Joseph Conrad Die ›Tremolino‹ I Es stand geschrieben, daß ich dort, in der Kinderstube unserer seefahrenden Vorfahren, lernen sollte, auf den Wegen meines Berufes zu wandeln und zu reifen in der Liebe zur See, in blinder Liebe, wie es junge Liebe oft ist, aber in verzehrender und selbstloser Leidenschaft, wie alle wahre Liebe sein muß. Ich verlangte nichts von ihr, nicht einmal Abenteuer. Darin zeigte ich vielleicht mehr intuitive Weisheit als große Selbstverleugnung, denn noch nie wurden Abenteuer erlebt, nach denen man verlangte. Wer auszieht, um mit vorbedachtem Streben Abenteuer zu erleben, wird nur taube Blüten finden, es sei denn, er gehöre wirklich zu den Lieblingen der Götter und den Großen unter den Helden, wie der vortreffliche Ritter Don Quijote de la Mancha. Wir gewöhnlichen Sterblichen mittelmäßigen Geistes, die nur allzu beflissen sind, böse Riesen als rechtschaffene Windmühlen anzusehen, erleben die Abenteuer wie kurze, seltene Besuche. Unvermutet dringen sie in unser zufriedenes Dasein ein, und oft kommen sie, wie es ungebetene Gäste gerne tun, zu ungelegenen Zeiten. Wir sind dann froh, sie unerkannt und ohne Dank für die hohe Gunst wieder ziehen zu lassen. Wenn man nach vielen Jahren am Wendepunkt in der Mitte seines Lebensweges zurückblickt auf die Ereignisse der Vergangenheit, die uns wie eine freundlich gesinnte Menge betrübt nachzusehen scheinen, indessen wir eilends dem kimmerischen Ufer zustreben, dann erblicken wir vielleicht hier und dort in der grauen Menschenmasse eine Gestalt, von der ein schwacher Glanz ausgeht, als hätte sich auf sie alles Licht unseres schon im abendlichen Zwielicht stehenden Lebens vereinigt. Und an dieser Glut vermögen wir unsere wahren Abenteuer zu erkennen, diese einst ungebetenen Gäste, die wir in unserer Jugend unversehens aufgenommen haben. Wenn das Mittelmeer, diese ehrwürdige (und manchmal schrecklich übelgelaunte) Kinderfrau aller Seefahrer, meine Jugend wiegen sollte, dann hat das Schicksal die Beschaffung der dafür notwendigen Wiege einer Schar unverantwortlich junger Männer übertragen, die der reine Zufall zusammenführte. Immerhin waren sie alle älter als ich, aber Männer, die in froher Sorglosigkeit und wie trunken vom provenzalischen Sonnenschein ihr Leben nach dem Muster von Balzacs ›Histoire des Treize‹ vertändelten, wozu dann noch ein Schuß Romantik de cape et d'épée kam. Das Schiff, das in jenen Jahren meine Wiege war, hatte ein berühmter Bootsbauer am Fluß Savona erbaut, aufgeriggt wurde es von einem anderen tüchtigen Mann auf Korsika, und in seinen Papieren war es als »Tartane« von sechzig Tonnen aufgeführt. In Wirklichkeit war es eine richtige Balancelle mit zwei kurzen, nach vorn geneigten Masten und zwei gebogenen Rahen, von denen jede so lang wie der ganze Rumpf des Schiffes war. Ein richtiges Kind des Lateinersees, dessen zwei riesige Segel den spitz zulaufenden Schwingen am schlanken Rumpf eines Seevogels ähnelten, und es selbst war wie ein Vogel, wenn es über die See hinglitt, anstatt sie zu durchfahren. Das Schiff hieß ›Tremolino‹. Wie man das übersetzen soll? Der Bebende? Was für ein Name für das schneidigste kleine Fahrzeug, das jemals seine Bordwand in schäumende Gischt getaucht hat. Zugegeben, ich habe es tage- und nächtelang unter meinen Füßen beben gefühlt, aber das rührte nur von der großen Anspannung seines pflichttreuen Mutes her. In seiner kurzen, aber glänzenden Laufbahn hat es mich nichts gelehrt, mir aber alles gegeben. Ich schulde diesem Schiff das Erwachen meiner Liebe zur See, die sich mit dem Beben seines schnellen kleinen Körpers und dem Brausen des Windes unter dem Lateinersegel mit sanfter Gewalt in mein Herz stahl und meine Phantasie unter ihren despotischen Einfluß brachte. ›Tremolino‹! Bis zum heutigen Tage kann ich diesen Namen nicht aussprechen und nicht einmal schreiben, ohne daß es mir seltsam eng um die Brust wird in Erinnerung an Freud und Leid dieses ersten leidenschaftlichen Erlebnisses. II Wir bildeten zu viert – um eine Bezeichnung zu gebrauchen, die heutzutage jeder Gesellschaftsschicht geläufig ist – ein »Syndikat«, dem die ›Tremolino‹ gehörte; ein internationales und erstaunliches Syndikat. Und wir waren alle glühende Royalisten der schneeweißen legitimistischen Richtung – der Himmel mag wissen, warum! In allen menschlichen Gemeinschaften findet sich gewöhnlich einer, der kraft der Autorität seines Alters und seiner größeren Lebenserfahrung dem ganzen Kreis einen kollektiven Charakter verleiht. Wenn ich erwähne, daß der Älteste von uns sehr alt, äußerst alt, nämlich beinah dreißig Jahre alt war, und daß er in tapferer Unbekümmertheit zu erklären pflegte: »Ich lebe von meinem Schwert«, so glaube ich über den Stand unserer Lebensweisheit hinreichend Auskunft gegeben zu haben. Er war ein Gentleman aus Nord-Carolina, und J. M. K. B. waren die Initialen seines Namens. Soviel ich weiß, lebte er wirklich von seinem Schwert. Er starb auch später durch das Schwert bei irgendeiner Rauferei auf dem Balkan um der Sache einiger Serben oder Bulgaren willen, die weder Katholiken noch Gentlemen waren, wenigstens nicht in dem erhabenen, aber engeren Sinne, den er diesem letzten Wort zumaß. Armer J. M. K. B., Américain , Catholique , et gentilhomme , wie er sich in Augenblicken himmelstürmenden Gedankenfluges selbst zu bezeichnen liebte. Ich möchte wohl wissen, ob sich heute noch in Europa Gentlemen finden, die von solch kühnem Gesicht, vornehmem Aussehen und eleganter schmaler Figur sind, außerdem noch ausgezeichnete Umgangsformen besitzen, einen düsteren, schicksalsschweren Blick haben und dabei von ihrem Schwert leben. Seine Familie war, wie ich annehme, im Bürgerkrieg ruiniert worden und hat dann eine Zeitlang ein sehr unstetes Leben in der Alten Welt geführt. Was nun Henry C., den nächsten an Alter und Weisheit, betrifft, so war dieser junge Mann vor der unbeugsamen Strenge seiner Familie ausgerückt, die, wenn ich mich recht erinnere, alteingewurzelte Bürger eines vornehmen Londoner Vororts waren. Auf Grund ihres respektablen Ansehens stellte er sich Fremden gewöhnlich ganz demütig als »schwarzes Schaf« vor. Ich habe nie ein argloseres Exemplar von Ausgestoßenem gesehen. Niemals. Immerhin waren seine Angehörigen so gnädig, ihm dann und wann etwas Geld zu schicken. Er war in den Süden verliebt, in die Provence, in die Menschen, in das Leben, in den Sonnenschein und in ihre Dichtung. Engbrüstig, lang und kurzsichtig, wie er war, stelzte er durch die Straßen und Gassen mit weit ausladenden Schritten, die weiße Nase und den roten Schnurrbart in ein Buch vergraben, denn er hatte die Angewohnheit, im Gehen zu lesen. Wie er es fertigbrachte, dabei nicht Abhänge hinabzustürzen oder von Kais und Treppenhäusern hinunterzufallen, ist ein großes Geheimnis. Die Seiten seines Mantels waren von Taschenausgaben verschiedener Dichter ausgebeult. Wenn er nicht damit beschäftigt war, in Parks, Restaurants, Straßen