Felix Dahn Herzog Ernst von Schwaben Erzählung aus dem elften Jahrhundert Motto: – » Ernestus, dux et decus Alamannorum« Necrologia St. Galli ed. Dümmler et Wartmann p. 50. Erstes Buch.   I. Im Jahre eintausendvierundzwanzig vereinte das Pfingstfest ein paar geistliche Große in der Schwarzwald-Villa Eberhof des betagten Herzogs Ernst von Schwaben. In der weiten Halle des Mittelbaus stand in der Nische des einzigen großen offnen Rundbogens am Morgen des Pfingstsonntags ein Mann in reicher bischöflicher Tracht in vertrauter Zwiesprach mit einem erheblich Jüngeren im schwarzen Priestergewand, der ehrerbietig in das kluge, überlegen blickende Auge, in die feinen, scharf geschnittenen Züge des Ältern emporsah. »Versäume nicht,« begann dieser, »die Briefe, die ich dir diktiert, – wenigstens die drei in Geheimschrift – durch verlässige Boten heute noch abzusenden.« – »Heute, bischöfliche Gnaden? An so hohem Feiertag? Da sind Botenfronden nicht zu verlangen. Ja, verboten.« – »Ich entbinde vom Verbot und bezahle die Ritte: dann sind es nicht Fronden. Es eilt, kann wenigstens eilen. Die Nachrichten von Kaiser Heinrich lassen dessen baldigen Heimgang erwarten. Vorher müssen alle Gutgesinnten sich über die Nachfolge verständigt haben. Das kostet Zeit und Mühe. Drum eile, mein Gozelo.« Der Priester verneigte sich, dann begann er leise, nachdem er vorsichtig zum Fenster hinausgespäht, »mein hoher Hirt, ist eine Frage verstattet?« – »Frage. Ich kann mir denken ...« – »Wohlan: weshalb habt Ihr nicht zum Nachfolger ...?« – »Unsern Hausherrn hier ausersehn, nicht wahr?« – »Allerdings. Denn – nicht mir steht ein Urteil zu in solchen Dingen! – alle, aber auch alle Eure geistlichen Amtsbrüder, Herr Erzbischof, und fast auch alle Fürsten, stimmen überein in dem hohen Lob des alten Ernst, wie sie sagen: ihn loben seine dankbaren Bauern, seine Kirchen und Klöster, tapfer, aber friedfertig, gerecht, aber mild, weise, aber nicht arglistig, treu verlässig! ...« – »Hör' auf,« der Erzbischof winkte mit der Hand und eine Falte zog sich zusammen auf der stolzen Stirn. »Man könnte neidisch werden. Du ahnst nicht, Freund Gozelo, wie jedes deiner Worte ihm schadet.« – »Schadet!? Sind's doch Worte höchsten Lobes.« – »Eben deshalb! Du hast ganz recht: ohne Zweifel einstimmig würde der Schwabenherzog gewählt, würde er aufgestellt oder stellte er sich selbst auf – woran sein schlichter Sinn nicht denkt. Gerade darum ist er nicht der König, den ich – vielmehr die heilige Kirche und zumal das Erzstift von Sankt Bonifacius – brauchen kann.« – »Ich verstehe nicht!« – »Merk' auf, aber schweige. Seid klug wie die Schlangen, mahnt der Herr. Wohlan! Ernst würde die Krone nur sich selber danken, keinem zu Vergelt verpflichtet sein. Der künftige König aber soll seine Krone mir verdanken – d. h. der heiligen Kirche. Und teuer, wahrlich – soll er sie bezahlen: nicht mir, nicht dem sündigen Menschen Aribo, sondern der Kirche und dem Erzstift Mainz.« Der Priester staunte ihn an: »Ihr seid ein Meister der Gedanken. Und nicht bloß der geistlichen. – Und Ihr glaubt, er fügt sich Eurem Wahlkandidaten?« – »Ohne Zweifel – der Vater. Anders – vielleicht – der Sohn.« – »Der junge Ernst? Ja, ,Herr Hastemut' nennt ihn das Volk. Er ist gar feurig, gar ungestüm.« – »Auch ›Herr Hochgemut‹ könnte er heißen. Der Hitzkopf will gar hoch hinaus. Königs- und Kaiserkronen hängen dem Ehrgeizigen nicht zu hoch. Aber es hat gute Wege mit seinem Flug, solange der Vater lebt und ihn bändigt. Er liebt den Alten heiß und folgt ihm blind. So hat es keine Gefahr. Aber still – man kommt. Fort! besorge die Briefe.«   II. Aus dem Innern des Hauses trat nun Hand in Hand ein Paar: eine durch blendende Schönheit mehr noch als durch prachtvolle, sorgfältig gewählte Gewandung auffallende Frau: die erste Jugendblüte war ersetzt durch die Vollentfaltung üppiger Reize: unwillkürlich ruhte auf ihr der Blick des Erzbischofs in langer Prüfung. Da traf ihn der Ruf des stattlichen Gemahls: denn das war offenbar der ältere Mann im grünen Jagdgewand, der sie an der Hand führte. »Eia, hochwürdiger Herr Erzbischof, nicht wahr, Euch gefällt sie auch? – Trotz all Eurer Heiligkeit! – Gisela, meine Frau Herzogin, die man das schönste Weib auf deutscher Erde nennt?« – »Ich kenne auch die welsche und die wendische und füge beide hinzu,« sprach Aribo sich leicht verneigend. »Vergebt mein Anstarren, hohe Frau. Aber ich habe Euch ein Jahr nicht mehr erschaut – und Ihr habt es fleißig verwendet, noch schöner zu erblühen.« Mit unschuldigem Lächeln reichte sie ihm die weiche, wohlgepflegte Hand zum Kusse hin: »Ich würde es nicht vergeben, wenn ich Euch nicht gefiele. Ich brauche das Lob aller Männer.« – »Sogar noch ihres alten Ehemanns,« bekräftigte der. »Und nun, frommer Seelenhirt, entbindet mich von einem kirchlichen Verbot.« – »Ich errate: Jagdspeer und Jagdgewand! Ihr wollt am heiligen Pfingstfest das wilde blutige Weidwerk treiben, harmloser, wehrloser Rehe und Hirsche Blut vergießen! Ei ei, das ist den Heiligen leid.« – »Nicht doch, Erzbischof. Nicht Hirsch noch Rehlein gilt's. In aller Morgenfrüh kam mein Meier vom Ebergrundhof gelaufen, ließ mich wecken und wehklagte laut. Der grimmige Keiler aus dem Bachensul, der früher nur die Saat der Vorwerke zerbrochen, ist jetzt bis ins Herz der Meierei gedrungen, hat die Knechte und die Saurüden angenommen, drei Hunde geschlitzt und einen Ochsenbuben getötet. Die Leute wagen sich nicht mehr aus ihren Hütten. Meinen Bauern muß ich helfen: – sogleich – nicht erst übermorgen! Die Heiligen müssen schon verzeihen. Warum helfen sie nicht selbst? Reitet nach mit Frau Gisela. Auch der ehrwürdige Herr Burchard, Euer Amtsbruder von Worms, erachtet es nicht als Sünde, hinter dem Jagdzug drein zu traben, hinaus und in den wunderschönen Pfingstsonntagmorgen unsres lieben Herrgotts hinein. Kommt mit! Die Messe habt ihr ja schon gesungen. Hört Ihr die Hörner der Jägerei draußen im Hof? Sie blasen den Ebergruß. Hinaus zum edlen Weidwerk und – vor allem! – zum Bauernschutz. Der ist des Markherrn heilige Pflicht.«   III. Alsbald setzte sich der kleine Jagdzug in Bewegung in dem leuchtenden Morgenschein des Sommertags. Der Frühtau war reichlich gefallen: jeder kleine Halm der Wiese funkelte und glitzerte im Sonnenlicht: die Heidelerche stieg tirilierend in den lichtblauen Himmel, immer höher und höher ihre Kreise ziehend: alles atmete Friede, Freude, heitres Leben der Natur. Ein gut Stück vorauf kam der Herzog mit den berittenen Jägern, den Treibern und den Meutewärtern zu Fuß. Es folgte eine zweite Schar geführt von zwei stattlichen Jünglingen, denen sich auf seinem Maultier ein hoher Geistlicher angeschlossen hatte. In weitem Abstand von diesem trabten langsam die Herzogin, Aribo und beider Gefolge. »Herr Bischof Burchard, mein lieber Taufvater,« rief der jüngste der beiden Ritter – angenehm klang die helle, wohllautreiche Stimme – und warf mit anmutiger Bewegung die hellbraunen Locken zurück, »wie freu' ich mich, wie freut sich alles im Hause, zeigt Ihr wieder einmal das milde, kluge Gesicht unter uns. Von mir ganz zu schweigen: – aber der Vater, die Mutter, auch dieser viel schlimme Werner da, der sonst den frommen Herren nicht gar wohl will.« Der Gescholtene, ein paar Jahre älter, antwortete rasch mit scharfem Ton und furchte die tiefschwarzen Brauen: »Mit Vergunst, Freund Ernst – die Frommen schätz' ich hoch: aber es sind nicht alle fromm, die geschoren sind. Die Tonsur soll dem heiligen Geist das Eindringen in das Gehirn erleichtern: – aber oft gelangt er doch nicht hinein.« Der Bischof, ein Mann von gar ehrwürdigem, aber vor allem freundlich gütevollem Antlitz, erhob strafend den Zeigefinger der Rechten: doch das Scheltwort erstarb ihm unter einem Lächeln, als er den Jüngling in das etwas allzuscharf geschnittene, aber edle und kühne Antlitz, die blitzenden, obwohl tiefschwarzen Augen sah: »Jung Werner, jung Werner! Du lernst nicht Zucht!« mahnte er milde. – »Ah,« lachte der bitter, ja grimmig, »von wem sollte jung Werner sie lernen? Der Bastard hat keinen Vater, sagt das scheußliche Recht eures scheußlichen Reichs. Und eine Mutter zwar hat er. Aber die meine,« – hier preßte er die seinen Lippen zusammen, und strich über den Anflug des schwarzen Bartes – »die meine macht's dem Vater nach. Sie gebar mich und verschwand, diese zärtliche ...« – »Schweig!« gebot jetzt der Bischof tief ernst. »Lästre sie nicht! Wer weiß, was sie gezwungen hat, zu verschwinden.« – »Und mein Vater?« meinte der andre, reicher gewandete Ritter »hat er nicht an dir –?« – »Vaterstelle hat er an mir vertreten,« rief der Schwarzlockige jetzt mit weicherer Stimme, ja gerührt. »Schande mir, vergaß' ich's je. Er hat den Säugling, den er, halberstarrt, eines Morgens vor dem Tore seiner Burg liegend fand, aufgehoben, hat ihn in sein Haus aufgenommen, ihn mit dem eignen Knaben, als dieser später zur Welt kam, zusammen erzogen. Er hat mir mit dem Sohn zugleich bei Kaiser Heinrich den Rittergurt erbeten und mir seine alte Feste, die efeugrüne Kiburg, zu Lehen gegeben, so daß ich niemand als ihm zu dienen habe! Also nicht Mangel ist es, was den Bastard, den Bankert ergrimmt gegen dies heilige römisch-deutsche Reich und sein widerrechtlich Recht! Nur der Haß – wider alle Natur! – gegen den eignen Vater, der mir offenbar die Mütter verführt und treulos verlassen hat. Fluch über ihn.« Und grimmig ballte er die Faust um den Schwertgriff. »Pfui du Frevler. Weh der Sünde!« schalt nun der Bischof. »Nimm das Wort zurück.« – »Nie, solang ich lebe,« knirschte der Jüngling und erbleichte vor Erregung. – »Laßt ihn, Vater Burchard,« mahnte der Herzogsohn. »Es hilft nichts. Wie oft haben der Vater, die Mutter ...« – »Frau Gisela,« lachte Werner. »Wenig liebt sie mich. Hat auch zu viel an die eigne Schönheit und die Kleider aus Burgund zu denken, um für andre Zeit zu haben: kaum für den Gatten und den Sohn.« Verstimmt hob dieser an: »Wohlan, mein Vater sollte dir genügen! Ist's ein Mann!« – »Der beste, den ich kenne unter der Sonne,« rief der Bischof. »Das Herz des Kindes und des Weisen Haupt. Jedem Menschen, der ihm naht, muß er was Liebes tun: bevor ist ihm nicht wohl. Seht ihr, Knaben, darin ist er auch überlegen – dem einzigen Mann; den man ihm sonst vergleichen mag.« – »Wer ist das?« forschte Ernst eifrig. – »Ich ahne,« brummte Werner, wieder die Brauen furchend. »Ihr meint Konrad, den Frankenherzog. Ich haß' ihn.« – »Werner, es braucht viel Langmut, all deinen vielen Haß zu ertragen. Wer viel haßt, lebt nicht lang.« – »Mag ich gar nicht.« – »Ja, ich meine den Frankenherzog. Er ist klug, tapfer und willensstark, wie nur noch Herzog Ernst. Was hast du gegen ihn?« – »Was ich gegen ihn habe?« schrie Werner, vor Zorn erbleichend. »Den tödlichen Haß der Rache für gekränkte Ehre.« – »Er? Der gerechteste der Männer!« – »Der üble Höllenwirt hole ihn und seine Gerechtigkeit! Ich rede mit keinem Menschen davon, das verbreitet nur meine Schande. Aber Euch, guter frommer Bischof, will ich's sagen: – 's ist wie Beichte. Denn solcher Rachehaß, wie ich ihn hege, ist Sünde, ich weiß! Aber doch auch nicht Sünde: denn ein, niemals bereu' ich sie, nie leg' ich sie ab. Ah, ich liebe diesen Haß mehr als mein Leben.« – »Jung Werner!« mahnte der Bischof, »Was ..., was hat er Euch getan?« – »Den schlimmsten Schimpf: Hört nur!« – »Laßt ihn lieber schweigen,« bat Ernst »es macht ihn wütig.« »Nein, ich will's wieder einmal aussprechen – es liegt Wollust in dem Zorn des Wehs. Er hatte – vor Jahren – ein Lanzenstechen – ausgeschrieben, nach Wirzbürg auf Einladung des Bischofs Meinhart, des Rotenburgers, der sein Ohm. Alle seine fränkischen und auch die schwäbischen Ritter waren geladen: – auch ich kam, einen Tag vor dem Erstritt. Er selbst war noch nicht eingetroffen. Aber in seinem Auftrag wies mich der Ehrenherold aus den Schranken – als vaterlos. Mit Schimpf und Schande mußt' ich abreiten – zum Rennwegertor wies mich der Herold hinaus – vor allen Helmen der Lanzengäste. Wütend sandte ich ihm kampflichen Gruß auf Tod und Leben: er ließ mir sagen: des Vaterlosen Kampfgruß sei wie Spreu. Ah, da dacht' ich, sann ich, träumte ich, ihn zu ermorden.« – »Unsinniger, Unseliger,« schalt der Bischof. – »Beruhigt Euch! Ich hab's ja nicht getan. Und ich hab' es diesem Ernst da versprochen, es nicht zu tun, weil ...« – »Weil der Herr es verbeut.« – »Nein, weil's die Ehre verbeut, dieselbe Ehre, die er mir abspricht: diese Ehre, die ich dennoch habe, und halte, rettet sein Leben.« – »Beruhige dich!« mahnte Ernst. »Kaiser Heinrich hat dich ja später gegraft, auf meines Vaters Bitten. Dadurch hat er dich ehrlich machen wollen.« Werner zuckte die Achseln. »Ja! Nach dem Recht! Nicht nach gar mancher Männer Achtung. Auf Schritt und Tritt stoß ich auf verachtende Gebärden, wenn auch nicht Worte: – die weiß ich zu rächen! Aber schon ein scheeler Blick, wie dieser Graf Mangold, der Tugendspiegel, sie blickt, läßt mir das Blut siedheiß aufkochen. Auch jetzt noch würde mir der Franke den Zweikampf weigern. Feig ist er nicht, aber eiskalt. Er trägt an des Herzens Stelle einen Eisklumpen. Ich bin gewiß: der kann nichts lieben, nichts auf Erden.« – »Doch, kecker Scheltemund, doch! Ich kenne ihn besser! Er liebt so treu das Reich , dies vielbedrohte Reich. Ich weiß, zehnmal würd' er dafür sterben. Das Reich ist des Einsamen Liebe.« – »Sonderbarer Geschmack!« höhnte Werner. »Kann ihn nicht teilen. Aber er freilich ist dieses Reiches ein Fürst, ihm strömen dieses Reiches Ehren. Was ist es mir, was gibt es mir, dem Bastard? Nicht einmal mein Recht, mein Recht auf Ehre verschafft es mir. Ich pfeif' auf ...« – »Schweig, Werner!« hemmte ihn Ernst heftig. »Wenn das mein Vater hörte!« – »Ja, der!« bekräftigte der Bischof. »Der und Herr Konrad, sie sind, seit der Kaiser dahinsiecht, des Reiches Stützen. Und hätten wir nicht in deinem Vater, Ernst, den gebornen deutschen König als des kranken Herrn Heinrichs Nachfolger, – wahrlich diesen Konrad müßten wir wählen.« – »Nimmermehr!« rief Werner. Auch Ernst sah verdrossen auf den Bischof. Der ließ lange den prüfenden Blick auf beiden ruhen. »Hütet euch, ihr Voreiligen, maßlos anspruchsvollen, herrschbegierigen Knaben! Ich lese deine Gedanken aus deinen Augen, du feuergeistiger Ernst, und dieser schwarze junge Dämon schürt sie: – er ist dein guter Engel nicht.« – »Treu wie Gold ist mir Werner!« rief der Herzogsohn. – »Ich zweifle nicht. Aber es ist keine Himmelsflamme, die in ihm lodert. Beide denkt ihr schon weit hinaus über Herrn Heinrichs letzte Tage: ja ihr denkt schon hinaus über Herzog Ernst –« Der junge Ernst errötete und wandte das Antlitz zur Seite. »Du denkst dich,« fuhr der Bischof fort, »schon als Königssohn, ja an des Vaters Grab ...« – »Nein, nein!« rief Ernst, aber seine Stimme schwankte. – »Du träumst dich schon als deutschen König, als König von Burgund – kraft des Erbes deiner Mutter – ja als römisch-deutschen Kaiser, der die Krone nahm zu Rom.« – »Und recht hat er in alle dem! Und nicht Träume sollen's bleiben, wahr soll alles werden! Bei meinem Schwert!« Und klirrend schlug Werner an die Scheide. »Nicht doch!« bat Ernst. »So ... so ist das nicht, teurer Bischof. Gott ist mein Zeuge – an meines Vaters Tod, den ich mehr liebe als – als – auch als die schöne Mutter! – hab' ich noch nie mit Erwartung, geschweige mit einem Wunsch gedacht. Das ist es nicht, nicht Herrschgier. Aber was anderes: ich kann es kaum in Worte fassen: die feurige Gier nach Abenteuer, Kampf und Sieg. Ja, Burgund, das leugne ich nicht, ersehn' ich, bald, rasch: ist es doch – du sagst es – meiner Mutter Erbe. Was ist mir König Rudolf von Burgund, meiner Mutter Oheim, was sein Neffe, Graf Odo von Champagne? Fremd sind mir beide, hab' sie nie gesehen! Ja, ich ersehne den Tag, da ich besteigen darf, ein König, den goldenen Thron des reichen Burgund.« – »Und wenn wir vorher Herrn Odo herunterstoßen müssen, desto besser,« lachte Werner. »Ja: vieler Völker Länder und Städte durchziehen – in Güte oder in Kampf – wie Lyon und Paris, so Rom, ja das vom Schimmer der Sage umstrahlte Byzanz, Ruhm gewinnen, fabelhafter Schätze Glanz: ja, das ersehnt glühend – ich berg' es nicht – mein heißes Herz.« – »Und wenn wir in diesen schönen Landen nicht nur wie abenteuernde Ritter fahren, nein, als Könige herrschen, ebenfalls desto besser!« rief Werner. – »Sprich, trefflicher Bischof – auch du warst jung – kannst du die Jugend dessen tadeln?« Bevor Burchard antworten konnte, erscholl lautes Geläute der Rüden am Saume des Waldes vor ihnen und der Ton des Hifthorns. Eilend sprengten alle nach vorn.   IV. Ein paar hundert Schritt vor ihnen zweigte von der breiten Landstraße zur Linken in den dichten Wald von Tannen und Buchen hinein ein schmaler Reitpfad ab – nur für je ein Pferd gangbar: denn zu beiden Seiten des erhöhten Weges ragte undurchdringlich Schilf- und Binsen- Wuchs aus tiefem, schwarzgrünen Moor, das Roß und Reiter würde verschlungen haben. So konnten denn die Jäger nur allmählich hintereinander in das dichte Gestrüpp und Unterholz des Waldes dringen. Ein blutiger Anblick erwartete sie. Drei, vier der starken Eberhunde, die das Wild aus einer Suhle aufgescheucht, in jene Waldblöße getrieben, hier gepackt und gedeckt hatten, waren von dem Ebertier abgeschüttelt worden: es hatte sich mit den Gewehren losgeschlagen: sie lagen mit aufgerissenen Gedärmen, tot oder sterbend, umher, der Keiler war dann wieder in dem Tannicht verschwunden, bevor die Jäger ihn erreicht hatten; sie verteilten sich nun und suchten in verschiedenen Richtungen die Spur. »Hie Sauspur! Hieher,« scholl da die Stimme des Herzogs von rechts her. Nun waren auch sein Sohn und die andern zur Stelle. Der Herzog wies mit der Saufeder über einen tiefen Waldgraben hin: »Dort, rechts, in dem Moorbruch!« Und er gab dem mächtigen Friesenhengst die Sporen; gehorsam setzte der an und nahm glücklich den Graben, aber jenseits scheute er vor dem heranfahrenden Untier, sprang seitwärts und brach zusammen, den Reiter auf dessen linker Seite unter sich begrabend. Und schon rannte der Eber auf den wehrlos Liegenden: – ein schriller Schrei – dann Stille. »Mein Vater!« – »Herr Herzog!« Schon waren beide abgesprungen, schon standen sie vor dem Eber. Der Herzogsohn warf sich auf ihn und stieß ihm den Speer in das Blatt, aber der Schaft zerbrach in den starken Borsten, das Tier rannte, die Waffe im Leibe, den Helfer an und warf ihn mit einem Schlag in den Unterschenkel rücklings um. Jedoch Werner sprang vor den Wunden und bohrte dem schäumenden Tier den breiten Saufang dicht hinter dem Schädel ins Genick: lautlos verendete der Borster. Unter dem Jagdgefolge befand sich der Bader des Dorfes; er untersuchte die Wunden des Sohnes und des Vaters; jene fand er unerheblich, aber über diese sprach er kein Wort: er gebot nur, aus den Tannenzweigen eine Bahre zusammenzufügen, auf der der bewußtlose Herzog aus dem Wald auf das freie Feld hinausgetragen wurde; der Sohn selbst trug mit an dem Kopfende, Als die nächste offene Stelle vor dem Gehölz erreicht war, und die Sonne die Augen des Wunden traf, schlug er sie auf und gebot: »Laßt mich hier sterben. Denn es ist so. Wo – wo bleibt Gisela? Sie verläßt mich im Tode!« Erst jetzt erreichte die Herzogin mit Aribo diese Stelle. Laut aufschreiend glitt die Frau aus dem Sattel und warf sich auf die Kniee neben dem Wunden. Der tastete nach ihrer Hand. »Ja, Frau, jetzt geht's zum Scheiden. Das Gefolge laßt zurücktreten: ich hab' euch andern noch was zu sagen. – Euch, ihr frommen Bischöfe, empfehle ich, eurem Schutz, eurer Fürsorge meine Witwe, meinen Sohn, auch diesen Werner – den Vaterlosen. Du, Ernst, bist ein guter Bub', hast ein edles Herz, aber dein Blut! Dein heißes, ungestümes, wildes Blut und der jähe Zorn bei jeder – ach! oft nur eingebildeten – Kränkung. Höre des Vaters letztes Wort: bändige diese Hitze des Herzens. Gehorche deiner Mutter, mahnt sie dich dieser meiner Worte, folge nicht dem Werner da: – wohl ist er dir treu, ich weiß, bis in den Tod! Allein er ist wie jenes dein heißes Blut, das Mensch geworden wäre. Du aber, geliebte Frau, vernimm meine letzte Bitte: sie verlangt viel, aber es muß sein. Ich fürchte, ich war doch wohl schon zu alt, zu ernstbedächtig für deine blühende, lebenstrotzende, lebendürstende Jugend, als vor so viel Jahren ... ach, ich habe nicht mehr viel Zeit, viel Worte! Ich muß zu Ende eilen – ohne Schonung. – Ich kenne dich besser als du dich selbst. Es wird dir öd werden in dem Witwenstuhl – gar bald.« – »Niemals!« – »Aber ich beschwüre dich, versprich mir – siehe, der strudelköpfige Bub' bedarf der Leitung – dir wird er folgen, leichter als diesen Bischöfen. Lebe für ihn, lebe dieser Mutterpflicht, diesem heiligen Amt allein: nur du kannst ihn ... Ach ich ... ich kann nicht ruhig sterben, bin ich dein nicht sicher. Ich, ich gebiete dir. Weh, das kann ich nicht. Aber ich bitte dich: schwöre mir, nur Ernst zu leben, nicht wieder dich zu vermählen ...« »Ernst, mein Ernst! Wie kannst du ...?« – »Sie tut es nicht,« flüsterte Werner Aribo zu. »Ihr werdet sehen, sie schwört nicht.« – »Und wenn sie schwört,« erwiderte dieser ebenso leise, »wird sie's halten? Ein solcher Eid ...« – »Aber Vater,« bat Ernst, »wie kannst du glauben? Nach dir , dir, du ...« – Aber der Sterbende drängte: »Schwöre, schwöre mir's ... vor diesen Zeugen.« Und er richtete sich mit letzter Kraft halb auf, erhaschte wieder ihre Rechte und hob sie empor: da reckte sie drei Finger in die Höhe und schluchzte: »Ich schwöre.« – »Dank! So mag ich in Frieden sterben – sterben wie ein rechter Herzog soll ... in dem Schutz meines Volkes. Gott, dir empfehle ich meine Seele!« Und er atmete tief auf und starb.   V. Am folgenden Tag ward die Leiche nach der nahen Cella Gottesruh verbracht, die der fromme Herzog erbaut und zu seiner Grabstätte – wie zu der seiner Gemahlin – bestimmt hatte. Diese fühlte sich zu schwach, auch nur die kurze Strecke zurückzulegen: sie blieb – unter vielen Tränen – in der Villa zurück, während die beiden Bischöfe, welche die Einsegnung übernommen hatten, mit den beiden Jünglingen und den Dienstmannen aufbrachen zu dem traurigen schweigenden Zuge. Nicht gar weit war der – langsamen Schrittes der Pferde – gelangt, doch hörte man schon deutlich das Sterbeglöcklein der Kapelle klagen, als vom Westen her auf einem Seitenpfade zwei Reiter heransprengten so rasch die Gäule rennen konnten: bald waren sie heran. Der Vorderste – ein Geistlicher – rief laut: »Herr Erzbischof, haltet an.« – Bischof Burchard sprach verweisend: »Archidiakon! Wie könnt Ihr so lärmen und den Trauerzug stören? Seht Ihr nicht, wir bergen eine Leiche.« Aber Aribo forschte eifrig: »Was ist's, Gozelo? Ist's wichtig?« – »So wichtig, Herr, wie nichts auf Erden! Lasset die Toten ihre Toten begraben! Wendet das Rößlein und folgt mir rasch!« – »Was ist? Rede!« – »Kaiser Heinrich ist gestorben in seiner Pfalz zu Grona und die Fürsten strömen zusammen an den Rhein zur Königswahl. Eilt, Herr Erzbischof.« Da gab Aribo seinem Pferd die Sporen, daß es stieg, und riß es seitwärts nach links aus der Reihe des Zuges dicht neben Gozelo und dessen dienenden Begleiter. »Wohin, Herr Bruder?« fragte Burchard staunend. – »Ihr könnt fragen? Zur Königswahl!« – »Und Eures Freundes Leiche?« – »Bestattet sie allein. Ihr braucht mich nicht dazu. Und er auch nicht.« – Werner ballte in stummem Zorn die Faust. – »Ist das Eure Freundschaft für den Vater?« mahnte Ernst. – »Was Freundschaft! Es gilt die heilige Kirche, ihr Recht, ihre Macht, ihren Vorteil. Soll ein Ungehorsamer ihr Schirmherr werden?« Schon sprengte er hinweg mit Gozelo: schon umhüllte sie die Staubwolke der Landstraße. Traurig, kopfschüttelnd, verfolgte der Bischof den Weg nach der Kapelle.   VI. Nicht eher als bis die Gäule den raschen Trab versagten, zog der Erzbischof den Zügel, ließ den Rappen Schritt gehen und winkte die beiden an seine Rechte und Linke heran. »Wie, wo, wann erfuhrst du's?« fragte er, noch außer Atem, den Archidiakon.– »Noch nicht weit war ich gekommen auf der Rheinstraße von der Villa hinweg, als ich diesen Boten traf mit der Trauernachricht!« – »Bote? Wer hat dich geschickt?« – »Die Kaiserin-Witwe, Kunigundis, die hohe Frau. Sobald ihr Herr die Augen geschlossen hatte, hieß sie mich satteln und vor allen Fürsten des Reichs Euch herbeiholen: der heiligen Kirche und ihren eignen besten Berater, sagte sie.« – »Sie selbst wird bald eine Heilige sein,« nickte Aribo. – »Sie wußte, wo Ihr weiltet, und befahl, Euch zurückzurufen nach Mainz, so rasch als möglich.« – »Die Gute, Vielkluge! Sag', weißt du vielleicht, wo Konrad weilt, der Herzog von Franken?« – »Ich verließ ihn bei der hohen Witwe.« – Erfreut nickte der Erzbischof. »Und der andre, der jüngere Konrad, der von Worms?« – »Das weiß ich nicht. – Man flüstert in der Pfalz, dieser, der Jüngere, trachte auch nach der Krone.« – »Auch? Was soll das heißen?« – »Ei nun, Herr Erzbischof, manches Wort, das die Herrschaften sprechen, sickert doch bis auf uns in die Halle der Dienstmannen herab. In den langen Wochen, da es mit dem Herrn Kaiser zu Ende ging, haben die Großen und wir Kleinen doch oft geflüstert, wer ihm wohl folgen werde.« – »Nun, und was habt ihr dabei herausgeklügelt, groß und klein?« – »Vor allem hieß es: ganz ohne Zweifel der prächtige Herr Herzog, den sie soeben zu Grabe führen, wie ich bestürzt vernahm von den Trägern. Welch' Unheil für das Reich!