Pedro Calderón de la Barca Das laute Geheimnis Übersetzt von Johann Diederich Gries Personen:         Flerida , Herzogin von Parma . Laura , Flora und Livia , ihre Fräulein . Enrico , Herzog von Mantua . Ernesto , Lauras Vater, Gouverneur von Parma . Federigo , Geheimschreiber der Herzogin . Lisardo , Kammerherr . Fabio , Federigos Diener . Musiker . Bediente . Wache . Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug Erster Aufzug. Garten. Chor der Musiker tritt auf. Die Damen , in Morgenkleidung, folgen; hierauf Flerida , welcher Ernesto die Hand gibt. Die Gesellschaft bleibt, während des Gesanges, spazierengehend auf der Bühne. Chor der Musiker . Armes Herz, das Recht ist dein; Thränen mag die Brust verhauchen. Doch wie unnütz ist die Pein!     Denn kann nicht sein Recht der Liebende brauchen,     Was bringet sein Recht dem Liebenden ein? Flora (singt allein) . Was denn, nach so vielen Jahren, Nützt dein thöricht kühnes Streben, Als Verschmähung zu erleben, Als Enttäuschung zu erfahren? Herz, drum laß die Täuschung fahren; Laß sie dir vergessen sein Und verlange nicht, die Pein Erst in Klagen zu verhauchen. Chor .     Denn kann nicht sein Recht der Liebende brauchen,     Was bringet sein Recht dem Liebenden ein? (Der Zug geht auf der andern Seite ab.) Enrico , Federigo und Fabio treten auf, gleichsam der Musik folgend. Federigo . Da du, mir dich anvertrauend, Herkamst so geheimer Weise, Bloß um Flerida, die schöne, Selbst zu sehn, sollst du's erreichen, Hier versteckt. Enrico .                     Ach, Federigo, Wie viel dank' ich deinem Eifer! Federigo . Mehr noch dank' ich deiner Güte, Weil du mir solch ungemeines Zutraun schenkst. Enrico .                         Sonst keinen., wahrlich, Schenkt' ich's. Federigo .                Davon laß uns schweigen! Dieser Diener darf nicht merken, Wer du bist. Fabio (beiseite) .   Wie gern ich einsehn Möchte, wer der Fremde sei, Der uns lauter Heimlichkeiten Vormacht, ohn' ein Rosenkränzler, Mystik, ohn' ein Pfaff zu scheinen: 's ist unmöglich. Federigo .                   Wie gefällt Dieser Garten Euch? Enrico .                             Ich meine, Was ich auch in manchen Märchen Las zu meinem Zeitvertreibe, Federigo, die Gedanken Mir beschäft'gend müß'ger Weise, Konnt' ich doch unmöglich jemals In der Vorstellung begreifen, Was ein thätiger Verstand Hier erschuf aus eignem Geiste. So anmut'gen Hain; obwohl Oft im Bilde mir sich zeigten Bald die Haine der Diana, Bald der Venus Blumenreiche. Federigo . So groß ist der Fürstin Schwermut, Die, als ihrer Trefflichkeiten Züchtigung, ihr gab der Himmel, Daß man, um sie aufzuheitern, Jedes Mittel sucht; und so, Herr, ist dieser Mittel eines, Daß sie oft am Frühlingsmorgen Kommt zu diesem stillen Haine, Wo Gesang und Instrumente Sie verherrlichen und feiern. Enrico . Seltsam, daß, bei ihrer Jugend, Ihrer Schönheit, ihrem Geiste, Dieser Gram so unbeschränkte Herrschermacht sich zugeeignet, Daß sie, die zur Fürstin Parmas Ward geboren, mit so reichen Gaben ausgesteurt vom Himmel, Nicht dem scharfen, strengen Pfeile, Von der Zeit und vom Geschicke Abgeschossen, konnt' entweichen. Und wie ist es möglich: findet Ihres Kummers Grund nicht einer? Federigo . Nein. Fabio .               Warum denn nein? Denn ich Weiß ihn. Federigo .         Du? Fabio .                     Ohn' allen Zweifel. Federigo . Sprich! Was wartest du? Enrico .                                             Was säumst du? Fabio . Werdet ihr auch sicher schweigen? Beide . Ja. Fabio .       So wisset denn: ihr Leid Ist . . . Federigo .   Heraus doch! Enrico .                             Sag' es eilig! Fabio . Daß sie sich in mich verliebt hat Und, aus Furcht vor meinem Weigern, Es nicht wagt, sich zu erklären. Federigo . Fort, du Narr! Enrico .                           Fort, Unbescheidner! Fabio . Nun, so hört, wenn's das nicht ist, Ist's was anders. (Musik von fern.) Enrico .                       Wie es scheinet, Nähert sich der Zug uns wieder. Federigo . Zieht Euch denn zurück; vereinen Will ich mich mit der Gesellschaft, Teils, weil meine Pflicht es heischet, Teils, weil ich das Leben misse, Miss' ich jetzt den Anlaß, eine Dieser Damen hier zu sehen. Enrico . Ich will nicht im Weg Euch bleiben, Sondern gehn und wiederkommen, Sie zu sprechen; ihre Reize Sah ich jetzt und wünsche nun, Zu genießen ihres Geistes. Sprechen werd' ich sie durch jene List, die wir heut nacht bereitet, Derenhalb ich diesen Brief Aufgesetzt hab' als mein eigner Sekretär; und da ich herkam, Sie zu sehn, soll sich's nun zeigen, Ob es wahr ist, daß das Glück Gern der Kühnheit Beistand leihet. (ab.) Federigo . Schrecklich in Verlegenheit Bin ich jetzt; denn wenn ich beichte, Wer er ist, werd' ich Verräter Am Geheimnis, das er heilig Mir vertraut; wenn nicht, so werd' ich's An der Treue, die ich meiner Eignen Fürstin muß als Diener, Lehnmann und Verwandter leisten. Was zu thun? Doch, kann ich schwanken? Meine Pflicht muß ohne Zweifel Siegen über sein Vertrauen. Doch, wenn ich vom Herzog scheide, Wehe mir! so muß ich auch Scheiden von der Hoffnung leider, Daß sein Haus ein sichrer Hafen Meiner Liebe werde bleiben, Wenn nun Laura . . . Doch, was sag' ich? Unvorsicht'ge Lippen, schweiget! Denn indem ich nur sie nannte, Dünkt mich, daß ich sie beleid'ge. Fabio . Herr, wer ist denn dieser Fremde, Der bei Nacht ankam so heimlich Und sich heut versteckt und birgt? Federigo . 's ist ein Freund; Verbindlichkeiten Hab' ich ihm. Fabio .                   So war er etwa Wohl dein Diener? Aber sei er, Wer er will, er ist willkommen; Denn zum mindsten besser speisen Werden wir in diesen Tagen; Und der Ueberfluß, der freilich Sehr beschwerlich ist im Bette, Kann bei Tische löblich heißen, Würzhaft und durchaus geschmackvoll. Federigo . Ha, sie kommen! Fabio, schweige. (Der Zug tritt wieder auf, wie vorhin.) Flora (singt) .     Liebst du sie, und bleibst verlassen,     Duld' und schweig von deinen Trieben;     Denn der Grund, um sie zu lieben,     Ist der Grund, sie nicht zu hassen.     Schilt nicht auf ihr Thun und Lassen,     Schilt auf dein Gestirn allein,     Ohne, Herz, den eiteln Schein     Deines Rechtes zu gebrauchen. Chor . Denn kann nicht sein Recht der Liebende brauchen, Was bringet sein Recht dem Liebenden ein? (Die Musiker gehen ab.) Flerida . Wer hat dies Gedicht gemacht? Federigo . Herrin, ich. Flerida .                       In allen Weisen, Find' ich, die man vor mir singet Und die Euern nennt, erscheinen Liebesklagen. Federigo .               Ich bin arm. Flerida . Kann die Liebe davon leiden? Federigo . Die Erhörung leidet wohl; Und so seht Ihr, Herrin, meine Klag' ist nicht, daß ich nicht liebe, Sondern nicht mein Ziel erreiche. Flerida . Liebt Ihr denn solch niedres Wesen, Federigo, das auf leid'gen Vorteil achtet? Federigo .                 Ihrer Unschuld Ist die Schuld nicht zuzuschreiben. Flerida . Wem denn sonst? Federigo .                         Mir selbst. Flerida .                                             Weshalb? Federigo . Weil ich scheuen muß, zu zeigen Was mich quält (von ihr, den Eltern Und Verwandten will ich schweigen), Selbst nur einer ihrer Mägde, Einer Sklavin; denn, ich weiß es, Findet, wer da liebt, nicht gebend, Zugang, übel wird er's, heischend. Flerida . Eine Liebe, die so hilflos Sich bekennet, kann der Eigner Wohl entdecken; denn der Ehrfurcht Höchster Grad wird nicht beleidigt Von dem Mann, der durch Verschmähn Sich so schlecht behandelt meinet. Und so staun' ich, Federigo, Da Ihr liebt und nichts erreichet, Daß kein Mensch weiß, wen Ihr liebt. Federigo . Meine Liebe wird vom Schweigen, Herrin, so bewacht, daß oftmals Ich beschloß, auf ew'ge Zeiten Zu verstummen, damit nur Der verschwiegnen Triebe keiner Einst verrätrisch, in den Worten Eingehüllt, hervor sich schleiche. In so heil'ger Obhut lebet Meine Liebe, daß ich eifrig Meinen Atem untersuche, Wenn er in den Busen eingeht, Von woher er kommt, weil selbst Mir die Luft verdächtig scheinet; Und ich will nicht, daß nur sie Wisse, wer hier im Geheimen Wohnen mag. Flerida .                 Genug, genug! Schwülstig seid Ihr und höchst eitel; Denn wie sprecht Ihr, zu mir sprechend, Hier von Euern Zärtlichkeiten Mit so heft'ger Glut? Vergeßt Ihr, Wer ich bin? Federigo .             Wer von uns beiden Trägt die Schuld? Ihr, Herrin, fragend, Oder ich, Antwort erteilend? Flerida . Ihr; denn Ihr antwortet mehr, Als ich frag'. Ernesto, eilet . . . . Ernesto . Herrin? Flerida .               Eilet gleich und schaffet Federigo'n . . . Federigo (beiseite) .   Tod erleid' ich! Flerida . Schafft zweitausend Goldstück' ihm, Als Beitrag, womit er seiner Schönen Dienerschaft gewinne; Denn ich will nicht, daß er weiter Gegen mich, in seinem Kleinmut, Rede so höchst unbescheiden Und, dort zeigend seine Furcht, Hier nun zeige sein Erdreisten. Flora (zu Livia) . Eigne Launen hat fürwahr Ihre Schwermut. Livia .                         Seltsamkeiten Von besondrer Art! Laura (beiseite) .             Unselig, Wem so deutlich sie erscheinen, Während alle sie mißkennen! Federigo . Dankbar küss' ich, wo du schreitest, Hier die Erde, der dein holder Fußtritt mehr der Blumenkeime Außer ihrer Zeit entlocket, Als, in ihr, der Hauch des Maien. Fabio . Nein, das wag' ich nicht; die Erde Küss' ich nimmer, wo du schreitest, Noch wo du geschritten, denn Himmel ist's, nicht Erde weiter; Wo du schreiten wirst, die gnügt mir. Wohin gehst du? denn ich eile, Vor dir her den Weg zu küssen. Lisardo tritt auf. Lisardo . Ein vornehmer Herr in reichem Ritterschmuck, der mit dem Herzog Mantuas nah verwandt sich heißet, Bittet, Herrin, um Erlaubnis, Einen Brief zu überreiche . . . Flerida . O wie sehr der Herzog Mantuas Mich durch seine Boten peinigt! Ernesto . Wie das, Herrin, da zum Gatten Er sich dir am besten eignet? Flerida . Weil ich, mit entschiednem Willen, Jede Heirat hass' und meide. – Sagt, Lisardo, daß er komme. (Lisardo ab.) Federigo (beiseite) . Wer er ist, will ich verschweigen, Denn mir liegt an seiner Freundschaft. Enrico und Lisardo treten auf. Enrico (knieend) . Herrin, blind, beklommen, eil' ich Zu den Füßen, die als Hafen Meines Glückes mir erscheinen. Flerida . Stehet auf. Enrico .                   Mein Herr, der Herzog, Sendet mich mit diesem Schreiben Zu Euch her. (Er überreicht ihr einen Brief.) Flerida .               Und wie befindet Sich der Fürst? Enrico .                     In Liebesleiden Sterbend, sagt' ich, gäb' ihm Hoffnung Leben nicht. Flerida .               Ich lese; bleibet Ihr indes nicht so. (Sie winkt ihm, sich zu bedecken, und liest den Brief.) Enrico (beiseite) .           Der Pinsel Log fürwahr, der ihrer Reize Schwachen Umriß gab, der Schönheit Reiches Uebermaß verkleinernd. Lisardo (zu Ernesto) . Eben, Herr, schickt mir mein Vater Seine Vollmacht. Ernesto .                       Ihr Erscheinen Freut mich sehr. (Sie sprechen leise zusammen.) Flora (zu Laura) .         Wie zierlich nahm, Bei des Briefes Ueberreichen, Sich der Fremde, Laura! Laura .                                     Ich Gab nicht acht auf sein Bezeigen. Flora . Ja, ich glaub's; denn da dein Liebster Eben hier ist und du weißest, Wie er zärtlich nach dir schmachtet, Und daß er bereits als Freier Mit Ernesto unterhandelt, Würd' es fast Verachtung scheinen, Gäbst du acht auf einen andern. Laura . Und auch der verdankt mir keine Sorgfalt noch Sorglosigkeit. (Sie entfernt sich von Flora.) Federigo (beiseite) . Unsre Fürstin liest das Schreiben, Ernest und Lisardo sprechen; Liebe, jetzt sei mir zur Seite!     (Zu Laura, heimlich.) Und der Brief? Sprich! Laura .                                   Ist geschrieben. Federigo . Doch wie wirst du ihn mir reichen? Laura . Hast du nicht den Handschuh? Federigo .                                             Ja. Laura . Nun, der hilft dir. Federigo .                         Ich begreife. Ernesto (zu Lisardo) . Gut ist alles. Lisardo (sich Laura'n nähernd) .       Schöne Laura, Jeder Augenblick erscheinet Als Jahrhundert meiner Hoffnung. Flerida (zu Enrico) . Euer Herzog, sagt dies Schreiben, Wünschet Euch, als seinen nahen Anverwandten, jetzt auf ein'ge Tag' aus Mantua zu entfernen, Um indes auf gute Weise Einen Handel beizulegen, Welchen Lieb' Euch hat bereitet. Enrico . Wohl schuf Liebe mein Vergehen, Und sie hat mich hergeleitet. Flerida . Ich will, sein und Eurentwegen, Euch in Parma Schutz erteilen, Und Ihr könnt an meinem Hofe Ruhig leben. Antwort schreiben Werd' ich Euerm Herzog bald Und ihm senden. Enrico .                       Freudenreiche Lange Jahre mag der Himmel, Hohe Fürstin, dir verleihen! Und o möchten wir doch, Mantuas Edele Vasallen, einstens Uns so glücklich sehn . . . Flerida .                                     Nicht mehr! Und so lang' Ihr hier verweilet Als mein Gast, ist es mein Wille, Daß Ihr gänzlich hievon schweiget, Wenn ich selbst nicht davon rede. Enrico . Folgsam werd' ich mich erzeigen. Flerida . Und daß Ihr dem Herzog melden Könnt von meinen Zeitvertreiben (Denn ich zweifle nicht, er gab Euch Auftrag, ihm davon zu schreiben), Setzt euch alle, weil die Sonne, In den grauen Wolkenschleier Eingehüllt, wohl mehr zum Lauschen Heut hervorging, als zum Scheinen. Nehmt auf dieser Seite Platz, Meine Damen; und Ihr, teilet Eine Frag' uns mit, Ernesto. (Die Damen setzen sich auf die eine Seite, die Männer bleiben auf der andern stehen.) Ernesto . Könnt' auch mich vielleicht mein greises Haar entschuld'gen, soll's das nicht, Wenn ich dich dadurch erheitre. – Was ist größte Qual im Lieben? Flerida (zu Enrico) . Sagt zuerst uns, was Ihr meinet. Enrico . Ich? Flerida .       Ja; dies gebührt dem Gaste. Enrico . Zweierlei Vorteil' erreich' ich, Und um beide zu benutzen, Wähl' ich, was ich selber leide: Als Verschmäheter zu lieben. Flora . Und ich, für das größte Leiden Halt' ich, selber zu verschmähn. Lisardo . Eifersucht ist's, wie ich meine. Livia . Trennung, sag' ich. Federigo .                         Und ich: Liebe, Ohne Hoffnung des Erreichens. Flerida . Und ich: lieben, ohn' erklären Sich zu können, stumm und leidend. Laura . Ich: mit Gegenliebe lieben. Flerida . Neu wird's sein, das zu verteid'gen, Laura, daß, mit Gegenliebe Lieben, Qual sei. Laura .                         Was ich meine, Sollen meine Gründe sagen. Ernesto . Jeder geb' uns nun Beweise. Enrico . Da das Thema vom Verschmähten Mein ist, führ' ich wohl den Reihen. Fabio (beiseite) . Nun, der Klügste sagt gewiß Hier die meisten Albernheiten. Enrico . Einen Stern' nenn' ich die Liebe, Welcher Glück und Qual verleiht; Drum, das größte Liebesleid Ist wohl, daß man ohn' ihn liebe. Wer verschmäht sieht seine Triebe Von der Schönen, die er meint, Liebt, was ihm sein Stern verneint; Drum kann's größre Qual nicht geben, Denn der Himmel selbst ist eben Des Verschmähten größter Feind. Flora . Wenn sich die Geliebte scheidet Vom Verschmähten, liegt darin Schon für diesen ein Gewinn, Weil er durch Geliebtes leidet; Doch, wer ohne Liebe meidet, Leidet, ohn' in Liebeswehn Einigen Ersatz zu sehn. Drum, die größte Qual auf Erden Ist nicht die, verschmäht zu werden, Sondern selber zu verschmähn. Lisardo . Wer verschmähte Liebe nährt Und wer selbst verschmäht, zu tragen Haben beide gleiche Plagen, Weil der Himmel sie beschert; Nicht, weil Eifersucht verzehrt. Ein Beglückter schafft sein Leiden, Den er ewig muß beneiden; Drum sind bittrer seine Wehn, Denn wie Mensch und Himmel stehn, Stehet er zu jenen beiden. Livia . Ward der Lieb' erblichner Schimmer Nicht, wenn Eifersucht erwacht, Oft von neuem angefacht? Aber durch die Trennung nimmer; Tod der Liebe heißt sie immer. Drum ist größer ihre Not; Denn, von Eifersucht bedroht, Wird die Lieb' erst recht lebendig, Trennung tötet sie beständig: Jen' ist Leben, diese Tod. Federigo . Er, der liebet trotz dem Meiden, Sie, die meidet trotz dem Lieben, Er, von Eifersucht getrieben, Sie, die weint um bittres Scheiden, Alle mildern ihre Leiden, Wenn die Hoffnung sie beseelt, Die so gern auf Aendrung zählt. Drum ist klar genug bewiesen, Größre Marter quäle diesen, Der sich ohne Hoffnung quält. Flerida . Wer auch ohne Hoffnung liebt, Kann zum mindsten Kunde geben, Daß er nicht hofft; und dies eben Ist es, was ihm Lindrung gibt. Wer dem Schweigen sich ergibt Und, von Liebesqual zernaget, Nicht einmal zu reden waget, Leidet in viel höherm Grad, Weil er weder Hoffnung hat, Noch, daß er sie nicht hat, saget. Laura . Wer da liebt mit Gegenliebe, Lebt von ew'ger Furcht gedrückt; Denn bald wähnt er sich beglückt, Droht auch Unglück seiner Liebe, Wähnet bald, daß seinem Triebe Der verdiente Lohn entgeht, Und verschmäht, was er ersteht. Drum, wer Liebe hat gefunden, Fühlet des Verschmähten Wunden Und den Zorn des, der verschmäht. Ob er Eifersucht empfand? Wer nicht sah's? Durch ihre Tücke Wird er selbst, im höchsten Glücke, Seines Argwohns Gegenstand. Wenn ein Augenblick ihn bannt Von der Liebsten fern – sein Wähnen Wird ihn zum Jahrhundert dehnen. Drum, wer glücklich scheint zu sein, Fühlt des Eifersücht'gen Pein, Des Getrennten banges Sehnen. Ob er sei an Hoffnung leer, Sagt das Glück, das ihn betroffen: Denn was kann er weiter hoffen, Bleibt ihm nichts zu hoffen mehr? Auch das Schweigen drückt ihn schwer, Denn des Glückes Ueberfluß Drängt ihn zu der Red' Erguß; Drum, wer Gegenlieb' empfangen, Fühlt des Hoffenden Erbangen Und des Schweigenden Verdruß. Sagen, daß er glücklich liebe, Weil ihm Liebe ward zum Lohn, Ist ein Wahn; denn immer drohn Unglückswolken seiner Liebe. Drum, wer liebt mit Gegenliebe, Fühlt, was der Verschmähte klagt, Was den selbst Verschmähnden nagt, Was den Bangen, Hoffnungsleeren, Den Getrennten, Argwohnschweren, Redenden und Stummen plagt. (Die Damen stehen auf.) Flerida . Nur Sophistereien, Laura, Bringst du vor, wodurch sich zeigen Will dein Scharfsinn; aber nicht Klare, gründliche Beweise. Laura . Wahrlich, übel könnt' er das; Denn, geliebt zu werden, bleibet Stets der Liebe Ziel. (Sie läßt ihren Handschuh fallen.) Flerida .                             