Charles Dickens Klein-Dorrit. Erstes Buch Erstes Buch. Die Armut. Einleitung. Den Roman »Klein-Dorrit« hat Dickens in den Jahren 1855/57, also in seiner schöpferisch fruchtbarsten Lebensperiode, geschrieben. Klein-Dorrit ist vielleicht die berühmteste seiner vielen großen Romangestalten, zum mindesten ist sie die rührendste und lichteste. Sie ist der Agnes im David Copperfield wesensverwandt. Aber Agnes ist mehr von außen beschrieben, ist vom Dichter als Ziel seiner Sehnsucht gesehen, ist ein Phantasiegeschöpf sehnender Liebe. Klein-Dorrit dagegen ist aus dem Herzblut des Dichters erwachsen; sie ist durchweg von innen her gestaltet. Sie ist nicht Außenziel, sondern sie bewegt den ganzen Roman. Unhörbar dreht sich die Erde, sagt Nietzsche. Unhörbar kreist in diesem gestaltenreichen Roman alles um Klein-Dorrit. Klein-Dorrit ist einer der stillsten, leisesten Menschen, die es geben kann. Sie macht nicht im mindesten Betrieb. Und doch treibt sie alles an, sich für oder gegen das gute Prinzip, das sie vertritt, zu entscheiden. So wandeln Engel auf Erden . – Ach, auf Erden? Sie wandeln in den irdischen Werken der Dichter. Denn in der Wirklichkeit dürften wir ein Geschöpf wie Klein-Dorrit vergebens suchen. Aber das ist ja grade die Gnadengabe der Dichter, daß sie das Poetisch-Schöne auf unsere unvollkommene Erde herabzaubern; daß sie uns jene höheren Sphären ahnen lassen, nach denen wir alle ein heimliches Verlangen tragen. Wunderbar schlicht zeichnet Dickens Klein-Dorrit: als das im Schuldgefängnis geborene Kind »eines durch allerlei seltsame Schicksalsverkettungen verarmten und verschuldeten Mannes, dem es nicht gelingt, sich von seinen Schulden zu befreien. Das Kind Dorrit wächst in den Gefängnismauern auf, fern von der Freiheit blühender Wiesen und sich unbekümmert bewegender Menschen. Es wächst auf in grauen, muffig riechenden Mauern der Gefängnis-Armut, zwischen grauen Gesichtern armer Schuldgefangener. Wo blüht für sie je ein bißchen Freude? Wo lacht für sie je ein Sonnenstrahl? Da geschieht dann das unbegreifliche Wunder: dieses Kind ist sich selbst Gottes reinste Freude. Es ist nur für andere da, sorgt nur für andere, arbeitet und darbt für den Vater, um sein Los zu erleichtern. Der Vater weiß nicht oder will nicht wissen, woher die guten Gaben stammen. Er nimmt sie unwidersprochen hin. Für alle sorgt Klein-Dorrit, für die Geschwister, die, andern Blutes als sie, sie ausnutzen, ihre Aufopferung als selbstverständlich ansehen. Für alle sorgt sie, auch für die Mühseligen und Beladenen ihrer weiteren Umwelt, wie für das alte Kind Maggy, das, mit seinem Kopf in Klein-Dorrits Schoß, schläft, während sie die Nacht hindurch wacht. Und all das tut Klein-Dorrit so selbstverständlich, als könnte es gar nicht anders sein. Bis Arthur Clennam in ihren Kreis tritt, der freudlose Sohn eines freudlosen Elternhauses, dessen gutes Herz in einer von trostloser Strenge überschatteten Jugend verkümmerte und nun erst aufblüht, da dieser lange Roman beginnt. Wieder beschwört Dickens' Phantasie eine Fülle von Gestalten aus der Welt des Guten und Lebenstüchtigen wie des Verderbten, des Verruchten und Gemeinen. All das möge der Leser selbst nachlesen, und er möge sich daran freuen, wie des Dichters unverrückbarer Glaube an den endgültigen Sieg des Edlen und Lichten hier wiederum seine vollen Triumphe feiert. Auch bei dieser Textrevision hat dem Unterzeichneten Frau Clara Weinberg , Hamburg, freundlich mitgeholfen. P. Th. H. Erstes Kapitel. Sonne und Schatten. Vor dreißig Jahren lag Marseille eines Tages im glühenden Sonnenbrand da. Eine helleuchtende Sonne an einem sengend heißen Augusttag war im südlichen Frankreich damals keine größere Seltenheit als zu jeder andern Zeit, vor- und nachher. Alles in und um Marseille starrte zu der glühenden Sonne empor, die wiederum auf Marseille und seine Umgebung herabstarrte, bis zuletzt alles weit und breit ein starrendes Aussehen annahm. Die starrend weißen Häuser, starrend weißen Wände, starrend weißen Straßen, starrend weißen dürren Landwege und die starrenden Hügel, deren Grün die Sonne versengt – machten auf den Fremden den quälendsten Eindruck. Das einzige, was nicht dieses unbeweglich starre und grelle Aussehen hatte, waren die Weinranken, die unter der Last ihrer Trauben herabhingen und bisweilen ein wenig glitzerten, wenn die heiße Luft ihre schlaffen Blätter flüchtig bewegte. Kein Wind kräuselte das trübe Wasser im Hafen oder die schöne weite See draußen. Die Grenzlinie zwischen den beiden Farben Schwarz und Blau zeigte den Punkt, den die reine See nicht überschreiten wollte. Aber sie lag so ruhig da wie der häßliche Pfuhl, mit dem sie sich nimmer vermischte. Boote ohne Zeltdach waren zu heiß, um sie zu berühren. Die Anker der Schiffe bedeckten sich mit Bläschen. Die steinernen Quader der Kais waren seit Monaten weder bei Tage noch bei Nacht kühl geworden. Hindus, Russen, Chinesen, Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, Genuesen, Neapolitaner, Venezianer, Griechen, Türken, kurz Abkömmlinge von allen Erbauern Babels, die handelshalber nach Marseille gekommen, suchten einer wie der andere den Schatten und bargen sich in irgendeinem Winkel vor einer See, die zu grell blau war, um lange ihren Anblick ertragen zu können, und vor einem glühroten Himmel, in dem ein großes, flammendes Feuerjuwel funkelte. Der über alles verbreitete grelle Glanz tat den Augen weh. An der fernen Linie der italienischen Küste milderte sich diese Glut etwas durch leichte Nebelwölkchen, die langsam aus dem Dunst des Meeres aufstiegen. Sonst trug alles den Stempel starrer Sonnenhitze. Aus der Ferne starrten die tiefbestaubten Straßen von den Hügelabhängen, von den Hohlwegen, von der endlosen Ebene dem Wanderer entgegen. Weit in der Ferne ließen die staubigen Weingelände bei den Landhäusern am Weg und die ausgedorrten Bäume in den müden Alleen im grellen Licht von Erd' und Himmel die Blätter hängen. Gesenkten Hauptes gingen die Pferde mit ihren schläfrigen Glöckchen an den langen Reihen von Karren einher, die sie landeinwärts zogen. Auch die müd' zurückgelehnten Fuhrleute ließen die Köpfe hängen, wenn sie wachten, was selten der Fall war. Die Schnitter im Felde beugten sich gleichfalls unter der Last und Hitze. Alles, was lebte und webte, drückte die Sonnenglut zu Boden, nur nicht die Eidechse, die hurtig über die rauhen, steinernen Mauern hinhuschte, und die Heuschrecke, die ihr trocken heiseres Gezirp, das wie eine Rassel klang, im Felde ertönen ließ. Der Staub selbst war von der Hitze braun gesengt, und in der Atmosphäre war ein Zittern, als ob die Luft sogar nach Luft schnappte. Läden, Jalousien, Vorhänge, Markisen waren alle geschlossen oder herabgelassen, um das blendende und heiße Sonnenlicht abzuhalten. Wo sich eine Ritze oder ein Schlüsselloch zeigte, schoß es wie ein weißglühender Pfeil hinein. Die Kirchen waren noch am meisten davon verschont. Trat man aus dem Zwielicht von Pfeilern und Bögen, die träumerisch von blinzelnden Lampen beleuchtet und träumerisch mit häßlichen alten Schatten von Schlummernden, Spuckenden und Bettelnden angefüllt waren, so war es, als ob man sich in einen glühenden Strom stürzte und nur mit Lebensgefahr nach dem nächsten Streifen Schatten schwimmen könnte. Das Volk lungerte dort umher, wo nur irgendein Schatten vorhanden war. Gespräch und Gebell waren beinahe verstummt; nur dann und wann hörte man in der Ferne das Geläute disharmonischer Glocken und den Lärm schlechter Trommeln –, so lag Marseille – eine deutlich zu riechende und zu fühlende Tatsache – alltäglich im glühenden Sonnenbrand da. Es gab zu jener Zeit in Marseille ein elendes Gefängnis. In einem seiner Gemächer, die so abstoßend finster waren, daß selbst die zudringliche Sonne nur hineinzublinzeln wagte und ihnen den Abfall von Lichtreflexen überließ, den sie erhaschen konnten, saßen zwei Männer. Außer diesen befanden sich darin eine vielbekerbte und verunstaltete Bank, die sich nicht von der Wand bewegen ließ und in die ein Damenspielbrett roh eingeschnitzt war, ein Damenspiel aus alten Knöpfen und Knöcheln, ein Domino, zwei Matten und zwei bis drei Weinflaschen. Das war alles, was der Kerker enthielt, mit Ausnahme von Ratten und anderem unsichtbaren Geziefer, nebst dem sichtbaren Geziefer, den beiden Männern. Das Gefängnis erhielt sein dürftiges Licht durch ein eisernes Gitter, das wie ein ziemlich großes Fenster aussah und durch das man es immer von der dunklen Treppe aus übersehen konnte, auf die das Gitter hinausging. An diesem Gitter befand sich eine breite, starke, steinerne Bank, da wo jenes drei oder vier Fuß über dem Boden in die Mauer eingelassen war. Auf dieser Bank lungerte einer der beiden Männer halb sitzend, halb liegend, die Knie an sich gezogen und Füße und Schultern an die gegenüberliegenden Seiten der Nische gestemmt. Das Gitter war weit genug, um ihm zu erlauben, seinen Arm bis zum Ellbogen hindurchzustecken; und er tat dies auch, um sich bequemer zu stützen. Alles ringsum trug das Gepräge des Gefängnisses. Die gefangene Luft, das gefangene Licht, die gefangenen Dünste, die gefangenen Männer – alles war durch die Gefangenschaft verdorben. Wie die Gefangenen bleich und hager, so war das Eisen rostig, der Stein schleimig, das Holz faul, die Luft dumpf, das Licht matt. Wie ein Brunnen, ein Keller, eine Gruft ahnte das Gefängnis nichts von dem Glanz, der draußen über alles ergossen war, und würde selbst mitten auf einer der Gewürzinseln des Indischen Ozeans seine verdorbene Atmosphäre unberührt behalten haben. Der Mann, der in der Nische am Gitter lag, fror sogar. Er zog mit ungeduldiger Bewegung der einen Schulter seinen großen Mantel fester um sich und murmelte: »Zum Teufel mit diesem Straßenräuber von Sonne, der nicht auch hier hereinscheinen will.« Er wartete auf das Essen und schielte mit dem Ausdruck eines wilden Tieres in ähnlicher Lage seitwärts durch das Gitter, um mehr von der Treppe zu sehen. Aber seine zu nahe aneinanderstehenden Augen blickten nicht so stolz wie die des Königs der Tiere und waren mehr scharf als glänzend, – spitze Waffen mit geringer Fläche, die sie leicht verraten könnten. Sie besaßen weder Tiefe noch Lebhaftigkeit des Ausdrucks: sie blitzten, öffneten und schlossen sich. Was diese Funktionen betrifft, so hätte, abgesehen von ihrem Nutzen für ihn, ein Uhrmacher ein paar bessere machen können. Er hatte eine gebogene Nase, die in ihrer Art schön war, aber zu hoch zwischen seinen Augen stand, gerade wie diese zu nahe aneinander lagen. Im übrigen war er von großem und breitem Körperbau, hatte dünne Lippen, soweit sie sein dicker Bart sehen ließ, und straffes, zottiges Haar, dessen Farbe schwer zu unterscheiden war, nur eine rötliche Mischung konnte man erkennen. Die Hand, mit der er das Gitter festhielt (auf dem Rücken ganz mit häßlichen, kaum geheilten Schrammen bedeckt), war ungewöhnlich klein und fleischig und wäre ohne den Gefängnisschmutz auch ungewöhnlich weiß gewesen. Der andere Mann kauerte auf dem steinernen Fußboden und war in einen braunen Mantel gehüllt. »Steht auf, Ferkel!« brummte der erstere. »Schlaft nicht, wenn ich hungrig bin.« »Es ist alles einerlei, Herr«, sagte das Ferkel unterwürfig und nicht ohne freundliche Miene, »ich kann wachen, wenn ich will, und kann schlafen, wenn ich will, es ist alles einerlei.« Während er das sagte, stand er auf, schüttelte sich, kratzte sich, band seinen braunen Mantel mittels des Ärmels leicht um seinen Hals (er hatte ihn zuvor als Decke benutzt) und setzte sich gähnend, den Rücken an die Wand gegenüber dem Gitter gelehnt, auf den Fußboden. »Sagt, wie spät ist es?« brummte der erste. »Die Mittagsglocke schlägt – in vierzig Minuten.« Bei der kleinen Pause sah er sich im Gefängnis um, als wollte er sich seiner Sache vergewissern. »Ihr seid eine Uhr. Wie könnt Ihr das nur immer wissen?« »Wie soll ich's sagen? Ich weiß immer, was die Uhr ist und wo ich bin. Ich wurde bei Nacht hier eingebracht und zwar auf einem Boot, aber ich weiß, wo ich bin. Seht hier den Hafen von Marseille.« Auf dem Boden kniend, zeichnete er nämlich die Karte mit seinem gebräunten Zeigefinger. »Toulon (wo die Galeeren sind). Spanien hier drüben. Algier dort oben. Hier nach der Linken liegt Nizza. Am Bogen weiter fort Genua. Mole und Hafen von Genua. Die Quarantäne. Dort die Stadt: terrassenförmige Gärten von blühender Belladonna gerötet. Hier Porto Fino. Seewärts gesteuert nach Livorno, weiter nach Civitavecchia. Und so fort bis – hm! da ist kein Platz mehr für Neapel«; er war inzwischen bis zur Mauer gekommen, »aber es tut nichts; es ist eben da drinnen.« Er blieb auf seinen Knien liegen und sah seinen Mitgefangenen mit einem für einen Gefangenen ziemlich muntern Blicke an. Es war ein sonnverbrannter, rühriger, geschmeidiger, kleiner Mann von gedrungenem Körperbau. Er trug Ohrringe in seinen braunen Ohren, hatte weiße Zähne, die sein wunderliches braunes Gesicht etwas erhellten, tiefschwarzes Haar, das von seinem braunen Hals büschelartig herabhing, und ein zerlumptes rotes Hemd ließ die braune Brust vorn sehen. Weite Seemannshosen, bescheidene Schuhe, eine lange, rote Mütze, eine rote Binde um seine Hüften und ein Messer darin bildeten die Vervollständigung seines Anzugs. »Seht, ob ich wohl von Neapel mich zurückfinde, wie ich dahin gelangte. Seht, hier, Herr, Civitavecchia, Livorno, Porto Fino, Genua, der Meerbusen, dann Nizza (das dort drinnen liegt), Marseille – Ihr und ich. Die Wohnung des Gefängniswärters und seine Schlüssel sind da, wo ich den Daumen hinsetze, und hier an meinem Handgelenk bewahren sie das Nationalrasiermesser – die Guillotine in ihrem Kasten auf.« Der andere spuckte plötzlich auf den Boden und brummte etwas in seinen Hals hinein. In diesem Augenblick brummte aber auch ein Schloß unten etwas in seinen Hals hinein, und eine Tür rasselte. Langsame Tritte kamen die Treppe herauf, das Geplauder einer sanften kleinen Stimme mischte sich in ihr Geräusch, und der Gefängniswärter erschien mit seiner Tochter, die drei bis vier Jahre alt sein mochte, auf dem Arm, während er in der Hand einen Korb trug. »Wie geht es heute morgen in der Welt zu, meine Herren? Meine Kleine da, wie Sie sehen, hat mich begleitet, um sich mal die Vögel ihres Vaters zu betrachten. Na! sieh sie dir an! Sieh dir die Vögel an!« Er betrachtete selbst die Vögel mit scharfem Blick, während er das Kind an das Gitter emporhielt. Namentlich warf er ein Auge auf den kleinen Vogel, dessen Rührigkeit ihm Mißtrauen einzuflößen schien. »Ich habe Euer Essen gebracht, Signor Johann Baptist«, sagte er (sie sprachen alle französisch, aber der kleine Mann war ein Italiener), »und wenn ich Euch empfehlen dürfte, nicht zu spielen –« »Ihr empfehlt's dem Herrn nicht!« sagte Johann Baptist und zeigte lachend die Zähne. »O, der Herr gewinnt«, entgegnete der Gefängniswärter mit einem flüchtigen, nicht besonders freundlichen Blick auf den andern, »und Sie verlieren. Das ist ganz etwas anderes. Sie bekommen dadurch rauhes Brot und sauren Wein, während er Lyoner Wurst, Kalbsbraten mit würziger Farce, weißes Brot, Strachino und guten Wein gewinnt. Sieh dir die Vögel an, liebe Kleine!« »Die armen Vögel!« sagte das Kind. Das hübsche kleine Gesicht, von göttlichem Mitleid bewegt, glich, wie es so bange durch das Gitter sah, einer Engelserscheinung in dem Gefängnis. Johann Baptist stand auf und trat zu ihm, als ob es eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausübte. Der andere Vogel blieb sitzen, nur warf er zuweilen einen ungeduldigen Blick nach dem Korbe. »Halt!« sagte der Gefängniswärter, indem er seine kleine Tochter auf den äußersten Sims des Gitterfensters stellte, »sie soll die Vögel füttern. Dieses Gerstenbrot ist für Signor Johann Baptist. Wir müssen es entzweibrechen, um es durch das Gitter zu bringen. So, der Vogel ist zahm, er küßt dir die Hand. Diese Wurst in einem Traubenblatt ist für Monsieur Rigaud: ferner dieses Kalbfleisch in würziger Farce ist für Monsieur Rigaud; – ferner diese drei kleinen weißen Brote sind für Monsieur Rigaud; – ferner dieser Käse, der Wein – und endlich der Tabak – alles für Monsieur Rigaud. Glücklicher Vogel!« Das Kind steckte alle diese Sachen durch das Gitter in die sanfte, weiche, wohlgeformte Hand, aber nicht ohne einen Schauer; denn mehr als einmal zog es seine Händchen zurück und sah den Mann mit ihrem schönen Gesichtchen, in dem sich Furcht und Angst mischten, fragend an. Dagegen legte es mit einem gewissen Vertrauen das Stück schlechten Brotes in die dicken, schmierigen und knorrigen Hände Johann Baptists (der kaum soviel Nägel an seinen acht Fingern und zwei Daumen hatte, wie Monsieur Rigaud an einem einzigen); und als er des Kindes Hand küßte, strich sie ihm sogar schmeichelnd über das Gesicht. Monsieur Rigaud, gleichgültig gegen eine solche Auszeichnung, gewann den Vater für sich, indem er der Tochter zulachte und zunickte, sooft sie ihm etwas gab, und sobald er alle die Speisen an geeigneten Plätzen um sich her aufgestellt, begann er mit Appetit zu essen. Wenn Monsieur Rigaud lachte, trat eine Veränderung in seinem Gesicht ein, die mehr merkwürdig als einnehmend war. Sein Schnurrbart bäumte sich unter seiner Nase, und seine Nase zog sich auf höchst unheimliche und schauerliche Weise über seinen Schnurrbart herab. »So!« sagte der Gefängniswärter, indem er den Korb umkehrte, daß die Brosamen herausfielen; »ich habe alles Geld ausgegeben, was ich empfing: hier ist die Rechnung, und damit wäre die Sache abgemacht. Monsieur Rigaud, wie ich gestern erwartete, will der Präsident heute nachmittag um zwei Uhr das Vergnügen Ihrer Gegenwart genießen.« »Um mich zu verhören«, sagte Rigaud, indem er, das Messer in der Hand und ein Stück Fleisch im Munde, einen Augenblick innehielt. »Ganz recht. Um Sie zu verhören.« «Nichts Neues für mich?« fragte Johann Baptist, der zufrieden sein Brot zu kauen begonnen. Der Gefängniswärter zuckte die Achseln. »Heilige Jungfrau! Soll ich denn mein ganzes Leben lang hier liegen, Vater?« »Was weiß ich?« rief der Gefängniswärter, indem er sich mit südlicher Lebendigkeit nach ihm umwandte und mit beiden Händen und allen Fingern gestikulierte, als ob er ihm drohen wollte, er werde ihn in Stücke zerreißen. »Mein Freund, wie ist es möglich, daß ich Euch sagen könnte, wie lange Ihr noch hier liegen werdet? Was weiß ich, Johann Baptist Cavaletto? Tod und Leben! Es gibt bisweilen Gefangene hier, die es nicht so verteufelt eilig mit dem Verhör haben.« Er schien bei dieser Bemerkung auf Monsieur Rigaud hinzuschielen. Aber Monsieur hatte bereits wieder sein Mahl in Angriff genommen, wenn auch nicht mehr mit so gutem Appetit wie zuvor. »Auf Wiedersehen, meine Vögel!« sagte der Gefängniswärter, nahm sein artiges Kind auf den Arm und sagte ihm die Worte mit einem Kusse vor. »Auf Wiedersehen, meine Vögel!« wiederholte das hübsche Kind. Sein unschuldiges Gesichtchen sah so freundlich über die Schulter des Alten, während dieser mit ihm wegging und das Lied aus dem Kinderspiele sang: »Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Compagnon de la Majolaine! Wer kommt so spät bei Nacht vorbei? Immer froh!« daß Johann Baptist es für eine Ehrensache hielt, durch das Gitter in gleichem Rhythmus und Ton, wenn auch mit etwas rauher Stimme, darauf zu antworten: »Die Blüte aller Ritterschaft, Compagnon de la Majolaine! Die Blüte aller Ritterschaft, Immer froh!« Und dieser Gesang begleitete sie so lange über die steinerne Treppe hinab, daß der Gefängniswärter zuletzt stehenbleiben mußte, damit sein Töchterchen das Lied aushören konnte. Dann verschwand der Kopf des Kindes und der Kopf des Gefängniswärters, aber die kleine Stimme setzte das Lied fort, bis die Tür ins Schloß fiel. Monsieur Rigaud, dem Johann Baptist in die Quere kam, ehe das Echo verstummt war (selbst dieses schien in dem Gefängnis schwächer und langsamer), erinnerte ihn mit einem Fußtritt, daß er besser tun würde, seinen alten dunklen Platz wieder einzunehmen. Der kleine Mann setzte sich mit einer Gleichgültigkeit auf den Boden, die deutlich zu erkennen gab, daß er auf Stein zu sitzen gewohnt war: und drei Stücke des rauhen Brotes vor sich hinlegend und über ein viertes herfallend, begann er sich zufrieden einen Weg durch diesen Vorrat zu bahnen, als ob mit ihnen aufzuräumen eine Art Spiel wäre. Vielleicht schielte er nach der Lyoner Wurst, vielleicht sah er nach dem Kalbfleisch mit der würzigen Farce, aber sie blieben nicht lange sichtbar und konnten ihm den Mund auch nicht lange wässerig machen. Monsieur Rigaud erledigte sie gründlich trotz Präsident und Tribunal, leckte dann seine Finger, so rein er konnte, und wischte diese zuletzt mit dem Weinlaub ab. Als er mitten im Trinken aufhörte, um seinen Mitgefangenen zu betrachten, bäumte sich sein Schnurrbart und seine Nase senkte sich herab. »Wie schmeckt das Brot?« »Ich finde es ein wenig trocken, aber ich habe meine alte Tunke hier«, entgegnete Johann Baptist, indem er sein Messer in die Höhe hielt. »Inwiefern Tunke?« »Ich kann mein Brot so schneiden – wie eine Melone. Oder so – wie eine Omelette. Oder so – wie einen gebratenen Fisch. Oder so – wie eine Lyoner Wurst«, sagte Johann Baptist, die verschiedenen Schnitte an dem Brot demonstrierend, das er in der Hand hielt, und ruhig kauend, was er im Munde hatte. »Hier!« rief Monsieur Rigaud. »Da trinkt. Leert die Flasche!« Es war kein großes Geschenk; denn es war ungemein wenig Wein übrig. Aber Signor Cavaletto sprang auf die Füße und nahm dankbar die Flasche, die er umgestürzt an den Mund setzte worauf er laut zu schmatzen begann. »Stelle die Flasche mit dem übrigen beiseite«, sagte Rigaud. Der kleine Mann gehorchte seinen Befehlen und stand mit einem angezündeten Schwefelhölzchen bereit; denn der andere rollte seinen Tabak mit Hilfe von Papierstreifen, die dabei gelegen, zu Zigaretten. »Hier! Da habt Ihr eine.« »Tausend Dank, Herr!« Johann Baptist sagte diese Worte in seiner Muttersprache und mit der lebhaften gewinnenden Weise, die seinen Landsleuten eigen. Monsieur Rigaud stand auf, zündete eine Zigarette an, steckte den Rest seines Vorrats in eine Brusttasche und streckte sich der Länge nach auf eine Bank. Cavaletto setzte sich auf den Boden, indem er in jeder Hand einen von seinen Knieknöcheln hielt und ruhig fortrauchte. Rigauds Augen schienen von irgend etwas in der unmittelbaren Nähe des Punktes auf dem Boden, wo der Daumen früher geruht, unangenehm berührt zu werden. Sie sahen so stier nach dieser Richtung, daß der Italiener mehr als einmal verwundert seinen Blicken auf dem Boden hin und her folgte, um zu sehen, was das bedeuten sollte. »Ein höllisches Loch fürwahr!« sagte Monsieur Rigaud, eine lange Pause abbrechend. »Seht mal dieses Tageslicht! Tag? Das Licht von gestern vor acht Tagen, das Licht von vor sechs Wochen, das Licht von vor sechs Jahren. So matt und farblos!« Es kam durch eine viereckige trichterförmige Öffnung, die sich an einem Fenster in der Treppenmauer befand und durch das man weder den Himmel noch sonst etwas sehen konnte. »Cavaletto«, sagte Monsieur Rigaud und wandte plötzlich seinen Blick von jener Öffnung ab, auf die sie beide unwillkürlich ihre Augen gerichtet, »Sie kennen mich als Kavalier.« »Gewiß, gewiß!« »Wie lange sind wir jetzt hier?« »Ich morgen um Mitternacht elf Wochen. Sie heute nachmittag um fünf Uhr neun Wochen und drei Tage.« »Habe ich je hier etwas getan? Je den Besen berührt, oder die Matten ausgebreitet, oder sie aufgerollt, oder das Damespiel geholt, oder die Dominosteine gesammelt, oder Hand an irgendeine Arbeit gelegt?« »Nie.« »Habt Ihr je auch nur erwartet, ich könnte mich zu irgendeiner Art von Arbeit herablassen?" Johann Baptist antwortete mit jenem eigentümlichen Schütteln des verkehrten rechten Zeigefingers, das die ausdrucksvollste Verneinung der italienischen Sprache ist. »Nein! Ihr wußtet vom ersten Augenblick, als Ihr mich hier sähet, daß ich ein Kavalier bin?« » Altro! « entgegnete Johann Baptist, indem er seine Augen schloß und den Kopf heftig schüttelte. Dieses Wort, das je nach der Betonung der Genuesen eine Bejahung, eine Verneinung, eine Bestätigung, einen Einwand, einen Spott, ein Kompliment, einen Scherz und fünfzig andere Dinge bedeuten kann, war im gegenwärtigen Augenblick bezeichnender als jedes geschriebene Wort und mit dem deutschen »Selbstverständlich!« gleichbedeutend. »Haha! Ihr habt recht! Ich bin ein Kavalier! Und als Kavalier will ich leben und als Kavalier will ich sterben. Ich bin in Scherz und Ernst ein Kavalier. Ich werde es zeigen, wo ich stehe und gehe, so wahr ich selig werden will.« Er änderte seine Lage in eine sitzende und rief mit triumphierender Miene: »Hier bin ich. Seht mich an! Aus dem Würfelbecher des Schicksals in die Gesellschaft eines bloßen Schmugglers geschleudert; – eingeschlossen mit einem armen kleinen Schmuggler, dessen Papiere nicht in Ordnung, und den die Polizei packte, weil er sein Boot (als Mittel, über die Grenze zu kommen) andern kleinen Leuten zur Verfügung stellte, deren Papiere nicht besser sind; und dieser Mensch erkennt meine Stellung an, selbst bei dieser Beleuchtung und an diesem Ort. Gut! Beim Himmel, ich gewinne, wie das Spiel auch fällt.« Wiederum bäumte sich der Schnurrbart, und die Nase senkte sich. »Was ist jetzt die Uhr?« fragte er mit einer trocken-heißen Blässe auf den Wangen, zu der der scherzende Ton wenig paßte. »Eine kleine halbe Stunde nach Mittag.« »Gut! Der Präsident wird bald einen Kavalier vor sich haben. Wohlan! Soll ich Euch sagen, wessen ich beschuldigt bin? Ich müßte es jetzt tun, sonst wäre es zu spät, denn ich komme nicht mehr hierher zurück. Entweder werde ich freigesprochen oder ich muß mich zum Rasieren vorbereiten. Ihr wißt, wo sie das Rasiermesser verborgen halten?« Signor Cavaletto nahm seine Zigarre aus dem Munde und zeigte sich für den Augenblick verdrießlicher, als man hätte erwarten sollen. »Ich bin ein« – Monsieur Rigaud stand auf, um es zu sagen – »ich bin ein Kavalier und Kosmopolit. Ich gehöre keinem Lande an. Mein Vater war Schweizer – aus dem Waadtland. Meine Mutter war Französin dem Blute, Engländerin der Geburt nach. Ich selbst bin in Belgien geboren. Ich bin ein Weltbürger.« Seine theatralische Haltung, wie er so dastand, den einen Arm an der Hüfte in den Falten seines Mantels, und seine Art, den Mitgefangenen unbeachtet zu lassen, während er seine Worte an die gegenüberstehende Mauer richtete, schienen weit eher zu erkennen zu geben, daß er seine Rolle für den Präsidenten studierte, dessen Verhör er sich demnächst unterziehen sollte, als daß er sich die Mühe nehme, eine so unbedeutende Persönlichkeit wie Johann Baptist Cavaletto über den Stand der Dinge aufzuklären. »Ich bin fünfunddreißig Jahre alt. Ich habe die Welt gesehen. Ich habe hier gelebt und dort gelebt und überall wie ein Kavalier gelebt. Ich bin von aller Welt als Kavalier behandelt und geehrt worden. Wenn Sie mich dadurch benachteiligen wollen, daß Sie herausbringen, ich habe durch meinen Esprit mir den Lebensunterhalt erworben – so frage ich, wodurch leben denn Ihre Advokaten – Ihre Staatsmänner – Ihre Intriganten – Ihre Börsenmänner?« Er hielt seine kleine weiche Hand ständig in Bereitschaft, als wenn sie ein Zeuge seiner Vornehmheit wäre, der ihm oft schon gute Dienste geleistet. »Vor zwei Jahren kam ich nach Marseille. Ich gebe zu, daß ich arm war; ich war krank gewesen. Wenn Ihre Anwälte, Ihre Staatsmänner, Ihre Intriganten, Ihre Börsenmänner krank werden und nicht vorher Geld zusammengescharrt haben, so werden auch sie arm. Ich mietete mich im goldenen Kreuz ein – damals im Besitz des Herrn Henri Barronneau –, der wenigstens sechsundfünfzig Jahr alt und noch dazu von sehr schwacher Gesundheit war. Ich hatte vier Monate in dem Hause gewohnt, als Herr Henri Barronneau das Unglück hatte zu sterben: jedenfalls kein seltenes Unglück! Es geschieht häufig, sehr häufig, ohne mein Zutun.« Da Johann Baptist seine Zigarette bis an die Finger geraucht, hatte Monsieur Rigaud die Großmut, ihm eine zweite zu geben. Er zündete die letztere an der Asche der ersteren an und rauchte fort, indem er seitwärts nach seinem Mitgefangenen blickte, der, nur mit seiner Sache beschäftigt, ihn kaum ansah. »Monsieur Barronneau hinterließ eine Witwe. Sie war vierundzwanzig Jahre alt. Sie galt für schön und (was oft ein ganz anderer Fall) war schön. Ich blieb im goldenen Kreuz wohnen. Ich heiratete Madame Barronneau. Es ist nicht meine Sache zu entscheiden, ob diese Verbindung glücklich war. Hier stehe ich mit der Schmach des Gefängnisses auf mir; es ist jedoch möglich, daß sie mich besser für sie taugend gefunden als ihren früheren Mann. Er hatte, obenhin betrachtet, das Aussehen eines schönen Mannes – war es aber in Wirklichkeit nicht; und trug das oberflächliche Gepräge eines vornehmen Mannes – was er gleichfalls nicht war. Es war bloße Prahlerei und Anmaßung. Aber darin wie in manchen andern Dingen ersetzt die polternde Behauptung den Beweis – und das in der halben Welt! Sei dem, wie ihm wolle, Madame Barronneau fand an mir Gefallen. Das wird mir hoffentlich nicht zum Nachteil gereichen?" Sein Auge fiel zufällig bei dieser Frage auf Johann Baptist, der verneinend den Kopf schüttelte und unzählige Male mit seinem bündigen altro, altro, altro diese Ansicht bekräftigte. »Nun kamen die Schwierigkeiten unserer gegenseitigen Stellung. Ich bin stolz. Ich sage nichts zur Verteidigung des Stolzes, aber ich bin stolz. Auch liegt es in meinem Charakter, zu herrschen. Ich kann nicht gehorchen; ich muß herrschen. Unglücklicherweise ruhte das Vermögen von Madame Rigaud in ihren Händen. Das war die wahnsinnige Verfügung ihres verstorbenen Mannes. Noch unglücklichererweise hatte sie Verwandte. Wenn die Verwandten einer Frau sich gegen einen Gatten ins Mittel legen, der ein Kavalier, der stolz ist und der herrschen muß, so sind die Folgen für den Frieden immer sehr gefährlich. Madame Rigaud war unglücklicherweise etwas gewöhnlich. Ich suchte ihren Formen einen feinen Schliff zu geben und ihren Ton im allgemeinen etwas zu verbessern; sie nahm (auch darin von ihren Verwandten unterstützt) meine Bemühungen übel auf. Es entstanden Streitigkeiten zwischen uns; die Nachbarn bekamen durch die verleumderischen Zungen der Verwandten von Madame Rigaud übertriebene Kunde davon. Man sagte, ich behandle Madame Rigaud grausam. Man wollte gesehen haben, wie ich ihr ins Gesicht geschlagen – nichts weiter. Ich habe eine leichte Hand, und wenn man mich Madame Rigaud in dieser Weise zurechtweisen sah, so konnte es ihr wenigstens nicht sehr weh tun: denn es geschah ja nur auf scherzhafte Art.« Wenn die scherzhafte Art des Herrn Rigaud in seinem Lächeln bei diesen Worten einen entsprechenden Ausdruck fand, so würden die Verwandten von Madame Rigaud ohne Zweifel es weit vorgezogen haben, wenn er die unglückliche Frau ernsthaft zurechtgewiesen. »Ich bin feinfühlig und mutig. Ich will es nicht für ein Verdienst ausgeben, feinfühlig und mutig zu sein, aber es ist mal mein Charakter. Wären die männlichen Verwandten von Madame Rigaud offen gegen mich aufgetreten, würde ich gewußt haben, was mit ihnen anzufangen ist. Sie merkten das und setzten ihre Wühlereien im stillen fort, dadurch gerieten Madame Rigaud und ich häufig in die unglückseligste Kollision. Selbst wenn ich einer kleinen Summe Geldes zu meinen persönlichen Ausgaben bedurfte, konnte ich sie nicht ohne Streit bekommen – und das ich, ein Mann, in dessen Charakter es liegt, zu herrschen? Eines Abends gingen Madame Rigaud und ich freundschaftlich – ich darf sagen wie Liebende – auf einem über die See hinaushängenden Felsenweg spazieren. Ein Unstern ließ Madame Rigaud das Gespräch auf ihre Verwandten bringen. Ich sprach verständig mit ihr über diesen Gegenstand, machte ihr Vorhaltungen über den Mangel an Pflichtgefühl und Hingebung, den sie dadurch an den Tag lege, daß sie sich von der eifersüchtigen Gesinnung ihrer Verwandten gegen den Gatten beeinflussen lasse. Madame Rigaud antwortete etwas derb, ich nicht minder. Madame Rigaud wurde warm, ich wurde gleichfalls warm und reizte sie. Ich gestehe es zu. Offenheit ist eine Seite meines Charakters. Endlich warf sich Madame Rigaud in einem Anfall von Wut, den ich ewig beklagen werde, mit leidenschaftlichem Geschrei auf mich, ohne Zweifel dasselbe Geschrei, das man in der Ferne gehört, zerriß meine Kleider, zerraufte mein Haar, zerkratzte mir die Hände, stampfte mit den Füßen, daß der Staub hoch aufflog, und sprang zuletzt über den Felsen hinab, wo sie sich an den Riffen unten zerschmetterte. Das ist die Kette von Ereignissen, durch die die Bosheit mich zuerst dazu gebracht, von Madame Rigaud das Aufgeben ihrer Rechte gebieterisch zu verlangen und, als sie darein zu willigen sich standhaft weigerte, handgemein mit ihr zu werden – sie zu ermorden!« Er trat an den Fenstervorsprung, wo das Weinlaub noch herumlag, nahm zwei oder drei Blätter und wischte, mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, sich die Hände daran ab. »Nun«, fragte er nach einer Pause, »habt Ihr auf alles das nichts zu sagen?« »Es ist schändlich«, entgegnete der kleine Mann, der aufgestanden war und sein Messer an dem Schuh wetzte, während er sich mit einem Arm gegen die Wand stemmte. »Was soll das?« Johann Baptist wetzte schweigend weiter. »Glaubt Ihr, daß ich die Sachlage nicht streng nach der Wahrheit dargestellt?« » Altro !« entgegnete Johann Baptist. Das Wort war diesmal eine Rechtfertigung und sollte soviel bedeuten als: »O, durchaus nicht.« »Was denn?« »Präsident und Tribunal haben gewöhnlich ihre vorgefaßte Meinung.« »Wohlan!« rief der andere, nicht ohne Unruhe und mit einem Fluch den Zipfel seines Mantels über die Schulter werfend, »so mögen sie ihr Schlimmstes tun!« »Das werden sie sicher auch«, murmelte Johann Baptist vor sich hin, während er sich bückte, um sein Messer in die Binde zu stecken. Man sprach von keiner Seite mehr, obgleich beide auf und ab zu gehen begannen und sich natürlich bei jedem Umdrehen begegnen mußten. Monsieur Rigaud blieb bisweilen einen Augenblick stehen, als ob er seine Sache in ein neues Licht stellen oder eine gereizte Entgegnung machen wollte. Da aber Signor Cavaletto seinen Spaziergang in einem wunderlich aussehenden stoßweisen Trott gemächlich fortsetzte und die Augen beständig zu Boden senkte, so blieb es auf der andern Seite bei der Absicht. Kurz darauf veranlaßte das Klirren eines Schlüssels im Schlosse, daß die beiden stehenblieben. Man hörte ein Geräusch von Stimmen und Tritten. Die Tür rasselte auf; die Stimmen und die Tritte kamen näher, und der Gefängniswärter stieg in Begleitung von einer Wache Soldaten die Treppe herauf. »Nun, Monsieur Rigaud«, sagte er, indem er mit den Schlüsseln in der Hand vor dem Gitter stehenblieb, »haben Sie die Güte herauszukommen.« »Ich soll, wie ich sehe, in feierlichem Zuge abgeholt werden?« »Wenn das nicht der Fall wäre«, entgegnete der Gefängniswärter, »so dürften Sie in vielen Stücken Ihren Kerker verlassen, daß es schwer wäre, sie wieder zusammenzulesen. Draußen steht eine Volksmasse, Monsieur Rigaud, die Ihnen nicht besonders gewogen zu sein scheint.« Mit diesen Worten verschwand er und schloß und riegelte eine kleine Tür in der Ecke des Kerkers auf. »Nun kommen Sie«, sagte er, während er öffnete und eintrat. Es gibt keine Art von Weiß zwischen allen Farben unter der Sonne, die im entferntesten Ähnlichkeit mit dem Weiß von Monsieur Rigauds Gesicht in diesem Augenblick gehabt. So gibt es auch entfernt keinen Ausdruck im menschlichen Antlitz, der diesem Ausdruck ähnlich gewesen, in dessen kleinstem Zug man das furchterfüllte Herz pochen sah. Man vergleicht beide gewöhnlich mit dem Tod. Aber der Unterschied ist so groß, wie die tiefe Kluft zwischen dem ausgerungenen Kampf und dem Streit in seiner verzweifeltsten Wut. Er zündete eine zweite Zigarette an der seines Mitgefangenen an, steckte sie zwischen die verbissenen Zähne, bedeckte den Kopf mit einem weichen, über die Augen hängenden Hut, warf den Zipfel seines Mantels wieder über die Schulter und trat auf die Seitengalerie hinaus, zu der die Tür führte, ohne weitere Notiz von Signor Cavaletto zu nehmen. Was den kleinen Mann selbst betrifft, so war sein ganzes Bestreben nur darauf gerichtet, der Tür nahe zu kommen und hinauszusehen. Ganz wie ein wildes Tier sich der geöffneten Tür seines Käfigs nähern und gierig nach der Freiheit draußen blicken würde, so verbrachte er die wenigen Augenblicke mit lauerndem Hinausschauen, bis die Tür sich vor ihm schloß. Die Soldaten kommandierte ein Offizier, ein stämmiger, dienstgeübter und ungemein ruhiger Mann, der mit dem gezogenen Degen in der Hand eine Zigarre rauchte. Er befahl in kurzem Ton, daß Monsieur Rigaud in der Mitte der Soldaten gehe, stellte sich mit vollendeter Gleichgültigkeit an ihre Spitze, kommandierte »Marsch!«, und nun ging's klirrend die Treppe hinunter. Die Tür fiel ins Schloß – der Schlüssel wurde umgedreht –, aber ein Strahl ungewohnten Lichtes und ein Hauch ungewohnter Luft schien den Kerker durchzogen zu haben und sich in den dünnen Rauchwölkchen der Zigarre zu verflüchtigen. Der einsam zurückgelassene Gefangene war wie ein Tier niederer Art – wie ein ungeduldiger Affe oder ein gereizter Bär der kleineren Gattung – auf die Fensterbank des Gefängnisses gesprungen, um keinen Blick auf den Scheidenden zu verlieren. Wie er noch so dastand, das Gitter mit beiden Händen haltend, drang ein Aufruhr an sein Ohr. Heulen, Schreien, Fluchen, Drohungen, Verwünschungen, alles durcheinander gemischt, obgleich man (wie bei einem Sturm) nichts als ein wildes Brausen hören konnte. Durch seine Gier, mehr zu erfahren, einem eingesperrten wilden Tier noch ähnlicher gemacht, sprang der Gefangene rasch herunter, lief in dem Kerker herum, faßte das Gitter und suchte daran zu rütteln; sprang dann wieder herunter, lief hin und her und horchte und ruhte nicht eher, bis das Geräusch, sich immer mehr entfernend, endlich erstarb. Wie manchem besseren Gefangenen ist sein edles Herz auf diese Weise gebrochen. Niemand dachte daran; nicht einmal die Geliebten ihrer Seele hatten volle Kunde davon; während große Könige und Statthalter, die sie gefangen hielten, heiter im Sonnenlichte umherfuhren und das Volk sich schmeichelnd um sie drängte. Diese großen Herren dagegen starben, ein erhabenes Beispiel, mit herrlichen Reden in ihrem Bette, und die höfliche Geschichte, die noch knechtischer als ihre Werkzeuge, balsamiert sie ein! Johann Baptist, der nun imstande war, sich den geeignetsten Ort im Umkreis der vier Mauern zur Ausübung seines Talents, zu schlafen, wann er wollte, auszuwählen, legte sich, mit dem Gesicht auf den gekreuzten Armen ruhend, auf die Bank nieder und schlummerte ein, – in seiner Unterwürfigkeit, seinem leichten Blute, seinem guten Humor, seiner rasch wechselnden Leidenschaft, seiner Zufriedenheit mit hartem Brot und harten Steinen, seinem leichten Schlaf, seinem Aufbrausen und seinen Zornausbrüchen ein echter Sohn des Landes, das ihn geboren. Das grelle Licht wurde endlich trübe, die Sonne ging in roter, grüner, goldener Pracht unter, die Sterne traten am Himmel hervor, und die Leuchtkäfer äfften sie in der niederen Atmosphäre nach, wie die Menschen in ihrer Schwäche die Güte einer bessern Klasse von Geschöpfen nachahmen. Die langen staubigen Wege und die endlosen Ebenen lagen ruhig da – und auf dem Meer herrschte so tiefe Stille, daß es kaum von der Stunde flüsterte, wo es seine Toten wieder herausgeben wird. Zweites Kapitel. Reisegenossen »Hört man heute nichts mehr von dem gestrigen Geheul da drüben, Sir?« »Ich habe nichts gehört.« »Dann können Sie sicher sein, daß auch keines mehr ist. Wenn diese Leute heulen, so heulen sie, daß man es hören soll.« »Das tun die meisten Menschen, glaube ich.« »Aber diese Leute heulen in einem fort. Sie sind sonst nicht glücklich.« »Meinen Sie die Marseiller?« »Ich meine die Franzosen. Sie können es keinen Augenblick lassen. Was Marseille betrifft, so wissen wir, was Marseille ist. Es hat die aufrührerischste Melodie, Die Marseillaise, das bekannte Revolutionslied, das übrigens in Straßburg von Rouget de Lisle komponiert wurde als Kampflied gegen Preußen und das später Parteilied der Jakobiner ward, die es zuerst in Marseille sangen. die jemals komponiert wurde, in die Welt geschickt. Es könnte nicht existieren, ohne zu irgend etwas zu demonstrieren oder marschieren – zum Sieg oder Tod, zum Aufruhr oder zu sonst etwas.« Der Sprecher, dessen Gesicht von wunderlich guter Laune zeugte, sah mit der größten Geringschätzung über die Brustwehr auf Marseille nieder, und dann eine entschlossene Haltung annehmend, indem er seine Hände in die Taschen steckte und mit seinem Geld rasselte, redete er die Stadt mit kurzem Lachen an: »Allons, marschons, jawohl. Wortspiel nach dem Anfang der Marseillaise: Die Marseillaise, das bekannte Revolutionslied, das übrigens in Straßburg von Rouget de Lisle komponiert wurde als Kampflied gegen Preußen und das später Parteilied der Jakobiner ward, die es zuerst in Marseille sangen. Es wäre anständiger für dich, meine ich, wenn du andre Leute in ihrem rechtmäßigen Geschäfte alliieren und marschieren ließest, statt sie in die Quarantäne zu sperren!« »Langweilig genug ist's«, sagte der andere. »Aber wir werden heute entlassen.« »Heute entlassen!« wiederholte der erste. »Es ist beinahe eine Erschwerung des Frevels, daß wir heute entlassen werden. Entlassen! Warum waren wir überhaupt eingesperrt?« »Ich muß zugestehen, aus keinem triftigen Grunde! Da wir jedoch aus dem Orient kommen und der Orient die Heimat der Pest ist –« »Der Pest!« wiederholte der andere. »Das ist eben mein Kummer. Ich habe beständig die Pest gehabt, seitdem ich hier bin. Mir ist wie einem Vernünftigen, den man in ein Irrenhaus sperrt; ich kann den Verdacht nicht ertragen. Ich kam so wohl und gesund hierher, wie ich je in meinem Leben gewesen, aber mich im Verdacht der Pest haben, heißt mir die Pest in den Leib jagen. Und ich hatte sie – und ich habe sie noch.« »Sie sehen gut dabei aus, Mr. Meagles«, sagte der Teilnehmer an dem Gespräch lächelnd. »Nein. Wenn Sie die wirkliche Sachlage kennten, so würde es Ihnen nicht in den Sinn kommen, die letztere Bemerkung zu machen. Ich bin eine Nacht um die andere aufgewacht und habe zu mir gesagt: jetzt habe ich sie, jetzt hat sie sich entwickelt, jetzt hat sie mich gepackt, jetzt haben die Burschen die Sache ausfindig gemacht und treffen ihre Vorsichtsmaßregeln. Wahrhaftig, ich möchte ebenso gern mit einer Nadel durch den Leib in einer Käfersammlung auf eine Papiertafel gesteckt sein, als das Leben führen, das ich hier geführt habe.« »Nun, Mr. Meagles, sprechen wir nicht weiter davon, da es jetzt vorüber ist«, bat eine freundliche weibliche Stimme. »Vorüber!« wiederholte Mr. Meagles, der, ohne alle Bösartigkeit, in jener eigentümlichen Stimmung zu sein schien, in der es uns immer wie eine neue Beleidigung vorkommt, wenn ein anderer das letzte Wort behält. »Vorüber! Und weshalb sollte ich nichts mehr darüber sagen, wenn es vorüber ist!« Es war Mrs. Meagles, die Mr. Meagles angeredet hatte; und Mrs. Meagles war wie Mr. Meagles wohl und gesund; sie hatte ein angenehmes englisches Gesicht, das fünfundvierzig Jahre und mehr auf ein schlichtes einfaches Dasein geblickt und einen heiteren hellen Glanz über alles gegossen. »Nun! Denke nicht mehr daran, Vater, denke nicht mehr daran!« sagte Mrs. Meagles. »Um der Güte willen, sei zufrieden mit Pet.« »Mit Pet?" erwiderte Mr. Meagles, und die Stirnader schwoll ihm. Pet aber, die dicht hinter ihm stand, tätschelte ihm auf die Schulter, und Mr. Meagles verzieh auf der Stelle Marseille vom Grund seines Herzens. Pet war ungefähr zwanzig Jahre alt. Ein hübsches Mädchen mit reichem braunen Haar, das in natürlichen Locken um ihr Gesicht fiel. Ein liebliches Wesen, mit offenem Antlitz und wundervollen Augen, so groß, so sanft, so glänzend, so vollkommen mit ihrem anmutigen, freundlichen Gesicht harmonierend. Sie war rund und frisch, voll Grübchen; freilich etwas verzogen, aber sie besaß dabei doch in ihrem Wesen etwas Schüchternes und Abhängiges, was die beste Schwäche von der Welt war und ihr den einzigen höheren Reiz verlieh, den ein so hübsches und angenehmes Wesen entbehren konnte. »Nun frage ich Sie«, sagte Mr. Meagles mit der schmeichelhaftesten Vertraulichkeit, indem er einen Schritt zurücktrat und seine Tochter einen Schritt vorschob, um seine Frage zu flüstern: »Ich frage Sie einfach, wie ein vernünftiger Mann den andern, haben Sie je von einem so verdammten Unsinn gehört wie der, Pet in die Quarantäne zu sperren?« »Es hatte wenigstens die gute Folge, daß selbst die Quarantäne dadurch erfreulich wurde.« »So!« sagte Mr. Meagles, »das ist allerdings etwas. Ich bin Ihnen für diese Bemerkung dankbar. Aber Pet, mein liebes Kind, du würdest jetzt besser tun, wenn du mit der Mutter gingest und dich für das Boot fertig machtest. Der Gesundheitsbeamte und eine Menge von Narren mit aufgekrempten Hüten werden kommen, um uns endlich hier herauszulassen. Wir gefangenen Vögel alle werden zusammen wieder in annähernd christlicher Weise frühstücken, ehe jeder nach seinem Bestimmungsort von dannen flieht. Tattycoram, gehe deiner jungen Herrin nicht von der Seite.« Er richtete diese letzten Worte an ein hübsches Mädchen mit glänzend dunklem Haar und Augen, das sehr nett angezogen war und mit flüchtiger Verbeugung antwortete, während es im Gefolge von Mrs. Meagles und Pet vorüberging. Sie schritten alle drei über die kahle, sengend heiße Terrasse und verschwanden in einem grellweißen Torweg. Mr. Meagles' Reisegenosse, ein großer gebräunter Mann von vierzig Jahren, stand noch immer nach dem Torweg blickend da, als sie bereits längst verschwunden waren, bis ihn endlich Mr. Meagles auf den Arm klopfte. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er und erwachte aus seinen Träumereien. »Keine Ursache«, sagte Mr. Meagles. Sie gingen im Schatten an der Mauer schweigend auf und nieder und genossen auf der Höhe, wo die Quarantänebaracken liegen, die kühle Frische der Seeluft, soweit solche morgens um sieben Uhr vorhanden war. Mr. Meagles' Reisegenosse nahm das Gespräch wieder auf. »Darf ich Sie fragen«, sagte er, »was bedeutet der Name –« »Tattycoram?« fiel Mr. Meagles ein. »Ich habe nicht die mindeste Idee –« »Ich meinte«, sagte der andere, »daß –« »Tattycoram«, ergänzte Mr. Meagles abermals. »Danke – daß Tattycoram ein Name sei; und ich habe mich häufig über seine Seltsamkeit gewundert.« »Nun, die Sache ist die«, sagte Mr. Meagles, »Mrs. Meagles und ich, müssen Sie wissen, sind praktische Leute.« »Das haben Sie des öfteren im Lauf unserer angenehmen und interessanten Gespräche während der Spaziergänge auf diesem Pflaster erwähnt«, sagte der andere, indem ein flüchtiges Lächeln durch den Ernst seines braunen Gesichts brach. »Praktische Leute! Als wir nun eines Tages, vor ungefähr fünf oder sechs Jahren, Pet mit in die Kirche des Findelspitals in London nahmen – Sie hörten doch schon von dem Findelspital in London? Es ist dem Findelhaus in Paris ähnlich.« »Ich habe es gesehen.« »Nun gut! Als wir Pet einst mit in jene Kirche nahmen, um dort Musik zu hören – weil wir es als praktische Leute für unsere Aufgabe halten, ihr alles zu zeigen, was ihr Freude machen kann –, fing die Mutter (mein gewöhnlicher Name für Mrs. Meagles) so zu weinen an, daß ich sie hinausbringen mußte. ›Was gibt es, Mutter?‹ sagte ich, als wir etwas mit ihr gegangen waren, ›du erschreckst Pet, meine Liebe‹ – ›Ich weiß es wohl, Vater‹, sagte die Mutter, ›aber ich glaube, gerade weil ich sie so innig liebe, ist es mir in den Sinn gekommen‹ – ›Was kam dir denn in den Sinn, Mutter?‹ – ›O Gott!‹ rief die Mutter, wiederum in Tränen ausbrechend, ›als ich all diese Kinder in Reihen übereinander sitzen und von dem Vater auf Erden, den keines von ihnen je gesehen, sich an den größeren Vater von uns allen im Himmel wenden sah, da dachte ich: Kommt wohl auch einmal eine unglückliche Mutter hierher und sieht sich unter diesen jungen Gesichtern um, neugierig, welches das arme Kind sein möchte, das sie in diese verlassene Welt gebracht, damit es niemals in seinem ganzen Leben ihre Liebe, ihren Kuß, ihr Gesicht, ihre Stimme, ja nicht einmal ihren Namen kennenlernen soll?‹ Das war doch sehr praktisch von der Mutter, und ich sagte ihr es. Ich sagte nämlich: ›Mutter, das nenne ich praktisch!‹ Der andere stimmte ihm nicht ohne Rührung bei. »So sagte ich am nächsten Tag: Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, Mutter, den du sicher billigen wirst. Laß uns eins von den Kindern zu uns nehmen: es kann Pet Gesellschaft leisten. Wir sind praktische Leute. Wenn wir deshalb ihr Temperament etwas mangelhaft oder in irgendeiner Weise ihre Gewohnheiten von den unsern abweichend finden, so werden wir wissen, was wir in dieser Richtung in Rechnung zu stellen haben. Wir wissen, wie ungeheuer viel von all den Einflüssen und Erfahrungen, die persönlichkeitsbildend für uns waren, abgezogen werden muß – keine Eltern, kein Brüderchen oder Schwesterchen, keine wirkliche Heimat, kein gläserner Pantoffel oder keine Feenpatin! Anspielung auf Kindermärchen, die das Kindergemüt erziehlich beeinflussen. Und auf diese Weise kamen wir zu Tattycoram.« »Und der Name selbst –« »Bei St. Georg!« sagte Mr. Meagles, »ich vergaß den Namen. Nun, sie hieß in der Anstalt Harriet Beadle – natürlich ein willkürlich erfundener Name. Nun änderten wir Harriet in Hatty ab und dann in Tatty, weil wir als praktische Leute dachten, ein scherzhafter Name sei etwas Neues für sie und müsse einen wohltuenden und gewinnbringenden Eindruck auf sie machen, nicht wahr? Was nun den Namen Beadle betrifft, so brauche ich kaum zu sagen, daß er ganz außer dem Spiele blieb. Wenn es etwas gibt, was unter keiner Form zu ertragen ist, etwas, was der Typus amtswichtiger Anmaßung und Abgeschmacktheit ist, etwas, was in Röcken und Westen und dicken Stöcken unser englisches Festhalten am Unsinn, über den jedermann sonst hinaus ist, repräsentiert, so ist es ein Beadle (Kirchendiener). Haben Sie in letzter Zeit keinen Kirchendiener gesehen?« »Als ein Engländer, der mehr als zwanzig Jahre in China war, nein!« »Dann«, sagte Mr. Meagles, indem er seinen Zeigefinger mit großer Lebhaftigkeit auf seines Reisegenossen Brust legte, »dann weichen Sie jedem Kirchendiener, wo Sie nur können, aus. Wenn ich Sonntags einen Kirchendiener in vollem Staat an der Spitze einer Armenschule die Straße entlang kommen sehe, so muß ich umkehren und Reißaus nehmen; sonst würde ich ihm sicher eins versetzen. Da, wie gesagt, der Name Beadle ganz aus dem Spiele blieb und der Gründer der Anstalt für die armen Findlinge ein segensreicher Mann mit Namen Coram war, so gaben wir Pets kleiner Gespielin diesen Namen. Bald hieß sie nun Tatty, bald Coram, bis wir endlich beide Namen verbanden, und nun heißt sie immer Tattycoram.« »Ihre Tochter«, sagte der andere, als sie wieder schweigend auf und ab gegangen und, nachdem sie einen Augenblick über der Mauer nach der See hinabgeblickt, ihren Spaziergang wieder begonnen: »Ihre Tochter ist Ihr einziges Kind, nicht wahr, Mr. Meagles? Darf ich wohl fragen – nicht aus unzarter Neugier, sondern weil es mir in Ihrer Gesellschaft so wohl gefallen, ich vielleicht nie wieder in diesem Labyrinth der Welt ein ruhiges Wort mit Ihnen sprechen kann und mir eine klare Erinnerung von Ihnen und den Ihren zu bewahren wünsche –, darf ich Sie fragen, habe ich nicht mit Recht aus den Worten Ihrer guten Frau geschlossen, daß sie noch andere Kinder gehabt?« »Nein, nein«, sagte Mr. Meagles. »Nicht gerade andere Kinder. Nur ein anderes Kind.« »Ich fürchte, ich habe unabsichtlich ein zu zartes Thema berührt.« »Es hat nichts zu sagen«, versetzte Nr. Meagles. »Wenn es mich ernst macht, so verursacht es mir doch nicht gerade Schmerzen. Ich werde vielleicht für einen Augenblick still, aber es macht mich nicht unglücklich. Pet hatte eine Zwillingsschwester, die starb, als wir gerade ihre Augen – ganz Pets Augen – über dem Tische sehen konnten, wenn sie auf den Zehen stand und sich an der Tischkante festhielt.« »Wirklich? O, in der Tat?« »Ja, und da wir praktische Leute sind, bildete sich nach und nach eine Vorstellung in Mrs. Meagles und mir, die Sie vielleicht verstehen werden – vielleicht auch nicht. Pet und ihre Zwillingsschwester sahen sich so außerordentlich ähnlich und waren so vollkommen eins, daß wir sie seitdem nicht mehr in unsern Gedanken trennen konnten. Es hätte fortan nichts genützt, wenn wir uns auch gesagt, unser totes Kind sei ein bloßes Kind geblieben. Dies Kind hat sich mit den Veränderungen des uns gebliebenen Kindes verändert und war uns immer nahe. Wie Pet wuchs, so wuchs auch dieses Kind; wie Pet verständiger und jungfräulicher wurde, so wurde auch ihre Schwester verständiger und jungfräulicher – alles in denselben Abstufungen. Man würde mich ebenso schwer überzeugen können, daß, wenn ich morgen in die andere Welt käme, ich nicht durch die Gnade Gottes von einer Tochter geradeso wie Pet empfangen werden sollte, wie man mich davon überzeugen könnte, daß Pet neben mir keine reelle Existenz sei.« »Ich verstehe Sie«, sagte der andere freundlich. »Was meine Tochter betrifft«, fuhr ihr Vater fort, »so hat der plötzliche Verlust ihres kleinen Ebenbildes und Gespielin und ihre frühzeitige Berührung mit jenem Mysterium, an dem wir alle unsern gleichen Teil haben, das aber nicht immer einem Kind so schroff entgegentritt, notwendigerweise einigen Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Dann waren ihre Mutter und ich nicht mehr jung, als wir heirateten, und Pet führte immer das Leben von Erwachsenen mit uns, obgleich wir uns bemühten, uns ihrem kindlichen Ideenkreis anzuschmiegen. Da sie etwas kränklich war, so gab man uns mehr als einmal den Rat, sie sooft wie möglich in ein anderes Klima und in eine andere Luft zu bringen – namentlich in dem Alter, in dem sie jetzt steht – und ihr viel Zerstreuung zu schaffen. Und da ich es nun nicht mehr nötig habe, hinter dem Kontorpult zu stehen (obgleich ich früher sehr arm war, sonst hätte ich wahrhaftig Mrs. Meagles weit früher geheiratet), so reisen wir jetzt in der Welt umher. Aus diesem Grunde fanden Sie uns am Nil und bei den Pyramiden, bei den Sphinxen und in der Wüste und so weiter und so weiter; deshalb wird Tattycoram auch mit der Zeit eine größere Reisende als Kapitän Cook sein.« »Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen«, sagte der andere. »Bitte sehr«, entgegnete Mr. Meagles, »es ist gerne geschehen. Und nun, Mr. Clennam, darf ich Sie wohl fragen, ob Sie schon zu einem Entschluß über Ihr nächstes Reiseziel gekommen sind?« »Wahrhaftig, nein. Ich bin ein so herren- und willenloser Weltfahrer, daß ich mich von jeder Strömung forttreiben lasse.« »Es kommt mir seltsam vor – entschuldigen Sie meine Freiheit, mit der ich das sage –, daß Sie nicht direkt nach London gehen«, sagte Mr. Meagles in dem Ton vertraulichen Rates. »Vielleicht werde ich es doch wohl tun.« »Ah! aber ich meine mit einem festen Ziel.« »Ich habe kein Ziel. Das heißt«, dabei errötete er ein wenig, »beinahe keines, auf das ich hinarbeiten könnte. Von bloßer Gewalt erzogen; gebrochen, nicht gebeugt; festgekettet an einen Gegenstand, wegen dessen man mich nie befragte und der nie meines Herzens Sache war; an das andere Ende der Welt versetzt, ehe ich noch mündig geworden, und dorthin verbannt bis zu meines Vaters Tode, der vor einem Jahre eingetreten; immer in einer Mühle mahlend, die ich stets gehaßt; was kann man im reifen Mannesalter von mir erwarten? Willen, Absicht, Hoffnung! Alle diese Lichter sind in mir ausgelöscht worden, ehe ich ihre Namen aussprechen konnte.« »Zünden Sie sie wieder an!« sagte Mr. Meagles. »Ach! das ist leicht gesagt. Ich bin der Sohn eines harten Vaters und einer harten Mutter, Mr. Meagles. Ich bin das einzige Kind von Eltern, die alles wogen, maßen und abschätzten, für die, was nicht gewogen, gemessen und abgeschätzt werden konnte, keinen Wert hatte. Strenggläubige Leute, wie man es nennt. Bekenner einer finstern Religion, so daß selbst ihre Religion ein düstres Opfer von Neigungen und Sympathien war, die ihnen nicht eigen und die sie als Kaufsumme für die Sicherheit ihrer Besitztümer darbrachten. Strenge Gesichter, unerbittlich strenge Zucht, Buße in dieser Welt und Schrecken in der nächsten – nirgends ein Schimmer von sanfter Milde und Barmherzigkeit, und in meinem gebeugten Herzen öde Leere überall –, das war meine Kindheit, wenn es nicht ein Mißbrauch ist, dieses Wort auf einen solchen Lebensanfang anzuwenden.« »Wirklich?« fragte Mr. Meagles, den das Bild, das vor seine Phantasie geführt wurde, in eine sehr unbehagliche Stimmung versetzte. »Das war ja ein schrecklicher Lebensanfang. Aber raffen Sie sich auf. Sie müssen nun auf jede Weise suchen, alles, was darüber hinausliegt, als praktischer Mann zu nützen.« »Wenn die Leute, die man gewöhnlich praktisch nennt, in Ihrer Weise praktisch wären –« »Nun, das sind sie auch!« sagte Mr. Meagles. »Wirklich?« »Ich denke wohl«, entgegnete Mr. Meagles, darüber nachsinnend. »Hm! Man muß praktisch sein, und Mrs. Meagles und ich sind wirklich praktisch.« »Mein ungekannter Weg ist vielleicht angenehmer und hoffnungsreicher, als ich erwartet hatte«, sagte Clennam, mit ernstem Lächeln den Kopf schüttelnd. »Genug von mir. Hier ist das Boot!« Das Boot war mit aufgestülpten Hüten angefüllt, gegen die Mr. Meagles eine nationale Antipathie hatte. Die Träger dieser aufgestülpten Hüte landeten und kamen die Treppe herauf, und die eingesperrten Reisenden drängten sich auf einen Haufen zusammen. Dann brachten die aufgestülpten Hüte eine Menge Papiere hervor und verlasen die Namen, worauf unterschrieben, gesiegelt, gestempelt, überschrieben und gesandelt wurde, was alles sehr verwischte, sandige und unentzifferbare Resultate hatte. Endlich war das Ganze nach der Ordnung geschehen, und die Reisenden konnten gehen, wohin sie wollten. In der neuen Freude der wiedergewonnenen Freiheit kümmerten sie sich wenig um das starre, grelle Licht und den Glanz, der das Auge blendete, sondern fuhren in bunten Booten über den Hafen und fanden sich wieder in einem Hotel zusammen, von dem die Sonne durch geschlossene Läden abgehalten wurde, und wo nackte steinerne Böden, hohe Decken und hallende Korridore die glühende Hitze mäßigten. Bald war eine lange Tafel in einem großen Saale mit einem köstlichen Mahle reich besetzt, und die Quarantäneherberge erschien inmitten dieser üppigen Gerichte, dieser südlichen Früchte, dieser gekühlten Weine, dieser Rivierablumen, des Gletscherschnees und der Spiegel, die alle Farben des Regenbogens widerstrahlten, in höchst dürftigem Lichte. »Aber ich trage jetzt keinen Haß mehr gegen jene eintönigen Mauern im Herzen«, sagte Mr. Meagles. »Man beginnt sich immer mit einem Orte zu versöhnen, sobald man ihn im Rücken hat; ich möchte behaupten, ein Gefangener beginnt mild von seinem Gefängnis zu denken, wenn er freigelassen ist.« Es waren ungefähr dreißig Personen bei Tisch und alle miteinander im Gespräch, natürlich in Gruppen. Vater und Mutter Meagles saßen, mit ihrer Tochter zwischen sich, am einen Ende des Tisches; gegenüber Mr. Clennam; ein großer französischer Herr mit rabenschwarzem Haar und Bart, gebräunt und von unheimlichem, ich will nicht sagen diabolischem Aussehen, der sich aber als der sanfteste Mensch von der Welt erwiesen; und eine junge hübsche Engländerin, die ganz allein reiste, mit einem stolzen beobachtenden Gesicht: sie hatte sich entweder selbst von den übrigen zurückgezogen oder wurde von ihnen gemieden –, niemand, außer vielleicht sie selbst, konnte darüber entscheiden. Die übrige Gesellschaft bestand aus den gewöhnlichen Elementen. Geschäfts- und Vergnügungsreisende; beurlaubte Offiziere aus Indien; Kaufleute, die nach Griechenland und der Türkei Handel trieben; ein jung verheirateter englischer Geistlicher in einer eng anliegenden Zwangsjoppe, auf der Hochzeitsreise mit seiner jungen Frau; ein majestätisches englisches Ehepaar von Patriziergeschlecht, mit einer Familie von drei heranwachsenden Töchtern, die zum Unheil ihrer Mitmenschen ein Tagebuch führten; und eine taube alte Engländerin, die mit ihrer entschieden erwachsenen Tochter auf Reisen steif geworden. Diese Tochter zog skizzierend durch die Welt, in der Hoffnung, sich zuletzt selbst in den Ehestand hineinzuschattieren. Die zurückhaltende Engländerin nahm Mr. Meagles' letzte Bemerkung auf und sagte langsam und mit einer gewissen Betonung: »Glauben Sie, daß ein Gefangener je seinem Gefängnis verzeihen würde?« »Das war so meine Ansicht, Miß Wade. Ich behaupte nicht, bestimmt zu wissen, wie ein Gefangener fühlt. Denn ich war noch nie in solcher Lage.« »Mademoiselle zweifeln«, sagte der Franzose in seiner Muttersprache, »daß es so leicht sei zu vergeben?« »Allerdings.« Pet mußte diese Worte für Mr. Meagles übersetzen, da er niemals sich Kenntnis von der Sprache der Länder, die er durchreiste, zu erwerben gesucht. »Oh!« sagte er. »Mein Gott! Das ist schlimm, sehr schlimm!« »Daß ich nicht so leichtgläubig bin?»sagte Miß Wade. »Nein, nicht so! Setzen Sie das Wort anders. Daß Sie nicht glauben wollen, es sei leicht zu vergeben.» »Meine Erfahrung», entgegnete sie ruhig, »hat seit Jahren meinen Glauben in mancher Beziehung geändert. Das ist der natürliche Fortschritt, den wir machen, hat man mir versichert.» »Wohl, wohl! Aber es ist nicht natürlich, Groll zu hegen, hoffe ich?»sagte Mr. Meagles freundlich. »Wenn ich irgendwo zu Pein und Qual eingeschlossen gewesen, würde ich den Ort ewig hassen und ihn niederbrennen oder dem Boden gleichmachen zu können wünschen. Das ist meine Ansicht.« »Etwas stark, Sir!« sagte Mr. Meagles zu dem Franzosen; denn es war gleichfalls eine seiner Gewohnheiten, Individuen aller Nationen in echtem Englisch anzureden, fest überzeugt, daß sie verpflichtet seien, es zu verstehen. »Etwas stark von unsrer schönen Freundin, das werden Sie mir hoffentlich zugestehen?« Der Franzose erwiderte höflich: » Plait-il? »worauf Mr. Meagels mit großer Befriedigung antwortete: »Sie haben recht. Ganz meine Meinung.» Als das Diner nach und nach ins Stocken geriet, hielt Mr. Meagles der Gesellschaft eine Rede. Sie war kurz und vernünftig genug, wenn man bedenkt, daß es eine Rede war, ja sogar herzlich. Sie ging darauf aus, daß der Zufall sie alle zusammengeführt und sie gutes Einverständnis untereinander erhalten. Nun aber sei die Scheidestunde herangerückt und es sei nicht wahrscheinlich, daß sie sich je wieder alle zusammenfinden würden. So könnten sie nichts Besseres tun, als einander mit einem gemeinschaftlichen Glas kühlen Champagners rings um die Tafel Lebewohl zu sagen und glückliche Reise zu wünschen. Dies geschah denn auch; mit allgemeinem Händeschütteln brach die Gesellschaft auf und schied für immer. Die alleinstehende junge Dame hatte die ganze Zeit nichts gesprochen. Sie stand mit den übrigen auf und ging schweigend nach einem entfernten Winkel des großen Saals, wo sie sich auf dem Sofa in einer Fensternische niederließ und die Reflexe des Wassers zu beobachten schien, die mit silbernem Glanze auf den Stäben der Jalousien zitterten. Sie saß von der ganzen Länge des Zimmers abgekehrt da, als wäre sie aus eigner stolzer Wahl allein. Und doch war es so schwer wie je, positiv zu unterscheiden, ob sie die übrigen mied oder ob diese sie mieden. Der Schatten, in dem sie saß, fiel wie ein düstrer Schleier über ihre Stirn und harmonierte sehr gut mit dem Charakter ihrer Schönheit. Man konnte das ruhige und übermütige Gesicht kaum sehen, das durch die geschwungenen dunklen Brauen und die dunklen Haarflechten gehoben wurde, ohne sich neugierig zu fragen, welchen Ausdruck es wohl annehmen würde, wenn eine Veränderung darüber hinginge. Daß es sanfter und freundlicher werden könnte, schien beinahe unmöglich. Dagegen mußte es auf die meisten Beobachter den Eindruck machen, daß es sich zu Zorn und wildem Trotz verdüstern könne und daß es in dieser Richtung sich ändern müßte, wenn es sich überhaupt veränderte. Es war nicht dazu abgerichtet und zugestutzt, irgendeinen bloß zeremoniösen Ausdruck anzunehmen. Obgleich kein offnes Gesicht, war es doch auch keine Maske. Ich bin ich selbst und vertraue nur auf mich. Eure Meinung gilt mir gleich; ich kümmere mich nicht um euch und höre und sehe mit Verachtung an, was ihr redet und tut – das sprach sich offen in diesem Gesicht aus. Das sagten diese stolzen Augen, diese emporgezogenen Nasenflügel, dieser schöne, aber zusammengepreßte und sogar grausame Mund. Selbst wenn man zwei von diesen Quellen des Ausdrucks bedeckt haben würde, hätte der dritte allein noch dasselbe gesagt. Deckte man sie alle zu, so würde selbst die bloße Haltung des Kopfes eine unbeugsame Natur verraten haben. Pet war zu ihr hinaufgegangen (das Fräulein war der Gegenstand der Bemerkungen für Pets Familie und Mr. Clennam gewesen, die allein im Saal zurückgeblieben) und stand nun neben ihr. »Erwarten Sie hier jemanden, Miß Wade?« sagte Pet stotternd, als diese sich schon bei den ersten Worten nach ihr umwandte. »Ich? Nein!« »Vater schickt nach der Post. Werden Sie ihm das Vergnügen machen, daß er fragen lassen darf, ob keine Briefe für Sie angekommen?« »Ich danke, aber ich weiß, daß keine solchen hier sein können.« »Wir fürchten«, sagte Pet schüchtern und halb zärtlich, indem sie sich neben sie setzte, »daß Sie sich sehr verlassen fühlen werden, wenn wir alle fort sind.« »Wirklich?« »Nicht etwas, sagte Pet entschuldigend, da sie ihre Blicke verlegen gemacht, »nicht etwa, daß ich damit sagen wollte, wir seien eine Gesellschaft für Sie, oder daß wir glaubten, Sie unterhalten zu können, oder daß wir gar meinten, Sie wünschten das.« »Ich hatte auch nicht die Absicht gehabt, einen solchen Wunsch zu bekunden.« »Nein. Natürlich nicht. Aber – kurz«, sagte Pet, schüchtern ihre Hand berührend, die teilnahmlos zwischen ihnen auf dem Sofa lag, »wollen Sie dem Vater nicht gestatten, Ihnen irgendeinen kleinen Beistand oder Dienst zu leisten? Es würde ihn ungemein freuen.« »Wirklich ungemein freuen«, sagte Mr. Meagles, mit seiner Frau und Mr. Clennam näher tretend. »Alles, mit Ausnahme des Französischsprechens, wird mir ein Vergnügen sein.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden«, entgegnete sie, »aber meine Arrangements sind bereits getroffen, und ich ziehe es vor, meinen eignen Weg und auf meine Weise zu gehen.« »So?« sagte Mr. Meagles zu sich selbst und sah sie mit einem verdutzten Blick an. »Nun! Auch darin liegt Charakter.« »Ich bin nicht an die Gesellschaft junger Damen gewöhnt und fürchte, ich möchte nicht imstande sein, Ihnen meine Verehrung so gut wie andere an den Tag legen zu können. Angenehme Reise!« Sie hätte zweifelsohne ihre Hand nicht hingereicht, wenn Mr. Meagles nicht die seine so gerade vor sie hingehalten, daß sie nicht ausweichen konnte. Sie gab ihm die ihre, und sie lag so gleichgültig darin wie auf dem Sofa. »Leben Sie wohl!« sagte Mr. Meagles. »Das ist das letzte Lebewohl auf der Liste; denn Mutter und ich haben gerade von Mr. Clennam Abschied genommen, und er wartet nur, um Pet Lebewohl zu sagen. Adieu. Wir sehen uns vielleicht nie wieder.« »Auf unsrem Wege durchs Leben werden wir den Leuten begegnen, die uns zu begegnen voraus bestimmt sind, sie mögen kommen, woher sie wollen und auf welchem Wege sie wollen«, lautete die gefaßte Antwort, »und was uns bestimmt ist, daß wir ihnen tun sollen, und was ihnen bestimmt ist, daß sie uns tun sollen, das wird alles sicher geschehen.« Es lag etwas in dem Ton dieser Worte, was Pets Ohr unangenehm berührte. Sie schienen sagen zu wollen, daß, was geschehen müsse, notwendig schlimm sei, und sie sagte unwillkürlich flüsternd: »O Vater!« und hing sich in ihrer kindisch verzogenen Weise fester an ihn. Der Sprecherin entging dies nicht. »Ihre hübsche Tochter«, sagte sie, »erschrickt bei dem Gedanken. Aber«, fuhr sie fort und sah sie dabei lebhaft an, »Sie dürfen überzeugt sein, daß bereits Männer und Frauen unterwegs sind, die mit Ihnen zu tun haben werden und denen Sie nicht ausweichen können. Sie dürfen sich darauf verlassen, sie werden hundert, tausend Meilen übers Meer kommen; sie sind Ihnen vielleicht schon ganz nahe; sie kommen vielleicht, ohne daß Sie etwas davon wissen oder es zu verhindern etwas tun können, aus dem schlechtesten Kehricht dieser Stadt.« Mit dem kältesten Lebewohl und mit einem gewissen überdrüssigen Ausdruck, der ihrer Schönheit, obgleich sie kaum in voller Blüte stand, einen Schein von Abgelebtheit gab, verließ sie das Zimmer. Sie mußte über viele Treppen und Gänge gehen, wenn sie von diesem Teil des geräumigen Hauses nach dem Zimmer kommen wollte, das sie sich genommen. Als sie ihre Wanderung beinahe beendet hatte und durch den Gang ging, in dem sich ihr Zimmer befand, hörte sie ein ungestümes Murren und Seufzen. Eine Tür stand offen, und sie sah darin die Gesellschafterin des Mädchens, das sie soeben verlassen, die Zofe mit dem seltsamen Namen. Sie blieb stehen, um sich die Zofe zu betrachten. Ein finstres, leidenschaftliches Mädchen! Ihr reiches schwarzes Haar hing über das Gesicht herein; dieses war gerötet und glühend, und während sie schluchzte und tobte, zupfte sie mit schonungsloser Hand an den Lippen. »Selbstsüchtige rohe Menschen!« sagte das Mädchen seufzend und zuweilen tief aufatmend. »Kümmern sich nicht darum, was aus mir wird! Lassen mich hier hungern und dürsten und lassen mich elend verschmachten, ohne nach mir zu fragen! Bestien! Teufel! Scheusale!« »Mein armes Mädchen, was ist Ihnen?« Sie sah plötzlich mit geröteten Augen auf und ließ die Hände, die eben noch den durch große rote Blutflecken entstellten Hals zerfleischen wollten, sinken. »Das geht Sie nichts an, wie mir ist. Es geht niemanden etwas an.« »O doch! Ihr Anblick schmerzt mich.« »Sie haben keinen Schmerz«, sagte das Mädchen. »Sie sind vergnügt. Ja, Sie sind darüber vergnügt. Nur zweimal war ich drüben in der Quarantäne in diesem Zustand; und beide Male fanden Sie mich. Ich fürchte mich vor Ihnen.« »Fürchten, und vor mir?« »Ja. Sie erscheinen mir immer wie meine Wut, meine Bosheit, meine – was weiß ich. Aber ich werde mißhandelt, ich werde mißhandelt, ich werde mißhandelt.« Hier fing das Schluchzen und Weinen und das Zerfleischen mit der Hand, das seit der ersten Überraschung aufgehört hatte, wieder an. Die Fremde betrachtete sie mit einem seltsam aufmerksamen Lächeln. Es war erstaunlich, zu sehen, welcher Kampf im Innern des Mädchens vorging und wie sie sich körperlich marterte, als ob sie von Dämonen zerrissen würde. »Ich bin zwei oder drei Jahre jünger als sie, und doch muß ich alles für sie tun, als ob ich älter wäre, und sie ist es, die immer geliebkost und liebes Kind genannt wird! Ich verabscheue ihren Namen. Ich hasse sie. Sie machen eine Närrin aus ihr, sie verzärteln sie. Sie denkt nur an sich, denkt nicht mehr an mich, als wenn ich ein Stock oder Stein wäre.« So ging es fort. »Sie müssen Geduld haben.« »Ich will keine Geduld haben!« »Wenn sie sich viel um sich kümmern und wenig oder gar nicht um Sie, so müssen Sie nicht darauf achten.« »Ich will aber darauf achten.« »St! Reden Sie klüger. Sie vergessen Ihre abhängige Stellung.« »Was kümmere ich mich darum! Ich laufe fort. Ich will irgendein Unheil anrichten! Ich kann es nicht länger ertragen; ich will es nicht länger ertragen; ich würde sterben, wenn ich's zu ertragen suchte!« Die Fremde stand, die Hand auf die Brust gelegt, an der Tür und betrachtete das Mädchen wie ein Mensch, der einen kranken Körperteil hat und neugierig an der Sektion und Erörterung eines analogen Falles teilnimmt. Das Mädchen wütete und rang mit aller Jugendkraft und allem Lebenstemperament, bis nach und nach ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in ein gebrochenes Murren übergingen, als ob der Schmerz die Oberhand über sie gewänne. In entsprechenden Abstufungen sank sie in einen Stuhl, dann auf die Knie, dann auf den Boden neben dem Bett, indem sie die Decken mit sich zog, halb, um verschämt den Kopf und das nasse Haar darein zu hüllen, halb, wie es schien, um sie zu umarmen und wenigstens etwas an die reuige Brust zu drücken. »Weichen Sie von mir! Weichen Sie von mir! Wenn mein böser Geist über mich kommt, bin ich eine Tolle. Ich weiß, ich könnte ihn von mir fernhalten, wenn ich nur wollte, und bisweilen gebe ich mir auch Mühe. Zu andern Zeiten aber will und tu ich's nicht. Was habe ich gesagt! Ich wußte, als ich's sagte, daß es lauter Lüge war. Sie glauben, irgend jemand werde wohl für mich gesorgt haben, und ich hätte, was ich brauchte. Sie sind stets gut gegen mich. Ich liebe sie von Herzen. Niemand könnte liebevoller gegen ein undankbares Geschöpf sein, als sie es immer gegen mich waren. Gehen Sie, ich fürchte mich vor Ihnen. Ich fürchte mich vor mir selbst, wenn mein böser Geist über mich kommt. Gehen Sie und lassen Sie mich beten und weinen, daß ich besser werde.« Der Tag neigte sich, und wieder starrte sich das grelle Weiß müde. Die heiße Nacht lag auf Marseille, und die Gesellschaft von diesem Morgen zerstreute sich durch die Dunkelheit nach allen Richtungen. So ziehen wir ruhelosen Wanderer bei Tag und Nacht, unter Sonne und Sternen, an staubigen Hügeln hinan und über ermüdende Ebenen, zu Land und zur See, bald kommend, bald gehend, hinüber und herüber aufeinander einwirkend, durch die wunderbare Pilgerfahrt des Lebens. Drittes Kapitel. Zu Hause. Es war ein düsterer, stiller und öder Sonntagabend in London. Tollmachende Kirchenglocken von allen Graden des Mißklangs, schneidend und klar, dumpf und hell, schnell und langsam, weckten häßliche Echos aus Ziegel und Mörtel. Melancholische Straßen, im Büßergewand von Ruß, versetzten die Seele der Leute, die verdammt waren, aus ihren Fenstern auf sie herabzusehen, in die traurigste Niedergeschlagenheit. In jeder Durchfahrt, beinahe in jedem Gäßchen und fast an jeder Ecke hörte man eine klägliche Glocke schlagen, läuten, wimmern, als ob die Pest in der Stadt wäre und die Totenwagen die Runde machten. Alles war verriegelt und verschlossen, was nur entfernte Möglichkeit bieten konnte, 34 ein von der Arbeit müdes Volk zu zerstreuen. Keine Bilder, keine seltenen Tiere, keine seltenen Pflanzen oder Blumen, keine natürlichen oder künstlichen Wunder der Alten Welt – alles war durch die Strenggläubigkeit für tabu Verboten – tabu bedeutet »Nicht anzurühren!«, »Verfehmt«, »Unheimlich« und ist ein religiöser Ausdruck der primitiven Völker Ozeaniens. erklärt, daß die häßlichen Götter der Südsee im Britischen Museum sich nach Hause versetzt glauben konnten. Nichts war zu sehen als Straßen und Straßen und wiederum Straßen. Nichts zu atmen als Straßen und Straßen und wiederum Straßen. Nichts, um das gedrückte Gemüt zu zerstreuen oder zu erheitern. Nichts blieb dem müden Arbeiter, als die Monotonie des siebenten Tages mit der Monotonie seiner sechs Tage zu vergleichen, darüber nachzudenken, wie langweilig sein Leben, und je nach der Wahrscheinlichkeit sich die beste oder schlimmste Seite desselben herauszukehren. Dickens geißelt hier die übertriebene puritanische Strenge der Sonntagsruhe. Zu dieser so glücklichen und für die Interessen der Religion und Moral so günstigen Stunde saß Mr. Arthur Clennam, soeben von Marseille mit dem Doverer Wagen, dem »blauäugigen Mädchen«, So genannt nach dem charakteristischen Anstrich, den die Reisewagen von Dover nach London hatten. angekommen, an dem Fenster eines Kaffeehauses in Ludgate Hill. Zehntausend gewissenbelastete Häuser umgaben ihn, so finster auf die Straßen blickend, zu denen sie gehören, als ob jedes von den zehn Jünglingen aus der Geschichte vom Calander bewohnt wäre, die jede Nacht ihre Gesichter schwarz machten und ihr Schicksal bejammerten. Fünfzigtausend Höhlen umgaben ihn, so ungesunde Wohnungen für Menschen, daß reines Wasser, das man Sonnabendabend in ihre überfüllten Zimmer stellte, bis zum Sonntagmorgen abgestanden war: obgleich Mylord, das Mitglied für ihre Grafschaft, erstaunt war, daß sie nicht das Fleisch vom Metzger über Nacht in dasselbe Zimmer legten, in dem sie schliefen. Meiler von tiefen Brunnen und Fallgruben von Häusern, in denen die Bewohner nach Luft schnappten, streckten sich weit hinaus nach allen Richtungen des Kompasses. Durch das Herz der Stadt ebbte und flutete eine pestaushauchende Kloake statt eines schönen, erfrischenden Stromes. Welches weltliche Bedürfnis konnte diese Million oder mehr Menschen haben, deren tägliche Arbeit – sechs Tage die Woche – inmitten dieser arkadischen Umgebung verrichtet werden mußte, aus deren süßer Einförmigkeit zwischen Wiege und Grab kein Entrinnen war, – welch weltliches Bedürfnis konnten sie am siebenten Tage haben? Natürlich brauchten sie nichts als einen strengen Polizeidiener. Mr. Arthur Clennam saß am Fenster des Kaffeehauses in Ludgate Hill, zählte die Schläge einer der nahen Glocken, machte unwillkürlich Sentenzen und Refrains daraus und dachte daran, wie vielen kranken Leuten sie wohl im Laufe eines Jahres den Tod verkünde. Als die Stunde zu Ende ging, wurde ihr Takt immer rascher. Beim dritten Viertel kam sie in eine Stimmung ungemein lebhaften Ungestüms und mahnte das Volk in geläufiger Rede: » Kom–mt zur Kirche, kom–mt zur Kirche, kom–mt !« Binnen zehn Minuten wurde sie gewahr, daß die Gemeinde sich spärlich versammelte und hämmerte langsamer mit niedergeschlagenem Tone: »Sie wollen nicht kommen, sie wollen nicht kommen, sie wollen nicht kommen!« Bei den letzten fünf Minuten verzichtete sie auf die letzte Hoffnung und erschütterte jedes Haus in der Nachbarschaft dreihundert Sekunden lang mit einem furchtbaren Schlage jede Sekunde, der wie das Gestöhn eines Verzweifelnden klang. »Gott sei Dank!« sagte Mr. Clennam, als die Uhr schlug und die Glocke innehielt. Aber ihr Klang hatte eine lange Reihe langweiliger Sonntage in die Erinnerung gerufen, und die Prozession wollte nicht enden, wie die Glocke, sondern setzte ihren Weg fort. »Der Himmel möge mir vergeben«, sagte er, »und denen, die mich erzogen haben. Wie ich diesen Tag von je gehaßt!« Er gedachte des traurigen Sonntags seiner Kindheit, wo er die Hände gefaltet dasaß, geschreckt durch ein gräßliches Traktätchen, das damit anfing, daß es gleich auf dem Titel den armen Knaben fragte: warum er in die Verdammnis gehe? – eine Neugierde, die der Knabe im Kinderröckchen und Höschen zu befriedigen außerstande war, – und das zur weiteren Erbauung des kindlichen Sinnes auf jeder zweiten Linie einen Spruch oder einen Hinweis hatte, an dem man sich verschlucken konnte, wie z.B. Thessaloniker Kap. III. V. 6 und 7. Verse, in denen der Apostel Paulus die Gemeinde Thesallonien auffordert, Brüder, »die da unordentlich wandeln«, zu meiden. Von den Puritanern gegen alle weltlichen Freuden zugewandten Menschen ausgemünzt. Er gedachte des schläfrigen Sonntags seiner Knabenjahre, wo er wie ein Sträfling durch den Lehrer dreimal des Tages, moralisch an einen andern Knaben gefesselt, nach der Kirche geführt wurde; und wo er bereitwillig zwei Platten unverdaulicher Predigt gegen einige Lote mittelmäßigen Hammelfleisches für sein dürftiges Mittagmahl im Fleische vertauscht. Er dachte des endlosen Sonntags seiner unmündigen Jahre, wo seine streng aussehende und hartherzige Mutter den ganzen Tag hinter der Bibel saß, die, wie ihre eigene Auslegung derselben, die härteste, kahlste und steifste Hülse hatte und nur einen Zierat auf dem Deckel besaß, der wie eine Kette aussah, und einen häßlich rotgesprenkelten Schnitt, als ob es vor allen Büchern ein Bollwerk gegen Weichheit des Gemüts, natürliche Zuneigung und freundlichen Verkehr des Menschen wäre. Er gedachte des nicht zu verschmerzenden Sonntags der späteren Jahre, wo er düster und mißvergnügt dem langsam verrinnenden Tag mit einem bittern Gefühl roher Kränkung im Herzen und mit nicht mehr Kenntnis von der heilverkündenden Geschichte des Neuen Testaments, als wenn er unter Götzendienern aufgewachsen, ins Antlitz schaute. Er gedachte einer Legion von Sonntagen, lauter Tage unnützer Bitterkeit und Kreuzigung, die langsam an seinem Blicke vorüberzogen. »Entschuldigen Sie, Sir«, sagte ein flinker Kellner, indem er den Tisch abrieb. »Wünschen Sie Schlafzimmer zu sehen?« »Ja. Ich dachte eben daran.« »Stubenmädchen!« rief der Kellner. »Der Herr von Numero 7 wünscht Zimmer zu sehen.« »Halt!« sagte Clennam, indem er aufstand. »Ich habe nicht bedacht, was ich sagte; ich antwortete ganz mechanisch. Ich werde nicht hier wohnen. Ich gehe nach Hause.« »So? Stubenmädchen, der Herr von Numero 7 schläft nicht hier, er geht nach Hause.« Er saß immer noch am selben Platz, als der Tag zur Neige ging, sah nach den finstern Häusern drüben und dachte, wenn die körperlosen Geister der früheren Bewohner noch etwas von jenen wüßten, müßten sie sich doch wegen ihrer ehemaligen Kerker bemitleiden. Bisweilen erschien ein Gesicht hinter der trüben Scheibe eines Fensters und verging wieder in der Dunkelheit, als ob es genug vom Leben gesehen und daraus verschwunden wäre. Nun begann der Regen in schrägen Linien zwischen ihm und den Häusern zu fallen, und die Leute sammelten sich unter dem Schutzdach des gegenüberliegenden Durchgangs und sahen hoffnungslos zum Himmel hinauf, als der Regen dichter und schneller zur Erde strömte. Dann erschienen nasse Schirme und schmutzige Kleider; die Straße bedeckte sich mit Schmutz. Was der Kot früher getan oder woher er kam, wer konnte das sagen? Aber er schien sich in einem Augenblick zu sammeln wie ein Menschenknäuel und in fünf Minuten alle Söhne und Töchter Adams bespritzt zu haben. Die Lampenanzünder machten nun die Runde; und wenn die feurigen Zünglein unter ihrer Berührung hervorschossen, hätte man glauben können, sie seien erstaunt, daß man ihnen gestatte, diese häßliche Szene mit ihrem hellen Strahle zu beleuchten. Mr. Arthur Clennam nahm seinen Hut, knüpfte den Rock zu und trat hinaus. Auf dem Lande würde der Regen tausend frische Wohlgerüche hervorgelockt und jeder Tropfen mit einer schönen Form des Wachstums und Lebens eine glänzende Verbindung eingegangen haben. In der Stadt erzeugte er nur faule abgestandene Gerüche und bildete einen pestartigen, lauen, schmutzigen und häßlichen Zufluß für die Gossen. Er ging bei der St. Paulskirche über die Straße und in einem langen Winkel beinahe bis an das Wasser, durch einige von den krummen und jähen Straßen, die zwischen dem Fluß und der Cheapside liegen und damals noch krummer und enger waren. Vorüber an der dumpfen Halle einer verkommenen, ehrwürdigen Gesellschaft, vorüber an den hell erleuchteten Fenstern einer gemeindelosen Kirche, die auf einen abenteuernden Belzoni Giambattista Belzoni (1778–1823), italienischer Athlet und Altertumsforscher, bereiste im Auftrag des englischen Konsuls Salt Ägypten und beschrieb ägyptische Tempelbauten. zu warten schien, der sie ausgraben und ihre Geschichte entdecken würde; vorüber an schweigenden Warenhäusern und Quais, und dann und wann an einem engen Gäßchen, das nach dem Strom führte, wo ein armer kleiner Zettel »Fund im Wasser« an der feuchten Wand weinte; – so kam er endlich nach dem Haus, das er suchte. Ein altes Haus von Backstein, so dunkel, daß es beinahe ganz schwarz war, stand es ganz isoliert hinter einem Torweg. Davor befand sich ein viereckiger Hof, in dem ein oder zwei Sträuche und ein Grasfleck so üppig wucherten wie der Rost auf dem eisernen Gitter, das sie umschloß; dahinter sah man ein Gewirr von Dächern. Es war ein Doppelhaus mit langen, schmalen, schwer eingefaßten Fenstern. Vor vielen Jahren war es auf den Gedanken gekommen, sich nach der Seite zu neigen. Man stützte es jedoch und lehnte es auf ein halbes Dutzend riesiger Krücken: ein Spielplatz für die benachbarten Katzen, der jedoch, vom Wetter benagt, vom Rauch geschwärzt und von Unkraut überwuchert, in neuester Zeit keine Sicherheit mehr bot. »Nichts verändert«, sagte der Reisende, indem er stehenblieb und sich umsah. »Finster und elend wie immer. Ein Licht in meiner Mutter Zimmer, das nicht mehr ausgelöscht worden zu sein scheint, seit ich zweimal im Jahr von der Schule heimkam und meinen Koffer über das Pflaster zog. Ja, ja, ja!« Er ging auf die Tür zu, die eine Art vorspringender Baldachin aus Schnitzwerk – Gewinde von Tüchern und Kinderköpfen mit Wasser im Hirn – nach der einst sehr beliebten Form der Ornamentik schmückte. Er pochte. Bald hörte man einen schlürfenden Schritt auf dem steinernen Boden des Flurs, und die Tür wurde von einem alten, gebückten und ausgemergelten Mann mit durchdringendem Blick geöffnet. Er hatte ein Licht in der Hand und hielt es einen Augenblick in die Höhe, um seine scharfen Augen zu unterstützen. »Ah, Mr. Arthur«, sagte er ohne die geringste Bewegung, »sind Sie endlich da? Treten Sie ein.« Arthur trat ein und schloß die Tür. »Sie sind stärker und männlicher geworden«, sagte der alte Mann, indem er sich wieder umdrehte und, das Licht in die Höhe haltend, den Kopf schüttelte, »aber Sie sind doch, wie mich dünkt, noch nicht so groß wie Ihr Vater, auch nicht wie Ihre Mutter.« »Wie geht es meiner Mutter?« »Sie ist, wie sie jetzt immer ist! Sie hütet ihr Zimmer, wenn sie nicht gar bettlägrig ist, und war nicht fünfzehn Male in ebensoviel Jahren aus, Arthur.« Sie waren in ein ärmliches, ödes Speisezimmer getreten. Der alte Mann hatte den Leuchter auf den Tisch gestellt, und den rechten Ellbogen mit der linken Hand stützend, rieb er sich die ledernen Wangen, während er den Ankömmling betrachtete. Dieser bot ihm die Hand. Der alte Mann nahm sie ziemlich kalt und schien seine Wangen vorzuziehen; er kehrte auch, sobald er konnte, zu ihnen zurück. »Ich möchte bezweifeln, daß Ihre Mutter Ihre Heimkehr am Sabbat billigen werde, Arthur«, sagte er und schüttelte bedächtig den Kopf. »Sie wollen doch nicht, daß ich wieder fortgehen soll?« »O! ich, ich? Ich bin ja nicht der Herr vom Haus. Das möchte ich um keinen Preis haben. Ich stand viele Jahre lang vermittelnd zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter. Ich möchte mir nicht anmaßen, die gleiche Stellung zwischen Ihnen und Ihrer Mutter einzunehmen.« »Wollen Sie ihr sagen, daß ich heimgekehrt bin.« »Jawohl, Arthur, jawohl. Gewiß. Ich will ihr sagen, daß Sie heimgekehrt sind. Wollen Sie gefälligst hier warten. Sie werden das Zimmer nicht verändert finden.« Er nahm ein zweites Licht aus einem Speiseschrank, zündete es an, ließ das erste auf dem Tisch und ging, seinen Auftrag zu besorgen. Er war ein kleiner, kahlhäuptiger alter Mann, in einem hochhinaufstehenden schwarzen Frack und schwarzer Weste, schwarzbraunen Hosen und langen Gamaschen von gleicher Farbe. Er konnte seiner Kleidung nach Kommis oder Diener sein und war beides in der Tat längere Zeit gewesen. Er besaß nichts von Schmuck als eine Uhr, die an einem alten schwarzen Bande in der Tiefe seiner Uhrtasche hing und von der ein angelaufener kupferner Schlüssel oben heraussah, um zu zeigen, wo die Uhr versenkt war. Sein Kopf war schief; er hatte ein einseitiges, krebsartiges Wesen, als ob sein Fundament zur selben Zeit nachgegeben, wie das des Hauses, und er in ähnlicher Weise gestützt werden müßte. »Wie schwach ich bin«, sagte Arthur, als dieser weggegangen, »daß ich Tränen über einen solchen Empfang weinen könnte! Ich, der nie etwas anderes erfahren, der nie etwas anderes erwartet hat.« Er konnte nicht nur, er tat es auch. Es war das augenblickliche Nachgeben eines Mannes, der von dem ersten Dämmern seiner Wahrnehmungen nur Enttäuschungen erlebt und doch noch nicht all sein hoffnungsvolles Sehnen aufgegeben. Er drängte diese Empfindung zurück, nahm das Licht und betrachtete sich das Zimmer. Die alten Möbel standen am alten Platze; die ägyptischen Plagen, durch die Londoner Plagen – Fliegen und Rauch – dunkler geworden, hingen noch unter Glas und Rahmen an der Wand. Dort der alte Flaschenschrank, der jedoch leer stand, mit Blei ausgeschlagen wie eine Art Sarg in Abteilungen; hier das alte dunkle Kabinett, gleichfalls leer, dessen Inhalt er in den Tagen der Strafe oft ganz allein gebildet, und das er damals als die wahre Pforte zu jenem Lebensquell betrachtet, zu dem ihn das Traktätchen in gesprengtem Galopp eilen gesehen. Dort stand auf dem Seitentisch die große Uhr mit dem strengen Gesicht, deren gemalte Augenbrauen ihn immer mit roher Schadenfreude zu betrachten schienen, wenn er mit seinen Arbeiten im Rückstande war, und die, wenn sie einmal in der Woche mit einem eisernen Schlüssel aufgezogen wurde, gewöhnlich mit boshafter Ahnung der Leiden, die sie ihm bringen würde, zu brummen schien. Aber hier kam der alte Mann wieder und sagte: »Arthur, ich will vorausgehen und Ihnen leuchten.« Arthur folgte ihm die Treppe hinauf, die grabsteinartig ziseliert war, in ein dunkles Schlafzimmer, dessen Boden sich allmählich so gesenkt hatte, daß der Kamin sich in einem Loch befand. Auf einem schwarzen, bahrenartigen Sofa in dieser Vertiefung, hinten mit einem großen, eckigen, schrägen Polster gestützt, gleich dem Bocke bei einer Hinrichtung in den guten alten Zeiten, saß die Mutter im Witwenkleid da. Sie und sein Vater hatten, soweit sein Gedächtnis zurückreichte, miteinander im Hader gelebt. Sprachlos inmitten des strengsten Schweigens dazusitzen und schüchtern von dem einen abgewandten Gesicht nach dem andern zu blicken, war die friedlichste Beschäftigung seiner Kindheit gewesen. Sie gab ihm einen glasigen Kuß und vier steife Finger in wollenem Handschuh. Nachdem diese Umarmung vorüber war, setzte er sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch. Auf dem Kaminrost brannte ein Feuer, wie seit fünfzehn Jahren Tag und Nacht. An dem Haken des Kamins hing ein Kessel, wie seit fünfzehn Jahren Tag und Nacht. Ein kleines Häufchen kalter Asche lag auf dem Feuer und ein anderes kleines Häufchen war unter dem Rost zusammengekehrt, wie seit fünfzehn Jahren Tag und Nacht. In dem ungelüfteten Zimmer herrschte ein Geruch von schwarzer Farbe, den das Feuer seit fünfzehn Monaten aus dem Flor und dem Stoff des Witwenkleides und seit fünfzehn Jahren aus dem bahrenartigen Sofa gezogen. »Mutter, das ist eine große Veränderung gegen Ihr früheres rühriges Leben.« »Die Welt hat sich auf diesen engen Raum zusammengerückt, Arthur«, antwortete sie und sah im Zimmer umher. »Es ist gut für mich, daß ich nie mein Herz auf ihre leeren Eitelkeiten gerichtet.« Der alte Einfluß ihrer Gegenwart und ihre ernste strenge Stimme beherrschte ihren Sohn wieder in solchem Grade, daß er aufs neue den bangen Schauer und die Schüchternheit seiner Kindheit fühlte. »Verlassen Sie Ihr Zimmer nie, Mutter?« »Teils durch meine Rheumatismen, teils durch die dadurch entstandene Hinfälligkeit und nervöse Schwäche – der Name tut nichts zur Sache – habe ich den Gebrauch meiner Glieder eingebüßt. Ich verlasse niemals dieses Zimmer. Ich war nicht vor dieser Tür seit – sagen Sie ihm, wie lange«, versetzte sie, indem sie die letzten Worte über die Achsel hin sprach. »Nächste Weihnachten zwölf Jahre«, antwortete eine gebrochene Stimme aus der Dunkelheit hervor. »Ist das Affery?« sagte Arthur und sah sich nach ihr um. Die gebrochene Stimme antwortete, sie sei es; und eine alte Frau trat in das Zwielicht, küßte ihre Hand und verschwand dann wieder in das Dunkel. »Ich bin imstande«, sagte Mrs. Clennam, mit einer leichten Bewegung der in den wollenen Handschuh gehüllten rechten Hand nach einem Armstuhl auf Rädern, der vor einem hohen verschlossenen Schreibtisch stand, »ich bin imstande, den Pflichten meines Geschäfts nachzukommen, und ich bin dem Himmel für diese Gnade dankbar. Es ist eine große Gnade. Aber nun heute nichts mehr von Geschäften. Es ist heute eine schlimme Nacht, nicht wahr?« »Ja, Mutter.« »Schneit es?« »Schneien, Mutter? Wir sind ja erst im September.« »Für mich sind alle Jahreszeiten gleich«, versetzte sie mit einer Art grausamer Wollust. »Ich weiß nichts von Sommer und Winter, hier zwischen meinen vier Mauern. Dem Herrn hat es gefallen, mich über all das hinwegzuheben.« Mit ihren kalten grauen Augen und ihrem kalten grauen Haar, mit ihrem unbeweglichen Gesicht, das so steif wie die Falten ihres wie aus Stein gemeißelten Kopfputzes, – schien sie wirklich außerhalb des Bereichs der Jahreszeiten zu stehen, und dies wiederum schien eine Folge davon zu sein, daß sie überhaupt außer dem Bereich aller wechselnden Gemütsbewegungen stand. Auf ihrem kleinen Tisch lagen zwei bis drei Bücher, ihr Taschentuch, eine stählerne Brille, die sie kurz vorher weggelegt, und eine altväterliche goldene Uhr in einem schweren doppelten Gehäuse. Auf diesem letzteren Gegenstand ruhten ihre und ihres Sohnes Augen in diesem Augenblick. »Ich sehe, daß Sie das Paket, das ich Ihnen nach meines Vaters Tod sandte, richtig empfangen, Mutter.« »Allerdings.« »Ich sah meinen Vater um nichts in der Welt so besorgt wie darum, daß diese Uhr Ihnen sofort geschickt würde.« »Ich bewahre sie als ein Andenken an deinen Vater auf.« »Erst in seinem letzten Augenblick drückte er diesen Wunsch aus, als er nur noch seine Hand darauf legen und mit gebrochener Stimme zu mir sagen konnte: ›Deiner Mutter‹. Einen Augenblick vorher meinte ich noch, er phantasiere wie seit vielen Stunden – ich glaube, er hatte während der kurzen Krankheit keine Empfindung von den Schmerzen – als ich ihn sich umwenden und die Uhr zu öffnen bemüht sah.« »Phantasierte dein Vater also nicht, da er sie zu öffnen versuchte?« »Nein. Er war bei vollem Bewußtsein.« Mrs. Clennam schüttelte den Kopf; ob sie die Erinnerung an den Toten loswerden oder der Ansicht ihres Sohnes widersprechen wollte, konnte man nicht entscheiden. »Nach meines Vaters Tode öffnete ich sie selbst, da ich glaubte, es könnte doch vielleicht eine Notiz darin enthalten sein. Wie ich Ihnen jedoch kaum zu sagen brauche, Mutter, ich fand nichts darin als das alte seidene Uhrfleckchen mit Perlen, das Sie ohne Zweifel an seinem Platz zwischen den Gehäusen gefunden haben werden, wo auch ich es gefunden und belassen.« Mr. Clennam nickte bejahend, fügte dann hinzu: »Nichts mehr heute von Geschäften« und sagte zuletzt: »Affery, es ist neun Uhr.« Die alte Frau räumte den kleinen Tisch ab, verließ das Zimmer und kam bald wieder mit einem Präsentierbrett, auf dem ein Teller mit kleinen Zwiebäcken und einem kleinen und scharf abgeschnittenen Stückchen Butter, kalt, symmetrisch, weiß und rund, stand. Der alte Mann, der während der ganzen Unterhaltung unverrückt an der Tür stehengeblieben und die Mutter eine Treppe hoch ebenso anblickte, wie er den Sohn zu ebener Erde angeblickt, ging nun gleichfalls hinaus und kam mit einem zweiten Präsentierteller, auf dem eine beinahe volle Flasche Portwein (die er seinem Keuchen nach zu urteilen aus dem Keller geholt), eine Zitrone, eine Zuckerbüchse und eine Gewürzschale standen. Mit diesen Materialien und mit Hilfe des Teekessels füllte er ein Stangenglas mit einem heißen und duftenden Gebräu, das mit derselben Genauigkeit wie das Rezept eines Arztes gemischt und zubereitet wurde. In dieses Getränk tunkte Mrs. Clennam einige Zwiebäcke und aß sie, während die alte Frau einige andere mit Butter bestrich, die allein gegessen zu werden bestimmt waren. Als die Kranke alle die Zwiebäcke gegessen und das ganze Gebräu getrunken, wurden die beiden Präsentierteller entfernt und die Bücher und das Licht, Uhr, Taschentuch und Brille wieder an die alte Stelle auf dem Tischchen gelegt. Dann setzte sie die Brille auf und las einige Stellen laut aus einem Buche vor – finstere, strenge und zornige Worte – die Gott baten, daß er ihre Feinde (durch Ton und Gebärde drückte sie deutlich aus, daß es ihre Feinde waren) mit der Schärfe seines Schwertes schlagen, mit Feuer verzehren, mit Pest und Aussatz heimsuchen, ihre Gebeine zu Staub zermalmen und sie ganz und gar ausrotten möge. Wie sie so las, schienen die Jahre vor ihrem Sohne wie die Bilder eines Traumes zu vergehen und alle die alten finstern Schrecken seiner gewöhnlichen Vorbereitung zum Schlafe eines unschuldigen Kindes ihn wieder zu umringen. Sie schloß ihr Buch und bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit ihren Händen. Das tat auch der alte Mann, der sonst nichts in seiner Stellung verändert hatte; desgleichen wohl auch die alte Frau in dem dunkleren Teil des Zimmers. Dann war die kranke Frau bereit zu Bett zu gehen. »Gute Nacht, Arthur. Affery wird für deine Bequemlichkeit sorgen. Rühre mich sanft an, denn meine Hand ist sehr empfindlich.« Er berührte den wollenen Handschuh an ihrer Hand – das tat nichts; wenn seine Mutter einen Harnisch von Erz gehabt; er würde keine neue Scheidewand zwischen ihnen gewesen sein. Dann folgte er dem alten Mann und der alten Frau die Treppe hinab. Diese fragte ihn, als sie in dem tiefen Schatten des Speisezimmers allein waren, ob er ein Abendessen wünsche. »Nein, Affery, kein Abendessen.« »Wenn Sie wollen, können Sie eins haben«, sagte Affery, »ihr Rebhuhn für morgen ist in der Speisekammer; sagen Sie ein Wort, und ich bereite es zu.« Nein, er habe noch nicht lange zu Mittag gegessen und könnte nicht schon wieder etwas zu sich nehmen. »Aber etwas zu trinken«, sagte Affery; »Sie sollen es sogleich haben; etwas von ihrem Portwein, wenn Sie Lust haben. Ich will Jeremiah sagen, daß Sie mir befohlen, Ihnen die Flasche zu holen." Nein, auch davon wollte er nicht. »Es ist wirklich kein Grund vorhanden, Arthur«, sagte die Alte, indem sie sich flüsternd zu ihm hinüberbeugte, »warum Sie sich vor ihnen fürchten sollten, wenn ich mich auch vor ihnen fürchte. Sie haben das halbe Vermögen bekommen, nicht wahr?" »Ja, ja.« »Nun gut, lassen Sie sich nicht einschüchtern. Sie sind klug, Arthur, nicht wahr?" Er nickte, da sie eine bejahende Antwort zu erwarten schien. »Dann treten Sie gegen sie auf. Sie ist furchtbar gescheit, und nur ein Gescheiter darf es wagen, ein Wort zu ihr zu sagen. Er ist gescheit, o er ist sehr gescheit! – und er sagt ihr die Meinung, wenn er mag, ganz gewiß." »Ihr Mann?« »Allerdings. Ich zittre am ganzen Leibe, wenn ich ihn mit ihr sprechen höre. Mein Mann, Jeremiah Flintwinch, kann sogar Ihre Mutter zwingen. Und dazu gehört ein gescheiter Mann!« Seine schlürfenden Schritte, die man näher kommen hörte, veranlaßten sie, sich nach dem anderen Ende des Zimmers zurückzuziehen. Obgleich eine große, starke, alte Frau mit groben Zügen, die in ihrer Jugend sich leicht unter die Fußgarde hätte einschmuggeln können, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden, schoß ihr doch vor dem kleinen krebsartigen Mann mit dem durchdringenden Blicke die Furcht in die Knie. »Nun, Affery«, sagte er, »nun Frau, was tust du? Kannst du für Master Arthur nicht irgend etwas zu essen auftreiben?« Master Arthur schlug aufs neue alles Essen aus. »Nun gut«, sagte der Alte, »so mache sein Bett. Eile dich ein bißchen.« Sein Hals war so krumm, daß die geknüpften Zipfel seines weißen Halstuches gewöhnlich unter einem Ohr baumelten; seine natürliche Herbigkeit und Energie, die immer mit einer zweiten Natur, der ihm zur Gewohnheit gewordenen Zurückhaltung, im Kampfe war, gaben seinem Gesicht ein geschwollenes und unterlaufenes Aussehen, und im ganzen machte er den Eindruck, als ob er sich irgendeinmal aufgehängt, und als ob er nun mit dem Strick seit der Zeit herumliefe wie damals, als ihn eine milde Hand noch abgeschnitten. »Sie werden morgen bittere Worte hören müssen, Arthur: Sie wie Ihre Mutter«, sagte Jeremiah. »Daß Sie bei Ihres Vaters Tod das Geschäft aufgegeben – was sie vermutet, obgleich wir es Ihnen überlassen, ihr die Sache mitzuteilen –-, das wird sie Ihnen nicht so ruhig hingehen lassen.« »Ich habe im Leben alles um des Geschäftes willen aufgegeben, nun kam die Zeit für mich, das Geschäft aufzugeben.« »Gut!« rief Jeremiah, während er offenbar ›Schlimm!‹ sagen wollte. »Sehr gut! Nur erwarten Sie nicht, daß ich vermittelnd zwischen Sie und Ihre Mutter treten werde, Arthur. Ich vermittelte zwischen Ihrer Mutter und Ihrem Vater, habe dieses und jenes Unheil abgewendet und habe Stöße und Schläge in Menge dabei abgekriegt: aber nun habe ich die Sache satt.« »Ich werde weiter nicht von Ihnen fordern, Jeremiah, daß Sie sich für mich ins Mittel legen.« »Gut, das freut mich zu hören: denn ich hätte es abschlagen müssen, wenn Sie dergleichen von mir verlangten. Genug – wie Ihre Mutter sagt, mehr als genug von solchen Dingen an einem Sonntagabend. Affery, Frau, hast du endlich gefunden, was du brauchst?« Sie hatte Leintücher und Decken aus einem Wandschrank geholt und legte sie nun eiligst zusammen, worauf sie »Ja, Jeremiah« sagte. Arthur Clennam half ihr die Last tragen, wünschte dem alten Mann gute Nacht und ging mit ihr die Treppen hinauf bis unter das Dach. Sie stiegen immer höher durch den dumpfen Geruch eines alten, dicht verschlossenen und wenig bewohnbaren Hauses nach einem großen Schlafzimmer im obersten Stockwerk: kahl und kärglich wie alle andern Zimmer, machte es dadurch noch einen häßlicheren und unheimlicheren Eindruck, daß es der Verbannungsort für allen abgenutzten Hausrat war. Die Möbel bestanden aus häßlichen alten Stühlen mit abgenutzten Sitzen, zwei häßlichen alten Stühlen ohne Sitze, einem fadenscheinigen musterlosen Teppich, einem tannenen Tisch, einem verkrüppelten Kleiderschrank, einem armseligen Sammelsurium von Kamingeräten, das wie ein Paar Skelette aussah, einem Waschtisch, der jahrhundertelang in einem Platzregen von schmutziger Seifenlauge gestanden zu haben schien, und einer Bettstelle mit vier nackten gerippartigen Eckpfosten, deren jeder in einem spitzen Nagel auslief, wie zur traurigen Bequemlichkeit der Insassen eingerichtet, die es vorziehen sollten, sich selbst aufzuspießen. Arthur öffnete das lange niedrige Fenster und blickte auf den alten ausgebrannten und geschwärzten Wald von Kaminen und den alten roten Glanz des Himmels, der ihm einst in früheren Tagen als der nächtliche Reflex der in Flammen stehenden Umgebung erschien, die sich seiner kindlichen Phantasie allerwärts, wohin er den Blick wenden mochte, darbot. Er zog den Kopf wieder zurück, setzte sich neben das Bett und sah zu, wie Affery Flintwinch es machte. »Affery, Sie waren nicht verheiratet, als ich von hier fortging.« Sie verzog den Mund, als wollte sie »Nein« sagen, schüttelte den Kopf und schob ein Kissen in das Linnen. »Wie kam das?« »Nun, Jeremiah natürlich!« sagte Affery, mit dem Ende eines Kissenbezuges zwischen den Zähnen. »Er machte Ihnen natürlich den Vorschlag, aber wie kam das alles? Ich hätte gedacht, keines von beiden würde heiraten; am wenigsten hätte ich mir aber träumen lassen, daß Sie sich heirateten.« »Das dacht' ich auch«, sagte Mrs. Flintwinch, indem sie das Kissen in den Bezug drückte. »Das ist's, was ich meine. Wann wurden Sie denn andern Sinnes?« »Ich wurde nie andern Sinnes«, sagte Mrs. Flintwinch. Als sie sah, daß er, während sie das Kissen auf dem Polster zurechtrückte, sie noch immer ansah, als ob er auf eine Antwort warte, schlug sie mit der Faust tüchtig in die Mitte und fragte: »Was hätte ich tun sollen?« »Was Sie hätten tun sollen, um sich nicht zu verheiraten?« »Natürlich«, sagte Mrs. Flintwinch. »Das war ja nicht meine Sache. Ich hätte nie daran gedacht. Ich mußte wirklich etwas tun, ohne daran zu denken. Sie hielt mich tüchtig zur Arbeit an, solange sie noch ausging, und damals konnte sie noch ausgehen.« »Nun?« »Nun?« wiederholte Mrs. Flintwinch. »Das ist's ja, was ich sagte. Nun? Was nützt das Überlegen? Wenn zwei so gescheite Leute wie sie wegen einer Sache einverstanden sind, was bleibt mir zu tun? Nichts.« »So war es der Plan meiner Mutter?« »Der Herr behüte Sie, Arthur, und verzeihe mir den Wunsch!« rief Affery, immer sonst leise sprechend. »Wenn sie beide nicht einverstanden gewesen, wie hätte die Sache geschehen können? Jeremiah hat mir nie den Hof gemacht. Es war auch gar nicht wahrscheinlich, daß er's je tun würde, nachdem er so viele Jahre mit mir im selben Hause gelebt und nur ans Befehlen gewöhnt gewesen. Er sagte eines Tages zu mir: ›Affery‹, sagte er, ›ich will Euch jetzt etwas sagen. Was denkt Ihr von dem Namen Flintwinch?‹ – ›Was ich davon denke?‹ sagte ich. – ›Ja‹, sagt er; ›weil Ihr ihn künftig führen sollt‹, sagte er. – ›Führen soll?‹ sagte ich, ›Jeremiah?‹ Oh, er ist ein gescheiter Mensch!« Mrs. Flintwinch breitete das obere Leintuch über das Bett und legte die wollene Decke darauf und die gesteppte Decke über diese, als ob sie mit ihrer Geschichte ganz zu Ende wäre. »Nun?« sagte Arthur wieder. »Nun?« wiederholte Mrs. Flintwinch. »Was könnt' ich machen? Er sagte zu mir: ›Affery, wir müssen uns heiraten, und ich will Euch sagen weshalb. Sie kränkelt und braucht deshalb beständige Pflege in ihrem Zimmer. Wir werden viel bei ihr sein müssen, und es wird niemand zur Hand sein, wenn wir nicht bei ihr sind – kurz, es ist passender, daß wir heiraten. Sie ist auch meiner Ansicht‹, sagte er, ›wenn Ihr deshalb nächsten Montag morgen um acht Uhr Euren Hut aufsetzen wollt, so können wir die Sache abmachen.‹« Mrs. Flintwinch schlug die Decke glatt. »Nun?« »Nun?« wiederholte Mrs. Flintwinch. »Ich dachte so: Ich setze mich hin und sage Ja. Nun! – Jeremiah sagte darauf zu mir: ›Was das Aufgebot betrifft, so werden wir nächsten Sonntag zum dritten Male ausgerufen; denn ich habe es seit vierzehn Tagen besorgt, und deshalb will ich den Montag zur Hochzeit bestimmen. Sie wird selbst mit Euch über die Sache sprechen und Euch nun vorbereitet finden, Affery.‹ Noch am selben Tage sprach sie mit mir und sagte: ›So, Affery, ich höre, daß du Jeremiah heiraten willst. Ich freue mich darüber, und auch du kannst dich mit Recht freuen. Er ist sehr geeignet für dich und mir unter diesen Umständen sehr willkommen. Er ist ein gescheiter Mann und ein redlicher Mann und ein ausdauernder Mann und ein frommer Mann.‹ Was konnte ich sagen, wenn die Sache schon so weit gediehen? Und hätt' es einen – Erstickungsversuch statt einer Heirat gegolten«, Mrs. Flintwinch suchte mit großer Anstrengung nach dieser Form des Ausdrucks, »ich hätte ebensowenig gegen diese beiden gescheiten Leute ein Wort hervorbringen können.« »Wahrhaftig, das glaube ich.« »Das können Sie auch, Arthur.« »Affery, was war das für ein Mädchen soeben in meiner Mutter Zimmer?« »Mädchen?« sagte Mr«. Flintwinch in ziemlich scharfem Ton. »Ja, es war ein Mädchen, das ich neben Ihnen stehen sah –, wenn sie auch in der dunklen Ecke sich den Blicken entzog.« »Oh! Sie? Klein-Dorrit? Sie ist nichts – sie ist eine Grille von – ihr.« Es war eine Eigentümlichkeit von Affery Flintwinch, daß sie nie von Mrs. Clennam mit dem Namen sprach. »Aber es gibt noch andere Mädchen als dies. Haben Sie Ihre alte Neigung vergessen? Sicher schon lange, lange.« »Ich litt genug unter dieser Trennung, die das Werk meiner Mutter war, um nicht noch an sie zu denken. Ich erinnere mich ihrer recht gut.« »Haben Sie eine andre?« »Nein.« »So weiß ich Ihnen gute Botschaft. Sie ist jetzt wohlhabend und Witwe. Und wenn Sie sie noch haben wollen, läßt sichs leicht machen.« »Und woher wissen Sie das, Affery?« »Die beiden Gescheiten haben davon gesprochen. – Da ist Jeremiah auf der Treppe!« Sie war in einem Augenblick verschwunden. Mrs. Flintwinch hatte in das Gewebe, das sein Geist beständig in der alten Werkstatt, wo der Stuhl seiner Jugend stand, zu weben beschäftigt war, den letzten Faden, der zum Muster fehlte, eingeschlossen. Das Luftgebilde der Liebe eines Knaben hatte seinen Weg auch in dieses Haus gefunden; und die Hoffnungslosigkeit hatte ihm so große Schmerzen bereitet, als wäre das Haus ein romantisches Schloß gewesen. Kaum mehr als vor einer Woche hatte in Marseille das Gesicht des hübschen Mädchens, von dem er mit Bedauern scheiden mußte, ein ungewöhnliches Interesse für ihn gehabt und ihn wunderbar gefesselt, da es eine wirkliche oder eingebildete Ähnlichkeit mit jenem ersten Gesicht hatte, das sich aus seinem düstern Lebenskreise in die lichten Sphären der Phantasie aufgeschwungen. Er lehnte sich auf die Brüstung des langen niedern Fensters, blickte wieder hinaus auf den geschwärzten Wald von Kaminen und begann zu träumen. Es war ja doch die gleichmäßige Richtung in dieses Mannes Leben gewesen –, das so viel Entbehrungen in sich schloß, die Stoff zum Nachdenken boten, so viele, denen man eine bessere Wendung geben und womit man glücklicher hätte spekulieren können –, daß er zuletzt ein Träumer wurde. Viertes Kapitel. Mrs. Flintwinch hat einen Traum. Wenn Mrs. Flintwinch träumte, so träumte sie gewöhnlich anders als der Sohn ihrer alten Herrin, nämlich mit geschlossenen Augen. Sie hatte einen wunderbar lebhaften Traum in jener Nacht, noch ehe sie den Sohn ihrer alten Herrin vergessen. Es schien auch in der Tat gar nicht ein Traum zu sein, so sehr trug alles vielmehr das Gepräge der Wirklichkeit. Nämlich so. Das Schlafzimmer von Mr. und Mrs. Flintwinch war nur wenig Schritte von dem entfernt, auf das Mrs. Clennam seit so vielen Jahren angewiesen war. Es lag nicht auf derselben Flur, denn es befand sich in einem Seitenflügel des Hauses, zu dem man über eine steile Treppe von einigen ausgetretenen Stufen gelangte, die von der Haustreppe beinahe gerade gegenüber von Mrs. Clennams Tür seitab führten. Man konnte kaum sagen, daß es im Bereiche der Stimme lag, da Wände, Türen und Getäfel des alten Hauses so schwer und dick waren; aber man konnte in jedem Kleid, zu jeder Zeit der Nacht und bei jeder Temperatur hinüberkommen. Zu Häupten des Bettes und einen Fuß von Mrs. Flintwinchs Ohr entfernt hing eine Glocke, deren Schnur bequem zur Hand Mrs. Clennams war. Sobald diese Glocke ertönte, fuhr Affery auf und stand in dem Zimmer der Kranken, ehe sie recht wach war. Nachdem sie ihre Herrin zu Bett gebracht, die Lampe angezündet und ihr gute Nacht gesagt, ging Mrs. Flintwinch selbst wie gewöhnlich schlafen – nur war ihr Gatte noch nicht erschienen. Ihr Gatte – und nicht das, woran sie zuletzt gedacht, wie die meisten Philosophen meinen – wurde der Gegenstand ihres Traumes. Sie glaubte zu erwachen, nachdem sie einige Stunden geschlafen, und fand Jeremiah noch nicht im Bett. Dann sah sie nach dem Licht, das sie hatte brennen lassen, so träumte sie, und danach die Zeit bemessend wie König Alfred der Große, wurde sie, da es schon ziemlich weit heruntergebrannt, in ihrer Überzeugung bestärkt, daß sie außerordentlich lange geschlafen haben müsse. Dann, träumte sie, sei sie aufgestanden, habe sich in ein Tuch gehüllt, die Schuhe angezogen und sei verwundert auf die Treppe hinausgegangen, um nach Jeremiah zu sehen. Die Treppe war von Holz und sehr fest; Affery ging gerade hinab, ohne irgendwie abzuschweifen, wie es bei Träumenden gewöhnlich vorzukommen pflegt. Sie streifte auch nicht leicht über die Treppe hin, sondern ging wie gewöhnlich hinab und hielt sich an dem Geländer, da ihr das Licht ausgegangen war. An einer Ecke der Vorhalle, hinter der Haustür, war ein kleines Wartezimmer, einer Brunnenstube ähnlich, mit einem langen, schmalen Fenster, das aussah, als ob man einfach die Wand aufgeschlitzt. In diesem Zimmer, das nie benutzt wurde, brannte ein Licht. Mrs. Flintwinch schritt über die Vorhalle, an den bloßen Füßen wohl fühlend, daß sie auf Steinen ging, und sah zwischen den rostigen Angeln der Tür hindurch, die offen stand. Sie erwartete Jeremiah in festem Schlaf oder in einer Ohnmacht zu sehen, aber er saß ruhig und ganz wach auf einem Stuhl; auch schien er gesund wie gewöhnlich. Doch wie? Der Herr verzeihe uns! Mrs. Flintwinch murmelte ein Stoßgebet und fing an zu taumeln. Denn der wachende Mr. Flintwinch bewachte den schlafenden Mr. Flintwinch. Er saß an der einen Seite eines kleinen Tisches und beobachtete mit scharfem Blick sein Ebenbild auf der andern Seite, dessen Kinn auf die Brust herabgesunken, wahrend er laut schnarchte. Der wachende Flintwinch hatte sein ganzes Gesicht seiner Frau zugewendet, während man den schlafenden Flintwinch nur im Profil sah. Der wachende Flintwinch war das alte Original; der schlafende Flintwinch dagegen war der Doppelgänger. Gerade wie sie einen greifbaren Gegenstand von seinem Bild im Spiegel hätte unterscheiden können, so unterschied sie alles ganz deutlich, während es mit ihr im Kreise herumging. Wenn sie noch einen Zweifel hätte haben können, welches ihr rechter Jeremiah sei, so wäre er durch seine Ungeduld gelöst worden. Er sah sich nach einer Angriffswaffe um, ergriff die Lichtschere, und ehe er damit das kohlköpfige Licht putzte, stieß er mit derselben auf den Schläfer los, als ob er sie ihm durch den Leib rennen wollte. »Wer ist das? Was gibt es?« rief der Schläfer auffahrend. Mr. Flintwinch machte eine Bewegung mit der Lichtschere, als wollte er ihn dadurch zum Schweigen zwingen, daß er sie ihm in den Hals stieß; als der andere zu sich kam, sagte er, die Äugen reibend: »Ich vergaß, wo ich war.« »Sie haben geschlafen«, brummte Jeremiah und sah auf die Uhr, »zwei volle Stunden sind es. Sie sagten, Sie hätten genug geschlafen, wenn Sie einen kleinen Nicker machen würden.« »Ich habe einen kleinen Nicker gemacht«, sagte der Doppelgänger. »Halb drei Uhr in der Früh'«, murmelte Jeremiah. »Wo ist Ihr Hut? Wo ist Ihr Rock? Wo ist Ihr Kästchen?« »Alles ist hier«, sagte der Doppelgänger, seinen Hals mit schläfriger Gleichgültigkeit in einen Schal wickelnd. »Warten Sie eine Minute. Geben Sie mir jetzt den Ärmel – nicht diesen Ärmel, den andern. Ach, ich bin nicht mehr so jung, wie ich war.« Mr. Flintwinch war ihm beim Anziehen des Rockes mit großem Eifer behilflich. »Sie versprachen mir ein zweites Glas, wenn ich geschlafen.« »Trinken Sie!« versetzte Jeremiah, »und ersticken Sie, hätte ich beinahe gesagt, – gehen Sie, wollte ich sagen.« Damit stellte er die nämliche Portweinflasche wie bei seiner Herrin auf und füllte ein Weinglas. »Ihr Portwein, dünkt mich?« sagte der Doppelgänger und kostete, als ob er in den Docks wäre. »Ihre Gesundheit.« Er trank einen Schluck. »Eure Gesundheit!« Er trank einen zweiten Schluck. »Seine Gesundheit!« Er trank einen dritten Schluck. »Und die Gesundheit aller Freunde rings um St. Paul .