Joseph Conrad Weihe I »Schiffe!« sagte lebhaft ein älterer Seemann in sauberem Landgangszeug. »Schiffe –« und sein scharfer Blick wandte sich von meinem Gesicht ab und lief die lange Reihe prächtiger Galionsfiguren entlang, die Ende der siebziger Jahre gewöhnlich dicht nebeneinander in einer Linie über das schmierige Pflaster des Kais am New South Dock hinausragten – »Schiffe sind schon gut, aber die Leute darauf...« Mindestens fünfzig große Segelschiffe lagen dort mit dem Vorsteven zum Kai alle in einer Reihe vertäut. Ihre Rümpfe aus Holz oder Eisen zeigten klassisch schöne Linien, die Schnelligkeit verrieten und in ihrer Form die höchste Vollendung modernen Schiffbaus verkörperten. Sie lagen dort, als hätte man sie für eine Ausstellung zusammengeholt, nicht etwa für eine große Industrieausstellung, sondern für eine Schau großer Kunstwerke. Ihre Außenbordsfarben waren grau, schwarz oder dunkelgrün mit einer schmalen gelben Zierleiste, die ihren Sprung hervorhob. Andere hatten eine Reihe aufgemalter Kanonenpforten, die ihre robusten Flanken kriegerisch verzierten, Flanken von Lastträgern, die keinen anderen Triumph kannten, als mit ihrer Last schnell zu sein, keinen anderen Ruhm, als lange zu dienen, und keinen Sieg – nur den endlosen stillen Kampf mit der See. Hochbordig, mit gewichtiger Würde lagen die großen, leeren Schiffsrümpfe mit ihren reingefegten Laderäumen längsseits der hölzernen Landungsbrücken, eher unbeweglichen Gebäuden gleichend als Wesen, die im Wasser leben. Sie waren soeben aus dem Trockendock gekommen und glänzten vor frischer Farbe. Andere, schon halb beladen, waren auf dem besten Wege, ihr seemäßiges Aussehen, nämlich das eines bis zur Ladelinie weggeladenen Schiffes, wiederzugewinnen; sie sahen zugänglicher aus. Ihre weniger steil ansteigende Gangway schien die umherstreifenden Seeleute, die eine Stellung suchten, geradezu einzuladen, an Bord zu kommen und beim Ersten Offizier, dem Hüter der Schiffsordnung, »um Chance« nachzufragen. Zwei oder drei seeklare Schiffe zerrten tief weggeladen an ihren waagerecht zeigenden Vorleinen, als fürchteten sie, unter den sie überragenden Geschwistern unbemerkt zu bleiben. Man konnte ihre aufgeklarten Decks und angelegten Luken sehen, wie sie dort bereit lagen, mit dem Heck voraus aus der unruhigen Reihe zu scheren, um sich in ihrer ganzen Anmut und Schönheit zu zeigen, die erst der richtige Seetrimm einem Schiff verleiht. Und über eine gute Viertelmeile hin, vom Schleusentor bis in die entfernteste Ecke, wo früher die alte Hulk ›President‹ (damals Ausbildungsschiff der Naval Reserve) sicher vertäut lag und ihre Fregattenseite an der Kaimauer rieb, über all diesen teils schon seeklaren, teils noch unbeladenen Schiffsrümpfen spannten an die hundertfünfzig hohe Masten das Gewebe ihrer Takelage wie ein ungeheures Netz aus, in dessen engen Maschen die schweren Rahen sich schwarz vom Himmel abhoben und wie darin verfangen und verstrickt erschienen. Es war ein großartiger Anblick. Selbst das bescheidenste Fahrzeug rührt durch sein zuverlässiges Dasein an des Seemanns Herz, und hier bot sich die Schiffsaristokratie den Blicken dar. Es war eine stattliche Versammlung der Schönsten und Schnellsten, von denen jedes das geschnitzte Sinnbild seines Namens am Bug führte. Wie in einer Galerie von Gipsfiguren sah man dort Frauengestalten mit zackigen Kronen; Frauen mit wallenden Gewändern, mit goldenen Stirnbändern im Haar oder blauen Schärpen um die Hüften, die wohlgerundeten Arme ausgestreckt, als wollten sie den Weg weisen; behelmte oder barhäuptige Männerköpfe; und in voller Größe, von Kopf bis Fuß ganz in Weiß, die Gestalten von Kriegern, Königen, Staatsmännern, von Lords und Prinzessinnen; hier und da eine dunkelfarbige, bunt herausgeputzte Figur eines turbantragenden Sultans oder Helden aus dem Orient; und sie alle neigten sich unter der Schräge mächtiger Bugspriete vor, als warteten sie in ihrer gebeugten Haltung ungeduldig darauf, eine weitere elftausend Seemeilen lange Reise zu beginnen. So sahen die herrlichen Galionsfiguren der herrlichsten Schiffe aus, die es je auf See gab. Aber warum der Versuch, in Worten einen Eindruck wiederzugeben, dessen Echtheit keinen Kritiker und keinen Richter finden kann, da solch eine Ausstellung der Schiffbaukunst und der Schnitzkunst von Galionsfiguren, wie sie damals das ganze Jahr über in der Freilichtgalerie des New South Dock zu sehen war, keines Menschen Auge jemals wieder erblicken wird – warum, wenn nicht aus Liebe zu dem Leben, das diese Bildnisse in ihrer schweifenden Unbewegtheit mit uns teilten? Alles was es in dieser bleichen Schar von Königinnen und Prinzessinnen, von Königen und Kriegern, von allegorischen Frauengestalten, Heroinen und Staatsmännern und heidnischen Göttern an bekrönten, behelmten oder barhäuptigen Gestalten gab, ist für immer von der See verschwunden, nachdem sie bis zuletzt über den stürzenden Schaum der Bugwelle ihre schönen, kräftigen Arme ausgestreckt, bis zuletzt ihre Speere, Schwerter, Schilde und Dreizacke in derselben unermüdlichen, vorwärtsstrebenden Haltung vor sich her getragen hatten. Und nichts ist von ihnen geblieben als der Klang ihrer Namen, der vielleicht noch in der Erinnerung einiger Männer haftet, Namen, die schon längst von der ersten Seite der bedeutenden Londoner