Dein Handschuh! (Federigo hebt ihn auf und vertauscht ihn mit einem ähnlichen.) Federigo . Ich heb' ihn Euch auf. Ernesto .                                     Verweilet! Lisardo . Ich hab' ihn zu nehmen. Federigo .                                     Hätt' ich Nehmen ihn gewollt, so mein' ich, Daß ich's wußte zu vollführen. Doch nicht will ich das; beleid'gen Kann's deshalb Euch nicht, Lisardo. Und da dies mein schneller Eilen Kein Verdienst ist, sondern Glück: Seht, wie ich ihn überreiche. (Er gibt Laura'n den Handschuh.) Nehmt ihn, Fräulein; denn gewiß Glaub' ich, das, weshalb ich eilte, Hab' ich hiedurch schon vollführt, Euch bedienend, nicht beleid'gend. Lisardo . Der Verwirrung, Federigo, Macht Ihr mich geschickter Weise Frei. Flerida .     Mich, weder er noch Ihr. Kühnheit ist es sondergleichen, Hier, in meiner Gegenwart, Das Geringste nur, was einer Meiner Damen ist entfallen, Was man für ein Siegeszeichen Könnte halten, aufzuheben. Und bedankt Euch, daß ich weiter Diesmal meinen Zorn nicht äußre, Als durch Worte. – Helft, ihr Heil'gen! (Beiseite.) Denn ich bin die erste Frau, Die getötet wird durch Schweigen. (Ab mit Flora und Livia.) Ernesto (zu Laura, die der Herzogin folgen will) . Ganz erzürnt geht Ihre Hoheit, Wahrlich grundlos sich ereifernd. Geh nicht in ihr Zimmer, Laura, Sondern gehn wir in die eignen; Denn, bei ihrer Sinnesart Wunderbaren Ungleichheiten, Sollst du, da ich, als des Landes Gouverneur, im Schloß hier meine Wohnung hab', ihr mehr nicht dienen, Als die Höflichkeit erheischet. Laura . Gänzlich werd' ich dir gehorchen. – (Beiseite.) Viel verrät mir dieser Eifer Fleridas; die Liebe wolle, Daß mein Argwohn falsch erscheine! (Ernesto und Laura gehen ab; die andern wollen sie begleiten.) Ernesto (sich umwendend) . Meine Herren, wohin geht ihr? Federigo . Alle gehn wir, Euch geleitend. Ernesto . Nein, ihr dürft nicht weiter gehn; Und vor allen hier zu bleiben Habt Ihr , Neffe. (ab.) Lisardo .                     Mir wird's schwer, Jetzt Gehorsam Euch zu leisten. Enrico . Mir sehr leicht; als Sonnenblume Menschlicher Gestalt, dem Scheine Meines Lichtes muß ich folgen. – (Zu Federigo.) Freund, bald bin ich Euch zur Seite. (ab.) Lisardo . Bis mir, Laura, deine Strahlen Schwinden, kann ich deinem Kreise Nicht entfliehn, denn der Magnet Meines Ichs sind deine Reize. (ab.) Federigo . O wie freut es mich, nun endlich Mit mir selbst allein zu bleiben, Daß ich ruhig diesen Brief Lesen kann! (Er zieht den von Laura erhaltenen Brief hervor.) Fabio .                   Verlier' ich meinen Menschlichen Verstand nicht hier, Nun gewiß, so hab' ich keinen. Federigo . Was bestaunst du? Fabio .                                     Was? Dein Phlegma; Weil du gestern dieses Schreiben Schon empfingst und doch bis jetzt, Ohn' es zu eröffnen, weiltest. Federigo . Weißt du, welch ein Brief dies ist? Fabio . Sei er, wer er will, abstreiten Wirst du nicht, daß du schon gestern Ihn empfangen. Federigo .                 Diese Weile, Eben jetzt empfing ich ihn. Fabio . Das mag, wer da kann, begreifen. Da seit Tagesanbruch niemand Mit dir sprach, hat ohne Zweifel Ihn der Wind dir überbracht. Federigo . Nicht der Wind, vielmehr das heiße Feuer, das mich brennt und naget. Fabio . Wie? Das Feuer? Federigo .                         Ja. Fabio .                                   Nun weiß ich, Es ist wahr. Federigo .           Was? Fabio .                           Daß du toll bist Und, als ein gespenst'ger Freier, Eine Dame Kobold dir Hast gemacht in deinem Geiste, Die du in Gedanken liebest. Und so will ich nur um eine Gunst dich bitten. Federigo .                     Welche Gunst? Fabio . Da die Dame nur in deiner Einbildung ihr Leben hat Und nicht mehr des Geists und Leibes, Als du selbst ihr wolltest geben: Laß doch jedes ihrer Schreiben Voll von Lieb' und Süße kommen; Denn recht thöricht müßt' es heißen, Kannst du dir Begünst'gung schaffen, Schafftest, Herr, du dir Verweigern. Federigo . Pack' dich fort! Fabio .                                 Ist denn so wichtig Dieser Brief? Federigo .               Nein; denn es scheinet, Daß sogar die Hand verstellt ist. Aber fort! Fabio .               Mir ist, als sei ich Schildknapp' in der Vorhöll' itzt, Ohne Lust und ohne Leiden. Federigo (lesend) .     »Gebieter meiner Seele,     Das Unglück naht sich mir mit raschem Gange.     Mein Vater fordert, daß ich mich vermähle;     Mit fürchterlichem Zwange     Wird das Geschäft betrieben     Und der Vertrag schon morgen unterschrieben.« Ich Unglücklicher! Weh mir! Welch ein kurzer Zeitraum bleibet Mir zu leben noch bis morgen! Fabio! Fabio .         Was? Federigo .             Ich muß verscheiden! Fabio . Uebel thätest du, wofern du's Meiden könntest; denn mir scheint es Gar kein Ding von guter Miene. Federigo . Kann ich's meiden, kann ich's meiden, Wenn dies Blatt mein Todesurteil In sich hält? Fabio .                 Ei nun, du schreibest Dir ein andres, mildres Urteil Gleich darunter, da in deiner Hand die Sach' ist. Federigo .                       Ohne Leben, Ohne Seele les' ich weiter: (er liest)     »Und so, obwohl mit Zagen,     Daß unsers Bunds Geheimnis sich entdecke     Durch diesen kühnen Schritt, will ich es wagen,     Euch diese Nacht zu sprechen. Zu dem Zwecke     Bleibt Euch des Gartens Gitter aufgelassen;     Denn eh, als Euch, will ich das Leben lassen.     Für solche Gunst will ich von Eurer Milde     Nichts, als das Gegenstück zu jenem Bilde.« O ich glücklichster der Menschen! Fabio! Fabio! Fabio .                     Nun, wie bleibt es? Stirbst du etwa jetzt? Federigo .                           Jetzt leb' ich. Fabio . Sieh nun, riet ich nicht zum Heile? Herrlich ist ein Liebeshandel Mit sich selber. Federigo .                 Rühmlich-eitel, Stolzen Sinns und sel'gen Mutes Sprech' ich diese Nacht die einz'ge Schönheit, die mein Herz verehret. – Du des Himmels goldner Streiter, Der, belagernd seine Feste, Endlos sein Gefild umkreiset, Kürze heut die Arbeit ab Deines Tagwerks, da du weißest, Wie dein Licht uns heut verletzet! Und ihr, schöne Himmelszeichen, Die ihr Einfluß habt auf Liebe, Auf! von seinem Thron vertreibt ihn! Eilt, des Himmels Republiken Zur Empörung aufzureizen; Denn eur Recht will Phöbus euch, Eure Freiheit euch entreißen! (ab.) Fabio . Er ist toll wie alle Tollen; Aber doch begreif' ich's leichter, Ihn so toll zu sehn, als mich So gar dumm, so unvergleichlich Albern, daß ich . . . Flora tritt auf. Flora .                             Fabio! Fabio .                                       Fräulein, Was befehlt Ihr? Flora .                         Ohne Weilen Mir zu folgen. Fabio .                     Sagt mir, gilt es Ein Duell? Dann will ich eilig Vier, fünf gute Freunde rufen. Flora . Folget mir. Fabio .                   Euch folgen? Ei denn Sagt, weshalb. Seid Ihr die Dame, Die zur Eifersucht mich reizet, Und ich der Galan, der Quartos Spart, wenn Ihr ihn folgen heißet? Flora . Ihre Hoheit will Euch sprechen; Sie beschäftigt sich mit Schreiben Und befahl mir, Euch zu rufen. Fabio . Ihre Hoheit, mich? Du heil'ger Himmel! Sollte sie es wagen, Offen mir ihr Herz zu zeigen? Flerida tritt auf, einen Brief in der Hand. Flerida . Flora, riefst du Fabio'n her? Flora . Ja, er ist schon hier im Garten. Flerida . Du indes magst draußen warten. (Flora geht ab.) So seid Ihr bei mir nunmehr. Fabio . Herrin, ja, und gänzlich Euer. Sagt, wodurch ich Eur Verlangen Stillen kann; sprecht ohne Bangen: Ich bin willig und nicht teuer. Wahrlich, mich zu haben, schafft Euch gar wenig Müh' und Plagen. Flerida . Ihr sollt, Fabio, jetzt mir sagen, Was, in meiner Würde Kraft, Ich zu wissen darf begehren; Denn ihr ist es von Gewicht, Einen Argwohn, der mir nicht Ganz enthüllt ist, aufzuklären. Fabio . Nichts als Sprechen fordert Ihr? Daran soll es nicht gebrechen; Denn ich sterb' aus Lust, zu sprechen, Mehr, als Ihr aus Neubegier. Flerida . Nehmt indessen diese Kette. (Sie gibt ihm eine goldne Kette.) Fabio . Herzlich gern, wenn Ihr es wollt; Sie ist Euer, sie ist Gold, Folglich trefflich gut, ich wette. Wut, zu sprechen, reißt mich hin; Fraget nur. Flerida .             Wer ist die Dame, Die Eur Herr liebt? Wie ihr Name? Fabio . Armer Sprecher, der ich bin! Denn, was Ihr zu wissen strebet, Ist von allen Dingen just Ganz allein mir nicht bewußt. Flerida . Da Ihr immer ihn umgebet, Könnt Ihr diese Kunde missen? Kann das sein? (O harte Qual!) Fabio . Weiß er's selber nicht einmal, Sagt, wie soll denn ich es wissen? Flerida . Daß er's so verborgen hätte, Ist unmöglich. Fabio .                     Nun, wenn Ihr Das wißt, so erzählt es mir, Und hier habt Ihr Eure Kette. Glaubt mir, Herrin, keinen macht er Zum Vertrauten seiner Pein, Und er weint mit sich allein, Und mit sich allein auch lacht er. Wenn er einen Brief empfing, Sehn wir nicht, wer ihn gebracht; Wenn er einen fertig macht, Sehn wir nicht, wohin er ging. Heut erst scheint es mir, ich löse Von dem Rätsel etwas mehr; Einen Brief las er vorher (Den vermutlich ihm der Böse Zugesteckt) und rief alsbald: Heute wird, bei nächt'gen Schatten, Mir die Göttlichste gestatten, Sie zu sprechen! Flerida .                     Dergestalt Sprechen sich heut nacht die beiden? Fabio . Wenn nicht Amor Tücke nährt Und das Sprechen ihnen wehrt. Flerida . Und ist's möglich (welches Leiden!), Daß du Straße nicht und Haus Dieser Dame kennst? (O Pein!) Fabio . Ja, am Hofe muß sie sein. Flerida . Woraus schließest du's? Fabio .                                           Daraus, Daß er leidet, ohne Wank, Daß er froh ist, ohn' Empfangen, Daß er glühet, ohn' Verlangen, Daß er liebet, ohne Dank, Und tagtäglich, unverdrossen, Stöße von Papier beschreibt; Denn allein am Hofe treibt Man so witz'ge Narrenpossen. Flerida . Gebt nun acht auf meine Rede: Keine Mühe müßt Ihr sparen, Um die Dame zu erfahren, Die er liebt; bemerket jede Handlung, seine Thaten alle; Und so oft Ihr etwas spürt, Was auf neue Schlüsse führt, Auch im allerkleinsten Falle, Kommt zu mir, versäumt das nie; Denn von heut an Euch vergönnen Will ich, stets mir nahn zu können. Fabio . Einen maître des plaisirs Nennt man, glaub' ich, was die Gnade Eurer Durchlaucht aus mir macht. Flerida . Und dies nehmet wohl in acht: Wenn ein Vorteil oder Schade Euch entsteht, er kommt von mir; Vorteil, wenn Ihr Dienste leistet, Schade, wenn Ihr Euch erdreistet, Daß von diesen Dingen Ihr Irgend jemand Kund' erteilet. Fabio . Sehn und schweigen werd' ich, ja; Wenn der schweigen kann, der sah. Flerida . Geht mit Gott! Fabio .                           Mit Gott verweilet! (ab.) Flerida . Wie tyrannisch ist dein Schalten, Wahnsinn meiner Leidenschaft, Daß du freier Willenskraft Kannst ihr Recht so vorenthalten! Legt der Furcht mißtrauend Walten Alle meine Kraft in Bann? Auf, mein alter Mut, heran! Sei ich wieder selbst mein eigen!     Doch weh mir! nicht Eifersucht kann ich verschweigen;     Gnug, wenn ich Liebe verschweigen nur kann. Diese Nacht (was zu beschließen?), Diese Nacht (Tod nagt am Herzen!), Soll sie mir in solchen Schmerzen, Jenen im Genuß verfließen? Nimmer! Mögen sie genießen, Wann ich's nicht weiß; aber wann Ich es weiß, litt' ich es dann – Welche Thorheit müßt' ich zeigen!     Doch weh mir! nicht Eifersucht kann ich verschweigen;     Gnug, wenn ich Liebe verschweigen nur kann. Dieser Brief – zu andern Zwecken Schrieb ich ihn – er soll mir nun . . . . Ha, er kommt! Was kann ich thun, Meine Qual ihm zu verstecken? Federigo tritt auf mit Briefschaften und Schreibgerät. Federigo . Dir gefall's, zu unterschreiben, Große Fürstin, diese Briefe. Flerida (beiseite) . Größe, Mut und Geistestiefe, Mir zur Hilfe müßt ihr bleiben! (Laut.) Legt nur Eure Briefe hin, Federigo; so geschwinde Eilt das nicht; denn ich befinde Nöt'ger jetzt (mein armer Sinn!), Daß Ihr mir in andern Sachen Dient auf wichtigere Weise. Federigo . Und wie? Flerida .                     Eine kurze Reise Habt Ihr diese Nacht zu machen. Federigo . Diese Nacht? Flerida .                         Ja; diesen Brief Geb' ich Euch . . . Federigo (beiseite) .       O hartes Dringen. Flerida . Um ihn schnell zu überbringen. Federigo . Wohl ist Euch bewußt, wie tief Das Verlangen, jederzeit Euerm Dienste ganz zu leben, Eingepflanzt nur ist; doch eben Jetzt wird eine Kränklichkeit Mich entschuld'gen, darf ich glauben, Wenn ich wag', Euch anzuflehn, Daß . . . Flerida .         Nichts kann ich zugestehn; Wenig Zeit wird dies Euch rauben. Morgen kommt Ihr wieder an. Und dies merkt Euch: meiner Ehre Wichtig ist, was ich begehre. Kein Entschuld'gen gilt; wohlan, Nehmt den Brief, macht alles richtig; Auf der Stelle müßt Ihr fort. Und noch einmal hört dies Wort: Es ist meiner Würde wichtig, Daß Ihr selbst ihn unverweilet Abgebt; auf dem Briefe steht, An wen und wohin er geht. Bringt mir Antwort; und nun eilet. (ab.) Federigo . Diese Nacht, so wonniglich Mir erträumt an Laura's Seite, Hat in ihrer ganzen Weite Nun nicht einen Stern für mich. Was zu thun? Nicht übermannen Darf die Liebe meine Pflicht. Fabio tritt auf. Fabio . Herr, wird's Abend denn noch nicht? Federigo . Führe Satan dich von dannen! Geh sogleich (o wie so peinlich!), Fabio (tödliche Beschwerde!), Und bestelle mir zwei Pferde. Fabio . Einen andern Brief wahrscheinlich Brachten Feuer oder Wind? Federigo . Wohl ein Brief kam! Fabio .                                         Schreib ihn um, Und du wirst, ich wette drum, Froh sein wie ein Weihnachtskind. Nur noch einmal ihn beschaut, Und sogleich wird's besser stehen. Federigo . Selbst die Aufschrift anzusehen, Hab' ich mir noch nicht getraut. Fabio . Lies; vielleicht schon widerspricht sie Dem, was sie vorhin genannt. Federigo . Wohin werd' ich denn gesandt? (Liest.) »An den Herzog Mantuas« spricht sie. Neuer Unfall, der mir naht! Sicher hat der Fürstin Spähen Ihn erkannt, und zu verstehen Gibt sie, daß die Art Verrat, Ihn bei mir versteckt zu halten, Ihr enthüllt sei; es ist richtig! Ihrer Ehre sei es wichtig, Sprach sie drum so ungehalten. Aus Gefahren in Gefahr Stürzest du, bethörter Sinn! Fabio . Bessert sich's? Federigo .                     Je mehr ich hin Sehe, wird's mir minder klar. Fabio . Sind es Ziffern? Federigo .                       Welche Plagen! Fabio . So, wie jener neuerlich Schrieb mit Zahlen? Federigo .                         Was weiß ich? Fabio . Weißt du' s nicht, so laß dir's sagen: Ein Glashändler und Galan Einer Frau in Tremecen Hatte, mußt du wohl verstehn, Einen Freund in Tetuan. Nun gib acht: die Dame bat Ihn einmal, ihr einen Affen Durch den guten Freund zu schaffen; Und wie, wer was Liebes hat, Pflegt der Herrscherin Befehle Zu vollstrecken mit Begier, Fordert' er drei oder vier, Daß sie sich den besten wähle; Doch mit Zahlen schrieb er das, Schlecht genug; das » oder « sah Aus wie eine Null beinah; Und der Tetuaner las: Freund, Ihr müßt zu sichern Händen Für Personen, welche mir Teuer sind, dreihundert vier Affen schnell mir übersenden. Dieser Freund war sehr verlegen; Doch der Glaser noch weit mehr, Als zu ihm, um seinen sehr Engen Beutel auszufegen, Sich dreihundert Affen drängten, Unermeßlich lärmend, sausend, Die ihm mit dreihunderttausend Aefferei'n den Kopf zersprengten. – Geht's so dir, so nimm dermalen Vor den Nullen dich in acht; Denn ein Aff' in Lettern macht Hundert Affen aus in Zahlen. Federigo . Mir gibt sie den Brief; wie sehr Trifft es mich! Verdiente Strenge! Fabio . Geht's nicht an, der Affen Menge Zu verringern? Federigo .               Wer, o wer Sah von solchen Teufelsplagen Sich bedrängt? Was fang' ich an? Enrico tritt auf. Enrico . Nun, was habt Ihr, Freund? Federigo .                                         Ich kann Diesen Zweifel nicht ertragen. Hört mich insgeheim. (Sie treten beiseite.) Fabio .                                 Die Schmach Leid' ich nicht; vor mir sich wahren? Nein, von keinem Gast erfahren Hab' ich je, der leiser sprach. Federigo . Was zu thun? Enrico .                           Nach Hause gehn Wollen wir; hier laßt uns schweigen. Dieser Brief wird dann uns zeigen, Was nun weiter muß geschehn. Zeigt sie, daß sie mich erkannt, So wird dies die Antwort sein, Daß ich mich entdeck'; allein, Bleibt (was möglich ist) mein Stand Und mein Hiersein ihr verborgen, So erwähl' ich andres mir: Diesen Abend schreib' ich ihr, Und Ihr bringt die Antwort morgen. Federigo . Ihr habt recht; und mag sie zeigen Oder nicht, daß sie's erfuhr; Wird für den Moment auch nur Dieser Vorteil mir zu eigen, Daß der Reis' ich werd' entledigt: So wird alle meine Qualen Dieses eine mir bezahlen, Und die Pflicht bleibt unbeschädigt. Denn ist Euch ja zugedacht Dieser Brief, so hielt ich Wort, Wenn ich, sei's an welchem Ort, Ihn in Eure Hand gebracht. Enrico . Aus dem Briefe wird erhellen, Was ihr Plan nun eben sei. Laßt uns gehen. Fabio .                       