« Er leerte das Glas und schob es auf den Tisch, nachdem er dem alten feierlichen Toast Folge gegeben, und nahm das Kästchen auf. Es war ein eisernes Kästchen von ungefähr zwei Fuß im Geviert, das er ziemlich leicht unter dem Arme trug. Jeremiah beobachtete sein Tun mit eifersüchtigen Blicken, drückte auf das Kästchen, um zu sehen, ob er es auch festhalte, bat ihn, doch ja recht pünktlich seine Sache zu besorgen, und ging dann auf den Zehen hinweg, um ihm die Tür zu öffnen. Affery, die diese Absicht ahnte, war schon auf der Treppe. Das übrige war so gewöhnlich und so natürlich, daß sie, während sie auf der Treppe stand, das Öffnen der Tür hören, die Nachtluft fühlen und die Sterne draußen sehen konnte. Aber nun kam der merkwürdigste Teil des Traumes. Sie fürchtete sich so sehr vor ihrem Gatten, daß sie, als sie so auf der Treppe stand, sich nicht imstande fühlte, in ihr Zimmer zurückzugehen (was so leicht gewesen, ehe er die Tür schloß), sondern, starr auf einen Punkt sehend, stehenblieb. Deshalb kam er, als er mit dem Licht die Treppe heraufging, um sich zu Bett zu begeben, gerade auf sie zu. Er sah verwundert aus, sagte jedoch nicht ein Wort. Er schaute sie fest an und ließ keinen Blick von ihr, während er weiterging; und sie trat, weil sie sich seinem Einfluß nicht entziehen konnte, immer weiter zurück. Auf diese Weise ging sie beständig rückwärts, während er vorwärts ging, bis sie endlich in ihrem Zimmer ankamen. Sie waren aber kaum dort, als Mr. Flintwinch sie am Halse packte und schüttelte, bis sie schwarz im Gesicht war. »Nun, Affery, Frau! – Affery!« sagte Mr. Flintwinch. »Wovon hast du geträumt? Wach auf, wach auf! Was gibt es?« »Was es gibt, Jeremiay?« keuchte Mrs. Flintwinch, die Augen rollend. »Nun, Affery, Frau! – Affery! Du bist während des Schlafes aus dem Bett gefallen, meine Liebe! Ich komme herauf, nachdem ich unten etwas eingeschlafen war, und finde dich, in dein Tuch eingehüllt, vom Alp gepeinigt. Affery, Frau«, sagte Mr. Flintwinch mit einem freundlichen Grinsen in seinem ausdrucksvollen Gesicht, »wenn du je wieder einen Traum der Art hast, so ist es mir ein Zeichen, daß du Arznei brauchst. Und ich werde dir welche geben, Alte – ja, ich werde dir welche geben!« Mrs. Flintwinch dankte ihm und kroch ins Bett. Fünftes Kapitel. Familienangelegenheiten. Als die Glocken der Stadt am Montagmorgen neun schlugen, wurde Mrs. Clennam von Jeremiah Flintwinch, dem Mann mit dem niedergeschlagenen Blick, vor ihren großen Schreibtisch gerollt. Nachdem sie diesen aufgeschlossen und geöffnet und sich vor dem Pult zurechtgerückt, entfernte sich Jeremiah – wahrscheinlich, um sich mit einem noch wirksameren Spitzbubenblick anzutun –, und ihr Sohn erschien. »Geht es Ihnen heute morgen etwas besser, Mutter?« Sie schüttelte den Kopf mit derselben ernsten Miene der Selbstherrlichkeit, die sie am vorhergehenden Abend, als vom Wetter die Rede war, gezeigt hatte. »Ich werde nie mehr besser werden, Arthur. Es ist ein Glück für mich, daß ich meinen Zustand kenne und ihn zu tragen weiß.« Wie sie so dasaß, die Hände getrennt auf dem Pult und den hohen Schreibtisch vor sich, sah es aus, als ob sie auf einer tonlosen Kirchenorgel spielte. Auf ihren Sohn machte es diesen Eindruck (und nicht erst heute, sondern schon vor Jahren war ihm dieser Gedanke gekommen), als er sich neben sie setzte. Sie öffnete einige Schiebladen, sah mehrere Geschäftspapiere durch und legte sie dann wieder an ihren früheren Platz. Kein Muskel ihres strengen Gesichts verlor seine Spannung; es war deshalb auch für den Beobachter unmöglich, in das dunkle Labyrinth ihrer Gedanken zu dringen. »Soll ich von unsern Angelegenheiten sprechen, Mutter? Sind Sie geneigt, auf Geschäftssachen einzugehen?« »Ob ich geneigt bin? Vielmehr, bist du es? Dein Vater ist seit länger als einem Jahre tot. Ich war seit jenem Augenblick bereit und wartete, bis es dir beliebe.« »Es war noch so viel zu ordnen, ehe ich abreisen konnte; und als ich endlich freie Hand hatte, reiste ich ein wenig zur Erholung.« Sie wandte ihr Gesicht nach ihm hin, als ob sie seine letzten Worte nicht gehört oder verstanden. »Zur Erholung.« Sie blickte in dem düstern Zimmer umher und schien, nach der Bewegung ihrer Lippen zu urteilen, jene Worte zu wiederholen, als wollte sie diese Räume zu Zeugen auffordern, wie wenig sie daran teilhabe. »Und dann, Mutter, da Sie die einzige Testamentsvollstreckerin sind und die Sachen ordnen können, wie es Ihnen beliebt, so blieb mir wenig, oder ich möchte sagen, nichts zu tun übrig, bis Sie Zeit hätten, die Dinge zu Ihrer Zufriedenheit zu arrangieren.« »Die Rechnungen sind ausgefertigt«, versetzte sie, »ich habe sie hier. Die Urkunden sind alle geprüft und richtig befunden. Du kannst Einsicht davon nehmen, wann es dir beliebt, Arthur; jetzt, wenn du Lust hast.« »Es genügt, Mutter, wenn ich weiß, daß das Geschäft besorgt ist. Soll ich fortfahren?« »Warum nicht?« sagte sie in ihrer frostigen Weise. »Mutter, unser Haus hat in den letzten Jahren immer weniger Geschäfte gemacht, und unsre Handelsverbindungen nahmen bedeutend ab. Wir haben nie viel Vertrauen gezeigt oder uns auf viel eingelassen; wir haben die Leute nicht an uns gefesselt. Die Richtung, die wir einschlugen, war nicht die Richtung der Zeit, und wir blieben zuletzt weit zurück. Ich brauche nicht bei diesem Punkt zu verweilen, Mutter. Sie sind hinlänglich davon unterrichtet.« »Ich weiß, was du meinst«, antwortete sie in ihrem charakteristischen Ton. »Auch dieses alte Haus, in dem wir sprechen«, fuhr ihr Sohn fort, »ist ein Beispiel von dem, was ich sage. In meines Vaters früheren Zeiten, und zu seines Onkels Zeiten noch früher, war es ein Geschäftsplatz – wirklich ein Geschäftsplatz mit lebhaftem Verkehr. Jetzt ist es eine reine Anomalie, eine Ungereimtheit, außer der Zeit und völlig unzweckmäßig. Alle unsere Verbindungen gingen seit langer Zeit an das Kommissionsgeschäft von Rovingham; und obgleich man, um dieses zu kontrollieren und die Geldmittel meines Vaters gut zu verwalten, Ihr Urteil und Ihre Wachsamkeit lebhaft in Anspruch nahm, so hätten doch diese Eigenschaften den gleichen Einfluß auf meines Vaters Vermögen haben können, wenn Sie irgendeine Privatwohnung bezogen: das müssen Sie zugeben?« »Denkst du denn«, entgegnete sie, ohne auf seine Frage zu antworten, »daß ein Haus völlig zwecklos sei, Arthur, wenn es deine kränkliche und leidende – deine mit vollem Recht leidende – Mutter beherbergt?« »Ich sprach nur von geschäftlichen Beziehungen.« »Und in welcher Absicht?« »Ich komme schon darauf zu sprechen.« »Ich sehe voraus«, entgegnete sie und heftete ihre Augen auf ihn, »was es ist. Aber der Herr bewahre mich, daß ich unter irgendeiner Heimsuchung murre. Um meiner Sünden willen verdiene ich die bitterste Enttäuschung, und ich nehme sie gelassen hin.« »Mutter, es schmerzt mich, Sie so sprechen zu hören, obgleich ich ahnte, daß es so kommen würde –« »Du wußtest, daß es so kommen würde. Du kanntest mich«, unterbrach sie ihn. Ihr Sohn schwieg einen Augenblick. Er hatte Feuer aus ihr hervorgelockt und war überrascht. »Nun«, sagte sie und sank wieder in ihre steinerne Starrheit zurück. »Fahre fort. Laß mich hören.« »Sie haben vorausgesehen, Mutter, daß ich mich dahin entscheiden werde, das Geschäft aufzugeben. Ich gebe es wirklich auf. Ich will mir nicht anmaßen, Ihnen zu raten: Sie werden es fortsetzen, ich sehe das voraus. Wenn ich irgendeinen Einfluß auf Sie hätte, würde ich ihn einfach dazu benutzen, Ihr Urteil in Beziehung auf die Enttäuschung, die ich Ihnen bereite, zu mildern und Ihnen vorzustellen, daß ich die Hälfte einer langen Lebenszeit gelebt, ohne je meinem Willen dem Ihren entgegenzusetzen. Ich kann nicht sagen, daß ich imstande war, mich mit Herz und Sinn in Ihre Grundsätze zu fügen; ich kann nicht sagen, daß ich glaube, meine vierzig Jahre seien mir selbst oder irgendwem sonst nützlich oder angenehm gewesen. Aber ich habe gewöhnlich nachgegeben, und ich bitte nur, daß Sie sich daran erinnern.« Wehe dem Flehenden von jetzt und ehedem, der von dem unerbittlichen Gesicht an dem Schreibtisch ein Zugeständnis erwartete! Wehe dem Verbrecher, dessen Appellation einem Tribunal unterbreitet war, bei dem so strenge Augen den Vorsitz führten! Die harte Frau brauchte all ihre mystische Religion, die in Dunkel und Finsternis gehüllt war, um nur Fluch-, Rache- und Vernichtungsblitze durch die Sandwolken zu schleudern. Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern, war eine Bitte, die ihr zu geistesarm erschien. Züchtige meine Schuldner, o Herr, vertrockne sie, zermalme sie; tu mit ihnen, wie ich tun würde, und ich werde dich anbeten: das war der gottlose Turm von Stein, den sie aufbaute, um himmelan zu steigen. »Bist du zu Ende, Arthur, oder hast du mir noch etwas zu sagen? Ich glaube, es wird nichts mehr übrig sein. Du warst kurz, aber deine Worte waren inhaltsschwer!« »Mutter, ich habe noch etwas zu sagen. Es lastete die ganze lange Zeit Tag und Nacht auf meinem Herzen. Es ist weit schwieriger zu sagen, als was ich bisher gesagt. Dies betraf nur mich selbst: was nun kommt, uns alle.« »Uns alle! Wer sind diese ›uns alle?‹« »Sie, ich, mein verstorbener Vater.« Sie nahm ihre Hände von dem Schreibtisch, faltete sie in ihrem Schoß und saß, mit der Unerforschlichkeit einer alten ägyptischen Skulptur in das Feuer blickend, da. »Sie kannten meinen Vater ungleich besser, als ich ihn je gekannt; und seine Zurückhaltung gegen mich wich gegenüber Ihnen. Sie waren der stärkere Teil, Mutter, und leiteten ihn. Ich wußte das schon als Kind so gut wie jetzt. Ich wußte, daß Ihr Einfluß auf ihn die Ursache war, weshalb er nach China ging, um dort das Geschäft zu besorgen, während Sie sich dessen hier annahmen (wenn ich auch jetzt noch nicht weiß, ob dies wirklich der Grund zur Trennung war, wegen dessen Sie einwilligten); so wußte ich auch, daß es Ihr Wille war, daß ich hier bleibe, bis ich zwanzig Jahre alt sei, und dann zu ihm gehe, wie es wirklich geschah. Sie werden nicht ungehalten sein, wenn ich nach zwanzig Jahren daran erinnere?« »Ich warte auf den Grund, weshalb du daran erinnerst.«" Er dämpfte seine Stimme und sagte sichtbar ungern und mit Widerwillen: »Ich möchte Sie fragen, Mutter, ob es Ihnen je in den Sinn gekommen, Verdacht zu hegen –« Bei dem Worte »Verdacht« richtete sie den Blick mit finstrem Zusammenziehen der Brauen auf ihren Sohn. Dann ließ sie die Augen wieder das Feuer suchen, aber die Brauen blieben zusammengezogen, als ob der Bildhauer des alten Ägypten dem harten granitnen Gesicht für Jahrhunderte diesen finstern Ausdruck geben wollte. »– daß er irgendeine geheime Erinnerung habe, die ihn beunruhige, ihn mit Reue quäle? Haben Sie je in seinem Benehmen etwas bemerkt, was zu diesem Verdacht führen konnte, oder je mit ihm davon gesprochen, oder je ihn auf etwas Derartiges anspielen hören?« »Ich verstehe nicht, welcher Art die geheime Erinnerung gewesen sein sollte, der du deinen Vater zum Opfer werden läßt«, entgegnete sie nach einer Pause. »Du sprichst so geheimnisvoll.« »Wäre es möglich, Mutter«, sagte der Sohn, indem er sich vorbeugte, um ihr näher zu sein, solange er flüsterte, und legte dabei seine Hand ängstlich besorgt auf das Schreibpult, »wäre es möglich, Mutter, daß er irgend jemandem ein Unrecht zugefügt und es nicht wieder gutgemacht hat?« Zornig ihn anblickend, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, um ihn von sich fernzuhalten, antwortete jedoch nicht. »Ich fühle wohl, Mutter, daß, wenn dieser Gedanke Ihnen niemals in den Sinn gekommen, es grausam und unnatürlich von mir erscheinen muß, selbst in diesem vertraulichen Augenblick, ihn auch nur leise auszusprechen. Aber ich kann ihn nicht loswerden. Zeit und Veränderung des Orts (ich habe beides versucht, ehe ich mein Schweigen brach) vermögen nichts gegen ihn. Bedenken Sie, ich lebte bei meinem Vater. Bedenken Sie, ich blickte ihm ins Auge, als er mir die Uhr anvertraute und sich mir zu sagen mühte, daß er sie Ihnen als ein Zeichen sende, das Sie wohl verstehen würden. Bedenken Sie, ich sah ihn im letzten Augenblick, als er mit dem Bleistift in der zitternden Hand einige Worte, denen er jedoch keine Form geben konnte, für Sie zu schreiben suchte. Je entfernter und grausamer dieser vage Verdacht, den ich hege, desto gewichtiger sind die Umstände, die ihm einen Schein von Wahrscheinlichkeit zu geben vermögen. Um des Himmels willen, lassen Sie uns ernstlich forschen, ob hier irgendein Unrecht wieder gutzumachen ist. Niemand kann mir dabei helfen, Mutter, als Sie.« Noch immer in ihrem Lehnstuhl so zurückgelehnt, daß ihr Übergewicht von Zeit zu Zeit diesen ein wenig auf seinen Rädern bewegte, und daß sie das Aussehen eines vor ihm zurückweichenden zornglühenden Phantoms hatte, stemmte sie, den Rücken ihrer Hand am Gesicht, den Arm zwischen ihn und sich, während sie ihn schweigend ansah. »Bei diesem Haschen nach Geld und den kühnen Handelsspekulationen – ich habe begonnen und muß nun von solchen Dingen sprechen, Mutter – ist ohne allen Zweifel jemand beeinträchtigt, benachteiligt, ruiniert worden. Sie waren die Triebfeder der ganzen Maschine, ehe ich geboren wurde. Ihr starker Geist hat während mehr als vierzig Jahren an allen Geschäften meines Vaters teilgenommen. Sie können diese Zweifel lösen, hoffe ich, wenn Sie mir wirklich zur Ergründung der Wahrheit behilflich sein wollen. Wollen Sie das, Mutter?« Er hielt inne, in der Hoffnung, sie werde sprechen. Aber ihre starren Lippen waren nicht beweglicher als ihr graues, in zwei Scheitel gelegtes Haar. »Wenn wir irgend etwas ersetzen, wenn wir irgend etwas wieder gutmachen können, so lassen Sie es uns wissen und es tun. Ja, Mutter, wenn es in meinen Kräften liegt, so lassen Sie es mich tun. Ich habe so wenig Glück vom Golde kommen sehen: es hat, soweit mein Wissen reicht, weder diesem Haus noch irgendeinem, der dazu gehört, Frieden gebracht: darum hat es in meinen Augen auch weit geringeren Wert als in irgendeines andern. Ich kann mir nichts damit erwerben, das mir nicht ein Vorwurf oder eine Pein wäre, solange mich noch der Argwohn quält, daß meines Vaters letzte Stunden von Gewissensbissen umnachtet waren, und daß das Geld nicht mein ehrlicher und gerechter Besitz sei.« Zwei bis drei Ellen von dem Schreibtisch hing eine Klingelschnur an der gefelderten Wand. Durch eine rasche und plötzliche Bewegung ihres Fußes schob sie ihren Räderstuhl schnell nach jener hin und zog heftig daran –, während sie den Arm noch immer in einer schildartigen Stellung hielt, als ob Arthur mit ihr kämpfte und sie den Schlag abwehren wollte. Ein Mädchen trat erschrocken ein. »Sende Flintwinch her!« Im nächsten Augenblick war das Mädchen verschwunden, und der alte Mann stand in der Tür. »Wie! Sind Sie schon in Streit?« sagte er, sich sein Gesicht streichend. Ich dachte mir's doch. Ich war fest davon überzeugt.« »Flintwinch!« sagte die Mutter. »Sehen Sie meinen Sohn an. Sehen Sie ihn an!« »Nun! Ich sehe ihn an«, sagte Flintwinch. Sie streckte den Arm aus, mit dem sie sich gedeckt, und zeigte, während sie fortfuhr, auf den Gegenstand ihrer Entrüstung. »Beinahe in derselben Stunde, in der er ankommt, – ehe noch der Schuh an seinem Fuß trocken ist – verleumdet er das Gedächtnis seines Vaters vor seiner Mutter! Verlangt, daß seine Mutter die Handlungen seines Vaters mit ihm auskundschafte! Spricht Befürchtungen aus, daß die Güter dieser Welt, die wir früh und spät mit Müh' und Sorgen, mit Arbeit und Selbstverleugnung zusammengebracht, so gut wie Raub seien; und fragt mich, wem sie als Ersatz und Vergütung wieder zurückerstattet werden sollen!« Obgleich sie dies mit größter Entrüstung sagte, sprach sie doch in einem Ton, den sie so ganz beherrschte, daß er sogar leiser als gewöhnlich war. Auch sprach sie mit großer Deutlichkeit. »Ersatz!« sagte sie, »ja wahrhaftig! Es ist leicht von Ersatz zu sprechen, wenn man frisch vom Reisen und Wohlleben in fremden Ländern herkommt und ein Leben voll Lust und Vergnügen führt. Er soll mich ansehen in meinem Gefängnis, in Ketten und Banden. Ich ertrage mein Schicksal ohne Murren, weil es mir beschieden, auf solche Weise meine Sünden zu büßen. Ersatz! Liegt denn keiner in diesem Zimmer? Habe ich denn während dieser fünfzehn Jahre nichts wieder gutgemacht?« So wog sie immer ihren Handel mit der Majestät des Himmels ab, indem sie den Eingang zu ihrem »Haben« schrieb, streng an ihrer Gegenforderung festhielt und auf ihren Gebühren beharrte. Sie war darin nur wegen der Strenge und des Nachdrucks, mit denen sie das tat, merkwürdig. Tausende und aber Tausende tun dasselbe alle Tage, jeder nach seiner Weise. »Flintwinch, geben Sie mir das Buch!« Der alte Mann gab es ihr vom Tische. Sie steckte zwei Finger zwischen die Blätter, schloß das Buch und hielt es ihrem Sohne drohend hin. »In alten Zeiten, Arthur, von denen dieses Buch spricht, gab es fromme, von dem Herrn geliebte Männer, die ihre Söhne um geringerer Ursachen als diese verflucht und aus ihrer Nähe verbannt, ja ganze Nationen, wenn sie sie unterstützt, ins Exil geschickt, daß sie verlassen von Gott und Menschen bis herab zum Säugling an der Mutterbrust umgekommen wären. Ich erkläre dir jedoch nur so viel, daß, wenn du jemals dieses Thema wieder in meiner Gegenwart zur Sprache bringst, ich dich verleugnen werde; ja, ich werde dich so von dieser Schwelle weisen, daß es dir besser wäre, du würdest von deiner Wiege an mutterlos gewesen sein. Ich werde dich nimmer ansehen noch kennen. Und wenn du endlich in dieses dunkle Gemach trätest, um mich im Tod noch zu sehen, sollte, wo es irgend in meiner Macht stände, mein Leichnam bluten, wenn du mir nahe kämest.« Erleichtert teils durch die Heftigkeit dieses Fluches, teils (so seltsam dies auch scheinen mag) durch den allgemeinen Eindruck, daß es eine Art religiösen Aktes war, gab sie dem alten Manne das Buch zurück und schwieg. »Jetzt«, sagte Jeremiah, »vorausgeschickt, daß ich nicht die Absicht habe, mich zwischen Sie zu stellen, erlauben Sie mir zu fragen (da ich einmal hereingerufen und zum Dritten gemacht worden bin), was soll dies alles bedeuten?« »Lassen Sie sich's von meiner Mutter erklären«, erwiderte Arthur, da er sah, daß das Sprechen ihm überlassen blieb. »Oder lassen Sie die Sache lieber ruhen. Was ich gesagt, war nur zu meiner Mutter gesagt.« »Oh!« versetzte der alte Mann, »von Ihrer Mutter? Von Ihrer Mutter erklären lassen? Schon gut! Aber Ihre Mutter sagte, daß Sie Ihren Vater verdächtigt haben. Das ist nicht recht, Mr. Arthur. Wer wird nun bei den Verdächtigungen an die Reihe kommen?« »Genug«, sagte Mrs. Clennam, ihr Gesicht so wendend, daß es für den Augenblick nur dem alten Manne zugekehrt war. »Wir wollen nicht weiter davon sprechen.« »Ja, aber nur noch etwas, nur noch etwas«, drängte der alte Mann. »Lassen Sie uns sehen, wie wir stehen. Haben Sie Mr. Arthur gesagt, daß er keine Beleidigungen auf seinen Vater häufen darf? Daß er kein Recht dazu, – daß er keinen Grund zu solchem Betragen hat?« »Ich werde es ihm jetzt sagen.« »Ha! Wirklich«, sagte der alte Mann. »Sie werden es ihm jetzt sagen. Sie hatten es ihm bisher noch nicht gesagt und wollen es ihm jetzt sagen. Ah, ah, das ist recht! Sie wissen, ich stand so lange zwischen Ihnen und seinem Vater, daß es scheint, als hätte der Tod keinen Unterschied gemacht, und ich stehe noch zwischen Ihnen. So soll es denn auch sein, und in aller Güte fordre ich, daß der Sache ein Ende gemacht werde. Arthur, ich muß Sie bitten, sich wohl zu merken, daß Sie kein Recht haben, Ihren Vater zu verdächtigen, und keinen Grund, so zu verfahren.« Er legte seine Hände auf die Lehne des Rollstuhls, und etwas in sich hineinmurmelnd, rollte er seine Herrin wieder an den Schreibtisch zurück. »Aber«, fuhr er hinter ihr stehend fort, »für den Fall, daß ich bei meinem Weggang die Sache auf halbem Wege lasse und man meiner wieder bedürfte, wenn Sie zur Beratung der andern Hälfte kommen, möchte ich doch wissen, ob Arthur Ihnen gesagt, was er in bezug auf das Geschäft beabsichtigt?« »Er hat es aufgegeben.« »Vermutlich doch zu keines andern Gunsten?« Mrs. Clennam sah ihren Sohn an, der an einem der Fenster lehnte. Er bemerkte den Blick und sagte: »Natürlich zugunsten meiner Mutter. Sie kann tun, was ihr beliebt.« »Und wenn irgendeine Freude«, sagte sie nach einer kurzen Pause, »mir aus der Täuschung meiner Erwartung, daß mein Sohn in der besten Jugendfrische seines Lebens ihm neue Kraft und neuen Schwung verleihen und es nutzbringend und ergiebig machen würde, – wenn irgendeine Freude mir aus dieser Enttäuschung erwächst, so ist es die, daß sie einen alten und treuen Diener im Wert steigen ließ. Jeremiah, der Kapitän verläßt das Schiff, aber du und ich werden untergehen oder auf ihm fortschwimmen.« Jeremiah, dessen Augen blitzten, als ob sie Geld sähen, warf einen raschen Blick auf den Sohn, der zu sagen schien: »Ich bin Ihnen keinen Dank dafür schuldig; Sie haben nichts dafür getan!« und dann der Mutter bedeutete, daß er ihr danke und daß Affery ihr danke und daß er sie nimmer verlassen werde und daß Affery sie nimmer verlassen werde. Endlich zog er seine Uhr aus ihren Tiefen empor und sagte: »Elf! Die Zeit für Ihre Austern!« und mit dieser Änderung des Themas, die jedoch nicht auch eine Änderung des Ausdrucks oder der Haltung in sich schloß, zog er die Glocke. Aber Mrs. Clennam beschloß, mit noch größerer Strenge gegen sich zu verfahren, da man sie im Verdacht einer Ersatzverweigerung gehabt, und wies die Austern zurück, als man sie ihr brachte. Sie sahen verführerisch aus: acht an der Zahl, im Kreise auf einem weißen Teller, der auf einer mit weißer Serviette bedeckten Präsentierplatte stand, und daneben eine Schnitte mit Butter bestrichenen Weißbrots und ein kleines volles Glas kühlen Weins mit Wasser; aber sie widerstand aller Überredungskunst und schickte sie wieder hinunter –, indem sie ohne Zweifel diesen Akt zu ihrem »Haben« im Buch der Ewigkeit schrieb. Bei diesem Austernfrühstück war Affery nicht zugegen, wohl aber das Mädchen, das auf das Läuten erschienen war; dasselbe, das in dem düster beleuchteten Zimmer am vorhergehenden Abend anwesend gewesen. Jetzt, da er Gelegenheit hatte, sie zu beobachten, fand Arthur, daß ihre winzig kleine Figur, ihre kleinen Gesichtszüge und ihr leichter, dürftiger Anzug ihr ein weit jüngeres Aussehen gaben, als es in Wirklichkeit der Fall war. Obgleich ein Mädchen von nicht weniger als zweiundzwanzig Jahren, mochte die Kleine bei einer Begegnung auf der Straße für wenig mehr als halb so alt gegolten haben. Nicht gerade, daß ihr Gesicht so jugendlich ausgesehen; denn die Züge hatten etwas Reiferes und durch Kummer Ausgeprägteres, als dies sonst in solchem Alter der Fall zu sein pflegt. Aber sie war so klein und zart, so still und menschenscheu, und schien so deutlich zu fühlen, sie sei zwischen den drei weit Älteren nicht am Platze, daß sie ganz das Benehmen und viel von dem Wesen eines unterdrückten Kindes hatte. Die Art und Weise, wie Mrs. Clennam ihr Interesse für dieses abhängige Wesen an den Tag legte, hielt die unbestimmte schwankende Mitte zwischen Gönnerhaftigkeit und Unterdrückung, zwischen dem Strom eine Gießkanne und einer hydraulischen Presse. Selbst in dem Augenblick, als sie auf das heftige Klingeln eintrat und die Mutter sich mit der eigentümlichen Aktion gegen den Sohn schützte, hatten die Augen von Mrs. Clennam noch etwas besonders Forschendes, das sie für sie aufgespart. Wie es selbst bei dem härtesten Metall Grade von Härte und Schattierungen selbst im Schwarz gibt, so war auch in dem rauhen Wesen von Mrs. Clennams Verhalten zur ganzen übrigen Menschheit und zu Klein-Dorrit eine feine Steigerung vorhanden. Klein-Dorrit arbeitete als Hausnäherin. So lange der Tag dauerte, oder so kurz er dauerte – von acht zu acht Uhr –, konnte man Klein-Dorrit haben. Pünktlich mit dem Glockenschlag erschien Klein-Dorrit; pünktlich mit dem Glockenschlag verschwand Klein-Dorrit. Was zwischen den beiden Acht aus Klein-Dorrit wurde, wußte man nicht. Eine weitere Seite im Wesen Klein-Dorrits war dies. Neben der Geldvergütung schloß ihr täglicher Kontrakt auch das Essen ein. Sie hatte einen außerordentlichen Widerwillen gegen das Essen in Gesellschaft und tat es auch nie, wenn sie solchem dann irgendwie ausweichen konnte. Sie schützte, wo es anging, vor, daß sie diese Kleinigkeit schon anzufangen oder jene Kleinigkeit noch fertigzumachen habe; immer dachte, immer überlegte sie, wie sie es einrichten könne, um allein zu essen. Ihr Verfahren war freilich nicht sehr geschickt. Denn sie täuschte niemanden. Aber es gelang ihr doch: und sie war glücklich, wenn sie ihre Platte irgendwohin tragen und ihren Schoß, oder eine Schachtel, oder den Boden, oder sonst einen Fleck zu ihrem Tische machen, oder gar auf den Zehenspitzen stehen und ihr bescheidenes Mal auf dem Kaminsims verzehren konnte; die größte Angst von Klein-Dorrits Tag war dann überwunden. Es war nicht leicht, Klein-Dorrits Antlitz zu Gesicht zu bekommen. Sie hielt sich ungemein zurückgezogen, nähte in den verstecktesten Winkeln und blickte scheu zur Seite, wenn sie jemandem auf der Treppe begegnete. Aber es schien ein blasses, durchsichtiges Gesicht von lebhaftem Ausdruck, wenn auch nicht schönen Zügen zu sein: nur ihre nußbraunen Augen machten eine Ausnahme. Ein zart gebeugter Kopf, eine kleine Gestalt, ein Paar kleine, geschäftige Hände und ein abgeschabtes Kleid – es mußte wirklich überaus abgeschabt gewesen sein, obgleich es ganz nett aussah –, das war Klein-Dorrits Erscheinung, wenn sie bei der Arbeit saß. Diese besonderen und allgemeinen Züge Klein-Dorrits verdankte Mr. Arthur im Laufe des Tages seinen eigenen Augen und Mrs. Afferys Zunge. Wenn Mrs. Affery irgendeinen Willen für sich gehabt, so wäre dieser sicher Klein-Dorrit nicht sehr günstig gewesen. Da jedoch »die beiden Gescheiten« – Mrs. Afferys beständige Instanz, in der ihre Persönlichkeit aufgegangen – einverstanden waren, Klein-Dorrit als eine Sache der Gewohnheit zu betrachten, Klein-Dorrit im Hause Mrs. Clennams so hatte sie nichts zu tun, als sich darein zu fügen und desgleichen zu tun. Wären die beiden Gescheiten miteinander einverstanden gewesen, Klein-Dorrit bei Licht umzubringen, würde Affery, wenn man sie zum Lichthalten aufgefordert, sich ohne Zweifel keinen Augenblick geweigert haben. Während sie das Rebhuhn für das Krankenzimmer briet und eine Backschüssel mit Ochsenfleisch und Pudding für das Speisezimmer zubereitete, machte sie Mr. Arthur die eben erwähnten Mitteilungen, indem sie beständig den Kopf in die Tür steckte, nachdem sie ihn wieder zurückgezogen, um den Widerstand gegen die beiden Gescheiten zu verstärken. Es schien für Mrs. Flintwinch eine wirkliche Leidenschaft geworden zu sein, daß der einzige Sohn ihnen feindlich gegenübergestellt werde. Im Verlauf des Tages machte Arthur einen Gang durch das ganze Haus. Er fand es dunkel und düster. Die großen, seit Jahren leer dastehenden Räume schienen in finstere Totenstarre versunken, aus der sie wohl nichts wieder aufrütteln konnte. Die dürftigen und unordentlich durcheinander gewürfelten Möbel waren mehr in den Zimmern versteckt, als daß sie dieselben geziert, und im ganzen Hause war keine Spur von Farbe zu sehen. Der Anstrich, der je einmal dagewesen, war von verlorenen Sonnenstrahlen gebleicht – die dann wahrscheinlich möglichst rasch in Blumen, Schmetterlinge, Vogelgefieder, kostbare Steine und andere Dinge untertauchten. Es war nicht ein gerader Boden vom Grund des Hauses bis unter das Dach zu finden; die Decken waren so phantastisch von Rauch und Dunst umwölkt, daß alte Frauen besser das Schicksal daraus hätten prophezeien können, als aus dem Bodensatz des Tees. Die eiskalten Herde zeigten keine Spuren, daß sie je erwärmt worden, aber Haufen von Ruß waren von den Kaminen herabgefallen und flogen in kleinen, dunklen Wirbelwinden auf, wenn die Türen geöffnet wurden. In dem ehemaligen Wohnzimmer befanden sich ein paar armselige Spiegel mit häßlichen schwarzen Figuren, die schwarze Girlanden tragend auf den Rahmen einhergingen. Aber selbst diese hatten Plattköpfe und kurze Beine; ein unternehmend aussehender Cupido hatte sich um seine eigene Achse gedreht und das Unterste nach oben gekehrt; ein anderer war sogar ganz herabgefallen. Das Zimmer, das Arthur Clennams verstorbener Vater als Geschäftszimmer in der Zeit benutzt, aus der seine ersten Erinnerungen stammten, war so unverändert, daß man hätte glauben können, er bewohne es noch immer unsichtbar, wie seine sichtbare Witwe das ihrige oben, und Jeremiah stehe noch immer vermittelnd zwischen ihnen. Sein dunkles und finsteres Bild, das in sprachlosem Ernst an der Wand hing, die Augen fest auf den Sohn geheftet, wie sie auf ihn gerichtet waren, als die Lebensgeister ihn verließen, schien ihn unheimlich zu der Vollendung der Tat zu drängen, die er begonnen. Aber es blieb ihm jetzt keine Hoffnung, daß seine Mutter je nachgeben würde, und auch auf andere Weise seinen Argwohn zu beschwichtigen, hatte er für lange Zeit alle Hoffnung verloren. Drunten in den Kellern wie droben in den Schlafzimmern hatte manches, dessen er sich noch wohl erinnerte, durch Alter und Verfall ein anderes Aussehen bekommen, obgleich es an derselben Stelle wie früher stand, selbst bis auf die leeren, mit Spinngeweben überzogenen, schimmeligen Bierfäßchen und die leeren Weinflaschen herab, deren Hälse mit Schleim und Pilzen verstopft waren. Dort befand sich auch unter ungebrauchten Flaschengestellen und von schwachen Lichtstreifen aus dem darüberliegenden Hofe erhellt der feste, mit alten Lagerbüchern angefüllte Raum. Die Bücher hatten einen so dunstigen Modergeruch, als ob sie regelmäßig in der Totenstunde von einer allnächtlich spukenden Versammlung alter Buchhalter abgeschlossen würden. Die Backschüssel wurde um zwei Uhr auf einem zerknitterten Tischtuch an einem Ende des Speisetisches serviert, als gälte es Büßende zu bewirten. Arthur aß zugleich mit Mr. Flintwinch. Dieser teilte ihm mit, daß seine Mutter ihre frühere Gemütsruhe wiedergewonnen, und daß er nicht zu befürchten brauche, sie werde je auf das anspielen, was diesen Morgen geschehen. »Und häufen Sie nun auch ferner keine Beleidigungen auf Ihren Vater, Mr. Arthur«, fügte Jeremiah hinzu, »einmal für allemal, unterlassen Sie das! Die Sache ist damit abgemacht!« Mr. Flintwinch hatte bereits sein eigenes kleines Bureau in Ordnung gebracht, als gälte es der Erlangung seiner neuen Würde alle Ehre zu erweisen. Er nahm seine Beschäftigung wieder auf, als er sich mit Ochsenbraten angefüllt, allen Saft in der Backschüssel mit dem flachen Messer ausgeschöpft und aus einem auf dem Küchentisch stehenden Krug mit Halbbier sich erquickt hatte. So erfrischt, schlug er seine Hemdärmel hinauf und ging wieder an die Arbeit. Mr. Arthur, der ihn dabei beobachtete, merkte bald, daß seines Vaters Bild oder seines Vaters Grab ebenso mitteilsam sein würden wie dieser alte Mann. »Nun, Affery, Frau«, sagte Mr. Flintwinch, als sie durch den Gang ging. »Du hattest Mr. Arthurs Bett noch nicht gemacht, als ich das letztemal oben war. Eile dich! Rühre dich!" Aber Mr. Arthur fand das Haus so öde und traurig und hatte so wenig Lust, einem zweiten unversöhnlichen Zusammentreffen der Feinde seiner Mutter (unter denen er vielleicht selbst war) zum Ärgernis diesseits und zum Verderben jenseits beizuwohnen, daß er die Absicht zu erkennen gab, nach dem Kaffeehaus, wo er sein Gepäck gelassen, zu ziehen. Da Mr. Flintwinch den Gedanken, ihn loszuwerden, freundlich aufnahm und seine Mutter, abgesehen vom Sparen, sich um die meisten häuslichen Angelegenheiten, die nicht an die vier Wände ihres eigenen Zimmers gebunden waren, wenig kümmerte, so ging die Sache ohne neue Kränkung vor sich. Man bestimmte täglich einige Stunden, die seine Mutter, Mr. Flintwinch und er dem Ordnen der Bücher und Papiere gemeinschaftlich widmen wollten; und er verließ das Haus, in das er nach so langer Zeit wieder eingekehrt, mit gebeugtem Herzen. Aber Klein-Dorrit? Die Geschäftsstunden, in die die Krankendiät der Austern und Rebhühner eine Unterbrechung brachte, während deren Mr. Clennam sich durch einen Gang erfrischte, dauerten ungefähr vierzehn Tage lang von zehn bis sechs. Bisweilen war Klein-Dorrit im Hause als Näherin beschäftigt, bisweilen nicht, bisweilen erschien sie als demütiger Besuch: das muß wohl auch bei Gelegenheit seiner Ankunft der Fall gewesen sein. Seine angeborene Neugier nahm mit jedem Tag zu, solange er sie beobachtete, sie sah oder nicht sah und über sie nachsann. Ganz nur von einem Gedanken beherrscht, wurde es ihm nach und nach zur Gewohnheit, die Möglichkeit, daß sie in irgendeiner Weise dazu in Beziehung stehe, zu erwägen. Zuletzt beschloß er, Klein-Dorrit scharf zu beobachten und sich genauere Kenntnis von ihrer Lebensgeschichte zu verschaffen. Sechstes Kapitel. Der Vater des Marschallgefängnisses . Vor dreißig Jahren stand, unfern von der St. Georgskirche in dem Flecken von Southwark, zur linken Hand des südlich führenden Weges das Marschallgefängnis. Es hatte dort manches Jahr zuvor gestanden und stand dort noch manches Jahr nachher; aber es ist jetzt verschwunden, und die Welt ist deshalb nicht schlimmer geworden. Es war eine lange Reihe von armseligen Gebäuden, in schmutzige Häuser abgeteilt, die Rücken an Rücken standen, so daß kein Zimmer nach hinten ging; rings herum zog sich ein schmaler, gepflasterter Hof, der von hohen, oben mit Spitzhaken versehenen Mauern umgeben war. An und für sich schon ein festes und streng abgesperrtes Gefängnis für Schuldner, umschloß es einen noch festeren und noch strenger abgeschlossenen Kerker für Schmuggler. Verbrecher gegen die Zoll-, Akzise- und Steuergesetze, die sich Strafen zugezogen und dann nicht imstande waren, sie zu bezahlen, wurden hinter eisenbeschlagener Tür eingesperrt. Diese verschloß ein zweites Gefängnis, das aus ein bis zwei festen Zellen und einem dunklen, ein bis anderthalb Ellen breiten Gang bestand, der den geheimnisvollen Schluß der sehr beschränkten Kegelbahn bildete, auf der die Schuldner des Marschallgefängnisses ihre Sorgen niederschoben. Denken wir uns dort also Menschen eingesperrt; denn die Zeit hat die festen Zellen und den dunklen Gang überlebt. In der Praxis galten die Zellen als etwas gar zu schlecht, obgleich sie in der Theorie so gut wie je waren. Das erstere mag in unseren Tagen wohl der Fall mit anderen Zellen sein, die nichts weniger als fest sind, und mit andern dunklen Gängen, die stockdunkel sind. Von hier aus verkehrten die Schmuggler gewöhnlich mit den Schuldnern (die sie mit offenen Armen aufnahmen), gewisse reglementsmäßige Momente ausgenommen, wenn jemand vom Dienst kam, um irgend etwas nachzusehen, von dem weder er noch sonst wer etwas wußte. Beim Vater des Marschallgefängnisses. Bei solchen echt britischen Momenten taten die Schmuggler, als ob sie nach den festen Zellen oder nach dem dunklen Gang gingen, während dieser jemand sich auch den Anschein gab, als ob er irgend etwas täte, und zuletzt in der Tat wieder hinausging, sobald er sein Nichts getan – ein Beispiel im kleinen von der Verwaltung der meisten öffentlichen Angelegenheiten unserer kleinen, ganz kleinen Insel. Lange vor jenem Tag, an dem die Sonne über Marseille glühte und unsere Erzählung ihren Anfang nahm, wurde in das Marschallgefängnis ein Schuldner eingeliefert, mit dem diese Erzählung in einiger Beziehung steht. Er war zu jener Zeit ein sehr liebenswürdiger, aber sehr hilfloser Mann von mittlerem Alter, der sogleich wieder hätte von dannen gehen können. Notwendigerweise hätte das geschehen müssen; denn das Marschallgefängnis schloß sich nie hinter einem Schuldner, der nicht wirklich ein solcher war. Er brachte einen Mantelsack mit sich, den er auszupacken für nicht der Mühe wert hielt; er war so vollkommen schuldlos wie alle übrigen, und der Schließer an der Tür sagte, daß er sogleich wieder hätte gehen können. Es war ein scheuer und zurückhaltender Mann; hübsch, obgleich etwas weiblicher Typus; mit einer sanften Stimme, gewelltem Haar und unschlüssigen Händen – zu jener Zeit mit Ringen an den Fingern –, die er hundertmal während der ersten halben Stunde seiner Bekanntschaft mit dem Kerker ängstlich an seine zitternden Lippen führte. Am meisten besorgt war er um seine Frau. »Glauben Sie, Sir«, fragte er den Schließer, »daß sie sehr unangenehm berührt sein wird, wenn sie morgen früh an das Tor kommt?« Der Schließer teilte ihm als Resultat seiner Erfahrung mit, daß einige es seien, andere wiederum nicht. Im allgemeinen häufiger nein, als ja. »Von welcher Konstitution ist sie?« fragte er philosophisch, »darauf kommt alles an, wie Sie wissen.« »Sie ist sehr zart und ganz unerfahren.« »Das ist schlimm«, sagte der Schließer. »Sie ist so wenig gewöhnt, allein auszugehen«, sagte der Schuldner, »daß ich nicht weiß, wie sie hierherkommen wird, wenn sie zu Fuß geht.« »Vielleicht nimmt sie einen Mietwagen«, versetzte der Schließer. »Vielleicht.« Die unschlüssigen Finger wanderten nach den zitternden Lippen. »Ich hoffe, sie wird es tun. Sie denkt aber vielleicht nicht daran.« »Oder vielleicht«, sagte der Schließer, seine Vermutungen von der Höhe seines abgenutzten hölzernen Stuhles austeilend, wie wenn er es mit einem Kinde zu tun hätte, für dessen Schwäche er Mitleid fühlte, »vielleicht wird sie ihren Bruder oder ihre Schwester veranlassen, mit ihr zu gehen.« »Sie hat weder Bruder noch Schwester.« »Nichte, Neffe, Vetter, Diener, Kammerjungfer, Gemüsehändlerin. Eins oder das andere von diesen«, sagte der Schließer, im voraus der Zurückweisung aller dieser Vermutungen vorbeugend. »Ich fürchte – ich hoffe, es ist nicht gegen die Vorschriften –, daß sie die Kinder mit sich bringt.« »Die Kinder?« fragte der Schließer. »Und die Vorschriften? Beruhigen Sie sich, wir haben einen besonderen Spielplatz für Kinder. Kinder? Wir tummeln uns mit ihnen. Wie viele haben Sie?« »Zwei«, sagte der Schuldner, indem er seine unschlüssige Hand wieder zu den Lippen führte und in das Gefängnis trat. Der Schließer folgte ihm mit den Blicken. »Und Sie eins«, bemerkte er bei sich selbst, »das macht drei. Und Ihre Frau eins, ich will eine Krone wetten, das macht vier. Und eines in Aussicht, ich wollte eine halbe Krone wetten, das wird fünf machen. Und ich möchte sieben Schillinge und sechs Pence wetten, daß ich weiß, wer das Hilfloseste von beiden ist, das ungeborene Kind oder Sie!« Er hatte in allen Einzelheiten recht. Sie kam am folgenden Tage mit einem kleinen dreijährigen Knaben und einem zweijährigen Mädchen, und er sah wie neu gekräftigt und gestärkt aus. »Haben Sie jetzt ein Zimmer oder noch nicht?« fragte der Schließer den Schuldner nach ein oder zwei Wochen. »Ja, ich habe ein sehr gutes Zimmer bekommen.« »Haben Sie schon einige Stücke zum Ausmöblieren?« fragte der Schließer weiter. »Ich erwarte einige nötige Möbel, die heute nachmittag durch einen Lastträger hier abgegeben werden sollen.« »Missis und die Kleinen werden Ihnen Gesellschaft leisten?« fuhr der Schließer fort. »Ja, es schien uns besser, uns nicht zu trennen, und wär' es auch nur für ein paar Wochen.« »Nur für ein paar Wochen, natürlich«, versetzte der Schließer. Und er folgte ihm wieder mit den Blicken und nickte siebenmal mit dem Kopf, als er bereits weggegangen war. Die Vermögensangelegenheiten dieses Schuldners waren durch die Beteiligung an einem Geschäft, von dem er nicht mehr wußte, als daß er Geld hineingeschossen, durch legale Wechselübertragungen und Saldierungen, Übergabe hier und Übergabe dort, Verdacht ungesetzlicher Bevorzugung von Gläubigern in dieser Richtung und geheimnisvollen Wegschaffens des Eigentums in jener in Verwirrung geraten. Da aber niemand auf diesem Erdenrund weniger imstande war, irgendein Belastungsargument in dieser wirren Masse zu erklären als der Schuldner selbst, so war die Sache auch auf keine Weise zu entwirren. Ihn im Detail zu fragen und seine Antworten unter sich in Einklang zu bringen suchen, ihn mit Rechnern und geübten Praktikern, die in Insolvenz- und Bankerottränken erfahren waren, einschließen, hätte bedeutet, die Unentwirrbarkeit nur auf Zinseszinsen anzulegen. Die unschlüssigen Finger bewegten sich bei jeder solchen Gelegenheit immer unwirksamer um die zitternden Lippen, und die gewandtesten Praktiker gaben ihn als hoffnungslos auf. »Fort«, sagte der Schließer, »er geht nie mehr fort. Wenn ihn seine Gläubiger nicht bei den Schultern nehmen und hinausschieben.« Er war fünf bis sechs Monate da gewesen, als er eines Vormittags zu dem Schließer hereingestürzt kam, um ihm zu sagen, daß seine Frau krank sei. »Wenn jemand es wissen konnte, so war sie es«, sagte der Schließer. »Wir beabsichtigten«, versetzte er, »sie morgen aufs Land zu bringen. Was soll ich nun tun? O mein Gott im Himmel, was soll ich nun tun?« »Verlieren Sie die Zeit nicht mit Händeringen und Fingerbeißen«, antwortete der praktische Schließer, indem er ihn beim Ellbogen nahm, »sondern kommen Sie mit mir.« Der Schließer führte den armen Mann, der von Kopf bis zu Fuß zitterte und beständig halb atemlos »Was soll ich tun?« rief, während seine unschlüssigen Finger sich mit den Tränen seiner Wangen netzten – auf einer der gemeinschaftlichen Treppen des Gefängnisses nach einer Tür des Dachgeschosses. An diese Tür pochte der Schließer mit dem Griff seines Schlüssels. »Herein!« rief eine Stimme drinnen. Der Schließer, der öffnete, schloß ein elendes, übelriechendes kleines Zimmer auf, in dem zwei heisere, aufgedunsene Menschen mit roten Gesichtern an einem verkrüppelten Tisch Karten spielend, Pfeifen rauchend und Branntwein trinkend saßen. »Doktor«, sagte der Schließer, »die Frau dieses Herrn hier bedarf unverzüglich Ihres Beistandes.« Der Freund des Doktors stand auf der Höhe von Heiserkeit, Aufgedunsenheit, Gesichtsröte, Skat, Tabak, Schmutz und Branntwein; der Doktor auf dem noch höheren Gipfel – er war heiserer, aufgedunsener, röter, skatversessener, tabakiger, schmutziger und branntweiniger. Der Doktor war erstaunlich abgeschabt und trug eine zerrissene, geflickte und wasserdichte Matrosenjacke, die an den Ellbogen offen und schwach mit Knöpfen versehen war (er hatte seinerzeit als erprobter Chirurg auf einem Passagierschiff Dienste getan), die schmutzigsten weißen Hosen, die der Mensch sich denken kann, Teppichpantoffel. »Kindbett«, sagte der Doktor, »dazu bin ich der Mann!« Mit diesen Worten nahm der Doktor einen Kamm, der auf dem Kamin lag, und strich sein Haar in die Höhe –, was seine Art, sich zu waschen, zu sein schien, holte ein Kästchen oder Futteral von elendem Aussehen aus dem Schrank, worin sich seine Ober- und Untertasse und seine Kohlen befanden, hüllte sein Kinn in das muffige Umschlagtuch um seinen Hals und sah zuletzt wie eine gräßliche, medizinische Vogelscheuche aus. Der Doktor und der Schuldner eilten die Treppe hinab, ließen den Schließer zu dem Schlosse zurückkehren und begaben sich schleunigst nach dem Zimmer des Schuldners. Klein-Dorrits Geburt. Alle Frauen des Gefängnisses hatten die Neuigkeit vernommen und befanden sich im Hofe. Einige von ihnen hatten bereits Besitz von den Kindern ergriffen und sie gastfreundlich weggeführt; andere boten leihweise von den kleinen Bequemlichkeiten ihres eigenen dürftigen Vorrats an; noch andere sprachen mit größter Beredsamkeit ihre Teilnahme aus. Die männlichen Gefangenen, die sich im Nachteil fühlten, hatten sich meistens auf ihre Zimmer zurückgezogen, um nicht zu sagen, geschlichen; und von den offenen Fenstern begrüßten einige den unten vorübergehenden Doktor mit Pfeifen, während andere mehrere Stockwerke weiter oben sarkastische Bemerkungen über die allgemeine Aufregung miteinander wechselten. Es war ein heißer Sommertag, und die Gefängnisse brieten zwischen den hohen Mauern. In dem engen Zimmer des Schuldners leistete die Taglöhnerin und Ausläuferin Mrs. Bangham, die nicht selbst Gefangene war (obgleich sie es früher gewesen), aber das Verbindungsglied mit der Außenwelt bildete, freiwillige Dienste als Fliegenfängerin und Aufwärterin. Die Wände und die Decke waren von Fliegen geschwärzt. Mrs. Bangham, in mancherlei Kunstgriffen erfahren, wedelte mit der einen Hand den Patienten mit einem Kohlblatt, während sie mit der andern Insektenfallen von Zucker und Essig in Apothekertöpfe stellte und zu gleicher Zeit Gefühle ermutigender und glückwünschender Natur, die für den Augenblick paßten, äußerte. »Die Fliegen quälen Sie, nicht wahr, meine Liebe?« sagte Mrs. Bangham; »aber vielleicht werden Sie dadurch abgelenkt, und das wird Ihnen guttun. Was die Fliegen des Marschallgefängnisses zwischen Kirchhof, Gewürzkrämerladen, Wagenremisen und Punschkneipen zu naschen bekommen, macht sie so fett. Vielleicht sind sie Ihnen zum Trost gesandt, wenn wir's nur wüßten. Wie geht es Ihnen jetzt, mein Liebe? Nicht besser? Nein, es läßt sich auch nicht erwarten. Es wird für Sie im Gegenteil zuvor noch schlimmer werden, ehe es Ihnen wieder besser gehen kann, das wissen Sie wohl, nicht wahr? Ja. Das ist recht. Daß ein kleiner süßer Cherub hinter Schloß und Riegel geboren wird! Ist das nicht hübsch, muß Sie das nicht guter Laune machen? Das ist wahrhaftig noch niemals hier geschehen, meine Liebe, ich könnte mich wirklich nicht entsinnen. Und Sie weinen gar noch?« sagte Mrs. Bangham, die Patientin immer mehr neckend. »Sie machen sich ja berühmt! Die Fliegen fallen zu fünfzig in den Topf! Alles geht so vortrefflich! Da kommt«, sagte Mrs. Bangham, als die Tür aufging, »da kommt ja Ihr lieber Herr Gemahl mit Doktor Haggage! Nun sind wir wirklich ein vollkommenes Kleeblatt, hoffe ich!« Der Doktor war kaum eine derartige Erscheinung, daß er einem Patienten das Gefühl absoluter Vollkommenheit hätte einflößen können. Da er jedoch für den Augenblick die Absicht zu erkennen gab: »Wir sind bereit, alles zu tun, was in unsern Kräften steht, Mrs. Bangham; auch werden wir uns aus der Affäre ziehen, wie ein Haus aus einer Feuersbrunst«, und da er und Mrs. Bangham von dem armen, hilflosen Paar, wie alle Welt draußen es stets getan, Besitz nahmen, so waren die vorhandenen Mittel im ganzen so gut, wie bessere es hätten sein können. Der Grundzug in Doktor Haggages Behandlung war sein Vorsatz: Mrs. Bangham im Augenmerk zu behalten. »Mrs. Bangham«, sagte der Doktor, ehe er noch zwanzig Minuten da war, »geht und holt ein wenig Branntwein, Ihr werdet mir sonst ohnmächtig.« »Ich denke, Sir, aber nicht auf meine Rechnung«, sagte Mrs. Bangham. »Mrs. Bangham«, versetzte der Doktor, »ich bin in Ausübung meines Berufes bei dieser Dame und habe nicht Lust, mich in Verhandlungen mit Euch einzulassen. Geht und holt ein wenig Branntwein, oder ich sehe noch, daß Ihr mir zusammenbrecht.« »Man muß Ihnen gehorchen, Sir«, sagte Mrs. Bangham und stand auf; »wenn Sie aber die eigenen Lippen daran setzten, so denke ich, würde es nicht weniger schaden; denn Sie sehen recht elend aus, Sir!« »Mrs. Bangham«, versetzte der Doktor. »Ihr habt nichts mit mir zu schaffen, sondern ich mit Euch. Laßt mich gefälligst aus dem Spiel. Eure Sache ist, zu tun, was man Euch heißt, und zu gehen und zu holen, was ich Euch befehle.« Mrs. Bangham gehorchte; und der Doktor nahm, nachdem er ihr den Trank eingegeben, gleichfalls davon zu sich. Er wiederholte dies jede Stunde; denn er war sehr streng mit Mrs. Bangham. Drei bis vier Stunden verflossen auf diese Weise; die Fliegen gingen zu Hunderten in die Falle; und endlich erschien ein kleines Leben, kaum stärker als das ihre, unter der Menge von Halbtoten. »Wirklich, ein recht hübsches kleines Mädchen«, sagte der Doktor; »klein, aber wohlgeformt. Hallo, Mrs. Bangham! Sie machen ja ein wunderliches Gesicht. Rasch fort, Ma'am, augenblicklich fort und etwas Branntwein geholt, oder Sie bekommen auch Mutterbeschwerden.« Indessen hatten die Ringe von den unschlüssigen Händen des Schuldners wie Blätter von einem wintrigen Baume zu fallen begonnen. Keiner blieb in jener Nacht an seinem Finger, als er etwas Klingendes in des Doktors fette Hand legte. Inzwischen war Mrs. Bangham nach einer benachbarten, mit drei goldenen Kugeln gezierten Anstalt geeilt, wo sie wohlbekannt war. »Danke«, sagte der Doktor, »danke. Eure gute Frau hat sich ziemlich erholt. Es geht ganz vortrefflich.« »Ich bin sehr glücklich und dankbar, das zu hören«, sagte der Schuldner, »wenn es mir auch anfangs etwas schwer fiel, zu denken, daß –« »Daß Ihnen ein Kind an solchem Ort geboren werden sollte?« sagte der Doktor. »Aber, ach was, Sir! was hat das weiter zu bedeuten? Etwas mehr Ellbogenraum ist alles, was wir brauchen. Wir leben hier ganz ruhig; wir werden hier nicht gehetzt; da gibt's keine Türklingel, Sir, mit dem die Gläubiger mahnen und uns Angst einjagen können. Niemand kommt hierher, um zu fragen, ob man zu Haus ist, oder sagt gar, er wolle auf der Türmatte warten, bis man nach Hause kommt. Niemand schickt Drohbriefe wegen Geldes hierher. Das ist Freiheit, Sir; das ist Freiheit! Ich hatte in der Heimat und Fremde, auf dem Marsch und an Bord eine gute Praxis, das versichere ich Sie. Aber ich wüßte nicht, daß ich sie je unter so ruhigen Umständen besorgt wie jetzt hier. Anderwärts sind die Leute gequält, gehetzt und gejagt, bald ängstlich um das eine, bald um das andere besorgt. Nichts dergleichen hier, Sir! Wir haben das alles selbst erlebt, – wir kennen das Schlimmste davon; wir sind bis auf den Grund gedrungen, wir können nicht mehr fallen, und was haben wir gefunden? Frieden. Das ist das rechte Wort, Frieden.« Mit diesem Glaubensbekenntnis kehrte der Doktor, der ein alter Zuchthäusler und aufgedunsener denn sonst war, nun gar mit dem erhöhten Reizmittel, Geld in seiner Tasche, zu seinem heiseren, aufgedunsenen, roten, skatspielenden, tabakrauchenden, schmutzigen, branntweintrinkenden Kameraden und Stubenburschen zurück. Der Schuldner war ein ganz anderer Mann als der Doktor, aber auch er hatte bereits von seiner solcherlei entgegengesetzten Lebensperipherie aus nach demselben Endziel seine Wanderung begonnen. In seiner Gefangenschaft sich anfangs gedrückt fühlend, empfand er bald eine gewisse Behaglichkeit, wenn diese auch nicht gerade ein heiteres Gepräge trug. Er war hinter Schloß und Riegel; aber Schloß und Riegel, die ihn gefangenhielten, schlossen viele von seinen Sorgen aus. Wenn er ein Mann gewesen, der den festen Vorsatz hätte fassen können, diesen Sorgen ins Angesicht zu sehen und sie zu bekämpfen, so würde er wohl auch das Netz durchbrochen haben, das ihn umfing, oder sein Herz wäre gebrochen. Aber so wie er nun einmal war, glitt er langsam an diesem glatten Abhang hinab und machte nie wieder einen Schritt aufwärts. Als er die verwickelten Sachen erledigt hatte, die nichts zu entwirren vermochten und die von einem Dutzend Maklern hintereinander wieder in seine Hände zurückgewandert, da jene weder einen Anfang noch eine Mitte oder ein Ende darin herausfinden konnten, fand er seinen elenden Zufluchtsort behaglicher denn je zuvor. Er hatte seinen Reisesack schon längst ausgepackt; seine älteren Kinder spielten jetzt gewöhnlich auf dem Hofe, und jedermann kannte das Wickelkind und machte ein Eigentumsrecht auf dieses geltend. »Wahrhaftig, ich bin stolz auf Sie«, sagte sein Freund, der Schließer, eines Tages: »Sie werden bald der älteste Bewohner des Gefängnisses sein. Das Marschallgefängnis wäre ohne Sie und Ihre Familie nicht mehr das Marschallgefängnis.« Der Schließer war wirklich stolz auf ihn. Er gedachte seiner in rühmenden Worten bei jedem neuen Ankömmling, sobald er den Rücken kehrte. »Haben Sie ihn bemerkt?« sagte er dann, »den, der gerade mein Stübchen verließ?« Der neue Ankömmling antwortete mit »Ja.« »Wie ein echter Gentleman erzogen, wenn's je einen solchen gab; keine Kosten bei seinem Unterricht gespart; kam einst in des Marschalls Haus, um ein neues Piano zu probieren. Er spielte es wie aus einem Guß – herrlich! Und was Sprachen betrifft – er spricht alle. Wir hatten mal einen Franzosen hier; meiner Ansicht nach wußte er mehr Französisch als dieser. Wir hatten einmal einen Italiener hier, und er schloß, ehe eine halbe Minute vorbei war, den Mund. Sie finden wohl interessante Charaktere auch hinter andern Schlössern, ich will das nicht bestreiten; aber wenn Sie die Krone alles Wissens in solchen Dingen wie die erwähnten haben wollen, so müssen Sie nach dem Marschallgefängnis kommen.« Als sein jüngstes Kind acht Jahre alt war, ging seine Frau, die schon lange an der Schwindsucht litt – eine Folge ihrer eigenen Schwäche, nicht daß ihr der Aufenthaltsort peinlicher gewesen als ihrem Gatten – zu Besuch zu einer armen Freundin und ehemaligen Amme auf dem Lande und starb dort. Er schloß sich nach diesem Schlage vierzehn Tage lang ein, und der Schreiber eines Anwalts, der bei dem Gerichtshof in Bankerottsachen zu tun hatte, setzte ein Beileidsschreiben an ihn auf, das wie ein Pachtkontrakt aussah und von allen Gefangenen unterzeichnet wurde. Als er sich endlich wieder zeigte, war er grauer geworden (er hatte frühzeitig grau zu werden begonnen); und der Schließer bemerkte, daß er seine Hände wieder häufiger zu seinen zitternden Lippen führte, wie er zu tun pflegte, als er zuerst in das Gefängnis eingeliefert wurde. Aber er erholte sich während der nächsten ein bis zwei Monate wieder so ziemlich, und die Kinder spielten inzwischen so regelmäßig wie sonst auf dem Hofe, nur mit dem Unterschied, daß sie schwarze Kleider trugen. Dann begann Mrs. Bangham, das langjährige, beliebte Verbindungsglied mit der Außenwelt, schwach zu werden; man fand sie öfter denn sonst in ohnmachtähnlichem Zustand auf dem Boden, den Korb zum Einkaufen umgeworfen und das Geld, das sie für ihre Kunden wechseln lassen sollte, um neun Pence verkürzt. Sein Sohn begann Mrs. Bangham zu ersetzen und besorgte die Kommissionen mit großer Gewandtheit: im Gefängnis war er ganz Gefangener und auf den Straßen ganz Straßenjunge. Die Zeit ging ihren Gang, und der Schließer wurde immer schwächer. Seine Brust schwoll, seine Beine wurden schwach, und der Atem wurde kürzer. Der abgenutzte hölzerne Stuhl war nicht mehr sein Thron, das machte ihm Kummer. Er saß in einem Armstuhl mit einem Kissen und keuchte hier und da ganze Minuten lang so stark, daß er seinem Dienst nicht mehr obliegen konnte. Hatte er einen solchen heftigen Anfall, so besorgte der Schuldner das Geschäft für ihn. »Sie und ich«, sagte der Schließer an einem schneeigen Wintertag, als sein gut erwärmtes Stübchen voll von Gesellschaft war, »wir sind die ältesten Bewohner des Gefängnisses. Ich bin kaum sieben Jahre länger hier als Sie. Es wird nicht mehr lange mit mir dauern. Wenn ich das Schloß für immer schließe, so sind Sie der Vater des Marschallgefängnisses.« Der Schließer verließ am folgenden Tage das Schloß dieser Welt. Man erinnerte sich seiner Worte, die von Mund zu Mund gingen, und eine Tradition vererbte sich von Generation zu Generation – eine Generation des Marschallgefängnisses dauert ungefähr drei Monate –, daß der alte abgeschabte Schuldner mit dem sanften Wesen und dem weißen Haar der Vater des Marschallgefängnisses sei. Und er wurde stolz auf diesen Titel. Wenn ein Betrüger aufgestanden wäre und ihn für sich beansprucht, würde er bittere Tränen über diesen Angriff auf seine Rechte vergossen haben. Man sah ihn sogar geneigt, die Zahl der Jahre, die er bereits an diesem Orte verbracht, zu übertreiben; man wußte allgemein, daß man einige von seiner Rechnung abziehen mußte. Er sei eitel, sagten die wechselnden Schuldnergenerationen. Alle neuen Ankömmlinge wurden ihm vorgestellt. Er war sehr genau in Vollziehung dieser Zeremonie. Witzige Köpfe hätten gerne die Feierlichkeit der Vorstellung durch übertriebenes Gepränge und pomphafte Umständlichkeit ins Lächerliche gezogen, aber an seinem würdevollen Ernst scheiterte jeder derartige Versuch. Er empfing sie in seinem dürftigen Zimmer (eine Vorstellung im Hofe mißfiel ihm wegen der Formlosigkeit und Alltäglichkeit) mit herablassendem Wohlwollen. Er heiße sie willkommen im Marschallgefängnis, sagte er zu ihnen. Ja, er war der Vater des Hauses. So nannte ihn die freundliche Welt, und er war wirklich der »Vater«, wenn zwanzigjähriger Aufenthalt ihm ein Recht auf diesen Titel gab. Anfangs war er wohl verlegen darüber; aber es war ja sehr gute Gesellschaft unter diesem Gemisch von Menschen – man kann sich denken welch Gemisch –, und es herrschte ein sehr guter Ton. Es war nicht ungewöhnlich, daß bei Nacht Briefe vor seine Tür gelegt wurden, die eine halbe Krone, zwei halbe Kronen und dann und wann in langen Zwischenräumen einen halben Sovereign für den Vater des Marschallgefängnisses enthielten, »mit den Grüßen eines Abschied nehmenden Mitgefangenen.« Er empfing diese Gaben wie einen Tribut, den die Bewunderung einem öffentlichen Charakter darbringt. Bisweilen nahmen diese Briefsteller scherzhafte Namen an wie: Backstein, Blasebalg, Alte Stachelbeere, Weitweg, Aufpasser, Fegewisch, Schneidab, Hundefütterer. Aber er nahm den Scherz übel auf und fühlte sich immer etwas gekränkt dadurch. Diese Art von Korrespondenz trug nach und nach die Zeichen der Erschöpfung an sich und schien von seiten der Korrespondenten eine Anstrengung zu erfordern, die manchen bei der Eile, in der er das Gefängnis verließ, genieren mochte, und er begann zuletzt die Sache so einzurichten, daß er die Gefangenen von einem gewissen Rang am Tor erwartete, um von ihnen Abschied zu nehmen. Der Betreffende blieb dann, nachdem er ihm die Hand geschüttelt und weggegangen, plötzlich stehen, wickelte etwas in ein Stück Papier, kehrte zurück und rief: »Halt!« Der Schuldner sah sich erstaunt um. »Rufen Sie mich?« sagte er mit einem Lächeln. Währenddem war der andere zu ihm herangetreten. In väterlichem Tone fügte er dann hinzu: »Was haben Sie vergessen? was kann ich für Sie tun?« »Ich vergaß dies für den Vater des Marschallgefängnisses zurückzulassen«, antwortete gewöhnlich der Mitgefangene. »Mein guter Herr«, erwiderte er darauf, »er ist Ihnen sehr verbunden.« Aber die sonst unschlüssige Hand blieb dann während eines zwei- bis dreimaligen Ganges durch den Hof in der Tasche, in die er das Geld gesteckt, damit dieser Vorgang für die Korporation seiner übrigen Mitgefangenen nicht gar so auffallend werde. Eines Nachmittags hatte er einer großen Anzahl von Gefangenen, die so glücklich waren entlassen zu werden, das Geleit gegeben, als er bei der Zurückkehr einem von der armen Seite begegnete, der wegen einer kleinen Summe in der Woche zuvor eingeliefert worden war, nun aber seine Sache geordnet hatte und das Gefängnis soeben verlassen wollte. Der Mann war ein gewöhnlicher Gipser und trug sein Arbeitskleid; er hatte seine Frau bei sich und ein Bündel und schien sehr heiter zu sein. »Gott segne Sie!« sagte er im Vorbeigehen. »Das gleiche wünsche ich Euch«, versetzte der Vater des Marschallgefängnisses freundlich. Sie waren schon ziemlich weit auseinander, da jeder seines Weges ging, als der Gipser ausrief: »Noch etwas! – Sir!« und zu ihm zurückkam. »Es ist nicht viel«, sagte der Gipser, indem er einen kleinen Stoß Kupferdreier in seine Hände legte, »aber es ist gut gemeint.« Dem Vater des Marschallgefängnisses war bis jetzt noch nie ein Tribut in Kupfer dargebracht worden. Seine Kinder freilich hatten schon manches Kupfer empfangen, und es war mit seiner Zustimmung in den allgemeinen Beutel geflossen, woraus Speise gekauft wurde, die er gegessen, und Getränk, das er getrunken; daß jedoch mit Gips bespritzter Barchent ihm in eigner Person Dreier in die Hand drückte, das war neu für ihn. »Wie könnt Ihr es wagen!« sagte er zu dem Mann und brach in Tränen aus. Der Gipser führte ihn nach der Mauer, daß man sein Gesicht nicht sehen konnte, und die Art und Weise, wie er dies tat, war so zart, und der Mann war so von Reue durchdrungen, bat so aufrichtig um Verzeihung, daß er ihm keine geringere Anerkennung zuteil werden lassen konnte als: »Ich weiß, Ihr meintet es gut. Sprecht nicht weiter davon.« »Gott segne Sie, Sir«, drängte der Gipser. »Wahrhaftig, es ist so. Ich möchte so gern mehr für Sie tun als alle andern.« »Was möchtet Ihr tun?« fragte er. »Ich möchte Euch wieder besuchen, wenn ich frei bin.« »Gebt mir das Geld wieder«, sagte der andere lebhaft, »ich will es aufbewahren und niemals ausgeben. Danke Euch dafür, ich werde Euch also wiedersehen?« »Wenn ich die nächste Woche lebe.« Sie schüttelten sich die Hand und schieden. Die Gefangenen, die in jener Nacht zu einem Gelage in der Snuggery versammelt waren, fragten sich in der Stille, was wohl ihrem Vater begegnet sein möge: er ging so spät noch im Schatten des Hofes auf und ab und schien so niedergeschlagen. Siebentes Kapitel. Das Kind des Marschallgefängnisses. Das Kind, dessen erster Atemzug einen Beigeschmack von Doktor Haggages Branntwein hatte, ging unter den Generationen der Gefangenen, wie die Tradition von ihrem gemeinschaftlichen Vater, von Hand zu Hand. In den ersten Lebensstationen ging es wirklich in wörtlichem und prosaischem Sinne von Hand zu Hand; da es gleichsam ein Eintrittsgeld jedes neuen Gefangenen war, das Kind zu begrüßen, das innerhalb dieser vier Mauern geboren worden. »Von Rechts wegen«, bemerkte der Schließer, als es ihm zum erstenmal gezeigt wurde, »sollte ich Pate sein.« Der Schuldner war einen Augenblick unschlüssig und sagte dann: »Sie hätten vielleicht nichts dagegen, wirklich sein Pate zu werden?« »Oh! ich habe nichts dagegen«, versetzte der Schließer, »wenn es Ihnen recht ist.« So geschah es, daß das Kind eines Sonntagnachmittags getauft wurde, als der Schließer von seinem Schlüsselamt abgelöst worden, und daß dieser an das Taufbecken der St.-George-Kirche trat, ein feierliches Gelöbnis ablegte und »als guter Christ« in des Kindes Namen dem Teufel entsagte, wie er selbst erzählte, als er nach Hause kam. Dieser Akt gab dem Schließer ein neues Eigentumsrecht auf das Kind, ganz abgesehen von seinem früheren dienstlichen. Als das Mädchen zu gehen und zu sprechen anfing, wurde er ganz vernarrt in dasselbe. Er kaufte einen kleinen Armstuhl und stellte ihn an das hohe Kamingitter im Pförtnerstübchen; immer wollte er es bei sich haben, wenn er Schließerdienste besorgte. Auch wußte er es mit wohlfeilen Spielsachen stets zu locken, daß es zu ihm kam und mit ihm plauderte. Das Kind seinerseits gewann den Schließer bald so lieb, daß es aus eignem Antrieb zu allen Stunden des Tages die Treppe zum Pförtnerstübchen hinaufkletterte. Wenn es in dem kleinen Armstuhl an dem hohen Kamingitter einschlief, bedeckte der Schließer sein Gesichtchen mit dem Taschentuch, und wenn das Kind mit An- und Auskleiden einer Puppe beschäftigt dasaß – die bald den Puppen außerhalb des Gefängnisses sehr unähnlich wurde, aber dafür eine furchtbare Familienähnlichkeit mit Mrs. Bangham bekam –, da betrachtete er es von der Höhe seines Stuhles herab mit ausnehmender Freundlichkeit. Waren die Mitgefangenen Zeuge solcher Momente, so äußerten sie gewöhnlich, der Schließer, der ein Junggeselle, sei von der Natur wie zum Familienvater geschaffen. Aber der Schließer dankte für dieses Kompliment und sagte: »Nein, im ganzen genügten ihm vollkommen anderer Leute Kinder!« In welchem Augenblick seiner Jugend das kleine Geschöpf zu merken begann, daß nicht die ganze Welt die Gewohnheit habe, in engen Höfen, die von hohen Mauern mit Spitzen umgeben waren, zu leben, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Aber das Mädchen war noch ein sehr, sehr kleines Geschöpf, als es zu der Erkenntnis kam, daß es ihres Vaters Hand immer an der Türe loslassen mußte, die der große Schlüssel öffnete; und daß, während ihre eignen leichten Füße frei hin und her gehen konnten, die seinen diese Linie niemals überschreiten durften. Ein mitleidiger und teilnahmsvoller Blick, mit dem sie ihn zu betrachten pflegte, als sie noch sehr jung war, war vielleicht eine Folge dieser Entdeckung. Mit einem mitleidigen und teilnahmsvollen Blick für alles, aus dem jedoch noch ein besonderer Funke leuchtete, der Schutz zu versprechen schien und ihm allein galt, saß während der ersten acht Jahre seines Lebens dieses Kind des Marschallgefängnisses und Kind des Vaters des Marschallgefängnisses bei seinem Freund, dem Schließer, im Pförtnerstübchen, im Familienzimmer, oder es tummelte sich im Gefängnishof. Mit einem mitleidigen und teilnahmsvollen Blicke betrachtete die Kleine ihr eigensinniges Schwesterchen, ihren faulen Bruder, die hohen weißen Mauern, die traurige Masse, die sie einschlossen, die Spiele der blassen Gefangenenkinder, wenn sie schrien und sprangen und Verstecken spielten und die eisernen Gitter am innern Torweg zu ihrem »Häuschen« machten. Aufmerksam und neugierig saß sie gewöhnlich an Sommertagen bei dem hohen Kamingitter im Pförtnerstübchen und sah durch das vergitterte Fenster zum Himmel hinauf, bis sich zwischen ihr und dem Freunde Lichtgitter vor ihren Blicken bildeten, wenn sie ihre Augen wegwandte, und sie ihn in einem Gefängnis zu sehen glaubte. »Denkst du nicht auch an die Felder?« sagte der Schließer einst, nachdem er sie eine Zeitlang beobachtet. »Wo sind sie?« fragte sie. »Nun – da drüben, meine Liebe«, sagte der Schließer mit einer leichten Schwenkung des Schlüssels. »Ungefähr dort.« »Öffnet und schließt sie jemand? Sind sie verriegelt?« Der Schließer war verlegen. »Nun!« sagte er. »Gewöhnlich nicht.« »Sind sie sehr hübsch, Bob?« Sie nannte ihn auf seine besondre Bitte und Anweisung Bob. »Reizend. Voll von Blumen. Da finden sich Hahnenfüße, Gänseblümchen und dann –« der Schließer stockte, da er in der Botanik etwas schwach war – »dann Löwenzahn und lauter Lust und Freude.« »Es ist also sehr angenehm dort, Bob?« »Im Frühling«, sagte der Schließer. »War Vater auch schon dort?« »Hm!« hustete der Schließer. »O ja, er war bisweilen dort.« »Tut es ihm weh, daß er nicht mehr dort ist?« »N–nicht besonders«, sagte der Schließer. »Auch den andern nicht?« fragte sie mit einem Blick auf die apathisch umhersitzenden Gefangenen. »Weißt du das ganz gewiß, Bob?« Als das Gespräch bis zu diesem schwierigen Punkt gediehen war, sprach Bob von Backwerk: es war dies immer sein letztes Mittel, wenn ihn seine kleine Freundin auf eine politische, soziale oder theologische Materie brachte. Es war dies Gespräch jedoch der Ursprung einer Reihe von Sonntagsausflügen, die diese beiden seltsamen Gefährten miteinander machten. Sie schritten gewöhnlich je am zweiten Sonntagnachmittag mit großer Feierlichkeit aus dem Pförtnerstübchen und begaben sich nach einer der Wiesen oder einem der grünen Feldwege, die der Schließer im Verlaufe der Woche genau bezeichnet hatte; dort pflückte sie Gläser und Blumen, um sie nach Hause zu bringen, während er seine Pfeife rauchte. Später gab's Tee, Seegarneelen, Aale und andere Delikatessen; dann kehrten sie Hand in Hand zurück, wenn sie nicht ungewöhnlich ermüdet und auf seiner Schulter eingeschlafen war. In diesen frühen Tagen schon begann der Schließer alles Ernstes eine Frage bei sich zu erwägen, die ihm so viel Kopfzerbrechen machte, daß sie bis zu seinem Todestage unentschieden blieb. Er beschloß nämlich, sein kleines Vermögen, das er sich erspart, seinem Patchen testamentarisch zu vermachen, und die Frage war nur, wie konnte er die Sache »verklausulieren«, daß der Vorteil ihr allein zugute käme? Seine Erfahrung als Pförtner gab ihm einen so klaren Begriff von der ungeheuren Schwierigkeit, sein Geld testamentarisch nur einigermaßen genau zu verklausulieren, und sagte ihm, wie es dagegen so außerordentlich leicht sei, damit fertig zu werden, daß er während einer Reihe von Jahren diese schwierige Frage regelmäßig jedem neuen insolventen Sachwalter und Sachverständigen, der bei ihm aus- und einging, vorlegte. »Gesetzt«, sagte er dann gewöhnlich, indem er die Sache mit seinem Schlüssel auf der Weste des Sachverständigen darlegte, »gesetzt, ein Mann wünschte sein Vermögen einer jungen weiblichen Person zu hinterlassen und es testamentarisch so zu ›verklausulieren‹, daß niemand sonst imstande wäre, es anzutasten; wie würden Sie dies Testament machen?« »Ich würde es mit klaren, scharf bestimmten Worten ausdrücklich ihr allein vermachen«, antwortete der Sachverständige gefällig. »Aber sehen Sie wohl«, antwortete dann der Schließer. »Gesetzt, sie hätte einen Bruder, einen Vater, einen Mann, die aller Wahrscheinlichkeit nach Hand an dieses Vermögen legen würden, wenn es in ihren Besitz gekommen – wie dann?« »Es wäre ja ihr allein zugesprochen, und jene hätten keine größeren gesetzlichen Ansprüche darauf als Sie«, antwortete der Sachverständige. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte dann der Schließer. »Gesetzt, sie wäre ein gutherziges Mädchen, und sie wüßten sie zu beschwatzen, welches Mittel gibt Ihr Gesetz in solchem Falle an die Hand, um dies durch Klauseln zu verhindern?« Der tiefsinnige Charakter, an den sich der Schließer deshalb wandte, war außerstande, einen Punkt des Gesetzes herauszufinden, um einen solchen Knoten zu verklausulieren. Und der Schließer dachte sein ganzes Leben darüber nach und starb ohne Testament. Aber dies geschah lange nachher, als seine Pate bereits sechzehn Jahre alt geworden war. Die erste Hälfte dieses Zeitraums ihres Lebens war kaum verflossen, als ihr mitleidiger und teilnahmvoller Blick ihren Vater Witwer werden sah. Von dieser Zeit verkörperte sich der Schutz, den ihre fragenden Augen ausgesprochen, zur Tat, und das Kind des Marschallgefängnisses trat in ein neues Verhältnis zu seinem Vater. Anfangs konnte ein so kleines Kind nichts tun, als den angenehmen Platz an dem hohen Kamingitter aufgeben, bei ihm sitzen und auf seine Wünsche lauschen. Aber dies machte ihm die Kleine so unentbehrlich, daß er ganz an sie gewöhnt wurde und sie schwer vermißte, wenn sie nicht um ihn war. Durch diese kleine Tür trat sie aus der Kindheit in die sorgenbeladene Welt. Was ihr mitleidiger Blick in jenen frühen Tagen in ihrem Vater, ihrer Schwester, ihrem Bruder, in dem Gefängnis erblickte; wieviel oder wie wenig von der traurigen Wahrheit Gott ihrem Blick zu enthüllen für gut gefunden, bleibt uns wie manches andere Geheimnis verborgen. Genug, daß sie den begeisterten Drang in sich fühlte, etwas zu sein, was die übrigen nicht waren, und dieses Etwas – anders und fleißig – um der übrigen willen. Begeistert? Ja. Sollen wir denn allein von der Begeisterung eines Dichters oder Priesters sprechen und nicht auch von der Begeisterung eines Herzens, das durch Liebe und Selbstaufopferung zu der niedrigsten Arbeit in der niedrigsten Lebenssphäre gedrängt wird? Ohne menschlichen Freund, der sie unterstützt oder sich nur um sie bekümmert, als den einen, mit dem sie das Schicksal so seltsam zusammengewürfelt; ohne alle Kenntnis des alltäglichen Lebens und der Gewohnheiten der Glieder der freien Gemeinde, die nicht in Gefängnissen eingeschlossen ist: geboren und erzogen in sozialen Verhältnissen, für die sich selbst in den falschesten Verhältnissen der Welt außerhalb der Gefängnismauern kein ebenbürtiger Vergleich findet; von Kindheit an aus einer Quelle trinkend, deren Wasser eigentümlich gefärbt war und einen eigentümlich ungesunden und unnatürlichen Geschmack hatte, begann das Kind des Marschallgefängnisses seinen Lebenslauf. Es gilt gleich, durch welche Irrtümer und Entmutigungen, durch welche Verspottungen ihrer kindischen und kleinen Figur (die, wenn auch nicht bös gemeint, doch bitter empfunden wurden), durch welches demütigende Bewußtsein ihrer Dürftigkeit und Schwäche, selbst im Heben und Tragen, durch wieviel Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit, wie viele stille Tränen sie sich durchgerungen, bis man sie als ein nützliches, ja unentbehrliches Wesen anerkannte. Diese Zeit konnte nicht ausbleiben. Sie trat bald, mit Ausnahme der Erstgeburt, in alle Rechte des Ältesten unter den drei Geschwistern ein; sie wurde das Haupt der gefallenen Familie und trug in ihrem Herzen die Sorgen und die Schmach derselben. Als sie dreizehn Jahre alt war, konnte sie lesen und Rechnung führen – das heißt, sie konnte in Worten und Zeichen sagen, wieviel ihre nötigsten Bedürfnisse kosten würden und wieviel ihnen zur Anschaffung derselben mangelte. Sie war öfter einige Wochen lang verstohlenerweise in eine Abendschule in der Stadt gegangen und wußte ihre Schwester und ihren Bruder während drei oder vier Jahren zeitweise in eine Tageschule zu bringen. Zu Hause war für keines irgendwelcher Unterricht; aber sie sah es wohl ein – niemand besser als sie –, daß ein Mann, der so gebrochen, um Vater des Marschallgefängnisses zu sein, für seine Kinder kein Vater im vollen Sinn des Wortes sein könne. Zu diesen schwachen Mitteln der Ausbildung fügte sie noch ein anderes aus eigener Findigkeit. Unter der bunten Masse von Schuldgefangenen erschien einst ein Tanzmeister. Ihre Schwester hatte ein großes Verlangen, die Kunst dieses Mannes zu lernen, und schien auch Talent dafür zu besitzen. Dreizehn Jahre alt, trat das Kind des Marschallgefängnisses mit einem Beutelchen in der Hand vor den Tanzmeister und brachte ihre bescheidene Bitte vor. »Erlauben Sie, mein Herr, ich bin hier geboren.« »Oh! Sie sind das junge Mädchen, wirklich?« sagte der Tanzmeister, ihre kleine Gestalt und ihr zu ihm aufsehendes Gesicht betrachtend. »Ja, Sir.« »Und was kann ich für Sie tun?« sagte der Tanzmeister. »Nichts für mich, Sir, ich danke«, antwortete sie, die Schnüre des kleinen Beutels verlegen aufziehend; »aber wenn Sie während Ihres Hierseins so freundlich sein wollten, meiner Schwester billigen Unterricht –« »Mein Kind, ich werde ihr umsonst Unterricht geben«, sagte der Tanzmeister, den Beutel zurückweisend. Er war ein so gutmütiger Tanzmeister, wie je einer in das Schuldgefängnis getanzt war, und er hielt sein Wort. Die Schwester war eine so gelehrige Schülerin, und der Tanzmeister hatte so überflüssige viele Zeit für sie (denn es dauerte zehn Wochen, bis er sich mit seinen Gläubigern ins klare gesetzt, die Kommissare bestellt und von der Sachlage unterrichtet und zu seiner Berufstätigkeit zurückkehren konnte), daß das Mädchen ausgezeichnete Fortschritte machte. Der Tanzmeister war wirklich so stolz darauf und so begierig, die Erfolge seiner Kunst, ehe er das Gefängnis verließ, vor einigen auserlesenen Freunden unter den Mitgefangenen zu produzieren, daß an einem schönen Morgen um sechs Uhr ein Menuett à la cour im Hofe getanzt wurde – die Räume des Gefängnisses waren für einen solchen Zweck zu beschränkt –, und dabei setzte die Schülerin die Füße so angemessen und machte die Schritte so gewissenhaft, daß der Tanzmeister, der die Stoßgeige dazu spielte, ganz begeistert war. Der Erfolg dieses Anfangs, der den Tanzmeister veranlaßte, seinen Unterricht nach seiner Freilassung fortzusetzen, ermutigte das arme Mädchen, weitere Versuche zu machen. Sie wartete und wartete monatelang, ob nicht eine Näherin in das Gefängnis eingeliefert würde. Endlich nach langer Zeit erschien eine Putzhändlerin, und an diese wandte sie sich in eignem Interesse. »Ich bitte um Entschuldigung, Ma'am«, sagte sie und sah sich ängstlich an der Tür der Putzhändlerin um, die sie in Tränen und im Bette fand; »aber ich wurde hier geboren.« Jedermann schien, sobald er in das Gefängnis kam, von ihr zu hören; denn die Putzhändlerin saß im Bett auf und sagte, die Augen trocknend, ganz wie der Tanzmeister gesagt: »Oh! Sie sind das Kind, wirklich?« »Ja, Ma'am!« »Ich bedaure, ich habe nichts, womit ich Ihnen dienen könnte«, sagte die Putzhändlerin mit Kopfschütteln. »Das will ich auch gar nicht, Ma'am. Wenn es Ihnen angenehm wäre, wünschte ich nähen zu lernen.« »Wie können Sie das wünschen«, versetzte die Putzhändlerin, »da Sie doch an mir ein Beispiel haben? Es hat mir nicht sonderlich viel Glück gebracht.« »Nichts – was es auch sei – scheint denen, die hierher kommen, Glück gebracht zu haben«, versetzte sie in ihrer Einfalt; »aber ich möchte doch nähen lernen.« »Ich fürchte, Sie sind zu schwach«, warf die Putzhändlerin ein. »Ich halte mich nicht für zu schwach, Ma'am.« »Und dann sind Sie auch so sehr klein«, erwiderte die Putzhändlerin. »Ja, ich bin leider sehr klein«, entgegnete das Kind des Marschallgefängnisses und begann über diesen unglücklichen Mangel ihres Körpers, der ihr so oft hindernd in den Weg trat, zu weinen. Die Putzhändlerin – die nicht grämlich und hartherzig war, sondern nur in letzter Zeit nicht hatte bezahlen können – war gerührt, nahm sich ihrer freundlich an und fand in ihr die geduldigste und fleißigste Schülerin, die sie im Lauf der Zeit zu einer geschickten Arbeiterin machte. Im weiteren Verlauf der Zeit, und zwar in derselben Zeit entfaltete auch der Vater des Marschallgefängnisses eine neue Blüte des Charakters. Je väterlicher er für das Marschallgefängnis und je abhängiger er von den Beiträgen seiner wechselnden Familie wurde, desto starrer hielt er an seinem verlorenen Standesadel fest. Mit derselben Hand, mit der er vor einer halben Stunde die halbe Krone eines Mitgefangenen in die Tasche schob, wischte er die Tränen weg, die über seine Wangen rollten, wenn man auf seiner Tochter Broterwerb anspielte. So hatte das Kind des Marschallgefängnisses außer ihren andern täglichen Sorgen auch noch die, ihm die vornehme Einbildung zu erhalten, daß sie lauter müßige Bettler seien. Die Schwester wurde Tänzerin. Es war ein ruinierter Onkel in der Familie, ruiniert durch seinen Bruder, den Vater des Marschallgefängnisses, und so wenig als der, der ihn ruiniert, wissend weshalb. Aber ein Mann, der die Tatsache als ein unvermeidliches Schicksal hinnahm, – diesem wurde die Sorge für sie übertragen. Von Haus aus ein stiller und einfacher Mann, hatte er, als das Unglück über ihn kam, keinen größeren Schmerz über den Ruin an den Tag gelegt, als daß er mitten im Waschen aufhörte, als ihm das Unglück angekündigt wurde, und nie mehr zu diesem Luxus griff. Er war in seinen bessern Tagen ein ziemlich oberflächlicher Musikliebhaber gewesen, und als er mit seinem Bruder fiel, spielte er zu seinem Lebensunterhalt in einem kleinen Theaterorchester eine Klarinette, die so schmutzig war wie er selbst. Es war das Theater, an dem seine Nichte Tänzerin wurde. Er hatte schon lange seine feste Stellung an diesem, als sie ihre bescheidene Stellung dort antrat; und er übernahm die Aufgabe, sie zu leiten und zu schützen, wie er eine Krankheit, eine Erbschaft, ein Gastmahl, den Hungertod – alles außer der Seife hingenommen haben würde. Um das Mädchen in den Stand zu setzen, ihre wenigen wöchentlichen Schillinge zu verdienen, mußte das Kind des Marschallgefängnisses einen großen Umweg bei dem Vater machen. »Fanny hat die Absicht, künftig nicht all ihre Zeit im Gefängnis zu verbringen, Vater. Sie wird zwar noch ein gutes Stück des Tages bei uns sein, aber sie beabsichtigt, draußen bei dem Onkel zu wohnen.« »Du überraschst mich. Weshalb?« »Ich denke, der Oheim braucht Gesellschaft. Er braucht jemanden, der für ihn sorgt und ihn pflegt.« »Gesellschaft? Er bringt ja einen großen Teil seiner Zeit hier zu. Und du sorgst für ihn und pflegst ihn weit besser, als deine Schwester je imstande wäre. Ihr geht alle so viel aus; ihr geht alle so viel aus.« Dies sagte er, um den Glauben und den Schein aufrechtzuerhalten, als habe er keine Idee davon, daß Amy selbst tagsüber an die Arbeit gehe. »Aber wir freuen uns immer so sehr auf das Heimkommen, Vater, das wirst du mir doch glauben? Und was Fanny betrifft, so wird es ihr, abgesehen davon, daß sie Onkel Gesellschaft leistet und für ihn sorgt, ganz gut bekommen, wenn sie sich nicht immer hier aufhält. Sie wurde nicht wie ich hier geboren, Vater.« »Schon gut, Amy, schon gut. Ich kann deine Meinung nicht ganz teilen, aber es ist ganz natürlich, daß Fanny, ja daß selbst du oft draußen zu sein vorziehst. So mögt ihr denn, du und Fanny und euer Onkel, tun, was euch beliebt. Gut, gut. Ich will mich nicht darein mischen; kümmert euch nicht um mich!« Ihren Bruder aus dem Gefängnis wegzubekommen und damit von dem Besorgen der Obliegenheiten, die er an Mrs. Banghams Stelle übernommen, sowie von dem nicht sehr einwandfreien Verkehr mit verdächtigen Kameraden loszureißen, war ihre schwierigste Aufgabe. Er würde von seinem achtzehnten Jahre bis in sein achtzigstes von der Hand in den Mund, von Stunde zu Stunde, von Pfennig zu Pfennig gelebt haben. Niemand kam in das Gefängnis, von dem er etwas Nützliches oder Gutes gelernt hätte, und sie konnte keinen Gönner für ihn gewinnen als ihren alten Freund und Paten. »Lieber Bob«, sagte sie, »was soll aus dem armen Tip werden?« Sein Name Ted war in den vier Mauern des Gefängnisses in Tip umgeändert worden. Der Schließer hatte seine besondern bestimmten Ansichten darüber, was aus dem armen Tip werden würde, und war in der Absicht, dem vorzubeugen, so weit gegangen, daß er Tip in dieser Beziehung dringend zu dem Auskunftsmittel riet, sich auf und davon zu machen und unter die Soldaten zu gehen. Aber Tip dankte für die Ehre und sagte, er glaube nicht sehr für sein Vaterland besorgt zu sein. »Ja, mein liebes Kind«, sagte der Schließer, »etwas sollte mit ihm geschehen. Soll ich's versuchen, ihn in einer Gerichtsstube unterzubringen?« »Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Bob.« Der Schließer hatte jetzt zwei Punkte, deretwegen er die Sachverständigen, die bei ihm aus und ein gingen, befragen mußte. Er betrieb diesen zweiten Punkt mit solchem Eifer, daß sich endlich für Tip ein Stuhl und zwölf Schillinge wöchentlich fanden, und zwar in dem Bureau eines Rechtsanwalts in einem großen Nationalpalladium, genannt Pallace Court , damals ein Stück aus der beträchtlichen Liste ewiger Bollwerke der Würde und Sicherheit Altenglands, die längst dahin sind. Tip harrte sechs Monate lang in Cliffords Inn aus, und als die Zeit vorüber war, schlenderte er eines Abends, die Hände in den Hosentaschen, nach dem Gefängnis und erklärte seiner Schwester beiläufig, daß er nicht wieder in die Gerichtsstube zurückkehren werde. »Nicht wieder zurückkehren?« sagte das arme, kleine, ängstliche Kind des Marschallgefängnisses, das immer in erster Reihe Pläne für Tips Zukunft entwarf. »Ich bin der Sache so überdrüssig«, sagte Tip, »daß ich sie kurz und gut hingeschmissen habe.« Tip wurde aller Dinge überdrüssig. Mit Unterbrechungen eines kürzeren Müßiggangs im Marschallgefängnis und nach Besorgung von Mrs. Banghams früheren Geschäften brachte ihn seine kleine zweite Mutter, unterstützt von ihrem treuen Freunde, in ein Exportgeschäft, in einen Gemüse- und Blumenverkauf, in ein Hopfengeschäft; dann wieder in die Gerichtsstube, zu einem Auktionator, in eine Brauerei, zu einem Börsenmakler, dann wieder in eine Gerichtsstube, in ein Droschkenvermietungsbureau, in ein Wagenvermietungsbureau, dann wieder in eine Gerichtsstube, in ein gemischtes Warengeschäft, in eine Brennerei, dann wieder in eine Gerichtsstube, in ein Wollgeschäft, in ein Schnittwarengeschäft, in das Geschäft der Billingsgate, in ein Südfrüchtegeschäft und in die Docks. Aber wohin Tip auch kam, stets kehrte er überdrüssig zurück und erklärte, daß er diese Sache »hingeschmissen«. Wohin er seine Schritte wandte, schien dieser schicksalsmäßig vorherbestimmte Tip die Mauern des Gefängnisses mitzunehmen und sie in jedem Geschäft oder Beruf aufzurichten und sich innerhalb ihrer engen Grenzen planlos in den hinten heruntergetretenen alten Pantoffeln umherzubewegen, bis die unbeweglichen Mauern des Marschallgefängnisses wieder ihren Zauber auf ihn ausübten und ihn zurückbrachten. Nichtsdestoweniger war das gute kleine Geschöpf so sehr für das Wohl seines Bruders besorgt, daß, während er diesen traurigen Tauschhandel trieb, sie so viel zusammengeizte und -scharrte, um ihn nach Kanada einschiffen zu können. Als er des Nichtstuns müde und selbst dieses »hinzuschmeißen« geneigt war, gab er seine gnädige Zustimmung zur Reise nach Kanada. Während der Schmerz über sein Scheiden ihr Herz bewegte, mußte sie sich doch der Hoffnung freuen, daß er endlich in ein gerades Lebensgeleis einlenken werde. »Gott segne dich, lieber Tip. Sei nicht zu stolz, uns zu besuchen, wenn du dein Glück gemacht.« »Schon gut!« sagte Tip und ging. Aber nicht ganz bis Kanada; sondern nicht weiter als Liverpool. Nachdem er die Reise von London nach diesem Hafen gemacht, fühlte er einen so heftigen Drang, die Sache mit dem Schiff hinzuschmeißen, daß er wieder zurückzugehen beschloß. So erschien er nach Verfluß eines Monats vor seiner Schwester in Lumpen, ohne Schuhe, und geschäftsüberdrüssiger als je. Endlich, nach einer weiteren Unterbrechung, währenddessen er wieder Mrs. Banghams Geschäfte besorgte, hatte er einen Beruf für sich herausgefunden und teilte den Fund seiner Schwester mit. »Amy, ich habe eine Stelle gefunden.« »Wirklich und wahrhaftig, Tip?« »Ganz gewiß. Ich werde jetzt arbeiten. Du brauchst dich nicht mehr um meinetwillen zu grämen, gutes Mädchen.« »Was ist es denn, Tip?« »Nun, du kennst doch Slingo vom Ansehen?« »Doch nicht den Kerl, den sie den Händler heißen?« »Das ist der Kerl. Er wird am Montag kommen und will mir eine Hängematte geben.« »Womit handelt er denn, Tip?« »Mit Pferden. Es ist alles in Ordnung. Ich hoffe, es zu etwas zu bringen, Amy.« Sie verlor ihn für Monate aus dem Gesicht, und man hörte nur einmal von ihm. Ein Geflüster ging unter den älteren Gefangenen, daß man ihn bei einer falschen Auktion in Moorfields gesehen, wo er plattierte Artikel für massives Silber gekauft und mit der größten Freigebigkeit in Banknoten bezahlt; aber das Gerücht drang nicht bis zu ihren Ohren. Eines Abends war sie allein bei der Arbeit – sie stand am Fenster, um von dem Zwielicht, das noch über der Mauer weilte, zu profitieren –, als er die Tür öffnete und eintrat. Sie küßte und bewillkommnete ihn, fürchtete sich jedoch, irgendeine Frage an ihn zu richten. Er sah ihre Angst und Verlegenheit und schien betrübt. »Ich fürchte, Amy, du wirst diesmal ärgerlich sein. Bei meinem Leben, ich fürchte das wirklich.« »Es schmerzt mich, dich so sprechen zu hören. Bist du ganz in die Heimat zurückgekehrt?« »Nun – ja.« »Da ich diesmal nicht erwartete, daß das, was du gefunden, viel taugen werde, bin ich weniger überrascht und betrübt, als ich wohl sonst gewesen, Tip.« »Ach! Das ist nicht das Schlimmste.« »Nicht das Schlimmste?« »Sieh nicht so erschrocken drein. Nein, Amy, nicht das Schlimmste. Ich bin zurück, wie du siehst; aber – sieh mich nicht so erschrocken an – ich bin auf eine neue Art, möcht' ich das nennen, zurück. Ich bin ganz und gar von der Liste der Freiwilligen gestrichen. Ich gehöre jetzt zu den regulären Insassen hier.« »Oh! Du wolltest doch nicht sagen, daß du ein Gefangener bist, Tip! Sage das nicht, sage das nicht!« »Gut, ich brauche das nicht zu sagen«, versetzte er in zögerndem Ton. »Aber wenn du mich nicht begreifen willst, ohne daß ich's sage, was soll ich dann tun? Ich bin wegen vierzig Pfund und etwas darüber hier.« Zum ersten Male seit langen Jahren brach sie unter der Last ihrer Sorgen zusammen. Sie schrie, die Hände über dem Kopfe ringend, es werde ihren Vater töten, wenn er es je erfahre, und sank vor Tips unbarmherzigen Füßen nieder. Es war leichter für Tip, sie wieder zur Besinnung zu bringen, als für sie, ihm begreiflich zu machen, daß der Vater des Marschallgefängnisses außer sich geraten würde, wenn er die Wahrheit erführe. Das war für Tip eine unbegreifliche Sache, und es schien ihm eine phantastische Einbildung. Er fügte sich einzig aus diesem Gesichtspunkt darein, als er ihren Bitten, die von Onkel und Schwester unterstützt wurden, nachgab. An Vorwänden für seine Rückkehr fehlte es nicht. Man erklärte sie dem Vater auf die gewöhnliche Weise, und die Mitgefangenen, die für den frommen Betrug ein besseres Verständnis hatten als Tip, unterstützten ihn getreulich. Das war das Leben und die Geschichte des Kindes des Marschallgefängnisses bis zum zweiundzwanzigsten Jahre. Mit einer unüberwindlichen Anhänglichkeit an den traurigen Hof und die Häusermasse, die ihr Geburtsort und ihre Heimat waren, ging sie jetzt verlegen und mit dem peinlichen Bewußtsein, daß man sie jedermann zeige, aus und ein. Seit sie draußen zu arbeiten begonnen, hatte sie es für nötig befunden, ihren Wohnort zu verheimlichen und so geheim als möglich zwischen der freien City und dem eisernen Tor, außerhalb dessen sie niemals in ihrem Leben geschlafen, hin und her zu gehen. Ihre angeborene Schüchternheit hatte durch diese Heimlichkeit noch zugenommen: ihr leichter Tritt und ihre kleine Gestalt huschten unbemerkt durch das Straßengedränge. Weltklug in Dingen der Armut, war sie sonst die lautere Einfalt. Ein unschuldiges Wesen stand sie mitten in dem Nebel, in dem sie ihren Vater sah und das Gefängnis und den trüben lebendigen Strom, der durch dieses flutete und weiterfloß. Das war das Leben und die Geschichte von Klein-Dorrit, die eben an einem düstern Septemberabend, aus einiger Entfernung von Arthur Clennam beobachtet, nach Hause ging, am Ende der London Bridge umkehrte, zurückging, sich dann wieder umwandte, den Weg nach der St.-George-Kirche einschlug, plötzlich noch einmal umwandte und durch das offne äußere Tor in den Hof des Marschallgefängnisses schlüpfte. Achtes Kapitel. Im Gefängnis. Arthur Clennam stand in der Straße und wartete auf einen Vorübergehenden, den er fragen könnte, was dies für ein Ort sei. Er ließ mehrere Leute an sich vorübergehen, in deren Gesichtern keine Aufmunterung zu dieser Frage lag, und stand noch zögernd in der Straße, als ein alter Mann erschien, der den Weg nach dem Hofe einschlug. Er ging sehr gebückt und brütete ganz in Gedanken versunken vor sich hin, was die von Menschen und Wagen wimmelnden Durchfahrten Londons nicht besonders sicher für ihn machten. Er war schmutzig und dürftig gekleidet und trug einen fadenscheinigen Rock, der einst blau gewesen, bis an die Knöchel hinabreichte und bis an das Kinn zugeknöpft war, wo er sich in dem blassen Geist eines Samtkragens verlor. Ein Stück roten Zeugs, mit dem dieses Phantom zu seinen Lebzeiten gesteift gewesen, lag nun offen da und wühlte hinten am Nacken des alten Mannes in einem Wirrwarr von grauen Haaren und einer rostigen Krawattenschnalle, die alle zusammen seinen Hut beinahe herabgeworfen. Es war ein fettigglänzender und kahler Hut, der über seine Augen herabhing, an der Krempe gebrochen und zerknittert war und einen Zipfel von dem Taschentuch heraussehen ließ. Seine Beinkleider waren so lang und schlottrig und seine Schuhe so plump und groß, daß er wie ein Elefant einherwackelte. Niemand hätte zu sagen vermocht, wieviel davon Gang und wieviel nachgeschlepptes Kleid und Leder war. Unter dem einen Arm trug er eine abgeriebene und abgenutzte Kapsel, die ein Blasinstrument enthielt; in der Hand hatte er für einen Penny Schnupftabak in einer kleinen Tüte von weißlich braunem Papier, aus der er gerade seine arme blaue Nase mit einer großen Prise beglückte, als Arthur Clennam seiner ansichtig wurde. An diesen alten Mann, der eben über den Vorhof ging, richtete er seine Frage, indem er ihn an der Schulter berührte. Der alte Mann blieb stehen und sah sich um, mit einem Ausdruck in seinen schwachen grauen Augen, als ob seine Gedanken weit weg wären und er zugleich etwas schwer hörte. »Bitte, mein Herr«, sagte Arthur, seine Frage wiederholend, »was ist das für ein Ort?« »Ah, dieser Ort?« entgegnete der alte Mann, mit seiner Prise innehaltend und nach dem Gebäude zeigend, ohne daß er zugleich hingesehen. »Das ist das Marschallgefängnis, Sir.« »Das Schuldgefängnis?« »Sir«, sagte der alte Mann mit einem Ausdruck, als hielte er es nicht gerade für nötig, auf dieser Bezeichnung zu beharren, »ja, das Schuldgefängnis.« Er drehte sich um und ging weiter. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Arthur und hielt ihn noch einmal an, »wollen Sie mir noch eine Frage erlauben? Darf hier jeder hineingehen?« »Jeder kann hier hineingehen «, versetzte der alte Mann, durch den bezeichnenden Ton die Bedeutung des Wortes ins rechte Licht rückend, "aber nicht jeder kann wieder herausgehen.« »Entschuldigen Sie noch eins. Sind Sie hier bekannt?« »Sir«, entgegnete der alte Mann, indem er das kleine Paket Schnupftabak in seiner Hand preßte, und mit einem Blick auf den Fragenden, der deutlich zu sagen schien, daß ihn solche Fragen verletzen, »ja.« »Ich bitte um Entschuldigung. Es ist nicht zudringliche Neugier, die mich zu diesen Fragen drängt, sondern eine gute Absicht. Kennen Sie den Namen Dorrit hier?« »Mein Name, Sir«, versetzte der alte Mann höchst unerwarteterweise, »ist Dorrit.« Arthur nahm den Hut vor ihm ab. »Vergönnen Sie mir noch ein halbes Dutzend Worte. Ich war auf diese Mitteilung völlig unvorbereitet und hoffe, daß diese Versicherung mich hinlänglich für die Freiheit, mit der ich mich an Sie gewandt, entschuldigen werde. Ich kehrte kürzlich nach langer Abwesenheit nach England zurück. Ich habe bei meiner Mutter – Mrs. Clennam in der City – ein junges Mädchen gesehen, das dort nähte und das ich nur Klein-Dorrit nennen hörte. Ich fühlte ein aufrichtiges Interesse für sie und hegte den lebhaften Wunsch, etwas mehr von ihr zu erfahren. Ich sah sie, kaum eine Minute, ehe Sie kamen, durch dieses Tor gehen." Der alte Mann sah ihn aufmerksam an. "Sind Sie ein Seemann, Sir?" fragte er. Er schien durch das Kopfschütteln, das ihm antwortete, etwas enttäuscht. "Kein Seemann? Ich glaubte dies aus Ihrem sonnverbrannten Gesicht schließen zu dürfen. Ist es Ihnen auch Ernst, Sir?" "Ich versichere Sie, daß es mir Ernst ist mit dem, was ich sage, und bitte Sie, sich völlig davon überzeugt zu halten." "Ich weiß sehr wenig von der Welt, Sir", versetzte der andere, der eine schwache und zitternde Stimme hatte. "Ich schreite über die Erde wie der Schatten über die Sonnenuhr. Es lohnt sich nicht, mich zu hintergehen: das Gelingen wäre eine gar zu leichte – gar zu nutzlose Sache. Das junge Mädchen, das Sie hineingehen sahen, ist meines Bruders Tochter. Mein Bruder heißt William Dorrit; ich Frederik. Sie sagten, Sie hätten sie bei Ihrer Mutter gesehen (ich weiß, Ihre Mutter ist sehr gütig gegen sie). Sie hätten ein Interesse für sie gefaßt und wünschten zu wissen, was sie hier tut. Kommen Sie und überzeugen Sie sich selbst." Er ging weiter, und Arthur begleitete ihn. "Mein Bruder", sagte der alte Mann, einen Augenblick stehenbleibend und sich umsehend, "mein Bruder ist seit vielen Jahren hier, und manches, was draußen selbst mit uns vorgeht, wird ihm aus Gründen, auf die ich jetzt nicht einzugehen brauche, verheimlicht. Haben Sie die Güte, nichts davon zu sagen, daß meine Nichte in der Stadt näht. Haben Sie überhaupt die Güte, nicht mehr zu sagen als wir selbst. Wenn Sie sich innerhalb unserer Schranken bewegen, werden Sie niemanden verletzen. Nun, kommen Sie und sehen Sie selbst." Arthur folgte ihm durch einen engen Gang, an dessen Ende ein Schlüssel umgedreht wurde, worauf sich eine schwere Tür von innen öffnete. Sie traten in ein Pförtnerstübchen oder Vorzimmer und gelangten durch dieses und ein zweites Gittertor in das Gefängnis. Der alte Mann, der bislang immer vor sich hingegrübelt, drehte sich in seiner langsamen, steifen und demütigen Manier um, als sie zu dem diensttuenden Schließer kamen und er diesem seinen Begleiter vorstellen wollte. Der Schließer nickte, und der Begleiter trat ein, ohne daß man ihn fragte, zu wem er wolle. Die Nacht war dunkel; und die Gefängnislampen im Hof und die Lichter, die aus den Zimmern der Gefangenen durch alte Vorhänge und Jalousien einen schwachen Schimmer verbreiteten, schienen diese ganze Welt nicht heller zu machen. Einige von den Gefangenen spazierten im Hofe umher, der größere Teil befand sich jedoch bereits Der Klarinettspieler auf dem Wege. auf den Zimmern. Der alte Mann, der den Weg nach der rechten Seite des Hofes einschlug, trat in den dritten oder vierten Torweg und begann die Treppen hinaufzusteigen. »Es ist hier ziemlich finster, Sir, aber Sie werden nichts im Wege finden.« Er blieb einen Augenblick stehen, ehe er eine Tür im zweiten Stockwerk öffnete. Er hatte kaum die Klinke aufgedrückt, als der Fremde Dorrit sah und den Grund wußte, weshalb sie so großen Vorrat aufhäufte, wenn sie allein speiste. Sie hatte die Mahlzeit mit nach Hause gebracht, die sie selbst hätte essen sollen, und wärmte sie bereits auf einem Rost über dem Feuer für ihren Vater, der einen alten grauen Rock und eine schwarze Mütze trug. Er wartete auf sein Abendessen am Tische. Ein reinliches Tischtuch war vor ihm ausgebreitet; darauf lagen und standen Gabel, Messer und Löffel, Salzbüchse, Pfefferbüchse, Glas und ein zinnerner Bierkrug. Auch fehlten solche Zutaten wie eine besondere kleine Büchse mit Cayennepfeffer und für einen Penny Mixed Pickles in einem Schälchen nicht. Sie erschrak und wurde bald rot, bald blaß. Der Fremde forderte sie mehr durch seine Blicke als durch seine leichte Handbewegung auf, sich zu beruhigen und ihm zu vertrauen. »Ich fand diesen Herrn«, sagte der Onkel, »Mr. Clennam, den Sohn von Amys Gönnerin – an dem äußeren Tor, in der Absicht begriffen, im Vorübergehen seinen Besuch abzustatten, unschlüssig jedoch, ob er hereingehen sollte oder nicht. Dies ist mein Bruder William, Sir.« »Ich hoffe«, sagte Arthur, ungewiß, was er sagen sollte, »daß meine Achtung für Ihre Tochter meinen Wunsch, Sie kennenzulernen, erklären und rechtfertigen wird.« »Mr. Clennam«, versetzte der andere, indem er aufstand, seine Mütze abnahm und sie in der Hand hielt, bereit sie wieder aufzusetzen, »Sie erweisen mir eine Ehre. Seien Sie willkommen, Sir.« Dabei machte er eine tiefe Verbeugung. »Frederik, einen Stuhl. Bitte, setzen Sie sich, Mr. Clennam.« Er setzte seine schwarze Kappe auf, wie er sie abgenommen, und ließ sich wieder am Tische nieder. Es lag etwas eigentümlich Wohlwollendes und Herablassendes in seinem Wesen. Das waren die Zeremonien, mit denen er die Mitgefangenen gewöhnlich empfing. »Seien Sie willkommen im Marschallgefängnis, Sir. Ich habe manchen Gentleman in diesen Mauern bewillkommt. Vielleicht wissen Sie bereits – meine Tochter Amy hat es Ihnen ohne Zweifel mitgeteilt –, daß ich der Vater dieses Hauses bin.« »Ich – ja allerdings habe ich das gehört«, sagte Arthur, keck diese Behauptung aussprechend. »Sie wissen ohne Zweifel ferner, daß meine Tochter Amy hier geboren ist. Ein gutes Mädchen, Sir, ein liebes Mädchen, und seit lange ein Trost und eine Stütze für mich. Amy, mein liebes Kind, setze das Essen auf; Mr. Clennam wird die einfachen Gewohnheiten, Die Entdeckung des Geheimnisses von Klein-Dorrit. auf die wir hier angewiesen sind, entschuldigen. Darf ich Sie fragen, ob Sie mir die Ehre geben wollen, Sir, –« »Ich danke«, erwiderte Arthur. »Nicht einen Bissen.« Er war lauter Staunen über das Benehmen des Mannes, der gar nicht daran zu denken schien, daß seine Tochter irgendeine Zurückhaltung über die Geschichte ihrer Familie beobachten könnte. Sie füllte sein Glas, stellte alle die Kleinigkeiten auf den Tisch vor ihn und setzte sich neben den Vater, während dieser aß. Offenbar nach ihrer allnächtlichen Gewohnheit legte sie ein Stück Brot vor sich und berührte sein Glas mit ihren Lippen. Der Blick, mit dem sie halb bewundernd und stolz, halb verlegen, aber doch lauter Liebe und Hingebung, ihren Vater ansah, drang ihm tief ins Herz. Der Vater des Marschallgefängnisses war gegen seinen Bruder, als einen liebreichen und wohlmeinenden Mann, einen stillen Charakter, der es zu keiner Auszeichnung gebracht, sehr herablassend. »Frederik«, sagte er, »du und Amy essen heute zu Hause zu Nacht, nicht wahr? Wo ist Fanny, Frederik?« »Sie geht mit Tip spazieren.« »Tip – müssen Sie wissen – ist mein Sohn, Mr. Clennam. Er war etwas wild und schwer in Ordnung zu halten, aber sein Eintritt in die Welt war auch ziemlich« – er zuckte die Schulter mit einem leichten Seufzer und blickte im Zimmer umher – »ziemlich seltsam. Ihr erster Besuch hier, Sir?« »Mein erster.« »Sie könnten auch seit Ihrer Knabenzeit kaum hier gewesen sein, ohne daß ich es erfahren. Es geschieht höchst selten, daß jemand – von Bedeutung, von irgendwelcher Bedeutung – hierherkommt, ohne daß er mir vorgestellt würde." »Vierzig bis fünfzig wurden oft an einem Tage meinem Bruder vorgestellt«, sagte Frederik, plötzlich stolz aufleuchtend. »Jas, sagte der Vater des Marschallgefängnisses bestätigend. »Es waren ihrer sogar noch mehr. An einem schönen Sonntag zur Zeit der Sitzungen der Gerichtshöfe ist es ein wahrer Empfang – ja ein Empfang. Amy, liebes Kind, ich habe mir den halben Tag den Kopf zerbrochen über den Namen des Gentleman von Camberwell, den mir letzte Christwoche der angenehme Kohlenhändler, der auf sechs Monate wieder zurückgeschickt wurde, vorstellte.« »Ich erinnere mich seines Namens nicht, Vater.« »Frederik, erinnerst du dich seiner?« Frederik bezweifelte, daß er ihn je gehört. Niemand konnte aber bezweifeln, daß Frederik die letzte Person auf Erden sei, an die man eine solche Frage richten könnte, mit irgendeiner Aussicht auf Auskunft. »Ich meine«, sagte der Bruder, »den Gentleman, der jene Handlung mit so viel Zartheit ausführte. Ha! Still! Der Name ist mir ganz und gar entfallen. Mr. Clennam, da ich gerade eine schöne und zarte Handlung erwähnte, so werden Sie vielleicht auch wissen wollen, was es war.« »Allerdings«, sagte Arthur und wandte seine Augen von dem zarten Kopf, der sich zu senken begann, und dem blassen Gesicht ab, über das eine neue Besorgnis hinzog. »Diese Tat ist so edel und zeugt von so viel Zartgefühl, daß es wohl Pflicht ist, ihrer zu gedenken. Ich sagte damals, daß ich bei jeder passenden Gelegenheit ohne Rücksicht auf persönliche Gefühle davon sprechen werde. Ja – es nützt nichts, die Tatsache zu verheimlichen – Sie müssen wissen, Mr. Clennam, daß es bisweilen vorkommt, daß Leute, die hierher kommen, dem Vater des Ortes ein kleines – Attestat ihrer Achtung – geben wollen.« Es war ein sehr, sehr trauriger Anblick, ihre Hand auf seinem Arm stumm bittend ruhen und die schüchterne kleine Gestalt halb abgewandt zu sehen. »Bisweilen«, fuhr er in leisem, sanftem, aber ernstem Ton fort, indem er sich dann und wann räusperte, – »bisweilen, – hm – unter der einen, bisweilen unter der andern Form; im allgemeinen ist es – hm – Geld. Und es ist – ich muß es gestehen – nur zu häufig – hm – recht annehmbar. Der erwähnte Gentleman wurde mir in einer für meine Gefühle höchst wohltuenden Weise vorgestellt und sprach nicht nur mit großer Höflichkeit, sondern entwickelte auch – hm – große Kenntnisse." Während der ganzen Zeit bewegte er, obgleich sein Nachtessen bereits beendet war, Messer und Gabel immer unruhig auf dem Teller hin und her, als ob er noch etwas vor sich hätte. »Es ging aus seinem Gespräch hervor, daß er einen Garten hatte, obgleich er anfangs aus Zartgefühl nur obenhin desselben erwähnte, da ich – hm – keinen Garten besuchen darf. Aber es kam dadurch heraus, daß ich einen sehr schönen Geraniumbüschel bewunderte – einen wirklich sehr schönen Geraniumbüschel –, den er aus seinem Gewächshaus gebracht. Als ich etwas über die reiche Farbe sagte, zeigte er mir ein Stück Papier rings um den Büschel, auf dem geschrieben stand: ›Für den Vater des Marschallgefängnisses‹, und überreichte ihn mir. Aber das war – hm – noch nicht alles. Er fügte eine seltsame Bitte hinzu, als er Abschied nahm, indem er sagte, ich möchte das Papier in einer halben Stunde wegnehmen. Ich – ha – tat so; und fand, daß es – hm – zwei Guineen enthielt. Ich versichere Sie, Mr. Clennam, ich erhielt – hm – Dankesbezeugungen aller Art und von mancherlei Wert, und sie waren unglücklicherweise alle sehr annehmbar. Aber keines hat mich mehr gefreut, als diese – hm – diese eigentümliche Dankesbezeugung.« Arthur war gerade im Begriff, das wenige, was er über dieses Thema sagen konnte, auszusprechen, als eine Glocke zu läuten begann und Tritte sich der Tür näherten. Ein hübsches Mädchen von viel schönerem Wuchs und weit mehr entwickelt als Klein-Dorrit, obgleich sie viel jünger im Gesicht aussah, wenn man beide zugleich ins Auge faßte, blieb auf der Schwelle stehen, als sie einen Fremden erblickte; und ein junger Mann, der mit ihr war, blieb gleichfalls stehen. »Mr. Clennam, Fanny. Meine älteste Tochter und mein Sohn, Mr. Clennam. Die Glocke ist ein Zeichen für die Fremden, daß sie das Gefängnis zu verlassen haben, deshalb kommen sie, um Abschied zu nehmen; aber es ist noch reichlich Zeit, reichlich Zeit, Mädchen. Mr. Clennam wird entschuldigen, wenn ihr Haushaltungsgeschäfte hier besorgt. Er weiß ohne Zweifel, daß ich nur ein Zimmer habe.« »Ich brauche nur mein reines Kleid von Amy, Vater«, sagte das andere Mädchen. »Und ich meine Wäsche«, sagte Tip. Amy öffnete die Schublade eines alten Möbels, das oben ein Weißzeugschrank war und unten eine Bettstatt bildete, und nahm zwei kleine Bündel heraus, die sie ihrem Bruder und ihrer Schwester gab. »Ist es ausgebessert und zusammengenäht?« hörte Mr. Clennam die Schwester flüsternd fragen, worauf Amy »Jas antwortete. Er war nun aufgestanden und nutzte die Gelegenheit, sich im Zimmer umzusehen. Die nackten Wände waren früher, wie man noch erkennen konnte, von einer ungeschickten Hand grün angestrichen worden und spärlich mit ein paar Stichen geschmückt. Das Fenster war mit einem Vorhang, der Boden mit einem Teppich versehen; auch Ständer und Kleiderhaken und andre dergleichen Bequemlichkeiten hatten sich im Laufe der Jahre angesammelt. Es war ein kleines, beschränktes, ärmlich möbliertes Zimmer, und der Kamin rauchte überdies, sonst wäre der blecherne Windschirm am Feuerherd überflüssig gewesen; aber andauernde Sorgfalt und Mühe hatten es hübsch und in seiner Art sogar behaglich gemacht. Die Glocke läutete noch immer, und der Onkel wünschte endlich zu gehen. »Komm, Fanny, komm, Fanny«, sagte er mit seiner zerfetzten Klarinettkapsel unter dem Arm; »es wird geschlossen, Kind, es wird geschlossen!« Fanny bot ihrem Vater gute Nacht und flog federleicht fort. Tip war die Treppe schon hinabgeeilt. »Mr. Clennam«, sagte der Onkel, indem er zurücksah, während er ihnen nachschlürfte, »es wird geschlossen, Sir, es wird geschlossen.« Mr. Clennam hatte zweierlei zu tun, ehe er folgte; erstens dem Vater des Marschallgefängnisses seine Anerkennung auszusprechen, ohne das Kind zu kränken; und dann dem Kinde etwas – nur ein einziges Wort – zur Erklärung seines Hierherkommens zu sagen. »Erlauben Sie mir«, sagte der Vater, »Sie die Treppe hinabzubegleiten.« Sie war hinter den andern hinausgeschlüpft, und der Vater und der Fremde waren allein. »Unter keiner Bedingung«, sagte der Fremde rasch. »Bitte, erlauben Sie mir –« kling, kling, kling. »Mr. Clennam«, sagte der Vater, »ich bin tief, tief –« Aber der Fremde hatte seine Hand geschlossen, um dem Klingen ein Ende zu machen, und war mit großer Hast die Treppe hinabgeeilt. Er sah keine Klein-Dorrit auf dem Weg oder im Hof drunten. Die letzten zwei oder drei Nachzügler eilten nach dem Pförtnerstübchen, und er folgte ihnen, als er plötzlich im Torweg des ersten Hauses vom Eingang ihrer gewahr wurde. Er kehrte rasch zurück. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie hier anspreche«, sagte Arthur neben Klein-Dorrit beim Besuch des Marschallgefängnisses. er; »ich bitte um Entschuldigung, daß ich überhaupt hierher gekommen! Ich folgte Ihnen heute abend. Ich tat es in der Absicht, zu sehen, ob ich nicht Ihnen und Ihrer Familie irgendeinen Dienst erweisen könnte. Sie wissen, wie ich mit meiner Mutter stehe, und werden es nicht befremdlich finden, daß ich mich Ihnen nicht genähert habe in ihrem Hause, da ich sie dadurch hätte ohne Absicht leicht eifersüchtig oder empfindlich machen oder Ihnen gar in ihrer Achtung eine Kränkung zufügen können. Was ich hier in dieser kurzen Zeit gesehen, hat den herzlichen Wunsch, Ihnen ein Freund zu werden, bedeutend vermehrt. Es würde mir für manche Enttäuschung Ersatz bieten, wenn ich hoffen könnte, Ihr Vertrauen zu gewinnen.« Sie war anfangs sehr scheu, schien jedoch Mut zu fassen, während er mit ihr sprach. »Sie sind sehr gut, Sir. Sie sprechen sehr ernst mit mir. Aber – ich wünschte. Sie hätten mich nicht beobachtet.« Er wußte die Bewegung, mit der sie dies sagte, zu ihres Vaters Gunsten zu deuten, und er respektierte dieses Gefühl und schwieg. »Mrs. Clennam hat mir große Gefälligkeiten erwiesen; ich weiß nicht, was aus uns ohne die Arbeit geworden wäre, die sie mir gegeben; ich fürchte, es ist keine gute Vergeltung, Geheimnisse vor ihr zu haben; ich kann heute abend nicht mehr sagen, Sir. Ich bin überzeugt, Sie meinen es gut mit uns. Ich danke Ihnen herzlich dafür.« »Gestatten Sie mir nur eine Frage, ehe ich gehe. Kennen Sie meine Mutter schon lange?« »Ich glaube, zwei Jahre, Sir. – Die Glocke hat zu läuten aufgehört.« »Wie lernten Sie sie kennen? Schickte sie nach Ihnen?« »Nein. Sie weiß nicht einmal, daß ich hier wohne. Wir haben einen Freund, Vater und ich – einen armen, fleißigen Mann, aber der beste Freund –, und ich schrieb aus, daß ich im Taglohn zu nähen wünsche, und gab seine Adresse an. Und er ließ, was ich geschrieben, an einigen Orten anschlagen, wo es nichts kostete, und Mrs. Clennam fand auf diese Weise meinen Namen und schickte nach mir. Das Tor wird geschlossen werden, Sir.« Sie war so unruhig und aufgeregt, und er von Teilnahme für sie und durch das lebhafte Interesse für ihre Lebensgeschichte, wie sie sich vor ihm entfaltete, so tief bewegt, daß er sich kaum losreißen konnte. Aber das Aufhören des Geläutes und die Stille im Gefängnis waren eine Mahnung zum Aufbruch, und mit einigen flüchtigen freundlichen Worten ließ er sie zu ihrem Vater zurückkehren. Aber er hatte zu lange verweilt, das innere Tor war verriegelt und das Pförtnerstübchen geschlossen. Nach kurzem fruchtlosen Pochen mit der Hand stand er mit der unangenehmen Ueberzeugung da, daß er die Nacht hier zubringen müsse, als ihn eine Stimme von hinten anredete: »Gefangen, Mr.?« sagte die Stimme, »Sie werden vor morgen früh nicht nach Hause kommen. – Oh! sind Sie es, Mr. Clennam?« Es war Tips Stimme, und sie standen sich noch im Gefängnishof gegenüber, als es zu regnen begann. »Es ist nun schon geschehen«, bemerkte Tip: »Sie müssen das nächste Mal pünktlicher kommen.« »Aber Sie sind ja auch eingeschlossen«, sagte Arthur. »Ich glaube allerdings«, sagte Tip sarkastisch. »Ungefähr, aber nicht ganz wie Sie. Ich gehöre zu der Bude; meine Schwester meint freilich, der Alte dürfe es nicht wissen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb.« »Kann ich hier irgendein Quartier finden?« fragte Arthur. »Was soll ich sonst machen?« »Wir sollten vor allem Amy zu sprechen suchen«, sagte Tip, der gewohnt war, alle Schwierigkeiten auf sie abzuladen. »Ich würde lieber die ganze Nacht hier herumgehen – es läßt sich ja doch sonst nichts tun –, als sie zu beunruhigen.« »Sie brauchen das nicht zu tun, wenn Ihnen nichts daran liegt, ein Bett zu bezahlen. Wenn Ihnen nichts daran liegt, zu bezahlen, so werden sie Ihnen unter solchen Umständen eines auf dem Snuggerytisch zurechtmachen. Wenn Sie mir folgen wollen, werde ich Sie dort einführen.« Als sie den Hof hinabgingen, sah Arthur zu dem Fenster des Zimmers hinauf, das er kürzlich verlassen und wo noch Licht brannte. »Ja, Sir!« sagte Tip, der seinem Blick folgte. »Das ist das Zimmer unsres alten Herrn, Sie sitzt noch eine Stunde lang bei ihm und liest ihm die Zeitungen von gestern oder etwas der Art vor; und dann kommt sie heraus wie ein kleiner Geist und verschwindet geräuschlos.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Der Alte schläft droben in dem Zimmer, aber sie hat ihre Wohnung bei dem Schließer, das erste Haus das, sagte Tip und deutete auf den Torweg, in den sie sich zurückgezogen. »Das erste Haus, in der Dachkammer. Sie bezahlt zweimal so viel dafür, als sie für ein zweimal so gutes Zimmer außerhalb des Gefängnisses bezahlen müßte. Aber sie will Tag und Nacht bei dem Alten sein, das arme gute Mädchen.« Inzwischen waren sie zu der Schenkwirtschaft am obern Ende des Gefängnisses gelangt, wo die Gefangenen gerade ihren Abendklub verließen. Das Zimmer im Erdgeschoß, in dem der Klub sich versammelte, war die fragliche Snuggery; der Präsidentenstuhl des Vorsitzenden, die zinnernen Krüge, Gläser, Pfeifen, Tabakasche und die allgemeinen Dünste der Mitglieder waren noch vorhanden, auch nachdem die Zechbrüderschaft sich verzogen hatte. Die Snuggery hatte zwei von den Eigenschaften, die man gemeiniglich für Damengrog als wesentlich erachtet, nämlich, daß sie heiß und stark war; im dritten Punkt der Analogie, nämlich, daß davon im Ueberfluß vorhanden sei, blieb sie zurück: denn es handelte sich bei ihr um ein sehr kleines Zimmer. Der ungewohnte Fremde von draußen glaubte natürlich, jeder sei hier Gefangener – Wirt, Kellner, Kellnerin, Bierausträger und alle übrigen. Ob sie es wirklich waren oder nicht, ließ sich nicht erkennen. Alle aber hatten das Aussehen von Unkraut. Der Besitzer eines Kramladens in einem Vordergebäude, der einigen Gefangenen Kost gab, half beim Bettmachen. Er war früher Schneider gewesen und hatte einen Promenaden-Sportwagen besessen, wie er sagte. Er rühmte sich, daß er die Ehre und die Interessen des Gefängnisses nachdrücklich verteidige; und er hatte die unklare und unerklärliche Idee, daß der Marschall einen »Fonds« unterschlage, der den Gefangenen zugute kommen sollte. Er war davon überzeugt und teilte diesen dunkeln Schmerz allen Neulingen und Fremden mit, obgleich er um keine Welt hätte erklären können, welchen »Fonds« er meinte und wie dieses Hirngespinst in seiner Seele Wurzel gefaßt. Er hatte sich trotzdem Gewißheit darüber verschafft, daß sein Anteil an dem Fonds drei Schillinge und neun Pence die Woche ausmache, und daß er als einzelner Gefangener regelmäßig jeden Montag von dem Marschall darum beschwindelt werde. Er half offenbar beim Bettmachen nur, um keine Gelegenheit zu verlieren, diese Sache an den Mann zu bringen; und als er sein Herz ausgeschüttet und angekündigt (wie er immer zu tun schien, ohne daß etwas zuwege kam), daß er einen Brief an die Zeitungen schreiben und den Marschall denunzieren wolle, ließ er sich in ein Gespräch über allerlei Dinge mit den übrigen ein. Aus dem vorherrschenden Ton in der ganzen Gesellschaft ging hervor, daß sie Zahlungsunfähigkeit als den Normalzustand der Menschen und die Bezahlung der Schulden als eine Krankheit, die zuweilen ausbreche, betrachtete. In dieser seltsamen Umgebung, und während diese seltsamen Gespenster ihn umgaukelten, sah Arthur Clennam den Vorbereitungen zu seinem Nachtlager zu, als ob sie ein Traum wären. Inzwischen wies ihn der hier lange schon heimische Tip mit einer unheimlichen Freude an den Hilfsmitteln der Snuggery auf das gewöhnliche Küchenfeuer, das durch die gemeinsamen Beiträge der Gefangenen, und den Kessel für heißes Wasser, der auf gleiche Weise unterhalten wurde, und andere Vorteile hin, die beweisen zu wollen schienen, daß das Mittel, um gesund, wohlhabend und weise zu werden, sich im Marschallgefängnis einsperren zu lassen, sei. Die beiden in einer Ecke zusammengestellten Tische waren endlich in ein wirklich bequemes Bett umgewandelt, und der Fremde wurde mit den Windsorstühlen, dem Präsidentensitz, der Bieratmosphäre, dem Sägemehl, den Fidibussen, den Spucknäpfen und dem Lager allein gelassen. Aber die Tatsache des letzteren verband sich lange, lange nicht mit den andern Tatsachen dieser Umwelt. Die Neuheit des Ortes, der unvorbereitete Eintritt, das Gefühl, eingeschlossen zu sein, die Erinnerung an das Zimmer im zweiten Stock, an die beiden Brüder und vor allem an die schüchterne kindliche Gestalt und das Gesicht, in dem er Jahre unzulänglicher Nahrung, wenn nicht gar Mangel an allem las, hielt ihn wach und machte ihn traurig. Betrachtungen, die in seltsamster Beziehung zu dem Gefängnis standen, aber eben doch immerhin noch in Beziehung dazu standen, lasteten wie ein Alp auf seiner Seele, während er wachend dalag. Ob man Särge für Leute bereit halte, die hier sterben, wo sie aufbewahrt würden, wie sie aufbewahrt würden, wo die Leute, die im Gefängnis sterben, begraben würden, wie man sie fortschaffe, welche Formen man dabei beobachte, ob ein unversöhnlicher Gläubiger auch noch den Toten Arrest auferlegen könne? Welche Möglichkeit zu entfliehen vorhanden sei? Ob ein Gefangener die Mauern mit einem Strick und Haken erklettern könne, wie er auf der andern Seite hinabkäme? Ob er sich auf einen Hausgiebel herablassen, eine Treppe hinabschleichen, zur Tür hinauskommen und sich in der Menge verlieren könnte? Ob Feuer im Gefängnis ausbrechen würde, so lange er hier läge? Diese bunt sich ihm aufdrängenden Einfälle waren nichts anderes als der Rahmen eines Bildes, in dem drei Gestalten vor ihm standen. Sein Vater, mit dem starren Blick bei seinem Tode, der prophetisch in dem Porträt hervortrat; seine Mutter, wie sie seinen Verdacht abwehrend den Arm emporhielt; und Klein-Dorrit, die die Hand auf den entehrten Arm legte und den gesenkten Kopf abwendete. Wie, wenn seine Mutter einen alten Grund hatte, den sie wohl kannte, das Unglück dieses armen Kindes zu lindern! Wie, wenn der Gefangene, der jetzt ruhig schlief – wollt' es der Himmel! – beim Licht des jüngsten Tages seinen Fall auf sie wälzen würde! Wie, wenn irgendeine ihrer Handlungen oder sein Vater auch nur entfernt die grauen Häupter der beiden Brüder so tief gebeugt! Ein Gedanke fuhr ihm blitzschnell durch den Sinn. Konnte seine Mutter nicht in der langen Gefangenschaft des Marschallgefängnisses und in ihrer eignen langen Beschränkung auf ihr Zimmer einen offensichtlichen Ausgleich finden? »Ich gebe zu, ich war Mitschuldige an dieses Mannes Gefangenschaft. Ich habe gewissermaßen dafür gelitten. Er ist in seinem Gefängnis abgestorben; ich in dem meinen. Ich habe die Strafe bezahlt.