Felix Dahn Die Bataver Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.) Otto dem Großen dem Fürsten Bismarck zu eigen. Erstes Buch. I. Wo der Rheinstrom in zahlreichen Mündungen die Nordsee, – »das germanische Meer« – erreicht, da wohnten um die Mitte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, aus der heute noch nach ihnen benannten »batavischen« Insel und auf dem linken Ufer des Flusses die Bataver und, als ihre Nachbarn im Norden, auf dem rechten Ufer, die kleinere Völkerschaft der Kánnenefáien. Beide, nahe verwandt, waren schon lange bevor Julius Cäsar in Gallien erschien, hier eingewandert. Ursprünglich Gaue der Chatten – der heutigen Hessen – hatten sie die alten Sitze an Lahn und Fulda, die der rasch anwachsenden Volkszahl zu schmal gewordene Landmark, verlassen und waren allmählich – den Rhein hinab – weit nach Westen gezogen, hier neben den Galliern eine neue Heimat sich gründend. – Nur gar wenig war in all' der Zeit der Urwald gerodet worden, lediglich soviel das Bedürfnis erheischte für die wenigen Dörfer und für die zahlreicheren einsamen Einzelhöfe, die aus dem Holz der gefällten riesenhaften Bäume kunstlos aufgezimmert wurden. Allein stärker, eindringlicher noch als der Urwald verlieh der ganzen Gegend weithin das Eigenartige das Wasser: der Ursumpf. Wo nicht die natürliche Schutzwehr der Dünen und die noch wenig häufigen Deiche die See abhielten, mischte diese, bei jeder Flut weit in das Land hinein rollend, überall ihr Salz mit dem Süßwasser des Stromes, der, auf seinem ganzen Lauf ungebändigt und ungeregelt, neben seinen drei Hauptarmen in gar vielen anderen, von Jahr zu Jahr – und in den Jahreszeiten – wechselnden Rinnsalen dem Schoße des Meeres zu trachtete. Außer der großen, besonders also genannten »Insel der Bataver«, lagen daher noch gar viele mittlere und kleine Auen, Werder und Eilande von dunklem Schilf, von hellen Weiden umgrünt, aber auch von hohen Bäumen bestanden, zwischen den breiten Armen und den schmalen Adern des gewaltigen Stromes, der, damals noch unvergleichlich wasserreicher als heute, auch weit oberhalb seiner Mündungen gar oft aus seinem seebreiten Bette trat und die niemals völlig getrockneten meilenlangen Sümpfe aufs neue reichlicher mit seinem Überflusse tränkte. Nur die ortvertrauten Landeskinder kannten einerseits die Watten, die Seichtstrecken, die Furten, auf welchen Mann, Roß oder Wagen, andererseits die Tiefstellen, auf welchen Kähne dies stets wechselnde Wirrsal von Meerwasser, Stromwasser, Sumpf, Düne und Wald sicher durchschreiten mochten. II. So lag denn auch der Hof Brinnos, eines Edelings der Kannenefaten, rings von Urwald und von Ursumpf umgeben. Nur auf Pfeilschußweite von der im Viereck errichteten »Hofwere« – dem mannshohen Zaun von starken eingerammten und durch zähes Weidengeflecht wagrecht verbundenen Eichenpfählen – hatte man den Wald mit Feuer und Axt niedergelegt. Zu dem auf allen Seiten hinter jener Lichtung ragenden Wald zogen sich bald zitternde Moorstrecken dahin, bald langgedehnte, flußähnliche Lachen, – sonder sichtbaren Ursprung und Abfluß –: bald glitzerten in den nur spärlich die ungeheueren Wipfelkronen der Eichen, Erlen und Ulmen durchbrechenden Sonnenstrahlen kreisrunde Tümpel von unheimlicher Undurchsichtigkeit des tiefschwarzen Moorwassers, das, völlig regungslos, bis in den Kern der Erde hinabzureichen schien. An den einsamen Edelhof führte nur ein Zugang aus dem Walde – von Südosten – her: ein durch Steine, auch wohl gelegentlich durch Knüttel und Äste mehr angedeuteter als gefestigter Weg, durch das dichte Gestrüpp des Unterholzes gebrochen, nur notdürftig gesichert gegen den heimtückischen Sumpfgrund durch aufgeschütteten Sand, hier und da durch gestampften Lehm: aber gar oft mußte ein weiter Sprung über bebende – »bibbernde« – Moorheide hin gewagt werden, um wieder festen Boden zu gewinnen. Nordöstlich, hinter dem Hof, zog sich ein schmaler Arm des Rheines hin. Unzählbare Wasservögel jeder Art, vom hohen Reiher mit königlichem Busch bis herab zum winzigen Moorhuhn, standen und schwammen in dem weit über mannshohen undurchdringbar dichten Schilf, in das ein schmaler Durchlaß für den Nachen geschnitten war. In dem Schlamm der Waldsümpfe lagen die Wildeber in Rudeln, oft aufgescheucht vom stampfenden Wisent, der in der trüben zähen Flut Schutz gegen die Sommerhitze und die Stechmücken suchte; auch des Elchhirsches hohe – wie vorzeitliche – Gestalt reckte wohl die breiten Schaufeln aus dem Röhricht. – Vom Walde her gelangte man durch den mit Gras bewachsenen Hofraum an die Hauptthüre des Hauses: über ihr prangte oder dräute der mächtige, schwarz-zottige Kopf eines Auerstiers, auf dessen beiden ungeheueren Hörnern goldene, silberne, eherne Armreife aufgereiht waren: – erschlagenen Feinden abgestreifte Beute. Darüber war in den Querbalken der Thüre, weithin sichtbar, die Hausmarke eingeschnitten, ein Streithammer: das einen Fuß lange Zeichen, mit Mennig gefärbt, leuchtete grell rot. Die Thüre führte unmittelbar in den Hauptraum des Gebäudes, die Halle: auch sie bildete, wie das ganze Gehöft, ein Viereck. An jeder Langseite zog sich eine Stellung von sechs Holzpfeilern hin, die, bunt bemalt, das Dach trugen. Im Hintergrund, in der Mitte, erhob sich auf Stufen ein Gezimmer, mit geschnitzter Geländerbrüstung, der Hochsitz des Hausherrn: über den stattlichen Holzstuhl war ein mächtig Bärenfell gespreitet, daneben stand rechts und links je eine, ebenfalls mit Fellen bedeckte Bank für die vornehmsten Gäste: ein langer schmaler Tisch, reich mit Trinkhörnern und Bechern besetzt, war vor Stuhl und Bänke gerückt. Unterhalb des Hochsitzes, genau in der Mitte des ganzen Raumes, ragte der Herd, zugleich der Altar des Hauses, aufgeschichtet aus mächtigen Steinplatten. Der Rauch suchte sich durch die Luken des Dachgebälks einen Ausweg: aber er fand ihn nicht immer gleich, wie das tiefe Braun und Grauschwarz des verräucherten Gebälkes bezeugte. Die zwölf Pfeiler und die Brüstung des Hochsitzes waren reich behangen und geschmückt mit Kriegswaffen und Weidgerät, sowie mit Beutestücken aus Kampf und Jagd. Ein schwüler Sommerabend dunkelte bereits draußen im dichten Urwald: da waren in der Halle fünf Männer versammelt. Auf dem Hochsitz ragte ein Riese von erheblich mehr als sechs Schuh. Das breite Haupt, den Stiernacken, umhüllte ihm dicht ganz kurzkrauses Haar von leuchtendem Rot: wie lodernd Feuer war's und prächtig anzuschauen. Ein mächtiger Bart von etwas hellerer Farbe reichte dem Hünen über das ebenfalls rote Wollenwams auf die Brust bis an den zwei Hände breiten, mit Eberhauern und runden Goldplatten reichgezierten Wehrgurt von Büffelleder. An den Gurt schlossen sich Kniehosen von stärkstem Segellinnen aus Hanf, oberhalb der Kniee mit Lederriemen gefestigt. Das war – bis auf die über den Knöcheln kreuzweise geschnürten Bastschuhe – alle Bekleidung des Hausherrn: die Waden zeigten sich nackt, ebenso die gewaltigen Arme, an denen spiralförmig geschlungene Silberreife prangten. In dem Gürtel stak ein wuchtiger, kurz geschafteter Wurfhammer von schwerem, hartem Syenitstein. Zur Linken des Riesen saßen zwei Männer, ebenfalls in germanischer Tracht, während der Gast auf der rechten Seite, – ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren – unter dem batavischen Kriegsmantel, den ihm auf der linken Schulter eine schöne etruskische Spange zusammenhielt, die römische Tunika trug. »Das Mahl ist zu Ende,« – hob der im Hochsitz an. »Nun füllt nochmals den Becher und dann, – dann hört mich an. Reiche das Methorn herum, Sido. Wie? Leer? – Wo steckt mein Brüderlein? He, Brinnobrand, langer, was treibst du?« Da schritt aus einem Verschlag im Hintergrund hervor ein Jüngling, so wunderschön, daß jedes Auge staunen mußte, das ihn zum erstenmal ersah. Er war, obzwar etwa fünfzehn Jahre jünger denn der Hausherr, noch fast um eines halben Hauptes Länge größer als dieser, so daß er nahezu sieben Fuß maß. Während der ältere etwa vierzigjährige Bruder kraftgedrungene Formen zeigte, war der jüngere schlank, hoch aufgeschossen, der Edeltanne gleich. Das in langen Wellen leuchtende Gelock und der jugendliche Bart leuchteten in viel hellerem, dem Blond sich näherndem Rot. Das edelgebildete Antlitz war mädchenhaft weiß und wie von Rosafarbe behaucht, blendendweiß glänzten der Nacken und die Arme aus dem hellgrünen Gewand: aber der Ausdruck des blauen Auges – mit den so stark erweiterten Sternen – war seltsam: der Blick schien stets weit in die Ferne gerichtet. Der Jüngling trug auf der Schulter einen mächtigen, fünf Schuh langen Lederschlauch. »Was schleppst du daher, Brüderlein?« fragte der Hausherr; mitleidig musterte er den vortretenden. »Wein! – Für Ihn ! – Er trinkt nur Wein: – wie Wodan.« Und er winkte mit den treuherzigen kindlichen Augen dem Gast in der römischen Tunika, schwang mit einem Ruck den wuchtigen Schlauch von der Schulter als wär' er ein Spielzeug, und stellte ihn aufrecht; er wollte nun die Verschnürung oben mit seinem Langmesser durchschneiden, allein der Fremde wehrte schweigend ab. Da legte sich der Jüngling ihm zu Füßen auf den Boden und lehnte das Haupt an des Mannes Kniee. »Die Knechte,« begann der Hofherr aufs neue, »dürfen nun nicht mehr eintreten und zuhören: – wir bedienen die Hörner selbst. Aber auch nicht horchen dürfen sie an den Thüren.« Er wollte sich erheben, nachzuforschen. »Bleib! Horchen nicht!« sprach sein Bruder, ohne aufzusehen. »Ei, der Knecht ist ein Schalk,« warnte der älteste der Gäste mit grauem Haar und friesischem Mantel. » Können nicht horchen, Ulemer,« schmunzelte der junge Riese. »Warum nicht, Bruder?« fragte der Hausherr. »Einer hat sie aneinandergebunden: – Alle zehn! – Mit den Füßen. – Und hat sie draußen auf die Tenne alle nebeneinander hingelegt: den ersten und den letzten angepflockt. Können nicht aufstehen! Sind aber ganz zufrieden: Einer stellte ihnen den vollen Metkrug hin. – Rede nun, Bruder Brinno; Einer will hören. Aber Einer weiß schon, was kommt.« Und er machte die Bewegung des Schlagens, mächtig ausholend mit dem rechten Arm; dann lachte er und streckte die gewaltigen Glieder. Voll Schmerzes ruhte der Blick des Bruders auf der herrlichen Gestalt: »auch das – auch ihn hat Rom ...!« grollte er leise. Er atmete tief und begann laut: »Ihr ahnt es wohl, Jagdgefährten, nicht nur um den Bären zu erlegen, hab' ich euch – zum Teil so weit her – in meinen Hof geladen. Es gilt anderem Weidwerk.« »Der Wölfin gilt's, der reißenden,« rief grimmig der Friese, trank aus dem Wisenthorn und reichte es weiter. »Thu' Bescheid, Sido!« Der Aufgeforderte war ein schöner Jüngling in Brinnobrands Alter, aber von kürzerem, mehr gedrungenem Wuchs; sein Haar, dunkler als das der anderen Germanen, war gegen den Wirbel hinaufgekämmt und oben zusammengeschnürt in einen auf den Hinterkopf herabfallenden Schopf; sein Wams aus kostbarem dunkelbraunem Otterfell war mit Gold benäht; auch seine Waffen, die an der Wand lehnten, trugen reichere Zier als die der übrigen; neben seinem Schwert hing an dem Pfeiler eine kleine dreieckige Harfe. »Euch, ihr Friesen und Bataver,« begann Brinno wieder, »brauche ich nicht zu sagen, was ihr, was wir seit drei Menschenaltern für Rom gethan, von Rom erlitten. Aber du, Freund Sido, der du, unseren Gauen fremd, ein Ferngast, zu uns kamst, – du mußt es hören, mußt es daheim erzählen den Deinen. Denn nicht soll man sagen in den Höfen der Markomannen, leichthin, ohne Grund brechen wir hier am rinnenden Rhein Vertrag und Treue. Dir ist des Sanges Gabe verliehen: man rühmt deinen Harfenschlag, Königssohn: wohlan, ein grimmig Haßlied sollst du daheim singen von unsrer Treue und von der Römer Lohn. Und auch du« – hier wandte er sich unmutig zu dem Gast in der Tunika – »ich weiß: du widerstrebst mir noch immer! – auch du sollst, was du zwar genau kennst, beleuchtet sehen vom Blitze meines Zorns vor deinem klugen, aber allzulange grübelnden Auge, Chlogio, Chariovalds Sohn.« »Meinst du mich?« erwiderte ablehnend der Angeredete, »du weißt doch: ich heiße Claudius Civilis.« III. »Schon als zuerst vor nun bald achtzig Wintern,« fuhr der Hofherr fort, »die Römer über den Rhein trachteten, die Germanen jenseit des Stromes zu unterwerfen, erkannten sie, daß sie da drüben keinen Schritt vorwärts thun konnten, blieben wir Links-Rheinischen, wie Bataver, Kannenefaten, Friesen, ihnen feind, ja, versagten wir ihnen auch nur unser Land und unsre Gewässer. Da traten sie denn an unsre Ahnen heran mit glatten Worten, mit reichen Geschenken: der Stiefsohn des Imperators, Drusus, nannte uns des römischen Volkes Freunde. Die Könige, die Edeln unsrer Gaue wurden eingeladen in die üppigen Städte Galliens, in die waffenblitzenden Lager der Legionen: sie teilten die Tafel des Kaisersohnes. Bald wurden sie nach Rom selbst entboten: – an ihren Fingern gleißte der Ring der romischen Ritter.« – Brinnobrand nickte und wies auf die Hand des Civilis. – »Sie wurden mit goldenen Ketten geschmückt und – gefesselt! Gar manche von ihnen, durch den Reiz des Fremden bestrickt, heirateten gallische, italische Frauen, andere wurden von römischen Sippen als Wahlsöhne angenommen, wie dein Großvater, Chlogio, von den Claudiern. – Und kamen sie nun zurück aus den Sälen an dem gelben Tiber – dann waren sie verzaubert! Es geht eine Rede unter unsern Völkern: »wer Rom sieht, stirbt oder wird römisch!« Nicht nur die römische Tunika, – römische Gedanken hatten sie angenommen! Geblendet waren ihre waldgewohnten Augen von all' dem Glanz von Purpur, Marmor, Gold und Elfenbein. Und nun, geschult in der Kunst, die Worte überredend zu stellen, prangend in römischen Waffen, in römischem Schmuck schlugen sie, heimgekehrt zu den uralten Malstätten unter ragender Esche den schlichten ungefügen Männern in Bärenfell und Büffelhaut zur Annahme die Verträge vor, die zu Rom die schlauen Herrscher geschrieben hatten. Unsere thörichten Helden daheim verstanden gar nicht, sie zu deuten. Aber der Königssohn, der Edeling, der sie mitgebracht, empfahl ja so warm die Annahme! Er wies die Geschenke vor, die er vom Imperator für sich, seine Gefolgen, für die Weiber daheim von der Imperatrix erhalten hatte. Er meldete, wie, wenn wir nur wollten, gar bald die römischen Händler Wein und viel bessere Waffen denn die unsern, und kostbarere Gewande in das rauhe Sumpfland tragen würden, wie die Legionen selbst – für uns! – Straßen durch die Wälder bauen, Brücken über die Ströme schlagen, kunstvolle Gräben von Fluß zu Fluß ziehen wollten. Aber sie erzählten auch, wie schon jetzt auf dem Markt zu Rom, unter hochgewölbten Marmorbogen, auf eherner Tafel zwischen den Namen der Völker, die der Imperator aus seinen Verbündeten am höchsten ehre, auch der Name der Friesen und der Bataver prange. Und sie riefen – und sie sprachen wahr dabei! – es gebe nicht Glanz, nicht Gut, nicht Lustgenuß auf Erden, den sich nicht ein tapfrer Mann im Dienste Roms gewinnen möge. Und dabei standen umher, auf ihre Schilde vorgebeugt, und mit offnen Augen und Ohren, staunend und lauschend, die guten Thoren mit den Riesenleibern und den Herzen von Knaben. Sie betasteten des Redners römische Brünne, sie schlürften aus den mitgebrachten Krügen den feurigen Trank: – und zu Hunderten, zu Tausenden bald drängten sie sich in den Waffendienst des Imperators und all' unsere Gaue schlossen Verträge von Frieden und Freundschaft und Waffenbund mit Rom. Und siehe da, es war und ward alles – im Anfang! – wie Rom versprochen. Die Legionen kamen in unsere Waldsümpfe, bauten Straßen, pfeilgerad, wölbten stolze Brücken, fällten die ungeheuren Eichen unserer Haine, schleppten Steine und Erde herbei, bauten befestigte Lager mit Graben und Wall und wir halfen eifrig mit, – gegen reiche Bezahlung – und als alles fertig war, siehe, da lag auf unsrem Land ein unabschüttelbares Netz, ein Joch von Stein und Erz. Durch unser und der Friesen Land, von unsern Wegweisern geführt, drangen Drusus und dessen Nachfolger Jahr um Jahr über den Rhein gegen die noch freien Germanen. Für Rom haben gar oft unsere wasservertrauten, schwimmfrohen Jünglinge Weser und Elbe und die Flüsse auf der britannischen Insel durchschwommen. Und als vor zwei Menschenaltern jener große Cherusker, von Wodans Geist beseelt, so viele Völker da drüben fortriß zu sieghafter Erhebung, als der erschrockne Imperator zu Rom im Geist dies Gallien schon überflutet, Italien bedroht sah, da, als den Welschen alles wankte: – da blieben wir getreu! Und doch, Chlogio, war deine Mutter, die hohe Frau, die Schwester des Cheruskerhelden selbst! Aber dein Vater Chariovald und Donarbrand, mein Vater, hielten fest am Bundesvertrag mit Rom. Ja, als Germanicus kam, zu rächen Varus und die Legionen, da durchschwammen unsere Reitergeschwader die breite Weser, wo sie in reißendsten Wirbeln kreiselt, und dort fiel, von cheruskischen Wurfsperen, Chariovalda und unserer Edelinge Blüteschar. Fern in Britannien, im Sumpfe der Dém\ĕten, liegt mein Vater: – er fiel für Rom, Und wenn Claudius Civilis das linke Auge fehlt ...« »Auf daß er auch hierin Wodan gleiche,« fiel der Jüngling ein, zu Civilis emporblickend. »So hat er es für Rom verloren durch einen Silurenpfeil.« Civilis zuckte die Achseln. »Wir übten von jeher die Pflicht der Heldenschaft,« sprach er kurz. »Und was übte Rom?« schrie Brinno wild. »Verrat und Treubruch! Wie an allen Völkern so an uns. Ja, im Anfang freilich, solange noch nicht fertig gewölbt war das Joch, – da hielten sie die Verträge. Aber jetzt – wie treiben sie es jetzt? Nicht wie Verbündete, wie Knechte behandeln sie uns! Ihre Legaten, ihre Tribunen sättigen sich an uns des Raubes und, sind ihre himmelschreienden Frevel nicht mehr zu bemänteln, ziehen sie davon, abgelöst durch frische Plagegeister. Du seufzest, Chlogio, denn du kannst es nicht leugnen. Durch Vertrag steht die Zahl der Krieger fest, die wir zu stellen haben: aber sie haben in den letzten Jahren ausgehoben – mit Gewalt! – soviele sie nur auftreiben konnten. Und das Allerscheußlichste – man kann es nicht aussprechen vor der heiligen Flamme des Herdes! – unsere schönen Knaben, bevor sie waffenreif, führen sie davon in ihre Lager, ja bis nach Rom und verführen oder zwingen sie – den keuschen Göttern zum Entsetzen! – zu ihren scheußlichen Lastern. Und als Zeichen ihrer Herrschaft über uns – wie über die ganze Erde! – pflanzen sie überall, wohin sie dringen, ihre goldnen Adler auf, die so stolz und sicher auf ihrer Querstange ruhen, wie der Adler ihres Donnergottes neben dessen Thron. Wie ich sie hasse, diese Adler, die Götter der Legionen! Kaum halt' ich an mich, sehe ich sie daher schweben, der hochmütigen Gewaltherrn hochmütig Wahrzeichen. Ob ich wohl je im Leben einen solchen niederraffe mit dieser Hand? Dann wollt' ich gerne stracks damit nach Walhall fahren. Es war von jeher unser Ruhm und Stolz, daß wir nur Heldendienst, nicht Schatzung, leisteten: sie erheben aber jetzt Tribut und Steuern von uns wie von den lange geknechteten Galliern, von unserem kargen Sumpfland wie von ihren reichsten Provinzen in Asia. Der Steuereinnehmer, der Pfänder, treibt dem Freimann das letzte Rind von der Weide und reißt der Frau den Bernsteinschmuck vom Busen. Wollen wir's noch länger dulden? Wollen wir wirklich Sklaven Roms werden wie Syrer und Juden?« »Nein, wir wollen's nicht!« rief Ulemer, den Mantel zurückwerfend und alle stimmten ein: – bis auf Civilis. Der Jüngling zu seinen Füßen sprang auf von der Stufe des Hochsitzes, auf welcher er gekauert. »Nein,« schrie er gellend, »Einer will's auch nicht! Tot schlägt er sie, alle! So!« Und er schmetterte einen dröhnenden Schlag auf den Estrich der Halle: so stark war der Streich, daß sich die Faust abdrückte in dem harten Lehm. Erstaunt sah Sido auf den jungen Riesen mit den herrlichen Gliedern, dem schönen Antlitz und dem stieren, unheimlichen Blick. Brinno aber sprach voll Mitleids: »Ja, mein armer Bruder! Der Stolz unserer Sippe nicht nur, des ganzen Gaues! Auch ihn – auch ihn hat Rom vernichtet!« »Wie das?« forschte der Gast mit teilnahmvollem Blick. »Es ist rasch gesagt, das Scheußliche. Ein Weib – eine gallische Römerin, versteht sich! – ein Eheweib – und das wieder versteht sich bei Römerinnen! – entbrannte in Verlangen nach dem Jüngling, weiß wie Paltar, gliederstark wie Donar. Er wandte ihr den Rücken und schüttelte vor Ekel das trotzige Gelock. Da kaufte sie um schweres Geld von einem gallischen Zauberweib einen Liebestrank und goß ihn bei dem nächsten Mahl zu Xanten in seinen Wein. Wehe! Liebe konnte der Sud dem Keuschen nicht in das Blut zwingen: – aber er nahm ihm den Verstand. Schaum auf den Lippen, sprang er auf von den Tischen und tanzte grell lachend im Saal umher. Seit der Stunde ist er nicht mehr – wie er war. Oft redet er ganz irr. Aber freilich, du solltest ihn einmal hören – du harfender Held! – Harfe schlägt er, und Liedstäbe findet er noch so trefflich, – ja ergreifender denn je. Die greise Zauberin – nicht das Römerweib! – ergriff Reue über ihre That: als sie zu sterben kam, ließ sie mich rufen und gestand mir alles. Von ihrem Lager hinweg flog ich in die Villa des Statthalters: – denn seine Gattin war die Vergifterin: – ich hätte sie erwürgt mit dieser Hand: aber sie war Tags zuvor entflohen mit einem Gladiator.« »Hieß sie nicht Lucretia?« fragte Sido. »Mir ist, ich hörte von ihr, als mich der Vater nach Rom schickte, die verzögerten Fahrgelder zu holen. Sie ward dort die Buhle eines Kaisers, dann seines Feldherrn ...« »Hie ja, Lucretia!« lachte der Irre. »Sehr schön! Augen wie Kohlen, Haar wie die Nacht, wogende Brüste. Aber giftig wie die Tollkirsche. Einer mag sie nicht küssen. Wo ist sie – die blonde Göttin – mit dem Stern auf der Stirn?« schloß er verträumt, wieder wie suchend in die Ferne blickend. Brinno nickte: »Jawohl. Sie ist die Schwester des schönsten Weibes in Gallien.« »Also – wie mir alle Leute rühmen,« – sprach der Königssohn, »der Claudia Sacrata, der Gemahlin eines Druiden?« »Der Druide,« lächelte Brinnobrand, »ist ein guter Mann. Er schenkte mir einmal einen persischen Apfel. Aber innen war er faul, – das heißt der Apfel.« »Ergrimmt dich nun nicht, o Civilis,« fragte Ulemer, »dieser römische Frevel!« – »Hat der römische Staat ihn vergiftet?« erwiderte dieser kurz. – »Du meinst,« fuhr Brinno auf, »was nur mich, was nur die Meinen angeht ...« – »Nicht doch. Was, von einem Weib gefrevelt, einen einzelnen traf, darf nicht ...« – »Hei,« unterbrach ihn der Zornige und blies in den vollen Bart, »wärst du dieser einzelne, – du sprächst anders.« – »Nein, Brinno. Und du weißt das!« – »Ja, ich weiß es! Vergieb,« bat der Riese gutmütig. »Ich bin nun einmal ein –« »Flammenkopf. Nicht umsonst heißt ihr von Geschlecht zu Geschlecht von Brennen und Brand und nicht umsonst ist euer Ahn der rote Donnergott« erwiderte Civilis mit einem Lächeln, das dem durchgeisteten Antlitz gut ließ, und drückte die dargereichte Hand des Freundes. IV. »Du kannst es nicht leugnen, Civilis,« begann Ulemer der Friese, »wir alle leiden seit lange schweres Unrecht von Rom.« »Deshalb,« entgegnete dieser, »haben wir, nach Beschluß des letzten Alldings, Gesandte an den Imperator geschickt – darunter meinen Bruder – uns zu beklagen. Brinno hat uns viel geschadet durch unvorsichtige Worte, durch Drohungen. Man bezweifelt am Tiber unsere Treue, man besorgt einen Aufstand, man –« »Man hat ein schlechtes Gewissen!« warf Brinnobrand plötzlich dazwischen mit einem Blick schärfster Einsicht. »Ganz wie Lucretia beim Festmahl! Als ich sie – nach dem Feuertrunk – rasch ansah ... sie konnte es nicht aushalten.« »Wie klug er sprechen, denken kann! Nicht?« meinte Brinno und strich mit der Hand über das Gelock des Bruders, der herangetreten war, ihm das Horn vollzuschenken. »Und deshalb,« rief Ulemer Civilis zu »hast du sogar deinen eigenen älteren Knaben als Geisel nach Rom geschickt – freiwillig!« – »Sehr edel und sehr thöricht,« schalt Brinno. – »Nicht thöricht. Denn ich werde Rom die Treue halten.« – »Immer?« – »Ja immer! Bis Rom – merke wohl, nicht ein Römer. – Rom uns die Treue bricht und die Verträge.« – »Sie sind aber schon gebrochen!« rief Brinno. »Von schlechten Beamten Roms, nicht von Rom! Deshalb ja habe ich – mit meinem Bruder – all' unsere Beschwerden zusammengestellt – viele Rollen hab' ich vollgeschrieben – und sie zusammen mit der Urschrift unserer alten Verträge nach Rom gesandt. Sobald man dort meine Worte gelesen, wird man uns zu unserem Rechte verhelfen.« »Ich wünschte,« grollte Brinno, »man verwürfe deine Klagen ungelesen. Dann kommen wir doch los von Rom.« »Und dann, kurzblickender Held, und dann?« sprach Civilis verweisend. »Schau' doch um dich! Blicke doch über den Rhein, auf unsere Vettern da drüben! »Barbaren« nennt der Römer sie mit Recht. Und dann schau' auf uns! Wenn unsere Hallen nicht mehr rohe Bretterhütten, unsere Gefäße nicht mehr aus handgekneteter Erde, unsere Mäntel nicht mehr Wolfsfelle, unsere Waffen nicht mehr weidengeflochtene Schilde und im Feuer gehärtete Stangen sind, wenn unsere Edelinge in der Sprache Roms schreiben ...« »Und denken!« unterbrach Brinno, »Ja, leider! Ich aber verwünsche Marmorhalle und goldgriffig Schwert und Falerner. Schaue du um dich hier in dieser Halle: ist's hier nicht wohnlich? Und kein Stück römischer Arbeit siehst du! Denn das sind die Künste, mit welchen sie die Gallier zu dem gemacht haben, was sie sind. Freilich nicht mehr Barbaren! Aber noch viel weniger Römer: ein Gemisch von beiden, von gallischer Eitelkeit und römischer Üppigkeit, aber nicht von römischer Kraft und Zucht. Sollen auch wir ein solch' ekler Brei werden, weder echte Germanen noch echte Römer? Haben sich nicht auch in unser Volk schon eingefressen, wie römische Künste, so römische Ränke? Deine eigene Sippe ... doch ich schweige! Ich will dich nicht betrüben.« »Verachte mir die Gallier nicht zu sehr, Brinno,« warnte Ulemer. »Gar volkreich sind ihre weiten Lande. Und feige – wahrlich – sind sie auch nicht! Viel können sie uns helfen, stehen sie zu uns. Sie sollen Großes planen.« »Ja,« lächelte Civilis, »aber sie reden zu viel und zu laut davon, um es zu schaffen. Nein, Ulemer! Von allem, was Brinno gesagt, wiegt am schwersten, was er über die Gallier gesagt hat. Aber gerade dies Geschick – die Knechtung durch Verrömerung – das sollen ja die Verträge von uns abwehren, die heilig beschworenen. – Brinno hat recht: besser bleiben wie die Überrheiner als werden wie die Gallier: die schlechten Nachahmer und zugleich die Sklaven Roms. Gallien aber, o Freund Ulemer, wird nie mehr den Galliern gehören.« »Was soll daraus werden?« »Römisch wird es! Oder, wenn die Landnot, der wachsende Mangel an Ackerboden, die Unsrigen über den Rhein drängt, vielleicht einmal germanisch. Wenn wirklich jemals Rom uns unterjochen wollte wie diese Gallier, dann ...« Er stockte. »Nun, was dann?« drängte Brinno. »Dann, bei Arminius, der jetzt aus Walhall auf uns niederschaut!« – sein graues Auge loderte – »dann sollte Rom an mir einen Feind erleben, wie es keinen mehr bekämpft seit jenem Hannibal und eben seit Armin! Aber was ereifre ich mich! Mein Ohm, mein Vater, der Bruder und ich: – das Werk unseres Lebens haben wir gebaut auf Rom und eher fließt der Rhein zu Berg, als daß Rom das Vertrauen täuscht. Bald sind unsere Gesandten zurück und ...« Da erscholl von draußen her wüster Lärm. Man vernahm in der Halle vom Walde her auf der mit Knütteln belegten Straße den Hufschlag mehrerer eilend nahender Rosse. Hier und da klirrte eine Waffe. Jetzt hörte man deutlich rufen – in der Mundart der Bataver –: »Hilfe! Zu Hilfe, Brinno! Hilfe, Brinnobrand!« Wirt und Gäste ergriffen die an die Wand gelehnten Speere oder rissen die Kurzschwerter aus den Wehrgehängen und stürmten aus der Halle durch den Vorderhof ins Freie hinaus. Da sahen sie zunächst an dem etwas erhöhten Saum des Waldes zwei römische Reiter auftauchen: – afrikanische Bogenschützen waren's aus Numidien: sie stutzten und hielten die Gäule an, wie sie die Überzahl gewaffneter Männer aus dem Gehöft ihnen entgegeneilen sahen: doch bevor sie Kehrt machten und im Walde verschwanden, schossen sie noch ihre langen Bogen von den Hörnern der Antilope ab auf einen vor ihnen fliehenden Reiter, der in dem niedriger liegenden Vorland jetzt erst in den Gesichtskreis der Helfer trat: der Flüchtling trachtete offenbar, mit letzter Anstrengung seines keuchenden Tieres den Hofzaun zu erreichen. Beide Schüsse trafen. Roß und Reiter stürzten wenige Schritte vor dem Thor: je einer der armslangen Rohrpfeile hatte das Pferd durch die Mähne in den Hals, den Reiter zwischen die Schultern getroffen. Die Männer sprangen hinzu und zogen den Wunden unter dem heftig umherschlagenden Hengst hervor. »Katwald! Wie? Du! Von Römern verfolgt?« fragte Civilis. »Wer ist es?« forschte der Markomanne. »Seines Bruders Schildträger,« erwiderte Brinno, während er, von Brinnobrand unterstützt, den Wankenden langsam in den Hof führte. »Was ist mit meinem Bruder? Meinem Sohn?« »Tot sind sie beide!« stöhnte der Verwundete. »Dein Bruder hingerichtet, dein Knabe – weh!« »Bei allen Göttern!« rief Civilis. »Was ist mit Childerich?« »Er hat sich selbst getötet, scheußlicher Gewalt zu entgehen.« Da schrie der Vater laut auf, fuhr mit beiden Händen in sein ergrauend Haar und stürzte besinnungslos nieder auf das Antlitz. V. Geraume Zeit darauf saß Civilis – lange hatte seine Betäubung gewährt – in der Halle neben dem Schilflager des Wunden. Brinno hatte den Pfeil mit kundiger Hand herausgeschnitten, Brinnobrand den Erschöpften mit Wein und Speise gelabt, die andern Gäste standen in düstrem Schweigen umher. Da hob Civilis an: seine Stimme war, wie der Ausdruck seiner Züge, stark verändert – er schien plötzlich um Jahre gealtert: ganz langsam sprach er, jedes Wort erwägend. »Katwald, vielgetreuer! Du sollst nicht reden. Nein! Schone dich! Nur mit dem Kopfe nicken! Ich will selbst – all' das Unglaubliche, was du vorher – vom Schmerz gequält, – aus den zusammengebissenen Zähnen hervorgestoßen hast – ich will es selbst – kurz – wiederholen; du nicke nur: »ja« oder schüttle, wenn ich falsch verstanden, den Kopf. Aber, o Katwald – ich beschwöre dich! – gieb genau acht! bejahe nichts, was nicht unzweifelhaft geschehen ist! Denn – beim Schwert Armins! – an deinem Kopfnicken hängt das Geschick eines Volkes – mehr als Eines Volkes! Ströme von Blut entfesselt ein Wort von dir oder hemmt sie. Du verstehst?« »Ich verstehe,« stöhnte schmerzlich der Wunde. »Auch ihr andern – hört auf jedes meiner Worte und achtet auf sein Ja oder Nein. – Also! – Ihr alle – mein Bruder, – mein Sohn, – die drei andern Edelinge – und das Gefolge, ihr gelangtet glücklich nach Rom. Ja? Ihr mußtet lange warten bis ihr einen Freigelassenen, – Nein? – Einen Sklaven also! – des Imperators Vitellius zu sprechen bekamt. Und ihr hattet doch gemeldet, Gesandte der Bataver seid ihr? Ja? Also das wußte man? Habt ihr auch den Imperator gemahnt, wer ihm die letzte, die blutige Mordschlacht – dort zu Bedriacum bei Cremona – wider jenen Otho gewonnen hat? Endlich erhieltet ihr Gehör, aber nicht bei Vitellius selbst, bei seinem Bruder und dem Präfectus Prätorio. – Doch erst, nachdem ihr bei dem Gastfreund meines Bruders viele tausend Sesterzen aufgenommen, um die Thürhüter des Präfectus, ja um diesen selbst zu bestechen? Bei dieser Unterredung war auch noch zugegen ein Legat: – wie hieß er? O bitte. Mann, stirb nicht, ehe du mir diesen Namen noch einmal genannt!« »Mummius Lupercus!« sprach der Wunde laut. »Mummius Lupercus!« wiederholte Civilis grimmig, aber ganz leise. »Ich kenn' ihn.« »Aus dem britannischen Feldzug,« rief Brinno. »Erinnerst du dich, Chlogio? Ein Lüstling, aber ein tapfrer Mann.« Civilis nickte schweigend und fuhr fort: »Der Legat fand sofort Gefallen an meinem schönen Knaben. Er lobte dessen weiße Haut, dessen weiche Wangen. Er versprach Verwendung für unsere Sache bei dem Imperator. Er lud Childerich ein – ihn allein – zu gleichalterigen Gespielen – in seine Villa bei Tibur. Mein Sohn aber faßte Widerwillen gegen den Menschen. Er schlug es aus. Ihr wurdet entlassen. Wieder hattet ihr lange zu harren auf Bescheid. Endlich wurdet ihr alle in das Palatium abgeholt von einem Tribun mit gewaffnetem Ehrengeleit. Im Vorhof wurden die Gefolgen aufgehalten. Mein Bruder, mein Sohn, die drei andern Edelinge wurden vor den Imperator – vor den Imperator selbst! – geführt. Da waren der Legat und der Präfectus Prätorio. Und Vitellius der Imperator – nun gieb acht, Katwald! denn nicht meines Bruders, meines Knaben Blut – dieses ist das Ärgste! – Der Imperator selbst erklärte mit eignem Mund: alle Verträge mit uns hebe er auf. Barbaren seien wir, besiegte, also rechtlose Barbaren und hätten hinzunehmen, was immer Rom uns auferlege. Nicht? Mich aber, den Verfasser jener frechen Schrift, die auf unser Recht poche – er zerriß sie dabei, nicht wahr? – mich hättet ihr in Ketten auszuliefern: mein Haupt müsse fallen: die Majestät des Imperiums habe ich beleidigt. Und als mein Bruder und die Edelinge zorngemut erklärten, jedes Wort in dieser Schrift sei auch ihr Wort, da befahl der Imperator – er selbst! – sie in Fesseln zu schlagen, in den Kerker zu werfen und auf den Tod anzuklagen vor dem Senat. Und so geschah's. Und sie sahen euch nur noch einmal wieder, als sie über den Hof geführt wurden – in Ketten. Mein Knabe aber ward als Geisel Mummius Lupercus – zur Bewachung! – übergeben. Er nahm ihn – von vielen Kriegern umschart, – mit in sein Stadthaus. Du jedoch, treuer Katwald, folgtest, von weitem dich nachschleichend, durch den Säulengang. Und bald darauf hörtest du sein Hilfegeschrei und – oh, oh« – »Halt ein, Mann,« rief Brinno, »das kann kein Vater sprechen. – Und plötzlich ward in einem hohen turmgleichen Eckbau von innen ein Laden aufgerissen und herab stürzte sich auf das Pflaster des Marmorhofs der Knabe und zerschmetterte sich das schöne Haupt und sagte dir sterbend, das Scheusal habe ihm die Freiheit versprochen und goldene Schätze, wolle er teilen des Römers schändliche Laster und Childerich habe ihm in das Antlitz geschlagen: da habe der Wütende sich auf ihn gestürzt, er aber habe den Tod gewählt.« »Mein Sohn, mein lieber Sohn!« stöhnte Civilis noch einmal. Dann richtete er sich rasch auf und fuhr fort: »Und von seiner Leiche hinweg bist du geflohen, deine Genossen wieder aufzusuchen und mit ihnen in die Heimat zu eilen. Da hast du schon meines Bruders und der drei andern Gesandten Häupter aufgepflanzt gesehen auf den Eisenzacken des tarpejanischen Kerkers. Und hast gesehen, wie die Henker die kopflosen Rümpfe an langen Haken in den Tiber schleiften und wie die römischen Dirnen ihren Scherz trieben mit den nackten Leichen und sie schamlos verstümmelten. Das alles hast du gesehen, scharf gesehen, Katwald? Schwör's bei den Göttern!« »Ich schwör' es bei Wodan!« wiederholte der Wunde und hob matt die Schwurhand. »Nun, Freund«, rief Brinno, losbrechend und den in dumpfen Schmerz Versinkenden an der Schulter rüttelnd, »um Blutrache wider Rom schreien zu dir Bruder und Sohn! Rufe die Bataver zum Kampf! Ist's noch nicht genug?« »Nein,« erwiderte Civilis, sich langsam aufrichtend, »dafür ist es nicht genug. Das traf nur mich, mein Haus, verübt von einem Frevler und einem – vielleicht – wahnwitzigen Mann im Purpur des Imperators. Ich werde ihn suchen, diesen Lupercus. Ich werde in Rom Senat und Volk befragen, ob« – »O teurer Herr,« unterbrach Katwald, »sie haben schon geantwortet. Ich habe ja noch nicht alles berichten können.« »Was? ... Was noch weiter?« »Als wir, in römische Mäntel gehüllt – der Gastfreund gab sie uns, auf daß wir leichter entkamen, – uns noch einmal auf den Platz vor den Kerker schlichen, die Häupter unserer Herrn zum letztenmal zu sehen, da drängte dort alles Volk durcheinander, erwartungsvoll. Und plötzlich schmetterte die Tuba und aus den Thüren des Palastes neben dem Kerker trat auf die oberste Stufe der breiten Marmortreppe ein Aufzug in Gold und Waffen gleißender Männer und ein Herold – oder so was dergleichen – verlas aus einer Rolle laut vor allem Volk: »der Senat von Rom hat beschlossen und der Imperator hat bestätigt, was hier – angesichts jener blutigen Häupter – verkündet wird dem Volk von Rom: null und nichtig sind die Verträge mit den Völkerschaften der Bataver und Kannenefaten, der Friesen, Sugámbern und Gugérnen. Durch kecke Auflehnung wider das Reich der Römer haben diese Barbaren jedes Recht verwirkt, nur durch unbedingte Unterwerfung unter die Gnade Roms können sie noch das Schicksal von ihrer aller Häuptern wenden, das diese vier getroffen, die, unter dem Anschein einer Gesandtschaft, die Empörung ihrer Völker zu vertreten gewagt. Sprich, Volk von Rom, bist du einverstanden mit Imperator und Senat?« Da schrie alles Volk vom Knaben bis zum Greis: »So sei's! so sei's! Heil dem Imperator! Heil dem Senat! Wehe den Barbaren!« Und wieder schmetterte die Tuba, der glänzende Aufzug verschwand, die Tausende aber um uns her sprangen und schrien und schlugen in die Hände. Hätten uns die Rasenden erkannt, – nicht lebend wären wir entronnen. Wir flohen glücklich aus der Stadt und gelangten unversehrt in die Heimat. Aber es scheint, ein Befehl, uns aufzufangen, war uns vorausgeeilt: vor wenigen Stunden hielt uns an der Brücke über die Nabália ein Geschwader numidischer Reiter an und der Führer fragte uns aus, woher und wohin? Nach unsern ersten Antworten winkte er den Seinen, uns zu greifen: wir stoben auseinander. Was aus meinen Gefährten ward, – ich weiß es nicht. Mir setzten zwei der Reiter nach bis – bis hierher.« Erschöpft verstummte der Mann und sank zurück auf das Lager. »Er mag von Glück sagen,« flüsterte Brinno, »sie waren vom zweiten Geschwader, mit den roten Helmbüschen.« »Was meinst du?« fragte Sido – »Die vom ersten – mit den schwarzen Roßschweifen – führen Pfeile, die unfehlbar töten, ob auch langsam, sobald sie nur die Haut geritzt.« Civilis aber sprang nun auf: düstere Glut barg sein Auge. Er streifte vom Finger einen goldenen Ring, – nur widerstrebend wich dieser von der altgewohnten Stätte – legte ihn auf den Herdstein, nahm Brinnos Hammer, den der an den Pfeiler gehängt, herab und schmetterte mit Einem Streich den Ring in viele Stücklein. »Was that er? Was bedeutet ...?« fragte der Suebe. – »Es war der Ring der römischen Ritter,« erwiderte Ulemer, »der Imperator Claudius hat ihm denselben angesteckt.« – »Ja, nach unserm Sieg über die Siluren,« ergänzte Katwald, sich auf den Ellbogen stützend. – »Heil uns,« jubelte Brinno, »Nun ist er endlich unser. Jetzt, Gott Donar, reiß' ihn vorwärts.« »Noch nicht Donar,« sprach Civilis heiser, tonlos, verhalten. »Erst beim Losbruch. Jetzt – noch lange! – leite mich ein anderer. Jahre-, jahrzehntelange Verblendung, – ich mache sie gut. Ich schwör' es! Ich lasse wachsen Bart und Haar, bis – bis ich ein stummes Gelübde erfüllt. Du aber, Gott der gerechtesten, weil der widervergeltenden Arglist, durchhauche mich mit einem Atem deines Geistes, du – Wodan von Walhall!« VI. Wo im grünen Lande der Brukterer die Lippe unter tiefsten Urwaldschatten murmelnd dahinrauscht, da stieg, nahe dem linken, dem südlichen Ufer in schwindelnde Höhe eine uralte, riesige Esche. Die trug, im Kreis um den Stamm gefügt, ein gar seltsam, ein geheimnisvoll Gezimmer. Erst fünfzehn Fuß von der Erde – bis dahinauf waren die Äste beseitigt, – begann der luftige Verschlag, in zwei Stockwerke gegliedert. Wagrecht über die Seitenäste hin in dieser Bodenhöhe waren rings um den mächtigen Stamm, den fünf Männer nicht umklaftern mochten, dünne Bretter gelegt und gefestigt: sie bildeten den Fußboden des ersten geräumigeren Geschosses. Fünfzehn Fuß über dem Boden dieses untersten Stockwerks war in gleicher Weise ein zweites, schmaleres, nicht so weit von dem Stamm herausragend angebracht, in das man von dem ersten auf einer leichten Leiter hinaufstieg: die Öffnung in dem Boden des zweiten, auf der Ostseite des Stammes, durch eine Drehscheibe schließbar, verstattete das Hindurchschlüpfen nur einer schlanken Gestalt. Fünfzehn Fuß über dem Boden des zweiten Geschosses senkte sich das Dach, dicht an den Stamm gezimmert, nach Nord, Süd und West steil schräg ab, über das untere Stockwerk vorspringend, den Regen außerhalb desselben ablaufen zu lassen. Noch weit über das Dach ragte der Wipfel des mächtigen Baumes in die Wolkenhöhe: unsichtbar verlor er sich hier: denn die Gipfeläste der niedrigeren Nachbarn schlossen ihn von dem Blicke des am Fuße Stehenden ab: nur der Adler, die ziehenden Wolken und die wandernden Sterne schauten des Baumes geheimnisumrauschtes Haupt. Aber auch in die beiden Stockwerke drang – unverstattet – kein Blick. Dichtes Segeltuch, dunkelgelb und dunkelrot in dem ersten, lichtgrün und dunkelgrün in dem zweiten Geschoß, an Schnüren an den Ästen hinlaufend und leicht zu- oder aufzuziehen, verhüllte das Innere oder ließ, nach Wunsch zurückgeschlagen, Luft und Licht einfluten. Der Aufstieg zu dem unteren Gezimmer mochte auch nur durch die von oben herabgelassene Leiter geschehen: war diese aufgezogen, konnte der nicht zu umklafternde und ästelose Stamm nicht erklettert werden. So bildete der mächtige Baum nicht nur eine luftige Wohnstätte, auch eine Burg, deren Bewohner wider deren Willen nicht zugänglich waren. Die weitausgreifenden Wurzeln tränkte die Esche in einem schmalen Quell, der, hier ganz nah ihrem Fuß, aus dem dichten samtweichen Waldmoose quoll und eilfertig und leise raunend unter nickendem hohem Farrnkraut seinen Weg suchte gen Südwesten nach dem nahen Fluß, der von dem Baum aus deutlich zu überschauen war. Hier, an der Lippe, lag auch die einzige menschliche Siedelung weit und breit. Freundlich lugte unter breitkronigen Linden ein stattlich Gehöft hervor, zu dem offenbar auch die Kähne gehörten, die, an dem linken Ufer an Weidenstümpfen festgebunden, auf dem ziehenden Wasser schaukelten. In einem kreisrunden Abstand von dreißig Schritten war der Raum um die Esche umgürtet, umfriedet: eine weiße, fingerdicke, zierlich aus Hanf geflochtene Schnur, in Brusthöhe um die Stämme der Bäume oder, wo diese fehlten, um schlanke, in die Erde gestoßene Speerschäfte geknotet, hegte dies Gebiet als ein geweihtes ein: freilich war dadurch der Zutritt nur demjenigen gesperrt, der diese Abwarnung in frommer Ehrfurcht heilig hielt. Aber solche Scheu schien in der That alles Störende fern zu halten von der Stätte des Weihtums. Tiefer Friede, heiliges Schweigen waltete ringsherum. Kein Schall menschlichen Lebens drang hierher. Trug der Baum in seinem Gezimmer einen Bewohner, mußte auch der sich wohl gar still verhalten: denn – das bezeugten die Spuren in dem weichen Moose und dem Sand an dem Quell – gar häufig wagten sich auch die scheuesten Tierlein des Urwalds in die Umhegung, die, von Menschen fast nie betreten, das köstlichste Waldgras nährte und die würzigsten Kräuter. So auch an dem frühesten Morgen dieses aufdämmernden Sommertages. Noch war der leuchtend helle Glanz des Morgensterns nicht überstrahlt von dem Tageslicht, noch überzog den ganzen Himmel ein nahezu farblos Helldunkel, ein unbestimmtes Grau: nur ganz leise zog sich im fernsten Osten ein noch kaum sichtbarer schmaler, aber langgestreckter Streif von fahlem Blaßgelb hin: – des Frühlichts erster Strahl. Allmählich, langsam stieg der Streif höher und höher. Nichts schien sonst geändert. Aber doch! Während in den letzten Stunden der lauen Nacht nicht die leisesten Lüftchen sich gerührt, die schwarzgrünen ernsten Wipfel der Baume regungslos emporgestarrt hatten, auch an deren äußersten Ästen, als ob sie den Schlaf der Menschen und der Tiere geteilt, weckte jetzt ganz sacht von Osten her ein kühler Windhauch die Schlummernden. Er küßte zuerst wach die kleinsten, die noch hellgrünen jungen Blätter der Buchen, daß sie, scheu lispelnd und wispernd, hin und her nickten: es kam jenes geheimnisvolle leise tönende Erzittern der Luft, welches, sanft schwingend, das erste Aufsteigen des Sonnenlichts begleitet. Auch der schmale Waldquell am Fuße der Esche kräuselte unter diesem Hauch seine bis dahin spiegelglatte Fläche: schneller glitten und lauter die kleinen Wellen über die glatten Kiesel in seinem Rinnsal, über das dunkelgrüne Moos der Ufersäume. Wärmer, kräftiger ward nun das zuerst so bleiche Gelb im Osten: schon ward es leise von einem zarten Rot durchglüht: – der Morgenstern erlosch darin. Jetzt schoß der erste Lichtstrahl, einem leuchtenden Speere vergleichbar, durch das duftige Gelbrot und traf vergoldend von unten nach oben die höchsten Wipfel der Bäume des Urwalds. Da erwachte, vom stärkern Wehen des Morgenwinds geschüttelt, auf dem schwanken Ast der höchsten Eiche an dem Strom, wo er für die Nacht aufgebäumt hatte, ein Adler: ein Flußadler war's: er schüttelte zuerst das braune Gefieder, hob dann die mächtigen Schwingen und strich ab mit langsamem, majestätischem Flügelschlag der aufsteigenden Sonne entgegen: wie Silber blitzten, von unten her von dem Lichte getroffen, die innen weißen Schwungfedern: mit lautem schrillem Ruf »Ka-i, ka-i« begrüßte er, die kühle Morgenluft einsaugend, das junge Licht und das eigne erneute Leben. Das blieb der einzige Laut für lange Zeit. – Denn erst, nachdem die Sonne so hoch gestiegen war, daß ihre Strahlen von oben her auf die Heide trafen, die den äußersten Saum des Waldes gegen den Fluß hin begrenzte, durchdrangen sie die hohen in starkem Tau glitzernden Halme, unter die sich bei dem Einfallen der ersten Abendschatten verstummend die schlanke Heidelerche geduckt hatte: jetzt stieg dies liebe Vöglein, der Frühwach, der Weckherold der ganzen beschwingten Sängerschar, sein helltöniges Lied feierlich orgelnd, freudig in die blauen Höhen. Nun folgten sie bald nach, die andern alle: die Feldlerche, die Wachtel in dem wogenden Spelt jenes nahen Gehöftes, Waldrotschwanz und Zaunkönig, Laubvogel und Ringdrossel, Fittis, Fink und Häher: von der heiligen Esche selbst aber tönte das Gurren des wilden Taubers herab. Jetzt fielen von der nächsten Buche die Schalen von etlichen Eckern dumpf aufschlagend auf das weiche Waldmoos: ein Fauchen, ein Kollern, ein Huschen und Jagen in dem heftig schwankenden Gezweig: ein brandrotes und ein schwarzbraunes Eichhorn stritten um den Morgenimbiß. Dann wieder: – alles still. – – Nach geraumer Weile rauschte es in den dichten Büschen tief im Innern des Waldes: abgefallene dürre Zweiglein, auf dem hier von harten Wurzeln überzogenen Boden knackten, zerbrachen unter festem Tritt: aus der Tiefe des noch dunkeln Gehölzes kam langsam ein Sprung Rehe gezogen: drei Ricken waren es mit je einem Rehkälblein: genau hielt der Zug den gewohnten schmalen Wechselsteg ein, den sich das Wild hier durch das Gebüsch von Hasel, Hartriegel und Hagebuche gebahnt hatte. In zögerndem, bedächtigem Vorschreiten führte die älteste, stärkste Ricke: zierlich hob sie den linken Vorderlauf hoch auf vor jedem neuen, prüfenden Schritt: den schlanken Hals zurücklegend, reckte sie die Nase hoch und sog schnüffelnd die Luft ein, windete erst, dann äugte sie nach allen Seiten: zumal, bevor sie den Schutz des letzten Buschwerks verließ und in die sonnenbeschienene Lichtung austrat, sicherte sie nochmal: nichts entging ihr: nicht das hurtige Ziesel, das pfeilgeschwind über die Knorrwurzel der Esche dahinschoß, nicht das leise Auffallen jener Bucheckerschalen auf das Moos, ja nicht der dunkelbraune Käfer mit dem geweihartigen Gehörn, der surrend auf die Rinde einer morschen Eiche flog: erst nachdem sie die Harmlosigkeit des Gesehenen und Gehörten festgestellt, setzte die Leiterin den Fuß nieder und trat, die achtsam folgenden führend, wieder einen Schritt vor; nun standen sie alle im Sonnenschein: wie glänzte da das kurze rotbraune Sommerhaar! Seltsam: die ausgespannte Schnur hatte sie nicht gescheucht: ohne Besinnen waren sie darunter hindurch geschritten. Und sie schreckten nun auch nicht, als auf der Esche ein Geräusch entstand: die Seitendecken des oberen Gezimmers wurden laut vernehmbar zurückgeschlagen. Nur Einen Blick warf das Leitreh dorthin, dann schritt es getrost weiter an den Quell: denn hier pflegten sie sich morgens zu tränken. Ruhig blieben sie an dem klaren Wasser stehen: – nur manchmal hob das eine oder andere Stück zutraulich den Kopf nach oben, dem Schalle zu, als nun hoch von dem Baume her, durch die Stille des Urwalds hin, durch die kühle, reine Morgenluft ein silbernes Klingen wohllautend erscholl: – Harfensaiten waren das. Und nach einigen Griffen sang eine jugendliche hellklingende Stimme: – feierlich, weihevoll schwebte der keusche Ton wie von Höhen des Himmels hernieder: »Andacht und Ehrfurcht Euch allen entbiet' ich, Gütige Götter! Wieder mit Wonnen Des labenden Lichtes Habet ihr Hohen Selig gesegnet Alles, was atmet: Dank euch in Demut! Schützet und schirmet Auch fürder in Frieden Der breit-brünnigen Bruktrer Freudiges Volk! Mir aber, euerer dienenden Maid, Ihr Ew'gen, erhaltet, Gehegt und gehütet Im hehlenden Herzen, In Weh und in Wonne, Euer und mein heilig Geheimnis. – Laßt mich noch länger, Meinem Volk und den fernen Freunden zum Frommen, Erschauernd in Ehrfurcht, Ahnend erraten Euern ewig Weise waltenden Willen Und für die zögernde Zukunft Richtenden, rächenden Ratschluß. Willfährig euch Waltenden Will sich Weleda weihn!« Noch einmal ertönten hier in mächtigerem Anschwellen als zuvor, unter vollen starken Griffen, die Saiten der Harfe: – nun verstummten sie, leise nachzitternd: hoch auf horchten am Quell mit gereckten Häuptern die Rehe. – – – VII. Kaum war der letzte Ton der schwingenden Saiten verschwebt, da glitt auf der nun niedergelassenen schmalen Leiter den Stamm der Esche herab eine weiße Gestalt. Eine Jungfrau war's, schlank, hochragend, stolz. Sie hob das weiße, von dünnen Fäden matten Goldes durchwirkte langfaltige Wollengewand leicht mit der Linken in die Höhe, wie sie über das stark betaute Waldgras dahinschwebte zu der Tränke der Rehe. So leise sie auftrat, – die wachsamen Tiere merkten den nahenden Schritt: sie hoben wieder die Köpflein von der rinnenden klaren Flut: aber sie schreckten nicht: die meisten blieben ruhig stehen und begannen aufs neue sich zu tränken: die führende Ricke aber und ihr Kälblein trabten der Kommenden entgegen und suchten schnuppernd nach ihrer offenen Rechten: sie hielt ihnen die Handfläche hin und um die Wette leckten die roten Zünglein das eifrig begehrte Salz, das die Hochragende, das Haupt neigend, ihnen darbot. Nachdem die Tiere des Gewürzes sich gierig erlabt, – auch die übrigen waren allmählich herangekommen und hatten die Spenderin umdrängt – scholl plötzlich aus der Ferne, von der Flußseite her, der schätternde Warnruf des Tannenhähers, des »schwarzen Markwarts, der gar scharf der Waldmark wartet und mißtrauisch – zum Ärger des Jägers – jeden Nahenden vorverkündet: gleich darauf hastete der scheue Vogel raschen Flügelschlags über die Lichtung hin in das Dickicht des Urwalds. Sofort, bei dem ersten Häherruf, setzte sich der ganze Sprung Rehe in Bewegung: mit hohen langgestreckten, weitausgreifenden Sätzen flüchteten sie gen Süden, woher sie gekommen. Leicht flogen die Alten über das gespannte Seil hinweg, die Jungen schossen darunter durch: noch nickten und schwankten die obersten Äste der Haselbüsche und schon waren die Raschen weit hinweg, in dem dunkelnden Tiefholz verschwunden. – Die Jungfrau erhob das Haupt und blickte scharf aus nach Westen, woher der Warnvogel aufgestiegen war. Zwar stand die Sonne hinter ihr: allein der Wiederschein der Strahlen von den weißen Stämmen der Birken und hellrindigen Buchen war so grell, daß er blendete; sie hob daher die linke Hand über die Augen und spähte unverwandt. Noch währte es geraume Zeit, bis auf dem schmalen Waldsteig, der von dem Gehöft an dem Flusse hierher führte, zwei Männer sichtbar wurden. Sie mußten hintereinander schreiten; der schmale, durch das Dickicht gehauene Pfad bot nicht Raum für zwei, Schulter an Schulter. Sowie der Vorderste aus dem Gebüsch auf die Lichtung hervorgetreten war, ließ die Einsame befriedigt die Hand sinken und ging dem Nahenden langsam entgegen. Nun erschien der zweite auf der Waldwiese: einen Augenblick hielt die Jungfrau inne: sie strich mit der Hand über die weiße Stirne: – sie zögerte, aber gleich darauf schritt sie wieder fürbaß, so ruhig wie zuvor; auf einem moosigen Steine, der aus dem Wasser ragte, stieg sie über den Quell auf dessen linkes Ufer. Jetzt erst traten aus dem dichten Tannicht noch zwei Gestalten, ein ganz junges Mädchen und ein dritter Mann. Noch vor dem ersten der Nahenden hatte die Jungfrau die Umschnürung erreicht: sie löste die Knoten an einer jungen Erle: langsam glitten die beiden Enden der weißen Schnur zur Erde, den Eingang freigebend. VIII. Der vorderste der Ankömmlinge blieb gleichwohl ehrerbietig stehen, bevor er in das geweihte Gehege trat. »Willkommen, Welo!« sprach die Jungfrau ermutigend. »Den Göttern und Weleda willkommen: du und« – sie zögerte, dann schloß sie mit leiserem Ton – »und alle, welche du bringst.« Dem jungen Mann schoß Glut in die Wangen, als er nun, über das Seil hinschreitend, vor sie trat. »O Weleda, – du und die Götter, ihr seid eins,« sprach er. »Oft mein' ich, du bist aus Asgardh herniedergestiegen in Menschengestalt. Aber irgendwo an geheimem Ort – etwa auf deiner Esche da oben? – hast du dein Schwanenhemd geborgen und urplötzlich entschwebst du uns wieder mit rauschenden Schwingen. Bitte sie, daß sie uns bleibe, Civilis.« Die Jungfrau richtete nun die großen stahlgrauen Augen voll auf den zweiten ihrer Gäste. Civilis schritt vor und sprach, ihr ruhig die Rechte hinstreckend: »Ja, wir bedürfen dein.« Sie faßte schweigend seine Hand und schüttelte sie kräftig. »Wie zwei wackre Kriegsgenossen,« dachte Welo, der den Blick nicht von ihr ließ. »Aber auch schon darum preis' ich ihn glücklich.« Nun war auch das junge Mädchen herangekommen. »Weledamarka!« rief die Jungfrau erfreut. Sie legte beide Hände auf die Schultern der zierlichen Gestalt. »Wie selten zeigst du dich, mein heitrer Sonnenstrahl!« Die Kleine, etwa sechzehn Jahre alt, reckte sich hoch in ihrem lichtblauen kurzen Leinenkittelchen, das oberhalb der Knöchel endete, griff mit beiden Händen in die Höhe, faßte so Weledas Kinn und streichelte es zärtlich. »O du! – Wer darf sich oft in deine Nähe wagen?« Jetzt war auch der hinter dem Kinde Schreitende zur Stelle, er erschaute nun ganz nahe die Jungfrau. Da zuckte er: ohne ein Wort zu finden, beugte er ehrfurchtsvoll das behelmte Haupt und drückte die Rechte auf die Brust. Weleda erwiderte seinen ehrerbietigen Gruß mit einer Handbewegung, welche auch ihn willkommen hieß, wandte sich und schritt mit Weledamarka voran in der Richtung auf die Esche. Allein der Fremde zögerte: er vermochte nicht, zu folgen. Welo bemerkte es, und die Mädchen mit Civilis vorausgehen lassend, trat er auf jenen zu. »Was ist dir, Sido? Traf dich Elbengeschoß?« Aber der Suebe schüttelte den Kopf. »Das,« – sprach er langsam, mit dem Finger deutend – »diese dort! – ist kein irdisch Weib!« »Doch! Meine Base! Meines eignen Vatersbruders Kind. Aber freilich – anders ist sie als alle andern. – Komm, du kannst nicht einwurzeln hier.« Nur langsam folgte der Fremde. »Als ihr Auge mich traf,« – begann er leise – »wie ein blitzender Stern! – drang der Blick mir bis in den Grund der Seele. Wehe, wer vor dies Auge träte, Unreines in seinen Gedanken! Er müßte vor Scham vergehen. – Und jener Mund – so streng, so stolz wie Friggas Lippen und doch wie Freias Lippen so wonnig! Und schau' nur dies Haar! Wie es, von dem Wirbel frei herabflutend, über Nacken und Schultern und Rücken weit über den Gürtel bis an die Kniekehlen reicht! Nie sah ich solche Farbe. Gold vergleichen wir sonst das lichte Gelock unserer Frauen: aber dies ist ja fast weiß, so sonnenhell! Und welch' kräuselnd Geriesel in dem weichen Gewoge! Und die schlanke jungfräuliche, königliche Gestalt! Und der schwebende Schritt! Einer Welle vergleichbar rauscht sie heran und schwebt sie hinweg. Und –« »Laß ab, Suebe! Du reizest mich, du ergrimmst mich mit deinen beredten Worten, ohne es zu ahnen. Ich, ... auch ich sehe das alles, sah es, seit – seit ich kein Knabe mehr bin! All' meine Gedanken weilen ja bei ihr: – unablässig! – Bei diesem wunderbaren Mädchen, mir so nah an Blut, so nah an Wohnsitz auch und doch so unerreichbar fern wie Freias Stern!« »Du hast ihr's nie gesagt?« »Weleda – ein Mann von Liebe sprechen!« »Nun, sie ist doch nicht Priesterin! Und wäre sie's – erst vorige Sunnwend hat die Priesterin der Tansana sich vermählt. Nichts steht im Wege.« »Das freilich nicht! Allein – schau' sie nur an! Wer darf sich ihrer würdig achten? Ihr Auge – ich möchte es nicht sprühen sehen, spräche ihr einer von Kuß und Umarmung! – Sie! – Ich glaube der Götter einen trägt sie im Herzen: der mag ihr oft wohl nahen in ihrer Waldeseinsamkeit. Denn daß sie fühllos, – glaub' ich nicht! Zuweilen, wann sie sich unbeachtet glaubt, seh' ich ihr Auge, dies stolze kühle Auge so verträumt blicken, so sehnend, so –« »Ich schlag' ihn tot, der sie gewinnt!