Giovanni di Boccaccio Fiammetta Übersetzt von Sophie Mereau (Brentano) Inhalt Prolog Erstes Buch Zweites Buch Fiammetta schreibt von dem Scheiden ihres Geliebten, seiner Abreise und ihrem aus dieser Trennung erfolgten Schmerz. Drittes Buch Worin sich zeigt, welches die Gedanken und Handlungen Fiammettens waren, bis an den Zeitpunkt, wo ihr Geliebter zu ihr zurückzukehren verheißen hatte. Viertes Buch Die Dame Fiammetta erzählt, wie es ihr zu Ohren gekommen, daß Panfilo eine Frau genommen, und schildert darauf, wie sehr sie an seiner Rückkehr verzweifelt und in Schmerzen gelebt habe. Fünftes Buch Fiammetta schildert, wie sie bei der Nachricht, daß Panfilo nicht verheiratet sei, sondern eine andere Frau liebgewonnen habe und deshalb nicht zurückkehre, in die höchste Verzweiflung geraten sei und sich selbst habe töten wollen. Sechstes Buch Die Dame Fiammetta gibt Kunde, wie einer, Panfilo genannt, aber nicht der ihrige, an den Ort ihres Aufenthalts gekommen sei und sie, von dieser Nachricht getäuscht, sich einer eitlen Freude hingegeben habe, bis sie zuletzt, ihren Irrtum erkennend, in die vorige Traurigkeit zurückgefallen sei. Siebentes Buch Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. Schluss Fiammetta redet ihr Buch an, gibt ihm Vorschriften, wie und wohin es sich wenden, auch, wen es vermeiden soll, und schließt. Es beginnt das Buch, genannt die Klage der Dame Fiammetta, von ihr den liebenden Frauen gewidmet Prolog Fiammetta spricht: Unglücklichen pflegt Lust aus der Klage zu erwachsen, erkennen oder fühlen sie Mitleid in andern. Da nun mir, die mehr als andere zur Klage geneigt, in langer Übung ihr bittrer Quell nie versiegte, ja noch reichlicher sich ergoß, so wünsche ich euch, o edle Frauen, in deren Herzen vielleicht glücklichere Liebe wohnet, durch die Erzählung meiner Leiden zu frommem Mitleid zu bewegen. Es liegt mir nicht am Herzen, daß meine Rede zu den Männern gelange, vielmehr bleibe sie ihnen, soviel ich dazu vermag, gänzlich verborgen; denn so jammervoll hat sich an mir die Härte eines einzelnen erwiesen, daß ich, alle andere ihm ähnlich wähnend, eher höhnendes Lächeln als mitleidige Tränen von ihnen erwarte. Euch allein, die ich durch mich selbst als beweglich und für Unglück mitleidend kenne, bitte ich, mich zu lesen. Aber ihr werdet nicht griechische Fabeln, geschmückt mit schöner Lüge, nicht trojanische Schlachten, befleckt mit dunklem Blute, hier finden – nur Mythen der Liebe und die Kämpfe heftiger Leidenschaft; in ihnen werden die bittern Tränen, die ungestümen Seufzer, die klagenden Töne und stürmischen Gedanken vor euern Augen erscheinen, welche, mit ewigem Stachel mich peinigend, Nahrung, Schlummer, fröhliche Zeit und die geliebte Schönheit von mir genommen haben. Wollt ihr diese Dinge mit jenem Herzen, das den Frauen eigen zu sein pflegt, betrachten, o! so bin ich versichert, ihr werdet, jede für sich selbst oder alle zusammen vereint, die zärtlichen Wangen in Tränen baden, welche mir, die anders nichts sucht, ein Quell ewigen Schmerzes sind; so bitte ich euch denn, haltet sie nicht zurück und denket, daß, sollte meinem Geschick, dem wandelbaren, das eure ähnlich werden (was Gott abwende!), es euch lieb sein würde, solche Tränen von mir wiederzuerhalten. Damit nun die Zeit nicht mehr in Worten als in Tränen vergehe, will ich mich bemühen, schnell zu meinem Versprechen zu kommen. Von freundlicher Liebe, die glücklicher war als beständig, beginne ich, damit ihr, von jener Seligkeit zur traurigen Gegenwart blickend, erkennet, daß ich unglücklicher bin als irgend eine andere; dann will ich die bösen Tage, um welche ich mit Recht weine, mit rührender Klage begleiten, so gut ich es vermag. Doch zuerst, wenn anders das Flehen der Elenden erhört wird und wenn eine Gottheit im Himmel lebt, deren heiliger Gedanke von Erbarmen gegen mich bewegt ist, flehe ich, tiefbetrübt und gebadet in meinen Tränen, zu ihr, daß sie helfe der trauernden Erinnerung und unterstütze die bebende Hand zu diesem Werke, und beide also stärke, daß jene die Worte gebe und diese, williger als stark zu solchem Geschäft, die Leiden, also wie ich sie in der Seele erlitten habe und noch leide, niederschreibe. Fiammetta Erstes Buch Die Dame Fiammetta beschreibt, wer sie war und durch welche Zeichen ihre künftigen Leiden ihr vorher angedeutet wurden; auch, zu welcher Zeit, wo, auf was für Art und in wen sie verliebt ward; nebst der darauf folgenden Freude. In den Tagen, wo die neu geschmückte Erde sich schöner als in der ganzen übrigen Zeit des Jahres zeigt, kam ich auf die Welt, von edlen Eltern gezeugt und von einem freundlichen, überreichen Glück empfangen. O! unseliger Tag der Geburt! welcher Sterbliche darf dich mit größerm Abscheu betrachten als ich? Ach! wie weit glücklicher, wenn ich nie geboren wäre, oder wenn sie mich bald nach der traurigen Geburt ins Grab getragen hätten, wenn die Parze den Faden meines Lebens in derselben Stunde, wo sie ihn ausgezogen, auch wiederum abgerissen hätte! Dann hätte die unentfaltete Knospe meines Daseins all die unendlichen Qualen in sich verschlossen, die mir nun betrübten Stoff zu dieser Schrift darbieten. Doch was hilft es, mich zu beklagen? Ich lebe! Es gefiel Gott und gefällt ihm noch, mich auf der Erde zu lassen. Die freudenvollsten Umgebungen hatten mich auf Erden empfangen; Vergnügen war meine Nahrung, und als die zarte Kindheit verschwunden war und das liebliche Mädchenalter begann, lehrte eine ehrwürdige Meisterin mir alle die Sitten, die einer edlen Jungfrau angemessen sind. Und so, wie ich an Alter wuchs, wuchsen auch meine Reize, die vornehmsten Quellen meines Unglücks. Ach! wie stolz schlug mir das Herz, so klein ich auch noch war, wenn ich meine Schönheit von so vielen preisen hörte! wie bemüht war ich, sie durch Sorgfalt und Kunst immer mehr zu erhöhen! Und als ich in ein reiferes Alter getreten war und die Natur mich wahrnehmen lehrte, wie heftig weibliche Schönheit die Jünglinge zu entflammen vermag, da bemerkte ich bald, daß mein Reiz – ach ein trauriges Geschenk für ein Herz, das ruhig und tugendhaft zu leben wünscht! – alle meine Gespielen und viele andere edle Männer immer mehr mit zärtlicher Glut entzündete. Sie alle waren bemüht, durch ausdrucksvolle Blicke und Worte, in zahllosen Versuchen mir das Gefühl mitzuteilen, das sie verzehrte und das mich selbst in der Folge stärker als alle anderen zu entflammen und zu verzehren bestimmt war. Viele auch zeigten sich, die mit höchstem Eifer meine Hand zu erhalten strebten. Doch da bald darauf derjenige unter ihnen, welcher mir in jeder Hinsicht am angemessensten war, mein Gemahl ward, so zerstreute sich mit der verlorenen Hoffnung die beschwerliche Schar der Liebhaber, und sie hörten auf, mich mit ihren verliebten Torheiten zu bestürmen. Mit einem so würdigen Gemahl, wie billig, vollkommen zufrieden, lebte ich nun höchst glücklich, bis die sinnberaubende Liebe mit nie empfundenem Feuer mein jugendliches Gemüt erfüllte. Ach! damals gab es nichts in der Welt, was meinen Wunsch – ja den Wunsch irgend einer Frau – hätte reizen können, was mir nicht sogleich im vollen Maß gewährt worden wäre! Mein junger Gemahl fand in mir sein einziges Gut, seine höchste Glückseligkeit, und so wie er von mir geliebt ward, liebte er mich auch wieder. O! wie weit glücklicher als andere hätte ich mich preisen können, wenn das Gefühl solcher Liebe mir stets treu geblieben wäre! Ich war zufrieden, und mein Leben schien ein immerwährendes Fest, als das Glück, welches schnell die irdischen Dinge verkehrt und die mir geschenkten Güter selbst zu beneiden schien, auf einmal seine Hand von mir abzog und mit schlauer Überlegung, auf welche Art es meine Ruhe am besten vergiften könne, mich durch meine eigenen Augen den Weg ins Verderben finden ließ. Und gewiß, kräftiger hätte das Gift auf keine andere Weise wirken können als auf diese. Aber die Götter, die mich damals noch liebten und wegen meines Geschickes besorgt waren, sahen, wie das Glück mir heimlich nachstellte, und wollten meine Brust bewaffnen, wenn ich anders ihren Willen verstanden hätte; nicht unbewehrt sollte ich in den Kampf gehen, in dem ich fallen sollte. Deshalb ward ich in der Nacht vor dem Tage, da mein Verderben begann, durch ein deutliches Gesicht über die künftigen Begebenheiten erleuchtet, und zwar auf folgende Weise: Mir, die ich auf dem weichsten Lager, alle Glieder waren in tiefem Schlaf aufgelöst, ruhete, kam es vor, als wäre es Tag, aber heiterer und strahlender wie noch je, und ich selbst fröhlicher und leichter als jemals. Und weiter schien es mir, als säße ich in meinem fröhlichen Mut ganz allein auf dem zarten Grün einer Wiese, wo die Schatten jung blühender Bäume mich vor den sengenden Strahlen der Sonne schirmten. Der ganze Grund war mit Blumen übersäet; ich hatte verschiedene gepflückt und mit meinen weißen Händen in eine Falte meines Gewandes gesammelt: jetzt zog ich jede Blume einzeln hervor, und aus den schönsten und gewähltesten wand ich mir einen Kranz, womit ich meine Locken schmückte. So Proserpinen gleich geziert, als Pluto sie ihrer Mutter raubte, stand ich auf und ging mit fröhlichem Gesang durch den neuen Frühling dahin, bis ich ermüdet mich in das weiche, dichte Gras ausstreckte und ruhete. Aber ebenso wie damals ein verborgenes Tier Eurydicens zarten Fuß verletzte, so kam es mir im Traum auch vor, als schliche sich aus dem Gras eine Schlange zu mir heran, die mich unter der linken Brust verwundete. Anfangs schien es mir, als fühlte ich bei dem ersten Biß ihrer scharfen Zähne ein leichtes Brennen. Und da ich nichts Schlimmeres besorgte und kühner ward, verbarg ich die kalte Schlange an meinem Busen, weil ich durch die Güte, sie an meinem Busen zu wärmen, sie zu bewegen hoffte, auch mir freundlicher zu sein. Aber durch meine Milde nur stolzer geworden und sicherer, nahte sie mit ihrem verruchten Mund wiederum der mir gegebenen Wunde, und nachdem sie lange mein Blut getrunken hatte, dünkte es mir, als schlüpfte sie von meinem Busen hinweg und schliche mit neuem Leben unter die Blumen, wo sie zuerst gelegen hatte. Und wie sie verschwand, trübte sich der fröhliche Tag, sein Schatten kam hinter mir her und bedeckte mich ganz. Und so wie die Schlange sich entfernte, folgte die Dunkelheit, als würde sie von ihr angezogen. Eine Menge dunkler Wolken drangen herab und folgten ihr. Und so wie ein weißer Stein, in tiefes Wasser geworfen, nach und nach vor den Blicken des Zuschauers undeutlich wird und verschwindet, so verlor auch ich sie endlich ganz aus dem Gesicht. Jetzt sah ich den Himmel gänzlich eingehüllt, die Sonne war hinweggegangen, und ich glaubte, eine Nacht sei angebrochen, wie sie einst bei den Griechen dem Verbrechen des Atreus folgte. Blitze zuckten in wilder Verworrenheit durch den Himmel, und mein Herz bebte gleich der Erde vor der furchtbaren Stimme des Donners. Meine Wunde, die mich bis jetzt nur an einer Stelle geschmerzt hatte, verbreitete sich mit giftiger Glut, und ohne rettende Heilmittel ward der ganze Körper von einer häßlichen Geschwulst bedeckt. Mit der Flucht der Schlange schien auf eine unbeschreibliche Art mir auch die Seele entflohen zu sein. Ich fühlte, wie die Macht des Giftes auf den feinsten Zugängen nach dem Herzen drang, und ich streckte mich auf die frischen Rosen hin, um den Tod zu erwarten. Schon schien der Augenblick gekommen zu sein, wo ich sterben sollte, als mein Herz, noch von Schrecken über den furchtbaren Sturm pochend und den Tod erwartend, einen so heftigen Schmerz empfand, daß der ganze Körper auch im Schlummer erzitterte und die Bande seines tiefen Schlafes zerrissen. Kaum war ich erwacht, so fuhr ich, noch voll Furcht über mein Traumgesicht, schnell mit der rechten Hand nach der verwundeten Stelle. Ach! ich suchte in der Gegenwart die Wunde, welche erst in Zukunft meiner harrte! Als ich mich gesund und unverletzt sah, da kehrten schnell mein fröhlicher Mut und meine Sicherheit zurück; ich verhöhnte die Torheiten meines Traumes und vereitelte so die Bemühung der Götter. Ach weh mir, daß ich diese damals verachteten Winke, zu meinem tiefen Schmerz, in der Folge für wahr anerkennen mußte! – Was half es mir, meine Blindheit zu beweinen und die Götter anzuklagen, daß sie ihre Geheimnisse dem groben Sinn des Menschen so dunkel und unverständlich kundtun und ihre Warnungen nicht eher begreiflich werden, bis die Begebenheiten selbst sie erklären! So war ich denn erwacht und richtete das schlaftrunkene Haupt in die Höhe. Da fiel durch einen kleinen Spalt ein Strahl der neuen Sonne in meine Kammer; mit ihm entwich mir jeder andere Gedanke, und fröhlich stand ich auf. Dieser Tag war höchst feierlich für jedermann. Deshalb wandte auch ich die größte Sorgfalt an, mich festlich zu schmücken. Mein Gewand leuchtete von Gold, und mit Meisterhand wußte ich mich, gleich einer der Göttinnen, als sie sich in Idas Tal dem Paris zeigen wollten, zu zieren, um an der großen Festlichkeit würdig teilnehmen zu können. Als ich mich jetzt im Spiegel sah und wie der Pfau seine schimmernden Federn von allen Seiten betrachtete, als ich in süßer Selbstbewunderung den andern ebenso zu gefallen hoffte wie mir selbst, da weiß ich nicht, wie es geschah, daß eine Blume meines Hauptschmuckes sich in den Vorhang meines Lagers verwickelte und zur Erde fiel. Vielleicht auch, daß eine himmlische Hand, von mir ungesehen, sie mir entführte. Ich aber, auch dieses geheimen Winkes der Götter nicht achtend, hob sie wieder auf, befestigte sie von neuem in meine Locken und ging hinweg, als wenn nichts geschehen wäre. Ach! konnten die Himmlischen mir ein deutlicheres Zeichen von dem, was mir bevorstand, geben? Gewiß, sie konnten es nicht. Hätte ich es recht verstanden, so war dies hinreichend, mir zu sagen, daß an diesem Tage meine Seele, die bis dahin eine freie Herrin ihrer selbst gewesen war, ihr Fürstentum verlieren und eine Sklavin werden sollte – und es ward! O! wenn damals mein Gemüt gesund gewesen wäre, so hätte ich leicht erkennen müssen, welch ein schwarzes Verhängnis an diesem Tag über mir waltete, und im stillen, in meine Wohnung eingeschlossen, hätte ich ihn verlebt! Aber es berauben die himmlischen Mächte die, gegen welche sie erzürnt sind, der wahren Einsicht, obgleich sie ihnen die heilsamen Winke über ihr Heil nicht vorenthalten. Und so scheint es, daß sie mit einem Male beides, ihrer Schuldigkeit Genüge leisten und ihren Zorn sättigen, wollen. Mein Schicksal also wollte, daß ich glänzend und mit sorglosem Mut mein Haus verließ. Von mehreren begleitet, gelangte ich mit abgemessenen Schritten in den geheiligten Tempel, wo die an solchen Tagen üblichen, feierlichen Gebräuche bereits begonnen hatten. Mir aber hatten ein alter Gebrauch und mein Rang unter den andern Frauen eine sehr ausgezeichnete Stelle aufbewahrt, und sobald ich Platz genommen hatte, unterließ ich nicht, meiner Gewohnheit nach die Augen nach allen Seiten hin zu wenden und die vielen Männer und Frauen zu betrachten, welche in verschiedenen Gruppen den Tempel erfüllten. Die heiligen Gebräuche huben an, und sobald man mich im Tempel wahrnahm, geschah es, wie ich schon gewohnt war, daß nicht allein die Männer, sondern auch die Frauen ihre Blicke bewundernd auf mich hefteten, nicht anders, als wäre eine Göttin sichtbar zu ihnen herabgestiegen. O! wie oft hatte ich bei mir selbst diesen Wahn belächelt, der mich jedoch sehr ergötzte und mich in meinen Gedanken wirklich zu einer Göttin erhob. Alle die Kreise von Jünglingen hörten nun auf, sich um andere zu drehen, und bildeten, dicht um mich versammelt, gleichsam einen Kranz, indes sie abwechselnd über meine Schönheit sprachen und mich fast einstimmig erhoben und rühmten. Und ich, indes meine Augen mit andern Gegenständen beschäftigt schienen, lauschte ihren Worten mit der süßesten Wollust und gönnte ihnen dann wohl, als wäre ich ihnen deshalb verpflichtet, einige günstigere Blicke. O! nicht einmal, sondern oft bemerkte ich dann, wie einer oder der andere sich deshalb mit leerer Hoffnung schmeichelte und gegen seine Gefährten voll Eitelkeit brüstete. So von vielen angestaunt, nur wenigen einen Blick gönnend und fest glaubend, daß meine Schönheit alles besiegte, nahte der Augenblick, wo ein fremder Reiz meiner selbst sich gänzlich bemeistern sollte. Er erschien, der verderbliche, schmerzhafte Augenblick, der mir gewissen Tod oder ein unendlich qualvolles Leben erschaffen sollte, und von einem unbekannten Geist getrieben, erhob ich mit leichtem Anstand die Augen und überschaute die Menge der um mich versammelten Jünglinge mit festem und sicherm Blick. Dicht in meiner Nähe zeigte sich mir an eine Marmorsäule gelehnt ein Jüngling, dessen Ansehen und Anstand, was bis dahin noch nie geschehen, meine Aufmerksamkeit unwiderstehlich an sich fesselte. Seine Gestalt – so urteilte ich schon damals, da mein Urteil noch nicht durch Liebe befangen war – hatte die schönste Form, seine Bewegungen zeigten die größte Anmut, Anstand und Kleidung Würde und Schicklichkeit. Die Zartheit seiner Wangen gab ein sprechendes Zeugnis seiner Jugend, und seine Blicke, mit denen er aus der ganzen Versammlung mich auszeichnete, waren ebenso zärtlich als verständig. Zwar stand es in meiner Gewalt, meine Augen von ihm wegzuwenden, aber keine Gewalt vermochte, wie ich mich auch immer bemühte, die schnell empfangenen Eindrücke aus meinem Herzen zu verdrängen und meinem Sinn eine andere Richtung zu geben. Das Bild seiner Schönheit war bereits tief in meine Seele gedrückt, mit geheimer Wollust schaute ich es an, und erfinderisch wußte ich mit Gründen die Empfindung all des Herrlichen, was mir in ihm erschien, zu rechtfertigen. Es entzückte mich, der Gegenstand seiner Blicke zu sein, doch war ich stets auf meiner Hut, sooft sein Auge mir begegnete. Aber einmal, als ich, ganz sorglos über die Gefahr, ihn betrachtete und meine Augen länger und fester als gewöhnlich auf den seinigen verweilten, da schien es mir, als läse ich in ihnen deutlich die Worte: ›O Gebieterin! Du allein bist meine Seligkeit!‹, und mein Entzücken war so groß, so überraschend, daß mit einem leisen Seufzer mein Herz die Antwort gab: ›Und du die meinige!‹ Doch schnell mich fassend und meiner selbst bewußt, drängte ich sie von der Lippe zurück. Doch was auch der Mund verschweigt, wird dennoch von dem Herzen verstanden, und hätte ich damals ausgesprochen, was ich im Innern verschlossen hielt, vielleicht daß ich jetzt noch frei wäre. So aber schwieg ich und verstattete meinen törichten Augen die größte Freiheit, sich an den Reizen zu sättigen, die sie bereits so sehr entzückt hatten. Ach! hätten die Götter, die jedes Ereignis zu einem verständigen Zweck leiten, mir damals nicht allen Verstand geraubt, ich könnte jetzt noch mir selbst angehören! Doch ich verbannte alle Überlegung, ich folgte meinen Gelüsten und setzte so mein Gemüt in den Stand, leicht eine Beute der Liebe zu werden. Und wie der Lichtstrahl eigenmächtig von einem Ort zum andern fliegt, drang ein Feuer aus seinen Augen, das mit dem feinsten Strahl die meinigen traf. Aber nicht die Augen allein; weiß ich es, durch welche geheimen Wege er plötzlich bis zum Herzen drang, daß dieses, erschreckt über die unvermutete Erscheinung des fremden Gefühls, alle Lebensgeister zu sich rief und ich äußerlich ganz blaß und fast ohne Leben und Wärme blieb? Aber nicht lange, so entzündete eine schnelle Glut das Herz; alle Lebensgeister waren von der innern Flamme ergriffen. Die Blässe verschwand, eine brennende Röte trat auf meine Wangen, und ich seufzte still über die Quelle dieses Wechsels, den ich verwundernd wahrnahm. Von diesem Augenblick an hatte ich keinen andern Gedanken mehr als den, ihm allein zu gefallen. Dies alles ward von ihm, der unbeweglich seinen Platz behielt, mit feinem, scharfem Blick beobachtet. Vielleicht schon erfahren im Reich der Liebe und mit den Waffen bekannt, welche die gewünschte Beute leicht erobern können, nahm er sogleich die Miene der frömmsten Demut und eines liebenden Verlangens an. Ach! welche Arglist war unter dieser Milde, dieser Unterwürfigkeit verborgen! Einmal aus seinem Herzen entwichen – so hat es mich der Erfolg gelehrt –, war die fromme Liebe nie wieder dahin zurückgekehrt und leuchtete nur mit betrügerischem Schein aus den Zügen seines Angesichts. Doch ich will nicht jeden kleinen Zug voll von erfinderischer Arglist erzählen, und es sei genug, zu sagen, daß sein ganzes Wesen mich mit schneller, unerwarteter Liebe entzündete. Ich weiß nicht, war es sein Werk oder das Werk der Schicksalsmächte: genug, ich liebte ihn, und ich liebe ihn noch! Dieser also war es, ihr mitfühlenden Frauen, den mein Herz vor allen andern wählte! Nach einer flüchtigen Aufmerksamkeit erkor es sich unter so vielen edeln, schönen und mutigen Jünglingen meines ganzen Landes nur diesen allein auf ewig, zum unumschränkten Gebieter meines Lebens. Er war es, den ich über alles liebte und liebe. Er war es, welcher Anfang und Quelle all meiner Leiden sein sollte, und wie ich hoffe, auch meines Todes. Dies war der Tag, der mich zuerst aus einem freien Weib zu der elendesten Sklavin machte. Dies war der Tag, an dem ich die Liebe, mir bis dahin gänzlich unbekannt, zum erstenmal kennenlernte. Dies war der Tag, an dem das Gift der Leidenschaft zum erstenmal die reine, keusche Brust durchdrang! Ach! daß zu meinem Elend je ein solcher Tag der Welt geleuchtet hat! Wieviel Schmerz und Angst wäre mir ferngeblieben, wenn dichtes Dunkel diesen Tag verschlungen hätte! Doch was klage ich! Das einmal geschehene Übel kann eingesehen, aber niemals wieder gutgemacht werden. Ich war bezwungen; die feindliche Macht, deren Gewalt ich erlag, war es eine Furie der Hölle oder eine feindliche Schicksalsgöttin, welche meine reine Glückseligkeit beneidete und ihr nachstellte – sie durfte sich seit diesem Tag mit der größten Hoffnung eines unfehlbaren Triumphs tragen. Ganz in der neuen, unbekannten Leidenschaft verloren, saß ich erstaunt und mir selbst entrückt unter den andern Frauen; die heiligen Lieder wurden von mir kaum gehört, viel weniger verstanden, und ebensowenig vernahm ich, was die Gespielinnen unter sich oder mit mir redeten. So sehr erfüllte die neue, plötzliche Liebe meine ganze Seele, daß ich mit Blicken und Gedanken stets nach dem geliebten Jüngling hingewandt war und in mir selbst nicht begreifen konnte, wohin ein so heftiger Trieb mich führen würde. O! wie oft schalt ich, voll Sehnsucht, ihn näher bei mir zu sehen, sein Verweilen hinter den andern und schrieb auf die Rechnung der Lauigkeit, was nur seine Klugheit war. Denn schon war die Aufmerksamkeit der andern Jünglinge, die vor ihm standen, erregt: da meine Augen immer einen unter ihnen suchten, so wähnten sie selbst das Ziel meiner Blicke und vielleicht meiner Sehnsucht zu sein. Während ich verloren in träumerischen Gedanken war, ging der Gottesdienst zu Ende; schon waren die Gefährtinnen aufgestanden, um den Tempel zu verlassen, als ich endlich die Seele, die das Bild des lieblichen Jünglings umschwebte, gewaltsam zurückrief und, was um mich her vorging, wahrnahm. Ich stand auf, und meine Blicke, die den seinigen zu begegnen suchten, lasen in seinen Augen, was die meinigen ihm selbst zu sagen strebten: wie schmerzlich mir das Weggehen sei! Gleichwohl mußte ich, mit Seufzen und ohne zu wissen, wer er sei, mich aus dem Tempel entfernen. O! wer sollte glauben, meine Freundinnen, daß ein einziger Augenblick das Herz in so hohem Grade erschüttern, daß ein nie gesehener Mann auf den ersten Anblick so unbegreiflich geliebt werden könne! Wer sollte glauben, daß das Anschauen allein die Sehnsucht so wunderbar entzünden könnte, daß, dieses Anschauens beraubt, ein brennender Schmerz die Seele durchdringt und nur der Wunsch nach Wiedersehen sie ganz erfüllt! Wer sollte glauben, daß nichts von allem, was uns sonst höchst erfreulich war, nach diesem neuen Eindruck uns mehr ergötzt? Ach! gewiß keiner vermag es, der diese Erfahrungen nicht gleich mir selbst gemacht hat oder macht. Warum mußte die Liebe nur gegen mich mit nie erhörter Grausamkeit verfahren! warum einen Gefallen daran finden, nach neuen Gesetzen mich zu beherrschen? Denn mehr als einmal habe ich sagen hören, die Liebe sei anfänglich kindisch und unbedeutend, nur durch die Phantasie genährt und mit Kräften ausgerüstet werde sie erst stark und bedeutend. Aber wie anders ist sie mir erschienen! Mit siegreicher Gewalt erfüllte sie im ersten Moment mein Herz und erfüllt es noch; vom ersten Augenblicke an ward sie unumschränkte Gebieterin meines ganzen Wesens. Ergangen ist es mir wie frischem Holz, das schwer und mit Widerstand Feuer fängt, aber wenn es einmal angezündet ist, es länger und mit stärkerer Glut festhält. Als ich mich endlich allein und frei in meinem Gemache befand, von mancherlei Wünschen entflammt, mit neuen Gedanken erfüllt und von neuen Sorgen gepeinigt, und nun dies alles in dem Bilde des lieblichen Jünglings sich verlor, da gedachte ich, daß, wenn es auch unmöglich sei, die Liebe aus meinem Herzen zu verjagen, ich sie doch zum mindesten verschwiegen und vorsichtig in der traurigen Brust verschließen müsse. Aber wie schwer diese Sorge ist, kann nur der begreifen, der sie erfahren hat; ja ich irre wohl nicht, wenn ich glaube, daß die Liebe selbst keine größere Qual verursacht als sie. Auch wußte ich nicht, wen , ich fühlte nur, daß ich liebte. Doch alle die Herzensbewegungen zu schildern, welche die Leidenschaft in mir erzeugte, würde zu weitläufig sein: nur einiges sei mir vergönnt. Bald fühlte ich, wie eine nie empfundene, lebhafte Freude sich meiner bemächtigte. Dann suchte ich alles andre zu vergessen und ergötzte mich einzig und allein in dem Gedanken an den geliebten Jüngling, bis mich die Sorge wiederum störte, daß ich durch solche Träumerei gerade das Geheimnis verraten möchte, welches ich so sehr zu verhehlen strebte, und dann verwies ich mir selbst mein Nachsinnen. Vor allem aber sehnte ich mich zu erfahren, wer der fremde Jüngling sei, und meine Liebe machte mich bald sinnreich genug, schlaue und geschickte Mittel zu erfinden, dies Verlangen zu befriedigen. Auch fand ich jetzt allen Schmuck, der mir bis dahin, weil unbrauchbar, gar gleichgültig gewesen war, bedeutend und schätzbar. Jetzt hielt ich ihn für ein Mittel, noch mehr zu gefallen, und aus diesem Grunde kamen mir Kleider, Gold, Perlen und mancher andere köstliche Putz als Dinge von Wert und hoher Wichtigkeit vor. Und ich, die bis dahin Tempel, Feste, Meeresufer und Gärten bloß in der unschuldigen Absicht, mich mit meinen jungen Gespielinnen zu erfreuen, besucht hatte, fand mich jetzt von einem neuen Verlangen an diese Orte gezogen, denn mein Herz sagte mir, daß ich meinen Abgott dort sehen und von ihm gesehen werden könnte. Gleichwohl floh mich das Vertrauen, das ich in meine Schönheit zu setzen pflegte. Nie verließ ich mein Gemach, ohne von meinem Spiegel die treuesten Ratschläge eingezogen zu haben, und meine Hände, von einer unbekannten Meisterin belehrt, wußten jeden Tag einen neuen reizenden Putz zu erfinden, der durch künstliche Schönheit die natürliche hob und mich unter allen Frauen glänzend hervorleuchten ließ. So fing ich jetzt auch an, die Ehrenbezeugungen, die mir teils aus der gegen Frauen üblichen Achtung, vielleicht auch wegen meines Ranges erwiesen wurden, gleichsam für Pflicht anzusehen. Denn im stillen schmeichelte ich mir, daß mich mein Geliebter nur begehrenswerter und der Liebe würdiger finden würde, je herrlicher und prachtvoller ich vor ihm erschien. Die den Frauen angeborne Sparsamkeit entwich gänzlich von mir, und meine eigenen Angelegenheiten wurden mir so unwichtig, als gingen sie mich gar nichts an. Die Kühnheit wuchs, die weibliche Mäßigung fehlte bei allem, und manches war mir jetzt unendlich lieber geworden als sonst. Auch veränderten meine Augen ganz ihren Charakter, und sie, die bis dahin mir nur allein zum Sehen gedient hatten, erlernten jetzt eine wunderbare Fertigkeit, sich auf das sinnreichste verständlich zu machen. Noch vieles könnte ich erzählen von den Veränderungen, die in mir vorgingen, wenn ich nicht fürchtete, zu weitläufig zu sein, und auch glaubte, daß ihr, die ihr gleich mir die Liebe kennt, auch sehr wohl wisset, wie mannigfaltig die seltsamen Wirkungen ihrer Allgewalt sind. Mehr als eine Erfahrung bewies mir, wie äußerst vorsichtig und verständig der Jüngling war. Denn nur selten und mit größter Besonnenheit kam er an die Orte, wo ich war, und als hätte er den gleichen Entschluß gefaßt wie ich selbst, die Flamme der Liebe vor jedem fremden Auge zu verbergen, betrachtete er mich nur mit bescheidenen und vorsichtigen Blicken. Sein Anblick hauchte stets die lebendigen Flammen in mir zu höherer Glut an, und die erlöschenden – wenn es deren gab – wurden von neuem entzündet. Gleichwohl war der Anfang dieser Liebe bei weitem nicht so leicht und fröhlich wie das Ende traurig und schwer. Oft blieb ich seines Anblicks beraubt, und eine schmerzhafte Ahnung von Leiden drang in mein Herz. Dann quollen aus dem Herzen gar tiefe Seufzer hervor, und das Verlangen, das aus dem leisesten Gefühl sprach, versetzte mich gleichsam außer mir selbst, so daß alle, die mich sahen, über mein Betragen erstaunten. Doch von der Liebe selbst gelehrt, fehlte es mir nicht an zahllosen Vorwänden, durch welche ich dies rätselhafte Benehmen zu erklären wußte. Auch fehlte mir oft die Ruhe des Nachts, oft die nötige Nahrung bei Tage, und nicht selten fühlte ich mich zu Handlungen verleitet, mehr wahnsinnig als rasch, und zu Reden, die ich sonst nie zu gebrauchen pflegte. So geschah es, daß der sorgfältige Putz, die brennenden Seufzer, die neue Art zu sein, die wilden Bewegungen, die verlorne Ruhe und andere Dinge, die mit der neuen Liebe bei mir eingezogen waren, unter dem übrigen Hausgesinde die Aufmerksamkeit meiner Amme erregten, die an Jahren alt und an Einsicht nicht jung war. Diese, durch eigene Erfahrung schon mit dieser traurigen Glut bekannt, stellte sich gleichwohl ganz fremd und stellte mich mehrmals über mein seltsames Benehmen zur Rede. Und da sie mich einst voll Melancholie auf meinem Lager ausgestreckt und mein Gesicht mit trüben Gedanken bedeckt fand, hub sie an, da kein Dritter zugegen war, mich mit diesen Worten anzureden: »O Töchterchen! das mir so lieb ist, wie ich mir selbst bin, sag, welches Bekümmernis drückt dich doch seit einiger Zeit? Keine Stunde geht dir ja ohne Seufzer hin, dir, die ich sonst immer leicht und frei von aller Schwermut zu sehen gewohnt war.« Ich seufzte tief, als ich sie so reden hörte; meine Farbe wechselte mehr als einmal, und ich wandte mich hin und her, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. Kaum war ich meiner Zunge mächtig, um ein verständliches Wort hervorzubringen. Doch antwortete ich endlich: »Liebe Amme, es ist nichts Neues, was mich drückt, noch fühle ich anders, als ich zu fühlen gewohnt bin. Es ist bloß der natürliche Lauf der Dinge, der den Lebendigen, wie du wohl weißt, nicht immer auf gleiche Art zu sein vergönnt und der auch jetzt mich mehr als gewöhnlich sinnig und tiefsinnig macht.« »Töchterchen,« versetzte die Alte, »gewiß hintergehst du mich. Und glaubst du, es sei so leicht, einer erfahrenen Person mit Worten etwas einzureden, was doch Gebärden und Aussehen Lügen straft? Es ist nicht nötig, mir das zu verhehlen, was ich schon seit mehreren Tagen ganz deutlich in dir erkannt habe.« Ach! als ich sie so reden hörte, so geängstet und gequält wie ich war, brach ich in die Worte aus: »Wozu denn also die Fragen, wenn du schon alles weißt? Du hast dann nichts weiter zu tun, als das wohl zu verhehlen, was du entdeckt hast.« »Wahrlich,« erwiderte sie, »ich werde das wohl verhehlen, was nicht erlaubt ist, daß es ein anderer wisse. Und eher wird die Erde sich auf tun und mich verschlingen, ehe sich meine Lippen auf tun und ich jemals etwas kundtue, das dir zur Schmach gereichen könnte. Schon vor langer Zeit lernte ich die Kunst des Schweigens, und darum lebe wegen deines Geheimnisses in Sicherheit und suche nur mit allem Fleiß es vor andern zu verbergen, damit keiner errate, was ich, ohne dein Geständnis, bloß aus deinem Wesen erkannt habe. Ja, wenn die Torheit, worin ich dich verloren sehe, zu dir paßte, wenn sie des Verstandes würdig wäre, den ich sonst an dir kannte, so wollte ich es gern deinen eigenen Gedanken überlassen, denn ich wäre sicher und gewiß, daß meine Vorstellungen gar nicht nötig sein würden. Da du aber, jung und unbewacht wie du bist, dich auf Gnade und Ungnade diesem grausamen Tyrannen hingegeben hast und dieser, seiner Gewohnheit nach, dir mit der Freiheit auch die Einsicht raubt, so will ich dich wohl ermahnt und gebeten haben, daß du aus deiner keuschen Brust die schlechten Gäste auf das schleunigste entfernst, die ehrlosen Flammen dämpfest und dich nicht zur Sklavin der schimpflichsten Hoffnung erniedrigst. Jetzt ist die Zeit, mit Gewalt zu widerstehen, denn wer im Anfang wacker und mutig kämpft, dem gelingt es, die schimpfliche Liebe zu verjagen, und ihm bleibt Sicherheit und Sieg. Der aber, welcher sie lange mit schmeichelnden Gedanken nährt, der kann nur spät und schwer das Joch abwerfen, dem er sich fast freiwillig unterworfen hat.« »Ach!« sagte ich da, »wie weit leichter ist es doch, dies alles zu sagen, als es selbst zu tun.« »So schwer auch immer die Ausführung sein mag,« erwiderte sie, »so ist sie doch möglich und muß geschehen. Überlege selbst, mein Töchterchen, ob du die Hoheit deines Stammes, den großen Ruhm deiner Tugend, deiner Schönheit Blüte, deiner Zeitgenossen Verehrung und noch alle die andern Dinge, die einer edlen Frau wert sein müssen, und vor allem die Gunst deines Gemahls, den du so sehr liebst und von dem du wiederum so sehr geliebt wirst, hingeben möchtest, um diesen einzigen Wunsch zu befriedigen. Gewiß, dies darfst du nicht wollen, und ich glaube auch nicht, daß du es willst, sobald du mit dir selbst zu Rate zu gehen weißt. Darum beschwöre ich dich bei Gott, nimm dich zusammen und jage die falschen Freuden, die nur eine eitle Hoffnung dir verheißt, weit von dir hinweg und mit ihnen die treulose Glut. Ich beschwöre dich demütigst bei dieser alten, treuen Brust, die schon manche Sorge bewegt hat und von welcher du die erste Nahrung empfangen hast, suche dir selbst zu helfen und trage Sorge für deine Ehre. Achte meine Ratschläge nicht gering, sondern denke, daß der ernste Wille, geheilt zu sein, schon ein Teil der Gesundheit ist.« Hierauf sagte ich ihr: »O! liebe Amme, ich sehe hinlänglich ein, daß alles, was du mir sagst, durchaus wahr ist, aber ein fremder Wahnsinn zwingt mich, das Schlimmste zu erwählen, und das Herz, im stillen mit ihm einverstanden, strengt sich vergebens an, deinen Rat zu befolgen, und selbst der Wille der Vernunft wird durch die herrschende Gewalt überwunden. Liebe besitzt und bemeistert mit ihrer Göttlichkeit mein Gemüt gänzlich, und du weißt, daß es kein leichtes Unternehmen ist, ihrer Macht zu widerstehen.« Als ich das gesagt hatte, sank ich wie erschöpft und überwunden in ihre Arme. Sie aber, noch mehr bewegt als zuvor, begann mit strengerem Ton folgende Worte: »Ihr allein, ihr schönen jungen Frauen, von mutwilligen Flammen entbrannt und gereizt, habt es ausgefunden, daß die Liebe eine Gottheit sei, da doch der Name Furie passender für sie wäre. Ihr nennt Amor den Sohn der Venus und behauptet, daß ihm seine Gewalt aus dem dritten Himmel verliehen sei, bloß in der Absicht, eure Torheit mit der Notwendigkeit zu entschuldigen. O! ihr Betrogenen und aller Einsicht wahrhaft Beraubten, wißt ihr wohl, was ihr behauptet? Er, welcher von einer höllischen Furie gepeitscht, leichtbeschwingt über die Welt hineilt, ist keine Gottheit, sondern vielmehr eine Tollheit zu nennen. Seht ihr nicht, daß er nur die besucht, die er in weltliche Glückseligkeit versenkt findet? Bloß weil er in ihren eitlen und müßigen Gemütern leicht Eingang findet. Und sehen wir nicht dagegen die allerheiligste Venus, die Göttin der Liebe, die zu der menschlichen Fortdauer nicht allein zuträglich, sondern notwendig ist, oft in Hütten verweilen? Ohne allen Zweifel! Aber diesen, der fälschlich statt Teufel Gott genannt wird, diesen gelüstet nur nach eitlen Dingen, und er besucht stets nur die Günstlinge des Glücks. Dieser Erzschelm überredet die Prachtliebenden und Überfeinen zu köstlicher Nahrung und Kleidern, mischt sein Gift darunter und bemächtigt sich so ihrer elenden Seelen. Nur selten oder niemals sieht man ihn in den Hütten der Armut. Er ist eine Art von Seuche, die nur schwache, verzärtelte Teile angreift, weil diese für ihre verderblichen Wirkungen am zugänglichsten sind. Wie oft sehen wir unter dem einfältigen Volk tüchtige, gesunde Triebe, aber die Reichen, im Scheine ihres Goldes, streben, unersättlich wie sie in allen Dingen sind, auch hier oft nach mehrerem als sich geziemt. Und der, welcher viel besitzt, wünscht zu besitzen, was er nicht besitzt. So erkenne ich auch dich als eine sehr unglückliche Frau, die bloß aus allzugroßem Wohlbefinden sich diesen neuen schimpflichen Kummer zugezogen hat.« Lange hatte ich sie reden lassen, aber nun sagte ich: »O! Alte, schweig und lästre meine Gottheit nicht länger! Jetzt, da deine Sinne stumpf sind, da sich wie billig alle anderen von dir wenden, jetzt eiferst du willig gegen die Liebe und lästerst, was dich einst entzückt hat. Und warum soll ich an der Liebe Göttlichkeit zweifeln, da weit berühmtere, weisere, mächtigere Frauen, als ich bin, sie als solche anerkannt haben und anerkennen? Ja, es ist wahr, sie hat mich unterjocht: mag doch nun der Grund sein, welcher es wolle. Ich ergebe mich. Sooft ich meine Kräfte aufbot, sich ihr zu widersetzen, so oft wurden sie von ihrer Allgewalt besiegt. Und so kann nur allein der Tod oder der Besitz des Geliebten meine Qualen endigen. Und wenn du wirklich so weise bist, als ich glaube, so bitte ich dich, denke vielmehr daran, durch Rat und Tat meine Leiden zu lindern, und kannst du das nicht, so höre zum mindesten auf, sie noch schmerzvoller zu machen, und tadle das nicht länger, wozu meine Seele sich unwiderstehlich hingezogen fühlt.« Sie aber antwortete mir nicht und ging aufgebracht – nicht ohne Ursache – aus dem Zimmer, murmelte noch, ich weiß nicht was, zwischen den Zähnen und ließ mich allein. Schon hatte sich die gute Alte, deren Ratschläge ich zurückgewiesen, entfernt, ohne mir weiter ein Wort zu sagen, und ich, allein geblieben, überdachte nochmals in der bekümmerten Brust alle ihre Worte, und ob ich gleich kein freies Urteil mehr hatte, so fühlte ich doch, wie voll Gewicht und Sinn sie waren. Alles, was ich vor ihr verteidigt hatte, was auch immer daraus entstehen würde, schwankte jetzt nochmals an meinem Geist vorüber. Schon fing ich an zu denken, daß ich wie billig diese verderblichen Dinge lassen müßte, und schon wollte ich zu meinem Trost die Amme zurückrufen, als ein neuer, plötzlicher Zufall mich zurückhielt. Mit einem Male stand eine wunderschöne Frau vor mir, ohne daß ich wußte, wie sie in mein verschlossenes Zimmer gekommen war. Kaum vermochten meine Blicke den strahlenden Glanz zu ertragen, der sie rings umgab. Schweigend blieb sie vor mir stehen, während ich, soviel es der blendende Schimmer mir verstattete, meine Augen nach ihr hinwandte. Es gelang mir nach und nach, mich mehr daran zu gewöhnen, und ich erkannte die himmlische Form. Ein dünn gewebtes purpurnes Gewand umhüllte den schönen Leib, doch so durchsichtig und leicht war es, daß, wo es die blendend weißen Glieder bedeckte, sie wie durch ein helles Glas mir in die Augen strahlten. Ihre goldnen Locken, die an herrlichem Glanz ebensosehr das Gold übertrafen, wie dieses sonst auch das schönste blonde Haar beschämt, waren mit einem Kranz von grünen Myrten geschmückt. Und unter seinem Schatten sah ich zwei Augen von unvergleichlicher Schönheit, deren Anschauen eine unbeschreibliche Lust gewährte. Sie verbreiteten ein wunderbares Licht, und ihr ganzes Antlitz war so schön, daß auf Erden nie ein gleiches gefunden werden kann. Noch immer schwieg sie, doch – war es eigenes Wohlgefallen oder weil sie mich so entzückt über ihren Anblick sah – genug, sie ließ nach und nach ihre himmlischen Glieder mir durch das blendende Licht hindurch klarer und deutlicher erscheinen, so daß ich eine Schönheit erkannte, die keine Zunge aussprechen, ja ohne sie gesehen zu haben, kein Sterblicher sich denken kann. Endlich, da sie sich mir nun ganz gezeigt hatte und mich über ihre Schönheit und ihre ganze Erscheinung an diesem Orte höchst erstaunt sah, wandte sie sich mit freudigem Angesicht zu mir, und mit einer Stimme unendlich süßer als die unsrigen hub sie an zu sprechen: »O zarte Jungfrau, edler als irgend eine andere, was für Entschlüsse bringen die neuen Ratschläge der alten Amme in dir hervor! Siehst du denn nicht, daß die Befolgung derselben weit schwerer ist als die Liebe selbst, die du zu fliehen begehrst? Bedenkst du nicht, wie endlos, zahllos, unerträglich die Pein ist, die sie dir bereiten? Willst du, Törichte, die ganz kürzlich erst eine der Unsrigen geworden ist, durch die Rede einer Alten, die nicht zu uns gehört, schon abtrünnig werden, du, die noch nicht weiß, wieviel unsrer Gaben und wie entzückend sie sind? O du Unweise, unterwirf dich auf unser Wort demjenigen, welcher alle im Himmel und auf der Erde zu befriedigen weiß. Wisse, so weit Phöbus, der mit seinem leuchtenden Wagen am Ganges aufsteht und sich mit seinen müden Rossen in Hesperiens Wellen taucht, den goldnen Tag verbreitet, daß alles, alles, was der kalte Bär und der siedend heiße Pol einschließt, die Herrschaft unseres geflügelten Sohnes ohne Widerspruch anerkennt. In dem Olymp ist er nicht nur ein Gott wie die andern Götter, sondern er ist ein Gott der Götter, weil keiner unter allen ist, der nicht einmal durch seine Waffen überwunden gewesen wäre. Mit goldnen Schwingen durchfliegt er, leichter als Luft, in einem Augenblick seine Reiche, übersieht sie alle, und leicht den gewaltigen Bogen regierend, legt er auf die gespannte Sehne die von uns verfertigten, in unsern Wellen getränkten Pfeile. Hat er nun einen Gegenstand auserwählt, der würdiger als die andern ist, ihm zu dienen, so sendet er sie auf das schnellste dahin, wo es ihm gefällt. Er ist es, der Jünglinge zur wildesten Flamme reizt und müden Greisen erloschene Gluten zurückruft, der mit unbekanntem Feuer die keusche Brust der Jungfrau entflammt und auf gleiche Weise Frauen und Witwen entzündet. Er ist es, der die Götter, als seine Fackel sie berührt hatte, zwang, die Himmel zu verlassen und unter erborgter Gestalt auf der Erde zu verweilen. Ist nicht selbst Phöbus, der Überwinder der großen Schlange, der den Parnaß mit Harmonien erfüllt, mehr als einmal von ihm bezwungen worden, hat er nicht erst für Daphne, dann für Clymene, dann für Leucothea und für andere mehr voll Liebe geglüht? Und endlich hat er sein allmächtiges Licht in die Gestalt eines armen, zärtlichen Hirten eingeschlossen und die Herden des Admet geweidet. Der Himmel beherrschende Jupiter selbst, von seiner Gewalt bezwungen, hat sich in noch weit geringere Gestalten verkleidet, und einmal hauchte er in der Form eines weißen Vogels, sanft die Schwingen bewegend, süßere Töne als die Lieder des sterbenden Schwans. Ein andermal hat er als Stier, die Stirn mit Hörnern bewaffnet, die Felder mit seinem Gebrüll erfüllt und demütig kniend seinen Rücken der Jungfrau Europa gebeugt; er durchstrich das feuchte Reich seines Bruders Neptun, ruderte mit dem gespaltenen Huf und hielt mit starker Brust die Tiefe zurück, um seines Raubes zu genießen. Was er einst in seiner eigentümlichen Gestalt für Semele getan; was, in Amphitryon verwandelt, für Alkmene; in Diana verstellt für Calliste; oder wie er aus Liebe für Danae zum goldnen Regen geworden: von dem allen schweigen wir, weil es uns zu weit führen würde. Auch der stolze Gott des Krieges, dessen zornige Röte die Riesen erzittern läßt, mildert seine wilde Natur, beugt sich vor Amors Macht und liebt. Und Vulcan, der für Jupiter arbeitet und die Donner schmiedet, er, der Flammen gewohnt, erliegt dennoch den Flammen der mächtigern Liebe. Uns selbst, obgleich Amors Mutter, ist es nicht gelungen, uns vor seinen Pfeilen zu retten, und unsere bei Adonis' Tode geweinten Tränen sind sprechende Beweise seiner Macht. Doch warum so viele Worte? genug, von allen Gottheiten des Himmels erhielt sich keine unverletzt von ihm, außer Diana allein. Diese allein, die Freundin der Wälder, hat die Liebe geflohen oder vielmehr, wie manche glauben, nicht geflohen, sondern verhehlt. Doch wenn du vielleicht gegen die Beispiele der Himmlischen ungläubig bist, so forsche unter den Sterblichen nach denen, welche die Macht der Liebe erfuhren, aber ihre Zahl ist so groß, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen soll; nur das sage ich dir fürwahr, daß alle zu den vortrefflichsten und würdigsten gehörten. Betrachte vor allem Hercules, den starken Sohn Alkmenens. Er, welcher sich mit der furchtbaren Haut des ungeheuern, von ihm überwundenen Löwen bedeckte, drehte mit ebender Hand, die kurz zuvor die gewaltige Keule geführt, den großen Antäus getötet und den Höllenhund gebändigt hatte, den Faden aus der Wolle der schönen Jole und saß geduldig hinter ihrem Spinnrocken. Und die nämlichen Schultern, die den hohen Himmel getragen hatten, waren erst von Jolens Armen umschlungen und darauf, um ihr zu gefallen, mit einem zierlichen purpurnen Gewand bedeckt. Wer weiß nicht, was Paris und Helena, was Clytämnestra und Ägisth, von Amor bezwungen, getan? Auch von Achilles, von Silla, Ariadnen, Leander und Dido und von vielen andern schweige ich. Wer ist, der diese Heroen der Liebe nicht kennt? Glaube mir, dies Feuer ist heilig und allgewaltig. Daß im Himmel und auf Erden die Götter und Menschen von meinem Sohn bezwungen sind, weißt du nun, aber wie allumfassend muß seine Kraft sein, da auch die vernunftlosen Tiere ihren Einfluß fühlen! Von ihm bezwungen folgt die Turteltaube in den Wäldern ihrem Geliebten, und die Tauben, die meinen Wagen ziehen, fühlen sich mit zärtlichster Neigung zu ihrem Tauber gezogen. Von allem, von allem ist keines, das seinen Händen entgeht. Von seinem Pfeil getroffen, kämpft in den Gehölzen der sonst so furchtsame Hirsch, auf einmal kühn und wild geworden, für die erwählte Hirschin und zeugt von der allmächtigen Glut der Liebe. Von ihr ergriffen, wetzt der grimmige Eber schäumend seine weißen Zähne, und der Bewohner der afrikanischen Küste schüttelt seine Mähne. Wende deinen Blick von den Wäldern und sieh, wie die Pfeile meines Kindes auch in den kühlen Fluten die Götter des Meeres und die Nymphen der Flüsse zu verwunden wissen. Denn es ist dir hoffentlich nicht unbekannt, welche sprechenden Zeugnisse Neptun, Glaucus, Alphäus und andere mehr abgelegt haben, daß sie die Fackel der Liebe in ihren feuchten Wellen nicht auslöschen, ja nicht einmal mildern konnten. Und sie, die auf Erden herrscht und in den Fluten anerkannt wird, sie hat auch die Tiefe durchdrungen und selbst den König der Schatten besiegt. So haben denn Himmel, Erde, Meer und Tiefe ihre Allgewalt erfahren und anerkannt. Und damit ich dir in wenig Worten die Macht der Liebe aussprechen möge, so wisse, daß alle Wesen der Natur unterworfen sind, daß keine Macht von ihrer Herrschaft frei ist und daß die Natur selbst in Amor ihren Herrn erkennt. Wenn er gebeut, so geht der alte Haß zugrunde, alle verjährten feindlich gesinnten Mächte schwinden, und die neue Welt gibt seinen Gluten Raum. Warum also zagen? was zweifelst du? wovor fliehst du törichterweise? warum den fliehen, welchem Götter, Menschen und Tiere unterworfen sind! Schämst du dich, von ihm besiegt zu sein, so weißt du nicht, was du tust. Fürchtest du aber vielleicht den Tadel, der dich treffen möchte, wenn du dich ihm unterwirfst, so darf dich dies nicht kümmern. Tausend größere Fehltritte und das Beispiel weit vortrefflicherer Menschen als du werden das leichte Vergehen, das, minder stark als jene, du dir vorzuwerfen hast, sehr verzeihlich machen. Können dich aber meine Worte nicht bewegen und willst du bei deinem Widerstand beharren, so bedenke, daß es nicht möglich ist, Jupiter an Größe, Phöbus an Genie, Juno an Reichtum und mir selbst an Schönheit gleich zu sein. Und wenn wir alle überwunden sind, hoffst du allein zu überwinden? Du bist betrogen und wirst doch am Ende verlieren. Begnüge dich mit dem, womit die ganze Welt sich vor dir zufriedengegeben hat. Suche dich nicht abzukühlen, indem du dir vorsagst, ich habe meinen Gatten, und die heiligen Gesetze und die versprochene Treue verbieten mir alle andern Wünsche. Dergleichen nichtige, eitle Gründe sind gegen die Tugend der Liebe. Amor, als der Stärkere, kümmert sich um keine anderen Gesetze, er vernichtet sie und gibt seine eigenen. Hatte nicht Pasiphae einen Gemahl, als sie liebte, nicht Phädra und wir selbst? Auch die Männer werden sehr oft für andre Weiber als die ihrigen mit Liebe entflammt. Was tat Jason, Theseus, der gewaltige Hercules und der erfindungsreiche Odysseus? – Es ist also kein Unrecht, wenn Männer nach denselben Gesetzen behandelt werden, nach denen sie selbst handeln. Kein Vorrecht ist in diesem Fall den Männern vor den Frauen zugestanden. Deshalb laß die törichten Grillen und liebe unbekümmert fort, wie du begonnen hast. Du siehst es selbst, wenn du dem mächtigen Liebesgott dich nicht unterwerfen willst, so mußt du fliehen. Und wohin kannst du fliehen, wohin er dir nicht folge, dich nicht erreiche? Er hat an allen Orten gleiche Gewalt. Wohin du gehst, du bleibst in seinen Reichen; kein Wesen kann sich vor ihm verbergen, wenn er es verletzen will. Wie zufrieden kannst du sein, daß er dich mit keinem verderblichen Feuer entzündet hat, gleich der Myrrha, Semiramis, Byblis, Canace und Cleopatra! Glaube nicht, daß unser Kind gegen dich etwas Neues unternehmen wird. Auch er hat Gesetze, gleich allen andern Göttern. Und wähne nicht, die erste zu sein, welche sie befolgt, so wie du hoffentlich nicht die letzte sein wirst. Auch irrst du, wenn du vielleicht jetzt die einzige zu sein meinst. Laß die übrige Welt, die von Liebenden wimmelt, und blicke nur unter deinen Mitbürgerinnen umher; die zahllose Menge von Gesellinnen, die du finden wirst, kann dir zeigen und dich belehren: was von so vielen mit vollem Recht ausgeübt wird, kann nie schimpflich sein. So werde denn eine von den Unsern und preise unsre lang betrachtete Schönheit und unsere Gottheit von ganzem Herzen. Denn diese haben dich aus der Zahl der Einfältigen erwählt, das Entzücken unserer Gaben kennenzulernen.