« Als alle übrigen Gedanken in ihr Nichts sich aufgelöst, bemächtigte sich dieser seiner ganz und gar. Als er einschlief, erschien sie ihm in ihrem Rollstuhl und wehrte ihn durch diese Rechtfertigung ab. Als er erwachte und ohne Ursache erschrocken aufsprang, klangen diese Worte noch in seinen Ohren, als ob ihre Stimme an seinem Lager erklungen sei, um seine Ruhe zu stören: »Er siecht in seinem Gefängnis hin, ich in dem meinen; der unerbittlichen Gerechtigkeit ist ihr Recht geschehen; sollte die Rechnung hier noch nicht abgeschlossen sein?" Neuntes Kapitel. Mütterchen. Das Morgenlicht beeilte sich nicht sonderlich, die Gefängnismauern hinanzuklimmen und in die Fenster der Snuggery hineinzusehen; und als dies endlich geschah, wäre es weit willkommener gewesen, wenn es allein erschienen und nicht einen Regenschauer mit sich gebracht. Aber die Äquinoktialwinde stürmten draußen auf der See, und der unparteiische Südwestwind wollte auf seinem Flug selbst das enge Marschallgefängnis nicht versäumen. Während er durch die Türme von St. George brauste und durch alle Schirmkappen in der Nachbarschaft blies, trieb er plötzlich mit einem Stoß den Rauch von Southwark in den Kerker. Durch die Kamine einiger weniger Gefangener sich drängend, die bereits ihr Feuer anzündeten, hätte er diese beinahe erstickt. Arthur Clennam hätte wenig Lust gehabt, länger im Bett zu verweilen, wenn dieses auch an einer abgeschiedeneren Stelle gestanden, und er von dem Herausscharren des Feuers von gestern, dem Anzünden eines neuen unter dem Siedetopf der Gefangenen, dem Füllen dieses spartanischen Kessels an der Pumpe, dem Fegen und Mit-Sägemehl-Bestreuen des gemeinschaftlichen Zimmers und dergleichen Vorbereitungen minder gestört worden wäre. Herzlich froh, den Morgen anbrechen zu sehen, obgleich er die Nacht wenig geruht, stand er, sobald er die Dinge um sich her unterscheiden konnte, auf und schritt zwei lange Stunden, ehe das Tor geöffnet wurde, im Hofe umher. Die Mauern standen sich so nahe gerückt und die wilden Wolken eilten so rasch darüber hin, daß es ihm das Gefühl herannahender Seekrankheit gab, wenn er zum stürmischen Himmel emporblickte. Der Regen, der durch Windstöße in die Quere getrieben wurde, schwärzte die Wand des Hauptgebäudes, das er in der letzten Nacht besucht, ließ jedoch unter dem Lee der Mauer einen Raum trocken, wo er unter Stroh, Kehricht, Papierschnitzeln, dem verlorenen Getröpfel der Pumpe und den zerstreuten Gemüseabfällen von gestern auf und ab wallte. Es war ein so häßliches Lebensbild, wie man es sich nur denken kann. Kein Schimmer des kleinen Geschöpfes, das ihn hierhergeführt, erhellte dieses Nachtbild. Vielleicht schlich sie aus ihrem Torweg in den, wo ihr Vater wohnte, während sein Gesicht von beiden abgewandt war. Aber er sah nichts von ihr. Es war zu früh für ihren Bruder; wer ihn einmal gesehen, hatte genug von ihm gesehen, um zu wissen, daß er zu träg war aufzustehen, mochte sein Bett, in dem er die Nacht zubrachte, auch noch so muffig sein. So sann Arthur Clennam, während er das Öffnen des Tores erwartend auf und nieder ging, mehr auf Mittel für die Fortsetzung seiner Nachforschungen, die er in Zukunft, als die er in der nächsten Gegenwart ins Werk setzen wollte. Endlich bewegte sich die Tür des Pförtnerstübchens in den Angeln, und der Schließer, der seine Haare kämmend auf der Schwelle stand, war bereit, ihn hinauszulassen. Mit dem angenehmen Gefühl des Freiwerdens schritt er durch das Pförtnerstübchen und sah sich wieder in dem kleinen Vorhof, wo er vergangenen Abend den Bruder angeredet. Von verschiedenen Seiten kamen bereits Menschen herbei, die unschwer als die noch unbeschriebenen Boten, Ausläufer und Unterhändler des Gefängnisses zu erkennen waren. Einige von ihnen hatten in dem Regen gelungert, bis das Tor sich öffnete. Andere, die ihre Ankunft mit größter Genauigkeit berechnet, waren nun gerade im Anzug und gingen mit feuchten, weißlich braunen Papiertüten vom Gewürzkrämer, Brotlaiben, Stücken Butter, Eiern, Milch und dergleichen in das Gefängnis. Die Lumpigkeit dieser Diener der Lumpigkeit, die Armut dieser zahlungsunfähigen Aufwärter der Zahlungsunfähigkeit war ein interessanter Anblick. Solche fadenscheinige Röcke und Hosen, solche muffige Kleider und Tücher, solche zerknüllte Hüte und Hauben, solche Stiefel und Schuhe, solche Schirme und Stöcke hatte man auf dem Trödelmarkt nie gesehen. Sie alle trugen die weggeworfenen Kleider anderer Männer und Frauen. Diese Kleider waren zusammengesetzt aus den Lappen und Stücken der Individualität anderer Leute und hatten keine eigne Existenz. Ihr Gang war der Gang einer ganz merkwürdigen Rasse. Sie hatten eine ganz eigentümliche Art, wie die Hunde um die Ecke zu schleichen, als ob sie beständig zu den Pfandleihern gingen. Wenn sie husteten, husteten sie wie Leute, die gewohnt sind, auf Türschwellen und in zugigen Gängen die Antwort auf Briefe zu erwarten, die mit blasser Tinte geschrieben sind und den Empfängern große geistige Unruhe bereiten und wenig Befriedigung gewähren. Wenn sie den Fremden im Vorübergehen betrachteten, betrachteten sie ihn mit bittenden Augen – hungrig, scharf, auf seine Güte spekulierend, als wenn sie auf ihn angewiesen wären, und auf die Wahrscheinlichkeit, daß etwas Schönes ihrer warte. Die Bettelei aus Auftrag bückte sich in ihren hohen Schultern, schlenkerte in ihren unsteten Beinen, knöpfte, band, stopfte und schleppte ihre Kleider, rieb ihre Knopflöcher ab, hing in kleinen schmutzigen Bandenden aus ihrem Anzug hervor und drang in Atem, der nach Alkohol roch, aus ihrem Munde. Als diese Leute an ihm vorübergingen, während er noch in dem Vorhof stand, und einer von ihnen zurückkehrte, um ihn zu fragen, ob er ihm nicht zu Dienst sein könne, kam Arthur auf den Gedanken, er wolle noch einmal mit Dorrit sprechen, ehe er wegging. Sie würde sich wohl von ihrer ersten Überraschung erholt haben und sich ihm gegenüber unbefangener fühlen. Er fragte dies Glied der Brüderschaft (das zwei Bücklinge in der Hand und ein Brot und eine Stiefelbürste unter dem Arm trug), wo man in der Nähe eine Tasse Kaffee bekommen könne. Der Unbeschriebene antwortete in ermutigenden Worten und brachte ihn nach einer Kaffeewirtschaft, die nur einen Steinwurf entfernt war. »Kennt Ihr Miß Dorrit?« fragte der neue Klient. Der Unbeschriebene kannte zwei Miß Dorrit; eine, die im Gefängnis geboren worden – das war sie! Das war sie! Der Unbeschriebene kannte sie seit vielen Jahren. Was die andre Miß Dorrit betraf, so wohnte der Unbeschriebene in demselben Hause mit ihr und ihrem Oheim. Dies änderte den beinahe gefaßten Entschluß des Klienten, in der Kaffeewirtschaft zu bleiben, bis der Unbeschriebene ihm melde, daß Dorrit nach der Straße herauskomme. Er betraute den Unbeschriebenen mit einer vertraulichen Botschaft des Inhalts an sie, daß der Fremde, der vergangenen Abend ihrem Vater einen Besuch abgestattet hatte, um die Gunst einiger Worte in ihres Onkels Wohnung bitte. Er erhielt von derselben Quelle die genaueste Auskunft über die Lage des Hauses, das sehr nahe war, entließ den Unbeschriebenen mit dem Geschenk einer halben Krone und eilte, nachdem er sich rasch in der Kaffeewirtschaft erfrischt, nach der Wohnung des Klarinettisten. Es wohnten so viele Leute in dem Hause, daß der Türpfosten so voll von Glockengriffen schien, wie die Kathedralorgel von Registern. Ungewiß, welches das Klarinettregister sei, war er noch in Erwägung dieser Frage begriffen, als ein Federball aus dem Parterrezimmer flog und ihm den Hut vom Kopf warf. Er bemerkte dann, daß an dem Parterrefenster ein Schirm mit der Aufschrift war: Mr. Cripples' Akademie ; und in einer zweiten Linie stand: Abendunterricht . Hinter dem Fensterschirm befand sich ein kleiner blasser Knabe mit einer Butterbrotschnitte und einer Kinderfibel. Das Fenster war vom Fußweg aus erreichbar; er sah über den Fensterschirm, warf den Federball wieder hinein und stellte seine Frage. »Dorrit?« sagte der kleine blasse Knabe (Master Cripples selbst). »Mr. Dorrit? Dritte Glocke und einmal klopfen.« Die Zöglinge von Mr. Cripples schienen ein Diktatheft aus der Straßentür gemacht zu haben, so war sie über und über mit Bleistift beschmiert. Die zahlreichen Inschriften »der alte Dorrit« und »der schmutzige Dick« schienen Persönlichkeiten für die Zöglinge Mr. Cripples' zu sein. Es war reichlich Zeit zu diesen Beobachtungen, ehe die Tür von dem alten Manne selbst geöffnet wurde. »Ach«, sagte er, sich sehr langsam auf Arthur besinnend, »Sie wurden vergangene Nacht eingeschlossen?« »Ja, Mr. Dorrit. Ich hoffe, Ihre Nichte hier bei Ihnen sprechen zu können.« »Oh!« sagte er nachdenkend. »Nicht bei meinem Bruder? Gut. Wollen Sie heraufkommen und auf sie warten?« »Ich danke.« So langsam sich umwendend, wie er alles in seinem Kopfe bewegte, was er hörte und sagte, führte er den Fremden die schmalen Treppen hinauf. Das Haus war sehr verschlossen und hatte einen dumpfigen Geruch. Die kleinen Treppenfenster sahen in die hinteren Fenster der andern ebenso dumpfigen Häuser, an denen Stangen und Stricke befestigt waren, worauf traurig aussehendes Linnen hing, als wenn die Bewohner nach Kleidern angelten und hätten einige elende Köder gehabt, die man kaum beachtet. In einer hinteren Bodenkammer – einem ungesunden Gemach mit einem Umschlagbett, das kaum erst und so in der Eile umgeschlagen sein mußte, daß die Pfühle noch hervorquollen und sozusagen das Augenlid offenzuhalten schienen – in diesem Gemach stand ein, halbbeendigtes Frühstück von Kaffee und gerösteten Brotschnitten für zwei Personen auf einem elenden Tische unordentlich durcheinander. Es war niemand da. Der alte Mann, der nach einigem Bedenken vor sich hinmurmelte, daß Fanny davongelaufen, ging nach dem nächsten Zimmer, um sie zurückzuholen. Der Fremde, der bemerkte, daß sie die Tür von innen festhielt, und daß, als der Onkel sie aufzuziehen suchte, ihn jemand laut beschwor: »Laßt doch gehen!« während schlaffe Strümpfe und Flanellröcke umherlagen, schloß, daß das junge Mädchen im Negligé sei. Der Onkel, der keinen Schluß zu ziehen schien, schlürfte wieder herbei, setzte sich auf seinen Stuhl und begann die Hände an dem Feuer zu wärmen. Nicht daß es kalt gewesen oder daß er eine dunkle Vorstellung von Wärme und Kälte in diesem Augenblick gehabt – er tat es unbewußt. »Was dachten Sie von meinem Bruder, Sir?« fragte er, als er nach und nach entdeckte, was er tat, die Hände zurückzog, nach dem Kaminmantel langte und seine Klarinettkapsel herunterholte. »Ich freute mich«, sagte Arthur sehr verlegen; denn seine Gedanken waren bei dem Bruder, der vor ihm saß, »ich freute mich, ihn so wohl und heiter zu finden.« »Ha!« murmelte der alte Mann. »Ja, ja, ja, ja, ja!"« Arthur war begierig zu erfahren, wozu er die Klarinettkapsel brauche. Er brauchte sie aber durchaus nicht. Er entdeckte bald, daß es nicht die kleine Papiertüte mit Schnupftabak war (die gleichfalls auf dem Kamin lag), legte sie wieder an ihre Stelle, nahm den Schnupftabak dafür und tröstete sich mit einer Prise. Er war so schwach, sparsam und langsam in seinen Prisen wie in allem andern, aber ein gewisses leichtes Zucken des Genusses spielte um die armen ausgemergelten Nerven in den Winkeln seiner Augen und seines Mundes. »Amy, Mr. Clennam. Was halten Sie von ihr?« »Alles, was ich von ihr gesehen und über sie gedacht, Mr. Dorrit, hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.« »Mein Bruder wäre ohne Amy ganz verloren gewesen«, versetzte er. »Wir wären alle ohne Amy verloren gewesen. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, die Amy. Sie tut ihre Pflicht." Arthur glaubte, wie am Abend vorher bei dem Vater, aus diesen Lobeserhebungen den Ton der Gewohnheit herauszuhören, während im Innern der Lobenden ein gewisses widerstrebendes Gefühl vorzuherrschen schien. Nicht daß sie ihrem Lob Abbruch getan oder gefühllos für das gewesen, was sie ihnen tat; aber sie waren beinahe bis zur Gleichgültigkeit an sie gewöhnt wie an alles übrige in ihrer Lage. Er glaubte, daß, obgleich sie tagtäglich den Vergleich zwischen ihr und einer andern und sich selbst anzustellen Gelegenheit hatten, sie sie doch als ein Wesen betrachteten, das eben einfach an ihrem notwendigen Platz stünde und eine Stellung zu ihnen allen einnehme, die ihr zu eigen sei wie ihr Name oder ihr Alter. Er glaubte, daß sie sie nicht als ein Geschöpf betrachteten, das über die Gefängnisatmosphäre erhaben sei, sondern als ein solches, das mitten darein gehöre, kurz als das, was sie von ihr erwarten konnten und nicht mehr. Ihr Onkel nahm sein Frühstück wieder auf und kaute geröstetes Brot, das er in den Kaffee tauchte; er hatte seinen Gast längst vergessen, als man die dritte Glocke läuten hörte. Das sei Amy, sagte er, und ging hinab, um ihr aufzuschließen, während der Fremde noch immer das Bild seiner schmutzigen Hände, seines schmutzigen und abgezehrten Gesichtes, seiner gebeugten Gestalt vor sich zu haben glaubte, als säße er leibhaftig auf dem eben verlassenen Stuhle. Sie kam hinter ihm die Treppe herauf, in dem gewöhnlichen einfachen Kleide und mit der gewöhnlichen schüchternen Haltung. Ihre Lippen waren etwas geöffnet, als ob ihr Herz heftiger denn sonst pochte. »Amy«, sagte ihr Onkel, »Mr. Clennam hat einige Zeit auf dich gewartet.« »Ich nahm mir die Freiheit, Ihnen etwas bestellen zu lassen.« »Es wurde mir ausgerichtet, Sir.« »Gehen Sie diesen Morgen zu meiner Mutter? Ich denke nicht; denn Ihre gewöhnliche Stunde ist vorbei.« »Heute nicht, Sir. Man braucht mich heute nicht.« »Wollen Sie mir gestatten. Sie einen Teil des Weges zu begleiten, wohin Sie auch gehen mögen? Ich kann dann während des Gehens mit Ihnen sprechen und brauche Sie auf solche Weise nicht hier aufzuhalten und mich selbst nicht länger hier aufzudrängen.« Sie schien verlegen, sagte jedoch, wenn es ihm beliebe, so sei sie bereit. Er tat, als ob er seinen Spazierstock verlegt habe, um ihr Zeit zu lassen, die Bettstelle in Ordnung zu bringen, dem ungeduldigen Pochen der Schwester an der Wand zu antworten und ihrem Onkel etwas leise zu sagen. Dann fand er den Stock, und sie gingen die Treppe hinab; sie voraus, er hintendrein, während der Onkel auf der obersten Stufe stand und sie wahrscheinlich vergessen hatte, ehe sie unten angekommen waren. Mr. Cripples' Zöglinge, die inzwischen zur Schule gekommen waren, hielten in ihrer Morgenbelustigung, sich mit Büchermappen und Büchern zu schlagen, inne, um restlos hingegeben einen Fremden anzustarren, der den »schmutzigen Dick« besucht hatte. Sie ertrugen schweigend die harte Probe dieses Schauspiels, bis der geheimnisvolle Fremde in sicherer Entfernung von ihnen war: dann warfen sie mit Kieselsteinen und schrien und machten höhnische Sprünge und zerbrachen die Friedenspfeife mit so vielen wilden Zeremonien, daß, wenn Mr. Cripples der Häuptling des kriegerischen Cripplewayboostammes gewesen, sie kaum seiner Erziehung größere Gerechtigkeit hätten widerfahren lassen können. Während dieser Huldigung bot Mr. Arthur Clennam Klein-Dorrit seinen Arm an, und Klein-Dorrit nahm ihn. »Wollen Sie den Weg nach der Iron Bridge einschlagen?« sagte er, »dort entkommen wir dem Straßengeräusch.« Klein-Dorrit antwortete: »wenn's ihm gefällig sei« und fügte die Erwartung hinzu, daß er sich nicht durch Mr. Cripples' Zöglinge »kränken lassen solle«; denn sie habe selbst ihre bisherige Erziehung in Mr. Cripples' Abendschule erhalten. Er erwiderte mit der größten Bereitwilligkeit von der Welt, daß er Mr. Cripples' Jungen von ganzer Seele verzeihe. Auf solche Weise wurde Cripples unbewußt der Zeremonienmeister zwischen ihnen und brachte sie auf natürlichere Weise zusammen, als es Beau Nash gelungen wäre, wenn sie in seinen goldenen Zeiten gelebt und er selbst aus seiner Kutsche mit sechs Pferden deshalb gesprungen wäre. Der Morgen blieb stürmisch, und die Straßen waren sehr schmutzig, aber es fiel kein Regen, solange sie nach der Iron Bridge wandelten. Das kleine Geschöpf erschien ihm so jung, daß es Augenblicke gab, in denen er von ihr wie von einem Kinde dachte, wenn er sie auch im Gespräch nicht als solches behandelte. Vielleicht erschien er ihr so alt, wie sie ihm jung. »Ich habe mit Bedauern gehört, daß Sie in vergangener Nacht die Unannehmlichkeit hatten, eingeschlossen zu werden. Es war wirklich sehr fatal.« Es habe nichts zu bedeuten, antwortete er. Er habe ein sehr gutes Bett gehabt. »O ja!« sagte sie lebhaft, sie glaube, daß es vortreffliche Betten in jenem Kaffeehaus geben müsse. Es schien, daß das Kaffeehaus in ihren Augen ein majestätisches Hotel war und daß sie seinen Ruf hoch anschlug. »Ich glaube, es ist sehr teuer«, sagte Klein-Dorrit, »aber mein Vater sagte mir, daß man dort vortreffliche Diners mache, und der Wein erst«, fügte sie schüchtern hinzu. »Waren Sie jemals dort?« »O nein! Nur in der Küche, um heißes Wasser zu holen.« Man denke sich, daß man mit einer Art heiliger Scheu vor dem Luxus dieses glänzenden Etablissements, des Marschallgefängnishotels, aufwachsen kann! »Ich fragte Sie gestern abend«, sagte Clennam, »wie Sie mit meiner Mutter bekannt wurden? Haben Sie je ihren Namen gehört, ehe sie nach Ihnen schickte?« »Nein, Sir.« »Glauben Sie, daß Ihr Vater ihn kannte?« »Nein, Sir.« Er begegnete ihren Augen, die mit so viel Verwunderung zu ihm erhoben waren (sie erschrak bei dieser Begegnung und blickte auf die Seite), daß er es für notwendig hielt, zu sagen: »Ich habe einen Grund zu dieser Frage, den ich Ihnen nicht gut auseinandersetzen kann. Aber Sie dürfen ihn durchaus nicht für etwas ansehen, das Ihnen im mindesten Unruhe oder Angst einflößen könnte. Im Gegenteil. Und Sie glauben, daß der Name Clennam Ihrem Vater niemals bekannt gewesen?« »Nein, Sir.« Er fühlte an dem Ton, in dem sie sprach, daß sie mit halb geöffneten Lippen zu ihm aufsah. Deshalb blickte er vor sich hin, um ihr Herz durch eine neue Verlegenheit nicht noch heftiger schlagen zu machen. So kamen sie nach Iron Bridge, die nach dem Geräusch der Straßen ihnen so ruhig und still erschien, als ob es das offne Feld wäre. Der Wind blies heftig, die nassen Windstöße stoben an ihnen vorüber, daß die Pfützen auf Straßen und Pflaster schäumten und nach dem Fluß hinuntergetrieben wurden. Die Wolken stürmten in wildem Ungestüm an dem bleifarbigen Himmel hin, Rauch und Nebel jagten ihnen nach, und der dunkle Strom wälzte sich mit dumpfem Rauschen in derselben Richtung fort. Klein-Dorrit schien das letzte, stillste und schwächste Geschöpf des Himmels. »Lassen Sie mich einen Wagen für Sie holen«, sagte Arthur und fügte rasch: »Mein armes Kind« hinzu. Sie lehnte es ebenso rasch ab und sagte, daß ihr trocken oder naß ziemlich gleichgültig sei. Sie sei gewöhnt, bei jeglichem Wetter auszugehen. Er wußte, daß dem so war, und fühlte noch größeres Mitleid, wenn er an das schwächliche Wesen an seiner Seite dachte, das seinen nächtlichen Weg durch die dumpfen, finstern, unruhigen Straßen nach jenem stillen Ort machte. »Sie sprachen so gefühlvoll gestern abend mit mir, Sir, und ich fand später, daß Sie so freigebig gegen meinen Vater gewesen, daß ich Ihrer Aufforderung Folge leisten mußte, wenn auch nur, um Ihnen zu danken; namentlich, da ich sehr wünschte, Ihnen zu sagen« – sie zögerte und zitterte, und Tränen traten in ihre Augen, flossen jedoch nicht über ihre Wangen. »Mir zu sagen?« »Daß ich hoffe, Sie werden meinen Vater nicht mißverstehen. Beurteilen Sie ihn nicht mit dem Maßstab, mit dem Sie andere Menschen außerhalb des Gefängnisses beurteilen würden. Er war so lange darinnen! Ich sah ihn niemals hier außen, aber ich kann wohl begreifen, daß er in manchen Dingen sich sehr verändert haben muß.« »Ich werde nie ungerecht oder streng über ihn denken, glauben Sie mir.« »Nicht«, sagte sie mit einer stolzen Miene, da die Besorgnis in ihr aufstieg, sie möchte ihn preiszugeben scheinen, »nicht, daß er in irgendeiner Beziehung zu erröten hätte oder daß ich seinetwegen irgendwie erröten müßte. Er muß nur verstanden werden. Ich fordere bloß, daß man sein Leben genau berücksichtigt. Alles, was er sagte, ist vollkommen wahr. Es ist alles geschehen, wie er erzählte. Er ist sehr geachtet und geehrt. Jedermann, der hineinkommt, freut sich, ihn kennenzulernen. Es wird ihm mehr gehuldigt als irgend sonst jemandem. Man nimmt weit mehr Rücksicht auf ihn als auf den Marschall.« Wenn je ein Stolz unschuldig war, so war es der Klein-Dorrits, als sie für ihren Vater in die Lobposaune stieß. »Man hat häufig gesagt, daß sein Benehmen das eines echten Gentlemans und daß er ein wirkliches Vorbild sei. Ich kenne nichts Ähnliches an jenem Ort, aber man gibt auch seine Überlegenheit über alle zu. Dies ist ebensosehr der Grund, weshalb sie ihm Geschenke machen, wie weil sie wissen, daß er ihrer bedürftig ist. Man darf ihn wegen seiner Dürftigkeit nicht tadeln, den guten Vater. Wer wäre ein Vierteljahrhundert im Gefängnis und lebte noch in guten Vermögensverhältnissen!« Welche Liebe in ihren Worten, welches Mitleid in ihren unterdrückten Tränen, welche treue Seele, wie wahr das Licht, das eine falsche Helle um sich verbreitete! »Wenn ich es für gut fand zu verheimlichen, wo ich wohne, so geschah es nicht, weil ich mich seiner schäme. Gott verhüte es! Auch schäme ich mich des Gefängnisses nicht so sehr, wie man vielleicht vermutet. Die Leute sind nicht schlecht, weil sie dorthin kommen. Ich kannte viele vortreffliche, zuverlässige, ehrenwerte Menschen, die durch Unglück dahin kamen. Sie sind beinahe alle gutherzig gegeneinander. Und es wäre wirklich undankbar von mir, wenn ich vergessen wollte, daß ich manche ruhige, angenehme Stunde dort hatte; daß ich einen ausgezeichneten Freund dort besaß, als ich noch ein kleines Kind war, der mich innig liebte, daß ich dort erzogen wurde und dort arbeitete und eines gesunden Schlafes mich dort erfreute. Ich würde es beinahe für feig und grausam halten, wenn ich nach alledem nicht ein wenig Anhänglichkeit an jene Räume hätte.« Sie hatte die Fülle ihres redlichen Herzens vor ihm ausgeschüttet und fühlte sich dadurch erleichtert. Bescheiden fuhr sie fort und sah ihn fragend an: »Ich wollte nicht soviel sagen; auch habe ich diese Sache nie zuvor noch berührt. Aber es scheint mir, sie in ein besseres Licht zu stellen, als es dies verflossenen Abend der Fall war. Ich sagte, ich wünschte, Sie wären mir nicht gefolgt, Sir. Ich wünsche dies jetzt nicht mehr in dem Maße, wenn Sie nicht etwa denken sollten – wahrhaftig, ich wünsche es gar nicht mehr, wenn ich nicht etwa so verwirrt gesprochen haben sollte, daß – daß Sie mich kaum verstehen konnten, was, wie ich fürchte, wirklich der Fall war.« Er sagte ihr, wie es die Wahrheit war, daß dies nicht der Fall; und sich zwischen sie und den scharfen Wind und Regen stellend, schützte er sie, so gut es ging. »Ich glaube, daß es mir nun gestattet ist«, sagte er, »Sie etwas mehr über die Verhältnisse Ihres Vaters zu befragen. Hat er viele Gläubiger?« »Ach! leider sehr viele!« »Ich meine solche Gläubiger, die ihn an dem Ort festhalten, wo er ist.« »O ja, sehr viele.« »Können Sie mir sagen – ich kann zweifelsohne anderwärts darüber Nachrichten einziehen, wenn Sie sie mir nicht zu geben imstande sind –, wer ist der einflußreichste von ihnen?« Dorrit sagte, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht, daß sie vor langer Zeit häufig von Mr. Tite Barnacle als einem Mann von großer Macht habe sprechen hören. Er sei Kommissar, Ratsherr, Kurator oder »etwas der Art«. Er wohne auf dem Grosvenorplatz, glaube sie, oder dort in der Nähe. Er sei bei der Regierung – habe eine hohe Stellung bei dem Circumlocution Office. Sie schien in ihrer Kindheit einen unheimlichen Eindruck von der Macht dieses furchtbaren Mr. Tite Barnarle vom Grosvenorplatz oder dort in der Nähe und dem Circumlocution Office empfangen zu haben, daß es sie schauerte, wenn sie davon sprach. »Ich begehe kein Unrecht«, dachte Arthur, »wenn ich mir diesen Mr. Tite Barnacle ansehe.« Dieser Gedanke war nicht sobald in ihm aufgestiegen, als sie ihn auch schon wieder abschnitt. »Ach!« sagte Klein-Dorrit, den Kopf schüttelnd mit der milden Verzweiflung eines langen traurigen Lebens. »Schon viele Leute hatten die Absicht, meinen armen Vater aus dem Gefängnis zu befreien, aber Sie wissen nicht, wie hoffnungslos dieser Wunsch ist.« Sie verlor in diesem Augenblick ihre Schüchternheit, da sie ihn von dem gesunkenen Wrack wegriß, das er wieder emporzuraffen sich träumen ließ, und sah ihn mit Augen an, die ihn in Verbindung mit ihrem geduldigen Gesicht, ihrer schwächlichen Gestalt, ihrem dürftigen Gewand und dem Wind und Regen sicher nicht von seinem Vorsatz, ihr zu helfen, abbrachten. »Selbst wenn es möglich wäre«, sagte sie, »und es ist jetzt nie mehr möglich – wo sollte Vater wohnen oder wie könnte er leben? Ich habe oft daran gedacht, wenn ein solcher Glücksfall einträte, es würde ihm nichts weniger als nützlich sein. Die Leute hier draußen würden nicht so gut von ihm denken, wie sie es dort tun. Er würde hier nicht so freundlich behandelt werden wie dort. Er wäre nicht so geschaffen für das Leben außerhalb des Gefängnisses, wie für das innerhalb der vier Mauern.« Hier konnte sie zum ersten Male nicht hindern, daß ihr die Tränen über die Wangen rollten, und die kleinen zarten Hände, die er beobachtet, als sie so geschäftig waren, zitterten, während sie sich falteten. »Es wäre ein neuer Kummer für ihn, wenn er wüßte, daß ich etwas Geld erwerbe und daß Fanny etwas Geld erwirbt. Er ist so besorgt um uns, da er sich hilflos eingeschlossen fühlt. Ein guter, guter Vater!« Er ließ diesen kleinen Gefühlsstrom sich etwas verlaufen, ehe er sprach. Es war bald vorüber. Sie war nicht gewöhnt, an sich zu denken oder irgend jemanden mit ihren Gemütsbewegungen zu belästigen. Er hatte sich nur die Masse der Dächer und Kamine der City betrachtet, zwischen denen sich der Rauch langsam hinzog, und den Wald von Masten auf dem Strom und die Wildnis von Türmen am Ufer, die sich bei dem Sturm und Nebel nur in unklaren Umrissen vor seinen Blicken zeigten, bis sie wieder so ruhig war, als wenn sie in seiner Mutter Zimmer mit der Nadel hantierte. »Sie würden wohl froh sein, wenn Sie Ihren Bruder in Freiheit sähen?« »Sehr froh, Sir, sehr froh.« »Gut, so wollen wir wenigstens für ihn hoffen. Sie sagten mir verflossene Nacht von einem Freunde, den Sie besessen?« Sein Name sei Plornish, sagte Klein-Dorrit. Und wo wohnt Plornish? Plornish wohne in Bleeding Heart Yard. Er sei »nur ein Gipser«, sagte Klein-Dorrit, aus Vorsicht, damit er nicht zu große gesellschaftliche Erwartungen von Plornish hege. Er wohne in dem letzten Haus in Bleeding Heart Yard und sein Name stehe über einem kleinen Torweg. Arthur schrieb sich die Adresse auf und gab ihr die seine. Er hatte jetzt alles getan, was er für den Augenblick tun wollte. Nur wünschte er ihr ein Gefühl des Vertrauens zu ihm auf den Weg zu geben und ihr etwas wie ein Versprechen abzulocken, daß sie dieses Gefühl in sich lebendig erhalte. »Das ist ein Freund!« sagte er und steckte die Brieftasche ein. »Während ich Sie nun zurückbringe – Sie gehen doch zurück?« »O ja! ich gehe direkt nach Hause!« »Während ich Sie zurückbringe«, das Wort nach Hause widerstrebte ihm, »darf ich Sie bitten, überzeugt zu sein, daß Sie noch einen Freund haben. Ich mache keine Bekenntnisse und sage nicht mehr.« »Sie sind wirklich sehr gütig gegen mich. Ich brauche keinen weiteren Beweis.« Sie gingen durch die elenden schmutzigen Straßen und zwischen den armen, geringen Läden zurück und wurden jeden Augenblick von der Menge schmutziger Trödler gestoßen, die sich stets in einer ähnlichen Umgebung finden. Auf dem kurzen Weg war wirklich nichts, was einem der fünf Sinne angenehm gewesen. Aber es war doch kein gewöhnlicher Gang durch gewöhnlichen Regen, Schmutz und Lärm für Clennam, da er dieses kleine, schwache, schüchterne Geschöpf an seinem Arme führte. Wie jung sie ihm oder wie alt er ihr erschien, oder welches Geheimnis den Knoten ihrer nach Schicksalsschluß sich künftig durchkreuzenden Lebensgeschichte schürzte, ist hier gleichgültig. Es trat ihm in diesem Augenblick vor die Seele, wie sie in dieser Umgebung geboren und auferzogen worden, mit dieser schmutzigen Lebensnotdurft vertraut und doch so unschuldig sei, und wie sie stets für andre besorgt war, während sie noch so jung und ihr ganzes Wesen einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Sie waren nach der High Street gekommen, wo das Gefängnis stand, als eine Stimme: »Mütterchen! Mütterchen!« rief. Als Dorrit stehenblieb und sich umsah, sprang eine seltsame Erscheinung in so großer Aufregung auf sie zu (immer noch »Mütterchen« rufend), daß sie zu Boden stürzte und der Inhalt eines großen mit Gemüsen gefüllten Korbes in den Staub fiel. »O Maggy«, sagte Dorrit, »was bist du für ein ungeschicktes Kind!« Maggy hatte sich nicht weh getan. Sie stand rasch wieder auf und begann die Kartoffeln zusammenzulesen, wobei ihr Dorrit und Arthur Clennam halfen. Maggy las sehr wenig Kartoffeln, aber um so mehr Schmutz auf; aber es wurde alles gerettet und wieder in den Korb gelegt. Maggy wischte dann ihr schmutziges Gesicht mit ihrem Schal ab und zeigte es Mr. Clennam als ein Bild der Reinheit, wodurch er in den Stand gesetzt war, zu sehen, wes Geistes Kind sie sei. Sie zählte ungefähr achtundzwanzig Jahre, hatte starke Knochen, grobe Gesichtszüge, breite Füße und Hände, große Augen und kein Haar. Diese ihre großen Augen waren hell und beinahe farblos; sie schienen wenig Licht in sich aufzunehmen und unnatürlich stillzustehen. Ihr Gesicht hatte den aufmerksam lauernden Ausdruck, den man in den Gesichtern der Blinden findet. Aber sie war nicht blind; denn sie besaß ein ziemlich brauchbares Auge. Ihr Gesicht war nicht ausnehmend häßlich, obgleich nur ein Lächeln daran schuld, daß dies nicht der Fall; ein gutmütiges und an und für sich angenehmes Lächeln, das jedoch Mitleid erregte, weil es immer da war. Eine große weite Haube mit einer Menge undurchsichtiger Krausen, die immer drum herumflatterten, waren die Ehrenretter von Maggys Kahlköpfigkeit und machten es ihrem alten schwarzen Hut so schwer, seinen Platz auf ihrem Kopfe zu behaupten, daß er sich um den Hals festklammerte wie das Kind einer Zigeunerin. Eine Kommission von Kurzwarenhändlern konnte allein entscheiden, woraus der Rest ihrer dürftigen Bekleidung gemacht war; aber das Ganze hatte eine große Ähnlichkeit mit Meergras und da und dort mit einem riesigen Teeblatt. Ihr Schal sah besonders wie ein Teeblatt nach oftmaligem Aufguß aus. Arthur Clennam sah Dorrit mit dem Ausdruck an, als wollte er sagen: »Darf ich fragen, wer ist das?« Dorrit, deren Hand diese Maggy, die sie noch immer Mütterchen nannte, zu streicheln begonnen, antwortete (sie standen unter einem Torweg, in den der größere Teil der Kartoffeln gerollt war): »Das ist Maggy, Sir.« »Maggy, Sir«, wiederholte die Vorgestellte. »Mütterchen!« »Sie ist die Enkelin« – sagte Dorrit. »Enkelin«, wiederholte Maggy. »– meiner alten Wärterin, die schon lange tot ist. Maggy, wie alt bist du?« »Zehn, Mutter«, sagte Maggy. »Sie können sich nicht denken, wie gut sie ist, Sir«, sagte Dorrit mit unendlicher Zärtlichkeit. »Gut sie ist«, wiederholte Maggy, das Fürwort in ungemein ausdrucksvoller Weise von sich auf ihre kleine Mutter übertragend. »Und wie geschickt«, sagte Dorrit. »Sie besorgt alles aufs beste.« Maggy lachte. »Und ist so zuverlässig wie die Bank von England.« Maggy lachte. »Sie erwirbt sich ihren Lebensunterhalt ganz allein. Ganz allein, Sir!« sagte Dorrit in leiserem und triumphierendem Tone. »Wirklich, die reine Wahrheit!« »Was ist ihre Lebensgeschichte?« fragte Clennam. »Denke dir, Maggy!« sagte Dorrit, nahm ihre beiden großen Hände und klatschte sie zusammen. »Ein Gentleman, der viele tausend Meilen weit herkommt, will deine Geschichte wissen!« » Meine Geschichte?« rief Maggy. »Mütterchen.« »Sie meint mich«, sagte Dorrit etwas verlegen; »sie ist sehr anhänglich an mich. Ihre alte Großmutter war nicht so freundlich gegen sie, wie sie hätte sein sollen; nicht wahr, Maggy?« Maggy schüttelte den Kopf, machte ein Trinkgefäß aus ihrer Hand, trank daraus und sagte: »Branntwein.« Dann schlug sie ein eingebildetes Kind und sagte: »Besenstiele und Schürhaken.« »Als Maggy zehn Jahre alt war«, sagte Dorrit, ihr ins Gesicht sehend, während sie sprach, »hatte sie ein böses Fieber, Sir, und sie ist seitdem nicht älter geworden.« »Zehn Jahre alt«, sagte Maggy und nickte mit dem Kopf. »Aber was für ein hübsches Krankenhaus! So angenehm, nicht wahr? Oh, es war so schön. Ein himmlischer Ort.« »Sie hatte nie zuvor Ruhe gehabt, Sir«, sagte Dorrit und wandte sich, leise sprechend, einen Augenblick zu Arthur hin. »Sie kommt immer wieder darauf zurück.« »So gute Betten gibt es dort!« sagte Maggy. »So gute Limonade! Apfelsinen! Köstliche Brühe und Wein! Und vortreffliche Hühner! Oh, ist das nicht ein angenehmer Aufenthalt, wo man gern ist und bleibt?« »Maggy blieb wirklich so lange dort, wie sie konnte«, sagte Dorrit in ihrem früheren Ton, mit dem sie die Geschichte eines Kindes erzählt hatte, dem Ton, der für Maggys Ohr berechnet war; »und zuletzt, als sie nicht länger dort bleiben konnte, kam sie heraus. Und weil sie nicht mehr als zehn Jahre alt werden sollte, wie lange sie auch lebte –« »Wie lange sie auch lebte«, wiederholte Maggy. »– und weil sie sehr schwach war, ja wirklich, so schwach, daß wenn sie zu lachen begann, sie nicht aufhören konnte – was sehr traurig anzusehen war –« (Maggy wurde plötzlich sehr ernst.) »– wußte ihre Großmutter nicht, was mit ihr anzufangen, und ging einige Jahre lang sehr schlecht mit ihr um. Endlich im Verlauf der Zeit suchte Maggy sich zu vervollkommnen und auf alles aufmerksam und recht fleißig zu sein. Nach und nach wurde ihr gestattet, so oft hier aus und ein zu gehen, wie ihr beliebte, und sie bekam genug zu tun, um sich ihren Lebensunterhalt dadurch zu erwerben, und dazu ist sie nun auch wirklich imstande. Das«, sagte Klein-Dorrit die beiden großen Hände wieder zusammenschlagend, »ist Maggys Geschichte, wie sie Maggy weiß!« Ach! Arthur hätte so gern gewußt, was zu ihrer Vervollständigung fehlte, auch wenn er nie das Wort Mütterchen gehört, auch wenn er das Liebkosen der kleinen schmalen Hand nie gesehen, auch wenn er keinen Blick für die Tränen hatte, die jetzt in den farblosen Augen standen, auch wenn er den Seufzer nicht hörte, der das plumpe Lachen unterbrach. Der schmutzige Torweg, durch den der Wind und Regen fegte, mit dem Korb voll schmutziger Kartoffeln, der auf das Umwerfen oder Aufnehmen wartete, schien ihm nicht mehr die gewöhnliche Höhle zu sein, die er wirklich war, wenn er sich bei dieser Beleuchtung nach ihm umsah. Nein, nein! Sie hatten das Ziel ihres Weges beinahe erreicht und traten jetzt aus dem Torweg, um die letzte Strecke zurückzulegen. Maggy ließ es nicht anders zu, als daß sie am Fenster eines Krämers kurz vor ihrem Bestimmungsort hielten, damit sie ihre Gelehrsamkeit zeigen könne. Sie konnte ziemlich gut lesen und hob die fetten Zahlen in den Preislisten zum größten Teil korrekt heraus. Sie stolperte auch, ihre Fehltritte mit ziemlichem Glück aufwiegend, durch die verschiedenen menschenfreundlichen Empfehlungen wie: »Versucht unsre Mischung«, »Versucht unsre Stiefelwichse«, »Versucht unsern orangenduftenden Peko, der als der beste Blütentee jeden Vergleich aushält« und verschiedene Warnungen des Publikums gegen betrügerische Konkurrenzunternehmungen und gefälschte Artikel. Als er sah, wie Dorrits Gesicht eine freudige Röte überflog, wenn Maggy einen Treffer machte, fühlte er, daß er des Krämers Fenster gern in eine Büchersammlung verwandelt hätte, bis der Regen und Wind vorüber. Der Vorhof empfing sie endlich, und dort sagte er Klein-Dorrit Lebewohl. So klein sie auch immer schon aussah, in dem Augenblick, als er sie in das Pförtnerstübchen des Marschallgefängnisses eintreten sah, erschien ihm das Mütterchen, dem das aufgedunsene Kind zur Seite ging, noch kleiner. Die Tür des Käfigs öffnete sich, und als der kleine in der Gefangenschaft aufgewachsene Vogel zahm hineingeflattert war, sah er sie sich wieder schließen. Dann ging er. Zehntes Kapitel, das die ganze Wissenschaft des Regierens enthält. Das Circumlocution Office Umschreibungs- oder Umschreibbureau – das Folgende ist eine zeitpolitische Satire. war (wie jedermann weiß, ohne daß man es sagt) das wichtigste Departement der Regierung. Kein öffentliches Geschäft irgendwelcher Art konnte je erledigt werden ohne die Einwilligung des Circumlocution Office. Sein Finger war in der größten öffentlichen Pastete wie in der kleinsten öffentlichen Torte. Es war ebenso unmöglich, das offenbarste Rechte zu tun, als das offenbarste Unrecht zu vereiteln – ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Circumlocution Office. Wenn eine zweite Pulververschwörung Die bekannte Verschwörung der Katholiken Englands gegen die Regierung König Jakobs. eine halbe Stunde vor dem Anzünden des Schwefelfadens entdeckt worden wäre, hätte niemandem die Rettung des Parlaments zugestanden, bis seitens des Circumlocution Office einige zwanzig Sitzungen gehalten, ein halber Scheffel Protokolle verschrieben, mehrere Säcke amtlicher Memoranden aufgehäuft und eine Familiengruft voll unleserlicher Berichte abgefaßt worden wären. Dieses herrliche Institut kam schon frühzeitig auf, als jenes eine erhabene Prinzip, das die schwierige Kunst, ein Land zu regieren, in sich schloß, sich zuerst den Staatsmännern enthüllte. Es galt zuvorderst diese glänzende Offenbarung zu untersuchen und seinen leuchtenden Einfluß auf alles amtliche Verfahren wirken zu lassen. Was auch zu tun war, das Circumlocution Office war stets allen öffentlichen Verwaltungen in der Kunst zu entscheiden – wie man's nicht machen müsse – voran. Durch diesen feinen Kniff, durch den Takt, mit dem es solche Praxis ausführte, und durch den Geist, mit dem es immer darauf hinwirkte, hatte das Circumlocution Office alle öffentlichen Verwaltungen verdunkelt; und es galt fortan, sich auf seine Höhe zu schwingen. Es ist klar, daß, »wie man's nicht machen müsse«, das große Studium und die große Aufgabe aller öffentlichen Beamten und Staatsmänner von Fach rings um das Circumlocution Office war. Es ist klar, daß jeder neue Premier und jede neue Regierung, die ans Ruder kamen, weil sie irgend etwas als durchaus notwendig geltend gemacht, sobald sie am Ruder waren, all ihr Sinnen und Trachten darauf richteten, zu ergründen: »wie man's nicht machen müsse.« Es ist klar, daß von dem Augenblick, da eine allgemeine Wahl vorüber war, jeder Heimkehrende, der auf der Wahlbühne gewütet, weil etwas nicht geschehen, und der die Freunde des ehrenwerten Gentleman der Gegenpartei bei Strafe schwerer Verantwortung gefragt, warum es nicht getan worden, und der versicherte, daß es getan werden müsse, und der sich verbürgt, daß es getan werden solle, zu überlegen begann, »wie man's nicht machen könne.« Es ist klar, daß die Debatten der beiden Parlamentshäuser die ganze Sitzung hindurch gleichmäßig und weitläufig den einen Punkt verhandelten: »wie man's nicht machen müsse.« Es ist klar, daß die Thronrede bei der Eröffnung einer solchen Sitzung im wesentlichen nichts anderes sagt als: Meine Lords und Gentlemen, Sie haben eine bedeutende Arbeit vor sich, und Sie werden sich gefälligst in Ihre respektiven Häuser zurückziehen und beraten: »wie man's nicht machen müsse.« Es ist klar, daß die Thronrede am Schlusse einer solchen Session nichts anderes sagen will als: Meine Lords und Gentlemen, Sie haben während mehrerer angestrengter Monate mit großer Hingebung und großem Patriotismus in Betracht gezogen: »wie man's nicht machen müsse«, und es ist Ihnen gelungen, dies herauszufinden, und mit dem Segen der Vorsehung, der über der Ernte (der agrarischen, nicht der politischen) ruht, entlasse ich Sie. All dies ist natürlich klar, aber das Circumlocution Office ging noch weiter. Weil das Circumlocution Office sich mechanisch drehte und jahraus, jahrein dieses wunderbare, alles vermögende Rad der Staatskunst: »wie man's nicht machen müsse« in Bewegung erhielt. Weil das Circumlocution Office hinter jedem schlecht unterrichteten öffentlichen Diener her war, der etwas tun wollte oder der durch irgendeinen überraschenden Zufall in entfernter Gefahr war, etwas tun zu wollen, weil es, wie gesagt, hinter ihm mit einem Protokoll, einem Memorandum oder Verhaftungsbefehl her war, die ihn vernichteten. Es herrschte in dem Circumlocution Office der Geist nationaler Kraft, der nach und nach dazu führte, daß es überall seine Hände im Spiel hatte. Mechaniker, Naturphilosophen, Soldaten, Matrosen, Bittsteller, Leute mit Beschwerden, Leute, die Beschwerden zuvorkommen wollten, Leute, die Beschwerden abhelfen wollten, Makler und Leute, die durch Makler übernommen worden, Leute, die den ihren Verdiensten gebührenden Lohn nicht erhalten konnten, und Leute, die ihre Strafe für ihre Verschuldung nicht bekommen konnten, – alle ohne Unterschied wurden in das Propatriapapier des Circumlocution Office einregistriert. Eine Menge Menschen verlor sich in dem Circumlocution Office. Unglückliche, denen ein Ungemach widerfahren, oder die Pläne für das allgemeine Wohlsein hatten (und sie waren besser daran, wenn ihnen ein Ungemach widerfuhr, als wenn sie jenes bittre englische Rezept, um sicher eines solchen teilhaftig zu werden, nahmen), die dann im langsamen und peinlichen Verlauf der Zeit den Weg durch andre öffentliche Bureaus gemacht und die dann, wie es immer zu geschehen pflegt, in dem einen überschrien, in dem andern übervorteilt, in dem dritten mit Ausflüchten abgespeist waren, bis sie zuletzt an das Circumlocution Office gewiesen wurden und nie mehr ans Tageslicht kamen. Es wurden Sitzungen ihretwegen gehalten, Sekretäre nahmen Protokolle auf, Unterhändler plauderten für sie, Schreiber registrierten, notierten, buchten und schrieben sie ein – und damit waren sie verschwunden. Kurz, alle Angelegenheiten des Landes gingen durch das Circumlocution Office, mit Ausnahme der Angelegenheiten, die nie daraus verschwanden: und deren war Legion. Bisweilen erschienen Angriffe von aufgereizten Menschen gegen das Circumlocution Office. Bisweilen wurden im Parlament Anfragen um seinetwegen gemacht und sogar Anträge im Parlament gestellt oder damit gedroht, – freilich durch Volksfreunde von so geringer Bedeutung und so unwissenden Menschen, daß sie glauben konnten, das wirkliche Leitmotiv der Regierung sei: »wie man's machen müsse«. Dann steckte der edle Lord oder sehr ehrenwerte Gentleman, in dessen Bereich die Aufgabe fiel, das Circumlocution Office zu verteidigen, eine Orange in seine Tasche und machte einen regulären Musterungstag aus der Sache. Er trat in das »Haus«, schlug auf den Tisch und griff den ehrenwerten Gentleman an. Weiter war er der Mann, dem ehrenwerten Gentleman von Anfragenden zu sagen, daß das Circumlocution Office nicht allein keinen Tadel wegen dieser Sache verdiene, sondern aller Empfehlung gerade wegen dieser Sache wert sei, ja bis in den Himmel wegen dieser Sache gefeiert werden müsse. Er war ferner der Mann, dem ehrenwerten Gentleman zu sagen, daß, obgleich das Circumlocution Office immer und unbezweifelt recht habe, es niemals so recht gehabt wie in dieser Sache. Er war endlich der Mann, dem ehrenwerten Gentleman zu sagen, daß es ihm mehr zur Ehre gereicht, mehr sein Ansehen gefördert, mehr seinen richtigen Geschmack bewiesen, mehr seinen guten Geist an den Tag gelegt hätte, und was das Wörterbuch der Phrasen sonst noch bietet, wenn er das Circumlocution Office unangetastet gelassen und die Sache nie berührt hätte. Dann faßte er einen Wagenlenker oder Diener von dem Circumlocution Office ins Auge, der hinter der Schranke saß, und schmetterte den ehrenwerten Gentleman mit dem Bericht des Circumlocution Office über diese Sache nieder. Und wenn auch immer eines von zwei Dingen der Fall war: nämlich, daß das Circumlocution Office nichts zu sagen hatte und doch etwas sagte oder daß es etwas zu sagen hatte, wovon der edle Lord oder der sehr ehrenwerte Gentleman die eine Hälfte verwischte und die andre Hälfte vergessen hatte: das Circumlocution wurde doch stets durch eine geringfügige Majorität für unschuldig erklärt. Das Departement, von dem die Rede, war durch eine lange Karriere dieser Art eine solche Pflanzschule für Staatsmänner geworden, daß verschiedene ernste Lords in den Ruf überirdischer Wunder von Geschäftsgewandtheit kamen; bloß deshalb, weil sie an der Spitze des Circumlocution Office Übung darin bekommen: »wie man's nicht machen müsse.« Was die geringeren Priester und Trabanten dieses Tempels betraf, so war das Resultat von alledem, daß sie in zwei Klassen geschieden waren und, bis zu dem jüngsten Boten herab, entweder an das Circumlocution Office als an ein dem Himmel entstammendes Institut glaubten, das ein Recht habe, zu tun, was ihm beliebe, oder zum totalen Unglauben ihre Zuflucht nahmen und es als ein fürchterliches Übel betrachteten. Die Familie Barnacle hatte längere Zeit das Circumlocution Office verwalten helfen. Die Linie Tite Barnacle glaubte namentlich verbriefte Rechte in dieser Richtung zu haben und nahm es übel auf, wenn eine andere Familie viel darin zu sagen hatte. Die Barnacles waren eine sehr hohe und sehr große Familie. Sie waren über alle Bureaus verbreitet und hatten alle Arten von öffentlichen Stellen im Besitz. Entweder hatte die Nation große Verpflichtungen gegen die Barnacles oder hatten die Barnacles große Verpflichtungen gegen die Nation. Man konnte sich nicht entscheiden, was wirklich der Fall war: die Barnacles hatten ihre Ansicht, die Nation die ihrige. Mr. Tite Barnacle, der zu jener Zeit, von der die Rede, den Beamten an der Spitze des Circumlocution Office gewöhnlich dirigierte oder festschnallte, wenn das edle oder sehr ehrenwerte Individuum etwas unbequem im Sattel saß, weil irgendein Vagabund in einer Zeitung eine Lanze mit ihm gebrochen, war reicher an Wut als an Geld. Als ein Barnacle hatte er seine Stelle, und zwar eine ziemlich bequeme; und als ein Barnacle hatte er natürlich auch seinen Sohn Barnacle junior im Bureau untergebracht. Aber er hatte sich mit einem Zweige der Familie Stelzenfuß verschwägert, die im Punkte des Blutes gleichfalls vermögender war als im Punkte des Grundbesitzes und des beweglichen Eigentums. Aus dieser Ehe waren Barnacle junior und drei junge Damen entsprossen. Was die patrizischen Anforderungen von Barnacle junior , den drei jungen Damen, Mrs. Tite Barnacle, einer geborenen Stelzenfuß, und ihm selbst betrifft, so fand Mr. Tite Barnacle den Zeitraum zwischen Quartal und Quartal weit länger, als er hätte wünschen mögen; ein Umstand, den er stets der Sparsamkeit des Landes in die Schuhe schob. Es war die fünfte Nachfrage nach Mr. Tite Barnacle, die Mr. Arthur Clennam eines Tages auf dem Circumlocution Office machte. Er hatte den Gentleman zuvor nacheinander in einer Halle, einem Glassalon, einem Wartezimmer und einem feuerfesten Durchgang erwartet, die in dem Geschäftskreise des Bureaus zu liegen schienen. In diesem Augenblick war Mr. Barnacle nicht wie sonst mit dem edlen Wunder an der Spitze des Departements beschäftigt, er war abwesend. Barnacle junior dagegen wurde als ein geringerer, aber am Horizonte der Anstalt sichtbarer Stern angekündigt. Er gab den Wunsch zu erkennen, mit Barnacle junior zu sprechen, und fand diesen jungen Gentleman, wie er seine Waden an dem väterlichen Feuer wärmte und das Schienbein an den Kaminmantel stemmte. Es war ein komfortables Zimmer, hübsch möbliert wie ein besseres Bureau, und trug den prunkhaften Charakter des abwesenden Barnacle zur Schau. Davon zeugten der dicke Bodenteppich, das mit Leder überzogene Schreibpult, das mit Leder überzogene Stehpult, der große bequeme Stuhl und der üppige Teppich vor dem Kamin, der Feuerschirm, das aufgeschnittene Papier, die Depeschenkapseln mit kleinen Zetteln, die daraus hervorsahen wie Zettel aus Medizinflaschen oder Preiszettel an Wildbret, der vorherrschende Leder- und Mahagonigeruch und das allgemeine betrügerische Gepräge des »wie man's nicht machen müsse.« Der anwesende Barnacle, der Mr. Clennams Karte in der Hand hielt, hatte ein jugendliches Aussehen und den zartesten Anflug von Backenbart, den man vielleicht je gesehen. Sein nacktes Kinn war so schwach mit Flaum umsäumt, daß es halb flügge schien wie ein junger Vogel. Ein mitleidvoller Beobachter wäre sicher der festen Überzeugung gewesen, daß, wenn er seine Waden nicht gewärmt hätte, er sicher vor Kälte gestorben wäre. Er hatte ein vorzügliches Monokel, das an seinem Hals hing, besaß jedoch unglücklicherweise so flache Augenhöhlen und so schwache kleine Augenlider, daß es nicht festhalten wollte, wenn er es in den Augenwinkel klemmte. Daher baumelte es beständig an seinen Westenknöpfen mit einem Ticktack hin und her, was ihm sehr ärgerlich war. »Wie gesagt. Sehen Sie! mein Vater ist nicht zugegen und kommt auch heute nicht«, sagte Barnacle junior . »Kann ich Ihnen mit etwas dienen?« (Tick! Das Augenglas herunter. Barnacle junior war sehr erschrocken und tappte überall umher, konnte es aber nicht finden.) »Sie sind sehr gütig«, sagte Arthur Clennam. »Ich wünsche Mr. Barnacle selbst zu sprechen.« »Aber wie gesagt! Sehen Sie, Sie haben keine Bestellung?« sagte Barnacle junior . (Inzwischen hatte er sein Augenglas gefunden und es wieder eingeklemmt.) »Nein«, sagte Arthur Clennam. »Das ist's eben, was ich wünschte.« »Aber wie gesagt. Sehen Sie! Ist es eine öffentliche Angelegenheit?« fragte Barnacle junior . (Tick! Da hing das Augenglas wieder, und Barnacle war so ganz und gar mit Suchen beschäftigt, daß Mr. Clennam es im Augenblick für unnötig hielt, zu antworten.) »Betrifft es vielleicht«, sagte Barnacle junior , das braune Gesicht des Fremden ins Auge fassend, »Schiffszoll oder etwas Derartiges?« (Einen Augenblick auf Antwort wartend, öffnete er sein rechtes Auge mit der Hand und klemmte sein Glas so energisch hinein, daß das Wasser herauszulaufen begann.) »Nein«, sagte Arthur, »es handelt sich um keinen Schiffszoll.« »So, so. Ist es eine Privatangelegenheit?« »Ich weiß wirklich nicht genau. Es betrifft einen Mr. Dorrit.« »Sehen Sie, ich will Ihnen etwas sagen! Sie würden besser tun, wenn Sie zu Hause bei uns vorsprächen, falls Sie etwa der Weg hinführt. Nummer vierundzwanzig, Mews Street, Grosvenor Square. Mein Vater hat einen leichten Anfall von Gicht und muß deshalb das Zimmer hüten.« Der junge Barnacle, der jetzt offenbar auf der Augenglasseite blind werden mußte, schämte sich jedoch, in seinen peinigenden Anstrengungen wegen des Monokels sich Erleichterung zu verschaffen. »Ich danke. Ich werde dort vorsprechen. Guten Morgen.« Der junge Barnacle schien verdutzt, da er nicht erwartet hatte, daß der Fremde gehen werde. »Sind Sie ganz gewiß«, sagte Barnacle junior , ihm nachrufend, als er zur Tür ging, da er die schöne Geschäftsidee, die er gefaßt, nicht ganz aufgeben wollte: »wirklich gewiß, daß es sich nicht um Schiffszoll handelt?« »Ganz gewiß.« Mit dieser Versicherung und nicht besonders begierig zu wissen, was geschehen würde, wenn es sich um Schiffszoll gehandelt hätte, zog sich Mr. Clennam zu weiteren Nachforschungen zurück. Mews Street, Grosvenor Square war nicht gerade Grosvenor Square selbst, aber es war doch ziemlich nahe dabei. Es war eine häßliche, kleine Straße von einförmigen Mauern, Ställen und Düngerhaufen, mit einem Stockwerk über Wagenschuppen, der von Kutscherfamilien bewohnt wurde. Diese zeigten eine Leidenschaft für Wäschetrocknen und zierten ihre Fensterbänke mit Miniaturschlagbäumen. Der Hauptschornsteinfeger dieses vornehmen Viertels wohnte am einen Ende von Mews Street, und in derselben Ecke befand sich ein in der Dämmerung viel besuchtes Etablissement, worin Wein und Bratenfett verkauft wurde. Die Requisiten zum Kasperletheater pflegten an den Mauern von Mews Street zu lehnen, während deren Direktoren irgendwo speisten; und die Hunde der Nachbarschaft verabredeten sich, am gleichen Ort zusammenzukommen. Am Eingang in die Mews Street befanden sich zwei bis drei kleine dumpfige Häuser, die als elende Anhängsel einer fashionablen Lage große Miete abwarfen. Wenn einer von diesen schrecklichen kleinen Hühnerställen zu vermieten war (was selten geschah, denn es war große Nachfrage nach ihnen), kündigte ihn der Hausverwalter als eine noble Wohnung im aristokratischsten Teile der Stadt an, der nur von der Elite der beau monde bewohnt werde. Wenn eine solche noble Wohnung, die gerade innerhalb dieser engen Grenzen gelegen, nicht dem Geschlecht der Barnacles gehört hätte, würde dieser Zweig die große Auswahl von mindestens zehntausend Häusern gehabt haben, die fünfzigmal mehr Bequemlichkeit für ein Drittel des Preises geboten hätten. Mr. Barnacle, der, wie die Sachen nun einmal standen, seine vornehme Wohnung außerordentlich unbequem und außerordentlich teuer fand, legte, als öffentlicher Diener, die Sache dem Lande zur Last und zählte es als einen weitern Punkt der Sparsamkeit desselben auf. Arthur Clennam kam vor ein gequetschtes Haus mit einer verfallenen, nach vorne hängenden Front, kleinen schmutzigen Fenstern und einem kleinen dunkeln Vorplatz, der wie eine feuchte Westentasche aussah: es war Nummer vierundzwanzig Mews Street, Grosvenor Square. Für den Geruchsinn glich das Haus einer mit starkem Fenchelextrakt gefüllten Flasche; und als der Diener die Tür öffnete, war's gerade, als nähme er den Stöpsel heraus. Der Diener war gegenüber den Dienern von Grosvenor Square, was das Haus gegenüber den Häusern von Grosvenor Square. Bewundernswert in seiner Art war seine Art eine Unter- und Abart. Sein prächtiger Anzug war nicht ohne Schmutz; und sowohl in seiner Gesichtsfarbe als Gestalt hatte er unter der Verschlossenheit seiner Speisekammer gelitten. Er hatte etwas kränklich Schlaffes, als er den Stöpsel herauszog und die Flasche an Mr. Clennams Nase hielt. »Haben Sie die Güte, diese Karte Mr. Tite Barnacle zu übergeben und zu sagen, daß ich soeben bei dem jüngern Mr. Barnacle gewesen, der mir geraten, bei seinem Vater vorzusprechen.« Der Diener (der so viele große Knöpfe mit dem Wappen der Barnacles auf den Klappen seiner Taschen hatte, daß man hätte glauben sollen, er sei die Familiengeldkiste und trage hinter Knopf und Klappe das Silberzeug und die Juwelen mit sich herum) grübelte etwas über die Karte nach und sagte dann: »Treten Sie ein.« Es bedurfte einiger Gewandtheit, um nicht die Tür des innern Gangs damit aufzustoßen und in dem geistigen Muff und der physischen Dunkelheit nicht die Küchentreppe hinabzustürzen. Der Fremde schwang sich jedoch glücklich auf die Türmatte. Der Diener sagte nochmal: »Treten Sie ein«, und der Fremde folgte ihm. An der innern Gangtür schien ihm eine zweite Flasche präsentiert und der Stöpsel herausgezogen zu werden. Diese zweite Phiole schien mit verstärkten Flüssigkeiten und dem Extrakt der Speisereste gefüllt zu sein. Erst gab es ein Scharmützel in dem engen Gange, das der Diener veranlaßte, als er das düstere Speisezimmer dreist öffnete, dort aber zu seiner Verwunderung jemanden vorfand und rasch zurückfuhr. Dabei prallte er auf den Fremden, und darauf wurde dieser, indes man ihn meldete, in ein kleines Besuchzimmer, das nach hinten ging, eingeschlossen. Dort hatte er Gelegenheit, sich an beiden Flaschen zugleich zu erlaben, während er auf eine drei Fuß entfernte niedere Mauer sah und darüber nachdachte, wie hoch die Sterblichkeitsziffer der Familien Barnacle sein mochte, die in solchen Rattenfallen aus freier Wahl wohnten. Mr. Barnacle wollte ihn sprechen. Sollte er hinaufkommen? Ja; er tat es. In dem Empfangzimmer, das Bein auf einem Schemel, fand er Mr. Barnacle selbst, das leibhafte Bild und die Personifikation des »wie man's nicht machen müsse.« Mr. Barnacle stammte aus einer besseren Zeit, als das Land noch nicht so sparsam war und das Circumlocution Office noch nicht so gehetzt wurde wie ein Dachs in seinem Bau. Er hatte zahllose Falten einer weißen Krawatte um seinen Hals gewunden, wie er Falten von Papier und endlosen Aktenfaden um den Hals des Vaterlandes wand. Seine Hemdfalten und sein Kragen waren drückend wie sein Ton und Benehmen. Er hatte eine große Uhrkette und ein Siegelbündel, einen bis zur Unbequemlichkeit zugeknöpften Rock, eine bis zur Unbequemlichkeit zugeknöpfte Weste, ein faltenloses Beinkleid und ein steifes Paar Stiefel. Sein Aussehen hatte zu gleicher Zeit etwas Glänzendes, Massives, Überwältigendes und Unpraktisches. Er schien sein ganzes Leben lang Sir Thomas Lawrence zu seinem Porträt gesessen zu haben. Sir Thomas Lawrence (1769–1830) gefeierter Modemaler seiner Zeit, der Könige und viele hohe Fürstlichkeiten porträtierte. Heute sind seine süßlich-leeren Gemälde meist vergessen. »Mr. Clennam?« sagte Mr. Barnacle. »Bitte, setzen Sie sich.« Mr. Clennam setzte sich. »Sie haben, wenn ich recht weiß«, sagte Mr. Barnacle, »mich auf dem Circumlocution –« das Wort schien in seinem Munde fünfundzwanzig Silben zu bekommen – »Office aufgesucht.« »Ich nahm mir die Freiheit.« Mr. Barnacle verbeugte sich feierlich, als wolle er sagen: »Ich leugne nicht, daß das eine Freiheit ist; nehmen Sie sich die weitere Freiheit und sagen Sie mir, was Ihre Angelegenheit ist.« »Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich längere Jahre in China war, gänzlich fremd in der Heimat bin und kein persönliches Motiv oder Interesse mich zu der Frage veranlaßt, die ich an Sie zu richten im Begriff bin.« Mr. Barnacle trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch, und als ob er jetzt einem neuen fremden Künstler zu seinem Porträt säße, schien er diesem zu sagen: »Wenn Sie so freundlich sein wollten, mich mit meinem gegenwärtigen feierlichen Ausdruck aufzufassen, würde ich Ihnen sehr verbunden sein.« »Ich fand einen Schuldgefangenen im Marschallgefängnis mit Namen Dorrit, der seit vielen Jahren sich dort befindet. Ich möchte gern seinen verwickelten Verhältnissen etwas auf den Grund kommen und mich überzeugen, ob es nicht möglich wäre, nach dieser langen Zeit seine unglückliche Lage einigermaßen zu verbessern. Der Name Tite Barnacle wurde mir als solcher genannt, der unter seinen Gläubigern von großer Bedeutung sei. Bin ich recht unterrichtet?« Da es einer der Grundsätze des Circumlocution Office war, nie, was immer auch die Frage sein mochte, eine direkte Antwort zu geben, so sagte Mr. Barnacle: »Möglich!« »Darf ich fragen: für die Krone oder für sich selbst als Privatmann?« »Das Circumlocution Office, Sir«, antwortete Mr. Barnacle, »hat vielleicht – vielleicht, sage ich, denn ich weiß nicht gewiß – darum angesucht, daß eine gerichtliche Forderung an eine insolvente Firma oder Kompanie, zu der diese Person gehört haben mag, gestellt werde. Die Frage mag im Verlauf der gerichtlichen Verhandlung an das Circumlocution Office zur näheren Erörterung zurückgegangen sein, und das Departement hat vielleicht einen Akt, der jene Forderung stellte, aufgesetzt oder bestätigt.« »Ich nehme also an, daß dies der Fall war.« »Das Circumlocution Departement ist für keines Gentlemans Annahmen verantwortlich«, sagte Mr. Barnacle. »Darf ich fragen, wie ich offizielle Aufklärung über den wirklichen Stand der Sache erhalten kann?« »Es ist jedem Glied des – Publikums«, sagte Mr. Barnacle, dieses dunkle Wesen als seinen natürlichen Feind nicht ohne Widerstreben nennend, – »jedem Glied des Publikums gestattet, sich an das Circumlocution Office schriftlich zu wenden. Die Formalitäten, unter denen dies zu geschehen hat, kann man erfahren, wenn man sich an die besondere Branche dieses Departements wendet.« »Welches ist diese besondere Branche?« »Ich muß Sie«, entgegnete Mr. Barnacle und läutete, »wegen einer genauen Antwort auf diese Frage an das Departement selbst verweisen.« »Erlauben Sie mir zu erwähnen –« »Das Departement ist dem – Publikum zugänglich« (Mr. Barnacle stieß sich immer etwas an diesem Wort von so impertinenter Bedeutung), »wenn das – Publikum sich in den offiziellen Formen an dasselbe wendet. Wenn das – Publikum sich nicht in den offiziellen Formen an dasselbe wendet, so hat das – Publikum sich selbst den Schaden zuzuschreiben.« Mr. Barnacle machte, als ein verletztes Glied der Familie, als ein verletzter Beamter und als ein verletzter Bewohner eines vornehmen Hauses – alles in einem – eine ernste Verbeugung; der Fremde machte Mr. Barnacle seine Verbeugung und wurde durch den schlottrigen Diener in die Mews Street abgeschoben. Nachdem er soweit gekommen, beschloß er zur Übung in Geduld und Beharrlichkeit, sich wieder nach dem Circumlocution Office zu begeben und zu sehen, wie man seinem Verlangen dort entsprechen würde. Er ging denn nach dem Circumlocution Office zurück und schickte abermals seine Karte durch einen Diener zu Barnacle junior hinauf. Dieser Diener nahm es sehr übel, daß er wiederkam, weil er hinter einem Verschlag an dem Korridorfeuer Kartoffelbrei mit Soße aß. Er wurde bei Mr. Barnacle junior vorgelassen und fand den jungen Mann noch immer damit beschäftigt, seine Knie zu wärmen und die langen Stunden bis vier Uhr wegzugähnen. »Ja, sehen Sie! Sie hängen sich ja verteufelt an uns«, sagte Barnacle junior und sah ihn dabei von oben herab an. »Ich möchte wissen –« »Sehen Sie. Bei meiner Seele, Sie müssen nicht hierherkommen und sagen, Sie möchten wissen, Sie verstehen«, warf Barnacle junior ein, indem er sich umwandte und sein Monokel aufsetzte. »Ich möchte wissen«, sagte Arthur Clennam, der durch den kurz angebundenen Ton seinen Worten den Ausdruck der Beharrlichkeit gab, »ich möchte genau wissen, welcher Art die Forderung der Krone gegen einen Schuldgefangenen namens Dorrit ist.« »Ja, sehen Sie! Sie gehen sehr rasch und entschieden zu Werke. Freilich, Sie haben keine Maßregeln erhalten«, sagte Barnacle junior , als wenn die Sache ernst würde. »Ich möchte wissen«, sagte Arthur und wiederholte seine Frage. Barnacle starrte ihn an, bis das Monokel herabfiel; er klemmte es wieder ein und starrte ihn an, bis es wieder herabfiel. »Sie haben kein Recht, so vorzugehen«, bemerkte er ungemein matt. »Sehen Sie. Was wollen Sie? Sie sagten mir ja, Sie wüßten nicht, ob es eine Staats- oder Privatangelegenheit sei.« »Ich habe mich jetzt vergewissert, daß es eine Staatsangelegenheit ist«, versetzte der Bittsteller, »und ich möchte nur wissen«, – damit wiederholte er seine monotone Frage. Der Erfolg derselben war, daß der junge Barnacle in seiner gleichmütig-gelangweilten Art wiederholte: »Sehen Sie! Bei meiner Seele, Sie sollten nicht hierherkommen und sagen, Sie möchten wissen, was Sie schon wissen.« Der Erfolg dieser Worte war, daß Arthur Clennam ihm seine Frage genau in denselben Worten und demselben Tone wie zuvor wiederholte. Der Erfolg seiner Worte auf den jungen Barnacle aber war, daß er ihm ein erstaunliches Schauspiel von Verlegenheit und Hilflosigkeit bot. »Nun, ich will Ihnen etwas sagen. Sehen Sie, Sie würden sich weit besser an das Sekretariat wenden«, sprach er endlich, ergriff die Glocke und läutete, »Jenkinson«, sagte er zu dem Kartoffelbreidiener, »Mr. Wobbler!« Arthur Clennam, der fühlte, daß er sich nun einem Sturmangriff auf das Circumlocution Office geweiht und nicht mehr zurück könne, folgte dem Diener nach einem andern Stockwerk des Gebäudes, wo ihm dieser das Zimmer Mr. Wobblers zeigte. Er trat ein und fand zwei Herren an einem großen und bequemen Schreibtisch einander gegenübersitzend, von dem der eine mit seinem Taschentuch einen Flintenlauf putzte, während der andere mit einem Papiermesser Marmelade aufs Brot strich. »Mr. Wobbler?« fragte der Fremde. Beide Herren sahen ihn an und schienen über diese Dreistigkeit erstaunt. »Er ging«, sagte der Mann mit dem Flintenlauf, der ungemein bedächtig sprach, »er ging zu seinem Vetter und nahm den Hund auf der Eisenbahn mit. Ein unschätzbarer Hund. Der Hund fuhr den Pförtner an, als er in das Hundehaus gesperrt wurde, und fuhr den Wächter an, als man ihn herausließ. Sein Herr tat ein halbes Dutzend Burschen in eine Scheune und einen guten Zuschuß von Ratten und richtete den Hund ab. Und als der Hund imstande war, es mit einer tüchtigen Anzahl aufzunehmen, ließ er ihn sich messen und setzte eine große Summe auf den Hund. Als der Wettkampf heranrückte, wurde so ein verteufelter Bursche bestochen, Sir, der Hund besoffen gemacht, und der Herr des Hundes verlor die Wette.« »Mr. Wobbler?« fragte der Supplikant. Der Gentleman, der die Marmelade auf das Brot strich, versetzte, ohne von dieser Beschäftigung aufzusehen: »Wie nannte er den Hund?« »Liebling«, erwiderte der andere. »Er sagte, der Hund sei das vollkommene Ebenbild der alten Tante, von der er Geld zu erwarten hat. Er fand ihn ihr dann namentlich ähnlich, wenn er von ihr in seinen Erwartungen getäuscht war.« »Mr. Wobbler?« fragte der Supplikant. Beide Herren lachten eine Zeitlang. Der Herr mit dem Flintenlauf, der ihn bei näherer Prüfung in befriedigendem Zustande fand, übergab ihn dem andern: und als er seinen Befund bestätigt sah, legte er ihn an seinen Platz in den Kasten, der vor ihm stand, nahm den Schaft heraus und polierte diesen, indem er leise dazu pfiff. »Mr. Wobbler?« sagte der Supplikant. »Was soll's?« sagte endlich Mr. Wobbler, der den Mund voll hatte. »Ich wünschte zu wissen –« begann Arthur Clennam und erklärte dann wieder ganz mechanisch, was er zu wissen wünschte. »Kann's Ihnen nicht sagen«, bemerkte Mr. Wobbler, der offenbar mit seinem Gabelfrühstück beschäftigt war. »Ich hörte nie davon. Habe durchaus nichts damit zu tun. Besser, Sie wenden sich an Mr. Clive, zweite Tür links auf dem nächsten Gang.« »Womöglich wird er mir dieselbe Antwort geben.« »Sehr wahrscheinlich. Weiß nichts davon«, sagte Mr. Wobbler. Der Fragesteller ging weg und hatte das Zimmer bereits verlassen, als der Herr mit der Flinte ihm nachrief: »Mister! Heda!« Er sah sich wieder um. »Schließen Sie die Tür hinter sich zu. Es zieht ja verflucht herein.« Einige Schritte brachten ihn nach der zweiten Tür auf der linken Seite im nächsten Gang. In diesem Gang fand er drei Herren: Nummer eins ohne besondere Beschäftigung; Nummer zwei ohne besondere Beschäftigung; Nummer drei ohne besondere Beschäftigung. Sie schienen jedoch direkter als die andern bei der wirklichen Durchführung des großen Grundsatzes des Office beteiligt zu sein, sofern sich ein ehrwürdiges inneres Gemach mit einer Doppeltür dort befand, in dem die Weisen des Circumlocution zum Rat versammelt schienen und aus dem beinahe beständig eine imposante Menge Papier hineinspazierte, womit ein weiterer Herr, Nummer vier, beschäftigt war. »Ich möchte wissen«, sagte Arthur – und brachte seine Sache in demselben Drehorgelton vor wie früher. Da Nummer eins ihn an Nummer zwei wies und da Nummer zwei ihn an Nummer drei wies, so hatte er Gelegenheit, die Sache dreimal vorzubringen, ehe sie ihn alle an Nummer vier wiesen, der er dann die Sache noch einmal wiederholte. Nummer vier war ein lebhafter, hübscher, gut gekleideter, angenehmer junger Mann – er war ein Barnacle, aber einer von der heiteren Seite der Familie, und er sagte in ungezwungenem Ton: »Sie würden besser daran tun, wenn Sie sich nicht um diese Sache bemühten, Sir.« »Mich nicht um die Sache bemühen?« »Nein! Ich rate Ihnen, sich nicht um die Sache zu bemühen.« Das war wieder ein so neuer Gesichtspunkt, daß Arthur Clennam verlegen war, wie er es aufnehmen sollte. »Sie können freilich dabei beharren, wenn's Ihnen beliebt. Ich kann Ihnen eine Menge von Formularen geben, die Sie nur auszufüllen brauchen. Da liegt ein ganzer Haufen. Sie können ein Dutzend haben, wenn Sie wollen. Aber es wird Ihnen nicht viel nützen«, sagte Nummer vier. »Sollte das eine so hoffnungslose Sache sein? Entschuldigen Sie: ich bin fremd in England.« » Ich sage nicht, daß es eine hoffnungslose Sache sei«, entgegnete Nummer vier mit einem offenen Lächeln. »Ich äußere keine Meinung in Beziehung auf die Sache, nur in Beziehung auf Sie. Ich glaube nicht, daß Sie damit Erfolg haben. Aber Sie können natürlich tun, was Ihnen beliebt. Ich vermute, daß es an der Erfüllung eines Kontraktes gemangelt hat, oder etwas dergleichen, nicht wahr?« »Ich weiß wirklich nicht.« »Nun, das werden Sie schon herausbringen. Dann werden Sie auch herausbringen, in welchen Bereich dieser Kontrakt gehört, und dann werden Sie überhaupt alles herausbringen.« »Ich bitte um Entschuldigung. Wie soll ich das herausbringen?« »Nun, Sie werden – Sie werden so lange fragen, bis man's Ihnen sagt. Dann werden Sie (nach den gesetzmäßigen Formen, die Sie herausfinden werden) bei jenem Departement um Erlaubnis nachsuchen, sich bittschriftlich an dieses Departement zu wenden. Wenn Sie diese Erlaubnis haben (was nach einiger Zeit der Fall sein wird), muß die Bittschrift an jenes Departement eingesandt, dann bei diesem Departement einregistriert, dann an jenes Departement zum Signieren geschickt und zum Kontrasignieren an dieses Departement gesandt werden, worauf endlich die Sache nach allen Formen vor jenem Departement verhandelt wird. Wann die Sache durch jeden von diesen Graden gelangt ist, werden Sie erfahren, wenn Sie bei den einzelnen Departements nachfragen, bis sie es Ihnen sagen.« »Aber das ist sicherlich nicht der Weg, zum Ziele zu kommen«, sagte Arthur Clennam unwillkürlich. Den lustigen jungen Barnacle amüsierte die Einfalt des Fremden, der einen Augenblick hatte glauben können, daß es der Weg sei. Es liegt auf der Hand, daß der junge Barnacle wohl wußte, daß es nicht der Weg war. Dieser kluge junge Barnacle hatte im Departement sich in ein Privatsekretariat eingenistet, um für jeden kleinen fetten Bissen, der abfiele, bereit zu sein; und er sah ganz gut ein, daß das Departement ein Stück politisch-diplomatischer Hokus-Pokus-Maschinerie zur Unterstützung der Dummköpfe gegen die Philister sei. Nach alledem hatte der junge Barnacle die wohlberechtigte Aussicht, ein Staatsmann zu werden und eine Rolle zu spielen. »Wenn die Sache in der gehörigen Form vor das Departement, gleichgültig vor welches, gelangt ist«, fuhr der heitere junge Barnacle fort, »dann können Sie sie von Zeit zu Zeit auf ihrem Weg durch das Departement beobachten. Kommt sie dann nach der Regel vor dieses Departement, so müssen Sie sie von Zeit zu Zeit auf dem Wege durch dieses Departement verfolgen. Wir werden sie nach rechts und links zum Referat zu verweisen haben; und wo wir sie auch hinsenden, müssen Sie Ihr aufmerksames Auge darauf haben. Sooft sie an uns zurückkommt, müssen Sie Ihr Augenmerk wieder auf uns richten. Stockt die Sache irgendwo, so müssen Sie ihr einen Stoß zu geben suchen. Wenn Sie an das eine Departement wegen der Sache schreiben und dann wieder an ein anderes, und Sie erhalten keine bestimmte Antwort, so tun Sie am besten, – wenn Sie das Schreiben fortsetzen.« Arthur Clennam schien nicht zu wissen, was das alles bedeuten sollte. »Ich bin Ihnen jedenfalls für Ihre Güte sehr verpflichtet«, sagte er. »Durchaus nicht«, versetzte der verpflichtende junge Barnacle. »Versuchen Sie es einmal und sehen Sie, wie's Ihnen bekommt. Sie können es ja zu jeder Zeit wieder aufgeben. Sie nehmen besser gleich einen Packen Formulare mit. Geben Sie ihm einen Haufen Formulare.« Nach diesem Wink für Nummer zwei nahm der junge witzige Barnacle eine neue Handvoll Papiere von Nummer eins und drei und trug sie in das Heiligtum, um sie den den Vorsitz führenden Bonzen des Circumlocution Office vorzulegen. Arthur Clennam steckte die Formulare ziemlich mißvergnügt in die Tasche und ging durch den langen steinernen Gang und über die lange steinerne Treppe hinab. Er war an das Gattertor gekommen, das auf die Straße führte, und wartete, nicht gerade sehr geduldig, bis die beiden Herren, die sich zwischen ihm und jenem befanden und hinter denen er ging, hinaus wären, als die Stimme des einen vertraut an sein Ohr schlug. Er sah den Sprechenden an und erkannte Mr. Meagles. Mr. Meagles war ganz rot im Gesicht – röter, als die Reise ihn gemacht haben konnte – und rief, indem er einen kleinen Mann, der mit ihm war, beim Kragen packte: »Komm heraus. Schuft, komm heraus!« Es war ein so unerwartetes Wort und ein so unerwarteter Anblick, Mr. Meagles das Gattertor aufstoßen und den kleinen Mann, der ein höchst unschuldiges Aussehen hatte, auf die Straße hinausziehen zu sehen, daß Clennam für den Augenblick noch immer mit dem Portier Blicke des Erstaunens wechselnd dastand. Er folgte jedoch rasch und sah Mr. Meagles mit seinem Feinde an der Seite die Straße hinabgehen. Er hatte seinen alten Reisegenossen bald eingeholt und klopfte ihm auf die Schulter. Das zornige Gesicht, das Mr. Meagles nach ihm hinwandte, bekam einen milderen Ausdruck, als er sah, wer es war, und er bot ihm freundlich die Hand. »Wie geht es Ihnen?« sagte Mr. Meagles. »Wie befinden Sie sich? Ich bin eben erst von der Reise zurückgekehrt und freue mich, Sie zu sehen.« »Auch ich bin sehr glücklich, Sie zu finden.« »Danke, danke!« »Mrs. Meagles und Ihre Tochter –?« »Befinden sich den Umständen nach wohl«, sagte Mr. Meagles. »Ich wünschte nur, Sie hätten mich in einer minder aufgeregten Stimmung getroffen.« Obwohl es nichts weniger als ein heißer Tag war, befand sich Mr. Meagles doch in einem so erhitzten Zustand, daß die Vorübergehenden aufmerksam wurden, namentlich als er sich mit dem Rücken an einen Bretterzaun lehnte, Hut und Krawatte abnahm und seinen dampfenden Kopf, sein glühendes Gesicht, seine geröteten Ohren und den Nacken ohne die geringste Rücksicht auf die Meinung des Publikums tüchtig zu reiben begann. »Uff!« sagte Mr. Meagles und zog sich wieder an. »Das ist angenehm. Nun bin ich etwas kühler.« »Sie wurden aus der Fassung gebracht, Mr. Meagles. Was ist die Ursache?« »Warten Sie ein wenig, und ich werde Ihnen die Sache erzählen. Haben Sie Zeit zu einem Gang in den Park?« »Soviel Sie wollen.« »So kommen Sie. Ah! sehen Sie sich ihn nur an.« Er hatte zufällig einen Blick auf den Beleidiger geworfen, den Mr. Meagles so zornig am Kragen gepackt. »Es lohnt sich wohl der Mühe, den Burschen anzusehen.« Es lohnte sich aber weder in Hinsicht auf die Gestalt noch in Hinsicht auf die Kleidung der Mühe, ihn anzusehen; denn er war ein kleiner, vierschrötiger, werktätig aussehender Mann, mit grauem Haar, in dessen Gesicht und Stirn langes Nachdenken tiefe Furchen gegraben, die aussahen, als ob sie in hartes Holz geschnitten wären. Er war ganz schwarz gekleidet; sein Anzug trug jedoch die Spuren von Flecken: der kleine Mann schien ein geschickter Handwerker zu sein. Er hatte ein Brillenfutteral in der Hand, das er in einem fort hin und her drehte, solange von ihm die Rede war, wobei er den Daumen auf eine Art brauchte, wie man es nur bei einer an Werkzeuge gewöhnten Hand findet. »Sie bleiben bei uns«, sagte Mr. Meagles in drohendem Ton, »ich werde Sie sogleich vorstellen – vorwärts denn.« Clennam war sehr begierig, als sie den nächsten Weg nach dem Park einschlugen, zu erfahren, was dieser Unbekannte (der aufs bereitwilligste gehorchte) getan haben mochte. Seine Erscheinung rechtfertigte durchaus nicht den Verdacht, daß er bei einem Angriff auf Mr. Meagles' Taschentuch ertappt worden. Taschentücher-Diebstahl war damals in England (vgl. Oliver Twist) ein beliebter Sport der Taschendiebe. Auch hatte er nichts weniger als das Aussehen eines streitsüchtigen und heftigen Menschen. Es war im Gegenteil ein ruhiger, einfacher Mann voller Haltung. Er machte keinen Fluchtversuch und schien etwas gebeugt, aber weder Grund zur Scham noch zur Reue zu haben. War er ein Verbrecher, so war er entschieden ein unverbesserlicher Heuchler; war er kein Verbrecher, warum hatte ihn dann Mr. Meagles im Circumlocution Office am Kragen gepackt? Er bemerkte, daß der Mann nicht bloß für ihn ein schwieriger Punkt war, sondern auch für Mr. Meagles; denn das Gespräch, das sie auf dem kurzen Weg bis zum Park miteinander führten, hielt sich nur schwer im Gange, und Mr. Meagles' Augen richteten sich immer wieder auf den Mann, auch wenn er von ganz anderen Dingen sprach. Als sie endlich unter den Bäumen angekommen waren, blieb Mr. Meagles plötzlich stehen und sagte: »Mr. Clennam, wollen Sie die Güte haben und sich diesen Mann ansehen? Sein Name ist Doyce, Daniel Doyce. Sie werden wohl nicht glauben, daß dieser Mann ein notorischer Schuft ist, nicht wahr?« »Gewiß nicht.« Es war eine sehr fatale Frage in Gegenwart des Mannes. »Nein. Sie würden es nicht; ich weiß, Sie würden es nicht. Sie würden nicht glauben, daß er ein Staatsverbrecher ist; nicht wahr?« »Nein«. »Nein. Aber er ist es dennoch. Er ist ein Staatsverbrecher. Was ist sein Verbrechen? Mord, Totschlag, Mordbrennerei, Fälschung, Gaunerei, Einbruch, Straßenraub, Diebstahl, Verschwörung, Betrug? Was meinen Sie?« »Ich meine«, entgegnete Arthur Clennam, indem er ein flüchtiges Lächeln auf Daniel Doyces Gesicht bemerkte, »keines von allen.« »Sie haben recht«, sagte Mr. Meagles. »Aber er war erfinderisch und wollte seinen Scharfsinn im Dienst seines Vaterlandes verwenden. Das macht ihn geradezu zum Staatsverbrecher, Sir.« Arthur sah den Mann selbst an, der nur den Kopf schüttelte. »Dieser Doyce«, sagte Mr. Meagles, »ist ein Schmied und Maschinenbauer. Er betreibt sein Geschäft nicht im großen, aber er ist als ein sehr erfinderischer Kopf weit und breit bekannt. Vor einem Dutzend Jahre vollendet er eine Erfindung (der ein äußerst merkwürdiges geheimes Verfahren zugrunde liegt) von großer Wichtigkeit für sein Land und seine Nebenmenschen. Ich will nicht sagen, wieviel Geld ihn die Sache kostete oder wie viele Jahre seines Lebens er damit zubrachte; aber er vollendete das Werk vor ungefähr zwölf Jahren. Werden es nicht zwölf Jahre?« sagte Mr. Meagles, sich an Doyce wendend. »Der Mensch könnte einen zur Verzweiflung bringen; er beklagt sich nie.« »Ja, wohl mehr als zwölf Jahre.« » Wohl mehr?« sagte Mr. Meagles. »Sie wollen sagen, leider mehr als zwölf Jahre. Nun, Mr. Clennam. Er wendet sich an die Regierung. In dem Augenblick, in dem er sich an die Regierung wendet, wird er ein Staatsverbrecher! Sir«, sagte Mr. Meagles, Gefahr laufend, sich wieder zu erhitzen, »er hört auf, ein unschuldiger Bürger zu sein, und wird ein Verbrecher. Er wird von dem Augenblick an als ein Mann behandelt, der eine höllische Tat begangen. Man glaubt ihn betrügen, herumstoßen, mit anmaßenden, unverschämten Behauptungen niederschlagen zu dürfen, der eine junge oder alte Gentleman von vornehmen Beziehungen liefert ihn an den andern jungen oder alten Gentleman von vornehmen Beziehungen aus: so wird er beständig an der Nase herumgeführt. Er hat nicht mal mehr ein Recht auf seine Zeit oder sein Eigentum; er ist ein völlig rechtloser Mensch, bei dem es gerechtfertigt ist, wenn sich jeder von ihm lossagt, ein Mann, der auf jede mögliche Weise gequält werden muß.« Es war nicht so schwierig, das alles zu glauben, wie Mr. Meagles meinte, wenn man solche Erfahrungen gemacht, wie Arthur Clennam diesen Morgen. »Stehen Sie doch nicht so da, Doyce, und drehen Sie nicht Ihr Brillenfutteral in einem fort in der Hand herum«, rief Mr. Meagles, »sondern sagen Sie Mr. Clennam, was Sie mir bekannt haben.« »Man verfuhr allerdings mit mir«, sagte der Erfinder, »als wenn ich ein Verbrechen begangen. Bei meinen demütigen Aufwartungen auf den verschiedenen Bureaus wurde ich immer mehr oder weniger behandelt, als drehte es sich um ein großes Verbrechen. Ich mußte wirklich oft selbst zu meiner eignen Beruhigung mich innerlich vergewissern, daß ich in der Tat nichts begangen, was mich in das Gefängnis-Register bringen könnte, sondern daß ich nur eine große Ersparnis und Verbesserung ins Leben rufen wollte.« »Da!« sagte Mr. Meaglee. »Urteilen Sie selbst, ob ich übertreibe! Nun werden Sie imstande sein, mir zu glauben, wenn ich Ihnen das übrige sage.« Mit diesem Vorspiel ging Mr. Meagles zur Geschichte selbst über, einer Geschichte, die nach und nach ermüdend geworden, einer alltäglichen Geschichte, die wir alle auswendig kennen. Wie nach endlosem Aufwarten und Korrespondieren, nach unaufhörlichen Impertinenzen, Unwissenheiten und Beleidigungen die Herren ein Protokoll aufnahmen, Nummer dreitausendvierhundertundzweiundsiebenzig, und dem Verbrecher gestattet wurde, auf seine eigenen Kosten Versuche mit seiner Erfindung zu machen. Wie diese Versuche in Gegenwart eines Kollegiums von sechsen angestellt wurden, von denen zwei alte Mitglieder zu blind waren, um zu sehen, zwei andere alte Mitglieder zu taub, um zu hören, ein anderes altes Mitglied zu lahm, um näher zu kommen, und das letzte alte Mitglied zu eigensinnig, um sich die Sache genauer zu betrachten. Wie wieder mehrere Jahre darüber hingingen: der Erfinder neue Impertinenzen, Unwissenheiten und Beleidigungen zu erdulden hatte. Wie die Herren ein Protokoll machten, Nummer fünftausendeinhundertunddrei, wonach sie die ganze Sache an das Circumlocution Office übertrugen. Wie das Circumlocution Office im Verlauf der Zeit die Sache in die Hand nahm, als wäre es eine funkelnagelneue Sache, von der man nie zuvor gehört, und darin herumwühlte, sie unfruchtbar machte und zuletzt in eine nasse Decke hüllte. Wie die Impertinenzen, Unwissenheiten und Beleidigungen das Einmaleins durchmachten. Wie die Erfindung an drei Barnacles und einen Stiltstalking verwiesen wurde, die, nichts davon wußten und deren Köpfe gar nicht darüber nachzudenken imstande waren, die sich aber doch durcharbeiteten und in ihrem Bericht erklärten, daß die Sache tatsächlich unmöglich sei. Wie das Circumlocution Office in einem Reskript Nummer achttausendsiebenhundertundvierzig »keinen Grund sah, weshalb die Entscheidung, zu der Mylords gekommen waren, umzustoßen sei«. Wie das Circumlocution Office, als man ihm bedeutete, daß Mylords zu gar keiner Entscheidung gekommen, die Sache ad acta legte. Wie am heutigen Morgen eine letzte Unterredung mit dem Vorstand des Circumlocution Office stattgefunden und was diese eherne Stirn gesprochen und wie sie im ganzen, und unter allen Umständen und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet, der Meinung gewesen, daß einer von den beiden Wegen in Beziehung auf diese Sache eingeschlagen werden müsse: entweder sie für immer auf sich beruhen zu lassen oder ganz von vorne zu beginnen. »Worauf ich dann«, schloß Mr. Meagles, »als ein praktischer Mann Doyce in Gegenwart der Herrn am Kragen packte und ihm sagte, es sei mir klar, daß er ein infamer Schuft und verräterischer Störer des Friedens der Regierung sei, und ihn mit mir fortnahm. Ich schleppte ihn am Kragen zur Tür des Bureaus hinaus, damit der Portier erfuhr, daß ich ein praktischer Mann sei, der die Stellung eines solchen Charakters gegenüber einem öffentlichen Amte zu würdigen wisse: und so sind wir da!« Wäre der lustige junge Barnacle zugegen gewesen, er würde ihnen vielleicht offen erklärt haben, daß das Circumlocution Office seine Funktionen alle erfüllt; daß es die Aufgabe der Barnacles sei, sich auf dem Staatsschiff solang als möglich zu halten, daß das Schiff aufzutakeln, zu erleuchten, auszubaggern, sich herausjagen hieße; daß sie nur einmal herausgejagt werden könnten, und daß, wenn das Schiff untergehe, während sie noch darauf festhielten, es des Schiffes Sache, nicht die ihre sei. »So!« sagte Mr. Meagles, »jetzt wissen Sie alles, was Doyce betrifft. Nur das eine, ich gestehe es, will mich nicht beruhigen, daß Sie bis diesen Augenblick noch keine Klage aus seinem Munde vernommen.« »Sie müssen große Geduld besitzen«, sagte Arthur Clennam und sah ihn recht bewundernd an, »große Gelassenheit.« »Nein«, sagte er, »ich wüßte nicht, daß ich mehr besäße als sonst jemand.« »Bei Gott, Sie haben doch mehr als ich!« rief Mr. Meagles. Doyce lächelte und sagte zu Clennam: »Sie sehen, meine Erfahrung in solchen Dingen beginnt nicht bei mir. Ich hatte Gelegenheit, bisweilen von solchen Geschichten zu hören. Mein Fall ist kein besonderer. Man ist nicht schlimmer mit mir umgegangen als mit hundert andern, – ich wollte sagen, als mit allen, die in dieselbe Lage gekommen.« »Ich weiß nicht, ob ich das für einen Trost halten würde, wenn ich in diesem Falle wäre, aber es freut mich, daß Sie es tun.« »Verstehen Sie mich recht! Ich sage nicht«, erwiderte er in seiner ruhig überlegenden Art und sah in die Ferne vor sich, als ob sein graues Auge diese messen wollte, »ich sage nicht, daß das eine Entschädigung für die Mühe und Hoffnung eines Mannes ist. Aber es ist doch eine Art Erleichterung, zu wissen, daß ich darauf hätte rechnen können.« Er sprach in der ruhigen, umsichtigen Weise und in dem halblauten Ton, den man so oft bei Mechanikern beobachtet, die mit großer Genauigkeit zu erwägen und abzuwägen gewöhnt sind. Es war das ebenso charakteristisch für ihn, wie seine Gewandtheit mit dem Daumen oder seine eigentümliche Manier, dann und wann seinen Hut hinten in die Höhe zu rücken, als ob er über ein halbvollendetes Werk seiner Hand nachgrübelte. »In meinen Erwartungen getäuscht?« fuhr er fort, als er so zwischen den beiden unter den Bäumen einherging. »Ja, kein Zweifel, ich bin in meinen Hoffnungen getäuscht. Zu Schaden gebracht? Ja. Kein Zweifel, ich bin zu Schaden gebracht. Das ist ganz natürlich. Aber was ich meine, ist, daß Leute, die sich selbst in dieselbe Lage versetzen, meist in derselben Weise behandelt werden –« »In England«, sagte Mr. Meagles. »O natürlich, in England, meine ich. Wenn Sie Ihre Erfindung in fremde Länder nehmen, so ist das ganz etwas anderes. Und das ist der Grund, weshalb so viele fortgehen.« Mr. Meagles war schon wieder sehr heiß. »Was ich meine, ist, daß, obwohl dies auch das gewöhnliche Verfahren unserer Regierung geworden sein mag, es nun eben einmal das gewöhnliche Verfahren ist. Haben Sie je von einem Entdecker oder Erfinder gehört, der die Regierung nicht völlig unzugänglich gefunden und den sie nicht auf jede Weise entmutigt und schlecht behandelt hätte?« »Ich gestehe, nein.« »Haben Sie sie je bei Annahme einer nützlichen Sache vorangehen gefunden? Haben Sie je gesehen, daß sie in irgendeiner Sache ein nützliches Beispiel gegeben?« »Ich bin ein gutes Stück älter als mein Freund hier«, sagte Mr. Meagles, »und ich will diese Frage beantworten: Niemals!« »Aber wir alle drei haben, wie ich erwarte«, sagte der Erfinder, »eine große Menge von Fällen gekannt, in denen sie fest entschlossen war, Meile um Meile und Jahr um Jahr hinter uns andern zurückzubleiben, und in denen man sie bei der Ausübung längst außer Brauch gesetzter Dinge beharren sah, selbst nachdem das Bessere bekannt und allgemein angenommen war?« Sie stimmten alle mit dieser Ansicht überein. »Nun gut«, sagte Doyce mit einem Seufzer, »wie ich weiß, was mit einem gewissen Metall bei einer bestimmten Temperatur und mit einem gewissen Körper bei einem bestimmten Druck vorgeht, so muß ich wissen (wenn ich einfach darüber nachdenken will), wie diese großen Lords und Gentlemen eine Sache, wie die meinige, behandeln werden. Ich habe kein Recht, überrascht zu sein – sobald ich einen Kopf auf den Schultern trage und ein Gedächtnis darin habe –, daß ich mit allen meinen Vorgängern in eine Linie gestellt werde. Ich hätte die Sache einfach unterlassen sollen. Ich war, glaube ich, genugsam gewarnt.« Damit steckte er sein Brillenfutteral ein und sagte zu Arthur: »Wenn ich mich nicht beklage, Mr. Clennam, so kann ich doch Dankbarkeit fühlen; und ich versichere Sie, daß ich solche für unsern gemeinsamen Freund fühle. Oftmals und auf mancherlei Weise hat er mir den Rücken gedeckt.« »Dummes Zeug, Unsinn!« sagte Mr. Meagles. Arthur mußte während der darauffolgenden Pause beständig Daniel Doyce ansehen. Obgleich es offenbar im Wesen seines Charakters lag und die Rücksicht auf seine Sache ihm gebot, sich unnützen Murrens zu enthalten, hatte ihn doch sein langes Mühen ersichtlich älter, ernster und ärmer gemacht. Er mußte unwillkürlich immer daran denken, wie segensreich es für diesen Mann gewesen wäre, wenn er sich an jenen Männern, die so freundlich sind, sich mit den Angelegenheiten der Nation zu befassen, eine Lehre genommen und gelernt hätte: »wie man es nicht machen müsse«. Mr. Meagles war noch ungefähr fünf Minuten lang heiß und kleinmütig, dann begann er sich abzukühlen und aufzuklären. »Nun, nun!« sagte er, »wir werden die Sache nicht besser machen, wenn wir auch zornig sind. Wohin beabsichtigen Sie zu gehen, Dan?« »Ich gehe nach der Fabrik zurück«, sagte Dan. »Nun gut, wir gehen alle nach der Fabrik zurück oder wenigstens in der Richtung«, versetzte Mr. Meagles freundlich. »Mr. Clennam wird nicht erschreckt werden, wenn er erfährt, daß sie im ›Hof zum blutenden Herzen‹ ist.« »Im ›Hof zum blutenden Herzen?‹« fragte Clennam. »Ich muß gerade dorthin.« »Um so besser«, rief Mr. Meagles. Während sie so des Weges gingen, dachte gewiß einer von ihnen, und vielleicht mehr als einer, daß der »Hof zum blutenden Herzen« kein unpassender Bestimmungsort für einen Mann sei, der in offiziellem Verkehr mit Mylords und den Barnacles steht, – und hatte vielleicht sogar eine Ahnung, daß auch Britannien an einem traurigen Tage, wenn es das Circumlocution Office mit Arbeit überlüde, sich nach einer Wohnung im »Hof zum blutenden Herzen« umsehen müsse. Elftes Kapitel. Frei. Ein düsterer Spätherbstabend senkte sich über die Saone herab. Der Strom spiegelte wie ein schmutziger Spiegel an einem dunkeln Platz die Wolken mit mattem Glanz wider. Die niederen Ufer hingen rechts und links über den Fluß herein, als ob sie halb neugierig wären, halb sich fürchteten, ihr dunkles Bild im Schatten zu sehen. Die flache Umgebung von Chalons, eine große traurige Ebene, die nur hier und dort von einer Reihe Pappelbäume unterbrochen wurde, stemmte sich gegen den zornigen Sonnenuntergang. An den Ufern der Saone war es feucht, drückend, einsam; und die Schatten der Nacht verdunkelten sich mehr und mehr. Ein Mann, der langsam auf dem Wege nach Chalons einherging, war das einzige sichtbare Wesen in der Landschaft. So einsam und von aller Welt gemieden mochte Kain ausgesehen haben. Mit einem alten Ranzen aus Schaffell auf dem Rücken und einem rauhen, geschälten, im Walde geschnittenen Stock in der Hand, staubig, mit wunden Füßen, die Schuhe und Gamaschen ausgetreten, Haar und Bart ungekämmt; den Mantel, den er auf der Schulter hängen hatte, und die Kleider, die er trug, durchnäßt, schmerzvoll und mühsam einherhinkend, machte er den Eindruck, als ob die Wolken vor ihm flöhen, als ob das Ächzen des Windes und das Schauern des Grases gegen ihn gerichtet wären, als ob das dumpfe, geheimnisvolle Rauschen des Wassers gegen ihn murrte, als ob die fiebernde Herbstnacht durch ihn beunruhigt würde. Er blickte finster und doch zugleich scheu bald dahin, bald dorthin. Bisweilen blieb er stehen, drehte sich um und sah nach allen Seiten. Dann hinkte er mühselig weiter und murmelte vor sich hin: »Zum Teufel mit dieser Ebene, die kein Ende hat! Zum Teufel mit diesen Steinen, die wie Messer in die Sohle schneiden! Zum Teufel mit dieser unheimlichen Finsternis, die mich frostig einhüllt! Ich hasse euch!« Und er würde mit dem scheelen Blick, den er um sich warf, seinen Groll auf alles geschleudert haben, wenn es möglich gewesen wäre. Er arbeitete sich etwas weiter und blieb dann, in die Ferne blickend, wieder stehen. »Ich bin hungrig, durstig, müde. Und ihr Schwächlinge dort unten, wo die Lichter brennen, eßt und trinkt und wärmt euch am Kamin! Ich wünschte, ich dürfte eure Stadt plündern, ich wollt' euch dafür zahlen lassen, Kinderchen!« Aber die Zähne, die er der Stadt wies, und die Hand, die er gegen die Stadt ballte, brachten die Stadt nicht näher, und der Mann war noch hungriger und durstiger und müder, als seine Füße auf ihrem scharfen Pflaster standen und er sich rings umsah. Da war das Hotel mit seiner Einfahrt und seinem üppigen Küchengeruch; dort das Kaffeehaus mit seinen glänzenden Fenstern und dem Geklapper des Dominospiels; hier der Färber mit seinen Streifen roten Tuchs an den Türpfosten; dort der Silberschmied mit seinen Ohrringen und seinem Altarschmuck; hier der Tabakhändler, aus dessen Laden eine lebhafte Schar Soldaten mit der Pfeife im Mund herauskam, dort endlich die schlechten Gerüche der Stadt, der Regen, der Unrat in den Rinnsteinen und die matten Lampen, die über die Straße hingen; die hohe Reisekutsche, ihr Berg von Gepäck und ihre sechs grauen Pferde mit den aufgebundenen Schwänzen, die von dem Wagenbureau auslaufen sollte. Aber kein kleines Wirtshaus für einen geldverlegenen Wanderer war zu sehen, und er mußte deshalb abseits gehen, wo die Kohlblätter um Stadtbrunnen aufgehäuft lagen, aus dem die Frauen noch immer Schöpfwasser holten. Dort in einer Hintergasse fand er eine Schenke: den »Tagesanbruch«. Die verhängten Fenster umwölkten den »Tagesanbruch«, aber er schien hell und warm zu sein und versprach in leserlicher Inschrift mit passendem bildlichen Zierat, der in Queues und Kugeln bestand, daß man im »Tagesanbruch« Billard spielen könne; daß man ferner Speisen, Getränke und Wohnung finde, man möge zu Pferd oder zu Fuß kommen, und daß man gute Weine, Liköre und Branntwein antreffe. Der Mann drückte die Türklinke des »Tagesanbruchs« und hinkte hinein. Er griff an seinen verwaschenen, schlottrigen Hut, als er in das Zimmer trat, in dem einige Männer saßen. Zwei von ihnen spielten an einem der kleinen Tische Domino; drei bis vier saßen um den Ofen und plauderten, während sie rauchten; der Billardtisch stand in diesem Augenblick verlassen; die Wirtin vom »Tagesanbruch« saß, mit Nähen beschäftigt, hinter ihrem kleinen Schanktisch unter ihren von Tabakwolken umgebenen Sirupflaschen, Kuchenkörben und der bleiernen Abtropfstellage für die Gläser. Er ging auf einen unbesetzten kleinen Tisch in einer Ecke des Zimmers hinter dem Ofen zu und legte seinen Ranzen und seinen Mantel auf den Boden. Als er sich wieder aus der gebeugten Stellung erhob und aufsah, stand die Wirtin neben ihm. »Kann man hier übernachten, Madame?« »Gewiß«, antwortete die Wirtin mit hoher, singender, heiterer Stimme. »Gut. Man kann wohl auch essen – soupieren – oder wie Sie das nennen wollen?« »Gewiß!« sagte die Wirtin wie zuvor. »So eilen Sie sich gefälligst, Madame. Etwas zu essen, so rasch Sie können; und etwas Wein. Ich bin ganz erschöpft.« »Es ist sehr schlechtes Wetter, Monsieur«, sagte die Wirtin. »Verfluchtes Wetter.« »Und ein sehr langer Weg.« »Ein verfluchter Weg.« Seine heisere Stimme versagte ihm, und er stützte den Kopf in die Hände, bis ihm eine Flasche Wein vom Schanktisch gebracht wurde. Nachdem er seinen kleinen Becher zweimal gefüllt und geleert und ein Stück von dem großen Brot abgebrochen, das nebst Tischtuch, Serviette, Suppenteller, Salz, Pfeffer und Öl vor ihn gelegt wurde, lehnte er seinen Rücken an die Ecke der Wand, machte ein Lager aus der Bank, auf der er saß, und begann an der Brotkruste zu kauen, bis sein Mahl bereitet sein würde. Es war in dem Gespräch an dem Ofen jene momentane Unterbrechung und jene gegenseitige momentane Unaufmerksamkeit und Zerstreuung eingetreten, die von der Ankunft eines Fremden in solcher Gesellschaft unzertrennlich ist. Sie war aber bereits wieder im Abzug, und die Männer hatten ihre Blicke wieder von ihm abgewandt und ihr Gespräch fortgesetzt. »Das ist der wahre und wahrhaftige Grund«, sagte einer von ihnen, eine Geschichte, die er erzählte, zu Ende bringend, »das ist der Grund, weshalb, wie sie sagten, man den Teufel losgelassen.« Der Sprecher war der lange Schweizer, der zur Kirche gehörte, und er brachte etwas von der Autorität der Kirche in das Gespräch, namentlich da vom Teufel die Rede war. Die Wirtin hatte sich, nachdem sie ihrem Gatten, der als Koch im »Tagesanbruch« fungierte, die nötigen Winke wegen der Bewirtung des neuen Gastes gegeben, zu ihrer Näherei hinter den Schanktisch zurückgezogen. Sie war eine lebhafte und hübsche, muntere kleine Frau mit einer großen Haube und dicken Strümpfen; sie nahm an dem Gespräch indirekt durch häufiges Lachen und Kopfnicken teil, sah jedoch keinen Augenblick von der Arbeit auf. »Ach, mein Gott!« sagte sie. »Als das Boot von Lyon kam und die Nachricht brachte, daß der Teufel in Marseille wirklich frei sei, nahmen das leichtgläubige Leute für bare Münze. Aber ich? Nein, ich nicht.« »Madame, Sie haben immer recht«, versetzte der lange Schweizer. »Ohne Zweifel waren Sie sehr aufgebracht über jenen Mann, Madame?« »Ach ja!« rief die Wirtin, die Blicke von ihrer Arbeit erhebend und die Augen weit öffnend, während sie den Kopf auf die eine Seite warf. »Ganz natürlich.« »Es war ein schlechtes Subjekt.« »Es war ein elender Schuft«, sagte die Wirtin, »und hätte die Strafe wohl verdient, der er zu entgehen das Glück hatte. Es ist schlimm, sehr schlimm.« »Halten Sie, Madame. Lassen Sie sehen«, versetzte der Schweizer, seine Zigarre wie beweisführend zwischen den Lippen drehend. »Es ist vielleicht sein unglückliches Schicksal. Er ist vielleicht ein Kind der Umstände. Es ist immerhin möglich, daß er Gutes an sich hat und hatte, wenn man's nur herauszufinden wüßte. Die philosophische Menschenliebe lehrt –« Der Rest der kleinen Gruppe um den Ofen murmelte einen Einwurf gegen diesen Beginn einer drohenden Abhandlung. Auch die zwei Dominospieler sahen von ihrem Spiel auf, als wollten sie schon gegen das einfache Erwähnen des Wortes philosophische Menschenliebe innerhalb der vier Mauern des »Tagesanbruchs« protestieren. »Halten Sie ein mit Ihrer Menschenliebe«, rief die lächelnde Wirtin und nickte noch mehr mit dem Kopf als je. »Hören Sie. Ich bin eine Frau, ich. Ich weiß nichts von philosophischer Menschenliebe. Aber ich weiß, was ich gesehen und was ich auf dieser Welt, in der ich lebe, von Angesicht zu Angesicht geschaut. Und ich sage Ihnen nur so viel, mein Freund, daß es Leute gibt (Männer und Frauen, unglücklicherweise), die gar nichts Gutes in sich haben – gar nichts. Daß es Leute gibt, die man ohne weiteres verabscheuen muß. Daß es Leute gibt, die man als Feinde des Menschengeschlechts ansehen muß. Daß es Leute gibt, die kein menschlich Herz haben und die man wie wilde Tiere ausrotten und aus dem Wege räumen muß. Es sind, wie ich hoffen will, ihrer nur wenige; aber ich habe gesehen (und zwar in dieser Welt, wo ich mich selbst befinde, und selbst in dem kleinen »Tagesanbruch«), daß es solche Leute gibt. Und ich zweifle nicht, daß dieser Mann – wie sie ihn nennen mögen, ich vergesse seinen Namen – zu dieser Rasse gehört.« Die lebhaften Worte der Wirtin wurden im »Tagesanbruch« mit größerem Beifall aufgenommen, als sie solchen wohl bei gewissen liebenswürdigern Verteidigern dieser Klasse, die sie so rücksichtslos verdammte, näher bei Großbritannien, gefunden hätten. »Wahrhaftig, wenn Ihre philosophische Menschenliebe«, sagte die Wirtin, indem sie ihre Arbeit niederlegte und ihrem Mann, der in der Schenktür erschien, die Suppe abnahm, »irgend jemanden in die Hand solcher Leute liefert, indem sie sich nachsichtig gegen sie zeigt, sei's in Worten, sei's in Taten, oder in beidem, so lassen Sie den ›Tagesanbruch‹ damit ungeschoren; denn sie ist nicht einen Pfifferling wert.« Als sie die Suppe vor den Gast stellte, der seine Lage in eine sitzende änderte, sah er ihr offen ins Gesicht. Sein Schnurrbart sträubte sich unter der Nase, während diese über den Schnurrbart sich senkte. »Nun«, sagte der frühere Sprecher, »lassen Sie uns auf unsren früheren Gegenstand zurückkommen. Abgesehen von alledem, meine Herren, die Leute in Marseille sagten, der Teufel sei frei, weil er vor Gericht freigesprochen worden. So ging wenigstens das Gerücht, und das war es, was ich meinte; nichts weiter.« »Wie heißt er?« sagte die Wirtin. »Biraud, nicht wahr?« »Rigaud, Madame«, versetzte der Schweizer. »Rigaud? Richtig!« Auf die Suppe des Reisenden folgte ein Gericht Fleisch und dann eine Schüssel Gemüse. Er aß alles, was ihm vorgesetzt wurde, leerte seine Flasche Wein, verlangte ein Glas Rum und rauchte seine Zigarre bei einer Tasse Kaffee. Als er gestärkt war, wurde er keck und behandelte die Gesellschaft im »Tagesanbruch« bei einem Gespräch, an dem er teilnahm, als ob er in einer weit bessern Lage wäre, als seine Erscheinung kundgab, sehr von oben herab. Die Gesellschaft mochte andre Beschäftigungen haben oder seine übermütige Behandlung fühlen, kurz, sie zerstreute sich nach und nach, und da sie von keiner andern Gesellschaft ersetzt wurde, so ließ sie ihren neuen Patron im unbeschränkten Besitz des »Tagesanbruchs«. Der Wirt hatte in der Küche zu tun; die Wirtin arbeitete ruhig weiter, und der gestärkte Reisende saß rauchend am Ofen, indem er seine zerlumpten Füße wärmte. »Verzeihen Sie, Madame, – dieser Biraud –« »Rigaud, Monsieur.« »Rigaud, verzeihen Sie noch einmal, – hat sich Ihre Ungunst zugezogen. Wie kommt das?« Die Wirtin, der er im einen Moment als ein hübscher, im andern Moment als ein häßlicher Mann erschienen, bemerkte, daß seine Nase sich herabsenkte und der Schnurrbart sich sträubte: sie entschied sich deshalb für die letztere Ansicht. Rigaud sei ein Verbrecher, sagte sie, der seine Frau umgebracht. »Ah, ja. Bei meinem Leben, das ist allerdings ein Verbrecher. Aber woher wissen Sie das?« »Alle Welt weiß es.« »Ach was! Und dennoch entkam er der Gerechtigkeit?« »Monsieur, das Gesetz konnte keine überführenden Beweise aufbringen. So sagt das Gesetz. Nichtsdestoweniger weiß es die ganze Welt. Die Leute wissen es so gut, daß man ihn in Stücke reißen wollte.« »Da alle Leute mit ihren Frauen in bestem Einverständnis leben?« sagte der Gast. »Haha!« Die Wirtin vom »Tagesanbruch« sah ihn wieder an und war nun ihrer letzten Ansicht beinahe gewiß. Er hatte jedoch eine schöne Hand und drehte sie mit großer Absichtlichkeit hin und her. Sie begann wieder zu der Ansicht umzukehren, daß er doch nicht so übel aussehe. »Erwähnten Sie – oder die Herren, die vorhin da waren – nicht, was aus ihm geworden?« Die Wirtin schüttelte den Kopf. Es war der erste Ruhepunkt des Gesprächs, bei dem ihr lebhafter Eifer mit dem Nicken innehielt, das ihre Worte bislang begleitet hatte. Es sei im »Tagesanbruch« aus den Zeitungen erzählt worden, daß man ihn zu seiner eignen Sicherheit gefangen gehalten. Jedenfalls sei er nun aber seiner Strafe entgangen, und das sei um so schlimmer. Seine Zigarre zu Ende rauchend, betrachtete sie der Gast, wie sie so dasaß, den Kopf über die Arbeit gebeugt, mit einem Ausdruck, der ihre Zweifel hätte lösen können und sie zu einer endlichen Entscheidung über sein hübsches oder häßliches Aussehen bringen müssen, wenn sie ihn angesehen. Als sie aufblickte, war der Ausdruck verschwunden. Er strich mit der Hand über seinen rauhen Bart. »Darf ich bitten, daß Sie mir das Bett zeigen lassen, Madame?« »Recht gerne, Monsieur. Holla, Mann!« Ihr Mann werde ihn hinaufbegleiten. Es sei ein – Reisender oben, der sehr früh zu Bett gegangen, da er sehr ermüdet gewesen; aber es sei ein großes Zimmer mit zwei Betten und Raum genug für zwanzig. Dies setzte ihm die Wirtin vom »Tagesanbruch« mit ihrer zirpenden Stimme auseinander, während sie von Zeit zu Zeit: »Holla, Mann!« zur Seitentür hinausrief. Der Gatte antwortete endlich: »Meinst du mich, Frau?« und erschien in seiner Kochmütze. Er leuchtete dem Reisenden eine steile und schmale Treppe hinauf; der Fremde trug seinen Mantel und seinen Ranzen selbst und wünschte der Wirtin mit einer höflichen Anspielung auf das Vergnügen, sie morgen wiederzusehen, gute Nacht. Es war ein großes Zimmer, mit einem rauhen, splitterigen Boden, ungetünchtem Sparrenwerk an der Decke und zwei Betten an den entgegengesetzten Wänden. Hier stellte der Wirt das Licht, das er trug, nieder, und mit einem Seitenblick auf seinen über den Ranzen Gebeugten gab er ihm die Weisung: »Das Bett rechts!« und verließ ihn. Der Wirt, war er nun ein guter oder schlechter Menschenkenner, war fest überzeugt, daß der Gast ein schlimmer Bursche sei. Der Gast sah verächtlich auf das reinliche, aber grobe Bett, das für ihn zugerichtet war, und sich auf den Rohrstuhl neben dem Bett niederlassend, nahm er sein Geld aus der Tasche und zählte es auf seine Hand. »Man muß doch essen«, murmelte er vor sich hin, »aber beim Himmel, morgen muß ich auf Kosten eines andern speisen!« Als er so überlegend dasaß und mechanisch sein Geld in seiner Hand wog, schlug der tiefe Atem des Reisenden im andern Bett so gleichmäßig an sein Ohr, daß er unwillkürlich seine Augen nach dieser Richtung hinlenkte. Der Mann war warm zugedeckt und hatte den weißen Vorhang vor seinem Kopf zugezogen, so daß man ihn nur hören und nicht sehen konnte. Da das tiefe gleichmäßige Atmen ruhig fortging, während der andre seine zerrissenen Schuhe und Gamaschen auszog, und immer noch fortdauerte, als er seinen Rock und seine Halsbinde abgelegt, wurde endlich seine Neugierde heftig erregt, und er fühlte sich bewogen, des Schläfers Gesicht zu betrachten. Der Reisende schlich sich deshalb etwas näher und noch ein wenig näher und noch ein wenig näher zu dem Bett des Schlafenden, bis er dicht vor ihm stand. Auch dann konnte er sein Gesicht noch nicht sehen, denn jener hatte das Bettuch darüber gezogen. Da das gleichmäßige Atmen noch fortdauerte, legte er seine weiche weiße Hand (sie machte einen ungemein verräterischen Eindruck, als er sie langsam erhob) an das Leintuch und zog es leicht weg. »Tod und Teufel!« murmelte er und ließ das Leintuch fallen, »das ist Cavaletto!« Der kleine Italiener, der schon zuvor vielleicht durch das Heranschleichen eines Mannes an sein Bett im Schlaf gestört worden, hielt plötzlich mit seinem regelmäßigen Atemholen inne und öffnete mit einem langen, tiefen Atemzug die Augen. Anfangs waren sie nicht wach, wenn auch offen. Er sah einige Sekunden seinem ehemaligen Mitgefangenen ruhig ins Gesicht und sprang dann plötzlich mit einem Schrei der Überraschung und des Schreckens aus dem Bette. »St! Was gibt's! Seid ruhig! Ich bin's. Ihr kennt mich?« rief der andere mit gedämpfter Stimme. Aber Johann Baptist, der die Augen weit aufriß, zu allen Heiligen rief, sich zitternd in eine Ecke zurückzog, in seine Hosen fuhr und seinen Rock mit den beiden Ärmeln um den Hals knüpfte, gab den unverkennbaren Wunsch zu erkennen, daß er weit lieber durch die Tür entwischen, als die Bekanntschaft erneuern wollte. Sein ehemaliger Mitgefangener sprang jedoch, als er dies sah, auf die Tür zu und stemmte seine Schultern dagegen. »Cavaletto! Erwacht, Junge! Reibt Euch die Augen aus und seht mich an. Nicht den Namen, den Ihr ehmals gebrauchtet – nennt mich nicht so –, sondern Lagnier, heißt mich Lagnier.« Johann Baptist, der seine Augen soweit als möglich aufriß, machte mehrmals jene nationale Geste des verkehrten Schüttelns des rechten Zeigefingers in der Luft, als wollte er im voraus alles von sich abweisen, was der andre sein ganzes Leben lang noch vorbringen könnte. »Cavaletto! Gebt mir Eure Hand. Ihr kennt Lagnier, den Kavalier. Gebt einem Kavalier die Hand!« Johann Baptist, der sich unter den alten Ton herablassender Autorität beugte und noch nicht ganz fest auf seinen Beinen stand, trat näher und legte seine Hand in die seines Gönners. Monsieur Lagnier lächelte: er drückte die Hand des Mitgefangenen, warf sie dann hoch und ließ sie los. »So sind Sie also –« stotterte Cavaletto. »Nicht rasiert? Nein. Seht!« rief Lagnier und drehte den Kopf nach allen Seiten. »So fest wie der Eure.« Johann Baptist sah sich mit einem leichten Schauer im Zimmer um, als wollte er sich besinnen, wo er sei. Sein Gönner ergriff diese Gelegenheit, um den Schlüssel in der Tür umzudrehen, und setzte sich dann auf sein Bett. »Seht«, sagte er und hielt seine Schuhe und Gamaschen in die Höhe. »Das ist doch ein armseliger Staat für einen Kavalier, das müßt Ihr zugestehen. Tut nichts. Ihr werdet sehen, wie bald das geflickt ist. Kommt, setzt Euch nieder. Nehmt Euren alten Platz wieder ein.« Johann Baptist, der nichts weniger als beruhigt schien, setzte sich auf den Boden neben dem Bett und hielt die Augen während der ganzen Zeit auf seinen Gönner gerichtet. »So ist's recht!« rief Lagnier. »Jetzt könnten wir wieder in dem alten höllischen Loche sein, hm? Wie lange seid Ihr schon heraus?« »Zwei Tage nach Ihnen, Herr.« »Wie kommt Ihr hierher?« »Ich wurde gewarnt, nicht in Marseille zu bleiben; deshalb verließ ich die Stadt unverweilt, und seit der Zeit treibe ich mich umher. Ich war in allen Winkeln und Ecken, in Avignon, Pont Esprit, Lyon; auf der Rhone und Saone.« Während er sprach, zeichnete er mit seiner sonnverbrannten Hand die Orte auf den Boden. »Und wohin wollt Ihr gehen?« »Gehen, mein Herr?« Johann Baptist schien dieser Antwort ausweichen zu wollen, aber nicht zu wissen, wie. »Beim Bacchus!« sagte er endlich, als ob er zum Geständnis gezwungen würde, »ich hatte schon den Gedanken, nach Paris und vielleicht nach England zu gehen.« »Cavaletto. Im Vertrauen, ich habe auch die Absicht, nach Paris und vielleicht nach England zu gehen. Wir wollen zusammen gehen.« Der kleine Mann nickte mit dem Kopfe und zeigte die Zähne, schien aber doch nicht ganz überzeugt, daß das ein ausnehmend wünschenswertes Arrangement sei. »Wir gehen zusammen«, wiederholte Lagnier. »Ihr werdet sehen, wie bald ich's dahin gebracht, daß man mich als Kavalier anerkennt, und Ihr sollt davon Euren Nutzen haben. Ist die Sache angenommen? Sind wir eins?« »O, gewiß, gewiß!« sagte der kleine Mann. »Dann sollt Ihr auch wissen, ehe ich mich schlafen lege – und zwar in sechs Worten, denn ich bedarf des Schlafes –, wie ich so plötzlich vor Euch erscheine, ich, Lagnier. Merkt Euch das, nicht der andre.« »Altro! Altro! Nicht Ri–" Ehe Johann Baptist das Wort ausgesprochen, hatte sein Kamerad ihm die Hand unter das Kinn gesetzt und den Mund heftig zugestoßen. »Tod und Teufel! Was macht Ihr? Wollt Ihr, daß ich zertreten und gesteinigt werde? Wollt Ihr zertreten und gesteinigt werden? Ihr würdet's ganz sicher. Ihr dürft nicht glauben, daß sie nur mich fassen und meinen Mitgefangenen laufen lassen würden. Glaubt das ja nicht.« Als er die Kinnlade seines Freundes losließ, lag in seinem Gesicht ein Ausdruck, aus dem der Freund schloß, daß, wenn es wirklich im Verlauf der Dinge zu einem Steinigen und Zertreten käme, Monsieur Lagnier ihn so deutlich bezeichnen würde, daß er sicher seinen Teil davon abkriegte. Er erinnerte sich, was für ein weltgewandter Herr Monsieur Lagnier war, und wie wenig Umstände er machte. »Ich bin ein Mann«, sagte Monsieur Lagnier, »den die Gesellschaft tief verletzt hat, seitdem wir uns zuletzt sahen. Ihr wißt, daß ich eine zartfühlende und tapfere Natur bin und daß es in meinem Charakter liegt, zu herrschen! Wie hat die Gesellschaft diese Eigenschaften in mir respektiert? Man hat mir durch die Straßen nachgeschrien. Man mußte mich in den Straßen gegen die Leute und vornehmlich gegen die Frauen schützen, die mit allen Waffen, die sie zur Hand bekommen konnten, auf mich losstürzten. Ich lag der Sicherheit wegen im Gefängnis, man hielt es geheim, wo ich eingesperrt war, damit man mich nicht heraushole und mir mit hundert Hieben den Garaus mache. Ich wurde in stockfinsterer Nacht aus Marseille geschafft und, in Stroh verpackt, viele Meilen weit weggeführt. Es war für mich nicht ratsam, meinem Hause zu nahen; und mit einem Bettelpfennig in der Tasche wanderte ich seit jener Zeit durch Sturm und Wetter, bis meine Füße aufgerissen waren – seht sie an! Das sind die Demütigungen, die mir von der Gesellschaft zuteil wurden, mir, der, wie Ihr wißt, die soeben erwähnten Eigenschaften besitzt. Aber die Gesellschaft soll es büßen!« Alles dies sagte er seinem Gefährten ins Ohr und beständig die Hand vor den Lippen. »Selbst hier«, fuhr er in gleicher Weise fort, »selbst in dieser geringen Schenke verfolgt mich die Gesellschaft. Die Madame verlästert mich, und ihre Gäste verlästern mich. Mich, einen Mann mit Manieren und Vorzügen, vor denen sie zu Kreuz kriechen sollten. Aber die Beleidigungen, die die Gesellschaft auf mich gehäuft, sind in dieser Brust wohlbewahrt.