« – »Ja, ja! – Aber nach ihm, wer wurde nach ihm genannt?« – »Die beiden, nach denen Ihr fragtet: die beiden Konrade. Aber freilich hieß es, beide haben wie viele Freunde, viele Widersacher: einstimmig werde wohl keiner gewählt werden und das Schwert zwischen ihnen entscheiden müssen.« – »Da sei Gott vor! Gott und ich: das heißt, die heilige Kirche! Kommt, laßt die Rößlein wieder traben,« – »Sie können's kaum schon wieder, Herr!« warnte Gozelo. – »Mein Brauner da ist der beste Läufer der Frau Kaiserin. Sie lieh mir ihn. Reit' ich ihn zu Schanden ...« – »So ersetze ich's. Vorwärts! Trab!«   VII. In dem stolzen Bischofshaus zu Mainz, das unmittelbar an die Rückenmauer des altehrwürdigen Domes stieß, stand in eine Fensternische gelehnt Aribo in tiefem Gespräch mit einem gar stattlichen Manne, der den über mittelgroßen Erzbischof noch erheblich überragte. Nicht Mann, nicht Weib konnte sich dem gewinnenden und gewaltigen Eindruck dieser Heldengestalt, des schönen, männlich ernsten Antlitzes, dieser klugen, kühlen, durchdringenden blauen Augen entziehen. Die krausen Locken des kastanienbraunen Haares waren ziemlich kurz gehalten wie auch der volle Rundbart gleicher Farbe. In der Fülle männlicher Kraft und Schönheit stand er da, vom goldenen Licht der Abendsonne umleuchtet, das sich auf der reich geschmückten Plattenbrünne spiegelte. Er hatte die letzten Worte des Erzbischofs mit tiefem Nachdenken in sich aufgenommen: nun hob er – nach längerem Schweigen– an: »Ich kann Euch kaum noch widersprechen, ehrwürdiger Herr Bischof. Ihr wißt: – Ihr kennt mich lang'! – das Wohl des Reichs, des viel zerklüfteten ist einzig meine Liebe. Und nichts als dies: nicht meines Geschlechtes Glanz oder Reichtum, nicht meine eigne Herrschaft, meines Namens Ruhm: bei Gott, der in dieser Stunde auf uns beide und in unsere geheimsten Gedanken schaut.« – »Ich weiß es, Herzog Konrad.« – »Das ärgste Unheil, welches das Reich treffen könnte, wäre ein abermaliger Kampf um die Krone, Ihr habt mich nun wirklich überzeugt durch Eure klugen Worte, daß nur ein einziger unter den Fürsten des Reichs, wenn er mir den Thron bestreiten wollte, Aussicht hatte, Anhänger genug um sich zu scharen.« – »So ist es! Weder der greise Heinrich von Bayern, noch Dietrich von Oberlothringen, noch Gozzo von Niederlothringen, noch Adalbero von Kärnten, noch der schwertwunde Bernhard von Sachsen ...« Da unterbrach der Herzog: »Wäre der wackere Schwabe doch nicht zur ungelegensten Zeit gestorben! Wahrlich, Gut und Blut hätt' ich für ihn eingesetzt. Aber es wäre gar nicht nötig gewesen: Alle hätten ihn als den Würdigsten erkannt und berufen. Was ist's mit dem Knaben, seinem Sohn? Ich kenn' ihn nicht. Sollte er sich Hoffnung machen?« – »Ihr spottet,« lachte Aribo. »Der Knabe – mit Recht sagt Ihr so und sprecht ihm damit jede Hoffnung ab. Alle jene Herzoge, die Euch willig nachstehen, würden den Knaben nicht als ihren Lehnsherrn anerkennen. Er soll heil froh sein, verleiht Ihr ihm auf seine Mutung das Herzogtum seines Vaters.« – »Das würde ich sicher tun. Er soll ein gar begabter, feuriger Junge sein.« – Der Bischof zuckte die Achseln: »Ja, ja! Nur allzu feurig.« – »So bleibt denn,« fuhr der Herzog fort, »nur ein gefährlicher – das heißt dem Reich durch den Kronkrieg gefährlicher – Wettbewerber übrig: Konrad von Worms.« – »Ja, der würde freilich Anhang finden. Die beiden Lothringer und der Sachse würden lieber ihn als Euch wählen.« – »Ich weiß! Wegen altvererbten Haders unsrer Häuser,« – »Für sich haben sie keine Aussicht, aber den Wormser würden sie gern stützen. Deshalb, Herzog« – hier zupfte er ihn leis am Mantel – »muß dafür gesorgt werden, daß der Wormser gar nicht gegen Euch auftritt.« – »Ja, wer soll das bewirken?« »Ihr selbst. Und ein wenig dabei helfen werd' ich.« Gespannt, ja mißtrauisch sah ihm Konrad in die kleinen, zwinkernden Augen. »Was will er dafür haben,« dachte er, »Der tut nichts umsonst. Und auch nichts für das Reich. Sein Reich heißt Rom – und Mainz.« Des andern langes Schweigen beunruhigte den Priester. »Ich hab' einen guten Plan,« fuhr er fort, »einen ganz sicheren. Vorausgesetzt, daß nicht einer ihn vereitelt – ein arger Ränkeschmied.« Hoch auf horchte Konrad, sich gespannt aufrichtend: »Das ist?« – »Piligrim, mein übler Nachbar zu Köln.« – »Aha,« dachte der Herzog. »Sie streiten ein Jahrzehnt lang grimmig um Allerlei. Aber der Kölner ist grundehrlich. – Und nicht noch andere Eurer Amtsbrüder,« fragte er nun, »z. B. Burchard von Worms?« – »Jawohl! Wie gut kennt Ihr Eure geheimen Widersacher!« – »Und dann Gerbodo von Hildesheim, nicht?« – »Euch erleuchtet der Herr! Ja freilich.« Konrad verbarg nicht ohne Mühe seine Erregung. »Die besten Männer, meine treuesten Freunde,« dachte er. Nun sprach er bedächtig, »man muß sich vorsehen gegen schlaue, falsche Priester.« – »Da habt Ihr leider recht. Nicht alle sind wahrhaftig und ...« – »Verlässig,« schloß jener, gelassen den Bart streichend. »Aber Euer Plan?« – »Geduld! Davon erst wann der Wahltag heran, wann der Wormser eingetroffen und ein wenig von mir bearbeitet ist.« »Jawohl,« dachte Konrad. »Er will zwei Eisen im Feuer haben: bietet ihm der andre mehr, dann ...« »Wie Ihr wollt,« sprach er nun ruhig. – »Ich lobe Eure Fügsamkeit, Euer Vertrauen: bewahrt mir beide als König, mein Sohn. Hört noch eins. Von großem Wert wäre es, für Euch zu gewinnen, die fromme, fast schon heilige Witwe Herrn Heinrichs: Kunigundis, die hohe Frau.« – Der Herzog nickte: »Man weiß, Ihr seid ihr nahe befreundet.« – »Ich will mit ihr sprechen – zu Euren Gunsten, aber erst, nachdem der Wormser eingetroffen.« – »Ich verstehe,« meinte Konrad. »Es ist eine Versteigerung der deutschen Krone,« grollte er in stummer Empörung: »dem Meistbietenden schlägt er sie zu.« – »Nämlich die Kaiserin mag leicht ihren Bruder, den Bayer, bewegen für Euch zu stimmen.« – »Oder für den andern, je nachdem,« sprach der Herzog mit einer Ruhe, die Aribo erstaunte. – »Ja ... ja freilich. Aber außerdem hat Frau Kunigundis – ich weiß es!« – »Von ihr selbst,« nickte jener. – »Den Besitz der Reichsabzeichen: Krone, Scepter, Schwert, Reichsapfel. Ist sie nun gleich nicht wahlberechtigt, kann sie doch jene Kleinodien dem Gewählten vorenthalten oder übergeben, wem sie will. Und Ihr wißt, bei den letzten Königswahlen ward hierauf schwer Gewicht gelegt.« – »Ich weiß. Und ich weiß leider auch, daß die Gottselige mir nicht gerade gewogen ist.« – »Ah! Meint Ihr?« – »Nein, ich meine nicht: ich weiß . Und Ihr – Ihr wißt es auch. Ich weiß auch warum. Ich bin ihr nicht fromm, nicht kirchenfromm genug. Ich habe wiederholt widersprochen in Herrn Heinrichs Rat, wollte sie allzuviel Reichsgut ihren Stiftungen zu Bamberg zuwenden. Sie grollt mir.« – »Nun, sie ist mein Beichtkind. Ich werde ihr diese Sünde verbieten. Und dafür könnt Ihr auch etwas tun. Die heilige Kirche ...« – »Ich weiß. Sie hungert und friert immer.« – »Seid Ihr erst König ...« – »Dann werd' ich nicht knausern. Ich werde der Kirche, meiner Mutter, alles zuwenden, was der Staat, mein Vater, entbehren kann: das dürft Ihr auch der Kaiserin versprechen. Lebt jetzt aber wohl. Eure Worte haben mich mehr erregt – mehr und auch anders! – als Ihr ahnt. Ich muß allein sein. Und ins Freie! Luft!« Aribo sah ihm mit Siegesblick nach: »Herrschgieriger Tor! Er ist der klügste Laie, den ich kenne. Und doch ging er auf die Leimrute der Ehrsucht.«   VIII. Am folgenden Tag traf neben zahlreichen andern fürstlichen Wählern auch Konrad von Worms in Mainz ein. Sein erster Gang galt dem Erzbischof, dem Wahlmacher, dem Kronenschmied, wie er gar bald in diesen Kreisen genannt wurde. Zu gleicher Stunde wie am Vortag der andre Konrad stand er an derselben Fensternische und bekam auch so ziemlich die gleichen Worte, nur den Umständen angepaßt, zu hören. Aber der lebhafte, ja hitzige Rotkopf nahm sie ganz anders auf als der zehn Jahre ältere, in ruhiger Überlegenheit gefestigte: kurzgewachsen mußte er zu dem Priester emporblicken: unstät blitzten die kleinen Augen: jeder Widerspruch, ja schon jedes Bedenken reizte ihn zu heftigem Ausbruch. »Nein,« rief er, jenem in die Rede fallend, »nichts, gar nichts will ich von einer Gegenleistung an Eure schon überreiche Mainzer Kathedrale hören. Seit hundert Jahren haben all' meine Vorfahren das Erzbistum beschenkt. Soll von Gegenleistung die Rede sein, so ist's nun an Euch und den Heiligen, sie zu gewähren. Und wofür soll ich Entgelt leisten? Ich hab' ein Recht auf die Krone. Wer hat ein besseres? Der Franke? Bah, ich bringe mehr Wähler und – muß es sein – mehr Helme auf meine Seite. Und das entscheidet, nicht Eure Stimme, hochwürdiger Herr.« »Junger Tor,« dachte der Bischof unter einem grimmen Lächeln die Gedanken verbergend, »hattest du je Hoffnung auf die Krone, mit diesen Worten hast du sie begraben.« Aber er sprach: »Nun ja, als tapferer Degen seid Ihr allbekannt. Allein Ihr zählt vielleicht manchen zu Euren Freunden, der Euch bei der Wahl wie bei dem Waffengang im Stiche läßt. Auch der andre Konrad ist ...« – »Ein Held, niemand bestreitet das.« – »Und es wäre doch fürs Reich ein arges Unheil...« – »Wohl, wohl! So wendet Eure Beredsamkeit, die berühmte, dazu an, den andern zum Verzicht zu bewegen.« – »Dazu reicht sie denn doch nicht aus. Voller Verzicht? Ist zuviel verlangt. Und Ihr kennt doch seinen steten, starken Willen. Hat er einmal ein Ziel – und ein so hohes! – sich vorgesteckt, gibt er es freiwillig nicht auf.« – »Ja, ja, so ist er,« rief der Kleine und machte einen unruhigen Gang durch das Gemach. – »Nur ein Mittel gibt es, ihn davon abzubringen.« – »Das wäre?« – »Nicht wahrlich die Furcht.« – »Weiß ich! Weiß ich ja. Was aber?« – »Die Liebe zum Reich. Sie ist die stärkste Macht in seiner Seele: – viel stärker, fürcht' ich, als die Liebe zur heiligen Kirche. Stellt man ihm nun eindringlich dar, – und das übernehme ich für Euch! – daß Euer Kronstreit das Reich schwer schädigen würde, – was die Wahrheit ist, so ist er – vielleicht – zu einer Art von Vergleich, von friedlicher Entscheidung zu bringen.« – »Vergleich? Nein. Ich geb' nicht nach!« – »Sollt Ihr auch nicht. Hört doch nur: ich rate euch beiden, euch dahin zu verständigen: König soll werden, wer die zuerst abgegebene Stimme erhält: dem soll sofort der andre die zweite Stimme geben und ihm huldigen.« – »Ei, Tod und Teufel! Und erhält er die erste, dann ...?« Da trat Aribo ganz dicht an ihn heran: »Er erhält sie nicht. Ihr erhaltet sie.« – »Stimmt Ihr zuerst diesmal?« – »Nein! Wir drei Oberhirten von Mainz, Köln und Trier wechseln ab. Diesmal trifft es Trier.« – »Poppo von Trier!« frohlockte der Hitzige. »Hei, mein bester Freund! Des bin ich sicher. Ja, ja, den Vergleich nehm' ich an.« Mit bitterem Hohn, dem er sich mit Lust hingab, lächelte der Priester auf ihn herab: »Seht Ihr nun, wie gut ich's mit Euch meine? Wohlan, ich übernehme auch die Vermittlung: darf ich in Eurem Namen diesen Vergleich vorschlagen?« – »Gewiß! Gern! Wenn er nur darauf eingeht!« – »Das laßt meine Sorge sein. Ich bring' Euch Bescheid, sobald ich ihn gesprochen. Die Stunde drängt: – laßt mich zu ihm eilen.« * Alsbald stand der Erzbischof vor dem älteren Konrad in dem »Frankenhof«, einem seit geraumer Zeit der Sippe des Frankenherzogs gehörigen Eckhaus des Fischmarkts, in vertrauter Zwiesprache. Ruhig, ohne ein Wort des Einwurfs hörte der Herzog ihn zu Ende: dann erhob er sich langsam von dem breiten Faltestühl und machte einen zögernden Gang durch den Saal. Jetzt blieb er mit gekreuzten Armen vor jenem stehen und hob an: »Gut versteht Ihr es, – im Beichtstuhl habt Ihr's gelernt! – der Seele empfindlichste Stelle zu treffen. Ihr, wißt seit lange: meine, des unbeweibten Mannes, Liebe ist dies Reich der Deutschen. Und erschütternd habt Ihr sie ausgemalt, die schrecklichen Folgen, die dieser Kampf herbeiführen kann, ja sicher wird. Ungarn, Polen, Böhmen im Osten, der Däne kommt vom Norden und als König von England im Nordwesten, der Westfranke und der Burgunde von West und Süd: – sie werden über uns herfallen, hat der Bürgerkrieg beide Parteien erschöpft. Gibt es daher ein Mittel, das – ohne Unehre – den Kampf vermeiden läßt, ist mir's Pflicht, solchen Ausweg zu beschreiten. Aber sagt wer wird der erste Wähler sein? Doch nicht etwa einer meiner offenen Widersacher? Doch nicht etwa ...? Aber nein, schweigt! Ich will's nicht vorher wissen. Nur den einen schließ' ich aus: – nicht Poppo von Trier, mein alter Feind, des Wormsers nächster Vertrauter.« Nun erhob sich langsam auch Aribo von seinem Stuhl und sprach: »Ich lob' Euch darum, daß Ihr nicht weiter fragt: das ist wacker. Und zur Belohnung versprech' ich Euch: nein, Poppo von Trier wird nicht der erste Wähler sein. Ich wünsche Euch Glück im voraus zu der deutschen Krone. Auf Wiedersehen morgen bei der Wahl.«   IX. Ort und Zeit dieser Wahl zu bestimmen, war Sache des Reichserzkanzlers für Germanien, d. h. Aribos, des Erzbischofs von Mainz. Er hatte dazu nicht die eigne Stadt ausersehn; sie würde die Menge des überallher zusammenströmenden Volkes nicht gefaßt haben; deren Kopfzahl war ganz unberechenbar: denn noch hatte jeder vollfreie unbescholtene waffenreife Mann das Recht, zu wählen, wenn auch tatsächlich schon seit geraumer Zeit die Masse der kleinen Freien fern blieb in der Erkenntnis, daß auf ihre Stimmen nichts mehr ankam, vielmehr eine Art Vorwahl, eine Verständigung unter den mächtigsten oder ehrgeizigsten geistlichen und weltlichen Großen den künftigen König bezeichnete. Den Kleinen blieb nur noch übrig, den so von den Vornehmen in einer Basilika, einer Pfalz Festgestellten, ward er nun von den auf die Vortreppe Heraustretenden vorgeschlagen, durch lärmenden, ungeregelten Zuruf mit Waffengetöse zu begrüßen und anzunehmen. Immerhin kamen damals noch viele Freie aus der Nachbarschaft des Wahlorts, auch wohl ferner Wohnende, die einen Wunsch, eine Klage, eine Beschwerde dem Neugewählten vorzutragen hatten. So wogte denn auch diesmal eine große Menge Volkes auf den weiten flachen Ebenen, die sich um das Dorf Kamba dehnte, das auf dem rechten Rheinufer im Rheingau gegenüber Oppenheim lag: es ist längst eingegangen. Die Felder auf beiden Ufern des Stromes boten den Fürsten, deren zahlreichen Gefolgen und den kleinen Freien bequeme Lagerung unter Zelten oder Laubhütten. So lagerten die Angehörigen der einzelnen Stämme, wie der Strom ihre Heimatlande schied: die Sachsen, die Ostfranken, Bayern und Schwaben auf dem rechten, die linksrheinischen Franken, dann die Ober- und Nieder-Lothringer auf dem linken Ufer. Die Bischöfe und Reichsäbte dagegen waren mit ihrer geistlichen Begleitung wie die Kaiserin-Witwe in den zahlreichen, dem Erzbischof und der Stadt gehörigen Gebäuden untergebracht. Bei klimmender Sonne schon begann das Zusammenströmen der Wähler in dem Dörflein, dessen kleine Kirche freilich nicht einmal alle Bedeutenderen der Erschienenen aufzunehmen vermochte; manche sogar von diesen drängten sich vor der offenen Pforte auf den Stufen der Vortreppe und unten auf dem ›Dorf-Ring‹, wo sich dann der große Haufe anschloß. Durch die nach Osten gerichteten glaslosen Bogenfenster und die offene Türe flutete das goldne Morgenlicht des schönen Sommertages, die reichen Rüstungen, die Prunkgewande der weltlichen und der geistlichen Fürsten hell beleuchtend. In dem mittleren Hintergrund – der Apsis der kleinen Basilika – war ein Holzgerüst aufgeschlagen, das, durch ein paar Stufen erhöht, halb Kanzel, halb Thron, dicht mit scharlachenen Decken behängen, den Leiter der Wahlhandlung, Aribo, aufnahm. Erheblich tiefer – auf dem Estrich – auf den Bänken zur Rechten und Linken saßen die vornehmsten geistlichen und weltlichen Fürsten: zur Rechten der ältere, zur Linken der jüngere Konrad: – der erwiderte kaum den freundlichen, obzwar bemessenen Gruß des andern – der alte Herzog Heinrich von Bayern, Friedrich von Oberlothringen und die Erzbischöfe und Bischöfe von Köln, Metz, Straßburg, Wirzburg, Bamberg, Hildesheim, Konstanz, Salzburg, Regensburg, Freising, auch einige der Reichsäbte. Die geringeren Priester und Laien füllten stehend den ganzen Raum des Kirchleins. Mit einem kurzen Gebet, in dem der heilige Geist zur Erleuchtung der Wähler und Reinigung ihrer Herzen angerufen ward, eröffnete Aribo feierlich die Wahl. Nach dem Amen wollte er unmittelbar fortfahren, aber der jüngere Konrad schnellte von seinem Sitz zur Linken empor und flüsterte zu ihm hinauf: »Wo bleibt er ? Wo bleibt der Trierer?« Mit kaum merklicher Handbewegung winkte ihm der Erzkanzler, sich zu beruhigen: – aber unbeschwichtet setzte er sich als jener begann: »Rechtzeitig und gehörig geladen sind alle Fürsten und alles Volk der Deutschen an diesen Ort und zu dieser Stunde, sich den König zu wählen, der das Heinrich, dem in Gott ruhenden Kaiser und König, entsunkene Scepter aufnehmen soll, ein Schirmherr zu sein der heiligen Kirche im ganzen Abendland: – das ist seine erste, heiligste höchste Pflicht! – Dann ein Schützer und Vogt aller im Reiche, die eines Schützers darben: vor allem der Priester des Herrn, dann der Pilger zu den heiligen Stätten, der Armen, der Witwen und Waisen: dann erst soll er gedenken seiner weltlichen Pflichten, Recht und Ehre des Reiches zu wahren. Ich habe den Wählern hoch Erfreuliches zu künden: gar oft schon ist auf die Wahl blutiger Bürgerkrieg gefolgt; die überstimmten Wähler, sich den der Zahl nach mehreren an Waffenmacht gleich erachtend, haben wohl den von jenen Erkorenen nicht anerkannt, mit Gewalt dem eignen Liebling die Krone zuwenden wollen. Diesmal kommen, wie männiglich bekannt, nur zwei Bewerber um die Krone in Betracht: die beiden Konrade hier zu meiner Rechten und zu meiner Linken. Wohlan, Gott hat ihre Herzen erleuchtet mit Friedfertigkeit: sie haben sich versprochen, der, welcher die erste Stimme erhält, soll sofort die zweite von dem andern erhalten, soll von diesem als König anerkannt werden. Ist dem so, ihr edlen Fürsten?« – »So ist es,« rief, sich erhebend, der Ältere laut. Zögernd folgte der Jüngere: noch einen suchenden Blick warf er auf die Reihe der Bischöfe: »So ist es!« bejahte er nun besorgt. Lautes Beifallrufen aller Versammelten drang durch die Kirche. »Wohl denn: so bekräftigt das unter euch allein gegebene Wort nun hier vor allem Volk durch feierlichen Eid.« – »Es ist überflüssig,« sprach der Ältere: »Mein Wort ist wie Eid. Aber ich schwöre.« – Da konnte der Jüngere nicht zurückbleiben – angesichts der Stimmung aller Wähler: – »ich schwöre,« sprach er mißmutig. »Nach altem Herkommen, neuerlich durch Vertrag unter uns drei Erzbischöfen bekräftigt, wechseln wir drei in der Abgabe der ersten Stimme: Mainz war an der Reihe bei Herrn Ott's des Dritten Wahl, Köln bei der Herrn Heinrichs: so trifft es nun den Sitz Trier.« – »Jawohl,« rief der rote Konrad: »aber wo ist Poppo?« Und nochmals sah er ringsumher. Da zog Aribo ein Pergament aus dem Bruststück der purpurnen Sutane und sprach: »Unser Bruder Poppo ist, wie er betrübt heute meldet, erkrankt und kann nicht reisen. In dieser Urkunde räumt er ausdrücklich – was sich ohnehin von selbst versteht – mir die Vertretung seines Rechts bei dieser Wahl ein: – war Mainz doch nur der Vorletzte, Köln der Letzte, – Ich darf voraussetzen, daß alle Wähler damit einverstanden sind.« – Da riefen alle: »Ja, jawohl!« Laut riefen sie: aber am lautesten der junge Konrad: sein Antlitz strahlte. Als sich der Widerhall der Kirchenmauern gelegt hatte, steckte Aribo die Urkunde ein und sprach mit fester Stimme: »So wähl' ich Konrad ...« Er hielt etwas inne: dann erst fuhr er fort: »Konrad den Älteren, den Herzog der Ostfranken.« Und fast alles erhob sich mit lautem Beifallsrufe: denn die Wahl war nach dem Wunsch der meisten: nur die Lothringer aus beiden Herzogtümern schwiegen: und in ihre Reihen stürmte der Wormser, grell schreiend: »Ah, Verrat, Betrug!« Und zitternd vor Zorn stürzte er aus der Kirche. Der Gewählte aber wehrte die Glückwünschenden ab und stieg eilig die paar Stufen zu dem Erzbischof hinauf: »Was schreit er da? Was wagt er zu sagen? Habt Ihr ihm versprochen ...?« – Aber ruhig und kühl schüttelte der Priester das kluge Haupt und flüsterte: »Nicht mit einer Silbe habe ich versprochen, ihn zu wählen. Wie konnt' ich? War ich doch von je für Euch. Betrug? Ei, er wollte Euch betrügen! Er wußte – oder glaubte doch zu wissen – sein Freund Poppo werde zuerst wählen: nur deshalb, des Sieges sicher, schloß er den Vertrag mit Euch.« – »Das ist wider Treue und Ehre!« rief der König ungehalten, »und vollgültig meine Wahl.« Er schritt nun die Stufen hinab und drückte den sich herandrängenden Fürsten die Hände. Aribo flüsterte aber Gozelo zu, der, den lang nachschleppenden Bischofsmantel aufhebend, ihm die Stufen herabsteigen half: »Das freilich darf der König nie erfahren, daß ich schon vorher Herrn Poppo – er ist ganz gesund! – sein Ausbleiben und diese Vollmacht abgekauft hatte um schweres Geld. Nun, der Herr König wird's dem Erzbistum zurückzahlen müssen. Und mehr dazu.« – »Aber der Wormser? Wird er schweigen?« – »Er wird! Sonst muß er aufdecken, daß er den andern hat betrügen wollen. Und seit wann ich des Trierers schwere ›Krankheit‹ schon wußte, das erfährt von Herrn Poppo niemand: am wenigsten der Wormser, den er schon lange verkauft und verraten hat.« Zweites Buch.   I. Am folgenden Tag bewegte sich der Krönungszug von dem Westtor von Mainz durch die Domstraße nach der Kathedrale durch dicht gestaute Volksmengen. Der Reichsherold und eine Reihe von Drommetenbläsern eröffneten ihn: zwanzig glänzend gerüstete ostfränkische Ritter, des ehemaligen Herzogs vornehmste Vasallen, folgten zu Pferd, dahinter schritten der König und die ersten geistlichen und weltlichen Großen, den Schluß bildeten die übrigen Priester, von den Laien getrennt, endlich diese Laien in dichten Haufen zu Roß und zu Fuß. So neugierig, so erregt drängten auf beiden Seiten die Mainzer, Männer und Weiber, und die Mengen der Zugewanderten gegen den Zug heran, daß die Reisigen auf beiden Seiten der Straße Mühe hatten, mit den quergehaltenen Speerschäften diese immer wieder heranflutenden Wogen zurückzuhalten: das Volk wollte seinen neuen Herrscher sehen, mit den Augen prüfen. »Wahrlich, bei Sankt Bonifacius,« rief ein weißhaariger Handwerker der Schmiedezunft, sich dicht herandrängend, »ich habe sie alle gesehen hier am Rhein bei ihrem ersten Königsgang: den frommen Herrn Heinrich, den dritten Otto, den Welschling, den zweiten, den roten Otto, und als Knabe auch schon den Otto, den sie den Großen nennen: aber nur dieser, der ganz Große, ist zu vergleichen Herrn Konrad, unsrem neuen Herrn, so gütevoll und doch so hocherhaben sieht er.« »Ja,« rief neben ihm ein fast ebenso alter, »wahr sprichst du, Wilfried. Man muß ihm vertrauen, auf ihn hoffen, schaut man in diese klaren festen Augen. Ich wag's, steht auch der arge Erzbischof dabei.« Und mit raschem Ruck schob er sich an einem Speerträger vorbei, sprang auf die Mitte der Straße hinter den Rittern und warf sich vor dem langsam einherschreitenden König auf die Kniee. »Hinweg, frecher Bauer!« rief Aribo, der zur Rechten des Herrschers ging. »He, Speerleute, greift ihn!« – »Laßt! Laßt das Volk zu seinem König. Was willst du, Alter? Sprich!« – »Mein Recht! Meiner Väter Erbe! Meinen kleinen Rebgarten.« – »Wer hält ihn dir vor?« – »Der da, lieber Herr König. Der böse Bischof. Er sagt, der Weinberg gehöre dem Stift des heiligen Bonifacius. Es ist aber nicht wahr. Der Bischof riß ihn an sich mit Gewalt. Ich habe sechs ehrliche Eidhelfer. Ich lud den Bischof vor das Grafengericht: er kam nicht, er nicht noch sein Vogt: er habe selbst, ließ er sagen, die Gerichtsbarkeit in der Stadt: wohl: aber nur bis an die Mauer: mein Gütlein liegt doch draußen vor der Mauer. Herr König, schafft mir Gericht und Recht.« – »Herr Erzbischof,« sprach Konrad, die Stirne runzelnd, »was habt Ihr hierzu zu sagen?« – »Bauerntrotz! Ich kann den Acker gut brauchen, dort die Mauerkapelle zu erweitern. Ich bot ihm Geld ...« – »Das Erbe meiner Väter ist mir nicht feil,« rief der Alte. – »Laßt doch, Herr König, diesen alten Narren. Kommt! In den Dom! Dort harret die Kaiserin mit den Reichsinsignien, mit der Krone: laßt sie mich ...« – »Bei Gott dem Herrn, Ihr sollt mich nicht krönen, bevor der Mann sein Recht gefunden! Sofort gebt ihm sein Feld zurück.« – »Ja denn, in des ... in Gottes Namen. Eile, Gozelo, gib dem Öconomus den Befehl. Nimm den Trotzkopf mit!« Der wollte des Königs Mantelsaum küssen: als das verwehrt ward, sprang er auf und rief gen Himmel: »Vergelt's ihm, Herr Gott, vergelt's dem gerechten Herrn!« und er verschwand unter dem umherwogenden Volk. Feierlich, wie begrüßend läuteten die Glocken des Doms, als Herr Konrad nun, hoch aufgerichtet, die Marmorstufen hinanstieg.   II. Der zornige Abgang des Wormsers ließ den König und gar viele um ihn besorgen, der Hitzkopf werde, trotz Vertrages und Eides, gestützt auf seine Westfranken und die Lothringer, zu den Waffen greifen. Nur Aribo meinte lächelnd, »er wird sich hüten.