« Sagt, o ihr Gefühlvollen meines Geschlechts! wenn Liebe jemals eure Sehnsucht glücklicherweise stillen wollte, was könntet oder was wolltet ihr auf solche Worte und einer solchen Göttin wohl erwidern, wenn es nicht dies wäre: ›Es sei, wie es dir gefällt!‹ Schon schwieg die Göttin, indes ich in meiner Seele ihren Worten nachsann, und da ich in ihnen unendliche Entschuldigungen für mich fand, mit denen ich schon im geheimen bekannt war, so war mein Entschluß gefaßt. Schnell erhob ich mich jetzt vom Lager, und indem ich mit demutsvollem Herzen die Knie zur Erde beugte, hob ich schüchtern an: »O wunderbare, ewige Schönheit! O himmlische Gottheit! o einzige Herrin meiner Seele! Nur stärker zeigt und verherrlicht sich deine Macht, je mehr wir widerstehen! Vergib meiner einfältigen Widersetzlichkeit gegen die Waffen deines Kindes, das ich nicht kannte, und herrsche über mich, wie es dir gefällt; belohne, deiner Verheißung gemäß, meine Treue, damit ich deine Gaben bei andern preise und dadurch die Zahl deiner Untertanen bis ins Unendliche wachse.« Kaum hatte ich diese Rede vollendet, als die Göttin die Stelle, wo sie bis dahin gestanden hatte, verließ und auf mich zukam. Ein brünstiges Verlangen erschien in ihrem Antlitz, während sie mich umarmte. Sie küßte mich zuerst auf die Stirn und dann auf den Mund, und so wie einst der falsche Ascanius verborgene Flammen in Didos Brust entzündete, so fühlte auch ich, sobald ich den Atem ihres Mundes eingesogen hatte, alle meine ersten Wünsche weit brennender als zuvor. Hierauf schlug sie ihr purpurnes Gewand ein wenig auseinander; auf ihrer Brust erblickte ich das Bild des geliebten Jünglings, halb in ihrem leichten Purpurmantel verhüllt, und sie sagte: »Betrachte diese Gestalt, zarte Frau! sieh, wir haben keinen Unwürdigen zu deinem Liebling erwählt. Dieser Jüngling, der unbegrenzten Liebe einer Göttin würdig, liebt und wird dich – so haben wir es gewollt – mehr als sich selbst lieben. Und so verlasse ich dich, leicht, freudig und seiner Liebe gewiß. Deine Gebete sind würdig und haben unser Ohr gerührt. Hoffe, daß dem Verdienst gemäß unfehlbar auch der Lohn erfolgen wird.« Hierauf entzog sie sich, ohne etwas weiter zu sagen, schnell meinen Blicken. Weh mir Unglückseligen! Denke ich jetzt an alles, was hernach erfolgt ist, so zweifle ich keinen Augenblick, daß es nicht Venus, sondern Tisiphone war, die mir damals erschien. Und wie einst Juno den Glanz ihrer Gottheit verhüllte und die Gestalt einer alten Frau annahm, so hatte diese hingegen ihr furchtbares Schlangenhaar abgelegt und sich mir in so herrlicher Gestalt gezeigt, und gleichwie jene der Semele erschien, um ihr verderblichen Rat zu geben, so verführte mich auch diese mit ihren Reden, denen ich, Arme! nur zu leicht Gehör gab und mich verleiten ließ, euch alle, dich, fromme Treue, ehrwürdige Zucht, heilige Keuschheit, einziger und höchster Schatz züchtiger Frauen, aus meinem Herzen zu verjagen. Aber verzeiht mir, wenn anders die harte Buße des Schuldigen ihm Anspruch auf Vergebung erwerben kann! So hatte mich die Göttin verlassen, und seit ihrer Erscheinung fühlte sich mein ganzes Herz sehnsüchtig zu ihren Freuden hingezogen. Und obgleich die herrschende wilde Leidenschaft mich alles Sinns und Urteils beraubt hatte, so weiß ich nicht, wodurch ich es verdiente, daß von so viel verlornen Gütern mir eines noch geblieben war. Die Erkenntnis nämlich, daß eine laute, kundgewordene Liebe ihr Ziel selten oder niemals glücklich erreicht. Und deshalb beschloß ich – so äußerst schwer es mir auch immer ward –, meine Wünsche der Vernunft zu unterwerfen, damit ich das ersehnte Ziel erreichen möchte. Und gewiß, wie sehr mich auch oft mehrere Umstände und Begebenheiten drängten, so ward mir doch die Gunst vom Schicksal, daß ich meinen Vorsatz nie überschritt und standhaft schweigend meine Leiden und Freuden ertrug. Ja, die Kraft dieses Rates ist noch immer wirksam, denn ob ich gleich dies mit der größten Aufrichtigkeit schreibe, so ist es mir doch gelungen, die Sache so darzustellen, daß kein Mensch, auch nicht der scharfsinnigste, erraten kann, wer ich sei; den einzigen ausgenommen, dem alles ebenso bekannt ist wie mir selbst, da er der Inhalt von allem ist. Und ihn bitte ich – wenn vielleicht irgendein Zufall diese Blätter in seine Hände spielen sollte – um der Liebe willen, die er einst für mich empfand, daß er verschweige, was, wenn er es bekanntmachen wollte, ihm weder Nutzen noch Ehre bringen könnte. Ich bitte ihn, der sich selbst, ohne mein Verschulden, von mir gewendet, meine Ehre zu schonen, denn diese ist ein Gut, das ich zwar mit Unrecht besitze, das er mir aber, wie er selbst wohl weiß, nicht wiederzuerstatten vermöchte, wenn er es auch gern wollte. Diesem Entschluß gemäß und mit höchster Anstrengung, meine leidenschaftlichen Wünsche in ängstlicher Verborgenheit zu erhalten, bemühte ich mich durch die geheimsten Zeichen, sooft ich nur Gelegenheit hatte, dem Jüngling ebendie Glut einzuhauchen, die mich selbst belebte, und ihn zugleich ebenso besonnen und vorsichtig zu machen, wie ich selbst es war. Und ich hatte gewiß nichts Schweres unternommen, denn wenn anders der äußere Schein die Eigenschaften des Gemüts erkennen läßt, so sah ich in kurzer Zeit den vollkommensten Erfolg meiner Bemühungen. Und was ganz nach meinem Sinn war, ich sah ihn ebenso glühend von Liebe wie kühl von der vollkommensten Klugheit. Von kluger Überlegung geleitet, beflissen, meinen Ruf zu bewahren und, wenn Zeit und Ort es vergönnten, seiner Liebe zu leben, bewarb er sich, nicht ohne die größte Mühe, wie ich glaube, und mit vieler Kunst um den vertrauten Umgang eines meiner Verwandten und zuletzt um die Freundschaft meines Gemahls. Und es gelang ihm nicht nur, diese zu erwerben, sondern er gewann sie auch in so hohem Grad, daß keinem mehr etwas begegnete, was er dem andern nicht mitteilte. Wie sehr mir dies gefiel, das werdet ihr, denke ich, ohne meine Versicherung glauben; wer möchte wohl töricht genug sein, den geringsten Zweifel daran zu hegen. Jene Vertraulichkeit bewirkte, daß er und ich uns bisweilen öffentlich unterhalten durften. Ihm aber dünkte es Zeit, einen bedeutenden Schritt zu tun; wenn er jetzt wahrnahm, daß ich ihn hören und verstehen konnte, so wußte er auch mit andern auf eine Art zu sprechen, die mich, die hierin nur allzu lernbegierig und gelehrig war, bald erkennen ließ, daß nicht das Wort allein unsere Zuneigung kundzutun und die Zusage des andern zu erhalten vermag, sondern daß auch Blick und Hand, Ton und Gebärde einer vielsagenden, deutlichen Sprache mächtig sind. Dies war mir so lieblich, und ich erlernte es mit solcher Einsicht, daß wir, er und ich, uns, was wir nur wollten, durch Zeichen mitteilen konnten und immer gewiß waren, daß der andere vollkommen den Sinn verstand. Doch auch dies befriedigte ihn bald nicht mehr, und er bestrebte sich, unter fremden Bildern mir seine Wünsche lebendiger zu schildern und auch mich eine gleiche Sprache zu lehren. Er nannte mich Fiammetta, sich selbst Panfilo. Und ach! wie oft erzählte er in meiner Gegenwart, im Kreis meiner liebsten Freunde, durchglüht von Glut und Liebe, wie Amor uns beide zuerst besiegt hatte; und dann schilderte er immer unter den Namen Fiammetta und Panfilo, die er als Griechen darstellte, alle Begebenheiten, die darauf folgten, während er auf das sinnreichste den Orten und Personen Namen beilegte, die die ganze Erfindung am wahrscheinlichsten machen konnten. Ja, oft belächelte ich seinen Scharfsinn und seine Feinheit und nicht minder die Einfalt der Zuhörer, oft aber fürchtete ich auch, er möchte im Feuer seiner Darstellung zu weit gehen und unwillkürlich die Zunge Worte sagen lassen, die er nicht wollte. Er aber, klüger als ich dachte, wußte sich mit höchster Vorsicht vor jeder Verirrung zu bewahren. O! ihr liebenden Frauen, welch ein geschickter Lehrmeister ist doch die Liebe! Gibt es einen unter allen, die ihr huldigen, den sie nicht sogleich geschickt macht, die feinsten Sitten und schlaue Gewandtheit zu erlernen? Ich, das einfachste, schüchternste Weib, bis dahin kaum fähig, bei den Gespielinnen über die einfachsten Dinge zu sprechen, erlernte mit so großem Eifer seine Weise, daß ich an Erfindung und Sprache in kurzer Zeit alle Dichter übertreffen konnte. Fast immer wußte ich, sobald ich seine Erzählung gehört und den geheimen Sinn derselben begriffen hatte, durch eine schnell erfundene Novelle ihm die erwünschte Antwort zu geben, gewiß ein Unterfangen, das für eine junge Frau sehr kühn und noch weit schwerer in der Ausführung ist. Doch diese Erfindungen alle müssen kleinlich und unbedeutend erscheinen gegen die List, die wir mit großer Erfahrung gebrauchten, um die Zuverlässigkeit und Treue einer meiner Dienerinnen zu erproben; der Zweck meiner Aufzeichnungen aber ist nicht, dies zu erzählen. Nach solcher Probe beschlossen wir, sie zur Mitwisserin des Geheimnisses, um das bis dahin noch kein Dritter wußte, zu erwählen, denn wir fühlten, daß irgendein Mittel gefunden werden mußte, uns näher zu sein, wenn wir nicht unerträglichen Qualen erliegen wollten. Genug damit! es würde zu weitläufig sein, alle unsere Kunstgriffe und Erfindungen zu erzählen. Sie waren nicht allein von keinem vor uns je ausgeübt, sondern, wie ich glaube, nicht einmal ausgedacht worden. Und obgleich ich jetzt weiß, daß sie alle zu meinem Verderben ersonnen waren, schmerzt es mich doch nicht, sie gewußt zu haben. Sollte ich wohl irren, ihr Lieben, wenn ich den festen Willen und die Stetigkeit unserer Herzen für nichts Geringes achte? Es ist gewiß sehr schwer, daß ein junges, liebendes Paar, gegenseitig von den heftigsten Begierden entflammt, sich so lange im Zügel halten und keinen Fuß breit aus den Schranken der Vernunft weichen kann; ja diese Selbstbeherrschung war so groß, daß die erhabensten Männer sich hohes und würdiges Lob damit hätten erwerben können. Aber meine Feder, minder züchtig als zärtlich, bereitet sich zu der Schilderung kühnerer Szenen. Erst aber laßt mich, ihr Freundinnen, dringend euer Mitleid anrufen: jene Gewalt der Liebe, die in der zarten Brust des Weibes wohnt, diese verborgene Macht rufe ich an, mich bei euch zu entschuldigen, wenn meine Worte euch strafwürdig scheinen sollten; wenn ihr liebt, so werdet ihr verzeihen. Und du, keusche Zucht, die ich zu spät ehren gelernt habe, verzeihe mir und laß mir jetzt Raum in der schüchternen weiblichen Brust, damit die Frauen frei von deinen Drohungen das lesen, was sie der Liebe verzeihen. Ein Tag nach dem andern verstrich, und immer blieb es nur Hoffnung, was wir beide so sehnend verlangten. Gleichen Schmerz fühlten beide, doch beklagte sich der eine gegen den andern in verstohlenen Reden, dieser aber eiferte übermäßig dagegen, so wie geliebte Frauen wohl gegen den Geliebten zu tun pflegen. Er aber glaubte in diesem Fall meinen Versicherungen nicht, und durch den Erfolg glücklicher als weise und mit mehr Kühnheit als Verstand wußte er Ort und Zeit geschickt zu wählen, und in meinen Armen ward ihm das Glück, das ich, ob ich es gleich nicht bekannte, ebenso heiß wie er begehrt hatte. Wollte ich sagen, daß diese Stunde der Grund meiner Liebe zu ihm sei, so müßte ich bekennen, daß mit dieser Erinnerung jedesmal ein Schmerz ohnegleichen in meine Seele kommen würde. Aber Gott ist hierin mein Zeuge: dies war und ist der geringste Grund meiner ewigen Liebe zu ihm. Gleichwohl will ich nicht leugnen, daß jene Stunde mir jetzt wie damals unendlich teuer ist. Und wer könnte wohl so unerfahren sein, daß er nicht wüßte, wie wir das, was wir lieben, nicht entfernt, sondern uns ganz nahe wünschen und um so eifriger, je stärker unsere Liebe ist? Dieser Stunde, deren Möglichkeit ich zuvor nicht geglaubt, ja nicht geahnt hatte, folgten noch mehrere. Das Glück und unser Erfindungsgeist begünstigten lange mit glücklichem Erfolg unsre gefährliche Wahl, da doch jetzt alles Glück, leichter als Wind, weit, weit von mir geflohen ist. Aber während die Zeiten so freudenreich verflossen, wie nur die Liebe weiß, die allein davon Zeugnis geben kann, war es mir doch oft nicht vergönnt, ihn ohne die Furcht bei mir zu sehen, daß unsre Zusammenkünfte kein Geheimnis wären. O! wie ihm mein stilles Gemach so teuer war, und wie gern, wie willig es ihn aufnahm! Ja, oft sah ich ihn es heiliger und höher achten als irgendeinen Tempel in der ganzen Welt. O! ihr süßen Küsse, ihr liebetrunknen Umarmungen, ihr Nächte voll süßen Geschwätzes, lieblicher als der helle Tag und ohne Schlummer hingebracht, und all ihr andern entzückenden Freuden der Liebenden, wie waret ihr in jenen glücklichen Zeiten so reichlich über mich ausgegossen! O heiligste Scham! du allzustrenge Richterin sehnsuchtsvoller Seelen, warum willst du jetzt meinen dringenden Bitten nicht weichen? warum hältst du meine Feder zurück, daß sie die einst besessene Seligkeit nicht schildern darf? Denn nur dann, wenn ich sie in ihrem ganzen Umfang darstellen dürfte, würde die Größe meines jetzigen Elends begreiflich sein und die zärtlichen Seelen vielleicht zum Mitleid bringen. Ach! du tust mir weh, während du vielleicht mir zu helfen glaubst! Ich hätte so gern noch mehr gesagt, aber ich darf nicht vor dir. So mögen denn diejenigen, welchen die Natur das köstliche Vorrecht verlieh, aus dem Gesagten das zu erkennen, was verschwiegen wird, mögen sie es den andern, minder dazu Begabten, kundtun! Auch weiß ich wohl, daß es schicklicher gewesen wäre, selbst das soeben Geschriebene in Schweigen einzuhüllen, als es auszusprechen. Aber wer vermag der Liebe zu widerstehen, wenn sie mit voller Kraft auf uns eindringt? Mehr als einmal habe ich an dieser Stelle die Feder niedergelegt, und immer nahm ich sie auf das Geheiß der Liebe wieder auf, bis ich zuletzt ihr, der ich als eine freie Frau nicht hatte widerstehen können, als ihre Sklavin unbedingten Gehorsam leisten mußte. Sie zeigte mir, daß verstohlene Freuden ebenso köstlich sind wie die in der Erde verborgenen Schätze. Aber was frommt es mir, noch länger bei solchen Reden zu verweilen? Damals, so fahre ich nun fort, weihte ich der heiligen Göttin, welche die Verheißerin und Geberin meiner Freuden war, oft meinen feurigsten Dank. O wie oft, das Haupt bekränzt mit zarter Myrte, dem ihr geweihten Baum, kam ich zu ihren Altären, ihr Weihrauch zu streuen! Wie oft schmähte ich den Rat der alten Amme! Wie oft auch, freudetrunken wie ich war, verhöhnte ich die Liebe meiner Gespielinnen und tadelte laut an andern, was ich so deutlich in meiner Seele fühlte; dann sagte ich oft frohlockend zu mir selbst: ›Nicht eine ist geliebt, wie ich es bin! nicht eine liebt so würdige Liebe wie ich! nicht eine bricht der Liebe Früchte so festlich und so schön wie ich!‹ Genug, ich achtete in meinem Sinn die ganze Welt für nichts und wähnte mit dem Haupt den Himmel zu berühren. Fern war alle Sorge, und der höchste Gipfel der Glückseligkeit war erreicht. Das einzige, was ich noch begehrte, war, den Grund meines Glücks laut zu verkündigen, denn es schien mir unmöglich, daß das, was mich so entzückte, nicht auch alle anderen mit gleichem Entzücken erfüllen sollte. Aber von der einen Seite hast du, o Schamhaftigkeit, von der andern du, Furcht, mich zurückgehalten! Die erste bedrohte mich mit ewiger Schande, die andere mit dem Verlust dessen, was das feindliche Schicksal mir dennoch geraubt hat. So vergönnte mir die Liebe, lange Zeit, in süßer Freude geliebt und befriedigt fortzuleben. Ich beneidete kein anderes Weib um ihr Glück. Ach! und wie wenig dachte ich, daß jenes Glück, das ich damals mit vollem, freiem Herzen genoß, Keim und Pflanze künftigen Elends sein könnte, wie ich es jetzt, ohne irgendeine Frucht geerntet zu haben, innig betrübt erkenne. Zweites Buch Fiammetta schreibt von dem Scheiden ihres Geliebten, seiner Abreise und ihrem aus dieser Trennung erfolgten Schmerz. Ach!ihr geliebten, zartfühlenden Frauen! Während sich, wie ich euch vorhin sagte, in so leichtem, herzlich frohem Leben meine Tage aneinanderreihten, kein Gedanke an die Zukunft mich beunruhigte, schlich das feindliche Geschick mir mit leisen, sichern Tritten nach, bereitete mir sein tödliches Gift und stand, nicht erkannt von mir, voll unversöhnlichen Hasses schon dicht hinter mir. Es genügte ihm nicht, mich aus einer freien Herrin meiner selbst in eine Sklavin der Liebe verwandelt zu haben: kaum sah es, daß eine solche Knechtschaft mir entzückende Freude war, so sann es darauf, auf eine empfindlichere Art meine Seele zu verwunden. Und sobald der erwählte Augenblick erschienen war, bereitete es mir, wie ihr gleich hören werdet, seinen Wermutstrank. Ach! wider meinen Willen mußte ich davon trinken, und schnell war meine Lust in Trauern, das süße Lachen in bittre Tränen verwandelt. Wenn ich mir diese Leiden zurückrufe, ja wenn ich nur denke, ein anderer hätte sie geschildert, so ergreift mich ein unendlich Mitleid mit mir selbst, alle Kräfte verlassen mich, unendliche Tränen füllen meine Augen und gestatten mir kaum, meine Absicht auszuführen. Doch ich will, so schwer es mir auch ankommt, das, was nun einmal begonnen ist, bis ans Ende fortführen. Es war zu der Zeit des Regens und der trüben Jahreszeit, als er und ich, wie wir immer pflegten, die länger verweilende, verschwiegene Nacht in meiner Kammer zubrachten. Auf dem reichsten Lager ruhten wir nebeneinander. Eine große Fackel, die einen Teil des Zimmers erhellte, gestattete ihm, seine Blicke an meinem Anblick zu erfreuen sowie mir an dem seinigen. Unsere Augen berauschten sich, während wir mit süßem Geschwätz uns unterredeten, in unendlicher Seligkeit; doch gleichsam von ihrem eigenen Licht trunken, weiß ich nicht, wie auf kurze Zeit, von dem trügerischen Schlaf besiegt, das Wort erstarb und die Augen sich schlossen. Und als dieser Schlummer, so süß und leise wie er gekommen war, mir entwich, trafen Klagetöne aus dem Mund des teuren Geliebten mein Ohr, und schon wollte ich, wegen seiner Gesundheit von tausend Sorgen gequält, schnell ihn fragen, was ihm fehle. Aber ein neuer Rat hieß mich schweigen, und auf der andern Seite des Lagers vorsichtig eingehüllt, hörte ich mit geschärftem Blick und gespanntem Ohr ihm eine Zeitlang zu. Allein meine Ohren konnten kein vernehmliches Wort erlauschen, nur das erkannte ich deutlich, wie ängstliches Wimmern und Schluchzen ihn fast erstickte und Gesicht und Brust in Tränen gebadet waren. Ach! welche Sprache reicht hin, zu sagen, was bei solchem Schauspiel, dessen Ursache ich nicht kannte, in meiner Seele vorging? Tausend Gedanken durchliefen in einem Augenblick mein Gemüt und endigten alle in einem, diesem nämlich: daß er wider Willen bei mir verweile und für ein anderes Weib glühe. Mehr als einmal schwebten mir die Worte auf den Lippen, ihn um die Ursache seines Schmerzes zu fragen, aber die Furcht, es möchte ihn beschämen, von mir in seinen Tränen überrascht worden zu sein, drängte sie wieder zurück. Mehr als einmal wandte ich auch meine Augen von ihm ab, aus Furcht, daß nicht eine der heißen Tränen, die ihnen entquollen, auf ihn fallen und ihm entdecken möchte, daß er von mir bemerkt worden sei. O! wieviel Kunstgriffe dachte ich mir aus, um ihn sicher zu machen, daß er nicht beobachtet worden sei, und doch ward ich zuletzt von der Begierde, die Ursache seiner Tränen zu wissen, überwunden, und damit er sich zu mir wenden möchte, bewegte ich mich plötzlich, gleich einem, der von einem furchtbaren Traum geängstigt Schlaf und Traum auf einmal unterbricht, stöhnte einige klagende Töne hervor und schlang einen meiner Arme um seine Schultern. Meine Verstellung glückte, denn er verbarg seine Tränen, und schnell mit unendlicher Freudigkeit zu mir gewandt, sagte er mit lieblicher Stimme: »O! meine schöne Geliebte, sag, was erschreckt dich?«, worauf ich ohne Zaudern antwortete: »Es kam mir vor, als verlöre ich dich!« O! weh mir, daß meine Worte, die ich weiß nicht welcher Geist mir eingab, wahre und sichere Vorboten des Künftigen gewesen sind, wie ich es jetzt deutlich einsehe! Aber er antwortete: »Liebste Frau! nur Tod und nichts anderes kann machen, daß du mich verlierst!« Ein tiefer Seufzer folgte diesen Worten unmittelbar, und kaum hatte ich ihn um die Ursache seiner Traurigkeit gefragt, als aus seinen Augen von neuem reichliche Tränen gleich zwei Brunnen zu fließen begannen und die noch feuchte Brust überströmend bedeckten. Und noch eine lange Zeit verging, denn das Schluchzen verhinderte ihn zu sprechen, ehe er auf meine vielfachen Fragen etwas erwidern konnte. Aber sobald er sich einigermaßen von dieser schmerzlichen Gewalt befreit fühlte, antwortete er mit oft unterbrochener Stimme: »Geliebteste Herrin, die ich mehr als alles liebe, wie meine Handlungen dir klar beweisen können, wenn meine Worte einigen Glauben verdienen, so kannst du gewiß sein, daß nicht ohne herben, bittern Grund meine Augen so reichlich Ströme von Tränen vergießen. Sooft mir das ins Gedächtnis kommt, was jetzt, da ich in solcher Freude mit dir bin, mich peinigt, so gräme ich mich einzig und allein darüber, daß es unmöglich ist, mich in zwei zu teilen; denn alsdann könnte ich der Liebe und der Pflicht mit einem Male genug tun und teils hier bleiben, teils dahin gehen, wohin die strengste Notwendigkeit mich mit Gewalt zieht. Da ich dies aber nicht vermag, so drückt eine schwere Betrübnis mein armes Herz, wie jeder sie fühlen muß, den von einer Seite die verratene Kindespflicht aus geliebten Armen reißt und von der andern die höchste Gewalt der Liebe zurückhält.« Diese Worte drangen in mein gequältes Herz mit einer nie empfundenen Bitterkeit, und obgleich mein Verstand sie nicht vollkommen begriffen hatte, so waren sie doch von dem leider nur allzu aufmerksamen Ohr vernommen worden, und während sie, in Tränen verwandelt, durch die Augen wieder wegströmten, ließen sie doch ihren herben Stachel im Herzen zurück. Das war die erste Stunde, in der ich Schmerzen empfand, die meine Freuden tödlich verwundeten. Dies war die Stunde, die mich Tränen ohne Maß vergießen ließ, Tränen, wie ich sie niemals vorher geweint hatte, Tränen, denen keines seiner Worte, seiner Tröstungen, so reichlich er diese auch vergoß, Einhalt zu tun vermochte. Aber nachdem ich eine lange Zeit bitterlich geweint hatte, bat ich ihn nochmals, so innig es mir möglich war, daß er mir doch klarer und deutlicher sagen möchte, welche fromme Pflicht ihn aus meinen Armen riefe. Worauf er mir, ebenfalls nicht ohne Tränen, folgendes sagte: »Der unvermeidliche Tod, das letzte Ziel alles menschlichen Beginnens, hat erst kürzlich meinen Vater aller seiner Kinder beraubt und nur mich allein übriggelassen; er nun, ohne Gattin, gedrückt von der Last der Jahre, aller andern Aufmunterung beraubt und ohne Hoffnung, noch Kinder zu erhalten, fordert mich, den er nun schon seit mehreren Jahren nicht gesehen hat, auf, zu seinem Trost zu ihm zurückzukehren. Nun sind bereits mehrere Monate hingegangen, seit ich, um dich nicht lassen zu müssen, durch mancherlei Entschuldigungen diesen Bitten begegnet bin. Er aber, zuletzt der Ausflüchte müde, beschwört mich, bei meiner liebevoll in seinem Schoß gepflegten Kindheit, bei der Liebe, die er stets gegen mich gefühlt und die ich ihm schuldig bin, bei der Heiligkeit des kindlichen Gehorsams und bei allem, was er noch Ernsteres und Würdigeres kennt, daß ich komme, ihn wiederzusehen. Und dazu noch treibt er Freunde und Anverwandte an, mich feierlich zu mahnen, damit nicht, wenn er meinen Anblick noch länger entbehren müsse, sein gequälter Geist ohne Trost vom Leibe sich scheide. Ach! wie gewaltig sind die Gesetze der Natur! Nur der großen Liebe, die ich zu dir trage, war es möglich, daß ich dieser frommen Pflicht nicht schon längst Genüge leistete. Daher habe ich bei mir beschlossen, nur mit deiner Einwilligung zu ihm zu reisen und zu seinem Trost einen kleinen Zeitraum bei ihm zu wohnen, aber da ich nicht begreife, wie ich ohne dich leben kann, und mich jetzt alles dessen erinnere, so darf ich wohl mit vollem Recht meinen Tränen freien Lauf lassen.« Wenn jemals eine von euch, ihr Frauen, zu denen ich rede, heiß liebte und im gleichen Fall mit mir sich befand, so hoffe ich, daß sie allein begreifen wird, wie unendlich in jener Stunde die Qual meiner von seiner Liebe genährten und ohne Maß mit Gegenliebe entzündeten Seele war. Die andern können's nicht, denn da kein Bild hinreicht, um es ihnen begreiflich zu machen, so würde auch jedes Wort vergebens sein. Ich sage also im allgemeinen, daß meine Seele, als ich dies hörte, aus mir zu fliehen strebte und, wie ich glaube, auch gewiß würde entflohen sein, wenn sie sich nicht in den Armen dessen gefühlt hätte, den sie am höchsten liebte. Gleichwohl blieb sie verzagend und dem schweren Schmerz erliegend, so daß ich lange Zeit kein Wort hervorzubringen vermochte. Aber als sie sich nach einiger Zeit gewöhnt hatte, den nie empfundenen Schmerz zu ertragen, gab sie den gequälten Lebensgeistern ihre einstigen Kräfte zurück; die starr gewordenen Augen flossen von Tränen über, und die Zunge war der Rede wieder mächtig. Ich wandte mich zu ihm, dem Gebieter meines Lebens, und sagte ihm folgendes: »O! höchste, einzige Hoffnung meiner Seele, mögen meine Worte, mit der Kraft, deinen neuen Entschluß zu ändern, ausgerüstet, in dein Gemüt eindringen, damit, wenn du mich wirklich liebst, wie du versicherst, dein Leben und das meinige nicht vor der Zeit von dieser traurigen Welt vertilgt werden! Du, von Kindespflicht und Liebe bewegt, bist jetzt zweifelhaft über das, was du tun sollst. Aber gewiß, wenn deine Worte, mit denen du mir nicht einmal, sondern oft deine Liebe bestätigt hast, wahr gewesen sind, so gibt es keine Pflicht in der Welt, welche die Gewalt haben könnte, sich dieser entgegenzusetzen und, solange ich lebe, dich woanders hinzuführen, und höre, warum: Es ist dir kund genug, wie zweifelhaft die Erhaltung meines Lebens ist, sobald du das ausführst, was du gesprochen hast, da ich bis jetzt kaum einen Tag habe überleben können, an dem ich dich nicht sehen durfte. Und also kannst du gewiß sein, daß mit dir sich alle Lebensfreude von mir trennen wird, und dies wäre für den Augenblick genug. Wer zweifelt aber, daß nicht auch Trauer über mich komme, die vielleicht und gewiß mich töten wird? Wohl solltest du jetzt wissen, welch geringe Kraft ein zartes Weib besitzt, um solches Unglück mit Standhaftigkeit ertragen zu können! Und wenn du mir vielleicht einwenden willst, daß ich in meiner Liebe noch größere Schwierigkeiten mit Kraft und Klugheit ertragen habe, so gestehe ich es dir zum Teil zu, aber der Fall war immer sehr verschieden von diesem. Kannst du behaupten, daß, wenn ein unüberwindliches Verlangen nach dir mich jetzt bezwungen hätte, ich es nicht hätte befriedigen können? Gewiß nicht! Bist du aber fern von mir, so wird dies nicht möglich sein. Überdies kannte ich dich anfänglich nur von Ansehen, achtete dich allerdings sehr hoch, jetzt aber weiß ich und fühle es, daß du noch weit liebenswerter bist, als ich gedacht hatte, und du bist der Meinige geworden, mit aller Gewißheit, womit Liebende von ihren Geliebten als die Ihrigen können erkannt werden. Und wer zweifelt, daß es nicht ein weit größerer Schmerz sei, das zu verlieren, was man besitzt, als das, was man zu besitzen hofft? Aus all diesem siehst du, daß eine Trennung meinen Tod bedeuten würde. Wird die Pflicht gegen den alten Vater die Pflicht gegen mich besiegen, so wirst du meines Todes Ursache, und du wirst kein Liebender, sondern ein Mörder sein, wenn du jener folgest. Ach! kannst du wollen oder könntest du es übers Herz bringen, selbst wenn ich einwilligte, den wenigen Jahren, die dem alten Vater noch beschieden sind, mit der langen Reihe derer, die ich noch erwarten kann, ein Opfer zu bringen? Weh! welche ruchlose Frömmigkeit würde das sein! Hegst du den Glauben, o Panfilo, daß irgendein Mensch, wie groß auch sein Wert für dich sei, wäre er dir auch durch Verwandtschaft, Blut oder Freundschaft verbunden, dich liebe, wie ich dich liebe? Du irrst, wenn du dies glaubst. Wahrlich! keiner liebt dich so wie ich! Also je mehr ich dich liebe, desto mehr Pflichten hast du gegen mich. Deshalb gib mir, als der Würdigeren, den Vorzug, und redlich gegen mich entschlage dich jeder andern Pflicht, welche dieser widerstreitet. Laß deinen alten Vater in Ruhe, und wie er vormals lange ohne dich gelebt hat, so mag er, wenn es ihm gefällt, auch künftig ohne dich leben, und wo nicht, so mag er sterben. Schon viele Jahre lang, wenn ich recht gehört habe, schwebt die Hand des Todes über ihm, und er verweilt schon länger auf dieser Welt als ziemlich ist. Und wenn sein Leben beschwerdevoll ist, wie das Leben der Greise zu sein pflegt, wirst du nicht deine Pflicht gegen ihn weit besser erfüllen, wenn du ihn sterben lässest, als wenn du ihm durch deine Gegenwart sein kümmerliches Leben verlängerst? Aber mir, die ohne dich eigentlich noch nicht gelebt hat und ohne dich nicht wird leben können, mir kommt es wohl bei meiner Jugend zu, zu erwarten, daß ich noch viele Jahre in Freuden mit dir lebe. Ja, wäre deine Reise von der Art, daß sie bei deinem Vater solche Wirkungen hervorbrächte wie einst der Trank der Medea bei Jason, so wollte ich deine Frömmigkeit gerecht nennen und ihre Ausübung fördern, so hart es mir auch fiele; aber von solcher Art wird sie nicht sein, kann sie nicht sein, du weißt es wohl. Oder wenn du vielleicht mehr Grausamkeit hegest, als ich glaube, und dich um mich, die du doch ohne allen Zwang, aus freier Wahl geliebt hast und liebest, so wenig kümmerst, daß du meiner Liebe jene an den Greis verschwendete Treue vorziehen willst, mit dem dich nur der Zufall verbunden hat, so sei doch mindestens gegen dich selbst mitleidsvoller als gegen mich oder ihn. Und du, welcher – wenn deine Blicke und deine Worte mich nicht betrogen haben – sich mehr tot als lebend glaubte, sobald dich die Umstände irgendeine Zeit ohne mich zu sein zwangen, glaubst du, daß es dir möglich sein würde, jetzt solch eine lange Zeit ohne mich hinzubringen? O! um der Götter willen, habe acht auf dich, und wenn es wahr ist, was ich von andern gehört habe, daß ein langer Schmerz den Menschen töten kann, so bedenke, daß diese Trennung dir den Tod zu geben vermag; diese Trennung, die dir unerträglich ist, wie deine Tränen und das Schlagen deines Herzens, das ich unruhig in der Brust klopfen fühle, bezeugen! Und wenn es dir auch nicht den Tod bringt, so wird dir doch ein Leben, schlimmer als der Tod, beschieden sein. Ach! wie ist seit dieser Stunde mein liebendes Herz von Mitleid gegen mich selbst und gegen dich so bedrängt und zerrissen! Darum flehe ich dich an, sei nicht so töricht, dich aus Pflicht gegen irgendeine Person, wer es auch sei, einer ernsten und schweren Gefahr auszusetzen. Bedenke, daß der nichts in der Welt besitzt, wer sich nicht selbst liebt. Dein Vater, gegen den du jetzt so fromm empfindest, hat dich nicht darum der Welt gegeben, damit du selbst Ursache würdest, dich ihr zu nehmen. Und wer zweifelt, daß er, wenn es erlaubt wäre, ihm unsere Lage zu eröffnen, als ein weiser Mann nicht vielmehr sagen würde: bleibe! Und wenn ihn die Billigkeit nicht dazu bewegte, so würde es das Mitleid tun, und glaube, daß er dir hiervon den stärksten Beweis geben würde. Deshalb fasse deinen Entschluß der Entscheidung gemäß, welche er selbst fällen würde, wenn unser Verhältnis ihm bekannt geworden wäre und hätte werden dürfen, und eben nach diesem seinem eigenen Urteil gib deine Absicht, fortzugehen, auf, die dir und mir gleich verderblich ist. Gewiß, mein liebster Gebieter, müssen die bereits angeführten Gründe dich noch weit mächtiger zurückhalten, wenn du noch dazu bedenkst, an welchen Ort du gehst. Denn ob du gleich nach deiner Vaterstadt reisest, für die sonst natürlicherweise ein jeder Mensch Liebe fühlt, so trifft es sich doch, wie ich bereits aus deinem Mund gehört habe, daß dir die deinige sehr verhaßt ist. Denn, das waren deine Worte gegen mich, deine Vaterstadt ist voll von prächtigen Worten und kindischen Handlungen. Man dient dort nicht tausend Gesetzen, sondern so vielen Meinungen, als es Menschen dort gibt. Alles trägt Waffen und erzittert sowohl vor bürgerlichem als vor fremdem Krieg. Ein stolzes, bitteres, langweiliges Volk bewohnt sie, und sie ist voll von zahllosen Sorgen. Alles Dinge, die sich schlecht mit deinem Gemüt vertragen. Diese Stadt dagegen, die du dich anschickst zu verlassen, ist, wie du wohl weißt, anmutig, friedlich, reich, prächtig und von einem einzigen König beherrscht. Alles Eigenschaften, die, wenn ich dich nur einigermaßen kenne, vollkommen nach deinem Sinne sind. Diese Stadt, worin du außer allen diesen hier angeführten Dingen mich findest, die du an keinem andern Orte der Welt finden wirst. Laß also dein beängstigendes Vorhaben und sinne auf bessern Rat; bedenk, ich bitte dich, dein eigenes Leben, bedenk das meinige und bleib!« Während ich so redete, war der Strom seiner Tränen immer mehr angewachsen, und mit seinen Küssen trank ich ihrer viele. Nach langem Seufzen antwortete er mir folgendes: »O! höchstes Gut meiner Seele! Ich erkenne recht gut die unwiderlegbare Wahrheit deiner Worte, und jede Gefahr, die du mir schilderst, steht deutlich vor mir. Aber um dir, nicht so, wie ich wünschte, sondern wie die gegenwärtige dringende Notwendigkeit es erfordert, kurz zu antworten, so sage ich dir, daß ich wohl glaube, du dürfest mir es nur zugestehen, mit einem kurzen Schmerz eine große und lang verjährte Schuld zu tilgen. Du kannst wohl denken, ja du mußt gewiß sein, daß, sosehr mich auch die Pflicht gegen den alten Vater immer bewegt und bewegen muß, mich die Pflicht gegen uns selbst nicht minder, sondern noch weit mehr erschüttert. Ja, wäre es erlaubt, unser Verhältnis zu entdecken, so würde ich mich hinlänglich entschuldigt glauben, weil ich voraussetzen darf, daß nicht allein mein Vater, sondern auch jeder andere das, was du sagst, als wahr anerkennen würde und ich um deinetwillen den alten Vater ohne meinen Anblick lassen könnte. Da aber unser Verhältnis ein Geheimnis bleiben muß, so sehe ich nicht, wie ich ohne die schwerste Schmach und Rüge diese Pflicht, welche am Tage liegt, unerfüllt lassen möge. Und um diesem Schimpf zu entgehen und meiner Pflicht Genüge zu leisten, wollen wir dem Schicksal das Glück von drei oder vier Monaten opfern, nach deren Verlauf, ja noch ehe sie vollendet sind, du mich ohne allen Zweifel mit neuer Freude zurückkehren sehen wirst. Und wenn der Ort, wohin ich gehe, so widerwärtig ist, wie du ihn schilderst – und er ist es im Vergleich mit diesem wirklich, weil du hier bist –, so muß dir dies ja sehr erwünscht sein, wenn du bedenkst, daß, wenn auch keine anderen Gründe mich an diese Stadt fesselten, doch die Abneigung gegen jene mich gewaltsam zwingen würde, bald wieder hierher zurückzukehren. So willige denn ein, daß ich von dir gehe, und wie du bis jetzt über meinen Ruhm und Vorteil gewacht hast, so lerne nun um meinetwillen Geduld, damit ich dich durch diese ernste Begebenheit ganz erkennen und in Zukunft sicher wissen lerne, daß immer meine Ehre dir lieber sei als mir selbst.« Er hatte dies gesprochen und schwieg, als ich wieder folgendermaßen zu sprechen anhub: »Klar genug erkenne ich nun, daß dein im Herzen gefaßter Entschluß unabänderlich ist, und kaum scheint es mir, daß du nur bedenken willst, welche Seelenangst du mir zurückläßt, wenn du dich von mir entfernst, und wie ich keinen Tag, keine Nacht, keine Stunde ohne tausend Qualen sein werde. In unaufhörlicher Angst um dein Leben werde ich sein und Gott bitten, es, so lang du selbst willst, über meine Tage hinaus zu verlängern. Nicht soviel Sandkörner sind am Meer noch am Himmel Sterne, als jeder Tag die Lebendigen mit bedenklichen und gefahrvollen Zufällen bedrohen kann, und diese alle werden, wenn du dich entfernst, mich erschrecken und ängstigen. Ach! wie traurig ist mein Leben! Ich schäme mich, dir das zu sagen, was mir in den Sinn kommt! Aber da es mir nach allem, was ich gehört habe, als möglich erscheint, so bin ich gezwungen, es dir doch zu sagen. Wenn du in deinem Lande, wo es, wie ich mehr als einmal gehört habe, eine zahllose Menge schöner Frauen geben soll, die mit anmutiger Sitte geziert würdig sind zu lieben und geliebt zu werden, wenn du eine derselben sähest, die dir gefiele und um derentwillen du mich vergäßest, o sprich, was würde dann mein Leben sein? O! wenn du mich so liebst, wie du sagst, bedenke, wie dir zumute sein würde, wenn ich dich für einen andern hingeben wollte, etwas, das nie geschehen kann, weil ich lieber von meiner eigenen Hand sterben wollte! Aber ich schweige hiervon, damit ich nicht durch die Erwähnung einer Sache, deren Wirklichkeit mir schrecklich sein würde, die Götter zu trauriger Vorbedeutung reizen möge. Hast du nun in deiner Seele fest beschlossen zu reisen, so geziemt es mir, da, wie du weißt, mir nichts anderes gefällt, als dir zu gefallen, notwendigerweise auch das zu wollen, was du willst. Jedoch kann es sein, so flehe ich dich an, wenigstens darin meinem Willen zu folgen, daß du dein Weggehen noch einige Zeit aufschiebst, damit ich es mir lebhaft vorstellen und durch den immerwährenden Gedanken daran möge ertragen lernen, ohne dich zu sein. Und dies wird dir gewiß nicht schwer werden, da selbst die Jahreszeit meiner Bitte günstig ist. Siehst du denn nicht, wie der mit ewigem Dunkel bedeckte Himmel der Erde das schwerste Verderben, Wassergüsse, Schnee, Stürme und furchtbare Donnerschläge droht? Und weißt du nicht, daß durch die immerwährenden Regengüsse jedes kleine Bächlein jetzt zu einem großen Strom angewachsen ist? Wer liebte sich selbst wohl so wenig, daß er bei so feindlicher Witterung sich auf einen weiten Weg zu machen gedächte? Und also erfülle hierin meinen Willen, und wenn du diesen nicht achtest, so folge wenigstens deiner Pflicht. Laß diese traurigen, dunklen Tage vorübergehen und erwarte die neue Jahreszeit, wo du dann mit mehr Vergnügen und weniger Gefahr dich auf die Reise begeben kannst und wo ich dann, mit dem traurigen Gedanken vertraut geworden, geduldiger deine Rückkehr erwarten kann.« Er zögerte nicht, auf diese Reden zu antworten, sondern sagte: »Liebste Frau, die ängstlichen Qualen und die mannigfaltigen Sorgen, in denen ich dich wider meinen Willen zurücklasse und die mich selbst ohne allen Zweifel begleiten werden, können einzig und allein durch die freudige Hoffnung einer baldigen Rückkehr gemildert werden. Und nicht weise ist es, um das, was mich in jeder Jahreszeit treffen kann, besorgt zu sein und vor dem Tod zu zittern oder vor künftigen Ereignissen, die mir verderblich, aber vielleicht auch erfreulich sein können. Wohin der Zorn oder die Gnade der Götter einen Menschen beruft, dahin ziemt es ihm, es mag ihm gut oder es mag ihm übel gehen, auch zu folgen. Deshalb laß uns alle diese Dinge ohne Zeitverlust in ihre Hände geben; sie wissen besser, was uns frommt, und nur allein darum laß uns bitten, daß es uns zum Guten sich wende. Aber daß ich jemals einer andern Frau gehöre als Fiammetta, das könnte, wenn ich es auch wollte, Jupiter selbst kaum möglich machen; mit so festen Banden hat Amor mein Herz in deine Fesseln geschmiedet. Und davon sei überzeugt: eher wird der Erdboden Sterne tragen und der Himmel, von Stieren durchpflügt, reifes Korn erzeugen: als daß Panfilo jemals einer andern Frau gehören wird als dir. Meine Abreise, wie du begehrst, noch eine Zeitlang aufzuschieben, würde ich, wenn ich es für nur im geringsten zuträglich für dich und mich hielte, mit größerer Bereitwilligkeit tun, als du es begehrst. Aber hieße diesen Zeitraum verlängern nicht unsern Schmerz vergrößern? – Wenn ich jetzt reise, so werde ich zurückgekehrt sein, noch ehe der Zeitraum verflossen ist, den du verlangst, um nur das Leiden ertragen zu lernen, und es wird vorüber sein, ehe du dich darauf vorbereitest. Du wirst bei meiner wirklichen Abwesenheit die Trauer empfinden, die du bei dem bloßen Gedanken daran empfinden wolltest. Und wegen der Feindseligkeiten der Witterung sei unbesorgt. Schon durch mehrere Erfahrungen damit vertraut, werde ich heilsame Vorkehrungen dagegen zu treffen wissen, und wollte Gott, daß ich sie schon bei der Rückkehr anwenden müßte, wie ich bei der Abreise davon werde Gebrauch machen. Darum rüste dich mit starker Seele, das zu tun, was, da es einmal geschehen muß, weit besser schnell getan und mit raschem Entschluß überschritten als mit Trauern und Furcht erwartet wird.« Meine Tränen, denen meine Worte vorher gleichsam einen Damm gesetzt hatten, strömten jetzt, da ich andere Antwort erwartet hatte und diese hören mußte, doppelt stark hervor. Und auf seine Brust das sorgenschwere Haupt gelehnt, verharrte ich lange Zeit, ohne etwas weiter zu sagen. Mancherlei Dinge gingen durch meinen Kopf, und ich wußte nicht, ob ich seine Rede billigen oder mißbilligen sollte. Aber, ach! welche Frau würde auf seine Worte eine andre Antwort zu geben gehabt haben als diese: ›Handle nach deinem Gefallen und kehre bald zurück!‹ Gewiß keine. Und ich, nicht ohne bittern, schweren Schmerz und viele Tränen, antwortete dies nach langer Pause, mit dem Zusatz: wenn er mich bei seiner Rückkehr noch am Leben fände, so wäre dies ohne Zweifel etwas Großes und Wunderbares zu nennen. Nach diesem Gespräch trockneten wir unsere Tränen; eines fand sich durch das andere getröstet, und wir setzten der Trauer für diesmal ein Ziel. Und nach seiner Gewohnheit kam er vor seiner Abreise, die auf wenige Tage darnach festgesetzt war, noch mehr als einmal zu mir, obgleich wir uns in Wesen und Mut sehr verändert gegen sonst wiedersahen. Aber nun war die Nacht gekommen, welche die letzte meines Glücks sein sollte, und wir brachten sie mit mancherlei Gesprächen hin, nicht ohne viel Tränen. Sie schien mir, obgleich sie der Jahreszeit nach unter die längsten gehörte, unbeschreiblich kurz zu sein. Und schon begann der Tag, der Feind der Liebenden, das Licht der Sterne zu verlöschen, als ich, da meine Augen seinen Strahl wahrnahmen, ihn fest umarmte und ihm sagte: »O! mein süßer Geliebter, sag, was raubt dich mir? Welcher Gott schüttet mit solcher Gewalt seinen Zorn über mich aus, daß man noch bei meinem Leben sagen kann: Panfilo ist nicht da, wo seine Fiammetta weilet? Weh mir, nun weiß ich nicht, wohin du gehst! Werde ich dich noch einmal wieder umarmen? Ich fürchte, es wird nimmer geschehen!« Ich weiß nicht, welche Macht mein Herz mit kläglicher Weissagung so zu sprechen zwang, und unter herben Tränen, von ihm getröstet, küßte ich ihn zu verschiedenen Malen, bis nach mehreren innigen Umarmungen uns endlich das wachsende Licht des neuen Tages zur Trennung zwang. Und schon war er im Begriff, mir die letzten Küsse zu geben, als ich unter Tränen folgende Rede begann: »Mein Gebieter, der Augenblick ist nun da, wo du mich verläßt, und du versprichst mir, bald zurückzukehren. Gib mir durch dein feierliches Wort die völligste Gewißheit hierüber, damit ich deine Versprechungen nicht für leere Reden halte, sondern im festen Vertrauen der Zukunft still harrend einigen Trost finden möge.« Da vermischte er seine Tränen mit den meinigen, hing sich kraftlos von der schweren Seelenbürde des Schmerzes an meinen Hals und sagte mit schwacher Stimme: »Gebieterin! ich schwöre dir beim leuchtenden Phöbus, der jetzt gegen unsere Wünsche mit allzu schnellem Schritt herbeinahet und unsere Trennung beschleunigt, dessen Strahlen mich auf meinem Wege geleiten sollen, ich schwöre dir bei meiner unauflöslichen Liebe zu dir, bei der Kindespflicht, die mich jetzt von dir trennt, daß der Mond nicht viermal wechseln soll, bevor du mich, wenn es Gott gefällt, wiederum zu dir zurückkehren siehst!« Hier faßte er meine rechte Hand mit der seinigen, und nach der Seite hingewandt, wo die geheiligten Bilder unsrer Götter dargestellt zu sehen waren, sagte er: »O! ihr allerheiligsten Götter, die ihr als Herrscher über dem Himmel und der Erde waltet, euch rufe ich zu Zeugen des gegenwärtigen Versprechens und der mit meiner Rechten gelobten Treue an! Du, Amor, dem solche Schwüre wohlbekannt sind, sei jetzt hier zugegen, und du, selige Wohnung, die mir köstlicher ist als den Göttern ihr Himmel, so wie du die geheime Vertraute unserer Liebe gewesen bist, so sei auch jetzt die Bewahrerin meines gegebenen Wortes, und wenn ich durch meine eigene Schuld dagegen fehle, so soll der göttliche Zorn sich an mir kundtun, wie ehemals Ceres gegen Erysichthon, Diana gegen Actäon oder Juno gegen Semele sich zornig bewiesen hat!« Und als er dies gesagt hatte, umarmte er mich mit Inbrunst, und mit gebrochner Stimme sagte er zuletzt: »Lebe wohl!« Aber ich, ganz bezwungen von ängstlichem Weinen, vermochte kaum das Geringste darauf zu antworten; gleichwohl tat ich mir Gewalt an und stieß traurig folgende Worte hervor: »Möge Jupiter die meinen Ohren versprochene und meiner rechten Hand mit der deinigen gelobte Treue im Himmel so bestätigen, wie einst Isis die Gebete Teletusens, und sie, wie ich wünsche und du begehrest, auch auf Erden wahr machen!« Und als ich ihn hierauf bis an die Tür meines Palastes begleitete und ihm Lebewohl sagen wollte, schwand mir plötzlich das Wort von meiner Zunge und der Himmel vor meinen Augen. Und wie die gebrochene Rose auf freiem Felde unter grünen Blättern von den Sonnenstrahlen getroffen auf einmal hinwelkt und ihre glühende Farbe verliert, so sank auch ich halbtot in die Arme meiner Dienerin, und erst nach ziemlich langer Zeit fühlte ich, treulichst von ihr gepflegt, mit kühlendem Balsam gerieben, mich in diese traurige Welt zurückgerufen endlich wieder. Noch hoffte ich, daß er an meiner Tür sei, und wie der wütende Stier, wenn er den tödlichen Streich empfangen hat, sich sinnlos aufrafft und hoch emporspringt, also riß auch ich mich auf und lief fast ohne etwas zu sehen fort. Ich breitete die Arme aus, und in dem Wahn, meinen Gebieter zu umfassen, umarmte ich die Dienerin und rief mit schwacher, tausendfach von Tränen gebrochner Stimme aus: »O! mein Leben, lebe wohl!