« Auf all dies sagte Johann Baptist, der aufmerksam auf die gedämpfte heisere Stimme lauschte, von Zeit zu Zeit: »Gewiß! Gewiß!« und schüttelte dabei den Kopf und schloß die Augen, als ob es sich hier um die klarste Klage gegen die Gesellschaft handelte, die die vollkommenste Unschuld nur aufbringen könnte. »Stellt meine Schuhe dahin«, fuhr Lagnier fort. »Hängt meinen Mantel zum Trocknen dort auf. Nehmt meinen Hut.« Er gehorchte jedem Befehl, sowie er gegeben war. »Und das ist das Bett, in das mich die Gesellschaft verbannt. Nicht wahr? Hm? Sehr gut.« Als er sich der Länge nach darauf ausgestreckt, ein zerrissenes Halstuch um seinen gottlosen Kopf gebunden und nur seinen gottlosen Kopf außerhalb der Decke zeigte, wurde Johann Baptist an das erinnert, was beinahe geschehen wäre, um dem Schnurrbart alles weitere Sträuben und der Nase alles weitere Sichsenken ein Ende zu machen. »Aus dem Würfelbecher des Schicksals wieder in Eure Gesellschaft geschleudert? Beim Himmel! Es kommt Euch zugute. Ihr profitiert dadurch. Ich werde einer langen Ruhe bedürfen. Laßt mich bis zum Morgen schlafen.« Johann Baptist erwiderte, er solle so lange schlafen, wie er wolle, und löschte, ihm eine gute Nacht wünschend, das Licht aus. Man hätte erwarten sollen, daß die nächste Handlung des Italieners sein würde, sich zu entkleiden, aber er tat gerade das Gegenteil und zog sich von Kopf bis zu Fuß an, die Schuhe ausgenommen. Als er dies getan, legte er sich zu Bett, den Mantel noch immer fest um die Schulter gezogen, und warf die Decke über sich, um so die Nacht zuzubringen. Als er aufwachte, betrachtete sich bereits der Pate des Tagesanbruchs, der wirkliche Tagesanbruch, sein Patchen. Er stand auf, nahm seine Schuhe in die Hand, drehte mit großer Vorsicht den Schlüssel im Schlosse um und schlich die Treppe hinab. Nichts war dort auf als der Geruch von Kaffee, Wein, Tabak und Sirup; und Madames kleiner Schanktisch sah ziemlich gespenstisch aus. Aber er hatte Madame seine Rechnung am Abend zuvor bezahlt und brauchte niemanden – brauchte nichts, als in seine Schuhe zu schlüpfen und seinen Ranzen überzuwerfen, die Tür zu öffnen und sich auf und davon machen. Es gelang ihm auch wirklich. Er hörte kein Geräusch und keine Stimme, als er die Tür öffnete; kein gottloser Kopf, in ein zerrissenes Halstuch gewickelt, sah zum Fenster oben heraus. Als die Sonne ihre ganze Scheibe über die flache Linie des Horizontes erhob und aus der langen finstern Durchsicht des gebahnten Weges mit seiner traurigen Allee von kleinen Bäumen Feuer schlug, bewegte sich ein schwarzer Punkt den Weg entlang und trat bisweilen in die funkelnden Pfützen von Regenwasser, daß es in die Höhe spritzte –, und dieser schwarze Punkt war Johann Baptist Cavaletto, der seinem Gönner davonlief. Zwölftes Kapitel. Der Hof zum blutenden Herzen. In London selbst, wenn auch auf dem alten Landweg nach einer bedeutenden Vorstadt, wo in den Tagen William Shakespeares, des Schriftstellers und Schauspielers, königliche Jagdsitze sich befanden, jetzt aber nur noch Raum für das Jagdvergnügen von Menschenjägern ist, lag der Hof zum blutenden Herzen. Ein Ort, der sich in seinem Aussehen und seinen Verhältnissen sehr verändert, aber immer noch das Gepräge seiner früheren Größe nicht ganz verloren hat. Zwei bis drei mächtige Reihen Schornsteine und einige große dunkle Räume, die man nicht mit Wänden durchzogen und deren alte Proportionen man nicht durch Zerteilung unkenntlich gemacht, gaben dem Hof einen gewissen Charakter. Er wurde von alten Leuten bewohnt, die ihren Ruhesitz unter seinem verschwundenen Glanze aufschlugen, wie die Araber der Wüste ihre Zelte unter den herabgefallenen Quadern der Pyramiden; es war jedoch bei den Familien in dem Hofe das behagliche Gefühl vorherrschend, daß er einen Charakter hatte. Als ob die künftige Stadt sich bereits in dem Boden selbst, auf dem dieser Hof stand, blähte, hatte sich um den besagten Hof die Erde so hoch aufgeworfen, daß man über eine Treppe dahin gelangte, die einen Teil des ursprünglichen Zugangs bildete, während man aus demselben durch einen niederen Torweg in ein Labyrinth von häßlichen Straßen kam. Diese führten nach allen Seiten, bis man endlich über mancherlei Krümmungen wieder in die Ebene gelangte. Auf einer Seite des Hofes, über dem Torweg, befand sich die Werkstätte von Daniel Doyce, die oft so schwer wie ein blutendes Herz aus Eisen von dem Geklirr von Metall auf Metall erdröhnte. Die Meinungen des Hofes waren bezüglich der Herkunft seines Namens geteilt. Die Praktischeren unter den Bewohnern blieben bei der Sage eines Mordes. Die empfindsameren, phantasiereicheren Insassen, mit Einschluß des zarten Geschlechts, hielten sich an die Legende von einer jungen Dame, die in früheren Zeiten von einem grausamen Vater in ihrem Zimmer eingekerkert wurde, weil sie ihrem treuen Geliebten treu blieb und sich weigerte, den Gemahl, den er ihr gewählt, zu heiraten. Die Legende erzählte, wie die junge Dame an ihrem Fenster oben hinter den Gittern oftmals gesehen wurde, ein Lied vom verlorenen Geliebten singend, dessen Refrain lautete: »Blutend Herz, blutend Herz, mußt verbluten«, bis sie endlich starb. Die mörderische Partei warf dagegen ein, daß dieser Refrain notorisch die Erfindung einer Stickerin, einer alten Jungfer und romantischen Person, sei, die noch im Hofe wohne. Aber, sofern alle Lieblingssagen mit den Neigungen in Verbindung stehen und weit mehr Menschen sich verlieben als Morde begehen, – was, so schlecht wir auch sind, hoffentlich bis zum Ende der Welt die göttliche Fügung sein wird, unter der wir leben – so behielt die Geschichte vom »Blutend Herz, blutend Herz, mußt verbluten«, weitaus die Oberhand. Keine Partei wollte auf die Altertumsforscher hören, die gelehrte Vorlesungen in der Nachbarschaft hielten und zeigten, daß das »Blutende Herz« das heraldische Abzeichen der alten Familie sei, der das Besitztum früher gehört. Und wenn man bedenkt, daß das Stundenglas, das sie von Jahr zu Jahr umdrehten, mit dem irdischsten und gemeinsten Sand gefüllt war, so hatten die Bewohner des Hofes zum blutenden Herzen Grund genug, sich dagegen zu verwahren, daß man sie des einzigen, kleinen goldenen Korns von Poesie berauben wollte, das darin glänzte. Daniel Doyce, Mr. Meagles und Clennam stiegen über die Treppe in den Hof. Sie durchschritten ihn und gingen zwischen den offnen Türen zu beiden Seiten vorbei, die reichlich mit mageren Kindern besetzt waren, die dicke Kinder hüteten. Dann kamen sie an das entgegengesetzte Ende, den Torweg. Hier blieb Arthur Clennam stehen, um sich nach der Wohnung des Gipsers Plornish umzusehen, dessen Namen nach echter Londoner Sitte Daniel Doyce bis zu dieser Stunde nie gesehen noch gehört. Und doch war er so leicht zu sehen, wie Klein-Dorrit gesagt: über einem mit Kalk beworfenen Torweg in der Ecke, in der Plornish eine Leiter und einige Töpfe stehen hatte. Das letzte Haus im Hof zum blutenden Herzen, das sie als seine Wohnung beschrieben, war ein großes, an verschiedene Bewohner vermietetes Gebäude. Aber Plornish deutete auf höchst sinnreiche Art an, daß er im Parterre wohne, indem er eine Hand unter seinen Namen gemalt hatte, deren Zeigefinger (an dem der Künstler einen Ring und einen schön geformten Nagel angebracht) alle Frager nach diesem Zimmer wies. Von seinen Begleitern sich trennend, nachdem er eine zweite Zusammenkunft mit Mr. Meagles verabredet, ging Mr. Clennam allein nach dem Eingang und klopfte mit dem Finger an das Parterrezimmer. Es wurde alsbald von einer Frau geöffnet, die ein Kind auf dem Arme hatte, und deren unbeschäftigte Hand rasch den obern Teil ihres Kleides in Ordnung brachte. Das war Mrs. Plornish, und diese mütterliche Beschäftigung war die Beschäftigung von Mrs. Plornish während des größten Teils ihres wachen Daseins. »Ist Mr. Plornish zu Hause?« »Nein, mein Herr«, sagte Mrs. Plornish, eine höfliche Frau, »die Wahrheit zu sagen, er ist ausgegangen, um nach einem Geschäft zu sehen.« »Die Wahrheit zu sagen«, war eine Redensart von Mrs. Plornish. Sie hätte die Menschen unter allen Umständen so wenig wie möglich getäuscht; aber sie hatte die Eigenheit, in dieser vorsichtigen Weise zu antworten. »Glauben Sie, daß er bald zurück sein wird, wenn ich auf ihn wartete?« »Ich erwarte ihn schon seit einer halben Stunde jeden Augenblick«, sagte Mrs. Plornish. »Treten Sie ein, Sir.« Arthur trat in das ziemlich dunkle und dumpfige, obgleich sehr hohe Parterrezimmer und setzte sich auf den Stuhl, der ihm hingestellt worden war. »Die Wahrheit zu sagen, Sir, ich schlag' es hoch an«, sagte Mrs. Plornish, »ich halte es für sehr gütig von Ihnen.« Er wußte nicht recht, was sie damit meinte; und dies Gefühl, das sich in seinen Augen aussprach, entlockte ihr eine Erklärung. »Es kommen nicht viele an diesen Ort der Dürftigkeit, die es der Mühe wert halten, ihren Hut abzunehmen«, sagte Mrs. Plornish. »Aber man denkt doch mehr darüber nach, als die Leute glauben.« Clennam, der sich verlegen fühlte bei dem Gedanken, daß diese unbedeutende Höflichkeit etwas Außergewöhnliches sei, entgegnete: das sei nicht der Rede wert. Und sich hinabbeugend, um einem andern kleinen Kinde die Wangen zu kosen, das auf dem Boden saß und ihn anblickte, fragte er Mrs. Plornish, wie alt der hübsche Knabe sei. »Gerade vier Jahre, Sir«, sagte Mrs. Plornish. »Es ist wirklich ein hübscher kleiner Junge, nicht wahr, Sir? Aber der da ist etwas kränklich.« Sie wiegte den Säugling sanft in den Armen, während sie dies sagte. »Sie werden mir gütigst erlauben, Sie zu fragen, Sir, ob es ein Geschäft ist, wegen dessen Sie gekommen?« fügte Mrs. Plornish neugierig hinzu. Sie fragte so besorgt, daß, wenn er irgendeine Art von Haus gehabt, er es lieber einen Fuß dick hätte mit Gips bewerfen lassen, als nein zu sagen. Aber er war genötigt, nein zu antworten; und er sah einen Schatten von Enttäuschung über ihr Gesicht hinziehen, während sie tief aufseufzte und nach dem herabgebrannten Feuer blickte. Er sah indessen, daß Mrs. Plornish eine junge Frau war, die durch die Armut etwas schlampig an sich selbst und in ihrer Umgebung geworden; Armut und Kinder hatten sie so herumgezogen, daß deren vereinte Kräfte bereits auch Runzeln in ihr Gesicht gezogen. »Mit allem, was Auftrag heißt«, sagte Mrs. Plornish, »scheint es mir schief zu gehen, wahrhaftig es ist so.« (Hier beschränkte Mrs. Plornish ihre Bemerkung auf das Gipserhandwerk und sprach ohne Beziehung auf das Circumlocution Office und die Familie Barnacle.) »Ist es so schwierig, Arbeit zu bekommen?« fragte Arthur Clennam. »Plornish findet es«, versetzte sie. »Er ist sehr unglücklich. Wirklich sehr unglücklich.« Er war es auch in der Tat. Er war einer von den Pilgern auf dem Lebensweg, die mit übernatürlichen Hühneraugen behaftet sind. Diese machen es ihnen unmöglich, selbst mit ihren lahmen Rivalen gleichen Schritt zu halten. Ein williger, arbeitsamer, sanfter, nicht hartköpfiger Mann, nahm Plornish sein Schicksal so geduldig hin, wie man es nur erwarten konnte, obwohl es ein hartes Schicksal war. Es geschah so selten, daß wirklich jemand seiner zu bedürfen schien; es war ein so großer Ausnahmefall, wenn man seine Kräfte in Anspruch nahm, daß sein trüber Geist sich nicht klar werden konnte, wie dies kam. Er nahm die Sache deshalb, wie sie war; er stolperte in alle Arten von Verlegenheiten und stolperte auch wieder heraus; und so durch das Leben stolpernd, wurde er zuletzt ordentlich zerquetscht. »Er läßt es ganz gewiß nicht daran fehlen, sich nach Arbeit umzusehen«, sagte Mrs. Plornish, ihre Brauen erhebend und nach einer Lösung des Problems zwischen den Eisenstäben des Gitters suchend, »auch ist er fleißig bei der Arbeit, wenn er solche bekommen kann. Niemand hat meinen Mann je über das Geschäft klagen hören.« Auf die eine oder andere Art war dies das allgemeine Unglück des Hofes zum blutenden Herzen. Von Zeit zu Zeit war die allgemeine Klage, die sehr nachdrücklich die Runde machte, daß die Arbeitskraft so rar sei – was gewisse Leute sehr übel aufnahmen, als ob sie nach ihrem Gutdünken ein absolutes Recht darauf hätten, – aber der Hof zum blutenden Herzen, obgleich so willig wie irgendein Hof in ganz England, war trotz der Nachfrage deshalb nicht besser daran. Jene hohe alte Familie, die Barnacles, war längst zu sehr mit ihrem großen Prinzip beschäftigt, um in solche Dinge einzudringen; und die Sache hatte auch wirklich nichts mit ihrem Bemühen zu tun, alle andern hohen alten Familien, ausgenommen die Stiltstalking, an Taktik zu übertreffen. Während Mrs. Plornish in solchen Worten von ihrem abwesenden Manne sprach, kam dieser. Ein glattwangiger, blühend aussehender, rotbärtiger Mann von dreißig Jahren, mit langen Beinen, schlaffen Knien, einfältigem Gesicht und einer flanellenen Jacke, die mit Kalk bespritzt war. »Das ist Plornish, Sir.« »Ich kam«, sagte Clennam, »Sie um die Gefälligkeit einer kleinen Unterredung wegen der Familie Dorrit zu bitten.« Plornish wurde mißtrauisch. Er schien einen Gläubiger zu wittern und sagte: »Ah! Ja! So, so. Er wisse nicht, welche Auskunft er einem Gentleman über diese Familie geben könnte. Worum es sich denn handle?« »Ich kenne Sie besser«, sagte Clennam lächelnd, »als Sie wohl vermuten.« Plornish bemerkte, ohne jedoch auch zu lächeln: »Und doch habe er nicht das Vergnügen, mit dem Gentleman bekannt zu sein.« »Nein«, sagte Arthur, »ich kenne Sie durch Ihre Dienste aus zweiter Hand, aber aus der besten Quelle. Durch Klein-Dorrit. Ich meine«, erklärte er, »Miß Dorrit.« »Mr. Clennam, nicht wahr? Oh! Habe von Ihnen gehört, Sir.« »Und ich von Ihnen«, sagte Arthur. »Bitte, setzen Sie sich wieder, Sir, und seien Sie mir willkommen. – O ja«, sagte Plornish, einen Stuhl nehmend und das ältere Kind auf seine Knie nehmend, um die moralische Stütze zu haben, über seinen Kopf hinüber mit dem Fremden sprechen zu können, »ich selber war auch einmal auf der schlimmen Seite der Gefängnistüre und lernte auf diese Weise Miß Dorrit kennen. Ich und meine Frau sind gut bekannt mit Miß Dorrit.« »Ganz intim!« rief Mrs. Plornish. Sie war wirklich so stolz auf diese Bekanntschaft, daß sie eine ziemlich erbitterte Stimmung im Hofe hervorgerufen, indem sie die Summe, wegen der Miß Dorrits Vater ins Schuldgefängnis kam, ins Enorme gesteigert hatte. Die »blutenden Herzen« nahmen ihren Anspruch auf die Bekanntschaft mit Leuten von solcher Distinktion übel auf. »Mit ihrem Vater wurde ich zuerst bekannt. Und durch die Bekanntschaft mit ihm wurde ich, Sie begreifen, ganz natürlich auch mit ihr bekannt«, sagte Plornish wiederholend. »Ich begreife.« »Ach! Was hat er für Manieren! Wie fein ist er! Was ist er für ein Gentleman, der noch im Marschallgefängnis gedeiht! Sie wissen vielleicht nicht«, sagte Plornish, seine Stimme schwächend und mit einer verkehrten Bewunderung dessen sprechend, was er hätte bemitleiden oder verachten sollen, »wissen nicht, daß Miß Dorrit und ihre Schwester ihn nicht wissen lassen dürfen, daß sie für den Lebensunterhalt arbeiten. Nein«, sagte Plornish, der mit einem lächerlichen Triumph zuerst seine Frau ansah und dann im ganzen Zimmer umherblickte. »Dürfen's ihn nicht wissen lassen, dürfen's nicht.« »Ohne ihn deshalb zu bewundern, tut es mir doch sehr leid um ihn«, bemerkte Clennam ruhig. Diese Bemerkung schien Plornish zum erstenmal darauf aufmerksam zu machen, daß es doch nicht gerade ein sehr edler Charakterzug sei. Er erwog diesen Gedanken einen Augenblick und gab ihn dann auf. »Gegen mich«, begann er aufs neue, »ist Mr. Dorrit so freundlich, wie man es nur immer erwarten kann. Namentlich, wenn man den Standes- und Rangunterschied zwischen uns in Betracht zieht. Aber wir sprachen von Miß Dorrit.« »Allerdings. Bitte, wie führten Sie sie bei meiner Mutter ein?« Mr. Plornish zupfte ein wenig Kalk aus seinem Backenbart, nahm es zwischen die Lippen, drehte es mit seiner Zunge wie eine Zuckerbohne, überlegte, fand sich zu einer klaren Auseinandersetzung unfähig und sagte, an seine Frau sich wendend: »Sally, du kannst ebensogut sagen, wie es kam, ja, Alte.« »Miß Dorrit«, sagte Sally, den Säugling beruhigend und ihr Kinn auf die kleine Hand legend, als er das Kleid wieder in Unordnung zu bringen suchte. »Miß Dorrit kam eines Nachmittags mit etwas Geschriebenem hierher und sagte, daß sie Beschäftigung als Näherin wünsche, und fragte, ob es uns irgendwie ungelegen wäre, wenn sie die Interessenten hierher weisen lasse.« (Plornish wiederholte: die Interessenten hierher weisen lasse, mit leiser Stimme, als ob er in der Kirche nachbetete.) »Ich und Plornish sagen, nein, Miß Dorrit, gar nicht ungelegen.« (Plornish wiederholte: nicht ungelegen.) »Und sie schrieb es demzufolge hinein, worauf ich und Plornish sagen: Aber Miß Dorrit!« (Plornish wiederholte: Aber Miß Dorrit.) »Haben Sie auch daran gedacht, es drei- bis viermal abzuschreiben, damit man's an verschiedenen Plätzen anschlagen kann? ›Nein‹, sagte Miß Dorrit, ›ich habe es nicht getan, aber ich will's tun.‹ Sie schrieb es deshalb auf diesem Tisch recht schön ab, und Plornish nahm es mit, wohin er zur Arbeit ging, er hatte damals gerade Arbeit« (Plornish wiederholte: damals gerade Arbeit), »und dann auch zu dem Besitzer des Hofes zum blutenden Herzen . So kam es, daß Mrs. Clennam zuerst Miß Dorrit beschäftigte.« (Plornish wiederholte: Miß Dorrit beschäftigte.) Und Mrs. Plornish, die zu Ende war, tat, als bisse sie in die kleine Hand, während sie sie küßte. »Der Besitzer des Hofes«, sagte Arthur Clennam, »ist –« »Er heißt Mr. Casby«, sagte Plornish, »und Pancks, der kassiert die Miete ein. Das«, fügte Mr. Plornish hinzu, indem er mit einer Langsamkeit des Geistes und Denkens, die sich an keinen besonderen Gegenstand zu ketten, ihn auf keinen besondern Punkt zu führen schien, bei dieser Sache verweilte, »das ist's, was sie ungefähr sind, Sie mögen mir's glauben oder nicht, wies Ihnen beliebt.« »Ach!« versetzte Clennam, nun auch in Gedanken versinkend. »Mr. Casby! Ein alter Bekannter von mir; lange Zeit her.« Mr. Plornish fand keinen Weg, sich das Wieso zu erklären, und ließ es darum auch auf sich beruhen. Da hier wirklich kein Grund vorhanden war, weshalb er auch nur das geringste Interesse daran haben sollte, ging Arthur Clennam wieder zum Zweck seines Besuches über; nämlich Plornish zur Befreiung Tips als Werkzeug zu benutzen, und zwar mit so wenig Nachteil wie möglich für das Selbstvertrauen und die Selbsthilfe des jungen Mannes, da er voraussetzte, daß diese Eigenschaften noch nicht ganz in ihm aufgehört; freilich eine sehr kühne Voraussetzung. Plornish, der mit der Klagesache aus dem eignen Munde des Beklagten bekannt gemacht worden, gab Arthur zu verstehen, daß der Kläger ein » Chaunter « sei – er meinte damit nicht einen Kirchensänger, sondern einen Pferdehändler – und daß er (Plornish) glaube, mit zehn Schilling per Pfund sei die Sache »sehr schön bereinigt« – mehr aber hieße das Geld hinauswerfen. Bald darauf begaben sich Clennam und sein Werkzeug nach einem Pferdehof in High Holborn, wo ein außerordentlich schöner, grauer Wallach, mindestens fünfundsiebenzig Guineen wert (ungerechnet der Wert des Schrots, den man ihm gegeben, um seine Form zu verschönern), für eine Zwanzig-Pfund-Note verkauft werden sollte. Er war nämlich vergangene Woche mit Frau Kapitän Barbary von Cheltenham durchgegangen, die einem Pferd seines Mutes nicht gewachsen war und es aus purem Ärger um diese lächerliche Summe verkaufen oder, mit andern Worten, verschenken wollte. Plornish, der allein in den Hof hineinging und den Herrn draußen ließ, fand einen Gentleman mit engen, schwarzbraunen Beinkleidern, einem ziemlich alten Hut, einem kleinen, krummen Stock und einem blauen Halstuch (Kapitän Marvon von Gloucestershire, ein intimer Freund von Kapitän Barbary), der glücklicherweise gerade anwesend war, um diese Mitteilungen über den außerordentlich feinen Schimmelwallach jedem wirklichen Pferdekenner und jedem, der etwas Gutes wegschnappen wollte, zu geben, falls er etwa, durch die Zeitungsanzeige veranlaßt, hier vorsprechen würde. Dieser Gentleman, der zufällig auch der Kläger in Tips Sache war, wies Mr. Plornish an seinen Sachwalter und weigerte sich, mit Mr. Plornish zu verhandeln oder auch nur seine Anwesenheit im Hofe zu dulden, wenn er nicht mit einer Zwanzig-Pfund-Note erscheine. In diesem Fall allein wollte der Gentleman aus dem Schein schließen, daß er in Geschäftsangelegenheiten gekommen und eingelassen werden könne. Auf solchen Wink entfernte sich Mr. Plornish, um mit seinem Auftraggeber zu sprechen, und kam alsbald mit dem verlangten Kreditbriefe zurück. Kapitän Maroon sagte nun: »Wie lange brauchen Sie, um auch die andern zwanzig aufzubringen? Ich will Ihnen einen Monat Zeit lassen.« Kapitän Maroon sagte ferner, als es nicht passen wollte: »Nun, ich will Ihnen sagen, was ich tun will. Sie bringen mir einen guten Wechsel, bei irgendeinem Bankhaus in vier Monaten zahlbar, für die andern zwanzig Pfund.« Kapitän Maroon sagte ferner, als auch das nicht passen wollte: »Nun, kommen Sie; daß ist das Letzte, was ich Ihnen vorschlagen kann. Zahlen Sie mir zehn Pfund bar, so will ich die Schuld ausstreichen.« Kapitän Maroon sagte weiter, als auch das nicht passen wollte: »Nun, ich will Ihnen sagen, wie es ist, und damit ist die Sache abgemacht; er hat mir schlecht mitgespielt; aber ich will ihn für fünf Pfund bar und eine Flasche Wein springen lassen, wenn Ihnen das recht ist, so sei's abgemacht, wenn nicht, so lassen wir die Sache beim alten.« Zuletzt sagte Kapitän Maroon, als selbst auch das noch nicht genügen wollte: »Abgemacht denn!« – Und gab rücksichtlich des ersten Anerbietens einen Schein für den Empfang der vollen Summe und sprach den Gefangenen frei. »Mr. Plornish«, sagte Arthur, »ich vertraue Ihnen, wenn es Ihnen recht ist, mein Geheimnis an. Wenn Sie es auf sich nehmen wollen, dem jungen Mann wissen zu lassen, daß er frei ist, und ihm zu sagen, daß Sie von jemandem, den Sie nicht nennen dürften, beauftragt seien, die Schuld abzutragen, so werden Sie nicht nur mir, sondern nicht weniger ihm und auch seiner Schwester einen Dienst erweisen.« »Der letzte Grund, Sir«, sagte Plornish, »würde vollständig genügen. Ihre Wünsche sollen erfüllt werden.« »Ein Freund habe seine Freilassung erwirkt, können Sie ja sagen, wenn Sie wollen. Ein Freund, der hoffe, daß er um seiner Schwester, wenn auch sonst um niemandes willen, einen guten Gebrauch von seiner Freiheit machen werde.« »Ihre Wünsche sollen erfüllt werden, Sir.« »Und wenn Sie so freundlich sein wollten, da Sie die Familie besser kennen, offen gegen mich zu sein und mir die Mittel zu sagen, wie ich Klein-Dorrit auf eine zarte Weise nützlich sein kann, so werde ich mich Ihnen sehr verbunden fühlen.« »Bitte sehr, Sir«, versetzte Plornish, »es wird mir gleichfalls ein Vergnügen sein und ein – gleichfalls ein Vergnügen sein und ein –" Da er sich, trotz zweimaligen Versuchs, nicht imstande fühlte, seine Phrase zu vollenden, ließ Mr. Plornish sie klugerweise fallen. Er nahm Clennams Karte nebst einem angemessenen Geldgeschenk in Empfang. Er wollte sich des Auftrags alsbald entledigen, und auch sein Auftraggeber war damit einverstanden. Dieser bot ihm deshalb an, ihn bei dem Tor des Marschallgefängnisses abzusetzen, und sie fuhren nach jener Gegend über die Blackfriarsbrücke. Auf dem Weg entlockte Arthur seinem neuen Freunde eine verwirrte Übersicht über das innere Leben im Hof zum blutenden Herzen. Sie seien dort alle sehr schlimm dran, sagte Mr. Plornish, ungemein schlimm dran, das könne er versichern. Er könne nicht sagen, wie das komme; er wisse nicht, ob es irgend jemand sagen könne; alles, was er wisse, sei, daß dies wirklich so wäre. Wenn ein Mensch an seinem eigenen Rücken oder in seinem Bauch fühle, daß er arm sei, so wisse dieser Mensch (das war Mr. Plornishs feste Überzeugung), daß er auf irgendeine Art arm sei, und man könne es ihm auch nicht ausreden, wie man kein Ochsenfleisch in ihn hineinreden könne. Und dann, sehen Sie, einzelne Leute, denen es besser geht, und derer wohnen eine ziemliche Masse bis dicht an dies Quartier und drüber hinaus, wie er gehört, – diese hätten gesagt, sie seien »sorglose Menschen« (das war sein Lieblingswort). Wenn sie zum Beispiel einen Mann mit seiner Frau und seinen Kindern in einem Wagen nach Hampton Court fahren sehen, und wär's auch nur einmal im Jahre, so sagen sie: »Hallo! Ich habe geglaubt, Ihr seid arm, mein sorgloser Freund!« Nun, bei Gott, das sei doch gewiß hart gegen den Mann! Was solle der Mensch anfangen? Er könne nicht »melancholisch« den Kopf hängen lassen, und wenn er's täte, wär' es darum nicht besser. Nach Mr. Plornishs Ansicht wäre es nur um so schlimmer. Aber man scheine den Menschen wirklich melancholisch, wahnsinnig machen zu wollen. Darauf arbeitete man ständig hin – wenn nicht mit der rechten Hand, dann mit der linken. Und was tun die Leute im Hof zum blutenden Herzen? Sehe man sich's mal näher an. Die Mädchen und ihre Mütter seien mit Nähen oder Schuheinfassen, Säumen und Kleidermachen Tag und Nacht und Nacht und Tag beschäftigt und nicht imstande, mehr als Leib und Seele zusammenzuhalten und oft nicht mal so viel. Es gebe dort Leute von allen Arten von Gewerben, die man kaum nennen könne, die alle arbeitsbedürftig seien, aber keine Arbeit bekommen könnten. Es wohnen alte Leute dort, die, nachdem sie ihr ganzes Leben hindurch gearbeitet, ins Armenhaus eingeschlossen, dort schlechtere Kost, Wohnung und Behandlung hätten, als – Mr. Plornish sagte Fabrikarbeiter, schien aber Strafarbeiter zu meinen. Man wisse nicht, wohin man sich wenden solle, um sich ein bißchen Labsal zu verschaffen. Wer darob zu tadeln sei, – Plornish wußte es nicht. Er könnte auch sagen, wer darunter litt, aber nicht, wessen Schuld es wäre. Es sei nicht seine Sache, das herauszubringen, und wer würde darauf achten, wenn es ihm gelänge? Er wüßte bloß, daß diejenigen, die das täten, es nicht recht machten und daß es von selbst auch nicht recht würde. Kurz, es war seine unlogische Ansicht, daß, wenn man nichts für ihn tun könne, man lieber von ihm auch nichts dafür nehmen würde, daß man sich damit zu tun machte; soweit er sich die Sache erklären könne, käme es darauf hinaus. So drehte Plornish in seiner weitläufigen, halb murrenden, törichten Manier den verwickelten Strang seiner Lage um und um wie ein blinder Mann, der einen Anfang oder ein Ende desselben zu finden sucht, – bis sie endlich das Tor des Gefängnisses erreichten. Dort verließ er seinen Auftraggeber, der, während sein Gehilfe von ihm wegeilte, überlegte, wie viele tausend Plornishs wohl, ein bis zwei Tagreisen in der Runde um das Circumlocution Office herum, allerlei seltsame Variationen derselben Melodie spielten, die man in dem glorreichen Institut nicht einmal vom Hörensagen kannte. Dreizehntes Kapitel. Patriarchalisch. Die Erwähnung von Mr. Casby machte in Clennams Gedächtnis die rauchenden Kohlen der Neugierde und des Interesses wieder glühen, die Mrs. Flintwinch am Abend seiner Ankunft angefacht. Flora Casby war die Geliebte seiner Knabenzeit gewesen, und Flora war die Tochter und das einzige Kind des holzklotzköpfigen alten Christopher (so nannten ihn bisweilen einige unehrerbietige Geister, die Geschäfte mit ihm hatten, und bei denen die Vertraulichkeit vielleicht ihre sprichwörtlichen Resultate hatte); er genoß den Ruf eines Mannes von großen wöchentlichen Mieteinnahmen; und ferner, daß er eine gute Quantität Blut aus den Steinen verschiedener wenig versprechender Höfe und Gäßchen zu pressen wisse. Nach mehrtägigem Forschen und Fragen gewann Arthur Clennam endlich die Überzeugung, daß die Sache des Vaters vom Marschallgefängnis wirklich eine hoffnungslose sei, und verzichtete mit großem Schmerz auf den Gedanken, ihm zu seiner Freiheit zu verhelfen. Er hatte im Augenblick auch wegen Klein-Dorrits keine Nachforschungen mit Aussicht auf Erfolg anzustellen; aber er dachte bei sich, wenn irgend etwas, werde es für das arme Kind dienlich sein, wenn er diese Bekanntschaft erneuere. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß er ohne allen Zweifel sich bei Mr. Casby eingefunden, auch wenn keine Klein-Dorrit vorhanden gewesen; denn wir wissen alle, wie wir uns täuschen – das heißt, wie die Leute im allgemeinen, unser tieferes Selbst ausgenommen, sich über die Beweggründe ihrer Handlungen täuschen. Mit einem angenehmen und in seiner Art ehrlichen Gefühl, daß er Klein-Dorrit auch selbst dann in seinen Schutz nehme, wenn er tue, was gar keine Beziehung zu ihr habe, stand er eines Nachmittags an der Ecke der Straße von Mr. Casby. Mr. Casby wohnte in einer Straße in Gray's Inn Road, die mit der Absicht von dieser Durchfahrt sich abzweigt, in einem Lauf nach dem Tal hinab und wieder nach der Höhe von Pentonville Hill hinaufzurennen, die sich aber nach einer Strecke von zwanzig Ellen außer Atem gelaufen und seit jener Zeit stillgestanden. Es existiert jetzt kein solcher Platz in jenem Stadtteil mehr. Aber die stehengebliebene Straße war viele Jahre dort zu sehen, wie sie mit getäuschtem Gesicht nach der mit unfruchtbaren Gärten bepflasterten und mit finnenartig hervorbrechenden Sommerhäusern durchzogenen Wildnis hinabschaute, die sie im Nu zu überrennen gewillt gewesen. »Das Haus«, dachte Clennam, als er über die Straße nach der Tür ging, »hat sich so wenig verändert wie das meiner Mutter und sieht beinahe ebenso düster aus. Aber die Ähnlichkeit hört schon außerhalb auf. Ich kenne seine stille Ruhe darinnen. Der Geruch seiner Vasen mit Rosenblättern und Lavendel scheint mir bereits entgegenzuduften.« Als auf sein Klopfen mit dem glänzenden messingenen Türhammer von altväterischer Form eine Dienerin in der Tür erschien, begrüßten ihn wirklich diese welken Gerüche wie ein Winterhauch, der uns flüchtig an den vergangenen Frühling erinnert. Er trat in das nüchterne, stille, luftdichte Haus – man hätte glauben können, es sei von stummen Henkern nach orientalischer Methode erstickt worden –, und als die Tür wieder geschlossen wurde, schien sie Klang und Bewegung hinauszubannen. Das Hausgerät war feierlich, ernst und quäkerartig, aber gut gehalten, und machte einen so befangenen Eindruck, wie irgend etwas von einem menschlichen Geschöpf bis zu einem hölzernen Stuhl herab, das für vielen Gebrauch bestimmt, aber zu wenigem aufbewahrt ist, nur immer haben kann. Eine schwere Uhr tickte irgendwo auf der Treppe, und in derselben Gegend befand sich ein gesangloser Vogel, der an seinem Käfig pickte, als ob er gleichfalls tickte. Das Feuer im Parterrezimmer tickte auf dem Rost. Nur eine Person befand sich an dem Kamine des Parterrezimmers, und die laute Uhr in ihrer Tasche tickte hörbar. Die Dienerin hatte die beiden Worte »Mr. Clennam« so leise getickt, daß sie nicht gehört worden war. Er stand deshalb unbemerkt in der Tür, die sie geschlossen. Die Gestalt eines Mannes von vorgerücktem Alter, dessen glatte, weiße Augbrauen sich nach dem Ticken zu bewegen schienen, während der Feuerschein auf ihnen flackerte, saß in einem Armstuhl, die Lackschuhe auf dem Kaminteppich streckend und die Daumen langsam umeinander drehend. Es war der alte Christopher Casby – auf den ersten Blick zu erkennen –, seit zwanzig Jahren und noch länger so unverändert wie sein solides Hausgerät, – von dem Einfluß der verschiedenen Jahreszeiten so wenig berührt wie die alten Rosenblätter und der alte Lavendel in seinen Porzellantöpfen. Vielleicht gab es in dieser schwierigen Welt nichts für die Phantasie so Schwieriges, wie sich ihn als Knaben vorzustellen; und doch hatte er sich seit jener Zeit auf seinem Weg durchs Leben sehr wenig verändert. Ihm gegenüber, in dem Zimmer, in dem er saß, befand sich das Bild eines Knaben, das jeder beim ersten Blick als das von Mr. Christopher Casby in seinem zehnten Jahre bezeichnet haben würde. Obgleich er als kleiner Heumäher verkleidet und mit einem Rechen versehen war, für den er von je so viel Geschmack oder Gebrauch gehabt wie für eine Taucherglocke, und dabei (auf einem seiner Beine) auf einer Veilchenbank saß, durch eine Dorfkirchturmspitze in frühreife Betrachtungen versenkt. Es war dasselbe glatte Gesicht, dieselbe glatte Stirn, dasselbe ruhige, blaue Auge, dieselbe gelassene Miene. Der glänzende Glatzkopf, der so groß erschien, weil er so viel Glanz verbreitete, und das lange weiße Haar an den Seiten und hinten, wie Pflanzenseide oder gesponnenes Glas herabhängend, das so wohlwollend aussah, weil es nie geschnitten wurde – das war natürlich bei dem Knaben nicht zu finden wie bei dem Mann. Trotzdem konnte man in dem ätherischen Wesen mit dem Heurechen deutlich die Spuren des Patriarchen mit den Lackschuhen erkennen. Patriarch war der Name, den ihm viele Leute zu geben beliebten. Verschiedene alte Frauen in der Nachbarschaft sprachen von ihm als von dem »Letzten Patriarchen«. Sein weißes Haar, sein sanftes, ruhiges, leidenschaftsloses, kugelköpfiges Wesen gaben ihm ein Recht auf den Namen des Patriarchen. Er war in den Straßen angeredet und höflich ersucht worden, ein Patriarch für Maler und Bildhauer zu werden: und zwar wirklich mit solcher Zudringlichkeit, daß es den Schein hätte haben können, als ob es gar nicht die Aufgabe der schönen Kunst wäre, sich der Wesenheiten eines Patriarchen zu entsinnen oder einen solchen zu erfinden. Menschenfreunde beiderlei Geschlechts hatten gefragt, wer er sei, und als man ihnen sagte: »Der alte Christopher Casby, früher Stadtagent von Lord Decimus Tite Barnacle«, in der Ekstase der Enttäuschung ausgerufen: »Oh! warum ist er mit diesem Kopf nicht ein Wohltäter für sein Geschlecht! Oh! warum ist er mit diesem Kopf nicht ein Vater der Waisen und ein Freund der Verlassenen!« Mit diesem Kopf blieb er jedoch der alte Christopher Casby, dem allgemeinen Gerüchte zufolge ein reicher Hauseigentümer; und mit diesem Kopf saß er nun in seinem stillen Parterrezimmer. Es wäre auch wirklich ganz unvernünftig zu erwarten, er werde ohne diesen Kopf dasitzen. Arthur Clennam machte eine Bewegung, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die weißen Augenbrauen wandten sich nach ihm um. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Clennam, »denn ich muß befürchten, daß Sie mich nicht melden hörten.« »Nein, Sir, wirklich nicht. Wollten Sie mich sprechen, Sir?« »Ich wollte Ihnen meinen Besuch machen.« Mr. Casby schien durch diese Worte ein wenig enttäuscht, da er vielleicht auf einen andern wichtigeren Wunsch des Fremden gefaßt war. »Habe ich das Vergnügen, Sir?« – fuhr er fort, – »nehmen Sie sich einen Stuhl, wenn's gefällig – habe ich das Vergnügen, Sie zu kennen? Ah! wirklich, ja, ich denke wohl! Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß ich mit diesen Gesichtszügen bekannt bin? Ich spreche doch wohl mit einem Gentleman, von dessen Heimkehr in das Vaterland mich Mr. Flintwinch unterrichtet?« »Der bin ich.« »Wirklich, Mr. Clennam?« »Niemand anders, Mr. Casby.« »Mr. Clennam, ich freue mich. Sie zu sehen. Wie ging es Ihnen, seit wir uns nicht mehr gesprochen?« Ohne es der Mühe wert zu halten, zu erklären, daß er im Laufe eines Vierteljahrhunderts nach Körper und Geist manche kleine Veränderung durchgemacht, antwortete Clennam im allgemeinen, daß er sich nie wohler befunden, oder etwas der Art, und schüttelte die Hände des Besitzers des Kopfs, während dieser sein patriarchalisches Licht über ihn ergoß. »Wir sind älter geworden, Mr. Clennam«, sagte Christopher Casby. »Wir sind – nicht jünger", sagte Clennam. Nach dieser klugen Bemerkung merkte er, daß er keinen glänzenden Schein von sich gegeben, und er fühlte sich etwas unbehaglich. »Und Ihr verehrter Vater«, sagte Mr. Casby, »ist nicht mehr! Es hat mich sehr geschmerzt, das zu hören, Mr. Clennam, sehr geschmerzt.« Arthur gab ihm auf die übliche Weise zu erkennen, daß er ihm unendlich verbunden sei. »Es gab eine Zeit«, sagte Mr. Casby, »wo Ihre Eltern und ich nicht auf freundschaftlichem Fuße standen. Es herrschte ein kleines Mißverständnis zwischen uns. Ihre verehrte Mutter war vielleicht etwas eifersüchtig auf ihren Sohn; wenn ich sage, ihren Sohn, so meine ich Ihre würdige Person, Ihre würdige Person.« Sein glattes Gesicht hatte eine Röte wie reifes Spalierobst. Mit diesem blühenden Gesicht, diesem Kopf und seinen blauen Augen schien er Gefühle von seltener Weisheit und Kraft zu äußern. In gleicher Weise schien sein physiognomischer Ausdruck mit lauter Wohlwollen schwanger zu gehen. Niemand hätte sagen können, worin diese Weisheit, worin diese Kraft oder dieses Wohlwollen lag; aber sie schienen doch alle von ihm auszugehen. »Diese Zeiten«, fuhr Mr. Casby fort, »sind jedoch vergangen und vorbei, vergangen und vorbei. Ich mache mir selbst das Vergnügen, Ihre verehrte Mutter bisweilen zu besuchen und den Mut und die Stärke zu bewundern, mit der sie ihre Prüfung trägt, Prüfung trägt.« Wenn er diese kleinen Wiederholungen machte, die Hände ineinander gelegt vor sich, tat er es mit dem Kopf auf die eine Seite geneigt und einem freundlichen Lächeln, als ob er etwas im Sinne trüge, das zu gütig und inhaltsschwer, als daß es in Worte gebracht werden könnte: als ob er sich selbst das Vergnügen versagte, es auszusprechen, weil er sonst zu hoch fliegen müßte und seine bescheidene Natur es deshalb vorzöge, Nichtssagendes zu sprechen. »Ich habe gehört, daß Sie so freundlich waren, bei einem dieser Besuche«, sagte Arthur, die Gelegenheit ergreifend, während sie an ihm vorbeigeführt wurde, »Klein-Dorrit bei meiner Mutter zu erwähnen.« »Klein –? Dorrit? Das ist die Näherin, die mir von einem meiner geringeren Mieter genannt wurde? Ja, ja. Dorrit! Das ist der Name. Ach, ja, ja. Sie nennen sie Klein-Dorrit?« Kein Weg in dieser Richtung. Nichts kam in die Quere. So ging es zum Ziel. »Meine Tochter Flora«, sagte Mr. Casby, »wie Sie wahrscheinlich gehört, Mr. Clennam, heiratete vor mehreren Jahren. Sie hatte das Unglück, ihren Gatten wenige Monate nach der Hochzeit zu verlieren. Sie wohnt jetzt wieder bei mir und wird sich sehr freuen, Sie zu sehen, wenn Sie mir erlauben wollen, sie wissen zu lassen, daß Sie hier sind.« »Ganz gewiß«, versetzte Clennam. »Ich hätte selbst darum gebeten, wenn Sie mir nicht zuvorgekommen wären.« Mr. Casby erhob sich in seinen Lackschuhen und ging mit langsamem schwerem Tritt (er war von elefantenartiger Bauart) nach der Tür. Er hatte einen langen, weitschößigen, flaschengrünen Rock und ein Paar flaschengrüne Beinkleider und eine flaschengrüne Weste an. Die Patriarchen trugen kein flaschengrünes Tuch, und doch hatten seine Kleider etwas Patriarchalisches. Er hatte kaum das Zimmer verlassen und das Ticken wieder hörbar werden lassen, als eine rasche Hand einen Schlüssel in der Haustür umdrehte, sie öffnete und schloß. Augenblicklich darauf kam ein lebhafter, eifriger, kurzer, finstrer Mann mit so viel Ungestüm in das Zimmer, daß er nur noch einen Fuß von Clennam entfernt war, ehe er halten konnte. »Hallo!« sagte er. Clennam sah keinen Grund, weshalb er nicht auch »Hallo!« sagen sollte. »Was gibt es?« sagte der kurze, finstre Mann. »Ich habe nicht gehört, daß es irgend etwas gibt«, versetzte Clennam. »Wo ist Mr. Casby?« fragte der kurze, finstre Mann und sah sich um. »Er wird augenblicklich wieder da sein, wenn Sie ihn erwarten wollen.« »Ich ihn erwarten?« sagte der kurze, finstre Mann. »Erwarten Sie ihn?« Dies veranlaßte ein bis zwei Worte der Erklärung seitens Clennams, während deren der kurze, finstre Mann seinen Atem anhielt und ihn ansah. Er war in Schwarz und in ein Grau wie rostiges Eisen gekleidet, hatte onyxschwarze Kügelchen von Augen, ein ruppiges; kleines, schwarzes Kinn, drahtartiges, schwarzes Haar, spitzig von seinem Kopf abstehend wie Gabeln oder Haarnadeln, und eine Farbe, die sehr dunkel von Natur und sehr schmutzig durch Kunst oder eine Mischung von Kunst und Natur war. Er hatte schmutzige Hände und schmutzige abgebrochene Nägel und sah aus, als ob er im Kohlenberg gewesen wäre. Er war in Schweiß geraten und schnaufte und pustete und schnaubte und blies, wie ein kleines arbeitendes Dampfschiff. »Oh«, sagte er, als Arthur ihm gesagt, wie er hierhergekommen. »Ganz gut. Das ist recht. Wenn er nach Pancks fragen sollte, wollen Sie die Güte haben, ihm zu sagen, daß Pancks gekommen?« Und pustend und schnaufend schob er zu einer andern Tür hinaus. Vor Zeiten, als er noch in der Heimat lebte, hatten gewisse kühne Zweifel an dem letzten Patriarchen, die in der Luft verbreitet waren, das Gemüt Arthurs berührt. Er wurde einzelner Punkte und Stäubchen in der Atmosphäre einer Zeit gewahr, durch deren Medium gesehen, Christopher Casby wie ein bloßes Wirtshausschild ohne Wirtshaus erschien – eine Einladung auszuruhen und dankbar zu sein, während es keinen Ort gab, wo man einkehren, und nichts, wofür man hätte dankbar sein können. Er wußte, daß einige dieser Stäubchen Christopher sogar als einen Mann, der in »diesem Kopf« Pläne beherberge, und als schlauen Betrüger bezeichneten. Andere Punkte zeigten ihn als einen schwerfälligen, eigensinnigen, aufbrausenden Einfaltspinsel, der, nachdem er bei seinem unbeholfenen Anrennen gegen andere Menschen auf die Entdeckung gestolpert, daß, um mit Leichtigkeit und Sicherheit durchs Leben zu kommen, man bloß den Mund halten, den kahlen Teil seines Kopfes gut polieren und sein Haar wachsen lassen müsse, List genug besessen, um solche Idee zu ergreifen und daran festzuhalten. Man sagte, seine Stellung als Stadtagent von Lord Decimus Tite Barnacle schreibe sich nicht davon her, daß er auch nur das geringste Geschäftstalent besessen, sondern davon, daß er so ausnehmend wohlwollend ausgesehen, daß niemand hätte annehmen können, das Eigentum werde unter einem solchen Manne mißbraucht oder verschachert. Aus ähnlichen Gründen gewann er sich unzweifelhaft mehr Geld durch seine nichtswürdigen Baracken, als irgend jemand mit einem minder harten und leuchtenden Schädel je imstande gewesen wäre. Mit einem Wort, man behauptete (Clennam erinnerte sich dessen jetzt in dem tickenden Parterrezimmer), daß viele Menschen ihre Modelle ziemlich wie die eben erwähnten Maler die ihren wählen und daß, während in der königlichen Akademie ein elender, alter Schuft von Hundedieb sich alle Jahre finden wird, der alle Kardinaltugenden in sich vereinigt, was seine Augenwimpern oder sein Kinn oder seine Beine betrifft (und dabei den Dorn der Verlegenheit in die Brust der scharfsichtigeren Naturforscher drückt), häufig in der großen sozialen Ausstellung Äußerlichkeiten statt des inneren Charakters angenommen werden. An diese Dinge dachte Arthur Clennam an jenem Tage, und Mr. Pancks in eine Reihe mit ihnen stellend, neigte er sich zu der Ansicht, ohne gerade sich entschieden für sie auszusprechen, daß der letzte der Patriarchen der oben besprochene, aufbrausende Einfaltspinsel sei, der den kahlen Teil seines Kopfes fein poliere. Wie man zuweilen auf der Themse ein schwerfälliges Schiff mit der Breitseite, das Hinterteil voran, in der Flut treiben sieht, sich selbst und allen andern im Wege – obgleich es große Parade mit seiner Schifffahrt macht, und dann plötzlich ein kleiner kohlenbeschmutzter Schleppdampfer darauf lossteuert, es ins Schlepptau nimmt und damit fortbraust, so schien auch der schwerfällige Patriarch von dem schnaubenden Pancks ins Schlepptau genommen worden zu sein, um nun dem Kielwasser dieses schmutzigen kleinen Schiffes zu folgen. Die Rückkehr Mr Casbys mit seiner Tochter Flora machte diesen Gedanken ein Ende. Clennams Augen fielen kaum auf den Gegenstand seiner früheren Leidenschaft, als diese auch zusammenstürzte und in Stücke brach. Man wird die meisten Menschen so weit sich selbst treu finden, daß sie einem Ideal treu bleiben. Es ist kein Beweis eines unbeständigen Sinnes, sondern geradezu des Gegenteils, wenn dieses Ideal später nicht einen strengen Vergleich mit der Wirklichkeit aushalten kann und der Kontrast ein schlimmer Stoß für dasselbe ist. Das war auch Clennams Fall. In seiner Jugend hatte er dieses Weib glühend geliebt und auf sie all den verschlossenen Reichtum seiner Zuneigung und Liebe gehäuft. Dieser Reichtum war in seiner öden Heimat wie Robinson Crusoes Geld gewesen; bei niemandem auszuwechseln, unnütz im Dunkeln rostend, bis er ihn vor ihr ausschüttete. Seit jener denkwürdigen Zeit, obgleich er bis zu dem Abend seiner Ankunft sie von jeder Verbindung mit seiner Gegenwart oder Zukunft vollkommen ausgeschlossen, als wenn sie tot gewesen (was sie auch leicht sein konnte, da er nichts von ihr wußte), seit jener Zeit hatte er das alte Phantasiebild an seinem alten geheiligten Platz unverändert bewahrt. Und jetzt trat endlich der letzte der Patriarchen kalt in sein Zimmer und sagte gleichsam: "Haben Sie die Güte, es niederzuwerfen und darauf zu tanzen. Das ist Flora." Flora, die immer groß gewesen, war nun auch breit und kurzatmig geworden; aber das war noch nichts. Flora, die er als eine Lilie verlassen, war eine Pfingstrose geworden; aber das war noch nichts. Flora, die in allem, was sie sagte, etwas Bezauberndes gehabt, war langweilig und albern geworden. Das war schon viel. Flora, die ehedem kindlich und ungekünstelt gewesen, war entschlossen, auch jetzt kindlich und ungekünstelt zu sein. Das war ein fataler Schlag. Das ist Flora! »Ich bin überzeugt«, kicherte Flora, ihren Kopf mit einer Karikatur kindlichen Wesens hin- und herwerfend, wie das ein Vermummter bei ihrem Begräbnis hätte nachahmen können, wenn sie im klassischen Altertum gelebt hätte und gestorben wäre, »ich schäme mich, Mr. Clennam zu begegnen, ich fühle mich befangen; ich weiß, er wird mich schrecklich verändert finden, ich bin wirklich eine alte Frau. Es ist höchst unangenehm, ein solches Wiedersehen ist höchst unangenehm!« Er versicherte sie, daß sie ganz so sei, wie er sie erwartet, und daß die Zeit bei ihm gleichfalls nicht stille gestanden. »Ach! aber bei einem Herrn ist das etwas ganz anderes, und dann sehen Sie auch so erstaunlich gut aus, daß Sie wirklich kein Recht haben, etwas der Art zu sagen, während ich. Sie wissen – ach!« rief Flora mit einem leichten Schrei, »schrecklich aussehe.« Der Patriarch, der offenbar seine eigne Rolle in dem Drama, das gerade aufgeführt wurde, noch nicht verstand, glühte vor leerer Heiterkeit. »Aber wenn wir von nicht verändert sprechen«, sagte Flora, die, was sie auch sagen mochte, nie zu einem vollen Abschluß kam, »sehen Sie Papa an, ist Papa nicht genau so, wie er war, als Sie fortreisten, ist es nicht grausam und unnatürlich von Papa, ein solcher Vorwurf für sein eignes Kind zu sein, daß die Leute, die uns nicht kennen, wenn es auf diese Weise fortgeht, am Ende glauben werden, ich sei Papas Mama?" »Das würde noch lange dauern«, bemerkte Arthur. »Oh, Mr. Clennam, Sie unlauterstes von allen Wesen«, sagte Flora, »ich sehe schon, daß Sie Ihre alte Art, Komplimente zu machen, noch nicht verloren haben, wie damals, als Sie behaupteten, sentimental verliebt zu sein. Sie wissen – ich meine es eigentlich nicht – o, ich weiß nicht, was ich meine!« Hier kicherte Flora verlegen und warf ihm einen ihrer alten Blicke zu. Der Patriarch, als ob er nun zu merken begänne, daß es seine Rolle in dem Stücke sei, sobald wie möglich von der Szene abzutreten, stand auf und ging nach der Tür, durch die Pancks hinausgestürmt, und rief diesen Schleppdampfer beim Namen. Er erhielt von einem kleinen Dock im andern Zimmer eine Antwort und wurde alsbald außer Sicht bugsiert. »Sie dürfen noch nicht ans Gehen denken«, sagte Flora,– Arthur hatte nach seinem Hut gesehen, da er in einer komischen Verlegenheit war und nicht wußte, was er tun sollte; »Sie können nicht so unfreundlich sein, ans Gehen zu denken, Arthur – ich wollte sagen Mr. Arthur – oder Mr. Clennam wäre, glaube ich, weit passender – aber ich weiß wirklich nicht, was ich sage –, ohne mit einem Worte die schönen alten Zeiten, die für immer dahin sind, berührt zu haben. Obgleich, wenn ich daran denke, ich sagen muß, es wäre weit besser, nicht davon zu sprechen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß Sie irgendeine weit angenehmere Beschäftigung haben, und ich bitte, lasten Sie mich die letzte Person in der Welt sein, die Sie daran hindern sollte, obgleich es eine Zeit gab, – aber ich schwatze schon wieder Unsinn.« Hatte Flora in den Tagen, an die sie erinnerte, wohl auch so viel geschwatzt? War in dem Zauber, der ihn einst gefangennahm, eine Spur von ihrer gegenwärtigen unzusammenhängenden Geschwätzigkeit? "Wirklich«, sagte Flora, mit erstaunlicher Eile fortfahrend und ihren Redefluß nur mit Kommas und auch damit nur sehr sparsam unterbrechend, "ich bin etwas zweifelhaft, ob Sie nicht eine Chinesin geheiratet, da Sie solange in China gewesen und Geschäfte trieben und natürlich wünschen mußten sich häuslich niederzulassen und Verbindungen anzuknüpfen, so war nichts einfacher, als daß Sie einer Chinesin einen Heiratsantrag machten und nichts war meiner Ansicht nach natürlicher, als daß die Chinesin einwilligte und sich nun sehr glücklich fühlt, ich hoffe nur, daß sie keine Heidin ist, die in den Pagoden betet.« »Ich bin mit gar niemandem verheiratet, Flora«, versetzte Arthur, wider Willen lächelnd. »O gütiger Himmel, ich hoffe, Sie blieben doch nicht meinetwegen so lange Junggeselle!« kicherte Flora; »natürlich nicht, warum sollten Sie auch, bitte, sagen Sie nichts, ich weiß nicht, was ich da alles schwatze. Oh, sagen Sie mir etwas von den chinesischen Damen, ob ihre Augen wirklich so lang und schmal sind, sie erinnern mich immer an Perlmutterfische beim Kartenspiel. Und tragen sie wirklich Zöpfe hinten hinunter und zusammengeflochten oder sind es nur die Männer? Und wenn sie ihr Haar so straff von der Stirn zurückziehen, tun sie sich nicht weh? Und warum hängen sie kleine Glöckchen über all ihre Brücken und Tempel und Hüte und sonstige Dinge oder tun sie das nicht wirklich?« Flora warf ihm wieder einen von ihren alten Blicken zu. Sie fuhr alsbald fort, als ob er eine Zeitlang ihre Fragen beantwortend gesprochen. »So ist alles wahr und sie tun das wirklich! Gott im Himmel, Arthur! –bitte, entschuldigen Sie – eine alte Gewohnheit – Mr. Clennam wäre weit passender – welch ein Land, um so lange darin zu leben und mit so vielen Laternen und Schirmen! Wie finster und feucht muß das Klima sein und ist es ohne Zweifel, und die Summen Geldes, die von den beiden Geschäften gemacht werden müssen, wo jeder Mensch solche trägt und aufhängt, die kleinen Schuhe und die Füße, die schon in der Jugend verkrüppelt werden. Es ist erstaunlich, was Sie für ein Reisender sind!" In seiner komischen Verlegenheit empfing Clennam wieder einen von den ehemaligen Blicken, ohne daß er im geringsten wußte, was er damit anfangen sollte. »Ja, ja«, sagte Flora, »wenn ich an die Veränderungen in der Heimat denke, Arthur – ich kann es nicht überwinden, scheint mir so natürlich, Mr. Clennam wäre weit passender – seit Sie mit chinesischer Sitte und Sprache vertraut wurden, die Sie, ich bin's überzeugt, wie ein Eingeborener sprechen, wenn nicht besser. Sie waren ja immer geschickt und gewandt, obgleich die Sprache ohne Zweifel sehr schwer ist, ich weiß gewiß, die Teekisten allein würden mich töten, wenn ich's versuchte, – die Veränderungen, Arthur – ich sage schon wieder so, scheint so natürlich, höchst unpassend – die sich niemand hätte einfallen lassen, wer hätte sich je eingebildet, daß ich Mrs. Finching würde, da ich's selber mir nicht denken kann.« »Ist das Ihr Name als Frau?« fragte Arthur, mitten in all diesem Geplauder durch einen gewissen warmen, herzlichen Ausdruck betroffen, der in ihrem Ton lag, sobald sie, wenn auch höchst wunderlich, auf das jugendliche Verhältnis anspielte, in dem sie früher zueinander gestanden. »Finching?« »Finching. O ja, ist es nicht ein schrecklicher Name? Jedoch Mr. Finching sagte, als er mir seinen Heiratsantrag machte, was er siebenmal tat, und sich ganz hübsch drein fügte, nach zwölf Monaten wieder anzuklopfen, wie er's nannte, er sei nicht verantwortlich dafür und könnte nichts daran ändern, nicht wahr, ein exzellenter Mann, gar nicht wie Sie, aber doch ein exzellenter Mann!« Flora hatte sich endlich doch für einen Augenblick außer Atem gesprochen. Einen Augenblick; denn sie erholte sich, während sie eine kleine Ecke ihres Taschentuchs ans Auge brachte, einen Tribut für den Geist des geschiedenen Mr. Finching, und begann dann wieder. »Niemand kann bestreiten, Arthur – Mr. Clennam – daß es ganz recht ist, wenn Sie unter so veränderten Umständen förmlich freundlich gegen mich sind, und wirklich, Sie könnten nichts anderes sein, wenigstens kann ich nicht annehmen, daß Sie es wissen sollten, aber ich kann nicht umhin, daran zu erinnern, daß es eine Zeit gab, wo die Dinge ganz anders standen.« »Meine liebe Mrs. Finching«, begann Arthur, durch den weichen Ton wieder betroffen. »O, nicht diesen häßlichen, garstigen Namen, sagen Sie Flora!« »Flora, ich versichere Sie, Flora, ich bin glücklich, Sie wiederzusehen und zu finden, daß Sie wie ich die alten, törichten Träume nicht vergessen haben, als wir alles im Lichte unserer Jugend und Hoffnung sahen.« »Es scheint denn doch nicht so«, schmollte Flora, »Sie nehmen es sehr kalt auf, aber ich weiß freilich, Sie sind in mir enttäuscht. Ich vermute, die Chinesinnen – Mandarininnen, wenn Sie sie so nennen wollen – sind, schuld daran, oder vielleicht bin ich schuld daran, es kann ebensogut sein.« »Nein, nein«, bat Clennam, »sagen Sie das nicht.« »O, ich sollte Sie kennen«, sagte Flora in einem bestimmten Ton, »welcher Unsinn auch, ich weiß, ich bin nicht, was Sie erwarteten, ich weiß das ganz wohl.« Mitten in ihrem Ungestüm hatte sie das mit der raschen Beobachtungsgabe einer klügeren Frau herausgefunden. Die ungereimte und ganz unvernünftige Art, wie sie plötzlich ihre lange abgebrochene Knaben- und Mädchenfreundschaft mit dieser Begegnung verwob, machte den Eindruck auf Clennam, als ob er verrückt wäre. »Eine Bemerkung«, sagte Flora, indem sie ihrer Unterhaltung, ohne die geringste Notiz von Clennam zu nehmen, zu seinem großen Schrecken den Ton eines Liebesstreites verlieh, »eine Bemerkung wünschte ich zu machen, eine Erklärung möchte ich abgeben: als Ihre Mama kam und deshalb eine Szene mit meinem Papa spielte, und als ich in das kleine Frühstückszimmer hinabgerufen wurde, wo sie, Ihrer Mama Sonnenschirm zwischen sich, einander ansahen und dasaßen auf zwei Stühlen wie zwei tolle Stiere, was sollte ich da tun!« »Meine liebe Mrs. Finching«, bat Arthur, – »alles, was so lange vorbei und so lange erledigt, verdient ernstlich –« »Ich kann mich nicht, Arthur«, entgegnete Flora, »von der ganzen chinesischen Gesellschaft der Herzlosigkeit anklagen lassen, ohne mich zu rechtfertigen, wenn mir die Gelegenheit geboten ist. Sie mußten ganz gut wissen, daß es ein › Paul und Virginie ‹ zurückzugeben galt, welches auch zurückgegeben wurde, aber ohne Bemerkung oder Erklärung. Nicht daß ich damit sagen wollte, Sie hätten an mich schreiben sollen, bewacht wie ich war, aber wenn Sie das Buch nur wenigstens mit einer roten Oblate auf dem Umschlag versehen, so würde ich gewußt haben, daß es sagen wollte: Komm barfuß nach Peking, Nanking, und wie heißt doch noch gleich der dritte Ort?« »Meine liebe Mrs. Finching, Sie waren nicht zu tadeln, und ich tadelte Sie nie. Wir waren beide zu jung, zu abhängig und hilflos, um in irgend etwas zu willigen, als unsre Trennung. – Bitte, bedenken Sie, wie lange das her ist«, warf Arthur freundlich ein. »Noch eine Bemerkung möchte ich machen«, fuhr Flora mit ungeschwächter Redekraft fort, »nur noch eine Erklärung abgeben. Fünf Tage hatte ich einen Schnupfen vom Weinen, während dessen ich beständig in dem hinteren Empfangszimmer blieb. – Das hintere Empfangszimmer ist noch immer in dem ersten Stock und immer noch hinten hinaus, um meine Worte zu bekräftigen. – Als diese traurige Periode vorüber war, folgte ein Dämmerzustand. Jahre verflossen und Mr. Finching wurde uns bei gemeinschaftlichen Freunden vorgestellt. Er war lauter Aufmerksamkeit; er kam den folgenden Tag zu uns, er kam bald in der Woche dreimal abends und schickte Kleinigkeiten zum Nachtessen. Es war nicht Liebe auf Mr. Finchings Seite, es war Anbetung; Mr. Finching machte seinen Antrag mit der vollen Zustimmung Papas und was konnte ich tun?« »Nichts, gar nichts andres«, sagte Arthur mit der freundlichsten Bereitwilligkeit, »als was Sie taten. Gestatten Sie einem alten Freund, Ihnen zu versichern, daß er vollständig davon überzeugt ist, wie Sie recht getan.« »Eine letzte Bemerkung wollen Sie mir erlauben«, fuhr Flora fort, das Alltagsleben mit der Hand abwehrend, »eine letzte Erklärung wünschte ich abzugeben. Es war eine Zeit, ehe Mr. Finching mir seine ersten unmißdeutbaren Beweise von Aufmerksamkeit gab; aber sie ist vorbei und sollte nicht sein, lieber Mr. Clennam. Sie tragen keine goldene Kette mehr, Sie sind frei: Sie werden glücklich sein: hier ist Papa, der immer überflüssig ist und überall seine Nase hineinsteckt, wo man ihn nicht haben will.« Mit diesen Worten und einer hastigen Gebärde voll ängstlicher Vorsicht – Clennams Augen kannten die Gebärde aus früheren Zeiten her – versenkte sich Flora ins achtzehnte Jahr, eine lange, lange Zeit rückwärts, und kam endlich zu einem Punkt in ihrer Rede. Oder vielmehr, sie ließ ungefähr die Hälfte von sich im achtzehnten Jahre zurück und pfropfte den Rest auf die Witwe des verstorbenen Mr. Finching. Auf diese Art machte sie eine geistige Sirene aus sich, die ihr ehemaliger kindlicher Liebhaber mit Gefühlen betrachtete, darinnen sich sein Sinn für das Traurige und sein Sinn für das Komische seltsam mischte. Zum Beispiel. Als ob ein geheimes Einverständnis der herzergreifendsten Art zwischen ihr und Clennam obwaltete: als ob die ersten Pferde eines Trains von vierspännigen Postwagen, die den ganzen Weg bis nach Schottland bedecken, im Augenblick um die Ecke kämen: als ob sie unter dem Schatten des Familienschirms, mit dem patriarchalischen Segen auf ihrem Haupt und unter dem Zustrom einer großen Menschenmasse nicht mit ihm in die nächste Pfarrkirche hätte treten können (und wollen), erquickte Flora ihr Herz durch Einbildungen geheimnisvollster Art, die die Furcht vor der Entdeckung an der Stirn trugen. Mit dem Gefühl, jeden Augenblick verwirrter zu werden, sah Clennam die Witwe des verstorbenen Mr. Finching sich in der seltsamsten Weise ergötzen, indem sie sich und ihn an ihre alten Plätze versetzte und das ganze Schauspiel von ehedem noch einmal aufführte – jetzt, wo die Bühne staubig, die Szenerie verblichen, die jugendlichen Schauspieler gestorben, das Orchester leer, die Lichter ausgelöscht waren. Und doch, bei all dieser grotesken Wiederbelebung dessen, was, wie er sich erinnerte, ihr einst ganz natürlich gestanden, mußte er fühlen, daß es bei seinem Anblick in ihr erwachte und daß eine süße Erinnerung für sie darin lag. Der Patriarch bestand darauf, daß er zum Essen bleibe, und Flora signalisierte: »Ja!« Clennam wünschte so sehr, er hätte mehr tun können, als zum Essen bleiben – er wünschte so herzlich, er hätte Flora finden können, wie sie gewesen oder wie sie nie gewesen –, daß er glaubte, die geringste Genugtuung, die er für die Enttäuschung geben könnte, deren er sich beinahe schämte, sei, sich dem Familien-Wunsch zu opfern. Deshalb blieb er. Pancks speiste mit ihnen. Pancks dampfte aus seiner kleinen Werft ein Viertel vor sechs und bahnte sich einen geraden Weg auf den Patriarchen zu, der gerade gedankenlos durch das stehende Wasser einer Rechnung über den Hof zum blutenden Herzen segelte. Pancks schoß dicht auf ihn zu und hielt ihn. »Der Hof zum blutenden Herzen«, sagte Pancks schnaubend und schnaufend, »das ist ein beschwerliches Besitztum. Sie bezahlen nicht gerade schlecht, aber die Miete ist schwer zu bekommen. Sie haben mehr Mühe mit dem einen Platz als mit allem, was Ihnen sonst gehört." Gerade wie das schwere Schiff im Schlepptau bei den meisten Zuschauern als der Stärkere gilt, so schien auch der Patriarch gewöhnlich selbst gesagt zu haben, was Pancks an seiner Stelle sagte. "Wirklich?" fragte Clennam, auf den ein schwacher Schimmer des glatten Kopfes so lebhaft diesen Eindruck machte, daß er das Schiff statt den Schleppdampfer anredete. "Die Leute sind dort wirklich so arm?" "Man kann nicht gerade sagen", schnaubte Pancks, indem er eine schmutzige Hand aus einer seiner rostfarbenen Taschen zog, um an seinen Nägeln zu beißen, wenn er welche fände, und seine Augenkügelchen auf den Brotherrn richtete, "man kann nicht gerade sagen, ob sie arm sind oder nicht. Sie sagen es, aber das sagen alle. Wenn ein Mann sagt, er sei reich, so können Sie im allgemeinen überzeugt sein, daß er es nicht ist. Und dann, wenn sie es sind, so können wir nichts dagegen tun. Sie würden auch arm sein, wenn Sie Ihre Renten nicht bekämen." "Allerdings", sagte Arthur. "Sie werden nicht offenes Haus für alle Armen von London halten", fuhr Pancks fort. "Sie werden sie nicht umsonst logieren. Sie werden nicht Ihre Tore weit öffnen, um sie hereinzulassen. Sie werden das gewiß nicht tun, auch wenn Sie um die Sachlage wissen." Mr. Casby schüttelte in ruhiger und gütiger Gelassenheit den Kopf. "Wenn ein Mensch um eine halbe Krone die Woche ein Zimmer von Ihnen mietet und, wenn die Woche zu Ende ist, keine halbe Krone hat, so sagen Sie zu dem Mann: Weshalb habt Ihr denn das Zimmer gemietet? Wenn Ihr das eine nicht habt, warum habt Ihr denn das andre genommen? Was habt Ihr denn mit Eurem Gelde angefangen? Was wollt Ihr denn? Was fällt Euch ein? Das ist es, was Sie zu einem Mann der Art sagen, und wenn Sie es nicht sagen, ist es um so mehr unrecht von Ihnen!" Mr. Pancks machte hier ein eigentümliches überraschendes Geräusch, das durch ein starkes Schnauben in der Gegend der Nase hervorgerufen wurde, das aber kein andres Resultat als dieses akustische hatte. "Sie haben, glaube ich, im Osten oder Nordosten von London verschiedenes Eigentum?" sagte Clennam, ungewiß, an wen von den beiden er sich wenden sollte. "Allerdings!" sagte Pancks. "Man ist nicht gerade auf Ost oder Nordost beschränkt. In allen Richtungen des Kompasses gibt es gute Besitzungen. Was man will, ist die gute Anlage und der rasche Umsatz des Geldes. Sie nehmen es, wo Sie es finden können. Sie sind nicht ängstlich, wohin Sie es geben – nein, das sind Sie nicht." Es existierte eine vierte und höchst originelle Figur in dem patriarchischen Zelte, die gleichfalls vor dem Essen erschien. Es war eine erstaunlich kleine, alte Frau, mit einem Gesicht wie eine ausdruckslose, weil billige, starrende, hölzerne Puppe mit einer steifen, gelben Perücke, die schief auf ihrem Kopf saß, als wenn das Kind, das die Puppe besaß, irgendwo einen Stift durchgetrieben, damit sie nur festhalte. Etwas anderes Merkwürdiges an dieser kleinen, alten Frau war, daß dieses gelbe, kleine Kind an zwei oder drei Orten mit einem stumpfen Instrument, wie einem Löffel, ihr Gesicht verunstaltet hatte; dieses, namentlich die Nasenspitze, hatte nämlich Spuren verschiedener Schwielen, die der Schale dieses Instruments entsprachen. Eine weitere Merkwürdigkeit an dieser kleinen, alten Frau war, daß sie keinen Namen als: Mr. Finchings Tante hatte. Sie trat unter folgenden Umständen vor das Gesichtsfeld des Fremden: Flora sagte, als das erste Gericht auf die Tafel gestellt werden sollte, vielleicht habe Mr. Clennam nicht gehört, daß Mr. Finching ihr ein Legat hinterlassen? Clennam sprach in seiner Antwort die Hoffnung aus, Mr. Finching werde die Witwe, die er angebetet, mit dem größten Teil seiner irdischen Güter, wenn nicht mit allen, beschenkt haben. Flora sagte, o ja, sie meine nicht das, daß Mr. Finching ein schönes Testament gemacht; sondern er habe ihr als ein besonderes Legat seine Tante vermacht. Sie ging dann hinaus, um das Legat zu holen, und stellte ziemlich triumphierend »Mr. Finchings Tante« vor. Die hervorstechenderen charakteristischen Eigenschaften, die der Fremde in Mr. Finchings Tante entdecken konnte, waren außerordentlicher Ernst und finstre Schweigsamkeit, bisweilen nur durch die Geneigtheit zu Bemerkungen in einem tiefen, warnenden Ton unterbrochen. Diese waren durch gar nichts im Gespräch und durch niemanden von der Gesellschaft veranlaßt. Sie standen in gar keiner Ideenverbindung und mußten einen unheimlich berühren. Mr. Finchings Tante mag bei diesen Bemerkungen einem ihr eigentümlichen System gefolgt sein; ja dieses mag sinnreich, vielleicht sogar genial gewesen sein. Aber es fehlte der Schlüssel dazu. Das hübsch servierte und gut gekochte Diner (denn alles im patriarchalischen Haushalt forderte ruhige Verdauung) begann mit einer Suppe, gebackenen Seezungen, einer Assiette mit Seegarnelensoße und einer Schüssel mit Kartoffeln. Das Gespräch drehte sich noch immer um die Einnahme von Mietzinsen. Mr. Finchings Tante sah die Gesellschaft ungefähr zehn Minuten lang böse an und gab dann folgende schreckliche Bemerkung zum besten: »Als wir in Henley wohnten, wurde Barnes' Gänserich von Kesselflickern gestohlen.« Mr. Pancks nickte herzhaft mit dem Kopf und sagte: »Schon gut, Madame.« Aber die Wirkung dieser geheimnisvollen Mitteilung auf Clennam war eine durchaus einschüchternde. Und ein anderer Umstand verlieh dieser alten Dame eine besondere Unheimlichkeit. Obschon sie immer mit den Augen umherstierte, machte sie doch nie den Eindruck, als ob sie einen einzelnen ansähe. Der höfliche und aufmerksame Fremde wünschte z. B. zu erfahren, ob sie die Kartoffeln gereicht wünsche. Seine ausdrucksvollste Bewegung wäre jedoch gänzlich an ihr verloren gewesen, und was sollte er tun? Niemand konnte sagen: »Mr. Finchings Tante, wollen Sie mir erlauben?« Jeder ließ den Löffel liegen wie Clennam und war verwirrt und verlegen. Nun kam Hammelbraten, Beefsteak und Apfelpastete – nichts was in entfernter Beziehung zu einem Gänserich stand, und das Diner ging fort wie ein verzaubertes Fest, was es wirklich war. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Clennam an diesem Tisch saß und Flora allein seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte. Jetzt bemerkte seine Aufmerksamkeit wider seinen Willen bei Flora nichts, als daß sie dem Porter sehr zugetan war, daß sie eine große Menge Sherry mit ihrem Gefühl in Verbindung zu bringen wußte, und daß, wenn sie etwas stark geworden, dies auf sehr materiellen Gründen beruhte. Der letzte der Patriarchen war immer ein großer Esser gewesen, und er vertilgte eine ungeheure Masse solider Nahrung mit dem Wohlwollen einer guten Seele, die jemand andern füttert. Mr. Pancks, der immer große Eile hatte und zuweilen zu einem kleinen, schmutzigen Notizbuche griff, das er neben sich liegen hatte (vielleicht enthielt es die Namen der Verbrecher, auf die er zum Dessert seine Blicke richten wollte), Mr. Pancks verschlang seine Speisen, als ob er Kohlen einnähme, mit großem Geräusch, vielem Fallenlassen, und ab und zu mit einem Schnauben und Prusten, als ob er im Begriffe wäre fortzudampfen. Während des ganzen Essens verglich Flora ihren gegenwärtigen Appetit nach Speise und Trank mit ihrem früheren Appetit nach romantischer Liebe, und zwar in einer Weise, daß Clennam kaum die Blicke von seinem Teller erhob. Er konnte sie nicht ansehen, ohne daß sie ihm einen Blick geheimnisvoller Mahnung zuwarf, als wenn sie in einem Komplott miteinander wären. Mr. Finchings Tante saß mit dem Ausdruck der größten Bitterkeit ihn herausfordernd da, bis das Tischtuch weggenommen wurde und die Karaffen erschienen, worauf sie eine zweite Bemerkung vorbrachte, die wie eine Uhr in das Gespräch schlug, ohne an irgend jemanden gerichtet zu sein. Flora hatte gesagt: "Mr. Clennam, wollen Sie mir ein Glas Portwein für Mr. Finchings Tante geben?" »Das Monument bei der Londoner Brücke«, warf die Dame plötzlich ein, »wurde nach dem großen Londoner Brande errichtet, und der große Londoner Brand war nicht der Brand, bei dem Ihres Oheims George Werkstätten niederbrannten.« Mr. Pancks sagte mit seinem früheren Mut: »Wirklich, Madame? Schon gut.« Mr. Finchings Tante jedoch, die durch eingebildeten Widerspruch oder andere Ungerechtigkeit gereizt war, brachte, statt zu schweigen, folgende Kundgebung zum besten: »Ich hasse einen Narren!« Sie gab dieser Sentenz, die an und für sich beinahe salomonisch war, einen so außerordentlich beleidigenden und persönlichen Ausdruck, indem sie sie dem Fremden gerade ins Gesicht schleuderte, daß es notwendig wurde, Mr. Finchings Tante aus dem Zimmer zu führen. Das geschah in aller Ruhe von Flora; Mr. Finchings Tante leistete keinen Widerstand, sondern fragte ihrerseits, »weshalb der denn hier sei«, mit der unversöhnlichsten Animosität. Als Flora zurückkehrte, erklärte sie, daß ihr Legat eine gescheite Frau, aber bisweilen etwas sonderbar sei und leicht Abneigungen fasse – Eigentümlichkeiten, auf die Flora eher stolz zu sein schien, als nicht. Da Floras Gutmütigkeit bei der Angelegenheit an den Tag trat, hatte Clennam nichts mehr gegen die alte Frau, die sie ans Licht gebracht, nun, da er von ihrer unheimlichen Gegenwart befreit war; und sie tranken ein bis zwei Gläser im Frieden. Da er voraussah, daß der Pancks in kurzem unter Segel gehen, und daß der Patriarch sich schlafen legen werde, so erklärte er, daß er notwendig seine Mutter besuchen müsse, und fragte Mr. Pancks, wohin er gehe. »Nach der City, Sir«, sagte Pancks. »Gehen wir zusammen?« sagte Arthur. »Sehr angenehm«, sagte Pancks. Indessen murmelte ihm Flora in raschen abgebrochenen Sätzen ins Ohr, daß es eine Zeit gegeben und daß die Vergangenheit ein gähnender Schlund sei, daß ihn keine goldene Kette mehr binde, und daß sie das Gedächtnis des verstorbenen Mr. Finching ehre, und daß sie halb zwei Uhr andern Tags zu Hause sei, und daß die Schicksalsfügungen unwiderruflich seien, und daß sie nichts für so unwahrscheinlich halte, als daß er je pünktlich um vier Uhr nachmittags auf der nordwestlichen Seite von Gray's Inn Garden spazierengehe. Er versuchte beim Scheiden seine Hand offen der Flora von heute – nicht der verschwundenen Flora oder der Sirene – zu geben, aber Flora wollte sie nicht nehmen, konnte sie nicht nehmen, sie fühlte sich außerstande, sich und ihn von ihren früheren Existenzen loszuschälen. Er verließ das Haus in sehr peinlicher Stimmung und um so viel verwirrter als je, daß, wenn er nicht glücklicherweise ins Schlepptau genommen worden wäre, er für die erste Viertelstunde irgendwohin sich hätte treiben lassen. Als er in der kälteren Luft und entfernt von Flora wieder zu sich zu kommen begann, fand er Pancks in voller Arbeit, die magere Weide der Nägel, die er an seinen Fingern fand, abnagend und bisweilen schnaubend. Dies, in Verbindung mit seiner einen Hand in der Tasche und seinem gegen den Strich gebürsteten Hut, der nach vorne gedrückt war, dies alles waren offenbar die Umstände, unter denen er nachdachte. »Eine frische Nacht!« sagte Arthur. »Ja, es ist sehr frisch«, stimmte Pancks bei, »als Fremder fühlen Sie das Klima mehr als ich. Ich habe wahrhaftig auch gar nicht die Zeit, mich darum zu kümmern.« »Sie führen ein so geschäftiges Leben?« »Ja, ich habe immer etwas zu besorgen, immer nach etwas zu sehen. Aber ich liebe die Geschäfte«, sagte Pancks, etwas näher kommend. »Wozu ist der Mensch sonst da?« »Zu sonst nichts?« fragte Clennam. Pancks stellte die Gegenfrage: wozu sonst? Auf dem engsten Raume war damit eine Last, die auf Clennams Leben geruht, zusammengefaßt. Er antwortete darum nicht. »Das ist es, was ich unsre Wochenmieter frage«, sagte Pancks. »Einige von ihnen machen lange Gesichter und sagen: So arm, wie Sie uns sehen, Herr, arbeiten, placken und quälen wir uns doch jede Minute, die wir wachen. Ich antworte ihnen: Wozu seid ihr sonst da? Das schneidet alles ab. Sie haben nicht ein Wort, das sie antworten könnten. Wozu seid ihr sonst da? Das trifft den Nagel auf den Kopf.« »Schlimm, schlimm, schlimm!« seufzte Clennam. »Hier bin ich«, sagte Pancks, seine Verhandlung mit dem Wochenmieter fortsetzend. »Wozu glaubt ihr denn, daß ich sonst da sei? Für nichts sonst. Mich frühzeitig aus dem Bett aufzuraffen, mich in Bewegung zu setzen, mir so kurze Zeit wie möglich zum Essen zu gönnen und immer in dieser Lebensweise auszuharren. Halten Sie mich immer dabei fest, ich werde Sie dabei festhalten. Das ist die ganze Pflicht eines Mannes in einem Handelslande.« Als sie schweigend etwas weiter gegangen, sagte Clennam: »Finden Sie keinen Geschmack an irgend sonst etwas, Mr. Pancks?« »Was meinen Sie mit Geschmack?« versetzte Pancks trocken. »Lassen Sie uns Neigung sagen.« »Ich habe eine Neigung, Geld zu gewinnen, Sir«, sagte Pancks, »wenn Sie mir zeigen wollen, wie.« Er blies wieder einen Ton von sich, und sein Begleiter merkte zum ersten Male, daß dies seine Art sei zu lachen. Er war in jeder Beziehung ein eigentümlicher Mann: er mochte es nicht gerade ernst meinen; aber die kurze, harte, rasche Weise, wie er diese Schlacken von Grundsätzen auswarf, als geschähe es durch mechanische Umdrehung, schien unvereinbar mit einem Scherz zu sein. »Sie sind vermutlich kein großer Leser?« sagte Clennam. »Ich lese nie etwas als Briefe und Rechnungen. Ich sammle nichts als Anzeigen, die sich auf nahe Verwandte beziehen. Wenn das ein Geschmack ist, so habe ich welchen. Sie gehören nicht zu den Clennam von Cornwall, Mr. Clennam?« »Ich habe nie davon gehört.« »Ich weiß es wohl. Ich fragte Ihre Mutter, Sir. Sie hat zu viel Charakter, um sich eine Profitgelegenheit entgehen zu lassen.« »Angenommen jedoch, ich gehörte zu den Clennams von Cornwall?« »So hätten Sie von etwas gehört, was Ihnen von Nutzen wäre.« »Wirklich! Ich habe wenig genug in letzter Zeit gehört, was mir von Nutzen wäre.« »Da ist in Cornwall ein herrenloses Gut für einen Spottpreis zu haben, namentlich für einen Cornwalleser Clennam«, sagte Pancks, indem er sein Notizbuch aus der Brusttasche nahm und es wieder einsteckte. »Ich biege hier ein und wünsche Ihnen gute Nacht!« »Gute Nacht!« sagte Clennam. Aber das Schleppboot lichtete plötzlich die Anker, und durch keine Last im Schlepptau beschwert, prustete es bereits in der Ferne. Sie hatten Smithfield durchschritten, und Clennam stand nun allein an der Ecke von Barbican. Er hatte nicht die Absicht, diesen Abend in dem unheimlichen Zimmer seiner Mutter zu erscheinen, und würde sich in einer Wildnis nicht gedrückter und verlassener gefühlt haben als an diesem Ort. Er ging langsam die Aldersgate Street hinab und brütete auf dem Wege nach St. Pauls vor sich hin. Er hatte die Absicht, nach einer der großen Durchfahrten zu gehen, da dort Licht und Leben war, als eine Masse Volks auf demselben Trottoir ihm entgegenströmte, und er auf die Seite an einen Laden trat, um sie vorüber zu lassen. Als sie in seine Nähe kamen, entdeckte er, daß sie sich um etwas drängten, das mehrere Männer auf den Schultern trugen. Er sah bald, daß es eine Tragbahre war, die in der Eile aus einem Fensterschließladen oder etwas Ähnlichem gemacht worden; eine darauf liegende Gestalt, die Gesprächsabfälle der Masse, ein schmutziges Bündel, das ein Mann trug, und ein schmutziger Hut, den ein anderer trug, sagten ihm, daß ein Unglücksfall geschehen sein müsse. Die Tragbahre hielt unter einer Laterne, ehe sie ein halbes Dutzend Schritte an ihm vorüber war, um die Last zurechtzurücken; und da die Menge auch hielt, so befand er sich mitten in dem Zuge. »Ein Unglücklicher, der nach dem Hospital gebracht wird?« fragte er einen alten Mann, der kopfschüttelnd neben ihm stand und dadurch ein Gespräch einleitete. »Ja«, sagte der Mann, »durch die Eilpost da. Sie sollte gerichtlich verfolgt und bestraft werden, die Eilpost da. Sie fährt in gesprengtem Trab aus Lad Lane und Wood Street, zwölf bis vierzehn Meilen in der Stunde, die Eilpost da. Es ist nur ein Wunder, daß nicht öfter Menschen von der Eilpost da getötet werden.« »Der Mensch ist doch hoffentlich nicht getötet?« »Ich weiß nicht«, sagte der Mann, »es liegt nicht am guten Willen der Eilpost da, wenn es nicht der Fall ist.« Als der Sprecher seine Arme kreuzte und sich's bequem machte, um seine Schmähung der Eilpost da an alle Unterstehenden, die seinen Worten Gehör schenken wollten, zu richten, stimmten ihm mehrere aus lauter Teilnahme an dem Leidenden zu; einer sagte zu Clennam: »Sie sind eine öffentliche Plage, die Eilposten da, Sir«; ein anderer: »Ich sah vergangene Nacht einen Wagen nur einen halben Zoll vor einem Knaben anhalten«; ein dritter: »Ich sah einen Wagen über eine Katze rollen, Sir – und es hätte ebensogut Ihre eigne Mutter sein können«; und sie gaben ihm zu verstehen, daß, wofern er zufällig einen öffentlichen Einfluß besäße, er ihn nicht besser als gegen die Eilpost anwenden könne. »Nun, ein geborener Engländer ist dazu da, jeden Abend seines Lebens sein Leben gegen die Eilpost zu schützen«, fuhr der erste alte Mann fort, »und er weiß, wenn sie um die Ecke kommt, um ihm ein Glied vom andern zu reißen. Aber was können Sie von einem armen Fremden erwarten, der nichts davon weiß.« »Ist es denn ein Fremder?« sagte Clennam sich vorbeugend, um nach ihm zu sehen. Mitten unter Antworten, wie »ein Franzose, Sir«, »Portugiese, Sir«, »Holländer, Sir«, »Preuße, Sir«, und andern sich widersprechenden Zeugnissen, hörte er plötzlich eine schwache Stimme in französischer und italienischer Sprache Wasser verlangen. Durch die Reihen der Zuschauer ging statt der Antwort die Bemerkung: »Der arme Mensch, er sagt, er werde es nicht überleben; kein Wunder das!« Clennam bat durchgelassen zu werden, da er den armen Menschen verstehe. Man machte ihm augenblicklich Platz, damit er mit ihm sprechen könne. »Vor allem wünscht er etwas Wasser«, sagte er umherblickend. (Ein Dutzend guter Menschen eilte fort, um welches zu holen.) »Sind Sie schwer verletzt, mein Freund?« fragte er den Mann auf der Tragbahre italienisch. »Ja, Sir; ja, ja, ja. Mein Bein, mein Bein. Aber es freut mich, die alte Musik zu hören, obgleich ich sehr schlimm daran bin.« »Sie sind ein Reisender? Da ist Wasser! Ich will Ihnen welches geben.« Sie hatten die Tragbahre auf einen Haufen Pflastersteine gestellt. Sie stand ziemlich hoch vom Boden ab, und wenn man sie etwas senkte, konnte er den Kopf leicht mit der einen Hand heben und das Glas mit der andern an die Lippen halten. Es war ein kleiner, muskulöser, brauner Mann mit schwarzem Haar, weißen Zähnen und Ohrringen in den Ohren. Wie es schien, ein lebhaftes Gesicht. »So recht. Sie sind Reisender?« »Ja, Herr.« »Fremd in dieser Stadt?« »Gewiß, ganz und gar. Ich kam heute an diesem unglückseligen Abend hier an.« »Woher?« »Von Marseille.« »Was sie sagen! Ich gleichfalls! Ich bin beinahe so fremd wie Sie, obgleich ich hier geboren bin; vor kurzem erst kam auch ich aus Marseille. Fassen Sie Mut!« Das Gesicht sah ihn so bittend an, als er nach dem Abwischen aufstand und den Mantel, der die vor Schmerzen sich windende Gestalt bedeckte, wieder über ihn legte. »Ich werde Sie nicht verlassen, bis man besser für Sie gesorgt hat. Mut! Sie werden sich in einer halben Stunde schon weit besser befinden!« »Ach! Altro! Altro!« rief der arme, kleine Mann in einem etwas ungläubigen Ton; und als sie ihn aufnahmen, ließ er seine rechte Hand herabhängen, um seinen Zeigefinger verneinend zu drehen. Arthur Clennam wandte sich um, und neben der Tragbahre hergehend und bisweilen ein ermutigendes Wort sprechend, begleitete er ihn bis zu dem nahen St.-Bartholomäus-Hospital. Niemand von der Menge als die Träger und er wurden eingelassen; der kranke Mann wurde mit kalter, wissenschaftlicher Art auf einen Tisch gelegt und sorgfältig von einem Chirurgen untersucht, der so nahe zur Hand und so bereit zu erscheinen war, wie das Übel selbst. »Er versteht kaum ein Wort Englisch«, sagte Clennam, »ist er schwer verletzt?« »Wir wollen alles zuvor genau nachsehen«, sagte der Chirurg, seine Untersuchung mit geschäftsmäßigem Vergnügen fortsetzend, »ehe wir unsre Meinung aussprechen.« Nachdem er das Bein mit einem Finger und zwei Fingern, mit einer Hand und zwei Händen oben und unten, rechts und links, in dieser Richtung und in jener Richtung betastet und über die wichtigen Punkte beifällige Bemerkungen gegen einen andern Herrn gemacht, der hinzugekommen, klopfte der Chirurg dem Patienten zuletzt auf die Schulter und sagte: »Es ist nicht gefährlich. Er wird bald wieder gut gehen. Es ist ein ziemlich schwieriger Fall, aber er soll sich diesmal nicht von seinem Bein trennen müssen.« Clennam verdolmetschte diese Worte dem Patienten, der voll Dankbarkeit war und in seiner ausdrucksvollen Weise mehrere Male die Hand des Dolmetschers und des Chirurgen küßte. »Es ist vermutlich eine schwere Verletzung«, sagte Clennam. »Ja, ja«, antwortete der Chirurg, mit dem bedächtigen Vergnügen eines Künstlers, der das Werk auf seiner Staffelei betrachtet. »Ja, allerdings. Es ist ein komplizierter Knochenbruch über dem Knie und eine Ausrenkung weiter unten. Beide sind von wundervoller Art.« Er gab dem Patienten einen freundlichen Schlag auf die Schulter, als wenn er wirklich fühlte, daß es ein guter Mensch sei und aller Empfehlung wert, da er sein Bein in einer für die Wissenschaft so interessanten Weise gebrochen. »Er spricht französisch?« sagte der Chirurg. »O ja, er spricht französisch.« »So wird er sich hier nicht verlassen fühlen. – Sie werden nur, wie ein mutiger Bursche, etwas Schmerzen zu ertragen haben, mein Freund, und können dankbar sein, daß alles so gut geht, wie es geht«, fügte er in dieser Sprache hinzu; »bald werden Sie wieder zum Erstaunen aller gehen können. Aber nun laßt uns sehen, ob es sonst nichts gibt und wie unsere Rippen beschaffen sind.« Es gab sonst nichts, und unsere Rippen waren gesund. Clennam blieb, bis alles, was geschehen konnte, pünktlich und sorgfältig geschehen war – der arme verspätete Wanderer in einem fremden Land bat ihn eindringlich um diese Gunst –, und weilte am dem Bett, in das dieser beizeiten gebracht worden, bis er in einen leichten Schlaf fiel. Dann schrieb er einige Worte für ihn auf seine Karte mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen, und bat sie ihm zu übergeben, wenn er erwachte. Alle diese Vorgänge dauerten so lange, daß es elf Uhr schlug, als er das Hospital verließ. Er hatte für den Augenblick eine Wohnung in Covent-Garden gemietet und schlug den nächsten Weg nach diesem Quartier durch Snow Hill und Holbornstreet ein. Nach der Besorgnis und Teilnahme, die sein letztes Abenteuer hervorgerufen, wieder mit sich allein, versank er natürlich in träumendes Sinnen. Er konnte aber begreiflicherweise nicht zehn Minuten nachdenklich dahinschlendern, ohne daß ihm Flora einfiel. Sie erinnerte ihn notwendig an sein Leben mit all seinem Mißgeschick und seinem geringen Glück. Als er in seine Wohnung kam, setzte er sich vor das erlöschende Feuer, wie er an dem Fenster in seinem alten Zimmer gestanden und hinausgeschaut auf den geschwärzten Wald von Kaminen, und richtete seinen Blick auf die dunkle Reihe von Ereignissen, durch die er bis zu dieser Stufe seines Lebens gekommen war. Das war so lang, so leer, so kahl. Keine Kindheit, keine Jugend, mit Ausnahme einer Erinnerung; und die einzige Erinnerung hatte sich gerade heute als eine Torheit erwiesen. Es war ein Unglück für ihn, so unbedeutend es auch für einen andern gewesen sein möchte. Denn, während all das, was hart und streng in seiner Erinnerung war, sich als Wirklichkeit erwies – für Blick und Berührung hart blieb und nichts von seiner schrecklichen Widerlichkeit verlor –, sollte die einzige süßere Erinnerung seines Lebens nicht dieselbe Probe bestehen und zerfließen. Er hatte dies in der letzten Nacht vorausgesehen, als er mit wachen Augen geträumt; aber er hatte es damals nicht gefühlt; jetzt jedoch hatte er es gefühlt. Er war in solcher Weise ein Träumer; denn er war ein Mann, der einen in seiner Natur tief gewurzelten Glauben besaß, einen Glauben an alles Edle und Gute, das seinem Leben gemangelt. In Kargheit und hartem Verkehr aufgewachsen, hatte dieser Glaube ihn gerettet, daß er ein Mann von ehrenhafter Gesinnung und freigebiger Hand wurde. In Kälte und Strenge aufgewachsen, hatte dieser Glaube ihn gerettet, daß er ein warmes und teilnehmendes Herz behielt. Er war in einem Glaubensbekenntnis aufgewachsen, das zu finster war, um es in seinem Verfahren zu verfolgen, wie dadurch der Spruch, daß der Mensch nach dem Bilde seines Schöpfers geschaffen, in das Gegenteil davon verwandelt wurde, nämlich daß dieser Schöpfer nach dem Bilde eines verirrten Menschen geschaffen worden wäre. Vor diesem finstern Wähnen hatte ihn jener Glaube gerettet, so daß er nicht verdammte, sondern in Demut hilfsbereit war und Hoffnung und Liebe sich bewahrte. Und dieser Glaube schützte ihn auch vor der winselnden Schwäche und grausamen Selbstsucht, zu meinen, weil solch ein Glück oder solch eine Kraft nicht in seinen kleinen Lebensweg gekommen oder für ihn gearbeitet habe, deshalb liege es auch nicht in dem großen Plane; sondern wenn es einmal erscheine, sei es auf die niedrigsten Elemente zurückzuführen. Er besaß einen schwergetäuschten Geist, aber einen Geist, zu fest und zu gesund für solch ungesunde Luft. Während seine Seele ihn selbst im Dunkel ließ, konnte sie ans Licht kommen, und er sah es auf andere scheinen und heilsam wirken. Deshalb saß er vor seinem erlöschenden Feuer, traurig an den Weg denkend, den er bis zu dieser Nacht zurückgelegt, ohne jedoch Gift auf den Weg zu streuen, auf dem andere dahin gelangt waren. Daß ihm so viel fehlgeschlagen, und daß er in seinem Alter so weit um sich her nach einem Stabe blicken sollte, der ihn auf seinem Wege des nunmehr abwärts führenden Lebens stützen und ihn erheitern könnte, war ein gerechter Schmerz. Er blickte nach dem Feuer, dessen Flamme erlosch, dessen letzte Glut erstarb, dessen Asche grau und zu Staub wurde, und dachte: »Wie bald wird auch mit mir diese Wandlung vorgehen und ich dahin sein!« Die Rundschau seines Lebens glich dem Herabsteigen an einem grünen Baume mit Blüten und Früchten, dessen Äste verdorren und abfallen, während man sich an ihm herabläßt. »Von dem unglücklichen Druck meiner frühesten Jugend, durch das strenge und lieblose spätere Leben im elterlichen Hause, meinen Weggang, mein langes Exil, meine Heimkehr, meiner Mutter Willkommen, meinen Verkehr mit ihr seit jener Zeit, bis zu dem heutigen Nachmittag mit der armen Flora«, sagte Arthur Clennam, »was habe ich gefunden?« Seine Tür wurde leise geöffnet, und das Wort, das durch die Öffnung gesprochen wurde, erschreckte ihn: es klang wie eine Antwort: »Klein-Dorrit.« Vierzehntes Kapitel. Klein-Dorrits Gesellschaft. Arthur Clennam stand rasch auf und sah sie an der Tür stehen. – Diese Geschichte muß bisweilen mit Klein-Dorrits Auge sehen und beginnt dies Verfahren mit seinem Anblick. Klein-Dorrit sah in ein dunkles Zimmer, das ihr sehr geräumig und prachtvoll möbliert erschien. Vornehme Ideen von Covent-Garden, als einem Ort mit herrlichen Kaffeehäusern, wo Gentlemen mit goldgestickten Kleidern und Degen gekämpft und Duelle ausgefochten haben; köstliche Ideen von Covent-Garden, als einem Ort, wo es im Winter Blumen zu einer Guinee das Stück, Ananas zu einer Guinee das Pfund, und zarte Gemüse zu einer Guinee das Kilo gab; malerische Ideen von Covent-Garden, als einem Ort, wo ein prachtvolles Theater stehe, das reich gekleideten Damen und Herren wundervolle und reizende Schauspiele biete und das der armen Fanny und dem armen Onkel ewig unerreichbar bleibe; traurige Ideen von Covent-Garden, als dem Ort mit den Gewölben, wo die elenden Kinder in Lumpen, an denen sie gerade vorübergekommen, wie junge Ratten, versteckt und heimlich, vom Abfall genährt, um der Wärme willen zusammengekauert saßen oder herumgetrieben wurden (seht diese Ratten an, Jung und Alt, all ihr Barnacles; denn bei Gott, sie durchnagen unsere Grundmauern, daß die Dächer über unsern Häuptern zusammenstürzen!); überschwengliche Ideen von Covent-Garden, als einem Ort vergangener und gegenwärtiger Geheimnisse und Märchen, einem Ort des Überflusses und Mangels, der Schönheit und Häßlichkeit, hübscher ländlicher Gärten und schmutziger Straßengossen, alles durcheinander – machten das Zimmer düsterer in Klein-Dorrits Augen, als es war, während sie es von der Tür aus betrachtete. Anfangs saß der Gentleman, den sie suchte, vor dem erloschenen Feuer und wandte sich dann staunend nach ihr um. Der braune, ernste Mann, der so freundlich lächelte, der so offen und bedachtsam in seinem Wesen war und in dessen Ernst doch etwas lag, das sie an seine Mutter erinnerte, aber mit dem Unterschied, daß ihr Ernst etwas Herbes, während der seine etwas Mildes hatte. Er betrachtete sie mit dem aufmerksamen und fragenden Blicke, den Klein-Dorrit nie auszuhalten vermochte und dem sie auch jetzt nicht standhalten konnte. »Mein armes Kind! Hier um Mitternacht?« »Ach«, sagte Klein-Dorrit, »Sir, um Sie vorzubereiten. Ich dachte mir, Sie würden sehr überrascht sein.« »Sind Sie allein?« »Nein, Sir, ich habe Maggy mit mir genommen.« Maggy, die ihr Erscheinen durch diese Erwähnung ihres Namens genügend vorbereitet glaubte, erschien mit breitem Grinsen an der Tür. Sie unterdrückte jedoch augenblicklich diese Kundgebung und nahm eine feierliche Miene an. »Und ich habe kein Feuer«, sagte Clennam. »Und Sie sind –« Er wollte sagen zu leicht gekleidet, hielt jedoch damit inne, da es eine Anspielung auf ihre Armut gewesen, und sagte statt dessen: »und es ist so kalt.« Indem er den Stuhl, von dem er aufgestanden, näher an das Kamingitter schob, forderte er sie auf, sich hineinzusetzen, brachte rasch Holz und Kohlen herbei, legte sie übereinander und begann ein Feuer anzumachen. »Ihr Fuß ist wie Marmor, mein Kind«, sagte er; er hatte ihn zufällig berührt, während er, auf einem Knie liegend, das Feuer anzündete; »stellen Sie ihn näher an die Wärme.« Klein-Dorrit dankte ihm rasch. Er sei ganz warm, sehr warm! Es verwundete sein Herz, zu fühlen, daß sie ihre dünnen, abgetragenen Schuhe verbarg. Klein-Dorrit schämte sich nicht ihrer armen Schuhe. Er kannte ihre Geschichte, und das war es nicht. Klein-Dorrit besorgte vielmehr, er möchte ihren Vater tadeln, wenn er sie sähe; er möchte denken: »Warum aß er heute zu Mittag und gibt dieses kleine Geschöpf den kalten Steinen preis!« Sie war nicht der Ansicht, daß dies ein gerechter Tadel sei; sie wußte nur aus Erfahrung, daß diese Meinungen sich den Leuten häufig aufdrängten. Es war ein Teil von ihres Vaters Unglück, daß dies der Fall war. »Ehe ich irgend etwas sage«, begann Klein-Dorrit, vor dem bescheidenen Feuer sitzend und ihre Blicke zu dem Gesicht erhebend, das in seinem Ausdruck Interesse, Mitleid und Schutz so harmonisch vereinigte und ihr wie ein unerreichbares und beinahe kaum zu ahnendes Geheimnis erschien, »darf ich Ihnen etwas erzählen, Sir?« »Ja, mein Kind.« Ein leichter Schatten von Kummer fiel auf ihr Gesicht, daß er sie so oft Kind nannte. Sie war erstaunt, daß er dies sehen oder an eine so unbedeutende Sache denken sollte; aber er sagte offen: »Ich brauchte ein zärtliches Wort, und es fiel mir kein anderes ein. Da Sie sich eben den Namen gaben, den man Ihnen bei meiner Mutter gibt, und da es der Name ist, mit dem ich immer an Sie denke, so lassen Sie mich Klein-Dorrit zu Ihnen sagen.« »Ich danke, Sir, er ist mir lieber als jeder andere Name.« »Klein-Dorrit.« »Mütterchen«, warf Maggy (die am Einschlafen war) verbessernd ein. »Es ist einerlei, Maggy«, versetzte Dorrit, »ganz einerlei.« »Ist es ganz einerlei, Mutter?« »Ganz einerlei.« Maggy lachte und schnarchte augenblicklich darauf. In Klein-Dorrits Augen und Ohren war die seltsame Gestalt und der seltsame Klang so angenehm wie nur möglich. Ein glühendes Gefühl des Stolzes auf dieses ihr großes Kind überzog Klein-Dorrits Züge, als die Augen des ernsten, braunen Mannes darauf fielen. Sie hätte gern gewußt, was er denke, als er Maggy und sie ansah. Sie dachte, was für ein guter Vater er sein würde. Wie er mit einem solchen Blick seine Tochter beraten und erfreuen würde. »Was ich Ihnen erzählen wollte, Sir«, sagte Klein-Dorrit, »ist, daß mein Bruder in Freiheit gesetzt wurde.« Arthur war erfreut, das zu hören, und hoffte, er werde sich künftig gut aufführen. »Und was ich Ihnen nun sagen wollte, Sir«, fuhr Klein-Dorrit fort, während ihr ganzer Körper und ihre Stimme zitterten, »das ist, daß ich nicht wissen soll, wessen Großmut ihn frei gemacht – daß ich nicht fragen soll und nie erfahren soll und dem Mann nicht aus vollem Herzen danken soll.« Er brauchte wahrscheinlich keinen Dank, sagte Clennam. Sehr wahrscheinlich sei er selbst dafür dankbar (und wohl mit Recht), daß er die Mittel und Gelegenheit gehabt, ihr einen kleinen Dienst zu erweisen, die eines großen so würdig gewesen. »Und was ich Ihnen sagen wollte, Sir«, fuhr Klein-Dorrit immer mehr zitternd fort, »ist, daß, wenn ich ihn kennte und ich könnte es, ich ihm sagen würde, daß er nie ergründen kann, wie tief ich seine Güte fühle und wie mein Vater sie fühlt. Und was ich sagen wollte, Sir, ist, daß, wenn ich ihn kennte und ich könnt' es – aber ich kenne ihn nicht und soll ihn nicht kennen – ich weiß das! – ich ihm sagen würde, daß ich mich nie mehr schlafen legen werde, ohne zum Himmel gebetet zu haben, daß er ihn segne und belohne. Und wenn ich ihn kennte und ich könnt' es, würde ich auf meinen Knien zu ihm hinkriechen und seine Hand ergreifen und sie küssen und ihn bitten, sie mir nicht zu entziehen, sondern sie mir zu lassen – o nur auf einen Augenblick – und sie mit meinen dankbaren Tränen zu netzen, denn ich habe keinen andern Dank, den ich ihm bieten könnte!« Klein-Dorrit hatte seine Hand an ihre Lippen geführt und wäre vor ihm auf die Knie gefallen; aber er hinderte sie freundlich daran und bat sie, sich wieder in den Stuhl zu fetzen. Ihre Augen und der Ton ihrer Stimme hatten ihm weit besser gedankt, als sie dachte. Er vermochte nicht so gefaßt wie sonst zu sagen: »Na, Klein-Dorrit, na, na, na! Wir wollen annehmen, Sie kennten diese Person, und daß Sie all das tun könnten, und daß das alles geschehen sei. Aber nun sagen Sie mir, der ich eine andre Person bin – mir, der ich nichts bin als der Freund, der Sie bat, Vertrauen zu ihm zu hegen –, warum Sie um Mitternacht außer dem Hause sind und was Sie zu so später Stunde so weit durch die Straßen führt, mein schwaches, zartes Kind«, lag auf seinen Lippen, »meine schwache, zarte Klein-Dorrit!« »Maggy und ich waren heute abend«, antwortete sie, sich mit jener ruhigen Kraft bezwingend, die ihr lange schon zur andern Natur geworden war, »in dem Theater, wo meine Schwester engagiert ist.« »Ach, es ist ein himmlischer Ort«, unterbrach sie Maggy plötzlich, in deren Macht es zu liegen schien, zu schlafen und zu wachen, wann es ihr beliebte. »Beinahe so gut wie das Hospital. Nur haben sie dort keine Hühner.« Dabei schüttelte sie sich und schlief wieder ein. »Wir gingen dahin«, sagte Klein-Dorrit mit einem Blick auf ihr Mündel, »weil ich bisweilen aus eigner Anschauung wissen möchte, daß meine Schwester nichts Unrechtes tut, und sie mit eignen Augen dort sehen möchte, wenn es weder sie noch ihr Oheim wissen. Nur selten kann ich das tun, weil ich, wenn ich nicht außer dem Hause arbeite, bei meinem Vater bin, und selbst wenn ich außer dem Hause arbeite, ich nach Hause zu ihm eile. Aber ich gebe heute nacht vor, daß ich in einer Gesellschaft gewesen sei.« Als sie ängstlich zagend dieses Bekenntnis machte, erhob sie ihre Augen zu seinem Gesicht und las in seinem Ausdruck so deutlich, daß sie antwortete: »O nein, gewiß nicht! Ich war nie in meinem Leben in einer Gesellschaft.« Sie hielt einen Augenblick inne, während er sie aufmerksam ansah, und sagte dann: »Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes dabei. Ich hätte nie etwas nützen können, wenn ich mir nicht eine Lüge erlaubt.« Sie fürchtete, er möchte sie im stillen tadeln, daß sie so darauf erpicht sei, für sie zu denken, zu überlegen und über ihnen zu wachen, ohne daß sie es wußten oder ihr dankten, vielleicht sogar, während sie wegen eingebildeter Vernachlässigung ihr Vorwürfe machten. Aber woran er wirklich dachte, das war die schwache Gestalt mit dem starken Willen, die dünnen zerrissenen Schuhe, die unzureichende Kleidung und der Vorwand der Erholung und des Vergnügens. Er fragte, wo die vorgebliche Gesellschaft sei? An einem Orte, wo sie arbeite, antwortete Klein-Dorrit errötend. Sie habe wenig davon gesprochen: nur ein paar Worte, um ihren Vater zu beruhigen. Ihr Vater glaube nicht, daß es eine große Gesellschaft sei – er könne dessen wirklich versichert sein. Sie blickte dabei einen Augenblick auf den Schal, den sie trug. »Es ist die erste Nacht«, sagte Klein-Dorrit, »die ich außer dem Hause zubringe. Und London sieht so groß, so trübselig und so schmutzig aus.« In Klein-Dorrits Augen war seine Größe unter dem schwarzen Himmel schrecklich. Ein Schauer überrieselte sie, als sie diese Worte sagte. »Aber das ist es nicht«, fügte sie mit der ihr eigentümlichen Fassung hinzu, »womit ich Sie bemühen wollte, Sir. Meine Schwester hat eine Freundin gefunden, eine Dame, von der sie mir erzählte; es machte mich unruhig, deshalb zunächst ging ich von Hause weg. Und da wir nun einmal fort waren und (absichtlich) an Ihrer Wohnung vorüberkamen und Licht im Fenster sahen –« Nicht zum ersten Male. Nein, nicht zum ersten Male. In Klein-Dorrits Auge war die Außenseite dieses Fensters ein ferner Stern in andern Nächten als diese. Sie hatte sich außerordentlich angestrengt und abgemüht, zu ihm aufzublicken und zu staunen über den ernsten, braunen Mann, der von so ferne kam und als Freund und Beschützer zu ihr gesprochen. »Es sind drei Dinge«, sagte Klein-Dorrit, »die ich mir zu sagen vornahm, falls Sie allein wären und ich heraufkäme. Erstens, was ich zu sagen versuchte, aber nicht kann – nicht soll –« »Still, still! Das ist abgemacht. Wir wollen zum Zweiten übergehen«, sagte Clennam, ihre Aufregung weglächelnd, indem er die Flamme auf sie scheinen ließ und Wein und Kuchen und Obst vor ihr auf den Tisch setzte. »Ich denke«, sagte Klein-Dorrit – »das Zweite ist, Sir, – ich denke, Mrs. Clennam muß mein Geheimnis entdeckt haben und muß wissen, woher ich komme und wohin ich gehe. Wo ich wohne, meine ich.« »Wirklich?« versetzte Clennam lebhaft. Er fragte sie nach kurzer Überlegung, warum sie dies vermute. »Ich denke«, antwortete Klein-Dorrit, »Mr. Flintwinch muß mich beobachtet haben.« Und warum, fragte Clennam, indem er seine Augen auf das Feuer richtete, seine Brauen zusammenzog und wieder überlegte, warum sie das vermute? »Ich bin ihm zweimal begegnet. Beide Male in der Nähe meiner Wohnung. Beide Male bei Nacht, wenn ich nach Hause ging. Beide Male dachte ich (ich kann mich jedoch leicht darin täuschen), daß es kaum ausgesehen, als ob er mir durch Zufall begegnete.« »Sagte er etwas?« »Nein, er nickte bloß und neigte den Kopf auf die Seite.« »Der Teufel hole diesen Kopf!« dachte Clennam, noch immer in das Feuer blickend: »er hängt stets zur Seite.« Er stand auf, um sie zu nötigen, etwas Wein über ihre Lippen zu bringen und etwas Speise zu berühren – es war sehr schwierig, denn sie war so ängstlich und scheu – und dann sagte er, wieder nachdenkend: »Ist meine Mutter irgendwie verändert gegen Sie?« »O keineswegs. Sie ist ganz wie zuvor. Ich war ungewiß, ob ich ihr nicht lieber meine Geschichte erzählen sollte. Ich war ungewiß, ob ich – ich meine, ob Sie es gerne sähen, wenn ich sie ihr erzählte. Ich hätte gern gewußt", sagte Klein-Dorrit, indem sie ihn bittend ansah und ihre Augen immer mehr von ihm abwendete, je mehr er sie anblickte, »ob Sie mir andeuten wollten, was ich tun sollte.« »Klein-Dorrit«, sagte Clennam, und dieses Wort hatte bereits begonnen, die Stelle von hundert freundlichen Worten zu vertreten, je nach dem verschiedenen Tone und der Verbindung, in der es ausgesprochen wurde, »tun Sie nichts. Ich werde mit meiner alten Freundin Mrs. Affery sprechen. Tun Sie nichts, Klein-Dorrit – als sich mit solchen Mitteln erfrischen, wie sie hier vorhanden sind. Ich bitte Sie, tun Sie das.« »Ich danke, ich bin nicht hungrig. Und nicht«, sagte Klein-Dorrit, als er ihr sanft das Glas zuschob, »auch nicht durstig. Vielleicht hat Maggy zu etwas Appetit.« »Nun, wir wollen Sie gleich für alles, was da ist, Taschen finden lassen«, sagte Clennam, »aber ehe wir sie aufwecken, ist noch etwas Drittes zu sagen.« »Ja, aber Sie werden nicht beleidigt sein, Sir?« »Ich verspreche Ihnen das ohne Rückhalt.« »Es wird seltsam klingen. Ich weiß kaum, wie ich es sagen soll. Halten Sie es nicht für unvernünftig oder undankbar von mir«, sagte Klein-Dorrit mit wiederkehrender und wachsender Aufregung. »Nein, nein, nein. Ich weiß gewiß, es wird recht und natürlich sein. Ich fürchte nicht, daß ich es falsch auffassen werde, was es auch sein mag.« Arthur Clennam bei seiner Mutter. »Ich danke. Sie werden wieder zu uns kommen und meinen Vater besuchen?« »Ja.« »Sie waren so gut und aufmerksam, meinem Vater ein Billett zu schreiben, daß Sie morgen kommen würden?« »O, das ist nicht der Rede wert. Allerdings.« »Können Sie ahnen«, sagte Klein-Dorrit, die kleinen Hände fest ineinander faltend und ihn mit dem ganzen Seelenernst, der aus ihren Augen sprach, ansehend, »um was ich Sie jetzt ersuchen will?« »Ich glaube wohl, aber ich kann mich täuschen.« »Nein, Sie täuschen sich nicht«, sagte Klein-Dorrit, ihren Kopf schüttelnd. »Wenn wir es gar so sehr bedürften, daß wir nicht ohne dasselbe existieren könnten, so lassen Sie mich darum bitten.« »Gern – gern.« »Ermutigen Sie ihn nicht zu dieser Bitte. Verstehen Sie ihn nicht, wenn er bittet. Geben Sie es ihm nicht. Ersparen Sie ihm das, und Sie werden besser von ihm zu denken imstande sein!« Clennam sagte, freilich nicht sehr ehrlich, als er Tränen in ihren besorgten Augen glänzen sah, – ihr Wunsch solle ihm heilig sein. »Sie wissen nicht, was er ist«, sagte sie, »Sie wissen nicht, was er wirklich ist. Wie sollten Sie auch, mein Gott, Sie, der ihn ganz plötzlich sieht, und nicht nach und nach wie ich. Sie waren so gut gegen uns, so zart, so wahrhaft gut, daß ich ihn in Ihren Augen besser als in irgendeines andern dastehen sehen möchte. Und ich kann es nicht ertragen, zu denken«, sagte Klein-Dorrit, ihre Tränen mit den Händen bedeckend, »daß Sie ihn nur in den Augenblicken seiner Entwürdigung sehen sollten!« »Bitte«, sagte Clennam, »verscheuchen Sie Ihren Schmerz. Bitte, bitte, Klein-Dorrit! Ich verstehe ganz, was Sie meinen.« »Dank Ihnen, Sir. Dank! Ich habe alles mögliche versucht, mich von dieser Bitte abzuhalten; ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht. Als ich aber gewiß wußte, daß Sie wiederkommen würden, nahm ich mir vor, mit Ihnen zu sprechen. Nicht weil ich mich seiner schämte«, sie trocknete rasch ihre Tränen, »sondern weil ich ihn besser kenne als irgend jemand und ihn liebe und stolz auf ihn bin.« Von dieser Last befreit, trieb es Klein-Dorrit zu gehen. Da Maggy wieder ganz wach war und aus der Ferne über das Obst und die Kuchen im Vorgeschmack des Genusses schmatzend hinstarrte, bereitete ihr Clennam die beste Erquickung, die in seiner Macht stand: er schenkte ihr ein Glas Wein ein, das sie in einer Reihe von lauter Schlücken austrank, und bei jedem ihre Hand auf die Luftröhre legte, während sie beinahe atemlos und mit weit hervorstehenden Augen sagte: »O wie köstlich! Ach! es ist wie im Hospital.« Als sie den Wein ausgetrunken und ihre Lobsprüche beendet hatte, hieß er sie ihren Korb (sie war nie ohne ihren Korb) mit allen Eßwaren auf dem Tisch zu füllen und zusehen, daß kein Brocken übrigbleibe. Die Freude, mit der Maggy dies tat, und die Freude, mit der ihr Mütterchen Maggy vergnügt sah, war die beste Wendung, die das Gespräch unter solchen Umständen nehmen konnte. »Aber die Tore werden längst geschlossen sein«, sagte Clennam, plötzlich auf diesen Gedanken verfallend. »Wo gehen Sie hin?« »Ich gehe nach Maggys Wohnung«, antwortete Klein-Dorrit. »Ich bin dort ganz gut aufgehoben, ganz sicher.« »Ich muß Sie dahin begleiten«, sagte Clennam. »Ich kann Sie nicht allein gehen lassen.« »Bitte, lassen Sie uns allein gehen. Bitte!« sagte Klein-Dorrit. Sie bat mit solchem Ernst, daß Clennam zu zartfühlend war, sich ihr aufzudrängen; um so mehr, als er klug genug war einzusehen, daß Maggys Wohnung von der geringsten Art sein müsse. »Komm, Maggy«, sagte Klein-Dorrit freundlich, »wir werden schon fortkommen. Wir kennen den Weg zu dieser Zeit, nicht wahr, Maggy?« »Ja, ja, Mütterchen, wir kennen den Weg«, kicherte Maggy, und sie gingen fort. Klein-Dorrit kehrte sich an der Tür um und sagte: »Gott segne Sie!« Sie sagte es sehr leise, aber – wer weiß – sie wurde vielleicht so gut oben im Himmel vernommen wie ein ganzer Kirchenchor. Arthur Clennam ließ sie erst um die Ecke der Straße gehen, ehe er in einiger Entfernung folgte; auch nicht in der mindesten Absicht, zum zweiten Male in die Privatangelegenheiten Klein-Dorrits einzugreifen; sondern um sich selbst die Beruhigung zu verschaffen, sie sicher zu wissen, was der Fall war, sobald er sie in der Nachbarschaft sah, an die sie gewöhnt war. Sie erschien ihm so klein, so zerbrechlich und machtlos gegen das schwarze, neblige Wetter, während sie in dem schwankenden Schatten ihres Mündels einherging, daß ihm in seiner Teilnahme und seiner Gewohnheit, sie als ein von der übrigen rauhen Welt abgesondertes Kind zu betrachten, zu Mut war, als wenn er sich glücklich fühlen würde, sie in seine Arme zu nehmen und bis an das Ende ihrer Wanderung zu tragen. Mit der Zeit kamen sie nach der Hauptstraße, wo das Marschallgefängnis lag; da sah er sie ihre Schritte verlangsamen und bald in eine Nebenstraße einbiegen. Er blieb stehen; denn er fühlte, daß er kein Recht hatte weiterzugehen, und verließ sie langsamen Schrittes. Er hatte nicht den geringsten Verdacht, sie könnten riskieren, obdachlos bis zum Morgen umherirren zu müssen; er hatte keine Idee von der Wahrheit, bis lange, lange später. »Aber«, sagte Klein-Dorrit, als sie vor einem armseligen Haus ganz in der Dunkelheit stille hielten und lauschend keinen Ton vernahmen, »das ist ja eine sehr hübsche Wohnung für dich, Maggy, wir dürfen die Leute nicht belästigen. Deshalb wollen wir nur zweimal klopfen und nicht sehr laut; und wenn wir sie dadurch nicht aufwecken, müssen wir eben bis Tagesanbruch auf der Straße umhergehen.« Klein-Dorrit klopfte einmal mit bescheidener Hand und horchte. Dann klopfte sie noch einmal mit bescheidener Hand und horchte. Alles blieb ruhig und still. »Maggy, wir müssen uns schon drein fügen, meine Liebe. Wir müssen geduldig sein und bis zu Tagesanbruch warten.« Es war eine kalte, dunkle Nacht, und ein feuchter Wind blies, als sie wieder auf die Hauptstraße kamen und die Glocken halb zwei schlagen hörten. »Nur noch fünf und eine halbe Stunde, und wir können nach Hause kommen«, sagte Klein-Dorrit. Von Hause zu sprechen und zu gehen und danach zu sehen, war eine natürliche Folge. Sie gingen nach dem geschlossenen Tor und sahen durch das Schlüsselloch in den Hof. »Ich hoffe, er schläft gesund«, sagte Klein-Dorrit, einen der Riegel küssend, »und vermißt mich hoffentlich nicht.« Die Pforte war ihnen so vertraut wie eine Freundin, daß sie Maggys Korb in eine Ecke stellten, damit er als Sitz diene. So ruhten sie dicht aneinander gedrängt dort einige Zeit aus. Während die Straße leer und still war, fürchtete sich Klein-Dorrit nicht; wenn sie jedoch in einiger Entfernung einen Schritt hörte oder einen sich unter den Straßenlaternen hinbewegenden Schatten sah, fuhr sie auf und flüsterte ihrem Kind zu: »Maggy, ich sehe jemanden. Komm fort!« Maggy erwachte dann mehr oder weniger verdrießlich, und sie gingen eine Zeitlang umher und kamen dann zurück. Solange das Essen eine Neuigkeit und eine Unterhaltung war, ging es mit Maggy ganz gut. Als diese Periode jedoch vorüber war, klagte sie über die Kälte und schauerte und winselte. »Es wird bald vorüber sein, liebes Kind!« sagte Klein-Dorrit geduldig. »O, das ist alles ganz gut für dich, Mütterchen«, versetzte Maggy, »aber ich bin ein armes Ding, nur zehn Jahre alt.« Endlich, als in der Stille der Nacht die Straße vollkommen ruhig war, legte Klein-Dorrit Maggys schweres Haupt an ihre Brust und wiegte sie in den Schlaf. So saß sie am Tore, einsam und allein, und blickte zu den Sternen empor und sah die Wolken in wilder Flucht über sie hinziehen – das war der Tanz bei Klein-Dorrits Gesellschaft. »Wenn es wirklich eine Gesellschaft wäre!« sagte sie plötzlich, als sie so dasaß. »Wenn es hell und warm und schön wäre und es unser Haus wäre, und mein armer, lieber Vater wäre der Herr und nie hinter diesen Mauern gewesen. Und wenn Mr. Clennam einer von unsern Gästen wäre, und wir tanzten zu entzückender Musik und wären alle so heiter und vergnügt wie nur immer möglich! Ich möchte wissen –« Es eröffnete sich ihr eine solche Reihe von Dingen, die sie hätte wissen mögen, daß sie ganz in Gedanken verloren zu den Sternen aufblickte, bis Maggy wieder unruhig wurde und aufstehen und gehen wollte. Es wurde drei Uhr und halb vier Uhr, und sie waren über die London-Brücke gegangen. Sie hatten das Rauschen des Stromes gehört, der sich an den Hindernissen brach; hatten mit Schauer durch den dunkeln Nebel auf den Strom hinabgeschaut; hatten kleine Streifen des Wassers blitzen sehen, die das Licht der Brückenlaternen spiegelten, die wie Dämonenaugen leuchteten und die Schuld und das Elend mit furchtbarem Zauber in die Tiefe zogen. Sie waren unheimlich erschrocken an obdachlosen Menschen vorübergegangen, die zusammengekauert in Winkeln lagen. Sie waren Betrunkenen entflohen. Sie waren zurückgetreten, wenn sie Männer an sich vorüberschleichen, sich an Straßenecken zuwinken, zuflüstern oder andere in voller Flucht davoneilen sahen. Indessen tat der Wegweiser und Führer, Klein-Dorrit, glücklich in ihrer jugendlichen Erscheinung, als ob sie sich an Maggy hielte und sich auf sie stützte, und mehr als einmal hatte eine Stimme aus einem Haufen lärmenden und herumstreichenden Volks auf ihrem Wege den übrigen zugerufen, man solle »die Frau und das Kind vorbeigehen lassen!« So waren die Frau und das Kind vorübergegangen und weitergegangen, und fünf Uhr hatte es von den Türmen geschlagen. Sie gingen langsam in der Richtung nach Osten, bereits nach dem ersten blassen Streifen Tageslicht blickend, als eine Frau hinter ihnen drein kam. »Was tut Ihr mit dem Kinde?« sagte sie zu Maggy. Sie war jung – viel zu jung, um hier zu sein, der Himmel weiß es! – und weder häßlich noch leichtsinnig aussehend. Sie sprach grob, aber mit keiner von Hause aus groben Stimme; es war sogar etwas Melodisches in deren Klang. »Was tut Ihr mit Euch selbst hier?« versetzte Maggy in Ermanglung einer bessern Antwort. »Könnt Ihr's nicht sehen, ohne daß ich Euch's sage?« »Ich weiß nicht, ob ich's kann«, sagte Maggy. »Ich bringe mich selber um. Nun habe ich Euch geantwortet, jetzt antwortet mir. Was tut Ihr mit dem Kinde?« Das vermeintliche Kind hatte den Kopf gesenkt und hing sich fest an Maggy an. »Armes Ding!« sagte die Frau. »Habt Ihr denn kein Gefühl, daß Ihr sie zu solcher Zeit in den Straßen mit umherschleppt? Habt Ihr keine Augen, um zu sehen, wie zart und schwächlich sie ist? Habt Ihr denn keine Empfindung (Ihr seht allerdings nicht aus, als ob Ihr viel hättet), daß Ihr nicht mehr Mitleid mit dieser kalten und zitternden kleinen Hand habt?« Sie war auf die andere Seite getreten und hielt die Hand Klein-Dorrits reibend in den ihren. »Küsse ein armes, verlorenes Geschöpf, mein liebes Kind«, sagte sie und beugte ihr Gesicht herab, »und sage mir, wo sie dich hinführt.« Klein-Dorrit wandte sich nach ihr um. »Du, mein Gott!« sagte sie zurückfahrend, »Ihr seid ja eine Frau?« »Laßt das gut sein!« sagte Klein-Dorrit, eine der Hände ergreifend, die plötzlich die ihre losgelassen. »Ich fürchte mich nicht vor Euch.« »Es wäre besser, Ihr würdet Euch fürchten«, antwortete sie. »Habt Ihr keine Mutter?« »Nein.« »Keinen Vater?« »O ja, einen sehr lieben Vater.« »Geht zu ihm heim und fürchtet Euch vor mir. Laßt mich gehen. Gute Nacht!« »Ich muß Euch erst danken; laßt mich zu Euch sprechen, als wenn ich wirklich ein Kind wäre.« »Das könnt Ihr nicht«, sagte die Frau. »Ihr seid freundlich und unschuldig, aber Ihr könnt mich nicht mit den Augen eines Kindes ansehen. Ich würde Euch nie berührt haben, wenn ich Euch nicht für ein Kind gehalten hätte.« Und mit einem seltsam wilden Schrei eilte sie hinweg. Noch immer war der Tag nicht am Himmel, aber Tag war in den widerhallenden Steinen der Straßen, in den Wagen, Karren und Kutschen; in den Arbeitern, die zu verschiedenen Beschäftigungen eilten; in dem Öffnen der frühen Läden; in dem Handel des Marktes; in dem Getümmel an der Uferseite. Der Tag brach an in den flimmernden Lichtern, deren Farbe matter war als zu andern Zeiten; und in der schärferen Luft und der geisterhaften Farbe der Nacht. Sie gingen wieder zu dem Tor zurück, in der Absicht, dort zu warten, bis es geöffnet würde; aber die Luft war so rauh und kalt, daß Klein-Dorrit, die Maggy im Schlaf umherführte, sich Bewegung machte. Als sie um die Kirche gingen, sahen sie Lichter dort und die Tür offen; sie gingen die Treppen hinauf und sahen hinein. »Wer da?« rief ein stämmiger, alter Mann, der eine Nachtmütze aufsetzte, als wenn er in einer Gruft zu Bett ginge. »Niemand besonderes, Herr«, sagte Klein-Dorrit. »Halt!« rief der Mann. »Laßt mich Euch ansehen!« Das veranlaßte sie umzukehren, als sie hinausgehen wollte, und sich und ihr Mündel vor ihm zu zeigen. »Ich dacht' es doch!« sagte er. »Ich kenne Euch!« »Wir haben einander oft gesehen«, sagte Klein-Dorrit, den Sakristan oder Meßner oder Stabträger, oder was er war, erkennend, »wenn ich hier in die Kirche kam.« »Mehr als das, wir haben Ihre Geburt in unserm Register eingetragen; Sie wissen, Sie sind eine von unsern Kuriositäten.« »Wirklich?« sagte Dorrit. »Gewiß. Als das Kind von dem – übrigens, wie kommt's, daß Ihr schon so früh auf seid?« »Wir wurden die vergangene Nacht ausgeschlossen und warten nun, bis wir hinein können.« »Ist das wirklich Eure Absicht? Das dauert wohl noch eine gute Stunde. Kommt in die Sakristei. Ihr werdet ein Feuer in der Sakristei finden, wegen der Maler. Ich warte auf die Maler, sonst wäre ich nicht hier, das dürft Ihr mir glauben. Eine von unsern Kuriositäten darf nicht kalt werden, wenn es in unsrer Macht liegt, sie gut zu wärmen. Kommt mit.