« Gründe gab er nicht an. Aber er behielt recht: alles blieb ruhig und Konrad konnte ungestört alsbald seinen Königsritt antreten, das heißt allmählich durch alle Landschaften des Reichs ziehen, die Huldigung der Herzoge, Bischöfe und Markgrafen, die nicht zu Kamba erschienen waren, entgegennehmen, Landtage mit ihnen abhalten, wichtige Angelegenheiten der einzelnen Gebiete beraten und entscheiden. Es fiel auf, daß der Herrscher sich dabei nicht von Aribo begleiten ließ, der als ebenso begabt wie begierig für die Leitung der Staatsgeschäfte allbekannt war. An seine Stelle trat an die Seite und im Rat des Königs der milde Bischof Burchard, dessen Güte ebenso volkskundig war wie die Herrschsucht des Mainzers. Er war erst nach der Wahl und der Krönung an dem Hof eingetroffen, zurückgekehrt aus Alamannien, wo er in der ersten Zeit nach dem plötzlichen Tode des Herzogs der Witwe und dem jungen Erben in Ordnung der auf sie eindrängenden Geschäfte geholfen hatte. »Warum kommt der Sohn nicht, das Lehen des Vaters zu muten?« fragte Konrad ihn gleich bei der ersten Begrüßung in Mainz. – »Wunde von Eberzahn, Ihr wißt das, kundiger Weidmann, heilt langsam: wie von Hirschgeweih.« – »Wohl! ›Eberzahn und Hirschgestange, – Solche Wunden heilen lange.‹ Er soll nicht eher reisen, bis er sicher kann. Aber um ›Indult‹ muß er bitten, versäumt er die sechswöchige Frist: darauf muß ich bestehen: sonst verwirkt er das Lehen.« – »O Herr König! Der Sohn des prächtigsten Vaters! Das werdet Ihr nicht ...« – »Gewiß werd' ich's tun. In den letzten Zeiten haben die Söhne der Herzoge sich, gern um diese Pflicht herumgedrückt: sie haben getan, als ob sie, ohne Verstattung des Königs, von Rechts wegen diese großen Lehen – diese Herzogtümer! – erbten wie der Bauernsohn den Acker des Vaters. Das aber darf nicht aufkommen, nie. Ich werde bald ein Wörtlein reden mit diesen Herzogen. Viel eher würde ich die kleinen Lehen – das heißt, die ritterlichen Vasallen der Herzoge – als erbberechtigt anerkennen, um so ... Doch das gehört noch der Zukunft an: schweigt davon, viel treuer Burchard: – ich spreche später mit Euch darüber: vielleicht zuerst in Italien.« – »Wohl. Aber hütet Euch in der Behandlung des jungen Herzogs ...« – »Herzogs?« fuhr der König auf. »Er ist's noch nicht! Nur durch mich wird er's.« – Besorgt unterdrückte der Bischof einen Seufzer: er gedachte mancher Reden des Jünglings und wie der noch ganz andre Forderungen stellen werde als die des Herzogtums Schwaben, das er als selbstverständlich ihm gehörig ansah. Unwillig brach Konrad das Schweigen. »Und diesen jungen Brausekopf schonen, besonders glimpflich anfassen? Den gerade nicht! Er soll Zucht, die Zucht der Reichsgewalt lernen. Ihr kennt ihn ja gut. Wie ist er?« – »Ein herrlicher Jüngling! Tapfer, edelherzig, nichts Unreines und kein Falsch an ihm. Nur ...« – »Aha! Also doch ein Nur ...« – »Ein wenig trotzig, hitzig und ehrgeizig.« – »Seine Ehre such' er im Dienst des Reichs: – darin will ich ihm weidlich helfen! Aber den Trotz treib' ich ihm aus. Wie ist seine Mutter? Ihre Schönheit preisen lang' schon die fahrenden Sänger.« – »Sie verdient höheres Lob als des Leibes. Aber was den Jüngling anlangt: – ich hätte einen Wunsch für ihn.« – »Schon jetzt? Ich kenne ihn ja noch nicht. Hat er Euch als Fürsprech angerufen?« – »O nein! Ganz im Gegenteil. Er würde mich heftig schelten, wüßte er, was ich ihm an Schmerz bereiten will.« – »Nun, was ist's?« – »Er hat einen heißgeliebten Freund, den auch ein prächtiger Kern adelt. Aber er hat alle Fehler – ich will sagen: alle gefährlichen Tugenden Ernsts ...« – »Gefährliche Tugend ist gut,« lachte der König. – »In gesteigertem Maß. Es ist nicht gut, daß der Herzogsohn immer nur den – und den allein! – zur Seite hat.« – »Da ist doch leicht geholfen. Die Mutter soll ihm diesen Verkehr verbieten.« – Der Bischof zuckte die Achseln: »Ernst würde ihr nicht gehorchen.« – »So, so?« Konrad furchte die Stirn. »Trotz auch gegen die Mutter? Ei, mir mißhagt alles, was ich von Eurem gepriesenen Liebling höre. So werd' ich ihm die Trennung befehlen. Laß sehen, ob er auch seinem König trotzt. Das sollte ihm schlecht bekommen.« Erschrocken hob Burchard wie bittend die Hände. »Ah, was hab' ich da angerichtet. Nicht so, bitte, nicht so, Herr König.« – »Ihr scheint wirklich zu fürchten, er trotzt auch mir?« – Der Bischof vermied eine Antwort: »Nicht diesen Weg! Ihr habt der erledigten Ämter oder der zu besorgenden Aufträge so viele. Schickt den Grafen – er ist kühn, sehr kühn und scharfen Geistes! – schickt ihn mit einem Auftrag nach Rom, nach Byzanz. Werner wird alles gut ...« – »Werner heißt er? Wer ist sein Vater?« – Burchard stockte: er ward rot im Gesicht. »Ja, das ist der Jammer. Er ... er hat keinen Vater.« Da fuhr der König auf: »Was? Ein Bastard, ein ehrloser, der nächste Freund des künftigen Schwabenherzogs? Am Ende gar der Kecke, der damals in Wirzburg ...? Und die Mutter leidet das? Nun, zum Glück bin ich sein Lehnsherr! – Aber nun genug von Bastard und Trotzkopf. Hört Wichtigeres. Ich habe Euch gebeten, mich auf dem Rundritt durch das Reich – morgen tret' ich ihn an – zu begleiten, nicht mit dem Leibe nur, mit Eurer Weisheit, Eurer Kenntnis von Menschen und Dingen, mit Eurer Güte zumal, denn die ist just nicht meine höchste Tugend.« – »Güte ist oft Schwäche. Ich kenn' Euch lang': Ihr seid gütig, wo's nur Euch angeht, aber wo's den Staat betrifft, klug, jedoch streng.« – »Sagt nur: ›Hart‹. Und gerade das sollt Ihr bewirken, daß meine gerechte Strenge nicht ungerechte Härte werde.« – »Ihr ehrt mich hoch, Herr Konrad. Aber verstattet eine Frage.« – »Ich errate sie. Fragt.« – »Warum wählt Ihr zu Eurem Ratgeber nicht ...?« – »Den Mainzer? Aus vielen Gründen. Ein paar davon sollt Ihr schon jetzt vernehmen. Andre, fürcht' ich, werdet Ihr selbst an ihm erleben. Euer Amtsbruder hat sich eifrig um meine Wahl bemüht, aber wahrlich nicht um des Reichs, auch nicht um meinetwillen, nur, weil er sich den neuen König blindlings zu Dank verpflichten wollte.« Burchard wollte den Amtsgenossen in Schutz nehmen: aber er war zu ehrlich: vor dem scharfen Blick Konrads schlug er die Augen nieder und unterdrückte den begonnenen Einspruch. »Nun dank' ich ihm ja auch – aber nicht gar sehr, weil ich den Zweck seines Eifers kenne. Und am wenigsten dank' ich ihm so, wie er es will: das heißt durch allerlei Verzichte des Reichs auf Rechte gegenüber seiner und der allgemeinen Kirche. Nicht meine Rechte sind's, Rechte des Staats. Diese Scheidung zu machen, haben sie immer noch nicht gelernt, die guten Deutschen, auch die Klügsten nicht: in Deutschland kann man's auch nicht lernen: ich habs gelernt in Welschland, in Pavia, in Bologna, wo ich – nicht ohne Vorteil – unter Kaiser Heinrich als dessen Markgraf über Römer und Lombarden gewaltet, mit deren Prudentes und Consules gelebt habe. Mir ist, demnächst muß ich den burgundischen Herrschern diesen Unterschied mit Schwertstreichen in die Köpfe schlagen. Also: was der Machtgierige ohne Schaden des Reichs von mir begehrt, soll er – nach Möglichkeiten – erhalten, hat schon reichlich erhalten. Aber auf Kosten des Reichs oder wider das Recht – nichts, gar nichts. Und empört hat mich, wie er – noch war ich gar nicht gewählt – sich im voraus die Herrschaft in meinem künftigen Rat sichern wollte: hat er doch die wackersten unter euch Bischöfen, den treuen Pilgrim von Köln, den trefflichen Gerbod von Hildesheim als meine geheimen Feinde, als böse Ränkeschmiede bei mir verleumdet. Und noch einen, den Ihr auch kennt!« Der König hatte sich in Eifer gesprochen: nun sagte der Bischof beschwichtigend: »Seht, Herr Konrad, Bruder Aribos ›gefährliche Tugend‹ ist seine Schlauheit.« – Da lachte Herr Konrad und sprach: »Nun, wir wollen dafür sorgen, daß sie nur ihm gefährlich wird, nicht dem Reich. Macht Euch reisefertig auf morgen. Mir ist, mit Euch reise ich wie jung Tobias unter himmlischem Geleit! Mög' unsere Fahrt dem Reiche frommen!« – »Dazu sag' ich Amen!«   III. Und sichtbarlich schien in der Tat der Segen des Himmels über diesem Königsritt zu schweben: überall, in jeder Stadt, in jeder Landschaft gelang, was Konrad zum Wohle des Reichs anstrebte. Der Umritt ging von Mainz zunächst über Ingelheim, Köln, Aachen, Lüttich, Nimwegen; das waren die Gegenden, in denen die abgünstigen Großen, zumal die lothringischen Herzoge, den Sitz ihrer Macht hatten: kühn suchte gerade diese der König zuerst auf: wie der Nebel vor der Sonne, verschwand jede Neigung zum Widerstehen vor der gebietenden und zugleich gewinnenden Gestalt des Herrschers. Vom Rhein wandte sich der Zug nach Nordosten, nach Sachsen: in Dortmund, in Minden, in Paderborn, in Horde, Halberstadt, Quedlinburg, Magdeburg, Merseburg scharten sich um ihn die sächsischen Großen, geführt von ihrem Herzog Bernhard, huldigten, trugen allerlei Streitfälle untereinander und mit den zahlreichen Klöstern vor und dankten dann gar eifrig für die gerechten und weisen Entscheidungen. Zu einem gleichen Siegeszug des Rechts gestaltete sich die Fahrt durch Thüringen, Hessen, Nordfranken nach Alamannien, wo bei Bischof Brun zu Augsburg längerer Aufenthalt genommen ward. Nach zwei hier verbrachten Tagen sprach der König zu seinem Vertrauten Burchard, als dieser am Morgen des dritten in das Schreibgemach trat: »Nun? Ist das Indultgesuch deines Lieblings noch immer nicht eingetroffen? Sein Herr und König steht auf schwäbischem Boden. In zwei Tagen ist die Frist abgelaufen! Beim Heil des Reichs: ich gebe das Herzogtum einem andern: zu Beispiel meinem tapfern und getreuen Pfalzgrafen Mangold, dem Nellenburger, der mir herzlich ergeben. Wo steckt der ungebärdige Herzogssohn?« – »Draußen in deinem Vorsaal, Herr König. Er bittet um Gehör.« – »Nun, das ist sein Glück. Laß ihn herein. Ist nicht auch Graf Mangold hier?« – »Jawohl: er wartet auch.« – »Ich will erst den Knaben allein sprechen.« Alsbald trat, von Burchard geführt, Ernst über die Schwelle: festen Schrittes, hoch aufgerichtet: nur so tief als nötig beugte er – einen Augenblick – das Haupt, nicht ein Haarbreit tiefer. Der König musterte ihn scharf mit wenig freundlichen Blicken. Unwillkürlich aber, ja gegen seinen Willen gewann ihm das schöne Antlitz, die edle Gestalt, Wohlgefallen ab. Er wartete auf eine Ansprache des Jünglings: aber dieser schwieg. Da herrschte er ihn an: »Warum kommt Ihr so spät zur Meldung? Wollt Ihr vielleicht das Lehen des Vaters nicht?« – »Meine Ehre erheischt, daß ich es fordere.« – So? Eure Ehre? Und meine Pflicht – die schwerer wiegt als Eure Ehre – erheischt, daß ich die Lehen des Reichs nur den Würdigsten verleihe. Warum erst jetzt?« – »Ich lag wund. Sobald ich erfuhr, daß Ihr den Boden meines Herzogtums ... –« – »Ist Schwaben schon Euer?« fuhr Konrad auf. – Aber ohne sich zu berichtigen schloß der Jüngling: »Betreten, eilte ich Euch – wider des Arztes Verbot – entgegen, Euch zu huldigen als meinem König.« Mit ruhigerem Blick und Tone sprach der Herrscher nun: »Und Eure Frau Mutter: die Herzoginwitwe?« – »Sie wird hier erscheinen, Euch einzuladen nach unserem alten Herzogsschloß in Ulm.« – »Ihr wollt sagen: in die dortige Königspfalz. Ich werde mir das überlegen. Mit Eurer Mutter werd' ich auch besprechen, unter welchen Bedingungen ich Euch belehnen will mit Schwaben.« »Mit Vergunst, Herr König, es handelt sich nicht bloß um Schwaben.« – »Schweig noch!« mahnte der Bischof besorgt. – »Was wollt Ihr noch?« fuhr Konrad auf. »Vielleicht Bayern, Sachsen und Franken.« – »Nein! Aber Burgund.« – »Burgund? Seid Ihr bei Sinnen?« – »Ganz, Herr König.« – »Mit welchem Recht? Noch lebt König Rudolf, noch sein Neffe, Herr Odo von Champagne.« – »Ich fordere auch nur die Anerkennung meines Erbrechts jetzt schon und die Eventualbelehnung für den Fall von Rudolfs Tod.« – »Ihr blickt weit voraus! Das muß man sagen! Und hoch hinauf.« – »Ja, aber in das Licht der Wahrheit und des Rechts. Meine Mutter ist eine Schwestertochter König Rudolfs wie jener Odo ein Schwestersohn, also Spindelmagen beide: der Mannesstamm erlischt mit Rudolfs Tod. Ich habe jedenfalls das gleiche Recht wie jener Odo und über den Besitz soll rasch das Schwert entscheiden.« Zornig brauste ihn der König an: »Niemals! Zwei große Herzogtümer in einer Hand? Und zwar in was für einer!« – »Herr König!« – »Nun ja! Hat sie sich schon bewährt? Hitzig ist sie und hastig zugreifend: nur das weiß ich bisher von ihr. Und flugs zum Krieg entschlossen! Ich brauche und will Frieden im Reich.« – »Und ich will mein Recht!« – »Das scheint höchst zweifelhaft. Ich werd' es untersuchen. Aber keinesfalls Schwaben und Burgund. Ich werde ... Horch! Was ist das? Streit, Lärm im Vorsaal. Waffenklirren in meiner Pfalz?« Er eilte an die Tür und riß sie auf, Burchard und Ernst folgten ihm. Im Vorsaal standen zwei Ritter: der eine deckte sich mit dem Schild gegen die hitzigen Schwertschläge des andern, der wütend auf ihn ein Hieb. – »Mangold!« rief Konrad. »Du verteidigst dich nur, ich seh's. Aber wer ist der Schwertfechter?« – »Werner, halt ein,« rief Ernst. – »Steck das Schwert ein!« mahnte der Bischof. – Werner wandte sich, erschaute den König und senkte das Schwert, ohne doch es zu bergen. Er brachte vor Wut kein Wort über die Lippen. »Ah,« rief Konrad, »das ist gewiß Herr Werner von Kiburg! Pfalzgraf, sprich! Was hat's gegeben?« – »Der Kecke trat ein und wollte sofort zu Euch, Herr König, vor mir – der ich lang harre – und ungemeldet. Ich vertrat ihm den Weg. Sofort zog er und hieb auf mich ein. Ich brauchte nur den Schild.« – »Ich seh's: übel ist der verhaun. Bischof, nimm dem Frevler die freche Klinge ab und führ' ihn in Haft. Bruch des Pfalzfriedens! Darauf steht Verlust der Hand, die das Schwert gezückt und Ehrlosigkeit: – aber die trifft ihn nicht, den ehrlosen Bastard.« Da schrie Werner auf wie ein weidwundes Wild: wütend machte er einen Schritt gegen den König: aber Ernst löste ihm das Schwert aus der Hand, der Bischof legte ihm die Rechte aus die Schulter und sprach: »Werner, du bist mein Gefangner.«   IV. In den nächsten Tagen sollte zu Augsburg ein Hoftag gehalten und von diesem auch das Urteil über Werner gefunden werden auf erhobene Anklage des Königs: denn dieser galt als der durch den Bruch seines Pfalzfriedens Verletzte. Vergeblich legte der gute Bischof Fürbitte für den Hitzkopf ein, der in seinem Zornausbruch gar nicht gewußt habe, wo er sich befinde, was er tue. »So soll er beides lernen. Und übrigens: – Ihr wolltet ihn ja gern von dem andern Trotzkopf getrennt wissen: besser als ein kurzer Auftrag bewirkt das ein solches Urteil: und für immer. – Laßt jetzt diesen kleinen Zwischenfall. Großes – Wichtiges für das Reich – verdrängt alles andre in meinen Gedanken, meinen Sorgen. Dieser Ernst, der Sohn der Witwe Gisela, hat sie mir dringend vor Augen gezwungen.« – »Ich ahne, die Sorge heißt: Burgund.«– »Erraten! Das Verlangen des machtgierigen Knaben nach zwei Herzogreichen erfüll' ich nie. Auch die Wahl kann ich ihm nicht lassen: Schwaben mag er haben wie sein Vater: es regiert und schützt sich selbst. Aber Burgund? Der üble Nachbar in Paris, der König Robert, der schlaue Kapetinger, läßt nicht ab, offen oder heimlich danach zu tasten. In Burgund muß ich selbst walten. Auch hat ja Frau Gisela ein gewisses Recht auf das Land: sie, nicht, solang sie lebt, der kecke Sohn.« – »Sie könnte ihm aber das Recht abtreten.« – »Das verbiet' ich als oberster Lehnsherr. Ich, das heißt das Reich, müßte ihr Recht auf Burgund erwerben. Schafft mir doch die Verträge herbei, die weiland Kaiser Heinrich mit König Rudolf von Burgund geschlossen: über das burgundische Basel zunächst, dann über ganz Burgund.« »Hier im Augsburg bei Bischof Brun, der sie vermittelt hat, liegen sie im Pfalzarchiv. Allein diese Verträge – Euch werden sie nicht nützen, Wohl hat der alte König Herrn Heinrich in Person allerlei Rechte – ich weiß im Augenblick nicht, wie weit sie gehen sollten – auf Burgund abgetreten: aber offenbar eben nur Herrn Heinrich, seinem Neffen; und nur für den Fall, den man als selbstverständlich ansah, daß der junge Neffe den alten Oheim überlebe und beerbe. Nun aber starb Herr Heinrich und noch lebt König Rudolf. So werden denn bei seinem Tode seine Nichte und sein Neffe, der unruhige, händelsüchtige Herr Odo, sich als Erben geltend machen.« »Hm,« meinte der König, »mit dem wollte ja der Knabe mit seinen schwäbischen Kräften rasch fertig werden: ich, mit der Macht des Reichs, doch wohl noch rascher. Aber freilich, die andere Erbin. Ich habe geschworen im Dom zu Mainz, die Witwen gegen andre zu beschützen. Soll ich selbst gleich die erste, die mich für ihr Recht anruft, die Witwe eines trefflichen Herzogs, berauben? Das geht nicht an. Aber doch muß Burgund irgendwie ans Reich. Schaffe mir alsbald – heute noch –die Verträge. Wer kommt da? Graf Mangold! Willkommen, Vielgetreuer. Geduldet Euch nur. Ihr sollt volle Genugtuung haben für den mörderischen Anfall, die Beleidigung.« – »Nicht deswegen komme ich, mein König. Was ein Bankert tut, kann mich nicht beleidigen. Ich melde die Ankunft wichtiger Gäste am Hof. Zuerst kam – vom Rheine her – der Erzbischof von Mainz.« Konrad furchte die Brauen. »Hab' ihn nicht gerufen. Was will er schon wieder?« – »Vermutlich mich ablösen in Eurem Rat,« lächelte Herr Burchard gutmütig, – »Nie mehr! – Und wer kam noch?« – »Soeben das allerwunderschönste Weib, das meine Augen je geschaut: Frau Gisela, die Herzoginwitwe von Schwaben. Ich stand vor ihr – geblendet. Ihr werdet staunen, Herr.« – »Bin nicht neugierig. Wird eben ein Blendwerk sein. Aber mich blendet kein Weib mehr. Ich bin fertig mit dem treulosen Geschlecht – seit lange. Nicht wahr, Freund Burchard, mein Beichtvater?« Ein unterdrückter Seufzer schloß die Frage.   V. Bald darauf ward dem König die Bitte der Herzogin um Gehör gemeldet. Er befahl, sie sofort in den Empfangsaal einzuführen, wo er auf dem Thronsitz Platz nahm; Bischof Burchard begleitete sie. Die hohe, stolze Gestalt war nach der Sitte der Zeit ganz in Weiß – die Tracht der Trauer – gekleidet: der weiche Stoff des eng anliegenden, weit nachwallenden Gewandes zeigte deutlich den herrlichen Wuchs und hob sich scharf ab von dem langen tiefschwarzen Witwenschleier, der, auf dem Wirbel befestigt, die Züge dicht verbarg. An des Bischofs Seite schritt sie langsam durch den großen Saal auf die Stufen des Thrones zu: sie verbeugte sich: die Bewegung verband edle Hoheit mit edler Anmut: der König rührte sich nicht: er duldete, daß sie sich vor der untersten Stufe auf die Kniee niederließ. Nun schlug sie den Schleier zurück ... da sprang er auf, – mit einem lauten Ruf des Staunens: schon stand er vor ihr, ergriff ihre beiden Hände und hob die Knieende rasch empor, sprachlos in ihr Antlitz starrend. »Frau Herzogin,« rief er endlich, »Wie konntet Ihr knieen! Vor einem Mann! Ihr?« Sie errötete über und über und senkte ein wenig das Haupt: aber zugleich flog ein lieblich Lächeln, ein siegfrohes, um ihre Lippen: es war die Freude des Weibes an dem abermaligen Siege des ersten Anblicks ihrer Schönheit: noch gegenüber jedem Mann hatte sie ihn erlebt. Mit einem schalkhaften Ausdruck, der ihr reizend ließ, sprach sie in wohllautender Stimme demütig: »Wohl ziemt es zu knieen – einer Bettlerin.« »Ihr? Bitten?« Er konnte das Auge nicht von ihrem Anblick losreißen. Endlich faßte er gar ritterlich ihre Rechte und führte sie zu der weichen Rundbank, die sich rings an den Wänden des Saales hinzog: er drückte sie sanft auf die Polster und stand ehrerbietig ihr gegenüber. Langsam, mit besorgten Mienen trat Bischof Burchard näher heran. »Sagt an, wunderbare Frau, welches ist Eure Bitte, besser Euer Wunsch? Alles ist gewährt, was es auch sei« – da erschaute er den ernst mahnenden, warnenden Blick des Bischofs – »das heißt,« fügte er nun rasch, mit schamvollen Wangen, bei – »wenn's nicht zum Schaden des Reichs, natürlich.« Abermals lächelte sie mit jener bestrickenden Anmut: »O nein, Herr König, 's ist zum Wohl des Reichs. Gleich bei der Ankunft berichtete mir mein Sohn ...« – Konrad fuhr auf: »Ah! Ah! Euer Sohn? Ja doch, ja! Der stattliche Jüngling ist Euer Sohn! Wie ... wie ist das nur möglich. Ein Wunder!« – »Doch nicht gerade,« erläuterte der Bischof: »vierzehn Jahre zählte das Kind, als ich es traute mit Freund Ernst.« Bei diesem Namen schien ein Schatten durch den Saal zu fliegen: wenigstens über des Königs Gesicht zog es dunkel dahin: ein Schweigen entstand. Burchard brach's, eh es peinlich ward. »Wahr sprach die edle Frau: sie vertraute mir ihre Bitte an: die Erfüllung ist zum Heil des Reichs.« Konrad schien im Augenblick nicht an das Reich und dessen Heil zu denken: er mußte sich sichtlich von ganz anderen Vorstellungen losreißen, »Ja so! die Bitte!« rief er. »Mein hoher Herr und König,« hauchte die süße Stimme, »ich stehe Euch an: begnadigt den tollen Buben, den Werner.« – »Ah, das ist's,« erwiderte der König langsam, kopfnickend. – »Ja, das ist's,« sprach Burchard. »Und Ihr habt Euch schon gebunden, Herr, durch Euer – verzeiht – etwas vorschnell Wort.« – »Ja,« sprach der Herrscher, »das ... das war unbedacht.« Er grollte sich selbst. »Ich tu's nie wieder.« – »Wird gut sein, Herr! Was hätte die schöne Frau nicht alles erbitten mögen ... für ihren Sohn: zum Beispiel« – hier flüsterte er in sein Ohr – »zum Beispiel: Burgund.« Der König drückte die Lippen aufeinander: dann sprach er: »Recht hast du, Treuer! Dank für die Warnung. Es geschieht mir nicht nochmal.« Bei dieser Wendung des Gesprächs erschrak die Bittstellerin: »Um Gott, Herr König. Hab' ich Euch beleidigt?« – »Ihr? O nein. Aber ich vergaß einen Augenblick die Königspflicht.« – »Nein,« sprach der Bischof, »diesmal hat Gott jeden Schaden verhütet. Denn wahrlich: es ist zum Heil des Reichs, bleibt sie erhalten, jene tapfre Rechte, die schon manchen stolzen Schlag gegen Ungarn und Böhmaken geschlagen hat, im schwäbischen Aufgebot, im Vorstreit für das Reich.« »So sei es,« sprach Herr Konrad rasch und froh: der Tollkopf mag mit dem Schreck davonkommen. Aber, Bischof: fortab keine Gnade mehr für den Rückfall.« – »Dank, tausend Dank, mein Herr und König! Ihr seid so gut und gnädig als Ihr stark und herrlich seid.« Bewundernd ruhten die hellbraunen Augen der Frau auf der stolzen Mannesgestalt. »Ach, aber wie könnte ich Euch danken?« Da flammte heiße Glut auf in den Blicken des Königs: er konnte wieder die Augen nicht von diesem Antlitz lösen: so brennend war der Blick, so gar nicht mißzuverstehen von einem Weibe, daß Gisela über und über errötete und die langen seidnen Wimpern senkte. »Wie Ihr mir danken könntet...?« Er trat rasch einen Schritt näher. Aber leise schob sich der Bischof zwischen beide, ergriff nach einem warnenden Blick auf Konrad die Hand Giselas, und führte sie zur Türe: »Die Geschäfte sind nun wohl zu Ende. Verstattet, daß ich Euch in Eure Kemenate geleite.« Sie folgte willig: aber an der Schwelle wandte sie das Haupt und warf dem eifrig nachschreitenden König einen Blick zu, der sagte viel, ja alles. Heiß durchrieselt blickte er ihr nach.   VI. Noch im Laufe des gleichen Tages erlangte auch Aribo das nachgesuchte Gehör. Auf die Frage des Königs, was ihn herführe, antwortete der Erzbischof: »Der Wunsch, wieder einmal das Herscher-Antlitz zu schauen, das sich mir wie eine scheidende Sonne entzogen hat, seit den Tagen von Mainz, seit die Krone Euer Haupt schmückte, die...« – »Ich Euch verdanke Erzkanzler. Nicht nötig, mich des zu mahnen; ich vergesse das nicht. Aber schwerlich hat Euch dieses Sehnen zu mir geführt: Ihr wünscht etwas für Euch.« »Diesmal doch nicht! Nicht einmal für die heilige Kirche. Ich komme, zu warnen. Ich erhielt zuverlässig Kunde, daß zwei Eurer Feinde sich insgeheim verbündet haben und gegen Euch rüsten: der rote Konrad, der den Tag von Kamda nicht vergessen hat, und Odo von Champagne, der den Anfall von Burgund nicht erwarten kann.« – »Da kann er lange warten,« lachte Konrad grimmig. – »Aber er will nicht! Der Bote hat ihm dies Reich versprochen, sobald er mit seiner Waffenhilfe Euch von dem Throne verdrängt. Ich eilte herbei, Euch zu warnen. Kommt zuvor.« »Dank! Ihr kommt zur rechten Zeit. Die Dinge von Burgund drängen in diesen Tagen zur Entscheidung – und zwar hier. Die eine Erbin, Frau Gisela, ist hier eingetroffen. Und auch ihr Sohn, der sie bei lebendigem Leibe beerben will.« – »So hat sie sich entschlossen ihre Witwentrauer gar bald abzuschließen? Denn man trauert nicht bei Hofe,« lachte der Bischof. Unwillig fuhr Herr Konrad auf: »Kein Wort wider sie!« rief er in ungewohnter Heftigkeit. »Sie mußte wohl kommen, wann der König Schwabenland betritt.« Aribo ließ ganz kurz die klugen Augen auf den erregten, erhitzten Zügen des Königs ruhen. Dann sprach er beschwichtigend: »Ich bin der letzte, wider diese Frau zu sprechen, die Schönste, die Gottes Sonne je beschienen ...« Konrad schwieg, aber er nickte kurz Zustimmung. »Das sieht jedes Auge, Ich aber, – seit vielen Jahren kenn' ich sie genau! – sehe auch in ihre edle Seele, ihren klugen Geist.« »Freut mich, das von Euch zu hören. Gefällt mir besser als Bischof Burchards gar eingeschränktes Lob, der Wankelmut an ihr zu tadeln fand und allzuwarme Freude an weltlichen Dingen.« – »Ei, die Vielschöne ist doch keine Nonne. Wäre schade drum!« fügte er listig bei. – »Das mein' ich auch. Ihr seid ihr Freund, ich seh's. So sollt Ihr morgen – als Vertreter ihrer Rechte – teilnehmen an der Beratung über Burgund: ich muß heute noch die Verträge mit König Rudolf genau prüfen: morgen bin ich damit fertig.« * Mit Mühe hatte Ernst, nachdem er selbst den Freund aus der Haft in Freiheit geführt, ihn bewogen, dem König und der Fürsprecherin seinen Dank sagen zu lassen! »Ich mag ihnen nichts zu danken haben, ihm nicht und ihr nicht. Nein, auch deiner schönen Mutter nicht! Sie ist allzuschön. Will sagen, sie weiß es zu klar und denkt immerfort daran. Wer weiß, was wir noch mit dieser Schönheit erleben. Sie ist zu jung für eine Witwe.