« Die Dienerin erkannte meinen Irrtum und schwieg. Aber als ich nun zu mir selbst gekommen war und meinen Irrtum erkannte, hielt ich mich nur mit Anstrengung zurück, nicht zum zweitenmal in die vorige Ohnmacht zu verfallen. Der Tag verbreitete jetzt nach allen Seiten seine Klarheit. Als ich mich nun in meinem Zimmer ohne Panfilo sah und mich darüber verwunderte, lange um mich blickte und mich nicht besinnen konnte, was mit mir vorgegangen sei, fragte ich die Dienerin, was aus ihm geworden wäre, und weinend antwortete sie: »Es ist schon lange, seit Ihr hier in seinen Armen ruhtet und der kommende Tag ihn unter unzähligen Tränen gewaltsam von Euch getrennt hat.« Worauf ich sagte: »So ist er denn wirklich abgereist?« »Ja«, antwortete die Dienerin. Weiter fragte ich: »Jetzt sage mir, wie sah er aus, als er wegging?« Sehr bekümmert antwortete sie: »In meinem Leben habe ich noch kein so betrübtes Gesicht gesehen als das seinige.« Darauf fuhr ich fort: »Sage mir auch: was tat er, und welche Worte sagte er bei seinem Weggehen?« »Als Ihr einer Toten gleich in meinen Armen laget, indes Eure Seele ich weiß nicht wo herumirrte, und er, sobald er Euch in solchem Zustand sah, Euch in seine Arme nahm, forschend, ob sich noch Leben in Eurer Brust rege oder ob die erschrockene Seele schon entflohen sei, da fühlte er das heftige Schlagen Eures Herzens, und ich glaube, daß er weinend wohl hundertmal und mehr Euch durch seinen Abschiedskuß ins Leben zurückrufen wollte. Darauf aber, als er Euch noch immer unbeweglich wie Marmor daliegen sah, trug er Euch hierher, und noch Schlimmeres befürchtend, küßte er mehr als einmal Euer Angesicht und sagte unter heißen Tränen: ›O! ihr höchsten Götter! wenn mit meinem Scheiden irgendeine Schuld verbunden ist, so ergehe euer Gericht über mich, nicht über diese Unschuldige! Sendet ihr die entflohene Seele zurück, damit durch die letzte Gunst, uns beim Scheiden noch einmal zu sehen, den letzten Kuß zu geben, das letzte Lebewohl zu sagen, sie und ich getröstet werden!‹ Aber als Ihr darauf noch immer nicht wieder zu Euch kamt, schien er lange nicht zu wissen, was er tun sollte; er legte Euch behutsam aufs Ruhebett, und den von Wind und Regen gepeitschten Meereswellen gleich, die bald vordringen, bald zurückkehren, verließ er Euch, ging bald mit trägem Schritt bis an die Schwelle des Zimmers, schaute dann aus dem Fenster, wo der drohende Himmel über sein Verweilen zürnte, und kehrte dann schnell zu Euch zurück, wo er von neuem Euch mit den süßesten Namen rief, Tränenströme vergoß und Euer Angesicht küßte. Endlich aber, da er dies einigemal wiederholt hatte und sahe, daß er nicht länger bei Euch verweilen dürfe, umarmte er Euch und sagte: ›O! süßeste Herrin, du einzige Hoffnung des traurigen, tiefgebeugten Herzens, die ich bei gewaltsamer Trennung mit ungewissem Leben zurücklassen muß, Gott gebe dir den verlornen Trost zurück und erhalte dich mir, daß wir uns ebenso glücklich hier wiedersehen mögen, wie das bittere Scheiden uns jetzt trostlos voneinander trennt!‹ Und wie er diese Worte sagte, flossen seine Tränen unaufhaltsam mit solcher Heftigkeit, daß sein lautes Schluchzen mich oft befürchten ließ, nicht allein unsre Hausgenossen, sondern auch die Nachbarn würden es hören. Jetzt aber, von der feindseligen Tageshelle gezwungen, konnte er nicht länger verweilen und sagte halb von Tränen erstickt: ›Leb wohl!‹ Und gleichsam durch unsichtbare Gewalt hinweggezogen, stampfte er mit dem Fuß stark gegen die Türschwelle und trat aus Eurem Haus. Und als er auf der Straße war, hätte man sagen sollen, daß er kaum zu gehen vermöge, so zögernd waren seine Schritte; er wandte sich oft um und schien zu hoffen, daß Ihr wieder zu Euch kommen und ich ihn rufen würde, damit er Euch noch einmal sähe.« Hier schwieg die Dienerin, und ich, o ihr Frauen, blieb, wie ihr denken könnt, schmerzlich betrübt über die Abreise des teuren Geliebten, untröstlich und in Tränen, allein. Drittes Buch Worin sich zeigt, welches die Gedanken und Handlungen Fiammettens waren, bis an den Zeitpunkt, wo ihr Geliebter zu ihr zurückzukehren verheißen hatte. Der Zustand, den ich euch, meine Freundinnen, soeben geschildert habe, dauerte noch lange nach Panfilos Abreise. Viele Tage lang betrauerte ich diese Trennung mit unzähligen Tränen, und mein Mund hatte keine anderen Worte – obwohl leise gesprochen – als: »O mein Geliebter! wie ist es nur möglich, daß du mich verlassen hast?« Ach! das Aussprechen seines Namens, ich entsinne mich dessen noch wohl, gewährte mir immer einigen Trost in meinen Tränen! In meinem Gemach war keine Stelle, die ich nicht mit dem Blick der höchsten Sehnsucht betrachtet hätte. ›Hier‹, so sagte ich mir, ›an diesem Ort hat er gesessen; hier ruhete er; dort versprach er mir, bald zurückzukehren; hier küßte ich ihn‹; und so bot jede Stelle mir eine köstliche Erinnerung dar. Mehrmals betrog ich mich selbst und glaubte, er müsse zurückkehren, mich noch einmal zu sehen. Dann, als wäre er wirklich zurückgekehrt, heftete ich die Augen unbeweglich auf die Schwelle meines Zimmers, und wenn ich mich endlich von meiner Einbildung geäfft und betrogen sah, fühlte ich mich so erbittert, als wenn ich wirklich, betrogen worden wäre. Auch begann ich, um diese zwecklosen Blicke zu vermeiden, wohl mancherlei zu unternehmen, bald aber von neuer Phantasie bezwungen, ließ ich alles wieder liegen und hatte nur mit meinem armen Herzen zu tun, das mich mit ungewohntem Pochen peinigte. Darin kamen mir tausend Dinge in den Sinn, die ich ihm gesagt zu haben wünschte, andere, die ich ihm wirklich gesagt, und alles, was er mir darauf erwidert hatte. So haftete der Geist an keinem Gegenstand, und mehrere Tage gingen mir schmerzhaft hin, bis endlich der tiefe Gram über die noch ganz frische Trennung durch die alles vermittelnde Zeit ein wenig gemildert zu werden begann und nach und nach zusammenhängendere Gedanken zu mir kamen und durch wahrscheinliche Gründe ihr eignes Dasein verteidigten. Und als ich nach wenigen Tagen in meinem Zimmer allein geblieben war, geschah es, daß ich also zu mir selbst zu sprechen begann: ›Sieh! nun ist der Geliebte weggegangen und reist immer weiter, und du, Unglückliche, hast ihm nicht Lebewohl sagen, nicht seine letzten Küsse zurückgeben, ihn nicht bei seiner Trennung noch einmal sehen können! Wenn er nun jetzt vielleicht an diese Dinge zurückdenkt oder wenn irgendein schädlicher Zufall ihm begegnete, er dein Schweigen für eine schlimme Vorbedeutung hält, wird er sich dann nicht vielleicht über dich beklagen?‹ Dieser Gedanke fiel mir anfänglich unbeschreiblich schwer aufs Herz, aber ein neuer Einfall verdrängte ihn und tröstete mich. ›Von dieser Seite‹, dachte ich bei mir selbst, ›kann mich gewiß kein Tadel treffen, denn er, der Einsichtsvolle, wird und muß meinen Unfall gewiß eher für eine glückliche Vorbedeutung halten. Sie hat mir, wird er denken, kein Lebewohl gesagt, wie man es sonst denen zu sagen pflegt, die auf sehr lange Zeit oder auf immer von uns scheiden wollen; aber eben durch ihr Schweigen bezeigte sie mir ihren Widerwillen gegen mein Weggehen, und daß mir nur ein kleiner Zeitraum der Entfernung vergönnt sei.‹ Und so durch mich selbst getröstet, ließ ich davon ab und hing wieder neuen, mannigfaltigen Gedanken nach. In dieser schmerzlichen Einsamkeit, nur mit ihm allein beschäftigt, wandte ich mich bald nach dieser, bald nach jener Seite meines Zimmers, und oft, wenn ich, den Kopf auf die Hand gestützt, auf meinem Lager ruhte, sagte ich zu mir selbst: welches Entzücken, wenn in diesem Augenblick mein Geliebter zu mir käme; und in diese Vorstellung verloren, spielte ich lange mit tausend anmutigen Bildern. Ein andermal erschreckte es mich sehr, daß Panfilo, der Erzählung der getreuen Dienerin zufolge, beim Weggehen mit dem Fuß auf die Schwelle des Zimmers gestampft hatte. Ich erinnerte mich, daß Laodemia auf kein anderes Zeichen es für die ausgemachteste Sache hielt, daß ihr Protesilaus nie wieder zurückkehren werde, und dann beweinte ich schon damals oft mit bittern Tränen das, was mir in der Folge wirklich begegnen sollte. Doch meine Seele konnte den Gedanken, daß ein solches Schicksal mich treffen würde, damals noch nicht fassen, und als nichtige Träume, die ich nicht aufkommen lassen dürfe, wies ich diese Vorstellungen bald weit von mir hinweg. Zwar gehorchten sie nicht immer meinem Willen, aber von einer Menge neuer verdrängt, mußten sie doch zuletzt aus meinem Gemüt weichen. Die vorigen Bilder kehrten zurück, und mein Geist wogte in einem Meer von verliebten Träumen, die alle zu schildern mir jetzt Mühe genug kosten würde. Einmal erinnerte ich mich, im Ovid gelesen zu haben, daß Arbeit und Beschwerde die Liebe in jugendlichen Herzen zum Schweigen bringe: und sogleich dachte ich an ihn, wie er wohl jetzt auf der Reise mit mancherlei Ungemach zu kämpfen haben möchte. Und dies schien mir so schwer, besonders für den, der der Ruhe gewohnt ist oder wider Willen reiset, daß ich bei mir selbst fürchtete, ob nicht diese Beschwerden vielleicht Gewalt genug hätten, ihn von mir loszureißen, oder die ungewohnte Anstrengung und die feindliche Jahreszeit ihm Krankheit oder noch Schlimmeres bereiten könnten. Mit diesem Gegenstand blieb ich, wie ich mich noch sehr wohl erinnere, am längsten beschäftigt, und indem ich alles dafür und dawider erwog, bedachte ich endlich, daß seine vielen Tränen und meine eignen Leiden doch unsere Festigkeit nicht im mindesten zu erschüttern vermocht hätten und es also nicht möglich sei, daß eine so kleine Beschwerde so große Liebe bezwingen könne. Und gegen andere schädliche Zufälle, hoffte ich, würden seine Jugend und seine Vorsicht ihn schützen. So unterhielt ich mich mit Gründen und Gegengründen, bis endlich so viele Tage hingegangen waren, daß ich seine Ankunft in seiner Heimat nicht allein vermuten konnte, sondern auch durch sein Schreiben ihrer gewiß ward. Dies war mir aus vielen Gründen höchst erfreulich, denn es zeigte mir ihn so leidenschaftlich wie je und belebte mit vielen Versprechungen meine Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Dieser Augenblick verscheuchte alle vorigen Bilder und streute an ihrer Statt den Keim zu einer neuen Gedankensaat aus. ›Jetzt,‹ sagte ich mir, ›jetzt wird Panfilo, der einzige Sohn des alten Vaters, der seinen Anblick so viele Jahre entbehrt hat, mit großer Festlichkeit im väterlichen Hause empfangen und nicht allein meiner nicht gedenken, sondern vielleicht die Zeit verwünschen, die er wegen seiner Liebe zu mir hier zugebracht hat. Und bald von diesem, bald von jenem Freund mit Ehrungen und Festen überhäuft, tadelt er vielleicht mich, die, als er hier war, nichts anders zu tun verstand, als ihn zu lieben! Herzen, von Freude und Glanz berauscht, sind leicht geneigt, sich der alten Bande zu entwöhnen und neue zu knüpfen. Weh mir! wenn es möglich sein könnte, daß ich ihn auf solche Art verlöre! Gott verhüte, daß solches geschähe: und wie ich mitten unter meinen Verwandten und in meiner Vaterstadt die Seinige geblieben bin und bleibe, so erhalte auch er sich mir unter den Seinigen.‹ Ach! wie zahllose Tränen mischten sich in diese Worte, und wieviel mehr würden geflossen sein, wenn ich das wirklich für wahr gehalten hätte, was sie prophetisch vorhersagten; aber doppelt habe ich seitdem und fruchtlos die Tränen vergossen, welche in jener Stunde noch zurückgeblieben waren. Bei diesem Selbstgespräch fühlte meine Seele – denn oft kennt die Seele dunkel ihr künftiges Unglück – sich von einer namenlosen Bangigkeit ergriffen und erbebte heftig, dann ergoß sich diese Furcht wohl zuweilen in folgende Worte: ›Jetzt lebt Panfilo in seiner Stadt, die voll von den herrlichsten Tempeln und schimmernden Festlichkeiten ist; auch er besucht sie ohne Zweifel und findet dort eine Menge Frauen, die bei hoher Schönheit an Leichtigkeit und Anmut, wie ich oft habe sagen hören, alle anderen übertreffen sollen und mehr als alle anderen die Kunst verstehen, die Seelen an sich zu ziehen und zu fesseln. Ach! wer ist der, der so streng über sich selbst wachen könnte, daß er nicht da, wo so vieles sich vereinigt, selbst wider seinen Willen und Vorsatz, gleichsam mit Gewalt, zuweilen gefangen werden sollte? Ward nicht mein eigen Herz gewaltsam gefesselt, und pflegt nicht überdies das Neue einen eignen Zauber auszuüben? Ach! wie leicht ist es also, daß er, der Neue, ihnen und wiederum sie ihm gefallen!‹ Weh mir! mit wie tiefen Qualen verwundeten mich dergleichen Phantasien, und kaum wollte es mir gelingen, sie durch allerlei Vorstellungen loszuwerden und mich von ihrer Unwahrscheinlichkeit zu überzeugen, dann sagte ich: ›Wie nur wäre es möglich, daß er, der dich mehr als sich selbst liebte, in seinem Herzen, wo nur dein Bild wohnt, eine neue Liebe aufnehmen könnte? Hast du vergessen, wie hier ein Weib um seine Liebe warb, das wohl seiner würdig war; wie sie mit stärkeren Waffen als mit Liebesblicken allein sein Herz zu erobern strebte und doch, obgleich sie hier jede andere Frau an Schönheit und an Kunst weit übertraf, nichts ausrichten konnte? Denn er war dein, wie er es noch ist. Wie meinst du also jetzt, daß er so schnell, wie du sagst, in neuer Liebe entglühen könnte? Und was noch mehr ist, glaubst du, daß er die dir gelobte Treue um irgendeiner andern willen verletzen könnte? Er wird es nimmer, und du kannst ihm darin fest und freudig vertrauen. Und muß es dir nicht deine eigene Vernunft sagen, daß er Klugheit genug besitzt, um zu wissen, der sei ein Tor, der das, was er besitzt, für ein ungewisses Gut hingibt, wenn anders nicht das Kleinste und Unbedeutendste an das Höchste zu wagen ist. Und darum darfst du die sichere Hoffnung haben, daß dies nicht geschehen wird, denn – wenn du anders Wahrheit gehört hast – du selbst würdest zu den Schönheiten seines Landes gehören: an Reichtum und Anmut käme dir keine gleich; und zu dem allem: wo würde er ein Herz finden, das ihn so liebt, wie du ihn liebst? Er, der in Liebe wohl erfahren ist, weiß sehr wohl, wie schwer und mühevoll es ist, ein Weib vom bloßen Gefallen bis zur Liebe zu verführen. Und wie selbst diejenigen Frauen, welche lieben – was sie doch selten verstehn –, fast immer das Gegenteil dessen zeigen, was sie eigentlich wünschen. Und selbst dann, wenn er dich nicht liebte, wie sollte er jetzt, so vielfach mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, Muße finden, sich eine neue Geliebte zu erwählen? Deshalb verbanne diese Gedanken gänzlich und nimm es als eine ausgemachte Sache an, daß du ebenso geliebt wirst wie du liebst.‹ Ach! welche Sophistereien erfand ich nicht, um gegen die Wahrheit zu kämpfen, und doch wollte es allen nicht gelingen, die unselige Eifersucht aus meinem Herzen zu verbannen, die, um das Maß meines Kummers voll zu machen, Besitz davon genommen hatte! Gleichwohl fand ich mich durch diese Gründe, als wären sie wahr, etwas erleichtert. Doch, liebende Frauen, damit ich nicht allzu viel Zeit mit der Aufzeichnung jedes Gedankens anfülle, so sollt ihr lieber eine Schilderung meiner Beschäftigungen hören; aber verwundert euch nicht, wenn sie neu und unerhört scheinen. Ich würde sie nicht aus freiem Trieb gewählt haben, aber da Amor mir sie aufgab, so geziemte es mir, zu gehorchen. Fast jeden Morgen war mein erstes Geschäft, sobald ich aufgestanden war, auf den höchsten Gipfel meines Hauses zu steigen. Hier, den Schiffern gleich, die hoch auf dem Mastkorb ihres Fahrzeugs forschend umherschauen, ob sie irgendeine Klippe entdecken, die ihnen Unheil droht, betrachtete ich den weiten Himmel, und zuletzt nach Osten fest den Blick gerichtet, berechnete ich, wieviel die Sonne an diesem Tage bereits von ihrem Weg am Horizont zurückgelegt habe, und so viel höher sie hinaufgestiegen war, so viel näher schien mir die Zeit der Rückkehr des Geliebten zu sein. So beobachtete ich oft mit Ergötzen ihr Fortrücken, und an meinem kleiner gewordenen Schatten den Grad ihres Aufsteigens messend, klagte ich oft bei mir selbst, daß sie träger gehe als jemals. Ich schalt sie, daß sie den Tagen im Zeichen des Steinbocks mehr Länge gebe als denen im Zeichen des Krebses; so auch sagte ich, wenn sie die Mitte ihres Halbzirkels erreicht hatte, daß sie stillstehe, um die Erde zu ihrem Vergnügen zu beschauen, und so schnell sie auch im Westen herabstieg, schien sie mir doch stets unerträglich zu zögern. Hatte nun die Sonne ihr Licht der Welt entzogen, damit das Licht der Sterne hervorbrechen konnte, so war ich freudig, und wenn ich dann die vergangenen Tage bei mir selbst überzählte, so bezeichnete ich auch diesen wie die andern vergangenen mit einem kleinen Stein, nicht anders, als die Alten sonst ihre freudigen und traurigen Tage durch weiße und schwarze Steine vor einander auszuzeichnen pflegten. O! wie oft geschah es, daß ich die Steinchen, welche die schon verflossenen Tage bezeichneten, überzählte und dann die, welche für die noch übrigen zurückgeblieben waren! Und so genau ich auch die Anzahl beider in meiner Seele wußte, so hoffte ich doch jedesmal, die einen vermehrt, die andern vermindert zu finden. So heftig trieb mich die Begierde, bald an die von ihm bestimmte Zeit der Rückkehr zu gelangen. Hatte ich nun mit vergeblicher, ängstlicher Sorge umhergeschaut und berechnet, so kehrte ich gewöhnlich in mein Zimmer zurück, wo ich weit lieber allein als in Gesellschaft blieb. Hier öffnete ich, um den quälenden Gedanken zu entgehen, sobald ich allein war, ein Kästchen, aus welchem ich viele Sachen, welche einst ihm gehört hatten, Stück für Stück hervorzog. Auf diese heftete ich meine Blicke mit ebensoviel Liebe und Sehnsucht, als ich ihn selbst anzublicken pflegte. Und hatte ich sie nun lange betrachtet und mit kaum zurückgehaltenen Tränen unter Seufzern geküßt, so fragte ich sie, gleich als wären sie denkende und fühlende Wesen: »Sagt! o sagt! wann wird euer Herr wieder hier sein?« Hierauf legte ich sie wieder an ihren Ort und zog unzählige Briefe hervor, die er mir gesendet hatte. Diese las ich alle, und wenn ich auf solche Weise mit ihm zu sprechen, zu überlegen wähnte, fühlte ich mich nicht wenig dadurch getröstet. Und oftmals geschah es auch, daß ich meine Dienerin zu mir rief und mit ihr mancherlei Gespräche über ihn begann. Bald fragte ich sie, welche Ahnung sie wegen Panfilos Zurückkunft habe; bald, wie er ihr gefiel; und bald, ob sie keine Nachricht von ihm gehört habe? Auf diese Fragen antwortete sie mir, teils um mir gefällig zu sein, teils ihrer Überzeugung gemäß, auf solche Weise, daß ich mich nicht wenig erleichtert fühlte, und so brachte ich oft einen großen Teil des Tages fast ohne Schmerz und Angst hin. Nicht minder teuer als die eben beschriebenen Unterhaltungen war mir, ihr gefühlvollen Leserinnen, das Besuchen der Tempel und das Sitzen vor meiner Tür, im Kreis meiner Gespielinnen. Hier geschah es oft, daß in dem bunten Wechsel traulichen Gesprächs manches mich meiner unendlichen Unruhe und Pein vergessen ließ. In den Tempeln dagegen sah ich öfters jene Jünglinge, die ich sonst mehrmals mit Panfilo gesehen hatte, und niemals sah ich sie, ohne daß ich mit forschenden, sehnsuchtsvollen Blicken sie beobachtete, gleich als wenn ich den Geliebten unter ihnen herausfinden müßte. O! wie oft betrog mich mein Wahn auf diese Weise! Und dennoch, überzeugt von meinem Irrtum, blieb mir ihr Anblick stets erfreulich. Mitleid mit mir schien, wenn der Ausdruck ihres Gesichts nicht log, ihr Gemüt zu erfüllen, und es dünkte mir, als ob sie, von ihrem Gefährten verlassen, weit weniger fröhlich wären, als sie sonst zu sein pflegten. O! wie heftig war oft die Begierde in mir, sie zu fragen, was aus ihrem Gefährten geworden sei, und nur die Vernunft konnte mir die Lippen verschließen! Aber hier waltete das Glück und war mir günstig; denn unbemerkt von ihnen hörte ich sie zuweilen untereinander von ihm sprechen und sagen, daß seine Rückkehr nun nicht fern mehr sei. Wie sehr mich das entzückte, würde ich auszudrücken mich vergebens bemühen. Auf diese Weise nun, mit solchen Gedanken, solchen Beschäftigungen und noch vielen andern ebendieser Art, bemühte ich mich, die Zeit des Tages hinzubringen, die mir, so kurz sie war, noch immer zu lang dünkte, und sehnte nur die Nacht herbei. Nicht als wäre mir diese angenehmer gewesen, sondern weil ihr Erscheinen mir jedesmal die Abnahme der ohne ihn verfließenden Zeit zu verkünden schien. Und wenn nun der Tag seine Stunden geendigt hatte und im Schoß der Nacht ruhte, da wachten bei mir meist neue Sorgen auf. Ich, die von Kindheit an die Schatten der Nacht gescheut hatte, war jetzt, von der Liebe begleitet, verwegen geworden. Sobald ich merkte, daß in meinem Hause alles zur Ruhe gegangen war, stieg ich oft allein an den hohen einsamen Ort, wo ich am Morgen die Sonne zu beobachten pflegte. Und von diesem Ort aus, einem Sternseher gleich, der die Himmelskörper und ihre Bewegungen beobachtet, beschaute auch ich, weil ich empfand, daß meine tiefen Sorgen den Schlaf mir stören würden, den nächtlichen Himmel und warf dem schnellen Lauf seiner Gestirne die höchste Langsamkeit vor. Oft, wenn ich die Blicke auf den gehörnten Mond heftete, glaubte ich nicht, daß er sich seiner Rundung nähere, sondern vielmehr spitzer als in der vorigen Nacht wäre. Und um so heftiger ward mein Verlangen, daß die vier Kreise, welche er in seinem, schnellen Lauf durchwandeln sollte, schon vollendet wären. O! wie oft, wenn er nur ein mattes, kaltes Licht verbreitete, schaute ich ihn lange mit entzückten Blicken an, träumend, daß zur selben Stunde auch die Augen meines Geliebten wie die meinen auf ihn geheftet wären und dort mir begegneten! Er aber, in dessen Gemüt, wie ich jetzt nicht zweifle, bereits mein Bild verblichen war, blickte nicht nach dem Mond, ja dachte nicht einmal daran, sondern ruhte unbekümmert auf seinem Lager. Auch erinnere ich mich, daß ich, über Lunas trägen Lauf entrüstet, dem alten Glauben zufolge mit mancherlei Tönen ihren Lauf zu beschleunigen und ihre Rundung herbeizuführen suchte; und wenn sie nun diese erreicht hatte, so schien es mir, als wenn sie, gleichsam mit ihrem vollen Lichte zufrieden, nicht sehr zu ihren neuen Silberhörnern eilte, sondern träg in ihrer Vollständigkeit verweilte. Da geschah es zuweilen, daß ich sie bei mir selbst entschuldigte, weil ich fühlte, daß es lieblicher sei, bei ihrer Mutter zu verweilen, als in die dunklen Reiche ihres Gemahls zurückzukehren. Aber wohl erinnere ich mich auch, daß ich oft die ihr geweihten Gebete und Bitten in Drohungen verwandelte und ihr dann zurief: »O! Phöbe, wie schlecht vergiltst du die empfangenen Dienste! Durch fromme Gebete strebe ich deine Beschwerden zu lindern; du aber trägst keine Bedenken, durch ein träges Verweilen die meinigen immer noch zu mehren. Aber wenn du einst, meiner Hilfe bedürftiger, gehörnt zurückkehrst, dann sollst auch du mich träg und langsam finden, wie du jetzt dich mir zeigst. Oder weißt du vielleicht nicht, daß, je schneller du dich viermal mit deinen Silberhörnern und viermal mit vollem Antlitz gezeigt hast, desto eher auch mein Geliebter zurückkehren wird? Und ist dieser nur zurückgekehrt, so durchwandle deine Zirkel so langsam oder schnell, als es dir selbst nur behagt!« Gewiß war es dasselbe Gefühl, das mich zu Gebeten dieser Art antrieb, welches mich so sehr mir selbst entrückte, daß es mir oft vorkam, als beschleunigte Phöbe, meine Drohungen fürchtend, ihren Lauf nach meinem Willen; oft aber auch, als wenn sie, meiner gleichsam spottend, länger als gewöhnlich zu verweilen schien. Und durch solch emsiges und ernstes Anschauen war ich ihres Laufs so kundig geworden, daß sie nie ihr volles Antlitz zeigte, nie in irgendeiner Gegend des Himmels stand oder mit irgendeinem Gestirn zusammentraf, ohne daß ich die vergangene und künftige Zeit der Nacht ganz richtig darnach zu bestimmen gewußt hätte. Und erschien Phöbe nicht, so gab die Stellung des Großen und Kleinen Bären am Himmel auf dieselbe Weise mir sichere Kennzeichen. Ach! wer hätte glauben sollen, daß die Liebe mir Astrologie lehren würde, eine Kunst, deren Ausübung den freiesten und feinsten Geist und kein von Liebesraserei erfülltes Gemüt erfordert! War nun der Himmel ganz in dichtes Gewölk verhüllt und von gegeneinander streitenden wilden Sturmwinden bewegt, so daß ich an meinen Nachforschungen verhindert ward, so versammelte ich oft meine Dienerinnen in meinem Gemach und erzählte oder ließ Geschichten mancherlei Art erzählen. Je mehr sich nun diese von der Wahrscheinlichkeit entfernten – wie diese Gattung von Menschen fast immer tut –, desto mehr Gewalt schienen sie zu haben, meine Seufzer zu verjagen und mich durch ihre Anhörung zu ergötzen; ja oft geschah es, daß sie mir trotz meiner Schwermut ein herzliches Lachen abzwangen. Und wenn auch dies aus irgendeinem wichtigen Grund nicht geschehen konnte, so bemühte ich mich, in Büchern nach fremdem Elend zu forschen, und wenn ich dies dann mit meinem eignen verglich, fühlte ich mich nicht mehr allein, und gemeinschaftliches Unglück erschien mir leichter zu tragen. So weiß ich nicht, was mir angenehmer war, die Augenblicke gleichsam vorüberschreiten zu sehen, oder, mit andern Dingen beschäftigt, sie schon vergangen zu finden. Hatten nun die eben beschriebenen Dinge und andere ähnliche mich lang genug beschäftigt, so tat ich mir gleichsam Gewalt an, die Ruhe zu suchen – denn ich wußte wohl, daß es vergeblich sein würde –, das heißt, ich legte mich nieder, um zu schlafen. Aber auf dem Lager, allein und von keinem Geräusch mehr gehindert, stürmten alle die Bilder des Tags wieder in mein Gemüt, und wider Willen mußte ich nun mit neuen Gründen dafür und dawider alles noch einmal überdenken. Oft bestrebte ich mich, andern Gedanken nachzusinnen, aber nur selten wollte es mir gelingen. Nur dann konnte ich sie loswerden, wenn ich die Stellen berührte, wo mein Geliebter oft verweilt hatte, und hier, wo ich gleichsam seine Gegenwart empfand, hier dünkte es mir, als wäre ich zufrieden. Dann sprach ich bei mir selbst seinen geliebten Namen aus und bat, als könnte er mich hören, daß er doch bald zurückkehren möchte. Auch bildete ich mir wohl ein, er sei nun wirklich zurückgekommen, und mich selbst betrügend, sagte ich ihm dann vieles, tat tausenderlei Fragen und beantwortete sie mir in seinem Namen. Und zuweilen geschah es, daß ich unter solchen Gedanken einschlummerte. Ach! und wie weit holder war mir da der Schlaf als das Wachen; denn alles das, was ich mir wachend fälschlich als wirklich vorspiegelte, gestand er mir während seiner Dauer in süßer Bewußtlosigkeit als wahr zu. Nun war er zurückgekehrt; ich lustwandelte mit ihm in den schönsten Gärten, mit Laub, Blumen und Früchten aller Art geschmückt; wir fühlten uns aller Sorgen ledig, wie uns wohl ehemals schon zumut gewesen war. Er hielt mich bei der Hand, ich ihn, und er mußte mir alle seine Erlebnisse erzählen. Dann schien es mir oft, als ob ich, noch ehe er geendigt hatte, mit Küssen seine Rede unterbräche. So sehr glaubte ich an die Wahrheit dessen, was ich sah, daß ich sagte: »Ach! so ist es denn wahr, daß du zurückgekehrt bist? Ja, es ist wahr, denn ich habe, ich halte dich ja!« Und dann küßte ich ihn von neuem. Ein andermal kam es mir vor, als wäre ich mit ihm an den Ufern des Meers, bei heitern, fröhlichen Festen; und ich erinnere mich, daß ich mir selbst damals jeden Zweifel ausredete und zu mir sagte: ›Jetzt aber ist es gewiß kein Traum, daß ich ihn in meinen Armen halte !‹ Ach! wie schmerzlich war es mir, wenn es nun endlich geschah, daß der Traum sich von mir wandte; bei seinem Scheiden verlor ich ihn und all die Güter, die er ohne Mühe mir verliehen hatte. Und so schwermütig mich auch diese Träume machten, so fühlte ich mich doch den ganzen folgenden Tag von süßer Hoffnung und geheimer Wonne belebt, und mein einziges Verlangen war, daß nur die Nacht bald kommen möchte, damit mir schlafend das würde, was ich wachend entbehren mußte. Aber so hold mir auch der Schlaf bisweilen war, so verstattete er deshalb doch nicht, daß ich solche Seligkeit ganz rein, ohne die geringste Beimischung von Qual, genießen durfte; und so gab es Nächte genug, wo mir der Traum seine Gestalt zeigte, mit den häßlichsten Lumpen bekleidet, ganz bedeckt mit schwarzen Flecken, bleich und zitternd, als würde er verfolgt, und ich hörte ihn mir zurufen: »O hilf! rette, rette mich!« Ein andermal dünkte es mir, als hörte ich mehrere Personen von seinem Tode sprechen. Oder ich sah ihn wirklich tot vor mir liegen, oft auch unter andern schauderhaften Gestalten. Niemals aber geschah es, daß der Schlaf meinen Schmerz hätte bezwingen können, denn plötzlich erwachte ich dann, und die Nichtigkeit des Traumes erkennend, war ich froh, nur geträumt zu haben, und dankte Gott dafür. Doch blieb ich nicht ohne Unruhe und ängstigte mich, daß die Gesichte des Traums, wenn auch nicht ganz, so doch zum Teil wahr oder Vorbilder der Wahrheit sein möchten. Und was ich mir auch immer selbst über die Nichtigkeit der Träume sagen mochte oder von andern sagen hörte: ich konnte mich doch niemals ganz darüber beruhigen, bis ich Nachrichten von ihm erhalten hatte, und diese wußte ich mir durch die Schlauesten und feinsten Mittel immer bald zu verschaffen. So brachte ich die Tage und Nächte mit Erwartung zu. Und als nun die Zeit der versprochenen Rückkehr näher kam, schien es mir ratsam, ein fröhlicheres, leichteres Leben zu beginnen, damit meine Reize, durch immerwährenden Gram und Unruhe verblichen, wiederum ihre gewohnte Wirkung ausüben möchten und ich ihm nicht, wenn er nun würde zurückgekehrt sein, durch mein verändertes Aussehen Mißfallen erregen möchte. Dies zu bewirken ward mir nicht eben schwer, denn mit der Sorge vertraut, ließ die Gewohnheit mich solche mit leichter Mühe ertragen; die freudige Hoffnung, ihn bald zurückkehren zu sehen, wuchs aber täglich mehr in mir an und durchdrang mich mit ungewohnter Fröhlichkeit. Nun begann ich alle die Festlichkeiten, an denen ich bis dahin unter dem Vorwand der ungünstigen Jahreszeit nur wenig Anteil genommen hatte, von neuem zu besuchen; und kaum atmete meine Seele, so lange vom größten Leid gedrückt, wieder frei und entfaltete sich in ein leichtes, freudiges Leben, als auch mein Äußeres bald reizender als jemals erschien. Und dem Ritter gleich, der zum nahen Kampf die Stärke und Festigkeit seiner Waffen prüft, untersuchte auch ich die geliebten Gewänder und den köstlichen Schmuck und verschönerte da, wo es nötig war, damit ich ausgeschmückt herrlicher erscheinen möchte bei seiner Rückkehr, der ich arme Getäuschte vergeblich entgegensah. So wie meine Umgebungen eine andere Gestalt annahmen, so veränderten sich auch meine Gedanken. Jetzt war nicht mehr die Rede davon, daß ich ihn beim Abschied nicht gesehen hatte; die traurige Vorbedeutung des stampfenden Fußes, die von ihm erlittenen Kränkungen, all die Schmerzen, die tödliche Eifersucht, alles war aus dem Gemüt verschwunden; und schon war die Zeit geschmolzen bis auf acht Tage – dann sollte er zurückkehren –, da sagte ich bei mir selbst: ›Jetzt dünkt es meinem Freund unerträglich, länger von mir entfernt zu sein; er fühlt, daß die versprochene Zeit nun nahe ist, und rüstet sich zur Abreise. Und jetzt vielleicht sagt er dem alten Vater Lebewohl und begibt sich auf den Weg.‹ Wie süß waren mir diese Vorstellungen; wie gern spielte ich mit diesen Bildern und sann oft lange ernstlich nach, unter welcher Gestalt ich mich ihm wohl am gefälligsten zeigen sollte. Ach! wie oft dachte ich da: ›Wie will ich ihn bei seiner Rückkehr wohl hunderttausendmal umarmen, und die Flut meiner Küsse wird jedes Wort verschlingen, das von seinen Lippen fließen will; ja hundertfach will ich ihm alle jene Küsse zurückgeben, die er beim Abschied unerwidert auf mein blasses, kaltes Angesicht drückte.‹ Oft auch zweifelte ich in meinen Gedanken, ob ich wohl mein heftiges Verlangen, ihn zu umarmen, würde bezähmen können, wenn ich ihn zum erstenmal in Gegenwart anderer sähe. Ach! dafür wußten die Götter Rat, und auf eine mir nur allzu schmerzliche Weise! Wenn ich damals in meinem Zimmer war, glaubte ich, sooft jemand zu mir hereintrat, er käme, um mir die Nachricht zu bringen, Panfilo sei zurückgekehrt! Wenn ich irgendwo Stimmen hörte, so verschlang ich die Worte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, denn immer dachte ich, jedes Wort müßte auf seine Rückkehr Bezug haben. Wohl hundertmal, glaube ich, stand ich von meinem Sitz auf, lief ans Fenster und schaute emsig, gleichsam als hätte ich nach andern Dingen zu sehen, die Straße auf und ab; dann sagte ich: ›Ist es denn möglich, daß Panfilo nun zurückgekehrt sein und jetzt zu dir kommen könnte?‹ Und wenn ich dann meine Hoffnung leer und nichtig gefunden hatte, kehrte ich beschämt und verwirrt ins Innere meines Zimmers zurück. Auch gab ich vor, daß er bei seiner Rückkehr meinem Gemahl etwas zu übergeben habe, und unter diesem Vorwand fragte ich oft und ließ oft fragen, ob er angekommen sei oder wann er erwartet würde. Aber niemals kehrte mir eine erfreuliche Antwort zurück, sondern stets wie von einem, der niemals mehr wiederkehren soll, wie er auch getan hat. Und so blieb ich voller Schmerzen so verlassen wie vorher. Und also, ihr gefühlvollen Seelen, erreichte ich nicht nur unter tausend Sorgen den so heiß ersehnten, so schmerzlich erwarteten Zeitpunkt, sondern ich überschritt ihn auch um viele Tage, und im Kampf mit mir selbst, ob ich den Geliebten tadeln dürfe oder nicht, entfloh schon ein Teil meiner fröhlichen Gedanken, denen ich mich vielleicht allzu sorglos hingegeben hatte. Und neue, nie gedachte Vorstellungen fingen an, meinen Kopf zu erfüllen. Ich strengte mein Gemüt an, wo möglich zu ergründen, was wohl der Grund seines längern Ausbleibens wäre oder sein könnte; und indem ich daran dachte, fand ich vor allen andern Dingen so mannigfaltige Entschuldigungen für ihn, als er selbst gegenwärtig nur immer hätte finden können, und vielleicht noch mehr. Deshalb sagte ich zu mir selbst: ›O Fiammetta, wie magst du nur denken, daß dein Geliebter zögern würde zu kommen, wenn er es nicht müßte? Weißt du nicht, wie oft unvorhergesehene Geschäfte jemand umstricken und binden, so daß es nicht möglich ist, das Künftige so genau und fest vorherzubestimmen, als wohl der andere es glaubt? Und wer kann daran zweifeln, daß wir die Pflichten gegen die Gegenwärtigen und ihre Ansprüche auf uns weit mehr empfinden als gegen die Entfernten? Ich weiß es mit höchster Gewißheit, daß er mich über alles liebt, daß er jetzt an mein bitteres Leben denkt, herzlich mich bemitleidet und von der Liebe gespornt schon oft hat zu mir reisen wollen. Aber mit Tränen und Bitten hat dann der alte Vater das Ziel verlängert, mit gewaltsamer Liebe hat er ihn gegen seinen Willen zurückgehalten. O gewiß, er wird kommen, sobald er nur kann.‹ Aber diese Überlegungen und Entschuldigungen reizten mich bald zu neuen, ernsteren Gedanken. ›Wer weiß,‹ dachte ich, ›ob er, begieriger, mich wiederzusehn, als er sollte, nicht dem bestimmten Zeitpunkt hat zuvorkommen wollen, alle kindliche Pflicht beiseite gesetzt und jedes Hindernis überwunden hat? Wer weiß, ob er nicht, ohne die Ruhe des stürmischen Meeres abzuwarten, die besorgten Schiffer so lange verspottet hat, bis diese, kühn durch die Aussicht auf Gewinn, ihn in irgendein leichtes Fahrzeug auf genommen haben, wo er vielleicht ein Raub der zornigen Winde und Wellen geworden ist? Ach! nichts mehr bedurfte es ja, um einst die unglückliche Hero ihres Leander zu berauben! Oder wer kann wissen, ob er nicht, durch Zufall an irgendeine unwirtliche Küste verschlagen, den Tod, welchem er in den Wellen entflohen, durch Hunger oder durch irgendein reißendes Tier gefunden hat? Oder ob er nicht, aus Vergeßlichkeit der andern zurückgelassen, gleich dem Achämenides ein Schiff erwartet, das ihn wegführt? Wer kennte nicht die Gefahren und Tücken der See? Vielleicht in Feindes Hand oder von Seeräubern ergriffen, schmachtet er jetzt im Kerker mit Ketten belastet umsonst nach Freiheit.‹ Alle diese Dinge sind möglich und geschahen schon oft in der Welt. Wollte ich mir nun auf der andern Seite die Reise zu Lande sicherer denken, so kamen mir auch hier augenblicklich tausend Zufälle in den Sinn, die ihn zurückhalten konnten. Mein Geist verfiel schnell auf das Allerschrecklichste, weil er eine desto größere Rechtfertigung für den Erwarteten zu finden hoffte, je ernster er die Sachen nahm. Und so sprach ich wiederum: ›Siehst du nicht, wie die Sonne brennender als gewöhnlich schon den Schnee auf den hohen Gebirgen schmelzt, so daß die Gewässer mit schäumenden Wellen wild und verheerend herabstürzen? Und wenn er sich in eines derselben, deren er so viele auf seinem Wege findet, gewagt und von der Wut des Stroms ergriffen mit seinem Roß hineingerissen, kämpfend, strebend, endlich von den Wassern begraben worden ist? Ach! wie kann er da kommen? Es ist nicht das erstemal, daß die Flüsse zu dieser Zeit den Reisenden gefährlich wurden und daß ihr Abgrund sie verschlungen hat. Und wenn er auch diesem entgangen ist: kann er nicht in die Hände der Räuber gefallen, von ihnen beraubt, zurückgehalten worden sein? Oder vielleicht auf seiner Reise plötzlich erkrankt, muß er jetzt wider Willen irgendwo verweilen, bis er nach wiedererlangter Gesundheit ohne allen Zweifel zu mir eilen wird.‹ Ach! wenn dergleichen Bilder mein Gemüt bewegten, so überzog ein kalter Schweiß mir alle Glieder, ja meine Angst ward so lebhaft, daß ich mich mit Gebeten zu den Göttern wandte und sie, als hätte ich ihn wirklich mit meinen Augen in solcher Gefahr gesehen, innig anflehte, das Unglück von ihm abzuwenden. Ja ich weinte oft so heftig, als wäre er wirklich in einer von diesen erträumten Gefahren umgekommen, und seufzte: ›Weh mir! von welchen traurigen Ereignissen sind diese unseligen Bilder die Vorboten? Gott verhüte, daß eines derselben in Erfüllung gehe! Mag er doch lieber verweilen, wo es ihm gefällt, lieber nie zurückkehren, als um meinetwillen sich irgendeiner von diesen Gefahren preisgeben, deren betrügerischer Schein mich schon so ängstigt. Denn gesetzt auch, daß ein solcher Fall möglich wäre, so ist es doch unmöglich, daß er verborgen bleiben könnte. Der Tod eines so ausgezeichneten Jünglings könnte nicht verborgen bleiben, und am wenigsten mir, die unermüdet sorgfältige Nachforschungen anstellt und Nachrichten von ihm einzuziehen sucht; mir würde Fama, die treueste und pünktlichste Verkünderin des Unglücks, es verkündigt haben, wenn nur das geringste der von mir geträumten schrecklichen Dinge geschehen wäre. Ach! das Glück, das mir ohnedies jetzt nicht hold ist, würde nicht gesäumt haben, mit Blitzesschnelle diese Gerüchte zu mir zu senden, um mich ganz zu vernichten. Gewiß ist es viel vernünftiger zu glauben, daß er wie ich in großer Betrübnis, wider Willen, verweilen muß, oder daß er bald kommen wird, oder daß zu meinem Trost bald ein Brief mir den Grund seines Zögerns sagt und ihn rechtfertigt.‹ So gelang es mir wirklich, eine Zeitlang die traurigen Gedanken noch leicht in die Flucht zu schlagen. Ich bot all meine Kräfte auf, die Hoffnung, die mit der vergeblich gekommenen Stunde des Wiedersehens die Schwingen ausbreitete, um mich zu verlassen, noch zurückzuhalten; ich stellte ihr die lang bewahrte Liebe und Gegenliebe vor, die gelobte Treue, die zu Zeugen angerufenen Götter und die unendlichen Tränen und behauptete fest, es sei unmöglich, daß unter so heiligen Dingen ein Betrug sich verbergen könne. Aber ich konnte nicht verhüten, daß die gewaltsam zurückgehaltene Hoffnung den früher gehegten, vergessenen Gedanken wiederum Raum verstattete. Mit langsamem Schritt kehrten sie zurück, strebten nach ihrer vormaligen Herrschaft, frischten das Andenken jener traurigen Vorbedeutungen und Besorgnisse wieder im Gedächtnis auf und verdrängten schweigend und unvermerkt die Hoffnung aus meinem Herzen. Ach! sie hatte mich schon fast gänzlich verlassen, und jene Allmächtigen hatten bereits ihre Stelle eingenommen, als ich anfing, es zu gewahren. Am meisten aber litt ich unter der Eifersucht, als nun wieder mehrere Tage hingingen ohne das selige Wort: ›Panfilo ist zurückgekehrt!‹ Ach! diese trieb mich weiter, als ich selbst wollte! Als wüßte sie um seine geheimsten Verhältnisse, vernichtete sie in mir alle Entschuldigungen, die ich mir für ihn ersonnen hatte. ›Ha!‹ rief sie, ›wie so töricht bist du! Wie vermochte wohl die Liebe zum Vater oder irgend etwas anderes, sei es Ernst oder Scherz, Panfilo zurückzuhalten, wenn er dich wirklich so liebte, wie er gesagt? Weißt du nicht, daß Liebe alles besiegt? Eine neue Leidenschaft hat ihn entzündet, und er hat dich vergessen. Jene Liebe, mächtiger, weil sie neu ist, hält ihn jetzt an jenem Ort zurück, wie die deinige ihn hier fesselte. Die Frauen seiner Vaterstadt, das weißt du, sind zur Liebe geschaffen, er selbst ist sehr liebenswert, so kommen sich beide entgegen, und in neuer Glut entflammt sein Herz. Wähnst du, andere Frauen hätten nicht Augen, seine Liebenswürdigkeit zu sehen, gleich dir; wären nicht Kennerinnen wie du? O! zweifle nicht, sie sind es! Oder auch, wähnst du, daß ihm nur eine Frau gefallen könne? Ja, könnte er dich sehen, dann würde es ihm schwer sein, eine andere zu lieben, und seine Treue wäre gesichert, so aber bist du fern, und schon viele Monden sind vorübergegangen, seit er dich nicht mehr sah. Du solltest doch wissen, daß kein irdisches Glück ewig dauert. Ebenso wie du ihm gefallen, wie er dich liebgewonnen hat, ist es möglich, daß jetzt eine andere ihn entzückt und daß er nun, der vorigen Liebe entfremdet, eine andere liebt wie einst dich. Das Neue reizt mit stärkerer Gewalt als das Gewohnte, und immer pflegt das Herz ein Ungewisses Gut mit größerer Innigkeit zu begehren als das, was ihm gewiß ist; auch ist nichts Irdisches so süß und so entzückend, daß ein langer Besitz nicht übersättigte. Und wer würde nicht lieber in seiner Heimat einer neuen Geliebten huldigen als der alten in einem fernen, fremden Lande? Auch hat er dich vielleicht gar nicht mit so heftiger Leidenschaft geliebt, als er vorgab. Nicht Tränen, nicht Beteuerungen sind glaubwürdige Zeugen des großen und echten Gefühls, mit welchem du dich von ihm geliebt glaubst. Ich habe nicht einmal, sondern oft gesehen, daß die Männer wohl einige Tage lang sich quälen und beim Abschied bittere Tränen vergießen, auch vieles versprechen und mit Schwüren bekräftigen, was sie fest zu halten vermeinen. Aber bald kommt ein neuer Eindruck über sie und löscht in ihrem Herzen alle die Schwüre aus. Tränen, Schwüre und Verheißungen der Jünglinge, sind sie wohl etwas anderes als ein neues Handgeld auf den künftigen Betrug der Frauen? Und sind sie nicht in diesen Künsten gewöhnlich Meister, noch ehe sie lieben? Ihr unstetes Herz zieht sie zu solchem Beginnen, und es gibt keinen, der nicht jeden Monat lieber zehnmal die Geliebten wechselte als zehn Tage lang einer treu bliebe. Immer glauben sie, neue Sitten, neue Formen zu finden, und brüsten sich damit, von vielen geliebt worden zu sein. Was also hoffest du? und warum lassest du dich nichtigerweise von einem eitlen Glauben verführen? Es steht nicht in deiner Macht, das Unabänderliche zu ändern; hör auf, ihn zu lieben, und zeige keck, daß mit derselben Kunst, mit der er dich betrogen hat, du ihn selbst betrügst.‹ Dies und noch mehr sagte mir die Eifersucht und fachte mit ihren giftigen Worten einen solch wilden Zorn in mir an, daß er, vereint mit dem stillglimmenden Feuer liebenden Verlangens, mein ganzes Gemüt entzündete und mich einer Rasenden ähnlich machte. Ach! dieses tobende Feuer, das in mir loderte, erlosch nicht eher, bis Ströme von Tränen aus meinen Augen geflossen und die bedrängte Brust in langen, schweren Seufzern sich erleichtert hatte; dann erst verwarf ich zu meinem Trost alles, was jener weissagende Geist zu mir gesprochen hatte, und rief gleichsam mit Gewalt die schon entflohene Hoffnung mit eitlen Gründen wieder in mein Herz zurück. Auf solche Weise faßte ich von neuem einen freudigen Mut, oft hoffend, sehr oft aber auch verzweifelnd und stets aufs eifrigste bemüht, durch geschickte Mittel zu erfahren, was wohl aus ihm geworden sei, der ach! noch immer nicht zurückkehren wollte. Viertes Buch Die Dame Fiammetta erzählt, wie es ihr zu Ohren gekommen, daß Panfilo eine Frau genommen, und schildert darauf, wie sehr sie an seiner Rückkehr verzweifelt und in Schmerzen gelebt habe. Flüchtig und leicht waren bis dahin meine Schmerzen, ihr gefühlvollen Leserinnen, und süß meine Seufzer, im Vergleich mit den Leiden, zu deren Schilderung die traurige Feder, die träger schreibt, als das Herz empfindet, sich jetzt bereitet. Und gewiß, wenn ich's wohl erwäge, so scheinen die bis jetzt erlittenen Qualen eher die Leiden einer jungen müßigen Frau als einer Verzweifelnden zu sein; aber das Folgende wird euch von anderer Art erscheinen. Darum stärkt eure Seelen, und laßt euch von diesen Worten nicht so sehr erschrecken, daß ihr, wenn das Vergangene euch schon schwer genug erscheint, das folgende Schwerste gar nicht zu wissen begehrt. Ach! wenn ich euch zur Mitempfindung meiner Schmerzen aufmuntere, so weniger, um euer Mitleid auf mich zu lenken, als um euch die Schlechtigkeit dessen, der sie alle verschuldet hat, recht lebhaft vor Augen zu stellen, damit ihr vorsichtiger werdet und lernet, nicht jedem Manne mehr zu vertrauen. Und so werde ich vielleicht mit einem Male eure Schuldnerin durch meine Erzählung und bezahle meine Schuld durch meinen Rat, und das, was mir Verderben war, wird euer Heil. Ich war also, meine Freundinnen, mit den euch geschilderten Vorstellungen beschäftigt, bis endlich, da mehr als ein Monat über die bestimmte Zeit der Rückkehr verflossen war, eines Tages folgende Nachricht von dem geliebten Jüngling zu mir gelangte. Mit frommer Seele war ich hingegangen, einige heilige Klosterfrauen zu besuchen, damit sie vielleicht durch ihre reinen Gebete Gott bewegen möchten, mir den Geliebten wiederzugeben oder sein Bild aus meiner Seele zu tilgen, auf daß ich endlich den verlorenen Frieden wiedererlangen möchte. Da geschah es, als ich bei diesen Frauen, deren Gespräche ebenso zart als klug und anmutig und die durch Verwandtschaft und lange Freundschaft fest mit mir verbunden waren, noch verweilte, daß ein Handelsmann dahin kam, welcher nicht anders wie dort Ulysses und Diomedes der Deidamia den Schwestern verschiedene köstliche Waren zu zeigen anfing. Dieser war, wie ich an seiner Sprache erkannte und er selbst auf die Fragen einer der Schwestern angab, aus dem Lande meines Panfilo. Als nun viele seiner Waren gezeigt, einige davon für den verlangten Preis genommen und die andern zurückgegeben worden waren, da entspannen sich zwischen ihm und den Damen mancherlei artige Gespräche. Und während er die Bezahlung erwartete, tat eine der Schwestern, jung, von großer Schönheit, von edlem Blut und Sitten und eben dieselbe, welche ihn schon vorher gefragt hatte, wer er sei und woher, ihm die Frage: ob er wohl seinen Landsmann Panfilo jemals gekannt habe. O! wie kam diese Frage meinem heftigen Verlangen entgegen, wie feurig dankte ich ihr insgeheim, und wie spannte ich mein Ohr, die Antwort zu vernehmen! Ohne Zögern antwortete der Kaufmann: »Wer möchte ihn wohl besser kennen als ich?« Worauf die junge Dame, welche vor Begierde brannte, mehr von ihm zu erfahren, weiter fragte: »Aber was ist denn jetzt aus ihm geworden?« »O!« sagte der Kaufmann, »es ist schon eine geraume Zeit, seit ihn sein Vater, dem er von allen Kindern allein geblieben ist, in das väterliche Haus zurückberufen hat.« »Und wie lange ist es,« fuhr die junge Dame zu fragen fort, »daß du die letzten Nachrichten von ihm hast?« »Seit meiner Abreise«, erwiderte jener, »habe ich nichts von ihm gehört, welches ungefähr noch nicht völlig vierzehn Tage sein mögen.« »Und wie ging es ihm damals?« fuhr die Dame fort; worauf der Kaufmann antwortete: »Sehr wohl! Ich kann euch auch erzählen, daß gerade an dem Tag meiner Abreise mit großer Festlichkeit in seinem Haus die Ankunft einer wunderschönen jungen Dame gefeiert wurde, die, soviel ich erfahren konnte, ganz kürzlich mit ihm vermählt worden war.