Tageszeitungen verschwunden sind, verschwunden von den großen Anschlagzetteln in den Bahnhöfen und an den Türen der Schiffsagenturen, verschwunden auch aus dem Gedächtnis der Seeleute, Hafenmeister, Lotsen und Schlepperleute, verschwunden aus dem Anruf rauher Stimmen und aus den flatternden Flaggensignalen, wie sie zwischen Schiffen gewechselt werden, die sich begegnen und allein weiterziehen in die Unendlichkeit der offenen See. Der ehrbare ältliche Seemann wandte seinen Blick von dem Gewirr der Masten und Rahen ab und sah mich kurz an, um sich unseres gemeinsamen Berufs und unseres gemeinsamen Glaubens an die geheimnisvolle See zu vergewissern. Wir waren uns zufällig begegnet und ins Gespräch gekommen, als ich in seiner Nähe stehen blieb, weil meine Aufmerksamkeit von derselben Besonderheit in der Takelage eines augenscheinlich neuen Schiffes gefesselt wurde, die auch er sich gerade ansah. Es war ein neues Schiff, es mußte sich seinen Ruf erst noch in den Gesprächen der Seeleute erwerben, die ihr Leben mit ihm zu teilen hatten. Der Name des Schiffes war schon in ihrem Munde. Ich hatte ihn von zwei dicken, rotnackigen Kerlen halbseemännischen Schlages in der Nähe der Fenchurch Street nennen gehört, dort, wo in jenen Tagen die Männer in der alltäglichen Menge meist Troyer und Düffeljacken trugen und sich den Anschein gaben, besser mit den Hochwasserzeiten Bescheid zu wissen als mit den Abfahrtszeiten der Züge. Ich hatte diesen neuen Schiffsnamen auf der ersten Seite meiner Morgenzeitung gelesen, und jedesmal, wenn der Zug längsseits einer der kaiartigen, trübseligen, hölzernen Bahnsteige zum Stehen kam, starrte ich die ungewohnte blaue Buchstabenfolge auf weißem Grund an, die dort auf den Anschlagstafeln prangte. Zweifellos hatte das Schiff nach rechtem Brauch seinen Namen an dem Tage bekommen, an dem es von Stapel lief, aber »einen Namen« hatte es damit noch lange nicht. Unerprobt und noch unkundig der Wege auf See, war es in die Gesellschaft dieser berühmten Schiffe gesteckt worden, um für seine Jungfernreise beladen zu werden. Außer dem guten Ruf seiner Bauwerft, von wo es kopfüber in seine Welt des Wassers gelassen worden war, gab es nichts, was seine Zuverlässigkeit und den Wert seines Charakters verbürgt hätte. Es machte auf mich einen bescheidenen, zaghaften Eindruck, wie es so still dalag und seine Seite scheu an die Kaimauer schmiegte, an der es, eingeschüchtert von der Gesellschaft seiner erprobten und erfahrenen Geschwister, die schon vertraut waren mit allen Gewalttätigkeiten der See und der anspruchsvollen Liebe der Menschen, mit ganz neuen Leinen festgemacht war. Diese Schiffe hatten schon mehr lange Reisen hinter sich, in denen sie sich ihren Namen gemacht hatten, als dieses Wochen behutsam umhegten Lebens hinter sich gebracht hatte, wie es einem neuen Schiff zuteil wird, das umsorgt wird, als wäre es eine junge Braut. Selbst die alten mürrischen Hafenmeister sahen es mit wohlwollenden Augen an. In seiner Scheu hätte es an der Schwelle eines arbeitsreichen und Ungewissen Lebens, wo so viel von einem Schiff erwartet wird, nicht besser ermutigt und getröstet werden können, hätte es nur zu hören und zu verstehen vermocht, in welchem Ton tiefer Überzeugung mein ältlicher, ehrbarer Seemann den ersten Teil seines Ausspruchs wiederholte: »Schiffe sind gut...« Seine Höflichkeit hielt ihn davon ab, den anderen, bitteren Teil zu wiederholen. Ihm war der Gedanke gekommen, daß es vielleicht taktlos sei, auf ihm zu beharren. Er hatte in mir einen Schiffsoffizier erkannt, der sich sehr wahrscheinlich, wie er selbst, nach einer Stellung umsah und insofern ein Kamerad, aber dennoch ein Mann war, der zum dünner bevölkerten Achterende eines Schiffes gehört, wo ein großer Teil seines Rufes als »gutes Schiff«, wie der Seemann sagt, gemacht oder verdorben wird. »Können Sie das ausnahmslos von allen Schiffen sagen?« fragte ich, denn ich hatte Zeit und Muße; wenn ich auch offenbar Schiffsoffizier war, so war ich doch in Wirklichkeit nicht in den Docks, um mich »nach einer Stellung umzusehen« – eine Beschäftigung, die einen ebenso fesselt wie Glücksspiele und dem freien Gedankenaustausch ebenso unzuträglich ist, wie sie jede freundliche Stimmung untergräbt, die man für gelegentliche Unterhaltungen mit seinen Mitmenschen braucht. »Man kommt mit ihnen immer klar«, meinte der ehrbare Seemann entschieden. Er war ebenfalls nicht abgeneigt, sich zu unterhalten. Wenn er hierher nach den Docks gekommen war, um sich ein Schiff zu suchen, so schien er sich um seine Chancen doch keine Sorgen zu machen. Er besaß die heitere Ruhe eines Mannes, dessen achtenswerter Charakter sich schon in seiner äußeren Erscheinung auf bescheidene und überzeugende Weise vorteilhaft ausdrückte. Kein Erster Offizier, der Leute braucht, hätte ihn ablehnen können. Und wirklich erfuhr ich kurz darauf, daß ihn der Erste der ›Hyperion‹ als Quartermeister »aufgeschrieben« und vorgemerkt hatte. »Wir mustern Freitag an und laufen am nächsten Tag mit der Morgentide aus«, bemerkte er in unbekümmertem, bedächtigem Ton, der in starkem Gegensatz zu seiner offenkundigen Bereitwilligkeit stand, dazubleiben und mit einem völlig Fremden stundenlang zu plaudern. »›Hyperion‹«, sagte ich, »ich kann mich nicht erinnern, das Schiff irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Was für einen Ruf hat es denn?