« Es war ein sehr guter, alter Mann, mit seinem vertrauten Ton; und nachdem er das Sakristeifeuer etwas angeschürt, suchte er an den Registerständern nach einem besondern Band umher. »Hier stehen Sie eingetragen, sehen Sie mal«, sagte er, indem er ihn herabnahm und die Blätter umdrehte. »Hier werden Sie sich in voller Größe finden. Amy, Tochter von William und Fanny Dorrit. Geboren im Marschallgefängnis, Parochie St. George. Und wir sagen den Leuten, daß Sie nie einen Tag oder eine Nacht seit jener Zeit von dort fortgewesen. Nicht wahr?« »Allerdings, bis gestern abend.« »Herr!« Aber ein bewundernder Blick, den er auf sie warf, führte ihn auf etwas anderes, nämlich: »Ich sehe mit Bedauern, daß Sie erschöpft und müde sind. Warten Sie einen Augenblick. Ich will einige Kissen aus der Kirche holen, und Sie und Ihre Freundin sollen vor dem Feuer liegen. Fürchten Sie nicht, daß Sie zu Ihrem Vater hineinzugehen versäumen, sobald das Tor geöffnet wird. Ich werde Sie rufen.« Er brachte alsbald die Kissen und legte sie auf den Boden. »So, da sind Sie nun wieder in Lebensgröße. Oh, denken Sie nicht ans Danken. Ich habe selbst auch Töchter. Und wenn sie auch nicht im Marschallgefängnis geboren wurden, wäre es doch möglich gewesen, wenn ich in meiner Lebensart von Ihres Vaters Schlag gewesen. Warten Sie einen Augenblick. Ich muß etwas unter das Kissen für Ihren Kopf legen. Hier ist ein Sterberegister. Das ist recht. Wir haben Mrs. Bangham in dem Buche. Aber was diese Bücher den meisten Leuten interessant macht, ist – nicht wer darin ist, sondern wer nicht darin und wer hineinkommt, verstehen Sie, und wann. Das ist die wichtige Frage.« Er blickte mit einem empfehlenden Wort noch einmal auf das Polster zurück, das er improvisiert hatte, und verließ sie, damit sie die Stunde noch ausruhen könnten. Maggy schnarchte bereits, und Klein-Dorrit war gleichfalls bald eingeschlafen, den Kopf auf diesem versiegelten Buche des Schicksals, ungestört durch seine geheimnisvollen weißen Blätter. Das war Klein-Dorrits Gesellschaft. Die Schande, Verlassenheit, das Elend und die Bloßstellung der großen Hauptstadt; die nassen, kalten, schleichenden Stunden, und die jagenden Wolken der unheimlichen Nacht. Das war die Gesellschaft, aus der Klein-Dorrit in dem ersten grauen Nebel eines regnerischen Morgens abgemattet heimkehrte. Fünfzehntes Kapitel Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum Das baufällige alte Haus in der City, in seinen Mantel von Ruß gehüllt und schwerfällig auf die Krücken gestützt, die seinen Verfall geteilt und mit ihm bresthaft geworden, kannte auch nicht einen gesunden oder heiteren Augenblick. Wenn die Sonne es je berührte, so war es nur mit einem Strahl, und der war in einer halben Stunde vorüber. Wenn das Mondlicht je darauf fiel, so war es nur, um einige Flecken auf seinen Bettlermantel zu flicken und ihm ein noch traurigeres Aussehen zu verleihen. Die Sterne freilich schauten mit kaltem Blick darauf herab, wenn die Nächte und der Rauch klar genug waren, und alles schlechte Wetter hielt mit seltener Beharrlichkeit bei ihm aus. So sah man Regen, Hagel, Frost und Tau an diesem unheimlichen Ort noch immer weilen, wenn sie längst anderwärts verschwunden waren. Der Schnee blieb dort ganze Wochen lang liegen, nachdem er von Gelb in Schwarz übergegangen, sein schmutziges Leben langsam ausweinend. Der Ort hatte keine andern Anhänger. Was das Straßengeräusch betrifft, so polterten die Räder der Fuhrwerke nur im Vorübergehen durch den Torweg in das Gäßchen und ebenso rasch wieder hinaus. Sie machten auf die lauschende Mistreß Affery den Eindruck, als wäre sie taub, und gaben ihr das Gefühl des Hörens nur durch einzelne Stöße. So war es mit Pfeifen, Singen, Sprechen, Lachen und allen angenehmen menschlichen Klängen. Sie waren in einem Augenblick an der Tür vorüber und schon wieder weit entfernt. Das verschiedene Licht von Feuer und Kerze in Mrs. Clennams Zimmer bildete den größten Wechsel, der je die totenstille Einförmigkeit des Ortes unterbrach. An ihren zwei schmalen Fenstern sah man den düstern Schein des Feuers bei Tag und bei Nacht. Nur selten flackerte es leidenschaftlich auf wie die Herrin des Hauses; zumeist war es gedämpft wie sie und zehrte gleichmäßig und langsam an sich selbst. Während vieler Stunden in den kurzen Wintertagen, wenn dort schon früh am Nachmittag die Dämmerung eintrat, konnte man abwechselnd Zerrbilder von ihr selbst im Räderstuhl, von Mr. Flintwinch mit seinem gekrümmten Hals, von Mrs. Affery, die ab- und zuging, an der Hausmauer über dem Torweg sich abzeichnen und wie Schatten aus einer großen Laterna magica hin- und herschweben sehen. Wenn die ihr Zimmer hütende Kranke sich zur Ruhe begab, verschwanden diese Bilder nach und nach, zuletzt Mistreß Afferys vergrößerter Schatten, der immer hin- und herwanderte, bis er endlich in der Luft verschwand, als wenn sie sich selbst auf eine Heimfahrt begäbe. Dann brannte das einsame Licht unverändert fort, bis es kurz vor der Morgendämmerung erblaßte und zuletzt unter dem Hauche von Mistreß Affery erlosch, wenn ihr Schatten von der Hexenregion des Schlafes sich darauf herabsenkte. Sonderbar, wenn das kleine Krankenzimmerfeuer wirklich ein Leuchtturmfeuer wäre, das einen, und zwar den Unwahrscheinlichsten in der Welt an den Ort lockte, zu dem er kommen muß. Sonderbar, wenn das kleine Krankenzimmerlicht wirklich ein Nachtlicht wäre, das jede Nacht an diesem Ort brannte, bis ein bestimmtes Ereignis zu erspähen wäre? Wer von der großen Masse von Wanderern unter der Sonne und den Sternen, die die staubigen Hügel hinansteigen und über die endlos ermüdenden Ebenen ziehen, zu Land und zur See reisen, so seltsam kommen und gehen, um sich zu begegnen, aufeinander zu wirken und rückzuwirken, wer von dieser Schar mag, ohne das Reiseziel zu ahnen, sicher hierher seinen Weg nehmen? Die Zeit wird es uns lehren. Der Ehrenposten und der Schandpfahl, die Generalsstelle und die Trommlerstelle, eine Peersstatue in der Westminsterabtei und eine Seemannshängematte im Schoß der Tiefe, die Bischofsmütze und das Arbeitshaus, der Wollsack und der Galgen, der Thron und die Guillotine – die Wanderer zu all diesen sind auf der großen Heerstraße; aber es gibt seltsame Abwege, und nur die Zeit allein kann uns lehren, zu welchem Ziel jeder einzelne Wanderer bestimmt ist. An einem winterlichen Nachmittag im Zwielicht träumte Mrs. Flintwinch, die sich den ganzen Tag schon schwer und müde gefühlt, folgenden Traum: Es war ihr, als befände sie sich in der Küche, den Kessel für den Tee rüstend, und wärme sich den Fuß am Kamingitter. Sie saß mit gerafftem Kleid an dem zusammengefallenen Feuer vor dem Kaminrost, einem Feuerlein, das zu beiden Seiten durch eine tiefe, schwarze, kalte Furche begrenzt war. Es war ihr, während sie so dasaß und über die Frage nachsann, ob das Leben nicht für manche Leute eine ziemlich traurige Erfindung sei, als würde sie durch ein plötzliches Geräusch hinter sich erschreckt. Es war ihr, als hätte sie ein ähnliches Geräusch vergangene Woche gleichfalls erschreckt, und als wenn dies Geräusch von ganz geheimnisvoller Art wäre, – ein Gerassel und drei oder vier lebhafte Schläge wie ein rascher Tritt, während ihr Herz einen Stoß bekam und zitterte, als wenn der Tritt den Fußboden erbeben gemacht oder gar, als wenn sie von einer furchtbaren Hand ergriffen worden wäre. Es war ihr, als würde die alte Furcht, es sei in dem Hause nicht geheuer, dadurch wieder geweckt, und als wenn sie die Küchentreppe hinaufflöge, sie wüßte nicht wie, um nur näher bei Menschen zu sein. Es war Mrs. Affery, als ob sie, im Gang angekommen, die Tür zum Bureau ihres Oberherrn offenstehen und das Zimmer leer sähe. Als ob sie zu dem aufgerissenen Fenster in dem kleinen Zimmer nächst der Straßentür ginge, um ihr pochendes Herz durch die Scheiben mit den lebenden Wesen drunten und außerhalb des ungeheuerlichen Hauses in Verbindung zu setzen. Als sähe sie an der Mauer über dem Torweg die Schatten der beiden Gescheiten droben im Gespräch miteinander begriffen. Als ob sie dann mit den Schuhen in der Hand hinaufginge, teils um den Gescheiten, die den meisten Geistern gewachsen, nahe zu sein, teils um zu hören, wovon sie sprächen. »Keine von Ihren Possen, bitte ich«, sagte Mr. Flintwich. »Ich lasse mir das nicht von Ihnen bieten.« Mrs. Flintwinch träumte, sie stehe hinter der Tür, die gerade offen war, und höre ihren Gatten diese kühnen Worte ganz deutlich sagen. »Flintwinch«, versetzte Mrs. Clennam in ihrem gewöhnlichen strengen und tiefen Ton, »es ist ein Dämon des Zorns in Ihnen. Hüten Sie sich vor ihm.« »Ich kümmere mich nicht, ob es einer ist oder ein Dutzend«, sagte Mr. Flintwinch, durch seinen Nachdruck andeutend, daß die größere Zahl der Wahrheit näher sei. »Wenn es fünfzig wären, würden sie alle sagen: Keine von Ihren Possen, ich lasse es mir nicht von Ihnen bieten. – Ich würde sie zu diesem Ausspruch zwingen, sie möchten wollen oder nicht.« »Was habe ich getan, du zorniger Mann?« fragte ihre strenge Stimme. »Getan?« jagte Mr. Flintwinch. »Sie sind über mich hergefallen.« »Wenn Sie damit meinen, ich habe Ihnen Vorstellungen gemacht – –« »Legen Sie mir nicht Worte in den Mund, die ich nicht meine«, sagte Jeremiah, an seinen bildlichen Ausdruck mit zäher und unergründlicher Halsstarrigkeit sich hängend, »Sie sind über mich hergefallen.« »Ich habe Ihnen Vorstellungen gemacht«, begann sie wieder, »weil –« »Ich will es nicht haben!« rief Jeremiah. »Sie sind über mich hergefallen.« »Ich bin also über Sie hergefallen, Sie unfreundlicher Mann«, (Jeremiah kicherte, daß er sie gezwungen, sich seiner Worte zu bedienen), »weil Sie diesen Morgen unnötigerweise gegen Arthur zu bezeichnend gewesen sind. Ich habe ein Recht, mich darüber zu beklagen, denn es ist nahezu ein Vertrauensbruch. Es war nicht Ihre Absicht –« »Ich will das nicht!« warf der widerspruchsvolle Jeremiah ein, dieses Zugeständnis zurückweisend. »Es war meine Absicht.« »Ich scheine Sie allein sprechen lassen zu müssen, wie's Ihnen beliebt«, versetzte sie nach einer Pause, die das Gepräge der Gereiztheit trug. »Es ist nutzlos, mich an einen heftigen und halsstarrigen, alten Mann zu wenden, der sich fest vorgenommen, mich nicht anzuhören.« »Ich kann mir das ebensowenig von Ihnen gefallen lassen«, sagte Jeremiah. »Ich habe mir das durchaus nicht vorgenommen. Wollen Sie wissen, warum es meine Absicht war, Sie heftige und halsstarrige alte Frau?« »Sie scheinen mir nur meine Worte zurückgeben zu wollen«, sagte sie, ihre Entrüstung bekämpfend. »Ja.« »So hören Sie denn. Weil Sie ihm seinen Vater nicht ins rechte Licht stellten und Sie das hätten tun sollen. Weil, ehe Sie auf irgendeine Erklärung über sich eingingen, die Sie –« »Halten Sie ein, Flintwinch!« rief sie mit verändertem Ton. »Sie könnten um ein Wort zu weit gehen.« Der alte Mann schien das auch zu denken. Es entstand wieder eine Pause, und er hatte seine Stellung im Zimmer verändert, als er in etwas sanfterem Ton fortfuhr: »Ich war im Begriff, Ihnen zu sagen, warum solches geschah. Weil, ehe Sie Ihre eigne Sache aufgriffen, Sie meiner Ansicht nach die Sache von Arthurs Vater hätten abmachen sollen. Arthurs Vater! Ich hatte keine besondere Vorliebe für Arthurs Vater. Ich diente dem Oheim von Arthurs Vater in diesem Haus, als Arthurs Vater nicht viel mehr als ich, – ja ärmer war, was seine Taschen anbetraf – und sein Oheim mich ebensogut zu seinem Erben hätte machen können wie ihn. Er hungerte in dem Wohnzimmer, und ich hungerte in der Küche. Das war der Hauptunterschied in unserer Lage; es war nicht viel mehr als einige Stufen einer halsbrecherischen Treppe zwischen uns. Ich hielt damals nie zu ihm; ich weiß überhaupt nicht, daß ich mich je zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Er war ein unentschiedener, unschlüssiger Laffe, aus dem man alles außer seinem Waisenleben herausgeschreckt hatte, solange er jung war. Und als er Sie hierher brachte, das Weib, das sein Oheim für ihn bestimmte, brauchte ich Sie nicht zweimal anzusehen (Sie waren damals hübsch), um zu wissen, wer Herr im Hause sein würde. Sie standen seit jener Zeit auf Ihren eigenen Füßen. Stehen Sie jetzt wieder auf Ihren Füßen, lehnen Sie sich nicht an die Toten?« »Ich lehne mich nicht – wie Sie es nennen – an die Toten.« »Aber Sie waren nahe daran, es zu tun, wenn ich es zugegeben hätte«, brummte Jeremiah, »und das ist's, weshalb Sie über mich hergefallen sind. Sie können nicht vergessen, daß ich mich nicht darein fügte. Vermutlich sind Sie erstaunt, daß ich es der Mühe für wert gehalten habe, Arthurs Vater Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hm? Es ist gleichgültig, ob Sie antworten oder nicht, weil ich weiß, daß Sie sich wundern und Sie es auch wissen, daß Sie sich wundern. Ich will Ihnen sagen, wie die Sache steht. Ich mag ein etwas seltsames Temperament haben, aber ich habe einmal dieses Temperament – ich kann die Leute nicht ganz nach ihrem Sinne handeln lassen. Sie sind eine Frau von entschiedenem Charakter und eine gescheite Frau; und wenn Sie sich etwas fest vorgenommen haben, wird Sie nichts davon abbringen. Wer weiß das besser, als ich?« »Nichts wird mich davon abbringen, Flintwinch, wenn ich es vor mir selbst gerechtfertigt habe. Fügen Sie das noch hinzu.« »Vor sich selbst gerechtfertigt haben? Ich sagte, Sie seien die entschiedenste Frau auf dem Erdenrund (oder ich wollte das sagen), und wenn Sie entschlossen sind, irgend etwas, was Sie im Sinn haben, zu rechtfertigen, so werden Sie es natürlich auch tun.« »Mann! Ich rechtfertige mich durch die Autorität dieser Bücher«, rief sie mit strenger Stimme und schien, nach dem Geräusche zu urteilen, das diesen Worten folgte, das schwere Gewicht ihrer Arme auf den Tisch fallen zu lassen. »Lassen Sie das«, versetzte Jeremiah ruhig, »wir wollen im Augenblick nicht auf diese Frage eingehen. Wie es auch stehen mag, Sie führen Ihre Vorsätze aus, und alles andere muß weichen. Ich nur will nicht weichen. Ich war Ihnen treu und diensteifrig und zugetan. Aber ich kann nicht zustimmen und würde nicht zustimmen, ich habe nie zugestimmt und werde nie zustimmen, ganz in Ihnen aufzugehen. Verschlingen Sie, wen Sie wollen, wohl bekomm' es Ihnen! Aber es ist eine Eigenheit meines Charakters, Ma'am, daß ich nicht lebendig verschlungen werden will.« Vielleicht war das ursprünglich der Hauptgrund ihres sonstigen Einverständnisses. Mrs. Clennam hatte vielleicht so viele Kraft des Charakters in Mr. Flintwinch entdeckt, daß sie eine Art Bündnis mit ihm der Mühe für wert erachtet hatte. »Genug, und mehr als genug davon«, sagte sie düster. »Wenn Sie nur nicht wieder über mich herfallen«, versetzte der halsstarrige Flintwinch, »in dem Falle müßten Sie wieder davon hören.« Mistreß Affery träumte, daß die Gestalt ihres Herrn hier in dem Zimmer auf und ab zu gehen anfinge, als wenn er seinen Ärger kühlen wollte, und daß sie dann weggeeilt sei; daß sie jedoch, als er nicht herausgekommen, während sie lauschend und zitternd einige Zeit in dem schattigen Gang gestanden, wieder die Treppe hinaufgeklettert sei, wie früher von Gespenstern und Neugierde getrieben, und sich an der Tür niedergekauert habe. »Bitte, zünden Sie das Licht an, Flintwinch«, sagte Mrs. Clennam, die ihn offenbar auf ihren gewöhnlichen Ton zurückleiten wollte. »Es ist beinahe Teezeit. Klein-Dorrit kommt und wird mich im Dunkeln finden.« Mr. Flintwinch zündete rasch das Licht an und sagte, als er es auf den Tisch stellte: »Was wollen Sie eigentlich mit Klein-Dorrit? Kommt sie hierher, um ewig hier zu arbeiten? Um ewig hier Tee zu trinken? Soll sie ewig hier aus und ein gehen wie jetzt?« »Wie können Sie von ewig gegenüber einem gelähmten Geschöpf wie ich sprechen? Werden wir nicht alle niedergemäht wie das Gras auf dem Felde, und wurde ich nicht von der Sense schon vor vielen Jahren getroffen, seit welcher Zeit ich hier liege und warte, daß man mich in die Scheune sammle?« »Ja, ja! Aber seit Sie hier liegen – nichts weniger als dem Tode nahe –, wurden zahlreiche Kinder und junge Leute, blühende Frauen, kräftige Männer und was weiß ich abgeschnitten und in die Scheune getragen. Und Sie sind immer noch hier, wie Sie sehen, im ganzen nicht viel verändert. Ihre Zeit und die meine kann noch lange währen. Wenn ich ewig sagte, so meinte ich damit (obgleich ich nicht poetisch bin), solange wir leben.« Mr. Flintwinch gab diese Erklärung mit großer Ruhe und wartete ruhig auf eine Antwort. »Solange Klein-Dorrit ruhig und fleißig ist und der schwachen Unterstützung, die ich ihr bieten kann, bedarf und sie verdient, solange wird sie vermutlich auch, falls sie nicht selbst aus eigenem Willen darauf verzichtet, hierherkommen; vorausgesetzt, daß mir Gott das Leben erhält.« »Und nichts weiter als das?« sagte Flintwinch, seinen Mund und sein Kinn streichend. »Was sollte denn noch weiter sein? Was könnte noch weiter sein?« rief sie in ihrer ernsten, staunenden Weise. Mrs. Flintwinch träumte, daß sie sich ein oder zwei Minuten lang ansahen, während das Licht zwischen ihnen stand, und als ob sie irgendwie den Eindruck bekäme, daß sie einander fest ansähen. »Wissen Sie zufällig, Mrs. Clennam«, fragte Afferys Eheherr mit weit leiserem Ton und mit einer Steigerung des Ausdrucks, die in keinem Verhältnis zu dem einfachen Inhalt seiner Worte stand, »wo sie wohnt?« »Nein.« »Möchten Sie wohl – möchten Sie es wissen?« sagte Jeremiah mit einer Plötzlichkeit, als ob er auf sie losgesprungen käme. »Wenn ich es wissen möchte, so wüßte ich es bereits. Hätte ich sie nicht irgendmal fragen können?« »So wollen Sie es also nicht wissen?« »Nein.« Mr. Flintwinch sagte, nachdem er einen langen, bezeichnenden Atemzug geholt, mit seiner früheren Betonung: »Ich habe es zufällig – merken Sie wohl! – herausgebracht.« »Wo sie auch wohnen mag«, sagte Mrs. Clennam mit unmoduliertem hartem Ton und die Worte so scharf trennend, als ob sie sie aus verschiedenen Stückchen Metall herausläse, von denen sie eins ums andere aufhöbe, »sie hat ein Geheimnis daraus gemacht, und sie soll ihr Geheimnis vor mir bewahren.« »Sonach hätten Sie vielleicht die Tatsache lieber gar nicht gewußt?« sagte Jeremiah, und er sagte es mit einer Verzerrung, als wenn seine Worte in seiner eignen verkrümmten Gestalt aus ihm herauskämen. »Flintwinch«, sagte seine Herrin und Geschäftsteilhaberin, plötzlich zu einer Energie aufblitzend, die Affery stutzig machte, »warum stacheln Sie mich auf? Sehen Sie sich in diesem Zimmer um. Wenn irgendein Ersatz für meine lange Gefangenschaft in diesen engen Mauern darin liegt – ich beklage mich nicht über meine Heimsuchung, Sie wissen, ich beklage mich nie darüber –, wenn irgendein Ersatz für die lange Gefangenschaft darin liegt, daß, während mir jede angenehme Abwechselung versagt ist, mir auch die Wissenschaft von Dingen versagt ist, die ich lieber gerne nicht weiß, warum mißgönnen Sie unter allen Menschen ganz allein mir diese Annehmlichkeit?« »Ich mißgönne sie Ihnen nicht«, versetzte Jeremiah. »Dann sprechen Sie nicht mehr davon. Sprechen Sie nicht mehr davon. Lassen Sie Klein-Dorrit ihr Geheimnis vor mir bewahren und behalten Sie es gleichfalls bei sich. Lassen sie sie kommen und gehen, unbeobachtet und unbefragt. Lassen Sie mich leiden und lassen Sie mir die Linderung, die zu meinem Zustand gehört. Ist es denn so gar viel, daß Sie mich wie ein böser Geist quälen?« »Ich richtete ja nur eine Frage an Sie. Das war alles.« »Ich habe darauf geantwortet, und damit genug. Sprechen Sie nicht weiter davon.« Hier hörte man das Geräusch des Rollstuhls auf dem Boden, und Afferys Klingel schlug heftig an. Banger in diesem Augenblick vor ihrem Gatten als vor dem geheimnisvollen Ton in der Küche, schlich Affery so leise und rasch, wie sie konnte, hinweg, eilte beinahe so geschwind die Küchentreppe hinab, wie sie heraufgekommen, nahm ihren Sitz vor dem Feuer wieder ein, schlug den Schoß ihres Kleides herauf und zog zuletzt ihre Schürze über den Kopf. Dann läutete die Glocke noch einmal und dann noch einmal, und dann klingelte es in einem fort; trotz dieser dringenden Aufforderungen saß Affery immer noch hinter ihrer Schürze und rang nach Atem. Endlich kam Mr. Flintwinch schlürfend die Treppe herab in den Vorsaal, brummte und rief: »Affery, Frau!« den ganzen Weg entlang. Da Affery immer noch hinter ihrer Schürze verharrte, stolperte er die Küchentreppe herab, das Licht in der Hand, wackelte zu ihr heran, riß ihr die Schürze weg und zerrte sie in die Höhe. »O Jeremiah!« rief Affery erwachend, »wie hast du mich erschreckt!« »Was hast du getan, Frau?« fragte Jeremiah. »Man hat dir fünfzig Male geläutet.« »O Jeremiah«, sagte Mistreß Affery, »ich träumte!« An ihre frühere Heldentat in dieser Richtung erinnert, hielt Mr. Flintwinch das Licht an ihren Kopf, als wollte er sie anzünden, um die Küche zu beleuchten. »Weißt du denn nicht, daß ihre Teestunde ist?« fragte er mit häßlichem Grinsen und versetzte einem von den Füßen des Stuhls, auf dem Mistreß Affery saß, einen Stoß. »Jeremiah! Teestunde? Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Aber ich bekam einen so furchtbaren Schlag, Jeremiah, ehe ich zu träumen aufhörte, daß ich denke, es muß das gewesen sein.« »Auf! Schlafmütze!« sagte Mr. Flintwinch, »wovon schwatzest du da?« »Es war ein seltsames Geräusch, Jeremiah, und ein wunderbarer Stoß. In der Küche hier – gerade hier.« Jeremiah hielt sein Licht in die Höhe und sah zu der geschwärzten Decke empor, hielt sein Licht herab und sah auf den feuchten Steinboden, drehte sich rings herum mit dem Licht und betrachtete die fleckigen und geschwärzten Wände. »Ratten, Katzen, Wasser, Traufe«, sagte Jeremiah. Mistreß Affery verneinte alles und schüttelte den Kopf. »Nein, Jeremiah; ich habe es vorher schon bemerkt. Ich habe es droben verspürt und einmal auf der Treppe, als ich in der Nacht von ihrem Zimmer nach dem unsrigen ging – ein Rascheln und eine Art zitternder Berührung hinter mir.« »Affery, meine Frau«, sagte Mr. Flintwinch mürrisch, nachdem er seine Nase an die Lippen der Frau geführt, um nach spirituosen Getränken zu schnüffeln, »wenn du nicht rasch den Tee bringst, altes Weib, wirst du ein Rascheln und eine Berührung verspüren, daß du nach dem andern Ende der Küche fliegst.« Diese Prophezeiung spornte Mrs. Flintwinch an, sich zu rühren und die Treppen nach Mrs. Clennams Zimmer hinaufzueilen. Aber trotz alledem fing sie an, fest davon überzeugt zu sein, daß es in dem düstern Hause nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie war fortan nicht mehr ruhig, sobald der Tag verschwunden, und ging niemals in der Dunkelheit treppauf oder treppab, ohne die Schürze über dem Kopf zu haben, aus Furcht, sie möchte etwas sehen. Zum Teil durch diese Gespensterfurcht und ihre seltsamen Träume verfiel Mrs. Flintwinch an jenem Abend in einen unheimlich bangen Zustand; und es wird lange dauern, ehe die gegenwärtige Erzählung einigermaßen Besserung bei ihr entdeckt. In der Unbestimmtheit und Unklarheit all ihrer neuen Erfahrungen und Beobachtungen begann sie, da alles um sie her geheimnisvoll für sie war, geheimnisvoll für andere zu werden. Man wußte sich ihr Wesen so wenig klarzumachen, wie sie das Haus und alles, was darin war, sich selbst genügend klarzumachen imstande war. Sie hatte den Tee für Mrs. Clennam noch nicht ganz fertig gemacht, als man das leise Pochen an der Tür vernahm, das immer Klein-Dorrit ankündete. Mistreß Affery sah zu, wie Klein-Dorrit ihren schlichten Hut im Vorsaal abnahm und Mr. Flintwinch an seinen Kinnbacken rieb und sie schweigend betrachtete, als müßte irgend etwas Wunderbares die Folge davon sein, das sie vor Schrecken außer sich brachte oder sie alle drei zerschmettere. Nach dem Tee hörte man wieder ein Pochen an der Tür, das Arthur meldete. Mistreß Affery ging hinab, um ihn einzulassen, und er sagte beim Eintreten: »Affery, ich freue mich, daß Sie es sind. Ich muß eine Frage an Sie richten.« Affery antwortete sogleich: »Bitte, bitte, haben Sie die Güte und fragen Sie mich nichts, Arthur. Die Furcht kostet mich die eine Hälfte meines Lebens und das Träumen die andere. Fragen Sie mich nichts. Ich weiß nicht, wer wer ist und was was!« Und damit eilte sie fort und kam nicht mehr in seine Nähe. Da Mistreß Affery keinen Geschmack am Lesen fand und nicht genug Licht in dem dumpfen Zimmer hatte, um zu nähen, vorausgesetzt, daß sie dafür Sinn besessen, saß sie jetzt jeden Abend in der Dunkelheit, aus der sie am Abend von Arthur Clennams Ankunft für einen Augenblick hervorgekommen, mit mancherlei verwirrten Betrachtungen und Verdachtgründen gegen ihre Herrin, ihren Gatten und das Geräusch im Hause beschäftigt. Wenn die leidenschaftlichen Andachtsübungen begonnen, zogen solche Betrachtungen Mistreß Afferys Blicke nach der Tür, als erwartete sie, es werde eine dunkle Gestalt in solchen günstigen Augenblicken erscheinen und die Gesellschaft um eine Person zu zahlreich machen. Im übrigen sagte und tat Affery nichts, um die Aufmerksamkeit der beiden Gescheiten in irgendwelcher Weise auf sich zu ziehen. Nur bisweilen, gewöhnlich um die stille Zeit des Zubettegehens, fuhr sie plötzlich aus ihrer dunklen Ecke empor und flüsterte mit einem Gesicht voll Schrecken Mr. Flintwinch, der an Mrs. Clennams kleinem Tische die Zeitung las, ins Ohr: »Da, Jeremiah! Hörst du's? Was ist das für ein Geräusch?« Dann hatte das Geräusch, wenn je ein solches gewesen, gewöhnlich aufgehört, und Mr. Flintwinch brummte, indem er sich nach ihr umwandte, als ob sie ihn gerade gegen seinen Willen abgeschnitten: »Affery, Alte, ich werde dir Arznei geben, Alte, ich werde dir Arznei geben. Du hast wieder geträumt!« Sechzehntes Kapitel. Niemandes Schwäche. Da es endlich Zeit war, die Bekanntschaft mit der Familie Meagles zu erneuern, richtete Clennam zufolge des Übereinkommens, das zwischen ihm und Mr. Meagles innerhalb des Hofes zum blutenden Herzen getroffen worden, an einem Sonnabend seine Schritte nach Twickenham, wo Mr. Meagles ein Landhaus bewohnte, das ihm gehörte. Da das Wetter schön und trocken war und jede englische Straße für ihn, der so lange fort gewesen, das größte Interesse bot, so schickte er sein Gepäck mit der Post voraus und machte sich auf den Weg. Ein Spaziergang war an und für sich schon ein neues Vergnügen für ihn und eines, das, soweit er auch zurückdachte, stets in sein Leben Abwechselung gebracht. Er ging über Fulham und Putney, um sich das Vergnügen zu verschaffen, über die Heide zu streifen. Es war heiter und sonnig in der freien Natur, und als er sich so weit auf seinem Weg nach Twickenham sah, fand er, daß er eine lange Strecke auf seinem Wege zu luftigeren und weniger substanziellen Bestimmungsorten zurückgelegt. Sie waren ihm durch die gesunde Bewegung und den angenehmen Weg nahegetreten. Man kann nicht leicht allein auf dem Lande gehen, ohne über etwas nachzusinnen, und er hatte der unentschiedenen Motive genug, über die er nachdenken konnte, selbst wenn er auch bis ans Ende der Welt zu gehen gehabt hätte. Zunächst eine Sache, die ihm selten aus dem Sinn kam, die Frage nämlich, was er künftig tun, welche Beschäftigung er ergreifen sollte, und in welcher Richtung er sie am besten suchen würde. Er war durchaus nicht reich, und jeder Tag der Unentschiedenheit und Untätigkeit machte sein Erbe zu einer Quelle größerer Besorgnis für ihn. Sooft er in Betracht zu ziehen begann, wie dieses Erbe zu vermehren wäre, oder wie er es anlegen könnte, stieg auch die Besorgnis in ihm auf, es möchte jemand mit einem unbefriedigten Anspruch auf seine Gerechtigkeit existieren, und diese Betrachtung allein hätte für den längsten Gang genügt. Dann die Beziehungen zu seiner Mutter, mit der er auf einem höflichen und friedlichen, aber keineswegs vertraulichen Fuße stand, und zu der er mehrere Male in der Woche kam. Klein-Dorrit war ein Hauptgegenstand seiner Betrachtungen, der ihm niemals aus dem Sinn kam: denn die Schicksale seines Lebens in Verbindung mit denen des ihrigen stellten ihm das kleine Geschöpf als das einzige Wesen dar, bei dem Bande unschuldigen Vertrauens ihrerseits und liebevollen Schutzes seinerseits bestanden: Bande der Teilnahme, des Respektes, des uneigennützigen Interesses, der Dankbarkeit und des Mitleids. Wenn er an sie und die Möglichkeit der Befreiung ihres Vaters aus dem Gefängnis durch die entfesselnde Hand des Todes dachte – die einzige Wendung der Dinge, die seiner Voraussicht nach ihn in die Lage setzen konnte, ihr ein Freund zu werden, wie er es wünschte, indem er ihre ganze Lebensweise änderte, ihren rauhen Pfad ebnete und ihr eine Heimat bot – dann betrachtete er sie, in solcher Perspektive, als seine Adoptivtochter, sein armes Kind aus dem Marshallsea, das endlich zur Ruhe gebracht worden. Gab es noch etwas, das seine Gedanken beschäftigte, und es lag in der Richtung von Twickenham, so hatte es eine so verschwimmende Gestalt, daß es keine festeren Umrisse annahm als die allgemeine Atmosphäre, in der diese und andere Dinge vor ihm schwebten. Er hatte die Heide überschritten und ließ sie eben hinter sich, als er einen Menschen einholte, der ihm um einiges voraus gewesen und den er beim Näherkommen zu erkennen glaubte. Diesen Eindruck machte die Art, wie er den Kopf drehte, und die sinnende Haltung bei dem ziemlich derben Gang. Als der Mann jedoch – denn es war eine männliche Gestalt – seinen Hut hinten hinausschob und stehenblieb, um etwas vor sich zu betrachten, wußte er, daß es Daniel Doyce war. »Wie geht es Ihnen, Mr. Doyce?« sagte Clennam, ihn einholend. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, und zwar an einem gesünderen Orte als dem Circumlocution Office.« »Ah! Mr. Meagles' Freund!« rief dieser Staatsverbrecher, aus seinem Nachsinnen, womit sein Geist beschäftigt gewesen, erwachend, und bot dem Herankommenden die Hand. »Ich freue mich, Sie zu sehen, Sir. Entschuldigen Sie, ich vergaß Ihren Namen.« »Das kann leicht geschehen. Es ist kein berühmter Name. Kein Barnacle.« »Nein, nein«, sagte Daniel lachend. »Jetzt fällt es mir ein: Clennam. Wie befinden Sie sich, Mr. Clennam?« »Ich darf wohl hoffen«, sagte Arthur, während sie zusammen weitergingen, »daß wir dasselbe Ziel haben, Mr. Doyce?« »Sie meinen Twickenham?« versetzte Daniel. »Ich freue mich, das zu hören.« Sie waren bald sehr vertraut und erheiterten sich den Gang durch wechselseitige Unterhaltung. Der erfinderische Verbrecher war ein Mann von großer Bescheidenheit und klarem Geist, und obgleich ein einfacher Mann, war er doch zu sehr gewöhnt, die Originalität und Kühnheit der Auffassungsgabe mit geduldiger und pünktlicher Ausführung zu verbinden, um ein schlechthin gewöhnlicher Mann zu sein. Es war anfangs schwer, ihn zu veranlassen, von sich zu sprechen, und er wich Arthurs Aufforderungen nach dieser Richtung durch die flüchtige Einräumung aus: o ja, er habe dies und habe das getan. Das sei etwas von seiner Arbeit und jenes von seiner Erfindung, aber es sei auch sein Geschäft, sein Gewerbe, wie er wisse; bis er endlich, als er nach und nach die Gewißheit bekam, daß sein Begleiter wirkliches Interesse an ihm nehme, diesem offen entgegenkam. Da ergab es sich, daß er der Sohn eines im Norden wohnenden Grobschmiedes sei und ursprünglich von seiner verwitweten Mutter zum Schlosser bestimmt gewesen; daß er bei dem Schlosser »etwas erfunden«, weshalb er mit einem Geschenk aus der Lehre entlassen worden war. Dieses Geschenk setzte ihn in den Stand, seinen heißen Wunsch zu befriedigen, bei einem Maschinenmacher einzutreten, bei dem er sieben Jahre viel gearbeitet, viel gelernt und viel erlebt. Nachdem seine Zeit vorüber war, hatte er weitere sieben bis acht Jahre um Wochenlohn gearbeitet und sich dann an die Ufer der Clyde begeben, wo er weitere sechs bis sieben Jahre studiert, gefeilt, gehämmert und seine theoretischen und praktischen Kenntnisse erweitert hatte. Dort bekam er ein Anerbieten, nach Lyon zu gehen, das er annahm; von Lyon wurde er nach Deutschland engagiert, und in Deutschland erhielt er ein Anerbieten nach St. Petersburg. Dort war es ihm sehr gut gegangen, – nirgends besser. Er hatte jedoch eine natürliche Vorliebe für sein Vaterland und hegte den Wunsch, sich dort Auszeichnungen zu verschaffen und dort lieber als anderswo Dienste zu leisten, soweit es in seinen Kräften stand. So war er denn heimgekehrt. Er hatte sich ein Geschäft gegründet und hatte Erfindungen gemacht und ausgeführt, hatte fort und fort gearbeitet, bis er nach ungefähr zwölf Jahren angestrengten Fleißes und Mühens in die große englische Ehrenlegion, die Legion der vom Circumlocution Office Zurückgestoßenen, aufgenommen und mit dem großen englischen Verdienstorden, dem Orden der Unordnung der Barnacles und Stilstalkings, geschmückt worden war. »Es ist sehr zu bedauern«, sagte Clennam, »daß Sie je Ihre Gedanken dahin gerichtet haben, Mr. Doyce.« »Wahr, Sir, wahr bis auf einen gewissen Punkt. Aber was soll der Mensch tun? Wenn er das Unglück hat, etwas der Nation Nützliches zu erfinden, so muß er seinem Drange folgen.« »Würde er nicht besser tun, wenn er es ganz sein ließe?« fragte Clennam. »Er kann's nicht lassen«, sagte Doyce, mit gedankenvollem Lächeln den Kopf schüttelnd. »Es ist ihm nicht in den Kopf gelegt, um begraben zu werden. Es ist ihm in den Kopf gelegt, es nutzbar zu machen. Sie haben Ihr Leben, damit Sie bis zum letzten Augenblick mit aller Kraft darum ringen. Dasselbe ist mit den Erfindungen der Fall.« »Das heißt«, sagte Arthur mit wachsender Bewunderung seines ruhigen Begleiters: »Sie sind auch jetzt noch nicht entmutigt?« »Wenn ich's wäre, hätt' ich kein Recht dazu«, versetzte der andere. »Die Sache ist so wahr, als sie es je war.« Als sie eine Zeitlang schweigend nebeneinander hergegangen waren, fragte Clennam, um dem Hauptthema des Gespräches eine andere Wendung zu geben und doch nicht zu rasch abzubrechen, Mr. Doyce, ob er einen Geschäftsteilhaber hätte, der ihm einen Teil seiner Sorgen abnehmen könne? »Nein«, antwortete er, »im Augenblick nicht. Ich hatte einen solchen, als ich mein Geschäft begann, und es war ein sehr guter Mann. Aber er starb vor einigen Jahren; und da ich mich nicht leicht zu einem andern entschließen konnte, als ich ihn verlor, kaufte ich seinen Anteil für mich und habe nun seit jener Zeit auf eigne Faust fortgearbeitet. Und dann noch eins«, sagte er, einen Augenblick stehenbleibend, mit einem freundlichen Lächeln im Blicke und die geschlossene Rechte mit der ihm eigenen Gewandtheit des Daumens auf Clennams Arm legend, »kein Erfinder kann, wie Sie wissen, ein guter Geschäftsmann sein.« »Nein?« sagte Clennam. »Nein, die Geschäftsleute sagen das«, antwortete er weitergehend und laut auflachend. »Ich weiß nicht, weshalb wir unglücklichen Geschöpfe als des gemeinen Verstandes bar angesehen werden; aber es wird allgemein als entschieden angenommen, daß es der Fall ist. Selbst der beste Freund, den ich in der Welt habe, unser ausgezeichneter Freund dort unten«, sagte Doyce, auf Twickenham deutend, »übt eine Art Protektion auf mich aus, müssen Sie wissen, gleichsam wie auf einen Mann, der nicht imstande ist, für sich selbst zu sorgen.« Arthur Clennam mußte unwillkürlich in das gutmütige Lächeln einstimmen; denn er kannte die Wahrheit der Darstellung. »So finde ich, daß ich einen Kompagnon haben muß, der ein Geschäftsmann, aber an keiner Erfindung schuldig ist«, sagte Daniel Doyce, indem er seinen Hut abnahm, um mit der Hand über die Stirn zu fahren, »geschähe dies auch nur, um der geläufigen Meinung nachzugeben und den Kredit der Arbeit aufrechtzuerhalten. Ich denke nicht, daß er finden wird, ich sei in der Art, sie zu leiten, nachlässig und verwirrt gewesen, aber das ist seine Sache, wer er auch sein mag, – nicht die meine, sich darüber auszusprechen.« »Sie haben somit noch nicht gewählt?« »Nein, Sir, nein. Ich bin erst zu dem Entschluß gekommen, jemanden zu suchen. Die Sache ist nämlich die, es gibt jetzt mehr zu tun als je, und die Arbeit ist genug für mich, da ich immer älter werde. Die Bücher und die Korrespondenz und die Reisen ins Ausland, für die ein Chef notwendig ist, – das kann ich nicht alles besorgen. Ich will mich über die beste Art, die Sache ins reine zu bringen, mit meinem Pflegevater und meinem Beschützer beraten, wenn ich zwischen heute und Montagmorgen eine halbe Stunde finden kann«, sagte Doyce wieder mit lachendem Blicke. »Er ist ein kluger Geschäftsmann und hat eine gute Lehre genossen.« Darauf unterhielten sie sich noch über verschiedene Gegenstände, bis sie das Ziel ihrer Wanderschaft erreichten. Daniel Doyce hatte eine ruhige und bescheidene Haltung – das sichere Bewußtsein sprach sich in seinem Wesen aus, daß, was wahr sei, wahr bleiben müsse, trotz aller Barnacles in dem Familienozean, und daß es gerade die Wahrheit sein würde und nicht weniger noch mehr, selbst wenn jener See ausgetrocknet wäre – was etwas Großartiges bedeutete, wenn auch nicht von der offiziellen Art. Da er das Haus wohl kannte, so führte er Arthur auf dem Weg, von dem es sich am besten präsentierte, dahin. Es war ein reizender Ort (nicht um so schlechter, weil etwas außergewöhnlich), am Weg beim Flusse und ganz so, wie man sich den Aufenthalt der Meagles' denken mußte. Das Haus stand in einem Garten, der im Mai des Jahres ohne Zweifel so frisch und schön war, wie Pet jetzt im Mai ihres Lebens, und wurde durch eine Reihe hübscher Bäume und üppigen Immergrüns geschützt, wie Pet durch Mr. und Mrs. Meagles. Es war aus einem alten Backsteinhaus entstanden, von dem ein Teil ganz abgebrochen war. Der andere aber war in dieses Landhaus verwandelt worden; ein unverletzter, älterer Teil repräsentierte somit Mr. und Mrs. Meagles und ein junger, malerischer, sehr hübscher Teil Pet. Das später hinzugekommene Gewächshaus, das sich daran lehnte und dessen dunkles buntes Glas keine bestimmte Farbe hatte, während die durchsichtigeren Partien im Sonnenlicht bald wie Feuer, bald wie harmlose Wassertropfen glänzten, mochte Tattycoram repräsentieren. Im Hintergrund sah man den Fluß und die Fähre, die allen Bewohnern des Hauses zuzurufen schien: Ihr alle, jung und alt, leidenschaftlich und ruhig, aufgeregt und zufrieden – so fließt der Strom eures Lebens unaufhaltsam dahin. Laßt das Herz steigen, bis zu welchem Mißklang es will, das rauschende Wasser am Bug der Fähre wird immer dieselbe Melodie singen. Mag man das Boot auch Jahr für Jahr noch so wild forttreiben lassen, mag der Strom noch so viele Meilen in einer Stunde dahinrauschen, mögen hier die Binsen, dort die Lilien an diesem Wege, den stetig sein Lauf nimmt, erblühen, nichts ist ungewiß oder unruhig, während ihr auf dem flutenden Weg des Lebens so launisch und zerstreut seid. Die Glocke an dem Tor hatte kaum geklingelt, als Mr. Meagles erschien, um sie zu empfangen. Mr. Meagles war kaum erschienen, als Mrs. Meagles erschien. Mrs. Meagles war kaum erschienen, als Pet erschien. Pet war kaum erschienen, als Tattycoram erschien. Niemals waren Fremde gastfreundlicher aufgenommen worden. »Hier sind wir«, sagte Mr. Meagles, »in unsere vier Pfähle eingeschachtelt, wie Sie sehen, Mr. Clennam, als ob wir uns nie wieder ausbreiten – das heißt reisen – wollten. Nicht wie in Marseille, he? Nichts von Allons und Marchons?« »Eine andere Art von Schönheit, in der Tat!« sagte Clennam sich umsehend. »Aber, bei Gott!« rief Mr. Meagles, indem er sich behaglich die Hände rieb, »es war ein ungewöhnlich angenehmes Ding um die Quarantäne, nicht wahr? Wissen Sie, ich habe mich oft wieder dahin zurückgewünscht. Wir waren eine prächtige Gesellschaft.« Das war Mr. Meagles' unabänderliche Gewohnheit. Immer auf alles zu schimpfen, solange er auf der Reise war, und sich stets darnach zurückzusehnen, wenn er nicht mehr auf der Reise war. »Wenn es Sommer wäre«, sagte Mr. Meagles, »was ich um Ihretwillen wünschen möchte, damit Sie den Ort in seinem größten Reize sähen, würden Sie kaum vor den Vögeln Ihr eigenes Wort hören. Als praktische Leute erlauben wir niemandem, die Vögel zu verjagen; und da auch die Vögel praktische Tiere sind, so kommen sie in Myriaden zu uns. Wir sind entzückt. Sie zu sehen, Clennam (wenn Sie gestatten, so lasse ich den Mister fallen); ich versichere Sie von ganzem Herzen, wir sind entzückt.« »Ich wurde nie so freundlich begrüßt«, sagte Clennam, – dann erinnerte er sich, was Klein-Dorrit in seinem Zimmer zu ihm gesagt, und fügte ehrlich hinzu, »ausgenommen einmal – seit wir zum letzten Male spazierengingen und auf das Mittelländische Meer hinabblickten.« »Ah!« versetzte Mr. Meagles. »Das war eine Aussicht, nicht wahr? Ich vermisse das Militärgouvernement nicht, aber ich würde mir aus ein bißchen Allons und Marchons – nur ein ganz klein wenig – in der Nachbarschaft nichts machen. Es ist hier verdammt still.« Diese Lobrede auf den einsamen Charakter seines Ruhesitzes mit einem zweifelhaften Kopfschütteln begleitend, führte ihn Mr. Meagles nach dem Hause. Es war gerade groß genug, und so hübsch von innen wie von außen, wohl eingerichtet und behaglich. Einige Spuren von dem Wanderleben der Familie waren in den zugedeckten Rahmen und Möbeln und den eingehüllten Vorhängen zu bemerken. Aber man konnte leicht sehen, daß es eine von Mr Meagles' Eigenheiten war, das Landhaus während ihrer Abwesenheit stets so gehalten zu wissen, als wenn sie immer übermorgen zurückkämen. Von Dingen, die er auf seinen verschiedenen Reisen gesammelt, war so reiches Durcheinander vorhanden, daß man sich in die Wohnung eines liebenswürdigen Korsaren versetzt glaubte. Antiquitäten von Mittelitalien, von den besten modernen Häusern in dieser Branche der Industrie verfertigt; Stücke von ägyptischen (vielleicht Birminghamer) Mumien; Gondelmodelle von Venedig; Dörfermodelle aus der Schweiz; Bruchstücke von Mosaikböden aus Herkulanum und Pompeji, die wie versteinertes, zerhacktes Kalbfleisch aussahen; Asche von Gräbern und Lava vom Vesuv; Spanische Fächer, Strohhüte von Spezzia, Maurische Pantoffel, Toskanische Haarnadeln, Karrarische Bildwerke, Trasteverinische Schärpen , Genuesische Samt- und Filigranarbeiten, Neapolitanische Korallen, Römische Kameen, Genfer Juwelen, Arabische Laternen, Rosenkränze, sämtlich vom Papst gesegnet, und eine endlose Masse Plunder. Ansichten, ähnliche und unähnliche von einer Menge von Orten; ein kleines Gemäldezimmer für einige von den gewöhnlichen, klebrigen, alten Heiligen, mit Sehnen wie Peitschenschnüre, Haaren wie Neptun, Runzeln wie bei Tätowierten und so dick gefirnißten Kleidern, daß jeder Heilige als Fliegenfalle diente, was man in der Volkssprache eine »Fang sie lebendig« nennen würde. Von diesen Bildererwerbungen sprach Mr. Meagles in seiner gewöhnlichen Weise. Er sei kein Kenner, sagte er, und urteile nur nach Gefallen. Er habe sie schändlich billig gekauft, und die Leute halten sie für etwas ziemlich Bedeutendes. Ein Mann, der jedenfalls etwas davon verstehen müsse, habe diesen »lesenden Gelehrten« (einen besonders öligen, alten Mann in einer Pferdedecke, mit einem Schwanendunenkragen statt des Bartes und mit einem Gewebe von Rissen über das ganze Bild wie eine gute Pastetenkruste) für einen schönen Guercino erklärt. Was den Sebastian del Piombo betreffe, so möge man selbst urteilen; wenn es nicht seine spätere Manier sei, so sei die Frage: von wem es sei? Das könne ein Tizian sein oder auch nicht, vielleicht habe er es nur berührt. Daniel Doyce sagte, vielleicht habe er es auch nicht berührt, aber Mr. Meagles schien die Bemerkung überhören zu wollen. Als er seine ganze Beute gezeigt, führte sie Mr. Meagles in sein eignes, reines Zimmer, von dem man den Rasenplatz im Park übersah, und das teils als Ankleidezimmer, teils als Schreibzimmer eingerichtet war. Auf einer Art Zahltisch lagen ein paar Messingwagen, um Gold zu wägen, und eine Schaufel, um Geld herauszuschaufeln. »Hier sind sie«, sagte Mr. Meagles. »Ich war hinter diesen beiden Artikeln fünfunddreißig Jahre unausgesetzt her, als ich so wenig ans Umherschlendern in der Welt dachte, wie ich jetzt an das Zuhausebleiben denke. Als ich die Bank für immer verließ, bat ich darum und nahm sie mit mir fort. Ich sage das sogleich, damit Sie nicht meinen, ich sitze in meinem Kontor (wie Pet behauptet) wie der König in dem Gedicht von den vierundzwanzig Amseln und zähle mein Geld.« Clennams Augen schweiften nach einem einfachen Bild von zwei hübschen kleinen Mädchen, die die Arme ineinander geschlungen hatten. »Ja, Clennam«, sagte Mr. Meagles mit leiserer Stimme. »Da sind sie beide. Es ist vor ungefähr siebenzehn Jahren gemalt. Wie ich oft zu der Mutter sage, sie waren damals noch Puppen.« »Ihre Namen?« sagte Arthur. »Ach, ja! Sie haben nie einen andern Namen gehört als Pet. Pets Name ist Minnie; ihre Schwester hieß Lillie.« »Würden Sie erkannt haben, Mr. Clennam, daß eines von den beiden Mädchen ich sein soll?« fragte Pet, die nun unter der Tür stand. »Ich hätte beide für Sie selbst gehalten, so sehr sehen Ihnen beide ähnlich. Wahrhaftig«, sagte Clennam, von dem schönen Urbild nach dem Gemälde und wieder zurück blickend, »ich kann auch jetzt noch nicht sagen, welches Ihr Porträt nicht ist.« »Hörst du, Mutter?« rief Mr. Meagles seiner Frau zu, die ihrer Tochter gefolgt war. »Es ist immer dasselbe, Clennam: niemand kann entscheiden. Das Kind zu Ihrer Linken ist Pet.« Das Bild war zufällig in der Nähe eines Spiegels. Als Arthur es wieder anblickte, sah er im Spiegel Tattycoram im Vorübergehen bei der Tür stehenbleiben, lauschend, was hier vorging, und dann mit ärgerlichem und verächtlichem Zusammenziehen des Gesichtes, das ihre Schönheit in Häßlichkeit verwandelte, weggehen. »Doch kommen Sie!« sagte Mr. Meagles. »Sie hatten einen langen Weg zu machen und werden sich freuen, die Stiefel von den Füßen zu bekommen. Daniel, dem würde es wohl nicht einfallen, seine Stiefel abzulegen, wenn wir ihm nicht einen Stiefelknecht zeigten.« »Warum nicht?« fragte Daniel mit einem bezeichnenden Lächeln gegen Clennam. »O, Sie haben an so vielerlei zu denken«, versetzte Clennam, ihm auf die Schulter klopfend, als wenn seine Schwäche unter keiner Bedingung sich selbst überlassen werden dürfte. »Zahlen und Räder und Zähne und Hebel und Schrauben und Zylinder und tausend andere Dinge.« »In meinem Beruf«, sagte Daniel heiter, »schließt das Größere gewöhnlich das Geringere ein. Aber das ist gleichgültig, ganz gleichgültig. Was Ihnen recht ist, ist mir auch recht.« Clennam mußte, als er sich in seinem Zimmer an das Feuer setzte, unwillkürlich daran denken, ob nicht in der Brust dieses ehrenwerten, liebevollen und herzlichen Mr. Meagles irgendein mikroskopischer Teil von dem Senfkorn sei, das zu dem großen Baume des Circumlocution Office emporgewachsen. Das eigentümliche Gefühl, das er von seiner Ueberlegenheit über Daniel Doyce besaß, und das nicht so sehr auf irgend etwas in Doyces persönlichem Charakter als auf dem einfachen Schein begründet war, daß dieser ein Erfinder sei und außerhalb des gebahnten Weges anderer Menschenkinder einherwandere, brachte ihn auf diesen Gedanken. Es hätte ihn wohl auch bis zum Essen beschäftigt, zu dem er sich eine Stunde später begab, wenn nicht eine andere Frage in Betracht gekommen, deren er sich, seit er in Marseille in der Quarantäne gewesen, nicht hatte entschlagen können. Keine geringere Frage als: ob er sich's erlauben sollte, sich in Pet zu verlieben? Er war doppelt so alt wie sie. (Er wechselte mit dem Beine, das er über das andere geschlagen, und stellte die Berechnung noch einmal an, konnte aber doch die Summe nicht geringer herausbringen.) Er war doppelt so alt wie sie. Nein! Er war jung seinem Äußern nach, jung an Gesundheit und Kraft, jung an Herz. Ein Mann ist mit vierzig Jahren noch nicht alt, und viele Männer waren nicht in den Umständen zu heiraten oder heirateten nicht, bis sie dieses Lebensalter erreichten. Auf der andern Seite war die Frage, nicht was er von der Sache denke, sondern was sie davon denke. Er glaubte, daß Mr. Meagles ihm seine volle Achtung zu zollen geneigt sei, und wußte, daß er Mr. Meagles und seine gute Frau gleichfalls von Herzen achte. Er konnte voraussehen, daß dieses schöne, einzige Kind, das sie so innig liebten, an irgendeinen Gatten wegzugeben, eine Prüfung für ihre Liebe sein würde, die sie vielleicht noch nie den Mut gehabt hatten, in Betracht zu ziehen. Aber je schöner und gewinnender und reizender sie war, desto mehr mußten sie die Notwendigkeit einsehen, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Und warum nicht ebensogut zu seinen Gunsten wie zu denen irgendeines andern?« Als er soweit gekommen war, trat es ihm wieder vor die Seele, daß es sich nicht darum handelte, was sie davon dächten, sondern, was die Tochter davon denke. Arthur Clennam war ein bescheidener Mann mit dem Gefühl von mancherlei Schwächen; er übertrieb die Vorzüge der schönen Minnie in solchem Grad und setzte die seinen so tief herab, daß, wenn er sich auf diese Wertung einstellte, seine Hoffnungen in die Brüche gingen. Er kam schließlich, als er sich zu Tisch anzog, zu dem Entschluß, sich nicht zu gestatten, sich in Pet zu verlieben. Sie waren nur zu fünf und saßen um einen runden Tisch, alle in der heitersten, besten Stimmung. Sie hatten sich an so viele Orte und Menschen zu erinnern; es herrschte ein so leichter, angenehmer Ton (Daniel Doyce saß entweder zuhörend dabei, wie ein amüsierter Zuschauer beim Kartenspiel, oder er warf einige kluge, eigene Erfahrungen, wenn es gerade paßte, ein), daß sie zwanzigmal hätten zusammengewesen sein können, ohne soviel voneinander zu erfahren. »Und Miß Wade«, sagte Mrs. Meagles, nachdem sie sich an eine Anzahl von Reisegefährten erinnert hatte, »hat jemand Miß Wade wiedergesehen?« »Ich«, sagte Tattycoram. Sie hatte einen kleinen Mantel gebracht, nach dem ihre junge Herrin geschickt, und beugte sich beim Umlegen über sie herab, als sie plötzlich ihre dunklen Augen erhob und diese unerwartete Antwort gab. »Tatty!« rief ihre junge Herrin aus. »Du hast Miß Wade gesehen? – wo?« »Hier, Miß«, sagte Tattycoram. »Wie das?« Ein ungeduldiger Blick von Tattycoram schien, als Clennam ihn sah, sagen zu wollen: »Mit meinen Augen!« Aber ihre einzige Antwort in Worten war: »Ich begegnete ihr in der Nähe der Kirche.« »Ich möchte wissen, was sie dort tat!« sagte Miß Meagles. »Hinein ging sie nicht, sollte ich denken.« »Sie hatte mir zuerst geschrieben!« sagte Tattycoram. »O Tatty!« murmelte die Herrin, »nimm deine Hände weg. Es ist mir, als ob mich ein anderer berührte!« Sie sagte das rasch und unwillkürlich, aber halb scherzend und nicht mutwilliger und unangenehmer, als es ein Liebling getan, der im nächsten Augenblick lachte. Tatty preßte die vollen roten Lippen zusammen und kreuzte die Arm auf ihrer Brust. »Wünschen Sie zu wissen, Sir«, sagte sie, Mr. Meagles anblickend, »was mir Miß Wade schrieb?« »Nun, Tattycoram«, versetzte Mr. Meagles, »da du fragst und wir hier lauter Freunde sind, so kannst du es wohl sagen, wenn du Lust hast.« »Sie wußte, als wir auf der Reise waren, wo wir wohnen«, sagte Tattycoram, »und sie hatte mich in etwas – in etwas –« »Schlechtem Humor gesehen, Tattycoram?« ergänzte Mr. Meagles, den dunklen Augen mit ruhiger Warnung zunickend. »Nimm dir etwas Zeit – zähle fünfundzwanzig, Tattycoram.« Sie preßte ihre Lippen wieder zusammen und holte tief Atem. »Sie schrieb an mich, um mir zu sagen, daß, wenn ich mich je gekränkt fühle«, sie blickte auf ihre junge Herrin herab, »oder geplagt würde«, sie blickte wieder auf sie herab, »so möchte ich zu ihr kommen und dürfe auf gute Behandlung zählen. Ich sollte mir die Sache überlegen und könne sie bei der Kirche sprechen. Ich ging deshalb hin, um ihr zu danken.« »Tatty«, sagte ihre junge Herrin und legte die Hand so über ihre Schulter, daß die andere sie nehmen konnte, »Miß Wade hat mich beinahe erschreckt, als wir uns trennten, und ich hätte mir nicht gern gedacht, daß ich ihr so nahe wäre, ohne es zu wissen, liebe Tatty!« Tatty stand einen Augenblick unbeweglich da. »He?« rief Mr. Meagles. »Zähle wieder fünfundzwanzig, Tattycoram.« Sie mochte bis zwölf gezählt haben, als sie sich herabbeugte und die liebkosende Hand küßte. Diese tätschelte ihre Wange, als sie die schönen Locken ihrer Besitzerin berührte, und Tattycoram ging weg. »Da sehen Sie«, sagte Mr. Meagles sanft, indem er den Drehtisch zu seiner Rechten bewegte, um den Zucker an sich zu bringen. »Das Mädchen wäre verloren und ruiniert, wenn sie sich nicht unter praktischen Leuten befände. Mutter und ich wissen, einzig und allein, weil wir praktisch sind, daß es Zeiten gibt, in denen die ganze Natur dieses Mädchens sich dagegen sträubt, uns so vernarrt in Pet zu sehen. Kein Vater freilich und keine Mutter waren vernarrt in sie, in die arme Seele. Ich mag mir nicht denken, was das unglückliche Kind bei seiner Leidenschaftlichkeit und seinem trotzigen Charakter fühlt, wenn es das fünfte Gebot am Sonntag hört. Ich möchte immer rufen: Kirche, zähle fünfundzwanzig, Tattycoram.« Neben seinem Drehtisch hatte Mr. Meagles zwei andere nicht stumme Aufwärterinnen Wortspiel mit ›dumb-waiters‹ – Drehtische und ›dumb waiters‹ – stumme Aufwärterinnen. in der Person von zwei Stubenmädchen, mit rosigen Gesichtern und hübschen Augen, die eine Zierde der Tafeldekoration bildeten. »Und warum nicht?« sagte Mr. Meagles über diesen Punkt. »Wie ich immer zu Mutter sage, warum nicht etwas Hübsches zum Ansehn haben, wenn man überhaupt etwas hat.« Eine gewisse Mrs. Tickit, die Köchin und Haushälterin war, wenn die Familie daheim, und Haushälterin allein, wenn die Familie auf Reisen war, vervollständigte den Haushalt. Mr. Meagles bedauerte, daß die Art der Pflichten, die sie zu erfüllen habe, für den Augenblick ihm nicht erlaube, Mrs. Tickit vorzustellen, er hoffe, sie jedoch morgen dem neuen Besuch vorführen zu können. Sie sei ein wichtiger Teil des Landhauses, sagte er, und alle seine Freunde kennten sie. Das dort in der Ecke sei ihr Bild. Wenn sie wegzögen, trage sie immer das seidene Kleid und die onyxdunklen Locken, die das Bild zeige (ihr Haar war in der Küche rötlich-grau), setze sich in das Frühstückszimmer, lege ihre Brille zwischen zwei besondere Blätter von Doktor Buchans »Hausarzt« und sehe die ganze Zeit aus den Fensterläden, bis sie wiederkamen. Man war der Ansicht, daß man keinen Überredungsgrund erfinden könnte, Mrs. Tickit zu vermögen, den Posten an dem Fensterladen zu verlassen, wie lange auch ihre Abwesenheit dauern möchte, oder sich der Gesellschaft Doktor Buchans zu entschlagen; obgleich Mr. Meagles blindlings glaubte, daß sie die Arbeiten dieses gelehrten Praktikers noch nicht um ein Jota befragt. Abends spielten sie einen altväterlichen Rubber; und Pet saß dabei und sah über ihres Vaters Hand oder sang abwechselnd an dem Piano vor sich hin. Sie war ein verzogenes Kind, aber wie wäre das anders möglich gewesen? Wer konnte gegenüber einem so sanften und schönen Geschöpf stark sein und sich dem entzückenden Einfluß entziehen? Wer konnte einen Abend im Haus zubringen und sie nicht um des Reizes und der Anmut willen, die ihre bloße Gegenwart über das Zimmer verbreitete, lieben? Das waren Clennams Gedanken, trotz des endgültigen Entschlusses, zu dem er im ersten Stock gekommen war. Mit diesem Gedanken schwor er auch seine Absicht ab. »Nein, woran denken Sie, mein guter Herr?« fragte Mr. Meagles, der mit ihm spielte, erstaunt. »Ich bitte um Verzeihung. Nichts«, erwiderte Mr. Clennam. »Denken Sie ein andermal an etwas; das wäre mir ein hübscher Mitspieler«, sagte Mr. Meagles. Pet glaubte lachend, er habe an Miß Wade gedacht. »Warum an Miß Wade, Pet?« fragte ihr Vater. »Warum, ja warum?« sagte Arthur Clennam. Pet errötete leicht und ging wieder an das Piano. Als sie aufbrachen, um zu Bett zu gehen, hörte Arthur Doyce seinen Wirt fragen, ob er ihm nicht am andern Morgen vor dem Frühstück ein halbstündiges Gespräch gewähren könnte. Der Wirt sagte es bereitwillig zu, und Arthur blieb noch einen Augenblick zurück, da er in dieser Richtung selbst etwas hinzuzufügen hatte. »Mr. Meagles«, sagte er, als sie allein waren, »erinnern Sie sich, daß Sie mich aufforderten, direkt nach London zurückzukehren?« »Gewiß, ganz gut.« »Und daß Sie mir noch einen andern guten Rat gaben, dessen ich damals bedurfte?« »Ich kann nicht sagen, wieviel er wert war«, antwortete Mr. Meagles, »aber ich erinnere mich wohl noch, daß wir sehr heiter und vertraulich zusammen waren.« »Ich habe nach Ihrem Rat gehandelt, und nachdem ich ein Geschäft erledigt hatte, das aus mancherlei Gründen peinlich für mich war, wünsche ich, meine Kräfte und meine Mittel einem andern Geschäfte zu widmen.« »Gut. Sie können das nicht bald genug tun«, sagte Mr. Meagles. »Als ich nun heute hierherging, fand ich, daß Ihr Freund, Mr. Doyce, sich nach einem Geschäftsteilhaber sehnt – nicht nach einem, der mechanische Kenntnisse besitzt, sondern einem, der das Geschäft merkantilisch auf die höchste Stufe hebt.« »Ganz richtig«, sagte Mr. Meagles, die Hände in den Taschen und mit dem alten Geschäftsausdruck des Gesichts, der zu der Goldwage und Geldschaufel gehört. »Mr. Doyce erwähnte gelegentlich im Verlauf unseres Gesprächs, daß er sich Ihren wichtigen Rat wegen der Wahl eines solchen Geschäftsteilhabers erbitten wolle. Wenn Sie glauben sollten, daß unsere Ansichten und Verhältnisse im ganzen zusammenpassen, so würden Sie ihm vielleicht meine vorteilhafte Lage auseinandersetzen. Ich spreche natürlich vollständig der Details unkundig: diese mögen auf beiden Seiten unangemessen sein.« »Allerdings, allerdings«, sagte Mr. Meagles mit der Vorsicht, die zu der Goldwage und Geldschaufel gehört. »Aber sie werden eine Frage bilden, die sich durch Zahlen und Berechnungen erörtern läßt.« »Gewiß, gewiß«, sagte Mr. Meagles mit der arithmetisch-soliden Art, die zu der Goldwage und Geldschaufel gehört. »– und ich werde mit Vergnügen zu einer Beratung bereit sein, vorausgesetzt, daß es Mr. Doyce angenehm ist und Sie auch damit einverstanden sind. Wenn Sie mir deshalb vorderhand gestatten wollen, die Sache in Ihre Hände zu legen, so werden Sie mich sehr verbinden.« »Ich nehme das Vertrauen bereitwillig an, Clennam«, sagte Mr. Meagles. »Und ohne irgendeinen der Punkte vorwegzunehmen, die Sie als Geschäftsmann sich natürlich vorbehalten haben, kann ich Ihnen wohl sagen, daß ich hoffe, die Sache wird sich machen. Eines Punktes können Sie vollkommen gewiß sein. Daniel ist ein Ehrenmann.« »Ich bin so überzeugt davon, daß ich mich rasch entschloß, mit Ihnen davon zu sprechen.« »Sie müssen ihn leiten, wissen Sie; Sie müssen ihn lenken; Sie müssen ihn regieren; er gehört zu den unbeholfenen Menschen«, sagte Mr. Meagles, offenbar nichts weiter meinend, als eröffne er damit neue Perspektiven; »aber er ist so ehrenhaft wie die Sonne, und damit gute Nacht!« Clennam ging in sein Zimmer, setzte sich wieder vor sein Feuer und nahm sich vor, froh zu sein, daß er beschlossen habe, sich nicht in Pet zu verlieben. Sie war so schön, so liebenswürdig, so empfänglich für jeden wahren Eindruck, den ihre edle Natur, ihr unschuldiges Herz erhielt, und mußte den Mann, dem es vergönnt war, ihn zu teilen, so gewiß zum glücklichsten und beneidenswertesten aller Männer machen, daß er wirklich froh war, zu jenem Entschluß gekommen zu sein. Da dies jedoch eigentlich ein Grund gewesen, zum entgegengesetzten Entschluß zu kommen, so überlegte er sich die Sache noch einmal. Vielleicht um sich zu rechtfertigen. »Angenommen, ein Mann«, so dachte er, »der seit einigen zwanzig Jahren mündig gewesen, der durch die Umstände seiner Jugend etwas mißtrauisch, durch den Verlauf seines Lebens ernst geworden, der wußte, daß ihm mancherlei anziehende Eigenschaften, die er an andern bewunderte, fehlen, weil er lange in fremden Ländern und von jedem zartern Einfluß entfernt gelebt, der ihr keine lieben Schwestern zu bieten hätte, der kein dem ihren ähnliches Haus besaß, in das er sie einführen könnte, der ein Fremder in seinem Vaterlande wäre, der kein Vermögen hätte, das groß genug, um in irgendeiner Weise die Mängel zu decken, zu dessen Gunsten nichts spräche als seine ehrbare Liebe und sein allgemeiner Wunsch, Gutes zu tun – angenommen, ein solcher Mann käme in dieses Haus und ließe sich von diesem reizenden Mädchen in Fesseln schlagen und überredete sich, er könne hoffen, sie zu erringen, welch eine Schwäche wäre das!« Er öffnete leise das Fenster und sah auf den klaren Fluß hinaus, Jahr um Jahr, mag man das Boot auch noch so wild forttreiben lassen, mag der Strom noch so viele Meilen in einer Stunde zurücklegen, rechts die Binsen, links die Lilien, auf diesem Weg, der stetig seinen Lauf nimmt, ist nichts ungewiß oder unruhig. Warum sollte er auch Kummer oder Schmerz im Herzen hegen? Es war nicht seine Schwäche, an die er dachte. Es war niemandes, niemandes Schwäche von allen seinen Bekannten, warum sollte er sich dadurch beunruhigen lassen? Und doch beunruhigte es ihn. Und er dachte – wer hätte es nicht bisweilen einen Augenblick gedacht – daß es besser sei, monoton wie der Fluß fortzufließen, und für seine Unempfindlichkeit gegen das Glück in der Unempfindlichkeit gegen das Unglück Ersatz zu finden. Siebzehntes Kapitel. Niemandes Rival. Morgens vor dem Frühstück ging Arthur aus, um sich die nächste Umgebung anzusehen. Da der Morgen schön war und er eine Stunde zur Verfügung hatte, setzte er mit der Fähre über den Fluß und ging einen Fußpfad entlang durch einige Wiesen. Als er wieder an den Rainweg kam, fand er die Fähre auf der andern Seite und einen Herrn, der dem Fährmann zurief, er solle ihn übersetzen. Dieser Gentleman schien kaum dreißig Jahre alt zu sein. Er war gut gekleidet, von frischem und heiterem Aussehen, hübschem Wuchs und einer tiefen, dunklen Gesichtsfarbe. Als Arthur über die Stiege kam und nach dem Wasser hinabschritt, sah ihn der Müßiggänger einen Augenblick an und fuhr dann in seiner Beschäftigung, hoch aufspringende Steine mit dem Fuße in das Wasser zu schleudern, fort. Es lag in der Art, wie er sie mit dem Absatz von ihrem Platz stieß und in die gewünschte Lage brachte, etwas, das Clennam wie eine Grausamkeit erschien. Die meisten von uns haben mehr oder weniger aus der Art und Weise, wie jemand oft etwas sehr Unbedeutendes tut, als Blumen pflücken, ein Hindernis wegräumen oder sogar einen gefühllosen Gegenstand zerstören, einen ähnlichen Eindruck empfangen. Die Gedanken des Gentleman waren, wie sein Gesicht zeigte, ganz und gar mit etwas anderem beschäftigt; er nahm keine Notiz von dem schönen Neufundländer Hunde, der ihn aufmerksam betrachtete und auch jeden Stein beobachtete, an den die Reihe kam, um ihm rasch in den Fluß nachzuspringen, wenn sein Herr das Zeichen gäbe. Die Fähre kam jedoch herüber, ohne daß er ein Zeichen erhielt, und als sie anlegte, nahm ihn sein Herr beim Halsband und ließ ihn einsteigen. »Diesen Morgen nicht«, sagte er zu dem Hunde. »Du würdest nicht für Damengesellschaft passen, wenn du tropfnaß wärest. Kusch' dich.« Clennam folgte dem Herrn und dem Hund in das Boot und nahm seinen Sitz ein. Der Hund tat, wie ihm befohlen worden. Der Herr blieb mit den Händen in den Taschen stehen und pflanzte sich zwischen Clennam und der Aussicht auf. Herr und Hund sprangen leicht heraus, sobald das Boot an das andre Ufer stieß, und gingen weg. Clennam war froh, ihrer los zu sein. Die Kirchenuhr schlug die Frühstücksstunde, und er ging die kleine Allee hinauf, durch die man sich dem Gartentor näherte. Im Augenblick, als er die Glocke anzog, schlug ihm ein tiefes, lautes Gebell hinter der Mauer entgegen. »Ich hörte doch verflossene Nacht keinen Hund«, dachte Clennam. Das Tor wurde von einem der rosigen Mädchen geöffnet, und auf dem Grasplatz vor dem Hause befanden sich der Neufundländer Hund und der Herr. »Miß Minnie ist noch nicht unten, meine Herren«, sagte die errötende Pförtnerin, als sie alle in dem Garten zusammenkamen. Dann sagte sie zu dem Herrn des Hundes: »Mr. Clennam, Sir«, und trippelte fort. »Seltsam, Mr. Clennam, daß wir uns gerade erst vorhin treffen mußten«, sagte der Herr, worauf der Hund still wurde. »Erlauben Sie, mich Ihnen vorzustellen – Henry Gowan. Ein hübscher Ort hier und sieht diesen Morgen wundervoll aus.« Das Benehmen war leicht und die Stimme angenehm; aber Clennam dachte doch, wenn er nicht den entschiedenen Entschluß gefaßt, es zu vermeiden, sich in Pet zu verlieben, würde ihm dieser Henry Gowan mißfallen. »Er ist Ihnen vermutlich neu?« sagte dieser Gowan, als Arthur den Ort gepriesen. »Ganz neu. Ich lernte ihn erst gestern nachmittag kennen.« »Ah! Es ist natürlich nicht die beste Zeit. Im Frühjahr bot er einen reizenden Anblick, ehe man das letztemal wegging. Ich wünschte, Sie hätten ihn damals gesehen.« Wenn Clennam nicht den oft erwähnten Entschluß gefaßt hätte, so würde er ihn sicher in den Krater des Ätna für diese Höflichkeit gewünscht haben. »Ich hatte das Vergnügen, diesen Besitz unter mancherlei Umständen während der drei letzten Jahre zu sehen, und es ist – ein Paradies.« Es glich (wenigstens wäre es möglich gewesen, abgesehen natürlich von dem klugen Entschluß) seiner listigen Unverschämtheit, es ein Paradies zu nennen. Er nannte es bloß ein Paradies, weil er sie zuerst kommen sah, und erklärte sie auf diese Weise so laut, daß sie es hören konnte, für einen Engel. Verderben ihm! Und ach, wie strahlend sah sie aus und wie heiter! Wie liebkoste sie den Hund und wie kannte sie der Hund! Wie ausdrucksvoll diese glühendere Röte ihres Gesichts, dieses verlegene Benehmen, diese niedergeschlagenen Augen, dieses schüchterne Glück! Wann hatte Clennam sie so gesehen! Nicht daß ein Grund vorhanden gewesen, weshalb er sie hätte so wie jetzt gesehen haben sollen, können, mögen, oder daß er je gehofft, sie so zu seinen Gunsten zu sehen wie jetzt; und doch – wann hätte er sie so gesehen! Er stand in einiger Entfernung von ihnen. Als dieser Gowan von einem Paradies gesprochen, war er auf sie zugegangen und hatte ihre Hand ergriffen. Der Hund hatte seine großen Pfoten auf ihren Arm gelegt und seinen Kopf an ihre teure Brust gelehnt. Sie hatte gelacht und sie bewillkommt und viel zu viel Wesens mit dem Hund gemacht, viel, viel zu viel – das heißt, vorausgesetzt, es war eine dritte Person zugegen, die sie geliebt hätte. Sie machte sich jetzt los, kam auf Clennam zu, legte ihre Hand in die seine, wünschte ihm guten Morgen und gab ihm auf anmutige Weise zu verstehen, daß sie seinen Arm zu nehmen und in das Haus geführt zu werden wünsche. Dieser Gowan machte keine Einwendung. Nein, er wußte sich zu sicher. Es zog eine Wolke über Mr. Meagles' aufgeräumtes Gesicht, als sie alle drei (vier, den Hund mit eingerechnet; mit Ausnahme eines andern waren gegen ihn die meisten Einwendungen zu machen) zum Frühstück eintraten. Weder diese Wolke noch der leichte Verdruß, den Mrs. Meagles empfand, als sie ihre Blicke auf sie richtete, blieben von Clennam unbemerkt. »Nun, Gowan«, sagte Mr. Meagles, sogar einen Seufzer unterdrückend: »wie geht es Ihnen diesen Morgen?« »Ganz wie immer, Sir. Lion und ich, entschlossen, nichts von unserem wöchentlichen Besuch zu verlieren, machten uns frühzeitig auf den Weg und kamen von Kingston herüber, meinem gegenwärtigen Hauptquartiere, wo ich einige Skizzen mache.« Dann erzählte er, wie er mit Mr. Clennam auf der Fähre zusammengetroffen und sie miteinander herübergekommen seien. »Mrs. Gowan befindet sich doch wohl, Henry?« sagte Mrs. Meagles (Clennam wurde aufmerksam). »Meine Mutter befindet sich ganz wohl, ich danke (Clennam wurde unaufmerksam). Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen einen Zuwachs zu Ihrem heutigen Familiendiner einzuladen, der Ihnen und Mr. Meagles hoffentlich nicht unangenehm sein wird. Ich konnte der Sache nicht wohl ausweichen«, erklärte er, sich an Mr. Meagles wendend. »Der junge Mann schrieb deshalb an mich, und da er von guter Familie ist, so dachte ich, Sie würden nichts dagegen haben, wenn ich ihn hierherbringe.« »Wer ist der junge Mann?« fragte Mr. Meagles mit eigentümlicher Gefälligkeit. »Es ist einer von den Barnacles, Tite Barnacles Sohn, Clarence Barnacle, der in seines Vaters Departement arbeitet. Ich kann zum mindesten garantieren, daß der Fluß nichts von seinem Besuche leiden wird. Er wird ihn nicht in Flammen setzen.« »Ah, ah!« sagte Meagles. »Es ist ein Barnacle? Wir kennen diese Familie, nicht wahr, Dan? Bei St. Georg, sie sind oben auf dem Baume! Lassen Sie mich hören. Wie wird dieser junge Mann mit Lord Decimus verwandt sein? Seine Lordschaft heiratete im Jahre siebenzehnhundertsiebenundneunzig Lady Jemina Bilberry, die die zweite Tochter dritter Ehe – nein! Da bin ich im Irrtum! Das war Lady Seraphina – Lady Jemina war die erste Tochter aus der zweiten Ehe des fünfzehnten Earl von Stiltstalking mit der ehrenwerten Clementine Toozellem. So ist es richtig. Dieses jungen Menschen Vater nun heiratete eine Stiltstalking, und sein Vater heiratete seine Base, die eine Barnacle war. Der Vater des Vaters, der eine Barnacle heiratete, heiratete eine Joddleby – Ich gehe etwas zu weit zurück, Gowan; ich möchte herausbringen, wie dieser junge Mann mit Lord Decimus verwandt ist.« »Das ist leicht festgestellt. Sein Vater ist ein Neffe von Lord Decimus." »Neffe – von – Lord – Decimus«, wiederholte Mr. Meagles mit einem gewissen Behagen und geschlossenen Augen, um nichts von dem vollen Duft dieses Stammbaumes zu verlieren. »Bei St. Georg, Sie haben recht, Gowan. So ist es.« »Folglich ist Lord Decimus sein Großonkel.« »Aber, warten Sie einen Augenblick!« sagte Mr. Meagles, seine Augen mit einer neuen Entdeckung öffnend. »So ist Lady Stiltstalking mütterlicherseits seine Großtante.« »Allerdings.« »Ah, ah, ah!« sagte Mr. Meagles mit großem Interesse. »Wirklich, wirklich? Wir werden uns freuen, ihn zu empfangen. Wir wollen ihn so gut unterhalten, wie wir bei unsern beschränkten Mitteln können; jedenfalls soll er hoffentlich nicht bei uns verhungern.« Bei Beginn des Gesprächs hatte Clennam einen großen harmlosen Ausbruch von Mr. Meagles erwartet, wie den im Circumlocution Office, als er Doyce am Kragen hielt. Aber sein guter Freund hatte eine Schwäche, die festzustellen keiner von uns nur in die nächste Straße zu gehen braucht, und die keine auch noch so gewichtige Erfahrung im Circumlocution Office lange unterdrücken konnte. Clennam sah Doyce an; aber Doyce wußte alles im voraus, sah auf seinen Teller, machte kein Zeichen und sagte kein Wort. »Ich bin Ihnen sehr verbunden«, sagte Gowan, um der Sache ein Ende zu machen. »Clarence ist ein großer Esel, aber er ist einer der liebenswürdigsten und besten Jungen von der Welt.« Es schien, noch ehe das Frühstück vorüber, daß jeder Mensch, den dieser Gowan kannte, mehr oder minder ein Esel, oder mehr oder minder ein Spitzbube war. Aber sie waren alle nichtsdestoweniger die liebenswürdigsten, einnehmendsten, einfachsten, wahrsten, freundlichsten, teuersten, besten Jungen, die jemals existiert haben. Der Gedankengang, durch den dieses Resultat stets erzielt wurde, mochte bei Henry Gowan folgender sein: "Ich habe ein Recht darauf, über jedes Menschen Taten mit größter Genauigkeit Buch zu führen und sorgfältig sein Gut und Böse aufzunotieren. Ich tue das so gewissenhaft, daß ich mich glücklich schätze. Ihnen auseinandersetzen zu können, wie die unwürdigsten Menschen zugleich die liebenswürdigsten Jungen sind. Ich bin in der Lage, Ihnen die erfreuliche Mitteilung zu machen, daß weit weniger Unterschied zwischen einem Ehrenmann und einem Schurken ist, als Sie glauben.« Die Folge dieser erfreulichen Entdeckung war die, daß, während er peinlich besorgt zu sein schien, in den meisten Menschen gute Eigenschaften zu finden, er diese aber, wo sich solche wirklich fanden, herabsetzte und sie wiederum steigerte, wo sie nicht vorhanden waren; das war jedoch der einzige unangenehme oder gefährliche Zug an ihm. Dies schien jedoch Mr. Meagles keineswegs so viel Befriedigung zu gewähren wie die Genealogie der Barnacles. Die Wolke, die Clennam nie vor diesem Morgen auf seinem Gesicht gesehen, zog wieder häufig darüber hin, und derselbe Schatten von Mißbehagen lag auf dem freundlichen Gesicht seiner Frau, wenn sie ihn beobachtete. Mehr als ein- oder zweimal, wenn Pet den Hund liebkoste, kam es Clennam vor, als ob ihr Vater darüber unglücklich wäre; und namentlich einmal, als Gowan auf der andern Seite des Hundes stand und sich zu gleicher Zeit herabbeugte, glaubte Arthur Tränen in Mr. Meagles' Augen treten zu sehen, während er aus dem Zimmer eilte. Es war ferner entweder Tatsache, oder er bildete es sich wenigstens ein, daß Pet nicht gleichgültig gegen diese kleinen Zwischenfälle war; daß sie mit mehr als gewöhnlicher Zärtlichkeit ihrem Vater auszudrücken suchte, wie sehr sie ihn liebe; daß sie sowohl bei dem Gang nach der Kirche wie auf dem Heimweg hinter den übrigen zurückblieb und seinen Arm nahm. Er hätte schwören mögen, daß, als er später allein in den Garten ging, er sie flüchtig in ihres Vaters Zimmer gesehen hatte, wie sie mit der größten Zärtlichkeit ihre beiden Eltern umarmt und an ihres Vaters Brust geweint hatte. Da der spätere Teil des Tages regnerisch wurde, so war man halb gezwungen, zu Hause zu bleiben, sich die Sammlung Mr. Meagles' anzusehen und die Zeit mit Plaudern zu verscheuchen. Gowan wußte eine Menge von sich zu sagen und sagte es in ungezwungener und amüsanter Weise. Er schien ein Künstler von Beruf und einige Zeit in Rom gewesen zu sein; – aber sowohl seine Liebe zur Kunst als seine Talente hatten etwas Oberflächliches, Flüchtiges, Liebhaberartiges – sie hinkten sichtlich –, was auf Clennam befremdend wirkte. Er wandte sich an Daniel Doyce, mit dem er zusammen zum Fenster hinaus schaute, um Aufklärung. »Sie kennen Mr. Gowan?« sagte er leise. »Ich habe ihn hier gesehen. Er kommt jeden Sonntag hierher, wenn sie daheim sind.« »Ein Künstler, vermute ich, nach dem, was er sagt?« »Etwas der Art«, sagte Daniel Doyce in mürrischem Tone. »Was der Art?« fragte Clennam lächelnd. »Nun, er schlenderte mit langsamem Spazierschritt unter den Künsten umher«, sagte Doyce, »und ich glaube kaum, daß sie sich gerne so kalt behandeln lassen.« Durch fortgesetzte Nachforschungen bekam Clennam heraus, daß die Familie Gowan ein sehr entfernter Zweig der Barnacles war, und daß der Vater Gowans anfänglich einer auswärtigen Gesandtschaft beigegeben und als Kommissar keiner bestimmten Ortschaft pensioniert worden, sondern auf seinem Posten mit der bezogenen Besoldung in der Hand gestorben war und diese bis zu seinem Ende tapfer verteidigt hatte. In Anbetracht dieses eminenten Dienstes für den Staat hatte der Barnacle, der damals am Ruder war, der Krone empfohlen, der Witwe eine Pension von zwei- bis dreihundert Pfund jährlich auszusetzen. Dazu hatte der nächste Barnacle, der ans Ruder kam, gewisse schattige und stille Zimmer im Palast von Hampton Court gefügt, wo die alte Dame noch lebte und über die Entartung der Zeiten mit mehren andern alten Weibern beiderlei Geschlechts klagte. Ihr Sohn, Mr. Henry Gowan, von seinem Vater, dem Kommissar, die äußerst zweifelhafte Unterstützung im Leben, ein sehr kleines Vermögen, erbend, war schwer unterzubringen gewesen, um so weniger, als nicht viele öffentliche Stellen gerade zu vergeben waren, und sein Genie war während seines früheren Mannesalters von jenem ausschließlich ländlichen Charakter, der sich der Kultur des wilden Hafers widmet. Endlich hatte er erklärt, daß er Maler werden wolle; teils, weil er immer ein unbedeutendes Talent für die Malerei gehabt, und teils, um den Herzen der Barnacles-en-chef, die nicht für ihn gesorgt, einen Schmerz zu bereiten. So war es nach und nach gekommen, erstens, daß verschiedene Damen von Rang furchtbaren Ärger empfanden, dann daß Mappen mit seinen Arbeiten bei Abend herumgegeben und mit Begeisterung für vollkommene Claudes, vollkommene Cuyps, vollkommene Phänomene erklärt worden waren; ferner, daß Lord Decimus sein Gemälde gekauft, den Präsidenten und den akademischen Rat auf einmal zum Diner eingeladen und mit der ihm eigenen Gravität gesagt hatte: »Wissen Sie, es scheint mir wirklich ein bedeutendes Verdienst in diesem Werk zu sein.« Kurz, daß Leute von Rang sich ausdrücklich vorgenommen hatten, ihn in die Mode zu bringen, aber Gott weiß, wie das alles fehlgeschlagen war. Das vorurteilsvolle Publikum hatte sich hartnäckig dagegen gestemmt. Es hatte sich vorgenommen, Lord Decimus' Bild nicht zu bewundern. Es hatte sich vorgenommen zu glauben, daß ein Mann sich bei jedem Beruf, mit Ausnahme ihres eignen, auszeichnen müsse, wenn er früh und spät ringe, mit Herz und Seele und mit allen Kräften arbeite. So hing Mr. Gowan jetzt wie der abgenutzte alte Sarg, der nie Mohammed, noch sonst jemandem gehört hatte, zwischen zwei Angeln: scheelsüchtig und eifersüchtig in bezug auf das eine, was er aufgegeben; scheelsüchtig und eifersüchtig in bezug auf das andere, was er nicht erreichen konnte. Das war das Wesentliche von dem, was Clennam an jenem regnerischen Sonntagnachmittag und später über ihn erfuhr. Ungefähr eine Stunde nach der Essenszeit erschien der junge Barnacle in Begleitung seines Monokels. Zu Ehren seiner Familienbeziehungen hatte Mr. Meagles die hübschen Stubenmädchen für diesen Tag entlassen und an ihrer Statt zwei schmutzige Männer in Pflicht genommen. Der junge Barnacle war im höchsten Grad erstaunt und verlegen, als er Arthurs ansichtig wurde, und murmelte unwillkürlich: »Sehen Sie! – Auf Ehre! wie gesagt!« ehe er seine Fassung wiedergefunden. Auch dann war er noch genötigt, die nächste Gelegenheit zu ergreifen, seinen Freund in ein Fenster zu nehmen und in näselndem Tone, der ein Teil seiner allgemeinen Schwäche war, zu sagen: »Ich muß Sie sprechen, Gowan. Hören Sie mal. Sagen Sie, wer ist der Mensch?« »Ein Freund von unsern Wirten. Keiner von mir.« »Er ist ein sehr heftiger Radikaler, müssen Sie wissen«, sagte der junge Barnacle. »Wirklich? Woher wissen Sie das?« »Gewiß, Sir, er bestürmte unsere Leute in den letzten Tagen auf die schrecklichste Weise. Er kam sogar nach unserer Wohnung und bestürmte meinen Vater in solchem Grad, daß es notwendig wurde, ihn hinauszuschaffen. Sehen Sie, Sie haben noch keinen solchen Kameraden gesehen.« »Was wollte er denn?« »Nun, Sir«, erwiderte der junge Barnacle, »er sagte, er möchte wissen. Sie wissen schon. Drang durch unser Departement – ohne eine Anweisung zu haben – und sagte, er möchte wissen –!!« Der starre Blick der Entrüstung, mit dem der junge Barnacle diese Enthüllung begleitete, würde seine Augen schrecklich verrenkt haben, wenn nicht glücklicherweise das Essen ihn davon befreit hätte. Mr. Meagles (der außerordentlich begierig war zu erfahren, wie sich sein Onkel und seine Tante befanden) bat ihn, Mrs. Meagles in das Speisezimmer zu führen. Und als er auf Mrs. Meagles' rechter Seite saß, sah Mr. Meagles so befriedigt aus, als wenn seine ganze Familie dort säße. Der ganze natürliche Reiz des vorhergehenden Tages war vorbei. Die Essenden wie das Essen selbst waren lauwarm, unschmackhaft, abgestanden – und an alledem war der miese, kleine, schale, junge Barnacle schuld! Von je gesprächlos, war er nun das Opfer einer besondern Schwäche, die der Augenblick herbeiführte und an der nun Clennam schuld war. Er mußte unwillkürlich beständig diesen Gentleman ansehen, was die Veranlassung war, daß sein Monokel in seine Suppe, sein Weinglas, in Mr. Meagles' Teller fiel, daß seine Monokel-Klingelschnur hinten hinabhing und mehr als einmal von einem der schmutzigen Männer ihm zu seinem Ärger wieder auf die Brust herumgehängt werden mußte. Durch seine häufigen Verluste dieses Instruments außer Fassung gebracht, da es fest entschlossen schien, nicht im Auge steckenzubleiben, wurde er immer verlegener, sooft er dem geheimnisvollen Clennam ins Gesicht blickte, und brachte Löffel, Gabeln und andere zum Tischgedeck gehörende Gegenstände ans Auge. Die Entdeckung dieser Mißgriffe vermehrten seine peinliche Lage, aber befreiten ihn nicht von der Notwendigkeit, Clennam anzusehen. Und sooft Clennam sprach, wurde dieser unglückliche junge Mann von der Besorgnis erfaßt, er möchte durch irgendeine künstliche List auf den Punkt kommen, »wissen zu wollen, Sie wissen schon.« Es mag deshalb die Frage entstehen, ob irgend jemand außer Mr. Meagles viele Freude von dieser Zeit hatte. Mr. Meagles jedoch freute sich des jungen Barnacle aus voller Seele. Wie eine einfache Flasche von dem goldnen Wasser im Märchen ein voller Springbrunnen wurde, wenn man sie ausgoß, so schien Mr. Meagles dieses kleine Gewürz von Barnacle seinem Tisch den Duft des ganzen Stammbaumes mitzuteilen. In seiner Gegenwart erblaßten seine offnen, feinen, natürlichen Eigenschaften; er war nicht so ungezwungen, er war nicht so einfach, er suchte noch etwas, das ihm nicht eigen war, er war nicht er selbst. Welch eine seltsame Eigenheit auf selten Mr. Meagles', und wo sollten wir einen ähnlichen Fall finden? Endlich löste sich der nasse Sonntag in eine nasse Nacht auf, und der junge Barnacle fuhr schwach rauchend in einem Cab nach Hause; der fatale Gowan ging zu Fuß weg in Begleitung des fatalen Hundes; Pet hatte sich den ganzen Tag auf das liebenswürdigste bemüht, freundlich gegen Clennam zu sein; aber Clennam war seit dem Frühstück etwas zurückhaltend – das heißt, er wäre es gewesen, wenn er sie geliebt hätte. Als er auf sein Zimmer gegangen und sich wieder in seinen Stuhl vor dem Feuer geworfen, pochte Mr. Doyce an die Tür, das Licht in der Hand, um ihn zu fragen, wie und um welche Stunde er morgen zurückzukehren gedenke? Nachdem dies erledigt war, sagte er zu Mr. Doyce ein Wort über diesen Gowan, – der ihn noch mehr beunruhigt hätte, wenn er sein Rival gewesen wäre –: »Das sind keine guten Aussichten für einen Maler.« »Nein«, versetzte Doyce. Mr. Doyce stand, den Leuchter in der Hand, die andere Hand in seiner Tasche, starr in die Flammen seines Lichtes sehend, mit dem ruhigen Ausdruck im Gesichte da, als ob sie sich noch etwas zu sagen hätten. »Unser guter Freund schien etwas verändert und nicht sehr aufgeräumt, als er heute morgen kam?« sagte Clennam. »Ja«, versetzte Doyce. »Aber seine Tochter nicht?« sagte Clennam. »Nein«, sagte Doyce. Es entstand eine Pause auf beiden Seiten. Mr. Doyce, der immer in die Flamme blickte, sagte langsam: »Die Sache ist die, er hat zweimal seine Tochter ins Ausland geschickt, in der Hoffnung, sie von Mr. Gowan zu trennen. Er glaubt, sie liebe ihn, und ihn quälen deshalb peinliche Zweifel (ich muß ihm ganz zustimmen, und, wie ich zu sagen mich erkühne, auch Sie) wegen der Hoffnungslosigkeit einer solchen Heirat.« »Na –« stotterte Clennam und hustete und hielt wieder inne. »Ja, ja, Sie haben sich erkältet«, sagte Daniel Doyce. »Es besteht ein Verhältnis zwischen ihnen, nicht wahr?« sagte Clennam angeregt. »Nein. Wie man mir sagte, wirklich nicht. Von des Gentlemans Seite ist ein solches anzuknüpfen versucht worden, aber es ist nicht zustande gekommen. Seit ihrer kürzlichen Rückkehr hat unser Freund zu einem wöchentlichen Besuch seine Zustimmung gegeben, aber das ist das äußerste. Minnie würde ihren Vater und ihre Mutter nicht hintergehen. Sie sind mit ihnen gereist, und ich glaube, Sie wissen, welch inniges Band sie verknüpft, das sich selbst über dieses Leben hinaus erstrecken wird. Alles, was zwischen Miß Minnie und Mr. Gowan vorgeht, daran zweifle ich nicht, sehen wir.« »Ach, wir sehen genug!»rief Arthur. Mr. Doyce wünschte ihm in dem Tone eines Mannes, der einen düstern, wir wollen nicht sagen, verzweifelnden Ausruf gehört und der dem Gemüt desjenigen, der diesen Seufzer ausgestoßen, etwas Mut und Hoffnung einzuflößen wünscht: Gute Nacht! Dieser Ton war vermutlich ein Teil seiner Wunderlichkeit als eines Menschen, der zur Schar der Sonderlinge zählt, denn wie konnte er etwas der Art hören, ohne daß es Clennam auch hörte? Der Regen fiel schwer auf das Dach und plätscherte auf den Boden und tröpfelte unter dem Immergrün und den blattlosen Zweigen der Bäume. Der Regen fiel schwer und traurig. Es war eine Nacht voll Tränen. Wenn Clennam nicht fest entschlossen gewesen, sich nicht in Pet zu verlieben; wenn er die Schwachheit gehabt, es dennoch zu tun; wenn er sich nach und nach überredet hätte, allen Ernst seiner Natur, alle Macht seiner Hoffnung und allen Reichtum seines gereiften Charakters auf diesen Wurf zu setzen: wenn er dies getan und gefunden, daß alles verloren sei, wäre er diese Nacht unaussprechlich elend gewesen. So wie die Sachen standen, fiel nur der Regen schwer und traurig herab. Achtzehntes Kapitel. Klein-Dorrits Liebhaber. Klein-Dorrit hatte ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag nicht erlebt, ohne einen Liebhaber zu finden. Selbst in dem schmutzigen Marschallgefängnis schoß der ewig junge Bogenschütze einige federlose Pfeile dann und wann von einem schimmeligen Bogen ab und beschwingte einen oder zwei Gefangene. Klein-Dorrits Liebhaber indes war kein Gefangener. Er war der sentimentale Sohn eines Schließers. Sein Vater hoffte, ihm mit der Zeit die Erbschaft eines unbefleckten Schlüssels hinterlassen zu können, und hatte ihn von früher Jugend an mit den Pflichten seines Amtes und dem Ehrgeize, das Gefängnisschloß in der Familie zu erhalten, vertraut gemacht. Während der Anwartschaft auf die Nachfolge half er seiner Mutter bei der Führung eines Winkeltabakgeschäfts an der Ecke von Horsemonger Lane (sein Vater wohnte nicht im Gefängnis, wo er von Amts wegen als Schließer hätte sein sollen), das gewöhnlich eine enge Verbindung mit den Mauern des Kollegiums unterhielt. Vor Jahren, als der Gegenstand seiner Neigungen gewöhnlich in seinem Armstuhl an dem Kaminfeuer des Schließerstübchens saß, hatte sie der junge John (Familiennamen Chivery), der nur ein Jahr älter war als sie, mit bewundernder Neugierde betrachtet. Wenn er mit ihr im Hofe spielte, war sein Lieblingsspiel gewesen, sie zum Schein in eine Ecke einzuschließen und sie dann für reelle Küsse zum Schein herauszulassen. Als er groß genug wurde, um durch das Schlüsselloch des großen Schlosses am Haupttor zu gucken, hatte er zu verschiedenen Malen seines Vaters Mittagessen oder Nachtessen niedergesetzt, um, wenn es ginge, von außen hineinzusehen; natürlich zog er sich eine Erkältung auf dem einen Auge zu, während er sie durch diese zugige Perspektive betrachtete. Wenn der junge John je in den minder gründlichen Tagen seiner Knabenzeit in seiner Treue erschlafft wäre, in einer Zeit, wo man sich nichts daraus macht, die Schuhe ungeknöpft zu tragen, und so glücklich ist, nichts von Verdauungsorganen zu wissen, hätte er sie bald wieder fester gebunden und zugeschnürt. Im neunzehnten Jahre hatte seine Hand mit Kreide an die Mauer, die ihrer Wohnung gegenüberstand, aus Anlaß ihres Geburtstages die Worte geschrieben: »Sei gegrüßt, süßer Liebling der Feen!« Im dreiundzwanzigsten bot dieselbe Hand zitternd an Sonntagen dem Vater des Marschallgefängnisses und dem Vater der Königin seines Herzens Zigarren an. Der junge John war von kleinem Wuchs mit ziemlich schwachen Gliedern und sehr schwachem, hellem Haar. Eines von seinen Augen (vielleicht das Auge, das gewöhnlich durch das Schlüsselloch gesehen) war gleichfalls schwach und sah größer aus als das andere, wie wenn er es nicht schließen könnte. Der junge John war auch sanft. Aber er besaß eine große Seele. Er war poetisch, großherzig, treu. Obgleich zu demütig gegenüber der Beherrscherin seines Herzens, um sanguinisch sein zu können, hatte der junge John doch den Gegenstand seiner Neigung nach all seinen Licht- und Schattenseiten hin betrachtet. Zu segensreichen Resultaten dabei gelangend, hatte er, ohne sich zu überheben, doch gefunden, daß die Sache sich machen könnte. Angenommen, es ging alles gut, und sie wurden vereinigt. Sie das Kind des Marschallgefängnisses; er der Schließer. Angenommen, er würde ein im Gefängnis wohnender Schließer, so mußte sie offiziell Nachfolgerin in dem Zimmer sein, das sie so lange mietweise innegehabt. Es war ein hübscher Gedanke. Es sah über die Mauer, wenn man sich auf die Zehenspitze stellte, und mit einem Gitterwerk von Scharlachbohnen und einem Kanarienvogel oder etwas der Art würde es eine richtige Laube sein. Es war eine entzückende Idee und, wenn sie sich so alles und alles wären, sogar in dem Gefängnistor ein eigentümlicher Reiz. So die Welt ausschließend (mit Ausnahme des Teiles derselben, der eingeschlossen werden sollte), die Unruhe und Sorgen derselben nur vom Hörensagen kennend, wie sie von den Pilgern, die auf dem Wege zum Insolvenzgrabe bei ihnen weilten, geschildert wurden, mit der Laube oben und dem Pförtnerstübchen unten konnten sie den Strom des Lebens in hirtenartig häuslichem Glück hinabgleiten. Der junge John wischte sich Tränen aus den Augen, wenn er das Bild mit einem Grabsteine auf dem dicht an die Mauer des Gefängnisses stoßenden Kirchhofe abschloß, der folgende rührende Inschrift trug: »Dem Andenken John Chiverys , sechzig Jahre Schließer und davon fünfzig Jahre Hauptschließer, Des nahen Marschallgefängnisses. Der allgemein geachtet aus dem Leben schied am einunddreißigsten Dezember Eintausendachthundertundsechsundachtzig, Dreiundachtzig Jahre alt. Sowie dem Andenken seiner treu geliebten und treu liebenden Gattin Amy, geborene Dorrit, die seinen Verlust nicht achtundvierzig Stunden überlebte, Und ihren letzten Atemzug in dem genannten Marschallgefängnisse aushauchte. Dort war sie geboren. Dort lebte sie. Dort starb sie.« Den Eltern des jungen Chivery war ihres Sohnes Neigung nicht unbekannt – ja, diese hatte mit einigen Ausnahmefällen ihn in einen Gemütszustand versetzt, in dem er sich gegen die Kunden sehr gereizt benahm und dem Geschäft schadete, – aber sie hatten die Sache immer wieder ins erwünschte Geleise gebracht. Mrs. Chivery, eine kluge Frau, hatte gebeten, ihr Mann möchte in Betracht ziehen, daß ihres Sohnes Aussichten auf den Schlüssel sicherlich durch eine Verbindung mit Miß Dorrit, die eine Art von Anspruch auf das Kollegium habe und sehr geachtet darin sei, gewinnen würden. Mrs. Chivery hatte gebeten, ihr Mann möchte in Betracht ziehen, daß, wenn auf der einen Seite ihr Sohn Mittel und einen sicheren Posten habe, auf der andern Seite Miß Dorrit von Familie sei, und daß ihrer (Mrs. Chiverys) Ansicht nach zwei Halbe ein Ganzes machen. Mrs. Chivery, die als Mutter und nicht als Diplomatin sprach, hatte aus einem andern Gesichtspunkt gebeten, ihr Mann möchte sich erinnern, daß ihr Sohn niemals stark gewesen, und daß seine Liebe ihn wahrhaftig schon genug gequält und geplagt, ohne daß es deshalb nötig wäre, daß er sich ein Leid antue, was ihm niemand verargen könnte, wenn man ihm Hindernisse in den Weg lege. Diese Beweise hatten einen so mächtigen Einfluß auf Mr. Chivery, der ein Mann von wenig Worten war, daß er an verschiedenen Sonntagmorgen seinem Jungen – wie er es nannte – »einen glücklichen Schlag« gegeben, womit er bezeichnen wollte, daß er diese Empfehlung an das gute Glück für eine Vorbereitung zu der an diesem Tage erfolgenden Erklärung und den günstigen Erfolg derselben ansehe. Aber der junge John hatte nie den Mut gefunden sich zu erklären; und bei solchen Gelegenheiten war er aufgeregt in den Tabaksladen zurückgekehrt und hatte seinen Unmut an den Kunden ausgelassen. In dieser Angelegenheit wie in jeder andern kam Klein-Dorrit zuletzt in Betracht. Ihr Bruder und ihre Schwester merkten die Sache und verschafften sich eine Art Stellung, indem sie eine Klammer daraus machten, an der sie die elend verlumpte Lage ihres Familienadels lüfteten. Ihre Schwester behauptete den Familienadel, indem sie den armen Jungen verspottete, wenn er, um seine Geliebte zu sehen, um das Gefängnis schlich. Tip behauptete seinen Familienadel und seinen eigenen, indem er sich in dem Charakter des aristokratischen Bruders zeigte und in der kleinen Kegelbahn prahlte, daß ein gewisser Herr in den Fall kommen könnte, einen kleinen Laffen, den er nicht nennen wolle, am Kragen zu packen. Das waren jedoch nicht die einzigen Mitglieder der Familie Dorrit, die Nutzen daraus zogen. Nein, nein. Vom Vater des Marschallgefängnisses glaubte man natürlich, er wüßte nichts von der Sache, sein Bettelstolz konnte nicht so tief sehen. Aber er nahm die Zigarren an den Sonntagen und war froh, sie zu bekommen; bisweilen ließ er sich sogar herab, mit dem Geber (der dann stolz und voll Hoffnung war) in dem Hof auf und ab zu gehen und in seiner Gesellschaft zu rauchen. Mit keiner geringeren Bereitwilligkeit und Herablassung empfing er Aufmerksamkeiten von dem alten Chivery, der ihm immer seinen Lehnstuhl und die Zeitung überließ, wenn er während seiner Dienstzeit in das Pförtnerstübchen kam, und der ihm gesagt, daß, wenn er mal nach der Dämmerung ruhig in den Vorhof gehen und auf die Straße hinaussehen wolle, er ihn nicht daran hindern würde. Wenn er sich diese letztere Artigkeit nicht zunutze machte, so war's einzig, weil er die Lust dazu verloren; denn sonst nahm er alles, was er bekam, und sagte bisweilen: »Ein außerordentlich höflicher Mann, der Chivery; sehr aufmerksam und respektvoll. Auch der junge Chivery; wirklich mit einer beinahe zarten Anschauung von meiner Stellung hier. Eine sehr gebildete Familie, die Chiverys. Ihr Benehmen gefällt mir.« Der ergebene junge John betrachtete die Familie die ganze Zeit mit Ehrfurcht. Er ließ sich nicht im Traume einfallen, ihre Ansprüche zu bestreiten, sondern huldigte dem Hokuspokus, mit dem sie sich breitmachten. Irgendeine Beleidigung von ihrem Bruder übel aufzunehmen, wäre er nicht imstande gewesen, selbst wenn er keine so friedliche Natur von Hause aus gewesen; und gegen diesen geheiligten Gentleman seine Zunge zu bewegen oder seine Hand zu erheben, hätte ihm eine ruchlose Tat geschienen. Er fürchtete im Gegenteil, sein edler Sinn könnte gekränkt werden; ja, er fühlte, daß die Sache mit seiner Noblesse nicht vereinbar sei, und suchte die stolze Seele zu versöhnen und zu gewinnen. Ihren Vater, einen Gentleman im Unglück – einen Gentleman von feinem Geiste und höfischen Manieren, der immer Geduld mit ihm hatte, ehrte er hoch. Ihre Schwester erschien ihm zwar als etwas eitel und stolz, aber als eine junge Dame von außerordentlichen Talenten, die die Vergangenheit nicht vergessen konnte. Es war ein instinktives Zeugnis für Klein-Dorrits Wert und Unterschied von allen übrigen, daß der arme Junge sie einfach wegen dessen ehrte und liebte, was sie war. Das Tabakgeschäft an der Ecke von Horsemonger Lane wurde in einem ländlichen Etablissement, das einen Stock hoch, betrieben, wo man die Wohltat der Luft aus den Höfen des Horsemonger Lane-Gefängnisses genoß und den Vorteil eines einsamen Spazierganges unter der Mauer dieser angenehmen Anstalt hatte. Das Geschäft war zu bescheidener Art, um einen lebensgroßen Hochländer unterhalten zu können, aber es hatte einen kleinen auf einem Träger an dem Türpfosten, der wie ein gefallener Cherub aussah, der es für nötig gefunden, einen schottischen Unterrock zu tragen. Aus dem solchermaßen geschmückten Portal trat eines Sonntags nach frühem Mittagessen von Fleischgebäck der junge John, um sein gewöhnliches Sonntagsgeschäft zu besorgen, nicht mit leeren Händen, sondern mit seinem Zigarrengeschenk. Er trug einen hübschen korinthfarbigen Rock mit einem so breiten, schwarzen Samtkragen, als seine Person ihn tragen konnte, eine seidene Weste mit goldenen Zweigen geziert, ein reines Halstuch, wie es damals Mode war, nämlich mit lila Fasanen auf einem hellgelben Grund; Beinkleider mit so breiten Streifen an der Seite, daß jedes Bein eine dreisaitige Laute zu sein schien, und einen sehr hohen und steifen Staatshut. Als die kluge Mrs. Chivery sah, daß ihr Sohn außer diesem Staat noch ein Paar weiße, bocklederne Handschuhe und einen Stock wie einen kleinen Wegweiser trug, dessen Knopf eine elfenbeinerne Hand war, die ihm den Weg zeigte, den er gehen sollte, und als sie ihn in dieser schweren Marschordnung nach rechts um die Ecke biegen sah, bemerkte sie gegen Mr. Chivery, der gerade zu Hause war, sie glaube zu wissen, in welcher Richtung der Wind blase. Die Mitgefangenen erhielten an jenem Sonntagnachmittag eine Menge Besuche, und ihr Vater hielt sein Zimmer zum Empfang von Vorstellungen bereit. Nachdem er durch den Hof gegangen, eilte Klein-Dorrits Liebhaber mit pochendem Herzen die Treppe hinauf und klopfte an des Vaters Tür. »Herein, herein!« sagte eine freundliche Stimme. Die Stimme des Vaters, ihres Vaters, des Vaters des Marschallgefängnisses. Er saß in seinem schwarzen Samtkäppchen mit seiner Zeitung da; drei Schillinge und sechs Pence lagen zufällig auf dem Tisch, und zwei Stühle standen in Bereitschaft. Alles zu seiner Hofhaltung. »Ah, der junge John! Wie geht es Ihnen, wie geht es Ihnen?« »Ganz gut, ich danke Ihnen, Sir. Ich hoffe bei Ihnen das Gleiche.« »Ja, John Chivery, ja. Kann nicht klagen.« »Ich habe mir die Freiheit genommen, Sir –« »Hm?« Der Vater des Marschallgefängnisses zog bei diesem Punkt immer seine Augenbrauen in die Höhe und wurde liebenswürdig zerstreut und lächelte ganz abwesend. »– einige Zigarren, Sir.« »Oh!« (Für den Augenblick außerordentlich überrascht.) »Danke Ihnen, lieber John, danke Ihnen. Aber wirklich, ich fürchte, ich bin zu – Nein? Gut. Ich will nichts mehr davon sagen. Legen Sie sie auf den Kaminmantel, lieber John. Und setzen Sie sich, setzen Sie sich, Sie sind hier kein Fremder, John.« »Danke, Sir, ich weiß. – Miß«, hier drehte John seinen großen Hut auf der linken Hand um und um, wie ein langsam sich bewegender Mäusekäfig; »Miß Amy ganz wohl, Sir?« »Ja, John, ja; ganz wohl. Sie ist ausgegangen.« »Wirklich, Sir?« »Ja, John. Miß Amy ist ausgegangen, um Luft zu schöpfen. Meine jungen Leute gehen alle viel aus. Aber bei ihrer Jugend ist das ganz natürlich, John.« »Gewiß, allerdings, Sir.« »Frische Luft schöpfen. Frische Luft schöpfen. Ja.« Er trommelte sanft mit den Fingern auf dem Tisch und blickte zum Fenster hinauf. »Amy ist Luft zu schöpfen nach der Iron Bridge gegangen. Sie hat in letzter Zeit eine besondere Vorliebe für die Iron Bridge und scheint dort lieber zu sein als sonstwo.« Er kehrte zu der Unterhaltung zurück. »Ihr Vater hat im Augenblick wohl frei, John?« »Ja, Sir, er kommt später am Nachmittag daran.« Wiederum drehte er den großen Hut; dann sagte er aufstehend: »Ich bedauere, Ihnen guten Tag sagen zu müssen, Sir.« »So bald? Adieu, lieber John. Nein, nein«, fuhr er mit der größten Herablassung fort, »genieren Sie sich nicht wegen der Handschuhe, John. Schütteln Sie die Hand ruhig damit. Sie sind ja kein Fremder hier.« Höchst befriedigt durch die freundliche Aufnahme, stieg der kleine John die Treppe hinab. Auf seinem Wege begegnete er einigen Gefangenen, die Fremde hinaufführten, um sie dem Vater des Marschallgefängnisses vorzustellen; in diesem Augenblick rief Mr. Dorrit zufällig besonders deutlich über das Treppengeländer: »Sehr verbunden für Ihr kleines Ehrengeschenk, John!« Klein-Dorrits Liebhaber legte sehr bald seinen Penny auf das Zollbrett der Iron Bridge und betrat sie dann, um sich nach der wohlbekannten und vielgeliebten Gestalt umzusehen. Anfangs fürchtete er, sie sei nicht da; als er jedoch nach der Middle-Essex-Seite ging, sah er sie dastehen und ins Wasser blicken. Sie war ganz in Gedanken versunken, und er hätte gar zu gern gewußt, woran sie denke. Da waren die langen Reihen von Dächern und Kaminen der City, freier von Rauch als an Wochentagen; dort die fernen Masten und Kirchtürme. Vielleicht dachte sie an diese. Klein-Dorrit sann so lange und war so sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, daß, obgleich ihr Liebhaber ziemlich lange, wie es ihm vorkam, ruhig dastand, ein-, zwei- bis dreimal sich zurückzog und wieder auf den vorigen Fleck kam, sie sich doch noch nicht bewegte. Er beschloß deshalb zuletzt weiterzugehen und sich den Anschein zu geben, als käme er zufällig vorüber, und sie dann anzureden. Der Ort war ruhig, und jetzt oder nie war es Zeit mit ihr zu sprechen. Er ging auf sie zu, und sie schien seine Schritte nicht zu hören, bis er dicht bei ihr stand. Als er »Miß Dorrit!« sagte, sah sie auf und trat mit einem Ausdruck von Furcht und vielleicht sogar Verdruß in ihrem Gesicht, was ihm unaussprechlichen Kummer bereitete, zurück. Sie war ihm oft zuvor schon ausgewichen, immer, lange, lange Zeit. Sie hatte sich so oft abgewandt und war weggeschlichen, wenn sie ihn hatte auf sich zukommen sehen, daß der unglückliche junge John es für keinen Zufall halten konnte. Er hatte jedoch gehofft, es sei Scham, ihr zurückhaltender Charakter, die Ahnung der Gefühle seines Herzens, irgend etwas, nur nicht Abneigung. Dieser flüchtige Blick aber sagte: »Du, von allen Menschen gerade du! Ich wollte jeden andern Menschen lieber gesehen haben, als dich!« Es war nur ein flüchtiger Blick, denn sie faßte sich sogleich wieder und sagte mit ihrer sanften, zarten Stimme: »O, Mr. John! Sind Sie es?« Aber sie fühlte, was es gewesen, wie er fühlte; was es gewesen, und sie sahen sich beide verlegen an. »Miß Amy, ich fürchte, ich störte Sie, indem ich Sie anredete.« »Ja, gewissermaßen. Ich – ich kam hierher, um allein zu sein, und ich glaubte, ich sei es.« »Miß Amy, ich nahm mir die Freiheit, diesen Weg zu gehen, weil Mr. Dorrit, als ich ihn soeben besuchte, zufällig erwähnte, daß Sie –« Sie verursachte ihm noch größeren Schrecken als zuvor, indem sie plötzlich in herzzerschneidendem Tone: »O Vater, Vater!« murmelte und ihr Gesicht abwandte. »Miß Amy, ich hoffe, ich bereite Ihnen keinen Verdruß, indem ich Mr. Dorrit erwähne. Ich versichere Sie, ich fand ihn ganz wohl und in bester Stimmung, ja er war freundlicher denn je gegen mich; so freundlich, daß er sagte, ich sei kein Fremder in seinem Hause, und mich in jeder Weise mit Güte überhäufte.« Zur unaussprechlichen Bestürzung ihres Liebhabers murmelte Klein-Dorrit, ihr abgewandtes Gesicht mit den Händen bedeckend und sich, wo sie stand, hin und her bewegend, als ob sie Schmerzen hätte: »O, Vater, wie kannst du! O, lieber, lieber Vater, wie kannst du, kannst du das tun!« Der arme Bursche sah sie von Teilnahme überfließend an, wußte jedoch nicht, was daraus zu machen, bis sie, nachdem sie ihr Taschentuch herausgenommen und an ihr noch immer abgewandtes Gesicht gebracht, forteilte. Anfangs blieb er stockstill stehen; dann eilte er ihr nach. »Miß Amy, bitte! Wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick zu warten. Miß Amy, wenn es dahin kommt, lassen Sie mich gehen. Ich werde von Sinnen kommen, wenn ich denken muß, ich hätte Sie so fortgetrieben.« Seine zitternde Stimme und sein ungeheuchelter Ernst brachten Klein-Dorrit zum Stehen. »O, ich weiß nicht, was ich tun soll«, rief sie, »ich weiß nicht, was ich tun soll!« Für John, der sie nie ihrer ruhigen Selbstbeherrschung bar, der sie von ihrer Kindheit immer so zuverlässig und willensstark gesehen, für John war ihr Kummer ein Schlag; namentlich da er sich als Ursache davon anzusehen hatte, schüttelte es ihn von seinem großen Hut bis zur Sohle. Er fühlte die Notwendigkeit sich zu erklären. Er konnte mißverstanden werden, – dafür gelten, als meinte er etwas oder hätte etwas getan, das ihm nicht in den Sinn kam. Er bat sie, seine Erklärung anzuhören, es sei die größte Gunst, die sie ihm erweisen könnte. »Miß Amy, ich weiß, Ihre Familie steht weit über der meinen. Es wäre vergeblich, wenn ich mir das verheimlichen wollte. Ich habe nie davon gehört, daß ein Chivery ein Gentleman gewesen, und ich werde nie die Niedrigkeit begehen, bei einer so wichtigen Sache ein falsches Spiel zu spielen. Miß Amy, ich weiß ganz wohl, daß Ihr hochstrebender Bruder und ebenso Ihre geistvolle Schwester mich von ihrer Höhe herab verachten. Ich habe Sie zu verehren, zu wünschen, in Ihre Freundschaft aufgenommen zu werden, von meinem niedrigen Standpunkte nach dem erhabenen Platze hinaufzuschauen, auf den Sie gestellt sind – denn sowohl meine Stellung als Tabakshändler als meine Stellung als Schließer ist, ich weiß es wohl, eine geringe – und stets zu wünschen, daß Sie glücklich sein und sich wohl befinden mögen.« Das ganze Wesen des armen Jungen trug das Gepräge der Echtheit und Reinheit, und der Kontrast zwischen der Härte seines Hutes und der Weichheit seines Herzens (wiewohl vielleicht auch seines Kopfes) war rührend. Klein-Dorrit bat ihn, weder sich noch seine Stellung durch einen unpassenden Vergleich herabzusetzen und vor allem sich des Gedankens zu entschlagen, als wenn sie glaubte, sie stünde über ihm. Das beruhigte ihn einigermaßen. »Miß Amy«, stammelte er, »ich hatte vor langer Zeit – es scheinen mir Jahrhunderte zu sein – lang sich hinwälzende Jahrhunderte – den innigsten Wunsch, Ihnen etwas zu sagen. Darf ich es sagen?« Klein-Dorrit trat unwillkürlich wieder, mit dem leisesten Schatten ihres früheren Blickes, von ihm zurück, überwand sich aber und ging in größter Hast ohne Antwort über die Hälfte der Brücke. »Darf ich – Miß Amy, ich stelle nur die bescheidene Frage, – darf ich es sagen? Ich war bereits so unglücklich, Ihnen Kummer zu bereiten, ohne auch nur entfernt daran zu denken, beim heiligen Himmel! daß Sie wirklich nicht zu fürchten haben, ich werde etwas sagen, wenn ich nicht Ihre Erlaubnis dazu habe. Ich kann allein elend sein und mich durch mich selbst zerstören; warum sollte ich auch noch ein Wesen elend machen und vernichten, dem die Freude eines halben Augenblicks zu schenken ich mich von dieser Brustwehr hinabstürzen würde! Nicht daß das gerade viel wäre, denn ich würde es für zwei Pence tun.« Die Trauer seines Geistes und der Glanz seiner Erscheinung würde ihn lächerlich gemacht haben, wenn ihm seine Zartheit nicht etwas Achtungswertes gegeben. Klein-Dorrit lernte daraus, was zu tun sei. »Sie erlauben, John Chivery«, versetzte sie zitternd, aber in ruhigem Tone, »da Sie so rücksichtsvoll sind, mich zu fragen, ob Sie noch weiter sprechen sollen – so bitte ich Sie, nein.« »Nein, Miß Amy?« »Nein, wenn Sie so freundlich sein wollen. Nein.« »O Gott!« stöhnte John. »Aber vielleicht werden Sie mir statt dessen gestatten, etwas zu Ihnen zu sagen. Ich möchte es in vollem Ernste sagen und mit so herzlicher Offenheit, wie ich vermag. Wenn Sie an uns denken, John, – ich meine meinen Bruder und meine Schwester und mich – so denken Sie ja nicht, als ob wir von den übrigen verschieden wären; denn was wir auch einst waren (was ich kaum weiß), so sind wir es lange nicht mehr und werden es nie wieder werden. Es wird weit besser für Sie und weit besser für andere sein, wenn Sie das berücksichtigen, statt so wie bisher von uns zu denken.« John beteuerte kummervoll, daß er versuchen wolle, sich dessen stets zu erinnern, und herzlich gern alles tun werde, was sie wünsche. »Was mich betrifft«, sagte Klein-Dorrit, »so denken Sie so wenig an mich, wie Sie können; je weniger, desto besser. Wenn Sie überhaupt an mich denken, John, so denken Sie an mich nur als an das Kind, das Sie im Gefängnis groß werden sahen und das ganz und gar nur mit der Erfüllung seiner Pflichten beschäftigt ist; als an ein schwaches, bescheidenes, zufriedenes, schutzloses Mädchen. Besonders wünsche ich, Sie möchten sich erinnern, daß, wenn ich vor das Gefängnistor komme, ich unbeschützt und verlassen bin.« Er wolle versuchen, alles zu tun, was sie wünschte. Aber weshalb wünschte Miß Amy, daß er so gar vieles sich erinnerte? Um John Chiverys irdische Reste ... »Weil«, versetzte Klein-Dorrit, »ich weiß, ich kann dann getrost sein, Sie werden den heutigen Tag nicht vergessen und nichts mehr zu mir sagen. Sie sind so edel, daß ich weiß, ich kann Ihnen deshalb trauen; ich vertraue Ihnen und werde Ihnen immer vertrauen. Ich werde Ihnen sogleich zeigen, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen habe. Ich liebe diesen Ort, wo wir sprechen, mehr als irgendeinen Ort, den ich kenne«, ihre leichte Röte verschwand, aber ihr Liebhaber sah sie wieder erscheinen, »und ich möchte oft hier sein. Ich weiß, ich brauche Ihnen das bloß zu sagen, um überzeugt zu sein, daß Sie nie wieder hierherkommen werden, um mich aufzusuchen. Ich bin – dessen ganz gewiß!« Sie könne darauf zählen, sagte John. Er sei ein elender Mensch, aber ihr Wort sei mehr als Gesetz für ihn. »Nun, guten Tag, John«, sagte Klein-Dorrit. »Ich hoffe, Sie werden einst eine gute Frau bekommen und ein glücklicher Mann werden. Ich bin überzeugt, Sie verdienen glücklich zu sein und werden es sein, John.« Sie bot ihm bei diesen Worten die Hand; das Herz unter der Weste mit den Goldzweigen – eine Kleiderladenarbeit, wenn man die Wahrheit wissen will – schwoll zu der Größe des Herzens eines Gentleman; und da der arme, gewöhnliche, kleine Junge keinen Raum dafür hatte, brach er in Tränen aus. »O, weinen Sie nicht«, sagte Klein-Dorrit mitleidig. "Weinen Sie nicht! Leben Sie wohl, John. Gott segne Sie!"« »Leben Sie wohl, Miß Amy. Leben Sie wohl.« Damit verließ er sie. Doch bemerkte er noch, wie sie sich auf die Ecke eines Sitzes niederließ und nicht nur ihre kleine Hand auf der rauhen Mauer ruhte, sondern auch ihr Gesicht daran lehnte, als wenn ihr Kopf schwer und ihr Herz traurig wäre. Es war ein rührendes Beispiel von der Hinfälligkeit menschlicher Entwürfe, ihren Liebhaber mit dem großen über die Augen gedrückten Hut, dem hinaufgeschlagenen Samtkragen, als wenn es regnete, dem korinthfarbigen Rock, der zugeknöpft war, um die seidene Weste mit den goldenen Zweigen nicht sehen zu lassen, und dem kleinen Wegweiser, der unerbittlich nach Hause wies, durch die schlechtesten Nebenstraßen schleichen zu sehen, während er folgende neue Inschrift für einen Grabstein auf dem Kirchhof von St. Georg verfaßte: »Hier liegt die sterbliche Hülle von John Chivery, Keiner Rede wert, Welcher gegen das Ende des Jahres eintausendachthundertundsechsundzwanzig an gebrochenem Herzen starb, Mit seinem letzten Atemzuge verlangend, daß das Wort Amy über seiner Asche eingehauen werde, Was seinem Willen gemäß geschehen ist, Von seinen betrübten Eltern.« Neunzehntes Kapitel. Der Vater des Marschallgefängnisses in zwei bis drei Beziehungen. Die Brüder William und Frederick Dorrit boten, wenn sie im Gefängnishofe auf und ab gingen – natürlich auf der aristokratischen oder Brunnenseite, denn der Vater machte es zu einer Standesache, die Sonntagmorgen, Christfeiertage und andere festliche Anlässe ausgenommen, mit seinen Spaziergängen unter seinen Kindern auf der Armenseite sparsam zu sein, eine Observanz, in der er sehr pünktlich war, und bei welchen Gelegenheiten er seine Hände auf die Häupter seiner Kinder legte und diese jungen Zahlungsunfähigen mit einem Wohlwollen segnete, das höchst erbaulich war, – die Brüder, wenn sie so miteinander im Gefängnishofe auf und ab gingen, boten einen interessanten Anblick: Frederick, der Freie, war so demütig, gebeugt, zusammengeschrumpft und schlaff, William, der Gefangene, so vornehm, herablassend und wohlwollend selbstbewußt, daß die Brüder, wenn auch in keiner andern Hinsicht, in dieser allein schon ein merkwürdiges Schauspiel boten. Sie gingen an dem Abend jener sonntäglichen Begegnung Klein-Dorrits mit ihrem Liebhaber auf der Iron Bridge auf dem Hofe miteinander auf und nieder. Die Staatsgeschäfte waren für diesen Tag erledigt, dem Empfangzimmer war vielfache Ehre zuteil geworden, mehrere Vorstellungen hatten stattgefunden; die drei Schillinge und sechs Pence, die zufällig auf dem Tische liegengeblieben, waren zufällig auf zwölf Schillinge angewachsen, und der Vater des Marschallgefängnisses erquickte sich an einer Zigarre. Wie er so auf und nieder ging, seinen Schritt nachgiebig zu dem Schlürfen seines Bruders verlangsamend, nicht stolz auf sein Übergewicht, sondern billig gegen dieses arme Geschöpf, nachsichtig gegen ihn und Geduld mit seinen Schwächen in jedem Paff Rauch ausatmend, der aus seinen Lippen ging und über die mit Eisenspitzen versehene Mauer emporzusteigen suchte – war er eine merkwürdige Erscheinung. Sein Bruder Frederick mit dem matten Auge, der gelähmten Hand, der gebeugten Gestalt und dem tappenden Geiste schlürfte unterwürfig neben ihm her und nahm seine Gönnerschaft hin wie jedes andere Ereignis der labyrinthischen Welt, in der er verlorengegangen war. Er hielt wie gewöhnlich ein zerknittertes Stück bräunliches Papier in der Hand, aus dem er ab und zu eine kleine Prise Schnupftabak nahm. Hatte er diese mit Mühe herausgebracht, so sah er seinen Bruder nicht ohne Bewunderung an, legte die Hände auf den Rücken und schlürfte neben ihm her, bis er wieder eine Prise nahm oder stillestand, um sich umzusehen, – da er vielleicht plötzlich seine Klarinette vermißte. Die Besucher des Gefängnisses verloren sich, als die Schatten der Nacht herabsanken, aber der Hof war noch immer hübsch voll, da die Gefangenen zumeist ihre Freunde bis zu dem Pförtnerstübchen begleiteten. Während die Brüder auf dem Hofe spazierten, 22? sah Wilhelm der Gefangene nach rechts und links, um Grüße zu empfangen, erwiderte sie, indem er freundlich seine Mütze lüftete, mit verbindlicher Miene seinen Bruder anhielt, daß er nicht auf die Leute hinaufhumpelte oder gegen die Wand gestoßen würde. Die Gefangenen, im ganzen genommen, waren nicht leicht für Eindrücke empfänglich, aber auch sie schienen je nach ihrer verschiedenen Art sich zu verwundern, die beiden Brüder so eigenartig verschieden zu sehen. »Du bist heute abend etwas still, Frederick«, sagte der Vater des Marschallgefängnisses. »Hast du etwas?« »Ob ich etwas habe?« Er sah ihn einen Augenblick an, dann ließ er wieder Kopf und Augen sinken. »Nein, William, nein, ich habe nichts.« »Wenn man nur imstande wäre, dich etwas aufzurütteln, Frederick –« »Ach, ach!« sagte der alte Mann rasch. »Ich kann mal nicht anders sein. Ich kann's nicht. Sprich nicht so. Das ist alles vorbei.« Der Vater des Marschallgefängnisses sah einen vorübergehenden Kollegen, mit dem er auf freundschaftlichem Fuße stand, an, als wollte er sagen: »Ein schwacher, alter Mann, das; aber er ist mein Bruder, Herr, mein Bruder, und die Stimme der Natur ist mächtig!« und zog seinen Bruder an dem fadenscheinigen Ärmel von dem Schwengel der Pumpe, an den er zu stoßen im Begriff war, weg. Nichts hätte zur Vollendung seines Charakters als brüderlicher Führer, Philosoph und Freund gefehlt, wenn er nur seinen Bruder vom Ruin weggesteuert hätte, statt daß er ihn hineinführte. »Ich denke, William«, sagte der Gegenstand seiner liebevollen Teilnahme, »ich bin müde und will nach Hause und zu Bett gehen.« »Mein lieber Frederick«, versetzte der Bruder. »Ich will dich nicht zurückhalten; opfere deine Neigungen nicht mir.« »Späte Stunden und heiße Luft und vermutlich die Jahre«, sagte Frederick, »machen mich schwach.