« Während der Kaufmann dies sagte, heftete ich meine Blicke, so bitter seine Worte mich auch im Herzen verwundeten, fest auf das Gesicht der fragenden Jungfrau; denn mit tiefer Verwunderung hatte ich schon lange überlegt, aus welchen Gründen sie so eifrig nach den genauesten Umständen eines Mannes fragen möchte, den, wie ich glaubte, außer mir kaum eine Frau kannte. Und kaum hatte die Nachricht, daß Panfilo verheiratet sei, ihr Ohr berührt, so sah ich, wie sie die Augen niederschlug, wie eine hohe Röte in ihr Gesicht stieg und wie die Rede auf ihren Lippen erstarb. Ja, ich konnte deutlich sehen, wie sie nur mit allergrößter Mühe die Tränen, die schon in ihren Augen standen, zurückhielt. Mich selbst aber überfiel bei dieser Nachricht ein ungeheurer Schmerz, den jedoch plötzlich ein anderer nicht schwächerer verdrängte, und kaum hielt ich mich zurück, mit herber Rüge der Jungfrau ihre Leidenschaft zu verweisen. Ich gönnte es ihr nicht, daß sie mit so sichtlichen Zeichen ihre Liebe zu Panfilo kundtat, und fürchtete beinah, daß sie gleich mir rechtmäßige Ursache haben möchte, sich über das Gehörte zu betrüben. Doch hielt ich mich, obgleich mit großer Anstrengung, zurück. Ach! was kann wohl schwerer sein, als das geängstete Herz unter einem unveränderten Gesicht zu verbergen und gleichgültig zu scheinen, wenn man weit lieber weinen als zuhören möchte? Aber die Jungfrau, welche vielleicht mit gleicher Anstrengung wie ich den Schmerz in das Innere zurückdrängte, nahm eine heitere, unbefangene Miene an und ließ sich die Erzählung von neuem bestätigen; aber je mehr sie fragte, desto mehr waren die Antworten ihren sowie meinen Wünschen zuwider. Darauf ward der Kaufmann beurlaubt, und sie, welche unter einer ausgelassenen Lustigkeit ihre Traurigkeit verbarg, hielt mich mit mannigfaltigen Reden und Gesprächen weit länger, als ich wünschte, zurück. Endlich waren wir mit unsern Gesprächen zu Ende und trennten uns. Mit zorn- und angsterfüllter Seele, zitternd gleich dem libyschen Löwen, wenn er die Jäger in ihrem Hinterhalt entdeckt hat, bald das Angesicht in Feuer, bald totenbleich, jetzt mit schleichendem Schritt und jetzt rascher dahineilend, als der weiblichen Zucht geziemt, kehrte ich in meine Wohnung zurück. Und nun, da es mir vergönnt war, zu tun wie es mir ums Herz war, verborgen in meiner Kammer, begann ich bittre Tränen zu vergießen. Lange weinte ich, bis zuletzt der unendliche Tränenstrom einen Teil meines schweren Schmerzes hinweggeschwemmt und mir die Sprache wiedergegeben hatte. Da hub ich denn mit schwacher Stimme zu reden an: ›Nun weißt du ja die Ursache seines Fernbleibens, die du so sehnlich zu wissen begehrtest! Jetzt, unglückliche Fiammetta, jetzt weißt du, warum dein Geliebter nicht wiederkehrt, und du hast nun, was du so eifrig gesucht hast! Was verlangst du Arme noch mehr? Panfilo gehört dir nicht mehr an; gib sie nun auf, die Wünsche, ihn wiederzuhaben; löse die mit Unrecht gefesselte Hoffnung; bändige die gewaltige Liebe, und laß die tollen Gedanken. Glaube jetzt den Vorzeichen und deiner ahnungsvollen Seele und fange an, den Betrug der Männer zu erkennen. Du bist nun auf den Punkt gekommen, wohin alle, die zuviel vertrauen, zu kommen pflegen.‹ An diesen Worten entzündete sich mein Zorn von neuem, ich bezwang die Tränen und brach in folgende, nur allzu verwegne Worte aus: ›O ihr Götter! wo seid ihr? wohin wendet ihr jetzt eure Augen? wo ist jetzt euer Zorn? warum fällt er nicht auf den spottenden Verächter eurer Macht? O meineidiger Jupiter, schlummern jetzt deine Blitze? Wo sind sie, wer hat sie mehr verdient? Warum schleuderst du sie jetzt nicht auf den ruchlosen Jüngling, damit die andern an seinem Beispiel lernen, künftig dich zu fürchten und dich nicht fälschlich zum Zeugen anrufen! Du leuchtender Phöbus, wo sind jetzt deine Pfeile, die du mit Unrecht gegen Python wandtest? Willst du diesen verschonen, der dich so fälschlich und zum Zeugen seines Betrugs angerufen hat? Ihn beraube nun deines strahlenden Lichtes und sei ihm nicht minder feindlich gesinnt, als du es einst dem armen Ödipus warst! O! all ihr andern Götter und Göttinnen, und du, o Amor, dessen Macht der falsche Geliebte verhöhnt, wie säumt ihr jetzt, eure Gewalten und euren Zorn zu verkündigen? Wie zögert ihr, Himmel und Erde gegen den Treulosen zu bewegen, der nun der Welt als Beispiel eines Betrügers lebt und sich bemüht, eure Macht zu vernichten und euch zu verhöhnen? Schon oft haben weit geringere Verbrechen euren Zorn gereizt und haben euch mit minderm Recht zur Rache reif geschienen! wie zaudert ihr also jetzt? habt ihr doch kaum soviel Grausamkeiten in eurer Gewalt, um ihn zu strafen, wie er es verdient! O ich Elende! warum ist es doch nicht möglich, daß ihr die Früchte seines Betrugs so wie ich empfinden könnet, damit sich auch in euch wie in mir die Lust zur Strafe entzünden möchte? Jetzt, o ihr Götter, sendet einige von jenen Gefahren zu ihm, die ich sonst so sehr befürchtete; oder sendet sie alle, tötet ihn, auf welche Weise ihr nur immer wollt, damit ich in einem Augenblick zum letztenmal den höchsten Schmerz durch ihn finde; damit ein Augenblick euch und mich zugleich räche! O! gebt nicht zu, daß ich allein die Strafe seiner Sünden ausweinen muß und daß er, der euch und mich verhöhnt, nun in Freude und Ruhe sich mit der neuen Braut ergötze!‹ Darauf erinnerte ich mich, daß ich, zwar nicht minder zornentbrannt, aber mit weit mehr Tränen, meine Klagen an Panfilo richtete und ihm folgendes sagte: ›O! Panfilo, jetzt erkenne ich die Ursache deines Zögerns; jetzt sind mir deine Betrügereien offenbar; jetzt sehe ich, wer dich zurückhält und welche Pflicht! Während du feierlich Hymens heiligen Gebräuchen opferst, verzehre ich durch deine Reden und durch mich selbst Betrogene mich in Tränen; durch Tränen öffne ich dem Tod den Weg zu mir, der, von deiner Grausamkeit abgesandt, leicht der schmerzlichen Einladung folgen wird, und die Jahre, die ich um deinetwillen zu verlängern wünschte, werden nun durch dich schnell abgekürzt und geendet sein. O Jüngling! verräterisch und zu meiner Qual erschaffen, mit welchem Herzen magst du wohl jetzt die neue Braut erwählt haben? Hattest du im Sinn, sie ebenso zu betrügen, wie du mich betrogen hast? Mit welchen Augen magst du sie betrachtet haben? Waren es dieselben, welche mich. Elende, allzu Leichtgläubige besiegten? Welche Treue hast du ihr gelobt? War es jene, die du mir verpfändet? Sage, wie hast du dies wohl angefangen? Bedachtest du nicht, daß alles, was angelobt wird, nicht mehr als einmal angelobt werden kann? Welche Götter hast du zu Zeugen des neuen Bundes angerufen? die, welche Zeuge deines Meineids waren? Weh mir Unglücklichen, welche verkehrte Lust hat deine Seele so entzündet, daß du, der doch fühlte, daß er mein war, einer andern geworden bist! Weh! durch welche Schuld verdiene ich es, daß dich mein Schicksal so wenig kümmert? Wohin ist die flüchtige Liebe so bald geflohen? Ach! wie bedrückt das gefühllose Geschick die Bekümmerte so hart! So hast du nun die mir mit deiner Rechten gelobte Treue, die betrogenen Götter, bei denen du mit so großem Eifer zurückzukehren geschworen hast, all deine lockenden Reden und deine Tränen – ach! sie benetzten nicht allein dein Gesicht, sondern auch das meinige –, dies alles hast du bereits den Winden übergeben. Leichten Herzens verachtest du mich um deiner neuen Gebieterin willen! O! wer hätte jemals glauben können, daß unter deinen Reden Falschheit sich verbergen könnte und daß Arglist dir die Tränen aus den Augen lockte? Ach! wie fern lag dieses mir, und so treu wie du dem Schein nach sprachst und weintest, so treu empfing ich Tränen und Worte als Wahrheit. Und wenn du vielleicht mir antwortest, jene Tränen und Schwüre seien wahrhaft, jene Gelübde der Treue redlich gewesen, so will ich dir glauben. Welche Entschuldigungen aber kannst du finden, daß du das, was du so rein versprachst, so schlecht erfülltest? Etwa, daß die Holdseligkeit deiner neuen Gebieterin so groß war, daß sie dich alles vergessen ließ? Wie so schwach ist diese Entschuldigung! Laut verkündigt sie deine wankelmütige Seele. Und selbst wenn du bessere hättest, würden sie wohl genügen können? Sicherlich nicht. O Nichtswürdiger! War dir die heiße Liebe, welche ich für dich fühlte und noch wider meinen Willen fühle, nicht genug bekannt? Sie war es, und so weißt du auch, daß weit weniger Arglist nötig war, mich zu betrügen. Du aber, damit nur deine Feinheit in hellerm Licht sich zeigen möchte, formtest deine Reden mit schlauer Kunst. Fühlst du jetzt nicht, wie so geringen Ruhm es dir bringt, ein junges Herz getäuscht zu haben, das dir unumschränkt vertraute? Ach! ich glaubte an dich wie an die Götter, bei denen du geschworen hast, und von ihnen erflehe ich, daß sie es den größten Ruhm deines Lebens sein lassen, ein Weib betrogen zu haben, das dich mehr liebte als sich selbst! Und nun sage mir, Panfilo, habe ich jemals etwas getan, wodurch ich verdiente, mit so ausgesuchter Arglist von dir hintergangen zu werden? Ach! habe ich jemals eine andere Schuld gegen dich gehabt als eine törichte, abgöttische Liebe und eine Treue, die jeder andern Pflicht vergaß? Und diese Verbrechen, verdienten sie denn gerade von dir einer so harten Züchtigung? Ja, es ist wahr, einer Schuld bin ich mir bewußt, durch welche ich den Zorn der Götter mit Recht auf mich gezogen habe. Das war, daß ich dich unseligen, jeder frommen Pflicht vergessenen Mann in mein Herz aufnahm, daß ich dir meine ganze Liebe schenkte und dir verstattete, in meinem Arm zu ruhen. Und doch, wie selbst die herabschauenden Götter mir bezeugen können, warst du bei weitem strafbarer als ich. Ihnen ist es bekannt, wie du mich in stiller Nacht im Schlaf überraschtest, und wie nur die Furcht, mir unauslöschliche Schande oder dir, den ich mehr als mich selbst liebte, den Tod zu bereiten, mir den Mund verschloß. Weh mir! daß die Götter nicht den Tag, welcher dieser Stunde vorausging, meinen letzten sein ließen, damit ich in unentweihter Zucht gestorben wäre! Ach! welche Schmerzen, wie so bittre Qualen zerreißen meine Seele, indes du voll freudigen Mutes bei der jungen Braut verweilest und ihr zu ihrer Belustigung vielleicht deine vorigen Liebeshändel erzählen und mich ihr weit strafbarer schildern, meine Schönheit und Sitte herabsetzen wirst. Alle meine Vorzüge, die du sonst mit eifrigem Lob über alle Frauen zu erheben pflegtest, wirst du jetzt verächtlich nennen und nur einzig ihre Schönheit preisen. Ach! und alles, was ich von großer Liebe getrieben mit frommem Herzen für dich getan, wirst du nun als die Früchte einer wilden, üppigen Lust ihr darstellen! Doch vergiß nicht, deiner lügenhaften Schilderung auch die Erzählung deiner eigenen Betrügereien beizufügen. Erzähle, wie du mich verlassen hast, obgleich du so hoch von mir geehrt und vorgezogen worden bist, damit deine Undankbarkeit in den Augen deiner Zuhörerin einen desto größern Umfang annehmen möge. Gedenke in deiner Erzählung, wie so viele edle Männer sich einst um meine Liebe beworben haben und auf welche Art. Wie ihre Liebe meine Tür mit Blumenkränzen umwand; ihre nächtlichen Kämpfe und ihre herrlichen Taten am Tag; und wie sie doch niemals mich von deiner falschen Liebe abwendig machen konnten; da du hingegen für eine Geliebte, die du kaum gekannt, mich schnell hingeben konntest. Und sie, wenn sie nicht arglos ist, wie ich es war, wird mißtrauisch gegen deine Küsse werden und sich vor deiner Falschheit, gegen die ich mich nicht zu schützen wußte, hüten. Sie bitte ich, so mit dir zu verfahren wie des Atreus Gattin mit ihm oder die Töchter des Danaus mit ihren neuen Männern oder Clytämnestra mit Agamemnon, oder zum mindesten wie ich selbst gegen meinen Gemahl handelte, der keine solche Kränkung verdiente; möge sie dir solches Unglück bereiten, daß ich gezwungen werde, deinem Schmerz Tränen zu weinen, so wie ich sie jetzt voll Mitleid meinem eigenen Jammer weine. Und wenn die Götter auf die Leiden irgendeines Sterblichen voll Mitleid niederblicken, so flehe ich sie an, daß dies alles für mich bald geschehen möge!‹ Indessen, so lebhaft mich auch diese Betrachtungen erregten und sooft der Gedanke an die ungeheure Kränkung nicht an diesem Tag allein, sondern auch an vielen der folgenden wiederkehrte, so peinigte mich die leidenschaftliche Unruhe, welche ich an der vorhin erwähnten Jungfrau wahrgenommen hatte, gleichfalls nicht wenig. Die Erinnerung daran erschuf mir einen neuen, nicht minder heftigen und herben Gram. ›Warum, o warum‹, rief ich, ›mich betrüben, daß der Geliebte fern von mir ist oder sich einer neuen Liebe ergeben hat? Kann ich wissen, ob selbst da, als er noch bei mir war, er nicht mir, sondern einer andern angehörte? O! ruchloser Jüngling, wie vielfach war deine Liebe geteilt oder fähig, verteilt zu werden! Leicht kann ich nun argwöhnen, daß so wie jene Jungfrau und ich (nun hast du diese Zahl noch durch eine vermehrt) von dir geliebt wurden, auch noch eine Menge anderer deiner Liebe teilhaftig waren, in deren ausschließlichem Besitz ich mich wähnte. Und so geschieht es, daß ich eine fremde Sache führe, indes ich nur meine eigenen Angelegenheiten zu bedenken glaube. Und wer kann wissen, ob nicht eine andere, der Gunst der Götter Würdigere, wegen erlittener Kränkungen Rache auf mich herabgefleht hat, so daß ich durch ihr Gebet jetzt so elend und schmerzensvoll bin? Aber sie, die ich nicht kenne, verzeihe mir, denn ich sündigte unwissend gegen sie, und Unwissenheit verdient Verzeihung. Du aber, mit welchen Ausflüchten wirst du deine Untaten beschönigen? mit welchem Gewissen konn- test du sie ausüben? welche Liebe, welche Zärtlichkeit konnte dich dabei leiten? Schon oft habe ich sagen hören, das Herz könne nur einen Gegenstand auf einmal lieben; du aber zeigest, daß diese Regel für dich nicht gültig sei. Du fühltest große Liebe zu mir oder heucheltest sie. Hast du denn allen oder nur jener allein, die das, was du verborgen, so schlecht zu verhehlen wußte, dieselbe Treue, dieselben Schwüre, dieselben Tränen geweiht, mit denen du mich täuschtest? Wenn du es tatest, so magst du dich frei und sicher fühlen; du bist keiner verpflichtet, denn das, was man ohne Unterschied allen gibt, scheint mir keiner einzigen gegeben. Weh! wie ist es nur möglich, daß der, der so vielen das Herz raubte, selbst von keiner besiegt ward? Narcissus, der von vielen Geliebte und gegen alle gleich Unempfindliche, ward zuletzt in seine eigene Gestalt verliebt. Atalante, die Schnellfüßige, besiegte unerbittlich und streng alle ihre Liebhaber, bis endlich Hippomenes durch ein Meisterstück von List mit ihrem eignen Willen sie überwand. Aber warum die Beispiele der Alten anführen? Wurde ich selbst, deren Herz noch keiner besiegte, nicht von dir bezwungen? Du allein also hast niemanden gefunden, der dein Herz bezwungen hätte? Ich kann dies nicht glauben und bin gewiß, daß auch du besiegt worden bist; und wenn du es warst, von wem es auch sei, warum kehrst du zu ihr, die so große Gewalt ausüben konnte, nicht wieder zurück? Und willst du dies nicht; so kehre zu jener Jungfrau wieder, deren Liebe stärker war als die Klugheit. Wenn ich elend sein soll, weil ich es deiner Meinung nach verdient habe, so laß doch meine Schuld nicht auch für andere verderblich werden! Kränke nicht so viele andere, wenn du mich strafen willst, so viele, die du, wie ich glaube, voll Erwartung und Hoffnung hier zurückgelassen hast, und laß dich von einer Gegenwärtigen nicht stärker fesseln als von so vielen Entfernten. Jene ist jetzt dein Eigentum; sie kann, wenn sie auch wollte, nicht aufhören, es zu sein. Sie also kannst du mit Sicherheit verlassen, sie bleibt dir doch; hierher aber eile, damit deine Gegenwart dir die erhält, welche sich noch von dir losreißen können.‹ So ergoß ich mein Leid in mannigfaltigen Klagen, die eitel waren, weil sie weder das Ohr der Götter noch das des geliebten, undankbaren Jünglings erreichten. Dann geschah es zuweilen, daß ich plötzlich auf andere Gedanken geriet und zu mir selbst sprach: ›Warum, o Unselige, begehrst du, daß Panfilo zurückkehre? Glaubst du mit mehr Geduld und Leichtigkeit das in der Nähe zu ertragen, was in der Ferne dir schon unsäglich schwer ist? Ach! er bleibe und gönne dir durch seine Entfernung lieber noch den Zweifel an seiner Liebe, als daß seine Nähe dir die Gewißheit ihres Verlustes verkünde! So sei denn, armes Herz, wenigstens mit dem Bewußtsein zufrieden, daß noch andere gleiche Qualen erdulden, und genieße des Trostes, den alle Gequälten in dem Gedanken, Gefährten ihres Unglücks zu haben, zu finden pflegen.‹ Sehr schwer würde es mir werden, o meine Schwestern, euch recht deutlich zu schildern, mit wie brennendem Zorn, bittern Tränen und ängstlich beklommenem Herzen ich mich täglich solchen und ähnlichen Gedanken hinzugeben pflegte. Aber wie die forteilende Zeit auch das Härteste und Schwerste zur Reife bringt und erweicht, so geschah es, daß mein Schmerz, der nicht mehr wachsen konnte und den höchsten Gipfel erreicht hatte, etwas milder zu werden begann. Kaum aber fühlte die Seele sich von dem drückenden Schmerz etwas freier, so kehrte die brünstige Liebe und die schwankende Hoffnung schnell mit feurigem Fluge zurück. Ach! diese neuen Bewohner veränderten bald die Wohnung, wo erst der Schmerz gehaust hatte. Nur verändert war mein Wille, und das erste Verlangen, meinen Geliebten, nur ihn, wiederzuhaben, erwachte aufs neue mit größter Gewalt. Ja, je schwächer die Hoffnung, ihn jemals wiederzusehen, war, desto stärker, unüberwindlicher ward meine Begierde darnach. Und wie die Flamme, wenn sie der Winde Hauch von mehreren Seiten anfacht, wächst und in heißerer Glut auflodert, so gewinnt auch die Liebe durch entgegengesetzte Gedanken neue Kraft und zeigt nur herrlicher ihre Allgewalt. Und so ward auch ich bald dahin gebracht, über die vorigen Gedanken Reue zu empfinden. Ich dachte an jedes Wort, das der Zorn mir eingegeben hatte, und gleich als hätte mich jemand gehört, war ich beschämt und rügte hart, daß mein Gemüt den heftigen Stürmen der Leidenschaft so sehr unterlegen und die Stimme der Wahrheit gar nicht mehr zu hören fähig gewesen war. Doch die Flammen der Leidenschaft erkalten schnell in den stillen Wellen der Zeit; alles wird wieder klar, und der Irrtum zeigt sich bald im vollen Licht. Und so sprach auch ich bei ruhiger gewordenem Gemüt: ›O! törichtes Herz, was beunruhigt dich doch so sehr? Wie kann dich eine bloße Möglichkeit mit so flammendem Zorn entzünden? Laß es wahr sein, was der Kaufmann sagte – was vielleicht gar nicht wahr ist –, laß ihn wirklich verheiratet sein; ist dies etwas so Großes, so Unerhörtes, das du gar nicht erwarten konntest? Die Pflicht will ja, daß in solchen Fällen die Jünglinge ihren Vätern gefällig sind. Wenn nun sein Vater es von ihm heischte, unter welchem scheinbaren Vorwand hätte er ihm Gehorsam verweigern können? Und glauben darfst du auch, daß nicht alle, die sich verheiraten und verheiratet sind, ihre Frauen lieben, wie sie andere Frauen lieben. Der allzu freie Umgang in der Ehe läßt die Liebe der Männer doch gar bald erkalten, wenn ihnen auch anfänglich die Gattin höchst liebenswert vorkam, und weißt du denn, ob es bei dieser der Fall war? Vielleicht ward Panfilo nur aus Zwang ihr Gatte, und vielleicht liebt er dich noch immer mehr als sie, und es fällt ihm schwer, bei ihr zu verweilen. Ja, wenn ihm die Gattin jetzt auch gefällt, so darfst du hoffen, daß sie ihm bald langweilig wird. An seiner Treue und an seinen Schwüren brauchst du deshalb nicht zu zweifeln. Er darf ja nur wieder in dein Zimmer hereintreten, und beide sind erfüllt. Flehe also nur zu den Göttern, daß Amor, der mächtiger ist als Schwur und feierlich Gelübde, ihn zwinge, zu dir zurückzukehren. Und dann: Warum hat denn die Bestürzung jener Jungfrau dir soviel Argwohn gegen ihn eingeflößt? Bedenke doch, wie du selbst von so vielen Jünglingen unerhört geliebt wirst, die ohne Zweifel alle sehr erschrecken würden, wenn sie vernähmen, daß du dem einen angehörtest. So darfst du es also auch für möglich halten, daß viele ihn lieben und durch seinen Verlust ebenso schmerzlich betrübt sein würden wie du, obgleich aus ganz verschiedenen Gründen.‹ Auf solche Weise betrog ich mich selbst und kehrte zu meiner ersten Hoffnung zurück, und was ich kurz vorher mit vielen Verwünschungen erbeten hatte, davon begehrte ich nun inbrünstig das Gegenteil. Doch hatte ich gleichwohl nicht die Kraft, mich der Freude wieder hinzugeben, vielmehr sahen andere nur allzuwohl, wie eine ewige Unruhe mein Gemüt und Angesicht beherrschte; und ich selbst wußte nicht, was ich tun sollte. Alles, was mich sonst so emsig beschäftigt hatte, war nicht mehr. Im ersten Eifer meines Zornes hatte ich die Steine, die mir als Denkmäler der merkwürdigen verflossenen Tage gedient hatten, weit weggeworfen, alle seine Briefe verbrannt und viele andere Sachen verdorben und vernichtet. Den Himmel und den Lauf der Gestirne zu beobachten gewährte mir keine Freude mehr, denn jetzt wohnten Zweifel an seiner Rückkehr in meiner Seele, wo sonst nur die frohste Gewißheit lebte. Die Lust an kurzweiligen Erzählungen und Geschwätz war gleichsam vorüber, auch wollte es die Jahreszeit, welche die Nächte sehr verkürzt hatte, nicht mehr gestatten. Ach! diese Nächte brachte ich entweder zum Teil oder auch wohl gänzlich ohne zu schlafen, fast immer weinend oder grübelnd hin. Und geschah es dann zuweilen, daß ich einschlief, so waren die Träume, die mich umschwebten, sehr verschieden; lieblich und zärtlich waren die einen, unsäglich traurig die andern. Festlichkeiten und Tempel waren mir öde und langweilig, und nur selten, wenn ich nicht umhin konnte, fand ich mich dort ein. Mein bleiches Gesicht verbreitete Melancholie über mein ganzes Haus und gab Veranlassung zu mancherlei Reden über mich. So ward ich in der ewigen Erwartung, ohne zu wissen was, immer stiller und trauriger. Meine zweifelnden, schwankenden Gedanken hielten mich den ganzen Tag in schwebender Ungewißheit: ob ich traurig sein sollte, ob froh. Kam aber die Nacht, so fühlte ich, daß sie die Zeit meiner Leiden sei. Einst, da ich allein in meinem Zimmer war und viel geweint, viel mit mir selbst geredet hatte, ward ich auf einmal von einer Eingebung gleichsam ergriffen. Ich wandte meine Gebete zur Venus und sprach: ›O! du höchste, alleinige Schönheit des Himmels! mitleidige Göttin, allerheiligste Venus! Du, deren Bild mir einst, als meine Leiden begannen, festlich in dieser Kammer erschien, verleihe mir Trost für meinen Schmerz, und um deiner heiligen, innigen Liebe zu Adonis willen lindere meine unendlichen Qualen! Sieh, wie ich um deinetwillen jetzt erbebe, sieh, wie oft die furchtbare Gestalt des Todes schon vor meine bangen Blicke getreten ist. Sieh, ob mein redlicher Glaube soviel Leiden verdient hat, als ich nun dulden muß. Unbekannt mit deinen Pfeilen unterwarf sich mein junges, müßiges Herz bei dem ersten Wink ohne Widerrede deinem Willen. Du weißt, wieviel Glück mir von dir verheißen, und ich leugne es nicht, zum Teil auch wirklich geschenkt wurde; aber wenn du willst, daß ich diese Qualen, die du mir jetzt zuteilst, zu jenen verheißenen Gütern rechnen soll, so muß Himmel und Erde zugrunde gehen und eine neue Welt mit einer neuen Ordnung der Dinge sich gestalten. Ist es aber wirklich ein Unglück, wie ich es zu empfinden glaube, so laß, o huldreiche Göttin, das verheißene Glück nun erscheinen, damit von deinem heiligen Munde nicht wie von sterblichen gesagt werden könne, daß er zu lügen verstehe. – O! laß deinen Sohn mit seinen Pfeilen und seiner Fackel zu meinem Geliebten eilen, der jetzt fern von mir weilt; und ist vielleicht, meines Anblicks beraubt, sein Herz in Liebe zu mir erkaltet oder für eine andere entzündet, so fache die vorige Glut von neuem so heftig in ihm an, daß er sich von keiner Ursache abhalten lasse, zurückzukehren, damit ich von neuem Mut fasse und nicht unter so schwerem Leid hinsterbe! O göttliche Schönheit! laß meine Worte vor deine Ohren kommen, und wenn du in dem Geliebten nicht die vorige Glut entflammen willst, so reiß aus meinem Herzen die Pfeile, damit auch ich, gleich ihm, frei von solchen Ängsten meine Tage hinbringen könne !‹ So betete ich, und obgleich ich keinen Erfolg meiner Gebete sah, glaubte ich doch, daß sie noch erfüllt werden würden, und diese Hoffnung linderte einigermaßen meine Qual. ›O Panfilo!‹ rief ich oft, ›wo weilst du jetzt? Ach! ach! was tust du? findet die verschwiegene Nacht auch dich jetzt ohne Schlaf und bitter weinend, wie mich? Hält dich vielleicht die junge Braut in ihren Armen? Oder ruhst du, von weichem, süßem Schlaf umfangen, nicht gestört von der leisesten Erinnerung an mich? Weh! wie mag es doch geschehen, daß Amor zwei Liebende nach so verschiedenen Gesetzen beherrscht, da jedes so eifersüchtig liebt wie ich und vielleicht du! Ach! ich weiß es nicht, aber erfüllen auch dich solche Gedanken wie mich, so sag, welcher Kerker, welche Fesseln könnten dich halten, daß du sie nicht zerbrächst und zu mir eiltest? Ich wenigstens wüßte nicht, was mich hindern könnte, zu dir zu kommen, wenn nicht mein Geschlecht mir Schmach und Hindernisse mancherlei Art zuziehen würde. Aber du – was für Geschäfte dich auch abgehalten haben, jetzt müßten sie beseitigt und dein Vater müßte sich nun an dir gesättigt haben! Ach! die Götter wissen, wie oft ich um seinen Tod gefleht habe! Denn fast glaube ich, daß er die Ursache deines Bleibens ist oder doch der Grund deiner Trennung von mir. Aber ich zweifle nicht, daß meine Gebete um seinen Tod ihm nur das Leben verlängern, denn die Götter sind mir entgegen und erhören kein einziges! Ach! wenn deine Liebe so groß ist, wie ich einst glaubte, so überwinde den Willen der Götter und führe dich zu mir zurück! Bedenke, wieviel Stunden ich einsam zubringe, in denen du mir treulich Gesellschaft leisten könntest. Gedenke der mannigfaltigen Freuden, die wir vereint genossen! Erinnerst du dich ihrer nur einmal, so bin ich gewiß, daß nie eine andere Frau dich mir rauben kann. Ja mehr als alles andere ist es dieser Glaube, der mir die Nachricht von der neuen Braut als falsch darstellt oder mir doch das feste Vertrauen gibt: ich dürfe, wenn sie auch wahr wäre, doch nicht fürchten, dich auf lange entbehren zu müssen. So kehre denn wieder, und wenn die liebliche Freude nicht genug Gewalt über dich hat, so führe die ernste Pflicht, mich vom schimpflichsten Tode zu befreien, dich zu mir zurück. Ach! wenn du jetzt zurückkämst, du würdest mich wohl kaum wiedererkennen, so sehr hat mich die Angst um dich entstellt. Aber ein kurzes Wiedersehen, ein Blick in deine schönen Augen würde mir bald reichlich wiedergeben, was unendliche Tränen mir genommen haben, und bald würde die Fiammetta, die du kanntest, zurückgekehrt sein. Ach komm, komm, mein Herz schreit nach dir und fordert dich zurück! Laß meine Jugend nicht hinwelken, da sie nur dir allein blüht! Ach! wenn du kämest, welchen Zügel würde ich meiner Freude anlegen, daß sie sich nicht der ganzen Welt verkündete! Und doch müßte ich mit Recht besorgen, daß unsere so lange verborgene Liebe nun auf einmal vor aller Augen entschleiert dastehen würde. Aber möchtest du nur kommen, um zu sehen, daß gewandte List und kluge Beherrschung dem Glücklichen ebenso hilfreich sind als dem Bedrängten. Ach! wärst du nur hier! und könnte es nicht anders sein, so möchte doch unser Geheimnis offenbar werden, denn ich traue mir zu, für alles Rat zu wissen, alles zu ertragen, nur deine Entfernung nicht!‹ So redete ich, und als ob er meine Worte gehört hätte, sprang ich plötzlich auf und lief ans Fenster, mich selbst mit dem Wahn betörend, als höre ich ihn wie sonst leise an meine Tür pochen. O! hätten die verschmähten Liebhaber dies gewußt, wie oft hätte ich von ihnen betrogen werden können! Aber vergebens ward das Fenster geöffnet und mit forschendem Blick nach der Tür geschaut. Wider Willen machten meine Augen mir den Selbstbetrug gewisser, und die kurze trügerische Fröhlichkeit wandelte sich schnell in schwere Beängstigung um. Und gleich einem Schiff im Sturm, dessen Mast zerbrochen ist und das, durch die wütende Gewalt der Winde mit geschwellten Segeln ins offene Meer hinausgetrieben, endlich ein Raub der schäumenden Wogen wird, so kehrte auch ich in gewohnter Weise zu den Tränen zurück und badete mich in bittern Strömen. Dann wieder wollte ich mich zwingen, dem Gemüt einige Ruhe zu geben, mit verschlossenen Augen wollte ich den feuchten Schlaf herbeilocken und sprach bei mir selbst: ›O Schlaf! du lieblichste Ruhe der Natur, echter Friede der Herzen, du, den jede Sorge als ihren Feind flieht, komm zu mir und verscheuche mit deiner Süßigkeit ein wenig die bittern Sorgen aus meiner Brust! O du, der die müden Glieder stärkt und zu neuer Arbeit und Mühe geschickt macht, o warum kommst du nicht? Allen andern Wesen gibst du Ruhe, warum nicht auch mir, die ihrer mehr als alle andern bedarf? O wende dich weg von den Augen junger, glücklicher Schönen, die ihre Geliebten in den Armen haltend dich jetzt zurückstoßen und hassen! Kehre in meine Augen ein, bei mir, die allein und verlassen, von Tränen und Seufzern überwältigt, die nächtlichen Stunden vertrauert. O du Bändiger der Schmerzen, du bessere Hälfte des Menschenlebens, schenke mir dich selbst zum Trost, und nur dann halte dich fern von mir, wenn Panfilo einst mit seinem süßen Geschwätz meine Ohren erquickt, die so begierig sind, ihn zu hören. O du müder Bruder des herben Todes, der Trug mit Wahrheit seltsam vermischt, komme und senke dich auf meine traurigen Augen: du, der einst die hundert des Wachens gewohnten Augen des Argus schloß, ach! schließe jetzt diese zwei, die sich so herzlich nach dir sehnen! Du Pforte des Lebens, Ruhe des Lichts und Gefährte der Nacht, du, der mit gleicher Huld den stolzen König wie den demütigen Sklaven besucht, senke dich auf meine traurige Brust und erfrische liebreich die sinkenden Kräfte. Süßer Schlaf, du, der das furchterfüllte Menschengeschlecht sich an des Todes lange Dauer gewöhnen lehrt, ergreife mich mit deiner Kraft und verjage die törichten Sorgen, mit denen meine Seele sich ohne Nutzen abmüht.‹ Zuweilen geschah es dann, daß dieser Gott, erbarmungsvoller als alle andern, zu denen ich betete, mir endlich die erflehte Gunst gewährte und mir nahte. Aber gleich als käme er nur aus Zwang und wider Willen, erschien er träg und schweigend, und ohne daß ich es wahrnahm, senkte er sich auf mein müdes Haupt, das seiner so sehr bedurfte, ihn willig aufnahm und sich ihm gänzlich hingab. Aber wenn auch der Schlaf mich besuchte, so kehrte doch nimmer der ersehnte Friede bei mir ein. Denn ach! statt der Gedanken und Tränen ängstigten mich nun unendlich furchtbare Traumgesichte. In Plutos Wohnung ist keine Furie, die sich mir nicht unter mannigfaltigen, schrecklichen Formen zeigte und mich mit mancherlei Übeln bedrohte. Ihr scheußlicher Anblick zerriß oft das zarte Gespinst des Schlafes, und ich war froh, von ihrem Anblick befreit zu sein. Mit einem Wort, seit der unseligen Nachricht von Panfilos Verheiratung verflossen wenig Nächte, wo mich der Schlummer wie sonst erquickt und mir, wie er ehedem pflegte, meinen Geliebten froh und lieblich hätte erscheinen lassen. Eines aber schmerzte mich ohne Maß und tut es noch, daß nämlich mein teurer Gatte meine Tränen und meinen Jammer bemerkte, ohne die Quelle desselben zu erraten. Als er sah, wie die frische Blüte meines Angesichts ganz verblaßte und die klaren, leuchtenden Augen von einem tiefen, purpurnen Kreis umschattet und gleichsam meiner Stirn entwichen waren, so nahm es ihn oft wunder, woher dies wohl kommen möge. Und als er wahrnahm, daß ich Eßlust und Ruhe verloren hatte, fragte er mich, was wohl die Ursache davon sei. Dann gab ich zur Antwort, das Übel liege im Magen, der, ich wisse selbst nicht wie und wodurch, verdorben und die Ursache dieser entstellenden Magerkeit sei. Ach, wie ehrlich vertraute er meinen Worten und glaubte mir alles! Er ließ mir eine Menge Heilmittel bereiten, die ich gebrauchte, um ihn zufriedenzustellen, nicht, weil ich mir Besserung von ihnen versprach. Kann irgendein Heilmittel für den Körper auch der Seele Genesung bringen? Ich glaube, keines. Ja, vielleicht ist es eher möglich, daß die geheilte Seele den Körper kräftigen kann. Für mein Übel gab es nur ein Mittel, und dies war zu weit entfernt, um wirksam sein zu können. Als aber der betrogene Gatte nun sah, daß all die vielen Mittel wenig, ja nichts fruchteten, war er noch zärtlicher für mich besorgt als sonst, und auf tausenderlei neue und erfinderische Weise bemühte er sich, meine Melancholie zu verjagen und den verlornen frohen Mut zurückzurufen. Aber vergebens war alles, was er tat. Einige Male richtete er folgende Worte an mich: »Du weißt, Liebe, daß nicht weit von dem anmutigen Berg Falerno mitten in dem alten Cuma und Puzzuoli an den Ufern des Meeres die vergnügliche Stadt Baia liegt. Ihre Lage ist so, daß der Himmel auf keine schönere und anmutigere herabschaut. Die schönsten Gebirge, mit verschiedenem Gehölz und Reben bedeckt, umgeben sie, und die reizenden Täler beherbergen alle Tiere, die zur Jagd schicklich und erfreulich sind. Nicht weit davon liegt eine sehr große Ebene, wo Falken und andere Raubvögel gejagt werden. Auch ist nicht fern die Insel Placusa und Nisita, wo ein Überfluß von Kaninchen ist und das Grabmal des großen Misenos, das zu den Reichen des Pluto führt; auch sind dort die Orakel der Cumanischen Sibylle, der See Averno und der gemeinsame Platz der alten Spiele, die Teiche und der Berg Barbaro, diese eitlen und mühsamen Arbeiten des gottlosen Nero. Alle diese Denkmäler der ältesten Zeiten, die den jetzigen so neu sind, bieten nicht wenig Veranlassung, diese Insel zu sehen und zu bewundern. Und außer allem diesem gibt es dort eine unendliche Anzahl Bäder, die für alles wirksam sind und deren Besuch von der herrschenden milden Jahreszeit begünstigt wird. Dort lebt man nie, ohne sich mit edlen Frauen und Rittern in Festlichkeit und Freude zu ergötzen. Darum also, weil dein Magen in keinem gesunden Zustand ist und, soviel ich beurteilen kann, eine schwere Melancholie dein Gemüt bedrückt, so will ich, daß du zu beider Genesung mir dahin folgst. Ich bin gewiß, daß unsere Reise uns Gewinn bringen wird.« Als ich dies hörte, fiel mir sogleich ein, ob nicht unterdessen der teure Geliebte zurückkehren und ich ihn dann nicht sehen würde, und dies verzögerte lange meine Antwort. Aber da ich sah, wie sehr mein Gemahl es wünschte, und bei mir dachte, daß jener, wenn er käme, mir gewiß dorthin folgen würde, so antwortete ich, ich sei bereit, seinem Willen zu folgen, und also reisten wir ab. O! wie war das Heilmittel, welches mein Gemahl sich ausgesonnen, meiner Genesung so entgegen! Dort geschieht es nämlich höchst selten oder nie, daß einer, der mit gesundem Gemüt dahin kam, auch mit gesundem Gemüt zurückkehrt, wenn auch die Leiden des Körpers verschwinden. Wie dürften nun vollends Liebeskranke Genesung hoffen: dort in der Nähe der Meereswellen, aus deren Schoß Venus einst geboren ward, und in der Jahreszeit, die vor allem zu ihrem Dienst bestimmt ist, im lieblichen Frühling? Es darf keinen wundern, daß ich an mehreren Beispielen sah, wie auch die züchtigsten Frauen dort die weibliche Zucht mehr oder weniger beiseite setzten und sich in jeder Hinsicht mit mehr Freiheit betrugen wie an allen anderen Orten. Solche Erfahrungen machte nicht ich allein, sondern alle, die jemals mit diesem Ort bekannt wurden. Hier wird der größte Teil der Zeit müßig hingebracht, und wenn irgendeine Beschäftigung sie ausfüllt, so sind es verliebte Gespräche, welche die Frauen teils unter sich, teils in Gesellschaft von Jünglingen halten. Nur die köstlichsten Speisen reizen hier den Gaumen und die edelsten alten Weine, die in der Brust nicht allein die schlummernde Lebensflamme, sondern selbst die erloschene wieder zu entzünden vermögen. Auch wird jeder, der sie nahm, wohl wissen, wie unbeschreiblich die Wirkung jener Bäder auf den Körper ist. Hier schimmern die Ufer des Meeres, die anmutigen Weinberge, die Gärten und jeder Fleck Landes vom Glanz mannigfaltiger Feste, neuer Spiele, reizender Tänze, und alles tönt von unzähligen Instrumenten und vom Klang verliebter Gesänge wider, die ebenso häufig von Frauen wie von Jünglingen gedichtet und gesungen werden. Widerstehe also, wer da kann, der Gewalt des Liebesgottes hier, wo er in der Hauptstadt seines weiten Reiches, von Erde und Himmel begünstigt, leichter und glorreicher als irgend anderswo seine Kräfte übt und verherrlicht! An einen solchen Ort, ihr mitfühlenden Frauen, führte mich mein Gemahl, um mich von meiner Liebe zu heilen. Aber kaum waren wir dort angelangt, als Amor gegen mich verfuhr wie gegen alle anderen auch und mein Herz zwar nicht bezwang, weil es ja schon ganz sein eigen war, aber es von neuem mit solcher Glut anfachte, daß alles Vorhergehende ein Geringes dagegen zu sein schien. Und zwar wirkten nicht allein die erst angeführten Ursachen, sondern mächtiger als alles wirkte die Erinnerung; denn mehr als einmal war ich hier in Panfilos Begleitung gewesen, und als ich mich nun allein, ohne ihn sah, mußten Liebe und Leid natürlich noch unendlich in mir wachsen. Ich sah keinen grünen Berg, kein reizendes Tal, das ich nicht schon einst, von ihm und von andern begleitet, durchstrichen hätte. Hier hatten wir die hinterlistigen Netze getragen, die muntern Jagdhunde geführt, dort dem flüchtigen Wild Fallstricke gestellt und es erlegt, und so sah ich nichts, was nicht einst Zeuge von seiner und meiner Fröhlichkeit gewesen wäre. Ach! jedes Ufer, jeder Fels, jede kleine einsame Insel rief mir zu: »Hier warst du einst mit ihm! hier sprach er diese Worte der Liebe! hier küßte er dich!« So wurde jeder Gegenstand eine lebendige, mächtige Erinnerung an ihn, und mein Verlangen, ihn hier oder irgendwo anders wiederzusehen und in die verflossenen Zeiten zurückzukehren, ward brennender angefacht als je. Weil es meinem Gemahl gefiel, begannen wir nun an den Freuden dieses Orts teilzunehmen. Oft verließen wir das Lager, ehe noch der Tag in seiner Klarheit erschienen war, bestiegen die mutigen Rosse und streiften zuweilen mit Hunden, zuweilen mit dem Federspiel und oft mit beiden in die benachbarten Gegenden, die sich zu jeder Art von Jagd eigneten. Hier verfolgten wir bald im schattigen Wald, bald im offenen Feld mit Emsigkeit unsern Raub, aber der Anblick so wechselreicher, fröhlicher Jagdszenen, die jedes andere Herz mit neuem, frischem Mut erfüllten, konnte in mir den schweren Schmerz nur wenig lindern. Sooft ich den schönen Flug oder den edlen Lauf eines Tieres sah, mußte ich unwillkürlich sagen: ›O Panfilo! wärest du jetzt hier und sähest dies, wie du sonst tatest!‹ Ach! wie bei solcher Erinnerung das verborgene Weh plötzlich wieder in mir aufwachte und mich so heftig bezwang, daß ich wie versteinert war, nachdem die Sorge ein wenig durch Zerstreuung und eigene Tätigkeit in mir geschwiegen hatte! Oft entsanken in solchem Fall Bogen und Pfeile meiner Hand, und ich stand wie leblos da, die ich in dieser Kunst, ja selbst in der Kunst, die Netze zu stellen und die Hunde loszulassen, in Dianens Nymphen keine Meisterin fand. Es geschah auch oft, daß ich den Falken nicht losließ, bis er selbst von meiner Hand in die Höhe schoß, wenn ein schicklicher Raub in der Nähe war, gleichsam, als hätte ich alle Besinnung verloren; so wenig kümmerte mich jetzt das, was ich sonst mit größtem Eifer und Fleiß getrieben hatte. Hatten wir nun Täler und Berge und die weiten Ebnen durchstreift, so kehrten meine Gefährten und ich mit Beute beladen nach Haus zurück, wo uns fast immer fröhliche Feste erwarteten. Oft wurde die Tafel auf den weichen Sand des Meerufers unter hohen Felsen, die sich weit über das Meer hinstreckten und den lieblichsten Schatten verbreiteten, gestellt, und wir nahmen unser Mahl in einer zahllosen Gesellschaft von Frauen und Jünglingen ein. Und noch ehe wir aufgestanden waren, erklang der Schall der Instrumente, dann erhob sich das junge Volk zum Tanz, an dem ich zuweilen gezwungen teilnehmen mußte. Aber bald fehlten mir die Kräfte, denn mein Geist war allzu betrübt und mein Körper allzu schwach; dann schlich ich mich in den Hintergrund zu den ausgebreiteten Teppichen, wo ich mich mit einigen andern still niedersetzte und leise zu mir sagte: ›O Panfilo! wo bist du?‹ Und wenn ich so den Klängen lauschte, die mit süßen Tönen mir bis in die Seele drangen, und zugleich an Panfilo dachte, dann überzog ein schreiender Mißlaut mir auf einmal Fest und Geräusch. Ach! die lieblichen Töne riefen jeden schlummernden Geist der Liebe wieder ins Leben zurück und stellten die fröhlichen Zeiten vor mein Gemüt, da ich mit nicht geringer Kunst in Gegenwart meines Geliebten und von Lobsprüchen begleitet liebliche Töne aus diesen Instrumenten hervorzurufen pflegte. Nun, da ich ihn nicht sah, hätte ich gern traurige Seufzer weinend aus ihnen hervorgelockt, wenn die Schicklichkeit es mir erlaubt hätte. In derselben Weise pflegten auch die verschiedenen Gesänge, die andere sangen, auf mich zu wirken. Geschah es zuweilen, daß ein Lied auf meine Leiden Bezug hatte, so hörte ich es mit der größten Aufmerksamkeit an, ich sehnte mich, es zu erlernen, damit ich künftig auf eine geordnete und verborgene Weise mich vor jedermann beklagen und mit fremden Worten die Geschichte meines eigenen Unglücks schildern könne. Hatte nun der Tanz mit seinen vielfachen Ringen und Kreisen die jungen Frauen ermüdet, so kamen alle, sich zu uns zu setzen, und die frohen, anmutigen Jünglinge sammelten sich von selbst um uns, gleichsam einen Kranz bildend. Niemals sah ich hier oder anderswo solchen lieblichen Kreis, daß er mich nicht an jenen Tag mahnte, an dem ich Panfilo zum erstenmal gesehen, wie er hinter den andern stand und mich mit seinem Blick gefangennahm, und immer erhob ich die Augen und schaute unter ihnen umher, als hoffte ich, ihn auch jetzt in gleicher Stellung wiederzusehen. So umherspähend, bemerkte ich zuweilen einige, die mit sehr verständlichen Blicken ein Verlangen aussprachen. Diese beobachtete ich mit ängstlich forschendem Auge, durch die vergangene Zeit in solcher Sprache erfahren. Leicht konnte ich voneinander scheiden, welche liebten und welche scherzten, und bald fand ich die einen, bald die andern lobenswert. Dann sagte ich wohl zu mir selbst: ›Wäre es nicht besser für mich gewesen, wenn ich wie sie unter Scherz und Lachen mir die Freiheit des Herzens erhalten hätte?‹ Doch bald verdammte ich diese Gedanken und rief: ›Nein! was für Schmerzen ich auch erdulden muß, ich bin doch zufrieden, treu geliebt zu haben.‹ Dann wandte ich mich mit Augen und Betrachtung wiederum zu den fröhlichen, anmutigen Gebärden der jungen Liebhaber, und der Anblick derer, die ich als wahr und aufrichtig Liebende erkannte, gewährte mir gleichsam etwas Trost. Ich achtete sie deswegen höher, und wenn ich sie lange mit voller, ganzer Seele beobachtet hatte, sagte ich leise: »O! glückselig ihr, die ihr nicht wie ich des Anblicks eurer selbst beraubt seid! Ach! so wie euch jetzt zumute ist, so pflegte auch mir einst zu sein. Möge eure Glückseligkeit lange dauern, damit ich allein den Sterblichen ein Denkmal des Jammers bleiben könne. Damit mir wenigstens, wie einst der Dido, die Unsterblichkeit eines traurigen Nachruhms zuteil werde, wenn Amor durch den bittern Schmerz über den Geliebten das Ziel meiner Tage beflügelt.« Und von neuem begann ich die verschiedenen Gruppen um mich her aufmerksam zu beobachten. O! wie oft sah ich Jünglinge überall unruhig mit ihren Blicken umherschweifen, und wenn sie ihre Gebieterinnen nicht fanden, Fest und laute Fröhlichkeit verschmähen und still und schwermütig hinwegschleichen. Ihr Anblick zwang mir mitten in meinem Leiden ein Lächeln ab, obgleich nur ein mattes; es freute mich, die Unglücksgefährten zu sehen, deren Gefühle ich durch meine eigenen nur allzu genau kannte. Dies also, ihr Lieben, war die ganze Wirkung, welche die milden Bäder, die wilde Jagd und die mit tausend Festlichkeiten und Glanz erfüllten Meeresufer auf meine trauernde Seele hatten. Und da mein blasses Aussehen, die ewigen Seufzer, der Mangel an Eßlust und Schlaf dem betrogenen Gemahl und den Ärzten genugsam zeigten, daß mein Übel unheilbar sei und daß sie mein Leben verloren geben müßten, so kehrten wir nach der verlassenen Stadt zurück. Aber dadurch, daß auch hier die Jahreszeit mancherlei frohe Festlichkeiten hervorrief, wurden mir nur neue Qualen bereitet. Es geschah mehr als einmal, daß junge Bräute mich bald als Verwandte und Freundin, bald als Nachbarin ganz besonders einluden, ihre Hochzeitsfeier mit begehen zu helfen, und mehr als einmal nötigte mich mein Gemahl mit freundlicher Gewalt, daran teilzunehmen, in der Hoffnung, meine ewige Melancholie zu zerstreuen. An solchen Tagen mußte ich die lange ungebrauchten schimmernden Kleider und den köstlichen Schmuck wieder hervorsuchen und die vernachlässigten Locken, deren wallendes Gold vormals von jedem gepriesen, jetzt der Asche gleich geworden war, so gut ich konnte, festlich zieren. Und wenn dann die Erinnerung mächtig in meine Seele drang, wie sie einst den einzigen mehr als jede andere Schönheit zu entzücken pflegten, dann fühlte sich das gequälte Herz von einer neuen Schwermut erfüllt. Ja, ich vergaß mich zuweilen selbst ganz und gar und nahm erst nach langer Pause den herabgefallenen Kamm endlich wieder auf, durch meine Dienerin wie aus tiefem Schlaf erweckt, um das vergessene Geschäft zu vollenden. Ach! wenn ich hierauf, wie junge Frauen pflegen, meinen Spiegel wegen des angelegten Putzes befragte und er mir mein Bild so schrecklich wiedergab, wie es wirklich war, wenn ich dann der verlornen Schönheit und der vormaligen Gestalt gedachte, ach! dann wandte ich mich erschrocken ab und zweifelte, ob die Gestalt, die der Spiegel mir zeigte, nicht eher die einer höllischen Furie sei als die meinige. Wenn ich nun endlich äußerlich geschmückt, aber im Herzen wie immer dunkel und freudenlos, mit den anderen zu den fröhlichen Festen ging: ach! da waren sie nur den anderen fröhlich! Denn das weiß der, dem nichts verborgen ist: für mich geschah seit der Abreise meines Geliebten nichts, was mir nicht Veranlassung zu neuer Trauer gegeben hätte. War ich nun auf dem Hochzeitsfeste angekommen, so erschien ich, so verschieden auch Ort, Zeit und Umstände sein mochten, immer nur auf dieselbe Weise, im Gesicht nämlich erlogne Heiterkeit und im Herzen die tiefste Trauer. Was mir auch begegnen mochte, Freudiges und Trauriges, ich war geneigt, in allem die Ursache zur Betrübnis zu finden. An dem Versammlungsort, an dem wir von den anderen sehr ehrenvoll empfangen wurden, pflegte ich die Blicke allenthalben herumschweifen zu lassen, nicht, als hätte ich Verlangen, den mannigfaltigen Schmuck zu betrachten, der von allen Seiten leuchtete und strahlte, nein, weil ich mich selbst mit dem süßen Gedanken täuschte, als würde ich hier vielleicht den Geliebten sehen, wie früher so oft. Und wenn ich ihn nun nicht sah, dann schien mir mein Unglück gewisser als vormals, und wie übermannt setzte ich mich still unter die anderen und vermied die angebotenen Ehrenbezeigungen, die mir jetzt gleichgültig waren, ohne ihn, um dessentwillen allein sie mir vormals wert gewesen waren. Und wenn nun die Neuvermählten angekommen, die stolze Pracht der festlichen Tafeln hinweggenommen war und, bald von der Stimme eines festlichen Gesanges geleitet, bald nach dem Schall verschiedener Instrumente, der Tänze mannigfaltige Form begann und von dem Jubel hochzeitlicher Feier jeder Winkel des Hauses erklang, dann mischte auch ich mich wohl in die bunten Kreise, um nicht stolz, sondern gefällig zu erscheinen. Aber bald setzte ich mich wieder nieder und überließ mich meinen traurigen Gedanken. Ich dachte daran, wie feierlich und herrlich einst das Fest gewesen war, das diesem ähnlich mir zu Ehren gefeiert ward, und wie ich damals einfach und frei, ohne die leiseste Melancholie, frohen Mutes die Huldigungen der andern empfing. Und wenn ich nun jene Zeiten mit den gegenwärtigen verglich und ihre ungeheure Verschiedenheit bedachte, dann überkam mich der Schmerz, und mich befiel das heftigste Verlangen, in lautes Weinen auszubrechen, wenn nur der Ort es erlaubt hätte. Sah ich nun, wie die Jünglinge und Frauen sich zusammen ergötzten, dann traten mir frühere, ähnliche Bilder vor die Seele, in denen Panfilo auf mancherlei Weise, meisterlich geübt in solchem Spiel, mich angeschaut und frohe Liebeskünste getrieben hatte. Dann schmerzte es mich mehr, ihn zu missen, als nicht mehr Königin des Festes zu sein. Still lauschte ich den Liebestönen der Gesänge und seufzte, weil auch sie nur vom Vergangenen sprachen, und mit unendlichem Unmut das Ende des Festes herbeiwünschend, brachte ich, mit mir selbst unzufrieden, angstvoll die Zeit hin. Gleichwohl beobachtete ich alles um mich her, und wenn nun die Menge von Jünglingen sich um die ruhenden Frauen versammelte, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen, dann nahm ich ganz bestimmt wahr, wie sie mich ansahen und bei meinem Anblick unter sich leise mancherlei Bemerkungen machten, aber nicht leise genug, als daß nicht ein großer Teil ihrer heimlichen Reden mir zu Ohren gekommen wäre. »Ei!