« brach der Suebe los. »Das wäre zunächst mein Recht, des Muntwalts der früh Verwaisten,« lachte Welo. »Aber ich sorge, uns beiden käme zuvor – ein dritter.« »Wer? – Sie spricht so eifrig mit Civilis dort: – der etwa?« »Behüte! Der denkt nur an sein Volk, und jetzt an Rom und Krieg. Er hätte ja längst werben können um sie. War sie doch die nächste Freundin seines Weibes, das sie getreu gar lange Zeit gepflegt in seiner Halle. Jahrelang ist er schon Witwer. Beide denken nicht daran.« »Nun, wer sonst?« – »Brinnobrand!« – »Der Narr?« – »Nenn' ihn nicht so! Und darin vollends ist er kein Narr, der arme Junge. Er hat sie geliebt, bevor er das Gift trank. Und was alles auch sonst der Trank ihn vergessen machte, – nicht dies Gefühl. Und er hat eins – mit dir gemein! – was mir fehlt,« schloß er seufzend. – »Das ist?« – »Das Lied! Die Kunst des Sanges. Jawohl! Man weiß, Königssohn, daß du vor andern trefflich Liedstäbe findest: – das that, das thut auch jetzt noch – obzwar oft wirr und kraus, – Brinnobrand. Schau, als du vorhin so rasch von ihr geredet: – ich beneidete dich darum. Ich fühl's, ich seh's, ich trag' es umher – all' das! – bald fünfzehn Winter lang und kann's nicht sagen: und du siehst sie zum erstenmal und triffst die rechten Worte für sie!« »Aber sprich – wie kann sie – hier – mitten im Walde – leben?« – »Ich sorge für sie. Ich und die Schwester. Wir tragen ihr – von Zeit zu Zeit – zu, was sie braucht,« – »Jedoch – dies unvergleichbar schöne Weib – einsam – in dieser Wildnis – ohne Schutz?« »Kein Römer kann,« erwiderte Welo – »von Westen her – auf viele Meilen nahen, ohne daß unsere Späher an den Grenzhagen es merken und eilfertig nach rückwärts in die Gaue melden. Und der Mann – von Germanengeblüt! – lebt nicht, der an Weleda die Hand zu legen wagte! Nicht in die Umhegung tritt ein Fuß, ohne ihr Verstatten! Jeder würde fürchten, von den Göttern sofort niedergestreckt zu werden.« »Aber die wilden Tiere? Bär und Auerstier und Wolf?« »Noch nie ward sie bedroht. Sie scheuen die weiße Schnur. Die Götter fügen's wohl. Auch würden wir im nahen Welhof ihr Notzeichen hören: den Schlag der Axt an das Gezimmer auf dem Baum.« »Jedoch im Winter –?« Welo schüttelte den Kopf: »Erst, wann Paltar siegreich eingezogen in den Lippe-Gau, zieht auch sie zu Walde. Und mit den fallenden Blättern ihrer Esche steigt auch sie herab.« »Und dann? Lebt sie einstweilen, du Glücklicher, unter dem Dache deiner Halle!« »Daneben. Wenige Schritte davon ragt ein alter Turm, wohl als Spähwarte einst von den Ahnen gezimmert, den Fluß hinabzuschauen. In diesem Turme verbringt sie die rauhe Zeit, ebenso einsam, wie auf dem Baume die milde. »Und that sie immer so?« »Doch nicht. Erst seit sie sich ganz dem Dienst der Götter geweiht. Seit zwei, drei Jahren. – Aber schreite nun rascher aus: Civilis winkt: wir sollen hören, was das Ergebnis seiner Zwiesprach mit der Seherin. IX. Alsbald ließen sich nun auch Welo und der Markomanne neben den andern nieder auf einer der schlichten Holzbänke, die nahe der Esche im Halbkreis gezimmert standen um einen mächtigen runden Tisch: das war ein Eichenstamm, wagerecht durchsägt und bedeckt mit einer schwarzen Schieferplatte, die mit einigen alten Schildnägeln in dem Holz befestigt war. »Dies ist er, von dem ich dir gesagt,« sprach Civilis, »Sido, der Sohn Garibrands, des Markomannenkönigs, in dem fernen Bajuhemum.« »Willkommen, Kampfgenoß!« nickte die Jungfrau. Er errötete; dann strich er rasch über die heiße Stirn und sprach.' »Oh Jungfrau, wie gerne würd' ich's werden! – Allein ...« »Du weißt noch nicht, ob dein Vater, dein Volk, bisher mit Rom in Frieden, wann du nun zurückkehrst in König Garibrands Halle, dir beipflichten, dir folgen werden? Nicht wahr, das wolltest du einwenden? Ich aber sage dir Jüngling: sie werden dir willfahren! Neben Batavern und Brukterern werden die Sueben kämpfen. Schon seh' ich dich: an des Civilis Schildseite stehst du: – du hebst den Speer zum Wurf: – er fliegt, er trifft – und der Centurio fällt.« Sie sprach, ohne einen der Anwesenden zu beachten: zwischen ihnen durch in weite Ferne schien sie zu blicken. Erschauernd schwieg der Jüngling: das Herz schlug ihm gewaltig. »Wahrlich,« sprach Civilis, »der Geist der Weissagung spricht aus der wunderbaren Maid. Sie schaut das Künftige, ja, sie hört, was geschieht in der Ferne. Ich wollte ihr berichten, was wir in Brinnos Halle beschlossen: – sie aber unterbrach mich gleich und sie – Sie! – erzählte mir, was dort geschehen!« »Ja, sie weiß alles!« rief mit leisem Grauen Weledamarka. »Nicht Wodan selbst weiß Alles!« erwiderte sie kopfschüttelnd. »Wer alles wüßte – alles! – der müßte wohl dran sterben« sprach sie langsam und traurig vor sich hin. »Nur Einzelnes – Stückhaftes – Trümmerhaftes ahn' ich, errat' ich,« fuhr sie nun wieder lebhafter fort. »Ist wahrlich nichts Wunderbares daran! Ich meine, alle Menschen müssen also erraten können, steigen sie nur – wie ich – in der Stille der Einsamkeit nieder in die Tiefe der Seele!« Sie verstummte nachdenklich. »So war sie schon als Kind,« bestätigte Welo. »Oft hat's mein Vater erzählt. Abseit der andern spiele sie, wanderte weit im Wald umher oder saß allein am rauschenden Fluß auf dem schaukelnden Nachen, im nickenden Schilf: – sah und sann.« »Ja. Und gar Manches erriet ich und errate ich so, was die andern nicht finden in dem Lärm des Geredes um sie her, oder auch in der Hast und Hitze der eignen Seele, die so Vielerlei begehrt. Ich – ich begehre – für mich – nichts. Ich lege, soll ich ein Kommendes erraten, mir still zusammen in meinen Gedanken, was ich von dem Gewesenen weiß, von den Ursachen: dann schließ' ich die Augen und frage mich scharf: »Welch' Bild von dem Kommenden schaust du? Was wird nun werden?« Ach! Oft und oft versagt mir die Antwort! Aus wogenden, ziehenden Nebeln, aus grauen Schatten will kein Bild aufsteigen, faßbar dem Blicke. Zuweilen aber schießt mir die Glut aus dem Herzen in die Stirn, mir pochen die Schläfe, es ergreift mich, dieweil ich erbebe, der Gott, und ich schaue ganz klar, was in der Ferne geschieht, was in der Zukunft geschehen wird.« Alle hatten mit Ehrfurcht zugehört. »Ja,« sprach Civilis, »etwas Heiliges, etwas Weissagerisches wohnet im Weibe. Näher als der Mann steht ihr zarter, reiner Sinn dem Himmel: ahnungsvoll erfassen sie der Götter Willen und des Schicksals Weben. Welche aber von allen Mädchen oder Weibern, die ich kenne, gliche Weleda an Reinheit und Hoheit der Seele, ihr, der nie irdischer Wunsch das Herz bewegt hat? Deshalb nicht wie Mann dem Weibe nahe ich dir mit meinen Gedanken, wann du mir fern, oder mit den Augen, wann du vor mir stehst. Nein, wie wir aufschau'n zu den Sternen, die, wunderklar, doch kühl und fühllos, auf uns hernieder leuchten.« Die Jungfrau senkte die langen blonden Wimpern. Nach einer Weile begann sie mit kaum merklichem Lächeln: »Nun, diesmal war es nicht schwer, zu erraten, was in Vrinnos Halle geschehen. Ich kenne dich seit vielen Jahren, Claudius Civilis. Viel tiefer kenn' ich dich als du dich selbst. Denn stets nur in deines Volkes Heil versenkt, hast du dir nie Zeit gegönnt, dich selber zu erforschen. Ich aber hatte Zeit genug dazu, viele Winter, in deinem Haus, in langen Nächten, am Lager der Kranken, als deines armen Weibes Pflegerin. Und später manchen langen Sommertag hier in der Einsamkeit meiner grünen, leise rauschenden Wipfel, Ich kenne dich wie – wie nur die Götter noch dich kennen! Und auch den einzigen, den großen Irrthum deines Lebens: deinen Glauben an Rom! Viele Stunden, wache Nächte lang habe ich dir diesen Wahn bekämpft ...« Verwundert sah Civilis auf. »Nicht laut! Nicht in Worten mit dir streitend – ich mit dir ! wie könnte das geschehn! – Aber unablässig in meinen stillen Gedanken. Und ich wußte lange, wie alles kommen mußte. Denn ich wußte ja: dein Höchstes – ja dein alles – auch schon bevor Imma starb! – was allein dich erfüllt, ist dein Volk. Und ich wußte auch: einst erkennst du der Römer wahres Wesen. Denn Rom zu erraten und zu hassen« – hier blitzte ihr graues Auge zornig, drohend auf – »das haben mir die Götter als Angebinde in die Wiege gelegt.« Staunend fragte der Fremdling: »Aber erkläre mir! Wie kommt es, daß du, die Jungfrau, die fern von den Kämpfen, auch von dem Rate der Völker lebt, so tiefen, ahnungsvollen Haß gegen Rom hegst, so alldurchschauendes Mißtrauen auch in die Freundesworte Roms, während andere – Männer, des Krieges und des Rates, Männer, welche die Stadt am Tiber selbst kennen gelernt ...« Er stockte. »Sag' es nur, Freund,« sprach Civilis, »während Claudius Civilis sich jahrzehntelang verblenden ließ. Sie ist überlegenen, männlichen Geistes!« »O wahrlich nicht!« rief Weleda schmerzlich. »Ich, männlichen Geistes – dir überlegen? Welch unmöglich Wort! – Nein, der Haß, der Argwohn, die böse Ahnung haben sehr einfachen Grund. Ich war ein Kind von sieben Wintern – das sind nun achtzehn Jahre. – Mein Vater hatte kurz vor dem Feste der Göttin Ostara mit den Römerfeldherren zu Asburg nach langen Kämpfen als Richter seines Gaues – des Lippe-Gaues – Friede geschlossen: feierlich, bei ihren Göttern Jupiter und Mars, vor ihren Adlern, hatten die Legaten ihn beschworen, wie die Unsrigen bei Wodan und Tius auf ihre Waffen. Ein fröhlich Fest vereinte zum erstenmal nach vielen Jahren banger Kriegszeit in der Ostaranacht die Edelinge und die Richter unseres Gaus und der Nachbargaue in des Vaters Halle. Da plötzlich – nach Mitternacht – wir Kinder schliefen längst – furchtbarer Waffenlärm, die Tuba schmettert, Schreie der Wut, bald der Schmerzen gellen in unser Ohr, schon schlägt Flammenschein in unser Schlafgemach, die Mutter, meine ältere schöne Schwester und meine beiden Brüder, noch nicht waffenreif, und ich fliehen aus der Tennenthüre in den Wald; aber weithin leuchtet die Lohe unseres brennenden Hauses; es ist von Reitern umstellt, rasch haben zwei davon uns eingeholt: nach der Schwester, nach der Mutter greifen sie zuerst, bei den Haaren wollen sie die Schreienden mit fortschleppen, die beiden Knaben fallen den Gäulen in die Zügel, – ach! vor unseren Augen werden sie erstochen, die Schwester wird fortgeschleppt, der Mutter gelingt es, sich loszureißen, sie faßt mich am Arm und wir entkommen in den Wald. Den Vater hat der Legat – ein treuer Knecht, der schwerwund, für tot, neben ihm niederfiel, hat's uns berichtet! – mit der eignen eidbrüchigen Hand auf unserer Schwelle erschlagen. Die Mutter flüchtete hierher, zu ihren Gesippen, den Welingen. Hier zog sie mich auf: – und in welchen Gedanken, in welchem Gedenken! Im Haß gegen Rom. Öfter als alles andere hörte ich sie die Geschichte jener Nacht voll Flammen und Mord mir und den andern erzählen. Sie ließ mich Haß und Rache schwören gegen Rom. Es war von Überfluß! Im Traum und Wachen sehe ich die Flammen aus unserem First schlagen, die Knaben blutend stürzen, die Schwester am Haar neben dem Rosse dahingeschleift, ich höre ihr jammerndes Wehegeschrei mitten durch das dumpfe Siegesgeschmetter der Tuba. Ah, ich seh' und hör' es jetzt und ich erbebe: nicht vor Schmerz mehr, nein, vor Zorn.« Sie schwieg, heftig atmend, und ihr stolzer Busen wogte. »Und so überragte,« klagte Civilis, »das Mädchen jahrelang den reifen Mann!« »Daß aber in der Stunde solcher Erkenntnis in dir aufwachen werde der schlummernde Wodan: – das wußte ich auch. Und als mir nun von seiner Fähre her Welo die Nachricht brachte, – er hatte einen Amsivaren übergesetzt, der aus römischem Solddienst in die Heimat zurückkehrte – was am Tiber geschehen war, wie sie die Verträge zerrissen, – da wußte ich auch, was in Vrinnos Halle Civilis thun werde, sobald er das vernahm.« »Ja,« sprach dieser nachdenklich vor sich hin, »du kennst mich gut.« – »Wen sollte Weleda kennen, wenn nicht dich? Wer sollte dich kennen, wenn nicht Weleda?« – »Und du billigst alles, was ich that?« – »Du mußtest thun, wie du gethan.« »Und nicht wahr,« rief Welo lebhaft dazwischen, »wir werden siegen?« Mit großen Augen, unwillig fast, sah die Jungfrau ihn an. »Unnütze Frage!« – »Warum unnütz?« – »Weil ihr doch thun müßt, wie ihr thatet, thut, thun werdet, auch wenn's euch vorbestimmt ist, darüber unterzugehen.« »Das ist ein dunkel, ja ein düster Wort!« erwiderte Welo, die dunkelblonden Locken schüttelnd. »Die Zukunft ist dunkel, Vetter. Nur einzelne Blitze – zuweilen – erhellen davon der Seherin ein Stück. Kämpft, weil ihr müßt, – siegt, wenn ihr könnt.« Sie stand erregt auf; alle erhoben sich. Civilis trat mit dem Mädchen ein paar Schritte zur Seite. »Mir genügen diese deine Worte,« sprach er. »Aber den andern? Der Menge? Soll dieser Suebe daheim nicht Helleres, Siegfreudigeres aus Weledas Mund berichten? Willst du nicht die Runenlose werfen? Es wäre gut, der Markomannen Speere zu gewinnen.« Sie nickte. »Dazu bedarf's der Runen nicht. Sparen wir die Fragen an die Götter für die Not. Nicht oft wollen sie ausgeforscht sein. Am rechten Ort, zur rechten Stunde werde ich damit nicht zögern. Die Sueben aber ...« Sie brach ab und schritt, Civilis winkend, ihr zu folgen, zu den übrigen. »Du hast alles gehört,« sprach sie laut, »Sido. Du bist, rühmt man, ein Harfner, bist ein Sänger. Der aber ist kein Sänger, der kein Held.« »Dank, Jungfrau, für dies Wort!« mit leuchtenden Augen rief er's. »Wohlan, wollen die starken Markomannen uns allein ringen lassen wider Rom? Glaubt nicht, ihr seid sicher, weil ihr ferne wohnt. Das fressende römische Feuer, – wie Waldbrand in dürrem Holz wird es auch euch ergreifen, sind die vordersten Stämme den tötenden Flammen erlegen. Austreten muß man sie, bevor sie Raum gewinnen.« »Das sind nicht Mädchenworte,« sprach Civilis, »das ist Königsweisheit.« »Euch ruft die eigne Gefahr,« fuhr Weleda lebhafter fort, »und lauter noch die Ehre, die Heldenpflicht! Wollt ihr müßig unseren Kämpfen zusehen, weil ihr – noch eine Weile! – sicher seid? Du hast's gehört: ich sah auch dich in dem Bilde, das Wodan mir enthüllte: neben Civilis standest du – es flog dein Speer – er traf. Sprich, Harfner, Königssohn, – willst du Weleda Lügen strafen?« Flammen blitzten ihre Augen auf den Jüngling. Da warf sich der leidenschaftlich, hingerissen, vor ihr nieder auf ein Knie, riß das Schwert aus dem Wehrgurt, reckte es hoch gen Himmel und rief: »Dein ist mein Volk, wie dieses Schwert! Ich schwöre: ich bringe dir die Markomannen.« X. In der Stadt Langres, – damals Andematûnum? – dem Hauptort der gallischen Völkerschaft der Lingonen, ragte als das stattlichste Gebäude der Tempel des Apollo Grannus hervor, einer – nach der Sitte der Zeit in jener Provinz – aus römischen und keltischen Vorstellungen zusammengewachsenen Gottheit des Lichtes. Wie der Gott selbst zeigte seine Verehrung, sein Dienst und sein Tempel eine aus jenen beiden Bestandteilen zusammengesetzte Mischung. Das Gebäude, errichtet auf einer mäßigen Anhöhe, ziemlich in der Mitte der von hohen Mauern umschlossenen Stadt, stellte sich zunächst dar als ein griechisch-römischer Monópteros: auf mehreren Stufen stieg man hinan zu nur Einer langgedehnten Stellung jonischer Säulen von weißgelbem Marmor aus den Brüchen der Pyrenäen –: dieser Vorbau erwies sich aber bald als neu hinzugefügter Schmuck: der Tempel selbst, auf der Krone des Hügels, paßte recht schlecht zu solch edler Einführung: es war ein kreisrunder, ziemlich enger, aus schlecht gebrannten Ziegeln, ja aus rohem verhärteten Lehm ungefüg aufgetürmter, hoher, turmähnlicher Bau, ohne Dach, gegen Regen und Schnee nur durch Lederhäute, die man wagerecht darüber spannen konnte, zu schließen, mit wenigen, schmalen Ritzen in den Wänden, die statt der Fenster dienen sollten: es mußte ziemlich dunkel sein in dem Heiligtum, das sich finster und barbarisch von den edeln hellenischen Säulen abhob. Unschön und außer Verhältnis zu dem engen, steil aufsteigenden Hauptgebäude dehnten sich, zu beiden Seiten, unmittelbar darangebaut, ziemlich niedrige Nebenräume in die Länge: das Wohnhaus des Oberpriesters, die Kammern, in welchen die Geräte für den Gottesdienst, die Ställe, in welchen die Opfertiere, auch der Kerker, in welchem die zum größten, heiligsten Opfer bestimmten Menschen verwahrt und gehütet wurden. So roh und plump das Haus des Oberpriesters von außen erschien, – ein garstiger Lehmbau, vielfach mit eingefügten Ziegeln geflickt: seltsam nahm sich darauf in fingerdicken Goldbuchstaben die Inschrift aus: »dies sind die Wohnungen des gottähnlichen Oberdruiden« – die Innenräume prunkten in römischer Einrichtung mit reichem, nur allzureichem Schmuck. Das barbarische Unmaß, der alte keltische Ungeschmack, der in der Übertreibung bunten gleißenden Flitters, in der wahllosen Vergeudung der edlen Metalle, der teuersten Stoffe sich gefiel, hatte hier schrankenlos gewaltet. In dem niedrigen Speisesaal hatte der Hausherr wenige vertraute Freunde zum Abendschmause versammelt. Die Wände des viereckigen Raumes waren bekleidet mit dem kostbaren synnadischen Marmor, dem »Pfauenstein« weiß und veilchenfarbig gefleckt, wahrend die kurzen dicken Säulen, welche die getäfelte Decke von undurchsichtigem kameenartig geschliffenem weißem Glase trugen, aus honigfarbenem asiatischem Alabaster ziemlich plump gehauen waren. Ein starker Duft schwerer Weine und allzuvieler um die Säulen gewundener und über die Kissen verstreuter Blumen zog lastend durch das Gelaß: darein mischte sich der Dunst von indischem Räucherwerk, das man, anstatt in wenigen Körnern, mit vollen Händen auf die deshalb trüben Flammen der brennenden Kandelaber aus Elfenbein mit flachen Schalen von Schildpatt gestreut hatte. Die Gesichter der Versammelten glühten, von erhitzenden Weinen gerötet: die Epheukränze um die Schläfe schienen wenig geschützt zu haben vor den Kräften des Bacchus. Am wenigsten erregt war der Hausherr, ein Mann von noch nicht sechzig Jahren. Er hatte das safrangelbe, von Gold, Silber, Perlen und bunten Edel- und viel zahlreicheren Halbedelsteinen strotzende Priestergewand auch bei diesem vertraulichen Schmause nicht abgelegt: es barg, so weit es flutete, kaum den mächtigen, aber viel mehr fettgepolsterten als muskelkräftigen Körper. Die geistlosen großen Züge waren gedunsen: die glanzleeren Augen mußten sich anstrengen, einen schärferen Blick zu werfen. Aber dies geschah oft, zu oft: denn offenbar hatte der Oberpriester eine ganz ungemein hohe Meinung von sich selbst und seiner Wichtigkeit für das Weltall: und es war wahrlich nicht seine Schuld, wenn die übrigen Sterblichen diese Meinung nicht teilten. Denn jede seiner Bewegungen ward – auch jetzt, auch hier – feierlich ins Werk gesetzt, das geringfügigste Wort ward so nachdrucksvoll gesprochen, als bringe es eine zukunftsvolle Weissagung und die armen, tief in den fetten, glattgeschorenen Wangen steckenden Augen wurden dann gewaltsam aufgerissen, ohne doch dadurch, wie sie sollten, bedeutsamer zu blicken. Die Kahlheit des dicken, runden, kurzen Kopfes verbarg sorgfältig ein Kranz von Mistelblättern aus dünnen Goldblechen, die bei jeder Bewegung laut, aber mißtönig – »scheppernd« – aneinanderschlugen. Ihm zunächst auf der mit dunkelroter Halbseide überzogenen Kline lag ein Mann von etwa dreißig Jahren, dessen dunkelbraunes künstlich gekräuseltes Haar so süßlich nach Chiossalbe roch, daß die ihm gegenüber ruhende Hausfrau das Antlitz jedesmal zur Seite kehrte, so oft er sich ihr näher zuwandte. Seine Gewandung trug ein seltsam Gemisch von kriegerischem Gepräng und von Stutzerhaftigkeit. Die weichen Sandalen von indischem Gewebe, an der Verschnürung über dem Rist von Perlen zusammengehalten, mochten sich wundern über die Nachbarschaft von ehernen Beinschienen, die freilich auch sehr sein gebildete korinthische Arbeit aufwiesen und offenbar mehr zum Schmuck als zum Schutze dienten. Mitten im tiefsten Frieden trug der Held einen reich versilberten Römerhelm mit stolzgebogenem dräuendem Kamm: ein Medusenhaupt prangte auf dem Stirndach und der Busch von grellrot gefärbtem Roßhaar war nur allzu fürchterlich geraten. Er hatte den Helm beim Eintritt auf dem Kopf behalten – verlängerte er doch erheblich die kaum mittelgroße Gestalt – und erst später auf ein Polster gelegt; der kriegerische Busch roch nach derselben süßlichen Salbe wie sein Haar. Der zweite Gast, etwas jünger als der Hausherr, nahm es mit der Aufgabe des Schmauses offenbar ernster als die übrigen: ja, er setzte denselben auf eigne Faust fort. Während die zahlreichen buntgekleideten Sklaven die Eßschalen und die Trinkgeräte hinaustrugen, war es diesem Dickbäuchigen gelungen, unbeachtet einen mächtigen Silberkrug schwarzroten Weines, einen Schildpattbecher und eine Pastete mit gemästeten Drosseln auf dem Estrich hinter seinem Ecksofa zu bergen; und wahrend die andern sich in das Gespräch vertieften, vertiefte er sich, listig schmunzelnd, immer wieder in Speis' und Trank; die klugen Augen blinzelten lustig in die Welt und der wohlgebildete Mund, dem ein überlegenes witziges Lächeln gut stand, war offenbar gewohnt, nicht nur Feines mit Behagen zu speisen, auch mit Behagen Feines zu sagen. Den drei Männern gegenüber lag auf einer alleinstehenden Kline nachlässig, verführerisch hingegossen ein prachtvoll schönes, beinah zu üppiges Weib. Nicht eben viel von den schwellenden Formen, von dem milchweißen Fleisch verhüllte das reiche Gewand aus dunkelgelber Vollseide von »Sina«. In der Mitte des Busens schloß es ein handbreites Geschmeide von glühend roten Rubinen, während eine Kette der gleichen Steine den vollen Hals und Nacken umzog. Das starke, etwas dickfädige Haar von tiefstem Schwarz war gegen den Wirbel hinaufgekämmt und bildete hier einen hohen turmartigen, nach oben sich verjüngenden Aufbau; eine Schnur glänzend weißer Perlen durchzog das dunkle Geflecht, das, fiel von den ragenden Standleuchtern das Licht der Fackeln darauf, wie Rabenfittiche ins Dunkelblaue, ins Schwarzblaue zu schillern schien. Das berauschend schöne Weib lehnte den linken Ellbogen auf die Seitenwand der Kline, von deren Veilchenfarbe ihr Gewand sich leuchtend abhob, und stützte das mächtige Haupt in die offene Hand. Der weiche, sehr volle Oberarm war von den fingerdicken Windungen einer gediegen goldenen Schlange mit Diamantaugen viermal umschlungen. Der Anblick der stolzen Frau war überwältigend. Schade, daß der Ausdruck des Gesichtes dies prachtvolle Geschöpf weder gut noch glücklich erscheinen ließ. Auf der niedrigen flachen Stirn war – vor der Zeit – eine leise Falte eingegraben zwischen den streng regelmäßig geschwungenen schwarzen, nur ein wenig zu dichten Brauen, die Flügel der starken geradlinigen Nase zuckten manchmal in nicht ganz zu verhaltender Erregung: der üppig schwellende Mund stand oft leicht geöffnet, wie in unbefriedigter Erwartung; die mandelförmigen schwarzen Augen, schwimmend in bläulichem Weiß, sahen unter den langen, nach aufwärts gebogenen Wimpern ins Leere: Keiner der Anwesenden offenbar beschäftigte den Blick oder die Gedanken – oder das Träumen? – der Schweigenden. Lang ausgestreckt ruhte ihr rechter Arm in ihrem Schoß: dies Weib litt offenbar: – wenn auch nur unter der Gleichgültigkeit gegen alle Dinge und alle Menschen, die es umgaben. So achtete sie es auch nicht, daß die Augen der einzigen noch anwesenden Frau gespannt, bewundernd auf ihr ruhten. Diese hatte sich von der Tafelkline erhoben und saß nun auf einem niederen Stuhl auf der andern Seite des Saales. Ihr Gewand war schlicht, – schmuckleer, das glanzlose Haar trug weder Geschmeide noch festlichen Kranz: unvorteilhaft zeigte sich darin die unscheinbare Gestalt: die Züge waren nicht unschön, aber auch durch nichts ausgezeichnet: nur manchmal erhielten sie einen ganz eigenartigen Ausdruck, wann sie die seelenvollen braunen Augen voll aufschlug: dann belebte sich das blasse magere Gesicht: es schien dann wie vergeistigt, wie verklärt durch ein Licht, das, sonst streng geborgen, nun sieghaft aus der Tiefe ihrer Seele brach. Nach langem stummem Betrachten des üppigen Weibes seufzte sie unhörbar: »Wie schön sie ist! O nur einen schwachen Schimmer davon! ...« Sie war so ganz in Schauen und Sinnen versunken, daß sie erschrak, als der Hausherr sie ansprach: sie errötete, das ließ dem zarten Gesichtchen gut: »Nun, Epponina? Wieder ganz bei ihm mit all' deinen Gedanken? Auch wann du meine Frau anschaust –: du denkst dabei doch nur an Sabinus.« Die Aufgestörte zuckte leise: sie warf einen raschen Blick aus den schüchternen Augen auf die Hausfrau, besorgt, wie diese die Worte ihres Gemahls aufnehmen werde. Aber sie schienen auf diese gar keinen Eindruck gemacht zu haben; kaum merkbar hob sie das volle, weich gerundete Kinn: um die aufgeworfenen Lippen zog etwas wie Geringschätzung: oder war es ein verhaltnes Gähnen? Epponina strich die schlichten hellbraunen Haarflechten zurück und schwieg. »Jawohl, Gutruat,« rief der jüngere der beiden Gäste an dem glatt gesalbten schwarzen Schnurrbart zerrend, »du hast recht. Es ist unerhört! Zehn Jahre bald ist sie sein Weib und noch immer liebt sie ihn! Ganz altmodisch! Urväterlich!« »Ja, ja,« lächelte der andere Gast, die klug geborgne, jetzt leere Silberschüssel zur Seite schiebend, »ganz Penelopeia! Aber ich besorge,« – fuhr er mit wohlwollendem Mitleid fort, – »ihr Odysseus hat schon mehr als Eine Kalypso entdeckt.« Die scheue Frau erbleichte. »Deine Mastdrosseln, o du apollähnlicher Vertrauter des Lichtgotts,« fuhr der Dicke fort und schickte dem letzten Bissen einen herzhaften Trunk Weines nach – »sind die saftigsten in ganz Gallien, Hispanien und Italien. Das Geheimnis ihrer Bereitung ist unter all' deinen Priestermysterien das wertvollste.« »Lästre nicht, Tutor,« schalt der Hausherr mit erhobnem Finger; aber er lächelte, geschmeichelt. »Ja doch,« fuhr der Gewarnte fort. »Auch dir selbst das heiligste, so will es scheinen. Beim Opfer am Altare des Grannus läßt du dich gar gern vertreten durch deine dienenden Priester: – bei der Bereitung der Drosseln fehlst du nie an dem Altare – deiner Küche.« »Du mußt immer witzeln,« meinte Gutruat. »Wenn ich nicht den Mund von Besserem voll habe als meine Worte sind. Begreiflich! Was urteilte Cato von uns Galliern? In zwei Dingen seien wir ausgezeichnet: in feurigem Kampfesmut und in witziger Rede. Da nun der Ruhm der Tréverer, dieser Classicus da, und der Stolz der Lingonen, Epponinens waffenrasselnder Gemahl, alles Heldentum – oder wenigstens dessen Gepräng! – vorweg genommen, blieb mir Armen nur der Trost meines magern Witzes und meiner fetten Mahlzeiten.« Da tönte draußen auf dem Marmorestrich der Vorhalle ein rascher Schritt. Epponinas Auge heftete sich sofort an den blauen Vorhang des Eingangs. »Ei, wie sie seinen Gang kennt! Wie sie rot wird vor Wonne!« lachte Classicus. »Auch Claudia,« meinte Tutor, »errät ihres Eheherrn Schritt. Aber sie erträgt mit mehr Fassung die Freuden seines Nahens.« Und sein Blick auf die Hausfrau war nicht sehr freundlich. »Ja, das ist Sabinus,« nickte der Priester, »er versprach, gleich zu kommen, sowie der Legat ihn entlassen.« XI. Da ward der Vorhang heftig zurückgeschlagen und hastig trat er ein, Epponinens Gemahl. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit hübschen, etwas weichen Zügen und unruhigen dunkeln Augen. Das allzu lebhafte Spiel seiner Mienen kam nie zur Ruhe und er begleitete seine Rede mit raschen Bewegungen der Hände oder einzelner Finger. Bei seinem Eintritt schlug Claudia zum ersten Mal die Augen voll auf: sie fing seinen ersten Blick: es war nicht schwer, denn dieser Blick hatte sie gierig gesucht. Tutor bemerkte das scharf: »der Lichtgott macht seine Priester blind, so scheint es,« brummte er, »und taub dazu.« Epponina hatte es klar gesehen: auf sie war kein Strahl dieser unsteten Augen gefallen. Sabinus eilte, niemand begrüßend, sofort in die Mitte des Saales. »Gutruat,« rief er, »ich habe deine Sklaven aus der Vorhalle fortgewiesen!« »Meinetwegen,« meinte Tutor, »es giebt doch nichts mehr hereinzutragen; auch wär' mir's kaum noch eine Wohlthat.« »Denn was ich – ich allein! – erkundet,« fuhr Sabinus eifrig fort, »was ich euch berichten will, was wir jetzt zu beraten haben, verträgt keinen Lauscher. Freue dich, Claudia Sacrata! Die große Stunde naht. Roma versinkt und Gallia erhebt sich im Triumph zu Freiheit, Ruhm und Macht. Das Weltall blickt auf uns!« Er sprach gar schnell und hitzig; nun drückte er die Linke auf die Brust und reckte die Rechte mit ausgespreizten Fingern in die Höhe. »Du kommst also von Hordeonius?« fragte Classicus. – »Hat er Nachrichten aus Rom?« forschte der Hausherr. »Und was für Nachrichten! Trompeten- – nein: Posaunenstöße für jeden echten Sohn Galliens!« Er schlug den scharlachroten, silbergestickten Mantel, der ihn weit umflatterte, zurück, die Arme noch freier bewegen zu können. Dabei löste sich die gemmengeschmückte Spange auf seiner linken Schulter, der Mantel glitt herab. Epponina sprang auf von ihrem Sitz, ihn aufzufangen: er warf ihn ihr zu mit einem gleichgültigen Nicken des Kopfes. »Höret also!« Er bog den schönen Kopf zurück in den Nacken: etwas Schauspielhaftes schien ihm eigen: allein es war nicht gemacht, es war für ihn die angeborne Weise des Ausdrucks. »Der alte Legat, der mir blind vertraut, ließ mich eilends rufen – deshalb, schöne Claudia, konnte ich nicht zu deinem Festmahle kommen: wahrlich, nichts geringeres als das Vaterland konnte mich so unhöflich erscheinen lassen, auf eine Einladung von dir zu zögern! – Ich fand ihn umgeben von all' seinen Heerführern. Bestürzt steckten sie die Köpfe zusammen, diese Hochmütigen. Nur Vocula schien zuversichtlich – wie immer.« »Der stolzeste von ihnen,« grollte Classicus. »Und mit Recht,« fügte Tutor bei. »Denn er ist unter diesen Römern am meisten Römer. – Wenn ich nur wüßte,« fuhr er mit sich selbst redend fort, »welche Ähnlichkeit es ist, an welche mich diese schwarze Claudia fortwährend mahnt!« »Nur ungern,« fuhr Sabinus fort, »teilte mir Hordeonius mit, was noch tiefes Geheimnis sei.« »Dienstgeheimnisse! Niemand darfst du sie verraten,« meinte der Schwachkopf.« Epponina richtete einen mahnenden Blick auf ihren Gatten: sie seufzte, man achtete nicht darauf. »In Italien, in Rom stürzt alles zusammen. Ihr wißt, wie Legion gewütet gegen Legion bei jenes Otho blutgem Untergang: zu Hügeln häuften sich die Leichen dort in der Mordschlacht bei Bedriacum. Aber auch nachdem der Fresser Vitellius den bluttriefenden Thron bestiegen, – Ruhe ist nicht zurückgekehrt. Er zittert und er hat Grund, zu zittern: überall glimmt und knistert es unter der Asche: überall, in jeder Provinz, von Britannien bis Syrien, von Belgia bis Tripolis, fürchtet der Tyrann Empörung der Legionen, Erhebung von Anmaßern. In Italien aber, in Rom selbst ahnt er die Dolche von Verschwörern. So hat er denn nun befohlen – hört es, ihr Freunde! – alle römischen Kohorten schleunigst nach Italien zu schicken.« »Heia,« rief Classicus und sprang auf, »so sind wir frei!« – »Ohne Schwertschlag – das ist daran das beste,« meinte Tutor. »Aber die Bataver?« fügte er besorgt hinzu. Verächtlich erwiderte Sabinus: »Fürchtest du sie, diese rohen Barbaren?« – »Dumm sind sie!« rief Classicus. »Sie sind nicht ganz so klug, wie wir uns wähnen,« antwortete Tutor. »Das wäre auch für Sterbliche zu schwer. – Jetzt hab ich's!« rief er plötzlich laut. »Weißt du, gottähnlicher Drosselbrater, wem deine Gattin ähnlich sieht – aber täuschend, sag' ich dir, zum Verwechseln?« »Halt' uns nicht auf mit deinen Possen,« grollte Classicus. »Das Vaterland ...« – »Kann noch ein wenig auf dich warten! Nun, ratet.« – »Welcher Göttin?« fragte Sabinus. »Gar keiner. Vielmehr einem wunderbaren Untier. Ja, ja! Ich sah einmal im Käfig des Cirkus zu Rom eine schwarze Pantherin ... –« Da regte sich die Verglichene kaum merklich und blickte kurz – drohend – zu ihm hinüber. »Sehr schön – ein wenig träge, bis es Blut zu lecken galt – unzufrieden mit ihrem Käfig und dessen freilich gar nicht gottähnlichem Wärter – und im ganzen höchst unheimlich-gefährlich.« »Laß meine Gattin aus dem Spiel. Unterbrich nicht wieder! Also ihr meint, die Bataver ...?« »Bah,« sprach Sabinus, »in Einem Ansturm fege ich sie hinweg an der Spitze meiner Reiter.« – »Jawohl!« rief Classicus, »zurück mit ihnen über den Rhein, woher die Hungerleider eingebrochen. Entweiht ist der heilige Boden Galliens, solange der Fuß des Fremden darauf tritt.« – »Das Land unsrer Väter, unser wird es wieder,« frohlockte Sabinus. »Umarmen wir uns, Waffenbruder! Beglückwünschen wir uns!« Und er schloß Classicus lebhaft in die Arme, sie küßten sich auf die Wangen. »Mich wundert,« staunte der Priester, »daß der Römer dir all' das anvertraut.« »Er mußte wohl! Er forderte mich auf, unsre Stammesgenossen aufzubieten in voller Stärke. Ich meine Lingonen, dir, Classicus, wird er dasselbe für die Treverer gebieten. Wir sollen – an der Legionen Statt – den Rhein beschützen gegen die Germanen. Und die Alpenpässe für Vitellius besetzen.« »Wohlan, wir werden sie besetzen,« rief Classicus, »Aber nicht für Vitellius! Kein Römer mehr soll von jenen Jochen niedersteigen in das schöne Gallien! Nicht wahr, Freund Gutruat?« Aber unzufrieden schüttelte der den Kopf. Es verdroß ihn, daß die jüngeren Männer, die Laien so ganz auf eigene Faust, ohne seine Oberleitung, handeln wollten. »Es wird euch nicht glücken,« meinte er. »Man muß zuvor der Götter Willen erforschen. Die Götter, fürcht' ich, auch die unsern, find für Rom. Gar schlau haben sie es angefangen, die Eroberer. Unsere eigenen Landesgötter, die uns helfen sollten, haben sie für sich gewonnen, indem sie auch diesen neben ihrem Jupiter und ihrem Mars Bildsäulen an dem Tiber aufstellten. Ich habe sie selbst dort stehen sehen! Ein altes Wort druidischer Weisheit sagt: Gallien dient Rom, solange Galliens Götter stehen auf dem Kapitol.« »Nun denn,« rief Sabinus übersprudelnd und fuhr mit beiden Händen in die Luft, »so sei getrost, frommer Priester. Beglückwünschen wir uns abermals, edle Freunde! Denn hört: das Kapitol – es ist bei dem letzen Bürgerkampf in Rom verbrannt –: es liegt in Schutt und Asche. Und mit verbrannt sind alle Götter Roms und aller Völker, die Rom dort aufgestellt hatte!« Da erhob sich Gutruat in lebhafter Bewegung: »Das ist ein großes Zeichen!« sprach er feierlich. »Denn wisset noch ein andres. Geheim ward unter den Druiden fortgetragen von Geschlecht zu Geschlecht ein Spruch seit den Tagen des Brennus: als dieser unser großer Ahn ganz Rom verbrannte, das Kapitol konnte er doch nicht bezwingen. Dort aber, in dem Jupitertempel, liegt er geborgen, der Zauber Roms: ein vom Himmel gefallener Schild, der die Söhne des Romulus unbezwingbar macht: im Monat des Kriegsgottes tragen die Priester ihn in feierlichem Aufzug durch die Stadt. Stürzen aber die Götter des Kapitols, dann werden ihre Trümmer den Zauberschild zerschlagen und dann stürzt Rom unrettbar nach!« Alle, auch Epponina, waren ergriffen, fortgerissen von dieser Verkündung. Nur Claudia schob ruhig, aber mißgestimmt den Kopf zurück auf den Rand des Lagers. »Ja, die Stunde kam,« rief Classicus. »Und Eile thut not! Dir am meisten, Gutruat!« »Weshalb?« fragte dieser in unverstörter behäbiger Feierlichkeit. »Es versteht sich, daß ich die Weihung der Kämpfer und ihrer Waffen übernehme. Bevor ich also zu handeln für gut finde ...« »So?« unterbrach ihn nun Tutor. »So schlecht kennst du Priester Priesterart? Meinst du, dein alter Nebenbuhler, der Oberpriester des Teutates zu Arvern ...?« – »Jawohl!« hob Classicus wieder an. »Wähnst du, Eporedirix wird dir den Vortritt überlassen? Sobald er erfährt ...« »Ihr habt Recht!« rief der Hausherr. – Er ward ganz rot in dem dicken Gesicht; bange Hast und eifersüchtiger Zorn verdrängten die feierliche Ruhe seiner Haltung. – »Der neidische, freche, eitle, aufgeblasene, nein, aufgeblähte Mensch – es ist ihm zuzutrauen! Versammelt – noch diese Nacht! – die vornehmsten Ritter, welche die meisten Schutzhörigen und Schuldknechte bewaffnen können. Ich werde die Druiden einberufen und –« »Aber,« mahnte Sabinus, »bevor wir versuchen, sie fortzureißen, müssen wir ihnen die Zustimmung der Götter vor Augen führen.« – »Ja,« bekräftigte Classicus, »sie müssen etwas sehen ! Der Spruch vom Kapitol – das genügt nicht – für die Menge.« – »Gewiß,« nickte Tutor sehr ernst, »die Dummheit und das Wunder muß man mit Händen greifen können, sonst sind sie nicht echt.« »Wohl,« sprach feierlich der Druide, »ihr seht, nichts glückt ohne die Priester – wollte sagen die Götter!« »Es ist ganz dasselbe,« meinte Tutor. »Bitte, thu' dir keinen Zwang an.« »Ohne mich geht es nicht. Vor aller Augen – Tutor hat recht! – müssen die heiligen Hühner fressen. Was meinst du, Claudia?« forschte er, plötzlich ängstlich geworden. »Es wird doch gut ausfallen? Ist der heilige Weizen bereit?« Da erwiderte Claudia kühl – ohne sich zu regen, – es war ihr erstes Wort: »Die Hühner werden den Weizen fressen. – Ob aber nicht dann die Römer euch fressen?« Unwillig wiesen die drei Männer dieses Wort zurück; nur Tutor verzog das Gesicht zu einem halb beifälligen Lächeln. »Auch schlau ist sie,« murmelte er, »die Pantherin! Ob wohl der Gottähnliche schon sein Testament gemacht hat? Ich hätt' es am Tage meiner Hochzeit mit ihr gethan.« Staunend, mit großen Augen, sah einstweilen Epponina auf die Hausfrau: »Zweifelt sie an ihren Götzen?« fragte sie sich leise. Aber ihr rastloser Gatte drängte vorwärts. »Noch viel ist zu bereden. Vor allem die Verteilung der Rollen – und der Siegesbeute.« – »Man sieht's,« meinte Tutor, »das eilt dir am meisten, Sabinus!« »Unser Ziel muß sein,« fuhr dieser eifrig fort –und dieses Feuer stand ihm doch gut, es verschönte seine Züge, »ein Großreich aller Söhne von Grannus, Teutates und Hesus! Nicht nur die Gallier zwischen Rhein und Pyrenäen, – alle unsere Stammesbrüder, alle Galen, auch die in Hispanien, die drüben auf den britischen Eilanden, die Galater in Asien, die Splitter unsres Volkes aus der ganzen Erde gilt es unter Einer Herrschaft zu vereinen!« »Ja, ein Großgallien, ein großes allgallisches Königreich!« bestätigte Classicus. »Was?« schalt Sabinus funkelnden Auges und fuhr mit allen Fingern durch sein krauses Haar. »Nur ein Königreich ? Rom sollte einen Kaiser haben und die Gallier nicht? Nein! Es gilt ein gallisch Kaisertum!« »Gut,« meinte Tutor, »Namen sind billig und thun viel; zumal bei unsern Landsleuten. Sie verlangen nun einmal die volltönenden Worte. Auf ein Maul voll darf es uns nicht ankommen, wollen wir die Gallier gewinnen.« »Wer aber,« forschte der Druide, »wer soll der Cäsar Galliens werden?« Bang ruhten Epponinas Blicke auf dem Gemahl, als dieser antwortete: »Wer? Ohne Zweifel nur, wem cäsarisches Blut in den Adern rollt.« Unwillig erwiderte Classicus: »Ahá, ahá! Man sagt allerdings – zumal in deinem Klan, Sabinus, sagt man's! – deine Ahnfrau habe dereinst dem Unterjocher Galliens gefallen durch ihre Schönheit und ihre ...« Er stockte. Tutor half ihm weiter. »Nun, sagen wir: ihre Gefälligkeit. Sie hat sich ihm ...« Er ward durch eine scheue Bewegung Epponinas auf diese merksam: er sah, wie sie errötend sich abwandte, – da hielt er inne. »Nein, diese Vielgequälte,« sprach er zu sich selber, »darfst du mit nichts quälen, Tutor. Es ist hart, sehr hart, einen Witz hinunterschlucken: – aber es muß sein.« Und willensfest, mit Überwindung, schloß er den Mund. Allein Sabinus selbst rief mit überlauter Stimme: »Nun, was stockst du? Sie gebar dem größten Mann der Weltgeschichte, dem Welteroberer, meinen Urgroßvater!« »Wenig Ehre bringt das ihr – und dir,« erwiderte Classicus heftig. »Denn sie war nicht Cäsars Gattin.« »Sondern vielmehr ganz im Gegenteil eines andern,« ergänzte Tutor; das konnte er nun doch nicht verhalten. »Wohlan!« rief Sabinus, einen flehenden Blick Epponinens nicht bemerkend, »war nicht Alkmene Amphitryons Weib, als sie Zeus Herakles gebar?« »Ja, dabei ist doch ein kleiner Unterschied,« meinte sehr ernsthaft Tutor. »Von deinem Urgroßvater weiß man keine Heldenarbeit zu rühmen, als die Eine, daß er eben – deines Großvaters Vater ward.« »Und ist's etwa ein Ruhm,« fuhr Classicus grollend fort, »von unsrem Unterjocher abzustammen, dem Schlächter unsrer Ahnen? Wie viele Hunderttausende von Galliern hat er getötet? Wollen wir Roms Joch abschütteln, auf daß der Bastardenkel des Unterjochers, des fürchterlichsten aller Römer, über uns herrsche? Mitnichten! Von den alten Königen zu Arvern, die dereinst über ganz Gallien gewaltet, stammt mein Geschlecht. Ich habe das Recht auf das gallische Königtum.« »So wird das Schwert denn zwischen uns entscheiden,« rief Sabinus und fuhr an den reich vergoldeten Griff dieser Waffe. »Aber, unsrer Völker Blut zu schonen, – in ritterlichem Zweikampf.« »Jawohl!« erwiderte Classicus. »Komm! Komm gleich hinaus!« »Wollt ihr nicht gefälligst warten bis euch das freie Gallien auf der Schüssel liegt?« rief Tutor, »bevor ihr euch darüber die Hälse abschneidet?« »Wo aber soll die Hauptstadt Galliens sein?« forschte Gutruat bedächtig. »Zu Arvern, der alten Königsstadt!« antwortete Classicus. »Mitnichten!« entgegnete der Hausherr. »Daß dieser unbeschreibliche Eporedirix Oberpriester würde und im Purpurkleid die heilige Mistel schnitte? Das fehlte mir! Nein, hier, diese Stadt –« »Geduld,« mahnte Tutor. »Die Drossel Gallien ist noch nicht in eurer Hand: streitet nicht schon um den Herd, auf dem ihr sie braten werdet. »Jedenfalls, oh Oberkoch des Lichtgotts, sollst du sie zurichten. Übrigens: – was auch mein Bäuchlein dawider brummen mag: ich thue doch mit.« »Du führtest früher ein tapfer Schwert,« lobte Classicus. – »Und hattest stets ein Herz fürs Vaterland,« meinte Sabinus, »nicht nur für leckre Bissen, wie du glauben machen willst.« – »Ja,« nickte der Hausherr herablassend. »Freund Tutor stellt sich immerfort unedler, als er ist. Warum?« »Das will ich dir sagen, hochpreislicher Gottesfreund. Das thue ich aus Eitelkeit, um was Besonderes zu scheinen. Meine lieben Landsleute stellen sich immerfort edler an als sie sind ... –« »Oho!« warf Sabinus ein. »Ich sage nicht: bloß vor den Leuten! Vielmehr ganz besonders sich selber machen sie das weiß. Auch du, Sabinus, kannst unmöglich herrlicher sein – ja, vielleicht kaum ganz so herrlich! – wie deine ehrliche Meinung von dir ist. – Ich folge euch also, in das Lager, in die Schlacht. Aber warum? Ich fürchte, nur deshalb, weil ich mich erinnere, welch' unvergleichliche Eßlust und Eßfähigkeit und Verdauungsbehendigkeit mir das Leben im Felde damals gewährte. Damals Hunger und oft nichts zu beißen: heute Feigendrosseln und – beinahe – keinen Hunger.« »Jedoch nun fort,« mahnte Sabinus. »Wir zu den Rittern, du, Gutruat, zu den Druiden.« Alle neigten sich gegen die Hausfrau und eilten hinaus, Epponina hinter ihrem Gatten. Claudia hatte nur mit kaum merklichem Neigen des Hauptes die Abschiedsgrüße erwidert; sie blieb ruhig liegen, nur einmal tief aufatmend, als auch Gutruat, der letzte, verschwunden war. XII. Nicht lange blieb sie allein. Gar bald rauschte der Vorhang zwischen den gelben Säulen des Eingangs: – Sabinus kehrte eilfertig zurück. Er warf noch einen Blick rückwärts in die Vorhalle, dann stürmte er auf Claudia zu und drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen. Er kam sobald nicht los. Denn das bisher ganz regungslose Weib erhob nun die beiden vollen Arme, schloß die Hände über seinem Nacken zusammen und hielt ihn so lange, lang umfangen. »Findest du nicht,« sprach sie mit einem verschleierten Blick, als er sich endlich losgemacht hatte, »dieser stumme Gebrauch deiner Lippen war weiser als all' die vielen Worte, die sie vorhin sprachen?« »Süßer gewiß. Aber ...« – »Auch weiser. Meine Küsse bringen dir nicht Gefahr.« – »Wer weiß? – Gutruat ...« – »Fürchtest du ihn?« – Sabinus fuhr auf: »Ein gallischer Ritter und fürchten!« »Ja, sei ganz unbesorgt. Er – »Seine Aufgeblasenheit!« – diesen Titel hab' ich mir für ihn ausgesonnen in einer schlaflosen Nacht ... hält es nicht für möglich, daß man einen Sterblichen oder auch einen Gott dem großen Gutruates von Andematunum vorziehen könnte. Und wenn er je argwöhnisch würde ...« – »Mein Schwert ...« rief Sabinus. – »Oh behüte! Keinen Lärm dabei!« Sie lächelte: aber der Buhle fand dies Lächeln unheimlich. »Ich wußte wohl, du kommst mir zurück,« fuhr sie fort. »Jedoch die sanfte Epponina: – wie entrannst du ihr?« – »Höhne sie nicht!« mahnte er. »Sie ist besser, als wir beide zusammen.« – »Nun, das will nicht gerade viel sagen. Und sie wird ja auch den Lohn für ihre Tugenden finden – nach dem Tod – in jenem Himmel, an welchen der alte Jude zu Athen sie vor mehreren Jahren glauben gelehrt hat.« »Er war kein Jude, er war ein Christianer. – Auch über den spotte mir nicht! Noch keines Menschen Rede hat mich wie dieses Mannes Wort erschüttert.« – »Zum Glück hielt es nicht lange vor.« – »Ach nein! Ich bin zu leichten Geblütes, zu genußdurstig.« – »Wohl mir! – Denn »Seine Aufgeblasenheit« zum Gemahl und einen traurigen Christianer zum Freunde: – vereisen könnte man dabei. – Aber auch diese deine gallische Staatskunst ...!« Sie warf schmollend die Lippen auf. »Ich sah es wohl: du bist nicht für die Sache.« – »Nein! Wahrlich nicht!« – »Warum? Wird es dich nicht beglücken, deinen Freund als Imperator Galliens zu sehn?« – »Durchaus nicht! Denn ich werde den Imperator seltener sehn. Und wird unter dem Diadem ein Kuß süßer?« – »Claudia! Denkst du denn nichts als ...?« – »Liebe. Ich bin ein Weib.« – »Das schönste in der Welt!« – »Wenigstens in Gallien, sagt man. Also! Genuß schlürfen, soviel das karge Leben, die ach! so kurze Jugendzeit vergönnt: – alles andre ist Thorheit. Denn« – sie zögerte – »denn nach dem Tode gähnt das Nichts! Verwesung – Vernichtung! – Gräßlich!« Sie schauderte zusammen. »Wie? Und die Seelenwanderung? Deines Gatten heiligste Geheimlehre?« – »Wird Unglaubliches glaublicher, weil ein Schwachkopf daran glaubt?« – »Du solltest ihn nicht schelten,« sprach Sabinus, unangenehm berührt. »Es fällt mir schwer, ihn betrügen. Dürft' ich ihn zum Zweikampf um dich rufen! Wärst du doch seine Witwe! – Noch aber ist er dein Ehgemahl ...!« »Warum ist er's?« rief sie, sich plötzlich aufrichtend auf dem Ellbogen, und die schwarzen Augen funkelten gar böse, wie die einer zornigen Schlange. »Weil er mich als zwölfjähriges Kind meinem Vormund abgekauft hat. Nicht aus Liebe, oder doch nur aus Wohlgefallen an meinem knospenden Reiz. O nein! Mein Großvater konnte er ja sein. Nein! Weil eines seiner einfältigen Orakel verkündet hatte: »wer die Tochter des Luctorix umarmt, der wird ganz Gallien beherrschen!« »Meine Claudia! Und dies Wort – erst jetzt –?« Unwillig den Kopf schüttelnd, unterbrach sie: »Aber mein Vater hatte zwei Töchter hinterlassen!« »Lucretia und dich, beide gleich schön!« »Aber ich bin drittehalb Jahre jünger!« berichtigte sie, rasch einschaltend. »Doch nicht auf Schönheit des Leibes, nicht auf Wert der Seele kam es ihm an: nur auf jenen Spruch! Der Zufall entschied – vergieb, die Götter! Oder noch richtiger: die Hühner!« »Wie das?« »Nun, vor unsern Augen ließen sie die dummen Gackertiere den von uns Schwestern hingestreuten Weizen aufpicken: – von meinem fraßen die verfluchten Bestien zuerst und ich ward des alten Druiden Weib. Soll ich ihn lieben?« »Nein, mich!« rief er hitzig. »Denn ich – ich fühl' es! – bin berufen ganz Gallien zu beherrschen! Aber warum hör' ich heute zum erstenmal ... – warum teiltest du mir jenes Orakel nicht längst schon mit?« »Es war nicht nötig. Ich gefiel dir auch ohne das. Und sollte ich dir verkünden, was deine Eitelkeit ... Nicht? Nun sagen wir: deinen Ehrgeiz oder deine Vaterlandsliebe – 's ist all' dasselbe! – noch früher in diese Empörung getrieben hätte? Nun bist du doch einmal darin,« – seufzte sie – »nun magst du auch um jenes Wort wissen.« – »Du verbürgst mir den Sieg!« – »Durchaus nicht! Und wenn auch! – Dieser Handel wird dich viel von mir fern halten. Und das,« – sie sprach es langsam, eindringlich, wie warnend – »das ist – vielleicht – nicht klug von dir gethan.« Sie schwieg nachdenklich: die dunkeln Augen blickten an ihm vorüber, wie suchend in die Zukunft. Er bemerkte das nicht: seine Gedanken waren ganz von dem Orakel erfüllt. »Ah,« rief er, »du willst es ja doch! Du willst mich glänzen, herrschen sehen.« – »Gar nicht. Ich sagt' es doch schon! Ich will nur eins.« – »Und das ist?« – »Fühlen, daß ich dich unwiderstehlich berausche,« flüsterte sie heiß. »Das will ich. Gar nichts sonst. – Zudem,« schloß sie langsam, »zudem glaub' ich nicht an Orakel und Götterzeichen.« »Wie? Auch nicht an die heiligen Hühner?« Claudia lachte, daß die weißen Zähne glänzten: »An die ?« – »Ja freilich! Sie werden doch eifrig fressen, meinen Sieg zu verkünden?« – »Wenn du's durchaus haben willst, werden sie fressen. Aber ich warne nochmals. Du wirst die Krone nicht gewinnen. Und Claudia wirst du darüber verlieren.« »Warum nicht siegen?« »Ihr seid diesen Römern nicht gewachsen.« »Ich! Selbst ein Römer! Cäsars Blut!« »Und hättet ihr die Legionen wirklich aus dem Lande gedrängt, – meint ihr, die Germanen werden es euch lassen?« – »Diese Barbaren!« – »Sind sehr stark. – Auch schön sind sie. – Meine Schwester« – sie sprach wieder nachdenklich – »hatte ganz recht« – »Worin! was meinst du?« – »Jener junge Bataver – er war schön wie ein Apoll: – aber nicht wie der Gutruats! – Wie einer von Marmor, den ich einst in Rom gesehen!« Sie schloß die Augen, die Erinnerung in sich schlürfend. »Weißt du, was Tutor von jenem Abenteuer sagte? »Schade, daß der Barbar lieber verrückt als verliebt wurde!« Aber rede: wie meintest du das mit den heiligen Hühnern? Du sprachst so zuversichtlich: »sie werden fressen.« »Sie werden!« erwiderte Claudia, gelangweilt. »Woher kannst du das wissen? Du, die nicht an Vorzeichen glaubt ...« – »Wie soll ich an Vorzeichen glauben, wenn ich sie mache?« – »Claudia! Die Hühner des Gottes ... Kannst du sie zwingen?« – »Nein! Aber meine Hühner. – Höre! Sieben ganz weiße Hennen hat Gott Grannus: ebenmäßig werden sie gefüttert, Tag aus Tag ein, so daß nur des Gottes Wille besonderen Hunger oder besondere Ablehnung des Futters bewirken kann – nicht? Richtig! Nun hat aber Claudia – zufällig! – auch sieben Hennen: auch – zufällig! – ganz weiße. Sie sind verborgen an einem Ort, wohin sich der Fuß des Gottähnlichen nie verirrt. Naht nun der Tag der Befragung heran – ich weiß ihn ja immer lange voraus! – und will ich ein günstig Vorzeichen, laß ich meine lieben Tierlein hungern, daß sie verzweifeln möchten; andernfalls laß ich sie mit Gewalt stopfen von einem jungen Tempelsklaven, dem Wächter der gottseligen Hühner, der mir viel heißer ergeben ist als dem Gott – und dessen Oberpriester. Er vertauscht das heilige Federvieh mit dem meinen und, soll es gut gehn, frißt es alsbald, daß allen Frommen Galliens das Herz im Leibe lacht. Einmal hat sich eine solche befiederte Prophetissa dabei zu Tode prophezeit – das heißt: gefressen! – Du siehst, dein Sieg – oder wenigstens dessen Weissagung! – liegt in dieser Hand.« Sie reichte ihm die wohlgepflegten, weißen, weichen Finger. Er starrte mit leisem Grauen auf das Weib. »Claudia,« stammelte er, »du bist ...« »Unheimlich? Nicht wahr?« lächelte sie. »Ja, aber meine Schicksalsgöttin!« Er beugte sich nieder und küßte ihre Hand. »Gut, daß du's einsiehst. Vergiß es nie! – Aber horch! – Hörst du die ehernen Becken dröhnen? Gutruates ruft sein Haus zum Nachtgebet: dabei darf ich nicht fehlen. Geh. Ich werde für dich beten. Und – für den Magen meiner Hühner.« XIII. Einige Tage später saßen in Brinnos Halle die Freunde beisammen und pflogen Rates über die Schritte, die nun ferner geschehen sollten. Ungeduldig schüttelte der Hausherr das rote Gelock. »Allzulange,« grollte er, »schiebt ihr mir das Losschlagen hinaus. Ich möchte ...« »Bruder,« mahnte Brinnobrand aufblickend von seiner Arbeit: er schnitzte mit scharfem Messer an einem schlanken Eschenstämmchen, das der Schaft eines Speeres werden sollte – »hast du Einen nicht selbst gelehrt: »erst zähe zögernd zielen mit spitzem Speer, bevor du ihn sausend entsendest?« »Und,« fiel Ulemer der Friese ein, »hat nicht das Zögern schon genützt? Haben wir nicht einstweilen schon von den fernen Markomannen Zusage erhalten, daß sie ihren Königssohn samt seiner Gefolgschaft und wer ihm sich anschließen mag, zu uns stoßen lassen wollen? Müssen wir nicht noch die Antwort der andern Überrheiner abwarten?« »Aber es kann doch jede Stunde von Rom der Befehl eintreffen,« erinnerte Brinno, »dich, nach jenem Senatsbeschluß, auszuliefern. Was thun wir dann?« »Das hat noch gute Wege,« tröstete Civilis. »Ihr wißt, Hordeonius, der Legat, hält große Stücke auf mich!« »Er hatte volle Ursach'!« schalt Brinno. »Warst du doch römischer als die Römer.« »Als ich ihm erklärte, ich wolle mich freiwillig in Rom stellen ...« »Unseliger!« rief Brinno, »dich und uns alle wolltest du verderben? Denn was sind wir ohne dich? Ein Riesenleib – ohne Kopf.« »Da verbot er mir das, wie ich voraus wußte. Er übernahm es, mich in Rom zu vertreten, meine Sache zu führen, mein – vorläufiges – Ausbleiben zu entschuldigen. Ich las den Brief, in welchem er erklärte, ich sei hier in Gallien unentbehrlich, die Hitzköpfe –« »Als wie mich,« lachte Brinno und trank das Auerhorn aus. »In Ruhe, das ganze Volk in Treue zu erhalten. Damit ist Zeit gewonnen.« »Wenn nur nicht inzwischen ...!« meinte Brinno. »Wenn sie unser Trachten entdecken!« »Unter uns ist kein Verräter,« sprach Civilis. Da hörte man von der Vorderseite des Gehöftes eilende Schritte nahn: Katwald riß die Thüre der Halle auf: »Flieht!« rief er. »Durch die Tennenthüre! In die Kähne! Über den Fluß! Die Römer nahn! Viele Kohorten! Der ganze Wald klirrt und gleißt von ihren Waffen.« Alle außer Civilis sprangen auf: Brinno griff nach dem Steinhammer, der an der Wand hing: »Fliehn?« rief er. »Aus meiner Väter Halle? Nein! Was wollen sie an meinem Herd? Ich will sie fragen!« Und er schwang die Waffe. Civilis zog ihm sanft den Arm herunter. »Ruhig, Freund! Vielleicht droht noch gar keine Gefahr. Schaffe sie nicht selbst. Setzt euch nieder – alle! – auch du, Brinno.« Da klang draußen leis eine Waffe: dann ward es wieder ganz still. »Sie horchen!« flüsterte Brinnobrand. Civilis nickte ihm zu, erhob warnend den Zeigefinger gegen Brinno und hob an mit lauter Stimme auf Lateinisch zu singen, was in deutschen Reimen etwa also lauten würde: »Durch Alpenschnee, durch Parthersand, Mit immer stetem Schritte Trägt die Legion das Vaterland Und Römerrecht und Sitte. Und wo der Feldherr Lager schlug, Da mag uns Heimat werden: Wir folgen unsrer Adler Flug Und unser ist die Erden. Denn uns ward aus Orakelmund Das Schicksalswort verkündet: So ewig steht im Erdenrund Das Römerreich gegründet, – So ewig ziehn von Pol zu Pol Die römischen Legionen, Als auf betürmten Kapitol Die ew'gen Götter thronen.« Kaum war das Lied verhallt, da ward die Hallenthüre nach innen aufgestoßen und über die Schwelle schritten zwei römische Heerführer; zahlreiche Legionare wurden in dem Hofraum vor der Halle sichtbar. Der Vorderste von den beiden und offenbar der höhere im Rang war ein ältlicher Herr, der den schweren Helm, den mit zahlreichen Ehrenzeichen geschmückten Panzer sichtlich nicht ohne Beschwerde trug; die schlaffen Züge, das matt blickende Auge machten nicht den Eindruck scharfer Willenskraft. Dicht hinter ihm folgte eine jugendliche Kriegsgestalt echt römischen Schlages, rundköpfig, kaum mittelgroß: das kurzkrause schwarze Haar ward von dem Helm fast völlig verdeckt; aus den dunkeln Augen blitzten Feuer und entschlossener Mut: nicht eben freundlich oder vertrausam wanderten seine Blicke von einem zu dem andern der Germanen. »Willkommen in dieser Halle, mein Feldherr,« rief Civilis aufstehend, da Brinno, ohne sich zu rühren und ziemlich unwirsch blickend, auf dem Hochsitz blieb. Beifällig nickte der Römer: »wir haben's gehört, was du sangest. Ein Lagerlied der Unsern! In der ersten Legion zu Bonn ist es entstanden. – Unser Weg führte uns nahe an diesem Hofe vorüber, wo – wie der Zufall uns verriet – mehrere euerer Edelinge versammelt sind. So wollte ich euch gleich selbst eine wichtige Nachricht bringen. Der Imperator hat befohlen ...« er zögerte. Sein Begleiter schärfte noch den forschenden Blick, mit dem er in des Civilis Zügen zu lesen suchte: allein diese waren unbeweglich, wie versteint. »Vitellius hat befohlen, das ganze Aufgebot von euch Batavern, Kanenefaten, Sugambern, Gugernen, Friesen – All' eure Mannschaft, zu Fuß und zu Roß, sofort nach Italien zu schicken.« »Unmöglich!« schrie Brinno ungestüm aufspringend. »Da hast du's, Civilis!