werden, denn J. Tom Lewis ist Engländer, und die kaufmännische Rechtlichkeit und Loyalität des Engländers ist in den beiden Weltteilen bekannt. Als Engländer ist J. Tom Lewis Engländer, wie es in höherm Grade zu sein garnicht gestattet ist, von der viereckigen Spitze seiner Quäkerschuhe hinauf bis zu seinem langen Gehrocke, der über das grünkarrierte Beinkleid niederfällt, bis zu seinem pyramidenförmigen Hute mit der winzig schmalen Krempe, die sein feistes, rötlich angehauchtes, biedermännisches Gesicht zur vollen Geltung gelangen läßt. Die Rechtlichkeit und Loyalität Albions steht auf diesem mit Beefsteaks gefütterten Antlitz zu lesen, steht auf diesem bis an die Ohren gespaltenen Munde zu lesen, steht auf der mattblonden Seide dieser zwei Backenbart-Enden von ungleicher Länge zu lesen, ungleich lang daher, weil ihrem Herrn und Besitzer die Manie eigentümlich ist, an dem einen, und zwar immer dem nämlichen Ende in Augenblicken der Verlegenheit oder Betretenheit zu kauen. Diese Rechtlichkeit und Loyalität läßt sich erraten aus der kurzen Hand, aus den mit rötlichem Flaume bestandenen, mit Ringen überladenen Fingern. Rechtlich und loyal erscheint auch der Blick unter einem paar Augengläsern in seiner Goldfassung, dermaßen rechtlich und loyal, daß wenn es J. Tom Lewis einmal geschieht, eine Lüge zu sagen – dieser Möglichkeit sind ja doch die besten Menschen ausgesetzt! – die Pupillen zufolge einer merkwürdigen nervösen Zuckung sich um sich selbst zu drehen anfangen wie kleine in die Perspektive eines Gyroskops gebrachte Räderchen. Was der anglikanischen Physiognomie des Herrn J. Tom Lewis noch die rechte Vollständigkeit verschafft, das ist sein Cab: das erste Vehikel dieser Gattung, das man in Paris gesehen, das natürliche Gehäuse für dieses originelle Wesen. Hat er eine geschäftliche Angelegenheit von etwas wirrer Art zu erledigen, überkommt ihn einer von jenen Augenblicken, wie es ihrer im Handel und Wandel ja des öftern giebt, wo man sich bedrängt, beklommen, benommen fühlt, dann ruft Tom: »Ich fahre im Cab!« und ist sich seiner Sache sicher, dort irgend einen Gedanken zu finden. Er kombiniert, wägt, ergründet, während die Pariser in der durchsichtigen Schachtel, die auf ihren Rollrädchen fast dicht über dem Boden entlang läuft, jenen Schattenriß von vielbeschäftigtem Menschen vorbeigleiten sehen, der an der rechten Hälfte seines Cotelette-Bartes mit Macht herumkaut. Im Cab hat er seine schönsten Streiche ausgedacht, jene Streiche, die ihm gegen Ausgang des Kaiserreichs zu Namen und Ansehen verhalfen. Ach! das war damals die gute Zeit! Paris strotzend von Ausländern und Fremden, und nicht von solchen, die bloße Zugvögel sind, sondern die sich seßhaft machten, die eine richtige Kolonie ausländischer Krösusse darstellten, die auf nichts anderes sannen und dachten, nach nichts anderem begehrten als in dulci jubilo des Lebens zu genießen und ein Gelage, ein Fest nach dem andern zu feiern. Damals hatten wir in unseren Mauern den Türken Hussein Bei und den Ägypter Mehemet Pascha, ein Paar berühmter Feze in der Umgebung des Sees, und die Fürstin von Wertschakoff, die alles Silber des Ural-Gebirges zu den vierzehn Fenstern ihrer Bel-Etage auf dem Boulevard Malesherbes hinauswarf. – Wir hatten den Amerikaner Bergson, welchem Paris die unermeßlichen Erträgnisse seiner Petroleum-Quellen verschlang – Bergson ist seitdem in seine Hinterwälder zurückgekehrt! – hatten Nabobe hier, ganze Flotten von Naboben in allen Hautfarben, gelbe, braune, rote, von denen es auf den Promenaden und in den Theatern wimmelte, die es drängte und trieb zu vergeuden, zu genießen, als ob sie die Ahnung in ihrem Herzen trügen, daß sie bald das große Freuden-Wirtshaus würden fliehen müssen, um der furchtbaren Explosion zu entrinnen, die seine Dächer zerschellen, seine Ziegel und Fenster zertrümmern sollte . . . Rechne man doch nur, daß J. Tom Lewis die unentbehrliche Mittelsperson aller dieser Vergnügungen und Freuden war, daß kein Louis'dor gewechselt wurde, ohne daß nicht er ihn zuvor beschnitten hätte, und daß sich zu den ausländischen Vertretern seiner Kundschaft einige Pariser Lebemänner von ehedem gesellten, Liebhaber von seltenem Wilde, Buschklepper, die auf eingezäunten Jagden wildschützten, die sich um Auskunft und Nachweisung an den Freund Tom wendeten als an den pfiffigsten, gewandtesten Vermittler sowohl wie auch darum, weil hinter seinem barbarischen Französisch, hinter seiner schwierigen Sprechweise, ihre Geheimnisse in größerer Sicherheit zu ruhen schienen. Das Petschaft J. T. L. hat den sämtlichen Skandalgeschichten dieser Schlußzeit des Kaiserreichs ihr Siegel aufgedrückt. Auf den Namen J. Tom Lewis wurde immer die Loge Nr. 9 der Komischen Oper reserviert, in welcher die Baronin Mils eine Stunde lang ihrem Herzens-Tenor zu lauschen kam, dessen von Schweiß und Kremserweiß gefeuchtetes Taschentuch sie nach der Cavatine in dem ihre Taille verdeckenden Spitzenfichu mit hinweg nahm. Auf den Namen J. Tom Lewis war das kleine Hotel in der Avenue Clichy gemietet, halbpart für das Brüderpaar Sismondi und für eine und dieselbe Dame, ohne daß die beiden Brüder eine Ahnung hiervon hatten, diese beiden Bankgeschäfts-Inhaber und Compagnons, die außerstande waren zusammen zur selben Stunde ihre Kontore zu verlassen. O! welch schöne Romane stehen aus diesem Zeitalter in den Büchern der Agentur Lewis auf dem Raume weniger Zeilen verzeichnet: »Haus mit Doppeleingang auf der Straße nach Saint-Cloud. – Miete, Mobiliar, Entschädigung an den Mieter . . . . . . soviel..« »Kommissionshonorar vom General Soundso . . . . . . soviel.« »Landhäuschen im Petit-Valtin bei Plombières. – Garten, Remise, Doppeleingang, Entschädigung an den Vermieter . . . . soviel!« Und allemal darunter: »Kommissionshonorar vom General Soundso« . . . Dieser General nahm in den Konten der Agentur eine erste Stelle ein. Wenn Tom zu jener Zeit Schätze sammelte, so gab er auch Geld aus mit vollen Händen, nicht im Spiel, auch nicht für Pferde, noch weniger für Damen, sondern um Grillen und Launen Befriedigung zu schaffen, wie sie toller, verschrobener im Hirn eines Wilden oder eines Kindes nicht emporschießen konnten, um der verrücktesten, hanswurstigsten Phantasie den Willen zu thun, die einem menschlichen Auge nur irgend sichtbar werden konnte, und die zwischen dem Traum und seiner Verwirklichung niemals eine Pause gestattete. Das eine mal fiel ihm ein, am Ausgange seiner Besitzung in Courbevoie eine Akazien-Allee haben zu wollen, und da diese Bäume einer zu langen Zeit bedürfen, bis sie hochgewachsen sind, sah man acht Tage lang aus den in dieser Gegend sehr kahlen und vom Fabriken-Ruß geschwärzten Seine-Ufern große Leiterwagen langsamen Schritts einer hinter dem andern herfahren, jeden mit einer Akazie beladen, deren Büsche oder Stutze aus grünem Gezweig, im Takte der langsam sich drehenden Räder geschaukelt, in zitternden Schatten über dem Wasser tanzten. Dieses Besitztum im Bereiche der Pariser Bannmeile, wo J. Tom Lewis nach Art und Brauch der großen Londoner Handelsherren ein Jahr wie alle Jahre seine Wohnung nahm, das zuerst nichts weiter als ein kleines Gartenhaus war und aus nur einem Erdgeschoß und Speicherräumen bestand, wurde für ihn zu einer Quelle von ganz erschrecklichen Geldausgaben. Da seine Geschäfte gedeihlichen Fortgang nahmen und sich ausdehnten, hatte er dementsprechend sein Landgut vergrößert; und von Anbau zu Anbau, von Ankauf zu Ankauf, war er schließlich zum Besitz eines Parkes gelangt, der aus einem Anhängsel am andern zusammengesetzt war, Ackerboden im Durcheinander mit Wald- oder Buschflächen aufwies und ein ganz wunderlicher Grundbesitz war, in welchem sich seine Neigungen, seine englische excentrische Weise, durch spießbürgerliche Begriffe und verfehlte Kunstversuche noch verrenkt und versteift, so recht deutlich offenbarten. Auf dem Wohnhause ganz gewöhnlichen Schlages, mit den, für jedermanns Auge ersichtlich, erst aufgeklexten oberen Stockwerken dehnte sich eine Terrasse im italienischen Stil mit Marmor-Balustraden, flankiert von zwei gotischen Türmen und durch eine verdeckte Brücke mit einem andren Wohnhause in Verbindung gesetzt, das mit seinen durchbrochenen Altanen und seinem Epheu-Teppich über den Wänden den Eindruck eines Schweizerhäuschens erweckte oder erwecken sollte. Alles in Stuck, in Ziegelart gemalt, in Schwarzwälder Spielzeug-Manier gebaut, mit einem Luxus an Türmchen und Zinnen, an Wetterfähnchen und lauschigen Erkern; im Parke dann ein Kiosk neben dem andern, Schautürmchen, Lustwarten im hellen Durcheinander; Treibhäuser, die ihre Scheiben, Wasserbecken, die ihre Flächen im glitzernden Spiele der Sonne spiegelten; das pechschwarze Bastion eines Teiches von riesigem Umfange, dessen Wasser von einer richtigen Windmühle heraufgetrieben wird, deren für den leisesten Windhauch empfängliche Flügel mit unterbrochenem Knarren und Quietschen um ihre Achse sich drehen. Gewiß, auf dem engen Raume, den die Züge der Pariser Vorortbahn durchlaufen, gleiten der Villen und Landhäuser viele im Rahmen eines Wagenfensters vorüber gleich Visionen, gespenstischen Alpdrücken: die Ausgeburt eines aus Rand und Band geratenen, über Stock und Stein rennenden Krämergehirns. Aber keine von ihnen läßt sich mit der Narrheit von Tom Lewis vergleichen, einzig und allein abgesehen von der Villa seines Nachbarn Spricht, des großen Spricht, des erlauchten Damenschneiders. Diese prachtliebende Persönlichkeit bleibt ebenfalls in Paris nur so lange, wie seine Geschäfte dauern, die drei Nachmittagsstunden, in denen er in seiner großen Boulevard-Werkstatt seine Konsultationen auf dem Gebiete der gefallsüchtigen Mode erteilt. Ist diese Zeit vorbei, dann kehrt er sofort wieder nach seiner Besitzung in Courbevoie zurück. Das Geheimnis dieser gezwungenen Zurückgezogenheit beruht darin, daß der »liebe und teure« Spricht, der »allerverehrteste« von all dieser Damenwelt, in seinen Fächern und Schiebladen, zwischen den wunderbaren Mustern seiner Lyoner Fabriken, Proben von enger zierlicher Schrift, Krähenfüßchen von allen am feinsten und besten behandschuhten Pariser Händchen besitzt, sich aber immer nur an diese Intimität im schriftlichen Verkehr hat halten müssen, und niemals in irgend einem der Häuser, die er mit Garderobe versieht, als Gast empfangen, niemals dorthin eingeladen worden ist; und daß seine Beziehungen zur schönen Welt ihm all und jede Beziehung zu der kaufmännischen Welt, der er doch angehört, verleidet haben. Darum lebt er auch sehr zurückgezogen wie alle Glückspilze überschwemmt von der Schar armer Verwandter, und verwendet seinen Luxus darauf, sie mit königlicher Noblesse zu bewirten. Das einzige, was ihn zerstreut, was einem solchen Dasein, das kaum in einer anderen, als in der Lebensweise eines aus der Gesellschaft gestoßenen Henkers oder Scharfrichters, sein Pendant findet, als notwendiger Sporn dient, das ist die Nachbarschaft und Nebenbuhlerschaft von Tom Lewis, der Haß und die Verachtung, die sie einander wechselseitig geschworen haben, ohne daß der eine wie der andre übrigens weiß, aus welcher Ursache – ein Umstand, der jegliche Versöhnung zur Unmöglichkeit macht. Wenn Spricht ein Türmchen baut – Spricht ist ein Deutscher, liebt das Romantische, die Schlösser, die Thäler, die Ruinen, hat eine ausgesprochene Passion für das Mittelalter – so läßt J. Tom Lewis alsbald eine Verandah bauen. Reißt Tom eine Mauer ein, dann rodet Spricht alle seine Hecken und Zäune aus dem Erdboden. Es ist ein Geschichtchen im Umlaufe von einem Pavillon, der von Tom gebaut worden war, und der Spricht die Aussicht auf Saint-Cloud verdarb. Der Schneidermeister baute deswegen und daraufhin auf sein Taubenhaus die Galerie. Der andere blieb die Antwort hierauf nicht schuldig und setzte ein neues Stockwerk auf seinen Pavillon. Spricht hält sich aber nicht für geschlagen, und die beiden Bauten setzten mit großem Aufwand an Steinen und Arbeitskräften ihren Aufstieg unentwegt fort, bis in einer schönen Nacht der Sturm sie beide ohne jede Mühe und Anstrengung, in Anbetracht der Gebrechlichkeit ihrer Bauweise nicht eben verwunderlich, vom Boden hinwegfegte. Spricht bringt auf der Heimfahrt von einer Reise in Italien aus Venedig eine Gondel mit, eine richtige Gondel, die in dem kleinen Hafen am Fuße seines Besitztums beherbergt wird. Acht Tage darauf – paff! paff! – dampft eine allerliebste Dampf- und Segeljacht auf dem Kai von Tom Lewis daher, den Abglanz der Türme, Dächer, Zinnen seiner Villa im Wasser durcheinander rumorend. Um ein solches Gebahren, einen solchen Wettlauf auszuhalten, hätte das Kaiserreich von Bestand und Dauer sein müssen – und doch war sein letztes Stündlein gekommen. Der Krieg, die Belagerung, der Auszug der Fremden und Ausländer waren für die beiden industriellen Männer ein wahrhaftiger Unsegen, besonders für Tom Lewis, dessen Besitztum durch die Invasion verwüstet worden, während dasjenige Spricht's verschont geblieben war. Nachdem aber der Friedensschluß vollzogen worden, begann der Wettkampf der beiden Nebenbuhler alsbald, und fröhlicher denn je, von neuem, und zwar diesesmal mit ungleich bemessenen Vermögenskräften; denn der große Modist hatte seine ganze Kundschaft wieder unter seine Fittiche zurückeilen sehen, während der arme Tom vergeblich nach der Rückkehr der seinigen Ausschau hielt. Der Passus: »Auskünfte und Nachweisungen; Verschwiegenheit; Geschwindigkeit« übte keine oder fast keine Wirkung mehr; und der geheimnisvolle General kam nicht mehr in die Lage, in den Bureaux der Agentur heimliche Gratifikationen zu verdienen. Jeder andere an Lewis' Stelle würde sich einen Hemmschuh angelegt haben; dieser Satansmensch besaß aber unbezwingliche Verschwender-Gewohnheiten – es lag etwas in seinen Händen, das sie behinderte, sich zu schließen. Und dann waren doch eben auch Sprichts da! Sprichts, die seit den großen Ereignissen der Kriegsjahre von unheimlicher, weltschmerzlicher Stimmung befallen waren und den Welt-Untergang als nahe bevorstehend verkündeten, weshalb sie sich weit hinten in ihrem Parke die Ruinen des Stadthauses in verjüngtem Maßstabe, zertrümmerte Mauern, von Rauch und Flammen geschwärzt, hatten aufbauen lassen. Sonntags zur Abendzeit wurde dieser Bau durch bengalisches Licht erhellt, und die ganze Spricht'sche Sippe stimmte ihre Klagelieder Jeremiä um die Trümmerstätte herum an. Das war gräßlich, entsetzlich. J. Tom Lewis hingegen, der aus Haß gegen seinen Nebenbuhler zum Republikaner geworden war, feierte das wiederauferstandene, das neugeborene Frankreich, veranstaltete Fischerstechen, Regattafahrten, krönte Rosen-Jungfrauen und entführte gelegentlich eines dieser Krönungsfeste, in einem Übermaß von Freudentaumel – an einem Sommerabend zur Konzertstunde, die Musik-Kapelle von den Champs-Elysées, die mittelst Yacht, unter vollen Segeln, nach Courbevoie kam und auf dem Wasser spielte. Die Schulden wuchsen bei solchem Leben lawinenhaft; aber der Engländer machte sich hierüber keinerlei Beunruhigung. Es verstand sich niemand besser als er darauf, die Gläubiger durch Wichtigthuerei und unverschämtes Krösusgnadentum aus dem Konzepte zu bringen. Niemand – sogar die sonst doch so trefflich dressierten Angestellten und Bediensteten seiner Agentur nicht – besaß die Art und Weise, wie sie ihm zu eigen war, die Rechnungen mit wißbegieriger Miene zu prüfen, als seien sie die wertvollsten Inkunabeln oder Urschriften aus dem grauesten Altertum, um sie dann mit erhabener Gebärde wieder in eine Schublade zurückzuwerfen – niemandem standen im gleichen Maße wie ihm Kniffe und Pfiffe zu Gebote, um nicht zu bezahlen, um Zeit und Frist zu gewinnen. Zeit und Frist! Darauf einzig und allein richtete sich Tom's Sinnen und Denken, um endlich, endlich irgend eine lohnende fruchtbare Unternehmung wieder ausfindig zu machen, solch eine, die er im bilderreichen Rotwelsch der Geld- und Börsenmenschen »einen Kapitalzug« nannte. Aber er mochte sich noch so fleißig in sein Cab setzen, mochte Paris mit noch so fieberhafter Aufregung durchmessen, gespannten Auges, gespitzten Mundes, witternd nach Beute und lauernd auf Beute – es verstrichen die Jahre, und der »Kapital-Zug« kam noch immer nicht. Eines Nachmittags, als es in der Agentur von Menschen wimmelte, trat ein großer junger Mann von blasiertem, abgelebtem Aussehen, mit schelmischem Auge, ein feines zierliches Schnurrbärtchen über der aufgedunsenen Blässe eines hübschen Gesichts, an den Hauptschalter und gab dem Begehr, Tom Lewis zu sprechen, Ausdruck. Der dort befindliche Kommis, den die kavaliermäßige Schärfe im Tone, welche dem Begehr Nachdruck lieh, irre zu führen suchte, vermeinte, einen Gläubiger vor sich zu haben, und schickte sich schon an, seine allergeringschätzigste Miene aufzusetzen, als der junge Mann mit schroffer Stimme, deren Ungezogenheit durch den näselnden Ton noch verdoppelt wurde, »diesem aufgeblasenen Subjekte« die Weisung gab, es habe seinen Brot- und Dienstherrn sofort davon in Kenntnis zu setzen, daß der König von Illyrien sofort mit ihm zu sprechen wünschte. – »Ach! Königliche Hoheit! Königliche Hoheit!« – In der kosmopolitischen Menschenflut, die sich hier versammelt befand, vollzog sich ein Drängen nach dem Helden von Ragusa hin, den jedermann neugierig war zu sehen. Sämtliche Schalter der Agentur öffneten sich und spieen einen Schwarm von Kommis aus, der sich über Seine Majestät her stürzte, der Seiner Majestät die Begleitschaft anbot, der Seine Majestät zu Tom Lewis führen wollte – zu Tom Lewis, der zwar noch nicht anwesend wäre, aber nicht ermangeln könnte, augenblicklich wieder in die Agentur zurückzukehren. Es war dies das erste mal, daß Christian sich in der Agentur zeigte; denn bis zu diesem Augenblicke hatte der alte Herzog vom Rosen die sämtlichen Rechnungen des kleinen Hofstaates beglichen. Heute aber handelte es sich um eine so intime, so heikle Angelegenheit, daß der König sogar nicht gewagt hatte, sie den schwerfälligen Kinnbacken seines General-Adjutanten anzuvertrauen . . . Es war ein Häuschen zu mieten für eine Bereiterin, die den Platz von Amy Férat auszufüllen erkoren worden war, ein möblierter Pavillon, der binnen vierundzwanzig Stunden mit Dienerschaft, Stallung und gewissen Bequemlichkeiten und Erleichterungen im Zugange, auszurüsten und beziehbar zu machen sei. Eins von jenen Kraftstückchen, wie allein die Agentur Lewis sie zu vollbringen verstand und befähigt war. In dem Salon, wo er wartete, standen zwei große Lehnsessel mit Moleskin-Bezug; ferner befand sich dort einer von jenen schmalen und schweigsamen Gasöfen, deren Reflektor aus einem nebenan befindlichen Zimmer das Feuer, die Wärme zu vermitteln scheint; ferner ein kleines Tischchen mit blauer Decke darüber, auf welchem der »Almanach Bottin«, das Pariser Stadt-Adreßbuch, lag. Zur Hälfte wurde das Zimmer von dem hohen, ebenfalls mit blauen Vorhängen drapierten Fächerwerk eines sorgfältig installierten Schreibtisches eingenommen; obenauf lag, weit aufgeschlagen und durch Briefbeschwerer beschützt, das große Hauptbuch mit Stahl-Ecken, umringt von Streusand, Radiermessern, Linealen, Tintenwischern; darüber erstreckte sich ein langes, hohes, mit Büchern der nämlichen Gewandung – den Büchern der Agentur! – angefülltes Fach, und sie standen dort mit ihren grünen Rücken in Reih und Glied aufmarschiert wie preußische Soldaten bei der Parade. Die Ordnung, welche über diesem in sich gekehrten Eckchen lag, die Frische und Sauberkeit der ihn anfüllenden Dinge machten dem alten Kassierer, der im Augenblicke abwesend war, dessen freudenarmes Knicker-Dasein sich hier vollbringen mußte, alle Ehre. Der König, in seinen Lehnstuhl gestreckt und mit der in die Höhe gereckten Nase aus dem Pelzwerk seines Rockes herausguckend, saß da und wartete. Die Glasthüre, die nach den Warenräumen hinausführte, war durch einen großen algerischen Vorhang verdeckt, in welchem sich nach Art eines Bühnenvorhanges ein Guckloch befand. Plötzlich nun, während der König noch immer wartend saß, wurde hinter dem Gitterwerk des Schreibtischs, ohne daß die Glasthüre sich auch nur bewegt hätte, ein leichtes, flottes Gekritzel laut, wie nur eine Feder es verursachen konnte. Es saß jemand an dem Schreibtisch, und zwar nicht der alte Kommis mit dem weißen Wolfsschädel, für den die Nische wie gemacht zu sein schien, sondern die allerköstlichste kleine Person, die jemals in einem Kontobuche geblättert hat. Infolge der veränderten Gebärde, die Christian machte, drehte sie sich um und maß ihn mit einem weichen, lange nicht von ihm weichenden Blicke, während in dem Winkel einer jeden ihrer beiden Schläfen ein leuchtender Funken zu Grabe sank. Das ganze Zimmer wurde von diesem Blicke erleuchtet, als er durch eine ergriffene, fast zitternde Stimme melancholisch bezaubert wurde, die jetzt leise die Worte flüsterte: »Mein Mann läßt Sie recht lange warten, Königliche Hoheit!« Tom Lewis ihr Mann! . . . Der Mann dieses süßen, lieblichen Wesens mit dem feinen und blassen Profil, mit den fein gezeichneten und doch vollen Formen, mit dieser Büste gleich einer Marmorstatuette von Tanagra . . . Wie kam sie denn hierher, allein in diesen Käfig hinein, um in solch dicken Büchern zu blättern? deren weiße Farben sich auf ihrem matten Teint wiederspiegelten, deren Blätter ihre kleinen Fingerchen kaum umdrehen konnten? Und dazu noch an einem jener schönen sonnigen Februartage, wo sich am ganzen Boulevard entlang die lebendige Grazie der Spaziergängerinnen in reizenden Toiletten und lächelnden Blicken spiegelt? Er trat auf sie zu, irgend ein Schmeichelwort auf den Lippen, in welchem sich diese verschiedenen Eindrücke vereinigten; aber sein Herz behinderte ihn am Sprechen, so heftig klopfte ihm die Brust, die erregt war von einer jener zügellosen und plötzlich auftretenden Begierden, wie sich dieses verhätschelte und übersättigte Kind nicht zu erinnern vermochte, sie jemals bisher gefühlt zu haben. Es kam dies daher, daß ihm der Typus dieser Frau zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren etwas durchaus Neues war, daß dieser Typus ebenso weit abgelegen war von den widerharigen Locken der kleinen Colette von Rosen, wie von dem Dirnen-Selbstgefühl und der Schminke um die schamlosen Augen der Amy Férat, wie von der ihm genierlichen, so vornehm traurigen Hoheit der Königin. Weder Gefallsucht noch Keckheit noch stolze Zurückhaltung, nichts von alledem, was er in der richtigen Welt oder in seinen Beziehungen zur Gesellschaft des hohen Flittchentums angetroffen hatte! Diese niedliche Person mit der ruhigen und hausmütterlichen Miene, mit dem schönen, dunkel abgetönten Haar, das sie nach der Art von jenen Frauen, die sich des Morgens für den ganzen Tag frisieren, in glattem Scheitel trug, schlicht in ein Wollenkleid von violetter Farbe geschnürt, – diese niedliche Person, die man für die bescheidenste der Ladenjungfern angesehen haben würde, wenn nicht zwei riesige Brillanten an den beiden rosigen Ohrläppchen das einzige Hindernis hierfür gewesen wären, – diese niedliche Person war ihm in ihrer Gefangenschaft in dieser Schreibstube und über solcher Arbeit erschienen wie eine Karmeliternonne hinter einem Klostergitter, oder wie eine orientalische Sklavin, die durch das vergoldete Gitter ihrer Terrasse ihr Flehen hinaus in die Freiheit entsendet. Und von der Sklavin hatte sie auch so recht die unterwürfige Verschüchterung, das gebückte Profil, nicht minder auch die bernsteinartigen Farbentöne dort, wo ihr Haar anfing, die allzu gerade Linie der Brauen, den beim Atmen sich halb öffnenden Mund – alles dies waren Merkmale, die dieser Pariserin einen orientalischen Ursprung liehen. Christian vergegenwärtigte sich, als er ihr gegenüberstand, die kahle Stirn, die affenähnliche Haltung und Weise des Ehemanns. Wie geriet sie unter die Gewalt eines derartigen Hanswurstes? War dies nicht eine ganz schmähliche Spitzbüberei, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit? Aber die süße, lieblich tönende Stimme fuhr langsam fort, Entschuldigungen zu sagen. »Es ist recht garstig . . . Tom kommt noch immer nicht . . . Wenn Ihre Majestät vielleicht die Güte haben möchten, mir den Grund zu sagen, der Sie hierherführt . . . vielleicht wäre ich in der Lage . . .« Er wurde rot; es überkam ihn eine gewisse Verlegenheit. Niemals würde er sich getraut haben, dieser lauteren Liebenswürdigkeit über den doch recht garstigen Quartierungsfall, der seine Gedanken beschäftigte, irgendwelche eingehendere oder gar vertrauliche Mitteilung zu machen. Sie aber ließ nun nicht ab, sondern redete weiter, während ein Lächeln auf ihre Mienen trat: »O! Eure Majestät dürfen beruhigt sein! . . . Ich führe ja doch die Bücher der Agentur!« Und freilich sah man ganz deutlich, daß ihre Person hier die Macht in den Händen hatte; denn alle Augenblicke kam an das kleine schräge Guckfenster, das den heimlichen Winkel der Kassiererin mit dem Kaufhause in Verbindung setzte, irgend ein Kommis, um sich im Flüstertone über die grundverschiedensten Dinge Auskunft oder Bescheid von ihr zu holen . . . »Es wird nach dem Flügel für Madame Karitides gefragt . . Die Person aus dem Hotel Bristol ist da!« Sie schien über alles und jedes Ding auf dem Laufenden zu sein, gab Bescheid mit einem einzigen Worte, durch eine einzige nackte Ziffer; und der König, vor Verwirrtheit ganz außer sich, stellte wieder und wieder die Frage an sich, ob dieser Engel im Kaufmannsladen, dieses ätherische Wesen denn wirklich und wahrhaftig die Schwindeleien und spitzbübischen Stückchen dieses Engländers kennen sollte. »Nein, meine Gnädige! Die Angelegenheit, welche mich herführt, ist nicht dringender Natur . . . oder ist's wenigstens nicht mehr . . . Meine Gedanken haben sich seit einer Stunde ganz und gar einer ganz andern Richtung zugewendet . . .« Er neigt sich, während er diese Worte stammelt, auf das Gitter hernieder, tief ergriffen; dann hält er inne, macht sich Vorwürfe über seine Verwegenheit dieser Dame gegenüber, die ihre gesetzte, friedliche Thätigkeit nicht auf die Zeit von einer Sekunde unterbricht, deren lange Wimpern die Kontoblätter berühren, deren Feder in regelmäßigen Reihen über das Papier hingleitet. O! wie gern hätte er sie aus seinem Gefängnisse befreit! sie in seinen Armen hinweggeführt, weit hinweg! sie einwiegen mögen mit jenen im Flüstertone gelallten zärtlichen Reden, durch welche man die kleinen Kinderchen zur Ruhe bringt. Die Versuchung wird so stark, daß er sich gezwungen sieht, von dannen zu fliehen, sich jäh, auf gröbliche Weise zu verabschieden, ohne J. Tom Lewis gesehen zu haben. Die Nacht brach herein, eine neblige, naßkalte Nacht. Der König, der für gewöhnlich so frostig war, wurde nichts von dem Nebel und der Kälte gewahr, schickte seinen Wagen wieder nach Hause und begab sich zu Fuß nach dem ›Grand-Club‹ auf jenen breiten Straßen, welche von der Madeleine nach dem Vendôme-Platze führen, in solch schwärmerischer Begeisterung, in einem solchen Grade von Verzückung, daß er ganz laute Selbstgespräche mit sich führte, während ihm das feine Haar von der Stirne über die Augen fiel, vor denen ihm Flammen tanzten. Man geht zuweilen auf der Straße an solch einer leiblichen Verkörperung überschwenglichen Glücks vorbei – leichten Schrittes, erhobenen Hauptes wandeln solche Menschen, und es scheint, als ob von dem Glückstaumel, der sie ergriffen, demjenigen, der sie im Vorübergehen streift, ein phosphoreszierender Schimmer an den Kleidern haften bleibt. Christian setzte mit solch seligen Gefühlen den Fuß in den Klub. Die Traurigkeit, die zu dieser unbestimmten und unerquicklichen Dämmerstunde mit ihren sich häufenden Schatten über der langen Flucht von Salons lag, beeinflußte seine Stimmung nicht, trotzdem diese Traurigkeit ganz besonders stark wirkt an jenen Stätten des halböffentlichen Lebens, denen die Heimlichkeit, die Gewohnheit des Bewohntseins mangelt. Es wurden Lampen hereingetragen. Aus dem Hintergrunde drang das Geräusch einer ohne Verve gespielten Partie Billard zu ihm; mit dumpfem Schalle polterte das Elfenbein gegen die hölzernen Wandungen. Dazwischen ein Rascheln und Knistern von Zeitungsblättern, in denen gelesen ward; wohl auch das träge Schnarchen eines auf den Divan des großen Saales hingestreckten Schläfers, den der Eintritt des Königs gestört und vermocht hat, sich auf die andere Seite zu legen, mit einem Gähnen, das den zahnlosen Mund zeigt, mit einem, kein Ende findenden Recken der beiden mageren Arme, während zur gleichen Zeit eine Grabesstimme die Frage thut: »Heut Abend soll's doch 'mal flott hergehen!« Christian that einen Ausruf der Freude. »Ach, mein Prinz! Sie suchte ich ja!« Der Prinz von Axel, im engeren Vertrautenkreise als ›Hühnersterz‹ bekannt, trieb sich nun schon ein ganzes Jahrzehnt als ›Amateur‹ auf dem Pariser Pflaster umher und kannte dasselbe von innen und außen, von oben und unten, der Länge nach und der Breite nach wie seine Westentasche. Von Tortonis Treppe bis zum Rinnsteine hin wußte er über jedes Fleckchen Bescheid, und von ihm, meinte der König, würde er die Auskünfte, nach denen es ihn verlangte, am sichersten bekommen können. Es war ihm auch das einzige Mittel bekannt, wie man Seiner Hoheit die Zunge noch lösen konnte, wie man diesen erstarrten und schwerfälligen Geist von seinen Fesseln frei machen konnte, den auch die Weine Frankreichs, trotzdem er sie im Übermaße trank, nicht mehr aufzurütteln vermochten, wie ja auch die Nachgährung das eisenbereifte schwere Faß nicht mehr aufbläht und als Ballon zum Steigen bringt. Dieses einzige Mittel war ein Spiel Karten, und dies verlangte König Christian alsbald. Gleichwie die Heldinnen Molière's geistig arm sind, wenn ihrer Hand der Fächer fehlt, so fand auch von Axel kein Krümchen Leben anders wieder, als wenn er »Karten klopfte«. Seine gestürzte Majestät und der präsumptive »Thronerbe in Ungnade«, diese beiden Sterne des Klubs, setzten sich also vorm Diner zu einem »Bezigue à la chinois «, zu dem Spiele der Pariser ›Gomme‹ pr excellence , weil es die Kopfnerven nicht anstrengt und dem tölpelhaftesten Spieler die Möglichkeit gestattet, ohne die mindeste Anstrengung ein Vermögen zu verspielen. »Ist denn Tom Lewis verheiratet?« fragte Christian der Zweite mit gleichgiltiger Miene, während er abhob. Der andere sah ihn mit seinen leblosen, rotumrandeten Augen an: »Keine Ahnung gehabt?« »Nein. Wie verhält sich's mit dieser Frau?« »Sephora Leemans . . . Stern . . . Berühmtheit . . .« Bei dem Namen Sephora befiel den König ein Beben. »Sie ist Jüdin?« »Wahrscheinlich!« Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Und fürwahr! der Eindruck, der ihm von Sephora hinterblieben war, mußte sehr kräftiger Natur sein, das ovale und blasse Gesicht der Einsiedlerin der Agentur Lewis, ihre funkelnden Augäpfel, ihr glattgescheiteltes Haar außerordentlich verführerisch wirken, um Halt in diesem Sklaven- und Katholiken-Gedächtnis zu fassen, in welchem von Kindesbeinen an die teuflischen Spitzbübereien und boshaften Tücken der Wanderjuden seines Vaterlandes herumspukten. Zum Unglück verlor der Prinz; und nunmehr ganz beim Spiele, brummte er in seinen langen hellen Bart hinein: »Ja! ich werde ja aber dämlich – ganz dämlich – ich werde dämlich –« Es war absolut nicht möglich, ein andres Wort aus ihm herauszubringen. »Ach, famos! Da kommt Wattelet . . . Wattelet! komm doch hierher!« rief der König einem langen Gesellen zu, der polternd und zappelnd wie ein junger Hund in den Salon hereingelaufen war. Dieser Wattelet, der Maler des ›Grand-Club‹ und des High-Life, von weitem gesehen ziemlich hübsch von Gesicht, auf dessen Züge aber Anstrengung und Abspannung die Spuren eines überreizten Lebens verzeichnet hatten, war der richtige Vertreter der neuen Kunstrichtung, die mit der flammensprühenden Tradition von 1830 so sehr geringe Ähnlichkeit hat. In tadelloser Kleidung und Frisur, ›der Tages-Anzeiger‹ für die Salons und für die Kulissen, hatte er sich vom Atelier-Menschen unter seinem weltmännischen Frack nur die geschmeidige, ein bischen haltlose Art und Weise und im Geiste wie in der Rede die nämliche elegante Zwanglosigkeit bewahrt, einen losen Mund, der sich an nichts kehrte, dem es auf ein paar unbescheidene Worte nicht eben ankam. Er war eines Tags in den Klub gekommen, um im Speisesaal einige Dekorationen anzubringen, und hatte sich bei diesem Anlaß allen diesen Herrschaften hier so angenehm, so unentbehrlich gemacht, daß er von jener Zeit an als Mitglied im Hause verblieben, zum Festordner auf Lebenszeit für die vom Klub veranstalteten Festlichkeiten, die alle ein wenig eintöniger Natur waren, ernannt worden war und in diese Vergnügungen das unverhoffte Element einer malerischen Phantasie und einer durch alle Weltteile getragenen Erziehung und Bildung hinein brachte. »Mein lieber Wattelet . . . mein kleiner Wattelet« . . . hieß es an allen Ecken und Enden. Man konnte ihn nicht mehr missen. Er war der Intimus von allen Klub-Mitgliedern, der Liebling ihrer Frauen, das Schoßkindchen ihrer Maitressen; er zeichnete auf den Raum einer Karte das Kostüm der Herzogin von V . . . für den nächsten Botschaftsball, auf die Rückseite den wunderlichen Rock, den Fräulein Alzire, die kleine Moschusratte des Herzogs, über dem fleischfarbigen Trikot trug. Donnerstags stand sein Atelier für seine sämtlichen vornehmen Kunden offen, die sich glücklich schätzten in dem freien Tone, in der schwatzhaften, an Einfällen und Schnurren reichen Ungeniertheit, die in seinem Hause herrschte; die ihre Freude hatten an dem Durcheinander-Geschwirr von reichen und lieblichen Farben, die aus den Tapeten, Sammlungen, japanischen Möbeln des Künstlers atmeten – deren Gesamtheit ein Bild schuf, das Ähnlichkeit mit ihm selbst und seiner Art und seinem Wesen hatte, das vornehm und elegant war, aber eines Anfluges von Gewöhnlichkeit, Niedrigkeit nicht ermangelte – Frauenköpfe, die zumeist mit scharfer Kenntnis der überfeinerten Pariser Geschmacksrichtung ausgeführt waren, Teint-Färbungen, die der Natur wie der Kunst zu voller Geltung halfen, närrische Haarfrisuren, eine Kunst des kostspieligen, plätschernden, bauschigen, schleppenden Modeflitters, die Spricht mit der geringschätzigen Herablassung des den Erfolg hinter sich wissenden Geschäfts- und Handelsmenschen über den auf dem Wege zum Erfolg befindlichen Künstler die Meinung äußern läßt: »Es giebt bloß einen einzigen, der es versteht, die Frauen zu malen, die ich kostümiere, und das ist dieser kleine Schäker da!« Waltetet fängt beim ersten Worte, das der König redet, zu lachen an. »Aber, Königliche Hoheit! das ist ja doch die kleine Sephora . . .« »Du kennst sie?« »Von innen und außen!« »Zeige doch Und während das Spiel zwischen den beiden großen Herren seinen Fortgang nahm, setzte sich der Maler, der über die vertrauliche Stellung, zu welcher er aufgerückt ist, von lebhaftem Stolze erfüllt ward, in Positur, hustete ein paarmal und fing dann an mit einer Stimme, deren Klang an den Schaubuden-Inhaber erinnert, welcher das Bild über seiner Bude erläutert, also zu sprechen: »Sephora Leemans, geboren zu Paris Eintausendachthundertfünfundvierzig, sechs- oder siebenundvierzig . . . von Trödlers-Eheleuten der Rue Eginhard im Marais . . . in einem schmutzigen, schimmeligen Gäßchen zwischen der Passage Charlemagne und der Sankt-Pauls-Kirche, dem echten und rechten Judenviertel . . . Eure Majestät sollten einmal auf der Herfahrt von Saint-Mandé Ihren Kutscher in dieses Straßen-Gewirr einbiegen lassen . . Sie würden dort ein sehr erstaunliches Paris gewahren . . . Häuser, Köpfe, ein Kauderwelsch von Elsässisch und Hebräisch, Butiken, Trödelbuden, bis oben hinauf vor jeder Thüre mit Lumpen angefüllt, alte Weiber, die sie mit ihrer Hakennase durchstöbern oder von alten Regenschirmen losreißen, und Hunde, Ungeziefer, Gerüche, ein richtiges Ghetto aus dem Mittelalter, das in den Häusern von heute mit den eisernen Balkonen und den hohen Giebelfenstern krabbelt und wimmelt . . . – Der Vater Leemans ist indessen kein Jude. Er ist ein Belgier aus Gent, katholischen Glaubens, und der niedlichen Kleinen hilft's alles nicht, wenn sie sich auch noch so fleißig Sephora nennt: sie bleibt doch eine Misch-Jüdin, die wohl den Teint und die Augen, nicht aber die Raubvogelnase ihrer Rasse besitzt; im Gegenteil das niedlichste gerade Stumpfnäschen von der Welt! Ich weiß nicht, wo sie dies Näschen aufgefangen hat . . . Du mein Gott ja! Der Biedermann zeigt in einem Winkel der häßlichen Höhle in der Rue Eginhard, die er seinen Kramladen nennt, sein Brustbild, das am Fuße mit Wattelet gezeichnet ist – und's ist nicht eins der schlechtesten von mir! gewiß nicht! Eine Art und Weise, die ich ausfindig gemacht habe, mich in die Butike einzuschmuggeln und Sephora, an der ich einen von jenen Narren gefressen, den Hof zu machen . . .« »Einen Narren?« wiederholte der König, dem das Pariser Spezialwörterbuch immer eine Art Erstaunen verursachte . . . »Ach ja! ich verstehe . . Sprich weiter!« »Er war freilich, freilich nur auf mich beschränkt, der Narr!« fuhr der Künstler fort. »Den ganzen Tag über ging's wie eine Prozession in das Kaufhaus der Rue de la Paix hinein. Denn es muß hier bemerkt werden, Königliche Hoheit, daß der Vater Leemans zu jener Zeit zweierlei Niederlassungen besaß. Der Alte, der ein kluger und hämischer Mensch ist, hatte die Veränderung, die sich in dem Nippsachen- und Kinkerlitzchen-Kram während dieser letzten zwanzig Jahre vollzog, recht wohl begriffen. Der romantische Trödler aus den schwarzen Quartieren nach Art von Hoffmann oder auch von Balzac hat dem Kuriositätenhändler das Feld geräumt, der in Paris, in dem Paris des Luxus mit Schaufenstern und Gasbeleuchtung, seinen Sitz aufschlagen hat. Leemans behielt seinen schimmeligen Fleck in der Rue Eginhard für sich, und die ›Amateure‹, die Kenner, suchten ihn nach wie vor dort auf; für das Publikum aber, für die Laufkundschaft, für den flanierenden leichtgläubigen Pariser machte er mitten in der Rue de la Paix eine prächtige Kaufhalle von allerhand Antiquitäten-Kram auf, der mit den alten Juwelen und Kleinodien in mattem Gold oder getriebenem Silber, mit Spitzen, im Mumien-Tone gebräunt, die luxuriösen Läden mit modernen Galanterie- oder Goldschmiede-Waren, die in derselben Straße von Reichtümern und Schätzen überströmen, weit in Schatten stellte. Sephora war damals fünfzehn Jahre alt, und ihre jugendliche und gesetzte Schönheit paßte sehr gut in einen solchen Rahmen von alten Schmuck- und Kunstsachen. Und eine so kluge und verständige, so geschäftsgewandte Person mit einem so sicheren Blicke und einem so scharfen Urteil für den wirklichen Wert einer Kunst- oder Nippsache, wie es der Vater selbst nicht besser besaß. O! es kamen Kunstliebhaber in den Laden um des Vergnügens willen, ihre Finger oder die moirierte Seide ihres Haares zu streifen, wenn sie sich mit ihr über den nämlichen Glaskasten bückten. Die Mutter war nicht hinderlich, sie war eine alte Frau mit so schwarzen Rändern um den Augen, daß sie aussah, als wenn sie eine Brille auf der Nase hätte; dabei immer mit Flickarbeit beschäftigt, immer mit der Nase über irgend einem Stück Spitze oder über alten Teppichstücken, aber um ihre Tochter sich keine Minute mehr bekümmernd . . . Und wie sehr hatte sie recht! Sephora war eine ernste und gesetzte Person, die nichts von ihrem Wege abwendig machen konnte.« »Wirklich?« sagte der König, der hiervon entzückt zu sein schien. »Eure Majestät mögen nach folgendem selbst urteilen! Die Mutter Leemans schlief im Kaufhause. Die Tochter aber kam gegen zehn Uhr abends in den Kramladen zurück, damit der alte Vater dort nicht ganz allein wäre. Nun! Dieses bewunderungswürdige Wesen, dessen Schönheit berühmt und in allen Zeitungen gefeiert war, die, wenn sie bloß ein »Ja« genickt hätte, Aschenbrödels Karosse vor sich aus dem Boden hätte steigen sehen, dieses weibliche Wesen wartete allabendlich auf den Omnibus bei der Madeleine-Kirche und kehrte schnurstracks nach dem Neste des väterlichen Uhu zurück. Des Morgens kam sie, weil die Omnibusse so früh, wie sie sich auf den Weg machte, noch nicht fuhren, bei Wind und Wetter, einen Regenmantel über ihrem schwarzen Kleide, nach dem Kaufhause; und ich versichere Sie gern und unter meinem Eide, daß in diesem Wust von Ladenjungfern, die teils im Baschlik, teils im Hut oder im bloßen Haar die Rue de Rivoli-Saint-Antoine hinunterkommen, von verblichenen oder neckischen Fratzen, frischen Mündchen, die im Frühnebel hüsteln, denen immer irgend ein galanter Liebhaber an den Fersen hängt, – daß keine einzige von ihnen mit ihr es hätte aufnehmen können.« »Welch' Zeit Mädchen in der Rue?« grunzte der Königliche Prinz, der sich stark angeregt fühlte. Aber Christian wurde ungeduldig. »Lassen Sie ihn doch aussprechen! . . . Und nun?« »Nun, Königliche Hoheit, war es mir gelungen, mir im Hause meines Engels Zutritt zu verschaffen, und ich steuerte meinem Ziele mit aller Behutsamkeit entgegen . . . Sonntags richtete man mit einigen Kleinkaufleuten aus der Passage Charlemagne kleine Hauslotterieen ein . . . Allerliebste Gesellschaft! Ich brachte von ihnen regelmäßig Flöhe mit nach Hause. Allein ich setzte mich neben Sephora und drückte ihr verstohlen die Hand, während sie mich mit einem Blicke bedachte von einem so himmlischen Ausdruck, daß ich in meiner Unwissenheit an die Reinheit und Lauterkeit einer wahren Tugend zu glauben bestimmt wurde. Da treffe ich eines Tages, als ich wieder in die Rue Eginhard komme, den Kramladen im tollsten Durcheinander, die Mutter weint, der Vater rast und fuchtelt mit einer alten Steinschloßflinte umher, deren er sich dazu bedienen will, den infamen Verführer zu zermalmen . . . Die Kleine hatte sich mit dem Baron Sala auf und davon gemacht, einem der reichsten Kunden, die Vater Leemans besaß; dieser Vater Leemans hatte aber, wie ich später erfuhr, seine Tochter selbst verschachert wie das erste beste Prachtstück antiker Kunstschlosserei . . Zwei, drei Jahre lang hielt Sephora sich mit ihrem Glück und ihrer Liebe zu diesem siebzigjährigen alten Herrn in der Schweiz, in Schottland und an den Ufern der blauen Seeen verborgen. Dann erfahre ich eines schönen Morgens, daß sie zurückgekehrt sei und ganz am Ausgange der Avenue d'Antin ein »Familien-Hotel« eingerichtet habe. Ich eile dorthin. Ich finde meine alte Liebe wieder, nach wie vor anbetungswürdig und gesetzt, am Ehrensitze einer wunderlichen Table d'hôte, die sich aus Brasilianern, Engländern und Damen der Halbwelt zusammensetzt. Die eine Hälfte der Gäste war noch beim Salat, während die andere schon das Tischtuch zurückschob, um ein Spielchen zu entrieren. Dort war es, wo sie J. Tom Lewis kennen lernte – J. Tom Lewis, der keine Schönheit, auch nicht mehr jung war und obendrein keinen Heller im Vermögen besaß. Wie J. Tom Lewis das zu Wege gebracht hat? Das wissen die Götter! Thatsache ist, daß sie um seinetwillen ihr Haus und ihr Geschäft verkauft hat, daß sie ihn geheiratet, daß sie ihm beigestanden hat, die Agentur einzurichten, die in der Anfangszeit sehr florierte und reich ausgestattet war, die aber jetzt in eine solche Mißlage geraten ist, daß Sephora, die man nie mit einem Blicke sah, die in dem possierlichen Herrschaftssitze, den Tom Lewis sich geleistet hat, als Einsiedlerin lebte, in der Gesellschaft neu aufgetaucht ist in der Figur und Rolle des reizendsten Buchhalters, der je in einem kaufmännischen Kontore gesessen hat . . . Saperlot! Die Kundschaft ist's bald gewahr geworden! Die Crême der Clubs fängt an, sich in der Rue Royale Rendezvous zu geben. Man charmiert am Kastengitter, wie ehedem im Raritätenladen oder im Bureau des ›Familien-Hotels.‹ Was mich angeht, so mag ich nichts mehr davon wissen. Dieses Weib jagt mir zu guter letzt noch Schrecken ein. Seit einem Jahrzehnt ewig die gleiche, ohne ein Fältchen, ohne eine Runzel, nie anders als die langen Wimpern gesenkt, die an den Enden sich wie Angelhaken nach oben krümmen – um die Partie unter den Augen immer jugendlich und voll – und dies alles, dies alles um dieses wunderlichen Exemplars willen von Ehemann, den sie anbetet! . . . Das ist doch eine Sache, die schließlich auch den verliebtesten Menschen stören und entmutigen muß!« Der König zerknitterte verdrießlich die Karten. »Aber rede doch nicht! Ist so etwas denn möglich? Solch ein häßlicher Affe, solch ein Fettbauch wie Tom Lewis! . . ein Kahlkopf, der um fünfzehn Jahre älter ist als sie . . . ein Gauner, ein Bauernfänger . . .« »Es giebt Leute, die so etwas leiden mögen, Königliche Hoheit!« Und der präsumptive Thronfolger bemerkte hierzu mit seinem schleppenden und an die Gasse mahnenden Accent: »Nichts zu holen bei diesem Frauenzimmer . . geraume Zeit darnach geangelt . . nichts beißt . . Alles versperrt, verriegelt . . .« »Schwerenot auch, d'Axel! Ihre Art, die Angel auszuwerfen, kennen wir doch,« sagte Christian, als er diesem in die Kunstsprache der hohen ›Gomme‹ angenommenen Ausdruck Verständnis abgewonnen . . . »Sie haben keine Geduld . . . wollen immer mit offenen Thüren empfangen sein . . . bei Ihnen wird das Veni, vidi, vici mit gar großen Buchstaben geschrieben! . . . Ich hingegen meine, daß ein Mann, der sich die Mühe nehmen möchte, Sephora für sich zu begeistern, der sich durch schweigsames Verhalten, durch Geringschätzigkeiten nicht irre machen ließe . . ., daß es bei ihm Sache von vier Wochen sein dürfte, den Weg zum Erfolge zu finden . . . Nicht länger!« »Wette, es ist nichts!« sagte d'Axel. »Wie hoch?« »Zweitausend Louis.« »Angenommen . . . Wattelet! Bitte um das Buch!« Dieses Buch, in welches die Wetten des ›Grand-Club‹ eingezeichnet wurden, war so merkwürdig und lehrreich in seiner Art, wie die Kontobücher der Schlupfstätte Lewis. Die größten Namen der französischen Aristokratie setzen dort ihr gutheißendes Votum unter die verschrobensten, nichtigsten Wetten, solche beispielsweise wie die des Herzogs von Courson-Launay, welcher sein ganzes Haar verwettet und verspielt hat, der infolgedessen gezwungen war, sich jedes Haar auszurupfen bis er glatt und kahl war wie eine Odaliske und vierzehn Tage lang weder laufen noch sitzen konnte . . . Solcher erfinderischer Einfälle hat's noch andere, noch weit überspanntere gegeben, und es stehen Namen in diesem Buche der Narrheit, Namen von Helden auf hundert glorreichen Pergament-Blättern in häßlicher Gruppierung verzeichnet! Es stellten sich mehrere Club-Mitglieder mit respektvoller Neugierde um die beiden Herren auf, welche die Wette entriert hatten. Und diese lächerliche cynische Wette, die im tollen Augenblick einer lustigen, überschäumenden Jugend vielleicht zu entschuldigen war, gewann angesichts des Ernstes und der Würde all dieser kahlen Schädel, in Anbetracht der socialen Würden, deren Träger sie waren, durch die heraldische Bedeutung der zum Pfande gesetzten Unterschriften, den Charakter eines die Geschicke Europas regelnden internationalen Vertrages. Die Abmachung wurde wie folgt stipuliert: »Am 3. Februar 1864 hat Seine Majestät Christian der Zweite zweitausend Louis gewettet, daß er noch vor Ablauf des gegenwärtigen Monats begünstigter Liebhaber von Sephora L . . . sein werde.« »Seine Königliche Hoheit der Prinz d'Axel hält die Wette.«   »Es hätte sich vielleicht Gelegenheit geboten, mit Sumpfhuhn und Hühnersterz zu zeichnen,« sprach Wattelet vor sich hin, als er das Buch aus dem Saale trug; und über sein Gesicht, das den Eindruck eines Hanswurstes der feinen Gesellschaft machte, glitt das Beben eines boshaften Lächelns. Sechstes Kapitel. Die Bohème des Exils. »Gut! gut doch! Die Chosen kennen wir! . . . Aoh!  . . Yes  . . Goddam  . . shocking!  . . . Sobald Sie weder bezahlen noch Rede und Antwort stehen wollen, bedienen Sie sich immer dieser Münze . . . Aber bei Bibi zieht so 'was nicht mehr! . . . Hier heißt's berappen, alter Gauner . . .« »Fürwahr, Master Lebeau, Sie b'auchen Wo'te zu mir . . Wo'te von eine' Vehemenz! . . .« Und um das Wort Vehemenz auszusprechen, das er mit Stolz in seinem Wortschatze aufzuzählen schien, – denn er wiederholte es zwei-, dreimal hintereinander – warf sich J. Tom Lewis in die Brust, daß seine Hemdkrause sich steif herausbauschte, und verschwand innerhalb der weißen Predigerhalsbinde von mächtigem Umfange, die ihm den Hals einzwängte. Gleichzeitig hiermit begann sein Augapfel die bekannte Drehung um die eigene Achse zu machen, wodurch in seinen weit offenstehenden Augen seine unentzifferbaren Gedanken ganz durcheinander rumort und verwirrt wurden, während der unter gesenkten Lidern wallende, kriechende Blick seines Gegners der schlimmen Zunge des Engländers die List entgegenstellte, die auch in einer schmalen, haarlosen Wieselschnauze sichtlichen Ausdruck fand. Das helle, gekräuselte und gerollte Haar, seine streng in Schwarz gehaltene Kleidung, der bis zum Halse hinauf geknöpfte Leibrock, die Tadellosigkeit seiner bedächtigen umsichtigen Haltung lieh dem Meister Lebeau ein Aussehen, das einiges von einem Staatsanwalt im alten Châtelet an sich hatte. Da aber nichts so sehr darnach angethan ist, die wirkliche Art der menschlichen Naturen zur Geltung zu bringen, wie Interessen-Streit und Erregung über den Geldpunkt, so ließ in diesem Augenblicke auch dieser sonst so wohlerzogene Mann, der glatt geschliffen war wie seine Nägel, der feine, leckere Lebeau, das Schoßkind der königlichen Vorgemächer, der einstmalige Leibdiener im Tuilerienschlosse, den häßlichen alten Schurken erkennen, der er war, erpicht auf Geldgewinn und Jägerrecht. Um vor einem Frühlingsschauer, der sich mit reichen Wassermengen über den Hof ergoß, geborgen zu sein, hatten sich die beiden Gevatter in die geräumige Remise geflüchtet, deren frisch getünchte weiße Wände bis zur Hälfte ihrer Höhe hinaus mit dicken Matten ausgeschlagen waren, um die hier Rad an Rad aufgestellter zahlreichen und prächtigen Equipagen gegen die Feuchtigkeit zu schützen. Von der Staatskarosse aus lauter Spiegelwand und strotzend von Gold, bis herunter zum bequemen »Four-in-hand« der Jagdfrühstücke, zum leichten Phaeton der Korsofahrten, bis zu dem Schlitten herunter, welcher die Königin bei Frostwetter über die Seeen trug, bewahrten all' die hier beherbergten Gefährte – in ihrem Zustande der Ruhe, in dem Zwielichte der Remise – ihre gebrechliche, oder ihre plumpe Physiognomie von Luxustieren, blitzend und teuer wie die phantastischen Pferde in den Märchen aus der assyrischen Königszeit. Schicklich ergänzt wurde dieser Eindruck von Komfort und vornehmem Leben durch die Nachbarschaft der Ställe, aus denen herüber das Schnauben der Rosse, das gegen die Holzverkleidung schallende Stampfen der Hufe zu hören war; durch die halboffenstehende Sattelkammer, deren gewichster Parkettboden, deren mit Billardtuch ausgeschlagene Wände man sah mit all den Peitschen im Kastenregal, mit all den Geschirren und Sätteln über Böcken, die rings an den Wänden herum trophäenartig aufgestellt waren, deren Stahlzeug blitzte und glitzerte, deren Zaumzeug Guirlanden bildete. Tom und Lebeau zankten sich in einem Winkel, und ihre Stimmen schwollen an, vermischt mit dem Geräusche, welches der auf die asphaltierten Steige im Hofe niederklatschende Regen verursachte. Der Kammerdiener vor allem, der sich hier zu Hause fühlte, schrie sehr laut. War wohl dieser Flibustier von Lewis zu begreifen! . . . Und wer hätte sich wohl eines solchen Streiches versehen? . . . Als Ihre Majestäten das Pyramiden-Hotel verlassen hatten, um ihren Wohnsitz nach Saint-Mandé zu verlegen, wer hatte denn das Geschäft entriert? War es Lebeau? ja, oder nein? Und zwar, aller Welt zum Trotz, den offenkundigsten, unverhülltesten Feindseligkeiten zum Trotz . . . Worüber war man gegenteils einig geworden? Sollten nicht sämtliche Kommissions- und Provisionsgelder, sämtliche Trinkgelder und Prozente der Lieferanten zur Hälfte zwischen die beiden »Macher« geteilt werden? War es so? he? war es so?.. »Ach . . . yes  . . . So war es freilich . . .« »Warum dann schwindeln?« » No  . . no  . . niemals schwindeln . . .« sagte J. Tom Lewis, die Hand auf der Busenkrause. »Vorwärts dann, alter Gauner . . . die sämtlichen Lieferanten geben Euch vierzig Prozent; dafür habe ich den Beweis . . . Und Ihr habt mir gesagt, daß Ihr zehn bekämet . . . Hiernach habe ich, ich! von der Million, welche die Einrichtung in Saint-Mandé gekostet hat, meine fünf Prozent, also fünfzigtausend Francs; und Sie, Sie haben fünfunddreißig Prozent, nämlich sieben mal fünfzigtausend Francs . . dreimalhundert und fünfzigtausend Francs . . . dreimalhundert und fünfzigtausend Francs . . . dreimalhundert und fünfzig . . .« Er erstickte vor Wut an dieser Ziffer, die ihm wie eine Gräte im Halse steckte. Tom versuchte ihn zu besänftigen. Fürs erste wäre dies alles weit übertrieben . . . . Und dann hätte der Agent doch riesige Kosten . . . Seine Miete in der Rue Royale sei gesteigert worden . . er hätte so sehr viel Außenstände, die Gelder kämen so außerordentlich schwer herein . . . ganz ungerechnet den weiteren Umstand, daß es für ihn doch nur ein vorübergehendes Geschäft wäre, während Lebeau immer hier bliebe; und in einem Hause, in welchem jährlich mehr als zweimalhunderttausend Francs ausgegeben würden, sollte es an Gelegenheiten zum Geldverdienst doch wahrlich nicht mangeln! Der Kammerdiener lieh aber solchen Reden kein Ohr. Seine Geschäfte gingen niemand etwas an, und von einem Geizkragen von Engländer ließe er sich nicht die Gurgel zusammenschnüren! »Herr Lebeau! Sie sind eine unve'schämte Mensch . . . Ich wollen mit Ihnen sp'ech' kein Wort mehr . . .« Und Tom Lewis machte Miene, die Thüre zu gewinnen. Der andere aber vertrat ihm den Weg. »Fortgehen und nicht bezahlen! . . . Aber ja doch . . .« Seine Lippen waren bleich. Seine wutschnaubende Wieselschnauze streckte sich vor, zitternd und bebend, nach dem Engländer hin, der noch immer seine Ruhe wahrte und eine so erboßende Kaltblütigkeit an den Tag legte, daß schließlich der Kammerdiener aller Rücksicht, jeglichen Taktgefühls verlustig ging und ihm mit einem groben Schimpfworte die Faust unter die Nase hielt. Mit der Rückfläche der Hand, flink wie eine Hieb-Parade, die aber mehr nach dem Pantoffelspieler als nach dem Boxer aussah, schlug der Engländer die Faust von sich hinweg und rief dem Diener im unverfälschtesten Dialekte des Faubourg Saint-Antoine zu: »Hand von der Neese . . . oder ich haue zu!« Die Wirkung dieser wenigen Worte war phänomenal. Lebeau war vor Erstaunen schier wie zu Boden geschmettert und suchte im ersten Augenblicke mechanisch um sich herum, wie um zu sehen, ob es denn auch wirklich der Engländer wäre, welcher diese Worte gesprochen hätte. Dann fiel sein Blick zurück auf Tom Lewis, der plötzlich über und über rot geworden war und die Augäpfel wieder ihre Drehung um ihre Achse machen ließ – und entflammte jäh von einem tollen, lustigen Feuer, aus welchem die Funken seines Zorns auf der Stelle entstiebten, und das schließlich auch den Geschäfts-Agenten selbst ergriff. »O! vermaledeiter Großhans! Vermaledeiter Großhans! – So 'was hätte mir doch plausibel sein sollen! – Ist also Engländer nicht mehr als soviel! « Sie lachten noch und konnten vor Lachen nicht zu Atem kommen, als sich hinter ihnen plötzlich die Thüre des Sattelraumes aufthat, und die Königin erschien. Seit einem Augenblicke war sie in dem anstoßenden Saale aufhältlich gewesen, wo sie eben ihre Lieblingsstute selbst angebunden hatte, und hatte dort kein Wort von der Unterhaltung verloren. Der von so untergeordneter Stelle geübte Verrat berührte sie wenig. Sie wußte seit langem schon, was sie von Lebeau zu halten hatte, von diesem Tartüff im Lakeienrock, dem Zeugen aller Demütigungen, die sie erlitten, alles Elends, das über sie hereingebrochen war. Den anderen, den Mann im Cab, kannte sie kaum – er war ein Lieferant! Aber diese Menschen hier hatten ihr Kunde gegeben von ernsten, wichtigen Sachen. Die Einrichtung in Saint-Mandé kostete also eine Million; ihre Lebensführung, die sie für so bescheiden, für so eingeschränkt hielten, kostete zweimalhunderttausend Francs im Jahr, und sie besaßen doch kaum vierzigtausend Francs Einkünfte. Wie hatte sie so lange blind bleiben können über ihre Lebensweise – über die Unzulänglichkeit ihrer wirklicher Hilfsquellen! – Wer also gab das Geld her zu allen diesen Ausgaben? Wer bezahlte demnach für sie diesen Luxus, Haushaltung, Pferde, Wagen, ja ihre Toiletten und persönlichen Bedürfnisse! Eine Empfindung von Scham und Schande sengte ihr bei diesem Gedanken die Wangen, während sie in kerzengerader Haltung quer über den Hof unter dem Regen hin schritt und rasch und lebhaft den Fuß auf die kleine Freitreppe der Intendantur setzte. Rosen war eben damit beschäftigt, Rechnungen zu ordnen, auf denen sich lange Reihen von Louisdors summierten, und sprang erstaunt über ihren Anblick mit einem einzigen Satze in die Höhe. »Nein! Bleiben Sie!« rief sie mit schroffer Stimme. Dann bückte sie sich über den Schreibtisch des Herzogs; ihre Hand, auf der noch der Reithandschuh saß, streckte sich über das Pult hin, und entschlossen, eindringlich, befehlend fuhr sie fort: »Rosen! wovon leben wir seit zwei Jahren? . . . O! keine Ausflüchte! . . Ich weiß, daß alles, was ich gemietet glaubte, in unserem Namen gekauft und bezahlt worden ist. Ich weiß, daß Saint-Mandé ganz allein uns über eine Million kostet – jene Million, die wir aus Illyrien mit hierher gebracht haben. Sie werden mir zu sagen belieben, wer uns seitdem beisteht, und aus welchen Händen uns das Almosen fließt?« Das verdutzte Gesicht des Greises, das klägliche Zittern seiner schwachen, von Falten und Runzeln gefurchten Hände gaben Friederiken Kunde. » Sie! . . . Sie sind es!« Das wäre ihr niemals in Gedanken gekommen. Und während er sich entschuldigte, Worte lallend, wie »Pflicht, Wiedereinsetzung,« rief sie heftig: »Herzog! Der König nimmt nicht das zurück, was er geschenkt hat; und die Königin hält man nicht aus wie eine Dame vom Ballett!« Zwei Thränen drangen aus ihren Augen hervor, wie Funken – Thränen des Stolzes, die den Weg nicht nach unten fanden. »O! Verzeihung . . Verzeihung!« Er war so demutsvoll und küßte ihr mit einem solchen Ausdrucke schmerzlichen Bedauerns die Spitze der Finger, daß sie, einigermaßen besänftigt, fortfuhr: »Sie werden einen Auszug machen, mein lieber Rosen, welcher alle Ihre Vorschüsse genau verzeichnet. Es wird ein Schuldschein darüber ausgestellt werden, und der König wird sich dieser Schuld so bald wie nur irgend möglich entledigen. Was die zukünftigen Ausgaben angeht, so gedenke ich mich von jetzt ab mit ihnen persönlich zu befassen. Ich werde streng darüber wachen, daß sie unsre Einnahmen nicht übersteigen. Wir werden Pferde und Wagen verkaufen. Das Dienstpersonal wird verringert werden. Fürsten, die im Exil leben, müssen sich mit wenigem begnügen.« Der alte Herzog nahm einen Anlauf. »Lassen Sie einen Irrtum wie diesen beiseite, Königliche Hoheit! Gerade im Exil ist das Königtum all seines Glanzes und Ansehens bedürftig! Ach! wenn man auf mich gehört hätte, dann würden Ihre Majestäten nicht dahin gekommen sein, hier, in einer Vorstadt von Paris, mit einer Einrichtung, die für eine Saison im Bade höchstenfalls auskömmlich ist, leben zu müssen. Ich hätte es gern gesehen, wenn Ihre Majestäten in einem Palaste, angesichts des vornehmen Paris, gelebt hätten; denn ich bin überzeugt, daß das, was die entthronten Könige am meisten zu fürchten haben, eben gerade jenes Sichgehenlassen ist, in welches sie leichtlich verfallen, sobald sie auf das Niveau der Straße hinabgesunken sind, sobald sie dem Umgange, der Begegnung mit jedermann ausgesetzt sind . . . Ich weiß, ich weiß . . man hat mich gar oft mit meinen Etikette-Fragen, mit meinem kindischen und überlebten Wesen peinlicher Strenge für albern, für lächerlich gehalten. Und doch sind diese Formensachen weit wichtiger denn je; sie helfen den Stolz der Haltung zu wahren, welcher im Unglück so leicht verloren wird. Es ist die unbeugsame Rüstung, welche den Soldaten stramm erhält, selbst wenn er auf den Tod verwundet ist. Sie verweilte einen Augenblick lang, ohne zu antworten. Auf ihre reine und edle Stirn trat ein Gedanke, der sie eben traf. Dann richtete sie den Kopf empor und sagte: »Es ist unmöglich! Es giebt noch einen Stolz, der über jenem anderen Stolze steht! Es ist mein Wille, daß von heute Abend ab die Dinge jene Wandlung nehmen, wie ich eben gesagt habe.« Darauf er, in eindringlichem, fast flehendem Tone: »Aber Ihre Majestät denken doch nicht daran . . . Ein Verkauf von Pferd und Wagen, das würde ja einer Art von königlichem Bankerott gleichkommen! Welch ein Aufsehen würde das machen! Welch ein Ärgernis würde das geben!« »Was jetzt vorgeht, ist noch ein weit schlimmeres Ärgernis!« »Wer weiß es? . . . Wer ahnt es bloß? . . . Wie soll irgendwer auf die Vermutung kommen, daß dieser alte Geizkragen von Rosen . . . Sie selbst zauderten doch eben jetzt noch . . . O! Madame, Madame! ich beschwöre Sie, nehmen Sie an, was Sie geruhen wollen meine Ergebenheit zu nennen . . . Erstlich würde ein solches Beginnen ja gleichbedeutend damit sein, das Unmögliche zu versuchen! Wenn Sie wüßten . . . Aber Ihre Einkünfte von einem einzigen Jahre würden ja kaum für die Spielbörse des Königs ausreichen!« »Der König wird nicht mehr spielen, mein Herr Herzog!« Das wurde in einem Tone gesprochen! und mit Augen! Rosen beharrte nicht länger mehr auf seiner Meinung. Indessen gestattete er sich noch die Bemerkung: »Ich werde thun, was Ihre Majestät wünschen. Aber ich bitte Sie darum, dessen eingedenk zu bleiben, daß alles, was ich besitze, Ihrer Majestät gehört, und daß ich es wohl verdient habe, daß man sich in einem Falle der Bedrängnis zuerst an mich wende!« Er hatte die Gewißheit, daß dieser Fall nicht lange auf sich warten lassen werde. Vom andern Morgen an nahmen die Reformen ihren Anfang. Die Hälfte der Dienerschaft wurde entlassen, die unnötigen Wagen nach dem Tattersall geschafft, wo sie zu ziemlich günstigen Bedingungen verkauft wurden, mit einziger Ausnahme der Staatskutschen, die für Privatleute die Aufmerksamkeit in allzu belästigender Weise auf sich zogen. Man entledigte sich indes auch ihrer. Ein amerikanischer Cirkus, der sich eben in Paris mit großem Aufwande an Reklame aufgethan hatte, erstand sie – und diese prächtigen Gefährte, die Rosen, um seinen Fürsten einiges von der verschwundenen Pracht zu erhalten, und erfüllt von der fernen Hoffnung auf eine Rückkehr nach Laibach, hatte bauen lassen, dienten nun zu Produktionen mit chinesischen Zwergen und gelehrten Affen, zu historischen Reiter-Aufzügen und zu Apotheosen à la Franconi. Wenn die Vorstellungen ihrem Ende entgegen gingen, dann sah man diese fürstlichen Karossen mit den kaum verwischten Wappenschildern dreimal die Fahrt um die Arena machen, während sich über den Rand ihrer ausgekippten Spiegel irgend eine, Grimassen schneidende und wunderliche Fratze neigte oder irgendwelcher berühmte Akrobat seinen dummen Schädel mit dem kurz geschornen Haar, oder seine Büste unter rosaseidenen Maschen herausreckte und die Menge mit seiner von Pomade und Schweiß leuchtenden Stirne begrüßte. Alle diese in die Manège und in das Manège-Stroh gestürzten, zwischen die Gäule und die Wunder-Elephanten geschobenen Salbungs-Überbleibsel – welch eine Prophezeiung waren sie für das Königtum! Dieser Verkauf im Tattersall, mit welchem zugleich, auf großen Mauer-Anschlägen, der Verkauf der Diamanten der Königin von Galizien im Hotel Drouot angekündigt wurde, machte einiges Aufsehen; aber Paris hält sich nicht lange bei einer und derselben Sache auf – seine Gedanken und Begriffe folgen dem fliegenden Blatte der Zeitungen. Man redete vierundzwanzig Stunden lang über die beiden Verkäufe. Am folgenden Tage dachte man nicht mehr daran. Christian der Zweite nahm die von der Königin gewünschten Reformen ohne Widerstreben hin; seit jenem traurigen Aufzuge, den er bei Gelegenheit des Empfanges der königstreuen Abgeordneten aus seinem Lande gespielt hatte, bewahrte er ihr gegenüber eine fast verlegene, betretene Haltung, indem er jenes freiwillig zur Schau getragene kindische Wesen, woraus er für seine losen Streiche eine Entschuldigung, einen Vorwand zu drehen schien, noch tiefer setzte. Was gingen denn ihn übrigens die Reformen, die Veränderungen an, welche innerhalb des Hauses vorgenommen wurden! Sein nur der Lüderlichkeit, nur dem Vergnügen gewidmetes Leben verfloß außerhalb des Hauses. Es war eine Sache zum Staunen, zum Verwundern! binnen einem halben Jahre hatte er nicht ein einziges mal zu Rosens Börse seine Zuflucht genommen. Dieser Umstand stärkte sein Ansehen um einiges wenige in den Augen der Königin, die auch den andern Umstand mit Befriedigung wahrnahm, daß sie das gespenstische Cab des Engländers nicht länger mehr in einem Winkel des Hofes stehen sah, daß sie jenem unterwürfigen Lächeln auf höfischem Gläubiger-Gesichte nicht mehr auf den Treppen begegnete. Und doch verschwendete der König viel Geld, amüsierte sich und »leistete sich« mehr denn je. Wo fand er Geld hierzu? Elysée erfuhr es auf die seltsamste Weise durch den Onkel Sauvadon, jenen biederen Mann, welchem er ehedem »Ideen über die Dinge« einflößte. Der Onkel Sauvadon war der einzige von seinen alten Bekanntschaften und Beziehungen, welche er nach seinem Einzuge in die Rue Herbillon nicht hatte fallen lassen. Von Zeit zu Zeit nahm er zusammen mit ihm in Bercy ein Frühstück, wenn er ihm Nachrichten von Colette brachte, die ihm zu seiner Bekümmernis nicht mehr vor die Augen kam. Diese Colette, sein angenommenes Kind, war die Tochter eines armen Bruders, den er herzlich geliebt und bis zu seinem Tode unterstützt hatte. Ihr Wohl hatte ihm immer am Herzen gelegen; er hatte ihr Ammen gehalten, als sie noch Wickelpüppchen war, hatte den Taufgroschen für sie bezahlt und später sie auf seine Kosten im allervornehmsten Pariser Kloster erziehen lassen. Sie war sein Laster, seine lebendige Eitelkeit, die niedliche Puppe, die er mit all dem Ehrgeiz, all der Sucht schmückte, die ihm, dem Parvenu-Millionär, in seinem plebejischen Kopfe herumspukten. Wenn im Sprechsaal des Klosters zum Heiligen Herzen die kleine Sauvadon ihrem Onkel ganz leise ins Ohr sagte: »Sieh! die dort ist Baronin oder Herzogin oder Marquise,« dann antwortete ihr der Onkel Millionär mit einem Rucke der derben Schultern: »Wir werden aus Dir noch etwas weit Besseres machen.