« – »Aber Werner! Ihr Gelübde! In die Hand des sterbenden Vaters abgelegt.« »Nun, lassen wir's. – Weißt du, was ich möchte? Diesen tugendsamen Pfalzgrafen, der mir den Zutritt zum Herrscher verwehrte, –« – »Er war in vollem Recht.« – »Vor mein Schwert fordern, anderswohin als in der Pfalz, wo sich der Feigling...« – »Graf Mangold ist nicht feig. Die Böhmen wissen's.« – »Nicht mit dem Schild des Pfalzfriedens decken mag. Aber ich will den König nicht aufs neue reizen, indem ich ihm seinen Liebling erschlage.« – »Laß das bleiben, bitte.« – »Wenigstens bis er deine Mutung um Schwaben und Burgund gewährt hat.« – »Eingereicht ist sie schon: morgen fällt die Entscheidung. Der treue Burchard mahnte dringend, nur Schwaben zu verlangen, auf Burgund zu verzichten, das sei hoffnungslos. Ich schwanke.« »Tod und Teufel,« rief Werner mit dem Fuße stampfend, daß der Estrich des Kerkergang dröhnte, »du darfst nicht schwanken. Schmach dem Ritter, der nicht sein Recht verficht. Hast du nur erst Schwaben – treu stehen alle Alamannen-Helme zu dem Sohn ihres geliebten Herzogs, alsdann selbst ihrem Herzog! – magst du um Burgund mit den Waffen werben.« – »Still! Wecke mir nicht wieder Gedanken, die ich mit Mühe in Schlummer gewiegt.«   VII. Am andern Morgen berief der König die Herzogin, deren Sohn mit Gefolge, Aribo und Burchard, sowie den Bischof Bruno von Augsburg in den Empfangssaal, wo er auf dem Throne Platz nahm, während der Herzogin, ihren Frauen und den Bischöfen Sitze auf den reich behangenen Wandbänken bereitet waren: die andern Geistlichen und die Laien standen in dichten Reihen. Die Herzogin strahlte in stolzer Schönheit, der König weidete die Augen daran. Endlich begann er: »Vieledle Frau, Ihr und Euer Sohn und die andern hierher von mir Berufenen wissen, wozu ich euch versammelt habe: teils sollt ihr meine Beschlüsse vernehmen, teils sie mit mir vorbereiten. Ich halte hier zwei Urkunden, Eingaben des jugendlichen Ernst, des Sohnes des hochverdienten Schwabenherzogs und seiner Witwe. In der einen stellt er die Bitte, ihm das Herzogtum Schwaben zu verleihen. Da er hier in gehöriger, nicht blinder Mutung das Recht der Krone ausdrücklich anerkennt, solche Verleihung in Gnaden zu gewähren oder – ohne Angabe von Gründen – zu verweigern« – da lief ein leises Murren durch die Reihen der alamannischen Vasallen. Werner trat mürrisch einen Schritt vor – »also keinerlei eignes Recht etwa wie auf ein Erbgut« – »in Anspruch nimmt, habe ich mich entschlossen, diese Bitte in Huld und Gnade zu gewähren. Morgen schon wird er dem König Hulde tun und den Eid der Lehnstreue schwören, ich aber werde ihm vor dem Lehnshof des Reiches die grüne Herzogfahne Alamanniens überreichen: er soll sie und das Herzogtum behalten, solang er seinem König die beschworne Treue hält.« Ernst verneigte sich dankend. Konrad legte die eine Urkunde zur Seite und erhob die andre. »Weiter aber hat der künftige Schwabenherzog verlangt, ich solle ihn auch als Herzog des bisherigen Königreichs Burgund verkünden. Aber das kann nicht geschehen.« Da fuhr Ernst empor, daß seine Waffen erklirrten, seine Mutter hob warnend die Hand gegen Werner, der die Schwertscheide zur Erde stieß: die schwäbischen Ritter grollten dumpf. Aber der König fuhr fort: »Erstens lebt noch der greise König von Burgund. Nun hat der Jüngling zwar nur für dessen Todesfall die Vorausbelehnung verlangt. Aber dem stehen entgegen die Rechte andrer: Odos von Champagne, des Neffen König Rudolfs, und Frau Giselas, dieses Königs Nichte. Zwar erklärt in dieser Urkunde die edle Frau, sie sei bereit, ihr Erbrecht an ihren Sohn abzutreten: das aber verbiet' ich im Namen des Reichs.« Da brach die Unzufriedenheit gar mancher Hörer in lauten Widerspruch aus. »Schweigt, ihr Getreuen!« rief Ernst. »Herr König, gebt Ihr mir Urlaub zu reden?« – »Redet.« – »Kraft welches Rechts wollt Ihr dies Verbot erlassen?« Unmutig erwiderte der König: »Ich könnte sagen, kraft des Rechts des Oberlehnsherrn über alle Lehen im Reich. Oder kraft des Rechts und der Pflicht des Königs, allüberall das Wohl des Reichs zu wahren. Aber vernehmt ein stärkeres Recht: Herr Odo und Frau Gisela haben gar kein Recht mehr an Burgund – daher kann diese keins abtreten: denn der Erbe von Burgund ...« – »Seid Ihr's vielleicht?« entgegnete Werner hitzig. – »Nein, vorlaute Zunge, der Erbe von Burgund ist das Deutsche Reich.« – »Was? Wie? Das Reich?« scholl's durch die Reihen. – »Das Reich ist kein Mensch. Es kann nicht erben!« rief Ernst. – »So? Erbt nicht ein Kloster aus Testament und aus Vertrag?« – »Ja, aber ...« – »Kein aber, junger Ernst.« Der König legte nun die zweite Urkunde fort und holte eine dritte aus einer neben ihm stehenden weit geöffneten Ecktruhe. »Seht hier den Vertrag, den Kaiser Heinrich geschlossen mit König Rudolf am 2. Hornung vor drei Jahren. Was steht hier geschrieben? ›Fünftens aber setzt König Rudolf zu seinem Folger im Reiche Burgund ein den Kaiser Heinrich...–‹« – »Seid Ihr das?« rief Werner. Heiß zuckte die Flamme des Zorns über König Konrads meist so ruhige Züge, aber er faßte sich und sprach gelassen: »Euer Kerker liegt ganz nah.« Dann fuhr er fort: »den Kaiser Heinrich und jeden seiner Nachfolger im Reich . Das will sagen: das Reich selbst, vertreten durch seinen jeweiligen König.« »Das, das ist nie Recht gewesen unter den Deutschen,« sprach Ernst verwirrt nach kurzem Schweigen. »Doch! Die guten Deutschen haben's nur nicht so ausgedrückt. Ich frage die weisen, gelehrten Herrn der Kirche: ist etwa der Papst und die Kirche, ist etwa der Bischof und das Bistum, ist der Abt und das Kloster dasselbe?« – »Nicht doch,« sprachen die drei Bischöfe mit einer Stimme. »Das wäre Frevel,« rief Bischof Bruno, »den sündhaften, sterblichen Menschen für eins zu halten mit der heiligen Anstalt. Und wirklich, – ich hab' es bisher nur nicht so gedacht! – aber wirklich gilt das gleiche vom König und vom Reich. Der König stirbt wie der Papst: die heilige Kirche und das Reich – es heißt auch heilig – sterben nicht.« – Die Geistlichen alle riefen oder nickten Beifall. »Gut, daß die Wahrheit dämmert in den deutschen Köpfen,« sprach der König erfreut. – »Ich widerspreche dieser neuen Lehre,« rief Ernst. »So hört weiter. Bischof Bruno: wer hat dem Burgunderkönig den Vergeltpreis bezahlt für seine Abtretung. Kaiser Heinrich?« – »Nein doch,« antwortete der Gefragte. »Hab' ich doch selber den Vertrag verfaßt: Lest nach, Herr König, ich meine: es muß Kapitel VII sein.« Konrad las wieder: »Den Vergelt aber für diesen Vertrag – nämlich für alle die nutzbaren Hoheitsrechte in Burgund, – ›300000 Schillinge goldner Münze, hat das Reich dem König von Burgund entrichtet‹. Wer also, jung Ernst, hat das Recht auf Burgund erworben?« Aber der gab nicht nach: »Ich leugne, daß jener greise König zum Nachteil seiner Blutserben, seiner gesetzlichen Erben über die Erbschaft verfügen konnte. Ich schelte den Vertrag null und nichtig. Hier werf' ich meinen Ritterhandschuh hin und grüße kampflich jeden, der jenes Pergament verficht.« »O mein Sohn!« rief Gisela in Tränen ausbrechend und mit beiden Händen auf den Herrscher weisend: »du willst das Schwert erheben gegen diesen – diesen – Mann?« Spöttisch fiel da Werner ein: »Ihr weint ohne Grund, vielschöne Witwe des edelsten Mannes: denn Ihr weint nicht um den Sohn, wie man etwa meinen sollte. Ihr weint um den Herrn König: – der aber schlägt sich nur mit Königen. Er hat jedoch viel tausend Vasallen, die für ihn kämpfen müssen und einem dieser würde wohl zuletzt auch Euer tapfrer Sohn Ernst erliegen. Spart die Tränen für den Sohn. Die letzten, die ich sah, vergosset Ihr dort am Waldessäume – für den Gemahl.« Gisela barg das Haupt im Schleier. Heiß zornig sprang der König auf: aber Aribo trat dicht vor ihn hin, neigte sich und bat um Redegunst. Dann hob er an: »Euer kluger scharfer Geist, Herr Konrad, ging nicht umsonst in Welschland in die Schule: die Lehre, die Ihr dort gelernt, haben schon Eure Vorfahren im Reiche, die großen Kaiser Theodosius und Justinian, gelehrt und ebenso schon lang die Canones der heiligen Kirche. Gleichwohl rate ich dringend, sich darauf nicht zu berufen, in Deutschland – anders in Italien, wohin Ihr wohl bald aufbrecht, Euch die Kaiserkrone zu holen in Rom.« Wohlgefällig nickte der König. »Unter den Deutschen nicht! Ihr saht, wie die hier versammelten Laien sämtlich die Köpfe schüttelten, Ihr hörtet vielleicht auch ihr Murren: wohlan, glaubt mir, alle Laien im Reich, vorab die Fürsten, würden es nicht beim Kopfschütteln und Murren bewenden lassen: sie würden Euch nicht Heerfolge leisten in einem Krieg gegen Herrn Odo aus solchem Rechtsgrund. Es ist doch höchst zweifelhaft, ob König Rudolf das Recht von Neffe und Nichte durch jenen Vertrag einfach über den Haufen stoßen konnte. Unser Volk hält streng fest am Erbrecht der Sippe. Das Volk kennt – darin hat jung Ernst recht – nur Menschen als Erben. So müßte – und dabei warf er bedeutsame Blicke erst auf Gisela, dann auf den Herrscher und hielt kurz inne – »ein menschlich Band Euch, Herr König – nicht das Gespenst des Reichs! – mit der Erbschaft – besser mit einem der Erbberechtigten – verknüpfen. Ja, zum Beispiel« – er tat, als komme ihm der (lang gefaßte) Gedanke jetzt erst plötzlich – »ja, wenn Herzog Ernst von Schwaben noch lebte, der, als der Gemahl der Erbin Gisela, hätte sonder Zweifel an deren Statt, als deren Vertreter und Eheherr, das Recht auf ...« Er konnte nicht vollenden. Denn Konrad, dessen bewegte Züge des Priesters Worte immer heftiger erregt hatten, sprang ungestüm von seinem Thron empor und mit glutflammendem Antlitz rief er: »Wohlan, so erhebe ich Frau Gisela hier zu meiner Gemahlin.« Da brach ein Sturm der Leidenschaften aus in dem Saal: Erstaunen, Bestürzung, vereinzelter Beifall, aber viel mehr lauter Unwille machten sich Luft: die Witwe sank halb ohnmächtig in die Arme ihrer Frauen. Am lautesten übertönte den Lärm der andern ein Schrei wilden Zorns: – Ernsts Stimme, doch seltsam entstellt – und eine grelle schrille Lache: – Werner stieß sie aus. Konrad aber stieg von den Stufen und eilte raschen Schrittes mitten durch den Saal auf Gisela zu, ergriff heftig ihre Rechte und zog sie in die Höhe: »Verzeiht, vieledle Frau, das Ungestüm dieses Wortes: aber der Drang des Augenblicks hat mir rascher den Entschluß gereift, den ich – nein, der mich ergriffen hatte bei Eurem ersten Anblick. Ich will mich nicht berufen auf das alte Recht unsrer Herrscher, über die Hand der Jungfrauen und der Witwen – zumal der Fürstinnen – frei zu verfügen. Fern sei gegenüber einem Wesen wie Ihr jener barbarische, tyrannische Gebrauch. Nein, wie Ritter zu Edelfrau, besser wie liebender Mann zu geliebtem Weib sprech' ich zu Euch: Gisela, könnt Ihr mein tief, mein heiß Gefühl nicht erwidern? Seht, ich biete Euch als Brautschatz die deutsche Königs- bald die römische Kaiser-Krone. Und mich, diesen ganzen Menschen. Und endlich bedenkt: unsre Verbindung ist ein Segen für das Reich – das mir immerdar das Höchste war und bleiben wird –: unsre Ehe endet friedlich den Streit um Burgund, – verhütet viel Blutvergießen. Redet! O sagt ja.« Aber die Frau fand keine Worte: mit tief traurigem Ausdruck, mit schmerzlichstem Bedauern schüttelte sie leise das Haupt. »Ihr schweigt. Ihr sagt mir Nein?« Er wich einen Schritt zurück. Da trat Ernst vor und grimmig, fast drohend sprach er: »Meine Mutter sagt Nein: – hei, es scheint ihr recht schwer zu werden, zu verzichten auf die Ehre der Krone und auf die Freuden des neuen Ehebetts! – sie sagt Nein, weil sie muß . Gott sei's geklagt, offenbar nur weil sie muß.« – »Und warum muß sie?« fragte Konrad mit feindseligem Blick. – »Weil sie meinem sterbenden Vater geschworen hat, ihm treu zu bleiben, mir allein zu leben, nie wieder sich zu vermählen. Ist's nicht so, Freund Burchard, Herr Erzbischof, Ihr standet dabei, beide: – euer Zeugnis ruf' ich an! Ist's nicht so?« Erwartungsvoll trat Konrad auf die beiden Bischöfe zu mit fragenden Blicken. »Also ist's,« sprach Burchard feierlich, »ich hab's gehört. Und, Frau Gisela: Gott hat's gehört im Himmel, von wo Euer Gatte auf Euch herniederschaut in dieser Stunde.« Tiefes, allgemeines Schweigen folgte diesen Worten: auch Konrad schwieg, er senkte tief das Haupt: nur ein leises Wimmern war hörbar. Gisela rang die Hände, »Erzbischof Aribo?« fragte endlich schmerzbewegt der König. Da schritt dieser von den Bankstufen herab und trat hoch aufgerichtet erhobnen Hauptes in die Mitte des Saales neben den König: »Ja, so war es, Herr König.« Der stieß ein dumpfes Stöhnen aus und wollte mit einem letzten Blick auf die Geliebte den Saal verlassen. Aber Aribo legte ihm die Rechte auf die Schulter und sprach: »Halt, Herr Konrad. Verweilet noch. Verzweifelt nicht. Ich kenn' Euch gut: Euch treibt nicht weniger als die Minne zu dieser vielschönen Frau Eure erste und höchste Liebe: das Wohl des Reichs. Wohlan: soll zweier wackrer Herzen Glück, ja das Heil des Reichs gehemmt sein durch einen – ich hab's mit angesehen! – nicht frei geleisteten, durch einen halb abgezwungenen Eid?« »Wie? Was?« schrie Ernst auf. – »Pfaff, du lügst!« sprach Werner mit geballter, drohender Faust. – »Herr Amtsbruder,« mahnte Burchard tief entrüstet, »Wie könnt Ihr ...?« – »Beruhigt Euch, frommer Bruder. Ich hab's gesehen, wie er die Hand der Widerstrebenden ergriff und emporzog.« – »Das war doch nicht zwingende Gewalt.« – »Nein, nicht vis compulsiva, domine confrater . Aber doch Bedrängnis. Und übrigens ein Bischof sollte wissen, – wem von Christus dem Herrn gegeben ist die Macht zu lösen wie zu binden, wie auf Erden so im Himmel: Sankt Petrus und allen seinen Nachfolgern, den Bischöfen. Kraft dieser Gewalt, zu lösen, löse ich Frau Gisela auf Erden von ihrem Eid und löse sie im Himmel von jedem Recht, das die Seele des Verstorbenen dort geltend machen könnte.« Während der gewaltigen Bewegung im Saale, die alle ergriff, – Laien und Geistliche verließen ihre Sitze und drängten sich gegen König und Erzbischof – bahnte sich jener rasch den Weg durch das Gedränge zu Gisela, faßte ihre beiden Hände und zog sie sanft gegen seine Brust, »Gisela, geliebtes Weib, Herrliche! Sprich, nun frei vor Gott und Menschen, willst du, zu unsrer beider Seligkeit und zu des Reiches Heil, – willst du die Meine werden?« – Da hob sie beide Arme, sie lösend, hoch in die Höhe, und senkte sie auf seine beiden Schultern, an seine Brust fliegend. »Ja, ich bin dein.« Ein markdurchdringender Schrei – ein dumpfer rasselnder Fall – Ernst lag ohnmächtig auf dem Estrich. Werner kniete neben ihm nieder und hob drohend die gepanzerte Faust gegen das Paar: »dieser Weheschrei wird gerächt,« knirschte er. Drittes Buch.   I. Sobald Gisela sich in stiller Kemenate aus den Armen des Bräutigams gelöst hatte, beschied sie ihren Sohn zu sich: aber Ernst, Werner und alle schwäbischen Ritter hatten die Stadt verlassen: tief betroffen ließ die Mutter das den König wissen: der lachte: »Eilt es ihm nicht, Herzog zu werden – ich kann's abwarten. Und die Herzogfahne hier in der Pfalz auch.« Aber seine Bräutigamsungeduld konnte nicht warten: er drängte auf schleunige Vermählung. Aribo, der jetzt gewaltig viel zu gelten schien, hob bereitwillig das kirchliche Gebot der Einhaltung des Trauerjahres auf, der König selbst das weltliche und auf den nächsten Sonntag schon war die Hochzeit anberaumt, die auf Befehl des Herrschers mit aller königlichen Pracht gefeiert werden sollte. So viele Gäste als irgend in der kurzen Zwischenzeit geladen werden mochten, wurden entboten. Aber die Boten, die Ernst auf allen seinen Lieblingsburgen suchten, kehrten unverrichteter Dinge zurück: er war nirgends im Lande zu finden oder zu erkunden. An dem Abend vor jenem Sonntag wandelte das Brautpaar allein in den Anlagen des parkähnlichen Gartens, der sich im Westen an die alte Königspfalz schloß. Die Sonne des schönen Herbsttages ergoß vor dem Versinken in leichtes Gewölk noch ihre rotgoldnen Schimmer in reicher Fülle durch die schon blatterarmen Zweige der Linden und Buchen, milde wohltuende Wärme verbreitend: zwar der Gesang der andern Vögel war längst verstummt: aber der metallische Abendruf der Schwarzdrossel schmetterte melodisch durch die Büsche, Konrad hatte den Arm um die Geliebte geschlungen: jetzt hielt er an in dem langsamen Gang und brach das Schweigen, das beide lange stillbeglückt eingehalten. »Meine Gisela,« begann er, »in allem und jedem hast du dich bewährt, was diese wenigen, aber so inhaltreichen, vielbewegten Tage brachten: in allen Stücken erkannt' ich deinen zarten, seinen Sinn, wie er edlem Weibe innewohnen muß: sonst ist sie bei aller Schöne des Leibes ein widriges Geschöpf. Auch das ist gar sein und vornehm, daß du niemals mit der leisesten Frage, auch nicht mit einem Wort gestreift hast, was dich doch gewiß im geheimsten Herzen lebhaft bewegen muß, die Frage ...« »Welche Frage, Konrad? Ich habe keine an dich zu stellen. Liegt doch dein ganzes, edles, treuverlässiges Wesen so klar und offen und durchsichtig vor aller Augen wie der Spiegel des Bodensees im hellsten Sonnenlicht. Wer sehen kann, der sieht dich, nicht wie du scheinst, nein, wie du bist.« – »Aber doch nicht, wie ich war, wie ich, was ich nun bin, geworden. Mein vergangenes Leben – vor dir, vor der Liebe, die mich zu dir zwang beim ersten Anblick – begehrst du nicht, davon zu wissen?« – »Mir genügt, was ich weiß. Wie du, früh verwaist, eine harte Jugend zu durchkämpfen hattest: der Großvater, der mächtige Herzog von Kärnten, ja die eigene Mutter, Frau Adelheid, setzten dich zurück hinter deine Oheime, des Vaters Brüder: karg maßen sie dir das Erbteil zu: hätte nicht der gute Burchard sich dein angenommen, schwer hättest du gedarbt: durch Kämpfe und Kriegstaten mußtest du das erst erringen, was schon deiner Geburt gebührte. Alles, was du bist und hast, dankst du dir selbst allein, auch das Höchste, die Königskrone und das Kleinste, Wertloseste: dieses Weib, das dich so aus der Maßen lieben muß.« Da drückte er sie an die Brust und küßte ihr Stirn, Augen und Mund. »Ja lieben, wie ich nie geahnt, daß ein Herz lieben kann. Du weißt ja, dreizehn Jahre zählte ich, als der Vater mich verlobte, vierzehn, als ich dem so viel älteren Manne folgte. Ich war nicht gefragt worden: aber auch wenn gefragt, hätte ich nichts anderes getan, als dem Wunsche des Vaters folgen. Fern sei's, an dem Andenken des besten Mannes auch nur mit einem Worte zu mäkeln: er war die Güte selbst gegen mich junges Ding: Dank, Verehrung, ja Ehrfurcht wie für einen Vater hab' ich tief empfunden, werd ich ihm wahren immerdar: – aber Liebe, Weibesliebe zum Manne – erst du, Gewaltiger, hast sie mich gelehrt. Viele haben mich gescholten – ich weiß es wohl! – putzsüchtig, eitel, inhaltsleer, ich war's vielleicht! aber heil mir, nun hab' ich meinen Inhalt.« Bewegt schloß er sie in die Arme, Dann sprach er ernst: »Wahrlich, wie eines Kindes erste Beichte ist dieser Blick auf dein Leben, Nun aber drängt es mich, dir zu beichten: du fragst nicht: so sprech' ich ungefragt. Nicht so kindlich rein verlief mein Leben: ich habe lange vor deinem Anblick die Minne gekannt, ihre Süße voll genossen und auch ihr bitter giftig Weh geleert – bis zur Neige, nah bis zum Sterben und Verzweifeln.« Und er preßte die Rechte auf die Augen, daß es schmerzte. Sanft zog sie allmählich die geballte Faust herab: »Viellieber, laß doch! Verscheuche den Gedanken, tut dir's weh: ich verlange nicht, davon zu wissen. Wie sollte auch ein Held, – ein Mann wie du so schön, so stark, so viel klüger und herrlicher als alle, – wie solltest du zu voller Mannesreife gediehen sein, ohne viel geliebt zu werden und zu lieben.« Er drückte ihre Hand: »Dank! Du machst mir's leicht; 's ist bald erzählt, was eine Welt von Schmerzen birgt. Es war nur ein Weib, nur einmal . Sie war frei geboren, aber geringen Standes. Sie war gar schön: – nicht wie du, stolz, üppig, beherrschend: nein, eine kleine, zarte, weiße Blüte!« Er seufzte tief auf und strich mit der Hand über die Stirn. – »Du Armer! Und sie starb dir!« – »O nein!« rief er in wild ausbrechendem Weh: »Besser wäre ihr – und mir! – gewesen, entriß sie der Tod. Nein, nicht gestorben, treulos ist sie geworden.« – »Treulos dir ? Dich verlassen? Unmöglich!« – »Was ist falschem Herzen unmöglich? Du mußt alles wissen, nicht bloß ihre Schuld: – auch die meine. Geheim mußte unsre Liebe bleiben: meine Sippe durfte von der Hirtentochter nichts wissen. Die Meinen wollten mich durchaus mit einer andern vermählen, einer entfernten Verwandten unseres Hauses.« – »Gewiß mit der gefeierten Erdmuthe von Mespelbrunn, deren Schönheit man noch heute rühmt?« Konrad nickte: »Mit Recht; aber den Meinen lag vor allem an ihren reichen Gütern im Spessart, welche die unsern trefflich würden abgerundet haben. Und die stolze Schönheit schien nicht abgeneigt: ich aber wollte nicht.« – »Was ist doch aus ihr geworden? Ich meine ... –« »Äbtissin des von ihr gestifteten Klosters Reuenpforten, fern, am Meeresstrand bei Bremen. Und gar mächtig schaltet und waltet sie dort: die königliche Äbtissin nennt man sie. – Ich zog die Minne des Hirtenkindes vor, die heimliche. Aber zuletzt,« er stockte – »mußte es an den Tag. Sie hatte mir alles, alles gegeben: ach ich wähnte auch die Seele – wie den jungen Leib. Sie genas in der Stille ihres Schäferhofes eines Kindes. Nun mußte und wollte ich sie als mein Eheweib heimführen. Ich hatte alles vorbereitet. In zwei Nächten wollte ich sie und das Kind holen: ein Priester war gewonnen, uns heimlich zu trauen: dem Zorn meiner Sippe, der Enterbung hätte ich getrotzt. Da erhielt ich durch einen Boten einen aufgefangenen Brief Mildtrudens an ... an ...« »An wen? Aber laß lieber ab!« – »Nein: es muß heraus! An den – ungenannten Vater ihres Kindes.« – »Oh Armer!« Sie ergriff seine beiden Hände. Aber er riß sich los: »Sie verhöhnte mich in dem Brief, der ich das Kind für mein Fleisch und Blut halte und sie beteuerte, auch als mein Weib werde sie niemals von ihrem Herzgeliebten lassen.« – »Die Unselige!« »O nein! Nicht sie, ich war unselig. Denn mir entging die Rache an ihr und – zumal! – an ihm! Der Bote war spurlos verschwunden, sobald er den Brief dem Burgtorwart abgegeben hatte. Ich jagte auf meinem schnellsten Roß noch in derselben Viertelstunde in die Nacht hinaus, stundenweit, an ihres Ohms Gehöft: ich fand nur den Alten. Der erzählte, – voll glaubhaft war seine Angst! – am Tage vorher habe Mildtrud erklärt, sie müsse das Kind aus dem Haus in das Freie, in das Sonnenlicht, tragen, in der Richtung auf das nahe Gehölz. Der Oheim zimmerte an dem Zaun der Hofstätte, von wo er sie deutlich sah. Plötzlich sprengten aus dem Tannicht zwei Reiter auf sie zu, der eine hob sie, der andre den Säugling zu sich auf das Pferd und so schnell sie gekommen, verschwanden sie wieder in den dichten Wald. Als der Alte dessen Saum erreichte, sah er nichts mehr von den Reitern und der, – wie er meinte! – Geraubten. Vergeblich schrie er ihren Namen: in weiter Ferne schon tönte der Hufschlag. Ratlos, hilflos harrte er in dem Hause: mich konnte er nicht angehn: er kannte weder meinen – rechten – Namen, noch meinen Aufenthalt. Ich suchte nun den ganzen Wald ab; nichts fand ich, kaum mehr die Hufspuren, die jenseit des Gehölzes auf der harten Landstraße erloschen. Ich wartete nun noch mehrere Tage ...« »Welch' treue Liebe!« – »Nein, welch' treuer Haß. Erschlagen hätt' ich die Dirne, den Buhlen und die Brut. Denn nicht an Gewalt ist zu denken: nach Verabredung lief sie dem Entführer entgegen, der Ehe mit mir zu entrinnen. Und – ich hab's geeidet! – ich erschlage sie alle drei, find' ich sie jemals aus.« Zitternd vor Zorn hielt er inne. – »Vergiß das Liebster! O vergiß!« – »Niemals! Nicht die verratene Liebe und nie den Eid der Rache!«   II. Glänzend ward am folgenden Tage die Vermählung gefeiert. Aber der König versäumte auch in den Tagen der Hochzeitfeier nicht die Sorge um das Reich. Das Verschwinden des jungen Ernst und seiner Schwaben ließ nur Unheil drohende Auslegung zu; dem Pfalzgrafen Mangold ward der Auftrag, die Suche nach den Flüchtlingen neu aufzunehmen und Bericht von allem Ermittelten zu überbringen: – lang blieb er aus. Aus Italien, zumal aus Pavia, kamen bedenkliche Nachrichten über die Stimmung der Bevölkerung: drohend schienen von überall her Wetterwolken aufzusteigen. Aber König Konrad blieb ruhig, klar und fest. »Immer eins nach dem andern,« so beschwichtete er seine besorgte Königin, »und zwar immer das Nächste zunächst. Ich kann weder mich noch mein Heer vierteilen nach den Himmelsgegenden. Zuerst muß wieder der Pfalzrat hier in Ordnung gebracht sein: – er ist durch unsre rasche Heirat ein wenig zerrüttet worden, – bevor ich an die Marken eile. Ich habe Burchard, dann Aribo hierher beschieden: – nein, bitte, bleibe: ich habe dich in diesen Tagen als meine klügste wie treuste Kanzlerin erprobt. Ah, Burchard, Vielgetreuer: – wie umwölk! ist deine klare Stirn.« »Kein Wunder, Herr König. Ihr wißt, ich bin nicht einverstanden mit dem Wichtigsten, was hier geschehn: der Entbindung von dem Eid, der Verletzung des Trauerjahrs ... Ich bitt' um Entlassung von dem Hof, um Entbindung von meiner Stellung als Euer – wie soll ich sagen? – Reiseratgeber ohne Amt.