« Auch Ulemer konnte seine Bestürzung nicht verbergen. Nur in des Civilis Antlitz suchte der junge Römer vergeblich nach einer Erregung. So wandte er sich gegen Brinno. »Und weshalb ist unmöglich, wenn's beliebt,« fragte er diesen in drohendem Ton, »was Rom befiehlt?« Heftig wollte der Hofherr erwidern, jedoch Hordeonius kam zuvor. Ängstlich beide Hände vorstreckend mahnte er: »Ruhig, Vocula, mein junger Freund! Nur keinen Streit unter Bundesgenossen! Alles in Güte. Es ist ja wahr,« fuhr er zu den Germanen gewendet begütigend fort, »der Befehl kommt unerwartet, ist hart ...« »Unmöglich ist er!« wiederholte Brinno. »Viele, viele Tausende unsres Volkes, – weit mehr als die Verträge verlangen, – sind in diesen Jahren gefallen für euch! Und nun sollen abermals ...? Nun sollen unsre letzten Kräfte ...?« Der Zorn erstickte ihm die Stimme. »Gemach,« sprach Civilis. »Sie sind noch nicht fort.« – »Wer wird hindern, was der Imperator gebeut?« fragte Vocula drohend und furchte die Stirn. – »Wer, o tapfrer Legat? – Nun: vielleicht ... ein andrer Imperator.« – »Wie meinst du das?« – Achselzuckend erwiderte Civilis: »Sie wechseln rasch in diesen Tagen.« Mit Staunen blickte Hordeonius auf ihn, faßte ihn am Arm und murmelte leise vor sich hin: »Merkwürdig! Sollte er bereits ...? Aber nein! Noch kann kein Bote bis hierher ...! – Du hast,« sprach er nun laut, »eine Gabe der Ahnung, Claudius Civilis. Folge mir! Ein Wort zu dir allein.« Er wandte sich, öffnete die Thüre der Halle und winkte jenem, ihm zu folgen. Da schoß Brinno, unter dem Vorwand, eine Trinkschale für Vocula von dem Wandverschlag zu holen, an dem Freunde vorbei: »Da hast du's!« raunte er ihm zu. »Wenn all' unsere Krieger ...« »Sie sind noch nicht fort, wiederhol' ich,« flüsterte Civilis und folgte Hordeonius über die Schwelle. XIV. Draußen in dem Hof gingen die beiden Männer lang auf und nieder. In ihr Zwiegespräch tönte manchmal vom Saum des nahen Waldes her, wo die Kohorten ihrer Führer harrten, das Wiehern eines Rosses, das Klirren einer Waffe; einen langen, finstern Blick warf dann der Bataver hinüber. – »Es freute mich,« begann Hordeonius, weit ausholend, – »ein unfreiwilliger Lauscher vor der Thüre, – dich jenes Lied singen zu hören. Im Liede wohnt kein Falsch, Man singt nur, was das Herz erfüllt. Ich werde nach Rom berichten, was du denkst, auch wann du dich – unbewacht – mit deinen Stammgenossen ergötzest. Du bist uns treu.« »Hast du daran gezweifelt?« fragte Civilis und blieb plötzlich stehn. – »Nein doch, nein,« beschwichtigte der Legat, ihn am Mantel fassend und wieder zum Ausschreiten drängend. »Nicht ich, aber andere ...« – »Vocula!« – »Nun ja. Man konnte doch fürchten ... Nachdem dein Bruder, dein Sohn ...« »Erst mein Volk, dann meine Sippe: so hab' ich stets gedacht.« »Wohl, wohl! Aber gerade auch deine Gesippen ...!« »Meine eignen Vettern, die Brigantiker, Julius und Cajus, haben mich bei euch verklagt?« grollte Civilis, »O der Schmach!« »Und dann – auch dein Volk ist ja getroffen. Der Imperator hat die Verträge zerrissen.« Civilis verzog keine Miene unter dem forschenden Blicke des Römers: aber er konnte nicht hindern, daß ihm das Blut heiß in die Wangen schoß. »Ja,« sprach er dann mit schwer verhaltnem Grimm, »das war Unrecht von Vitellius.« Da machte der Legat rasch Halt: »Gut! Sehr gut gesagt! Vitellius ! Jawohl: das hat Vitellius gethan, nicht Rom.« Hoch horchte der Germane auf! das Auge schlug er nieder, seine Erregung zu verbergen. »Und,« fuhr Hordeonius, den Gang wieder aufnehmend, leise, fast flüsternd fort, »was ein Imperator gethan ...« – er sah sich nach allen Seiten ängstlich um – »das ...« – »Das kann ein anderer ungethan machen,« fiel Civilis ebenso leise ein. – »Dich erleuchten die Götter,« staunte der Alte. »Und du bist weise, – über Barbarenart hinaus – daß du nicht Rom entgelten läßt, was nur ein Cäsar that.« Tief schlug dies Wort in des Civilis Herz. Noch einmal stieg in ihm auf die ganze starke, durch ein Menschenalter genährte bewundernde Liebe zu Rom. Und der Edelsinn des Vaterlandsfreundes in ihm wollte ihm zuflüstern: »du darfst nicht dein Blut rächen, du mußt deine Rache deinem Volk opfern. Wenn wirklich nur ein Cäsar, wenn nicht Rom selbst ...« Aber weiter kam er nicht in diesen Gedanken. Urplötzlich stand – er wußte nicht, wie das ihm kam! – vor seinem innern Auge eine hohe Maid, vom lichten Haar umflutet: er sah ihr warnend Auge blitzen. »Weleda, Weleda!« sprach er halblaut vor sich hin. »Hab' Dank!« »Was sagtest du? – Nun also höre. Wenig Liebe, wenig Achtung genießt – Er – ich nenn' ihn nicht. Wir kennen ihn! Wir haben ja beide unter ihm gedient, als er noch Legat war hier in Gallien, in Köln. Er – auf dem Throne des Augustus! Er mästet sich, der Fresser, das Reich saugt er aus. Seine Vettern, seine Neffen, blutjunge Bürschlein, erhebt er zu den höchsten Würden im Palatium zu Rom – verdiente Grauköpfe aber, narbenbedeckte –« »Läßt er im barbarischen Gallien den Rhein bewachen gegen grimme Germanen.« Wohlgefällig nickte der Alte: »Er ist es auch allein – sein feiges Herz, nicht das Bedürfnis des Reiches – was, wie unsere vier Legionen« – hoch horchte da Civilis auf – »so auch eure Scharen jetzt nach Italien ruft.« »Er fürchtet sich. Vor einem neuen Anmaßer.« »Wieder erraten! – Und weißt du – aber schweige! Noch ist es ein Geheimnis, das seinen Träger mit Verderben bedroht! – ahnst du, viel Erratender, vor wem er bebt?« Allein Civilis schüttelte den Kopf. Wohl war ihm sofort Ein Name auf die Lippe geflogen: – aber vorsichtig schloß er den Mund. » Er soll ihn nennen,« dachte er. »Nun, es giebt doch im Reiche nicht so viele des Thrones Würdige!« »Nicht stets die Würdigsten besteigen ihn.« »Richtig! Richtig gesagt. Aber, – wenn du wählen solltest, wen würdest du nennen?« »Er kann doch nicht sich selber meinen?« überlegte Civilis. – »Laß ab,« bat er dann. »Wie soll ich, der Barbar, über der Römer Reich – auch in Gedanken nur! – verfügen?« »Nun wohlan! Gedenkst du noch unseres gemeinsamen Feldzugs in Britannien gegen die Siluren und Demeten, denen wir in dreißig Treffen zwanzig Städte nahmen? Wer war da unser Führer?« »Also Er, den ich gedacht,« sprach Civilis zu sich selbst. – »Es waren ihrer zwei,« antwortete er zögernd. »Petillius Cerialis und ...« »Flavius Vespasianus!« flüsterte der Römer in sein Ohr. » Du hast ihn genannt, nicht ich.« Er furchte die Stirne. »Vespasianus!« seufzte er leise und dachte: »Das würde ein härterer Kampf als mit dem Schlemmer Vitellius.« »Man sagt,« fuhr Hordeonius fort, »man flüstert in Rom – man schreibt ...« – »Das heißt also: dir hat man geschrieben!« – »Still! Bei allen Göttern!« – »Die Balken dieser Halle tragen weder Ohren noch Mund. – Also: den Statthalter Galliens, den Führer der besten Legionen, den bewährten Staatsmann und Feldherrn: – Hordeonius Flaccus vor allen, seinen alten Waffenbruder, wollte Vespasian gewinnen.« »Vor dir hilft kein Leugnen,« schmunzelte der Alte. »Aber schweige noch, sonst ... Vocula versteht nichts als den Dienst: gehorchen und befehden.« »Ist viel,« wandte Civilis ein. »Aber du selbst – wie stehst du zu dem Plan? Ein Mann wie du, dächte ich, kann nicht lange wählen zwischen dem Cäsar der Vergeudung und –« – »Dem der Knauserei!« lächelte Civilis; doch unter dem Lächeln verbarg er tief ernste Gedanken. »Du zögerst?« bangte Hordeonius. »Du schwankst? – Allerdings! – Vergiß nicht: nicht meine Neigung, nur ein Gerücht hab' ich dir mitgeteilt. – Auch Vitellius hat ja Manches für sich.« – »Jawohl! Zum Beispiel einstweilen noch die Macht! – Die Macht und das Recht, uns beiden nur um dieser Zwiesprach willen die Köpfe vor die Füße zu legen.« – »Fern sei das Omen!« rief Hordeonius schauernd. »Rufe nicht solch' blutge Bilder auf.« – »Die Legionen des Vitellius, die bei Bedriacum gesiegt, sind tapfer und vollzählig,« wandte Civilis, wie in ängstlicher Erwägung, ein. »Freilich, freilich! Aber doch! Vespasian wird siegen – unzweifelhaft.« Und auf des Batavers fragende Miene hin fuhr er fort: »Zahlreiche Götterzeichen verkünden es. Viele Briefe melden mir davon. Bei seiner Geburt schon rief ein Opferschauer: ein Imperator liege hier in den Windeln.« Civilis zuckte die Achseln. »Das ist neunundfünfzig Jahre her! Und noch immer liegt er in den Windeln!« »Ein losgerissener Stier jagte vor kurzem alle Sklaven in seinem Landhaus davon, drang zu ihm, der an der Tafel lag, und streckte sich hier, den Nacken beugend vor dem Wehrlosen, nieder zu seinen Füßen. – Mehr noch: kurz bevor Otho und Vitellius dort bei Bedriacum sich bekämpften, stritten widereinander im Angesicht beider Heere, hoch in den Lüften, zwei Geier; tot stürzte der auf des Otho Seite – im Süden – zur Erde, der andere erhob triumphierend Geschrei: aber plötzlich brauste von Osten ein dritter Kampfer – ein Adler – herbei und zerriß den Sieger. Nun, Vespasian kommt doch von Judäa – von Osten – her.« » Wenn er kommt,« erwiderte zweifelnd der Bataver. »Endlich aber: durch alle Lande geht schon geraume Zeit ein Götterspruch: aus Judäa werde kommen, der die Welt beherrschen solle. Hast du nicht davon gehört?« – »Doch! – Aber die Juden, die sich im Vertrauen auf das Wort erhoben, – blutig wurden sie niedergeschlagen.« – »Es waren eben nicht die Juden gemeint, sondern Vespasian, der aus Judäa sieghaft nach Rom ziehen wird. Begreifst du das denn nicht?« »Ich begreife, was du wünschest, Hordeonius,« entgegnete Civilis, »lebhaft wünschest, und wie dein Wunsch sich Zeichen und Sprüche deutet.« Einstweilen aber hatte er seinen Entschluß gefaßt. »Und du sollst also, Hordeonius,« sprach er nun fest, »gegen den trefflichen Freund durch meine tapfern Bataver verstärken jenes ekle Scheusal, das Vitellius heißt?« »Dank für dies Wort!« frohlockte der Römer. »Es giebt ihn ganz in meine Hand,« dachte er, »nun kann er nicht mehr zurück!« – »Das soll ich,« fuhr er fort, »aber das will ich eben nicht.« Tief atmete Civilis auf: »Gerettet!« sprach er zu sich selbst. »Noch muß man die Entscheidung hinauszögern.« – »Ganz meine Meinung!« nickte Civilis. »Aber, wann es gilt, willst du mir dann beistehen mit all' deinen Batavern?« – Das kann ich leider nicht versprechen. Mein alter Erbfeind, Claudius Labeo, und meine Vettern werden stets rechts gehn, geh' ich links.« – »Sie dürfen – beileibe! – nichts erfahren, bis alles entschieden,« nickte der Römer. »Denn sie hängen zäh an Vitellius, der sie befördert hat und reich beschenkt. Aber du – willst du – mir zu Liebe! mir beistehen – deine Bataver und die andern Germanen hier im Lande zu behalten?« – »Ich – ich weiß doch nicht. Das muß wohl überlegt sein.« – »Ich bitte dich darum, hörst du? Ich, der Legat, im Namen Roms! Und Vespasianus wird dir reichlich lohnen.« »Nichts der Art! – Aber du – im Namen Roms – zum Heile Roms – du bittest mich darum? Nun denn – hier meine Hand! Ich fechte nicht für Vitellius – nie! – und die Bataver? – Wohl, sie sollen nicht aufbrechen, kann ich's irgend hindern.« – »O Civilis – wie – wer – kann dir danken?« – »Mir? Der Ausgang dieser Kämpfe. – Und mein Volk.« XV. Des Civilis Haus, mit der Stirnseite an einem Arm des Rheins gelegen, unterschied sich erheblich von Brinnos eichengefügtem Gehöft. Es war ein Steinbau, nach römischem Vorbild von römischen Sklaven ausgeführt, und zeigte nur in wenigen Stücken Erinnerungen an das altgermanische Haus: so in dem Pfahlzaun, der »Hofwere«, die auch hier das Anwesen umhegte und – an Stelle des römischen Atriums – in der »Halle«, dem wichtigsten Teil der Wohnräume. Auch stand diese Siedelung nicht, wie der Einödhof des Brinno, allein: ringsum erhoben sich geringere Gebäude, an welchen die römischen Zuthaten weniger hervortraten: die Hütten der Unfreien, Freigelassenen und freien Grundholden, die auf des reichen Edelings verliehenen Vorwerken und Neurodungen saßen; zumal den Strom entlang drängten sich diese niedrigen Häuslein mit ihren Schilf- und Moosdächern dorfartig zusammen. Vor der Hofwehre nach dem Ufer hin erstreckte sich eine Wiese, der für dieses Jahr brach liegende Teil der Hufe. Wohlgepflegte Rinder von der glänzend rotbraunen Farbe edlen römischen Zuchtschlages, weideten hier in Menge: zum Teil lagerten sie in dem hohen Grase, zur Ruhe niedergestreckt und behaglich wiederkäuend. Im wolkenfreien Westen sank die Sonne leuchtend nieder, den breiten Wasserspiegel des königlichen, hier fast schon einer Meeresbucht vergleichbaren Stromes prächtig vergoldend. Es war ganz windstill: das hohe, so leicht schwankende Schilf am Ufersaum stand ohne Regung: geräuschlos zog das tiefe Wasser hin. Nur ein Fisch sprang zuweilen aus der glatten Fläche, nach den Mücken schnappend, die in dichten Haufen über den Fluten tanzten. Auf einem schmalen Kanal, den die wasservertrauten Anwohner aus diesem Rheinarm – der Waal – nach der Yssel hin mit sehr geringem Gefäll quer durch das ganz ebene Wies- und Sumpfland gegraben hatten, ward ein schmaler Flußkahn, hoch mit Frühheu beladen, zu Berg gezogen: gar rasch ging die schwere Last vorwärts: vier starke Knechte, breite Lederriemen über die Brust gespannt, schleppten sie, auf dem Leinpfad stapfend, nach: sie begleiteten ihre gleichmäßigen Schritte mit eintönigem, aber wohlklingendem Taktruf: an der schlanken Maststange – einer jungen Tanne, der man den obersten Wipfel ihrer Nadeln gelassen hatte, – aufgespannt leuchtete das viereckige, dunkelgelbe, fast braune Segel von den Sonnenstrahlen wagrecht getroffen, in warmem Glanz. Von einer kleinen grünen Aue im Fluß, nahe dem Ufer, klang das melodische Lied des Schilfrohrsängers herüber: die Landschaft ruhte in goldnem Abendfrieden: es war ein lieblich Bild. Vor dem Hofzaun auf der Wiese saß auf einer aus weißrindigen Birkenästen zusammengenagelten Bank Civilis im Hauswams, ohne Mantel, ohne Waffen. Vor ihm stand ein schöner schlanker Knabe von etwa zwölf Jahren, dem das dunkelblonde Gelock von dem unbedeckten Haupt in langen Wogen bis auf die Schultern wallte: die muskelkräftigen Arme waren nackt, ebenso vom Knie abwärts die straffen Beine; der lichtblaue Linnenkittel ließ auch den Hals und den obern Teil der Brust offen: allein obwohl stets der Sonne ausgesetzt, war die Haut des Knaben blendend weiß. Er legte nun den Bogen von Eibenholz und ein paar armslange Pfeile, beschwingt mit den Federn des grauen Reihers, aus der Hand auf die Bank und strich das dichte Haargewog aus den erhitzten Schläfen. »Macht dir das Langhaar heiß, Merowech?« fragte der Vater, zärtlich mit leiser Hand über das blonde Haupt hinstreichend. »Ein wenig,« erwiderte der Knabe, »Aber das thut nichts. Ich trag' es gern. Es freut mich, daß ich's tragen darf.« – »Weshalb?« – »Ei, Katwald sagte: – ich habe Katwald gern, Vater! – das lang auf den Nacken rollende Haar sei das stolze Abzeichen, – das Vorrecht! – der Männer aus unserm alten Königsgeschlecht. Denn unsre Ahnen – wohl wußte ich das von ... nun aus anderem Munde! – trugen den Königsstab in diesem Gaue der Bataver seit grauester Vorzeit, – seit zuerst unser Volk hier eingezogen von Aufgang her – bis ... bis wie lange doch, Vater?« »Bis die Römer ins Land kamen.« »All' die Jahre her hast du mir das Haar verschoren, ganz kurz, wie es die Römerknaben tragen. Es war mir nun wieder stark gewachsen: als ich dich aber – mehrere Wochen sind es nun! – bei der beginnenden Sommerhitze der Schere gemahnte, da sprachst du, mir die Locken streichend, ernst: »Gewöhn' dich dran! Noch länger sollst du's künftig tragen.« Aber auch du, Vater, hast, meine ich, das Haar und selbst den Bart schon gar lang nicht mehr gekürzt!« »Ein Gelübde, mein Kind!« sprach er kurz. »Katwald aber raunte ...« er stockte. »Nun, was meinte der Getreue?« »Du wollest das an mir nun so nicht nur den Ahnen zum Gedächtnis, nein, für die Zukunft ein Zeichen, den Römern ein Trutz und ...« »Du liebst sie nicht, die Römer?« »Nein, wahrlich nicht! Ich hasse sie schon lange, bevor sie mir Bruder und Oheim gemordet.« »Das ist das Ärgste nicht, was sie gethan!« »Ich weiß, ich weiß! Katwald hat mir's gesagt, weshalb du – wir alle, die Römer hassen müssen: weil sie unsrem Volke Treue und Vertrag gebrochen haben. Ich hasse sie, seit ...« »Nun, seit wie lang, du Kind von wenigen Wintern?« »Seit sie, seit Weleda mein pflegte an der kranken Mutter Statt. Sie sang mich in den Schlummer mit alten Weisen und viele, viele Abende erzählte sie mir in meinem Schlafkämmerlein, während du vorn in der Halle mit dem Legaten und seinen Tribunen tafeltest, von den Kämpfen der Germanen überm Rhein mit den Legionen, vom großen Ohm Arminius – den ich vor den Römern nicht nennen durfte! – und von des Varus Untergang. Und fragte ich, weshalb du, Vater, nicht auch gegen die Übermütigen kämpftest, dann legte sie den Finger auf den Mund und sprach: »Geduld! Die Götter senden einst auch diesen Tag.« – O Vater, weshalb ist sie nicht mehr bei uns?« »Sie ist gegangen – nach deiner armen Mutter Tod – wohin sie gehört: zu ihren Gesippen.« »O wie konnte sie erzählen! Nicht nur von Kampf und Krieg, auch von unsern Göttern. Und von den lichten Göttinnen – so schön! Ich sah sie vor mir bei ihren leisen Worten, die hehre Frick, die holde Freia: sie trugen selber Weledas Gestalt. Kann sie nicht wieder einmal zu uns kommen?« »Sie hat jetzt keine Pflicht bei uns mehr zu erfüllen. Und sie liebt es, einsam auf der Waltenden Verkündungen zu lauschen. Ich danke ihr aber, daß sie in diesen Jahren, da ich noch blind ...! Nun weiß ich doch, woher dir der Trotz kam, in dem du meinen römischen Gästen schmolltest oder entliesest. Weleda also!« – »Ja. Und Katwald half treulich mit. Sieh nur her, Vater, – du zürnst jetzt nicht mehr darüber, bisher hab' ich's vor dir versteckt, – was er mir geschnitzt und angemalt hat mit Mennig und Ocker, mit Waid und Kohlenruß.« Er sprang zu einem hohen Haufen von allerlei Holz, der neben dem Hause aufgeschichtet lag, zog daraus behutsam eine flache runde Platte hervor und brachte sie dem Vater. »Schau! Einen Kopf – ich hab' ihn Vocula genannt! – unter einem stolz geschweiften Römerhelm. Katwald gab mir dies und sprach: »du triffst das Eichhorn im Sprung, den Specht im Flug, den fließenden Lachs im Fluß: – laß sie springen, fliegen und fließen: – auf diese Scheibe ziele du fortan, Merowech.« Und nun schau, wie oft ich schon getroffen – auf hundert Schritt!« »Mein Sohn,« sprach Civilis und sah ihm scharf prüfend ins freudige blaue Auge, »noch haben wir die Wahl. Entscheide! Verbrenne diese Scheibe, die allzuviel verrät, schere wieder dein Haar und lebe hier friedlich fort, wie bisher im behaglichen, wohlbestellten, reichen Hof, im Überfluß von allem, was dein junges Herz begehrt: noch ist es Zeit! Noch können wir Frieden halten mit den Römern: – du weißt, sie sind sehr stark: sie beherrschen die Welt.« »Oder?« drängte ungeduldig der Knabe. »Oder laß dein Haar wachsen, Königsenkel, vielleicht künftig selbst ein König deines Volks, verlasse mit mir dies schöne, reichgeschmückte Haus und die breiten Kornäcker und all' unsre Habe, um sie nie mehr oder als Brandschutt wiederzusehen: denn die Legionen dringen leicht bis hierher.« Da umwölkte sich des Kindes offenes Antlitz: »Alles? – Alles nicht mehr wiedersehen? Auch Weißfuß nicht, mein kleines Roß, und Greif, meinen lieben Falken?« »Auch Roß und Falk' vielleicht siehst du nie mehr. Du folgst mir aber mit allen Männern unseres Gaues in den Wald, auf den Strom, ins freie Meer hinaus zum Kampfe, zum unablässigen Kampfe mit den Römern, bis sie das Land geräumt oder bis der letzte von uns erschlagen liegt auf seinem Schild. Und bedenk' es wohl: »der Sieg ist ungewiß euch Batavern,« kündete Weleda selbst, »gewiß euch nur der Ruhm des Heldentums.« Sprich, Merowech, mein Knabe, – wähle!« Da warf sich der ungestüm an seine Brust und rief! »Komm, Vater! Gleich! Komm in den Wald! Und in den Kampf!« Und er schloß den Sohn an das Herz und sprach: »Dank, ihr Götter, für dieses Kind. Mich mögt ihr strafen mit Unsieg für die Schuld der langen Verblendung: aber hier dies junge Haupt – schaut herab, ihr Himmlischen! – es ist ohne Schuld: ich weih's unsrem Volk. Schützt Merowech und in ihm unsres Volkes Zukunft.« XVI. Die Sommersonnenwende war herangekommen. Das große Fest des Mittsommeropfers vereinte an diesem Tage, dem vierundzwanzigsten des Brachmonds, jedes Jahr die sämtlichen Gaue der Bataver und der Kannenefaten, die alle ihre Herkunft von dem Sohne Wotans, dem Kriegsgott Tius ableiteten. Diesem also galt besonders die Feier, nachdem vorher der Scheiterhaufe seines Bruders Paltar, des schönen Lichtgottes, der an jenem Tage starb, war entzündet worden. Aber auch die benachbarten und befreundeten Völkerschaften der Großfriesen östlich, die der Kleinfriesen westlich der Yssel, die friesischen Mársáken, Ostnachbarn der Kannenefaten, die Sugambern und Gugernen gegenüber der Ruhrmündung auf beiden Ufern der Maas waren durch Gesandte oder durch freiwillige Gäste vertreten. Der Festort, die geweihte Stätte des Kriegsgottes, war ein heiliger Hain, ein noch nie von der Axt berührter Wald auf der inselhaften Landspitze, die Waal und Maas vor ihrer Vereinigung umgürten. Die beiden Stromarme schlossen das unbewohnte Eiland von dem Verkehr und der Nutzung des Volkes der umliegenden batavischen Gaue völlig ab: nur wenige Priester, Wächter und Diener des Weihtums, lebten hier. So lag die Stätte mitten in den Schauern des Urwaldes in geheimnisvoll verschleierter Einsamkeit, deren ahnungsvolle Stille nur zur Zeit der beiden großen Feste, der Winter- und der Sommersonnenwende, gestört ward. Auf Fuhrten und auf Fähren, zur Wintersonnenwende auch wohl auf dem tragfesten Eise – Brücken trugen die freien Wasser noch nicht – wateten, ritten, fuhren alsdann die Leute von Süden über die Maas, von Norden über die Waal in die gefreite, dem Gott geheiligte Stromaue. Jeder freie, wehrfähige Mann dieser und der befreundeten Völkerschaften mochte hier erscheinen: allein auch Frauen und Mädchen und Knaben in reicher Zahl schlossen sich zu Wagen, zu Roß und zu Fuß den Heermännern an: durften sie auch während der Gerichts- und der Ratsverhandlungen die Dingstätte nicht betreten, – außerhalb derselben lagerten sie unter rasch errichteten Zelten und leichten Holzhütten, bei dem sommerlichen Fest aber sonder anderes Obdach als den Schutz der gewaltigen breitästigen dichtbelaubten Bäume. Und war die Rechts- und Ratspflege, das ausschließliche Werk der Männer, zu Ende gethan, so fluteten auch jene Gäste zu Opferschmaus, zu Gesang und Reigen auf die Stätte, die nun ein fröhlich und bunt belebter Festplatz wurde. Der Urwald war nur von wenigen schmalen Fuß- oder Reitpfaden durchschnitten, ausgenommen in der Richtung von West nach Ost: hier durchzog ihn, durch Dickicht und Gestrüpp gebrochen, eine Fahrstraße, breit genug für vier nebeneinander gespannte Rinder. Auf diesem Wege fuhr, von Priestern geleitet, der heilige Wagen, auf eine breite Fähre geschoben, über die Maas in die Gaue hinaus, wann, geraume Zeit nach der Wintersonnenwende, im Hornung etwa, die lichten Götter wieder auf die Erde zurückgekehrt waren: nur die Häupter der halbverhüllten auf dem Zeltwagen stehenden Göttergestalten wurden der Ehrfurcht des Volkes sichtbar. Das eigentliche Weihtum war – in der Mitte des heiligen Haines – eine uralte mächtige Linde, in deren Wipfeln der Stammvater dieser Völkerschaften, der Kriegsgott Tius, seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Kein neugieriger Blick vermochte ihn hier zu erspähen: denn undurchdringbar flochten sich, wagerecht und senkrecht, die Äste des Baumes durcheinander und auch die Nachbarstämme griffen von allen Seiten in dieses dichte Zweig- und Laubgewirr. Ein Bild des Gottes fehlte seinem Weihedienst. Als Verkörperung oder doch als Sinnbild und Wahrzeichen seines Wesens galt ein altes Kurzschwert von Feuerstein, das in grauer Vorzeit die Ahnen bei ihrem Aufbruch aus dem Hessenland mitgeführt hatten auf ihrer Wanderung den Rhein hinab. Das Jahr hindurch von den Priestern sorgfältig verwahrt in einer der Blockhütten hinter dem Götterbaum, ward es bei Opferfesten in feierlichem Aufzug abgeholt, in weißes Linnen gehüllt umhergetragen, darauf entblößt und zuletzt vor der heiligen Linde, den Griff zu unterst, feierlich aufgesteckt. Aber nicht in die Erde, sondern in eine Art von Altar, das heißt in eine in der Mitte durchlochte mächtige dunkle Felsplatte von schwarzem Basalt, die – dergleichen gab es nicht in dem Gebiet der Rheinmündungen! – ebenfalls aus der alten Heimat – als ein Stück derselben – von der Fulda her war mitgeführt worden. Die Sage ging, als der Wagen, der die Platte trug, an diese Stelle vor der auch schon damals stattlichen jungen Linde gelangt war, machten die vorgespannten drei weißen Rosse Halt und waren durch kein Mittel weiter zu bringen: so hatte der Gott die Stätte bezeichnet, wo er in den neuen Sitzen seines Volkes wohnen wollte. Vor dem Baume war nun in halber Manneshöhe ein Rasenhügel aufgeschichtet und auf dessen viereckige Fläche der Fels feierlich niedergelegt worden; heilige Kräuter, auch das Gedörn, mit dem man die Scheiterhaufen des Leichenbrands umhegte, waren auf allen vier Seiten angepflanzt: sie wucherten und grünten nun in vollsommerlicher Üppigkeit. Gar manchen alt-eingesogenen dunkelroten Flecken zeigte das Steinschwert: sie rührten von dem Blut der Tiere, mit welchem es bei jedem Opferfest besprengt ward. In weitem Kreise umgab den Weihebaum die Dingstätte, umhegt durch einen »Speerzaun«, eine Anzahl von Lanzenschäften, die senkrecht, die Spitze nach oben, in den Waldrasen gerammt, wagerecht durch andere aneinander geknüpfte Speere in Brusthöhe vom Boden miteinander verbunden waren: die knüpfenden Seile waren, die Blutgewalt des Alldings anzudeuten, mittels Mennig rot gefärbt. In dem Raume zwischen der Linde und dem Felsaltar – mit dem heute hier aufgepflanzten Wahrzeichen des Gottes – stand ein hoher Stuhl mit ganz gerader Rückenlehne und links und rechts wagerecht vorspringenden Armstützen, die in geschnitzte Drachenköpfe ausliefen. Er war gezimmert aus den Ästen, die im Laufe so vieler Jahrzehnte der Sturm von dem unverwüstbaren Baume gebrochen hatte; eine scharlachrote Decke war über den Sitz gespreitet: es war der Platz des Richters; oben, längs der Rückenlehne, liefen eingeritzte Runen hin des Inhalts: »Hier tronen und tagen der Tius Des echten Alldings Und die drei alledeln Asaginnen.« (Das heißt die Künderinnen des Rechts, die Nornen.) Zur Rechten lehnte an dem Stuhl ein glänzend weißer Stab: auch der war aus einem entrindeten Schößling der Linde gefertigt: seine Spitze krönte eine geschnitzte greifende Hand. Innerhalb des Speerzaunes ragten, ebenfalls im Kreis aufgepflanzt, baumhohe Stangen, welche die nackten Schädel von Pferden, von langhörnigen Widdern, krummhörnigen Stieren und breitschaufeligen Elchen trugen, die in den letzten Jahren hier waren geopfert worden: manche Hörner und Geweihe zeigten Spuren leichter Vergoldung und welke Kränze hingen, im Winde rauschend, davon hernieder. Aus dem dichten Geäst des Weihebaums aber sahen, schräg hinein gestreckt und fest gebunden, mehrere Kriegsfahnen und phantastische Feldzeichen der Völkerschaften und einzelner ihrer Gaue, die in Friedenszeiten hier geborgen, bei Ausbruch des Krieges herabgenommen wurden. Die Zeichen waren verschiedener Art: bald der wallende Schweif eines schwarzen oder weißen, eines braunen oder eines roten Rosses, an schlankem Speer unter der Spitze angebracht oder auch – die Gesamtfahne von vier und mehr verbündeten Gauen – vier solcher Roßschweife und Mähnenhaare vereinigt an einem Schaft. Aber auch Tierbilder fehlten nicht; roh, jedoch mit schärfster Beobachtung der Wahrheit des Lebens geschnitzt und auf Querbrettern oberhalb des Schaftes eingepflöckt: da dräuten die heiligen Tiere Wotans: der Adler, der Rabe, der Wolf, aber auch der Bär Donars richtete sich auf, der Eber Freirs hieb, Loges Luchs kauerte nieder zum Ansprung, der Sonnenhengst Paltars hob den hauenden Huf und der Hirsch Ullrs senkte, zum Stoß ausholend, das stolze Haupt mit dem sechzehnendigen Geweih. – – Gelbgrau dämmerte der früheste Morgen nach der kurzen Sommernacht herauf, noch kaum durch die hohen Bäume und dichten Büsche in das Innere des Waldes dringend mit fahlem Scheine. Vor dem Rasenhügel lagen in Menge verkohlte Scheite und Reisigäste, die Überbleibsel des Sunwendfeuers, über welchem am Abend vorher die dem Gott geopferten zwölf Widder – von jedem der verbündeten und stammgenössischen Gaue einer – waren auf dem Spieß gebraten worden. Darauf hatten verlobte junge Paare Hand in Hand gar manchen kühnen Satz über die emporzüngelnde Flamme gethan und Glück oder Unglück der künftigen Ehe war aus der Art, der Kühnheit oder Verzagtheit des waglichen Sprunges von den Umstehenden geweissagt worden. Aber auch die Rosse und Rinder, die Gespanne der Wagen, hatte man durch das »Notfeuer« getrieben, sie für das kommende Jahr gegen Seuchen oder Sturz und Fall zu schützen. Endlich hatte gar mancher junge Festgast eine in der Mitte durchlochte flache Holzscheibe an den Rändern in der Opferflamme angebrannt und dann die flammende, ein Bild der Sonnenscheibe, mit dem durch das Loch gesteckten Speerschaft so hoch er konnte in die Luft geschleudert unter Wünschen der Liebe oder Gelübden kühner That; auch dem Flug dieser Scheiben ward Heil oder Mißlingen abgesehen und danach vorverkündet. Die ersten auf dem Dingplatz waren Civilis und Ulemer; ehrerbietig die altertümlichen Steinäxte senkend, ließen die Wächter des Weihtums, die seit Mitternacht die Opferstätte gehütet hatten, die beiden Edelinge eintreten durch die eine der drei pfortenähnlichen Öffnungen in dem Speerzaun: das heißt durch zwei senkrechte, wagerecht nicht gesperrte Schäfte in Aufgang, Mittag und Niedergang; von der Unheil bedeutenden Mitternachtsseite, der »kalten Ecke«, her sollte und wollte niemand den Dingkreis beschreiten. »Die Sonne dieses Tages also,« sprach der Friese, den Mantel aus Seehundfell zurückschlagend, »wird endlich die Entscheidung sehen. Lange genug hast du uns alle zurückgehalten.« »Und mich selbst,« erwiderte Civilis, »vergiß das nicht. Meinst du, weil mein Mund schwieg, mein Herz verlangte nicht nach Rache all' diese Wochen her? Wie oft fuhr ich auf aus dem Schlaf, aus dem Traum, mit geballter Faust und jenen Namen rufend –: »Mummius! Mummius Lupercus!« – Aber ich mußte warten. Und auch heute – wer weiß, ob ich es wagen darf!« »Von welchen Dingen willst du's abhängen lassen?« »Von der Rückkehr meiner Kundschafter, die ich ausgesandt, und vom Eintreffen – anderer, die ich erwarte, deren ich nicht entbehren kann. Wohl hab' ich ihnen allen eingeschärft, heute – hier! – verlässig zu erscheinen. Aber versagt mir auch nur Eine Erwartung, – und leicht können die Kohorten sie zerstören: dieser Vocula zu Mainz hat wache Augen! – so ist der heutige Tag verloren und damit lange, lange Zeit. Jedoch auch wenn meine Boten, meine Helfer kommen: – unberechenbar ist die Menge. Denn die Furcht vor Rom ist groß – und wahrlich nicht ohne Grund! – in jenen unserer Gaue, die hart vor den Lagern und Kastellen der Legionen liegen: wie oft haben sie die Römer siegen sehen und ihrer Rache fürchterliche Schrecken – an andern – erfahren! Auch hängen gar viele an Rom aus der Gier nach Gewinn, nach Gold und Genuß.« »Freilich! In deinem eigenen Gau dein alter Nebenbuhler, jener Labeo! Ja sogar in deiner eigenen Sippe deine Vettern! Wo mögen sie stecken? Gestern und vorgestern – keine Spur von ihnen sah ich. Das ist mir unheimlich. Was treiben sie?« Civilis zuckte die Achseln: »Nichts gutes. Und unthätig sind sie nicht. Auch das muß ich erwarten.« Und in sorgender Beratung schritten die beiden auf und nieder. XVII. Zur gleichen Stunde ritten auf dem linken Ufer der Maas auf einem der schmalen Waldwege von Süden her auf eine Fähre zu drei Männer in reicher römischer Tracht; römisch waren auch ihre Waffnung und Zaum-, Sattel- und Bügelzeug der wertvollen lusitanischen Pferde; aber sie redeten untereinander in der Sprache der Bataver. Sie ließen sich samt ihren Gäulen übersetzen von dem Fergen im langen Grauhaar und dessen Knecht: drüben angelangt zahlten sie – in römischen Münzen – so verschwenderisch, daß der Alte staunte und dankte: »Lohn's euch der Wunschgott!« sprach er, indem er den Kahngästen behilflich war, die Rosse aus der flachen breiten, an beiden Enden gleich stumpf gerundeten Fähre auf den feuchten Ufersand auszuschiffen. – »Was seid ihr doch reich, ihr Edelinge!« »Nicht wir,« sprach der älteste der Ankömmlinge, ein Mann in den Fünfzigen, dessen scharf geschnittene römische Züge wenig zu dem blauen Germanenauge paßten. »Nicht wir! Aber Rom ist reich, unermeßlich reich.« – »Wir nur,« fuhr der jüngste fort, sein Pferd am Zügel fassend, »weil uns Rom beschenkt.« – »Uns belohnt für unsere Treue,« schloß der dritte, sich von dem Rand des Bootes an dem langen Speer auf das Ufer schwingend. – »Weh uns,« hob der Jüngling wieder an, »brechen wir Rom den Bund.« – »Dann verarmen wir zuerst und – mit uns – bald ihr alle.« – »Du bist ein Freier,« sprach der älteste, das stolze Haupt unter dem hochgeschweiften Römerhelm in den Nacken werfend, »das zeigt dein Haar. Willst du nicht mit zum Allding? Wichtiges wird heute dort entschieden. Brinno und – nun andere mehr – wollen uns fortreißen zu den unsinnigsten Beschlüssen. Auf jede Stimme kommt's heute an. Laß den Knecht dort der Fähre warten und komm mit uns.« Einen langen Blick unter den buschigen Brauen hervor warf der Ferge auf den Sprecher, dann auf die beiden andern. »Ich wollte die Naue nicht verlassen,« erwiderte er, »der Knecht ist ein Schalk« sagt ein alt wahr Wort: er wird mich um manches Fahrgeld betrügen. Aber nun – nach euren Worten – nun geh' ich zum Allding.« Er stieg in den Nachen, holte aus einem Verschlag unter dem Gransen ein Schwert hervor und steckte es in den breiten Wehrgurt; einen Mantel von gröbstem dunkelgelbem Segeltuch – es war wohl ein ausgedientes Segel – mit einem Riemen zusammengeschnürt, warf er über die linke Achsel. Denn er trug bei der Arbeit nur eine kurze Kniehose von ungegerbtem Leder, die Brust, die Arme und Beine waren entblößt und stark behaart und dunkelbraun gefärbt von Sonnenbrand, See, Wind und beizendem Seesalz: so nackt erschien man nicht im Ding; statt des Speeres nahm er die schwere Stange zur Hand, mit der man das Boot abstieß, mit dem starken gebogenen Haken unter der Spitze. »Der Alte sieht aus wie der Neck des Stromes selbst,« flüsterte der Jüngling, »nicht, Labeo?« Der nickte stumm; dann schwang er sich in den reich mit Gold gestickten spanischen Sattel und mahnte den Fergen: »geh nur voran, wir kennen den Weg. – Und wir haben noch Manches zu bereden, Briganticus,« fuhr er fort, als der Schiffer vor ihm im Gebüsch verschwunden war. »Jawohl,« erwiderte der mittlere. »Ich sagte es vorher, als die Sonne kam, zu meinem Bruder: »Cajus, sagte ich, schau sie dir genau an: vielleicht siehst du sie heut abend nicht mehr zu Golde gehen.« »Ja, Julius hat Recht,« erwiderte der Jüngste mit leise bebender Stimme. »Groß ist die Redegewalt des Verhaßten: – oft hat er wohl Wodan um Wortsieg geopfert! – Leicht reißt er die Menge dahin.« – »Und dieser Brinno, der rasende, lechzt nach Blut,« fuhr Julius Briganticus fort. »Gewiß!« sprach Claudius Labeo. »Und mehr noch als nach dem der Legionen, nach dem Blut der Abtrünnigen, der Verräter, wie er uns schelten wird.« »Ja, mir ist nicht wohl bei diesem Ritt!« sprach der jüngere Briganticus. »So geh' hin zu Civilis,« fuhr ihn sein Bruder an. »Erbitte seine Verzeihung. Er wird sie gewähren, gewiß! Er spielt gern den Großmütigen vor dem Volk. Und du magst dann der Gnade genießen, gebeugten Nackens unter ihm zu dienen.« – »Niemals!« rief Cajus ausbrechend. »Das ist's ja, was ich nicht ertrage! Wir machen heut' ein Ende. Hast du die Erlenstäbe mitgebracht?« »Hier, unter dem Mantel,« erwiderte sein Bruder. »Wohl sind auch die Römer – wahrlich! – nicht gelinde Herren. Aber lieber doch dien' ich dem Fremden, dem der ganze Erdkreis dient, als dem verhaßten Vetter, dem hochmütigen, der, demselben Großvater entstammt, die ganze Sippe, den ganzen Gau, das ganze Volk unter seinen Willen zwingen will. Nieder mit ihm! – So!« Und er köpfte mit dem Schaft des Speeres eine hohe Distel, die am Wege stand. Labeo warf von seinem Roß einen befriedigten Blick auf die beiden. »Ihr haßt ihn fast bitterer als ich, glaub' ich. Und doch hat unser Geschlecht seit den Tagen der Ahnen Grund, eure Sippe zu hassen. Wir waren das ältere Königshaus, bis ihr uns verdrängtet.« »Weißt du denn nicht,« fragte Julius: »der Haß der Ungesippen ist nur Salz, der Haß der Gesippen aber ist Galle. Er soll nicht diesen Krieg entfesseln, in dem all unser Reichtum sicher untergeht. Meine gefüllten Speicher stehen dicht vor Xanten: – in der ersten Nacht der Empörung wirft der Centurio die strafende Fackel hinein.« »Noch schwerer,« sprach Labeo, »wiegt das andere. Bricht dieser Krieg aus, – Civilis wird des Krieges Seele und unsres Gaues, ja aller Gaue Haupt. Dann ist's vorbei mit uns für immerdar im Volk der Bataver.« – »Das soll nicht sein, solang ich atme!« rief Julius. »Drum vorwärts, ihr Freunde! Spornt die Gäule, daß wir rechtzeitig zur Stelle sind. Vergeßt nicht, schon bevor das Allding beginnt, im stillen unter den Gauleuten zu verbreiten, was alles Hordeonius verheißen ...« – »Und was Vocula gedroht,« schloß Cajus. »Nicht den Namen Bataver wird Rom übrig lassen, wenn wir uns rühren. Vorwärts! Und nieder mit Civilis!« Alle drei gaben den Rossen die Sporen und sprengten ungeduldig waldeinwärts. XVIII. Mittlerweile hatte die Sonne die Schichten von feuchtem Dunst und weißlichem Nebel, die im Osten über der Maas lagerten, sieghaft durchdrungen und ihre Strahlen leuchteten nun bis auf die Dingstätte. Diese füllte sich jetzt rasch mit den Männern der verbündeten Gaue, aber auch mit Angehörigen der Nachbarvölker. Die meisten hatten sich schon an dem Tage vor der Sunwend eingefunden: doch trafen aus den ferner gelegenen Landschaften immer noch Nachzügler ein. Civilis und Ulemer wurden von gar vielen angesprochen, die von den besser unterrichteten, weiter blickenden Edelingen Gewißheit zu erfahren suchten über die mannigfaltigen, oft widerstreitenden Gerüchte, die durch die Lande schwirrten: denn daß in Italien, in Rom, aber auch in Gallien sich allerlei vorbereite, das ahnten, fürchteten oder wünschten nicht wenige. Während Civilis diese Fragen anhörte und ausweichend beantwortete, schweifte sein Auge wiederholt jene einzige breite Straße entlang nach Osten, wo sich, weit außerhalb des Dingkreises und des Dickichts, auf offener Waldwiese ein grasiger Hügel erhob, freilich nur zu bescheidener Höhe; allein da er ganz frei stand, gewährte er weithin Aussicht. Auf der Krone des Hügels lehnte, auf den Speer gestützt, eine hohe jugendliche Gestalt. Der Jüngling drehte der Dingstätte den Rücken: aber unablässig spähte er aus nach West, von wannen die Fahrstraße, und nach Nord und Süd, von wannen je ein Reit- oder Fußpfad an dem Hügel vorbei über die Waldwiese nach dem heiligen Baume zu führten. Regungslos stand der Späher: scharf hob sich der dunkle Umriß des schlanken Leibes von dem ringsum flutenden Morgenlicht ab. Allmählich kam auf dem Gerichtsplatz Ordnung in die bisher durcheinander wogenden Massen: sie gliederten sich von selbst nach Sippen und Gauen, diese nach Völkerschaften und reihten sich im Kreise nebeneinander, alle das Antlitz dem Altar und dem Weihbaum zugewendet. Auch legte sich nachgerade das laute Stimmengewirr: es ward still in dem Kreis: erwartungsvoll blickten die vielen Hunderte nach dem immer noch leeren Richterstuhl, neben welchem sich jetzt mehrere Priester in mannigfach gefärbten Wollmänteln aufstellten. Ulemer schritt aus der Schar der Friesen auf Civilis zu: »Es ist nicht wohlgethan,« mahnte er, »noch länger zu zögern. Die Meinen werden ungeduldig: sie haben weiten Heimweg. Wir müssen beginnen.« Civilis warf einen langen Blick auf den Hügel: unbeweglich stand dort der einsame Jüngling. »Warte noch,« bat er. »Du hast so hohes Ansehen bei den Deinen.« Aber der Friese schüttelte den grauen Kopf: »Die Freien werden mir verdrießlich. Und dann sind sie schwer zu lenken. Ohnehin wird's nicht an Widersachern fehlen. Schau dort, die neu Angekommenen, die all' deinen Batavern die Hände schütteln. Sind das nicht ...?« »Ja,« erwiderte Civilis nach einem scharfen Blick. »Es sind meine Vettern und Labeo. – Gut, daß Cajus Briganticus erscheint.« Da trat der älteste der Priester von dem Stuhl hinweg auf die beiden zu: ein Greis mit langem, weißem Bart, das noch reiche silberne Haupthaar hielt ihm zusammen eine breite Stirnbinde von vergoldetem Erz, mit tief eingehämmerten Runen. »Ich zögerte,« sprach er, »auf deinen Wunsch, Civilis, solang es anging. Aber nun ...« »Beginne, Sinnist,« entgegnete dieser. »Es muß sein.« Er stellte sich jetzt zu den Batavern seines Gaues; finster wandten sich seine drei Gegner von ihm ab; Ulemer ging zu den Ostfriesen gerade gegenüber. XIX. Der Altpriester – der »Sinnist« – trat jetzt vor den Richterstuhl und winkte den Fronboten, die, zwölf an der Zahl, lange Stäbe und starke, aus Weiden gedrehte Schlingen in den Händen, hinter dem Stuhl sich aufgestellt hatten. Zwei von ihnen – ebenfalls altersgraue Männer – schritten an des Priesters Seite: der eine hob einen vorzeitlichen Rundschild von Auerstierhaut, in der Mitte mit starkem Erzbeschlag gefestigt, am linken Arm in die Höhe: nun führte der zweite mit der Steinspitze eines altertümlichen Speeres drei Schläge auf jenes Erz, daß es weithin dröhnend scholl. Sofort entstand in dem ganzen Dingkreise lautlose Stille: das begonnene Wort ward nicht zu Ende gesprochen, keine Waffe klirrte mehr. Der Priester aber hob an: »Fronboten, ihr freien, Ihr vor andern seit alters Kundige Kenner Des Richtsteigs des Rechtes, – Fronboten, ich frage: Weist mir die Wahrheit! Ziemet die Zeit, Ein echtes Allding Der breitbrünnigen Bataver Und kahnkundiger Kannenefaten Zu halten und hegen? Das weiset mir wohl. Nicht weigert die Wahrheit.« Da antworteten die beiden ältesten Fronboten, den Schild und den Speer hoch gen Himmel reckend, genau zusammen sprechend wie aus Einem Mund: »Es taugt der Tag, Es stimmt die Stunde, Zu halten und hegen Ein echtes Allding Der biedern Bataver und der Blutsbrüder Und aller andern, Die da stolz entstammen Tius dem Tapfern.« »Warum weiset ihr so? Wißt ihr ein » Weil « eurem Wort?« Da antwortete der mit dem Schilde: »Weil gestern ging Zu Sedel des Sommers selige Sonne.« Und der mit dem Speere fuhr fort: »Weil gestern – noch glüht und glimmt Die übrige Asche – Geschichtet in Scheitern Ward Paltars prasselnder Brand.« Und wieder sprach der erste: »Weil noch klimmt die klare, Die sehende Frau Sunna, Sinthgunds schöne Schwester, Weit noch vom Westen, Fern ihrem Fall.« Und der zweite schloß ab: »Weil gestern gerade der gute, Der milde Herr Mond Sich in Fülle vollendet.« Der Priester aber begann aufs neue: »So ziemt denn die Zeit! – Nun frag' ich euch, freie Fronboten, fürder: Ist hier der Ort, ein echtes Allding zu öffnen: Stimmet die Stätte, Ist richtig der Raum?« Einstimmig gaben die beiden Bescheid: »Richtig ist der Raum, des Rechtes ein Ring, Der geweihte Warf Unter der lieben Frau Linde, Des hehren Heiligtums, Schattendem Schutz Und weithin wogenden Wipfeln.« Da mahnte der Sinnist: »So hebet denn hoch An dem Schafte den Schild, Des schützenden Schirmes Gerechten Gerichts Ziemendes Zeichen Und blinkendes Bild.« Die beiden Fronboten schoben den Speer innen durch die beiden Haltriemen des Schildes, knüpften ihn hier mit roten Schnüren fest und stießen dann den hohen Schaft hinter dem Richterstuhl in den weichen moosigen Waldgrund. Der Priester wandte nun das Gesicht dem Platz des Richters zu und begann: »Leer noch und ledig Steht der stolze Stuhl: Sagt an: wer soll ihn besetzen?« Da antwortete der erste Fronbote: »Ihn soll besetzen Nicht Gunst, nicht Gewalt« – Der zweite fuhr fort: »Wen die freudigen Freien Sich wollen wählen,« – Und beide zusammen schlossen: »Der allein ist im Allding Der rechte Richter.« Der Priester fragte weiter: »Nun wohlan, das weiset mir wahrhaft! Nach welcherlei Recht soll der Richter richten? Nach Satzung, so Er sich ersann? Oder nach solcher, so wir selbst uns gesetzt?« Diese Frage brachte alle zwölf Fronboten in lebhafteste Bewegung: auch die zehn andern traten nun vor, so daß alle in Einer Reihe standen, und drohend, laut sprachen alle zwölf in feierlichem Zusammenklang der zwölf Stimmen: »Den ruchlosen Richter Selbstersonnener Satzung, Den Schlauen, Schlimmen – erschlagt ihn Mit wütenden Waffen, Den Frevler, euerer Freiheit frechsten Feind, Richtiges Recht ist allein, was ruhet, Überkommen von den uralten edlen Ahnen, In des freien Volkes Biederer breiter Brust. Dem Richter reicher Ruhm, Der daraus schöpft den schimmernden Schatz, Den quicken Quell, Den hellen, hochheiligen Hort Gerechten, richtigen Rechtes! – Ihm kränzet und krönet mit köstlichem Kraut Mit Blättern und Blüten Die strahlende Stirne. Und Siegvaters Sohn, Forsete selbst, Der gute Gott gerechten Gerichts, Setzt ihn auf den Stuhl Und stärkt ihm den Stab.« Jetzt schritten alle zwölf Fronboten, die Stäbe wieder senkend, hinter den Richterstuhl zurück. Der Priester aber sprach: »So übrigt noch Eines: Den rechten Richter Weise zu wählen. Der Wahl wohl würdig Erseh' ich vor allen andern Einen: Häufig schon hielt er An dieser Stätte den Stab: Ich nenne den Namen euch nicht: Sagt ihr mir ihn selbst, Den Edeling aus eurer alten, Kühnen Könige Herrlichem Haus.« »Civilis! Civilis! Claudius Civilis!« brauste es da durch den ganzen Dingkreis: in dem freudigen Ruf und dem Klirren der zusammengeschlagenen Waffen erstarb das murrende »Nein!« weniger, vereinzelter Stimmen. Civilis trat aus dem Haufen seiner Gauleute hervor in die Mitte des Kreises – noch ein vergeblicher Blick nach dem Hügel, ein unterdrückter Seufzer –: dann sprach er laut: »Gewählt ist die Wahl, – Ich eide euch allen, Gerecht zu richten, Haß nicht zu hegen Und Gunst nicht zu gönnen: So helfen mir in Walhall die Hohen!« Da eilten die Fronboten geschäftig auf ihn zu: der erste nahm ihm die Sturmhaube mit dem Einen drohend nach vorn gesträubten Adlerflügel ab und drückte ihm auf das Haupt einen dichten Kranz von großblätterigem Epheu; ein zweiter vertauschte ihm den braunen Kriegsmantel mit dem weitfaltigen des Richters von glänzend weißem Wollzeug, ein dritter drückte ihm den Stab in die Hand und alle vereint gaben ihm das Geleit zu dem Richterstuhl. Bevor er sich niederließ, sprach er: »Sagt mir, ihr Freien, darf diesen Sitz einnehmen, wer gegen einen der Dinggenossen nicht zwar eine Klage zu klagen, wohl aber eine Frage zu fragen hat?« »Der Richter mag fragen, was und wen er will!« riefen die Fronboten und alle im Umstand stimmten bei. »Zeit! Aufschub!« sprach Civilis zu sich selbst, indem er sich setzte. »So frag' ich dich – wo bist du? mein Vetter, Cajus Briganticus.« Da lief ein Schauer der Erregung durch die Hunderte: gar mancher Bataver brach in einen Ruf der Erwartung, auch wohl des Unmuts ans. Der Gerufene aber trat vor und erwiderte trotzig: »Hier stehe ich, dein Vetter und dein Feind.« »Ist es wahr,« begann Civilis ruhig, »was mir glaubhafte Nachbarn berichten: du hast deine Kornäcker an der Yssel, uraltes Erbgut unserer Ahnen, die dort zuerst die Eichen gerodet, verkauft an den Getreidehändler aus der Stadt der Ubier, Lucius Longinus?« – »Das hab' ich gethan. Willst du's etwa wehren?« – »Das werd' ich.« – »Dann eile dich,« trotzte höhnend der Jüngling. »Er ist schon eingewiesen in den Besitz.« – »Wird nicht lange darin bleiben. Ich erhebe Beispruch und unterwinde mich des Erbguts: mir , deinem nächsten Schwertmag – nach deinem einzigen Bruder – mußtest du den Vorkauf bieten vor dem Ungesippen, dem Volksfremden. – Doch das gehört vor unser Gauding. Im Allding wollte ich nur allen Heerleuten zeigen, wie du, um schnöden Geldes willen, das uralte Recht unseres Volkes brichst.« Da trat Julius zornig hervor und an des Bruders Seite. »Wir aber, wir wollen vor dem Allding ein anderes zeigen: unseren Haß, den abgrundtiefen, gegen dich Arglistigen. – Wohl ist die Sippe sonst das heiligste Band – mit ihrem Bruche bricht dereinst die Welt! – Aber an dich gebunden sein – es ist unleidlich! Und so – vor allem Volke! lösen wir, ich und mein Bruder, den Zwang der Sippe, der uns an dich band: als Fremde stehen wir fortab gegen dich, als Feinde, wie Wolf wider Hirsch. Wir verzichten dir gegenüber auf Eigen, Eidhilfe und Erbe, auf Muntschaft, Wergeld und Blutrache.« Er holte unter dem Mantel mehrere armslange, dünne, noch grün belaubte Erlenäste hervor, gab die Hälfte davon dem Bruder und beide sprachen nun hastig durcheinander, im Zorn, so daß sie nicht, wie es der Brauch vorschrieb, den Zusammenklang der Worte einhielten: »Wie ich dich breche, Zähes Gezweig Der ehrwürdigen Erle, Aus welcher die weise Waltenden einst Der Menschen auf Midhgardh Mutter gemacht, Aber aus der edeln Esche Den mutigen Mann: – So lös' ich und laß' ich Auf immer und alle Tage Jedes Band und bindenden Bund Der bis dahin mich deiner Sippe gesellt.« Unter diesen Worten zerbrachen sie über ihren Häuptern die Erlenzweige und warfen die Stücke nach allen vier Winden. Tiefes Schweigen hatte die Handlung begleitet, die, zwar zweifellosen Rechtes, höchst selten vorkam im Volk. Civilis aber sprach nach einer Weile: »Die Erle zerbarst, die Sippe zersprang. – Schon mancher brach, was gar bald er bereute.« – Er hatte während des Spruches der Vettern wiederholt nach dem Hügel geblickt, den er von seinem erhöhten Sitz bequem übersehen konnte. Nichts rührte sich dort. Da winkte er einen der hinter ihm stehenden Fronboten herbei und flüsterte ihm zu: sofort verließ dieser den Speerkreis. Der Richter fuhr fort: »Weiter geht des Dinges Gang. Ich frage: erhebt ein Freier Klage am Allding? – Der trete vor und hebe die Hand. Doch merket wohl: Gaugenossen richtet das Gauding. Nur eines Gaues Genoß wider anderen Gaues Genoß streitet im Allding.« Da schritt der graubärtige Ferge aus der Schar seiner Gesippen, warf die Bootstange in die linke Hand, erhob die Rechte und sprach: »Ich wahre mein Recht. Ich hätte Grund, zu klagen wider die Fischer des Nordgaues: sie legen gar oft zur Nacht ihre Netze in meinem Fischwasser, südlich vom großen Röhricht der Ran. Ich will nicht klagen – jetzt . Gar oft führt solcher Streit unter Nachbargauen aus dem Rechtsgang zum Fehdegang. Jetzt aber thut Friede Not unter uns allen, so acht' ich. Nur auf daß ich mich nicht verschweige, Richter, wahr' ich mein Recht.« Er ließ die Hand sinken und trat zurück in die Reihe der Seinen. Ein Gemurmel des Beifalls ging durch die Runde, nicht ohne manchen Blick, manchen Ausruf des Vorwurfs wider die Vettern des Civilis. Dieser aber nickte von seinem Stuhl herab dem Fischer zu und sprach: »Weise, Uffo, und wohlgethan! Erst dein Volk – dann deine Fische. Erst sein Ruhm, dann dein Recht. Keine Klage sonst?« Die Männer schwiegen, auch solche, die gekommen waren, einen Anspruch zu verfolgen: das Beispiel wirkte stark und wohlgefällig flüsterte mancher Nachbar zum Nachbar: »Gut sprach der Richter: »Erst deines Volkes Ruhm, dann dein Recht. Erst dein Volk – dann deine Fische.« Ich merke das Wort und sag' es daheim meinem Knaben.« Und das Wort ward ein Sprichwort in ganz Niederland: von Geschlecht zu Geschlecht hat sich's vererbt: in schwerer Zeit, gegen Spanier und Franzosen, ward es angerufen und befolgt in dem mannhaften Volk. Da nun kein Kläger mehr sich meldete, schritt Ulemer hervor aus der kleinen Schar von Friesen, die ihn begleitet hatten; sie waren kenntlich an den »gefriesten« das heißt an Halssaum und an Untersaum gefransten Mänteln, deren Farben: blau, braun, dunkelgrün und dunkelgelb sich nach den Gauen und Landschaften unterschieden. Er neigte sich dem Richter und sprach: »Zu Ende ging euer Gericht, ihr Bataver und deren Blutsverwandte. Allein nicht nur des Rechtes waltet das Allding: – auch über des Volkes Wohlfahrt, über Krieg, Frieden und Bündnis berät es und entscheidet. So sind denn wir friesischen Männer aus all' unsern Gauen – von der Ems im Aufgang bis zum Flevo im Niedergang – entsendet worden an dies euer Allding, euch vorzuschlagen, das alte Bündnis zu erneuen, das zwischen uns bestand in den Tagen der Väter – einst« – so schloß er bedeutsam »in den Tagen der Freiheit.« »Jetzt bricht es,« sprach Civilis zu sich selbst und sah sehnsüchtig nach dem Hügel: auf diesem standen nun der Männer zwei, aber beide drehten, ohne sich zu bewegen, dem Dingplatz den Rücken. Zustimmende Worte wurden auf die Rede des Gesandten laut bei vielen Männern der Versammlung: aber nur kurze Frist ward solchem Beifall gelassen: lebhaft trat Claudius Labeo in die Mitte des Kreises und heftig rief er zu dem Richter hinauf: »verstattet Civilis noch, daß auch gegen seinen Freund gesprochen werde?« Der würdigte ihn keines Wortes, er winkte nur stumm mit dem Stabe Gewährung. »Eine Frage vorerst an den Gesandten,« begann Labeo. »Ein Bündnis, sagst du. Nun, was für Bündnis? Für Frieden oder Krieg?« Ulemer zögerte: er sah auf Civilis: dieser hob warnend die Brauen. »Antworte, Friese!« mahnte Labeo. »Oder wagst du's nicht?« Da brach Ulemer zornig los: »Ein Waffenbündnis, treu bis in den blut'gen Tod.« »Hört ihr's, ihr Männer?« schrie Labco. »Es ist gefallen, das kecke Wort, das verhängnisvolle, welches das lange drohende Verderben losknüpfen will von seinen weise geschmiedeten Banden. Ein Waffenbündnis! Gegen wen? Uns schützt wider alle Feinde Rom: Rom, das uns deshalb verboten hat, neben dem Bund mit ihm noch andere Bündnisse zu schließen. Gegen wen also dies Waffenbündnis? – Bataver, meeranwohnende Männer! Laßt mich zu euch reden in Worten, die ihr wie kein anderes Volk versteht, ihr, nahe der See. Wohlan, die See, die See ist – Rom. All' unser Reichtum, unser Glück und Gedeihen – die See bringt es unsrem segelfrohen Volk – die See und Rom. Aber bedenkt auch das andre. Dicht an der See, – unter deren Spiegel – liegen unsere Felder und Höfe. Was schützt sie, was schützt unser Leben? Einzig der Deich, der weise gefestigte Deich. Wohl: Rom ist auch die alles bedräuende, alles verschlingende See. Den ganzen Erdkreis hat sie sieghaft überflutet. Der Deich, der allein uns schützt, ist unser Bund mit Rom. Ein mutwilliger, ein frevler Stich in den Deich: – und die Sturmflut des Verderbens bricht über uns herein und begräbt uns alle. Jenes kecke Wort: – es war ein Stich in den Deich! Schon hör' ich sie dumpf heranbrausen von ferne, die Flut der Legionen. Aber ich stopfe den Riß, ich allein, mit meinem Leibe und gilt es mein Leben. Ich warn' euch: brecht nicht den Frieden mit Rom!« Tiefe Stille folgte diesen Worten: das Bild, aus dem Leben des Volkes, aus des Landes Eigenart gegriffen, verfehlte nicht des Eindrucks, zumal auf die Männer der südlichen und östlichen Gaue, die den römischen Waffen in der That so nah und offen lagen wie der Strand vor der Düne der Brandung der See. Civilis bemerkte scharf die Wirkung der Mahnung: er eilte sie zu bekämpfen. »Was malst du für Schreckbilder? Unsere Waffen, auch im Bündnis mit andern, wollen nur unser Recht wahren. Oder ist es verboten, unserer Rechte auch nur zu gedenken und der Tage der Freiheit?« – »Das will sagen,« rief Labeo grimmig, »der Tage, da deine Väter den Königsstab trugen! Doch ehe das wieder geschieht ...!« Da trat Julius Briganticus vor und rief: »ich frage kurz und klar: gieb kurz und klar Bescheid: willst du, daß wir die Verträge mit Rom, die feierlich beschworenen, zerreißen?« »Rom hat sie zerrissen,« antwortete Civilis ruhig. »Weißt du das nicht?« – »Jawohl. Aber warum?« fiel der jüngere Briganticus ein. »Weil du und dein Bruder trotzige Briefe an den Imperator geschrieben habt!« – »Nicht euch, Landsleute,« begann Julius nun wieder, »zürnt Rom. Ihn liefert aus und die Gunst des Kaisers lächelt euch wie früher.« Aber da brauste ein unwillig grollend Gemurre durch die Versammlung. »Nie, niemals!« scholl es. »Schmach und Schande!« »Du gingst zu weit,« raunte Labeo ihm zu, »laß mich ...! Und wer ist der Mann,« rief er laut, »der nun auf einmal zum Bruche drängt mit Rom? Derselbe Claudius Civilis, der jahrzehntelang wie kein andrer für Rom gesprochen und gehandelt! Wollt ihr so wankelmütigem Führer folgen?« Der Einwurf war unleugbar: Civilis erkannte, daß er schwer wog an dem Verstummen auch seiner eifrigsten Anhänger; er sprach: »Ist der Mann weise, der bei seinem Irrsal verharrt, auch nachdem er es erkannt, nur weil es sein Irrsal?« – »Und weshalb erkannt? Seit wann?« rief Julius. – »Seit sein Bruder und sein Sohn in Rom den Tod gefunden!« fuhr Cajus fort. – »Und wie,« schloß Labeo, »wie sprachst du doch vor kurzem? ›Erst dein Volk, dann dein Recht.‹ Du aber willst nur deine Sippe rächen.« »Das ist nicht wahr!