« Aus seiner abschweifenden Antwort ging hervor, daß es weder in dieser noch in jener Hinsicht einen besonderen Ruf hatte. Es war kein sehr schnelles Schiff, wenn es sich auch, wie er meinte, nicht von jedem Dummkopf gut steuern ließ. Vor einigen Jahren hatte er es in Kalkutta gesehen, und er erinnerte sich, daß ihm jemand erzählt hatte, auf der Fahrt den Fluß hinauf seien dem Schiff beide Ankerklüsen weggerissen. Aber das konnte Schuld des Lotsen gewesen sein. Gerade jetzt hatte er beim Klönen mit den Kadetten an Bord gehört, daß es auf dieser Ausreise in den Downs beim Ankern plötzlich ausgeschoren und ins Treiben geraten sei, wobei es dann Anker und Kette verlor. Aber das war vielleicht dadurch passiert, daß man die Stromverhältnisse beim Zuankergehen nicht sorgfältig genug beachtet hatte. Immerhin sah es doch so aus, als hätte das Schiff sehr schweres Ankergeschirr, nicht wahr? Auf jeden Fall schien es, was das Manövrieren anbelangt, ein schweres Schiff zu sein. Im übrigen hatte er erfahren, daß diese Reise ein neuer Kapitän und ein neuer Erster Offizier an Bord gekommen waren, und so konnte man nicht wissen, wie sich das Schiff nun machen würde. In solchen Gesprächen, wie sie an Land von Seeleuten geführt werden, bildet sich allmählich der Ruf eines Schiffes, wird sein Ruhm begründet und die Geschichte seiner Vorzüge und seiner Fehler bewahrt. Diese vertraulichen Unterhaltungen bieten immer wieder einen Anreiz, die charakteristischen Eigenarten eines Schiffes zu kritisieren, seine Leistungen groß herauszustellen und seine Mängel zu beschönigen, gegen die es in unserer unvollkommenen Welt kein Mittel gibt und worüber die Männer, die der rohen Gewalt der See mit Hilfe dieser Schiffe ihr hartes Brot abringen, sich nicht lange aufhalten sollten. Aus all diesen Gesprächen entsteht der »Name« eines Schiffes, den eine Besatzung der anderen ohne Bitterkeit und ohne Groll, jedoch mit Nachsicht aus dem Gefühl gegenseitiger Abhängigkeit weitergibt, diesem Gefühl enger Verbundenheit, das Mann und Schiff im Guten wie im Bösen zusammenschweißt. Dieses Gefühl erklärt den Stolz des Mannes auf sein Schiff. »Schiffe sind gut«, wie mein ältlicher, ehrbarer Quartermeister sehr überzeugt und ein wenig ironisch sagte; aber sie sind nicht genau das, wozu Menschenhand sie gemacht hat. Sie haben ihr eigenes Wesen, sie können durch die Anforderungen, die ihre Eigenart an unser Können und ihre Unzulänglichkeit an unsere Zähigkeit und Ausdauer stellen, sehr viel zu unserer Selbstachtung beitragen. Welche von diesen beiden Forderungen für den Seemann schmeichelhafter ist, kann man schwer sagen; die Tatsache besteht jedoch, daß ich während der mehr als zwanzig Jahre, in denen ich solchen Gesprächen zwischen Seeleuten an Land und an Bord zugehört habe, niemals ein Zeichen wirklicher feindlicher Gesinnung entdecken konnte. Dabei will ich nicht in Abrede stellen, daß auf See manchmal ein recht gottloser Ton in den Schimpfreden zu hören war, die ein durchnäßter, frierender und erschöpfter Seemann gegen sein Schiff richtete und die er in seiner Verbitterung am liebsten auf alle Schiffe, die je von Stapel liefen, ausgedehnt hätte – ja, auf die ganze unverwüstliche, anspruchsvolle Brut, die auf hoher See schwimmt. Ich habe ihn sogar auf das unstete Element selbst fluchen hören, dessen Zauber die gesammelte Erfahrung von Jahrhunderten überdauerte und auch ihn gefangennahm wie die Generationen seiner Vorfahren. Denn die See war dem Menschen niemals freundlich gesinnt, was auch immer von der Liebe gesagt wird, die gewisse Gemüter (an Land) vorgeben, für sie zu empfinden, und trotz aller Verherrlichungen, deren Gegenstand sie in Poesie und Prosa ist. Bestenfalls hat sie einmal mit der menschlichen Ruhelosigkeit gemeinsame Sache gemacht und die Rolle eines gefährlichen Anstifters ehrgeiziger weltweiter Pläne gespielt. Noch nie war die See, so wie die gütige Erde, irgendeiner Menschenrasse treu geblieben. Weder Tapferkeit noch mühselige Arbeit und Selbstaufopferung haben irgendein Merkmal auf ihr hinterlassen, nie hat sie eine Herrschaft als endgültig anerkannt und sich der Sache ihrer Gebieter angenommen wie jene Länder, wo siegreiche Völker Wurzel schlagen, ihre Wiegen schaukeln und ihren Toten Grabmäler setzen. Gleich ob es der einzelne ist oder ein ganzes Volk – wer sein Vertrauen auf die Freundschaft der See setzt und die eigene Stärke und Geschicklichkeit darüber vernachlässigt, der ist ein Narr! Das Meer kennt kein Mitleid, keine Treue, kein Gebot, kein Erinnern – als wäre es zu groß, zu allmächtig für gewöhnliche Tugenden. Seine Unbeständigkeit kann nur durch unverzagte Entschlossenheit und rastlose, kampfbereite, argwöhnische Wachsamkeit menschlichen Zielen gefügig gemacht werden, eine Haltung, die vielleicht schon immer mehr von Haß als von Liebe diktiert war. Odi et amo , so mag das Bekenntnis derer lauten, die wissentlich oder blind ihr Leben dem Zauber der See ausgeliefert haben. All die stürmischen Leidenschaften der Jugendzeit des Menschengeschlechtes, ihre Kriegslüsternheit und Ruhmsucht, ihre Abenteuerlust und ihre Neigung zu gefahrvollen Unternehmungen sind mit dem großen Reiz des Unbekannten und den weiten Träumen von Herrschaft und Macht wie Trugbilder dahingegangen, ohne