oder an ähnlichen öffentlichen Plätzen Vergil, Homer oder Mistral zu lesen, verfaßte er Sonette — auf französisch – auf die Augen, die Ohren, das Kinn, die Haare und andere sichtbare Vollkommenheiten einer Nymphe namens Therese, der Tochter – die Ehrlichkeit zwingt mich dies festzustellen – einer gewissen Madame Leonore, die ein kleines Café für Seeleute in einer der engsten Straßen der Altstadt betrieb. Ein reizenderes Gesicht, scharf geschnitten wie eine antike Gemme und zart in seinen Farben wie das Blatt einer Blumenkrone, hat es noch niemals auf einem leider etwas pummeligen Körper gegeben. Henry las ihr in dem Café seine Verse mit der Unschuld eines Kindes und der Eitelkeit eines Poeten laut vor. Nur zu gerne folgten wir ihm dorthin, wenn auch nur, um die göttliche Therese unter den wachsamen schwarzen Augen Madame Leonores, ihrer Mutter, lachen zu sehen. Sie konnte sehr hübsch lachen, weniger über die Sonette, die sie wohl kaum zu schätzen wußte, als über die französische Aussprache des armen Henry, die einzigartig war und sich wie Vogelgezwitscher anhörte, wenn Vögel jemals stotternd und mit nasalem Tonfall gezwitschert haben. Unser dritter Partner war Roger P. de la S., ein provenzalischer Graf von ausgesprochen skandinavischem Aussehen. Er war blond, sechs Fuß hoch und, wie es einem Nachkommen seeräuberischer Nordmänner ansteht, von herrischem Wesen, sarkastisch, ein geistreicher Spötter mit einer Komödie in drei Akten in der Tasche und einem Herzen in der Brust, das von einer hoffnungslosen Leidenschaft zu seiner schönen Kusine entzündet war. Sie war mit einem wohlhabenden Häute- und Fetthändler verheiratet. Ohne Umstände pflegte uns Roger zum Essen mit in das Haus des Ehepaares zu nehmen. Ich bewunderte die freundliche Geduld der guten Dame. Ihr Mann war eine verträgliche Seele, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, was auch »Rogers Freunden« zugute kam. Ich habe allerdings den Verdacht, daß er im geheimen über diese Überfälle doch sehr entsetzt war. Aber es war ein Salon der Carlisten, und als solche wurden wir gerne gesehen. Die Möglichkeit, Katalonien im Interesse des Rey neto aufzuwiegeln, der gerade über die Pyrenäen gezogen war, wurde dort viel diskutiert. Ohne Zweifel wird Don Carlos viele sonderbare Freunde gehabt haben, das ist das Los aller Prätendenten, aber unter ihnen gab es bestimmt keine überspannteren Phantasten als das ›Tremolino‹-Syndikat, das sich gewöhnlich in einer Taverne am Kai des alten Hafens traf. Die antike Stadt Massilia hat sicherlich seit den Tagen der ersten Phönizier noch nie eine seltsamere Gruppe von Schiffseignern gesehen. Wir trafen uns, um einen genauen Plan für jede Reise der ›Tremolino‹ zu besprechen und festzulegen. An diesen Unternehmen war auch ein Bankhaus beteiligt – es war ein sehr angesehenes Bankhaus. Aber ich fürchte, am Ende sage ich zuviel. Auch Damen waren daran beteiligt (ich fürchte wirklich, daß ich jetzt zuviel sage) – alle möglichen Damen, manche waren alt genug, um auf etwas Besseres zu verfallen, als ihr Vertrauen auf Prinzen zu setzen, andere waren jung und voller Illusionen. Eine von diesen war durch ihre Imitationen verschiedener hochstehender Persönlichkeiten, die sie uns vertraulich vorführte, äußerst amüsant. Im Interesse der Sache reiste sie ständig nach Paris – por el Rey! Denn sie war eine Carlistin und überdies von baskischem Geblüt. Im Ausdruck ihres mutigen Gesichtes lag etwas von einer Löwin – besonders, wenn sie ihr Haar löste, aber ihre lebhafte kleine Seele war wie ein mit feinen Pariser Federn bekleideter Sperling, der sich einen Spaß daraus machte, in unerwarteten Augenblicken hervorzuflattern und Verwirrung zu stiften. Aber ihre Imitationen einer Pariser Persönlichkeit von wirklich hohem Rang, eines Mannes, den sie darstellte, wie er mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke eines Zimmers stand, sich den Hinterkopf rieb und hilflos stöhnte: »Rita, du bist mein Tod!«, das genügte, um einen, wenn man jung und frei von Sorgen war, vor Lachen bersten zu lassen. Sie hatte einen alten Onkel, Pfarrer einer kleinen Berggemeinde in Guipuzcoa, der auch ein sehr eifriger Carlist war. Als seefahrendes Mitglied des Syndikats, dessen Pläne sehr von Doña Ritas Informationen abhingen, wurde ich oft mit ergebenen und liebevollen Botschaften an den alten Mann beauftragt. Diese Botschaften hatte ich den aragonesischen Maultiertreibern (die zu gewissen Zeiten die ›Tremolino‹ in der Umgebung des Golf von Rosas erwarteten) zur getreulichen Weiterbeförderung ins Inland zusammen mit den verschiedenen gesetzwidrigen Gütern zu übergeben, die heimlich aus den Luken der ›Tremolino‹ an Land gebracht wurden. Nun, jetzt habe ich, was den üblichen Inhalt meiner Seewiege betrifft, wirklich zuviel verraten (ich hatte ja befürchtet, daß es so ausgehen würde). Aber lassen wir es gelten. Und wenn jemand zynisch bemerken sollte, daß ich damals ein vielversprechender Jüngling gewesen sein muß, dann soll auch das gelten. Für mich ist nur der gute Ruf der ›Tremolino‹ von Wichtigkeit, und ich versichere, daß ein Schiff nie Schuld hat an den Sünden, Vergehen und Torheiten seiner Männer. III Es lag nicht an der ›Tremolino‹, daß unser Syndikat so sehr auf den Verstand, die Weisheit und die Informationen der Doña Rita angewiesen war. Für die gute Sache — por el Rey! — hatte sie ein kleines möbliertes Haus am Prado gemietet. Sie mietete immer kleine Häuser für irgendeine gute Sache, für Kranke oder Bekümmerte, für heruntergekommene Künstler, für ausgeplünderte Spieler oder zeitweise unglückliche Spekulanten – vieux amis –, alte Freunde, wie sie entschuldigend zu erklären pflegte, und sie hob dabei ein wenig die schönen Schultern. Ob auch Don Carlos einer ihrer »alten Freunde« war, ist schwer zu sagen. Man hat schon unwahrscheinlichere Dinge in Herrensalons gehört. Alles, was ich davon weiß, ist nur, daß ich eines Abends, als gerade die Nachricht von einem beträchtlichen Erfolg der Carlisten die Getreuen erreicht hatte, beim Betreten des kleinen Hauses im Genick und um die Taille gefaßt und dreimal im Zimmer rücksichtslos umhergewirbelt wurde, wobei umstürzende Möbelstücke krachten und eine warme Altstimme eine Walzermelodie summte. Als ich aus der schwindelerregenden Umarmung erlöst wurde, setzte ich mich auf den Teppich, und zwar ganz plötzlich und ohne mich zu zieren. In dieser wenig würdevollen Lage wurde ich gewahr, daß J. M. K. B. mir ins Zimmer gefolgt war. Elegant, unheilkündend, tadellos mit weißer Schleife und steifer Hemdbrust stand er da. Auf seinen höflichen, etwas finsteren und fragend langen Blick hin hörte ich Doña Rita in einiger Verwirrung ärgerlich murmeln: »Vous êtes bête, mon cher. Voyons! Ça n'a aucune conséquence.