« rief Ulemer, rasch vortretend. »Ich schwör's bei den Göttern! Ich war zugegen, als die Nachricht kam. Auch nachdem er die scheußlichen Morde vernommen, hielt er noch fest an Rom: erst als er erfuhr, wie Kaiser, Senat und Volk auch die Verträge zerrissen, ward er umgewandelt.« Das traf wohl gewaltig: allein Labeo ließ nicht zu, daß diese wichtigen Worte in den Gemütern tiefer Wurzel schlugen. »Wohlan!« rief er sofort. »Und was soll nun geschehen, nach seinem verwandelten Rat? Sprich Civilis! Brich dies Schweigen! Was zögerst, worauf wartest du? Willst du fortab dem Kaiser treu sein oder nicht?« Aller Augen waren gespannt auf den so Gefragten gerichtet. Er spürte das: nun mußte er reden. Noch einen Blick auf den Hügel: siehe, da stand nur mehr Ein Mann auf dessen Krone, der frühere Späher: der wandte das Antlitz dem Dingkreis zu und schwenkte den Speer über dem Haupt. Da sprang Civilis vom Stuhl, richtete sich hoch auf und fragte mit lauter Stimme: »Dem Kaiser! Welchem Kaiser?« »Es giebt nur Einen,« antwortete Labeo. »Lange tot liegt Otho, vom eignen Stahl durchbohrt,« fügte Julius bei und Cajus schloß: »Vitellius wollen wir dienen, der allein im Reiche gebeut.« »Ihr irrt,« sprach Civilis fest. »Zwei Kaiser streiten sich um Rom und Reich. Doch nicht mir glaubt: – glaubt diesem Zeugen.« Der abgesendete Fronbote schob einen Mann durch die Ostöffnung des Speerzauns herein: es war Katwald, von Staub und den Spuren langer Wanderung bedeckt: er eilte in die Mitte des Kreises und hob, das Wort begehrend, die Hand gegen den Richter: »Hört, ihr Männer,« rief er, »ich komme von Neuß aus dem Lager des Hordeonius: wider Vitellius ist ein Gegenkaiser erhoben: Flavius Vespasianus ist sein Name. All' Morgenland fiel ihm schon zu und viele Legionen. Vitellius wankt auf seinem goldnen Stuhl.« Brausende Erregung ging durch die Massen: die Römerfreunde erbleichten. Aber Labeo faßte sich, trat vor und sprach: »Und wär' es so ... –« »Es ist so, Sohn der Römerin,« rief Katwald zornig, »Ich schwör' es: – ich hab's von Hordeonius selbst. Zweifelst du?« Und er griff ans Schwert, der Richter winkte ihm mit dem Stabe: – da ließ er die Hand sinken. – »Und ist es so,« fuhr Labeo fort, »was dann? Was ändert das für uns? Mag der rechtmäßige Kaiser siegen oder dieser Anmaßer – für uns ist's gleich: denn Roma bleibt, wie sein Imperator heiße. Rom aber, das wißt ihr alle, Rom – ich wiederhol' es – ist unser Reichtum. Daß wir nicht als halbnackte Hungerleider durch die Sümpfe schweifen, wie die Barbaren überm Rhein, wir danken's Rom.« Da stürmte Uffo der Ferge auf ihn los und schleuderte eine Hand voll Goldmünzen vor seine Füße: »Da!« schrie er, »nimm dein Römergold zurück, mit dem du meine Stimme kaufen wolltest. Besser arm und frei, als in Gold prangend ein Knecht.« Und ungestüm hob er die wuchtige Botstange. Höhnisch erwiderte Labeo: »willst du vielleicht die Römer mit diesem Stück Holz erschlagen?« »Alle nicht, aber viele, sehr viele. Schau' es dir genau an, dies Stück Holz und den Haken daran. Er kann was erzählen von den Römern! Im tiefsten Frieden drang der Legat – unser Beschützer! – mit seinen Scharen in meine Schilfhütte – er hatte Tags zuvor bei der Überfahrt meine blonde Ansa erspäht – und raubte die Jungfrau. Ihr Geschrei rief mich vom Fischfang herzu, ich schoß heran in dem Nachen an das Kriegsschiff der Römer: die lachten, hundert gegen einen, vom hohen Bord auf mich herunter: mein Kind streckte verzweifelnd die Hände nach mir aus: da griff ich zu – »mit diesem Stück Holz!« – schlug den Haken in ihren Gürtel und riß sie herab, – aus der Mitte der Kohorte – herunter in den Strom und tauchte sie so lang und so tief, bis sie gerettet war für immerdar vor dem Legaten. Ich zog den schönen Leib heraus, tot, aber unbefleckt. Nun wirb' noch mal um mich mit Römergold!« Da dröhnte Zorn und Beifall durch die Reihen. Labeo fand kein Wort der Erwiderung. Der ältere der Brüder jedoch rief: »Der einzelne – so lehrte ja Civilis! – muß seine Rache dem Volk zum Opfer bringen. Unser Volk aber, es ist verloren im Kampf mit Rom. Gallien zittert unter dem ehernen Schritt von vier Legionen.« – »Und neben diesen dreißigtausend Römern,« fiel Cajus ein, »kämpfen gegen uns alle Söhne dieses Landes, die Gallier, vom Rhein bis an die Pyrenäen, viel hundert Tausende. Der wievielte Teil des Menschengeschlechts sind denn die zwölf Gaue der Bataver und der Kannenefaten, daß sie es unternehmen wollen, gegen den römischen Erdkreis anzukämpfen?« – »Nicht fünfzehntausend Speere zählen wir, und nehmen wir die Friesen dazu – unsre einzigen Bundesgenossen« – ergänzte Labeo – »und bringen wir's auf dreißigtausend Männer, – damit wollt ihr Rom und ganz Gallien trotzen?« Die Zahlen waren richtig, die Übermacht Roms war oft erprobt: – die Warnung wirkte. Civilis schickte sich an, zu erwidern, aber noch zuvor drang von dem Hügel her ein Hornruf an sein Ohr: schwach zwar, doch unverkennbar. Er wandte sich: der Merker auf dem Hügel war's, der, nun das Gesicht dem Dingort zugewandt, noch immer blies und mit ausgestrecktem Speer auf den Schmalpfad zwischen Hügel und Weihbaum wies. Auch die Menge vernahm nun das Horn und bald darauf das Huf-Getrappel auf dem harten, wurzelreichen Waldweg eilend nahender Rosse. Während aller Augen nun nach Osten sahen und leis und lauter Fragen, Rufe des Staunens, der Erwartung hörbar wurden, sprengte ein Reiter auf rotem Roß sausend heran; vor dem Speerzaun sprang er ab und stürmte in die Mitte der Versammlung. »Brinno! Brinno!« scholl es ringsher ihm entgegen. »Ja, er fehlte uns sehr! Wo war er? Warum kommt er erst jetzt?« Aber atemlos drückte der Starke die Hand auf das heftig klopfende Herz: er rang nach Luft. Civilis gönnte ihm Zeit, Atem zu gewinnen: dann rief er: »Brinno, Donarbrands Sohn, woher kommst du?« – »Von Köln!« – »Und was bringst du?« – »Die Freiheit! Die Freiheit und das Heil! Die Legionen in ganz Gallien zerfleischen sich in blut'gen Kämpfen. »Hie Vitellius! Hie Vespasian!« so tönt's in allen Lagern und Kastellen von Metz bis Toulouse. Auf allen Heerstraßen, wo sie aufeinander stoßen, fechten sie, auf jeder Seite mit römischer Kriegskunst, mit römischen Schwertern, Adler gegen Adler! Hei, gönn' ich's doch kaum diesem Raubgevögel, daß es sich selbst zerzaust! Aber es wird wohl noch einer davon übrig bleiben für meinen Hammer hier. In Nimwegen, in Xanten, in Asburg, in Neuß, in Köln, in Bonn, in Remagen, in Andernach, in Koblenz, in Bingen, in Mainz, in Trier stehen Römer wider Römer in Waffen.« – »Und Hordeonius?« fragte Labeo erbleichend. »Ward zu Neuß erschlagen von seinen eigenen Kohorten, weil er sie für Vespasian vereidigen wollte.« – »Aber Vocula? Dillius Vocula?« forschte Julius. – »Als Sklave verkleidet entkam er mit Not den Wütenden.« – »Und die Gallier?« rief Cajus bang. – »Jawohl, die Gallier!« drängte Labeo. »Sind sie für Vitellius oder für Vespasian?« »Die Gallier? Ei, die sind für Gallien! Ein Großreich Gallien wollen sie errichten – unter einem Kaiser oder König. Langres, Trier, Metz, Toul haben sich für frei erklärt und losgesagt von Rom. – Und ihr,« rief er ungeduldig, »ihr zögert noch? Die windigen Gallier stehen auf und greifen zu den Waffen und du, Civilis, säumst noch immer?« – Er war dicht an den Freund herangetreten und flüsterte ihm zu: »Wann schlägst du los?« »Zu rechter Zeit,« erwiderte der ebenso leise. »Horch! Hörst du den Wechselgesang? Endlich! Darauf hatt' ich gewartet. Siehst du, des Hügels Krone ist leer. Wacker hat dein Bruder des Späheramts gewaltet.« Und schon ganz nahe klang nun vielstimmiger Gesang zuerst von Männern, dann von Frauen und Kindern. Das Lied der Männer lautete: Dringend drang An unser Ohr In unsern weitwogenden Wäldern Der Ruf von euch reisigen Recken: »Kommt, ihr Kühnen! Helft uns, ihr Helden, Zur Rache an Rom! Ihr findet vieles, Des ihr gierig begehret: Schilde zu schroten, Feinde zu fällen, Gold zu gewinnen Und bunte Beute Und – lieblicher lockend – Reichen Ruhm.« Und siehe wir kommen, wir kommen! Markige, mächtige Markomannen, Tenchterer, tapfer und treu, Und der Usipier edler Abstamm, Chauken, und endlich Chatten Aus der alten Heimat, zu Hilfe Den freudigen Vettern.« Sowie der Gesang der Männer verstummte, fielen die hellen Stimmen ein: »Öffnet, ihr Edeln, Die Hallen und Herzen, Rüstet Bereitschaft Götterverkündendem Gast: Streut auf die Straße, Blätter und Blüten: Thüren und Thore Kränzet und krönet Mit Gewinden: es wird zum Weihtum Das dürftigste Dach, Welches über die Wala sich wölbt: Ja, es gasten gütige Götter, Da, wo Weleda weilt und wohnt.« Auf der breiten Fahrstraße nahte ein festlicher Aufzug zu Pferd und zu Fuß: viel hundert Köpfe, Männer, Weiber und Kinder. Schon hatten die Reiter an der Spitze den Osteingang des Speerzauns erreicht: sie sprangen hier von den Rossen und zogen, nach kurzer Anmeldung durch die Fronboten bei dem Richter, paarweise geordnet in den Dingkreis. Es waren stattliche Kriegsgestalten, deren mannigfaltige Waffen und Gewandung die Gehörigkeit zu verschiedenen Völkerschaften bekundeten, doch trugen alle – mit Ausnahme der sächsischen Chauken – die Haare gegen den Wirbel hinaufgekämmt und hier in einen Knoten zusammengebunden: denn sie alle waren Sueben. Sie stellten sich nun dem Richterstuhl gegenüber in Einer Reihe auf. Jetzt erscholl draußen vor dem Dingzaun lebhaftes Heilrufen: die batavischen Frauen und Kinder begrüßten freudig die ankommenden Frauen und Kinder und zumal ein von deren Gewoge bis dahin verdecktes wundersames Gefährt. Einen breiten und kurzen zweiräderigen Wagen, nur hinten – behufs der Besteigung – offen, auf den drei andern Seiten durch brusthohe gerundete Wandungen von glänzend weißen Ahornplatten umhegt, zogen, je zwei voreinander gespannt, vier schneeweiße Kronenhirsche, – zwei Vierzehn- und zwei Sechzehnender – um deren Geweih und stolz geschwungenen Halsbug handbreite Zügel von weißem Leder mit goldenen Säumen geschlungen waren: die edeln Tiere hielten jetzt – auf den leisesten Ruck des Zaumes – an. Auf dem Wagen aber stand, mit leichter Hand die Zügel lenkend, Weledas hochragende schlanke Gestalt: um sie her flutete ein weißer golddurchwirkter Mantel in langen schweren Falten, das gelöste silberhelle Haar fiel ihr über Schultern und Rücken herab: ein Kranz von lichtgrünen, mit den Stielchen aneinander gesteckten Buchenblättern, war der einzige Schmuck, den sie trug. Sido und Brinnobrand, die bisher zur Rechten und zur Linken des vorderen Hirschgespanns geschritten waren, eilten nun an die offne Rückseite des Wagens, ihr bei dem Herabsteigen behilflich zu sein; doch unberührt von ihren Händen schwebte die Jungfrau in die Hände Weledamarkas, die sie mit Welo in Empfang nahm. Die Seherin, gefolgt von den drei Männern, näherte sich jetzt dem Eingang des Speerzauns. Finstere Blicke warfen auf den ganzen Zug die drei Römerfreunde; lange hatten sie unter der Wucht der Nachrichten schweigend die Nacken gebeugt; jetzt raffte zuerst Labeo sich auf: »Auch das noch!« sprach er zu seinen Gesellen. »Dies Mädchen, das allen die Augen verblendet, noch bevor sie die Ohren bethört durch ihre Sprüche!« – »Haß wider Rom ist all' ihre Seherinnenweisheit,« erwiderte Cajus. – »Sie soll nicht herein!« drohte Labeo. Und er eilte vor den Altar, – soeben hatte Weleda die Speerpforte erreicht – hob die Hand und rief mit lauter Stimme: »Halt, halt, Bruktrerin! Ich frage, aber nicht den Richter frag' ich, der, – man kann's mit Händen greifen! – wie all' jene Unheilsbotschaften, so diesen ganzen Aufzug sich herbestellt hat, – dich frag' ich, Altpriester, Sinnist, darf nach der Bataver Brauch und Sitte ein Weib die Dingstätte der Männer beschreiten?« Gespannt sahen alle auf den Alten; der trat neben den Richterstuhl und sprach: »Dem Weibe weigre den Weg Auf den Richtort des Rechtes.« »Also! Ihr hört es!« rief Labeo. Doch der Sinnist fuhr fort: »Aber ein anderes ist Ein gewöhnlich Weib, Ein andres die weihvolle Wala: Willst hinweg du weisen Aus unserm Allding Die guten Götter? Der guten Götter Willen und Wort meist uns die Wala: Ihr ist offen das Allding.« Ruhig schritt nun die Jungfrau, die einstweilen harrend stehen geblieben war, in den Dingkreis herein. XX. Sido aber, der Königssohn, trat vor den Richter, neigte sich, warf den dunkelroten Mantel zurück und hob an: »Nur für kurze Rede, Richter, erbitte ich Urlaub. Was unser, was mein Gesang euch verkündet hat, – Wahrheit ist's, nicht Spiel meiner Erfindung. Vor Monden schon hat Claudius Civilis mich entsendet, für drohenden schweren Kampf euch Helfer zu werben: wohlan! Ich warb sie: willig fand ich die Männer. Der Brukterer, der Usipier und der Tenchterer ganzes Heervolk, erlesene Scharen freiwilliger Chatten und Chauken, meines Vaters, des Königs Garibrand, Gefolgschaft und viele andere meiner Markomannen, – wir alle wollen euch Kampfgenossen sein. Wir zogen ungehindert über den Rhein: zu unserm größten Staunen! Die Legionen, die ihn sonst bewachen, sie liefern sich selber blutige Gefechte. Auf unserm ganzen Weg hierher trat kein Römer uns entgegen. Batavische Kohorten, die Hordeonius zu seinem Schutz herbeigerufen, schlossen sich uns an, sowie sie des Alten Ermordung erfuhren. Tausende folgen uns auf dem Fuße, viele Tausend andere in den Wäldern zwischen Rhein und Donau rüsten sich zum Aufbruch. Ihr rieft und Wodan selber schickt uns her.« Brausender Jubel des Beifalls erhob sich nach diesen Worten: es lösten sich die Reihen, die Dinggenossen stürmten von allen Seiten auf die Ankömmlinge zu und drückten ihnen die Hände. Civilis ließ die Erregung sich austoben: erst nach geraumer Zeit mahnte er durch Hornrufe der Fronboten zur Ruhe. Als die Reihen sich wieder geordnet, erhob er sich und sprach: »Jetzt, jetzt kam die Stunde der Entscheidung. Ja, Labeo sprach wahr: ich, ich habe jene Boten, ich habe diese Helfer vom Überrhein, ich habe die Seherin hierher gerufen zu dem heutigen Tag. Seit Rom die Verträge zerriß, habe ich nichts mehr gedacht und geträumt als Freiheit, als die Abschüttelung des Joches. Was ich gefehlt in langer Verblendung, ich will's gut machen an meinem Volk: seht, wie starren mir Haar und Bart! Ich habe gelobt – nach unseres Volkes Sitte – nicht eher scher' ich sie, als bis kein Römer mehr auf unserem Boden steht.« Da unterbrach ihn lauter Zuruf und Waffenlärm. Endlich konnte er fortfahren: »Nach Gründen wahrlich, wird mich keiner von euch fragen. Rom hat Treubund und Vertrag zerrissen. Und muß ich euch mahnen, wie sie schon zuvor an uns gefrevelt? Fragt jenen grauen Fergen nach seiner Tochter! Fragt mich nach meinem holden Knaben! Denkt, wie sie all unsere Rechte zertreten, wie sie nach fremdem Recht uns gerichtet, wie der Liktor und sein Beil in unsre Malberge drang, wie sie freie Männer gegeißelt, wie sie den heiligen Herd uns besudelt, wie sie die heiligen Haine verbrannt! Wollt ihr Knechte bleiben wie Syrer und Lyder? Oder wollt ihr wieder frei werden wie die Väter waren? Ihr wollt es? Wohl: jetzt, jetzt kam der Tag, den die Götter selber uns senden! So schwört hier vor dem Schwerte des Kriegsgottes – er hört jedes Wort, euer göttlicher Ahn' – schwört bei seinem Schwerte: »wir wollen frei sein oder untergehen.« Da brach stürmischer als je die lang verhaltene Leidenschaft hervor, abermals lösten sich die Reihen, in wilder Bewegung eilten die Männer auf den Altar zu, reckten die Waffen in die Höhe und riefen durcheinander: »Hör' es, Tius! Hört es, all' ihr Götter! Wir wollen frei werden oder untergehen!« Dieses Gewirre wollten Labeo und die Brigantiker benutzen, unvermerkt aus dem Dingkreis sich zu entfernen. Schon waren sie glücklich durch mehrere der sich gegen den Altar drängenden Haufen geschlüpft, schon hatte Labeo den südlichen Ausgang nahezu erreicht, – da legte sich schwer eine Hand auf seine Schulter und es erscholl ein dröhnendes »Halt!« Aller Augen wandten sich der Richtung des Rufes zu. »Halt,« wiederholte der Ferge, »Wohin?« Trotzig erwiderte Labeo: »Das hast du nicht zu fragen.« – »Aber der Richter,« rief da Brinno. »Frag' ihn, Civilis.« Ohne die Antwort abzuwarten, sprach Julius: »Wohin? Wohin Treue und Pflicht uns rufen. Wir sind, – wie jener eidbrüchige Mann dort auf dem Richterstuhl – Präfekten von Reitergeschwadern in römischem Dienst. Wir gehen in unsern Dienst.« »Nieder mit ihnen! Nieder mit den Verrätern!« schrieen da viele hundert Stimmen und Uffo hob die schwere Stange. »Haltet Friede!« rief Civilis mit alles durchdringender Stimme. »Wahrt den Dingfrieden. Wollt ihr hier Blut vergießen?« Die geschwungenen Waffen senkten sich: aber Brinno schrie: »Sollen sie entkommen, die Neidinge, und spornstreichs den Feinden alles verraten? Du schützest sie, weil sie deine Gesippen.« Da erbleichten die beiden Brigantiker. Civilis aber sprach: »Sie sind's nicht mehr. Schau' auf die Splitter dort, Brinno, – es sind Erlenstäbe.« – »So soll'n sie sterben,« drohte Brinno und griff an den Steinhammer in seinem Gurt. »Bluten auf des Tius Altar! Ich klage wider sie!« Und viele Stimmen riefen: »Ja, Richtet! Opfert sie, sie sollen sterben!« »Nein, leben sollen sie,« sprach Civilis, hoch den Stab erhebend, »unsern Sieg zu schauen: – das wird ihre härteste Strafe sein. Doch, auf daß sie nicht schaden können durch Verrat, schlag' ich euch vor: die Friesen sollen sie gefangen mit sich führen und an ihrer Küste, dem Krieg so fern als möglich, bewacht halten. Ich bitte euch, Männer, spart das Blut unserer Stammgenossen. Ein übler Anfang wär' es dieses Kampfes.« Beifällig stimmte ihm die Menge bei. Brinno aber grollte unmutig: »Gieb acht! Das wirst du noch bereuen. Es geht ein alt gut Wort in unserem Volk: »Nur tote Schlangen beißen nicht.« Während die Fronboten die drei Verhafteten auf den Wink des Richters in die Mitte nahmen, wandte sich dieser zu Weleda und sprach: »Beschlossen ward, – du hast gehört, Jungfrau, – der Krieg um die Freiheit. Nicht hab' ich zuvor dich um die Zukunft befragt: denn das ist Heldenschaft, das Notwendige für die Ehre wagen, mag's Heil, mag's Unheil bringen. Auch den Untergang, – wir nahmen ihn auf uns. Nun aber, da wir in den Kampf ziehen, mag er Sieg werden oder Unsieg, nun, Seherin, sage, was siehst du unser warten in der Zukunft?« Schweigend neigte Weleda das Haupt, schweigend winkte sie Welo und Weledamarka heran. Das Mädchen löste ihr den weißen Mantel, die Bernsteinspange auf der linken Schulter losschnallend, und spreitete ihn, weit auseinander gelegt, gerade vor sie hin auf den moosigen Waldrasen zwischen Altar und Richterstuhl. Welo nahm die Sturmhaube vom Haupt und schüttete in dieselbe aus einem Lederbeutel, den er von dem Wagen gebracht hatte, eine große Zahl von schmalen Stäblein aus Buchenrinde, in deren jedes eine Rune geschnitten war. Tiefes, friedliches, andächtiges Schweigen legte sich auf die vor kurzem noch so laut tobende Menge. Weleda, im weißen ärmellosen Linnengewand, hob zuerst die beiden Arme in stummem Gebet anrufend gen Himmel: dann winkte sie Welo, der in kräftigem Schwung die Sturmhaube schüttelte, daß eine Menge der Stäbchen auf den weißen Mantel flog: die Scherin bückte sich, las einige Stäbe auf, blickte darauf und sprach sofort, mit vorgestrecktem Finger die einzelnen Runen ablesend: »U. A. E.«, dann deutete sie, ohne Besinnen: »Ungewiß ist alles Ende!« Und wiederholt bückte sie sich nun, raffte jedesmal eine Anzahl Stäbe auf, las sie ab und deutete sogleich: »Aber sicher ist eins: Unvergänglicher Heldenschaft Ruhm Drei große Siege: Ein Sieg zu Land, Zu Wasser ein Sieg, Und ein Sieg zu Land und zu Wasser.« Sie richtete sich nun hoch auf, leuchtenden Auges auf Civilis blickend: »So sprechen die Götter. Ich denke, es reicht,« schloß sie: »Ja, es reicht,« rief dieser, ihre Hand fassend, die sie ihm willig lieh. »Was willst du mehr, mein Volk? Drei Siege und unvergänglichen Ruhm: – Freiheit oder Untergang? Wollt ihr mir dahin folgen?« Da scholl's durcheinander brausend, jubelnd: »Wir wollen! Wir wollen! Führ' uns, Civilis! Führe uns, Brinno! Führt uns zum Kampf! Zum Sieg! Freiheit oder Untergang!« Und fortgerissen und fortreißend in überwältigender Begeisterung stürmten alle auf die beiden Führer zu, hoben sie auf breite Schilde und trugen sie auf den Schultern frohlockend dreimal um den ganzen Kreis der Dingstätte. Hochaufgerichtet stand Weleda: die sonst so bleichen Wangen glühten, der stolze Busen hob und senkte sich; sie bebte leise und ihr Blick hing freudestrahlend an des Civilis gewaltigem Antlitz. XXI. Mehrere Wochen später stand zu Rom in dem »goldenen Hause«, dem von Nero auf der nach Südwest gewendeten Höhe des Esquilin erbauten Palast in dem marmorgetäfelten Schreibgemach ein hagerer Mann von etwa sechzig Jahren, in vornehmem Gewand, vor einem mit zahlreichen Briefen und Urkunden bedeckten länglichen Tisch von Citrusholz, die Rollen sichtend und ordnend. Starkknochig und muskelkräftig war die Gestalt des noch nicht Greisenhaften und höher als die Römer im Durchschnitt gewachsen, nur der ausdrucksvolle Kopf trug sehr ausgeprägt die römische Eigenart. Kurz von dem runden Schädel – den nur spärlich noch die grauen Haare bedeckten, – sprang mächtig vor die hochgewölbte Stirn: die Augen lagen tief in dem Kopf geborgen unter starken langgezogenen Brauen; aus den magern Wangen traten die Backenknochen hervor; die starke, vorspringende Nase, das kräftig gebildete Kinn, der ausdrucksvolle Mund bekundeten Festigkeit: aber die schmalen, meist hart, ja wie mit Anstrengung aufeinander gedrückten Lippen deuteten gleichwie auf vorsichtigste, altgewohnte Zucht und Selbstbeherrschung, so auch auf Herbe, wohl auch auf strenge Härte: – freilich durchaus nicht nur gegen andere; mit tief-ernster Miene nahm er jetzt eine lange Rolle auf und las. An dem offenen, in den Hof des Palastes blickenden, von Säulen getragenen Fenster, stand ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, von auffallender Schönheit des Antlitzes und der Gestalt, in reichgeschmückter Kleidung; in kleinkrausen Locken schmiegte sich das hellbraune Haar um den edel gewölbten Kopf; in anmutiger Haltung stützte er leicht den rechten Arm auf die Schulter eines Jünglings von noch nicht zwanzig Jahren, dessen bleiche Züge einen solcher Jugend widerstreitenden Ausdruck widernatürlich verfrühten Ernstes, ja bitteren Schmerzes trugen; die tiefschwarzen Augen schienen nur Düsteres, nur Unheil in der Welt zu sehen; hinter dieser stolzen bedeutenden Stirn wohnte kein heiterer Gedanke mehr; dabei war aber die Haltung des jungen Adeligen durchaus nicht schlaff, sondern vornehm, bestimmt, in sich geschlossen. »Erkennst du nun, Cornelius, mein Liebling,« begann der ältere der beiden mit wohllautender Stimme leise, um durch das Gespräch den Lesenden an dem Tische nicht zu stören, mit weicher Hand über das kurzgeschorene schwarze Haar des andern streichend, »daß du wieder einmal für dies dir wie mir gleich teure Römerreich Schrecknisse gesehen ohne jeden Grund? Schon glaubtest du den bösen Anschlag gelungen, Zwietracht zu säen zwischen dem besten der Väter ...« »Und dem besten der Söhne.« »Schon glaubtest du, das cäsarische Mißtrauen werde mir Legionen und Kriegsflotten entgegensenden, vielleicht gar Henker! Du sahst mich schon gefangen und – besten Falls! – verbannt von der Gnade des Vaters auf irgend ein ödes Felseneiland. Und siehe da, es genügte, daß ich, sobald ich nur ein dunkles Gerücht vernahm, mein sieghaft Heer, und meine Siege selbst, die verrückten Juden und« – hier dämpfte er noch mehr die Stimme – »sogar Berenike – ohne Abschied! – verließ, hierher flog, allein, waffenlos und plötzlich mich in des Vaters Arme warf mit dem Rufe: »Vater, hier bin ich, dein Empörer!« »Ja, diesmal gelang es dir, und dem edlen Mut deines Herzens. Aber meine Furcht war nicht grundlos.« »Wer aber, wer war der heimtückische, niederträchtige Verleumder, der mir des Vaters Herz und den Thron entreißen wollte? Hast du keine Ahnung, Cornelius? Immer stumm, allzu schweigsamer Tacitus?« Der bleiche Jüngling erwiderte nichts: er wies mit dem Finger in den Hof hinab: »Wer ist der böse Bube, der da unten mit seinem spitzen Schreibgriffel ahnungslose Fliegen spießt, die sich an der Wand sonnen?« Der andere beugte sich vor und sah hinab. »Ei, das ist Domitian, mein Bruder.« – »Die Fliegen thaten ihm doch nichts zuleide. – So wenig wie du.« – »Und dennoch haßt er mich, du hast recht. Aber ich will und werde und muß seine Liebe gewinnen. Ich will nicht ablassen mit überströmender Herzenswärme, bis dieses Eis geschmolzen.« Diese Worte, in edler Erregung lauter als die vorhergehenden gesprochen, wurden von dem Alten verstanden; seufzend legte er den Papyrus nieder und trat zu den beiden heran: »Von Domitian – ohne Zweifel! – reden sie, von meiner schwersten Sorge,« sprach er zu sich selbst. Dann begann er laut: »Wie gerne seh' ich, Cornelius, dich mit meinem Titus vertraute Freundschaft pflegen. Ihr ergänzt euch wie Tag und Nacht, könnt einer von dem andern lernen und gewinnen. Des Titus allzu vertrausamer, fröhlich leichter Sinn, der überall nur Sonnenschein erblickt, blind für die Schatten, von des so viel Jüngeren wundersamem Ernst. Und du, Sohn meines armen Freundes, du könntest, du solltest den freudigen Glanz seines Wesens durchleuchten, aufhellen lassen das bei deinen Jahren befremdliche, fast krankhafte Düster deiner Gedanken.« »Befremdlich, mein hoher Imperator?« erwiderte der Jüngling. »Und du selbst nanntest soeben meinen Vater deinen armen Freund. Du siehst die Trauergewänder, die ich trage! Vom Urgroßvater her all' meine Ahnen haben unschuldig gelitten unter deinen Vorgängern. Tiberius und Claudius: – das will sagen: Messalina, – und Cajus, den sie Caligula nennen, Nero und Otho, sie alle haben meiner Vorfahren Blut vergossen oder deren Güter geraubt. Und Vitellius hat mir nun den Vater gemordet und mich zum Bettler gemacht: du, Gütiger, hast den Sohn des Jugendfreundes gerettet.« – »Ja, daß man euch mißtraute, ist begreiflich; ihr galtet von je für ein unzufrieden Haus. Auch du, mein Lieber, schwärmst, ich weiß es, für den Freistaat.« – »Nein, Imperator. Wohl ist der Freistaat der Verfassungen beste, doch seit dem vergötterten Julius schon giebt es keine Römer mehr, würdig und fähig, eines Freistaats Träger zu sein. Einen Einherrscher müssen sie haben, einen guten oder einen bösen. Aber die bösen sind häufiger.« – »Das wollen die Götter verhüten!« rief Titus lebhaft. – »Die Götter? O mein Freund, ich fürchte, sie denken unser bloß, um uns zu strafen. Und sie strafen Rom, Italien, das Reich unablässig seit dem Tode des Augustus. Oder – wahrer gesagt! – seit dem Tode der Scipionen. Es geht zu Ende: die Geschicke des Reiches drängen zum Abgrund.« »Noch nicht,« meinte Vespasianus lächelnd, »noch lange nicht. Was meinst du, mein Sohn, zu diesen Ahnungen?« »Du wirst sie widerlegen, Vater.« – »Und noch glänzender du, mein Liebling,« sprach dieser, die Hand des Sohnes fassend. »Hältst du auch diesen Titus da für einen Bösewicht, du Cassandra Roms in Jünglingsgestalt?« – »Fern sei das Omen,« rief Titus erschrocken. »Cassandra behielt Recht.« Der Jüngling aber sprach: »Titus? Er wird, er ist schon die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts. Aber ist er unsterblich? Mir träumte jüngst ...« er erschauerte. »Nun was?« fragten Vater und Sohn, »Titus war tot und sein Nachfolger ward – nicht ein Sohn.« – »Ich verstehe,« sprach Vespasianus. – »Soll ein Römer freudig in die Zukunft schauen, wenn auf Einen Augustus soviele Scheusale folgen? Wir wurden alt, so mein' ich manchmal: das Blut der Wölfin hält nicht mehr vor. Andere junge Völker blühen auf: Parther, Daken, Germanen!« »Verstumme, Unheilsunke!« rief Titus lebhaft. »Diese halbnackten Barbaren! Vater, er bat, ich solle sein Gesuch unterstützen, die mit dem Kapitol halbverbrannten Staatsarchive einsehen zu dürfen, die noch geretteten ehernen Tafeln, und die alten Urkunden im Palatium; – aber nein! Wenn dieser junge Freund der Geschichte – mehr als Recht und Weltweisheit zieht sie ihn an! – aus unserer Vergangenheit so schwarze Bilder unserer Zukunft gewinnt, – so muß man ihm das Vergangene verbergen.« »Du glaubst also selbst,« erwiderte Tacitus, »genau durchforscht führt es zu meinen Schlüssen?« Bevor Titus erwidern konnte, trat Domitianus in das Gemach, mit übertriebener Unterwürfigkeit vor dem Vater sich beugend, mit übertriebener Herzlichkeit die beiden Freunde begrüßend. Im gleichen Alter wie Tacitus war er zwar dem strahlenden Bruder unähnlich, doch ebenfalls schön von Antlitz und Gestalt: aber die ungekünstelte Bescheidenheit der Haltung, die gemachte Sanftheit der Rede und der falsche Blick der kurzsichtigen Augen erweckten alsbald Mißtrauen gegen diese unheimliche Liebenswürdigkeit. »Mein Herr und Gebieter,« begann er, »vergönne, daß, als dein Thürsklave, Domitian dir meldet: draußen harret in verschlossener Sänfte ein Mann, den du zu dieser Stunde hierher befohlen. Er sollte auf den Straßen nicht gesehen werden. Er schickt dir das Zeichen, daß er der Rechte: deinen eigenen Ring. Hier! Ich weilte – zufällig – im Hof und nahm ihn in Empfang.« »Das heißt,« sprach der Vater bitter, »du hast durch den von dir bestochenen Ostiarius erfahren, daß jemand im geheimen zu mir bestellt sei und mischest nun Neugier und Lüge. Du konntest beides sparen. Es handelt sich um den Mann, den ich nach Gallien schicken will.« Er trat an das Fenster und winkte den zahlreich unten versammelten Sklaven; sofort ward eine verschlossene Sänfte durch den Vorhof in einen innern Raum getragen. Über Domitians unruhige Züge flammte fliegende Hitze. »Nach Gallien?« rief er. »Oh Imperator! Ich hatte gehofft! ... Sieh, mein Bruder durfte mit dir über die Juden triumphieren. Ich hatte geglaubt, – nach Gallien, mit irgend einem Legaten, der die plumpe Arbeit thut, – würdest du mich senden, auch mir die Ehren des Triumphes ...« Aber unwillig fiel ihm Vespasian ins Wort: »Eitler Knabe! Dort gilt's keinen Prinzensieg! Dort gilt es einen Kampf, schwerer, als dein heldenhafter Bruder ihn gegen die tollwütigen Juden geführt hat. Hielte mich nicht in Rom die Sorge für das ganze, – für das im tiefsten Grund erschütterte Reich, nur hier kann ich von Britannien bis Parthien, vom Rhein bis zum Atlas schauen, von dem Kapitol aus, das ich mit frommen Händen wieder aus dem Brandschutt hebe – ich müßte selbst nach Gallien, diese Germanen niederzuschmettern. Da ich hier bleiben muß, schicke ich ...« »Wen?« fragte Domitianus gierig. Auch die beiden Freunde sahen gespannt auf den Kaiser. »Meinen am raschesten fertigen Feldherrn.« – »Cerialis!« riefen alle drei aus einem Munde. – »Den Frechen?« warnte Domitian. »Mir ist, er trachtet selber nach dem Purpur.« – »Cerialis?« wiederholte Tacitus. »Ach, um Gallien! Weh euch, ihr Männer dort!« – »Und noch mehr weh euern Weibern!« lächelte Titus. »Blut und Gold allein sättigen den Verderber Afrikas nicht. Seine Mordgier, seine Habsucht, seine Schlemmerei sind Lämmlein gegen das Ungeheuer seiner Wollust.« Vespasian furchte die Stirn: »Gallier und Bataver haben die Vernichtung verdient. Ich schicke ihnen den Vernichter.« »Gut,« sprach Tacitus, »strafe sie, vernichte sie, oh Imperator. Barbaren sind's und Rom darf sie vernichten; denn uns haben nun einmal die Götter die Erde geschenkt: es giebt kein Recht wider Rom. Aber daß du, großer, gerechter, edler Vespasian ein solches Werkzeug brauchen mußt: – das, siehst du, beweist mein Wort von den zum Abgrund rollenden Geschicken des Reiches.« – »Du bist ein kranker Träumer, Tacitus,« grollte der Kaiser; auf einen Wink verließen nun alle drei das Gemach. In der Säulenhalle vor dem Schreibgemach stießen sie auf eine Menge von Bittstellern, Fragenden, Rechtsuchenden. Die beiden Brüder wurden ehrfurchtsvoll begrüßt, aber während man vor dem so viel jüngern Domitian furchtsam, stumm zur Seite wich, drängte sich alles an Titus heran: man suchte seine Hände zu fassen, man küßte den Saum seiner Toga: lächelnd, mit herzgewinnender Freundlichkeit ließ er es geschehen. Von vielen Seiten ward ihm zugerufen: »Heil dir, du Liebling der Götter!« Domitianus warf einen stechenden Blick auf den Bruder; hämisch sprach er zu Tacitus: »Diesen Ruf, diesen Namen sollte der holde Dickkopf nicht dulden.« – »Weshalb nicht? Er wird mit Recht so genannt!« – »So? Dann mag er sich vorsehen,« schloß Domitian tückisch. »Es ist ein böses Omen. Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich.« XXII. Einstweilen war der Geladene von den Sklaven der inneren Räume aus der Sänfte gehoben und – auf anderem Wege – durch einen sonst von niemand betretenen Gang in das Schreibgemach geführt worden. Tief verneigte er sich bei dem Eintritt vor dem Imperator. Es war ein Krieger von etwa vierzig Jahren, in der Vollkraft der Mannheit; die reiche Tracht der Senatoren stand ihm vortrefflich; der Wuchs überragte nicht das Mittelmaß, aber die breite, an Ares oder Ajax gemahnende Brust, die mächtigen Schultern, die starken Arme machten den Eindruck wuchtiger Kraft. Etwas Stiermäßiges gab der kurze, fleischige Nacken der stämmigen, gedrungenen Gestalt; das mächtige Haupt bedeckte dicht das ganz kurz geschorene glänzend dunkelbraune Haar; die Stirn war flach, nicht bedeutend: aber unter tiefschwarzen, über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen sahen zwei feurige, blitzende Augen hervor; die vollen üppigen Lippen bekündeten ungezügelte, ungestillte Genußgier; jedoch das feste Kinn und die kurze geradlinige Nase gaben dem Gesicht den Ausdruck schonungslosester Entschlossenheit. Dieser Leib und diese Seele hatten viel mehr als andre erlebt, genossen, gar viele Stürme durchwettert: allein das Ergebnis war nur eine durch solche Übung auf das Höchste gesteigerte Fähigkeit, ja Notwendigkeit, noch immer mehr zu erleben, zu genießen, zu erkämpfen; unbändige Lebenskraft und Lebensgier, durch keine Rücksicht gezügelt, sprachen aus dem Mann: er strotzte von Kraft. Solchem Eindruck konnte sich auch der Kaiser nicht entziehen, als er den ihm lange und genau Bekannten geraume Zeit schweigend musterte. »Ja,« sprach er zu sich selbst, »sie haben recht! Ein fürchterliches Werkzeug! Nicht nur dem Feinde: gefährlich auch der Hand des Meisters, verderblich der des Stümpers, der es zu brauchen wagen würde.« – Endlich winkte er ihm, näher zu treten: »Willkommen am Tiber, Petillius Cerialis,« sprach er, sehr ernsten Tones. »Kannst du dir wohl sagen, weshalb ich dich plötzlich abrief aus Afrika?« »Ich kann mir's denken!« war die rasche, unverzagte Antwort, es klang ganz heiter. – »Nun, weshalb?« – »Sie werden mich wieder einmal verklagt haben, Imperator.« – »Und wessen?« – »Ach wessen nicht ? Es ist nun einmal so. Das ist die vierte Provinz, in der ich – arbeite. Britannien – Spanien – Syrien – Afrika! Die Leute sind – in diesem Stück – überall gleich. Sie können's alle nicht begreifen, daß ich mehr an Wein und mehr an Weibern und was sonst noch das Leben allein lebenswert macht, brauche, als andre Menschen, viel, viel mehr als ich bezahlen kann mit meinem Erbe, mit meinem Sold, auch mit der – früheren! – Kaiser freigebigen Geschenken. Die Farbe deines Geldes, o Flavius Vespasianus, habe ich bisher noch nicht gesehen. Die Römer sagen: es sei ein seltener Anblick.« Er lachte, daß seine prächtigen weißen Zähne blitzten; auch der ernste, strenge Mann, sein Richter, mußte lächeln. »Nun, und was folgt hieraus?« »Hieraus folgt, daß ich, was mir zum Leben fehlt, mir nehme. Soll ich etwa nicht leben? Das Reich des Cerialis berauben? Wär' doch schade!« »Woher nimmst du's?« »Lieber den Feinden, bei Mars und Venus! Wahrlich lieber den Feinden Roms als seinen Provinzialen!« und er legte ehrlich beteuernd die nervige Rechte auf die Brust. »Aber, ihr guten Götter! Wir haben ja so ziemlich alles auf dem Erdkreis, was Eroberns irgend würdig war, erobert: unsere Nachbarn, das will sagen unsere Feinde, sind ja leider lauter bettelarme Schlucker. Was kann man den Briten nehmen, die sich mit Waid blau anstreichen und dann für angekleidet halten? Oder den Numidern, die sich nicht einmal anstreichen? Was ich an Beute erraffen konnte, – du kannst mir's kecklich glauben! – ward errafft. Aber – Bacchus weiß es! – nicht den Wein, den ich zum Bade brauche, könnte ich damit bezahlen. Was nun die Barbaren nicht geben, das müssen die Provinzialen leisten. Weshalb haben sie auch so schäbig arme Nachbarn? Und das sehen sie nicht ein, die Leutchen, an Themse und Nil, an Ebro und Orontes. Und kaum hab' ich angefangen, eine Provinz zu beschützen, verklagen sie mich in Rom wegen Erpressungen. So wird es denn schon wieder dort auf dem Schreibtisch liegen: – ich stand schon wiederholt davor, der Kaiser war schon oft ein andrer, der Citrustisch blieb! – das verfluchte dicke Bündel, das meine Schandthaten viel genauer kennt als ich.« Vespasian nickte: »Richtig erraten. Dein Gewissen ist schlecht, aber wach.« – »Gewissen? Nicht daß ich wüßte, eins zu haben! Oder wenn – so ist es sehr, sehr gut: es hat mich noch nie gebissen.« – »Du hast, sagt man, aus ziemlich schmutzigen Dingen in Afrika Geld zu erpressen verstanden: den Mist der Pferde und Maulesel auf den Straßen der Städte hast du besteuert.« – »Was kann ich dafür, o Flavius Vespasianus, daß unter meinen wie unter König Midas' Händen alles zu Gold wird? Der Staat sollte mich selbst dafür in Gold fassen. Übrigens, wie sagte doch der Imperator Vespasian – das gute Wort wird in allen Bädern belacht! – als sein Sohn Titus ihm vorhielt, daß er sogar von den Kloaken Steuer erhebe? Er hielt ihm ein Goldstück vor die Nase und sprach: »es riecht nicht.« Glaube mir, das Gold aus dem Mist in Afrika riecht auch nicht. Die schönsten Weiber von Carthago schmunzelten, schüttete ich es haufenweis in ihren Schoß.« »Aber,« forschte der Kaiser, nachdrucksam, »dein Gold – riecht es zuweilen nicht nach Blut?« Da schwand das Lächeln von dem übermüt'gen Mund: »Ich habe nur der Barbaren Blut vergossen. – Oder das von Hochverrätern« beeilte er sich beizufügen, da er ein drohend Gewölk auf der Stirne seines Richters aufsteigen sah. – »Seltsam, daß alle diese Hochverräter reiche Leute waren.« – »Diese Seltsamkeit kam deinem Fiskus sehr zu statten.« – »Bis auf einen. Der war nicht reich. Er hatte aber ein schönes Weib! – Genug: du bist auf den Tod angeklagt, das Blut römischer Bürger vergossen zu haben, zu bösen Zwecken. Nein! leugne nicht. Die fröhliche Frechheit steht dir besser als die Lüge. Es liegen genug Beweise gegen dich vor!« fuhr er fort, ein paar Papyrusrollen drohend aufhebend, »daß ich dich zum Tod verurteilen lassen kann,« Der Beschuldigte zuckte die Achseln: »Freilich kannst du das! Dafür bist du Imperator. Du kannst es ja ohne jeden Beweis. Und auch ohne Urteil kannst du mich töten lassen. Als ich in der geschlossenen cäsarischen Sänfte abgeholt wurde aus meinem Hause, fand ich sie einem Sarkophag unheimlich ähnlich. Schon mancher ward so in den Palast geholt und – nicht zurückgebracht.« »Ich bin kein Mörder.« »Deshalb überwand ich gar bald jene Anwandlung.« »Leugnest du, daß du durch jene – Hinrichtungen in Afrika den Tod verdient hast? Ich rate dir: leugne nicht! Gestehst du alles, bin ich geneigt, dich zu begnadigen zu lebenslänglicher Verbannung auf eine Felseninsel.« Da erschrak der Bedrohte: das Blut schoß ihm ins Gesicht, er trat lebhaft einen Schritt näher. »O nur das nicht, Imperator! Jahrelang leben auf einem solchen Stein, ohne einen andern Tropfen als Cisternenwasser, nicht das Haar eines Weibes mehr von fern flattern sehn, und zur Mahlzeit immer Muscheln und an Feiertagen Krabben! Und vollends! – die Priester der Christianer, die alle solche Eilande aufsuchen, die Gefangenen zu trösten! Das heißt, ihnen einzureden, daß Schmerzen das einzig richtige Vergnügen auf Erden sind! Nein, sei gnädig, Vespasian! Lieber den Kopf, diesen heißen Kopf, herab auf einen Streich! In hundert Schlachten hab' ich ihn aufs Spiel gesetzt – und leider muß ja sogar ich einmal sterben. Aber – ich bemerke wieder einen mildern Zug in dem Antlitz des gewaltigen Löwen, der mit mir armem gefangenem Mäuslein spielt! – es wäre doch noch schade um diesen Kopf! Versuche, ob du nicht mehr Vorteil von ihm hast, wenn er unter einem Helme deine Feinde bedroht, als wenn er auf einer Mauerzinke deines Palastthores steckt. Gieb mir eine letzte Probefrist für kühne Thaten. Ich schulde dir ein Leben: – denn jene Anklagen sind nicht ... nicht gerade erlogen: – ich will's für dich einsetzen tausendmal.« Da trat auch Vespasian einen Schritt vor, so, daß nun die beiden Männer sich ganz nah Aug' in Auge sahen: »Es ist zu gefährlich,« sprach er, mit leisem Kopfschütteln. »Läßt der alte Löwe die Maus aus seiner Kralle, verwandelt sie sich da draußen in irgend einer Provinz in einen vielleicht ebenso starken, jüngern Löwen und beißt zum Danke den dummen alten Löwen tot. Im Ernst, Cerialis, ich bin vor dir gewarnt. Die erwähnten Anklagen sind die schwersten nicht: man schreibt mir, du trachtest nach dem Thron.« Und schärfer als je drangen die klugen, grauen Augen in die Seele des Verklagten. Der aber brach in ein so laut schallendes herzliches ehrliches Gelächter aus, daß der Ausforscher ganz verdutzt stand: »Ich! nach dem Thron!« rief er, als er wieder zu Atem kam. »Nein, das ist zu, zu dumm! Nein, Imperator, den Angeber, der dir das geschrieben, den entlaß aus dem Späherdienst. An den verschwendest du Sparsamer dein Geld!« »Nun,« erwiderte der Kaiser, »es war doch nicht undenkbar. Wahrlich, wir haben Empörer und Cäsaren gesehen, die viel weniger Beruf zu beidem hatten. Du bist ein ganz ausgezeichneter Feldherr, nach mir und neben Titus wohl der beste, den das Reich heute aufweist. Mut, Tollkühnheit, ja frevelhafte Verwegenheit hast du auch, dazu – bisher – ein nie versagend Glück und eine unersättliche Genußsucht: – was fehlt dir an allen Voraussetzungen zum Griff nach dem Purpur?« »Nichts als das Verlangen danach.« »Wer bürgt, daß es nicht erwache?« »Jene meiner Tugenden, die du, scharfer Seelenergründer, zuletzt aufgezählt hast: die unersättliche Genußsucht. Sieh, Vespasian, ich rede ganz offen zu dir: hielte ich den Purpur für einen Genuß, die Herrschaft für eine Wollust, – nichts würde mich davon abhalten, auf Tod und Leben darum zu werben. Wär' es doch jenes Unerhörte, heißest Ersehnte, ein noch nie genossener Genuß, eine noch nie gekostete Lust. Ich würde dann meinem Bruder, ja meinem Vater die Rechte samt dem Scepter abschlagen, geschweige einem bloßen väterlichen Wohlthäter, wie du mir erst noch werden sollst.« »Siehst du, wie gefährlich du bist, Cerialis?« »Nicht im allergeringsten. Denn ich sage dir: ich halte es nicht für Genuß und Wollust, Imperator sein, für den ganzen Erdkreis sorgen in Frieden und Krieg und jede Stunde der Nacht aufhorchen, ob nicht die lieben, treuen Prätorianer kommen, mich zu morden, weil ihnen ein anderer Narr hierfür ein Trinkgeld versprochen hat. Ja, ein Narr: – ich darf es sagen: denn du, man weiß es, hast den Purpur nicht gesucht, nicht erkauft. – Ein Narr: denn was erkauft er? Die Gewißheit, vergiftet; erstickt, oder erdolcht zu werden! Alle Imperatoren – aber auch alle, die guten wie die bösen: Cäsar und Augustus, Tiberius und Caligula, Claudius und Nero, Galba, Otho und Vitellius, sie alle starben durch Mord oder Selbstmord! Ich wünsche dir von Herzen, Vespasian, du mögest die erste Ausnahme an dir selbst erleben. Ich aber habe keine Lust zu dem Versuch. Nein! Zwar verfügt der Imperator über mehr Gold, als ich jemals zu erpressen verstände, – aber ich danke! Lieber einige Millionen weniger und ein Paar Jahrzehnte längeres Leben. Das bißchen, dessen ich zu meiner Notdurft bedarf, erhoffe ich von den Barbaren als Beute, von den Provinzialen als – Freudengeld, von meinem Imperator hier als Lohn der Tapferkeit!« Zweifelnd betrachtete sich der Alte den Mann: »Ist es möglich? Also nur Genuß füllt all' dein Sinnen und Trachten?« »Ja, bei der goldenen Aphrodite! Aber doch nicht bloß Küssen und Trinken. Auch das ist Genuß, – jene beiden allein höhlen zu rasch das Mark des Lebens aus! – auch das ist Wollust, beim Sturm auf die Perserburg der erste auf der Mauer sein, dem riesigen Germanen oder dem wilden Auerstier seiner Wälder – es ist dasselbe! – das kurze Schwert in die nackte Brust stoßen.« »Aber,« warf der Herrscher ein, »das Reich, dies Römervolk? Kann es nicht geschehen, daß dich – aus edelm Antrieb – die Überzeugung fortreißt, – oder der Wahn! – der Staat geht unter einem unfähigen Cäsar zu Grunde und du bist der einzige, mögliche, der berufene Retter? Manch wackerer Mann hat deshalb sich empört,« »Gewiß! Zum Beispiel Flavius Vespasianus. Aber Cerialis ist kein Vespasian. Du bist sicher vor meinem Patriotismus. Denn ich habe keinen.« »Mensch! Bist du ein Römer?« »Ja, aber nicht aus des Camillus Tagen. Diese teueren Römer, die ich um mich sehe, sie sind – wenige, aber nicht mich selbst, ausgenommen! – voll reif und voll wert, daß sie zu Grunde gehn. Kann ich Rom küssen, wie Lucretia, meine Freundin? Rom trinken wie Falerner? Rom ist mir nichts, Cerialis ist mir alles.« Vespasian trat zurück von ihm mit einer ablehnenden Handbewegung, wie man wohl einen schmutzigen Gegenstand sich vom Leibe wehrt: »Das ist sehr brutal,« sagte er, »und sehr gemein.« »Gewiß, Imperator! Aber für uns beide ist's gut so. Du entgehst dadurch meinen Empörungsgelüsten und ich deinem Argwohn.« Der Kaiser nickte kurz und trat an den Schreibtisch; neben dem Ekel an solcher Gesinnung empfand er doch auch eine gewisse Beruhigung: dieser Mann war wirklich nicht gefährlich. Die Schamlosigkeit, mit welcher er sich jeden edeln Beweggrund, jeden höhern Trieb absprach, kam ihm offenbar von Herzen. »Man könnte dieser tapfern Bestie alle Legionen des Reiches anvertrauen,« dachte er, – »ich glaube wirklich, er führte sie nicht gegen Rom. – Und doch,« begann er laut, den Brief aufhebend, den er vorhin gelesen, »wird es dein Blut, – nicht des Römers also, aber doch des Kriegers – in Wallung bringen, was ich dir nun mitzuteilen habe, um deinen vielbewährten Rat als Feldherr zu vernehmen. Du kennst ja auch Gallien, ja selbst Germanien.« – »Wohl! Ich habe von Gallien aus Britannien erobern helfen und gegen Friesen und Chauken gefochten. Nie sah ich weißere Leiber als der gefangenen Friesinnen!« – »So wird es doch den Haudegen in dir ergrimmen, was er nun vernehmen soll. Du hast von den Unruhen in Gallien gehört?« – »Wenig. Es ist weit vom Rhein nach Afrika.« – »Wohlan: Gallien ist für Rom verloren. Ein Reich Großgallien ist ausgerufen worden. Die Bataver haben uns dreimal geschlagen und die Germanen fluten übern Rhein.« Da fuhr der Starke auf: »Was? Wie? Bei Mars dem Rächer. Nein!« »Ja, sag' ich dir. Deshalb hab' ich dich her beschieden. Ich selbst kenne jene Länder wenig. Dein Rat soll dem Feldherrn zu statten kommen, – den ich entsenden will.« – »Wem hast du diese Ehre, – diese große, blutige, beneidenswerte Wonne! – zugedacht?« – »Licinius Mucianus. Er liegt unbaß zu Hause. Sonst hätt' ich ihn selbstverständlich herbeschieden, deine Worte selbst zu hören.« – »Hm, meinem bissigen Übelgönner! dem langsamen alten Schleicher!« grollte Cerialis. »Aber freilich,« dachte er im stillen, »der zuerst hat ihn aufgestachelt gegen Vitellius. Er will ihn belohnen.« »Der langsame alte Schleicher,« entgegnete Vespasian verweisend, »ist mir treu, auch an der Spitze siegreicher Legionen.« – »Das wären andre Leute auch.« – »Wie viele Legionen glaubst du sind erforderlich? Aber bedenke,« fügte er ängstlich bei: »der Schatz ist leer: viertausend Millionen Sesterzen fehlen mir, ihn zu füllen.« – »Der Geizhals!« dachte der andere. »Ich würde doch die Übernahme des Feldzugs an den Mindestfordernden versteigern,« lachte er laut. Vespasian sah ihn scharf an: »Ich thue so,« erwiderte er kurz, »in diesem Augenblick. – Mit wie vielen Legionen muß Mucian sich begnügen, nach deiner Schätzung?« – »Nun wartet, ihr beiden mißgünstigen kargen Knausergreise!« dachte Cerialis. »Ich will's euch einbrocken. – Je nun, ich dächte ... –« »Nicht so rasch, du Ungestüm! Willst du nicht erst die Lage in Gallien kennen lernen, bevor du die Kräfte schätzest, welche sie verlangt?« Cerialis biß sich auf die Lippen: »Vergieb meinem Eifer. Aber der Zorn über diese Barbaren ...« – »Er wird noch wachsen, erfährst du alles. Und wären es nur die Barbaren! Aber unsere Legionen! Sie haben sich selbst geschändet! Unerhörte Schmach! Lies – hier – diese vielen Rollen. Aber lies laut – laß' die Anreden fort! – ich werde dir erklären, was du daraus nicht erfährst und doch wissen mußt. Claudius Civilis kennst du?« – »Gewiß! Ich habe neben ihm gefochten am schilfigen Severn wider die Siluren. Ein tapferer Mann und über Barbarenmaß hinaus begabt, ein treuer Freund der Römer.« »Er ward das Haupt der Empörung,« – »Wie? Unmöglich!« – »Staune nachher. Jetzt lies!« Der Alte setzte sich auf das Lager neben dem Tische und stützte das Haupt in die Hand. Cerialis aber trat an die Citrusplatte, nahm das bezeichnete Bündel von Rollen auf und hob an zu lesen, mit immer steigendem Eifer, mit immer wachsendem Ingrimm. XXIII. »An den Imperator Flavius« und so weiter. Ich sehe, es ist Dillius Vocula, der mutige Legat der zweiundzwanzigsten Legion, der schreibt,« »Beginne dort, – wo ich den Strich gemacht.« »In einer großen Versammlung in einem heiligen Hain wurden also Civilis und Brinno zu Heerführern der verbündeten Völkerschaften gekoren. Alsbald überfiel Brinno von der Küste der Friesen her« – »sieh, meine alten Freunde sind auch dabei!« – »in tolldreister Landung während einer Sturmnacht das Winterlager von zwei Kohorten, nahm, plünderte und verbrannte es. Der Schreck ging nun vor Brinnos Namen her: nicht nur unsere Kaufleute und Marketender flohen entsetzt auf allen Straßen, auch Kohortenführer verbrannten selbst vorgeschobene vereinzelte Kastelle, unfähig, sie zu halten. Inzwischen hatte Civilis die Larve abgeworfen: lange Zeit hatte Hordeonius gewähnt, – er verharrte in diesem Glauben bis an sein Ende.« – »Wie? Ist er gefallen?« »Die Vitellianer haben ihn erschlagen zu Neuß, als er sich für mich erklärte.« »Nur gegen Vitellius, den Mörder seiner Verwandten, und für dich, o Vespasianus, habe er zu den Waffen gegriffen. Aber jetzt rief er offen zum Kampf gegen Rom. Wilde Scharen von allerlei Völkerschaften zogen ihm über den Rhein zu Hilfe: mit Brinno vereint griff er zuerst die Unsern an am Damm des Drusus bei dem Rhein: die germanischen Tungern in unserem Heer gingen mitten in der Schlacht mit fliegenden Fahnen zu ihm über, die batavischen Ruderknechte auf unserer Rheinflotte fielen plötzlich über die Bemannung an Bord der Schiffe her, mit Rudern und Botstangen sie niederschlagend, all' unsere vierundzwanzig Segel fielen in die Hände der Bataver. Wenige Tage darauf schlug Civilis Rutilius, den Legaten zweier Standlager, bei Rindern mit leichter Mühe: denn wieder ging mitten im Gefecht ein Geschwader batavischer Reiter zu ihm über und unsere gallischen Hilfsvölker aus Trier warfen die Waffen weg und flohen. Andere Kohorten von Batavern und Kannenefaten in unserem Dienst, denen man den Weg zu Civilis verlegen wollte, schlugen sich bei Bonn durch und alsbald umschlossen die Germanen unsere Hauptfeste am Rhein, Xanten. – Ich zog aus mit den Resten der zweiundzwanziger zum Entsatz: aber ich konnte nicht viel ausrichten bei dem meuterischen Geist meiner Truppen, die lieber sich selbst als die Barbaren bekämpfen, während Civilis allgegenwärtig scheint. Ohne die Belagerung von Xanten aufzuheben, vernichtete er durch eine Streifschar unter einem markomannischen Königssohn vier Kohorten der uns treugesinnten Ubier zu Düren, durch eine zweite unter einem Friesenführer unsere Reiter zu Asburg. Was die Germanen unwiderstehlich macht, das soll, sagen meine geschlagenen Mitfeldherren, eine Jungfrau sein ..« – »Ein Weib! eine Jungfrau!« unterbrach sich Cerialis, und seine Augen funkelten. »Kannst du's nicht lassen!« grollte Vespasian. »Schamloser! Fahre fort!« »Eine Seherin, Weissagerin, die ihnen Sieg vorverkündet und verheißen hat. Sie soll von wunderbarer Schönheit sein. Vor ihren Augen springen die Germanen, jauchzend in unsere Speere. Weleda ist sie genannt. Sie gilt allgemein als die verkörperte, die unbezwingbare Germania selbst.« »Hei!« rief Cerialis, »ich möchte diese Germania in meine Arme pressen, bis sie winselnd um Gnade flehen sollte.« »Ich mußte bald zurück nach Neuß, nach Köln. Hier trafen endlich die Aufgebote der Gallier ein, die ich längst zu Hilfe gerufen hatte. Schon ihr langes Zögern hatte mich argwöhnisch gemacht; jetzt verheimlichten sie kaum noch den Abfall: sie schlugen neben den Legionen ein eigen Lager auf. Ihre Führer ließen mich insgeheim ausfragen, wie ich von dem gallischen Großreich denke, das Classicus, Tutor und Sabinus errichten wollten. Ich ließ ihnen sagen, noch sei Rom nicht zum Spott von Treverern und Lingonen geworden, noch habe es für sich treue Provinzen, siegreiche Adler und die racheübenden Götter. – Aber ich merke einen verdächtigen Verkehr zwischen vielen meiner Centurionen und dem gallischen Lager. Man sagt, Classicus sei dort eingetroffen und verteile mit vollen Händen das Gold an meine wankenden Wachen. Der Handel gelte meinem Kopf, warnt man. In hellen Haufen wollen sie zu dem gallischen Großreich überlaufen.« »Hei, die Hunde,« fuhr Cerialis auf. »Welche Schmach! Römische Legionen!« »Siehst du, es giebt doch auch für dich ein Rom. Lies nur weiter.« »Ich berufe soeben eine Versammlung des ganzen Heeres: ich werde zu ihnen sprechen und dir den Ausgang melden. Ich werde sie fragen, ob sie, wenn Germanen und Gallier gegen den Tiber ziehen, die Wegführer abgeben wollen? Ob vor dem Treverer her der Legionsadler getragen werden, ob der Bataver ihnen das Losungswort geben soll? Ich werde –« »Da bricht das Schreiben ab: der Papyrus ist hier zerrissen, und dieser dunkle Fleck ist ... –« »Blut! Des tapfern Mannes Blut. Er hielt die Rede. Sie machte nicht viel Eindruck. Er ging in sein Zelt zurück. Hier ward er gleich darauf von Ausreißern der ersten Legion ermordet. So meldet ein treuer Sklave, der den angefangenen Bericht aufraffte und nach Mainz entfloh. Von dort aus schreibt mir nun der Tribun Helvidius, der letzte Führer, der noch übrig war: denn die beiden andern Legaten waren gleichzeitig von ihren eigenen Legionen ergriffen, gefesselt und als Unterpfand der Treue den Galliern ausgeliefert worden.« »O könnte ich sie zu Tode geißeln lassen, diese Schurken!« rief Cerialis. »Lies weiter! Was ist dir Rom!« »Julius Sabinus und Classicus, in der Tracht alter gallischer Fürsten, ritten in die Lager der Legionen ein und nahmen ihnen den Fahneneid ab, nicht für Vitellius, nicht für Vespasian, nicht für Rom, nein für das Großreich Gallien.« »Und sie haben ihn geschworen, diesen Eid der Schmach?« schrie Cerialis. »Du liesest schlecht. Fahre fort.« »Alle römischen Soldaten, alle vier Legionen in Gallien, die I., IV., XVI. und XXII., haben Gallien geschworen. Sie zwangen auch die gut gesinnten Kölner zum Anschluß, dann Mainz: drei meiner Mittribunen, die sich weigerten, wurden erschlagen; ich kam mit Mühe aus der Stadt, floh den Rhein hinab nach Neuß, wo mich ein Freigelassener meines Vaters in seinem Weinberg versteckte. Ach hier ward mir ein Schauspiel, das mir das Herz in der Brust abdrücken wollte! Auf Befehl ihres neuen Herrschers und Oberfeldherrn Julius Sabinus hatte die sechzehnte Legion ihr festes Lager bei Neuß zu räumen, – die Gallier lösten sie darin ab! – und nach Trier zu marschieren mitten unter die Empörer, also in Wahrheit in die Gefangenschaft. Eine zweite Legion, die vierte, die aus dem Lager zu Bonn einfach weggelaufen war, zum Teil ohne Waffen, und nun ratlos, hilflos, ziellos des Weges kam, erhielt Befehl, sich anzuschließen. – Ich lugte, auf der Erde kauernd unter einem Reisighaufen hinter der Weinbergmauer auf die Legionenstraße hervor; welch trauriger, schmachvoller Anblick! Es war, wie wenn die Legionen durch das Joch geschickt würden. Scham und Entehrung lag auf allen Gesichtern, wie sie nun aus dem Wall, der ihre Erniedrigung bis dahin mitleidig verborgen hatte, hinaus in das Freie, in die Tageshelle ziehen mußten: die Bilder der Kaiser auf den Feldzeichen abgerissen, zerschlagen, die Waffen ungesäubert: auf beiden Seiten der Straße aber standen die Reihen der Gallier mit ihren grellbunten flatternden Fahnen, in blitzenden Waffen. Sabinus in schimmernder Rüstung, eine Zackenkrone auf dem goldblinkenden Helm, von glänzendem Gefolg umgeben – an seiner Seite in einer von Gold und Purpur strotzenden Sänfte ein üppiges Weib – hielt auf einem prachtvollen Rappen – aus dem Cirkus zu Köln hatte er den genommen! – an der Biegung der Straße mir gerade gegenüber und ließ die Scharen an sich vorbeischreiten. Gallische Priester eröffneten und schlossen den Zug: Classicus ritt an der Spitze. Gallische Ritter befehligten die Kohorten und Manipel. Wie Sklaven, die auf den Markt getrieben werden, führte man die Legionen dahin! Und viele Tausende von Galliern der Nachbarschaft, auch sehr viele Weiber und Kinder, die das Unerhörte vernommen, waren von allen Seiten aus den Feldern, von den Städten und Dörfern herangeströmt, das unglaubliche Schauspiel mit anzusehen, wie römische Legionen als Gefangene, – nein, als Ausreißer und Überläufer – von den Galliern hin und her kommandiert wurden! Dieselben Gallier, die vor kurzem noch gezittert hatten bei dem bloßen Namen Römer, in wie maßlose Frechheit übermutigen Spottes ergossen sie sich jetzt! Mit den Fingern deuteten halbwüchsige Knaben auf die entehrten Adler, gellendes Hohngeschrei begleitete den stummen Zug, der einem langen Leichenzuge glich. Aber am schamlosesten gebürdeten sich die Weiber: – nicht etwa Dirnen nur, nein, glänzend gekleidete Frauen des Adels. Sie drängten sich an die Reihen der Manipel, stießen in grellen Stimmen Schimpfwörter hervor, klatschten in die Hände und spuckten aus vor unseren Feldzeichen. Und die gallischen Heerführer! Sie wehrten ihren Landsmänninnen nicht! Sie ließen ihre Pferde vor ihnen tänzeln und nickten lächelnd diesen Damen zu. Hilf, Imperator, räche und rette.