« »Recht hast du, Vater Burchard, wie in – fast – allem. Nur meine Minne, mein Eheglück solltest du nicht so scharf verwerfen; hab' ich doch nicht nur Gisela, Burgund hab' ich genommen.« – »Ja,« lächelte die Königin, »ohne diese Aussteuer hätte er mich schwerlich genommen.« – »Trotz Herrn Aribos Künsten,« sprach der König ernst. – »Wie?« staunte Burchard. »Ich meinte, der sei jetzt ... –« – »Allmächtig bei mir? Doch nicht. Er wünscht es, er wähnt es vielleicht: aber er irrt sich. Dank? Gewiß: aber nicht auf Kosten des Reichs, Allzugefährlich wird seine stete, stillschweigende Dankbegehr und sein Wahn, mich, Hof und Reich zu beherrschen. Fort mit ihm aus meiner Nähe! Dort kommt er. Willkommen, Herr Erzbischof. Ich weiß, Ihr wartet schon lang auf Belohnung für Dienste, die Ihr dem Reich geleistet: das Reich soll sie belohnen. Doch nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. So muß ich Euch denn leider verkünden: nicht kann Euch werden, was Ihr so lang und heiß erstrebt, was Ihr von mir – über meine Befugnisse hinaus – erbeten: das Recht über Kloster Gandersheim und dessen Güter: einstimmig haben im Konzil zu Grona die mit Prüfung jener Rechte beauftragten Bischöfe Gandersheim Euerm Widersacher, Gerbod von Hildesheim, zuerkannt.« Aribo erbleichte vor Zorn. »Aber hört weiter! In den heißen Köpfen der Welschen siedet's wieder mal zum Überlaufen: bevor ich komme, mit dem Schwert zu dämpfen, bedarf es einer klugen Beschwörung dieser brausenden Kräfte, die List mit Arglist überwindet. Dazu seid Ihr der rechte Mann. Macht Euch reisefertig sofort, eilt nach Pavia, entwirrt die dort gesponnenen Ränke und erwartet meine Ankunft – als Reichserzkanzler von Italien.« Sprachlos vor Überraschung stand Aribo: endlich brachte er hervor: »Und – und die Geschäfte hier? – am Hof? – in Deutschland?« – »Die führ' ich fortan selbst.« – »Allein?« – »Nein, Freund Burchard wird mir helfen: als Reichserzkanzler für Germanien. Ihr seid entlassen. – ›Entlassen aus Deutschland für – immerdar,‹« wiederholte er zu Burchard. Auf der Schwelle kreuzte jener sich mit dem hastig eintretenden Pfalzgrafen Mangold: »Herr König,« rief der, »nun werft das Hochzeitgewand ab und legt die Brünne an. Ein ganzer Haufe übler Boten ist gestern abend und heute früh eingetroffen von allen Winden her: das Abendland brennt rings und alle diese Flammen züngeln gegen uns, gegen das Reich. Aber das Schlimmste ist: aus dem Reiche selbst steigt die Lohe auf wider dich: Euer Sohn, Frau Königin, – Herzog von Schwaben und Burgund nennt er sich in seinen Kampfrufen – hat sich gegen dich empört und seine Schwaben zu einem großen Heerhaufen um sich geschart: er zieht an den Rhein, sich mit Konrad von Worms zu vereinen.«   III. Wirklich hatte Ernst alle Vasallen des Herzogtums Schwaben und alle Freunde seines Vaters durch eilende Boten zu den Waffen gerufen, sein gutes Recht auf Schwaben und Burgund zu verfechten. Auf Betreiben Werners war eine Rechtsverwahrung gegen die eidbrüchige Wiedervermählung der Mutter beigefügt. Als Sammelort hatte er in seinen Heerbriefen den großen Reichswald von Hagenau bei Straßburg bezeichnet: dorthin trachtete er von Augsburg aus mit aller Eile, sich dort am Rhein mit dem ebenfalls empörten Konrad zu vereinen, der die Gültigkeit der Wahl zu Kamba bestritt: man durfte hoffen, durch eine Waffenmacht in jenen Gegenden auch die unzufriedenen Herzoge von Ober- und von Nieder-Lothringen mit zum Aufstand fortzureißen. Und in der Tat erschien alles günstig zu verlaufen: in hellen Haufen waren die Waffengenossen des geliebten alten Herzogs dessen Sohn zugeströmt, diesem zu seinem Recht zu verhelfen wider den »Franken«, der in Alamannien wenig bekannt, dem Lande wie dem Stamme fremd war. Das größte Verdienst um die Bildung eines Heeres, den hitzigsten Eifer hierbei entfaltete der unermüdliche Werner, der auch den widerstrebenden Ernst zum Entschluß fortgerissen hatte, während dieser Anwandlungen von Reue nicht immer abzuwehren vermochte. So saß er in finstern Gedanken an einem trüben Spätherbstabend allein in seinem Zelt: Werner war ausgeritten, aus den nächsten Dörfern Futter für die vielen Rosse zu beschaffen; der Regen, zumal der naßkalte Nebel drang von allen Seiten durch die triefende Leinwand: das matte Licht der Ölampel, die in der Mitte herunterhing, drohte zu erlöschen: erschauernd saß der junge Empörer an dem aus Brettern roh zusammengezimmerten Tisch, auf dem unberührt ein Becher Weines stand; er stützte den Kopf auf die Hand und starrte dumpf brütend vor sich hin. Da störte ihn aus solchem Sinnen die Wache auf: sie meldete einen Boten. »Von wem?« – »Vom Herrn König ... von Herrn Konrad,« verbesserte der Mann rasch. »Seine Begleiter harren bei der Vorwache des Lagers.« – »Laß ihn eintreten.« Alsbald trat ein Gewaffneter ein; aber statt des Helmes trug er einen breitrandigen Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte; ein brauner Reitermantel verhüllte die Gestalt. »Wer ... wer seid Ihr?« fragte Ernst, sich erhebend und näher tretend. Statt der Antwort nahm der Bote den Hut ab und warf ihn auf den Tisch. »Herr Konrad!« rief Ernst bestürzt. – »Ja, ich komme als mein eigner Bote. Was wir beiden zu verhandeln haben, ist keinem dritten und keinem Briefe zu vertrauen.« Ernst wies auf den zweiten Stuhl im Zelt, der König setzte sich: in unbewußter Ehrerbietung blieb der Jüngling stehen. »Ich komme aus Straßburg, wo ich soeben mit meinem – gar kleinen Heer! – eingetroffen, Euch allerlei Nachrichten zu bringen, die Euch hochwillkommen sein müssen,« – »Und die bringt Ihr? Mir?« – Aber ohne hierauf zu antworten, fuhr Konrad fort: »Wahrlich, gut gewählt ist der Augenblick für eine Erhebung wider das Reich. So gut – nicht Euer Scharfsinn konnte ihn so klug wählen: Ihr wußtet gar nicht, konntet nicht ahnen all' die Dinge, die das Reich zur Zeit von allen Seiten bedrohen. Ich komme, sie Euch treulich aufzudecken.« Der Jüngling wußte sich vor Staunen nicht zu fassen: zweifelnd sah er auf den Feind, der also sprach. Der aber hob aufs neue an: »Ihr zählt – abgesehen von Euren Schwaben – nur auf die nicht eben starke Hilfe des Wormsers und Ihr müßt erwarten, daß ich Euch die ganze geeinte Macht des Reichs, den Heerbann aller andern Stämme entgegenführe. Dem ist nicht so. Ich brachte nach Straßburg nur meine Ostfranken. Nicht die Bayern: denn Graf Welf, in Bayern und Rätien reich begütert, hat sich gegen mich erhoben, sobald er von Eurem Vorhaben erfuhr: ich mußte die treugebliebenen Bayern gegen die jenem Zugefallenen schicken. Nicht die Hessen: ich sandte sie den beiden lothringischen Herzogen entgegen. Nicht die Thüringe, Sachsen und Friesen: denn – freut Euch, Sohn des treuesten deutschen Herzogs! – all' unsre alten Feinde im Osten und im Norden sind verbündet über das Reich hergefallen: König Kanut, der mächtig über Dänemark, mächtiger über England waltet, – nicht mit Unrecht nennen ihn die Seinen den Großen! – hat ein Heer von Dänemark aus bis Schleswig vorgeschoben: hart wird die Feste bestürmt: seine englische Flotte von dreißig Segeln ist die Elbe zu Berg gefahren und sperrt Hamburg von der See ab. Boleslav, der sich den König der Polen nennt, hat seine ungezählten wilden Raubreiter auf uns losgelassen; sie haben die Elbe überschritten und Wenden, Abodriten und Liutizen zu den Waffen mit fortgerissen. All diese Feinde abzuwehren, hab' ich nur die Thüringe, Sachsen und Friesen. Und im Westen hat der König von Westfrancien in Paris Odo von Champagne tausend Reiter zugesagt zum Angriff auf den Elsaß. Aber mehr noch! Der schwerste Schlag hat das Reich betroffen – er traf seine Ehre! – im Süden: in Pavia.« Da fuhr Ernst jäh empor: »Was ist mit Pavia? Mein Vater hat's sieghaft verteidigt – es war seine letzte Heldentat – gegen die zehnfache Übermacht wütiger Lombarden! Noch stehn hundert seiner Ritter in dem altehrwürdigen Palast.« – »Sie standen. Jetzt liegen sie begraben unter dem Mauerschutt der verbrannten Kaiserpfalz: die Pavesen haben sich wieder erhoben, endlich den Palast gestürmt, alles Leben darin gemordet ...« – »Ah, des Vaters Vasallen!« – »Das deutsche Banner durch den Kot ihrer Straßen geschleift und verbrannt ...« – »Rache, Herr Konrad! Rächt die deutsche Ehre!« »Wie kann ich das? Mit welchen Streitkräften? Nicht einen Mann von den Meinen kann ich entbehren diesseit der Alpen. Noch nie seit den Tagen des ersten Heinrich war das Reich so schwer, so von allen Seiten bedroht. Ich kam, Euch all das offen zu legen: Ihr seht, Ihr seid des Sieges fast gewiß: auf so vielen Schlachtfeldern zugleich werde ich nicht siegen, auf einem werd' ich wohl schließlich fallen auf meinen Schild: und Ihr mögt dann herrschen über den armen Rest, den Euch all Eure Verbündeten von Deutschland und von Welschland übrig lassen werden.« »Nein! Nein!« rief Ernst mit der Hand abwehrend. »Nein? Damit ist nichts gesagt. Wählt: die Stunde der Entscheidung kam für Euch, wie für das Reich. Wählet, wollt Ihr mit Polacken und Böhmaken, mit Dänen, Franzosen und Welschen im Bunde die deutsche Macht zersplittern und zerschlagen – ich fürchte, Ihr könnt's vollbringen! – oder wollt Ihr Eurem König helfen, das Vaterland verteidigen, wollt Ihr, des edelsten Herzogs Sohn, das Blut Eurer Schwaben und des Reiches Ehre rächen in Pavia? Wollt Ihr das, so vertrau' ich Eurer Hand die Sturmfahne des Reichs, daß Ihr sie traget im Vorstritt unsres Heers nach dem alten stolzen Schwabenrecht. Wollt Ihr das, Herzog von Alamannien?« – »Ja, ja, ich will, ich will,« rief der Jüngling und sank vor dem noch eben Befehdeten auf die Knie. »Verzeiht mir, mein König und mein Herr! Ich war ein Tor. Aber ich mach' es gut in Welschland mit diesem Schwert. Verzeiht mir!« Da sprang Herr Konrad auf und zog ihn an die Brust – »Dir ist verziehen von Herzen, mein Sohn. Ich kann verzeihn: – noch ist kein Blut geflossen zwischen uns. Ich eile nach Straßburg zu den Meinen und verkünde: morgen brechen die Schwaben unter ihrem Herzog auf, über den Bergen die Fahne des Reichs wieder aufzupflanzen in Pavia.«   IV. Nicht leicht ward es Ernst, am andern Morgen Werner nach dessen Eintreffen im Lager für den plötzlichen Entschluß zu gewinnen: »Er hat dich überrumpelt, der schlaue Franke. Gib acht: du wirft's bereuen! Was gab er dir für deine – Unterwerfung? Alamannien? Bah, nur dein Recht! Was sprach er von Burgund? Nichts? Hei, da haben wir's. Nie kriegst du das. Aber jetzt ist's geschehen: – war ich zugegen, geschah's wahrscheinlich nicht! Ich hätte seinen Zorn seine kühle Klugheit durchbrechen lassen: – aber, da es nun geschehen, wollen wir in Welschland dreinschlagen nach alter Schwabenart. Wartet, ihr Welschen: der Grimm, der mir gegen den Franken im Arme steckt, – ihr sollt ihn verspüren.« War so in dem feindseligsten der Unterführer der Widerstand – von der Not gezwungen – gebrochen, so gelang es desto leichter, den großen Haufen umzustimmen, der jetzt vor allem verlangt war, die erschlagenen Stammgenossen, oft nahe Gesippen, in Welschland zu rächen. Und nun, durch die Versöhnung von König und Herzog – am folgenden Tag ward Ernst, nachdem er den Vasalleneid geleistet, feierlich vor den beiden vereinten Heerhaufen mit Alamannien belehnt, – ward wie durch einen Zauberschlag die ganze üble Lage des Reichs gewendet: – wie etwa im Hochgebirge die Sonne plötzlich sieghaft durch die Wolken bricht und alles Nebelgewölk zu Tale drückt und aufsaugt. An Konrad von Worms schickten die beiden einen gemeinschaftlichen Boten: Ernst zeigte ihm seine Unterwerfung an und forderte ihn zu dem Gleichen auf unter Verbürgung für die Begnadigung durch den König, die dieser verhieß: der Wormser beeilte sich, seine Scharen zu entlassen und um Verzeihung zu bitten. Als die beiden Lothringer dies vernahmen, stellten sie sofort ihre Rüstungen ein: sie hatten sich noch nicht offen ins Feld gewagt: so mochte der König ihre Vorbereitungen als ihm nicht bekannt behandeln. Ohne Bundesgenossen loszuschlagen, konnte Odo von Champagne nicht wagen: um so weniger, als er mit König Robert zu Paris in Streit geraten war über die ihm zu hoch dünkende Besoldung der zu stellenden Reiter: es kam zu offenem Kampf zwischen beiden, in dem die Franzosen zwei Festen eroberten: so konnte Konrad das burgundische Basel, das Odo besetzt hatte, durch Herzog Ernst in raschem Handstreich wieder zurückgewinnen. Schon vorher war es dem reuigen Eifer des Stiefsohnes gelungen, den trotzigen Welfen, dem die treugebliebenen Bayern am Lech hart zufetzten, von der Hoffnungslosigkeit weiteren Widerstands zu überzeugen: er unterwarf sich und kam mit Verlust einiger Lehen davon. Die doppelte Gefährdung von Schleswig und von Hamburg durch König Kanut gelang es durch Gesandtschaften und Verhandlungen, abzuwenden, die Erzbischof Unwan von Bremen, beiden Herrschern nahe befreundet, geschickt zu glücklichem Ende führte, – sogar ein Freundschaftsbündnis zwischen beiden brachte der kluge Vermittler zu stände. Da nun gleichzeitig König Boleslav plötzlich starb und Bruderkriege unter seinen Söhnen die Macht der Polen lähmten – ihre Raubreiter wurden von den hadernden Brüdern eilig nach Haus' gerufen, – blieben nur jene Slaven noch im Felde, die wieder einmal die nächsten Marken des Reichs mit Plünderung und Brand heimzusuchen begonnen hatten: der König mit Pfalzgraf Mangold führte die nunmehr frei verfügbaren Sachsen und Thüringe eilig gegen sie heran, zerstreute ihre Banden und zwang die aus dem Reiche gescheuchten Häuptlinge zur Unterwerfung mit Geiselstellung. So war in Bälde jede Gefahr für das Reich im Westen, Norden und Osten beseitigt und der König konnte nun aus allen Stämmen starke Aufgebote versammeln, die im Süden jenseit der Berge noch hell aufflackernden Flammen des Aufruhrs zu löschen und die Brandstifter zu bestrafen. Mit solchem Eifer betrieb der König die Rüstungen, daß er schon Ende Februar aufzubrechen vermochte. Augsburg war der – wie schon wiederholt für Römerzüge gewählte – Sammelort: hier fanden sich zumal die geistlichen Fürsten, die Bischöfe von Köln, von Hildesheim, von Utrecht, von Toul, wie die Vasallen der Stammes-Herzoge in großer Zahl ein. Die Vertretung des Herrschers nördlich der Alpen war dem treuen Burchard unter Mithilfe Bruns von Augsburg übertragen. Gleich bei dem Niedersteigen von dem Brenner und zahlreicher noch in Verona, dem ersten Ort längeren Verweilens, strömten lombardische Vasallen in Menge zu den Fahnen des Königs. In Mailand erstattete Aribo ausführlichen Bericht über die Lage in den verschiedenen Landschaften der Halbinsel; es ergab sich, daß der kluge und geschmeidige Staatsmann gar manche Verwicklung mit seiner Hand entwirrt hatte: aber immerhin blieben noch festere Knoten, die nur das deutsche Schwert durchhauen konnte. Richtig erkannte Konrads Scharfblick, daß vor dem römischen Kaiser gar viele Riegel fallen würden, die dem bloßen König von Germanien noch trotzten: er beschloß daher wohlweislich, nicht Kraft und Zeit zu verlieren durch gewaltsame Brechung des Widerstandes der zahlreichen großen Städte und kleinen Burgen in dem kastellreichen Lande zwischen Po und Tiber, – er eilte vorwärts nach Rom, woher die Kaiserkrone lockend leuchtete: auch mit der Belagerung und Bestrafung von Pavia hielt er sich – für jetzt – nicht aus: er begnügte sich mit der Beobachtung der trotzigen Stadt durch eine kleinere Schar: er selbst drängte mit der Vollkraft des Heeres vorwärts nach Süden. Aribos Erbieten, ihn dahin zu begleiten, lehnte er höflich, aber entschieden ab. »Allzuviel Verdienste schon um mich,« sprach er, »habt Ihr. Erdrückend würde mir die Dankesschuld. Ihr möchtet mir Wohl am liebsten, wie den Königsreif, die Kaiserkrone aufsetzen? Gönnt dem heiligen Vater auch ein Stücklein.«   V. Auf dem Wege von Mailand nach Rom bog er nur ein wenig nach Osten – über Mantua – nach Ravenna aus, wohin ihn der Hilfeschrei des Erzbischofs Heribert dringend rief: der deutsche Mann ward hart bedrängt von der leidenschaftlich deutsch-feindlichen Bürgerschaft. Zwar schien das bloße Erscheinen des Königs mit Heeresmacht vor den Mauern der Stadt diese wilden Wogen niederzulegen. Allein dieser Schein trog. Um Reibungen mit den Ravennaten zu vermeiden, verschonte Konrad die Stadt mit der Einlagerung größerer Massen: vielmehr brachte er das Heer draußen vor den Toren in Zelten unter: zumal auf dem weiten Nachfeld im Osten der Stadt vor dem Tor Sankt Peter – heute Porta Alberoni : – die warmen italischen Sommernächte verstatteten das und nur eine kleine erlesene Schar führte er mit in die Stadt, wo er Wohnung nahm neben dem alten Königshaus des großen Theoderich, von dem damals noch gar sehr viel mehr erhalten war als die heute allein noch stehende eine Mauer. Ganz nahe jenem Palast, in dem Atrium der Basilika Sankt Apollinaris, ward das Reichspanier – Sankt Michael den Drachentöter darstellend, – geborgen: Ernst war gewährt worden, daß Schwaben die Bedeckung bilden durften; sie lagerten in ihren Waffen auf den Vorstufen der Kirche; Graf Werner war ihr Führer. Zwei Tage verbrachte der Herrscher meist damit, Gericht zu halten in Streitsachen zwischen dem Erzbischof und der städtischen Curia, dem Senat der Bürgerschaft: die Urteile fielen meist gegen diese aus. Das reizte die Ravennaten, von je ein ungebärdig Völklein. Am Abend des dritten Tages lud Ernst den Freund ein, mit ihm das Mahl im Palatium des Königs zu teilen. Aber Werner schüttelte den Kopf, »Nein! Ich hab' eine feine Nase. Ich wittre Blut in der Luft. Ich traue ihnen nicht, diesen unsern Wirten wider Willen. Sie blicken Dolchstöße. Sogar die Weiber, die mir sonst meist gewogen sind in den Städtlein der Welschen. Ich bleib' bei dem Fetzen bemalten Tuches da, das mir anvertraut ward. Wenig schert mich Sankt Michael, ja das Reich und sein Panier: – dem Bastard gönnen sie wenig Recht und Ehre. Aber der Franke soll nicht sagen, die Schwaben haben schlecht gewacht. Schick' nur einen Krug von eurem Wein herüber: – der Erzbischof wird ja sorgen, daß er nicht vergiftet ist. Nach Sonnenaufgang auf Wiedersehn.« Aber die Freunde sollten sich noch bei andrem Licht wiederschauen. Mitternacht war lange vorüber: da öffneten sich geräuschlos die Tore eines weiten und tiefen Palasthofes nahe dem Königshaus – in der heutigen strada della porta Sisi : – gleichzeitig die Pforte des großen Pinien- und Cypressen-Haines auf der andern Seite der Straße, die zum Kloster der Benediktiner gehörte: und schweigend, mit sorgfältiger Meidung jedes Klirrens einer Waffe, ergossen sich dichte Haufen von Gewaffneten von Osten und von Westen in die Mitte der Straße: zwei Führer, beides riesige Gestalten, trafen zusammen bei der Kreuzung einer Quergasse. »Los!« flüsterte der eine, »mir zuckt das Schwert in der Faust.« – »Noch nicht! Noch einen Augenblick. Erst muß das Feuerzeichen auf dem Peterstor emporflammen. Da sieh! Da lodert's auf! Jetzt ist das Tor geschlossen, von den Unsrigen geschlossen. Ausgesperrt ist das ganze Heer der Deutschen. Nicht dreihundert Helme haben sie in der Stadt. Horch, schon dröhnen die Sturmglocken von allen Campanilen. Jetzt drauf und nieder die Barbaren!« Und nun war die bis dahin in tiefem, finstrem Schweigen brütende Stadt mit einem Schlag in eine lodernde, gellende, brüllende Hölle verwandelt. Aus jedem Hause brachen Fackeln, Speere, Schwerte, Keulen schwingende Männer und auch Weiber – gelösten Haares – zahlreich hervor: andre Frauen erschienen in den nun plötzlich hell erleuchteten Loggien, Brände schwingend und aus großen Eimern voll siedenden Pechs, Öls und heißen Wassers schöpfend, es auf die Überfallenen zu schütten, falls diese sich auf die Straßen wagen sollten, sich zu dem rettenden Tore durchzuschlagen. Aber das schien schon nicht mehr möglich: die beiden Gebäude, in denen der größte Teil der Deutschen in der Stadt lagerte – der Königspalast und die Basilika – wurden von so ungeheurer Übermacht bestürmt, daß die Angegriffenen, im Schlaf überrascht, nur mit äußerster Mühe sich innerhalb der starken Tore verteidigen, an einen Ausfall nicht denken konnten. Und wehe den etwa hundert Leuten, die einzeln in verschiedenen Palästen und Häusern einquartiert lagen! Sie wurden größtenteils im Schlaf oder im Augenblick des Erwachens in ihren Betten ermordet, bevor sie eine Waffe ergreifen konnten: hier waren es die Weiber und halbwüchsige Knaben, die mit Dolchen und Würgestricken diese ungefährliche Henkerarbeit verrichteten: auch nicht einer dieser Vereinzelten gelangte lebend auf die Straße: ihre blutigen Leichen wurden mit wieherndem Geheul von den Balkonen und Altanen auf das Pflaster herabgeschleudert. Aber auch den beiden Haufen im Palast und in der Basilika schien das Verderben genaht. Das trockene Gebälk des alten Königshauses – mehr als ein halb Jahrtausend, seit den Tagen von Witichis und Mataswintha, hatte es nicht mehr Waffenlärm gehört – fing sofort Feuer unter den massenhaft darauf geworfenen Fackeln. Der Qualm des Brandes drohte die Verteidiger, hinter dem festen Eichentor in der Halle zusammengedrängt, zu ersticken: der Rauch zwang sie, sich in rascher Folge abzulösen: durch die wenigen Fenster hinaus schossen sie Pfeile und Wurfspeere: aber die meisten der Angreifer standen schon im toten Winkel dieser Geschosse. Und die alten Loggien oben, aus der Zeit Theoderichs, von denen aus man die Stufen vor dem Tor hätte bestreichen mögen, waren längst zugemauert. So schien es nur eine Frage kurzer Zeit, bis daß die allerdings sehr starken Tore dem wütenden Ansturm weichen und die tausend Angreifer einlassen würden. Den König, von den Sturmglocken wachgerufen, hatte Ernst wecken wollen: er fand ihn schon wach: nur den Mantel hatte jener übergeworfen, wie er aus dem Bette sprang, und das Schwert aus der Scheide gerissen: Helm, Brünne, Schild zu fassen blieb ihm nicht Zeit: er war neben Ernst der vorderste an dem Tore, das unter den Axthieben der Angreifer stöhnte. »Laßt das Spänesplittern, ihr Zwerglein,« gellte die Stimme des riesigen Anführers – Bulluccio il Toro hieß er – »laßt mich heran!« Und auf die oberste Stufe springend, schmetterte er aus aller Kraft das Schlachtbeil gegen das Schloß des Tores: krachend, klaffend sprangen beide Flügel auseinander und unter dem wölfischen Siegesgeheul der Welschen sprang er den Seinen voran hinein in die Halle. Der erste, auf den er traf, war der helm- und schildlose König, dessen Schwert den Axthieb nicht hätte abwehren können: aber Ernst fing den Streich mit seinem Schild: wohl schlug der den Erzschild durch, drang in den Arm und warf durch seine Wucht den Beschirmer aufs Knie: aber einstweilen fand der König Zeit, dem Riesen die Klinge in den Hals zu bohren: der schrie heiser auf und fiel. Allein des Führers Fall entscharte diesmal nicht, wie sonst wohl oft, die Welschen: allzu erdrückend sahen sie ihre mehr als zehnfache Übermacht, zu verzweifelt die Lage der wenigen in der Halle eingekeilten Deutschen. Mit gellendem Rachegeschrei drängten sie vorwärts, schon durch den bloßen Anprall die wenigen zu erdrücken. Fuß um Fuß wichen die Deutschen zurück: mit bitterem Schmerz sah da der König seine Trautesten stürzen: den jugendlichen Mundschenk Goswin von Roßfeld mit durchhauenem Helm, den tapfern Truchseß Gerbold vom Stein mit einem Dolchstich unter dem unterlaufenen Schwertarm, den liedfrohen Gisilbrecht von Saarburg, einen Pfeil in der Kehle. Näher und näher drang der Ansturm des Verderbens. »Den Heiligen Dank, Sohn Ernst, daß deine Mutter nicht hier!« – »Aber das Reich ist hier! Was wird aus ihm, wenn Ihr...? Horch! Was ist das?« Von der Straße her durch die offene Tür drang ganz andres Geschrei als der Siegeslärm der Welschen: Angstgeschrei, der Lärm der Flucht: die eben noch so hitzigen Angreifer sahen um, nach der Straße hinaus: einen Augenblick wirbelten sie noch durcheinander – dann ergossen sie sich, von wildem Entsetzen gejagt, hinaus aus der Halle, die Stufen herunter, und links und rechts die Straße hinab. In dem Tor des Palastes aber stand, das Reichspanier in der Faust, Werner: kaum kenntlich vor Ruh und schwarzem Rauchqualm, den Helm zerschroten auf dem blutigen schwarzen Gelock: schwer stützte er sich auf das arg zerschartete Schwert: »Rasch,« schrie er mit heiserer Stimme, »rasch, Herr König, heraus aus dieser Mausefalle. Hier sind wir doch alle zuletzt verloren.« »Werner von Kiburg: Ihr? Wo kommt Ihr her?« – »Ei, nicht vom Himmel. Ich schlug die Mordbuben ab, die mich überfielen, den längsten Lümmel tot und – wohl wußte ich, sah ich Euch hier schwer bedrängt! – aber nicht Euch zog ich zunächst zur Hilfe – weiß ich doch,« lachte er, »mehr gilt das Reich als der König.« – »Da sprecht Ihr wahr!« – »So ließ ich Euch – und Ernst! – in Not! Ich hätt' Euch doch nicht retten, nur mit Euch sterben können. Nein! – Sowie ich frei war, eilte ich mit den Meinen an das Tor Sankt Peters, – blutig war der Weg, die Hälfte meiner Schwaben liegt darauf! vertrieb die Welschen, die es besetzt hielten, riß es auf und ließ herein – unser Heer, das vergeblich daran gepocht hatte. Hörst du sie? Da kommen sie. Hörst du ihre Hörner! Sieh, unsere Schwaben, – wie allzeit! – voran, dann die Bayern. Und, geführt von Mangold, diese – verfluchten – Franken. Ich mag sie nicht! Aber fechten können sie! Gebt mir Wein! Ich kann nicht mehr. Ernst, da nimm den Reichsfetzen. Viele Pfeile fuhren durch. Ich schützt' ihn nicht für das Reich – für meine Ehre. Wein – Wein.« Und rasselnd in seinen Waffen fiel er nieder auf das blutüberströmte Antlitz.   