Bleibt's dabei, Herr, die Pferde zu bestellen? Federigo . Fabio, ja; denn ob ich bliebe, Ist, zum Scheine, dies Verfügen Dennoch nötig. Fabio .                       Welch Vergnügen Gibt es? Federigo .     Sagen wird's die Liebe. Fabio . Jetzt so froh? Federigo .                   Was gibt's zu gaffen? Fabio . Nichts; ich weiß ja, was es war. Federigo . Was? Fabio .                 Die Ziffer ist dir klar, Und es braucht nicht so viel Affen. (Alle ab.)     Zimmer im herzoglichen Palast. Abend. Laura tritt auf. Laura . Wie so träge schleicht der Tag Einer Hoffnung! Ganz vergessen Hat, so wie es scheint, die Nacht, Daß auch ihr gebührt, zu herrschen; Denn so langsam ziehn die Schatten Düstre Vögel, stumm und träge, Schlagend ihre nächt'gen Flügel, Spannend ihre dunkeln Federn! Federigo, möchte doch Schon die Stunde mir sich nähern, Wo ich könnt' an deiner Seite Lindern, trösten meine Schmerzen! Und, o Flerida! was wollten Sagen alle die Gebärden, Womit du den Zorn verheimlichst, Womit du die Gunst verstellest? In ihr Zimmer gehen will ich, Eh' ich in den Garten gehe, Meines widerwärt'gen Schicksals Ganze Qual voraus mir nehmend; Denn auf diese Weis' erlang' ich Zweierlei: daß sie nicht selber Komm' und nach mir frag', und dann, Daß die Sehnsucht im Gespräche Sich vielleicht zerstreue; denn Manchmal, wenn man sich beschäftigt, Scheinen uns die Stunden kürzer, Wenn sie auch nicht kürzer werden. Flerida tritt auf und Flora mit Lichtern. Flerida . Laura, sprich, wodurch verdienet Meine Liebe solch Entfernen, Daß du heut nicht zu mir kamest? Laura . Wohl weiß ich die Gunst zu schätzen, Herrin, daß du mich vermißtest; Doch ein unbedeutend Kränkeln Hielt mich fern, und bin ich gleich Doch nicht ganz davon genesen, Wollt' ich nicht, eh ich die Hand Dir geküßt, mich niederlegen. Und so komm' ich nur, zu fragen, Wie du dich befindest, Herrin. Flerida . Mich betrübt's, daß Unwohlsein Der Entfernung Grund gewesen; Und mich freut's, daß du gekommen, Wenn auch spät, mich noch zu sehen; Denn du bist mir, liebe Laura, Nötig diese Nacht; deswegen Richte so dich, daß du bleiben Kannst bei mir. Laura .                     Herrin, erwäge . . . Flerida . Was erwägen? Hat die Freundschaft Das nicht tausendmal gewähret? Mag es einmal nun die Pflicht Mir gewähren; denn entdecken Kann ich dir nur ein Geheimnis. Laura (beiseite) . Wer war jemals so verlegen? Wenn ich's weigre, so gerat' ich In Verdacht. O Himmel, rette! Sonst verlier' ich jetzt . . . Flerida .                                     Was sagst du? Laura . Daß ich dir zu Diensten stehe; Ich bin gänzlich dein. Flerida (zu Flora) .             Verlaß uns. (Flora geht ab.) Laura, merk' auf meine Rede: Nachricht hab' ich, daß ein Mann (Wie nur soll ich's dir erzählen?) Einen Brief von einer Dame Heut empfing, daß sie ihn sprechen Will in dieser Nacht. Laura (beiseite) .               Was hör' ich? Flerida . Und wenn ich den Mann auch kenne, Kenn' ich doch die Dame nicht. Laura (beiseite) . Ich wohl. Flerida .                             Wissen muß ich, welche Meiner Fraun benutzt die Gitter, Die auf die Terrasse gehen, Um so zu entweihn des Anstands Unverbrüchliche Gesetze. Laura . Du hast recht; denn, wahrlich, dies Ist ein unerhört Erfrechen. Flerida . Es geziemt nicht meiner Würde, Selbst hinab mich zu begeben. Drum vertrau' ich, schöne Laura, Dir mich an; denn du bist's eben, Welche meine Phantasie, Um je mehr sie sinnt und denket, Nimmer wagt, nur durch den Schatten Eines Zweifels zu verletzen. Laura . Was ist dein Befehl? Flerida .                                 Du sollst Diese Nacht, als meiner Ehre Aufmerksame Schildwach, mehrmals In den Garten dich begeben Und, wer dir in seinem Umkreis Mag begegnen, wohl bemerken. Und nicht glaube, meine Laura, Dies sei bloß des Anstands wegen; Denn erfahren will ich, wer Federigo'n (unklug nennet Meine Zunge seinen Namen; Doch was thut es?) Gunst gewähret. Dieses, Mühmchen, ist mein Auftrag. Laura . Du brauchst nicht mir's einzuschärfen; Denn ich will, dir zu Gefallen Und ganz deinem Dienst ergeben, Nicht nur ein- und tausendmal, Wie du willst, zum Garten gehen, Sondern, bis es tagt, mit Freuden Dort verweilen, weil ich sehe, Daß es dir zum Dienst geschieht. (Sie nimmt das Licht und will gehen.) Flerida . Dir vertrau' ich Wohl und Ehre, Meine Muhme, meine Freundin; Sinnreich bist du und verständig. Und so handle, meine Laura, Ganz nach eigenem Ermessen; Und gewiß, wie du die Sache Nimmst, so werd' auch ich sie nehmen. (Beide ab.)     Ein Teil des Gartens mit einer Gitterthür. Es ist Nacht. Laura tritt auf. Laura . Hilf mir, Himmel! Wie viel Dinge Hab' ich jetzt zu überlegen, So verworren und das eine Mit dem andern so verkettet, Daß ich nicht weiß, wo beginnen, Um mir alles klar zu denken. Doch was quäl' ich mich? Es wird Wohl das beste sein, ich stelle Alles dies der Zeit anheim; Und um alles zu durchspähen, Ist das beste Mittel auch, Daß ich schweife, bis ich sprechen Kann davon mit Federigo; Denn durch Stimme, durch Gebärde, Muß er mir notwendig zeigen, Ob er treu ist, ob Verräter. – O du schöner, holder Garten, Dessen grünes Reich zu nennen Ist des Maien Vaterland, Weil es nur den Mai erkennet Als den König seiner Monde, Als den Schutzgott seines Lenzes! Die freiwillig sonst sich nahte Deinen anmutreichen Plätzen, Um die Liebe zu erneuern Deiner Blumen, deiner Quellen: Deinen Quellen, deinen Blumen Naht sie jetzt aus Zwang, befehligt, Voll von Kummer, voll Verlangen, Die zu sehn, die so verrätrisch Nährt den Wurm der Eifersucht, Der mir tödlich nagt am Herzen. (Geräusch am Gitter.) Schon vernehm' ich dort das Zeichen. Wider Willen zögert, bebet Mir das Herz; allein weshalb? Kann doch niemand auf der Erde Sichrer seinen Rücken haben, Da mir Eifersucht ihn decket. Wer da? Federigo erscheint außerhalb des Gitters. Federigo .       Frage nicht, o schöne Laura, wenn du nicht begehrest, Daß ich meine Zuversicht Gegen Mißtraun soll verwechseln. Wer denn könnt' es sein, als ich? Laura . Nicht dich wundern, noch beschweren Darfst du, wenn ich dich verkannte; Denn du selber bist von jenem, Den ich dachte, sehr verschieden. Federigo . Doch weswegen? Sprich! Laura .                                               Deswegen: Unsre Fürstin, Federigo, Sandte mich an diese Stelle, Um zu sehn, wer dich gerufen; Woraus klar genug erhellet, Daß du sprichst von meiner Gunst, Und auch, daß es jene schmerzet. Federigo . Mag der Himmel, meine Laura (Meine, sagt' ich; nicht entgegne, Daß mit Lügen ich beginne, Wenn ich denke, wahr zu reden), Mag der Himmel mich vernichten, Mag ein Blitzstrahl mich zerschmettern, Wenn aus meiner Brust der kleinste Hauch entfloh, der fähig wäre, Mein Geheimnis zu entweihen. Was kann mehr dich widerlegen, Als dies, daß sie dir vertrauet? Ohnehin, wie kann sie sprechen, Daß du hier seist meinethalb, Da sie glaubt, ich sei abwesend? Doch zu lang ist der Bericht. Laura . Kannst du auch von der Beschwerde Dich befreien, wirst du's können In Betracht des heft'gen Strebens, Das sie fühlet, Federigo, Jene, die dich liebt, zu kennen? Federigo . Wenn sie auch, was ich bezweifle, Wirklich dieses Streben hätte Ihrer selbst, nicht meinetwillen: Glänzte, Laura, nicht noch heller Dann die Glorie des Sieges, Den ich willig dir gewährte? Denn nicht sagen kann, er siege, Wer da siegt ohn' einen Gegner. – Meine Klage tilgst du nicht; Denn ihr gibt um so viel bessern Grund Lisardo, als die Wahrheit Stets dem Schein ist überlegen. Also du vermählst dich, Laura? Laura . Ich nicht; doch, mich zu vermählen, Nötigt leider mich mein Unglück. Federigo . Alles kann die Liebe bänd'gen. Laura . Das ist wahr; allein auch dies: Alles macht die Liebe beben. Federigo . Aber warum schriebst du mir, Laura, daß du selbst dein Leben Eher lassen würdst, als mich? Warum wolltst du mein Gemälde? Warum schenktest du mir deines? Laura . Damals, Federigo, quälte Mich kein Hindernis, wie jetzt. Federigo . Du ergreifest sichre Wege Zur Entschuldigung. Ach! Laura, Steht schon dein Entschluß im Herzen: Warum willst du jetzt an mich Zeit und Worte noch verschwenden? Dieses ist mein Bild; ein Zeuge     (er gibt ihr das Bild in einer Kapsel) Meiner Eifersucht zu werden, Kommt es zu dir. Was beschaust du? Nur die Einfassung gleicht jenem Andern Bilde, welches du Einst mir sandtest, als mit Lächeln Noch das Glück auf mich herabsah, Daß es ihm, wenn nicht an Werte, Doch zum mindsten durch die Zier Seines Aeußern ähnlich werde. Nimm's, und nur dies eine bitt' ich: Hüte, wenn du dich vermählest, Dich vor ihm; denn auch gemalt Duldet's nicht, daß du es schmähest. Laura . Federigo, ich . . . doch still! Leute hör' ich auf dem Wege. Federigo . Ha, was gilt's, du wolltest sagen Etwas, das mir tröstlich wäre, Weil man kommt, um es zu hindern? Laura . Daß ich dein bin, dein auf ewig, Wollt' ich sagen, und ich sag' es. Federigo . Nun mag, wer da will, sich nähern! – Doch, schon um die Ecke kommt man. Laura . Lebe wohl! Das Gitter sperren Muß ich jetzt, um mich zu sichern. Federigo, zu bedenken Geb' ich dir nur noch dies eine: Viele sind, die auf uns merken. Federigo . Was bedarf es mehr, als alle Sie zu täuschen? Laura .                         Doch wie eben? Federigo . Eine Ziffer geb' ich morgen Schriftlich dir, worin du reden Kannst mit mir allein vor allen, So, daß keiner schöpft noch heget Irgend einen Argwohn, sind auch Noch so viele gegenwärtig. Laura . Nun, fürwahr, ein laut Geheimnis Wäre, deucht mir, das zu nennen. Federigo . Sorg', allein zu sein beim Oeffnen Jenes Briefs, den ich dir gebe. Laura . Ich will's thun. Gott schütze dich! Federigo . Mög' er deine Tage mehren! Laura . Liebe, was muß ich dir opfern! Federigo . Laura, was mußt du vergelten! Zweiter Aufzug. Garten. Enrico , Federigo und Fabio treten aus, die beiden letztern in Reisekleidern. Enrico (einen Brief in der Hand haltend) . Da der Brief der Herzogin, Federigo, keinen andern Zweck zu haben scheint, als höflich Antwort mir auf den zu sagen, Welchen sie von mir empfing; Und da sie durch Euch ihn sandte, Nur um Ansehn ihm zu geben, Weil sie es für recht geachtet, Da ich herkam, den sie hält Für des Herzogs Anverwandten, Euch dagegen hinzusenden, Um die Gleichheit zu erhalten: So befürcht' ich nicht, sie wisse Wer ich bin; deshalb nun acht' ich Für den weisesten Entschluß Dies, daß Ihr, die Täuschung machend, Als ob Ihr von Mantua kämet, Diesen meinen Brief ihr dargebt. Meine Hand und Unterschrift Wird, daß Ihr in Mantua waret, Ihr noch mehr bekräft'gen. Federigo .                                   Wohl Geb' ich Euern Gründen allen Beifall; und muß gleich das Schreiben Jeden Zweifel niederschlagen, Daß die Herzogin Euch kenne, Dennoch, weil sie doch verlangte Mich aus Parma zu entfernen In der Nacht, da eine Dame Meiner harrt', um mich zu sprechen, Und weil eben die mir sagte, Ihre Hoheit hab' erkundet, Daß ich deren Gunst erhalten, Was, aus Hochachtung für diese, Ich mit Schmerzen hab' erfahren: So, Enrico, kann ich nicht Ganz des Kummers mich entschlagen. Enrico . Dieses zu besprechen, bleibt Für bequemre Zeit. Empfanget Hier den Brief; den ersten Zweifel Laßt uns zu beseit'gen trachten; Für den zweiten, Federigo, Wird hernach die Zeit nicht mangeln. Nehmt und lebet wohl. (Er gibt ihm den Brief.) Federigo .                             Ihr kehrt Doch zurück zu dem Palaste? Enrico . Ist er meiner Seele Heimat, Mittelpunkt und Sphäre, wahrlich, So durchlebt sie jede Stunde, Fern von ihm durchlebt, mit Zwange. (ab.) Fabio . Muß ein Ehrenmann das dulden! Federigo . Was denn, Fabio, gibt's zu klagen? Fabio . Ueber nichts beklag' ich mich; Doch, Herr, laß uns Rechnung machen Von der Zeit, da ich dir diente. Gäbst du mehr auch, als im ganzen Jahre, mir für jede Stunde, Dient' ich dir, Gott soll mich strafen! Keine Stunde mehr. Federigo .                         Warum? Fabio . Weil mein armer Kopf schon lange Seekrank ist vom Ueberlegen; Und nicht aller Menschen Habe Kann bezahlen einen Diener, Der da überlegt, zumalen So verschieden Stoff, als du gibst. Federigo . Wie denn das? Fabio .                               Ich will's dir sagen: »Fabio, ich muß sterben! Fabio, Sieh, mit diesem letzten Tage Fliehet meiner Hoffnung Leben.« Nun, so will ich Anstalt machen Zum Begräbnis. »Bleibe; nun Sterb' ich nicht, denn diese schwarze Nacht ist heller Tag für mich.« Ei, das freut mich außer Maßen. »Fabio!« Herr? »Gleich auf der Stelle Muß ich fort; geh hin und schaffe Mir zwei Pferde.« Sie sind da. »Nein, ich bleibe; doch, laß satteln; Setz' dich auf.« Da sitz' ich schon. Wie weit geht's? Ein Stündchen grade. »Nun nach Hause!« Nun nach Hause. Das ist alles? »Das ist alles; Geh nun, ohne mir zu folgen.« Und noch viel so tolle Sachen, Widersprüche, Heimlichkeiten, Daß der Teufel dich errate. Kurz, ich will nun keinen Herrn, Der, als Nichtpapst, gleich dem Papste Reservierte Fälle hat. Federigo . Schweige, denn die Fürstin nahet. Und noch einmal sag' ich dir: Keine Seele darf erfahren, Keine, daß ich diese Nacht Nicht aus Parma fortgegangen. (ab.) Fabio . Das versteht sich. – Wie's mich jückt, Dies der Herzogin zu sagen! Aus drei Gründen: Nummer eins, Um die Zunge mir zu laben; Zwei, um mich an dir zu rächen; Drei, um ihr den Hof zu machen. (ab.) Flerida und Laura treten auf. Flerida . Also, Laura, niemand kam In den stillen Raum des Gartens Diese Nacht hinab? Laura .                             Wie vielmal Willst du, daß ich dies dir sage? Flerida . Nur dies eine noch. Laura .                                   So höre, Daß in seinen holden Schatten Ich verweilte, bis Aurora, Meine Folgsamkeit belachend, Dieses Lächeln löst' in Weinen Und, statt Blumen, Perlen sandte; Doch kein Mensch kam in den Park, Dergestalt, daß im Verdachte, Wenn nicht etwa mich, o Herrin, Du sonst niemand könntest haben. Flerida . Dennoch, Laura; denn vielleicht . . . Laura . Wie? Flerida .         Vielleicht erfuhr die Dame, Daß ein dringendes Geschäft Federigo'n fern gehalten, Und deswegen kam sie nicht. Doch die Lust zum mindsten hab' ich, Daß ich ihnen dies verwehrt, Diese Nacht zu sehn einander Und zu sprechen. Laura .                         Ganz gewiß. – (Beiseite.) Wenn du wüßtest, wie du arme Kupplerin der Eifersucht Selber sie zusammenbrachtest! Federigo und Fabio treten auf. Federigo . Reiche, Herrin, deine Hand Mir zum Kuß. Flerida .                 Mit so gewalt'ger Eile kamt Ihr, Federigo? Federigo . Rasch beflügelt ist des Mannes Eifer, der verlangend dienet. Fabio . Freilich; und ein Stündchen grade Ist's nach Mantua nur. Federigo (zornig) .               Was sagst du? Fabio . Nur ein Dutzend, wollt' ich sagen. Flerida . Bringt Ihr Briefe mit? Federigo .                                 Wie dürft' ich Ohne die zu kommen wagen? Fabio (beiseite) . Mit so edler Dreistigkeit Sah ich nie noch Lügen machen. Federigo (der Herzogin einen Brief überreichend) . Hier, o Herrin, ist das Schreiben. Flerida (die Aufschrift betrachtend, beiseite) . Seine Hand; gelungne Rache! Fabio (leise zu Federigo) . Von wem ist der Brief? Federigo .                               Vom Herzog. Fabio . Willst du so auch mich beschwatzen? Flerida . Und wie ging es Euch? Federigo .                                   So gut, Herrin (da es das Verlangen Meines Herzens ist, nur immer Ganz nach Eurem Wunsch zu handeln), Daß ich schwöre, mir ist nie noch Eine Nacht so froh vergangen. Flerida . Wohl, ich glaub' es Euch. – (Beiseite.) Wie sehr Er sich zu verstellen trachtet, Er vermag's nicht. Laura (beiseite) .           Seine Miene Setzt den Doppelsinn ins Klare. Flerida (liest den Brief) . »Für die Ehr' und Gunst, die Eure Hoheit Enrico'n gestattet, Und mir dadurch, daß Eur eigner Sekretär die Antwort brachte, Fühl' ich mich so sehr verpflichtet, Daß ich's für unmöglich halte, Je von dieser Doppelschuld Meine Seele frei zu machen; Um so mehr, da sich die Seele In den Fesseln fühlt befangen Einer Sklaverei . . .« Genug! Das betrifft schon etwas andres. Sehr zufrieden, Federigo, Bin ich mit dem angewandten Großen Eifer. Federigo .               Und ich stolz, Daß mein Eifer dir gefallen. Flerida . Müde müßt Ihr sein; drum geht, Ruht Euch aus und bringt die Sachen Mir hernach zum Unterschreiben. Federigo . Erst will ich, wenn du's gestattest, Dieses Briefs an Fräulein Laura Mich vor deinem Aug' entladen; Denn wer nicht berühren darf Die geringste ihrer Sachen, Darf nicht, wenn es dich beleidigt, Ihn zu überreichen wagen. Flerida . Von wem ist der Brief? Federigo .                                     Ich weiß nicht. Zu sich rief mich eine Dame Im Gemach der Fürstin-Mutter, Eine Freundin oder Base, Denk' ich wohl. (Er gibt Laura'n einen Brief.) Fabio (beiseite) .         Wenn ich ihn höre, Glaub' ich mich zum Tier verwandelt. Laura . Ha, ich kenne schon die Hand; Celia ist es, die ihn sandte, Und ich geh', um ihn zu lesen, Herrin, wenn du es gestattest. – (Beiseite.) Sterben werd' ich noch vor Furcht, Bis ich ihrem Blick entgangen. Federigo (leise zu Laura) . Oeffn' ihn schnell. Laura (leise) .               Das will ich thun. (ab.) Flerida . Ich entlass' Euch. Federigo .                         Deiner Jahre Menge mag die Sonne zählen! (ab.) Flerida . O wie wohl hat's mir gefallen, Daß ich ferner Lieb' entrissen Die Gelegenheit! Zwar wachet Noch der Zweifel, doch es wird sich Auch die Vorsicht wachsam halten, Um noch manchmal ihn zu stören. Fabio (im Hintergrunde) . Sind, wie dieses, auch die andern, Nun, so sei gewiß, die schönste Sorgfalt angewandt zu haben. Flerida (sieht sich um) . Fabio? Fabio .        