« »O dürfte ich nach Gallien!« knirschte Cerialis, das Schreiben auf den Tisch werfend. Der Alte hatte das wohl nicht gehört, denn er sagte, von dem Ruhelager aufstehend: »Mucianus wird schwere Arbeit finden. Der Bote, der mit mancher Todesgefahr diese Briefe von Neuß über den Rhein, dann durch Helvetien nach Mailand und Rom brachte – der arme Helvidius ward in seinem Versteck aufgefunden und, da er sich weigerte Gallien zu schwören, von der Menge, von wütenden Weibern zerrissen – der Bote meldete, ganz Gallien ist für uns verloren. Nur Xanten war, als der Bote den Rhein verließ, noch unbezwungen, aber hart bedrängt von Civilis, der zwar seine Germanen nicht mit den Galliern – nach deren Wunsch – vereinigt, wohl aber ein Bündnis mit diesen gegen jeden römischen Angriff abgeschlossen hat. So liegen die Dinge jetzt. Du siehst, die Ehre, ja die Sicherheit verlangt, so rasch wie möglich die verlorenen Lande zurückzugewinnen. Nun sprich, wie viele Legionen braucht Mucianus dazu, wieviel Geld und wieviele Monate?« Das Gesicht des Feldherrn nahm jetzt einen ganz andern Ausdruck an; er ward ernst, bedächtig: »ich muß die Karten sehen. Die Karten der Legionenstraßen für Gallien, Spanien, Helvetien, Rätien, Noricum, Germanien.« – »Dort liegen sie, in jener Silbervase.« Cerialis trat zu der hohen schlanken, auf dem Mosaikestrich stehenden Vase, hob den gewölbten Deckel ab, nahm die Kartenrollen heraus und breitete sie auf dem Tisch aus. Nachdem er prüfend hineingeblickt, rief er: »Die Alpenpässe! Selbstverständlich sind sie von den Galliern längst besetzt.« – »Bis jetzt noch nicht: flüchtende Kaufleute aus der Narbonensis fanden sie noch frei.« »Unmöglich! Es wäre der Gipfel gallischen Leichtsinns! Aber auch mit der Feinde Fehler darf man rechnen. Mucianus – der Beneidenswerte! – muß sein Glück versuchen. Kann er über die Alpen eindringen, muß er in – nun, er ist langsam! – sagen wir: in sechs Monaten fertig sein mit Galliern und Germanen: – ich brauchte nur vier Monate dazu.« – »Meinst du?« – »Du zweifelst? Ganz gewiß!« – »Schlage auch einzelne tüchtige Unterfeldherren vor: der Kriegsschauplatz ist gar ausgedehnt: Mucian allein kann nicht zugleich gegen die Bataver am germanischen Meer und die Treverer an der Mosel kämpfen; zwei, vielleicht drei Unterführer wird er brauchen; du kennst die tüchtigen Männer der Legionen des Abendlandes besser als Mucian und ich, die wir jahrelang im Morgenland befehligt haben.« »Ich kenne wohl tüchtige. Aber ob sie dir gefallen werden ...« – »Weshalb nicht?« – »Weil sie zum Teil Vitellianer gewesen sind und dich ohne Zweifel hingerichtet haben würden...« – »Hätten sie gesiegt. Aber ich habe sie besiegt und – begnadigt; nicht, auf daß ihre Kräfte unverwertet bleiben – sonst hätte ich sie ebensogut haben töten können! – sondern damit sie dieselben wie bisher dem Staate weihen! Daß sie mich haßten und jetzt, weil sie mir Dank schulden, erst recht hassen werden, verschlägt nichts, sind sie gut zu brauchen. Nenne die Namen!« – »Nun, Gallus Annius.« – »Der? Er hat sich bei Vitellius ausgebeten, das Vordertreffen gegen mein Heer zu befehligen. Gut. Nun mag er zur Strafe das Vordertreffen gegen Civilis führen.« – »Dann Sextilius Felix.« – »Ein tapfrer Mann! Zwar, ich fand einen Brief von ihm in des Vitellius geheimen Papieren, in dem er sich erbot, die spanischen Kohorten gegen mich zu gewinnen. Er soll sie mir gegen die Gallier führen.« – »Mummius Lupercus.« Da runzelte Vespasian die hohe Stirn: »Nein! Der Lüstling! Mit jedem Laster befleckt.« Cerialis zuckte die Achseln: »Er ist kein Hippolyt, das ist wahr. Aber er versteht den Krieg. Und was schwer wiegt: er kennt die Gegend dort am Rhein so genau wie keiner von den Lebenden, nachdem wir Vocula verloren. Er war ja lange Zeit Lagerpräfekt von Mainz. Was schadet es dir, werden einige Gallierinnen und Bataverinnen schreien? Du hörst es nicht bis hierher.« »Er kennt den Rhein: 's ist wahr. Es sei. Und welche – welche Geldmittel schätzest du, erfordert dieser Krieg? Aber hierbei, bitte, erwäge, daß vier Verschwender seit Nero mir vorhergingen.« – »Ich sollte meinen, der Krieg müsse sich selber bezahlen. Die Provinzialen –« – »Nein,« sprach Vespasian voll Hoheit. »Erpressungen, ähnlich den deinen in Afrika, haben Gallier und Bataver zum Aufstand getrieben. Nichts davon!« »Nun mit fünfundzwanzig Millionen Sesterzen muß Mucianus auskommen. Ich – die Wollust dieses Sieges wär' es wert! – ich würde mit zwanzig Millionen reichen. Was fehlte, legte ich aus eigenen Mitteln zu.« – »Also zwanzig Millionen?« – »Nein: fünfundzwanzig wird Mucianus brauchen.« – »Du wirfst nur so um dich mit den Millionen! Und wie viel Legionen braucht Mucian?« – »Laß sehen! – Zwar kehren die Abgefallenen hoffentlich zurück, erschauen sie die Adler der Rachelegionen sich gegenüber blinken: – allein sie sind – für die nächste Zeit – ein zweifelhafter Gewinn: sie kommen noch als Feinde in Betracht. Laß mich nachdenken! – Spanien ist dir treu, nicht? Du kannst die Provinz von Truppen entblößen? Gut: die dort stehenden beiden, die VI. und die X. – Ebenso ist Britannien verlässig: also die XIV. von dort. Sind drei. In Italien stehen zur Zeit sechs Legionen –: wenn Mucianus diese neun erhält, muß er fertig werden, obwohl er nur Mucianus ist und nicht Cerialis. Ich – bei Mars dem Rächer! – ich würde mich anheischig machen, vier Legionen in Italien zu lassen, nur die beiden trefflichsten von diesen, die II. und die XXI., würde ich mir ausbitten und mit diesen fünfen das Land von den Pyrenäen bis zum Rhein zurückgewinnen.« – »Aber dann in viel längerer Zeit?« – »Nein! Sind die Alpenpässe – wenn auch nur der Adula und der Poeninus – frei, in vier Monaten.« – »Mit nur fünf Legionen?« – »Mit fünf Legionen. Meinen Kopf zum Pfand!« »Gut,« sprach Vespasianus, sich hoch aufrichtend. »Es gilt. Glück auf den Weg!« »Was heißt das?« stammelte der Überraschte. »Was will das sagen?« – »Das will sagen: nicht Mucianus, du, Cerialis, gehst nach Gallien.« – »Mein gnädiger Kaiser,« jubelte der Feldherr. »Welche Güte! Wie dir danken?« Und er eilte auf ihn zu, seine Hand zu fassen. Aber streng wies ihn Vespasianus zurück mit gebieterischer Armbewegung. »Halt! – Laß das! Du hast mir zwar für Gnade zu danken: aber für ganz andere. Davon nachher. – Höre: du unterwirfst mit fünf Legionen mit den drei von dir selbst gewählten Unterfeldherren in vier Monaten von deinem Aufbruch an jenes Land. Du hast es selbst für möglich, für leicht erklärt. Übernimmst du das?« – »Um jeden Preis? Mit jedem Mittel?« – Vespasianus nickte stumm. – »Dann übernehm ich's.« »Verstehe wohl: du lieferst mir – binnen jener Frist – den Bataver Civilis in meine Hand – tot oder lebend.« – »Tot oder lebend!« rief Cerialis. – »Ebenso – tot oder lebend – einen zweiten Feind.« – »Julius Sabinus? In einem Vogelkäfig bring' ich dir den Cäsar Galliens.« – »An diesem Theaterhelden liegt mir nichts. Nein! Der Feind ist eine Feindin: man muß den Germanen das Götzenbild ihrer Freiheit nehmen. Du lieferst in meine Hand in derselben Frist – tot oder lebend – die Jungfrau Weleda.« – »Ich bringe Weleda nach Rom!« Er warf die üppigen Lippen auf. »Die Jungfrau Weleda, hörst du? Ich werde über Germanien triumphieren und in dem Zuge soll die jungfräuliche Germania in goldenen Ketten vor meinem Wagen gehen. Man führt kein entwürdigt Weib im Triumph auf. Verstehst du?« Cerialis nickte verdrießlich: »Es sei! Aber nach dem Triumph bitte ich mir diese Gefangene als Feldherrnbeute aus! – Das heißt,« schloß er mit häßlichem Grinsen, »falls sie es wert ist, dieses Wunderweib. Was verstand Vocula von Weibern? Ich bin wählerisch. – Aber höre, wie hast du mich, du großer Sparer, überlistet! Ich hatte alles auf Mucian gemünzt und nun ...: wirklich nur zwanzig Millionen?« Er wollte den Kaiser anlachen: – aber das Lachen verging ihm, als er die harte Strenge in diesem Antlitz sah. »Zum Abschied noch eins. Du setztest deinen Kopf zum Pfande. Du weißt gar nicht, wie wahr du dabei sprachst. Lies, bevor du gehst – morgen brichst du auf nach Gallien – noch diese Urkunde.« Er drückte an eine Platte des Marmorgetäfels: diese glitt in die Wand zurück und zeigte ein geheimes Fach; er nahm eine Rolle aus demselben, entfaltete sie und reichte sie dem Staunenden hin; der durchflog sie eilenden Auges: da fuhr er zusammen und die Rolle entfiel seinen Händen: »Mein Todesurteil!« stammelte er. »In aller Form Rechtens,« nickte der Kaiser, die Urkunde von dem Tisch wieder an sich nehmend. »Der Senat, vor dem du jener Morde angeklagt warst, sah dich als überführt an.« – »Wie? Ohne Gehör?« – »Ich übernahm es, dein Geständnis beizubringen. Du hast gestanden. Ich wußte das voraus. Drum hab' ich es – im Voraus – unterschrieben. Geh nun nach Gallien und kämpfe um dein Leben. Siegst du, – genau so wie du versprochen hast, – lösest du, – in allem! – dein Wort, zerreiße ich dein Urteil und begnadige dich. Wo nicht, laß ich's vollstrecken. Einstweilen bleibt es in Verwahrung hier.« Er legte es wieder in das Geheimfach. »Nun eile, Petillius Cerialis, und siege! Das rat' ich dir.« Zweites Buch. I. Auf dem rechten Rheinufer, Xanten gegenüber, zog sich durch dichten Urwald die Lippe hinauf ein Weg gerade breit genug, daß zwei Rosse nebeneinander Raum fanden; er führte auf der Nordseite des Flusses hin, mehrere Tagereisen oberhalb der Mündung in den Rhein, an eine Furt. Diese war dem Wanderer durch eingerammte Pfähle bezeichnet, an welchem er bei hohem Wasserstand auch etwa Halt und Stütze finden mochte. Eine üppig grünende Wiese bedeckte die Waldblöße; diese war durch Axt und Feuer so weit gerodet, daß die Mittagssonne hell auf sie scheinen konnte. Schöne, bunte, glutfarbige Blüten, wie sie nur der Spätsommer mit seiner Wärme färbt, sproßten aus dem hohen Grase: der dunkelrote Agelei, der warmgelbe Ginster, der blaubunte Wachtelweizen, mattgelber Lerchensporn, die rötliche Ackerwinde, das rote Tausendgüldenkraut, die Zaunrebe, die braune Malve und die stolzragende, weithin leuchtende Königskerze. Emsig schlüpften die Bienen in die großblütigen Blauglocken, die Hummeln hingen, eingeschlafen, an den süßen Blumen des wilden Klees; in feierlichem langsamem Fluge schwebte der schöne Trauermantel über den stark duftenden Minzen hin, die in Menge den feuchten Ranft des Flusses mit ihrem hellen Lila kränzten. Aber hoch in dem tiefen Blau der regungslosen Lüfte zog ein Weih seine weiten stolzen Kreise. Auf dem weichen Rasen unter dem Schatten einer breitästigen Eiche saß Weleda im Reisegewand; auf ihrem Schoße lag das blonde Haupt des Knaben Merovech, dessen sonst so frische Wangen bleich und eingefallen aussahen. Weledamarka kam von dem Flusse zurück, aus welchem sie in einem kleinen Eimer von Büffelleder Wasser geschöpft hatte; dort am Ufer, in einiger Entfernung von der Eiche, lagerte ein Häuflein von Kriegern: – Brukterer waren's, und unter Katwalds Führung ein paar Bataver; sie achteten der Rosse, die, abgezäumt während der Mittagrast, die würzigen Kräuter der Waldwiese abweideten. Nun war Weledamarka heran: sie stellte den Eimer, den sie auf dem Kopfe getragen hatte, leise nieder und wies schweigend mit dem Finger auf den nackten rechten Fuß des Knaben, der dicht mit Linnenstreifen umwunden war. Er hatte die Augen geschlossen, aber jetzt schlug er sie auf: »Ich schlafe nicht, ich träume nur. Wollt ihr den Verband erneuern?« – »Nein,« antwortete Weleda, zärtlich das Gelock aus seinen Schläfen streichend. »Ich meine, es ist nicht mehr nötig. Du bist geheilt, Liebling. Und ich kann dich getrost verlassen.« Da traten Thränen in des Knaben Augen und er sprach zu Weledamarka, die sich neben ihnen niederließ: »Du hast es gut. Dich verläßt sie nie. Du darfst immer bei ihr sein.« – »Aber sie wird nicht lange mehr bei mir sein wollen,« lächelte Weleda. »Der junge schöne Edeling der Tenchterer hat Welo den Mundschatz schon bezahlt in vielen Solidi römischer Beute. Und gar bald, mein' ich, holt er sie ab aus der Welinge Hof.« Bis unter die krausen Haare der Stirn errötend schmiegte die Kleine das Köpflein an Weledas Schulter. »Dann wird es noch einsamer um dich,« meinte der Knabe. »Wer wird dich pflegen, erkrankst du?« – »Ich erkranke nicht.« – »So meinte auch ich, bis – der böse Dorn! Freilich ist's keine Krankheit gewesen. That auch gar nicht weh ...« – »Doch! Bitter weh, bis er herausgeeitert war. Und für mich hattest du dir ihn eingetreten, gleich am ersten Tag nach unserem Aufbruch. Die süßesten Brombeeren, händevoll, trugst du mir zu, unermüdlich. Dabei geschah es wohl.« »Du aber! Wie hast du mein gepflegt, sobald ich's nicht mehr verhehlen konnte, weil ich hinken mußte. Ach wie eine Mutter – wie meine Mutter selbst, bevor sie sich legte, nie mehr aufzustehen.« – »Ja, und eifersüchtig,« schalt Weledamarka, »wie eine Geliebte. Ich – ich durfte gar nichts für dich thun. Nicht anrühren sollt' ich dich. Alles that sie allein, Magddienste verrichtend Tag und Nacht. Kaum, daß ich Wasser holen durfte, den Verband feucht zu halten.« »Sage nur,« forschte Merovech, zärtlich Weledas weiße Hand streichelnd – »liebe Hand, die mir so wohl gethan – wo hast du das gelernt? Hast du je Wunde gepflegt?« – »Niemals. Das lehrt das Herz. Ich hab' dich lieb, du thörichter Jung'! Hast du das noch nicht gemerkt?« Und sie schlang die Arme um ihn und küßte ihn auf die Stirne. »Nun wollen wir den Verband ganz abnehmen – halt still, du Wildfang! – Langsam! – Thut das noch weh? Nein? Auch dieser Druck nicht? Nun, dann spring' auf deine Füße. Halt! noch nicht. Erst den alten Wundsegen: »Schwinde, Schmerz! Fliehe, Fieber! Weich deiner Wege, Dummer Dorn! Blut zu Blut, Haut zu Haut, so heil Als ob irgend Übles Niemals genaht Dem flinken Fuße.« Jetzt auf und davon! Weißfuß, dein Rößlein, scharrt schon lang ungeduldig da unten am Ufer.« Und sie stand auf, die langen Falten des braunen Gewandes hinabstreifend von den schlanken Hüften. Gar schlicht war diese Reisetracht, kein Schmuck glänzte an der hohen Gestalt: – und doch: wie eine Königin sah sie aus. Der Knabe mochte diesen Eindruck stark empfinden, wie er zu ihr hinaufsah: »O Weleda,« sprach er. »Ich kann's nicht fassen. All diese Tage her hab' ich's nicht fassen können und darüber nachgedacht – unter all' den bittern Schmerzen.« – »Siehst du, kleiner Held und Lügner! Nun verrietst du dich!« – »Du, die große Seherin, die Weissagerin, zu der ganze Völker und ihre Könige aufblicken wie zu der Vertrauten, der Ratgenossin der Götter – du, die ich mit heiligem Schauer von weitem – von außerhalb des Dingzauns! – einziehen sah, selbst einer Göttin gleich, auf deinem hirschengezogenen Wagen, – du, diese selbe Weleda, hast mir die Kräutersalbe auf die schmerzende Geschwulst gelegt und mir die heiße Stirn gekühlt und all' diese Tage und Nächte mich gewartet und gepflegt – wie, nun wie nochmal meine Mutter oder irgend eine Hausfrau. Woher du das nur kannst! Und daß dir's nicht viel zu gering und niedrig war?« Da faßte sie ihn an beiden Schultern, schob ihn leise von sich, sah ihm liebevoll mit weichem Blick in die Augen und sprach: »O Kind! Das seligste Weibeslos, glaub's nur, ist nicht, von Göttern Weisheit erlauschen, Männern Weissagung künden, der Völker Beschlüsse entscheiden zu Kampf oder Friede, mit stolzen Königen noch stolzere Sprache führen, – o Kind, das Weib, das in Lumpen gehüllt, in der ärmlichen Hütte ihr Kind pflegen darf – ihr eigenes, nicht ein entlehntes, wie ich dich entleihe! – und in Demut und in liebender Scheu auf den Schritt des heimkehrenden Gatten, des strengen, herrschgewaltigen Gatten! – lauschen darf, – o glaub' es, goldener Knabe, ein solches Weib des ärmsten Mannes auf schmaler Hufe ist unvergleichlich seliger als Weleda, die Vertraute der Götter und die Ratgeberin vieler Völker.« Sie hielt inne, tief bewegt. Verwundert sah der Knabe zu ihr auf, kopfschüttelnd sprang er dann fort zu seinem Rößlein. Weledamarka aber faßte der Freundin Hand und flüsterte: »So also – ganz wie ich kleines, thörichtes Ding, seitdem ich den Edeling Berthwalt gesehen – also empfindest auch du, Unnahbare? Ja, bei Freia und Frick! Weshalb hast du denn dann die Werbung – mein Bruder sagte mir alles! – des Königssohnes der Markomannen so herb ausgeschlagen?« »Warum? – Würdest du sie angenommen haben?« – »Ich! Behüte! Ich liebe ja Berthwalt. Du aber –« »Nun, und ich ...? Ich liebe den Markomannen nicht . Ist das nicht genug?« – »Gewiß! Nie wird mein Bruder dich zwingen. Wollte er das, er würde ...« – »Genug! – Es ist Zeit zum Aufbruch. Schau'! Sie satteln schon unsere beiden Pferde, Katwald und Merovech sollen ohne Verzug zurück ins Lager. Nur bis an die Furt verstattete er ... erlaubte Civilis dem Knaben, mich zu begleiten.« »Aber warum – warum verlässest du – vor dem vollen Sieg – das Lager und suchst wieder deine Einsamkeit? Sprich, vertraue es mir schwesterlich: hat dich Sidos Werbung verscheucht?« Sie schüttelte das Haupt: »Kein Sido mag mich verstören. Die Einsamkeit ist das Los, das mir die Götter zugedacht haben: sie ist mein Weh und meine Wonne. Ich füge mich darein: ich hab's gelernt. – Und ganz einsam bin ich doch nie,« fügte sie sinnend hinzu, ein liebliches Rot flog über ihre bleichen Züge. – »Nein, denn die Götter des Sieges sind bei dir.« »Und eine holde Göttin! – Komm! Laß uns zu Pferd, Und in die Einsamkeit der Träume.« II. In der Nacht des gleichen Tages lagen an einem der vielen Wachtfeuer der Germanen, die Xanten von allen Seiten umschlossen, drei Männer. Sie wandten dem Rheine den Rücken zu und blickten wachsam auf die dunkeln schweigenden Massen des hohen senkrechten Walles der Römerfeste, die nur drei Pfeilschüsse weit westlich von ihnen drohend in den Nachthimmel emporragten, phantastisch beleuchtet von dem flackernden Glanz der umgebenden Lagerfeuer, je nachdem der wechselnde Wind deren Flammen stärker anfachte und ihren Schein nach Westen warf, sowie von den dunkelrot brennenden Pechfackeln und eisernen Pechkesseln, welche die Römer in ungleichen Zwischenräumen auf der breiten Krone des Walles angebracht hatten. Während es an den andern Wachtfeuern gar laut und fröhlich zuging, rauhe Lieder erklangen und neckende Scherzworte dabei hin und her flogen, auch wohl gelegentlich ein herzhafter Fluch, eine grimme Schelte auf die halsstarrigen Feinde in ihrer noch immer nicht bezwungenen Lagerfeste da drüben, hielten sich die drei Männer ziemlich still; sogar das Auerhorn kreiste nicht häufig, mit welchem sie aus einer mächtigen mit dem spitzen Ende in den sandigen Boden gegrabenen Amphora dunkelroten Wein schöpften. Nach längerem Schweigen hub einer der drei Männer an: »Nun, Sido, hast du das Sprechen verlernt wie das Singen und Harfen? Da hängt dein Saitenspiel an deinem Zeltpfahl: stumm wie du selbst!« Der Suebe sprach grollend: »Ist diese götterverhaßte Trutzburg da drüben endlich gefallen, Welo, will ich die Saiten zu Wodans Ehren schlagen!« – »Ei, singe und spiele doch auch jetzt schon,« bat Welo. »Etwa mit Brinnobrand im Wechsel- und Wettgesang. Gern möcht' ich euch beide einmal miteinander wetteifern hören im Lied. Und bedenkt – ich – ich allein habe mit meinen Brukterern diesen kostbaren Wein in der römischen Villa erbeutet und gern hab' ich ihn mit euch geteilt. Wohlan, ich heische Gegengabe von euch. Verstände ich zu singen, ich weigerte nicht mein Lied, bäte mich darum ein guter Gesell.« »Komm, Rotkopf,« erwiderte der Königssohn, »das lassen wir uns nicht vorhalten. Reiche mir die Harfe! So. Und nun gieb acht!« Er machte ein paar Griffe und hob an: »Sage mir, guter Gesell, Was weißt du Wonnige Auf der weiten Welt?« Brinnobrand nahm ihm das Saitenspiel ab und antwortete sofort: »Wonnig wähn' ich Den lieben Lenz, den lichten, Wann er wieder erwacht Nach des Winters Weh: Voraus ihm schwingt sich Schwirrend die Schwalbe! – Aber ein anderes Wonniges nun weise Und deute mir du !« Sido erwiderte, lebhaft die Saiten schlagend: »Herrlichres hört' ich nimmer erhallen Als der Harfe hellen Sausegesang: Helden hebet sich höher das Herz, Klingen die Klänge, die klaren, Vor der Feinde versammeltem Volk Bei Beginn der blutigen Schlacht geschlagen Aus den silbernen Saiten. Aber ein anderes Wonniges nun weise Und deute mir du !« Brinnobrand nahm ihm eifrig die Harfe ab und nach einigen sanfteren, mehr feierlichen Accorden begann er mit verhaltener Stimme: »Selber sollst du, Gesell, Nun richtig raten – als Rätsel – Das wonnigste Wunder! – Was schreitet in schimmernder Schöne? So schwebet der Schwan Auf wallender Woge, Breitbrüstigen Bugs! So winkt aus wallendenem Westengewölk, Aus dämmerndem Duft Stolz und still der strahlende Stern! So fließet und flutet Aus hallender Harfe Weicher wonniger Wohlklang! So wehet der warme Wind, Wann es lieblich lenzt Auf der enteist aufatmenden Erde! So segnend und sieghaft Aus Nacht und aus Nebel Sieht die ersehnte Sonne! So süß senkt sich Ins offne Ohr, Ins horchende Herz Der Frühlingsvögel Seliger Sang, Der Amsel edeles Abendlied! – Sage, Gesell, Was scheint dir so schön, Was wähnst du so wonnig Daß es dies alles In sich eint: Schweben des Schwanes, Strahlen des Sterns, Hallen der Harfe, Der Sonne Sieg Und der Frühlingsvögel Seligen Sang? Nun rate mein Rätsel Und sag' es, Gesell!« Stürmisch riß Sido die Harfe an sich und antwortete mit rauschenden Klängen: »Wonniger weiß ich nichts auf der Welt als das Weib! Denn es schwebt wie der Schwan Sein beschwingter Schritt: Es strahlt wie der Stern Sein blitzender Blick: Es siegt wie die Sonne Sein alledeles Antlitz Und es hebt mir das Herz Wie die hallende Harfe Und der Frühlingsvögel Liebeslied.« Der andere fuhr fort: »Richtig rietest du Guter Gesell! Aber nun nenne mir noch ...« Da unterbrach Sido: »Nein! Du nenne mir nun ..« Und jetzt sprachen beide, fortgerissen von glühendem Drang, einer dem andern in die Rede fallend, immer heftiger, immer rascher: Sido: »Der wonnigen Weiber ...« Brinnobrand: »Welches weißt du ...« Sido: »Unvergleichbar allen andern ...« Brinnobrand: »Das höchste, hehrste, holdeste doch?« Sido: »Ich weiß es wohl!« Brinnobrand: »Ich kenn' es klar!« Sido: »Im Herzen heg' ich ...« Brinnobrand: »Und berg' ich ihr Bild.« Sido: »Aber den Namen? Nein!« Brinnobrand: »In schämiger Scheu ...« Sido: »Vor dem weihvollen Weibe ...« Und nun schlossen beide: »Nein den Namen nenne ich nicht.« Hoch aufatmend hielten sie inne: ihre Wangen glühten, ihre Augen glänzten. Welo nickte: »das hat mir gut gefallen. Nur allzu gut von beiden! Jetzt weiß ich wieder nicht, was mit der zweiten Amphora, die in meinem Zelte liegt, beginnen. Ich hatte mir vorgenommen, sie dem Sieger zu schenken: – aber ihr seid einander gewachsen.« »Nicht doch,« sprach der Königssohn. »In der Kraft der Liebe und des Armes weiche ich dem Roten da nicht. Aber im Liede hat er mich – diesmal! – geschlagen. Ich gönn' ihm von Herzen den Ruhm und den Wein: und schenk' ihm – hier – die Harfe dazu, auf der er mich schlug.« Und er reichte ihm die Harfe hin. III. »Dank, Sanges- und Siegesgenoß!« rief der. »Möchten die Götter es Einem gewähren, daß er dir's einmal im Kampfe vergelte!« – »Käm' es nur bald wieder zum Kampf!« meinte der Suebe; »es ist unleidlich, hier so lang zu liegen.« – »Ja, man muß verdrießlich werden!« bestätigte Welo. – »Was lachst du, Brinnobrand? Du bist der einzige, der die gute Laune nie verliert.« – »Dafür ist Einer, wie seine Neider sagen, ein Narr. Einer hat mit dem Verstand zugleich alle Ungeduld verloren. Einem eilt es mit nichts mehr. Einer wartet nur, bis er, das Römerschwert im Herzen, nach Walhall fährt. Dort giebt's keine Narren. Nur die sind Narren, die nicht nach Walhall trachten. Aber es ist nicht diese vergebliche Belagerung, die euch beide so verdrießlich macht. Nicht was hier ist, – was nicht hier ist, das schmerzt euch. Bis vor wenigen Tagen gefiel es euch ganz wohl in diesen Zelten.« – »Schweig!« zürnte Sido. »Ja,« mahnte Welo. »Nur ein Narr sagt alles, was er merkt.« – »Darum sagt Einer es nicht . Weil Einer nicht ganz so närrisch ist wie – andre Leute. Einer hat sich wenigstens nie eingebildet, man könne den schönsten Stern da oben – seht ihr ihn dort über uns? Gegrüßt, Jungfrau! – mit der Hand abpflücken, wie eine Haßelnuß vom Strauch, und mit an seinen Herd tragen. Geschieht den Narren recht, die also wähnten.« – »Ja, unser lieber Narr spricht weise,« seufzte Welo. »Ich sagte dir's voraus, Königssohn.« – »Wahrlich nicht,« entgegnete dieser ernst, »weil ich mich ihrer würdig wähnte, wagte ich die Werbung. Wer ist ihrer wert!« »Er – Wodan!« sprach Brinnobrand feierlich. »Aber mir schien – trotz allem Glanz und allen Ehren – sie war traurig. Sie seufzte zuweilen. Wonach?« – »Nach der Einsamkeit,« erwiderte Welo, »nicht nach der Ehe oder einem Sterblichen.« – »Aber vielleicht nach einem Unsterblichen,« meinte Brinnobrand pfiffig. – »Hast du doch selbst manch Lied zu ihrem Lob gesungen,« erinnerte Welo. – »Wohl! Und Einer singt noch. Aber die Hoffnung hat Einer aufgegeben, lange bevor er den Verstand verlor.« – »Sie kann gar nicht lieben,« seufzte Welo, »nur sich lieben lassen.« – »Und auch davor reitet sie schleunig davon,« lachte Sido in bittrem Scherz. Aber Brinnobrand schüttelte das rote Gelock: »Nein, trauter Liedes- und Leidgesell! Nicht einmal darauf darfst du dir etwas einbilden, daß sie vor dir davongelaufen sei; – sie lief vor sich selbst.« »Das war nun ein echtes Narrenwort,« meinte der Suebe. – – »Aber wie lange werden wir noch vor diesem Erdhaufen liegen müssen? Civilis sollte noch mal stürmen. Das Winterlager, für zwei Legionen zugeschnitten, – nicht von sechstausend Mann ist es verteidigt.« »Und doch haben wir gar oft umsonst gestürmt! Wir verstehen uns nicht auf den Kampf – von unten nach oben,« meinte Welo. »Sie haben ganz verfluchte Werkzeuge,« lachte Brinnobrand. »Einer hat noch nie einen Menschen fliegen sehn. Aber gestern flog einer von uns hoch durch die Luft.« »Wie kannst du dazu lachen?« sprach Welo schaudernd. »Eine gewaltige Zange – ein Hebelbaum inmitten haushoher Balken! – packte plötzlich, vom Wall herniedergreifend, einen unserer Stürmer, der den Wall erklettern wollte, am Halse, hob den Schreienden über den Wall hoch in die Luft und schleuderte ihn – durch den Wechsel des Schwerpunkts – kopfüber mitten in das Römerlager hinein. Es war grauenhaft zu sehn.« »Gerade uns gegenüber,« deutete Brinnobrand, »ragt das unheimliche Ding. Seht ihr – im Scheine des Pechkessels unterscheidet man deutlich den Schatten der beiden Balken. Ein zweibeiniger, böser, Menschen entführender, Menschen zermalmender Riese, dem menschenraubenden Grendel vergleichbar. Er sprang auf. »Einer hätte große Lust, mit ihm zu kämpfen!« Scharf drohend blickte er hinüber. »Den Geraubten zu rächen! Einer ganz allein mit ihm und mit all' den Römern, die neben dem Unhold auf dem Walle stehn.« – »Höre,« warnte Welo, »das laß bleiben!« – »Bah,« meinte Sido, »spare die Sorge und Warnung! Ist er auch unser lieber Narr, – der Narr ist er nicht, das zu wagen.« – »Meinst du, Königssohn?« lachte der Rotkopf. »So hört ein Gelübde. Einen Bechereid!« Er nahm das Horn, füllte es, trank, verschüttete den Rest in die Luft und sprach: »Hört es, ihr Götter! Einer thut es – für Eine! Einer zu Ehren! Einer besiegt den Riesen oder stirbt: – beides ihr zu Ehren!« Er riß einen lodernden Brand aus dem Wachtfeuer und lief, denselben im Kreis um sein flatternd Haar schwingend, ohne Helm, ohne Schild, ohne andere Waffe als die kurze Axt im Wehrgurt mit Windeseile gerade auf den Wall zu. »Brinnobrand! Unsinniger!« rief Welo aufspringend. »Willst du allein das Lager stürmen?« – »Er rennt in den sichern Tod!« sprach Sido, den Speer fassend. »Komm! Rasch! Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen.« – »Auf denn! – auch wir Ihr zu Ehren!« Und sie griffen zu ihren Waffen und folgten dem schon weit Entfernten. Wie er auf halbe Pfeilschußweite etwa herangekommen war, rief er auf Lateinisch zum Wall hinauf: »Heda, ihr Leutchen! schlaft ihr alle? Hier kommt Besuch! Ist der Holzriese nicht zu sprechen? Er soll mit Einem fechten, wenn er ein Herz im Leibe hat.« Und wieder schwang er um den Kopf den brennenden Reisigast, daß der hell aufflammte. So ward er den auf dem Walle Stehenden voll sichtbar: im Augenblick waren sechs Bogen auf ihn gerichtet. »Halt!« gebot der Centurio, »schießt nicht! Der freche Barbar! Ich kenn' ihn an der roten Mähne! Schon dreimal hab' ich die Sturmleiter umgeworfen, auf der er so ruhig emporkletterte, als sei er unverwundbar! Fünf Leute meiner Manipel hat er mit dem Wurfspeer erlegt. – Er soll finden, was er suchte! Er soll das Fliegen lernen und sein Hirn soll in unserm Lager umherspritzen. Richtet die Zange!« »Nun?« schalt Brinnobrand hinauf. »Ist der Riese nicht zu erwecken? Oh, er sieht Einen wohl nicht? Warte, Einer will ihm leuchten.« Und er warf den Brand in einen mächtigen Haufen von trockenen Reisigbündeln, der, zur Ausfüllung des Grabens bestimmt, noch vom letzten Sturme her hier aufgeschichtet lag. Sofort stieg prasselnd die Flamme in die Nacht empor und beleuchtete mit Tageshelle den ganzen Raum vor dem Graben und Wall; statt des weggeschleuderten Brandes ergriff er einen etwa mannshohen und mannsdicken Balken, der aus einem halbzerstörten Schanzwerk der Belagerer ragte. Der Tolldreiste kam bis dicht an den Graben. »Jetzt! Habt acht! Öffnet die Zange! Gerade unter dem Kopf faßt ihn.« »Zurück! Brinnobrand! Bei allen Göttern! Zurück!« schrieen die beiden Freunde, die nun gleich heran waren und in der hellen Lohe deutlich sahen, wie sich, einem ungeheueren stoßenden Raubvogel gleich, plötzlich die eherne Greifzange auf jenen herabsenkte. Aber ruhig blieb der stehen, regungslos, den Balken schräg vor sich mit beiden Händen haltend in Höhe seines Kopfes. Schon drohte die Zange, ihn zu packen. – »Hebt ihn!« befehligte oben der Centurio – und die Zange schloß sich knirschend und schnellte zurück: aber nicht den Jüngling riß sie mit sich empor, sondern den schweren Balken von Mannesumfang. Hoch fuhr er in die Luft und krachend schmetterte er hinter dem Wall in die nächste Lagergasse nieder: da scholl gräßliches Todesgeschrei von mehreren Stimmen empor. »Beim Tartarus!« fluchte der Centurio, nach rückwärts hinabspähend, »drei Legionäre! Der elende Hund!« – »Er steht immer noch an dem Graben!« rief der Mann an der Zange. »Er schwingt sein Beil! Will er werfen? Hörst du sein gellend Hohnlachen?« – »Es soll ihm vergehn! Gieb mir das Spannseil!« Und alsbald fuhr die Greifzange zum zweitenmal herab: diesmal sprang der Bedrohte ihr vom Boden aus entgegen, sein Beil blitzte und der eherne Zangengriff stürzte unschädlich neben ihm nieder: er hatte mit sicherer Hand sein Ziel getroffen und durchhauen: das straffgespannte Seil, mit welchem die Zange an dem Stoßbalken befestigt war. Jubelnd bückte sich der Jüngling, hob das abgeschlagene Stück auf und zeigte es den Römern auf dem Wall. »Hei, da seht eueres Riesen Kopf! Der Rumpf kann nicht mehr schaden.« Und mit wenigen Sprüngen war er hinter dem brennenden Reisig, wo nun auch die Genossen standen, zwar in Schußweite, aber außerhalb der hellen Beleuchtung. So trafen die zahlreichen Pfeile nicht, die den davon Eilenden nachgesandt wurden. IV. Als Brinnobrand am andern Morgen sein Beutestück siegfreudig Civilis in dessen Zelthütte brachte und die Genossen den Hergang erzählten, schalt sie alle drei der Oberfeldherr tüchtig aus. »Ist das euer Gehorsam?« grollte er. »Hab' ich nicht jeden Angriff, zumal diese unsinnigen Einzelanläufe und Gelübdestreiche, streng verboten, die uns so viele Leute schon gekostet? Wenn ihr, die Führer, so schlechtes Beispiel gebt, was kann ich von der Menge erwarten? Unbotmäßig, unfolgsam, voll Trotz sind fast all' unsre Haufen – am meisten haben noch meine Bataver Zucht und Kriegsgehorsam: sie haben's gelernt von den Römern. Aber die Überrheiner: – Chauken, Tenchterer und Tubánten zumal, – sie folgen mir schon jetzt nicht mehr, obwohl das Glück mich noch nie verlassen. Was würde im Unglück daraus werden? Auf euch muß ich doch zählen können.« Brinnobrand ließ den Kopf hängen wie ein gescholtener Knabe. »Vergieb uns, Feldherr,« sprach Sido. – »Es war ein Narrenstreich,« sprach der Rote bittend. – »Ja«, bekräftigte Welo. »Und Ein Narr macht viele Narren.« – »Mag wohl sein, Wodan,« sprach der Schuldige. »Aber ein Narr ein Wort. Einer hatte es gelobt: – er mußt' es halten. Und wie wird sie sich freuen, schickt Einer ihr, mit Eichenlaub umflochten, des Riesen Kopf. Vergieb ihr: sie hat's gethan – durch Einen gethan: – Einer mußte.« »Nun,« lächelte Civilis, »dann muß ich wohl verzeihen. Obwohl ich ihr zürnen sollte um dieses Königssohnes willen, der – nicht mehr froh blickt. Wie gern, wie gern doch hätt' ich sie als Markomannenkönigin begrüßt! Ein dauernd Band wäre so um zwei weit getrennte Völker vom Rhein zur Donau geschlungen worden. Ich sprach warm für dich, tapfrer Sido. Was könnte sogar ein Weib wie sie Besseres verlangen als solch einen Gemahl? Aber je wärmer ich sprach, desto eisiger ward sie. Stumm, fast wie mit Vorwurf – mir ganz unverständlich! – im Blick, schritt sie aus dieser Thüre und gleich darauf ritt sie davon.« »Und wie lange glaubst du, Feldherr,« fragte Welo, »müssen wir noch vor diesem hartnäckigen Walle liegen?« »Nicht mehr gar lang! Durch Überläufer erhalte ich fast täglich Nachricht aus dem eingeschlossenen Lager: die Not wächst dort rasch. Die Zugtiere, die Rosse der Reiterei, ja selbst ein Paar Hunde sind längst aufgezehrt, das Getreide ist zu Ende, Gras, Stengel und Kräuter, die zwischen den Steinen hervorsprießen, raufen sie aus. Nur wenige Tage noch kann's währen. Wozu also noch das Blut der Unsern opfern? Von selbst fällt alsbald die gezeitigte Frucht uns in die Hand. Gedenkt Armins! Wie warnte, wie beschwor er die Seinen, den eingeschlossenen Cäcina auszuhungern, das feste Lager nicht zu bestürmen. Die Unbotmäßigen stürmten, wurden blutig abgeschlagen und durch die Fliehenden hindurch entkam der Legat des Germanicus. Ach, die Unsern haben in dem halben Jahrhundert seit Armin noch immer nicht gehorchen gelernt! Nicht einmal ihm folgten sie. Und wie viel leichter wiege ich als der große Cherusker! Im Unglück bleiben sie mir schwerlich treu! – Sorgt nur dafür, daß nicht, wie schon wiederholt geschah, durch Saumsal und Nachlässigkeit unserer Wachen – allzuviel Wein haben sie mir in dem reichen Land ringsum erbeutet und gußweise trinken sie ihn aus ihren Helmen und Sturmhauben! – nochmal Vorräte durch List oder Gewalt geschafft werden in die Zwingburg, die Augustus sehr geschickt hier gebaut hat. Sonst gewinnt der Widerstand immer wieder neue Kräfte.« »Ja, gut wär' es, kämen wir bald hier fort,« meinte Welo. »Denn während wir hier liegen, nehmen die Gallier immer mehr Städte für ihr Großgallien in Anspruch. Wir sollten dem nicht so ruhig zusehen.« »Die Gallier? Laß sie nur!« lächelte Civilis. »Erst müssen die Römer ganz danieder liegen. Dazu mögen sie uns helfen, die Söhne dieses Landes. Aber auch darin verlange ich nichts von ihnen: – wehe dem Volke, das auf fremde Bundesgenossen sich verlassen muß. Nur das eine, Selbstverständliche habe ich als ihre einzige Leistung von ihnen verlangt, daß sie die Alpenpässe, – ihres eignen Gebietes Hausthüren! – besetzen und den Römern sperren.« »Nun, das werden sie doch von selbst gethan haben – für sich selbst! – sonst verdienen ihre Feldherrn Rutenstreiche,« meinte der Königssohn. »Sind die Römer vertrieben aus Gallien, dann ...« »Dann wird Wodan weiter helfen,« meinte der Rotkopf pfiffig. »Kommt! Wir wollen Brinno aufsuchen, der schon lange ganz allein die Wache hält dort im Osten unsres Heeres, hart am Rhein; 's ist schwerer Dienst: denn von dort her versuchen die Belagerten am häufigsten, Vorräte in das Lager zu werfen. Kommt, Einem singt ein Vöglein in die Ohren: Narrenstreich sühnt Narrenstreich.« Und er zog eifrig die beiden Genossen mit sich aus dem Zelt. V. Früh am Morgen eilte Brinno zu Civilis. »Heia, Botenlohn heisch' ich für frohe Kunde. Mich senden Sido, mein Bruder und Welo.« »Warum kommen sie nicht selbst?« – »Weil sie nicht können! Jeder von ihnen liegt mit einer Wunde im Zelt.« – »Ist das frohe Kunde?« fragte Civilis, sich waffnend. »Es ist nicht schlimm mit den Schrammen. Heute Nacht standen sie bei meiner Schar auf Wache am Rhein. Im Schutz der Dunkelheit schoß da den Rhein hinab unsichbar, kaum hörbar, ein Schiff, vom Kiel zum Bord, wie sich später zeigte, mit Getreide beladen, der Landungsstelle im römischen Lager zu. Dort ward es offenbar erwartet: denn eine ganze Kohorte war bereit gestellt, auf dem Rheingrieß und in Kähnen. Aber mein Langer – was ihm an Verstand gebricht, ersetzt er an Schärfe der Sinnen – erlauschte das leise Geräusch der Ruder: – ich und die andern hatten's nicht vermerkt: als er mich darauf hinwies, hielt ich's für das Aufschlagen von nächtlichen Raubfischen. Er aber – mit dem Ruf: »Nun den zweiten Narrenstreich!« sprang er in den finsterflutenden Strom. Sido stieß ins Hifthorn: seine Markomannen, Welos Brukterer stutzten: aber unsere Leute, Bataver und Kannenefaten, im Wasser zu Haus wie auf dem Lande, folgten mir sofort: wir platschten ohne Besinnen nach. Da schämten sich die andern und sprangen Sido und Welo nach. Schwimmend erreichten wir das Schiff, das durch eine starke Bemannung verteidigt ward. Kähne aus dem Feindeslager rauschten heran, einzelne Fackeln tauchten darin auf, so daß die Römer vom Ufer her jetzt ein Ziel für ihre Pfeile sahen. Und nun begann ein seltsamer Kampf der Unsern, die, sobald sie, die Messer im Munde, schwimmend das große Schiff und die Kähne erreicht, von allen Seiten enterten, an den Wandungen empor kletternd, meist in voller Dunkelheit, manchmal aber in greller Beleuchtung der roten Pechfackeln der Römer. Welch ein Würgen Mann an Mann! Halb im Wasser halb rittlings auf den Borden! Da half nicht mehr die Lanze, nur noch Messer und Beil! Kaum wär' es uns gelungen, das Getreideschiff, das ja der Strom stark abwärts und dem Römerlager zutrieb, festzuhalten: aber Uffo der Ferge schrie plötzlich: »Hierher! Alle zu Hauf. Ich trete Grund.« Er hatte eine Sandbank im Strom erreicht – das Wasser stieg ihm freilich bis ans Kinn – packte mit dem Haken seiner Bootstange die Schiffswand von innen: – ein Ruck mit Riesenkräften: aufgefahren war das Schiff! Fest saß es auf dem Sand, nicht zollbreit wich es von der Stelle, trotz alles Ruderns und Abstoßens der Römer. Nun waren die Unsern, Brinnobrand der erste, im Augenblick von allen Seiten an Bord, die Bemannung flog links und rechts in das dunkle Wasser und endlich schwammen auch von unsrem Lager Kähne in Menge heran. Mit den Händen, mit Haken und Seilen zerrten wir zuletzt das festgefahrene Schiff wieder los von der Sandbank und jetzt auf unsere Seite des Stromes herüber, trotz tapfrem Widerstreben der Römer in ihren Booten: – der Hunger trieb sie zur Verzweiflung! – Endlich war ihr letzter Nachen geflohen oder versenkt und wir zogen die Beute unter lautem Siegesgeschrei an unsrem Ufer auf den Sand. Die drei jungen wunden Helden lassen dich fragen, wie dir dieser Narrenstreich gefalle?« »Gut. Denn nun wird die Belagerung zu Ende sein.« »Sie ist zu Ende,« rief Uffo, der, eintretend, die letzten Worte gehört hatte. »Die Römer haben mit diesem lang erwarteten Schiff die letzte Hoffnung verloren. Sie haben ihren Legaten, der noch nichts von Übergabe wissen wollte, gefangen, in Fesseln gelegt und schicken ihn dir gebunden. Sie ergeben sich und bitten um freien Abzug zu ihren Waffenbrüdern.« – »Gewähr' es nicht!« schrie Brinno wild. »Töte sie alle! Denk' an deinen Bruder, deinen Sohn! Denk' an die vielen Hunderte, die wir durch ihre götterverhaßten Werkzeuge vor diesem Wall verloren. Räche dich!« – Aber Civilis winkte ablehnend mit der Hand: »Sie ziehen ab, ohne Waffen. Und vorher schwören sie dem Großreich Gallien. Diese Schande trifft Rom schwerer als ihr Tod.« Da ward der Zeltvorhang aufgerissen: der Knabe flog an des Vaters Hals. »O Vater! Vater! Sieg! Ich kam gerade recht,« rief er, ihn auf die Stirne küssend. »Ja, gerade recht. Dort liegt eine Schere. Schneide mir Haar und Bart, mein Sohn. Kein Römer steht mehr unbesiegt auf unserem Boden.« VI. Zu Langres in seinem reichen, völlig nach Römerart gebauten und eingerichteten Hause stand eines Abends Julius Sabinus in dem an das Warmbad stoßenden Ankleidezimmer vor dem länglichen Metallspiegel, der in die Wand von dunkelgrünem, thrakischem Marmor eingelassen war. Zahlreiche Lampen und Lämpchen, von der Decke niederhangend, verbreiteten Tageshelle in dem engen Raum. Einige Sklaven waren damit beschäftigt, ihren Herrn festlich zu kleiden, prächtig zu schmücken. Die glänzend weiße Tunika von feinstem Byssus war reich mit halbfingerdick aufgetragenen Goldzieraten bedeckt, ja beschwert: desgleichen der scharlachrote Gürtel von hispanischem Leder; eine breite Kette von Goldplättchen umzog ihm in drei Gliedern den Hals; Goldreife umzirkten Oberarm und Handgelenk, sogar die Riemen der zierlich weiß und rot gestreiften Sandalen trugen auf dem Rist Goldplättchen; ein besonders hierfür abgerichteter Sklave hielt, über beide Arme gelegt, den safranfarbigen Prunkmantel bereit, der rings von einem breiten Purpursaum umrandet war. Noch einen zufriedenen Blick warf Sabinus in den Spiegel und strich mit einer Stange von duftendem Harz über den schwarzbraunen Schnurrbart hin, den er – nach gallischer Sitte – sorglich aufrecht gedreht hielt. »Nein, nicht hier,« rief er dem Mantelsklaven zu, der sich näherte, »leicht wird der Faltenwurf in der Sänfte zerknittert. Du folgst mir in das Festhaus und wirfst mir ihn erst dort um die Schultern. Sagt den Sänfteträgern, sie sollen dicht vor die Thüre treten. Es fallen einzelne Tropfen. Ich gehe selbst, meine Gemahlin abzuholen aus dem Frauengemach.« Und er durchschritt mehrere Gemächer und einen langen Gang, bis er an das Gynäkeion gelangte. Vor dessen Thüre richtete er sich hoch auf und fuhr mit der Hand durch das falbenglänzende Haar. Nun trat er – überraschend – ein: aber die Wirkung ging verloren: Epponina ward sein gar nicht gewahr. Ihm den Rücken wendend, kniete sie auf dem Mosaikestrich und hob beide Arme gegen die rot gestrichene Wand empor, auf der – offenbar erst neuerlich: die Farben waren noch frisch – ein Fisch und eine Taube sowie eine Palme in einfachsten schwarzen Umrissen gemalt waren; sie bewegte leise die Lippen. »Wie?« rief ihr Gemahl im höchsten Unwillen. »Was muß ich sehen, Epponina? Noch im Hauskleid: – ja, eher einem Trauer- und Bußgewand! Die Sänfte wartet unser. Das Fest beginnt sogleich. Die Menge, meldet der Thürsklave, flutet schon ungeduldig auf der Straße von meinem Hause bis an den Tempel. Und du ... –« – »Du wußtest, ich gehe nicht zu diesem Fest.« – »Was? Du hast das nie gesagt!« – »Ich sagte dir, ich gehe nicht mehr in jenes Haus, zu jener Frau.« Er zuckte die Achseln: »Unsinnige Eifersucht!« – »Nein, es ist nicht das: – nicht mehr das. Ich weiß, ich habe dich verloren. Es ist wohl meine Schuld: warum vermochte ich nicht, dich zu fesseln? Aber vor jenem Weibe graut mir.« – »Mir nicht,« lachte er häßlich. – »O Julius, sie wird dein Verderben! Ich sah im Traume, wie eine Schlange dich umwunden hatte – du stöhntest vor Schmerz! – und der Schlange schönes Haupt: – es war das ihre.« – »Schlangen bedeuten Glück, sind Boten der Götter! Und eine schöne Schlange ist mir lieber als dein häßlicher Fisch dort und die unmöglich lange Palme. Wo sah ich doch schon dergleichen Gekritzel? Ich meine zu Rom! Ach ja, in dem Bethaus der Christianer, in das du mich wiederholt hinein beredet. Wie einfältig! Weil das griechische Wort für Fisch »Ichthys« die Anfangsbuchstaben irgend einer Formel enthält, deshalb einen Fisch anzubeten!« »Ich bete nur zu Gott dem Herrn. Aber die frommen Zeichen mahnen mich an ihn. Drum hab' ich sie mit ungeübter Hand ... –« »Ich lasse dir deinen Fisch, laß du mir meine Schlange. – Du willst also nicht mitgehn? Nun gut. Sogar besser so! – Aber ich muß eilen. Das Volk möchte ungeduldig werden. Und durch dies Fest, diesen Aufzug will ich wenigstens hier – bei den Lingonen – für immer jenem ehrgeizigen Classicus den Rang ablaufen. Bete denn, während dein Gatte zum Imperator der Gallier ausgerufen wird. Eine sonderbare Imperatrix! Was wirst du beten?« »Ich bete: »dein Wille, Herr, geschehe wie im Himmel also auch auf Erden« und: »vergieb uns unsre Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« VII. Das glänzende Fest, welches Sabinus, Gutruat und deren Freunde der Stadt der Lingonen, in Wahrheit aber sich selbst gegeben hatten, neigte dem Ende zu. Vorüber waren die Wagenkämpfe, die Wettrennen, die Tierkämpfe, die in der kleinen, den römischen Vorbildern nachgeahmten Arena der Provinzialstadt abgehalten wurden, vorüber der Aufzug reichgekleideter Jünglinge und Mädchen, die Sabinus und Gutruat den Dank der Lingonen in Gestalt eines goldnen Lorbeerreifes und eines silbernen Mistelzweiges in den Vorhof des Tempels überbrachten, vorüber endlich auch der wilde, leidenschaftliche Tanz, den in diesem Hofe Faune und Bacchantinnen, wenig durch Kleider beschwert, aufgeführt hatten vor den Stufen der Säulenhalle, auf welchen der Oberpriester und dessen Weib, Sabinus und die vornehmsten Gäste auf weichen Kissen lagen. »O Claudia,« flüsterte sich vorbeugend Sabinus in das Ohr des Weibes, das, regungslos hingegossen, in träger Üppigkeit auf die immer kühner werdenden Sprünge der Paare hinabgesehen hatte, »das war der schönste Tag, das wird die seligste Nacht meines Lebens. Sowie Tutor mit der Nachricht von Worms her eintrifft, streue ich das Gold unter das Volk und es wird, es muß mich als Imperator Galliens begrüßen. Vierhundert stark schreiende Kerle sind gemietet. Dann, dann zum erstenmal im Purpur werd' ich dich umarmen. Aber was schaust du da so scharf nach links? Was denkst du?« »Ich denke, die braune Bacchantin, die der junge Silvan dort soeben jauchzend auf seine Schulter schwang, ist viel glücklicher als ich.« – »Warum?« – »Der Junge liebt viel feuriger als du. Sieh, wie er sie küßt! Das ist doch Liebe! Der denkt dabei nicht daneben an den Purpur, – er fühlt, er denkt nur sie. So möchte ich geliebt sein, ohne teilen zu müssen mit anderen Wünschen. Wie beneid' ich die braune Dirne! Und schau nur die kräftigen Muskeln seiner Arme! Dieser Gladiator wirft dich leicht in jede Ecke des Hofes, Imperator von Gallien.« – »Höre,« schmollte Sabinus, »mahne mich nicht an deine Schwester, die mit dem kräftigsten Gladiator davonlief. Ist es denn nur die Kraft, – was du liebst?« – »Nur die Kraft. – Nicht gerade der Muskeln allein. O nein: die Kraft der ganzen Mannheit: Geist, Wille, Mut und Leib. Verhüte also, mein Imperatorlein, daß ich einen finde, der dich in all' dem überwindet.« – »Den wart' ich ab! Der Mann lebt nicht auf Erden. Aber still jetzt ...« Der Oberpriester hatte sich von dem Lager erhoben. Er schritt auf Sabinus zu. »Bald wirst du das Gold und Silber ausstreuen müssen. Die Spiele sind zu Ende. Das Volk wird ungeduldig. Du hast doch das Geld bereit?« – »Sechs Truhen. Meine Sklaven trugen sie soeben in das Gemach zur Linken.« – »Ich staune! Ich wußte nicht ...« – »Daß ich über soviel Geld verfüge?« lachte Sabinus. »Nun, im Vertrauen: 's ist auch das meine nicht. Du weißt – die Beiträge aller Städte Galliens für den Krieg gegen Rom ...« – »Wie? Die hast du angegriffen?« – »Nicht angegriffen! Nur ausschließlich hierfür verwandt! Wie konnte ich besser für diesen Krieg sorgen, als indem ich Gallien den Imperator gab?« – »Was aber, was wird Classicus dazu sagen?« – »Bah! Deshalb hab' ich es ihm ja überlassen, das – scheinbar! – so viel wichtigere Werk, die Alpenpässe zu besetzen. Er soll sich nur abmühen, langweilen und hungern auf jenen öden Bergjochen. Er besetzt die Alpen: – er ahnt nicht für wen. Aber laß uns nun ans Werk!« »Nein,« rief Claudia, plötzlich aufspringend, wie eine Natter, mit überraschender Schnelligkeit der Bewegung. »Bevor das langweilige Schauspiel des Imperatorentums beginnt: – noch einmal will ich den Tanz der Faune sehen! – Da! Nehmt!« – Sie streifte von jedem der vollen Arme einen breiten Goldreif und warf beide unter die unterhalb der Stufen stehenden Faune und Bacchantinnen. »Noch mal! Aber rascher, feuriger! Lauter die Cymbeln! Höher der Sprung! – So! So ist's recht, du Schwarzkopf da unten. Nun, Imperator,« flüsterte sie Sabinus zu, funkelnden Auges, »hier steht deine Bacchantin – willst du mein Tänzer sein?« Sie warf mit einem Ruck den goldschweren Mantel ab und stand da in eng anliegendem Seidengewand, das die prachtvolle Gestalt mehr ausprägte als verhüllte. Sabinus zögerte: »Bedenke! Unter den gemieteten Knechten! Alles Volk gafft herein! Soll ich in diesem Augenblick –« »Bedenke du !« erwiderte sie mit drohenden Blicken. »Ich tanze jetzt zu diesen Cymbeln und Becken: – sie machen mich rasend vor Lust, vor Lustbegier. Ich tanze – wenn nicht mit dir – mit jenem herrlichen Faun dort .« Und sie schritt wirklich, da er noch säumte, jenem Jüngling winkend, die erste Stufe hinab. »So komm!« rief Sabinus wild, faßte sie an dem üppigen Arm, eilte mit ihr die Stufen hinab und schon flog das Paar unter den übrigen dahin. Aber wie tanzte dies Weib! Nicht wie die andern: – diese erschienen jetzt als verkleidete Puppen – hier flog die wahre Bacchantin, ja die Mänade dahin. Ihr mächtiges schwarzes Haar ging auf bei der ersten stürmischen Bewegung, es flatterte um sie her, es peitschte ihrem Tänzer das Gesicht, die Augen, daß er sie vor Schmerz schloß. Wozu auch sie offen halten? Nicht Er führte diesen Reigen! Das Weib riß ihn dahin, so oft der Reigen es mit sich brachte, daß sie sich berührten, das Weib, das, so oft sie sich den Cymbelschlägern näherten, diesen zurief: »Rascher! Lauter! Viel rascher!« Nun warf sie das Haupt in den Nacken zurück, aus den geöffneten Lippen brach ein leises Stöhnen der Lust: – sie riß den Imperator Galliens an den Armen herum, daß der lange Mantel, den abzulegen ihm nicht Zeit geblieben war, weit hinter ihm her flog – jetzt fiel das Tuch, abgetreten, zu Boden, einer der Satyren warf ihm sein geschwänztes Bocksfell über die Schultern, der Lärm der Cymbeln steigerte sich zum höchsten Gellen: – – da plötzlich drang verworrener Lärm von dem Eingang, von der Straße her in den Tempelhof: ein behelmter Mann im Kriegsgewand brach sich Bahn durch die Menge, schleuderte ein paar der Bacchantinnen zur Seite und hielt in der Mitte des Hofes: »Wo – wo ist Sabinus? Was? Hier! So? In Bockessprüngen! Weh um dich, Gallien!« Da erstarrten alle Gruppen des Tanzes: wie sie geschwebt, so machten sie plötzlich Halt: Gutruat polterte die Stufen hinab. Sabinus, schweißtriefend, warf das Bocksfell ab: »Tutor!« rief er, »Du hier! Du solltest ja zu Worms ... – Wo ist Classicus?« Der Dicke holte erst Atem ehe er begann: »Classicus? Statt die Alpenpässe zu besetzen, – wollte er sich, ehe du's erführst, vorher in Trier zum König von Großgallien ausrufen lassen. Darauf verwandte er alles, Zeit und Geld.« – »Ha, der Verräter!« schrie Sabinus. – »Die Römer sind – ohne Schwertstreich! – über die Alpen gedrungen. Viele Legionen! Classicus ward zu Worms überfallen und geschlagen, sein Heer stob in alle Winde. Mich traf die Nachricht zu Bauconia zwischen Worms und Mainz. Ich wollte diese Feste decken, ich griff die Römer auf der Straße dahin an, sie warfen mich: ich wich auf Mainz zurück: aber, die elenden Gallier dort sind abgefallen vom Reiche Gallien und haben Vespasian geschworen. Sie sperrten mir die Thore. Nun floh ich hierher. Die Hauptmacht der Römer steht in Mainz. Ihr Feldherr heißt Cerialis. – Aber jetzt gebt ... mir zu essen! Ich bin totmüd und wund. Ein Pfeil traf meinen Hals: zum Glück nicht die Speiseröhre.« Und der Dicke wankte, halb ohnmächtig sank er in Gutruats Arme. Zahlreiche Scharen, Tänzer, Zuschauer, Gäste strömten nun aus dem Tempelhof hinaus auf die Straße: da schrie und tobte das Volk sofort wild durcheinander. »Was? Keine Geldspende?« – »Sie war fest versprochen!« – »Die Römer! Die Römer sind da!« – »Wir sind geschlagen!« – »Aber nur durch Verrat!« – »Classicus hat uns verraten!« – »Nein! Tutor!« – »Nein, Sabinus! Wo ist das Geld der Städte?« – »Nieder die Verräter, alle drei!« – »Verrat! Verrat! Verrat! Verrat!« so brüllte es durch die Gassen. Und zornige, aber machtlose Steine flogen sofort gegen die eherne Thür des Hofes, welche die Tempeldiener gerade noch vor dem Ansturm der Menge hatten ins Schloß werfen und von innen mit den starken Eisenriegeln sperren können. VIII. »Flavius Vespasianus dem Imperator sendet aus Trier besten Heilwunsch Petillius Cerialis. Der Ort, von welchem aus, oh Imperator, ich dir dieses schreibe, verkündet dir am deutlichsten meine bisherigen Schritte: – lauter Siegesschritte, Erfolge, die meine kühnsten Hoffnungen übersteigen. Aber Fortuna ist ein Weib, und ich habe Glück mit diesen Tierlein. Geht es so fort, brauche ich bei weitem nicht die vier Monate unseres Vertrages. Als ich mich von dir verabschiedet, die beiden italischen Legionen übernommen und von Mailand aus den Zug über die Alpen angetreten hatte, – auf dem kürzesten Weg, über den Adula, auf welchem der Rhein entspringt, sie zu überschreiten, – da pochte mir das Herz gewaltig an den Panzer in der Erregung, ob denn wirklich, wie vorausgesandte Späher meldeten, das Unmögliche möglich und der gallische Feind so wahnwitzig leichtsinnig sei, die Pässe nicht zu besetzen. Ich konnte diesen täglich wiederholten Versicherungen nicht glauben. In fieberhafter Eile jagte ich mit der Reiterei voran: – jedes zweite der maurischen Rosse mußte noch einen Legionär auf den Rücken nehmen: denn zu Pferd allein kann man die Berge nicht stürmen, und was bisher etwa versäumt war, konnte, ja mußte der Feind nun doch täglich nachholen. Jede Stunde konnte allentscheidend werden: denn waren die Pässe gesperrt, mußte ich zurück bis Genua, dort die Legionen einschiffen und in Marseille die Landung versuchen – mit unerträglichem Zeitverlust. Ich konnte es kaum fassen, da ich, meinen Reitern voranjagend und allein die Höhe des Adula erreichend, – da, wo zur Kennzeichnung der Wasserscheide der Altar des Mercurius errichtet ist – wirklich den Weg offen fand und unverteidigt. Ich schrie laut auf, in den Bügeln mich hebend vor Lust. Wahrlich, die Götter wollen verderben, wen sie so maßlos verblenden! Weit und breit kein Feind zu sehen! Unbehindert stiegen wir – voran die XXI. Legion – hinab in das Land der Helvetier, – ein Häuflein Berghirten konnte das verhüten! – überschritten die Aar bei Windisch, den Rhein bei Augst, und zogen nun Nacht und Tag in Eilmärschen steil gen Norden stromaufwärts auf der alten Legionenstraße des rechten Ufers. So rasch und so verdeckt geschah unser Vordringen, daß die Gallier auf dem linken Ufer lange nichts von unserer Nähe ahnten: erst im Gebiet der Vangiônen, wo von Osten her der Neckar sich dem Rheine nähert, stießen wir auf Feinde: es war der künftige Großkönig Galliens Classicus, der – jetzt erst! – sich anschicken wollte, die helvetischen Pässe zu besetzen. Du fragst billig nun, womit er inzwischen die kostbaren Tage, ja Wochen ausgefüllt? Ei nun, er mußte doch überall auf den Legionenstraßen die römischen Meilensteine durch neue gallische ersetzen lassen mit dem heiligen Schildtier des neuen Reiches: dem krähenden Hahn; und in den Städten ließ er die Denksäulen, in welche die Verträge mit Rom gegraben waren, niederreißen und in die Flüsse schleifen. Und dabei hielt er jedem Meilenstein eine höhnende, witzige Grabrede, die ihm übrigens ein guter Freund, Tutor, ein anderer Führer des Aufstandes, verfassen mußte. Das kostete doch Zeit und machte müde! So hielt er denn behaglichen Rasttag in einem Doppellager auf beiden Seiten des Stroms bei Worms. Vorposten hatten die Leutchen nicht vor ihr Lager gestellt: sie ruhten in oder vor ihren Zelten oder rüsteten das Mittagsmahl, die Pferde angepflöckt, die Waffen abgelegt. Unsere Reiter und unsere Pfeile brachen urplötzlich aus den bewaldeten Höhen gleichzeitig auf sie herein: die Verwirrung war unbeschreiblich. An ihren Suppentöpfen, die gefüllten Schalen in der Hand, wurden sie überritten. Leider entkam der König Classicus auf der von ihm hier geschlagenen Schiffbrücke. Aber auf derselben bequemen Vorrichtung drangen auch wir auf seinen Fersen über den Rhein, und zogen sofort auf Mainz. Bei Bauconia warf sich uns, die wichtige Stadt zu decken, ein andrer Haufe entgegen und griff hitzig an: jedoch sobald der erste Anprall mit ruhiger Kraft zurückgeschlagen war von der tapferen XXI. Legion, da entscharte die Flucht die Panzerreiter mit ihren flatternden roten Federbüschen und das Fußvolk in seinen buntgestreiften gallischen Hosen und sie stoben auseinander mit dem lauten Geschrei: »Verrat!