VI. Ein furchtbares Strafgericht vollstreckte in den letzten Stunden der Nacht das siegreich eingedrungene deutsche Heer an den Ravennaten: wer in Waffen auf den Straßen getroffen ward, fand nicht Schonung haufenweise wurden sie in die Kanäle des Po getrieben, welche die Stadt, ähnlich wie heute die Lagunen in Venedig, durchzogen. Bei Sonnenaufgang gebot der König den Waffen der Seinen Einhalt: zwölf Herolde ritten drommetend durch die Straßen, Friede gebietend. Aber zugleich luden sie die sämtlichen Senatoren und die Beamten der Stadt, dann die Patrizier und die Befehlshaber der Stadtwehr – so viele noch lebten – auf die vierte Stunde (um 10 Uhr) in den Palast. Der Erzbischof hatte die Gnade des Königs für die Stadt nicht ohne Erfolg angerufen; der setzte ein Gericht aus Deutschen und aus ravennatischen Geistlichen nieder, das die Anstifter ermitteln und nur sie bestrafen sollte: diese waren fast alle im Kampfe gefallen. Die übrigen »Honoratiores« der Stadt wurden begnadigt, nachdem sie barfuß, in härenem Büßergewand, ein nacktes Schwert an einem Strick um den Hals, sich vor dem Throne Konrads in der noch rauchenden Palasthalle auf die Kniee geworfen hatten. Der reichen Stadt ward eine hohe Strafsumme auferlegt: das war zeitüblich: aber ungewöhnlich war, daß das Geld vor allem unter die in dem Überfall Verwundeten, Verstümmelten verteilt ward; einem schlichten Krieger war der rechte Fuß und ein Teil des Beines abgehauen worden; der König suchte ihn auf an seinem Lager und ließ ihm den blutigen Reiterstiefel ganz mit ravennatischen Denaren füllen. Das und Ähnliches gewann ihm gar viel Liebe im Heer. Und das Strafgericht, das Ravenna getroffen, erschreckte weithin über Italien die andern Städte und Kastelle, die bisher noch Widerstand geleistet hatten: auch das trotzige Pavia öffnete die Tore und leistete die auferlegte Buße. Der König aber verließ nach wenigen Tagen die blutgetränkte Stätte und zog mit dem Heere weiter auf Rom auf der alten vielgebrauchten Römerstraße über Perusia. Erst hier ward Aufenthalt von ein paar Tagen genommen, die Königin, die langsam aus Deutschland dem Heere gefolgt war, neben dem Gemahl zur Kaiserin gekrönt zu werden, zu erwarten sowie Gesandte aus Venedig und aus Byzanz, deren baldiges Eintreffen vorgemeldet war. Das Verhältnis des Königs zu seinem Stiefsohn war in diesen Tagen nach der gemeinsamen Gefahr zu Ravenna so günstig wie nie zuvor. Konrad wußte, er danke ihm das Leben. Und auch gegenüber Werner, wider den er gleichwohl immer noch die alte Abneigung trug – die herzlich erwidert ward – verkannte er nicht die Dankespflicht; er hatte seinen eignen Arzt an das Lager des Wunden geschickt, der freilich der »Kopfnuß« lachte und sich gar rasch erholte: die goldne »Dankeskette« wollte er zurückschicken: das verhinderte Ernst: da zerhackte er sie eigenhändig und schenkte die Stücke den Witwen und Waisen von Ravenna. Am zweiten Tag in Perusia ward Ernst am frühen Morgen schon in das Palatium zu dem König entboten, zu dessen engerm Rat. Auf Fragen wußte der Sendung nur zu sagen, es scheine sich um gar wichtige Beschlüsse zu handeln. Die vertrautesten, angesehensten Männer seien geladen. Erfreut sprach jener beim Abschied zu Werner: »Du siehst, du tust ihm Unrecht mit deinem immer wachen Mißtrauen. Er ehrt mich hoch, mich, den Jüngling, beruft er mit seinen Weisesten, Erprobtesten.« – »Pah,« meinte Werner. »Er hat alle Ursach, dir zu danken. Laß dich nur nicht berücken durch glatte Worte. Darin ist er Meister. Im Zweifel sage Nein zu allem, was er wünscht und vorschlägt: so wirst du am besten fahren.« Es war schon Abend als der Herzog in das gemeinschaftliche Quartier – einem alten Turm am umbrischen Tor – zurückkehrte. Er war hoch erregt: seine Wangen glühten, seine Augen blitzten. Geistig mehr als leiblich erschöpft, warf er sich auf einen Stuhl, er fand nicht gleich Worte. Werner schob ihm einen Becher Weines hin. »Da! Trink und erhol' dich, Mensch! Was hat er dir angetan? Was hast du erlebt?« – Ernst wies den Becher mit der Hand zurück: »Das Größte, was mir je widerfuhr – gewaltige Dinge! Es ist doch was Hohes um Reich und Staat, wie dieser Mann sie denkt. Bei Gott, er ist ein geborner König!« – »Ei, so stark hat er dich diesmal berückt, der schlaue Franke?« – »Schilt ihn nicht! Dir fehlt das Maß für seine Gedanken,« – »Das wäre! Ich laß mich nur nicht leicht blenden. Erzähle. Wie war's! Wen trafst du bei ihm?« »Niemand. Er empfing mich allein. Und gütevoll hob er an: ›Ernst, den ich so gern Sohn nennen möchte, wenn du es nur ließest: – heute, in dieser Stunde, will ich dich ehren durch mein höchstes Vertrauen. Kleinere Dinge hab' ich mit den anderen beraten: – das Größte sage ich nur dir. Dir mitteilen will ich die wichtigsten Gedanken, die tiefsten und geheimsten Pläne über das Reich und seine Zukunft, über seine Gefahren. Teile meine Sorgen, erfahre meine Vorhaben, prüfe sie und, billigst du sie, hilf mir wacker sie vollführen: – du, der jüngste zwar unter den Fürsten, aber mir doch der nächste: – du solltest das wenigstens sein! Allzuviel bisher haben dich – für einen der Größten im Reiche! – immer nur eigne Begehren erfüllt. Hörst du das? Lerne größer denken: – denk' an das Ganze, dem wir alle zu dienen haben‹.« – »Kann er leicht sagen: Er – der über dies Ganze herrscht. Schrankenlos herrschen möchte! Aber das soll er nie!« »Du wirst gleich hören, daß er mir – mir! – diese Herrschaft über das Reich sichern will.« – »Wie? Das wäre! Aber ich glaub's nicht!« – »Du sollst es nicht glauben, mit Händen sollst du's greifen: ,›Vernimm‹ begann er, ›einen Plan, der mir wie kein andrer Gedanke die Seele bewegt und am Herzen liegt: – du bist der erste, dem ich ihn vertraue – (schweige daher auch du, Freund: die Sache liegt noch im weiten Felde). – Du mußt einsehen wie alle Verständigen: das unselige Wahlkönigtum ist der schwerste Schade, die furchtbarste Gefahr für das Reich. Fast jedesmal nach dem Tod eines Herrschers drohte bei streitiger Wahl der Kampf um die Krone: so zuletzt – du weißt es gut! – noch bei meiner Wahl. Wohlan denn: hilf mir dem ein Ende bereiten: machen wir die Krone erblich in unserem Hause‹.« »Eia,« rief Werner und sprang von seinem Sitz auf: »ich wünsche Glück, künftiger Herr König von Germanien, Lombardien und Burgund und römischer Kaiser. Das ist wirklich – und zum erstenmal! – was Gutes, das er für dich tut, wenn es sein Ernst ist.« – »Ich kann nicht zweifeln. Denn er fuhr fort: ›Zu des Reiches und zu deinem Vorteil. Hilf mir also, den Reichstag dafür gewinnen: – das heißt, die kleinen Vasallen, die Aftervasallen der Krone, die unmittelbaren Lehnsträger der großen Herzoge. Denn diese selbst – außer dir also den Bayern, den Kärntner, die Lothringer, den Wormser, den Thüring, den Sachsen dafür zu gewinnen – unmöglich scheint es: sind es doch gerade diese, welche an der Wahl festhalten, weil jeder selbst auf die Krone hofft. Wir müssen also die Kleinen auf dem Reichstag für uns gewinnen‹.« – »Hm,« meinte der Freund bedächtig. »Siehst du wieder den Schlaukopf? Aber das muß erst überlegt werden, eh du ja sagst. Es scheint mir eine auch für dich gefährliche Seite zu haben. Denn wodurch will er sie gewinnen?« – »Das hat er – trotz meiner wiederholten Fragen – noch für sich behalten.« – »Hei, merkst du was? Er traut dir doch nicht ganz. Immerhin ›erblich in unsrem Hause, in unsrem ?‹: so hat er gesagt? Gewiß so?« – »Nicht anders.« – »Nun, dann werden sich unsre alten Träume für dich erfüllen: denn er hat nicht einen männlichen Verwandten. Nochmals: Heil dir und deinen drei künftigen Kronen.« »Höre nur weiter. ›Ich will,‹ sprach er, – ›ich muß – dich fortab tiefer in die Geschäfte des Reichs, in das Getriebe der Staatskunst eindringen lassen. Ich habe einen ehrenreichen, aber schwierigen – und gerade deshalb ehrenreichen – Auftrag für dich. Gestern hab' ich Gesandte des Kaisers zu Byzanz, der Venetianer, auch der Ungarn empfangen, je getrennt – geheim – ihre Briefe entgegengenommen: da drüben im Südosten gärt es: da braut etwas: gegen uns? Das gilt es, erkunden und ist es, wie ich fürchte, verhüten, niederschlagen mit rascher Gewalt. Und dich, Ernst, dich hab' ich ausersehn zu diesem hochwichtigen Amt: du sollst mir an der Spitze einer glänzenden Gesandtschaft an den Kaiserhof nach Byzanz‹.« – »Hei, all unsre alten Wünsche und Träume werden wahr. Byzanz, der Orient, die Welt der Abenteuer! Freut euch, meine Augen!« – »›Hoch ehrt mich dein schönes Vertrauen. König Konrad‹, rief ich gerührt und ergriff seine Hand. Er drückte sie fest und sprach: ›Ja, ich vertraue dir ganz. Gelobe mir, bei diesem Auftrag und in allen Stücken fortab, meinem Gebot unbedingt und ungesäumt zu gehorchen – um des Reiches willen –. Wirst du?‹ – ›Ich schwör' es,‹ rief ich, ›bei dem Seelenheil meines Vaters.‹ – ›Gut. Ich danke dir. Aber,‹ fuhr er geradezu väterlich besorgt fort, ›sei vorsichtig, mein lieber Sohn. Die Leute dort in Byzanz – die Griechen oder Romäer, wie sie sich gern nennen – gelten als die Schlauesten, Verschlagensten, Falschesten aller Menschen: ich höre, daß sie gleichzeitig wie mit uns insgeheim mit Venedig, Ungarn, Polen in Verhandlungen stehen, um etwa mit diesen im Bunde über uns herzufallen, unsere Küsten in Venetien mit ihren Schiffen heimzusuchen. Du siehst, wie ganz ich dir, deiner Klugheit, deinem Eifer vertraue: du hast es, hoff' ich, nun gelernt: das Höchste ist das Reich, nicht jeder Fürst und jeder Stamm sich selbst. Kehrst du zurück nach glücklichem Gelingen, soll dir der Dank des Königs und auch der Mutter nicht entgehn. Morgen trifft sie ein. Nimm guten Abschied von ihr: lange, gar zu lange schon – seit sie mein ward! – hast du dich ihrem Herzen fern gehalten: – du hast sie gemieden: – empfange sie morgen am Tore und sprich mit ihr, sprich gut mit ihr‹.« »Wie gerne will ich das.« * Am andern Tag geleitete Ernst die Königin vom Tore weg in die Frauengemächer des Palatiums. Dort entließ sie sofort ihre Frauen und zog den Sohn zärtlich an die Brust. Er ließ es geschehen: fast gegen seinen Willen rührte ihn solche Wärme. Tränen traten ihr in die Augen, als sie über seine Wange strich. »Tränen, Mutter? Warum?« – »Freudentränen sind's. Freude füllt mein Herz. Der König schrieb mir, wie so voll zufrieden er mit dir sei, wie ihr euch – endlich! – gefunden habt. Er meint es gut mit dir, glaube mir. Er will dein Glück. Versprich mir, daß du nunmehr deine Freundschaft ihm, deine Liebe mir wahren wirst – was... was immer auch die Zukunft bringen möge.« – »Die Zukunft? Bringen? Was meinst du, Mutter?« – »Nichts! Noch nichts! Leb wohl, mein Sohn. Geh! Schicke mir rasch meine Frauen aus dem Vorsaal.« Als diese eintraten, sank ihnen die schöne Frau bleich, halb ohnmächtig in die Arme. Viertes Buch.   1. Sonder Hemmnis und Schädigung gelangte das »Botenschiff« mit der stattlichen Schar von deutschen Rittern und Geistlichen auf dem nächsten damals üblichen Seewege von Italien aus – von Brindisi über Athen – nach Byzanz. Kaiser Constantinus nahm sie mit Glanz und Ehren auf und schien auch auf alle Wünsche und Vorschläge des Königs bereitwillig einzugehen, so daß Ernst voll befriedigt lobende Berichte nach Hause schrieb. Werner aber schüttelte den schwarzen Krauskopf: »ich trau' nicht ganz,« meinte er, als die Freunde eines Abends allein bei den Bechern in dem marmorgetäfelten Trinkgemach des ihnen zur Wohnung angewiesenen prachtvollen »Xenodochion« des Kaiserpalastes saßen. »Es müßten nicht Byzantiner sein, dächten sie, wie sie sprechen. Nur von einer Art Menschen hier glaub' ich, daß sie uns wirklich recht aufrichtig gewogen sind: das sind die Mädchen. Wenn wir durch die Straßen reiten, – beim ersten Klappern der Hufe, beim fernen Klirren unserer Waffen schon werden die dunkeln Köpflein in den weißen Schleiern sichtbar an den Fenstern – schmal, wie bei uns zu Hause Pfeilscharten, nur zum Heraus-, nicht zum Hineinschauen. Und – wie billig! – fällt dir der Hauptanteil dieser warmen Blicke zu, ›Der schöne Barbar‹, ›der Apoll des Abendlandes‹ heißt du.« – »Schwätzer! Woher weißt du ...?« – »Nun,« lachte Werner, »ein Teil an der Liebesbeute fällt auch wohl mir zu. Und ich gehe nicht wie du unbarmherzig kühl wie mit geschlossenen Augen an all dem heißen Weibervolk vorüber: – ich sehe mir alle scharf an und, sind sie hübsch, bin ich nicht grausam. Ich pirsche freilich nicht auf Kaisertöchter: – unter deren Zofen blüht manch willig Kind. Und die haben mir bestätigt, was ich längst zu entdecken geglaubt: du hast dir eine gewonnen – ohne es zu wollen, ja zu merken! – die ist nicht nur das vornehmste, auch das schönste Mädchen in Byzanz.« Ernst errötete über und über: er sprang auf von dem Sitz, so ungestüm, daß die Becher auf dem Zechtisch klirrten. »Theodora!« rief er. »Doch nicht sie?« – »Doch! Die Kaisertochter selbst. Sie hat sich mir verraten: – das heißt nur durch meine Augen – meinen Ohren durch ihre Milchschwester Praredis, die ihr Schlafgemach teilt und ihre geheimsten Dinge zuerst in Traumreden, später auch in gar wachen Worten erfuhr.« »Freund! Scherze nicht: Spiele nicht! Wie groß, wie heilig mir das – du ahnst es nicht,« – »Längst ahnt' ich es. Und nun weiß ich's. Endlich, endlich – ich warte seit Jahren! – hat Frau Minne auch dies spröde Herz gewonnen. Wie freut mich das! Aber gut, daß ihr Vater, Herr Constantinus, der Basileus, der Romäer, nicht vorhin, als du den Schenktisch halb umwarfst, zugegen war. Gar rasch würde er den schönen Barbaren in seine barbarische Heimat zurückbefördern.« »Und du meinst du behauptest im Ernst, die Herrliche fei mir ...?« – »Gut, gewogen und geneigt. Sie hat's oft genug geseufzt,« – »O dann, dann ist alles gut, alles leicht. Dann tret' ich kühn vor den Basileus hin und ...« – »Das laß bleiben, Freund. Nie gibt er dir sein Kind.« – »Warum nicht? Ich bin ein Fürst des deutschen Reichs.« – »Eben deshalb! Ein Barbar. Und zwar nicht ein ganzer, aber ein halber Ketzer: Schismatiker schelten sie uns: kennst du den Hochmut dieser Romäer nicht? Dieser Strohkaiser verachtet uns von Herzens Grund trotz seiner glatten Schmeichelworte. Sei auf der Hut, trotz oder gerade wegen seiner Freundlichkeiten. Und verrate beileibe nicht dies Geheimnis deines Herzens. Sonst kriegst du die schöne Schwarzlockige nie mehr zu sehen.« »Ach selten genug erblühte mir dies Glück. Aber morgen, bei den Tierkämpfen, in der alten Arena, wird sie nicht fehlen, an der Seite ihres Vaters auf den Kaisersitzen: – gerad ihr gegenüber liegen die Ehrenplätze der Gäste: da kann ich mich lang an ihrem Anblick werden,« – »Nun, Freund, das ist ein Genuß – für meinen Geschmack! – gar zu sehr von weitem! Laß Praredis und mich nur dafür sorgen, daß es nicht bei dieser Anbetung – stumm und von fern – bleibt.« – »Wage nicht zu Kühnes, Werner. Verletze nicht die Zarte, die Kaisertochter.« – »Bah, ist ein Mädel wie ein andres auch, hat auch Blut, junges Blut in den Adern. Wird ihren Herzliebsten auch je näher je lieber haben. Laß uns nur machen. Wir bringen euch schon zusammen.« – »Aber rasch muß das sein.« – »So gefällst du mir, Keine Liebe sonder Ungeduld: Frau Minne mag nicht warten.« »Ich fürchte von Tag zu Tag, daß sich unsre Verhandlungen, die Verabschiedung unsrer Gesandtschaft erledigen: wir sind ja fast mit allen Dingen fertig: – der Basileus hat in alles gewilligt: er will uns dreißig Galeeren zu Hilfe schicken, greift uns der Doge von Venedig in Ravenna an. Wie soll ich den Abschied von ihr ertragen? Wende ich dem goldnen Haus den Rücken, seh' ich sie ja nie im Leben wieder!« – »Ausgenommen,« lachte Werner, den Becher neu füllend und langsam schlürfend – »ausgenommen, sie wendet ihm auch den Rücken.« – »Wie? Was meinst du?« – »Was ich sage! Sie geht mit dir!« – »Werner, wie ungeheuerlich!« – »Nun sie wäre nicht das erste Mädel, das den Vater verläßt, dem Manne zu folgen, nach Gott Vaters eignem Willen und Wort. Tu' Bescheid! Heil der Allsiegerin Frau Minne.«   II Noch aus den Zeiten des ersten Constantin stammte die Arena im Südosten der ausgedehnten Stadt. Der mächtige Bau hatte gar wechselnde Tage gesehn: ein Flügel war schon seit Jahrhunderten zu einer Basilika umgebaut, ein anderer zur Reitschule für die kaiserlichen Prinzen verwandt worden. Allein der Mittelbau in seiner amphitheatralischen Gestaltung war seiner ursprünglichen Bestimmung erhalten geblieben, für die allein er taugte: nur daß an Stelle der verbotenen Gladiatoren wilde Tiere untereinander kämpften. Heute waren die vierundzwanzig über der Arena und übereinander emporsteigenden Sitzreihen – aus thrakischem Marmor – dicht besetzt von den Männern und Frauen des zahlreichen Hofstaats, von den ersten Beamten und den Anführern der starken Besatzung, sowie von vielen Hunderten der vornehmsten Männer und Frauen der Stadt, die der Basileus als seine Gäste geladen hatte. Die Strahlen der heißen Sommersonne auszuschließen, überspannte ein seidener Baldachin, scharlachfarbig und silbergestreift, oben den ganzen kreisförmigen Raum: ein feiner, kaum fühlbarer Regen träufelte von Zeit zu Zeit daraus herab: Wasser mit Wohlgerüchen aus dem fernen Indien. Die Steinsitze der vornehmsten Reihen waren mit Purpurteppichen belegt. Palmbäume in kunstvollen Bronzekübeln und immergrüne Sträucher jeder Art standen an den Aufgängen der Stufen. Längst waren die Sitzreihen gefüllt: da gaben Zimbel- und Pauken-Schläger ein Zeichen und es nahte in zahlreichen prunkvoll vergoldeten Sänften, von schwarzen Äthiopen und gelbbraunen Berbern getragen, der Basileus, seine Tochter und seine beiden Neffen Theopompos und Theopompulos; dann folgten, zu Pferd, die deutschen Ritter und, ebenfalls in Sänften getragen, die geistlichen Glieder ihrer Gesandtschaft. Ceremonienmeister und Hofbeamte in goldstarrenden Gewanden gar vielfach abgestuften Ranges nahmen die Eintreffenden in Empfang und geleiteten sie unter vielfachen Verbeugungen an ihre Plätze. »Gott und der heilige Werner – wenn es letzteren gibt: geholfen hat er mir noch nie!« flüsterte der unheilige Werner – »vor allem aber du verzeih' mir's: dein Schwiegervater wider Willen kommt mir greulich vor. So aufgeputzt hat er sich noch nie: wie eine Puppe von Rauschgold und Pappe: – kann sich gar nicht rühren. Und das Gesicht! Ist ja ganz verkleistert von Schminke.« – »Schau' doch sie an! Wie reizend in ihrem duftig weißen Gewand! Und – wahrlich – dieser Blick, dieser Gruß galt mir. Sie lächelt. Wie sie errötet.« – »Ja, aber ihre beiden Vettern, die Theopömpe, erbleichen vor Wut: auch sie haben den Gruß bemerkt. Die möchten dir gern ans Leben.« – »Laß sie doch kommen!« – »Ja, die kommen nicht von vorn. Was soll's?« fragte er unwirsch einen Protospatharius, der sich vor ihm bis zur Erde verneigte und ihm zu folgen winkte, während ein anderer den Herzog mit sich hinwegführte. »Ach so, ich darf nicht neben den Fürsten, muß ferner sitzen in diesem Reich der ordentlichsten Ordnung,« – »Ja, Euer Großmächtigkeit sitzt in der zweiten Reihe von unten,« erklärte der Höfling: »die kaiserlichen, senatorischen und fürstlichen Herrlichkeiten in der ersten Reihe, dem Podium.« Während Werner und Ernst ihren Führern folgten, flüsterten die beiden Prinzen einander zu: »Hat der Basileus eingewilligt?« – »Still! Kein Mensch darf ahnen, daß er ... es muß ein Versehen bleiben vor dem König der Barbaren,« – »Nun wollen wir sehn, wie es steht mit dem Mut dieser Eisenfresser. Ich freue mich auf seinen Schreck.« – »Ich mehr auf sein Blut. Theodor«, die Betörte, soll es fließen sehn.« – »Also sollen die Wachen ihn nicht schützen?« – »Zu spät kommen sollen sie. Wie sein Geleiter ihn ›aus Versehen‹ falsch führt. Komm rasch neben den Oheim.« Nachdem nun auch die Kaiserplätze besetzt waren, zeigte sich hier nur noch ein Platz leer: da schob der Ceremonienmeister unten in der Arena eine schmale, in die Seitenwände eingelassene Pforte öffnend und nach eilfertigem Verschwinden sogleich schließend, den deutschen Herzog herein auf den sandbestreuten Boden der Arena. Erstaunt sah der sich um. Gleichzeitig winkte der Basileus oben mit einem seidnen Tuch: ein Trompetenstoß – das Gitter eines der Käfige, der » carceres «, der Kampftiere – ging in die Höhe und ein riesiger Löwe setzte im gewaltigen Bogensprung aus der Öffnung mitten in die Arena gerade gegenüber dem Herzog. Ein mächtiges Gebrüll erhob das Untier, wie es ringsum die zahllosen Menschen ersah, aber durch das Gebrüll hindurch schrillte der Angstschrei einer Mädchenstimme: Ernst vernahm und erkannte sie. Doch ihm blieb nicht Zeit zur Freude darüber; der Löwe hatte den einzigen Feind, der ihm erreichbar gegenüberstand, scharf erkannt: die Zuschauer da oben nicht mehr beachtend, faßte er nur den ins Auge, der, das zum Stoß gezückte Schwert in der Hand, ihm allein gegenüberstand: die große Katze duckte zum Sprung, die Flanken mit dem Schweife peitschend: die gelben Augen blinzelten zuerst ein wenig unter dem steten Blick des Menschenauges: aber nun hob er sich langsam zu dem totbringenden, durch die bloße Wucht des Ansprungs überwältigenden Satz: da sauste ihm gegenüber ein Schatte durch die Luft und neben Ernst stand, in gewaltigem Schwung über zwei Sitzreihen wie herabgeflogen, Werner, den langen Mantel in der Linken, das nackte Schwert in der Rechten. Der Löwe fuhr zusammen, erschreckt durch den Lärm des plötzlichen Aufsprungs: er hemmte den Sprung, wandte das Haupt, den Rachen weit aufreißend, gegen den neuen Feind. Der warf ihm den Mantel über den Kopf: »Jetzt rasch, Ernst!« schrie er. Und der sprang hinzu und, bevor das Tier die Hülle abgestreift hatte, bohrte er ihm mit sicherem Stoß das Schwert durch den offenen Rachen und zwischen den Augen heraus: die gute Klinge brach zerknirscht in dem furchtbaren Gebiß: aber das Untier stöhnte auf, – das war kein Brüllen mehr – brach zusammen, reckte sich und verendete. Wilder Schreck, Entsetzen entleerte die vollen Sitze: der Basileus, die Prinzen flohen: Ernst sah die Geliebte sinken: ihre Frauen trugen sie hinaus. Werner aber hob die gepanzerte Rechte gegen die Flüchtenden und rief: »Das war Griechen- und war deutsche Treue.«   III Kaum waren die Deutschen in ihrem Gastquartier angelangt, als Abgesandte des Basileus erschienen, die dessen tiefes Bedauern des Versehens aussprachen: der nachlässige Palastbeamte sei bereits mit Verbannung – nach Asien – bestraft: reiche Geschenke sollten ... Ernst wies sie zurück und behielt seinem König die Forderung von Genugtuung vor. Am Abend des gleichen Tages kam Werner eilfertig und erhitzt aus der Stadt zurück, wohin er bald nach der Heimkehr um Mittag verschwunden war und freudig rief er dem Freunde zu: »Glück hast du, Ernst. Das muß man sagen. Der dir bestimmte Löwe frißt dich nicht und führt deine Wünsche rasch zum Ziel. Die schöne Kaisertochter hat der Anblick deiner Todesgefahr über alle Bedenken und Schranken fortgetragen: sie weiß erst jetzt ganz, – ganz genau! – wie sie dich liebt. Was die Mordpläne der Ihrigen an dir verschuldet, – sie will es dir gut machen tausendfach. Praxedis hatte von Theodoras und deiner Liebe heute soviel zu reden, daß für ihre und meine fast zu wenig übrig blieb. Kurz, die Schöne erwartet dich, sobald der Mond über der Hagia Sophia steht, im Platanenrund des Frauengartens: eine Gondel holt dich von hier – eine Strickleiter hängt dort bereit an der Mauerecke.« Märchenhaft schön ist die Mondnacht des frühen Sommers an des Bosporus leis anrauschenden Wogen. Geräuschlos glitt das schmale Schifflein von Ost nach West, von den »Orient-Türmen« des Palastes auf die hoch ragenden Mauern der Kaisergärten im Westen zu: dunkel schwarze Schatten warfen die uralten Bäume, Cypressen, Steineichen und Platanen, über die Zinnen herüber auf die mondbeglänzte Flut: beflissen suchte diese schützenden Schatten das rasche Ruderboot. Nun war die Mauerecke erreicht: auf der vor dem Mondlicht geborgenen Seite stieß der Kiel leise knirschend auf den Sand: der Ferge, ein Eunuch des Frauenpalastes, wies wortlos auf die überbuschte Mauerzinne: Ernst sprang auf den hohen Schiffschnabel und erhaschte von da die schwanke Strickleiter, die von oben fast bis an den Kahn reichte. Behend hob er sich daran von Stufe zu Stufe: nun war er oben, nun konnte er beide Füße auf die breite Wallkrone setzen. Der weite, parkähnliche Garten, reich an Baumriesen, lag fast ganz in dem Schatten der breit ausladenden Zweige: üppigen, fast betäubenden Duft hauchten die Tausende von Nachtviolen und andern nur nach Sonnenuntergang sich öffnenden Blumenkelche auf den Beeten ringsum in die weiche, warme Luft: tiefes Schweigen waltete hier: nur das leise Rinnen einer fernen Quelle war vernehmbar. Lauschend, spähend beugte sich der Jüngling herab. Fast erschrak er, als plötzlich dicht unter ihm eine Nachtigall ihr heißes, langgezogenes Lied anhob: alsbald antworteten eine zweite, wetteifernd eine dritte, vierte: der ganze Hain schien erfüllt von diesen Liebe atmenden Tönen. Da warf der höher steigende Mond einen langen Lichtstreifen durch die Platanenwipfel auf den schmalen Eingang einer Felsengrotte gerade ihm gegenüber: er sah eine dunkle Gestalt sich dort regen: sofort sprang er herab: unhörbar eilte er über den hohen weichen Rasen auf die Grotte zu: die Gestalt wich zaghaft zurück, aber schon hatte er sie erreicht, schon mit beiden Armen umschlossen. »Herzog Ernst,« hauchte sie, erschauernd. Dann aber warf sie sich plötzlich an seine Brust, mit beiden Armen seinen Nacken umschlingend' »Geliebter, heiß geliebter Mann! O weil du nur lebst! Nun ist alles gut, was auch werden mag.