« Er machte sie zur Prinzessin, als sie ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte. An Hoheiten, die auf der Suche nach Mitgiften sind, fehlt es nicht in Paris. Die Agentur Lewis hielt ihrer ein ganzes Sortiment auf Lager – es handelte sich einzig und allein darum, den Preis für sie zu normieren. Und Sauvadon fand, daß zwei Millionen nicht zuviel Geld dafür wäre, an den Abenden, an welchen die junge Prinzessin von Rosen Besuche bei sich empfing, in einer Ecke ihres Salons zu figurieren, nicht zuviel Geld für den Besitz des Rechtes, in einer Nische seinen breiten Mund, zwischen seinen Bart-Coteletten mit den seit Ludwig Philipp aus der Mode gekommenen Büschel-Enden, zu einem Lächeln zu verziehen, das von einem Ohre bis hinüber zum andern reichte. Kleine graue, lebhafte und kluge Augen – die nämlichen Augen, wie sie Colette hatte – schwächten einigermaßen ab, was von Dummheit, Einfalt und Unrichtigkeiten aus diesem dicken, ungehobelten, wie aus dem Hufe eines Gauls geschnittenen Munde seinen Weg nahm – milderten die Offenbarungen, welche dies derbe, vierschrötige Händepaar kündete, das selbst in strohgelben Handschuhen der Zeiten gedachte, als es auf dem Kai Eimer und Fässer rollte. Zu Anfang mißtraute er sich, sprach ungern, that verwundert, erschreckte die Leute durch sein stummes Verweilen. Der Tausend! im Speicher in Bercy, beim Handel mit Südweinen, die mit Fuchsin oder Campêche-Holz verschnitten werden, lernt man die schönen Redensarten nicht! Nachher bildete er sich durch Méraut's Hilfe diese und jene fix und fertige Meinung, verstieg sich zu kecken Aphorismen über das Ereignis vom Tage, das Buch der Mode. Der Onkel redete nun und zog sich, von einigen Schnitzern freilich, über die man aus dem Häuschen geraten konnte, und von dem bleichen Entsetzen abgesehen, das gewisse, in pittoresker Weise kundgethane Theorieen nach Art de Maistre's in der Umgebung dieses Wasserträgers in weißer Weste hervorriefen, nicht allzu übel aus der Sache. Da aber geschah es, daß ihm das Herrscherpaar Illyriens zugleich seinen Ideen-Lieferanten und das Mittel, mit Ideen zu paradieren, hinwegnahm. Colette, die durch ihre Ämter als Ehrendame bei Hofe festgehalten war, verließ Saint-Mandé mit keinem Fuße mehr, und Sauvadon kannte den Chef des Civil- und Militär-Kabinetts viel zu gut, daß er hätte hoffen mögen, dort Zutritt zu erhalten. Er hatte hiervon auch nicht mit einem Worte nur gesprochen. Den Herzog, der solch eine Person bei der stolzen Friederike einführte und vorstellte, hätte man erst sehen müssen! . . . Einen Weinhändler aus Bercy! Und dazu keinen Kaufmann, der sich in Ruhestand gesetzt hat, sondern im Gegenteil einen, der in voller Thätigkeit steht; denn trotz seiner Millionen, trotz der flehentlichen Bitte seiner Nichte arbeitete Sauvadon noch immer, brachte sein Leben im Speicher, auf dem Kai zu, mit der Feder hinter dem Ohre, den Haarschopf zerzaust, mitten unter Kärrnern und Schiffern, die Fässer aus- und aufladen, oder auch zwischen den gigantischen Bäumen des alten, verstümmelten, zerrissenen Parkes, wo seine Reichtümer sich unter den Speichern, in unzähligen Gebinden und Fässern aufgestapelt, aneinander reihten. »Es würde mein Tod sein, wenn ich aufhören wollte,« war seine Rede. Und er lebte wirklich von dem Lärme der im Rollen befindlichen Fässer und von dem guten Schnittwein-Geruche, der aus diesen großen Speichern in feuchten Kellern heraufstieg, wo er vor fünfundvierzig Jahren als Küferbursche in das Gewerbsleben getreten war. Dorthin kam Elysée zuweilen, um seinen alten Zögling aufzusuchen und sich an einem von jenen Imbissen zu laben, die man nur in Bercy zu bereiten versteht unter den Bäumen des Parks oder im Gewölbe eines Küfers, wobei der Wein frisch vom Fasse verzapft, der Fisch aus dem Weiher geholt wird, bei denen es Fischsuppen giebt, wozu die Rezepte, wie hinten in Languedoc oder in den Vogesen, auf örtlicher Weisheit beruhen. Jetzt war die Rede nicht mehr von »Ideen über die Dinge,« da man ja bei Colette nicht mehr zur Soiree ging. Aber der Biedermann liebte es, Méraut plaudern zu hören, ihn so recht ungeniert essen und trinken zu sehen; denn ihm schwebte noch immer das ärmliche Loch von Wohnung vor Augen, das Elysée in der Rue Monsieur-le-Prince als Wohnung hatte, und er behandelte Elysée nach wie vor als einen rechten und schlechten Schiffbrüchigen des menschlichen Lebens. Rührende Rücksichten eines Menschen, welcher den Hunger gekannt hat, gegen einen andern Menschen, den er als armen Teufel kennt. Méraut brachte ihm Nachrichten von seiner Nichte, von dem Leben, das sie in Saint-Mandé führte, übermittelte ihm so den Abglanz der irdischen Größe, zu welcher er seine Nichte erhoben, die ihm so schweres Gold gekostet hatte und die er mit eigenen Augen niemals sehen sollte. Zweifelsohne fühlte er sich stolz in dem Gedanken daran, daß die junge Ehrendame mit Königen und Königinnen zu Tische saß, im Rahmen der Hof-Etikette und des Hof-Ceremoniells; allein der Kummer darüber, daß er sie nicht selbst sah, vermehrte seine schlimme Laune, seinen Groll und Verdruß gegen den alten Rosen. »Was besitzt er denn für Ursache, sich so stolz zu haben? Seinen Namen? seinen Titel? . . . Aber mit meinem Gelde habe ich sie doch mir bezahlt! Seine Ordenskreuze? Bänder? Sterne? Ei! sobald es mir belieben wird, werde ich sie auch besitzen . . . Ach, richtig doch! mein lieber Méraut! Das wissen Sie ja noch nicht! Seit ich Sie nicht mehr gesehen habe, ist mir ein großes Glück widerfahren.« »Welches denn, mein liebes Onkelchen?« Er nannte ihn »liebes Onkelchen« infolge einer zuthulichen Vertraulichkeit, wie sie ein Gut der Länder des Südens ist, die ihm die Lust eingab, der besonderen Sympathie, die er – ohne daß von einem geistigen Bande zwischen ihnen die Rede war – für diesen großen Kaufmann fühlte, ein Etikett aufzudrücken. »Mein lieber Freund! ich besitze den Löwenorden von Illyrien, das Kommandeur-Kreuz! Ei! und da thut sich der Herzog so breit mit seinem Groß-Kordon! . . . Wenn ich ihm am Neujahrstage meine Visite mache, dann hänge ich mir das Ding an . . . Das wird ihm den Standpunkt schon klar machen . . .« Elysée wollte nicht daran glauben. Den Löwen-Orden! einen der ältesten, begehrtesten Orden in ganz Europa! Diesen Orden an Sauvadon verliehen? an Onkel Sauvadon verliehen? an »mein liebes Onkelchen?« . . Und warum? weswegen? . . . Dafür, daß er in Bercy verschnittenen Wein verkauft hat? – »O! das ist sehr einfach!« sagte der andre, indem er die kleinen grauen Augen zusammenkniff – »ich habe mir den Grad eines Kommandeurs gekauft, wie ich vorher den Prinzen-Titel bezahlt hatte . . . . Hätte ich ein bischen mehr Geld angelegt, so besäße ich den Groß-Kordon des Ordens; denn er war auch zu verkaufen.« »Wo denn?« fragte Elysée erbleichend. »Ei! in der Agentur Lewis . . . Rue Royale . . . Bei diesem sakrischen Engländer findet man alles . . . Mein Kreuz hat mich zehntausend Francs gekostet; der Kordon galt ihrer fünfzehntausend! Und einen jemand kenne ich, der ihn sich zugelegt hat – erraten Sie, wer das ist? . . . Biscarat, der große Haarkünstler! . . . Biscarat auf dem Boulevard des Capucines! – Aber, mein lieber Méraut! was ich Ihnen da sage, das ist ja doch bekannt in ganz Paris! Gehen Sie doch zu Biscarat! Dort werden Sie im Hintergrunde des großen Saals, wo er inmitten von seinen dreißig Gehilfen seines Amtes waltet, eine Photographie von gewaltiger Größe hängen sehen, die ihn als Figaro darstellt mit dem Rasiermesser in der Hand und mit dem Kordon des illyrischen Hausordens um den Hals! Die Zeichnung ist verjüngt auf allen Flaschen im Laden dargestellt.. Wenn der General das sähe, so würde ihm sein Schnurrbart nach der Nase hinauf steigen! . . . Sie wissen doch, wenn er . . .« Er versuchte, die Grimasse, die der General so gern schnitt, nachzuahmen; da er aber keinen Schnauzbart hatte, ging es damit durchaus nicht recht von statten. »Sie haben Ihr Patent, Onkelchen? . . . Wollen Sie es mir zeigen?« Elysée nährte die Hoffnung, daß irgend ein schriftliches Betrugsmanöver, eine Fälschung, mit welcher die Agentur Lewis gewissenlosen Schacher trieb, dahinter stecken möchte. Nein! Es schien alles richtig und in Ordnung, angefertigt wie es die Form erheischte, gestempelt mit dem illyrischen Landeswappen, versehen mit der Unterschrift Boscowichs und unterzeichnet mit dem Namenszuge Christian des Zweiten. Es war ein Zweifel nicht mehr möglich; es wurde ein Handel getrieben mit Kreuzen und Kordons, der mit der Genehmigung des Königs ins Leben gerufen worden war. Im übrigen brauchte ja Méraut, wenn er sich völlige Überzeugung schaffen wollte, nichts weiter zu thun als, sobald er nach Saint-Mandé zurückgekehrt sei, zu dem Geheimrat hinaufzugehen. In einem Winkel der mächtigen, geräumigen Halle, welche die ganze Höhe des Hotels einnahm, die dem König Christian – trotzdem er nie arbeitete – als Arbeitskabinett diente, die ihm als Fechtsaal, Turnsaal, Bibliothek-Zimmer diente, traf er Boscowich an, zwischen den Kästen und Schiebläden, den großen Kanzleipapier-Hüllen, den übereinandergelegten Blättern, auf denen, eine über der anderen, die jüngst gesammelten Pflanzen trockneten. Seitdem das Exil dauerte, hatte sich der Gelehrte in den Pariser Wäldern von Vincennes und Boulogne, welche die reichste Flora von Frankreich bergen, den Anfang zu einer Sammlung angelegt. Ferner hatte er das Herbarium eines berühmten Naturforschers, der jüngst mit Tod abgegangen war, käuflich an sich gebracht; und in die Prüfung seiner neuen Schätze vertieft, den blutleeren Kopf, dem man kein Alter ansah, über das vergrößernde Glas einer Lupe gebeugt, hob er vorsichtig, eins nach dem andern, die schweren Blätter auf, zwischen welchen die Pflanzen zum Vorschein kamen, von der Krone bis zu den ausgespreizten, breitgepreßten Wurzeln an den Rändern ihrer Farben verlustig. Er stieß einen Ausruf der Freude, der Bewunderung aus, wenn das Specimen unversehrt und wohlerhalten war, betrachtete es lange mit feuchter Lippe, während er laut den lateinischen Namen, die am Fuß eines kleinen Zettels geschriebene Bemerkung hierzu las. Zu anderen Malen entrang sich ihm ein zorniger Schrei, wenn er sah, daß die Blume verletzt, von jenem unmerklichen, den Pflanzensammlern wohlbekannten Wurme durchlöchert war, jenem vom Pflanzenstaube geborenen und von ihm lebenden Atome, welches die Gefahr, oft auch der Verlust der Sammlungen ist. Der Stengel hielt sich noch; sobald man aber an dem Papierblatte rührte, fiel alles in sich zusammen, verflog alles, Blüten und Wurzel, in einem einzigen Staubwirbel. »Das ist der Wurm . . . das ist der Wurm,« sagte Boscowich, mit der Lupe vorm Auge; und zeigte mit einer Miene, die trostlos und stolz zugleich war, auf eine durchlochte Stelle, ähnlich jener, welche der Bohrkäfer im Holze frißt, und die den Weg des Ungetüms anzeigt. Elysée konnte an einem Verdacht, einem Argwohn nicht länger festhalten. Dieser vom Wahne Besessene war einer gemeinen schädlichen Handlung unfähig, nicht minder aber auch des geringsten Widerstandes unfähig. Beim ersten Worte, das von Ordensauszeichnungen fiel, fing er an zu zittern, und sah furchtsam und mißtrauisch über seine Lupe hinweg . . . Was redete man ihm denn da? freilich hatte der König ihn in dieser letzten Zeit eine Menge von Patenten aller Rangstufen in Vorrat schreiben lassen; aber etwas weiteres wußte er nicht darüber und würde sich auch niemals die Freiheit genommen haben, nach etwas zu fragen. »Nun denn, Herr Geheimrat,« sagte Elysée mit Ernst und Feierlichkeit – »ich setze Sie davon in Kenntnis, daß Seine Majestät seine Orden durch die Agentur Lewis verschachern läßt!« Im Verfolg dessen erzählte er ihm die Geschichte von dem großmäuligen Barbier, über welche zur Zeit sich ganz Paris ergötzte. Boscowich stieß einen seiner matten Fistelrufe aus. Im Grunde war seine Erregung über den Vorfall nur sehr gering. Sein in Laibach zurückgelassenes Herbarium stellte für ihn das Vaterland dar; das andre Herbarium, mit dessen Einrichtung er jetzt beschäftigt war, das Exil in Frankreich. »Aber hören Sie! das ist doch schmählich . . . daß ein Mann wie Sie zu solch abscheulichen Schwindeleien die Hand bietet!« Und der andre, trostlos darüber, daß man ihm die Augen gewaltsam über das öffnete, was er nicht hatte sehen wollen: »Aber, aber! was kann ich denn dazu thun, mein lieber Herr Méraut? . . . Der König ist doch nun einmal der König . . . Wenn er sagt: ›Boscowich! hier schreiben Sie das!‹ dann leistet meine Hand Gehorsam, ohne sich Gedanken zu machen . . . besonders, da Seine Majestät so gütig und großmütig gegen mich ist. Seine Majestät haben mir, als Sie mich über den Verlust meines Herbariums in Verzweiflung sah, dies andre hier zum Geschenk gemacht . . . Fünfzehnhundert Francs! ein prachtvolles Gelegenheitsgeschenk! . . . Und als Zugabe habe ich den Hortus Cliffortianus von Linné in der editio princeps erhalten!« Harmlos und cynisch legte der arme Teufel sein Gewissen bloß. Alles war trocken und tot, Herbarium-Farbe. Die Manie hatte, grausam wie der unbemerkbare Wurm der Naturforscher, alles durchlöchert, von einer Seite zur andern zernagt. Er geriet erst in Erregung, als Elysée ihm drohte, der Königin Mitteilung zu machen. Da erst ließ der Wahn-Umnachtete seine Lupe fallen und machte mit leiser Stimme, während sich ihm, wie einer im Beichtstuhl sitzenden Büßerin, schwere Seufzer über die Lippen rangen, Geständnisse. Es gingen vielerlei Dinge unter seinen Augen vor, die er nicht verteidigen konnte, die ihn in Verzweiflung setzten. Der König wäre von schlimmer Gesellschaft umgeben . . . E poi che volete? Er fühlte nicht die Berufung in sich, Herrscher zu sein . . . fand keinen Geschmack am Throne . . . hatte niemals Geschmack an ihm gehabt! . . . »Ei! aber warten Sie doch! da besinne ich mich eben . . . es ist schon sehr lange Zeit her damit . . . es lebte der hochselige Leopold noch . . . an jenem Tage, als der König, wie er vom Tische aufstand, seinen ersten Schlaganfall bekam und man Christian gesagt hatte, daß er seinem Oheim nun ohne Zweifel bald auf dem Throne nachfolgen werde, da fing das Kind – er war kaum zwölf Jahre alt und spielte in dem patio des Residenzschlosses Crocket – zu weinen an, zu weinen . . . bekam einen tüchtigen Nervenanfall . . . sagte: »Ich will nicht König sein . . . ich mag nicht König sein – man soll doch meinen Vetter Stanislaus an meine Stelle setzen!« Ich habe mich nun dieses Vorkommnisses schon sehr oft erinnert, wenn ich ihn in Christian des Zweiten Augen wiederfand, jenen verschüchterten und furchtsamen Ausdruck, den er an jenem Morgen hatte, als er sich mit seiner ganzen Kraft an seinen Crocket-Hammer klammerte, ganz so, wie wenn er Furcht davor hätte, daß man ihn in den Thronsaal schleppen möchte, und dabei schrie: »Ich mag nicht König werden!« Der ganze Charakter Christians des Zweiten fand Erklärung durch diese Anekdote. O nein! ein schlechter Mensch war das nicht, aber ein kindischer Mensch, der in zu jugendlichem Alter verheiratet worden, ein Mensch mit brodelnden Leidenschaften und angeerbten Lastern. Das Leben, welches er führte, die Nächte, die er im Club verlebte, die Damen, mit denen er Umgang hielt, die Soupers, die er gab, ein solches Leben ist in einer gewissen Gesellschaftsklasse der normale Zug der Ehemänner. Alles gewann hier einen ernsteren, tieferen Charakter durch diese Königsrolle, die er nicht festzuhalten verstand, durch diese Verantwortlichkeiten, die über seine Fähigkeiten und Kräfte hinausgingen, vor allem durch dieses Exil, das ihn langsam entsittlichte. Festere und kräftigere Naturen als die seinige verstanden es nicht, diesem entfesselnden Einflusse Widerstand zu leisten, welchen der Bruch mit langen Gewohnheiten übt, dieser beständigen Erneuerung der Ungewißheit und des Zweifels Widerstand zu leisten, die zusammen mit der unsinnigen Hoffnung, mit den Ängsten, mit der entnervenden Wirkung des Wartens auf ihn einstürmte. Wie das Meer, so hat auch das Exil seine lähmende Wucht. Es ermattet und versumpft. Es ist eine Übergangs-Phase. Man entrinnt der ermüdenden Langweile von langen Überfahrten allein durch geschäftiges Schaffen oder regelmäßige Studienzeiten. Aber womit kann sich ein König beschäftigen, welcher kein Volk mehr hat, der keine Minister, keinen Staatsrat mehr hat, der über nichts zu entscheiden, der nichts zu unterzeichnen hat und doch viel zu viel Geist oder Skepticismus besitzt, um sich an dem Trugbilde all dieser Dinge zu erlustigen? der viel zu viel Unwissenheit besitzt, um eine Schwenkung nach irgend welcher anderen ernsten und emsigen Arbeit hin zu versuchen? Das Exil, wie gesagt, ist das Meer; es ist aber auch der Schiffbruch, der die Passagiere der ersten Kajüten, die bevorzugten unter den Menschenklassen, durcheinander würfelt mit den Zwischendecks-Passagieren, mit jenen, die unterm Sternenzelte nächtigen. Es ist ein gar stolzes Prestige, ein echtes, richtiges Königs-Temperament nötig, um sich gewappnet zu halten gegen rangverderbende Vertraulichkeiten, gegen entwürdigenden Umgang mit niedrigeren Personen, gegen Dinge, worüber man später zu erröten, worunter man später zu leiden haben wird – sich als König zu wahren und zu erhalten inmitten von Entbehrungen, Bedrängnissen, Besudelungen, die innerhalb eines ärmlichen Menschentums die Rangstufen vermehren und verwischen. Ach! ach! diese Bohème, dieses Vagabonden- oder Zigeunertum des Exils, vor welchem es der Herzog von Rosen um den Preis großer Opfer so lange bewahrt hatte, fing an das Königshaus von Illyrien zu überfluten. Der König griff zu allerhand Mitteln, schlug allerhand Wege ein, um sich das Geld, dessen er für seine Zerstreuungen bedurfte, zu verschaffen. Den Anfang machte er damit, daß er quer schrieb wie ein kurz gehaltener Sohn aus reichem Hause; denn er fand es ganz ebenso einfach und mit J. Tom Lewis'scher Hilfe sogar weit bequemer, als diese »Anweisungen auf unsere Kassette,« die er ehedem an den Chef des Civil- und Militär-Kabinetts überschrieb. Die Wechsel wurden fällig, wurden prolongiert und wuchsen dadurch beträchtlich, bis schließlich der Tag herankam, an welchem Tom Lewis selbst auf dem Trockenen saß und, da das Königs-Metier in Ermangelung von Staat und Volk und Civilliste keine andere Hilfsquelle mehr bot, auf jenen allerliebsten Handel mit Ordenspatenten und Diplomen verfiel, von welchem Méraut so unerwartete Kenntnis gewonnen hatte. Der arme Löwe von Illyrien wurde zervierteilt wie ein gemeines Stück Vieh, in Viertel und Schlegel zerlegt, im Wege des Meistgebots und auf dem Scharren verkauft: so und soviel für die Mähne und für die Nuß, für die Keule und für die Klauen. Und das war erst der Anfang. Einmal im Cab von Tom Lewis, durfte der König auf so stattlichem Wege nicht inne halten. Das war's, was Méraut sich sagte, als er von Boscowich wegging. Er sah wohl, daß man auf den Geheimrat in keinerlei Weise bauen konnte, daß er leicht zu fangen war wie alle Leute, die unter einem Wahne leiden. Er selbst war zu neu, zu fremd in dem Hause, um über Christians Geist irgend welche Macht zu üben. Wenn er sich an den alten Rosen wendete? Aber bei den ersten Worten, welche der Erzieher und Lehrer redete, schleuderte der Herzog ihm den Blick eines Menschen zu, der sich in seinem heiligen Glauben beleidigt fühlt. Für diesen Mann blieb der König, wenn er auch so tief gesunken war, wie er sinken konnte, eben immer der König. Keine Hilfe war auch von seiten des Mönches zu erhoffen, dessen grimmes Gesicht nur in langen Zwischenräumen zwischen Ende und Anfang einer Reise sichtbar wurde, und jedesmal verbrannter und magerer aussah. Die Königin? . . . aber er sah ja seit Monaten, wie traurig, wie erregt sie war, wie über ihrer schönen, verschwiegenen Stirn Kummer und Sorge ihre steten Schatten warfen, so daß sie, wenn sie dem Unterricht beiwohnte, nur zerstreut zuhörte, daß ihr Geist anderswo weilte, während die Hände still und müßig über ihre Arbeit ausgestreckt lagen. Schwere Kümmernisse hielten sie in Aufregung, Kümmernisse, die ihr fremd waren, und die sie bis ins Innerste ihrer Seele hinein trafen, Geldsorgen, die demütigende Abweisung all dieser ausgestreckten Hände, die sie nicht mehr zu füllen imstande war. Lieferanten, Bedürftige, Exils- und Unglücksgefährten – dies klägliche Herrscher-Metier hat Pflichten selbst dann noch, wenn es keine Rechte mehr hat. Alle diejenigen, welche den Weg nach dem im Wohlstande befindlichen Hause finden gelernt hatten, harrten jetzt stundenlang in den Vorzimmern und gingen oft, des Wartens müde, mit Worten auf den Lippen fort, welche die Königin, ohne daß sie sie hörte, aus den unzufriedenen Mienen der Leute erriet, aus ihrer Art, sich nicht vom Flecke zu rühren, wie jemand, der schon zwei- oder dreimal weggeschickt worden. Sie bemühte sich wirklich und wahrhaftig, Ordnung in ihren neuen Lebensgang zu bringen; aber es mischte sich das Unglück darein; Gelder wurden übel angelegt, Werte wurden lahmgelegt; es mußte Zeit gewonnen werden, wenn nicht alles verloren gehen sollte. Arme Königin Friederike, die alles im Punkte des Herzeleids zu kennen vermeinte! ihr gebrach es noch an jenen Nöten, welche welk machen, an der harten und nagenden Berührung des gemeinen und alltäglichen Lebens! Es kamen letzte Monatstage, an die sie, gleich dem Prinzipal eines Handlungshauses, des Nachts mit Zittern und Zagen dachte. Manchmal, wenn die Löhnung der Dienstboten im Rückstande war, fürchtete sie aus der verzögerten Ausführung einer Weisung, aus einem ein bischen weniger demütigen Blicke die Unzufriedenheit eines Bediensteten herauslesen zu müssen. Endlich lernte sie auch Schulden kennen – Geldschulden, die langsam quälen und peinigen, die durch die Frechheit ihrer Verfolgungen die höchsten, die schönstvergoldeten Thüren erbrechen. Der alte Herzog, der ernst und stumm verharrte, spähte alle Ängste, alle Qualen seiner Königin aus und hielt sich fortwährend in ihrer Nähe, als wenn er ihr sagen wollte: »Ich bin da.« Aber sie hatte es sich fest vorgenommen, erst alles zu erschöpfen, ehe sie ihr Wort zurücknahm, ehe sie sich um Hilfe an denjenigen wandte, den sie so hart und streng angelassen hatte. Eines Abends saß man im großen Saale beisammen. Es war ein eintöniger Abend, ein Abend so wie alle Abende, der wiederum, wie gewöhnlich, ohne die Gegenwart des Königs verlebt wurde. Unter den silbernen Leuchtern hatte man sich zu einem Whist niedergesetzt – man nannte dies ›das Spiel der Königin‹: der Herzog Ihrer Majestät gegenüber mit Frau Eleonore und Boscowich zu Partnern. Die Prinzessin saß am Piano und spielte mit gedämpftem Tone einige von jenen »Echos aus Illyrien,« die Friederike zu hören nicht müde ward, und bei dem kleinsten Beifallszeichen setzte die Musikantin voll ein zum Kriegs- oder Heldengesang. Diese Klänge aus der Heimat, die ein thränenfeuchtes Lächeln, einen heldenhaften Ausdruck auf die am Tische sitzenden Spieler lockten, unterbrachen allein in diesem reichen, Majestäten beherbergenden Bürger-Salon diese Atmosphäre resignierten Exils und gewonnener Gewohnheiten. Es schlug zehn Uhr. Die Königin ließ, statt wie allabendlich das Zeichen zur Aufhebung der Tafel durch ihr Aufstehen zu geben und sich in ihre Gemächer zu verfügen, einen zerstreuten Blick über ihre Umgebung schweifen. Dann sagte sie: »Sie können sich zurückziehen. Ich habe mit Herrn Méraut zu arbeiten.« Elysée, der neben dem Kamine saß und las, verneigte sich, klappte die Schrift zu, in welcher er blätterte, und ging in den Studiersaal, um Federn, Tinte und anderes Schreibmaterial zu holen. Als er zurückkam, war die Königin allein und lauschte dem Rasseln der Wagen im Hofe, lauschte noch, während das große Portal wieder geschlossen wurde und auf den Gängen und Treppen des Hotels die auf- und abgehenden Schritte schallten, die in einem zahlreich bewohnten Hause der Ruhestunde voraufgehen. Endlich trat die Stille ein; die Stille, die durch zwei Meilen Wald noch gesteigert, vertieft wurde, in dessen Windes- und Blätterrauschen die fernen, von Paris herübergesandten Geräusche erstickten. Der öde, in dieser einsamen Ruhe noch voll erleuchtete Saal schien bereit zu stehen für irgend welchen Vorgang tragischer Natur. Friederike, mit dem Ellbogen auf die Tafel gestützt, schob mit der Hand die von Méraut in Bereitschaft gehaltene Schreibunterlage zurück. »Nein, nein! Wir arbeiten heute Abend nicht,« sagte sie – »es war nur ein Vorwand! Setzen Sie sich, und lassen Sie uns zusammen reden!« Dann setzte sie mit leiserer Stimme hinzu: »Ich muß Sie um etwas bitten.« Aber was sie ihm zu sagen hatte, das kostete ihr wahrscheinlich viel Mühe; denn sie sammelte sich eine Minute lang, während sie Mund und Augen halb geschlossen hielt und jener tiefgealterte schmerzhafte Ausdruck auf ihr Antlitz trat, den Elysée zuweilen schon dort gesehen hatte, der ihm dieses schöne Antlitz noch schöner erscheinen ließ; dieses Antlitz, gezeichnet durch alle die Liebe, die sie geübt, durch alle die Opfer, die sie gebracht; dieses Antlitz, zerfurcht und gehöhlt in ihren lauteren Linien durch die lautersten Empfindungen der Königin und des Weibes. Es war eine Achtung von religiösem Charakter, die sie so ihm einflößte! Endlich raffte sie all ihren Mut wieder zusammen, und sehr leise, furchtsam, ihre Worte wie schüchterne Schritte eins nach dem andern setzend, fragte ihn Friederike, ob ihm nicht in Paris einer von jenen . . . von jenen Plätzen bekannt sei, wo man . . . auf Pfänder Gelddarlehen gäbe . . . Eine solche Frage an Elysée richten! an diesen Hauptvertreter der Pariser Bohème, der alle Leihhäuser kannte, sich ihrer seit zwanzig Jahren als Ablagerungsstätte bedient hatte, wohin er des Winters seine Sommerkleider, des Sommers seine Winterkleider trug! . . . Ob er »den Nagel« kannte! ob er »meine Tante« kannte! . . . Dieses aus seinen Jugend-Erinnerungen aufsteigende Rotwelsch wirtschaftlicher Not zwang ihm auf einen Augenblick ein Lächeln auf die Lippen. Die Königin aber fuhr fort, indem sie ihrer Stimme wieder Festigkeit zu leihen suchte: »Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen, dorthin zu schaffen . . . Juwelen . . . Es kommen ja schwierige Augenblicke im Leben . . .« Und ihre jetzt aufgeschlagenen schönen Augen enthüllten einen tiefen Abgrund ruhigen und übermenschlichen Schmerzes . . . . Dieses Elend, diese Not von Königen . . . soviel menschliche Größe in Niedrigkeit gezogen! . . . War das denn möglich? Méraut gab durch ein Nicken zu verstehen, daß er bereit sei, sich allem zu unterziehen, was man von ihm begehren würde. Hätte er ein Wort gesprochen so würde er geschluchzt haben; hätte er eine Gebärde gemacht, so wäre es keine andere gewesen, als sich dieser erhabenen Pein zu Füßen zu werfen! Und doch fing andererseits Mitleid an, sich in seine Bewunderung zu senken. Die Königin erschien ihm nun um einiges minder hoch, um einiges minder erhaben über die Alltäglichkeit des Daseins, ganz so wie wenn er in dem traurigen Einbekenntnis, das sie ihm eben gemacht, einen Ton aus der Bohème verspürt hätte, ein Etwas, das der Anfang des Niedergangs des Sturzes war und sie ihm näher rückte. Plötzlich stand sie auf und hob aus der bergkrystallenen Schachtel die alte vergessene Reliquie, um sie auf die Tischplatte zu setzen wie eine Handvoll Edelsteine aller Strahlungen. Elysée erbebte . . . Die Krone! . . . »Ja, die Krone! . . . Sechs Jahrhunderte nun weilt sie im Hause von Illyrien! Könige sind gestorben, Ströme edelmännischen Bluts sind geflossen, sie zu verteidigen . . . Jetzt muß sie uns helfen, das Leben zu fristen. Es bleibt nur dies uns noch übrig!« Es war ein herrliches Diadem aus altem Feingold, aus einem Stücke gearbeitet; seine mit Zierrat aufgeblickten Reifen liefen auf der mit scharlachnem Sammet überkleideten Wölbfläche zusammen. Auf den Reifen, auf der Bandleiste aus gefranstem Filigran, im Herzen eines jeden ihrer als Nachahmung der Fasern des Kleeblatts gedachten Blumenzierrate, an der Spitze der durchbrochen festonnierten Bogengänge waren die sämtlichen Varietäten bekannter Steine gefaßt: das durchsichtige Blau der Saphire, das Samtblau der Türkise, das Flammenrot der orientalischen Rubine und die wie Wassertropfen auf Blättern schimmernden Smaragde, der kabbalistische Opal und die Perlen in milchichten Irisfarben. Aber sie alle überragend, vereinigten die überallhin gesäeten Diamanten in ihren Fassungen all jene tausende von abgetonten Feuern und schmolzen, dämpften gleich verstreutem Lichtstaub, wie eine von der Sonne gekreuzte Wolke, den Glanz des durch die Jahrhunderte schon gedunkelten Diadems mit milden Strahlen roten Lampenlichts im tiefen Grunde eines Heiligtums. Die Königin legte ihren zitternden Finger hierhin und dorthin. »Es müßten ein paar Steine ausgebrochen werden . . . die größten . . .« »Womit?« Sie sprachen mit leiser Stimme wie zwei Verbrecher. Da sie aber nichts in dem Saale entdeckte, was sich hätte eignen können, sagte Friederike: »Leuchten Sie mir!« Sie gingen nach der glasbedeckten Veranda, woselbst die hochgetragene Lampe wunderliche Schatten warf und einen langen Lichtstreifen zeichnete, der sich in der Nacht, die draußen über dem Garten lagerte, auf den Rasenplätzen verlor. »Nein, nein! keine Schere!« flüsterte sie, als sie sah, wie er die Schritte nach ihrem Handarbeitskörbchen hin lenkte – »sie ist nicht stark genug; damit habe ich es schon versucht.« Zuletzt fanden sie auf dem Kübel eines Granatbaumes, dessen feines Geäst am Fenster im Mondlicht spielte, eine Baumschere. Sie traten beide in den Salon zurück. Elysée versuchte mit der Spitze des Instruments einen ovalen Saphir von mächtiger Größe, den ihm die Königin bezeichnete, herauszuheben; aber der solid gefaßte, polierte Stein leistete Widerstand, entschlüpfte dem Eisen, wich und wankte nicht in seiner goldenen Klammer. Übrigens war die Hand des Operateurs, der den Stein zu verderben oder die Fassung, die schon in Kratzstellen auf ihrem Golde die Spuren früherer Versuche an sich trug, abzulöten fürchtete, weder kräftig noch sicher. Der königstreu gesinnte Mann litt Qualen, empörte sich gegen den Schimpf, den man durch ihn der Krone anthun ließ. Er fühlte, wie sie bebte und zitterte, wie sie widerstand, sich gegen den Schimpf wehrte . . . »Ich kann nicht . . ich kann nicht . .« sagte er und wischte sich den Schweiß ab, der ihm die Stirn feuchtete. Die Königin antwortete: »Es muß sein . . . es muß . . .« »Aber man wird es sehen!« Ihr Gesicht zeigte ein stolzes, ironisches Lächeln. »Sehen? es sehen? Sieht man sie denn bloß noch an? Wer denkt denn hier an sie? wer beschäftigt sich hier mit ihr? Mit Ausnahme von mir?« Und während er sich, das leichenblasse Haupt gesenkt, wieder an die ihm zuerteilte Aufgabe machte – während er, dem das lange Haar in die Augen herein hing, das königliche Diadem zwischen die Kniee gequetscht hielt, – während die Baumschere an dem goldenen Reife herumbohrte, ihn zerstückelnd, zerhackend, zerfetzend, stand Friederike da mit hochgehaltener Lampe und überwachte das Attentat, so kalt wie jene Steine, die zusammen mit Goldstücken auf der Tischdecke leuchteten, unversehrt und herrlich in ihrer Pracht trotz der durch das Losreißen von der Krone an ihr verübten Gewalt. Am nächstfolgenden Tage hatte Elysée den ganzen Morgen über außer dem Hause geweilt und kehrte erst dorthin zurück, nachdem die Glocke schon den ersten Schlag zum Dejeuner gethan. Ergriffen, verwirrt, setzte er sich zur Tafel. Er mengte sich kaum mit einem Worte in die Unterhaltung, deren Leuchte und Hebel er für gewöhnlich war. Diese Erregung erfaßte auch die Königin, ohne indes weder ihr Lächeln, noch die Reinheit ihrer Altstimme irgend zu beeinflussen. Und als die Mahlzeit beendigt war, verweilten sie noch geraume Zeit, ehe sie sich nähern, ehe sie frei unter vier Augen reden konnten; die Etikette, die im Hause festgesetzten Verhaltungs- und Lebensregeln, der Dienst der Ehrendame, die eifrige Überwachung seitens der Frau von Silvis hielten sie im Auge. Endlich kam die Unterrichtsstunde. Während der kleine Prinz sich dorthin begab und seine Bücher zurechtlegte, fragte die Königin: »Was ist Ihnen denn? Was steht mir denn noch bevor?« »Ach, Majestät! . . . die Steine sind sämtlich unecht . . .« »Unecht?« »Und sehr sorgfältig nachgeahmt in Flittergold-Fassung . . . Wie ist das zugegangen? . . und wann? . . Es ist demnach ein Übelthäter hier im Hause!« Sie war bei diesem Wort Übelthäter fürchterlich blaß geworden. Plötzlich preßte sie die Zähne zusammen, daß sie knirschten, und Zorn und Verzweiflung blitzten in ihren Augen auf. »Es ist wahr,« rief sie – »es ist wahr – es ist ein Übelthäter hier – und Sie und ich, wir kennen ihn gut . . .« Dann packte sie mit fieberhaftem Griffe Elysée's Handgelenk und preßte es gewaltsam zwischen ihren Fingern – als gelte es, einen Pakt zu schließen, der bloß ihnen beiden bekannt sei, bekannt sein dürfe: »Aber wir werden ihn niemals zur Anzeige bringen – nicht wahr?« »Niemals!« sagte er und wendete die Augen ab –denn sie hatten einander verstanden mit einem einzigen Worte. Siebentes Kapitel. Volksbelustigungen. Es war am Nachmittag eines ersten Maisonntags. Ein prächtiger, heller Tag, ein Tag, der der Jahreszeit um ganze vier Wochen vorausgerückt war, ein Tag so warm, daß man den Landauer herunter gekippt hatte, in welchem die Königin Friederike, der kleine Prinz und sein Erzieher im Walde von Saint-Mandé spazieren fuhren. Dieses durch die jungen Zweige dringende erste Frühjahrskosen hatte der Königin das Herz gewärmt, wie es auch ihr Antlitz unter der blauen gespannten Seide ihres Schirms fröhlich aufhellte. Sie fühlte sich glücklich, ohne Ursache hierzu zu haben, und vergaß auf ein paar Stunden inmitten der Milde und Liebe, die das ganze All durchflutete, die Härte und Bitternis ihrer ganzen Lebenstage. In eine Ecke des wuchtigen Wagens geduckt, ihr Kind gegen sich gepreßt, überließ sie sich ganz ungezwungen einem traulichen Gespräche, dessen Sicherheit hier durch nichts gestört wurde, mit dem ihr und ihrem Kinde gegenüber sitzenden Elysée Méraut. »Es ist merkwürdig,« sagte sie zu ihm, »mir ist's ganz so, als wenn wir uns schon früher einmal gesehen hätten, ehe wir uns kennen lernten. Ihre Stimme, ihre Gestalt haben in mir sogleich den Eindruck einer Rückerinnerung geweckt. Wo können wir uns wohl zum ersten male begegnet haben?« Der kleine Zara erinnerte sich jenes ersten Males recht gut. Es war dort unten in dem Kloster gewesen, in jener Kirche tief unter der Erde, wo ihm Herr Elysée eine so starke Furcht eingejagt hatte. Und in dem schüchternen und weichen Blicke, den das Kind auf seinen Lehrer richtete, fühlte man noch immer einen geringen Grad von dieser abergläubischen Furcht . . . Aber nicht doch! schon vor jenem Weihnachtsabende, war die Königin überzeugt, müßten sie einander gesehen haben! Elysée ließ ein Lachen vernehmen. »In der That! Eure Majestät irren sich nicht. Sie hatten mich gesehen, nicht in einem andern Leben, sondern in Paris am selben Tage, als sie hier ankamen. Ich hatte meinen Standort gegenüber dem Pyramiden-Hotel, oben auf der Untermauerung des Tuilerieen-Gitters.« »Und Sie haben gerufen: ›Es lebe der König!‹ . . . Jetzt besinne ich mich . . . Also Sie sind das gewesen! O, wie gern ich das höre! Sie haben uns das erste Willkommen hier geboten! O, wüßten Sie, wie wohl mir Ihr Ruf gethan hat . . . .« »Und mir doch auch!« versetzte Méraut. »So lange Zeit hindurch hatte ich keine Gelegenheit gehabt, ihn auszustoßen, diesen sieghaften Ruf: ›Es lebe der König!‹ . . . So lange Zeit hindurch summte er mir auf dem Rande der Lippen! Es ist ein Haus-, ein Familienwort, das gepaart ist mit allen Freuden meiner Kinder, meiner Jünglingszeit – ein Ruf, in welchem wir daheim unsere Empfindungen, unseren Glauben zusammen faßten. Dieser Ruf leiht mir – vorübergehend – den südländischen Accent, die Gebärde und die Stimme meines Vaters wieder: es drängt mir die nämliche Rührung, die nämliche Wehmut in die Augen, die ich so viele male bei ihm gesehen habe . . . Armer Mann! es war ihm eingeboren! Ein Glaubensbekenntnis, das Ausdruck erhielt in einem einzigen Worte . . . Eines Tages, damals als er aus der Heimfahrt von einer Reise nach Frohsdorff durch Paris kam, ging der Vater Méraut gerade über den Platz des Karussels, als Louis-Philippe's Ausgang erwartet wurde. Es warteten Leute dicht am Gitter, Leute mit gleichgültigen, fast feindseligen Gesichtern – ein Volk, wie es auszusehen pflegt, wenn eine Regierung sich ihrem Ende zuneigt. Mein Vater, als er hörte, daß der König vorbeikommen werde, drängt sich vor, stößt alles auf die Seite und stellt sich in der ersten Reihe auf, um diesen Räuber, diesen Bettler von Louis-Philippe, der dem legitimen Hause den Thron gestohlen, mit Augen zu sehen, mit seinem Blicke zu messen, mit seiner Verachtung zu überschütten. Plötzlich erscheint der König, schreitet über den öden Hof, inmitten einer Grabesstille, einer wuchtigen, den ganzen Palast in Trümmer legenden Stille – eine Stille als hörte man deutlich die Flinten der Empörung sich wappnen und die Stützen des Throns krachen.. Louis-Philippe war schon alt, ein mächtiger Philister, und kam mit kurzen, watschelnden Schritten, den Regenschirm in der Hand nach der Einfriedigung zu. Nichts vom Souverän! keine Spur vom Herrscher! Aber mein Vater sah ihn nicht in solchem Lichte; und der Gedanke, daß in dem großen Königspalaste von Frankreich, der mit glorreichen Erinnerungen gepflastert ist, der Repräsentant der Monarchie von Gottes Gnaden seinen Weg nahm durch diese erschreckende Einsamkeit, welche der Volkshaß den Fürsten bereitet, da regte sich etwas in ihm, empörte sich etwas in ihm – und er vergaß all seinen Groll, ging plötzlich instinktiv aus sich heraus, zeigte wer er sei, und schrie oder schluchzte vielmehr ein »Es lebe der König!« – einen Ruf – so zitternd und bebend, so überzeugungstreu und wahr, daß der greise Herrscher erbebte und mit einem langen Blicke, der Rührung und Ergriffenheit voll, meinem Vater dankte. »So hätte ich Ihnen danken müssen!« sagte Friederike, und ihre Augen hafteten sich auf Méraut mit einer rührenden, zärtlichen Dankbarkeit, daß der arme Bursche fühlte, wie blaß er wurde. Fast ebenso schnell nahm sie wieder, ganz bei der Erzählung, die sie eben vernommen, das Wort: »Ihr Vater war aber doch kein Mann aus dem Adelsstande?« »O nein, Majestät! . . der bescheidenste, niedrigste Mensch, der sich denken läßt . . nur ein Weber-Tagelöhner –« »Das ist seltsam!« sagte sie träumerisch. Und da er hierauf die Antwort nicht schuldig blieb, nahm ihr ewiger Wortstreit über diesen Punkt wieder seinen Anfang. Die Königin liebte das Volk nicht, verstand das Volk nicht, hatte eine Art physischen Grausens vor ihm. Sie fand es grob und rüde, abschreckend in seinen Belustigungen, wie in seinen Vergeltungen. Sogar bei den Festlichkeiten ihrer Krönung, während der Flitterwochen ihrer Regierung, hatte sie Furcht vor ihm, vor seinen tausenden von Händen, die sich nach ihr erhoben, sie zu begrüßen, und von denen sie sich festgehalten, gefangen fühlte. Niemals hatte sie sich mit dem Volke, hatte das Volk sich mit ihr verstehen können; Gnade, Gunst, Almosen waren von ihr zu ihm hernieder gegangen, gleich jenen mit Fluch beladenen Ernten, die nicht zum Keimen gelangen können, ohne daß man indes der Härte des Erdreichs oder der Unfruchtbarkeit des Samens unbedingt die Schuld daran geben könnte. Unter den Ammenmärchen, mit denen Madame von Silvis den Geist des jungen Prinzen umnebelte, befand sich auch die Geschichte eines jungen Mädchens aus Syrien, das einem Löwen vermählt war und vor ihrem wilden Manne, seinem Brüllen, seiner gewaltigen Weise seine Mähne zu schütteln, eine grausige Furcht empfand. Und doch war er voll der Aufmerksamkeiten, der liebreichen Zärtlichkeiten, dieser arme Löwe! er trug seinem kindlichen Frauchen seltenes Wild herbei und Honigscheiben, wachte über sie, dieweil sie schlummerte, legte dem Meere, den Wäldern, den Tieren Schweigen auf. Es half alles nichts! Sie behielt ihren abstoßenden Widerwillen, ihre verletzende, kränkende Furcht, bis zuletzt der Tag sich nahte, an welchem der Löwe ergrimmte, ihr ein fürchterliches »Hebe dich von mir!« zubrüllte, mit weitaufgerissenem Rachen und flammender Mähne, als hätte er ebensoviel Lust gehabt sie zu verschlingen, als sie laufen zu lassen. Es war das halb und halb die Geschichte von Friederiken und ihrem Volk; und seitdem Elysée an ihrer Seite lebte, strebte er vergeblich darnach, ihr für die verborgene Güte, die ritterliche Ergebenheit, die grimmen Empfänglichkeiten dieses großen Löwen Verständnis zu eröffnen, der soviel mal brüllt, um zu necken, zu scherzen, ehe er in seinen gewaltigen Zorn gerät. Ach! wenn die Könige doch nur gewollt hätten! wenn sie sich minder mißtrauisch gezeigt hätten! . . . Und als Friederike ihren Schirm mit ungläubiger Miene bewegte, da redete er weiter: »Ja doch, ich weiß es ja! Das Volk hat Ihnen Furcht bereitet! Sie lieben es nicht, oder vielmehr, Sie kennen es nicht! Möchte doch Ihre Majestät um sich blicken in diesen Alleen, unter diesen Bäumen . . . Es ist doch der schrecklichste Vorort von Paris, der sich hier ergeht und erlustigt, jener Vorort, aus welchem die Revolutionen durch die aufgerissenen Straßen herniedersteigen! Möchte doch Ihre Majestät sehen, wie schlicht und gut, wie natürlich und harmlos die Miene von all diesem Volke ist! wie es sich labt und weidet an dem Genusse eines Ruhetages, einer sonnigen Jahreszeit!« Aus der großen Allee, in welcher der Landauer im Schritt entlang fuhr, sah man wirklich unter den noch dürren, von den ersten wilden Hyazinten in Blau gekleideten Dickichten Frühstückstafeln zu ebener Erde hergerichtet, deren weiße Teller dort wie große Flecken erschienen neben den aufgeklappten Korbdeckeln und den dicken Gläsern aus den Schenken von Weinhändlern, die in dem frischgesproßten Grün wie große Klatschrosen eingesetzt standen, und zwischen Umschlagetüchern und Blusen, die über Zweige gehängt waren; während die Frauen im Leibchen, die Männer in Hemdsärmeln dasaßen. Es wurde gelesen; es wurden Mittagsruhen gehalten; mühsame Näharbeiten waren über Baumstümpfe gehängt oder auf lustige Lichtungen gebreitet, wo nun Fähnchen aus billigem Stoffe flatterten beim Federball- oder Blinde-Kuh-Spiel, bei einer erstbesten Quadrille, die nach den Klängen eines unsichtbaren, vom Winde stoßweise herübergetragenen Musik-Orchesters getanzt wurde. Und Kinder, ganze Scharen von Kindern tollten sich hier, bildeten zwischen den Tischen und Spielplätzen die verbindenden Glieder, liefen zusammen von einer Familie zur anderen, mit lustigen Sprüngen und fröhlichem Geschrei, erfüllten den ganzen Wald mit einem unermeßlichen Schwalben-Gezwitscher von einem Flecke zum andern mit ihrem kein Ende findenden Kommen und Gehen, das in dem hellen Zweigicht dem flinken, neckischen Fluge, dem schwarzen Geschwirr der behenden Vögelchen recht ähnlich war. Im Gegensatze zu dem sorgsam gepflegten, geharkten, von seinen kleinen bäurischen Hecken geschützten Boulogner Walde schien dieser Wald von Vincennes mit seinen nach allen Seiten hin freien Grenzen und Bahnen, mit seinen grünen, zertretenen Rasenflächen, seinen gebogenen und widerstrebenden Bäumen so recht geeignet und bereitet zu sein für die ausgelassene Fröhlichkeit, die ungebundene Lustigkeit eines seinen Feiertag haltenden Volkes, wie wenn die Natur sich hier gütiger, lebenskräftiger gestaltete. Da plötzlich, an einer Biegung, welche die Allee machte. wehte von dem, mit seinen rasenbestandenen Ufern den Wald nach allen Seiten hin zurückdrängenden See ein Frühlingshauch so jäh ihnen entgegen, trat ihnen das helle Licht der silberklaren Wasserfläche so jäh vor die Augen, daß dem königlichen Kinde ein Ausruf des Entzückens, der Begeisterung entlockt wurde. Es war ein Anblick, so prächtig, so erhaben, wie er das Auge des Wanderers labt, der das Wirrsal der Schottersteine eines Bretagner Dorfes mit Beschwerden und Mühen durchschritten hat, und dessen Blicken sich plötzlich das Meer aufthut, das seine Wellen bis an den Fuß der letzten Gasse heranflutet. Beflaggte Barken, mit Ruderern in hellem Blau und grellem Rock, durchkreuzten den See in allen Richtungen mit den Silberfurchen, die ihre Ruder zogen, mit dem weißen Schaum der kleinen Wellen, die sie schlugen. Und Scharen von Enten schwammen schnatternd auf der blinkenden Flut; Schwäne in leichtem, vom Hauche des Windes geblähtem Gefieder zogen mit stolzerem Gebahren an dem weiten Umkreise des Gestades ihre Bahn, während ganz im Hintergrunde, hinter den grünen Vorhang einer Insel gruppiert, die Musik dem ganzen Walde rhythmische Weisen sandte, denen die Wasserfläche des Sees als Sprungbrett diente, das die Töne weiter schnellte. Über all dies hin und rings überall flutete fröhliches Gewirr, strich der Wind und strich die Welle, wehten und klatschten die Wimpel, riefen die Kahnfahrer – dazu der Ring, der auf den Hängen am See durch sitzende Gruppen gezogen, durch Kinder geschlossen wurde, die aus zwei kleinen, fast mitten in das Wasser hineingebauten Cafés, die mit ihren durchbrochenen Wandungen den Eindruck eines Badeboots und Dampfboots zugleich erweckten, über die sonor wie eine Brücke hallenden Dielen hin und her, und her und her liefen. Am Gestade des Sees wenige Wagen! Von Zeit zu Zeit ein Kremser, der die nachfeiernden Gäste einer vorstädtischen Hochzeit, kenntlich am neuen Tuche der Röcke und an den schillernden Arabesken der Umschlagetücher, entlang trug; oder auch Kastenwagen aus der Geschäfts- und Handelswelt, die ihr Schild mit goldener Aufschrift spazieren fuhren und mit dicken Damen in blumigen Hüten beladen waren, die auf die im Sande stampfenden Fußgänger mit Blicken des Bedauerns und Mitleids hernieder sahen. Was aber dem Beschauer vor allem andern in die Augen fiel, das waren jene Kinderwägelchen, der erste Luxus, den sich der Arbeiter im Ehestande gestattet – jene laufenden, rollenden Wiegen, in denen sich kleine, von Spitzenhäubchen umrahmte Köpfchen glückselig schaukeln und, die Augen zu dem Netze erhoben, das die Äste und Zweige über das Himmelsblau flechten, des Schlummers warten. Zwischen allen diesen Spazierfahrten von kleinem Volk fuhr die mit dem Wappen Illyriens geschmückte Karosse, mit ihrem Gespann und ihrer Livree, nicht hindurch, ohne ein gewisses Erstaunen wachzurufen; denn Friederike war nie anders hierher, als an Wochentagen gekommen. Man stieß sich mit dem Ellbogen an; die Scharen von Arbeiterfamilien, die sich in dem beklemmenden Zwange des Sonntagskleids und der Sonntagsfeier still und schweigsam verhielten, traten nach hüben und drüben, wenn sie das Knarren der Räder hörten, drehten sich nachher um und geizten nicht mit Ausdrücken ihrer Begeisterung über die erhabene Schönheit der Königin an der Seite der aristokratischen Kindlichkeit Zara's. Und manchmal drang auch ein kleines freches Frätzchen aus dem Dickicht am Waldesrande vor, um den Ruf auszustoßen: »Guten Tag, gnädige Frau Königin!« Waren es Elysée's Worte? war's der Glanz der Witterung? oder die bis nach jenen Tiefen am Horizonte hin, deren heitere Ruhe und echt ländlicher Charakter von den über Sonntag außer Betrieb gesetzten Fabriken nicht gestört oder beeinträchtigt wurde, sich ergießende Lust und Fröhlichkeit? oder die Herzlichkeit dieser Begrüßungen, dieser Willkommenrufe? Friederike fühlte eine Art von Teilnahme, von Interesse für diesen Arbeitersonntag, der sich fast allerorten mit zu Herzen gehender Nettigkeit und Sauberkeit geschmückt hatte, die um so rührender wirkten, wenn die schwere Arbeit der Wochentage und die Spärlichkeit der Ruhetage in Betracht gezogen wurde. Zara, der kleine Prinz, saß nicht einen einzigen Augenblick auf einem und demselben Fleck, sondern zappelte, zitterte in dem Wagen hin und her – für sein Leben gern wäre er ausgestiegen, hätte sich mit den andern Kindern auf den Rasenplätzen gewälzt, wäre mit ihnen in die Kähne und Barken gestiegen. Jetzt kam der Landauer in Alleen, wo es minder laut und geräuschvoll war, wo Leute auf den Bänken lasen und schliefen, wo eng aneinander geschmiegte Pärchen an den dichten Gebüschen entlang wandelten. Hier hütete der Schatten ein wenig Geheimnis, eine Quellfrische, echte und rechte Waldesdüfte. Vögel zwitscherten in dem Zweigicht. Je weiter man sich aber von dem See entfernte, der alles Lärmen in sich aufsaugte, desto deutlicher schallte das Echo eines anderen Festes herüber, auf welchem mit Flinten geschossen, mit Pauken und Trommeln gerührt, mit Trompeten geschmettert, mit Glocken geklingelt wurde, von wo sich ein großes Geschrei und Getöse erhob, das sich plötzlich wie eine Rauchwolke über die Sonne lagerte. Man hätte meinen können, daß eine Stadt gebrandschatzt und geplündert würde. »Was ist denn das? was läßt sich denn dorten vernehmen?« fragte der kleine Prinz. »Das ist die Pfefferkuchen-Messe, Königliche Hoheit,« sagte der alte Kutscher, sich auf seinem Sitze herumwendend. Und da die Königin darein willigte, daß der Wagen sich dem Feste näherte, lenkte derselbe nun aus dem Parke hinaus und rollte durch eine Menge von kleinen Gäßchen, von halbgebauten Wegen, wo neue sechsstöckige Häuser sich emporreckten neben armseligen Schlupfstätten, zwischen einer aus einem Stalle fließenden Gosse und dem Garten eines Gemüsehändlers. Ein Ausschank neben dem andern mit Fäßchen, Tischchen und Schenkvorrichtungen, alles bemalt mit dem gleichen häßlichen Grün. Das wimmelte von Menschen; der Soldaten waren in Menge da, Tschakos von Artilleristen und weiße Handschuhe. Des Lärmens wenig! Man hörte den wandernden Harfen- oder Geigenspieler, der, wenn ihm Erlaubnis gegeben wurde zwischen den Tischen zu spielen, ein Lied aus der »Favoritin« oder aus dem »Troubadour« herunterhaspelte; denn dies Pariser Volk mit dem großen Munde betet die sentimentale Musik an und teilt Almosen mit verschwenderischer Hand aus, sobald es sich freut und erlustigt. Plötzlich hält der Landauer an. Die Wagen dürfen nicht weiter fahren, als bis zum Eingange jener breiten Vincenner Landstraße, längs deren die Jahrmarktsbuden aufgestellt sind bis hin zu den beiden, in einer staubigen Weichbild-Atmospäre emporsteigenden Säulen der Barriere du Trône, welche nach Paris zu die Grenze des Jahrmarktes bilden. Was man von dem Platze aus sah, wo der Landauer fuhr, war ein Ameisengewimmel von freier Menschheit inmitten einer richtigen Straße aus ungeheuren Baracken, und entflammte in den Augen des kleinen Zara einen so starken Reiz, eine so kindliche Neugierde, daß die Königin vorschlug, aus dem Wagen zu steigen. Es war etwas so Außergewöhnliches, dieser Wunsch der stolzen Friederike, sich zu Fuß in den Staub eines Sonntags hinein zu begeben, und Elysée war hierüber dermaßen erstaunt und verwundert, daß er zögerte . . . »Ist denn Gefahr zu befürchten?« »O! nicht die geringste, Königliche Hoheit! Bloß wird es, wenn wir auf den Jahrmarkt gehen, besser sein, daß uns niemand begleite. Die Livree wird uns zu sehr kenntlich machen.« Auf einen Befehl der Königin nahm der lange Lakei, der sich schon anschickte, ihnen zu folgen, seinen Platz auf dem Sitze ein, und man kam überein, daß der Wagen da, wo er hielt, ihrer warten sollte. Sie rechneten ja ganz sicher darauf, nicht den ganzen Jahrmarkt sich anzusehen, sondern dachten bloß ein paar Schritte bis vor die ersten Buden hin zu machen. Es standen am Eingange kleine fliegende Zelte, ein mit weißem Tuche gedeckter Tisch, Schießbuden, Drehscheiben. Die Leute gingen vorüber, ohne stehen zu bleiben, mit geringschätzigen Blicken. Dann Buden, in denen im Freien gebacken und gebraten wurde, die von einem scharfen Geruch nach verbranntem Fett umlagert waren, und aus denen große hellrosige Flammen in das Tageslicht hinein züngelten, während weißgekleidete Bäckerjungen hinter Bergen von überzuckerten Pfannenkuchen standen. Und der Lederzucker-Sieder, der den weißen, nach Mandeln riechenden Teig zu riesigen Ringeln zieht und dreht! . . . Der kleine Prinz sah mit Verwunderung und Staunen zu. Es war dies etwas so Neues für ihn, der wie ein Vöglein im Käfig gehalten, in den hohen Gemächern eines Schlosses, hinter den vergoldeten Thoren eines Parkes erzogen und mitten unter Schrecknissen, unter Mißtrauen und Groll aufgewachsen war – der niemals anders als in Begleitung ausgegangen war, niemals einen Blick ins Volk gethan hatte, als von einem Balkon herunter oder aus einem von Gardisten umrittenen Wagen heraus. Zuerst war er schüchtern und ängstlich und ging dicht an seine Mutter geschmiegt, die ihn kräftig an der Hand hielt. Nach und nach aber berauschte er sich an dem festlichen Lärm und dem festlichen Dufte. Die Lieder und Weisen der Drehorgeln regten ihn an. Es lag eine tolle Lust darin, so zu laufen, daß er Friederiken mit fortzog, in dieser Lust, die von dem Drange, immer vorwärts, immer weiter zu eilen dort hinunter, wo der Lärm größer, wo die Menge dichter war, bekämpft wurde. Auf diese Weise entfernten sie sich, ohne es gewahr zu werden, von ihrem Ausgangspunkte unter dem Einflusse eines ähnlichen Mangels an Empfindung, wie er bei dem Schwimmer vorhanden ist, den das Wasser in den offenen Strom hinausträgt. Und um so leichter entfernten sie sich weiter und weiter, als niemand sie bemerkte, als unter den anfallenden Kleidern, die hier getragen wurden, das glatte, schlichte Kostüm der Königin aus mehreren mattgelben Farben, Robe, Mantel, Kopfputz in entsprechender Wahl, ebenso unbemerkt vorbeiglitt, wie die bescheidene Vornehmheit Zara's, dessen steif gestärkter großer Kragen, nackte Waden, kurze Jacke einigen gutmütigen Weibern bloß den Ausruf: »Das ist ein Engländer!« entlockten. Er ging zwischen seiner Mutter und Elysée einher, die über die Freude des Kindes ein Lächeln austauschten. »O! Mama! sieh doch nur! Ach, Herr Elysée! was macht man denn dort unten? Laß es uns doch ansehen, Mama!« Und von einer Seite der Straße zur anderen, im wunderlichen Zickzack, geriet man immer tiefer hinein in die sich drängende Menge dadurch, daß man ihrer flutenden Bewegung folgte. »Ob wir zurückgingen?« schlägt Elysée vor. Aber das Kind ist wie trunken. Es bittet, zieht die Mutter an der Hand fort – und sie! sie ist so glücklich, daß sie ihr müdes, verschlafenes Kind aus seinem Stumpfsinne, aus seiner Trägheit gerissen sieht; sie ist selbst so überreizt von diesem gärenden Leben und Weben des niederen Volks, daß man noch immer weiter geht und weiter . . . Der Tag wird wärmer, als wenn die Sonne in ihrem Niedergange mit ihren Strahlenspitzen einen Gewitter-Regen zusammenzöge. Und in dem Maße, wie der Himmel sich verändert, nimmt das Fest mit seinen tausenden von Farben einen feenhaften Anblick. Es ist die Stunde der Schaustellungen. Das ganze Personal der Cirkusse und Baracken ist draußen unter den kleinen Zeltdächern, die vor dem Budeneingange aufgeschlagen sind, vor jenen als Schilder bemalten Leinwanden, die, wenn der Wind sich in sie setzt und sie aufbläht, den gewaltigen Tieren, den Reck- und Turnkünstlern, den Herkulessen, mit denen sie bemalt sind, Leben und Bewegung zu leihen scheinen. Hier ist die Schaustellung des großen Soldatenstückes, eine Entfaltung von Kostümen und Uniformen aus den Zeiten des neunten Karl und des fünfzehnten Ludwig, von Hakenbüchsen und Flinten, von Perrücken zusammen mit Federstutzen; dazu die Marseillaise, gespielt von der Blechmusik des Orchesters, während drüben auf der andern Seite die jungen Rosse eines Cirkus, an weißen Zügeln, wie für Braut oder Hochzeitskutschen geschirrt, auf der Estrade gelehrte Gangarten ausführen, mit dem Hufe Exempel rechnen, mit dem Brustriemen Komplimente schneiden; während nebenan die richtige Gaukler- und Seiltänzer-Bude ihren Bajazzo in der großkarrierten Jacke, ihre »wilden Männer« von kleiner Figur, in den enganliegenden Trikot gepreßt, zur Schau stellt und eine lange Dirne mit sonnengebräuntem Kopfe, ganz in rosa Ballerinen-Kostüm gekleidet, mit goldenen und silbernen Kugeln wirft, mit Flaschen und Messern, mit blitzenden, klirrenden Klingen aus Zinn jongliert, die sich über ihrer mit bunten Glasnadeln hoch aufgesteckten Haarfrisur kreuzen und schneiden. Der kleine Prinz verliert sich in dem Anschauen dieser schönen Person und findet des Bewunderns und Staunens kein Ende, als eine Königin, eine richtige Königin aus der Märchen- und Feenwelt, mit strahlendem Diadem und kurzen Röckchen aus silberdurchwirkter Gaze, an der Rampe lehnend mit übereinander geschlagenen Beinen, sich seinen Blicken zeigt. Er würde nicht müde werden sie zu betrachten; aber das Orchester schafft ihm Zerstreuung; ein Orchester von außergewöhnlicher Art, zusammengesetzt nicht aus französischen Garde-Soldaten, auch nicht aus Herkulessen in Rosa-Trikot, sondern aus richtigen vornehmen Herrschaften: ein Herr mit kurzem Backenbart, schimmernder Glatze und in Jagdstiefeln geruht das Klapphorn zu blasen, während eine Dame, eine richtige vornehme Dame, die eine Wenigkeit von dem feierlichen Wesen der Frau von Silvis an sich hat, in seidener Mantille, den Hut mit zitternden Blumen geschmückt, die große Trommel schlägt, dabei zerstreuten Wesens die Blicke nach rechts und nach links wirft und Schwenkungen mit den Armen macht, welche die Chenille-Fransen ihrer Mantille bis zu den Rosen ihres Hutes hinauf erschüttern. Wer weiß? Wohl am Ende auch eine in Not und Unglück gestürzte Königs-Familie? . . . Aber die Jahrmarktswiese bot anderer erstaunlicher Dinge noch viele. In einem endlosen und ununterbrochen wechselnden Panorama tanzten Bären am Ende ihrer Ketten, Neger im Linnenschurze, Teufel und Teufelinnen mit prall um den Kopf geschnürter Purpurbinde; gestikulierten Faust- und Ringkämpfer von großem Namen, mit in die Hüfte gestemmter Faust, in der andern das dem Dilettanten, der sich zum Kampfe stellen will, bestimmte Unterbeinkleid über der Menge schwenkend; neben ihnen eine Fechtmeisterin im gepanzerten Leibchen, mit roten, goldgezwickelten Strümpfen, die Maske über das Gesicht und über die Hand den ledernen Fechthandschuh gezogen; dann ein in schwarzen Samt gekleideter Mensch, der Ähnlichkeit mit einem, magische Kreise mit seiner diamantenbeknopften Reitpeitsche beschreibenden Columbus oder Copernicus hat; während man hinter der Estrade in einem welken Haar- und Stallgeruche die wilden Tiere der Garel'schen Tierbude brüllen hörte. Alle diese lebendigen Merkwürdigkeiten verquickten sich mit jenen anderen, die bloß im Bilde dargestellt waren: Riesendamen in Ball-Tournüre mit nackten Schultern, mit Armen in rosigem Flaum von dem kurzen Ärmel an im eng zusammen geknöpften Handschuh; Schattenrisse von Somnambulen, welche mit verbundenen Augen die Zukunft lasen und zur Seite eines schwarzbärtigen Doktors saßen; Ungeheuer, Mißgeburten, Naturspiele, sämtliche Verschrobenheiten und Absonderlichkeiten, manchmal überschattet bloß von zwei großen, mittels eines Strickes gehaltenen Tüchern, neben einem Sessel, auf welchem die Büchse für die laufenden Tageseinnahmen steht. Und überall, auf Schritt und Tritt, der König des Festes, der Pfefferkuchen unter allen Gesichtspunkten, allen Gestalten und Formen, in feinen, rot ausgeschlagenen, mit Gold ausgefransten Verkaufsbuden, gewickelt in Glanzpapier mit bunten Bildern, verziert mit Zuckerwerk und mit gebrannten Mandeln – der Pfefferkuchen in Gestalt von Männchen und Weibchen flachen, grotesken Gliederbaus, die alle Pariser Berühmtheiten vorstellen: den Liebhaber von Amanda, den Prinzen ›Hühnersterz‹ mit dem von ihm unzertrennlichen ›Sumpfhuhn‹. Der andre Pfefferkuchen wieder, der in Körben, auf fliegenden Gestellen getragen wird und einen lieblichen Duft nach Honig und gesottenen Früchten durch die langsam dahinflutende, eng zusammengedrängte Menschenmenge verbreitet, in welcher die Bewegung recht schwierig zu werden anfängt. Unmöglich, ganz unmöglich, jetzt die Schritte zurück zu lenken! Man kann nicht anders, als diesem herrischen Strome folgen, vorwärts schreiten, zurück weichen, unbewußt geschoben und gedrängt nach dieser, dann nach jener Bude; denn diese lebendige Flut, die sich inmitten des Festes drängt, sucht und strebt an den Ufern auszutreten, ohne daß es ihr möglich wird einen Ausweg zu finden. Und Gelächter erschallt, Witze werden gerissen in diesem fortwährenden und aufgezwungenen Gedränge und Geschiebe. Niemals hat die Königin das Volk in so dichter Nähe gesehen. Fast durch seinen Atem und durch die rauhe Berührung mit seinen rauhen, derben Schultern gestreift, gerät sie in Verwunderung darüber, daß sie weder Abscheu noch Schrecken empfindet, bewegt sich gemeinsam mit den andern vorwärts, in jenem zögernden Schritte vielköpfiger Mengen, welcher sich anzuhören scheint wie das flüsternde leise Auftreten bei feierlichen Märschen und sich auch im Falle der Abwesenheit von Wagen, eine Art feierlichen Charakters bewahrt. Die frohe Laune von allen diesen Leuten leiht ihr Stärkung und Ruhe, nicht minder auch die überströmende Lustigkeit ihres Sohnes und diese Menge von kleinen Kinderwägelchen, die nicht aufhören sich im dichtesten Gedränge zu bewegen. »Stoßt doch nicht, drängt doch nicht . . . Ihr seht doch, daß hier ein Kind getragen wird!« Nicht ein Kind, sondern zehn Kinder, zwanzig Kinder, hunderte von Kindern, die von den Müttern an der Brust, von den Vätern auf dem Rücken getragen werden. Und über Friederikes Antlitz huscht ein liebenswürdiges Lächeln, wenn sie bemerkt, daß sich das Alter ihres Sohnes mit einem dieser kleinen Volkskinder-Köpfe deckt. Elysée fängt selbst an unruhig zu werden. Er weiß, was für ein bedeutsames Ding eine Menschenmenge ist, so ruhig sie auch ihrem Aussehen nach scheint; er kennt die Gefahren, die ihre Flut und Ebbe in sich schließt. Es soll nur eine von den schweren Wolken über ihren Häuptern bersten und ihre Regenmassen niedersenden, welch ein Durcheinander dann! welch eine Panik dann! Und seine ewig im Brodeln befindliche Einbildungskraft zeigt ihm die Scene, das grausige Ersticken Leib an Leib, jenes Zermalmen und Zerquetschen auf dem Platze Ludwigs des fünfzehnten, jene unheimliche Häufung und Schichtung eines ganzen Volks inmitten von einem zu großen Paris, zwei Schritte entfernt nur von unermeßlichen, leeren, aber unerreichbaren Straßen . . . Zwischen seiner Mutter und seinem Lehrer, die ihn stützen und beschützen, ist's dem kleinen Prinzen ganz warm. Er beklagt sich, daß er jetzt nichts mehr sieht. Da macht es Elysée den Arbeitern nach, die um ihn her sind, und hebt den kleinen Zara auf die Schultern; und nun folgt ein neuer Ausbruch der Freude, des Jubels; denn von so hohem Standpunkte aus ist der Blick, den das Auge über den Festplatz hat, großartig, prächtig. Aus einem von Lichtblitzen und großen wallenden Schatten zerrissenen Abendhimmel, im Bereiche der langen Perspektive, die zwischen den beiden Säulen der Barriere sich eröffnet, wehen zitternd Flaggen und Fähnlein, schlägt klatschend die Leinwand an die Dächer und Giebelstangen der Buden. Die leichten Räder von riesigen Schaukeln führen einen nach dem andern von ihren kleinen, mit Menschen gefüllten Wagen empor in die Luft; ein gewaltiges Karussel von drei Stock Höhe, lackiert und bunt bemalt wie ein Kinder-Spielzeug, dreht sich mechanisch mit seinen Löwen, Leoparden, gespenstischen Drachenfiguren, auf denen die Kinder stocksteif sitzen wie Hampelmännchen oder Drahtpuppen. In größerer Nähe von ihnen steigen rote Ballons auf in Reihen und Scharen; unzählige Windmühlen aus gelbem Papier, die Ähnlichkeit haben mit künstlichen Sonnen, drehen sich und schwirren, und Unmengen von kleinen, kerzengerade gehaltenen Köpfchen mit Haaren von aschblonder Färbung, wie Zara's, ragen über die Menge herauf. Die Strahlen der zur Rüste gehenden Sonne, deren Glanz um ein weniges verblaßt ist, treffen auf den Wolken Reflexe von leuchtenden Flächen, welche die Gegenstände bald aufhellen, bald in Dunkelheit hüllen; und dieser Umstand erhöht noch die Wirkung jener Perspektive. Hier treffen sie auf einen Hanswurst und eine Colombine, ein paar weiße Flecke bildend, die sich, er hüben und sie drüben, abzappeln, eine Pantomime in Kreidemanier auf dem schwarzen Hintergrunde der Gauklerbühne. Dort unten wieder steht ein langer, sich biegender, schmiegender Hanswurst, den spitzigen Hut eines griechischen Schafhirten auf dem Kopfe, und macht mit den Händen die Bewegung, als schöbe er, stieße er die in schwarzer Flut über die Treppe strömende Menge wie Brotlaibe in den Backofen. Er hat den großen Mund weit aufgerissen, dieser Hanswurst, denn er muß schreien, brüllen; aber man hört ihn nicht, hört auch die Glocke nicht, die wütend im Winkel einer Schaubühne geläutet wird, hört auch die Schüsse aus Hakenbüchsen nicht, während man doch sieht, wie sie geladen werden, und den Pulverdampf sieht, den der Schuß aus ihnen hinterläßt. Es verliert sich aber alles in dem Tosen des Jahrmarktes, einem elementaren Tosen, das sich zusammensetzt aus einem unharmonischen und universellen »Tutti« von Schnarren und Flöten, von Pauken und Trommeln, von Sprachrohren, von Brüllstimmen wilder Tiere, von Drehorgel-Geleier und Dampfpfeifen-Signalen. Es läßt sich keiner vom andern überbieten in dem Bemühen, die Menge anzulocken; jeder weiß daß, wie's beim Bienenschwarm nicht anders geht, auch beim Menschenschwarm derjenige die meisten davon zu sich heranlockt, der die unverwüstlichsten, lärmendsten Werkzeuge hierzu in Gang setzt. Dazwischen tönt schrilles Geschrei aus den Schaukeln heraus und von den Karussels herüber, während alle zehn Minuten die Züge der Gürtelbahn, auf gleicher Höhe mit der Jahrmarktswiese, vorbei und mit ihrem Pfeifen und Zischen durch diesen tollen Lärm, ihn noch übertönend, hindurchsausen. Plötzlich üben aber die Anstrengung und der erstickende Dunst, den diese Menschenflut ausströmt, die Blendung einer schräg und heiß herniedersengenden Fünf-Uhr-Nachmittagssonne, in deren Bereich der tanzenden, leuchtenden Dinge so viele sich drehen und wirbeln, eine betäubende, Schwindel verursachende Wirkung auf die Königin, so daß sie gezwungen ist, stehen zu bleiben. Es bleibt ihr kaum soviel Zeit noch, daß sie Elysée's Arm ergreift, um nicht zu fallen; und während sie sich stützt, sich an ihn klammernd, aufrecht und bleich, kann sie gerade noch die Worte lallen: »Nichts . . . es ist nichts« – aber ihr Kopf, dessen Nerven schmerzhaft schlagen, ihr ganzer Körper, der der Empfindung des Seins verlustig geht, überläßt sich ihm eine Minute . . . eine einzige . . . o! nimmer, nimmer wird er ihrer vergessen, dieser einzigen Minute! . . . Es ist vorüber. Jetzt ist Friederike im Besitze ihrer Kraft, ihrer Stärke. Ein Hauch von Frische hat ihre Stirn getroffen, hat ihr rasch wieder Leben eingehaucht. Indes läßt sie den schützenden Arm nicht los, und dieser Königinnen-Schritt, der sich dem seinigen anpaßt, dieser Handschuh, der sich mit lauer Wärme an ihn lehnt, verursachen Elysée ein unaussprechlich verwirrendes, berauschendes Gefühl . . . Die Gefahr, die Menge, Paris, das Fest – alles ist vergessen – an nichts mehr denkt er. Er weilt in dem unmöglichen Lande, wo sich die Träume verwirklichen mit allem ihrem Zauberwerk, mit all ihren Wunderlichkeiten der Traumwelt. In dieses Volksgewühl eingepfercht, schreitet er, ohne dasselbe zu hören, zu sehen, getragen von einer Wolke, die ihn umhüllt bis hinauf zu den Augen, die ihn drängt und stößt, ihn stützt und hält, die ihn unmerklich hinausführt aus der Allee . . . Und dort erst faßt er wieder Boden, dort erst gelangt er wieder zur Kenntnis seiner selbst . . Der Wagen der Königin ist weit. Jede Möglichkeit, wieder zu ihm zu gelangen, ist abgeschlossen. Es bleibt nichts übrig, als zu Fuße nach der Rue Herbillon zurückzugehen, in dem niedersinkenden Dämmerlicht breiten Alleen zu folgen, durch Straßen zu schreiten, die hüben und drüben mit Kneipen und Schänken bestanden sind, in denen es von fidelen Ausflüglern und Spaziergängern wimmelt. Es ist so recht ein loser, ein mutwilliger Streich, den sie da ausgeführt haben; aber weder er noch sie machen sich ernstlich Gedanken über die Seltsamkeit dieser Heimkehr. Der kleine Zara schwatzt, schwatzt in einem fort, wie es nach einem Feste die Kinder alle thun, die es drängt, alles was sie von Bildern, Gedanken, Ereignissen mit den Augen in sich aufgenommen haben, durch einen kleinen Mund zu verdolmetschen. Elysée und die Königin verhalten sich schweigsam. Er zittert und bebt noch am ganzen Leibe, sucht sich die köstliche und eindringliche, rührende Minute, die ihm das Geheimnis, das traurige Geheimnis seines Lebens enthüllt hat, jetzt in die Erinnerung zurück zu rufen; jetzt wieder sucht er, es aus seinem Sinne zu bannen, ihm zu entfliehen. Friederike überdenkt alles, was sie eben von unbekannten, ihr neuen Dingen gesehen. Zum ersten male hat sie den Schlag des Volks-Herzens gefühlt, hat ihr Haupt auf die Schulter des Löwen gelegt. Es ist ihr eine mächtige und süße Empfindung hiervon verblieben – eine Empfindung, wie die einer Umschlingung durch eine zärtliche, beschützende Seele. Achtes Kapitel. Der große Coup. Die Thür schlägt zu, jäh, mit selbstherrlichem Rucke. Sie jagt einen Windstoß vom einen Ende der Agentur zum anderen hin, der die blauen Schleier, die Mackintosch-Mäntel aufbläst, die Rechnungen in den Fingern der Kommis schüttelt und die Federchen auf den Baretts der im Laden befindlichen Damen erzittern macht. Es streckten sich Hände aus, neigten sich Stirnen: J. Tom Lewis hatte eben seinen Eintritt bewirkt. Ein Lächeln rings durch den Raum; zwei, drei sehr kurze, schneidige Weisungen an die Buchhalterei; soviel Zeit noch, um mit außerordentlich frohlockender Stimme die Frage zu stellen: »ob die Sendung an Seine Königliche Hoheit den Herrn Prinzen von Wales schon effektuiert sei,« – und schon war er drinnen in seinem Kabinett, und die Kommis gaben sich durch Zwinkern mit den Augen untereinander Kenntnis von der Bemerkung, die sie gemacht hatten, daß ihr Herr Chef heute bei erstaunlich vergnügter Laune sei. Ganz sicher war etwas neues vorgegangen. Die gesetzte, friedsame Sephora sogar begriff das hinter dem Gitterwerke ihres Schreibtisches und befragte sich, als sie Tom hereintreten sah, mit leiser Stimme: »Was giebt es denn?