« sagten sie untereinander, »betrachtet einmal diese junge Frau, der an Schönheit sonst keine andere in unsrer Stadt sich vergleichen konnte, und sieh, was jetzt aus ihr geworden ist! Bemerkst du wohl, wie ihr ganzes Wesen so völlig verloren und versunken zu sein scheint? Was mag wohl die Ursache davon sein?« Und wenn sie dies gesagt hatten, sahen sie mich mit sanftem, demütigem Wesen an, als wären sie von meinem Leiden gerührt, und entfernten sich, voll frommen Mitleids, um mich mir selbst zu überlassen und mich nicht durch ihre Blicke zu beschämen. Und wieder fragten andere: »Weißt du, ob diese Dame etwa krank gewesen ist?«, und dann antworteten sie sich selbst: »Sie muß es wohl gewesen sein, weil sie so äußerst mager und farblos geworden ist; wie schade ist es doch, wenn man ihre einstige Schönheit bedenkt!« Andere gab es, die tiefere Einsichten in die Natur meiner Leiden hatten und meinten: »Die ungewöhnliche Blässe dieser jungen Frau zeugt von einem heftig in Liebe entflammten Herzen, denn keine Krankheit ist so verzehrend als allzu heftige Liebe. Ganz gewiß liebt sie, und wenn dem so ist, wie grausam ist dann der Mann, der ihr solche Qual verursacht, daß sie ganz entstellt ist.« Ach! wenn ich solche Worte hörte, so war es mir unmöglich, einen Seufzer zurückzuhalten! Mußte ich bei Fremden mehr Mitleid finden als bei ihm, der mir am meisten hätte zeigen müssen? Und nach diesem Seufzer bat ich mit leiser Stimme voll Demut die Götter, diese Mitleidigen zu segnen. Meine Sittsamkeit aber stand bei manchem dieser Jünglinge in so großem Ansehen, daß sie mich entschuldigten und sagten: »Verhüte Gott, daß man von dieser Dame glauben sollte, die Liebe beherrsche sie auf solche Weise! Sie ist züchtiger als irgend eine andere und hat sich nie der Liebe empfänglich gezeigt. Von allen Liebhabern kann keiner sich in Wahrheit je ihrer Liebe rühmen. Und Liebe ist wahrhaftig keine Leidenschaft, die sich lange verhehlen läßt.« ›Ach!‹ sagte ich dann zu mir selbst, ›wie weit, wie weit sind diese doch von der Wahrheit entfernt. Weil ich nicht gleich einer Törin meine Liebe den Augen und Zungen der Männer hingebe, halten sie mich von aller Liebe frei.‹ Oft auch sah ich edle Jünglinge sich mir nähern, Jünglinge von schöner Gestalt und anmutigem Wesen, die wohl vormals durch Blicke und auf mancherlei Weise versucht hatten, meine Augen zu verführen und mich für ihre Wünsche zu gewinnen. Diese entfernten sich, nachdem sie meine furchtbare Veränderung eine Zeitlang beobachtet hatten, wahrscheinlich sehr zufrieden, daß ich vormals ihre Liebe nicht erhört hatte, und sagten: »Dahin ist der Glanz und die Schönheit dieser Frau!« Warum sollte ich euch, ihr Frauen, verhehlen, da wohl alle hierin mit mir gleich empfinden, daß, obschon mein Geliebter, um dessentwillen meine Schönheit mir über alles teuer war, nicht gegenwärtig war, es mir doch unendlich schwer aufs Herz fiel, als ich hörte, daß ich sie verloren hatte? Oft wurden in dem Kreise der Frauen mancherlei Gespräche über die Liebe geführt. Aber wenn ich hier mit großer Aufmerksamkeit aufmerkend von fremden Liebeshändeln hörte, so ward ich gar bald überzeugt, daß keine Liebe so heiß, so verschwiegen und so schmerzvoll sei als die meinige, obgleich die Anzahl der Glücklicheren und Unwürdigeren groß genug war. Auf solche Weise brachte ich bald mit Anschauen und bald mit Anhören dessen, was um mich her vorging, still und nachsinnend die flüchtige Zeit hin. Hatten nun die Damen eine Zeitlang gesessen und geruht, so luden sie mich wohl ein, zum Tanz mit ihnen zu gehen. Aber vergebens! – Ja! wenn ich die jungen Frauen und Jünglinge leicht dahineilen sah, das Herz von jedem anderen Gedanken leer und nur auf den Tanz gerichtet, teils um sich als Meister in dieser anmutvollen Kunst zu zeigen, teils von Cytherens Flammen zum Tanz getrieben, und ich allein zurückblieb, dann betrachtete ich mit neidischem, feindseligem Herzen die neuen Bewegungen und lieblichen Weisen, in denen viele Frauen sich jetzt hervortaten. Und oft genug geschah es, daß ich sie schmähte und tadelte, obgleich ich nichts mehr wünschte, als mich womöglich ebenso zu zeigen, wenn Panfilo gegenwärtig wäre. Ach! sooft sein Bild in meine Seele zurückkehrte und -kehrt, war und ist es stets der Schöpfer einer neuen Melancholie. Das Bild dessen, der – die Götter wissen es – der großen Liebe nicht wert ist, die ich für ihn gefühlt habe und fühle! Hatte ich nun diesen Tänzen lange Zeit mit schwerem Herzen zugesehen und waren sie mir endlich höchst langweilig geworden, so erhob ich mich unter irgendeinem Vorwand aus dem Gewühl, und voll Sehnsucht, den angehäuften Schmerz auszuweinen, suchte ich mir auf eine schickliche Weise einen einsamen Ort aus. Hier, wo ich den Tränen freien Lauf verstattete, fanden die törichten Augen ihren Lohn für die eingesogenen Eitelkeiten. Aber diese Tränen flossen nicht ohne einige Worte voll blitzenden Zorns, und mein elendes Geschick tief einsehend und fühlend, kehrte ich meinen Grimm gegen das Schicksal und redete es so an: »O Fortuna! furchtbare Feindin jedes Glücklichen und der Elenden einzige Hoffnung! Du bewegst und erschütterst Königreiche und leitest alle weltlichen Händel. Deine Hand erhebt und erniedrigt, wie deine törichte Laune es gebeut. Um jedem alles zu sein, beglückst du ihn durch das eine und schlägst ihn durch das andere nieder; du belädst nach verliehener Seligkeit das Herz mit neuen, schweren Qualen, damit die Sterblichen sich ja in ewiger Hilflosigkeit fühlen, immer nach dir rufen und auf den Altären deiner blinden Gottheit opfern. Du aber, blind und taub und die Klagen der Unglücklichen nicht achtend, du ergötzest dich mit deinen Auserwählten. Lachend und schmeichelnd umarmen sie dich mit vollem Herzen, bis sie zuletzt, durch einen unerwarteten Schlag von dir zerschmettert, mit tiefem Schmerz erkennen, wie schnell du deine Launen wechseln kannst. Ach! ich Unselige bin unter diesen letzten und weiß nicht einmal, durch welche Schuld ich deinen Unwillen auf mich geladen habe oder was mir in deinen Augen geschadet hat! Weh mir! wer je den Mächtigen vertraut hat und sich mit leichtgläubiger Seele der Freude hingibt, der spiegle sich an mir, die ich aus einer freien, stolzen Frau zur niedrigsten Sklavin herabgesunken bin: ja und was das ärgste ist, von meinem Gebieter verschmäht und verachtet wurde. Vielleicht gabst du, o Fortuna, noch nie ein so vollständiges, meisterhaftes Beispiel deiner Launenhaftigkeit, um das liebefreie Herz zu warnen, als in meinem Schicksal. Ich ward von dir, o Wankelmütige, in der Welt mit einem Überfluß aller Güter empfangen, wenn anders Adel und Reichtümer Güter zu nennen sind; ja, was noch mehr ist, du ließest mich hierin immer zunehmen, und niemals hast du in dieser Hinsicht deine Hand von mir abgezogen. Es ist wahr, daß ich diese Güter unausgesetzt in dem vollkommensten Grade besessen, daß ich sie aber auch als vergänglich betrachtet und gegen die natürliche Anlage der Frauen stets den freigebigsten Gebrauch davon gemacht habe. Aber noch wußte ich nicht, daß du auch eine Göttin der Leidenschaft seist, wußte nicht, daß du so großen Einfluß in Amors Reichen hättest, bis ich durch deinen Willen plötzlich von Liebe entzündet wurde, entzündet für den Mann, den du und niemand anders mir vor Augen führtest, da ich von dem Gefühl der Liebe am allerfernsten zu sein glaubte. Kaum aber merktest du, daß mein Herz mit unauflöslichen Banden gefesselt sei, so versuchtest du, Wankelmütige, mir schon auf mancherlei Weise Leiden zu verursachen. Mehr als einmal gabst du meinen Nachbarn eitle und verderbliche Anschläge ein, mehr als einmal zogst du die Augen auf uns, damit unsere Liebe kund werden und so aufhören müsse. Sehr oft kamen auf dein Geheiß schändliche, gehässige Worte von dem geliebten Jüngling mir zu Ohren, so wie ihm von mir Reden, die, wenn sie geglaubt worden wären, notwendig hätten Haß erzeugen müssen. Aber niemals hatten sie den von dir beabsichtigten Erfolg; denn wenn du auch als eine Göttin die äußeren Begebenheiten nach Gefallen lenkst, so hast du doch über die Eigenschaften des Gemüts keine Gewalt. Und so hat dich unser Wille in dieser Hinsicht jedesmal überwunden. Aber was gewinnt der, welcher sich dir widersetzt? Tausend Mittel stehen dir zu Gebote, um deinen Feinden zu schaden, und was dir auf geradem Weg nicht gelingt, weißt du doch durch Umwege zu erreichen. Da du in unsere Herzen nicht den Keim der Feindschaft werfen konntest, hast du dich bemüht, sie durch etwas Ähnliches mit dem heftigsten Schmerz und Gram zu erfüllen. Gleich feindselig gegen ihn gesinnt wie gegen mich, wußtest du es einzurichten, daß eine weite Entfernung den geliebten Mann von mir trennt. Weh mir! wie konnte ich ahnen, daß in solch entferntem Ort, durch soviel Meer, Berge, Täler und Flüsse von mir geschieden, die Quelle meines Jammers entspringen sollte? Dein Werk war es! Ach! ich glaubte es nie, und doch ist es so! Und so zweifle ich nicht, daß er, so weit von mir entfernt, mich noch ebenso liebt, wie ich ihn, den ich mehr als alles liebe! Was aber nützt es uns? Ist wohl die Gestalt unsrer Liebe von Feindschaft unterschieden? Ach, sie ist es in nichts! Nur unser Gefühl hat nichts gegen deine feindselige Gewalt vermocht. Du hast mir mit ihm all mein Entzücken, all mein Gut, all meine Freude genommen; diesen folgten die Feste, der Schimmer, die Schönheit und das frohe Leben, und an ihrer Statt ließest du mir Tränen, Trauer und unerträgliche Angst. Aber daß ich ihn nicht liebte, konntest du nicht bewirken und kannst es nicht! O! wenn ich, jung wie ich noch bin, etwas gegen deine Gottheit verbrach, so hätte das Alter der Einfalt mich entschuldigen sollen! Wenn du mich gleichwohl strafbar finden wolltest, warum rächtest du dich gerade auf diese Weise? Du Ungerechte hast in ein fremdes Gebiet Eingriff getan! Was haben die Angelegenheiten der Liebe mit dir zu schaffen? Von deiner Hand empfing ich hohe, schöne und prächtige Häuser, weit verbreitete Felder, mannigfaltige Herden; du gabst mir Schätze aller Art. Warum tat sich dein Zorn nicht durch Feuer oder Wasser, durch Raub oder Tod an diesen Dingen kund? Du hast mir all die Güter gelassen, die mich so wenig trösten können, als jene Gabe des Bacchus des Midas Hunger zu stillen vermochte, aber das einzige, was mir mehr wert war als die ganze Welt, hast du mir entführt und geraubt. O! verflucht jene Pfeile der Liebe, die selbst Phöbus verwunden und nur dich schonen. Ach! wenn sie dich jemals verletzt hätten, so wie sie mich jetzt durchbohren, vielleicht würdest du dann mit mehr Milde und Überlegung gegen Liebende verfahren. Aber sieh, wie du mit mir umgegangen bist, reich, edel und mächtig wie ich bin, ist die Elendeste meines Landes jetzt glücklicher als ich. Ach! mein Unglück ist nur allzu offenbar! Jetzt, wo jedes Wesen froh ist und sich festlich schmückt, weine nur ich allein; aber nicht heute erst fängt mein Trauern an, nein! schon so lange dauert es, daß dein schwerer Zorn doch endlich besänftigt sein sollte. Doch alles verzeihe ich dir gern, wenn nur deine Gnade meinen Geliebten so mächtig wieder mit mir vereinigt, wie du ihn mir entführt hast. Oder wenn dein Eifer noch nicht abgekühlt ist, so entlade ihn an allem, was mir noch übriggeblieben ist. Aber sei mitleidig gegen mich, du Grausame! Du siehst, was aus mir geworden ist, wie ich gleich einem Märchen des Volkes in jedem Munde geführt werde, da vormals ein feierlicher Ruf nur meine Schönheit zu verkünden pflegte. O! fang endlich an, Erbarmen mit mir zu haben, damit ich dich freudig loben und mit lieblichen Worten deiner Majestät huldigen möge. Ihr verspreche ich – und alle Götter mögen Zeugen sein –, daß, wenn du das erbetene Geschenk mir gütigst gewährst, ich von Stund an zu deinen Ehren mein Bildnis reich geschmückt in einem deiner Tempel opfern werde, geziert mit dieser Unterschrift: ›Dies ist Fiammetta, welche Fortuna aus dem Abgrund unsäglichen Jammers zu dem Gipfel der Freude geführt hat!‹, und ein jeder wird es sehen und dich preisen.« In diesen und vielen anderen Reden ergoß sich mein Schmerz und meine Sehnsucht, und alle endigten in bitteren Tränen. Wer hätte es wohl für möglich gehalten, ihr liebenden Frauen, daß die Brust eines jungen Weibes so viel Trauer verschließen könnte! Wenn die heiße Jahreszeit eine unerträgliche Hitze verbreitete, geschah es oft, daß ich mit mehreren anderen Frauen in einer pfeilschnellen, mit vielen Rudern ausgerüsteten Barke die Meereswellen durchschnitt und unter Spiel und Gesängen die fernen Klippen und Felsen und die von der Natur selbst ausgehöhlten Grotten der Berge aufsuchte, um dort die Kühlung zu genießen, die Schatten und Wind erquickend verbreiteten. Ach! die Glut des Körpers zu lindern, standen die herrlichsten und besten Mittel in meiner Macht; aber alles dies konnte den Brand der Seele nicht löschen, der vielmehr noch durch sie vermehrt ward. Denn wenn die äußeren Gluten gekühlt waren, die den zarten Körper unerträglich angriffen, so gewannen auf der Stelle die verliebten Bilder freieren Spielraum und gaben neuen Brennstoff für Cytherens Flammen. Hatten wir nun die kühlen Plätzchen gefunden, so vergnügten wir uns nach unserer Laune; wir schauten überall umher und gesellten uns bald zu der einen, bald zu der andern Gesellschaft von Frauen und Jünglingen, die jeden Felsen, jedes Ufer, das im Schatten irgendeines hohen Gebirges vor den Sonnenstrahlen sicher war, anmutig belebten. O! wie erfrischend, wie entzückend ist ein solches Vergnügen für ein gesundes Gemüt! Hier sah man viele schneeweiße, aufs zierlichste gedeckte Tafeln, deren köstlicher Anblick allein genügt hätte, den leckersten und gesättigtsten Gaumen von neuem zu reizen und lüstern zu machen. Dort zeigte sich ein fröhlicher Trupp, der sein Morgenmahl einnahm, und frohe, muntere Stimmen luden uns, wenn wir vorübergingen, ein, an ihrer Freude teilzunehmen; wir aber stiegen, nachdem wir unser Mahl mit größter Festlichkeit verzehrt und nach aufgehobenen Tafeln uns einigemal in dem Wirbel heiterer Tänze ergötzt hatten, in die zierlichen Barken, die uns schnell bald da-, bald dorthin ruderten. An einigen Plätzen zeigte sich nun ein für die Augen der Jünglinge höchst reizendes Schauspiel. Junge blühende Mädchen gingen, bis auf ein leichtes seidenes Gewand entkleidet, Arme und Füße nackt, tief ins Wasser, um von den harten Steinen die Meeresmuscheln zu lösen, und oft geschah es bei diesem Geschäft, daß ihre reine Schönheit sich im vollen Glanz zeigte. Andere stellten den versteckten Fischen mit Netzen nach. Aber warum sich mit der genauen Zergliederung aller dort üblichen Vergnügungen abmühen, da man doch niemals damit zu Ende kommen würde! Mag ein jeder, der Geist und Phantasie hat, sich diese Freuden so mannigfaltig und groß als möglich denken, und kann er selbst hingehen, so wird er eitel Jugend und Lust dort finden, wenn er nicht selbst sie genießen kann. Dort fühlen sich alle Gemüter neu belebt und frei. Der Anreizungen, es zu sein, sind so viele und so mächtige, daß kaum irgendein Verlangen unerfüllt bleibt. Auch ich bekenne, hier stets eine erlogene Fröhlichkeit auf dem Gesicht gezeigt zu haben, um die Gefährtinnen nicht zu stören, obgleich die Seele an den alten Schmerzen festhielt. Aber wie hart, wie schwer dieses ist, kann jeder bezeugen, der jemals an Herzenspein gelitten hat. Wie hätte mir wohl das Herz leicht werden können, da ich mich ohne Aufhören erinnern mußte, wie ich einst meinen Geliebten hier gesehen hatte und wie er jetzt in so weiter Entfernung von mir war und ich ohne Hoffnung, ihn wiederzusehen! Wenn ich auch kein anderes Leid gehabt hätte als die ewige Arbeit des Geistes, die mich unaufhörlich mit Zweifel und Verdacht gegen ihn erfüllte, wäre dies allein nicht schon unendlich groß gewesen? Das heftige Verlangen, ihn wiederzusehen, hatte mir die Besinnung so sehr geraubt, daß, so gewiß ich auch wußte, er sei an keinem von jenen Orten anzutreffen, ich ihn doch allenthalben aufzusuchen bemüht war! Keine von den zahllosen Barken, die hier, nach allen Seiten hinfliegend, an dem kühlen Busen des Meeres wie die Sterne am klaren, blauen Schoß des Himmels glänzten, kam an, ohne daß ich mit Blicken und Annäherung die erste gewesen wäre, ihre Gesellschaft auszuspähen. Kein Ton irgendeines Instruments erklang – obgleich ich wohl wußte, daß er nur in einem Meister war –, daß ich nicht mit Auge und Ohr zu erforschen gesucht hätte, wer der Spieler sei, oft von dem Wahn betört, er könne es sein, den ich suchte! Kein Ufer, kein Felsen, keine Grotte war, wo ich nicht umherspähete; keine Gesellschaft blieb unbetrachtet. Ach! diese ebenso eitle wie unendliche Hoffnung erfüllte mich mit zahllosen Seufzern, die sich, wenn die Hoffnung entfloh, gleich als hätten sie sich in der Höhle meines Gehirns gesammelt und müßten nun herausdringen, in bittre Tränen auflösten und durch meine traurigen Augen davonflohen. Und so löste sich die erlogne Fröhlichkeit stets in nur allzu wahre Trauer auf. Aber nicht allein durch hochzeitliche Feste und durch die Anmut der Meeresufer gewährte unsre Stadt ihren Bürgern vor allen andern Städten Italiens Freude und Ergötzlichkeit, sondern durch einen Überfluß mannigfaltiger Spiele gab sie ihren Bewohnern bald auf diese, bald auf jene Art neuen Anlaß zur Lust. Und vor allen Dingen tat sie sich in glänzenden Turnieren hervor. Es ist nämlich von alters her Brauch bei uns, daß, wenn die traurige Zeit des Winters vorüber ist und der Frühling mit seinen Blüten und jungen Kräutern der Erde ihre verblichenen Reize wiederbringt, wenn er die Herzen des jungen Volks mit lebhafterm Verlangen entzündet und durch seinen Hauch zu einer kühnern Erklärung ihrer Wünsche begeistert, daß in diesen Tagen die edlen Frauen zu den ritterlichen Spielen geladen werden, wo sie sich in ihrem köstlichsten Schmuck und in ihren prächtigsten Kleidern versammeln. Reicher und edler waren gewiß nicht die Schwiegertöchter des Priamus in dem Gefolge der andern phrygischen Frauen, wenn sie in ihrem kostbarsten Schmuck vor ihrem Schwiegervater festlich erschienen, als die Bürgerinnen dieser Stadt. Wenn sie in großer Anzahl, jede so schön als sie nur sein konnte, in den Theatern versammelt waren, so zweifle ich nicht, daß, wäre irgendein geistvoller Fremdling erschienen und hätte den stolzen erhabenen Anstand, die edlen Sitten und die königlichen Gewänder betrachtet, er sie nicht für Frauen der neueren Zeit, sondern für die wirklichen, noch einmal auf die Welt zurückgekehrten Besitzerinnen jener alten Pracht gehalten haben würde. Diese hier würde durch ihre hohe Gebärde und Rede der Semiramis zu vergleichen sein, jene in dem prächtigen Schmuck der Cleopatra; eine andere würde ihre Schönheit für die Helenas ausgeben können, und wie sollte diese, allen ihren Bewegungen und ihrem Wesen nach, nicht der Dido gleichgeachtet werden können? Aber warum versuche ich sie unter fremden Bildern darzustellen, da eine jede schon durch sich selbst mehr mit göttlicher als mit menschlicher Majestät glänzte? Und ich Elende hörte, ehe ich meinen Geliebten verlor, die Jünglinge mehr als einmal untereinander streiten, ob ich wohl mehr der Jungfrau Polyxena, ob mehr der cyprischen Venus zu vergleichen sei. Und wenn einige von ihnen behaupteten, es sei zuviel, mich mit einer Göttin zu vergleichen, so antworteten die andern, es sei zuwenig, mich einer sterblichen Frau gleichzustellen. An solchem festlichen Orte, in so großer, stattlicher Gesellschaft verweilt man nicht lange unbeschäftigt auf seinen Sitzen, schweigt nicht lange oder ist traurig. Wenn die älteren Männer sich einige Zeit an dem köstlichen Anblick der Jugend ergötzt hatten, faßten sie die zarten Hände der Frauen, tanzten und sangen mit lauter Stimme Gesänge zum Preis ihrer Liebe. Auf solche Weise verschwanden die blühenden Stunden des Tages, die die Freude in tausenderlei Gestalten ergriffen, und wenn die Sonne ihren Wagen abwärts lenkte und ihre brennenden Strahlen milderte, dann erschienen Ausoniens edle Fürsten in einem Aufzuge, der ihrer hohen Abkunft würdig war. Eine Zeitlang verweilten sie, um die Schönheit der Frauen und ihre Tänze zu betrachten und zu preisen; dann entfernten sie sich mit der ganzen männlichen Jugend, den Rittern und Pagen, bis sie nach kurzer Zeit in einem von dem ersten durchaus verschiedenen Aufzug mit großem Gefolge zurückkehrten. Welche Sprache hat so schimmernde Beredsamkeit, soviel Reichtum auserlesener Bilder, um die edle Kleidung, den mannigfach prächtigen Aufzug würdig beschreiben zu können: nicht Homer, nicht Vergil vermöchten es, obgleich sie tausend griechische, trojanische und römische Sitten und Gebräuche in ihren Gesängen schildern konnten. Und so will ich mich denn bestreben, denen, die solches Schauspiel nie gesehen, mit leichten Zügen doch ein blasses Bild davon zu entwerfen. Auch steht das mit dem Inhalt dieser Blätter im Zusammenhang und wird nicht vergebens sein, denn die Einsichtsvollen werden daraus nur noch mehr erkennen, daß keine Frau der Vorzeit und der Gegenwart jemals soviel Beständigkeit im Schmerz bewiesen hat wie ich, weil selbst die Herrlichkeit so mannigfaltiger und auserlesener Gegenstände ihn keinen Augenblick lang mit ihrem fröhlichen Schein unterbrechen konnte. Auf Rossen so schnell im Lauf, daß sie nicht allein die andern Tiere, sondern auch die Winde hinter sich zurückließen, sahen wir die Fürsten ankommen. Ihre blühende Jugend, ihre auserlesene Schönheit und ihr wunderbar adliges Wesen machten ihren Anblick unendlich anmutig für alle Zuschauer. Sie erschienen in Gewändern von Purpur oder indischen Stoffen, vermischt mit goldenen oder vielfarbigen Streifen; köstliche Perlen und schimmernde Steine waren reichlich über ihre Kleider sowie auf den Schmuck ihrer Rosse ausgestreut. Ihre blonden Locken, die über die blendend weißen Schultern herabflossen, waren mit einem goldenen Reif oder einem Kranz von frischem Laub geziert, der das Haar auf dem Scheitel zusammenhielt; ein leichter Schild bewaffnete ihre linke Hand, eine Lanze die rechte, und so begannen sie beim Schall toskanischer Trompeten einer hinter dem andern in langer Reihe und alle auf gleiche Art gekleidet ihre Spiele vor den Damen. Der aber erntete das meiste Lob, dem es am besten gelang, mit zum Boden gesenkter Lanzenspitze, hinter dem Schilde verborgen, vorüberzufliegen, ohne die geringste unnötige und ungeschickte Bewegung auf dem Rosse zu machen. An solchen stattlichen Festen, solchen anmutigen Spielen muß ich Unselige Anteil nehmen! Wie kann ich es ohne den schwersten Gram, da das Anschauen dieser Dinge mir ja ins Gemüt ruft, wie ich einst unter unseren ehrwürdigen Rittern meinen Geliebten sitzen sah, dessen ausgezeichnetes Verdienst und seltene Vorzüge ihm, obgleich noch in jungen Jahren, solchen Ehrenplatz erwarben. Dem jungen Daniel gleich, als er mit den alten Priestern Susannas Recht untersuchte, stand er unter jenen ernsten, mit der Toga bekleideten Rittern. Der eine von ihnen hätte in seiner strengen Hoheit für Cato, den Zensor, gelten können, während andere so edle Züge besaßen, daß die Phantasie sich den großen Pompejus kaum anders denken konnte. Andere von stärkerem Körperbau glichen dem afrikanischen Scipio oder Cincinnatus. Sie alle sahen nun dem Lauf der Fürsten zu, erinnerten sich ihrer eigenen Jugend und rühmten bald den einen, bald den andern, während der kluge Panfilo ihren Aussprüchen Beifall gab und die spielenden Jünglinge und tapfern Greise mit den Heroen des Altertums verglich. O! dieses anzuhören war mir sowohl seinetwegen, der es sagte, als ihretwegen, die es aufmerksam anhörten, und meiner Mitbürger wegen, von denen es gesagt ward, so teuer, daß ich noch jetzt mit Freuden daran denke! Von unseren jungen Fürsten, die in ihrem Äußeren ein echt königliches Gemüt zeigten, pflegte er zu sagen, daß sie dem arkadischen Parthenopäus gleich wären, der zarten Alters, von seiner Mutter gesendet, in prachtvollstem Schmucke zu Thebens Zerstörung kam. Der andere, dicht hinter ihnen reitende, schien ihm der anmutige Ascanius zu sein, den Vergil in seinen Gesängen so würdig verherrlicht. Den dritten verglich er mit Deiphobus; den vierten wegen seiner Schönheit dem Ganymed. Und so wußte er auch der reiferen Schar, die nun folgte, nicht minder anmutige Gleichnisse anzupassen. Hier erschien einer mit rotem Bart und blondem Haar, das über die weißen Schultern herabfiel. Der Scheitel mit einem frischen Kranz von grünem Laub geziert, mit dem feinsten Stoff bekleidet, der so dicht anschloß, daß der natürliche Umfang der Glieder um nichts vergrößert erschien, geziert mit mancherlei künstlichem, von Meisterhand verfertigtem Schmuck, einen Mantel über die rechte Schulter, von goldener Spange gehalten, die linke Seite vom Schilde bedeckt und in der rechten Hand eine leichte Lanze tragend, schien er in seinem ganzen Wesen dem großen Hector gleich zu sein. Ihm auf dem Fuß folgte ein anderer in gleichem Gewande und mit nicht minder kühnem Antlitz; den einen Saum des Mantels über die Schulter geworfen und mit der Linken meisterhaft sein Pferd regierend, dünkte es Panfilo, daß dieser den Namen eines zweiten Achill würdig führen könne. Den Folgenden hörte ich ihn Protesilaus nennen. Er hatte die Lanze geschwungen, den Schild auf den Rücken geworfen und die blonden Haare in einen durchsichtigen Schleier – vielleicht ein Geschenk der Geliebten – gebunden. Hierauf erschien ein anderer. Ein leichter Hut bedeckte sein Haupt, sein Angesicht war braun, sein Bart breit, sein Anstand kühn und wild. Diesen nannte er Pyrrhus. Nahte sich aber einer mit lieblichem, blondem, glattem Angesicht und zierlicher geschmückt als die übrigen, dann verglich er ihn dem trojanischen Paris oder dem Menelaus. Doch es wäre unnötig, hierüber noch mehr zu sagen. Genug, er wußte in dieser langen Reihe Agamemnon, Ajax, Ulysses, Diomedes und jeden andern berühmten und preiswürdigen Helden des Altertums vor unsere Augen zu führen. Und weil er diese Namen nicht nach Gutdünken verteilte, sondern das Zutreffende seiner Vergleiche mit annehmlichen Gründen bewies, so war das Anhören seiner sinnreichen Reden ebenso genußreich wie der Anblick derer, von denen die Rede war. Hatte sich nun der schimmernde, fröhliche Zug zwei- oder dreimal den Zuschauern gezeigt, so begannen die Spiele. Aufrecht in den Steigbügeln stehend, mit der Spitze der leichten Lanze, die sie alle in gleicher Richtung trugen, gleichsam an dem Boden hinstreifend, ließen sie ihre Rosse schneller als der Wind hinfliegen, und die Luft ertönte von dem Geschrei des rundum versammelten Volkes, von vielen Glocken und Instrumenten und dem Geräusch der rückwärts fliegenden Mäntel, die sie, um besser und stärker laufen zu können, frei ließen. Und wenn man sie so sah, erwarben sie sich in den Herzen der Zuschauer ein würdiges Lob. O wie viele Frauen, die den Gatten, den Geliebten oder den nahen Verwandten unter dieser Schar erblickten, sah ich schon in dem höchsten Genuß der Freude! Und nicht diese allein, auch die Fremden sah ich entzückt von solchem Schauspiel. Nur ich allein blickte und blicke traurig umher; zwar sehe ich den Gemahl und mit ihm die Verwandten, aber ich sehe den Geliebten nicht unter der ritterlichen Schar und erinnere mich, daß er fern ist. Alles, was ich ansehe, gewährt mir nur Stoff zu neuen Schmerzen. Ist wohl in dem Tartarus selbst eine Seele mit so viel Pein beladen, daß sie nicht bei dem Anblick solcher Freuden eine Ahnung von Lust empfände? Ach, gewiß keine! Von Orpheus' Leier mit lieblicher Gewalt ergriffen, konnten sie auf eine Zeitlang ihrer Qualen vergessen; aber ich, bei tausend Klängen, tausend Ergötzlichkeiten, von schimmernden, vielgestalteten Festlichkeiten umgeben, vermag es nicht, meine Schmerzen – ich will nicht sagen zu vergessen – ach! nur ein wenig leichter zu fühlen. Und wenn ich auch bei diesen und ähnlichen Festen unter einer erlogenen Heiterkeit die innere Qual verbarg, was half es mir, da die Nacht, die mich allein fand, mir grausam den Betrug vergalt und ich jeden am Tage zurückgehaltenen Seufzer mit tausend Tränen büßen mußte! Dies alles erweckte mancherlei Gedanken in mir und ließ mich vorzüglich die Nichtigkeit der irdischen Freuden einsehen, die viel leichter schaden als erfreuen. Jedesmal, wenn ich von solchem Fest zurückgekehrt war, eiferte ich mit Recht gegen den weltlichen Schein und sagte: ›O! glückselig der, welcher im einsamen Dorf vom freien Himmel umgeben unschuldig wohnt! Ihm, der über nichts nachsinnt, als wie er dem Wild verderbliche Fallstricke legen solle oder Schlingen den einfältigen Vögeln, ihm kann kein schwerer Kummer die Seele verwunden, und wenn vielleicht eine schwere Arbeit seinen Körper abspannt, so streckt er sich augenblicklich auf den frischen Rasen und ersetzt durch Schlaf die verlorenen Kräfte wieder. Das lachende Ufer des rauschenden Flusses oder den Schatten des hohen Waldes wählt er, um zu ruhen, da hört er die girrenden Vögel von süßen Liedern erzittern und die flüsternden, vom lauen Wind gerührten Zweige ihre Noten melodisch begleiten. Warum, o Glück, hast du mich zu einem Leben berufen, wo deine umworbenen Gaben so schwer durch Kummer aufgewogen werden? Ach! was soll mir der Paläste Hoheit, des Lagers Reichtum, der Verwandtschaft Glanz, wenn doch die Seele von Angst gequält in unbekannten Gegenden nach dem Geliebten herumirrt und den ermüdeten Gliedern keine Ruhe gönnt? O! wie ist es so süß, so erquickend, mit ruhiger und freier Seele an den Ufern schäumender Ströme zu wandeln und auf dem zartsprossenden Rasen leichten Schlummer zu finden, den der hurtige Bach mit seinen süßen, murmelnden Tönen ohne Furcht unterhält! Dieser unbeneidete Schlummer, der auf den armen Bewohner des Dorfes herabsinkt, ist viel begehrenswerter als der erst durch mancherlei Mittel herbeigelockte, der durch die schnellen Sorgen der Städte oder den Lärm einer zahlreichen Familie bald unterbrochen wird. Wenn jenen zuweilen der Hunger überfällt: die von den geliebten Bäumen gebrochenen Früchte verjagen ihn bald, und die jungen Kräuter, die aus freier Willkür der Erde entsprossen, bieten gleichfalls eine leckere Kost an. Und o! wie süß ist es ihm, seinen Durst in dem klaren Wasser zu stillen, das er mit hohler Hand aus der Quelle oder dem Bache schöpft! O unseliges Beginnen und Sorgen der Weltleute, da die Natur zum Unterhalt ihrer Menschen alles auf das leichteste hervorbringt und bereitet! Mit einer zahllosen Menge von Speisen wähnen wir den Körper zu sättigen und nehmen nicht wahr, wie häufig durch sie die Säfte weit eher verdorben als erhalten werden, und mit den künstlichen, die uns aus Gold und köstlichen Vasen entgegenduften, schlürfen wir meistens ein kühles Gift ein, oder Venus hat zu unserm Verderben den Trank gemischt, oder er erhitzt den Trinker in dem Maße, daß er durch unbedachte Worte und Handlungen sich ein elendes Leben oder einen schimpflichen Tod bereitet. Der Einsame hingegen findet in den Satyrn, Faunen, Dryaden, Najaden und Nymphen eine unschuldige Gesellschaft. Er weiß nicht, wer Venus ist oder ihr vielgestaltetes Söhnlein; und wenn er sie kennt, so empfindet er ihre Flamme als roh und ohne Liebreiz. Ach! warum hat es den Göttern nicht gefallen, daß auch ich sie niemals anders kennenlernte, daß ich in einfachem Umgange und ländlicher Sitte mein Leben hinbrachte! Dann würde das unheilbare Leid, das ich jetzt dulde, fern von mir geblieben sein; meine Seele, gesund und ohne Flecken wie mein Ruf, würde sich nicht sehnen, an den weltlichen Herrlichkeiten teilzunehmen, noch würde sie bei ihnen die Angst empfinden, die sie jetzt fühlt, die den hinfliehenden Lüften gleichen. Jenem Glücklichen sind all die hohen Mauern, die festen, wohlverwahrten Häuser, die zahlreiche Verwandtschaft, die weichen Betten, die schimmernden Gewänder, die schnellfüßigen Rosse und hundert andere Dinge, die um den besten Teil des Lebens betrügen, keiner Mühe wert. Er, der von keinem verderbten Menschen aufgesucht wird, bringt sein Leben in einsamer Wildnis unschuldig zu. Ohne in hohen Palästen ungewisse Ruhe zu suchen, begehrt er nichts als Luft und Licht, und der Himmel ist Zeuge seines schuldlosen Lebens. O! wie wird ein solches Leben in unseren Tagen doch so verkannt, mit Unrecht verachtet und als ein Übel geflohen, da es doch vielmehr als das Erste und Köstlichste von allen begehrt werden sollte! So, denke ich, war das Leben des Weltalters, das die Wiege von Menschen und Göttern zugleich war. Ach! kann ein Leben freier, unschuldiger und vortrefflicher sein, als jene es führten und heute noch der Mensch, der fern von den Städten in einsame Wälder flieht? O, glückselig wäre die Welt, wenn Jupiter nie den Saturn verjagt, wenn noch jetzt das goldne Zeitalter mit seinen keuschen Gesetzen herrschte und alle den ersten Menschen gleich lebten! Wer ihren einfältigen Sitten treu blieb, dessen Herz ist nie von der blinden Wut der verderblichen Venus entflammt wie meines; wer bereit ist, auf den Gipfeln der Berge zu wohnen, ist keinem Despoten unterworfen, keinem wetterwendischen Volk, keinem treulosen Haufen, keinem verpesteten Neid und auch der wankelmütigen Gunst Fortunens nicht, der ich so fest vertraute, daß ich nun mitten im Wasser vor Durst sterben muß! Dem niedern Stande ist heitere Ruhe verliehen, und groß ist es, ohne die Großen leben zu können. Wer an der Spitze wichtiger Geschäfte steht oder zu stehen wünscht, der folgt eitler Ehre und vergänglichen Reichtümern und ist fast immer die Beute treuloser Menschen. Der allein ist frei von Furcht und Hoffnung und kennt nicht das Gift des verheerenden Neides, der in einsamer Hütte wohnt; er fühlt nicht den vielgestaltigen Haß, nicht die unheilbare Liebe, nicht die Verbrechen des gemischten Volkes der Städte; er zittert nicht vor jedem Gerücht und bemüht sich nicht, erlogene Worte zu finden, um in ihren Netzen treuherzige Menschen zu bestricken. O! wie gut ist es, arm zu sein und auf der Erde hingestreckt in Sicherheit sein Mahl zu verzehren! Selten oder niemals kehren große Verbrechen in kleine Hütten ein. Es gab keinen Durst nach Gold in jenem frühen Zeitalter, und kein geweihter Stein war Schiedsrichter, um die Felder der ersten Menschen zu teilen. Sie durchkreuzten noch nicht das Meer mit kühnem Fahrzeug, jeder kannte nur seine eigenen Ufer. Keine starken Bollwerke, kein tiefer Graben, keine himmelhohe, mit vielen Türmen prangende Mauer umgürtete ihre Städte; noch waren die grausamen Waffen von ihren Helden nicht erfunden und geübt, und sie hatten noch keine Maschine, die mit schweren Steinen die verschlossenen Tore zerbrach. Wenn ja zuweilen ein kleiner Krieg sie entzweite, so kämpfte der nackte Arm, und starke Baumäste und Steine waren ihre Bundesgenossen. Damals war die leichte, behende Lanze noch mit keinem eisernen Haupte bewaffnet; das scharf schneidende Schwert umgürtete keine Hüfte; der wehende Federbusch zierte keinen leuchtenden Helm. Aber was mehr und besser als dies alles war, – Amor war noch nicht geboren; und so konnten die keuschen Herzen in ruhiger Sicherheit schlagen, die seitdem von ihm, der gefiedert die Welt durchfliegt, gequält werden. Weh mir! daß mich Gott nicht einer Welt gab, deren Kinder mit wenigem vergnügt und ganz furchtlos nur einfache Fröhlichkeit kannten! Und wenn von allem Guten aus jener Unschuldssphäre mir nur das einzige gefolgt wäre, daß ich nie die quälende Liebe gekannt, nie diese schweren Seufzer der Pein verhaucht hätte, so würde ich schon darum weit glücklicher sein als in dieser Zeit des Vergnügens und der Feste. Ach! warum erwachte der rasende Durst nach Gewinn in der Menschenbrust! Er gebar den übereilten Zorn, und die von Üppigkeit verweichlichten Gemüter brachen die ersten heiligen, leicht zu befolgenden Verträge, die die Natur ihren Kindern gegeben hatte. Nun kam der Trieb nach Herrschaft mit seinen blutigen Verbrechen! Der Schwächere ward ein Raub des Stärkeren, und die Gewalt galt für Gesetz. Sardanapal erschien; durch ihn ward Venus, deren Reinheit Semiramis schon angetastet, entheiligt, und auch der Ceres und dem Bacchus huldigte er in neuen, fremden Formen. Es kam der schlachtendürstende Mars, der tausend neue Tode erfand. Seitdem wurden alle Länder mit Blut getränkt und selbst die Wellen des Meeres davon gerötet. Die schwersten Verbrechen drangen nun von allen Seiten in die Wohnungen der Menschen ein, und bald war die größte Ruchlosigkeit nicht mehr ohne Beispiel. Der Bruder mordete den Bruder, den Vater der Sohn, den Sohn der Vater; der Gatte fiel durch die Hand der Gattin, und das unschuldige Blut der Kinder ward mehr als einmal von ihren eigenen ruchlosen Müttern vergossen. Und so haben die Reichtümer den Geiz, die Hoffart, den Neid, die Üppigkeit und jedes andere Laster in ihrem Gefolge herbeigeführt. Und mit allem diesem kam das Haupt, die Quelle jedes Übels, der Urheber aller Verbrechen in die Welt, die unbeherrschte Liebe, durch die die Gemüter zerstört, zahllose Städte verwüstet und blutige Schlachten geschlagen worden sind und unter deren Joch noch jetzt so viele seufzen. Ach! alle anderen schrecklichen Wirkungen der Liebe mögen ungenannt bleiben; denn ihre gegen mich bewiesene Tücke dient hinlänglich als Beispiel ihrer Macht und ihrer Grausamkeit, durch die sie mich so unumschränkt beherrscht, daß ich meinen Sinn keinem andern Gegenstande zuwenden kann!‹ Wenn ich nun alle diese Dinge für mich überlege und bedenke, daß alles, was ich getan, vor Gott sehr strafbar und daß meine Buße hart sein müsse, so wird meine Angst einigermaßen erleichtert durch den Gedanken an die weit größeren Verbrechen, die von andern verübt worden sind und die mich beinah als schuldlos erscheinen lassen. Die Betrachtung der Leiden, die andere erduldet haben, trotzdem sie gewiß nicht mit den meinigen verglichen werden können, zeigt mir, daß ich nicht die erste und einzige Unglückliche bin. Dies macht mich stärker, meinen eigenen Schmerz zu ertragen, dessen Ziel und Ende ich oft von Gott erflehe, sei es in meinem Tod oder in des Geliebten Rückkehr. So geringen Trost hat mir das Glück bei so großem Kummer gelassen. Doch verstehet hier nicht unter Trost, was die Schmerzen stillt, wie man sonst wohl darunter versteht. Das Schicksal trocknet wohl zuweilen meine Tränen, aber ein Lächeln schenkt es mir nie! Und so fahre ich in der Schilderung meiner Leiden fort. Da ich vormals unter den jungen Frauen meiner Stadt mit ausgezeichneter Schönheit glänzte, pflegte ich bei keinem der Feste, die in unseren heiligen Tempeln gehalten werden, zu fehlen, auch schien meinen Mitbürgern ohne mich keines schön zu sein. Kehrten nun diese Feste wieder, so erinnerten meine Dienerinnen mich stets daran, und auch jetzt noch legten sie, der alten Ordnung folgend, meinen edlen Schmuck bereit und sagten: »Komm, Gebieterin, und schmücke dich! Die Feierlichkeit im Tempel beginnt, und nur du fehlst zu ihrer Verherrlichung!« Ach! dann wandte ich mich oft voll Wut, dem gereizten Eber gleich, der sich gegen die Hunde kehrt, zu ihnen, und mit gequälter Seele und einer Stimme, die aller Lieblichkeit beraubt war, rief ich ihnen zu: »Weg von mir, ihr verächtlichsten Genossen unseres Hauses, tragt all diesen Schmuck weit weg! Das einfachste Gewand reicht hin, meine entkräfteten Glieder zu verhüllen, und keine von euch rufe mir wieder Tempel und Feste ins Gedächtnis, wenn meine Gunst euch lieb ist!« O wie oft ward mir dann hinterbracht, daß viele Edle den Tempel mehr um mich zu sehen als aus Andacht besucht, und wenn sie mich nicht gefunden, unruhig zurückgekehrt seien mit dem Bemerken, daß ohne mich das Fest keine Festlichkeit sei. Dennoch geschah es zuweilen, daß ich mit meinen edlen Gefährtinnen hinzugehen gezwungen ward. Dann erschien ich ganz einfach in meiner gewöhnlichen Kleidung und suchte nicht wie früher in den Reihen zu schimmern. Demütig lehnte ich die ehemals erwünschten Ehrenbezeigungen ab und setzte mich unter die übrigen Frauen auf die unbemerktesten Sitze. Und indem ich hier meinen Schmerz so gut als ich nur konnte verhehlte, brachte ich die Zeit mit dem Anhören dieser und jener Gespräche hin. Ach! wie oft vernahm ich ganz in meiner Nähe die Worte: »Wie seltsam, daß diese Dame, die sonst die größte Zierde unserer Stadt war, jetzt auf einmal so demütig geworden ist? Welcher göttliche Geist hat sich über sie ergossen? Wo sind die edlen Gewänder, wo der hohe Anstand? Wo ist die auserlesene Schönheit geblieben?« ›Alles dies,‹ – so hätte ich gern auf die Fragen geantwortet, wäre es mir nur vergönnt gewesen – ›alles dies und noch mehr, was viel köstlicher ist, hat der Geliebte bei seiner Abreise mit sich hinweggenommen!‹ Die Frauen umringten mich voll Neugier im Tempel, und mit verstelltem Angesicht mußte ich auf ihre mannigfaltigen Fragen antworten. Eine verwundete mich mit folgender Rede: »O Fiammetta, wie setzest du doch mich und die anderen Frauen in so endloses Erstaunen, da wir nicht wissen, aus welchen Gründen du deine köstlichen Kleider, den teuren Schmuck und viele andere deiner Jugend angemessene Dinge auf einmal so ganz vernachlässigst! Auch wenn du noch ein Mädchen wärest, dürftest du doch in solchem armseligen Aufzuge nicht erscheinen. Und glaubst du etwa, daß du das Versäumte einst in späterer Zeit nachholen könntest? Sei vernünftig und gib deinem Alter sein Recht! Hüte dich, daß der ehrbare Anzug, den du jetzt trägst, dir nicht einst in Zukunft fehlen möge! Sieh, wie eine jede von uns, die wir doch älter sind als du, mit Meisterhand geschmückt und künstlerisch in edle Stoffe gekleidet ist; auf gleiche Weise geschmückt, ziemt es auch dir, dich zu zeigen!« Dieser und den andern Frauen, welche auf meine Antwort warteten, gab ich mit demütiger Stimme folgende Erklärung: »In diesen Tempel kommt man, um entweder Gott zu gefallen oder den Menschen. Wer in der ersten Absicht kommt, der bedarf nur eines mit Tugenden gezierten Gemütes, mag dann auch ein härenes Kleid den Körper bedecken. Will man aber den Menschen gefallen, so gebe ich zu, daß, da der größte Teil derselben vom falschen Schein geblendet doch einmal das Innere nach dem Äußeren beurteilt, der Schmuck zweckmäßig sei, den ihr jetzt tragt wie ich früher. Mir aber liegt diese Sorge nicht am Herzen, sondern ich betrauere die ehemalige Eitelkeit und begehre nichts, als dem Auge des Höchsten zu gefallen, indem ich mich den eurigen so mißfällig als möglich darzustellen suche.« Und bei diesen Worten preßte eine innere Wahrheit Tränen aus meinen Augen, die in Strömen mein blasses Gesicht badeten, und mit leiser Stimme sagte ich zu mir selbst: ›O! Gott, der du in unsere Herzen schauest, rechne mir die unwahren Worte, so ich eben geredet, nicht als Sünde an, denn du siehest, daß nicht die Lust zu betrügen, sondern die Notwendigkeit, meines Kummers Grund zu verhehlen, mir solche eingegeben hat! Ja, ich verdiene vielmehr, daß du mich belohnst, weil ich allen deinen Geschöpfen ein gutes Beispiel gebe! Ach! die Lüge ist mir selbst die allergrößte Pein, und nur mit größter Anstrengung der Seele bringe ich sie hervor; aber mehr kann ich nicht!‹ O! wie oft, ihr Frauen, haben fromme Tränen meine Ruchlosigkeit gelohnt! Wie oft sagten die umherstehenden Frauen, daß ich aus der weltlichsten Frau die heiligste geworden sei. Ja, ich weiß, daß mehrere den Glauben hegten, ich sei so fest mit Gott dem Allerheiligsten verbunden, daß ich um keine Gabe, welche es auch sei, ihn je vergeblich bitten würde. Und mehr als einmal kamen fromme Leute zu mir wie zu einer Heiligen, ohne zu ahnen, welch ein Gemüt mein trauerndes Gesicht verbarg und wie himmelweit meine Wünsche von meinen Worten verschieden waren! O betrügerische Welt des Scheins! wieviel mehr als die wahren, redlichen Gemüter vermögen in dir die täuschenden Gesichter, wenn die Handlungen verborgen bleiben! Ich, eine weit größere Sünderin als andere, ward für eine Heilige gehalten, weil ich den Schmerz über eine unrechtmäßige Liebe unter dem Schleier züchtiger Worte verbarg. Aber Gott ist es bekannt, daß ich der ganzen Welt den wahren Grund meiner Traurigkeit enthüllt haben würde, wenn es hätte sein dürfen. Hatte ich nun auf die Fragen der einen geantwortet, so begann, als meine Tränen kaum getrocknet waren, eine andere aufs neue: »O Fiammetta, sprich, wohin ist doch der liebliche Reiz deines Angesichts entflohen, wohin der Glanz deiner blühenden Farben? Kaum bemerkt man jetzt unter deiner Stirn die Augen, die einst gleich zwei Morgensternen leuchteten, jetzt aber von purpurnen Kreisen tief umschattet sind. Die goldenen Locken, sonst von Meisterhänden reizend geordnet, warum sind sie jetzt verhüllt, vernachlässigt und kaum noch sichtbar? O! sag uns die Ursache soldier Veränderung, denn die Verwunderung darüber quält uns unaufhörlich.« Diese Frage fertigte ich mit wenigen Worten ab und sagte: »Es ist eine weltbekannte Wahrheit, daß die Schönheit eine hinfällige Blume ist, deren Reiz mit jedem Tage geringer wird. Die Frau, die ihr vertraut, findet sich zuletzt auf das betrübendste gekränkt und vernichtet. Der, welcher sie mir auf kurze Zeit gegeben, hat sie auch genommen und kann sie mir wiedergeben, wenn es anders sein Wille ist.« Als ich dies gesagt hatte, konnte ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. In meinen Schleier gehüllt, flossen sie reichlich herab, und leise klagte ich bei mir selbst: ›O Schönheit, du gefährliches Gut der Sterblichen! flüchtiges Geschenk, das schneller kommt und flieht als die bunten, lieblichen Wiesenblumen, die hohen Bäume mit ihrem grünen Blätterschmuck, die zur süßen Zeit des Frühlings hervorsprossen und die der brennende Atem des Sommers bleicht und vernichtet. Wenn die heiße Jahreszeit sie verschont, so müssen sie im Herbst dahinsterben. So auch du, Schönheit! Tausend Zufälle lauern auf dich, um dich mitten in deiner Blüte zu zerstören, und wenn dir auch die Jugend treu bleibt, so führt das reifere Alter dich trotz allen Widerstandes unerbittlich hinweg. O! Schönheit, du schnell dahinfließende Welle, die nie wieder zu ihrem Quell zurückkehrt, welcher Vernünftige sollte auf dich zerbrechliches Gut wohl sein Vertrauen setzen? Weh mir! wie habe ich dich einst geliebt! wie warst du mir Elenden so teuer! Wie sorgfältig habe ich dich gepflegt! Jetzt aber verwünsche ich dich gerechterweise. Du bist die erste Quelle meiner Leiden! du besiegtest zwar zuerst das Herz des teuren Geliebten, aber du hattest nicht Kraft genug, ihn zu halten oder den Entfernten wiederzubringen. Ohne dich würden mich die süßen Augen des Geliebten nicht begehrungswert gefunden haben, hätte er nie danach gestrebt, von mir begehrt zu werden, und würde ich nichts von aller dieser Pein wissen. Folglich bist du allein Ursache und Ursprung alles meines Unglücks. O! glückselig, die ohne dich von der Stille des Dorfes umschlossen sind! Mit keuschen Herzen bleiben sie den heiligen Sitten treu und können ohne den grausamen Stachel der Leidenschaft mit freier Seele ihre Tage verleben. Du aber beunruhigst andere und durch sie uns selbst und bringst uns mit Gewalt dahin, unsere teuersten Pflichten zu verletzen. O seliger Spurinna! – ewigen Ruhmes würdig! du kanntest deine Neigung und zerstörtest deshalb mit strenger Hand in dem Frühling des Lebens die Blume der Schönheit, weil du lieber wegen deiner Tugend von den Weisen geliebt werden wolltest als durch deine Schönheit einer lüsternen Jugend gefallen. Ach! wäre ich deinem Beispiel gefolgt, so wären all diese Schmerzen, diese Gedanken und Tränen mir erspart geblieben, und mein Leben würde seine erste rühmliche Reinheit bewahrt haben.