« Wenn ich auch sehr zufrieden war, daß dieser Fall keine besonderen Folgen haben sollte, so fühlte ich doch schon wieder ein Fünkchen weltlichen Sinnes in mir. Ich brachte meinen Kragen wieder in Ordnung, ehrlich gesagt, hätte es ein runder Kragen über einer kurzen Jacke sein müssen, aber es war kein runder, und bemerkte mit gewählten Worten, daß ich gekommen sei, um mich zu verabschieden, da ich noch diese Nacht mit der ›Tremolino‹ in See gehen wollte. Unsere Gastgeberin, immer noch etwas außer Atem und ein wenig verwirrt, wandte sich in schroffem Ton an J. M. K. B. und wünschte zu wissen, wann denn er mit der ›Tremolino‹ oder auf irgendeine andere Weise ins königliche Hauptquartier abzureisen gedenke. Habe er etwa die Absicht, fragte sie ironisch, bis zum Vorabend des Einzugs in Madrid zu warten ? So stellten wir durch die vernünftige Anwendung von Takt und Schärfe wieder das atmosphärische Gleichgewicht im Raum her, lange bevor ich mich kurz vor Mitternacht von ihnen trennte, in einer Stimmung milder Versöhnlichkeit. Ich ging zum Hafen hinunter und rief die ›Tremolino‹ vom Kai aus mit dem üblichen leisen Pfiff an, unserem Signal, das der immer wachsame Dominic, unser Padrone, unweigerlich hörte. Schweigend hob er wie üblich eine Lampe hoch, um mir beim Anbordgehen über die schmale, federnde Planke unseres primitiven Landganges zu leuchten. Sowie mein Fuß das Deck betreten hatte, murmelte er: »Dann kann es ja losgehen.« Ich war der Vorbote plötzlicher Abfahrten; aber nichts in der Welt konnte so plötzlich kommen, daß es Dominic überrascht hätte. Sein mächtiger schwarzer Schnurrbart, den er jeden Morgen vom Barbier an der Ecke des Kais mit einer heißen Brennschere in Façon bringen ließ, schien ein stetes Lächeln zu verbergen. Aber ich glaube, niemand hat je die wirkliche Form seiner Lippen gesehen. Seiner bedächtigen, unerschütterlichen Würde nach konnte man meinen, dieser breitschultrige Mann habe niemals in seinem Leben gelächelt. In seinen Augen lauerte ein Schimmer hartherziger Ironie, als sei ihm nichts fremd, und schon das geringste Aufblähen seiner Nüstern verlieh seinem gebräunten Gesicht einen ungewöhnlich kühnen Ausdruck. Dies war das einzige Mienenspiel, zu dem er imstande schien; ein Mann aus dem Süden vom beherrschten, bedächtigen Schlag. Sein ebenholzschwarzes Haar war an den Schläfen etwas gekräuselt. Er mag vielleicht vierzig Jahre alt gewesen sein, und er war ein hervorragender Seefahrer auf diesem Binnenmeer. Schlau und skrupellos, hätte er an Wendigkeit mit dem unglücklichen Sohn des Laertes und der Antikleia wetteifern können. Wenn er seine Verschlagenheit und Kühnheit nicht gegen die Götter selbst ausspielte, dann nur, weil die olympischen Götter tot sind. Bestimmt hätte ihn keine Frau einschüchtern können. Ein einäugiger Riese würde nicht die geringste Aussicht gegen Dominic Cervoni aus Korsika, nicht Ithaka, gehabt haben; er war auch kein König und stammte auch nicht von Königen ab, aber doch aus sehr achtbarer Familie — von den Caporalis, wie er glaubhaft versicherte. Wie dem auch sein mag, die Familie Caporali läßt sich bis ins zwölfte Jahrhundert zurückverfolgen. Aus Mangel an edleren Widersachern kehrte Dominic seine an ruchlosen Listen reiche Kühnheit gegen die irdischen Mächte, wie sie durch die Zollämter und alle dazugehörigen Sterblichen – Schreiber, Beamte und Wachmannschaften zu Wasser und zu Land – verkörpert werden. Er war genau der richtige Mann für uns, dieser moderne gesetzbrechende Wanderer mit seiner eigenen Legende von Liebe, Gefahr und Blutvergießen. Manchmal erzählte er uns Bruchstücke davon in gemessenem, ironischem Ton. Er sprach Katalonisch, das Italienisch von Korsika und das Französische der Provence mit der gleichen leichten Natürlichkeit. In seinem Landgangszeug, wie ich ihn einmal mit zu Doña Rita nahm, im weißen, gestärkten Hemd, schwarzen Jackett und steifen Hut, sah er sehr stattlich aus. Er verstand es auch, sich durch taktvolle und schlichte Zurückhaltung, die noch durch eine kaum wahrnehmbare Munterkeit in Ton und Gebärde unterstrichen wurde, sehr interessant zu machen. Er besaß die natürliche Sicherheit eines unerschrockenen Mannes. Nach einer halbstündigen Unterhaltung im Eßzimmer, während der sie beide auf geradezu erstaunliche Weise miteinander Kontakt bekamen, sagte uns Rita in ihrer besten grande dame -Manier: » Mais il est parfait, cet homme .« Ja, er war vollkommen. Wenn er an Bord der ›Tremolino‹ in seinen schwarzen caban , den malerischen Mantel der Seeleute des Mittelmeers, gehüllt dastand, sah er mit seinem buschigen Schnurrbart und den harten Augen, die aus dem Schatten der tiefen Kapuze hervorblickten, wie ein Pirat, wie ein Mönch aus, der düster eingeweiht ist in die schrecklichsten Geheimnisse des Meeres. IV Jedenfalls war unser Dominic einfach vollkommen, wie Doña Rita erklärt hatte. Das einzig Unzulängliche (und sogar Unerklärliche) an ihm war sein Neffe Cesar. Es war bestürzend zu sehen, welch trostloser Ausdruck der Scham die draufgängerische Kühnheit in den Augen dieses Mannes verhüllte, der über alle Skrupel und Ängste erhaben war. »Ich hätte niemals gewagt, ihn an Bord Ihrer Balancelle zu bringen«, entschuldigte er sich einmal bei mir. »Aber was sollte ich machen? Seine Mutter ist tot, und mein Bruder ist in den Busch gegangen.« Auf diese Weise erfuhr ich, daß unser Dominic einen Bruder hatte. »In den Busch gehen«, heißt nur, daß ein Mann im Verfolg einer erblichen Blutrache seine Pflicht getan hat. Die seit langer Zeit bestehende Feindschaft zwischen den Familien Cervoni und Brunaschi war so alt, daß man annehmen konnte, sie sei schließlich verglommen. Eines Abends saß Pietro Brunaschi nach einem arbeitsreichen Tage unter seinen Olivenbäumen auf einem Stuhl an der Mauer seines Hauses mit einer Schüssel Suppe auf den Knien und einem Stück Brot in der Hand. Dominics Bruder, der mit einem Gewehr über der Schulter nach Hause ging, fühlte sich durch dieses Bild der Zufriedenheit, das so augenscheinlich darauf berechnet war, seine Haß- und Rachegefühle zu wecken, plötzlich beleidigt. Er und Pietro hatten nie einen persönlichen Streit gehabt, aber, wie Dominic erklärte, »alle unsere Toten schrien aus ihm«. Hinter einem Schutzwall aus Steinen rief er Pietro zu: »Paß auf, Pietro, was jetzt kommt!« Und als der andere aufblickte, zielte er auf die Stirn und glich die alte Vendettarechnung so elegant aus, daß, wie Dominic sagte, der tote Mann mit dem Suppennapf auf den Knien und dem Stück Brot in der Hand sitzen blieb. Deswegen – weil in Korsika deine Toten dich nicht verlassen – mußte Dominics Bruder in den maquis gehen, in den wilden Busch des Gebirges, um den Gendarmen für den unbedeutenden Rest seines Lebens auszuweichen. Darum hatte Dominic den Neffen in Obhut genommen mit dem Auftrag, einen Mann aus ihm zu machen. Man kann sich kein aussichtsloseres Vorhaben vorstellen. Es schien hierzu einfach an allem zu fehlen. Wenn die Cervonis auch keine schönen Männer waren, so doch von rechtem Schrot und Korn. Aber dieser ungewöhnlich magere, bleiche Jüngling schien nicht mehr Blut in seinen Adern zu haben als eine Schnecke. »Eine verfluchte Hexe muß das Kind meines Bruders aus der Wiege gestohlen und diese Ausgeburt der Hölle an seine Stelle gelegt haben«, sagte Dominic einmal zu mir. »Sehen Sie ihn bloß an! Sehen Sie ihn sich bloß an!