« »Allerhand!« sagte der andere; und ein breites, stilles Lächeln trat ihm auf den Mund, während seine Augen die bei großen Anlässen an ihnen bekannte Drehung um die eigene Achse machten. Er winkte seiner Frau. »Komm!« Und beide stiegen die fünfzehn engen und schmalen, mit Kupfer belegten Stufen hinunter, welche zu einem Schmollzimmerchen unter der Erde führten, das sehr kokett tapeziert und mit Gardinen und Vorhängen ausgeputzt, mit einem Divan und einer ›Prinzessin-Toilette‹ möbliert und fast ununterbrochen mit Gas beleuchtet war, da das kleine Guckfenster, durch welches der Raum nach der Rue Royale hin Licht erhielt, durch ein mattpoliertes Glas, dick wie ein Stück Horn, geschlossen blieb. Von hier aus hatte man Zugang zu den Kellern und dem Hofe: ein Umstand, welcher Tom gestattete, ein- und auszugehen, ohne gesehen zu werden, und unangenehmen Persönlichkeiten, wie auch Gläubigern aus dem Wege zu gehen. Bei so verwickelten Geschäften, wie es die Geschäfte der Agentur waren, sind dergleichen Comanchen-Schliche unerläßlich. Ohne sie würde das Leben sich in Streitigkeiten und Zänkereien aufreiben. Die ältesten Kommis von Tom, Leute, die also fünf und sechs Monate in seinen Diensten standen, waren niemals in diesen geheimnisvollen Raum unter der Erde gestiegen, wohin allein Sephora zu dringen das Recht hatte. Es war der intime Winkel des Agenten, sein Innerstes, sein Gewissen; es war der Cocon, die Puppe, woraus er jedesmal in neuer Wandlung hervorging, etwas wie eine Komödianten-Loge, mit welcher übrigens das Boudoir in diesem Augenblicke sehr starke Ähnlichkeit hatte infolge des hellen Lichts, das auf die Marmorplatte und Falbel-Gardinen der Toilette und die absonderliche Pantomimik geworfen wurde, welcher sich Herr J. Tom Lewis, Fremden-Geschäftsführer, hingab. Mit einer einzigen Handschwenkung knöpfte er seinen langen englischen Rock auf, warf ihn weit von sich, ließ ihm erst eine, dann eine zweite Weste, die buntscheckigen Westen des Cirkusmenschen, folgen, wickelte sich die zehn Meter weißen Musselin vom Halse, die seine weiße Halsbinde bildeten, wickelte sich die um seinen Leib übereinandergelegten Flanellbinden ab – und aus dieser majestätischen, schlagflüssigen Korpulenz, die in dem ersten, dem einzigen zu damaliger Zeit bekannten Cab durch Paris spazieren gefahren wurde, stieg plötzlich mit einem »Uff!« der Genugtuung und Befriedigung ein kleiner, dürrer, nervöser Mensch heraus, nicht dicker als eine abgewickelte Garnspule, ein greulicher Gassenstrick aus Paris in den Fünfzigern, den man aus dem Feuer geholt, aus dem Kalkofen gezogen hatte mit den verheerenden Runzeln, Narben, Spuren der Verbrennung, und trotz allem ein Mensch mit einem halb jugendlichen, rangenhaften Wesen, der echte alte Mobilgardist von '48, der wirkliche Tom Lewis; nämlich Narciß Poitou, der Sohn eines Tischlers aus der Rue d'Orillon. Aufgewachsen in den Spänen der väterlichen Werkstatt bis zu seinem zehnten Lebensjahre; vom zehnten bis zum fünfzehnten erzogen durch die Arbeiterschule, die der Verein zur Besserung der Menschenrechte ins Leben gerufen, und durch die Straße, jene unvergleichliche Schulmeisterin unter freiem Himmel, hatte Narziß frühzeitig den Abscheu vor dem gemeinen Volk und vor auf Fingerthätigkeit angewiesenen Lebensberufen, gleichzeitig hiermit auch eine verzehrende Einbildungskraft in seinem Innern erwachen fühlen, daß die Pariser Gosse, mit all den fremdartig zusammengewürfelten Bestandteilen, die sie führt, eine bessere Nahrung böte als irgend welche andere Laufbahn von langer Dauer. Noch als er Kind war, schmiedete er schon Pläne, machte er schon Geschäfte. Später hinderte ihn diese Beweglichkeit der Sinnesthätigkeit daran, seine Kräfte zu festigen, sie produktiv zu machen. Er ging auf Reisen, unternahm tausenderlei Sachen, war in tausenderlei Berufen thätig. In Australien Goldgräber, in Amerika Squatter, in Batavia Komödiant, in Brüssel Spitzel, ließ er sich, nachdem er Schulden in beiden Erdteilen gemacht, nachdem er in allen vier Ecken des Weltalls Leute so an der Nase geführt und geprellt hatte, daß sie platt am Boden lagen, als Geschäftsvermittler, als Kommissionär in London nieder. In London lebte er ziemlich lange; und wäre nicht seine schreckliche, unersättliche Phantasie gewesen, eine Phantasie, die, immer hungrig nach Genüssen, ununterbrochen ihn von Vergnügen zu Vergnügen jagte, so hätte er dort sein Glück machen können; statt dessen aber stürzte ihn diese Phantasie in das schwarze Elend Britanniens. Dieses mal sank er tief, sehr tief – wurde eines Nachts im Hyde-Park, wo er den Schwänen im Bassin nachstellte, aufgegriffen und für diese Wilddieberei vornehmster Art zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt. Diese mehrmonatliche Haft setzte seinem Ekel an dem freien Großbritannien die Krone auf, und er kehrte wieder schiffbrüchig, arm und bloß auf das Pariser Pflaster zurück, von wo er ausgegangen war. Eine wunderliche Laune, die mit seinem Hanswurst- und Komödianten-Instinkte zusammenhing, war noch die, sich mitten im Kern von Paris als Engländer naturalisieren zu lassen. Es war dies für ihn infolge seiner Kenntnis der Sitten und Sprache Englands und des ihm eigenen mimischen Talents für Nachäffung anglosächsischen Wesens eine leichte Sache. Der Gedanke kam ihm instinktiv, plötzlich, bei seinem ersten Geschäft, bei seinem ersten »großen Coup«, den er als Zwischenhändler machte. »Wen soll ich anmelden?« fragte ihn unverschämt ein langer Wicht in Livree. Poitou sah sich so schäbig und von so trauriger Gestalt in dem großen weiten Vorgemache stehen, daß er schier zitterte davor, hinausgewiesen zu werden, ehe er sich hätte Gehör schaffen können. Er fühlte den Drang, dies alles durch irgend etwas, das vom gewöhnlichen Schlendrian abwich, durch etwas Fremdes, Absonderliches, zu beseitigen. ›› Aoh! . . . melden Sie Sir Tom Lewis an!« Und vom selben Augenblicke an fühlte er sich gehoben, gestählt unter diesem in der Minute geschaffenen Namen, in dieser angeborgten Nationalität, fand er Unterhaltung, Zerstreuung darin, die Besonderheiten, die Bräuche und Narrheiten, die zu einer solchen Rolle gehören, auszubilden, zu vervollkommnen – ungerechnet die Aufmerksamkeit, mit der er seine Ansprache, seine Körperhaltung zu überwachen hatte – legte er sehr geschwind seinen Übereifer ab, dämpfte er das in ihm überkochende Feuer und gönnte sich, während er sich das Ansehen gab, als suche er nach fehlenden Ausdrücken und Worten, die Muße, auf Kniffe und Ausflüchte zu sinnen. Seltsame Sache! Von den unzähligen Kombinationen dieses von Hilfsmitteln und Ideen übervollen Gehirns schlug ihm dieses, das von allen am mindestgesuchte, am besten ein. Ihm verdankte er die Bekanntschaft mit Sephora, welche damals auf den Champs-Elysées eine Art von Familien-Hotel führte. Es war ein niedliches Logierhaus von drei Etagen, mit rosa Gardinen verhängt; nach der Avenue d'Autin zu eine kleine Freitreppe zwischen großen, mit frischem Grün und mit Blumen geschmückten Asphalt-Bahnen. Die Hausherrin, immer auf dem Posten, setzte an einem Fenster im Erdgeschoß ihr ruhiges, göttliches Angesicht zur Schau, das sich gebeugt hielt über irgend eine Handarbeit oder ihr Kassabuch. Drinnen im Hause eine wunderliche Gesellschaft von fremdländischem Anstrich, Clowns, ›Buchmacher‹, Bereiter, Roßkämme, die angloamerikanische Bohême, die schlimmste von allen, der Abschaum der Schichten, der Auswurf der Spielhöhlen. Das weibliche Personal rekrutierte sich aus den Quadrillen von Mabille, deren Gefiedel an Sommerabenden aus nächster Nähe zu hören war, das sich mit der lärmenden Unterhaltung im ›Familien-Hotel‹, mit dem Klappern der Spielmarken und dem Klimpern der Louisd'ors vermischte; denn nach dem Diner wurde sehr hoch gespielt. Mietete sich manchmal, irre geführt durch die auf der Front des Hauses stehende Lüge, eine anständige Ausländer-Familie ein, so wurde sie schnell, am ersten Tage schon, kaum daß sie die Koffer aufgeschnallt hatte, durch das seltsame Aussehen, das die hier verkehrenden Gäste aufwiesen, durch den befindlichen Ton, der in ihren Reden herrschte, wieder verjagt. In diesem Rahmen von Abenteuern und »Machern« eroberte Meister Poitou oder vielmehr Tom Lewis, dieser kleine, unterm Dache einquartierte »Logisherr«, sehr geschwind durch seine Lustigkeit, Schmiegsamkeit, seine Geschäftspraxis in allem, womit sich ein Geschäft machen ließ, eine Stellung. Er legte das Geld der Dienerschaft an und gewann durch sie das Vertrauen ihrer Herrin. Wie hätte ihm dieses Vertrauen auch nicht zu teil werden sollen bei diesem gutmütigen, offenen und ewig lächelnden Angesicht, das er sein eigen nannte? bei diesem unverwüstlichen Humor, der ihn zum köstlichsten Mitgliede der Tafelrunde machte? der den Gast animierte, dem Tisch seine Würze lieh, der bei Wetten und Trinkgelagen den Ton angab? So kalt und verschlossen die schöne Wirtin des Familien-Hotels gegen jedermann auch war, für Herrn Tom, aber auch nur für ihn, war sie zugänglich. Häufig des Nachmittags, wenn er kam oder ging, verweilte er in dem kleinen Geschäftszimmer des Hotels, das ein Muster von Sauberkeit und gutem Geschmack war und worin es an Spiegeln und weichen Matten reichen Überfluß hatte. Sephora erzählte ihm von ihren Geschäften, zeigte ihm ihre Juwelen und ihre Bücher, zog ihn zu Rate über das Menu des Tages oder über die Art, wie man die große tütenblumige Aronswurz pflegt, die neben ihr in einem Faïence-Napfe von Minton schwamm. Sie lachten zusammen über die Liebesbriefe, über die Anträge von allerhand Art, die sie empfing; denn Sephora war eine Schönheit, die durch Empfindung keinen Wandel litt. Temperamentslos, wahrte sie ihre Kaltblütigkeit überall und jederzeit, behandelte die Leidenschaft als eine Sache des Geschäfts. Man sagt gemeinhin, daß bei der Frau nur der erste Liebste zähle; derjenige, der bei Sephora als solcher galt, der sechzigjährige Greis, den Papa Leemans ihr auserwählt hatte, der hatte ihr das Blut zu Eis erstarrt für ewig und alle Liebe in ihr vernichtet. Sie hatte für nichts anderes Auge und Sinn als für das Geld – in zweiter Linie für Ränke und Schliche, für Hinterlist, Betrug und Geschäft. Dieses wunderbare Wesen war aber im Trödel geboren und für nichts anderes als für den Trödel geboren. Nach und nach knüpfte sich zwischen ihr und Tom ein Band, eine Freundschaft, wie sie der Oheim für das Mündel, das Mündel für den Oheim empfindet. Er war ihr Berater, ihr Führer und legte hierin jederzeit eine Geschicklichkeit an den Tag, gebot über eine Fruchtbarkeit der Phantasie, die diese gesetzte und methodische Natur, in welcher sich der Fatalismus des Juden mit dem schwerfälligen Temperamente des flandrischen Volkes verquickte, in Erstaunen und Entzücken versetzte. Niemals erfand oder ersann sie etwas gleich in der Minute – und Tom's Gehirn, dieses in einem fort im Brande befindliche Feuerwerk, mußte sie blenden. Und was ihm in ihren Augen die Krone aufsetzte, das war die Rede, die sie eines Abends von ihrem Kostgänger vernahm, nachdem er während des Diners auf die possierlichste Weise geradebrecht hatte – die Rede, die er ihr ins Ohr flüsterte, als sie sich nach ihrem Kontor begab: »Und Sie merken doch: von Engländer keine Bohne!« Von diesem Tage an begeisterte sie sich für ihn, oder vielmehr – denn die Empfindungen werten nur nach dem Etikett – vernarrte sich in ihn, wie eine Dame der Gesellschaft sich in den Schauspieler vernarrt, den sie allein kennt so, wie er aussieht fern von den Lampen, ohne Schminke, ohne Kostüm, den sie allein kennt so, wie er ist, und nicht so wie er den anderen scheint; die Liebe wird eben immer Privilegien begehren! Nun stiegen sie beide heraus aus der nämlichen Pariser Gosse. Sie hatte den Saum von Sephora's Röcken besudelt, und Narciß hatte sich in ihr gewälzt; aber den Schmutz und die Vorliebe für Schlamm und Unrat bewahrten sie sich beide aus dieser Zeit. Das Vorstadt-Gepräge, die gemeine, grobe Falte, die der Hanswurst-Physiognomie des Bummlers als Bindfaden dient, mit dem sie in Bewegung gesetzt wird, und die zuweilen einen Zipfel von der Larve des Engländers lüftete; diese Merkmale ließ Sephora blitzesgleich in den biblischen Linien ihres Gesichtes sehen, fand sie wieder in der Ironie, in dem bodenlos gemeinen Lächeln ihres Salome-Mundes. Diese seltsame Liebe zwischen der schönen Frau und diesem Ungetüm von Mann wurde nicht schwächer, sondern wuchs in dem Verhältnis, wie Sephora's Einblick in das Leben des losen Gesellen sich festigte, wie ihre Kenntnis seiner Ränke, seiner Grimassen und Streiche sich mehrte, von der Erfindung des Cabs an bis hinauf zu der andren Erfindung der vielfachen Westen, mit deren Hilfe J. Tom Lewis, da er sich nicht größer machen konnte, versuchte, doch wenigstens majestätisch zu erscheinen; je mehr sie sich mit dieser so unvermuteten, im ewigen Wirbel von Plänen, Träumen, großen und kleinen Coups kreisenden Existenz verquickte. Und dieser Affe von Mensch gebot über solche Kraft, daß er sie nach einer zehnjährigen, legitimen und philisterhaft geführten Ehe noch immer unterhielt und vergnügte, ihr noch immer ein lieber Mann war, wie in der ersten Zeit ihres Beisammenlebens. Um sich hiervon zu überzeugen, wäre nichts weiter notwendig gewesen, als sie heute zu sehen, wie sie, rücklings auf dem Divan des kleinen Boudoirs liegend, sich vor Lachen wand und kugelte und mit begeisterter, verzückter Miene rief. »Ist das dumm! ist das albern!« – während Tom im prallsitzenden, fleischfarbigen Trikot, reduziert auf seinen nüchternsten, kahlsten, eckigsten, knochigsten Ausdruck, sich vor ihr in einem rasenden Zappeltanze mit groben Gebärden und wütendem Gestampf drehte und wirbelte. Als sie beide müde geworden waren, sie vom Lachen und er von seinem Zappeltanze, warf er sich neben ihr auf den Divan hin, näherte seine Affenfratze diesem Engelsköpfchen und hauchte ihr seine Freude in das Gesicht. »Mit den Sprichts sind wir fertig! Die sind in Grund und Boden hinein vernichtet! Spricht und seine ganze Bagage! Ich habe meinen Coup nun aufgestöbert! den großen Coup, den gewaltigen Coup!« »Ganz gewiß? Ei! wer ist's denn, dem er gilt?« Der Name, den er nannte, führte auf Sephora's Lippen ein allerliebstes Schmolllippchen von Verachtung und Geringschätzung: »Wie! dieser große Gimpel? . . . Aber er besitzt ja keinen Sou mehr . . . Wir haben ihn geschoren, rasiert, ihn und seinen illyrischen Löwen . . . Es bleibt ihm ja nicht mehr soviel Flaum auf dem Rücken!« »Schilt mir den Leu von Illyrien nicht, mein Töchterchen! Das bloße Fell ist seine zweihundert Millionen wert,« sagte Tom, indem er in sein Phlegma zurückfiel. Die Augen der Frau blitzten. Jede Silbe mit scharfem Drucke betonend, wiederholte er: »Zweihundert Millionen!« Dann setzte er ihr kalt und klar den ›Coup‹ auseinander. Es handelte sich darum, Christian den Zweiten dazu zu bewegen, daß er auf die vom Laibacher Landtage gemachten Vorschläge einginge und seine Rechte für die schöne Summe, die man ihm böte, abträte. Um was handelte es sich denn alles in allem? Eine Unterschrift sollte er machen – nichts weiter! Christian allein würde sich schon längst hierzu entschlossen haben. Die Umgebung, vornehmlich die Königin, wäre es einzig und allein, die ihn zurückhielte, die ihn verhinderte, diese Verzicht-Urkunde zu unterzeichnen. Heut oder morgen würde es schließlich doch dazu kommen müssen. Es wäre kein Kreuzer mehr im Hause. Man wäre schon in ganz Saint-Mandé Geld schuldig, beim Schlächter, beim Getreidehändler – denn trotzdem die Herren so im Pech säßen, würden im Stalle doch noch Pferde gehalten. Und dabei die Haushaltung immer noch auf großem Fuße, die Tafel tagtäglich fein gedeckt, nach außen hin der Schein von Luxus, während unter der Hand Entbehrungen ganz unheimlicher Art ertragen würden. Das königliche, mit der Krone gezeichnete Linnenzeug zerrisse in den Schränken und würde nicht ersetzt. Die Ställe wären leer, die größten Silberstücke wären zum Pfandleiher gewandert, und das kaum auf ausreichendem Fuße vorhandene Dienstpersonal bliebe häufig monatelang ohne Besoldung. Alle diese Einzelheiten wüßte Tom aus dem Munde des Lakeien Lebeau, der ihm auch die Geschichte von den zweihundert Millionen, die vom Laibacher Landtage als Abfindungssumme ausgesetzt worden seien, und von dem Auftritte mitgeteilt hätte, zu welchem dieser Vorschlag im Hause des Königs Veranlassung gegeben hätte. Seitdem der König Kenntnis davon besäße, daß ihm zweihundert Millionen in so dichter Nähe, gleichsam auf dem Präsentierteller, dalägen und für eine Federspitze voll Tinte erhältlich seien, wäre er nicht mehr derselbe, lachte er nicht mehr, redete er nicht mehr, brütete er immer über dieser Idee, die sich, wie ein neuralgischer Fleck auf ein und derselben Stirnseite, in seinem Hirn festgesetzt hätte. Er bekäme Anfälle von Verbissenheit und schlimmster Laune, seufzte im Stillen tief und schwer. In seinem persönlichen Dienste wäre indes keine Veränderung eingetreten; er hätte seinen Sekretär nach wie vor. Auch herrschte der gleiche verschwenderische Luxus im Mobiliar und in der Garderobe. Diese in ihrem Stolz verbissene Friederike, die allen ihre Notlage durch ihre Hoheit zu verbergen meinte, würde niemals geduldet haben, daß der König unter irgendwelcher Entbehrung zu leiden hätte. Wenn er einmal zufällig in der Rue Herbillon speiste, dann wäre der Tisch verschwenderisch gedeckt. Was hingegen fehlte, was sie nicht beschaffen könnte, das wäre das Taschengeld, dessen der König für den Klub, für das Spiel, für die Damen benötigte. Augenscheinlich würde der König hierdurch unterliegen. Es würde ein Morgen kommen, nachdem er einmal lange in der Nacht beim Baccarat oder beim Bouillotte-Spiel gesessen, an welchem er nicht bezahlen konnte – und wenn er nicht schuldig bleiben wollte – man denke sich doch nur Christian als Schuldner im ›Grand Club‹ ausgehängt! – dann würde er eben nach seiner schönen Feder greifen und sein Demission als Herrscher mit einem einzigen Federzuge unterschreiben! – Es würde so weit sogar schon gekommen sein ohne den alten Rosen, der insgeheim, dem Verbote der Königin zum Trotz, für Seine Majestät wieder zu bezahlen anfinge. Es wäre übrigens auch der Plan im Gange, ihn dahin zu bringen, daß er über das Niveau der kleinen laufenden Schulden hinausginge, daß er zu wirklichen Geld- Ausgaben im großen Stile verleitet, in Verpflichtungen nach allen Seiten hin gestürzt werden solle, welchen die Hilfsquellen des alten Herzogs nicht gewachsen seien. Das erforderte freilich eine sehr beträchtliche Geldsumme als Vorschuß, als Anlage-Kapital. »Aber,« sagte Tom Lewis, »das Geschäft liegt so prächtig, daß es uns an Geldmitteln hierzu nicht fehlen wird. Das beste würde sein, mit dem Vater Leemans über die Sache zu reden und die diesbezüglichen Operationen auf den Familienkreis zu beschränken. Was mir einzig und allein noch Kopfschmerzen macht, das ist die große Triebfeder, die Frau.« »Welche Frau?« fragte Sephora, indem sie die harmlos blickenden Augen weit aufriß. »Diejenige Frau, die es auf sich nehmen wird, dem illyrischen König den Strick um den Hals zu legen . . Wir müssen ein Frauenzimmer haben von der gierigsten Art, ein Frauenzimmer, das einen kräftigen Magen hat, die sich sogleich an die derben Happen macht.« »Amy Férat vielleicht?« »Ach, was! . . . Abgebraucht, überabgebraucht! . . . Und dann nicht ernst genug bei der Sache! Das soupiert und singt und flötet, spielt Hochzeit wie in der schönsten Jugendzeit . . . Die ist kein Frauenzimmer, die ihr Milliönchen im Monat in Ruhe und Frieden herauslocken könnte ohne allerhand Versuche, sich im eigenen Nutzen daran zu vergreifen, für sich das möglichste herauszuschlagen dadurch, daß sie recht lange zappeln läßt, sich ›en detail‹ quadratcentimeterweise verschachert . . . ein Frauenzimmer, das auf diese Weise teurer zu stehen kommen würde als eine Baufläche in der Rue de la Paix.« »O! ich fühle schon, wie man die Sache drehen müßte,« sagte Sephora, träumerisch . . . »Aber die Person!« »Ach ja! das ist's ja! . . . Die Person! wer? wer?« Und das stumme Lachen, das sie austauschten, war soviel wert wie ein geschlossener Pakt. »Aber geh doch! keine Mätzchen, Du! Da Du nun doch schon einmal A gesagt hast . . .« »Wie! so weißt Du also? »Sehe ich denn sein Getändel nicht, wenn er Dich ansieht? sehe ich denn nicht, wie er sich ans Gitter postiert, sobald er meint, ich sei ausgegangen? . . . Übrigens macht er ja gar kein Geheimnis daraus und erzählt jedem, der ihm zuhören will, von seiner Liebe . . . Er hat's ja sogar eigenhändig ins Klub-Buch eingeschrieben und unterschrieben!« Als sie die Geschichte von der Wette hörte, geriet die ruhige Sephora in Erregung. »Ach! wirklich! . . . Zweitausend Louis für meine Gunst? . . . Na, Schockschwerenot! das ist denn doch zu stark!« Sie stand auf, machte ein paar Schritte, um ihren Zorn abzuschütteln; dann wendete sie sich zu ihrem Manne. »Du weißt doch, Tom, daß es nun länger als ein Vierteljahr her ist, daß ich diesen langen Damian an meinen Schößen hängen lasse . . . Ei, da soll doch! . . . Nun, sieh! nicht 'mal soviel hab' ihm vergönnt!« Man hörte, wie eine kleine Kralle gegen einen Zahn anschlug, der nach nichts anderem als zu beißen begehrte. Sie sprach keine Lüge. Seit der Zeit, da er sie aufs Korn genommen hatte, war er noch immer nicht weiter gekommen, als ihre Fingerspitzen zu berühren, hinter ihr her an ihren Federhaltern zu knabbern, sich an dem Knistern, dem Rauschen ihres Rockes zu berauschen. Noch nie in seinem Leben war diesem ›scharmanten Prinzen‹ etwas dergleichen widerfahren, der von den Frauen gehätschelt, mit begehrlichem Lächeln und duftigen Brieflein bestürmt wurde. Sein hübscher friesirter Kopf, auf dem der Eindruck einer Krone weilte, die von der Königin mit Weisheit unterhaltene Legende von der heroischen Verteidigung Ragusa's, und vor allem der duftige Verführungshauch, welcher die geliebten Wesen einhüllt, waren für ihn im Faubourg gleichbedeutend gewesen mit wirklichen Erfolgen. Mehr als eine junge Frau hätte ein Seidenäffchen, gebettet auf einem vornehmen Boudoir-Teppich, aus dem königlichen Käfig zeigen können; und in der Kulissenwelt, die im großen und ganzen monarchisch gesinnt ist und wohlwollender Denkungsart sich befleißigt, gab der Umstand, das Portrait Christians des Zweiten in ihrem ›Souvenir‹ zu haben, einer Dame sogleich ein richtiges Ansehen. Dieser Mann, der daran gewöhnt war, die Augen, die Lippen, die Herzen ihm entgegeneilen zu fühlen, niemals seinen Blick auszuwerfen, ohne daß etwas an der Spitze desselben zappeln blieb, vertrödelte seine Zeit, verbitterte sich das Leben seit Monaten angesichts der friedsamsten, kältesten Natur, die es auf Erden wohl geben konnte. Sie spielte an der Kasse Modell, zählte, rechnete, wendete die schweren Kontoblätter um, ohne dem Seufzerbold mehr als die samtene Rundung ihres Profils im Verein mit dem Zittern eines Lächelns zu zeigen, das in dem Augenwinkel, am Rande der Wimpern sein Ende fand. Die Grille des Slaven fand im ersten Augenblicke Vergnügen an diesem Kampfe; auch mischte sich die Selbstliebe dazwischen, da er alle Augen des ›Grand-Club‹ scharf auf sich gerichtet wußte. So wurde die Sache schließlich zur wirklichen Leidenschaft, die durch die Hohlheit und Leere dieses Daseins ohne Beschäftigung, ohne Arbeit, in welchem die Flamme kerzengerade, ohne Hindernis emporstieg, Nahrung und Speisung fand. Er kam Tag für Tag gegen fünf Uhr, in dem schönen Momente des Pariser Tagewerks, zur Stunde der Visiten, in welcher über die abendlichen Vergnügungen Entscheidung getroffen wird; und einer nach dem andern der sämtlichen jungen Herren aus dem Club, die in der Agentur ihren »Lunch« einnahmen und Sephora umschwirrten, räumte ihm respektvoll das Feld. Diese Fahnenflucht, welche die Ziffer der laufenden Geschäfte kleineren Umfangs verringerte, vermehrte die Kälte der Dame; und als der Leu von Illyrien nichts mehr einbrachte, fing sie bereits an Christian fühlen zu lassen, daß er sie störte, ihr lästig würde, daß er sich des halboffenstehenden Winkels ihres Drahtgitters mit allzu viel königlicher Freiheit bemächtigte – als sich dies alles mit einem male, von heute auf morgen, veränderte, von dem Tage nämlich an, an welchem sie jene Unterredung mit Tom gehabt hatte. »Majestät sind gestern Abend in den ›Fantaisies‹ gesehen worden . .« Bei dieser im Frageton geäußerten Bemerkung, die von einem ängstlichen und traurigen Blicke begleitet wurde, fühlte sich Christian der Zweite von einer Verwirrung übermannt, die seinem Herzen köstlich wohlthat. »Ja! Wirklich . . . ich bin dort gewesen . . .« »Nicht – allein?« »Aber . . .« »Ach! . . . Giebt's doch glückliche Frauen!« Um das Herausfordernde, das in ihrer Rede lag, abzuschwächen, setzte sie auf der Stelle hinzu, daß sie seit langer Zeit schon fürs Leben gern einmal in dieses kleine Theater gegangen wäre, »um mir, Sie wissen schon, diese schwedische Tänzerin anzusehen« . . . Aber ihr Mann führte sie ja nirgends wohin! Er trug ihr sein Geleit an. »O! Sie sind zu sehr bekannt . . .« »Wenn wir uns in den Schatten einer Loge setzen . . .« Kurz, es wurde für den andern Tag ein Rendezvous verabredet; denn das war gerade Tom's Ausgeh-Abend. Welch eine köstliche Sache doch war dies! Auf dem Rückplatz der Loge saß sie in wohlberechneter und taktvoller Toilette, von einer Kindesfreude erfüllt, daß es ihr vergönnt war, diese Ausländerin zu sehen, die damals im Zenith ihrer Pariser Berühmtheit stand, eine Schwedin mit unbedeutendem Gesicht und eckigen Bewegungen, mit Augen unter dem blonden Haardiadem, leuchtend und schwarz, in denen alle Farben des Regenbogens schillerten, richtige Nagetier-Augen – dazu ganz in Schwarz gekleidet und in ihren schweigsamen Sätzen und Sprüngen blinde Bestürzung, gleich einer großen Fledermaus, zum Ausdrucke bringend. »O! wie nett! . . . o wie nett!« rief Sephora. Und der König-Lebemann saß hinter ihr, mit einer Schachtel Pralinees auf den Knieen, und besann sich nicht, ein süßeres Behagen empfunden zu haben, als ihm die Berührung dieses von loser Spitze leicht bekleideten Arms, dieses frischen Atems, der sich nach ihm hinlenkte, bereitete. Er wollte ihr das Geleit bis nach dem Bahnhofe von Saint-Lazare geben, da sie wieder aufs Land hinausfuhr – und im Bahnwagen, da fühlte er sich von seinen Empfindungen plötzlich so übermannt, daß er sie mit den Armen umschlang und an sein Herz preßte. »O!« sagte sie mit traurigem Tone – »Sie werden mich um mein ganzes Vergnügen bringen!« Der ungeheure Wartesaal erster Klasse war leer und schlecht erleuchtet. Sie hatten sich auf eine Bank gesetzt, und Sephora suchte, zitternd vor Frösteln, Schutz in Christians weitem Pelze. Hier hatte sie keine Furcht mehr, gab ihren Empfindungen Raum, flüsterte dem Könige leise ins Ohr. Von Zeit zu Zeit ging ein Bahnbeamter vorbei und schwenkte seine Laterne, oder irgend eine Komödianten-Gesellschaft, die auf dem Weichbilde wohnte und nach Schluß des Theaters nach Hause fuhr. Zwischen ihnen das Mysterium eines abseits wandelnden umschlungenen Paars. »Wie sie doch glücklich sind!« flüsterte sie. »Weder Fesseln noch Pflichten! . . Dem Zuge seines Herzens folgen . . . Alles andre ist hohler Kram!« Sie, ach! sie wußte davon zu reden. Und plötzlich, wie fortgerissen, erzählte sie ihm ihr trauriges Leben mit einer Schlichtheit und Offenheit, die ihn rührte – erzählte ihm von den Fallen und Schlichen, die in Paris einem jungen Mädchen gelegt werden, das durch den Geiz ihres Vaters in Armut gehalten wird – erzählte ihm von dem unheimlichen Schacher, dessen Opfer sie in ihrem sechszehnten Jahre wurde, von den vier traurigen, bei diesem Greise verlebten Jahren, dem sie nie mehr als Krankenpflegerin gewesen wäre; wie sie dann nicht wieder hätte zurücksinken mögen in die Trödlerbude ihres Vaters Leemans und, da sie eines Führers, einer Stütze im Leben notwendigerweise bedurfte, diesem Tom Lewis, einem Kapitalisten, die Hand gereicht hätte. Sie hätte sich ihm gewidmet, mehr seinem Geschäfte als ihm, unter Verzicht auf jegliches Vergnügen, lebendig begraben draußen auf dem Lande; hätte sich schließlich auch jener Arbeit im Kontor ihres Mannes unterzogen – und dies alles, alles ohne einen Dank, ohne eine Gunst von seiten dieses, einzig und allein in seiner geschäftlichen Thätigkeit Befriedigung für seinen Ehrgeiz suchenden Mannes, der bei der geringsten Willensäußerung, die sie sich erlaubte, bei dem leisesten Wunsche nach einem Lebensgenusse immer jene Vergangenheit ihr vor Augen rückte, für welche sie doch gar keine Verantwortung traf . . . »Diese Vergangenheit!« sagte sie und stand auf, »die mir den unauslöschlichen Schimpf eingetragen hat, den Sie im Wettenbuche des ›Grand-Club‹ mit Ihrem Namen eingezeichnet haben!« Die Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, fiel just in dem Augenblicke ein, wo es not that, um diesem kleinen Theater-Coup die richtige Wirkung zu leihen. Sie entfernte sich mit ihrem gleitenden Schritte, dem die losen schwarzen Wellen ihres Kleides folgten, winkte Christian einen Gruß mit den Augen, mit der Hand und ließ ihn verblüfft, außer stande ein Glied zu rühren, betäubt von dem, was er eben vernommen, stehen . . . Also wußte sie! . : . Wie? . . . Woher? . . . O! wie er sich zürnte ob seiner Feigheit, ob seiner Windbeutelei . . . Er verbrachte die Nacht mit Schreiben, erbat ihre Verzeihung in einem Französisch, das übersäet war mit allen Blumen seiner nationalen Poesie, welche die Herzliebste mit girrenden Täubchen, mit der rosigen Frucht der Azerole vergleicht. Es war ein unvergleichlicher Einfall von Sephora, dieser Vorwurf mit der Wette! Das gab ihr volle Macht über den Könige und auf lange Zeit hinaus! Das erklärte auch die Kälte, mit der sie ihn so lange behandelt, die fast feindselige Art, wie sie seine Besuche aufgenommen, und das kluge Schachern und Feilschen, das sie mit ihrer ganzen Person trieb. Muß ein Mann denn nicht alles ertragen von Derjenigen, welcher er einen solchen Schimpf angethan! Christian wurde der ängstliche, gefügige Diener, der sich in alle Launen und Grillen schmiegte, der Cicisbeo de facto vor den Augen und Ohren von ganz Paris; und wenn ihm die Schönheit der Dame vor den Augen der Welt auch als Entschuldigung dienen konnte, so hatten die Freundschaft und die Vertraulichkeit des Mannes für ihn doch nichts Erbauliches. »Mein Freund Christian der Zweite!« sagte J. Tom Lewis, während er seine kleine Figur in die Höhe reckte. Es kam ihm einmal der Einfall, ihn nach Courbevoie einzuladen, um die Sprichts wieder einmal mit jener eifersüchtigen Wut zu erfüllen, welche dem berühmten Schneider immer ans Leben ging. Der König lief durch das ganze Haus und durch den ganzen Park, bestieg die Yacht und geruhte, sich auf der Freitreppe in der Mitte der Schloßbewohner photographieren zu lassen, welche die Erinnerung an diesen unvergeßlichen Tag verewigen wollten. Und am Abend, während man zu Ehren Seiner Majestät ein Feuerwerk abbrannte, dessen Raketen in ihrem Falle von der Seine zurückgespiegelt wurden, flüsterte Sephora, auf Christians Arm gestützt, während sie an der Weißbuchenhecke entlang schritten, über und über in Weiß gehüllt durch den Abglanz einer bengalischen Flamme: »O! wie ich Sie lieb haben möchte, wenn Sie nicht König wären!« Es war ein erstes Geständnis und ein sehr geschickt geäußertes Geständnis. Alle Maitressen, die er bis dahin gehabt hatte, beteten in ihm den Souverän an, den berühmten Titel, die lange Ahnenreihe. Dieses Weib hier liebte ihn um seiner selbst willen. »Wenn Sie nicht König wären!« Er war's doch so wenig! er hätte ihr doch so gern den Fetzen dynastischen Purpurs zum Opfer gebracht, der ihm kaum noch auf den Schultern hing! Ein anderes mal sprach sie sich noch klarer und deutlicher aus. Als er sich in Unruhe setzte darüber, daß er sie in Thränen gebadet und leichenblaß sah, da gab sie ihm zur Antwort: »Ich habe rechte Furcht, daß wir uns bald nicht mehr sehen möchten!« »Und warum das?« »Er hat mir eben die Eröffnung gemacht, daß die Geschäfte zu schlecht gingen, um sie in Frankreich weiter zu führen, daß er die Agentur würde schließen und sich anderswo niederlassen müssen.« »Er nimmt Sie mit?« »O! ich bin seinem Ehrgeiz nur ein Hindernis. ›Komm mit, wenn's Dir recht ist!‹ hat er gesagt. Aber ich muß ihm folgen . . . Was sollte denn hier mit mir allein werden?« »Ei, Sie Böse! Bin denn ich nicht da?« Sie sah ihn starr an. Dann sagte sie: »Ja doch! es ist wohl wahr, daß Sie mich lieben! Und ich, ich liebe Sie auch! Ich würde Ihnen angehören können, ohne daß ich mich zu schämen brauchte . . . Aber nein! das geht nicht an . . ist ganz unmöglich!« »Unmöglich?« fragte er, ganz außer sich vor Freude über das Paradies, das seinen Augen sich aufthat. »Unmöglich?« »Majestät! Sie sind zu hoch gestellt für Sephora Lewis!« Und er, er sagte mit wunderbarer Albernheit: »Aber ich werde Sie zu mir hinanfziehen . . Werde Sie zu mir erheben! Ich werde Sie zur Gräfin, zur Herzogin ernennen. Das ist eins von den Rechten, die mir verbleiben, und wir werden bald in Paris ein Nest für Verliebte finden, wo ich Sie auf eine Ihres Ranges würdige Weise einrichten werde . . Wo wir ganz allein leben werden . . . nur uns . . .« »O! das würde zu schön sein!« Sie träumte, die offen blickenden, von Thränen schimmernden Mädchen-Augen zu ihm aufschlagend. Dann fuhr sie lebhaft fort: »Aber nicht doch! nicht doch! Sie sind König . . . und eines Tages, wenn das Glück sein Füllhorn über Sie ausschüttet, werden Sie mir den Rücken kehren . . .« »Niemals!« »Und wenn man Sie zurückruft . . .« »Wohin denn? . . . Nach Illyrien? . . . Aber das ist ja vorbei, abgethan für ewig . . . Ich habe im vergangenen Jahre eine von jenen Gelegenheiten versäumt, die nicht zum zweitenmal wiederkehren!« »Ganz wahrhaftig?« sagte sie mit einer Freude, die nicht geheuchelt war. »O! wenn ich hierüber Gewißheit hätte!«.. Es stand ihm ein Wort auf den Lippen, sie zu überzeugen; ein Wort, das er nicht aussprach, das sie aber recht gut hörte – und abends erklärte J. Tom Lewis, den Sephora auf dem Laufenden hielt, feierlichst, daß »die Sache im Gange wäre . . daß man nun den Vater benachrichtigen müßte . . .« Verlockt wie seine Tochter durch die Phantasie und die ansteckende Begeisterung, durch den so erfinderischen Kopf des Pseudo-Engländers, hatte Leemans zu mehreren malen Geld zu den Unternehmungen der Agentur eingeschossen. Nachdem er gewonnen hatte, hatte er Verluste erlitten, wie das eben die Zufälle des Spiels so mit sich bringen; nachdem er sich aber, wie er sich äußerte, zwei-, dreimal »aufs Eis hatte führen lassen,« war der gute Mann vorsichtig geworden. Er machte keine Vorwürfe, regte sich nicht auf, wurde auch nicht heftig, denn er kannte dazu die Geschäfte zu gut und war kein Freund von überflüssigem Gerede. Wenn aber sein Schwiegersohn ihm wieder von Geldzuschüssen zu einem von jenen erstaunlichen Luftschlössern redete, die seine Beredsamkeit bis zum Himmel erhob, da lächelte der Trödler still vor sich hin, und das bedeutete sehr klar und scharf: »a, u, s! aus! damit ist's aus!« und dann schlug er die Augenlider nieder, eine weitere Gebärde, die Tom's Extravaganzen zum Verstande, auf das Niveau der ausführbaren Ideen zurückzuleiten schien. Der andere wußte das; und da er weise daran festhielt, daß das Geschäft mit Illyrien nicht aus der Familie ginge, schickte er Sephora zu dem Trödler, der mit dem nahenden Alter für sein einziges Kind, in welchem er sich übrigens wieder aufleben sah, eine Art von wahrer Liebe zu fassen anfing. Seitdem ihm seine Frau gestorben war, hatte Leemans seinen Raritätenladen in der Rue de la Paix verkauft und sich an der Trödelbude genügen lassen. Dort war es, wo Sephora ihn eines Morgens aufsuchte; um sicher zu gehen, daß sie ihn auch treffe, zu früher Stunde; denn er pflegte wenig zu Hause zu bleiben, der alte Mann. Unermeßlich reich und, wenigstens dem Anschein nach, dem Handel nun fern stehend, durchstöberte er nach wie vor Paris vom frühen Morgen bis zum späten Abend, lief bei den Kauf- und Handelsleuten herum, besuchte Auktionen, Verkäufe, immer auf der Witterung nach Geschäften, immer in Reibung mit Geschäften, und vor allem ein erstaunlich scharfes Auge auf die Unzahl der Kleintrödler, der ›Detaillisten‹, der Bilder-, Nipp- und Schmucksachen-Händler haltend, denen er Vorschüsse machte, mit denen er zusammen Geschäfte machte, ohne es einzubekennen, aus Furcht, daß man Argwohn hinsichtlich seines Vermögens schöpfen möchte. Sephora folgte dem Einfluß einer Laune, einer Rückerinnerung an ihre Jugendzeit, und kam zu Fuße aus der Rue Royale nach der Rue Eginhard, ungefähr dieselbe Straße einschlagend, die sie ehemals nach dem Kaufladen hin führte. Es war noch nicht acht Uhr. Die Luft war frisch, an Wagen standen erst nur wenige da; und nach der Bastille zu lagerte vom Sonnenaufgange her eine orangegelbe Wolkenschicht, in welcher der vergoldete Genius oben auf der Säule seine Fittiche zu nässen schien. Von dieser Seite her kam aus allen hierher mündenden Straßen ein niedliches Volk vorstädtischer Dirnen geströmt, das auf dem Wege zur Arbeit war. Wenn sich der Prinz d'Axel beizeiten aus den Federn erhoben hätte, um diese Herniederflut von weiblichen Wesen zu belauern, so würde er an diesem Morgen seine Befriedigung gefunden haben. Zu zweien, zu dreien, plaudernd, behend, hurtigen Schrittes, strebten sie den Ameisenhaufen der Werkstätten in den Straßen Saint-Martin, Saint-Denis, Vieille-du-Temple zu, und einige unter ihnen, aber nur wenige, von vornehmerer Tracht und Führung, nach den Kaufhallen der Boulevards hin, die in größerer Entfernung befindlich sind, aber später geöffnet werden. Es war nicht die abendliche Lebendigkeit, wenn man sich nach vollendetem Tagewerk, den Kopf wüst von einem Pariser Wochentage, nach seiner Schlafstätte zurückbegiebt mit Lärm und Lachen, oft mit dem Gefühl des Bedauerns, des Wehs über eine Pracht, die man gesehen, unter deren Eindruck die Mansarde höher, die Treppe düsterer erscheint als sonst. Aber wenn auch in diesen jugendlichen Köpfen noch Schlaf zurückblieb, so hatte die Ruhe sie doch mit einer Art von Frische, von Neuheit geschmückt, die durch das sorgsam gekämmte Haar, durch die in die Flechten geknüpften, unter das Kinn gebundenen Band-Enden und durch den Bürstenstrich, der den schwarzen Kleidern vor Tage gegönnt worden war, vervollständigt wurde. Hie und da an einem von der Kälte rosig gefärbten Ohrläppchen ein unechter Edelstein, ein gelbrötlich schimmernder Kamm, das Rauschgold einer Schnalle am Leibchen, die weiße Linie eines in die Tasche eines Regenmantels geschobenen Zeitungsblattes. Und welch eine Hast! welch ein Mut! In leichten Mäntelchen und dünnen Jäckchen, unsicheren Ganges auf zu hohen Hacken, die von den zahlreichen Wegen, die sie machen müssen, schief gelaufen sind; bei allen der Wunsch, das Begehr, der Drang nach kokettem Gethue – eine Art, mit gehobener Stirn, gerade ausschauenden Augen einherzugehen, erfüllt von der Neugierde dessen, was dieser angebrochene Tag bringen wird; Naturen, von A bis Z für den Zufall bereit, wie ihr Pariser Typus, der gar kein Typus ist, bereit ist für alle Wandlungen, für alle Umgestaltungen. Sephora war nicht sentimental und hatte niemals einen Blick für etwas, das außerhalb der gerade vorliegenden Sache und der gegenwärtigen Stunde lag. Indessen machte ihr dieses verworrene Gestampfe, dieses frühzeitige Gebraus um sie her Spaß und Vergnügen. Auf allen diesen Lärvchen fand sie die eigene Jugend wieder, in diesem Morgenhimmel, in diesem alten, so seltsamen Stadtviertel, in welchem jede Straße an ihrer Ecke, auf viereckigem Zettel, den Namen der vornehmen Repräsentanten der Handelswelt trägt, der seit fünfzehn Jahren keine Änderung erfahren hatte. Als sie unter das schwarze Gewölbe trat, das der Rue Eginhard von der Seite der Rue Saint-Paul her als Eingangspforte dient, streifte sie das lange Gewand des Rabbiners, der sich nach der benachbarten Synagoge begab; zwei Schritte weiter begegnete sie dem Rattentöter mit seiner Gerte aus Birkenreis und seinem Brettchen, an welchem die zottigen Kadaver hängen – ein Typus des alten Paris, den man nur in diesem Wirrsal von moderigen, feuchten Häusern noch findet, wo sämtliche Ratten der Stadt ihr Generalquartier haben. Noch weiter kommt ihr ein Mietswagen-Kutscher entgegen, den sie einen Morgen wie alle Morgen ihres Nähmamsellen-Lebens in der gleichen Weise hatte entlang gehen sehen, schwerfälligen Schrittes in seinen großen, des Laufens wenig gewohnten Stiefeln, in der Hand mit ziemlicher Fürsorglichkeit – kerzengerade, wie der Abendmahlsgänger seine Weihkerze hält – die Peitsche tragend – jenes Werkzeug, das dem Kutscher der Degen ist, ihm als das Wahrzeichen seines Standes gilt, und das er niemals von sich läßt. An der Thüre der zwei, drei Butiken, welche die ganze Gasse bildeten und von deren Fenstern man eben die Läden abhob, sah sie die nämlichen, haufenweise aufgehängten Lumpen, hörte sie das nämliche hebräische und elsässische Kauderwelsch – und als sie nach Durchschreitung der niedrigen Pforte, die zu dem väterlichen Hause führte, des kleinen Hofes, der zu den vier Stufen nach dem Trödelladen hinunter führte, den Strick zog, der die geborstene Klingel in Bewegung setzte, da war es ihr ganz so zu Mute, als ob ihr um fünfzehn Jahre weniger auf den Schultern lägen – ein Anderthalb-Jahrzehnt übrigens, das sie mit keiner sonderlich großen Schwere bedrückte. Wie zur damaligen Zeit, kam »die Darnet« zur Thüre hin, um sie zu öffnen. Es war eine stämmige Frauensperson aus der Auvergne, »die Darnet«, auf deren glänzendem und gerötetem Gesicht mit düsteren Unterpartieen, wie auf dem eng geknüpften Halstuch und auf der schwarzen, mit weißem Vorstoß versehenen Haube, die Trauer eines Kohlenkellers zu liegen schien. Die Rolle, die sie im Hause spielte, war deutlich sichtbar in ihrer Art, wie sie Sephora die Thüre öffnete, deutlich sichtbar in dem Lächeln bei aufeinander gekniffenen Lippen, mit welchem die beiden Frauen einander wechselseitig ins Auge faßten. »Mein Vater zu Hause?« »Jawohl, meine Dame . . . In der Werkstatt . . . ich werde ihn rufen.« »Nicht nötig . . ich weiß ja, wo es ist.« Sie ging durch das Vorzimmer und durch den Salon, war mit drei Schritten durch den Garten – der wie ein schwarzer Schacht lag zwischen zwei großen Mauern, mit ein paar Bäumen darin – dessen enge Wege gepfropft voll waren von zahllosem altem Trödelkram, altem Eisen, altem Blei, von durchbrochenen Geländern, starken Ketten, deren oxydiertes und geschwärztes Metall sich zu den traurigen Epheu-Gewächsen, zu dem grünlichen Tone des alten Springbrunnens im Garten trefflich schickte. Auf der einen Seite drüben stand ein Schuppen, welcher von Gerümpel, zerbrochenen Möbelgerippen aus allen Zeiten strotzte, in dessen Ecken und Winkeln gerollte Tapeten in Haufen herumstanden. Auf der anderen Seite drüben eine Werkstatt, deren Wände ganz aus mattpolierten Scheiben zusammengesetzt waren, mattpoliert deshalb, um indiskreten Blicken aus den nahe gelegenen Stockwerken den Weg abzuschneiden. Dort türmte sich bis zur Decke hinauf, in einem scheinbaren Wirrwarr, ein Wust von Reichtümern, die ihrem richtigen Werte nach allein von dem alten Trödler gekannt waren: Laternen, Kronleuchter, Kandelaber, Rüstungen, Weihrauch-Pfannen, altertümliche oder ausländische Bronze-Sachen. Im Hintergrunde ein paar Schmiedeöfen, Hobelbänke, Schlosserladen. Dort arbeitete der Trödler altes zu neuem, kopierte und verjüngte die alten Modelle mit einer erstaunlichen und wunderbaren Geschicklichkeit, mit der Geduld und Ausdauer eines Benediktinermönches. Vormals herrschte hier von morgens bis abends ein gewaltiger Lärm; fünf oder sechs Arbeiter waren um den Meister her beschäftigt. Jetzt aber hörte man nur das Klingklang eines einzigen Hammers auf dem feinen Metalle, das Gerassel einer einzigen Feile, und abends gab eine einzige Lampe bloß Zeugnis davon, daß die Trödlerwerkstatt nicht völlig erstorben war. Als seine Tochter eintrat, stand der alte Leemans mit langem Lederschurze um die Hüften und mit aufgestreiften Hemdsärmeln am Werktische und war damit beschäftigt, auf dem Schraubstock einen Leuchter aus dem Zeitalter Ludwigs des Dreizehnten, zu welchem ihm das Modell vor Augen stand, zu schmieden. Die nackten Arme waren haarig und blond – von einem Blond, als hätten sie vom Schraubstocke Kupferteilchen aufgenommen. Bei dem Geräusch, welches die Thüre machte, hob er seinen roten, in einem Haar- und Bartwuchs von rötlichem Weiß versteckten Kopf von der Arbeit auf und runzelte die dichten Augenbrauen von ungleicher Länge. hinter denen sein Blick, wie zwischen den herabhängenden Bartfedern eines Lämmergeiers, lauerte und sich klärte. »'Tag, Pa'!« sagte Sephora, die so that, als wenn sie die verlegene Miene des Biedermanns nicht gewahr würde, mit welcher er den Leuchter, den er in der Hand hielt, zu verstecken strebte; denn er liebte es nicht, bei seiner Arbeit gestört oder beobachtet zu werden. »Du bist's, Kleine?« Er rieb sich den alten Schnabel auf den beiden zarten Wangen. »Was geht denn mit Dir vor?« fragte er, indem er sie in den Garten schob –»weshalb bist Du denn so frühzeitig angestanden?« »Ich habe Dir etwas sehr Wichtiges zu sagen!« »So komm!« Er führte sie nach dem Hause. »O! aber, weißt Du, ich will nicht, daß die Darnet dabei sei . . .« »Gut, gut!« sagte der Alte und lächelte in seinen Haarbusch hinein. Als er in die Stube trat, wo die Magd über der Politur eines venetianischen Spiegels beschäftigt war, in einem fort wischend, putzend, reibend, rief er ihr zu: »Darnet! Du wirst so lange, wie ich hier bin, in den Garten hinausgehen!« Und der Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, bewies, daß der alte Pascha seine Rechte noch nicht in die Hände der Lieblings-Sklavin niedergelegt hatte. Sie blieben, Vater und Tochter, beide in der sauber gehaltenen bürgerlichen Wohnstube, deren mit weißen Decken überzogenes Mobiliar, wie die vor den Stühlen liegenden Wollteppiche, im wunderlichen Gegensatze standen zu dem Tohuwabohu der staubbedeckten Reichtümer im Schuppen und in der Werkstatt. Gleich jenen feinen Köchen, die nur die einfachsten Gerichte lieben, besaß der Vater Leemans, der in Kunstsachen so erfahren und klug und so erpicht auf sie war, bei sich zu Hause nicht das winzigste Krümchen davon und zeigte sich hierin so recht als Handelsmann, der er war, als der wägende, schätzende, schachernde, tauschende Handelsmann, der weder eine Passion hat, noch ein Bedauern kennt, der nicht ist nach der Art jener Kleinkramkünstler, die, ehe sie eine Rarität abtreten, sich über die Art und Weise den Kopf warm machen, wie der Dilettant sie einkleiden, sie zu Gelde machen könnte. Bloß sein großes Bild in ganzer Figur, mit der Marke ›gemalt von Wattelet‹, das ihn am Schmiedefeuer, zwischen seinem Alteisen-Kram, darstellt, hängt an der Wand. Das ist er in seiner ganzen Echtheit, um ein klein weniges minder weiß, aber sonst nicht verändert, ganz der alte, magere, krumme Mann, nach wie vor mit seinem Hundsmenschen-Kopfe mit dem rötlich-gelben und glatt anliegenden Bart, den langen Haaren in wirrem Busche, der vom Gesicht nichts weiter als eine von kontinuierlicher Entzündung gerötete Nase sehen läßt, die diesem mehr als nüchternen Thee-Trinker eine Art von Trunkenbold-Gesicht giebt. Das Bild war das einzige charakteristische Merkmal, das der Saal aufwies; dazu noch ein mit dem Schnitte der Quere auf den Kamin gelegtes Gebetbuch. Leemans verdankte diesem Buche ein paar gute Geschäfte. Er unterschied sich in dieser Beziehung vorteilhaft von seinen Wettbewerbern. Jenem alten Heiden von Schwalbach, der Mutter Esau und all dem andern Gelichter, die ihre Ahnen in irgendeinem Juden-Ghetto zu suchen haben – während er der christliche Mann war, der aus Liebe sich eine Jüdin geheiratet hatte, aber wie gesagt Christ, und noch dazu katholischer Christ war. Das war ihm sehr förderlich bei seiner Kundschaft. Er hörte im Betsal jener Damen, die bei der Gräfin Malet, bei der Frau Sismondo verkehrten, die Messe. Er zeigte sich des Sonntags in ›Sankt-Thomas-von-Aquino,‹ in ›Santa Clotilda,‹ wohin sich seine besten Kunden ebenfalls verfügten – während er sich durch seine Frau die Häuser der großen jüdischen Gefällpächter warm hielt. Als er alt wurde, war ihm diese religiöse Farce zur Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden, und oft trat er des Morgens, wenn er sich auf seine Geschäftsgänge begab, in ›Sankt-Paulus‹ ein, um – wie er sich im vollen Ernste ausdrückte, – ›ein Endchen Messe mitzunehmen,‹ weil er nämlich die Wahrnehmung gemacht hatte, daß er an solchen Tagen immer mehr Glück und ›eine bessere Hand‹ hätte als an anderen . . . . »Und nun!« sagte er, indem er seine Tochter mit duckmäuserischem Blicke maß. »Ein großes Geschäft, Pa'!« Sie zog aus ihrer Tasche ein Bündel von Scheinen und Wechseln, die sämtlich Christians Unterschrift trugen. »Die Dinger müßten diskontiert werden. Willst Du?« Beim ersten Blicke auf die Querschrift schnitt der Alte eine Grimasse, die sein ganzes Gesicht in Runzeln legte, es fast ganz und gar in seinem Vließ verschwinden ließ, mit einer Bewegung aber, wie sie ein Igel macht, der sich zur Wehr rüstet. »Illyrisch Papier! Danke schönstens, das kenne ich! . . Da muß Dein Mann schon ganz verrückt sein, wenn er Dich mit einem solchen Auftrag hierher schickt . . . Wirklich, Kind! Laß hören! Hast Du hierbei die Hand im Spiele?« Ohne sich über diesen Empfang aufzuregen, auf welchen sie gefaßt gewesen war, fuhr sie fort. »Du, höre!« sagte sie, und nun erzählte sie ihm mit der ganzen Ruhe und Gesetztheit ihres Wesens, wie der »große Coup« geführt werden sollte, in allen Einzelheiten, zuzüglich der Beweise für das Gelingen, die sie vornehmlich aus einer Nummer des »Quernaro« schöpfte, in welcher sich der Bericht über die Landtagssitzung befand, ferner aus Briefen von dem Kammerdiener Lebeau, welcher sie und ihren Mann über die Situation der königlichen Familie auf dem Laufenden hielt. Der König, der verliebt sei bis über die Ohren, hätte nichts weiter im Sinne als die Sorge um die Verwirklichung seines Glückstraumes. Ein prächtiges Palais in der Avenue von Messina, auf vornehmem Fuße eingerichtete Haushaltung, Equipagen und Karossen, dies alles begehrte, ersehnte er für die Dame seines Herzens und war bereit, soviel Wechsel wie hierzu nötig, querzuschreiben, und zwar zu jedem begehrten Zinsfuße. Leemans riß nun beide Ohren weit auf, erhob Einwendungen, fragte nach diesem und jenem und nach allerhand, durchstöberte diese so geschickt eingefädelte Angelegenheit in allen Ecken und Winkeln. »Wie lauge laufen die Wechsel?« »Drei Monate.« »Und nach drei Monaten?« »Wieder drei Monate.« Sie machte die Gebärde, wie wenn man eine Schlinge zuzieht, während ihr Mund eine Falte zog und ihre ruhige Lippe verschmälerte. »Und der Zinsfuß?« »So hoch, wie es Dir belieben wird. Je schwerer die Wechsel lauten, desto besser wird sich die Sache für uns gestalten. Es darf ihm kein andres Mittel verbleiben, als die Unterzeichnung seiner Entsagungsurkunde.« »Und wenn sie unterzeichnet ist?« »So ist das weitere dann Sache der Frau. Sie hat einen Herrn in Behandlung zu nehmen, der zweihundert Millionen besitzt.« »Und wenn sie alles für sich behält?« »Davor sind wir sicher.« »Wer ist's?« »Du kennst sie nicht,« sagte Sephora, ohne eine Miene zu verziehen, und schob die Papiere wieder in ihre Sachwalterinnen-Tasche zurück. »Laß das doch,« sagte der Alte lebhaft, »das ist ein gehöriger Batzen Geld, weißt Du! Eine ganz beträchtliche Kapitalsanlage! Ich will mit Pichery reden.« »Nimm Dich in Acht dabei, Papa'chen! Zuviel Leute sollten wir nicht hineinverwickeln! Wir haben schon Lebeau zu bedenken, dann bist Du da . . . Wenn Du nun noch andere suchen willst!« . . . »Bloß Pichery! Bedenke doch, ich allein würde das gar nicht im stande sein! Es ist ein tüchtiger Batzen, ein gar tüchtiger Batzen . . .« Sie antwortete mit Kälte: »O! es wird noch mehr nötig werden!« Ein Stillschweigen. Der Alte überlegte, indem er seine Gedanken unter seinem Haarbusch verbarg. »Schließlich – nun ja!« sagte er. »Ich mache die Sache; aber unter einer Bedingung. Dieses Haus in der Avenue de Messine . . . es wird prima möbliert werden müssen . . . Nun! ich werde den Kram dazu liefern.« In die Abmachungen, welche der Wucherer machte, reckte der Trödler seine Klaue hinein. »O! Dein altes Fressen . . . Dein altes Fressen!« sagte sie, sich eines Wortes bedienend, das sie plötzlich in der Luft der Trödelbude wieder fand und das von ihrer Vornehmheit in Toilette und Haltung grell abstach. »Reden wir doch nicht weiter! Das ist selbstverständlich, Pa'! Du lieferst den ganzen Plunder . . . aber Das muß gelten! nichts von der ›Mama-Kollektion‹!« Unter dieser heuchlerischer Bezeichnung: »Kollektion von Madame Leemans« hatte der Trödler einen Wust von ramponierten, unverkäuflichen Sachen zusammengestellt, den er, dank dieser sentimentalen Farce, auf großartige Weise losschlug, indem er von dem köstlichen Teile, von der Hinterlassenschaft seiner teuren Dahingeschiedenen nur abtrat, was man mit Goldgewicht bezahlte. »Du verstehst mich, Alterchen! Keine Zicken! keinen Plunderkram! Die Dame versteht sich aufs Geschäft!« »Hm! Du meinst . . . sie kennt sich aus?« redete der alte Hund in seinen Bart hinein. »Wie Du, und wie ich! sage ich Dir.« »Aber schließlich . . .« Er rückte seinen Schnabel zu der niedlichen Fratze heran, und auf beiden Gesichtern, auf dem alten Pergament des einen und auf dem Rosenblatt-Flaum des anderen, stand der Trödel verzeichnet. »Aber schließlich . . . was ist denn das für eine Sache mit der Frau? . . . Mir kannst Du's doch sagen, jetzt da ich doch Ja gesagt habe.« »Es ist . . . .« Sie hielt einen Augenblick inne . . . dann knüpfte sie die Bänder ihres Hutes unter dem feingeschnittenen Oval des Gesichtes, warf einen Blick in den Spiegel, aus welchem das Gefühl der Befriedigung leuchtete, das sie als schöne Frau über ihr Aussehen empfand und das gehoben wurde durch einen Stolz neuer Art. »Es ist die Gräfin Spalato,« sagte sie ernst und mit Würde. Neuntes Kapitel. In der Akademie. Der klassische Palast, der unter dem Blei seines Kuppeldaches, am Ende der Pont des Arts, am Eingange des gelehrten Paris, schlummert, zeigte an diesem Morgen ein Aussehen von ungewöhnlichem Leben und schien bis zur Bauflucht der Kaimauern vorzurücken. Trotz des Regens, eines prasselnden Juni-Regens, welcher gußweise fiel, drängte die Menge sich an den Stufen der großen Pforte, rollte sich an den Gittern und Mauern in Form einer Theater-Queue auf, strömte unter dem Gewölbe der Rue de Seine hin – eine Menschenflut in Handschuhen, in gesetzter Ordnung und vornehmer Kleidung – eine Menge, die sich mit Geduld in ihr Schicksal fügte, da sie wußte, daß sie Einlaß finden würde, Einlaß zu finden im Begriff stand auf Grund der kleinen, in dem Platzregen schimmernden Kärtchen verschiedener Färbung, womit ein jeder einzelne ausgerüstet war. Nicht minder regelmäßig nahmen auch die Wagen in Reih und Glied Stellung auf dem leeren Kai de la Monnaie – alles, was Paris an Luxusgefährten besaß – kokette oder strahlende Livreen unter dem plebejischen Schutze von Regenschirmen und Wasserstiefeln, Livreen, an denen man die alten ›Bourbonen-Perrücken‹ mit langer Locke zwischen zwei Schleifen, den Goldschmuck der Tressen und auf den in gleicher Linie liegenden Füllungen die Wappen, die großen Schilder Frankreichs und Europas, selbst königliche Devisen sah, wie die Balken eines längs der Seine entlang wallenden d'Hozier von mächtiger Größe. Wenn ein Sonnenstrahl, ein Husch von jener Pariser Sonne, die dem Liebreiz eines Lächelns auf ernstem Gesichte entspricht, dazwischen hinein glitt, hellte sich alles zu Reflexen von regenfeuchten Schimmern auf, das Geschirr und das Zaumzeug, die Helme der Gardesoldaten, die Haube des Doms, die gußeisernen Löwen am Eingange, die gewöhnlich staubig und trübe aussehen und jetzt wieder ein schönes, reingewaschenes Schwarz zeigen. Dann und wann, an feierlichen Aufnahme-Tagen, hat das alte Institut nachmittags solche Momente eines plötzlichen und interessanten Erwachens. An diesem Morgen aber handelte es sich nicht um Aufnahme. Die Jahreszeit war viel zu weit vorgerückt, und die zur Aufnahme ausersehenen Personen, die gefallsüchtig sind wie Komödianten, würden niemals sich zu einem Debüt verstehen, nachdem der Pariser Preis schon vergeben, der »Salon« geschlossen ist, nachdem die Koffer schon für die Fahrt gepackt sind. Heute handelte es sich einzig und allein um eine Verteilung von akademischen Preisen: eine Ceremonie, mit welcher kein großer Glanz verbunden ist und die in der Regel bloß die Familien der Preisgekrönten heranlockt. Was diesen ungewöhnlichen Herbeilauf, diesen aristokratischen Andrang zu den Thoren des Instituts verursacht, das ist der Umstand, daß sich unter der Zahl der preisgekrönten Arbeiten die »Denkschrift über die Belagerung von Ragusa« vom Prinzen von Rosen befand, und daß die monarchische Coterie hieraus Kapital geschlagen hatte, um eine Manifestation gegen die am Ruder befindliche Regierung unter dem Schutze ihrer Stadt-Polizei ins Werk zu setzen. Durch einen außergewöhnlichen Zufall oder infolge von einer Wirkung jener Intrigen, die insgeheim auf Maulwurfswegen die offiziellen oder akademischen Terrains durchwühlen und höhlen, war der ständige Sekretär erkrankt, und der Bericht über die preisgekrönten Arbeiten mußte durch den sehr edlen Herzog von Fitz-Roy verlesen werden. Man wußte nun, daß dieser, der ein Legitimist war bis zum letzten Blutstropfen, die glühendsten Stellen in dem Werke Herberts herausheben und zur vollsten Geltung bringen würde – in diesem schönen historischen Pamphlet, um welches sich alle Ergebenheit, alle Glut der Partei geschart hatte. Alles in allem also einer von jenen hämischen Protesten, welche die Akademie sogar unter dem Kaiserreiche wagte, und welchen die gutmütig mädchenhafte Nachsicht der Republik Genehmigung und Vorschub lieh. Mittag. Die an der alten Uhr läutenden zwölf Schläge verursachen einen Aufruhr, eine Bewegung in der Menge. Die Thüren stehen offen. Man schreitet langsam, planmäßig den Eingängen der Place Mazarine und der Rue Mazarine zu, während die wappengezierten Wagen, nachdem sie im Hofe gewendet, ihre Herren, Träger von bevorrechteten Karten, unter dem Portikus absetzten, wo sich inmitten von kettengeschmückten Thürstehern der leutselige silbergalonierte Vorsteher des Sekretariats lächelnd und geschäftig bewegt, wie der wackere Hausmeier im Palaste Schneewittchens an dem Tage, an welchem die Prinzessin nach einem hundertjährigen Schlummer ans ihrem Paradebette erwacht. Die Portieren bewegen sich; die Tölpel von Lakeien springen von ihren Plätzen empor, und die Begrüßungen, die Verbeugungen mit langen Schleppen, das Lächeln, das Flüstern und Zischeln einer Gesellschaft von Personen, die hier als Stammgäste gelten können, wird ausgetauscht und verliert sich unter einem Geräusch von knisternder Seide auf der mit Teppichen belegten Treppe, die zu den reservierten Tribünen hinaufführt, oder in dem schmalen und abschüssigen, unter den Tritten von Jahrhunderten gleichsam gesenkten Gange, der nach dem Innern des Palastes führt. *           * * Der Saal füllt sich auf der für das Publikum reservierten Seite nach Art eines Amphitheaters. Die schwarz lackierten Bänke steigen bis zu der Wölbdecke hinauf, wo die letzten Reihen stehend ihre Schattenrisse auf das runde Fensterwerk werfen. Kein leerer Platz. Ein hochgehendes Meer von Köpfen, auf das eine Kirchen- oder Museums-Helle fällt, die durch die gelben, glatten Stuckflächen und durch den Marmor der großen, sinnenden Bildsäulen eines Descartes, Bossuet und Massillon, den ganzen, zu einer unbeweglichen Geste erstarrten Ruhm des großen Jahrhunderts, noch verstärkt wird. Gegenüber diesem über seine Ufer hinausströmenden Halbkreise befanden sich einige unbesetzte Bankreihen – ein kleiner grüner Tisch mit dem herkömmlichen Wasserglase; sie sowohl wie er harrten der Akademie und ihrer Schreiberei, die nunmehr beide alsbald durch diese hohen, von einer vergoldeten und grabsteinähnlichen Schriftzeile überragten Thüren ihren Eintritt bewerkstelligen werden. »Litteratur, Wissenschaft, Kunst« lautet diese Zeile. Dies alles ist antik, kalt und arm, und steht zu den herrlichen Mode-Toiletten, von denen der Saal im wahren Sinne des Wortes erblüht, im grellen Gegensatze. Helle, in leicht matten Farben gehaltene Toiletten, geflaumtes Grau, Aurora-Rot – auf dem, der jüngsten Mode gemäß leicht prallgehaltenen, scharf angezogenen Schnitt der Roben Glitzern von Jet und Stahl – leichte, duftige Coiffüren im Gemische von Mimosen und Spitzen, – Schillerfarben von insularen Vögeln zwischen Samtpuffen und sonnengelben Halmen, – überdem das regelmäßige, fortwährende Bewegen von großen Fächern, deren feine Wohlgerüche das große Auge des Adlers von Meaux Der berühmte Kanzelredner Bossuet, Bischof von Meaux. in blinzelnde Bewegung setzen. Hört! hört! ist denn der Umstand, daß man Alt-Frankreich repräsentiert, ein Grund nach Moder zu riechen und sich in Kleider zu stecken, die einen zum Popanz machen? Alles was Paris an Chic, an Wohlgeburt, an Wohlgesinntheit in seinen Mauern birgt, hat sich hier Stelldichein gegeben, lächelt einander zu, erkennt einander an gewissen kleinen, maurerischen Zeichen: die Blume der Clubs, die Crême des Faubourg – eine Gesellschaft, die sich nicht wegwirft, sich nicht mit andren verquickt – die man niemals in den Theater-Premièren unter das Lorgnon bekommt, die man nur an gewissen Opern- und Konservatoriumstagen sieht – eine Gesellschaft, in Watte gewickelt und vornehm, diskret; die hinter dichtem Wall aus niederhängenden Vorhängen ihre Salons vor dem Lichte des Tages und dem Lärme des Tages verschlossen hält und von sich reden macht nur von Zeit zu Zeit einmal, durch einen Todesfall, einen Ehescheidungs-Prozeß oder durch das excentrische Abenteuer des einen oder andren von ihnen, der sich als Heros der ›Persil‹ und der ›Gomme‹ Bezeichnung für die extrem vornehme Luxuswelt. aufzuspielen liebt. Unter dieser Auserlesenheit werden einige Adels-Familien Illyriens bemerkt, die ihren Herrschern in das Exil gefolgt sind – schöne Männer- und Frauen-Typen, ein wenig zu scharf accentuirt, zu sehr exotisch in diesem überverfeinerten Rahmen. Sodann bemerkt man, an gewissen, sichtbaren Punkten gruppiert, die akademischen Salons, die lange im voraus die Wahlen bereiten, die Stimmen wägen, und deren Erscheinen für einen Kandidaten mehr in die Wage fällt als sein Gewicht an Genie. Erlauchte Schiffbrüchige aus dem Zeitalter des Kaisertums schlüpfen in diese »alten Parteien« hinein, für welche sie vor Zeiten der ironischen Blicke von Parvenüs im Überflusse hatten. Und so gewählt, so vornehm, so ›feingesiebt‹ auch die Versammlung an dieser Stätte ist, so haben sich doch auch hierher einige Damen »der Premièren,« berühmte Persönlichkeiten zufolge ihres Anhangs aus der monarchischen Sphäre, gefunden in schlichten Toiletten, zusammen mit zwei, drei schauspielerischen Sternen der Gegenwart, deren Gesichtchen bekannt sind durch ganz Paris, Erscheinungen, die um so gemeinplätziger und aufdringlicher sind, als andere Frauen, und zwar aus allen Schichten der Gesellschaft, sich darin gefallen, es ihnen gleich zu thun. Und fernerhin Journalisten, Berichterstatter fremder Zeitungen, bewaffnet mit Schreibmappen und Bleistift-Ösen – die als Muster der Vollkommenheit gelten dürfen – ausgerüstet vom Kopf bis zu den Füßen, als ständen sie vor einer Reise im Herzen Afrika's. Unten im Raume, in dem kleinen, am Fuße der Bankreihen reservierten Zirkel sieht man und zeigt man sich die Prinzessin Colette von Rosen, die Frau des preisgekrönten Schriftstellers, köstlich gekleidet in blaugrüne Toilette, indischen Kaschmir und Moirée antique – auf deren Miene der gewaltige Triumph deutlich zu lesen steht; die unter den Locken und Löckchen und Frisürchen ihres flachsreinen Haars sich fröhlich bläht. Neben ihr sitzt ein dicker Mann mit gemeinem Gesicht, der Onkel Sauvadon, sehr stolz darauf, daß es ihm gestattet worden, seine Nichte hierher zu begleiten – der aber im unwissenden Übereifer, beseelt von dem Wunsche, der feierlichen Ceremonie Ehre zu machen, Abendtoilette angelegt hat. Das macht ihn sehr unglücklich. Seine weiße Halsbinde belästigt ihn, als wenn ihm die Garotte, das Würgeisen, um den Hals gelegt wäre – er paßt auf alle Leute auf, die in den Saal hereintreten, von der Hoffnung getragen, für seinen Frack einen Gevatter zu finden. Es giebt ihrer aber keine. Aus diesem Schmetterlingsgewirr von bunten Farben und belebten Gesichtern steigt alsbald ein sehr kräftiges, rhythmisches, aber deutliches Gesumme von Stimmen hervor, das einen magnetischen Strom herstellt vom einen Ende des Saales bis zum andern. Das geringste flüchtige Lachen macht sich hörbar, pflanzt sich fort; das geringste Zeichen, die stumme Gebärde eines gelösten Händepaars, das sich im voraus zum Klatschen rüstet, macht sich bemerklich von der obersten bis zu der untersten Bankreihe. Es ist die gesteigerte Erregung, das neugierige Wohlwollen gegenüber einer Premiere, welcher der Erfolg gesichert sein dürfte. Und wenn von Zeit zu Zeit berühmte Persönlichkeiten ihre Plätze einnehmen, dann nimmt das Beben, das Zittern dieser ganzen Menge seinen Weg nach ihnen hin, die Flüsterlaute ihrer Neugier oder ihrer Bewunderung nur in den Augenblicken dämpfend, wenn diese Berühmtheiten gerade vorbei an ihnen gehen. Sehen Sie doch dort oben, gerade über der Loge Sully, jene beiden Damen, die eben eingetreten sind in Begleitung eines Kindes, und die sich ganz im Hintergrunde der Loge halten! Es ist die Königin von Illyrien mit der Königin von Palermo. Die beiden Cousinen, stramm und stolz in ihrer Haltung, erscheinen in gleicher malvenfarbiger Faille-Robe mit Besatz von alter Stickerei – und auf dem blonden Scheitel der einen wie auf den braunen Flechten der andren Dame kosen die gleichen langen Federn um Hüte von vornehmem, durchaus verschieden von einander gehaltenem Charakter. Friederike ist blässer geworden; in ihrem sanften Lächeln liegt der traurige Zug einer alternden Falte; und auch auf dem Gesicht ihrer brünetten Cousine zieht die Unruhe, die Bedrängnis des Exils ihre Spuren. Zwischen ihnen schüttelt der kleine Graf von Zara sein blondes Lockenhaar auf einem kleinen Kopfe, der mit jedem Tage an Strammheit und Kräftigkeit zunimmt, dessen Blick und dessen Mund an Festigkeit und Sicherheit gewonnen haben. Echter Königssamen, der zu erblühen anfängt! Der alte Herzog von Rosen sitzt mit einer zweiten Persönlichkeit im Hintergrunde der Loge. Es ist nicht Christian der Zweite – der sich vor einer sicher zu erwarten stehenden Ovation geflüchtet hat – sondern ein großer Mensch mit wirrer, dichter Mähne – ein Unbekannter, dessen Name während der Feier kein einziges mal genannt werden wird, und der doch verdiente, in aller Munde zu sein! Ihm zu Ehren wird diese Feier hier veranstaltet – er hat die Veranlassung gegeben zu diesem glorreichen Requiem der Monarchie, welchem die letzten Edelleute Frankreichs und die nach Paris geflüchteten Königs-Familien anwohnen; denn sie sind alle hier versammelt und gegenwärtig, die Exilierten, die Entthronten – alle sind sie gekommen, ihrem Vetter Christian Ehre zu erzeigen – und es ist keine geringe Sache gewesen, diesen Kronen nach den Gesetzen der Etikette hier ihre Plätze anzuweisen. Nirgendswo sind die Fragen über Rang und Vorrang schwieriger zu lösen, als im Exil, wo sich Eitelkeit und Dünkel verschärfen, wo sich Mutmaßungen zu richtigem Wundgifte gestalten. Auf der Tribüne Descartes – es tragen nämlich alle Tribünen den Namen der unter ihnen stehenden Denksäule – wahrt der König von Westphalen eine erhabene und stolze Haltung, die durch den Starrblick seiner Augen – Augen, die wohl schauen, aber nicht sehen – noch wirksamer gemacht wird. Dann und wann sendet er ein Lächeln nach hierhin, verneigt sich nach dorthin. Es ist seine ständige Obsorge, seine unheilbare Blindheit verborgen zu halten; und seine Tochter leiht ihm hierin Beistand mit all ihrer Liebe und Hingabe – diese große und hagere Person, die unter der Wucht von goldenen Locken das Haupt zu beugen scheint, deren Färbung sie ihrem Vater verheimlicht hat. Der blinde König liebt nur die Brünetten. »Wärest Du blond gewesen,« spricht er manchmal, wenn er das Haar der Prinzessin streichelt, »so glaube ich, würde ich Dich weniger geliebt haben!