‹ Hier unterbrachen mich die andern Frauen wieder und tadelten meine übermäßigen Tränen. »O Fiammetta!« sagten sie, »was bedeutet wohl dieser ungeheure Schmerz? Verzweifelst du an der Barmherzigkeit Gottes, und glaubst du, er sei nicht gnädig genug, dir deine kleinen Vergehen auch ohne soviel Tränen zu vergeben? Ein solches Beginnen heißt ja eher den Tod suchen als die Vergebung. Erhebe dich, trockne dein Gesicht und merke auf die heiligen Gebräuche unserer Priester, durch die sie den höchsten Göttern dienen.« Bei diesen Worten trocknete ich meine Tränen und richtete mich auf. Aber ich schaute nicht im Kreise umher, wie ich sonst wohl pflegte, um meinen Panfilo zu sehen oder um zu wissen, ob seine Augen nach mir blickten, oder um das Urteil der Umstehenden über mich in ihren Blicken zu lesen! Vielmehr zu ihm gewendet, der zum Heil aller sich selbst dahingegeben, betete ich mit inniger Seele für Panfilo und für seine Rückkehr mit folgenden Worten: ›O! Du erhabenster Regierer des höchsten Himmels, du Heil der ganzen Welt, setze nun endlich meinem schweren Leiden ein Ziel und endige meine Qualen. Sieh, wie kein Tag mir ohne Angst vergeht und wie das Ende eines Unglücks stets der Anfang eines andern ist! Ich hielt mich einst für glücklich, denn ich kannte mein Elend nicht und brachte die Tage hin mit der eitlen Sorge, meine Jugend zu schmücken, die doch von der Natur bereits über das Maß geschmückt worden war. So beleidigte ich dich unwissend. Zur Strafe unterwarfest du mich der unauflöslichen Liebe, erfülltest mein Gemüt, an so große Sorgen nicht gewöhnt, schon dadurch mit Kummer. Und zuletzt hast du ihn, den ich mehr als mich selbst liebe, von mir getrennt, und seit dieser Trennung wachsen unaufhörlich von allen Seiten Gefahren hervor, die meinem Leben drohen. Ach! wenn die Unglücklichen von dir erhört werden, so neige dein mitleidiges Ohr zu meinen Bitten, gedenke der vielen Sünden nicht, die ich gegen dich begangen habe, sondern sieh das wenige Gute – wenn ich jemals Gutes vollbrachte! – gnädig an, und erhöre seinetwegen meine Bitten und meine Opfer! Was ich begehre, ist dir so leicht zu gewähren und würde mich so unendlich glücklich machen! Was ich suche, ist nur einzig und allein, daß mir Panfilo wiedergegeben werde. Ach! ich erkenne nur allzuwohl, wie selbst diese Bitte vor deinem Auge, du allergerechtester Richter, unrecht ist! Aber deiner Gerechtigkeit selbst muß es besser erscheinen, das kleinere Übel vor dem größeren zu erwählen. Du, dem nichts verborgen ist, weißt, wie keine Macht in der Welt das Bild des geliebten Jünglings und der geschehenen Dinge aus meiner Seele zu reißen vermag und wie die Erinnerung an beides mich unter großen Schmerzen schon so weit gebracht hat, daß ich, um ihr zu entfliehen, schon den Tod begehrt habe, und wie nur noch der Funke von Hoffnung auf deine Güte meine Hand zurückgehalten hat, den Streich zu vollführen. Wenn es nun ein geringeres Übel ist, den Geliebten wie ehemals zu besitzen als mit dem Leib auch die traurige Seele zu töten: ach! so kehre er zurück und werde wiederum mein. O! achte doch mehr auf die lebenden Sünder, die sich noch zu dir wenden können, als auf die toten, die keine Hoffnung zur Erlösung mehr haben. Und wolle lieber einen Teil als das Ganze deiner Geschöpfe verlorengehen lassen! Kann mir aber dieses nicht bewilligt werden, so gewähre mir, was das letzte Ziel jedes Übels ist, ehe ich vom Übermaß des Schmerzes bezwungen mit raschem Entschluß mir es selbst erwähle! Mögen meine Gebete zu dir hinaufdringen, und wenn sie dich nicht rühren können und einer unter den Seligen ist, der einst hienieden die Flamme der Liebe gleich mir empfand, so empfange sie dieser! Er biete sie dem Gott dar, der sie von mir nicht anzunehmen würdigt, damit ich Gnade finden möge, erst fröhlich auf der Erde und nach dem Ende meiner Tage dort oben bei euch selig leben könne und vorher noch allen Sündern zeigen möge, wie es ihnen geziemt, dem andern zu verzeihen und ihm hilfreich die Hand zu reichen !‹ Als ich diese Worte gesagt hatte, legte ich wohlriechenden Weihrauch und würdige Opfer auf die Altäre, um die Götter meinen Bitten für mein und Panfilos Wohl geneigt zu machen. Und als die heiligen Gebräuche nun zu Ende waren, verließ ich mit den anderen Frauen den Tempel und kehrte in meine traurige Wohnung zurück. Fünftes Buch Fiammetta schildert, wie sie bei der Nachricht, daß Panfilo nicht verheiratet sei, sondern eine andere Frau liebgewonnen habe und deshalb nicht zurückkehre, in die höchste Verzweiflung geraten sei und sich selbst habe töten wollen. Ihr habt nun, mitleidige Frauen, aus meinen Erzählungen genug begreifen lernen, welch ein Leben ich bei den Stürmen der Liebe führte und wie es noch weit ärger werden mußte. Denn gegen das Folgende kann alles, was ich bisher beschrieb, noch mit Recht ein Freudenleben genannt werden. Ich bebe noch jetzt bei der Erinnerung an das Ziel, wohin es mich zuletzt führte und wo ich beinah noch immer bin und an das zu kommen ich absichtlich gezögert habe. Teils hielt mich die Scham über meine eigene Raserei zurück, teils auch die Furcht, beim Schreiben vielleicht in diese zurückzufallen, und so schilderte ich mit langsamer Hand und mit großer Weitläufigkeit all diese minder ernsten und schweren Leiden meiner Liebe. Jetzt aber, da ich nicht mehr ausweichen kann, da die Ordnung meiner Erzählung mich zu dieser Schilderung hinzieht, jetzt stehe ich zitternd an der traurigen Stelle. Du aber, heiliges Mitleid, das die zarte Brust sanfter Jungfrauen bewohnt, lenke jetzt mit stärkerer Hand als bisher die Zügel, damit du nicht, schneller als du solltest vorübereilend, mir zur Hälfte raubst, was ich suche: die Tränen der lesenden Frauen. Schon zum zweitenmal hatte, seit Panfilo mich verlassen, Phöbus seinen Wagen wieder nach jenem Teil des Himmels gelenkt, der einst in Brand geriet, als sein verwegner Sohn Phaethon die Sonnenpferde regierte. Und ich Elende hatte durch lange Übung die Schmerzen besser ertragen lernen und grämte mich mit mehr Mäßigung als bisher. Das höchste Maß des Unglücks schien mir erreicht (ich glaubte nicht, daß es ein größeres geben könne), als das Glück, nicht zufrieden mit meinen Leiden, mir zeigte, daß es ein noch bittreres Gift für mich aufgespart habe. Es geschah nämlich, daß einer unserer liebsten Diener aus Panfilos Land in unser Haus zurückkehrte, wo er von allen und vorzüglich von mir sehr freundlich aufgenommen wurde. Als er erzählte, was ihm alles begegnet war und was er gesehen, Gutes und Böses in seiner Rede bunt durcheinander mischend, erinnerte er sich auch von ungefähr an Panfilo. Er rühmte, wieviel Gutes er von ihm empfangen habe, ein Lob, das mir die größte Freude bereitete. Kaum vermochte die Vernunft den Drang in mir zurückzuhalten, daß ich hinlief, ihn umarmte und nach meinem Geliebten mit all der zärtlichen Inbrunst fragte, die ich in mir empfand. Doch bezwang ich mich und schwieg, indes die anderen den Diener fragten, wie es Panfilo ginge. Und als er allen geantwortet hatte, es gehe ihm wohl, fragte ich ihn mit fröhlichem Gesicht, was er jetzt vorhabe und ob er zurückzukehren gedenke. Auf welche Frage er mir folgendes antwortete: »Meine Gebieterin, warum sollte Panfilo wohl zurückkehren? Ist doch in seinem ganzen Lande, das mehr als alle andern reich ist an schönen Frauen, keine schöner als die, welche ihn, wie ich allgemein gehört habe, über alles liebt und die er, wie ich glaube, ebenso wiederliebt; denn täte er dieses nicht, so müßte ich ihn mit ebensoviel Recht einen Toren schelten, als ich ihn zuvor für den klügsten Mann gehalten habe.« Bei diesen Worten bewegte sich mein Herz und schlug wie einst Önonen, als sie auf dem Berge Ida ihres Geliebten harrte und die griechische Frau mit ihm in dem trojanischen Schiffe daherkommen sah. Kaum vermochte ich den Ausbruch meiner Bestürzung zu verhehlen, doch gewann ich es über mich, und mit falschem Lächeln sagte ich: »Gewiß hast du recht. Hier in diesem ihm verhaßten Lande hätten wir ihm keine Dame zur Gemahlin geben können, die seiner würdig gewesen wäre. Hat er sie also dort gefunden, so handelt er weislich, wenn er bei ihr bleibt. Aber sage mir, auf welche Art lebt er denn mit seiner jungen Gemahlin?« Hierauf antwortete der Diener: »Er selbst hat keine Gemahlin; denn die, welche er vor nicht gar langer Zeit in sein Haus einführte, war eigentlich nicht für ihn bestimmt, sondern für seinen Vetter.« Während er diese Worte sagte, während ich sie vernahm und mir, kaum von der einen Angst befreit, eine weit größere zuteil wurde, begann mein Herz, vom Pfeil des Schmerzes getroffen, zu pochen, als wenn die schnellen Flügel Proknens beim raschen Flug ihre weißen Seiten schlagen, und meine zitternden Lebensgeister erbebten gleich den Wellen des Meeres, wenn ein leichter Wind es auf seiner Oberfläche kräuselt, oder gleich den zarten Zweigen, die ein Lüftchen zitternd bewegt. Bald fühlte ich, wie alle Kräfte mich verließen, und ich eilte so verstohlen wie möglich in mein einsames Zimmer, ehe ein fremdes Auge mich hätte erraten können. Hier, vor allen Augen verborgen, sah ich mich kaum allein, als zwei Bäche bitterer Tränen aus meinen Augen sich den Quellen gleich ergossen, die unversiegbar durch die feuchten Täler rinnen, und kaum konnte ich mich zurückhalten, meinen Jammer in lautem Klagegeschrei zu verkünden. Als ich eben sagen wollte: ›O Panfilo! warum hast du mich verraten!‹ sank ich auf das unselige Lager hin, das mich oft so glücklich gesehen hatte, halb vollendet stockte meine Rede, der Zunge und allen andern Gliedern fehlte plötzlich alle Kraft, und einer Toten ähnlich, und auch von vielen für tot gehalten, lag ich lange Zeit unbeweglich auf jener Stelle. Alle Kunst des Arztes war vergebens, nichts wollte das blühende Leben zurückrufen! Weinend hatte meine trauernde Seele schon mehr als einmal die schaudernden Lebensgeister zum Lebewohl umarmt; doch noch durfte sie den gequälten Körper nicht verlassen, sie mußte ihre zerstreuten Kräfte zurückrufen, und meine Augen sahen das halb verlorene Licht wieder. Ich richtete das Haupt empor und sah viele Frauen über mich gebeugt, die mit frommer Hilfe, unter Tränen und Klagen, mich ganz in köstlichem Balsam gebadet hatten. Auch sah ich mannigfaltige hilfreiche Instrumente um mich her gebreitet. Mit höchster Verwunderung sah ich die Tränen der Frauen und alles, was mich umgab, und sobald ich das Vermögen zu reden wieder erhalten hatte, verlangte ich die Ursache alles dieses zu wissen. Da nahm eine der Frauen das Wort und sagte: »Alles, was du um dich siehst, ist hier, um deine fliehende, verirrte Seele zur Rückkehr zu bewegen.« Da stöhnte ich nach einem tiefen Seufzer mühsam die Worte hervor: »Weh mir! wie ist euer Mitleiden so grausam und meinen Wünschen entgegen! Ihr glaubtet mir zu nützen und fügt mir unendliches Leid zu, da ihr die Seele, die schon gerüstet war, den elendesten Körper, der jemals lebte, zu verlassen, mit Gewalt zurückgehalten habt. Ach! wisset, daß weder ich noch ein anderer jemals ein Gut mit solcher Inbrunst begehrt hat als das, was mir jetzt durch euch entrissen worden! Schon war ich frei von diesen Ängsten, dem Ziel der Ruhe nahe, und ihr habt es mir entrissen!« Mannigfaltige Tröstungen der Frauen folgten dieser Rede, aber all ihre Mühe war vergeblich. Doch stellte ich mich von ihrem Zureden getröstet und ersann Ursachen, daß sie mich verließen und meinen Klagen freien Raum gestatten möchten. Als nun die einen gegangen, die andern verabschiedet worden waren und ich dem Schein nach wieder ein heiteres Ansehen zeigte, blieb ich mit meiner alten Amme und der Dienerin, die um mein Unglück wußte, allein. Jede der beiden reichte mir köstliche Salben und Heilmittel dar, denen meine Krankheit hätte weichen müssen, wäre sie nicht tödlich gewesen. Aber meine Seele lebte nur noch einzig und allein in den unheilvollen Worten, die ich gehört, und plötzlich fühlte ich eine tödliche Feindschaft gegen eine von euch, ihr Frauen, ich weiß nicht gegen welche, in mir erwachen, und schwere Gedanken begannen in mir aufzusteigen. Und der Schmerz, welchen die Brust nicht mehr ganz erfassen konnte, bahnte sich durch Worte des Wahnsinns auf folgende Weise einen Weg: O! ruchloser Jüngling, du Feind jeder Pflichten, größter Bösewicht von allen Lebenden, mich Unselige hast du nun vergessen, und eine andere Geliebte fesselt dich! Verflucht sei der Tag, an welchem ich dich zuerst gesehen, verflucht die Stunde und der Augenblick, wo du mir zu gefallen wußtest! Verflucht sei die Göttin, die mir damals erschienen und mich mit süßen Worten, so fest ich auch der Liebe widerstand, dennoch von dem rechten Weg ablockte! Gewiß war es nicht Venus, sondern vielmehr eine höllische Furie, die ihre Gestalt angenommen, um mich mit Wahn und Raserei zu erfüllen. O du unendlich grausamer Jüngling, den ich Betrogene unter so vielen Edlen, Schönen und Kühnen als den besten erwählte; wohin sind jetzt deine Bitten, mit denen du mich oft weinend um die Rettung deines Lebens batest und mir schwurst, daß Leben und Tod in meinen Händen läge! Wo sind sie jetzt, die frommen Augen, denen du, Elender, nach Gefallen falsche Tränen entlocken konntest? Wohin die süßen Worte? Wohin die schweren Sorgen, die du um meinetwillen ertrugest? Ist dies alles aus deinem Gedächtnis verschwunden, oder hast du es jetzt wieder angewandt, deine neue Gebieterin zu entzünden? O verflucht sei das Mitleid, das mich bewog, ein Leben zu retten, das nun eine andere Frau erfreut, während es mir den Tod bringt. Jene Augen, welche mir nur weinten, lächeln jetzt der neuen Geliebten zu, und das bewegliche Herz hat seine süßen Worte und alle seine Huldigungen nun zu ihr gewandt. Weh mir, o Panfilo! wo sind sie jetzt, die fälschlich angerufenen Götter, wo die versprochene Treue? Wo sind die unendlichen Tränen, deren ich so viele in mich getrunken? Ach! ich sah nur fromme Wahrheit in ihnen, und sie waren deines Verrates voll! Alles dies, ja dich selbst hast du mir entrissen, um es in die Arme deiner neuen Geliebten zu legen! Ach! Weh tat mir schon, als ich hörte, daß du durch die Gesetze der Ehe einer anderen Frau angehörtest. Aber ich fühlte, daß deine mir gelobten Pflichten jenen nicht vorgehen durften, und da ich annahm, daß du jenes Band nur mit vieler Mühe, nur um des Scheines willen ertrügest, litt ich auch viel geringere Qual. Jetzt aber, da ich höre, daß dieselben Gesetze, durch welche du mein wurdest, dich einer anderen gaben, ist mir dies eine unerträgliche Marter. Jetzt wird mir der Grund deines Bleibens klar, erkenne ich meine Einfalt, die mich oft überredete, du würdest gewiß zurückgekehrt sein, wenn du nur gekonnt hättest! Ach Panfilo! war so viel Kunst wohl nötig, mich zu hintergehen? Warum die heiligsten Schwüre, die Verheißungen unverbrüchlicher Treue, wenn du nur auf Betrug dabei sannest? Warum verließest du mich nicht heimlich oder ohne das Versprechen, zurückzukehren? Zwar liebte ich dich, wie du wohl weißt, sosehr man nur lieben kann, aber ich hielt dich deshalb nicht gefangen, und du hättest ohne all die heuchlerischen Tränen nach deinem Gefallen abreisen können. Ich hätte dann zweifellos augenblicklich alle Hoffnung verloren und den bitteren Kelch auf einen Zug geleert, ich hätte deinen Betrug erkannt und wäre jetzt tot oder hätte dich vergessen, und meine Qualen wären zu Ende. Du aber wolltest sie verlängern und nährtest mich deshalb mit eitler Hoffnung, was ich nicht verdient habe. Ach! wie waren mir einst deine Tränen so süß, die jetzt, da ich ihre Quelle kenne, so unendlich bitter geworden sind! Ach wenn dich die Liebe ihre Herrschaft so hart fühlen ließ wie mich, so begreife ich nicht, wie du, zum zweitenmal ihr Sklave, dich einer zweiten Liebe unterwerfen konntest! Aber was sage ich? Du liebtest nie, freutest dich nur, mit den Herzen junger Frauen dein höhnisches Spiel zu treiben. Hättest du lieben können, so würdest du noch jetzt der Meine sein. Aber wer du auch seist, o Frau, die ihn mir geraubt hat, so feindlich du mir auch bist, so fühle ich mich doch gewaltsam von Mitleid gegen dich durchdrungen! Hüte dich vor seiner Falschheit, denn wer einmal betrogen hat, den verläßt die heilige Scham auf immer, und er macht sich kein Gewissen daraus, künftig wieder zu betrügen. Weh mir! Du verräterischer Mann, wieviel Gebete und Opfer sandte ich nicht für dein Heil zu den Göttern, für dich, der mir entrissen und einer andern gehören sollte! Ach, ihr Götter, meine Gebete sind erhört, aber eine andere erntet die Früchte! Mir ward der Schmerz, und andere genießen die Seligkeit! Sag, du Verräter, war ich nicht schön genug für deine Wünsche, war mein Adel nicht des deinen würdig? Gewiß mehr als zu sehr! Habe ich jemals verweigert, meine Reichtümer mit dir zu teilen, oder habe ich dir deine geraubt? Gewiß nicht! Habe ich jemals in Wort, Tat oder Schein einen andern Mann geliebt als dich? Du wirst nein sagen müssen, wenn nicht die neue Liebe dir allen Sinn für Wahrheit geraubt hat! Sprich also, welcher Mangel, welche gerechte Ursache, welche höhere Schönheit oder feurigere Liebe hat dich mir geraubt und einer anderen geschenkt? Gewiß keine! denn die Götter sind meine Zeugen, daß ich nie in irgend etwas gegen dich gefehlt, wenn nicht darin, daß ich dich über alle Grenzen der Vernunft hinaus geliebt habe. Ob ich dadurch dein Betragen gegen mich verschuldet habe? O ihr Götter! ihr gerechten Rächer unserer Vergehen! Ich fordere zur Rache auf, und zu keiner ungerechten! Ich will und suche nicht den Tod dessen, dem ich das Leben erhalten habe und der meinen Tod will. Ich will auch nichts Neues, Ungeheueres gegen ihn ersinnen, nur eines begehre ich: wenn er die neue Geliebte so liebt wie ich ihn, daß sie sich ihm dann entziehe und einem andern gebe, so wie er mir getan hat, und ihn in einem ebensolchen Leben zurücklasse, worin er mich gelassen hat!‹ Und als ich dies gesagt hatte, wand ich mich in wilden Bewegungen ungestüm auf dem Lager, und der ganze Tag ging unter ähnlichen Reden und Klagen hin. Aber als die Nacht herbeigekommen war, wo jeder Schmerz qualvoller wird, weil die Schatten dem Unglück näher verwandt sind als das Licht, da geschah es, daß ich an der Seite meines teuren Gatten ruhend lange Zeit stumm und mit schmerzlichen Gedanken beschäftigt dalag. Die verflossenen Zeiten, die traurigen und die fröhlichen, traten vor mein Gedächtnis, und vor allem die Erinnerung, daß ich meinen Geliebten durch seine neue Liebe verloren hatte. Da wuchs mein Schmerz schnell zu einer solchen Höhe, daß ich ihn nicht länger in mir verschließen konnte, sondern ihm unter heftigem Weinen in jammervollen Worten Luft machte, ohne jedoch die Ursache meines Leidens zu erwähnen. Meine Klagen wurden endlich so laut, daß mein Gemahl, lange von tiefem Schlaf bezwungen, schließlich davon erweckt ward, sich nach mir hinwandte, die ganz in Tränen gebadet war, mich in seine Arme nahm und mit gütiger und milder Stimme zu mir sprach: »O mein süßes Leben, sag, welches Leid zwingt dich, mit solchen Klagen die stille Nacht zu bewegen? Welches Leid hat dich nun schon lange mit ewiger Melancholie und Schmerz erfüllt? Verbirg mir nichts, was dich quälen könnte; gibt es etwas, was dein Herz begehrt und was nicht in meiner Macht stünde, dir sogleich zu gewähren? Bist du nicht allein meine Seligkeit, mein Trost? Weißt du nicht, daß ich dich mehr als alles in der ganzen Welt liebe? Nicht eine Probe, sondern gar viele müssen dir dafür bürgen. Warum also weinest du? warum zerquälst du dich mit herbem Schmerz? Scheine ich dir vielleicht unwürdig deines Adels, oder findest du irgend etwas Strafbares an mir, was ich ändern könnte? Sprich es aus, schildere, entdecke mir deine Wünsche: Keiner, der nicht das Gebiet der Möglichkeit überschreitet, soll unerfüllt bleiben! Sieh, wie dein Aussehen und deine Kleidung verändert und alles, was du tust, ängstlich und unstet geworden ist und wie du auf diese Weise auch mein eigenes Leben mit Schmerzen erfüllst. Und wenn ich dich öfters betrübt gesehen, so glaube ich, daß du es heute mehr als je bist. Lange glaubte ich, daß körperliches Übelbefinden an deiner Blässe schuld sei, jetzt aber erkenne ich unwidersprechlich, daß Angst der Seele deinen Körper angreift und dich in diesen Zustand gebracht hat. Und darum bitte ich dich herzlich, entdecke mir jetzt, was von dem allen die Ursache ist.« Hierauf ersann ich mit weiblicher Gewandtheit mir schnell einen Rat und beschloß zu lügen, obgleich ich in solcher Kunst vorher niemals erfahren gewesen. Ich antwortete ihm: »O Gemahl, der mir teurer ist als die ganze übrige Welt! Gewiß fehlt mir nichts, was du mir nicht gewähren könntest; auch weiß ich, daß du würdiger bist als ich; der Grund meiner Traurigkeit aber, der vergangenen und der gegenwärtigen, ist einzig und allein der Tod meines vielgeliebten Bruders, der dir bekannt ist. Sooft mir der Gedanke an ihn in die Seele kommt, zwingt er mich zu Klagen und Tränen. Auch ist es nicht eigentlich der Tod, denn ich weiß ja, daß er unser aller Ziel ist, sondern die Art des Todes, die ich beweine, weil sie, wie du weißt, so unglücklich und schimpflich ist. Dann aber zwingen mich die mannigfaltigen traurigen Folgen seines Todes noch zu größerem Schmerz. Und so kann ich nicht einen Augenblick meine weinenden Augen schließen und mich dem Schlaf hingeben, daß nicht der Bruder blaß, mit Todesschweiß bedeckt und blutend vor mir steht und mir seine grausamen Wunden zeigt. So war es auch jetzt, als du mich weinen hörtest. Eben hatte mir ein Traum seine Gestalt auf das schreckbarste gezeigt; kraftlos, zitternd stand er vor mir, und seine ängstlich beklommene Brust schien kaum ein Wort hervorbringen zu können. Endlich stöhnte er mit höchster Anstrengung die Worte: ›O teure Schwester! Nimm die Schmach von mir, die mich zwingt, mit düsterer Stirn und zur Erde gesenktem Blick traurig unter den anderen Schatten umherzugehen!‹ Und ich, obgleich ich einigen Trost empfand, ihn zu sehen, ward von so heftigem Mitleiden mit seinem Zustande ergriffen, daß ich zusammenfuhr und der Traum entfloh. Ich erwachte und zerfloß in Tränen, die du mir jetzt liebreich trocknest, die Schuld meines Mitleids damit bezahlend. Ja, wenn Waffen mir geziemten, so wissen die Götter, ob ich nicht den Bruder schon längst gerächt haben würde, damit er mit freier Stirn unter den anderen Geistern einherschreiten könnte, aber so kann ich nichts tun als weinen. Und nun siehst du wohl, mein teurer Gemahl, daß ich nicht ohne Ursache so tief betrübt bin.« O! wieviel liebe mitleidige Worte sagte er mir jetzt, um die Wunde zu heilen, die schon lange geheilt war! Wie bemühte er sich, meine erlogenen Klagen durch wahre Trostgründe zu mildern. Und nachdem er mich beruhigt und getröstet glaubte, gab er sich wieder dem Schlummer hin, während ich, durch seine Freundlichkeit mit desto grausamerem Schmerz erfüllt, alle vorige Angst von neuem empfand und leise weinend sprach: ›O! ihr tiefen, furchtbaren Klüfte, von reißenden Tieren bewohnt! O Hölle, du ewiger Kerker, zum Wohnort der Verbrecher bestimmt, und wenn irgend noch ein tieferer verborgener Verbannungsort, er nehme mich auf und gebe mich Strafbare der verdienten Marter hin! O höchster Jupiter! Mit Recht bist du gegen mich erzürnt, laß nun deine Donner hören und zerschmettere mich mit schneller Hand mit deinen feurigen Pfeilen! O heilige Juno, deren heiligste Gesetze ich Verworfene verachtete, räche dich! Ihr blutgierigen Geier, ihr kaspischen Schlangen, kommt und zerfleischt diese traurigen Glieder! Ihr grausamen Rosse, die einst den unschuldigen Hippolyt zertraten, tötet mich Schuldige jetzt! O frommer Gemahl, senke mit gerechtem Zorn den Stahl in meine Brust, daß mit meinem Blut auch die schuldbeladene Seele hinwegfliehe, die dich betrogen hat! Kein Mitleid, kein Erbarmen soll gegen mich geübt werden, weil ich die Treue gegen das heilige Band der Ehe der Liebe des fremden Jünglings aufopfern konnte! O ruchlose Frau, strafbarer als irgend eine andere! Du bist der Qual, die du duldest, würdig und noch größerer: sag, welche Furie blendete deine sonst so keuschen Augen an dem Tage, da Panfilo dir zuerst gefiel? Sag, wo ließest du die schuldige Pflicht gegen die heiligen Gesetze der Ehe, wo blieb die Zucht, die höchste Zierde der Frauen, als du deinen Gemahl verließest für Panfilo? Wo bleibt jetzt die Pflichttreue des geliebten Jünglings gegen dich? Wo findest du den Trost, den er dir in deinem Elend schuldet? In den Armen einer andern Geliebten verscherzt er fröhlich die flüchtige Zeit, du kümmerst ihn nicht mehr, und er hat recht: denn du hast verdient, daß es dir also ergehe, dir und jeder Frau, die die rechtmäßige Liebe der leichtfertigen hintansetzt. Dein Gemahl, der dir mit Recht zürnen könnte, bemüht sich, dich zu trösten, da jener, der dich trösten sollte, sich nicht scheut, dich zu strafen. Und ach! ist dein Gemahl nicht so schön wie Panfilo? Gewiß ist er's; übertrifft er an Tugend, Adel und vielen andern Dingen ihn nicht weit? Warum denn also ihn um eines andern willen verlassen? Welche Verblendung, welche Selbstvergessenheit, welches Verbrechen, welche Gottlosigkeit hat dich dahin gebracht? Ach! weh mir, daß ich es selbst nicht weiß; nur das weiß ich, daß alle Dinge, in deren freiem Besitz wir sind, als wertlos und schlecht verworfen zu werden pflegen, so kostbar sie auch sein mögen, und was man mit Mühe gewinnt, so gering es oft ist, doch für höchst kostbar erachtet wird. Die allzu innige Vereinigung mit dem Gemahl, die mir so teuer hätte sein sollen, hat mich zum Bösen verführt; und ich beweine jetzt mit bittern Tränen, daß ich ihm nicht widerstanden habe, zumal die Götter mich wachend und schlafend in der Nacht und am Morgen vor meinem Untergang gewarnt haben. Doch der Wille fehlte mir! Jetzt aber, da es nicht mehr in meiner Macht steht, nicht zu lieben, wenn ich das auch wollte, jetzt erkenne ich die Schlange, die unter Blumen mir nahte, mich nah am Herzen verwundete und mit meinem Blute gesättigt davonschlich. Jetzt weiß ich auch, was die Blume bedeuten sollte, die damals von meinem unseligen Haupte herabfiel; aber zu spät kommt mir diese Erkenntnis! Vielleicht wollten die Götter ihrem Zorn gegen mich Genüge leisten, bereuten die Winke und raubten mir die Erkenntnis, da sie die Zeichen selbst nicht ungeschehen machen konnten, so wie einst Apollo der geliebten Cassandra erst die Gabe der Weissagung verlieh und ihr dann die Glaubwürdigkeit nahm. Deshalb verzehre ich mich, in tiefen Jammer versenkt, nicht ohne rechtmäßige Ursache!‹ In solchen leisen und bitteren Klagen warf ich mich auf dem Lager hin und her und brachte die Nacht ohne viel Schlaf hin. Wenn auch der Schlummer vielleicht auf Augenblicke die traurige Brust besuchte, so war er so schwach, daß auch die leiseste Regung ihn unterbrechen konnte, und dennoch stark genug, durch seine verworrenen Bilder wilde Kämpfe in meinem Gemüt hervorzubringen. Und so ging es mir nicht allein in dieser Nacht, sondern in vielen darauf folgenden, und bald in allen. Denn wachend und schlafend empfand und empfindet meine Seele dieselbe Qual und Unruhe. Die nächtlichen Klagen heben jedoch die Leiden des Tages nicht auf; ja, da ich jetzt durch die meinem Gemahl erzählte Fabel meinen Schmerz für gerechtfertigt ansah, hielt ich seit dieser Nacht meine Tränen nicht mehr zurück und scheute mich nicht, meinen Schmerz sogar öffentlich zu zeigen. Aber als der Morgen gekommen war, trat meine teure Amme, der ja kein Teil meiner Qual verborgen war, herein. Sie hatte zuerst auf meinem Gesicht die Liebe entdeckt und sogleich die Folgen geahnt. Sie hatte mich auch jetzt beobachtet, als ich die Nachricht von Panfilos Treulosigkeit gehört, und sehr um mich besorgt, eilte sie, sobald mein Gemahl das Gemach verlassen hatte, zu mir. Und als sie mich, von den Ängsten der vergangenen Nacht noch ganz entkräftet, auf dem Lager liegen sah, versuchte sie mit mancherlei Reden meinen wilden Schmerz zu lindern; sie nahm mich in ihren Arm, trocknete mit bebender Hand mein trauriges Gesicht und flüsterte mir von Zeit zu Zeit folgende Worte zu: »Mein Töchterchen, glaube mir, dein Unglück kränkt mich über alles und würde es noch mehr, wenn ich dich nicht vorher gewarnt hätte. Du aber, lüsterner als weise, verschmähtest meinen Rat und folgtest deinen Trieben, und so sehe ich dich nun auch mit betrübtem Gesicht an das Ziel gelangt, wohin dergleichen Fehltritte immer führen. Weil aber nun jeder Mensch, wenn er anders guten Willen hat, sich, solange er noch lebt, von den bösen Wegen abwenden und auf den Weg des Guten zurückkehren kann, so wollte ich recht sehr froh sein, wenn du nur jetzt die Augen deines Gemüts, die von dem täuschenden Dunkel dieses gottlosen Tyrannen ganz umfangen sind, wieder erheben und ihnen das klare Licht der Wahrheit wiedergeben wolltest! Wer dieser Tyrann sei, das können dir die flüchtigen Freuden und die langen Schmerzen, die du durch ihn erlitten hast und leidest, zur Genüge kundtun! Jung wie du bist, bist du lieber deiner Neigung als der Vernunft gefolgt; und weil du liebtest, hast du nach dem Ziel der Liebe gestrebt und, wie ich dir vorhergesagt, ein kurzes Entzücken genossen. Niemand kann ein anderes wünschen und haben, als dir geworden ist. Ja, wenn es auch geschähe, daß dein Geliebter in deine Arme zurückkehrte, so würdest du dennoch nichts anders als die gewohnte Lust empfinden. Die heftigen Begierden pflegen sonst nach neuen Dingen zu trachten, weil die Hoffnung, irgendein verborgenes Gut zu finden, das doch niemals kommt, die Begierde reizt. Nach schon bekannten Dingen dagegen verlangt man mit weit mehr Mäßigung. Du aber tust das Gegenteil, weil du allzu heftig den verbotenen Gelüsten nachjagst und nichts als dein Vergnügen willst. Wer weise ist, pflegt sich zurückzuziehen, sobald ihn sein Weg auf gefahrvolle, beschwerliche Stellen führt. Er will lieber alle Mühe verloren geben und sicher zurückkehren als durch ein weiteres Fortgehen sich der Todesgefahr aussetzen. Solchem Beispiel folge du auch, dieweil du noch kannst, und da du jetzt ruhiger geworden bist, so setze die Vernunft an die Stelle des Willens und ziehe dich geschickt aus den Gefahren und Ängsten heraus, in die du durch deine Torheiten geraten bist. Das Glück, wenn du nur mit gesundem Auge um dich her schauen willst, ist dir geneigt; es hat dir nicht den Rückweg abgeschnitten noch dich so verstrickt, daß du nicht deine Fußtapfen wohl unterscheiden, auf denselben Pfad zurückkehren und wieder die Fiammetta werden könntest, die du vormals warest. Dein guter Ruf ist unverletzt, und alles, was du getan, hat ihn in der Meinung der Menschen nicht mit dem kleinsten Flecken verunstaltet, während viele andere junge Frauen durch den Verlust ihres guten Namens in zahllose Übel gestürzt worden sind. Wolle denn also nichts weiter begehren, damit du nicht das verlierst, was die Glücksgöttin dir noch gelassen hat. Tröste dich und denke bei dir selbst, du hättest Panfilo nie gesehen oder dein Gemahl sei Panfilo. Die Phantasie paßt sich allem an, und gutgemeinte Einbildungen lassen sich leicht nach Gefallen formen. Es ist kein anderes Mittel, dich wieder leicht und fröhlich zu machen, als dies, doch mußt du von ganzer Seele darnach verlangen, wenn du wirklich so geängstet bist, als deine Gebärden und Worte bezeugen.« Diese und ähnliche Reden der alten Amme hörte ich oft mit schwerem Herzen an, ohne ein Wort darauf zu erwidern. Und obgleich meine Verwirrtheit unaussprechlich war, so erkannte ich doch ihre Wahrheit, aber meine Gedanken waren nicht fähig, sie mit Nutzen aufzunehmen. Geängstigt wandte ich mich bald hier-, bald dorthin, und plötzlich rief ich, die Gegenwart der Amme nicht achtend, von ungeheurem Zorn überwältigt, mit einer Stimme, ungestümer als weibliche Würde sie erlaubt, und mit heftigem Weinen aus: »O! Ihr Furien der Hölle, ihr Peinigerinnen der verdammten Seelen, schüttelt eure fürchterlichen Locken und wendet alle eure Schlangen von Grimm entbrannt mit neuen Schrecken gegen mich! Eilet pfeilschnell in die verfluchte Kammer jener verräterischen Frau, zündet eure unseligen Fackeln an und beleuchtet zur schrecklichen Warnung für alle strafbar Liebenden ihr hochzeitliches Lager! O ihr Bewohner aus Plutos schwarzem Hause! O ihr Götter der unsterblichen stygischen Reiche, erscheint und haucht mit euren Wehklagen Schrecken in die Brust jener treulosen Liebenden! Du Unglück weissagende Eule, singe dein trauriges Lied auf ihrem Dach! Und ihr, Harpyien, gebet schreckliche Zeichen vom kommenden Verderben! Ihr unterirdischen Schatten, du ewiges Chaos, ihr Finsternisse, Feinde alles Lichts, kommt, umwachet das verbrecherische Haus, daß die verruchten Augen keines Lichtstrahls mehr genießen! Und ihr ewigen Rächerinnen der Schuld, sendet euren Haß, eure Zwietracht in die wankelmütigen Seelen, damit eine unversöhnliche Feindschaft sie voneinanderreiße!« Hier hielt ich mit einem tiefen Seufzer inne, dann fuhr ich fort: »O du verabscheuungswürdige Frau! Wer du auch seist, mir unbekannt, du besitzest jetzt den Geliebten, den ich so lange erwartet, und ich Unselige schmachte von ihm entfernt! Du erntest den Lohn für meine Mühe, die Aussaat meiner Gebete trägt keine Früchte für mich! Ich opfere den Göttern Gebet und Weihrauch für das Glück dessen, den du mir stehlen durftest, und alles ward erhört zu deinem Glück! Ich weiß nicht, wie und durch welche Künste du es dahin gebracht hast, dich statt meiner in sein Herz zu schleichen, ich weiß nur, daß es geschehen ist. Doch wie du meinen Frieden gestört hast, so wird auch der deine nicht ohne Störung bleiben. Und wenn er vielleicht zum drittenmal liebt und die Götter seiner Liebe feindselig sind, so wird all ihr Zorn und ihr hartes Urteil sich gegen dich wenden, er aber wird unangetastet bleiben. O Verräterin! wenn du jemals sein Angesicht genau betrachtetest, konntest du wohl glauben, daß dieser Jüngling ohne Geliebte sei? Und wenn du es dachtest, wie konntest du dann wagen, zu nehmen, was schon einer andern gehörte? Gewiß mit feindseliger Seele tatest du es. Und so will auch ich dich als meine Feindin und unrechtmäßige Besitzerin meines Gutes immer verfolgen, und mein ganzes Leben soll sich einzig und allein durch die Hoffnung deines Todes nähren; doch bitte ich, daß du nicht so leicht und gemein wie andere hinsterben möchtest. Unter wütende Feinde müßtest du geschleudert werden, und kein Feuer oder Grabmal soll deinen zerfleischten Körper aufnehmen, sondern Geiern oder Hunden, nach Raub begierig wie du selbst es im Leben wärest, müsse er zur Speise dienen! Kein Tag, keine Nacht, keine Stunde soll vergehen, ohne daß mein Mund Verwünschungen gegen dich aushauche, und nie, nie werde ich damit einhalten! Ja, eher wird das Himmelsgestirn, der Bär, sich in dem Ozean baden und die schnell reißende Welle der sizilianischen Charybdis unbeweglich stillstehen; eher wird das Hundegebell der Scylla schweigen und in dem Ionischen Meere reifes Korn wachsen; eher die dunkle Nacht Licht verbreiten und das Wasser mit dem Feuer, der Tod mit dem Leben und das Meer mit den Winden friedlich zusammen bestehen; ja, solange der Ganges lau bleiben wird und der Istro kühl, solange die Berge Eichen tragen und die Wiesen Kräuter, will ich meinen Krieg mit dir führen! Und diese Feindschaft wird auch der Tod nicht brechen; auch unter den Schatten will ich dir folgen und mit allen Schmähungen, die dort in meiner Macht stehen, dir noch zu schaden streben! Und wenn du mich vielleicht überleben solltest, wie auch die Art meines Todes sei, wohin auch mein unseliger Geist gehen wird, so will ich mich gewaltsam dort loszureißen suchen und in dich dringen, dich gleich den delphischen Priesterinnen, wenn der Gott sie ergreift, zur Raserei treiben. Oder ich erscheine dir; schrecklich soll, wenn du wachest, meine Gestalt vor dich treten und oft dich in fürchterlichen Formen während der stillen Nacht emporschrecken. Mit einem Wort, was du auch beginnen magst, so will ich stets vor deinen Blicken schweben und nie dir Ruhe gönnen. Solange ich lebe, will ich dich mit ebender Furie quälen, die mich quält, und bin ich tot, dir noch weit ärgere Qualen bereiten. Aber ach! an wen richten sich meine Worte? Was ich dir drohe, das machst du an mir wahr; und im Besitz meines Geliebten kümmern dich meine Flüche sowenig wie den größten Monarchen die Drohungen des ohnmächtigsten Sklaven. O! hätte ich jetzt die Erfindungskraft des Dädalus oder den Wagen der Medea, wie schnell wollte ich mit Flügeln an den Schultern oder durch die Lüfte getragen mich an dem Ort einfinden, wo du deinen Liebesraub birgst! O! mit was für Worten wollte ich – zornigen und drohenden – den falschen Jüngling und dich, Räuberin fremder Güter, überströmen! O! mit welchem Schimpf wollte ich euch euren Fehltritt klarmachen, und wenn ihr dann beide voll Scham über eure begangene Schuld vor mir stündet, ohne Verzug zur ausgelassensten Rache schreiten. Vor den Augen des treulosen Geliebten wollte ich meinen Zorn an dir sättigen; zerfleischen wollte ich dein Gesicht, das ihn bezaubert hat, unheilbar verletzen deine falschen Augen, vernichten all deine Schönheit, die du zu meinem Verderben gebrauchst, und hätte ich dich dann in einen Zustand versetzt, daß er, der dir jetzt schmeichelt, dich nur mit Bedauern und Widerwillen ansehen und statt deines Liebhabers dein Arzt werden müßte, da würde ich leicht und fröhlich in mein trauriges Haus zurückkehren!« Während ich diese Worte sagte, funkelten meine Augen, meine Zähne schlugen zusammen, und meine Fäuste ballten sich, gleich als wenn ich wirklich alles vor mir sähe und bereits einen Teil der ersehnten Rache vollzogen hätte. Aber fast mit Weinen sagte mir die alte Amme: »Ach! meine Tochter, da du die rasende Tyrannei des dich beherrschenden Gottes kennst, so mäßige dich und halte dein Geschrei zurück. Und wenn das schuldige Mitleid gegen dich selbst dich nicht dazu bewegt, so tue es um deiner Ehre willen, damit nicht aus der alten Schuld leicht neue Schmach erwachsen möge. Schweige wenigstens, damit nicht dein Gemahl die traurige Geschichte vernehme und mit vollem Recht aus doppelter Ursache sich über deinen Fehltritt beklage.« Kaum gedachte ich des Gatten, kaum trat das Bild der gebrochenen Treue, der schlecht gehaltenen Gesetze vor meine Seele, als ich von neuem Schmerz durchdrungen noch stärker weinte und also zur Amme sprach: »Ach! du getreueste Gesellin meiner Leiden, mein Gemahl hat wenig Ursache, sich zu beklagen! Der Urheber meiner Schuld hat sie bereits strengstens gerächt! Den Lohn, den ich verdiente, habe ich empfangen, und der Gemahl könnte mir keine größere Strafe auferlegen, als mir der Liebhaber schon gegeben hat. Nur der Tod allein – wenn er anders so schmerzhaft ist, wie man sagt – bleibt meinem Gatten noch übrig, um mich zu strafen. Er komme und gebe mir ihn! Mir ist er nicht Pein, sondern Freude, denn ich sehne mich nach ihm, und er wird mir von der Hand des Gatten freundlicher sein als von meiner eigenen. Gibt sie mir nicht den Tod und kommt er auch nicht von selbst, so werde ich ihn schon selbst herbeiführen; denn durch ihn hoffe ich an das Ende aller Schmerzen zu gelangen. Die Hölle, der Ort der Unseligen, hat in ihren brennendsten, tiefsten Schlünden keine Qual, die meiner gleich ist. Tityus' Schicksal galt den Alten als das stärkste Beispiel des Leidens, weil die Geier ihm unaufhörlich die stets frisch wachsende Leber fraßen. Achte ich diese Pein auch nicht gering, so kommt sie doch der meinigen nicht gleich. Ihm fraßen die Geier die Leber, mir aber zernagen hunderttausend Sorgen, die schärfer als der Schnabel irgendeines Vogels sind, das Herz. Tantalus stirbt mitten im Wasser unter herabhängenden Früchten vor Hunger und Durst, und so verlange ich auch mitten unter allen Ergötzlichkeiten der Welt mit nie gesättigter Begierde nur nach meinem Geliebten, und da ich ihn nie erreichen kann, leide ich in demselben Maße als er, ja noch mehr. Denn Tantalus hält bei dem Anblick der nahen Welle und der benachbarten Früchte noch immer an der Hoffnung fest, sich einmal sättigen zu können. Ich aber muß jetzt an dem verzweifeln, was ich zu meinem Trost gehofft hatte, und er, den ich mehr liebe denn je, hat sich gutwillig durch fremde Gewalt zurückhalten lassen und mich ganz und gar von sich entfernt. Ja selbst der unselige Ixion, der auf ewig auf das Rad geflochtene, empfindet keinen Schmerz, der mit dem meinigen sich vergleichen dürfte. Und wenn Danaus' Töchter mit vergeblicher Mühe das Wasser in die bodenlosen Krüge schöpfen und sie immer noch voll zu sehen hoffen, so ergießen sich auch aus meinem traurigen Herzen ewig verlorene Tränen durch die verweinten Augen. Doch warum bemühe ich mich, alle die höllischen Strafen nacheinander aufzuzählen? Ist es nicht genug, zu wissen, daß in mir sich eine größere Qual vereinigt findet, als die Verdammten einzeln oder zusammen erdulden? Wiegt nicht allein schon die Angst, mit der ich meine Schmerzen oder wenigstens ihre Ursachen verborgen halten muß, alles andere auf? Jene dürfen ihre Schmerzen laut ausschreien und in allen Mienen und Gebärden ausdrücken. Schon dadurch ist meine Qual größer als die ihrige. Ach! wie weit heftiger tobt und verzehrt das verschlossene Feuer als das, dessen Flammen frei auflodern können! Und wie hart ist es, keine Stimme für seine Schmerzen haben, niemandem sein Leid klagen zu dürfen, sondern unter dem erlogenen Schein eines fröhlichen Gesichts den schweren Kummer still im Herzen zu verschließen! Darum würde mir der Tod kein Schmerz, sondern vielmehr Erlösung vom Schmerze sein. Er komme denn, der teure Gatte, daß er mit einem Male sich räche und mich befreie! Er öffne mit seinem Schwert meine unglückselige Brust, daß mit dem Blute zugleich die trauernde Seele und ihre Qualen hinwegströmen; er zerreiße den Aufenthalt all dieser Gedanken, das Herz, das ihn betrogen und das Bild seines Feindes willig aufgenommen hat, und bestrafe mich so, wie meine Schuld verdient!« Hierauf sagte die alte Amme mit leiser Stimme, als sie mich von neuem in stummem, bitterm Schmerz vertieft sah: »O teures Kind! was hast du doch für seltsame Träume! Wie sind deine Worte so eitel, und noch weit mehr dein Tun! Ich habe lange in der Welt gelebt, und du kannst glauben, daß ich viele Dinge gesehen und die Liebeshändel vieler Frauen gekannt habe. Und ob ich mich gleich nicht unter deinesgleichen zählen kann, so habe ich doch deshalb nicht minder das Gift der Liebe kennenlernen, das schmerzlich und noch viel schmerzlicher wirkt bei geringem Volk als bei den Großen; denn den Geringen sind alle Wege zur Zerstreuung verschlossen, die durch Reichtum mit leichter Mühe geöffnet werden können. Aber das, was dir unmöglich und so sehr schmerzlich erscheint, habe ich von niemandem so hart schildern hören noch empfunden. In diesem Schmerz, so heftig er auch sein mag, soll man sich doch nicht ganz verzehren und deshalb den Tod herbeirufen, den du mehr zornig als verständig begehrst. Wohl weiß ich, daß die Raserei des entbrannten Zorns ganz blind ist, sich um kein Verbergen mehr kümmert, keine Schranken erträgt und dem Tode trotzt; ja in ihrer Vermessenheit sich selbst der tödlichen Spitze des scharfen Eisens entgegenstellt. Aber wenn man diesen Zorn ein wenig abkühlen läßt, so zweifle ich nicht, daß sich die große Torheit desselben kundtun werde. Und darum, Töchterchen, ertrage jetzt den heftigen Anfall der Wut und laß ihm freien Lauf. Merke nur ein wenig auf meine Worte und stärke deine Seele durch die Beispiele, die ich dir anführe. Wenn ich anders deine Worte recht begriffen habe, beklagst du dich mit schwerem Herzen über die Abreise des geliebten Jünglings, über die verletzte Treue und über die neue Geliebte. Und keine Pein scheint dir der deinen gleichzukommen. Aber wenn du weise bist, wie ich es wünsche, so wirst du meine Reden wohl anhören und alles dies mit gutem Erfolg wie eine heilsame Arznei betrachten. Nach den Gesetzen der Liebe sollte der Mann, den du liebst, dich ohne Zweifel mit gleicher Liebe wiederlieben; tut er es nicht, so handelt er schlecht, aber keine Gewalt kann ihn zwingen, es zu tun. Denn jeder kann das Geschenk der Freiheit so gebrauchen, wie es ihm gefällt. Wenn du ihn heftig liebst, um seinetwegen unerträgliche Qualen leidest, so trägt er deshalb keine Schuld, und du hast kein Recht, dich über ihn zu beklagen. Du selbst bist die Urheberin von allem diesem. Amor, eine so mächtige Gottheit er auch ist und so unbezwinglich seine Gewalt, hätte doch gegen deinen eigenen Willen dir das Bild des Jünglings niemals tief ins Gemüt eindrücken können. Dein Gefühl und die müßigen Gedanken waren die erste Veranlassung, dich zu verlieben. Hättest du nur tapfer widerstanden, so wäre dies alles nicht geschehen, sondern mit freiem, unbezwungenem Mut hättest du über ihn und jeden andern lachen können, so wie du sagst, daß er unbekümmert um dich jetzt deiner lache. Nun aber, da du ihm deine Freiheit ganz unterworfen hast, folgt auch notwendig, daß du dich ganz nach seinem Belieben richten mußt. Ihm gefällt es jetzt, fern von dir zu sein, und so muß es dir gleichfalls ohne den geringsten Verdruß gefallen. Wenn er dir mit Tränen unverletzte Treue gelobte und bald zurückzukehren versprach, so tat er nichts Neues, Unerhörtes, sondern er tat, was seit den ältesten Zeiten alle Liebhaber zu tun pflegen. Das sind ja die Sitten, die an dem Hof deines Gottes üblich sind. Und wenn er dir sein Gelübde nicht gehalten hat, so gibt es keinen Richter, der darüber Recht spricht. Niemand kann etwas anderes sagen, als er habe schlecht gehandelt, und sich dann mit dem Gedanken beruhigen, daß, wenn das Schicksal sich jemals so gegen ihn stellte, wie es dich jetzt behandelt hat, ihm dasselbe widerfahren müsse. Auch ist er keineswegs der erste, der so handelt, noch du die erste, der solches begegnet. Jason reiste von Lemnos ab, verließ Hypsipylen und kehrte nach Thessalien zur Medea zurück. Paris ließ Önonen in den Wäldern des Ida und eilte nach Troja zu Helenen, Theseus eilte nach Athen zur Phädra und verließ Ariadnen, und doch töteten sich die verlassenen Geliebten deshalb nicht; sie verjagten die unnützen Gedanken und vergaßen ihre falschen Liebhaber. Ich wiederhole dir, du darfst dich nicht über Amors Bosheit beklagen, er hat dir kein Leid zugefügt, als was du von ihm hast haben wollen. Unbefangen gebraucht er Bogen und Pfeile und bekümmert sich nicht, was er damit stiftet. Ist er schuld, wenn man sich nicht gegen seine Pfeile verwahrt oder die empfangene Wunde mutwillig pflegt und nährt? Und so hat sich keiner bei dem, was geschieht, über ihn, sondern nur über sich selbst zu beklagen. Amor ist ein weichliches, nacktes, blindes Kind, das fliegend umherschweift, ohne zu wissen wohin. Alle Klagen über ihn, die Verzweiflung und die Verwünschungen, sind nur leere Worte, die niemand hört. Und so hat vielleicht auch die vielgeschmähte Gebieterin, die deinen Geliebten gefesselt hält oder von ihm gefangen worden ist, nicht durch eigene Schuld, sondern von dem Jüngling verführt gehandelt. So wie du seinen Bitten nicht hast widerstehen können, hat vielleicht sie, leicht beweglich wie du, ihn nicht ohne Rührung anhören können. Da er, wie du sagst, weinen kann, wann er will, so hast du erfahren, welch eine unwiderstehliche Gewalt Tränen haben, wenn sie mit Schönheit vereint sind. Und gesetzt auch, daß die Dame ihn durch Worte und Gebärden mit einem Liebesnetz umsponnen hat: ist es nicht heutzutage in der ganzen Welt Brauch, daß jeder nur seinen Vorteil sucht, und wenn er ihn gefunden, ihn ohne Rücksicht auf andere festzuhalten sucht? Die gute Dame war vielleicht nicht minder klug in solchen Dingen als du, und da sie ihn sehr liebenswürdig fand, hat sie ihn für sich behalten. Und was hält dich denn ab, mit einem anderen ein Gleiches zu tun? Zwar würde ich es nicht raten und loben, aber wenn du nicht anders kannst und ohne Liebe nicht zu leben weißt, so solltest du dir deine Freiheit wiedererobern. Schwer wird es nicht sein, denn es gibt zahllose Jünglinge, die sicherlich deiner würdiger sind und sich dir willig unterwerfen werden. Die Freude an ihnen wird Panfilos Bild dann ebensoleicht aus deinem Herzen verdrängen, als die neue Geliebte wahrscheinlich dein Andenken in seinem verwischt hat. Glaube nur, Jupiter lächelt über gebrochene Schwüre und Gelübde der Liebenden. Und wer andern tut, wie ihm selbst geschehen ist, tut nicht unrecht, denn die ganze Welt verfährt nach diesem Grundsatze. Einem Ungetreuen treu zu sein wird heutzutage für Torheit geachtet, aber den Betrug mit Betrug zu vergelten heißt weise handeln. So tröstete sich Medea, als Jason sie verlassen hatte, mit Ägeus, und die vom Theseus betrogene Ariadne ward die Braut des Bacchus, deren Tränen sich in Fröhlichkeit verwandelten. Ertrage drum also deine Leiden geduldiger, denn du hast dich eigentlich weniger über andere als über dich selbst zu beklagen. Hast du nur erst den ernstlichen Willen, deinen Gram zu verjagen, so werden sich bald Mittel dazu finden. Bedenke auch, daß noch härtere Leiden doch endlich vorübergegangen sind. Wie viele liebten noch heftiger als du, wurden getrennt und mußten sich dennoch zufriedengeben. Erforsche die Geschichte der Heroen und hervorragenden Menschen, und du wirst finden, daß sie noch weit tiefer verwundet wurden als du und sich doch in Geduld faßten. Da du nun weder die erste noch die einzige bist, die solches Leid erduldet, so ermanne dich. Alles, wobei der Mensch Gefährten hat, kann nicht so ganz unerträglich und schwer sein, wie du es schilderst. So erfrische dein Gemüt, fasse neuen Mut, verjage die alten Sorgen und beherrsche dich vor deinem teuren Gemahl, damit ihm diese Begebenheit nicht zu Ohren komme. Wenn er auch, wie du sagst, dir nichts als das Leben nehmen kann, so muß doch der Mensch, da er nur einmal stirbt, sehen, daß es auf die bestmögliche Art geschehe. Bedenke doch, wenn du den Tod auf die Weise fändest, wie du dir wünschest, mit welcher Ehrlosigkeit und ewiger Schmach dein Andenken unter den Menschen befleckt sein würde! Wir müssen lernen, alle irdischen Dinge als vergänglich zu betrachten; keiner soll der Zukunft fest vertrauen, wenn er glücklich ist, aber keiner auch soll im Unglück an dem Besserwerden zweifeln. Clotho verwirrt die irdischen Fäden, sie hintertreibt Fortunas Beständigkeit und dreht unaufhörlich an dem Rade des Schicksals. Niemandem noch ist es gelungen, sich die Götter so geneigt zu machen, daß sie ihm für das Künftige Bürgschaft geleistet hätten. Die Götter reißen voll Zorn wieder nieder, was sie aufbauten, wenn sie durch Sünde gereizt werden, Fortuna aber erhebt die Starken und zertritt die Verzagten! Jetzt ist es Zeit, zu zeigen, ob du Tugend besitzest oder ob die Widerwärtigkeiten deines Geschicks imstande sind, sie ganz zu verhüllen. Leider ist es ja die Eigenschaft der Hoffnung, daß sie in großer Trübsal stumm ist und uns keinen Ausweg zeigt. Wer nur noch etwas hoffen kann, der verzweifelt nicht. Wir alle sind dem Schicksal unterworfen, und glaube mir, wir können mit aller Sorge nicht das mindeste an den Dingen ändern, die es vorschreibt. Alles, was wir Sterbliche tun oder leiden, ist vom Himmel über uns verhängt. Lachesis spinnt unseren Lebensfaden an ihrem Rocken nach abgemessenen Gesetzen und führt alle Dinge auf vorgeschriebenen Wegen zum Ziel; dein erster Tag bestimmt deinen letzten. Es ist uns nicht vergönnt, den einmal festgesetzten Schlüssen eine andere Wendung zu geben. Vor der unbeweglichen Ordnung der Dinge zu zittern hat schon vielen geschadet, vielen auch, daß sie sie nicht fürchteten. Während sie noch vor ihrem Schicksal zagten, hatte sie dasselbe bereits ereilt. Darum laß die Schmerzen, die du eigenwillig erwählt hast, fahren, lebe fröhlich, hoffe auf die Götter und tue Gutes. Schon oft gelangte der Mensch, wenn er am fernsten von aller Glückseligkeit zu sein glaubte, mit einem einzigen Schritte wieder zu ihr. Wie viele Schiffe, die in stolzer Sicherheit die offene See durchliefen, strandeten ganz nahe beim sicheren Hafen; während andere, an deren Rettung jedermann verzweifelte, endlich wohlbehalten zurückkehrten. Auch sah ich schon Bäume, die Jupiters Blitz entzündet hatte und die dennoch nach wenigen Tagen in neuem Blätterschmuck prangten, dagegen andere, die mit der größten Sorgfalt gepflegt wurden, durch unbekannte Ursache vertrocknen und sterben. Das Schicksal, das dir soviel Leid bereitet hat, kennt auch – wenn du nur dein Leben mit Hoffnung nährst – ebensoviel Wege, dich mit Freude zu erquicken.