« Es war kein Vergnügen, Cesar anzusehen. Seine pergamentartige Haut schimmerte am Schädel kreidebleich durch die dünnen Strähnen schmutzig braunen Haares, die ganz fest auf seine großen Knochen geklebt schienen. Obwohl er keineswegs irgendwie körperlich mißgestaltet war, kam er dem, was man im allgemeinen unter dem Wort »Monstrum« versteht, so nah wie nichts, was ich je gesehen habe. Daß diese Wirkung auf seine geistige und seelische Verfassung zurückzuführen war, unterliegt für mich keinem Zweifel. Es war der körperliche Ausdruck einer völlig hoffnungslos verderbten Natur, von der jedes Glied, einzeln genommen, gar nichts absolut Erschreckendes an sich hatte. Man stellte sich vor, er fühle sich kalt und feucht wie eine Schlange an. Dem leisesten Vorwurf, der mildesten gerechten Ermahnung begegnete er mit einem wütenden Blick, einem boshaften Zurückziehen seiner dünnen, vertrockneten Oberlippe und einem haßerfüllten Knurren, dem er noch das angenehme Geräusch knirschender Zähne beigesellte. Wegen dieses boshaften Betragens und weniger um seiner Lügen, seiner Unverschämtheit und Faulheit willen schlug ihn sein Onkel manchmal zu Boden. Aber man darf sich darunter keinen brutalen Angriff vorstellen, sondern man sah nur Dominics muskulösen Arm ganz bedächtig eine weit ausholende Bewegung machen, einen würdevollen Schwung, und Cesar purzelte wie ein Kegel um—das nahm sich sehr komisch aus. Aber wenn er erst einmal lag, dann krümmte und wand er sich an Deck und knirschte dabei vor ohnmächtiger Wut mit den Zähnen. Es war einfach schrecklich anzusehen. Und mehr als einmal geschah es auch, daß er zu unserer großen Überraschung unsichtbar wurde. Die volle Wahrheit ist, daß er sich einfach fallen ließ, ehe er überhaupt einen Schlag erhielt, und dann eilends verschwand. Er flüchtete Hals über Kopf in eine offene Luke oder Kappe, dann wieder versteckte er sich hinter hochkant stehenden Fässern, je nachdem, wo er gerade mit dem mächtigen Arm seines Onkels in Berührung kam. Einmal – es war im alten Hafen kurz vor der letzten Reise der ›Tremolino‹ – verschwand er zu meiner größten Bestürzung über Bord. Dominic und ich hatten achtern über geschäftliche Dinge gesprochen, und Cesar war hinter uns hergeschlichen, um zu lauschen, denn neben allen anderen Eigenschaften war er auch noch ein abgefeimter Horcher und Spion. Beim Geräusch des lauten Plumpses längsseits hielt mich der Schreck wie angewurzelt auf der Stelle fest. Dominic trat jedoch ruhig an die Reling, lehnte sich über Bord und wartete darauf, daß der erbärmliche Kopf seines Neffen wieder auftauchte. »Ohé, Cesar!« rief er verächtlich dem platschenden Wicht zu. »Halte dich hier an der Achterleine fest – charogne! « Darauf kam er zu mir her, um die unterbrochene Unterhaltung wieder aufzunehmen. »Was ist mit Cesar?« fragte ich besorgt. » Canaglia! Lassen Sie ihn dort hängen«, war seine Antwort, und ruhig sprach er weiter über das vorliegende Geschäft, während ich vergebens versuchte, aus meinem Gedächtnis das Bild loszuwerden, wie Cesar bis zum Hals im Wasser des alten Hafens lag, in diesem Absud jahrhundertealter Schiffsabfälle. Ich versuchte das Bild loszuwerden, weil mir schon bei dem bloßen Gedanken an diese Flüssigkeit übel wurde. Kurz darauf rief Dominic einen Bootsführer an, der gerade nichts zu tun hatte, und beauftragte ihn, seinen Neffen herauszufischen. Eine Weile später erschien Cesar am Kai und kam an Bord. Er zitterte, das schmutzige Wasser lief an ihm hinunter, in seinem Haar hatten sich Reste verfaulten Strohs verfangen, und auf seiner Schulter war ein Stück schmutzige Apfelsinenschale liegengeblieben. Seine Zähne klapperten, seine gelben Augen warfen uns verstohlen giftige Blicke zu, als er nach vorne ging. Ich hielt es für meine Pflicht, gegen diese Behandlung zu protestieren. »Warum schlagen Sie ihn immer, Dominic?« fragte ich. Denn ich war ja davon überzeugt, daß es nicht den geringsten Zweck hatte und reine Kraftvergeudung war. »Ich muß versuchen, aus ihm einen Mann zu machen«, antwortete Dominic hoffnungslos. Ich unterdrückte die naheliegende Entgegnung, daß er auf diese Weise Gefahr liefe, aus seinem Neffen, nach den Worten des unsterblichen Herrn Mantalini, »einen verdammt feuchten, widerlichen Leichnam zu machen«. »Er will Schlosser werden!« brach es aus Cervoni heraus. »Wahrscheinlich um zu lernen, wie man Schlösser aufbricht«, fügte er mit höhnischer Bitterkeit hinzu. »Warum soll er nicht Schlosser werden?« wagte ich zu fragen. »Wer würde ihn wohl in die Lehre nehmen?« schrie er, und dann fragte er mit versagender Stimme: »Wo sollte ich ihn dann unterbringen?« Zum ersten Male sah ich Dominic richtig verzweifelt. »Er stiehlt, das wissen Sie, ach! Par la Madonna! Ich glaube, er könnte Gift in Ihr und mein Essen tun, die Natter!« Er hob sein Gesicht und seine geballten Fäuste langsam zum Himmel. Wie dem auch sei, Cesar schüttete kein Gift in unsere Tassen. Man kann es nicht genau wissen, aber ich nehme an, er ging auf andere Weise zu Werke. Auf der nächsten Reise, über die man keine Einzelheiten zu berichten braucht, mußten wir aus triftigen Gründen weit hinaus auf See gehen. Als wir von Süden hochkamen, um den wichtigsten und gefährlichsten Teil des vorgesehenen Planes abzuschließen, hielten wir es für notwendig, Barcelona anzulaufen, um eine gewisse präzise Information zu erlangen. Das scheint, als hätte man seinen Kopf in den Rachen des Löwen gesteckt, aber so war es in Wirklichkeit nicht. Wir hatten dort einen oder zwei einflußreiche Freunde, und dazu viele andere schlichte, aber nützliche, für gutes hartes Geld gewonnen und liefen keine Gefahr, belästigt zu werden. Tatsächlich erreichte uns die wichtige Information prompt durch einen Zollbeamten, der an Bord kam, um mit auffälligem Eifer einen Eisenstab in die Lage Apfelsinen zu stecken, die den sichtbaren Teil unserer Ladung in der Luke ausmachte. Ich vergaß am Anfang zu erwähnen, daß die ›Tremolino‹ offiziell als Frucht- und Korkholzfahrer angesehen wurde. Als der eifrige Beamte wieder an Land ging, ließ er ein nützliches Stück Papier in Dominics Hand gleiten, und als er einige Stunden später seinen Dienst beendet hatte, kehrte er durstig nach Getränken und einer Bezeugung der Dankbarkeit wieder zurück an Bord. Natürlich erhielt er beides, und während er in der kleinen Kajüte seinen Likör schlürfte, bearbeitete ihn Dominic mit Fragen über den derzeitigen Aufenthaltsort der Zollposten. Wir mußten mit den Zollwachen an der Küste rechnen, und es war für den Erfolg und unsere Sicherheit ausschlaggebend, die genaue Position der in unserer Nähe patrouillierenden Zollboote zu kennen. Die Nachrichten hätten für uns nicht günstiger sein können. Der Beamte nannte uns einen kleinen zwölf Meilen entfernten Ort an der Küste, wo das Boot ahnungslos und nicht seeklar mit abgeschlagenen Segeln vor Anker lag, um die Rahen zu malen und Stengen zu schrappen. Nach den üblichen Höflichkeitsbezeigungen ging der Beamte wieder von Bord, wobei er uns beruhigend über die Schulter zulächelte. Aus übertriebener Vorsicht war ich fast den ganzen Tag unter Deck geblieben, denn der Einsatz, um den es auf dieser Reise ging, war groß. »Wir könnten sofort auslaufen, wenn dieser Cesar nicht wäre. Seit dem Frühstück ist er verschwunden«, erklärte mir Dominic in seiner bedächtigen, grimmigen Art. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, warum und wohin der Kerl gegangen war. Die üblichen Vermutungen, die man bei einem vermißten Seemann anstellt, waren auf Cesars Fernbleiben nicht anwendbar. Er war viel zu widerlich für Liebe, Freundschaft, Spiel oder auch nur eine flüchtige Verbindung. Aber er war vorher schon ein- oder zweimal weggelaufen. Dominic ging an Land, um ihn zu suchen, aber nach zwei Stunden kam er allein zurück. An seinem vom Schnurrbart verdeckten Lächeln, das noch ausdrucksvoller geworden war, erkannte ich seine große Wut. Wir fragten uns, was aus dem Kerl geworden sein könnte, und überholten hastig unser bewegliches Eigentum. Er hatte aber nichts gestohlen. »Bald wird er wieder zurück sein«, sagte ich zuversichtlich. Zehn Minuten später rief einer der Leute an Deck laut aus: »Ich sehe ihn kommen.« Cesar hatte nur Hemd und Hose an. Seine Jacke hatte er verkauft, offenbar um etwas Taschengeld zu haben. »Du Schuft«, war alles, was Dominic mit beängstigend sanfter Stimme sagte. Er unterdrückte seinen Zorn. »Wo bist du Vagabund gewesen?« fragte er drohend. Aber nichts hätte Cesar dazu bringen können, diese Frage zu beantworten. Es schien, als verzichtete er sogar darauf zu lügen. Unverfroren blickte er uns an, zog die Lippen zurück, knirschte mit den Zähnen und wich nicht einen Zoll vor Dominics ausholendem Arm zurück. Natürlich flog er wie von einer Kugel getroffen an Deck. Aber diesmal konnte ich beobachten, daß er beim Aufstehen länger als gewöhnlich auf allen vieren liegenblieb, seine großen Zähne fletschte und seinen Onkel mit einem neuen Ausdruck des Hasses in seinen runden gelben Augen über die Schulter anstarrte. Dieses stetige Gefühl schien bei ihm in diesem Augenblick durch eine besondere Bosheit und Neugier verstärkt zu sein. Ich beobachtete ihn interessiert. Wenn er es jemals fertigbringen sollte, dachte ich bei mir, Gift in unser Essen zu tun, wird er uns so wie jetzt ansehen, wenn wir dann bei Tisch sitzen. Aber selbstverständlich nahm ich nicht einen Augenblick an, daß er uns jemals Gift ins Essen tun würde. Er aß ja dasselbe wie wir. Überdies hatte er gar kein Gift, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß ein menschliches Wesen so von Habgier geblendet sein könnte, um einem solch abscheulichen Geschöpf Gift zu verkaufen. V Unauffällig glitten wir in der Dunkelheit hinaus auf See, und während der ganzen Nacht ging alles gut. Der Wind war böig, und von Süden kam steife Brise auf. Dieser Wind war günstig für unsern Kurs. Ab und zu schlug Dominic ein paarmal die Hände zusammen, als wollte er dieser Darbietung der ›Tremolino‹ Beifall spenden. Die Balancelle flog summend und bebend dahin und tanzte federleicht unter unseren Füßen. Bei Tagesanbruch wies ich Dominic auf ein besonderes Fahrzeug unter den verschiedenen Seglern hin, die in Sichtweite vor dem anwachsenden Sturm dahinliefen. Das Schiff war unter vollen Segeln und sah daher von vorn gewaltig groß aus; wie eine graue Säule stand es unbeweglich genau in unserem Kielwasser. »Sehen Sie sich den einmal an, Dominic«, sagte ich, »der scheint es eilig zu haben.« Der Padrone äußerte sich nicht weiter dazu, zog aber seinen schwarzen Mantel eng um den Körper und stand auf, um sich das Schiff anzuschauen. Sein wettergebräuntes Gesicht, das die Kapuze umrahmte, sah herrisch und herausfordernd aus, seine tiefliegenden Augen spähten starr und unbewegt in die Ferne, wie die aufmerksamen, gnadenlosen, starren Augen eines Seevogels. » Chi va piano va sano «, bemerkte er schließlich mit einem höhnischen Blick über die Reling, wobei er spöttisch auf unsere eigene ungeheure Fahrt anspielte. Die ›Tremolino‹ gab ihr Bestes her und schien die mächtigen Gischtstreifen, über die sie hinwegschoß, kaum zu berühren. Ich duckte mich wieder hin, um hinter der niedrigen Verschanzung etwas Schutz zu suchen. Nachdem er über eine halbe Stunde lang in schwankender Reglosigkeit mit konzentrierter, atemloser Wachsamkeit dagestanden hatte, sank Dominic neben mir nieder. Unter seiner Mönchskappe glühten seine Augen so grimmig, daß ich erschrak. Alles, was er sagte, war: »Er ist wohl herausgekommen, um die frische Farbe von den Rahen abzuwaschen, nehme ich an.« »Was?« schrie ich und kam auf die Knie. »Ist es das Zollboot?« Die ewige Andeutung eines Lächelns unter Dominics piratenhaftem Schnurrbart schien sich noch stärker auszuprägen – es schimmerte jetzt ganz deutlich und fast sichtbar durch das feuchte, glatte Haar hindurch. Nach diesen Anzeichen zu urteilen, mußte er in rasender Wut sein. Aber ich sah auch, daß er verwirrt war, und diese Entdeckung berührte mich sehr unangenehm. Dominic verwirrt! Eine Zeitlang starrte ich über die Heckreling gelehnt auf die graue Säule, die leicht schwankend und, wie es schien, immer im gleichen Abstand über unserm Kielwasser emporragte. Indessen saß Dominic mit untergeschlagenen Beinen, den Rücken dem Wind zugekehrt, an Deck, wie ein arabischer Anführer, der in seinem Burnus im Sande sitzt. Über seiner regungslosen Gestalt schwang die kleine Schnur mit der Troddel an der steifen Spitze seiner Kapuze sinnlos im Sturm hin und her. Ich gab es schließlich auf, mich dem Wind und dem Regen preiszugeben, und setzte mich neben ihn hin. Ich war überzeugt, daß der Segler ein Streifenboot war. Am besten sprach man gar nicht darüber, aber als dann bald zwischen zwei Hagelschauern ein Sonnenstrahl auf seine Segel fiel, entdeckten unsere Leute ganz von selbst, was es war. Ich stellte fest, daß sie von diesem Augenblick an weder einander noch irgend etwas sonst zu beachten schienen. Sie konnten weder ihre Augen noch ihre Gedanken von der schlanken Säulenform hinter uns abwenden. Deutlich konnte man jetzt sehen, wie sie hin und her schwankte. Einen Augenblick lang blieb sie strahlend weiß, dann löste sie sich in einer Böe langsam in Nichts auf, nur um dann wieder beinah schwarz zu erscheinen, wie ein Pfahl, der sich aufrecht gegen den schieferfarbenen Hintergrund der geschlossenen Wolkendecke abhob. Aber das Fahrzeug war uns nicht einen Fuß näher gekommen. »Der kriegt die ›Tremolino‹ nie zu fassen«, sagte ich triumphierend. Dominic sah mich nicht an. Ganz geistesabwesend bemerkte er zutreffend, daß das schwere Wetter unsere Verfolger begünstige. Das Schiff war dreimal so groß wie unseres. Wir mußten