« Bewunderungswürdiges Paar das, das seine Straße des Exils mit der Würde, der stolzen Ruhe eines Spaziergangs in den königlichen Parks wandelt! Wenn die Königin Friederike schwache Stunden über sich kommen fühlt, denkt sie an diesen gebrechlichen Greis, den diese harmlose Mädchengestalt lenkt und leitet, und labt sich und stärkt sich an dem so lauteren Zauber, der von ihnen ausgeht. Weitab, sieh! unter einem grellseidenen Turban sitzt die Königin von Galicien, die mit den derben dicken Backen, dem gedunsenen Teint, Ähnlichkeit mit einer dickschaligen Apfelsine hat. Sie macht ein großes Wesen her, ächzt, keucht, fächelt sich Luft zu, lacht und schwatzt mit einer noch jugendlichen, eine weiße Mantille tragenden Frau, deren trauriges gutmütiges Gesicht von jener Thränenfalte gefurcht ist, die sich von leichtgeröteten Augen bis zu dem bleichen Munde herabzieht. Es ist die Herzogin von Palma, ein vortreffliches Geschöpf, für die Erschütterungen, für die Schrecken nur wenig geschaffen, die ihm der abenteuerliche Monarch von der Heerstraße, an den es für dieses Leben gekettet ist, bereitet! Er ist auch anwesend, dieser lange Teufel! und schiebt zutraulich zwischen die beiden Damen seinen flammenden schwarzen Bart, seinen Apollo-Kopf, dessen bronzene Färbung durch die letzte Expedition, die ebenso kostspielig, ebenso unglücklich war, wie die vorhergehenden, noch vertieft worden ist. Er hat ein bischen »Rex« gespielt,« hat einen Hof gehalten, hat Feste gefeiert, hat Damen gehalten, hat Tedeum 's gehalten, hat Einzüge gehalten, bei denen ihm Blumen über Blumen gestreut worden sind. Er hat sein Roß getummelt, hat Gesetze erlassen, hat auf Bällen getanzt, hat Tinte und Pulver reden lassen, hat Blut vergossen und Haß gesät. Und nachdem die Schlacht verloren war, nachdem er das Zeichen zur Flucht gegeben, da flüchtet er sich wieder zurück nach Frankreich, um neue Kräfte zu sammeln – da sucht er nach neuen Rekruten für seine Wagnisse, da sucht er neue Millionen flüssig zu machen – zeigt sich nie anders als in seinem Mitteldinge zwischen Reise- und Abenteurer-Kostüm, dem eng über die Taille sich schließenden Mantel, der mit Knöpfen und Schnüren besetzt ist und ihm das Aussehen eines Zigeuners verleiht. Eine laute, lärmende Jugend tummelt sich hier in dieser Loge und führt laute Reden, mit all der Ungeniertheit, die am Hofe einer Königin von Pomare herrscht – und die harte und rauhe Nationalsprache fliegt, nach Art von Sprengstücken, vom einen zum andern hinüber, in Begleitschaft von vertraulicher Redewendungen, von Anreden mit Du und Du, deren Geheimnis sich flüsternd im Saale weiter trägt. Seltsame Sache! an einem Tage, an welchem die guten Plätze so rar sind, daß man auf Prinzen von Geblüt trifft, die sich ins Amphitheater verirrt haben – bleibt eine kleine Loge, die Loge Bossuet leer stehen. Jeder frägt sich, wer dorthin kommen soll, welcher große Würdenträger, welcher vorübergehend in Paris aufhältliche Souverän so lange auf sein Erscheinen warten läßt, die Sitzung ohne seine Gegenwart eröffnen läßt. Schon schlägt es an der alten Uhr Eins. Eine kurze Stimme erschallt draußen: »Präsentiert das Gewehr!« und während die Gewehre automatisch aneinander rasseln, hält durch die sperrangelweit geöffneten Thore die Litteratur im Verein mit der Kunst und der Wissenschaft ihren Einzug. Was an diesen erlauchten Personen, die sämtlich rasch sind in Blick und That, die, möchte man sagen, aufrecht erhalten werden durch ein überliefertes Prinzip, eine überlieferte Willenskraft auffällt, das ist, daß die älteren von ihnen eine jugendliche Haltung affektieren, eine bewegliche rastlose Munterkeit – während die Jungen unter ihnen sich Zwang anthun, um so ernster und gewichtiger zu erscheinen, je weniger ergraut ihnen die Haare sind. Der Anblick im großen und ganzen ermangelt der Größe unter dem Einflusse der modernen Knappheit der Haartracht, des schwarzen Anzugs und Überrocks. Der Puder-Perrücke eines Boileau und Racan, dessen großes Windspiel die Diskurse beknabberte, mußte mehr Autorität zu eigen sein; sie mußte eine würdigere Erscheinung bilden hier unter diesem Kuppeldache. Zur Erhöhung des malerischen Eindrucks lassen sich zwei, drei mit grünen Palmen bestickte Leibröcke ganz oben vor dem Tische und vor dem Glase mit Zuckerwasser nieder – und einer von ihnen ist es, welcher die geweihte Phrase spricht: »Die Sitzung ist eröffnet.« Aber er mag noch soviel mal sagen, daß die Sitzung eröffnet sei – man glaubt ihm nicht, er glaubt sich selbst nicht. Er weiß recht gut, daß die wirkliche Sitzung nicht dieser Bericht ist über die Mouthyon-Preise, den eins der beredtesten Mitglieder der Versammlung in vornehmem Singsang jetzt darlegt und erstattet. Ein Muster von akademischer Rede, im akademischen Stile geschrieben, mit mancherlei »ein bischen« und mancherlei »sozusagen«, – Floskeln, die den Gedanken aller Augenblicke wieder auf seine Ausgangsbahn zurücklenken; einer Büßerin gleich, die über der Beichte Sünden vergessen hat – ein Stil, mit Arabesken, Schnörkeln, mit schönen Federzügen von Meisterhand geziert, die sich zwischen die Sätze hinein verlaufen, um sie zu verdecken, ihre Hohlheit und Leere aber um so schärfer hervortreten lassen – ein Stil endlich, den man lernen muß, und in den hier jedermann gleichzeitig hinein rutscht wie in den mit grünen Palmen bestickten Frack. Unter allen andren Umständen würde das gewöhnliche Publikum dieser Stätte angesichts dieser Büßerpredigt vor Freuden außer sich geraten sein – man würde es vor Freude stampfen, wiehern gesehen haben bei den kleinen Redewindungen, deren Schlußworte es erraten haben würde. Heute aber ist man in Eile; man ist nicht um dieses literarischen Festes willen hierher gekommen. Man muß das sehen, mit welcher verächtlichen Miene von Verdruß und Langeweile diese hier anwesende aristokratische Versammlung diesem Defilee von demütigen Ergebenheitsversicherungen, von Gelübden der Treue über's Grab hinaus anwohnt; diesen Vorbeimarsch von versteckten, trippelnden, geknickten, gebeugten Existenzen über sich ergehen läßt, der sich in diesem überjährigen, »erbsenzählenden« Wort- und Phrasen-Gedrechsel vollzieht, ganz wie auf den engen, mit Fliesen belegten, der Heizung ermangelnden Provinz-Korridoren, wo diese Existenzen sich zu bewegen hatten. Plebejische Namen, fadenscheinige Sutanen, alte blaue, von Sonne und Wasser gebleichte Blusen, Winkel von fernab gelegenen Marktflecken, deren spitzer Kirchturm, deren niedrige, mit Kuhmist cementierte Mauern man auf eine Sekunde zu sehen meint – all das fühlt sich betreten, beschämt, unbehaglich darüber, daß man es so weither, mitten hinein in eine so schöne Gesellschaft, unter die kalte Beleuchtung der Akademie gezogen hat – eine Beleuchtung, die so indiskret ist wie das Glas eines Photographen. Die adlige Gesellschaft verwundert sich, daß es soviel wackere Leute in der Gemeinde giebt . . . Noch immer! . . . Noch immer? . . . sie haben nicht aufgehört zu leiden, sich zu opfern! nicht aufgehört, die Helden zu spielen! . . . Die Klubs meinen, daß dies langweilig sei zum Bersten! Colette von Rosen riecht an ihrem Fläschchen; alle diese alten Leute, alle diese armen Leute, von denen man spricht, sie »riechen,« meint sie, »nach dem Ameisenhaufen.« Die Langweiligkeit perlt auf den Schläfen, tritt in Schweißtropfen zum Mauerstuck heraus. Der Berichterstatter fängt an zu begreifen, daß es langweilig wird, und er beschleunigt das Defilee. Ach! arme Marie Chalaye d'Ambérieux-les-Combes! Du, welche das Landvolk die Heilige nennt – Du, die Du fünfzig Jahre lang Deine alte gelähmte Tante abgewartet und achtzehn Großneffen gehegt, gepflegt hast! Und dann Du, Du würdiger Abbé Bourillon! Pfarrverweser von Saint-Maximin-le-Haut, der Du im schlimmsten Hundewetter gelaufen bist, den Käsehirten des Gebirges Hilfe und Tröstung zu bringen– Du argwöhntest nicht, daß die Akademie von Frankreich, nachdem sie Deine Bemühungen mit einer öffentlichen Belobigung und Belohnung gekrönt hat, sich Deiner schämen, Verachtung vor Dir fühlen würde! daß Eure durcheinandergepolterten, undeutlich ausgesprochenen Namen in der Unaufmerksamkeit, in dem Gesumme von ungeduldigen oder ironischen Unterhaltungen verhallen würden, kaum daß sie deutlich gesprochen wurden! Dieser Abschluß, dieses Ende des Vortrags gestaltet sich zu einer wahren Auflösung, zu einer wilden Flucht! Und wie der Flüchtling, um rascher zu laufen, Flinte und Tornister ins Korn wirft, so sind es hier Züge von Heldenhaftigkeit, von engelsgleichen Entsagungen, die der Redner im Graben liegen läßt ohne den leisesten Gewissensbiß – denn er weiß, daß die Morgenblätter seine Rede vollständig zum Abdruck bringen werden, und daß keine einzige von diesen wie Lockenwickel gedrehten hübschen Phrasen verloren gehen wird. Endlich ist er am Ende. Ein paar Bravos, ein paar »Ah!« der Erleichterung werden laut. Der Unglückliche setzt sich nieder, wischt sich den Schweiß von der Stirne, nimmt beglückwünschende Worte entgegen von zwei, drei Genossen im Amte – den letzten Vestalinnen des akademischen Stils! Dann folgt ein Zwischenakt von fünf Minuten – ein allgemeines Gesumme im Saale, der sich reckt, der Atem und Erholung schöpft. Plötzlich eine große Stille, ein tiefes Schweigen. Ein anderer grüner Frack hat sich eben erhoben. Es ist der edle Fitz-Roy – und ein jeglicher hat das Recht ihn zu bewundern, während er auf der Decke des kleinen Tisches seine Papiere in Ordnung legt. Mager, gekrümmt, rhachitisch, engschulterig, durch Arme von zu großer Länge, die nichts als Ellbogen zu sein scheinen, in der Gestikulation behindert – zählt er fünfzig, scheint aber siebenzig Jahre alt zu sein. Auf diesem abgebrauchten, schlecht gefügten Körper sitzt ein kleiner Kopf mit häßlichen Zügen von gesottener Blässe zwischen einem spärlichen Backenbart und einem Paar vereinzelt stehender Haarbüschel. Man erinnert sich wohl aus der ›Lucrezia Borgia‹ jenes Montrefelto, der das Gift des Papstes Alexander getrunken hat, und den man im Hintergrunde der Bühne vorbeischleichen sieht, geknickt, zerschlagen, schlotternd, des Lebens sich schämend! Der edle Fitz-Roy wäre sehr wohl imstande, diese Persönlichkeit gut zur Darstellung zu bringen. Nicht als ob er jemals dem Trunk ergeben gewesen, armer Kerl! er hat das Gift der Borgia so wenig getrunken, wie sonst etwas andres; aber er ist der Erbe einer Familie von schauerlich hohem Alter – einer Familie, die niemals eine Kreuzung in ihrer Nachkommenschaft gelitten hat – der Schößling einer Pflanze, die keinen Saft mehr hat, für die nun die Zeit vorbei ist, durch Mißheirat sich aufzufrischen! Das Grün der Palmen verstärkt noch seine fahle Blässe – hebt seine krankhafte Schimpansen-Silhouette noch schärfer heraus. Der Onkel Sauvadon findet ihn göttlich. Ein so schöner, so herrlicher Name, mein Herr! Für die Frauen ist er ganz großartig, etwas ganz Apartes. Ein Fitz-Roy! Dies Privilegium des Namens, diese lange Ahnenreihe, zu welcher die Strohköpfe und Plattfüße sicher kein schwaches Kontingent gestellt haben, sind die beiden Umstände, denen er im stärkere Grade seinen Eintritt in die Akademie verdankt als seinen historischen Studien – die alles in allem ein dürftiges Sammelwerk darstellen, dessen erstem Bande allein ein gewisser Wert inne wohnt. Es ist ja wahr, daß ihn ein anderer für ihn geschrieben hatte; und wenn der edle Fitz-Roy dort hinauf guckte, auf die Tribüne der Königin Friederike, auf den mächtigen Donner-Schädel, aus welchem sein bestes Werk hervorgegangen ist, dann würde er vielleicht die Blätter seiner Rede nicht mit jener Miene erhabener und geringschätziger Bissigkeit zusammen raffen – würde er seine Lektüre nicht mit jenem erhabenen Blicke rings über die Versammlung, der alles beherrscht und doch nichts sieht, anfangen! Zuvörderst räumt er in geschickter und leichter Weise mit den kleineren Werken auf, welche die Akademie mit Preisen gekrönt hat; und um deutlich zu zeigen, wie tief diese Arbeit unter ihm steht, streift er nur schwach, und verstümmelt mit Wonne die Namen und Titel der Bücher. . . . Wie sich da alles erbaut und erlustigt! . . . Endlich kommt der Preis Roblot, der dem schönsten geschichtlichen Werke zu teil geworden ist, das innerhalb der letzten fünf Jahre veröffentlicht wurde. »Dieser Preis, meine Herren! ist, Sie wissen es! dem Prinzen Herbert von Rosen für seine großartige ›Denkschrift über die Belagerung von Ragusa‹ zuerkannt worden.« Eine fulminante Beifallssalve begrüßt diese schlichten Worte, die mit weithin schallender Stimme, mit einer Gebärde vom guten Säemann der Bibel über die Versammlung geschüttet werden. Der edle Fitz-Roy läßt diesen ersten Begeisterungs-Taumel verrauschen. Dann beginnt er wieder, sich eines harmlosen, aber sicheren Opositionsmittels bedienend, leise und langsam, bedächtig: »Meine Herren! . . . .« Er hält inne, läßt seinen Blick über diese harrende, atemlose Menge schweifen, die an seinem Munde hängt, die er in seiner Hand hält . . . Er hat ganz das Aussehen, als wollte er sagen: »Hm! wenn ich jetzt nicht weiter sprechen wollte – wer wäre da genasführt?« Und er ist's, er selbst, welcher genasführt ist; denn als er sich fortzufahren rüstet, hört niemand ihn mehr . . . Eine Thür ist dort oben, auf der bislang leer gebliebenen Tribüne zugeschlagen worden. Eine Dame ist eingetreten, hat sich ohne Verlegenheit aber die Aufmerksamkeit im Nu an sich fesselnd, niedergesetzt. Die ernste, von dem großen ›Garderoben-Fex‹ gefertigte Toilette mit reichem Schmuck an Pfauenaugen-Stickerei, der mit nach hinten zu abfallender Goldspitze gesäumte Hut, umschließen in köstlicher Weise die schmiegsame Taille, das in mattem Rosa gehaltene Oval dieser ihres Ahasverus sicheren Esther. Der Name wird durch die Bänke geflüstert, gezischelt. Ganz Paris kennt ihn; seit drei Monaten ist nur von ihrem Liebesverhältnis, von ihrem Luxus die Rede. Ihr Hotel in der Avenue de Messine ruft durch die Pracht seiner Einrichtung die schönste Zeit des Kaiserreiches in Erinnerung. Die Zeitungen haben die einzelnen Umstände dieses Gesellschafts-Skandals haarklein berichtet, haben die Größe und Höhe der Marställe angegeben, haben den Preis genannt, welcher für die Gemälde im Speisesaale bezahlt worden ist, haben die Anzahl der Equipagen und Karossen genannt, haben das Verschwinden des Ehemanns erzählt, welcher, ehrenhafter als ein andrer berühmter Menelaos, von seiner Unehre nicht hat leben mögen, sondern als betrogener Ehegemahl des großen Jahrhunderts sich ins Ausland begeben hat und dort »Schmolllippchen macht«. Nur den Namen des siegreichen Eroberers haben diese Zeitungs-Chroniken leer gelassen. Im Theater sitzt die Dame immer allein in der vordersten Reihe der Prosceniums-Logen, in Geleitschaft eines Paars zierlicher Schnauzbart-Enden, die sich in dem Halbduster verstecken. Auf den Korsofahrten, im Wäldchen erscheint sie nach wie vor allein – der leere Platz neben den Kissen wird von einem gewaltigen Blumenstrauße eingenommen, und auf dem Wagenschlage hüben und drüben steht um ein geheimnisvolles Wappenschild herum der nichtssagende, nagelneue Spruch: ›mein Recht, mein König‹ – mit welchem ihr Geliebter sie ebenso auszustatten geruht hat wie mit dem Titel einer Gräfin . . . Dies mal wird der Favoritin die Weihe erteilt. Sie an solchem Tage auf diese, den Majestäten reservierten Ehrenplatze geführt zu haben, indem man ihr Wattelet, den unmittelbaren Lehnsträger Christians, und den Prinzen d'Axel als Geleitschaft giebt, der immer bereit und zu haben ist, wenn es gilt, eine kompromittierende Narrheit auszuführen – das bedeutet ebensoviel wie ein Anerkenntnis vor aller Augen – wie die öffentliche Bekleidung mit den Wappen Illyriens. Und doch ruft ihre Gegenwart keinerlei indignierte Empfindung wach. Für die Könige bestehen ja allerhand Vorrechte und Freiheiten. Ihre Vergnügungen sind geheiligt wie ihre Personen, vorzugsweise in jener aristokratischen Gesellschaft, in welcher sich die Tradition erhalten hat von den Maitressen eines Ludwigs des Vierzehnten oder Ludwigs des Fünfzehnten, die in den Karossen der Königin saßen oder bei den großen Jagden sich an ihren Platz drängten. Einige schnippische und hochnasige Persönchen, wie Colette von Rosen zum Beispiel, zeigen wohl verschämte Mienen, spielen sich auf als Heilige, wundern sich, daß die Akademie dergleichen Subjekten Aufnahme gewährt – aber man kann sicher sein in dieser Hinsicht, daß eine jede von diesen Damen ein niedliches Seiden-Äffchen bei sich zu Hause haben dürfte, das an der Schwindsucht dahinsiecht. In Wirklichkeit ist der Eindruck vortrefflich, ausgezeichnet. In den Clubs äußert man sich: »Höchst schneidig!« unter den Journalisten: »Pyramidal!« Man lächelt mit wohlwollenden Mienen; und die Unsterblichen selbst richten ihr Lorgnon auf das bewunderungswürdige weibliche Wesen, das sich ohne Geziertheit, ohne Auffälligkeit an der Brüstung ihrer Loge verhält, das bloß in ihren Samt-Augen jene Starrheit zeigt, die von Frauen gern in ihren Blick gelegt wird, wenn sie sich durch die Aufmerksamkeit der Lorgnetten und Operngläser in Belagerungszustand gehalten wissen. Man dreht sich auch neugierig nach derjenigen Richtung hin, in welcher die Loge der Königin von Illyrien liegt, um zu sehen, wie diese sich zur Sache verhält, wie sie die Sache auffaßt! O! sehr gut! sehr gut! Kein Zug auf ihrem Antlitz hat gebebt, keine Feder auf ihrem Hute hat gewackelt. Friederike zeigt sich nie bei den laufenden Festlichkeiten; sie kann also diese Dame nicht kennen! sie hat sie niemals, niemals mit einem Blicke gesehen und sieht sie zuerst auch nicht anders an, als wenn eine Toilette eine andere Toilette mustert. »Wer ist das?« frägt sie die Königin von Palermo, welche sehr geschwind die Antwort giebt: »Ich weiß es nicht!« . . . Aber auf einer benachbarten Tribüne wird ein Name gesprochen, sehr laut gesprochen und mehrmals wiederholt – und dieser Name! er trifft sie ins Herz – »Spalato! Gräfin von Spalato!« Seit einigen Monaten hetzt sie dieser Name ›von Spalato‹ wie ein böser Traum. Sie weiß, daß ihn eine neue Maitresse Christians führt, der sich dessen, daß er König war, besonnen hat, um mit einem der höchsten Titel des fernen Vaterlandes das Geschöpf seiner Freude zu vermummen. Dieser Umstand hat ihr den Verrat fühlbar gemacht aus tausend andren heraus. Aber das, was sie heute sieht, macht das Maß voll zum Überlaufen. Dort! ihr gegenüber, dem königlichen Kinde gegenüber, auf einem Platze, der einer Königin gebührt, dort sitzt diese Dirne, hingesetzt von ihm! O, welch ein Schimpf! welch eine Schmach! Und ohne daß Friederike sich darüber Rechenschaft giebt, macht ihr die ernste und vornehme Schönheit des Geschöpfes die Empfindung dieser Schmach noch fühlbarer. Der Trotz, die Herausforderung steht hell und klar in diesen schönen Augen geschrieben – diese Stirn ist frech in ihrer Reinheit – der Glanz, der über diesem Munde liegt, fordert sie heraus . . . Tausend Gedanken geraten aneinander in ihrem Kopfe . . . ihre große Bedrängnis und Not . . . die Demütigungen jeglichen Tages . . . Gestern erst dieser Wagenbauer, der unter ihren Fenstern mit lauter Stimme schrie und den Rosen bezahlt hat; denn dazu hat es ja doch wieder kommen müssen! . . Wo nimmt Christian das Geld her, welches er diesem Frauenzimmer giebt? . . Seit dem Betruge, den er mit den falschen Juwelen getrieben, weiß sie, wessen er fähig ist; und ein Etwas in ihrer Brust sagt ihr, daß diese Spalato die Schande des Königs, des ganzen königlichen Geschlechts werden wird! Einen Augenblick lang, eine Sekunde lang, tritt in diese gewaltthätige Natur die Versuchung, von ihrem Platze aufzustehen und hinauszugehen mit ihrem Kinde an der Hand – einer schimpflichen Nachbarschaft, einer entwürdigenden Nebenbuhlerschaft sich durch gröbliche, rücksichtslos Entfernung zu entschlagen . . . Aber sie gedenkt dessen, daß sie Königin ist, daß sie eines Königs Gattin, eines Königs Tochter ist, daß auch Zara einst König sein wird; und sie mag ihren Feinden nicht die Freude eines solchen Ärgernisses bereiten. Eine höhere Würde, eine Würde, die ihr höher steht als ihre Frauenwürde, und die sie sich für ihr ganzes Leben zur verzweifelten und stolzen Regel gemacht hat – hält sie auf ihrem Platze hier in der Öffentlichkeit nicht minder aufrecht, wie in dem geheimen Winkel ihres verwüsteten, verödeten Heims. O des grausamen Schicksals dieser Königinnen, die man beneidet! Die Anstrengung, die sie sich auferlegt, ist so heftig, daß ihr Thränen aus den Augen springen, gleichwie das ruhige Wasser eines Weihers aufspritzt unter dem Schlag eines Ruders. Rasch, damit man sie nicht sehe, hat sie nach ihrer Lorgnette gegriffen und blickt starr und unverwandt durch die angelaufenen Gläser auf die vergoldete, ruhig weilende Inschrift: »Litteratur, Wissenschaft, Kunst«, die sich reckt und regenbogig färbt in ihren Thränen dort oben über dem Haupte des Redners. Der edle Fitz-Roy setzt seine Lektüre fort. Er liest in einem Stile, grau in der Färbung wie ein Gefangenenkittel – die pompöse Lobesrede der »Denkschrift«, dieses Buches beredter und derber Geschichte, die niedergeschrieben worden von diesem jungen Prinzen Herbert von Rosen, »der sich der Feder bedient wie des Degens« – kündet vor allem in seiner Lesung das Lob des Helden, welcher die Inspiration zu ihr gegeben hat, »dieses ritterlichen Christians des Zweiten, in welchem sich die Grazie, der Adel, die Stärke, der verführerische Reiz herrlichen Frohsinns und frischer Lebenslust zusammenfinden, – Eigenschaften des Charakters und Gemüts, die man jederzeit gewiß und sicher ist, auf den Stufen des Thrones zu finden.« (Beifallsklatschen und schwache Ausrufe der Wonne.) Ein gutes Publikum ganz entschieden, empfänglich, animiert, die flüchtigsten Anspielungen im Fluge erhaschend und in sich festigend . . . Manchmal, mitten drin zwischen diesen weichlichen Perioden eine packende und wahre Bemerkung, ein Citat aus dieser »Denkschrift« selbst, zu welcher die Königin alle Dokumente geliefert hat – die Königin, die den Namen des Königs dem ihrigen unterschiebt, die sich in das Nichts hinunter stößt zum Nutzen und Vorteil Christians des Zweiten. O du gerechter Gott! und das war die Art, wie er ihr lohnte! . . . Die Menge begrüßt die Worte in der Rede mit hellem Beifall, die von rücksichtsloser und hoher Tapferkeit Kunde geben, bricht in Jubel aus über Heldenthaten, die in aller Schlichtheit des Geistes vollführt und von dem Autor in einer bilderreichen Prosa einschaltet worden sind, so daß sie sich aus dem Vortrage herausheben, wie epische Erzählungen aus dem Altertum. Und, meiner Treu! angesichts der enthusiastischen Aufnahme, die diesen Anführungen zu teil wird, leistet der edle Fitz-Roy, der kein Dummkopf ist, auf seine eigene literarische Abfassung Verzicht und läßt sich daran genügen, das Buch in seinen schönsten Seiten zu durchblättern. In dem engen klassischen Baudenkmal nimmt sich ein erfrischender, reinigender Hauch auf, erzittert ein stärkender, belebender Flügelschlag – es scheint, als ob die Mauern sich dehnen und weiten, als ob durch die gelüftete Kuppel ein frischer Hauch von draußen herein dringe. Man atmet auf, die Fächer geben nicht länger mehr durch ihren rhythmischen Schlag Zeugnis von teilnahmloser Aufmerksamkeit. Nein, der ganze Saal hat sich erhoben; alle Köpfe richten sich nach der Tribüne, wo Friederike sitzt. Man klatscht Beifall, bejubelt die besiegte, aber glorreiche Monarchie in der Gattin und in dem Sohne Christians des Zweiten, des letzten Königs, des letzten Kavaliers. Der kleine Zara, den wie alle Kinder der Lärm und die Bravorufe berauschen, klatscht in seiner Harmlosigkeit mit, während seine kleinen, in Handschuhen steckenden Händchen das blonde Lockenhaar aus dem Gesichte streichen. Die Königin wirft sich ein wenig nach rückwärts – sie wird selbst erfaßt von diesem ansteckenden Enthusiasmus – labt sich an der Freude, an dem berauschenden Wahn einer Minute, den er ihr bereitet. So hat sie es doch erreicht, dieses Schattenbild von König, hinter dem sie sich versteckt, mit einer Aureole zu umgeben, diese Krone von Illyrien, die eines Tages ihr Sohn tragen soll, mit einem neuen Glanze zu bereichern – mit einem Glanze, den niemand zu verschachern imstande sein wird. Was kümmern sie nun Exil, Verrätereien, Elend und Jammer? Es giebt solche Augenblicke der Blendung, die den ganzen Schatten, der um einen her lagert, in sich aufnehmen, ertränken . . . Plötzlich dreht sie sich um – der Gedanke kommt ihr, demjenigen zu huldigen in ihrer Freude, der ganz dicht neben ihr, das Haupt an die Mauer gelehnt, die Augen irr nach der Kuppel hinauf gewendet, diese magischen Worte mit anhört, in gänzlicher Vergessenheit dessen, daß sie von ihm selbst stammen – der diesem Triumph anwohnt ohne Klagen, ohne Bitterkeit, ohne sich auch nur ein einziges mal zu sagen, daß aller dieser Ruhm ihm gestohlen worden sei! Gleich jenen Mönchen des Mittelalters, die zu Greisen werden über dem Ausbau von Kathedralen, läßt sich der Sohn des königsgetreuen Städtlers Genüge sein daran, sein Werk zu vollenden, Genüge sein an dem Anblick, wie es sich sicher und fest im hellen Sonnenschein aufrichtet und erhebt. Und um dieser Entsagung, um dieses erhabenen, erleuchteten Lächelns willen, das sich von seinem Gesichte ablöst – um alles dessen willen, was sie an geistiger Verwandtschaft in ihm vorhanden fühlt – reicht ihm die Königin die Hand mit einem weichen: »Ich danke Ihnen . . . ich danke Ihnen!« Und Rosen, der ihr in größerer Nähe sitzt, ist des Glaubens, daß man ihm zu dem Erfolge seines Sohnes Glück wünsche. Er bemächtigt sich, als sie an ihm vorbeigleitet, dieser erkenntlichen Mimik, reibt seinen rauhen, borstigen Schnurrbart an dem königlichen Handschuh; und die beiden glücklichen Opfer des Festes bleiben darauf beschränkt, jene nicht zum Ausdruck gebrachten Gedanken, welche die Seelen mit geheimnisvollen und festen, ausdauernden Banden verknüpfen, von weitem in einem Blicke, einem einzigen Blicke, zum Austausche zu bringen. Es ist zu Ende. Die Sitzung wird aufgehoben. Der edle Fitz-Roy, dem reicher Beifall gespendet, dem Komplimente schmeichelndster Art gesagt worden, ist verschwunden wie durch eine Fallthüre. Die Litteratur im Verein mit der Wissenschaft und der Kunst ist ihm gefolgt – die Kanzlei steht leer. Und durch alle Thüren und Thore beginnt die sich drängende Menge jenen Reden und Meinungen Ausdruck zu geben und den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen, die den eigentlichen Schluß einer Versammlung, eines Theater-Abends bilden und morgen die Meinung von ganz Paris darstellen werden. Unter diesen biederen Leuten, die sich jetzt auf den Heimweg begeben, sind ihrer viele, die in Fortsetzung ihres rückläufige Traumes des Glaubens sind, bei ihrem Austritt vor dem Palaste der Akademie Chaisenträger anzutreffen – und was ihrer wartet, das ist der Regen, der in das Rattern der Omnibusse und in das karnevalistische Treiben der Tramways herniederrieselt. Einzig und allein die bevorrechteten Standespersonen werden in der bekannten Gangart ihrer Karossen fortfahren, sich in dem süßen monarchischen Wahne einzuwiegen. Diese ganze aristokratische Gesellschaft unter dem großen, auf Säulchen ruhenden Portikus, während ein Diener die königlichen Karossen über den nassen, glitzernden Hof heranruft, auf den Austritt der Majestäten aus dem Hause harren zu sehen, sie mit Lebhaftigkeit und Feuer sprechen zu hören, ist ein wahrer Genuß. Was war dies für eine Sitzung! . . . Welch ein Erfolg! . . . Ob die Republik das wohl übersteht! . . . Die Prinzessin von Rosen wird sehr umringt: »Sie müssen sehr glücklich sein! – O ja! o ja! sehr glücklich.« Und niedlich, reizend, hüpfend und tänzelnd, grüßt und verneigt sie sich wie ein munteres, kleines Manège-Füllen. Der Onkel brüstet sich neben ihr, noch immer freilich durch seine weiße Halsbinde und durch sein Oberkellner-Oberhemd geniert, das er hinter seinem Hute zu verbergen beflissen ist, trotz allem aber sehr stolz auf den Erfolg seines Schwiegersohns. Gewiß weiß er besser als jedermann sonst, woran er sich in Betreff der Waschechtheit dieses Erfolges zu halten hat – und daß Prinz Herbert nicht eine einzige Zeile des preisgekrönten Werks geschrieben hat! Aber in diesem Augenblicke denkt er nicht daran. Colette auch nicht! Das nehm' ich auf meinen Eid! Eine echte Sauvadon im Punkte der Eitelkeit, ist ihr der äußere Schein hinreichend; und als sie aus einer Gruppe von ›Gigerln‹ aus der ›Gomme‹, die ihn beglückwünschend umdrängen, von ihrem Herbert die gewichsten Endspitzen seines großen Schnauzbartes herausragen sieht, da muß sie sich Gewalt anthun, daß sie ihm nicht vor allen Leuten hier um den Hals fällt, so fest ist sie überzeugt, daß die Belagerung von Ragusa sein Werk ist, daß er die ›Denkschrift‹ abgefaßt hat, daß sein schöner Schnauzbart keine Eselskinnlade verdeckt. Und wenn auch der biedere Bursche über die Ovationen, die man ihm bereitet, über die Blicke, die man ihm zuwirft – der edle Fitz-Roy hat ihm sogar eben mit Feierlichkeit erklärt: »Sofern es Ihnen nach Wunsch sein wird, mein Prinz, werden wir Sie zu unserem Mitgliede ernennen!« – entzückt und betreten ist, so ist ihm doch nichts kostbarer, als der unerwartete Empfang, der ihm von seiten seiner Colette zu teil wird – nichts von dem allen so köstlich, so lieb und wert wie die fast liebevolle Hingabe, mit welcher sie sich auf seinen Arm stützt – etwas, was ihm seit ihrem Hochzeitstage, seit der ›Braut-Cour‹, die sie unter geweihtem Orgelklang auf der Empore von Sankt-Thomas von Aquino‹ abgehalten, nicht mehr widerfahren war. Aber die Menge tritt auseinander, bildet Spalier, entblößt ehrfürchtig das Haupt. Es nahen die Logengäste – alle diese gestürzten Majestäten steigen hernieder, um nach dieser Auferstehung auf wenige Stunden wieder in die Nacht zurückzukehren. Ein richtiges Defilee von königlichen Schatten, der blinde Greis gestützt auf seine Tochter, die Galicierin mit ihrem schönen Neffen – ein Schleifen und Ziehen, ein Knistern von starren Stoffen, wie beim Vorüberzug einer peruvianischen Madonna. Endlich die Königin Friederike, ihre Cousine und ihr Sohn. Der Landauer rollt an die Auffahrt heran. Sie steigt ein, getragen von einem Beben der Bewunderung, das die den Atem anhaltende Menge durchzittert, schön und erhaben, mit stolzer Stirn, eine strahlende Erscheinung. Die Königin zur linken Hand – die Hintertreppen-Königin ist mit d'Axel und Wattelet vor Schluß der Sitzung gegangen, so daß also nichts diesen Abgang in voller Glorie stört oder beeinträchtigt . . . Nun hat man einander nichts mehr zu erzählen – nun hat man nichts mehr zu sehen. Die langen Lakeien stürzen herbei mit ihren Regenschirmen. Eine Stunde lang dauert es nun, das Getrappel und Geratter, das Auf- und Zuklappen von Wagenschlägen zwischen dem Niederrauschen der Regengüsse; eine Stunde lang werden noch Namen gerufen und schallen zurück in jenen steinernen Echos, welche in den alten Bauwerken spuken, und die man nicht eben häufig in dem alten Institute von Frankreich aufrührt und stört.     An diesem Abend mußten die koketten Allegorieen, die eines Boucher Hand auf die Trumeaux in Herberts Schlafgemach, im Palaste Rosen, gemalt hat, Leben in ihre seit langem in Schlaf gelullten Lager und Stellungen bringen, mußten ihre ein wenig verschossenen Lebensfarben auffrischen – als sie ein Stimmchen lispeln hörten: »Ich bin's, Colette . . .« Es war Colette, in ein Nachtkleid gehüllt mit Brüsseler Spitzen – Colette, die ihrem Heros, ihrem stolzen Ritter, ihrem genialen Gemahl den Nachtgruß zu entbieten kam . . . Fast zur nämlichen Stunde ging Elysée allein in dem Garten der Rue Herbillon spazieren, unter dem losen Laubdach, durch das ein gewaschener, aufgehellter Himmel hindurchblinkt – einer von jenen Juni-Himmeln, denen von den langen Tagen ein ekliptisches, verdunkeltes Licht verbleibt, das die Schatten auf der matthellen Biegung der Wege scharf abzeichnet und dem Haus mit seinen dichtgeschlossenen Jalousien ein weißes, totes Aussehen leiht. Einzig und allein im obersten Stockwerk eine Lampe – im Zimmer des Königs, welcher noch wach war. Kein Geräusch als ein Tropfen von Wasser in den Röhren des Springbrunnens – als der verlorene Triller einer Nachtigall, dem andere Nachtigallen antworten. Durchdringende Düfte von Magnolien, Rosen und Melissenkraut durchirrten nach dem Regen die Luft. Und das Fieber, das seit acht Wochen, seit dem Jahrmarkts-Feste von Vincennes, nicht mehr von Elysée wich, das ihm die Stirne sengt und die Hände sengt, dies Fieber – anstatt sich in diesem Schwall von Wohlgerüchen und Gesängen zu beruhigen – schlug und hämmerte, gleichfalls zitternd und wallend, in seiner Brust und sandte ihm den Schwall seiner Fluten bis nach dem Herzen . . . . »Hah! alter Esel! alter Esel!« rief eine Stimme neben ihm unter der Weißbuchenhecke. Er blieb verdutzt stehen. Es war so wahr, so gerecht, so gut, was er sich seit einer Stunde nun wiederholte. »Esel! erbärmlicher Narr! . . . Ins Feuer müßte man Dich werfen! Dich und Dein Herbarium!« »Sind Sie es, Herr Rat?« »Nennen Sie mich nicht mehr Rat. Ich bin es nicht mehr . . Weder Ehre, noch Verstand mehr . . Ha! porco! « Und Boscowich, der mit einer echt italienischen Wut schluchzte, schüttelte den schnurrigen, von dem Licht, das zwischen die Trauben der Linden fiel, seltsam erleuchteten Kopf. Der arme Mensch war seit einiger Zeit halb und halb aus dem Häuschen. Im einen Augenblick sehr vergnügt, sehr geschwätzig, langweilte er all und jeden mit seinem Herbarium, seinem berühmten Laibacher Herbarium, in dessen Besitz er, wie er sagte, nun bald gelangen müßte. Dann unterbrach er sich plötzlich, mitten in diesem Delirium von Worten, warf einem von unten herauf einen Blick zu – und dann konnte man kein Wort mehr aus ihm heraus bringen. Dieses mal glaubte nun Elysée, daß er vollständig von Sinnen käme, als er ihn nach diesem kindischen Redeschwall auf ihn zuspringen, ihn am Arme packen sah, und in die Nacht hinaus wie um Hilfe schreien hörte. »Das ist nicht möglich, Méraut . . . Das muß verhindert werden!« »Was denn verhindern, Herr Rat?« sagte der andere, indem er sich bemühte, seinen Arm aus dieser nervösen Umschlingung zu lösen. Und Boscowich keuchte mit ganz leiser Stimme: »Die Entsagungsurkunde liegt bereit! von mir aufgesetzt und geschrieben! . . In diesem Augenblicke unterzeichnet Seine Majestät sie . . . Niemals hätte ich das thun sollen . . . Aber – aber . . . . Er ist der König! . . . Und dann mein Laibacher Herbarium, das er versprach mir zurückgeben zu lassen . . . Prächtige Exemplare darin! prächtige Exemplare!« Der Verrückte war aus Rand und Band; aber Elysée hörte nicht sein Geschwätz – dieser schreckliche Schlag hatte ihn betäubt. Sein erster, einziger Gedanke galt der Königin. Das also ist der Preis für ihre Hingabe, für ihre Verleugnung, dies Ende dieses Opfertages! . . . Welch ein Nichts ist doch all dieser Ruhm, um eine Stirne geflochten, die kein Verlangen mehr hat nach einer Krone irgendwelcher Art! . . . In dem plötzlich in Finsternis gesunkenen Garten erblickt er nichts weiter mehr als dieses Licht dort hoch oben, welches das Geheimnis eines Verbrechens erleuchtet . . . Was thun? Wie es verhindern? . . . Die Königin allein vermag's . . . Aber würde er bis zu ihr gelangen können? . . . Thatsache ist, daß die Kammerfrau vom Dienst, Frau von Silvis, inmitten ihrer Träume von Geistern und Feen, die Königin selbst, kurz all und jede Person an den jähen Ausbruch eines Feuers, durch welches das im Schlafe ruhende Hotel bedroht sei, glaubte, als Elysée mit Ihrer Majestät zu sprechen verlangte. Man hörte aus den Zimmern ein Schwatzen von geschäftigen Frauen – das Summen eines vorzeitig aus dem Schlafe geweckten Vogelbauers. Endlich wurde Friederike in dem kleinen Salon sichtbar, wo der Erzieher und Lehrer ihrer wartete. Sie war in ein langes blaues Nachtgewand gehüllt, das ein paar wunderschöner Arme und Schultern abformte. Niemals hatte sich Elysée in solch dichter Nähe von der Frau gefühlt. »Was geht vor?« fragte sie sehr leise, sehr rasch, mit jenem Zittern der Augenlider, das des nahenden Schlages gewärtig ist, das das Nahen des Schlages sieht. Beim ersten Worte bäumte sie sich auf – »Das kann nicht sein! . . . Das wird nicht sein – so lange ich lebe!« Die Gewalt der Bewegung erschütterte die phosphoreszierenden Fluten ihres Haars – und um sie mit einem Griffe der Hand wieder zu festigen, machte sie eine tragische und freie Gebärde, die ihren Unterarm bis zum Ellbogen hinauf bloß legte. »Wecken Sie Seine Hoheit!« rief sie mit halblauter Stimme in den wattierten Schatten des nachbarlichen Zimmers hinein. Dann stieg sie, ohne noch ein Wort hinzuzusetzen, zum Könige hinauf. Zehntes Kapitel. Ehestands-Szene. Der ganze Zauber dieser Juni-Nacht drang durch das weitgeöffnete Glasfenster der großen Halle, in welcher ein einziger Kandelaber brannte und des Geheimnisvollen genug um sich ließ, daß das Mondeslicht sich als Milchstraße über die Mauern hin ergoß, auf dem polierten Barren eines Turngeräts, dem bogenförmigen Bügel einer aufgehängten Guzlah [einsaitige Fiedel serbischer Wandermusiker] oder auf dem Glaswerk eines ziemlich schlecht ausgestatteten Bücherschrankes glitzernd weilte, dessen Leeren mit Boscowichs Kästen und Mappen gefüllt waren, die den schalen und welken Geruch eines Kirchhofes voll getrockneter Pflanzen ausströmten. Auf dem Tische, quer über staubbedeckten Papierstößen, ruhte ein Kruzifix aus geschwärztem Silber; denn wenn auch Christian der Zweite sich nicht gern mit Schreiben befaßte, so vergaß er doch nicht seiner katholischen Erziehung; umgab sich mit frommen Gegenständen; und gar häufig, wenn er in lockerer Damen-Gesellschaft sich amüsierte, während um ihn her die Fanfaren der Freude geblasen wurden, daß ihm und allen, die mit ihm thaten, der Atem ausging, ließ er in seiner Tasche, durch eine vom Rauche schon gefeuchtete Hand, die Korallenperlen eines Rosenkranzes gleiten, der niemals von ihm wich. Neben dem Kruzifix lag ein großes und wuchtiges Pergament-Blatt, das mit großen, ein wenig unsicher und zitternd geschriebenen Buchstaben-Reihen bedeckt war. Dies war die Entsagungsurkunde des Königtums, in aller Form aufgesetzt und abgefaßt. Es fehlte ihr noch die Unterschrift; ein Federzug, ein einziger, that ihr noch not aber es bedurfte zu ihm einer willenskräftigen Entscheidung und das ist der Grund, weshalb der schwache Christian der Zweite säumte und zögerte, den Kopf in die Ellenbogen stützend am Tische saß und unbeweglich unter das Feuerlicht der für den Aufdruck des Königssiegels bereit gehaltenen Kerzen stierte. Neben ihm lauerte, unruhig, schleichend und stöbernd, in seiner samtnen Livree einem Nachtfalter oder der schwarzen Ruinen-Schwalbe ähnlich, Meister Lebeau, der vertraute Lakei, paßte ihm auf, spornte ihn, trieb ihn an mit stummem Wesen, nachdem er nun endlich zu jener entscheidenden Minute gelangt war, auf welche die Bande seit Monaten wartete mit all den Crescendos und Decrescendos, mit all dem Herzklopfen und Bangen, all den Unsicherheiten und Schwankungen einer diesem Flitter, diesem Lappen von König in den Händen liegenden Spiel-Partie. Trotz des magnetischen Fluidums, das aus diesem bedrückenden, ängstigenden Begehren strömte, saß Christian noch immer da, mit der Feder zwischen den Fingern, und unterzeichnete nicht. In seinen Lehnstuhl versunken, vergraben, schaute er auf das Pergament nieder und träumte. Nicht deshalb saß er und sann er, weil ihm diese Krone am Herzen gelegen wäre, nach der er niemals getrachtet, die er niemals geliebt hatte, die er als Kind schon zu wuchtig für seine Schultern erkannt, deren harte Fesseln und niederschmetternde Verantwortlichkeiten er später empfunden hatte! Sich ihrer zu entledigen, sie in einen Winkel des Salons zu setzen, wohin er keinen Fuß mehr setzte, sie draußen zu vergessen, soviel er dessen im stande war das war für ihn eine feststehende und abgemachte Sache! Aber davor, den festen Entschluß hierzu zu fassen jene äußerste That zu thun, von der es kein Zurück mehr gab davor entsetzte er sich! Und doch gab's keine andre Weise, sich das Geld zu verschaffen, das ihm für sein neues Leben unumgänglich notwendig war! Geld zur Deckung zu schaffen für drei Millionen Schulden in Wechseln, die er quergeschrieben hatte, und die mit nahen Verfalltagen im Umlauf waren die der Wucherer, ein gewisser Pichery, Bilder- und Gemäldehändler, nicht mehr prolongieren wollte. Konnte er denn alles in Saint-Mandé unter Siegel legen lassen? Und die Königin und das königliche Kind was sollte aus ihnen dann werden? Auftritt um Auftritt denn er sah den furchtbaren Skandal voraus, den seine gemeinen Streiche hervorrufen mußten, war's denn nicht besser, hiermit auf der Stelle ein Ende zu machen? mit einem einzigen Schlage dem Zorn und den Schmähungen Trotz zu bieten? Zudem zudem war dies alles noch immer nicht der bestimmende, entscheidende Grund. Er hatte der Gräfin das Versprechen gegeben, diese Entsagungsurkunde zu unterzeichnen; und angesichts dieses Versprechens hatte Sephora darein gewilligt, ihren Ehemann allein nach London reisen zu lassen auf dieses Versprechen hin hatte Sephora geruht, das Hotel in der Avenue de Messine als Geschenk entgegen zu nehmen, diesen Titel und diesen Namen anzunehmen, welche sie an Christians Arm hefteten während sie weitere Gefälligkeits-Bezeigungen sich für den Tag vorbehielt, an welchem der König ihr die von seiner Hand gezeichnete Abdankungsurkunde persönlich und eigenhändig überbringen würde. Sie nannte für solches Verhalten Gründe, wie man sie aus dem Munde einer liebenden Jungfrau nicht besser und triftiger hätte hören können vielleicht möchte es ihm doch später einmal einfallen, nach Illyrien zurück zu kehren, sie um des Thrones und der Macht willen im Stiche zu lassen; sie würde ja die erste Frau nicht sein, die durch schreckliche Staatsrücksichten zum Zittern und Weinen gebracht worden wäre. Und d'Axel, Wattelet und alle die Gigerln des Grand-Club hatten keine Ahnung, wenn der König aus der Avenue de Messine zu ihnen in den Club kam mit müden, fieberheißen Augen daß er den Abend über auf einem Divan gesessen hatte, in einem fort bald zurückgestoßen, bald wieder herangezogen, zitternd und gespannt wie ein Bogen daß er sich wand und drehte zu den Füßen einer unbeirrbaren, unversöhnlichen Willenskraft, eines schmiegsamen, fügsamen Widerstrebens, das seinen umschlingenden Armen die eisige Kälte eines Paars echter Pariserin-Händchen entgegensetzte, die gewandt sind im Entwinden und in der Abwehr eines Paars echter Pariserin-Lippen, auf denen ein Wort schwebt, sengend und brennend, das zum Wahnsinn treibt: »O! wenn Du nicht mehr König sein wirst, dann... dann gehöre ich Dir! ganz, ganz Dir!« Denn sie ließ ihn durch die so gefahrvollen Zwischenstadien leidenschaftlicher Glut und eisiger Kälte gleiten; und manchmal im Theater, nachdem sie ihm erst einen eisigen Empfang bereitet, nachdem sie ihn mit dem ewig unbeweglichen Lächeln angesehen, war ihr eine gewisse langsame Weise zu eigen, ihre Handschuhe auszuziehen, während sie ihn ansah. Sie legte den Handschuh nicht ab, sondern ließ ihn auf den Fingern sitzen machte aber ihre Hand ganz bloß, als erste Huldigung an seine Küsse... »Du meinst also, mein armer Lebeau! daß dieser Pichery zu nichts mehr Lust hat...« »Zu nichts, Majestät! . . . Wenn nicht bezahlt wird, gehen die Wechsel zum Gerichtsvollzieher.« Man mußte das verzweifelte Ächzen hören, durch welches dies Wort Gerichtsvollzieher verstärkt wurde, um alle die unheimlichen Förmlichkeiten, die es in seinem Gefolge hatte, recht kräftig zur Empfindung zu bringen: Stempelpapier, Pfändung, Entweihung des königlichen Hauses, Obdachlosigkeit von Frau und Kind. Christian aber Christian sah das nicht! Er langte dort unten an in der Nacht, unruhvoll und zitternd und bebend, stieg mit sachten Schritten die geheimnisvoll verkleidete Treppe hinauf, trat in das Zimmer ein, wo die Nachtlampe unter dem Spitzenwerk ihres Schirms ihren bleichen Schimmer warf. »Es ist geschehen! ich bin nicht König mehr... Mir gehöre nun ganz... ganz...« Und die Schöne sie legte ihren Handschuh ab. »Vorwärts denn!« rief er, aufgejagt von dem ihm enteilenden Trugbilde seiner Phantasie. Und er unterzeichnete. Die Thüre that sich auf. Die Königin erschien. Ihre Gegenwart bei Christian zu dieser Stunde war so neu, so unvorhergesehen sie lebten seit so langer Zeit fern von einander, daß weder der König, der seiner Schande eben die Krone aufzusetzen im Begriffe stand, noch Lebeau, der hierbei Wacht über ihn hielt, sich bei dem leichten Geräusche umkehrten. Man war des Glaubens, daß Boscowich wieder aus dem Garten heraufkäme. Herangleitend und leicht wie ein Schatten, stand sie schon neben dem Tische, hinter den beiden Schuldigen, als Lebeau sie bemerkte. Sie winkte ihm, den Finger an die Lippen legend, den Befehl zu schweigen zu und schritt noch dichter an den Tisch heran denn sie wollte den König mitten über der verräterischen That ertappen, wollte jeden Umschweif, jede Ausflucht, alle unnützen Verstellungen rundweg abschneiden aber der Lakei trotzte ihrem Verbot durch einen Alarmruf à la d'Assas Nicolas d'—, fr. Hauptmann, bekannt durch seinen Heldentod bei Klosterkamp (1761). : »Die Königin, Majestät!« Rasend vor Wut führte die Dalmatinerin mit der Fläche ihrer kräftigen Bereiterin-Faust einen Schlag gerade aus vor sich hin und dieser bösen Bestie mitten auf die Schnauze. Und in strammer, gebietender Haltung wartete sie, bis der erbärmliche Schuft verschwunden war, um das Wort an den König zu richten. »Was geht denn mit Dir vor, meine teure Friederike? und was bedeutet das für mich?« Aufgerichtet, halb nach dem Tische zurückgebeugt, den er ihr verborgen zu halten suchte, in einer schmiegsamen Haltung, die seine rosagestickte Foulard-Weste voll in Geltung setzte, stand er da und lächelte. Die Lippen waren ein wenig blaß; aber die Stimme war ruhig, die Rede leicht und ohne Zwang; er zeigte all jene Anmut feinen, höflichen Wesens, dessen er sich seiner Frau gegenüber niemals entäußerte und das sich zwischen ihnen verhielt wie auf dem harten Lack eines Ofenschirms die Malerei von blumigen, verschlungenen Arabesken. Mit einem einzigen Worte, einer einzigen Gebärde schob sie diese Schranke hinweg, hinter welche er sich zu flüchten suchte. »O! keine Redensarten! Keine Grimassen! Ich weiß, was Du dort schriebst! Versuche nicht, mich zu belügen!« Dann trat sie näher heran zu ihm mit ihrer stolzen Gestalt überragte, beherrschte sie diese furchtsame, scheue Erniedrigung... »Höre, Christian!« . . . Und diese außergewöhnliche Vertraulichkeit in ihrem Munde gab ihren Worten etwas Ernstes, etwas Feierliches... »Höre! Du hast mich viel leiden lassen, seit ich Deine Frau bin... Ich habe nichts gesagt, als ein einziges mal, das erste mal Du besinnst Dich!... Nachher, als ich gesehen habe, daß Du mich nicht mehr liebtest, habe ich Dich gewähren lassen. Es ist mir indes, glaube mir! nichts verborgen geblieben kein einziger von all dem vielen Verrat, den Du an mir geübt, kein einziger von den thörichten Streichen, die Du verübt hast! Denn Du mußt wirklich und wahrhaftig verrückt sein verrückt wie Dein Vater, der sich aus Liebe zu Lola verzehrt hat verrückt wie Dein Großvater Johann, der in einem schmählichen Delirium, schäumend und röchelnd nach Küssen, mit Worten auf den Lippen gestorben ist, die den Krankenpflegerinnen alles Blut aus den Wangen trieben.. Geh! geh! Es ist sicher das nämliche versengte Blut, die nämliche Höllenlava, die Dich verzehrt! In Ragusa, nachts, wenn Ausfälle gemacht wurden, da mußte man Dich bei der Foedor holen... Ich wußte es; ich wußte, daß sie von ihrem Theater weggelaufen war, um Dir nachzulaufen... Ich habe Dir niemals mit solchen Sachen Vorwürfe gemacht... Die Ehre des Namens blieb unversehrt... Und wenn der König auf den Wällen seiner Festung fehlte, so trug ich Sorge, daß sein Platz nicht leer blieb... Aber in Paris... in Paris...« Bis hierher hatte sie langsam und kalt gesprochen. Am Ausgange jedes Satzes hatte ein Ton von mütterlichem Mitleid, von mütterlichem Schelten aus ihrer Stimme geklungen. Die niedergeschlagenen Augen des Königs, das Mäulchen, das er zog nach Art eines ungezogenen Kindes, dem eine Strafpredigt gehalten wird, stimmten sie wohl zur Milde. Dieser Name Paris aber brachte sie außer sich. Oüber die ungläubige, spottsüchtige, verfluchte Stadt mit ihrem blutigen, für Aufstand und Barrikaden fortwährend in Bereitschaft liegenden Steinpflaster! Und wie rasend waren sie doch alle danach, diese armen gestürzten Könige! sich nach diesem Sodom hineinzuflüchten! Dieses Sodom ist's mit seiner von Füsiladen und Lastern verpesteten Luft, welches den großen Geschlechtern den Garaus macht; dieses Sodom ist's, das Christian auch um das noch gebracht hat, was die wahnsinnigsten von seinen Ahnen noch immer hochzuhalten wußten: die Achtung und den Stolz des Adelswappens! O! seit dem Tage ihrer Ankunft hier seit ihrem ersten Abend im Exil, als sie ihn so lustig, so aufgeregt sah, während alle heimlich Thränen vergossen, seitdem hatte Friederike vorausgesehen, was über sie kommen würde ihr Herz hatte die Demütigungen, die Schmach erraten, die es über sich würde ergehen lassen müssen! Und nun, in einem Atemzuge, ohne sich einen Zaum anzulegen, mit schneidenden, geißelnden Reden, die in das fahle Gesicht des Königs-Lebemanns rote Marmorfleckchen riefen, die mit ihren Hetzpeitschen-Hieben Zebra-Streifen auf ihm rissen rief sie ihm alle seine Sünden und Laster in das Gedächtnis, führte sie ihm vor Augen, wie jäh er vom Vergnügen in das Laster und vom Laster in den tiefsten Pfuhl der Sünde, des Verbrechens hinab geglitten sei. »Du hast mich unter meinen Augen betrogen, in meinem eignen Hause! Ehebruch getrieben an meinem Tische mein Kleid hat sie gestreift, die Sünderin! Und als Du ihrer satt warest, dieser frisierten Puppe, die nicht einmal ihre Thränen verheimlicht hat, da bist Du in die Gosse gestiegen, in den Kot der Straßen, hast dort frech Deine Faulheit zur Schau getragen, hast Dich mit Deinem Wüsten gebrüstet, hast uns erzählt von den Orgien, die Du am verwichenen Tage gefeiert, von den Gewissensbissen, die Du niedergequält hast hast uns den ganzen Unrat dieses Sudellebens gezeigt!... Besinne Dich, wie ich Dich taumelnd und lallend gesehen habe an jenem Morgen, als Du Dich des Throns zum zweiten male verlustig gemacht hast... Was hast Du nicht gethan, oheilige Gottesmutter!.. Was hast Du nicht gethan! Das Königssiegel hast Du verschachert, Kreuze, Orden, Titel hast Du vertrödelt...« Und mit tieferer Stimme, als hätte sie Furcht gehabt davor, daß die Stille ringsum und die Nacht ihre Stimme hören könnten, sprach sie weiter: »Du hast auch gestohlen!... Du hast gestohlen!... Diese Diamanten, diese Steine Du hast sie herausgerissen!... Und ich habe meinen alten Groeb verdächtigen lassen habe gelitten, daß er uns verlassen mußte!... Ein falscher Schuldiger mußte ja, nachdem der Diebstahl bekannt geworden war, gefunden werden, damit vermieden wurde, daß man auf den König riete... Denn das ist meine einzige und beständige Fürsorge gewesen, den König hoch und unversehrt zu halten deshalb habe ich dies alles auf mich genommen, sogar die Schande, die Schmach, die in den Augen der Welt schließlich nicht ermangeln konnte, mich selbst mit ihrem Schmutze zu treffen... Ich hatte mir eine Parole geschaffen, die mich in den Stunden der schwersten Prüfung anspornte, mich aufrecht erhielt: Für die Krone!... Und jetzt jetzt willst Du sie verkaufen, diese Krone, die mich soviel Seelenpein und soviel Thränen gekostet hat Du willst sie gegen Gold vertauschen um dieser Judenfratze willen, um dieser kalten, toten Judendirne willen, die Du die Frechheit besessen hast mir heute vor die Augen zu führen!« Er hörte zu, ohne etwas zu sagen, die Augen zu Boden geschlagen jetzt aber erhob er den Kopf. Unter dem Schimpfe an der Person, die er liebte, bäumte er sich auf. Und starren Blickes die Königin anschauend, mit den Malen noch auf dem Gesichte, die ihre Zungenhiebe dort gegraben hatten, sprach er zu ihr, nach wie vor höflich, aber sehr entschieden und fest: »Nun denn! Du bist im Irrtum! Die Frau, von der Du sprichst, hat bei dem Entschlusse, den ich gefaßt habe, nichts zu thun, hat nichts zu ihm hinzugethan! Was ich thue, das thue ich um Deinetwillen, um meinetwillen, um unserer aller Ruhe willen!... So laß doch reden mit Dir! sehen wir den Dingen doch ins Auge! Du bist dieses Lebens der täglichen Sorgen, der stündlichen Entbehrungen wohl nicht überdrüssig? Wie? Meinst Du, es sei mir unbekannt geblieben, was sich hier abspielt? meinst Du, es sei mir nicht schmerzhaft, diese Meute von Lieferanten, Gläubigern zu sehen, die Dir an den Fersen hängt?.. Neulich, als dieser Mensch auf dem Hofe schrie, da kam ich grade nach Hause ich habe gehört, was er geschrieen hat... Wäre Rosen nicht gewesen, so hätte ich ihn unter dem Rade meines Phaetons zermalmt! Und Du, Du standest lauernd hinter dem Vorhange Deines Schlafgemachs und wartetest, daß er gehen sollte!... Schönes Geschäft das für eine Königin!... Wir sind jedermann Geld schuldig. Nichts als den einen Ruf nach Geld hört man rings um uns, gegen uns, hinter uns her schallen! Die Hälfte von Deinen Leuten wartet noch auf ihren Lohn... Dieser Herr Gouverneur hat nun zehn Monate schon keinen Gehalt mehr bekommen... Frau von Silvis macht sich damit bezahlt, daß sie mit Majestät und Würde Deine alten Kleider aufträgt! Und Tage giebt's, an denen der Herr Geheimrat und Siegelbewahrer der Krone sich bei meinem Lakai Geld leiht, um sich eine Prise Tabak zu kaufen... Du siehst, daß ich auf dem Laufenden bin... Und meine Schulden kennst Du gar nicht! Ich kann vor Schulden nicht aus den Augen sehen... Heut oder morgen kommt alles zum Krachen! Das wird eine saubere Sache! Du wirst's mit ansehen, wie Dein Diadem, Deine alten Gedecke und Bestecke unter den Hammer...« Nach und nach rissen ihn seine zum Spötteln geneigte Natur, die Gewohnheiten zum Renommieren, die in seiner Umgebung zu Hause waren, fort, und er ließ den zurückhaltenden Ton, den er im Anfang seiner Rede noch gewahrt hatte, fallen. Mit seiner unverschämten Näselstimme gab er Schnurren und Zoten zum besten, unter denen viele auf Sephora's Boden gewachsen sein mußten; denn Sephora ließ sich niemals die Gelegenheit entgehen, die letzten Gewissensbisse ihres Liebhabers mit höhnenden Zungenhieben zu zertrümmern. »Sie beschuldigen mich, Redensarten zu machen, meine Teure! aber Sie haben doch eben mich mit Worten ganz breit geschlagen. Was ist denn, alles in allem genommen, diese Krone von Illyrien, von welcher Sie mir sprechen? So etwas hat doch nur Wert auf einem Königshaupte! andernfalls ist's doch nichts anderes als eine beschwerliche, überflüssige Sache, die man auf der Flucht in einer Hutschachtel versteckt oder unter eine Glaskugel setzt, wie's der Komödiant mit seinen Lorbeerkränzen, die Portiersfrau mit ihren Orangeblüten Brautkranz nämlich, zu welchem in Frankreich statt Myrten Orangeblüten genommen werden. macht... Davon muß man Dich nur erst ordentlich überzeugen, Friederike! Ein König ist König nur auf dem Throne, wenn er die Gewalt, die Macht als König übt. Ein gestürzter König ist weniger als ein Nichts, als ein Schemen.. Wir hängen uns umsonst an die Etikette, an unsere Titel, indem wir überall, auf die Wagenschläge, auf unsere Manschettenknöpfe, Majestät hinklecksen, indem wir uns mit einem altmodisch gewordenen Ceremoniell die Hände binden. Das ist samt und sonders Heuchelei unsererseits; und auf seiten derjenigen Personen, die unsere Umgebung bilden, auf seiten unserer Freunde und Diener, die pure Höflichkeit, das kahle Mitleid. Hier bin ich der König Christian der Zweite für Dich, für Rosen, für einige Getreue. Sobald ich den Fuß hinaussetze, werde ich wieder ein Mensch ganz so wie alle anderen Menschen, bin Herr Christian Zwei... Nicht einmal ein Name gehört mir bloß ein Vorname, Christian, der reine Meerschweinchen-Komödiant vom Gaieté-Theater.« Er hielt inne. Der Atem ging ihm aus. Er konnte sich nicht besinnen, daß er ein einziges mal in seinem Leben stehend soviel und so lange gesprochen hätte.. Gellendes Nachtschwalben-Gezwitscher, gedrängte Nachtigallen-Triller zerrissen das nächtliche Schweigen. Ein großer Schwärmer, der sich am Lampenlicht die Flügel verbrannt hatte, stieß flatternd mit seinem dicken Kopf überall an. Man hörte nur noch die Drangsal dieses befittichten Geschöpfes und die erstickten Schluchzer der Königin, die wohl Zornesausbrüchen, Gewaltthätigkeiten standzuhalten wußte, die aber dem Spott und Hohn wehr- und waffenlos gegenüber stand, weil ihre ehrliche lautere Natur sich gegen solche Angriffsmittel sträubte. Sie glich in dieser Hinsicht einem tapferen Soldaten, der sich gerader Hiebe und Stöße versieht und von Mückenstichen gepeinigt sieht. Als Christian ihre Schwäche sah, meinte er, sie sei besiegt; und um ihr nun den Garaus zu geben, that er zu seinem burlesken Gemälde von den Monarchien im Exil den letzten Pinselstrich. Welch eine klägliche Figur schnitten sie alle durch die Bank, diese armseligen Fürsten in partibus , diese Figuranten des Königtums, die sich mit dem Plunderstaat erster Rollen drapierten, die vor den leeren Bänken zu deklamieren fortführen und doch keinen Heller Einnahme hätten! Thäten sie denn nicht besser zu schweigen? in das alltägliche Leben, in die Dunkelheit zurückzutreten?... Für solche, die Geld und Vermögen hätten, möchte die Sache schließlich noch angehen! Es sei halt auch ein Luxus, dieses eigensinnige Festhalten an irdischer Größe!... Was aber die andren anginge, ihre armseligen Vettern und Basen von Palermo beispielsweise, die sich mit ihrer vermaledeiten italienischen Küche in einem Hause zusammen pferchten, das viel zu klein noch für weit schlichtere Leute sei, nun! da müßte man denn doch danken! Sobald man nur den Fuß über ihre Schwelle setzte, hätte man auch die Nase schon voll von Zwiebelduft!... Ohne alle Frage Personen von eitel Würdigkeit; aber was für eine Existenz! Und das wären noch garnicht einmal die unglücklichsten!... Neulich wäre einmal ein Bourbon, ein echter und rechter Bourbon, hinterm Omnibusse hergerannt. »Besetzt, mein Herr!« Er lief aber noch immer hinterher. »Wenn Ihnen aber doch gesagt wird, daß der Wagen voll ist, armer Alter!« Darüber nun sei er fuchswild geworden, der echte Bourbon! er hätte nämlich mit Königliche Hoheit angeredet sein wollen. Als wenn man so 'was an der Halsbinde sähe!... Operetten-König, sage ich Dir, meine Teure! Und deshalb, um aus dieser albernen Situation heraus zu gelangen, um uns in eine gesicherte und würdige Existenz hinein zu steuern, deshalb habe ich den Entschluß gefaßt, das Ding da zu unterschreiben!« Indem er plötzlich den schleichenden, die krummen Wege liebenden Slawen, den Zögling der Jesuiten, heraussteckte, setzte er noch hinzu: »Merke übrigens wohl, daß es ein Spaß, ein Scherz ist, diese ganze Unterschrift... Man giebt uns, wenn wir's im richtigen Licht betrachten, doch eben nur unser Gut, unser Vermögen, unser Eigentum zurück! und ich betrachte mich keineswegs als verpflichtet, gebunden... Wer weiß? Vielleicht verhelfen uns diese Millionen dazu, uns unsern Thron zurückzuerobern!« Die Königin richtete ungestüm das Haupt empor, sah ihn eine Sekunde lang starr an, so daß er den Blick zur Seite wandte dann zuckte sie die Achseln und rief: »Mach' Dich doch nicht niedriger als Du bist! Du weißt recht gut, daß wenn die Urkunde einmal unterzeichnet ist... Aber nein! Die Wahrheit ist, daß Dir die Kraft gebricht, daß Du Deinen Königsposten in dem gefährlichsten Augenblicke aufgiebst in dem Augenblicke, wo die neue Gesellschaft, die weder einen Gott noch einen Herrn mehr will, die Repräsentanten des göttlichen Rechts mit ihrem Hasse verfolgt, den Himmel über ihren Köpfen, den Boden unter ihren Füßen erbeben macht... Messer, Bomben, Kugeln, alles ist recht!... Man übt Verrat, übt Mord... Mitten im Geleit einer Prozession, mitten im Festesrausch, giebt's keinen einzigen unter uns, gehöre er nun zu den besten oder den schlimmsten, der nicht zittert und bebt, sobald sich ein einzelner Mensch aus der Menge herauslöst... Hinter jeder Bittschrift versteckt sich ein Dolch... Wer von uns ist beim Ausgange aus seinem Palaste seiner Wiederkehr sicher?... Und das, das ist die Stunde, welche Du Du erwählst, um Dich aus der Schlacht zu schleichen....« »Ha! wenn es sich nur darum handelte, sich zu schlagen!« rief Christian der Zweite lebhaft... »Aber kämpfen, wie es bei uns der Fall ist, gegen das Lächerliche, gegen das Elend, den Jammer gegen den Dunghaufen des Lebens! fühlen, daß man mit jedem Tage weiter hinein in den Sumpf gerät...« Eine Hoffnungsflamme leuchtete in ihren Augen. »Wirklich? Schlagen würdest Du Dich?... Nun! dann höre!« Mit fliegendem Atem erzählte sie ihm in wenigen kurzen Worten von der Expedition, die Elysée und sie seit einem Vierteljahre bereiteten, indem sie Briefe auf Briefe, Depeschen über Depeschen absendeten, Ansprachen über Ansprachen erließen ferner: Pater Alpheus sei fortwährend auf der Wanderung durch die Dörfer und Gebirge; denn diesesmal sei's nicht der Adel, an den man sich wende, sondern das niedrige Volk, die Maulesel-Treiber, die Lastträger von Ragusa, die Gemüsehändler von Breno, von la Brazza, die Leute von den Inseln, die auf Feluken nach dem Markte kommen die Urbevölkerung des Landes, das traditionelle Volk, das bereit sei anzustehen und zu sterben für den König, aber unter der Bedingung, daß es ihn an seiner Spitze sähe... Es bildeten sich bereits Scharen; die Parole mache die Runde durch das Land man wartete lediglich noch auf ein Signal. Und die Königin, welche die Worte in kräftiger, mächtiger Salve über Christians Schwäche herniederschnellte, überkam ein schmerzhaftes Gefühl, ein Gefühl, das sie zur starren Säule zu wandeln drohte als sie ihn dastehen sah und den Kopf schütteln, mehr noch aus Teilnahmlosigkeit, aus Gleichgiltigkeit, als aus Mutlosigkeit. Vielleicht gesellte sich im Hintergrunde zu all diesem noch der Ärger, daß diese Vorbereitungen sämtlich ohne seine Hilfe, ohne sein Mitwissen getroffen worden waren. Aber er hielt das Projekt nicht für ausführbar. Man könnte ja nicht in das Land vordringen, man müßte ja doch die Inseln besetzt halten, müßte mit so wenig Aussichten auf Erfolg eine schöne Landschaft in Brand und Asche legen... Das ganze sei nichts weiter als das nämliche Abenteuer, das den Sport des Herzogs von Palma bilde... ein unnützes Blutvergießen!... »Nein, sieh da! meine teure Freundin! der Fanatismus Deines Herrn Kaplans und dieses Gaskogners mit dem Brandschädel führen Dich irre!.. Ich habe auch meine Berichte und Berichte, die zuverlässiger sind als die Deinen... Die Wahrheit ist, daß in Dalmatien wie anderwärts die Monarchie ihre Zeit hinter sich hat... Die Leute sind ihrer überdrüssig... So steht's... sie mögen nichts mehr von ihr hören!« »Ha! ich kenn' ihn wohl, den feigen Wicht, der nichts mehr von ihr hören mag!« sagte die Königin. Dann schritt sie rasch aus dem Salon, Christian im tiefen Erstaunen darüber zurücklassend, daß der Schauplatz so schroff ein anderer geworden war. Er schob geschwind das Schriftstück in die Tasche und schickte sich eben an, gleichfalls fortzueilen, als Friederike wieder hereintrat, diesesmal begleitet von dem kleinen Prinzen. Mitten aus dem Schlafe gerissen, in aller Eile angekleidet, war Zara, ohne daß ein einziges Wort dabei gesprochen worden wäre, aus den Händen der Kammerfrau den Händen der Königin überantwortet worden und stand nun da, die Augen unter den fahlroten Locken weit aufgerissen; aber er stellte keine Frage, denn es standen ihm in seinem noch summenden Köpfchen Scenen ähnlichen Erwachens in der Erinnerung, wenn bleiche Gesichter ihn umringt, keuchende Rufe ihn umschwirrt hatten, wenn dann mit ihm aufgebrochen worden war zu schleuniger Flucht. Damals war er daran gewöhnt worden, sich widerspruchslos zu fügen und führen zu lassen, wenn ihn nur die Königin mit ihrer ernsten, entschlossenen Stimme rief, wenn er die zärtliche Umschlingung ihrer Arme und ihrer für seine Kindeslasten immer hilfsbereiten Schultern fühlte. Sie hatte heut ihm zugerufen: »Komm!« und er kam voller Zuversicht und Vertrauen einzig und allein verwundert über die Ruhe heute im Vergleich zu andern qualvollen, blutgeröteten Nächten, wo Feuergarben zum Himmel empor gezüngelt hatten, wo Kanonen gedonnert und Flinten geknattert hatten. Er sah den König stehen nicht jenen Papa mit dem unbekümmerten, gutmütigen Angesicht, der zuweilen an sein Bett getreten oder durch das Studierzimmer geschritten war mit einem ermutigenden, anfeuernden Lächeln, sondern einen Mann mit verdrießlichem, strengem Gesicht, dessen Ausdruck sich, als sie hereintraten, noch verhärtete. Friederike zog, ohne ein Wort zu sprechen, das Kind bis hin zu Christians Füßen dann warf sie sich mit jähem Ruck, den Knaben vor sich hin stellend, auf die Kniee und schloß seine kleinen Händchen in ihre beiden, geschlossen zum König sich erhebenden Hände. »Der König will meinen Worten kein Gehör leihen vielleicht wird er Dich anhören, Zara!... Komm, sprich Du zusammen mit mir: Lieber Vater!« Die schüchterne Stimme wiederholte: »Lieber Vater!« »Lieber Vater! o Du mein König! ich beschwöre Dich... beraube Dein Kind nicht! nimm ihm nicht diese Krone, die er eines Tages tragen soll... Sei dessen eingedenk, daß sie nicht Dir allein gehört, daß sie von weither stammt, von oben her stammt, daß sie von Gott her stammt, der sie vor nun sechshundert Jahren dem Hause Illyriens gegeben hat... Gott will, daß ich König sei, lieber Vater! Es ist mein Erbe, mein Gut; Du hast das Recht nicht, es mir zu nehmen!