Dich zu sprechen, weilt' ich Hier, bis er hinweg gegangen, Gleich als ob ich mich vergnügte, Diese Bilder zu betrachten. Flerida . Sag' mir, ob er unterweges Viel um diese Trennung klagte. Fabio . Welche Trennung? Flerida .                             Vor'ge Nacht. Fabio . Also ist es dein Gedanke, Herrin, daß er sich entfernt? Flerida . Und wie wär' es möglich anders, Da er mir die Antwort, nicht nur Mit des Herzogs eigner Handschrift Unterzeichnet, sondern gänzlich Von ihm selbst geschrieben, brachte? Fabio . Was weiß ich? Wir ritten fort; Doch kein Stündchen war vergangen, Und wir kehrten um. Flerida .                             Was sagst du? Fabio . Eine Wahrheit, offenbarer, Als je eine war. Er schickte Mich zu Hause, mit dem alten Ewigen Befehl, ich solle Mich allda verschlossen halten; Und er ging zu seinem Schätzchen. Flerida . Ganz unmöglich ist es aber. Fabio . Nun, so ging zu ihm sein Schätzchen. Flerida . Hör' und sage mir das andre. Fabio . Morgens früh kam er zurück, Und sein frohes Ansehn sagte, Daß man ihn gar sehr begünstigt. Flerida . Nein, du lügst, verwegner Sklave! Fabio . Log' ich, wär's mein eigner Nachteil. Flerida . Aber wen, statt seiner, sandt' er? Fabio . Niemand. Flerida .               Wie denn bringt er Briefe? Fabio . Ist denn das so schwer zu machen? Wer sich einen Kobold hält, Um Billette fortzutragen, Kann auch ohne Zweifel Briefe Sich von ihm bestellen lassen. Ganz unfehlbar ist ein Hausgeist Hier im Spiel; in der Annahme Lüg' ich nicht. Flerida .                   Ich muß durchaus Denken, daß du lügst. Fabio .                                 Nun, wahrlich, So beschwör' ich's denn bei Gott, Daß es wahr ist, was ich sage: Er war nicht verreist, hat diese Ganze Nacht bei seiner Dame Zugebracht. Flerida .               Schweig nur und gehe! Laura kommt; ich muß erfahren, Um von diesen Zweifeln mich Zu befrein, die mich umfangen, Welchen Brief er ihr gebracht. Fabio (beiseite) . Helf' ihr Gott, der guten Dame! Was für Kummer doch die Neugier, Für wen Federigo schmachte, Ihr erschafft! Er thut, bei Gott! Uebel, nicht sie zu erraten; Machte sie es so mit mir, Wüßt' ich's wohl mit ihr zu machen. (ab.) Laura tritt auf. Laura (beiseite) . Seine Ziffer hab' ich; nun Will ich mich der Fürstin nahen, Daß nicht über mein Entfernen Ein Verdacht in ihr erwache. Flerida . Laura, nun, was schreibt dir Celia? Laura . Tausend abgeschmackte Sachen. Dieses, Herrin, ist der Brief, Wenn du ihn zu sehn verlangest. – (Beiseite.) Ich will ihr den Einschluß geben, Der zur Deckung dient des andern; Hab' ich doch die Ziffer nun! Flerida . Nein, ich will den Brief nicht haben, Laura; ich will nichts, als dir Meinen Kummer offenbaren. Gestern sagt' ich dir, ich wisse Ganz gewiß, daß eine Dame Federigo'n schrieb, sie wolle In der Nacht mit ihm zusammen Kommen und ihn sprechen. Laura .                                         Ja. Flerida . Daß zuerst mich das Nichtachten Meiner Würde, Neugier dann, Drauf Hartnäckigkeit entflammte, So, daß ich, um seine Schöne Zu erfahren, ihn versandte, Dir den Garten gab zu hüten. Wisse nun, daß ein Kundschafter, Der stets um ihn ist, mir meldet, Federigo hab' (o Marter!) Sich von Parma nicht entfernt, Sondern sei bei seiner Dame Diese ganze Nacht geblieben. Laura . Welch ein unverschämt Betragen! Und er nennt die Dame? Flerida .                                   Nein. Laura . Dann ist nicht zu traun dem allen; Denn falls er mit jenem Briefe Dich auch hätte hintergangen, Weshalb sollt' er nur mit diesem Mich wohl hintergangen haben? Flerida . Bist du ganz gewiß, dies Schreiben Kommt von deiner Base? Laura .                                       Wahrlich. Flerida . Nun, so muß er nach den Briefen Jemand sonst gesendet haben, Was wohl der Spion nicht wußte. Laura . Sicher ist es so. Flerida .                         Ein andrer Zweifel bleibt mir noch: du warst Doch im Garten, und am Gatter Zeigte keine Dame sich. Folglich, da, nach jenes Mannes Angab', er bei seiner Schönen Blieb bis zum Beginn des Tages, Ist die Liebschaft nicht im Schlosse. Laura . Zweifle nicht daran; auch hat er Eher wohl sie in der Stadt. Flerida . Nun, so will ich denn auf alle Weise forschen, bis ich weiß, Wer sie sein mag, diese Dame. Laura . Doch was liegt dir dran, o Herrin? Flerida . Stelle dich nur nicht so albern; Denn da es so weit gekommen, Daß ich dir und mir verraten, Was ich fühle: liegt nun daran Etwas, daß er's nicht erfahren? Denn so mächtig ist mein Stolz Und mein Ehrgeiz so gewaltig, Daß er keinen Schimpf erträgt, Auch nicht einen unerkannten. (ab.) Laura . Nötig ist es, Federigo'n Kunde zu verleihn von aller Dieser eifersücht'gen Neugier. Aber, wehe mir! auf andre Weise kann es nicht geschehn, Als wenn ich zugleich ihm sage, Wie sehr Flerida auf ihn Eifersüchtig ist; doch handelt Man nicht klug, dem treusten Freunde Fremde Gunst zu offenbaren. Denn auch der Bescheidenste Wird, geliebt, so aufgeblasen, Daß er das Geschenk der Gunst Gleich als eine Schuld betrachtet. Doch daran liegt nicht so viel, Himmel! als daß er erfahre, Welche Späher ihn umgeben, Welch Verderben ihn umlagert. Um ihm das zu melden, will ich Noch einmal die Ziffer ansehn, Die er mir geschickt; denn besser Muß ich sie noch inne haben.     (Sie steckt den Brief ein und zieht einen andern hervor, den sie liest.) »Immer, wenn du mir, Geliebte, Wünschest etwas kund zu machen, Gib zuerst mit deinem Schnupftuch Mir ein Zeichen, daß ich achten Soll auf alles, was du sagst. Und von welchem Gegenstande Du nun redest, sei das erste Wort in jedem neuen Satze Nur für mich, die andern Worte Für die andern, solchermaßen, Daß ich schnell, die Anfangsworte Zu verbinden, sei im stande, Um, was du gesagt, zu wissen. Und so sei es auch verstanden, Wenn ich dir das Zeichen gebe.« Leicht und schlau ist diese Sprache; Doch die Schwierigkeit besteht Darin, wohl sie aufzufassen Und die Worte so zu stellen, Daß sie passend sind für alle. Noch einmal, um nicht zu fehlen! (Sie fährt leise fort zu lesen.) Lisardo tritt auf. Lisardo (für sich) . Dort ist Laura so vergraben, So vertieft in einem Briefe, Daß, obwohl es freilich wahr ist, Nimmer dürfe der Verdacht Niedrer Eifersucht sich nahen Solcher heil'gen Achtung, dennoch Nahen sich die abgeschmackte Neugier muß, bloß um zu sehn, Was so sehr sie unterhalte. Könnt' ich lesen doch den Brief, Ohne daß sie mich gewahrte! (Er nähert sich leise.) Laura (sich umsehend) . Wer ist hier? Lisardo .               Ich, Laura. Laura (sucht den Brief zu verbergen) . Weh mir! Lisardo . Welches Schrecken? Welches Bangen? Laura . Gar kein Bangen, gar kein Schrecken. Lisardo . Sagt's doch die verstörte Farbe! Zeigt's doch der zerknüllte Brief! Laura . Ein verständ'ger Urteil fasse Von der Farb' und von dem Briefe, Und du wirst gar bald gewahren, Daß dies Folgen, nicht des Schreckens, Sondern der Beleid'gung waren, Die du meiner Würde zufügst Durch dein argwöhnisch Betragen. Du, verrätrisch, du, verstohlen Mir genaht? Die Welt erfahre, Daß das Mittel, mich zu rein'gen, Sei, die Klage zu verlangen. Lisardo . Keinen Argwohn hab' ich, Laura; Und um ganz zu offenbaren, Welch Vertrauen meine Liebe Hegt zu deinen edeln Gaben, Soll, nicht fürchtend dein Verhehlen, Meine Zunge jetzt dich fragen, Was dies für ein Brief ist? Laura (zerreißt den Brief und wirft die Stücke von sich) . Dieses Ist ein Brief, schon fortgetragen Von dem Wind in kleinen Stücken; Denn auf solche Thorenfrage, Die der Wind erzeugte, muß Auch der Wind die Antwort haben. Lisardo . Nun, so hol' ich sie beim Winde, Da du ihm sie übertragen. (Er schickt sich an, die Stücke zu sammeln.) Laura . Nimmer! Zwar du könntest sie Sammeln, lesen, meinethalben; Doch mein guter Ruf verlangt, Niedern Argwohn zu bestrafen, Den du mir zu äußern herkamst. Lisardo . Meiner auch. Laura .                         Der Wind entrafft sie; Und mein Gatte bist du nicht, Daß du solches dürftest wagen. Lisardo . Doch dein Vetter, dein Verlobter Bin ich, wenn auch nicht dein Gatte; Und vereinen diese Stücke Will ich der zerrißnen Schlange, Die in ihren schwarzen Lettern Alles Höllengift bewahret. Laura (setzt den Fuß auf die Stücke) . Nimmer wirst du's thun; denn dieses, Was du grimme Schlange nanntest, Ist schon Natter meiner Ferse. Lisardo . Bisse sie mich auch im Grase, Fangen muß ich sie. Laura .                             Umsonst! Lisardo (sucht sie wegzuziehen) . Fort hier, Laura! Laura .                       Fort, Verhaßter! Ernesto tritt von der einen Seite auf, Flerida von der andern; bald hernach Federigo und Fabio . Ernesto . Wie, Lisardo, welch ein Lärm? Flerida . Laura, welch Geschrei vernahm ich? Lisardo . Es ist nichts. Laura .                         Vielmehr sehr viel. – (Beiseite.) Liebe, jetzt komm, mir zu raten. Lisardo (beiseite) . Eifersucht, jetzt gib mir Mut! Ernesto (zu Lisardo) . Du, vermessen? Flerida (zu Laura) .                               Du, auffahrend? Ernesto . Mit der Muhme? Flerida .                             Mit dem Bräut'gam? Ernesto . Welch ein sonderbar Betragen! Flerida . Welchen Streit gab's unter euch? Lisardo . Keinen, so viel mir bekannt ist. Laura . Wohl gab's den und großen. Hast du, Herrin, nicht mich im vergangnen Augenblick, mit einem Briefe Celias in der Hand, verlassen? Flerida . Ja. Laura .       Ist dieses wahr, so fleh' ich Dich, als Richterin, zu strafen Die Erkühnung des, der meine Würde zu beleid'gen trachtet. (Sie zieht das Schnupftuch.) Und daß du die Ursach wissest, Herrin, so vernimm und achte. Auch mein Vater mag's vernehmen, Und die mit dir kamen, alle; Denn es liegt mir dran, daß keiner Uebrig sei, der's nicht erfahre, Wenn nun das ein laut Geheimnis Wird, was meine Brust bewahret. Federigo . Fabio, was ist nur geschehn? Fabio . Ich weiß nichts von allem. – (Beiseite.) Mag es Nur nicht sein von wegen dessen, Was ich Flerida'n verraten; Uebrigens sei's, was es will. Federigo (beiseite) . Merken will ich, was sie saget, Denn sie zog das Tuch; die ersten Worte füg' ich wohl zusammen. Ernesto . Weiter, Laura; was verteilst du? Flerida . Laura, sprich doch; ohne Bangen! Laura . Flerida, – in deren Gaben Hat – der Himmel sich verklärt, Kunde, – wie mein Herz dich ehrt, Schon – vorlängst mußt du sie haben. Flerida . Deine Liebe ward mir Lohn; Doch wohin wirst du verschlagen? Federigo (beiseite) . Ha! die Anfangsworte sagen: »Flerida hat Kunde schon.« Laura . Daß – ich suchte Trost bei dir, Du – verzeihst es meinen Schmerzen; Gänzlich – lebt dein Bild im Herzen, Hier geblieben – ist es, hier. Ernesto . Sprich getrost; die Furcht vertrieben! Wozu Thränen? Fahre fort. Federigo (beiseite) . Deutlich hört' ich dieses Wort: »Daß du gänzlich hier geblieben.« Laura . Und gesprochen – hast du so Mit – der Braut? Lisardo, wisse, Der – so spricht, sucht Hindernisse; Lieben – kann man nicht so roh. Lisardo . Du warst selber Schuld; getrieben Hast du mich zu solchem Thun. Flerida . Schweigt, Lisardo! – Rede nun. Federigo (beiseite) . »Und gesprochen mit der Lieben.« Laura . Eifersucht, – die so entbrennet, Ist nun – nimmer zu verzeihn. Ihr – sollt alle Richter sein; Lohn – für solchen Schimpf erkennet! Lisardo . Briefe las sie, mir zum Hohn, Die sie, als ich kam, zerriß. Ernesto . Daran that sie recht, gewiß. Federigo (beiseite) . »Eifersucht ist nun ihr Lohn.« Laura . Nenne, – wenn du willst, dich hier Meinen – Mörder; doch, des Gatten Namen – sollt' ich dir gestatten? Nimmer – hoffe das von mir! Ernesto . Wie entschuldigt Ihr nur immer Solch Vergehn? Lisardo .                     Ich weiß nicht, wie . . . Ernesto . Ei, so schweigt! Federigo (beiseite) .           Jetzt sagte sie: »Nenne meinen Namen nimmer.« Laura . Wisse, – der mußt du entsagen, Der dein – Wahn solch Unrecht thut. Diener – deiner rohen Wut, Scheint – dir zärtlich solch Betragen? Lisardo . Glaub', es war nicht schlimm gemeint; Eifersucht mag mich entschuld'gen. Ernesto . Sträflich ist es, ihr zu huld'gen. Federigo (beiseite) . »Wisse, der dein Diener scheint . . .« Laura . Ist – denn Eifersucht, o sprich! Dein – Ergrimmen, Reiz zur Liebe? Fürchterlichster – aller Triebe, Feind – der Ruh, wie hass' ich dich! Harre – nicht, es ist vergebens; Mein – wird nie, wer mich verletzte! Bei – dem Schwur strahlt mir der letzte Sternenschimmer – meines Lebens. (ab.) Ernesto . Du hast recht, vergib ihm nimmer; Ich bin ganz mit dir vereint. (ab.) Federigo (beiseite) . »Ist dein fürchterlichster Feind; Harre mein bei Sternenschimmer.« Flerida . Ihr, Lisardo, habt nicht fein Gegen Laura Euch betragen; Dennoch will ich ihrer Klagen Ursach Euch für jetzt verzeihn: Denn es war mit Euch vorhin Beider Eifersucht im Streit, Weil Ihr eifersüchtig seid, Und ich, weil ich nicht es bin. (ab.) Fabio (beiseite) . Gott sei Dank, daß Flerida Mich beim Fortgehn hat vergessen; Denn nun bin ich wegen dessen, Was ich schwatzte, sicher ja. Lisardo . Hilf mir, Himmel! Ist denn das Solch ein unerhört Verbrechen – Federigo, Ihr mögt sprechen –, Wenn ich wissen wollte, was Der verdächt'ge Brief enthalte, Daß sich deshalb so ergrimmt Laura zeiget, so verstimmt Flerida, so wild der Alte? Sagt, begreift Ihr dieses Wesen? War denn wohl ein Anlaß da, Solchen Lärm zu machen? Federigo .                                   Ja; Mir ist alles klar gewesen. Lauras tugendhaften Sinn Hat Eur Argwohn tief getroffen. Lisardo . Ach, mein thöricht eitles Hoffen, Wie so kläglich stirbst du hin! (ab.) Federigo . Ach, auch meines geht zu Grabe! Fabio (beiseite) . Sicher glaub' ich mich zu finden. Federigo . Was sie sprach, will ich verbinden, Wenn ich's nur behalten habe. Deshalb nun, damit ich trüge Meinen Stern und bei mir denke, Daß sie selbst mir Antwort schenke, Frag' ich die geliebten Züge. (Er zieht Lauras Bild hervor.) Süßes, reizendes Gesicht, Sprich, was sagte mir dein Mund? Fabio (beiseite) . Wie? Ein Bild? Nun ist's mir kund! Das gibt einen Hauptbericht. Federigo (Lauras Worte wiederholend) . »Flerida hat Kunde schon, Daß du gänzlich hier geblieben Und gesprochen mit der Lieben; Eifersucht ist nun ihr Lohn. Nenne meinen Namen nimmer; Wisse, der dein Diener scheint, Ist dein fürchterlichster Feind; Harre mein bei Sternenschimmer.« – (Zu Fabio.) Ha, bei Gott! nun weiß ich, wer Mich betrogen hat, Verräter. Du erzähltest, Missethäter, Daß ich hier blieb. Fabio .                             Bester Herr, Was ergreift dich diese Stunde Für ein Zorn? Warum so heiß Gehst du auf mich ein? Federigo .                             Ich weiß, Schuft, warum. Fabio .                       Auf welchem Grunde Ruht dein Zorn? Kamst du mit mir Nicht hieher vergnügter Seele? Welchen Kläger meiner Fehle, Welchen Zeugen fandst du hier? Niemand sprachst du; wer denn hat Das dir können offenbaren? Federigo . Hier erst, Schurk', hab' ich erfahren Deinen schändlichen Verrat, Daß ich gestern hier geblieben, Daß ich meine Dame sah. Fabio . Hier hast du's erfahren? Federigo .                                   Ja. Fabio . Herr, bedenke! Federigo .                     Nicht verschieben Will ich fühlbaren Beweis. Fabio . Wer denn hat's dir hier entdeckt? Federigo . Sieh nur zu, wem du's gesteckt; Der wird's sein, von dem ich's weiß. Fabio . Ich, Herr? Keinem! – (Beiseite.) Mir entreißen Soll der Tod die Wahrheit nicht. Federigo (den Dolch ziehend) . Nun, so tötet, Bösewicht, Dich mein Arm. Enrico tritt auf. Enrico .                     Was soll das heißen? Federigo (Fabio anfallend) . Einen Niederträcht'gen töten. Fabio . Herr, halt ein! Enrico (Federigo zurückhaltend) . Denkt, im Palast Seid Ihr. Federigo .       Ha, dies Eisen laßt Mit des Frevlers Blut mich röten. Enrico (zu Fabio) . Flieh! Fabio .                             Das thu' ich ohne Zaudern, Schaffst du mir nur freie Bahn; Denn ich hab's schon oft gethan. – (Beiseite.) Nun, die Durchlaucht kann gut plaudern. (ab.) Enrico . Wie so gänzlich in Verwirrung Seid Ihr? Welchen Anlaß hat Dieser Zorn? Federigo .             Verräterthat Riß mich hin zu der Verirrung. Wißt, die Herzogin erfuhr, Daß ich hier geblieben sei. Enrico . Aber sagt, von wem? Federigo .                               Wir zwei Und der Diener wußten's nur. Enrico . Sie hat's Euch gesagt? Federigo .                                 Sie nicht; Weis' und klug in allen Werken, Läßt sie nichts davon sich merken. Enrico . So erfand wohl den Bericht, Wer's Euch sagte. Federigo .                     Nein; denn ihr Ist am meisten dran gelegen. Enrico . Täuschung war vielleicht zugegen. Federigo . Ganz unmöglich; drum ist mir Gar kein Ausweg in Gedanken, Als daß ich in dieser Sache Eine Not zur Tugend mache Und die Wahrheit, ohne Schranken, Ihr bekenne. Enrico .               Zwar dabei Würd' ich mich am schlimmsten stehen; Doch, um sicher Euch zu sehen, Gäb' ich ihn Euch gerne frei, Wenn ich glauben könnt', es liege Gutes Glück auf dieser Bahn. Federigo . Doch, in meiner Not, sagt an, Was denn thätet Ihr? Enrico .                             Ich schwiege, Bis ich sähe, was sie machte; Dies bestimmte meine Pflicht. Denn sie weiß es, oder nicht; Weiß sie es, und mit Bedachte Schweigt sie von der Sache still: Wär' es dann nicht ein Verfahren Gegen Euch, ihr's offenbaren, Wenn sie es nicht wissen will? Weiß sie's aber nicht, so richtet Gegen beide sich Eur Thun; Denn durch Euch erfährt sie nun, Was kein andrer ihr berichtet. Deshalb scheint's mir voll Gewicht, Euern Diener umzustimmen; Schwieg er: daß er, aus Ergrimmen, Jetzt nicht schwatze; schwieg er nicht: Daß er nicht zur Herzogin Noch einmal mit Klagen gehe Und sie sich genötigt sehe Zur Erklärung. Federigo .               