« Er schlug ihren dunklen Schleier zurück, und bedeckte ihre Stirn, ihre Augen, ihre Lippen mit den heißen Küssen unentweihter Jugend, – – »Halt ein! Halt ein!« – »O, Geliebte, laß uns das Glück des Augenblickes schlürfen, für mich ein Wunder des Himmels. Wie könnt' ich träumen ...!« Sie küßte ihn auf den Mund: »Du träumst nicht, du lebst sie, diese Stunde. Sieh, ich liebte dich, seit ich dich zuerst erschaute. Die Männer um mich her – die Kaisertochter wäre begehrt und viel umworben, auch wenn sie häßlich wäre – und das bin ich doch nicht? Bitte, sag's, daß ich schön bin: – Alle haben's und nur du hast's mir noch nicht gesagt.« – »Zauberschön!« – »Danke! Nur für dich will ich schön sein. – Aber Ekel flößten sie mir ein, all diese Prinzen, Fürsten und Archonten in ihren lang nachschleppenden Gewanden – wie eure Frauen, hör' ich, sie tragen –. O diese schlaffen Gesichter, diese marklosen Puppen, wie meine beiden Vettern! Da tratest du in den Kaiserpalast, in Eisen bis ans Kinn, ohne Schmuck als deine Waffen und deine schlichte Kraft, – und zu verschweben vor dir schienen alle wie Schatten: wie kommt das?« – »Weiß nicht, lieb Kind. Bin halt ein Schwab'.« – »Ein Schwab'? Was ist das?« – »Ein Schwab'? Nun, das ist einer, der sich nicht fürchtet.« – »Das sah ich! Auch nicht vor dem Löwen! Und das war doch furchtbar! Sieh, das hat mich vollends zu dir hingezwungen, du Herrlicher! Dein will ich sein. Dein bin ich und keines andern werd' ich.« Und mit weit geöffneten Armen warf sie sich wieder an seine Brust. – Und die Blumen dufteten stärker, der Quell rieselte lauter, die Nachtigallen schlugen heißer: so schien es den Glücklichen beiden –: sie schwiegen.   IV. Mitternacht war vorüber als Ernst zurückkehrte: »Du strahlst, du leuchtest vor Glück,« rief Werner ihm entgegen. »Ja, Freund! Ich bin der Seligste der Menschen! Sie liebt mich, die Herrliche. Wie liebt sie mich! So, daß sie wirklich, – sie, die Kaisertochter! – mit mir fliehen will: denn ihres Vaters Einwilligung sei ganz undenkbar. Heute noch mußte sie mich sprechen und alles genau bereden: denn morgen – nein, es ist schon heute! – wird sie zu den zehntägigen Gebetübungen in das Kloster der heiligen Helena drüben in Asien abgeholt. Aber am elften Tage kehrt sie zurück und in der Nacht darauf – schon ist alles auf das genaueste beredet – fliehen wir: – du und Praxedis allein begleiten uns – auf Theodoras raschem Segelboot. O Freund, wie bin ich selig!« Und er umarmte ihn. »Dir dank' ich das Leben und – viel mehr: – diese Stunden und die Hoffnung höchsten Glücks für das ganze Leben!« * Am zweiten Tage darauf brachte ihm ein Eilschiff aus Rom einen Boten des Königs mit einem Brief in Geheimschrift: der war gar kurz: er lautete: wie er Werner vorlas: »Ich befehle, daß du angesichts dieser Zeilen sofort ohne den mindesten Aufschub – Horst du? – augenblicklich Byzanz verlassest und nach Hause eilst. Das Wohl des Reichs verlangt's. Jede Stunde Säumnis ist Verderben.« Ernst schrie auf, ließ die Charta fallen und sank um. Werner richtete ihn empor: »Nun,« rief er, ihn rüttelnd, »und darüber stürzest du, wie ein pfeilgetroffener Adler? Was ist's denn weiter? Es wird nicht so eilen. Das Reich kann warten. Warten, bis Theodora zurück ist: – dann bringen wir auch sie dem Reiche mit. Das ganze Reich ist nicht so viel wert wie das Glück zweier junger Herzen! Darauf hin wirst du doch nicht die Schöne verlassen, aufgeben fürs Leben? Du bleibst eben doch und trotzest dem Befehl.« – »Nein. Ich muß gehorchen: – ich hab's geschworen. Ich gehe! Fahr wohl, Liebe und Lebensglück! Fahr wohl, Theodora!« * Unerschütterbar hielt der Herzog fest an dem Beschluß, zu gehorchen: aber von Stund an war der Frohmut aus seinem Leben, war der freudige Glanz aus seinen Augen gewichen: der treue Werner gab es bald auf, ihn trösten, ihn erheitern zu wollen. Es gab keine Möglichkeit, der in der Ferne Verschwundenen zu erklären, weshalb der Leben entscheidende Plan nicht ausgeführt werden konnte. Wohl hatte Werner dem Eunuchen ein Brieflein an Praxedis zugesteckt, das lautete: »Wir müssen zurück: die Ehre gebeut: doch kehren wir wieder, sobald wir können: wir nehmen nicht Abschied.« Aber die Freunde erkannten, wie unsicher und wie wenig das war für die Frauen, die, zurückgekehrt, sich verlassen finden, für aufgegeben halten mußten. Das Freundespaar war noch an jenem Tag auf dem römischen Eilschiff abgesegelt: die übrigen Gesandten sollten erst nach Abwicklung der letzten Geschäfte nachkommen. Stundenlang saß der Jüngling nun während der ganzen Fahrt auf dem Deck, und starrte schweigend in die blauen Wogen, nur manchmal leis aufseufzend: »Theodora!« Endlich in Brindisi angelangt, verfiel er in ein heftiges Fieber, das den ungeduldig zu dem König – vielmehr nun dem Kaiser – nach Deutschland Eilenden auf das Lager warf. So sandte er Werner voraus, dem Herrscher seine Ankunft in Italien zu melden: sobald er reisen könne, werde er über die Alpen zu Konrad eilen, der, wie verlautete, in den sächsischen Pfalzen weile und dort ein Heer – wieder einmal zur Abwehr flavischer Raubhorden – sammle. Erst nach einigen Wochen vermochte der Herzog zu Pferd zu steigen: so rasch er konnte, hastete er nun, von wenigen Reisigen begleitet, durch die Halbinsel gerade aus von Süd nach Nord. Schon hatte er die Veroneser Klause erreicht: düster war's in der Enge: Gewitterwolken hingen schwül herein: laut, Atem hemmend, brauste in ihrem Felsenbett die Etsch; in finstren Schmerz verloren ritt Ernst den steilen, schmalen Pfad bergan: da hörte er rasenden Hufschlag sich entgegeneilen: bald kam der Reiter in Sicht: Werner war's: er rief von dem schäumenden Renner herab: »Halt, halt, Ernst! Nicht weiter! Auf dem Brenner wirst du gefangen!« – »Von wem?« – »Vom Kaiser.« – »Vom Kaiser? Warum?« – »Weil wohl auch er einsieht, das kannst du nicht ertragen.« – »Was?« – »Du weißt noch nichts? Deine Mutter hat einen Knaben geboren: Heinrich ist er getauft. Den hat der Herr Kaiser in der Wiege zu seinem Nachfolger im Reiche wählen lassen ...« – »Ah! Das ist ... –« – »Und zum König von Burgund. Jetzt Ernst, bist du kein Feigling, jetzt das Schwert heraus! Ich kann nicht mehr! Ich mußte dich – warnen, retten. Wende das Roß und flieh nach Haus, nach Schwaben!« Fünftes Buch.   I. Den Brennerpaß meidend – er war in der Tat in dem alten Kastell bei Gossensaß durch Reisige des Kaisers besetzt – bogen die Freunde von Bozen nach Nordwesten, nach Meran, aus und eilten von da über die Finstermünz und den Arlberg nach Schwaben. Erst in Ulm, der festen Burg, machten sie dauernd Halt und auch erst hier traf sie ein Schreiben des Kaisers, das den Herzog schon in Italien – vergeblich – gesucht hatte. Es lautete: »Mein lieber Sohn!« – laut auf lachte bei der Anrede Werner – »er meint wohl klein Heinzel in der Wiege!« – »Du mußtest sofort Byzanz verlassen, da der falsche Basileus, während er mit dir den Freundschafts- und Bündnis-Vertrag gegen Venedig beriet, mit dem Dogen Leo Orseolo einen Überfall auf unsere venetianischen Seeplätze rüstete: er wollte dich dann als Gefangenen, als Geisel behalten. Dazu kamen wichtigste Änderungen daheim. Nachdem meine Gattin, die Kaiserin, mir einen Erben geboren – ich hatte davon keine Ahnung damals in Perusia! – verstand sich von selbst, daß nunmehr er der Träger ›unseres‹ – meines! – Hauses geworden ist und daß ich daher ihm, nach dem dir dortselbst mitgeteilten Plan, die Nachfolge im Reich zu sichern trachten mußte. Nach vielen Mühen gelang es, den Reichstag dafür zu gewinnen. Gleichzeitig brachte ich König Rudolf dazu, das Kind Heinrich in Güte als seinen Nachfolger in Burgund anzuerkennen, während er erklärte, dich mit äußerster Kriegskraft von seinem Erbe fernhalten zu wollen: – wohl, weil du ihm damals den Bund gebrochen. Unmöglich kannst du verlangen, daß ich das Reich in einen schweren Krieg stürze, nur um Burgund dir zuzuwenden, während ich das Land ohne Kampf meinem Hause und – da dies nun dauernd herrschen wird – dem Reiche selbst für immer erwerben kann. Zwei große Herzogtümer werde ich nie mehr in eine Hand legen. Ich erwarte und verlange von dem Sohn des treusten Fürsten des Reichs, daß er das einsehen wird, wie es der Vater sicher getan hätte. Vertrauensvoll hab' ich dir die Muntschaft über deinen kleinen Bruder und die Regentschaft im Reich zugedacht, falls ich sterbe, bevor er schwertreif.« »Hei,« höhnte Werner, »du darfst klein Heinzels Kindsmagd sein, ihn wiegen und päppeln ...« »Diese wichtigen Dinge müssen wir – ganz vertraut – mündlich verhandeln. Deshalb hatte ich auf allen Alpenpässen aus Italien Auftrag gegeben, dich anzuhalten und mir zuzuführen. Gleichwohl entgingst du den Wächtern.« »Die Finstermünz hat man dabei vergessen,« lachte Werner. »Er liebt dich so, – hat er dich, läßt er dich nicht mehr los!« »Ich sende daher das Schreiben nach Schwaben, wohin du dich gewendet haben sollst, und mahne dich, sobald du es erhalten, sofort zu mir nach Ingelheim zu eilen, wohin ich den neuen Reichstag berufen habe, ein höchst wichtiges neues Gesetz zu beschließen: ich sprach dir davon, ohne den Plan damals aufzudecken, zu Perusia. Ich erwarte deinen raschen Gehorsam.« »Da soll er lange warten,« schrie Werner, riß ihm das Pergament aus der Hand, warf es zu Boden und trat darauf. Schmerzlich rief Ernst: »und meine Mutter! Sie hat all' das gegen mich geduldet, vielleicht selbst gewollt, herbeigeführt!« »Gewiß! Wie sagt ein altes Wahrwort? ›Geht die Henne zum neuen Hahn, vergißt sie der alten Jungen‹. Aber wahrlich: – jetzt ist's genug der Schande, des Hohns! Ja, des Hohns! Denn Hohn ist's, daß er die Königs- und die Kaiser-Krone jenem Windelspatzen zuwendet und auch die Krone von Burgund, die dir gebührt. Welch Erbrecht hat der Säugling, das du nicht seit Jahren hast? Und weil du damals Burgund im Stich ließest, um des Wahngebildes vom Reiche willen, deshalb – zur Belohnung! –sollst du Burgund nicht haben? Laß – einstweilen! – die Nachfolge im Reich beiseite: das ist ein arg verworren Gewirr und keiner von den Fürsten, gönnt's dem andern, auch dir nicht. Aber Burgund nimm als dein gutes Recht in Anspruch, dafür rufe deine Schwaben, die kleinen Vasallen auf: sind's noch die alten, werden sie ihrem Schwaben-Herzog helfen wider den falschen Franken, wie sie dir früher helfen wollten. Und hast du gesiegt im Kampf um Burgund, liegt Herr Konrad zu Boden, dann hast du auch die deutsche Königs- und die römische Kaiser-Krone erstritten. Ernst, jetzt kam der Augenblick der Wahl für dein ganzes Leben. Ich weiche von dir als einem Zagen, versagt dir der Mut. Wir haben miteinander einen Löwen bezwungen: – fürchtest du diesen fränkischen Fuchs?« »Ja, er ist falsch, ich erkenne es jetzt. Wie hat er zu mir gesprochen damals in Perusia! Ich hab' ihm vertraut. Ich hatte angefangen, ihn zu lieben – wie vergilt er mir nun? Ihm gehorchend hab' ich die Rose aus dem Kranz meines Lebens gerissen für immerdar, ich ahn' es. Er, er hat mir die Geliebte genommen. Dafür haß' ich ihn – mehr als damals, da er mir die Mutter genommen. Ja, Werner, du hast recht. Mein Brüderlein in der Wiege soll mir nicht über den Helm ragen. Auf! Ich entbiete alle meine schwäbischen Vasallen zu einem Tag nach Augsburg: – dort trag' ich ihnen meine Kränkungen, meine gute Sache vor und frage sie, ob sie nicht ihren Herzog schützen wollen in seinem Recht?« »Ich wette darauf, sie jubeln: ›ja‹. Nicht nur aus Treue, auch aus Klugheit: nicht vom König, der fern, von ihrem Lehnsherrn, der gar nah, der ihren Söhnen die Lehen geben und versagen kann, hängt ihre und der Ihrigen Zukunft ab. Sie werden, sie müssen dir helfen! Aber rasch muß es gehn, bevor der Franke Verdacht schöpft und ins Land bricht. Rasch ans Werk!«   II. Und gar rasch gingen die Raschen, die allzu Raschen an ihr verhängnisvolles Werk. Eilende Boten ritten noch am gleichen Tag nach allen Richtungen des Landes Alamannien, wie es meist in seinem Westen, Schwaben, wie es meist in seinem Osten hieß, und entboten – unter Herzogsbann – die Vasallen, die Grafen, Ritter, Vögte, Burgwarte, Centenare, über vierzehn Nächte nach Augsburg zu einem Landtag der Provinz; das Ladschreiben forderte sie auf, all' ihre Reisigen nach Augsburg mitzubringen, um ihres Herzogs Recht auf Burgund mit den Waffen gegen den Kaiser zu verfechten. Werner versicherte sich von Ulm aus sofort der Stadt: ohne Widerstand: der dem Kaiser treu ergebene Bischof Brun weilte an dessen Hoflager. Gespannt erwarteten die Freunde schon einige Zeit vor der Tagung das allmähliche Erscheinen der Geladenen. Aber zu ihrer rasch steigenden Bestürzung wollte noch immer niemand eintreffen. Dagegen verlautete, daß der größte Teil der Erwarteten sich gar bald nach Empfang der Ladung statt nach Augsburg nach Konstanz begeben hatte, wo sie in dichten Haufen sich zusammenfanden, unter Leitung des Bischofs der Stadt, Herrn Warmanns, eines treuen Anhängers und eifrigen Freundes des Kaisers, berieten und Beschlüsse faßten. Jedoch am Abend vor dem angesagten Tag zogen doch vom Bodensee her gewaltige Heerscharen auf Augsburg zu: besorgt lugte Werner von dem Westturm in die im Sonnenuntergang leuchtende, von Waffen blitzende Ebene: er fürchtete den Anmarsch kaiserlicher Scharen, die er in die Stadt nicht einzulassen gemeint war. Aber alsbald befahl er freudig, die Tore zu öffnen, eilte zu dem Herzog und jubelte: »Da sind sie! Ich habe ihre Banner erkannt: den Bären des vieltreuen alten Hiltibald von der Baar, den Hirsch Herrn Wolfrats vom Gritgau, dann Herrn Werinher vom Neckargau, Friedrich vom Riesgau, Hesso vom Sülichgau und viel mehr! Bischof Warmann selbst führt sie dir zu, noch andre Bischofsgewande sah ich von weitem. Sieh, du hast gezweifelt. Aber nun sind sie da, alle mit fliegenden Fahnen und blitzenden Helmen. Wir lassen sie ein mit Freuden. Und ich habe ihnen Herolde entgegengesandt, die Führer zu herbergen und auf morgen schon um die vierte Stunde in das Palatium zu laden. Das wird unser erster Sieg.« * In der großen Halle des Palatiums auf dem Marktplatze drängten sich zur angesagten Stunde die meisten der geladenen Vasallen: aber seltsame Mienen, finstere Blicke begrüßten den Herzog, als der mit raschem Schritt die dichte Menge durcheilte und auf dem erhöhten Sitze Platz nahm. Und bevor er hier das Wort ergreifen konnte, erscholl ein Trompetenstoß vor der Tür: diese sprang auf und Werner, der dort Wache hielt, zurückdrängend, erschien eine ehrwürdige Priestergestalt und schritt langsam, feierlich auf den Herzogsitz zu. »Vater Burchard!« rief Ernst erfreut und wollte ihm die Stufen herab entgegeneilen. Aber mit bekümmertem Antlitz und mit abweisender Handbewegung hemmte ihn der Bischof: »Laß dieses Wort, Unseliger! Übel hast du dich dagegen versündigt. Dein echter Vater oben im Himmel verabscheut die Empörung – die wiederholte! – des Schwabenherzogs gegen Kaiser und Reich. Nein, schweige! Versuche nicht, wie du planst, die Rebellion noch weiter zu treiben, diese wackern Männer, deine Lehnsleute, zum Treubruch gegen ihren König – noch einmal! – fortzureißen.« »Laß mich ihn verhaften,« flüsterte Werner, »und schweigen machen: seine Reden verwirren!« – Aber Ernst schüttelte das Haupt. »Bischof von Worms,« sprach er finster, »du bist hier nicht geladen, bist doch nicht mein Vasall. Kraft welches Rechts stehst du hier?« – »Mit Bruder Warmann dort von Konstanz als Gesandter deines Herrn, wie unser aller: des deutschen Königs.« – »Wie?« – »Laß ihn nicht sprechen,« drängte Werner. – Aber Ernst schwieg. »Wisse denn, Betörter, das Verderben ist über dich hereingebrochen. König Konrad erfuhr längst von deinem Aufruf zur Empörung.« – »Durch wen?« – »Durch deine eigenen Vasallen. Sie schickten ihm diese deines bösen Dämons – Werners – Rebellenrufe ein.« – »Meine eigenen Vasallen?« »Der König berief einen Reichstag nach Ingelheim: dort traten sie selbst als Ankläger gegen dich auf: deine Briefe überführten dich ohne weiteres: das Reichsgericht hat dich und Werner geächtet, aus dem Reiche verbannt, der Lehen entsetzt, die heilige Kirche hat den Ächter ausgestoßen.« – »Ja die,« schrie Werner dazwischen, »die muß immer ihren mütterlichen Senf dazu geben.« – Aber Ernst erbleichte und verstummte. Doch Werner fuhr fort: »Ah, und ihr, schwäbische Ritter, ihr brecht eurem Herzog die Treue? Wie, Graf Wolfrat, Ihr? Und du, Werinher? Und Ihr, Hesso, und vollends Ihr, Herr Hiltibald von der Baar, des Ruhm von je die Treue war, des alten Herzogs Schildgenoß?« – »Ja, ich! Denn dem Herrn König haben wir Untertanentreue geschworen wider jedermann, dem Herzog Lehentreue gegen jedermann, aber ausgenommen König und Reich.« »Nun wartet!« rief Werner grimmig. Wir werden euch allen die Lehen nehmen. Und euren Söhnen das Erbrecht darein.« – »Das kann kein Herzog mehr,« sprach Bischof Warmann. – »Ein neu Gesetz,« fuhr Burchard fort, »erging zu Ingelheim: das hat die kleinen Lehen der Herzogsvasallen für erblich erklärt.« Da sank Ernst auf den Herzogstuhl: »Das ... das also war sein Plan, sein Mittel zu Perusia.« Werner schlug sich die Faust vor die Stirn: »Verfluchter Fuchskopf! Ein Meisterstück der Schlauheit. Er zieht dir den Boden unter den Füßen weg. Wir sind verloren.« – »Ja, ihr seid verloren,« sprach der alte Hiltibald, »aber nicht wegen jenes Gesetzes. Wir würden euch, auch wenn ihr uns die Lehen nehmen konntet, nicht folgen gegen König Konrad.« – »Bah,« höhnte Werner bitter, »seid uns doch schon mal gegen ihn gefolgt.« – »Ja,« erwiderte der Alte, »leider! Aber seither hat uns gerade dieser König ein Anderes, ein Höheres gelehrt! – durch Wort und Tat und Beispiel. Eine neue Zeit, jung Ernst, ist aufgegangen in deutschen Landen: nicht mehr das enge Heimatnest, das Reich ist's, dem zu dienen wir gelernt haben unter diesem Mann.« Ernst sprang auf, staunend, »Horch, Werner! Welch' neue Sprache! Und 's ist ihr Ernst. Hiltibald scherzt nicht und lügt nicht. Wir sind wirklich verloren.« – »Ja, das wart ihr,« hob Burchard an. »Hätten nicht die heißen Tränen, die Fürbitten der Mutter, die Gattenliebe des Kaisers euch gerettet: zum Tode waren die undankbaren, die rückfälligen Empörer verurteilt: dein und Werners Kopf ...« – »Ei, er komme, sie holen!« trotzte Werner. »Auf, Ernst, erwache! Wir haben diese uns so feindlichen Männer. Laß sie mich greifen. Diese Stadt ist ja unser.« – »Gewesen!« sprach Bischof Warmann, vortretend. »Jetzt ist sie des Kaisers. Für ihn haben wir sie beschritten und besetzt. Ja, fahr' nur ans Schwert. Wir sind dreitausend gegen zweihundert« »Hie Kaiser und Reich,« rief der weißhaarige Hiltibald und zog feierlich das Schwert. – »Hie Kaiser und Reich!« erscholl es im Saal und alle Klingen fuhren aus. »Jetzt, erst jetzt ist es wirklich aus,« knirschte Werner. »Fliehen wir,« flüsterte er, »solang' es noch geht.« – Allein Ernst blieb gesenkten Hauptes stehen: »Verlassen, verraten von meinen Schwaben! Das ... das allein tut weh.« »Jung Ernst,« sprach treuherzig der Alte, »'s wird uns nicht leicht. Glaub' es mir. Aber dieser König hat eine neue Zeit ins Reich gebracht. Erst das Reich, dann alles andre: auch selbst unser Schwaben.« »Verzweifle nicht, Ernst,« mahnte Burchard. »Die Mutter hat dir auch das ausgewirkt: – nicht für immer sollst du verbannt sein aus dem Reich. Nur von diesem bösen Geist mußt du dich lossagen, eidlich lossagen für immerdar.« »Ja, von deinem Verführer und Verderber, dem Anstifter, dem Brandstifter auch dieser Empörung,« schloß Warmann. »Ah, Schmach ohne Maß!« schrie Ernst und schlug beide Arme um den Freund, »nie, niemals. Sagt eurem Herrn Kaiser, nie laß ich von Werner, im Leben nicht und nicht im Tod. Seht, ihr treubrüchigen Vasallen, so hält man Treue. Komm, Freund, hinweg von diesen Menschen. – Nein, laß das Schwert. Laß doch sehn, ob sie Hand legen an ihren Herzog.« »Und an solche Treue!« rief Werner ihm rasch durch den Saal nach dem Ausgang folgend. Schweigend sahen ihnen die Männer nach: keine Hand, keine Klinge rührte sich, die Freunde zu hemmen oder zu scheiden. Sechstes Buch.   I. Als aber dem Kaiser in Ingelheim dies gemeinsame Entweichen der beiden gemeldet ward, geriet er in heftigen Zorn über die hartnäckige Verstockung des Stiefsohns gegenüber so reicher Gnade, welche die Gattin dem Schwergereizten abgerungen. Alle Zeugen und die ihm eingelieferten Urkunden, die Aufrufe zur Empörung, bestätigten, daß Werner von Kiburg den Herzog diesmal wie bei seinem ersten Aufstand in das Verbrechen hineingetrieben habe. Sollte der Betörte für die Zukunft gerettet werden, was er der laut klagenden Mutter mit allen Mitteln anzustreben versprochen hatte, mußte der Jüngling von seinem Verführer getrennt werden und, da das in Güte nicht möglich schien, mit Gewalt. Konrad sandte vier Streifscharen aus, die ganz Alamannien von West nach Ost, von Ost nach West, von Nord nach Süd, von Süd nach Nord, nach den Flüchtlingen durchsuchen und zuletzt im Schwarzwald zusammentreffen sollten, wohin der Kaiser sich zunächst begeben wollte. Sorgsam, mit der Beflissenheit bittern Hasses gegen den Bastard, den er den Satan seines Stiefsohnes nannte, traf der Herrscher die Auswahl unter seinen Rittern, die er zu Führern dieser Suchescharen bestellte: Ernst zwar hatte kaum einen Feind: desto zahlreichere hatte sich Graf Werners rasche und spitze Zunge, sein giftiger Spott, seine rücksichtslose Schärfe geweckt: Herr Konrad kannte gar genau solche Strömungen unter den Seinen: so ernannte er zu Führern lauter scharfe Franken, mit denen der »Schwab« mancherlei Späne gehabt: Adalbert den Vogt von Bacharach, Werin den Burggrafen von Ehrenbreitstein, Rollo den Truchseß von Rüdingen und den Grafen Mangold: allen schärfte er ein, des Herzogs zu schonen, den Bastard aber beizuschaffen, lebend oder – anders. Dem treuen Mangold reichte er noch aufs Pferd hinauf die Rechte: »Diesmal, Freund, nicht nur den Schild gebraucht wie dazumal.« »Ihr sollt mit mir zufrieden sein, Herr Kaiser,« sprach jener ruhig. * Ganz allein, auch nicht von einem Knecht begleitet, – Ernst wollte so wenige Leben wie möglich mit sich in das Verderben ziehen – ritten die Freunde von Augsburg ab – auch an dem Tor wurden sie nicht angehalten – gen Westen, ohne festes Ziel, ohne bestimmten Plan. Denn kaum mochten sie selbst einen Plan das Streben nennen, baldigst die Grenze des Reichs, in welchem ihre Häupter die Acht verfolgte, zu überschreiten und dann über Frankreich Italien und das Meer zu gewinnen, um die kühne Fahrt nach Byzanz zu wagen. »Ich weiß es ja: es ist ein Traum, was mir vorschwebt, nicht einmal eine Hoffnung. Aber einmal noch, bevor ich diese Augen schließe, möcht' ich ihre edlen Züge schauen!« »Freund, ich glaube wir kommen nicht so weit! Lang nicht! Aber wir wollen's versuchen: ist's doch gleich, wohin uns die Rößlein tragen: wir reiten überall in den Tod. Ja, auch ich möchte gern noch einmal Praxedens weiche Lippen ... Aber wir sprechen da – beim Tod –immer von ›uns‹ und ›wir‹. Und handelt es sich doch nur um diesen Werner da, der, Hand aufs Herz, nie besonders viel getaugt hat und dein Leben, Herzogsohn, wahrlich nicht wert ist, ich, der Niemand-Sohn, der am Zaun Weggeworfene, die Brut der fahrenden Hübscherin und des Diebes, des Henkers vielleicht! Es ist ja alles ganz schön und edelmütig, was du da tust. Aber – brauchst mich ja nicht den Verfolgern auszuliefern: nur umzukehren, bei Väterchen dich – allein! – zu melden und auf die Frage nach dem Bastard lediglich die Achseln zu zucken – ohne zu lügen.« »Wie kannst du mich so kränken! Nie laß' ich von dir.« »Dann höre das Wort, das ich aus Höflichkeit bisher verschwieg: Herzog von Schwaben: Ihr handelt edel, aber dumm.« Ernst mußte lachen: – in allem Weh. »Denn mir geschieht recht: der gute Bischof hat recht, ich bin dein böser Geist. Ich habe dich zweimal ins Verderben gerissen.« – »Und Ravenna?« – »Bah, das machte mir Spaß. Leider hab' ich bei der Gelegenheit auch deinen Herrn Links-Vater heraushauen müssen.« – »Und das Panier des Reichs?« – »Pfui Teufel!« schalt Werner. »Hast du noch immer nicht genug von diesem Gaukel-Spiel-Fetzen? Das Reich, ei – du hast ihm viel zu danken! Ich glaube nämlich wirklich: – und das allein macht ihn erträglich! – dieses Kaisers Götzendienst mit dem Reich ist nicht Heuchelei, ist ihm bittrer, dummer Ernst.« »Das weiß ich,« sprach der Herzog düster. »Und das ist ... so schwer zu tragen.« – »Drum – nochmal sag' ich's: kehr' um! Sonst – du vergissest, Freund, ich kann dich zwingen, auf meine Gesellschaft zu verzichten,« – »Verstehe nicht.« – »Bist nicht mehr der kluge Ernst von Byzanz!« lächelte er kopfschüttelnd. »Sieh mal: ist kein groß Wässerlein hier unter der Brücke: aber wenn ich in dem Gewaffne mit dem Gaul über das Geländer sause, ist's reichlich tief genug für einen Bastard. Und du hast mich dann nicht verlassen, vielmehr ich dich: und in allen Ehren magst du zur Mutter gehn.« Da zog Ernst den Zügel, sah dem Freund fest in die Augen und sprach: »Tust du das, tu ich's nach im Augenblick.« »Nun, nun, nur nicht so eilig! Das läuft uns beiden nicht davon, wollen sie uns einmal mit Gewalt trennen. Und dazu kommt's doch wohl mal. Jetzt aber noch nicht! Siehst du die paar Reiter da links vor dem Walde? Sie suchen wohl uns. Aber sie haben uns nicht geseh'n. Komm rasch rechts in das Gehölz.