« Der kleine Prinz betete die Worte nach, inbrünstig flehend, mit leiser Stimme, mit frommem Blicke aber Christian wendete den Kopf hinweg, zuckte die Achseln und brummte wütend, wenn auch noch immer höflich, ein paar Worte zwischen seinen Zähnen: »Überspanntheit... eine unschickliche Szene... hinweg mit dem Kopfe dieses Kindes!« Dann machte er sich los und erreichte die Thüre. Mit einem einzigen Satze war die Königin auf den Beinen, sah daß der Tisch leer war von dem Pergament sie begriff im Nu, daß die schändliche Urkunde unterzeichnet war, daß er sie im Besitze hatte und nun nun schrie sie ihm hinterher, mit einer Stimme, die einem wahren Brüllen glich: »Christian!« Er lief weiter. Sie that einen Schritt nach vorwärts machte die Gebärde, als wollte sie, ihm nachzusetzen, ihr Kleid hochnehmen dann sagte sie plötzlich: »Nun! sei es denn!« Er hielt inne – sah sie kerzengerade vor dem offenen Fenster stehen, mit dem Fuße draußen auf dem schmalen, steinernen Balkon, den Arm um das Kind geschlungen, ihn mit sich fortreißend in den Tod mit dem anderen dem Feiglinge drohend, der von dannen floh. Die ganze nächtliche Beleuchtung fiel unheimlich von draußen nieder auf diese bewundernswürdige Gruppe. »Dem Operetten-König die Tragödien-Königin!« rief sie mit ernster, furchtbarer Stimme »wenn Du nicht im Augenblick verbrennst, was Du soeben unterzeichnet hast, und den Schwur auf das Kruzifix leistest, daß Du kein einzig' mal wieder hierzu die Hand bietest, dann... dann ist Dein Geschlecht erloschen.. Dein Weib, Dein Kind! zerschmettert dort auf dieser Treppe!« Und man fühlte in diesen Worten, in ihrem herrlichen, in die Leere hinüber gereckten Leibe einen solchen Schwung, eine solche Schnellkraft, daß der König entsetzt herbei stürzte, um sie zu halten... »Friederike!« Bei dem Aufschrei seines Vaters, bei dem Erzittern des Armes, der ihn trug, der ihn weit hinaus hielt aus dem. Fenster – glaubte der Knabe nicht anders, als daß es zu Ende sei, daß der Tod ihm und allen nahe. Er sprach kein Wort keine Klage kam über seine Lippen da er ja schied mit seiner Mutter. Bloß seine Händchen klammerten sich um den Hals der Königin er ließ den Kopf nach hinten hängen, von welchem sein Opferhaar herniederwallte und schloß die schönen Augen vor dem Entsetzen, das ihm ein solcher Sturz bereitete... Christian widerstand nicht länger... Diese Entsagung, dieser Mut des königlichen Kindes, das schon von seinem künftigen Berufe dies eine wußte: in Ehren sterben!... das überwältigte ihn! das sprengte ihm das Herz in der Brust! Er schleuderte die zerknüllte Urkunde, die er seit einer Minute in der Hand hielt, seit einer Minute zwischen den Fingern zerrieb, zerriß weit von sich und brach schluchzend in einem Sessel zusammen. Friederike, deren Mißtrauen noch immer nicht beseitigt war, überflog das Schriftstück von der ersten Zeile bis herunter zur Unterschrift dann hielt sie es an eine Kerze, verbrannte es, bis die Flamme ihr die Finger sengte, schüttelte die schwarzen Glimmfetzen über den Tisch und ging hinaus ihr Kind zu Bett zu bringen, das in seiner heroischen Selbstmords-Stellung in Schlaf zu sinken anfing. Elftes Kapitel. Die Nacht vorm Waffentanze. Man steht am Ende eines Mahls, das unter Freunden im Wohnzimmer der alten Trödelbude gehalten worden ist. Der alte Leemans kaut, wenn er allein ist, an der Ecke des Küchentisches, »der Darnet« gegenüber, ohne Tischtuch, ohne Mundtuch, eine Brotkruste. Wenn er aber, wie heute Abend, Gesellschaft bei sich hat, dann nimmt die fürsorgliche Auvergnatin brummend und knurrend die weißen Decken von den Möbeln fort, schließt achtsam und ängstlich die kleinen Fußteppiche ein und deckt den Tisch, der vor dem Brustbilde des »Herrn vom Hause« steht, drinnen in dem friedlichen und feinsäuberlichen Salon pfarrmäßigen Anstrichs, der auf einige Stunden den Gerüchen und Düften nach Fleisch-Ragout mit Knoblauchszehen und dem Echo von Gesprächen und Reden überantwortet wird, die im Kauderwelsch der niederen Trödler- und Wuchererklassen geführt werden und nicht minder stark gewürzt und gepfeffert sind als jene Speise. Seitdem der »große Coup« im Gange ist, finden dergleichen Mahlzeiten in der Trödelbude häufig statt. Es ist bei solchen Geschäften auf Halbpart sehr gut, wenn man sich öfter einmal sieht und bespricht und verständigt; und nirgendswo anders würde man das mit soviel Sicherheit und Ruhe zu thun imstande sein, wie in den Tiefen dieser kleinen Rue Eginhard, die ganz verloren liegt in der Vergangenheit des alten Paris. Hier kann man zum mindesten laut sprechen, kann erörtern, kann Schlüsse ziehen, kann erwägen, berechnen, in Übereinstimmung setzen... Das Ziel ist nämlich nahe! Binnen einigen Tagen, ei was! einigen Stunden wird die Entsagung unterzeichnet sein; und dies Geschäft, das schon soviel Geld verschlungen hat, wird nun anfangen, viel Geld zu bringen. Die Gewißheit eines glücklichen Erfolges entflammt die Augen und Stimmen der Gäste mit goldig verklärtem Jubel, erhöht die Weiße des Tischtuchs, die Güte des Weins. Ein richtiges Hochzeitsmahl, bei welchem der Vater Leemans und Pichery, sein unzertrennlicher Gevatter, den Vorsitz führen ein Kerl mit einem Schädel aus rauhem Holz, frisiert und pomadisiert nach ungarischer Mode, der sich über einem roßhärenen Kragen in die Höhe reckt einem Dinge von militärischem, der Freiheit abholdem Anstrich, das dem Manne das Ansehen eines davongejagten Offiziers giebt. Beruf und Stand: Wucherer mit Bildern und Gemälden ein neues, sehr kompliziertes, den künstlerischen Narrheiten der Gegenwart wohl angepaßtes Geschäft. Wenn ein Sohn aus gutem Hause auf dem Trocknen sitzt, ausgebeutelt, hochgenommen worden ist, daß er mehr Schulden hat als Haar auf dem Kopfe, so geht er zu Pichery, dem Bilderhändler, der sich in der Rue Laffitte ein prächtiges Geschäftslokal eingerichtet hat. »Haben Sie einen Corot? einen schmucken, netten Corot?... Ich bin in diesen Maler ganz vernarrt.« »Ach, Corot!« sagt Pichery, indem er mit scheinheiliger Bewunderung die stieren Kalbs-Augen zukneift dann schlägt er plötzlich einen andern Ton an »ich habe zufällig gerade etwas, das für Sie paßt!« und auf einer Staffelei, die vor ihn hingerollt wird, zeigt er dem Fragesteller einen ganz allerliebsten Corot eine Morgenlandschaft, über welcher zitternder Nebel in Silberflocken lagert, und wo Nymphen unter den Weidenbäumen ihre Tänze aufführen. Der Modenarr setzt sein Monocle ins Auge und giebt sich den Anschein, als stände er bewundernd da: »Schneidig! . . . sehr schneidig! . . . Wie teuer?« »Fünfzigtausend Francs,« sagt Pichery, ohne mit einer Wimper zu zucken. Der andere zuckt noch weniger mit seiner Wimper. »In drei Monaten zahlbar?« »Zahlbar in drei Monaten die diesbezüglich notwendigen Sicherheiten vorausgesetzt.« Der Geck giebt seinen Wechsel ab und trägt das Bild zu sich nach Hause oder zu seiner Maitresse. Einen Tag lang erfreut er sich daran, im Club, auf dem Boulevard zu verkünden, »daß er soeben einen Corot allerersten Ranges erstanden habe.« Am nächsten Tage wandert sein Corot nach dem Auktionslokal. Dort läßt ihn Pichery vom Vater Leemans zurückkaufen für zehn- oder zwölftausend Francs zu dem Preise nämlich. der seinen wirklichen Wert darstellt. Das ist Wucher zu einem riesigen Zinsfuße, aber erlaubter Wucher Wucher, bei dem man keine Gefahr läuft! Pichery seinerseits braucht ja nicht zu wissen, ob der Kunstliebhaber im Ernste oder nicht im Ernste kauft. Er verkauft seinen Corot sehr teuer, »mit Haut und Haaren,« wie man sich in diesem lieblichen Handelszweige ausdrückt; und das ist sein gutes Recht, denn der Wert eines Kunstgegenstandes ist fakultativ. Außerdem wacht er sorgsam darüber, nur Ware von verbürgter Echtheit zu liefern, Ware, die von dem fachmännischen Auge des Vaters Leemans geprüft und festgestellt ist und Vater Leemans seinerseits versorgt ihn außerdem noch mit jenem gesamten artistischen Wortschatze, der sich im Munde dieses geschminkten Haudegens sehr wunderlich ausnimmt, der sich mit der jungen Welt der Gomme und mit dem ganzen Kokottentume des Stadtviertels der Oper auf Du und Du verhält; denn beider bedarf er sehr nötig für seine Geschäfte. Auf der andren Seite von dem Patriarchen Leemans sitzt Sephora mit ihrem Manne. Sie haben die Stühle und Gläser zusammengerückt und spielen die Verliebten. Sie sehen sich ja seit dem Anfange des Geschäfts so selten! J.Tom Lewis, der für die Welt in London weilt, lebt eingeschlossen in seinem Schloß zu Courbevoie, angelt vom früh bis spät, da es ihm an andren Dummköpfen als Köder mangelt, nach Fischen, oder giebt sich damit ab, den Sprichts auf die schrecklichste Weise Streiche zu spielen. Sephora, die in strengerem Ceremoniell lebt als eine spanische Königin, denn sie erwartet ja stündlich den Besuch ihres Königs führt das vornehme Leben der Halbwelt, das so sehr in Anspruch genommen wird und so wenig unterhaltsam ist, daß solche Damen sich fast immer paarweise zusammenthun, um die langen öden Spazierfahrten oder die widerlichen Stunden der Muße besser zu überstehen. Die Gräfin von Spalato aber hat keine einzige Gesellschafterin solcher Art in der Stadt. Sie kann nicht mit Personen zweifelhaften Charakters, auch nicht mit solchen, die aus der Gesellschaft gestrichen sind, verkehren; die anständigen Frauen würdigen sie keines Blickes, und Christian der Zweite würde jenen Wirbel von Müßiggängern nicht um sie her ausstehen können, welcher die Gesellschaft solcher Salons zusammensetzt, in welche nur Männer den Fuß setzen. Auch verweilt sie immer allein in ihren Boudoirs mit den gemalten Decken, den mit Rosen und Amoretten umwundenen Spiegeln, die niemals ein andres als ihr eignes, indolentes Bild zeigen, auf dem der Ekel verzeichnet steht an all dem faden sentimentalen Kram, den der König ihr zu Füßen vergeudet, Wohlgerüchen gleich, die aus goldnen Schalen dampfen. Ach! wie geschwind würde sie dieses fürstlich traurige Leben hingeben für den kleinen Wohnraum unterm Erdgeschoß in der Rue Royale mit ihrem Bajazzo darin, der vor ihren Augen den Zappeltanz der »großen Coups« ausführt! Kaum, daß sie ihm schreiben, ihn über das Geschäft und den Fortgang, den dasselbe nimmt, auf dem Laufenden halten kann! Wie glücklich fühlt sie sich darum auch heute Abend! wie drängt sie sich zu ihm! wie animiert sie ihn! wie befeuert sie ihn! »Komm her! bring mich zum Lachen!« Und Tom legt sich tüchtig ins Zeug. Aber sein Schwung ermangelt der Freiheit und sinkt bei jedem Anlauf, den er nimmt, zurück in einen beklemmenden, folternden Gedanken, dem er nicht Worte leiht, und den ich tausenden zum Raten aufgeben dürfte. Tom Lewis ist eifersüchtig. Er weiß, daß von irgendwelchem intimerem Verkehr zwischen Christian und Sephora noch keine Rede ist; daß Sephora viel zu gewandt und viel zu klug ist, um sich ohne sichere Bürgschaft zu ergeben aber der psychologische Augenblick ist nahe: sobald das Papier unterzeichnet ist, wird man sich in Aktion setzen müssen; und, meiner Treu! unser Freund Tom fühlt Beirrungen, wird von unruhigen Empfindungen erfüllt, die bei einem Manne sehr seltsam sind, der alles Aberglaubens, aller Kinderei seit langem bar ist. Es durchrieselt ihn ein leichter Fieberfrost, ein Gefühl von Angst, wenn er seine Frau ansieht, die ihm niemals so hübsch und niedlich erschienen ist, wie heute, mit dem Reiz, den sie in ihren Anzug, in ihre Toilette gelegt hat, und unter dem Glanze dieses Gräfin-Titels, der ihre Züge zu verfeinern, ihre Augen aufzuhellen, ihr Haar unter einer Krone mit Perlenspitzen in höheren Glanz zu setzen scheint. Augenscheinlich steht J.Tom Lewis nicht ganz fest auf der Höhe seiner Rolle es fehlen ihm die derben Schultern, die zu ihrer Durchführung nötig sind. Wenig fehlt, so würde er seine Frau zu sich nehmen und den ganzen Trödel fahren lassen. Aber eine Empfindung von Scham hält ihn zurück, die Furcht vor dem Lächerlichen; und dann es steckt doch auch soviel Kapital schon in dem Geschäft! Der unglückliche Mensch ringt sich und kämpft sich ab, gefoltert und gemartert von all jenen verschiedenen Gewissensbissen, deren ihn die Gräfin niemals in ihrem Leben für fähig gehalten hätte. Er heuchelt eine tolle Lustigkeit, zappelt sich ab mit dem Dolch im Herzen, setzt den Tisch in Leben und Feuer durch allerhand Erzählungen von brillanten Coups der Agentur und bringt es schließlich so weit, daß der alte Leemans und der eisige Pichery auftauen und gleichfalls aus ihrem Raritäten-Kasten die schönsten Witze, die besten Gimpelfänge hervorkramen. Man ist ja doch hier, nicht wahr? unter Bundesgenossen, unter Kumpanen, bei fidelem Zechgelage. Man erzählt sich alles, von den Versenkungen im Hotel, von seinen Schlupflöchern und Fallthüren, von dem Schutz- und Trutzbündnis das die Großkaufleute, die sich nach außen hin als Rivalen aufspielen, untereinander geschlossen von ihren Kniffen und Pfiffen, von ihren plumpen Geschäftsmanövern von jener geheimnisvollen Freimaurerei, die eine richtige Schranke von Fettkrägen und fadenscheinigen Röcken aufwirft zwischen dem seltenen Gegenstand und der Grille eines Käufers, und diesen zu Thorheiten, zu kolossalen Summen zwingt. Es ist ein wahrer Ansturm von cynischen Geschichten, ein Wettkampf, wo die pfiffigsten, die gerissensten der Gaunerwelt nach der Palme ringen. »Habe ich Euch schon das Ding erzählt vom meiner ägyptischen Laterne mit Mora?« frägt der Vater Leemans, indem er seinen Kaffee mit kleinen Zügen schlürft und zum hundertsten male, so wie es die alten Krieger mit ihrem Lieblingsfeldzuge machen hebt er an, die Geschichte von jener Laterne zu erzählen, die ihm ein Levantiner, der in Geldbedrängnis war, für zweitausend Francs abtrat, und die er am selben Tage für vierzigtausend Francs an den Vorsitzenden des Staatsrats zuzüglich einer doppelten Provision von fünfhundert Francs von dem Levantiner und fünfhundert Francs vom Herzoge, weiter verkaufte. Was aber die Crême, den Hauptreiz der Erzählung bildet, das sind die Ränke, die Kreuz- und Querzüge, die Art und Weise, wie dem reichen und eitlen Klienten der Kopf warm gemacht wird... »Ja, ganz ohne Zweifel ein schönes Exemplar, aber zu teuer... viel zu teuer... Ich bitte Sie, mein Herr Herzog! überlassen Sie diese Thorheit einem andern! Ich bin fest überzeugt, daß die Sismondo... Ach! Sapperlot! das ist ein feines Stück Arbeit, diese Fassung in kleinen Steinen... Diese ciselierte Kette«... Und der Alte, der sich an dem Lachen befeuert, welches den Tisch erschüttert, legt ein kleines, an den Rändern abgegriffenes Taschenbuch auf das Tischtuch, worin sich sein Geist mit Hilfe eines Datums, einer Ziffer, einer Adresse auffrischt, zu neuen Schnurren begeistert. Alle berühmten Liebhaber stehen hier aufgezeichnet, wie die Bräute mit stattlicher Mitgift im Hauptbuch des Herrn de Foy eingeschrieben stehen mit allen ihren besonderen Eigenschaften und Schrullen: die Brünetten und die Blondinen, solche von den Liebhabern, die man derb anlassen muß, solche, die nur an den Wert einer Sache glauben, wenn sie viel Geld kostet; der skeptische Liebhaber und der harmlose Liebhaber, dem man, wenn man ihm einen Quark verkauft, sagen kann: »Aber wissen Sie!... lassen Sie sich das niemals aus der Hand nehmen!« Ihm nur aber ihm gilt dieses Taschenbuch ein Vermögen. »Sage doch mal, Tom,« frägt Sephora ihren Mann, den sie gern ins Licht setzen möchte »Wenn Du ihnen das Ding zum besten geben möchtest, wie Du Deinen Einzug in Paris gehalten hast Du weißt schon, Deinen ersten Geschäftsfall in der Rue Soufflot.« Tom läßt sich nicht lange bitten, gießt sich ein bischen Schnaps ein, um sich Stimme zu machen, und erzählt, daß es nun ein Dutzend Jahre her sei, da sei er, völlig abgebrannt und in keiner Gesellschaft mehr möglich, mit einem letzten Hundertsousstück in der Tasche aus London zurückgekommen. Von einem alten Kameraden, den er in einer Kneipe in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes trifft, sei ihr da gesagt worden, daß in diesem Augenblicke gerade die Agenturen mit einem sehr großen Geschäfte beschäftigt seien, mit der Verheiratung von Fräulein Beaujars, der Tochter des bekannten Spekulanten, die zwölf Millionen als Mitgift bekomme und sich's in den Kopf gesetzt habe, einen großen Herrn von Adel, einen richtigen Edelmann aus altem Geschlecht, zu heiraten. Es wird eine stattliche Provision versprochen, und die Zahl der Spürhunde, die auf die Fährte geschickt wird, ist sehr groß. Tom gerät nicht aus der Fassung. Er tritt in ein Lesekabinett ein, blättert in den Adels- und Wappenbüchern von Frankreich, im gothaischen Kalender, im Bottin'schen Adels-Almanach und Stadt-Adreßbuch, und es gelingt ihm schließlich, eine Familie von sehr altem Geschlecht ausfindig zu machen, die ihre Senker bis in die berühmtesten Geschlechter getrieben hat und in der Rue Soufflot ihren Wohnsitz hat. Das Mißverhältnis, das zwischen dem alten Geschlechtsnamen und dem Straßennamen besteht, ist ihm ein Wink dafür, daß hier ein wirtschaftlicher Niedergang vorliegen oder sonst etwas faul im Staate Dänemark sein müsse. »In welchem Stockwerk wohnt der Herr Marquis vonX...?« Er bringt sein letztes Silberstück zum Opfer und verlangt von dem Pförtner einige Nachweisungen... Hervorragender Adel allerdings... Wittwer... ein Sohn, der aus Saint-Cyr austritt, und eine Tochter, die im Besitze einer sehr guten Erziehung ist... Zweitausend Francs Miete, Gas, Wasserleitung und Treppenreinigung eingerechnet,« setzt der Pförtner hinzu, für welchen dies alles inbetreff der Würdigkeit seines Mieters rechnende Faktoren sind.... »Alles was mir not thut,« denkt J.Tom Lewis bei sich und er steigt die Stufen hinauf, trotz allem ein wenig beirrt durch das stattliche Aussehen der Treppe, eine Statue am Eingange, Sessel in jedem Stockwerk, einen Neubauten-Luxus, zu welchem sein zerschlissener Rock nicht minder in peinlichem Kontraste steht, als seine wasserziehenden Schuhe und seine sehr delikate Kommission. »Auf halbem Wege,« erzählte der Macher, »überkam mich die Versuchung, wieder herunter zu gehen. Dann, meiner Treu! nahm ich mich zusammen und fand die Stirn, den Streich zu riskieren. Ich sagte zu mir: Du hast Grütze im Kopfe, weißt Dich zu benehmen, mußt doch zu leben haben... Ein Hurra also auf die Intelligenz! Und mit Sätzen über vier Stufen auf einmal hinweg klomm ich empor. Man führte mich in einen großen Saal, über dessen Inventar ich mir im Handumdrehen ein klares Bild geschaffen hatte. Zwei, auch drei schöne Raritäten aus Großmutters Rumpelkammer, prächtige Ruinenstücke, ein Porträt von Largillière; drunter sehr viel Jammer und Elend; ein Divan, dem es an Sprungfedern, Lehnstühle, denen es an Roßhaar gebrach, und ein Kamin, der kälter war als der Marmor, aus dem er gesägt war. Es tritt der Hausherr herein, ein alter Biedermann, die reine Majestät, sehr schneidig vom Wirbel bis zur Sohle, der Samson aus dem Fräulein von la Seiglière. »Sie haben einen Sohn, gnädiger Herr Marquis?« Beim ersten Worte, das ich zur Sache spreche, erhebt sich Samson empört von seinem Sessel. Ich nenne die Ziffer... Zwölf Millionen... Das bestimmt ihn, wieder Platz zu nehmen, und nun nimmt das Geplauder seinen Fortgang... Er fängt an, sich mir gegenüber zu dem Geständnis zu bequemen, daß er kein Vermögen besitze, das seinem Namen entspreche... Zwanzigtausend Francs Rente im allerhöchsten Falle... und daß er nicht böse darüber sein würde, seinem Wappen einen neuen Goldglanz zu verleihen. Der Sohn soll hunderttausend Francs Mitgift bekommen. »O, Herr Marquis! der Name an sich wird genügen...« Dann setzen wir den Betrag fest, der für mich als Kommissionsgebühr abfallen soll und ich mache, daß ich weiter komme, denn ich bin in Eile, in großer Eile, da ich in meinem Geschäftszimmer erwartet werde... Brillantes Ding, mein Geschäftszimmer! ich wußte nicht einmal, wo ich den Abend mein Bett haben würde... An der Thür aber hält mich der alte Herr fest und sagt in einem gemütlichen, gutmütigen Tone: »Sie! hören Sie! Sie machen mir den Eindruck eines famosen Kameraden... Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen... Sie müßten mir doch eigentlich auch meine Tochter verheiraten!... Mitgift hat sie nicht. Denn wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, so habe ich eben recht aufgeschnitten, als ich von zwanzigtausend Francs Rente sprach... Es fehlt mehr als die Hälfte dazu... Aber ich kann für meinen Schwiegersohn einen römischen Grafentitel beschaffen... Ferner gestattet mir, sofern er im Heere dient, mein Verwandtschaftsverhältnis zum Kriegsminister, ihm ein sehr rasches Avancement zu verschaffen.« Als ich mit meinen Notizen über den Fall zu Ende bin und ihm geantwortet habe: »Rechnen Sie auf mich, Herr Marquis,« und mich empfehlen wollte, da legte sich eine Hand glatt auf meine Schulter... ich drehe mich um Samson schaute mich an und lachte... lachte mit einer Miene so possierlich, so drollig... Und nun, nun bin auch ich noch da! Wie? Herr Marquis? Aber ja! wahrhaftig! ruft er; ich bin noch gar nicht zu antiquiert, und wenn sich für mich eine Gelegenheit böte... Er beichtet mir nun zu guter letzt, daß er von Schulden ganz wurmstichig sei und keinen Heller besitze, sie zu berappen. Saperlot, mein lieber Tom! Wenn Sie mich so irgendwo ins Nest setzen könnten einer Dame aus der Handelswelt, die einen soliden Spargroschen hinter sich gebracht hat, mag's nun eine alte Jungfer sein oder eine Witwe, so schicken Sie mir sie mit ihrem Geldsacke... ich mache sie zur Marquise! Als ich den Fuß von dieser Stätte setzte, da war meine Erziehung vollendet, war meine Schule gemacht. Ich hatte alles begriffen, was sich in der Pariser Gesellschaft vollbringen ließ; und die Gründung der Agentur Lewis war vom moralischen Standpunkte aus eine vollzogene Sache...« Sie war ein Wunderding, diese Geschichte, so wie sie von Tom Lewis erzählt oder aufgeführt wurde. Er stand auf, setzte sich wieder, ahmte die Majestät des alten Edelmanns nach, die alsbald zu einem echt bohèmehaften Cynismus ausartete, ahmte seine Weise nach, sein Taschentuch zwischen den Knieen aneinander zu falten, um die Beine übereinander zu schlagen, ahmte diesen dreimaligen Anlauf nach, den der alte Herr nahm, um zum Nichts seiner wirklichen Einkünfte zu gelangen. Man hätte meinen können, einer Szene aus Rameau's Neffen anzuwohnen; aber ein Neffe Rameau's aus dem neunzehnten Jahrhundert war das, ohne Puder, ohne Grazie, ohne Geige, dem etwas Hartes, Grimmiges zu eigen war, die Schärfe jenes englischen Bulldoggen-Tons in der Rede, die sich in die spöttische Witzelei des einstigen Gassenjungen der Faubourgs hineingemengt hatte. Die anderen lachten, amüsierten sich außerordentlich, zogen aus Tom's Erzählung Betrachtungen philosophischer und cynischer Natur. »Seht Ihr, meine Kinderchen,« nahm nun der alte Leemans das Wort, »wenn sich die Trödler untereinander verständigten, dann würden sie die Herren der Welt sein... Man schachert doch in der Zeit, in welcher wir leben, mit allem. Zu uns muß alles kommen, durch unsre Hände muß alles gehen, und all und jedes muß Haare bei uns lassen... Wenn ich an alles das denke, womit ich seit vierzig Jahren in diesem Loche in der Rue Eginhard Geschäfte gemacht habe was ich einschmolzen, verkauft, aufgekrempelt, eingetauscht habe!.. Es hat mir gerade bloß noch eine Krone zum Vertrödeln gefehlt... Jetzt ist auch so'n Ding da... steckt schon drin im Sack...« Er stand auf mit dem Glase in der Hand, und seine Augen strahlten und warfen grimmige Blicke. »Der Trödel soll leben, meine Kinder!« Im Hintergrunde stand »die Darnet« auf der Lauer unter ihrer schwarzen Haube, guckte auf alles, horchte auf alles, unterwies und belehrte sich über den Handel; denn sie lebte der Hoffnung, sich selbst ein Geschäft einzurichten, sobald »der Herr« das Zeitliche gesegnet haben würde, und für eigene Rechnung zu schachern und zu trödeln. Plötzlich wird die Klingel an der Eingangsthüre heftig in Bewegung gesetzt sie würgt sich, als litte sie unter einem alten Katarrh. Alle zittern. Wer kann zu solcher Stunde noch kommen? »Das ist Lebeau!« spricht der Vater... »kein andrer als er...« Laute Rufe hallen dem Kammerdiener, den man seit langem nicht gesehen hatte, als Willkomm entgegen, und Herr Lebeau tritt ein, fahl und abgespannt, beißt die Zähne zusammen und zeigt eine Miene, die an Zerknirschtheit und schlimmer Laune das mögliche leistet. »Na! setze Dich hin, alter Sünder!« sagte Leemans und machte zwischen sich und seiner Tochter einen Platz frei. »Teufel auch!« sagte der andre angesichts dieser strahlenden Gesichter, der Tafel und ihrer Überreste »wie's scheint, geht's ja hier flott her!« Die Bemerkung an sich, der unheimliche Ton, in welchem sie gesprochen wurde, fiel allen auf . . . einer guckte den andern an . . Unruhe malte sich auf allen Gesichtern . . . Donner und Doria! Ja doch! hier geht's flott her! man amüsiert sich, »leistet sich 'was!« Warum sollte man denn auch Trübsal blasen? Herr Lebeau schien ganz verblüfft. »Wie! Sie wissen nicht? . . Und haben doch den König gesehen, Gräfin?« »Ja doch . . . heut Morgen gestern einen Tag wie alle Tage!« »Und er hat Ihnen nichts gesagt von der schrecklichen Auseinandersetzung?« Und nun erzählte er ihnen mit zwei, drei Worten den Auftritt, der sich zwischen dem König und der Königin abgespielt hat, erzählte ihnen, daß die Urkunde verbrannt und damit höchst wahrscheinlich die ganze Sache in den Rauchfang geflogen sei. »Ha! der Pinsel! . . . Ich bin geleimt! schmählich geleimt!« rief Sephora. Tom wird sehr unruhig und sieht seiner Frau bis auf den Grund der Augen. Sollte sie etwa zufällig die unkluge Schwäche gehabt haben?... Aber die Dame ist nicht darnach gelaunt, sich darüber auszulassen; sie rast vor Zorn, vor Unwillen gegen Christian, der sich seit acht Tagen in eine Reihe von Lügen verstrickt, um eine Erklärung dafür zu finden, wie es komme, daß die Entsagungsurkunde noch immer nicht unterzeichnet worden sei... O! über den Feigling den Feigling und Lügner!... Aber warum hat Lebeau sie nicht schon benachrichtigt? »Ach ja! warum?« sagt der Kammerdiener mit seinem abscheulichen Lächeln... »Ich hätte wohl meine Müh haben mögen, Euch Nachricht zu geben!... Seit ganze zehn Tagen laufe ich Straße auf, Straße ab... an die fünfhundert Meilen, ohne nur Atem zu schöpfen, ohne nur ein einziges mal zum Sitzen zu kommen! Und nicht ein mal Mittel und Wege, einen Brief zu schreiben! Denn ein gräßlicher Mönch, ein Franziskaner-Pater, der nach Hundshaar riecht und mit dem Messer hantiert wie ein Bandit, hat mich überwacht auf Schritt und Tritt... All meine Bewegungen hat er ausspioniert, hat mich nicht einen Augenblick außer Augen gelassen, immer mit dem Vorwande bei der Hand, daß er nicht Französisch genug verstände, um allein wohin zu gehen und sich den Leuten verständlich zu machen... In Wahrheit verhält es sich so, daß man mir in Saint-Mandé nicht traut, und meine Abwesenheit benutzt hat, um eine große Sache ins Werk zu setzen!« »Was denn?« fragten ihn aller Augen. »Es ist, so glaube ich, eine Expedition nach Dalmatien im Werke. Dieser Teufel von Gaskogner ist's, der ihnen dergleichen Zeug in den Schädel gesetzt hat!... O! ich habe es ja doch immer gesagt, daß man sich dieses Subjektes in allererster Linie hätte entledigen müssen...« Man konnte sich noch so sehr versteckt vor ihm halten: Dieser Lakei hat seit einiger Zeit Vorbereitungsmaßregeln in der Luft gewittert, hat den stündlichen Abgang von Briefen gewittert, hat geheimnisvolle Zusammenkünfte und Beratungen gewittert. Eines Tages hat er in einem Album von Aquarellzeichnungen, das diese kleine Närrin von Rosen hatte liegen lassen und das er aufgeschlagen hat, Entwürfe zu Uniformen gesehen, zu Kostümen, die sie gezeichnet hat: illyrische Königs-Freiwillige, Dragoner des Glaubens, Blauhemden, Kürassiere des guten Rechts. An einem andern Tage hat er zwischen der Prinzessin und Madame de Silvis eine ernste Unterredung über die Form und die Größe der Kokarden erhascht. Aus all diesen Umständen, diesen Bruchteilchen von Reden hat er den Schluß auf die große Expedition gezogen und die Reise, die man ihm eben aufgezwungen hat, ist dieser Sache wahrscheinlich nicht fremd. Der kleine schwarze Mensch, eine Art von buckligem Kerl, auf dessen Suche man ihn nach den Gebirgen von Navarra ausgeschickt hat, muß sicherlich irgend ein großer Kriegsmann sein, dazu ausersehen, die Armee unter dem Befehl des Königs zu führen. »Wie! so würde der König also auch mitreisen?« ruft Vater Leemans aus mit einem verächtlichen Blick auf seine Tochter. Ein Tumult von Reden und Worten folgt auf diese Ausrufung. »Und unser Geld?« »Und die Wechsel?« »Das ist eine Schurkerei!« »Das ist ein Diebstahl!« Und da zur gegenwärtigen Zeit die Politik das Äsopus-Gericht ist, das man überall aufdeckt, ruft Pichery, der streng imperialistisch gesinnt ist, starr und steif wie sein roßhärener Kragen, der Republik die Bemerkung ins Gesicht: »Unter dem Kaiserreich hätte man so etwas nicht machen können! hätte man die Ruhe eines benachbarten Staates nicht bedrohen dürfen!« »Ganz sicher!« äußert J.Tom Lewis mit Ernst und Würde; »ganz sicher würde man dergleichen nicht dulden, wenn man es in der Präsidentschaft wüßte... Man müßte es dort melden müßte die Lärmtrommel rühren!« »Ja doch! hieran habe ich schon gedacht!« ergreift Lebeau wieder das Wort »leider aber weiß ich nichts Genaues, nichts Gewisses. Man wird mir kein Gehör geben. Und dann sind unsre Leute mißtrauisch.. es sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um jedem Argwohn die Möglichkeit abzuschneiden... So ist heute Abend zum Beispiel der Namenstag der Königin. Im Palaste von Rosen wird eine große Festlichkeit veranstaltet... Lauf' nun doch einer hin und sage den Behörden, daß unter allen diesen Tänzern, die dort erscheinen werden, ein Komplott im Gange ist, daß man sich auf Feldzüge, auf Schlachten rüstet!... Und doch geht etwas vor auf diesem Balle, das nicht zu den gewöhnlichen Dingen gehört!« Jetzt erst macht man die Wahrnehmung, daß der Kammerdiener in Gesellschafts-Toilette erschienen ist, in feinen Schuhen und weißer Halsbinde. Es liegt ihm dort unten ob, die Buffets herzurichten, und er muß sich flugs nach der Insel Saint-Louis zurück begeben. Plötzlich ruft die Gräfin, die seit einem Augenblicke sinnt und überlegt: »Hören Sie, Lebeau!... wenn der König verreist, so werden Sie es doch erfahren; nicht wahr?... Sie werden doch Kenntnis davon bekommen, und wenn auch nur dadurch, daß Sie Befehl erhalten, ihm den Koffer zu schnallen... Nun! erfahre ich es nur eine einzige Viertelstunde vorher, dann schwöre ich Euch, daß die Expedition nicht stattfinden wird!« Sie sagt das mit ihrer ruhigen Stimme und mit langsamer, aber sicherer Entschiedenheit. Und während J.Tom Lewis sich sinnend fragt, durch welches Mittel wohl Sephora imstande sein werde, den König an der Abreise zu verhindern während die andern Bundesgenossen, ganz betreten und geknickt, berechnen, wie teuer es ihnen zu stehen kommen würde, wenn aus dem Geschäfte schließlich doch nichts werden sollte, macht sich Meister Lebeau wieder auf den Rückweg nach seinem Ballfeste, tummelt sich auf den Spitzen seiner Schnallenschuhe durch jenes Wirrsal von schwarzen Gäßchen hindurch, die mit antiken Dächern, mit Vorbauen, die nach unten zu offen stehen, durchsetzt, mit antiken Wappenschildern geschmückt sind durch jenes aristokratische Stadtviertel des verwichenen Jahrhunderts hindurch, das in Fabriken, in Werkstätten umgewandelt ist das tagsüber von ihren Rollwagen erschüttert und vom Ameisengewirr einer armen Bevölkerung erfüllt wird, und nachts seinen Charakter als merkwürdige tote Stadt wieder annimmt.     Das Fest ist von fern her schon sichtbar und hörbar, dies Sommer- und Nachtfest, das zu den beiden Ufern der Seine hinüber seine geschwellten Töne, gleichwie sein Licht in brandrotem Glutstreifen, nach jenem Insel-Ausläufer hinüber sendet, der, auf die treibende, schwanke Flut vorgeschoben, wie das geründete, aufzeigende Hinterteil eines vor Anker treibenden Riesenschiffes erscheint. Kam man näher heran, dann erkannte man die hohen, flammenhellen Fenster unter den Gardinen von indischer Seide dann sah man die Tausende von Buntfeuern, die in Form von Gehängen und Gewinden an den Dickichten, an den Jahrhunderte alten Bäumen brannten und auf dem Kai von Anjou, der um diese Zeit gewöhnlich schon im Schlummer ruht, tanzten die Wagenlaternen mit ihren unbeweglichen kleinen Fanalen durch die Tiefe der Nacht. Seit Herberts Hochzeit hatte das Hotel Rosen kein solches Fest gesehen. Dazu war dies Fest des heutigen Abends noch umfangreicher, noch geräuschvoller, und alle Fenster, alle Thüren standen dem Strahlenglanz einer Sternennacht weit offen. Das Erdgeschoß bildete eine lange Reihe von ineinander laufenden Sälen, die hoch waren wie eine Kathedrale, geschmückt waren mit Gemälden und antikem Goldzierat, in denen die Arm- und Kronleuchter niederländischen und venetianischen Fabrikats, die von den Decken herniederhängenden Moscheen-Lampen eine seltsame Dekoration beleuchteten: Vorhänge, die in grünen und roten Gold-Reflexen erzitterten wuchtige Schreine aus massivem Silber, gerahmte und geschnitzte Elfenbein-Sachen, alte Spiegel mit geschwärztem Quecksilber-Belage, Reliquien-Behälter, Standarten, allerhand Reichtümer und Schätze aus Montenegro und der Herzegowina, die der Pariser Geschmack zu gruppieren, zusammen zu stellen verstanden hat, ohne daß sie irgendwie in die Augen schlagen, oder allzu fremdländisches Aussehen zeigen. Das auf einer alten Betkanzel, die zur Tribüne hergerichtet worden, spielende Orchester, das an jenes vom Schlosse Chenonceaux erinnert, war umzogen mit Fähnlein, die ihre Schatten auf die für den König und die Königin reservierten Sessel hernieder senkten; und im Gegensatze zu dieser ganzen Vergangenheit, in diesem rückstrahlenden Lichte von reichen Antiquitäten-Schätzen, die den Vater Leemans vor Entzücken schier aus dem Häuschen gebracht haben würden, glitten die berückenden, wirbelnden Walzer vom Tage vorüber, die Walzer mit den langen, verzierten Schleppen, mit den aufblitzenden, starr blickenden Augen im dämpfigen Hauche gekräuselten Haares, eine Herausforderung gleichsam der strahlenden Jugend mit blonden, elfenhaft mageren, schwebenden Visionen und brünetten Erscheinungen von leicht dünstender Blässe. Von Zeit zu Zeit löste sich aus diesem Gewirr von rund durch den Raum geschnellten Tänzern, aus diesem Mischmasch von seidigen Stoffen, der in die Ballmusik ein kokettes und geheimnisvolles Gewisper hinein trägt, ein Paar heraus und schritt durch das hohe Glasportal; auf ihre beiden geneigten Häupter senkte sich in umgekehrter Richtung der weiße Lichtstrahl von dem Simse über dem Portal hernieder, wo sich der Namenszug der Königin in Gasflammen dehnte; und unterdes sie den Rhythmus des Tanzes mit Besinnen und Zögern unter Hemmungen, die eine Folge der Entferntheit des Klanges sind, in die Gänge des Gartens hinaus verpflanzen, wandeln sie schließlich den Walzer in einen abgemessenen Marsch um, in eine von Harmonie getragene Promenade dicht am Rande der von Magnolien und Rosen balsamisch duftenden Gesträuche und Dickichte hin. Alles in allem genommen, zeigte das Fest, von der Seltenheit und Merkwürdigkeit der Dekorationen, sowie von einigen fremdländischen Frauentypen mit rötlich gelbem Haar und mit dem weichen geschmeidigen Gebahren der Slawinnen abgesehen, auf den ersten Blick kaum ein anderes Gepräge als eine von den gewöhnlichen Kirchweih-Festen der gesellschaftlichen Welt, wie sie das Faubourg Saint-Germain, im Palaste Rosen vertreten durch seine ältesten, klangvollsten Namen, von Zeit zu Zeit einmal in seinen alten Gärten der Rue de l'Université begeht wo sich die Tänze dann von den gewichsten Parkettböden hinaus auf die Rasenplätze verpflanzen, wo der schwarze Frack sich über die hellen Beinkleider lustig machen kann Feste in der frischen freien Luft, Sommerfeste, auf denen größere Freiheit und ungebundeneres Leben waltet als auf anderen. Von seinem Zimmer aus im zweiten Stock hörte der alte Herzog, der seit einer Woche von einem heftigen Anfall seines Ischias-Leidens geplagt war, den Widerhall des von ihm veranstalteten Ballfestes an, dieweil er unter der Bettdecke Schmerzenslaute und Kasernenflüche erstickte gegen diese ironische Grausamkeit des Übels, das ihn an einem solchen Tage auf sein Bett nagelte und ihn in die Unmöglichkeit versetzte, sich zu all dieser herrlichen Jugend zu gesellen, die am kommenden Tage sich auf die Fahrt, beziehungsweise den Ausmarsch machen sollte. Nachdem die Parole ausgegeben, die Auswahl der Schlachtposten getroffen worden, war dieser Ball ein Lebewohl, eine Art von Prahlerei gegen die schlimmen Wechselfälle des Kriegs und gleichzeitig auch eine Vorsichtsmaßregel gegen die neugierigen Spürnasen der französischen Polizei. Wenn nun der Herzog den Freiwilligen auch nicht das Geleit zu geben vermochte, so tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß sein Sohn Herbert mit »von der Partie sein«, daß also auch sein Wappenschild, wie auch sein Geld bei dieser großen Sache sichtbar sein werde, denn Ihre Majestäten hatten zu genehmigen geruht, daß er, der Herzog, es übernehme, die Kosten für die Unternehmung aufzubringen und zu bestreiten. Auf seinem Bette lagen Generalstabskarten herum neben Schlacht- und Feldzugsplänen, trieben sich Rechnungen über Futter und andere Lieferungen, über Gewehrladungen, Uniformstücke, Decken, Lager-Gegenstände und Lebensmittel herum die er fürsorglich durchsah und kontrollierte, indes er den Schnauzbart schrecklich verzog die bekannte Helden-Grimasse des königstreuen Parteigängers, der gegen seine knickerigen und grabwespenartigen Instinkte im Kampfe liegt. Manchmal fehlte ihm eine Ziffer, ein Nachweis. Da ließ er Herbert heraufkommen ein Vorwand, um ihn bei sich zu haben, in seinem Bereiche, neben seinem Bett, diesen großen Sohn, der ihn morgen zum ersten mal im Leben verlassen sollte, den er vielleicht nie mehr wiedersehen würde, und für den er eine unermeßliche und unter majestätsvollem Wesen und Schweigen schlecht verhüllte Zärtlichkeit im Herzen trug. Aber der Prinz hielt nicht lange Stand es drängte ihn, wieder hinunter zu gehen, um die Honneurs des Hauses zu machen, und vornehmlich deshalb, weil er keine Sekunde verlieren mochte von den kurzen Stunden, die ihm noch an der Seite seiner teuren Colette zu verweilen blieben. Mit ihm im ersten Salon stehend, lieh sie ihm Beistand beim Empfange der von ihrem Vater geladenen Gäste. Sie war hübscher, eleganter denn je. Eine enge Tunika aus antiker Spitze, aus einer griechischen Bischofs-Alba gefertigt, umschloß ihre Taille. Der matte Abglanz, welchen sie warf, hob ihre zierliche Schönheit, der an diesem Abend eine geheimnisvolle Miene fast ernsten Charakters aufgeprägt lag, vorteilhaft heraus. Dieser Abglanz stimmte ihre Züge ruhiger, lieh ihren Augen einen dunkleren Schein vom nämlichen Blau, wie es jene kleine Kokarde aufwies, die sich unterhalb einer Diamanten-Aigrette zwischen ihren Locken lose herumtrieb... Pst! eine Kokarde, bestimmt für illyrische Königs-Freiwillige; ein Modell, das für die Expedition angenommen und von der Prinzessin entworfen und gezeichnet wurde! O! o! seit einem ganzen Vierteljahre schon hatte sie sich nicht unthätig verhalten, die liebe Kleine! Aufrufe durch Abschriften vervielfältigen, sie heimlich nach dem Franziskaner-Kloster tragen, Uniformen und Banner zeichnen, die Polizei, die sie immer auf den Fersen zu haben meinte, auf andre Spur hinlenken: das war die Art, wie sie ihre Rolle als königstreu gesinnte große Dame auffaßte so war ihr die Rolle inspiriert worden von dem Unterricht, den sie vor Jahren im Kloster zum Heiligen Herzen genossen. Ein einziger Umstand fehlte diesem Programm, das arg nach jenen Raubkriegen roch, die einst die Vendee verwüsteten und entvölkerten: sie konnte sich nämlich nicht mit auf die Reise begeben, konnte ihren Herbert nicht begleiten. Denn jetzt war Herbert, und nichts als Herbert, ihr ein und alles; zufolge einer Segnung von Seiten der Natur dachte man an jenen andren Mann nicht anders mehr als wie an das unglückselige Seidenäffchen, das so grausamen Sinnes auf dem nahen Kai-Gelände zerschmettert worden war. Diese Freude, ein männliches Kostüm über die zarten Glieder zu ziehen und mit den Beinchen in hohe Stiefelchen zu fahren, war Colette aus dreierlei Gründen versagt: erstlich um ihres Dienstes willen bei der Königin; zum andern aus einer Ursache ganz heimlicher Art, einer Ursache, die sie abends vorher dem königlichen Adjutanten zärtlich und leise ins Ohr geflüstert hatte. Jawohl! jawohl! sofern es nicht eitel Trug war, würde binnen eines gewissen Zeitraums, dessen Berechnung keinerlei Schwierigkeiten bereitete, wenn man den Tag der akademischen Sitzung zum Ausgangspunkte nahm, das Geschlecht der Rosen ein Vertreterchen mehr zählen; und eine so süße, köstliche Hoffnung konnte man doch nicht den Fährlichkeiten einer Expedition aussetzen, die ohne einige rauhe und blutige Stöße nicht endigen würde; so wenig wie man sich gestatten durfte, einen Walzer durch die strahlenden Salons zu tanzen. Da giebt es der Geheimnisse gar zu viele zu hüten für die kleine Frau; und trotzdem ihre Lippen das Geheimnis wahrten, verrieten doch ihre wunderbar geschwätzigen Augen und auch die schmachtend hingegossene Art, wie sie sich auf Herberts Arm stützte, recht starke Lust, alles an ihrer statt zu erzählen. Plötzlich schweigt das Orchester. Der Tanz hört auf. Jedermann nimmt Stellung, denn Christian und Friederike sind in den Saal getreten. Sie haben die drei Säle durchschritten, die von nationalen Reichtümern erstrahlen; in denen die Königin überall ihren mit Blumen eingestickten, in Flämmchen brennenden, in Juwelen und Edelsteinen funkelnden Namenszug hat sehen können; wo alles ihnen vom Vaterlande und seinem Glanz und seinen Herrlichkeiten rühmend Kunde gethan und jetzt, jetzt stehen sie an der Gartenschwelle... Niemals hat die Monarchie stolzere, herrlichere Repräsentanten besessen: ein echtes Königspaar, wie es schöner noch nie auf der Münze eines Volkes geprägt war, wie es schöner noch nie die Fassade einer Dynastie geschmückt hat. Die Königin besonders ist bewunderungswürdig, um ein Jahrzehnt verjüngt in einer herrlichen weißen Toilette, und auf den Schultern trägt sie statt alles Schmuckes ein schweres Bernsteinkollier, an welchem ein Kreuz niederhängt. Vom Papste überreicht und geweiht, schwebt über diesem Halsband eine Legende, welche sich die Getreuen mit ganz leiser Stimme erzählen. Friederike hat dieses Halsband während der ganzen Zeit der Belagerung von Ragusa getragen; zweimal hat sie es bei Ausfällen, unter dem Feuer der Schlacht, verloren und auf ganz wunderbare Weise wieder gefunden. Sie verknüpft einen Aberglauben mit diesem Halsbande; hat ihm als Königin ein Gelübde gethan und legt es an zufolge dieses Gelübdes, ohne sich Gedanken zu machen über den herrlichen Reiz, den diese goldigen Perlen in so unmittelbarer Nähe ihres Haares üben, dessen Reflexe sie gewissermaßen durchkörnen. Während das Herrscherpaar dort verweilt, stehend, strahlend, und den Blick voller Bewunderung über das Fest und das Bild des feenhaft erleuchteten Gartens schweifen lassend, dringt aus der Mitte einer Rhododendron-Gruppe heraus plötzlich ein dreimaliger Bogenstrich, wunderlich, ohrenzerreißend, kraftvoll und saftvoll. Alles, was Slawe heißt in der hier versammelten Festgesellschaft, erzittert bis in die tiefste Falte des Herzens hinein, wie es den Ton der Guzlahs erkennt, deren langhalsige Mandolinen man durch das düstere Laub hindurch schimmern sieht. Die Musik beginnt mit einem summenden Präludium, mit einer Überflutung durch fernher schallende sonore Klangwellen, die sich heranwälzen, steigen, schwellen und sich ergießen. Es war als wenn eine schwere, mit Elektricität geladene Wolke heraufzöge, die von Zeit zu Zeit vom flinksten Bogen mit Blitzen streifenartig durchzuckt wird, und aus der alsbald der stürmische, üppige, heldenhafte Rhythmus des Volksliedes, das Hymnus und Tanz zugleich ist jenes Rodoïtza-Gesanges, welcher dort unten zu Lande auf allen Festen, in allen Schlachten erklingt und den zwiefachen Charakter der ihm zu Grunde liegenden uralten Legende trefflich zur Darstellung bringt. Der den Türken in die Hände gefallene Heiduk Rodoïtza stellt sich tot, um zu entrinnen. Man zündet Feuer auf seiner Brust an; der Heiduk rührt sich nicht. Man schiebt ihm eine Schlange, die durch die Sonnenstrahlen gereizt ist, in seinen Busen, treibt ihm an die zwanzig Pflöcke unter die Fingernägel der Heiduk bleibt starr und unbeweglich wie ein Stein. Nun ruft man Haikuna herzu, die größte und schönste der Töchter Zara's, die unter den Klängen des illyrischen Nationalgesanges zu tanzen beginnt. Von den ersten Taktschlägen an sobald Rodoïtza die Zechinen des Halsschmuckes der Schönen klirren hört, die Fransen ihres Gürtels erzittern sieht da lächelt er, schlägt er die Augen auf es würde um ihn geschehen sein, wenn nicht die Tänzerin mit raschem Sprung und Schwung auf dies Gesicht, das sich mit Leben zu füllen beginnt, das seidene Tuch geworfen hätte, womit sie ihren Tanz markiert und krönt. Auf solche Art wurde der Heiduk gerettet, und darum nennt man seit zweihundert Jahren das illyrische Volkslied das »Rodoïtza-Lied«. Als hier unter dem Himmel des Exils, der Verbannung, das Rodoïtza-Lied in ihre Ohren schallt, da sind die sämtlichen Illyrier, Männer sowohl wie Frauen, erbleicht. Dieser Ruf mit den Guzlahs, den im Hintergrund der Salons das Orchester mit gedämpften Klängen begleitet einem Wogengeflüster gleich, über welchem der Sturmvogel seine schrille Stimme erhebt dieser Ruf ist die Stimme des Vaterlandes selbst, geschwellt von Erinnerungen und Thränen, von Wehklagen und Hoffnungen, die tief im Herzen verschlossen ruhen. Die ungeheuren, wuchtigen Bügel in Form von Kriegsbogen vibrieren nicht über Saiten gewöhnlichen Schlages, sondern über Nerven, die scharf gespannt sind zum Bersten, über Fibern, die zarten Widerhall geben. Diese jungen Leute, stolz und kühn und mit Heiduken-Gebahrung, fühlen sich alle beseelt von dem unbändigen Mute des Rodoïtza-Liedes, alle so herrlich gelohnt von der Liebe eines Weibes. Diese schönen Dalmatiner-Frauen, groß und schlank wie Haikuna, hegen im Herzen ihre holde Liebe für die Helden. Und die Alten, wenn sie der fernen Heimat gedenken, die Mütter, wenn sie den Blick auf ihre Söhne lenken, alle fühlen den Drang zu schluchzen alle würden sich, wären nicht der König und die Königin gegenwärtig zu dem schrillen Gekreisch gesellen, würden ihre Stimmen vermischen aus vollen Kehlen mit diesen Tönen, welche die Guzlah-Spieler, jetzt am Schluß ihres Liedes, in einer letzten Accord-Rakete zu den Sternen hinauf schleudern. Kurz darauf beginnt das Tanzen wieder mit einem Rasen, einem Feuer, das höchlich verwundert in einer Gesellschaft, in welcher man sich im allgemeinen kaum anders als konventionell erlustigt. Ganz entschieden liegt, wie Lebeau sagt, in diesem Feste etwas, das nicht ist wie sonst, das sich über das gewöhnliche Niveau hinaus erhebt; etwas von heißer Glut, von fieberhaftem, leidenschaftlichem Drange das man empfindet und fühlt in der Art, wie sich die Arme um die Hüften legen, in dem Schwunge, der den Tänzern inne wohnt in gewissen funkelnden Blicken, die herüber und hinüber fliegen das man fühlt bis in den Takt der Walzer und Masurkas hinein, in die es plötzlich wie Sporen- und Steigbügel-Geklirr hineinschallt. Wenn gegen den Schluß der Ballnächte hin der Morgen bleich zu den Fenstern hinein scheint, da zeigt die letzte Freudenstunde jene rasende Glut, jene trunkenen Augenblicke gänzlicher Vergessenheit. Hier aber beginnt der Ball kaum, und schon brennen und sengen die sämtlichen Hände in den Handschuhen, alle Herzen schlagen unter den Blumensträußen am Leibchen oder den kleinen, diamantenbesäeten Nadeln. Und wenn ein Paar vorbei eilt, berauscht von Rhythmus und Liebe, dann folgen ihm lange Blicke nach, Blicke des Lächelns und Blicke der Rührung. Ein jeglicher weiß, daß all diese herrlichen Tänzer, Illyriens Adel, der mit seinen Fürsten das Geschick der Verbannung teilt, Frankreichs Adel, der allzeit bereit ist, sein Blut der guten Sache zu weihen, bei Dämmerungsgrauen ausziehen werden auf eine gefahrvolle, verwegene Unternehmung. Wieviel von diesen stolzen und feurigen jugendlichen Männern, die zu den Waffen eilen, ohne ihre Zahl zu rechnen wieviel von ihnen werden, selbst wenn der Sieg ihnen winkt, hierher zurückkehren! Wieviel von ihnen werden, ehe acht Tage verstrichen sind, ins Gras gebissen haben! hingestreckt liegen auf dem Kamme der Gebirge, dieweil ihre Ohren, in denen das Blut im tollen Wirbel summt, noch immer diese berauschende, trunken machende Masurka-Melodie zu hören meinen. Das Herannahen der Gefahr ist's, was der Freude, dem Feuer des Ballfestes die Beklommenheit und Unruhe eines Abends vor der Schlacht beimischt was in den Augen Thränen und Blitze funkeln, soviel Kühnheit und schmachtendes Verlangen aufzucken macht. Was kann man dem verweigern, der vielleicht sterben wird? Und dieser über der Scene lagernde, schwebende Tod, dessen Fittich im Takte der Geigen den Tänzer streift wie verengert er die Umarmung! wie beflügelt er das Geständnis! Flüchtige Spiele der Liebe! Begegnung von Eintagsfliegen, die zusammen durch den nämlichen Sonnenstrahl huschen! Man hat einander nie mit einem Blicke gesehen, wird einander zweifelsohne mit keinem Blicke mehr wiedersehen und da ketten sich zwei Herzen zusammen! Manche von ihnen, die stolzesten darunter, versuchen trotz der Rührung, die sie ergreift, zu lächeln; aber wieviel Sanftmut und Süße birgt sich auch noch immer unter dieser Ironie! Und das alles dreht sich im Tanze, die Stirnen zurückgebeugt und mit wallenden Locken; denn ein jedes Paar glaubt sich allein; umschlossen, betäubt in den verschlungenen und zauberischen Rondos eines Walzers von Brahms oder einer Masurka von Chopin. Noch einer ist da, dem das Blut ebenfalls wallt, der ebenfalls tief ergriffen ist – und dieser eine war Méraut, in welchem der Gesang der Guzlahs mit ihrem bald süßen Schmerz, bald milde Thatkraft kündenden Klängen die Zigeuner-Idee, die Lust am Abenteuern geweckt hatte, die allen Temperamenten unterm südlichen Sonnenhimmel tief drinnen im Herzen steckt jenes tolle Verlangen, auf unbekannten Bahnen hinaus in die Ferne zu ziehen dem Lichte zu, auf Abenteuer, in die Schlacht, um eine kühne und tapfere That zu vollbringen, um derentwillen sie die Bewunderung der Frauen sein würden. Ihn, der nicht tanzte, der sich auch nicht im Kampfe schlagen würde, ihn überflutete der berauschende Zauber dieses heldentümlichen Ballfestes und über dem Gedanken, daß diese ganze Jugend hier ausmarschieren, ihr Blut hingeben, herrliche und gefahrvolle Großthaten vollbringen würde, während er mit den Greisen und Kindern zurückbliebe über dem Gedanken, daß er, nachdem er den Kreuzzug organisiert, ihn in den Kampf hinaus ziehen lassen würde, ohne sich ihm anzuschließen über diesem Gedanken beschlich ihn eine Traurigkeit, eine Beklommenheit so tief und ernst, daß er keine Worte für sie fand. Der Gedanke fühlte Beschämung vor der That. Und vielleicht war auch dieser Zerrissenheit, dieser Lust am Sterben, die ihm die slawischen Lieder und Tänze ins Herze gossen, der leuchtende Stolz nicht fremd, mit welchem sich Friederike an Christians Arm hängte. Wie man ihr Glück ihr nachempfand, das sie erfüllte, endlich den König, den Krieger in ihrem Gemahle wiederzufinden!... Haikuna, Haikuna! im Waffengeklirr kannst Du alles vergessen, alles verzeihen, den Verrat, den Betrug und die Lüge! Was Du liebst über alles hinaus, das ist die körperliche Tapferkeit ihr wirst Du immer das Taschentuch, das warm ist von Deinen Thränen, von den linden Düften Deines Angesichts, zuwerfen!... Und während er also trostlos verweilt, da lächelt Haikuna Haikuna, die eben in einem Winkel des Saals die beredte hohe Dichterstirn bemerkt hat, aus welcher sich das überwallende, rebellische, so wenig in die Gesellschaft hineinpassende Haar sträubt und bauscht Haikuna giebt ihm ein Zeichen, sich ihr zu nähern. Es war, als hätte sie die Ursache zu seiner Herzenstrauer erraten! »Was für ein herrliches Fest, Herr Méraut!« Dann senkte sie die Stimme: »Und auch dieses Fest verdanke ich Ihnen... Aber wir schulden Ihnen ja soviel... kaum daß wir noch wissen, wie wir Ihnen danken sollen!« Er war es in der That, dessen kräftiger Glaube alle diese erloschenen Flammen neu angefacht, die verzagten Gemüter wieder mit Hoffnung erfüllt, die Erhebung, den Aufstand bereitet hatte, den man morgen zu nützen sich anschickte. Die Königin vergaß ihn nicht! sie nicht! und niemand war in der erlauchten Versammlung zugegen, an den sie mit solcher herablassenden Herzensgüte, mit solchem Blicke voll Dankbarkeit und Milde das Wort gerichtet hätte hier, angesichts von allen den vornehmen Gästen, inmitten des von Ehrfurcht erfüllten Kreises, wie er sich um Herrscher gruppiert. Aber Christian der Zweite trat heran, nahm Friederikes Arm. »Der Marquis von Hezeta ist da,« sagte er, zu Elysée gewandt... »Haben Sie ihn gesehen?« »Ich kenne ihn nicht, Majestät . . .« »Er behauptet aber, Sie seien alte Freunde! Da! sehen Sie doch! da kommt er!« Dieser Marquis von Hezeta war der Befehlshaber, welcher in Abwesenheit des alten Generals von Rosen die Expedition führen sollte. Er hatte beim letzten Handstreich des Herzogs von Palma erstaunliche Eigenschaften als Corpsführer an den Tag gelegt, und niemals würde der unbesonnene, aber kühne Zug ein so klägliches Ende genommen haben, wenn man auf seine Reden geachtet hätte. Als er gesehen hatte, daß seine Anstrengungen verloren waren, und daß der Prätendent selbst das Beispiel und Signal zur Flucht gab, warf sich der Cabecilla, von Überdruß und Menschenfeindlichkeit erfaßt, mitten hinein in die baskischen Berge, lebte dort in Sicherheit vor kindischen Verschwörungen, vor falschen Hoffnungen, vor Schlägen ins Wasser, die seine sittlichen Kräfte erschöpften. Er wollte unbekannt und vergessen in seinem Vaterlande sterben, sollte aber doch noch einmal in die Abenteuer hineingerissen werden durch den hinreißenden Königssinn des Paters Alpheus und durch den Ruhm, den Christian der Zweite als tapferer Held genoß. Der alte Adel des Parteigängers, sein romantisches Dasein, das eine Kette von Verbannungen, Verfolgungen, von kühnen Handstreichen war, die von ihm aus Fanatismus verübten Grausamkeiten umgaben den Marquis Maria José de Hezeta mit einem fast sagenhaften Interesse und machten ihn zum Helden des Abends. »Guten Tag, Ely,« sagte er und trat mit ausgestreckter Hand auf Elysée zu rief ihn mit seinem Kindernamen, den er nicht mehr vernommen seit den Zeiten im Königshag »ei, ja doch! ich bin's... ich bin's!... Dein alter Schulmeister... der Herr Papel!« Der schwarze, mit Kreuzen und Orden beladene Frack, die weiße Halsbinde veränderten ihn nicht sonderlich; auch nicht einmal die zwanzig Jahre, die ihrer mehr über diesen mächtigen Zwergenschädel hingegangen waren, den Schießpulver und Sonnenbrand auf den Bergeshalden dermaßen verbrannt hatten, daß seine schreckliche und charakteristische Stirnader kaum noch zu sehen war. Mit ihr schien auch der royalistische Starrsinn sich gemildert zu haben, ganz so, wie wenn der Cabecilla im Deckel der baskischen Mütze, die am Ausgange des Feldzuges von ihm in einen Gebirgsbach geworfen worden war, einen Teil der alten Glaubenssätze, der Wahngebilde seiner Jugendzeit sitzen gelassen hätte. Elysée war seltsamlich erstaunt, Worte aus dem Munde seines alten Lehrers zu vernehmen, desjenigen Mannes, der ihn zu demjenigen gemacht hatte, was er war. »Siehst Du, mein kleiner Ely . . .« Der ›kleine Ely‹ war um zwei Fuß größer als er, und sein Haar hatte der ins Graue hinüber spielenden Locken nicht wenig. »Der Kram ist aus . . es giebt keine Könige mehr.. Das Prinzip steht noch aufrecht, aber an Menschen gebricht es. Keinen einzigen giebt' s unter diesen aus dem Sattel gehobenen Herren, der imstande wäre, sich wieder in den Sattel zu schwingen! nicht einmal einen, der das wirkliche Verlangen darnach verspürte... O! was ich gesehen habe was ich gesehen und erlebt habe während dieses Kriegs!« Ein blutiger Brodem lagerte sich über seine Stirn, schoß ihm in die starren Augen, die sich gleichsam vergrößerten unter der Wirkung einer Vision von schmachvollen Scenen, feigen und verräterischen Handlungen. »Aber es sind nicht alle Könige dieselben,« wendete Méraut ein »und ich bin meiner Sache ganz sicher, daß Christian...« »Der Deinige ist nicht mehr wert als der unsrige... Ein Kind, ein Genußmensch... Keine Idee, keine Willenskraft in diesen nach Freude lechzenden Augen... Aber sieh ihn doch nur an!« Er wies mit dem Finger auf den König, der mit verschwommenen Augen, schweißfeuchter Stirn, den winzigen und runden Kopf auf die nackte Schulter der Tänzerin gebeugt, in den Saal herein gewalzt kam. Im steigenden Rausche des Balls glitt das Paar an ihnen vorbei, ohne sie zu sehen, streifte sie mit ihrem keuchenden Atem; und da nun die Galerie überflutet wurde, um Christian den Zweiten, den ersten Walzertänzer seines Königreiches, tanzen zu sehen, flüchteten sich Hezeta und Méraut in die tiefe Nische eines der Fenster, die nach dem Kai von Anjou hinaus mündeten. Dort verweilten sie lange, halb im Lärmen und Wirbeln des Balles; halb in dem frischen, sänftigenden Schweigen der Nacht. »Die Könige glauben nicht mehr; die Könige wollen nicht mehr. Warum sollten denn wir uns um ihretwillen starrköpfig zeigen?« sagte der Spanier mit wilder Miene. »Sie glauben nicht mehr . . . Und doch ziehen Sie mit aus?« »Ich ziehe mit aus.« »Hoffnungslos?« »Nur mit einer einzigen Hoffnung . . . daß es mir glücken möge, mir den Schädel zertrümmern zu lassen meinen armen Schädel, für den ich keine Ruhestatt mehr finde.« »Und der König?« »O! was den betrifft, der macht mir keine Kopfschmerzen.« Wollte er damit sagen, daß Christian der Zweite noch nicht zu Pferde säße? oder daß er es, wie sein Vetter, der Herzog von Palma, verstehen würde, jedesmal heil aus der Schlacht zurückzukehren? Er äußerte sich nicht weiter... Rings um sie her fing der Ball an sich in tollen Wirbeln zu drehen, aber Elysée sah ihn jetzt durch die Brille der Mutlosigkeit seines alten Lehrers und durch die Brille seiner eigenen Enttäuschungen. Ein ungeheures Mitleid erfüllte sein Herz für diese tapfere Jugend, die sich so frohgemut rüstete, unter Führern, die ihrer Zuversicht verlustig gegangen waren, hinaus in den Kampf zu ziehen; und schon schwanden vor seinen Blicken das Fest, sein wirrer Lärm und seine verschleierte Beleuchtung im Pulverdampf eines Schlachtfeldes, in dem großen Wirrsal von Unglück und Mißgeschick, in welchem man die unbekannten Leichname aufhebt. Einen Augenblick lang neigte er sich, um diesem unheimlichen Phantasie-Gebilde zu entrinnen, über die Fensterbrüstung hinaus, nach dem leeren Kai hinunter, auf welchen der Palast große Lichtvierecke warf, die sich bis in die Seine hinein fortsetzten. Und das Wasser, dessen gepeitschte Flut er gegen diese Inselspitze branden hörte, und das zu den seufzenden Klängen der Geigen, zu dem herzzerreißenden Klagen der Guzlahs das Brausen seiner Strömung, den wilden Anprall seiner Wogen gegen den Brückenbogen gesellte, bäumte sich bald in kleinen Stößen und Rucken in die Höhe gleich dem Schluchzen eines beklommenen Herzens, oder ergoß sich auch in großen versiechenden Schwallen, wie das Blut einer weit aufgerissenen Wunde. Zwölftes Kapitel. Nachtzug. »Wir reisen heut Abend um elf Uhr; Lyoner Bahnhof; Bestimmung unbekannt; wahrscheinlich Cette, Nizza oder Marseille. Vorsicht!« Als dieses von Lebeau mit beflügeltem Stifte hingeworfene Zettelchen in der Rue de Messine eintraf, stieg die Gräfin von Spalato aus dem Bade und begab sich in völliger Leibesfrische, duftig und geschmeidig, aus ihrem Schlafzimmer nach ihrem Boudoir, wo sie sich der Pflege, dem Begießen ihrer Korbblumen und Blattgewächse widmete. Ihre Hände waren für diese Promenade durch ihren künstlichen Garten mit hellfarbigen schwedischen Handschuhen bekleidet. Sie geriet nicht sonderlich aus der Fassung, blieb eine Minute stehen, um in dem ruhigen Halbdämmerlicht der niedergelassenen Vorhänge mit sich zu Rate zu gehen dann machte sie eine kurze, entschlossene Gebärde, welche bedeutete: »Bah! wer das Ende will...« Und flugs klingelte sie ihrer Zofe, um unter den Waffen zu stehen, wann der König kommen würde. »Was für Garderobe befehlen die gnädige Frau?« Die gnädige Frau sah in den Spiegel, um sich von ihm Rats zu erholen... »Nichts!... ich bleibe, wie ich bin.« Nichts konnte sie in der That schöner machen als dieses lange, hübsche Flanell-Gewand, das in weichen Falten sich prall an ihren Körper legte ein großes, nach Kinderart hinten um die Taille geknüpftes Tuch und ihr schwarzes, geflochtenes, gekräuseltes, sehr hoch aufgenommenes Haar, das den Nacken und den Anfang der Schultern erkennen ließ, deren Farbe, wie man recht wohl erriet, einen lebhafteren Ton als das Gesicht, einen warmen und glatten Bernsteinschimmer, zeigte. Sie fand mit Recht, daß keine Toilette diesem Negligée gleichkommen dürfte, das die schlichte Weise, das kleinmädchenhafte Wesen so scharf heraushob, was dem Könige so sehr an ihr gefiel. Das nötigte sie aber, ihr Frühmahl in ihrem Zimmer einzunehmen; denn nach dem Salon konnte sie in solcher Garderobe doch nicht gehen. Sie hatte ihr Haus auf dem Fuße eines anständigen Hauses mit ceremoniellen Gebräuchen und Gesetzen eingerichtet, und von der bohèmehaften Phantasie, dem dito Anstrich, wie Courbevoie ihn gezeigt hatte, war hier keine Rede mehr. Nach dem Frühmahl begab sie sich in ihr Boudoir, das eine Veranda mit Gitterschirm bis über die Avenue hinaus fortsetzte und wartete nun hier des Königs, friedfertig in einen Sessel gestreckt, über und über im Abglanz der Stores mit rosigem Hauch übergossen, ganz so, wie sie vordem am bürgerlichen Fenster des Familienhotels gesessen und gewartet hatte. Christian kam niemals vor zwei Uhr. Von diesem Augenblick an aber begann eine ganz neue Empfindung von Angst bei dieser sanftmütigen, ruhigen Natur: Das Warten. In der ersten Zeit kaum von leichtem Beben gekräuselt, einer Furche auf kochendem Wasser vergleichbar dann aber von Fieber gepackt, aufgeregt, summend und brummend. Es fuhren der Wagen zu dieser Stunde sehr wenig auf der ruhigen, vom Sonnenschein zwischen ihrer doppelten Platanenreihe überfluteten Avenue, deren neuerbaute Paläste zwischen den Platanen hin bis zu dem goldnen Gitterthore reichen, bis zu den von Strahlen durchzitterten Kandelabern des Parks Monceaux. Beim schwächsten Rädergerassel zog Sephora den Store aneinander, um besser zu sehen; und ihr jedesmal getäuschtes Warten und Harren geriet ob dieser üppigen Ruhe draußen, ob dieser an die Provinz erinnernden Stille, in Erregung und Zorn. Was war denn vorgegangen? Würde er sich denn wirklich auf die Reise begeben, ohne sie vorher zu besuchen? zu sehen? Sie suchte nach Gründen, nach Vorwänden; aber wenn man wartet, so recht gespannt wartet, dann gerät das ganze Sein und Wesen in einen Zustand des Hangens und Bangens und die schwanken, vom Faden gefallenen Gedanken gelangen so wenig zu einem Abschlusse wie die auf dem Lippenrande schwebenden Worte. Die Gräfin fühlte diese Marter und diese Ohnmacht bis in ihre Fingerspitzen, wo alle Nerven sich spannen und erschlaffen. Neuerdings hob sie den Store aus rosa Zwillich. Ein lauer Windhauch bewegte das grüne Laub der Zweige, und ein frisches Lüftchen stieg von der Straße herauf, die von den Sprengröhren und Gartenspritzen mit jähen Wasserstrahlen überschüttet wurden, die aber häufig ausgesetzt werden mußten infolge der jetzt zahlreicheren Vorbeifahrt von Wagen und Karossen, die auf der Fahrt zum Fünf-Uhr-Nachmittagskorso nach dem Wäldchen hinaus begriffen waren. Nun fing sie an, sich ernstlich über das Ausbleiben des Königs zu erschrecken. Sie sandte zwei Briefe ab, den einen an den Prinzen d'Axel, den andern an den Klub dann kleidete sie sich an, da sie doch nicht bis zum Abend in ihrem Anzuge eines eben aus der Badewanne gestiegenen Kleinmägdeleins verweilen konnte, und nahm ihren Gang wieder auf von dem Wohnzimmer nach dem Boudoir, vom Boudoir nach dem Ankleidezimmer; und war alsbald auf dem Rundgange begriffen durch das ganze Hotel, beflissen, ihrem Zustande des Hangens und Bangens durch recht viel Bewegung die Spitze abzubrechen. Es war kein kleiner Kokottenkäfig, den sie sich gekauft hatte, »die Spalato« noch weniger eins von jenen erdrückenden Häusern, wie die mit Milliarden gesegneten Gefällpächter ihrer zu Haufen in jenen neuen Stadtvierteln des Pariser Westens errichtet haben sondern ein künstlerisches Hotel, das der Namen, welche die Straßen der Umgebung führten, eines Morillo, Velasquez, Van Dyck, gar würdig war und sich von seinen Nachbarn in all und jedem, vom Kranze seiner Fassade bis zum Hammer seiner Pforte herunter, merklich unterschied. Gebaut von dem Grafen Potnicki für seine Maitresse ein häßliches Frauenzimmer, dem er allmorgendlich einen vierfach zusammengefalteten Tausend-Francs-Schein auf die Marmorplatte ihrer Waschtoilette legte, war dieses merkwürdige Quartier beim Tode des reichen, ohne Testament verstorbenen Polen, zusammen mit seinem Kunstmobiliar, für zwei Millionen »im Rummel« verkauft worden, und Sephora hatte alle diese Schätze sogleich an sich gebracht. Über die wuchtige Treppe aus geschnitztem Holz, deren Gelände eine bespannte Karosse aushalten würde und die zu der ernsten Schönheit der Dame einen düstern Hintergrund niederländischen Gemäldes bildet, begiebt sich die Gräfin von Spalato hinunter in ihre drei Salons zu ebener Erde in den Meißner Porzellan-Salon, ein kleines, àla LouisXV. möbliertes Zimmer, das eine entzückende Sammlung von Vasen, Statuetten, Email-Sachen, Gegenständen von jener gebrechlichen Kunst des achtzehnten Jahrhunderts enthält, die durch die rosigen Finger der Maitressen versteinert, mit den schelmischen Hintergedanken ihres Lächelns belebt zu sein scheint dann betritt sie den Elfenbein-Salon, wo unter Glasschränken allerhand chinesische Elfenbein-Waren, kleine Figürchen, Bäume mit Früchten, aus Juwelen geformt, Fische mit Augen aus Beil- oder Nierenstein zur Schau liegen; auch jene Elfenbein-Figürchen des Mittelalters, mit den schmerzlichen, von Leidenschaft durchglühten Zügen und Mienen, auf denen das Blut der Kruzifixe in rotem Wachs als Flecken erscheint wie auf der Blässe einer menschlichen Haut. Das dritte Zimmer, licht und hell wie eine Künstlerwerkstatt, und mit korduanischen Leder-Tapeten drapiert, wartet mit seiner Ausstattung noch der vollendenden Hand des Vaters Leemans. gewöhnlich begeistert sich die Seele der Trödlerstochter inmitten dieser hübschen, durch den billigen Preis, wofür sie sie erstanden, in ihrer Schönheit noch gesteigerten Gegenstände. Heute aber geht sie und kommt sie, ohne Acht, ohne Auge dafür; ihre Gedanken schweifen in die Ferne: sie verirrt sich in aufregenden Vermutungen, irritierenden Begründungen.. Wie! also sollte er wirklich Paris verlassen wollen!... So liebte er sie denn doch nicht!... Sie, die ihn so fest umstrickt, so völlig sicher in ihrem Netze zu haben vermutete! Der Diener kam zurück. Keine Nachricht von dem Könige. Man hat ihn nirgendswo gesehen... Das sah Christian so recht ähnlich! Da er wußte, daß er sich selbst nicht viel zutrauen durfte, floh er, versteckte er sich... Eine Anwandlung von unbändigem Zorn reißt dieses Weib, das sich so fest im Zügel hat, auf eine Sekunde aus seiner Ruhe. Sie würde, wäre ihr nicht die lange Gewohnheit des Verkaufens zu eigen, die jedem Gegenstande gewissermaßen sein deutliches Etikett aufdrückt, sie würde alles um sich her zerschlagen, zertrümmern. Der sich seinem Ende zuneigende Tag löscht alles aus, was ihr gestern noch Reichtum war sie sieht ihre Schätze entfliehen, sich von ihr hinwegheben zugleich mit ihrem Traume von einem Riesenvermögen. Da wird die Thüre heftig aufgerissen. »Die Tafel ist gedeckt, gnädige Frau Gräfin!