« Wer sie verraten haben soll, das weiß ich nicht. Sicher nicht ihr Führer, ein auffallend dicker Herr, der, hartnäckig, todesmutig, sein Bestes that, die Fliehenden aufzuhalten, bis sein Gaul unter den Pfeilen unsrer numidischen Schützen stürzte. Mainz schloß den Geschlagenen die Thore, schickte als jene verschwunden waren, uns den ganzen gallischen Senat (auch ein paar hübsche Jungfräulein!) entgegen, und die Bürger holten uns durch die bekränzten Straßen ein: ich ließ die Wackern auf dem Marktplatz dir, oh Imperator, schwören und in dem Tempel ihres Gottes Hesus dein Bild aufstellen. (Es ward zu sehr an der Vergoldung gespart, oh Vespasian: du siehst recht schäbig aus, das Erz blickt, deine Sparsamkeit verkündend, überall hindurch, sonst hätt' ich dir's – zur Ausprägung – geschickt.) Nach kurzer Rast brach ich von Mainz auf: fast kein Widerstand! Das Großreich Gallien bröckelt auseinander, wo man es anfaßt: er ist schlecht gebacken, dieser prahlerische Kuchen, von seinen wortreichen Bäckern. Gar manche Völkerschaften schicken mir schon von weit her, so die Sequaner von Besançon, von Embrun bis hierher Gesandte, beteuern, nur gezwungen von der Übermacht der bösen Nachbarn zum Anschluß an den Aufstand fortgerissen zu sein, bitten um Vergebung und erbieten sich, Geld und Mannschaften zu schicken. Das Geld darf ein Diener Vespasians nicht zurückweisen. Aber es machte vortrefflichen Eindruck, als ich erklärte: »Rom genügen seine Legionen! Kehrt, o Bundesgenossen, zu den Arbeiten des Friedens zurück. Das ist Roms Krieg. Rom hat ihn in die Hand genommen: also ist er so gut wie beendigt.« Von Mainz zog ich auf Bingen. Hier war die Brücke über die Nahe abgebrochen: eine Schar Treverer auf dem Westufer hielt sich dadurch für gedeckt; aber die klugen Rößlein meiner afrikanischen Reiter fanden eine Furt und nun waren jene Haufen rasch zersprengt. Jetzt – so verzettelt diese Feldherrnkunst ihre Kräfte! – warf mir Classicus – er soll bei Bingen verwundet aus dem Gefecht getragen worden sein – wieder eine zusammengeraffte Menge von Triboken, Caerakaten, Vangionen entgegen: er wollte diesen stärkeren Halt geben durch übergetretene Römer aus der I. und aus der IV. Legion: diese hielten auch Stand gegen unsere rätischen Hilfsvölker: als aber ich selbst auf der breiten Straße ihnen entgegenritt, – allein – nur zwischen den Adlern meiner beiden Legionen, der II. und der XXI., und sie anrief ob denn wirklich römische Legionäre unter gallischen Flatterwimpeln gegen diese Adler kämpfen wollten? Da kehrten sie die Wurfspeere um, liefen auf mich zu, bedeckten meine Hände mit Küssen und baten – Thränen liefen über manch bärtig braunes Gesicht – um Verzeihung, um Wiederaufnahme. Die gewährte ich: – und jene Barbaren stoben auseinander, bevor ich sie angreifen konnte. Und diese Milde gegen die »ehrenwerten Rücküberläufer«, wie ich sie nannte, – solche Worte mögen die Gallier gut leiden! – trug sofort reichste Früchte: sobald die beiden abgefallenen Legionen von Neuß und Bonn – die XVI. und die XXII. – davon erfuhren, thaten sie desgleichen und baten um Vereidigung auf deinen Namen. Ich gewährte sie gern. Tag um Tag erhalte ich weitere gute Nachrichten: gestern hat Reims seine Lossagung von Großgallien angezeigt: – eben, während ich dies schreibe, meldet Metz seine Unterwerfung. Ich ziehe nun auf Trier, den Hauptort der Empörung, aber ich höre, bei Ricol an der Mosel wollen sie mir den Weg verlegen. Wehe ihnen, wenn sie's wagen! Und wohl mir: je mehr von ihren ungeschulten Haufen sich mir zusammengedrängt entgegenstellt, desto rascher bin ich mit ihnen fertig! Sieg, Imperator, Sieg bei Ricol! Und dafür muß ich mich ein wenig loben. Das hab' ich nicht ganz schlecht gemacht. Die Gallier unter Valentinus, einem Neffen des noch kampfunfähigen Classicus, hatten sich diesmal eine gute Stellung ausgesucht und sorgfältig befestigt: auf den Flanken durch den Fluß und die Berge gedeckt, hatten sie in der Stirnseite breite Gräben gezogen und die Zugänge durch Felsbrocken der nahen Steinbrüche gesperrt. Aber der alte römische Doppelangriff bewährte sich auch hier. Ich schickte ihnen von Süden, von Metz her, die zur Treue zurückgekehrten Legionen in die rechte Flanke – »macht gut,« schrieb ich ihnen, »die Schuld von Monaten an Einem Tag!« und sie machten sie gut! – während ich von Osten her – in drei Eilmärschen war ich heran – sie von vorn faßte: ich befahl dem Fußvolk sofort den Sturm, trotz aller Gräben und Verhacke: herrlich stürmten deine alten Legionen, duckten sich in Schußweite – ließen die Wurfgeschosse über sich hinfliegen, – alle Gallier schießen nämlich zu hoch! – erstiegen dann die Höhen und warfen die Feinde mit der Gewalt eines Bergsturzes drüben hinunter. Da – im rechten Augenblick! – traf sie von Süden her, von Metz, der Flankenstoß der Legionsreiterei, und – nie sah ich noch solche Flucht auf Erden. Und sind doch tapfre Leute im Anprall! Die Reiterei, einschwenkend die Höhen herab, hieb nach und brachte viele Gefangene ein, darunter den Führer Valentinus. Sofort ließ ich ihn und sechs andere Mitgefangene Edle der Treverer ans Kreuz schlagen. Morgen hoff' ich in Trier einzuziehen. Ich zog heut früh in Trier ein. Welch liebliche Stadt! – Mit Mühe verhütete ich ihre Zerstörung: die Leute kennen sie als Brutstätte der Empörung, als des Classicus und des Tutor (das ist der dicke Held – ohne Spott! – von Bauconia!) Geburtsstadt. Sie gönnten dir – (vergieb! dem gefräßigen Fiskus) – alle Beute, sie wollten nicht plündern, nur brennen. Ich verbot es. Noch viel schwerer setzte ich durch, daß meine (– deine! –) nie untreu gewordenen Legionen die »ehrenwerten Rückläufer« nicht als Feinde – und schlimmer! – behandelten. Aber wenn ein echter Römer befiehlt, gehorchen echte Römer noch. Das sei dein Trost, Imperator, für noch ein breites Stück Zukunft. Morgen brech' ich auf nach Süden, gen Langres. Dort soll die Hauptmacht der Gallier stehen unter Sabinus. Damit du aber nicht glaubst, vor lauter Lust am eigenen Dreinschlagen hab' ich das Denken römischer Feldherrschaft verlernt, meld' ich dir meinen Kriegsplan: er ging dahin, Gallien und die Germanen von allen Seiten zugleich zu fassen. Und er ist – soweit – völlig gelungen. Während ich von Osten kam, brachen von Westen aus den Pyrenäen die VI. und die X. Legion ins Land, von Süden stiegen über den Poeninus – diese Feldherren Galliens haben noch nicht entdeckt, zu welchem Zweck die Götter Berge um ihr Land gethürmt haben! – die letzten Kohorten der II. in das Rhonethal, von Norden, von Britannien her trägt die Flotte die XIV. gegen Bataver und Friesen heran und nun laß sehen, ob die Feinde dem Zangendruck von allen Seiten widerstehen. Erst such' ich noch den »Kaiser Galliens« bei Langres auf: er wird kaum gefährlicher sein als der »König« bei Trier. Dann geht es gegen die Germanen: diesmal hieß es also: »zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit.« Diese wird wohl blutig werden: die zur Treue zurückgetretenen Legionen berichten, die halbnackten Kerle – zumal die Überrheiner – des Civilis seien so furchtbar wie die Bären und Auerstiere ihrer Wälder. Ob diese seine Ungetüme ihm auch gehorchen? Dann – aber auch nur dann! – wird es heiß hergehen. Ich freue mich darauf! Unsere von ihm besiegten Leute nennen diesen Bataver – er ist einäugig – einen zweiten Hannibal oder Sertorius. Sei es so! Scipio ward mit jenem, Pompejus mit diesem fertig: ich erachte mich nicht kleiner als Scipio und Pompejus: so werd' auch ich mit meinem Einaug' fertig werden.« IX. Alsbald war die Hochebene von Langres weithin von römischen Kriegern bedeckt: um die Festungsstadt dehnten sich von allen Seiten ihre Zelte. Cerialis scheute jedoch eine langwierige Belagerung, zumal seine Absicht, hier Sabinus und die Hauptmacht der Gallier zu treffen und zu vernichten, nicht erreicht werden konnte. – Jener hatte den größten Teil seiner Truppen, viele Tausende, – freilich meist ungeschulte, frisch, ausgehobene oder freiwillig hinzugeströmte Haufen – in das Land der Sequaner gegen Besançon geführt, diese für den Abfall von dem Kaisertum Gallien zu strafen und zur Unterwerfung zurückzuzwingen. Tutor war mit einer andern Schar gen Norden gezogen, zu Classicus, der, wie es hieß, die Vereinigung mit Civilis anstrebte. So lag denn Cerialis viel daran, hier bald fertig zu werden, um ebenfalls dem neuen, dem germanischen Kriegsschauplatz sich zuwenden zu können. Einen Stoß in die Luft wollte er aber doch nicht mit diesem Zug auf Langres gemacht haben: er versuchte, ohne Belagerung hier einen Erfolg zu erzielen. Er verlangte eine Unterredung mit den einflußreichsten Häuptern der Stadt. Das war jetzt – nach Entfernung jener beiden Ritter – vor allem der Oberdruide und dessen adlige Verwandtschaft. Gutruat schmeichelte es, dem Römer gegenüber seine Stadt zu vertreten: gern ging er auf den Vorschlag ein und lud den Feldherrn auf den folgenden Mittag zu einer Unterredung vor dem Ostthor der Stadt. Nur beunruhigte es ihn, wie seine Gattin, des Sabinus eifrige Freundin, den Gedanken einer Verständigung mit dem Feind aufnehmen werde. Zu seinem Erstaunen verharrte sie bei seiner Eröffnung ganz in ihrer unerschütterlichen Ruhe. Sie zuckte die Achseln und schwieg. Angenehm enttäuscht sprach der Priester salbungsvoll: »deine Zustimmung ist mir und den Göttern wohlgefällig.« »Zustimmung?« fragte sie gedehnt. – »Eine Verständigung kann auch Sabinus frommen.« – »Mir sehr gleichgültig. Er ist fort. Wer weiß, ob er, wann er, wie er wiederkommt.« Mit großen Augen, erfreut, sah Gutruat auf seine Gattin. »Ei,« sprach er zu sich selbst, »ich that ihr doch Unrecht in meinen Gedanken. Neulich bei dem Bacchantinnentanz – Tutor hatte mich längst geneckt – wollte mir scheinen ... aber nein! Wie könnte sie auch auf der Höhe an meiner Seite eines andern denken.« – »Und für uns,« sprach er laut, »ist es besser, das Äußerste nicht kommen zu lassen. Werden wir gefangen, ... –« »So wird mir nicht viel Hartes geschehen,« erwiderte sie lächelnd. »Nur euch, und zwar von Rechts wegen. Ich warnte vor der ganzen Thorheit. Ihr müßt zerrieben werden wie Thon zwischen Stein und Stahl. Ihr seid weder so stark wie die Germanen noch so klug wie die Römer: dich immer ausgenommen, gottgleicher Gemahl.« Am andern Mittag stand auf dem Walle neben dem Ostthor, lange bevor Gutruat und seine Begleiter durch dasselbe schritten, Claudia in ihrer allerkleidsamsten Gewandung, derselben, die sie an dem Bacchantinnenabend getragen; nur Boadicéa, eine junge Sklavin, begleitete sie. Merksam, mit scharfem Auge blickte sie herunter auf die Ebene vor dem Thor, auf welcher jetzt der Römerfeldherr und dessen waffenglänzendes Gefolg anritten: wie kraftvoll drückte Cerialis den mächtigen Rappen unter den starken Schenkeln zusammen! – Nun sprangen sie von den Rossen. Cerialis erspähte da oben ein Frauengewand: wie ein Pfeil schoß sofort sein Blick empor: »bei Eros und Anteros!« rief er zu ihr hinauf, »du bist eine Göttin! Oder Lucretias Schwester; aber tausendmal schöner! Grüße bring' ich dir von Lucretia!« Ohne ein Wort – aber erst nach einem flammenden Blick – trat Claudia zur Seite hinter den Turm neben dem Thore. »Das ist ein Mann . Endlich!« flüsterte sie tief atmend vor sich hin. Alsbald ward unten der eine Thorflügel vorsichtig geöffnet: Gutruat in goldstrotzendem Festgewand, umgeben von vielen seiner Priester, und eine Anzahl der Edeln und Ritter der Lingonen schritten heraus auf den freien Platz. Nach kurzer Begrüßung hob Cerialis an; er sprach kraftvoll, aber ruhig, aus stolzer Überzeugung, nicht zweifelnd am Erfolg jedes seiner Worte, die Augen im Bewußtsein sieghafter Überlegenheit in die Seelen seiner Hörer senkend; nur manchmal flog ein Blick nach oben auf die Wallkrone, von der jene weiße üppige Gestalt, die sich keineswegs ganz hinter dem Turme barg, vielleicht nicht bergen wollte, herableuchtete. »Ihr edeln Männer von Andematunum,« hob er klangvoll an, »der Schönrednerei habe ich mich nie beflissen: mit den Waffen drückt der Römer seine Gedanken aus. Da aber bei euch das Wort am meisten gilt, nicht die Sache, will ich auch ein paar Worte sagen, die viel notwendiger euch zu hören als mir zu sprechen sind. Wir sind dereinst nach Gallien gekommen, nicht, um für uns etwas zu suchen, vielmehr angerufen von euren Ahnen, die sich untereinander zerfleischt hatten, bis die einen wider die andern die Germanen über den Rhein zu Hilfe gerufen hatten. Diese waren gar eilfertig gekommen und hatten Freund wie Feind unterjocht. Nun flehtet ihr, wir sollten euch befreien. Wir thaten euch die Liebe, befreiten euch, trieben fast alle Germanen aus dem Land und besetzten den Rhein; nicht wahrlich, um unser unangreifbares Italien zu schützen, nein, auf daß nicht euch ein zweiter Ariovist unterjoche. Ihr aber, was thut ihr heute? Glaubt ihr, Bataver und Überrheiner meinen es heute besser mit euch als weiland Ariovist mit euren Vorfahren? Immer und immer wieder werden die Germanen über den Rhein in euer Land herein drängen: nicht bloß aus Rauflust, aus Raublust, aus Wanderlust: nein, aus ihren Sümpfen und Waldwüsten wird es sie stets nach diesem so viel bessern Boden ziehen, unter diese mildere Sonne. Jetzt hetzen sie euch zum Kampfe gegen uns. Das schöne Wort »Freiheit« schützen sie dabei vor: – wie von jeher alle gethan, die andere knechten wollten. Gewaltherrschaft und Parteien haben Gallien so lange zerrissen, bis wir Ordnung schufen. Wollt ihr Ordnung haben, müßt ihr Waffendienst leisten und Steuern zahlen: mehr verlangen wir nicht von euch. Wollt ihr sie lieber dem Imperator, der fern am Tiberstrom gebeut, leisten, oder dem Germanen, dem Raufbold, dem Saufbold in der Wolfschur, der sich euch in Garten und Haus, in Keller und Bett legt? Wählt zwischen Rom und den Barbaren! Denn wahrlich, ihr habt keine dritte Wahl. Ihr seid zu geistreich, euch zu vertragen, zu fein, euch selbst zu schützen. Beim Jupiter! Gallien wird germanisch oder es bleibt römisch. Dabei behaltet ihr aber an Freiheit soviel – und mehr! – als ihr irgend vertragen könnt, Bürger von Andematunum, Bundesgenossen, Freunde! Öffnet eure Thore und kehrt zur Freiheit unter dem Schild der Legionen zurück. Wo nicht, so schwöre ich euch beim Genius Vespasians: – nicht ein Stein bleibt auf dem andern im ehemaligen Andematunum. Wählt!« – Trotz des derben Hohnes, trotz der kaum verhüllten Geringschätzung machten diese Worte starken Eindruck: denn ihre Wahrheit, so bitter sie mundete, war schwer zu bestreiten. Nach kurzer Beratung mit den Seinen erbat sich Gutruat Bedenkzeit. »Wie viele Stunden?« fragte Cerialis. – » Tage !« erwiderten die Gallier. Sie müßten an Sabinus Boten schicken und dessen Meinung hören. »Sehr überflüssig. Aber wohlan!« – Er überlegte: eine Belagerung konnte Wochen erheischen. »Wie viele Tage?« – »Sechs.« – »Nicht drei! Zwei Tage gönne ich euch. Für zwei Tage habt ihr von mir nichts zu befürchten.« Daraufhin ward Waffenstillstand auf zwei Tage versprochen und bei den Göttern Roms und Galliens feierlich beschworen. X. Am Abend desselben Tages ließ sich eine Sklavin bei dem Feldherrn melden. »Ist sie jung? Ja? Weiber haben immer Zutritt,« lachte er, den Becher dunkeln Weines niedersetzend. »Herein mit ihr und heraus mit euch, ihr Hunde von Sklaven.« Ein zierliches gallisches Mädchen stand vor ihm. »Von Lucretias Schwester,« sprach sie und überreichte ihm ein verschnürtes Wachstäfelchen; er schnitt die Fäden mit dem Dolch auf, las, staunte und als er aufsah, die hübsche Botin zu befragen, war diese verschwunden. Kurz vor Mitternacht war's. Die Ampel von irisirendem dickem Glase warf, von der Marmordecke herabhängend, dämmerndes Licht auf das weiche Pfühl in Claudias Schlafgemach. Auf dem Pfühl saßen das schöne Weib und Cerialis; dieser, ohne Helm und Panzer, hatte das Schwert angegurtet und mit dem braunen Kriegsmantel auf den hoch mit Teppichen bedeckten Estrich geworfen. Claudia war wie verwandelt. Jene gleichgültige Trägheit war von ihr gewichen: sie war ganz Feuer, Leben, Bewegung: ihre großen Augen sprühten wunderbaren Glanz: nie war sie so schon gewesen. Sie streichelte mit Behagen des Römers starken Arm und sprach mit einem Wohllaut der Stimme, den weder Gutruat noch Sabinus je vernommen: »Und weißt du, Unwiderstehlicher, um was ich dich am glühendsten liebe? Nicht einmal um jene Kraft, die mich zu erdrücken droht in deinen Armen: – nein, um jene Kühnheit, jenen todverachtenden Wagemut des Verlangens, der dich allein in dieser Stunde hierher führen konnte. Hab' Dank für dieses Wagen. Heiß will ich dir lohnen.« Und sie warf sich stürmisch an seine breite Brust. »Hei ja,« lachte er, den Duft ihres ungesalbten Haares einschlürfend, »ist es toll von mir! Es ist Wahnsinn! Aber nur der Kühnste gewinnt das Süßeste. Wenn Vespasian es ahnte! Als ich dein Brieflein gelesen, sagte ich mir: »ist es eine Falle? Nein! Die Göttliche hat deinen heißen Blick erwidert und nur sie ja hörte das Wort von Lucretias Gruß. Hat dieses Geschöpf – Heras Gestalt mit Aphroditens Lustreiz! – dich ihrem aufgeblähten Mann, diesem feisten Gockelkapaun, verraten? Nein! Auch sie verlangt nach Glück: ihr lechzend Auge bezeugte das.« Ich ging also – allein – zu der in dem Briefe bezeichneten Marmorplatte neben dem Altar der Eppona vor dem Südthor: wirklich! sobald ich sie hob, bemerkte ich die ersten Stufen eines Erdganges. Ich zögerte einen Augenblick: dann schloß ich die Augen, rief mir dein Bild vor die Sinne und – sprang hinab, den Stein hinter mir nachziehend. Noch einmal, wie er dumpf in sein Gefüge fiel, durchzuckte mich's: »das war wie das Zuschlagen einer Falle. Aber nun bin ich darin – nun vorwärts!« Bald hatte ich die angegebene Eisenthür ertastet, der kleine Schlüssel paßte: – er öffnete. Nun begrüßte mich das matte Licht eines Mauerlämpchens: ich eilte die aufsteigenden Steintreppen hinauf, das nackte Schwert in der Faust: ich pochte leise, wie angewiesen, dreimal an einer zweiten Thür – bereit, den ersten Feind zu durchbohren: im Herzen aber glaubte ich nicht an Verrat und Gefahr: dich suchte ich, dich fand ich und nie genossene Wonne, du berauschend Weib.« Und er umschlang sie mit den nervigen Armen, daß ihr der Atem stockte. »Laß ab, du Wilder, du wirst mich töten.« – »Gäb' es schöneren Tod?« – »Nein! Aber noch nicht! Vorher noch viele, viele Stunden wie diese. Du wirst, du mußt mich befreien aus dieser Öde, aus dieser Ehe, aus ...!« – »Gewiß! Morgen, bevor die Sonne im Mittag steht, bist du – auch vor aller Welt – mein! Meine Gefangene scheinbar, meine Göttin in Wahrheit!« – »Morgen schon? Aber euer beschlossener Vertrag – die Bedenkfrist ...« – Cerialis lachte. »Das laß du meine Sorge sein. Als ich den Vertrag schloß, da kannte ich noch nicht ... Aber horch!« Er sprang auf. »Was war das? Es pocht von unten an der Thüre: – dreimal! – wie ich gepocht! Dennoch Verrat? Weib, dann ...!« Er haschte Mantel und Schwert vom Boden auf: aber ein Blick auf ihr Antlitz – alle Farbe war daraus gewichen – belehrte ihn, daß sie nicht minder als er selbst von Entsetzen ergriffen war; sie fand vor Schrecken kein Wort. »Der Ehemann?« fragte er. »Nein! Der kommt nicht auf künstlichem Schleichweg. Also ein Nebenbuhler? Nun du freu dich!« Er riß das Schwert aus der Scheide und hob es drohend. »Bei allen Göttern!« flehte jetzt das Weib in höchster Angst. »Willst du dich und mich verderben? Still! Dort hinein! Hinter jenen Vorhang. Rühre dich nicht! Laß mich gewähren. Dann wend' ich alle Gefahr von uns.« – »Von ihm vielleicht? Nein! – Er soll nicht leben! Ich will ...« Sie drängte ihn, halb mit Gewalt, hinter den Vorhang und eilte, die Fallthür zu heben, die auf dem Vorplatz die Mündung des Kellerganges schloß. Gleich darauf erschien sie wieder in dem Schlafgemach, gefolgt von einem mit Staub und Straßenschmutz bedeckten Mann; der goldgestickte Mantel hing ihm in Fetzen um die Schultern, der reiche Harnisch war zerschlagen, die aufgeschnürten goldenen und silbernen Schmuckscheiben hingen, halb zerschmettert, an den Riemen herab, die dunkeln Haare waren über der Stirn von getrocknetem Blut zusammengeklebt; mühsam, wankend hielt er sich aufrecht an einem kurzen Wurfspeer. »Ums Himmelswillen,« flüsterte Claudia so leise, daß er darüber staunte, »wie bist du zugerichtet? Wo kommst du her?« – »Von Besançon! Besiegt! Geschlagen! Furchtbar geschlagen! Römische Kohorten – die zweite Legion! – frisch eingetroffen vom Rhone her hatten die Sequaner verstärkt. Alles ist verloren! Der Widerstand gegen diese Römer ist unmöglich. Schwer verwundet, durch den Helm – in den Kopf ein Hieb! – rettete ich mich durch schnellste Flucht. Ich ritt zwei Pferde tot.« – Sie warf die Lippe auf: »Vor lauter Furcht!« sprach sie verächtlich. Er hatte es nicht verstanden. »Glücklich in der Finsternis durch die Reihen der Belagerer und durch den Erdgang in die Stadt gelangt, eile ich zuerst zu dir ...« – »Du willst dich wohl hinter meinen Kleidern verstecken?« – Er starrte sie an: »Nein! Fliehen sollst du mit mir. In die Verborgenheit, wo uns niemand kennt!« »Fliehen? Fällt mir gar nicht ein!« sprach sie nun plötzlich sehr laut. – »Bedenke! In wenigen Tagen können die Feinde in der Stadt sein.« – »Wahrscheinlich.« – »Und du willst nicht mit mir fliehen?« »Nein.« – »So liebst du mich nicht mehr? Ja, bin ich denn nicht mehr, der ich war?« rief er in lautem Schmerz, »nicht Julius Sabinus?« »Der bist du?« schrie es da aus dem Nebengemach. »Warte, Kaiser Galliens!« Und aus dem Vorhang sprang Cerialis, den Mantel zur Abwehr um den linken Arm geschwungen, das breite Schwert zum Stoße zückend. »Ein Mann! Ein Römer bei dir ! Verräterin!« rief der Überraschte. »Nieder mit ihm!« Und er warf sich Cerialis entgegen. Aber ein Streich des Römerschwertes schlug ihm den Speer aus der Hand, ein Stoß durchbohrte seinen rechten Arm: aufschreiend wandte er sich und floh. Cerialis folgte ihm. Durch die Fallthür, die jener hinter sich zugeworfen hatte, ward er eine Weile aufgehalten. Als er die Stufen hinab in den halbdunkeln Gang gelangte, war der Flüchtling nicht mehr vor ihm zu sehen. »Unbegreiflich! Er kann noch die Eisenthüre nicht erreicht haben. Wo steckst du, Herr Kaiser? In einem Mauseloch?« Er spähte ringsum in dem schmalen Gang: – da bemerkte er eine schmale Holzpforte, die an der linken Seite offenbar in einen Ausgang führte. Er riß daran: – aber sie war von außen verschlossen. »Dahinaus ist er entwischt, in die Stadt hinein. Nun Geduld! Sie wird dich nicht lange schützen!« XI. Eine Stunde darauf war die Stadt gefallen. Aus dem Haufe des Oberpriesters hervorbrechend hatten sich plötzlich die ehernen Scharen der Legionen über die unglücklichen Bewohner ergossen, unter gellendem Tubageschmetter, die Fackel in der Linken, den Mordstahl in der Rechten, überall hin Brand, Tod, Plünderung verbreitend. Bis nach Tagesanbruch wüteten diese Schrecken: dann gebot Cerialis Einhalt. Er war doch nicht zufrieden mit seinem Erfolg. Er hatte das Haus Gutruats, den Tempel, das Haus des Sabinus durchsucht bis in die verborgensten Winkel: umsonst; weder der Kaiser Galliens noch der Oberpriester noch Claudia waren zu finden: spurlos war auch sie verschwunden. – Mehrere Tage waren vergangen. Die Römer hatten, eine kleine Besatzung in der halb verbrannten Stadt zurücklassend, Langres geräumt und sich gegen Norden gewendet. – Da lag in einem Gehölz, ein paar tausend Schritte südlich der Stadt, in einem höhlenähnlichen Raum unter der Erde auf einer Schütte von Stroh ein bleicher Mann mit halbgeschlossenen Augen. Die Wurzeln der mächtigen Waldbäume da oben waren durch die Erde und durch das lockere Gestein bis in die nicht gar tiefe Höhlung gedrungen: sie reichten fast bis auf das Lager des Kranken. Auf dem nackten Gestein des Bodens kauerte eine zarte Frau; eine kleine Öllampe von gebranntem Thon drohte zu ersticken in der dumpfen Luft; sie beleuchtete nur matt die feuchten, triefenden Wände; kaum konnte man bei dem trüben Schein einige hier mit schwarzbrauner Farbe angemalte Bilder erkennen: es war ein Fisch, eine Taube, eine Palme. Schwer atmete der Sieche. Er tastete mit den mageren blassen Fingern umher: sofort wurden sie von der weichen Hand der Frau ergriffen, festgehalten, beruhigt. Er schlug nun die matten Augen auf: – tief lagen sie in ihren Höhlen. »Wo bin ich?« fragte er. – »In Sicherheit. Und bei mir.« – »Du bist's, Epponina? Also war es kein Traum! Aber sage, wo – wo – ist ...?« Er versuchte sich aufzurichten, aber er sank zurück auf das Stroh. »Nimm erst die Arznei, Lieber. Und bleibe ganz ruhig, dann sollst du alles hören. Gelobt sei der Herr!« schloß sie, die Hand loslassend. »Das Wundfieber ist fast ganz vorüber.« »Wund? Ach ja! Die Schlacht! Der Helm! Und dann – dann der Stoß in den Arm und – ach! das schmerzt noch bittrer.« – »Still, still, Lieber! Das ist nun all' vorbei!« – »Wie lange lieg' ich hier?« »Sechs Tage. Am siebenten, sagte der Freigelassene, der treue Senecio, werde sich's entscheiden. Es ist entschieden. Der Herr hat dich gerettet: – o nun ist alles gut. Er sei gelobt.« »Aber erkläre ...« »Gern. Bleibe mir nur ruhig liegen. So! Der Mantel drückt wohl die wunde Schulter? Nun ist's besser, nicht? Also: in die Stadt drang in jener Nacht der Schrecken ein dunkles Gerücht – auch in unser Haus – von jener Schlacht, von der Flucht unseres Heeres. Ein Türmer von dem Thor in unserer Nähe sagte unseren Sklaven, er glaube dich im Schein seiner Fackel deutlich erkannt zu haben, wie du heranjagend nahe vor dem Thor mit dem Rosse gestürzt seist: das Tier sei nicht mehr aufgestanden, der Reiter aber hart vor dem Wall in der Dunkelheit verschwunden. Ich ahnte Schlimmes von der Schlacht. Durch die von den Römern beobachteten Thore konntest du nicht in die Feste gelangen. Doch wußte ich, du kennst manchen der Gänge, welche unter der Mauer durchführen. Und warst du glücklich in die Stadt geschlüpft, – wohin dann dein erster Gang dich führte, – das wußte ich.« »Epponina!« »Lange harrte ich dein in Schmerzen, doch geduldig. Aber als du immer noch nicht kamst, ergriff mich namenlose Angst um dich. Es litt mich nicht länger daheim. Ich eilte hinaus: ich wollte in das Haus ... des Götzenpriesters, ihn zu fragen, ob er von dir wisse? Da, in der Seitengasse – rechts von unserem Hause nach dem Tempel zu – stieß mein hastender Fuß an eine dunkle Körpermasse: ich bückte mich: – der Mond trat aus dem ziehenden Gewölk: – ich erkannte dich. Regungslos lagst du, wie tot. Aber dein Herz schlug unter meiner Hand. Mein Hilferuf holte unsere Sklaven, Senecio den Freigelassenen uud sein Weib herbei. Wir trugen dich in unser nahes Haus, ich flößte dir Wasser in den halb offenen Mund: du schlugst die Augen auf: dein erstes Wort war: »Zu Gutruat! Ihn warnen! Er ist verraten. Römer – in der Stadt. Eile!« »Und solche Angst lag in deinem Blick, solcher Nachdruck in deinem Wort – ohne Zweifel: das war nicht Fieberrede, Wahrheit war's! Ich flog zu dem Priester – lange währte es, bis er geweckt, bis er bereit war, mich zu empfangen – es gelang mir endlich, ihn zu überzeugen von dem Ernst der Gefahr. – Er gebot seinem Weib, ihm und mir zu dir zu folgen: er wollte von dir selbst das Nähere erkunden: – allein sie weigerte sich: sie wollte das Haus nicht verlassen. »Hier werden wir zu allererst gesucht, gefangen!« rief Gutruat. Umsonst. Sie sträubte sich, ihm zu folgen. Da ergriff er argwöhnisch, zornig, ihre Hand und zerrte sie mit Gewalt mit sich fort. Nun standen wir an deinem Lager. Gutruat drang in dich mit Fragen, woher du von Verrat wissest? Sie: – das Weib ward totenblaß: sie zuckte die Achseln und meinte: »was beweisen die Wahnreden eines Fiebernden? Aber du – du schwiegst! Bewußtlos lagst du wieder, nichts konnte dich erwecken. Triumphierend sprach sie: »darf ich nun zurück in mein warmes Bett, ihr Thoren? Die Furcht vor diesen Römern hat euch alle verrückt gemacht.« Und schon wollte der Priester – er bat sie um Vergebung! – in der That mit ihr in sein Haus zurückkehren: – da scholl bereits – gerade von dort her! der Waffenlärm, das Mordgeschrei der eingedrungenen Feinde. Gutruat erschrak: aber er faßte sich, ergriff wieder sein Weib, das allein flüchten wollte, am Arm und winkte mir, ihm zu folgen: »Laß diesen Toten oder Sterbenden,« mahnte er, »und rette dich!« Ich jedoch rief den Freigelassenen und sein Weib, und ich und sie, wir hoben dich und trugen dich zu dritt aus dem Hause, dem Priester folgend. Er floh in das kleine Sanctuarium des Hefus, ganz in der Nähe unseres Hauses: – zum Glück! Denn kaum vermochten wir mit dir dem Eilenden nachzukommen: – dort hob er eine Platte des Hauptaltars aus und sprang, das heftig widerstrebende Weib mit sich reißend, hinab in eine dunkel gähnende Tiefe. Behutsam stiegen wir, dich hebend, nach. Nur langsam tasteten wir drei uns in dem dunklen unbekannten Raume vorwärts: du stöhntest so schmerzlich bei jedem Schritt! Endlich wehte uns von oben her der kühle Hauch der Nachtluft entgegen: wir erreichten – nach mühseligem Emporklimmen über halb zerfallene Steinstufen – das Freie, den Tannenwald außerhalb des Walles. Der Priester und das Weib aber waren verschwunden: obwohl der Flammenschein der brennenden Stadt sein grelles flackerndes Licht bis hierher warf: – nichts war von ihnen zu sehen! Ratlos, führerlos standen wir nun allein in dem nächtigen Walde! Ich flehte in meiner Herzensangst zum Herrn, er möge dich retten vor den Feinden, deren fürchterliches Sieges- und Mordgeschrei bis zu uns drang. Und Gott erhörte mein heiß Gebet. Plötzlich erinnerte ich mich dieses ganz nah gelegenen Zufluchtortes hier, dessen Zugang dichtes Gebüsch und Strauchwerk ganz umhüllt.« »Aber wie – woher ...? Ah! Jene Bilder an der Steinwand: – Christianer!« Sie nickte: »Als vor fünf Jahren Nero wütete gegen die Gläubigen, zumal alle Ältesten der Gemeinde, die Presbyteri, welche, die Lehre des Heils verkündend, durch die Provinzen wandern, mit dem Tode bedrohte, da hat Senecio, schon als er uns nach Athen begleitete, durch jenen gewaltigen Redner auf dem Areopag für die Lehre vom Kreuz gewonnen, den alten Presbyter, der die kleine Gemeinde soeben begründet hatte, in dieser einst auf der Jagd von ihm entdeckten Höhle verborgen, bis der kurze Sturm der Verfolgung durch Nero vorübergebraust war. Hier kamen wir in jenen bangen Wochen manchmal zusammen – nur acht Köpfe – dem Lehrer irdisch Brot zutragend und himmlisches von ihm empfangend.« »Epponina! Du wagtest dein Leben!« »Das kurze traurige Leben hier, um das ewige selige dort oben zu gewinnen. Dieser Zufluchtsstätte mahnte mich nun der Herr für dich. Mit unseren letzten Kräften trugen wir dich hier herab und betteten dich, ach, auf den harten Felsgrund, bis Senecio und Pia aus unserer Villa dies Stroh und Brot und Wein herbeischaffen konnten. Wiederholt wagten sich die Getreuen auch in die Stadt zurück, Arznei für dich zu holen. Unser Haus dort ist niedergebrannt. Ein hoher Preis ist auf deinen Kopf gesetzt durch öffentlichen Anschlag auf dem Markt. Die römische Besatzung sucht noch immer nach dir. Wer deinen Aufenthalt kennt und nicht anzeigt, ist mit dem Tode bedroht. Nur die größte Vorsicht kann dich retten. Und – wonach du wohl zumeist verlangst, zu forschen – nach ihr ...« »Nach wem?« fragte der Wunde. »Nun nach – dem Weibe. Keine Spur von ihr und Gutruat.« Da schüttelte er müde den Kopf und sprach: »Nein, Epponina. Nichts mehr von ihr! Kein Wort mehr – kein Gedanke. Du – du allein bist das Heil meiner Seele! Zu spät erkenn' ich es! Welche Liebe, welche Treue! Kannst du mir verzeihen? Wenn das die Früchte deines Glaubens sind, o so lehre auch mich, also glauben. Die Nichtigkeit der Welt und ihres Glanzes, die Hohlheit des Ehrgeizes, die Verächtlichkeit der Lust: – ich habe sie erkannt bis auf den Grund, bis auf die ekle Hefe. Nie kehre ich in jene falsche Welt zurück. Bleib' ich am Leben, – dir allein will ich leben, dir und deinem Gott, der die Seinen auf Erden schon zu Heiligen erklärt. Oh Epponina, kannst du mir vergeben?« Und er griff mit zitternder Hand nach ihrem Haupte. Sie erwiderte nichts; sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuß auf seine bleiche Stirn. Zwei Thränen flossen langsam aus den sanften Augen: aber sie schmerzten nicht: es waren Thränen seliger Rührung. Stille ward's in der dunkelen Höhle: – Brust an Brust ruhten die Gatten. XII. Einstweilen hatte Civilis nicht nur das Land der Bataver und Kannenefaten von den letzten versprengten römischen Truppen gesäubert, er war weit nach Südwesten, die Maas aufwärts, in Gallien vorgedrungen, hier das Gleiche zu vollenden und zum Schutze der Heimat auch die nächst gelegenen Gebiete zu besetzen. Er lag mit einem Teil seiner Streitkräfte im Lande der Aduát\ǔker auf dem linken Ufer der Maas vor einem kleinen römischen Kastell, in welches ein paar Kohorten aus ihren Sommerlagern in dem flachen Lande sich geflüchtet hatten. Nach zäher Verteidigung wurden sie zur Ergebung gezwungen: die Bataver, in allen Künsten des Wasserbaues geschickt und altgeübt, hatten ihnen Fluß und Quellen abgegraben. Civilis hatte den tapfern Männern nach Abgabe der Waffen freien Abzug mit Gepäck und Habe nach Italien gewährt; am frühen Morgen waren sie nach Süden aufgebrochen, Worte des Dankes gegenüber Civilis auf den Lippen. Dieser saß nun um Mittag in seinem Zelt, vertieft in eine erbeutete römische Straßenkarte Galliens, die auf dem Tisch ausgebreitet lag. Er hatte Befehl gegeben, das Lager abzubrechen; er wollte nun noch weiter westlich ziehen, mit den Führern der Gallier die längst von diesen gesuchte Zusammenkunft zu halten und hier die künftigen Verhältnisse zwischen den Germanen des linken Rheinufers und dem Reiche Gallien, zumal auch die Absteckung der Grenze, festzustellen. Er ward aus seinen Gedanken aufgestört durch seinen Knaben, der hastig den Zeltvorhang zurückschlug und hereinsprang; zugleich scholl verworrener Lärm, Geschrei, auch Waffengetöse in dem kleinen Lager. »Vater, Vater!« rief er erhitzt, »das ist schändlich! Das geht dir an Wort und Ehre! Das darfst du nicht leiden.« – »Was ist geschehen? Ich ließ dich auf dein Bitten mit Welo reiten, die Römer zu geleiten. Weshalb bist du schon zurück? Wo ist Welo?« Da eilte dieser in das Zelt: »Schlimme Nachricht bring' ich, Feldherr.« – »Was bedeutet der Lärm im Lager? Ich höre viele römische Stimmen.« – »Arges ist geschehen. Und ich konnt's nicht wehren. Ich geleitete, deinem Befehl gemäß, die abziehenden Römer eine Strecke weit aus dem Lager, zu sorgen, daß sie den Vertrag genau einhielten, keine Waffen mit führten. Sie haben ihn eingehalten. Aber nicht deine Leute.« – »Wie?« Was? Wer?« brauste Civilis auf. »Die Chauken!« antwortete der Knabe. »Auf der Straße nach Gemblours,« ergänzte Welo, »stießen wir auf deren wilde Scharen, die du heranbefohlen, dir nach Tournay zu folgen. Kaum wurden sie der Römer ansichtig, die, ohne Waffen, aber mit Gepäck auf den Schultern und auf ihrem Wagen einherzogen, als sie über sie herfielen, sie beraubten und erschlugen.« – »Und du, Welo? Du littest das?« – »Ich warf mich ihnen entgegen, ich schrie: »Haltet Vertrag und Treue! Sie dürfen frei abziehen. Civilis hat sein Wort gegeben! Hört ihr? Civilis!« – »Aber nicht wir!« brüllten sie entgegen. »Wir sind freie Chauken. Wir sind nur hier, schlagen und rauben zu helfen. Civilis hat uns nichts zu befehlen. Wir sind freie Männer, nicht römische Kriegsknechte, die vor ihrem Centurio zittern.« Und sie fuhren fort, zu töten und zu plündern.« »Und du littest es?« wiederholte Civilis drohend. »Vater, wir waren fünfzig gegen fünftausend. Welo erhielt einen Keulenschlag, er sank vom Roß.« »Auch deinen Knaben traf ein Steinwurf: – sieh, er blutet. Wir wichen mit den noch übrigen Römern – viele hundert sind ermordet! – ins Lager zurück. Die Chauken machten auf der blutigen Stätte Halt und freuten sich ihrer Beute.« »Nicht lange mehr sollen sie sich freuen!« rief Civilis. »Merovech, mein Pferd! – Ihr bleibt, alle bleibt ihr im Lager.« – »Du allein willst ...?« warnte Welo. – »Vater, was willst du thun?« – »Entlassen will ich sie, sofort. Sie nach Hause schicken, die meine und der Bataver Ehre schändeten. Strafen kann ich sie nicht, wie sie's verdienten, mit dem Tode: – das wäre der Bruderkrieg, zur Lust der Feinde. Aber fort müssen sie – sogleich!« – »Feldherr, es sind fünftausend. Wir werden sie schwer missen. Sie zählen zu deinen allergrimmigsten Scharen.« – »Aber sie gehorchen nicht! So schaden sie mehr als sie nützen. Zudem – von Köln her sind viertausend Tenchterer im Anzug, erlesene Leute, also Ersatz für ...« Da eilte Brinno herein: »O Civilis! Was bist du meinem, unser aller Rate nicht gefolgt! Wir warnten so treu! Nun ist das Unglück geschehen! Nun hast du den Lohn für deine Güte!« »Was hast du zu berichten?« »Köln, die falsche Stadt der Ubier! Wie dringend forderten die Überrheiner: Tenchterer, Usipier, Tubanten, die solang und soviel zu leiden hatten von jener mächtigen Zwingburg römischer Gewalt, seit sie drohend übern Strom blickt, nachdem sie sich ihnen ergeben mußte, ihre Zerstörung, die Niederreißung ihrer Wälle, die Verstreuung ihrer Einwohner über ganz Gallien.« »Die Ubier sind Germanen!« »Abtrünnige sind sie! Abgefallen und verrömert, römisch geworden bis ins falsche Herz hinein! Als sie dir die Versöhnung abbettelten, wie schwuren sie doch mit heiligen Eiden Treue der Sache der Freiheit! Und nun ...« – »Rede! Vollende!« – »Die viertausend Tenchterer –« – »Nun?« – »Sie sind von den Ubiern ermordet!« – »Unmöglich!« rief Civilis. – »Die verräterischen Bürger hatten die von dem weiten Weg Ermüdeten sämtlich zu einem großen Fest vor den Thoren geladen, sie alle versammelt in einem gewaltigen Cirkus von Holz, den die Römer für ihre Spiele gebaut. Reichliches Essen, noch schwereres Trinken versetzte die Wegmüden bald in Schlaf und Rausch. Da sperrten die Ubier die Thüren, zündeten die Holzringe auf allen Seiten an und verbrannten alle viertausend oder erschlugen, wer von den hohen Wänden herabsprang. Nur zehn Mann sind entkommen; ich traf sie eben vor dem Lager.« Civilis war bleich geworden, aber nicht vor Furcht. »Darf man denn nie vertrauen, ohne gestraft zu werden durch Verrat?« sprach er schmerzlich. Der Knabe suchte nach seiner Hand: – er verstand es, tiefste Bewegung in dem Antlitz des Vaters zu lesen. Da ward abermals der Vorhang des Zeltes zurückgeschlagen. Sido stürmte herein, einen Mann in friesischer Tracht mit hereinziehend. »Schwarze Kunde, Civilis, böse Nachricht! Rede, Sigiswalt!« Der Bote neigte sich und sprach: »Mich sendet Ulemer, dein treuer Waffenbruder. Von Britannien her kam eine römische Flotte.« Civilis nickte ungeduldig: »Ich habe sie ja längst erwartet. Sie trägt die XIV. Legion. Deshalb befahl ich doch, Nacht wie Tag Strandwachen auszustellen. Man kann an euren Watten gegen Widerstand nicht landen. Hat Ulemer ...?« »Er hat alles angeordnet, wie du befohlen. Aber in einer stürmischen Nacht haben die Kleinfriesen – gegen sein Gebot! – ihren Strand verlassen.« – »Sie können nicht gehorchen!« stöhnte Civilis. – »Weil bei solchem Seegang keine Gefahr drohe. Doch gerade in dieser Nacht sind die Römer auf flachen Booten gelandet, nahe dem Dorfe Dünvik.« – »Da sind Labeo und die Brigantiker in Haft!« rief Brinno. – »Die Römer haben sie befreit. Sofort führte Labeo ein paar Kohorten in das Land der Kannenefaten unter Mord und Brand.« »Warte! ich komme!« schrie Brinno. »Mein Roß! Mein Roß! All' meine Scharen brechen auf!« Und er wollte hinausbrausen. Aber eisern legte sich eine Hand auf seine Schulter: »Halt!« sprach Civilis ernst, »denkst auch du nur an dich selbst? Du bleibst, Brinno, und erwartest meinen Beschluß. Bisher hab' ich dir nie befohlen. Jetzt – jetzt wird es Zeit, daß man Gehorsam lernt.« Und der Riese blieb ruhig stehen und senkte beschämt den zottigen Kopf. »Die Brigantiker aber sind mit andern Römern in deinen eigenen Gau, o Civilis, eingebrochen. Sie rufen deine Bataver zum Abfall auf: – und viele, viele ...« – »Ich kann mir's denken,« schloß Civilis, traurig nickend. »Die meisten folgen ihnen. Ich hatte immer Neider. Und unter fünf Parteien in einem Gau geht das nicht ab bei uns. Ich werde also ...« Er konnte nicht vollenden: Brinnobrand stürmte in das Zelt, er hielt einen verschlossenen Brief in der Hand: »Für dich, Wodan. Und jetzt, Retter und Rater, rett' und rat'! Ein gallischer Reiter, ein Bote des Classicus, jagte soeben in das Lager auf schaum- und blutbedecktem Gaul: er selbst ist wund: er konnte nur noch stammeln: »Für Civilis!« dann sank er bewußtlos aus dem Sattel.« Civilis nahm die Wachstafel und las: »Die Römer über uns! Von allen Seiten! Mit fünf Legionen. Dazu noch die vier, die zu uns übergetreten waren: sie sind abgefallen. Ich bin bei Worms geschlagen und bei Bingen, Tutor bei Bauconia, Valentinus bei Ricol: – er ist gefangen und hingerichtet – Sabinus bei Besançon; – er ist verschwunden! – Alles Land von Worms bis Neuß, von Mainz bis zur Mündung der Garonne ist verloren. Komm! Rette! Hilf! Ich werde schon wieder angegriffen. Mit Mühe halte ich mich noch an der Maas bei Epoissum. Die Vorhut der Römer führt der Legat Mummius Lupercus.« Da fuhr Civilis zusammen, er zerdrückte das Täflein in der Faust. »Hörst du? Hast du den Namen vergessen? Den Namen Mummius Lupercus?« schrie Brinno. – »Vorwärts, Civilis! Führ' uns vorwärts, zur Rache!« mahnten alle. »Nein,« sprach Civilis, »das wäre Wahnsinn! Soll ich den Feind in unserm Rücken lassen? Erst unser Volk: – alles andere dann! Wir brechen auf – sofort. – Zurück in unsere Gaue!« »Wie? Zurück?« grollte Brinno. »Du weichst vor den verhaßten Adlern?« »Glaubst du, mir wird es leicht? Erst die Pflicht: – und dann die Leidenschaft! O werdet ihr's denn niemals lernen?« XIII. Der Erfolg schien den weisen und hochherzigen Beschluß des Civilis belohnen zu wollen: das Schlachtenglück, das seit des Cerialis Auftreten bisher ununterbrochen die Legionen begleitet hatte, wandte sich, sobald Civilis ihnen entgegentrat. In die Heimat zurückgekehrt ließ er Brinno auf dessen heißen Wunsch der Kannenefaten Gaue befreien von Claudius Labeo, der seine römischen Kohorten durch Aufgebote der gallischen Nervier von der Sambre um Bavay und der Bätasier in Südbrabant verstärkt und nun Brinnos Heimat und die benachbarten Marsaker im Süden heimgesucht hatte. Der ungestüme Held warf sich mit Wut auf die Feinde und schlug sie rasch zum Lande hinaus. Aber damit nicht begnügt, zog er den durch die römische Flotte bedrängten Friesen zu Hilfe, griff vereint mit Ulemer das Geschwader der hochbordigen und tief gehenden Trieren, die sich in jenen Watten so unbehilflich wie der Wal in seichtem Landwasser bewegten, mit zahlreichen leichten Fischerkähnen an, nahm den größeren Teil, bohrte viele andere in den Grund und ließ nur wenige entkommen. Einstweilen hatte Civilis die beiden Brigantiker aus seinem Heimatgaue vertrieben und weit bis nach Südosten an die Maas verfolgt. Hier retteten sie sich zu Claudius Labeo, der im Gebiet der Tungern die Brücke über die Maas besetzt hatte und im Vertrauen auf diese feste Stellung hier Stand hielt. Aber Brinnobrand, der nicht von seinem Wodan gewichen war, schwamm in der Nacht an der Spitze eines Schwarmes von Batavern über den Strom und fiel den Feinden in den Rücken. Geschlagen flohen die drei Führer in die Wildnisse der Belgen, eifrig, aber vergeblich verfolgt von Civilis. So der Feinde in seinem Rücken entledigt wandte sich Civilis aus der befreiten Heimat wieder mit Brinno und dem ganzen ihm noch verbliebenen Heere nach Südosten, den dringenden Hilferufen der Gallier folgend. Inzwischen hatte Cerialis, nachdem sein Zug gegen das Heer des Sabinus durch dessen Niederlage bei Besançon überflüssig geworden und die Hauptstadt der Lingonen in seine Hand gefallen war, sich wieder nach Norden gewandt und bei Trier eine feste Stellung bezogen. Zu dieser Bewegung der Vorsicht drängten den sonst so stürmischen Angreifer die wiederholten Nachrichten, neue germanische Haufen seien vom rechten Rheinufer her im Anzuge zu Civilis. Diesen sollte der Weg verlegt werden; er hoffte, jene Verstärkungen abzufangen, und dann ebenso Bataver und Gallier vor deren Vereinigung zu vernichten. Um dieser zuvorzukommen, schickte er eine starke Abteilung über Köln hinaus stromabwärts bis Neuß. Er selbst blieb in Trier: – länger als seine Unterführer ratsam und des Ungestümen Art entsprechend fanden. Diese staunten hier bald über gar manches Seltsame in seinem Thun und Lassen. Was den Seinen am meisten auffiel, war, daß er, der Rücksichtsloseste der Menschen, plötzlich Mitleid mit den armen Galliern beteuerte, und sich bereit erklärte, Vermittelungsvorschläge zu ihren Gunsten entgegenzunehmen. Schon vor dem Abzug von Langres hatte er in denselben öffentlichen Anschlägen, die Sabinus ächteten, dem Oberpriester Gutruat volle Verzeihung verheißen, ja ihn aufgefordert, über Verhütung weiterer Kämpfe mit den Römern in Verhandlung zu treten; »denn wer,« so schloß der Erlaß, »ist zu solch edlem Werke näher berufen als der Oberpriester des höchsten Gottes der Gallier durch seine hohe Stellung, seine fromme Pflicht und die erhabene Weisheit seines Geistes?« Das hatte gewirkt. Gleich am ersten Tage, nachdem Cerialis in Trier wieder eingetroffen, erhielt er ein Schreiben Gutruats, der sich in volltönenden Worten erbot, die Vermittelung zwischen Rom und Gallien zu übernehmen, wenn ihm und seiner Gattin volle Sicherheit und Freiheit zugeschworen werde; alsdann werde er auch seinen in dem Briefe noch nicht mitgeteilten Aufenthalt angeben und den Feldherrn zu sich einladen. Da ward Cerialis plötzlich seelenvergnügt. Er beschwor vor dem Boten, der seinerseits das Schreiben ohne Kenntnis des Verstecks des Verfassers von anderen Sendungen erhalten hatte, alles was der wollte bei allen Göttern Galliens und Roms und erfuhr bald darauf, daß Gutruat und dessen Gemahlin, nach vielen Fährlichkeiten ihrer Wege, ganz in der Nähe von Trier Zuflucht gefunden hatten in Obringadunum, einem noch von den Galliern behaupteten sehr festen Kastell, das, uneinnehmbar durch Sturm von steilem Sandsteinfelsen auf die Mosel herabschaute; es war – wohl wegen seiner sturmfreien Lage – zugleich ein uraltes keltisches Heiligtum des Teutates, des Kriegsgottes, dessen überlebensgroßes Standbild von Erz in dem Sacrarium der Burg errichtet stand. Der erste Gedanke, der den raschen Krieger durchzuckte, war gewesen, sofort aufzubrechen, das Felsennest zu erobern, den aufgeblasenen Pfaffen über dessen Zinnen herabzuschleudern und die schöne Witwe zu trösten. Allein die Landeskundigen versicherten, – und auf einem Erkundungsritt bestätigten ihm das die eigenen kriegserfahrenen Augen – daß der Sturm in der That unmöglich sei: die Aushungerung aber, versicherte man ihm, werde eine höchst langwierige Einschließung von Wochen, ja von Monaten erheischen, da gleich zu Anfang des Aufstandes Vorräte in außerordentlicher Menge in diese heilige Trutzfeste waren gebracht worden. Monate! Und er mußte in wenigen Wochen schon wieder als Sieger in Rom vor dem Imperator stehen. Sein ungeduldiges Verlangen, die – kaum gewonnen – sofort Verlorene wiederzusehen, drängte ihn vielmehr, auf jeden Vorschlag einzugehen, der ihn so rasch als möglich in ihre Nähe brachte. Stand er nur erst, wenn auch durch Vertrag gebunden und in Gegenwart des Gemahls, ihr gegenüber, so würde List oder Gewalt schon weiter helfen. So ließ er es sich denn nicht verdrießen, Tag für Tag mit kleinem Gefolg zu der eine starke Stunde Mosel aufwärts gelegenen Felsenburg zu reiten und vor deren Thor mit dem herzlich gering geschätzten Druiden zu verhandeln. Vergebens hatte er in den ersten Tagen gehofft, Eintritt in die Burg zu finden, hier die Heißverlangte zu sehen, sich, wenn auch nur durch Blicke, mit ihr zu verständigen: er hätte sich – trotz der Warnung seines Gefolges – kühn in die Feste und so in die Gewalt des Priesters begeben, so heiß war sein Begehren, so ganz hatte die Leidenschaft für dies Weib alles andere in seiner Seele zurückgedrängt. Allein Gutruat hielt ihn mit schärfstem Mißtrauen von der Burg ab: er berief sich dabei vorwurfsvoll auf den verräterischen Überfall von Langres; vergebens entschuldigte diesen der Römer damit, daß seine Legionare, nachdem sie – durch Zufall – jenen Erdgang entdeckt, nicht mehr von dem Eindringen in die Stadt zurückzuhalten gewesen seien. Der Priester trat aus der Burg heraus nur unter starker Bedeckung von Gewaffneten, wahrend Cerialis sein Gefolge weiter unten halten lassen mußte. So mußte sich denn der Ungeduldige bequemen, statt sich des schönen heißen Weibes zu freuen, draußen vor dem Burgthor auf einem Block von dem schönen, roten Sandstein des Felsens lange, nichtssagende Reden des Wichtigthuers von Gemahl anzuhören und obenein noch vorsichtig zu beantworten, auf daß die Fortführung einer Verhandlung möglich blieb, die er im Innern verlachte. Wie würde er jemals Gallien andere Bedingungen zugestehen als bedingungslose Unterwerfung! Aber noch mußte er seinen Zorn über den eingebildeten Schwätzer zurückdämmen! Und die Hoffnung auf Erfolg seiner Absicht stieg, seit – am dritten Tage der Verhandlungen – die lockende Gestalt Claudias auf dem Wall sichtbar geworden. Also lebte sie, weilte wirklich in der Feste: – er hörte des Eiteln gespreizte Reden nicht umsonst! Am folgenden Tag erbat er die Vergünstigung, die Gemahlin des Gottähnlichen, von deren Schönheit er schon viel vernommen habe, kennen lernen zu dürfen. Aber Gutruat sträubte sich; gar mißtrauisch sah er auf den stattlichen kraftstrotzenden Mann: er schlug es ab. Jedoch als am folgenden Mittag Cerialis – er hatte das Weib oben auf der Zinne, der Gutruat den Rücken wandte, stehen und einen Silberbecher zum Munde führen sehen – um einen Trunk Weines bat und Gutruat einen der Seinen an das Thor schickte – siehe, da trat aus demselben plötzlich Claudia mit der zierlichen Boadicea, ihrer vertrauten Sklavin, die Krug und Becher trug, heraus auf den schmalen Platz zwischen dem Thor und dem steilen Felsenabstieg. Sie freue sich, sagte sie, jedem Wunsch ihres Gastes und Besiegers entgegenzukommen. Sie setzte sich zu den Männern auf die Bank von rotem Sandstein und trank aus Einem Becher mit ihnen. Argwöhnisch beobachtete Gutruat die beiden und so vortrefflich die Frau ihre Rolle durchführte, den nie gesehenen Fremdling artig, doch kühl zu behandeln, – die Leidenschaft des Mannes verriet sich gar bald durch flammende Blicke. Er konnte heute gar kein Ende der Verhandlung finden: – aber er gab verwirrte Antworten, machte Zugeständnisse, die er bisher stets verweigert: – dabei ließ er kein Auge von Claudia. Unwirsch stand Gutruat auf; er müsse, bevor er abschließen könne, erst noch den Willen des Teutates befragen, dem in dieser Nacht ein großes Opfer zu bringen sei; er beschied seinen Gast auf morgen Mittag. Schon wollte dieser aufbrechen, als plötzlich Claudia rief: »Ei, wie schön, wie schön! Dort! Cerialis! Dort das Vogelnest in der Mauer!« Beide Männer blickten in der Richtung: – beide wunderten sich über den lebhaften Ausruf: denn in der That war an dem verlassenen Spatzennest nichts irgend Auffälliges zu sehen. Aber Cerialis hatte verstanden, als Claudia bei seinem erstaunt fragenden Blick die starken Augenbrauen bedeutsam in die Höhe zog. Gutruat ward still: doch verabschiedete er den Römer mit seiner gewöhnlichen, feierlichen Herablassung. Als mehrere Stunden später Claudia von ihrem Gatten die Erlaubnis erbat, – es war schon dunkler Abend – sich im Freien vor dem Thor zu ergehen, verstattete er das mit gnädigem Kopfnicken. Raschen Schrittes rauschte sie hinweg: – sie warf vor dem Thor einen sehnsüchtigen Blick den Felsensteig hinab: ach! da standen auf demselben die Wachen Gutruats. XIV. Bei Einbruch der Nacht ließ Cerialis seinen Lagerpräfekt, den Tribunen Sextilius Felix, kommen und übertrug ihm den Befehl über Heer, Lager und Stadt; er empfahl ihm insbesondere die Moselbrücke. Er selbst müsse die Nacht auswärts verbringen und verbitte sich jede Nachspürung. Der Tribun kannte die Neigungen seines Herrn, verneigte sich schweigend und ging. Auch damals schon zeigte die schöne Moselstadt ein wunderbar liebliches Bild. Zwar der Schmuck, den heute die grünenden Rebgärten rings über die Hügel und Halden hin verbreiten, fehlte noch: dafür waren aber diese Höhen dicht bewaldet, zumal von Buchen bestanden, die den Sandstein ganz besonders lieben. Es war eine milde warme Nacht des Frühherbstes: den Himmel überzog zwar leichtes Gewölk, aber der Mond trat doch gar oft aus diesem Schleier hervor, den lauer Südwestwind leise vor sich her schob. Dann sah man unten die Stadt, schweigend an den dunkelen, im Mondlicht glitzernden Strom geschmiegt, die Brücke über den Strom, die zahlreichen in diesem vor Anker liegenden Kriegsschiffe mit ihren dreieckigen lateinischen Segeln und die weißen Zelte der römischen Lager auf beiden Ufern der Mosel. Aber der einsame Reiter achtete wenig der Schönheit des friedlichen Bildes, der unten ruhenden Landschaft, die offen ausgebreitet vor ihm lag, sobald er den dichten Buchenwald, der sich von der Niederung bis an die halbe Höhe der Berglehne hinauf zog, an dessen oberem Saum hinter sich gelassen hatte: ungeduldig nur geradeaus blickend, hastete er, das edle Roß spornend, den Steilpfad hinan. Bald hatte er so in scharfem Nitt die Stelle gewonnen, von wo ab nur ein Fußsteig noch den Fels aufwärts führte; er sprang ab, warf dem klugen Tier die Zügel über den Hals und kletterte leise den Felspfad hinauf, behutsam bei jeder Biegung desselben das Mondlicht meidend; denn er wußte wohl: auf der Mauer über dem Thor stand immer eine Wache. Doch der Zufall oder die Nachlässigkeit der Feinde war ihm, wie so oft in diesem Kriege und im ganzen Leben, günstig: wie er besorgt hinaus spähte, sah er: – heute war der Posten nicht bezogen. »Nicht Zufall: – ihr Werk, ihre List!« frohlockte er, zuversichtlicher hoffend, und sprang nun noch kühner und hurtiger bergan. Bald war der halbrunde Platz der Verhandlungen vor dem Thor erreicht. Alles leer, alles still. Genau hatte er sich die Stelle der Mauer eingeprägt, wo das so bewunderte Nest lag: – es war nur etwa sechs Schuh hoch vom Boden: – er griff in die Mauerlücke; das Nest lag noch da, er fühlte hinein – es war leer; nun tastete er hastig darunter: Strohhalme, dünne Ästlein – aber nein, hier – das war etwas Breiteres. Er zog es hervor: ein Streifen Papyrus; mit heiß pochendem Herzen trat er in den vollen Guß des eben aus dem flutenden Gewölk tauchenden Mondes und versuchte, zu lesen. Nicht leicht gelang es: aber endlich entzifferte er doch die wenigen Worte: »Wie bei Langres. Ein Erdgang aus der hohlen Weide am Beginn des Fußsteigs führt bis in das Gottesbild hinein. Um Mitternacht komm' ich dir entgegen.