Zwar ich bin Nicht für das, was Ihr erwählt; Dennoch will ich so verfahren, Um die Ausflucht mir zu sparen, Daß nicht meine Wahl gefehlt. Fabio such' ich jetzt, und dann Will ich mit der Fürstin sprechen, Nicht entschuld'gend mein Verbrechen, Fängt sie selbst nicht davon an. (ab.) Enrico . Alle Zweifel seines Bangens Erb' ich jetzo; denn obwohl Er sich selbst von mir entfernte, Läßt er mir sein Bangen doch. Flerida zu sehen, kam ich, Denkend damals (weh mir! so Täuscht' ich mich!), daß nie mein Streben Hoffen würd' auf größern Lohn. Nun, von einem Tag zum andern, Weil' ich hier all ihrem Hof, Mich verstellend, auf Gefahr, Zu beleid'gen ihren Stolz; Denn notwendig gibt's hier manchen, Der mich kennen muß, und so Macht mein thörichtes Verfahren Die Ergebenheit zum Hohn. Aber nahm ich, meine Rolle Durchzuführen, nur mir vor: Warum wart' ich? Warum säum' ich, Zu vollziehn, was ich gewollt? Flerida tritt auf. Flerida (für sich) . Ziehst du nochmals, blind herrschsücht'ge Leidenschaft mich an den Ort, Wo . . . (Sie erblickt Enrico'n.)               Was macht Ihr hier, Enrico? Enrico . Herrin, bei dem Blumenchor, Bei den Quellen hier, zu welchen Ihr jetzt als Aurora kommt, Klag' ich Amor an. Flerida .                         Weshalb? Enrico . Weil ich, da ich Euch zuvor, Schönste Gottheit dieses Lenzes, Sah mit tödlichem Erfolg Strahlen schießen gleich der Sonne, Pfeile gleich dem Liebesgott, Zu ihm sagte: O verschwende Heute nicht so manch Geschoß! Denn gnügt einer dieser Strahlen, Einer dieser Pfeile schon: Wozu dann so viele Pfeile, So viel Sonne, strenger Gott? Flerida . Aeußerst seltsam ist, Enrico, Dies Gespräch, und doppelt wohl; Erstlich, weil Ihr solches sprachet, Zweitens, weil's ertrug mein Ohr. Geht hinweg; denn, hat der Herzog Euch gesandt an meinen Hof, War's nicht, daß Ihr ihm und mir Sprächet, als Verräter, Hohn. Enrico . Herrin, nicht an Euch, noch ihm Ward ich zum Verräter noch; Denn der Herzog selber fühlet Alles, was ich sagte, dort. Flerida . Daß man sich vermählt durch Vollmacht, Das zwar sah die Welt schon oft; Nie, daß man durch Vollmacht liebelt. Und gesetzt denn auch, dies Wort Sei für Euern Herrn gesprochen: Sagt' ich Euch nicht lange schon, Daß, wenn ich von ihm nicht rede, Ihr von ihm nicht reden sollt? Enrico . Herrin, ja; allein es ward Die Bedingung wirkungslos, Daß ich immer schweigen solle; Denn Ihr sagt mir ja kein Wort. Flerida . Nun, Enrico, soll ich einmal Reden, sag' ich denn sofort, Daß der Fürst mit Federrudern Hoffet einen Feuerstrom, Mit Wachsfittichen die Sonne Zu durchpflügen, ganz umsonst. Und entfernt Euch jetzt, Enrico, Wenn, mit ausgesprochnerm Zorn, Nicht mein Unwill' Euerm Herzog Und Euch selbst antworten soll. Enrico . Ich gehorch' Euch, größre Strafe Fürchtend, wenn es größre noch Geben kann, als die, zu meiden Euern Reiz. Tod ist mein Los! (ab.) Flerida . Diese Kühnheit gibt zum Denken Stoff genug. Nur einmal doch Laß, o Liebe, meine Seele Nur auf eine Weile los, Daß ich sinnen mag . . . Doch wer Kommt hieher? Fabio tritt auf. Fabio .                       's ist Fabio, Sehr geschwätz'ge Herzogin, Der, aus vielen guten Gründen Höchst erbost, Euch muß verkünden, Wie's ihn ärgert, daß vorhin Er dem Plaudern sich ergeben; Ist dies gleich kein höflich Thun, Da auch Eure Durchlaucht nun Sich mit Plaudern abgegeben. Flerida . Aber, sprich, was hast du vor? Fabio . Was denn, Herrin, möcht' ich fragen, Hattest du vor? Flerida .                   Solch Betragen, Wer begreift es? Fabio .                         Was ich Thor Dir von meinem Herrn erzählte, Hätt's verfaulen wohl gemußt, Herrin, wenn es deine Brust Eine Stunde nur verhehlte? Flerida . Aber wem hab' ich's verkündet? Fabio . Keinem, wenn nicht ihm; denn fort Warst du kaum, so drang er dort So von Zorn und Wut entzündet Auf mich ein, daß, ungezaudert, Wenn man ihn nicht hielt, mein Leben Wär' entflohn. Flerida .                 Weshalb? Fabio .                                     Nun eben, Weil die Durchlaucht gerne plaudert. Flerida . Wenn ich nun, seit jener Stunde Ihn nicht sprach: wie geht es zu, Daß ich's sagte? Fabio .                       Wenn nicht du, Gab der Teufel ihm die Kunde; Das ist klar, wie Schein des Lichts. Und fürwahr, was Neues wüßt' ich Eben, doch mich hassen müßt' ich . . . Flerida . Sprich, was ist es? Fabio .                                   Ich weiß nichts. Flerida . War's ein Brief? Ums Himmels willen! Fabio . Ich weiß nichts. Flerida .                         Sprich, wohin ging er? Fabio . Ich weiß nichts. Flerida .                         Vielleicht empfing er Jemand bei sich, der im stillen Mit ihm redte? Fabio .                       Ich weiß nichts. Flerida . Mir zu dienen, seh' ich ein, Reut dich schon; frei willst du sein Vom Geschäfte des Berichts Und nun lieber deinem Herrn Dienen, als wie mir. Fabio .                               Nein, da Steckt es nicht. Flerida .                   Wo denn? Fabio .                                       Nun ja, Eure Durchlaucht plaudert gern; Und erfährt er was – entseelen Wird er mich. Flerida .                 Mir deucht, bis jetzt Hat er dich noch nicht verletzt. Fabio . Nein; doch laß dir was erzählen. Ein Galan war emsiglich Im Gespräch mit einer Dame; Dies ward eine lobesame Laus gewahr und sprach bei sich: Jetzo wird er sich nicht kratzen; Und so kann ich wohl einmal Schmausen ohne Furcht und Qual. Der Galan, schier bis zum Platzen Schon gemartert, holt im Fluge, Ganz verstohlen, nach der Laus Mit gespitzten Fingern aus, Und ihm glückt's, aus diesem Zuge Sie gefangen zu bekommen. Als die Dame sich gewandt, Sieht sie ihres Freundes Hand Wie wenn er Tabak genommen; Und mit ernsthafter Manier Fragt sie ihn, damit sonst keine Merken sollten, was sie meine: Starb schon jener Kavalier? Und er, ohne zu erröten, Stets die Hand so haltend, spricht: »Dame, nein, noch starb er nicht; Doch er ist in großen Nöten.« – Nimm auch du die Antwort hin, Die ich, schon gepackt, dir gebe; Denn was hilft's, daß ich noch lebe, Wenn ich so in Nöten bin Und nun leider muß verschweigen, Weil dir Wort und Schwur nichts gilt, Daß ich sah, er führt ein Bild Bei sich, das dir könnte zeigen, Wer die große Schönheit ist, Die in Fesseln ihn geschlagen; Denn sie selbst, am besten sagen Wird sie's, wenn du weißt durch List Sie zu sehn. Von all den Dingen Gäb' ich, Herrin, dir Bericht, Scheut' ich deine Zunge nicht; Doch nie wirst du's dahin bringen, Daß ich von dergleichen wasche; Denn zum Glück besinn' ich mich, Daß er Herr ist, Schwätzer ich Und die Durchlaucht Plaudertasche. (ab.) Flerida . Wie? Ein Bildnis führt er bei sich? Hilf mir, Scharfsinn, hilf mir, List, Um ein Mittel auszufinden, Das, mit Anstand und Geschick, Ihn, es mir zu zeigen, nöt'ge! Doch das muß an einem nicht So besuchten Ort geschehen. Federigo tritt auf. Federigo (beiseite) . Ja, am besten ist's, daß ich Nicht von dieser Sache rede, Wenn sie selbst nicht davon spricht. – (Laut.) Wollte deine Hoheit, Herrin, Da zu diesem Zweck du mich Rufen ließest, jene Schriften Unterzeichnen? Flerida .                     Ja; doch schickt Sich zu solcherlei Geschäften Dieser offne Garten nicht; Um so mehr, da schon die Sonne Niedersteigt zu dem Saphir, Der beim Werden ihre Wiege Und ihr Grab beim Sterben ist. Geht sogleich nur auf mein Zimmer, Und eh Ihr hineingeht, wißt, Daß Ihr diese Nacht gar vieles Noch zu schreiben habt für mich. Wartet Euer jene Dame, Welcher Ihr so eifrig dient, Könnt Ihr nur ihr sagen lassen, Warten möge sie heut nicht: Denn zwar eine kürzre Reise Ist Euch diese Nacht bestimmt, Aber die Entfernung sichrer. Federigo (beiseite) . Was vernehm' ich? Himmel! Laura tritt auf. Laura (beiseite) .                                                   Hier Flerida und Federigo? Wohl denn! Nimmt sie immer mir Die Gelegenheiten, nehm' ich Sie ihr auch. – (Laut.) Vermutlich ließ Eure Hoheit mit dem holden Mai sich ein in Kompanie, Zu Geschäften, bloß auf Vorteil Ohne Schaden? Flerida .                     Wie denn dies? Laura . Weil du fast den ganzen Tag Nicht aus diesem Garten gingst, Gebend Purpurglanz der Rose, Weiße gebend dem Jasmin. Flerida . Eben wollt' ich mich entfernen; Laura, laß uns gehn; und Ihr Kommt hernach mit Euern Schriften, Und wenn Ihr sie holt, bedient Euch des Wegs, um zu bestellen, Was ich Euch gesagt vorhin. Federigo . Ich bin nicht so hoch begünstigt, Als Ihr glauben mögt von mir; (er zieht das Schnupftuch) Und ich denke, die Bestellung Kann ich hier sogleich vollziehn, Denn . . . Laura (beiseite) . Er gab das Zeichen; Achtung Will ich geben, was er spricht. Federigo . Wisse, – mich beglückt zu sehen, Herrin, – darauf hoff' ich nicht; Meines – Geistes Nahrung, meines Lebens – Speis' ist Kümmernis. Laura (beiseite) . »Wisse, Herrin meines Lebens,« Also sprach sein Mund zu mir. Federigo . Diese – Brust zernagt die Liebe, Wilde – Marter tobt in ihr; Feindin – wird mir selbst die Hoffnung, Hier – wohnt nie ein Glück für mich. Laura (beiseite) . Was er eben sagte, war: »Diese wilde Feindin hier . . .« Federigo . Wehrt mir – doch die Angst der Seele Heute – jeden freien Blick! Dich zu – täuschen, wäre Frevel; Sprechen – kann ich dennoch nicht. Laura (beiseite) . »Wehrt mir, heute dich zu sprechen.« Flerida . Und weshalb denn sagt Ihr dies? Federigo . In den – Tod mich treibst du, dieser Garten – wird zum Grabe mir, Gehst du – so erzürnt, o Herrin, Nicht – mit milderm Blick, von hier. Flerida . Gut, schon gut. Laura (beiseite) .           Im ganzen sagt' er, Wenn ich alles recht behielt: »Wisse, Herrin meines Lebens, Diese wilde Feindin hier Wehrt mir, heute dich zu sprechen; In den Garten gehst du nicht.« Flerida . Laura, komm: Ihr, Federigo, Folgt mir, ohne zu verziehn. Federigo (beiseite) . Gibt's unseligere Liebe? Flerida (beiseite) . Gibt es schimpflicheren Trieb? (ab.) Laura (beiseite) . Gibt's erklärtre Eifersucht? (ab.) Fabio tritt auf. Fabio (für sich) . Gibt's ein Mittel, zu entfliehn, Ohne meinen Herrn zu treffen? Wie gesagt, da hab' ich ihn! Federigo . Fabio! Fabio .                 Schlage nicht mit Vorsatz Auf mich los. Federigo .             Warum denn fliehst Du vor mir? – (Beiseite.) So muß ich wirklich Diesem Schurken meinen Grimm Jetzt verbergen? Fabio .                       Weil der art'ge Teufel, der ins Ohr dir spricht, Nun vielleicht schon wieder andre Dinge dir gesagt von mir, Die so falsch sind als die ersten. Federigo . Nein, ich habe volles Licht Jetzt erlangt und weiß, du warst Mir getreu. Fabio .               Das war ich dir, Und gewiß so sehr als mancher Jener guten Stadt Madrid. Federigo . Um dich zu versöhnen, geb' ich Dir ein Kleid. Fabio .                     Ein Kleid? Federigo .                                 Gewiß. Fabio . Möge Gott zum Seelenkleide Einen Rock von Karmesin, Eine West' aus grauem Ambra Nebst kristallnen Hosen dir Für das ew'ge Leben schenken! Federigo . Aber sagen mußt du mir . . . Fabio . Was? Federigo .     Da mich die Fürstin eben Ein'ge Schriften holen hieß . . . Fabio (beiseite) . Gott, gib Klugheit meiner Zunge! Federigo . Sprach die Herzogin mit dir Nicht von meiner Liebe? Fabio .                                       Nein; Doch verkennst du, was sie will, Bist du wohl nicht allzu witzig. Federigo . Sagt' sie etwas? Fabio .                                 O gewiß, Und sehr viel. Federigo .               Du lügst, Elender. Ihrer hohen Schönheit Bild Ist ein Reiher, der empor Sich zur Sonne schwingt und nie Zu des mißgebornen Falken Scheuem Flug hernieder sinkt. Fabio . Herr, versuch's doch, nicht zu lieben, Nur zu heucheln; und gewiß Wirst du sehen . . . Federigo .                       Wenn auch deine Schändliche Verleumdungsgier Irgend solch ein Merkmal hätte, Dennoch würde sie bei mir Nimmer einen Eingang finden; Denn schon nahm ein andrer Trieb, Wenn nicht glücklicher, doch gleicher, Längst von meiner Brust Besitz. Fabio . Liebtest du denn niemals zwei? Federigo . Nein. Fabio .               So kannst du glauben . . . Federigo .                                                   Sprich! Fabio . Daß du niemals dich ergötztest. Federigo . Liebe nicht, Betrug ist dies. Fabio . Gleiche Lust, und mehr. Federigo .                                   Wie läßt sich Lieben zweierwärts? Fabio .                               Vernimm: Nah bei Regensburg, da kennt Man zwei Dörfer, nett und reinlich, Die man Agere gemeinlich Und Macarandona nennt. Diese hatt' ein Pfarr zu weiden, Ein demüt'ger Gottesknecht, Der die Messe, schlecht und recht, Las am Festtag allen beiden. Nun gib acht: Ein Bauerssohn Aus Macarandona war Einst in Agere, und zwar Als der Pfarr die Präfation Anstimmt' eben mit Gewicht Und begann mit hellem Klingen Gratias Agere zu singen, Und Macarandona nicht. Drum sprach jener, im gerechten Zorn: »Zu Agere allhier Sagt er Gratias, als ob wir Ihm nicht auch die Zehnten brächten!« Kaum vernahmen insgemein Dies die edeln Dorfbewohner, Zogen die Macarandoner Gleich die Opferkuchen ein. Sich entkuchnet sehend, fragte Drauf der Pfarr den Sakristan, Weshalb man ihm das gethan? Er erfuhr's; und seitdem sagte, Um nicht solchen guten Brauch Quitt zu gehn, er immer das: Semper tibi gratias Zu Macarandona auch. – Wenn nun Amor, will ich sagen, Dir zwei Kirchensprengel gab, Finde dich mit beiden ab; Und gib acht: in wenig Tagen Wird man Opferkuchen bringen, Gnug, uns beide tot zu essen, Wenn wir Flerida'n die Messen Von Macarandona singen. Federigo . Glaubst du, daß ich dich vernahm? Fabio . Ja, wenn du nur acht gegeben. Federigo . Nein; denn mein Gedank' und Streben War allein bei meinem Gram. Fabio . Wenn so Agere dich trennen Von Macarandona kann, Glaube mir, nie wirst du dann Amors Opferkuchen kennen. (Beide ab.)     Zimmer im herzoglichen Schlosse. Abend. Flerida , Laura , Livia und Flora treten auf, die beiden letzten mit Lichtern. Flerida . Lasset hier die Lichter stehn Und dann geht nur alle wieder; Denn ich will allein den Abend, Ohne mich, mit mir verbringen. Livia (im Abgehen, zu Flora) . Sonderbarer Gram! Flora .                             Es ist Mehr als Gram, was sie empfindet; Wahnsinn ist's. (Beide ab; Laura will ihnen folgen.) Flerida .                   Du, gehe nicht, Laura. Laura .       Wie kann ich dir dienen? Flerida . Wenn du einen kleinen Wunsch Mir erfüllst; denn deiner Liebe Trau' ich einzig. Laura .                       Was gebeutst du? Flerida . Daß du an der Thür des Zimmers Bleibst, wenn Federigo kommt, Und mit kluger Art verhinderst, Daß nicht etwa jemand höre, Was ich mit ihm rede. Laura .                                 Sicher Werd' ich alle Sorgfalt brauchen, Wie du sehn wirst. Aber fiel denn Etwas Neues vor? Flerida .                         Jetzt muß ich, Durch ein sonderbar Beginnen, Seine Dam' erfahren. Laura .                               Seine Dame? Flerida .       Ja. Laura .              Doch wie? Ich sinn' es Mir nicht aus. – (Beiseite.) O glückt' es mir, Das von ihr herauszubringen, Um beizeiten, wann er kommt, Ihn davon zu unterrichten! Flerida . Laura, wisse denn . . . Laura .                                       Ich höre. Flerida . Daß ich weiß, er führet immer . . . Doch er kommt und würd's vernehmen, Wollt' ich jetzt dir das berichten; Aber ich erlaube dir, Daß du hörst, was ich ersinne. Ziehe dich zurück. Laura .                           Ich thu's. – (Beiseite.) Die Erlaubnis ist nicht wichtig; Denn verliehest du sie nicht, Hätt' ich selbst sie mir beschieden. (Sie verbirgt sich im Hintergrunde.) Federigo tritt auf, mit einer Brieftasche und Papieren. Federigo . Hier sind die Papiere schon. Flerida . Legt sie hin; denn nicht geziemt es, Sie in Eurer Hand zu lassen, Noch Euch fernerhin bei wichtgen Staatsgeheimnissen als Werkzeug Zu gebrauchen, da Ihr wider Meine Würd' und Ehre feindlich Euch verschwort, treuloser Diener! Federigo . Herrin, was hat meine Treue Je versehen? Was beging ich, Daß Ihr mit so harten Namen Jetzt beschimpft so lange Dienste? Flerida . Weshalb fragt Ihr noch, da ich So viel Zeugnisse besitze, Die Euch überführen? Federigo .                             Laßt mich Die Beschuldigungen wissen . . . Laura (verborgen) . Was hat dies zu thun mit jenem Wunsch, zu wissen, wen er liebe? Federigo . Daß ich mich entschuld'gen könne. Flerida . Nun, wohlan: mir ward berichtet, Daß mit meinem größten Feind Ihr arglistig Euch verbindet. Federigo . Herrin, wisset denn, wenn gleich Ich verbarg in meinen Zimmern Mantuas Herzog, so geschah es Nur die eine Nacht, da dieser Heimlich ankam. Flerida (beiseite) .       Was ist dies? Mantuas Herzog? Güt'ger Himmel! Muß aus vorgegebnem Unbill Nun der wahre sich entwickeln? Federigo . Er war im Palast, seitdem Du ihn sprachest. Flerida .                       Also dieser Herzog ist der Kavalier, Der sich im Palast befindet? Federigo . Herrin, ja. Flerida (beiseite) .       O, wie so oft Bringt man Wahrheit durch Erdichten An den Tag! Laura .                 Aus Furcht in Furcht Fall' ich; denn noch seh' ich immer Ihren Plan nicht. Flerida .                     