versuchen, den Abstand bis zum Einbruch der Dunkelheit zu halten, was uns leicht gelingen sollte, und dann nach See zu steuern, um weiterzusehen. Aber seine Gedanken schienen im Dunkel eines ungelösten Rätsels umherzutappen, und bald verfiel er ganz in Schweigen. Mit weit abgefierten Bäumen liefen wir stetigen Kurs. Kap San Sebastian lag fast recht voraus und schien nach jeder Regenbö vor uns zurückzuweichen und nach dem Schauer deutlicher wieder herauszukommen, um unserm Ansturm zu begegnen. Ich war für meinen Teil keineswegs sicher, daß dieser gabelou, wie unsere Leute das Zollboot beschimpften, überhaupt hinter uns her war. Verschiedene nautische Schwierigkeiten sprachen so sehr dagegen, daß ich der zuversichtlichen Meinung Ausdruck verlieh, das Zollboot wechsle in aller Harmlosigkeit lediglich seinen Standort. Daraufhin ließ sich Dominic herbei, den Kopf zu wenden. »Ich sage Ihnen, daß es uns verfolgt«, versicherte er mir verstimmt nach einem kurzen Blick achteraus. Ich hatte niemals seine Meinung angezweifelt, aber diesmal war ich mit allem Eifer eines Anfängers und dem Stolz eines gelehrigen Schülers ein großer, spitzfindiger nautischer Sachkenner. »Was ich nicht verstehen kann«, beharrte ich mit leiser Ironie, »wie in aller Welt es bei diesem Wind fertiggebracht hat, gerade dort zu sein, wo wir es zuerst ausmachten. Es ist doch klar, daß es in der Nacht keine zwölf Meilen gegen uns aufgeholt hat. Und da gibt es noch andere Unmöglichkeiten...« Dominic hatte regungslos wie ein lebloser schwarzer Kegel dagesessen, den man auf das Achterdeck neben den Ruderkopf gestellt hatte und auf dessen Spitze eine kleine Troddel flatterte. Eine Zeitlang verharrte er noch in diesem unbeweglichen Nachdenken, dann beugte er sich kurz auflachend vor und teilte mir das bittere Ergebnis seines Nachdenkens mit. Ihm war jetzt alles vollkommen klar. Das Zollboot war dort, wo wir es zuerst in Sicht bekamen, nicht weil es uns aufgeholt hatte, sondern weil wir in der Nacht an ihm vorbeigelaufen waren, als es sehr wahrscheinlich beigedreht schon genau in unserer Kursrichtung auf uns wartete. »Schon wartete – verstehen Sie?« murmelte Dominic wütend. »Schon! Wir sind gut acht Stunden früher ausgelaufen, als man angenommen hat, sonst würde es rechtzeitig hinter dem Kap auf der Lauer gelegen und-« er schnappte dicht vor meinem Gesicht mit den Zähnen wie ein Wolf zu – »uns so geschnappt haben.« Jetzt sah ich alles ganz deutlich vor mir. Die dort hatten Augen im Kopf und ihre fünf Sinne beisammen. Wir hatten sie in der Dunkelheit passiert, als sie langsam auf ihren Hinterhalt zuhielten im Glauben, wir seien noch weit achteraus. Als sie jedoch bei Tagesanbruch voraus eine Balancelle unter vollen Segeln sichteten, setzten sie alle Segel, um das Schiff zu verfolgen. Aber wenn sich das so verhielt, dann – Dominic ergriff meinen Arm. »Ja, ja! Sie sind auf eine Information hin ausgelaufen – verstehen Sie? Auf Grund einer genauen Information... Man hat uns verraten – betrogen. Warum? Wie? Wofür? Wir haben die Leute an Land doch immer gut bezahlt... Nein! Aber mir zerspringt bald der Schädel.« Es schien, als stockte ihm der Atem, zerrend riß er den Knopf am Kragen seines Umhangs auf, sprang mit aufgerissenem Mund hoch, als wollte er Flüche und Verdächtigungen ausstoßen, beherrschte sich aber sofort, zog den Mantel enger und setzte sich so ruhig wie immer wieder an Deck. »Ja, es muß das Werk irgendeines Lumpen an Land sein«, sagte ich. Er zog die Kapuze weit ins Gesicht, ehe er murmelte: »Ein Lump... Ja... Das ist klar.« »Na ja«, sagte ich, »sie kriegen uns nicht, das ist auch klar.« »Nein«, stimmte er ruhig bei, »das können sie nicht.« Wir passierten das Kap ganz dicht, um eine gegenlaufende Strömung zu vermeiden. Andererseits gerieten wir dadurch so sehr in Lee des Landes, daß wir völlig abgedeckt waren und die beiden großen, stattlichen Segel der ›Tremolino‹ einen Augenblick lang träge an den Masten herunterhingen, während hinter uns im donnernden Aufruhr die Seen gegen die Küste brandeten. Als dann der Wind wieder mit voller Wucht einsetzte, sahen wir mit Schrecken die Hälfte des neuen Großsegels aus den Lieken fliegen. Wir fierten die Rah sofort an Deck und bargen den Rest, aber es war kein Segel mehr, sondern nur noch ein Haufen nasser Segeltuchstreifen, der das Deck versperrte und das Schiff belastete. Dominic gab Befehl, den ganzen Kram über Bord zu werfen. »Ich hätte auch die Rah über Bord werfen lassen«, sagte er, als er mich nach achtern führte, »wenn es nicht so viel Aufsehen machte. Lassen Sie sich nichts anmerken«, fuhr er fort und senkte dabei die Stimme, »aber ich muß Ihnen etwas Furchtbares mitteilen. Hören Sie: Ich habe festgestellt, daß die Lieken am Segel angeschnitten waren! Verstehen Sie? An vielen Stellen mit einem Messer angeschnitten. Und doch hat es die ganze Zeit gestanden. Nicht genug geschnitten. Das Schlagen hat dem Segel erst den Rest gegeben. Aber kommt es darauf an? Passen Sie auf, hier an Deck ist Verrat am Werke. Zum Teufel, hier hinter unserem Rücken, da sitzt Verrat. Drehen Sie sich nicht um, Signorino.« Wir standen mit dem Gesicht zum Heck. »Was ist dabei zu tun?« fragte ich entsetzt. »Nichts. Schweigen! Seien Sie ein Mann, Signorino.« »Und was noch?« fragte ich. Um zu zeigen, daß ich ein Mann sein konnte, entschied ich mich, keinen Ton zu sagen, solange Dominic selbst die Kraft aufbrachte, seine Lippen geschlossen zu halten. In gewissen Situationen ist nur Schweigen angebracht. Überdies schien die Erfahrung des Verrats eine hoffnungslose Müdigkeit über mein ganzes Sinnen und Denken zu breiten. Etwa eine Stunde oder noch länger beobachteten wir unseren Verfolger, wie er bei den Böen, die ihn manchmal vollkommen verbargen, näher und näher kam. Aber selbst wenn wir das Schiff nicht sahen, fühlten wir es wie ein Messer an der Kehle. Es kam beängstigend schnell näher. Die ›Tremolino‹ schwebte bei dem starken Wind in dem viel glatteren Wasser unter ihrem einzigen Segel leicht dahin, und in der jubelnden Freiheit ihrer Bewegungen lag eine ergreifende Sorglosigkeit. Eine weitere halbe Stunde verging. Ich konnte es nicht länger aushaken. »Sie werden unser armes Schiff zu fassen kriegen«, stammelte ich plötzlich, den Tränen nahe. Dominic bewegte sich nicht mehr als eine Figur aus Holz. Ein Gefühl verhängnisvoller Einsamkeit überfiel meine unerfahrene Seele. Das Bild meiner Gefährten stieg vor mir auf. Die ganze Royalistengesellschaft war jetzt wohl in Monte Carlo. Und ganz klar sah ich sie sehr klein vor mir, mit affektierten Stimmen und steifen Bewegungen, wie eine Prozession unbeweglicher Marionetten auf einer Puppenbühne. Ich schrak auf. Was war das? Aus dem Innern der bewegungslosen schwarzen Kapuze neben mir flüsterte es unbarmherzig und geheimnisvoll: »Il faut la tuer.« Ich hörte es genau. »Was meinen Sie, Dominic?« fragte ich und bewegte nur meine Lippen hierbei. Und das Flüstern im Innern der Kapuze wiederholte geheimnisvoll: »Sie muß sterben.