« Mit solchen Reden suchte die kluge Alte nicht einmal, sondern oft meine Schmerzen und meine Angst zu verjagen, was doch nur der Tod allein vermocht hätte. Wenige ihrer Worte oder besser kein einziges rührten mein bewegtes Gemüt, und der größte Teil verlor sich fruchtlos in den Lüften. Mein Leiden aber nahm von Tag zu Tag mehr die trauernde Seele ein. Wenn ich in solcher Verfassung ohne Ruhe auf dem reichgeschmückten Lager lag und mit dem Arm das Gesicht verdeckte, wälzten sich mannigfaltige und wunderliche Gedanken in meinem Kopfe hin und her. Schreckliche Sachen werde ich sagen müssen, von denen man nicht glaubt, daß ein Weib sie gedacht haben könnte, wenn nicht schon in der Vergangenheit Beispiele von solchen und noch ärgeren Dingen zu finden wären. Im tiefsten Herzen von einem unendlichen Schmerz ganz überwältigt, voll Verzweiflung, von dem Geliebten entfernt zu sein, hielt ich folgendes Selbstgespräch: ›Siehst du nun, daß du ebensoviel Ursache hast, diese Welt zu verlassen, wie einst Dido und daß dich Panfilo ebensosehr und noch weit mehr dazu veranlaßt, als Äneas? Sein Wille ist, daß ich diese Erde verlasse und neue Regionen suche. Und ich, die ihm nun einmal unterworfen ist, will tun, was er will, und mit einem Male auf eine würdige Weise meinem Geliebten, der begangenen Schuld und dem betrogenen Gatten Genüge tun. Und wenn dem aus des Leibes Kerker erlösten Geist in der neuen Welt einige Freiheit vergönnt ist, will ich unverzüglich zu ihm eilen, damit die Seele lebe, wo der Körper nicht verweilen konnte. Ich will also sterben, und diesen grausamen Dienst kann ich am besten mir selbst erzeigen. Denn keine fremde Hand könnte so mitleidslos sein, daß sie mir den verdienten Tod würdig genug bereitete. Ohne weiteren Verzug erwähle ich also den Tod, und so dunkel auch sein Bild vor mir steht, so ist mir doch die Erwartung desselben lockender als das jammervolle Leben!‹ Da ich nun diesen festen Entschluß gefaßt hatte, begann ich bei mir selbst zu überlegen, welche unter den tausend verschiedenen Todesarten wohl die beste für mich sei. Zuerst dachte ich an den Stahl, dessen Spitze schon manches Leben durchschnitten hat, und dann fiel mir der Tod von Byblis und Amata ein, der mir als Vorbild hätte dienen können. Da mir aber mein Ruf sehr am Herzen lag und ich die Art des Todes mehr als den Tod selbst fürchtete, so schien mir der eine schimpflich und der andere zu grausam, und ich verwarf beide. Jetzt überlegte ich, ob ich es nicht wie die Sagombiner und Abydener machen wollte, die den karthaginensischen Hannibal und Philipp von Macedonien fürchteten und sich und alle ihre Güter von den Flammen verzehren ließen. Kaum aber wurde mir klar, daß auf diese Weise mein teurer, unschuldiger Gatte großen Verlust erleiden würde, so verwarf ich diese wie die vorigen Todesarten. Nun kamen mir die Gifttränke in den Sinn, durch die einst Sokrates, Sophonisbe, Hannibal und viele andere sich ihre letzte Stunde herbeigerufen hatten, und dieses Mittel schien mir vor allen am angemessensten. Bald aber überlegte ich, daß eine lange Zeit hingehen würde, ehe ich es mir verschaffen könnte, und da ich der Unbeweglichkeit meines Entschlusses nicht genug traute, beschloß ich, auf andere Mittel zu sinnen. Die glühenden Kohlen der Porcia fielen mir ein, aber ich schlug sie mir aus dem Sinn, weil ich eine Störung bei dieser Todesart befürchten konnte. Nun gedachte ich des Todes der Ino, des Melicertes und des Erysichthon, aber für den ersten bedurfte ich zuviel Raum, für den zweiten zuviel Zeit, und gegen den letzten sprach die lange körperliche Qual. Außer diesem allem fiel mir der Tod des Perdix ein, der von seinem Lehrmeister aus Eifersucht von einer hohen Mauer herabgeworfen wurde, und dieser Tod allein schien mir für mich geeignet zu sein, weil ich so unfehlbar sicher und frei von aller Schande sterben konnte. Ich sagte zu mir selbst: ›Von dem Gipfel meines Hauses will ich mich herabwerfen, und wenn der hundertfach zerschmetterte Körper die unglückliche Seele den traurigen Göttern zusendet, wird niemand einen absichtlichen Tod vermuten. Jeder wird einen Zufall darin suchen, mir fromme Tränen nachweinen und der feindlichen Schicksalsgöttin meinetwegen fluchen.‹ Mit diesen Überlegungen beschäftigte sich meine Seele und vertiefte sich gern in sie; denn ich dachte mir selbst den größten Dienst zu erzeigen, wenn ich die größte Grausamkeit gegen mich verübte. Schon war dieser Gedanke fest in mir geworden, und ich wartete nur auf den Augenblick der Ausführung, als plötzlich ein schneidender Frost meine Gebeine durchdrang, banges Zittern mich befiel und ich folgende Worte zu vernehmen glaubte: ›Unselige! sag, was gedenkst du zu tun? Willst du aus Zorn und Herzeleid dich vernichten? Bedenke, wenn dich jetzt eine schwere Krankheit an die Pforten des Todes führte, würdest du nicht aus allen Kräften streben, das Leben festzuhalten, damit du wenigstens nur einmal noch deinen Geliebten wiedersehen könntest? Wähnst du, ihn wiederzusehen, wenn du tot bist? Keine seiner Tränen wird dich wieder ins Leben zurückrufen können. Was half es der Phyllis, daß sie ihres Geliebten verzögerte Rückkehr nicht abwarten konnte? Als blühender Baum fühlte sie seine Nähe ohne das mindeste Entzücken, anstatt daß sie als fühlendes Weib ihn mit unendlicher Lust bewillkommnen konnte, wenn sie ausgeharrt hätte. Lebe also! denn mag er liebend oder hassend wiederkommen, genug, er wird einst zurückkehren, und wie er sich auch gegen dich verhält, du wirst ihn lieben, wirst ihm zu begegnen suchen und vielleicht sein Herz von neuem rühren. Ihn hat ja keine Eiche, keine Höhle, kein harter Felsen erzeugt, noch ein Tiger oder anderes, grausameres Tier ihn gesäugt; auch ist sein Herz nicht aus Stahl oder Diamant geformt, daß es nicht einer mitleidigen, milden Regung fähig wäre. Bliebe er aber dennoch bei deinem Anblick hart und unerbittlich, so wird alsdann der Tod dir um so leichter werden. Länger als ein Jahr hast du jetzt dein trauriges Leben, ohne ihn ertragen, versuche es, noch ein zweites auszuhalten. Noch nie hat der Tod sich einem versagt, der ihn wirklich suchte; ebensoschnell und weit schicklicher als jetzt wird er auch dann auf deinen Wunsch herbeieilen. Auch darfst du hoffen, daß Panfilo deinem Tode einige Tränen weihen wird, wie grausam und feindselig er auch empfinden mag. Nimm also deinen allzu raschen Entschluß wieder zurück, denn einem solchen folgt eine lange Reue. Dein Vorhaben ist nicht von der Art, daß ihm nicht Reue folgen könnte, und wenn sie folgt, wird sie nie wieder von dir weichen.‹ Diese Erwägungen hielten mein Seele eine Zeitlang über ihr finstres Vorhaben in Zweifel. Aber die höllische Furie fiel mich von neuem mit ihren giftigen Schlangen an, bis sie jedes Widerstreben besiegte und ich mir schweigend vornahm, meinen Plan dennoch ins Werk zu setzen. Mit sanften Worten und erlogener Ruhe auf dem traurigen Gesicht bemühte ich mich nun, die treue Amme, die traurig stillgeschwiegen, über meinen wahren Zustand zu täuschen, damit sie mich verlassen möchte, und deshalb sagte ich ihr: »Du siehst nun, teure Mutter, wie deine weise Rede in meiner Brust zu guten Früchten gereift ist. Doch bitte ich dich, verlaß mich jetzt und gönne mir einige Stunden ruhigen Schlummers, nach dem mich sehr verlangt, damit die blinde Wut gänzlich aus meiner verirrten Seele weiche.« Sie aber, die Wohlerfahrene, als erriete sie meine Gedanken, lobte zwar meinen Entschluß zu schlafen und entfernte sich, meinem Befehl zufolge, ein wenig von mir; die Kammer aber wollte sie um keinen Preis verlassen. Und um ihr keinen Argwohn gegen mein Vorhaben einzuflößen, ertrug ich, wenn auch mit Unlust, ihr Dableiben, hoffend, daß sie weggehen werde, sobald sie mich ruhig sähe. Ich verbarg also unter tiefer Ruhe meine trugsinnenden Gedanken, und unter einem gelassenen Äußeren sagte ich in der Stunde, die meine letzte sein sollte, zu mir selbst: ›O arme Fiammetta, die du elender bist als je eine Frau war, sieh! Nun ist er da, der letzte Tag deines Lebens; denn sobald du dich von dem Gipfel deines Palastes herabgeworfen hast und die Seele aus dem zerschmetterten Körper gewichen ist, werden all deine Tränen, Seufzer, Angst und Wünsche ein Ende haben, und ein Augenblick wird dich und deinen Panfilo von dem Gelübde der Treue lossprechen. Heute noch wirst du von ihm die wohlverdiente Umarmung empfangen. Heute noch wird die Kriegsfahne der Liebe, zu der du geschworen, deinen Körper mit schimpflichen Wunden bedecken, aber dein Geist wird auch heute noch den Geliebten sehen. Heute wirst du erfahren, für wen er dich verlassen hat, heute ihn zwingen, Erbarmen mit dir zu haben. Heute wird deine Rache an deiner tödlichen Feindin beginnen. Ihr aber, o Götter! wenn ihr in unsterblicher Brust noch einiges Mitleid hegt, o so seid meinen letzten Bitten huldreich! Gebt, daß mein Tod in den Augen des Volks nicht schmachvoll erscheine, und wenn irgendeine Schuld auf mir lastet, so nehmt meine freiwillige Buße gnädig an. Vergönnt mir zu sterben mit dem Geheimnis meiner Liebe, vergönnt mir den großen Trost, daß ich ohne Schande zu den Toten hinabgehen dürfe! Gebt auch, daß mein teurer Gatte meinen Tod mit Fassung ertragen möge. Ach! hätte ich seine Liebe so treu bewahrt, wie ich gesollt, so dürfte ich noch lange hoffen, ohne solche Bitten an euch in Freuden mit ihm zu leben! Aber ich wußte das empfangene Gut schlecht zu würdigen und streckte wie alle Frauen die Hand nach dem falschen Scheine aus. Nun gebe ich mir selbst den Lohn dafür. O Atropos! du, die mit unfehlbarem Streich jedes irdische Leben durchschneidet, dich flehe ich demütigst an, leite mit deiner Hand den fallenden Körper und lasse die geängstigte Seele schnell aus dem Gespinst deiner Schwester Lachesis entfliehen. Und dich, o Minos, der die Seele empfangen wird, dich flehe ich an um der Liebe willen, die dich selbst einst entflammte, und um meines Blutes willen, das ich dir jetzt darbiete: leite sie gütig an den Ort, den deine Milde ihr bestimmte, und bereite ihr keine so strenge Buße, daß nicht die irdischen Leiden dagegen geringgeachtet werden müßten.‹ So redete ich leise mit mir selbst, als plötzlich Tisiphone mit schrecklichem Antlitz und drohendem, unverständlichem Gemurmel vor meine Augen trat und mich mit der Vorstellung weit größerer Qualen als der erlittenen ängstigte. Bald aber sprach die Furie deutlich die Worte: »Nichts ist schwer, was nur einmal empfunden wird«, und entzündete damit die gequälte Seele mit einem noch brennenderen Verlangen nach dem Tode. Und da ich sah, daß die alte Amme immer noch nicht von dannen wich, und befürchtete, daß ein zu langes Zögern meinen Entschluß verraten oder ein Zufall die Ausführung verhindern könnte, so breitete ich meine Arme über mein Lager und sagte weinend, indem ich es mit zärtlicher Umarmung zum letztenmal an mein Herz drückte: »O! Lager, du müßtest in dem Schutz der Götter bleiben, und ich rufe sie an, daß sie dich deiner künftigen Besitzerin freudevoller gestalten als mir.« Und als ich jetzt die Blicke in der Kammer, die ich nie wieder zu sehen hoffte, umherschweifen ließ, entschwand mir von plötzlichem Schmerz ergriffen das Licht, und von unbekanntem Entsetzen zusammengepreßt wollte ich mich zagend erheben, als die bebenden Glieder mir den Dienst versagten und ich dreimal wieder auf das Angesicht niedersank. Und tief in mir fühlte ich heftigen, wilden Kampf entstehen zwischen der entbrannten Seele und den furchtsamen Lebensgeistern, welche die Fliehende mit Gewalt zurückhalten wollten. Aber die Seele siegte, sie verjagte die kalte Furcht aus meinem Innern und gab mir neue Kräfte zurück. Die Farbe des Todes schon auf dem bleichen Angesicht, riß ich mich ungestüm empor, und gleich dem gewaltigen Stier, der, vom tödlichen Streich getroffen, wütend bald hier-, bald dorthin läuft, sprang ich vom Lager auf den Boden. Das Bild Tisiphones schwebte vor meinem irren Blick, und meiner selbst nicht mächtig, eilte ich der Furie nach, die mich nach den Stufen zog, welche zu dem höchsten Gipfel meines Hauses führten. Schon hatte ich mein trauriges Gemach verlassen und schaute heftig weinend mit verstörten Blicken umher, indem ich mit schwacher, gebrochener Stimme sagte: »O! Wohnung, die so unselig für mich war, mögest du auf ewig erhalten bleiben, um meinem Geliebten Kunde von meinem Falle zu geben, wenn er zurückkehrt! Und du, geliebter Gatte, tröste dich und suche dir künftig eine weisere Fiammetta! Ihr teuren Schwestern, ihr Verwandten und all ihr ändern Gespielen und Freundinnen! Ihr treuen Dienerinnen, alle sollt ihr im Schütze der Götter bleiben!« So strebten Worte und Handlungen zu dem einen traurigen Ziele, als die alte Amme, die anfänglich von dem, was sie hörte und sah, wie von einem schweren, ängstlichen Traum gelähmt war, plötzlich erwachte, die Spindel wegwarf, ihre altersschweren Glieder aufrichtete und mir mit lautem Geschrei folgte, so schnell sie konnte. Mit einer Stimme, die ich ihr kaum zugetraut hätte, rief sie mir zu: »Ach! Töchterchen, wohin läufst du? welche Furie jagt dich fort? sind das die Früchte des Trostes, den meine Reden in deiner Brust erweckt haben? wo eilst du hin? warte doch auf mich!« Darauf schrie sie noch stärker: »Ihr Leute, kommt herbei, ergreift die wahnsinnige Dame und tut ihrer Wut Einhalt!« Doch all ihr Lärmen war vergeblich, ebenso wie ihr schwerfälliges Laufen. Es schien, als wären mir Flügel gewachsen, und schneller als der Wind eilte ich meinem Tode zu. Aber unerwartete Zufälle, welche so oft den guten wie den bösen Vorsätzen in den Weg treten, wurden Ursache, daß ich noch unter den Lebendigen bin. Denn die langen Gewänder, die ich trug, waren mir hinderlich. Zwar konnten sie mich mit ihrer Länge nicht in meinem fliegenden Lauf zurückhalten, aber sie verwickelten sich, ich weiß nicht wie, an einem aus dem Gebälk hervorragenden Holze und hemmten meine wilde Eile dermaßen, daß, während ich mich heftig bemühte, mein Gewand loszureißen, die Alte mich erreichte. Ich aber schrie ihr mit brennendem Gesicht und lauter Stimme zu: »O! elende Alte, fliehe von hier, wenn dir dein Leben lieb ist! Du glaubst mir zu helfen und schadest mir. Laß mich das Totenopfer vollbringen, jetzt, da ich die größte Begier danach habe! Wisse: wer einen, der sich heftig nach dem Tode sehnt, am Sterben hindert, tut nichts anderes als ihn morden. Du glaubst mich vom Tode zu retten und wirst meine Mörderin, denn du gibst mir mit dem Leben nur tausendfachen Tod.« So schrie ich laut, während mein Herz vor Zorn pochte und meine Hände durch die wilde Hast, mit der sie mich befreien wollten, sich nur noch fester verwickelten. Und da ich mich auf keine Weise losmachen konnte und die Amme noch immer aus allen Kräften schrie, so ward ich endlich zurückgehalten. Doch hätte ihre Kraft nichts über mich vermocht, wenn nicht unterdessen die jungen Dienerinnen auf ihr Geschrei von allen Seiten herbeigelaufen wären und mich festgehalten hätten. Doch suchte ich mich auch aus ihren Händen auf mancherlei Weise und mit der höchsten Anstrengung zu befreien – endlich überwand mich doch ihre Übermacht, und aufs höchste abgemattet brachten sie mich in das Zimmer zurück, das ich geglaubt hatte nie wieder zu sehen. Ach! wie oft rief ich ihnen jammernd zu: »O! ihr schändlichen Dienerinnen, welcher Übermut verführt euch, so gewaltsam mit eurer Gebieterin umzugehen? Welche Furie hat euch, Elende, verblendet? Und du, verfluchte Ernährerin dieses elenden Leibes, der künftig ein Tummelplatz bitterster Schmerzen sein wird, warum hast du dich meinem letzten Wunsche widersetzt? Weißt du noch nicht, daß es für mich eine weit größere Gunst bedeutet, zum Tode verdammt zu sein, als zum Leben? Laß mich denn, wenn du mich so liebst, wie du vorgibst, meinen traurigen Entschluß vollziehen und über mich selbst nach meinem Sinn gebieten und wende dein Mitleid an, den zweifelhaften Ruf zu retten, der mir nachfolgen wird. Denn für das, was du jetzt beginnst, ist doch all deine Mühe verloren. Wähnst du, du könntest des Eisens spitzigen Zahn zerbrechen, nach dem mich verlangt, oder die unheilvolle Schnur, die tödlichen Krauter und das Feuer aus der Welt schaffen? Was nützt dir nun all deine Sorge? Sie verlängert für eine kurze Zeit mein gequältes Leben und gesellt zu dem verzögerten Tod, der jetzt ohne Schmach erfolgt wäre, vielleicht noch die Schande. Du, Elende, kannst mir mit aller deiner Beaufsichtigung den Tod nicht rauben, denn er ist an allen Orten und in allen Dingen verborgen; ja, selbst in den Quellen des Lebens ist er schon gefunden worden. So laß mich denn jetzt sterben, ehe ich noch gequälter den Tod noch rasender von dir fordere.« Während ich im höchsten Jammer diese Worte sprach, blieben meine Hände nicht ruhig. Mit wilder Raserei packte ich bald die eine, bald die andere der Dienerinnen, riß ihnen die Flechten vom Haupte, zerkratzte ihr Angesicht, daß Blut herabfloß, und einer von ihnen zog ich das armselige Gewand ganz von den Schultern herab. Aber ach! weder die alte Amme noch die mißhandelten Dienerinnen erwiderten mir nur ein einziges Wort, sondern weinend erfüllten sie gegen mich gewissenhaft ihre Pflicht. Jetzt bemühte ich mich, sie durch sanfte Worte zu bestimmen; aber da auch diese nichts fruchteten, hub ich mit lauter Stimme zu schreien an: »O, ihr ruchlosen Hände, die zur Ausübung jegliches Bösen geschickt sind, ihr habt einst meine Schönheit gepflegt, und durch eure verderbliche Sorgfalt erschien ich ihm, den ich über alles liebe, begehrenswert. Da nun euer Diensteifer soviel Unheil über mich gebracht hat, so wendet zum Lohn eure gottlose Grausamkeit gegen den gleichen Leib, zerfleischt, öffnet ihn und reißt unter Strömen von Blut die wilde, unbezähmbare Seele heraus. Nehmt das Herz, das von blinder Liebe verwundet ist, und wenn euch fremde Waffen versagt sind, so zerreißt es als die vornehmste Ursache aller Schmerzen ohne Schonung mit euren Nägeln!« So bedrohte ich mich mit den Übeln, die ich ersehnte, und gebot den bereitwilligen Händen die Ausübung derselben; aber die aufmerksamen, schnellen Dienerinnen kamen mir zuvor und hielten mir die Hände wider meinen Willen fest. Und die tiefbetrübte Amme begann mit klagender Stimme folgendermaßen: »O! teure Tochter, bei dieser unglückseligen Brust, die dir die erste Nahrung reichte, beschwöre ich dich, du wollest mit demütigem Geist jetzt einige Worte von mir anhören! Ich will mich herzlich bemühen, dir nichts zu sagen, was dich schmerzen könnte, nur das, wodurch du vielleicht den gerechten Zorn, der dich mit solcher Wut entflammt, von dir jagst oder durch die Zeit ihn brichst oder mit ergebenem Gemüt willig erträgst; nur das, was dir Leben und Ehre wiedergeben wird, will ich dir in deinen verstörten Sinn zurückrufen. Dir, einer Dame, durch soviel Tugenden berühmt, dir ziemt es nicht, dem Schmerz zu unterliegen, noch als eine Überwundene dem Unglück den Rücken zuzukehren. Es ist nicht ehrenvoll, den Tod zu begehren und das Leben zu fürchten, wie du es tust; aber es ist der höchste Ruhm, dem hereinbrechenden Unglück kühnen Widerstand zu leisten und nicht vor ihm zu fliehen. Wer so wie du sein Glück zerstört und die Güter des Lebens von sich wirft, ich wüßte nicht, welche Wollust der darin finden könnte, den Tod zu suchen oder das Leben zu fürchten. Beides ist die Gesinnung des Feigen. Wenn du aber das höchste Elend begehrest, so mußt du nicht den Tod suchen, denn er verschlingt ja alles. Verbanne die Raserei, durch die du, soviel ich sehen kann, zu gleicher Zeit den Geliebten zu besitzen und zu verlieren suchst. Glaubst du ihn wiederzufinden, nachdem du dich selbst verloren hast?« Auf dies alles erwiderte ich nichts. Ein dumpfes Gerücht des Vorfalls hatte sich schon in dem geräumigen Palast und in der benachbarten Straße verbreitet; und wie bei dem Geheul eines Wolfes sich alle Umstehenden auf einen Haufen zu drängen pflegen, so liefen die Diener von allen Seiten herbei und fragten erschrocken, was dies zu bedeuten habe. Aber schon hatte ich allen, die darum wußten, streng verboten, die Wahrheit zu sagen, und mit einer Lüge, die den schauderhaften Vorgang verhüllte, wurden alle befriedigend abgefertigt. Mein teurer Gatte eilte herbei; es eilten herbei die Schwestern, die geliebten Verwandten und Freunde; und ich, die Verbrecherin, ward von allen, die da um die Wahrheit betrogen wurden, mit frommem Mitleid betrachtet. Jeder war unter vielen Tränen bemüht, zuerst mich an mein trauriges Leben zu erinnern und dann mich zu trösten. Ach! es geschah auch, daß einige mich von irgendeiner Furie besessen glaubten und mich wie eine Rasende streng bewachten. Aber andre, frömmeren Sinnes, erwogen meine Sanftmut und glaubten, wie es wirklich war, daß irgendein geheimer Schmerz mich quäle; sie spotteten über die Behauptungen der ersten und bemitleideten mich. Auf solche Weise brachte ich, von vielen besucht, in großer Geistesdumpfheit unter der schonenden Aufsicht der weisen Amme mehrere Tage schweigend hin. Doch da auch der glühendste Zorn durch die Zeit endlich abgekühlt wird, so fand auch ich nach einigen bewußtlosen Tagen mich endlich wieder und fühlte lebhaft, wie wahr die Worte der erfahrenen Amme waren. Und mit bittern Tränen beweinte ich meine vergangene Torheit. Aber obgleich meine Raserei sich mit der Zeit verlor, so blieb doch meine Liebe stets dieselbe; auch blieb mir stets die gewohnte Schwermut nebst den anderen traurigen Empfindungen; und unaussprechlich betrübte es mich, um einer ändern willen verlassen worden zu sein. Und oft pflog ich mit der verschwiegenen Amme heimlich Rat, um irgendein Mittel zu erfinden, wie ich mir den Geliebten zurückrufen könnte. Zuweilen wollten wir ihm durch Briefe eine getreue rührende Schilderung meiner traurigen Lage geben; ein andermal aber hielten wir es für weit ratsamer, ihm durch einen klugen Boten mit den lebendigeren Farben mündlicher Rede meine Martern zu schildern. Und so alt die Amme war und so gefährlich und weit der Weg, war sie doch gern entschlossen, für mich die Reise zu unternehmen. Doch wenn wir genauer überlegten, sahen wir das Mißliche unserer Entwürfe. Denn die Briefe konnten unmöglich wirksam genug sein, so rührend sie auch sprechen mochten, um eine neue herrschende Leidenschaft zu verdrängen, und wir mußten sie als ungeeignet verwerfen. Wollte ich auf der andern Seite die Amme hinsenden, so erkannte ich klar, daß sie nicht lebendig zu ihm gelangen würde; ebenso unmöglich schien es mir, mich einer andern anzuvertrauen; und so blieben die meisten unserer Pläne ohne Frucht. Nur ein einziges hielt ich fest im Sinn: daß ich ihn nämlich auf keine andere Weise wiedergewinnen könnte, als indem ich selbst zu ihm hinreiste. Manches ersann ich, um dies zu bewerkstelligen, doch alle meine Anschläge wurden durch triftige Gründe von der Amme vernichtet. Lange hing ich an der Vorstellung, mit irgendeiner treuen Gefährtin, als Pilger verkleidet, nach seinem Lande zu wallfahrten. Aber so zweckmäßig mir auch die Ausführung schien, so erkannte ich doch ihre große Gefahr, weil ich wußte, wie schimpflich wandernde Pilgerinnen, die einige Schönheit besitzen, oft unterwegs von verworfenen Menschen behandelt werden; und überdies sah ich nicht ein, wie ich ohne meinen Gatten, dem ich mich so sehr verpflichtet fühlte, eine solche Reise unternehmen könnte, da ich seine Genehmigung dazu doch niemals erwarten durfte. Deshalb verwarf ich auch diesen Gedanken bald als unausführbar, fühlte aber plötzlich einen neuen nicht minder frevelhaften Plan in mir entstehen; und gewiß hätte ich diesen bereits verwirklicht, wenn nicht etwas Unerwartetes geschehen wäre; doch hoffe ich, wenn ich am Leben bleibe, ihn künftig noch auszuführen. Ich gab nämlich vor, Gott während meiner vorhin beschriebenen Leiden, im Fall er mich von ihnen erlösen würde, ein Gelübde getan zu haben, dessen Erfüllung mich ganz natürlich durch das Land, wo mein Geliebter wohnt, geführt haben würde. Und war ich einmal dort, so konnte mir die Gelegenheit nicht fehlen, ihn zu sehen, um dann das fahrenzulassen, was ich erst als Zweck meiner Reise angegeben hatte. Ich entdeckte meinem Gatten mein Vorhaben, und er willigte gern und mit Freuden in meine Bitte; nur verlangte er, daß ich eine schickliche Zeit zur Vollziehung meines vorgeblichen Gelübdes abwarten sollte. Mir war dieser Aufschub höchst schmerzhaft, und immer fürchtete ich, daß er mir verderblich sein möchte. Deshalb sann ich auf noch andere Anschläge, die ich jedoch alle bald wieder verwarf, und nur in geheimen Zauberkünsten schien noch eine Zuflucht für mich zu sein. Deshalb hielt ich mit mehreren Personen, die sich solcher Künste rühmten, häufige Zusammenkünfte, um die furchtbaren Geister für mich zu gewinnen. Einige dieser Zauberkundigen versprachen mir, meine Reise schnell zu fördern; andere, des Geliebten Herz von jeder fremden Liebe zu heilen und ganz mir wieder zuzuwenden, und noch andere, mir meine ehemalige Freiheit wiederzugeben. Doch wenn ich statt der Worte Taten forderte, so versagten die Zauberkünste. So ward ich mehr als einmal von ihnen in meiner Hoffnung betrogen und irregeführt, bis ich es zuletzt doch für das beste hielt, nicht mehr an diese Dinge zu denken, sondern die Zeit zu erwarten, die mein Gemahl zur Erfüllung meines vorgeblichen Gelübdes festgesetzt hatte. Sechstes Buch Die Dame Fiammetta gibt Kunde, wie einer, Panfilo genannt, aber nicht der ihrige, an den Ort ihres Aufenthalts gekommen sei und sie, von dieser Nachricht getäuscht, sich einer eitlen Freude hingegeben habe, bis sie zuletzt, ihren Irrtum erkennend, in die vorige Traurigkeit zurückgefallen sei. Trotz meiner Hoffnung auf die künftige Reise dauerte mein ängstlicher Zustand noch immer fort. Der Himmel, der in seiner ewigen Bewegung die Sonne hinauf- und herniederführte, zog einen Tag nach dem ändern herbei; und mich, ungeschwächt in Sorge und Liebe, hielt die leere Hoffnung länger fest, als ich wünschte. Schon trat die Sonne in das Zeichen des Stiers, die Tage kämpften mit den Nächten um ihr Eigentum und wuchsen von ihrer kleinsten Länge schnell zu der größten an. Mit blumenbeladenen Schwingen eilte Zephir herbei und besänftigte mit lindem, friedlichem Hauch des Boreas ungestümen Krieg; die dunklen Tage wies er in die kalten Regionen zurück, nahm von den Gipfeln der Berge den blendenden Schnee und breitete über die vom milden Regen getränkten und erfrischten Wiesen von neuem seinen schönen Teppich aus Blumen und grünen Krautern; und alle Bäume, die der Winter in trauriges Grau gehüllt hatte, bedeckten sich ringsum wieder mit ihren grünen Kleidern. Schon war allenthalben die Jahreszeit, in welcher der fröhliche Frühling seine lieblichen Reichtümer an jedem Ort ausspendet. Die Erde, mit tausend bunten Blumen, Violen und Rosen gleichsam gestirnt, stritt mit dem achten Himmel um Schönheit, und auf allen Wiesen blühten Narzissen. Dryope und die unglücklichen Schwestern des Phaethon zerrissen ihr armseliges Winterkleid und bezeigten Freude. Von allen Seiten hörte man die süßen Stimmen fröhlicher Vögel, und vergnügt kam Ceres mit ihren Früchten in die offenen Felder. Und überdies kam Amor, mein grausamer Gebieter, und schoß seine Pfeile doppelt feurig in die fröhlichen Gemüter. Von ihm bewegt, bemühten sich alle Jünglinge und lieblichen Jungfrauen, jedes nach seiner Art geziert, dem geliebten Gegenstand zu gefallen. Von fröhlichen Festen tönte jede Gegend unserer Stadt wider, die an solchen Feiern reicher ist, als das große Rom jemals war, und die Theater, erfüllt von Gesängen und Klängen, luden alle Liebenden zu süßer Fröhlichkeit ein. Die Jünglinge hielten auf ihren schnellen Rossen in stolzer Rüstung glänzende Schauspiele ab; bald übten sie sich in den Waffen, von schallender Musik begleitet, bald zeigten sie mit Meisterhand, wie die mutigen Rosse mit weißbeschäumtem Gebiß leicht regiert werden können. Die jungen Frauen, entzückt von solchem Schauspiel und mit Kränzen von frischem Grün reizend geschmückt, zeigten sich ihren Geliebten bald auf dem hohen Balkon, bald an der niederen Tür; bald durch Geschenke, bald durch Blicke und Worte gab jede dem Geliebten die Versicherung ihrer Liebe. Nur ich allein verweilte, einer Einsiedlerin gleich, einsam an einsamen Orten; nur ich allein, verwundet durch die getäuschte Hoffnung auf eine fröhliche Zeit, empfand Verdruß und Trauer. Kein Frühling konnte mich erfreuen, kein Fest mir gefallen, kein Gedanke, kein Wort mich trösten. Meine Hände berührten keinen grünen Zweig, keine Blume oder was sonst erfreuen mag, und mein Auge haftete auf keinem Gegenstande mit frohem Blick. Ja, neidisch geworden, schmerzte mich sogar der anderen Freude, und mit höchster Begier wünschte ich, daß alle Frauen gleiches Leid nach Liebe und Glück erfahren möchten. Ach! Wie erquickend war es mir, wenn ich von jüngst geschehenen Unfällen und den Leiden zweier Liebenden erzählen hörte! Aber während ich nach dem Willen der Götter in dieser trostlosen Stimmung blieb, nahm das betrügerische Geschick, das, um die Unglücklichen noch tiefer zu verwunden, sich oft mitten in ihrem Elende auf einmal mit lachendem Antlitz zeigt, eine andere Gestalt gegen mich an. Die Unglücklichen, die ihm vertrauten, sinken nach kurzer Fröhlichkeit nur in desto größeren Jammer und stürzen in schauderhaftem Fall herab, wie einst Icarus, der allzusehr den leichten Schwingen vertraute und in der Mitte seines Weges in die Fluten stürzte, die noch jetzt seinen Namen führen. Das Schicksal, das auch mich als eine solche Törin kannte und nicht zufrieden war mit meinen schon überstandenen Leiden, verhüllte mir die Erinnerung an mein früheres Unglück und blendete mich durch Frohsinn, damit es – den afrikanischen Widdern gleich, die, wenn sie die härtesten Stöße versetzen wollen, recht weit ausholen – noch tiefer mich verwunden möge. Schon waren, anstatt jenes einen Monats, den der wenig getreue Geliebte auszubleiben versprochen hatte, mehr als vier verflossen, als eines Tages, da ich der gewohnten Trauer nachhing, die alte Amme mit schnellerem Schritt, als ihr Alter erlaubte, das Angesicht ganz mit Schweiß bedeckt, in meine Kammer trat. Sie sank auf einen Sitz nieder, die Brust schlug ihr heftig, und mit freudeleuchtenden Augen fing sie einige Male zu reden an. Aber der ängstlich fliegende Puls riß jedes Wort, sooft sie zu sprechen begann, unvollendet entzwei. Ich aber sagte voller Verwunderung: »O! teure Amme, sprich, welche Angst hat dich also überfallen? Was ist es, das du mit solcher Eile zu sagen wünschest, daß der heftige Wunsch selbst die Ausführung dir hindert? Sprich! ist es freudig oder schmerzlich? Muß ich mich bereiten, zu fliehen oder zu sterben, und was soll ich tun? Ich weiß nicht, wie und warum dein Gesicht mich mit neuer Hoffnung belebt. Aber die lange Gewohnheit zu leiden zwingt mich, dennoch das Schlimmere zu fürchten, denn die Unglücklichen fürchten immer. So sage nun bald und halte mich nicht länger im Zweifel, was hat deine Schritte zu mir so beflügelt? Sage, ob der Gott der Freude oder eine Furie der Hölle dich getrieben hat!« Hier unterbrach die Alte, die noch kaum Luft schöpfen konnte, meine Rede, und sagte frohlockend: »O! süßes Töchterchen! freue dich; nichts Furchtbares habe ich dir zu sagen, jage allen Schmerz weit von dir und rufe die verlorene Fröhlichkeit wieder: dein Geliebter kehrt zurück!« Dieses Wort drang in mein Herz und entzündete es mit schneller Freudigkeit; meine Augen leuchteten vor Lust, aber die gewohnte Traurigkeit trübte sie schnell wieder mit bitterem Zweifel, und mit Tränen sagte ich: »O! teure Amme, bei deinem ehrwürdigen Alter, bei deinen müden Gliedern, die bald der ewigen Ruhe begehren, beschwöre ich dich, nicht meines Elendes zu spotten, an dem du wahrlich innigen Anteil nehmen solltest. Eher werden die Flüsse zu den Quellen zurückkehren, eher Hesperus am klaren Mittag leuchten und Phöbe mit ihres Bruders Glanz die Nacht erhellen, als daß der Undankbare zurückkehren wird. Wer wüßte nicht, daß er sich in dieser fröhlichen Zeit mit einer andern Frau ergötzt und sie mehr als je liebt? Zu ihr würde er zurückkehren, wo er sich auch befände, nicht aber sie verlassen, um hierherzukommen.« Worauf die Amme schnell erwiderte: »O Fiammetta! mögen die Götter die Seele dieses alten Leibes zu ihren Freuden eingehen lassen, wenn deine alte Amme Lügen redet! Mitnichten ziemt es meinem Alter, irgend jemandes auf solche Art zu spotten, am wenigsten aber deiner, die ich über alles liebe.« »Wie aber«, sagte ich, »ist diese Nachricht zu deinen Ohren gekommen, woher weißt du es? Sage es schnell, damit, wenn sie mir wahrscheinlich dünkt, ich mich ohne Verzug der herrlichen Neuigkeit erfreue.« Und schon stand ich auf und trat mit frohem Herzen zu der Alten hin. Diese sagte: »Mit den Sorgen der Haushaltung beschäftigt, ging ich diesen Morgen an das Meeresufer. Als ich mit langsamem Schritt, den Rücken gegen das Meer gewandt, meine Geschäfte besorgte, geschah es, daß ein junger Mensch, der, wie ich nachher sah, aus einer Barke gesprungen und durch die Heftigkeit des Sprunges fortgeschleudert war, sehr hart gegen mich anrannte. Und da ich nun im höchsten Zorn alle Götter gegen ihn anrief und mich über sein ungebührliches Benehmen beklagte, bat er mich mit demütigen Worten um Verzeihung. Ich sah ihn an, und da ich seinem Gesicht und Anzüge nach in ihm einen Landsmann deines Panfilo erkannte, fragte ich ihn: ›Jüngling, so Gott dir helfe, sage mir, kommst du aus fernen Landen ?‹ ›Ja, Dame‹, antwortete er. Da sagte ich: ›Woher kommst du, wenn es erlaubt ist, zu fragen?‹ Er: ›Aus der Gegend von Etrurien, und zwar aus der vornehmsten Stadt des Landes, die meine Vaterstadt ist.‹ Wie ich dies hörte und nun wußte, daß er ein Landsmann deines Panfilo sei, fragte ich, ob er diesen kenne und wie es ihm gehe, und er antwortete ›ja‹ und erzählte viel Gutes von ihm. Überdies sagte er: Panfilo würde mit ihm gekommen sein, wenn nicht eine kleine Verhinderung ihn zurückgehalten hätte; aber ohne allen Zweifel würde er in wenig Tagen hier sein. Während wir so zusammen gesprochen hatten, waren die Gefährten des jungen Mannes mit ihrem Gepäck gleichfalls ans Land gestiegen, und er ging mit ihnen hinweg. Ich aber habe alles andere stehen- und liegenlassen und bin, so schnell ich konnte, und glaubte kaum noch so viel Kraft zu haben, um es dir sagen zu können, ganz außer Atem hierhergelaufen. Und nun sei fröhlich und verjage all deine Traurigkeit.« Hier nahm ich sie mit freudetrunkenem Herzen in meine Arme, küßte ihre alte gefurchte Stirn und beschwor sie mit zweifelnder Seele mehr als einmal und immer wieder von neuem, ob die Nachricht wahr sei, heftig wünschend, daß sie mir nicht das Gegenteil sagen möchte, und doch zweifelnd, ob sie mich nicht betröge. Aber als sie mich durch mehrere Schwüre der Wahrheit ihrer Aussage versichert hatte, begann ich nun froh mit folgenden Worten den Göttern zu danken, obgleich das Ja und Nein noch immer in meinem Kopfe hin- und herschwankte. »O! höchster Jupiter, du erhabenster, herrlichster Regent des Himmels! o leuchtender Apoll, dessen Auge nichts verborgen ist! o liebreizende Venus, die du huldreich deiner Untertanen dich erbarmst! und du, heiliges Kind, das die geliebten Pfeile versendet, seid alle ihr nun hoch gepriesen! Wahrhaftig, wer in seiner Hoffnung auf euch verharret, kann auf die Länge nicht verderben! Ich erkenne, daß durch eure Gnade allein, nicht um meiner Verdienste willen, mein Geliebter zurückkehrt. O! wie will ich eure Altäre, die bis jetzt nur von meinen heftigen Bitten bestürmt und mit bittern Tränen gebadet worden sind, nun mit Weihrauch und gefälligen Gaben hoch ehren! Und dir, Glücksgöttin, die mit meinen Qualen Mitleid gehabt hat, dir will ich nun das verheißene Bildnis als Zeugnis deiner Wohltaten darbringen! Euch alle bitte ich mit all der Demut und Andacht, welche euch mir noch geneigter machen kann, daß ihr jeden möglichen Zufall abwendet, der die nahe Rückkehr meines Panfilo hindern könnte, und mir ihn bald so gesund und wohl, wie er nur jemals war, in meine Arme sendet!« Und als ich dieses Gebet geendet, begann ich frohlockend, gleich dem Vogel, der seinem Kerker entschlüpft und freudig mit den Flügeln schlägt, folgende Worte: »O! du mein liebendes, durch lange Leiden entkräftetes Herz, nun laß die ängstlichen Sorgen, nun da der teure Geliebte deiner gedenkt und zurückkehrt, wie er versprochen hat! Fliehe den Schmerz, die Furcht, die ängstliche Scheu, die das Unglück begleiten; vergiß ganz die vergangenen Kränkungen des Schicksals, jage die Trauernebel der grausamen Vergangenheit und jeden Schein der Unglückszeit von dir und wende dich erneut mit fröhlichem Gemüt dem gegenwärtigen Glücke zu: Und die frühere Fiammetta mit der neuen Seele soll nun auch allenthalben im Äußern sich kundtun!« Während ich diese jubelnden Worte sagte, ergriff unversehens ein Zweifel mein Herz, und ich weiß nicht, woher und wie mich ein plötzliches Ermatten derart übermannte, daß der schon zur Freude geneigte Sinn sich schnell verwandelte und ich ganz betäubt mitten in meiner Rede innehielt. Ach! daß ein Laster vorzüglich den Unglücklichen eigen ist, dieses, niemals an die frohen Ereignisse glauben zu können! Ihr lang trauerndes Herz gibt sich, wenn endlich das versöhnte Glück zurückkehrt, nur schwach und wider Willen der Freude hin, und gleichsam träumend handeln sie, als wäre es dennoch nicht so, und ergreifen das Glück nur kraftlos. Ganz erstaunt über diese Regung fragte ich mich: ›Wer hält mich denn zurück und verbietet mir die schon aufkeimende Fröhlichkeit? Kehrt mein Panfilo nicht wieder? Ohne allen Zweifel! Was zwingt mich denn nun zu Tränen? Nichts auf der ganzen Welt gibt mir jetzt Ursache zur Traurigkeit. Was hält mich denn noch ab, mich mit frischen Blumen und reichen Gewändern zu schmücken? Ach! ich weiß es nicht! Es ist mir verboten, mich zu freuen, ich weiß nicht, von wem.‹ So stand ich, mir selbst entrückt, unter meinen Zweifeln; wider meinen Willen fielen Tränen aus meinen Augen, und mitten in meinen Freudenhymnen kehrte die Trauer wieder bei mir ein. Die kummergewohnte Brust liebt zuletzt die vertrauten Tränen! Es war, als wenn meine Seele die Zukunft erriete und durch Tränen ein äußerliches Zeichen von dem, was geschehen sollte, geben wollte. Jetzt erkenne ich, wie den Schiffern ein furchtbares Ungewitter bereitet sein kann, wenn sie bei stillstem Wetter die Fahrt durch die sanft schwellenden Wogen unbesorgt beginnen. Ich aber strebte dennoch fröhlich das zu besingen, was die Seele nicht glaubte, und sagte: ›O! Unselige, was für Ahnungen und Sorgen schaffst du dir jetzt ohne Not? Nimm mit gläubigem Gemüt das kommende Gute auf; was fürchtest du das Schlimme, wenn du das Glück erhoffen darfst?‹ Mit solchen Gründen suchte ich, so gut ich konnte, die traurigen Gedanken zu vertreiben und mein Herz der schon erwachten Freude ganz hinzugeben. Ich bat meine teure Amme, die Rückkehr des Geliebten auf das sorgsamste zu erforschen, und fing an, meine Trauerkleider in festliche zu verwandeln und für mich selbst Sorge zu tragen, damit mein verstörtes trauriges Aussehen dem Zurückgekehrten nicht widerlich sein möchte. Und bald begann das bleiche Gesicht seine verlorene Farbe wieder anzunehmen, die verschwundene Frische und Fülle kehrte zurück. Die Tränen verschwanden und mit ihnen der tiefe Purpurkreis, der meine Augen umschattete. Die Augen, die ihre rechte Stelle wieder einnahmen, leuchteten in vollem Glanz, und die vom Weinen rauh gewordenen Wangen erhielten die frühere Zartheit und Fülle wieder. Mit neuer Anmut ringelten meine Locken sich um mein Haupt, obgleich sie so schnell sich nicht wieder in Gold verwandeln konnten. Und all die wertvollen köstlichen Gewänder, die so lange ungebraucht gelegen hatten, verherrlichten nun wieder ihre Gebieterin. Genug, ich erneute mich selbst und alles was mir gehörte und nahm gleichsam meine erste Schönheit und Umgebung wieder an, so daß auch die benachbarten Frauen, die Verwandten und der teure Gatte sich darüber verwunderten und zueinander sagten: »Welche höhere Eingebung hat von dieser Frau die lange Traurigkeit und Schwermut hinweggenommen? Wie ist nun das verschwunden, was bis dahin allen Bitten und Tröstungen nicht weichen wollte? Wohl ist das mit Recht eine große, wunderbare Begebenheit zu nennen!« Bei aller Verwunderung aber waren sie höchst erfreut darüber. Mein ganzes Haus, das wegen meines schweren Grams so lange öde und traurig gewesen war, wurde mit mir wieder fröhlich, und wie mein Herz sich verwandelt hatte, schienen auch alle Dinge um mich her von neuem die Farbe der Freude zu tragen. Die Tage, welche durch die Hoffnung auf des Geliebten nahe Rückkehr weit länger als gewöhnlich schienen, gingen mir mit unerträglich langsamem Schritt vorüber; die ersten Tage nach unserer Trennung wurden nicht öfter von mir gezählt als diese. Wenn ich jetzt zuweilen in mich kehrte und der vorigen Trauer und der schwermütigen Gedanken gedachte, so tadelte ich mich selbst hart deswegen und sagte: ›O! wie habe ich doch in der vergangenen Zeit so schlecht von dem teuren Geliebten gedacht und sein Verweilen so treulos verdammt! Wie töricht habe ich denen vertraut, die mir sagten, daß er einer andern Frau angehöre! Verflucht sei ihre Zunge! O Gott! wie können Menschen mit so offenem Gesicht solche Lügen sagen! Aber gewiß, meine Pflicht wäre es gewesen, alle diese Dinge besser zu durchschauen. Mir ziemt es, die mit so viel Tränen und so viel Liebe versprochene Treue meines Geliebten gegen die leichtsinnigen Reden der Leute abzuwägen, die diese Nachrichten, wie sich jetzt so klar zeigt, bloß nach einem ersten flüchtigen Schein verbreiteten, unbekümmert um ihre Wahrhaftigkeit. Der eine sah vielleicht in Panfilos Wohnung, wo er keinen andern Mann außer ihm kannte, eine Neuvermählte einziehen, und ohne dabei im geringsten an die tadelnswürdige Verliebtheit der Greise zu denken, hielt er sie notwendig für Panfilos Braut und teilte diese Vermutung andern als Gewißheit mit. Der andere, der vielleicht sah, daß er irgendeine schöne Frau freundlich anblickte oder mit ihr sprach, die vielleicht nur seine Verwandte oder eine tugendhafte Hausgenossin war, hat sie gleichfalls für seine Geliebte gehalten, und ich Törin habe sogleich geglaubt, was er mit einfältiger Rede für Wahrheit ausgab. O! hätte ich alles dies so wohl überlegt, wie ich gesollt, wieviel Tränen, Seufzer und Schmerzen wären mir erspart geblieben! Aber was tun Verliebte freiwillig und mit Überlegung? Wie der fremde, wilde Geist sie treibt, so bewegen sich ihre Gemüter. Liebende glauben alles, denn die Liebe ist ihrer Natur nach sorgenbang und voll Furcht. Gewohnheitsmäßig erwarten sie immer Verderbliches, und da sie viel begehren, so meinen sie, daß alles ihren Wünschen entgegen sei, und ihr Glaube an Hilfe und Rettung ist nur schwach. Ich aber verdiene Nachsicht, weil ich immer die Götter angefleht habe, daß sie meine Gedanken Lügen strafen möchten. Sie sind nun erhört, meine Bitten, und er, der Geliebte, wird nichts von allem diesem erfahren, und wenn er es wüßte, was könnte er anders sagen als: ›Sie hat mich über alles geliebt!