auch nur eine Spur auf dem geheimnisvollen Antlitz der See zu hinterlassen. Unergründlich und herzlos hat die See all denen, die um ihre fragwürdige Gunst warben, nichts von sich selbst gegeben. Keine Geduld und keine noch so große Mühe vermag sie so wie die Erde zu bezwingen. Trotz der verführerischen Macht ihres Zaubers, der so viele schon in einen gewaltsamen Tod gelockt hat, ist ihre Unermeßlichkeit nie so geliebt worden wie die Berge und Ebenen, ja, selbst die Wüste geliebt wurden. In der Tat glaube ich, daß die Liebe zur See, zu der sich einige Menschen und ganze Völker so bereitwillig bekennen, daß diese Liebe ungeachtet aller Beteuerungen und Lobpreisungen gewisser Schriftsteller, die für kaum etwas anderes in der Welt Sinn haben als den Rhythmus ihrer Verse und den Tonfall ihrer Sätze, ein Gefühl ist, das sehr vom Stolz und nicht wenig von einer gewissen Notwendigkeit beeinflußt ist, aber in dem die Liebe zu den Schiffen – diesen unermüdlichen Dienern unserer Hoffnungen und unserer Selbstachtung – der beste und lauterste Teil ist. Denn unter den Hunderten, die das Meer geschmäht haben, angefangen bei Shakespeare mit dem Vers: »Grausamer noch als Hunger und als Angst Und als die See –« bis hinab zum letzten unbekannten Seemann alten Stils, der nicht viel Worte macht und noch viel weniger denkt, wäre wohl kaum ein Seemann zu finden gewesen, glaube ich, der jemals den guten oder schlechten Namen eines Schiffes in einem Atemzug mit einer Verwünschung genannt hätte. Wenn sein Fluchen, hervorgerufen vom harten Leben auf See, jemals so weit ging, daß er sein Schiff mit einbezog, dann geschah dies nur obenhin und ganz leicht, so wie man wohl ohne sündige Gedanken auf zärtliche Weise eine Frau anrühren mag. II Die Liebe zum Schiff ist grundverschieden von der Liebe, die ein Mann für alle anderen Werke seiner Hände empfindet – der Liebe zum Beispiel, die er für sein Haus hegt-, weil sie rein ist vom Stolz des Besitzern. Sie ist ein selbstloses Gefühl, mag es auch nicht frei sein von Stolz auf das eigene Können, auf die persönliche Verantwortung und Standhaftigkeit. Kein Seemann hat jemals ein Schiff, selbst wenn es ihm gehörte, nur des Profits wegen, den es ihm einbrachte, geschätzt und in Ehren gehalten. Das hat, glaube ich, noch keiner getan; denn der Reeder, und sei es der beste, stand immer schon außerhalb der vertrauten Gemeinschaft, die Schiff und Mann gegen die unerbittliche, wenn auch zuweilen versteckte Feindseligkeit ihrer Welt der Gewässer verbindet. Die See kennt keine Großmut – diese Wahrheit kann nicht geleugnet werden. Ihr skrupelloses Machtbewußtsein hat noch keine der vielen guten männlichen Eigenschaften, wie Mut, Kühnheit, Ausdauer und Treue, zu rühren vermocht. Der Ozean gleicht einem gewissenlosen, grausamen Despoten, den ständige Schmeichelei verdorben hat. Er kann nicht den geringsten Widerstand vertragen und ist der unversöhnliche Feind aller Schiffe und Männer geblieben seit dem Tage, da sie die unerhörte Kühnheit hatten, sich trotz seiner mißbilligenden Blicke gemeinsam hinaus aufs Meer zu wagen. Von diesem Tage an hat er Flotten und Menschen verschlungen, ohne daß die vielen Opfer – die zahllosen zerstörten Schiffe und vernichteten Menschenleben – seinen Grimm gestillt hätten. Er ist heute wie je bereit, die Menschen mit ihrem unverbesserlichen Optimismus zu verführen und zu verraten, sie zu zerschmettern und zu ertränken, wenn sie im Vertrauen auf ihre Schiffe versuchen, ihm ihr häusliches Glück, die Herrschaft über diese Welt oder nur ihr karges tägliches Brot abzuringen, um ihren Hunger zu stillen. Und wenn er auch nicht immer voller Zerstörungslust ist, so wartet er doch stets auf die Gelegenheit, heimtückisch alles in die Tiefe zu reißen. Das erstaunlichste Wunder der Tiefe ist ihre unergründliche Grausamkeit. Dieses Grauen überfiel mich zum erstenmal an einem Tage, als wir vor vielen Jahren mitten im Atlantik die Mannschaft einer dänischen Brigg retteten, die auf der Heimreise von Westindien war. Ein leichter, silberheller Dunst verschleierte den stillen, erhabenen Glanz des schattenlosen Lichts und schien dem Himmel die Ferne und der See die Unendlichkeit zu nehmen. Es war einer der Tage, an denen sich der mächtige Ozean wirklich liebenswert zeigt, wie ein starker Mann in den Augenblicken vertraulichen Umgangs. Bei Sonnenaufgang hatten wir im Westen einen dunklen Fleck ausgemacht, der scheinbar hoch oben im leeren Raum hinter einem schimmernden Schleier silberblauen, leichten Nebels schwebte. Und dieser Dunstschleier schien im schwachen Wind, der uns langsam vorwärtstrieb, mit uns hin und her zu wogen. Der Friede dieses bezaubernden Vormittags war so tief und ungetrübt, daß wir das Gefühl hatten, jedes laute Wort an Deck würde bis ins Herz jenes unergründlichen Mysteriums dringen, das aus der Verschmelzung des Meeres mit dem Himmel geboren wird. Wir wagten nicht, laut zu sprechen. »Ein sinkendes Wrack, glaube ich, Kapitän«, sagte der Zweite Offizier gelassen, als er mit dem Fernglas, das in einem Etui über seiner Schulter hing, von oben kam. Und ohne ein Wort zu verlieren, gab unser Kapitän dem Rudersmann ein Zeichen, auf den dunklen Fleck zuzuhalten. Kurz darauf machten wir einen niedrigen zersplitterten Maststumpf aus, der vorn auf dem Wrack aufragte – das war alles, was von den verlorenen Masten übriggeblieben war. Der Kapitän unterhielt sich leise mit dem Ersten Offizier und ließ sich gerade weitläufig über die Gefährlichkeit solcher treibenden Wracks aus und über seine Furcht, nachts auf sie zu stoßen, als plötzlich ein Mann vorne ausrief: »Da sind Leute an Bord, Kapitän! Ich kann sie sehen!