Doch weshalb Habt Ihr dieses mir verschwiegen? Federigo . Da er, Herrin, sich um Eure Hand bewirbt, dacht' ich, der Liebe Edle Schuld, sie würde nicht Als Verräterschuld gerichtet. Flerida . Jetzt begreif' ich freilich wohl, Wie, mir seinen Brief zu bringen, Euch so leicht war. Federigo .                       Herrin, ja; Denn wir teilten uns die Schritte, Und ich braucht' ihn nicht zu holen, Weil er selbst kam mit dem Briefe; Doch erfüllt' ich meine Pflicht. Flerida . Ihm vielleicht, doch mir mit nichten. Aber jener Brief an Laura? Federigo . Mit sich bracht' er selber diesen. Laura . Trefflich wehrt er sich; allein Wohin geht ihr Plan, o Himmel? Wie hängt alles dies zusammen Mit dem Forschen, wen er liebe? Flerida . Ihr gedenkt wohl, daß ich weiter Keine Kundschaft mehr besitze Eurer Schuld? Die Briefe gebt mir, Die, ich weiß, Ihr heut empfinget Von dem Herzog von Florenz, Um des alten Anspruchs willen, Welchen er zu haben vorgibt Auf dies Land. Federigo .                 In Demut bitt' ich, Zu gedenken, wer ich bin, Und daß einer würd'gen Liebe Höchst zufälliges Vergehn Keine Folgrung gibt, noch irgend Geben kann, auf einen Frevel, Mir so fremd, so ganz zuwider Meiner Würd' und meinem Blute. Flerida . Wer schon anfangs einen findet, Findet in der Mitte manchen. Gebt mir die verlangten Briefe. Federigo . Briefe? Ich? So nehmt denn, nehmt, Was ich bei mir hab' an Schriften, Und die Schlüssel auch zu allen, Die im Hause sind, und findet Eine Spur sich von Verrat, Mach' ein Messer seine Spitze An mir blutig! (Er nimmt Papiere, Schlüssel, Schnupftuch aus der Tasche und legt alles auf den Tisch; zuletzt zieht er Lauras Bild hervor, das er wieder zu verbergen sucht.) Flerida .                   Was ist jenes, Das Ihr auf die Seite bringet? Federigo . Eine Kapsel. Flerida .                         Und auch die Will ich sehen. Federigo (beiseite) .   Jetzt erblick' ich Klar genug, was ihres Zornes Absicht war. – (Laut.) Kein Merkmal ist es Von Verrat, noch kann es sein; Und so, Herrin, möcht' ich bitten, Daß Ihr's nicht verlangt. Laura .                                   Das ist Mein Gemälde; güt'ger Himmel! Flerida . Wissen will ich, was die Kapsel In sich schließt. Laura .                       Verloren sind wir! Federigo . Nur ein Bild; und wenn Ihr weiter Nichts begehrt, als dies zu wissen, Wißt Ihr's nun. Flerida .                   Bis ich es sehe, Glaub' ich's nicht; zeigt her, gebiet' ich. Federigo . Wenn dies, Herrin . . . Laura .                                           Welche Marter! Federigo . War die Ursach . . . Laura .                                       Welches Zittern! Federigo . Mich zu schelten . . . Laura .                                         Welche Schmerzen! Federigo . Hochverräter . . . Laura .                                   Welch Verwirren! Federigo . Saget Ihr . . . Laura .                           Grausame Pein! Federigo . Wohl mit Recht . . . Laura .                                     Auf Foltern lieg' ich! Federigo . Daß ich's sei . . . Laura .                                 Unsel'ge Stunde! Federigo . Denn bevor . . . Laura .                                 Wut des Geschickes! Federigo . Ihr erlanget . . . Laura .                               Nacht des Unglücks! Federigo . Es zu sehn . . . Laura .                               Ich bin von Sinnen! Federigo . Müsset Ihr mich töten. (Laura tritt schnell hervor, reißt ihm das Bild aus der Hand und vertauscht es mit dem, was sie von Federigo hat.) Laura .                                           Frevler! Was? Du widerstehst noch immer? Federigo . Ha! was thust du? Laura .                                   Dieses thu' ich, Weil ich alle diese Dinge Hört' und sah; denn daß die Fürstin Wünschte zu besehn das Bildnis, War genug, nur den Gedanken Grober Weigrung zu verhindern. Nimm es, Herrin. (Sie gibt der Herzogin Federigos Bild.) Flerida .                       Einen größern Dienst hast du mir nie erwiesen. Federigo (beiseite) . Sicher will's nun auf einmal Laura zur Erklärung bringen. Flerida . Leuchte, Laura; laß uns sehen Dieses mächtig zauberische Liebeswunder. (Beiseite.) So erfahr' ich Doch, wer meine Qual bewirkte. (Laura nimmt das Licht.) Federigo (beiseite) . Was nur wird sie thun, erkennt sie Lauras Bildnis? Flerida (das Bild beschauend) . Was erblick' ich? Laura (leise zu Flerida) . Wenig gibt es hier zu zweifeln, Denn sein eignes Bildnis ist es. Flerida . Und dies barget Ihr so sorgsam? Federigo . Ist das staunenswert, da dieses Mir von allem auf der Erde Stets das Liebste war? Flerida .                               O sicher! Denn Ihr liebt es wie Euch selbst. – Laura, was ist mir erschienen? Laura, sprich, was kann das sein? Laura . Weiß ich mehr, als deine Blicke Selber sahn? Flerida .               Ich bin beschämt, Kaum kann ich den Zorn bezwingen.     (Sie gibt das Bild an Laura.) Nimm; denn ich entferne mich, Um kein Unheil zu beginnen. Gib dem zärtlichen Narziß Sein geliebtes Bildnis wieder; Sag' ihm dann . . . nein, sag' ihm nichts. In mir glühet Aetnas Hitze, Nattern trag' ich in der Brust, In der Seele Basilisken. (ab.) Federigo . Wie ist's möglich, daß die Fürstin, Da sie dein Gemäld' erblickte, Laura, weder gegen dich, Noch auch gegen mich ergrimmte? Laura . Wiss', ich tauschte die Gemälde, Gab ihr deins, und meins behielt ich. Federigo . Nur dein Scharfsinn ganz allein Konnt' aus der Gefahr uns ziehen. Laura . Ja; und dennoch ist sie drohend, Wie sie war, auch jetzt noch immer. Federigo . Enden wir sie auf einmal! Laura . Morgen will ich dir berichten, Wie wir's anzufangen haben. Nimm und lebe wohl. (Sie gibt ihm sein Bild.) Federigo .                           Welch Bildnis Ist denn dieses von den beiden? Laura . Deins; gesetzt, sie käme wieder, Es zu fordern. (ab.) Federigo .               Du hast recht. – Wem war die Gefahr, o Himmel! Je so nah? Wer könnte . . . Fabio tritt auf, mit zwei Kleidern auf dem Arm. Fabio .                                         Herr, Welches zieh' ich an von diesen Beiden Kleidern? Federigo .                     Schurk'! Verräter! Niederträcht'ger! Schlechtgesinnter! Fabio . Das bekomm' ich jetzt von dir? Federigo . Ja; weil du mir Leid erwiesen, Nimm zum Lohne Leid für Leid. Fabio . Leid wohl, doch kein Kleid ist dieses. Federigo (ihm das Bild vorhaltend) . Dachtest du, dies Bildnis sei Einer Dam' und nicht mein Bildnis? Fabio . Nein, Herr; denn ich weiß gar wohl, Daß du nur dich selber liebest. Federigo . Ha, bei Gott! von meinen Händen Sollst du sterben. Fabio .                         Gott im Himmel! Federigo (beiseite) . Doch nicht gut wär's, da ich einmal Glücklich der Gefahr entwischte; Besser ist es, mich zu mäß'gen. – Fabio! Fabio .         Herr? Federigo .             Komm mit und nimm dir Nur das beste dieser Kleider; Denn ich weiß, an diesen Dingen Warst du schuldlos und bist treu. (ab.) Fabio . Gab es je so tolle Grillen? Ja, bei Gott! hätt' ich nur welchen, Würd' ich den Verstand verlieren. Dritter Aufzug. Federigos Zimmer. Fabio tritt auf. Fabio . Wer vielleicht was vom Verstand Eines armen Dieners wüßte, Der ihn bloß deshalb verloren, Weil ihn auch sein Herr verkrümelt (Was beweist, es war nur wenig), Der mag's alsobald verkünden; Denn dem Finder hilft er nichts, Und hier zahlt man Fundgebühren. – Doch, wie laut ich immer rufe, Keine Nachricht ist zu spüren; Denn Verstand, einmal verloren, Fand er je sich wieder? – Dünket Es dir gut, Gedächtnis, komm, Laß uns Selbstgespräche führen. Was gibt's Neues? – Was weiß ich! – Was kann das bedeuten müssen, Daß mein Herr, da ich aufs beste Mit ihm stand, nach meinem Dünken, Mich auf einmal, ganz wie rasend, Anfiel mit zweitausend Püffen? – Das bedeutet, daß er toll ist. – Und daß er, da ich höchst sündig Vor ihm fliehe, mir ein Kleid gibt Samt zweitausend Schmeichelblümchen, Was bedeutet das, Gedächtnis? – Das bedeutet zu viel Schlückchen. – Beides sind die allerstärksten Folgerungen; und nicht über Zu der dritten geh' ich, weil Don Enrico, leise flüsternd, Jetzt sich nähert; und wenn sie Sich so ängstlich vor mir hüten Bei dem Eintritt in dies Zimmer, Will ich, mich vor ihnen hütend, Jetzt das Prävenire spielen; Teils, um etwas auszuspüren, Teils, weil jetzt (da nun mein Herr, Ein ums andre Mal, bald wütend, Bald sanftmütig ist) die Reihe An den Zorn kommt; und da würd' es Wohl am besten sein, man ließ' ihn Leer vorübergehn. Doch Wünsche Helfen wenig; mich verstecken Muß ich, und die einz'ge Hilfe Ist, mich unter diesen Tisch Zu verkriechen. Nicht so schüchtern! Ist's doch nicht das erste Mal, Daß ich untern Tisch mich drücke. (Er versteckt sich unter den Tisch.) Enrico und Federigo treten auf. (Federigo sieht im Zimmer umher.) Enrico . Wonach seht Ihr? Federigo .                         Ob man horche. Enrico . Draußen blieben, vor der Thüre, Alle Diener. Fabio (verborgen) . Alle nicht; Denn ich eben fehle drüben. Federigo . Bis in dieses fernste Zimmer Führt' ich Euch nicht ohne Gründe; Denn hier ist kein andrer Zeuge. Fabio . Recht; ein falscher ist nicht gültig. Enrico . Sprecht! Federigo .           Abschließen will ich erst.     (Er verschließt die Thüre.) Jetzt, da wir allein sind, wünsch' ich, Daß mich Eure Hoheit höre; Zeit ist's, alles zu enthüllen. Fabio . Hoheit? Das ist gut. Enrico .                               Wohlan, Sagt, was hattet Ihr für Gründe, Mich hieher zu führen? Federigo .                     Zwei, Und zwar beide sehr genügend; Mir gilt einer, Euch der andre. Was Euch anbelangt, so müßt Ihr (Weiß ich gleich, daß meine Treue Als verletzt erscheinen dürfte) Mir verzeihn – die Not entschuldigt Euch zu sagen, zu verkünden, Daß die Fürstin schon erfahren, Wer Ihr seid; es kann nicht nützen, Unter uns geheim zu halten, Was so vielen schon enthüllt ist. Was mich angeht . . . Enrico .                             Eh Ihr fortfahrt, Sagt mir an, wie hat die Fürstin Denn erfahren, wer ich bin? Federigo . Wie? das kann ich nicht ergründen; Daß sie's weiß, weiß ich . . . Fabio .                                           Hört! Hört! Treibt mein Herr auch Kupplerkünste? Federigo . Denn sie selber sagt' es mir. Enrico . Geht nun zu Euch selber über; Denn was mich betrifft, so muß ich Hierin fast Verstellung fürchten, Bis sie näher sich erklärt. Federigo . Soll ich Euch mich ganz enthüllen, So versprecht bei Fürstenehre, Was ich jetzt Euch sag', entschlüpfen Eurem Busen nie zu lassen. Enrico . Ja, ich thu's und will verbürgen, Daß in Marmor aufbehalten Bleibt, was Ihr in Wachs gedrücket. Federigo . Ihr, durchlauchtiger Enrico Von Gonzaga, hochberühmter Herzog Mantuas, wißt bereits, Daß ich für ein Mädchen glühe. Sie nun, dieses Erdenwunder, Sie nun, diese Himmelsblüte, Dieses angenehme Staunen, Dieses liebliche Entzücken, Siegt, trotz den Unmöglichkeiten, Trotz dem Aengstigen und Fürchten, Heut, nach manchem harten Kampfe Triumphierend, und verknüpfet Die zwei schönsten Siegeskränze, Ihrer Treu und meines Glückes.     (Er zieht einen Brief hervor.) Dieses Blatt, das mir der Wind Sicher in die Hände führte (Denn um diese zu erreichen, Mußt' es aus den höchsten Lüften Ihres Himmels in den Abgrund Meiner Qual hernieder stürzen), Ist der Schutzbrief meiner Freiheit; Doch so nenn' ich ihn sehr übel, Denn er ist vielmehr der Brief Meiner Knechtschaft; er begründet Den Vertrag, daß ich auf ewig Leben nun als Sklave müsse Einer Liebe, deren Fesseln, Fest verschlungen und gefüget, Selbst die Zeit mit ihrer leisen Feile nimmer kann verwüsten. Dieser sagt . . . Doch red' er selbst Und entschuld'ge zur Genüge, Durch die Wahrheit ihres Schreibens, Meiner Anbetung Gelübde: (Er liest.) »Mein Gemahl, mein Herr, mein Leben! Das Geschick erklärt ungünstig Immer mehr sich gegen uns; Laßt uns seine Schritte zügeln. Sorget, daß man diese Nacht An das Pförtchen jener Brücke Zwischen dem Palast und Garten Zeitig gnug zwei Pferde führe; Dann, auf Euer Zeichen, komm' ich, Uns der Eifersucht durch Flüchten, Wenn hier Flucht gilt, zu entziehn. So lebt wohl; Gott mag Euch schützen!« Dieses schreibt sie, und nun trau' ich, Hoher Herr, nur Eurer Hilfe, Da ich weiß, daß Ihr für manchen Dienst mich Eurer Gnade würdigt. Denn wenn Ihr bei Eurer Liebe Mich gebrauchtet, und ich gründe Jetzt auf Euch so mein Vertrauen, Wie Ihr einst auf mich, so wünsch' ich Nur, was mir gebührt von Euch, Und zahl' Euch, was Euch gebühret. Gebt nach Mantua mir Briefe; Und so lange mich zu schützen Sorget, bis ich diese Dame Hab' in Sicherheit geflüchtet. Enrico . So sehr dank' ich jetzt dem Himmel Dafür, daß ein glücklich Fügen Mich in stand setzt, zu vergelten Eure freundschaftliche Hilfe Durch die gleiche, daß nicht nur Freudig ich den Wunsch erfülle, Den Ihr äußert, sondern willig, Stolz der Dankespflicht genügend, Selber Euch begleiten werde, Bis Ihr unverletzt berühret Meines Landes Grenzen, wo ich Denk' als Herrn Euch zu begrüßen. Federigo . Nein, mein Fürst, ich muß allein Mich entfernen; denn es dünket Wicht'ger mich, Ihr bleibt in Parma Und gewährt mir Eure Hilfe, Sei es, hier mich zu verteid'gen, Oder dort mich zu beschützen. Enrico . Gänzlich folg' ich Eurem Willen. Federigo . Also schreibt nun; ich verfüge Mich indessen zum Palast, Um durch Täuschung zu verhüllen, Was ich vorhab', und dem Fabio, Diesem Teufel, nachzuspüren, Den ich heut noch gar nicht sah. Fabio . Und du kannst ihn fast berühren. Federigo . Denn auch er darf nichts erfahren. Fabio . Nein, gewiß nicht. Federigo .                         Ihm gebührt es, Die zwei Pferde zu besorgen. Enrico . Ihr habt recht; ich muß dem trüben Einfluß meines bösen Sternes Mich indes geduldig fügen. Federigo . Hier demnach treff' ich Euch wieder. Enrico . Schreibend wart' ich Eurer drüben. Federigo . Liebe, gib mir deinen Schutz! Enrico . Lieb', erleichtre meine Bürde! (Beide ab.) Fabio (kommt hervor) . Wer da horcht, vernimmt sein Unglück, Pflegt das Sprichwort zu verkünden. Doch oft lügt es; denn, was ich Jetzt erhorcht, dient mir zum Glücke, Weil daraus vier Dinge folgen, Die mir ungemein viel nützen: Wer der Fremde sei, zu wissen, Eins; die Lage zu ergründen Von der Liebschaft meines Herrn, Zwei; zu gehn, um dies der Fürstin Anzusagen, drei; und vier: Zu empfangen die Gebühren. (ab.)     Saal im herzoglichen Palaste. Ernesto und Laura treten auf. Ernesto . War, Laura, das Betragen Lisardos dir Beleid'gung, So läßt, ihm zur Verteid'gung, Sich wohl mit Anstand sagen, Daß Liebe nie bedenket, Ob sie vielleicht durch Heftigkeiten kränket. Drum sollst du ihn durch Härte nicht betrüben; Denn er erwartet jetzt in jeder Stunde Die längst ersehnte Kunde. Laura . Ich will Gehorsam üben; Denn besser ist's (ich sterbe!), Daß ich gehorch', als deinen Zorn erwerbe. So will ich denn mit nichten Dem Lose mich entziehen, Das mir mein Stern verliehen, Und wahrhaft mich verpflichten, Dem meine Hand, ohn' alles Widerstreben, Der sie am eifrigsten verlangt, zu geben. Ernesto . Dank muß ich dir erteilen. Lisardo, Ihr mögt kommen! Bleib, Laura. Lisardo tritt auf. Lisardo .               Liebentglommen, O Herrin, will ich eilen, Mein Leben darzubringen, Kann ich dafür Verzeihung mir erringen. Laura . Lisardo, die Gewährung Müßt Ihr dem Vater danken; Ihm folg' ich ohne Wanken, Aus Wahl nicht, aus Verehrung. Drum keinen Dank mir schwöret Für eine Hand, die fremder Hand gehöret. Lisardo . Froh bin ich und zufrieden, Weiß ich, daß ich sie habe, Weiß ich auch nicht, wer mir beschied die Gabe; Ist sie doch mir beschieden! Wer forscht, vom höchsten Grade Des Glücks beseligt, nach des Glückes Pfade? O träger Lauf der Sonne, Verziehe nicht so lang' auf deinen Wegen Und bringe schnell den Hoffenden entgegen Dem Ziele seiner Wonne! Flerida tritt auf. Flerida . Ernesto? Laura? Ernesto .                           Wir gedachten eben Uns in dein Zimmer, Herrin, zu begeben. Flerida . Mich freut's, Lisard, zu schauen, Daß Laura jetzt Euch jenes Fehls entbindet. Lisardo . Durch solche Gunst belebt sich mein Vertrauen. Ernesto . Sie ist mein gutes Kind. Laura .                                           Und wie befindet Sich Eure Durchlaucht heute? Flerida . Du weißt, wie sehr ich bin des Grames Beute. Laura . Zerstreuung hilft dem Herzen. Flerida . Ach! jegliche Zerstreuung Wird meines Grams Erneuung; Denn selbst die Arzenei vermehrt die Schmerzen. Allein, daß man nicht glaube, Ich gebe willig mich dem Gram zum Raube, So ladet beid' auf morgen, Den Adel und die Damen Der Stadt, in meinem Namen, Zu einem Fest; vielleicht wird dort den Sorgen, Die mich beherrschen, sich ihr Mörder zeigen. Ernesto . Dein Will ist meiner. (ab.) Lisardo .                                     Ich bin ganz dir eigen. (ab.) Flerida . Du Glücklichste der Erde! Der so dich liebt, verbindet Sich dir! Laura .           Mein Herz empfindet, Wie hoch beglückt ich werde, Ich will's dir nicht verhehlen; Denn der mich liebt, wird sich mit mir vermählen. Flerida . Wie elend, die hienieden An ein unmöglich Streben Verschwenden muß ihr Leben! Allein ich bin entschieden, Durch freie Willenslenkung Jetzt zu besiegen des Geschicks Beschränkung. Laura . Gewiß, dir kann's nicht fehlen; Doch wie beginnst du's? Sage! Flerida . Ich will, für solche Plage, Das sanftste Mittel wählen. Laura . Das ist? Flerida .             Ihn unterrichten. Laura . Heißt das besiegen? Flerida .                                 Ja. Laura (beiseite) .                         Nein, mich vernichten. Flerida . Vollziehn des Schicksals Willen, Heißt, ihm den Sieg entreißen. Würd' ich die erste heißen, Die kühn getrotzt den Grillen Des Vorurteils? Laura (beiseite) .       