« Sie muß sich mutterseelenallein zu Tische setzen in dem majestätischen Speisesaale, der auf den acht Füllungen mit großen Gemälden von Franz Hals geschmückt ist, deren Wert auf achthunderttausend Francs geschätzt wird ernste Gesichter auf diesen Bildern, fahl und streng, einen feierlichen Eindruck machend in ihren hohen Spitzenkragen, minder feierlich indes noch als der Eindruck, den der Herr Haushofmeister macht in seiner weißen Halsbinde, wie er dasteht und auf dem Anrichtetische die Gerichte zurecht stellt und die Braten schneidet, die von zwei wunderlichen Käuzen in weißem Nanking, steif wie ein paar Ladestöcke und fühl- und empfindungslos als seien sie von Holz, serviert werden. Die Ironie, die in diesem pompösen Bedienungs-Modus im Gegensatze zu der Verlassenheit liegt, von welcher sich Frau von Spalato bedroht sieht, schnürt ihr das Herz vor Verdruß und Ärger zu und man möchte fast meinen, als ob das Personal schon gewisser Vorgänge sich ahnungsvoll versieht, so sehr verstärken die Lakeien, während sie speist, ihre ceremonielle Geringschätzung, mit der sie warten, bis die gnädige Frau fertig sein wird, stocksteif und voll würdigen Ernstes, wie die Gehilfen des Photographen, nachdem sie dem Kunden vor dem Objektiv seinen schicklichen Platz gegeben haben. Nach und nach indes findet die sitzen gelassene Dame ihre Kräfte wieder, kehrt zu ihrer wahren Natur, zu ihrem gewohnten Temperament zurück... Nein! so wird sie sich nicht aufs Trockne setzen lassen!... Nicht etwa, als ob sie sich ernstlich aus dem König etwas machte aber das Geschäft, der große Coup, all ihre Eigenliebe steht ihren Bundesgenossen gegenüber auf dem Spiele... Vorwärts denn! ihr Plan ist gemacht... Sie begiebt sich nach ihrem Zimmer hinauf, schreibt Tom ein Wort und während dann im Erdgeschoß die Lakeien speisen und über den für ihre Herrin so einsamen und so aufgeregten Tag schwatzen, schnürt sich die Frau Gräfin eine Reisetasche, die schon oft den Weg von der Agentur nach Courbevoie gemacht hat, wirft einen wollenen Beige-Mantel über die Schulter zum Schutze gegen die kalte Nacht und schlüpft verstohlen aus ihrem Palais, um zu Fuß, ihre kleine Tasche in der Hand, nach der nächsten Wagenhaltestelle zu laufen, wie ein Gesellschaftsfräulein, das abgelohnt worden ist. Christian der Zweite seinerseits hatte einen nicht minder unruhigen Tag verlebt. Er hatte sehr spät mit der Königin auf dem Balle verweilt, war am Morgen erwacht, Kopf und Herz erfüllt von dem heldenhaften Gesumme der Guzlahs. Die Vorbereitungen zur Reise, die Musterung seiner Waffen, wie auch der Generallieutenant-Uniform, die man seit Ragusa nicht mehr getragen hatte dies alles nahm seine Zeit in Anspruch bis gegen elf Uhr, hielt ihn in der Nähe, unter dem wachsamen Auge Lebeau's, der höchst betroffen war und seine inquisitorischen Winke nicht allzu weit auszudehnen wagte. Um elf Uhr gruppierte sich der Hof um eine stille Messe, die von dem Pater Alpheus in dem zum Betsaal umgewandelten Salon gehalten wurde, dessen Kamin als Altar diente, während die samtenen Lambrequins mit einem gestickten Altartuche verdeckt wurden. Die Rosens fehlten. Der alte Herzog lag zu Bett; die Prinzessin war mit Herbert, der in Gesellschaft von einigen jungen Leuten nach dem Kriegsschauplatz abreiste, nach dem Bahnhofe gefahren. Hezeta sollte ihnen mit dem nächsten Zuge folgen, die ganze kleine Gruppe sich tagsüber so verteilen, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Diese heimliche Messe, die an die Zeiten der Unruhen erinnerte, der von Begeisterung erfüllte Kopf des Mönches, der soldatische Schwung seiner Gebärde und Stimme das roch nach Weihrauch und Schießpulver zugleich; denn die fromme Handlung erhielt den Stempel ihrer Weihe durch die nahe Schlacht. Dem Frühstück wurde durch diese verworrenen Aufregungen ein beklemmender Zwang auferlegt, wenn auch der König eine gewisse Ehre gefallsüchtiger Art darin suchte, in seiner Umgebung nur angenehme Erinnerungen zu hinterlassen, der Königin gegenüber eine Haltung respektvoller Zärtlichkeit zur Schau trug, deren liebevolle Bethätigung an dem kalten, von einigem Mißtrauen erfüllten Wesen Friederikes Schiffbruch litt. Der Blick des Kindes wachte schüchtern über ihnen, denn die grausige Scene aus jener verwichenen Nacht spukte noch in seinem jugendlichen Gedächtnis und hinterließ ihm Eindrücke und Ausblicke nervöser Art, die weit über sein Alter hinausgingen. Die Marquise von Silvis stieß schon pränumerando schwere Abschiedsseufzer aus. Was Elysée anbetrifft, der sein altes Vertrauen wiedergefunden hatte, so war er nicht imstande, seiner Freude einen Zügel anzulegen; denn er träumte von jener Gegen-Revolution, die seinen Geist so lange beschäftigt hatte, von jenem Aufstande, der die Thore eines Palastes gewaltsam erbrach, um einen König dorthin zurückzuführen. Nach seiner Anschauung unterlag der Erfolg keinem Zweifel. Christian besaß die gleiche Gewißheit nicht; aber mit Ausnahme von diesem kleinen Mißbehagen der Abreise, durch die sich ihm plötzlich ein Gefühl von Einsamkeit, vorzeitiger Entfernung von Gegenständen oder Wesen aus seiner Umgebung aufzuthun schien, empfand er keinerlei Scheu, vielmehr ein Gefühl von Erleichterung in einer Lage, die ihm, umgeben von drohenden Verfallstagen, von Ehren- und anderen Schulden, als die schlimmste Situation erscheinen mußte. Im Fall eines Sieges würde die Civilliste alles bezahlen und ausgleichen. Die Niederlage würde dagegen einen allgemeinen Zusammenkrach nach sich ziehen... Den Tod, durch eine Kugel in der Stirn, sah er vor Augen... Er gedachte seiner wie einer endlichen Lösung all der Geld- und Herzenssorgen, die ihn bedrückten, und seine Sorglosigkeit nahm sich zwischen den bekümmerten Mienen der Königin und der schwärmerischen Begeisterung Elysée's nicht allzu schlecht aus. Aber während sie alle drei im Garten zusammen plauderten, ging ein Lakei an ihnen vorbei. »Sagen Sie Samy, er solle anspannen,« befahl Christian. Friederike erbebte . . . »Fährst Du aus?« »Ja . . . Vorsicht halber! Der gestrige Ball muß Paris reichen Plauderstoff gegeben haben. Ich muß mich zeigen; man muß mich im Klub, auf dem Boulevard sehen... O! ich werde aber zum Diner zurück sein! ich werde mit Dir speisen.« Er sprang mit einem Satze die Freitreppe hinauf, fröhlich und frei wie ein Schuljunge, der den Fuß aus der Klasse setzt. »Mich wird die Furcht nicht verlassen, bis wir am Ende sind!« sagte die Königin; und Méraut, vom gleichen Gedanken erfüllt wie sie, fand kein Wort zu ihrer Ermutigung. Der König hatte sich indessen zu starken Entschlüssen zusammengerafft. Während der kirchlichen Messe hatte er sich den Eid geleistet, Sephora nicht noch einmal zu besuchen, da sein Gefühl ihm recht gut sagte, daß wenn sie ihn zurückhalten wolle, wenn sie ihre Arme fest um seinen Hals schlänge, er nicht die Kraft besitzen würde, sie zu verlassen. Im besten Glauben der Welt ließ er sich demnach in seinen Klub fahren. Dort fand er ein paar Kahlköpfe in schweigsame Whist-Partieen vertieft und in erhabenen Schlaf versunken, um den großen Tisch in dem Lesezimmer versammelt. Alles war hier um so toter und öder, als man in der letzten Nacht viel gespielt hatte. Am Morgen, als die ganze Gesellschaft aufbrach, Seine Hoheit den Prinzen d'Axel an der Spitze, trabte klingelnd ein Trupp Eselstuten an dem Klublokal vorbei. Hoheit hatte den Treiber zu sich befohlen. Man hatte die warme Milch aus Champagner-Gläsern getrunken. Dann schwangen sich all diese Herren, die einer wie der andere ein bischen angesäuselt waren. auf die armen Tiere hinauf, soviel sie auch ausschlugen und so sehr auch ihr Treiber schrie, und ritten die lustigste Steeple-Chase die ganze Rue de la Paix entlang. Das mußte man hören, mit welcher majestätsvollen Rührung Herr Bonoeil, der Geschäftsführer des Grand Club, erzählte: »Nein, wie war das doch possierlich!... Königliche Hoheit auf dieser kleinen Eselstute, genötigt, die langen Beine hoch an sich zu ziehen; denn Hoheit sind wunderbar veranlagt bezüglich der Beine.. Und dabei fortwährend sein unzerstörbares Phlegma!... Ach, wie schade! wenn doch Seine Majestät mit dabei gewesen wären!« Seine Majestät beklagte recht sehr, diesen famosen Narrenstreich versäumt zu haben... Glücklicher Prinz d'Axel! Mit dem Könige, seinem Oheim zerfallen, durch allerhand Intrigen bei Hofe aus seinem Lande verjagt, dürfte er vielleicht niemals zur Regierung gelangen, denn der greise Monarch redete viel davon, sich noch zum andren male mit einer jungen Frau zu vermählen und sein Land mit einer Schar von kleinen Thron-Kandidaten zu beglücken... Das machte Axel aber die allergeringste Unruhe hienieden. Sich in Paris zu amüsieren, schien ihm weit interessanter als dort unten zu Lande sich den Kopf mit Politik zu beschweren. Und nach und nach gewinnt die renommistische Ader, die skeptische Spottsucht wieder ihre Macht über Christian, der sich auf den Divan hingestreckt hat, auf welchem der königliche Prinz und Thronfolger gleichsam die Marke seiner ansteckenden Schwelger- und Tagediebs-Natur hinterlassen hatte. In der kraft- und saftlosen Atmosphäre des Klubs erschien dem jugendlichen Könige alles, der heroische Schwung des gestrigen Abends und der Versuch, das Ziel des morgigen Tages ruhmlos sowohl, wie des Zaubers und der Größe entbehrend. Ganz entschieden ging er, wenn er hier verweilte, aller Sammlung, aller guten Vorsätze verlustig; und um dieser Starrsucht zu entrinnen, die ihn wie ein betäubendes Gift in allen seinen Adern überschwemmte, stand er auf, stieg hinunter in die frische, freie Luft der lebendigen, thätigen, rührigen Menschen. Drei Uhr. Die Stunde, zu welcher er sich, nachdem er im Klub oder bei Mignon gefrühstückt hat, nach der Avenue de Messine begab. Mechanisch schlugen seine Schritte die gewohnte Richtung in diesem sommerlichen Paris, das um ein weniges größer, um ein geringes berauschender ist als das andre Paris, das sich aber aus so reizenden Blicken, aus Perspektiven, deren Weite sich mildert, mit seinen grünen Laubmassen zusammensetzt, die sich gegen Steine und Blätterschatten auf den weißen Stellen des Asphaltes lagern. Wieviel niedlicher Frauen, die dort unten, den Blicken halb entzogen durch den Sonnenschirm, mit holdem Liebreiz, geistvoller Verführung und froher Munterkeit vorüberhuschten. Welche Frauen würden zu laufen wissen wie diese, würden sich ein Mäntelchen umzuhängen verstehen wie sie, würden so gut zu reden, sich so geschickt zu kleiden, und ebenso geschickt das pure Gegenteil hiervon zu sein verstehen? Ach, Paris! Paris! du Stadt des leichten Genusses, der losen Freuden! der frohen Kurzweil! Und nun sich sagen, daß er, um all dieser Güter mit desto größerer Gewißheit verlustig zu gehen, vielleicht im Begriffe stand, sich den Schädel zerschmettern zu lassen! Wieviel guter Augenblicke indes wieviel verständiger und wieviel vollständiger Genüsse hatte er hier sich erfreut! In der Inbrunst seiner Erkenntlichkeit blitzte in den Augen des Slawen ein Funken auf für diese sämtlichen Fußgängerinnen, die ihn reizten und verführten durch einen einzigen Zug, ein winziges Hervorgucken eines Endchens von dem fächerartig mit Spitzen benähten Unterrocke. Es war ein weiter Schritt von dem Königs-Kavalier, der am Morgen, bevor er auf die Eroberung seines Königreiches auszog, zwischen seiner Frau und seinem Sohne geneigten Hauptes im Betstuhle saß, bis hierher zu diesem niedlichen Damen-Verehrer, der mit emporgereckter Nase, den Siegerhut auf dem kleinen, runden Kopfe mit dem gekräuselten Haar und den vom Fieber der Freude rosig angehauchten Wangen, entlang bummelte. Friederike hatte nicht Unrecht, den Pariser Gärstoff zu verwünschen von ihm für dieses bewegliche Hirn zu fürchten, das gleich gewissen Weinen, die sich nicht halten, in beständiger Moussierung begriffen war. Dort, wo sich der Boulevard Haußmann mit der Avenue de Messine schneidet, blieb Christian stehen und ließ mehrere Wagen vorbeifahren. Es war ein neuerlicher Appell an die Vernunft. Wie war er dorthin gekommen? so rasch dorthin gekommen?... Das Hotel Potnicki mit seinen beiden Glockentürmen parisischen Kastells, mit seiner in Alkoven-Art verschleierten Pechnase stieg vor ihm auf in einer dunstigen Nebelschicht... Welch eine Versuchung!... Warum sollte er denn nicht bis dorthin gehen? warum nicht ein letztes mal jene Frau sehen, die in seinem Leben verweilen würde mit der trocknen, alterierenden Erinnerung an ein unbefriedigtes Begehren? Endlich, nachdem er eine Minute lang einen schrecklichen Kampf gekämpft hatte, nachdem die Ungewißheit, die Unklarheit, in welcher er schwebte, in dem schilfrohrartigen Schwanken, das diesen ganzen schwachen Leib ergriffen hatte, zum deutlich sichtbaren Ausdruck gelangt war, faßte er einen heroischen Entschluß, sprang in einen eben vorbeifahrenden leeren Wagen und rief dem Kutscher die Straße zu, in welcher das Klublokal sich befand. Niemals würde er, ohne jenes am Morgen während der Messe seinem Gotte abgelegte Gelübde, diesen Mut gefunden haben! Für diese kleinmütige Katholikinnen-Seele war dies alles von wichtigem Belang. Im Klub fand er Sephora's Brief, der ihm durch nichts anderes als den bloßen Moschusduft des Papiers das Fieber vermittelte, von welchem sie entbrannte. Der Prinz brachte ihm die andere Botschaft: ein paar rasch hingeworfene Phrasen flehentlichen Bittens in einer Schrift, welche Tom's Bücher niemals kennen gelernt hatten. Aber hier, in dieser Umgebung, in dem Bewußtsein, einen Hinterhalt zu haben und daß gewisse Augen auf ihm ruhten, fühlte Christian sich stärker; denn er gehörte zu denjenigen Leuten, welchen die Zuschauer-Gallerie eine Haltung, eine Stellung schafft. Er zerknüllte die Briefe, die auf dem Grunde seiner Tasche ruhten. Die schöne Jugend des Klubs kam nun an; sie stand noch immer unter dem Eindruck der Eselstuten-Affaire, über die in einem Morgenblatte ausführlich berichtet worden war. Das Blatt ging reihum aus einer Hand in die andere, und auf aller Gesichter trat während des Lesens jenes kreuzlahme Lachen, jenes Bauchhöhlen-Lachen von Leuten, die nicht mehr lachen können. »Wird man sich heute Abend 'mal 'was leisten?« fragten diese jugendlichen Kavaliere, während sie Sodawasser, Diätswässer, von denen der Klub einen ganzen Speicher voll hielt, verzehrten. Von ihrer Munterkeit angesteckt, ließ sich der König bestimmen, mit ihnen im Londoner Café zu dinieren nicht in einem von jenen Sälen, deren wohlbekannte Gardinen an ein Dutzendmal ihrem Rausche vorgetanzt hatten, deren Spiegel ihre Namen trugen in Kreuz- und Querschrift, daß es wie eine Art von winterlichem Reif auf ihren Scheiben lag sondern unten in den Kellern, in jenen wunderbaren Katakomben voller Fässer und Flaschen, die mit ihren reihenweise aufgeschlagenen, porzellanartig etikettierten Regalen weit unter das Theater der Komischen Oper hinaufreichen. Alle Trauben-Gewächse Frankreichs lagen dort und schlummerten. Man hatte im Hintergrund die Tafel angeschlagen, im Bereiche der Château-d'Yquem-Marken, auf deren aufgestapelten graugrünen Flaschen weiche Strahlen spielten, zwischen die hinein das Gaslicht und die bunten Gläser der Arm- und Kronleuchter ihre flitterartigen Schimmer warfen. Es war dies ein Gedanke von Wattelet, welcher Christians Abreise, die ihm allein und dem Prinzen bekannt war, mit einem originellen Festmahl ehren wollte. Aber die Wirkung schlug fehl durch die Feuchtigkeit, die auf Wänden und Decken lagerte und bald auch die von der vorhergehenden Nacht ermatteten Gäste erfüllte. ›Hühnersterz schlief ein und wachte ruckweise aus seinem Schlummer auf; und Sumpfhuhn redete wenig, lachte oder that so, als wenn's ihm zum Lachen zu Mute sei, und zog aller fünf Minuten die Uhr aus seiner Tasche. Vielleicht waren seine Gedanken bei der Königin, welcher dieses Ausbleiben freilich schreckliche Augenblicke bereiten mußte. Beim Dessert fanden sich ein paar Damen ein – Tischgäste des London-Cafés die, als sie erfuhren, daß die fürstlichen Personen unten verweilten, ihre Plätze an der Tafel verließen und unter dem Geleite der Kellner, die ihnen mit Kerzen vorangingen, in die Kellerräume hinein schlüpften mit hochgerafftem Kleide und unter kurzem Aufschreien und allerhand ängstlichem Gethue. Fast alle von diesen Damen waren dekolletiert. Nach Verlauf von fünf Minuten bekamen sie Hustenanfälle, wurden kreidebleich, bekamen Anfälle von Zittern, flüchteten sich auf den Schoß dieser Herren, denen zum mindesten doch die Möglichkeit zu Gebote stand, sich durch ihre in die Höhe geklappten Rockkragen zu wärmen.. »Eine famose Faxe, sie samt und sonders vor Schwindsucht klappern zu machen!« wie sich eine von den Damen äußerte, die entweder frostiger oder grimmiger war als die andren. Man entschied sich dahin, den Kaffee oben in den Sälen einzunehmen, und während dieses Ortswechsels verduftete Christian. Es war kaum neun Uhr. Sein Wagen wartete seiner an der Thüre. »Avenue de Messine!« rief er ganz leise, während er die Zähne aneinander preßte. Es hatte ihn eben wie eine Art Wahnsinn gepackt. Während der ganzen Dauer des Diners hatte nur sie ihm vor Augen geschwebt sie! nur sie hatte er zu fühlen gemeint, wenn ihn der bloße Arm einer von diesen andren Damen gestreift hatte. O! dieses Weib ganz in seine vollen Arme zu fassen! nicht mehr der Gimpel seiner Thränen, seiner Bitten zu sein!... »Die gnädige Frau ist ausgegangen.« Das war eine kalte Douche, die auf einen Glutherd niederschlug. Die gnädige Frau war ausgegangen! Jeder Zweifel hieran war ausgeschlossen, wenn man die Zuchtlosigkeit sah, die von dem Hause Besitz ergriffen hatte von diesem der Lakaienschaft überantworteten Hause, die Christian bei seinem Eintritte noch darüber erwischt hatte, wie sie die farbigen Bänder und die gestreiften Zwillich-Westen vom Leibe streiften. Ein Meineidiger an seinem Gotte! ein Verräter an seiner Krone!... Der kleine Rosenkranz befand sich unter seinen brennenden Fingern. Er perlte die Ave's herunter in frommem Thun, während der Wagen nach Saint-Mandé hinrollte durch die gespenstischen Blicke und nächtlichen Schrecken des Waldes hindurch. »Der König!« sagte Elysée, der lauernd am Fenster des Salons stand und die beiden Laternen des Wagens zum Hofe herein blitzen sah. Der König! Dies war das erste Wort, welches man seit dem Diner gesprochen hatte. Wie durch Zauberwerk erleuchteten sich sämtliche Gesichter, lösten sich alle Zungen auf einmal. Die Königin selbst konnte, trotz ihrer scheinbaren Ruhe, trotz ihrer Charakterstärke, einen Freudenschrei nicht zurückhalten. Sie hatte alles verloren gewähnt, hatte gemeint, daß Christian von dieser Frau zurückgehalten würde, daß er um ihretwillen seinen Freunden den Rücken kehre, ewige Unehre und Schande auf sich lade. Und niemand um sie her während dieser drei tödlichen Stunden des Harrens, dem nicht dieser gleiche Gedanke gekommen wäre! der sich nicht von der gleichen Unruhe, der gleichen Sorge gequält gefühlt hätte! bis herunter zu dem kleinen Zara, den sie bei sich behalten, den sie auf den Schoß gehoben hatte, und der sich, im vollen Verständnis für den dramatischen Charakter dieses Stillschweigens, ohne eine einzige von jenen grausamen, so vielsagenden Fragen zu stellen, welche das Kind mit seiner hellen Stimme spricht, hinter die Blätter eines dicken Albums geflüchtet hatte, zwischen denen hervor nun plötzlich, als der König gemeldet wird, sein seit einer Stunde von stillen, endlosen Thränen gebadetes Köpfchen hervorguckt. Später, als man ihn über diesen großen Kummer befragte, gestand er ein, daß er aus Furcht, der König wäre fortgereist, ohne ihn zu küssen, in Verzweiflung geraten sei. Kleine, liebeskräftige Seele, der dieser junge, geistreiche, lächelnde Papa den Eindruck eines großen Bruders machte, der den Kopf voller Raupen und Schnurren hat, eines großen Bruders, der einen verführerischen Reiz übt, der aber ihre, ihrer beiden Mama in Kummer und Sorge setzte. Man hörte die kurze und bündige Stimme Christians, der seine Befehle gab. Dann stieg er in sein Zimmer hinauf, und fünf Minuten später erschien er in vollständiger Reise-Ausrüstung, im kleinen Hut mit koketter Schnalle und blauer Schleife, feinen, bis zur Hälfte des Beines reichenden Gamaschen ganz wie ein Strandbumler in den Gemälden Wattelets. Der Monarch brach indes unter dem Geck zum Vorschein, die Autorität, das stolze Wesen, die Ungeniertheit und Leichtigkeit, sich unter gleichviel was für welchem Umstande mit vornehmem Adel zu bewegen. Er näherte sich der Königin, sprach leise ein paar entschuldigende Worte bezüglich seiner Verspätung. Noch blaß vor Aufregung, sagte sie mit sehr leiser Stimme zu ihm: »Wärest Du nicht gekommen, so wäre ich mit Zara abgereist, um Deinen Platz einzunehmen.« Er wußte recht gut, daß sie keine Lüge sagte. Er sah sie eine Minute lang, wie sie, mit ihrem Kinde auf dem Arme, mitten im Kugelregen stand, ganz so wie damals auf dem Balkon ihres Fensters während des schrecklichen Auftritts; und er sah auch den Kleinen, wie er die schönen, ergebungsvollen Augen angesichts des Todes schloß. Ohne zu antworten, führte er Friederikes Hand mit Inbrunst an die Lippen. Dann zog er sie mit stürmischem Jünglingsfeuer an sich und rief: »Verzeih mir! verzeih mir!« Des Verzeihens wäre die Königin noch immer imstande gewesen aber sie erblickte an der Thür des Salons, zur Abreise mit seinem Herrn gerüstet, Lebeau, den kriechenden Lakeien, den vertrauten Genossen der Freuden und verräterischen Handlungen seines Herrn und im Nu kam ihr, während sie sich sachte frei machte, ein schrecklicher Gedanke: »Wenn er löge... wenn er nicht abreiste!« Christian erriet ihren Gedanken und wendete sich an Méraut... »Sie werden die Güte haben, mich nach dem Bahnhofe zu begleiten. Samy wird Sie wieder nach Hause fahren.« Dann beschleunigte er, da die Augenblicke kurz bemessen waren, die Zeremonie der Verabschiedung, sagte jedem, Boscowich, der Frau Marquise, ein liebenswürdiges Wort, nahm Zara auf die Kniee, sprach zu ihm von dem Zuge, den er unternähme. um sein Königreich wieder zurückzuerobern, bat ihn, der Königin niemals Ursache zu Kummer zu geben, und wenn er seinen Vater etwa nicht wiedersehen sollte, dann seiner zu gedenken als eines Mannes, der für das Vaterland in den Tod gegangen sei, indem er seine Königspflicht vollbracht habe. Eine kurze Ansprache im Stile des vierzehnten Ludwig, die wirklich gar nicht schlecht gedrechselt wurde, und die der junge Prinz mit sehr ernstem Gesicht anhörte, ein wenig aus der Fassung gebracht durch den Gehalt dieser Reden, die aus einem Munde flossen, den er immer nur hatte lächeln sehen. Aber Christian war ganz und gar der Mann, wie er für die gegenwärtige Minute sich schickte von einer außerordentlichen Beweglichkeit und Leichtigkeit jetzt schon völlig bei der Abfahrt, schon ganz unter den Wechselfällen der Expedition, und ergriffener, als er es scheinen wollte, was ihn sehr bald der Rührseligkeit der letzten Minute entriß. Er winkte jedermann »Adieu! adieu!« mit der Hand, während er sich vor der Königin tief verneigte, und schritt dann hinaus. Wahrlich! wenn Elysée es nicht während drei voller Jahre mit angesehen hätte, wie sehr die Innerlichkeit des königlichen Ehestandes durch die Schwächen, die schändlichen Streiche Christians des Zweiten gestört worden war, so würde er in dem heroischen und kühnen Fürsten, der ihm auf der Fahrt zum Lyoner Bahnhof seine Pläne, Entwürfe, seine so tiefdurchdachten und weitsichtigen politischen Meinungen darlegte, nicht das Sumpfhuhn des Grand-Club wiedererkannt haben. Der königstreue Glaube des Hofmeisters, in den sich immer ein gewisser Grad von Aberglauben mischte, erblickte hierin eine göttliche Einmischung, ein Vorrecht der Kaste, da sich der König ja zufolge des Gottes-Gnadentums und der Erblichkeit des Thrones immer in dem verhängnisvollen Augenblicke wiederfinden müßte und ohne daß er sich über das Warum sonderlich Rechenschaft gab, verursachte ihm diese moralische Wiedergeburt Christians, die der andern, nahe bevorstehenden Wiedergeburt vorausging, die diese andre Wiedergeburt voraussagte, ein unbeschreibliches Mißbehagen, eine stolze Eifersucht, deren Ursachen er nicht zergliedern mochte. Während Lebeau sich damit befaßte, die Fahrkarten zu lösen, das Gepäck einschreiben zu lassen, durchmaßen sie den großen Wartesaal in seiner Länge und Breite, und in der Einsamkeit dieser Abreise bei nächtlicher Weile konnte der König sich des Gedankens an Sephora, an die zärtlichen Augenblicke, die er mit ihr auf dem Bahnhofe Saint-Lazare verlebt hatte, nicht erwehren. Unter dem Einflusse dieser Erinnerung zog eine Dame, die an ihnen vorbeischritt, seine Aufmerksamkeit auf sich: die nämliche Figur, ein Etwas auch von jener ehrsam-züchtigen und gefallsüchtigen Haltung. Armer Christian! armer König wider Willen! Endlich ist er in einen Waggon eingestiegen, dessen Thüre ihm Lebeau eben aufgemacht hat in den gemeinsamen Passagier-Waggon, um keinerlei Argwohn wachzurufen. Er wirft sich in eine Ecke; es drängt ihn, die Sache hinter sich zu haben, weit weg von hier zu gelangen. Diese langsame Losreißung ist ihm höchst peinlich, sehr schmerzvoll. Als der Signal-Pfiff erschallt, zieht die Lokomotive an; der Zug setzt sich in Bewegung, setzt polternd über Brücken hinweg, die im Schlafe ruhenden Vorstädte durchsausend, die mit langen Reihen von Gaslaternen gespickt sind, und stürmt endlich hinaus in die freie, offene Landschaft. Christian der Zweite atmet auf er fühlt sich stark, fühlt sich gerettet und geborgen. Es ist ihm fast zu Mute, als müßte er ein Lied vor sich hinträllern, wenn er allein in seinem Waggon säße. Aber dort unten, an der andren Fensterscheibe zwängt sich ein kleiner, im tiefen Duster vergrabener Schatten in den Winkel hinein, duckt sich, verkriecht sich mit dem deutlich erkennbaren Bestreben, keinerlei Aufmerksamkeit wachzurufen. Es ist eine Dame. Ob jung? ob alt? ob häßlich? ob hübsch? Der König es ist ihm ja Gewohnheit so! wirft einen Blick nach dieser Richtung hin. Nichts rührt sich dort als die beiden Flügel eines kleinen Baretts, die sich nach hinten kippen, die aussehen, als ob sie sich zum Schlafe nieder knickten... »Sie schlummert machen wir's wie sie..« Er reckt sich, hüllt sich in eine Decke ein, guckt noch mit wirren, verschwimmenden Blicken nach den Schattenrissen von Bäumen und Sträuchern, die sich, wenn der Zug vorbeisaust, wirr und weich im Duster tanzend, übereinanderzuschieben scheinen, guckt nach den Signalstangen, nach dem an lauem Himmel treibenden Gewölk und seine schwer gewordenen Lider wollen sich eben schließen, als er die liebkosende Berührung seinen Haares, gesenkter Wimpern, eines Veilchenhauches, eines Lippenpaares fühlt, das leise die Worte ihm auf die Lippen flüstert: »Böser!... ohne mir Adieu zu sagen!« Zehn Stunden nachher erwachte Christian der Zweite bei Kanonendonner, im blendenden Licht einer schönen, von leise rauschendem Laub durchsiebten Sonne. Er träumte gerade davon, daß er an der Spitze seiner Truppen und unter einem Kartätschenhagel den kleinen Graben erstürmte, der vom Ragusaner Hafen nach der Citadelle hinaufführte. Aber er fand sich hier in liegender Stellung, bewegungslos hingestreckt auf dem Grunde eines großen, wie ein Schlachtfeld gefurchten Bettes, die Augen getrübt, das Hirn verworren, die Glieder von köstlicher Ermattung erschlafft. Was war denn vorgegangen? Nach und nach blickte er klar, gewann die Erinnerung wieder. Er verweilte in Fontainebleau, in der Wirtschaft »zum Fasanen«, gegenüber vom Walde, dessen grüne, gehäufte Wipfel man in das Himmelsblau hinaufsteigen sah. Vom Militär-Schießplatze herüber drang Kanonendonner. Und die lebendige Wirklichkeit, das sichtbare Band seines Gedankenganges, Sephora, saß vor dem ewigen Muster von Schreibtisch, dem man nur in den Gasthöfen begegnet, und schrieb emsig mit einer schlechten, kritzelnden Feder. Sie sah im Spiegel den bewundernden Blick des Königs, sah wie er sie erkannte, und antwortete, ohne sich zu rühren, ohne sich umzudrehen, mit einem zärtlichen Kußblicke, warf ihm ein weiteres Küßchen zu auf der Endspitze des Federhalters dann nahm sie ihre friedliche Schreibarbeit wieder auf, dieweil sie im Winkel ihres seraphischen Mündchens ein Lächeln zeigte... »Ein Telegramm, das ich nach Hause sende, um meine Leute zu beruhigen,« sagte sie aufstehend und als das Telegramm aufgegeben, als der Kellner hinausgegangen war, öffnete sie, von einer Unruhe erleichtert, das Fenster dem hellen, heitern Sonnenschein, der wie das Wasser aus einer Schleuse hereinflutete... »Gott! wie schön doch das Wetter ist!«... Sie setzte sich an den Rand des Bettes nieder, neben ihren Liebhaber. Sie lachte, war toll vor Lust und Freude, hier auf dem Lande zu weilen, an diesem wunderbar schönen Tage einen Gang durch den Wald machen zu können. Es blieb ihnen ja Zeit genug bis zu dem Nachtzuge, der sie hergeführt hatte, und der Christian in der nächsten Nacht weiterführen sollte; denn Lebeau, der seine Route beibehielt, sollte Hezeta und seine Kavaliere davon in Kenntnis setzen, daß sich die Einschiffung um einen Tag verzögert hätte. Der verliebte Slawe hätte am liebsten über einem Glück, das er bis zur letzten Stunde, bis zur letzten Minute hätte dauern lassen mögen, die langen Vorhänge zugezogen. Aber die Frauen sind idealer, und gleich nach dem Frühstück führte sie ein Miets-Landauer durch die herrlichen Avenuen, die mit gleichmäßigen Rasenstücken gesäumt, mit ineinander kreuzenden Reihen von Bäumen bepflanzt sind, die den Wald erschließen nach Art eines Vincenner Waldes, ehe Felsen ihn zu herrlichen und wilden Landschaften zerteilen. Es war das erste mal, daß sie zusammen einen Ausflug machten, und Christian labte sich an dieser kurzen Freude am schrecklichen Morgen der Schlacht und des Todes. Sie rollten unter unermeßlichen grünen Gewölben hin, wohinein sich das Laubwerk der Buchen in losen starren Staffeln senkte, durchzittert von einer fernen Sonne, die kaum diese Blättergelände von antediluvianischer Entwickelung zu durchdringen vermochte. Unter diesem Schutzdache, ohne andren Horizont als ein Profil eines geliebten Weibes, ohne andre Hoffnung als auf ihre Liebe, ohne andre Erinnerung als an ihre Liebe, ohne andres Begehr als nach ihrer Liebe, weitete sich und strömte die poetische Natur des Slawen über. O! dort zu Zweien leben, bloß er mit ihr und sie mit ihm in einem kleinen, ganz kleinen Wächterhäuschen, außen gedeckt mit Moos und Stroh und innen als üppiges Nestchen gepolstert!... Er wollte wissen, seit wann sie ihn liebte, welchen Eindruck er auf sie gemacht hätte, als sie einander zum ersten male sahen. Er übersetzte ihr Lieder aus seiner Heimat, deren Rhythmus er mit losen Küssen auf Hals und Augen begleitete und sie, sie hörte ihm zu, heuchelte Verständnis und Antwort, indes ihr die von der verbrachten schlechten Nacht müde gewordenen Lider zufielen. Ewiger Mißakkord im Liebesduett! Christian verlangte es, sich in einsame, unerforschte Gegenden zu vergraben; Sephora suchte die bekannten Winkel, die merkwürdigen Punkte des Waldes auf, die durch Schilder kenntlich gemacht waren die Stätten, wo sich Schänken befanden, in denen Wein verzapft, wo Buden standen, in denen allerhand Kram aus Wachholderholz verkauft wurde wo Leute waren, die zitternde Steine, weinende Felsen, vom Blitze zerschmetterte Bäume zeigten, wo all jenes Volk, das in Hütten und Höhlen haust, beim leisesten Geratter eines Wagens herauf an die Oberfläche schießt. Sie hoffte, hierdurch dem langweiligen, eintönigen Liebesgeleier zu entrinnen; und Christian seinerseits bewunderte die ergreifende Langmut, mit welcher sie dem endlosen Geschwätz dieser biederen Landleute zuhörte, die zu allem, was sie machen, Zeit und Muße haben. In Franchart wollte sie durchaus Wasser aus dem berühmten Brunnen der alten Mönche schöpfen, der eine solche Tiefe hat, daß der Eimer an zwanzig Minuten braucht, ehe er zur Oberfläche hinauf gelangt. Das machte Christian einen gar merkwürdigen Spaß!... Dort wieder zeigte ihnen eine biedere Frau, die mit Medaillen dekoriert war wie ein alter Soldat, die schönen Punkte der Gegend, den alten Tümpel, an dessen Rande der Edelhirsch zerwirkt wurde; und dabei erzählte sie nun seit so und soviel Jahren die nämliche Geschichte in den nämlichen Ausdrücken, daß sie schließlich selbst die Meinung gewann, mit zum Kloster gehört und drei Jahrhunderte darauf den verschwenderischen Sommerfrischen des ersten Kaiserreichs in Person mit angewohnt zu haben. »Das ist die Stelle hier, gnädiger Herr, gnädige Frau wo sich der große Kaiser abends mit seinem ganzen Hofe niederzusetzen geruhte.« Sie zeigte auf eine Steinbank im Haidekraut-Dickicht, die drei bis vier Plätze zum Sitzen bot. Dann vermeldete sie mit getragenem Tone: »Gegenüber nahm die Kaiserin Platz mit ihren Ehrendamen«... Es war unheimlich, schauerlich, diese Anrufung kaiserlicher Pracht inmitten von verwitterten, mit knorrigen Bäumen und dürrem Ginster bewachsenen Felsen... »Kommen Sie, Sephora?« sagte Christian... Aber Sephora sah sich eben eine kleine Anhöhe mit Fernsicht an, wohin man, nach der Rede des weiblichen Cicerone, den kleinen König von Rom führte, der dort, von seiner Hofmeisterin getragen, seinen erlauchten Eltern die Ärmchen entgegen streckte. Diese Vision des fürstlichen Kindes rief dem Könige von Illyrien seinen kleinen Zara in das Gedächtnis. Er richtete sich vor ihm auf in der dürren Landschaft, gehalten von Friederike, und sah ihn an mit seinen großen traurigen Augen, wie als wenn er ihn fragen wolle, was er hier treibe. Aber es war nur eine unbestimmte, rasch erstickte Rückerinnerung und sie setzten ihren Spaziergang fort unter Eichen von allerhand Wuchs, über Jagdorte hin mit Namen berühmten Klanges, in tiefe, lieblich grünende Thalgründe hinein, an Simsen entlang, die sich auf Kesseln aus verwittertem Granit erhoben, über Sandflächen mit Nadelwald hin, dessen starke und knorrige über den Boden heraufragende Wurzeln die rote Erde durchpflügten. Jetzt schritten sie eine schwarze Allee entlang, über welcher ein undurchdringlicher Schatten lagerte, die von tiefen und feuchten Geleisen durchfurcht war. Hüben und drüben Reihen von Baumstämmen, die wie Säulen im Dome schweigsame Schiffe bildeten, wo sich der Schritt eines Rehes, der Fall eines als Goldteilchen abgelösten Blattes vernehmlich machte. Eine unermeßliche Traurigkeit senkte sich aus diesen Höhen nieder, aus diesem Zweigicht, wo keine Vögel sangen, wo es tief und hohl schallte, wie in leer stehenden Häusern. Christian, nach wie vor brünstig vor Liebe, lieh seiner Leidenschaft Ausdruck in trübsinnigem, traurigem Tone. Er erzählte, daß er vor der Abreise sein Testament gemacht hätte, schilderte ihr die Aufregung, in welche er durch diese in voller Lebenskraft übers Grab hinaus geschriebenen Worte gestürzt worden sei. »Ja! so etwas ist sehr langweilig,« sagte Sephora, wie jemand der an etwas ganz andres denkt. Aber er wähnte sich dermaßen geliebt; er war so gewöhnt daran, daß er geliebt wurde; war dieser seiner Sache so sicher, daß er auf ihre Zerstreutheiten keinerlei Acht gab. Er tröstete sie sogar im voraus für den Fall, daß sich ein Unglück ereignen sollte, zeichnete ihr einen Lebensplan vor. Er meinte, das Hotel müßte verkauft, Zuflucht auf dem Lande gesucht werden, wo sie dann ganz ihren Erinnerungen leben würde. Alles dieses sagte er mit wunderbarer Geckenhaftigkeit, mit erhabener Harmlosigkeit und hehrer Einfalt denn er fühlte im Herzen eine Wehmut über den bevorstehenden Abschied, die er für eine Vorahnung des Todes hielt. Und ganz leise, mit verstrickten Händen, redete er ihr von einem zukünftigen Leben. Er trug am Halse ein kleines Madonnabild, von welchem er sich noch nie im Leben getrennt hatte. Jetzt nestelte er es los und gab es ihr. Was meinst Du wohl, wie glücklich darüber Sephora war!?... Alsbald gab ein Artillerie-Lager, von welchem man zwischen dem Zweigicht die grauen Reihen der Zelte, den leichten Rauch, die abgesattelten, für die Dauer der Nacht festgebundenen Pferde bemerkte, den Gedanken des Königs eine andre Richtung. Das Kommen und Gehen von Uniformen, die Dienst- und Arbeitsverrichtungen, alle jene Rührigkeit mitten im Freien in der Beleuchtung eines Abendhimmels, dieser herzstärkende Anblick der Soldaten im Felde erweckten die in ihm schlummernden Instinkte nomadischer und kriegerischer Rasse. Der über die grünen Moosteppiche der unermeßlichen Avenue rollende Wagen ward Ursache, daß die mit der Aufrichtung der Zelte oder der Herrichtung der Abendsuppe beschäftigten Soldaten die Köpfe aufhoben; sie sahen lachend zu, wie der Philister mit seiner hübschen Liebsten an ihm vorbei fuhr, und Christian hätte gar zu gern mit ihnen geredet, hätte gar zu gern eine Ansprache an sie gehalten, indes er den Blick zwischen dem Niederholz hin bis an die äußerste Spitze des Lagers lenkte. Ein Trompeter schmetterte; andre Trompeter gaben von unten her Antwort. Vor dem etwas abseits, auf erhöhtem Terrain, stehenden Zelt eines Hauptmanns tummelte sich das herrlichste Araber-Roß mit gedehnten Nüstern, mit wallender Mähne, dem Kriegsliede sein Gewieher zugesellend. Die Augen des Slawen blitzten. Ha! das herrliche Leben binnen weniger Tage! die wackern Degenstöße, die er dann austeilen würde! Aber wie schade, daß Lebeau auf der Weiterfahrt nach Marseille das Gepäck mitgenommen hatte! er hätte sich doch gar zu gern ihr gezeigt in seiner Generallieutenants-Uniform! Und im begeisternden Rausche seines Wahns malte er sich die Thore der bezwungenen Städte vor die Augen, sah die republikanischen Truppen in hellen Haufen auf der Flucht, sah sich als Sieger in Laibach, mitten durch beflaggte Straßen, seinen Einzug halten. Sie würde dabei sein, so wahr ein Gott lebte! Er würde sie dorthin holen, würde sie in einem prächtigen Palaste vor dem Thore der Stadt einquartieren. Sie würden ihren Verkehr dort so frei und ungezwungen wie in Paris fortsetzen. Zu diesen schönen Entwürfen und Plänen antwortete Sephora nichts wesentliches, zweifelsohne würde es ihr lieber gewesen sein, ihn bei sich zu behalten, ganz für sich allein zu haben; und Christian bewunderte sie um dieser stillschweigenden Entsagung willen, die ihr bei ihrem Range als Maitresse des Königs trefflich anstand. Ach! wie er sie liebte, und wie schnell doch dieser Abend verstrich in dem Gasthause »zum Fasanen«, in ihrem roten Zimmer mit den hellen Gardinen, die sich herniedergesenkt haben über einen kleinstädtischen Sommerabend mit spärlicher Beleuchtung, während es von Geplauder vor den Thüren und von den Tritten von Spaziergängern summt, die sich nach dem von Tambours und Hornisten gespielten Zapfenstreich alsbald verlaufen haben. Wieviel der Küsse, wieviel des albernen Gethues! wieviel der leidenschaftlichen Schwüre, die sich an die in vergangener Nacht in der Bannherrlichkeit der Vorhänge gewechselten Küsse und Schwüre anschließen! Von lieblicher Ermattung übermannt, eng aneinander geschlossen, hörten sie, wie ihre Herzen mit lauten Schlägen pochten, während der laue Wind, nachdem er flüsternd in den Bäumen gekost hatte, ihre Gardinen bewegte und ein Wasserstrahl, wie in einem arabischen Patio, inmitten des kleinen Gärtchens an dem Gasthofe herniederperlte, wo allein noch, rot und zitternd, die Kontorzimmer-Lampe brannte. Ein Uhr. Es muß geschieden sein. Christian empfand Furcht vor diesem Losreißen in der letzten Minute; denn er befand sich in dem Glauben, daß ihm ein Kampf gegen Bitten und Liebkosungen bevorstände, zu welchem er all seinen Mut würde aufbieten müssen. Aber Sephora war vor ihm schon in Bereitschaft, wollte ihm das Geleit geben bis auf den Bahnhof, noch immer minder besorgt um ihre Liebe, als um die Ehre ihres königlichen Galans!... O! wenn er das »Uff« hätte hören können, das sie ausstieß, die grausame Dirne! als sie, allein auf der Straße zurückgeblieben, die beiden grünen Augen des Bahnzuges in schlangenähnlichen Windungen ihren Augen entschwinden sah wenn er hätte wissen können, wie glücklich sie sich darüber fühlte, den Rest des Abends nun allein in dem Gasthofe verweilen zu können! wie diese Gedanken sie schon erfüllten, während sie von dem leeren Omnibus über das alte Straßenpflaster von Fontainebleau gestaucht und geschüttelt wurde, und wie sie mit gesetztem, von jeder verliebten Erregung freiem Tone bei sich die Worte sprach: »Voraussetzen müssen wir nun freilich, daß Tom das Nötige besorgt hat!« Ganz gewiß war das Nötige geschehen; denn bei der Ankunft des Bahnzuges in Marseille war Christian der Zweite, als er mit seiner kleinen Tasche aus dem Wagen stieg, gar sehr erstaunt darüber, daß er ein flaches Käppi mit silbernen Borten zu sich herantreten sah und sehr höflich bitten hörte, ihm auf ein Weilchen nach seiner Kanzlei zu folgen. »Was soll ich dort? . . . Wer sind Sie?« fragte der König sehr von oben herab. Das flache Käppi nannte seinen Namen: »Kommissär der Sicherheitspolizei.« In der Kanzlei fand Christian den Präfekten von Marseille vor, einen ehemaligen Zeitungsschreiber mit rotem Barte, lebhaft gerötetem und geistreichem Gesicht. »Ich bedaure sehr, Eurer Majestät anzeigen zu müssen, daß Ihre Reise hier zu Ende ist,« sagte dieser letztere Herr mit einem Tone ausgesuchtester Höflichkeit »meine Regierung würde nicht gestatten können, daß ein Fürst, welchem Frankreich Gastfreundschaft gewährt, von diesem Umstande Gebrauch macht, um gegen ein befreundetes Land Verschwörungen anzuzetteln und die Waffen zu erheben.« Der König wollte hiergegen Verwahrung einlegen. Aber dem Präfekten waren die geringsten Einzelheiten der Unternehmung bekannt. »Sie sollten sich in Marseille einschiffen; Ihre Gefährten in Cette auf einem Jersey-Dampfer. Als Landungsort war die Küste von Gravosa bestimmt; als Signal sollte gelten: Das Abbrennen zweier Raketen, einer am Bord des Schiffes, einer andern drüben am Lande... Sie sehen, daß wir sehr gut unterrichtet sind... Man ist es in Ragusa nicht minder; und ich rette Sie tatsächlich vor einem sehr bösen Hinterhalt!« Christian der Zweite fragte sich, ganz versteinert vor Schreck, wer wohl dergleichen Auskünfte gegeben haben könnte über Dinge, die doch nur ihm allein, der Königin und Hezeta bekannt waren und einer weiteren Person, die er ganz gewiß nicht zu verdächtigen gesonnen gewesen wäre! Der Präfekt schmunzelte in seinen blonden Bart hinein: »Bitte also recht sehr, Königliche Hoheit! Ihre Entschließung in dieser Richtung zu fassen. Es ist eine verfehlte Sache. Ein andermal werden Sie mehr Glück haben und wohl auch mehr Klugheit walten lassen... für jetzt bitte ich Ihre Majestät, das Obdach anzunehmen, das ich Ihnen auf der Präfektur anbiete. Überall anderswo würden Ihre Majestät lästiger Neugierde ausgesetzt sein. Die Angelegenheit ist in der ganzen Stadt bekannt geworden...« Christian gab nicht sogleich Antwort. Er überschaute dieses kleine Verwaltungszimmer mit einem einzigen Blicke. Ein grüner Sessel stand in ihm dann wimmelte es in ihm von grünen Aktendeckeln dazu ein Kachelofen; große, von Eisenbahnlinien durchschnittene Karten dieser kläglich philiströse Winkel also war es, wo sein heroischer Traum und die letzten Echos des Rodoïtza-Marsches zum Scheitern kamen. Es war ganz so, als hätte man einen Luftschiffer vor Augen, der aufgestiegen war, um höher hinauf, als die Bergesgipfel ragten, zu steigen, und fast vom Flecke weg in eine Bauernhütte niedersteigt, während der armselige, seines Gases entleerte Ballon als ein Pack gummierter Leinwand unter einen Schuppen geschoben wird. Zu guter letzt nahm er indes die Einladung des Herrn Präfekten an und fand bei diesem eine echt parisische Häuslichkeit, eine reizende Hausfrau, die ganz vortrefflich musizierte, und die sich, als das Diner vorüber war und nachdem man eine Zeitlang ein Gespräch geführt hatte, in welchem alle wichtigeren Tagesfragen in Beleuchtung gezogen worden waren, sich ans Piano setzte und ein paar neuere Partituren durchnahm. Sie hatte eine niedliche Stimme, sang sehr anmutig, und nach und nach rückte Christian näher zu ihr heran und plauderte von Musik und Oper. Die »Echos aus Illyrien« lagen auch mit auf dem Notenständer herum zwischen der »Königin von Saba« und der »Schmucken Parfümeuse«. Die Frau Präfektin bat den König, ihr den Takt und die Singweise seines Heimatslandes zu sagen. Christian der Zweite trällerte einige Volksliederchen: »Ihr Augen schön, ihr Augen blau, wie sommerlicher Himmel« und dann auch: »Ihr Mägdlein jung, die ihr mich hört, dieweil ihr Zöpfe flechtet«... Und während er, auf das Klavier gestützt, bleich und verlockend, wehmütige Klänge anstimmte und durch melancholische Stellungen dem Schmerz, der sein Verbannten-Herz erfüllte, Ausdruck gab, glitt auf dem illyrischen Meere, dessen Echos die schaumgekrönten Wogen und die mit Kaktusgewächsen gezähnelten Gestade sangen, eine schöne und schwärmerisch begeisterte Jugend, die Lebeau zu benachrichtigen versäumt hatte, lustig und vergnügt und mit dem Rufe: »Hoch Christian der Zweite!« dem Tode entgegen. Dreizehntes Kapitel. In der Kapelle. »Meine liebe, teure Freundin! Eben sind wir wieder in die Citadelle von Ragusa abgeführt worden, Herr von Hezeta und ich, nach einer zehnstündigen Verhandlung im Theater des Korso. Dort hielt der Kriegsrat Sitzung, um uns das Urteil zu sprechen. Wir sind mit Stimmen-Einhelligkeit zum Tode verurteilt worden. »Ich will Dir gleich sagen, daß mir dies nun das liebste ist. Zum mindesten weiß man nun doch, woran man ist, und wir werden nicht mehr in geheimer Haft gehalten. Ich lese Deine lieben Briefe ich kann Dir schreiben. Dieses ewige Stillschweigen erstickte mich. Nichts von Dir zu erfahren, nichts vom meinem Vater, nichts vom Könige zu erfahren, den ich tot, den ich das Opfer eines Hinterhaltes wähnte! Zum Glück ist Seiner Majestät eine traurige Schlappe und der Verlust einiger treuen Diener erspart worden. Es konnte uns Schlimmeres zustoßen. »Aus den Journalen nicht wahr? mußt Du Kenntnis gewonnen haben, welchen Verlauf die Dinge nahmen. Der Gegenbefehl des Königs war uns zufolge eines unglaublichen Verhängnisses bis zur siebenten Stunde des Abends nicht zu Händen gekommen. Wir befanden uns also zu dieser Zeit auf der Fahrt nach den Inseln, dem Stelldicheins-Orte. Hezeta und ich standen auf der Kommando-Brücke, die andren weilten in der Kajüte. Wir waren alle bewaffnet und equipiert, am Hute steckte Deine niedliche Kokarde.... Wir kreuzen zwei bis drei Stunden. Nichts in Sicht als Fischerbarken oder jene großen Feluken, die den Dienst an der Kajüte verrichten. Die Nacht senkt sich nieder, und gleichzeitig ein Seenebel, der uns für unser Zusammentreffen mit Christian dem Zweiten sehr hinderlich ist. Nachdem wir lange Zeit gewartet haben, gelangen wir schließlich zu der Meinung, daß der Steamer Seiner Majestät vielleicht dicht an uns, ohne uns zu sehen, vorbeigefahren und an Land gegangen. Im selben Augenblicke steigt auch von dem Gestade her, wo man auf unser Signal warten mußte, eine Rakete zum Himmel auf. Das bedeutete: »Landen!« Kein Zweifel mehr für uns der König ist dort. Stoßen wir also zu ihm! »In Anbetracht dessen, daß ich Landeskenntnis besaß ich habe ja an diesem Strande der Wildenten soviel gejagt führte ich das Kommando über die erste, Hezeta über die zweite Schaluppe. Herr de Miremont folgte mit den Parisern in der dritten. »Wir waren in meiner Barke sämtlich Illyrier es schlug uns das Herz auch mächtig. Das Vaterland ist's, das man vor sich hatte jene schwarze, im Nebel dort aufsteigende Küste, die in einem kleinen roten Lichte, dem Dreh-Leuchtturm von Gravosa, ihren Abschlußpunkt findet. Das tiefe Schweigen, das über dem ganzen Strande lag, setzte mich sogleich in Verwunderung und Erstaunen. Nichts andres war zu hören als das Geräusch der brandenden Wogen ein langes Klatschen von bespülten Stoffen nichts von jenem Summen und Lärmen, das die geheimnisvolle Menge verursacht, aus welcher sich doch immer ein Klirren von Waffen, ein Aufkeuchen verhaltener Atemzüge herauslöst. »Ich sehe unsre Mannschaften!« sagte San-Giorgio ganz leise, dicht neben mir. »Wir machten, ans Land springend, alsbald die Wahrnehmung, daß das, was man für die Königs-Freiwilligen hielt, Kaktusbüsche, wilde Feigenbäume waren, in Reih und Glied am Strande aufgesteckt. Ich rückte vor. Niemand zur Stelle. Aber ein Gestampf im Sande... tiefe Gräben im Sande... breite Furchen... Ich sage zu dem Marquis: »Die Dinge stehen faul... schiffen wir uns wieder ein!« Zum Unglück kamen die Pariser. Die nun zurückhalten! Im Nu verstreuen sie sich über das Gestade, suchen das Gestrüpp, die Büsche ab... Da plötzlich eine Reihensalve ein endloses Gewehr-Geknatter. Man schreit: »Verrat!... Verrat!... Zu den Barken!« Und alles stürzt nach dem Ufer zurück. Ein wahres Herden-Rennen! Dicht gedrängt, sinnlos, unter Schreien und Toben... Ein Augenblick der schändlichsten Panik herrscht, beleuchtet von dem eben aufsteigenden Monde, der uns alsbald auch zeigt, wie unsre englischen Matrosen schon wieder auf hohem Meere sind und aus Leibeskräften nach dem Steamer hin rudern... Aber das währte nicht lange. Hezeta stürzt mit dem Revolver in der Faust vorwärts: ›Avanti! Avanti!‹ ... Was für eine Stimme! Am ganzen Strande hallt sie wieder. Wir stürzen ihm nach.. ihrer fünfzig gegen eine Armee!... Es blieb uns nichts übrig als zu sterben. Das haben denn alle unsre Leute mit großem Mut vollbracht. Pozzo, von Melida, der kleine von Soris, Deine Flamme vom letzten Jahre, Heinrich von Trebigno, der mir im Gedränge zuschrie: »He du, Herbert! wie kommt denn das? es fehlen ja die Guzlahs!«... Und Johann von Weliko, der im Fechten aus voller Kehle »Die Rodoïtza« sang, sind alle gefallen ich habe sie am Strande liegen sehen, in den Sand gebettet, die Blicke gen Himmel gerichtet. Dort wird sie die steigende Flut inzwischen beerdigt haben, die schönen Tänzer von unserm Balle! Minder glücklich als unsre Kameraden, wurden wir beide, der Marquis und ich, als die einzigen Überlebenden aus diesem Kugelhagel, gefangen genommen, zu Boden geworfen, geknebelt, auf den Rücken von Mauleseln nach Ragusa hinein geführt, Dein Herbert heulend vor ohnmächtiger Wut, während Hezeta in größerer Ruhe sprach: »Das war verhängnisvoll.. ich habe es gewußt!« Wunderbarer Mensch! wie konnte er wissen, daß wir verraten, preisgegeben, beim Landen mit Flintenschüssen und Kartätschenhagel empfangen werden würden! und wenn er es gewußt hat, warum hat er uns dann geführt? Nun! schließlich ist's eben ein Fehlschlag ein Unternehmen, das mit größeren Vorsichtsmaßregeln neu zu machen ist! »Ich erkläre mir jetzt aus Deinen lieben Briefen, die ich nicht müde werde, wieder und wieder zu lesen, warum unser Prozeß so in die Länge gezogen worden, welcher Zweck diesem Herumwandern von Schwarzröcken in der Citadelle, diesem Schachern und Feilschen um unser beider Leben, diesem ewigen Auf und Ab unsrer Aussichten, diesem Hangen und Bangen zwischen Leben und Tod zu Grunde gelegen hat. Die Elenden haben uns als Geiseln behandelt, in der Hoffnung, daß der König, der seinem Thron nicht für hunderte von Millionen entsagen wollte, sich zur Nachgiebigkeit bequemen würde angesichts des Opfertodes von zweien seiner Getreuen. Und Du regst Dich auf, mein Schatz? Du wunderst Dich, geblendet durch Deine Liebe, daß mein Vater kein Wort zu gunsten seines Sohnes gesprochen hat! Aber konnte ein Rosen denn eine solche Feigheit begehen!... Er liebt mich darum nicht weniger, der arme Greis! und mein Tod wird für ihn ein schrecklicher Schlag sein. Was unsre Herrscher anbetrifft, die Du der Grausamkeit anklagst, so steht uns, das zu beurteilen, nicht jener hohe Gesichtspunkt zu Gebote, welcher ihnen ermöglicht, über Menschen zu herrschen. Sie haben Pflichten und Rechte, die außerhalb der alltäglichen Ordnung stehen. Ach! möchte doch Méraut Dir hierüber recht viel Schönes sagen! Ich fühle, was hierzu zu sagen ist, vermag es aber nicht auszudrücken. Es bleibt mir dort stecken, ohne den Weg hinaus zu finden. Mir sind die Kinnladen zu schwer. Wie so oft ist mir das peinlich gewesen vor Dir, die ich doch so sehr liebe, und der ich es nie so recht habe sagen können! Selbst hier, trotzdem so viele Meilen zwischen uns liegen und so schwere Eisenriegel uns scheiden, verschüchtert mich, lähmt mich der Gedanke an Deine hübschen Augen, an Deinen spöttischen Mund unter Deinem Naschen, das sich rümpft, um mich zu necken. »Und doch, ehe ich Dich für ewig verlasse, muß ich es Dir doch noch ein rechtes mal begreiflich machen, daß ich nie jemand andren als Dich geliebt habe, daß mein Leben erst an dem Tage angefangen hat, an welchem ich Dich kennen gelernt habe. Besinnst Du Dich noch, Colette? Es war in den Kaufläden der Rue Royale, bei jenem Tom Lewis. Man traf sich dort zufällig, nach getroffener Schätzung! Du hast ein Klavier geprobt, hast gespielt, hast gesungen es war etwas sehr Lustiges, das mich, ohne daß ich wußte warum, auf der Stelle ganz weinerlich stimmte. Ich war überwältigt, gefangen.. He? wer uns das wohl gesagt hätte? Eine Heirat àla Pariser Stil! eine Heirat, durch die Vermittlung einer Agentur geschlossen, zur Heirat aus Liebe geworden! Und seitdem habe ich in der Welt, in keiner Welt eine Frau getroffen, die so reizend, so verführerisch war wie meine Colette. Du kannst auch ganz ruhig sein, Du warest immer hier, auch da Du abwesend warst; der Gedanke an Dein niedliches Gesichtchen hielt mich bei froher Laune; ich lachte ganz allein für mich, wenn ich seiner dachte. Es ist richtig, Du hast mir so etwas, eine Lust zum zärtlichen Lachen, immer eingeflößt... Sieh! in diesem selben Augenblicke ist unsre Lage schrecklich, fürchterlich; vornehmlich die Art und Weise, wie man sie uns vor Augen rückt. Hezeta und ich, wir sitzen in der Kapelle, das heißt: in der kleinen Zelle mit geweißten Wänden hat man einen Altar aufgeschlagen für unsren letzten Gottesdienst hienieden, hat einen Sarg vor jedes Bett gestellt und an die Wände Zettel gehängt, auf denen geschrieben steht: »Tod... Tod«... Trotz allem nun scheint mir meine Zelle hell und heiter. Ich entweiche diesen unheimlichen Drohungen dadurch, daß ich an meine Colette denke und wenn ich mich in die Höhe recke bis zu dem Guckloch unserer Zelle, dann weckt mir dieses wunderbare Land, die Straße, die von Ragusa nach Gravosa führt, mit den Aloe- und Kaktus-Gewächsen am Horizont oder am blauen Meere dann weckt mir dies alles die Erinnerung an unsre Hochzeitsreise, an die Bergkante von Monaco bis Monte-Carlo und an das Geklingel der Maultiere, die dort unser Glück, das klingend und leicht war wie dieses, entlang trugen. Omein kleines Frauchen! wie warst Du so allerliebst! was warst Du für eine süße Reisegefährtin, wie gern wäre ich länger mit Dir gewandert! »Du siehst, daß überall Dein Bild verweilt und siegt, an der Schwelle des Todes, im Tode selbst; denn ich will es als Skapulier halten auf meiner Brust, dort unten am Meeresthore, wohin man uns binnen wenigen Stunden führen wird, und Dein Bild ist's, das mir vergönnen wird, mit Lächeln auf den Lippen zu fallen. Darum, meine Freundin! sei nicht allzu untröstlich! Gedenke des kleinen Wesens, gedenke des Kindes, dem Du das Leben schenken willst. Bewahre Dich, hüte Dich um seinetwillen, und wenn es imstande sein wird zu begreifen, dann sage ihm, daß ich als Soldat gefallen bin, stehend, mit zwei Namen auf meinen Lippen, dem Namen meiner Frau und dem meines Königs. »Ich hätte Dir gern eine Erinnerung gelassen an diesen letzten Augenblick, aber man hat mir all meine Wertsachen und Juwelen genommen, Uhr, Trauring, Nadel. Ich habe nichts mehr als ein paar weiße Handschuhe, die ich für den Einmarsch in Ragusa bestimmt hatte. Ich werde sie gleich anziehen, der Todesstrafe Ehre anzuthun; und der Almosenier des Gefängnisses hat mir gelobt, sie Dir dann zu schicken. »Nun denn! leb' wohl, meine geliebte Colette! Weine nicht. Ich sage Dir das, und mich, mich blenden die Thränen. Tröste meinen Vater! Der arme Mann! Er schalt mich oft, weil ich zu spät zum Ordonnanz-Dienste kam. Nun werde ich nicht mehr dazu antreten!... Leb' wohl! leb' wohl... ich hatte Dir doch noch so viel, so vieles zu sagen... Aber nein! es muß gestorben sein! Welch' ein Geschick. Leb' wohl, Colette! Herbert von Rosen.« Vierzehntes Kapitel. Eine Lösung. »Es verbleibt Ihnen ein Mittel noch, Majestät!« »Reden Sie, lieber Méraut! Ich bin zu allem bereit.« Méraut zögerte mit der Antwort. Was er zu sagen im Begriffe stand, erschien ihm zu ernst, wirklich allzuwenig am Platze für diesen Billard-Saal, wohin ihn der König nach dem Frühstück gezogen hatte, um eine »Partie zu machen«. Aber die merkwürdige Ironie, die über dem Geschick entthronter Herrscher waltet, hatte es so gewollt, daß sich das Los des illyrischen Königs-Geschlechts vor diesem grünen Tuche entscheiden sollte, auf welchem die Bälle mit unheimlichem hohlem Gepolter in der Stille und Trauer des Hauses von Saint-Mandé entlang kollerten. »Nun und . . .?« fragte Christian der Zweite, während er sich reckte, die Bälle zu erreichen. »Nun denn! Majestät . . .« Er wartete, bis der König seine Carambolage gespielt hatte, die ihm der Geheime Rat Boscowich untertänigst markiert hatte, um dann mit einer Schattierung von Verlegenheit in seiner Rede fortzufahren: »Das Volk von Illyrien, Majestät! ist nicht anders als alle Völker auf Erden. Es liebt den Erfolg, die Kraft und ich fürchte sehr, daß der verhängnisvolle Ausgang unsrer letzten Unternehmung...« Der König drehte sich um. Auf seine Wangen war ein glühendes Rot getreten. »Ich habe Sie um die Wahrheit gebeten, mein Lieber! Es hat keinen Zweck, mir mit all diesem Lockenwickel-Geflunker um den Bart zu gehen.« »Majestät müssen abdanken,« sagte der Gaskogner grob und geradezu. Christian sah ihn verblüfft an. »Abdanken? wem denn? wozu denn? Ich besitze ja doch nichts! Ein schönes Geschenk, das ich da meinem Söhnchen machen würde! Ich glaube, ein neues Fahrrad würde ihm weit mehr Freude machen als dies leere Versprechen einer Krone für den Tag seiner Mündigkeit.« Méraut führte das Beispiel an, welches die Königin von Galicien gegeben hatte. Sie hatte ebenfalls zu gunsten von ihrem Sohne während der Verbannung dem Throne entsagt, und wenn Don Léonce heute auf dem Throne seiner Väter säße, so hätte er dies doch wesentlich dieser Abdankung seiner Mutter zu verdanken. »Achtzehn zu zwölf . .« rief Christian in barschem Tone... »Herr Geheimrat, Sie markieren ja nicht!« Boscowich sprang in die Höhe wie ein aufgescheuchter Hase und stürzte nach der Tafel hin, während der König sich auslegte, gedehnten Leibes, gespannten Blickes, um »alle vier Bande« zu machen. Elysée betrachtete ihn, und sein königstreuer Glaube hatte eine sehr rauhe Probe zu bestehen angesichts dieses Musters von verlebtem Salonmenschen, von ruhmlos Besiegtem, der hier stand, den magern Hals weit entblößt, in seinem wehenden Flanelljäckchen, Augen, Mund und Nasenflügel noch von einer Gelbsucht gefärbt, die er kaum erst überstanden hatte, und an welcher er ziemlich vier Wochen bettlägerig gewesen war. Der Unstern von Gravosa und das unheimliche Ende aller dieser jungen Leute, die entsetzlichen Vorgänge, zu welchen der Prozeß gegen Herbert und Hezeta an dem kleinen Hofe von Saint-Mandé geführt hatte, als Colette sich vor dem ehemaligen Liebhaber und Galan auf den Knieen gewälzt hatte, um für den Gatten Gnade zu erlangen, alle diese Tage der Seelenangst, des Hangens und Bangens, des Lauerns gespannten Ohres auf dieses grausige Kleingewehrfeuer, worüber er das Kommando zu führen schien, und über all diesem die furchtbaren Geldsorgen infolge der ersten Pichery-Wechsel, deren Verfalltag in unmittelbare Nähe gerückt war, diese Inkarnation eines bösen Schicksals hatte den Slawen, ohne seine Gemütsruhe zu beeinträchtigen, vornehmlich physisch sehr angegriffen. Er hielt mit Spielen inne, als er seine Carambolage gemacht hatte, und nachdem er mit größter Sorgfalt sein Queue gekreidet hatte, fragte er Méraut, ohne ihn mit einem Blicke anzusehen: »Was sagt die Königin zu diesem Abdankungs-Projekt? Haben Sie mit ihr davon gesprochen?« »Die Königin denkt wie ich, Majestät!« »Ah!« machte er trocken, während er leicht zusammenschauerte. Wunderliche Weise des menschlichen Wesens! Diese Frau, die er nicht liebte, die er fürchtete, wenn sie ihren kalten, hellen, mißtrauischen Blick auf ihn heftete, diese Frau, die er anklagte, ihn zu sehr als König behandelt zu haben, ihn mit der fortwährenden Erinnerung an seine Pflichten und seine Vorrechte breitgeschlagen zu haben, diese Frau verabscheute er jetzt, dieser Frau grollte er jetzt, daß sie nicht mehr auf ihn baute, ihm nicht mehr glaubte, daß sie ihm den Abschied geben wollte zum Nutzen und Vorteil des Kindes. Er empfand dies nicht als eine ihm aus Liebe zugefügte Wunde, als einen jener nach dem Herzen geführten Stöße, die aufschreien machen, sondern als die Kälte eines von Freundesseite ihm zugefügten Verrats, eines ihm verloren gegangnen Vertrauens. »Und Du, Boscowich! wie denkst Du über diese Sache?« sagte er plötzlich, sich zu seinem Geheimrat wendend, dessen bartloses, ängstliches Gesicht mit krampfhafter Beflissenheit dem Ausdruck zu folgen strebte, welchen das Gesicht seines Herrn und Königs zeigte. Der Pflanzensammler machte eine flüchtige Gebärde àla italienischem Hanswurst mit ausgestreckten Armen und in die Schulter hinein gezogenem Kopfe, worauf ein stummes »chi lo sa?« folgte, so schüchtern und von so wenig bloßstellender Art, daß der König sich des Lachens nicht erwehren konnte. »Dem Rate unsres Herrn Staatsrats gemäß,« näselte er höhnisch, »werden wir abdanken, sobald es beliebt werden wird.« Daraufhin widmete sich Seine Majestät wieder mit Eifer dem Billardspiele, zur großen Verzweiflung Elysée's, welcher vor Begierde brannte, der Königin von dem Erfolge einer Unterhaltung Mitteilung zu machen, mit deren Führung sie sich selbst nicht hatte befassen wollen; denn dieses Phantom von einem König imponierte ihr noch immer, und mit Zittern und Zagen legte sie die Hand an diese Krone, von welcher er nichts mehr wissen wollte. Die Abdankung fand einige Zeit nach dieser Unterredung statt. Mit stoischem Gleichmut brachte der Chef des Civil- und Militärkabinetts die herrlichen Galerieen des Palastes Rosen für diese feierliche Handlung in Vorschlag, welcher man dem gemeinen Brauche nach die größtmögliche Feierlichkeit und Rechtsgültigkeit zu geben sich beflissen zeigte. Das Unglück von Gravosa war aber zu frisch noch für diese von den Echos des letzten Festes erfüllten Säle; es wäre für die zukünftige Regierung wirklich zu traurig und von zu schlimmer Vorbedeutung gewesen! Man begnügte sich deshalb damit, in Saint-Mandé einige adelige Familien illyrischer oder französischer Herkunft zu versammeln, deren Unterschrift am Fuße einer Regierungshandlung von solcher Wichtigkeit von nöten war. Um zwei Uhr begannen die Wagen vorzufahren. Die Glockensignale folgten sich auf dem Fuße, während auf den großen Teppichen, die von der Thürschwelle bis zum Fuße der Freitreppe heruntergerollt waren, langsam die geladenen Gäste herabstiegen. An der Eingangsthür zum Salon empfing sie der Herzog von Rosen, der in seine Generalsuniform gezwängt war, und um den Hals, quer über seine Ordenskreuze herüber, jenen Großcordon des illyrischen Hausordens trug, den er, ohne ein Wort zu sagen, abgelegt hatte, als ihm der Skandal mit dem Haar- und Bartschneider Biscarat zu Ohren gekommen war, der die nämlichen Insignien auf seine Figaro-Jacke aufgesteckt hatte. Am Arm und an der Degenkoppel trug der General einen langen, nagelneuen Trauerflor, und deutlicher noch, als dieser Flor, sprach ein greisenhaftes Wackeln mit dem Kopfe, eine ihm unbewußte Weise, immerzu »Nein, nein« zu sagen, die er seit jener in seiner Gegenwart geführten furchtbaren Verhandlung über Herberts Begnadigung beibehalten hatte jener Verhandlung, bei der er, trotz der Bitten, die Colette an ihn gerichtet, und trotz des Aufruhrs, der in seinem väterlichen Herzen deshalb getobt hatte, energisch bei seiner Weigerung, nach irgendwelcher Seite hin Partei zu ergreifen, verblieben war. Es hatte beinahe den Anschein, als ob sein kleiner, wackeliger Sperberschädel die Lasten dieser antihumanen Weigerung trüge und von nun ab verdammt dazu sei, zu jedem Eindruck, jeder Empfindung, zum Leben selbst, das ihm nichts mehr war, da nichts ihn mehr nach dem tragischen Ende seines Sohnes fesseln konnte, »Nein.. nein« zu sagen. Die Prinzessin Colette war auch zugegen. Sie trug mit sehr viel Geschmack ihre Trauerrobe aus Spitzen und Blonden, in ihrem ganzen Habitus jenes Wittwentum zur Schau, welches von einem in der wachsenden Unbeholfenheit ihrer Taille, in der langsameren Weise ihres Ganges bereits zum Ausdruck gelangenden Schimmer von guter Hoffnung freudig aufgehellt wurde. Selbst unter den Eindrücken eines sehr tiefen und ernsten Kummers fand dieses kleine, mit Nichtigkeiten und Thorheiten angefüllte Putzmacherin-Seelchen, das von der Härte des Schicksals nicht gebessert worden war, noch immer, dank dem Kindlein, das sie unter dem Herzen trug, Gelegenheit, für eine Unzahl von hohlen Gefallsüchteleien und Eitelkeiten Befriedigung zu schaffen, allerhand Tändel- und Flitterkram Achtung und Liebe zu zollen. Die Bänder, die Spitzen, die prächtige Ausstattung, die sie mit einem selbstentworfenen Namenszug unter ihrer Fürstenkrone zeichnen ließ, diente ihr in ihrer Traurigkeit zur Zerstreuung. Das Kindchen sollte mit Namen Wenceslaus oder Witold, wenn es ein Mädchen wäre, Wilhelmine heißen; ganz sicher aber sollten die Namen mit einem W anfangen, weil das W. ein aristokratischer, auf Wäsche sehr hübsch zu zeichnender Buchstabe sei. Sie setzte ihre Pläne eben Frau von Silvis auseinander, als sich die Thüre weit in ihren Angeln öffnete, und nach jedesmaligem Aufschlagen mit der Hellebarde das Erscheinen des Fürsten und der Fürstin von Trebigno, von Soris, des Herzogs von San-Giorgio, der Herzogin von Melida, der Grafen Pozzo, von Miremont, von Weliko gemeldet wurde.. Es hörte sich an wie eine mit lauter Stimme verlesene, durch ein schallendes Echo vom blutgetränkten Gestade herübergesandte Liste von all den jungen, bei Gravosa gefallenen Opfern. Und das schrecklichste noch, was dieser Ceremonie, trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßregeln, trotz der glänzenden Livree und der pomphaften Behänge, ein verhängnisvolles, unheimliches Aussehen lieh, das ist der Umstand, daß sämtliche Gäste selbst in großer Trauer waren, tief schwarz gekleidet und mit schwarzen Handschuhen, ganz wie in einem Sacke in jenen, dem Blicke so traurigen Wollenstoffen staken, die bei den Frauen Haltung und Bewegung gewissermaßen einkerkern; Greise, Väter und Mütter sah man so in Trauer in jener Trauer, die tiefer, herzzerreißender und ungerechter zu tragen ist als jede andre Trauer. Viele von diesen unglücklichen Menschen gingen zum ersten mal seit jener Katastrophe aus ihren vier Pfählen; die Ergebenheit und Liebe, mit der sie an ihrer Dynastie hingen, riß sie heraus aus ihrer Einsamkeit, aus ihrer Abgeschiedenheit. Sie reckten sich in die Höhe, als sie den Saal betraten, riefen all ihren Mut zu Hilfe; aber wenn sie einander mit den Blicken trafen, wenn sie wechselseitig den traurigen, unheimlichen Spiegelbildern eines und desselben Schmerzes ansichtig wurden, wie sie so dastanden, aufrecht und gesenkten Hauptes, mit zitternden und zusammengezogenen Schultern, da fühlten sie, wie ihnen die Thränen in die Augen schossen, die sie in den Augen der andern stehen sahen, wie auf ihre Lippen die Seufzer stiegen, die neben ihnen mit so viel Mühe zurückgehalten wurden; und alsbald bemächtigte sich ihrer eine nervöse Ansteckung, die den Saal mit einem langen, von erstickten Aufschreien und Seufzern zermarterten Schluchzen erfüllte. Der alte Rosen allein weinte nicht, und unbeugsam, seine hohe Gestalt kerzengerade in die Höhe richtend, fuhr er fort, unerbittlich mit seinem Schädel das Zeichen zu machen: »Nein... nein... er muß sterben!