« Es war eine ungewöhnliche Stimme, die das schrie, eine Stimme, die auf unserm Schiff noch nie gehört worden war, die überraschende Stimme eines Fremden. Sie gab das Signal für ein Durcheinander von lauten Rufen. Die ganze Freiwache lief geschlossen auf die Back, der Koch stürzte aus der Kombüse – alle sahen jetzt die armen Kerle. Da waren sie! Und auf einmal schien unser Schiff, das den wohlverdienten Ruf hatte, bei leichtem Wind jedem ändern an Schnelligkeit überlegen zu sein, alle Bewegungsfähigkeit verloren zu haben, als ob die See zähflüssig geworden wäre und an der Bordwand klebte. Und doch bewegte es sich fort. Die Unendlichkeit, der unzertrennliche Gefährte alles Lebens an Bord, hatte gerade diesen Tag gewählt, um uns wie ein schlafendes Kind anzuhauchen. Der aufgeregte Lärm war verstummt, und unser lebensvolles Schiff, das dafür bekannt war, niemals ganz die Fahrt zu verlieren, solange der Wind noch eine Feder hinwegtrug, schlich, ohne das Wasser auch nur ein bißchen zu kräuseln, lautlos wie ein weißes Gespenst auf seinen im Sterben liegenden, verletzten und verstümmelten Gefährten zu, auf den es in diesem sonnendurchfluteten Dunst eines windstillen Tages auf See in der Todesstunde gestoßen war. Das Glas an die Augen gepreßt, sagte der Kapitän – und seine Stimme schwankte etwas dabei –: »Dort achtern winken sie uns mit etwas zu.« Er setzte das Glas brüsk ab, legte es aufs Oberlicht und begann auf der Poop hin und her zu gehen. »Ein Hemd oder eine Flagge«, stieß er gereizt hervor. »Kann es nicht ausmachen... irgend so ein verdammter Lappen!« Er lief noch ein paarmal auf der Poop hin und her, blickte ab und zu über die Reling, um zu sehen, was für Fahrt das Schiff machte. Seine unruhigen Schritte hallten in der Stille laut wider, während die Männer in Gedanken verloren unbeweglich alle in dieselbe Richtung starrten. »So schaffen wir das nicht!« rief er plötzlich laut aus. »Los, fier die Boote weg! Zu Wasser damit!« Ehe ich in mein Boot sprang, nahm er mich als zwar erfahrenen, aber doch noch sehr jungen Offizier auf ein ermahnendes Wort beiseite: »Passen Sie auf, wenn Sie längsseits kommen, daß Sie nicht mit nach unten gerissen werden. Ist das klar?« Er sagte das in vertraulichem Ton und so leise, daß die Leute an den Bootsläufern es nicht hören konnten. Ich war schockiert. »Mein Gott!« ereiferte ich mich innerlich voller Verachtung über soviel kaltblütige Vorsicht. »Als ob man in einer solchen Situation noch an Gefahr dächte.« Es kostet viel Lehrgeld, bis man ein richtiger Seemann wird, und schon hatte ich meinen Verweis weg. Mein erfahrener Kommandant schien mit einem einzigen forschenden Blick alle Gedanken von meinem arglosen Gesicht zu lesen. »Sie sollen jetzt Menschenleben retten und nicht Ihre Bootsbesatzung unnütz aufs Spiel setzen«, knurrte er mir streng ins Ohr. Aber als wir ablegten, beugte er sich über die Reling und rief: »Alles hängt jetzt von euch ab, Leute. Holt aus und pullt, was ihr könnt! Es geht um Menschenleben!« Es wurde ein richtiges Wettrennen, und ich hätte nie geglaubt, daß die gewöhnliche Bootsbesatzung eines Handelsschiffes mit soviel verbissener Entschlossenheit den gleichmäßigen Schlag ihrer Riemen durchhalten könnte. Was unser Kapitän schon deutlich erkannt hatte, ehe wir ablegten, war uns jetzt allen klar geworden. Der Ausgang unseres Unternehmens hing an einem Haar über dem Abgrund der Wasser, die ihre Toten nicht vor dem Jüngsten Tag herausgeben. Es war ein Wettrennen, das zwei Schiffsboote mit dem Tod um den Preis von neun Menschenleben austrugen, und der Tod hatte einen großen Vorsprung. Wir sahen von weitem die Mannschaft der Brigg an den Pumpen arbeiten – sie pumpte noch auf diesem Wrack, das schon so weit abgesackt war, daß die sanfte Dünung, über die unsere Boote, ohne Fahrt zu verlieren, leicht hinwegglitten, fast schon Relingshöhe erreicht hatte und nach den Enden des gebrochenen Vorgeschirrs griff, das in Fetzen unter dem kahlen Bugspriet hin und her schwang. Wir hätten uns wahrhaftig keinen besseren Tag für unsere Wettfahrt aussuchen können, selbst wenn wir freie Wahl unter allen Tagen gehabt hätten, die je über einsame, mit dem Tode ringende Schiffe heraufgedämmert sind, seitdem die Wikinger zum erstenmal gegen den Ansturm der Atlantikseen westwärts steuerten. Es war ein sehr gutes Rennen. Im Endkampf lagen die beiden Boote keine Riemenlänge auseinander, und der Tod kam, wenn nicht aller Anschein trog, als guter Dritter auf der nächsten Dünungswelle ein. Die Speigatten der Brigg gurgelten leise im Chor, wenn das Wasser an den Bordwänden hochleckte und träge mit leisem Rauschen wieder ablief, als umspielte es einen unbeweglichen Felsen. Das Schanzkleid war der Länge nach weggeschlagen, wir konnten das kahle Deck so niedrig wie ein Floß über dem Wasser daliegen sehen, vollkommen leergefegt von seinen Booten, Spieren, seinen Deckshäusern, leergefegt von allem außer den Augbolzen und den Pumpenaufsätzen. Ich warf einen