Ich sterbe! Flerida . Ein edles Blut ist Federigos Erbe. Laura . Ich habe nichts dagegen. Flerida . Doch – um's nicht zu vergessen – Gedenken wir noch dessen, Was jenes Bildes wegen Sich gestern zugetragen. Was sagst du nur davon? Laura .                                     Nichts kann ich sagen; Ich gebe mir nicht Mühe Mit Grübelei um mir ganz fremde Sachen. – (Beiseite.) O Eifersucht! Ich glühe! Flerida . Warum nur, sprich, mag er sein Bild bewachen Mit so sorgfält'gem Streben? Laura . Ich weiß nicht; doch, ich hätt's ihm nicht gegeben, Eh ich die Kapsel hätte Beschaut, ob drin verborgen Nicht, wie ich muß besorgen, War seiner Dame Bild. Flerida .                                 So ist's, ich wette. Kann eifersüchtige Lieb' auch überlegen? Laura . Drum zweifle nicht, die Dame war zugegen. Federigo und Fabio treten auf. Federigo . War es Zeit, dich nun zu finden? Fabio . Deine Frage gibt schon selbst Dir die Antwort; denn auch ich Habe dich gesucht bis jetzt. Federigo . Still, die Fürstin! Geh nicht fort, Denn ich brauche dich nachher. Fabio . Ich bleib' hier; – (beiseite) gebrauch' ich freilich Dich nachher nicht, noch vorher. Federigo . Voller Furcht vor ihrem Zorne Nah' ich ihr. Fabio .                 Weswegen denn? Federigo . Eines tollen Vorfalls wegen. Fabio . So gedenke doch nur jetzt Des Geschichtchens, und ganz sicher Wirst du aller Not entgehn. Federigo . Wie denn? Fabio .                         Wenn du Gratias An Macarandona schenkst. Laura (zu Flerida, mit welcher sie bisher leise gesprochen) . Siehe nur . . . Flerida .                 Ich muß erklären Meine Qual. Laura (beiseite) .   Und ich vergehn. Flerida . Federigo! Federigo .               Große Fürstin? Flerida . Hat man Euch doch nicht gesehn Heut am Tage, und nun kommt Ihr, Da die Nacht schon ein sich stellt? Federigo . Da wir stets in ihrer besten Zeit bei Euch die Sonne sehn, Rings gekrönt mit Strahlenglanz, Rings umwebt mit Rosenschmelz, So gedacht' ich, hohe Herrin, Nicht, es wäre schon so spät; Denn, wann ich Euch sähe, dacht' ich, War' es Tagesanbruch erst. Flerida . Schmeicheleien mir? Federigo .                               Dies sind Keine Schmeichelein. Flerida .                               Was denn? Fabio . Durchlaucht, nur Macarandonen. Flerida (leise zu Laura) . Laura, ach! hast du bemerkt, Daß er schon mir meine Neigung Zu verstehn gibt? Laura .                         Er thut recht. Federigo . Außerdem hab' ich Entschuld'gung Andrer Art. Flerida .             Und welche? Sprecht! Federigo .     Da ich Euch unwillig glaubte, So verschob ich es bis jetzt, Eurer Gegenwart zu nahen. Flerida . Ich unwillig? Und woher? Federigo . Thöricht wär' ich, es zu sagen, Wenn Ihr es nicht wißt, Ihr selbst. Flerida . Nicht, daß ich's nicht wüßte. Federigo .                                             Sondern? Flerida . Nun, ich will's nicht wissen mehr. Federigo . Um so höher ist die Stufe Meines Glückes, um je mehr Milde dein Vergessen zeigt; Denn bei Klagen nur ist der Ein Mildthät'ger, welcher geizet. Flerida . Der Gedank' ist mir nicht hell. Laura . Mir deucht, daß ich ihn erklären Könnte, wenn es dir gefällt. (Sie zieht das Schnupftuch.) Flerida . Thu' es; (leise) doch auf solche Weise, Daß er etwas merkt. Laura (leise) .                   Schon recht. (Laut.) Sieh, – großmütig dünket jener Mich, – der stets, und wenn ihn Schmerz Tötet, – schweigend seine Qual, Eifersucht – und Schmach erträgt. Federigo (beiseite) . »Sieh, mich tötet Eifersucht,« Sprach sie; Antwort geb' ich jetzt. (Er zieht das Schnupftuch.) (Laut.) Zweifle – nicht, den Vordersatz, Laura – hast du wohl erklärt; Nimmer – fehlt dir auch der Nachsatz. Mehr – erwidr' ich dir nach dem. Laura . Nun wohlan! (Beiseite.) O dürft' ich trauen: »Zweifle, Laura, nimmermehr!« (Laut.) Also, – ist das Schweigen Großmut, Komm' ich – wohl noch zum Verstehn. Federigo . Kommst du – dazu, mit dem Lorbeer Wart' ich dein – zum Siegsgeschenk. Laura . Dieses festgesetzt, beweis' ich Nun im Gegenteil, daß der Geizig ist, der klagt, denn Großmut Hat er nicht; und umgekehrt Sieht man, daß nur wer mit Klagen Geizt, mildthätig heißt mit Recht. Federigo . Dein – ist nun der Kranz; mit Freuden Bin ich – Herold deines Werts. Laura . Ich bin – überzeugt, der Preis ist Dein, – auch geb' ich ihn dir gern. – (Beiseite.) Welches Glück! »Dein bin ich,« sprach er. Federigo (beiseite) . »Ich bin dein,« sprach sie; nun schreckt Mich kein Unglück. Fabio (beiseite) .               Sie sind Meister; Nun, die müssen sich verstehn. Flerida . Aus all euern Wortgefechten Hab' ich dies allein erspäht, Der sei mildthätig, der nicht Seinen Gram ausschüttet. Laura und Federigo .               Recht! Flerida . Hab' ich also, Federigo, Daß ich's nicht weiß, Euch erklärt, Da Ihr, daß ich's weiß, doch wisset: So scheut nicht Euch, mich zu sehn; Kommt vielmehr zu allen Stunden Und versichert Euch nur fest: Ihr braucht keine Furcht zu hegen, Wie ich keinen Zorn gehegt. Viel schon sagt' ich, viel verschweig' ich; Dies genüge. (Zu Laura.) Laß uns gehn. (ab.) Laura . Federigo! Federigo .             Schöne Laura? Laura . Nun, ein Wort, ein Wort. Federigo .                                     Schon recht. (Laura geht ab.) Federigo . Fabio, wie geht's zu? Ich wähnte Zorn zu finden, und statt des Find' ich bei der Fürstin Gnade. Fabio . Sieh, das geht so zu, wie wenn Ich bei dir oft Unlust finde, Da ich hatte Lust gewähnt. 's ist dasselbe; doch begehrst du Andern Grund, ich weiß auch den. Federigo . Sag' ihn. Fabio .                     Die Macarandonen, Sonnenglanz und Rosenschmelz Die du ihr verehrtest. Federigo .                           Laß nun Diese Possen; geh vielmehr Und besorge mir zwei Pferde. Fabio . Das gefällt mir gar nicht schlecht; Da du Messe nun gelesen In Macarandona, geh, Lies in Agere. Federigo .               So schweige! An des Parkes Ausgang, schnell, Halte sie bereit. – (Beiseite.) Verzeihe, Fürstin, mir dein stolzes Herz! Flerida, verzeihe mir! So ergeht's der Frau, die dem Sich erkläret, dessen Liebe Für ein andres Weib sie kennt. (ab.) Fabio . Da ich so erschrecklich viel Sprechstoff habe, sollt' ich jetzt Wen'ger sprechen? Nein, das nicht; Denn ein grausam Mitleid wär's, Ließ' ich ein Geheimnis faulen, Welches keinem nützt nachher. Denn (sprach jener Cordovese) Ein Geheimnis, fault es erst, Wird wie ein geheimer Ort, Thut nicht wohl und riecht gar schlecht. Drum will ich die Fürstin suchen – Doch es ist nicht nötig mehr, Denn sie kommt. Flerida tritt auf. Flerida .                       Obwohl ich Laura'n Traue, ließ ich doch sie gern, Um für mich allein dem Siege Strenger Liebe nachzugehn. – Allein hier ist Federigo Nicht. Fabio .         Willst du den Grund erspähn, Weshalb nun er hier nicht ist? Flerida . Nun denn? Fabio .                     Er ging eben weg. Flerida . Weg? Fabio .               Nach Agere, vermut' ich. Flerida . Was ist das? Fabio .                         Ich werde sehr Deutlich in Macarandona Sprechen, gibst du mir vorher . . . Flerida . Nein, ich will nichts weiter wissen; Denn das Wissen dient zu mehr Nicht, als sich nur mehr zu ärgern. Fabio . Und warum nicht? Wozu denn Nützt' es mir, zwei bis drei Stunden Auf der Lauer dort zu stehn, Wie ein Kater? Flerida .                   Mich verlassen Sollst du, sag' ich. Fabio .                           Kein Geschenk Will ich haben; hören sollst du Ganz umsonst. Flerida .                   Ich brauch's nicht mehr. Fabio . Nun denn, platzen will ich nicht. Lebe wohl; ich suche wen, Dem ich sagen kann, daß diese Nacht mein Herr entwischt. Flerida .                                       Komm her. Geh nicht fort! Was sagst du? Fabio .                                             Nichts. Flerida . Warte, sprich, was soll geschehn? Fabio . Nein, ich will nicht. Flerida .                               Diesen Demant Nimm und sprich. (Sie gibt ihm einen Ring.) Fabio .                           Weswegen denn, Ich ein Diener, du ein Weib, Quälen wir uns nur so sehr, Da doch der vor Sprechbegier, Die vor Hörbegier vergeht? Nun, mein Herr und seine Dame Wollen diese Nacht . . . Flerida .                                 Nur schnell! Fabio . In der Stille fortgehn. Flerida .                                 Wie? Fabio . Gehn, doch nicht zu Fuße gehn. Denn zwei Pferde sollen fertig An der Gartenbrücke stehn. Flerida . An der Gartenbrücke? Fabio .                                       Ja. Flerida . Wieder muß ich denken jetzt, Daß er eine meiner Damen Liebe; sagt' ich's nicht vorher? Fabio . Dieser Fremde, Durchlaucht, welcher Mantuas Herzog ist, gewährt Ihnen Schutz in seinen Staaten. Gott sei Dank, nun bin ich leer! Was nun kommen will, mag kommen; Eher komm ich doch, als er. (ab.) Flerida . Hilf mir, Himmel! Was vernehm' ich? Ernesto tritt auf. Ernesto . Was es Edles gibt und Schönes, So an Damen als an Herrn, Hab' ich deinerseits auf morgen Eingeladen. Flerida .               Wohl, sehr recht; Und Ihr seid mir jetzt, Ernesto, Höchst willkommen; denn gar sehr Hab' ich diese Nacht Euch nötig. Ernesto . Euch zu Füßen bin ich stets. Was befehlt Ihr? Flerida .                     Federigo Hat so eben einen sehr Widrigen Verdruß gehabt. Ernesto . Und mit wem? Flerida .                           Das ist mir fremd. Daß es Liebeshändel waren, Ward mir nur allein erzählt, Und daß jetzt sein Gegner ihm Kund gethan durch ein Kartell, Daß er ihn erwarte; wo? Weiß ich nicht. Ihr wißt, wie sehr Ich ihn schätze. Ernesto .                   Und ich weiß Auch, weswegen Ihr ihn schätzt. Flerida . Zeig' ich, mir sei kund der Handel, So wird die Beleid'gung mehr Nur verbreitet. Ernesto .                 Ohne Zweifel. Was befehlt Ihr? Flerida .                       Zu ihm geht; Doch, daß ich Euch sende, saget Nicht und geht nicht von ihm weg Diese Nacht; wohin er immer Gehn will, gehet mit ihm stets; Und wofern sein heft'ger Geist Es verweigert, nehmt ihn fest. Führt deshalb mit Euch so viele, Als Ihr braucht zu diesem Zweck, Daß er diese Nacht, bis morgen, Gänzlich sicher sei gestellt. Ernesto . Gleich in diesem Augenblicke, Herrin, werd' ich zu ihm gehn Und nicht aus dem Aug' ihn lassen. (ab.) Flerida . Jetzt, Treuloser, sollst du sehn, Zu wie heft'gen Schritten endlich Eifersucht ein Weib bewegt. (ab.)     Federigos Zimmer. Abend. Enrico und Federigo treten auf. Ein Bedienter bringt Lichter und geht sogleich wieder ab. Federigo . Schriebt Ihr schon? Enrico .                                     Hier sind die Briefe, Wodurch meiner Freundschaft Streben Hofft, Euch den Ersatz zu geben, Den ich Eurer Freundschaft Tiefe Zu verleihn mich schuldig fand. Federigo . Ihr seid Fürst und ohne Schranken; Euch vertrau' ich, sonder Wanken, Ruhig Leben, Ehr' und Stand. Schütz' Euch Gott! Die Nacht will kommen; Und eh wart' ich ein'ge Zeit, Eh ich die Gelegenheit Jetzt versäume. Enrico .                     Wohl; doch frommen Wird es, wenn Ihr mir vergönnt, Daß ich Euch nur eine Weile, Bis vors Thor, Geleit erteile, Wo Ihr mich entlassen könnt. Federigo . O verzeiht! Bei Gott, ich kann Die Begleitung nicht verstatten, Denn schier fürcht' ich meinen Schatten; Und nehmt die Versichrung an (Geht mein Heimlichthun Euch nah), Daß, wo möglich, meine Liebe Auch mir selbst verheimlicht bliebe. Enrico . So geht Ihr allein denn? Federigo .                                     Ja. Lebet wohl. Enrico .               Lebt wohl; denn mich Dünkt es heut vergeblich Streben, Euch zu fassen. (Man pocht an die Thür.) Federigo .                 Ward nicht eben Angepocht? Enrico .               Ja. Federigo .                 Wer da? Ernesto tritt auf. Ernesto .                                 Ich. Federigo . Wie? So weit von Haus verschlagen, Herr, um diese Stunde? Ernesto .                                 Ja; Denn ich such' Euch. Federigo .                           Wie geschah Mir die Ehre? – (Beiseite.) Welches Zagen! Ernesto . Man erzählte mir, Ihr wärt Nicht ganz wohl nach Haus gekommen; Und ich, gleich von Furcht beklommen (Denn wie sehr ich Euern Wert Weiß zu schätzen, wißt Ihr schon), Wollte nicht zu Bette gehen, Ohne selber nachzusehen, Wie's Euch ginge. Federigo .                     Gottes Lohn Mögt Ihr für die Sorg' empfangen! Doch mein Wort geb' ich zum Pfand, Daß ich nie mich besser fand, Als jetzt eben; hintergangen Hat Euch der, so Euch erzählt, Daß ich unpaß mich befunden. Ernesto . Meinem Glück bin ich verbunden, Daß die Furcht, die mich gequält, Mir verhalf zu der Enttäuschung. – Nun, wie stand's? Was machtet Ihr? Federigo . Mit Enrico sucht' ich hier Uns die Zeit durch süße Täuschung, Angenehm und nicht vergebens, Im Gespräche zu vertreiben. Ernesto . Weise Freunde, sag' ich, bleiben Stets das beste Buch des Lebens, Weil sie durch Belehrung würzen Ihres Umgangs Lieblichkeit. Federigo (leise zu Enrico) . Nun, fürwahr, er nimmt sich Zeit. Enrico (leise zu Federigo) . Um das Schwatzen abzukürzen, Will ich gehn, damit er da Nicht so lange sprechend steht. – (Laut.) Ich empfehle mich. Ernesto .                                   Ihr geht, Da ich komme? Enrico .                     Nein und ja; Nein, weil ich, bei Gott! vorhin Schon zu gehn mir vorgenommen; Ja, weil ich, da Ihr gekommen, Nun nicht weiter nötig bin. Ernesto . Schütz' Euch Gott! (Enrico geht ab.) Federigo .                               Allein sind wir; Sagt, womit ich dienen kann. (Ernesto sieht sich um.) Wonach seht Ihr? Ernesto .                       Gehn greift an; Einen Sessel wünscht' ich mir. Setzt Euch! Setzt Euch! (Sie setzen sich.) Federigo (beiseite) .               Wohl verhalten Wird sich, bei so hartem Zwang, Meiner Eile mächt'ger Drang Zu dem Phlegma dieses Alten. Ernesto . Was ist meistens Eur Vergnügen So des Abends? Federigo (beiseite) .   Qual und Tod! (Laut.) Mir befiehlt der Pflicht Gebot, Zum Palast mich zu verfügen. Laßt uns gehen; bis zu Haus Bring' ich Euch. (Er will aufstehen.) Ernesto (ihn zurückhaltend) . Gemach, gemach! Noch ist es zu früh; hernach. Federigo (beiseite) . Noch zu früh? Mit mir ist's aus! Laura, ach! wohl sagt mein Schmerz, Wie ich dich zu missen zage. Ernesto . Spielt Ihr nicht Piket? Federigo (beiseite) .                   O Plage Für ein ganz verzweifelnd Herz! – (Laut.) Nein, Herr. Ernesto .                       Da ich heut nun eben Nach dem Ausgehn war begehrlich Und jetzt hier bin, werd' ich schwerlich Mich so bald nach Haus begeben. Federigo (beiseite) . Von so bald kann er noch sagen? – (Laut.) Und nach Hause stand der Sinn Mir gar sehr; die Herzogin Hat mir etwas aufgetragen, Eine Schrift, wobei ich bleiben Muß gewiß die ganze Nacht. (Er will aufstehen.) Ernesto (ihn zurückhaltend) . Gut, da helf' ich Euch; gebt acht! Ich versteh' auch wohl zu schreiben. Federigo . Damit sollt' ich Euch beschweren? Ernesto . Warum das nicht? Thut es kühn. Federigo . Unrecht wär's, Euch zu bemühn, Da Ihr kamt, mich zu beehren. Und nach Haus Euch zu geleiten, Wünscht ich jetzt – ich muß gestehn – Nur, um einen Freund zu sehn. Ernesto . Nun, da werd' ich Euch begleiten. Könnt Ihr wohl Besuche machen, Wobei ich Euch stören kann? Kommt's vielleicht auf Warten an, Will ich gern bis morgen wachen. Ist's ein Liebsbesuch? Nun gut, So bewahr' ich Euch die Straße Unterdes; glaubt nicht, ich spaße. Federigo . Gern vertrau' ich Euerm Mut; Doch, laßt mich allein, ich flehe. (Sie stehen auf.) Ernesto . In der Ueberzeugung steht, Daß entweder Ihr nicht geht, Oder daß ich mit Euch gehe. Federigo (bestürzt) . Wer hat das Euch aufgetragen? Ernesto . Warum fragt Ihr deshalb nicht Diese Furcht, die aus Euch spricht? Federigo . (Wehe mir!) Was soll ich sagen? Furcht? Fürwahr, ich habe keine. Ernesto . Was Ihr habt, weiß ich, aufs Wort; Und Ihr dürft einmal nicht fort, Wenn nicht mit mir im Vereine. Federigo . Wen hat solch Geschick betroffen! Ernesto . Ihr seid sehr verwirrt. Federigo .                                   Ich kann Es nicht leugnen, sehr. Ernesto .                               Wohlan, Federigo, sein wir offen! Ich weiß, daß man Euer harrt, Daß man schriftlich Euch entbot. Federigo (beiseite) . Wer sah je so grause Not! Wessen Qual war je so hart! Ernesto . Ehr' und Ansehn geb' ich hin, Wenn ich, da ich dies erfahren Und nun seit so langen Jahren Gouverneur von Parma bin, Es nicht hindre; also sehet, Ob ich dulden kann, daß Ihr Jetzund Ehr' und Ansehn mir Förmlich zu beschimpfen gehet. Denn klar ist es, blieb' ich nicht Bei Euch, daß ich sünd'gen würde, Sei es an der Richterwürde, Sei es an der Ritterpflicht. Beides macht mich drauf bestehn (Um nochmals den Schluß zu fassen), Euch von hinnen nicht zu lassen, Oder mit Euch fort zu gehn; Denn, da ich einmal erfahren, Was Ihr übtet wider Recht, Kann ich Euch entlassen? Sprecht! Federigo (beiseite) . Könnt' er mehr sich offenbaren? – (Laut.) Eure Gründe, Herr, erkläre Ich für bündig, klar und rein; Doch Ihr könnt versichert sein, Euerm Ansehn, Eurer Ehre Tret' ich nimmermehr zu nah. Ernesto . Wie nur soll das nicht sein können? Federigo . Wollt Ihr nun auch mir vergönnen, Daß ich offen rede? Ernesto .                         Ja. Federigo . Kennt Ihr mich als Edelmann? Ernesto . Wohl, ich weiß, ist Euer Adel Sonnenhell, rein, ohne Tadel. Federigo . Dem vertrauend, hoff' ich dann, Ihr bewirkt, daß, wer mir schrieb, Auch die Hand mir möge reichen. Ernesto . Federigo, gern; dergleichen Thu' ich recht aus Herzenstrieb. Augenblicklich will ich's machen. Federigo . Wie sehr bin ich Euch erkenntlich! Ernesto . Aber nun auch nennt mir endlich Euern Gegner . . . Federigo (beiseite) .       