« Mein Herz begann heftig zu schlagen. »Ja, ja«, äußerte ich stammelnd, »aber wie?« »Sie lieben sie sehr?« »Ja.« »Dann müssen Sie auch den Mut dazu aufbringen. Sie müssen sie selbst steuern, und ich werde dafür sorgen, daß sie schnell stirbt, ohne mehr als einen Splitter zu hinterlassen.« »Können Sie das?« murmelte ich, fasziniert von der schwarzen Kapuze, die unbeweglich über das Heck geneigt dastand, als stünde sie in unerlaubter Verbindung mit diesem alten Meer der Magier, Sklavenhändler, Verbannten und Krieger, dem Meer der Legenden und Schrecken, wo die Seefahrer des fernen Altertums noch den ruhelosen Schatten eines alten Wanderers im Dunkeln laut weinen hörten. »Ich weiß einen Felsen«, flüsterte geheimnisvoll die wissende Stimme in der Kapuze. »Aber – Vorsicht! Es muß geschehen, ehe unsere Leute merken, was wir vorhaben. Wem können wir jetzt noch trauen? Ein Schnitt mit dem Messer ins Fockfall, dann läge die Fock an Deck, und mit unserer Freiheit wäre es in zwanzig Minuten vorbei. Vielleicht haben sogar unsere besten Männer Angst vor dem Ertrinken. Wir haben zwar das kleine Boot, aber bei einer Sache wie dieser weiß niemand, ob er gerettet wird.« Die Stimme verstummte. Als wir von Barcelona absegelten, hatten wir unser Dingi in Schlepp, und später war es zu riskant, es wieder einzuholen, so überließen wir es am Ende einer ziemlich langen Leine seinem Schicksal. Schon ein paarmal schien es uns von der See überwältigt, aber dann sahen wir es bald mit einer See flott und heil wie je plötzlich wieder auftauchen. »Ich verstehe«, sagte ich leise. »In Ordnung, Dominic. Wann?« »Noch nicht. Wir müssen erst noch ein bißchen dichter unter Land kommen«, antwortete die Stimme in der Kapuze gespenstisch murmelnd. VI Es war abgemacht. Jetzt hatte ich den Mut, mich umzuwenden. Unsere Leute kauerten mit besorgten, niedergeschlagenen Gesichtern hier und dort an Deck und beobachteten unsern Verfolger. Zum erstenmal an diesem Morgen wurde ich Cesars gewahr, der lang ausgestreckt neben dem Fockmast an Deck lag. Ich fragte mich verwundert, wo er sich so lange versteckt hatte. Aber er mag vielleicht die ganze Zeit neben mir gestanden haben; wir waren zu sehr mit unserem Verhängnis beschäftigt, als daß wir noch aufeinander geachtet hätten. Niemand hatte an diesem Morgen etwas gegessen, aber ständig waren die Leute zum Trinken ans Wasserfaß gekommen. Ich lief hinunter in die Kajüte. Dort hatte ich in einem Spind zehntausend Franken in Gold versteckt, von dessen Vorhandensein an Bord, soviel ich wußte, außer Dominic kein Mensch auch nur das geringste ahnte. Als ich wieder an Deck kam, hatte sich Dominic umgedreht und schaute unter seiner Kapuze heraus forschend auf die Küste. Voraus lag Kap Creux, an Backbord eine weite Bucht, deren Wasser durch die harten Böen so aufgewühlt war, daß die Luft ganz von Dampf erfüllt schien, und achteraus sah es bedrohlich am Himmel aus. Sowie mich Dominic sah, fragte er mich in ruhigem Ton, was geschehen sei. Ich ging nahe an ihn heran, tat ganz gleichgültig und sagte ihm, daß ich das Spind aufgebrochen vorgefunden hätte und mein Gürtel mit Geld fort sei. Gestern abend war er noch da. »Was wollten Sie denn damit?« fragte er mich. Er zitterte am ganzen Körper. »Ihn umschnallen, natürlich«, gab ich zur Antwort, erschrocken, als ich hörte, wie er mit den Zähnen klapperte. »Verfluchtes Gold!« murmelte er. »Das Gewicht des Geldes hätte Sie das Leben kosten können.« Er schauderte. »Jetzt ist keine Zeit, darüber zu reden.« »Ich bin klar.« »Noch nicht. Ich warte, daß diese Bö aufkommt«, flüsterte er. Die Minuten schlichen dahin. Schließlich setzte die Bö ein. Unser Verfolger wurde von einer Art Windhose überrascht und geriet in der dunklen Wolkenbank außer Sicht. Die ›Tremolino‹ bebte in allen Fugen und machte einen Satz nach vorn. Auch das Land voraus verschwand. Wir schienen allein in einer Welt aus Wasser und Wind zu sein. »Prenez la barre, monsieur.« Mit rauher Stimme brach Dominic plötzlich das Schweigen. »Nehmen Sie das Ruder.« Er beugte seine Kapuze an mein Ohr. »Die Balancelle gehört jetzt Ihnen. Mit Ihrer eigenen Hand müssen Sie ihr den Schlag versetzen. Ich – ich habe noch ein anderes Stück Arbeit zu tun.« Laut sagte er zu dem Mann, der steuerte: »Laß den Signorino an die Pinne und halte du dich mit den anderen klar, das Boot längsseits zu holen, sobald ich die Order gebe.« Der Mann war überrascht, gehorchte aber stumm. Die anderen kamen in Bewegung und spitzten die Ohren. Ich hörte sie flüstern: »Was nun? Wollen wir irgendwo einlaufen und uns aus dem Staub machen? Der Padrone weiß, was er tut.« Dominic ging nach vorn. Er blieb einen Augenblick stehen, um auf Cesar zu blicken, der, wie ich schon sagte, lang ausgestreckt mit dem Gesicht nach unten beim Fockmast lag, dann machte er einen Schritt über ihn hinweg und geriet hinter der Fock aus meinem Blickfeld. Voraus konnte ich nichts erkennen. Es war einfach unmöglich, irgend etwas anderes als die Fock zu sehen, die offene, weite Fock, die mir wie eine große, unwirkliche Schwinge erschien. Dominic hatte aber jetzt seine Richtung gefunden. Mit einem gerade noch hörbaren Ausruf kam seine Stimme von vorn: »Jetzt, Signorino!« Ich legte die Pinne über, wie er es mir vorher gesagt hatte. Ich hörte noch einen zweiten schwachen Zuruf, dann brauchte ich nur noch gerade voraus zu halten. Kein Schiff ist jemals so freudig in den Tod gelaufen. Die Balancelle hob sich und sank, als schwebe sie im Raum, dann schoß sie vorwärts, schwirrend wie ein Pfeil. Bald erschien Dominic wieder. Gebückt ging er unter der Fock hindurch und blieb in abwartender Haltung mit erhobenem Zeigefinger gegen den Mast gelehnt stehen. Eine Sekunde vor dem Anprall ließ er den Arm zur Seite niedersinken. Als ich das sah, biß ich die Zähne zusammen. Und dann – Da redet man von zersplitternden Planken und krachendem Holz! Dieser Schiffbruch bedrückt meine Seele wie ein furchtbarer, entsetzlicher Mord mit solch unvergeßlichen Gewissensnöten, als hätte ich mit einem einzigen Schlage ein lebendiges, treues Herz zermalmt. Einen Augenblick lang noch die vorwärtsstürmende, schwebende Fahrt, dann im nächsten Augenblick ein Krachen, und Tod, Stille – ein Moment furchtbarer Leblosigkeit. Der Gesang des Windes hat sich in schrilles Wehgeschrei verwandelt, und die schwere See brodelt drohend um den Leichnam. Eine quälende Minute lang sah ich die Fockrah mit einem wilden Schwung in Längsschiffrichtung fliegen und die Männer zu einem Haufen zusammengedrängt, vor Angst fluchend, wie wahnsinnig an der Schleppleine des Bootes holen. Mit einem seltsamen Gefühl der Freude über einen vertrauten Anblick erkannte ich unter den Leuten Cesar und Dominics alte, wohlbekannte und so wirkungsvolle Geste, wie er mit seinem kraftvollen Arm weit ausholte. Ich erinnere mich deutlich, daß ich mir sagte: »Cesar muß jetzt natürlich zu Boden gehen«, und dann