flüchtigen Blick auf dieses traurige Bild, während ich alle Muskeln anspannte, um an meiner Brust den letzten Mann aufzufangen, der die Brigg verließ. Es war der Kapitän, der sich buchstäblich in meine Arme fallen ließ. Es war eine unheimlich stille Rettung gewesen – eine Rettung ohne einen Laut, ohne ein einziges gesprochenes Wort, ohne eine Geste oder ein Zeichen, ja sogar ohne einen bewußten Blickwechsel. Bis zum allerletzten Augenblick blieben sie an Bord an den Pumpen, die zwei Ströme klaren Wassers über die nackten Füße der Leute ergossen. Durch die Risse ihrer Hemden war ihre braune Haut zu sehen, und die beiden kleinen Bündel halbnackter, zerlumpter Männer verbeugten sich in ihrer aufzehrenden Arbeit tief voreinander, immer auf und ab, ganz ihrem Tun hingegeben, so daß sie keine Zeit hatten, auch nur mit einem kurzen Blick über die Schulter nach der Hilfe zu sehen, die ihnen nahte. Als wir unbeachtet längsseits der Brigg schoren, brüllte eine heisere Stimme einen einzigen Befehl, worauf die Männer stumpf aus roten Augenlidern flüchtig aufblickten. Dann stürzten sie schwankend und gegeneinanderstoßend von den Pumpen fort und ließen sich, so wie sie dastanden, ohne Mützen, graues Salz in den Runzeln und Falten ihrer hageren, bärtigen Gesichter, gerade auf unsere Köpfe fallen. Das Getöse, mit dem sie in unsere Boote stürzten, hatte eine merkwürdig vernichtende Wirkung auf jenes Wahnbild tragischer Würde, mit dem unsere Selbstachtung die Kämpfe der Menschheit mit der See verklärt. An diesem ausgesucht herrlichen Tag sanft atmenden Friedens und leicht verschleierten Sonnenlichts erlosch meine romantische Liebe zu dem, was in der menschlichen Vorstellung zum erhabensten Teil der Natur gehört. Die schamlose Gleichgültigkeit der See gegen menschliches Leid und menschliche Tapferkeit offenbarte sich in dieser lächerlichen, panikerfüllten Szene, zu der sie neun tüchtige und ehrenwerte Seeleute in grauenhafter, äußerster Not getrieben hatte, und das empörte mich. Ich erkannte, daß die See selbst in ihrer zärtlichsten Stimmung nicht ohne Falsch ist. Sie war nun einmal so, weil sie sich nicht ändern konnte, aber meine scheue Ehrfurcht von einst war dahin. Ich war jetzt so weit, daß ich über ihre bezaubernde Anmut bitter lächeln und mit einem starren Blick boshaft ihren Rasereien zusehen konnte. In einem Augenblick, bevor wir ablegten, überblickte ich leidenschaftslos das Leben meiner Wahl. Seine Illusionen waren verschwunden, aber sein Reiz blieb. Ich war endlich Seemann geworden. Wir pullten eine Viertelstunde lang angestrengt und nahmen dann die Riemen ein, um auf unser Schiff zu warten. Es kam mit vollstehenden Segeln auf uns zu und sah durch den Dunstschleier ungewöhnlich groß und stattlich aus. Der Kapitän der Brigg saß neben mir achtern im Boot und hatte das Gesicht in beide Hände vergraben. Jetzt hob er den Kopf und begann mit einer gewissen schwermütigen Gesprächigkeit zu reden. In einem Orkan hatten sie die Masten verloren, und ihr Schiff war leck gesprungen; wochenlang trieben sie, immer an den Pumpen; gerieten wieder in schlechtes Wetter; von den Schiffen, die sie in Sicht bekamen, wurden sie nicht bemerkt, das Leck wurde langsam immer größer, und die See hatte ihnen nichts gelassen, um ein Floß zu bauen. Es war sehr hart, ein Schiff nach dem ändern in der Ferne vorbeisegeln zu sehen, »als ob sich alle verschworen hätten, uns dem Tod auf See zu überlassen«, fügte er hinzu. Aber sie versuchten weiter, die Brigg so lange wie möglich flott zu halten, und pumpten unentwegt bei ungenügender, meist roher Kost »bis gestern abend«, fuhr er monoton fort, »als die Sonne unterging, den Leuten das Herz brach«. Hier machte er eine kaum merkliche Pause und sprach dann mit derselben monotonen Stimme weiter: »Sie sagten mir, die Brigg sei nicht mehr zu retten, und meinten, sie hätten nun genug auch für ihre eigene Rettung getan. Ich sagte nichts dazu. Es war alles richtig, und es war keine Meuterei. Ich hatte ihnen nichts mehr zu sagen. Sie lagen die ganze Nacht achtern herum, regungslos und still wie Tote. Ich legte mich nicht hin und hielt Ausschau. Als der Tag anbrach, sah ich sogleich Ihr Schiff. Ich wartete, bis es heller wurde. Der leichte Windzug begann noch schwächer zu werden, ich spürte ihn nicht mehr auf meinem Gesicht. Dann rief ich so laut ich konnte: ›Seht das Schiff dort!‹ Aber nur zwei Mann erhoben sich ganz langsam und kamen zu mir. Zuerst standen wir drei eine ganze Zeitlang alleine da und beobachteten, wie Sie auf uns zusteuerten, dabei fühlten wir deutlich, wie der Wind fast einschlief. Aber nachdem standen auch andere nacheinander auf, und bald hatte ich die ganze Mannschaft hinter mir. Ich drehte mich um und sagte zu ihnen, sie könnten ja selbst sehen, daß das Schiff auf uns zuhält, aber bei dieser Flaute könnte es am Ende doch zu spät kommen, wenn wir nicht wieder an die Arbeit gingen und versuchten, unser Schiff so lange flott zu halten, bis wir alle abgeborgen sind. So habe ich mit ihnen gesprochen, und dann gab ich Order, an die Pumpen zu gehen.« Er gab den Befehl, und er gab ihnen auch ein Beispiel, indem er selbst an die Pumpen ging; aber die Leute scheinen tatsächlich einen Augenblick gezögert zu haben, indem sie einander unschlüssig anblickten, ehe sie ihm folgten. »Hi, hi, hi!