« »Ah, wie ein schuldiger Schacher muß ich, der Sohn des Herzogs Ernst, mich verschlupfen in meinem eignen Lande! Die Schmach drückt mir das Herz ab. Ich halt's nicht lang aus.«   II. Der Kaiser war an dem Tage nach Absendung der vier Streifscharen selbst aufgebrochen: obwohl die schwäbischen Vasallen in ihrer treuen Haltung verharrten, hielt er doch sein Erscheinen, in dem Lande, das vielfach der Neuordnung, zumal der Neubesetzung des Herzogstuhls, bedurfte, für notwendig. Er hatte den alten schon römischen Weg – vom Mittelrhein nach Alamannien über Baden – eingeschlagen und war eben in der dortigen Pfalz eingetroffen, wohin ihm Bischof Burchard entgegengeeilt war, genaueren Bericht über die Augsburger Vorgänge und über etwaige Spuren der Flüchtlinge zu erstatten: er konnte aber nur angeben, eine Spur scheine nach dem Schwarzwald zu weisen und dorthin habe eine der Suchescharen abgeschwenkt. Da meldete der Türhüter einen Mönch, der, ganz erschöpft von langem eiligem Ritt, soeben eingetroffen war aus fernem Norden und dringend Gehör erbat: er bringe einen Brief von allerhöchster Eile, von schwerster Wichtigkeit, geschrieben auf einem Sterbebette. Und schweißtriefend zog er ihn aus dem Gürtel. Es gehe Herrn Konrad selbst sehr nahe an. »Ich springe eben aus dem Sattel, bin sehr müde,« meinte der: »Herr Konrad selbst soll warten.« – »Herr, es geht gleich sehr das Reich an.« – »Dann rasch, gib her! – Nein, bleibt, Freund Burchard! – Ein Klostersiegel? Bote, wo kommst du her?« – »Aus der Cella der büßenden Schwestern zu Bremen. Frau Äbtissin Erdmuthe...« – »Eure Base, nicht?« fragte Burchard. – Konrad nickte. »Was ist mit ihr?« – »Sie liegt im Sterben.« – »Der Brief ist aber nicht von ihr.« Der Kaiser begann zu lesen. – »Nein, von Erzbischof Unwan, Eurem treuen Diener. Er schärfte mir höchste Eile ein, sie tue Not.« – »Ja, weiß Gott,« rief der Kaiser: er erbleichte, wie er weiter las: Plötzlich schrie er laut aus wie ein zu Tod getroffenes Tier: er drehte sich im Kreise, ließ den Brief fallen und sank Burchard in die Arme. Rasch ließ der durch den Mönch den heilkundigen Griechen rufen, der den Zug begleitete und den Ohnmächtigen bald ins Bewußtsein zurückrief. Schwer atmend lag der nun eine Weile auf dem Pfühl: plötzlich fuhr er auf: »Der Brief! Wo ist der Brief?« – »In meiner Hand, Herr Konrad,« sprach Burchard. »Ich muß ihn zu Ende lesen! Höre nur rasch den Eingang: Unwan schreibt mir, Erdmuthe, sein Beichtkind, sonst ein geistgewaltig, fast nur zu männisch Weib, hat seit Jahrzehnten ihr Kloster tüchtig, streng, beinah mit allzuharter Kraft geleitet in allen geistlichen, mehr aber in den weltlichen Dingen. Plötzlich sei ein Wandel über die stolze, hochfahrende Frau gekommen: Reue, Selbstvorwürfe für eine vielleicht alte Sünde. Der Bischof wußte nichts zu erraten und sie beichtete offenbar jene Sünde nicht. Die Zeichen der Gewissensangst mehrten sich auf einmal gewaltig nach Eintreffen eines Schreibens aus einem deutschen Kloster, etwa zur Zeit des ersten Aufstandes des jungen Ernst.« »Hm, wie soll das zusammenhängen?« meinte Burchard. »Sie habe sich dann wieder ein wenig beruhigt: aber jetzt – bei Ausbruch der zweiten schwäbischen Empörung – habe die schon vorher schwer Erkrankte maßlose Aufregung ergriffen und: im sichern Gefühl des nahenden Todes berief sie Unwan zur letzten Beichte. Und nun gestand sie: – vor mehr als fünfundzwanzig Jahren von wahnsinniger Liebe zu mir ergriffen, habe sie in lauernder Eifersucht, heimlich all meine Schritte belauscht. – So habe sie auch jene Schäferhütte am Neckar entdeckt und darin Mildtrudis, ach, und unser Kind: – du weißt davon, Burchard, seit ...« »Seit dein Gewissen und dein Zorn dich zu mir trieb.« »Sie hoffte, falls mir Mildtrud und das Kind spurlos verschwänden, – die junge Mutter als eine Treulose! – werde jene Liebe von mir weichen, und Erdmuthe selbst an meine Seite treten, wie unsre ganze Sippe wollte. So ließ sie mit Gewalt – o Burchard, Freund! – das ist schrecklich! – und ich habe die Unschuldige, das arme, geopferte, rührende Kind mit allen Flüchen der Verachtung belastet!« »Beruhigt Euch, Herr! Weiter, weiter!« »Mutter und Kind entführen! Mir spielte sie jenen angeblichen Brief Mildtrudens, jene mich verhöhnende Selbstbeschuldigung in die Hand. – Erdmuthe selbst hatte ihn geschmiedet. So weit hatte ich vorhin gelesen – nun aber weiter: erst, als ich auch nach dem Verlust Mildtrudens kalt blieb, beschloß sie, der Welt zu entsagen: sie ward Äbtissin in Bremen. Nach einigen Jahren kam die Nachricht, Mildtrude, die Arme, sei in Gram, in Sehnsucht nach mir gestorben in jenem dänischen Kloster auf Seeland bei Roeskilde, das Erdmuthe gestiftet hat, – ihrem Kerker. Vorher habe sie mir viel tausendmal verziehen und mich gesegnet für und für. Das traf die Schuldige schwer. ›Aber furchtbare Reue, Verzweiflung ergriff sie erst,‹ schreibt weiter Unwan – Gott! was kann noch kommen? – ›als sie erfuhr, zweimal habe gegen den König die Waffen ergriffen‹ – doch nicht Ernst? was geht der sie an! – Nein, ah, ah jetzt kommt's, das Furchtbare! ›Werner: denn Werner von Kiburg, der Bastard, ist‹ ... ah, Gott, Gott! – ›des Kaisers Sohn.‹« Da sprang Konrad laut aufschreiend von dem Bett, stürzte auf die Kniee, raufte sein Haar und schrie: »Werner, Werner! Dieser verhaßte Mensch – mein Fleisch und Blut! Und meiner geliebten Mildtrudis Kind! O Schrecken der Schrecken!« »All' ihr Heiligen,« betete der Bischof, »laßt den Mann nicht verzweifeln.« Er hob den Brief auf und laß zu Ende – denn der Kaiser war fassungslos: »Erdmuthe hatte den Säugling vor das Burgtor des Schwabenherzogs legen lassen: sie erfuhr, daß der sich des Kindes gütig angenommen. Aber Verzweiflung ergriff sie, als sie vernahm, »daß der Sohn in Haß und Treubruch das Schwert wider den eignen Vater zückte – damals und jetzt, jetzt abermals! – Sollte um ihrer Schuld willen der Sohn den Vater, der Vater den Sohn im Gefecht durchbohren? ...« »O nein, nein!« schrie Konrad und sprang empor. »Es ist ja noch viel teuflischer gekommen! Nicht ehrlicher Kampf – Hinrichtung des Sohnes durch den Vater. Hab' ich doch in diesen Tagen viermal befohlen! – viermal, hörst du? – den Bastard mir einzuliefern, schonungslos, mir ihn zu bringen, lebendig oder tot! Ach meine Franken gehorchen mir gut! Gewiß tragen sie ihn mir schon zu auf vier Lanzenschäften.« Der Bischof las den Brief rasch zu Ende: »Die Äbtissin fleht dich an, alles zu tun, das Schreckliche zu verhüten ...« »Und ich habe alles getan, es herbeizuführen!« »Ihr aber zu verzeihen: auf den Knieen flehe sie dich darum an: – so wahr du selbst Verzeihung von Gott erhoffst für deine Sünden. – Ja, Herr Konrad, das mußt du tun.« »Wie? Ihr verzeihen? Die mein Weib gefangen gehalten fürs Leben, mein Kind ausgesetzt, mich selbst zum Hasser meiner Geliebten gemacht, zum Mörder – vielleicht jetzt eben – meines Sohnes?« »Ja, ihr mußt du verzeihen, betest du selbst zum Herrn um Verzeihung, um Abwendung dieses Blutvergießens, ›Wie wir vergeben unsern Schuldigern‹ heißt es. Verzeihe!« »Ja, ja! Alles! Nur mögen die Heiligen mich die Hand nicht beflecken lassen mit dem Blut des Sohnes. Auf! Eile! Fliege, Burchard. Sofort satteln lassen ... ich will ...« »Um Gott, Herr Kaiser, Ihr könnt nicht stehn und wollt ...?« »Ich muß ! Ich muß reiten! Muß ihn retten, den verhaßten Bastard, ach meines armen Liebchens Kind!«   III. Die Freunde waren, unentdeckt und unverfolgt, aus der Nähe von Augsburg und Ulm, in belebteren Gegenden nur bei Nacht scharf ausreitend, bei Tag in den dichten Wäldern schlafend, allmählich von Nordosten her durch den Sulgau an den Saum des Schwarzwaldes gelangt, dessen mächtig angestockter viele Klafter gründiger Granit die herrlichsten Tannen und Buchen trug. Hier, in der Nähe des heutigen Schramberg, in dem Tale des Berneck, wußte Werner eine halb zerfallene Feste in grüner Einsamkeit liegen: vor einem Menschenalter in einer Fehde zwischen den Grafen von Baar und den räuberischen Herrn von Falkenstein zerstört, war der Falkenstein von seinen verarmten landflüchtigen Eignern nicht wieder aufgebaut worden: Werner hatte oft auf seinen Schwarzwaldjagden darin gerastet: der Ort war kein Waffenplatz mehr, aber ein sicherer Versteck mit seinen zahlreichen Gräben und – auch unterirdischen – Gängen. Die heute noch vorhandenen Überbleibsel lassen deutlich die ursprüngliche Anlage des Burgbaus erkennen: jetzt noch ragt im Westen des Baus der hohe Turm des alten Bergfrieds steil in die Luft. Weit und breit fand sich keine menschliche Siedelung: der nächste Einödhof lag fern draußen im Norden vor dem Walde, von wannen sie gekommen waren: die Hofleute hatten sie wohl kaum vorüberjagen sehen: hier mochten sie unverstört ein paar Tage rasten, die arg abgehetzten Rößlein sich verruhen und an dem würzigen Waldgras erholen lassen: dann sollte es weiter gehen mit frisch gesammelten Kräften, bei Basel etwa über den Rhein ins Burgundische, so allmählich nach Italien, und endlich nach Byzanz, dem gelobten Land ihrer Minne. Werners eifrigen, zuversichtlichen Vorschlägen gab Ernst willig nach. Die Hast, die Schmach, die Feigheit dieser heimlichen Flucht hatten an ihm gezehrt: er sehnte sich nach Ruhe, im Äußern wie ach! in der Seele: der stille Friede dieses Waldwinkels kam wohltätig über ihn. Stundenlang lag er an den warmen Tagen des milden Herbstes unter den dichten Waldbüschen regungslos in dem hohen weichen Gras auf dem Rücken, schweigend zu den weißen Wölklein emporschauend, die langsam gen Osten zogen: viele schmerzliche Grüße gab er ihnen mit. Hier war es märchen-einsam: schon lange schien kein Menschenfuß mehr hierher sich verirrt zu haben: zutraulich kamen die Tiere des Waldes – ein Rehlein und zwei Hasen – näher heran und äugten aus nach der regungslosen Gestalt: das Eichhorn lugte neugierig hoch aus der Astgabel auf ihn herab: der Baumkleiber huschte, eifrig klopfend, neben ihm den Stamm hinauf: hoch über den Waldwipfeln im lichten Blau zog ein Weih mit seltnem Flügelschlag, ruhig schwebend, seine stolzen Kreise. Im Grase unten flog über Agelei und großen Blauglocken der schöne Falter mit den dunkel veilchenblauen Flügeln, der »Trauermantel« heißt: er ließ sich einen Augenblick nieder auf dem braunen Gelock des helmlosen Hauptes: die Hohltaube ließ aus dem dichten Holundergebüsch ihr zärtlich Rukuruh ertönen: ihn mahnte es an die Nachtigallen im Garten zu Byzanz! Nun wandte er den Blick nach links hinauf, wo die stolzen, aber traurigen Trümmer der zerstörten Burg gen Himmel ragten: die Ringmauern und die Gebäude des Erdgeschosses lagen danieder: in einem Menschenalter der Ruhe waren sie von Moos, von Waldgras und Blumen, aber auch von Strauchwerk und Waldbüschen überzogen worden: der Zugang zu dem halb eingestürzten Haupttor war über Felstrümmer zu erklettern, auf denen die Eidechse sich sonnte. Dagegen wenig versehrt ragte links im Hintergrund der Turm des alten Bergfried in die Höhe: freilich die Holzgalerien, die im Innern sich hinter den Pfeilscharten hingezogen hatten, lagen, verkohlt, herabgestürzt, im Burghof: aber dem starken Steinbau des Turmes hatten Feuer und Zeit nichts anhaben können: und ganz hoch oben auf der obersten Zinne war ein schlankes Birkenstämmlein aufgesproßt, das seine langen, grünen, fahnenähnlichen Zweige weithin im Winde wehen ließ: »schau,« hatte Werner gedeutet: »grün ist die Farbe deiner Herzogsfahne: der treue Turm grüßt seinen Herrn.« Nachdem Ernst lange so gelegen, kam Werner muntern Schritts von dem nahen Waldbach her, dessen Rauschen den Herzog ebenfalls an jenen fernen Garten gemahnte. Den unsteten keckgemuten Bastard hatte die Haft der Flucht gar wenig verstört: nur um des Freundes willen wurmte ihn das Scheitern der Empörung: er selbst hatte nie Wert gelegt auf seine Stellung in diesem deutschen Reich, das ihm Voll-Ehre doch nie gönnte, das er von je mehr als Kerker denn als Heimat, mehr als Schranke denn als Grund und Schutz seiner Rechte empfunden hatte. Ihn vergnügte jedes abenteuerliche Treiben: »Da ich meine Mutter nicht kenne,« pflegte er zu scherzen, »hab' ich mir Frau Aventiure zur Wahlmutter erkoren. Und wahrlich, sie hat mich nie im Leben – gleich der andern! – verlassen und verleugnet.« So kam er auch jetzt ganz frohgemut dahergesprungen, statt des Speeres eine lange Erlenrute über der Schulter, in dem Schild ein paar prachtvolle Bachforellen. Nun blieb er bei dem Freunde stehen: »gelt, da machst du Augen, Herr Herzog? Ja, wenn ich nicht sorgte für die Dinge dieser Welt, – wir müßten kläglich Hungers sterben. Denn Frau Minne macht nicht satt Und in dem blauen Sehnsuchtshimmel deiner Seele gibt's nichts zu beißen. Wie ich zu dem Angelgerät komme? Ei, der Schweif meines Rappen lieferte die beste Schnur, die Erle gab willig ihre Stange: und der Hamen? Eine zerbrochene Schuppe des Ringpanzers war leicht zum Haken gebogen. Und die Fischlein hier, die menschenfremden, sie drängten sich förmlich dazu, dem Herrn des Schwarzwaldes den Tisch zu decken, Zunder hast du natürlich nicht? Den braucht's nicht, dein Theodora-Feuer aufzuzünden! Aber hier, das trockne Waldmoos fängt ihn auch, den Funken aus Stahldolch und Kieselstein. Meine Sturmhaube gibt einen prächtigen Fisch-Kochtopf. Zum Nachtisch Waldbeeren jeder Art, rote und schwarze! Hei, ich glaube nicht, daß der Herr Kaiser – den Gott fern halte! – so trefflich heut' zu Mittag speist, wie wir beiden Ächter. Dazu ein süßes Mädel in Gedanken – leider nicht in den Armen! – und ein gut Gewissen im Herzen!« – »Davon schweig lieber!« meinte Ernst, aber er mußte lächeln. – »Nun ja! Das bißchen Aufruhr! Nicht mal ausgebrochen! Dafür sind wir keine Schlauschleicher, keine Fuchsschwänze, wie dieser Herr Kaiser. Fluch und Verderben über ihn! Wenn ich ihn träfe!« – »Da sei Gott vor! Besser wir treffen ihn nie mehr im Leben.« – »Ei, ich meine, wir sind ihm entwischt. Hier zumal sind wir sicher. Du hast dir doch alles genau gemerkt? Unter der alten Esche, gerad unter ihren hoch herausgehobenen Wurzeln, öffnet sich der Gang, der sich lang unter der Erde hinzieht und weit draußen vor dem Wald erst mündet: – ich hab' ihn einst für einen Bau Meister Reinekes gehalten und verfolgt bis ins Freie. Dort hinein verschwinden wir, tauchen hier einmal mehr Helme auf als zwei gute Klingen durchhauen mögen: sie sollen staunen, verschluckt uns der Erdboden vor ihren Augen.« Ernst sprang auf, reckte sich, schüttelte die Arme: »Ah, verhaßt ist mir's, das elende Fliehen und Flüchten. Dächt' ich nicht der Einsamen dort in Byzanz, ... ich machte ein Ende.« »Beileibe! Das kommt immer noch früh genug. Du gehst hinauf in unsern Schloß-Palast? Gut, sieh dir den Erdgang genau an. Ich tafele hier noch üppig an Preiselbeeren. Die löschen auch den Durst: – angenehmer als der Waldquell.« Nur kurze Weile nachdem Ernst oben in dem alten weitläufigen Gemäuer verschwunden, – lang gedehnt war die Befestigung der Felsenklippen gewesen zur Sperrung des ganzen Talkessels – eben wollte sich Werner anschicken, ihm zu folgen, als von Norden her auf der wild von Knorrwurzeln überwachsenen Waldstraße sich Geräusch vernehmen ließ. Werner sprang hinter einen breiten Baumstamm und spähte vorsichtig aus: noch konnte er nichts sehen: der Pfad bog hier um Gebüsch: aber da klirrte eine Waffe, da wieherte ein Roß – jetzt wurden Hufschläge auf den Wurzeln vernehmbar – ohne Zweifel: ein Reiterzug. Ob ihre Verfolger? Nun ersah er den Führer, der allein vor den etwa dreißig Helmen weit voraus ritt. Pfalzgraf Mangold! Eisig durchlief es den Späher. Sollte er noch an sich halten? Vielleicht erblickten sie ihn nicht, vielleicht ritten sie vorbei. Aber ersahen sie ihn, so war nicht nur er, war auch Ernst verloren: ungewarnt konnte der nicht mehr den Gang erreichen. Also ihn warnen um jeden Preis! So stieß er in das Hifthorn, daß es weithin schallte, – die Burgfelsen gaben lauten Widerhall – und sprang hinter dem Baum hervor: da sah er Ernst, von dem Hornstoß gerufen, hart vor der Wurzel-Öffnung des Baumes stehn: »Flieh, flieh Ernst!« schrie er. »Sie sind da!« Damit riß er das Schwert heraus, lief Mangold an und führte so wütend Streich auf Streich gegen den Reiter, daß dieser sich des Anfalls kaum mit dem Schild erwehren mochte: gleich der erste Hieb hatte die Brust-Brünne durch, schlagen und Blut geholt. Aber nun hatte auch der Angefallene das Schwert heraus: hell sprühten die Funken der Hiebe von den Klingen: noch waren die Reisigen nicht heran. – Noch zwei grimmige Streiche! – Doch nun sah Ernst von oben her die Rosse der Reiter heranbrausen, ihre hochgeschwungenen Lanzen blitzten im Sonnenschein. »Flieh, Ernst!« schrie Werner nochmal, zurücktaumelnd: denn er war in das helmlose Haupt getroffen; aber noch stand er. – »Fliehen? Ah, denk' an den Löwen! Jetzt ist's an mir!« Und in mächtigen Sätzen sprang er, das nackte Schwert in der Faust, von Fels zu Fels, ohne Weg, geradaus herunter über die Hügel. Er geriet schon mitten unter die Reiter: er kam eben recht, den Stürzenden aufzufangen: sofort zielten zwanzig Lanzen auf den neuen Feind. »Halt, haltet ein!« rief der Führer und schlug den nächsten Speer mit dem Schwert herab, »Es ist Herr Ernst. Schont sein Leben! Der Herr Kaiser will nicht sein Blut. Herr Ernst, Euch winkt volle Begnadigung. Gebt Euch gefangen!« »Nie! Rache für Herrn Werner. Wahre dich.« Und er fiel dem Gaul in den Zügel und schlug dem Reiter einen mächtigen Streich über der Brünne in den Hals: zugleich stieß der in verzweifelter Abwehr einen wilden Schwertstoß gerade vor sich hin: er traf zwischen die Augen in die Stirn: dann glitt er aus dem Sattel. Erschrocken sprangen ein paar Reiter ab und hoben die beiden soeben Gefallenen auf: sie waren tot. »Wird der Herr Kaiser schelten und zürnen!« – »Ah was! Es war äußerste Not.« – »Und der andre?« – »Der Kiburger?« – »Der atmet noch,« – »Wir schaffen alle drei in den Einödhof, von wo sie uns den Weg der beiden Reiter gewiesen. Kommt, schneidet Tannenzweige zu den Bahren.« Während der lärmenden Beschäftigung achteten die Leute nicht auf den Pfad, auf dem sie gekommen. So wurden sie überrascht, als plötzlich um die Büsche eine starke, glänzende Reiterschar bog. »Der Kaiser! Herr Burchard!« riefen die Bestürzten. »Halt! Haltet ein!« rief Konrad von weitem. »Gnade! Leben und volle Gnade beiden!« Schon war er zur Stelle, schon sprang er ab, schon beugte er sich über die Liegenden. »Ernst? Tot! Ach um die Mutter! – Mangold? tot! – Und hier er – er , o Gott, auch er tot?« »Nein,« erwiderte Werner schwach atmend, »noch leb' ich, dir zu ...–« – »Nein, fluch' ihm nicht!« sprach da der Bischof, rasch seine Rechte fassend. »Denn er ist dein Vater.« – »Was? Der Kaiser! Bist du wahnsinnig? Oder ich?« – »Nein, nein,« rief Konrad, sich neben ihn niederknieend. »Es ist wahr, zweifle nicht. Deine Mutter ...« – »Wo ist sie?« – »Im Himmel.« »Was war sie?« »Ein Hirtenkind.« »Du hast sie verführt und verlassen! So sei ...« »Nein! Ich wollte sie in zwei Nächten zum Altare führen.« Ein spöttisch Lächeln zuckte um die schmalen bleichen Lippen. »Ja, ja! Da ward sie mir geraubt – geraubt für immer! – sie und ihr Kind.« »Von wem?« forschte der Sterbende ungläubig. »Von einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin. O vergib mir, mein Sohn. Und glaube, glaube mir. Daran bin ich unschuldig.« »Und das hast du nicht gewußt bis ...?« »Bis vor zwei Tagen,« sprach der Bischof. »Ich stand dabei, als er's erfuhr. Es warf ihn um. Sofort eilte er, dich zu retten.« »Etwas spät! Und all' das soll ich glauben?« »Welchen Grund hätte er, den Sterbenden zu belügen?« Werner sann nach. »Das hat Verstand. Er kann nichts dabei profitieren, der Franke.« »O vergib mir, mein Sohn. Es ist alles wahr. Ich schwöre bei Gott! Vergib mir allen Schimpf des Bastards! Alles: von Wirzburg an.« »Gott? Wer weiß, was der dir ist? Nein, schwöre bei deinem Götzen –: schwöre beim Reich.« »Ich schwör' es bei dem Heil des Reiches! Es verderbe binnen Jahr und Tag, sprech' ich falsch,« rief Konrad, die Schwurfinger erhebend. »Ich glaube dir. Und ich ...: meine Mutter hat dir vergeben?« »Viel tausendmal.« »So vergeb' auch ich dir. Gib mir die Hand, Vater. Laß mich begraben neben dem da – neben Ernst. Ich hatt' ihn lieb.« Und er atmete tief und starb. Nun ward es gar still in dem Walde. – Die sinkende Sonne warf ein blutrot Licht durch die dunkeln Tannen. Zögernd erhob sich der Kaiser von den Knieen: er konnte das Auge nicht lösen von Werners edeln, durch den Frieden des Todes verklärten Zügen: »Oh, Mildtrud, so – im Sterben! – erkenn' ich deinen Sohn. Wie er ihr gleicht!« Burchard suchte ihn leise fortzuziehen, hinweg von diesem Anblick. »O frommer Bischof, nicht wahr, du willst sie nicht sehn, die Frage, den Vorwurf gegen den Himmel in meinen Augen? Warum? Warum dies Ende? Die Schuldigen sind ich und Erdmuthe, die Leidenden sind Mildtrud und ihr Sohn. Warum? Ist das die Gerechtigkeit Gottes?« Burchard schob ihn sacht gegen sein Pferd hin: »Die Wege Gottes sind unerforschlich.« »So freilich scheint es!« meinte der Kaiser bitter. »Darum muß man glauben und nicht grübeln. Grübeln entzweit, Glauben befriedet mit Gott. Gottes Friede komme wieder über dich. Du brauchst ihn. Denn du mußt weiter leben!« »Für wen?« Gar schmerzlich kam das! »Du kannst fragen? Du? Für das Reich!« »Ja,« sprach der Kaiser, sich hoch aufrichtend, »und ich will . Und ich werde , Gott verzeihe mir und helfe mir dazu.« »Amen!« schloß der Bischof.   Anhang. Herzog Ernst von Schwaben. Ballade [1862]. Abdruck aus: Gedichte. Sämtl. poetische Werke. Zweite Serie Bd. VI. S. 267 Mein Vater liegt im kühlen Grab, Meine Mutter tät' ihn verschmerzen, Die einem neuen Gatten gab Mein Land mit ihrem Herzen. Nun ist mein Richter – ihr Gemahl' Der Waisen Hort auf Erden, Der Kaiser selbst mein Erbe stahl Und nie kann Recht mir werden. Geächtet bin ich und verbannt, Gehetzt mit Horn und Hunden, Ein Bettler irr' ich durch das Land, Der Herzog der Burgunden! Nicht Vater, Mutter, Weib noch Kind Darf ich mein eigen nennen: Die Wölfe sind mein Hausgesind, Die in den Wäldern rennen. Nur dich, mein Freund, dich hab' ich noch, Mein Werner, du Getreuer, Mir mehr als Reich und Scepter doch, Als Erd' und Himmel teuer: Drei Kronen ob der Kaiser hält Und Perlen und Juwele, Mein ist der reichste Schatz der Welt: – Denn mein ist deine Seele. Die Menschen lassen uns nicht Wahl, Sie haben uns ausgetrieben: Wir wollen sie hassen allzumal, – Uns beide woll'n wir lieben.« – Der Herzog sang's auf dem Falkenstein, Der schuttzerfall'nen Feste, Herr Werner kredenzt ihm Brot und Wein, Die Eulen waren die Gäste. Dann deckt er ihn mit dem Mantel zu, Dem einz'gen, den sie hatten: Der Kaisersohn schlief ein in Ruh' Auf armen Binsenmatten. Herr Werner zog den scharfen Stahl, Hielt Wach' am Tor von ferne Und hell, mit ihrem schönsten Strahl, Liebkos'ten ihn die Sterne. – So lebten sie, vom Sturm umfegt, Ein Leben weltverschollen, Wie oft im Wald ein Recke pflegt, Dem Recht und Richter grollen. Und jagt der eine Wild und Fisch, – Der andre schirmt die Feste: Der reiche Schwarzwald deckt den Tisch Dem Herzogsohn aufs beste. Und wer zurück vom Jagen kam, Der sollte spähn bedächtig, Und schnell, wenn er Gefahr vernahm, Ins Hifthorn stoßen mächtig, Auf daß durch einen dunkeln Gang Tief unter des Flüßleins Bette Der andre Freund sich waldentlang Hinaus ins Freie rette. Lang ungefährdet lebten sie Im dichten Waldgehege, Und nur der blaue Häher schrie Verscheucht auf ihrem Wege. – – Doch einst kam Werner von der Pirsch Im ersten Abenddunkeln, Am Rücken trug er den jungen Hirsch: – Da sah er Helme funkeln. Und sechzig Reiter sieht er dort Herab den Eichbühl traben, – Ihr Banner stiegt gebauscht im Nord: – Die Grafenfahn' von Schwaben. Er stutzt: – da sprengt Graf Mangold schnell Zu ihm mit blankem Schwerte: »Du bist des Todes, Weidgesell, Verrätst du unsre Fährte. Auf, nehmt ihn in die Mitte fest: – Er stirbt, will er sich rühren, Und vorwärts auf das Felsennest, Die Marder aufzuspüren.« Und weiter leise trabt der Zug, – Herr Werner späht mit Sehnen, – Da sieht er an dem Mauerbug Den jungen Herzog lehnen. Und nach dem Horn greift er in Hast Und stößt darein mit Schallen: »Flieh, Herzog Ernst, flieh ohne Rast!« Laut ruft er's noch im Fallen. Und Herzog Ernst vernahm den Ruf Und wandte sich erschrocken: Und sah zerstampft von Rosses Huf Herrn Werners schwarze Locken. Und sah den Führer ziehn den Stahl Rot aus Herrn Werners Herzen: Er sah's und schrie und sprang zu Tal Und schwang sein Schwert in Schmerzen, Vorüber am geheimen Weg, – Herab den Fels, den Hügel, – Hoch über Graben, Wall und Steg, – Es war, als hätt' er Flügel. Und »Werner!« – schreit er jetzt am Ziel: Da sprach der Graf behende: »Ist das Herr Werner, der da fiel? Dann ist mein Amt zu Ende. Der Kaiser grollt nur ihm allein, Der ihm dein Herz genommen, Du aber sollst begnadet sein, Herr Herzog, und willkommen. Du sollst das Herzogtum Burgund Und des Vaters Erbe haben: Ich bürg' es dir mit Hand und Mund, Ich, Mangold, Graf von Schwaben.« »Ha, Fluch dir und dem Kaiser Fluch! Gebt mir Herrn Werner wieder!« Und scharf durch Schild und Brünne schlug Sein Schwert den Grafen nieder. Und schlug den Bannerwart danach Und schlug noch drei der Knechte, Bis klirrend ihm die Klinge brach Und riß das Brustgeflechte. Da traf ein Speer: – die Knechte floh'n Und ließen die Freunde schlafen: – – Das ist das Lied vom Kaisersohn Und vom getreuen Grafen.