versetzte mir die hin und her fegende Pinne, die ich losgelassen hatte, um auf allen vieren fortzukriechen, einen Schlag aufs Ohr, daß ich bewußtlos zusammenbrach. Ich glaube nicht, daß ich länger als ein paar Minuten wirklich besinnungslos war, aber als ich wieder zu mir kam, trieb das Dingi vor dem Wind in eine geschützte kleine Bucht, wobei es zwei Mann mit Riemen auf Land zu hielten. Dominic saß neben mir auf dem Achtersitz, er hatte einen Arm um meine Schulter gelegt und stützte mich. Wir landeten an einem wohlvertrauten Teil der Küste. Dominic nahm einen Riemen aus dem Boot mit. Ich vermute, er dachte dabei an den Fluß, den wir nach kurzer Zeit überqueren mußten, wo immer ein elender Kahn lag, dessen Ruderstangen meist gestohlen waren. Zunächst mußten wir jedoch die Hügelreihe hinter dem Kap emporsteigen. Dominic half mir hinauf. Mir war schwindelig. Mein Kopf fühlte sich dumpf und schwer an. Als wir oben waren, hing ich nur noch an ihm, und wir hielten an, um auszuruhen. Die weite, dampfende Bucht unter uns war leer. Dominic hatte sein Wort gehalten. Nicht ein Splitter war mehr bei dem schwarzen Felsen zu sehen, von dem auf einen Schlag die ›Tremolino‹ mit ihrem mutigen Herzen in tiefes Wasser zu ihrer ewigen Ruh hinabgeglitten war. Die weite offene See war in Nebelschwaden eingehüllt, und in der Mitte einer abziehenden Bö stürmte wie ein Phantom das Zollboot unter vollen Segeln dahin, das ahnungslos immer noch auf der Verfolgung nach Norden jagte. Unsere Leute kletterten schon den rückwärtigen Abhang hinab, um den Kahn zu suchen, der, wie wir wußten, nicht immer leicht zu finden war. Mit geblendeten, trüben Augen blickte ich hinter ihnen her. Einer, zwei, drei, vier. »Dominic, wo ist Cesar?« schrie ich. Als ob er schon den bloßen Namen abwehren wollte, machte der Padrone diese weitausholende, niederschlagende Geste. Ich trat einen Schritt zurück und starrte ihn erschrocken an. Sein offenes Hemd ließ seinen muskulösen Hals und das dichte Haar auf seiner Brust sehen. Er stieß den Riemen senkrecht in die weiche Erde, rollte langsam seinen rechten Hemdsärmel auf und streckte den nackten Arm vor meinem Gesicht aus. »Das«, begann er ganz langsam, wobei er mit übermenschlicher Anstrengung seine Gefühle unterdrückte, »ist der Arm, der ihm den Schlag versetzt hat. Den Rest, fürchte ich, hat Ihr eigenes Gold besorgt. Ich habe Ihr Geld ganz vergessen.« Er schlug in einer plötzlichen Schmerzaufwallung die Hände zusammen. »Ich habe es vergessen, habe es vergessen!« wiederholte er untröstlich. »Cesar hat den Gürtel gestohlen?« stammelte ich bestürzt. »Wer sonst? Canaglia! Er muß Ihnen tagelang nachspioniert haben. Und er hat den Streich ausgeführt. Den ganzen Tag in Barcelona an Land. Traditore! Verkaufte seine Jacke – um ein Pferd zu mieten. Haha! Ein schöner Handel! Ich sage Ihnen, er war es, der sie auf uns gehetzt hat...« Dominic zeigte hinaus auf die See, wo das Zollboot nur noch als dunkler Fleck zu sehen war. Sein Kinn sank auf die Brust. »... mit genauen Informationen«, murmelte er in traurigem Ton. »Ein Cervoni! Oh, mein armer Bruder!...« »Und Sie haben ihn ertränkt«, sagte ich leise. »Ich habe einmal zugeschlagen, und der Lump ging wie ein Stein unter – mit dem Gold. Ja, aber er hatte Zeit genug, in meinen Augen zu lesen, daß ihn nichts retten konnte, solange ich lebe. Und hatte ich nicht das Recht dazu – ich, Dominic Cervoni, Padrone, der ihn an Bord Ihrer Feluke gebracht hat – meinen Neffen, einen Verräter?« Er zog den Riemen aus der Erde und half mir vorsichtig den Abhang hinab. Während der ganzen Zeit sah er mir nicht ein einziges Mal ins Gesicht. Er stakte uns über den Fluß, nahm den Riemen wieder über die Schulter und wartete, bis unsere Leute etwas weiter weg waren, ehe er mir seinen Arm zur Stütze bot. Nachdem wir eine kurze Strecke gegangen waren, kam das Fischerdorf, wohin wir wollten, in Sicht. Dominic blieb stehen. »Meinen Sie, daß sie allein bis zu den Häusern gehen können?« fragte er mich ruhig. »Ja, ich glaube, aber warum? Wo wollen Sie hin, Dominic?« »Irgendwohin. Was für eine Frage! Signorino, Sie sind kaum mehr als ein Junge, wenn Sie einem Mann, der eine solche Geschichte in seiner Familie erlebt, diese Frage stellen. Oh, traditore! Was hat mich bloß dazu gebracht, diese Ausgeburt von einem hungrigen Teufel als unser eigenes Blut anzuerkennen! Ein Dieb, Betrüger, Feigling, Lügner – damit können sich andere Leute abgeben. Aber ich war sein Onkel, und so... Ich wollte, er hätte mich vergiftet – charogne! Aber das hier, daß ich, eine Vertrauensperson und ein Korse, Sie um Verzeihung bitten muß, weil ich an Bord Ihres Schiffes, dessen Padrone ich war, einen Cervoni brachte, der Sie verraten hat – einen Verräter! – das ist zuviel. Es ist einfach zuviel. Nun, ich bitte Sie um Verzeihung, und Sie mögen Dominic ins Gesicht spucken, weil ein Verräter unseres Blutes uns alle besudelt hat. Ein Diebstahl kann unter Männern wiedergutgemacht, eine Lüge berichtigt, ein Tod gerächt werden, aber was kann man tun, um einen Verrat wie diesen zu sühnen?... Nichts.« Er wandte sich um und ging von mir fort am Ufer des Stromes entlang. Er schwang seinen rächenden Arm und wiederholte langsam mit wildem Nachdruck: »Oh! Canaille! Canaille! Canaille!...« Zitternd vor Schwäche und stumm vor Schrecken blieb ich zurück. Unfähig, auch nur einen Laut hervorzubringen, starrte ich der fremdartig einsamen Gestalt dieses Seemannes nach, der unter dem düsteren, bleiernen Himmel des letzten Tages der ›Tremolino‹ mit einem Riemen über der Schulter eine dürre, felsenbedeckte Schlucht hinaufstieg. Bedachtsam, mit dem Rücken zur See, schritt er davon. So entschwand Dominic meinen Blicken. Wie sich der Gehalt unserer Wünsche, unserer Gedanken und unseres Erkennens zu unserer unendlichen Kleinheit verhält, so messen wir selbst die Zeit nach unserer eigenen Größe. Im Bann unserer Illusionen scheint uns der Rückblick auf dreißig Jahrhunderte Menschheitsgeschichte weniger zu bedeuten als auf dreißig Jahre unseres eigenen Lebens. Dominic Cervoni hat in meiner Erinnerung seinen Platz an der Seite des legendären Wanderers über das wunder- und schreckensreiche Meer, an der Seite des unheilbringenden, ruchlosen Abenteurers, dem der heraufbeschworene Schatten des Sehers eine Reise ins Binnenland verkündete: mit einem Ruder auf der Schulter werde er so weit gehen, bis er auf Menschen träfe, die noch niemals Schiffe und Ruder zu Gesicht bekamen. Mir scheint, ich könne die beiden Seite an Seite im Zwielicht eines schalen Landes sehen, die unglücklichen Besitzer des geheimen Wissens um die See, die das Wahrzeichen ihres harten Berufes auf der Schulter tragen, umgeben von schweigenden und wißbegierigen Männern – wie auch ich, der ich gleichfalls der See den Rücken gekehrt habe, diese wenigen Blätter mit der Hoffnung durch das Zwielicht trage, in einem Tale landeinwärts das schweigsame Willkommen eines geduldigen Zuhörers zu finden.