« Mit großen Sprüngen – denn Mitternacht war nah – eilte er den Fußpfad wieder hinab. Bald stand er vor der hohlen Weide; nicht weit davon hielt sein Pferd; er schickte sich an, in die Höhlung zu schlüpfen; Helm, Panzer, Schild hatte er, als zu schwer und zu verräterisch glänzend, ohnehin zu Hause gelassen: jetzt legte er auch den Mantel und die Schwertscheide ab, zog die Klinge und stützte sich mit der Linken auf den halb manneshohen Rand der Weide, sich hinaufzuschwingen und dann hinabzulassen. Da kam ihm doch ein Zweifel. Es war wieder ein Wagnis auf Tod und Leben. »Sollte es – diesmal – eine Falle sein? Aber nein! Es war dieselbe Handschrift. Und dann: wer wußte von seinem nächtlichen Besuch in Langres? Nur sie! Und Sabinus! Aber sicher nicht ihr Gemahl! Also vorwärts! Es galt dies glühende Weib! ... Und er schwang sich auf den Stamm und tastete hinein. Da horch! Fernes Getöse von der Stadt herauf, vom Flusse her! Er hob das Haupt, er schaute hinab in das Thal: – da flammten Feuer auf: eins, zwei, schon waren es vier und sechs! – Aber wo? Auf dem Flusse selbst? – Wasser konnte aber doch nicht brennen! – Nein! Das waren Schiffe! Seine Schiffe! Feuer auf dem linken, nun auch schon auf dem rechten Ufer. Wo? Wo? In seinen beiden Lagern! Und zugleich erscholl nun immer lauter jenes Getöse. Ohne Zweifel: das war der Lärm einer Schlacht! Das war die römische Tuba: aber hastig, rasch, rasch hintereinander gellte sie, in flatterndem Ton: – das war das Zeichen zum Rückzug. Und immer lauter, die wie um Hilfe rufende Tuba überdröhnend, immer näher dringend ein anderer Schall: – das – – das waren die Hörner der Germanen! »Die Barbaren sind da!« schrie er laut vor Wut und Weh, »in meinen Schiffen, in meinen Zelten, und ich – stundenweit davon! – Um eines Weibes willen! O jetzt sterben!« Im Augenblick war er von dem Baumstumpf herab; gleich darauf saß er im Sattel und jagte den steilen Felshang wie rasend hinunter, daß die Steine links und rechts in die Tiefe flogen. Es war ein halsbrechender Ritt. Aber er rettete ihn. Denn kaum hatte er den oberen Saum des dichten Buchenwaldes erreicht, als ihm aus dem Gebüsch sechs gallische Krieger entgegensprangen. Den ersten ritt der starke spanische Hengst nieder. Ein zweiter rief: »das schickt dir Gutruat« und warf den wohlgezielten Speer nach ihm: er schlug die Spitze hart vor seiner Brust zur Seite und spaltete mit einem zweiten Hieb des Gegners Helm und Schädel. Da wichen die vier andern scheu zur Seite und stürzten dabei rechts und links von dem schmalen Reitpfad die Hänge hinab: – der Weg war frei: und Cerialis sauste hügelabwärts wie von den Furien gehetzt. XV. Einstweilen nahm oben in der Burg das Opfer für Teutates seinen ruhigen Verlauf. In dem Innenhof der Feste stand das Sacrarium: ein runder turmähnlicher, aber nur einstöckiger Bau aus Lehm, oben geöffnet, bloß durch darüber gespannte Tücher gegen Schnee, Regen oder Sonnenbrand zu decken: jedoch in dieser klaren Herbstnacht blieben jene Decken unbenutzt und der behelmte Kopf des riesigen, über zwölf Schuh langen Bronzebildes, das auf einem hohen Altar sich erhob, ragte bis hart an den obersten Mauerrand. Es war ein grauenhaft Götzenbild! Schönheit hatte der keltische Künstler verschollner Jahrhunderte gar nicht angestrebt: nur das Entsetzliche: und das war ihm gelungen. Die ungeheueren Glieder, die in Tierfüße auslaufenden Beine, das lange kupferne Schwert in der Rechten, das stets von Blut benetzt sein mußte, das abgeschlagene Menschenhaupt aus Kupfer, verzerrt von den Schmerzen des Todes, das die Linke dem Beschauer entgegenreckte, waren schon grauenhaft; noch mehr aber das scheußliche Antlitz! Statt der Haare ringelten sich dicke Schlangen aus dem Helm um Wangen und Nacken: und das Siegeslachen des klaffenden weiten Mundes mit den blutrot angestrichenen spitzen Eisenzähnen war dem Bildner zu einem Grinsen satanischer Mordlust geraten. In der Mischung der Bronze überwog das Kupfer so stark, daß die Farbe des Gottes nicht erzfarben, sondern kupferrot war. Und das war gewollt: denn nun leuchtete die Gestalt, wann sie, wie bei jedem Opfer geschah, von allen Seiten von Flammen umzüngelt ward, so grell, daß sie in fürchterlicher Lohe zu glühen schien. Die rot und gelb mit Mennig und Ocker übertünchten Wände des Rundbaues zeigten sich zumal oben vielfach geschwärzt von dem Rauch, der seit Jahrhunderten hier zu Ehren des Götzen gedampft hatte, während die zum Opfer bestimmten unglücklichen Verbrecher, Gefangenen oder Sklaven ein grausiges Ende fanden. Schon seit dem Einbruch der Dunkelheit waren Gutruat und seine untergebenen Druiden eifrig beschäftigt gewesen, das Fest vorzubereiten. Von den Drachenfüßen bis zu den offen klaffenden Augen war der Götze von allen Seiten dicht mit getrocknetem Reisig, von besonders heiligen Sträuchern und Bäumen gebrochen, und mit Stroh, Flachs und Werg umschichtet und umwunden: Weihrauch in Unmenge, aber auch das rasch aufflammende Bärlappenmehl, war darüber hingestreut. Als es völlig dunkel geworden, erschien auf das eherne Zeichen eines wuchtigen Hammers, der dröhnend auf einen Opferkessel schlug, Gutruat in blutrotem, von Goldstickerei strotzendem Gewand in dem Eingang des Tempels: die heilige Mistel kränzte, frisch geschnitten, sein unbedecktes Haupt; in der Rechten trug er ein haarscharf geschliffenes, sichelähnlich gekrümmtes Opfermesser; hinter ihm in feierlichem Zuge, je drei, barfüßig, wie er, folgten einundzwanzig Druiden in ähnlicher, nur minder reicher Tracht. Manche trugen Fackeln, andere aber eherne Schlägel, Handpauken – »Tympana« – in den Händen; hinter ihnen drängten sich von der Besatzung der Burg so viele Krieger in den Tempel, als der Raum fassen konnte. Nach feierlichem Umzug stellten sich die Priester, unter ehrfürchtigen Verneigungen, dem Bilde des Gottes gegenüber. Es befremdete, daß Gutruat, bevor er die Feier begann, hinter das Standbild trat: er tastete durch das auch hier aufgeschichtete Reisig hindurch, sah scharf hinein, dann griff er mit der Hand an den breiten Rücken des Gottes und schob einen starken Querriegel, der die hier angebrachte thürähnliche Öffnung in diesem Rücken von außen sperrte, aber jetzt zurückgezogen gewesen war, sorgfältig zu. Darauf wandte er sich zu einem der Druiden und fragte ihn leise: »hast du gethan, Ancalix, wie ich befohlen?« »Gewiß, Herr: sobald die Sonne gesunken war, ging ich mit dem von dir erhaltnen Schlüssel in den Gott hinein und schloß die Eisenplatte, die unter seinen Füßen den Gang durch den Altar in die Tiefe deckt.« »Gieb mir den Schlüssel.« »Hier, o Gebieter!« »So! – Nun ist alles in Ordnung.« Er trat nun vor die erste Reihe der Druiden und sprach: »Heute will ich – zur besonderen Feier des Opfers – den heiligen Brand selbst entzünden.« Und er nahm einem der Priester die Pechfackel aus der Hand und berührte nur leicht die nächste Schicht des ungeheuren Reisighaufens: sofort stieg prasselnd die rote Flamme auf und entzündete die um die Glieder des Gottes geflochtenen Brennstoffe: Werg, Flachs und Stroh. Zugleich stiegen Qualm, Dampf und Weihrauchdunst von allen Seiten in die Höhe. Jetzt rührten die Druiden ihre rasselnden und dröhnenden Werkzeuge: – das gab in dem rings wiederhallenden Raum einen ohrenzerreißenden Lärm. Auf einen Wink Gutruats verstummten sie plötzlich: er wollte nun sprechen. Aber Ancalix, der dem Götzen zunächst stand, flüsterte ihm zu, erschauernd und bleich: »Vergieb, o Herr! Ein Wunder! Mir ist, aus dem Gotte heraus hör' ich wimmern und ächzen.« – »Jawohl,« bestätigte ein zweiter, ein sehr alter Mann. »Wie uns aus den Tagen der Väter geschildert wird, bevor noch die römischen Zwingherrn das heiligste aller Opfer – den Menschenbrand! – verboten hatten. Horch! Man hört von innen an die Thüre im Rücken des Bildes schlagen. Der Gott mahnt uns der alten Zeiten: – wir sollen sie erneuen.« Und Grauen ergriff alle, Priester und Laien. Aber Gutruat winkte, noch einmal dröhnten die Erzkessel und die Pauken, rasselten die Schellen an Cymbel und Tamburin. »Lauter, lauter!« gebot der Priester. Man hörte immer noch ächzen da drinnen. Da steigerte sich der Lärm aufs höchste: die Priester, von heiligem Wahnsinn ergriffen, schlugen wie rasend auf die Tongeräte: sie wollten das Schaudern betäuben, mit welchem das Wunder des Gottes sie durchzitterte: ihr Haar sträubte sich, die Augen starrten weit offen auf den Götzen, dessen kupferrote Glieder jetzt schon wie flüssig Feuer glühten. Die Hitze, der Weihrauchdunst, der rasselnde Lärm nahmen die Besinnung, erstickten den Gedanken. Schwarzer, gelber und weißlicher Rauch umgab nun das ganze Rund, die Gestalten der Menschen wie in Nebelschleier hüllend, durch welche nur die Pechfackeln, dunkelrot, ohne Strahlenglanz, glühten wie die Augen von Ungeheuern. Über all' dem Qualm und Dampf ragte hinaus das scheußliche, jetzt brandrote Gesicht des Götzen, das, von den zuckenden Flammen wechselnd beleuchtet, frohlockend zu grinsen schien. Als die rasenden Druiden endlich vor Erschöpfung inne hielten in ihrem Toben, – der Schweiß troff ihnen von der Stirn – lauschte Gutruat, das Ohr dem Götzenbilde nähernd: da war alles still – kein Ächzen mehr. Nun richtete er sich hoch auf und hob an: »Ja, der Altpriester sprach wahr. Der Gott wollte das größte Opfer erneut wissen und ich, – ich habe es erneut. Ein Frevel sondergleichen war geschehen. Ich habe ihn ausgetilgt aus dem Volk der Galen. Ein Weib hat sich vom gottähnlichen Gemahl zum Feind des Vaterlandes hinab verloren, hat Stadt und Tempel des Grannus zu Audematunum an ihn verraten, wollte ihm auch dieses Heiligtum erschließen. Mir hat der Gott ihre Frevel aufgedeckt. Ich ließ sie den Brief, der ihren Buhlen lud, ungestört hinterlegen, ich las ihn, ich legte ihn wohlweislich wieder an seinen Ort: den Römer hat in dieser Stunde die Rache schon erreicht. Das Weib aber –! Sprecht, Druiden, was hat solch Weib verschuldet?« »Den Tod! Den Feuertod!« schrien alle tobend durcheinander. »Wohlan, euer Urteil hat der Gott bereits vollstreckt: es war mein Weib. Dort im Leib des Teutates liegt es – verbrannt.« XVI. Als Cerialis in rasendem Ritt die Stadt erreicht hatte – fast eine volle Stunde brauchte er trotz aller Anspornung des edeln Tieres, – da schienen Fluß und Schiffe, beide Lager und die Brücke, Stadt und Schlacht und Heer, alles schien verloren. Civilis hatte sich mit den Galliern vereinigt unterhalb Neuß, die hier aufgestellte römische Abteilung umgangen und vom Rücken her in der Nacht überfallen. Er ließ die Stricke der Zelte an den Pflöcken abschneiden: sie stürzten über den Schlafenden zusammen und begruben sie. Ausnahmslos wurden die Überraschten erschlagen oder gefangen, so daß auch nicht Ein Mann flußaufwärts entrinnen und die Hauptmacht warnen konnte. In Eilmärschen war er dann mit den Galliern über Düren, Markmagen, Neumagen auf das linke, das westliche Moselufer und auf Trier gezogen mit der Hoffnung, den ihm als ebenso unvorsichtig wie tapfer bekannten Gegner zu überraschen. Die Stellung der Römer – gallische Überläufer aus Trier hatten das genau gemeldet – war von dem kundigen Führer ausgezeichnet gewählt. Den Hauptstützpunkt bildete selbstverständlich die Stadt auf dem rechten Moselufer, damals zwar noch lange nicht die gewaltige Feste, zu welcher sie durch römische Kunst später – im IV. Jahrhundert – erhoben ward, aber doch auch damals schon geschirmt durch Graben und Steinmauer: anders als die sonst meist nur aus Lehm hergestellten Wälle der westgallischen Städte: die Fülle des prächtigen Sandsteins drängte sich hier von selbst auf. Vor der stark besetzten inneren Stadt hatte Cerialis zwei Lager geschlagen: auf dem rechten Flußufer ein größeres in der offenen Vorstadt, an der östlichen Mündung der hölzernen, aber fahrbreiten Moselbrücke, ein kleineres an deren westlichem Eingang auf dem linken Ufer; die so von beiden Seiten gehütete Brücke war auch vom Flusse selbst von den römischen Schiffen aus zu verteidigen, welche hier oberhalb und unterhalb der Brücke, wohl bemannt, lagerten. Durch das kleine westliche Lager hindurch zog auf dem linken Moselufer, diesem gleichlaufend, die schöne Legionenstraße, die von Trier dem Rheine zu nach Koblenz führte. Dieser vortrefflichen, reich gegliederten Stellung mit ihren mehrfachen hintereinander liegenden Verteidigungslinien gegenüber einen Angriffsplan zu entwerfen, hatte Civilis nun die schwere Aufgabe. Der Oberbefehl über die vereinigten Streitkräfte war ihm von Classicus zwar ungern, aber auf Andringen Tutors schließlich doch, freilich nur für diesen Angriff, eingeräumt worden. Er hatte seine Kräfte in drei Heersäulen gegliedert. In die Mitte nahm er die durch ihre bisherigen Niederlagen entmutigten Gallier: ihnen war der bequemste Weg zum Angriff: die breite Legionenstraße, zugeteilt. Auf der linken Flanke sollten die Friesen und die Brukterer unter Ulemer und Welo, verstärkt durch die andern Überrheiner unter Sido, zwischen der Legionenstraße und dem Fluß heranrückend, sich auf die in demselben ankernden Schiffe werfen, während Civilis sich selbst mit seinen Batavern und den Kannenefaten unter Brinno die schwierigste Aufgabe gestellt hatte, das kleine Lager, die Brücke und das große Lager zu erobern: in der Vorstadt sollten die drei Abteilungen zusammentreffen und dann mit vereinten Kräften den letzten Stützpunkt der Feinde, die Stadt selbst, stürmen. Der Plan gelang über alles Erwarten hinaus. Denn der Feldherr, der auch nach Überrumpelung der vorgeschobenen Stellungen die Seinen hätte zum Stehen bringen können, der bisher immer siegreiche Führer, – er fehlte im entscheidenden Augenblick. Kurz vor Mitternacht erhielt Civilis, der seinen Anmarsch über die Höhen von Nordost gen Südwest, wohl gedeckt durch Nacht und Waldesdunkel, in aller Stille vollzogen hatte, durch Brinnobrand die Nachricht, daß die Gallier und daß auch der linke Flügel heran seien: auch dieser Anmarsch war bisher noch nicht vermerkt worden. Nun gab Civilis durch das verabredete Zeichen: – eine auf dem Wipfel einer hohen Tanne aufgesteckte Fackel – den Befehl zum allgemeinen Angriff. Aufgelöst in Schwärme, wie es das von der Höhenkrone bis zu dem Flußbett hinab vieldurchschnittene Gelände erheischte, hatte Civilis die Seinen die Hänge herabgeführt in tiefster Stille, bis sie – von Nordosten her – nahezu die Straße erreicht hatten. Hier von Reiterwachen der Römer bemerkt und angerufen, antworteten sie mit brausender Erhebung ihres Schlachtrufs: »Bátavo! Bátavo!« und stürmten über den Graben westlich der Straße auf deren Hochfläche. Allen voran schwang Brinno die wuchtige Steinaxt, die wie Donars Hammer durch stolzgeschweiften Römerhelm, durch Schild und Panzer schlug. Aufgeschreckt durch den Kampflärm und die fliehenden Vorposten trat die Besatzung des ersten Lagers – es war die XXI. Legion – unter die Waffen und vor den Thoren ihres Lagerwalles den Angreifern im Westen entgegen. Alsbald ward sie aber genötigt, auch gegen Norden die Stirn zu bieten: die Gallier hatten auf der Straße selbst das Lager erreicht und griffen mit hitzigem Anlauf tapfer an: Classicus und Tutor brannten, ihre Niederlagen wett zu machen. Da nun aber aus dem zweiten Lager über die Brücke eine zweite Legion – die VI., spanische – im Laufschritt herbeieilte, kam das Gefecht zum Stehen. Jedoch nicht auf lang. Denn jetzt war auch der linke Flügel, der den weitesten Weg zurückzulegen gehabt, eingetroffen: Friesen und Brukterer sprangen ohne Besinnen in den Fluß und enterten, Beil in Hand, die römischen Schiffe, während Sido das erste Lager vom Rücken – von Osten – her angriff. Bald flammte die Lohe auf mehreren der genommenen Schiffe empor und schon drangen gleichzeitig von drei Seiten Civilis, Tutor und Ulemer in das erste Lager. Aber der Tribun Sextilius Felix war ein unerschrockener Mann: kaltblütig ordnete er den Rückzug auf die Brücke an: in guter Ordnung ward das ausgeführt: sowie er deren Westmündung glücklich erreicht hatte, ließ er sie, dicht gedrängt, Speer an Speer, besetzen. »Haltet, sabinische Landsleute!« rief er den Seinen zu. »Auf dieser Brücke liegt unser Ruhm und unser Leben. Laßt die Barbaren nicht darauf. Schon gleich muß Cerialis da sein mit zwei Legionen. Ich bleibe bei euch auf dieser Brücke, lebend oder tot.« So sprechend ergriff er einen Speer und trat in die erste Reihe der Kämpfer auf der Brücke. Das wirkte. Seine Leute, Römer aus der Sabina, standen wie die Mauern: die starre Reihe vorgestreckter Speere schien undurchdringbar. Da war Brinno heran, hinter ihm Brinnobrand. »Was stockt ihr, Männer? Die Lanzen? Ei, was nicht wagrecht geht, muß senkrecht gehn. Von oben kommt Donar und sein Hammer. Gieb mir die Hand, Brüderlein, und spring!« Und die beiden riesenhaften Brüder sprangen in hohem Satz über die brusthoch gefällten Speere der vordersten Kohorte von oben auf die Schäfte: vier, fünf waren damit niedergedrückt, darunter der des Tribuns: im selben Augenblick schlug ihn Brinnos Hammer nieder und in die Lücke drangen im Keil mit lautem Siegesruf die Bataver den Kannenefaten nach. Die Brücke war genommen. In wildem Drängen und Ringen Mann an Mann wurden die Römer zu deren Ostende hinaus und auf das zweite Lager zurückgeworfen. Nachdem Feind und Freund vorübergebraust, erhob sich ein verwundeter Centurio, der neben dem sterbenden Tribun niedergestreckt lag: »ich kann stehen,« sprach er, »ich kann vielleicht gehen, ich trage dich, Tribun.« »Nein,« sprach der, »kannst du entrinnen, suche Cerialis. O wo zögert er? Sag' ihm, ich habe die Brücke ... nicht ... verlassen.« Und der Tapfre sank znrück auf seinen runden Erzschild, reckte sich und starb. XVII. Auf dem Wall des zweiten Lagers trat den Verfolgern, nachdem die Weichenden glücklich durch die rettenden Thore gelangt waren, eine dritte frische Legion – es war die X. – entgegen. In dichten Massen schlugen die schweren balkengleichen Pila der Legionare von oben auf die Köpfe der Angreifer: diese erlitten starke Verluste, die Wälle erwiesen sich unerkletterbar, Sturmleitern waren nicht zur Hand: der Angriff stockte. Civilis traf jetzt in der vordersten Reihe ein, er übersah die Lage: »Nicht über den Wall! Durch das Thor,« rief er. »Die Beile voran!« Er selbst ergriff die Streitaxt eines gefallenen Batavers und spaltete einen Eichenbalken des Thores. Dutzende um ihn her folgten seinem Beispiel: Bald stürzte der eine Flügel krachend nach innen. Aber sofort trat eine Reihe römischer Hastati mit gefällten Speeren in die Lücke, in der Mitte der tapfere Legionslegat selbst in reichem Waffenschmuck: eine zweite Reihe Römer schleuderte die Wurfspeere, eine dritte – balearische Schleuderer – entsendete einen Hagel von Bleigeschossen. Civilis befahl nun den Seinen, den »Eberrüssel« zu bilden, das heißt im Dreieck sich aufzustellen: er trat, das lange Hiebschwert hebend, ganz an die vordere Spitze des Keils. Da erkannte ihn der Legionar, der dicht hinter dem Legaten stand: »Zielt auf den Führer mit dem Adlerhelm,« rief er, »das ist Civilis selbst.« – »Wer?« fragte der Legat und erblaßte. »Claudius Civilis!« antwortete der Soldat und wollte werfen: aber er konnte nicht, vor Staunen: denn der Legat, dessen viel erprobter Mut allen bekannt war, wankte, die Knie versagten ihm: – er drohte zu sinken: – starr blickte er gerade vor sich hin wie auf sein Verhängnis. »Lupercus! Mummius Lupercus!« schrie Civilis, ihn erkennend, und sprang auf ihn los. Aber der Legat – floh. Bleiches Entsetzen hatte ihn ergriffen: er drehte sich auf der Ferse und drängte mit beiden Händen die hinter ihm stehenden Legionare auseinander. Schon war er in der dritten Reihe, der der Schleuderer. »Der Legat flieht! Der Legat flieht! Flieht! Rettet euch!« scholl es nun indem ersten, zweiten, dritten Glied. Die Leute, von ihrem Führer verlassen, glaubten alles verloren: sie folgten seinem Beispiel, wandten dem Feind den Rücken und flohen in das Lager zurück: siegjauchzend stürmten die Germanen nach. Lupercus hatte weiten Vorsprung: – aber Civilis verlor ihn nicht aus dem Auge. Schon hatte er den dritten Römer niedergeschlagen und so das dritte Glied der Fliehenden, der Balearier, durchbrochen: da suchte der Legat nach rechts in eine dunkle enge Zeltgasse zu entkommen. Jedoch der Verfolger bemerkte es scharf: nun war er in drei Sprüngen heran. »Steh, Bube, wende und wehre dich!« schrie er ihm zu. Uud der tapfere Heerführer, der gar oft dem Tode getrotzt, wollte stehen, wollte um sein Leben kämpfen: – aber er konnte nicht! Es gellte ihm ins Ohr der Todesschrei des schönen Knaben, wie der tief unten auf dem Boden aufschlug: – er sah den furchtbaren Blick des Vaters, wie er seinen Namen gerufen – und der Wille versagte ihm: er konnte nicht in dieses Antlitz schauen. Er machte, weiter fliehend, noch einen Sprung, – den letzten. Civilis, nun dicht hinter ihm, schlug ihm mit einem furchtbaren Hieb dicht unter dem Helmsturz den Kopf glatt vom Rumpf, daß Helm und Haupt, durch das geschuppte Sturmband unter dem Kinn zusammengehalten, miteinander zur Erde rollten. Civilis bückte sich, packte mit der Linken den Helm am hohen Kamm und sah dem verhaßten Feind in die brechenden Augen. Einmal atmete der Sieger nun aus tiefer Brust: dann wandte er sich, sein blutiges Beutestück hoch emporhaltend, auf die Hauptstraße des Lagers zurück, wo ein paar Centurionen wieder ein Häuflein zum Stehen gebracht hatten. Hier war der Kampfplatz hell beleuchtet durch gar manches Zelt, in das die Eindringenden die Fackel geworfen: so erkannten denn die frisch gescharten Römer deutlich, was ihnen Civilis mit der Linken hoch entgegenhielt wie ein Gorgonenhaupt: »Seht hier, euern Feldherrn!« schrie er. »Ich sandte ihn zum Hades, – euch voraus!« Und er schleuderte das blutende Haupt vor ihre Füße. Entsetzt, schreiend, stoben sie auseinander. Jede Verteidigung auch des zweiten Lagers hörte auf: entschart strömte die Besatzung aus dessen östlichen Thoren zurück auf die Stadt zu. In brausendem Siegesjubel ergossen sich nun Germanen und Gallier durch alle Gassen der Zelte. Sie zeigten Lust, hier zu verweilen. Auch Brinno machte Halt einen Augenblick, »sich zu verschnaufen,« wie er sagte. Er lehnte auf seinem hohen Schild von Büffelleder. Einer der Seinen hatte ihm aus dem nahen Marketenderzelt einen großen Becher Weines gebracht. Civilis sprang hinzu, riß ihm das Gefäß aus der Hand und schleuderte es in das nächste brennende Zelt. »Bei Wodan,« rief er, »jetzt ist nicht Zeit, zu rasten und zu zechen. Nach! Sofort den Fliehenden nach! Mit ihnen zugleich müssen wir in die Thore der Stadt dringen. Oder sie hält uns lang, sehr lang auf. Halber Sieg ist kein Sieg. Du folgst mir sofort mit all' den Deinen, desgleichen du, Ulemer, mit den Friesen. Die Gallier sind schon jenseit des Lagers. Sollen sie uns zuvorkommen? Du, Sido, hälst die andern hier im Lager geschlossen beisammen – als Rückhalt! Wir brauchen ihn vielleicht. Denn noch hab' ich von Cerialis nichts gesehn und nichts von des Feindes Reiterei. Stehen unsere tubantischen Reiter rechts vom Lager, wohin ich sie befahl, Sido?« »Jawohl, alle vierthalbtausend! Ich sah sie den Fluß durchschwimmen, eilte hin und stellte sie selbst auf, wo du gebotst.« »Katwald, dort irrt ein reiterloses Pferd. Bring' es mir! Rasch! So! Nun folgt mir!« Und nun führte Civilis hoch zu Roß die Seinen, die Fliehenden verfolgend, aus dem Lager gegen die Westseite der Stadt. Hier, auf der Ebene vor dem Wall war es ziemlich dunkel: der Ostwind trieb die Flammen des brennenden Lagers gegen den Fluß hin und auf den Wällen der Stadt brannten nur wenige Pechkessel. XVIII. In diesem Augenblick erreichte Cerialis das entgegengesetzte, das Ostthor der Stadt; sein edles Tier brach hier, sowie es halten mußte, zusammen – tot. Dem Reiter gelang es, im selben Augenblick abzuspringen; so blieb er unverletzt. Er donnerte mit dem Schwertgriff an das Thor: »Auf! Auf das Thor! Ich bin's, Cerialis. Ich komme.« Aber mißtrauisch, ängstlich blickten die wenigen hier aufgestellten Mauerwachen von der Zinne: in dem fast nackten Mann, ohne Helm, Panzer, Schild und Feldherrnmantel wollten sie nicht sofort ihren gewaltigen Führer erkennen: – sie argwöhnten eine List der Feinde; sie zögerten. Da schrie er in Verzweiflung hinauf: »So leuchtet doch hierher! Ich bin ja ganz allein, ihr Memmen! Erkennt mich! Öffnet! oder ich laß' euch kreuzigen!« Die Krieger erkannten ihn nun – an der Stimme, am Zorn. Sie fürchteten ihn mehr als die Barbaren. Sie zogen die Thorkette zurück: er sprang herein. »Ein Pferd! Sogleich ein Pferd!« befahl er, an ihnen vorbei in die Stadt hineinrennend. »Hier bin ich, Cerialis und der Sieg!« Er erreichte noch zu Fuß den Marktplatz: hier stand die ganze Legionsreiterei, aufgesessen, in acht Gliedern. Der Führer des ersten Geschwaders erkannte ihn: »O Cerialis!« rief er, »Du kommst zu spät! Schiffe, Brücke, beide Lager sind verloren.« »Das weißt du, Hund,« donnerte Cerialis, »und hälst mit allen deinen Gäulen hier? warte, ich will dich Pflicht des Reiters lehren!« Und er stach ihn vom Gaul, daß er aus den Bügeln stürzte, und schwang sich auf das scheuende Pferd. »Vorwärts!« gebot er. »Mir nach! Zum Sieg!« Und er jagte davon auf das Westthor zu: – willig folgten ihm die ehern rasselnden Geschwader. Nun angelangt an dem Westthor, fand er auf dem Wall und hinter demselben zwei Legionen aufgestellt: – es waren die abgefallenen und reuig zurückgekehrten, die I. unten auf dem Platz und die IV. oben auf der Mauer. »O Feldherr,« rief ihn der Legat der I. Legion an, »alles ist verloren!« »Nichts ist verloren. Denn ich bin da!« »Wir haben die Thore unsern Flüchtigen nicht geöffnet. – Hörst du, wie sie draußen jammern und schreien? – Aber die Feinde wären mit eingedrungen.« »Recht habt ihr gethan – bis jetzt: – aber nun: – auf mit dem Thor! Ihr Reiter, mir nach! Dann die I. Legion.« »Bei allen Göttern!« flehte der Legat. »Thu's nicht! Thu's nicht! Sie sind tief entmutigt. Meine Manipel wanken. Sie stieben vor Civilis auseinander! Sie folgen dir gar nicht!« »Das wollen wir sehen! – Römer der ersten Legion! Wollt ihr mich verraten, mein Blut auf euer Haupt nehmen, wie des Hordeonius und des Vocula? Oder wollt ihr heute gut machen, was ihr gefehlt? – So folgt mir! Sonst speit euch Rom auf immer von sich aus! Auf mit dem Thor und nieder die Barbaren!« Und siehe da: – alle folgten ihm, Reiter und Legionare. Der erste Stoß traf die Gallier: – ihre vordersten Reihen, im Halbdunkel völlig überrascht von dem unerwarteten Anprall von Reiterei, wurden über den Haufen geritten: die nächsten wankten. »Haltet!« schrie Tutor. »Wollt ihr die Schlacht wieder verlieren, welche die Germanen gewonnen? Steht! Oder ihr könnt nie wieder euren Frauen in die Augen schau'n.« Und die Gallier standen: der Ruf an die Ehre hatte gewirkt: – sie boten dem Feind die Stirn. Aber schon brachen da auch in ihre beiden offenen Flanken die römischen Panzergeschwader: sie wichen aufs neue, anfangs noch langsam. »Bleibt! Bleibt! Verlaßt die Fahne nicht!« rief Classicus, dem fliehenden Bannerträger die bunte Standarte mit dem Flittergold aus der Hand reißend und hoch im Mondlicht schwingend. Und sie standen nochmal. Aber sofort fiel das glänzende Zeichen: Cerialis hatte es erreicht und mit sausendem Schwert den Schaft durchhauen. Da war kein Halten mehr. Sie wandten sich zu wilder Flucht, sie rissen die Führer mit sich fort, sie rannten auch die ersten Reihen der nun anrückenden Bataver über den Haufen. Schon hieben die römischen Reiter auf diese wie auf die Gallier ein. Brinno, der durchaus nicht von der Stelle wollte, erhielt in die Schulter einen Schwerthieb von Cerialis selbst: da trugen ihn Katwald und die Seinen zurück. »Ach schändlich,« hatte er geflucht. »Bluten – zurückmüssen – und wieder ohne einen Adler!« Civilis sah den argen Rückschlag. »Unsere Reiter! Die Reiter herbei! Wo sind die Tubanten? Hole sie, Brinnobrand!« Aber bevor dieser hinwegeilen konnte, sprengte deren Führer herbei: »O Civilis, es ist nicht meine Schuld. Sie sind fort!« – »Wohin?« – »Ins Lager! Sie hörten das Jauchzen und Johlen der Plünderer –« – »Wer plündert dort?« fragte Civilis, bleich vor Zorn. »Nun – die Überrheiner. Alle! Sie trinken und schmausen und rauben. Das konnten meine Leute nicht mit ansehen. Sie trinken mit.« Civilis blickte stumm auf das Lager zurück: lärmendes Geschrei, Trinklieder, das Brüllen von Berauschten drang ihm entgegen. »Alle? Alle?« fragte Civilis tonlos. »Wo ist Sido?« »Hier,« antwortete dieser, hinter ihm auftauchend, mit matter Stimme, »hier bring ich dir meine Markomannen. Ich wollte die andern, da sie nicht hörten, zur Ordnung zurückbringen, mit Gewalt sie abhalten: aber wir waren zu schwach gegen die vielen Tausende.« »Du blutest,« bemerkte Brinnobrand. »Nur wenig: – sie rannten mich nieder, als ich unter sie sprang. Tubanten, Usipier, Tenchterer – alles außer Rand und Band! Sie raufen unter einander um die Weinfässer. Nur die Meinen gehorchten.« »Die wackeren Markomannen!« rief Civilis. – »Wie viele?« »Dreihundert.« »Das sind zu wenige,« autwortete Civilis traurig, »Die Schlacht ist verloren.« »Ja,« lachte Brinnobrand bitter, »Wodans Geist hat sie gewonnen und Riesen-Dummheit hat sie verloren. Komm, Wodan, wende! Es werden der Feinde um dich zu viel.« Und er riß des Civilis Pferd herum, und zog es, voran springend, am Zügel mit sich fort. In dem brennenden, von betrunkenen und sich balgenden Germanen gefüllten Lager war kein Halten: die ledigen Rosse der Tubanten rannten von selbst in die Flammen. Durch die eigenen, sinnlos berauschten, tobenden Waffengenossen mußten sich die weichenden Bataver, Kannenefaten, Friesen, Brukterer und Markomannen mit dem Schwerte blutige Bahn brechen; da die Gallier das Gleiche thaten, kam es zu einer förmlichen Schlacht in den Lagergassen zwischen ihnen und den Plünderern und Säufern, bis Cerialis an der Spitze seiner Reiter erschien und in beide Parteien einhieb: da war alles aus! Unter ungeheurem Blutvergießen wurden die betrunkenen Germanen und die von ihnen aufgehaltenen Gallier aus dem Lager hinaus in den Fluß geworfen, wo ihrer viele Tausende ertranken. Civilis hatte Befehl gegeben, die Brücke um jeden Preis zu halten. Er selbst und Ulemer, in der vordersten Reihe kämpfend, – den schon umzingelten und nochmal verwundeten Sido hatte Brinnobrand herausgehauen und auf seinen Schultern bis auf die Ostseite der Brücke getragen, – wiesen den ersten Angriff der verfolgenden Reiter zurück. Ein zweiter folgte. Cerialis, der den Seinen dabei voransprengte, hatte sich zwar eine kleine Tartsche – den runden Reiterschild – aufdringen lassen: – aber er trug noch immer weder Helm noch Panzer: – das ersah Ulemer: er zog sein spitzes Friesenmesser und warf's und traf ihn in die rechte Schulter: er wankte im Sattel. Das Schwert entfiel seiner Faust. Seine Reiter jagten mit ihm zurück und erneuten den Anritt nicht mehr. Civilis warf prüfend das Auge über die ihm noch verbliebenen Streitkräfte: er erwog, ob nicht ein neuer Versuch doch noch ... Da sprengte Classicus von Osten auf die Brücke zurück. Finster sprach er: »da siehst du nun, Bataver, die Folge davon, daß ich dir den Alleinbefehl überließ. Nicht die Römer, deine viehisch besoffenen Barbaren haben meine Gallier hingeschlachtet. Ich künde dir den Gehorsam: wir ziehen ab.« Eine zornige Antwort drängte sich auf des Gescholtenen Lippe: – aber da sprengte Tutor heran: »Hör' ihn nicht, Civilis! Nicht er spricht, – die Eitelkeit. Sie macht so toll wie Wein. – Wir müssen zurück! Auch du : – denn soeben melden flüchtige Gallier aus Divodurum zwei, drei neue Legionen sind im Anzug: – morgen sind sie hier.« »Zurück denn!« befahl Civilis seufzend. »Wo keine Zucht, da ist kein Sieg.« Der Rückzug der Germanen und Gallier ward von Trier aus nicht verfolgt. Dazu fehlte es den empfindlich geschwächten Römern an frischen Kräften: und ihr ungestümer Feldherr war durch Wundfieber niedergeworfen und gelähmt. Gleich am frühesten Morgen nach der Schlacht schickte er, da er selbst sich nicht vom Lager erheben konnte, eine Schar gegen Obringadunum mit der Weisung, durch den Erdgang einzudringen, alle Männer niederzumachen und alle Frauen ihm gefangen zuzuführen. Allein sehr bald kehrte die Streifschar zurück mit der Meldung, die Felsenburg sei leer und von der abziehenden Besatzung selbst durch Feuer zerstört: offenbar hatten die Gallier da oben, nachdem sie von ihrer hohen Warte aus die Niederlage der Verbündeten wahrgenommen, die Flucht ergriffen, vorher aber das Heiligtum zerstört, es nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen. Die Römer brachten nur eine Gefangene ein, ein Mädchen, das, im Buchenwalde versteckt, von selbst auf sie zugelaufen war und gebeten hatte, zu Cerialis geführt zu werden. Boadicea war's, die Sklavin. Sie berichtete ihm mit Schaudern ihrer Herrin fürchterliches Ende. Diese habe ihr vertraut, sie werde in die Bildsäule des Gottes schlüpfen und durch die Fallthüre zu dessen Füßen und den Erdgang darunter das Freie gewinnen. Offenbar habe Gutruat den für Cerialis bestimmten Zettel gelesen, die Frau ungestört in die Bildsäule eintreten, aber vorher die Fallthüre verschließen lassen und dann die Öffnung in dem Rücken des Gottes verriegelt, so daß die Gefangene weder nach unten entfliehen noch nach oben aus dem Erzbild entkommen konnte, bevor dasselbe glühend gemacht ward. Cerialis fuhr vom Stuhl empor. »Hm! Hm! Wie schade um das Weib! – Nur einmal hab' ich sie geküßt! – Schon viele sind zu Grunde gegangen, weil sie mich geliebt. Aber so, – so übel doch noch keine! – – Schad' um Claudia Sacrata! – Kleine, du? ... Du kannst im Lager bleiben – hier – in meinem Zelt. Bist viel zu zierlich für die rohen Centurionen.« XIX. Tutors Bemühungen war es gelungen, die hadernden Feldherren zu versöhnen: Classicus sah ein, daß Gallien ohne die Germanen widerstandslos verloren sei und Civilis trug nicht nach. »Die Sache will's, unsres Volkes Rettung,« entgegnete er dem wiedergenesenen Brinno, der durchaus nichts von Aussühnen wissen wollte. Seinerseits aber bemühte der grimme Held sich vergeblich, des Freundes Verzeihung für die Unbotmäßigen zu erwirken, die den Mißerfolg bei Trier verschuldet hatten. Ohne Ausnahme wies Civilis so viele von ihnen übrig waren aus seinem Lager. »Es sind die allerstärksten Helden darunter!« grollte Brinno. »Ja. Aber ebensogut könnte ein Mann ungezähmte Bären wider den Feind treiben: sie würden vor allem sich gegen ihren Führer wenden.« Civilis, dessen Überlegenheit sich doch auch Classicus nun wieder fügte – zumal er keinen Rat wußte! – erwiderte auf die Fragen der Gallier nach seinen Plänen und welche Art von Krieg er nun führen wolle: »Den Wasserkrieg zu Lande! Man nennt uns höhnend die Frösche: nun soll man uns schwimmen und hüpfen sehen.« Aber unter heiteren Worten barg er ein sorgenschweres Herz. Er dachte viel an Weleda; gern hätte er sie herbeschieden. Allein sollte der Mann sich von dem Mädchen raten und helfen lassen? Er mußte sich selbst helfen. – Und er half sich. Trotz des Brummens von Brinno und des Nasenrümpfens der Gallier wich er bis Xanten zurück: hier hatte er treffliche Mittel für seinen Wasserkrieg ins Auge gefaßt: »und der Ort selbst,« sprach er zu Tutor, »wird Freund und Feind an Sieg und Niederlage mahnen.« Das Wort gefiel dem Gallier. Er hinterbrachte es Classicus mit Wohlgefallen: »weißt du,« schloß er, »dieser Germane ist der einzige, der die tönenden Worte hat. Wir, wir haben alle die tönenden Worte, aber der, der hat auch die Gedanken dazu.« Die ganze Landschaft um Xanten war, durchweg sumpfig und, von zahllosen kleinen Wasseradern und Altwassern des Rheines und seiner Nebenflüsse durchschnitten, auch im Frieden schwer zu durchschreiten. Nunmehr ließ Civilis sofort nach seinem Eintreffen schief in den Rhein von Nordost nach Südwest einen langen Damm einbauen, so daß sich der hier gestaute Strom, gewaltsam gezwängt, nach Südwest über die flachen Ufer ergoß und alles Land weithin überschwemmte, alle Rinnsale vertiefend, alle gewohnten Furten unbenutzbar machend, und so schon die Annäherung der Römer von Süden her ganz erheblich erschwerend. Zeit war den in solchen Wasserbauten altgeübten Batavern ausreichend gelassen. Cerialis hatte freilich, sobald er sich einigermaßen erholt, den Arm noch in der Binde, die Verfolgung der Weichenden gar hitzig ins Werk gesetzt mit allen seinen Streitkräften, nur in Trier, Koblenz, Bonn, Köln Besatzungen zurücklassend. Allein er war doch auf seinem Zuge gar vielfach aufgehalten worden durch die Gallier: nicht mehr durch Widerstand, aber durch die Notwendigkeit, diese Verhältnisse in seinem Rücken nicht ungeordnet zu lassen, die Gesandtschaften der Städte, die nun um die Wette ihre Unterwerfung anboten, zu verbescheiden, die Gemeinden an Geld zu strafen, überall Rom ergebene Männer in die Ämter einzusetzen. Als er nun endlich sich den Stellungen der Feinde näherte und sie genauer erkundete, da rief er staunend aus: »Wahrlich! Dieser Neffe des Arminius hat von seinem Ohm und zugleich von dessen Besiegern gelernt!« Mit Verdruß, ja mit schwerer Sorge erkannte er, daß er hier Wochen – und wie wenige nur durfte er noch brauchen! – festgehalten werden konnte, bevor er nur eine Stellung zum Angriff gewinnen mochte. Die Verbündeten beherrschten beide Ufer: auf dem linken standen, durch die Überschwemmung unangreifbar gesichert, die Gallier, auf dem rechten Civilis mit seinen Germanen; ein stattliches Geschwader auf dem Strome, befehligt von Ulemer und Uffo, hielt die Verbindung zwischen beiden aufrecht. Die Bewachung des neuen Rheindammes hatte Civilis dem treuen Brinno übertragen. »Dir vertraue ich den Damm,« hatte er dabei gesprochen, »weil ich ihn so tapferer als durch mich selbst gehütet weiß. Brinno: dieses schmale Stück Erde trägt unser aller Geschick: hat es der Feind, bin ich umgangen und muß weichen: – ich weiß noch nicht, wohin. Brinno, ich bau' auf dich: hüte mir den Damm!« Da hatte der Riese ihm die Hand gedrückt: »Solang' ich da oben stehe, krabbelt kein Feind hinauf.« Den Galliern schärfte Civilis ein, um keinen Preis sich aus ihrer unantastbaren Stellung locken zu lassen. Durch die Überschwemmung vorn, den Damm, den Strom und die Germanen im Rücken und Flanken gedeckt, seien sie hier sicher wie in einer Feste. Classicus gab das zu: aber Tutor mußte doch manches Spottwort über seinen Freund, den »Froschkönig«, den »Wassertreter«, den »Herzog Vorsicht« vernehmen. Cerialis beschloß, vor allem dem Feinde die Herrschaft über den Strom zu entreißen durch die römische Kriegsflotte, die müßig auf dem Oberlauf des Flusses lag, zumeist zu Köln, nur Vorräte bis Gellep etwa geschafft hatte. Mit aller Hast betrieb er das Eingreifen dieses, bei einem Wasserkrieg entscheidenden Kampfmittels. Der Erfolg schien zweifellos: die Germanen hatten keine Kriegsschiffe: denn, abgesehen von den früher den Römern abgenommenen Trieren verfügten sie nur über Fischerkähne und Fährenboote, von denen keines auch nur den Anprall der hochbordigen Galeeren auszuhalten vermochte. So war denn Cerialis überzeugt, die Barbaren würden gar den Strom nicht halten können, sobald die stolzen römischen Galeonen, von hundert Ruderern, in zwei oder drei Sitzreihen übereinander, bewegt, in der raschen Fahrt zu Thal den Rhein hinunterrauschen würden, hinwegfegend und zum Umschlagen bringend, was sich ihnen in den Weg stellen würde. Aber er irrte. Als an dem festgesetzten Tag bei Morgengrauen der römische Schiffszug – drei Trieren, Dreirudrer, nebeneinander an der Spitze, fast die ganze Breite des Stromes füllend, und fünfzehn Drei- und Zweirudrer in deren Kielwasser – Gellep erreicht hatten, da zeigte sich vor allem die geplante Überraschung vereitelt. Civilis, durch Nachrichten seiner flinken Fischerkähne rechtzeitig von den Vorbereitungen zu Köln verständigt, hatte rastlos daran gearbeitet, den Strom der Heimat wirksam verteidigen zu können. Es war ein kalter regnichter Morgen und die Rheinnebel ließen nur wenige Schritte über den Schiffsrand hinausblicken. Als nun die römischen Segel die Biegung des Stroms unterhalb Gellep zurückgelegt hatten, stießen sie plötzlich auf eine unzählbare Menge der kleinen germanischen Fahrzeuge, die sich verwegen durch die Schlachtreihe der großen Kolosse drängten und von allen Seiten einen Hagel von Geschossen auf die Bemannung auf Deck richteten. Allerdings ward manche der batavischen Nußschalen schon durch den Wasserwirbel unter dem Steuerbug der Dreirudrer, auch wohl durch die Schläge der langen Ruder der obersten Ruderbank getroffen und umgestürzt: – allein das schadete den schwimmkundigen Söhnen des Rheines wenig. Flugs schwammen sie, rasch und geräuschlos wie die Otter, die Waffe im Mund, auf das nächste ihrer Boote zu, kletterten hinein, schüttelten das Wasser lachend von sich und begannen aufs neue das für die Römer so ungünstige Gefecht. Civilis hatte selbst eines der größeren Friesenfahrzeuge bestiegen: gerade diese und die erbeuteten römischen Trieren kamen aber nicht rasch genug vorwärts zu Berg, wider den reißenden Strom: die Ruderer mühten sich schwer. »Das geht langsam!« grollte Uffo, der neben ihm stand. »Ja. Und ganz allein dürfen wir auf die Dauer unsere Haselnüsse doch nicht neben jenen groben Backtrögen lassen,« meinte Ulemer. »Hätten wir nur Seewind! Aber es rührt sich kein Lüftchen!« Kaum war das Wort gesprochen, als der Wimpel an der Mastspitze, der bisher schlaff regungslos herabgehangen, sich leise zu heben anfing und leichte flatternde Wellenlinien beschrieb. »Jetzt, Freunde,« rief Welo, »der Wind springt ein. Aber woher mag er kommen?« Er hielt die Hand in die Höhe. – »Das muß Seewind sein: – um diese Stunde und im Neumond,« sprach Uffo, der Ferge. – »Jawohl!« bestätigte Ulemer. »Seht ihr? Nun zeigt der Wimpel straff nach Südost.« – »Hei,« rief Brinnobrand, »du selbst hast uns den Wunschwind gesandt, Wodan.« – »Ja,« meinte Uffo, »der Wind wäre der rechte. Aber uns fehlen ja die Segel.« »Nur gar wenige unserer Nachen führen solche.« – »Segel?« fagte Civilis nachsinnend. »Laß sehen! Ei, wozu haben wir unsere Mäntel? Wir werden nicht erfrieren ohne sie! Herunter damit! Aneinandergebunden und hoch hinaufgezogen auf den Rahen!« – Und als der erste nahm er seinen dunkelblauen Mantel ab. »Herrlich!« rief Uffo. – »Prächtig!« jubelte Welo. – »Du bist zu Wasser wie zu Lande kampfgerecht!« – lobte Ulemer. – »Freilich,« lachte Brinnobrand. »Es giebt zu Wasser keinen anderen Wodan als im Walde« – und er knüpfte seinen braunroten Mantel an den dunkelgrünen Ulemers. Alle folgten diesem Beispiel. Da hatte der Seewind das Gewölk oben ein wenig zerstreut, während unten auf dem Strom noch der Nebel dahin rollte, sich langsam wälzend, wie eine ungeheure graue Schlange. Nun ahmten die andern Fahrzeuge den Vorgang des Leitschiffes nach: bald flogen überall die bunten Mäntel hoch an den Masten in die Höhe, lustig blies der frische Morgenwind darein, hob, füllte und blähte sie: schnell fuhren nun die sämtlichen größeren Germanenschiffe zu Berg und nahmen an dem Kampfe teil. Der Anblick der bunten in der Sonne leuchtenden und vom Winde gebauschten Mäntel war so eigenartig schön, daß sogar die Römer mitten in der Not des Gefechts das nie gesehene Bild mit staunendem Ausruf begrüßten. Der Verlauf ward jetzt aber immer ungünstiger für die schwer beweglichen Galeeren: sie rannten in dem für so breite Fahrzeuge nicht genügenden Rinnsal widereinander, wobei sie häufig ihre Ruder gegenseitig zerbrachen; dann wurden sie unbehilflich, bewegungslos und trieben mit dem Strom dahin. Gar manches Schiff geriet dabei aus der fahrbaren Tiefe und fuhr auf Sandwerder und Seichtstellen auf. Das geschah auch der stolzen, reich geschmückten Triere des Legaten Gallus Annius, des Befehlhabers der Flotte. Den Bugspriet schräg nach oben gehoben, den Steuerbord so tief nach unten gesenkt, daß das aufgestaute kreiselnde Wasser von hier fast der Länge nach das Deck überspülte, saß es kläglich fest: die Ruder, auf der Leeseite abgebrochen, versagten. Im Augenblick war die unbeweglich gewordene Holzfeste von Dutzenden der batavischen Kähne umschwärmt und alsbald lag der größte Teil der Bemannung, von unzähligen Geschossen getroffen, tot oder verwundet auf Deck. Brinnobrand bemerkte die schwere Bedrängnis der »Colonia Agrippina«. »Wodan,« rief er, »die holen wir! Komm Uffo, komm, jung Merovech, du triffst so gut mit dem Kurzbolz.« Und unter der kopfnickenden Bestätigung des Vaters sprang der Knabe jauchzend hinter Brinnobrand und dem Fergen in das kleine Notbot, das von dem Feldherrnschiff herabgelassen ward. Flugs hatten sie die festgefahrene Triere erreicht. Uffo übernahm nun den Befehl über die vielen hier versammelten Kähne. »Gebt acht! Haltet die Seile bereit! Alle hierher! Auf die rechte Seite des Römers! Ich werde durch die Luke das Schiff packen mit dem Boothaken. Dann spannt ihr euch alle vor unseren Kahn und rudert, auf Einen Schlag beginnend, aus Leibeskräften nach dem rechten Ufer. Wir müssen den Römer am Lande haben, wohin keines ihrer Schiffe folgen kann, ihn zu holen.« »Aber sowie er wieder schwimmen kann, wird er zu Berg steuern,« warnte Ulemer. – »Ja, der Steuermann – ich kenn' ihn« – nickte Uffo bedenklich, »versteht sein Geschäft.« – »Der Steuermann?« fragte jung Merovech. »Der dort? Er hat den Helm verloren. Wartet! Der soll ...!« Schon klang sein Bogen: in die Schläfe getroffen stürzte der Mann am Steuer. »Heil dir! Dank, Merovech!« riefen die Freunde. Uffo schlug – trotz den unsicher geschleuderten, von dem schwankenden Schiff aus schlecht gezielten Geschossen – den Haken seiner Bootstange in eine Luke dicht oberhalb des Wasserspiegels: »Jetzt!« befahl er. Und zwanzig Kähne, die sich, einer hinter dem andern, an sein Boot geseilt hatten, zogen nun auf einmal: – da! mit mächtigem Ruck wurde die gestrandete Galeere flott und folgte nun hilflos, wie willenlos, den entführenden Nachen, welche sie pfeilgeschwind auf das rechte Ufer zogen, wo das Landheer der Germanen stand. Hier, fern außer der Erreichbarkeit durch die römischen Tiefgänger, ward die hochbordige Holzburg sofort von hundert kühnen Enterern, Beil in Hand, erstiegen. Fast ohne Widerstand ergaben sich die wenigen noch kampffähigen Römer auf dem Deck, darunter der pfeilwunde Legat selbst. »Heia,« jubelte jung Merovech. »Brinnobrand, diese Beute führen wir – die Lippe hinauf – ihr zu – das Schiff samt dem Legaten!« »Erst sandte ihr Einer den großen römischen Holz vogel , jetzt schickt er ihr den noch größeren römischen Holz fisch ! Wird sie sich freuen über Brinnobrands kleine Geschenke!« Der Verlust des Befehlshabers samt seinem Schiff entschied den für die Römer ohnehin schon so verlustreichen Kampf. Des Führers beraubt, von allen Seiten beschossen, gab die Flotte den Widerstand auf. Sie ward auseinander gedrängt, zuerst durch die kecken Kähne: nun fuhren auch die größeren Schiffe mit ihren Mantelsegeln in die Lücken: da gab der Unterfeldherr durch Flaggen und Wimpel das Zeichen, jedes Schiff solle sich retten, wohin es am besten könne. Die meisten fuhren schleunig zu Berg, nach Köln zurück: – andere aber, abgedrängt von jenen und bereits unterhalb der batavischen Segler, suchten rheinabwärts die offene See zu gewinnen. Mit ohnmächtigem Grimm sah Cerialis auf dem linken Ufer vor seinem in Schlachtordnung gestellten Landheer, zu Roß auf und nieder jagend, die Auflösung und Flucht seiner Flotte mit an. Auch die nächsten Zusammenstöße mit den Germanen verliefen nicht glücklich. Civilis ging, ohne seine Stellung aufzugeben, durch kleine unerwartete Streifscharen wieder zum Angriff über: an Einem Tage führte er nicht weniger als vier Schläge gegen die um der Verpflegung willen weit auseinander gelegten Standorte der Legionen und der Reitergeschwader. »Glücken auch nicht alle vier,« sprach er zu seinen Führern, »doch der eine oder andere.« Zu gleicher Zeit also wurde von Brinno die zehnte Legion in ihrem Standlager zu Rindern, von Welo mit den Brukterern der begonnene Brückenbau zu Wick de Duurstede angegriffen, während Civilis, verstärkt durch Sido und die Markomannen, sich auf Grinnes, Ulemer auf Altefurth warf. Brinno überraschte die zum Holzfällen ausgerückten Mannschaften mitten im Wald, erschlug mit eigner Hand den Lagerpräfekten und zwei Centurionen ersten Ranges: noch drei andere Centurionen und eine Anzahl von Legionären fielen auf der Flucht in die schützenden Wälle des Lagers. Welo zerstörte einen Teil der angefangenen Brücke: der Einbruch der Nacht machte hier dem Kampf ein Ende. Gar scharf ging es vor Grinnes her. Unaufhaltsam drang Civilis vor. Die tapfersten Leute der Römer fielen hier. Da warf sich Julius Briganticus, der in dieser Befestigung befehligte, an der Spitze seines Rom treu gebliebenen Reitergeschwaders seinen Landsleuten entgegen, die fliehenden Legionäre aufzunehmen. Er brachte das Gefecht zum Stehen: es entbrannte ein Kampf unter den Stammgenossen mit besonderer Erbitterung. Haßgierig suchte er Civilis selbst, laut dessen Namen rufend. Endlich traf er ihn und schrie ihn an: »Stirb, Verhaßter!« »Laß ab, Gesippe!« mahnte Civilis, sich begnügend, die wütenden Hiebe abzuwehren, »es ist ein Greuel vor den Göttern.« »Denk' an die Erlenstäbe!« rief der andere. »Wir sind ausgesippt.« Und hitziger noch drang er auf ihn ein. Da stieß Civilis das Schwert dem Rosse des Gegners in den Vorderbug: es begrub den Reiter im Fall. Brinnobrand an des Civilis linker Seite schwang über dem Liegenden das Beil. Aber Civilis fiel ihm in den Arm. Im selben Augenblick stürzte auch sein Roß – ein Centurio sprang von rechts, unbemerkt von Brinnobrand, gegen den Wehrlosen und zückte das Schwert zum tödlichen Stoß. Jedoch das ersah Sido: – er zielte scharf mit der Lanze und warf: – der Römer fiel. »Weleda!« rief Civilis. »Nun ist ihr Wort erfüllt. Es flog dein Speer und der Centurio fiel.« Jetzt traf, von Cerialis – er hatte Ulemers Sturm auf Altefurth zurückgeschlagen – herangeführt, die ganze XXI. Legion auf dem Schlachtfeld ein: vor solcher Übermacht mußten die Bataver weichen. In guter Ordnung gingen sie an den Rhein, an ihre Nachen zurück. Aber römische Bogenschützen hatten Civllis erkannt: – Alle zielten auf ihn: ein frisches Pferd, das ihm Brinnobrand herangebracht, stürzte, bevor er es besteigen konnte, von Pfeilen durchbohrt. Da rissen ihn die Freunde mit fort: sie sprangen in den Rhein, tauchten und schwammen glücklich hinüber. Die Verluste der Römer waren sehr schwer gewesen. »Das geht nicht so fort,« grollte Cerialis. »Daß diese Wasserschlangen noch gar aus ihren Pfützen herausspringen und uns anzischen, ist zu keck.« Er befahl am folgenden Tag – wider den Rat all seiner Führer – einen allgemeinen Angriff auf die Germanen bei Xanten. Er scheiterte völlig: Roß und Mann versanken unter ihrer schweren Waffnung und Ausrüstung im Sumpf. Die Legionare, so mutig auf festem Boden, waren furchtsame Schwimmer. Die Kühnern wurden von den Zagen, die sich verzweifelnd an sie klammerten, mit in die Tiefe gezogen. Die Germanen dagegen hielten sich durch ihren hohen Wuchs noch stehend, wo das Wasser den Römern über den Mund reichte: hoch springend an ihren Speeren setzten sie auf den ihnen wohlbekannten Seichtstellen herüber und hinüber durch den Strom und, galt es schwimmen, ward Batavern, Kannenefaten, Friesen erst recht wohl. »Dies Froschgezücht ersäuft nicht mannstief unter Wasser!« schalt Cerialis. »Sie schlucken Wasser wie die Tauchenten! So geht es nicht! Der verfluchte Damm! Könnte ich nur aus der Luft auf sie stoßen, wie der Seeadler auf den Fisch!« XX. Als die Nachrichten von all diesen Erfolgen des Civilis in dem Lager der Gallier eintrafen, geriet Classicus in große Aufregung. »Unsere Leute müssen ja jede Selbstachtung verlieren,« sprach er grollend zu Tutor. Aber dieser zuckte die Achseln. »Den Witz wenigstens haben sie noch nicht verloren. Er verläßt sie nicht, mitten in der Not der Flucht. Höre nur! Jüngst, vor Trier, sehe ich einen Fahnenträger eilfertig davonlaufen. Ich springe hinzu, greife ihn an der Schulter, drehe ihn um und rufe ihm das cäsarische Wort zu: »Mann, dort steht der Feind!« »Ebendeswegen!« gab der zur Antwort, riß sich los und lief noch eiliger als zuvor. »Das nenn' ich geistreich.« »Aber schmählich! Sollen die Barbaren allein den Ruhm dieses Krieges davontragen?« grollte er. »Nun, wir haben ja auch unsern Teil davongetragen,« meinte Tutor, »nämlich Schläge.« »Unerträglich! Ich greife an! – Wie sollen wir nach dem Sieg, nach der Austreibung der Römer, vor unsere Landsleute hintreten?« Tutor pfiff leise vor sich hin. »Wir sind noch nicht ganz so weit! Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, wie du dann treten wirst! Und vor allem: vergiß nicht: du hast Civilis feierlich versprochen, nichts zu thun ohne seine Erlaubnis,« »Der Blitz verzehre ihn! Ja, leider! Du hast mich dazu beredet. Ohne das ...« »Wärst du schon in Rom! – Merke dir, ich halte mein ihm gegebenes Wort. Ich bleibe hier, ziehst du zum Angriff aus!« Aber am andern Morgen stürmte Classicus noch mehr erregt in des Tutor Zelt, der mit großem Behagen an der Tafel saß. »Wie? Du kannst jetzt schlemmen?« »Bitte, schlemme mit. Hier – im Goldkrug – ausgezeichnetes Rheinwasser! Und dort – auf der Silberschüssel – Wasserkresse und gebratne Frösche. Alles ist wässerig in diesem Wasserkrieg! – Ich fing sie selbst mit eigner Hand: – hüpfend, gleich ihnen, im Rheinschilf: – den Römerpfeilen trotzend, welche die Vorposten der Feinde mißgünstig auf mich schossen. Der Hunger macht kühn! O wo sind die Feigendrosseln Gutruats!« »Gutruat! Eben komme ich von ihm.« »Wie?« rief Tutor und sprang auf, den letzten Frosch noch im Munde. »Wo ...?« »Diese Nacht traf er – nach vielen Gefahren – in meinem Zelt ein. Er sendet dir seinen Gruß und –« »Er soll ihn behalten! Gruß und alles! Ich mag nichts mehr mit ihm zu thun haben. Selbst nicht mit seinem Koch! Das mit seiner Frau, was von ihrem Ende verlautet, – das ist mir zu – zu kulinarisch! Ich war nie ihr besonderer Freund: sie war mir immer unheimlich; sie aß fast nicht und war doch so üppig dabei. Ich sagte ihm – in ihrer Gegenwart – im Scherz und später unter vier Augen im Ernst, – mich dauerte die arme Epponina! – daß mir seines Weibes Freundschaft mit Sabinus – wohin mag er sich verflüchtigt haben, dieser Julius Cäsar ohne Sieg? – etwas zu heiß gepfeffert schmecke. Was antwortete er? »Man sinkt nicht von Gottähnlichem zu Gewöhnlichem herab.« Jetzt hat er's. Jetzt ist sie gar bis zu diesem Dämon des Tartarus, diesem Unhold der Wollust und Mordlust, hinabgesunken: oder hinaufgesunken: denn der schlug uns alle. Hätte der Gottähnliche ihr den schönen falschen Kopf abgeschlagen: – gut! Aber seine Frau braten wie ein Haselhuhn – pfui!« »Gleichviel! Er bestärkt mich in meinem Entschluß. Er hat den Willen der Götter erforscht ...« »Du, damit hör' auf,« rief der Dicke unwillig. »Damit laß mich ungeschoren! Haben vielleicht seine verdammten heiligen Hennen wieder gut gegackert? Hast du vergessen, wie sie uns Sieg verheißen hatten durch ihr Fressen und ich glaube sogar, durch das, was darauf folgt? Diese verlogenen Freßbestien! Ich erwürge sie, komm' ich je wieder nach Langres! Zum Verspeisen sind sie mir zu zäh.« »Er las meinen nahen Sieg heute Nacht aus dem Funkeln der Sterne.« »Bleib' mir vom Leibe mit diesem Gefunkel! Noch einmal: greifst du ohne des Civilis Verstattung an, – ich bleibe mit den Meinen hier auf dem Walle des Lagers stehen: und zerhacken dich die Legionen so klein wie Wurstfüllsel, – ich schaue zu und reibe mir die Hände.« »So werd' ich allein siegen: – wie ohne die Barbaren, so ohne dich!« erwiderte Classicus unwillig und verließ das Zelt, die erforderlichen Befehle zu erteilen. Diese Vorbereitungen entgingen nicht den wachsamen Vorposten des Cerialis: sie meldeten ihm von drohenden Bewegungen im Lager der Gallier, als er gerade in seinem Zelt die Führer der soeben aus Norden her eingetroffenen Verstärkungen – von der XIV. Legion – begrüßte: es waren Labeo und Cajus Briganticus. »Die Gallier?« rief er. »O wenn sie doch aus ihren Gräben und Pfützen, die ihnen die Bataver so meisterlich angelegt, heraus auf ein Schlachtfeld kommen wollten, da man festen Fußes stehen kann! Aber solange der gottverhaßte Damm von den Barbaren besetzt ist, hilft uns nicht einmal die Niederlage des Gallierkönigs. Auch wenn wir in seine Stellung dringen, sein Lager nehmen: – die drüben bleiben unangreifbar, solange der Damm nicht in unsrer Hand.« »Wer befehligt dort?« fragte Labeo. »Civilis selbst?« – »Dann ist nichts zu machen,« fügte Cajus bei. »Nein, jener rote Riese, dessen Steinaxt mir schon in den besten römischen Eisenhelmen meine besten römischen Köpfe zerschmettert hat.« »Brinno?« sprach Labeo. »Laß sehen,« fuhr er nachsinnend fort. »Brinno müßte man hinweglocken,« meinte Cajus. »Ja, womit? Soll ich ihm schöne Gallierinnen zeigen? Leider hab' ich gar keine im Lager, wenigstens keine, die ich entbehren kann. Oder säuft er? Soll ich ein paar Fässer Wein den Rhein hinab an dem Damme vorüber schwimmen lassen? Bei Trier hat uns Bacchus gerettet, nachdem uns Mars und Minerva verlassen.« »Er trinkt zwar gern,« lachte Labeo, »wie wir alle. Aber das lockt ihn nicht von seinem Wachtposten. Nein! – Doch etwas anderes vielleicht.« »Nun was? Rede! Alles, was du verlangst, sollst du als Köder haben!« »Ich selbst schon bin ein ziemlich starker für seinen Haß. Sieht er mich und etwa noch diesen schlimmen Vetter seines Freundes, so zuckt ihm der Hammer von selbst in der Hand. Aber es reicht doch wohl nicht, wenn der Damm so wichtig.« »Der Damm ist alles. Er ist der Fleck, auf dem die Siegesgöttin dieses Krieges schwebt.