« »Mein lieber Frederick«, versetzte der Vater des Marschallgefängnisses, »glaubst du auch vorsichtig genug zu sein? Hältst du deine Gewohnheiten für so präzis und methodisch wie – soll ich sagen – wie die meinen? Ohne wieder auf die kleine Sonderbarkeit zurückzukommen, die ich eben erwähnte, zweifle ich doch, daß du dir genug Bewegung in der freien Luft machst, Frederick. Dieser Platz steht dir ja immer zur Verfügung. Warum machst du nicht regelmäßig Gebrauch davon?« »Ha!« seufzte der andere. »Ja, ja, ja, ja!» »Das nützt nichts, ja, ja zu sagen, mein lieber Frederick», fuhr der Vater des Marschallgefängnisses in seiner milden Weisheit fort, »wenn du nicht in Übereinstimmung damit handelst. Betrachte mich, Frederick. Ich bin eine Art von Beispiel. Zeit und Not haben mich gelehrt, was zu tun. Zu bestimmten Stunden des Tages wirst du mich auf dem Spaziergang, in meinem Zimmer, im Pförtnerstübchen, bei der Zeitung, Gesellschaft empfangen, essen und trinken sehen. Ich habe Amy während vieler Jahre eingeprägt, daß ich mein Essen (zum Beispiel) pünktlich haben muß. Amy ist in dem Gefühl der Wichtigkeit dieser Anordnungen aufgewachsen, und du weißt, was für ein gutes Mädchen sie ist.« Der Bruder seufzte bloß wieder, während er träumend und langsam fortschlotterte: »Ha! Ja, ja, ja ja!« »Mein lieber Junge«, sagte der Vater des Marschallgefängnisses, indem er die Hand auf seine Schulter legte und ihn sanft mitzog – sanft, wegen seiner Schwäche, die arme, gute Seele; »du sagtest das vorhin schon, und es will nicht viel heißen, Frederick, selbst wenn es viel ausdrücken soll. Ich möchte dich aufrütteln können, mein guter Frederick; du solltest aufgerüttelt werden.« »Ja, William, ja. Ohne Zweifel«, versetzte der andere, indem er seine matten Augen erhob. »Aber ich bin nicht wie du.« Der Vater des Marschallgefängnisses sagte mit einem Achselzucken bescheidener Selbstherabsetzung: »O, du könntest wie ich sein, Frederick; du könntest es sein, wenn du wolltest!« und unterließ es in der Großmut, die ihm seine Stärke einflößte, seinen gefallenen Bruder weiter zu drängen.« Es war an den Ecken und Enden, wie gewöhnlich an den Sonntagabenden, ein fortwährendes Abschiednehmen; hier und dort in der Dunkelheit weinte eine arme Mutter, Frau oder ein Mädchen mit einem neuen Kollegen. Es hatte eine Zeit gegeben, wo der Vater selbst in dem Schatten dieses Hofes geweint, als sein eigenes, armes Weib weinte. Aber es waren viele Jahre indes verflossen: und nun war er wie ein Passagier an Bord eines Schiffes auf weiter Fahrt, der sich von der Seekrankheit erholt und sich über die Schwäche der jüngeren Reisenden ärgert, die im letzten Hafen an Bord genommen wurden. Er hatte Lust gehabt, diesen Leuten Vorstellungen zu machen und ihnen seine Meinung zu sagen, daß Leute, die es nicht ohne Weinen tun können, hier nichts zu schaffen hätten. In seinem Benehmen, wenn auch nicht in Worten, gab er stets sein Mißfallen an diesen Unterbrechungen der allgemeinen Harmonie zu erkennen. Und man verstand ihn so gut, daß die Delinquenten sich immer davonmachten, wenn sie seiner gewahr wurden. An diesem Sonntagabend begleitete er seinen Bruder mit dem Ausdruck der Duldung und Milde bis an das Tor; er war in sanfter Stimmung und gütig genug aufgelegt, um über die Tränen hinwegzusehen. In dem flackernden Gaslicht des Pförtnerstübchens sonnten sich mehrere Gefangene: einige von Besuchen Abschied nehmend, andere, die keine Besuche hatten, dem häufigen Umdrehen des Schlüssels zusehend und unter sich oder mit Mr. Chivery plaudernd. Das Eintreten des Vaters machte natürlich Aufsehen: und Mr. Chivery, mit seinem Schlüssel an den Hut greifend (wenn auch sehr kurz), sprach die Hoffnung aus, daß er sich erträglich wohl befinde. »Danke, Chivery, ganz wohl. Und Sie?« Mr. Chivery sagte leise murmelnd: »Oh! ihm gehe es ganz gut!« Was seine gewöhnliche Art war, wie er auf Fragen nach seinem Befinden antwortete, wenn er etwas mürrisch war. »Ich hatte heute einen Besuch vom jungen John, Chivery. Er sah sehr geschniegelt aus, ich versichere Sie.« Das hatte Mr. Chivery auch gehört. Mr. Chivery mußte jedoch gestehen, daß es sein Wunsch wäre, der Junge gäbe nicht so viel Geld dafür aus. Denn was brächte es ihm ein? Es bringe ihn nur in Kummer und Sorgen. Und das könne er überall umsonst haben. »Was meinen Sie damit, Chivery?« fragte der wohlwollende Vater. »Nichts Schlimmes«, versetzte Mr. Chivery. »Schon gut. Will Mr. Frederick schon fort?« »Ja, Chivery, mein Bruder will nach Hause und zu Bett gehen. Er ist müde und nicht ganz wohl, nimm dich in acht, Frederick, nimm dich in acht. Gute Nacht, mein lieber Frederick!« Seinem Bruder die Hand schüttelnd und seinen fetten Hut vor der Gesellschaft im Pförtnerstübchen leicht rückend, schob Frederick langsam zur Tür hinaus, die Mr. Chivery ihm öffnete. Der Vater des Marschallgefängnisses zeigte die liebenswürdige Besorgtheit eines höheren Wesens, daß ihm doch ja kein Unfall zustoßen möchte. »Haben Sie die Güte, die Tür einen Augenblick offen zu lassen, Chivery, damit ich ihn durch den Gang und die Treppe hinabgehen sehen kann. Nimm dich in acht, Frederick! (Er ist sehr schwach.) Vergiß die Stufen nicht. (Er ist so zerstreut.) Gib acht, wie du hinüberkommst, Frederick. (Ich möchte wirklich nicht wissen, welch weiten Weg er zu machen hat, er kann so leicht überrannt werden).« Mit diesen Worten und mit einem Gesicht, in dem sich eine Menge banger Zweifel und ängstlicher Besorgnisse aussprachen, wandte er den Blick auf die im Pförtnerstübchen versammelte Gesellschaft, indem er so offen zu verstehen gab, daß sein Bruder zu bemitleiden, weil er nicht hinter Schloß und Riegel sei, daß die versammelten Kollegen im Kreise sich eine Bemerkung in dieser Richtung nicht verschweigen konnten. Aber er stimmte ihnen nicht unbedingt bei, im Gegenteil, er sagte: Nein, Gentlemen, nein; sie sollten ihn nicht mißverstehen. Sein Bruder sei allerdings sehr gebrochen, und es würde für ihn (den Vater des Marschallgefängnisses) weit angenehmer sein, zu wissen, daß er innerhalb der Mauern in Sicherheit wäre. Aber man dürfe nicht vergessen, daß, wenn jemand es viele Jahre hier aushalten können soll, eine gewisse Verbindung von Eigenschaften – er sage nicht hohe Eigenschaften, aber Eigenschaften – moralische Eigenschaften nötig seien. Und habe sein Bruder diese eigentümliche Verbindung von Eigenschaften? »Gentlemen, er ist ein ausgezeichneter Mann, ein edler, feinfühlender und achtungswerter Mann mit der Einfachheit eines Kindes; aber würde er, obgleich für die meisten andern Orte untauglich, für diesen Ort passen? Nein«; er sage ihnen im Vertrauen, nein! Und er sagte: »Der Himmel verhüte, daß Frederick je in einem andern Charakter als in seinem jetzigen freiwilligen hier wäre! Gentlemen, wer in dieses Kollegium kommt, um hier lange zu bleiben, müßte einen starken Charakter haben, um sich in so vieles zu finden und aus so vielem wieder herauszufinden.« Sei sein geliebter Bruder dieser Mann? Nein. Sie sähen ihn, wie dem nun auch sei, gebeugt. Das Unglück habe ihn gebeugt, er habe nicht Schnellkraft genug, nicht Elastizität genug, um lange Zeit an einem solchen Orte zu sein und seine Selbstachtung zu bewahren und sich bewußt zu bleiben, daß er ein Gentleman sei. Frederick habe (wenn er den Ausdruck gebrauchen dürfe) nicht Kraft genug, in jeder zarten kleinen Aufmerksamkeit und – und – jedem Ehrengeschenk, das er unter solchen Umständen empfinge, die Güte der menschlichen Natur, den feinen Geist, der die Kollegen als eine Körperschaft belebe, und zu gleicher Zeit keine Herabwürdigung für sich und keine Herabsetzung seiner Ansprüche als Gentleman zu sehen. »Gentleman, Gott mit Euch!« So lautete die Homilie, mit der er die Gesellschaft im Pförtnerstübchen erbaute und ihr die Sache deutete, ehe er in den schmutzigen Hof zurückging, um in seiner eigenen schäbigen Würde an dem Kollegen in dem Schlafrock, der keinen Rock hatte, und dem Kollegen in den Matrosenpantoffeln, der keine Schuhe hatte, und dem stolzen Obsthändler-Kollegen mit den kurzen baumwollenen Hosen, der keine Sorgen hatte, und dem mageren Schreiber von Kollegen in seinem knopflosen, schwarzen Rock, der keine Hoffnung hatte, vorüber sich nach seiner eigenen, armen, schäbigen Treppe, in sein eigenes, armes, schäbiges Zimmer zu begeben. Dort war der Tisch für sein Nachtessen gedeckt, und sein alter, grauer Schlafrock lag auf der Stuhllehne am Feuer. Seine Tochter steckte ihr kleines Gebetbuch in ihre Tasche – hatte sie doch um Gnade für alle Gefangenen gebetet! – und stand auf, um ihn zu begrüßen. Ob der Oheim schon heimgegangen? fragte sie ihn, als sie seinen Rock wechselte und ihm seine schwarze Samtmütze gab. Ja, der Oheim sei heimgegangen. Ob dem Vater der Spaziergang gut bekommen? – »Nein, nicht besonders, Amy: nicht besonders.« – Nein? Ob er sich nicht ganz wohl fühle? Während sie so hinter ihm stand, liebevoll über den Stuhl herabgebeugt, sah er mit niedergeschlagenen Blicken in das Feuer. Eine Unbehaglichkeit beschlich ihn, wie ein Anflug von Scham; und als er sprach, wie es später der Fall war, geschah es in unzusammen hängender und verlegener Weise. »Etwas, ich – hm! – ich weiß nicht was, ist dem Chivery begegnet. Er ist heute abend nicht – hm! – nicht ganz so höflich und aufmerksam wie sonst. Es ist – hm! – eine Kleinigkeit, aber es macht mich irre, mein liebes Kind. Es ist unmöglich zu vergessen«, fügte er hinzu, indem er die Hände beständig umeinander drehte und sie starr ansah, »daß – hm! – ich bei einem Leben, wie das meine, unglücklicherweise von Menschen wie diese den ganzen Tag wegen einer Kleinigkeit abhängig bin.« Ihr Arm ruhte auf seiner Schulter, aber sie sah ihm nicht ins Gesicht, während er sprach. Sie beugte ihren Kopf und sah anderswohin. »Ich – hm! – ich kann mir nicht denken, Amy, was Chivery beleidigt hat. Er ist im allgemeinen so – so ungemein aufmerksam und respektvoll. Und heute abend war er sehr – sehr kurz angebunden mit mir. Waren noch andere Leute da! Bei Gott im Himmel, wenn ich die Unterstützung und Achtung Chiverys und seiner Mitangestellten verlieren sollte, so möchte ich lieber sterben.« Während er sprach, öffnete und schloß er seine Hände wie Klappen und war sich die ganze Zeit des Anflugs von Schamgefühl so bewußt, daß er vor seiner eigenen Kenntnis dessen, worauf er hindeutete, zurückbebte. »Ich – hm! – ich kann mir nicht denken, was schuld daran. Ich weiß wirklich nicht, was die Ursache ist. Da war einmal ein gewisser Jackson hier, ein Schließer namens Jackson (ich glaube nicht, daß du dich seiner erinnern kannst, meine Liebe, du warst noch sehr jung), und – hm! – der hatte einen – Bruder, und dieser – jüngere Bruder machte der – nicht der Tochter – der Schwester eines von uns, eines ziemlich angesehenen Mitgefangenen, den Hof – das heißt – er betete sie an, betete sie aus ganzer Seele an; ich darf das wohl sagen. Sein Name war Kapitän Martin; er befragte mich über die Sache, ob etwa seine Tochter – Schwester – den Bruder des Schließers beleidigen würde, wenn sie gegen den andern Bruder zu – hm! – zu offen wäre. Kapitän Martin war ein Gentleman und ein Mann von Ehre, und ich bat ihn, mir zuerst seine – seine eigene Ansicht zu sagen. Kapitän Martin (der große Achtung in der Armee genoß) sagte ohne Zögern, es scheine ihm, daß seine – hm! – Schwester nicht verpflichtet sei, den jungen Mann zu deutlich zu verstehen, und daß sie ihn – ich weiß nicht mehr genau, wie Kapitän Martins Ausdruck lautete – ich glaube, er sagte, um ihres Vaters – wollte sagen Bruders – willen Hinhalten dürfe. Ich weiß nicht mehr recht, wie ich auf diese Geschichte gekommen bin. Ich glaube, es geschah, weil ich nicht weiß, wie ich mir Chiverys Benehmen erklären soll; aber wie die beiden Sachen zusammenhängen, sehe ich nicht ein.« Seine Stimme erstarb, als ob sie die Pein, ihn zu hören, nicht ertragen könnte, und Amys Hand war nach und nach bis an seine Lippen gekommen. Für einen Augenblick trat Totenstille und tiefes Schweigen ein; er saß zusammengesunken in seinem Stuhl, und sie hielt den Arm um seinen Hals geschlungen und den Kopf auf seine Schulter herabgebeugt. Sein Nachtessen kochte in einem Pfännchen über dem Feuer, und als Amy sich bewegte, geschah es, um es für ihn auf den Tisch zu setzen. Er nahm seinen gewöhnlichen Sitz, sie den ihren ein, und er begann sein Mahl. Sie sahen einander noch nicht an. Nach und nach wurde er ungeduldig, indem er Messer und Gabel geräuschvoll niederlegte, die Sachen laut aufnahm, auf sein Brot biß, als ob er beleidigt wäre, und auf ähnliche Weise andeutete, daß er verdrießlich sei. Endlich stieß er seinen Teller von sich und sprach laut und mit der seltsamsten Ungereimtheit: »Was liegt daran, ob ich esse oder sterbe? Was liegt daran, ob ein vergeudetes Leben, wie das meine, jetzt oder die nächste Woche oder das nächste Jahr ein Ende nimmt? Was bin ich irgend jemand wert? Ein armer Gefangener, genährt von Almosen und Abhub; ein garstiger, widerwärtiger Tropf!« »Vater, Vater!« Sie stand auf, rutschte auf den Knien zu ihm hin und streckte die Hände empor. »Amy«, fuhr er mit gepreßter Stimme im heftigsten Zittern und sie so wild anblickend, als wäre er wahnsinnig geworden, fort: »Ich sage dir, wenn du mich sehen könntest, wie deine Mutter mich sah, du würdest nicht glauben, daß das der Mensch sei, den du nur durch das Gitter dieses Gefängnisses gesehen. Ich war jung, ich war feingebildet, ich war hübsch, ich war unabhängig – bei Gott, Kind, ich war es –, und die Leute suchten mich und beneideten mich. Beneideten mich!« »Lieber Vater!« Sie suchte den zitternden Arm, der die Luft durchkreuzte, herabzuziehen, aber er widerstand und stieß ihre Hand zurück. »Wenn ich nur ein Bild von mir aus jenen Tagen hätte, und wäre es auch noch so schlecht geraten, du würdest stolz darauf sein. Aber ich habe nichts dergleichen. Ich sollte eine Warnung sein. Kein Mann«, rief er und sah ganz verstört um sich, »sollte versäumen, wenigstens diese Kleinigkeit aus den Zeiten seines Glückes und der Achtung zu bewahren. Seine Kinder sollten diesen Schlüssel zu dem, was er war, haben. Wenn mein Gesicht nach meinem Tode nicht jenes lang verschwundene Aussehen wiedererhält – man sagt, ich weiß es nicht, das soll vorkommen –, so werden mich meine Kinder nie gesehen haben.« »Vater, Vater!« »O verachte mich, verachte mich! Sieh weg von mir, höre nicht auf mich, tue mir Einhalt, erröte um mich, weine um mich. Selbst du, Amy! Tue es, tue es! Ich tue es gegen mich selbst. Ich bin unempfindlich, ich bin zu tief gesunken, um mich sehr darob zu grämen.« »Lieber Vater, geliebter Vater, Liebling meines Herzens!« Sie hing sich mit ihren Armen an ihn und vermochte ihn, daß er sich in seinen Stuhl setzte; dann ergriff sie den erhobenen Arm und suchte ihn um ihren Hals zu legen. »Laß ihn hier liegen, Vater. Sieh mich an, Vater, küsse mich, Vater! Denke nur einen kleinen Augenblick an mich!« Er fuhr aber in derselben wirren Weise fort, obgleich sein Ton nach und nach in ein trauriges Weinen überging. »Und doch genieße ich einigen Respekt hier. Ich habe mich einigermaßen aufrechterhalten. Ich bin nicht ganz niedergebeugt. Geh hinaus und frage: wer ist die Hauptperson an diesem Ort? Und sie werden dir antworten, es ist dein Vater. Geh hinaus und frage: mit wem hat man nie seinen Spaß getrieben, und wer ist immer mit einer gewissen Zartheit behandelt worden? Sie werden sagen: dein Vater. Geh hinaus und frage: welches Leichenbegängnis (es wird hier stattfinden, ich weiß, es kann nirgend anderswo sein) mehr von sich sprechen machen und vielleicht größern Schmerz hervorrufen wird als irgendeines, das je zu jenem Tor hinausging? Sie werden sagen: das von deinem Vater. Gut denn. Amy! Amy! Ist dein Vater so allgemein verachtet? Kann ihn nichts retten? Wirst du ihn an nichts als seinen Ruin und sein Elend zu erinnern haben? Wirst du imstande sein, keine Liebe für ihn zu bewahren, wenn er, der arme Verstoßene, dahingegangen?« Er brach in Tränen halb nebelhaften Mitleids mit sich selbst aus, und indem er zuletzt gestattete, daß sie ihn umarmte und sich um ihn mühte, ließ er sein weißes Haupt an ihrer Wange ruhen und weinte über sein Elend. Plötzlich änderte er den Gegenstand seiner Klagen, schlang seine Hände um sie, als sie ihn umarmte, und rief: Oh, Amy, mein mutterloses, verlorenes Kind! Oh, die schönen Tage, da er sie noch für ihn arbeiten und sich mühen gesehen! Dann kehrte er wieder zu sich zurück und sagte ihr in weichem Tone, wie weit mehr sie ihn geliebt, wenn sie ihn in seiner früheren Stellung gekannt, und wie er sie an einen Gentleman verheiratet hätte, der auf sie als seine Tochter stolz gewesen, und wie (wobei er wieder weinte) sie an seiner väterlichen Seite zum ersten Male mit ihrem eigenen Pferde ausgeritten wäre, und wie die Menge (wobei er im Grunde die Leute meinte, die ihm die zwölf Schillinge gegeben, die er in der Tasche hatte) ehrfurchtsvoll auf den staubigen Wegen nebenher gegangen sein würde. So, bald prahlend, halb verzweifelnd, stets jedoch ein Gefangener, mit dem Gefängnismoder an sich und dem Gefängnisschmutz in sich, enthüllte er seinen herabgekommenen Zustand seinem liebevollen Kinde. Niemand sonst sah ihn so in allen Einzelheiten seiner Erniedrigung. Wenig kümmerte es die Kollegen, die in ihren Zimmern über seine letzte Anrede im Pförtnerstübchen lachten, was für ein ernstes Gemälde sie in ihrer dunklen Marschallgefängnisgalerie an jenem Sonntagabend hatten. Im klassischen Altertum lebte vielleicht einst eine Tochter, die ihrem Vater in seinem Gefängnisse reichte, was ihre Mutter ihr gereicht. Klein-Dorrit, obgleich von dem unheroischen modernen Stamm und eine bloße Engländerin, tat weit mehr, indem sie ihres Vaters zerstörtes Herz an ihrer unschuldigen Brust ausruhen ließ und eine Quelle der Liebe und Treue ihm zuführte, die niemals vertrocknete oder abnahm während all dieser Hungerjahre. Sie beruhigte ihn; bat ihn um Verzeihung, wenn sie ungehorsam gewesen oder geschienen; sagte ihm, der Himmel weiß es, daß sie ihn nicht mehr ehren könnte, wenn er der Liebling des Glückes wäre und die ganze Welt ihm ihre Achtung zollte. Als seine Tränen getrocknet waren und er in seiner Gerührtheit nicht mehr weinte und von jenem Anfall von Scham befreit war und seine gewöhnliche Haltung wiedergewonnen, wärmte sie den Rest seines Abendessens noch einmal und freute sich, während sie neben ihm saß, daß er aß und trank. Denn jetzt saß er in seiner schwarzen Samtmütze und seinem alten, grauen Schlafrock wieder erhaben da und würde sich gegen jeden Kollegen, der hereingekommen, um sich seinen Rat zu erbitten, wie ein großer moralischer Lord Chesterfield oder Sittenzeremonienmeister des Marschallgefängnisses benommen haben. Um seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen, sprach sie mit ihm von seiner Garderobe; und er geruhte zu sagen, ja, diese Hemden, die sie ihm vorschlage, seien ganz annehmbar, denn die, die er habe, seien abgetragen und hätten, als fertig gekauft, nie getaugt. Da er gesprächig wurde und in gute Laune kam, richtete er ihre Aufmerksamkeit auf seinen Rock, der hinter der Tür hing, indem er bemerkte, daß der Vater des Ortes seinen Kindern, die ohnedies nachlässig gekleidet zu gehen geneigt seien, ein schlimmes Beispiel geben würde, wenn er mit offenen Ellbogen unter ihnen umherginge. Er scherzte sogar über die Absätze seiner Schuhe; wurde jedoch bezüglich seiner Krawatte ernst und bat sie, wenn sie es ermöglichen könnte, ihm eine neue zu kaufen. Während er seine Zigarre im Frieden rauchte, machte sie sein Bett und brachte das kleine Zimmer für seine Nachtruhe in Ordnung. Da er bei der vorgerückten Stunde und infolge seiner Aufregung sehr müde war, erhob er sich aus seinem Stuhl, um sie zu segnen und ihr gute Nacht zu wünschen. Er hatte die ganze Zeit nicht einmal an ihr Kleid und ihre Schuhe oder irgend etwas, dessen sie sonst bedurfte, gedacht. Niemand auf Erden, außer sie selbst, konnte so gleichgültig gegen ihre Bedürfnisse sein. Er küßte sie mehrmals mit den Worten: »Gott segne dich, mein liebes Kind. Gute Nacht, meine Liebe!« Aber ihr edles Herz war so tief verwundet durch das, was sie von ihm gesehen, daß sie ihn nicht allein lassen wollte, damit er nicht wieder jammere und verzweifle. »Lieber Vater, ich bin nicht müde; ich will wiederkommen, wenn du im Bett bist, und mich zu dir setzen.« Er fragte sie mit einem gewissen Ausdruck des Schutzes, ob sie sich einsam fühle? »Ja, Vater.« »Dann komme jedenfalls wieder, mein liebes Kind.« »Ich werde sehr ruhig sein, Vater.« »Denke nicht an mich, mein liebes Kind«, sagte er, indem er ihr seine freundliche Erlaubnis aus vollem Herzen gab. »Komme jedenfalls wieder.« Er schien zu schlummern, als sie zurückkam, und sie schürte das herabgebrannte Feuer leise zusammen, damit sie ihn nicht aufwecke. Aber er hörte sie und fragte, wer es sei. »Nur Amy, Vater.« »Amy, mein Kind, komm hierher. Ich muß dir ein Wort sagen.« Er erhob sich etwas in seinem niederen Bett, während sie neben ihm kniete, um ihr Gesicht in seine Nähe zu bringen, und legte seine Hand zwischen die ihren. Oh! Beide, der Privatvater und der Vater des Marschallgefängnisses, waren in diesem Augenblick lebendig in ihm. »Mein liebes Kind, du hattest hier ein Leben voll Mühseligkeit. Keine Spielgenossen, keine Erholungen, manche Entbehrungen, fürchte ich.« »Denke nicht daran, Vater. Ich tu' es auch nicht.« »Du kennst meine Lage, Amy. Ich war nicht imstande, viel für dich zu tun; aber was ich zu tun imstande war, habe ich getan.« »Ja, mein lieber Vater«, bestätigte sie, ihn küssend. »Ich weiß, ich weiß.« »Ich bin im dreiundzwanzigsten Jahre hier«, sagte er, mit einem Ausdruck in seinem Ton, der nicht so sehr ein Seufzer als vielmehr ein ununterdrückbares Gefühl des Eigenlobes, der augenblickliche Ausbruch edlen Selbstbewußtseins war. »Alles, was ich für meine Kinder tun konnte, habe ich getan. Amy, meine Liebe, du bist bei weitem die, die ich von allen drei am meisten liebe; ich trug dich vor allen in meinem Herzen, und was ich für dich getan, mein liebes Kind, habe ich gern und ohne Murren getan.« Nur die Weisheit, die den Schlüssel zu allen Herzen und Geheimnissen hat, kann genau wissen, wie weit ein Mann, und besonders ein Mann, der so herabgekommen wie dieser, sich selbst belügen kann. Genug für den Augenblick, daß er mit nassen Wimpern, heiter, in majestätischer Weise sich niederlegte, nachdem er sein herabgekommenes Leben als eine Art Erbteil auf das liebevolle Kind übertragen, auf das sein Elend so schwer gefallen und dessen Liebe ihn allein so weit gerettet, daß er war, was er war. Das Kind hatte keine Zweifel, richtete keine Fragen an sich selbst, denn es war nur zu zufrieden, ihn mit einem Glanz um sein Haupt zu sehen. »Armer, lieber, guter Vater, bester, teuerster Vater«, waren die einzigen Worte, die sie für ihn hatte, als sie ihn in den Schlaf bringen wollte. Sie verließ ihn die ganze Rächt nicht mehr. Als ob sie ihm ein Unrecht getan, das ihre Zärtlichkeit kaum wieder gutmachen könnte, saß sie bei ihm, während er schlief, und küßte ihn bisweilen mit zurückgehaltenem Atem und flüsterte einen liebkosenden Namen. Bisweilen ging sie zur Seite, um nicht das herabgebrannte Feuer aufzufangen, und hätte gern gewußt, wenn sie ihn beobachtete und das Licht auf sein schlafendes Gesicht fiel, ob er wohl so ausgesehen, als er glücklich und in guten Umständen gewesen; da er sie so sehr gerührt, als er sich einbildete, daß er noch einmal in jener schrecklichen Zeit so aussehen würde. Bei dem Gedanken an jene Zeit kniete sie wieder neben seinem Bett nieder und betete: »Oh, erhalte sein Leben! Oh, erhalte ihn mir! Oh, sieh herab auf meinen teuren, lang duldenden, unglücklichen, viel veränderten, teuren, teuren Vater!« Erst als der Morgen kam, ihn zu schützen und zu ermutigen, gab sie ihm einen letzten Kuß und verließ das kleine Zimmer. Als sie sich die Treppen und über den leeren Hof hinabgestohlen und nach ihrer eigenen hohen Dachstube hinaufgekrochen, konnte man die rauchlosen Häusergiebel und die fernen Landhügel über der Mauer in dem klaren Morgenlicht unterscheiden. Als sie sanft das Fenster öffnete und nach Osten über den Gefängnishof hinblickte, waren die Spitzen auf den Mauern rot gefärbt und bildeten plötzlich ein purpurnes Muster auf der Sonne, als sie am Himmel emporflammte. Die Eisenspitzen hatten nie so scharf und grausam ausgesehen, noch die Riegel so schwer, noch der Gefängnisraum so düster und eng. Sie dachte an den Sonnenaufgang über rauschenden Strömen, an den Sonnenaufgang über großen Wäldern, wo die Vögel erwachten und die Bäume flüsterten; und sie sah hinab in das lebendige Grab, über dem die Sonne aufgegangen, das Grab, in dem ihr Vater seit dreiundzwanzig Jahren lebte, und sagte mit einem Ausbruch von Kummer und Mitleid: »Nein, nein, ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen!« Zwanzigstes Kapitel. Die Gesellschaft. Wenn der junge John Chivery die Neigung und das Talent besessen, eine Satire mit Familienstolz zu schreiben, er hätte, um ein treffendes Beispiel zu finden, nicht nötig gehabt, aus der Familie seiner Geliebten hinauszugehen. Er hätte solche reichlich in dem hochfahrenden Bruder und der feinen Schwester gefunden, die so tiefgetaucht in gemeine Erfahrungen und so hochmütig auf ihren Familiennamen waren; so bereit, von dem Ärmsten zu betteln und zu borgen, von jedermanns Brot zu essen, jedermanns Geld zu vergeuden, aus jedermanns Glas zu trinken und es nachher zu zerbrechen. Wenn er die schmutzigen Tatsachen ihres Lebens geschildert und sie gezeichnet, wie sie beständig die Erscheinung des Gespenstes ihres Familienadels beschworen, um ihre Wohltäter zu schrecken, – der junge John wäre ein Satiriker vom reinsten Wasser geworden. Tip hatte seiner Freiheit eine hoffnungsvolle Richtung gegeben, indem er Billardmarkör wurde. Er hatte sich so wenig darum gekümmert, wie und durch wen er befreit worden, daß Clennam kaum nötig gehabt, sich die Mühe zu geben, das Gedächtnis von Mr. Plornish in dieser Richtung zu beschweren. Wer auch immer ihm das Geschenk gemacht, er nahm es bereitwilligst an, ließ ihm dafür sein Kompliment machen, und damit war die Sache abgetan. So leichten Kaufs aus dem Gefängnis befreit, wurde er Billardmarkör und zog nun zuweilen in einem grünen Newmarketrock (aus zweiter Hand), mit einem glänzenden Kragen und blanken Knöpfen (neu), in die kleine Kegelbahn und trank das Bier der Kollegen. Ein fester, stabiler Punkt in dem lockern Wesen dieses Charakters war, daß er seine Schwester Amy achtete und bewunderte. Dieses Gefühl hatte ihn zwar nie veranlaßt, ihr auch nur einen verdrießlichen Moment zu ersparen oder sich irgendeinen Zwang anzutun und sich irgendeine Mühe aufzuerlegen; aber mit diesem Marschallgefängnisfleck auf seiner Liebe, liebte er sie. Derselbe starke Marschallgefängnisgeruch ließ sich in der Art erkennen, wie er deutlich sah, daß sie ihr Leben für ihren Vater opferte und dabei gar nicht daran dachte, daß sie irgend etwas für ihn getan. Wann dieser lebhafte junge Mann und seine Schwester begonnen, das Familienehrenskelett systematisch zusammenzusetzen, um die Kollegen zu schrecken, kann diese Erzählung nicht genau angeben. Wahrscheinlich ungefähr zu der Zeit, als sie auf Kosten der Wohltätigkeit des Kollegiums zu Mittag zu essen begannen. Soviel ist sicher, daß, je reduzierter und bedürftiger sie waren, desto pomphafter das Skelett aus seinem Grabe stieg und daß, wenn irgend etwas besonders Schäbiges im Anzug war, das Skelett immer mit dem geisterhaftesten Glanz zum Vorschein kam. Es war für Klein-Dorrit an jenem Montagmorgen spät geworden, denn ihr Vater schlief lange, und dann war sein Frühstück zu bereiten und sein Zimmer herzurichten. Sie war jedoch heute nicht zum Nähen bestellt und blieb deshalb bei ihm, bis sie mit Maggys Hilfe alles in Ordnung gebracht und ihn seinen Morgenspaziergang (von ungefähr zwanzig Schritt) nach dem Kaffeehaus hatte antreten sehen, wo er die Zeitungen las. Dann nahm sie ihren Hut und ging aus; sie wäre gern viel früher ausgegangen. Es trat wie gewöhnlich eine Unterbrechung in dem Geplauder des Pförtnerstübchens ein, als sie durch dasselbe ging, und ein Gefangener, der am Samstagabend hereingekommen war, wurde von dem Ellbogen eines schon länger Sitzenden angestoßen: »Sehen Sie! Das ist sie!« Sie wollte ihre Schwester besuchen; als sie jedoch nach Mr. Cripples' Haus kam, hörte sie, daß ihre Schwester und ihr Onkel in das Theater gegangen waren, wo sie engagiert waren. Nachdem sie einen Augenblick über diese Wahrscheinlichkeit nachgesonnen und sich entschlossen, ihnen in diesem Falle zu folgen, begab sie sich raschen Schrittes nach dem Theater, das diesseits des Flusses und nicht weit entfernt war. Klein-Dorrit war der Theaterwege so unkundig wie der Goldminenwege, und als sie nach einer Art geheimer Tür gewiesen wurde, die so seltsam aussah, als stünde sie die ganze Nacht offen, und sich vor sich selbst zu schämen und sich in einem Gang zu verbergen schien, zögerte sie, sich zu nähern, da sie überdies noch weiter durch den Anblick von einem halben Dutzend kahl rasierter Herren zurückgeschreckt wurde, die die Hüte seltsam aufhatten und, wie sie so um die Tür her lungerten, den Gefangenen des Marshalsea gar nicht unähnlich waren. Als sie sich, durch diese Ähnlichkeit ermutigt, um Auskunft wegen Miß Dorrit an sie wandte, machten sie ihr Platz, und sie trat in einen dunklen Gang – der einer großen mürrischen Lampe glich, die ausgegangen zu sein schien –, wo sie in der Entfernung Musik und das Geräusch von tanzenden Füßen hören konnte. Ein Mann, der so sehr der frischen Luft entbehrte, daß er mit einem blauen Moder überlaufen war, bewachte diesen dunklen Ort von einem Loch in einer Ecke aus wie eine Spinne; und er sagte ihr, daß er die erste Dame oder den ersten Herrn, die hier vorüberkämen, zu Miß Dorrit schicken wolle. Die erste Dame, die hier vorüberkam, trug eine Musikrolle, die halb in ihrem Muff versteckt war, halb heraussah und in so gänzlich zerknittertem Zustande war, daß man ihr ohne Zweifel eine Freundlichkeit erwiesen, wenn man sie ausgebügelt hätte. Da die Dame jedoch sehr gutmütig war, sagte sie: »Kommen Sie mit mir: ich werde Miß Dorrit gleich für Sie gefunden haben«, und so ging Miß Dorrits Schwester mit ihr, und sie kamen mit jedem Schritt in der Dunkelheit dem Klang der Musik und dem Geräusch der tanzenden Füße immer näher. Endlich kamen sie in einen Nebel von Staub, wo eine Menge Menschen sich durcheinander tummelten und ein solcher Wirrwarr sonderbarer Gestalten von Balken, Bretterverschlägen, Backsteinmauern, Stricken und Walzen war und solch eine Mischung von Gaslicht und Tageslicht herrschte, daß sie auf die verkehrte Seite des Weltmusters gekommen zu sein schienen. Klein-Dorrit, die sich wieder allein sah und jeden Augenblick von jemandem gestoßen wurde, war ganz verwirrt, als sie die Stimme ihrer Schwester hörte. »Ei du mein Gott, Amy, was führt dich hierher?« »Ich wollte dich sprechen, liebe Fanny; und da ich morgen den ganzen Tag aus bin und wußte, daß du heute den ganzen Tag beschäftigt sein würdest, so dacht' ich –« »Aber die Idee, Amy, daß du hierherkommst! Ich hätte mir's nicht einfallen lassen!« Während ihre Schwester dies in keinem sehr herzlichen Willkommenston sagte, führte sie sie nach einem freieren Platze, wo verschiedene vergoldete Stühle und Tische durcheinander gehäuft waren und wo eine Anzahl junger Damen plaudernd auf allem saßen, was sie gerade finden konnten. All diese Damen hätten das Ausbügeln brauchen können, und alle hatten eine eigentümliche Art, überall herumzusehen, während sie plauderten. Gerade als die Schwestern an diesen Platz kamen, bog ein Junge in einer schottischen Mütze seinen Kopf um einen Balken zur Linken und sagte: »Weniger laut, meine Damen!« und verschwand. Gleich darauf sah ein lustiger Herr mit einer Masse langer, schwarzer Haare um einen Balken zur Rechten und sagte: »Weniger laut, liebe Kinder!« und verschwand gleichfalls. »Dich unter meinen Kollegen hier zu sehen, Amy, ist wahrhaftig, was ich mir zuletzt hätte einfallen lassen«, sagte ihre Schwester. »Wie kamst du denn nur hierher?« »Ich weiß nicht. Die Dame, die dir sagte, daß ich hier sei, war so gut, mich hereinzuführen.« »Ja, ihr kleinen, stillen Geschöpfe, ihr könnt überall durchkommen, glaube ich. Mir wär's nicht gelungen, Amy, obgleich ich weit mehr von der Welt weiß.« Es war die Gewohnheit der Familie, es als ein Familiengesetz zu betrachten, daß Amy ein einfaches, häusliches Geschöpf, aber ohne die großen und klugen Erfahrungen der übrigen sei. Diese Familienfiktion bestimmte die Ansicht der Familie von ihren Diensten. Nicht zuviel aus ihnen zu machen, war die Taktik. »Nun, und was ist dir eingefallen, Amy? Natürlich ist dir etwas durch den Kopf gegangen, was mich betrifft?« sagte Fanny. Sie sprach, als ob ihre Schwester, die zwei bis drei Jahre jünger war als sie, ihre in Vorurteilen befangene Großmutter wäre. »Es ist nicht viel; aber seit du mir von der Dame gesagt, die dir das Armband gab, Fanny –« Der Junge steckte seinen Kopf um eine Kulisse zur Linken und sagte: »Passen Sie auf, meine Damen!« und verschwand. Der lustige Herr mit dem schwarzen Haar steckte alsbald auch den Kopf hinter die Kulisse zur Rechten und sagte: »Passen Sie auf, meine Kinder!« und verschwand gleichfalls. Alle die jungen Damen standen auf und begannen ihre Röcke hinten auszuschütteln. »Nun, Amy«, sagte Fanny, indem sie dem Beispiel der übrigen folgte, »was wolltest du sagen?« »Seit du mir erzählt, eine Dame habe dir das Armband gegeben, das du mir gezeigt, Fanny, bin ich nicht mehr ganz ruhig deinetwegen und möchte wirklich etwas mehr wissen, wenn du mir mehr anvertrauen willst.« »Jetzt, meine Damen!« sagte der Junge mit der schottischen Mütze. »Jetzt, meine Kinder!« sagte der Herr mit dem schwarzen Haar. In einem Augenblick waren sie alle verschwunden, und man hörte wieder die Musik und die tanzenden Füße. Durch diese Unterbrechungen ganz schwindlig gemacht, setzte sich Klein-Dorrit auf einen goldenen Stuhl. Ihre Schwester und die übrigen blieben lange fort; und während ihrer Abwesenheit rief eine Stimme (es schien die des Herrn mit dem schwarzen Haar zu sein) beständig durch die Musik: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts! – Takt halten, Kinder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – vorwärts!« Zuletzt schwieg die Stimme, und sie kamen alle wieder, mehr oder weniger außer Atem, sich in ihre Schals hüllend und sich für die Straße zurechtmachend. »Warte ein wenig, Amy, und lasse sie vorher weggehen«, flüsterte Fanny. Sie waren bald allein; es geschah in der Zwischenzeit nichts Wichtiges, als daß der Junge um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Damen!« und daß der Herr mit dem schwarzen Haar um seine alte Kulisse sah und sagte: »Alle pünktlich morgen um elf Uhr, meine Kinder!« – Jeder tat es nach seiner gewöhnlichen Art. Als sie allein waren, wurde etwas weggewälzt oder auf andere Weise aus dem Weg geschafft, und es war ein großer, leerer Brunnen vor ihnen, in dessen Tiefen Fanny hinabsah und rief: »Nun, Onkel!« Als Klein-Dorrits Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, gewahrte sie die Umrisse desselben in der Tiefe des Loches in einer dunklen Ecke. Er hielt sein Instrument in der zerrissenen Kapsel unter dem Arm. Der alte Mann sah aus, als ob die entfernten, hohen Galeriefenster mit ihrem kleinen Streifen Himmel die Höhe seiner bessern Tage gewesen, von der er herabgestiegen, bis er zuletzt in diesen Abgrund gesunken. Er war seit vielen Jahren wöchentlich sechs Abende an diesem Ort; man hatte jedoch nie beobachtet, daß er seine Blicke über die Noten erhoben, und man war der festen Überzeugung, daß er nie ein Stück gesehen. Es ging sogar die Sage an diesem Ort, daß er die populärsten Helden und Heldinnen nicht mal von Ansehen kenne, und daß der Komiker um einer Wette willen ihn fünfzig Abende lang auf das beste persifliert, ohne daß er auch nur das geringste davon gemerkt. Die Zimmerleute behaupteten im Scherze, er sei tot, ohne daß er es wisse, und die Besucher des Parterres glaubten, er bringe sein ganzes Leben, Tag und Nacht und Sonntag und alle Zeit, im Orchester zu. Sie hatten ihm mehrmals Prisen über die Brustlehne hinüber angeboten, und er hatte diese Aufmerksamkeit immer mit einem momentanen Erwachen erwidert, in dem das blasse Phantom des Gentlemans zur Erscheinung kam; über dies hinaus hatte er niemals irgendwelchen Anteil an dem, was vorging, soweit es nicht in der für die Klarinette ausgeschriebenen Stimme stand; im Privatleben, wo es keine Klarinettstimme gab, nahm er überhaupt keinen Anteil an etwas. Einige sagten, er sei arm, andere, er sei ein reicher Geizhals, er aber sagte nichts, hob niemals seinen gebückten Kopf und änderte auch seinen schlürfenden Gang nicht, indem er seinen unelastischen Fuß vom Boden etwa aufgehoben. Obgleich er in diesem Augenblick erwartete, daß ihn seine Nichte rufen werde, hörte er doch nicht, bis sie drei- oder viermal gesprochen; auch war er nicht im geringsten überrascht, als er zwei Nichten statt einer fand, sondern sagte nur mit seinem tremulierenden Tone: »Ich komme, ich komme!« und kroch durch einen unterirdischen Gang, der einen Kellergeruch verbreitete, herauf. »So, Amy«, sagte ihre Schwester, als die drei zusammen fortgingen, an der Tür, die ein so verschämtes Bewußtsein ihrer Verschiedenheit von andern Türen hatte, während der Onkel unwillkürlich Amys Arm als denjenigen nahm, auf den man sich stützen konnte; »so, Amy, du möchtest also mehr von mir wissen?« Sie war hübsch und selbstbewußt und ziemlich aufgeblasen; und die Herablassung, mit der sie das Übergewicht ihrer Reize und ihrer Welterfahrung beiseite setzte und sich mit ihrer Schwester beinahe auf eine Stufe stellte, hatte viel von dem Wesen der Familie an sich. »Fanny, ich interessiere mich für alles, was dich betrifft, und bin auch dabei beteiligt.« »Allerdings, allerdings, und du bist die beste Amy. Wenn ich je etwas hoch hinaus will, so wirst du sicher einsehen, was es heißt, meine Stellung einzunehmen und das Bewußtsein zu besitzen, über sie erhaben zu sein. Ich würde mich nicht darum kümmern«, sagte die Tochter des Vaters des Marschallgefängnisses, »wenn die andern nicht so gemein wären. Keine von ihnen ist wie wir in der Welt heruntergekommen. Sie stehen alle auf ihrer Höhe. Gemeines Volk.« Klein-Dorrit sah die Sprecherin freundlich an, unterbrach sie jedoch nicht. Fanny nahm ihr Taschentuch heraus und wischte sich ziemlich ärgerlich die Augen. »Du weißt, ich bin nicht geboren worden, Amy, wo du geboren wurdest, und vielleicht macht das einen Unterschied. Mein liebes Kind, wenn wir den Onkel los sind, werde ich dir alles sagen. Wir wollen ihn bei der Garküche absetzen, wo er zu Mittag speist.« Sie gingen mit ihm weiter, bis sie an ein schmutziges Ladenfenster in einer schmutzigen Straße kamen, das durch den Dampf der heißen Fleischspeisen, Gemüse und Puddings beinahe undurchsichtig geworden. Aber man sah doch noch einen Schein von gebratenem Schweinsschlegel, der in einer metallenen Schüssel voll Fettbrühe vor lauter Salbei und Zwiebel Tränen weinte, einen Schein von einem fetten Roastbeef und blasigem Yorkshirepudding, der heiß in einem ähnlichen Gefäße glänzte, einen Schein von einem gefüllten Kalbsfilet, das hastig angeschnitten worden, von einem Schinken, der durch den Schritt, in dem er dem Garwerden entgegenging, transpirierte, von einem flachen Gefäß mit gebratenen Kartoffeln, die durch ihre eigene Üppigkeit zusammenhielten, von einem oder zwei Bündeln gekochter Küchenkräuter und andern substanziellen Delikatessen. Drinnen waren einige hölzerne Abteilungen, hinter denen solche Kunden, die es bequemer fanden, ihr Essen im Magen, statt in den Händen mitzunehmen, ihre Einkäufe in der Stille einpackten. Fanny öffnete, während sie die Sachen übersah, ihren Ridikül, brachte aus diesem Behälter einen Schilling hervor und gab ihn dem Onkel. Der Onkel, der sich das Erhaltene einen Augenblick ansah, ahnte, was es sei, und verschwand langsam mit den Worten: »Mittagessen? Hm? Ja, ja, ja!« in dem Nebel. »Jetzt, Amy«, sagte ihre Schwester, »komm' mit mir, wenn du nicht zu müde bist, um nach Harley Street, Cavendish Square zu gehen.« Die Miene, mit der sie diese vornehme Adresse nannte, und die Art, wie sie ihren neuen Hut zurückwarf, der mehr durchsichtig als nützlich war, ließ ihre Schwester staunen; sie sprach jedoch ihre Bereitwilligkeit aus, nach Harley Street zu gehen, und sie richteten ihre Schritte dahin. Als sie an diesen großartigen Bestimmungsort gekommen waren, bezeichnete Fanny das schönste Haus und fragte, nachdem sie an die Tür gepocht, nach Mrs. Merdle. Der Bediente, der die Tür öffnete, obwohl er Puder auf dem Kopfe hatte und zwei andere gleichfalls gepuderte Bediente ihm den Rücken deckten, bestätigte nicht nur, daß Mrs. Merdle zu Hause sei, sondern bat Fanny, einzutreten. Fanny trat ein und nahm ihre Schwester mit sich; sie gingen die Treppe hinauf, Puder vorn und Puder hinten, und wurden in ein halbrundes, geräumiges Empfangszimmer, eins von den vielen Empfangszimmern geführt, wo sich ein Papagei außen an einem goldenen Käfig befand, der sich mit seinem Schnabel, die schaligen Füße in der Luft, daran festhielt und sich in allerlei seltsame Stellungen brachte, bei denen immer der Rücken unten war. Diese Eigentümlichkeit hat man auch bei Vögeln von ganz anderem Gefieder bemerkt, die an goldenen Drahtstäben hinaufklettern. Das Zimmer war prachtvoller als alles, was Klein-Dorrit sich je vorgestellt hatte, und würde jedem glänzend und kostbar erschienen sein. Sie sah ihre Schwester erstaunt an und würde eine Frage an sie gerichtet haben, wenn Fanny nicht mit warnender Stirn nach einer Portiere gedeutet, die in ein anderes Zimmer führte. Der Vorhang bewegte sich im nächsten Augenblick, und eine Dame, die ihn mit reich beringter Hand auseinanderhob, ließ ihn wieder hinter sich fallen, als sie eingetreten war. Die Dame war nicht jung und frisch von der Hand der Natur, aber war jung und frisch von der Hand ihrer Kammerjungfer. Sie hatte große, gefühllose, schöne Augen und dunkles, gefühlloses, schönes Haar und einen breiten, gefühllosen, schönen Busen und war in allen diesen Einzelheiten aufs effektvollste herausstaffiert. Sei es nun, daß sie sich erkältet oder weil es ihr gut stand, sie trug eine reiche, weiße Binde über ihren Kopf und unter ihrem Kinn zusammengebunden. Und wenn es je ein gefühlloses, schönes Kinn gab, das aussah, als ob es gewiß nie in vertraulichem Umgang von der Hand eines Mannes geliebkost worden, war es das Kinn, das durch diesen Spitzenzaum so fest und scharf aufgezäunt war. »Mrs. Merdle«, sagte Fanny. »Meine Schwester, Ma'am.« »Ich freue mich, Ihre Schwester zu sehen, Miß Dorrit. Ich erinnere mich nicht, daß Sie eine Schwester haben.« »Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt«, erwiderte Fanny. »Ah!« Mrs. Merdle krümmte den kleinen Finger ihrer linken Hand, als wollte sie damit sagen: »Ich habe sie ertappt. Ich wußte es wohl, daß Sie's nicht sagten!« All ihre Gesten verrichtete gewöhnlich ihre linke Hand, weil ihre Hände kein Paar waren; die linke war weit die weißere und vollere von den beiden. Dann fügte sie hinzu: »Setzen Sie sich« und ließ sich selbst mit einer gewissen Üppigkeit in einem Nest von scharlachroten und goldenen Kissen auf einer Ottomane in der Nähe des Papageis nieder. »Gleichfalls beim Theater« sagte Mrs. Merdle und betrachtete Klein-Dorrit durch das Augenglas. Fanny antwortete: »Nein.« »Nein«, sagte Mrs. Merdle, ihr Augenglas fallen lassend, »hat kein theatralisches Aussehen. Sehr angenehm, aber nicht theatralisch.« »Meine Schwester, Ma'am«, sagte Fanny, in deren Ton eine eigentümliche Mischung von Ehrerbietung und Kühnheit war, »hat mich gebeten, ihr zu sagen, wie sich's unter Schwestern geziemt, auf welche Art ich zu der Ehre Ihrer Bekanntschaft kam. Und da ich mich verpflichtet hatte, Sie wieder zu besuchen, so glaubte ich mir die Freiheit nehmen zu dürfen, sie mitzubringen, damit Sie's ihr vielleicht selbst sagen. Ich wünsche, daß sie es weiß, und vielleicht sagen Sie es ihr.« »Denken Sie, in Ihrer Schwester Alter –-« warnte Mrs. Merdle. »Sie ist weit älter, als sie aussieht«, sagte Fanny, »beinahe so alt wie ich.« »Die Gesellschaft«, sagte Mrs. Merdle mit einer zweiten Krümmung des kleinen Fingers, »ist so schwierig, jungen Leuten zu erklären (sie ist wirklich den meisten Menschen schwer zu erklären), daß ich froh bin, das zu hören. Ich wünschte, die Gesellschaft wäre nicht so willkürlich, so anspruchsvoll, – Vogel, sei ruhig!« Der Papagei hatte einen sehr grellen Schrei ausgestoßen, als wenn er Gesellschaft hieße und sein Recht zu den Ansprüchen behauptete. »Aber«, fuhr Mrs. Merdle fort, »wir müssen sie nehmen, wie wir sie finden. Wir wissen wohl, sie ist hohl und konventionell, weltlich und sehr anstößig, aber wenn wir nicht Wilde an den tropischen Meeren sind (ich wäre mit Vergnügen eine solche Wilde – ein entzückendes Leben und herrliches Klima, wie man mir sagt –), so müssen wir sie berücksichtigen. Es ist das allgemeine Los. Mr. Merdle ist ein Kaufmann mit großen Verbindungen, seine Geschäfte werden im großartigsten Maßstab betrieben, sein Reichtum und sein Einfluß sind sehr bedeutend, aber selbst er – Vogel, sei still!« Der Papagei hatte wieder geschrien, und er vollendete die Phrase so ausdrucksvoll, daß Mrs. Merdle nicht nötig hatte, sie zu beendigen. »Da Ihre Schwester bittet, ich möchte unsere persönliche Bekanntschaft näher erklären«, begann sie wieder und wandte sich an Klein-Dorrit, »indem ich die Umstände erzähle, die sehr zu Ihrem Vorteil sprechen, so kann ich allerdings nicht umhin, ihrem Wunsche zu entsprechen. Ich habe einen Sohn (ich wurde das erstemal außerordentlich früh verheiratet) von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren.« Fanny biß die Lippen aufeinander, und ihre Augen sahen halb triumphierend auf ihre Schwester. »Einen Sohn von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren. Er ist ein wenig lustig, etwas, woran die Gesellschaft bei jungen Männern gewöhnt ist, und gefühlvoll. Vielleicht hat er dieses Unglück geerbt. Ich bin selbst sehr gefühlvoller Natur. Ein außerordentlich weiches Geschöpf. Ich bin gleich gerührt.« Sie sagte dies und alles andere so kalt wie eine Frau von Schnee; auch schien sie die Anwesenheit der Schwestern, wenige Augenblicke ausgenommen, ganz zu vergessen und ihre Worte an eine Abstraktion von Gesellschaft zu richten. Um dieser Abstraktion willen ordnete sie zuweilen ihr Kleid oder gab sich eine andre Stellung auf der Ottomane. »Wie gesagt, er ist sehr gefühlvoll. Im Naturzustande wäre das, glaube ich, kein Unglück, aber wir sind nicht mehr im Naturzustande. Es ist das ohne Zweifel sehr zu bedauern, namentlich meinerseits, da ich ein Naturkind bin, wenn ich es nur zeigen könnte, aber so ist es nun einmal. Die Gesellschaft unterdrückt und beherrscht uns – Vogel, sei ruhig!« Der Vogel war in ein heftiges Gelächter ausgebrochen, nachdem er mehrere Stäbe seines Käfigs mit seinem krummen Schnabel verdreht und mit seiner schwarzen Zunge beleckt hatte. »Es ist völlig unnötig, einer Person von Ihrer Einsicht, Ihrer Erfahrung und Feinfühligkeit«, sagte Mrs. Merdle, aus ihrem Neste aus Scharlach und Gold – und setzte dabei ihr Glas wieder an die Augen, um ihr Gedächtnis aufzufrischen, mit wem sie spräche – »es ist unnötig, Ihnen zu sagen, daß das Theater bisweilen einen zaubrischen Reiz für junge Leute von solchem Charakter hat. Wenn ich Theater sage, so meine ich die Personen weiblichen Geschlechts dabei. Als ich deshalb hörte, mein Sohn sei von einer Tänzerin bezaubert, so wußte ich, was das in der Gesellschaft gewöhnlich zu bedeuten habe, und verließ mich darauf, daß es eine Tänzerin bei der Oper sei, wo junge Leute, die sich in der Gesellschaft bewegen, sich gewöhnlich bezaubern lassen.« Sie ließ die weißen Hände übereinander laufen und beobachtete nun die Schwestern; und die Ringe an ihren Fingern knarrten mit einem scharfen Ton aneinander. »Wie Ihre Schwester Ihnen sagen kann, als ich fand, welches Theater es sei, war ich sehr erstaunt und unangenehm berührt. Als ich jedoch fand, daß Ihre Schwester die Avancen meines Sohnes (ich muß hinzufügen, in höchst unerwarteter Weise) zurückwies und ihn dadurch soweit trieb, ihr die Heirat anzutragen, war ich aufs tiefste bestürzt und in Sorgen.« Sie streifte an der Außenlinie ihrer linken Augenbraue hin und brachte sie in Ordnung. »In einem zerstörten Zustand, den nur eine Mutter – die sich in der Gesellschaft bewegt – begreifen kann, beschloß ich, selbst nach dem Theater zu gehen und der Tänzerin meine Gemütsverfassung auseinanderzusetzen. Ich stellte mich selbst Ihrer Schwester vor. Ich fand sie zu meinem Erstaunen in vielen Beziehungen von meinen Erwartungen verschieden, und gewiß in keiner mehr, als darin, daß ich – wie soll ich's nur ausdrücken? – auf ihrer Seite gleichfalls Familienprätensionen fand.« Mrs. Merdle lächelte. »Ich sagte Ihnen, Ma'am«, warf Fanny mit erhöhter Röte ein, »daß, obgleich Sie mich in dieser Lage fanden, ich so hoch über den übrigen stehe, daß ich meine Familie für so gut wie die Ihrige ansähe; und daß ich einen Bruder hätte, der, wenn er die Umstände kennte, derselben Ansicht sein und in einer solchen Verbindung keine besondere Ehre sehen würde.« »Miß Dorrit«, sagte Mrs. Merdle, nachdem sie sie frostig durch ihr Glas angesehen, »das ist's, was ich, auf Ihre Bitte hin, soeben Ihrer Schwester zu erzählen im Begriffe war. Sehr verbunden, daß Sie sich so genau erinnern und mir zuvorkommen. Ich nahm augenblicklich«, fuhr sie an Klein-Dorrit gewandt fort, »(denn ich folge meinen momentanen Eingebungen) ein Armband von meinem Arm und bat Ihre Schwester, es ihr anlegen zu dürfen, zum Zeichen der Freude, die ich empfand, die Sache soweit auf einen gemeinschaftlichen Fuß bringen zu können.« (Das war vollkommen wahr, da die Dame einen billigen, aber prächtig aussehenden Artikel auf ihrem Wege nach dem Theater in der Absicht der Bestechung gekauft hatte.) »Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle, daß wir unglücklich sein könnten, aber nicht gemein.« »Ich glaube, das waren die Worte, Miß Dorrit«, bestätigte Mrs. Merdle. »Und ich sagte Ihnen, Mrs. Merdle«, fuhr Fanny fort, »daß, wenn Sie mir von der überlegenen Stellung Ihres Sohnes, der sich in der Gesellschaft bewege, sprächen, es wohl möglich sei, daß Sie sich in Ihren Vermutungen über meine Abkunft täuschten; und daß meines Vaters Stellung, selbst in der Gesellschaft, in der er sich jetzt bewege (welche das war, war mir am besten bekannt), eine sehr hohe und allgemein anerkannte sei.« »Ganz recht«, fügte Mrs. Merdle hinzu. »Ein außerordentlich bewundernswertes Gedächtnis.« »Ich danke Ihnen, Ma'am. Vielleicht werden Sie so freundlich sein, meiner Schwester das übrige zu sagen.« »Es ist sehr wenig mehr zu erzählen«, sagte Mrs. Merdle, mit einem Blicke über die Breite ihres Busens, die wesentlich für sie zu sein schien, um Raum genug für ihre Gefühllosigkeit zu haben, »aber es dient zur Ehre Ihrer Schwester. Ich setzte Ihrer Schwester den Stand der Dinge offen auseinander; die Unmöglichkeit, daß die Gesellschaft, in der wir uns bewegten, die Gesellschaft anerkenne, in der sie sich bewegte, – obgleich sie ohne Zweifel ganz reizend sei; den ungeheuren Nachteil, in den sie infolgedessen die Familie bringe, von der sie eine so hohe Meinung habe, auf die wir aber mit Verachtung herabzusehen gezwungen sein würden, und von der wir, gesellschaftlich gesprochen, uns mit Abscheu zurückziehen müßten. Kurz, ich appellierte an den lobenswerten Stolz ihrer Schwester.« »Lassen Sie meine Schwester gefälligst wissen, Mrs. Merdle«, schmollte Fanny, indem sie ihren durchsichtigen Hut heftig zurückwarf, »daß ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Sohn zu sagen, ich wünschte auch nicht das geringste mit ihm zu tun zu haben.« »Jawohl, Miß Dorrit«, pflichtete Mrs. Merdle bei, »vielleicht hätte ich das schon früher bemerken sollen. Wenn ich nicht daran dachte, geschah es, weil die Befürchtungen, die ich damals hegte, er möchte bei seinem Entschlusse beharren, und Sie möchten ihm etwas zu sagen haben, mir wieder lebhaft vor die Seele traten. Ich erwähnte auch gegenüber Ihrer Schwester – ich wende mich wieder an die nicht dem Theater angehörende Miß Dorrit –, daß mein Sohn im Fall einer solchen Heirat nichts haben würde und ein absoluter Bettler wäre. (Ich erwähne das nur als ein Faktum, das einen Teil der Erzählung bildet, und nicht, als vermutete ich, es habe Einfluß auf Ihre Schwester gehabt, es sei denn in der klugen und rechtmäßigen Weise, in der wir, wie unser künstliches System nun einmal ist, alle durch solche Betrachtungen beeinflußt werden.) Endlich nach einigen stolzen und selbstbewußten Worten von seiten Ihrer Schwester kamen wir zu der vollständigen Überzeugung, daß keine Gefahr vorhanden, und Ihre Schwester war so gütig, mir zu gestatten, sie mit einem oder zwei Beweisen meiner Wertschätzung bei meiner Schneiderin einzuführen.« Klein-Dorrit sah betrübt aus und blickte Fanny mit besorgter Miene an. »Auch war sie so gütig«, sagte Mrs. Merdle, »mir das Vergnügen eines erneuerten Besuches, das ich gegenwärtig habe, zu versprechen und mir die Gewißheit zu geben, daß wir auf dem besten Fuße scheiden. Bei dieser Gelegenheit«, fügte Mrs. Merdle hinzu, verließ ihr Nest und legte etwas in Fannys Hand, »wird mir Miß Dorrit gestatten, ihr in meiner blöden Weise Lebewohl zu sagen.« Die Schwestern erhoben sich zu gleicher Zeit und standen alle bei dem Käfig des Papageis, als er an einer Handvoll Biskuits zog, die er wegwarf, worauf er sie mit den prachtvollen Schwingungen seines Körpers, ohne daß er die Füße dabei bewegte, zu verspotten schien und sich plötzlich von unterst zu oberst kehrte und sich über die ganze Außenseite des goldnen Käfigs mit Hilfe seines scharfen Schnabels und seiner schwarzen Zunge hinschleppte. »Adieu, Miß Dorrit, meine besten Wünsche begleiten Sie«, sagte Mrs. Merdle. »Wenn wir nur zu einem tausendjährigen Reiche oder etwas der Art kommen könnten, ich meinesteils hätte das Vergnügen, eine Anzahl anziehender und talentierter Persönlichkeiten zu kennen, deren Umgang ich mir nur im Augenblick versagen muß. Ein ursprünglicherer Zustand der Gesellschaft wäre mir ungemein lieb. Es gab ein Gedicht, als ich noch Unterricht nahm, das begann: ›Ein Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte.‹ Wenn einige tausend Personen, die sich in der Gesellschaft bewegen, nur Kanadier werden wollten, ich würde augenblicklich meinen Namen unterschreiben; aber da wir uns in der Gesellschaft bewegen, können wir unglücklicherweise keine Kanadier sein – guten Morgen!« Sie gingen die Treppe hinab, Puder vorn und Puder hinten, die ältere Schwester stolz, die jüngere demütig, und sahen sich bald in der ungepuderten Harley Street, Cavendish Square. »Nun«, sagte Fanny, als sie eine Zeitlang gegangen waren, ohne zu sprechen. »Hast du mir nichts zu sagen, Amy?« »Oh, ich weiß nicht, was ich sagen soll!« antwortete sie, ganz unglücklich. »Du liebtest diesen jungen Mann doch nicht, Fanny?« »Ihn lieben? Er ist beinahe blödsinnig.« »Ich bedaure – sei nicht böse, aber da du mich fragst, was ich zu sagen habe, ich bedaure wirklich, Fanny, daß du dir von dieser Dame etwas schenken ließest.« »Du kleine Närrin!« versetzte die Schwester und schüttelte sie mit einem heftigen Stoße, den sie ihrem Arme gab. »Hast du denn keinen Stolz? Aber, das ist's ja eben. Du besitzt keine Selbstachtung. Du hast keinen Stolz, wie er sich für uns ziemt. Gerade, wie du gestattest, daß dir ein verächtlicher, kleiner Chivery nachläuft«, fügte sie mit der zornigsten Emphase hinzu, »so würdest du es leiden, daß man auf deine Familie tritt, und dich nicht mucksen.« »Sage das nicht, liebe Fanny. Ich tue, was ich für sie tun kann.« »Du tust, was du für sie tun kannst!« wiederholte Fanny, dicht neben ihr einherschreitend. »Würdest du eine Frau wie diese, die du, wenn du die geringste Erfahrung hättest, gleich als so falsch und insolent erkennen würdest, wie es ein Weib nur sein kann, – würdest du sie ihren Fuß auf deine Familie setzen lassen und ihr dafür danken?« »Nein, Fanny, gewiß nicht.« »Dann laß sie dafür büßen, du armes, kleines Ding. Was kannst du ihr sonst antun? Laß sie dafür büßen, du törichtes Kind, und bringe deine Familie mit dem Gelde in Kredit!« Sie sprachen auf dem ganzen Wege nach dem Hause, wo Fanny und ihr Onkel wohnten, kein Wort mehr. Als sie dort ankamen, fanden sie den alten Mann, wie er sein Instrument in einer Ecke des Zimmers auf die traurigste Weise mißhandelte. Fanny hatte ein umständliches Mahl aus Hammelkotelettes, Porter und Tee zu bereiten und behauptete mit Unwillen, es selbst bereiten zu müssen, während ihre Schwester alles in der Stille machte. Als Fanny sich zuletzt niedersetzte, um zu essen und zu trinken, stieß sie das Tischgerät weg und war über ihr Essen ärgerlich, fast ganz, wie es ihr Vater am vergangenen Abend gewesen. »Wenn du mich verachtest«, sagte sie, in heftige Tränen ausbrechend, »weil ich eine Tänzerin bin, warum führtest du mich auf den Weg, daß ich eine solche wurde? Es war deine Sache. Du möchtest, daß ich mich so tief vor dieser Mrs. Merdle beuge als der Boden, daß ich sie reden ließe, was ihr zu sagen beliebte, und uns alle verachten – und mir das ins Gesicht sagen. Weil ich eine Tänzerin bin!« »Oh, Fanny!« »Und auch Tip, der arme Junge. Sie darf ihn heruntersetzen, ohne daß man ihr es wehrt, – vermutlich weil er in einer Amtsstube und in den Docks und an verschiedenen andern Plätzen war. Das war ja deine Anordnung, Amy. Du solltest wenigstens erlauben, daß man ihn verteidigt.« Der Onkel blies die ganze Zeit in der Ecke auf eine jämmerliche Weise die Klarinette fort, indem er sie bisweilen für einen Augenblick einen Zoll von seinem Munde wegnahm, während er mit dem unbestimmten Gefühl, als habe jemand gesprochen, sie anstarrte. »Und dein Vater, dein armer Vater, Amy? Weil er nicht frei ist, um sich selbst zu zeigen und für sich zu sprechen, würdest du solches Volk ihn ungestraft beleidigen lassen. Wenn du nicht für dich selbst fühlst, weil du in die Arbeit gehst, so solltest du wenigstens für ihn fühlen, dächte ich, da du weißt, was er so lange ausgestanden.« Die arme Klein-Dorrit fühlte die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs ziemlich bitter. Die Erinnerung an die vergangene Nacht drückte ihr noch einen anderen Widerhaken ins Herz. Sie antwortete nichts, sondern wandte ihren Stuhl vom Tisch nach dem Feuer zu. Nachdem der Onkel wieder eine Pause gemacht, blies er immer von neuem eine traurige Melodie. Fanny verfuhr ärgerlich mit ihrem Tee und ihren Brotschnitten, solange ihre Leidenschaft dauerte, und behauptete dann, sie sei das unglücklichste Mädchen von der Welt und wünschte, sie wäre tot. Dann ging ihr Weinen in Mitleid über, und sie trat auf ihre Schwester zu und schlang ihren Arm um sie. Klein-Dorrit suchte sie davon zurückzuhalten, daß sie etwas sagte, aber sie antwortete, sie wolle und müsse! Darauf sagte sie wieder und wieder: »Ich bitte dich um Verzeihung, Amy«, und »Vergib mir, Amy«, beinahe so leidenschaftlich, als sie gesagt, was sie bedauerte. »Aber wirklich, Amy«, fuhr sie fort, als sie in schwesterlicher Eintracht beieinander saßen, »ich glaube und hoffe, du würdest die Sache anders angesehen haben, wenn du etwas mehr von der Gesellschaft gesehen.« »Vielleicht, Fanny«, sagte die freundliche Klein-Dorrit. »Du siehst, während du in stiller und zurückgezogener Häuslichkeit aufwuchsest, Amy«, fuhr ihre Schwester fort, die nach und nach begann, sie in Schutz zu nehmen, »war ich draußen, habe mich in der Gesellschaft bewegt und bin stolz und hochmütig geworden – mehr, als ich vielleicht sollte.« Klein-Dorrit antwortete: »Ja, oh ja!« »Und während du an das Essen oder die Wäsche dachtest, habe ich vielleicht an die Familie gedacht. Nun, ist dem nicht so, Amy?« Klein-Dorrit nickte mit einem freundlicheren Gesichte als Herzen »Ja«. »Besonders, da wir wissen«, sagte Fanny, »daß ein Ton an dem Ort herrscht, dem du so treu warst, der ihm eigentümlich ist und der ihn so wesentlich von andern Erscheinungen der Gesellschaft unterscheidet. Küsse mich noch einmal, liebe Amy, und wir wollen erkennen, daß wir beide recht haben mögen, und daß du ein ruhiges, häusliches, zurückgezogenes, gutes Mädchen bist.« Die Klarinette hatte während dieses Gesprächs höchst pathetisch lamentiert, wurde jedoch durch Fannys Ankündigung, daß es Zeit zu gehen sei, kurz beiseite gelegt; sie bewerkstelligte dies dadurch, daß sie die Noten zusammenschlug und dem Onkel die Klarinette aus dem Munde nahm. Klein-Dorrit schied an der Tür von ihnen und eilte nach dem Marschallgefängnis zurück. Es wurde dort früher dunkel als anderwärts, und der Eintritt an diesem Abend glich dem Eintritt in einen tiefen Laufgraben. Der Schatten der Mauer lag auf allem, und nicht am wenigsten auf der Gestalt in dem alten, grauen Schlafrock und der schwarzen Samtmütze, als sie sich nach ihr beim Eintritt in das dunkle Zimmer umwandte. »Warum nicht auch auf mir!« dachte Klein-Dorrit, indem sie die Tür noch in der Hand hielt. »Es war nicht unvernünftig von Fanny!« Einundzwanzigstes Kapitel. Mr. Merdles Übel. Auf dieser Staatswohnung, der Merdleschen Wohnung, in Harley Street, Cavendish Square, ruhte der Schatten keiner gemeineren Mauer als auf der Front anderer Prachtwohnungen auf der Seite gegenüber. Wie die Vollblutgesellschaft sahen die gegenüberliegenden Häuserreihen in Harley Street sehr verdrießlich aufeinander. Wirklich waren die Wohnungen und die Bewohner in dieser Beziehung einander so gleich, daß man die Leute häufig, wenn sie an den Speisetischen gegenüber im Schatten ihres eigenen Stolzes saßen, mit der Finsterheit der Häuser nach der andern Seite der Straße hinüberstarren sah. Jedermann weiß, wie ähnlich der Straße die beiden Speisetischreihen von Leuten sein würden, die auf die Straße gingen. Die ausdruckslosen, gleichförmigen zwanzig Häuser, die alle den gleichen Klopfer und die gleiche Klingel haben, zu denen allen man über gleich schwerfällige Treppen gelangt, die alle durch die gleichen Geländer geschützt sind, alle dieselben unbrauchbaren Feuerlöschmaschinen und alle dasselbe unbequeme, wandfeste Hausgerät haben und alles ohne Ausnahme so hoch angeschlagen wissen wollen – wer hat nicht in diesen zu Mittag gegessen? Das baufällige, traurige Haus, das da und dort ein Bogenfenster hat, das mit Stuck überzogene Haus, das mit einer neuen Front versehene Haus, das Eckhaus mit lauter Eckzimmer, das Haus, dessen Rouleaux beständig herabgelassen sind, das Haus, dessen Wappen immer hervortritt, das Haus, wo der Einsammler gebettelt und niemand zu Hause getroffen – wer hat dort nicht diniert? Das Haus, das niemand kaufen will und das um einen Spottpreis dem Verkauf ausgesetzt ist – wer kennt es nicht? Das Haus, das der getäuschte Gentleman für sein Leben gekauft und das ihm durchaus nicht paßt – wer kennt diese unheimliche Wohnung nicht? Harley Street, Cavendish Square war auf mehr stolz, als daß Mr. und Mrs. Merdle dort wohnten. Es gab Eindringlinge in Harley Street, deren sie nicht gewahr wurde; aber Mr. und Mrs. Merdle ehrten sie gern. Die Gesellschaft achtete auf Mr. und Mrs. Merdle. Die Gesellschaft hatte gesagt: »Laßt uns sie autorisieren: laßt uns sie anerkennen.« Mr. Merdle war ungeheuer reich; ein Mann von außerordentlich unternehmendem Geiste; ein Midas ohne die Ohren, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Er war in allem bewandert, vom Bankiergeschäft bis zum Bauen herab. Er war natürlich im Parlament. Er war notwendig in der City. Er war Vorsitzender von diesem, Vertrauensmann von jenem, Präsident von etwas Drittem. Die gewichtigsten Männer sagten zu Erfindern gewöhnlich: »Nun, welche Namen habt ihr für euch gewonnen? Habt ihr Merdle?« Und wenn die Antwort verneinend ausfiel, sagte man: »Dann möchte ich mich nicht mit euch einlassen.« Dieser große und glückliche Mann hatte den breiten Busen, der so viel Raum brauchte, um gefühllos darin zu sein, einige fünfzehn Jahre früher mit einem Nest von Scharlach und Gold versehen. Es war nicht ein Busen, um daran zu ruhen, sondern ein Kapitalbusen, um Juwelen daran aufzuhängen. Mr. Merdle brauchte etwas, um Juwelen daran aufzuhängen, und kaufte ihn zu diesem Zweck. Storr und Mortimer hätten aus demselben Grunde heiraten können. Wie alle seine andern Spekulationen war diese glücklich und erfolgreich. Die Juwelen glänzten äußerst vorteilhaft daran. Der Busen, der sich reich behängt mit Juwelen in der Gesellschaft bewegte, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Gab die Gesellschaft ihren Beifall zu erkennen, so war Mr. Merdle befriedigt. Er war der uninteressierteste Mann, – tat alles für die Gesellschaft und hatte so wenig von all seinem Gewinn und seiner Sorge, als ein Mann nur haben kann. Das heißt, es ist anzunehmen, daß er alles hatte, was er brauchte, sonst würde er es sich mit seinem unbegrenzten Reichtum verschafft haben. Aber sein Verlangen war, die Gesellschaft (wer sie auch sei) im höchsten Grade zu befriedigen und all ihre Tratten als Tribut auf sich zu nehmen. Er glänzte nicht in Gesellschaft; er hatte wenig für sich selbst zu sagen; er war ein zurückhaltender Mann, mit einem breiten, überhängenden, beobachtenden Kopfe, einer eigentümlichen, dünnen Röte auf seinen Wangen, die eher matt als frisch war, und mit einem etwas um seine Rockaufschläge besorgten Ausdrucke, als ob diese in seinem Vertrauen ständen und Gründe hätten, seine Hände zu verbergen zu suchen. In dem wenigen, was er sagte, war er ein angenehmer Mann; einfach, großen Wert auf öffentliches und privates Vertrauen legend und darauf haltend, daß von jedermann der Gesellschaft Achtung bezeugt werde. In dieser selben Gesellschaft (wenn Leute da waren, die zu seinen Diners und zu Mrs. Merdles Soireen und Konzerten kamen), schien er sich selbst kaum sehr zu unterhalten und war zumeist an den Wänden und hinter den Türen zu finden. Auch wenn er sich in Gesellschaft begab, statt daß sie zu ihm kam, schien er etwas ermüdet und gewöhnlich viel mehr für das Bett disponiert; aber er besuchte sie nichtsdestoweniger beständig und bewegte sich immer in ihr und gab mit der größten Freigebigkeit Geld für sie aus. Mrs. Merdles erster Gatte war ein Oberst gewesen, unter dessen Auspizien der Busen sich in einen Rangstreit mit Nordamerikas Schneemassen eingelassen, hatte zwar im Punkte der Weiße etwas weichen müssen, jedoch nicht im Punkte der Kälte. Der Sohn des Obersten war das einzige Kind von Mrs. Merdle. Er war ein dickköpfiger, hochschultriger Mensch und schien im allgemeinen nicht so sehr ein junger Mann als vielmehr ein geschwollener Knabe. Er hatte so wenig Beweise von Vernunft gegeben, daß unter seinen Kameraden die Redensart gang und gäbe war, sein Gehirn sei bei einem starken Frost, der zur Zeit seiner Geburt in Saint John in Neu-Braunschweig herrschte, eingefroren und seit der Zeit nicht mehr aufgetaut. Eine andere Redensart sagte von ihm, er sei durch die Nachlässigkeit einer Amme aus einem hohen Fenster auf seinen Kopf gefallen, der wie glaubwürdige Zeugen versichern, gekracht habe. Wahrscheinlich sind diese beiden Behauptungen von einem späteren Ursprung; der junge Mann (dessen bezeichnender Name Sparkler hieß) hatte die Monomanie, allen Arten von nicht wünschenswerten jungen Frauenzimmern die Heirat anzubieten, und von allen Frauenzimmern hintereinander, denen er einen Heiratsantrag machte, behauptet, sie seien »ganz feine Mädchen – sehr gut erzogen – und auf Ehre, ohne allen Scherz«. Ein Stiefsohn mit diesen beschränkten Talenten wäre für einen andern Mann eine Last gewesen; aber Mr. Merdle brauchte keinen Stiefsohn für sich, er brauchte einen Stiefsohn für die Gesellschaft. Da Mr. Sparkler in der Garde gestanden und die Gewohnheit gehabt, alle Wettrennen und alle Müßiggängerklubs und alle Gesellschaften zu frequentieren, und überall gut bekannt war, so war die Gesellschaft auch mit seinem Stiefsohn zufrieden. Dies glückliche Resultat würde Mr. Merdle als großen Gewinn betrachtet haben, wenn Mr. Sparkler auch ein kostbarer Artikel gewesen wäre. Und er gewann Mr. Sparkler, wie die Sachen standen, nicht mal sehr billig für die Gesellschaft. Es wurde in der Harley-Street-Wohnung ein Diner gegeben, während Klein-Dorrit an ihres Vaters neuen Hemden in der Nacht an seiner Seite nähte; es waren Magnaten vom Hofe und Magnaten von der City, Magnaten vom Unterhaus und Magnaten vom Oberhaus, Magnaten von der Richterbank und Magnaten von der Verteidigerbank, bischöfliche Magnaten, Schatzmagnaten, Magnaten von der Leibgarde zu Pferde und von der Admiralität – alle die Magnaten, die uns im Gang halten und uns bisweilen ein Bein stellen, waren zugegen. »Man erzählt mir«, sagte der bischöfliche Magnat zu dem Magnaten von der Leibgarde zu Pferde, »daß Mr. Merdle wieder einen ungeheuren Gewinn gemacht hat. Man sagt mir hunderttausend Pfund.« Der Magnat von der Leibgarde hatte gehört zwei. Der Magnat vom Schatz hatte gehört drei. Der Advokatenmagnat, der sein doppeltes Augenglas überzeugend handhabte, war nicht gewiß, ob es nicht vier seien. Es wäre einer jener glücklichen Fälle von Kalkulation und Kombination, deren Resultat schwer einzuschätzen sei. Es wäre einer jener Griffe von vielumfassender Tragweite, mit gewohntem Glück und charakteristischer Kühnheit vereint, von denen ein Jahrhundert nur wenige aufzuweisen habe. Aber hier wäre Kollege Bellows zugegen, der bei der großen Banksache beteiligt gewesen und der uns wahrscheinlich mehr sagen könnte. Wie hoch schätzte Kollege Bellows diesen neuen Gewinn? Kollege Bellows war gerade auf dem Wege in einem Bogen auf den Busen loszusteuern und konnte ihnen nur im Vorbeigehen sagen, daß er mit großem Schein der Wahrheit habe versichern hören, daß sich alles in allem auf eine halbe Million belaufe. Admiralität sagte, Mr. Merdle sei ein herrlicher Mann. Schatz sagte, er sei eine neue Macht im Lande und wäre imstande, das ganze Unterhaus zu kaufen. Bischof sagte, er freue sich, daß dieser Reichtum in die Kisten eines Gentlemans fließe, der immer bereit sei, die besten Interessen der Gesellschaft zu wahren. Mr. Merdle kam gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten spät, wie ein Mann, der noch in den Klauen von Riesenunternehmungen festgehalten wurde, wenn andre Männer ihre Zwerge für den Tag abgeschüttelt hatten. Diesmal war er der letzte, der kam. Schatz sagte, Merdles Arbeit strafe ihn ein wenig. Bischof sagte, er freue sich, daß dieser Reichtum in die Kisten eines Gentlemans fließe, der denselben mit Demut annehme. Puder! Es wartete so viel Puder auf, daß das Essen einen Geschmack davon bekam. Puderteilchen kamen in die Speisen, und das Essen der Gesellschaft schmeckte nach Bedienten ersten Ranges. Mr. Merdle führte eine Gräfin in das Speisezimmer, die irgendwo in dem Herzen eines ungeheuren Kleides stak, zu dem sie in einem Verhältnisse stand wie das Herz eines Kohlkopfes zu der reichen Blätterfülle. Wenn ein so niedriger Vergleich erlaubt ist, so ging das Kleid die Treppe hinunter wie ein reich mit Brokat überladener »Hans im Grünen«, und niemand wußte, was für eine kleine Person es trug. Die Gesellschaft hatte alles, was sie bei Tische brauchte und nicht brauchte. Sie hatte alles mögliche zu sehen, alles mögliche zu essen und alles mögliche zu trinken. Hoffentlich unterhielt sie sich gut; was Mr. Merdle von den Speisen genoß, hätte mit achtzehn Pence bezahlt werden können. Mrs. Merdle sah prachtvoll aus. Der oberste Mundschenk war das nächste Prachtstück des Tages. Er war die stattlichste Person in der Gesellschaft. Er tat nichts, aber er sah zu, wie's wenigen andern möglich gewesen wäre. Er war Mr. Merdles letzte Gabe an die Gesellschaft. Mr. Merdle brauchte ihn nicht und kam außer Fassung, wenn die große Kreatur ihn ansah; aber die ungenügsame "Gesellschaft" wollte ihn – und hatte ihn erhalten. Die unsichtbare Gräfin brachte der Grüne auf das gewöhnliche Gesprächstapet, und die Reihe der Schönheiten wurde mit dem Busen abgeschlossen. Schatz sagte Juno; Bischof sagte Judith. Advokatenstand ließ sich mit Leibgarde in ein Gespräch über Kriegsgerichte ein. Kollege Bellows und Richterbank schlugen sich zu ihnen. Andre Magnaten unterhielten sich paarweise. Mr. Merdle saß schweigend da und sah auf das Tischtuch. Bisweilen redete ihn ein Magnat an, um den Strom seines Gesprächs auf ihn zu richten; aber Mr. Merdle gab selten viel Gehör, und erwachte nur auf Augenblicke aus seinen Kalkulationen und ließ den Wein umhergehen. Als sie aufstanden, hatten so viele von den Magnaten besonders mit Mr. Merdle zu sprechen, daß er kleine Levers an einem Seitentische gab und sie beim Fortgehen aus dem Zimmer abfertigte. Schatz hoffte, er dürfe es wohl wagen, einem der weltberühmtesten Kapitalisten und Handelsfürsten Englands (er hatte diesen Originalgedanken schon mehrmals in dem Hause angewandt, er wurde ihm deshalb geläufig) zu einer neuen, glücklichen Spekulation gratulieren. Mehrten sich die Triumphe solcher Männer, so mehrten sich damit auch die Triumphe und Reichtumsquellen der Nation, und Schatz fühlte sich – gab er Mr. Merdle zu verstehen – in diesem Punkte patriotisch zumute. »Ich danke Ihnen, mein Herr«, sagte Mr. Merdle, »ich danke Ihnen. Mit Stolz nehme ich Ihren Glückwunsch an und freue mich über Ihren Beifall.« »Ich kann jedoch meinen Beifall nicht ganz unbedingt aussprechen, mein lieber Mr. Merdle. Weil«, fügte Schatz scherzend hinzu und drehte ihn leicht am Arm nach dem Seitentisch, »weil es nicht der Mühe wert scheint, zu uns zu kommen und uns zu helfen.« Mr. Merdle fühlte sich geehrt durch den – »Nein, nein«, sagte Schatz, das ist nicht das Licht, in dem man von einem durch seine praktischen Kenntnisse und seine große Vorsicht so ausgezeichneten Manne erwarten kann, daß er die Sache betrachte. Wenn wir je so glücklich sein sollten, dadurch, daß wir zufällig die Umstände beherrschen, in den Stand gesetzt zu sein, einem so eminenten Manne den Vorschlag zu machen, – zu uns zu kommen und uns das Gewicht seines Einflusses, seiner Kenntnisse und seines Charakters zugute kommen zu lassen, so könnten wir es ihm bloß als eine Pflicht vorschlagen. Wirklich, als eine Pflicht, die er der Gesellschaft schuldig ist.« Mr. Merdle gab zu verstehen, die Gesellschaft sei sein Augapfel, und ihre Ansprüche stelle jede andere Rücksicht bei ihm in den Hintergrund. Schatz ging und Advokat kam. Advokat mit seiner kleinen, einschmeichelnden Juryverbeugung, und sein überredendes, doppeltes Augenglas handhabend, hoffte Entschuldigung zu finden, wenn er gegenüber einem der großen Männer, die die Wurzel alles Bösen in die Wurzel alles Guten umkehrten und auf lange Zeit lichten Glanz selbst auf die Annalen unsres Handelslandes geworfen, – wenn er ganz ohne alles Interesse und als, wie die Advokaten es in ihrer pedantischen Sprache nennen, ›amicus curiae‹ einer Tatsache erwähne, die durch Zufall zu seinen Ohren gekommen. Er sei aufgefordert worden, die Urkunden eines sehr bedeutenden Gutes in einer der östlichen Grafschaften durchzusehen – dasselbe liege, fügte er hinzu, da, wie Mr. Merdle wisse, die Advokaten genau zu sein lieben, an den Grenzen von zwei der östlichen Grafschaften. Die Urkunden seien vollkommen in Nichtigkeit und das Gut könne jemand, der über – Geld (Juryverbeugung und überredendes Augenglas) zu verfügen habe, unter sehr vorteilhaften Bedingungen erwerben. Dies sei erst heute zu Advokatenkenntnis gekommen, und es sei ihm eingefallen: »Ich werde heute abend die Ehre haben, bei meinem verehrten Freunde Mr. Merdle zu speisen, und ganz unter uns will ich ihm von der günstigen Gelegenheit, die sich bietet, sprechen.« Dieser Kauf würde nicht allein großen, gesetzlichen, politischen Einfluß in sich schließen, sondern auch ungefähr ein halbes Dutzend kirchlicher Präsentationen von beträchtlichem, jährlichem Einkommen. Advokat wisse zwar wohl, daß Mr. Merdle nicht in Verlegenheit sei, Mittel zu finden, selbst sein Kapital anzulegen, um seinen tätigen und rüstigen Geist vollauf zu beschäftigen, aber er möchte sich zu bemerken erlauben, daß die Frage in ihm aufgestiegen, ob nicht ein Mann, der verdientermaßen eine so hohe Stellung und einen so europäischen Ruf errungen, – wir wollen nicht sagen, es sich selbst, sondern der Gesellschaft schuldig sei, sich in den Besitz so großen Einflusses wie des genannten zu setzen und diesen – wir wollen nicht sagen, zu seinem oder seiner Partei, sondern zum Nutzen der »Gesellschaft« auszuüben. Mr. Merdle erklärte wiederum, daß er sich ganz und gar diesem Gegenstand seiner beständigen Erwägung widmen werde, und Advokat setzte sein überzeugendes Augenglas auf, während er die große Treppe hinanstieg. Bischof bewegte sich absichtslos nach dem Seitentisch hin. Sicherer könnten die Güter der Welt, bemerkte ganz zufällig der Bischof, kaum in glücklichere Kanäle geleitet werden, als wenn sie sich unter dem Zauberstab der Weisen und Klugen anhäuften, die, während sie den wahren Wert des Reichtums kennten (Bischof suchte sich hier das Aussehen zu geben, als wenn er selbst arm wäre), ihren vernünftig angewandten und richtig verteilten Einfluß zur Wohlfahrt unsrer Brüder im weitesten Sinne zu schätzen wußten. Mr. Merdle drückte mit aller Demut seine Überzeugung aus, der Bischof könne nicht ihn meinen, und fügte ungereimterweise seinen lebhaften Dank für die gute Meinung des Bischofs hinzu. Der Bischof, der sein wohlgeformtes, rechtes Bein vergnügt etwas vorstreckte, als wollte er zu Mr. Merdle sagen: »Achten Sie nicht auf den Priesterrock, eine reine Form!«, legte seinem guten Freund den Fall vor: Ob es seinem guten Freunde schon in den Sinn gekommen, daß die Gesellschaft nicht mit Unrecht erwarten könne, ein in seinen Unternehmungen so gesegneter Mann, dessen Beispiel in seiner Stellung von so großem Einfluß sei, werde doch auch etwas Geld für eine Mission nach Afrika spenden? Als Mr. Merdle andeutete, daß der Gedanke seine volle Aufmerksamkeit verdiene, legte ihm der Bischof eine andere Frage vor: Ob sich sein guter Freund schon für den guten Fortgang unsres kombinierten und vermehrten Kirchendienerstellenkomitees interessiert und ob er schon daran gedacht, daß etwas Geld in dieser Richtung zu verwenden, die Ausführung eines großen Gedankens ermögliche? Mr. Merdle gab eine ähnliche Antwort, und Bischof erklärte seinen Grund, weshalb er sich erkundige. Die Gesellschaft erwartete von Männern, wie sein guter Freund, daß sie dergleichen tun. Nicht er, sondern die Gesellschaft sehe darauf. Gerade wie es nicht sein Komitee sei, das die Vermehrung fundierter Kirchenstellen brauche, sondern die Gesellschaft sei es, die sich in einem Zustande der größten Unruhe und Unbehaglichkeit befinde, bis sie sie habe. Er bat seinen guten Freund, versichert zu sein, daß er wohl, wisse, wie sehr sein guter Freund bei allen Gelegenheiten auf die besten Interessen der Gesellschaft bedacht sei, und er glaube zugleich im Interesse der Gesellschaft zu handeln und die Gefühle der Gesellschaft auszusprechen, wenn er ihm fortdauerndes Glück, fortdauernden Zuwachs seines Reichtums und Fortdauer in allem wünsche. Bischof begab sich dann hinauf, und die andern Magnaten folgten ihm allmählich, bis niemand mehr übrig war als Mr. Merdle. Nachdem dieser so lange auf das Tischtuch gestarrt, bis die Seele des ersten Tafeldeckers in edlem Zorne glühte, ging er langsam hinter den andern drein und ward unter dem Strom aus der großen Treppe gar nicht beachtet. Mrs. Merdle war in ihrem Element, die besten Juwelen waren zur Schau ausgehängt, die Gesellschaft erhielt, weshalb sie kam. Mr. Merdle trank für zwei Penny Tee in einer Ecke und hatte mehr als er brauchte. Unter den Magnaten des Abends war ein berühmter Arzt, der jedermann kannte und den jedermann kannte. Als er in die Tür trat, stieß er auf Mr. Merdle, der in der Ecke seinen Tee trank, und berührte seinen Arm. Mr. Merdle fuhr zurück. »Oh! Sind Sie es?« »Geht es heute besser?« »Nein«, sagte Mr. Merdle, »ich fühle mich nicht besser.« »Ach, bedaure, daß ich Sie heute morgen nicht sah. Bitte, kommen Sie morgen zu mir, oder ich will zu Ihnen kommen.« »Bitte«, antwortete er. »Ich werde morgen im Vorüberfahren bei Ihnen vorsprechen.« Advokat und Bischof hatten diesen kurzen Dialog gehört, und als Mr. Merdle von der Menge hinweggeführt worden, machten sie dem Arzte ihre Bemerkungen darüber. Advokat sagte, es gebe einen gewissen Punkt geistiger Anspannung, über den niemand hinauskönne; dieser Punkt wäre nach der verschiedenen Bildung des Gehirns und den Eigentümlichkeiten der Konstitution, wie er bei mehren seiner gelehrten Brüder zu bemerken die Gelegenheit gehabt, verschieden; sei jedoch der Punkt der Dauerbarkeit um die Breite einer Linie überschritten, so folge Entkräftung und Dyspepsie. Ohne in die geheiligten Mysterien der Medizin eindringen zu wollen, glaube er (mit der Juryverbeugung und seinem überzeugenden Augenglas), daß dies Mr. Merdles Fall sei. Bischof sagte, daß, als er ein junger Mann gewesen und eine kurze Zeit lang die Gewohnheit gehabt, am Sonnabend seine Reden zu schreiben, eine Gewohnheit, die alle jungen Söhne der Kirche ängstlich vermeiden sollten, er häufig eine Entkräftung gefühlt, die, wie er vermutete, eine Folge von Überanstrengung des Geistes gewesen, auf die der Dotter eines frischgelegten Eis, das ihm die gute Frau, in deren Haus er damals wohnte, mit einem Glas guten Xeres, Muskatnuß und gestoßenen Zuckers zubereitet, wie ein Zauber gewirkt. Ohne sich anmaßen zu wollen, ein so einfaches Mittel der Erwägung eines so tiefsinnigen Kenners der Heilkunde empfehlen zu wollen, möchte er sich doch die Frage erlauben, ob, wenn die Störung der Harmonie durch schwierige und verwickelte Kalkulationen eingetreten, die Geister nicht durch ein leichtes und doch wirksames Reizmittel (nach menschlichen Begriffen gesprochen) wieder reingestimmt werden könnten. »Ja«, sagte der Arzt, »ja, Sie haben beide recht. Aber ich muß Ihnen dessenungeachtet sagen, daß ich nichts der Art bei Mr. Merdle finde. Er hat die Konstitution eines Rhinozeros, die Verdauungskraft eines Straußes und die Konzentration einer Auster. Was die Nerven betrifft, so hat Mr. Merdle ein sehr kühles Temperament; er ist beinahe so unverletzlich, möcht' ich sagen, wie Achilles. Wie solch ein Mann sich ohne Grund für unwohl halten sollte, werden Sie seltsam finden. Aber ich habe nichts der Art bei ihm gefunden. Er muß ein tiefsitzendes, verborgenes Übel haben. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, bis jetzt habe ich es noch nicht herausgefunden.« Kein Schatten von dem Übel Mr. Merdles ruhte auf dem Busen, der die kostbarsten Steine ausgelegt hatte und darin mit mancher ähnlichen, prachtvollen Auslage rivalisierte; es ruhte kein Schatten von Mr. Merdles Übel auf dem jungen Sparkler, der sich in den Zimmern umhertrieb und monomanisch nach einer hinlänglich unwählbaren jungen Dame suchte, die keinen Unsinn an sich habe; es ruhte kein Schatten von Mr. Merdles Übel auf den Barnacles und Stiltstalkings, von denen ganze Kolonien zugegen waren; überhaupt auf niemandem von der Gesellschaft. Sogar auf ihm selbst ruhte nur ein flüchtiger Schatten, als er sich unter der Masse umherbewegte und ihre Huldigungen entgegennahm. Mr. Merdles Übel. Die Gesellschaft und er hatten in allem andern so viel miteinander zu tun, daß man kaum glauben kann, sein Übel, wenn er wirklich ein solches hätte, wäre nur seine Sache gewesen. Hatte er wirklich solch tiefsitzendes, verborgenes Übel und fand der Doktor heraus, was es war? Geduld. In der Zwischenzeit hatte der Schatten der Mauer des Marschallgefängnisses einen wirklich verdunkelnden Einfluß und konnte in jeder Periode des Sonnenlaufes auf der Familie Dorrit gesehen werden. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine Verlegenheit. Mr. Clennam wuchs nicht im Verhältnis seiner vermehrten Besuche in der Gunst des Vaters des Marschallgefängnisses. Seine Stumpfheit in der großen Ehrengeschenkfrage konnte keine Bewunderung in der väterlichen Brust erwecken, sondern mußte eher an dieser empfindlichen Stelle beleidigen und als ein positiver Mangel an gebildeter Denkungsart erscheinen. Ein Gefühl der Enttäuschung, das durch die Entdeckung hervorgerufen wurde, daß Mr. Clennam kaum die Delikatesse besäße, die er ihm in seiner vertrauensvollen Natur zuschrieb, begann das väterliche Gefühl, das ihn mit diesem Gentleman in Verbindung setzte, zu verdunkeln. Der Vater ging so weit, in seinem Privatfamilienzirkel zu sagen, er fürchte, Mr. Clennam sei kein Mann von feinem Sinn. Er sei glücklich, bemerkte er, in seiner öffentlichen Stellung als Leiter und Repräsentant des Kollegiums Mr. Clennam zu empfangen, wenn er ihm seinen Besuch abstatte; aber er finde sich nicht imstande, mit ihm in persönliche Beziehungen zu treten. Es schiene ihm etwas zu mangeln, er wisse nicht was. Wie dem nun auch war, der Vater ließ es nicht an den äußern Formen der Höflichkeit fehlen, im Gegenteil, er behandelte ihn mit großer Aufmerksamkeit, vielleicht schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß, wenn er auch nicht ein Mann von so glänzender und ursprünglicher Geistesgewandtheit sei, um sein früheres Ehrengeschenk ungemahnt zu wiederholen, es doch vielleicht innerhalb der Richtung seiner Natur liege, sich als willfähriger Gentleman zu zeigen, wenn man ihm einen darauf zielenden Brief zukommen ließe. In seiner dreifachen Eigenschaft als der Herr von draußen, der am ersten Abend seines Hierherkommens durch Zufall hier eingeschlossen worden, als der Herr von draußen, der sich mit der wunderlichen Idee, ihn freizumachen, nach den Angelegenheiten des Vaters des Marschallgefängnisses erkundigt, und als der Herr von draußen, der sich für das Kind des Marschallgefängnisses interessierte, wurde Clennam bald ein Besuch von Auszeichnung. Er war nicht erstaunt über die Aufmerksamkeiten seitens Mr. Chiverys, wenn dieser das Schließeramt hatte, denn er machte wenig Unterschied zwischen Mr. Chiverys Höflichkeit und der von andern Schließern. An einem bestimmten Nachmittag überraschte ihn Mr. Chivery plötzlich und trat aus der Reihe seiner Kameraden hervor. Mr. Chivery hatte durch kluge Anwendung seiner Kunst, das Pförtnerstübchen zu reinigen, seine müßigen Kollegen glücklich fortgeschafft, damit Clennam, wenn er aus dem Gefängnis käme, ihn allein an seinem Geschäft finde. »Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, sagte Mr. Chivery geheimnisvoll; »aber welchen Weg gedenken Sie zu gehen?« »Ich gehe über die Brücke.« Er sah in Mr. Chivery, wie er so dastand, mit dem Schlüssel, nicht ohne Verwunderung die vollständige Allegorie des Schweigens. »Ich bitte nochmals um Entschuldigung«, sagte Mr. Chivery wiederum leise, »aber könnten Sie den Hinweg über die Horsemonger Lane machen? Hätten Sie vielleicht Zeit, nach dieser Adresse zu sehen?«, fügte er hinzu und überreichte ihm eine Karte, die zum Zwecke der Zirkulation unter den Bekannten von Chivery und Comp. Tabakshändlern, Importeurs von echten Havanna-Zigarren, bengalischen Cheroots und wohlriechenden Kubas, Fabrikanten von gemischtem Schnupftabak usw. usw. gedruckt wurden. »Es ist kein Tabakgeschäft«, sagte Mr. Chivery in fortgesetzter Heimlichkeit, »offen gesagt, es ist meine Frau. Sie möchte gern ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir, wegen einer Sache, die – ja«, sagte Mr. Chivery, Clennams rasch begreifenden Blick mit einem Nicken erwidernd, »ja, die sie betrifft.« »Ich will Ihre Frau alsbald zu sprechen suchen.« »Danke, Sir, sehr verbunden. Es ist kaum zehn Minuten um. Fragen Sie nur nach Mrs. Chivery.« Diese Instruktionen rief ihm Mr. Chivery, der ihn bereits hinausgelassen, vorsichtig durch einen kleinen Schieber an der äußern Tür hinaus, den er von innen zurückziehen konnte, wenn er wollte, um die Besuchenden zu inspizieren. Arthur Clennam, mit seiner Karte in der Hand, begab sich nach der Adresse, die darauf stand, und war rasch an Ort und Stelle. Es war ein sehr kleiner Laden, in dem eine saubere Frau hinter dem Zahltisch an der Arbeit saß. Kleine Krüge mit Tabak, kleine Kistchen mit Zigarren, ein kleines Assortiment Pfeifen, ein bis zwei kleine Krüge mit Schnupftabak und ein kleines Instrument wie ein Schuhlöffel, um denselben herauszunehmen, bildeten den zum Verkauf bereiten Vorrat dieses Kleinhandels. Arthur nannte seinen Namen und sagte, daß er auf Mr. Chiverys Aufforderung hier vorzusprechen zugesagt habe. Er glaube, es handle sich um eine Sache, die Miß Dorrit betreffe. Mrs. Chivery legte augenblicklich die Arbeit weg, stand von ihrem Sitze hinter dem Zahltisch auf und schüttelte mitleidig den Kopf. »Sie können ihn sehen«, sagte sie, »wenn es Ihnen beliebt, einen Blick hineinzuwerfen.« Mit diesen geheimnisvollen Worten ging sie dem Fremden voran in ein kleines Zimmer hinter dem Laden; ein kleines Fenster hatte die Aussicht in einen kleinen, düsteren Hinterhof. In diesem Hof suchte Wäsche, Bettücher und Tischtücher (aus Mangel an Luft vergeblich) an einem bis zwei Seilen trocken zu werden; und unter diesem flatternden Zeug saß in einem Stuhl, gleich dem letzten Matrosen, der auf einem nassen Schiff leben geblieben und die Kraft nicht besitzt, die Segel aufzuziehen, ein kleiner von Leiden gebeugter junger Mann. »Unser John«, sagte Mrs. Chivery. Um nicht teilnahmlos zu erscheinen, fragte Mr. Clennam, was er hier tue. »Es ist die einzige Abwechslung, die er sich macht«, sagte Mrs. Chivery wieder den Kopf schüttelnd. »Er mag nicht ausgehen, nicht mal in den Hinterhof, wenn keine Wäsche da ist; aber wenn Wäsche da ist, wodurch die Blicke der Nachbarschaft abgehalten werden, dann sitzt er stundenlang hier, ganze Stunden lang. Er sagt, es sei ihm, wie wenn er in einem Wald wäre.« Mrs. Chivery schüttelte den Kopf wieder, brachte die Schürze mit mütterlichem Mitleid an die Augen und führte den Fremden wieder in die Geschäftsregion zurück. »Bitte, sich gefälligst zu setzen«, sagte Mrs. Chivery. »Miß Dorrit ist der Gegenstand, um den es sich bei unserm John handelt, Sir; sein Herz ist um ihretwillen gebrochen, und ich möchte mir die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, was seine Eltern anfangen sollen, wenn es gebrochen ist?« Mr, Chivery, eine Frau von angenehmem Äußern und in der Horsemonger Lane um ihres gefühlvollen Wesens und ihrer Konversation willen hoch geschätzt, sprach diese Worte mit der größten Fassung und begann alsbald wieder ihren Kopf zu schütteln und ihre Augen zu trocknen. »Sir«, sagte sie, »Sie sind mit der Familie bekannt und haben sich für die Familie interessiert und besitzen Einfluß auf die Familie. Wenn Sie etwas zu tun oder zu fördern imstande wären, wodurch zwei junge Leute glücklich würden, so lassen Sie mich um unsres John willen und um beider willen Sie dringend darum gebeten haben.« »Ich war so gewöhnt«, entgegnete Arthur verlegen, »während der kurzen Zeit, die ich sie kannte. Klein – ich war so gewöhnt, Miß Dorrit in einem so ganz andern Licht zu betrachten als in dem, in dem Sie sie mir jetzt zeigen, daß Sie mich sehr überraschen. Kennt Sie Ihren Sohn?« »Wurden beide miteinander auferzogen, Sir«, sagte Mrs. Chivery. »Spielten zusammen.« »Kennt sie Ihren Sohn als ihren Anbeter?« »Oh! Du mein Gott, Sir«, sagte Mrs. Chivery mit einer Art triumphierenden Schauers, »sie durfte ihn nur an einem Sonntag sehen, um das zu wissen. Sein Wesen allein würde ihr's längst gesagt haben, wenn auch gar nichts anderes. Junge Leute wie John können ihre Empfindungen nicht verbergen. Wie erfuhr ich selbst es zum erstenmal? Gerade so.« »Vielleicht ist Miß Dorrit nicht so klug wie Sie, hm?« »Dann weiß sie es aus seinem Mund, Sir", sagte Mrs. Chivery. »Sind Sie dessen ganz gewiß?« »Sir«, sagte Mr. Chivery, »so sicher und gewiß, wie ich in diesem Hause bin. Ich sah meinen Sohn mit meinen eignen Augen fortgehen, denn ich war zu Hause und sah ihn mit meinen eignen Augen heimkommen, denn ich war zu Hause, und ich weiß, daß er es ihr gesagt hat.« Mrs. Chivery gewann durch die Umständlichkeit und Wiederholung eine überraschende Kraft der Emphase. »Darf ich Sie fragen, wie er in diesen verzweiflungsvollen Zustand verfiel, der Ihnen so vielen Kummer verursacht?« »Das«, sagte Mrs. Chivery, »geschah an dem Tage, an dem ich John mit diesen trüben Augen hierher zurückkehren sah. Er war seit jenem Tage nicht mehr in jenem Hause. Ist seit jener Zeit ganz verändert; er sah nie so aus, seit den sieben Jahren, die wir jetzt in diesem Hause wohnen!« – Die eigentümliche Art der Konstruktion gab den Worten von Mrs. Chivery den Ausdruck einer eidlichen Aussage. »Darf ich mir zu fragen erlauben, was ist Ihre Ansicht von der Sache?« »Allerdings«, sagte Mrs. Chivery, »und ich werde sie Ihnen so offen und ehrlich und so wahr sagen, wie ich in diesem Laden stehe. Unsern John lobt jedermann und alle Leute wünschen ihm Gutes. Er spielte mit ihr als Kind auf diesem Hofe, als sie als Kind auf diesem Hofe spielte. Er kennt sie seit jener Zeit. Er ging am Sonntagnachmittag aus, als er in diesem Zimmer gespeist, und traf sie zufällig oder verabredet. Das will ich nicht zu unterscheiden wagen. Er machte ihr seinen Antrag. Ihr Bruder und ihre Schwester wollen sehr hoch hinaus in ihren Ansprüchen und sind stolz gegen unsern John. Ihr Vater denkt nur an sich und mag sie wiederum mit niemand teilen. Unter diesen Umständen hat sie unserm John geantwortet: ›Nein, John, ich kann dich nicht heiraten, ich kann niemanden heiraten, es ist nicht meine Absicht, je eine Frau zu werden, es ist meine Absicht, immer ein Opfer zu bleiben, lebe wohl. Mögest du eine andere finden, die deiner würdig ist, und vergiß mich!‹ So ist sie also verurteilt, ewig eine Sklavin derer zu sein, die nicht würdig sind, daß sie ewig ihre Sklavin sei. So ist es gekommen, daß unser John keine andre Freude mehr kennt, als sich zu erkälten und auf jenem Hof, wie ich Ihnen gezeigt, eine zerfallene Ruine zu sein, die zur Muttererde zurückkehrt!« Hier deutete die gute Frau nach dem kleinen Fenster, von wo man ihren Sohn schwermütig in dem totenstillen Haine sitzen sehen konnte; und sie schüttelte wieder den Kopf und wischte ihre Augen und bat ihn, um der vereinten Sache der beiden jungen Leute willen, seinen Einfluß für die glänzende Kehrseite dieses traurigen Ereignisses geltend zu machen. Sie setzte so großes Vertrauen auf ihre Auseinandersetzung der Sache, und diese war so unleugbar auf richtige Premissen, soweit es die bezügliche Stellung von Klein-Dorrit zu ihrer Familie betraf, gegründet, daß Clennam auf der andern Seite in seiner Ansicht schwankend werden mußte. Er hatte nach und nach für Klein-Dorrit ein so eigentümliches Interesse gewonnen – ein Interesse, das, während es zunahm, die gemeinen und niedrigen Dinge aus ihrer Umgebung entfernte –, daß es enttäuschend, unangenehm, ja beinahe peinlich auf ihn wirkte, anzunehmen, daß sie in den jungen Mr. Chivery vom Hinterhofe oder in eine andere Person der Art verliebt sei. Auf der andern Seite sagte er sich, daß sie gerade so gut und gerade so wahr sein würde, wenn sie in ihn verliebt, als wenn sie nicht in ihn verliebt wäre; und daß, eine Art gezähmter Fee aus ihr zu machen und sie dies durch Isolierung von den einzigen Menschen, die sie kannte, büßen zu lassen, nur eine Schwachheit von seiner Seite und nicht die freundlichste wäre. Aber ihre jugendliche und ätherische Erscheinung, ihr schüchternes Wesen, der Reiz ihrer innigen Stimme und Augen, die vielen Umstände, in denen sie ihn, abgesehen von ihrer Persönlichkeit, interessiert hatte, und der große Unterschied zwischen ihr und ihrer Umgebung waren mit diesen ihm nun sich darbietenden Gedanken in keiner Harmonie und ließen sich in keine Harmonie bringen. Er sagte der würdigen Mrs. Chivery, nachdem er sich die Sache überlegt – was er getan, während sie noch sprach –, daß sie überzeugt sein dürfe, er werde stets sein möglichstes tun, das Glück von Miß Dorrit zu fördern und den Wünschen ihres Herzens, wenn es in seiner Macht stünde und er sie erfahren könne, entgegenzukommen. Zugleich warnte er sie vor unberechtigten Annahmen auf den bloßen Schein hin, legte ihr strenges Schweigen und Geheimhalten der Sache auf, damit Miß Dorrit nicht unglücklich gemacht werde, und hieß sie besonders ihres Sohnes Vertrauen zu gewinnen zu suchen, um sich so des Standes der Dinge ganz zu versichern. Mrs. Chivery hielt die letztere Vorsicht für durchaus überflüssig, sagte jedoch, sie wolle es versuchen. Sie schüttelte den Kopf, als wenn sie nicht all den Trost, den sie so sicher aus dieser Begegnung zu gewinnen erwartet, daraus geschöpft, dankte ihm jedoch nichtsdestoweniger für die Mühe, die er sich zu machen so freundlich gewesen. Darauf schieden sie als gute Freunde, und Arthur ging fort. Da die Masse des Volks auf der Straße mit der Masse von Gedanken in seinem Kopf zusammenstieß, und die beiden Massen in Verwirrung gerieten, vermied er die London Bridge und wandte sich nach der stilleren Iron Bridge. Er hatte kaum den Fuß darauf gesetzt, als er Klein-Dorrit vor sich hergehen sah. Es war ein hübscher Tag; ein sanftes Lüftchen kühlte die Atmosphäre, und sie schien in diesem Augenblick erst Luft zu schöpfen gekommen. Er hatte sie vor einer Stunde in ihres Vaters Zimmer verlassen. Es war ein günstiger Zufall, der seinem Wunsch entgegenkam, ihr Gesicht und ihr Benehmen beobachten zu können, wenn niemand sonst zugegen war. Er beeilte seinen Schritt; ehe er sie jedoch erreichte, wandte sie den Kopf um. »Habe ich Sie erschreckt?« fragte er. »Ich dachte den Schritt zu kennen«, antworte sie zögernd. »Und wußten Sie, daß ich es war, Klein-Dorrit? Sie konnten mich doch kaum erwartet haben.« »Ich erwartete niemanden. Als ich jedoch einen Schritt hörte – dachte ich, er sei ganz wie der Ihrige.« »Gehen Sie weiter?« »Nein, Sir, ich gehe nur zur Abwechslung hier etwas auf und ab.« Sie gingen zusammen, und sie gewann ihr vertrauendes Wesen wieder und sah ihm ins Gesicht, als sie, nachdem sie einen Blick umhergeworfen, sagte: »Es ist so seltsam, vielleicht können Sie es kaum verstehen. Ich habe bisweilen ein Gefühl, als wenn es beinahe gefühllos wäre, hier zu gehen.« »Gefühllos?« »Den Fluß zu sehen und so viel Himmel und so mancherlei Dinge und so viel Wechsel und Bewegung, und dann nach Hause zu gehen. Sie wissen, und ihn auf demselben beschränkten Platz zu finden.« »Ach ja! Aber wenn Sie zurückgehen, müssen Sie sich erinnern, daß Sie den Geist und den Einfluß solcher Dinge in Ihrer Stimmung mitbringen und ihn dadurch aufheitern.« »Wirklich? Es mag sein. Ich fürchte, Sie phantasieren zuviel, Sir, und halten mich für zu stark. Wenn Sie im Gefängnis wären, könnt' ich Ihnen solchen Trost bringen?« »Ja, Klein-Dorrit, gewiß!« Er schloß aus einem Zittern ihrer Lippen und einem flüchtigen Schatten großer Aufregung auf ihrem Gesicht, daß ihr Geist bei ihrem Vater weilte. Er schwieg deshalb einige Augenblicke, damit sie ihre Fassung wiedergewinne. Klein-Dorrit, die an seinem Arme zitterte, war weniger mit Mr. Chiverys Theorie in Übereinstimmung als je und doch nicht ganz unversöhnbar mit einem neuen Einfall, der in ihm erwachte, es möchte jemand in der hoffnungslosen – noch neuerer Einfall – in der hoffnungslosen, unerreichbaren Ferne sein. Sie wandten um, und Clennam sagte: »Hier kommt Maggy!« Klein-Dorrit sah erstaunt auf, und sie standen Maggy gegenüber, die bei ihrem Anblick plötzlich stehen blieb. Sie war so in Gedanken und geschäftig einhergetrottelt, daß sie sie nicht erkannt, bis sie sich nach ihr umwandten. Sie war in diesem Augenblick so vom Gewissen geschlagen, daß selbst ihr Korb an der Bewegung teilnahm. »Maggy, du versprachst, bei dem Vater zu bleiben.« »Das wollt' ich auch, Mütterchen, aber er gab es nicht zu. Wenn er mich fortschickt, muß ich doch. Wenn es ihm einfällt und er sagt: ›Maggy, trage diesen Brief eiligst fort, und du sollst einen Sixpence haben, wenn du gute Antwort bringst‹, so muß ich's doch tun. Mütterchen, was soll ein armes Kind von zehn Jahren tun? Und wenn Mr. Tip zufällig hereinkommt, wie ich hinauskomme, und wenn er sagt: ›Wo gehst du hin, Maggy?‹ und wenn ich sage: ›Ich gehe da und dahin‹, und wenn er sagt: ›Ich will's auch probieren‹, und wenn er in den George geht und einen Brief schreibt, und ihn mir gibt und sagt: ›Nimm das an denselben Ort mit, und wenn die Antwort gut ist, so erhältst du einen Schilling‹, so ist das nicht meine Schuld, Mütterchen!« Arthur las in Klein-Dorrits niedergeschlagenen Augen, an wen der Brief nach ihrer Erwartung gerichtet sein mußte. »Ich gehe da und dahin. Hier. Das ist's, wohin ich gehen soll«, sagte Maggy. »Ich gehe da und dahin. Nicht du, Mütterchen, hast etwas damit zu schaffen, sondern Ihnen gilt's«, sagte Maggy und wandte sich an Arthur. »Sie würden besser tun, wenn Sie mit mir da und dahin gingen, daß ich Ihnen die Briefe geben könnte.« »Wir werden das nicht so genau nehmen. Gib sie nur her«, sagte Clennam mit leiser Stimme. »Gut denn, so kommen Sie über den Weg«, antwortete Maggy mit sehr lautem Flüstern. Mütterchen soll nichts davon wissen, und sie würde auch nicht davon erfahren haben, wenn Sie nur da und dahin gegangen wären, statt so viel Wesens zu machen und stehenzubleiben. Es ist nicht meine Schuld. Ich muß tun, was man mir sagt, sie sollten sich schämen, daß sie's zu mir sagten.« Clennam trat auf die andere Seite des Weges und öffnete rasch die Briefe. Der vom Vater besagte, daß er ganz unerwartet sich in der neuen Lage befinde, daß eine Rimesse aus der City, auf die er zuversichtlich gezählt, ihm ausgeblieben sei, deshalb die Feder ergreife, da er durch den unglücklichen Umstand seiner dreiundzwanzigjährigen Gefangenschaft (doppelt unterstrichen) abgehalten sei, selbst zu kommen, was er sonst gewiß getan, – die Feder ergreife, um Mr. Clennam zu bitten, ihm die Summe von drei Pfund zehn Schillingen auf seinen Schuldschein, den er beizuschließen sich erlaube, vorzustrecken. Der Brief des Sohnes besagte, er sei überzeugt, Mr. Clennam werde sich freuen, zu vernehmen, daß er endlich eine dauernde Anstellung höchst befriedigender Art gefunden und die vollste Aussicht auf günstigen Erfolg in seinen Unternehmungen habe; daß jedoch das zeitweilige Außerstandesein seines Prinzipals, ihm sein rückständiges Salär auszubezahlen (in welcher Lage genannter Prinzipal an die edle Nachsicht appelliert, auf die er sicher bei ihm zählen zu dürfen geglaubt), in Verbindung mit den Betrügereien eines falschen Freundes und den gegenwärtigen hohen Preisen der Lebensmittel, ihn an den Rand des Verderbens bringen würde, wenn er nicht ein Viertel vor sechs Uhr heute abend die Summe von acht Pfund aufgebracht hätte. Mr. Clennam werde sich freuen zu erfahren, daß er diese Summe durch die Gefälligkeit mehrerer Freunde, die großes Vertrauen auf seine Rechtschaffenheit setzten, bereits mit Ausnahme der Kleinigkeit von einem Pfund siebenzehn Schillingen und vier Pence aufgebracht habe: das Darlehen dieses Mehr für die Zeit von einem Monat würde er mit den gewöhnlichen Zinsen belasten. Diese Briefe beantwortete Clennam auf der Stelle mit Hilfe seines Bleistifts und seines Taschenbuchs, indem er dem Vater sandte, was er verlangte, und den Wunsch des Sohnes nicht erfüllen zu können sich entschuldigte. Er trug Maggy auf, mit seinen Antworten heimzugehen, und gab ihr einen Schilling, um den sie das Mißlingen ihres Supplementarunternehmens sonst gebracht hätte. Als er wieder zu Klein-Dorrit trat und sie wie zuvor auf und ab gingen, sagte sie plötzlich: "Ich glaube, ich gehe besser nach Hause. Ich gehe besser nach Hause." "Lassen Sie sich das nicht kümmern", sagte Clennam. "Ich habe die Briefe beantwortet. Sie enthielten nichts. Sie wissen ja, was sie enthielten. Sie waren von keiner Bedeutung." "Aber ich fürchte mich", versetzte sie, "ihn allein zu lassen, ich fürchte mich, irgendeines allein zu lassen. Wenn ich fort bin, machen sie verkehrtes Zeug –-, aber es ist wirklich nicht ihre Absicht – auch Maggys nicht." "Es war ein ganz unschuldiger Auftrag, den sie besorgte, das arme Ding. Und daß sie ihn geheim vor Ihnen hielt, geschah ohne Zweifel, weil sie glaubte, Ihnen dadurch eine Unannehmlichkeit zu ersparen." "Ja, ich glaube es wohl, ich glaube es wohl! Aber ich gehe besser nach Hause! Erst gestern sagte mir meine Schwester, ich sei so an das Gefängnis gewöhnt worden, daß ich ganz den Ton und Charakter desselben angenommen. Es muß wohl der Fall sein. Ich weiß gewiß, daß es der Fall ist, wenn ich diese Dinge sehe. Mein Platz ist dort. Ich bin besser dort. Es ist gefühllos von mir, hier zu sein, wenn ich das Geringste dort tun kann. Leben Sie wohl. Ich tue weit besser, zu Hause zu bleiben." Der schwere Kampf, mit dem sie diese Worte hervorbrachte, als rängen sie sich unwillkürlich von ihrem gepreßten Herzen los, machte es schwierig für Clennam, die Tränen zurückzuhalten, wenn er sie ansah und so sprechen hörte. "Nennen Sie es nicht zu Hause, mein Kind", bat er. "Es ist mir immer peinlich Sie das ›zu Hause‹ heißen zu hören." »Aber es ist mein Haus. Was kann ich sonst meine Heimat nennen? Warum sollte ich das je vergessen?« »Meine liebe Klein-Dorrit, Sie tun niemandem einen guten und wahren Dienst damit.« »Ich weiß, ich weiß es! Aber es ist besser, wenn ich dort bleibe; weit besser, weit pflichtgetreuer, weit glücklicher. Bitte, gehen Sie nicht mit mir, lassen Sie mich allein gehen. Leben Sie wohl. Gott segne Sie. Ich danke Ihnen, danke Ihnen.« Er fühlte, daß es besser sei, ihre Bitte zu respektieren, und blieb stehen, während ihre schlanke Figur rasch hinwegeilte. Als sie aus dem Gesicht verschwunden, richtete er seinen Blick auf das Wasser und stand sinnend da. Sie würde sich zu jeder Zeit durch die Entdeckung dieser Briefe unglücklich gefühlt haben; aber jetzt um so mehr, und auf solche nicht wieder gutzumachende Weise? Nein. Wenn sie ihren Vater mit seinem fadenscheinigen Rocke hätte betteln sehen, wenn sie ihn gebeten, ihrem Vater kein Geld zu geben, wäre sie unglücklich gewesen. Aber nicht in solchem Grade. Etwas hatte sie gerade jetzt sehr stolz und empfindlich gemacht. War denn wirklich jemand in der hoffnungslosen, unerreichbaren Ferne? Oder war der Verdacht in dieses Gemüt durch die Gedankenverbindung des wilden Stromes unter der Brücke und desselben Stromes weiter oben gedrungen, der mit seiner unabänderlichen Melodie am Bug der Fähre so viele Meilen in einer Stunde dahinrauschte, hier die Binsen, dort die Lilien berührte, nichts ungewiss oder unruhig? Er dachte lange Zeit an sein armes Kind, Klein-Dorrit; er dachte an sie, wie sie nach Hause gehe; er dachte an sie in der Nacht; er dachte an sie, wenn der Tag wieder anbrach. Und das arme Kind, Klein-Dorrit, dachte an ihn – nur zu treu, ach, nur zu treu – in den Schatten der Mauern des Marschallgefängnisses. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Maschinerie in Bewegung. Mr. Meagles betrieb die Unterhaltung mit Daniel Doyce, die Clennam ihm übertragen, mit so tätigem Eifer, daß er die Sache ehestens in Gang brachte und eines Morgens um neun Uhr bei Clennam vorsprach, um ihm seinen Bericht zu erstatten. »Doyce ist höchlich erfreut über Ihre gute Meinung«, sagte er, »und wünscht nichts so sehr, als daß Sie die Sachen selbst untersuchen und sich genau von dem Stande derselben unterrichten. Er hat mir die Schlüssel zu allen seinen Papieren und Büchern eingehändigt – hier in dieser Tasche rasseln sie –, und der einzige Auftrag, den er mir gegeben, ist: ›Verschaffen Sie Mr. Clennam die Mittel, sich ganz auf den gleichen Standpunkt mit mir zu stellen, daß er alles wisse, was ich weiß. Wenn es am Ende zu nichts kommen sollte, wird er mein Vertrauen achten. Wenn ich dessen nicht zum voraus gewiß wäre, möchte ich nichts mit ihm zu tun haben.‹ Und damit«, sagte Mr. Meagles, »haben Sie Daniel Doyce, wie er ist.« »Ein sehr achtungswerter Charakter.« »O ja, gewiß. Kein Zweifel. Wunderlich, aber sehr achtungswert. Freilich sehr wunderlich. Sollten Sie es glauben, Clennam«, sagte Mr. Meagles mit herzlicher Freude über seines Freundes Enthusiasmus, »daß ich einen ganzen Morgen auf dem, wie heißt er nur, Yard –« »Bleeding Heart Die englischen Ortsnamen (Straßen, Plätze usw.) können der Originalität halber nicht immer verdeutscht werden. « »Einen ganzen Morgen auf dem Bleeding Heart Yard zubrachte, ehe ich ihn überreden konnte, sich nur auf die Sache einzulassen?« »Wieso das?« »Wieso das kam, mein Freund? Ich hatte kaum Ihren Namen in Verbindung mit der Sache genannt, als er erklärte, nichts davon wissen zu wollen.« »Nichts davon wissen zu wollen, meinetwegen?« »Ich hatte kaum Ihren Namen genannt, Clennam, als er sagte: ›Das wird nicht gehen!‹ Was er damit meine? fragte ich ihn. ›Nichts, Meagles; das wird nicht gehen.‹ Warum würde es nicht gehen? Sie werden es kaum glauben, Clennam«, sagte Mr. Meagles innerlich lachend, »aber es kam endlich heraus, es werde nicht gehen, weil Sie und er auf dem Wege nach Twickenham in ein freundliches Gespräch sich miteinander eingelassen hätten, in dessen Verlauf er auf seine Absicht, einen Kompagnon anzunehmen, zu sprechen gekommen, da er damals angenommen, daß Sie so fest und dauernd etabliert seien wie die Paulskirche. ›Nun könnte Mr. Clennam‹, sagte er, ›vielleicht glauben, wenn ich auf seinen Vorschlag einginge, ich hätte bei dem, was ein offenes, ehrliches Wort war, ein absichtsvolles und schlaues Motiv gehabt. Das kann ich nicht ertragen‹, sagte er, ›ich bin wirklich zu stolz, das zu ertragen.‹« »Ich könnte ebensogut glauben –« »Natürlich«, unterbrach ihn Mr. Meagles, »das sagt' ich ihm auch. Aber es bedurfte eines ganzen Morgens, bis ich diese Mauer erstiegen, und ich zweifle, ob es irgend jemandem außer mir (er liebt mich seit langer Zeit) gelungen wäre, seinen Fuß hinüberzusetzen. Nun, Clennam, nachdem dieses geschäftliche Hindernis überwunden, bedingte er, daß, ehe ich die Sache mit Ihnen wieder aufnehmen würde, ich die Bücher durchsähe und mir eine Ansicht bilde. Ich sah die Bücher durch und bildete mir eine Ansicht. ›Ist sie im ganzen dafür und dagegen?‹ sagte er. ›Für‹ sagte ich. ›Dann‹, sagte er, ›mögen Sie, mein guter Freund, Mr. Clennam die Mittel an die Hand geben, sich selbst eine Ansicht zu bilden. Um ihn in den Stand zu setzen, dies ohne alle Parteilichkeit und mit vollkommener Freiheit tun zu können, werde ich auf eine Woche die Stadt verlassen.‹ Und er ist fort«, sagte Mr. Meagles, "das ist der glückliche Ausgang der Sache.« »Er gibt mir dadurch«, sagte Clennam, »einen hohen Begriff, ich muß gestehen, von seiner Redlichkeit und seiner –" »Wunderlichkeit«, warf Mr. Meagles ein. »Das will ich glauben.« Es war nicht gerade das Wort auf Clennams Lippen; er unterließ es jedoch, seinen gut aufgelegten Freund zu unterbrechen. »Und jetzt«, fügte Mr. Meagles hinzu, »können Sie, sobald es Ihnen beliebt, einen Blick in die Sachen werfen. Ich habe es übernommen, Aufklärung zu geben, wo Sie solcher bedürfen sollten, jedoch streng unparteiisch zu sein und nicht darüber hinauszugehen.« Sie begannen ihre Untersuchungen noch am selben Vormittag im Bleeding Heart Yard. Kleine Seltsamkeiten ließen sich von erfahrenen Augen leicht in der Art, wie Mr. Doyce seine Sachen besorgte, entdecken, aber sie bargen beinahe immer eine sinnige Vereinfachung einer Schwierigkeit und einen ebenen Weg zu dem gewünschten Ziel in sich. Daß er mit seinen Büchern im Rückstande und einer Unterstützung benötigt war, um die Ertragfähigkeit seines Geschäfts zu entwickeln, war klar genug; alle Resultate seiner Unternehmungen während vieler Jahre jedoch lagen offen zu Tage und waren leicht nachzuweisen. Nichts war im Hinblick auf eine schwebende Untersuchung getan, alles trug das ursprüngliche Arbeiterkleid und war in einer gewissen holperigen Ordnung. Die Berechnungen und Einträge von seiner eignen Hand, und deren war eine große Zahl, waren plump geschrieben und ohne besonders große Genauigkeit, aber immer einfach und erfüllten vollständig den Zweck. Es kam Arthur vor, als ob eine weit ausgearbeitetere und hübscher in die Augen fallende Geschäftsführung – wie sie die Bücher der Circumlocution Office vielleicht auswiesen – weit weniger den Zweck erfüllten, da ihre Art und Weise weit weniger verständlich gemacht wäre. Drei bis vier Tage angestrengten Fleißes ließen ihn all der Tatsachen Herr werden, deren Kenntnis wesentlich für ihn war. Mr. Meagles war immer zur Hand, stets bereit, jeden dunklen Punkt mit der hellen kleinen Sicherheitslampe zu beleuchten, die zu den Wagschalen und Geldschaufeln gehörte. Sie kamen unter sich über die Summe überein, die sie für die Hälfte Anteil an dem Geschäft anzubieten für recht und billig hielten; dann entsiegelte Mr. Meagles ein Papier, in dem Daniel Doyce notiert hatte, wie hoch er den Betrag schätze, welche Summe sogar etwas geringer war. So fand Daniel, als er zurückkam, die Sache so gut wie abgeschlossen. »Und ich darf nun gestehen, Mr. Clennam«, sagte er und schüttelte ihm herzlich die Hand, »daß, wenn ich mich rechts und links nach einem Geschäftsteilhaber umgesehen, ich kaum glaube, daß ich einen hätte finden können, der mehr nach meinem Sinn gewesen wäre.« »Ich sage das gleiche«, versetzte Clennam. »Und ich sage von Ihnen beiden«, fügte Mr. Meagles hinzu, »daß Sie vortrefflich füreinander taugen. Sie halten ihn mit Ihrem klaren Verstand im Schach, Clennam, und Sie betreiben die Arbeit, dann, mit Ihrem –« »Unklaren Verstand?« ergänzte Daniel mit sanftem Lächeln. »Sie mögen es so nennen, wenn Sie wollen – und jeder von Ihnen wird dem andern eine rechte Hand sein. Hier gebe ich, als ein praktischer Mann, darauf meine eigne rechte Hand jedem von Ihnen.