« Ganz unerwartet brach er in ein einfältiges, erschütterndes, nervöses Kichern aus. »Es waren gebrochene Männer«, erklärte er entschuldigend. »Zu lange war mit ihnen gespielt worden.« Darauf ließ er den Kopf sinken und verstummte. Fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit – ein Vierteljahrhundert ist schon ferne graue Vergangenheit-, aber bis auf den heutigen Tag erinnere ich mich der dunkelbraunen Füße, Hände und Gesichter zweier dieser Männer, deren Lebenswille die See gebrochen hatte. Sie lagen ganz still wie Hunde zusammengerollt auf den Bodenbrettern zwischen den Duchten. Meine Bootsbesatzung saß über die Riemen gebeugt, horchte und starrte sie mit großen Augen wie im Theater an. Plötzlich sah der Kapitän der Brigg auf und fragte mich, welchen Tag wir hätten. Jeder Zeitbegriff war ihnen abhanden gekommen. Als ich ihm sagte, daß es Sonntag der 22. sei, zog er die Stirn in Falten und rechnete im Geiste nach, dann nickte er zweimal traurig vor sich hin und starrte ins Leere. Er sah erbärmlich mitgenommen, elend und trübselig aus. Man hätte ihn für geistesgestört halten können, wäre nicht dieser unauslöschliche Ausdruck der Biederkeit in seinen blauen Augen gewesen, deren unglücklicher, müder Blick immer wieder die aufgegebene, sinkende Brigg suchte, als könne er keinen ändern Ruhepunkt finden. Dieser Kapitän hatte ein viel zu einfältiges Gemüt, um den Verstand zu verlieren, er hatte jene männliche Einfalt, die allein imstande ist, einen Mann unversehrt an Geist und Körper den Zweikampf mit dem tödlichen Mutwillen der See oder ihrer weniger boshaften Raserei bestehen zu lassen. Die See war an diesem Tage weder zornig noch mutwillig noch heiter. Wie in einem Traum von unendlich zärtlicher Güte umfing sie, halb verborgen im lichten Dunst, unser fernes Schiff, das im Näherkommen immer größer wurde, unsere Boote mit den geretteten Leuten und den entmasteten Rumpf der Brigg, den wir hinter uns ließen, in einer einzigen sanften Umarmung friedlicher Stille. Auf ihrem Antlitz war keine Runzel und keine Falte und nicht die leiseste Kräuselung zu sehen. Und die leichte Dünung verlief so glatt wie ein anmutig wogendes Stück schimmernder grauer Seide, das mit grün glitzerndem Glanz durchsetzt ist. Wir pullten im gemächlichen Schlag weiter, aber als der Kapitän der Brigg nach einem kurzen Blick über die Schulter mit einem leisen Ausruf aufstand, hörten meine Leute ohne Befehl unwillkürlich auf zu pullen, und das Boot verlor seine Fahrt. Er stützte sich mit einem harten Griff auf meine Schulter, während sein anderer Arm starr ausgestreckt anklagend in die unermeßliche Stille des Ozeans wies. Nach seinem ersten Ausruf, der den Schwung unserer Riemen abstoppte, gab er keinen Laut mehr von sich, aber seine ganze Haltung war ein empörter Aufschrei: »Seht dort!«... Ich konnte mir nicht vorstellen, was für eine Vision des Bösen über ihn gekommen war. Ich war erschrocken, und die bestürzende Kraft, die aus seiner unbewegten Gebärde sprach, ließ mein Herz in der Ahnung, daß uns etwas Ungeheuerliches und Unerwartetes bevorstand, schneller schlagen. Die Stille um uns wurde erdrückend. Einen Augenblick lang glitten die seidenglatten Dünungswellen arglos weiter. Ich sah jede einzelne von ihnen am dunstigen Horizont weit, weit jenseits der verlassenen Brigg heraufkommen und im nächsten Augenblick mit einem leichten, freundlichen Stoß gegen das Boot unter uns durchlaufen und weiterziehen. Der einschläfernde Rhythmus des Steigens und Fallens, die gleichbleibende Sanftheit dieser unwiderstehlichen Kraft, der großartige Zauber der unergründlichen See erfüllten mich, wie das feine Gift eines Liebestranks, mit einem herrlichen Gefühl. Aber es hielt nur wenige beruhigende Sekunden an, dann sprang auch ich auf und brachte das Boot wie die reinste Landratte ins Schlingern. Etwas Erschreckendes, Geheimnisvolles, bestürzend Verwirrendes spielte sich jetzt ab. Ich beobachtete es voll Unglauben und von Entsetzen gepackt, wie man die undeutlichen, flüchtigen Bewegungen einer Gewalttat im Dunkeln verfolgt. Wie auf ein verabredetes Zeichen kam plötzlich die Dünung rund um die Brigg zum Stillstand. Durch eine seltsame optische Täuschung schien sich der ganze Ozean mit einem einzigen überwältigenden Anschwellen seiner seidenglatten Oberfläche über die Brigg zu erheben, worauf sich an dieser Stelle wildschäumende Gischt verbreitete. Dann verebbte der Aufruhr wieder. Alles war vorbei, und die glatten Dünungswellen kamen wie vorher in ununterbrochenem Rhythmus vom fernen Horizont auf und liefen mit einem leichten freundlichen Schütteln unseres Bootes unter u« vorbei. Weitab, dort wo die Brigg gelegen hatte, war auf dem stahlgrauen, mit grünen Strahlen durchsetzten Wasser nur noch ein aufgewühlter, weißer Fleck zu sehen, der, allmählich kleiner werdend, wie ein Rest reinen Schnees lautlos in der Sonne schmolz. Und die große Stille nach dieser ersten Einführung in den unversöhnlichen Haß der See war wie geschwängert mit entsetzten Gedanken und den Schatten kommender Katastrophen. »Weg ist sie!