« »Wirklich? So vertraue mir – als Köder – einen Adler. Den Adler einer Legion. Sieht Brinno den innerhalb der Denkbarkeit der Erbeutung ... –« – »So stürmt er darauf los,« schloß Cajus, »wie der Stier auf das rote Tuch.« Cerialis schüttelte bedächtig den Kopf. »Und wenn er ihn wirklich erbeutet?« »Er soll nicht! Er wird nicht!« riefen beide. »Ich setze meinen Kopf zum Pfand: – ich locke ihn fort mit dem Adler.« – »Und ich bringe dir meinen Kopf, wenn ich den Adler nicht wieder bringe!« » Ein Kopf genügt mir nicht. Merkt wohl, beide: – den Adler oder eure beiden Köpfe. – Soll's gelten? Ja? – Gut, ihr sollt den Adler der X. Legion erhalten.« XXI. Wenige Stunden darauf war die Gallierschlacht geschlagen. In hitzigem Anprall führte Classicus die Seinen heran. Es war nur die Hälfte der Treuerer. Tutur hatte Wort gehalten: grollend stand er mit der andern Hälfte und den Lingonen auf dem Walle des Lagers: – er hatte aber doch befohlen, sie in Schlachtordnung bereit zu halten. Classicus warf, in hitzigem Anlauf, das erste feindliche Treffen, die rätischen und waskonischen Hilfskohorten: aber an dem zweiten Treffen, der XXI. Legion staute sich die gallische Flut, stockte, hielt kurze Weile an, dann wankte sie leise, – nun stärker und jetzt, da die frischen Kräfte der XIV. von der rechten Flanke her eingriffen, wirbelte und flutete alles zurück, dem Lager zu. Tutor sah es mit wachsender Erregung. »Da! Da haben wir's! Geschieht ihm recht! Nun auch noch römische Reiter, die nachhauen! Ei, ei, ei! Wie sie fallen, die Unsern! Das kann ich nicht mit ansehn! Blast, ihr Hörner! Hinaus! Wir müssen sie retten. Das werden wir zwar nicht. Aber ich kann's doch nicht ansehn. O Götter, welche Dummheit! An dieser Dummheit werd' ich sterben. Und ich habe nicht einmal den Trost, daß es meine eigene war!« Die Verstärkung kam nur noch recht, den Sieg der Feinde zu vergrößern, nicht mehr, ihn zu hemmen. Die Fliehenden rissen die Reihen derer mit sich, die sie aufhalten sollten. Tutor mit einer kleinen Schar gelangte noch am weitesten vorwärts gegen den Feind. Er sah, wie auf einer mäßigen Erderhöhung einige Druiden, kenntlich an ihren roten Mänteln, die Hände flehend gen Himmel erhoben. »Ei, ist das nicht,« sprach Tutor, sich in den Bügeln hebend, »der gottähnliche Frauenröster? Jawohl! Der da, vor den andern Krebsen: – das ist Gutruat. Römische Reiter brausen heran, hügelaufwärts. Schau! Er flieht nicht. Was treibt er doch? Was hält er ihnen entgegen, hoch in die Hohe? Einen Schild? Nein! Eine Gestalt! Teutates ist's, der Kriegsgott, – aus Thon! Der soll ihn retten und die Schlacht! Schwerlich! Da! Da liegt der Vertraute der Götter auf dem Bauch! Gleich kommt die Reihe an uns! Vorwärts, ihr Kinder! Ihr könnt' nur Einmal sterben. Aber Einmal müßt ihr. Warum nicht jetzt? Ich bin der Frösche satt: der Bataver und der gebratenen.« An ihm vorbeiflüchtendes Fußvolk des Classicus schrie: »Du, Tutor? Rette dich! Verrat! Wir sind verraten!« »Du Esel! Verrat? Das ist das dümmste Wort in unsrer Sprache!« rief er dem nächsten zu. Er führte seine Reiter mutig vor und warf das vorderste Geschwader der Römer. Hier kam die Flucht zum Stehen. Aber Tutor sank sterbend aus dem Sattel. Classicus sprengte querfeldein heran. »Du, Freund? Komm! Auf ein frisches Pferd! Vergieb mir meine Thorheiten ...« »Sei still! Die aufzuzählen, bleibt dir nicht mehr Zeit und mir nicht mehr, sie alle anzuhören.« »Du bist schwer getroffen?« »Es langt. Der Wurfspeer muß sehr lang gewesen sein. Denn er fuhr durch meinen ganzen Bauch und zwischen den Rippen heraus. Ja, mein Bauch! Wodurch der Mensch sündigt, daran wird er gestraft. Gutruat hat wohl einen Pfeil ins Hirn erhalten? Möge dir – die Mahlzeit – des Lebens – gut bekommen. Ich – habe sie verdaut.« Er starb. Er hörte nicht mehr wie Classicus rief: »Ich überlebe die Schande nicht! Der Tod sühnt alle Thorheit.« Und er hielt Wort. Er wandte das Roß und jagte, ganz allein, den neuandringenden Geschwadern entgegen: sofort war er erschlagen. Die Sieger drangen mit den Fliehenden zugleich in das Lager. Das geschlagene Heer löste sich auf: mit ihm das Großreich Gallien. So rasch war die Entscheidung gefallen, daß Civilis nicht mehr im stande gewesen war, den Fluß zu überschreiten und den Verbündeten zu Hilfe zu eilen. Zwar hatte er auf die erste Nachricht von dem verbotwidrigen Angriff der Gallier, laut klagend über solch wahnwitzigen Ungehorsam, sein Heer unter die Waffen gerufen: aber auf dem Weg den Rhein aufwärts – an der Stelle, wo seine Schiffe lagen, – hatte er an der Strombiegung vorüberzuziehen, von wo aus er seinen Damm in den Rhein gebaut hatte. Und hier sprengten seine dem Ufer zunächst trabenden Reiter plötzlich auf ihn zu, ein paar triefende Kannenefaten und Gugernen in der Mitte. »O Civilis!« rief Sido, der die Reiter führte, »welches Unglück!« »Die Gallier sind geschlagen? Traurig. Aber schadet uns noch nichts. Der Feind kommt nicht über den Damm.« »Der Damm«, rief Welo, als der zweite heransprengend, »der Damm ist in der Römer Hand!« »Das wolle Wodan nicht!« rief Civilis und erbleichte. »Sieh hin,« rief Ulemer! »Sieh hinüber! Das sind römische Helme, römische Adler.« »O großer Wodan, ja! Wo ist Brinno? Tot?« »Nein«, sprach Brinnobrand heransprengend, »aber schwer wund. Gleich bringen sie ihn! O hättest du Einem den Damm vertraut: – er hätte ihn nicht verlassen!« »Brinno,« begann Sido aufs neue – »so erzählen die wenigen Geretteten der Seinen – sah auf einer Triere und etlichen Kähnen Labeo und die Brigantiker, vom Strome hilflos fortgerissen, zu Thal treiben, rettungslos, so schien es. Er wollte mit seinen Leuten den Damm verlassen, auf seinen Nachen, sie zu fangen. Aber noch hielt er, deines Gebotes gedenkend, sich zurück. Da ward plötzlich auf der steuerlosen Triere ein Legionsadler sichtbar. Nun war Brinno nicht mehr zu halten. Er sprang ins Boot und stieß ab, jauchzend folgten ihm – gegen sein Verbot! – die Seinen – fast alle. Er erreichte das fliehende, nahezu sinkende Schiff. Aber plötzlich wandte das den hochbordigen Bug, fuhr gegen die Verfolger an, warf Brinnos Boot und viele andere um und rauschte an den Damm zurück, den einstweilen – er ward fast nicht verteidigt! – Cerialis von der andern Seite her, mit allen seinen Segeln landend, angegriffen und genommen hatte.« »Da bringen sie ihn auf seinem Schilde. Verzeih meinem Bruder.« Aber Civilis erwiderte nichts. Er hielt das scharrende Roß mit der Linken und drückte die geballte Rechte vor die Augen. »Auch Er! – Auch der Treueste sonder Verlaß! – Ist das ein Heer? Ist das ein Volk? – Gewiß kein Staat!« – »Feldherr, was befiehlst du?« fragte Sido besorgt, in seinen rechten Arm greifend. Dies stumme unthätige Harren war unerträglich. »Sprich doch, Civilis!« rief Welo. – »Ich habe ihn niemals so gesehn. Was thut er?« »Wodan grämt sich,« sprach Brinnobrand. »Er ist gar so allein!« »Gebeut, Civilis!« mahnte Ulemer. »Was soll geschehen? Sollen wir vorwärts, den Galliern zu helfen?« »Nein,« sagte Civilis, tonlos; matt war seine Stimme. »Zurück!« »Wohin? Ins Lager?« »Nein! Wir haben kein Lager mehr! Alles ist – hier – verloren! Die ganze Stellung – wie hatt' ich sie geliebt! – ist hin. Wir müssen fliehen. So weit nach Norden als möglich! Ja, fliehen , ihr Freunde! Fliehen ! Rasch! Aber – tragt den wunden Brinno mit!« XXII. Der Sieger hatte nach Zerstreuung des gallischen Heeres und Besetzung des Dammes den Feldzug für beendet angesehen. Aber Civilis schien unermüdbar und im Planen des Widerstandes unerschöpflich. Durch sofortigen Abzug nach Nordwest hatte er sich für eine Weile jeder Fühlung des Römers entzogen und die Zwischenzeit, in welcher dieser ihn wieder aufzusuchen trachtete, hatte jener im fernen Norden – weit bis hinter das klevische Spyk war er zurückgewichen – eifrig dazu verwertet, den Wasserbau: – Kanal und Deich – des Drusus durchstechen zu lassen: das heißt, den von jenem am klevischen Spyk zur Ableitung der Waal erbauten Deich und Graben. Nun ergoß sich all' diese Wassermenge westwärts nach der gallischen Seite hin, während zwischen der batavischen Insel und dem rechtsrheinischen Germanien nur ein schmales Rinnsal übrig blieb, so daß sowohl der Zuzug germanischer Helfer auf die Indel erleichtert war als der Rückzug der Bataver, falls dieser notwendig werden sollte, in das Innere Germaniens. Diese Maßregeln des Feindes machten starken Eindruck auf Cerialis. »Wie?« sagte er sich. »Nach dem Doppelschlag bei Xanten noch kein Ende des Widerstandes? Die Frist von vier Monaten läuft demnächst aus. Wohl ein wenig zu lange lag ich in dem sonnigen Trier auf der Jagd nach jenem üppigen Weibe! Ich muß ein Ende machen: – in ein paar Wochen muß ich vor dem Imperator stehen – sonst – beim Jupiter! – macht der Ernst aus jenem lächerlichen Vertrag. Er ist der Mann dazu. Der Karger beharrt auf seinem Schein. Also ein rasches Ende: – wie vorbedungen – um jeden Preis.« Er erfuhr von allen Seiten, des Civilis beste Stütze sei abermals die Jungfrau im Bruktrerlande, die durch ihre Mahnungen und Weissagungen immer wieder die überrheinischen Germanen antreibe, trotz der Siege der Römer der Sache des Civilis treu zu bleiben, ihm in hellen Haufen zuzuströmen und seine stark gelichteten Scharen zu ergänzen. Er beschloß, Weleda und Civilis durch Verhandlung unschädlich zu machen. Zwar die an die Wala geschickten Gesandten bekamen diese gar nicht zu Gesicht: die an der Lippe aufgestellten Bruktrer erklärten, sie sei nicht gewillt, Vorschläge von Rom anzuhören. Darauf schickte Cerialis seinen Gesandten an Civilis weitere Boten nach, die ihn aufforderten, falls er bereit sei, zu verhandeln, auch Weleda zur Vernunft, zu versöhnlicher Zwiesprache herbeizubringen. Dabei bot er nichts Geringeres als volle Freiheit der Bataver und Kannenefaten in ihren bisherigen Sitzen, ohne irgend welche Verpflichtung gegen Rom, und Verzicht auf jede Bestrafung der Friesen und der anderen überrheinischen Germanen. Das war – nach dem Scheitern der gallischen Erhebung, nach den wiederholten Niederlagen auch der Bataver – ein so günstig Anerbieten, daß Civilis es unmöglich ausschlagen durfte; er mußte darauf eingehen, wenn er nicht die Rache für seine Besiegung, wenn er nur das Wohl seines schwer leidenden Volkes im Auge hatte. Für die Freiheit der Seinen von Rom hatte er das Schwert gezogen: diese ward ja angeboten. Die Römer jetzt aus Gallien zu vertreiben, – das war, nach dem Geschehenen, unmöglich geworden. Alles, was von dem gallischen Großreich noch übrig geblieben, das waren hundertzwanzig Vornehme aus Langres und Trier, die Verzeihung von dem römischen Sieger nicht zu hoffen wagen durften und sich daher auch nach der Schlacht bei Xanten nicht von den Batavern getrennt hatten: als heimatlose, brotlose, hoffnungslose Flüchtlinge gingen sie über den Rhein zu den Bruktrern. So sandte denn Civilis Welo – Brinnobrand schloß sich an – zu Weleda, mit der Bitte, sie möge ihren Starrsinn überwinden und – ihm zu Liebe! sich zu der Fahrt hierher und zur Verhandlung mit Cerialis bequemen. Brinnobrand kam zuerst – allein – zurück. »Sie wollte nicht, Wodan. Gar nicht wollte sie. Als Einer aber sagte: »Er fordert's! Ihm zu Liebe!« – den Namen brauchte man nicht zu nennen! – da seufzte sie: » Er ? So muß ich: – zu meinem Verderben.« »Sie blieb mir treu, den das eigene Volk verläßt,« sprach Civilis bewegt. »Warum nur? – Sie, die Fremde!« Da trat Brinnobrand dicht an ihn heran, sah ihm tief in das Auge und sprach. »Wahrlich, er ist nicht blind? O weiser Wodan, wieviel durchschaust du, was andern verborgen! Du siehst so vieler Menschen Glück und Unglück und dein eigenes höchstes Glück, das hast du nicht gesehen. Armer Wodan! Arme Weleda!« »Armer Brinnobrand! Heute redet er wieder ganz wirr,« sprach Civilis kopfschüttelnd zu Uffo, den er – ohne Erfolg – in die Heimat entsendet hatte, neue Scharen heranzuziehen, und der soeben zurückgekehrt war. »Und also ist es wahr? Die Bataver, mein eigener Gau, und die meisten Nachbargaue: – sie sind wirklich von mir abgefallen?« »Es ist nicht anders! Seitdem der Römer eine gar arge List gebraucht hat, sind sie irr an dir geworden.« »Welche List?« »Du weißt, vom Meere her fuhren ihre Schiffe tief ins Land, alle Rheinarme aufwärts. So kamen sie bis in deinen Gau. Alle Höfe dort wurden verbrannt, verwüstet, – nur deiner ward sorgfältig verschont. »Na sieht man's,« schalten die Armen, als sie, nach Abfahrt der Feinde, aus dem Versteck ihrer Sümpfe sich wieder hervorwagten und nun vor den verkohlten Thüren, den eingestürzten Firstbalken ihrer Hütten standen, vor den ausgeleerten Ställen, vor der niedergerittenen, niedergesäbelten Ernte, und drüben bei dir alles unversehrt und wohlbehalten sahen, – »da sieht man's. Heimlich hat er seinen Frieden gemacht mit den Legionen. Uns hat er dafür daran gegeben! Er, der reiche Edeling, behält seinen Reichtum: unsere arme Hufe und Habe liegt zerstört und verbrannt. Zurückgekehrt ist er zu seiner alten Liebe: zu Rom.« Da stöhnte Civilis: »Diese Schuld – nie werd' ich sie los – sie wird mich noch erdrücken.« »Uns wagt er's noch nicht ins Gesicht zu sagen, uns, die er in den Krieg und in das Verderben gehetzt, seine Gesippen zu rächen.« »Und du hast sie nicht widerlegt, die dummen Schwätzer?« schalt Brinno: – Civilis hatte dem tief Beschämten nach seiner Genesung nur das eine Wort gefügt: »Ohne Gehorsam kein Sieg, merk' es dir, Brinno!« Uffo zuckte die breiten Schultern: »Sobald ich anhub zu reden, schrieen sie wüst durcheinander: »Du schweige nur! Auch du willst nur die eigene Unbill rächen, und die Tochter, die du selbst getötet.« Und so – dieselben Männer waren's: ich kenne sie gar gut, die dich laut jauchzend am Sunnwendfest auf den Schild gehoben! – so schrieen sie, sie seien so klug wie du: auch sie suchten – ohne dich, wie du ohne sie gethan – ihren Frieden mit Rom! Abgesetzt haben sie dich als Herzog und als Richter in offenem Ding mit starkem Stimmenmehr und zu deinem Nachfolger als Richter im Gau haben sie gekoren: –« »Claudius Labeo!« »Jawohl! Und Cerialis soll versprochen haben, Rom werde aus Labeos Geschlecht wieder Könige dulden bei den Batavern.« »Könige von des Imperators Gnaden! Statthalter Roms!« sprach Civilis schmerzlich. »Und die meisten Gaue folgten diesem Beispiel und unterwarfen sich.« Der graubärtige Ulemer aber seufzte: »Steht die Sache so, dann, mein armer Freund, kann ich auch für meine Friesen nicht mehr stehen! Die Angriffe der Trieren auf unsere Küste haben wir glücklich abgewehrt: liegt aber nun euer Land den Legionen offen zum Durchzug, fassen sie uns zugleich von der See und vom Binnenlande her: – dann werden unsere Gauleute verzagen.« »Du hörst all' das, Brinno!« sprach Civilis, tonlos. »Willst du nun noch immer nichts von Verhandlungen wissen, während der Römer volle Freiheit bietet?« »Ich! Oh, ich Unseliger, – ich darf dir nicht mehr widersprechen. Aber gieb acht, so klug du bist, – sie überlisten dich doch! Sei's bei Abschluß, sei's bei Erfüllung des Vertrages. O wäre Weleda schon zur Stelle!« »Bald wird sie hier sein. Und ich werde nichts ohne ihren Rat, nichts wider ihren Willen beschließen.« XXIII. Allein des Civilis Voraussetzung, Cerialis werde zu gleicher Zeit, an gleichem Ort mit ihm und mit der Seherin verhandeln, sollte nicht zutreffen. Der Römer hatte allerdings in beiden diese Annahme bestärkt; er hatte beiden für die Zusammenkunft den gleichen Tag bezeichnet und auch den gleichen Ort: – die Brücke über die Nabalia – einen der kleineren Rheinarme. Um Brinnos und anderer Mißtrauen zu beschwichtigen, hatte Cerialis eingewilligt, dieser Brücke in der Mitte die Balkenbeläge über ein Joch abzubrechen, so daß zwar die Stimmen, nicht aber ein Sprung der Verhandelnden von dem Süd- zu dem Nordende der Brücke reichen könne; so ward der Vorschlag der Zusammenkunft von Civilis und von Weleda angenommen. Der beredete Tag brach au. Von der Südseite her kam Weleda, begleitet von Welo, Sido, Brinnobrand, die ihr Civilis entgegengesandt hatte, sie sicher zu geleiten. Hier, auf der Südseite des Flusses, lagen die Zelte der Römer. Von der Nordseite der Brücke, vom rechten Ufer her, sollte Civilis, begleitet von seinem Knaben, von Katwald, Brinno, Ulemer, Uffo und einem Häuflein von Batavern kommen: es war ausbedungen, daß Römer und Germanen nicht mehr als je zwanzig Speere stark erscheinen sollten. Als sich Weleda dem Römerlager näherte, ritt ihrem Zug ein einzelner Tribun entgegen und lud sie ein, mit ihrem Gefolg in den Zelten der Römer zu warten, bis Civilis auf der anderen Seite der Brücke eingetroffen sei: dann solle sie mit den Ihren auf Kähnen zu den Batavern übergeführt werden. Brinnobrand spornte sein Rotroß an Welos Seite: »Du – du bist ihr Muntwalt: – dir zuerst gebührt's: – Einem fließt die Rede schlecht, wo es Verstand bedarf. Frage jenen Römer noch einmal, – feierlich! – ob sie ganz sicher ist?« »Du hast Recht, kluger Thor! – Höre, Tribun, bevor wir dir ins Lager folgen, – schwöre nochmal den Eid der Sicherheit.« Sofort erhob der Römer die Schwurhand: »Bei Jupiter, dem Rächer des Meineids! Cerialis hat geeidet: »Frei und sicher und unverletzt reitet die Jungfrau wieder aus meinem Lager.« Weleda hatte es gehört und doch – zögernd, schweren Herzens ritt sie mit ihrem Gefolge durch das decumanische Thor unter die gehaßten Feinde. Sie sah wohl, wie die Legionäre neugierig die barbarische Prophetin auf ihrem weißen Roß angafften: aber selbst diese rohen Kriegsknechte wagten kein freches Wort über sie, wie sie, strengen Blicks gerade ausschauend, hoheitsvoll ihres Weges ritt. Vor dem Feldherrnzelt schwang sie sich aus dem Sattel: die Zeltwache begrüßte sie ehrerbietig, wollte aber ihren Begleitern den Zutritt wehren. Da griff Brinnobrand in die vorgehaltenen Lanzen: »Wir mit – oder sie nicht!« sprach er. Auf den Wink des Tribunen ließ der Legionär ihre drei Begleiter in das Zelt folgen; die etwa fünfzehn Bruktrer, welche sie von der Lippe hergebracht, wurden in die nächste Lagergasse gewiesen. In dem reich, ja mit Verschwendung ausgestatteten Raum, der durch eine beiseite geschlagene Oberdecke volles Tageslicht empfing, trat ihr, gefolgt von mehreren seiner Führer, Cerialis in glänzendem Waffenschmuck entgegen. Er mußte hinauf sehen zu dem herrlichen Weibe: es durchschauerte ihn. – »Ja! Ihresgleichen sah ich nie! Was ist dagegen Claudia! Sehr herb – unerträglich stolz, aber übermenschlich schön. Hei, welche Wonne, diesen Stolz zu brechen! – Warte nur – nach dem Triumph!« Er reichte ihr die Hand hin; aber mit der Miene einer beleidigten Göttin hob sie ruhig ihre Rechte und legte sie auf den Busen. So tief demütigend die Bewegung war, – der Lüstling wagte keinen zweiten Versuch: er verzagte vor dieser Jungfrau wie ein Knabe. »Auch dafür – Rache!« sagte er zu sich selbst, während er sich wieder sammelte und die drei Begleiter eines kurzen Grußes würdigte. »Du also bist es, seit jener Kleopatra die größte Feindin Roms!« sprach er mit immer noch staunendem Blicke. Sie schwieg und sah ihm gerade in die begehrlichen Augen. Und der Besieger Lucretias und Claudias und so vieler andern! – er ertrug ihn nicht, den Ausdruck dieser hohen Reinheit. Er sah zur Seite: er deutete ihren Begleitern nach dem Trinktisch, auf dem ein kostbarer Weinkrug und mehrere Becher standen. So hatte er sich von seiner Verwirrung erholt. Nun begann er aufs neue: »Ich danke dem Zufall, der – durch ein Mißverständnis wohl – ihn noch auf dem andern Ufer fern hält, deinen Freund Civilis. Hei, wer sich solcher Freundin rühmen dürfte!« »Der müßte eben ein Civilis sein,« fiel Brinnobrand ein. »Oder – dessen Bezwinger, junger Gigant. Aber – warum antwortest du nicht, Seherin? »Du hast noch nichts gesagt,« sprach sie und sah über ihn hinweg. Gereizt entgegnete er: »O doch! Bist du wirklich des Besiegten Freundin, so rette ihn, indem du ihn gut berätst.« »Civilis berät sich selbst.« »Ei, man sagt, du seiest dieses Batavers Egeria. Wohlan, rette ihn, indem du ihm rätst, die Unterwerfung –« Drohend war das gesprochen worden: – er war einen Schritt näher getreten mit gefurchter Stirn. Aber der Erfolg war nicht der erwartete: ohne ihm noch einen Blick zu gönnen, wandte sie sich auf der Ferse und schritt zu dem Zelt hinaus; ihre drei Begleiter folgten ihr. »Feldherr,« mahnte einer der römischen Anführer in dem Zelte, »war das nicht allzu offen, allzu rasch? Freiheit, nicht Unterwerfung hattest du –« – »Warte das Ende ab!« – »Sie schied im Zorn! Sie wird den Bataver im Trotz bestärken.« – Cerialis gab keine Antwort; er machte einige Gänge durch das Zelt. »Glaubst du,« fragte er plötzlich stehen bleibend, »sie hat das Lager jetzt schon hinter sich?« – »Zu Pferd gewiß!« – »So eile. Steig' zu Roß. Du hast Recht. Ich habe mich anders besonnen. Sag' ihr, ich bäte sie, umzukehren. Sie solle nichts mehr von Unterwerfung, nur von voller Freiheit hören.« – »Sie wird sich sträuben.« – »So sag' ihr, – Civilis sei eingetroffen. Er , er selbst verlange sie zu sehen. Er muß ja auch bald da sein, Eile! – Und sage dem Centurio Macer, der vor meinem Zelt die Wache hält, das Wort: »Die Saat ist reif.« Der Tribun holte auf eilendem Roß den kleinen Zug nahe außerhalb des Lagers ein, er richtete seinen Auftrag eifrig aus. Aber Weleda ritt weiter: sie hatte gar nicht Zügel gezogen. Nun rief der Tribun: »Aber höre doch! Nicht nur Cerialis, – Civilis selbst.« Sie hielt das Pferd an. Er erkannte seinen Vorteil und fuhr fort: »Civilis läßt dir sagen ... –« »So ist er eingetroffen?« fragte Sido. Ohne ihm zu antworten fuhr der Römer fort: »Soll Civilis dich vergeblich bitten? Er – er selbst wünscht, daß du umkehrst.« »Thu's nicht, Weleda!« schrie Brinnobrand, wie außer sich, ihr in den Zügel fallend. »Sieh, da fliegt eine Nebelkrähe krächzend aus dem Lager gegen uns! Ein übler Angang! Thu's nicht, Weleda!« »Hörtest du nicht? Er erwartet mich!« Und mit kräftigem Ruck riß sie das Roß herum und spornte es so eilig gegen das Lager zurück, daß ihr die Männer kaum zu folgen vermochten. Die Gasse vor dem Feldherrnzelt war jetzt von hundert Legionaren besetzt: sie hielten die drei Gefolgen der Reiterin wieder an. »Es wird zu eng im Zelt,« erläuterte der Centurio. »Diese drei Männer gehen mit mir,« befahl die Jungfrau gebieterisch: – der Soldat gab nach. Einstweilen war der Tribun vorausgeeilt in das Zelt, das Gelingen seines Auftrages zu melden. Nur ein paar Worte raunte ihm Cerialis zu: – der Mann erblaßte. »Nein!« sprach er leise. »Das ist –« »Notwendig.« »Aber es ist –« »Des Imperators Gebot!« Einen Blick voll Erbarmens warf der Tribun auf die herrliche Mädchengestalt. »Wo ist Civilis?« fragte Weleda, sich umschauend. »Gleich – gleich wird er da sein. Ich erwarte ihn – ungeduldiger als selbst du. Einstweilen,« fuhr er langsam, aber sehr laut fort, – »die Saat ist überreif.« Da traten zehn Legionare mit dem Centurio in das Zelt. Cerialis riß das Schwert heraus und schrie: »Einstweilen bist du meine Gefangene.« Und er sprang auf den ihm nächsten Germanen zu und stach ihn nieder. Es war Welo. Noch einmal raffte der sich auf, »Römischer Hund,»schrie er, »so hältst du Wort?« »Ich hielt es. Einmal ritt sie frei aus dem Lager: – für zweimal hab' ich's nicht versprochen.« Da sank der Treue wieder um: »Flieh, Weleda!« hauchte er noch und starb. Im selben Augenblick hatten sich auf die beiden andern mehrere Legionäre geworfen, während Cerialis den rechten Arm der Jungfrau ergriff. Aber er taumelte zurück. Sido riß sich von den vier Armen, die ihn hielten, los, und führte mit dem Langmesser einen solchen Stoß auf des Cerialis Panzer, daß er bis an die Hinterwand des Zeltes zurückflog. Doch gleich darauf durchbohrten den Königssohn drei römische Schwerter. »O Weleda!« stöhnte er und war tot. Brinnobrand aber schüttelte die drei Feinde von seinen riesenstarken Armen, zog das kurze Beil aus dem Wehrgurt, schlug es dem Centurio Macer durch den Helm in den Schädel, schlug dem Tribunen durch den Schild tief in den Arm, schlug Cerialis die starke norische Schwertklinge in Stücke und riß Weleda glücklich durch die Zeltthür in das Freie hinaus; noch einen Römer hieb er hier zusammen. Weleda war es gelungen, – ihren Mantel ließ sie in der Verfolger Hand – sich jeder Ergreifung zu erwehren. Da scholl ihnen entgegen lautes Siegesgeschrei: die numidischen Bogenschützen – die mit den schwarzen Helmbüschen – sprengten heran. »Sieg! Cerialis! Der Überfall gelang.« »Zwei Giftpfeile trafen.« »Sterbend stürzte er in den Strom.« »Civilis ist tot.« »Ah!« schrie da Weleda und stürzte ohnmächtig auf das Antlitz nieder. Brinnobrand wollte sie emporreißen: er nahm das Beil in die Linke und hob an ihr mit der Rechten. Da sprang Cerialis hinzu, schwang ein frisches Schwert und hieb ihm die Rechte am Knöchel haarscharf vom Arm. Sein Blut überströmte ihr weißes Gewand. Er ließ das Beil fallen und zerrte an ihr mit der Linken. Ein Hieb in den Arm lähmte auch diese Hand. Da warf er sich über sie, mit dem Leibe sie zu decken. Nun stach ihm Cerialis das Schwert unter der erhobenen linken Schulter in die Brust. Der Sterbende drückte einen Kuß auf ihren weißen Nacken. »Das Beste vom ganzen Leben war der Tod!« hauchte er und starb. XXIV. Die Numider hatten recht berichtet. Cerialis hatte besonders eingeschärft, das erste Geschwader – »mit den besonderen Pfeilen« – zur Begrüßung des Batavers zu verwenden. Während Weleda zum zweitenmal in das Lager eintritt, war Civilis, begleitet von seinem Knaben und den drei Freunden, auf der Nordmündung der geländerlosen Brücke eingetroffen. Das Gefolge von etwa zwölf Kriegern war einige Schritte vor der Brücke abgestiegen und hütete dort der Führer und die eigenen Rosse. Brinno ging mißtrauisch zuerst allein auf die Brücke. Er überzeugte sich, daß in der That in dem Mitteljoch eine Lücke klaffte, über welche kein Wagesprung führen mochte. Er ging zurück und meldete das. »Da – auf unserem Ufer! – liegen ja auch die abgehobenen Balken und Bretter,« lächelte Civilis. Er winkte seinem Sohne, mit Katwald am Ufer zurückzubleiben, und ging mit den drei andern auf die Brücke. »Wo ist Cerialis?« rief er dem Tribunen auf der Südseite zu, – er erkannte ihn mit bitterem Groll: »es ist Labeo, der König der Bataver!« sprach er. »Und die beiden Führer hinter ihm,« rief Brinno grimmig, »das sind die Brigantiker!« »Ja,« rief Labeo herüber, »wir haben uns von Cerialis diesen Auftrag ausgebeten, euch gebührend zu empfangen.« »Und wo bleibt Weleda?« »Sie wird gleich im Lager sein,« sprach Julius. »Ich warte nur auf das Zeichen,« schloß Labeo; er wandte sich und blickte rückwärts. »Was rührt sich dort in dem dichten Gebüsch auf dem römischen Ufer?« fragte Brinno. »Siehst du nicht, Uffo?« »Jawohl,« erwiderte der, »auch das Schilf bebt.« »Es ist der Wind,« erklärte Cajus. »Es ist kein Wind, der springt erst um Mittag ein.« »Dann ist es Wild.« »Das ist kein Reiher und kein Fisch!« »Wieherte da nicht ein Roß?« forschte Ulemer. Da rief Labeo: »Seht das Zeichen!« »Auf des Feldherrn Zelt wird die Flagge aufgezogen,« sprach Julius. »Weleda ist im Lager!« frohlockte Cajus. »Jetzt!« – schrie Labeo und zog das Schwert. Da holten die siebzehn hinter ihm stehenden Legionare aus ihren weiten Mänteln Balken hervor, welche genau die erforderliche Länge hatten, – Cerialis selbst hatte das Maß genommen – warfen und schoben sie über die klaffende Lücke und eilfertig, mit wildem Kriegsgeschrei, liefen nun alle zwanzig hinüber, die Schwerter schwingend. »Verrat! Flieh, Civilis!« schrie Brinno. »Rette dich!« »Rette den Knaben!« rief Uffo. »Wir decken dir den Rücken!« schloß Ulemer. Und die drei Männer suchten, nebeneinander gestellt, vorn die Brücke zu sperren, während hinten Katwald, Merovech und die Gefolgen heraneilten. Aber Civilis wich nicht: als vierter sprang er in die Mitte: – der erste Anlauf der Römer ward zurückgeschlagen; hart vor Civilis stürzte Labeo tot nieder, bevor er mit diesem die Klinge gekreuzt: in die Stirne hatte ihn ein kurzer Bolz getroffen: der war befiedert mit der Schwinge des grauen Reihers. »Gut gezielt, Merovech!« rief Brinno. Es war sein letztes Wort. Denn nun sprengten aus dem Schilf und dem Gebüsch am Römerufer ein ganzes Geschwader numidischer Reiter auf die Brücke: ihre ellenlangen Pfeile schlugen ein wie grimme Vögel mit ehernen Schnäbeln. Civilis hatte keinen Schild, auch Brinno nicht: da warf sich der auf den Freund, mit beiden Armen ihn umschlingend, mit dem Leib ihn deckend. Den Augenblick erspähte Julius: tückisch sprang er vor und stieß dem Wehrlosen das Schwert in den Nacken. Die starken Arme verloren die Kraft, er glitt langsam nieder. Aber noch wich Civilis nicht. Da sah er Ulemer, von Pfeilen durchschossen, fallen, »O rette dich!« mahnte der Friese und starb. »Weh, weh um Weleda!« rief Civilis. »Ich habe sie in dieses Netz geführt.« Grimmig hatte Uffo bisher sich die Legionare vom Leibe gewehrt; er fegte die Brücke mit fürchterlichen Streichen seiner schweren Bootstange leer: fünf hatte er nieder oder über die Brücke hinabgeschmettert: da traf ihn ein Pfeil in die Brust: »Rette dich! Fahre wohl, Civilis!« rief er noch, warf die Stange weg und spähte scharf umher unter den Feinden: – die beiden Brigantiker standen nebeneinander – nun sprang er auf sie zu, umfaßte mit jedem Arm einen der Brüder und warf sich mit ihnen in den Strom. »Vater! Laß mich mit dir sterben!« rief Merovech und eilte mit Katwald auf der Brücke vor. Nun schickten sich die Reiter des ersten Geschwaders an, über die auf der Brücke hochgetürmten Leichen hinweg auf die Bataver einzusprengen, sie lebend zu greifen. Zugleich tönte an dem römischen Ufer ein Tubazeichen. Ein zweites Geschwader der Reiter stellte sich in Reih und Glied und machte sich fertig, schwimmend den Fluß zu überschreiten, die Brücke im Rücken zu fassen, und den wenigen noch übrigen Verteidigern den Rückzug abzuschneiden. Aber in diesem Augenblick trafen Civilis zwei Pfeile: der eine in die linke Brust, der andere in den rechten Schenkel; der Fuß versagte, knickte, und, da er – die Leichen häuften sich auf der Mitte – ganz auf den äußersten Balken rechts gedrängt war, stürzte er in den Fluß. Augenblicklich sprangen Katwald und der Knabe nach, ihn zu retten: allein er sank sofort: das blutig schäumende Wasser schlug hoch über ihren Köpfen zusammen. Nun tauchten sie: denn Speere und Pfeile flogen in Menge auf sie: – so verschwanden alle drei im Strom. »Aus ist der Bataverkrieg wie das Gallierspiel!« frohlockte Cerialis auf die Meldung hin. »Brecht das Lager ab. Der Sieges-Seherin legt goldene Fesseln an. Nun geht's – nach Rom!« XXV. Im triumphatorischen Schmuck, in die prachtvolle Palmata gehüllt, den vergoldeten Lorbeerkranz um die Schläfe, stand Cerialis in dem Schreibgemache Vespasians: nach der ihm im voraus gewordenen Verstattung durfte er, wenn auch der Kaiser allein wegen der Siege seiner Feldherren den Triumphzug hielt, diese beiden triumphatorischen Ehrenzeichen tragen. Es war der stolzeste Tag in des Siegers an Kämpfen und an Siegen reichem Leben. Geraume Zeit mußte der Angemeldete harren: es hieß, Vespasianus sei beschäftigt, sich von den Sklaven das Festgewand anlegen zu lassen. So hatte jener Muße, den Erinnerungen nachzuhängen, die dieser Raum ihm erweckte. Hier hatte er gestanden: – vor diesem Citrustisch – wieder war er mit Briefen und Urkunden bedeckt – noch nicht vier Monate waren es – eine ganze Woche fehlte – ein schwer verklagter Mann; hier hatte er Leben und Ehre dafür verpfändet, ein Werk zu vollenden, ein großes schweres Werk: – er kannte keinen unter seinen Waffengenossen, keinen, der das in gleicher, so kurz gesteckter Frist übernommen hätte: – er aber, er hatte es vollendet! Hier stand er wieder in dem gefährlichen Palast der Cäsaren: – ein stolzer Mann. Er hörte den Schritt des nahenden Imperators: sein nachschleppender Purpur rauschte heran: wohlan, er mochte kommen. Hoch richtete sich der Feldherr auf. Es befremdete ihn, daß der Herrscher nicht allein erschien: – hatten sie beide doch allein um jenen Vertrag, um jene bedingte Begnadigung gewußt: – unwillkürlich warf er einen raschen Blick nach dem geheimen Fach an der Wand, aus welchem damals Vespasian die lebensbedrohliche Urkunde genommen: sie war wohl längst zerstört, – das Fach stand geöffnet: es war leer. Nun trat Vespasianus ein: ihm folgten in das Gemach seine beiden Söhne und Mucianus, seine rechte Hand, dem Feldherrn, wie dieser wußte, wenig hold: ernst sahen sie alle darein, auffallend ernst für einen Tag des Triumphes: sein Auge suchte das des freundlichen Titus: er fand es nicht; mit gefurchter Stirn sah der Kaisersohn zu Boden. Des Vespasianus hohe Gestalt machte überwältigenden Eindruck: der Imperator trug bereits die Gewandung des Triumphators: diese war aber keine geringere, als die des kapitolinischen Jupiters selbst, die soeben aus dem Tempelschatz abgeholt worden war: die purpurne, mit Goldfäden gestickte Tunica palmata und die gleichfarbige, mit goldenen Steinen übersäte Toga picta und goldene Sandalen; in der Linken trug er das lange Scepter von Elfenbein, gekrönt mit dem blitztragenden Adler und das gewaltige Haupt umrahmte der dunkelgrüne Lorbeer. Er nahm nun Platz dem Feldherrn gegenüber auf einem purpurbehangenen Stuhl von Elfenbein; seine beiden Söhne stellten sich an seine beiden Seiten, Mucianus hinter ihn. »Petillius Cerialis,« hob der Imperator an mit einer Eiseskälte im Ton, welche den Erstaunten durchfröstelte, »wir haben vor Wochen eine Übereinkunft getroffen in diesem Saal. Ich verhieß, das über dich gefällte Todesurteil einstweilen unvollstreckt zu lassen.« »Was hat er davon zu reden – vor den andern?« dachte Cerialis unwirsch. »Wenn du in vier Monaten erfüllen würdest, was du übernahmst. Du bist zurück.« »Noch vor der Zeit,« unterbrach Cerialis stolz; er konnte seinen Unmut nicht mehr zügeln. »Noch kein Wort der Anerkennung, des Dankes!« grollte er in sich. »Vor der Zeit! In jedem Sinne. Denn du hast noch nicht erfüllt, was du versprachst.« Cerialis fuhr auf; wohlwollend winkte ihm Titus, zu schweigen. »Und wirst es nicht erfüllen in noch vier Monaten.« »Imperator,« sprach Cerialis zornig, »Gallien samt den Batavern liegt zu deinen Füßen und in goldenen Ketten harret Weleda, vor deinem Triumphatorwagen zu schreiten.« »Und wo ist Claudius Civilis?« »Tot, Imperator!« »Gelogen! Er lebt! Zuverlässige Kunde kam mir durch Mucianus hier. Er entkam lebend über den Strom, er liegt verwundet in dem Lande der Bruktrer.« Cerialis zuckte die Achseln. »Hat ihn Mucianus dort gesehen? Mag sein! Aber er trägt den Tod doch unheilbar in dem Leib. Mehr als ein Giftpfeil deiner Numider hat ihn getroffen und du weißt ...« »Genug! Sei's um den Bataver! Zwar hast du den Vertrag von deiner Seite nicht erfüllt: – und du übernahmst die Erfüllung unbedingt: – so bin auch ich nicht gebunden, zu leisten, was ich nur bedingt versprach. Aber sei's um Civilis. Ich rechne dir den Wunden als einen Toten. Allein, Petillius Cerialis, wo warst du in den ersten zwei Stunden der Schlacht bei Trier?« Das erbitterte den erfolggekrönten Feldherrn. Hochmütig erwiderte er: »wo immer ich im Anfang war, – am Ende stand ich als Sieger, zwar blutend, – für dich, o Vespasian! – aber doch als Sieger auf dem Feld.« Da erhob sich Vespasian in edler Wallung: heiliger Zorn blitzte aus seinem grauen Auge: majestätisch überragte die hohe Gestalt alle Anwesenden: »Und durch welches Mittel hast du die Stadt der Lingonen gewonnen? Durch welche Mittel Weleda gefangen und Civilis in den Rhein gestürzt?« »Durch Kriegslist, Imperator! Erinnre dich, ich fragte dich: in vier Monaten – um jeden Preis? Und du nicktest mir zu.« »Aber nicht um den Preis der Ehre Roms!« donnerte Vespasianus. »Nicht durch niederträchtigen Treubruch, durch Meineid und Verrat! Elender! Ich überlegte lang, ob ich dich nicht den schändlich Getäuschten ausliefern solle. Aber wem? Drei Völker haben ein Recht auf dein verruchtes Haupt. Die Lingonen für ihre verbrannte Stadt, die Bruktrer für ihre verratene Seherin, die Bataver für jenen tapfern Mann. Du hast nicht, wie der Höllenhund, drei Köpfe. Behalte denn dein ehrlos Leben! Aber aus ehrbarer, frommer Menschen Gemeinschaft scheidest du. Das längst gefällte Urteil wird nicht vollstreckt, ich begnadige dich ... – zur Verbannung für Lebenszeit. Hier, Mucianus,« er holte aus dem Purpurmantel eine Papyrusrolle hervor – »du haftest mir für ihn. Sofort schiffst du ihn ein: die Triere liegt im Tiber segelfertig bereit. Du schaffst ihn nach Cassyra, auf das ödeste Felseneiland des Weltmeers! Kein Wort, Verruchter! – Und nun meine Söhne, folgt mir! Zum Triumph! Hört ihr? Da unten scharren auf dem Marmor die Rosse vor dem goldnen Wagen. Nicht über die wieder hereingebrachte gallische Provinz: – über Germanen triumphiert wieder einmal ein römischer Imperator. Zum erstenmal seit Germanicus, seit mehr als zwei Menschenaltern. Und wie damals das Weib des Cheruskers, soll heute, als Germaniens Bild und Wahrzeichen, jene Weleda vor meinem Wagen gehn. Auf! Zum Kapitol!« XXVI. Einstweilen hatte sich der Triumphzug nach alter Sitte vor der Stadt – außerhalb des Pomeriums – auf dem Marsfeld geordnet. Sein Weg führte durch die Porta triumphalis in den Cirkus Flaminius, in welchem viele Tausende von Zuschauern Platz fanden, dann in die Stadt durch die Porta Carmentalis und über das Velabrum und das Forum boarium in den Cirkus Maximus, dann zwischen dem Palatium und dem Caelius hindurch auf die Sacra via und über das Forum auf das Kapitol. Die Spitze des Zugs bildeten die höchsten Beamten und die Senatoren; es folgten die Tubabläser: darauf wurde die Beute getragen oder gefahren: sie war diesmal nicht sehr reichlich ausgefallen: den Germanen war nicht viel abzunehmen und über die nur zum Gehorsam zurückgeführten Gallier sollte ja nicht triumphiert werden: so hatte denn Vespasian bildliche Darstellungen herstellen lassen des gewaltigen vielhornigen Rheinstroms, der Sumpfwälder an der Lippe. Darauf wurden die goldenen Kränze getragen, welche die »dankbaren Städte Galliens« – Langres in seinem Schutt, Trier, Metz, Reims, Besançon – »ihrem Befreier Vespasian« dargebracht hatten. Glänzend gekleidete Jünglinge und Knaben, goldene und silberne Opferschalen in den Händen, geleiteten hierauf die Opfertiere: es war eine ganze Herde: einhundertundzwanzig weiße Stiere, deren vergoldete Hörner von Binden und Kränzen umflochten waren. Es sollten nun folgen jene vornehmsten Gefangenen, die nicht als Sklaven verkauft, sondern zur größten Verherrlichung dieses Tages bestimmt waren: sie wurden, nachdem der Triumphator das Kapitol erreicht, in einem Kerker am Fuße desselben, bevor das Opfer begann, erwürgt wie Jugurtha oder mit dem Beil enthauptet wie Vercingetorix oder kürzlich erst der Judenführer Simon. An solchen hervorragenden gefangenen Kriegern fehlte es diesmal nun völlig: von den Führern der Germanen war nicht Einer lebend in die Hände der Römer gefallen: – die zwölf zahmen Bären, die Cerialis angekauft hatte in den gallischen Rheinstädten, waren doch nur ein dürftiger sinnbildlicher Ersatz für Brinno oder Sido: deshalb eben sollte die gefangene Seherin hier das stolzeste Schaustück des Triumphes abgeben. Hinter den Gefangenen waren aufgestellt die Liktoren des Triumphators in Purpurgewanden, Stäbe und Beil bekränzt; dann vierzig Kitharisten und Flötenbläser. Hinter diesen stand bereit, Vespasius gewärtig, der ganz vergoldete Triumphwagen, von Lorbeer umflochten, mit vier schneeweißen Rossen bespannt, umwogt von schönen, reich gekleideten Knaben, die kostbare Weihrauchgefäße schwangen, und von den gewaffneten Apparitores. Hinter dem Wagen hätte nun Cerialis als Legat des Triumphators schreiten sollen; statt seiner war jetzt aber hier den Söhnen Vespasians der Platz im Zuge bestimmt. Den Schluß bildeten die sieghaften Legionen: alle fünf, die Cerialis nach Gallien gebracht, waren zurückgeführt, dagegen die abtrünnig gewesenen dort belassen worden. Diese Kriegsscharen, in ihren besten Rüstungen und Waffen, an Helmen, Feldzeichen und Speeren mit Kränzen geschmückt, weit über dreißigtausend Mann, boten eine stolz gewaltige Schau; aus ihren Reihen scholl, wie die Freiheit dieses Tages verstattete, manch Scherz- und Spottlied auf den sparsamen Imperator, auf den verliebten Cerialis und dessen Unauffindbarkeit in gar mancher Nacht. XXVII. Zu derselben Stunde, da des Cerialis Schicksal entschieden worden und der Triumphzug nur noch des Imperators und seiner Söhne harrte, nahte den Bädern des Nero, unfern der fabricischen Brücke, am linken Tiberufer, wo Weleda gefangen gehalten wurde, ein Zug römischer Legionare, geführt von einem Tribun. Die breite mit weißen Marmorplatten bedeckte Krone der Mauer hart oberhalb des tiefen Stromes schmückten zahlreiche Bildsäulen von Göttern, Imperatoren, Helden. Lorbeer, Oleander und andere immergrüne hochragende Büsche, in mächtigen und kostbaren Vasen hier aufgereiht, warfen ihre dunkeln Schatten, ob auch die heiße Sonne des Südens unbewölkt von dem tiefblauen Himmel hernieder brannte. Hier oben wandelte, das Antlitz der kühlenden Luft, die vom Tiber wehte, zugekehrt, Weleda in weißem Gewand; die beiden Hände waren durch eine lange, dünne, goldene Fessel aneinander gekettet: mehr zur Schau für die Römer als zur wirklichen Bindung der Gefangenen; willig hatte sie sich die Kette anlegen, willig auch – wie ein Opfer – das lichte Haar durch einen vollen Eichenkranz umwinden lassen. Neben ihr schritt bedächtig ein ernster, bleicher Jüngling mit tiefliegenden schwermütigen Augen; er barg Wachstafel und Griffel in den Falten seiner Toga. – »Ich danke dir, Jungfrau,« sprach er bedachtsam. »Vieles hab' ich von dir erforscht und erfahren über deines Volkes Sitte und Eigenart. Viel verstand ich: – anderes ahne ich: – aber noch mehr, viel mehr muß ich davon aus dir schöpfen.« Ein seltsam Lächeln spielte um die Lippen der Gefangenen. »Nein, Weleda!« rief der Jüngling. »Bange nicht um dein Leben, nicht um deine – um dein Los.« »Ich bange nicht.« »Es hat mich, seit ich dich unter den Gefangenen entdeckt, – seit ich dich sprechen durfte – hohe Bewunderung für dich erfaßt. Ich habe nur durch des Imperators Sohn erbeten –« »Meine Freiheit?« »Unmöglich! Aber ...« »Unmöglich! Und das sagt von allen Römern, die ich sah und sprach, der edelste und beste! Ein Knabe noch und schon so tief durchtränkt von römischer Niedertracht! Aber es ist gut so! Je fauler der Apfel, desto früher sein Fall.« »Völker knospen,« sprach der Jüngling sinnend, »Völker blühen, reifen: – müssen alle faulen? – Jedenfalls – ihr in euern Wäldern seid noch fern der Fäulnis; ihr knospet erst. Herb, aber, mir ist, zukunftvoll. Ich will an den Rhein: – ich muß noch mehr von euch erkunden. Du aber, – deine rührende Gestalt erbarmt mich.« »Spare dein Mitleid für Rom. Es wird dessen brauchen, wann der Tag der Vergeltung anbricht. – Und doch,« – milder sah nun das graue Auge auf ihn – »habe Dank! Dein Wesen, deine scheue Zurückhaltung haben mir wohlgethan, und daß du so eifrig, so klug mich fragtest, nicht mit Verachtung gegen die Meinen. Ach! bin ich denn noch Weleda? Ich, die mit Göttern Zwiesprach tauschte, die ich im Rauschen der heiligen Wipfel hohe Weissagung vernahm, der die Wirbel des Stroms Siegverheißung zugeflüstert? Wehe, ausgerissen aus dem Boden der Heimat neig' ich hoffnungslos das Haupt, welkend, wie die ausgerissene Blume unter diesem heißen Sonnenbrand! Wo bist du, mein dunkelkühler, morgenfrischer Buchenwald? Dort – dort im fernen Norden suchen dich Auge und Sehnsucht!« Da tönte draußen vor der Gartenmauer ein Tubaruf! der kleine Zug hielt vor der Pforte, der Tribun schritt waffenklirrend in den Hain der Bäder und stieg die Marmorstufen hinan, die auf die Mauerkrone führten. Er begrüßte ehrerbietig den Jüngling, den er als Günstling des Imperators kannte, und begann: »Komm, Barbarin! Es ist Zeit.« Sie antwortete nicht; sie hatte, sobald die Legionare nahten, ihnen den Rücken zugewendet; verträumt sah sie gen Norden. »Zeit? Wozu?« fragte der Jüngling. – »Für den Triumph! Alle Straßen sind bekränzt, offen stehen die Thüren aller Tempel! Auch du eile, Cornelius Tacitus. Titus hat nach dir gefragt: du sollst ihn begleiten.« – »Aber die Jungfrau?« – »Das Barbarenweib wird die besiegte Germania darstellen: in goldnen Ketten wird sie vor des Vespasianus Wagen gehn.« – »Ich fürchte sehr, das ist zu früh. Wie oft schon, wie lange schon triumphieren wir über das unterworfne Germanien? Seit jenen Kimbrern! Und immer wieder müssen wir's besiegen.« »Komm, Barbarin! Der Imperator wartet nicht.« Und da sie ihn nicht zu hören schien, stieg er von der letzten Stufe auf die Mauerkrone hinauf, schritt an dem Jüngling vorbei und streckte die Hand nach ihr aus. Sie wich, rückwärts gehend, rasch ein paar Schritte. »Horch! Von der Stadt, vom Theater des Marcellus her, dringt schon der Triumphsang der Legionen und der jauchzende Zuruf der Zuschauer: »Io triumphe!« – Folge! Hast du nicht verstanden?« »Ich habe verstanden,« rief sie. »O diese Stunde – und auch ihren Abschluß – senden mir die Götter, die Götter der Heimat! Seit der scheußliche Verrat mich getroffen, ach! waren sie mir verstummt, waren sie von mir gewichen. Aber heute – in dieser Stunde: – ich fühl's: sie steigen auf mich nieder.« »So weissage denn wieder!« lachte der Tribun. »Du hattest ja der Deinen Sieg verheißen. Heute erfüllt sich deine Weisheit!« Da sprach die Jungfrau und ihr helles Auge blitzte: »Nie, so wenig wie Weleda, führt ihr Germania im Triumph ein!« »Das Omen nehm' ich an! Komm, Germania! Wie schön von deinem weißen Arme sich die goldne Fessel hebt!« Mit einem Ruck der kräftigen Arme riß sie die dünne Kette in der Mitte entzwei. »Nicht in meinen Fesseln kehrten die Hohen bei mir ein, aber jetzt – aus freier Seele – darf ich wieder weissagen! In diesem Schauer, der mich zorneskalt durchrinnt, weht, wie daheim durch der Esche Wipfel, Wodans Atem.« Sie wandte sich abermals gen Norden: »Siehst du, Römer!« und sie warf das Haupt in den Nacken, daß das Haar wie eine Silberwoge um sie flutete, – »dort – – von den fernen Bergen steigt herab in euer Land, hell in Waffen, eine ganze Heldenwelt. Immer neue, neue Scharen! Namen, voll von Siegesklang! Adlerhelme seh' ich blinken! Horch! die Hörner! Horch! Der Schildgesang! Heil, ihr blonden Siegeskönige! Schwingt die Streitaxt! Seht, es birst das Thor! Es springt die rost'ge Völkerfessel, wie Weledas Kette sprang! Du räche mich' du wirst, du mußt mich rächen, Geist des Civilis!« Staunend hatte der Tribun diese wilde Erregung angesehen: besorgt trat der Jüngling an ihm vorüber einen Schritt näher. Nun folgte ihm der Krieger, er wollte nach ihr greifen. Aber sieh! Plötzlich schwang sich von der hohen Mauer hinab in die Tiefe eine leuchtende Gestalt, rasch und hell, wie ein Stern vom Himmel schießt: – schon trug der Fluß die schöne Tote fort ins freie Meer. XXVIII. Wo tief in dem grünen Waldland der Cherusker die Weser durch ein düstres Tannicht zieht, da ragt auf dem rechten Ufer nahe dem Fluß aus der feuchten Niederung ein mäßiger Hügel. Auf seiner Krone ruhen, von Menschenhand geschichtet, ein paar mächtige Steine; Moos und Steinbrech hatten sie schon damals üppig überwachsen; in den obersten war kunstlos ein Kurzschwert geritzt, die alte Waffe der Cherusker. So mochte die Hügelgruft über ein Menschenalter hier gewölbt sein. Einsam lag das Grab: ringsum tiefe Stille, die feierliche Stille des Urwalds. Weit und breit kein Gehöft, keine Spur von menschlicher Siedelung, von Wiesenmahd oder Feldbau. Es war Spätherbst; die gelben Blätter fielen langsam von den Erlen und Eschen, die gemischt unter dem Nadelholz standen. Der kalte Nebel spann um die Wipfel der hohen schlanken Tannen, in kleinen weißen Wolken von dem Strom und den sumpfigen Ufern aufsteigend. Zwei Raben saßen, wie Grabwächter, auf dem obersten Stein. Nun flogen sie auf und strichen langsam, langsam ab, tiefer zu Walde – nach Osten. Denn von Westen, vom Flusse her, nahten Schritte. Es waren zwei Männer und ein Knabe. Der eine der Erwachsenen führte an dessen linkem Arm den andern, der nur mit Anstrengung, matt Fuß vor Fuß setzend, vorwärts kam; auf des Knaben Schulter, der zur Rechten schritt, stützte sich der Leidende, als es nun hügelaufwärts ging. Endlich war die Krone der Anhöhe erreicht. »Hier ist der Ort,« sprach der Führende; »da ragen die vier Steine.« »Und sieh, Vater, hier, auf dem obersten, das eingehauene Schwert! Wir haben's doch gefunden: – obwohl du des Gastfreundes Wegweisung ablehntest. Warum? Der Pfad durch den Wald war doch stark verwachsen.« »Ja, mein Sohn. Leicht und bald verwächst der Weg zu Gräbern: – auch der Herrlichsten! Die Völker sind undankbar. Oder doch: vergeßlich. Es ist verzeihlich. Jedes Geschlecht hat seine eigne Sorge, die Arbeit seiner Tage. Sie nehmen sich nicht oft Zeit, vergangner Größe zu gedenken. – Weshalb ich den Cherusker nicht mitnahm? Weil du allein, mein Sohn, mit dem treuen Katwald vernehmen sollst, was ich dir zu sagen habe an dieser Stätte. Der Ort ist heilig, Knabe. Küsse diesen Stein! Dies ist das Grab Armins.« Voll Ehrfurcht beugte Merovech das Knie, die blonden Locken fielen auf den grauen Stein. Müde ließ sich Civilis auf der untersten Felsplatte nieder. »Hier liegt er, der größte Held, von dem unser Volk zu sagen und zu singen weiß. Hier liegt er, den die eignen Stammgenossen meuchlerisch gemordet, weil sie ihre Freiheit schützen wollten vor ihm, wie sie sagten, das heißt: weil sie seine Größe nicht ertrugen. Solang er lebte, haben sie ihm schlecht gehorsamt: manchen Sieg haben sie ihm verdorben durch ihre »Freiheit«, ihre« Ungehorsam, ihre Zwietracht. Und zuletzt – da haben sie ihn – seine eigenen Cherusker! – hinterrücks beim Versöhnungsschmaus erstochen. Das ist der Dank der Völker, Merovech.« Er zuckte; er drückte die Linke gegen die Rippen. »Vater, schmerzt die alte Wunde wieder: – von dem bösen Pfeil?« »Nicht die , mein Liebling.« »Herr, du wirst so bleich! Der Gang war doch zu weit. Trink! Ich habe Wein für dich in diesem Lederschlauch.« Civilis wehrte schweigend ab. »Aber,« fuhr der Treue fort, »weshalb auch so weit wandern? Du bist noch arg wundsiech. Was du dem Knaben warnend sagen wolltest, das konntest du auch an der Lippe sagen und am Rhein!« »Nein, Katwald, ich mußte an dies Grab. Um meinet- und um des Sohnes willen.« Er erhob sich mit wankenden Knieen: »O hör' es, Armin, der du da oben hoch über jenen Nebelwolken aus Walhall auf mich niederschaust: – hör' es, großer Ohm, wie dein ach! so kleiner Neffe dich um Vergebung anfleht für die Schuld von zwanzig Jahren! Ich selbst habe – mein unselig Beispiel hat mein Volk verrömert: was Wunder, daß sie zuletzt – nach meiner eigenen Thorheit! – zu Rom sich wandten wider mich. Ich verzeih's ihnen.« »Aber ich nicht, Vater!« rief Merovech zornig, sein schönes Antlitz erglühte, ungestüm warf er das Gelock zurück. »Ich niemals. Die Undankbaren! Die Elenden! Abfallen von ihrem Befreier, von ihrem Helden, der sie von Sieg zu Sieg geführt. Wahrlich, sie sind nicht wert ...« »Schweig, Knabe! Nie mehr solch ein Wort!« »Aber du sprachst ja gerade selbst in bitterem Hohn vom Dank der Völker!« »Und sind sie undankbar, – was dann? Nicht um des Volkes Dank sollst du deines Volkes Held werden, sondern weil du mußt: – aus Pflicht der Ehre! Sieh, deshalb, deshalb hab' ich dich hierher geführt: – an dieses Grab. Nicht, um dich zu warnen, nein, um dich zu mahnen, um dich heilig, unablösbar, zu verpflichten für dein Volk. Schaue hierher! Hier liegt Armin, so unvergleichlich herrlicher denn dein Vater. Weißt du, was sein letztes Wort war, als ihm die Seinen, all' Cheruskia verfluchend, den Dolch aus dem Rücken zogen? Weißt du was er sprach, mit brechenden Augen: »Ich litte alles, – auch Thusneldas Ketten! – und ich thäte doch alles: nochmal ! Das Höchste bleibt – mein Volk.« So sprach Armin und starb. Und so, Merovech, so sollst du denken und leben. Wohl sah ich den Groll, den bittern, in dir aufwachsen in diesen langen Wochen, da du mit Katwald mich gepflegt in dem sumpfigen Versteck. – Da reifte in den langen schlummerlosen, schmerzensreichen Nächten in mir der Gedanke an dieses Grab, an diesen Weg: – an diese heilige Wallfahrt. Und ich bat die Götter, mir nur noch so lang Leben und soviel Kraft wieder zu schenken, daß ich dich hierher führen könne. – Sie wollen, daß ich's vollbringe: – darum haben sie mich erhört. Dank ihnen! Hier, an diesem Grabe, reiß' ich dir den Groll wider dein Volk mit der letzten Wurzel aus der Brust oder – bei Wodans Speer! – ich töte dich, Knabe! Einen Hasser der Meinen« – hier sprang er auf und griff grimmig an das Schwert – »will ich nicht gezeugt haben! Glaub' es mir, nein, glaube dem großen Ohm: trotz allem und allem: dein höchstes Gut bleibt doch dein Volk, das deine Sprache spricht, das dein Recht und deine Sitte lebt. Reiße dich los von diesem Stamm und du verdorrst so gewiß, wie hier der dürre Ast zu deinen Füßen. Ihm dankst du, was du bist, dein Blut und deine Eigenart. Ihm, deinem Volk allein, sollst du leben! Sonst bist du pflichtlos, ehrlos, marklos, kernlos! Willst du das, kannst du das, Merovech, mein lieber Sohn? O trotze nicht! Wende nicht das Haupt zur Seite. Es ist deines Vaters letztes Gebot: – sein Todeswunsch! Denn – ich fühl' es – meine Füße werden diesen Weg nicht mehr zurückgehn.« Er ließ sich niedergleiten auf die Felsplatte: Katwald umfaßte ihn stützend. Da warf sich der Knabe laut aufschreiend vor ihm nieder und umschlang seine Knie und schluchzte: »O Vater! Lieber Vater! Alles! alles, was du willst! Ich fühl' es: du hast Recht.« Mit feuchten Augen legte der Sieche die zitternde Hand auf den blonden Scheitel. »So ist's gut! So ist's recht, mein Liebling! Schwöre mir denn bei diesem heil'gen Grabe, schwöre mir, abzuthun von dieser Stunde an jeden Groll gegen das arme bethörte Volk der Bataver und es zu lieben und für dies Volk zu leben und zu sterben.« Und der Knabe sprang auf, legte die rechte Hand auf den obersten Stein, auf das Schwertbild, und sprach fest: »Ich schwöre«: – seine Stimme zitterte nicht mehr. »Gut: – Armin und Wodan haben es gehört! Aber nun noch eins: – dann ist mein Lebenswerk beschlossen. Einen Rat – mein Vermächtnis! – höre noch! Die Bataver meiner Tage – der Ausgang hat es schmerzlich klar gezeigt! – sie waren noch nicht reif für das, was ich gewollt: die Zucht, der Gehorsam fehlt ihnen wie unsern Vettern hier rechts von dem Rhein. Vielleicht noch lange, lange, lange bleibt es so! Vielleicht muß erst die Not, der drohende Untergang sie Eintracht lehren und Gehorsam. Auch du, mein Knabe, schaust wohl den Tag ihrer Reife noch nicht: – du nicht und viele deiner Enkel! Aber versprich mir, das Gedächtnis, dein Gelöbnis dieser Stunde ...« »Nie vergeß ich es!« »Ich weiß es. Aber das genügt nicht. Deinen Söhnen, deinen Freunden, allen, die es wert sind, vertraue das Geheimnis dieser Stunde und des Civilis letzten Rat. Wir sind zu schwach allein gegen Rom, ja, gegen jede große Gefahr! Solange Gau für Gau, Völkerschaft für Völkerschaft allein für sich nur sorgt, für sich nur kämpft, müssen sie erliegen. Ihr müßt euch zusammenthun! Für Frieden und für Krieg. Die Genossen des eignen Stamms, aber auch die Nachbarn, wie es Berg und Thal und die gemeinsame Abwehr vorzeichnen und verlangen: schließt euch zusammen – zum festen Bund, zum unaufkündbaren – nicht nur, wie bisher, je für Einen Krieg! Dieser Bund der Freiheit wird eure Freiheit schaffen und schützen. Diesen meinen Rat, – pflegt ihn, vertraut ihn, vererbt ihn von Geschlecht zu Geschlecht. Das, mein Sohn, das sollst du mir als zweites schwören. Nein! Nicht wieder bei diesem Grab! Bei – ach! dem einzigen Erbe, das dir dein Vater hinterläßt: – verbrannt liegt – von dem eignen Volk verbrannt! – unser Hof und alle Habe: – sieh hier dies Schwert! Oft hab' ich es zum Sieg geschwungen: – der Mörder deines Bruders fiel durch diese Klinge. – Schwöre mir auf dieses Schwert, du wirst meinen Rat vererben.« »Ich schwöre, Vater.« »So nimm es hin: es ist jetzt dein eigen!« »Aber, Vater, – dieser Bund der Freien und Franken, der Rechts- und Kampfgenossen, – wie soll sein Name sein?« Civilis schwieg einen Augenblick: »nennt euch die Franken ! Euer Name selbst soll euch der Pflicht gemahnen. Aber nennt euch laut , vor der Welt, erst so, wann ihr's geworden seid: frank und frei, stark und stolz! – Und nun, mein Merovech, und du, getreuer Katwald – laßt mich – eine kleine Weile noch – ich fühl's, es währt nicht lange mehr! – allein an dieser Gruft – beim Geist Armins. Und ist's zu Ende – hier – auf freiem Boden! – senkt mich ein, nicht allzuweit – von seinem Grab.« »O Vater, Vater!« »Was klagst du? Ich sterb' an blut'ger Wunde: von diesem Grab hinweg, hinauf zu Wodan und Armin, holt mich die Walküre. – Bist du es, die da oben schwebt? Ich warte dein! Komm, Weleda!«