Ach! im Wachen Träumt' ich Glück! Ernesto .                         Daß ich ihn dort, Wo er harrt, zu suchen gehe. Federigo . Also wißt Ihr, wie ich sehe, Nicht, wer's ist? Ernesto .                     Nein, auf mein Wort. Ich weiß nur, daß Ihr gestritten, Daß man Euch gefordert hat. Federigo . Und nichts weiter? In der That? Ernesto . Nein. Federigo .         Dann . . . Ernesto .                           Was? Federigo .                                   Will ich nichts bitten; Denn zeigt' ich zuerst Euch an Jenen Namen, den Ihr eben Nicht zu wissen kund gegeben, Wär' ich wohl kein Edelmann. Und nun, ohn' Euch, werd' ich gehen Und genug thun meiner Pflicht. Ernesto . Und wird meiner Ehre nicht Auch von mir genug geschehen? Federigo . Sicher; doch soll länger nun, Wer mein harrt, mich nicht vermissen. (Er will gehen.) Ernesto . Das werd' ich zu hindern wissen. Federigo . Und wie das? Ernesto .                         So werd' ich's thun: Holla! Soldaten .     Herr? Ernesto .                 Hier diese Thüren Geb' ich jetzt Euch in Gewahr. – (Zu Federigo.) Nehmt Arrest: sonst seht Ihr klar, Was Ihr waget. Federigo (beiseite) .   Wohl zu spüren Ist mein Unglück jede Stunde. – (Laut.) Auch mit wen'ger Wache bin Ich Euch sicher. – (Beiseite.) Hin ist hin! Heute geht mein Glück zu Grunde. Ernesto . Auf die Weise glaub' ich's gern. Bitten will ich Euch inzwischen, Sucht nicht etwa zu entwischen, Sonst ist Euer Tod nicht fern. (Ab mit den Soldaten.) Federigo . Mich zum Bleiben einzuladen, Gnügte wenig, was er spricht, Scheut' ich andern Nachteil nicht, Fürchtet' ich nicht andern Schaden; Denn die Flucht, o Himmel! wäre, Zur Beleid'gung meiner Liebe, Was mir schimpflicher noch bliebe. Doch, daß ich zu sehn entbehre, Was mit Laura'n vorgegangen, Kann ich's dulden? Wehe mir! – Ha! ich weiß, wie ich von hier Kann ins nächste Haus gelangen. Laura, wart'! Aus aller Not Soll dich meine Lieb' erretten, Gibt dein Vater auch mir Ketten, Gibt auch Flerida mir Tod. (Er geht durch eine Seitenthür ab.)     Garten. Nacht. Laura tritt auf. Laura . Ihr traurig kalten Schatten, Ihr, die den Tag gebären und bestatten, Wenn zärtliche Vergehen In euerm dunkeln Buch geschrieben stehen Mit so viel schönen Zeilen, Als am Saphir dort goldne Sterne weilen, Vergesset dieses nimmer; Nein, schreibt es auf, eh es der Morgenschimmer Auslöscht mit seinen Strahlen, Daß einen Platz in euern Nachtannalen Hab' eine Liebe, die, wohin sie schreitet, Von Eifersucht als Schatten wird begleitet. Des Vaters rauhe Schärfe Will, daß mein Herz sich sklavisch unterwerfe; Lisardos kecke Liebe Verlanget, zu beherrschen meine Triebe; Der Fürstin stolzes Pochen Heischt, meine Neigung ganz zu unterjochen. Kannst, Ehre, du noch schmähen, Wenn ich entschuld'ge dreifach ein Vergehen? – Wie zögert Federigo nur so lange? Ach! dem, der harrt, wie wird so leicht ihm bange! Was hat sich zugetragen? O wie so schnell argwöhnt ihr, bittre Plagen, Daß er sich voll mir kehrte, Weil Flerida ihm ihre Lieb' erklärte! War's besser nicht, zu sprechen, So feste Liebe könn' ihr Wort nicht brechen, Und nur des Zufalls Walten Hab' ihn von diesem Ort zurückgehalten? Doch nicht so leicht ja rät des Argwohns Stimme, Das Gute stets zu glauben, als das Schlimme. Warum nur, frag' ich, wird dem Mißvergnügen Mehr Ehr', als dem Vergnügen? Man soll, weil's oft die Liebe pflegt zu kränken, Nicht, daß Vergnügen immer lüge, denken, Daß Mißvergnügen immer wahr berichte; Wir thun's; weiß nicht, was uns dazu verpflichte. Flerida tritt auf, ohne Laura zu bemerken. Flerida . Fabio sagte, Federigo Hab' ihn angestellt, zu warten An der Gartenbrücke; deshalb Muß ich, mit erneuter Marter, Wieder glauben, seine Liebschaft Sei im Schlosse. Laura machte Sich so schnell davon, daß keine Zeit mir blieb, ihr aufzutragen, In den Park zu gehn; und so, Um mein Leid nicht einer andern Zu vertraun, und dieser Thorheit Schuld zuschiebend meinem Grame, Legt' ich mich nicht nieder, sondern Kam allein herab zum Garten, Daß mein Unmut zwei Geschäfte Seltner Art zugleich berate, Eins hier von ihm selbst betrieben, Eins Ernesto'n übertragen. Und wenn das unstäte Licht Der Gestirne, das durch Spalten Der azurnen Wölbung nieder Auf die dunkeln Wolken strahlet, Mich nicht täuscht, so seh' ich jemand. Schon erfüllt sich, was ich dachte: Wer da? Laura (beiseite) . Flerida! Weh mir! Hier muß mir Erfindung raten. – (Laut.) Wer ist's, die hier wartend steht? Frag' ich in der Fürstin Namen; Denn sie ist's, die wissen will, Wer, geschützt von nächt'gen Schatten, So den Anstand, so die Ehre Frech beleidigt. Flerida .                     Laura, sachte! Schweige still! Laura .                     Wer ist es? Flerida .                                       Ich. Laura . Herrin, du kommst in den Garten, In der Nacht und einsam? Flerida .                                     Ja; Denn da ich dir heut . . . Laura (beiseite) .                     Ich zage! Flerida . Nicht gesagt, du solltest kommen, Wollt' ich . . . Laura .                   Du beschimpfst mich wahrlich; Herrin, glaubst du denn, ich müsse, Was mir einmal aufgetragen, Jeden Tag von neuem hören? Auch bewog mich noch ein andrer Grund, hieher zu kommen, außer Dem Vertrauen deiner Gnade. Flerida . Welcher war es? Laura .                               Da ich eben . . . (Lieb', o hilf mir jetzt und schaffe, Daß die Schuld Entschuld'gung werde!) An den Fenstern des Palastes Stand, die auf den Garten gehn, Hört' ich unten Roßgetrampel; Und da dies nur etwas Neues Schien, so wollt' ich nun, den Garten Untersuchend, es erforschen. Flerida . Wichtig ist, was du vernahmest, Stimmt so überein mit jenem, Was ich wußte, daß ich danken Deiner Sorgfalt muß. Nun, sprich, Was sahst du im Park? Laura .                                 Nichts sah ich, Keine Spur bis jetzt von dem, Worauf hier mein Eifer achtet. Doch du könntest gehn; nicht nötig Ist dein Bleiben, da ich wache. Flerida . Du hast recht; so bleibe denn. Laura . Ich will's thun. (Man pocht an das Gitter.) Flerida .                         Welch Pochen war es? Laura . Tausendmale täuscht der Wind. (Man pocht.) Flerida . Diesmal täuscht er nicht; auf mache Du und Antwort gib. Laura .                               Ich? Flerida .                                     Ja. Ich will hinter dir mich halten, Daß wir sehn, wer's sei und wen er Suche, wann er nennt den Namen. Laura . Meine Stimm' ist sehr bekannt. Flerida . So verstelle sie; was schadet's? Geh hin, sag' ich. Laura (beiseite) .         Gab es jemals Einen härtern Spruch? Wie mach' ich Nun die wahre, die verstellte Rolle nun, in dieser Farce, Bei der Nacht, wo mir die Ziffer Keinen Beistand kann verschaffen? (Man pocht.) Flerida . Was besorgst du? Laura .                               Man erkennt mich, Wann ich spreche. Flerida .                         Sonderbare Launen hast du. Geh! Laura (geht ans Gitter) .     Wer ist's? Federigo erscheint außerhalb des Gitters. Federigo . Teure Laura, ein Todkranker. Laura (zu Flerida) . Sagt' ich nicht vorher, man würde Mich erkennen an der Sprache? Sieh, ob's nicht beim ersten Worte Wahr geworden, was ich sagte. Flerida . Freilich; und auch ich nun denke, Laura, dich erkannt zu haben. Laura (das Gitter öffnend) . Da Ihr wisset, Kavalier, Wer ich bin, müßt gleichermaßen Wohl Ihr wissen, ich sei nicht, Die Ihr hier zu sehn erwartet. Geht und dankt, daß meine Würde, Die Ihr tief verletzt, nicht andre Rache nimmt, als die, vor Euch Dieses Gitter zuzumachen. (Sie macht das Gitter zu.) Federigo . Laura, Teuerste, ich war nicht Schuld, daß ich gesäumt so lange. Hör' und töte dann mich, sonst Werd' ich selbst den Tod mir schaffen. Laura (zu Flerida) . Warum wolltst du, daß man hier Mich erkenne? Flerida .                   Schweige, sag' ich. Laura . Wenn mein Vater, wenn Lisardo Wüßte, daß ich solches wagte! Flerida . Keinen Laut gib, keinen Laut gib! Laura . Wer sah je so seltne Marter! Federigo . Hör' und töte mich sodann; Oeffne, Laura, du mein alles! (Flerida öffnet das Gitter.) Flerida (mit verstellter Stimme) . Was willst du mir sagen? Federigo (in den Garten tretend) . Daß Diese stolze, diese harte Fürstin deinen Vater eben Zu mir sandt', um alle Plane Meiner Sehnsucht zu zerstören. Hausarrest mir gebend, hat er Mich gehindert, zur bestimmten Zeit zu kommen. Was noch warten? Schon sind dort im Park die Pferde Längst bereit; vom Herzog hab' ich Briefe, die in Mantua sichern Aufenthalt uns jetzt verschaffen. Komm nur mit; denn seh' ich gleich Schon das Morgenrot sich nahen, Schadet's nicht, wenn ich nur einmal Auf den Weg mit dir mich mache. Laura (beiseite) . Könnt' er mehr noch sagen, mehr noch Würd' er sagen. Ich erstarre! Flerida (wie vorhin) . Federigo, schon zu spät Ist es, heut die Flucht zu wagen. Besser ist's, du gehest heute In die Haft zurück; ein andres Wollen morgen wir beschließen. Federigo . Ueber Seel' und Leben schalte; Ich gehorche dir sogleich. Aber zürnst du länger? Sage! Flerida . Mit dem Schicksal, nicht mit dir. Lebe wohl. Federigo .           Leb wohl. (ab.) Flerida (schließt das Gitter) . Nun aber, Laura? Laura .         Herrin . . . Flerida .                         Sag' mir nichts, Da ich dir ja auch nichts sage.– (Beiseite.) Eifersucht gibt mir den Tod! Laura . Nur erwäge . . . Flerida .                         Geh von dannen; Denn nicht bleiben sollst du hier. Laura (beiseite) . O wie fürcht' ich ihre Rache! Flerida . Zeigen will ich, daß ich die bin, Die ich bin. Fort, aus dem Garten! Laura . Wehe mir! Heut muß ich jede Meiner Hoffnungen begraben. Indem sie gehen wollen, öffnet sich die Hinterthür. Ernesto tritt auf, ihm folgt Fabio mit Wache . Es wird allmählich Tag. Flerida . Aber wer eröffnet eben Dort die Hinterthür des Gartens? Laura . Wenn das Licht, das schüchtern helle Schon sich zeigt, zu sehn verstattet, War's mein Vater, wie ich glaube. Flerida . Ja, er ist's. Laß uns hier warten, Daß wir Kund' empfahn, weshalb Er um diese Zeit des Gartens Thür eröffnet. Laura (beiseite) .       Himmel, hilf mir Leben, Ehr' und Ruf bewahren! (Sie treten auf die Seite; die andern kommen hervor.) Ernesto . Fabio, jetzt sollst du mir Kunde geben, welche Plane Du im Park hier mit den Pferden Hattest. Fabio .           Herr, darauf verlassen Kannst du dich, daß ich im Leben Niemals einen Plan noch hatte; Denn ich bin ein Mensch ganz ohne Allen Plan. Ernesto .             Und was denn brachte Dich hieher? Fabio .                   Dies, werter Herr, Daß es mich verlangt, zur Tafel Mich mit meinem Herrn zu setzen; Drum, was er gebietet, schaff' ich. Ernesto . Mit wem hatte Federigo Gestern Streit? Fabio .                       Mit seiner Dame Mußt' es sein, weil er die Stunde Hat verfehlt, sie fortzuschaffen. Ernesto . Machen will ich, daß du Wahrheit Reden sollst; den Wahn laß fahren, Zu entfliehn. Fabio .                   Wie einst ein Doktor, Als er auf die Jagd ging, sagte. Einer kam, um ihm zu melden: In Eur Bette hat ein Hase Sich geflüchtet; Eure Büchse Gebt mir, um ihn tot zu machen, Eh er etwa wieder aufsteht. Und mit lauter Stimme sprach er: Aufzustehn mag er nicht wähnen; Denn da er zu Bett gegangen Und ich ihn besuchen werde, Soll er wohl das Aufstehn lassen. Ernesto . Mich erfreut es, daß Ihr jetzt Könnt so gute Laune haben. Fabio . Die ist mir natürlich. Ernesto (die Herzogin erblickend) . Herrin, Ihr seid hier? Flerida .                 Ich sucht' im Garten Lindrung meines Grams. – Was gibt's hier? Ernesto . Diese Nacht, wie du verlangtest, Setzt' ich Federigo fest, Weil, um ihn zurückzuhalten, Andre Mittel nicht genügten; Und indem ich ihn mit Wache Ließ im Hause, daß er nicht Aus dem Hause fort sich mache . . . Flerida . Wahrlich, man bewacht' ihn dort Trefflich wohl. Ernesto .                   Sucht' ich die ganze Gegend durch, um den zu finden, Der zum Zweikampf seiner harrte; Doch ich fand nur bei der Brücke Fabio, seinen Diener, wartend Mit zwei Pferden. Um zu hindern, Daß der Ruf, er sei verhaftet, Sich verbreiten möge, wollt' ich Ihn in meine Wohnung schaffen Durch die Hinterthür, zu welcher Ich den Schlüssel habe. Fabio .                                     Kann es Wen beleid'gen, daß ein Mensch Pferde hält? Ernesto .             Was nun zu machen Mit dem Herrn und mit dem Diener? Flerida . Jenen bring hieher zum Platze; Denn es war mein einz'ger Zweck, Einen Unfall ihm zu sparen, Und ich weiß nun, mehr und minder, Schon die Ursach jenes Handels; Und den Diener laß nur frei. Fabio . Deine Füße küss' ich dankend. Ernesto . Gleich komm' ich mit ihm zurück. (ab.) Laura . Herrin, was ist dein Gedanke? Schone, fleh' ich, meinen Ruf! Flerida . Laß mich, Laura. Enrico tritt auf. Enrico .                               Kann die Gnade, Die dich schmückt, auf eines Fremdlings Wohlfahrt ein'ge Rücksicht haben, O so fleh' ich, gib die Freiheit Federigo'n! Flerida .             Ihr verlanget Hierin nichts von mir, denn er Hat an Freiheit keinen Mangel. Aber saget mir, Enrico, Habt Ihr heute Brief' erhalten Von dem Herzog? Enrico .                         Ich nicht, Herrin. Flerida . Aber ich. Enrico (beiseite) .   Seltsame Fabel! Flerida . Und darin schreibt mir der Herzog, Daß er glücklich Eure Sache Beigelegt hat und geendigt. Und so rat' ich Euch, verlasset Parma heute noch; denn nichts Habt Ihr weiter hier zu schaffen. Enrico . Zwar vom Herzog hab' ich keine Briefe, Herrin, wie ich sagte; Doch von einem nahen Freunde, Der mir rät, ich solle warten, Weil noch meine Hoffnung nicht In Erfüllung sei gegangen. Flerida . Dieses sagt Euch Euer Freund, Und ich sag' Euch, heut verlasset Parma; denn man wird nicht hier, Sondern dort Euch nötig haben. Enrico (beiseite) . Mit wie list'gem Spruch, o Himmel! Hat mich Flerida verbannet Und enttäuscht! Lisardo tritt auf mit einem Briefe. Lisardo (zur Herzogin) . Erlaube mir Deine Hand und gönn', erhabne Gottheit dieser grünen Sphäre, Daß ich Lauras Hand, zum Angeld Meines Glücks, hier möge küssen; Denn in diesem Briefe hab' ich Eben den Dispens bekommen, Den mein heißer Wunsch erwartet Seit Jahrhunderten. Flerida (beiseite) .           Gelegen Kommt er. Laura .             Unerhörte Marter! Flerida . Denn noch heute soll nun . . . Ernesto und Federigo treten auf. Ernesto .                                             Hier ist Federigo. Federigo .         Was verlanget Eure Hoheit? Flerida .                 Daß Ihr Laura'n Gebet Eure Hand als Gatte; Denn so sieg' ich über mich, Und so mag's die Welt erfahren. Laura und Federigo . Was sagst du? Flerida .                                               Was mir geziemt. Ernesto . Herrin, wie? Mit Schimpf beladest Du die Ehre mir? Lisardo .                     So schmählich Wolltest du mein Herz behandeln? Flerida . Dies, Lisardo, dies, Ernesto, Ist für beide not. Ernesto .                     Du schaffest Meiner Ehre neuen Grund Durch dies eine Wort, um allem Diesem mich zu widersetzen; Denn nie soll der Ruf das sagen, Daß du aus geheimen Gründen Laura Federigo'n gabest. Federigo . Sein sie heimlich oder kundbar, Mach' ich Schande dir? Ernesto .                                 Nein, wahrlich; Doch genug, daß mir's mißfällt. Federigo . Gnug, um dir Verdruß zu machen, Nicht genug, dich zu beleid'gen; Unerwähnt, daß du versprachest, Lauras Hand mir zu gewähren. Ernesto . Ich, dir? Federigo .             Ja. Ernesto .                   Wann? Federigo .                             Gestern abend, Bei mir, als du zu bewirken Schwurest, daß, wer meiner harrte, Auf den Brief, der mich berufen, Auch die Hand mir reiche. War es Laura nun, die mich berief, So muß dies dir Gnüge schaffen. Lisardo . Ihm vielleicht, allein nicht mir; Denn ich setz an dies Verlangen Blut und Leben. (Er legt die Hand an den Degen.) Flerida .                     Was ist dies? Federigo . Und ich werd' es aufrecht halten.     (Er legt die Hand an den Degen.) Ernesto (ebenso) . Ich verteid'ge dich, Lisardo. Enrico (zu Federigo, ebenso) . Und ich dich. Flerida .                 Seltsame Marter! Doch, wenn Liebe sie erzeugte, Soll ihr Ehr' ein Ende machen. – Gnügt es nicht, daß mir's gefällt, Nicht, daß ich es so verlange: Gnüg' es denn, daß sich auf seine Seite stellt der Herzog Mantuas. Ernesto . Wer? Enrico .           Ich, der, der Fürstin huld'gend, Ward als Gast von ihm empfangen; Und ich werde Federigo'n Jetzt und Laura'n Schutz verschaffen. Flerida . Und auch ich; denn sehen soll man Klar, daß meine Leidenschaften Nachstehn meiner Mäßigung. Ernesto . Wenn die beiden dies erhabne Paar beschützt, so bleibt, Lisardo, Meiner Ehre wohl nichts andres, Als sie auch in Schutz zu nehmen. Lisardo . Groß ist zwar für mich der Schaden, Doch die Tröstung nicht geringer, Da ich seh', es offenbaret Sich als Günstling Federigo. Enrico (zu Flerida) . Und ich, dir zu Füßen fallend, Flehe dich, laß meine Liebe Ihrer Sorgen Lohn empfangen. Flerida . Hier ist meine Hand; ich will, Wie ich mich vergessen hatte, Nun gedenken, wer ich bin. Laura . Was ich hofft', hab' ich erhalten. Federigo . Ich erhielt mein höchstes Glück. Fabio . O wie viele, viele Male Wollt' ich sagen, Laura sei Sicher Federigos Dame! Doch da nun ein laut Geheimnis Schon es sagte, so gestattet Unsern Fehlern die Verzeihung, Die wir demutsvoll erwarten.