« stieß mein Bugmann aufstöhnend aus, das Ende bestätigend. Er spuckte in die Hände und faßte seinen Riemen fester. Der Kapitän der Brigg ließ seinen starr ausgestreckten Arm sinken und sah ans in nachdenklich-schwermütigem Schweigen an. Seine feierliche Miene war für uns gleichsam die Aufforderung, an dem unfaßbaren Schrecken seines einfältigen Gemüts teilzunehmen. Jäh setzte er sich an meine Seite und beugte sich mit ernster Miene gegen meine Bootsbesatzung vor, die gemächlich, mit langen Schlägen weiterpullte und ihn dabei treuherzig ansah. »Kein Schiff hätte sich so gut gehalten«, begann er seine Ansprache mit fester Stimme, nachdem er einen Augenblick krampfhaft geschwiegen und mit bebenden Lippen offenbar nach den passenden Worten für sein stolzes Bekenntnis gesucht hatte. »Die Brigg war klein, aber sie war gut. Ich hatte keine Angst um sie. Sie war stark. Letzte Reise hatte ich meine Frau und meine beiden Kinder an Bord. Kein anderes Schiff hätte so lange das Wetter ausgehalten, das sie Tag für Tag durchstehen mußte, bis vor vierzehn Tagen die Masten über Bord gingen. Sie war einfach am Ende ihrer Kraft. Ihr könnt es mir glauben. Tage und Tage hat sie für uns ausgehalten, doch sie konnte nicht ewig aushalten. Es war lange genug. Ich bin froh, daß es vorbei ist. Noch nie ist ein besseres Schiff an einem solchen Tage auf See aufgegeben worden und gesunken.« Er war der rechte Mann, einem Schiff die feierliche Grabrede zu halten, dieser Sohn eines alten Volkes von Seefahrern, dessen nationale Existenz so wenig durch die Exzesse männlicher Kraft befleckt worden ist. Ein Volk, das nichts weiter als einen festen Halt auf der Erde verlangte. Die Verdienste seiner seefahrenden Ahnen und die Arglosigkeit seines Herzens befähigten ihn, diese vortreffliche Rede zu halten. Nichts von dem, was eine gute Rede ausmacht, fehlte darin – weder Gottvertrauen noch Pflichttreue, weder die Lobpreisung der Toten noch die erbauliche Darstellung ihrer großen Taten. Sie hatte gelebt, und er hatte sie geliebt; sie hatte gelitten, und er war froh, daß sie ihren Frieden gefunden hatte. Es war eine ausgezeichnete Rede und rechtgläubig dazu in ihrer Treue zum Kern des Seemannsglaubens, zu dem sie sich so entschieden bekannte. »Schiffe sind gut.« Ja, sie sind es. Wer mit der See leben will, muß sich vor allen Dingen an dieses Glaubensbekenntnis halten, und ich verstand jetzt, als ich den Kapitän von der Seite ansah, daß manche Männer der Ehre würdig sind, mit gutem Gewissen die letzte Lobrede auf die Standhaftigkeit eines Schiffes im Leben und im Tode zu halten. Hiernach sprach er kein Wort mehr. Die lose gefalteten Hände zwischen den Knien, saß er regungslos neben mir, bis der Schatten der Segel unseres Schiffes über das Boot fiel. Erst bei den lauten Begrüßungsrufen zur Rückkehr der Sieger mit ihrem Siegespreis hob er sein verstörtes Gesicht mit einem Lächeln ergreifender Nachsicht. Das Lächeln dieses würdigen Nachkommen des ältesten Volkes von Seefahrern, deren Kühnheit und Ausdauer keinerlei Spuren von Größe und Ruhm auf dem Wasser hinterlassen hat, vollendete meine Weihe zum Seemann. In der rührenden Trauer des Kapitäns der Brigg kam die unermeßliche Tiefe vererbter Weisheit zum Ausdruck. Daneben klangen die herzhaften Begrüßungsrufe wie kindliches Triumphgeschrei. Unsere Mannschaft war hell begeistert – die braven Kerle! Als ob sich irgend jemand damit brüsten könnte, gegen die See sich behauptet zu haben, die so viele Schiffe mit großen »Namen«, so viele stolze Männer, so viele hochfliegende, ehrgeizige Pläne von Ruhm, Macht, Reichtum und Größe verraten hat! Als ich das Boot unter die Taljen brachte, beugte sich mein Kapitän in strahlender Laune über die Reling. Er hatte seine roten, sommersprossigen Ellbogen aufgestützt und rief aus der Tiefe seines zynischen Philosophenbartes sarkastisch zu mir herunter: »Na, haben Sie das Boot also doch wieder heil zurückgebracht?« Sarkasmus war »seine Art«, und sie paßte zu ihm; nichts Besseres könnte ich dazu sagen. Das macht den Sarkasmus zwar nicht liebenswerter, aber es geziemt sich und ist auch ratsam, auf die Art seines Kapitäns einzugehen. »Ja, ich habe das Boot heil zurückgebracht«, antwortete ich. Und der gute Mann glaubte es mir. Er konnte die Zeichen meiner jüngsten Weihe nicht wahrnehmen. Und doch war ich nicht mehr derselbe junge Mann, der mit dem Boot fortgefahren war voller Ungeduld auf das Rennen gegen den Tod um den Preis von neun Menschenleben. Ich sah die See schon mit anderen Augen an. Ich wußte, daß sie in ihrer Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse imstande war, die großmütige Begeisterung der Jugend ebenso unbarmherzig zu verraten wie die allerniedrigste Habgier oder das edelste Heldentum. Mein Glaube an ihre hochherzige Güte war dahin, und ich sah die See jetzt, wie sie in Wirklichkeit ist – die See, die mit Männern ihr Spiel treibt, bis ihnen das Herz bricht, und die starke Schiffe zu Tode hetzt. Nichts vermag die unheilbrütende Grausamkeit ihrer Seele zu rühren. Sie steht allen offen und ist keinem treu. So übt sie ihren Zauber aus, um die Besten zugrunde zu richten. Es ist nicht gut, sie zu lieben. Sie kennt kein Gelöbnis und kein Versprechen, keine Treue im Unglück und keinen Lohn für langwährende Gemeinschaft und Hingabe. Es ist sehr viel, was sie immerfort verspricht; aber das ganze Geheimnis, die Herrschaft aber sie zu gewinnen, besteht in der Kraft, in der argwöhnischen, nimmerruhenden Kraft eines Mannes, der innerhalb der Schranken, die ihm gesetzt sind, einen begehrten Schatz bewahrt.