‹ Auch muß es ihm wohl lieb sein, um meine Qualen und ausgestandenen Gefahren zu wissen, weil sie ihm das wahrhaftigste Zeugnis meiner Treue geben; und kaum zweifle ich noch, daß er aus einem andern Grunde seine Rückkehr so lange verschoben hat, als um zu prüfen, ob ich sie mit starkem Mute und ohne Wanken erwarten könnte. Nun, ich habe ihn mit festem Sinn erwartet, und wenn er dies fühlt und bedenkt, mit wieviel Pein, Tränen und Trübsinn ich es getan habe, so kann aus diesem Gefühl keine andere Gottheit als neue Liebe geboren werden! O Gott! wann wird es sein, daß er nun kommen und mich sehen wird und ich ihn? O Gott, dessen Auge alles schaut, wie werde ich das ungestüme Verlangen, ihn zu umarmen, auch vor Zeugen bändigen können, wenn ich ihn zum erstenmal wiedersehen werde? Noch weiß ich nicht, wie es möglich sein wird! Wann, o Gott! wird es geschehen, daß ich ihm, fest in meine Arme geschlossen, all die Küsse wiedergeben kann, die er beim Scheiden meinem erblaßten Gesicht unerwidert aufdrückte? O! Jenes Zeichen, ihm nicht Lebewohl sagen zu können, ist vorbedeutend gewesen, und gütig haben die Götter mir dadurch seine künftige Rückkehr andeuten wollen! O! Wann wird es sein, daß ich ihm meine Tränen und meine Angst sagen und von ihm die Ursache seines langen Zögerns hören kann? Werde ich wohl leben bis dahin? Kaum glaube ich es! Ach! daß er bald erscheine, dieser Tag! Denn jetzt erschreckt mich der Tod, den ich sonst so oft nicht allein herbeigesehnt, sondern gesucht habe. Ihn bitte ich jetzt, wenn es möglich ist, daß irgend eine Bitte sein Ohr erreicht, daß er weit von mir und Panfilo weiche und mich meine jungen Jahre in Freuden mit ihm durchleben lasse !‹ Ich trug Sorge, daß kein Tag verging, wo ich nicht von Panfilos Rückkehr neue Kunde erhielt, und oft drang ich in die vertraute Amme, den Jüngling, der die freudige Nachricht verkündet hatte, wieder aufzusuchen und sich das Gesagte zur größeren Sicherheit bestätigen zu lassen. Sie tat es auch mehr als einmal und kündigte mir, der fortlaufenden Zeit entsprechend, die verheißene Ankunft immer näher und näher an. Ich erwartete ihn nicht allein zur bestimmten Zeit, sondern schon lange vorher bildete ich mir ein, daß er gekommen sein könnte. Unzählige Male lief ich bald an mein Fenster, bald an die Tür und schaute die lange Straße hinab, ob ich ihn sähe, und nie sah ich von weitem einen Mann, daß ich nicht dachte: er könne es sein, und ihn mit unendlichem Verlangen erwartete, bis mich endlich seine ganz nahe Gestalt über meinen Irrtum belehrte. Dann blieb ich betroffen stehen, bis ein anderer erschien, der mich auf gleiche Art täuschte, und so hielten mich die Vorübergehenden in immerwährender Erwartung und Hoffnung. Wurde ich nun ins Innere des Hauses gerufen oder ging ich aus irgendeiner anderen Ursache vom Fenster fort, so folterten mich zahllose Gedanken, als würde meine Seele von tausend Bissen wilder Tiere zerrissen, und ich sagte: ›Ach! vielleicht geht er jetzt vorüber oder ist vorübergegangen, während du hier verweiltest – kehre zurück!‹ Und ich kehrte zurück und fing mein voriges Schauen wieder an, so daß ich die Zeit fast mit nichts anderem hinbrachte, als vom Fenster an die Tür und von der Tür ans Fenster zu gehen. Weh mir Unseligen! mit welcher Anstrengung ertrug ich es, den von Stunde zu Stunde zu erwarten, der nie zurückkehren sollte! Als nun der Tag gekommen war, für welchen den wiederholten Versicherungen meiner Amme zufolge seine Ankunft bestimmt war, da schmückte ich mich gleich Alkmenen bei dem Gerücht, ihr Amphitryon sei gekommen; und mit Meisterhand suchte ich jedem meiner Reize seinen eigentümlichen Glanz und seine höchste Schönheit zu geben. Auch konnte ich mich kaum zurückhalten, selbst an das Gestade des Meeres zu gehen, um ihn desto früher sehen zu können. Dort sollten die Schiffe ankommen, auf denen er, wie man der Amme fest versichert hatte, sich befinden würde. Nur die Überlegung, daß es gewiß sein erstes sein würde, zu mir zu eilen, hielt meine heiße Begierde in Schranken. Aber er kam nicht. Eine grenzenlose Bangigkeit ergriff mich und erweckte mitten in meiner Seligkeit mancherlei Zweifel, die meine fröhlichen Gedanken nur schwer überwinden konnten. Nach kurzer Überlegung sandte ich die alte Amme, um auszukundschaften, was aus ihm geworden sei, ob er gekommen sei oder nicht. Sie ging, aber wie mir schien, diesmal langsamer als jemals, und tausendmal verwünschte ich deshalb ihr träges Alter. Doch nur zu bald sah ich sie mit traurigem Gesicht und zögerndem Schritt zu mir zurückkehren. Ach! bei diesem Anblick schien alles Leben meiner traurigen Brust zu entfliehen, denn schnell kam mir der Gedanke, der Geliebte sei tot, oder er sei krank hier angekommen. Tausendmal in einem Augenblick wechselte die Farbe in meinem Gesicht; ich eilte der zögernden Alten entgegen und rief: »Sprich schnell, was für Nachricht bringst du mir? Lebt mein Geliebter?« Sie aber beschleunigte ihren Gang nicht und antwortete keine Silbe, und als sie sich auf den ersten besten Sitz niedergelassen hatte, schaute sie mir ernsthaft ins Gesicht. Ich aber, die gleich zartem Laube, das der Wind bewegt, schon an allen Gliedern bebte und kaum die Tränen zurückhalten konnte, ergriff mein Gewand und sagte: »Wenn du nicht sogleich sagst, was dein trauriges Gesicht bedeuten will, so soll kein Teil meines Gewandes unzerrissen bleiben. Warum schweigst du, wenn du nicht Unglück verschweigst? Verhehle es nicht länger; offenbare es, damit ich nicht noch Schlimmeres befürchte: Lebt mein Geliebter?« Gespornt durch meine Worte, mit leiser Stimme, den Blick auf die Erde gewandt, sagte sie: »Er lebt!« »Warum denn«, fuhr ich hastig fort, »sagst du nicht gleich, was ihm begegnet ist? Warum hältst du mich tausendfach gequält in meinen Zweifeln? Hält ihn Krankheit zurück oder welches Hindernis, daß er nicht vom Schiff sogleich hierhereilt, mich zu sehen?« »Ich weiß nicht,« sagte sie, »ob seine Gesundheit oder ein anderer Grund ihn zurückhält.« »So hast du ihn nicht gesehen«, fuhr ich fort, »oder ist er vielleicht nicht gekommen?« Dann sagte sie: »Wohl habe ich ihn gesehen, und er ist gekommen, aber es ist nicht der Erwartete.« »Und wer«, fragte ich, »hat dir Gewißheit gegeben, daß es nicht mein Geliebter sei? Hast du ihn vorher jemals gesehen oder eben jetzt?« »Soviel ich weiß,« sagte sie, »habe ich diesen niemals gesehen; aber als mich der Jüngling, der mir zuerst von seiner Rückkehr gesprochen, zu ihm führte, sagte er ihm, daß ich sehr oft nach ihm gefragt habe. Darauf wollte er wissen, was ich begehre. Ich antwortete: ›Euer Wohl!‹ und fragte ihn sodann, wie der alte Vater sich befände, und wie es um seine übrigen Angelegenheiten stände, und was die Ursache seines langen Ausbleibens gewesen sei. Er antwortete: Seinen Vater habe er nie gekannt, weil er erst nach dessen Tode auf die Welt gekommen sei; seine Angelegenheiten stünden, Gott sei Dank, vortrefflich. Übrigens sei er noch niemals an diesem Orte gewesen und gedenke auch jetzt nur kurze Zeit hier zu verweilen. Diese Äußerungen setzten mich in Erstaunen, und es stieg der Verdacht in mir auf, daß ich betrogen sei. Deshalb begehrte ich seinen Namen zu wissen, den er mir auch ganz treuherzig sagte. Kaum hörte ich ihn, als ich erkannte, daß die große Ähnlichkeit des Namens mich und dich betrogen hatte.« Beim Anhören dieser Worte schwand das Licht mir vor meinen Augen, alle Lebensgeister entflohen schnell aus Furcht vor dem Tode, und auf die Stufen hinsinkend, wo ich stand, blieb mir kaum noch so viel Kraft, um ein einziges schmerzliches Ach hervorzustöhnen. Die unglückselige Alte und die anderen herbeigerufenen Dienerinnen trugen mich weinend wie tot in mein trauriges Zimmer auf mein Bett, suchten durch kaltes Wasser die entflohenen Lebensgeister zurückzurufen und wußten lange nicht, ob sie mich als lebend oder tot betrachten dürften. Aber als die verlorenen Kräfte zurückkehrten, fragte ich unter vielen Tränen und Seufzern die betrübte Amme noch einmal aus. Und da mir einfiel, wie vorsichtig und gewandt Panfilo stets zu sein pflegte, so glaubte ich, er hätte sich vielleicht der Amme, die er nie zuvor gesprochen hatte, nicht entdecken wollen. Deshalb bat ich sie, mir das ganze Wesen und Betragen des Mannes, den sie gesprochen hatte, auf das genauste zu schildern. Die Amme bestätigte mir durch heilige Schwüre, daß sie mir die Wahrheit gesagt habe, und beschrieb mir dann in wohlgeordneter Rede die Gestalt und Bildung und vorzüglich das Gesicht und Betragen des Mannes. Und aus allem ward es mir vollkommen klar, daß es so sei, wie sie gesagt hatte. Da ich mich nun aller meiner Hoffnungen beraubt sah, versank ich wieder in den vorigen Jammer. Gleich einer Wütenden stand ich auf, zerriß die Kleider der Freude, warf den teuren Schmuck von mir und verwirrte mit feindlicher Hand die schön geordneten Locken. Und in großer Trostlosigkeit fing ich an, bitterlich zu weinen und mit harten Worten die betrügerische Hoffnung und die lügnerischen Einbildungen zu verwünschen, die mir das Bild des geliebten Verräters so falsch geschildert hatten. Mit einem Wort, ich war wieder so elend wie zuvor und fühlte ein noch weit heftigeres Verlangen nach dem Tode als vormals; auch würde ich ihn gewiß nicht wie ehemals vermieden haben, wenn nicht die Hoffnung auf die künftige Reise mich mit großer Gewalt im Leben zurückgehalten hätte. Siebentes Buch Die Dame Fiammetta vergleicht ihre Leiden mit den Leiden vieler Frauen des Altertums und zeigt, daß alle von den ihrigen übertroffen wurden, worauf sie zuletzt ihre Klage endigt. In einem solchen Leben, das ihr, meine mitleidigen Leserinnen, euch nach dem Erzählen leicht vorstellen könnt, bin ich nun geblieben. Amor, der grausame Herr meiner Seele, quält mich um so mehr, je weiter er meine Hoffnungen entfliehen sieht, und facht mit einem Hauch die Flammen der Liebe zu neuer Glut an. Und das nie gestillte Verlangen wird immer ungestümer und peinigt wie mit Schlangenbissen das leidende Herz. Sicherlich hätte die Heftigkeit meiner Begierden mir in der Folge einen sichern Weg zu dem schon vordem so sehnlich gewünschten Tod eröffnet. Aber um der festen Hoffnung willen, auf der beabsichtigten Reise den Urheber meiner Qual wiederzusehen, habe ich mich bemüht, meine Schmerzen zwar nicht zu mildern, aber doch sie zu ertragen. Zu welchem Ende ich unter allen Mitteln nur ein einziges wirksam gefunden habe, nämlich: meine eigenen Leiden mit den Leiden anderer zu vergleichen. Aus dieser Quelle schöpfte ich mir zwei lindernde Tropfen. Erstens sah ich, daß ich mich in meinem Jammer weder als die einzige noch als die erste betrachten dürfe, wie schon die Amme mir tröstend vorstellte, zweitens beruhigte mich, daß, wenn ich die Leiden anderer in ihrem ganzen Umfange mit meinen verglich, meine sie alle übertreffen. Ich rechne es mir zu keinem geringen Ruhm, sagen zu können, daß ich unter allen Lebenden die größte Dulderin bin. Und mit dem Bewußtsein dieses Ruhmes, von jedem Eingeweihten als ein Bild des größten Jammers geflohen werden zu müssen (auch von mir selbst, wenn ich könnte), habe ich bis heute die melancholischen Tage in Betrachtungen hingebracht. Ich gedachte der Tochter des Inachos, die, ein zartes schönes Jungfräulein, wie ich einst eines war, passend mit mir verglichen werden kann. Ich malte mir ihre Glückseligkeit aus, als sie sich vom Jupiter geliebt sah und ein Glück erfuhr, das der Frau für das Höchste gelten muß. Ich dachte daran, wie sie in eine Kuh verwandelt auf Junos Bitten vom Argus bewacht ward, und fühlte in ihrer Seele die große, unaussprechliche Angst und Bedrängnis, die sie dabei gelitten. Auch würde ich gewiß ihre Schmerzen weit über die meinen stellen, wenn nicht das Auge des liebenden Gottes unausgesetzt schützend über ihr gewacht hätte. – Ach! wenn mein Geliebter meine Trauer geteilt oder nur Mitleid mit mir gehabt hätte, welcher Schmerz wäre mir dann zu groß gewesen? Und überdies, wurden nicht alle ihre vergangenen Leiden durch das Ende verherrlicht und leicht? Argus war tot, und trotz ihrer Körperhaftigkeit wurde sie mit Hilfe des Gottes leicht nach Ägypten getragen, wo ihr die vorige Gestalt zurückgegeben und sie als Gemahlin des Osiris in die glücklichste Königin verwandelt ward. Ja! dürfte ich hoffen, meinen Geliebten, wenn auch erst im Alter, wiederzusehen, so wollte ich meine Leiden nicht mit den Leiden dieser Frau vergleichen. Aber Gott allein weiß, ob dies je geschehen wird, oder ob diese Hoffnung nur ein leerer Selbstbetrug ist. Hierauf stand die Leidenschaft der unglücklichen Byblis vor meinen Augen; ich sah, wie sie allen irdischen Gütern entsagte und dem unerbittlichen Caunus folgte. Neben ihr gedachte ich der verbrecherischen Myrrha, die nach der unseligen Befriedigung ihrer Leidenschaft, den Tod fliehend, mit dem ihr Vater sie bedrohte, doch den jammervollsten Untergang fand. Auch der beklagenswerten Canace, die sich selbst den Tod geben mußte, nachdem sie die unglückliche Frucht einer unseligen Liebe geboren hatte. Wenn ich so die Qualen einer jeden nachfühlte, so begriff ich wohl, wie unendlich sie gelitten hatten, mochten ihre Leidenschaften auch verabscheuungswürdig genug sein. Das aber ist der Unterschied zwischen ihrem und meinem Schicksal, daß ihre Leiden, so groß sie waren, doch in einem kurzen Zeitraum zu Ende gingen. Myrrha ward von den mitleidigen Göttern unverzüglich in einen Baum verwandelt, der ihren Namen führt, und wenn sie auch als Baum noch Tränen vergießt wie damals, als sie ihre erste Gestalt verlor, so empfindet sie doch seitdem keinen Schmerz mehr. So nahte sich ihr mit der Ursache ihres Leidens auch zugleich das Ende desselben. Byblis setzte ihrem Leben durch den Strick ein Ende, aber die Nymphen verwandelten sie huldreich in eine Quelle, die Byblis-Quelle. Und dies geschah erst, als sie Gewißheit hatte, daß ihr Geliebter ihr durchaus kein Gehör geben würde. Darf ich nun nicht meine Qual für weit größer erachten als das Leiden dieser Frauen, wenn ich ihre längere Dauer in Erwägung ziehe? Nun erregte das Schicksal des unglücklichen Pyramus und seiner Thisbe meine Teilnahme, wie sie so lange Zeit mit aller Qual der unbefriedigten Sehnsucht sich treu geliebt hatten und in ihr Verderben gingen, als sie befriedigt werden sollte. Ach! wie fühlte ich so lebhaft, welch ein bitterer Schmerz den armen Jüngling in jener schweigenden Nacht durchdrang, als er an dem klaren Brunnen das Gewand seiner Thisbe von dem wilden Tier ganz zerrissen und blutig fand! Wie fest mußte er nach solchen Zeichen an ihr schreckliches Ende glauben! Konnte er seinem Schmerz tieferen Ausdruck verleihen als durch den freiwilligen Tod? Ach! und was litt das Herz der unglückseligen Thisbe, als sie nun ihren Geliebten blutend vor sich sah und kaum noch einen Strahl von Leben in seiner Brust zucken fühlte. Ich empfand ihren Schmerz und weinte ihre Tränen, die kaum weniger bitter geflossen sein mögen als meine. Aber ihr Leid war so kurz als heftig, und ihre Trauer hörte da auf, wo sie begann. O! ihr seligen Seelen, wenn ihr euch in jener Welt so liebend begegnet wie in dieser, welches Leid darf sich dann der Wollust des ewigen Zusammenseins vergleichen? Jetzt trat das Bild der verlassenen Dido mit größerer Gewalt und Lebhaftigkeit als irgendein anderes vor meine Seele, denn ihr Schmerz ist ja dem meinen ähnlich und verwandt. Sie, die Erbauerin Karthagos, gibt ihren Völkern im höchsten Glanz ihrer Herrlichkeit im Tempel der Juno Gesetze, sie nimmt den Fremdling Äneas, der Schiffbruch gelitten hat, wohlwollend auf und unterwirft, von seiner Schönheit ergriffen, sich selbst und alles, was sie besitzt, der freien Willkür des trojanischen Heerführers. Er aber reist ab und verläßt sie, nachdem er die königlichen Freuden nach Gefallen genossen und sie von Tag zu Tag mehr mit seiner Liebe entzündet hat. O! wenn ich mir denke, wie sie die schwellenden Segel ihres geliebten Flüchtlings auf offner See erblickt, wie über alle Maßen elend erscheint sie mir da! Denke ich aber an ihr Ende, so halte ich sie für weniger beklagenswert. Gewiß empfand ich bei Panfilos Trennung einen ebenso heftigen Schmerz als Dido bei Äneas' Flucht, aber mir war die Erlösung durch den schnellen Tod versagt, der sie aller ihrer Leiden enthob. Es erschien mir auch die trauernde Hero in ihrem tiefen Jammer. Mir war, als sähe ich sie, wie sie von ihrem hohen Turm an das Meeresufer herabsteigt, um den kühnen Leander in ihren Armen aufzunehmen, und wie sie nun mit dem Schrei des heftigsten Jammers den toten Geliebten erblickt, der von den Wellen ans Ufer gespült nackt auf dem Meeresstrande liegt. Mit ihrem Gewand trocknet sie von seinem bleichen Gesicht das salzige Meerwasser und badet ihn mit ihren Tränen. Ach! wie erfüllt mich dieses Bild mit so unendlichem Mitleid! Ja! ihr Schicksal rührte mich tiefer als das aller übrigen Frauen, und sooft ich meines eigenen Schmerzes auf Augenblicke vergaß, habe ich den ihren beweint. Doch ich erkannte, daß sie zwei Mittel besäße, Trost zu finden: sterben oder den Toten vergessen. Eines von diesen ergreifen hieß ihren Schmerz endigen. Ein unwiederbringlicher, ganz hoffnungsloser Verlust kann das Herz zwar heftig, aber nicht lange betrüben. Doch die Götter verhüten, daß mir solches je widerfahre! Für mich bliebe in solchem Falle kein anderer Rat als sterben. Mögen die Götter das Leben meines Geliebten so sehr verlängern, als er selbst es wünscht! Aber solange er unter den Lebenden ist, so lange kann meine Hoffnung nicht sterben. Sehe ich nicht alles Irdische in ewiger Bewegung und Abwechslung? Und muß dies nicht in mir den Glauben wachhalten, daß er einmal zu mir zurückkehren wird, wie er ehemals bei mir war? Gleichwohl breitet diese unerfüllte Hoffnung über mein ganzes Leben die schwerste Trauer und Unruhe, und so kann ich wohl behaupten, daß ich mehr leide als alle andern. Ich habe französische Romane gelesen, in denen, wenn man ihnen Glauben beimessen darf, Tristan und Isolde als das zärtlichste und treueste Liebespaar dargestellt sind. Sie haben, so liest man da, ihre jungen Jahre in Freude und im Schmerz der Sehnsucht hingebracht, und damit sie, die sich so innig liebten, vereinigt würden, haben sie freiwillig die irdischen Freuden verlassen, nicht ohne großen Schmerz, wie es scheint. Freilich kann man verstehen, daß sie diese Welt mit großem Weh verlassen mußten, wenn sie glaubten, daß sie ihre Freuden im Jenseits nicht wiederfinden würden. Hatten sie aber im Gegenteil die Überzeugung, daß sie ihnen dort ebenso blühen würden wie hier, so muß das Sterben freudevoll gewesen sein und der Tod leicht, der vielen hart und voller Angst, mir nur ein Freund zu sein scheint. Und wie kann jemand behaupten, daß etwas schmerzhaft sei, was er nie erfahren hat? Gewiß niemand; wie, daß etwas schwer sei, was nur einmal und in solcher Schnelligkeit geschieht? So endigten Isolde und Tristan in einem Augenblick ihre Freuden und ihre Schmerzen. Mir aber ist eine lange Zeit in Leiden hingegangen, die die genossenen Freuden ohne Zweifel überwiegen. Zu der Reihe der unglücklich Liebenden gesellt sich auch Phädra, die durch ihre mißleitete Wut Ursache an dem schrecklichen Tod dessen wurde, den sie mehr als sich selbst liebte. Was in ihr vorging, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß mich von solchem Verbrechen nichts anders als ein schneller Tod hätte reinigen können. Doch da sie, wie man weiß, noch, das Leben ertrug, so hatte sie gewiß den Geliebten vergessen, wie man die Toten, die unwiederbringlich sind, zu vergessen pflegt. Ähnlich wie ihr erging es der Laodemia, Deiphile, Argia, Evadne, der Deianira und mehreren anderen, die entweder durch den Tod oder durch ein unvermeidliches Vergessen von ihrem tiefen Leide geheilt wurden. Und also blieb ich einzig in meinem Schmerz. Was kann die Flamme oder der glühende Stahl oder das geschmolzene Metall schaden, wenn der Finger es schnell berührt und ebensoschnell wieder verläßt? Sehr viel gewiß; aber nichts im Vergleich damit, wenn der ganze Körper lange Zeit in der Glut verweilen muß. Alle, deren Leiden ich eben geschildert, berührte der Schmerz nur flüchtig wie den Finger am Metall, ich aber bin ihm ganz und gar ausgesetzt. Aber nicht allein die Qualen der Liebenden, auch andere Wunden, die das Schicksal geschlagen, schienen mir der Betrachtung und der Tränen wert; wenn es wahr ist, daß glücklich sein nur eine Abstufung des höchsten Unglücks ist. Unter die vom Schicksal hart Verfolgten gehören vor allem Jocaste, Hecuba, Sophonisbe, Cornelia und Cleopatra. O! von welchem Elend, fähig auch den stärksten Mut zu erschüttern, finden wir Jocasten ihr Leben hindurch verfolgt! Als zarte Jungfrau ward sie mit Laius, König von Theben, verheiratet und mußte die erste Frucht ihres Leibes den wilden Tieren zur Speise aussetzen, um von dem unglücklichen Vater abzuwenden, was die Gestirne ihm doch unabwendbar bereitet hatten. O welch unendlichen Schmerz muß sie als Mutter und Königin dabei gefühlt haben! Durch die Vollstrecker ihres Willens von dem Tode ihres unglücklichen Kindes überzeugt, ward ihr Gemahl nach Verlauf der Zeit von ebendem, den sie geboren hatte, elendiglich getötet; sie selbst aber ward die Gattin des unbekannten Sohnes und gebar ihm vier Kinder. Und so sah sie sich mit einem Male als Gattin und Mutter eines Vatermörders und erkannte in ihrem Gemahl ihren Sohn, nachdem er sich selbst der Augen und des Königreichs beraubt und damit seine Schuld kundgetan hatte. Wer sich in ihre Lage versetzen kann, der wird fühlen, wie unendlich sie, die, schon dem Alter nahe, der Ruhe und des Seelenfriedens mehr bedurfte, bei solchem Geschick leiden mußte. Aber die noch nicht mit ihr versöhnten Götter bereiteten ihr der Qualen noch mehr. Nach einem zwischen ihren Söhnen abgeschlossenen Vertrag sollten sie sich in die Zeit der Regierung teilen. Was geschah in Wirklichkeit? Sie wurde von dem treulosen Bruder in die Stadt eingeschlossen, ein großer Teil Griechenlands unter sieben Könige verteilt, nach vielen Schlachten und Feuersbrünsten töteten ihre beiden Söhne einander, die Regierung fiel einem Fremden anheim, und ihr Sohn und Gemahl wurde verjagt. Sie sah die alten Mauern ihrer Erbstadt fallen, die einst von Amphion durch den Schall seiner Laute erbaut waren. Ihr Reich wurde zerstört, und als sie selbst ihr Leben endigte, ließ sie ihre Töchter einem vielleicht schimpflichen Leben als Beute zurück. Sagt, was konnten Götter, Welt und Schicksal mehr gegen diese Unselige tun? Alle Qualen waren erschöpft, und ich glaube, daß selbst in der Hölle nicht größeres Elend zu finden ist. Sie hat jeden Schmerz und auch jede Schuld erfahren. Und keiner wird sein, der sagt, daß meine Leiden diesen verglichen werden könnten; auch ich nicht, wenn mein Schmerz nicht der Schmerz der Liebe wäre. Aber wer darf leugnen, daß Jocaste, wenn sie wußte, daß ihr Haus und ihr Gemahl der Götter Zorn verdienten, nicht alles für wohlverdient und gerecht erkennen mußte, was ihr begegnete? Gewiß mußte sie es, wenn sie weise war. Aber sie war töricht, und da ihr diese Erkenntnis mangelte, so fühlte sie auch ihr Unglück weniger, und ihr Schmerz war geringer. Wurde ihr aber die Gerechtigkeit ihres Schicksals bewußt, so mußte sie es ohne Unmut und gelassen ertragen. Ich aber habe nie etwas verbrochen, was den gerechten Zorn der Götter hätte auf mich laden können oder müssen. Immer habe ich die Götter geehrt und durch Gebete und Opfer nach ihrer Gunst gestrebt, auch nie sie verachtet, wie einst die Thebaner getan. ›Aber‹, höre ich eine Stimme sagen, ›wie darfst du behaupten, daß du nicht jede Strafe verdient und viel verschuldet hast? Hast du nicht die heiligsten Gesetze übertreten und mit dem verbrecherischen Jüngling die eheliche Treue verletzt?‹ Ja, ich tat es; aber bedenkt, daß dies die einzige Schuld meines ganzen Lebens ist, durch die ich unmöglich so große Strafe verdienen kann. Erwägt, daß ich als zarte Jungfrau der Gewalt nicht widerstehen konnte, durch die selbst Götter und Heroen besiegt wurden. Auch bin ich nicht die erste, nicht die letzte und nicht die einzige. Beinahe die ganze Welt teilt mein Vergehen, und Sünden gegen die Gesetze, die ich verletzte, pflegt die Menschheit zu verzeihen. Auch deckt ein dichter Schleier meine Schuld, weshalb die Rache um vieles gemildert werden müßte. Sollten aber die Götter mit Recht gegen mich erzürnt sein und mein Verbrechen rächend heimsuchen wollen, müßten sie dann nicht ihre Blitze auf den schleudern, der meine Schuld veranlaßte und teilte? Ich weiß nicht, was mich zur Übertretung der heiligen Gesetze verführte, ob des Liebesgottes oder des Geliebten Göttlichkeit; durch wen es auch geschehen ist, beide hatten die größte Gewalt in Händen, mich auf die schmerzhafteste Art zu quälen; dies war also nicht eine Folge der begangenen Schuld, sondern ein eigener, selbständiger, überaus peinigender Schmerz. Soll ich ihn aber dennoch als den verdienten Lohn meiner Schuld betrachten, so würden die Götter gegen ihr gerechtes Urteil und ihre gewohnte Handlungsweise verfahren. Sie würden die Strafe nicht nach der Schuld abmessen; denn wer Jocastens Schuld und Strafe mit meiner eigenen vergleicht, der muß bekennen, sie sei zu gelinde bestraft und ich zu hart. ›Wie,‹ höre ich sagen, ›sie verlor ein Königreich, die Kinder, den Gemahl und endlich das eigene Leben und du nur den Geliebten allein?‹ Ja, aber dieser Geliebte war mir alles, mit ihm verlor ich jede Art von Glückseligkeit, und was in den Augen der Menschen für Glück gehalten wird, gewährt mir gerade das Gegenteil. Alles, Gemahl, Reichtümer, Stand, Verwandte und andere Dinge sind mir nur drückende Lasten und meinem Wunsch entgegen. Hätte ich sie verloren wie meinen Geliebten, so wäre mir zur Erreichung meiner Sehnsucht freie Bahn geblieben; ich hätte sie betreten, und wenn mich auch ein Zufall vom Ziel zurückgedrängt hätte, so standen tausend Wege offen, der Qual durch einen schnellen Tod zu entgehen. So aber bestätigt es nur meine Behauptung, daß alle Pein der andern nicht an meine heranreicht. Jetzt dachte ich an Hecuba und an das unermeßliche Leiden, das ihr zugeteilt war. Ihr war es beschieden, allein übrigzubleiben und die kläglichen Überreste eines großen Königreiches, einer wundervollen Stadt, den Tod eines herrlichen Gemahls, so vieler schöner Söhne und Töchter, so vieler Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, den Untergang so großen Reichtums, so vieler Herrlichkeit, so vieler gemordeter Könige, so viele grausame Taten des trojanischen Volkes, so viele gefallene Tempel und fliehende Götter zu schauen. Und sich selbst unter der Last des Alters erblicken und denken, wer einst der gewaltige Hector war, wer Troilus, Deiphobus, Polydor und andere, die sie den jämmerlichsten Tod hatte leiden sehen, sich erinnern, wie das Blut ihres Gemahls, den vor kurzem noch die ganze Welt ehrte und fürchtete, in ihren Armen vergossen ward, wie sie das stolze Troja, mit hohen Palästen und edlem Volk erfüllt, ganz von Flammen verzehrt und völlig vernichtet gesehen und noch überdies Zeugin des schrecklichen Opfers war, welches Pyrrhus ihrer Polyxena brachte, – mit welchem Schmerz mußte sie dies alles durchdringen! Aber kurz war ihr Leid! Das altersschwache Gemüt konnte so großen Jammer nicht ertragen, ihre Gedanken verwirrten sich, und im kindischen Wahnsinn lief sie erinnerungslos in den Feldern umher. Ich aber, mit stärkerer Seele und treuerem Gedächtnis als nötig versehen, bleibe in meinem Leid und behalte meinen traurigen Sinn; ja nur immer deutlicher werden mir die Bilder meines Schmerzes. Und so muß ich solch langdauerndes Leiden doch für weit härter halten als das schwerste, das in kurzer Zeit entsteht, reift und endigt. Auch Sophonisbens Schicksal, in dem die Trauer der Witwenschaft sich seltsam widerlich mit dem Jubel der Vermählung mischte, scheint mir der Betrachtung wert. In einem Augenblick betrübt und froh, Gefangene und Braut, des Reichs Beraubte und Wiederbelehnte und zuletzt in all diesem schnellen Wechsel den Giftbecher trinkend, muß sie in einer großen, wundersamen Angst geschwebt haben. Erst war sie die erhabene Königin der Numidier; als darauf das Unglück ihrer Verwandten begann, sah sie Syphax, ihren Gemahl, gefangen und zum Sklaven des Königs Masinissa werden. Sie war in demselben Augenblick vom Thron gestürzt und die Sklavin des Feindes; dann aber wurde sie von Masinissa zur Gemahlin erwählt und wieder in ihr Reich eingesetzt. O! Wohl muß man glauben, daß sie all diese merkwürdigen Begebenheiten mit verachtender Seele erlebte und, die Unsicherheit des flüchtigen Glücks tief im Herzen fühlend, nur trauernd die neue Vermählung feierte! Und wie klar bewies ihr gewaltsames Ende die Richtigkeit ihrer Empfindung. Noch war nach ihrer Vermählungsfeier kein ganzer Tag verflossen; noch war es ihr kaum glaubhaft geworden, daß sie die Regierung behalten würde, noch kämpfte es in ihrem Innern, weil ihrer Seele die neue Liebe des Masinissa fremder war als die gewohnte des ersten Gemahls, als ein Diener des neuen Gatten erschien, der einen Gifttrank brachte. Mit kühner Hand ergriff sie den Becher, trank ihn nach einigen tief verachtenden Worten ohne Furcht und gab nach wenigen Augenblicken ihren Geist auf. O! wie unendlich bitter würde ihr Leben gewesen sein, wenn sie Zeit gehabt hätte, es zu bedenken; so aber kann es mit Recht unter die minder unglücklichen gezählt werden, weil der Tod ihrem Schmerz gleichsam zuvorkam, während er mir zur größten Trauer Raum läßt und vielleicht zu noch größerer lassen wird. Trauernd gleich Sophonisben erscheint mir Cornelia; sie hatte das Glück so hoch erhoben, daß sie erst die Gemahlin des Crassus, dann des Pompejus Magnus war, der die höchste Würde und Oberherrschaft in Rom erlangt hatte. Aber das alles umwälzende Glück zwang sie, mit dem Gemahl erst aus Rom und dann aus Italien zu fliehen, verfolgt von Cäsar. Als sie nach vielen Unfällen allein in Lesbos zurückblieb, erhielt sie die Nachricht, daß ihr Gemahl in Thessalien geschlagen und seine ganze Macht von dem Feind aufgerieben worden sei. Dessenungeachtet folgte sie ihm und durchsegelte das Meer in der Hoffnung, den verlorenen Orient wieder unter seine Gewalt zu bringen, und wurde darauf von ihm selbst zu dem jungen König von Ägypten eingeladen. Hier aber sah sie seinen Körper, des Hauptes beraubt, auf den Meereswellen herumtreiben. Solches Übermaß bitterer Schicksale, deren jedes einzelne schon furchtbar genug ist, mochte ihr Gemüt wohl tief betrüben. Aber der weise Rat Catos von Utica und die völlig verlorene Hoffnung, Pompejus jemals wieder zu sehen, mußten wohl in kurzer Zeit ihren Schmerz um vieles mildern. Dagegen ich Unselige ewig vergebens hoffe und doch weiter hoffen muß und keinen andern Rat und Trost habe als die Worte der alten Amme, die allein meine Leiden kennt, die aber mehr Treue als Weisheit besitzt, ja oft mein Leid vermehrt, indem sie es zu lindern glaubt. Manche könnten wohl das Unglück der Cleopatra, der Königin von Ägypten, für unübertroffen und weit größer als das meinige halten. Sie, die von Glanz und Überfluß umringt zuerst gemeinschaftlich mit dem Bruder herrschte, darauf von ihm in den Kerker geworfen wurde, mußte sich freilich unermeßlich elend dünken. Aber die Hoffnung auf das, was auch künftig wirklich geschah, konnte ihr ihre Lage erleichtern. Daß sie darauf, nachdem sie aus dem Kerker befreit und Cäsars Freundin geworden war, von ihm verlassen ward, halten viele für das tiefste Leiden. Doch diese bedenken nicht, wie kurz der Schmerz der Liebe für die ist, welche sich nach Gefallen dem einen nehmen und dem andern geben können; und daß dies in ihrer Gewalt stand, hat Cleopatra oft genug bewiesen. Aber verhüten die Götter, daß ich jemals auf solche Weise Trost finde. Keiner war und wird sein, der mich die Seinige nennen durfte, außer Panfilo, und sein werde ich bleiben. Auch hoffe ich nicht, daß jemals eine neue Liebe die Macht haben könnte, ihn aus meiner Seele zu verdrängen. Freilich könnte man manches für die Behauptung, daß Cleopatra trostlos über Cäsars Abreise zurückblieb, anführen, wenn nicht die Geschichte es widerlegte. Sie ward auf der andern Seite von einem Glück getröstet, das sie alles überwinden ließ, denn ihr blieb ihr Sohn und das wiedererstattete Reich. Ein solches Geschenk ist wohl fähig, einen größeren Schmerz zu überwinden, wieviel mehr den Schmerz einer so leichten Liebe, wie ihre war. Ein wirklich herbes Leid erfuhr sie, als sie ihren Gemahl Antonius durch ihre üppigen, bezaubernden Reize und Liebkosungen zu einem bürgerlichen Krieg gegen seinen Bruder verführt hatte. Von der Hoffnung auf gewissen Sieg berauscht, strebte sie nach dem Lande des römischen Kaisertums. Als aber dieselbe Stunde ihr zwiefachen, unersetzlichen Verlust gebracht, den Tod ihres Gemahls und die zertrümmerte Hoffnung, da scheint sie die betrübteste, unseligste aller Frauen geworden zu sein. Die unglückliche Schlacht mußte diesen hohen Sinn, dies unersättliche Streben tief demütigen; sie, die die halbe Welt beherrscht hatte, war besiegt, ihr zärtlich geliebter Gemahl verloren. Ihr Unglück konnte nicht größer sein. Aber sie wußte schnell das geeignete Hilfsmittel gegen solchen Schmerz zu finden: nämlich den Tod. Zwar war er bitter, aber auch kurz, denn eine kleine Stunde reichte hin, daß zwei Schlangen mit ihrem giftigen Mund Leben und Schmerz aus dem Körper hinwegsogen. O! wie oft habe ich ebenso heftigen Schmerz empfunden als sie, obgleich die Veranlassung dazu vielleicht geringer war! Wie gern wäre ich da ihrem Beispiel gefolgt, hätte es mir freigestanden oder hätte die Furcht vor künftiger Schmach mich nicht zurückgehalten! Ich stellte mir auch oft die Herrlichkeit des Cyrus vor, den unermeßlichen Reichtum des Crösus, die mächtigen Gebiete der Perser, die Pracht des Pyrrhus, die Macht des Darius, des Tyrannen Dionysius, die Hoheit Agamemnons, kurz alle, die die Geschichte uns gleich den vorigen als denkwürdige und ausgesuchte Opfer des Schicksals darstellt. Aber auch sie wurden alle durch schnelle Hilfe getröstet und hatten oder ließen sich nicht Zeit, die Größe ihres Schmerzes zu ermessen. Und während ich mich noch immer bemühte, alles vergangene, denkwürdige Unglück in mein Gedächtnis zu rufen, damit ich noch einmal Tränen und Leiden, die ich den meinigen vergleichen könnte, finden und durch den Gedanken an Leidensgefährten einigermaßen getröstet werden möchte, fielen mir Thyest und Thereus ein, die das unglückliche Grabmal ihrer eigenen Kinder wurden. Nur kann ich nicht begreifen, welche Mäßigung sie zurückhalten konnte, ihren Leib mit scharfem Eisen ihren Kindern zu öffnen und ihnen den Weg aus einem Ort zu bahnen, vor dem sie zurückschauderten. Durch solches Handeln taten sie allerdings ihrem Haß und ihrem Schmerz Genüge und fanden Trost in dem Gefühl, von ihrem Volk für unschuldige Unglückliche gehalten zu werden; ein Gefühl, das ich leider nicht haben kann. Zwar bemitleiden mich andere, aber nur um Dinge, die mich nicht berühren, und was mich wirklich bekümmert, wage ich nicht auszusprechen. Dürfte ich nur mein trauriges Geheimnis enthüllen, so zweifle ich nicht, daß auch mir sich irgendein Rettungsmittel darbieten würde. Mit welcher Teilnahme dachte ich auch der frommen Tränen, die Lycurg und sein Haus gerechterweise um den von der Schlange getöteten Archemorus vergossen, und des Schmerzes der trauernden Atalante, deren Sohn Parthenopäeus in den Feldern von Theben getötet ward. Ich lernte ihre Gefühle und Schmerzen so genau kennen und eignete sie mir so lebhaft an, daß ich kaum noch unterscheiden konnte, ob ich sie nicht selbst empfand oder einst empfunden hätte. Beide waren von der größten Trauer erfüllt. Aber sie sind auf ewig durch so großen Ruhm verherrlicht, daß man sie dennoch selig preisen muß. Lycurg ward von sieben Königen durch Leichengepränge und Spiele geehrt und Atalante durch das preiswürdige Leben und den ruhmvollen Tod ihres Sohnes verherrlicht. Auch die langen Beschwerlichkeiten, die Irrfahrten und tödlichen Gefahren des Ulysses stellten sich mir dar, die er nicht ohne große Anstrengung und Seelenangst erduldet haben mag. Aber Ulysses war ein Mann und also von der Natur besser zum Leiden ausgerüstet als ein zartes Weib. Er war rüstig und stets kühn in der Gefahr, an Beschwerden gewöhnt, und gleichsam durch sie genährt und gereift konnte er ihnen mit Ruhe entgegensehen. Mir aber, die ich im stillen Zimmer inmitten weichlicher und zarter Umgebungen genährt und gepflegt bin, gewohnt, die Stunde mit süßem Liebesspiel hinzubringen, mir erscheint jede kleine Mühe schon unendlich groß. Ulysses' Feinde waren Neptun und Äolus. Sie trieben sein Schiff umher und bereiteten ihm das viele Ungemach auf der Reise. Mich aber peinigt der mächtige Amor, der selbst die Götterfeinde des Ulysses hat ängstigen und besiegen können. Und wenn der Held von tödlichen Gefahren bedroht war, so fand er ja nur, was er suchte. Durfte er sich dann darüber beklagen? Aber ich Unselige, ich würde gern in Ruhe leben, wenn ich könnte, und würde jede Gefahr scheuen, in die ich nicht hineingestoßen würde. Auch fürchtete er den Tod nicht, und deshalb trat er ihm gefaßt und ruhig in den Weg. Ich fürchte ihn, aber von wildem Schmerz durchdrungen, bin ich ihm dennoch mehr als einmal entgegengeeilt. Auch hoffte er bei seinen Kämpfen auf ewigen Nachruhm und Unsterblichkeit; ich aber dürfte, wenn meine Leiden je bekannt werden sollten, nur Beschämung und Schmach erwarten, und also übertrafen seine Leiden die meinigen nicht, sondern stehen ihnen vielmehr nach, um so mehr, da man von ihnen weit mehr berichtet, als sich zugetragen hat, meine Leiden aber größer sind, als ich sagen kann. Ich vergaß neben allem diesem nicht der Bedrängnisse Hypsipylens, Medeens, Önonens und Ariadnens, deren Schmerzen und Tränen viel Ähnlichkeit mit meinen haben. Gleich mir sah sich eine jede dieser Frauen von ihrem Geliebten betrogen, weinte wie ich bitterlich, hauchte Seufzer und geriet in bittern, fruchtlosen Kummer. Aber eine gerechte Rache trocknete beizeiten ihre Tränen, was mir noch nicht zuteil wurde. Hypsipyle mußte zusehen, wie Medea ihr den Jason, den sie so sehr geehrt und dem sie sich durch heilige Bande verbunden fühlte, entzog. Aber der Wille der Götter, die mit gerechtem Auge alle Dinge überschauen – nur meine Leiden nicht –, gab ihr einen großen Teil der ersehnten Freudigkeit zurück. Denn sie sah Medeen, die ihr den Geliebten geraubt hatte, von diesem wiederum für Creusen verlassen. Zwar will ich nicht sagen, daß mein Elend sein Ende fände, wenn ein gleiches Schicksal mich an der Geliebten meines Panfilo rächte, er müßte ihr denn durch mich selbst wieder entzogen werden – aber ein großer Teil meines Unmuts würde sicherlich schwinden. Medea tröstete sich durch Rache, ja sie wurde so hart, daß sie ebenso grausam gegen sich selbst wurde als gegen den undankbaren Freund. Vor seinen Augen tötete sie die Kinder ihrer Liebe und verbrannte den königlichen Palast mit der neuen Geliebten. Auch Önone erkannte endlich, daß ihr treuloser und redlicher Liebhaber ihrer nicht wert gewesen und die Strafe der verletzten Gesetze mit Recht verdient hatte, und so sah sie sein Land ruhig durch die Flammen verzehrt werden. Mir aber sind meine Schmerzen lieber als solche Rache an dem ungetreuen Geliebten. Und Ariadne schaute als die Gemahlin des Bacchus vom Himmel herab, wie Phädra, um derentwillen Theseus sie einst auf jener wüsten Insel verlassen, aus Liebe für ihren Stiefsohn Hippolyt in Wahnsinn unterging. So fühle ich, alles wohl überlegt, daß mir unter allen Unglücklichen der erste Rang gebührt. Wenn aber euch, ihr Frauen, meine Gründe gleichwohl leicht und unstatthaft erscheinen, so denkt, daß ein verblendetes Gemüt sie vorbrachte, und wenn ihr die Tränen anderer für bitterer erachtet als die meinigen, so gebe ein einziger und letzter Einwand den vorigen das fehlende Gewicht. Wenn es wahr ist, daß der Neider unglücklicher ist als der Beneidete, so bin ich unter allen Genannten die Unglücklichste, denn ich beneide sie um ihr Unglück, das ich für geringer halte als meines. Seht denn, ihr Frauen, wie elend ich geworden durch die Treulosigkeit Fortunens, und wie hart sie mich getroffen; gleichwie die Lampe nahe am Verlöschen noch eine plötzliche Flamme, heller als gewöhnlich, zu werfen pflegt, so gab sie mir scheinbaren Trost, um mich dann ganz in das Elend meiner einsamen Tränen zu verweisen. Um euch nun meinen Kummer mit einem einzigen Bilde anschaulich zu machen, so beteure ich euch mit demselben Ernst, der auf den Versicherungen anderer Unglücklicher ruht, daß meine Leiden nach dem Untergang jener eitlen Hoffnung um soviel schwerer geworden sind, als das zweite Fieber den rückfallenden Kranken heftiger zu erschüttern pflegt als das erste, ob es gleich ebensoheiß war. Da ich aber mit weiteren Klagen die Fülle eurer mitleidigen Schmerzen vergrößern würde, ohne doch neue Worte finden zu können, will ich still werden und keine Tränen mehr beanspruchen, deren ihr Leserinnen gewiß viele vergossen habt oder vergießt, und so habe ich mich denn entschlossen, auf daß ich die Zeit, die mich zu Tränen ruft, nicht mit Worten vergeuden möge, fortan zu schweigen, und zwar mit dem Zugeständnis, daß meine Erzählung der Empfindung selbst nur gleicht wie ein gemaltes Feuer einem wahrhaftig brennenden, welchem jener Gott, den ich anflehe, entweder um eures oder meines Gebetes willen eine wohltätige Flut löschend senden möge, sei es durch meinen Tod, sei es durch die freudige Rückkehr Panfilos. Schluss Fiammetta redet ihr Buch an, gibt ihm Vorschriften, wie und wohin es sich wenden, auch, wen es vermeiden soll, und schließt. Und du, o mein kleines Büchlein, das gleichsam auferstanden ist aus dem Grabe seiner Gebieterin und, was mir lieb ist, schneller zu seinem Ende gelangt als ihr Leid, gehe hin und stelle dich so, wie du von meinen Händen geschrieben und an vielen Stellen von meinen Tränen benetzt bist, den liebenden Frauen vor. Und wenn sie dich, von Mitleid erfüllt, gerne aufnehmen, wie ich gewiß hoffe (hat anders nicht Liebe, seit ich elend geworden, ihre Gesetze verändert), so schäme dich nicht, in so geringem Kleide, als worin ich dich aussende, vor jede Frau, wie vornehm sie auch sei, zu treten, wenn sie nur nicht verschmäht, dich zu besitzen. Dir gebührt kein anderes Gewand, wollte ich es dir gleich geben. Du mußt zufrieden sein, gleich meiner Zeit zu erscheinen, die als die unseligste dich und mich mit Elend umkleidet hat. So sei denn nicht wie andere besorgt um äußern Schmuck, das ist, um edle Decken mit bunten Farben bemalt und geziert, nicht um glänzenden Schnitt, reizende Gemälde oder prächtige Titel. Solche Dinge ziemen sich nicht für die schwere Klage, die du trägst; überlasse solches glücklicheren Büchern, wie die breiten, heitern Ränder, die bunten, fröhlichen Tinten und die geglätteten Papiere. Dir gebührt es, mit zerzaustem Haar, befleckt und mit Totenblässe gefärbt, zu wandeln, wohin ich dich sende, um in den Seelen derer, die dich lesen, ein heiliges Mitleid mit meinem Unglück zu erwecken; und sollte sich ein solches Gefühl in einem reizenden Antlitz aussprechen, o dann säume nicht, es zu würdigen, soviel du kannst, denn ich und du sind ja vom Unglücke so sehr nicht erniedrigt, daß wir nicht fähig wären, des Herrlichsten innezuwerden. Was uns aber geblieben ist, ist etwas, das kein Unglücklicher verlieren kann, nämlich Glücklicheren die Lehre zu geben, daß sie ihr Glück schonend behandeln und vermeiden, uns ähnlich zu werden. Diesen meinen Reichtum spende ihnen also aus, wenn du es vermagst, daß sie aus Furcht vor unserm Geschick alle Weisheit der Liebe erlangen mögen, den geheimen Fallstricken der Männer zu entgehen. So gehe denn hin! Welcher Schritt dir besser ziemt, ob rasch, ob bedächtig, weiß ich nicht, auch weiß ich nicht, in welche Gegend du dich zuerst wenden sollst, auch nicht, wie und von wem du aufgenommen werden wirst. Wie das Geschick dich leitet, so wandle; deine Bahn kann nicht sehr geordnet sein; dir umhüllt die trübe Zeit die Gestirne, und erschienen sie dir auch alle, so hat doch das ungestüme Schicksal dir in keines ein Zeichen des Heils geschrieben. Und so entlasse ich dich, unsicher hin und her schwankend, gleich einem Fahrzeuge ohne Steuer und Segel, den Wellen ein Spiel, mit einigen Lehren, die du gebrauchen sollst, wie die Gelegenheit es heischt. Gelangst du in die Hände einer Frau, die so glücklich liebt, daß sie all unsere Qual verhöhnt und für wahnsinnig erachtet, so ertrage ruhig ihren Spott und Hohn, der der kleinste Teil unserer Leiden ist, rufe ihr aber ins Gedächtnis, daß das Schicksal wandelbar sei und daß es sie in kurzem traurig machen könne wie uns und uns freudig wie sie, und wie wir dann Hohn für Hohn zurückgeben könnten. Findest du aber eine, deren Augen beim Lesen nicht trocken bleiben, sondern sich mit vollen Mitleidstränen füllen, so sauge alle ihre Tränen ein und erhalte dir die heiligen Spuren mit denen der meinigen zugleich. Erzeige dich trauriger und frömmer noch als zuvor und bitte mit Demut, daß sie für mich den Gott anflehe, der mit vergoldeten Schwingen die ganze Welt in einem Augenblick durchstreift, auf daß er, von einem würdigeren Mund als meinem angefleht und andern milder gesinnt als mir, meine Qualen endlich lindere. Ich aber bitte für sie, wer sie auch sei, mit der eindringlichen Stimme, die den Unglücklichen verliehen ist, daß sie nie, nie in solches Elend kommen möge, daß ihr die Götter stets geneigt und gütig seien und ihr ihre Liebe lange glücklich erhalten mögen. Solltest du aber in dem verliebten Kreise schöner Frauen, aus einer Hand in die andere wandernd, endlich zu meiner Feindin gelangen, der Räuberin unseres Gutes, so fliehe unverzüglich wie von einer unheiligen Stelle, verbirg dich gänzlich ihren diebischen Augen, damit sie, meine Qual zum zweitenmal nachempfindend, sich nicht von neuem an meinem Schaden freue. Sollte sie dich aber gleichwohl mit Gewalt zurückhalten und sehen wollen, so zeige dich ihr also, daß sie meines Unglücks nicht lachen, sondern weinen müsse und, tief im Gewissen gerührt, mir den Geliebten zurückgebe. O! welch ein seliges Mitleid würde dies sein, und wie gesegnet deine Mühe! Die Augen der Männer fliehe, kannst du aber ihre Blicke nicht vermeiden, so sage: »O! undankbares Geschlecht, welches der einfältigen Frauen spottet, dir ziemt es nicht, das Heilige zu sehen!« Gelangst du aber zu ihm, der der Schöpfer meiner leiden ist, so rufe ihm von weitem zu und sprich: »O! du unbiegsamer Eichstamm, fliehe und beschimpfe mich nicht mit deiner Hände Berührung! Deine gebrochene Treue ist ja die Ursache von allem, was ich tragen muß! Willst du mich aber mit menschlichem Gemüt lesen, vielleicht in Erkenntnis der Schuld gegen sie, die dem Zurückkehrenden verzeihen möchte, so komm und betrachte mich! Willst du aber dieses nicht, so scheue dich, die Tränen zu sehen, die durch dich geflossen, besonders wenn du, sie zu vermehren, bei deinem Willen beharrst!« Hörst du aber vielleicht, daß eine Frau sich über deine einfältigen und roh geordneten Worte verwundert, so sage ihr, daß sie, die Gebildete, dich sogleich von sich weise, denn zierliche Reden können nur in klaren Gemütern und in heitern, ruhigen Tagen gedeihen. Sage, wie du dich vielmehr verwunderst, daß Verstand und Hände zu dem, was du ordnungslos erzählt hast, genug Kraft gehabt haben, da Liebe und Eifersucht das traurige Gemüt in stetem Kampf erhalten und das feindliche Schicksal den Streit durch trübe Wolken begünstigt hat. Vor aller Nachstellung darfst du, wie ich glaube, sicher sein, denn kein Neid wird dich mit scharfem Zahn verwunden. Sollte aber, was ich nicht glaube, ein Unglücklicherer dich beneiden, so lasse dich geduldig verwunden. Doch weiß ich nicht, an welcher Stelle du noch eine Wunde tragen könntest, da ich dich von den Schlägen des feindlichen Schicksals so ganz zermalmt sehe. Keiner könnte dich schwer beleidigen oder dich von der Höhe in die Tiefe herabreißen, da du die tiefste Tiefe bereits bewohnst. Und wäre es dem Schicksal nicht genug, uns an die Oberfläche der Erde gefesselt zu haben, und wollte es uns noch unter dieselbe herabziehen, so sind wir ja an Leiden so gewöhnt, daß diese Schultern, die das Schwerste getragen haben und noch tragen, wohl auch das Leichtere erdulden können, und deshalb gehe kühnlich dahin, wohin das Schicksal dir gebietet. So lebe denn! Niemand kann dir dies rauben! Und bleibe den Glücklichen wie den Elenden ein ewiges Bild von den Qualen deiner Gebieterin.