« Der Handel war in einem Monat abgeschlossen. Arthur blieb dadurch im Besitze von persönlichen Mitteln, die einige hundert Pfund nicht überschritten; aber das Geschäft eröffnete ihm eine tätige und vielversprechende Karriere. Die drei Freunde dinierten aus diesem glücklichen Anlaß, die Arbeiter und die Frauen und Kinder der Arbeiter machten einen Feiertag und speisten gleichfalls; sogar der Bleeding Heart Yard speiste und war voll Essen. Kaum waren im ganzen zwei Monate verflossen, als der Hof wieder so an gewöhnliche Hausmannskost gewöhnt war, daß niemand mehr an das Traktament dachte, und nichts schien an der Genossenschaft mehr neu als die gemalte Inschrift auf dem Türpfosten: Doyce und Clennam ; ja selbst Clennam glaubte, die Angelegenheiten der Firma seit Jahren im Kopfe mit sich herumgetragen zu haben. Das kleine Kontor, das für ihn eingerichtet worden, bestand aus einem Zimmer aus Holz und Glas am Ende einer langen, niedern Werkstatt, die mit Werktischen, Schraubstöcken, Werkzeugen, Riemen und Rädern angefüllt war, die, wenn sie mit der Dampfmaschine in Verbindung gebracht wurden, zerrten und rissen, als hätten sie die selbstmörderische Mission, das Geschäft zu Staub zu zermalmen und die Manufaktur in Stücke zu zerreißen. Große Falltüren im Boden und an der Decke, die die Werkstätte oben und die Werkstätte unten in Verbindung setzten, brachten ein Streiflicht in diese Perspektive, das Clennam an das alte Kinderbilderbuch erinnerte, wo ähnliche Strahlen die Zeugen von Abels Mord waren. Das Geräusch war entfernt genug von dem Kontor, um wie ein geschäftiges Summen zu klingen, das ab und zu durch ein Geklirr oder einen Schlag unterbrochen wurde. Die geduldigen Gestalten an der Arbeit waren durch die Eisen- und Stahlfeilspäne geschwärzt, die auf jedem Werktisch tanzten und durch jede Ritze in den Bohlen wirbelten. Zur Werkstätte gelangte man aus dem äußern Hof unten über eine Stufenleiter, die als Dach für einen großen Schleifstein diente, an dem die Werkzeuge geschärft wurden. Das Ganze hatte in Clennams Augen zu gleicher Zeit ein phantastisches und praktisches Aussehen, was eine willkommene Abwechslung war; und sooft er seinen Blick von dem ersten Versuch, die große Reihe von Geschäftspapieren vollständig in Ordnung zu bringen, erhob, sah er mit einem gewissen behaglichen Gefühl auf diese Dinge, die ihm neu waren. Als er so eines Tages seine Augen aufschlug, war er erstaunt, einen Damenhut sich an der Treppenleiter heraufarbeiten zu sehen. Der ungewöhnlichen Erscheinung folgte ein zweiter Hut. Er gewahrte dann, daß der erste auf dem Kopfe von Mr. Finchings Tante saß, und daß der zweite Floras Kopf angehörte, die ihr Legat mit beträchtlicher Schwierigkeit die steilen Stufen heraufgebracht zu haben schien. Obgleich nicht besonders entzückt von dem Anblick dieses Besuches, verlor Clennam keine Zeit, die Kontortür zu öffnen und sie aus der Werkstätte loszuwickeln; eine Rettung, die um so notwendiger war, als Mr. Finchings Tante bereits über ein Hindernis stolperte und die Dampfkraft als Institut mit einem steinharten Ridikül bedrohte, das sie trug. »Mein Gott, Arthur, – wollte sagen Mr. Clennam, weit passender – was war das für ein beschwerliches Heraufklettern, und wie da wieder hinabkommen ohne eine Feuerleiter, und Mr. Finchings Tante, die beständig auf den Stufen ausgleitet und am ganzen Leibe zerquetscht ist, und Sie in einer Maschinenfabrik und Gießerei, wer hätte sich das gedacht, und Sie ließen uns auch nicht das geringste davon wissen!« So sagte Flora außer Atem. Mr. Finchings Tante rieb indes ihr beschädigtes Schienbein mit dem Sonnenschirm und glühte vor Rache. »Sehr unfreundlich, daß Sie uns seit jenem Tage nicht mehr besucht haben, obgleich wir natürlich durchaus nicht erwarten konnten, daß irgend etwas Anziehendes in unsrem Hause sein werde, und Sie sicherlich weit angenehmer beschäftigt waren, und ich möchte wissen, ob sie blond oder dunkel ist; hat sie blaue Augen oder schwarze, nicht daß ich erwartete, sie werde etwas anderes sein als der vollständige Gegensatz zu mir in allen Einzelheiten, denn ich bin eine Enttäuschung, wie ich ganz wohl weiß, und Sie haben ohne Zweifel ganz recht, ihr ergeben zu sein, und lassen Sie sich das gleichgültig sein, Arthur, was ich da sage, ich weiß es ja selbst kaum, lieber Gott!« Während dieser Zeit hatte er ihnen im Kontor Stühle hingestellt. Als Flora sich niederließ, warf sie ihm den alten Blick zu. »Und dann Doyce und Clennam, wer kann dieser Doyce sein?« sagte Flora: »ohne Zweifel ein herrlicher Mann und vielleicht verheiratet, und er hat vielleicht eine Tochter, wirklich? Dann versteht man die Genossenschaft und weiß alles, sagen Sie mir nichts davon, denn ich weiß, ich habe keinen Anspruch, diese Frage zu stellen, nachdem die goldene Kette, die einst geschmiedet worden, entzweigesprungen, was ganz natürlich.« Flora legte ihre Hand zärtlich auf die seine und warf ihm einen zweiten Blick aus ihrer Jugend zu. »Lieber Arthur – Macht der Gewohnheit, Mr. Clennam wäre immerhin zarter und für die obwaltenden Umstände passender – ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mir die Freiheit nehme, so bei Ihnen einzudringen, aber ich dachte, ich dürfte mir auf die vergangenen Zeiten hin, die für immer verschwunden, um nie wieder zu blühen, herausnehmen, mit Mr. Finchings Tante bei Ihnen vorzusprechen, um zu gratulieren und Ihnen meine besten Wünsche auszusprechen. Um ein bedeutendes besser als China, nicht zu leugnen, und weit näher, obgleich höher hinauf!« »Ich freue mich außerordentlich, Sie zu sehen«, sagte Clennam, »und ich danke Ihnen, Flora, herzlich für Ihre gütige Erinnerung.« »Mehr als ich jedenfalls selbst sagen kann«, versetzte Flora, »denn ich hätte zwanzig verschiedene Male hintereinander tot und begraben sein können, und kein Zweifel, was auch früher der Fall gewesen war, Sie hätten sich kaum meiner oder irgend etwas dergleichen erinnert, dessenungeachtet möchte ich eine letzte Bemerkung machen, eine letzte Erklärung abgeben –« »Meine liebe Mrs. Finching«, warf Arthur in der Verlegenheit ein. »Oh, nicht diesen unangenehmen Namen, sagen Sie Flora!« »Flora, ist es der Mühe wert, sich aufs neue durch Erklärungen zu quälen? Ich versichere Ihnen, es sind keine nötig. Ich bin zufrieden – ich bin vollkommen zufrieden.« Hier wurden sie von dem Gegenstand abgelenkt, denn Mr. Finchings Tante machte folgende unerbittliche und schreckliche Bemerkung: »Es gibt Meilensteine auf dem Wege nach Dover!« Mit solch tödlicher Feindschaft gegen das Menschengeschlecht schoß sie diesen Pfeil ab, daß Clennam gar nicht wußte, wie er sich verteidigen sollte; um so mehr, als er bereits durch die Ehre des Besuchs dieser ehrwürdigen Dame in Verlegenheit war, denn sie hatte offenbar den größten Widerwillen gegen ihn. Er konnte sie nur mit der äußersten Verwirrung ansehen, wie sie so dasaß mit Bitterkeit und Zorn auf den Lippen und meilenweit fortstierte. Flora jedoch nahm die Bemerkung hin, als wäre sie von der passendsten und angenehmsten Art, indem sie laut billigend bemerkte, Mr. Finchings Tante habe sehr viel Geist. Sei es nun durch dieses Kompliment, oder durch die glühende Entrüstung gereizt, fügte diese herrliche Frau hinzu: »Er soll ihn ansehen, wenn er kann.« Und mit einer heftigen Bewegung ihres Ridiküls (ein Anhängsel von großem Umfang und versteinertem Aussehen) gab sie zu verstehen, daß Clennam der Mann sei, an den die Herausforderung gerichtet war. »Eine letzte Bemerkung«, fuhr Flora fort, »sagte ich, wünsche ich zu machen, eine letzte Erklärung abzugeben. Mr. Finchings Tante und ich würden uns nicht zur Geschäftsstunde in das Kontor gedrängt haben, da Mr. Finching auch Geschäftsmann war, und obgleich der Weinhandel ein stilles Geschäft ist, ist er wie jedes andere, und Geschäftsgewohnheiten sind immer dieselben, wovon, Mr. Finching selbst ein Zeugnis ist – da er seine Pantoffel immer zehn Minuten vor sechs Uhr nachmittags auf der Matte hatte und seine Stiefel innerhalb des Kamingitters zehn Minuten vor acht Uhr morgens auf den Punkt bei jeder Witterung, schön oder regnerisch –, wir würden nicht hier eingedrungen sein ohne einen Beweggrund, der freundlich gemeint, hoffentlich auch freundlich aufgenommen wird, Arthur, Mr. Clennam weit passender gesagt, oder geschäftlicher Doyce und Clennam." »Bitte, sagen Sie nichts zu Ihrer Entschuldigung«, bat Arthur. »Sie sind stets willkommen.« »Sehr höflich von Ihnen so zu sprechen, Arthur – kann mich des Worts Mr. Clennam nicht erinnern, bis es heraus ist, so stark ist die Gewohnheit der für immer verrauschten Zeit und so wahr ist es, daß oft in der stillen Nacht, ehe die Kette des Schlummers die Menschen fesselt, die Erinnerung das Licht vergangener Tage über sie ergießt – sehr höflich, aber höflicher als wahr, fürchte ich, denn, wenn man in ein Maschinengeschäft eintritt, ohne auch nur eine Zeile oder eine Karte an Papa zu senden, – ich mag nicht mir sagen, obgleich es eine Zeit gab, aber diese ist vorbei, und strenge Wirklichkeit, mein Gott, hat jetzt, ich schweige davon – das sieht wirklich nicht danach aus, das müssen Sie zugestehen." Sogar Floras Kommata schienen bei dieser Gelegenheit entflohen zu sein; um so viel unzusammenhängender und gesprächiger war sie als bei der ersten Begegnung. »Freilich«, fuhr sie unaufhaltsam fort, »es war nichts anderes zu erwarten, und warum sollte es zu erwarten gewesen sein, und wenn es nicht zu erwarten war, warum sollte es sein, und ich bin weit entfernt, Ihnen oder irgend jemandem einen Vorwurf zu machen. Als Ihre Mama und mein Papa uns zu Tode quälten und die goldene Kelle – wollte sagen Kette zerbrachen, aber ich hoffe, Sie wissen, was ich meine, und wenn Sie's nicht wissen, verlieren Sie nicht viel und werden sich wenig darum kümmern, wage ich hinzuzusetzen – als sie die goldene Kette zerbrochen, die uns verband, und uns in eine Stimmung versetzten, daß wir auf dem Sofa beinahe vor Weinen erstickten, zum mindesten ich, da war alles verändert, und als ich meine Hand Mr. Finching reichte, weiß ich, daß ich es mit offenen Augen tat, aber es war ein so schwankender Charakter und von so niedergedrücktem Geiste, daß er in der Zerstreuung auf den Fluß anspielte, wenn nicht gar auf Öl oder etwas dergleichen vom Chemiker, und ich tat mein Bestes.« »Meine gute Flora, wir hatten das zuvor schon abgemacht. Es war ganz gut.« »Es ist ganz klar. Sie denken so«, versetzte Flora, »denn Sie fassen die Sache sehr kalt auf; wenn ich nicht gewußt, es wäre China, ich hätte die Polarregionen vermutet, lieber Mr. Clennam, Sie haben ganz recht, und ich kann Sie nicht tadeln, aber was Doyce und Clennam betrifft, so hörten wir davon, da der Hof Papas Eigentum ist, durch Pancks, und ohne ihn würden wir, davon bin ich überzeugt, nie ein Wort vernommen haben.« »Nein, nein, sagen Sie das nicht.« »Warum soll ich es nicht sagen, Arthur – Doyce und Clennam – leichter und weniger peinlich für mich, als Mr. Clennam –, da ich es doch weiß, und Sie wissen es auch und können es nicht leugnen.« »Aber ich leugne es, Flora. Ich würde Ihnen ehestens einen freundschaftlichen Besuch gemacht haben.« »Ah!« sagte Flora, ihren Kopf schüttelnd. »Wirklich!« und sie warf ihm wieder einen von ihren alten Blicken zu. »Als uns Pancks jedoch davon sagte, entschloß ich mich, mit Mr. Finchings Tante Sie zu besuchen, weil, als Papa – was vordem geschah – zufällig ihren Namen mir gegenüber erwähnte und sagte, Sie interessierten sich für sie, ich augenblicklich erwiderte: Mein Gott, warum sie nicht zu uns nehmen, wenn irgend etwas zu tun ist, statt es aus dem Hause zu geben.« »Wenn Sie sagen ›sie‹«, bemerkte Clennam, der indessen sehr stark verwirrt geworden, »meinen Sie Mr. Finchings –« »Du meine Güte, Arthur – Doyce und Clennam wirklich leichter für mich bei den alten Erinnerungen –, wer hörte je von Mr Finchings Tante, daß sie Näherin sei und im Tagelohn arbeite?« »Im Tagelohn arbeite? Sprechen Sie von Klein-Dorrit?« »Nun natürlich!« versetzte Flora; »von allen seltsamen Namen, die ich je gehört, der seltsamste, der klingt, wie der Name eines Ortes auf dem Lande mit einem Schlagbaum, oder eines Lieblingsponys, oder eines Jungen, oder eines Vogels, oder etwas aus einem Samenladen, das man in einen Garten oder Blumentopf steckt und das dann gefleckt aufgeht.« »Liebe Flora«, sagte Arthur, der plötzlich ein Interesse für die Unterhaltung bekam, »so war Mr. Casby denn so freundlich, Klein-Dorrit bei Ihnen zu erwähnen, wirklich? Was sagte er?« »Oh, Sie wissen, wie Papa ist«, erwiderte Flora, »und wie schwerfällig er dasitzt, ein herrlicher Anblick, und seine Daumen umeinander dreht, bis man schwindlig wird, wenn man seine Augen auf ihn heftet, er sagte, als wir von Ihnen sprachen – ich weiß nicht, wer Arthur (Doyce und Clennam) zur Sprache brachte, aber ich bin gewiß, daß ich es nicht war, wenigstens hoffe ich es nicht, aber Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich nicht mehr über diesen Punkt sage.« »Gewiß«, sagte Arthur. »Jedenfalls.« »Sie sind sehr bereitwillig«, schmollte Flora, die in gewinnender Schüchternheit plötzlich innehielt,«das muß ich einräumen, Papa sagte, Sie hätten sehr ernst von ihr gesprochen, und ich sagte, was ich Ihnen erzählte und das ist alles." 272 »Das ist alles?« sagte Arthur etwas enttäuscht. »Ausgenommen daß, als Pancks uns sagte, Sie hätten sich in dieses Geschäft eingelassen, und nur mit Mühe uns überzeugen konnte, Sie seien es wirklich, ich zu Mr. Finchings Tante sagte, dann wollten wir hierher gehen und Sie fragen, ob es für alle Teile angenehm wäre, daß wir sie bei uns beschäftigten, wenn wir sie brauchen, denn ich weiß, sie kommt oft zu Ihrer Mama, und ich weiß, daß Ihre Mama ein reizbares Temperament hat, Arthur – Doyce und Clennam – sonst hätte ich niemals Mr. Finching geheiratet und wäre in diesem Augenblicke – aber ich schwatze da Unsinn.« »Es war sehr freundlich von Ihnen, Flora, daran zu denken.« Die arme Flora erwiderte mit offener Aufrichtigkeit, die ihr weit besser stand als ihre jüngsten Blicke, sie sei sehr erfreut, daß er so dächte. Sie sagte es mit so viel Herz, daß Clennam viel gegeben, wenn er seine alte Ansicht von ihr auf der Stelle hätte zurückhaben und sie und die Sirene auf immer hätte fortwerfen können. »Ich denke, Flora«, sagte er, »daß die Beschäftigung, die Sie Klein-Dorrit geben, und die Güte, die Sie ihr beweisen können –« »Ja, ich will es«, sagte Flora lebhaft. »Ich bin überzeugt – es wird ihr eine große Stütze und Erleichterung sein. Ich glaube nicht das Recht zu haben, Ihnen zu sagen, was ich von ihr weiß, denn diese Kenntnis ist mir im Vertrauen geworden und unter Umständen, die mich zu schweigen zwingen. Aber ich habe ein Interesse für die kleine Kreatur und einen Respekt vor ihr, den ich Ihnen nicht auszudrücken vermag. Ihr Leben war so voll Prüfungen und Hingebung und von solch ruhiger Güte, daß Sie keine Vorstellung davon haben können. Ich kann kaum an sie denken, noch viel weniger von ihr sprechen, ohne gerührt zu sein. Lassen Sie dies Gefühl ersetzen, was ich Ihnen sagen könnte, und sie an Ihre Güte mit meinem Dank empfehlen.« Noch einmal bot er der armen Flora offen seine Hand; noch einmal konnte die arme Flora sie nicht offen annehmen, fand es auch nicht der Mühe wert und mußte die alte Intrige, das alte Geheimnis daraus machen. Ebensosehr zu ihrer eigenen Befriedigung als zu seinem Verdruß bedeckte sie sie mit einer Ecke ihres Schals, als sie dieselbe nahm. Dann rief sie, als sie nach der Glasfront des Kontors blickte und zwei Gestalten nahen sah, mit unendlicher Freude: »Papa! St! Arthur, um's Himmels Willen!« und taumelte in ihren Stuhl zurück, indem sie mit staunenswürdigem Talent eine herannahende Ohnmacht heuchelte, die eine Folge von heftiger Überraschung und mädchenhafter Verwirrung sein sollte. Der Patriarch steuerte indessen in Pancks' Kielwasser mit nichtssagendem Strahlen des Gesichts auf das Kontor zu. Pancks öffnete die Tür für ihn, schleppte ihn hinein und ging selbst in einer Ecke vor Anker. »Ich hörte von Flora«, sagte der Patriarch mit seinem wohlwollenden Lächeln, »daß sie Besuch machen wollte, Besuch machen wollte. Und da ich gerade aus war, dacht' ich, ich wollte auch Besuch machen, dacht' ich, ich wollte auch Besuch machen.« Die wohlwollende Weisheit, die er durch seine blauen Augen, seine langen, weißen Haare und sein leuchtendes Haupt in diese Erklärung ausströmte (die an und für sich nicht tief war), machte großen Eindruck. Sie schien würdig, unter die edelsten Gefühle, die die besten Männer ausgesprochen, gestellt zu werden. Auch als er zu Clennam sagte, indem er sich in den dargebotenen Stuhl setzte: »Und Sie sind in einem neuen Geschäfte, Mr. Clennam? Ich wünsche Ihnen Glück, Sir, ich wünsche Ihnen Glück!« schien er Wunder von Wohlwollen verrichtet zu haben. »Mrs. Finchings hat mir gesagt, Sir«, versetzte Arthur, nachdem er die Tatsache zugegeben, während die Hinterlassene des verstorbenen Mr. Finching mit einer Gebärde gegen den Gebrauch dieses ehrenwerten Namens protestierte, »sie werde bei Gelegenheit die Dienste der jungen Näherin, die Sie meiner Mutter empfohlen, in Anspruch nehmen, wofür ich ihr meinen Dank ausgesprochen.« Der Patriarch dreht schwankend den Kopf nach Pancks um; der Begleiter steckte das Notizbuch ein, in das er vertieft gewesen, und nahm ihn ins Schlepptau. »Sie haben sie nicht empfohlen«, sagte Pancks, »wie konnten Sie auch? Sie wußten ja nichts von ihr, nein, wirklich nicht. Der Name wurde vor Ihnen genannt, und Sie gingen darüber hinweg. Das ist's, was Sie taten.« »Nun«, sagte Clennam, »da sie jede Empfehlung rechtfertigt, ist es ja eins.« »Sie freuen sich, daß sie sich so gut anläßt«, sagte Pancks, »aber es wäre ja nicht Ihre Schuld gewesen, wenn sie sich schlecht angelassen. Der gute Ruf ist, wie die Sachen stehen, nicht Ihre Schuld, und die Schande ebenfalls wäre Ihre Schuld nicht gewesen, wenn es anders stände. Sie haben ja keine Garantie zu leisten. Sie wußten nichts von ihr.« »So sind Sie also mit keinem Gliede der Familie bekannt?« sagte Arthur, eine Frage aufs Geratewohl wagend. »Mit keinem Gliede der Familie bekannt?« versetzte Pancks. »Wie sollten Sie mit einem Gliede der Familie bekannt sein? Sie hörten ja nie von ihnen. Sie können nicht mit Leuten bekannt sein, von denen Sie niemals hörten, nicht wahr? Sie sind meiner Ansicht?« Die ganze Zeit über saß der Patriarch feierlich lächelnd da, indem er mit dem Kopf wohlwollend schüttelte und nickte, je nachdem es der Fall erforderte. »Was die Verweisung an einen Schiedsrichter betrifft«, sagte Pancks, »so wissen Sie – im allgemeinen, was das heißen will. Ihr eignes Auge ist's! Sehen Sie auf Ihre Mietsleute in dem Hofe hinab. Sie würden alle einer für den andern stehen, wenn Sie's annähmen. Aber was würde die Folge davon sein? Zwei statt eines können keine Befriedigung gewähren, einer genügt. Ein Mann, der nicht bezahlen kann, treibt einen andern auf, der nicht bezahlen kann, um dafür zu garantieren, daß er bezahlen kann. Wie ein Mensch mit zwei hölzernen Beinen, der einen andern Menschen mit zwei hölzernen Beinen auftreibt, um dafür zu garantieren, daß er zwei natürliche Beine bekomme. Es setzt keinen von beiden in den Stand, einen Wettlauf zu machen. Und vier hölzerne Beine setzen mehr in Verlegenheit als zwei, wenn man gar keines braucht.« Mr. Pancks schloß, indem er seinen bekannten Dampf ausblies. Ein augenblickliches Schweigen, das eingetreten war, wurde von Mr. Finchings Tante unterbrochen, die seit ihrer letzten öffentlichen Bemerkung in einem Zustand von Starrsucht aufrecht dasaß. Sie bekam einen neuen heftigen Stoß, der darauf berechnet war, eine bestürzende Wirkung auf die Nerven der Uneingeweihten zu machen, und sie bemerkte mit der fürchterlichsten Feindschaft: »Sie können nicht einen Kopf und Hirn aus einem Messingknopf machen, in dem nichts ist. Sie könnten es selbst dann nicht tun, wenn Ihr Onkel George am Leben wäre; um so weniger, da er tot ist.« Mr. Pancks antwortete sogleich mit seiner gewöhnlichen Ruhe: »Wirklich, Ma'am? Gott schütze mich! Ich bin erstaunt, das zu hören.« Trotz seiner Geistesgegenwart jedoch brachten die Worte von Mr. Finchings Tante einen peinlichen Eindruck auf die kleine Gesellschaft hervor; erstlich, weil es unmöglich war, sich zu verhehlen, daß Clennams harmloser Kopf dieser verachtete Tempel der Vernunft sei, und zweitens, weil niemand bei all diesen Gelegenheiten wußte, auf welchen Onkel George angespielt wurde, oder welche Gespenstererscheinung unter diesem Namen zitiert wurde. Deshalb sagte Flora, obgleich nicht ohne ein gewisses Prahlen und einen Stolz auf ihr Legat, Mr. Finchings Tante sei heute sehr aufgeregt und sie denke, es sei besser, wenn sie gehen. Aber Mr. Finchings Tante gab äußerst lebhaft zu erkennen, daß sie diesen Wink übel aufnehme, und erklärte nicht gehen zu wollen, indem sie mit verschiedenen beleidigenden Ausdrücken hinzufügte, daß wenn » er «, womit sie offenbar Clennam meinte, – sie los sein wolle, so möge er sie die Wendeltreppe hinabstoßen; indem sie dringend den Wunsch hinzufügte, »ihn« diesen Akt vollziehen zu sehen. In diesem Dilemma ergriff Mr. Pancks, dessen Rettungsmittel für jedes Ereignis in den patriarchalischen Wassern auszureichen schienen, seinen Hut, schlüpfte zur Kontortür hinaus und schlüpfte einen Augenblick später mit einer künstlichen Frische in seinem Wesen, als wenn er einige Wochen auf dem Lande gewesen, wieder herein. »Nun, Gott schütze mich, Ma'am!« sagte Pancks, sein Haar vor Erstaunen in die Höhe richtend, »sind Sie da? Wie befinden Sie sich, Ma'am? Sie sehen heute reizend aus! Es freut mich ungemein, Sie zu sehen. Vergönnen Sie mir Ihren Arm, Ma'am, wir wollen etwas miteinander spazierengehen, wenn Sie mir die Ehre Ihrer Gesellschaft gönnen wollen.« Damit geleitete er Mr. Finchings Tante die Privattreppe des Kontors mit großer Galanterie und vielem Erfolg hinab. Der patriarchalische Mr. Casby erhob sich dann mit der Miene, als hätte er es selbst getan, und folgte lächelnd, indem er seiner Tochter Zeit ließ, während sie ihrerseits folgte, ihrem früheren Liebhaber in verwirrtem Flüstern (was ihr große Freude machte) zu bemerken, daß sie den Becher des Lebens bis zur Hefe geleert; und ihm ferner den geheimnisvollen Wink zu geben, daß der verstorbene Mr. Finching auf dem Boden desselben sitze. Als sich Clennam wieder allein sah, wurde er abermals eine Beute seiner alten Zweifel in Beziehung auf seine Mutter und Klein-Dorrit, und er erwog die alten Gedanken und Verdachtsgründe wieder und wieder. Sie waren ihm alle lebendig vor die Seele getreten, indem sie sich mit den Pflichten, die er mechanisch erfüllte, vermischten, als ein Schatten, der auf seine Papiere fiel, ihn veranlaßte, nach der Ursache aufzusehen. Diese war Mr. Pancks. Den Hut auf das Ohr zurückgezogen, als ob seine Drahtspitzen von Haaren wie Springfedern emporgeschnellt wären und ihn abgeworfen, mit seinen achatschwarzen, neugierig scharfen Augenkügelchen, die Finger seiner rechten Hand im Munde, um die Nägel abzubeißen, und die Finger seiner Linken in der Tasche als Reserve zu einem neuen Gang, warf Mr. Pancks seinen Schatten durch die Scheibe auf Bücher und Papiere. Mr. Pancks fragte mit einer kleinen fragenden Wendung des Kopfes, ob er hereinkommen dürfe? Clennam antwortete mit einem Nicken des Kopfes bejahend. Mr. Pancks arbeitete sich hinein, legte an der Seite des Pultes an, warf Anker, indem er seine Arme darauf lehnte und begann das Gespräch mit Pusten und Schnauben. »Mr. Finchings Tante ist hoffentlich beruhigt?« sagte Clennam. »Gewiß, Sir«, sagte Pancks. »Ich bin so unglücklich, eine große Animosität in der Brust dieser Dame erweckt zu haben« , sagte Clennam. »Wissen Sie weshalb?« »Weiß sie , weshalb?« sagte Pancks. »Ich vermute, nein.« »Ich vermute auch nicht« , sagte Pancks. Er zog sein Notizbuch heraus, öffnete es, ließ es in seinen Hut fallen, der neben ihm auf dem Pulte stand, und sah hinein, während es auf dem Boden des Hutes lag: alles mit großer Wichtigkeit. »Mr. Clennam«, begann er dann, »ich brauche eine Notiz, Sir.« »Die mit der Firma in Beziehung steht?« fragte Clennam. »Nein« , sagte Pancks. »Womit denn, Mr. Pancks? Das heißt, vorausgesetzt, daß Sie sie von mir wollen.« »Ja, Sir; ja, ich wünsche sie von Ihnen« , sagte Pancks, »wenn ich Sie veranlassen kann, sie mir zu geben. A, B, C, D. Da, De, Di, Do. Nach der Wörterbuchfolge. Dorit. Das ist der Name, Sir.« Mr. Pancks ließ wieder sein eigentümliches Geräusch hören und fiel über seine Nägel von der rechten Hand her. Arthur sah ihn forschend an; er erwiderte den Blick. »Ich verstehe Sie nicht, Mr. Pancks.« »Das ist der Name, über den ich die Notiz wünschte.« »Und was wünschen Sie zu wissen?« »Was Sie mir nur immer sagen können und wollen.« Dieser umfassende Inbegriff seiner Wünsche wurde nicht ohne schwere Arbeit von Mr. Pancks' Maschine zutage gefördert. »Das ist ein eigentümlicher Besuch, Mr. Pancks, Es fällt mir außerordentlich auf, daß Sie mit solch einer Angelegenheit zu mir kommen.« »Es mag ganz außerordentlich sein«, versetzte Mr. Pancks, »es mag ganz außer dem gewöhnlichen Lauf der Dinge liegen und doch ein Geschäft sein. Kurz, es ist ein Geschäft. Ich bin ein Geschäftsmann. Welches Geschäft habe ich in dieser Welt, als mich an das Geschäft zu halten? Kein anderes Geschäft.« Mit seinem früheren Zweifel, ob dieser trockene, harte Mensch die Sache ernstlich meine, richtete Clennam seinen Blick wieder aufmerksam auf sein Gesicht. Es war so ruppig und schmutzig wie je, und so ungestüm und lebhaft wie je, und er konnte nichts Lauerndes in demselben sehen, das einen verborgenen Spott verraten, den er aus dem Ton seiner Worte vernehmen zu müssen glaubte. »Nun«, sagte Pancks, »um dieses Geschäft ins richtige Geleise zu bringen, sage ich im voraus, daß es nicht das meines Herrn ist.« »Verstehen Sie unter diesem Herrn Mr. Casby?« Pancks nickte. »Mein Herr. Setzen Sie einen Fall. Gesetzt, ich höre bei meinem Herrn den Namen – einer jungen Person, der Mr. Clennam zu dienen wünscht. Gesetzt, der Name würde bei meinem Herrn zuerst von Plornish, der im Hofe wohnt, erwähnt. Gesetzt, ich gehe zu Plornish. Gesetzt, ich bitte Plornish geschäftlich um Auskunft. Gesetzt, Plornish, obgleich mit der Bezahlung meines Herrn sechs Wochen im Rückstand, weigert sich. Gesetzt, auch Mrs. Plornish weigert sich. Gesetzt, beide beziehen sich auf Mr. Clennam. Setzen Sie den Fall.« »Nun?« »Nun, Sir«, versetzte Pancks. »Gesetzt, ich komme zu ihm. Gesetzt ich bin hier.« Während die Haarzinken an seinem ganzen Kopfe emporstanden und sein Atem schwer und kurz kam und ging, trat der geschäftige Pancks einen Schritt zurück (in der Schleppermetapher gesprochen, machte eine halbe Wendung mit dem Stern), als wollte er seinen schmutzigen Rumpf ganz zeigen, steuerte dann wieder vorwärts und warf seinen lebhaften Blick bald in seinen Hut, wo sein Notizbuch lag, bald auf Clennam. »Mr. Pancks, um nicht auf Ihren geheimnisvollen Ton einzugehen, will ich so offen gegen Sie sein, wie ich kann. Lassen Sie mich zwei Fragen an Sie richten. Erstens –« »Schon gut!« sagte Pancks, indem er seinen schmutzigen Zeigefinger mit dem zerbrochenen Nagel emporhielt. »Ich merke schon! ›Was ist Ihr Beweggrund?‹« »Ganz recht!« »Beweggrund«, sagte Pancks, »gut. Nichts zu schaffen mit meinem Herrn. Im Augenblick nicht auseinanderzusetzen: wäre lächerlich, wenn ich's im Augenblick auseinandersetzen wollte; aber gut. Ich wünsche einer jungen Person, namens Dorrit, zu dienen«, sagte Pancks, den Zeigefinger noch immer als eine Bürgschaft emporhaltend. »Besser, wir nehmen den Beweggrund als gut an.« »Zweitens und letztens, was wünschen Sie zu wissen?« Mr. Pancks fischte sein Notizbuch auf, ehe diese Frage gestellt war, und indem er dasselbe sorgfältig in einer inneren Brusttasche festknüpfte und die ganze Zeit Clennam starr ansah, antwortete er nach einer Pause pustend: »Ich wünsche irgendeine ergänzende Notiz.« Clennam konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als der schnaubende kleine Dampfschlepper, der dem schwerfälligen Schiff »der Casby« so nützlich war, ihn ins Auge faßte und beobachtete, als harrte er auf seine Gelegenheit hineinzusteuern und alles bei ihm zu plündern, was er brauchte, ehe er seinen Manövern Widerstand leisten könnte; obgleich auch wieder in Mr. Pancks' Ungestüm etwas war, was manchen wunderbaren Gedanken in ihm wachrief. Nach kurzem Bedenken beschloß er, Mr. Pancks allgemeine Auskunft zu liefern, soweit es in seiner Macht stand, sie ihm an die Hand zu geben; wohl wissend, daß Mr. Pancks, wenn er bei seiner gegenwärtigen Nachforschung fehlging, sicher andere Mittel zu finden imstande sein würde, um sich die nötigen Notizen zu verschaffen. Nachdem er deshalb zuerst Mr. Pancks aufgefordert, sich seiner freiwilligen Erklärung zu erinnern, daß sein Herr kein Teil an dieser Sache habe und daß seine eigenen Absichten gut seien (zwei Erklärungen, die dieser kohlige, kleine Mann mit dem größten Eifer wiederholte), sagte er ihm offen, daß er bezüglich des Geschlechtes der Dorrit und ihres früheren Aufenthaltes keinen Aufschluß geben könne und seine Kenntnis von der Familie sich nicht über das Faktum hinaus erstrecke, daß sie jetzt auf fünf Glieder reduziert zu sein scheinen; nämlich zwei Brüder, von denen der eine ledig, der andere ein Witwer mit drei Kindern sei. Das Alter der ganzen Familie teilte er Mr. Pancks mit, soweit er es wenigstens vermuten konnte; und endlich beschrieb er ihm die Lage des Vaters des Marschallgefängnisses und den Gang der Dinge und Ereignisse, durch die er mit diesem Mann näher bekannt geworden. Auf all dies horchte Mr. Pancks, der immer unglücksschwangerer blies und schnaubte, je mehr die Sache sein Interesse fesselte, mit großer Aufmerksamkeit; indem er die angenehmsten Empfindungen aus den peinlichsten Teilen der Erzählung zu ziehen und besonders durch die Schilderung der langen Gefangenschaft William Dorrits ergötzt zu sein schien. »Zum Schluß, Mr. Pancks«, sagte Arthur, »habe ich Ihnen nur so viel zu sagen. Ich habe mehr als persönliche Gründe, so wenig wie möglich von der Familie Dorrit zu sprechen, besonders in meiner Mutter Haus« (Mr. Pancks nickte) »und so viel zu erfahren, wie ich kann. Ein so eifriger Geschäftsmann wie Sie – hm?« Denn Mr. Pancks hatte plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft jene Anstrengung mit Blasen gemacht. »Nichts«, sagte Pancks. »Ein so eifriger Geschäftsmann wie Sie versteht ganz wohl, was ein guter Handel ist. Ich möchte einen guten Handel mit Ihnen machen, nämlich, daß Sie mir bezüglich der Familie Dorrit Aufklärungen verschaffen, wenn es in Ihrer Macht liegt, wie ich Ihnen Aufklärungen gegeben. Es wird Ihnen keinen besonders schmeichelhaften Begriff von meinem Geschäftsverfahren geben, daß ich meine Bedingungen vorher zu stellen versäumte«, fuhr Clennam fort, »aber ich ziehe es vor, eine Ehrensache daraus zu machen. Ich habe so viele Geschäfte nach scharfbegrenzten Grundsätzen machen sehen, daß ich, offen gesagt, Mr. Pancks, derselben müde bin.« Mr. Pancks lachte. »Es ist abgemacht, Sir«, sagte er. »Sie sollen mich fest daran halten sehen.« Nach diesen Worten sah er Clennam einige Zeit an und biß an allen zehn Nägeln herum, während er offenbar in seinen Gedanken fixierte, was man ihm erzählt, und fuhr dann sorgfältig darüber hin, ehe die Mittel, eine Kluft in seinem Gedächtnis auszufüllen, nicht mehr zur Hand wären. »So ist's recht«, sagte er endlich, »und nun will ich Ihnen guten Tag wünschen, da heute Sammeltag im Hofe ist. Im Vorbeigehen jedoch. Ein lahmer Fremder mit einem Stock.« »Ah, ah, Sie nehmen, wie ich sehe, bisweilen eine Bürgschaft an?« sagte Clennam. »Wenn dieser Bürge bezahlen kann«, versetzte Panck«. »Nimm alles, was du bekommen kannst, und behalte alles, was du nicht genötigt werden kannst, aufzugeben. Das ist Geschäft. Der lahme Fremde mit dem Stock wünscht ein oberes Zimmer in dem Hofe. Ist er gut dafür?« »Ich bin es«, sagte Clennam. »Ich sage für ihn gut.« »Das genügt. Was ich vom Bleeding Heart Yard haben muß, ist mein Schein«, sagte Pancks, indem er eine Notiz über die Sache in sein Buch machte. »Ich brauche, wie Sie sehen, meinen Schein. Bezahle oder zeige deinen Besitz! Das ist die Losung im Hofe drunten. Der lahme Fremde mit dem Stock behauptete, Sie schickten ihn; aber er könnte ebensogut behaupten (soweit es geht), daß der Großmogul ihn schickt. Er war, glaube ich, im Spital?« »Ja. Es ist ihm ein Unglück begegnet. Er wurde soeben entlassen.« »Der wird ein armer Teufel, Sir, wurde mir gesagt, den man in ein Hospital bringt«, sagte Pancks. Und stieß wieder jenen merkwürdigen Ton aus. »Dasselbe ist bei mir der Fall«, sagte Clennam kalt. Mr. Pancks, der sich indes zum Fortgehen fertiggemacht, ging einen Augenblick später unter Segel und schnaubte ohne weiteres Signal oder irgendwelche Zeremonie die Stufenleiter hinab und war bereits in voller Tätigkeit im Bleeding Heart Yard, ehe er noch recht aus dem Kontor zu sein schien. Den übrigen Teil des Tages war Bleeding Heart Yard in Bestürzung, da der mürrische Pancks darin kreuzte; er fuhr die Bewohner an, wenn sie Ausflüchte wegen des Bezahlens machten, forderte, daß sie ihren Verpflichtungen nachkämen, ließ Bemerkungen von Ausziehen oder Exekution fallen, bohrte Wortbrüchige in den Boden, schickte eine Brandung von Schrecken vor sich her und ließ den Hof in seinem Kielwasser. Knäuel von Menschen, durch eine schlimme Anziehungskraft getrieben, lauerten vor jedem Hause, von dem man wußte, daß er sich darin befand, und lauschten, um Bruchstücke seiner Gespräche mit den Inwohnern zu erhaschen; und konnten sich, wenn es hieß, er komme, häufig nicht rasch genug zerstreuen, so daß er, ehe man sich's versah, mitten unter ihnen stand und ihre eignen Rückstände forderte, und sie wie an den Boden gefesselt dastanden. Den ganzen übrigen Tag klang Pancks': »Wozu sie gesonnen seien?« und »Was sie damit wollten?« durch den Hof. Mr. Pancks wollte nichts von Entschuldigungen hören, nichts von Klagen hören, nichts von Ersatz hören, nichts als von unbedingter Bezahlung hören. Schwitzend und pustend und in exzentrischen Richtungen umherstürmend und immer heißer und schmutziger werdend, peitschte er den Strom des Hofes, daß er immer wilder und aufgeregter wurde. Volle zwei Stunden, nachdem man ihn auf der Höhe der Treppe an dem Horizonte wegdampfen gesehen, hatten sich die Wellen des Stromes noch nicht wieder geglättet. Es fanden in jener Nacht mehrere kleine Versammlungen von blutenden Herzen an den gewöhnlichen Zusammenkunftsorten auf dem Hofe statt, bei denen die Ansicht herrschend war, mit Mr. Pancks sei sehr schwer zu tun zu haben und es sei sehr zu bedauern, wirklich sehr zu bedauern, daß ein Mann wie Mr. Casby die Eintreibung seiner Einkünfte in die Hände dieses Menschen gebe und ihn nicht in seinem wahren Lichte kenne. Denn (sagten die blutenden Herzen), wenn ein Mann mit diesem weißen Haupte und diesen Augen seine Einkünfte selbst verwaltete, so hätte man nichts von diesen Quälereien und Zerrereien zu dulden, und die Sachen stünden ganz anders. Am selben Abend zur gleichen Stunde und Minute zappelte der Patriarch – der am Vormittag vor der Plünderung feierlich durch den Hof gesegelt, mit der ausdrücklichen Absicht, die volle Zuversicht zu seinem glänzenden Schädel und seidenen Haaren zu wecken – zur gleichen Stunde und Minute zappelte dieser Humbug erster Klasse von tausend Kanonen heftig in das kleine Dock seines erschöpften Schleppers und sagte, indem er die Daumen umeinander drehte: »Ein sehr schlechtes Geschäft für einen Tag, Pancks, ein sehr schlechtes Geschäft für einen Tag. Es scheint mir, Sir, und ich muß, um mir selbst gerecht zu werden, die Bemerkung nachdrücklich wiederholen, daß Sie weit mehr Geld hätten heimbringen müssen, weit mehr Geld.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Wahrsagerei. Klein-Dorrit erhielt am selben Abend einen Besuch von Mr. Plornish, der, nachdem er seinen Wunsch, im geheimen mit ihr zu sprechen, durch so vieles und so deutliches Räuspern zu verstehen gegeben, daß er den Gedanken bestätigte, ihr Vater sei bezüglich ihrer Näherinnenbeschäftigung eine Illustration des Grundsatzes, es gebe keine so stockblinden Menschen als die, die nicht sehen wollen, eine Audienz von ihr vor der Tür auf der großen Treppe erhielt. »Es war heute eine Dame bei uns, Miß Dorrit«, brummte Plornish, »und noch eine andere war bei ihr, eine alte Hexe, wie mir nur je eine zu Gesicht gekommen. Und die Art, wie sie einen anschrie, puh!« Der sanfte Plornish war anfangs gar nicht imstande, seine Gedanken von Mr. Finchings Tante loszureißen. »Denn«, sagte er, um sich selbst zu entschuldigen, »ich versichere Sie, sie ist die kratzbürstigste Person, die man sich denken kann.« Endlich machte er sich mit der größten Anstrengung so weit von diesem Gegenstand los, um zu bemerken: »Aber sie ist im Augenblick weder hier noch dort. Die andere Dame ist Mr. Casbys Tochter; und wenn es Mr. Casby nicht gut geht, so ist das nicht Pancks' Schuld. Denn Pancks gibt sich alle Mühe, wirklich alle Mühe, wahrhaftig alle Mühe!« Mr. Plornish war nach seiner gewöhnlichen Manier etwas dunkel, aber gewissenhaft emphatisch. »Und weshalb sie zu uns kam«, fuhr er fort, »war zu hinterlassen, daß, wenn Miß Dorrit zu dieser Adresse kommen wolle – nämlich Mr. Casbys Haus, Pancks hat ein Bureau hinten hinaus, wo er mehr, als man glaubt, arbeitet –, so würde sie sie mit Vergnügen beschäftigen. Sie sei eine alte und intime Freundin von Mr. Clennam – sagte sie ganz ausdrücklich – und hoffe sich seiner Freundin als eine nützliche Freundin zu erweisen. Das waren ihre Worte. Da sie zu wissen wünschte, ob Sie morgen früh kommen könnten, sagte ich, ich wolle Sie besuchen, Miß, und fragen und heute abend Bescheid sagen, daß, oder wenn Sie bereits versagt sind; wann Sie kommen könnten.« »Ich kann morgen kommen, ich danke Ihnen«, sagte Klein-Dorrit. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, aber so sind Sie immer.« Mr. Plornish öffnete, mit einer bescheidenen Ablehnung seiner Verdienste, die Zimmertür, um sie wieder einzulassen, und folgte ihr mit so ungemein keckem Anschein, als ob er gar nicht draußen gewesen, daß ihr Vater es hätte bemerken müssen, auch wenn er nicht mißtrauisch gewesen wäre. Der aber in seiner liebenswürdigen Gleichgültigkeit achtete nicht darauf. Nach einem kleinen Gespräch, in dem Plornish seine frühere Stellung als Kollege mit seinem gegenwärtigen Privilegium als ergebener Freund vermischte, das durch seine niedrige Stellung als Gipser eingeschränkt war, nahm er Abschied; ehe er jedoch ging, machte er noch die Tour durch das Gefängnis und sah einen Kegelspiel zu, mit den gemischten Gefühlen eines alten Insassen, der seine Privatgründe hatte zu glauben, daß es seine Bestimmung sei, wieder hierherzukommen. Frühzeitig am Morgen begab sich Klein-Dorrit, Maggy bei ihren wichtigen häuslichen Beschäftigungen zurücklassend, nach dem Zelt des Patriarchen. Sie ging über die Iron Bridge, obgleich es ihr einen Penny kostete, und legte einen Teil ihres Weges langsamer zurück als alle andern. Fünf Minuten vor acht ruhte ihre Hand auf dem Klopfer des Patriarchen, der gerade so hoch war, daß sie ihn erreichen konnte. Sie gab Mrs. Finchings Karte dem jungen Mädchen, das die Tür öffnete, und das junge Mädchen sagte ihr, daß »Miß Flora« – Flora hatte bei ihrer Rückkehr unter das väterliche Dach den Titel wieder angenommen, unter dem sie dort gelebt, – ihr Schlafzimmer noch nicht verlassen habe, aber es sei ihr vielleicht gefällig, sich in Miß Floras Arbeitszimmer zu begeben. Sie ging in Miß Floras Arbeitszimmer, als zur Arbeit bestellt, und fand dort einen Frühstückstisch behaglich für zwei hergerichtet, mit einem weiteren Gedeck für eine dritte Person. Das junge Mädchen, das für einige Augenblicke verschwand, kehrte zurück und sagte, sie möchte gefälligst einen Stuhl ans Feuer rücken, ihren Hut abnehmen und es sich bequem machen. Aber Klein-Dorrit, die sehr schüchtern und nicht gewohnt war, sich's bei solchen Gelegenheiten bequem zu machen, wußte nicht, wie das anfangen; so saß sie noch in der Nähe der Tür, den Hut auf dem Kopf, als Flora eine halbe Stunde später in großer Eile erschien. Flora bedauerte so sehr, sie habe warten zu lassen und, du liebe Zeit, warum sie in der Kälte sitze, während sie erwartet hatte, daß sie sie beim Kamin mit der Zeitung finden würde und ob das vergeßliche Mädchen ihr die Botschaft nicht überbracht und ob sie die ganze Zeit den Hut aufbehalten und »bitte um aller Güte willen, lassen Sie Flora denselben abnehmen!« Als Flora ihn in der freundlichsten Art von der Welt abnahm, war sie so erstaunt über das Gesicht, das sie enthüllte, daß sie sagte: »Was ein gutes kleines Geschöpf Sie sind, meine Liebe!« und drückte ihr Gesicht zwischen ihre beiden Hände, wie es nur die liebenswürdigste Frau tun kann. Es war das Wort und die Tat eines Augenblicks. Klein-Dorrit hatte kaum Zeit zu denken, wie freundlich das sei, als Flora voll Geschäftigkeit auf den Frühstückstisch zueilte und sich Hals über Kopf in das Schwatzen stürzte. »Wirklich sehr leid, daß ich zufälligerweise heute morgen später daran bin als sonst je, weil es meine Absicht und mein Wunsch war, bereit zu sein, Sie zu empfangen, wenn Sie kämen, und Ihnen zu sagen, daß jedermann, den Arthur Clennam auch nur halb soviel interessierte, mich gleichfalls interessieren müsse, und daß ich Sie aufs herzlichste willkommen heiße und so froh sei, statt dessen haben sie mich nicht gerufen und ich schnarchte wahrhaftig noch immer darf ich sagen und wünschen Sie nicht gern kaltes Geflügel oder warmen gekochten Schinken was viele Leute nicht mögen wie die Juden, das sind Gewissensskrupel die wir alle achten müssen, obwohl ich sagen möchte, ich wünschte, sie hätten ein ebenso zartes Gewissen, wenn sie uns falsche Artikel für echte verkaufen die sicherlich das Geld nicht wert sind, es würde mir leid tun«, sagte Flora. Klein-Dorrit dankte ihr und sagte schüchtern, Brot und Butter und Tee sei alles, was sie gewöhnlich – »Oh, Possen, mein liebes Kind, ich kann das nicht hören«, sagte Flora, die Teemaschine in der sorglosesten Weise umdrehend, während sie blinzeln mußte, da ihr das heiße Wasser in die Augen spritzte, als sie sich herabbeugte, um in den Teetopf zu blicken. »Sie wissen, Sie sind in der Stellung einer Freundin, Gesellschafterin hierhergekommen, wenn Sie erlauben, daß ich mir diese Freiheit nehme und ich würde mich wirklich vor mir selber schämen, wenn Sie in irgendeiner andern Stellung hierherkämen auch sprach Arthur Clennam in solchen Ausdrücken von Ihnen – Sie sind müde meine Liebe?« »Nein, Ma'am.« »Sie werden so blaß, Sie sind zu weit gegangen vor dem Frühstück und wohnen wahrscheinlich weit entfernt und hätten fahren sollen«, sagte Flora, »mein liebes, liebes Kind, könnte ich Ihnen mit irgend etwas dienen?« »Ich bin wirklich ganz wohl, Ma'am. Ich danke Ihnen vielmals, aber ich bin ganz wohl.« »Dann nehmen Sie wenigstens gleich Ihren Tee, ich bitte«, sagte Flora, »und diesen Flügel von einem Huhn und ein Stück Schinken, achten Sie nicht auf mich und warten Sie nicht auf mich, denn ich bringe immer selbst Mr. Finchings Tante das Frühstück weil sie es im Bett nimmt, eine liebenswürdige alte Dame und sehr gescheit, Porträt von Mr. Finching hinter der Tür und sehr ähnlich obgleich zu viel Stirn und was den Pfeiler mit dem Marmorboden und der Balustrade und den Bergen betrifft so sah ich ihn nie in solcher Umgebung auch ist die Situation für ein Weingeschäft unwahrscheinlich, ein ausgezeichneter Mann, aber durchaus nicht in solcher Stellung.« Klein-Dorrit sah das Porträt an, folgte aber nur flüchtig den Andeutungen über dieses Kunstwerk. »Mr. Finching war mir so ergeben, daß er mich nie aus seinen Augen lassen wollte«, sagte Flora. »Freilich bin ich nicht imstande zu sagen wie lange das gedauert haben würde wenn er nicht plötzlich vom Tode abberufen wäre während ich noch ein neuer Besen war, ein würdiger Mann aber unpoetisch und männliche Prosa aber keine Romantik.« Klein-Dorrit sah das Porträt wieder an. Der Künstler hatte ihm einen Kopf gegeben, dessen oberer Teil in intellektueller Richtung, selbst für Shakespeare, zu bedeutend gegenüber dem unteren gewesen wäre. »Die Romantik jedoch«, fuhr Flora fort, das Frühstück für Mr. Finchings Tante geschäftig arrangierend, »wie ich offen zu Mr. Finching sagte als er mir seinen Antrag machte und Sie werden staunen wenn ich Ihnen sage, daß er mir siebenmal seinen Antrag machte einmal in einer Mietkutsche einmal in einem Boot einmal in einem Kirchstuhl einmal auf einem Esel in Tunbridge Wells (Badeort) und die übrigen Male auf den Knien, die Romantik war mit den frühen Tagen Arthur Clennam's entflohen, unsere Eltern rissen uns auseinander, wir wurden Marmor und strenge Wirklichkeit usurpierte den Thron, Mr. Finching sagte sehr zu seinem Vorteil, daß er das ganz wohl wisse und diesen Stand der Dinge sogar vorziehe, demzufolge wurde das Fiat ausgesprochen und das ist nun das Leben wie Sie sehen und doch brechen wir nicht sondern biegen nur, bitte lassen Sie sich das Frühstück schmecken während ich mit dem Teebrett hineingehe.« Sie verschwand und Klein-Dorrit konnte nun über die Bedeutung ihrer zerstreuten Worte nachdenken. Sie kam bald wieder zurück und begann endlich selbst ihr Frühstück zu verzehren, indem sie die ganze Zeit über sprach. »Sie sehen, meine Liebe«, sagte Flora, indem sie einen bis zwei Löffel von einer braunen Flüssigkeit, die wie Branntwein roch, in den Tee goß, »ich muß genau den Anordnungen meines Arztes folgen, obgleich der Geruch nichts weniger als angenehm ist; ich bin ein armes Geschöpf und habe mich vielleicht nicht mehr von dem Schlage erholt, den ich in der Jugend erlitt, indem ich mich im nächsten Zimmer zu sehr dem Weinen hingab als ich von Arthur getrennt wurde, kennen Sie ihn schon lange?« Sobald Klein-Dorrit merkte, daß diese Frage an sie gerichtet sei – wozu Zeit nötig war, da der galoppierende Schritt ihrer neuen Gönnerin sie weit hinter sich gelassen –, antwortete sie, sie kenne Mr. Clennam seit seiner Rückkehr. »Allerdings konnten Sie ihn nicht früher gekannt haben, da Sie sonst hätten in China gewesen sein oder mit ihm korrespondiert hätten, wovon weder das eine noch das andere wahrscheinlich«, versetzte Flora. »Denn Reisende werden gewöhnlich mehr oder weniger mahagonibraun und das sind Sie durchaus nicht und was das Korrespondieren betrifft worüber sollten Sie? Wirklich, außer Tee, so war's also bei seiner Mutter, daß Sie ihn zuerst kennenlernten, – sehr gescheit und fest, aber fürchterlich streng – sollte die Mutter des Mannes mit der eisernen Maske sein.« »Mrs. Clennam war sehr freundlich gegen mich«, sagte Klein-Dorrit. »Wirklich? Es freut mich in der Tat sehr das zu hören weil es natürlich angenehm für mein Gefühl ist, von Arthurs Mutter eine bessere Meinung zu haben als ich früher hatte, obgleich ich, was sie von mir denkt, wenn ich so fortschwatze, was ich sicher stets tun werde, und sie mich wie das Fatum in einem Rollwagen anglotzt – wirklich ein seltsamer Vergleich – daß sie gebrechlich ist nicht ihre Schuld – nicht weiß und mir auch nicht denken kann.« »Werde ich meine Arbeit irgendwo finden, Ma'am?« fragte Klein-Dorrit, schüchtern um sich her sehend; »kann ich sie bekommen?« »Sie fleißige kleine Fee«, versetzte Flora, indem sie in eine zweite Tasse Tee eine zweite der vom Arzte vorgeschriebenen Dosen goß, »es hat nicht die geringste Eile und es ist besser, daß wir damit beginnen, uns vertrauliche Mitteilungen über unsern gemeinschaftlichen Freund zu machen – ein zu kaltes Wort für mich wenigstens ich meine das nicht, sehr passender Ausdruck gemeinschaftlicher Freund – statt daß ich, nicht Sie durch lauter Formalitäten wie der Spartanische Knabe mit dem Fuchs werde, der ihn biß. Sie werden entschuldigen, daß ich das auf das Tapet bringe, aber vor allen langweiligen Jungen, die in alle Arten von Gesellschaften hineinstolpern, ist dieser Junge der langweiligste.« Klein-Dorrit setzte sich mit sehr blassem Gesichte wieder nieder, um zu lauschen. »Könnte ich nicht besser indessen arbeiten?« fragte sie. »Ich kann arbeiten und doch zuhören. Ich möchte es lieber, wenn ich dürfte.« Es sprach sich in ihrem ernsten Tone so deutlich das Gefühl aus, daß ihr nicht wohl sei, wenn sie nicht arbeite, daß Flora antwortete: »Nun, meine Liebe, wie es Ihnen beliebt«, und einen Korb voll weißer Taschentücher brachte. Klein-Dorrit stellte ihn vergnügt neben sich, zog ihr kleines Taschenetui heraus, fädelte ihre Nadel ein und begann zu nähen. »Was für flinke Finger Sie haben«, sagte Flora, »aber fühlen Sie sich auch gewiß wohl?« »Oh, ja, gewiß!« Flora stellte ihren Fuß auf den Schemel und bereitete sich auf eine durch und durch romantische Enthüllung vor. Sie fuhr bisweilen zusammen, schüttelte den Kopf, seufzte höchst ausdrucksvoll, machte häufigen Gebrauch von ihren Augenbrauen und sah dann und wann, aber nicht oft, in das ruhige Gesicht, das über die Arbeit herabgebeugt war. »Sie müssen wissen, meine Liebe«, sagte Flora, »und ich zweifle nicht, daß Sie es bereits wissen, nicht nur weil ich die Sache obenhin erwähnt, sondern weil ich fühle, daß mir sein Name mit glühenden Lettern auf der Stirn geschrieben steht, daß ehe ich mit dem verstorbenen Mr. Finching bekannt wurde, ich ein Verhältnis mit Arthur Clennam hatte – Mr. Clennam vor den Leuten wo Zurückhaltung notwendig, Arthur hier – wir waren einander alles es war der Morgen des Lebens es war eine Seligkeit es war Wahnsinn es war alles andere der Art in der höchsten Steigerung, als wir auseinandergerissen und zu Stein wurden in welchem Zustande Arthur nach China ging und ich die Marmorbraut des verstorbenen Mr. Finching wurde.« Flora, die diese Worte mit tiefer Stimme sprach, freute sich ungemein darüber. »Die Gemütsbewegungen jenes Morgens zu schildern«, sagte sie, »als alles Marmor war und Mr. Finchings Tante in einem Glaswagen folgte der wie zu vermuten steht sich in schändlichem Zustande befunden sonst hatte er nicht zwei Straßen von dem Hause zerbrechen können, weshalb man Mr. Finchings Tante wie den fünften November Guy Fawkes Tag, an dem eine Strohpuppe überall in England verbrannt wird zum Andenken an die Pulververschwörung 6. November 1605. in einem Binsenstuhl heimbringen mußte will ich nicht zu schildern suchen, es genüge zu sagen, daß die leere Form des Frühstücks in dem Speisezimmer drunten stattfand, daß Papa zuviel gesalzenen Salm aß wovon er wochenlang krank wurde und daß Mr. Finching und ich uns auf eine Reise nach dem Kontinent über Calais begaben, wo die Leute auf dem Damm sich um uns stritten, bis sie uns getrennt hatten, obgleich nicht für immer das sollte noch nicht geschehen.« Die Marmorbraut, die sich kaum Zeit zum Atemholen ließ, fuhr mit der größten Wohlgefälligkeit in wildem Durcheinander der Gedanken, die zuweilen nach Fleisch und Blut schmeckten, fort: »Ich will einen Schleier über dieses traumartige Leben werfen, Mr. Finching war gut aufgeräumt sein Appetit war vortrefflich er schätzte die Kocherei er hielt den Wein für schmackhaft und alles ging gut, wir kehrten in die unmittelbare Nachbarschaft zurück Nummer dreißig Little Gosling Street London Docks und ließen uns dort häuslich nieder, ehe wir aber noch sicher herausgebracht, daß das Stubenmädchen die Federn aus dem Reservebett verkaufte, schwang sich die in den Kopf getretene Gicht mit Mr. Finching aufwärts in eine andere Sphäre.« Seine Hinterlassene schüttelte mit einem Blick auf sein Bild den Kopf und wischte ihre Augen. »Ich ehre das Andenken Mr. Finchings als eines achtungswerten Mannes und höchst entgegenkommenden Gatten, man durfte nur Spargel erwähnen und sie erschienen augenblicklich oder irgendein kleines delikates Getränk und es kam wie durch einen Zauber in einer Schoppenflasche, es war nichts Begeisterndes, aber es war Komfort, ich kehrte unter Papas Dach zurück und lebte abgeschlossen wenn nicht glücklich einige Jahre lang bis Papa eines Tages sanft hereinkam und sagte Arthur Clennam erwarte mich unten, ich ging hinab und fand ihn, fragen Sie mich nicht wie ich ihn gefunden, außer daß er noch unverheiratet, noch unverändert war.« Das dunkle Geheimnis, in das sich Flora hüllte, würde andre Finger als die geschäftigen, die neben ihr arbeiteten, zur Ruhe gebracht haben. Diese arbeiteten jedoch unausgesetzt fort, und der geschäftige Kopf, der über sie herabgebeugt war, betrachtete die Stiche. »Fragen Sie mich nicht«, sagte Flora, »ob ich ihn noch liebe oder ob er mich noch liebt oder was daraus werden soll oder wann das Ende davon sein wird, wir sind von Späheraugen umgeben und es kann der Fall sein, daß wir bestimmt sind uns getrennt voneinander abzuhärmen, wir sollen vielleicht nie wieder vereinigt werden, nicht ein Wort nicht ein Atemzug nicht ein Blick soll uns verraten, alles soll ein Geheimnis bleiben wie das Grab, wundern Sie sich deshalb nicht, daß selbst wenn ich verhältnismäßig kalt gegen Arthur und Arthur verhältnismäßig kalt gegen mich scheinen sollte, wir haben schlimme Gründe dazu, es genügt, wenn wir sie kennen. Pst!« All dies sagte Flora mit so ungestümer Heftigkeit, als glaubte sie wirklich daran. Es läßt sich kaum bezweifeln, daß, wenn sie sich sogar in die Situation einer Sirene hineingearbeitet, sie wirklich geglaubt hätte, was sie als solche gesagt. »Pst!« wiederholte Flora, »ich habe Ihnen jetzt alles gesagt, Vertrauen ist zwischen uns gegründet. Pst! um Arthurs willen werde ich stets eine Freundin für Sie sein, mein liebes Mädchen, und um Arthurs willen mögen Sie immer auf mich vertrauen.« Die emsigen Finger legten die Arbeit beiseite und die kleine Gestalt erhob sich und küßte Floras Hand. »Sie sind sehr kalt«, sagte Flora, in den ihr eigenen natürlichen und herzlichen Ton verfallend und durch diesen Wechsel bedeutend gewinnend. »Arbeiten Sie heute nicht, ich bin überzeugt, Sie sind nicht wohl, ich bin überzeugt, Sie sind nicht stark.« »Ich fühle mich nur etwas überwältigt durch Ihre Güte und durch die Güte Mr. Clennams, der mich einem Wesen anempfohlen, das er so lange gekannt und geliebt.« »Ja, wirklich mein Kind«, sagte Flora, die die entschiedene Absicht hatte, ehrlich zu sein, wenn sie sich die Zeit ließ, darüber nachzudenken, »wir wollen das jedoch lieber unberührt lassen, da ich jetzt doch nicht imstande wäre, Ihnen die Sache auseinanderzusetzen, aber es hat nichts zu bedeuten, legen Sie sich ein wenig nieder.« »Ich war immer stark genug, zu tun, was meine Pflicht war, und ich werde mich bald wieder gefaßt haben«, versetzte Klein-Dorrit mit einem flüchtigen Lächeln. »Sie haben mich mit Güte überwältigt, das ist alles. Wenn ich einen Augenblick am Fenster stehe, werde ich sogleich wieder bei voller Kraft sein.« Flora öffnete ein Fenster, setzte sie in einen Stuhl daneben und begab sich bedächtig wieder an ihren früheren Platz. Es war ein windiger Tag, und die Luft, die über Klein-Dorrits Gesicht hinstrich, rief rasch wieder die frühere Röte auf demselben hervor. Wenige Minuten später kehrte sie zu ihrem Arbeitskorb zurück, und ihre emsigen Finger waren so emsig wie je. Ruhig fortarbeitend fragte sie Flora, ob Mr. Clennam ihr gesagt, wo sie wohne? Als Flora verneinend antwortete, sagte Klein-Dorrit, sie verstehe, weshalb er so zartfühlend gewesen, sie sei jedoch überzeugt, er würde es billigen, wenn sie Flora ihr Geheimnis anvertraue, und daß sie es deshalb mit Floras Erlaubnis tun wolle. Sie erhielt eine ermutigende Antwort und drängte die Erzählung ihres Lebens auf wenige dürftige Worte von sich und eine glühende Lobrede auf ihren Vater zusammen, und Flora nahm alles mit einem natürlichen Zartgefühl auf, das die Sache wohl verstand, und in dem nichts Unzusammenhängendes war. Als die Essenszeit kam, schlang Flora den Arm ihres neu anvertrauten Gutes durch den ihren, führte sie die Treppe hinab und stellte sie dem Patriarchen und Mr. Pancks vor, die bereits im Speisezimmer auf den Beginn des Mahles warteten. (Mr. Finchings Tante mußte für den Augenblick gewöhnlich das Zimmer hüten.) Sie wurde von den beiden Herren je nach dem Charakter jedes einzelnen empfangen; der Patriarch gab sich das Ansehen, als ob er ihr einen unschätzbaren Dienst erweise, indem er sagte, er freue sich, sie zu sehen, freue sich, sie zu sehen; und Mr. Pancks stieß seinen Lieblingston als Willkomm aus. In dieser neuen Gesellschaft wäre sie unter allen Umständen schon schüchtern genug gewesen, namentlich, als Flora sie drängte, daß sie ein Glas Wein trinken und von dem Besten, was da sei, essen solle; ihr Unbehagen wurde jedoch durch Mr. Pancks noch bedeutend vermehrt. Das Benehmen dieses Mannes flößte ihr anfangs die Vermutung ein, daß er ein Porträtmaler sei, so aufmerksam betrachtete er sie und so häufig blickte er in das kleine Notizbuch, das er neben sich hatte. Als sie jedoch bemerkte, daß er keine Skizze machte und daß er nur von Geschäften sprach, begann der Verdacht in ihr zu erwachen, es sei ein Gläubiger ihres Vaters, dessen Schuld in jenem Taschenbuche stehe. Von diesem Gesichtspunkte aus drückte Mr. Pancks' Pusten Herausforderung und Ungeduld aus, und jedes lautere Schnauben wurde zu einer Zahlungsforderung. Hierüber wurde sie jedoch durch ein anomales und ungereimtes Benehmen von seiten Mr. Pancks' enttäuscht. Sie hatte den Tisch bereits eine halbe Stunde verlassen und saß allein bei der Arbeit. Flora war gegangen, »um sich im nächsten Zimmer niederzulegen«, und infolge dieses Zurückziehens hatte der Geruch eines Getränks das Haus durchduftet. Der Patriarch war im Speisezimmer, den philanthropischen Mund weit geöffnet, unter einem gelben Taschentuch fest eingeschlafen. Zu dieser stillen Stunde erschien Mr. Pancks höflich nickend vor ihr. »Finden es wohl etwas langweilig. Miß Dorrit?« fragte Pancks mit leiser Stimme. »Nein, durchaus nicht, Sir«, sagte Klein-Dorrit. »Beschäftigt, wie ich sehe«, bemerkte Mr. Panck«, indem er sich zollweise in das Zimmer schlich. »Was ist das, Miß Dorit?« »Taschentücher.« »Wirklich so!« sagte Panck«. »Ich hätte das in der Tat nicht gedacht.« Dabei sah er nicht einen Augenblick auf die Tücher, sondern beständig auf Klein-Dorrit. »Vielleicht möchten Sie wissen, wer ich bin. Soll ich es Ihnen sagen? Ich bin ein Wahrsager.« Klein-Dorrit begann nun zu glauben, er sei toll. »Ich gehöre mit Leib und Seele meinem Herrn«, sagte Pancks. »Sie sahen meinen Herrn beim Diner oben. Aber ich tue auch ein wenig in anderer Richtung; im stillen, sehr im stillen, Miß Dorrit.« Klein-Dorrit sah ihn zweifelhaft und nicht ohne Unruhe an. »Ich wünschte, Sie zeigten mir das Innere Ihrer Hand. Lassen Sie sich nicht stören.« Er störte insofern, als man ihn gar nicht hier wünschte, aber sie legte einen Augenblick ihre Arbeit in den Schoß und hielt ihm die Linke mit dem Fingerhut hin. »Jahre voll Mühe, hm?« sagte Pancks sanft, indem er sie mit seinem plumpen Zeigefinger berührte. »Aber wozu sind wir sonst da? Nichts. Ha!« rief er, in die Linien blickend. »Was ist das mit den Eisenstäben? Es ist ein Kollege! Und was ist das mit einem grauen Rock und einer schwarzen Samtmütze? Es ist ein Vater! Und was ist das mit einer Klarinette? Es ist ein Onkel! Und was ist das in Tanzschuhen? Es ist eine Schwester! Und was ist das müßig Herumstreifende? Es ist ein Bruder! Und was ist das für sie alle Denkende? Nun, das sind Sie, Miß Dorrit!« Ihre Blicke begegneten den seinen, als sie ihm staunend ins Gesicht sah, und sie dachte, obgleich seine Augen stechend waren, er sehe doch hübscher und gütiger aus, als er ihr beim Mittagessen vorgekommen. Seine Blicke ruhten bald wieder auf ihrer Hand, und die Gelegenheit, diesen Eindruck zu erhöhen oder zu verbessern, war vorbei. »Jetzt ist der Henker darin«, murmelte Pancks, mit seinen plumpen Fingern eine Linie in ihrer Hand verfolgend, »wenn das in der Ecke nicht ich bin? Was tue ich hier? Was ist hinter mir?« Er fuhr mit dem Finger langsam nach dem Handgelenk und um das Handgelenk und gab sich den Anschein, als suche er auf dem Rücken der Hand, was hinter ihm sei. »Ist es irgend etwas Schlimmes?« fragte Klein-Dorrit lächelnd. »Verwünscht!« sagte Pancks. »Was halten Sie davon?« »Ich sollte das Sie fragen. Ich bin nicht der Wahrsager.« »Allerdings,« sagte Pancks. »Was das bedeutet? Sie werden leben, um zu sehen, Miß Dorrit.« Indem er ihre Hand langsam und stückweise losriß, strich er all seine Finger durch die Zinken seiner Haare, daß sie in ihrer ungeheuerlichsten Weise emporstarrten, und wiederholte langsam: »Vergessen Sie nicht, was ich sage, Miß Dorrit, Sie werden leben, um zu sehen.« Sie konnte nicht umhin, ihr Staunen zu zeigen, wäre es auch nur, daß er so viel von ihr wußte. »Ah! Das ist's!« sagte Pancks auf sie deutend. »Miß Dorrit, nicht immer, nein!« Noch erstaunter denn zuvor und noch etwas geängstigter sah sie ihn an, als erwartete sie eine Erklärung seiner letzten Worte. »Nicht das«, sagte Pancks, indem er mit dem größten Ernst gleichfalls sich den Schein des Erstaunens in Blick und Miene gab, was wider seine Absicht etwas grotesk aussah. »Tun Sie das nicht! Niemals, wenn Sie mich sehen, es mag sein, wann oder wo es will. Ich bin niemand, tun Sie nicht, als wenn Sie mich kennten. Nehmen Sie keine Notiz von mir. Wollen Sie das, Miß Dorrit?« »Ich weiß kaum, was ich sagen soll«, versetzte Klein-Dorrit ganz betäubt. »Weshalb?« »Weil ich ein Wahrsager bin, Pancks, der Zigeuner. Ich habe Ihnen noch nicht so viel von Ihrem Schicksal mitgeteilt, Miß Dorrit, daß ich Ihnen gesagt, was hinter mir auf dieser kleinen Hand ist. Ich habe Ihnen gesagt, Sie würden leben, um zu sehen. Ist es zugestanden, Miß Dorrit?« »Zugestanden, daß ich – –« »Keine Notiz von mir außerhalb dieses Zimmers nehmen, es sei denn, daß ich es zuerst tue. Nicht auf mich zu achten, wenn ich komme und gehe. Es ist sehr leicht. Es ist kein Verlust, ich bin nicht schön, ich bin keine gute Gesellschaft, ich bin nur meines Herrn Ausjäter. Sie dürfen nur denken: ›Ah! Pancks der Zigeuner bei seinem Wahrsagen – er wird mir einst den Nest meines Schicksals sagen – ich werde leben, um es zu erfahren.‹ Ist das zugestanden, Miß Dorrit?« »Ja«, stammelte Klein-Dorrit, die er in große Verwirrung brachte, »ich denke, solange Sie nichts Böses tun.« »Gut!« Mr. Pancks sah nach der Wand des anstoßenden Zimmers und trat vorwärts. »Ehrliches Geschöpf, Mädchen von großen Eigenschaften, aber auch eine ebenso unvorsichtige und leichtsinnige Plauderin, Miß Dorrit.« Damit rieb er seine Hände, als wenn die Begegnung sehr befriedigend für ihn ausgefallen, schnaubte fort nach der Tür und entfernte sich wieder mit höflichen Verbeugungen. Wenn Klein-Dorrit durch dieses seltsame Benehmen von seiten ihrer neuen Bekanntschaft und dadurch, daß sie sich in diese eigentümliche Geschichte verwickelt sah, sich schon ungewöhnlich verwirrt fühlte, so verringerte sich keineswegs diese Verwirrung durch die nachfolgenden Umstände. Außerdem, daß Mr. Pancks jede Gelegenheit ergriff, die ihm in Mr. Casbys Haus geboten war, um sie bedeutungsvoll anzusehen und anzuschnauben – was nicht viel heißen wollte, nach dem, was er bereits getan – begann er nun auch ihr tägliches Leben zu durchkreuzen. Sie sah ihn beständig auf der Straße. Wenn sie zu Mr. Casby ging, war er immer da. Wenn sie zu Mrs. Clennam ging, kam er unter irgendeinem Vorwand, als wenn er sie nicht aus den Augen verlieren wollte. Es war noch keine Woche vergangen, so fand sie ihn immer abends im Pförtnerstübchen, mit dem diensttuenden Schließer, der allem Anschein nach zu seinen Vertrauten gehörte, im Gespräch begriffen. Ihr nächstes Erstaunen war, ihn auch ganz behaglich im Gefängnis zu finden; zu hören, daß er sich unter den Besuchen bei ihres Vaters Sonntagsempfang befunden, ihn Arm in Arm mit einem gefangenen Freund auf dem Hof gehen zu sehen; durch Hörensagen zu erfahren, daß er sich eines Abends bei dem gesellschaftlichen Klub, der seine Zusammenkünfte in der Snuggery hielt, bedeutend hervorgetan, indem er an die Mitglieder dieses Instituts eine Rede hielt, ein Lied sang und die Gesellschaft mit fünf Gallonen Ale traktierte – das Gerücht fügte verkehrterweise eine große Menge Seegarnelen hinzu. Die Wirkung, die diese Erscheinungen, von denen er bei seinen treulichen Besuchen Augenzeuge wurde, auf Mr. Plornish hatten, machte einen Eindruck auf Klein-Dorrit, der dem nachstand, den diese Erscheinungen selbst hervorbrachten. Sie schienen ihn durch eine Mundsperre am Sprechen zu hindern und zu binden. Er konnte nur starren und bisweilen leise murmeln, man würde es im Bleeding Heart Yard gar nicht glauben, daß das Pancks sei, aber er sagte nie ein Wort, noch machte er ein Zeichen, selbst nicht gegenüber von Klein-Dorrit. Mr. Pancks setzte seinem geheimnisvollen Verfahren die Krone auf, indem er sich auf eine unerklärte Art mit Tip bekannt machte und an einem Sonntag an dem Arme dieses jungen Mannes in das Kolleg schlenderte. Er nahm jedoch die ganze Zeit nicht die geringste Notiz von Klein-Dorrit, ausgenommen ein- oder zweimal, wo es ihm gelang, ganz in ihre Nähe zu kommen, und niemand dabei war; bei welcher Gelegenheit er im Vorbeigehen mit einem freundlichen Blick und einem ermutigenden Pusten zu ihr sagte: »Pancks der Zigeuner – wahrsagen.« Klein-Dorrit arbeitete mit angestrengtem Fleiß, wie gewöhnlich, indem sie sich über all dies wunderte, aber ihr Staunen in ihrer eigenen Brust bewahrte, wie sie seit frühster Zeit schon manche schwerere Last mit sich herumgetragen. Eine Veränderung war mit dem geduldigen Herzen vorgegangen und ging noch mit ihm vor. Mit jedem Tag wurde sie zurückhaltender. Unbemerkt im Gefängnisse aus- und einzugehen und auch sonst übersehen und vergessen zu werden, waren ihre Hauptwünsche. Es war ihre Freude, sich, sooft sie nur konnte, ohne deshalb ihre Pflicht zu versäumen, in ihr Zimmer, das für ihre zarte Jugend und ihren Charakter etwas seltsam eingerichtet war, zurückzuziehen. Es gab Nachmittagsstunden, in denen sie unbeschäftigt war, in denen Besuche zu ihrem Vater kamen, die ein Kartenspiel mit ihm machen wollten, wobei sie entbehrt werden konnte und besser fort war. Dann eilte sie durch den Hof, stieg die paar Treppen hinauf, die zu ihrem Zimmer führten, und stellte ihren Stuhl an das Fenster. Die Spitzen auf der Mauer nahmen mancherlei Gestalten an, manche leichte Formen wob das schwere Eisen, manches goldene Streiflicht fiel auf den Rost, während Klein-Dorrit sinnend dasaß. Neue Zickzacks sprangen bisweilen in das grausame Muster, wenn sie durch einen Strom von Tränen daraufblickte; aber verschönert oder verdüstert, ob darüber oder darunter oder durch dasselbe, wohl oder übel, sie mußte in ihrer Einsamkeit darauf hinblicken und alles mit jenem unverwischbaren Brandmal sehen. Eine Dachstube, und zwar eine Marschallgefängnisdachstube ohne Vergleich, war Klein-Dorrits Zimmer. Es war schön gehalten, obgleich an und für sich noch häßlich, und hatte wenig außer Reinlichkeit und Luft, womit es glänzen konnte; denn aller Zierat, den sie je hatte kaufen können, ging nach ihres Vaters Zimmer. Wie dem aber auch sei, sie zeigte für diesen dürftigen Ort eine stets wachsende Liebe; und allein in ihrem Zimmer zu sitzen, wurde ihre Lieblingsruhe. Und dies in solchem Grade, daß, als sie eines Nachmittags während der Pancksgeheimnisse an ihrem Fenster saß und Maggys wohlbekannten Schritt die Treppe heraufkommen hörte, sie durch die Befürchtung, abgerufen zu werden, nicht wenig in Unruhe kam. Als Maggys Schritt sich näherte, zitterte sie und schwankte; und es war alles, daß sie sprechen konnte, als Maggy endlich erschien. »Bitte, Mütterchen«, sagte Maggy nach Luft schnappend, »du mußt herunterkommen und ihn sehen. Er ist hier.« »Wer, Maggy?« »Wer? Natürlich Mr. Clennam. Er ist in deines Vaters Zimmer und sagte zu mir: ›Maggy, wollen Sie so gut sein, zu gehen und ihr zu sagen, daß nur ich es bin.‹« »Ich bin nicht ganz wohl. Es wäre besser, ich ginge nicht. Ich will mich niederlegen. Sieh! ich lege mich nieder, um meinen Kopf auszuruhen. Sage ihm mit einer dankbaren Empfehlung, daß du mich so verlassen, sonst würde ich gekommen sein.« »Gut, aber es ist nicht besonders höflich, Mütterchen«, sagte Maggy und stierte sie an, »dein Gesicht so wegzuwenden!« Maggy war sehr empfindlich für persönliche Hintansetzungen und sehr erfinderisch in Auffindung solcher. »Und beide Hände vor das Gesicht zu tun!« fuhr sie fort. »Wenn du die Blicke eines armen Dinges nicht ertragen kannst, wäre es besser, es ihr gleich zu sagen und sie nicht so von sich zu stoßen, indem man ihre Gefühle verletzt und ihr zehnjähriges Herz bricht, dem armen Ding!« »Ich will ja nur meinen Kopf ausruhen, Maggy!« »Gut, und wenn du meinst, um deinen Kopf zu erleichtern, Mütterchen, so laß mich auch weinen. Behalte nicht das Weinen für dich allein«, heischte Maggy, »du mußt nicht so gierig sein.« Und augenblicklich begann sie zu weinen, daß ihr die Backen anschwollen. Es kostete einige Mühe, sie zu veranlassen, mit der Entschuldigung zurückzukehren; aber das Versprechen, daß sie ihr eine Geschichte erzählen werde – von je ihr größtes Vergnügen – unter der Bedingung, daß sie all ihre Geistesfähigkeit auf diese Botschaft konzentriere und ihre kleine Herrin auf eine Stunde allein lasse, in Verbindung mit der Besorgnis auf seiten Maggys, sie möchte ihren guten Humor unten an der Treppe zurückgelassen haben, überwog. So ging sie weg, die Botschaft den ganzen Weg über vor sich hinmurmelnd, um sie nicht zu vergessen, und kam zur bestimmten Stunde zurück. »Er war sehr besorgt, kann ich dir sagen«, kündigte sie an, »und wollte zu einem Arzt schicken. Und morgen will er wiederkommen, ja, und ich glaube nicht, daß er heute nacht gut schläft, nachdem er von deinem Kopfleiden weiß, Mütterchen. O Gott! Hast du nicht geweint?« »Ich glaube, ich habe ein wenig geweint, Maggy.« »Ein wenig! Oh!« »Aber es ist jetzt vorbei – ganz vorbei und wieder gut, Maggy. Und mein Kopf ist weit besser und kühler, und ich fühle mich ganz wohl. Ich bin recht froh, daß ich nicht hinunterging.« Ihr großes, staunendes Kind umarmte sie zärtlich; und nachdem sie ihr Haar geglättet und ihre Stirn und ihre Augen mit kaltem Wasser gebadet (Dienste, in denen ihre linkischen Hände geschickt wurden), umarmte sie sie wieder, frohlockte über die freudigeren Blicke und führte sie wieder nach dem Stuhl am Fenster. Gegenüber von diesem Stuhl rückte Maggy mit krampfhaften Anstrengungen, die durchaus nicht notwendig waren, die Kiste, auf der sie gewöhnlich saß, während Geschichten erzählt wurden, setzte sich darauf, umarmte ihre eignen Knie und sagte mit Ungeduld auf Geschichten und mit weit geöffneten Augen: »Nun, Mütterchen, jetzt aber eine gute!« »Wovon soll sie handeln, Maggy?« »Oh, von einer Prinzessin«, sagte Maggy, »und von einer rechten. Ganz unglaublich, du weißt schon.« Klein-Dorrit bedachte sich einen Augenblick, und mit einem ziemlich traurigen Lächeln, das vom Sonnenuntergang mit seiner Röte übergossen wurde, begann sie: »Maggy, es war einmal ein edler König, der hatte alles, was er nur wünschen mochte, und noch weit mehr. Er hatte Gold und Silber, Diamanten und Rubinen, Reichtümer aller Art. Er hatte Paläste und hatte –« »Hospitäler«, unterbrach sie Maggy, noch immer ihre Knie wiegend. »Er soll auch Hospitäler haben, weil sie so angenehm sind, mit Abgaben von Hühnern.« »Ja, er hatte eine Masse dergleichen, und er hatte eine Masse von allem.« »Eine Masse gebratener Kartoffeln zum Beispiel?« sagte Maggy. »Eine Masse von allem." »Gluck, gluck!« lockte Maggy, indem sie ihre Knie umarmte. »War das nicht herrlich!« »Dieser König hatte eine Tochter, die die weiseste und schönste Prinzessin war, die je gelebt. Als sie noch ein Kind war, wußte sie alle ihre Lektionen, ehe die Lehrer sie dieselben lehrten; und als sie erwachsen war, war sie das Wunder der Welt. Nun stand in der Nähe des Palastes, wo die Prinzessin wohnte, eine Hütte, in der eine arme winzig kleine Frau wohnte, die ganz allein lebte.« »Eine alte Frau«, sagte Maggy mit einem fettigen Schnalzen ihrer Lippen. »Nein, nicht eine alte Frau. Eine ganz junge Frau.« »Ich möchte wissen, ob sie sich nicht fürchtete«, sagte Maggy. »Bitte, fahre fort.« »Die Prinzessin kam beinahe jeden Tag an der Hütte vorüber, und sooft sie in ihrem schönen Wagen vorbeifuhr, sah sie die arme winzig kleine Frau an ihrem Rade spinnen, und sie sah die winzig kleine Frau an, und die winzig kleine Frau sah sie an. So ließ sie den Kutscher eines Tages kurz vor der Hütte halten und stieg aus und ging näher und sah zur Tür hinein. Da war wie gewöhnlich die winzig kleine Frau, die an ihrem Rade spann, und sie sah die Prinzessin an, und die Prinzessin sah sie an.« »Als wollten sie einander wegstarren«, sagte Maggy. »Bitte, fahre fort, Mütterchen.« »Die Prinzessin war so eine wunderbare Prinzessin, daß sie die Kraft hatte, Geheimnisse zu wissen, und sie sagte zu der winzig kleinen Frau: ›Warum bewahrst du es hier?‹ Dies zeigte ihr augenblicklich, daß die Prinzessin wisse, warum sie an diesem Rade spinnend allein wohne, und sie fiel der Prinzessin zu Füßen und bat sie, sie nicht zu verraten. Die Prinzessin sagte: ›Ich werde dich nicht verraten. Laß mich es sehen.‹ Die winzig kleine Frau schloß den Laden des Hüttenfensters und verriegelte die Tür, und von Kopf bis zu Fuß zitternd, aus Furcht, es möchte jemand Verdacht schöpfen, öffnete sie einen sehr geheimen Platz und zeigte der Prinzessin einen Schatten.« »Puh!« sagte Maggy. »Es war der Schatten von jemand, der längst dahingegangen; von einem, der weit fortgegangen außer allem Bereich, um nimmer, nimmer wiederzukehren. Es war ein glänzender Anblick: und als die winzig kleine Frau es der Prinzessin zeigte, war sie von ganzem Herzen darauf stolz, als auf einen großen, großen Schatz. Als die Prinzessin es eine kurze Zeitlang betrachtet, sagte sie zu der winzig kleinen Frau: ›Und du bewachst das Tag und Nacht?‹ Und sie schlug die Augen nieder und flüsterte: ›Ja‹. Dann sagte die Prinzessin: ›Erkläre mir, warum.‹ Worauf die andere antwortete: es sei niemand so Gutes und Freundliches je diesen Weg gekommen, und das sei anfangs der Grund gewesen. Auch sagte sie, daß niemand es vermisse, daß niemand deshalb schlimmer daran sei, daß jener jemand zu denen gegangen sei, die ihn erwarteten –« »So ist der jemand also ein Mann?« warf Maggy ein. Klein-Dorrit sagte schüchtern Ja, sie glaube wohl, und fuhr dann fort: »Zu denen gegangen sei, die ihn erwarteten, und daß diese Erinnerung niemandem gestohlen oder vorenthalten sei. Die Prinzessin antwortete: ›Ah! Aber wenn die Bewohnerin der Hütte stürbe, so würde man es ja finden.‹ Die winzig kleine Frau sagte ihr Nein: wenn diese Zeit käme, würde es ruhig in ihr Grab sinken und nicht mehr zu finden sein.« »Gewiß«, sagte Maggy, »fahre fort, bitte!« »Die Prinzessin war sehr erstaunt, das zu hören, wie du dir denken kannst, Maggy.« »Das mußte sie auch sein«, sagte Maggy. »Sie beschloß deshalb, die winzig kleine Frau zu beobachten und zu sehen, was daraus entstünde. Jeden Tag fuhr sie in ihrem schönen Wagen an der Tür der Hütte vorüber und sah dort die winzig kleine Frau immer allein an ihrem Spinnrade sitzen. Und sie sah die winzig kleine Frau an, und die winzig kleine Frau sah sie an. Endlich stand eines Tages das Rad still, und die winzig kleine Frau war nicht zu sehen. Als die Prinzessin fragte, warum das Rad sich nicht mehr bewege, und wo die winzig kleine Frau sei, unterrichtete man sie, daß das Rad sich nicht mehr bewege, weil niemand da sei, der es drehe, da die winzig kleine Frau gestorben.« (»Sie hätten sie ins Hospital bringen sollen«, sagte Maggy, »dann würde sie sicherlich davongekommen sein.«) »Nachdem die Prinzessin ganz kurze Zeit über den Verlust der winzig kleinen Frau geweint, trocknete sie ihre Augen und stieg aus dem Wagen an dem Platz, wo sie ihn hatte früher halten lassen, und ging nach der Hütte und schaute zur Tür hinein. Da war jedoch niemand, der sie angesehen hätte, und niemand, den sie hätte ansehen können; sie trat deshalb ein, um nach dem wertvollen Schatten zu sehn, aber es war nirgend eine Spur von ihm zu finden; da wußte sie, daß die winzig kleine Frau ihr die Wahrheit gesagt, und daß es niemanden mehr beunruhigen würde, und daß es ruhig in sein eignes Grab gesunken, und daß sie und der Schatten miteinander zur Ruhe gekommen.« »Das ist alles, Maggy.« Der Sonnenuntergang ergoß eine solche Glut auf Klein-Dorrits Gesicht, als sie an das Ende ihrer Geschichte kam, daß sie mit ihrer Hand die Augen beschattete. »Ist sie alt geworden?« fragte Maggy. »Die winzig kleine Frau?« »Ja!« »Ich weiß es nicht«, sagte Klein-Dorrit. "Aber es wäre ganz das gleiche gewesen, und wenn sie noch so alt geworden.« »Wirklich?« sagte Maggy. "Ich vermute, es ist der Fall.« Und dabei saß sie mit stierem Sinnen da. Sie saß so lange mit weit geöffneten Augen da, daß Klein-Dorrit am Ende, um sie von ihrer Kiste wegzulocken, aufstand und zum Fenster hinaussah. Als sie in den Hof hinabblickte, sah sie Pancks hereinkommen und mit dem Winkel seines Auges, während er vorüberging, heraufschielen. »Wer ist das, Mütterchen?« sagte Maggy. Sie war zu ihr ans Fenster getreten und lehnte an ihrer Schulter. »Ich sehe ihn oft aus- und eingehen.« »Ich hörte draußen, er sei ein Wahrsager«, erwiderte Klein-Dorrit. »Aber ich zweifle, ob er vielen Leuten selbst ihre Vergangenheit und Gegenwart weissagen könnte.« »Hätte er der Prinzessin nicht das ihrige sagen können?« fragte Maggy. Klein-Dorrit, die sinnend in das dunkle Tal des Gefängnisses hinabsah, schüttelte den Kopf. »Auch der winzig kleinen Frau nicht?« fragte Maggy. »Nein«, sagte Klein-Dorrit, und der Sonnenuntergang beleuchtete hell ihr Gesicht. »Aber laß uns vom Fenster weggehen!« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Verschworene und andere Leute. Die Privatwohnung von Mr. Pancks war in Pentonville, wo er auf außerordentlich bescheidenem Fuß im zweiten Stock bei einem Rechtsgelehrten hauste, der eine innere Tür hinter der Straßentür hatte, die auf einer Feder ruhte und mit einem Klirren wie eine Falle aufsprang. An dem fächerartigen Fenster stand geschrieben: Rugg, Generalagent, Rechnungsführer und Schuldeneintreiber . Dieser Streifen, majestätisch in seiner strengen Einfachheit, bestrahlte ein schmales Stück Garten vor dem Hause, der an die durstige Landstraße stieß, wo einige von den staubigsten Blättern ihre traurigen Häupter hängen ließen und ein verschmachtendes Leben führten. Ein Professor der Kalligraphie bewohnte den ersten Stock und belebte das Gartengitter durch Glaskasten, die ausgewählte Proben von dem enthielten, was seine Zöglinge vor sechs Lektionen gewesen, als seine junge Familie am Tische rüttelte, und was sie nach sechs Lektionen geworden, als die Familie sich ruhig verhielt. Der Raum, den Mr. Pancks innehatte, beschränkte sich auf ein luftiges Schlafzimmer, er war jedoch mit Mr. Rugg, seinem Hausherrn, übereingekommen, daß er gegen Entrichtung einer gewissen genau bestimmten Skala von Bezahlungen und nach zuvor gegebener mündlicher Notiz das Frühstück, Mittagessen, den Tee oder das Nachtessen, eines von diesen oder alle zusammen bei Mr. und Miß Rugg, seiner Tochter, im hintern Zimmer sollte einnehmen dürfen. Miß Rugg war eine Dame von ein wenig Vermögen, das sie sich mit großer Auszeichnung in der Nachbarschaft dadurch erworben, daß ihr Herz schwer zerrissen und ihre Gefühle tief verletzt worden waren, und zwar durch einen in der Nähe wohnenden Bäcker von mittlerem Alter, gegen den sie durch die Vermittlung Mr. Ruggs einen Entschädigungsprozeß wegen Bruchs eines Heiratsversprechens einzuleiten für nötig befunden. Der Bäcker, der bei dieser Gelegenheit durch den Anwalt der Miß aussaugerisch auf den vollen Betrag von zwanzig Guineen angeklagt wurde, achtzehn Pence pro Titel, und zu entsprechender Entschädigung verurteilt worden, hatte von der Jugend von Pentonville auch noch gelegentlich Verfolgungen auszustehen. Miß Rugg dagegen, von der Majestät des Gesetzes umgeben und besorgt, ihr Geld in Staatspapieren anzulegen, wurde mit großer Achtung behandelt. In der Gesellschaft von Mr. Rugg, der ein rundes, weißes Gesicht hatte, als wäre ihm längst alle Röte entzogen, und einen zerzausten, gelben Kopf wie ein alter Flederwisch, und in der Gesellschaft von Miß Rugg, die kleine Nankingflecke wie Hemdknöpfe über das ganze Gesicht verbreitet hatte, und deren gelbe Haare mehr ruppig als üppig waren, hatte Mr. Pancks seit einigen Jahren gewöhnlich Sonntags gespeist und ungefähr zweimal in der Woche ein Abendessen, bestehend aus Brot, holländischem Käse und Porter eingenommen. Mr. Pancks war einer von den sehr wenigen heiratsfähigen jungen Männern, vor denen sich Miß Rugg nicht fürchtete; die Gründe, mit denen sie sich beruhigte, waren zweierlei Art, nämlich erstlich: »daß es nicht zweimal anginge«, und zweitens: »daß er's nicht wert wäre.« Mit dieser doppelten Waffe ausgerüstet, konnte sich Miß Rugg leicht von Mr. Pancks anschnauben lassen. Bis zu dieser Zeit hatte Mr. Pancks wenig oder kein Geschäft in seinem Quartier in Pentonville besorgt, außer dem des Schlafens; aber jetzt, da er Wahrsagerei trieb, saß er oft nach Mitternacht mit Mr. Rugg in seinem kleinen Bureau, das nach vorn ging; und sogar nach dieser späten Stunde brannte Talglicht in seinem Schlafzimmer. Obgleich seine Obliegenheiten als Ausjäter seines Herrn in keiner Weise sich vermindert hatten, und obschon dieser Dienst keine größere Ähnlichkeit mit einem Rosenbeet hatte als die, die sich in seinen vielen Dornen entdecken ließ, nahm ihn doch irgendein neuer Industriezweig beständig in Anspruch. Wenn er sich am Abend von dem Patriarchen losband, geschah es nur, um eine ungetaufte Barke ins Schlepptau zu nehmen und in andern Gewässern wieder frisch draufloszuarbeiten. Der Schritt von einer persönlichen Bekanntschaft mit dem ältern Mr. Chivery zu einer Bekanntschaft mit seiner liebenswürdigen Frau und seinem trostlosen Sohn mochte leicht gewesen sein; aber leicht oder nicht, Mr. Pancks machte ihn sehr bald. Eine Woche oder zwei nach seinem ersten Erscheinen im Kollegium nistete er bereits in dem Tabakgeschäft und suchte hauptsächlich ein gutes Einverständnis mit dem jungen John herbeizuführen. Dies gelang ihm in solchem Grade, daß er den sich abquälenden Schäfer von den Hainen weglockte und ihm geheimnisvolle Missionen gab, bei welchen Gelegenheiten dieser dann in unbestimmten Zeiträumen für zwei bis drei Tage zu verschwinden begann. Die kluge Mrs. Chivery, die über diese Veränderung höchlich erstaunt war, würde dagegen, als etwas dem Hochländlerbild an dem Türpfosten Widerstrebendes protestiert haben, wenn sie nicht zwei zwingende Gründe gehabt hätte: erstens, daß ihr Sohn lebhaftes Interesse an dem Geschäft zu nehmen gezwungen war, das diese Reisen fördern mußten, – und das hielt sie gut für seine gebeugten Geister; zweitens, daß Mr. Pancks im Vertrauen ihr das Versprechen machte, für die Zeit, die ihr Sohn ihm widme, die hübsche Summe von sieben Schillingen und sechs Pence für den Tag zu bezahlen. Der Vorschlag, der von ihm selbst kam und in die energischen Worte gekleidet wurde: »Wenn Ihr Sohn schwach genug ist, Ma'am, es nicht zu nehmen, so ist das noch kein Grund, warum Sie das auch sein sollten, nicht wahr? Somit ganz unter uns: das Geschäft ist abgemacht!« Was Mr. Chivery von diesen Sachen dachte und wieviel oder wie wenig er von denselben wußte, war nicht zu erfahren. Es ist bereits von ihm bemerkt worden, daß er ein Mann von wenigen Worten war; und es mag hier erwähnt werden, daß er von seinem Geschäft die Gewohnheit angenommen, alles zu verschließen. Er verschloß sich selbst so sorgfältig wie die Schuldner im Marschallgefängnis. Selbst seine Gewohnheit, sein Essen zu verriegeln, mag ein Teil eines gleichförmigen Ganzen gewesen sein, aber es ist keine Frage, daß er in allen andern Dingen seinen Mund verschloß, wie er das Marschallgefängnis verschloß. Er öffnete ihn nie ohne Veranlassung. Wenn es notwendig war, sich über etwas zu äußern, öffnete er ihn ein wenig, hielt ihn so lange offen, wie für den Zweck genügte, und schloß ihn dann wieder. Gerade wie er seine Mühe an der Tür des Marschallgefängnisses sparte und einen Fremden, der hinausgehen wollte, einige Augenblicke warten ließ, wenn er einen andern Fremden den Hof herabkommen sah, so daß ein Umdrehen des Schlüssels für beide genügte, ähnlich behielt er häufig eine Bemerkung zurück, wenn er eine andere auf dem Wege zu seinen Lippen bemerkte, und entließ sie dann beide zu gleicher Zeit. Suchte man in seinem Gesicht irgendeinen Schlüssel zur Kenntnis seines Innern, so war der Marschallgefängnisschlüssel ein ebenso leserlicher Index der Charaktere und Geschichten, die er verschloß. Daß Mr. Pancks sich veranlaßt sehen sollte, irgend jemand nach Pentonville einzuladen, war ein Fall, der in seinem Kalender noch nicht bemerkt war. Er lud jedoch den jungen John zum Mittagessen und brachte ihn in die Schußweite des gefährlichen (weil sehr verschwenderischen) Zaubers von Miß Rugg. Das Bankett war auf einen Sonntag bestimmt, und Miß Rugg füllte bei dieser Gelegenheit mit eigener Hand einen Hammelbraten mit Austern und schickte ihn zum Bäcker, nicht zu dem Bäcker, sondern zu einem Gegner desselben. Große Vorräte von Orangen, Apfel und Nüssen wurden gleichfalls aufgekauft. Auch Rum brachte Mr. Pancks Samstag abend nach Hause, um das Herz des Gastes zu erfreuen. Dieser Überfluß an körperlichen Labsalen war nicht das Wichtigste bei dem Empfang des Fremden. Sein wesentlicher Zug war die vorhergängige Vertraulichkeit und Sympathie der Familie. Als der junge John um halb zwei Uhr ohne die Elfenbeinhand und die Weste mit den Goldzweigen erschien, wie eine Sonne, die durch tückische Wolken ihrer Strahlen beraubt ist, stellte ihn Mr. Pancks den gelbhaarigen Ruggs als den so oft erwähnten jungen Mann vor, der Miß Dorrit liebe. »Ich freue mich«, sagte Mr. Rugg, ihn hauptsächlich in dieser Richtung anredend, »das außerordentliche Vergnügen zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir. Ihre Gefühle machen Ihnen Ehre. Sie sind jung; mögen Sie nie Ihre Gefühle überleben. Sollte ich je meine Gefühle überleben, Sir«, sagte Mr. Rugg, der ein Mann von vielen Worten war und für einen sehr gewandten Sprecher galt, »sollte ich meine Gefühle überleben, so würde ich in meinem Testament fünfzig Pfund dem Manne aussetzen, der mich aus dem Leben schaffte.« Miß Rugg seufzte tief auf. »Meine Tochter, Sir«, sagte Mr. Rugg. »Anastasia, dir sind die Gefühle dieses jungen Mannes nicht fremd. Meine Tochter hatte auch ihre Prüfungen« (Mr. Rugg hätte das Wort ruhig in der Einzahl brauchen sollen), »und sie kann mit Ihnen fühlen.« Der junge John, beinahe betäubt von dieser rührenden Art des Empfangs, gab dies durch einige Worte zu erkennen. »Um was ich Sie beneide, Sir«, sagte Mr. Rugg, »– erlauben Sie, daß ich Ihren Hut nehme, wir haben etwas wenig Haken, ich will ihn in die Ecke stellen, niemand wird dort darauf treten – um was ich Sie beneide, Sir, ist der Reichtum Ihrer Empfindungen. Ich gehöre zu einem Stande, dem dieser Reichtum bisweilen versagt ist.« Der junge John antwortete, indem er seinen Dank aussprach, daß er die Hoffnung hege, er tue, was recht sei und was beweise, wie sehr er Miß Dorrit ergeben sei. Er wünsche, unselbstsüchtig zu sein, und hoffe es zu sein. Er wünsche, alles, was in seiner Macht stünde, zu tun, um Miß Dorrit zu dienen, indem er sich dabei ganz aus den Augen setzte; und er hoffe, daß dies der Fall sei. Es sei nur wenig, was er tun könne, über er wünsche es zu tun. »Sir«, sagte Mr. Rugg, indem er ihn bei der Hand nahm. »Sie sind ein junger Mann, dem zu begegnen einem wohltut. Sie sind ein junger Mann, den ich auf die Zeugenbank setzen möchte, um die Herren vom Recht menschlicher zu machen. Ich hoffe, Sie haben Appetit mitgebracht und beabsichtigen, eine gute Klinge zu schlagen?« »Ich danke, Sir«, versetzte der junge John, »ich esse gegenwärtig nicht viel.« Mr. Rugg zog ihn ein wenig auf die Seite. »Ganz meiner Tochter Fall«, sagte er, »als sie, um ihre verletzten Gefühle und ihr Geschlecht zu rächen, in Sachen Ruggs gegen Bawkins klagbar wurde. Ich glaube, Mr. Chivery, ich hätte, wofern ich es der Mühe wert gehalten, mit Beweisen belegen können, daß das Gewicht solider Nahrungsmittel, die meine Tochter zu jener Zeit konsumierte, zehn Unzen wöchentlich nicht überstieg.« »Ich glaube, etwas darüber hinauszugehen, Sir«, versetzte der andere zögernd, als ob er mit einer gewissen Scham dies Geständnis machte. »Aber in Ihrem Falle ist auch kein Teufel in Menschengestalt im Spiel«, sagte Mr. Rugg, mit einem Lächeln und einer Handbewegung, die seinen Ausspruch bekräftigten. »Bemerken Sie wohl, Mr. Chivery, kein Teufel in Menschengestalt!« »Nein, Sir, allerdings nicht«, fügte der junge John einfach hinzu, »es würde mir auch großen Kummer machen, wenn das der Fall wäre.« »Dieses Gefühl«, sagte Mr. Rugg, »konnte ich nach Ihren bekannten Grundsätzen erwarten. Es würde meine Tochter sehr rühren, Sir, wenn sie das hörte. Da ich den Hammelbraten rieche, so bin ich froh, daß sie es nicht gehört. Mr. Pancks, bitte, setzen Sie sich bei dieser Gelegenheit mir gegenüber. Meine Liebe, nimm gegenüber von Mr. Chivery Platz. Für das, was wir zu genießen im Begriff sind, dürfen wir (und Miß Dorrit) wahrhaft dankbar sein!« Ohne die scheinbar ernste Schalkhaftigkeit, die in Mr. Ruggs Art, das Mahl einzuleiten, lag, hätte es scheinen können, man erwarte, Miß Dorrit werde mit von der Partie sein. Pancks anerkannte den Einfall in seiner gewöhnlichen Weise und nahm seine Provisionen in der gewöhnlichen Weise. Miß Rugg, die vielleicht einige von ihren Rückständen tilgen wollte, hielt sich gleichfalls sehr freundlich an den Hammelbraten, der rasch bis auf den Knochen zusammenschwand. Ein Brot- und Butterpudding verschwand ganz und gar, und eine beträchtliche Masse Käse und Rettiche verschwanden in gleicher Weise. Dann kam das Dessert. Bald erschien, noch ehe der Grog angegriffen worden, auch Mr. Pancks' Notizbuch. Die folgenden Geschäftsverhandlungen waren kurz, aber seltsam und hatten viel Ähnliches mit einer Verschwörung. Mr. Pancks beschäftigte sich eifrig mit seinem Notizbuch, das nach und nach voll wurde, und machte kleine Auszüge, die er auf einzelne Zettel auf dem Tisch schrieb. Mr. Rugg sah ihn indes mit großer Aufmerksamkeit an, während der junge John sein auf nichts Bestimmtes gerichtetes Auge in den Nebeln der Beschaulichkeit umherschweifen ließ. Als Mr. Pancks, der die Rolle eines Hauptverschwörers spielte, seine Auszüge vollendet hatte, überschaute er sie, korrigierte sie, steckte sie in sein Notizbuch und hielt sie eine Zeitlang wie ein Spiel Karten in der Hand. »Na, da ist ein Kirchhof in Bedfordshire«, sagte Pancks. »Wer nimmt ihn?« »Ich will ihn nehmen«, erwiderte Mr. Rugg, »wenn niemand darauf bietet.« Mr. Pancks teilte ihm seine Karte zu und sah wieder auf seine Hand. »Da ist eine Nachfrage in York zu machen«, sagte Pancks. »Wer übernimmt diese?« »Ich tauge nicht für York«, sagte Mr. Rugg. »Dann werden Sie vielleicht so gut sein, John Chivery«, fuhr Pancks fort. Der junge John erklärte sich bereit. Pancks teilte ihm seine Karte zu und blickte wieder auf seine Hand. »Da ist eine Kirche in London; die kann ich ebensogut übernehmen. Ferner eine Familienbibel, die kann ich auch übernehmen. Das ist zweierlei für mich. Zweierlei für mich«, wiederholte Pancks, tief aufatmend über seinen Karten. »Hier ist ein Kaufmannsdiener in Durham für Sie, John, und ein alter Seekapitän in Dunstable für Sie, Mr. Rugg. Zwei für mich, nicht wahr? Ja, zwei für mich. Hier ist ein Grabstein: drei Sachen für mich. Und ein totgeborenes Kind: vier Sachen für mich. Das ist alles für den Augenblick.« Als er so seine Karten verteilt, was alles sehr ruhig und mit gedämpftem Tone geschah, steuerte Mr. Pancks pustend in seine Brusttasche und schleppte ein Leinwandsäckchen heraus, aus dem er mit zögernder Hand das Geld für die Reisekosten in zwei kleinen Portionen abzählte. »Die Kasse leert sich schnell«, sagte er ängstlich, indem er seinen beiden männlichen Geschäftsgenossen eine Portion zuschob, »sehr schnell.« »Ich kann Sie nur versichern, Mr. Pancks«, sagte der junge John, »daß ich tief bedauere, in Verhältnissen zu sein, die mir nicht gestatten, meine Auslagen selbst zu bestreiten, und daß es nicht ratsam ist, mir die nötige Zeit zu nehmen, den Weg zu Fuß zu machen. Denn nichts würde mir größere Befriedigung gewähren, als mir ohne Lohn und Entschädigung die Beine abzulaufen.« Die Uneigennützigkeit dieses jungen Mannes erschien in Miß Ruggs Augen so lächerlich, daß sie sich genötigt sah, sich eiligst aus der Gesellschaft zu entfernen und auf die Treppe zu setzen, bis sie sich ausgelacht. Indessen drehte Mr. Pancks, indem er nicht ohne Mitleid auf den jungen John sah, langsam und nachdenklich sein Leinwandsäckchen zusammen, als ob er ihm den Hals umdrehte. Die Dame, die gerade zurückkam, als er ihn in die Tasche steckte, mischte Rum und Wasser für die Gesellschaft, des eignen lieben Ichs nicht vergessend, und reichte jedem ein Glas. Als alle versehen waren, stand Mr. Rugg auf, und sein Glas armlang über die Mitte des Tisches haltend, lud er schweigend durch diese Gebärde die drei andern ein, anzustoßen und sich zu einem allgemeinen verschwörerischen Klingen zu vereinigen. Die Zeremonie war bis zu einem gewissen Grade effektvoll und wäre dies ganz und gar gewesen, wenn Miß Rugg, während sie ihr Glas, um den Schwur zu vollenden, zu den Lippen erhob, nicht zufällig auf den jungen John gesehen, dessen wirklich lächerliche Uneigennützigkeit wieder einen so überwältigend komischen Eindruck auf sie machte, daß sie einige ambrosische Tropfen Grog verschüttete und sich in Verlegenheit davonschlich. Das war das Mahl, ohne vorgängiges Beispiel, das Pancks in Pentonville gab; und dies das geschäftige und seltsame Leben, das Pancks führte. Die einzigen wachen Momente, in denen er von seinen Sorgen sich zu zerstreuen und sich zu erholen schien, indem er dahin und dorthin ging und dies und jenes schwatzte, ohne einen bestimmten Zweck im Auge zu haben, waren die, wo er ein dämmerndes Interesse für den lahmen Fremden mit dem Stock hatte, der im Hof zum blutenden Herzen wohnte. Der Fremde, der Johann Baptist Cavaletto hieß – sie nannten ihn Mr. Baptist auf dem Hofe –, war solch ein piepsender, leichter, hoffnungsvoller kleiner Bursche, daß die Anziehungskraft, die er für Pancks hatte, wahrscheinlich in der Stärke des Kontrastes lag. Einsam, schwach und spärlich bekannt mit den notwendigsten Worten der einzigen Sprache, in der er mit den Leuten um ihn her verkehren konnte, schwamm er heiter, wie es in diesen Regionen neu war, mit dem Strome des Schicksals. Mit wenig zu essen und noch weniger zu trinken und nichts sich zu kleiden, als was er auf dem Leibe trug oder in dem kleinsten Bündel, das je gesehen worden, zusammengeschnallt mitgebracht, machte er ein so fröhliches Gesicht, als ob er sich in den glänzendsten Umständen befände, als er zum erstenmal auf dem Hofe auf- und niederhumpelte und mit seinen weißen Zähnen sich demütig das allgemeine Wohlwollen erbat. Es war keine geringe Sache für einen Fremden, lahm oder gesund, mit den »blutenden Herzen« fortzukommen. Erstens waren sie der unklaren Überzeugung, daß jeder Fremde ein Messer bei sich habe; zweitens hielten sie es für ein gesundes konstitutionell-nationales Axiom, daß er sich in seine Heimat scheren solle. Sie dachten nicht daran, zu untersuchen, wie viele von ihren eigenen Landsleuten von den verschiedenen Teilen der Welt zurückgeschickt werden würden, wenn dieser Grundsatz allgemeine Anerkennung fände; sie betrachteten ihn als besonders und spezifisch englisch. Drittens hatten sie die Ansicht, daß es eine Art göttlicher Heimsuchung für den Fremden sei, kein Engländer zu sein, und daß sein Land von allen Arten von Unglücksfällen heimgesucht wurde, weil es Dinge tat, die England nicht tat, und Dinge unterließ, die England tat. In diesem Glauben waren sie lange von den Barnacles und Stiltstalkings erzogen worden, die ihnen immer amtlich und nichtamtlich verkündeten, daß kein Land, das versäumte, sich diesen beiden großen Familien zu unterwerfen, hoffen könne, unter dem Schutze der Vorsehung zu stehen; und die, wenn sie es glaubten, sie privatim als das vorurteilsvollste Volk unter der Sonne verschrien. Dies konnte deshalb eine politische Stellung der blutenden Herzen genannt werden, aber sie hatten noch andere Einwürfe dagegen, daß Fremde auf dem Hofe wohnten. Sie glaubten, daß Fremde sich stets übel befänden, und obgleich sie selbst sich so übel befanden, wie sie nur wünschen konnten, so schwächte dies doch die Kraft des Einwurfes nicht ab. Sie glaubten, daß Fremde mit Dragonern und Bajonetten behandelt werden mußten, und obgleich ihre eigenen Schädel bald eingeschlagen wurden, wenn sie irgendeine üble Laune zeigten, so geschah dies doch mit einem stumpfen Instrument, und das zählte nicht. Sie glaubten, Fremde seien immer unmoralisch, und obgleich sie zuweilen einen Gerichtstag zu Hause hatten und dann und wann einen Scheidungsfall oder dergleichen, so hatte das nichts damit zu schaffen. Sie glaubten, Fremde hätten keinen Unabhängigkeitssinn, weil sie nie herdenweise von Lord Decimus Tite Barnacle mit fliegenden Fahnen und im Takt von Rule Britannia nach der Wahlurne getrieben wurden. Um nicht langweilig zu werden, sagen wir, sie hatten noch gar manche Glaubensartikel der Art. Gegen diese Vorurteile mußte der Fremde mit dem Stock sich so gut stemmen, wie er konnte; er war dabei nicht ganz verlassen, weil Mr. Arthur Clennam ihn an die Plornishs empfohlen (er wohnte im Dachgeschoß desselben Hauses), aber immerhin war es eine schwierige Sache. Die blutenden Herzen waren indes gute Herzen; und als sie den kleinen Mann mit wohlgelauntem Gesicht heiter umhergehen sahen und merkten, daß er niemand etwas Böses zufügte, keine Messer zog, keine furchtbaren Unsittlichkeiten beging, hauptsächlich von Mehl- und Milchspeisen lebte und abends mit den Kindern von Mr. Plornish spielte, begann die Ansicht in ihnen aufzutauchen, obgleich er nie der Hoffnung sich hingeben könnte, je ein Engländer zu werden, würde es doch hart sein, dieses Unglück an ihm heimzusuchen. Sie begannen sich seinem Gesichtskreise anzubequemen, indem sie ihn Mr. Baptist nannten, ihn jedoch wie ein Wickelkind behandelten und unbändig über sein lebhaftes Mienenspiel und sein kindisches Englisch lachten – mehr vielleicht, weil er selbst sich nichts daraus machte und auch darüber lachte. Sie sprachen sehr laut mit ihm, als ob er stocktaub wäre. Sie bildeten Sätze, um ihm die Sprache in ihrer Reinheit beizubringen, wie sie die Wilden an Kapitän Cook oder Freitag an Robinson richteten. Mrs. Plornish war besonders erfinderisch in dieser Kunst und gewann eine solche Berühmtheit, indem sie sagte: »Ik offen, daß Ihr Pein bald kesund«, daß man im Hof glaubte, das sei nur noch wenig vom Italienischen entfernt. Ja, Mrs. Plornish selbst begann zu glauben, sie habe eine natürliche Begabung für diese Sprache. Als er beliebter wurde, brachte man Haushaltungsgegenstände herbei, um ihm einen reichhaltigeren Wörterschatz zu verschaffen; und sooft er im Hofe erschien, kamen die Mädchen an ihre Türen und riefen: »Mr. Baptist – Teekanne!« – »Mr. Baptist – Kehrichtkorb!« – »Mr. Baptist – Mehlstreubüchse!« – »Mr. Baptist – Kaffeesack!« Dabei zeigten sie ihm diese Gegenstände und erfüllten ihn mit dem Gefühl der enormen Schwierigkeiten der angelsächsischen Sprache. In diesem Stadium seiner Fortschritte und ungefähr in der dritten Woche seiner Beschäftigung mit der Sprache wurde Mr. Pancks' Phantasie auf den kleinen Mann gerichtet. Begleitet von Mrs. Plornish als Dolmetscherin, stieg er zu seinem Kämmerchen hinauf und fand Mr. Baptist ohne alle andern Möbel als sein Bett auf dem Boden, einen Tisch und einen Stuhl, wie er mit Hilfe einiger weniger einfache Werkzeuge in der heitersten Weise Schnitzereien machte. »Na, alter Junge«, sagte Mr. Pancks, »bezahle.« Er hatte sein Geld, in ein Stück Papier gewickelt, in Bereitschaft und händigte es ihm lachend ein; dann streckte er mit einer freien Aktion so viele Finger seiner rechten Hand in die Höhe, als es Schillinge waren, und machte dann einen Hieb kreuzweise in die Luft, für den Sixpence darüber. »Oh!« sagte Pancks, indem er ihn staunend beobachtete. »Soviel ist's, nicht wahr? Du bist ein pünktlicher Kunde. Es ist ganz recht. Ich dachte nicht, daß ich's bekommen würde.« Mrs. Plornish mischte sich hier mit großer Herablassung in die Sache und erklärte sie Mr. Baptist. »Er große Freude. Er froh sein Geld kriegen.« Der kleine Mann lächelte und nickte. Sein heiteres Gesicht schien eine ungewöhnliche Anziehungskraft für Mr. Pancks zu haben. »Wie geht es ihm mit seinem Bein?« fragte er Mrs. Plornish. »Oh, er ist viel besser, Sir«, sagte Mrs. Plornish. »Wir hoffen, daß er nächste Woche imstande sein wird, seinen Stock ganz missen zu können.« Da die Gelegenheit zu günstig war, um sie zu verlieren, so legte sie ihre große Geschicklichkeit an den Tag, indem sie mit verzeihlichem Stolz Mr. Baptist verdolmetschte: »Er offen, Ihr Pein werden bald kesund sein.« »Er ist außerdem ein lustiger Bursche«, sagte Pancks, indem er ihn bewunderte, als wäre er eine mechanische Spielpuppe. »Wovon lebt er denn?« »Nun, Sir«, erwiderte Mrs. Plornish, »er scheint sehr geschickt im Blumenschnitzeln, womit Sie ihn eben beschäftigt sehen.« Mr. Baptist, der ihre Gesichter beobachtet, während sie sprachen, hielt seine Arbeit in die Höhe. Mrs. Plornish verdolmetschte in ihrer italienischen Manier zugunsten Mr. Pancks': »Gefällt ihm. Sehr gut.« »Kann er davon leben?« fragte Pancks. »Er hat sehr wenig Bedürfnisse, Sir, und es ist zu erwarten, daß er mit der Zeit imstande sein wird, sich ein gutes Auskommen zu verdienen. Mr. Clennam verschaffte ihm diese Arbeit und gibt ihm noch mancherlei sonst zu tun in der Werkstätte nebenan, kurz, sorgt für ihn, wenn er weiß, daß er's braucht.« »Und was fängt er an, solange er noch nicht viel zu tun hat?« sagte Pancks. »Nun, für jetzt nicht viel, Sir, vermutlich, weil er nicht imstande ist, viel zu gehen; aber er spaziert im Hofe herum und plaudert, ohne besonders viel verstanden zu werden oder die Leute zu verstehen, oder spielt mit den Kindern und sitzt in der Sonne – er würde sich überall hinsetzen, als wär's ein Armstuhl – und singt und lacht.« »Lacht!« wiederholte Mr. Pancks. »Er kommt mir vor, als ob jeder Zahn in seinem Munde beständig lachte.« »Aber sooft er auf die oberste Stufe am andern Ende des Hofes kommt«, sagte Plornish, »guckt er in der wunderlichsten Weise von der Welt hinaus! So daß einige von uns es sich nicht nehmen lassen, er sehe nach der Stelle, wo sein Vaterland ist; andere denken wieder, er schaue sich nach jemandem um, den er nicht zu sehen wünscht, und wiederum andere wissen nicht, was sie denken sollen.« Baptist schien im allgemeinen zu verstehen, was sie sagte; oder vielleicht bemerkte sein Scharfblick die flüchtige Gebärde des Sichumschauens und machte sich seine Folgerungen. Genug, er schloß die Augen und warf den Kopf zurück mit der Miene eines Mannes, der genügend Gründe zu dem hat, was er tut, und sagte in seiner Muttersprache, es habe nichts zu bedeuten. Altro! »Was ist Altro?« fragte Pancks. »Hm! 's ist ein Ausdruck für alles mögliche, Sir«, sagte Mrs. Plornish. »So?« sagte Pancks. »Nun denn Altro, alter Junge. Guten Abend. Altro!« Mr. Baptist wiederholte das Wort in seiner lebhaften Weise mehrmals. Mr. Pancks gab es ihm in seiner düsteren Art einmal zurück. Von dieser Zeit an wurde es eine stehende Gewohnheit bei Pancks dem Zigeuner, wenn er abends ermüdet heimging, den Weg an dem Bleeding Heart Yard vorüber zu nehmen, ruhig die Treppe hinaufzugehen, in Mr. Baptists Zimmer hineinzusehen und, wenn er ihn drinnen fand, zu sagen: »Holla, alter Junge, Altro!« Worauf dann Mr. Baptist mit unermüdlichem Nicken und Lächeln antwortete: »Altro, Signore, altro, altro, altro!« Nach dieser sehr gedrängten Unterhaltung ging Mr. Pancks gewöhnlich seiner Wege, wie es schien, ungemein erleichtert und erfrischt. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Niemandes Gemütszustand. Wenn Arthur Clennam nicht zu dem klugen Entschluß gekommen wäre, sich streng von jeder Liebe zu Pet fernzuhalten, würde er in einem Zustand großer Unruhe gelebt haben, der manchen schwierigen Kampf mit seinem Herzen in sich geschlossen. Nicht der geringste von diesen wäre der beständige Kampf zwischen der Neigung, Mr. Henry Gowan nicht zu lieben, wo nicht gar ihn mit entschiedenem Widerwillen zu betrachten, und einer inneren Stimme gewesen, diese Neigung sei eine unwürdige. Eine edle Natur ist keiner starken Abneigungen fähig, ja, sie vermag sich ihnen kaum vorübergehend hinzugeben, wenn dies Uebelwollen jedoch den Sieg über eine solche Natur davonträgt und sie bisweilen findet, daß der Ursprung nicht leidenschaftslos war, so wird sie unglücklich. Deshalb würde sich auch Clennams Gemüt umwölkt haben und Mr. Henry Gowan weit öfter ihm gegenwärtig gewesen sein als angenehmere Personen und Dinge, wenn er nicht die große Klugheit besessen, jenen früher erwähnten Entschluß zu fassen. Wie die Sachen standen, schien Mr. Gowan in Daniel Doyces Geist versetzt; jedenfalls geschah es, daß gewöhnlich Mr. Doyce und nicht Clennam in den freundschaftlichen Unterhaltungen, die sie miteinander hatten, von ihm sprach. Diese Gespräche waren jetzt an der Tagesordnung, da die beiden Handelsgenossen einen Teil eines geräumigen Hauses in den ernsten altväterischen Citystraßen miteinander bewohnten, das nicht weit von der Bank entfernt war, nämlich bei London Wall. Mr. Doyce hatte den Tag in Twickenham zugebracht. Clennam hatte sich entschuldigt. Mr. Doyce war soeben nach Hause gekommen. Er steckte seinen Kopf in die Tür von Clennams Wohnzimmer, um gute Nacht zu sagen. »Kommen Sie herein, kommen Sie herein!« sagte Clennam. »Ich sah Sie lesen«, versetzte Doyce, indem er eintrat, »und glaubte, Sie wollten nicht gestört sein.« Wenn er nicht den bekannten Entschluß gefaßt, würde Clennam wirklich nicht gewußt haben, was er gelesen; hätte wirklich nicht die ganze Stunde seine Augen in dem Buche gehabt, obgleich es offen vor ihm lag. Er schloß es ziemlich rasch. »Sind sie wohl?« fragte er. »Ja«, sagte Doyce: »sie sind wohl. Sie sind alle wohl!« Daniel hatte eine alte arbeitermäßige Gewohnheit, sein Taschentuch in seinem Hut zu tragen. Er nahm es heraus, wischte sich die Stirn damit, indem er langsam wiederholte: »Sie sind alle wohl. Miß Minnie sah namentlich, wie mir schien, gut aus.« »Keine Gesellschaft auf dem Landhause?« »Nein, keine Gesellschaft.« »Und was taten Sie vier?« fragte Clennam heiter. »Wir waren unsrer fünf«, versetzte sein Associé. »Jener, wie heißt er nur, war da. Er war da.« »Wer ist er?« sagte Clennam. »Mr. Henry Gowan.« »Ah, natürlich!« rief Clennam ungewöhnlich lebhaft. »Ja! – ich vergaß ihn.« »Wie ich erwähnte, Sie werden sich erinnern«, sagte Daniel Doyce, »er ist jeden Sonntag da.« »Ja, ja«, versetzte Clennam, »ich erinnnere mich jetzt.« Daniel Doyce, der sich noch immer die Stirn wischte, wiederholte tiefsinnig: »Ja. Er war da, er war da. O ja, er war da. Und sein Hund. Er war auch da.« »Miß Meagles hängt sehr an – dem – Hunde«, bemerkte Clennam. »Allerdings«, pflichtete sein Associé bei, »sie hält mehr von dem Hund, als ich von seinem Herrn.« »Sie meinen, Mr. –?« »Ich meine natürlich Mr. Gowan«, sagte Daniel Doyce sehr bestimmt. Es entstand eine Pause in dem Gespräch, die Clennam dazu benutzte, seine Uhr aufzuziehen. »Vielleicht sind Sie etwas voreilig in Ihrem Urteil«, sagte er. »Unsre Urteile – ich setze einen allgemeinen Fall –« »Natürlich«, sagte Doyce. »Werden so leicht von mancherlei Rücksichten beeinflußt, die, ohne daß wir es wissen, unlauter sind, daß es notwendig wird, sehr auf der Hut zu sein. Zum Beispiel, Mr. –« "Gowan«, sagte Doyce, auf den beinahe immer das Aussprechen des Namens gewälzt wurde, mit größter Ruhe. »Ist jung und hübsch, ungezwungen und lebhaft, hat Talent und hat eine Menge Dinge im Leben gesehen. Es möchte schwierig sein, einen unselbstsüchtigen Grund für das Eingenommensein gegen ihn anzugeben.« »Ich glaube, daß es für mich nicht schwierig ist, Clennam«, versetzte sein Associé. »Ich sehe, wie er schon jetzt Befürchtungen und, ich fürchte, für die Zukunft Kummer in das Haus meines alten Freundes bringen wird. Ich sehe, wie er tiefere Linien in meines Freundes Gesicht zieht, je näher er dem Gesicht seiner Tochter kommt und je öfter er hineinblickt. Kurz, ich sehe, wie er das hübsche und liebevolle Geschöpf, das er nie glücklich machen wird, mit einem Netz umgarnt.« »Wir wissen auch nicht«, sagte sein Associé, »ob die Erde noch leidenden Mannes, ob er sie nicht glücklich machen wird.« »Wir wissen auch nicht«, sagte sein Associe, »ob die Erde noch hundert Jahre dauern wird, aber wir halten es für ungemein wahrscheinlich.« »Schon gut, schon gut«, sagte Clennam, »wir müssen hoffen und wenigstens versuchen, wenn nicht großmütig, doch gerecht zu sein (zum erstem ist freilich in diesem Falle kein Grund). Wir wollen diesen Gentleman nicht herabsetzen, weil er in seinen Bewerbungen bei dem schönen Gegenstand seiner Wünsche glücklich ist, und wollen ihr das natürliche Recht nicht bestreiten, ihre Liebe dem, den sie derselben würdig findet, zuzuwenden.« »Mag sein, mein Freund«, sagte Doyce. »Mag aber auch sein, daß sie zu jung und verwöhnt, zu vertrauend und unerfahren ist, um genau unterscheiden zu können.« »Das besser zu machen«, sagte Clennam, »würde ja doch weit über unsre Kräfte gehen.« Daniel Doyce schüttelte ernst den Kopf und fügte hinzu: »Ich fürchte auch.« »Deshalb, mit einem Worte«, sagte Clennam, »wir sollten einsehen, daß es unsrer nicht würdig ist, irgend etwas Schlimmes von Mr, Gowan zu sagen. Es wäre armselig, ein Vorurteil gegen ihn zu begünstigen, und ich bin entschlossen, meinesteils ihn nicht herabzusetzen.« »Ich bin meiner nicht ganz so sicher und behalte mit deshalb das Recht vor, gegen ihn zu sprechen«, versetzte der andere. »Aber wenn ich meiner auch nicht sicher bin, so bin ich doch Ihrer sicher, Clennam, und ich weiß, welch ein aufrichtiger Mann Sie sind und wie sehr zu respektieren. Gute Nacht, mein Freund und Associé!« Er schüttelte ihm in einer Weise die Hand, indem er dies sagte, als ob ihr Gespräch einen ernsten Hintergrund gehabt; und sie trennten sich. Sie hatten inzwischen die Familie zu verschiedenen Malen besucht und immer bemerkt, daß eine flüchtige Anspielung auf Mr. Henry Gowan, wenn er nicht unter ihnen war, die Wolke wieder heraufbeschwor, die Mr. Meagles' Sonnenschein an dem Morgen der zufälligen Begegnung auf der Fähre verdunkelt hatte. Wenn sich Clennams je die verbotene Leidenschaft bemächtigt hätte, so wäre diese Zeit eine Zeit wirklicher Prüfung gewesen: unter den obwaltenden Umständen war es freilich nichts – nichts. Auch wäre, wenn sein Herz diesen verbotenen Gast beherbergt, sein stilles Kämpfen, um sich einen Weg durch die Gemütsstimmung dieser Periode zu bahnen, etwas verdienstlicher gewesen. In dem beharrlichen Ringen, sich nicht in eine neue Phase dieser bedrängenden Sünde, die er aus der Erfahrung kannte, der Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke durch niedere und kleinliche Mittel hinreißen zu lassen, und statt dessen an dem erhabenen Prinzip der Ehre und Großherzigkeit festzuhalten, hätte etwas mehr Verdienst gelegen. In dem Entschluß, nicht mal Mr. Meagles' Haus zu meiden, damit er nicht in egoistischem Schonen seiner selbst den leichtesten Kummer über die Tochter bringe, indem er sie zur Ursache einer Entfremdung mache, die, wie er glaubte, den Vater schmerzen würde, – in diesem Entschlusse hätte etwas Verdienst gelegen. In der bescheidenen Wahrhaftigkeit, den größeren Vorzug von Mr. Gowans Jahren und der größeren Anziehungskraft seiner Persönlichkeit und seiner Umgangsformen beständig im Auge zu behalten, hätte ein kleines Verdienst gelegen. Wenn er all dies und noch weit mehr in vollkommen unbefangener Weise und mit einer männlichen und gefaßten Beharrlichkeit getan, während der Schmerz in seinem Innern (der eigentümlich wie sein Leben und sein Schicksal) den schärfsten Stachel angesetzt, – darin hätte sich eine ruhige Stärke des Charakters entwickelt. Aber nach dem Entschlusse, den er gefaßt, konnte er natürlich keine solchen Verdienste, wie die eben erwähnten, haben; in diesem Gemütszustand war niemand – niemand. Mr Gowan kümmerte sich wenig darum, ob jemand oder niemand sich in diesem Gemütszustande befand. Er behielt bei allen Gelegenheiten seine vollkommene Heiterkeit und Unbefangenheit, als wäre die Möglichkeit, daß Clennam sich herausnähme, die große Frage zu verhandeln, zu fernliegend und lächerlich, um in Betracht zu kommen. Er hatte Clennam immer irgend etwas Freundliches zu sagen oder ihm eine Gefälligkeit zu erweisen, was an und für sich (in dem eingebildeten Falle, daß er diesen scharfsinnigen Weg nicht eingeschlagen) ein sehr unbehagliches Element in diesem Gemütszustände gewesen wäre. »Ich bedaure sehr, daß Sie gestern nicht bei uns waren«, sagte Mr. Henry Gowan, als er am andern Morgen bei Clennam vorsprach. »Wir verlebten dort am Flusse einen sehr angenehmen Tag.« Das habe er gehört, sagte Arthur. »Von Ihrem Sozius?« versetzte Henry Gowan. »Das ist ein herrlicher alter Wann.« »Ich schätze ihn sehr.« »Beim Zeus, er ist der vortrefflichste Mensch!« sagte Gowan. »So frisch, so munter, glaubt an so seltsame Dinge.« Das war einer von den vielen kleinen unangenehmen Punkten, die Clennams Ohr beleidigten. Er schob ihn deshalb einfach dadurch auf die Seite, daß er wiederholte, er schätze Mr. Doyce sehr. »Er ist reizend. Wenn man sich ihn denkt, wie er so durch das Leben bis heutigentags fortschlendert, nichts im Vorbeigehen fallen lassend, nichts im Vorbeigehen aufhebend, das ist allerliebst. Es erwärmt einen. Solch eine unverdorbene, einfache, gute Seele! Wahrhaftig, Mr. Clennam, man fühlt sich verzweifelt weltlich und verdorben im Vergleich mit solch einer unschuldigen Natur. Ich spreche von mir, muß ich hinzufügen, ohne Sie einzuschließen. Sie sind ebenfalls echt und unverfälscht.« »Ich danke Ihnen für das Kompliment«, sagte Clennam, der sich etwas unbehaglich fühlte: »Sie sind es hoffentlich auch?« »Soso«, erwiderte der andere. »Um aufrichtig gegen Sie zu sein, ziemlich. Ich bin kein großer Betrüger. Kaufen Sie eines von meinen Bildern, und ich versichere Sie im Vertrauen, daß es das Geld nicht wert ist. Kaufen Sie eines von irgend jemand – von einem großen Professor, der mich über die Achsel ansieht –, und es läßt sich wetten, daß je mehr Sie ihm geben, desto mehr wird er Sie betrügen. Das tun sie alle.« »Alle Maler?