« Abends erzählte Se. königl. Hoheit der Prinz d'Axel, der ebenfalls zur Unterzeichnung der Abdankungs-Urkunde geladen worden war, im Londoner Café, daß er geglaubt hätte, einer Begräbnisfeierlichkeit erster Klasse beizuwohnen, zu welcher sich die ganze Familie zusammengefunden habe und der Hinwegschaffung des Sarges warte. Freilich schnitt der königliche Prinz, als er in diese Versammlung dort eintrat, eine gar klägliche Miene. Er fühlte sich von diesem Schweigen, von dieser Verzweiflung eisig berührt, in Verlegenheit gesetzt, sah mit Furcht und Entsetzen alle diese Parzen eine nach der andern an, bis er endlich der kleinen Prinzessin von Rosen ansichtig wurde. Er setzte sich flugs an ihre Seite, neugierig, die Heroïne jenes berühmten Dejeuners am Kai d'Orsay kennen zu lernen; und während Colette, die sich im Grunde ihres Herzens durch diese Aufmerksamkeit sehr geschmeichelt fühlte, Seine Hoheit mit einem schmerzlichen und empfindsamen Lächeln begrüßte, hatte sie wohl kaum eine Ahnung, daß dieser ihr zugewandte schillernde, verschleierte Katzenaugen-Blick ihr das genaue und richtige Maß abnahm zu einem Konditorjungen-Kostüm, das ihr auf ihrem leckeren Figürchen überall gar prall und schmuck saß. »Der König, meine Herren!« Christian der Zweite trat kreidebleich, mit sichtlich sorgenvollem Antlitz, zuerst herein. Er hielt seinen Sohn an der Hand. Der kleine Prinz zeigte eine niedliche Gravität, die ihm sehr gut zu Gesichte stand und durch das schwarze Jäckchen und schwarze Beinkleid, das er zum ersten male mit einem gewissen Stolze, einer ernsten Jünglings-Grazie trug, noch ganz erheblich verstärkt wurde. Die Königin trat hinter ihm in den Salon, eine sehr schöne Erscheinung in einer prachtvollen malvengelben Spitzenrobe, ein zu lauterer und ehrlicher Charakter auch, um ihre Freude zu verheimlichen, die inmitten der sie umschließenden Trauer ganz ebenso ausfiel, wie die helle Farbe ihrer Robe neben den Trauerkleidern. Sie war so glücklich, so selbstisch glücklich, daß sie sich keine einzige Minute nach dem erhabenen Weh herniederneigte, das sie umringte, so wenig wie sie einen Blick hatte für den frostschauernden Garten draußen, für jenen Nebel auf den Fensterscheiben, für das schwarze Duster einer Allerheiligen-Woche, das irrend an einem tief auf die Erde niederhängenden, feuchten, regen- und nebelschwangern, Lähmung und Starrsucht niederlagernden Himmel schweifte. Dieser Tag verblieb ihr in der Erinnerung, leuchtend und erwärmend. So sehr ist es wahr, daß alles in uns, im eignen Innern liegt und daß die Außenwelt sich wandelt und färbt nach den tausend Schattierungen unserer Leidenschaften. Christian der Zweite setzte sich vor dem Kamine nieder mitten in den Salon. Zu seiner Rechten saß der Graf von Zara, zu seiner Linken die Königin in einiger Entfernung, an einem kleinen Kanzleitische, saß Boscowich in seinem Hofrats-Hermelin. Nachdem sich die ganze Versammlung niedergelassen, ergriff der König das Wort mit sehr leiser Stimme, um zu verkünden, daß er bereit wäre, seine Abdankung zu unterzeichnen und seinen Unterthanen den Beweggrund, der ihn zu diesem Schritte leitete, bekannt zu geben. Darauf erhob sich Boscowich von seinem Sessel und verlas mit seiner schrillen, piependen Stimme Christians Manifest an die Nation, das eine flüchtige, in großen Zügen gezeichnete geschichtliche Darlegung gab von den ersten Hoffnungen, die sich an seine Regierung geknüpft hatten, von den Enttäuschungen und Mißverständnissen, die hierauf gefolgt waren, und das in dem Entschlusse des Königs gipfelte, sich von den Staatsgeschäften zurückzuziehen und seinen Sohn dem Edelsinne des illyrischen Volkes anzuvertrauen. Dieses kurze Schreiben, welchem Elysée Méraut's Griffel überall seinen Stempel aufgedrückt hatte, wurde so abscheulich verlesen, wie etwa eine langweilige Aufzählung von botanischen Namen, daß es der Überlegung die Zeit ließ, um alles zu erfassen, was in dieser Thron-Entsagung eines landesverwiesenen Fürsten, in dieser Übertragung von Gewalten, die nicht bestanden, von Rechten, die verleugnet und verkannt wurden, an Hohlheit und Albernheit offen zu Tage lag. Die Urkunde an sich, die sodann vom Könige verlesen wurde, war folgendermaßen abgefaßt: »Ich, Christian der Zweite, König von Illyrien und Dalmatien, Großherzog von Bosnien und der Herzogewina, \&c., erkläre, daß ich aus eigenem Antriebe, ohne irgend einem fremden Drucke zu folgen, meinem Sohne Karl Alexis Leopold, Grafen von Görtz und Zara, alle Meine politischen Rechte überlasse und übertrage und von heute ab Mir einzig und allein Meine bürgerlichen Rechte als Vater und Vormund über ihn vorbehalte.« Alsbald näherten sich auf ein Zeichen des Herzogs die sämtlichen Anwesenden dem Tische, um ihre Unterschrift zu geben. Ein paar Minuten lang nun nur ein Geräusch von ab- und zutretenden Schritten, zwischen den Wartepausen, die durch das Ceremoniell bedingt wurden, ein Gekritzel von fest aufgedrückten und von zitternden Federn. Sodann nahm der Handkuß seinen Anfang. Christian der Zweite eröffnete den Zug und entledigte sich dieser schwierigen Sache, der Huldigung eines Kindes von seiten des Vaters, durch den Kuß, den er auf die schwächlichen Fingerchen mit einem höhern Grad von geistvoller Anmut als Ehrfurcht drückte. Die Königin dagegen vollbrachte ihre Huldigung mit einem leidenschaftlichen, fast religiösen Herzenserguß; die Beschützerin, die Glucke, wurde zur demütigen Unterthanin. Hiernach kam die Reihe an den Prinzen d'Axel, nächst ihm an alle die vornehmen Herren, die in hierarchischer Ordnung vorbeimarschierten, die freilich dem kleinen König recht lange zu dauern anfing, trotz der reizenden Würde, deren sich sein offenes und klares Auge, seine ausgestreckte Hand befliß jene kleine weiße, fein geäderte Hand mit den viereckigen Kindesnägeln, die noch dem Spiele gehört mit den ein bischen kräftigen, durch das Wachstum außer Verhältnis gerückten Gelenken. Alle die adeligen Herrschaften waren, so ernst und wichtig auch der Augenblick in ihren Augen war, trotz der unseligen Eindrücke, die ihre Trauer erweckte, aber doch nicht die Leute, die sich den ihnen auf Grund ihrer Titel, der Anzahl der Zacken an ihrer Krone vorbehaltenen Rang hätten nehmen lassen; und so fühlte sich denn Méraut, als er auf seinen Schüler zustürzte, plötzlich durch ein »Sie erlauben wohl, mein Herr!« zurückgehalten, infolgedessen er zurückwich, um sich dem erregten Angesicht des Fürsten von Trebigno gegenüber zu sehen, eines erschrecklich vom Asthma geplagten Greises, der nur mühsam zu atmen vermochte, dem die Augen wie Kugeln aus dem Schädel heraus traten, als könne er nur auf diesem Wege zu Atem gelangen. Elysée, der in den Gesetzen der Tradition Wandelnde, trat respektvoll zur Seite, um diesem Grabeswrack den Vorrang zu lassen, und kam als letzter zum Handkusse. Als er zurücktrat, sagte Friederike, die neben ihrem Sohne stand, in der Weise, wie man die Mütter von jungen Bräuten an der Sakristei stehen sieht, um die Abschrabsel der Huldigungen und lächelnden Blicke in Empfang zu nehmen, ganz leise, überschwenglich und nervös zu ihm: »Es ist vollbracht!« In dem Tone, wie sie dies sprach, lag eine Fülle von fast grimmig-wilder Freude, eine unsägliche Erleichterung. »Es ist vollbracht!« . . . Das heißt: nun ist das Diadem vor Schacher und Besudelung geschützt! Sie konnte sich nun schlafen legen, konnte Atem schöpfen, konnte leben, befreit von den beständigen Ängsten und Unruhen, die ihr die Kenntnis der Katastrophe schon im voraus vermittelten, die ihr, wie dem Marquis von Hezeta, bei jeder unheilvollen Lösung die Worte hätten in den Mund legen können: »Ich wußte es!«... Ihr Sohn würde nun seines Besitzes nicht entkleidet werden ihr Sohn würde König sein... Wie! würde sein? Er war es doch schon durch die majestätische Haltung, durch die hinnehmende und erhabene Güte.... Sobald die feierliche Handlung zu Ende war, gewann die Kindesnatur wieder die Oberhand, und Leopold der Fünfte stürzte, vor Freude ganz außer sich, auf den alten Johann von Weliko zu, um ihm die große Neuigkeit zu verkünden: »Du! weißt Du, Pate! ich habe einen Pony, einen hübschen kleinen Pony, ganz allein für mich... Der General wird mich das Reiten lehren, und meine Mama wird's mir auch zeigen!« Man drängte sich um ihn, verneigte sich vor ihm mit Blicken voller Bewunderung, während Christian, ein bischen vereinzelt, vereinsamt, vergessen, einen fremdartigen, undefinierbaren Eindruck empfand, etwas wie eine Lockerung, Linderung rings um den Schädel, jene Kälte, welche die ihm vom Haupte genommene Krone dort hinterlassen hatte. Thatsächlich wirbelte es ihm im Kopfe. Dennoch hatte er ja diese Stunde herbeigesehnt, die Verantwortlichkeiten seiner Stellung ärger verflucht als jeder andre. Warum nun dieses Unbehagen, diese Traurigkeit, jetzt da er den Strand vor sich fliehen sah? da er die Straße für neue Perspektiven sich teilen sah? »Ei, ei! mein armer Christian! ich glaube, man hat auch Ihnen eben Ihr Seidenäffchen gegeben...« Der Prinz d'Axel war es, der ihn mit ganz leiser Stimme auf seine Weise tröstete. »Sie haben Dusel, das muß man sagen! Ich würde der glücklichste Mensch sein, wenn mir so etwas passierte wenn man mir erließe, dieses allerliebste Paris zu verlassen, um über mein weißbäuchiges Robbenvolk das Szepter zu schwingen!« Er fuhr einen Augenblick lang im nämlichen Tone fort. Sodann verschwanden sie beide zusammen, indem sie das Lärmen, die Unaufmerksamkeit der Versammlung für sich ausnützten. Die Königin sah sie fortgehen. Sie hörte das Phaeton, dessen leichte Räder sich ehedem nicht anders entfernten, als daß sie ihr über das Herz fuhren, auf dem Hofe rollen... Aber was lag ihr jetzt daran? Es war ja nicht mehr der König von Illyrien, den diese Pariser Damen ihr abspenstig machten.     Am Tage nach Gravosa, in der ersten Minute seiner Schande, hatte sich Christian den Schwur geleistet, keinen Fuß mehr zu Sephora zu setzen. So lange er bettlägerig war, als richtiger Sohn des Südens in Furcht und Angst vor seiner Krankheit, dachte er an seine Maitresse nicht anders als um ihr zu fluchen, um ihr die sittliche Verantwortlichkeit für alle seine Fehler aufzubürden; aber die Genesung, der raschere Blutlauf, die vollständige Müßigkeit, in welcher die sich zu den Träumen gesellenden Erinnerungen soviel Gewalt besitzen, mußten diese Stimmungen verändern. Er fand zuerst schüchterne Entschuldigungen für das Weib und sah in allem, was geschehen war, nur ein Verhängnis, eine von den tausend Bestimmungen und Fügungen der Vorsehung, welcher die Katholiken alle lästige Verantwortlichkeit zuzuschieben pflegen. Endlich wagte er es eines Tages, Lebeau zu fragen, ob man Nachrichten von der Gräfin hätte. Der Lakei brachte statt aller Antwort eine Menge von Briefchen herbei, die während der Krankheit eingelaufen waren, zärtliche, glühende, schüchterne Zettelchen, einen Schwarm von weißen, liebegirrenden Täubchen. Christians Sinne gerieten durch sie in Feuer. Er antwortete auf der Stelle von seinem Bett aus, voller Ungeduld, den in Fontainebleau unterbrochenen Roman, sobald seine Genesung außer Zweifel sei, fortzusetzen. Inzwischen verlebte J. Tom Lewis mit seiner Frau allerliebste Ferien in ihrem Hotel in der Avenue de Messine. Der Fremden-Geschäftsführer hatte die Langweile seiner Abgeschlossenheit in Courbevoie nicht länger mehr ertragen können. Es fehlte ihm das geschäftliche Leben, der Handel und Schacher, vor allem die Bewunderung seiner Sephora. Schließlich war er, wie schon erzählt, eifersüchtig besessen von einer dummen, eigensinnigen Eifersucht, die sticht und kratzt wie eine Gräte, die einem im Schlunde sitzt, von der man meint, sie sei hinuntergerutscht und deren Stich man ganz plötzlich empfindet. Und kein Weg und Mittel, sich gegen irgendwen zu beklagen, irgendwem zu sagen: »Sieh doch nur einmal zu, was ich da tief unten im Halse zu stecken habe!« Unglücklicher Tom Lewis, gefangen sitzest Du in der eigenen Falle als Ausbaldowerer des »großen Coup« und als sein eigenes Opfer!... Sephora's Reise nach Fontainebleau setzte ihn vornehmlich in Unruhe und Sorge. Er versuchte zu wiederholten malen, auf diesen Punkt die Sprache zu bringen; aber sie fiel ihm mit so natürlichem Lachen in die Rede: »Was ist Dir denn nur, mein armer Tom?... Was bist Du doch für ein Dämelsack!« Und nun nun war er gezwungen zu lachen, herzlich zu lachen; denn er begriff recht wohl, daß zwischen ihnen bloß von Eselei, von faulem Zauber die Rede war, und daß die Grille seiner Sephora, eine Mädchen-Grille für ein Rotschwänzchen, rasch ihr Ende gefunden haben würde, wenn sie ihn für eifersüchtig, für sentimental, für »heulmeierig« halten müßte wie die andren. Im Grunde verursachte es ihm Schmerz und Langweile, so fern von ihr zu leben. Diese Empfindung beeinflußte ihn so stark, daß er sogar Verse zu machen anfing. Ja wohl! der »Mann im Cab«, der einbildungskräftige Narziß, hatte für seine Sorgen, für seine Unruhe dieses Ablenkungsmittel gefunden er machte ein Poëm auf Sephora, eine jener wunderlichen, durch die anmaßungsvolle Unwissenheit in Versmaß gesetzten Reimschmiedereien, wie man ihrer in Mazas auf dem Tische der Häftlinge konfisziert. Wahrlich! wenn nicht Christian der Zweite in Krankheit verfallen wäre, so würde J.Tom Lewis krank geworden sein. Ich überlasse es dem Leser, sich die Freude auszudenken, die der Bajazzo und seine Schöne darüber empfanden, daß sie einander wieder hatten, daß sie auf ein paar Wochen wieder zusammen leben konnten. Tom führte die unsinnigsten Zappeltänze auf, stand Kopf auf den Teppichen und reckte die Beine zur römischenV man hätte meinen können, als sei ein Affe aus dem Häuschen geraten, als sei ein böser Teufel im Hause losgelassen worden und vollführe nun dort seine Sprünge und seine Tollheiten. Sephora wand und krümmte sich wieder vor Lachen. Indessen war sie um der Dienerschaft willen doch einigermaßen geniert, denn bei ihr erfreute sich der »Mann von Madame« des vollständigsten Mißkredits. Der Haushofmeister hatte erklärt, daß wenn der »Mann von Madame« mit bei Tische speiste, er sich unter keinen Umständen dazu verstehen würde, ihm aufzuwarten; und da dieser Mann ein Haushofmeister war, wie er im Buche stand, expreß vom Könige angestellt und ausgesucht so bestand Sephora nicht auf ihrem Willen, sondern ließ die Mahlzeiten durch eine Kammerfrau nach ihrem Boudoir hinauftragen. Auch wenn ein Besuch kam Wattelet oder der Prinz d'Axel so verschwand Tom jedesmal in einem Ankleidezimmerchen. Niemals in seinem Leben hatte sich der Herr Gemahl zu solchen Faxen verstanden; aber er betete seine Frau an, besaß sie ganz allein für sich und noch dazu in einem Rahmen, der sie ihm unendlich viel hübscher und niedlicher erscheinen ließ. Alles in allem genommen war's der glücklichste von der ganzen Bande, unter welche die Verzögerungen, die Wartefristen schließlich doch eine gewisse Unruhe zu werfen anfingen. Man fühlte, daß in dieses so gut eingefädelte Geschäft ein Knoten gefahren war daß die so gut im Zuge befindlich gewesene Sache ins Stocken geriet. Der König bezahlte keinen Heller auf die verfallenen Wechsel, schrieb deren unaufhörlich neue quer zum großen Entsetzen Pichery's und des Vaters Leemans. Lebeau suchte ihnen nach Kräften Mut zuzusprechen: »Geduld... Geduld... wir werden schon zum Ziele gelangen... es ist eine ganz fatale Sache..« Aber er schaffte eben auch nichts herbei, und die andern Wichte häuften in ihrer Brieftasche illyrisches Papier riesweise. Der arme »Papa«, der seiner kräftigen Haltung verlustig gegangen war, kam einen Morgen wie alle Morgen, um sich in der Rue de Messine bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohne Beruhigung zu holen. »Ihr glaubt also, daß wir noch zum glücklichen Ausgang gelangen werden?« Und er verstand sich dazu, noch einmal zu diskontieren und in einem fort zu diskontieren, da dies die einzige Weise war seinem Gelde nachzulaufen, daß er ihm immer flugs neues hinterher warf. Eines Nachmittags tänzelte die Gräfin, die sich zur Fahrt nach dem Wäldchen rüstete, von ihrem Schlaf- nach ihrem Ankleidezimmer unter dem väterlichen Auge J.Tom's, der mit der Cigarre zwischen den Zähnen, die Finger in den Westenausschnitt geschoben, auf eine Chaiselongue gestreckt lag und sich an jenem reizenden Anblicke weidete, den eine Frau bei der Toilette gewährt, wenn sie sich vor dem Spiegel die Handschuhe überzieht und in den Stellungen Probe sitzt, die sie im Wagen einzunehmen gedenkt. Sie war hinreißend schön, als sie den Hut aufgesetzt und den Halbschleier bis zum Augenrande hintergezogen hatte, in ihrer etwas stoffreichen, fröstlichen Spätjahrs-Toilette; und das Klappern ihrer Armspangen, des baumelnden Schmelzbesatzes an ihrem Umhange entsprach dem vornehmen üppigen Geräusch, das der unter den Fenstern wartende Wagen machte, dem Geklapper der Geschirre, dem Gestampfe der Rosse, all diesen Teilen eines und desselben Ganzen, des mit den Reichs- und Landeswappen Illyriens geschmückten Gespanns nämlich. Sie fuhr mit Tom aus, nahm ihn mit auf eine Tour um den See herum an dem ersten Pariser Saison-Tage, unter jenem tief herniederhängenden Himmel, der die neuen Moden, die durch langen Aufenthalt in den Villeggiaturen ausgeruhten Gesichter so trefflich in Geltung setzt. Tom, höchst elegant, mit echt englischem Chic gekleidet, schwebte vor Entzücken über diese Ausfahrt im Coupé, wo er versteckt sitzen würde neben seiner reizenden Gräfin, im siebenten Himmel der Freude. Madame ist in Bereitschaft, man will aufbrechen. Ein letzter Blick noch in den Spiegel. Vorwärts also... Da thut sich plötzlich unten die Eingangsthüre auf. Die Handglocke erschallt in eiligen Schlägen... »Der König!« Und während der Herr Gemahl sich mit einer fürchterlichen Drehung seines Augenpaars um dessen eigene Achse schleunigst nach dem Ankleide-Kabinett verfügt, läuft Sephora zum Fenster hin, gerade noch rechtzeitig, um Christian den Zweiten mit Haltung und Miene eines Triumphators die Auffahrt heraufschreiten zu sehen. Er schwebt über den Boden hin, er wird von Flügeln getragen. »Wie glücklich sie sein wird!« spricht er bei sich, während er höher hinaufsteigt. Die schöne Dame erfaßt die Situation im Nu sie erkennt, daß etwas Neues vorliege, und setzt sich in Bereitschaft. Als Anfangsscene stößt sie, als sie seiner ansichtig wird, einen Schrei der Überraschung, der freudigen Erregung aus, stürzt ihm in die Arme, läßt sich bis zu einer Causeuse tragen, vor welcher er sich auf die Kniee kauert: »Ja! ich . . . ich bin's . . . Und für immer! für immer!« Sie sieht ihn an mit weit aufgerissenen Augen, mit Augen, die trunken sind von Liebe und Hoffnung. Und er, er versenkt sich, taucht tief hinunter in diesen Blick . . . »Es ist vollbracht . . . es giebt keinen König von Illyrien mehr... bloß einen Mann noch, der sein Leben verbringen will in der Liebe zu Dir!« »Das ist schön . . . ich wage nicht, daran zu glauben...« »Da lies!« Sie griff nach dem Pergament, faltete es langsam auseinander: »So so! ist's also wahr, mein Christian? Du hast dem Throne entsagt?« »Besser als das!« Und während sie den Wortlaut der Urkunde durchflog, stand er da, drehte sich am Schnurrbarte und betrachtete Sephora mit siegessicherer Miene. Und als er dann ersah, daß sie nicht recht begriff, nicht rasch genug begriff, setzte er ihr den Unterschied auseinander, der zwischen einer Entsagung und einer Abdankung bestände, erklärte ihr, daß er nun ganz ebenso frei, aller Pflichttreue und Verantwortlichkeiten ledig sein würde, ohne die Zukunft seines Sohnes in irgend einer Weise zu gefährden. Das Geld allein..... aber sie brauchten doch soviel Millionen gar nicht, um glücklich zu sein! Sie las nicht weiter, hörte ihm zu mit halb aufgethanem Munde; ihre niedlichen Zähne lagen bloß, der Mund spitzte sich zu einem scharfen, herben Lächeln, als fühlte sie das Verlangen, das was er sagte, besser zu erfassen. Sie hatte indessen recht gut verstanden; oja! sie sah den Zusammenbruch aller ihrer ehrgeizigen Pläne, all der Louisd'or-Säulen, die schon in dem Geschäfte steckten, gar deutlich vor Augen! sie sah Leemans', Pichery's Zorn, den Zorn der ganzen, durch das falsche verkehrte Verhalten dieses Einfaltspinsels bestohlenen Bande gar deutlich vor Augen! Sie dachte an soviel unnütze Opfer, an ihre sechs Monate eines tödlich langweiligen, von Enttäuschungen und Schalheiten angeekelten Lebens, an ihren armen Tom, der sich den Atem in dem Ankleidezimmer verhielt, während der andere Auge in Auge vor ihr stand und, sicher dessen, daß er geliebt würde, daß er siegreich, unwiderstehlich sei, daß alle Weiber ihm unterthan sein müßten, einen Liebes- und Zärtlichkeits-Ausbruch von ihr erwartete! die Sache war so possierlich, so albern; es waltete eine so bodenlose, grimmige Ironie über dem allen sie stand auf ein tolles Lachen packte sie ein Lachen, des Schimpfes und höhnenden Spottes so voll, daß ihr eine jähe Röte zu Gesichte schoß, all die aufgerührte Hefe ihrer groben, gemeinen Natur und an dem verblüfften, versteinerten Christian vorbeistürzend, schrie sie ihm: »Lauf! Du Esel!« zu, um sich doppelt und dreifach in ihrem Schlafzimmer einzuriegeln. Ohne Heller, ohne Krone, ohne Gattin, ohne Liebste, schnitt er eine seltsame Figur, als er die Treppe wieder hinunter stieg. Fünfzehntes Kapitel. Der kleine König. O Zauber der Worte! Als wenn in diesen fünf Buchstaben des Wortes »König« eine kabbalistische Gewalt gelegen wäre sobald er nicht mehr Graf von Zara, sondern König Leopold der Fünfte genannt wurde, zeigte sich der Schüler und Zögling Mérauts wie umgewandelt. Das fleißige Kind, das sich glücklich gefühlt hatte, wenn es brav sein konnte, das sich hatte lenken und leiten lassen wie Wachs, dem aber alle Überlegenheit an Intelligenz gebrach, streifte die Kinderschuhe ab, wachte auf zufolge einer merkwürdigen Über-Erregtheit, und sein Körper festigte sich an dieser inneren Flamme. Seine ihm von Natur eigene Trägheit, jene Lust, sich zu recken und zu dehnen, auf einen Sessel zu strecken, während ihm vorgelesen und Geschichten erzählt wurden, dieses Bedürfnis zu hören, von den Gedanken der andern zu leben, wandelte sich in eine Thätigkeit um, die in den Spielen seines Alters keine Befriedigung mehr fand. Der alte General von Rosen, so zerschlagen und gliederlahm er war, mußte Kräfte genug wieder zusammenfinden, um dem Knaben den ersten Fecht-, Schieß- und Reitunterricht zu geben; und es gab nichts Rührenderes zu sehen, als den alten Panduren, wie er Morgen für Morgen um neun Uhr früh, im blauen Frack mit der Reitpeitsche in der Faust, auf einer Lichtung des zur Arena vergrößerten Parks stand und mit Haltung und Miene eines alten Franconi seine Funktionen als Stallmeister versah und, immer von Ehrfurcht beseelt vor seinem Könige, die Schnitzer des Schülers und Zöglings rügte und korrigierte. Der kleine Leopold ritt im Trab wie im Galopp, mit gar ernster und selbstbewußter, stolzer Miene, achtsam auf die geringfügigsten Weisungen, während die Königin vom Balkon herab zusah, eine Bemerkung, einen Rat dazwischen warf: »Gerade halten, Majestät! Den Zügel ein wenig nachlassen, Majestät!« Und manchmal, um sich besser verständlich zu machen, eilte dann die hohe Reiterin selbst herzu, gesellte zu den Worten die Gebärde. Wie glücklich sie war an jenem Tage, an welchem sie sich, die Gangart ihrer Stute derjenigen des Ponys, den ihr Sohn ritt, anpassend, zum ersten male beide in das nahe Wäldchen hinauswagten. Den Schattenriß des Kindes beherrschte die Amazone, die, weit entfernt mütterliche Befürchtungen zu empfinden, die beiden Tiere in Gang setzte, ihrem Sohn den Weg zeigte, ihn in einem einzigen Rennen bis hinaus nach Joinville mit sich fortriß! Auch in ihr hatte sich seit der Zeichnung der Abdankung ein Wechsel vollzogen. In den Augen dieser abergläubisch am göttlichen Rechte hängenden Frau schützte übrigens auch der Königstitel das Kind, mußte ihm Wehr und Waffe und Schutz sein. Ihre Zärtlichkeit und Liebe, die noch immer ihre alte Stärke und Tiefe besaß, fand nun keinen Ausdruck mehr in den von ihr früher beliebten materiellen Bekundungen und Liebkosungs-Ausbrüchen; und wenn sie jetzt noch immer in das Schlafzimmer hereintrat, so geschah es doch eben nicht mehr, »um zu sehen, wie Zara schlafen gingen oder um ihn in seinem Bettchen zurecht zu legen.« Ein Lakei hatte jetzt alle diese Fürsorgen zu verrichten, ganz als wenn Friederike befürchtete, dadurch, daß sie ihn in ihren allzu sanften, zärtlichen Händen behielte, ihren Sohn zu verweichlichen, die Entwicklung seiner männlichen Willenskraft zu hemmen. Sie kam einzig und allein, ihm jenes schöne, aus dem »Buche der Könige« entlehnte Gebet abzuhören, das ihn der Pater Alpheus gelehrt hatte. »O du Herr Herr, der Du mein Gott bist, Du hast Deinen Diener auf den Thron gesetzt! aber ich bin ein Kind, das sich selbst nicht zu lenken und zu leiten versteht und das doch betraut ist mit der Leitung des von Dir erlesenen Volkes. Gieb mir also die Weisheit und die Vernunft...« Das schwache Stimmchen des Königs erhob sich zu Festigkeit und Klarheit, zeigte eine Schattierung von Machtbewußtsein, von Überzeugung, die rührend war, wenn man sich das Exil hier in dem Winkel der kärglichen Bannmeile, wenn man sich die Entfernung in die Erinnerung rief, die ihn über Meere hinweg von diesem in der Hypothese vorhandenen Throne schied. In Friederikens Augen aber war ihr Leopold schon Herrscher, saß schon auf seinem Throne, und in dem Kusse, den sie ihm des Abends gab, lag ein unterthäniger Stolz, eine undefinierbare Anbetung und Verehrung, eine undefinierbare Achtung und Ehrfurcht, die Elysée, wenn er dieses Gemischs von mütterlichen Empfindungen ansichtig wurde, die alten Christfeste seiner Heimat in die Erinnerung rief, bei denen die herrliche Jungfrau, Jesus in seiner Krippe einwiegend, die Worte singt: »Ich bin Deine Magd, und Du bist mein Gott!« Einige Monate verstrichen auf solche Weise, ein ganzes Winterhalbjahr, während dessen Zeit die Königin bloß einen einzigen Schatten in ihrer Freude, eine einzige Wolke in ihrem endlich hell und rein gewordenen Himmel verspürte. Und hierzu war Méraut, wenn auch in gänzlicher Unbewußtheit dieses Umstandes, die Ursache. Über dem nämlichen Traume, dem sie beide nachhingen, über dem gemeinsamen Ziele, das ihre Blicke und Seelen verfolgten, über dem gemeinsamen Wege, den sie zusammen, eng aneinander geschlossen, wandelten, hatte sich zwischen ihnen eine Vertraulichkeit, eine Gemeinsamkeit in ihrem Denken und Leben herausgestaltet, ohne daß sie sich zu erklären vermochte, warum und wie das so gekommen war. War sie allein mit ihm, dann bewegte sie sich nicht mehr so zwanglos wie ehedem, empfand sie Angst und Schrecken vor dem Platze, den dieser fremde Mensch in ihren innersten Entschlüssen einnahm. Erriet sie wohl die Empfindungen, die ihn erfüllten, erregten? jene heimliche, verhaltene Glut, die in ihrer so unmittelbaren Nähe loderte? die von Tag zu Tag wuchs, von Tag zu Tag gefährlicher wurde? Eine Frau irrt sich nicht in solchen Dingen. Sie hätte gern Schutz und Zuflucht gesucht; hätte gern ihre Ruhe, ihre Seelenstärke wieder gefunden; aber wie? In ihrer Bedrängnis, in ihrer Pein hatte sie Rat und Hilfe gesucht bei dem Führer und Leiter und Rat der katholischen Ehefrau, bei ihrem Beichtvater. Sobald er nicht im Interesse seiner königstreuen Propaganda das Land durchstreifte, war es der Pater Alpheus, welcher der Königin Stecken und Stab war. Ein Blick auf den Mann, einen einzigen, und man kannte ihn! man wußte, was man von ihm zu halten hatte! Es rann in diesem illyrischen Priester mit dem Seeräubergesicht das Blut, es war ihm das Benehmen, die Haltung, es waren ihm die Gesichtszüge eigen von einem jener Uskoken, jener Raub- und Sturmvögel und ehemaligen Seeräuber-Slawen der lateinischen Meere. Als Sohn eines Fischers im Hafen von Zara auf der See erzogen, im Teer und zwischen Netzen, war er eines Tags, seiner hübschen Stimme wegen, von den Franziskaner-Mönchen aufgelesen worden, wurde aus einem Schiffsjungen ein Chorknabe, wuchs im Kloster heran und brachte es bis zur Stellung eines Oberen in der kirchlichen Brüderschaft; aber es war ihm immer etwas kleben geblieben von den wilden Manieren des Matrosen, und auf seiner Haut hing ihm immer etwas an von dem rauhen Hauche des Meeres, das ihm die Kälte und Frische der klösterlichen Steine niemals zu bleichen vermocht hatte. Übrigens durchaus nicht bigotten Sinns oder ängstlich und zaghaft, war er, wenn Not am Manne war, gar wohl imstande, des guten Zweckes halber seine Messer-Affaire ( cotellata ) durchzufechten; er war einer derjenigen Mönche, welche, wenn die Politik drängte, morgens alle Gebete für den Tag, ja sogar auch für den künftigen Tag, »um Vorschuß zu haben«, wie er allen Ernstes meinte, im Bausch und Bogen heruntersagte. In seiner Liebe wie seinem Hasse ein Mann, hatte er dem durch ihn in das Haus eingeführten Lehrer eine Bewunderung ohne Grenzen geweiht. Bei dem ersten Geständnisse, welches die Königin ihm inbetreff ihrer Bedrängnisse und Gewissensbisse machte, that er deshalb so, als verstände er garnicht, was sie redete. Als er dann aber sah, daß sie auf ihren Reden beharrte, sprach er mit harten Worten zu ihr wie zu einer Büßerin gewöhnlichen Schlages, wie zu einer reichen Posamentierin aus Ragusa. Ob sie sich denn nicht darüber schämte, dergleichen Kindereien in eine so edle, vornehme Sache zu mischen? Worüber hätte sie denn Klage zu führen? Hätte man es ihr denn jemals an Respekt fehlen lassen? Da sehe man doch nur, ob man sich nicht um des kleinlichen Ideen-Plunders eines frömmelnden oder der gefallsüchtigen Regungen eines gemeinplätzigen weiblichen Geschöpfes halber dieses Mannes am Ende noch berauben würde, den Gott doch sicherlich zum Triumphe des Königtums ihnen in den Weg geführt habe!... Und in seiner Seemannssprache, in seinem, von seinem Priesterslächeln gemilderten italienischen Redeschwunge setzte er hinzu, daß man mit dem guten Winde, den einem der Himmel schicke, nicht rechte. »Man spannt die Segel, und macht seinen Weg.« Die gerechteste Frau wird immer schwach sein vor Schein-Beweisführungen. Durch die Kasuistik des Mönchs besiegt, sagte sich Friederike, daß sie die Sache ihres Sohnes einer solchen Hilfe tatsächlich nicht zu berauben vermöchte. An ihr selbst wäre es, sich zu bewahren und zu behüten, stark und kräftig zu sein. Was liefe sie denn für Gefahr? Sie gelangte sogar dazu, sich einzureden, daß sie sich inbetreff der Liebe und Ergebenheit Elysée's, inbetreff seiner schwärmerischen Freundschaft ganz im Irrtum befunden habe... Die Wahrheit ist, daß er sie leidenschaftlich liebte. Seltsame, tiefe, zuweilen verjagte, aber langsam auf Um- und Seitenwegen wieder zurückgekommene, endlich mit dem verheerenden Despotismus einer Belagerung zur Festigkeit des Sitzes gelangte Liebe! Bislang hatte Elysée Méraut sich einer zärtlichen Empfindung für unfähig geglaubt. Manchmal hatte sich gelegentlich seiner royalistischen Predigten, mit denen er das Lateinviertel durchzog, irgend ein Mädchen aus der Bohème, ohne daß sie ein Wort von seinen Reden verstand, in ihn verliebt der Musik wegen, die in seiner Stimme lag, um dessenwillen, was sich von dem Glutherde seiner Augen, von diesem Ideal einer Mannesstirn dem magnetischen Objekte, das die Magdalenen zu den Aposteln hinzieht ablöste. Er er neigte sich mit Lächeln, nahm was sich ihm bot, indem er jene unverbesserliche Verachtung vorm Weibe, die jedem Südländer innewohnt, mit Milde und Umgänglichkeit verschleierte. Liebe, die in sein Herz einziehen sollte, mußte ihren Weg durch seinen starken Schädel nehmen; und so war denn aus der Bewunderung, die er für Friederikes erhabenen Frauentypus fühlte für dieses mit so hehrem Stolze getragene, unselige Patrizier-Geschick mit der Länge der Zeit unter dem Einfluß der engen Häuslichkeit, des beengten Lebens im Exil, jener stündlichen, augenblicklichen Beziehungen, so vieles geteilten Jammers und Kümmernisses eine wirkliche, wahrhaftige Leidenschaft geworden, aber eine demütige, heimliche, hoffnungsleere Leidenschaft, die sich daran genügen ließ, von weitem zu brennen wie eine Armenhäusler-Kerze auf der letzten Stufe des Altares. Das Dasein nahm indessen seinen Fortgang, dem äußeren Anschein nach immer das nämliche bleibend, gleichgiltig gegen diese stummen Dramen, und so gelangte man schließlich zu den ersten September-Tagen. Die Königin machte, umflossen von einer herrlichen Sonne, die mit ihrer glücklichen Geistesstimmung im vollen Einklange stand, gefolgt von dem Herzog, von Elysée, von Madame de Silvis, welchen infolge der Verabschiedung der kleinen Prinzessin der Dienst als Ehrendame zugefallen war, ihren üblichen Spaziergang nach dem Déjeuner. Sie zog ihre ganze Gesellschaft mit sich durch die schattigen, von Epheu umsäumten Gänge des kleinen englischen Parkes, drehte sich während des Ganges um, ein Wort, eine Rede mit jener entschiedenen Grazie, die ihrem weiblichen Liebreiz keinen Abbruch that, hinzuwerfen. An diesem Tage war sie ganz auffallend lebhaft und lustig. Man hatte am Morgen aus Illyrien Nachrichten bekommen, welche den ausgezeichneten Eindruck meldeten, den die Abdankung im Lande hervorgebracht, und daß der Name Leopolds des Fünften schon volkstümlich sei im ganzen Lande. Elysée Méraut triumphierte. »Habe ich es Ihnen doch gesagt, mein Herr Herzog, daß sie sich an ihrem kleinen König wieder begeistern würden!... Die Kindheit, sehen Sie, verjüngt alle Liebe wieder... Es verhält sich damit wie mit einer neuen Religion, die wir Ihnen eingeflößt haben mit allen ihren Unbefangenheiten, all ihrer Glut und ihrem Feuer...« Und indem er sein langes Haar mit beiden Händen, mittels einer heftigen, ihm eigentümlichen Gebärde in die Höhe strich, stürzte er sich in eine von jenen beredten Stegreif-Reden, die ihn zum völlig andren Menschen wandelten, wie der geduckte, in Lumpen auf dem Boden gekauerte Araber im Nu nicht wieder zu erkennen ist, sobald er auf dem Pferde sitzt. »Nun haben wir's!« sagte ganz leise die Marquise mit erschöpfter Miene, während die Königin, um besser zu verstehen, sich an den Rand der Allee in den Schatten einer Trauer-Esche setzte. Die andren verweilten respektvoll in stehender Haltung rings um sie, nach und nach aber lichtete sich der Kreis der Zuhörer. Frau von Silvis zog sich zuerst zurück, um, wie sie es niemals zu thun ermangelte, in auffälliger Weise ihre Verwahrung einzulegen; der Herzog wurde, da irgend welcher Dienst seine Gegenwart erheischte, hinweggerufen. So blieben sie allein. Elysée gewahrte diesen Umstand nicht, setzte aufrecht im strahlenden Lichte der Sonne, die auf seinem, von Begeisterung verzückten edlen Gesichte wie auf den Halbflächen eines harten Steines spielte, stehend seine Rede fort. Er war in solchem Augenblicke schön von einer packenden, unwiderstehlichen geistigen Schönheit, die Friederiken mit zu großer Plötzlichkeit traf, als daß sie ihre Bewunderung hätte verhehlen können. Sah er dies in ihren grünen Augen? Empfing er jene Erschütterung zurück, die ein zu lebendiges und zu nahes Gefühl mit Schmerz und Weh über uns bringt? Er stotterte erst, dann brach er jäh ab, am ganzen Leibe erbebend, heftete auf die in geneigter Haltung verharrende Königin, auf ihr von zitterndem Schimmer übersäetes Goldhaar, einen langsamen Blick, einen Blick, welcher brannte so heftig wie ein Geständnis... Friederike fühlte, wie diese Flamme auf sie herniederglitt gleich einer Sonne, die stärker blendete, stärker verwirrte als jene andere Sonne; aber sie fand die Kraft nicht in sich, sich hinwegzuwenden. Und als Elysée sich, von Entsetzen gepackt vor dem, was ihm auf die Lippen heraufstieg, jäh von ihr losriß von ihr, die ganz durchdrungen war von diesem Manne, von seiner magnetischen Kraft, da schien es ihr, als ob das Leben plötzlich von ihr wiche; sie fühlte sich durch eine Art von sittlicher Ohnmacht übermannt und blieb auf dieser Bank sitzen, zitternd vor Schwäche, niedergeschmettert... Lilafarbene Schatten schwebten über dem Sande der gewundenen Pfade. Das Wasser rieselte aus den Schalen des Springbrunnen-Beckens, als wohlthätige Erfrischung an diesem schönen Sommer-Nachmittage. Man vernahm in dem in voller Blüte stehenden Garten bloß weit und breit ein Schwirren von Flügeln, ein Summen von Atomen über duftenden Körben und das kurze, jäh abgerissene Geknatter des Karabiners, mit welchem der kleine Prinz schoß, vom Schießplatze herüber, der sich am Ende des Parkes, nach dem Wäldchen zu, befand. Inmitten dieser Ruhe kam die Königin wieder zum Bewußtsein ihrer selbst zurück das erste, was sie empfand, war eine Regung des Zornes, des Unwillens, der Auflehnung. Sie fühlte sich von diesem Blicke betroffen, beleidigt.. War das wohl möglich? träumte sie auch nicht?... Sie! die stolze Friederike, die im blendenden Glanze der Hoffestlichkeiten ehedem so viel Huldigungen, die sich ihr zu Füßen gelegt hatten, verschmähte Huldigungen der edelsten, erlauchtesten Herren! sie, die den Stolz ihres Herzens so hoch und heilig hielt! sie! sich an einen Habenichts wegwerfen, an diesen Sohn des Volkes! Thränen des Stolzes brannten ihr in den Augen. Und in dem Wust der Ideen, der sie überraste, summte ihr ganz leise, ganz leise ein prophetisches Wort des alten Rosen im Ohre: »Die Bohème des Exils«... Ja! das Exil allein mit seinen entehrenden, erniedrigenden Verquickungen hatte diesem untergeordneten Subjekt erlauben können... Aber je mehr sie ihn mit Ausbrüchen ihrer Verachtung überhäufte, desto mehr stürmte die Erinnerung der von ihm geleisteten Dienste auf sie ein. Was würden sie geworden sein ohne ihn? Sie entsann sich der Erregung die sie ergriff, als sie ihm zum ersten male begegnet war, sie entsann sich, wie sie frisches Leben durch ihre Adern rinnen fühlte, als sie ihn hörte. Wer hatte denn seitdem, während der König seinen Vergnügungen nachging, die Leitung ihrer Geschicke in die Hand genommen? Wer hatte die Ungeschicklichkeiten, wer die verbrecherischen Handlungen wieder gut gemacht? Und diese unermüdliche Hingabe und Liebe eines jeglichen Tages soviel Talent, soviel Begeisterung und Feuer, all dies herrliche Genie, das sich einer Aufgabe der Verleugnung, der Entsagung unterzog, bei der kein persönlicher Nutzen, kein Ruhm einzuheimsen war! Das Resultat all dieses Denkens und Mühens war dieser kleine König, der wirklich und wahrhaftig König war, auf den sie so stolz war, der künftige Herr und Gebieter über Illyrien! Und da da ward sie von einem unbezwinglichen Ansturm von Zärtlichkeit, von Erkenntlichkeit gepackt; ein Gedanke an die Vergangenheit, in Erinnerung derjenigen Minute, als sie sich im Walde von Vincennes auf die Kraft Elysée's gestützt hatte und da da schloß die Königin die Augen, wie an jenem andern Tage da überließ sie sich köstlichem Sinnen und Denken über dieses große, so hingebungs- und liebevolle Herz, das sie gegen das ihrige schlagen zu hören vermeinte. Da plötzlich nach einem Schuß, dessen Knall die Vögel in dem Laube aufscheuchte ein lauter Schrei einer von jenen Kindesschreien, wie sie die Mütter während ihrer von Sorgen und Unruhen erfüllten Nächte im Traume hören ein schrecklicher Angst- und Hilferuf, der den ganzen Himmel verfinsterte, weitete, den Garten im Maß und Verhältnis eines unermeßlichen Schmerzes umwandelte... Es wurden beschleunigte Tritte auf den Gängen des Gartens vernehmlich... die Stimme des Lehrers und Erziehers rief rauhen, heiseren, veränderten Klanges dort unten, neben dem Schießplatze... Friederike war dort mit einem einzigen Sprunge... Es war im grünen Schatten eines Hagebuchen-Hains eine Parktiefe, bekleidet, tapeziert mit Hopfen, Glycinen und all der hochwachsenden Flora der etwas fetten Bodengegenden. Pappdeckel-Stücke hingen dort in dem Gitterwerk der Parkumfriedigung, durchbohrt von kleinen, regelmäßigen und grausamen Löchern... Und dort dort sah sie ihr Kind am Erdboden liegen, auf den Rücken gestreckt, ohne daß es eine Bewegung machte, mit weißem, nach dem rechten Auge hin geröteten Angesicht, und dieses rechte Auge selbst war geschlossen, war verletzt ein Paar Blutstropfen perlten aus ihm heraus wie Thränen... Elysée, der neben dem Kinde auf dem Gange kniete, schrie unter Händeringen: »Ich!... ich!... ich!«... Er war hier vorbei gegangen... Königliche Hoheit hatten den Wunsch geäußert, daß er mit ihrer Flinte Probe schieße, und durch ein entsetzliches Verhängnis war die Kugel von irgend einem Eisenstabe zurückgeprallt... Aber die Königin die Königin hatte für ihn kein Ohr ohne einen Schrei zu thun, ohne eine Klage verlauten zu lassen, ganz ihrem Instinkte als Mutter, als rettender Engel unterthan, nahm sie das Kind auf, barg es unter ihre Robe, trug es hinüber nach dem Springbrunnen-Becken. Mit der Hand die Hausdienerschaft zurückstoßend, die sich zu eiliger Hilfe um sie drängte, stützte sie ihre Knie, auf welchem der fühllose Körper des kleinen Königs sich streckte, auf die steinerne Brunnenfassung, hielt unter die überströmende Schale das blasse, angebetete Antlitz, auf welchem die blonden Haare unheimlich fest klebten, bis zu dem blau angelaufenen Augenlide und jenem unheimlichen roten Flecken herab rieselten, welchen das Wasser fortwusch, das tröpfchenweis, immer röter sich färbend, zwischen den Wimpern sickerte. Sie sprach nicht sie dachte nicht einmal. In ihrer zerknitterten, mit Wasser übergossenen Batist-Robe, die prall an ihrem herrlichen Leibe saß wie über einer Marmor-Najade, hing sie über ihr Kleines gebeugt und lauschte... lauschte... Welch eine Minute! welch ein Harren! . . . Nach und nach, wieder belebt durch die Wassertaufe, erbebte der Verwundete, reckte seine Glieder wie um zu erwachen, und begann alsbald zu ächzen, zu seufzen. »Er lebt!« rief sie mit einem Schrei trunkener Wonne. Und nun – nun sah sie, das Haupt erhebend, sich gegenüber, Méraut, dessen Leichenblässe, dessen Zerknirschtheit um Gnade zu betteln schienen. Die Erinnerung dessen, was auf der Bank sich zugetragen, überkam sie wieder, gesellte sich zu der andern Erinnerung an das entsetzliche Staunen ob der Katastrophe, an ihre, so rasch an dem Kinde gezüchtigte Schwäche... Ein Grimm, eine Wut packte sie gegen diesen Menschen, gegen ihr eignes Selbst... »Hinweg mit Dir! hinweg!... Daß ich Dich nie mit meinem Blick mehr sehe!« rief sie ihm zu mit einem entsetzlichen Blicke... Ihre Liebe war's, ihre Liebe die sie vor aller Ohren bekannte sich selbst zur Strafe, sich selbst zur Heilung ihre Liebe, die sie ihm als Schimpf mitten hinein in das Angesicht schleuderte in der Unverschämtheit dieses Duzens. Sechszehntes Kapitel. Die schwarze Kammer. »Es war einmal in dem Lande Oldenburg eine Dame, die hieß die Gräfin von Ponikan, und der hatten die Zwerge an ihrem Hochzeitstage drei kleine Brote aus Gold gegeben..« Frau von Silvis ist's, die in der Dunkelheit einer schwarzen Kammer, hinter verschlossenen Fenstern, deren Vorhänge bis auf die Erde hinunter reichten, sitzt und erzählt. Der kleine König liegt ausgestreckt auf seinem Lager, die Königin sitzt neben ihm, wie ein Gespenst, und legt Eis auf diese mit einer Binde bedeckte Stirn, Eis, das sie aller zwei Minuten bei Nacht und bei Tage seit einer langen, langen Woche erneuert. Wie hat sie gelebt, ohne Schlaf, fast ohne Nahrung, auf ihrem Sitze neben diesem schmalen Pfühle? während sie in ihren Händen die Hände ihres Sohnes hielt in den Pausen, die während der Erneuerung der Umschläge eintraten, und mit der Frische des Eises das Fieber milderte, das sie in diesem matten Pulse des Kranken erspäht und fürchtet? Der kleine König verlangt, daß seine Mutter bei ihm weile, immer bei ihm weile. Diese Nacht, die über dem großen Zimmer lagert, bevölkert sich für ihn mit unheimlichen Schatten, mit erschreckenden Erscheinungen. Dann hält ihn die Unmöglichkeit, sich mit Lesen zu beschäftigen, oder das geringfügigste Spielzeug anzurühren, in einer Schlaf- und Starrsucht, über welche sich Friederike Unruhe macht. »Hast Du Schmerzen?« frägt sie ihn aller Augenblicke. »Nein . . . ich langweile mich bloß . . .« antwortet das Kind mit weicher Stimme und um diese Langweile zu verjagen, um die traurigen Schatten des Zimmers mit leuchtenden Phantasie-Gebilden zu bevölkern, hat Madame von Silvis das phantastische Fabelbuch wieder aufgeschlagen, in welchem es von alten deutschen Schlössern wimmelt, von Kobolden, die am Fuße des Erkers tanzen, wo die Prinzessin des blauen Vögleins harrt und ihre gläserne Kunkel abspinnt. Die Königin ist trostlos, wenn sie diese endlosen Geschichten anhört. Es scheint ihr, als ob man das Werk, das sie so mühsam geschaffen, zerschlisse, als ob sie der Zerbröckelung Stein um Stein einer schnurgeraden Säule anwohnte. Das ist's, was sie in der vor ihr liegenden Nacht erschaut, was ihr während der langen, langen Stunden ihres einsamen Aufenthalts in dem großen Zimmer vor Augen steht, da sie weit mehr bekümmert ist durch die Empfindung, ihr Kind wieder Frauenhänden überantwortet, wieder zu den Schwächen, die dem kleinen Zara eigentümlich waren, zurückgeführt zu sehen, als sie bekümmert ist über die Verletzung, über die Wunde selbst, deren ganzen Ernst, deren tiefe Tragweite sie noch nicht kennt. Als der Arzt auf einen Augenblick mit einer Lampe die gehäuften Schleier des Schattens zerreißt, die Binde aufhebt, mit einem Tropfen Atropin die Empfindsamkeit des getroffenen Auges wachzurufen versucht, beruhigt sich die Mutter dadurch, daß sie sieht, daß der kleine Kranke keinen Schrei gethan hat, seine Arme nicht vor sich streckt, um sich zu verteidigen, um dem Arzte zu wehren. Es wagt niemand ihr zu sagen, daß dies im Gegenteil das Abgestorbensein des Organs bedeute, diese Empfindungslosigkeit, dieses Schweigen aller Nerven. Die Kugel hat in ihrem Rückprall, obgleich sie ihre Kraft verloren hatte, doch noch die Netzhaut des Auges treffen und zerreißen können. Das rechte Auge ist unwiderruflich verurteilt. Alle Vorsichtsmaßregeln, die man ergreift, reichen nur hin, das andre zu erhalten, das durch jene organische Wechselbeziehung bedroht ist, die aus dem Blicke ein einziges Werkzeug mit zwiefachem Strange macht. Ach! wenn die Königin Kunde besäße von der Ausdehnung ihres Unglücks! sie, die fest und zuversichtlich glaubt, daß der Unglücksfall dank ihrer Fürsorge, dank ihrer wachsamen Zärtlichkeit, keine Spur hinterlassen wird die schon dem Kinde erzählt von dem ersten Ausgange, den sie zusammen machen werden! »Leopold! wird es Dir recht sein, wenn wir einen schönen Spaziergang im Walde machen?« Ja! Leopold wird recht glücklich darüber sein! Er wünscht, daß man ihn dort hinunter führe, auf jenes Jahrmarktsfest, wohin er ein einziges mal gegangen ist zusammen mit seiner Mutter und dem Erzieher. Und plötzlich unterbricht er sich in seiner Rede: »Wo ist er denn, Herr Elysée? . . . Warum kommt er denn gar niemals zu mir?« Man antwortet ihm, daß sein Lehrer sich auf Reisen befinde und zwar für lange Zeit. Diese Erklärung genügt ihm. Denken greift ihn an, ermüdet ihn; Reden auch. Und er verfällt wieder in seine stumpfe Gleichgiltigkeit, kehrt wieder zurück nach dem schwimmenden, schwebenden Lande, das die Kranken vor ihre Blicke herauf rufen, indem sie ihre Träume mit den Orten verquicken, die ihre Umgebung bilden, mit den festen Außenseiten der Dinge zusammenbringen, deren Bewegung und Geräusch man für sie fürchtet. Man kommt herein, geht hinaus; Gezischel, heimliche Tritte kreuzen einander und antworten einander. Die Königin hört nichts, beschäftigt sich mit nichts als mit ihren Umschlägen. Manchmal stößt Christian die Thüre auf, die wegen der Hitze, die in diesem unter Klausur gehaltenen Raume herrscht, immer halb angelehnt steht, und sagt seinem Sohne mit einer Stimme, die er zu lustigem, sorglosem Klange zwingt, irgend einen liebenswürdigen Scherz, um ihn zum Lachen oder zum Sprechen zu bringen. Aber seine Stimme klingt schrill hinein in die frische Katastrophe, und der Vater verschüchtert das Kind. Dieses kleine verschwommene Gedächtnis, das der Knall des Flintenschusses mit dem Gewirr seines Rauches erfüllt hat, bewahrt von den verwichenen Vorgängen ein alle andern überwiegendes Moment: das sind die verzweifelten Stunden, in denen die Königin wartend gesessen hatte; das sind ihre empörten Reden an jenem Abend, an welchem wenig fehlte, daß sie sich mit ihm drei Stockwerke hinunter gestürzt hätte. Er antwortet ganz leise, mit zusammengepreßten Zähnen. Da wendet Christian das Wort an seine Frau: »Du solltest Dich ein wenig ruhen, Friederike! Du wirst Dich noch umbringen... Im Interesse des Kindes selbst...« Eindringlich flehend, umschließt mit scharfem Drucke die Hand des kleinen Prinzen diejenige seiner Mutter, und sie beruhigt ihn auf die nämliche, beredte und stumme Weise: »Nein! nein! habe keine Furcht! ich werde Dich nimmer verlassen!« Sie wechselt mit ihrem Manne ein paar Worte in kaltem Tone – dann überläßt sie ihn seinen unheimlichen Betrachtungen. Der seinem Sohne zugestoßene Unglücksfall bildet für Christian das vervollständigende Glied zu einer wahren Reihenfolge von Blättern in Schwarz. Er fühlt sich mutterseelenallein in der Welt, verzweifelt, verblüfft, betäubt. Ach! wenn die Frau ihn doch wieder aufnehmen wollte!... Er empfindet jenen Drang der Schwachen im Unglück, sich an jemand anzuschließen, das Haupt gegen eine befreundete Brust zu lehnen, um sich durch Thränen, durch Bekenntnisse Erleichterung zu schaffen, um nachher mit desto größerer Leichtigkeit in neuen Festen, zu neuen Schurkenstreichen zurückzukehren. Aber Friederikes Herz ist ihm verloren für ewig; und nun macht sich auch das Kind seinen Liebkosungen abspenstig. Er sagt sich dies alles, während er aufrecht am Fuße des Bettes steht in der Nacht der schwarzen Kammer, während die Königin, achtsam auf die Minuten, das Eis in die Schüssel legt, es auf die genäßte Binde drückt, die Binde aufhebt und einen Kuß auf die kleine, kranke Stirne drückt, um ihre Temperatur zu messen während Frau von Silvis mit ernstem Tone dem rechtmäßigen Herrscher der Königreiche Illyrien und Dalmatien die Geschichte erzählt von den Brötchen aus Gold. Ohne daß man von seinem Fortgange mehr Wesens macht als von seinem Eintritte, verläßt Christian das Zimmer, irrt trübsinnig durch das schweigsame und durch den alten Rosen in seiner strengen Ordnung, in seinem alltäglichen Ceremoniell erhaltene Haus durch den alten Rosen, den man in kerzengerader Haltung, mit wackelndem Oberkörper zwischen dem königlichen Wohnhause und dem Dienerschaftsgebände und der Intendantur aus- und eingehen sieht. Das Treibhaus, der Garten fahren fort zu grünen und zu blühen; die von der Wärme neubelebten Seidenäffchen füllen ihren Käfig mit Quietschen und Schreien und Sprüngen. Der Pony des Prinzen, den der Stallknecht am Zaume spazieren führt, macht sein tägliches Pensum von hundert Schritten in dem durch eine Strohmatte gedämpften Hofe, bleibt an der Freitreppe stehen, wendet traurig seine nußbraunen Augen nach der Seite hin, von wo ehedem der kleine König herunter gestiegen kam. Der Anblick, den das Hotel zeigt, ist immer elegant und behaglich; aber man wartet, man hoffte es ist ein Aufschub eingetreten in den täglichen Verlauf des Lebens ein Schweigen gleich jenen, die auf einen starken Wetterschlag folgen. Das ergreifendste, packendste sind jene drei unter hermetischem Verschlusse befindlichen Jalousieen dort oben die verschlossen bleiben, auch wenn alles andere sich der Luft und dem Lichte öffnet, die das Geheimnis des Schmerzes und der Krankheit in sich schließen. Méraut, der sich, seitdem er aus dem königlichen Hause vertrieben worden, dicht in der Nähe einquartiert hat, und nicht aufhört um das Haus herumzustreichen, Méraut blickt voll tiefster Verzweiflung zu diesen geschlossenen Fenstern herauf. Sie sind seine Pein, seine Qual, sein Fegefeuer. Tag um Tag kommt er dorthin zurück voll der Furcht, diese Fenster eines Tages weit geöffnet zu finden, um zu ihnen heraus den Qualm einer erloschenen Kerze verdunsten zu lassen. Den Leuten, die gewöhnlich in diesem Teile von Saint-Mandé verkehren, fängt er an bekannt zu werden. Die Frau, die dort mit gerollten Oblatenkuchen handelt, läßt ihre Handklapper ruhen, wenn dieser lange Gesell mit dem kreuzunglücklichen Gesichte vorüber geht; die Kugelspieler und der in seinem Holzverschlage stationierte Tramway-Wärter halten ihn für einen Narren; und wahrlich! seine Verzweiflung schlägt auch in Narrheit um. Nicht der vom Liebeswahn Befallene ist's, der in ihm leidet. Die Königin hat wohlgethan daran, daß sie ihn von sich wies; er hat nichts andres verdient als dies; und die Leidenschaft ist verschwunden, verraucht in diesem großen Unstern, der seine Hoffnungen vernichtet hat; nachdem er sich in dem Traume gewiegt hatte, einen König zu schaffen, nachdem er sich dieser erhabenen Aufgabe unterzogen hat und nun alles, alles vernichtet alles zertrümmert sehen muß zertrümmert durch seine eigenen Hände! Der Vater und die Mutter, die mehr getroffen waren in ihrer Zärtlichkeit, waren in keiner schlimmeren Verzweiflung als er. Es blieb ihm nicht einmal jener Trost, seine Fürsorge aufgewandt, seinen Eifer stündlich bewiesen zu haben kaum daß er sich dann und wann einige Kunde verschaffen konnte, denn die Dienerschaft trug einen finstern Groll gegen ihn des unglücklichen Vorfalls wegen im Herzen. Indessen erzählte ihm ein im Wäldchen stationierter Polizei-Wachtmeister, der zu dem Hause Zutritt hatte, von dem Gerüchte, das unter der Dienerschaft umlief und das durch den, den Leuten aus dem Volke eigenen Drang nach dem Unheimlichen und Schauerlichen noch verstärkt worden war. Bald war der kleine König hiernach erblindet, bald von einem Gehirnleiden befallen, oder es hieß, die Königin hätte den Entschluß gefaßt, Hungers zu sterben; und der traurige Elysée fristete sein Leben einen Tag lang unter diesen trostlosen Gerüchten hin, irrte durch den Wald, so lange ihn die Beine tragen konnten, kam dann zurück, um am Waldessaume zu lauern, im hohen, blühenden Grase, das des Sonntags von Spaziergängern zertreten ward, in der Woche aber vereinsamt und öde lag, ein echter ländlicher Winkel. Einmal, gegen Sonnenuntergang, hatte er sich in jene selbige Wiesenfrische hingestreckt, die Augen nach dem Hause dort unten gerichtet, wo in dem Gewirr der Zweige die Strahlen der scheidenden Sonne verlöschten; die Kugelspieler verließen ihre Plätze, die Wächter fingen an, ihre abendliche Runde zu machen; die Schwalben zogen in großen Kreisen über das höhere Gras hin, hinter den Mückenschwärmen her, die sich mit der Sonne hernieder ließen. Die Stunde war traurig und trüb. Elysée versenkte sich, müde an Geist und an Körper, tief hinein in diese Traurigkeit und Trübnis er ließ alle seine Erinnerungen an sich vorüberziehen, ließ alle seine Ängste und Bedrängnisse in seinem Herzen zu Worte kommen, wie es geschieht in jenen Augenblicken, da sich die Natur in tiefes Schweigen versenkt, da unsre inneren Kämpfe hoffen dürfen, sich vernehmlich zu machen. Plötzlich traf sein nichts suchender Blick vor sich auf die im schlechten Gleichgewicht gehaltene Gangweise, auf den Quäkerhut, die weiße Weste und die Gamaschen Boscowichs. Der Herr Rat bewegte sich im raschen Laufe vorwärts, mit kurzen, trippelnden Frauenschritten, war sehr erregt und hielt in der Hand mit ängstlicher Sorge einen Gegenstand, der in sein Taschentuch gewickelt war. Er schien nicht verwundert zu sein, daß er Elysée's ansichtig wurde, sprach ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, mit dem natürlichen Wesen und in dem natürlichsten Tone von der Welt. »Mein lieber Méraut! Sie sehen einen recht zufriedenen Menschen vor sich!« »Ach du mein Gott! . . . Was denn! . . , Betrifft es den Zustand unsres königlichen Herrn?« Der Pflanzensammler schnitt ein Gesicht, wie es den Umständen angepaßt war, als Antwort in dem Sinne, daß Seine königliche Hoheit sich noch immer so befände, wie sonst; noch immer in der nämlichen Ruhe verharren, noch immer in der schwarzen Kammer verweilen müsse daß noch immer die nämliche Ungewißheit herrsche eine Ungewißheit so schmerzlich! o, so sehr, so sehr schmerzlich! Dann setzte er, hastig, plötzlich, aus dem Zusammenhange gerissen, hinzu: »Erraten Sie, was ich hier trage? . . . Nehmen Sie sich ja in Acht! Es ist gebrechlich, Sie werden die Erde davon losmachen... Einen Stengel von der Waldrebe... aber nicht von der gemeinen Waldrebe der Gärten hierzulande... Clematis Dalmatica ... eine ganz besondere Zwergart, die man nur bei uns zu Lande, dort unten im Süden, antrifft... Ich zweifelte zuerst zauderte ich stöberte ihr seit dem Frühjahr nach... Aber sehen Sie nur den Stengel, die Blumenkrone! riechen Sie nur diesen Duft nach zerstoßenen Mandeln...« Und während er mit unsäglicher Vorsicht sein Taschentuch auseinander faltete, brachte er eine zierliche, zusammengedrehte Pflanze mit milchichtweißer Blüte, die ihre Blässe bis zum Grün der Blätter hin fortsetzte, sich mit ihnen fast zu einem Ganzen verschmolz, zum Vorschein. Méraut versuchte ihn auszufragen, ihm andere Kunde zu entreißen; aber der wahnumnachtete Narr verharrte völlig bei seiner Blumen-Leidenschaft, bei seiner Entdeckung. Es war wirklich ein höchst seltsamer Zufall, daß dieses kleine Pflänzchen als einziges von seiner Gattung hier, sechshundert Meilen von seinem Vaterlande fern, gewachsen war. Die Blumen haben ihre Geschichte; aber sie haben auch ihren Roman. Und dieser Roman ist's wahrscheinlich, den der biedre Mensch sich hersagte in der Meinung, er erzähle ihn Méraut. »Zufolge welcher wunderlichen Bodenlaune, zufolge welches geologischen Geheimnisses hat dieses kleine, reiselustige Samenkörnchen am Fuße einer Eiche von Saint-Mandé keimen können? Der Fall zeigt sich zuweilen. So hat ein mir befreundeter Botaniker in den Pyrenäen eine Blume aus Lapland gefunden. Das hängt mit Luftströmungen zusammen, mit an gewissen Stellen verirrten Bodenschichten... Aber das Wunder in unsrem Falle ist, daß dieses Pflanzen-Endchen unmittelbar in der Nachbarschaft seiner ebenfalls aus dem Lande verwiesenen Landsleute Wurzel gefaßt hat und aufgegangen ist... Und sehen Sie doch nur, wie es sich wohl befindet... Kaum ein wenig verblaßt durch das Exil, sondern mit allen seinen Sprößchen in voller Bereitschaft zu ranken...« Er stand da im Dämmerlichte des scheidenden Tages, seine dalmatinische Waldrebe in der Hand haltend, stumm und starr vor glückseliger Betrachtung. Und plötzlich sagte er: »Alle Wetter auch! Es wird spät... und nun heißt's machen, daß man nach Hause kommt... Leben Sie wohl!« »Ich gehe mit Ihnen,« sagte Elysée. Boscowich blieb verblüfft stehen. Er hatte dem Auftritte beigewohnt, wußte, auf welche Art der Hofmeister weggegangen war, wenn er anderseits auch seine Entlassung nur dem Unglücksfalle zuschrieb... Was würde man denken? Was würde die Königin sagen? »Es wird mich niemand sehen, lieber Herr Rat... Sie werden mich von der Avenue aus herein lassen, und ich ich werde mich verstohlen bis zu dem Zimmer hinschleichen...« »Wie! Sie wollen . . .?« »Mich auf eine Minute in die Nähe von Majestät begeben ihn eine Minute nur sprechen hören ohne daß er ahnen soll, daß ich zugegen« Der schwache Boscowich that einen Ausruf über den andern, wehrte und sträubte sich; aber er ging trotzdem voran, getrieben von dem Verlangen Elysée's, der ihm hinterher schritt, ohne sich um seine Einwendungen und Vorhaltungen zu bekümmern. O! welche Erschütterung, als die kleine Pforte, die nach der Avenue hinausführte, sich in ihren Angeln drehte, und Méraut sich wieder an jener Stelle befand, wo sein Leben zermalmt, zerschmettert lag! »Warten Sie hier auf mich,« sagte der Rat, am ganzen Leibe bebend »ich werde Ihnen Nachricht bringen, sobald die Dienerschaft beim Essen ist... Auf diese Weise werden Sie niemandem auf der Treppe begegnen...« Man hatte seit dem verhängnisvollen Tage keinen Fuß mehr nach dem Schießplatze hin gesetzt. In den von wildem Laufen zertretenen Rasenrändern, in dem niedergestampften Sande spielte der Vorgang sich noch immer ab. Die nämlichen, mit Löchern durchsiebten Pappdeckel-Stücke hingen noch an den Gittern und Zäunen das Wasser floß aus der Schale gleich einem Bronnen von sprudelnden Thränen, deren Färbung unter dem Lichte der traurigen Dämmerstunde ins Graue spielte und es schien Elysée, als klänge ihm auch die Stimme der schluchzenden Königin in die Ohren und dieses »Hinweg! hinweg mit Dir!« nicht minder, das sich ihm in der Erinnerung noch anzuhören schien wie die Empfindung einer Verwundung und einer Liebkosung zugleich. Als Boscowich zurückkam, glitten sie an den Gebüschen entlang bis hin zum Hause. In dem nach dem Garten führenden Glasgange, welcher als Studierzimmer diente, lagen die Bücher noch in Reihe und Ordnung auf dem Tische, standen die beiden Sessel des Lehrers und Schülers in Bereitschaft harrten Bücher und Sessel in grausamer Trägheit der Dinge der nächsten Lektion. Es war so peinigend, so nagend, so herzbrechend, wie die tiefe Stille in den Räumen, wo das Kind fehlt, das sang und trällerte und herumrannte, das an zehnmal am Tage ihren engen Raum unter Lachen und Singen durchmaß. Von der hell erleuchteten Treppe aus führte ihn Boscowich der voraus ging, in das dem königlichen Zimmer voranliegende Zimmer, das dunkel war wie jenes, um auch den schwächsten Lichtspalt am Eindringen zu verhindern. Eine Nachtlampe brannte allein in einem Alkoven-Winkel, zwischen Arzneiflaschen und Medizinen. »Die Königin und Frau von Silvis sind bei ihm... Reden Sie vor allen Dingen kein Wort... Und kommen Sie rasch zurück...« Elysée hörte ihn nicht mehr. Er stand schon auf der Schwelle, schlagenden Herzens, andächtig gehobener Stimmung. Seine ungeübten Blicke vermochten den dichten Schatten nicht zu durchdringen. Er unterschied, erkannte nichts, hörte aber, aus dem Hintergrunde hervorkommend, eine Kinderstimme, die das Abendgebet hersagte und nachsang, und die man nur mit Schwierigkeit als diejenige des kleinen Königs wiedererkennen konnte, so müde, so verdrießlich, so gelangweilt klang sie. Zu einem der zahlreichen Amen gelangt, stockte das Kind in seiner Rede und fragte dann: »Mutter! muß ich auch das Gebet der Könige noch hersagen?« »Ja gewiß doch, mein süßer Liebling,« antwortete die schöne ernste Stimme, deren Klang auch ein andrer geworden war, denn an den Rändern seiner Wellen schwankte, erzitterte er leicht, wie ein von tropfenweis destilliertem Scheidewasser angefressenes Metallstück. Der Prinz zauderte mit seiner Antwort. Dann sagte er: »Ich glaubte bloß . . . Mir kam es so vor, als ob das jetzt der Mühe nicht mehr lohnte...« Die Königin fragte lebhaft: »Und warum denn das?« »O!« sagte das königliche Kind mit einem Tone, der einen greisenhaften Klang, einen Klang höhern, über seine Jahre hinausreichenden Verständnisses an sich hatte »o! ich denke nur, ich hätte jetzt wohl Ursache, Gott um gar vieles mehr zu bitten als was in diesem Gebet enthalten ist...« Aber mit einer kräftigen Regung seines gutmütig gearteten Knaben-Naturells setzte er alsbald hinzu: »Gleich, gleich, liebe Mama! sobald Du es haben willst.« Und langsam, mit ergebungsvoller und unsicher lallender Stimme begann er: »O Du mein Herr! Herr! der Du mein Gott bist, Du hast Deinen Diener auf den Thron gesetzt; aber ich bin ein Kind, das sich selbst nicht zu lenken und leiten weiß, und bin doch betraut mit der Führung und Lenkung des Volks, das Du Dir auserlesen hast...« Am Ende des Zimmers ein ersticktes Schluchzen – die Königin bebte »Wer ist da? . . . Bist Du es, Christian?« setzte sie hinzu zu dem Geräusche, das die Thüre machte, als sie sich wieder schloß.     Gegen Ausgang der Woche gab der Arzt die Erklärung ab, daß man den kleinen Kranken nicht länger mehr zur Qual der schwarzen Kammer verurteilen könnte, daß es nun an der Zeit wäre, ein bischen Licht hereinzulassen. »Schon!« sagte Friederike . . . »Man hatte mir doch ganz bestimmt gesagt, daß es länger als vier Wochen dauern würde.« Der Arzt war nicht imstande, ihr die Antwort zu geben, daß diese Einsparung deshalb unnötig würde, weil das Auge erstorben, gänzlich erstorben und alle Hoffnung auf Aufleben desselben ausgeschlossen sei. Er zog sich durch eine jener unbestimmten, nichtssagenden Phrasen aus der Verlegenheit, zu deren Geheimnis in der Barmherzigkeit dieser Leute der Schlüssel liegt. Die Königin verstand den Sinn seiner Rede nicht, und niemand von ihrer Umgebung besaß die Kraft, ihr die Wahrheit zu sagen. Man wartete auf den Pater Alpheus, denn die Religion besitzt das Privilegium für alle Wunden, selbst für solche, welche sie nicht heilen kann. Mit seiner Grobheit und Derbheit, mit seinen rauhen Reden führte der Mönch, der sich des Wortes Gottes wie eines Knüppels bediente, diesen fürchterlichen Schlag, unter welchem sich alle stolzen Ideen und Pläne Friederikens beugen mußten. An dem Tage, da das Unglück geschah, hatte die Mutter gelitten, war durch das Geschrei, durch die Ohnmacht, durch das rinnende Blut des armen Kleinen in ihren zartesten Fibern getroffen worden. Dieser zweite Schmerz richtete sich unmittelbarer gegen die Königin. Ihr Sohn ein Krüppel! ihr Sohn entstellt fürs Leben! Sie, die ihn für den siegreichen Einzug so schön sehen wollte, sie sollte diesen gebrechlichen Knaben dem illyrischen Volke zuführen! Sie verzieh es dem Arzte nicht, daß er sie hintergangen hatte. Es würden also die Könige auch im Exil immer Opfer ihrer Größe sein und der menschlichen Feigheit!? Um den zu jähen Übergang von der Dunkelheit zum Lichte zu vermeiden, hatte man über die Fenster grüne Sarsche gespannt. Dann wurden die Fenster wieder der freien Luft geöffnet, und als die Darsteller dieses grausigen Dramas imstande waren, sich im hellen Tageslichte zu betrachten, da geschah dies, um die während ihrer Abgeschlossenheit von der Außenwelt mit ihnen vorgegangenen Veränderungen zu taxieren. Friederike war alt geworden; sie war genötigt, ihre Haarfrisur zu ändern, ihre Haare gegen die Schläfe zurückzustreichen um die weißen Stellen zu verdecken. Der kleine König hielt, bleich wie der Kalk an der Wand, sein rechtes Auge unter dem Schutz einer Binde; und auf seinem ganzen Gesichte, das von kleinen Zuckungen, von frühreifen Runzeln gestreift war, schien die Last dieser Binde zu ruhen. Welch eine neue Lebensweise für ihn, dieses Blessierten-Leben! Bei Tische mußte er von neuem essen lernen, denn mit seinem schlecht geführten Löffel, seiner schlecht geführten Gabel stieß er sich, zufolge dieser Ungeschicklichkeit eines Sinnes, die alle andern Ungeschicklichkeiten nach sich zog, bald gegen die Stirne, bald gegen das Ohr. Er lachte mit seinem matten Lachen eines kranken Kindes, und die Königin wendete sich aller Augenblicke hinweg, um ihre Thränen zu verbergen. Sobald er nach dem Garten hinunter gehen konnte, stellten sich Ängste und Sorgen andrer Art ein. Er zauderte, strauchelte bei einem jeden Schritte, nahm links für rechts, fiel sogar oder wich wohl auch, ganz ängstlich und furchtsam geworden, beim geringfügigen Hindernis zurück, hielt sich mit den Händen an seiner Mutter fest, lief um die bekannten Parkwinkel herum, als seien es ebensoviel aufgerichtete Hindernisse. Die Königin suchte zum mindesten seinen Geist zu erwecken; aber die Erschütterung war zweifelsohne zu stark gewesen; mit dem Sehstrahl, hätte man meinen können, war auch ein Denkstrahl erloschen. Er begriff die Mühe, die sein Zustand seiner Mutter machte, recht gut, der arme Kleine; wenn er mit ihr sprach, hob er mit Mühe den Kopf, richtete einen schüchternen, linkischen Blick auf sie, wie um sie seiner Schwäche willen um Verzeihung zu bitten. Aber er vermochte eine gewisse physische, schlecht begründete Schreckhaftigkeit nicht zu überwinden. So verursachte ihm der Knall eines Schusses am Waldessaume, der erste laute Ton, den er seit dem Unglück vernommen, fast einen Anfall von epileptischen Krämpfen. Ebenso fing er das erste mal, als man ihm davon sprach, daß er auf dem Pony reiten solle, am ganzen Leibe zu zittern an. »Nein . . . nein! Ich bitte Dich,« sagte er und schmiegte sich eng an Friederike, »nimm mich mit in Deinem Landauer.. ich fürchte mich so sehr!« »Wovor denn?« »Ich fürchte mich . . . fürchte mich gar sehr . . .« Weder Gründe noch Bitten, nichts half dagegen. »Vorwärts denn!« befahl die Königin mit einer Regung von dumpfem Zorn »laßt anspannen!« Es war ein schöner Sonntag gegen Herbstes-Ausgang, der die Erinnerung an jenen Mai-Sonntag zurückrief, wo sie nach Vincennes hinausgefahren waren. Im Gegensatz zu jenem Tage war Friederike heute des Volkshaufens, der sich auf den Alleen und Rasenplätzen ausbreitete, höchst überdrüssig. Diese Lustigkeit unter freiem Himmel, diese Düfte nach Lebensmitteln widerten sie an. Jetzt stiegen für sie Elend und Traurigkeit aus allen diesen Gruppen und Scharen zur Oberfläche, so sehr sie auch lachten und scherzten, und so sonntäglich auch ihre Kleidung war. Das Kind bestrebte sich, die Falten aus diesem schönen Angesicht zu bringen, dessen freudlosen, bekümmerten Ausdruck er sich zuschrieb, und umgab seine Mutter mit leidenschaftsvollen, schüchternen Schmeicheleien und Liebkosungen. »Du bist mir böse, Mama, daß ich mich nicht auf den Pony gesetzt habe?« Nein! sie war ihm nicht böse! Aber, wie würde er es am Krönungstage machen, wenn seine Unterthanen ihn zurückrufen würden? Ein König müßte doch reiten können! Der kleine, runzlige Kopf drehte sich herum, die Königin mit seinem einzigen Auge anzusehen, und fragte: »Glaubst Du denn wirklich, daß sie mich noch wollen, so wie ich jetzt bin?« Sein Aussehen war sehr schwächlich, sehr greisenhaft. Friederike erzürnte indes ob dieses Zweifels, sprach von dem König von Westfalen, der ganz erblindet sei. »O! ein König zum Lachen . . . man hat ihn hinweggejagt.« Sie erzählte ihm nun die Geschichte von Johann von Böhmen, der in der Schlacht von Crécy seine Ritter aufforderte, ihn weit genug vorzuschaffen, daß er einen Schwertstreich führen könnte und so weit vor hatten sie ihn geführt, daß man sie am andren Morgen alle tot wiederfand, alle lagen sie hingestreckt im Sande, während ihre Pferde zusammen gekoppelt waren. »Das ist schrecklich . . . . schrecklich!« sagte Leopold. Und er saß da, von Schauder geschüttelt, in diese heldenmütige Erzählung versenkt gleichwie in ein Feenmärchen aus dem Munde der Frau von Silvis, so klein, so schwach, so gar gering als König! In diesem Augenblicke verließ der Wagen die Gestade des Sees, um in einen schmalen Gang einzubiegen, wo kaum Platz genug für die Räder war. Es stellte sich jemand, der dort ging, rasch auf die Seite ein Mann, den das Kind, durch seine Binde behindert, nicht sehen konnte, den aber die Königin die Königin! recht wohl erkannte. Ernst, mit harter Miene, mit einem Ruck ihres Kopfes zeigte sie ihm den armen Invaliden, der in seinen Kleidern schlotterte ihr beider zertrümmertes Hauptstück dieses Wrack, dieses arme Überbleibsel eines großen Geschlechts. Es war ihre letzte Begegnung; und Méraut verließ nun Saint-Mandé endgültig. Siebzehntes Kapitel. Fides, Spes. Der Herzog von Rosen setzte zuerst den Fuß über die Schwelle. »Es ist ein bischen feucht und kalt,« sagte er ernst... »Es ist hier seit dem Tode meines Sohnes nicht mehr gelüftet worden.« Es sank wirklich eine feuchte Kühle, etwas wie eine schimmelige Nässe aus einer Gräber-Gruft in dieses Erdgeschoß mit seiner Zimmerreihe von glänzender Pracht hinein, wo die Guzlahs so stolze Klänge angestimmt hatten und alles noch an dem nämlichen Platze verharrte, wie in der Ballnacht. Die beiden geschnitzten Sessel des Königs und der Königin standen noch auf ihrem, an das Orchester sich lehnenden Ehrenplatze, überragt von prachtvollen Notenpulten aus geschmiedetem Eisen. Stühle im Kreise gesetzt, bildeten aristokratische Sondersitze. Bänder und Überbleibsel von Blumen, verblichene leichte Gaze, der richtige Ballstaub, lag noch dichtgesät auf dem Parkett umher. Man fühlte es, wie geschwind die Tapeziere die Vorhänge, die Blätterguirlanden herabgenommen hatten, wie eilig sie es gehabt hatten, Thüren und Fenster in diesen Sälen wieder zu schließen, die von Festlichkeit in einem Trauerhause kündeten. Die nämliche Verödung war in dem mit abgestorbenem Laub dicht angefüllten Garten bemerklich der Winter war über ihn hingegangen, dann ein Frühjahr, ohne daß eine Hand in ihm gerührt worden war, das aber reich gewesen war an überwucherndem Unkraut. Zufolge einer jener Wunderlichkeiten des Schmerzes, der haben will, daß alles um ihn her leide und sich zu Ödenei und Unfruchtbarkeit wandle, hatte der Herzog nicht gestattet, daß Hand an den Garten gelegt würde; so wenig wie er darein willigen wollte, daß seine prächtigen Gemächer zu Wohnräumen benützt würden. Mit der Affaire von Gravosa hatte der Herzog, da Colette, die an den Folgen ihrer Niederkunft recht leidend war, sich mit ihrem kleinen W nach Nizza begeben hatte, auf seine einsamen Nachhausefahrten nach dem Kai von Anjou Verzicht geleistet und sich in dem Intendantur-Zimmer ein Bett aufschlagen lassen. Augenscheinlich ging er mit dem Gedanken um, heut oder morgen den Palast zu verkaufen, und fing auch bereits an, sich der prachtvollen Altertumsstücke zu entäußern, von denen es in den Räumen des Palastes wimmelte. Aus diesem Grunde geschah es denn heute, daß die entschlummerten venetianischen Spiegel, die sonst die Liebespaare der ungarischen Masurkas, das Gefunkel der Augäpfel und Kronleuchter widerstrahlten, heute in dem grauen und kalten Lichte eines Pariser Himmels die albernen Schattenrisse, die gierigen, lüsternen Augen, die entflammten Lippen des Vaters Leemans und des hohen Herrn Pichery zeigten, seines Genossen und Helfershelfers mit dem aschfahlen Leichengesichte, den Schmachtlocken an der Stirn und dem von Haarsalbe steifen Schnurrbart. Wahrlich! es gehörte die ganze Gewohnheit des Trödlers dazu, seine Praxis im Feilschen und Schachern und in all jenen Komödien, welche die sämtlichen Fratzen der menschlichen Maske in Bewegung setzen, um den Biedermann zu verhindern, daß er nicht vor Freude und Bewunderung laut aufschrie, als der Diener des Generals, der ebenso alt war und ebenso kerzengerade ging wie sein Herr, mit lautem Lärmen die etagenhohen Jalousieen an den Wänden der Nordseite aufgerissen und zurückgeschlagen hatte und als man nun heimlich und verschwiegen alle die kostbaren Schätze einer Sammlung, die nicht etikettiert und auflackiert war wie jene der Gräfin von Spalato, aber von weit reicherem, barbarischem und neuerem Luxus war, im Spiegel erglänzen und in ihren prächtigen Holztönen sich abschattieren sah. Und ohne allen Ausschuß ohne allen Plunder!... Der alte Rosen hatte nicht aufs ungefähr, nicht nach der Art von jenen Generälen geplündert, die wie ein Wirbelsturm in ein Lustschloß hineingeraten, mit der nämlichen Wut Dächer mit Glockentürmen, wie Strohhalme, rauben. Nichts nichts als Kabinettsstücke von Auswahl. Und seltsamlich war's mit anzusehen, wie der Trödler stehen blieb einmal hier und einmal dort, wie er das Maul unter seinem Haarwalde aufriß, wie er seine Lupe bald hierhin bald dorthin richtete, an den Email-Stellen leichte Kratze machte, die Bronzestücke klingen ließ mit völlig gleichgültiger, uninteressierter, fast mit verächtlicher Miene, während er vom Kopf bis zu den Füßen, von den Nägeln bis zur Spitze seines gemeinen Bartes, am ganzen Leibe zitterte und bebte, sprühte als wenn man ihn mit einer elektrischen Batterie in Verbindung gesetzt hätte. Der Musje Pichery war nicht minder interessant und gespaßig zu beobachten. Da er keine Ahnung von Kunst, keinen persönlichen Geschmack hatte, modelte er seine Eindrücke nach denen seines Kumpans, zog die nämliche geringschätzige Miene, die sich hurtig zur Verdutztheit wandelte, sobald ihm Leemans ganz leise, über das Notizbuch gebückt, in welchem er nicht aufhörte sich Aufzeichnungen zu machen, zuflüsterte: »das Ding da ist sein hunderttausend Francs wert unter Brüdern...« Es bot sich hier für alle beide eine einzige Gelegenheit, sich für den Verlust des »großen Coup« schadlos zu halten, mit welchem sie in so großartiger Weise hineingefallen waren. Aber man mußte sich gar sehr zusammmennehmen, denn der alte Panduren-General, der so mißtrauisch und undurchdringlich war wie die ganze Trödlerschaft zusammen, folgte ihnen Schritt auf Schritt, pflanzte sich hinter ihnen auf, ohne sich auch nur ein einziges Mal durch ihre Mienen an der Nase führen zu lassen. Man kam auf diese Weise, am Ende der Empfangssäle, bis zu einem kleinen, um zwei Stufen höher liegenden Zimmer, das köstlich eingerichtet war im maurischen Geschmacke mit sehr niedrigen Divans, Teppichen, echten Kabinettsschreibtischen. »Das hier gehört auch dazu?« fragte Leemans. Der General zögerte unmerklich, ehe er eine Antwort gab. Es war Colette's heimliche Stätte in dem unermeßlichen Hotel, ihr Lieblings-Schmollwinkel, wohin sie sich in ihren seltenen Mußestündchen flüchtete, wo sie ihren Schriftwechsel besorgte. Es kam ihm der Gedanke, dieses kleine orientalische Mobiliar zu erhalten, das sie liebte aber er verweilte nicht lange bei diesem Gedanken; er mußte verkaufen. »Das gehört auch dazu!« sagte er kalt. Leemans, den die Rarität eines arabischen Geräts mit seiner Skulptur- und Vergold-Arbeit, feinen Bogengängen und Galerien in Miniatur, auf der Stelle fesselten, machte sich an die Musterung der unzähligen Schubkästen und Geheimfächer die sich in einander schieben und eines durch das andre mittels verborgener Federn, mittels zierlicher und frischer Schieber, die den Orangen- und Sandelholzgeruch ihrer polierten Fütterungen ausatmen, in Verbindung stehen. Als er in eines von ihnen mit der Hand hineinfuhr, fühlte er ein Knistern, ein Rascheln. »Es sind Papiere drin,« sagte er. Als nach vollständiger Aufnahme des Inventariums die beiden Trödler bis zur Thüre geleitet waren, dachte der Herzog an die in dem kleinen Schranke vergessen liegenden Papiere. Ein ganzes Bündel Briefe, umschnürt mit einem zerknitterten Bande, durchtränkt von den heimlichen Wohlgerüchen der Schieblade. Mechanisch betrachtete er, erkannte er die unregelmäßige Handschrift Christians, die seit etwelchen Monaten nicht anders als auf dem Wege von Wechseln und Tratten über Geld zu ihm redete. Zweifelsohne Briefe des Königs an Herbert. Aber nein! »Colette, mein süßes Herzchen!...« Mit jäher Gebärde riß er die Schnur auseinander, streute das Bündel über einen Divan, an die dreißig Briefchen, in denen Zusammenkünfte bewilligt, Dankesworte gestammelt, allerhand Worte von Huld und Liebe gesprochen wurden kurz: der ganze ehebrecherische Briefwechsel in seiner trübseligen Gemeinheit, der in Entschuldigungs-Phrasen wegen nicht eingehaltener Stelldicheins, in Sendschreiben von immer kühler und kühler werdendem Inhalt, die Ähnlichkeit hatten mit den letzten Papierschnitzeln am Schweife eines Papierdrachens, sein Ende fand. In fast allen dieser Briefchen und Zettel war die Rede von einer unausstehlichen und »einem ewig auf den Hacken befindlichen« Persönlichkeit, die Christian in seinem Hange zu schlechten Witzeleien als den »Pechhengst von Hofmann« oder bloß als »Pechhengst vonH.« bezeichnete. Der Herzog suchte noch nach einem Namen für diese Persönlichkeit, als er am Fuße einer dieser spottsüchtigen Seiten, von denen eine wie die andere stets weit mehr lose und schlüpfrig war als sentimental, seine eigene Karikatur sah, seinen auf lange Stelzenvogel-Klauen gesetzten kleinen Kopf. Er war's, wie er leibte und lebte, mit allen seinen Falten und Runzeln, mit seiner Hakennase, mit seinem blinzelnden Blick und darunter stand, um ihm gar keinen Zweifel zu lassen: Der Pechhengst von Hofmann, als er am Kai von Orsay auf Wachtposten stand. Als das erste Staunen vorbei war, als er den Schimpf in seiner ganzen Gemeinheit begriffen hatte, machte der Alte »O!« und blieb wie angewurzelt, tiefbeschämt sitzen. Daß seinem Sohn Hörner aufgesetzt worden waren, das war es nicht, was ihn Wunder nahm. Daß das aber durch diesen Christian geschehen war, welchem sie alles geopfert hatten, für den Herbert im Alter von achtundzwanzig Jahren in den Tod gegangen war, für den er selbst im Begriffe stand sich zu ruinieren, alles, sogar seine Siegestrophäen zu verkaufen, damit die königliche Querschrift nicht zum Proteste gelangte... Ha! wenn er sich hätte rächen können wenn er von diesen Rüstungen ein paar Waffen, gleichviel welche, hätte loshaken können!... Aber es war der König! Mit dem Könige rechtet man nicht. Und plötzlich, da die Zauberkraft des geheiligten Wortes seinen Zorn besänftigte, sagte er sich nun, daß schließlich Majestät, wenn Sie mit einer Ihrer Dienerinnen Ihr Spiel treibe, nicht soviel Schuld treffe wie ihn, den Herzog von Rosen, der den Sohn mit dieser Person verkuppelt hatte. Er trüge nun die Strafe für seine Habgier... Alle diese Überlegungen dauerten nicht eine Minute. Als er die Briefe unter Verschluß gebracht hatte, ging er aus dem Zimmer, kehrte nach Saint-Mandé zurück, um seinen Posten vor dem Schreibtisch der Inventur einzunehmen, wo seiner eine Menge von Rechnungen und Papieren harrten, unter denen er mehr als einmal die große, ungelenke Schrift der Liebesbriefe erkannte; und Christian hätte von ihm, als er an dem folgenden Tage über den Hof schritt und hinter dem Fenster, immer noch so kerzengerade, so treu und ergeben und wachsam, den langen Schattenriß des »Pechhengsts von Hofmann« erblickte, nicht glauben können, daß derselbe über die geringfügigste Sache unterrichtet sei. Nur die Könige mit all jenem Anhängsel von nationalen und abergläubischen Überlieferungen vermögen derartige Empfindungen von Ergebenheit und Treue einzuflößen, auch dann sogar, wenn sie derselben gänzlich unwürdig sind. Dieser König hier amüsierte sich nun, seitdem das Kind außer Gefahr war, besser und lustiger denn je. Er hatte zuerst versucht, wieder Zutritt zu Sephora zu gewinnen. Ja! nachdem er in gröblicher und cynischer Weise fortgejagt worden war, nachdem er den Beweis, nachdem er alle Beweise dafür in Händen hatte, daß er ein Opfer schmählichen Verrats durch sie war, liebte er sie noch immer genug, um sich auf das leiseste Zeichen zu ihren Füßen zu stürzen. Die schöne Dame war in jenem Augenblick ganz im Freudentaumel eines Honigmonats in neuer Auflage. Geheilt von ihren ehrgeizigen Gelüsten, zurückgesunken in ihr ruhiges Temperament, aus welchem sie der Köder der Millionen herausgerissen hatte, hätte sie am liebsten ihr Hotel verkauft, alles verkauft und in Courbevoie mit J.Tom als biederes reiches Ehepaar aus dem Handelsstande gelebt, am liebsten die Spricht'sche Sippe mit ihrem Komfort mundtot gemacht. J. Tom Lewis dagegen träumte davon, neue Streiche zu wagen und der großartige Rahmen, in welchem sich seine Frau jetzt bewegte, führte ihn nach und nach zu dem Gedanken einer Agentur anderer Art, die dem Luxus mehr Rechnung trug, die besser in die bessere Gesellschaft hineinpaßte die Geschäfte machte, behandschuht bis zu den Ellbogen hinauf, die Handel trieb zwischen dem Blumenschmuck und der Musik einer Festlichkeit rings um den See herum, längs der Wettrenn-Bahn, und die an Stelle des nun zum alten Spielzeug gewordenen Cab, des jetzt unter die Reihe der Kleingefährte einnumerierten Cab, eine solide Karosse setzte mit Kutscher und Bereiter in Livrée und mit dem Wappenschilde der Gräfin. Es fiel ihm nicht schwer, Sephora zu seiner Meinung zu überzeugen, bei welcher er nun sein festes Quartier genommen hatte. Die Salons in der Avenue de Messine entflammten nun ihre Kerzen und Kronen zu einer Reihe von Diners und Ballfestlichkeiten, zu denen die Einladungen im Namen des Grafen und der Gräfin von Spalato in die Welt geschickt wurden. Zu Anfang war die Gesellschaft freilich ein wenig dünn gesäet; dann gelangte das weibliche Element, das sich zuerst aufgelehnt hatte, zu der Anschauung, J.Tom und seine Gattin auf dem Fuße von jenen reichen ausländischen Ehepaaren zu behandeln, die aus sehr weiter Ferne gekommen sind und deren Luxus das fremdländische Wesen wettmacht. Die ganze junge Welt der Pariser Gomme drängte sich um Sephora, die durch ihre Abenteuer in die Mode gekommen war, und der Herr Graf hatte schon vom ersten Winter an einige recht gute Geschäfte im Gange. Man konnte Christian den Eintritt zu diesen Sälen nicht weigern, die ihm so teures Geld gekostet hatten. In der Anfangszeit bildete der Königstitel ein illustratives Objekt, war eine gewisse Bürgschaft für den Charakter des Hauses. Er kam demnach dorthin, feigen und gemeinen Sinnes, getragen von der unbestimmten Hoffnung, neuerdings den Weg zu dem Herzen der Gräfin zu finden er kam aber nicht mehr die Stufen der Freitreppe hinauf, sondern durch die kleinen Eingangspforten von der Dienstbotentreppe aus. Nachdem er sich eine Zeitlang darin gefallen hatte, diese Rolle eines Dämels oder Opfers zu spielen, nachdem er so aller acht Tage, im Gesicht so weiß wie die Leinwand, die er auf dem Leibe trug, der Welt gezeigt worden war, in einem goldenen Rahmen, in welchem ihn die rotierenden Augen J.Tom's überwachten und festbannten, verlor er den Mut, kam nicht mehr wieder, lief den Straßendirnen nach, um sich zu betäuben. Gleich allen Männern, die auf der Suche sind nach einem, ein für allemal für sie verlorenen Typus, verirrte er sich überall hin, stieg tief, sehr tief hinunter, geführt und geleitet von diesem Lebeau, diesem Stammgast des Pariser Lasters, der sehr oft des Morgens den Mantelsack seines Herrn nach gar seltsamen Höhlen hin trug. Ein richtiger Hinabsturz ins Laster holterdipolter! der dieser weichlichen Lotterseele von Tag zu Tag leichter wurde und dem sich abwendig zu machen sein jämmerliches, friedliches und ruhiges Gemüt nicht veranlagt war. Man hatte doch eben gar so wenig Amüsement in der Rue Herbillon, jetzt da weder Méraut mehr dort war, noch die Prinzessin! Leopold der Fünfte erholte sich langsam. Die Leitung seiner Studien, soweit sie während seiner Rekonvalescenz aufgenommen wurden, war in die Hände von Frau Eleonore von Silvis gelegt, die nun endlich ihre Lehrsätze vom Abbé Diguet über die sechs Arten und Weisen, zur Menschenkenntnis zu gelangen, und über die sieben Arten und Weisen, den Schmeichlern aus dem Wege zu gehen, an den Mann bringen konnte. Diese Lektionen wurden sehr behindert durch die Binde, die den Kopf des kleinen Patienten nach der einen Seite herunterzog die Königin wohnte ihnen wie ehedem bei, aber ein herzzerreißender, tieferschütterter Blick glitt oft aus ihrem Auge hinüber nach der Clematis Dalmatica, dem kleinen Exils-Blümchen, das sich am Fenster zu entwickeln anfing. Seit einiger Zeit hatten sich die Franziskaner-Mönche auf die Suche nach einem Lehrer gemacht; man fand aber nicht leicht einen Elysée Méraut wieder in der neuzeitlichen Jugend. Der Pater Alpheus hatte seine eigenen Gedanken über diesen Punkt, hütete sich aber wohl, ihnen Ausdruck zu geben; denn die Königin duldete nicht, daß man den Namen des ehemaligen Lehrers vor ihr aussprach. Einmal jedoch, als sich eine Gelegenheit dazu fügte, wagte es der Mönch von seinem Freunde zu sprechen. »Madame! Elysée Méraut liegt im Sterben...« sagte er, als er vom Eßtische aufstand, nach dem Tischgebet. Während der ganzen Dauer seines Aufenthalts in Saint-Mandé hatte Méraut, zufolge eines Aberglaubens, so etwa wie man oben im Kleiderschrank ein altmodisches Kleidungsstück aus seiner Jugendzeit, das man im ganzen Leben nicht mehr anziehen wird, aufhebt seine Stube in der Rue Monsieur-le-Prince beibehalten. Er kam mit keinem Schritte dorthin, ließ das Vergessen sich über die Papiere und Bücher, über das Geheimnis dieses schweigsamen und inmitten des geräuschvollen Lebens in dem Hotel garni immer verschlossen gehaltenen Zufluchtsortes lagern. Eines Tages kam er an, zum Greise gealtert, ermüdet und abgespannt, mit fast schneeweißem Haar. Die dicke Wirtsfrau, aus ihrer Verschlafenheit aufgeschreckt dadurch, daß sie unter den an ihre bestimmten Nägel aufgehängten Schlüsseln herumsuchen hörte, hatte Mühe, ihren Mieter wieder zu erkennen. »Was für eine Hochzeitsfahrt haben denn Sie zu bestehen gehabt, mein armer Herr Méraut?... Ist denn so 'was erlaubt, sich seine Gesundheit so in Grund und Boden hinein zu ruinieren?« »'s ist wahr, ich bin ein bischen aus dem Konzepte gebracht,« sagte Elysée lächelnd und stieg die fünf Treppen hinauf, die nach seiner Stube führten, mit krummem Buckel und wie zerschlagen. Die Stube war noch immer die nämliche; die trüben Scheiben schlossen noch immer den nämlichen trübsinnigen Horizont ab Dächer von den viereckigen mönchischen Höfen, von der Arzneischule, dem Amphitheater, kalten, die Traurigkeit ihrer Bestimmung zu Tage legenden Bauten und auf der rechten Seite, nach der Rue Racine hin, die beiden großen städtischen Wassertürme, in deren glitzernden steinernen Becken der fahle Himmel und die verräucherten Schornsteine sich spiegelten. Es war nichts anders geworden, aber ihm waren nicht mehr jene herrlichen Gluten des Jünglingsalters zu eigen, die alles, was sie umgiebt, färben und erwärmen und sich sogar an schwierigen und an traurigen Augenblicken begeistern. Er versuchte sich an den Tisch zu setzen versuchte zu lesen schüttelte den Staub von den unvollendeten Arbeiten. Zwischen seine Gedanken und die Seite hinein, die er vor Augen hatte, glitt der vorwurfsvolle Blick der Königin; und es war ihm ganz so, als ob sein Zögling am andern Ende des Tisches säße, auf seinen Vortrag wartete und ihm zuhörte. Er fühlte sich zu tief verletzt im innersten seiner Seele fühlte sich zu einsam, zu allein und stieg schleunigst die Treppen wieder hinunter, hing schleunigst seinen Stubenschlüssel wieder an den Nagel und seitdem sah man ihn wieder, wie ehedem, mit seiner langen, ungelenken Gestalt, den Hut hinten im Nacken, ein Bücher- und Zeitschriften-Packet unter dem Arme, im Lateinviertel umherirren unter den Galerieen des Odeon, auf dem Kai Voltaire, über den Duft der frisch aus den Pressen gekommenen Druckwerke gebeugt und in die ungehobelten Fächer der im Preise zurückgesetzten Ramsch-Litteratur vertieft man sah ihn lesend auf der Straße, in den Alleen des Luxemburg-Palastes, oder gestikulierend an irgend einer Bildsäule des Gartens bei schrecklicher Kälte, dem gefrorenen Wasserbecken gegenüber stehen. In dieser gelehrten Umgebung, inmitten dieser intelligenten Jugend, welche die Umsturzmänner mit ihrem Zerstörungswahn weder haben erreichen, noch gänzlich verjagen können, fand er sein Feuer, sein Ungestüm wieder. Bloß waren es nicht mehr dieselben Zuhörer, denn die Studentenflut ist in diesem Zug-Viertel in fortwährendem Wandel, in ununterbrochener Erneuerung begriffen. Die Vereins- und Versammlungs-Lokale waren auch andre geworden; die politischen Cafés waren verödet; statt ihrer wurden die Bierlokale besucht, deren Bedienung von Mädchen in allerhand Kostümen besorgt wird, als Schweizerinnen, Italienerinnen, Schwedinnen, mit allerhand von dem ersten Mode-Zeichner drapierten Flitterstaate ausgeputzt. Von den alten Rivalen Elysée's, von den schönen Rednern seiner Zeit, vom Pesquidoux des »Voltaire« sowohl wie von dem Larminat des »Prokopius,« war nur eine unklare Erinnerung noch in dem Gedächtnisse der Kellner vorhanden, wie sich Schauspieler in der Erinnerung halten, die von der Bühne verschwunden sind. Einige von ihnen waren im öffentlichen Leben zur Höhe, zur Macht gelangt; und dann und wann einmal, wenn Elysée lesend an den Kaufläden entlang schritt mit seinem im Winde wallenden Haar, rief ihn irgend eine berühmte Persönlichkeit aus der Kammer oder aus dem Senat aus einem an ihm vorbeifahrenden Wagen an: »Méraut!... Méraut!« Man plauderte... »Was treibst Du? Arbeitest Du etwas?« Und Méraut redet mit in Falten gelegter Stirn, in unbestimmten Worten von einer großen Unternehmung, »die nicht recht in Fluß gekommen sei.« Kein Wort weiter. Man wollte ihn aus diesem Sumpfe heraus ziehen, wollte diese verlorene Kraft nützen, verwerten. Aber er blieb seinen monarchischen Ideen getreu, behielt seinen Haß gegen die Revolution bei. Er verlangte nichts, brauchte niemand; da er das ganze Gehalt, das ihm in seiner letzten Stellung gezahlt worden war, noch besaß, bewarb er sich nicht einmal um Unterrichtsstunden, schloß sich ein in seinen der Geringschätzung und Verachtung vollen Weltschmerz, der zu groß und zu tief war, um verstanden zu werden, und gönnte sich keine andre Zerstreuung, als den und jenen Besuch im Franziskanerkloster, nicht allein zu dem Zwecke, um Nachrichten aus Saint-Mandé zu hören, sondern auch, weil er diese wunderliche Kapelle liebte, ihr Heiliges Grab mit dem blutenden und in Fleischfarben gemalten Jesus. Diese harmlose Mythologie, diese fast heidnischen Darstellungen setzten den Christen der ersten Jahrhunderte in Entzücken. »Die Philosophen stellen Gott zu hoch,« sagte er bisweilen; »man sieht ihn nicht mehr.« Er sah ihn in der Nacht des Grabgewölbes; und zwischen allen diesen Bildnissen von Menschen, die unter barbarischen Strafen litten, neben der Margareta von Ossuna, die den Marmor ihrer Schultern kasteiet, malte er sich jenes Phantasie-Gebilde eines Weihnachtsabends vor die Augen, die Königin von Illyrien, mit ausgestreckten Armen, flehend, beschützend zugleich, mit über dem Haupt ihres Sohnes gefalteten Händen vor der Krippe knieend... Eines Nachts wurde Elysée jäh aus dem Schlafe aufgeschreckt durch die seltsame Empfindung einer Hitze, die ihm langsam, wie eine wachsende Flut, aus der Brust heraufstieg und ohne Schmerz, ohne Erschütterung, mit dem Eindruck der endlichen Vernichtung und Auflösung, ihm den Mund mit einer roten schalen Suppe füllte. Es war geheimnisvoll und unheimlich, denn das Übel kam nach der Art eines Meuchelmörders, welcher ohne Geräusch, im Dunkel des Schattens, die Thüren aufschließt. Er erschreckte sich nicht, zog Studenten der Medicin, die mit ihm an einem Tische aßen, zu Rate. Man sagte ihm, daß er sehr schwer angegriffen sei. »Was fehlt mir?« »Alles!« Er stand in jenen vierziger Jahren, die als das kritische Lebensalter der unstäten Existenzen gelten, in dem das Siechtum dem Manne Hinterhalte legt, ihm auflauert, ihm die Rechnung präsentiert über die Ausschweifungen oder die Entbehrungen seiner Jugendzeit; schreckliches Alter vor allem dann, wenn die sittliche Spannkraft zertrümmert ist, wenn die Willenskraft nicht mehr vorhanden ist. Elysée führte sein nämliches Dasein, wie er es früher geführt hatte; immer war er draußen, bei Wind und Wetter; aus überheizten, gasentflammten Sälen trat er hinaus in die Kälte der Straße mitten im strengten Winter, um dort wenn alles ausgelöscht war auf der Kante des Bürgersteigs weiter zu diskutieren, dieweil er halbe Nächte lang herumlief. Die Anfälle von inneren Blutungen kamen häufiger; und eine schreckliche Müdigkeit und Schlaffheit stellte sich ein in ihrem Gefolge. Um nicht im Bett liegen zu müssen, denn die öde Trübsinnigkeit seiner Stube bedrückte ihn schwer, setzte er sich in der Kneipe »zum Rialto« fest einer Bierstube, die neben dem Hotel garni lag, las dort seine Zeitungen, hockte sinnend und träumend in einem Winkel. Es war ruhig in dem Lokal bis zum Abend die hellen Eichenholz-Möbel, die Wände mit ihren Kalkmalereien, Venedig mit seinen Brücken und Kuppeln naturgetreu unter einem hellen, klaren Himmel darstellend, gaben dem Raum ein helles, freundliches Aussehen. Die Venetianerinnen, die abends so lebendig, so rege waren, die ihre ledernen Geldtäschchen zwischen den Bänken herumtanzen und ihre bunten Halsketten in den Biergläsern sich spiegeln ließen, lagen mit den Köpfen auf dem Tische herum, die Spitzenhäubchen und bauschigen Batist-Manschetten zerknüllend, oder saßen um den Herd herum, mit irgend einer Näharbeit beschäftigt, die sie von Zeit zu Zeit fortlegten, um sich einem Bruder Studio gegenüber zu setzen und mit ihm einen Schoppen in Gesellschaft zu trinken. Eine von ihnen, eine große, starke Dirne mit rotblondem Haar, das sie in Flechten gescheitelt trug, mit ernsten und langsamen Gebärden, die auf Augenblicke, wenn sie zuhörte, über der Stickerei in Ruhe verweilten, auf sie sah Méraut stundenlang hin, bis sie den Mund aufthat und eine zerratterte, pöbelhafte Stimme seinen Traum in alle Winde verjagte. Bald aber gebrach es ihm sogar auch an Kräften zu diesem sitzenden Verweilen hinter dem Vorhange einer Bierstube, den er hinunterzulassen pflegte. Er konnte die Treppen nicht mehr steigen, war genötigt, zu Bett zu bleiben, umgeben von Büchern und Zeitungen. Die Thür ließ er angelehnt stehen, damit durch den Spalt das Leben, das Kribbeln des Hotel garni bis zu ihm hin gelangte. Vor allem war ihm das Reden streng verboten. Nun ergab sich der Sohn des Südens darein zu schreiben er nahm sein Buch wieder vor, sein berühmtes Buch über die Monarchie, setzte es mit Fieber fort und mit zitternder, durch den Husten, der die Blätter über das Bett verstreute, erschütterter Hand. Jetzt fürchtete er nur eine einzige Sache noch: daß er sterben möchte, ehe dies Werk zu Ende sei, daß er, verborgen und unbekannt, wie er gelebt, ohne sein Wort und seinen Glauben zur Geltung zu bringen, dahingehen möchte. Sauvadon, der Onkel aus Bercy, dessen grobe, ungestüme Eingebildetheit es ertrug, den einstigen Lehrer in dieser armseligen Dachstube zu sehen, machte ihm häufige Besuche hier. Bald nachdem sich die Katastrophe zugetragen hatte, war er herzugeeilt, mit offener Börse, wie ehedem auf der Suche »nach Ideen über die Dinge«. »Lieber Onkel, ich habe ihrer keine mehr,« hatte Méraut ihm mutlos geantwortet. Und um ihn aus seiner Apathie zu reißen, redete der Onkel davon, ihn nach dem Süden zu schicken, nach Nizza, um dort in der prächtigen Wohnung seiner Colette und ihres kleinenW mit Quartier zu nehmen. »Es würde mich auch nicht viel mehr kosten,« sagte er harmlos, »und Ihnen würde es heilsam sein.« Aber Elysée lag nichts an seiner Heilung, da er sein Buch an dem nämlichen Flecke endigen wollte, wo es seine ersten Keime getrieben hatte, in jenen tiefen Pariser Rumorstätten, wo jeder die Dominante hört, die ihm beliebt. Während er schrieb, erzählte ihm Sauvadon, am Fuße des Bettes sitzend, von seiner niedlichen Nichte aber- und abermals, geriet in Hitze über diesen alten Gecken von General, der eben im Zug sei, seinen Palast auf der Ludwigsinsel zu verkaufen. »Ich frage Sie bloß, was er wohl mit allem diesem Geld anfangen kann? Er muß es in Löchern vergraben, in kleinen Haufen aufschichten... Alles in allem betrachtet, so ist das im Grunde ja seine Sache. Colette ist reich genug, ihn links liegen zu lassen.« Und der Weinhändler schlug sich, wo die Hosentasche saß, auf sein wie ein Ränzlein gespanntes Bäuchlein. Ein andermal, als er das Packet mit Tagesblättern auf das Bett warf, die er Elysée brachte, sagte er: »Es nimmt den Anschein, als ob man in Illyrien zu rumoren anfängt. Es wird eine königstreue Majorität in den Laibacher Reichstag gewählt werden. Ha! wenn jetzt ein Mann zur Stelle wäre! Aber dieser kleine Leopold ist noch sehr jung, und Christian verbauert, versumpft von Tag zu Tag mehr... Jetzt treibt er sich in Spelunken und in Kneipen herum mit seinem Kammerlakei.« Elysée hörte ihm bebend zu. Arme Königin! Der andre fuhr fort, ohne das Weh zu gewahren, das er anrichtete: »Sie sind jetzt übrigens alle fein im Zuge, unsre Exils-Herrschaften! Da ist der Prinz d'Axel zum Beispiel in dieser schmutzigen Affäre in der Avenue d'Autin verwickelt! Sie wissen doch, die Geschichte mit dem Familien-Hotel, das mit seinem patriarchalischen Aushängeschild allerhand schiffbrüchigem Abenteurer-Volk zur Zufluchtsstätte diente... Welch' ein Skandal! Ein Erbprinz! Eine Sache indessen setzt mich dabei in Erstaunen. In demselben Augenblick nämlich, wie sich diese Familienhotel-Affäre abspielte, schrieb mir Colette, daß Königliche Hoheit in Nizza wären und daß sie mit auf der Regatta gewesen sei, und zwar in einer Jacht, die von Königlicher Hoheit für sie gemietet worden sei... Gewiß muß bei dem Skandal eine Personen-Verwechselung stattgefunden haben! Ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn sich die Sache so verhielte. Denn unter uns gesagt, mein Lieber!...« Hier nun vertraute er seinem Freunde mit höchst geheimnisvoller Miene an, daß der königliche Prinz sich sehr eifrig um seine Colette bemühte; »und da sie keine Frau wäre, mit der man... Denken Sie doch nur! bitte! so konnte's am Ende binnen kurzem sich machen, daß...« Das breite Arbeitergesicht des Emporkömmlings hellte sich mit Lächeln auf. »Merken Sie auch wohl? Colette Königin von Finland! Und Sauvadon von Bercy, der liebe Onkel, wäre dann der Onkel des Königs! Aber ich langweile Sie...« »Ja, ich möchte schlafen,« sagte Elysée, der seit einem Augenblick die Augen schloß, was ihm ein artiges Mittel war, sich dieses schwatzlustigen, eitlen Narren zu entledigen. Als der Onkel fortgegangen war, raffte er seine Papiere zusammen, setzte sich zurecht, um zu schreiben; er war aber nicht imstande, eine einzige Zeile zu Papier zu bringen, ein so namenloser Ekel, eine so außerordentliche Schlaffheit hatte ihn ergriffen. Alle diese häßlichen Geschichten hatten ihn angewidert. Vor den über sein Bett verstreuten Blättern, angesichts dieser Verteidigungsrede für das Königtum, in welcher das wenige Feuer brannte, das ihm noch im Blute saß als er sich in dieser schmutzigen Stube, mit seinem ergrauten Haar, als altgewordenen Bruder Studio hier sitzen sah als er all der verlornen Leidenschaft, all der vergeudeten Kräfte gedachte, da zweifelte er zum ersten male da fragte er sich, ob er nicht sein ganzes Leben über ein Tropf, ein Simpel gewesen sei... Ein Verteidiger, ein Apostel! diesen Königen, die sich zur Kurzweil entwürdigten die ihre eigne Sache im Stiche ließen... Und während seine Augen traurig über diese kahlen Mauern schweiften, wo die Abendsonne nur als Reflex von den Fensterscheiben drüben bis zu ihm hin gelangte da gewahrte er in seinem staubigen Antiquitäten-Rahmen das rote Siegel »Fides, Spes« , das er vom Pfühl mit hinweggenommen hatte. Sogleich erschien ihm das schöne bourbonische Gesicht des alten Méraut, starr wie er es auf dem Totenbette liegen gesehen, entschlummert in seinem erhabenen Vertrauen, in seiner erhabenen Treue und neben dem Gesichte des toten Vaters stehen die beiden Webstühle, still und gerade, und am Horizonte sieht er die in Staub zerfallenden Mühlen zwischen dem Gestein der Küste und dem unversöhnlichen Blau des Südhimmels. Es währte eine Minute, daß ihm wie Hallucinationen der Königshag, seine ganze Jugend in sein Gedächtnis trat, das sich schon zu umnebeln begann... Plötzlich thut sich die Thür auf mit einem Gewisper von Stoffen und Stimmen. Er denkt, es ist eine Nachbarin, irgend eine gutmütige Dirne aus dem »Rialto«, die ihm in seinem Fieber zu trinken bringt. Hurtig schließt er die Augen. Immer dieser Schlaf, der die ungelegenen Gäste hinweg weist. Aber kurze unbestimmte Schritte nähern sich über den kalten Steinboden der Stube. Eine milde, sanfte Stimme flüstert: »Guten Morgen, Herr Elysée!...« Sein Schüler steht vor ihm, verzagt, ein bischen gewachsen; mit seinem ängstlichen, schüchternen Blicke des kranken, gebrechlichen Kindes sieht er zu dem Lehrer hin, der sich so sehr verändert hat, der so blaß und bleich in diesem armseligen Bette liegt. Dort hinten, draußen an der Thüre stehend, wartet eine Dame in aufrechter, stolzer Haltung und verschleiert. Sie ist hierhergekommen ist die fünf Stockwerke, die Treppe, die von wüstem Lotterlärm erfüllt ist, hinauf gestiegen sie hat mit ihrem unbefleckten Gewande die Thüren mit den Lockschildern draußen »Alice«... »Clémence«... gestreift. Sie hat nicht gewollt, daß er sterbe, ohne seinen kleinen Zara wiederzusehen; und wenn sie auch nicht selbst hereintritt, so sendet sie ihm doch ihre Verzeihung durch die kleine Kindeshand. Diese ergreift Elysée Méraut und drückt sie an seine Lippen dann wendet er sich nach der erhabenen Erscheinung hin, die er auf seiner Schwelle errät, und mit seinem letzten Atemzuge, seiner letzten Anstrengung, zu leben, zu sprechen, sagt er ganz leise und für immer: »Es lebe der König!« Achtzehntes Kapitel. Das Ende eines Geschlechts. Es ward an diesem Morgen eine tolle Partie im Ballspiel-Klub gespielt. Rings um die ungeheure Bahn herum, auf dem geebneten, wie eine Arena gestampften Boden umhüllte ein großes Netz mit seinen enggewebten Maschen die Evolutionen von sechs Spielern in weißen Jacken und Spielschuhen, die herumsprangen, herumtobten und mit ihren schweren Raketten hantierten. Diese dämmerige, Renn- und andern solchen Bahnen eigentümliche Helligkeit, wie sie zu den hohen Scheiben hereinfiel, dieses gespannte Netz, die heiseren Rufe, die raschen Körperwendungen, das Schwenken dieser weißen Schoßjacken, die kaltblütige Korrektheit, mit welcher die Spielbahn-Wärter und Bediensteten, samt und sonders Engländer, die Umfassungslinien mit gemessenen Schritten abliefen dies alles legte einem die Meinung nahe, als befände man sich in der Arena eines Cirkusses zur Zeit, da die Akrobaten und Clowns ihre Probe halten. Unter diesen Clowns konnte man Seine königl. Hoheit den Prinzen von Axel, dem die Übung des Ballspiel-Sports als heilsam gegen seine Schlafsucht verordnet worden war, für einen der lautesten Schreier halten. Er war am Abend vorher aus Nizza zurückgekommen, wo er einen Monat zu Füßen der kleinen Colette verlebt hatte und die Spielpartie bildete den Wiedereintritt in das Pariser Leben. Mit »Hoh!«- und »Hüh!«-Schreien, wie sie kein Schlächtergeselle besser rufen konnte, mit Armspreizungen, die in einem Schlachthause Aufsehen erregt haben würden, schleuderte er den Ball als ihm mitten im schönsten Zuge die Meldung gebracht wird, daß ihn jemand zu sprechen wünschte. »Pßt!« versetzte der Präsumptive, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Der Diener wich nicht von seinem Platze. Er flüsterte Königlicher Hoheit ein Wort ins Ohr, und Königliche Hoheit wurde sanfter gestimmt und zeigte einen geringen Grad von Erstaunen. »Es ist gut . . . ich lasse bitten, sich zu gedulden... ich komme hinaus, sobald ich meinen Ball gespielt habe...« In eine jener Kalt-Badezellen zurückgetreten, welche sich an der ganzen Galerie entlang befinden, die mit Bambusholz-Geräten ausgestattet und kokett mit japanischen Matten belegt sind, traf er seinen Freund Sumpfhuhn an, der gesenkten Hauptes, wie ein betrippter Pudel auf einem Divan hockte. »O! mein Prinz! was für ein Abenteuer...« rief der Ex-König von Illyrien, indem er Königlicher Hoheit ein ganz bestürztes Gesicht zuwandte. Er stockt in seiner Rede, als er des Dieners ansichtig wird, der, mit Handtüchern, mit Woll- und Roßhaar-Handschuhen beladen, um Königliche Hoheit abzureiben und zu striegeln, hinter ihm her in die Zelle tritt, denn Königliche Hoheit schwitzen und dampfen wie ein Mecklenburger Hengst, der eben eine Böschung hinauf galoppiert ist erst als dies Abkühlungswerk beendigt ist, fährt Christian mit bleichen, erbebenden Lippen fort: »Lassen Sie sich erzählen, was mir passiert ist... Sie haben doch von der Familienhotel-Affäre dort unten reden hören?« Königliche Hoheit wendet seinen trüben, toten Blick nach dem Ex-König. »Erwischt? . . . gefaßt . . .?« Der König nickte bejahend, während er mit seinen hübschen, unsicheren Angen hinwegsah; dann sagte er wieder nach einem Stillschweigen: »Denken Sie sich, wie sich das abspielte!... Die Polizei kommt mitten in der Nacht... Das Mädel flennt, heult, wälzt sich am Boden, reißt den Polizisten die Kleider vom Leibe, klammert sich an meine Kniee: Königliche Hoheit!... Retten Sie mich! retten Sie mich.... Ich will sie zur Ruhe bringen... Zu spät... Als ich versuche, mir irgend einen Namen beizulegen schlägt der Kommissar eine helle Lache auf... Nutzt nichts! nutzt nichts.. Meine Leute haben Sie erkannt.. Sie sind der Prinz von Axel...« »Schöne Geschichte das!« knurrte der Prinz in sein Waschdecken hinein... »Und weiter?« »Meiner Treu! mein Lieber! ich war so verdutzt, so in die Enge gejagt... Andre Gründe auch noch, die ich Ihnen sagen werde... Kurz und gut: ich habe diesen Menschen bei dem Glauben gelassen, daß ich Sie wäre, zumal ich übrigens der steif und festen Meinung war, daß die Geschichte keine weitere Folgen haben würde... Aber keine Rede davon! Jetzt redet man wieder überall von ihr und da Sie zum Untersuchungs-Richter berufen werden können, so komme ich heute zu Ihnen mit der Bitte...« »Statt Ihrer vor das Zuchtpolizei-Gericht zu wandern?«... »O! soweit wird es ja nicht kommen... Bloß die Zeitungen werden darüber reden... es werden Namen genannt werden... Und im gegenwärtigen Augenblicke, in Anbetracht dessen, was sich in Illyrien vorbereitet, wo sich eben eine königstreue Partei bildet und Propaganda macht, in Anbetracht unsrer nahe bevorstehender Restauration würde dieser Skandal von der traurigsten Wirkung sein....« Was für eine Armesünder-Miene es schnitt, das unglückselige Sumpfhuhn, während es die Entscheidung seines Vetters von Axel abwartete, der stillschweigend seine drei gelben Haare vor dem Spiegel zurückstrich! Endlich geruhte der königliche Prinz sich zu der Rede zu entscheiden: »Hm! Sie meinen also, daß die Journale...?« Und plötzlich setzte er mit seiner schlaffen, verschlafenen Bauchredner-Stimme hinzu: »Pyramidal... sehr pyramidal!... Das wird meinen Onkel in Harnisch bringen...« Er war mit seiner Toilette fertig, nahm seinen Stock, stülpte den Hut aufs Ohr: »Gehen wir frühstücken!« Untergefaßt, begaben sie sich, über die Terrasse des Feuillants hin; zu Christians Phaeton, das am Tuilerieen-Gitter hielt, setzten sich beide hinein, dicht in ihre Pelze gemummt, denn es war ein schöner Wintertag mit rosigem, kaltem Licht, und die behende Karosse sauste wie der Wind davon, um unsere Unzertrennlichen nach dem Londoner Café zu führen, Sumpfhuhn erleichterten Herzens, vor Freude schier aus dem Häuschen, Hühnersterz weniger schlaftrunken als sonst, aufgerüttelt durch seine Ballspiel-Partie und durch den Gedanken an diesen Possenstreich, als dessen Helden ihn ganz Paris ansehen würde. Als sie über den Vendôme-Platz fuhren, der um diese Zeit ziemlich öde und leer war, stand eine Dame von vornehmer Haltung und jugendlicher Erscheinung am Rande des Bürgersteiges, ein Kind an der Hand haltend und nach den Hausnummern sehend. Königliche Hoheit, die von ihrem Sitze allen hübschen Gesichtchen mit der Gier eines Boulevard-Flaneurs in die Augen sah, der seit drei Wochen gefastet hat, bemerkte die Dame und zitterte leicht: »Sehen Sie doch nur, Christian! es sieht ja fast so aus, als ob...« Aber Christian hörte nicht; auch er mußte die Augen scharf auf sein an diesem Morgen ebenfalls sehr feuriges Tier halten; und als sie sich dann umdrehten, um sich nach dieser schönen Fußgängerin umzusehen, war sie mit ihrem Kinde eben unter das Gewölbe eines der Nachbarhäuser des Justizpalastes getreten. Sie ging sehr rasch mit über die Augen gezogenem Schleier, ein bischen ängstlich und zögernd, als sei sie auf dem Wege zu einem ersten Stelldichein; wenn aber die düstere und allzu reiche Toilette, die geheimnisvolle Haltung und Weise, einen Augenblick noch Zweifel über diese Dame lassen konnten, so wiesen der Name, nach welchem sie den Thürsteher fragte, und der tieftraurige Ton, mit welchem dieser Name ausgesprochen wurde, der zu den berühmtesten der wissenschaftlichen Welt gehörte, jeden galanten Gedanken energisch von sich. »Der Doktor Bouchereau?... Im ersten Stock, die Thüre auf der andern Seite... Sofern Sie keine Nummer haben, ist es unnütz, daß Sie sich hinaufbemühen...« Sie gab keine Antwort, sondern ging eiligen Schrittes nach der Treppe und stieg hinauf, das Kind hinter sich herziehend, als hätte sie Furcht gehabt, man möchte sie zurückrufen... Im ersten Stock gab man ihr den nämlichen Bescheid: »Wenn sich die Dame nicht am Abend zuvor hätte einschreiben lassen...« »Ich werde warten,« sagte sie. Der Diener beharrte nicht auf seiner Meinung, sondern ließ sie in ein erstes Vorzimmer treten, wo Leute auf Holzkisten saßen dann noch in ein anderes, das nicht minder voll war dann öffnete er mit Feierlichkeit die Thür zu dem großen Saale, den er wieder verschloß, sobald die Mutter und ihr Kind herein getreten waren, mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Sie haben ja warten wollen, also... warten Sie!« Es war ein weites, geräumiges Zimmer von beträchtlicher Etagenhöhe wie alle Wohnungen ersten Stocks am Vendôme-Platze, prächtig und verschwenderisch geschmückt mit Deckenmalereien, Holzgetäfel und Paneelen. Dadrinnen spreizte sich, nicht zu dem ganzen passend, ein Mobiliar in granatrotem Sammet, provinziell in seiner Form und Weise, neben gleichen Vorhängen und Portièren, im Durcheinander mit Stühlen und Puffs in Handstick-Arbeit. Der Kronleuchter im Stile des sechszehnten Ludwig über einem Nipptisch aus der Zeit des Kaiserreichs, die Pendeluhr zwischen ihren beiden Armleuchtern, die Abwesenheit jeglichen Kunstgegenstandes verrieten den bescheidenen, arbeitsamen Charakter des Arztes, dem der Ruf, die Beliebtheit unversehens gekommen sind, und der keinerlei Kosten aufgewendet hat, um dieses Rufs, dieser Beliebtheit zu warten, noch um zu ihrem Empfange gerüstet zu sein. Und was für ein Ruf! Was für eine Beliebtheit! Wie allein Paris sie schaffen, sie bieten kann, wenn es sich dazu bequemt, wenn es sich damit befaßt ein Ruf, eine Beliebtheit, die sich erstrecken auf alle Gesellschaftsklassen, von den oberen bis nach den unteren Schichten hinunter, der hinüber sprudelt in die Provinz, nach dem Auslande, nach dem ganzen Europa! und zwar seit einem Jahrzehnt, ohne zu ermatten, ohne nachzulassen, mit der einstimmigen Gutheißung der Kollegenschaft, welche einbekennt, daß diesmal der Erfolg den Weg gefunden habe zu einem wahrhaftigen Gelehrten, nicht zu einem maskierten Marktschreiertum. Was Bouchereau diesen Ruhm verleiht, was ihm diesen ganz außergewöhnlichen Zulauf von Patienten verschafft, das sind im geringeren Grade seine wunderbare Operateur-Faust, seine herrlichen anatomischen Vorlesungen, seine Kenntnis des menschlichen Wesens, als vielmehr die Erleuchtung, die göttliche Eingebung, die ihn leitet, die heller und kräftiger ist als der Stahl der Werkzeuge jenes geniale Auge der großen Denker und Dichter, das Zauberei treibt mit der Wissenschaft, das auf den Grund sieht und darüber hinaus. Man konsultiert ihn wie die Hexe von Endor, im blinden Glauben, ohne mit dem Verstande zu rechten. Wenn er sagt, »die Sache hat nichts auf sich,« dann laufen die Lahmen und die Todkranken gehen geheilt von dannen. Daher diese bedrängende, erstickende, tyrannisierende Volkstümlichkeit, die dem Manne nicht die Muße läßt zu leben, zu atmen. Er ist dirigierender Arzt in einem großen Krankenhause, und als solcher macht er allmorgendlich seinen sehr langen, sehr minutiösen Rundgang durch die Räume, gefolgt von einer mit Aufmerksamkeit an seinem Munde hängenden Jugend, die zu dem Lehrer aufsieht wie zu einem Gott, ihm das Geleit giebt, ihm die Werkzeuge reicht, denn Bouchereau hat niemals ein Besteck, leiht vom ersten besten, der neben ihm steht, das Werkzeug, dessen er gerade benötigt und das er regelmäßig zurück zu geben vergißt. Wenn er ausgeht, so macht er diesen oder jenen Besuch. Dann kommt er flugs zurück nach seinem Zimmer und fängt oft, ohne sich die Zeit zum Essen zu lassen, seine Konsultationen an, die sich bis zu sehr später Stunde am Abend in die Länge ziehen. An diesem Tage war der Saal, obgleich es noch nicht Mittag war, schon voller düsterer, unruhiger Gestalten, die rings auf den Bänken herum in Reih und Glied, oder um den Tisch gruppiert saßen, über Bücher, illustrierte Zeitungen gebeugt, sich kaum beiseite wendend, um sich die Leute anzusehen, die nach ihnen hereintraten; denn jeder war mit sich selbst beschäftigt, war ganz von seinem Übel eingenommen, war ganz von der Angst und Unruhe erfüllt darüber, was der Seher verkünden wird. Unheimlich, dies Schweigen dieser Kranken mit den von Schmerzensfalten gehöhlten Zügen, mit den starren und matten, zuweilen von einem grausamen Feuer entflammten Augen. Die Frauen bewahrten noch ein gewisses kokettes Wesen; einige zogen eine stolze Maske über ihr Leiden und ihren Schmerz, während die aus ihrer Arbeit, aus der physischen Lebensthätigkeit gerissenen Männer ernster davon getroffen zu sein, sich mehr ihren Leiden und Schmerzen zu überlassen schienen. Unter diesem selbstständigen Drangsal, dieser selbstischen höchsten Not bildeten die Mutter und ihr Söhnchen eine rührende Gruppe; er so schwächlich und gebrechlich, so blaß, mit diesem Gesichtchen, in welchem aller Ausdruck, alle Farbe erloschen war, wo nur ein einziges Auge noch Leben hatte und sie starr und unbeweglich, wie geronnen und vereist in einer entsetzlichen Unruhe und Folter. In einem Augenblick, des Wartens müde, stand das Kind auf, um sich Bilder von einem Tische zu holen, linkisch und schüchtern, in der Weise eines Gebrechlichen und Siechen. Als er den Arm ausstreckte, stieß er an einen von den Kranken an und bekam einen so knurrigen, mürrischen Blick, daß er mit leeren Händen auf seinen Platz zurückkehrte und dort, ohne sich zu bewegen, den Kopf auf die Seite geneigt, mit jener ängstlichen Haltung verweilte, die dem flügellahmen Vogel eigen ist und die junge Blinde auch zeigen. Eine richtige Unterbrechung des Lebens, diese Sitzungen an der Thür des großen Arztes! ein hypnotischer Schlaf, der bloß durch einen Seufzer, einen Husten, durch das Raffen eines Kleides, eine erstickte Klage oder das Läuten der Klingel unterbrochen wird, die aller Augenblicke einen neuen Kranken meldet. Manchmal schließt ein solcher, wenn er die Thüre aufmacht und alles voll sieht, sie mit Schrecken rasch wieder; dann kommt er schließlich, nach einer kurzen Unterredung, einem kurzen Wortwechsel wieder herein. Er hat sich darein gefunden, zu warten. Das kommt daher, weil bei Bouchereau von Begünstigungen oder Bevorzugungen nicht die Rede ist. Er läßt Ausnahmen zu bloß für diejenigen von seinen Kollegen aus Paris oder aus der Provinz, die ihm einen ihrer Kranken persönlich zuführen. Diese Patienten allein haben das Recht, ihre Karte hereingeben zu lassen, außer der Reihe und vor den andern in das Sprechzimmer geführt zu werden. Sie unterscheiden sich von den andern durch ein ungezwungenes, selbstständig auftretendes Wesen, gehen mit nervösen Schritten in dem Salon umher, ziehen ihre Uhr, wundern sich darüber, daß es schon Mittag ist, und daß sich noch nichts in dem Sprechzimmer rührt. Leute, noch immer Leute, und von jeder Art, vom schwerfälligen reichen Bankier an, der vom Morgen an seinen Platz auf zwei Sesseln durch einen Diener belegen läßt, bis zu dem kleinen Beamten, der sich gesagt hat: »Koste es, was es wolle... wir wollen doch auch noch Bouchereau konsultieren...« Alle möglichen Toiletten, alle möglichen Anzüge, Kapotthütchen und wollene Hauben, dürftige, abgetragene, schwarze Kleider neben glänzenden Seidenstoffen; aber was die Leute einander hier gleich macht, das ist der Ausdruck, der in den von Thränen geröteten Augen ruht, auf den sorgenbeladenen Stirnen, in den bangen, angsterfüllten und traurigen Zügen, die in dem Salon eines großen Pariser Arztes herumspuken. Unter den letztgekommenen Gästen befindet sich ein blonder, sonnverbrannter Bauer mit breitem Gesicht und von vierschrötigem Bau. Er hat ein kleines rhachitisches Wesen bei sich, das sich mit der einen Seite auf ihn, mit der andern auf eine Krücke stützt. Der Vater ergreift rührende Vorsichtsmaßregeln, beugt unter seiner neuen Bluse seinen durch die Arbeit gewölbten Rücken, spreizt seine derben Finger auseinander, um das Kind niederzusetzen. »Ist's Dir wohl? mach'! setz' Dich! Warte! ich will Dir das Kissen unterlegen..« Er spricht mit lauter Stimme, ohne sich beirren zu lassen, stört die ganze Gesellschaft, um Stühle, ein Sesselchen zu erhalten. Das verschüchterte, durch das Leiden in seinem Empfinden verschärfte Kind verhält sich schweigend mit windschiefem Körper, und hält seine Krücken zwischen den Beinen. Nachdem sie endlich ihre Plätze inne haben, fängt der Bauer an zu lachen, während ihm die Thränen in den Augen stehen. »Na! nun sind wir ja da! Es ist ein gar berühmter Herr! Laß nur gut sein! Er wird Dich schon ganz gesund wieder machen!« Dann blickt er mit einem Lächeln hinüber über die ganze Versammlung, mit einem Lächeln, das auf allen Gesichtern harter Kälte begegnet... Bloß die Dame in Schwarz, die auch von einem Kinde begleitet ist, sieht ihn mit Liebe an, und obgleich sie ein etwas stolzes Wesen an sich hat, spricht er doch mit ihr, erzählt ihr seine Geschichte, daß er Raizou heiße, Gemüsegärtner in Valenton sei, daß seine Frau fast immer krank sei, und daß ihre Kinder unglücklicherweise mehr nach ihr als nach ihm schlügen, der er doch ein starker und kräftiger Mann sei. Die drei ältesten seien an einer Krankheit gestorben, die sie im Knochenmark zu sitzen gehabt hätten... Der letzte hätte so ausgesehen, als ob er sich gut aufziehen lassen wolle; seit einigen Wochen aber säße es ihm ebenso in der Hüfte, wie es bei den andern der Fall gewesen wäre. Da habe man auf die Bänke des Karrens eine Matratze geworfen, und sie seien hergekommen nach Paris, um bei Bouchereau vorzusprechen... Er sagte das alles in gesetztem Tone mit der zaudernden Art, wie sie Landleuten eigentümlich ist; und während seine Nachbarin ihm gerührt zuhört, mustern sich die beiden kleinen Invaliden mit neugierigen Blicken; denn die Krankheit rückt sie einander näher, giebt ihnen beiden, dem Kleinen in der Bluse und im wollenen Halstuch, wie dem mit seinem Pelz bekleideten Knaben eine melancholische Ähnlichkeit... Aber ein kurzes Leben durchschauert den Saal... Röte steigt auf die bleichen Gesichter... aller Köpfe wenden sich nach einer hohen Thüre, hinter welcher sich ein Geräusch von Schritten, von gerückten Stühlen vernehmlich macht... Er ist da... ist eben gekommen.. Die Schritte kommen näher. In dem Spalte der jäh geöffneten Thüre erscheint ein Mann von mittelgroßer Statur, untersetzt, breitschulterig, mit kahler Stirn und harten Zügen. Mit einem einzigen Blicke, der sich mit so vielen anderen ängstlichen, unruhigen Blicken kreuzt, hat er den Saal überflogen, hat diese Schmerzen alten oder jungen Datums erforscht. Es tritt ein Patient herein; die Thür schließt sich wieder. »Er muß wohl nicht sehr angenehm sein,« sagt Raizou; und um sich Beruhigung zu schaffen, faßt er alle diese Leute ins Auge, die vor ihm zur ärztlichen Beratung gelangt sind.. Eine richtige Menschenflut! und lange Stunden des Wartens verstreichen, die durch den lang gezogenen schallenden Schlag der alten, von einer Polyhymnia überragten Uhr und durch die spärlichen male, in denen der Arzt sich sehen läßt, markiert werden. Mit jedem male wird ein Platz gewonnen; es tritt eine Bewegung im Saale ein; es regt sich etwas Leben, dann wird alles wieder düster und unbeweglich. Seitdem die Mutter in den Saal getreten ist, hat sie kein einziges Wort gesprochen, hat ihren Schleier nicht gelüftet und es löst sich von ihrem Stillschweigen, vielleicht auch von ihrem im Geiste gesprochenen Gebet, ein Etwas, das so kräftigen, so außerordentlichen Eindrucks ist, daß der Bauer sich nicht mehr getraut, das Wort an sie zu richten, daß er stumm verweilt wie sie und tiefe Seufzer ausstößt. Einmal sieht man, wie er aus seiner Tasche, aus einer Menge von Taschen ein kleines Fläschchen hervorlangt, dann einen Becher, dann einen in Papier gewickelten Zwieback, den er langsam, behutsam auswickelt, um seinem Jungen »etwas Nasses« mundrecht zu machen. Das Kind netzt sich die Lippen, dann stößt es das Glas und den Zwieback wieder von sich: »Nein... nein... ich mag nicht... ich habe keinen Hunger«... Und als er dies arme, abgespannte Gesicht ansieht, gedenkt Raizou seiner drei Ältesten, die auch keinen Hunger mehr hatten. Seine Augen weiten sich; es zittern ihm die Wangen bei diesem Gedanken; und plötzlich sagt er: »Rühr' Dich nicht vom Flecke, mein lieber Junge... ich will bloß 'mal nachsehen, ob der Wagen auch noch unten hält.« Gar viele male steigt er so hinunter, um sich zu vergewissern, daß der Wagen noch immer am Rande des Bürgersteigs auf seinem Flecke halte. Und wenn er dann, lächelnd und vor Freude strahlend, wieder herauf kommt, bildet er sich ein, man sehe seine roten Augen nicht und seine violetten Wangen nicht Farben, die ihren Ursprung haben im vielen Reiben und Wischen und in derben Faustschlägen, mit denen Augen und Wangen traktiert worden sind, um Thränen zurück zu dämmen. Langsam und traurig verstreichen die Stunden. In dem Salon lagert sich die Dunkelheit dichter und dichter. Die Gesichter werden bleicher, nervöser; sie wenden sich mit flehentlichem Ausdruck nach dem unerbittlichen Bouchereau hin, der sich in regelmäßigen Zwischenräumen zeigt. Der Mann aus Valenton ist untröstlich in dem Gedanken, daß sie mitten in der Nacht heimkehren werden, daß seine Frau sich ängstigen wird, daß es den Kleinen frieren wird. Sein Kummer ist so lebhaft, schafft sich mit so rührender Harmlosigkeit ganz lauten Ausdruck, daß die Mutter mit ihrem Kinde, als sie nach fünf tödlich langen Stunden die Reihe an sich kommen sieht, ihren Platz dem wackeren Raizou abtritt. Sein Dankeserguß findet keine Zeit, sich lästig zu machen, denn eben öffnet sich schon die Thüre... Rasch nimmt er seinen Sohn, hebt ihn in die Höhe, giebt ihm seine Krücke, mit solcher Verwirrung, solcher Ergriffenheit, daß er nicht sieht, was die Dame dem armen verkrüppelten Knaben mit den Worten: »Für Dich... für Dich...« in die Hand schiebt. O! wie lange der Mutter und dem Kinde dieses letzte Warten währt und verstärkt wird die Empfindung durch den Hereinbruch der Nacht, durch die Furcht, die ihr Blut zu Eis gerinnen macht! Endlich kommt die Reihe an sie. Sie treten in ein sehr geräumiges Kabinett ein, das in seiner vollen Länge durch ein breites und helles Fenster erhellt wird. Dieses Fenster sieht nach dem Platze hinaus und gestattet dem Tageslichte trotz der vorgerückten Zeit noch Zugang. Bouchereau's Tisch steht vor diesem Fenster. Es ist ein sehr schlichter Schreibtisch, so wie man ihn bei den Landärzten oder Steuerkontrolleuren antrifft. Er setzt sich vor ihm hin, mit dem Rücken nach dem Lichte hin gewendet, das voll auf die neueingetretenen Patienten fällt auf jene Dame, deren zurückgeschlagener Schleier ein energisches und jugendliches Angesicht zeigt mit blendendem Teint, mit Augen, die von Schmerzenswachen erschöpft und müde sind auf jenen Kleinen, der den Kopf sinken läßt, als wenn ihm das ins Gesicht scheinende Tageslicht weh thäte. »Was fehlt ihm denn?« sagt Bouchereau, der ihn mit herzensgutem Tone, mit väterlicher Gebärde zu sich zieht, denn unter der Härte seines Gesichts verbirgt sich eine auserlesene Feinfühligkeit, welche selbst vierzig Jahre der Praxis nicht auszurotten vermocht haben. Die Mutter winkt dem Kinde, ehe sie auf die Frage des Arztes Antwort giebt, beiseite zu treten. Dann erzählt sie mit schöner und ernster Stimme, daß ihr Sohn im letzten Jahre durch einen Unglücksfall das rechte Auge eingebüßt habe. Jetzt stellten sich Beschwernisse und Störungen auch auf der linken Seite ein, das Kind klage über Nebel, der sich ihm über das noch sehende Auge lagere, über Schimmern und Flimmern vor dem Auge kurz, über eine empfindliche Verschlechterung des Sehvermögens. Um die gänzliche Erblindung zu vermeiden, rate man zur Herausnahme des abgestorbenen Auges. Sei das auch möglich? Sei das Kind auch imstande, es zu überstehen? Bouchereau hört mit Aufmerksamkeit zu; er sitzt da, über die Lehne seines Sessels gebeugt, während seine beiden Tourainer Aus Tours oder der alten Provinz Touraine, deren Hauptstadt Tours war, stammend. Augen auf diesen geringschätzigen Mund geheftet sind mit den roten Lippen aus reinem Blute, welche die Schminke niemals berührt hat. Und als die Mutter dann zu Ende mit Reden ist, sagt er: »Die Enukleation, die man Ihnen anrät, gnädige Frau, wird täglich gemacht und verläuft durchaus gefahrlos, wenn nicht ganz besondere Ausnahmeverhältnisse vorwalten... Einmal, ein einziges mal in zwanzig Jahren, habe ich in meiner Praxis in Lariboisière einen armen Teufel unter dem Messer gehabt, der die Operation nicht hat ertragen können. Allerdings war dies ein Greis, ein armer, elender Lumpensammler, ein verschnapstes, schlecht genährtes Subjekt... Hier ist der Fall nicht derselbe... Ihr Sohn hat kein sehr kräftiges Aussehen; er stammt aber von einer schönen und kräftigen Mama, die ihm gesunde Adern gegeben hat... Wir wollen das übrigens sehen...« Er ruft das Kind heran, stellt es sich zwischen die Beine und fragt es, um es während seines Examens abzulenken, zu beschäftigen, mit gütigem Lächeln: »Wie heißest Du?« »Leopold, mein Herr!« »Leopold wer?« Der Kleine sieht seine Mutter an, ohne zu antworten. »Nun, Leopold! Du mußt Deine Jacke, Deine Weste ausziehen... damit ich überall nachsehen, überall hören kann.« Das Kind zieht sich die Kleider aus – es braucht lange Zeit dazu, verfährt ungeschickt dabei... Seine Mutter ist ihm behilflich dabei mit zitternden Händen... auch der gütige Vater Bouchereau, der geschickter dabei ist als sie beide. O! des armen, schwächlichen, mit der englischen Krankheit behafteten Körperchens! dessen Schultern nach der schmalen Brust zu hereinragen, wie ein paar vorm Ausflug zusammengefaltete Vogelflügel, dessen Fleisch so fahl, so welk ist, daß sich das Skapulier, die geringsten Münzen in dem dämmerigen Tageslicht von ihm abheben, wie der Gips von einem Weihbilde. Die Mutter senkt das Haupt sie schämt sich fast ihres Werkes während der Arzt horcht und klopft, seine Thätigkeit dann und wann unterbrechend, um ein paar Fragen zu stellen. »Der Vater ist alt; nicht wahr?« »O nein, mein Herr . . . Kaum fünfunddreißig Jahre.« »Häufig krank?« »Nein fast nie.« »Es ist gut zieh Deine Kleider wieder an, mein Männchen!« Er setzt sich, tief in Sinnen versunken, wieder in die Tiefe seines großen Sessels, während das Kind, ohne daß man es ihm sagt, sich wieder auf seinen Platz im Hintergrunde des Zimmers zurück begiebt, sobald es seinen blauen Samt und seine Pelzsachen wieder angezogen hat... Es ist seit Jahresfrist in solchem Grade gewöhnt an diese Geheimnisthuereien, an dieses Gewisper und Geflüster um sein Unglück, sein Leid herum, daß es sich gar nicht einmal mehr darüber beunruhigt oder ängstigt, gar keinen Versuch macht, Verständnis dafür zu fassen, sich in alles fügt, alles über sich ergehen läßt... Aber die Mutter!... welche Angst, welche Unruhe liegt in dem Blicke, mit welchem ihr Auge an dem Arzte hängt!... »Nun?« »Gnädige Frau,« sagt Bouchereau ganz leise, jedes Wort abmessend »Ihr Kind ist wirklich davon bedroht, des Augenlichts verlustig zu gehen... Und doch... wenn es mein eigener Sohn wäre, so würde ich ihn nicht operieren., Ohne daß ich mir noch dieses schwache Wesen ganz zu erklären vermöchte, konstatiere ich doch in ihm seltsame Störungen, eine Erschütterung des ganzen Seins, vornehmlich das verdorbenste, erschöpfteste, allerärmste Blut...« »Königs-Blut!« stöhnt Friederike, die im Ausbruch des Unwillens in die Höhe geschnellt ist. Es ist ihr plötzlich das bleiche Angesicht ihres Erstgeborenen in seinem von Rosen überdeckten Sarge vor die Augen getreten. Bouchereau, der ebenfalls aufgestanden ist, hat durch dieses einzige Wort, plötzlich und mit einem male, Aufklärung bekommen er erkennt die Königin von Illyrien, die er niemals gesehen hat, da sie nirgendswohin den Fuß setzt, deren Bildnisse aber überall aushängen. »O! meine Gnädige . . . Wenn ich gewußt hätte..« »Machen Sie keine Entschuldigungen!« sagt Friederike, die schon wieder ruhiger geworden ist »ich bin hierher gekommen, die Wahrheit zu vernehmen jene Wahrheit, die uns niemals zu teil wird, uns andren Menschen, selbst im Exil nicht... Ach, Herr Bouchereau! wie sind die Königinnen doch unglücklich! Owenn ich denke, wie sie mich alle damit verfolgen, daß ich mein Kind operieren lasse! sie wissen doch ganz gut, daß sein Leben dabei auf dem Spiele steht.. Aber die Staats-Raison!... In vier Wochen, vierzehn Tagen, vielleicht früher, wird der Reichstag von Illyrien zu uns senden... Man will einen König haben, den man ihnen zeigen könne... So wie er ist, ließe sich's ja noch ertragen; aber blind! Kein Mensch würde davon etwas hören wollen... Also die Operation! auf die Gefahr hin, ihn zu töten!... Regiere, oder stirb... Und ich... ich war im Begriff, mich zur Helfershelferin an diesem Verbrechen zu machen... Armer kleiner Zara!... Was ist an seinem Regieren gelegen? Du mein Gott im Himmel! Er soll leben! Er soll leben!«     Fünf Uhr. Abend senkt sich nieder. In der Rue de Rivoli, auf welcher sich zur Dinerstunde die auf der Heimfahrt befindlichen Gefährte stauen, gehen die Pferde nun im Schritt am Tuilerieen-Gitter entlang, das sich, von dem frühzeitigen Sonnen-Untergange getroffen, über die Passanten in langen Schattenstreifen hinzudehnen scheint. Die ganze Seite des Triumph-Bogens ist noch von einem roten Nordlicht übergossen; die andre schon von einem Trauer-Violett, das nach den Rändern hin vom Schatten noch tiefere Töne erhält... Diesen Weg entlang rollt die schwere, vornehme Karosse mit dem Staatswappen von Illyrien. Dort, wo sich die Rue de Castiglione abzweigt, findet die Königin plötzlich den Balkon des Pyramiden-Hotels wieder, findet die Illusionen wieder, die ihr bei ihrer Ankunft in Paris vor die Seele traten, singend und schwebend im All wie die Blechmusik, die an diesem nämlichen Tage in den Laubdickichten erschallte. Wieviel Enttäuschungen seitdem. Jetzt ist es zu Ende! zu Ende! Das Geschlecht ist erloschen... Eine Todeskälte fällt ihr auf die Schultern nieder, während der Landauer vorwärts fährt nach dem Schatten hin, immer fort nach dem Schatten drüben hin. Darum sieht sie auch den weichen, bittenden, schüchternen Blick nicht, den das Kind nach der Seite hin wendet, wo sie sitzt. »Mama! wenn ich nun nicht mehr König bin, wirst Du mich trotzdem lieb haben?« »O Du mein Herzensjunge!« Sie drückt voll Inbrunst und Leidenschaft die kleine Hand, die sich ihren Händen entgegenstreckt... Vorwärts nun! das Opfer ist vollbracht! Neu erwärmt, neu gestärkt, neu gekräftigt durch diesen Händedruck, ist Friederike nun nur Mutter noch... Und als sich das Schloß der Tuilerieen, vergoldet auf seinem festen, soliden Aschenhaufen durch einen Strahl der hinter dem Horizont verschwindenden Sonne, sich plötzlich vor ihr in die Höhe richtet, um ihr die Vergangenheit in die Erinnerung zu rufen, da richtet sie den Blick auf das Schloß ohne Ergriffenheit, ohne Erinnerung sie meint, eine alte Ruine Assyriens oder Ägyptens zu schauen, einen Zeugen verschwundener Sitten und Völker ein großes, ein altes Ding ein totes Ding.   Ende .