« »Maler, Schriftsteller, Patrioten und alle, die Buden auf dem Markte haben. Geben Sie, wenn Sie wollen, jedem, den ich kenne, zehn Pfund, und er wird Sie in entsprechendem Betrage betrügen; tausend Pfund – in entsprechendem Betrage; zehntausend Pfund – in entsprechendem Betrage. So groß der Erfolg, so groß der Betrug. Es ist eine herrliche Welt!« rief Gowan mit warmem Enthusiasmus. »Eine heitere, vortreffliche, liebenswürdige Welt!« »Ich hätte eher gedacht«, sagte Clennam, »daß nach dem Prinzip, das Sie erwähnen, mehr die –« »Barnacles handeln?« unterbrach ihn Gowan lachend. »Die politischen Herren, die sich herablassen, das Circumlocution Office zu unterhalten.« »Ah! Seien Sie nicht hart gegen die Barnacles«, sagte Gowan und lachte aufs neue, »es sind liebe Jungen. Sogar der arme kleine Clarence, der Idiot der Familie, ist der angenehmste und reizendste Dummkopf. Und beim Zeus, er besitzt dabei eine Gewandtheit, die Sie in Erstaunen setzen würde.« »Allerdings, sehr«, sagte Clennam trocken. »Und trotz alledem«, rief Gowan mit jenem eigentümlich charakteristischen Abwägen, das alles in der weiten Welt auf dasselbe leichte Gewicht reduzierte, »obgleich ich nicht leugnen kann, daß das Circumlocution Office zuletzt alles und jeden an den Strand werfen wird, so wird das doch nicht in unserer Zeit geschehen – und es ist eine Schule für Gentlemen.« »Es ist eine sehr gefährliche, unbefriedigende und kostbare Schule für die Leute, die ihre Kinder dorthin schicken, so fürchte ich wenigstens«, sagte Clennam, den Kopf schüttelnd. »Ach! Sie sind ein schrecklicher Mensch«, versetzte Gowan heiter. »Ich begreife, wie Sie jenen kleinen Esel, den Clarence, das schätzenswerteste aller Mondkälber (den ich wirklich lieb habe), vor Schreck fast um den Verstand gebracht haben. Aber genug von ihm und allen übrigen. Ich möchte Sie meiner Mutter vorstellen, Mr. Clennam. Bitte, tun Sie mir die Gefälligkeit, mir die Gelegenheit dazu zu geben.« In keiner Gemütsstimmung hätte es etwas geben können, was Clennam weniger gewünscht, aber auch nichts, dem er weniger auszuweichen vermocht. »Meine Mutter wohnt in urväterlicher Weise in jenem traurigen Ziegelsteinkerker von Hampton Court«, sagte Gowan. »Wenn Sie wollen, so bitte ich Sie, den Tag zu nennen, an dem ich Sie dorthin zu Tisch abholen darf: Sie werden sich allerdings langweilen, aber meine Mutter wird eine außerordentlich große Freude haben. So stehen wirklich die Dinge.« Was konnte Clennam darauf sagen? Sein zurückhaltender Charakter war zum großen Teil die reine Einfalt im besten Sinne des Wortes, weil er unbewandert und ungeübt war; und in seiner Einfachheit und Bescheidenheit konnte er nichts anderes sagen, als daß er sich glücklich fühle, sich zu Mr. Gowans Verfügung zu stellen. Deshalb sagte er es auch, und der Tag wurde festgesetzt. Es war für ihn ein Tag, vor dem er sich fürchtete, und ein sehr unwillkommener Tag, als er endlich erschien und sie miteinander nach Hampton Court gingen. Die ehrwürdigen Bewohner jenes ehrwürdigen Gebäudes schienen sich zu jener Zeit wie eine Art zivilisierter Zigeuner hier gelagert zu haben. Ihre Wohnungen trugen das Gepräge von vorübergehenden Niederlassungen und machten den Eindruck, als ob die Insassen sie verlassen wollten, sobald sie etwas Besseres bekommen konnten: auch sie selbst hatten ein mißvergnügtes Aussehen, als ob sie es sehr übel aufnähmen, daß sie nicht bereits etwas Besseres bekommen. Vornehm aussehende Verhüllungen und Notbehelfe waren mehr oder weniger sichtbar, sobald ihre Türen geöffnet wurden; spanische Wände, nicht halb hoch genug, die Speisezimmer aus gewölbten Gängen machten und dunkle Winkel verbargen, wo des Nachts Bediente zwischen Messern und Gabeln schliefen; Vorhänge, die den Anspruch machten, man solle ihnen glauben, es werde nichts durch sie verborgen; Glasscheiben, die einen baten, sie nicht anzusehen; mancherlei Gegenstände von verschiedener Gestalt, die sich stellten, als ob sie nicht in der geringsten Verbindung mit dem verbrecherischen Geheimnis, das sie verbargen, einem Bett nämlich, stünden; verkleidete Löcher in den Wänden, die offenbar Kohlenkeller waren; künstlich verstellte Gänge, die Zugänge zu kleinen Küchen sein mußten. Geistige Vorbehalte und künstliche Geheimnisse mußten aus diesen Dingen erwachsen. Besuche, die fest in die Augen derer sahen, die den Besuch empfingen, taten, als ob sie es nicht röchen, daß drei Schritte von ihnen gekocht wurde; Leute, die zufällig offen gelassenen Zimmern gegenüberzustehen kamen, gaben sich den Anschein, als ob sie keine Flaschen sähen; Fremde, die mit dem Kopf gegen eine Scheidewand von dünnem Kanevas saßen, hinter der sich ein Bedienter und ein junges Mädchen zankten, machten glauben, daß sie von einem paradiesischem Schweigen umgeben seien. Der kleinen gesellschaftlichen Rücksichtswechsel, die diese Zigeuner der vornehmen Welt beständig aufeinander zogen und gegenseitig akzeptierten, war kein Ende. Einige von diesen Zigeunern waren von reizbarem Temperament, da sie beständig von zwei Gegenständen des Verdrusses gepeinigt und gequält wurden: einerseits nämlich durch das Bewußtsein, daß sie nie genug vom Publikum bekommen, und anderseits durch das Bewußtsein, daß das Publikum in das Gebäude zugelassen wurde. Unter dem letzteren großen Unrecht litten einige schrecklich – besonders an Sonntagen, wo sie eine Zeitlang hofften, die Erde werde sich auftun und das Publikum verschlingen; dieses wünschenswerte Ereignis war jedoch infolge einer tadelnswerten Lässigkeit in den Einrichtungen des Weltalls noch niemals eingetreten. An Mr. Gowans Tür stand ein Diener der Familie, der bereits verschiedene Dienstjahre zählte und sein eigenes Hühnchen mit dem Publikum zu pflücken hatte, bezüglich einer Stellung im Post Office, die er seit längerer Zeit zu bekommen hoffte und noch nicht bekommen hatte. Er wußte ganz wohl, daß das Publikum ihn nicht hineinbringen konnte, aber er wiegte sich doch mit dem peinlichen Gedanken, daß das Publikum ihn davon ausgeschlossen habe. Unter dem Einfluß dieser Kränkung (und vielleicht etwas geringer Genauigkeit und Unpünktlichkeit in Sachen des Dienstlohnes) war er nachlässig an seiner Person und mürrischen Geistes geworden. Und da er nun in Clennam ein Glied der verdorbenen Korporation seiner Unterdrücker sah, empfing er ihn höchst unfreundlich. Mrs. Gowan jedoch nahm ihn mit großer Herablassung auf. Er fand in ihr eine vornehme alte Frau, die früher eine Schönheit gewesen sein mußte und noch hübsch genug war, um des Puders auf der Nase und einer gewissen, unmöglich von der Natur erzeugten Blüte unter jedem Auge entbehren zu können. Sie tat etwas großartig gegen ihn; ebenso benahm sich auch eine andere alte Dame mit dunklen Augbrauen und hochgebogener Nase, die jedoch etwas Reelles an sich gehabt haben mußte, sonst hätte sie nicht existieren können: wiewohl es sicher weder ihr Haar, noch ihre Zähne, noch ihr Gesicht, noch ihre Farbe waren; ebenso benahm sich endlich ein grauer alter Herr von würdevollem, finsterem Aussehen; beide waren zum Essen gekommen. Da sie jedoch alle bei der britischen Gesandtschaft in verschiedenen Teilen der Erde gewesen waren und eine britische Gesandtschaft sich bei dem Circumlocution Office nicht besser anschreiben kann, als daß sie ihre Landsleute mit unbegrenzter Verachtung behandelt (sonst würde sie ja den Gesandtschaften anderer Länder gleichen), so fühlte Clennam, daß sie ihn im ganzen leidlich behandelten. Der würdige alte Mann war Lord Lancaster Stiltstalking, der von dem Circumlocution Office viele Jahre lang als Repräsentant der britischen Majestät an fremden Höfen verwendet worden. Diese edle Eismaschine hatte verschiedene europäische Höfe seiner Zeit gefrieren machen, und zwar mit so großem Erfolg, daß schon der bloße Name Engländer den Magen der Ausländer erkältete, die die ausgezeichnete Ehre hatten, sich seiner aus einem Vierteljahrhundert früher zu erinnern. Er lebte jetzt von Geschäften zurückgezogen; so war er denn (in einer schweren weißen Krawatte, die wie eine steife Schneewehe aussah) so gütig, das Essen zu beschatten. Es war ein Anflug von dem vorherrschend zigeunerhaften Charakter in der exotischen Art, wie die Tafel besetzt war, in den seltsamen Arten von Platten und Speisen; aber der edle Kühler, unendlich viel besser als Silbergerät oder Porzellan, machte es prächtig. Er beschattete das Essen, kühlte die Weine, würzte die Soßen, machte die Gemüse frisch. Es war nur noch eine weitere Person im Zimmer: ein mikroskopisch kleiner Laufbursche, der dem übelwollenden Mann, der keinen Dienst bei der Post bekommen, zur Hand ging. Auch dieser junge Mensch würde, wenn seine Weste aufgeknöpft und sein Herz bloßgelegt worden wäre, als ein entfernter Anhänger der Familie Barnacle erkannt worden sein, der bereits auf eine Stellung bei der Regierung rechnen konnte. Mrs. Gowan, deren Stirn eine sanfte Melancholie umschleierte, die durch ihres Sohnes Stellung hervorgerufen wurde, da sie ihn zwang, dem gemeinen Publikum als Jünger der niedrigen Künste zu huldigen, statt sein Geburtsrecht geltend zu machen und als ein anerkannter Barnacle einen Ring durch die Nase des Publikums zu stecken, begann das Tischgespräch mit den schlechten Zeiten, und Clennam erfuhr jetzt zum erstenmal, um welch kleinliche Angeln diese große Welt sich dreht. »Wenn John Barnacle«, sagte Mrs. Gowan, nachdem die Entartung der Zeiten vollkommen festgestellt war, »wenn John Barnacle nur seine unglückliche Idee aufgegeben, den Pöbel versöhnen zu wollen, alles würde gut stehen, und ich glaube, das Land wäre gerettet gewesen.« Die alte Dame mit der hohen Nase stimmte bei, fügte jedoch hinzu, daß wenn Augustus Stiltstalking ohne weiteres die Kavallerie mit der Instruktion zu schießen beordert, sie glaube, das Land wäre gerettet gewesen. Der edle Kühler stimmte bei, fügte jedoch hinzu, wenn William Barnacles und Stiltstalkings gerettet werden müsse; wie es jedoch ewig denkwürdige Koalition bildeten, den Zeitungen einen tüchtigen Maulkorb angelegt und für jeden Herausgeber eine Strafe festgesetzt hätten, falls er sich herausnähme, die Handlungsweise irgendeiner öffentlichen Persönlichkeit im Ausland oder in der Heimat zu besprechen, dann glaubte er, würde das Land gerettet gewesen sein. Man erkannte an, daß das Land (ein andres Wort für die Barnacles und Stiltstalkings) gerettet werden müsse, wie es jedoch kam, daß es der Rettung bedurfte, war nicht so klar. Es war nur klar, daß die Frage sich einzig um John Barnacle, Augustus Stiltstalking, William Barnacle und Tudor Stiltstalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltstalking drehe; denn alles übrige war Pöbel. Das war das Gepräge der Unterhaltung, die auf Clennam, der nicht daran gewöhnt war, einen unangenehmen Eindruck machte. Er war im Zweifel, ob es ganz recht sei, hier zu sitzen und schweigend anzuhören, wie man von einer großen Nation in so geringen Ausdrücken spreche. Da er sich jedoch erinnerte, daß in den Parlamentsdebatten, mochte es sich nun um das leibliche oder geistige Leben dieser Nation handeln, die Frage sich auch gewöhnlich nur um John Barnacle, Augustus Stiltstalking, William Barnacle und Tudor Stiltstalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltstalking und niemanden sonst drehte und von diesen allein verhandelt wurde, so sagte er nichts zugunsten des Pöbels, da er bedachte, daß der Pöbel ja daran gewöhnt sei. Mr. Henry Gowan schien ein boshaftes Vergnügen daran zu finden, die drei an der Unterhaltung Beteiligten gegeneinander aufzuhetzen und Clennam durch das, was sie sagten, in Erstaunen versetzt zu sehen. Da er eine ebenso außerordentliche Verachtung gegen die Klasse besaß, die ihn verstoßen, wie die Klasse, die ihn nicht aufgenommen, so beunruhigte ihn das alles, was vorging, nicht im mindesten persönlich. Sein gesunder Gemütszustand schien im Gegenteil sogar einen Genuß in der verlegenen und isolierten Stellung Clennams unter dieser guten Gesellschaft zu finden; und wenn Clennam in jener Lage gewesen, mit der jener Niemand unaufhörlich rang, so würde er das vermutet und mit dem Verdacht als einer Gemeinheit gekämpft haben, selbst jetzt, solange er am Tisch saß. Im Verlauf eines zweistündigen Gesprächs ging der edle Kühler, der nie weniger als hundert Jahre hinter der gegenwärtigen Periode zurück war, ungefähr um fünf Jahrhunderte zurück und ließ feierliche politische Orakel vernehmen, die auf diese Periode paßten. Er schloß damit, daß er eine Tasse Tee für seinen eignen Gebrauch gefrieren machte und sich in seine niederste Temperatur zurückzog. Dann lud Mrs. Gowan, die in den Tagen ihres Glanzes gewohnt gewesen, einen leeren Armstuhl neben sich stehen zu haben, auf den sie die ihr ergebenen Sklaven, einen nach dem andern, zu kurzen Audienzen als Zeichen ihrer besondern Gunst berief, Clennam mit einer Bewegung ihres Fächers ein, sich ihr zu nähern. Er gehorchte und setzte sich auf den Dreifuß, den Lord Lancaster Stiltstalking soeben verlassen. »Mr. Clennam«, sagte Mrs. Gowan, »abgesehen von dem Glück, das mir durch Ihre Bekanntschaft zuteil geworden, die ich leider in diesem abscheulich unangenehmen Ort – einer wahren Baracke – machen mußte, liegt mir unaussprechlich viel daran, mit Ihnen über eine gewisse Angelegenheit zu sprechen. Es ist nämlich der Gegenstand, in dessen Verbindung mein Sohn, wie ich glaube, zuerst das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Clennam verbeugte sich, als allgemein entsprechende Antwort auf das, was er noch nicht ganz verstand. »Fürs erste«, sagte Mrs. Gowan, »ist sie denn wirklich hübsch?« Wenn er sich in der schwierigen Lage befunden, in der sich niemand befand, so würde es ihm schwer geworden sein, zu antworten; wirklich sehr schwer, zu lächeln und zu antworten: »Wer?« »Oh! Sie wissen ja!" versetzte sie. »Diese Flamme Henrys. Diese unglückliche Phantasie. Da! Wenn es eine Ehrensache ist, daß ich den Namen herausbringe – Miß Mickles – Miggles.« »Miß Meagles«, sagte Clennam, »ist sehr schön.« »Die Männer täuschen sich oft über solche Dinge«, versetzte Mrs. Gowan, den Kopf schüttelnd, »ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich mich auch jetzt durchaus noch nicht über diesen Punkt beruhigt fühle, obgleich es etwas ist, wenn Henrys Aussage mit so viel Ernst und Nachdruck bestärkt wird. Er las diese Leute, glaube ich, in Rom auf?« Diese Frage würde jenen Niemand schwer verletzt haben. Clennam antwortete jedoch: »Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstanden.« »Er las die Leute auf«, sagte Mrs. Gowan, indem sie mit den Stäben ihres geschlossenen Fächere (eines großen grünen, den sie als Handschirm benutzte) auf den kleinen Tisch klopfte. »Stieß auf sie. Fand sie. Stolperte über sie.« »Die Leute?« »Ja, die Miggles.« »Ich weiß wirklich nicht«, sagte Clennam, »wo mein Freund, Mr. Meagles, zuerst Mr. Henry Gowan seiner Tochter vorstellte.« »Ich bin ganz gewiß, er las sie in Rom auf: aber gleichgültig wo – irgendwo. Doch – diese Frage ganz unter uns – ist sie sehr plebejisch?« »Wahrhaftig, Ma'am«, versetzte Clennam, »ich bin selbst so unzweifelhaft plebejisch, daß ich mich nicht imstande fühle zu antworten.« »Sehr hübsch!« sagte Mrs. Gowan, ihren Schirm kaltblütig öffnend. »Sehr gut! Ich muß daraus schließen, daß Sie im stillen ihre Manieren ihrem Gesicht gleich schätzen.« Clennam verbeugte sich, nachdem er einen Moment steif dagesessen. »Das ist sehr angenehm, und ich hoffe, Sie haben recht. Sagte mir nicht Henry, Sie seien mit ihnen gereist?« »Ich reiste einige Monate lang mit meinem Freunde Mr. Meagles und seiner Frau und Tochter.« (Das Herz jenes Niemand würde wahrscheinlich durch diese Erinnerung sehr gequält worden sein.) »Wirklich sehr angenehm, weil Sie sie auf diese Weise genau kennenlernten. Sie sehen, Mr. Clennam, diese Sache spielt schon lange, und ich finde nicht, daß sie Fortschritte macht. Deshalb ist es eine große Erleichterung für mich, die Gelegenheit zu haben, mit einem von der Sache so gut unterrichteten Manne wie Sie zu sprechen. Eine wahre Wohltat. Wahrhaftig ein Glück.« »Verzeihen Sie«, versetzte Clennam, »aber ich genieße nicht das Vertrauen Mr. Henry Gowans. Ich bin weit entfernt, so gut davon unterrichtet zu sein, wie Sie glauben. Ihr Irrtum macht meine Stellung zu einer äußerst fatalen. Es ist nie zwischen Mr. Henry Gowan und mir von dieser Sache die Rede gewesen.« Mrs. Gowan blickte nach dem andern Ende des Zimmers, wo ihr Sohn auf einem Sofa saß und mit der alten Dame, die für einen Kavallerieangriff war, Ecarté spielte. »Genießen nicht sein Vertrauen? Nicht?« sagte Mrs. Gowan. »Keine Rede zwischen Ihnen davon gewesen? Nein? Das kann ich mir denken. Aber es gibt Geständnisse ohne Worte, Mr. Clennam; und da Sie sehr intim mit diesen Leuten befreundet sind, so kann ich nicht zweifeln, daß eine Vertraulichkeit dieser Art in vorliegendem Falle existiert. Vielleicht haben Sie gehört, daß es mir den größten Kummer verursacht, daß Henry einen Beruf ergriffen, der – nun!« sagte sie die Achseln zuckend, »einen sehr ehrenwerten Beruf, ich gebe es zu, und einzelne Künstler haben als Künstler eine sehr hohe Stellung: – aber wir sind in unserer Familie doch nie über den Amateur hinausgegangen, und es ist eine verzeihliche Schwäche, sich etwas –« Als Mrs. Gowan abbrach, um tief aufzuseufzen, konnte Clennam, obwohl er entschlossen war, großherzig zu sein, den Gedanken nicht unterdrücken, daß selbst unter so bewandten Umständen außerordentlich wenig Gefahr vorhanden sei, die Familie werde je über den Amateur hinauskommen. »Henry«, fuhr die Mutter fort, »ist eigenwilligen und entschlossenen Charakters; und da diese Leute jede Sehne anspannen, um ihn zu fangen, so kann ich wenig Hoffnung hegen, Mr. Clennam, daß die Sache abzubrechen sei. Ich fürchte, daß das Vermögen des Mädchens sehr klein ausfallen wird; Henry hätte weit bessere Partien machen können. Es ist kaum etwas da, was bei dieser Verbindung das Gleichgewicht herstellte; aber er handelt ganz für sich; und wenn ich nicht in kurzer Zeit Besserung sehe, so weiß ich nicht, was mir übrig bliebe, als zu resignieren und mich so gut es geht in diese Leute zu finden. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, was Sie mir gesagt.« Während sie mit den Achseln zuckte, verbeugte sich Clennam wieder steif vor ihr. Mit der Röte der Verlegenheit auf seinen Wangen und einem gewissen Zögern in seinem Benehmen sagte er dann in einem noch leiseren Ton, als er ihn schon angenommen: »Mrs. Gowan, ich weiß kaum, wie ich es aussprechen soll, und ich fühle doch, daß es meine Pflicht ist. Jedenfalls muß ich Sie um Ihre gütige Nachsicht bitten, wenn ich mir erlaube, meine Meinung an den Tag zu legen. Ein Irrtum von Ihrer Seite, ein sehr großer Irrtum, wenn ich es so nennen darf, scheint einer Berichtigung zu bedürfen. Sie sind der Meinung, Mr. Meagles und seine Familie spanne jede Sehne an – ich glaube, so sagten Sie –« »Jede Sehne«, wiederholte Mrs. Gowan, indem sie ihn, den grünen Fächer zwischen Gesicht und Feuer haltend, mit ruhiger Hartnäckigkeit ansah. »Um sich Mr. Henry Gowans zu versichern?« Die Dame gab ruhig ihre Zustimmung. »Das ist nicht im mindesten der Fall«, sagte Arthur. »Ich weiß sogar, Mr. Meagles ist sehr unglücklich über die Sache und hat ihr alle vernünftigen Hindernisse in den Weg gelegt, in der Hoffnung, ihr ein Ende zu machen.« Mrs. Gowan schloß ihren großen grünen Fächer, schlug sich damit auf den Arm und tätschelte dann ihre lächelnden Lippen. »Nun, ja«, sagte sie, »ganz was ich meine.« Arthur suchte in ihrem Gesicht zu lesen, was sie damit meinte. »Ist das wirklich Ihr Ernst, Mr. Clennam? Sehen Sie denn nicht?« Arthur sah nicht und sagte es. ' »Nun, ich sollte meinen Sohn nicht kennen und nicht wissen, daß das gerade die Art und Weise ist, ihn zu halten?« sagte Mrs. »Nun, sollte ich meinen Sohn nicht kennen und nicht wissen, mindestens so gut, wie ich es weiß? Oh, es sind geriebene Leute, Mr. Clennam; ganz sicherlich Geschäftsleute! Ich glaube, Mr. Miggles war bei einer Bank angestellt. Es hätte eine sehr profitable Bank sein sollen, wenn er viel mit ihrer Leitung zu tun gehabt hätte. Das ist sehr gut angelegt.« »Ich bitte und ersuche Sie, Ma'am –« warf Arthur ein. »Oh, Mr. Clennam, können Sie wirklich so leichtgläubig sein?« Es machte einen so peinlichen Eindruck auf ihn, sie in diesem hochmütigen Ton sprechen zu hören und sie ihre verachtungsvollen Lippen mit ihrem Fächer tätscheln zu sehen, daß er sehr ernst sagte: »Glauben Sie mir, Ma'am, das ist ein ungerechter, ein ganz grundloser Verdacht.« »Verdacht?« wiederholte Mrs. Gowan. »Nicht Verdacht, Mr. Clennam, Gewißheit. Es ist wirklich sehr geschickt angezettelt, und man scheint auch Sie vollständig überlistet zu haben.« Sie lachte und tätschelte sich wieder die Lippen mit dem Fächer und schüttelte ihren Kopf, als wenn sie sagen wollte: »Sprechen Sie mir nicht davon. Ich weiß, solche Leute tun alles für die Ehre einer solchen Verbindung.« In diesem günstigen Augenblick wurden die Karten hingeworfen, und Mr. Henry Gowan kam durch das Zimmer, indem er sagte: »Mutter, wenn Sie jetzt Mr. Clennam entbehren könnten, wir haben einen weiten Weg zu machen, und es wird spät.« Mr. Clennam erhob sich, da er keine andere Wahl hatte, und Mrs. Gowan zeigte ihm bis zum letzten Moment denselben Blick und dieselben getätschelten spöttischen Lippen. »Sie hatten ja eine schrecklich lange Audienz bei meiner Mutter«, sagte Gowan, als die Tür sich hinter ihnen schloß. »Ich hoffe von Herzen, daß sie Sie nicht gelangweilt?« »Durchaus nicht«, sagte Clennam. Sie hatten einen kleinen offenen Phaeton für den Tag und waren bald wieder auf dem Heimweg. Gowan, der kutschierte, zündete sich eine Zigarre an; Clennam lehnte die ihm angebotene ab. Er ließ ihn gewähren und verfiel in eine solche Geistesabwesenheit, daß Gowan wieder sagte: »Ich muß sehr fürchten, daß meine Mutter Sie gelangweilt hat?« Er riß sich aus seinen Träumen los, um zu antworten: »Durchaus nicht«, verfiel aber alsbald wieder in sein Brüten. In diesem Gemütszustand, der niemandem zur Last fiel, richteten sich seine Gedanken vielleicht vorzüglich auf den Mann zu seiner Seite. Er dachte vielleicht an den Morgen, als er ihn zuerst die Steine mit dem Absatz hatte heraushacken sehen, und fragte sich vielleicht: »Wird er mich in derselben gleichgültigen, grausamen Weise aus dem Weg schleudern?« Er dachte vielleicht, ob diese Einführung bei seiner Mutter durch ihn veranlaßt worden sei, weil er wußte, was sie sagen würde, und so seine Stellung einem Rivalen klarmachen und ihn eindringlich warnen könnte, ohne selbst ein Wort des Vertrauens mit ihm darüber zu wechseln? Er dachte vielleicht, ob, wenn auch kein Plan der Art vorgewaltet hätte, er ihn nicht hierhergebracht, um mit seinen unterdrückten Gefühlen zu spielen und ihn zu quälen? Der Strom dieser Gedanken wurde vielleicht bisweilen durch einen plötzlichen Anlauf von Scham gehemmt, wobei sich seine eigene offne Natur vorwarf: solchen Verdacht zu hegen, heiße, selbst nur für einen vorübergehenden Augenblick, nicht den hohen neidlosen Standpunkt festzuhalten, auf den er sich zu stellen vorgenommen. In solchen Augenblicken war der Kampf vielleicht am härtesten; und wenn er aufgesehen und Gowans Blicken begegnet wäre, würde er vielleicht erschrocken sein, als wenn er ihm Unrecht getan. Wenn er dann auf den dunklen Weg und die verschwimmenden Gegenstände sah, wurde er vielleicht wieder in den Gedanken hineingerissen: »Ich möchte wissen, wohin wir fahren, er und ich, auf dem dunkleren Weg des Lebens? Wie wird es in der dunklen Zukunft mit uns und ihr stehen?« Wenn er an sie dachte, quälte ihn vielleicht aufs neue der schwere Vorwurf, daß es nicht mal treu gegen sie handeln heiße, ihn nicht zu mögen, und daß, wenn er sich leicht zu Vorurteilen gegen ihn geneigt zeige, er ihrer weniger würdig sei als anfangs. »Sie sind offenbar schlechter Laune«, sagte Gowan, »ich fürchte wirklich sehr, daß meine Mutter Sie schrecklich gelangweilt hat.« »Glauben Sie mir, durchaus nicht«, sagte Clennam, »es ist nichts – nichts!« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Fünfundzwanzig Ein häufig wiederkehrender Zweifel, ob Mr. Pancks' Wunsch, sich Notizen über die Familie Dorrit zu sammeln, irgendwelche Bestätigung der Besorgnisse bringen könnte, die er seiner Mutter bei seiner Rückkehr aus dem langen Exil mitgeteilt hatte, verursachte Arthur Clennam zu jener Zeit viel Unruhe. Was Mr. Pancks bereits von der Familie Dorrit wußte, was er noch weiter herausbekommen wollte, und warum er seinen vielbeschäftigten Kopf überhaupt damit abquälte, waren Fragen, die ihn oft plagten. Mr. Pancks war nicht der Mann, der seine Zeit vergeudete und sich mit Nachforschungen, die von bloßer Neugier veranlaßt waren, abquälte. Daß er einen spezifischen Zweck hatte, darüber hegte Clennam keinen Zweifel. Und ob die Erreichung dieses Zweckes durch Mr. Pancks' ausdauerndes Mühen auf unangenehme Weise geheime Gründe zutage bringen würde, die seine Mutter veranlaßten, sich Klein-Dorrits anzunehmen, war ein Gegenstand ernster Erwägung. Nicht, daß er je in seinem Wunsch oder in seinem Entschluß gewankt, ein Unrecht wieder gutzumachen, das zu seines Vaters Zeiten jemandem zugefügt worden, sobald dieses Unrecht an den Tag kam und wieder gutzumachen war. Der Schatten eines vermuteten Unrechts, der seit seines Vaters Tod auf ihm ruhte, war vag und formlos. Diese Vorstellung von dem Unrecht konnte weit entfernt von den wirklichen Tatsachen sein. Wenn seine Besorgnisse jedoch sich als wohlbegründet erweisen sollten, so war er jeden Augenblick bereit, alles hinzugeben, was er hatte, und von neuem zu beginnen. Da die strenge und dunkle Lehre seiner Jugend nie in sein Herz gedrungen, so war es der erste Artikel in seinem Sittengesetz, daß er auf Erden mit praktischer Demut, den Blick zu Boden gerichtet, beginnen müsse, und daß er nicht auf den Flügeln des Wortes sich zum Himmel emporschwingen könne. Pflichterfüllung auf Erden, Vergeltung auf Erden, Tätigkeit auf Erden: diese zuerst als die ersten steilen Stufen aufwärts. Eng war die Pforte und schmal der Weg; weit enger und schmaler als die breite Heerstraße, die mit eitlen Versicherungen und Wiederholungen, Splittern aus andrer Leute Augen und bereitwilliger Auslieferung anderer an das Gericht gepflastert ist – lauter billigen Dingen, die absolut nichts kosten. Nein. Es war kein selbstsüchtiges Fürchten oder Zögern, was ihn beunruhigte, sondern das Mißtrauen, Pancks möchte seinen Teil am Vertrage zwischen ihnen nicht erfüllen und, wenn er irgendeine Entdeckung machte, Schritte tun, ohne ihn daran teilnehmen zu lassen. Wenn er auf der andern Seite an sein Gespräch mit Pancks und den geringen Grund dachte, den er zu der Vermutung hatte, daß irgendeine Wahrscheinlichkeit vorhanden, dieser seltsame Mensch möchte überhaupt jener Spur folgen, so mußte er sich bisweilen wundern, daß er soviel Aufhebens davon machte. In dieser See sich abmühend, wie alle Barken, die auf einer stürmischen See mit einander durchkreuzenden Wellen sich abmühen, wurde er hin- und hergeworfen und gelangte in keinen Hafen. Die Entfernung Klein-Dorrits aus ihrem gewohnten Kreise besserte die Sache nicht. Sie war so viel außer dem Haus und so viel auf ihrem eigenen Zimmer, daß er sie zu vermissen und eine Leere an ihrem Platz zu finden begann. Er hatte an sie geschrieben, um zu fragen, ob sie sich besser befinde, und sie hatte ihm sehr dankbar und ernst zurückgeschrieben, daß er ihretwegen nicht unruhig sein dürfe, denn sie sei ganz wohl. Aber er hatte sie, wie es ihm im Vergleich mit ihrem sonstigen Verkehr erschien, lange nicht gesehen. Er kam eines Abends von einem Besuch bei ihrem Vater zurück, der ihm gesagt, daß sie zu Besuch aus sei – was er immer sagte, wenn sie auswärts angestrengt arbeitete, um sein Nachtessen zu verdienen –, und fand Mr. Meagles in aufgeregtem Zustand in seinem Zimmer auf und nieder gehend. Als er die Tür öffnete, blieb Mr. Meagles stehen, sah sich um und sagte: »Clennam! – Tattycoram!« »Was ist damit?« »Verloren!« »Wie, gerechter Gott!« rief Clennam bestürzt. »Was wollen Sie damit sagen?« »Wollte nicht fünfundzwanzig zählen, Sir; konnte nicht dazu gebracht werden, blieb bei acht stehen und machte sich auf und davon.« »Hat Ihr Haus verlassen?« »Um nimmer wiederzukommen«, sagte Mr. Meagles seinen Kopf schüttelnd. »Sie kennen den leidenschaftlichen und stolzen Charakter dieses Mädchens nicht. Ein Gespann Pferde würde sie nicht mehr zurückzubringen vermögen; die Querbalken und Riegel der alten Bastille könnten sie nicht halten.« »Wie kam das? Bitte, setzen Sie sich und erzählen Sie.« »Das ›Wie‹ das geschah, ist nicht so leicht zu erzählen, weil Sie das unglückliche Temperament dieses armen heftigen Mädchens haben müßten, um die Sache ganz zu verstehen. Aber es geschah ungefähr folgendermaßen: Pet und Mutter und ich hatten in letzter Zeit lange Verhandlungen miteinander. Ich will Ihnen nicht verhehlen, Clennam, daß diese Verhandlungen nicht gerade so freundlicher Art waren, wie Sie wohl wünschen möchten. Sie bezogen sich auf unser Wiederweggehen. Bei diesem Vorschlag hatte ich allerdings einen bestimmten Zweck.« Niemands Herz schlug lebhaft. »Einen Zweck«, sagte Mr. Meagles nach einer kurzen Pause, »den ich Ihnen auch nicht verhehlen will, Clennam. Mein Kind hat eine Neigung, die mich sehr besorgt macht. Vielleicht ahnen Sie die Person. Henry Gowan.« »Ich war nicht unvorbereitet, das zu hören.« »Gut!« sagte Mr. Meagles mit einem schweren Seufzer, »ich wünschte bei Gott, Sie hätten das nie zu hören brauchen. Nun ist es aber mal so. Mutter und ich haben alles getan, was in unsern Kräften stand, um die Sache abzuwenden. Clennam, wir haben es mit zärtlichen Mahnungen versucht, wir haben es mit der heilenden Zeit versucht, wir haben es mit Entfernung versucht, alles vergeblich. Unsere letzten Gespräche drehten sich nun um eine Reise von mindestens einem Jahr, um eine vollständige Trennung und ein Abbrechen der Sache herbeizuführen. Diese Frage machte Pet unglücklich, und natürlich waren Mutter und ich gleichfalls unglücklich.« Clennam sagte, daß er das gerne glauben wolle. »Gut!« fuhr Mr. Meagles im Ton der Entschuldigung fort: »Ich gebe als praktischer Mann zu und bin überzeugt, Mutter wird als praktische Frau gleichfalls zugeben, daß wir in Familien unsere Besorgnisse vergrößern und Berge aus unsern Maulwurfshügeln machen und das in einer Weise, die für Leute, die zusehen, für bloße außerhalb Stehende, sehr unangenehm ist, Clennam. Aber Pets Glück oder Unglück ist eine Lebensfrage für uns, und wir werden hoffentlich entschuldigt sein, wenn wir viel Aufhebens davon machen. Jedenfalls hätte sich Tattycoram darein fügen sollen. Sind Sie nicht auch meiner Ansicht?« »Allerdings«, versetzte Clennam, dieser äußerst bescheiden ausgesprochenen Erwartung aufs nachdrücklichste entsprechend. »Nein, Sir«, sagte Mr. Meagles, den Kopf traurig schüttelnd. »Sie konnte es nicht ertragen. Das Toben und Sprühen des Mädchens, das Zerren und Zerfleischen der eignen Brust war der Art, daß ich, sooft ich an ihr vorüberging, leise zu ihr sagte: ›Fünfundzwanzig, Tattycoram, fünfundzwanzig!‹ Ich wünschte von Herzen, es wäre ihr gelungen, fünfundzwanzig Tag und Nacht zu zählen, es wäre alles gut gegangen.« Mr. Meagles fuhr mit einer verzweifelten Miene, in der sich die Güte seines Herzens sogar noch mehr aussprach als in den Zeiten seines ungetrübten Glückes, von der Stirn bis zum Kinn über sein Gesicht und schüttelte abermals den Kopf. »Ich sagte zu Mutter (nicht daß es nötig gewesen; denn sie würde es alles selbst gedacht haben), wir sind praktische Leute, meine Liebe, und wir kennen ihre Lebensgeschichte: wir sehen in diesem unglücklichen Mädchen einen Widerschein von dem, was in dem Herzen ihrer Mutter tobte, ehe eine Kreatur, wie dieses arme Ding, in der Welt war. Wir wollen ihr Temperament beschönigen, Mutter, wir wollen für den Augenblick gar nicht darauf achten, meine Liebe, wir wollen eine bessere Stimmung bei ihr abwarten. Wir sagten deshalb nichts. Aber wir mochten tun, was wir wollten, es schien so sein zu müssen, wie es war; sie brach eines Nachts heftig los.« »Wie und warum?« »Wenn Sie mich fragen, warum«, sagte Mr. Meagles etwas verlegen durch die Frage; denn er war weit mehr geneigt, ihre Sache als die der Familie zu mildern, »so kann ich Sie nur auf das verweisen, was ich Ihnen soeben als ziemlich dieselben Worte wiederholte, die ich zu Mutter sagte. Was das Wie betrifft, so hatten wir Pet (ich muß gestehen, sehr warm) in ihrer Gegenwart gute Nacht gesagt, und sie hatte Pet die Treppe hinaufbegleitet – Sie erinnern sich, sie war ihre Zofe. Vielleicht mag Pet, die etwas aufgeregt war, etwas rücksichtsloser als gewöhnlich Dienste von ihr verlangt haben. Aber ich weiß nicht, ob ich das der Wahrheit gemäß behaupten darf; sie war immer aufmerksam und sanft.« »Die sanfteste Dame von der Welt.« »Ich danke Ihnen, Clennam«, sagte Mr. Meagles, ihm die Hand schüttelnd. »Sie haben sie oft zusammen gesehen. Gut! Wir hörten bald darauf die unglückliche Tattycoram laut und zornig sprechen, und ehe wir noch fragen konnten, was es gebe, kam Pet zitternd zurück, indem sie sagte, sie fürchte sich vor ihr. Gleich hinterdrein kam Tattycoram in fürchterlicher Aufregung. ›Ich hasse Sie alle drei!‹ sagte sie, mit dem Fuße stampfend. ›Ich berste vor Haß gegen das ganze Haus.‹« »Worauf Sie –« »Ich?« sagte Mr. Meagles mit einer einfachen Offenheit, die selbst Mrs. Gowan zum Glauben genötigt, »ich sagte, zähle fünfundzwanzig, Tattycoram.« Mr. Meagles strich sich wieder über das Gesicht und schüttelte den Kopf mit dem Ausdruck tiefer Trauer. »Sie war so daran gewöhnt, Clennam, daß sie selbst in diesem Augenblick, ein Bild der Leidenschaft, wie Sie noch keines gesehen, plötzlich innehielt, mir offen ins Gesicht sah und (wie ich verstand) bis auf acht zählte. Aber es war ihr unmöglich, weiter zu zählen. Damit war's zu Ende, und sie überließ die übrigen siebenzehn den vier Winden. Dann brach sie los. Sie verachte uns, sie sei unglücklich bei uns, sie könne es nicht aushalten, sie wollte es nicht länger ertragen, sie sei entschlossen fortzugehen. Sie sei jünger als ihre junge Herrin, und sie könne es nicht ertragen, diese beständig als das einzige Geschöpf behandelt zu sehen, das jung und interessant sei und gehätschelt und geliebt zu werden verdiene. Nein, das wolle sie nicht, wolle sie nicht, wolle sie nicht. Was wir wohl glauben, daß sie, Tattycoram, geworden, wenn man sie in ihrer Kindheit wie ihre junge Herrin gehätschelt und gepflegt? So gut wie sie. Ha! Vielleicht fünfzigmal so gut. Wenn wir behaupteten, einander so lieb zu haben, so triumphierten wir über sie: das sei es, was wir täten, wir triumphierten über sie und höhnten sie. Und alle im Hause täten dasselbe. Sie sprächen von ihren Vätern und Müttern und Brüdern und Schwestern; sie schleppten sie mit außerordentlicher Freude vor ihr Gesicht. Erst gestern habe Mrs. Tickit, als sie ihr kleines Enkelchen bei sich gehabt, sich darüber amüsiert, daß es sie (Tattycoram) bei dem verketzerten Namen rief, den wir ihr gäben, und habe über den Namen gelacht. Freilich, wer tue das nicht? und wer wir seien, daß wir ein Recht haben sollten, sie wie einen Hund oder eine Katze zu nennen? Aber es sei gleichgültig. Sie wolle keine Wohltaten mehr von uns annehmen: sie wolle uns ihren Namen wieder ins Gesicht werfen und gehen. Sie wolle uns noch in derselben Minute verlassen. Niemand solle sie aufhalten, und wir sollten nie wieder von ihr hören.« Mr. Meagles hatte all das mit so lebhafter Erinnerung an sein Original erzählt, daß er während der Zeit beinahe ebenso rot und heiß war, wie er sie beschrieben. »Ah, ja!« sagte er und wischte sich das Gesicht. »Es war vergebliche Mühe, diesem heftigen, keuchenden Geschöpf (der Himmel weiß, was ihrer Mutter Lebensgeschichte gewesen sein mag) Vernunft beibringen zu wollen. Ich sagte ihr deshalb einfach, daß sie nicht zu so später Stunde der Nacht gehen dürfe, und gib ihr meine Hand, führte sie nach ihrem Zimmer und schloß die Haustür. Aber heute morgen war sie fort.« »Und Sie wissen nichts weiter von ihr?« »Gar nichts«, erwiderte Mr. Meagles, »ich bin den ganzen Tag herumgerannt. Sie muß sehr früh und in größter Stille sich davongemacht haben. Ich fand keine Spur von ihr im Hause.« »Halt! Sie möchten sie doch wiedersehen«, sagte Clennam nach kurzem Nachdenken. »Ich darf das wohl annehmen?« »Ja, allerdings; ich möchte ihr eine Gelegenheit geben; Mutter und Pet möchten ihr auch noch eine Gelegenheit geben. Ja, Sie selbst«, sagte Mrs. Meagles voll Überzeugung, als ob er durchaus keine Ursache hatte, zornig zu sein, »möchten dem armen leidenschaftlichen Mädchen noch eine Gelegenheit geben, ich weiß es, Clennam.« "Es wäre allerdings seltsam und hart, wenn ich es nicht täte«, sagte Clennam, »während Sie alle so geneigt sind zu vergeben. Was ich Sie fragen wollte, war, haben Sie an jene Miß Wade gedacht?« »Allerdings. Ich dachte nicht an sie, bis ich unsere ganze Nachbarschaft durchstreift; und ich weiß nicht, ob sie mir auch dann eingefallen wäre, wenn ich nicht Mutter und Pet bei meinem Nachhausekommen voll von dem Gedanken gefunden, Tattycoram müsse zu ihr gegangen sein. Denn natürlich erinnerte ich mich, was sie bei Tisch sagte, als Sie zum ersten Male bei uns waren.« »Haben Sie irgendeine Idee, wo Miß Wade zu finden ist?« »Offen gesagt«, versetzte Mr. Meagles, »Sie finden mich hier auf Sie wartend, weil ich einen dunklen Schatten von Kunde über dieses Wesen habe. Es existiert in meinem Hause einer jener seltsamen Eindrücke, die oft auf geheimnisvolle Weise in Häuser kommen, die aber niemand in einer bestimmten Form von jemandem aufgefaßt und die doch jeder Mensch von irgend jemandem flüchtig empfangen und weitergegeben zu haben scheint, daß sie da herum wohnt oder wohnte.« Mr. Meagles übergab ihm einen Fetzen Papier, auf dem der Name einer der dunklen Nebenstraßen in der Grosvenor Region, nahe bei Park Lane, stand. »Hier ist keine Nummer«, sagte Arthur, indem er darauf hinblickte. »Keine Nummer, mein lieber Clennam«, versetzte sein Freund. »Nein, nichts! Der Name der Straße selbst muß in der Luft geschwebt haben: denn, wie ich Ihnen versichere, niemand von meinen Leuten kann sagen, woher sie den Namen haben. Die Sache ist jedoch einer Nachfrage wert; und da ich diese lieber in Gesellschaft als allein machen möchte, und da Sie gleichfalls mit diesem gefühllosen Frauenzimmer gereist sind, so dacht' ich, vielleicht –« Clennam endigte die Worte für ihn, indem er seinen Hut wieder nahm und sagte, er sei bereit. Es war Sommer: ein grauer, heißer, staubiger Abend. Sie fuhren ans Ende der Oxford Street, wo sie ausstiegen und sich in die großen Straßen von melancholischer Pracht und in die kleinen Straßen verloren, die ebenso prachtvoll sein wollen, denen es aber nur gelingt, noch melancholischer auszusehen. Von ihrer Sorte grenzt ein ganzes Labyrinth an Park Lane. Wildnisse von Eckhäusern, mit barbarischen Toren und Zieraten, schauderhafte Figuren, die dem Kopf einer abgeschmackten Person in einer abgeschmackten Zeit entsprungen, dennoch die blinde Verwunderung aller folgenden Generationen forderten und entschlossen waren, dies solange zu tun, bis sie zusammenstürzten, sahen finster in das Zwielicht. Schmarotzerische kleine Häuser mit dem Krampf in der ganzen Gestalt von der zwerghaften Hallentür an dem Riesenmodell Seiner Gnaden auf dem Square bis zu dem gedrückten Fenster des Boudoirs, das auf die Misthaufen in den Hintergäßchen hinaussah, machten den Abend höchst traurig. Verkrüppelte Wohnungen von unzweifelhaft modischem Wesen, aber für nichts bequem als für einen häßlichen Geruch, sahen wie die letzten kränklichen Geburten der großen Adelshäuser aus. Wo ihre kleinen Altane und Balkone von dünnen eisernen Säulen getragen wurden, schienen sie skrofulös auf Krücken zu ruhen. Da und dort sah ein Wappen, das die ganze Wissenschaft der Heraldik in sich schloß, auf die Straße herab wie ein Erzbischof, der über die Eitelkeit predigt. Die Läden, wenig an Zahl, machten kein Gepränge, denn die öffentliche Meinung war ihnen gleichgültig. Der Pastetenbäcker wußte, wer in seinen Büchern stand, und konnte in diesem Bewußtsein ruhig sein: ihm genügten deshalb einige Glaszylinder mit Witwenpfefferminztropfen in seinem Fenster und ein halbes Dutzend alter Sorten gangbaren Obstgelees. Einige Orangen bildeten die ganze Konzession des Obsthändlers an die öffentliche Meinung. Ein einzelnes Körbchen von Moos, das einst Eier von einem Regenpfeifer enthalten, umfaßte alles, was der Geflügelhändler zum Pöbel zu sagen hatte. Jedermann in diesen Straßen schien zu Tisch ausgegangen zu sein (was zu dieser Stunde und Jahreszeit immer der Fall ist), und niemand schien die Diners zu geben, zu denen sie gegangen. Auf den Türstufen lungerten Lakaien mit glänzendem, buntfarbigem Gefieder und weißen Köpfen wie eine ausgestorbene Rasse von ungeheueren Vögeln und Haushofmeister, einsame Menschen von verschlossenem Wesen, die gegen jeden andern Haushofmeister mißtrauisch zu sein schienen. Das Rollen der Wagen im Park war für heute verstummt; die Straßenlampen brannten. Wichte von kleinen Grooms in knapp anliegenden und passenden Kleidern, die Beine verdreht, wie ihre Köpfe verdreht waren, standen paarweise herum, indem sie Stroh kauten und sich betrügerische Geheimnisse anvertrauten. Die gefleckten Hunde, die die Wagen begleiteten, und die wir im Geist so eng mit glänzenden Equipagen zu verbinden gewöhnt sind, daß es wie eine Herablassung von seiten dieser Tiere aussieht, ohne sie zu erscheinen, begleiteten die Stallgehilfen bei ihren Ausgängen. Da und dort war ein bescheidenes Gasthaus, das nicht verlangte, auf die Schultern des Volkes sich zu stützen, und wo man nach Herren ohne Livree nicht besonders verlangte. Solcherlei Entdeckung machten die beiden Freunde im Verfolg ihrer Nachforschungen. Nirgends war etwas von einer Person wie Miß Wade in Verbindung mit der Straße bekannt, die sie suchten. Es war eine der Schmarotzerstraßen; lang, regelmäßig, schmal, düster und finster wie ein Backstein- und Mörtelleichenzug. Sie fragten an verschiedenen kleinen Vorhoftoren, wo ein trauriger junger Mensch stand, der sein Kinn auf die Spitzen des Geländers einer schroffen hölzernen Treppe drückte, konnten aber keine Auskunft erhalten. Sie gingen an der einen Seite der Straße hinauf und an der andern Seite herab, während zwei laut schreiende Zcitungsverkäufer ein außerordentliches Ereignis ausriefen, das sich nie begeben hat und niemals begeben wird. Sie ließen ihre rauhen Stimmen in die stillen Zimmer hineindröhnen, aber ohne Erfolg. Endlich standen sie an der Ecke, von der sie ausgegangen; es war sehr dunkel, und sie waren um nichts klüger geworden. In der Straße waren sie zu verschiedenen Malen an einem schmutzigen Hause vorübergekommen, das augenscheinlich leer stand. An den Fenstern befanden sich Zettel, die ankündigten, daß es zu vermieten war. Die Zettel, die eine Abwechslung in dem Leichenzug bildeten, waren beinahe ein Schmuck zu nennen. Vielleicht, weil das Haus vereinzelt in ihrer Erinnerung dastand, vielleicht auch, weil Mr. Meagles und er selbst zweimal im Vorübergehen zueinander gesagt hatten: »Es ist klar, hier wohnt sie nicht« , machte Clennam jetzt den Vorschlag, sie wollten zurückgehen und es mit dem Hause probieren, ehe sie ganz weggingen. Mr. Meagles war dazu bereit, und sie gingen zurück. Sie klopften einmal und läuteten einmal, ohne eine Antwort. »Leer« , sagte Mr. Meagles lauschend. »Noch einmal« , sagte Clennam und klopfte wieder. Nach diesem Pochen hörten sie eine Bewegung innen und glaubten jemanden nach der Tür schlürfen zu hören. Der schmale Eingang war so dunkel, daß es unmöglich wurde, genau zu unterscheiden, was für eine Person die Tür öffnete; es schien jedoch eine alte Frau zu sein. »Entschuldigen Sie, daß wir Sie bemühen«, sagte Clennam. »Bitte, können Sie uns sagen, wo Miß Wade wohnt?« Die Stimme in der Dunkelheit antwortete unerwarteterweise: »Hier.« »Ist sie zu Hause?« Als keine Antwort erfolgte, sagte Mr. Meagles wieder: »Bitte, ist sie zu Hause?« Nach einer zweiten Pause sagte die Stimme abgebrochen: »Ich glaube wohl. Sie würden besser tun einzutreten: ich will inzwischen fragen.« Sie wurden ohne weitere Umstände in das enge schwarze Haus eingeschlossen, und die Gestalt sagte, indem sie hinwegrauschte, von einer höheren Stelle aus: »Kommen Sie gefälligst herauf. Sie können über nichts stolpern.« Sie krochen ihren Weg die Treppen hinauf nach einem matten Licht, das sich als die Straßenlaterne, die durch das Fenster schien, erwies, und die Gestalt ließ sie in einem stickigen Zimmer eingeschlossen zurück. »Das ist seltsam, Clennam«, sagte Mr. Meagles leise. »Sehr seltsam«, stimmte Clennam in demselben Ton bei; »aber wir haben unsern Zweck erreicht, das ist die Hauptsache. Da kommt Licht!« Das Licht war eine Lampe, und die Trägerin war eine alte Frau: sehr schmutzig, sehr verrunzelt und welk. »Sie ist zu Hause«, sagte sie (und die Stimme war dieselbe, die zuvor gesprochen): »sie wird augenblicklich kommen.« Nachdem sie die Lampe auf den Tisch gesetzt, rieb die alte Frau ihre Hände an ihrer Schürze ab, was sie beständig hätte tun können, ohne sie deshalb rein zu machen, sah die Fremden dann mit ein paar trüben Augen an und ging rückwärts hinaus. Die Dame, die sie zu sprechen gekommen waren, schien, wenn sie die gegenwärtige Bewohnerin dieses Hauses war, ihr Quartier hier gleichsam wie in einer orientalischen Karawanserei aufgeschlagen zu haben. Ein kleiner viereckiger Teppich in der Mitte des Zimmers, einige Möbel, die offenbar nicht zu dem Zimmer gehörten, und ein Wirrwarr von Koffern und Reiseartikeln bildeten ihre ganze Umgebung. Unter einem früheren ansässigen Bewohner hatte das erstickende Zimmer mit einem Pfeilerspiegel und einem vergoldeten Tisch geprangt. Aber die Vergoldung war so verblichen, wie Blumen vom letzten Jahre, und das Glas so trübe, daß es mit magischem Zauber all das neblige und schlechte Wetter, das es je widergegeben hatte, in sich gebannt zu haben schien. Die Fremden hatten eine Minute oder zwei Zeit gehabt, sich umzusehen, als die Tür aufging und Miß Wade eintrat. Sie war noch ganz dieselbe wie damals, als sie voneinander geschieden. Ebenso hübsch, ebenso höhnisch, ebenso zurückhaltend. Sie bat sie, sich zu setzen, und indem sie es ablehnte, selbst einen Sitz einzunehmen, ersparte sie ihnen die Einleitung zu ihrem Anliegen, indem sie sogleich sagte: »Ich glaube die Ursache zu wissen, die Sie mir die Ehre eines Besuches erzeigen läßt, wir können deshalb sogleich darauf eingehen.« »Die Ursache, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »ist Tattycoram.« »Das vermutete ich.« »Miß Wade«, sagte Mr. Meagles, »wollen Sie so freundlich sein, uns zu sagen, ob Sie etwas von ihr wissen oder nicht?« »Gewiß. Ich weiß, sie ist hier bei mir.« »Dann, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich glücklich sein würde, wenn sie wieder zu mir zurückkäme, und daß meine Frau und Tochter glücklich sein würden, wenn sie wieder zurückkäme. Sie war lange Zeit bei uns, wir vergessen ihre Ansprüche an uns nicht, und ich glaube, wir wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf.« »Sie glauben zu wissen, daß man es nicht so genau nehmen darf?« versetzte sie in gemessenem Ton. »Was?« »Ich glaube, mein Freund wollte sagen, Miß Wade«, warf Arthur Clennam ein, der sah, daß Mr. Meagles nicht wußte, was er sagen sollte, »mit dem leidenschaftlichen Wesen, das das Mädchen bisweilen überkommt, wenn sie sich im Nachteil fühlt, was bisweilen bessere Gefühle in den Hintergrund drängt.« Die Dame brach in ein Gelächter aus, als sie ihre Blicke auf ihn richtete. »Wirklich?« war alles, was sie darauf antwortete. Sie stand so vollkommen ruhig und still nach dieser Antwort auf seine Bemerkung bei dem Tisch, daß Mr. Meagles sie wie verhext anstarrte und nicht mal Clennam ansehen konnte, um ihn zu einer andern Äußerung zu veranlassen. Nachdem er einige Augenblicke linkisch genug gewartet, sagte Arthur: »Vielleicht wäre es gut, wenn Mr. Meagles sie sehen könnte, Miß Wade?« »Das ist leicht getan«, sagte sie. »Komm' herein, Kind.« Sie hatte eine Tür geöffnet, während sie dies sagte, und führte nun das Mädchen an der Hand herein. Es war wirklich wunderlich, sie beieinander stehen zu sehen: das Mädchen, das mit seinen freien Fingern den Busen ihres Kleides halb unschlüssig, halb leidenschaftlich faltete; Miß Wade, die mit ihrem ruhigen Gesicht sie aufmerksam betrachtete und einem Beobachter von außerordentlichem Scharfblick gerade in ihrer Ruhe die nicht zu stillende Leidenschaftlichkeit ihres Wesens enthüllte (wie ein Schleier die Formen ahnen läßt, die er bedeckt). »Sehen Sie«, sagte sie in derselben gemessenen Weise wie früher, »hier ist Ihr Herr, Ihr Meister. Er ist willens, Sie wieder mit sich zu nehmen, meine Liebe, wenn Sie empfänglich für diese Gunst sind und Lust zu gehen haben. Sie können wieder eine Folie für seine hübsche Tochter, eine Sklavin für ihren liebenswürdigen Eigensinn und ein Spielzeug sein, das die Güte der Familie zeigt. Sie können Ihren drolligen Namen wieder haben, der Sie mutwillig dem Spott aussetzt und Sie an den Pranger stellt. (Ihre Geburt, Sie wissen, Sie müssen nicht Ihre Geburt vergessen.) Harriet, Sie können dieses Herrn Tochter wieder als eine lebendige Erinnerung an ihren Vorrang und ihre gnädige Herablassung gezeigt und vorgehalten werden. Sie können all diese Vorteile wiedergewinnen und noch manche andere ähnlicher Art, die vermutlich in Ihrem Gedächtnis auftauchen werden, während ich spreche, und deren Sie verlustig gehen, wenn Sie Ihre Zuflucht zu mir nehmen – Sie können sie jedoch alle wiederhaben, wenn Sie diesen Herren sagen, wie demütig und bußfertig Sie seien, und mit ihnen zurückgehen, daß man Ihnen verzeihe. Was sagen Sie, Harriet? Wollen Sie gehen?« Das Mädchen, das unter dem Einfluß dieser Worte immer zorniger geworden und dessen Wangen sich immer röter färbten, antwortete, indem sie ihre leuchtenden schwarzen Augen für einen Augenblick erhob und ihre Hand auf den Falten, die sie zusammengerunzelt, ballte: »Ich möchte lieber sterben!« Miß Wade, die, noch immer ihre Hand haltend, neben ihr stand, blickte ruhig umher und sagte mit einem Lächeln: »Gentlemen! Was sagen Sie darauf?« Die unaussprechliche Bestürzung des alten Meagles, als er seine Motive und Handlungen so verdrehen hörte, hatte ihn bis jetzt gehindert, ein Wort einzuwerfen: nun aber gewann er seine Macht zu sprechen wieder. »Tattycoram«, sagte er, »denn ich will dich noch immer bei diesem Namen nennen, mein liebes Mädchen, da ich mir bewußt bin, daß ich nur Freundliches dabei im Sinne hatte, als ich ihn dir gab, und überzeugt bin, daß du es weißt.« »Ich weiß es nicht!« sagte sie, wieder aufblickend und sich mit derselben ungestüm wühlenden Hand fast zerfleischend. »Nein, vielleicht jetzt nicht«, sagte Mr. Meagles, »nicht, solange die Augen dieser Dame so fest auf dich gerichtet sind, Tattycoram«, sie blickte im Augenblick auf sie, »und solange diese Macht dich beherrscht, die sie auf dich ausübt. Tattycoram, ich werde diese Dame nicht fragen, ob sie das glaubt, was sie gesagt hat, selbst in dem Zorn und Unmut, in dem, wie ich und mein Freund hier gleich gut wissen, sie eben gesprochen hat, obgleich sie sich mit einer Entschlossenheit hinstellt, die jeder, der sie einmal gesehen, wohl nie wieder vergessen wird. Ich will dich nicht fragen, ob du, wenn du dich an mein Haus und alles, was dazu gehört, erinnerst, das glaubst. Ich will nur sagen, daß du weder mir noch den Meinen ein Bekenntnis abzulegen und ebensowenig um Verzeihung zu bitten hast; und daß alles in der Welt, um was ich dich bitten möchte, darin besteht, daß du fünfundzwanzig zählst, Tattycoram.« Sie sah ihn einen Augenblick an und sagte dann, indem sie die Stirn runzelte: »Ich will nicht, führen Sie mich weg, Miß Wade, bitte.« Der Kampf, der diesem Augenblick in ihr raste, hatte nichts Milderndes. Es war ein Kampf zwischen leidenschaftlichem Trotz und unbeugsamem Trotz. Ihre lebhafte Röte, ihr rasches Blut, ihr ungestümer Atem stemmten sich alle gegen die Gelegenheit, ihren Schritt rückgängig zu machen. »Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht!« wiederholte sie mit leiser, tiefer Stimme. »Man muß mich erst in Stücke reißen. Ich würde mich selbst vorher in Stücke reißen!« Miß Wade, die sie losgelassen, legte ihre Hand einen Augenblick schützend auf des Mädchens Nacken und sagte dann, indem sie mit ihrem frühern Lächeln umhersah und genau in ihrem frühern Ton sprach: »Gentlemen! was wollen Sie nach dieser Erklärung noch?« »O, Tattycoram, Tattycoram!« rief Mr. Meagles, indem er sie mit erhobener Hand beschwor: »Höre die Stimme dieser Dame, sieh dieser Dame ins Gesicht, erwäge, was in dem Herzen dieser Dame vorgeht, und bedenke, was für eine Zukunft vor dir liegt! Mein Kind, was du auch immer denken magst, solange du unter dem Einfluß dieser Dame stehst – es ist erstaunlich für uns, und ich werde wohl nicht zu weit gehen, wenn ich sage, schrecklich für uns, es zu sehen –, alles beruht auf einer Leidenschaft, die stärker als die deine, und auf einem Temperament, das heftiger als das deine. Was könnt ihr einander sein? Was kann davon kommen?« »Ich bin hier allein, Gentlemen«, bemerkte Miß Wade, ohne ihren Ton oder ihr Wesen zu verändern. »Sagen Sie alles, was Sie wollen.« »Die Höflichkeit nötigt mich, gegen dieses mißleitete Mädchen in ihrem gegenwärtigen Zustand nachzugeben, Ma'am«, sagte Mr. Meagles, »obgleich ich sie nicht ganz aus den Augen zu lassen gedenke, selbst bei den Beleidigungen, die Sie mir in so herbem Tone vor ihr zufügen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie, in ihrer Gegenwart, daran erinnere – ich muß es sagen – daß Sie uns allen ein Geheimnis waren und mit keinem von uns etwas gemein hatten, als sie Ihnen unglückseligerweise in den Weg kam. Ich weiß nicht, was Sie sind, aber Sie verbergen es nicht, können es nicht verbergen, was für ein finsterer Geist in Ihnen wohnt. Wenn Sie eine von den Damen sein sollten, die aus irgendwelchem Grund ein seltsames Vergnügen daran finden, eine Mitschwester so elend zu machen, wie sie selbst ist (ich bin alt genug, um schon davon gehört zu haben), so warne ich sie vor Ihnen und warne Sie vor sich selbst.« »Gentlemen!« sagte Miß Wade ruhig. »Wenn Sie zu Ende sind – Mr. Clennam, vielleicht werden Sie Ihren Freund veranlassen –« »Nicht ohne noch einen Versuch«, sagte Mr. Meagles standhaft. »Tattycoram, mein armes, liebes Mädchen, zähle fünfundzwanzig.« »Weisen Sie die Hoffnung, die Gewißheit nicht von sich, die dieser freundliche Mann Ihnen bietet«, sagte Clennam mit leisem, aber eindringlichem Ton. »Kehren Sie zu den Freunden zurück, die Sie nicht vergessen. Bedenken Sie sich!« »Ich will nicht! Miß Wade«, sagte das Mädchen, und ihr Busen schwoll, während sie beim Sprechen die Hand an ihren Hals legte, »nehmen Sie mich weg.« »Tattycoram«, sagte Mr. Meagles, »noch einmal. Das einzige, was ich von dir in der Welt verlange, mein Kind: zähle fünfundzwanzig!« Sie legte ihre Hand fest auf die Ohren, während ihr schönes schwarzes Haar bei der Heftigkeit, mit der sie es tat, verwirrt herabgezerrt wurde, und richtete den Blick entschlossen nach der Wand. Miß Wade, die sie während dieser letzten Aufforderung mit demselben seltsam aufmerksamen Lächeln beobachtet hatte, wie damals in Marseille, als jene in leidenschaftlichem Kampfe mit sich selbst rang, schlang jetzt den Arm um ihre Hüfte, als wollte sie von ihr für alle Zeiten Besitz ergreifen. Es lag ein sichtbarer Triumph in ihrem Gesicht, als sie es den Fremden zuwandte, um sich zu verabschieden. »Da es das letztemal ist, daß ich diese Ehre habe«, sagte sie, »und da Sie davon gesprochen haben, daß Sie nicht wissen, wer ich sei, und woher mein Einfluß bei diesem Mädchen stamme, so mögen Sie denn wissen, daß er sich auf eine gemeinschaftliche Ursache gründet. Was Ihr zerbrochenes Spielzeug in bezug auf Geburt ist, bin auch ich. Sie hat keinen Namen, ich habe keinen Namen. Ihre Unbill ist meine Unbill. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen.« Diese Worte waren an Mr. Meagles gerichtet, der traurig wegging. Als Clennam ihm folgte, sagte sie mit derselben äußerlichen Fassung und demselben gemessenen Ton, aber mit einem Lächeln, das man nur auf grausamen Gesichtern sieht: einem sehr schwachen Lächeln, das die Nasenflügel hebt, die Lippen kaum berührt und nicht langsam sich verliert, sondern augenblicklich wieder aufhört, sobald es seinen Zweck erfüllt: »Ich hoffe, die Frau Ihres lieben Freundes, Mr. Gowan, wird in dem Kontrast, in dem ihre vornehme Abkunft zu der dieses Mädchens und der meinen steht, sowie in dem großen Glück, das sie erwartet, sich wirklich glücklich fühlen.« Achtundzwanzigstes Kapitel. Niemands Verschwinden. Nicht zufrieden mit seinen Bemühungen, wieder zu seiner verlorenen Pflegbefohlenen zu kommen, richtete Mr. Meagles einen Brief voll der freundlichsten Vorstellungen nicht nur an sie, sondern auch an Miß Wade. Als keine Antwort auf diese Briefe und auf einen andern kam, der von der Hand ihrer ehemaligen jungen Herrin an das starrköpfige Mädchen gerichtet war, und der sie hätte vor Rührung vergehen machen müssen, wenn irgend etwas das noch vermocht hätte (alle drei Briefe kamen einige Wochen später, als an der Haustür abgewiesen, zurück), veranlaßte er Mrs. Meagles, den Versuch einer persönlichen Unterredung zu machen. Als diese würdige Dame außerstande war, eine solche zu erhalten, und die Zulassung hartnäckig verweigert wurde, bat Mr. Meagels Arthur, noch einmal zu versuchen, was er tun könne. Das ganze Resultat der Erfüllung dieses Wunsches war, daß er entdeckte, daß das leere Haus der Obhut der alten Frau anvertraut worden, daß Miß Wade fort war, daß das Gewirr und Durcheinander von Möbeln fort war, und daß die alte Frau jede Summe von halben Kronen annehme und dem Geber freundlich danke, aber nicht die geringste weitere Auskunft als Ersatz für diese Münze zu geben vermochte, als daß sie beständig ein Verzeichnis von nagelfestem Hausgerät zur Schau bot, das der Schreiber des Hausvermieters in dem Flur gelassen. Da Mr. Meagles trotz dieser Niederlage nicht auf die Undankbare verzichten und sie der Hoffnungslosigkeit preisgeben wollte, im Fall daß ihre besseren Gesinnungen die Oberhand über die dunklere Seite ihres Charakters gewännen, ließ er sechs Tage hintereinander eine sehr zart andeutende Anzeige in die Morgenzeitungen einrücken, die besagte, daß, wenn eine gewisse junge Person, die kürzlich unüberlegterweise die Heimat verlassen, sich irgendwann an seine Adresse in Twickenham wenden wollte, alles wieder wie früher sein würde und sie keine Vorwürfe zu erwarten hätte. Die unerwarteten Folgen dieser Anzeige belehrten den erschrockenen Mr. Meagles zum ersten Male, daß täglich einige hundert junger Leute ihre Heimat unüberlegterweise verlassen. Es kamen nämlich Haufen von ungeratenen jungen Leuten nach Twickenham, die, als sie sich nicht mit Enthusiasmus aufgenommen sahen, gewöhnlich eine Entschädigung außer der Wagenmiete für hin und zurück verlangten. Und dies waren nicht mal die einzigen uneingeladenen Klienten, die die Anzeige herbeiführte. Der Schwarm von Bettelbriefschreibern, die immer gierig nach jedem Haken, er mag noch so klein sein, suchen, um einen Brief daran aufzuhängen, machte ihm die schriftliche Mitteilung, daß sie nach Lesung der Anzeige sich veranlaßt sähen, mit Zuversicht um verschiedene Summen, von zehn Schillingen an bis zu zehn Pfund, nachzusuchen, nicht weil sie irgend etwas von der jungen Person wüßten, sondern weil sie fühlten, daß es das Gefühl dessen, der die Anzeige eingerückt, erleichtern würde, wenn er sich von diesen Gaben trennte. Verschiedene Erfinder benutzten gleichfalls die Gelegenheit, mit Mr. Meagles zu korrespondieren, um ihn zum Beispiel davon in Kenntnis zu setzen, daß sie von einem Freunde auf die Anzeige aufmerksam gemacht worden wären. Sie wollten ihm versichern, sie würden, wenn sie etwas von der jungen Person erfahren, nichts unterlassen, das ihm augenblicklich kundzutun. Wenn er sie in der Zwischenzeit mit dem nötigen Scheck zur Vollendung einer gewissen gänzlich neuen Art von Brunnenpumpen unterstützen wollte, so würde dies die glücklichsten Resultate für die ganze Menschheit haben. Mr. Meagles und seine Familie hatten bei diesen sich häufenden Entmutigungen mit Widerstreben begonnen, Tattycoram als unwiederbringlich verloren zu betrachten, als die neue tätige Firma von Doyce und Clennam in ihrer Privateigenschaft als Freunde sich eines Samstags hinausbegab, um bis zum Montag auf dem Landhaus zu verweilen. Der ältere Geschäftsteilhaber nahm einen Wagen, und der jüngere Geschäftsteilhaber nahm seinen Spazierstock. Ein ruhiger Sommersonnenuntergang beleuchtete die Gegend, als er sich dem Ende seines Weges näherte und am Ufer hin durch die Wiesen ging. Er hatte das Gefühl des Friedens und der Freiheit von Sorgen, die das ruhige Land in der Brust der Stadtbewohner erweckt. Alles, was sein Blick umfaßte, war anmutig und freundlich. Das volle Laub der Bäume, das üppige Gras mit der bunten Abwechslung von wilden Blumen, die kleinen grünen Inseln im Flusse; die Beete von Schilf, die Wasserlilien, die auf der Oberfläche des Stromes schwammen, die fernen Stimmen in den Booten, die, bis sie durch das Rauschen des Wassers und die Abendluft zu ihm drangen, etwas Harmonisches bekamen. Alles drückte Ruhe aus. In dem zufälligen Sprung eines Fisches oder dem Brüllen einer Kuh, in allen diesen Tönen sprach sich der vorherrschende Atem der Ruhe aus, die in jedem Duft wiederzukehren schien, der die üppige Luft durchwürzte. Die langen Linien von Rot und Gold in den Wolken und die herrliche Bahn der untergehenden Sonne waren alle göttlich ruhig. Auf den purpurnen Baumwipfeln in der Ferne und auf der grünen Höhe in der Nähe, an der die Schatten langsam hinzogen, herrschte eine ähnliche Stille. Zwischen der wirklichen Landschaft und ihrem Schatten im Wasser war kein Unterschied. Beide waren so unbewegt und klar, so voll des feierlichen Geheimnisses von Leben und Tod und doch so hoffnungsvoll beruhigend für des Beschauers besänftigtes Herz, weil so sanft und gnadenvoll schön! Clennam war nicht einmal, sondern oftmals stehengeblieben, um sich umzuschauen und die Eindrücke der Umgebung in seiner Seele tief aufzunehmen, wie die Schatten, auf die seine Blicke fielen, immer tiefer und tiefer in das Wasser zu sinken schienen. Er setzte eben langsam seinen Weg fort, als er eine Gestalt auf dem Pfade vor sich sah, die sich ihm vielleicht bereits mit dem Abend und seinen Eindrücken vermischt hatte. Minnie war da, allein. Sie hatte einige Rosen in ihrer Hand und schien stehengeblieben zu sein, als sie ihn sah, um auf ihn zu warten. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, und sie schien von der entgegengesetzten Richtung her zu kommen. Es war etwas Unruhiges in ihrem Wesen, das Clennam nie zuvor bemerkt hatte; und als er ihr nahe kam, stieg plötzlich der Gedanke in ihm auf, daß sie in der Absicht hier sei, um mit ihm zu sprechen. Sie gab ihm ihre Hand und sagte: »Sie wundern sich, daß Sie mich hier ganz allein sehen? Aber der Abend ist so angenehm, daß ich weiter fortgeschlendert bin, als ich anfangs im Sinne hatte. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß ich Ihnen begegnen würde, und das machte mich zuversichtlicher. Sie kommen doch immer diesen Weg, nicht wahr?« Als Clennam sagte, es sei sein Lieblingsweg, fühlte er ihre Hand auf seinem Arme erbeben und sah die Rosen zittern. »Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihnen eine gebe, Mr. Clennam? Ich sammelte sie, als ich aus dem Garten kam. Wahrhaftig, ich sammelte sie für Sie, da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß ich Ihnen begegnen würde. Mr. Doyce ist vor mehr als einer Stunde angekommen und sagte uns, Sie seien auf dem Weg hierher.« Seine eigne Hand zitterte, als er eine oder zwei Rosen von ihr empfing und ihr dankte. Sie waren nun bei einer Baumallee. Ob sie auf seine oder ihre Veranlassung hin in dieselbe einbogen, hat wenig zu sagen. Er wußte nie, wie das kam. »Es ist sehr dunkel hier«, sagte Clennam, »aber sehr angenehm zu dieser Stunde. Wenn wir durch diesen tiefen Schatten gehen und durch den Lichtbogen am andern Ende hinausschreiten, so kommen wir, glaube ich, auf dem besten Weg zu der Fähre und dem Landhaus.« In ihrem einfachen Gartenhut und ihrem leichten Sommerkleid, mit ihrem reichen braunen Haar, das in natürlichen Locken herabrollte, und die wundervollen Augen für einen Augenblick zu den seinen erhoben, mit einem Blick, in dem Achtung vor ihm und Zutrauen zu ihm auffallend mit einer Art ängstlicher Besorgtheit für ihn verbunden waren, erschien sie so schön, daß es gut für seinen Frieden war – oder schlimm für seinen Frieden, er wußte selbst nicht genau, was –, daß er jenen entscheidenden Entschluß gefaßt hatte, über den er so oft nachgedacht. Sie brach ein momentanes Schweigen, indem sie fragte, ob er wisse, daß Papa wieder an eine Reise ins Ausland gedacht habe? Er sagte, er habe davon sprechen hören. Sie brach ein abermaliges momentanes Schweigen, indem sie mit einigem Zögern hinzufügte, daß Papa die Idee aufgegeben hätte. Er dachte sogleich, »sie werden sich also heiraten.« »Mr. Clennam«, sagte sie, noch ängstlicher zögernd und so leise sprechend, daß er seinen Kopf herabbeugte, um sie zu hören. »Ich möchte Ihnen sehr gern mein Vertrauen schenken, wenn Sie die Güte haben wollten, es anzunehmen. Ich hätte es Ihnen schon längst gern geschenkt, weil – ich fühlte, daß Sie unser aufrichtiger Freund sind.« »Wie kann ich je anders als stolz darauf sein! Bitte, schenken Sie es mir. Bitte, vertrauen Sie mir.« »Ich hätte nie Anstand genommen, Ihnen zu vertrauen«, versetzte sie und erhob ihre Augen offen zu ihm. »Ich glaube, ich hätte es schon längst getan, wenn ich gewußt, wie. Und ich weiß selbst kaum jetzt, wie.« »Mr. Gowan«, sagte Arthur Clennam, »hat Grund, sehr glücklich zu sein. Gott segne sein Weib und ihn!« Sie weinte, als sie ihm zu danken versuchte. Er beruhigte sie, ergriff ihre Hand, die mit den zitternden Rosen darin auf seinem Arme lag, nahm die übrigen Rosen aus derselben und brachte sie an seine Lippen. In diesem Augenblick war es ihm, als ob er jetzt ganz auf die schwindende Hoffnung verzichtete, die in Niemandes Herz geflackert, so sehr zu seiner Pein und Qual; und von dieser Zeit an wurde er in seinen Augen, in bezug auf jede ähnliche Hoffnung oder Aussicht, ein sehr viel älterer Mann, der mit diesem Teil des Lebens abgeschlossen. Er steckte die Rosen an seine Brust, und sie gingen kurze Zeit langsam und schweigend unter den schattigen Bäumen weiter. Dann fragte er sie mit einer Stimme voll inniger Freundlichkeit: ob sie ihm, als ihrem Freund und ihres Vaters Freund, der manches Jahr älter als sie sei, noch etwas mitzuteilen habe; ob sie auf irgend etwas in ihm ihr Vertrauen setzen wolle, ob er ihr irgendeinen Dienst zu leisten, irgendeine kleine Unterstützung zu ihrem Glück zu bieten imstande wäre; sie würde ihm ein dauerndes Vergnügen bereiten, wenn er glauben dürfte, daß irgend etwas davon in seiner Macht stünde? Sie war im Begriff zu antworten, als sie durch irgendeinen kleinen verborgenen Kummer oder ein Mitleid – was konnte es sein? – so gerührt wurde, daß sie in Tränen ausbrechend wieder sagte: »Oh, Mr. Clennam! guter, edler Mr. Clennam, bitte, sagen Sie mir, daß Sie mich nicht tadeln.« »Ich Sie tadeln?« sagte Clennam. »Mein liebstes Kind, ich Sie tadeln? Nein.« Nachdem sie ihre beiden Hände auf seinem Arme gefaltet und vertrauensvoll zu ihm aufgeblickt hatte, während sie in einigen raschen Worten sagte, daß sie ihm von Herzen danke (wie sie es wirklich tat), beruhigte sie sich nach und nach. Er sprach nun dann und wann ein Wort der Ermutigung, während sie langsam und beinahe schweigend unter den dunkelnden Bäumen hinschritten. »Und nun, Minnie Gowan«, sagte Clennam endlich lächelnd, »wollen Sie mich nicht um etwas bitten?« »Oh, ich habe sehr viel von Ihnen zu bitten.« »Das ist gut. Ich hoffte es; ich bin nicht enttäuscht.« »Sie wissen, wie man mich zu Hause liebt und wie ich meine Familie liebe. Sie können es sich vielleicht kaum denken, lieber Mr. Clennam«, sagte sie in sehr bewegtem Ton, »wenn sie mich aus freiem Willen aus demselben scheiden sehen, aber ich liebe sie doch so herzlich.« »Ich bin davon überzeugt«, sagte Clennam. »Können Sie glauben, ich zweifle daran?« »Nein, nein. Aber es ist seltsam, und es erscheint mir selbst so, daß, während ich meine Familie so sehr liebe und so sehr von ihr geliebt werde, ich es über mich vermag, sie von mir zu stoßen. Es erscheint so hart, so undankbar.« »Nein, liebes Kind«, sagte Clennam, »es liegt das in dem natürlichen Gang und Wechsel der Zeit. Alle Heimat muß man endlich verlassen.« »Ja, ich weiß; aber nicht in jeder Familie bleibt eine solche Lücke wie in der meinen, wenn ich fort bin. Nicht, daß es an weit besseren, weit liebenswerteren und weit vollkommeneren Mädchen, als ich es bin, mangelte; nicht, daß ich etwas Bedeutendes bin; aber sie haben sich so ungemein an mich angeschlossen.« Pets liebevolles Herz war von Gefühlen überwältigt, und sie schluchzte, während sie sich ausmalte, was geschehen würde. »Ich weiß, welche Veränderung Papa anfangs fühlen wird, und ich weiß, daß ich anfangs ihm nichts von dem sein kann, was ich ihm seit vielen Jahren gewesen. Deshalb bitte und ersuche ich Sie jetzt, Mr. Clennam, jetzt mehr als je, seiner zu gedenken und ihm bisweilen Gesellschaft zu leisten, wenn Sie sich etwas Zeit absparen können, und ihm zu sagen, Sie wüßten, ich habe ihn noch mehr lieb, seitdem ich fort sei, als je in meinem ganzen Leben. Denn niemanden – er sagte es mir selbst, als er noch heute mit mir sprach – niemandem hat er so lieb wie Sie, und auf niemand setzt er so großes Vertrauen wie auf Sie.« Ein Schlüssel zu dem, was zwischen Vater und Tochter vorgegangen, fiel wie ein schwerer Stein in den Born von Clennams Herz und trieb das Wasser in seine Augen. Er sagte heiter, aber nicht so heiter, wie es in seiner Absicht lag, daß das geschehen solle, und daß er ihr sein feierliches Versprechen gebe. »Wenn ich nicht von Mama spreche«, sagte Pet bewegter und stolzer auf ihren unschuldigen Kummer, als daß Clennam selbst jetzt noch daran zu denken sich gestatten konnte, – aus welchem Grunde er die Bäume zwischen ihnen zählte, derer durch das verschwindende Licht langsam immer weniger wurden – »so geschieht es, weil Mama mich bei dieser Handlung besser verstehen und meinen Verlust auf eine andere Weise fühlen und auf andere Art in die Zukunft blicken wird. Aber Sie wissen, welch eine liebe, hingebende Mutter sie ist, und Sie werden auch ihrer gedenken, nicht wahr?« Minnie möge ihm vertrauen, sagte Clennam; Minnie möge zuversichtlich hoffen, daß er alles tun werde, was sie wünsche. »Und, mein lieber Mr. Clennam«, sagte Minnie, »weil Papa und jemand, den ich nicht zu nennen brauche, sich noch nicht ganz zu schätzen und zu verstehen vermögen, wie dies nach und nach geschehen wird; und weil es die Pflicht und der Stolz und die Freude meines neuen Lebens sein wird, ein besseres Verständnis zwischen ihnen anzubahnen, damit sie glücklich durch einander werden, und stolz auf einander seien und einander lieben, da sie beide mich so innig lieben; oh, so suchen Sie, als gütiger, redlicher Mann, wenn ich erst von Hause weg bin (ich gehe weit fort), Papa etwas mehr mit ihm zu versöhnen und Ihren großen Einfluß aufzuwenden, um ihn Papa frei von Vorurteil und in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Wollen Sie das als edelmütiger Freund für mich tun?« Arme Pet! Betrogenes, getäuschtes Kind! Wann wurde je eine solche Veränderung in den natürlichen Beziehungen von Menschen zueinander, wann je eine solche Versöhnung tief innerlicher Gegensätze zustande gebracht! Es ist schon oft von andern Töchtern versucht worden, Minnie; und niemals ist es gelungen; Fehlschläge waren immer die Folge. So dachte Clennam. Er sagte es aber nicht; es war zu spät. Er verpflichtete sich, alles zu tun, was sie verlangte, und sie war überzeugt, daß er es tun werde. Sie waren jetzt bei dem letzten Baume der Allee angekommen. Sie blieb stehen und entzog ihm ihren Arm. Die Augen zu ihm erhoben und mit der Hand, die noch kürzlich auf seinem Arme geruht, zitternd eine von den Rosen an seiner Brust als Verstärkung der Bitte berührend, sagte sie: »Lieber Mr. Clennam, in meinem Glück – denn ich bin glücklich, obgleich Sie mich haben weinen sehen – kann ich keine Wolke zwischen uns schweben sehen. Wenn Sie mir irgend etwas zu vergeben haben – nicht etwas, was ich mit Absicht getan, sondern irgendein Leid, das ich Ihnen ohne meinen Willen zugefügt habe oder dem abzuhelfen in meiner Macht stand, so vergeben Sie mir heute abend aus der Fülle Ihres edlen Herzens.« Er beugte sich, um in das schuldlose Gesicht zu blicken, das ihn ohne Scheu ansah. Er küßte es und antwortete, der Himmel wisse, daß er nichts zu vergeben habe. Als er sich herabbeugte, um noch einmal in das unschuldige Gesicht zu blicken, flüsterte sie: »Leben Sie wohl!« und er wiederholte es. Es war ein Abschiednehmen von allen seinen alten Hoffnungen – allen alten ruhelosen Zweifeln jenes Niemand. Sie traten im nächsten Augenblick Arm in Arm aus der Allee, wie sie darin eingetreten waren; und die Bäume schienen sich hinter ihnen in der Dunkelheit zu schließen, wie ihr eigener Ausblick auf die Vergangenheit. Die Stimmen von Mr. und Mrs. Meagles und Doyce wurden alsbald hörbar, da sie in der Nähe der Gartentür sprachen. Als er Pets Namen unter ihnen nennen hörte, rief Clennam: »Sie ist hier, bei mir.« Man wunderte sich und lachte, bis sie näher kamen; aber sobald sie alle beisammen waren, hörte das Lachen auf, und Pet schlüpfte weg. Mr. Meagles, Doyce und Clennam gingen, ohne zu sprechen, am Ufer des Flusses im Lichte des aufsteigenden Mondes einige Minuten auf und ab; dann blieb Doyce zurück und ging in das Haus. Mr. Meagles und Clennam gingen zusammen noch einige Minuten, ohne zu sprechen, auf und ab, bis endlich der erstere sein Schweigen brach. »Arthur«, sagte er, indem er zum ersten Male seit ihrer Bekanntschaft diese vertrauliche Anrede gebrauchte, »erinnern Sie sich, daß ich, als wir an einem heißen Morgen über den Hafen von Marseille hinblickend auf und ab gingen, zu Ihnen sagte: es sei Mutter und mir, als ob Pets Zwillingsschwester, die gestorben, gewachsen, wie diese gewachsen, und sich verändert hätte, wie diese sich verändert?« »Allerdings.« »Sie erinnern sich, daß ich Ihnen gesagt, wir hätten die Zwillingsschwestern in unsren Gedanken nie trennen können, und in unsrer Phantasie sei, was Pet war, die andere immer auch?« »Ja, ganz richtig.« »Arthur«, sagte Mr. Meagles sehr gebeugt, »ich spinne diese Phantasie heute abend weiter. Mir ist es heute abend, mein lieber Freund, als ob Sie mein teures Kind zärtlich geliebt und es verloren hätten, als es so alt war, wie Pet jetzt ist.« »Ich danke Ihnen«, murmelte Clennam, »danke Ihnen!« Dabei drückte er ihm die Hand. »Wollen Sie hereinkommen?« sagte Mr. Meagles darauf. »Bald, sehr bald.« Mr. Meagles ging, und er war allein. Als er ungefähr eine halbe Stunde im friedlichen Mondlicht am Ufer des Flusses auf und ab gegangen, steckte er die Hand in seine Brust und nahm sanft die Handvoll Rosen heraus. Vielleicht drückte er sie an sein Herz, vielleicht brachte er sie an seine Lippen, gewiß ist nur, daß er sich über das Ufer hinabbeugte und sie langsam in den Fluß fallen ließ. Bleich und nebelhaft im Schein des Mondlichtes führte sie der Fluß mit sich fort. Die Lichter brannten hell, als er in das Haus trat, und die Gesichter, auf die sie schienen, das seinige nicht ausgenommen, waren bald ruhig und heiter. Sie sprachen von mancherlei Dingen; sein Geschäftsteilhaber hatte noch nie einen solchen Vorrat von Geschichten gehabt, aus dem man nur schöpfen durfte, um die Zeit angenehm zu verbringen. Dann ging es zu Bett und in die Arme des Schlafes. Indessen schwammen die Blumen bleich und nebelhaft in dem Mondlicht auf dem Flusse fort. So schwimmen noch größere Dinge, die einst unsrer Brust und unsrem Herzen nahe waren, von uns auf das Meer der Ewigkeit hinaus. Neunundzwanzigstes Kapitel Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. Das Haus in der City bewahrte sein düsteres und finsteres Aussehen während all dieser Vorgänge, und die gebrechliche Frau, die darin wohnte, führte unverändert einen Tag wie den andern dasselbe Leben. Morgen, Mittag und Abend, Morgen, Mittag und Abend kehrten eins ums andere im Geleis seiner Einförmigkeit wieder, immer dieselbe widerwillige Rückkehr derselben Reihenfolge des mechanischen Treibens wie in dem Gehwerk einer Uhr. Der Rollstuhl hatte seine Erinnerungen und Träumereien, kann man sich denken, wie jeder Ort sie hat, der zu einer Station eines menschlichen Wesens gemacht ist. Bilder von demolierten Straßen und veränderten Häusern, wie sie früher waren, als sie die Insassin des Stuhles noch kannte; Bilder von Menschen, wie auch diese einst ausgesehen, denen jedoch für die Zeit, seitdem man sie nicht mehr gesehen, wenig oder keine Veränderung eingeräumt worden war; dieser mußte eine große Zahl im langen Geschäftsleben finsterer Tage vorübergegangen sein. Die Uhr des geschäftigen Daseins um die Stunde zu stellen, wo man sich selbst davon ausgeschlossen hatte, zu glauben, daß die Menschen sich nicht mehr bewegen können, wenn wir zu einem Stillstand gebracht sind, außerstande zu sein, die Wechsel der Dinge, die über unsern Horizont hinaus liegen, nach einem größeren Maßstab als dem kleinlichen des eignen einförmigen und beschränkten Daseins zu messen – ist die Schwäche mancher gebrechlicher Menschen und die geistige Krankheit beinahe aller zurückgezogen Lebenden. Welche Szenen und handelnden Personen die strenge Frau am meisten im Geiste an sich vorüberziehen ließ, wenn sie so von Jahr zu Jahr in ihrem dunklen Zimmer saß, wußte niemand, außer sie selbst. Mr. Flintwinch hätte mit seiner schiefen Gegenwart, die täglich wie eine außergewöhnliche mechanische Kraft auf sie wirkte, es vielleicht aus ihr herausgepreßt, wenn weniger Widerstand in ihr gewesen wäre. Aber sie war zu stark für ihn. Mistreß Affery, die beständig ihren Oberherrn und ihre kränkliche Herrin mit einem Gesicht voll kritikloser Bewunderung ansah, nach Einbruch der Dunkelheit mit der Schürze über dem Kopf im Hause umherging, immer auf unerklärliches Geräusch lauschte und bisweilen welches hörte, und nie aus ihrem geisterhaften, träumerischen, schlafwachen Zustande herauskam, hatte damit wirklich genug zu tun. Es wurden sehr gute Geschäfte im Hause gemacht, wie Mistreß Affery merkte; denn ihr Gatte hatte in seinem kleinen Bureau außerordentlich viel zu schaffen, er sah mehr Leute, als sonst in vielen Jahren dahin gekommen waren. Das konnte leicht sein, da das Haus lange verlassen gestanden; aber er empfing Briefe und Besuche, führte die Bücher und die Korrespondenz. Er besuchte ferner selbst auch andre Kontore, die Kais, Docks, ferner das Zollhaus, Garraways Kaffeehaus, das Jerusalemer Kaffeehaus und die Börse, so daß er viel aus und ein ging. Er begann auch zuweilen am Abend, wenn Mistreß Clennam keinen besondern Wunsch nach seiner Gesellschaft aussprach, nach einem Wirtshaus in der Nähe zu gehen, um nach den Schiffsnachrichten und den Kurszetteln in den Abendzeitungen zu sehen und wohl auch kleinen geselligen Verkehr mit Kapitänen und Handelsschiffen, die dieses Etablissement besuchten, zu pflegen. Zu einer bestimmten Tageszeit hielten er und Mrs. Clennam Beratung in Geschäftsangelegenheiten, und es kam Affery, die immer lauschend und lauernd außen herumkroch, vor, als ob die beiden Gescheiten Geld machten. Der Gemütszustand, in den Mr. Flintwinchs geblendete Frau verfallen war, hatte sich nach und nach in allen ihren Blicken und Handlungen so deutlich ausgesprochen, daß sie in der Meinung der beiden Gescheiten sehr tief sank und als eine Person betrachtet wurde, die, nie von starken Geistesgaben, nun gar verrückt zu werden drohte. Vielleicht weil ihr Äußeres kein kaufmännisches Gepräge trug oder weil ihm vielleicht bisweilen die Besorgnis aufstieg, es möchte in den Augen seiner Kunden ein schiefes Licht auf seinen gesunden Verstand werfen, daß er sie zur Frau genommen, befahl ihr Mr. Flintwinch, daß sie außerhalb des häuslichen Trios von ihren ehelichen Beziehungen schweigen und ihn nicht mehr Jeremiah nennen solle. Ihr häufiges Vergessen dieser Ermahnung verschlimmerte ihr ängstliches Wesen, da Mr. Flintwinch die Gewohnheit hatte, sich an ihrer Saumseligkeit dadurch zu rächen, daß er ihr auf der Treppe nachsprang und sie strafte. Die Folge davon war, daß sie immer in der peinlichen Angst schwebte, es werde ihr irgendwo aufgelauert. Klein-Dorrit hatte ein langes Tagewerk in Mrs. Clennams Zimmer beendet und war gerade damit beschäftigt, die Flickchen und Schnipsel zusammenzulesen, ehe sie nach Hause ging. Mr. Pancks, den Affery soeben hereingeführt, richtete an Mrs. Clennam die Frage nach ihrem Befinden, indem er bemerkte, daß er »zufällig an dem Hause vorüberkommend« vorgesprochen hätte, um von der Hausbesitzerin zu erfahren, wie sie sich befinde. Mrs. Clennam sah ihn mit scharf zusammengezogenen Augenbrauen an. »Mr. Casby weiß«, sagte sie, »daß ich keinen Veränderungen unterworfen bin. Die Veränderung, die ich hier erwarte, ist die große Veränderung.« »Wirklich, Ma'am?« versetzte Mr. Pancks und ließ seine Blicke nach der Gestalt der kleinen Näherin gleiten, die auf ihren Knien die Fäden und Abfälle ihrer Arbeit von dem Teppich auflas. »Sie sehen sehr gut aus, Ma'am.« »Ich trage, was ich zu tragen habe. Tun Sie, was Sie angeht.« »Danke, Ma'am«, sagte Mr. Pancks, »das ist mein Bemühen.« »Sie kommen oft hier vorbei, nicht wahr?« fragte Mrs. Clennam. »Allerdings, Ma'am«, sagte Pancks, »namentlich seit einiger Zeit; ich bin in letzter Zeit häufig bald aus der einen, bald aus der andern Ursache vorübergekommen.« »Bitten Sie Mr. Casby und seine Tochter, sich nicht mit Schicken nach mir zu beunruhigen. Wenn sie mich zu sehen wünschen, so wissen sie, daß ich hier sie zu empfangen bereit bin. Sie brauchen sich nicht mit Schicken zu bemühen. Und Sie brauchen sich nicht zu bemühen, zu kommen." »Nicht die geringste Mühe«, sagte Mr. Pancks. »Sie sehen wirklich ungemein gut aus, Ma'am.« »Danke. Guten Abend.« Dieser Abschied und der ihn begleitende gerade nach der Tür ausgestreckte Finger waren so kurz und entschieden, daß Pancks keinen Ausweg wußte, wie er seinen Besuch verlängern sollte. Er strich sein Haar mit dem heitersten Ausdruck in die Höhe, blickte wieder nach der kleinen Gestalt, sagte: »Guten Abend, Ma'am; brauchen nicht mit mir zu gehen, Mrs. Affery; ich kenne den Weg zur Tür« und dampfte hinaus. Mrs. Clennam sah ihm, das Kinn auf die Hand gestützt, mit aufmerksamen und finster mißtrauischen Blicken nach, und Affery starrte sie an, als ob sie von einem Zauber gefesselt wäre. Langsam und gedankenvoll wandten sich Mrs. Clennams Blicke von der Tür, durch die Pancks hinausgegangen war, nach Klein-Dorrit, die vom Teppich aufstand. Das Kinn schwerer auf die Hand sinken lassend und mit lauernden, gesenkten Blicken saß die kranke Frau da und sah sie an, bis sie ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Klein-Dorrit errötete bei ihrem Blick und sah zu Boden. Mrs. Clennam saß noch immer unverwandten Auges da. »Klein-Dorrit«, sagte sie, als sie endlich das Schweigen brach, »was weißt du von diesem Mann?« »Ich weiß nichts von ihm, Ma'am, als daß ich ihn irgendwo sah und daß er mit mir gesprochen.« »Was hat er zu dir gesagt?« »Ich verstehe nicht, was er zu mir gesagt, er ist so wunderlich. Aber nichts Rauhes und Unangenehmes.« »Weshalb kommt er hierher, um dich zu sehen?« »Ich weiß nicht, Ma'am«, sagte Klein-Dorrit mit größter Offenheit. »Du weißt, daß er hierher kommt, um dich zu sehen?« »Ich vermute es«, sagte Klein-Dorrit. »Aber weshalb er hierher kommt, Ma'am, das kann ich mir nicht denken.« Mrs. Clennam schlug ihre Augen zu Boden und saß, das strenge, ruhige Gesicht so fest auf einen Gedanken in ihrem Innern gerichtet, daß es kaum noch auf die Gestalt gerichtet war, die aus ihren Blicken zu verschwinden schien. Sie blieb ganz in Gedanken versunken. Es vergingen einige Minuten, ehe sie aus diesem Grübeln erwachte und ihre strenge Fassung wiedergewann. Klein-Dorrit hatte indessen gewartet, um zu gehen, fürchtete jedoch, sie durch eine Bewegung zu stören; sie wagte jetzt den Ort zu verlassen, wo sie gestanden, seit sie sich erhoben, und leise um den Räderstuhl her zu gehen. Dann blieb sie neben ihr stehen, um »gute Nacht, Ma'am!« zu sagen. Mrs. Clennam streckte ihre Hand aus und legte sie auf ihren Arm. Klein-Dorrit, die diese Berührung verwirrt machte, stand zitternd da. Vielleicht trat eine flüchtige Erinnerung an die Geschichte von der Prinzessin vor ihre Seele. »Sage mir, Klein-Dorrit«, sagte Mrs. Clennam. »Hast du jetzt viele Freunde?« »Sehr wenige, Ma'am. Außer Ihnen nur Miß Flora und – noch einen.« »Meinst du diesen Mann?« sagte Mrs. Clennam, indem sie wieder mit dem ausgestreckten Finger nach der Tür zeigte. »O nein, Ma'am!« »Einen Freund von ihm vielleicht?« »Nein, Ma'am.« Klein-Dorrit schüttelte ernstlich den Kopf. »O nein! Keinen, der ihm entfernt ähnlich oder mit ihm befreundet wäre.« »Gut!« sagte Mrs. Clennam beinahe lächelnd. »Es geht mich nichts an. Ich frage, weil ich Interesse an dir nehme: und weil ich glaube, ich war deine Freundin, als du keine andre hattest, die dir helfen konnte. Ist das so?« »Ja, Ma'am: das ist wirklich so. Ich war oft hier. Wenn Sie und die Arbeit, die Sie mir gaben, nicht gewesen wären, hätten wir alles entbehren müssen.« »Wir«, wiederholte Mrs. Clennam, nach der Uhr sehend, die einst ihrem verstorbenen Mann gehört hatte und nun beständig auf ihrem Tische lag. »Seid ihr viel Personen zu Haus?« »Nur mein Vater und ich, jetzt. Ich meine, nur Vater und ich haben gewöhnlich von dem zu leben, was wir verdienen.« »Hast du viele Entbehrungen ertragen müssen, du und dein Vater, und wer sonst noch zu dir gehört?« fragte Mrs. Clennam in bedächtigem Ton, während sie nachdenklich die Uhr hin und her drehte. »Bisweilen war unser Leben ziemlich hart«, sagte Klein-Dorrit mit ihrer sanften Stimme und in ihrer ängstlichen Weise, die Klagen gern vermied: »aber ich halte es – in dieser Beziehung – nicht für härter, als es viele Leute finden.« »Das ist gut gesprochen!« versetzte Mrs. Clennam lebhaft. »Das ist die Wahrheit! Du bist ein gutes, gescheites Mädchen. Und du bist dabei ein dankbares Mädchen, wenn ich mich nicht in dir täusche.« »Das ist ja ganz natürlich. Es ist kein Verdienst dabei, das zu sein«, sagte Klein-Dorrit. »Ich bin es wirklich.« Mrs. Clennam zog mit einer sanften Güte, deren die träumerische Affery sie nie im Traume für fähig gehalten hätte, das Gesicht der kleinen Näherin zu sich herab und küßte sie auf die Stirn. »Nun gehe, Klein-Dorrit«, sagte sie, »es wird sonst für dich zu spät, armes Kind.« In all den Träumen, die Mistreß Affery aufgehäuft, seit sie sich dieser Beschäftigung widmete, hatte sie nichts Merkwürdigeres als dies geträumt. Ihr Kopf schmerzte sie bei dem Gedanken, daß sie das nächste Mal sehen würde, wie der andere Gescheite Klein-Dorrit küßte und dann die beiden Gescheiten sich umarmten und sich in Tränen des Mitgefühls für das ganze Menschengeschlecht auflösten. Der Gedanke machte sie ganz betäubt, als sie die leichten Schritte die Treppe hinabbegleitete, damit die Haustür sicher verschlossen würde. Als sie dieselbe öffnete, um Klein-Dorrit hinauszulassen, sah sie Mr. Pancks, statt seiner Wege gegangen zu sein, wie man wohl an jedem minder merkwürdigen Ort und unter weniger merkwürdigen Umständen hätte von ihm erwarten können, im Hof vor dem Hause unruhig auf und ab gehen. In dem Augenblick, als er Klein-Dorrit sah, kam er rasch an ihr vorüber, sagte, den Finger an seiner Nase (wie Mistreß Affery deutlich hörte): »Pancks der Zigeuner, beim Wahrsagen« und verschwand. »Der Herr schütze uns, hier ist ein Zigeuner und ein Wahrsager dabei!« rief Mistreß Affery. »Was weiter?« Sie stand an der offenen Tür, erschrocken über dieses Rätsel. Es war ein regnerischer Gewitterabend. Die Wolken trieben dichtgeballt über ihren Häuptern hin, der Wind wehte in heftigen Stößen, schüttelte die Läden in der Nachbarschaft, die losgegangen waren, drehte die rostigen Kaminkappen und Wetterhähne im Wirbel und stürmte durch einen kleinen benachbarten Kirchhof, als ob er im Sinne hätte, die toten Bürger aus ihren Gräbern zu wecken. Der dumpfe Donner, der aus allen vier Enden des Himmels grollte, schien Rache zu künden für diese versuchte Entweihung und zu murmeln: »Laß sie ruhen! Laß sie ruhen!« Mistreß Affery, deren Furcht vor Donner und Blitz nur die Bangigkeit vor dem unheimlichen Haus mit seiner frühzeitigen und außernatürlichen Dunkelheit gleichkam, stand unentschieden da, ob sie hineingehen sollte oder nicht, bis die Frage für sie dadurch entschieden wurde, daß die Tür durch einen heftigen Windstoß ihr vor der Nase zuschlug und sie ausgeschlossen war. »Was ist jetzt zu machen, was ist jetzt zu machen?« rief Mistreß Affery in diesem letzten ihr unheimlichen Traum. »Sie ist ja ganz allein drinnen und kann so wenig herauskommen, um zu öffnen, wie die Toten auf dem Kirchhofe!« In diesem Dilemma lief Mistreß Affery, die Schürze als Kapuze über dem Kopf, um den Regen abzuhalten, mehrmals jammernd in dem öden gepflasterten Hofe auf und nieder. Warum sie sich dann bückte und zum Schlüsselloch in der Tür hineinsah, als ob das Auge sie öffnen könnte, wäre schwer zu sagen gewesen. Aber trotzdem würden die meisten Leute in dieser Lage das gleiche getan haben, und das war es denn auch, was sie tat. Aus dieser Stellung fuhr sie plötzlich mit einem leichten Schrei auf, als sie etwas auf ihrer Schulter fühlte. Es war die Berührung einer Hand, einer Männerhand. Der Mann war wie ein Reisender gekleidet: er hatte eine mit Pelz verbrämte Mütze auf und trug einen weiten Mantel. Er sah wie ein Ausländer aus. Er hatte langes Haar und einen dicken Schnurrbart – onyxschwarz, mit Ausnahme der zottigen Spitzen, die etwas rötlich waren – und eine hohe Habichtsnase. Er lachte über Mistreß Afferys Schreck und Schrei; und als er lachte, bäumte sich sein Schnurrbart unter der Nase, und seine Nase kam über den Schnurrbart herab. »Was gibt es?« fragte er in reinem Englisch. »Wovor fürchten Sie sich?« »Vor Ihnen!« keuchte Affery. »Vor mir, Madame?« »Und dem schauerlichen Abend und – und vor allem«, sagte Affery, »und hier! Der Wind hat die Tür zugeschlagen, und ich kann nicht hineinkommen.« »Ha!« sagte der Fremde, der dies sehr kalt aufnahm. »Wahrhaftig! Kennen Sie einen Namen wie Clennam hier in der Nähe?« »Der Herr sei uns gnädig, ich sollte wohl denken, sollte wohl denken!« rief Affery, bei dieser Frage von neuem verzweiflungsvoll die Hände ringend. »Wo ist er, der so heißt?« »Wo?« rief Affery zu einem neuen Blick in das Schlüsselloch angespornt. »Wo anders, als in diesem Haus hier? Und sie ist ganz allein in ihrem Zimmer und kann ihre Glieder nicht gebrauchen, kann sich nicht bewegen, um sich selbst oder mir zu helfen, und der andre Gescheite ist ausgegangen; der Herr vergebe mir,« rief Affery, durch diese gehäuften Betrachtungen zu einem wahnwitzigen Herumhüpfen getrieben, »wenn ich nicht plötzlich wahnsinnig werde!« Ein wärmeres Interesse für die Sache gewinnend, da sie ihn selbst berührte, trat der Fremde zurück, um an dem Haus hinaufzusehen, und seine Blicke ruhten bald auf dem langen schmalen Fenster des kleinen Zimmers neben der Gangtür. »Wo mag die Dame sein, die den Gebrauch ihrer Glieder verloren, Madame?« fragte er mit jenem eigentümlichen Lächeln, das die Blicke von Mistreß Affery unwillkürlich fesselte. »Dort oben!« sagte Affery. »Die beiden Fenster.« »Ha! Ich bin von einer hübschen Größe, aber ich könnte doch nicht die Ehre haben, mich in jenem Zimmer vorzustellen, ohne eine Leiter. Nun, Madame, offen gesagt – Offenheit ist ein Zug meines Charakters – soll ich die Tür für Sie öffnen?« »Ja, allerdings, mein lieber Herr, und tun Sie es nur gleich«, rief Affery, »denn sie ruft mich vielleicht schon in diesem Augenblick oder setzt sich ans Feuer und verbrennt sich zu Tode. Man weiß nicht, was ihr alles geschehen kann, ich komme von Sinnen, wenn ich nur daran denke.« »Warten Sie, meine gute Madame.« Er dämpfte ihre Ungeduld mit einer sanften weißen Hand. »Geschäftsstunden, fürchte ich, sind für heute vorüber?« »Ja, ja, ja!« rief Affery. »Schon lange.« »Lassen Sie mich Ihnen denn einen billigen Vorschlag machen. Billigkeit ist ein Zug meines Charakters. Ich bin soeben mit dem Dampfboot gelandet, wie Sie vielleicht sehen.« Er zeigte ihr, daß sein Mantel sehr naß und seine Stiefel mit Wasser getränkt waren; sie hatte vorher schon bemerkt, daß er zerzaust und blaß, wie von einer beschwerlichen Reise, und so erkältet war, daß ihm unwillkürlich die Zähne klapperten. »Ich bin soeben mit dem Dampfboot gelandet, Madame, und von dem Wetter zurückgehalten worden; das verdammte Wetter! Infolgedessen, Madame, ist ein notwendiges Geschäft, das ich hier sonst in den gewöhnlichen Stunden erledigt hätte (ein notwendiges Geschäft, weil Geldgeschäft), noch abzumachen. Wenn Sie nun eine bevollmächtigte Person, die hier in der Nähe ist, für mein Öffnen der Tür herbeischaffen wollten, um das Geschäft abmachen zu können, so werde ich die Tür öffnen. Wenn Sie jedoch Einwendungen dagegen zu machen haben, so werde ich –« und mit demselben Lächeln machte er eine bezeichnende Bewegung des Weggehens. Mistreß Affery, herzlich froh über den versprochenen Vertrag, gab bereitwillig ihre Zustimmung. Der Fremde bat sie sofort, ihm die Gefälligkeit zu erweisen, seinen Mantel zu halten, eilte nach dem schmalen Fenster, sprang auf die Fensterbank, kletterte an den Ziegelsteinen hinauf, hatte in einem Augenblick seine Hand an dem Schiebfenster und hob es in die Höhe. Seine Augen hatten einen so unheimlichen Ausdruck, als er seinen Fuß in das Zimmer streckte und sich nach Mistreß Affery umsah, daß es ihr kalt den Rücken hinauflief, und sie dachte, wenn er jetzt geradeswegs zu der Kranken hinaufginge, um sie zu morden, was könnte sie tun, um ihn daran zu hindern? Glücklicherweise hatte er keine solche Absicht; denn er erschien einen Augenblick später wieder an der Haustür. »Jetzt, meine liebe Madame«, sagte er, als er seinen Mantel wieder nahm und ihn anzog, »wenn Sie die Güte haben wollen – was zum Teufel ist das?« Das seltsamste Geräusch. Offenbar dicht bei ihnen; nach dem eigentümlichen Stoß, den er der Luft mitteilte und der doch gedämpft war, als käme er aus der Ferne. Ein Zittern, ein Rumpeln und ein Fallen von einer leichten, harten Sache. »Was zum Teufel ist das?« »Ich weiß nicht, was es ist, aber ich habe Ähnliches schon dann und wann gehört«, sagte Affery, die ihn am Arm ergriffen hatte. Er könne kaum ein sehr mutiger Mann sein, dachte sie in ihrem traumhaften Schreck: denn seine zitternden Lippen hatten sich ganz entfärbt. Nachdem er einige Augenblicke gelauscht, gab er sich das Ansehen, als ob er sich nichts daraus machte. »Ach was! Nichts! Nun, meine liebe Madame, ich glaube, Sie sprachen von einer gescheiten Person, Wollen Sie so gut sein und mich mit jenem Genie zusammenbringen?« Er hielt die Tür in seiner Hand, als wollte er sie wieder abschließen, für den Fall, daß sie ihr Versprechen nicht erfülle. »Werden Sie nichts von der Tür und mir sagen?« flüsterte Affery. »Kein Wort.« »Und werden Sie sich auch nicht vom Platz rühren oder sprechen, wenn sie ruft, während ich um die Ecke gehe?« »Madame, ich bin eine Statue.« Affery hatte eine so lebhafte Furcht, er möchte verstohlenerweise die Treppe hinaufgehen, wenn sie ihm den Rücken kehrte, daß sie, sobald sie ihm aus dem Gesicht war, nach dem Torweg zurückkehrte, um ihn zu beobachten. Als sie ihn jedoch auf der Schwelle stehen sah, mehr außer als in dem Hause, als ob er keine besondere Vorliebe für die Dunkelheit hätte und keinen Wunsch fühlte, ihre Geheimnisse zu ergründen, eilte sie in die nächste Straße und schickte jemanden in das Gasthaus zu Mr. Flintwinch, der sogleich herauskam. Als die beiden miteinander zurückkehrten – die Dame voraus und Mr. Flintwinch ihr auf den Fersen hinterdrein, von der Hoffnung angespornt, sie noch durchschütteln zu können, ehe sie das Haus erreichte –, sahen sie den Herrn noch an demselben Platze in der Dunkelheit stehen und hörten die strenge Stimme von Mrs. Clennam aus ihrem Zimmer herabrufen: »Wer ist da? Was gibt es? Warum antwortet niemand? Wer ist unten?« Dreißigstes Kapitel. Das Wort eines Gentleman. Als Mr. und Mrs. Flintwinch nach dem Tor des alten Hauses im Zwielicht herankeuchten und Jeremiah kaum noch eine Sekunde von Affery entfernt war, fuhr der Fremde zurück. »Tod und Teufel!« rief er. »Wie kommen Sie hierher?« Mr. Flintwinch, an den diese Worte gerichtet waren, zeigte sich nicht minder erstaunt über die Anwesenheit des Fremden. Er sah ihn höchst verwundert an, blickte sich dann um, als erwartete er jemanden zu sehen, den er bislang noch nicht hinter sich gewahrt, sah darauf wieder den Fremden an, in sprachloser Erwartung dessen, was er wollte. Er forderte von seiner Frau durch einen Blick eine Erklärung; und als diese nicht erfolgte, packte er sie und schüttelte sie so heftig, daß ihre Haube herunterfiel, während er mit grimmem Spott zwischen den Zähnen murmelte: »Affery, Frau, du mußt eine Dosis haben, Frau! Das ist einer von deinen Streichen! Du hast wieder geträumt, Weib. Was gibt es? Wer ist das? Was will er? Sprich, oder ich erwürge dich! Es ist die einzige Wahl, die ich dir lasse.« Vorausgesetzt, daß Mistreß Affery in diesem Augenblick überhaupt die Kraft hatte zu wählen, so war ihre Wahl entschieden für das Erwürgen; denn sie antwortete nicht eine Silbe auf diese Beschwörung, sondern ergab sich, während ihr Kopf heftig vor- und rückwärts wackelte, in ihre Strafe. Der Fremde jedoch, der mit einer gewissen Galanterie ihre Haube aufhob, legte sich ins Mittel. »Erlauben Sie«, sagte er, indem er die Hand auf Jeremiahs Schulter legte, der nun innehielt und sein Opfer losließ. »Danke. Entschuldigen Sie. Mann und Frau, wie ich aus diesem Scherz sehe. Haha! Immer angenehm, dieses Verhältnis auf so heitere Weise unterhalten zu sehen. Hören Sie! Darf ich Ihnen mitteilen, daß jemand oben im Dunkeln lebhaft zu wissen wünscht, was hier unten vorgeht?« Dieser Hinweis auf Mrs. Clennams Stimme veranlaßte Mr. Flintwinch, in den Flur zu treten und die Treppe hinaufzurufen: »Es ist schon gut, ich bin hier, Affery kommt mit Ihrem Licht.« Dann sagte er zu dieser, die ganz zerzaust war und ihre Haube wieder aufsetzte: »Fort mit dir und die Treppe hinauf!« Endlich wandte er sich an den Fremden und sagte zu ihm: »Nun, mein Herr, was wünschen Sie?« »Ich fürchte«, erwiderte der Fremde, »Sie wegen eines Lichtes bemühen zu müssen.« »Ganz recht«, stimmte Jeremiah bei, »ich war im Begriff, eines zu holen. Bitte, bleiben Sie hier stehen, wo Sie sind, während ich eines herbeischaffe.« Der Fremde stand in dem Torweg, trat jedoch etwas in die Dunkelheit des Hauses, als Mr. Flintwinch wegging, und verfolgte ihn mit seinen Blicken in dem kleinen Zimmer, wo er nach einer Zündhölzerbüchse suchte. Als er sie fand, war sie feucht oder sonst nicht in Ordnung, und Hölzchen um Hölzchen, das er strich, zündete so weit, um eine matte Helle über sein suchendes Gesicht zu verbreiten und seine Hände mit kleinen blassen Feuerflecken zu bespritzen, aber nicht genug, um das Licht anzuzünden. Der Fremde, der sich diese zufällige Beleuchtung seines Gesichtes zunutze machte, sah ihn aufmerksam und neugierig an. Als es Jeremiah endlich gelang, das Licht anzuzünden, hatte er das Gefühl, daß der letzte Schatten lauernder Beobachtung eben von jenem Antlitz verschwunden, da sich das zweifelhafte Lächeln, das ein wesentliches Moment seines Ausdrucks war, darauf zeigte. »Haben Sie die Güte«, sagte Jeremiah, indem er die Tür schloß und nun seinerseits den lächelnden Fremden mit einem scharfen Blick ansah, »haben Sie die Güte, in mein Kontor einzutreten. Es ist alles in Ordnung, sage ich Ihnen ja!« antwortete er trotzig der Stimme oben, die noch immer nicht beruhigt war, obgleich Affery sich bei ihr befand und sie zu beruhigen suchte. »Ich sage Ihnen ja, es ist alles in Ordnung. Gott, die Frau, hat sie denn gar keine Vernunft!« »Furchtsam?« bemerkte der Fremde. »Furchtsam?« sagte Mr. Flintwinch, indem er den Kopf umdrehte, wie um den Vorwurf zurückzuweisen, während er mit dem Licht voranging. »Mutiger als neunzig von hundert Männern, Sir, will ich Ihnen sagen.« »Obgleich eine kränkliche Frau?« »Ja, seit vielen Jahren eine kränkliche Frau, Mrs. Clennam. Die einzige Person des Namens in diesem Hause jetzt. Meine Geschäftsteilhaberin.« Indem er, während sie durch den Flur gingen, einige entschuldigende Worte sagte, daß sie um diese Zeit der Nacht gewöhnlich niemanden empfingen und immer eingeschlossen seien, führte Mr. Flintwinch den Fremden nach seinem Bureau, das ein ziemlich geschäftsmäßiges Aussehen hatte. Hier stellte er das Licht auf seinen Arbeitstisch und sagte mit seinem verdrehtesten Kopf: »Ihr Wunsch?« »Mein Name ist Blandois.« »Blandois. Kenne ich nicht«, sagte Jeremiah. »Ich dachte«, fuhr der andere fort, »Sie hätten vielleicht von Paris einen Avis erhalten –« »Wir haben keinen Avis von Paris wegen eines Blandois erhalten«, sagte Jeremiah. »Nicht?« »Nein.« Jeremiah stand in seiner Lieblingsstellung. Der lächelnde Mr. Blandois, der seinen Mantel geöffnet, um seine Hand in die Brusttasche zu stecken, hielt einen Augenblick inne und sagte dann, während seine glänzenden Augen, die Mr. Flintwinch etwas zu nahe beieinander zu stehen schienen, einen lächelnden Ausdruck annahmen: »Sie sehen einem meiner Freunde sehr ähnlich. Nicht so ganz und gar gleich, wie ich glaubte, als ich Sie in der Dunkelheit im ersten Augenblick für diesen hielt – ich sollte mich eigentlich deshalb entschuldigen; erlauben Sie mir, daß ich dies hiermit tue; Bereitwilligkeit, meine Fehler einzugestehen, ist, glaube ich, ein Teil der Offenheit meines Charakters –, und doch wirklich ungewöhnlich ähnlich.« »Wirklich?« sagte Jeremiah verlegen. »Aber ich habe keinen Avisbrief von irgendwoher wegen irgendeines mit Namen Blandois erhalten.« »Wirklich nicht?« fragte der Fremde. »Wirklich nicht!« antwortete Jeremiah. Mr. Blandois, den diese Versäumnis seitens des Korrespondenten des Hauses Clennam und Co. nicht im geringsten aus der Fassung brachte, nahm sein Notizbuch aus der Brusttasche, suchte einen Brief darinnen und händigte ihn Mr. Flintwinch ein. »Ohne Zweifel sind Sie mit dieser Handschrift wohlbekannt. Vielleicht spricht der Brief für sich selbst, und es braucht keines Avis. Sie sind ein weit kompetenterer Richter in solchen Dingen als ich. Es ist mein Unglück, nicht so sehr ein Geschäftsmann zu sein, als was die Welt (willkürlich) einen Gentleman nennt.« Mr. Flintwinch nahm den Brief und las unter dem Datum von Paris: »Wir haben die Ehre, Ihnen, auf Empfehlung eines sehr geschätzten Korrespondenten unserer Firma, Mr. Blandois von hier zu präsentieren usw. usw. Jede Hilfe, die er wünschen mag, und alle Aufmerksamkeit, die in Ihrer Macht liegt usw. usw. Auch haben wir hinzuzufügen, daß, wenn Sie Mr. Blandois' Tratte nach Sicht bis zum Betrag von sage fünfzig Pfund Sterling (£. 50) honorieren wollen« usw. usw. »Sehr gut«, sagte Mr. Flintwinch, »nehmen Sie einen Stuhl. In allem, was unser Haus tun kann – wir haben ein stilles, altmodisches, einförmiges Geschäft, Sir –, werden wir uns glücklich fühlen, Ihnen unsere beste Unterstützung angedeihen zu lassen. Ich bemerke aus dem Datum dieses Schreibens, daß wir noch nicht avisiert sein konnten. Vermutlich kamen Sie mit der verspäteten Post an, die uns den Avis bringen sollte.« »Daß ich mit der verspäteten Post ankam, Sir«, versetzte Mr. Blandois, indem er mit seiner weißen Hand über die scharfgebogene Nase strich, »weiß ich leider auf Kosten meines Kopfes und Magens. Das abscheuliche und unerträgliche Wetter hat sie beide tüchtig gemartert. Sie sehen mich in dem Anzug, in dem ich aus dem Dampfboot vor einer halben Stunde stieg. Ich hätte schon vor mehreren Stunden hier sein sollen, dann brauchte ich mich auch nicht zu entschuldigen – erlauben Sie, daß ich mich entschuldige –, weil ich mich zu so unpassender Zeit einfinde und die geschätzte Dame, Mrs. Clennam, in ihrem Krankenzimmer oben in Schrecken versetzte – nein, Sie sagten ja, daß ich sie nicht in Schrecken versetzen könne; erlauben Sie, daß ich mich entschuldige.« Schwadronieren und die Miene berechtigter Herablassung taten so viel, daß Mr. Flintwinch bereits anfing, ihn für eine sehr vornehme Person zu halten. Trotzdem gab er seine Starrköpfigkeit nicht auf, kratzte an seinem Kinn und sagte: was er heute abend, nachdem die Geschäftsstunde vorüber, noch für Mr. Blandois zu tun die Ehre haben könnte? »Aber ich bitte Sie«, versetzte der Gentleman, mit den vom Mantel bedeckten Achseln zuckend. »Ich muß meine Kleider wechseln, und essen und trinken und irgendwo mich einquartieren. Haben Sie die Freundlichkeit, da ich hier gänzlich fremd bin, mich irgendwohin zu weisen – es ist vollständig gleichgültig, was es kostet –, wo ich bis morgen wohnen kann. Je näher, je besser. Im nächsten Hause, wenn es möglich ist.« Mr. Flintwinch begann langsam: »Für einen Gentleman von Ihren Gewohnheiten ist in der nächsten Umgebung kein Hotel«, als Mr. Blandois ihm ins Wort fiel: »Was Gewohnheiten! mein lieber Sir«, sagte er mit den Fingern schnalzend. »Ein Weltbürger hat keine Gewohnheiten. Daß ich auf meine arme Weise ein Gentleman bin, beim Himmel, das will ich nicht leugnen, aber ich habe keine unverträglichen vorurteilsvollen Gewohnheiten. Ein reinliches Zimmer, warmes Essen und eine Flasche nicht ganz und gar vergifteten Weins ist alles, was ich für heute brauche. Aber das brauche ich sehr, nur möcht' ich nicht unnötig weiter gehen als bis dahin, wo ich es bekomme.« »Da ist«, sagte Mr. Flintwinch mit mehr als gewöhnlicher Bedächtigkeit, als er Mr. Blandois' blitzenden Augen, die ruhelos umherwanderten, für einen Moment begegnete, »da ist ein Kaffeehaus und Gasthaus ganz in der Nähe, das ich ziemlich empfehlen kann, aber es hat keine rechte Art.« »Ich schenke ihm die rechte Art!« sagte Mr. Blandois mit der Hand abwehrend. »Erweisen Sie mir die Ehre, mir das Haus zu zeigen und mich dort einzuführen (wenn ich Ihnen nicht zuviel Mühe mache), ich werde Ihnen unendlich verbunden sein.« Mr. Flintwinch sah bei diesen Worten nach seinem Hut und leuchtete Mr. Blandois wieder durch die Flur. Als er das Licht auf eine Leiste stellte, wo die alte dunkle Pannelierung als Auslöscher dienen konnte, überlegte er es sich, daß er hinaufgehen und der kranken Frau sagen wolle, er werde kaum fünf Minuten abwesend sein. »Haben Sie die Güte«, sagte der Fremde, als Jeremiah ihm seine Absicht kundgab, »ihr meine Visitenkarte zu überreichen. Seien Sie ferner so freundlich hinzuzufügen, daß ich glücklich sein würde, wenn ich Mrs. Clennam meine Aufwartung machen könnte, und entschuldigen Sie mich, daß ich eine Störung in dieser stillen Klause hervorgerufen habe. Bitte, fragen Sie sie, ob es ihr bequem wäre, für einige Augenblicke einen Fremden zu empfangen, sobald er seine nassen Kleider gewechselt und sich mit etwas Speise und Trank gestärkt hat.« Jeremiah beeilte sich und sagte bei seiner Rückkehr: »Sie wird sich freuen, Sie zu empfangen, Sir; da sie jedoch wohl weiß, daß ihr Krankenzimmer nichts Anziehendes hat, so bittet sie mich, Ihnen zu sagen, daß sie Sie Ihres Anerbietens entbinde, falls Sie sich eines andern besinnen sollten.« »Sich eines andern besinnen«, versetzte der höfliche Blandois, »hieße eine Dame geringachten; eine Dame geringachten, wäre ein Mangel an Ritterlichkeit gegen das andere Geschlecht; und Ritterlichkeit gegen dieses Geschlecht ist ein Zug meines Charakters!« So sprechend zog er den schmutzigen Zipfel seines Mantels über die Schulter und begleitete Mr. Flintwinch nach dem Wirtshaus, indem er unterwegs einen Träger mitnahm, der außen an dem Torweg mit seinem Koffer wartete. Das Haus war sehr schlicht eingerichtet und die Herablassung von Mr. Blandois deshalb unendlich groß. Sie schien bis zur Unfüglichkeit den kleinen Schenktisch auszufüllen, hinter dem die verwitwete Wirtin und ihre zwei Töchter ihn empfingen. Sie war viel zu aufgeblasen für das enge getäfelte Zimmer mit einem kleinen Tisch, das anfangs für seine Aufnahme vorgeschlagen wurde. Sie überschwemmte endlich vollständig das kleine festtägliche Privatzimmer der Familie, das ihm zuletzt eingeräumt wurde. Hier, in trockenen Kleidern und parfümiertem Linnen, mit geglättetem Haar, einem großen Ring an jedem Zeigefinger und einer massiven Uhrkette, sah Mr. Blandois, als er so nachlässig die Knie hinaufgezogen in einem Fenstersitz lungerte (trotz des Unterschieds in bezug auf die Juwelen), einem gewissen Rigaud schrecklich und wunderbar ähnlich, der einst so auf sein Frühstück wartend in der Fensternische der eisernen Vergitterung einer Zelle in einem schlechten Gefängnis zu Marseille gelegen hatte. Seine Gier beim Essen selbst war gerade so groß, wie die Gier des Monsieur Rigaud bei jenem Frühstück. Seine geizige Manier, alles Eßbare um sich her zu sammeln und den einen Bissen mit den Augen zu verschlingen, während er den andern Bissen mit den Kinnbacken verarbeitete, war ganz ebenso. Seine stolze Verachtung anderer Leute, die sich in der Art aussprach, wie er den kleinen weiblichen Hausrat hin- und herwarf, Lieblingskissen, um bequemer auszuruhen, unter seine Füße schleuderte und zarte Decken mit seinem schwerfälligen Körper und seinem großen schwarzen Kopf zerdrückte, entsprang aus derselben rohen Selbstsucht. Die weichen Bewegungen der Hände, die so geschäftig unter den Speisen hin und her gingen, hatten noch ihre alte Leichtigkeit und Gewandtheit, mit der sie sich an dem Gitter ehedem festgehalten. Und als er nichts mehr essen konnte und seine zarten Finger einen nach dem andern ableckte und sie an einem Tuche abwischte, fehlte nichts, als daß man sich Weinlaub statt des Tuches denkt, um das Bild zu vollenden. Diesem Mann mit seinem sich bäumenden Schnurrbart und seiner sich herabsenkenden Nase, welche Gebärde sich stets bei dem unheimlichsten Lächeln zeigte, und mit den vorstehenden Augen, die aussahen, als ob sie zu seinen gefärbten Haaren gehörten und als ob ihre natürliche Kraft, das Licht zu spiegeln, durch einen ähnlichen Prozeß gebrochen wäre, hatte die ewig wahre und nie vergeblich wirkende Natur die Warnung für andere Mitmenschen aufgeprägt: »Hüte dich!« Es war nicht ihre Schuld, wenn die Warnung wirkungslos blieb. Die Natur ist in keinem derartigen Fall zu tadeln. Als Mr. Blandois sein Mahl beendet und seine Finger gereinigt hatte, nahm er eine Zigarre aus seiner Tasche und rauchte sie, sich wieder an das Fenster setzend, mit Muße zu Ende, indem er den Rauch, der von seinen dünnen Lippen in dünnen Wölkchen wegdampfte, dann und wann anredete: »Blandois, du wirst der Gesellschaft den Tisch drehen, mein kleiner Junge. Haha! Heiliges Blau, du hast gut angefangen, Blandois! Im Fall der Not ein ausgezeichneter Meister im Englischen und Französischen; ein Mann für den Schoß der Familie. Du hast eine rasche Auffassungsgabe, du hast Humor, du hast Gewandtheit, du hast einschmeichelnde Manieren, du hast ein günstiges Äußere; kurz, du bist ein Gentleman! Als Gentleman sollst du leben, mein kleiner Junge, als Gentleman sollst du sterben. Du wirst gewinnen, wie das Spiel auch fällt. Sie werden alle dein Verdienst anerkennen, Blandois. Du wirst die Gesellschaft, die dir schmählich Unrecht getan hat, deinem Stolz beugen. Tod und Teufel, du bist von Natur und Rechts wegen stolz, mein Blandois!« Zu solch schmeichelhaftem Gemurmel rauchte dieser Gentleman seine Zigarre zu Ende und trank seine Flasche Wein aus. Als beides geschehen, warf er sich in eine sitzende Lage, und mit der schließlichen ernsten Anrede: »Mut denn! Blandois, du gescheiter Junge, nimm all deine fünf Sinne zusammen!« stand er auf und ging nach dem Hause von Clennam und Co. zurück. Er wurde an der Tür von Mistreß Affery empfangen, die nach den Instruktionen ihres Herrn zwei Lichter im Gang und ein drittes auf der Treppe angezündet hatte und ihn nach dem Zimmer von Mrs. Clennam führte. Dort stand der Tee bereit, und es waren jene kleinen Arrangements getroffen, wie sie beim Empfang von erwarteten Besuchen im Hause üblich sind. Sie waren selbst bei der wichtigsten Veranlassung unbedeutend und gingen nie über die Aufstellung des chinesischen Teeservices und das Ueberziehen des Bettes mit einer nüchternen und traurigen Draperie hinaus. Sonst war nichts im Zimmer als das bahrenartige Sofa, mit dem Block darauf, und die Gestalt in dem Witwenkleid, wie zur Hinrichtung angezogen. Das Feuer war umgeben von einem Damm angefeuchteter Asche, das Gitter mit seinem zweiten kleinen Aschendamm; der Kessel und der Geruch waren von schwarzer Farbe; alles, wie es vor fünfzehn Jahren gewesen. Mr. Flintwinch stellte den an Clennam und Co. empfohlenen Gentleman vor. Mrs. Clennam, die den Brief vor sich liegen hatte, verbeugte sich und bat ihn sich zu setzen. Sie sahen einander fest an. Es war nur natürliche Neugier. »Ich danke Ihnen, Sir, daß Sie an eine schwache Frau wie mich denken. Wenige Menschen, die in Geschäftssachen hierherkommen, denken daran, sich um ein so sehr aus dem Gesichtskreis gerücktes Wesen zu kümmern. Es wäre vergeblich, etwas anderes zu erwarten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn ich dankbar für die Ausnahme bin, beklage ich mich nicht über die Regel.« Mr. Blandois drückte in seiner höflichsten Weise die Befürchtung aus, er möchte sie gestört haben, indem er sich unglücklicherweise zu so ungünstiger Zeit bei ihr einfinde. Er habe sich bereits bei Mr. – er bat um Entschuldigung – aber er habe nicht die Ehre, den Namen – »Mr. Flintwinch ist seit vielen Jahren mit dem Hause als Kompagnon verbunden.« Mr. Blandois war Mr. Flintwinchs gehorsamer Diener. Er bat Mr. Flintwinch, die Versicherung der tiefsten Achtung zu empfangen. »Seit mein Mann tot ist«, sagte Mrs. Clennam, »und mein Sohn eine andre Geschäftsbranche vorzog, hat unser altes Haus keinen andern Repräsentanten als Mr. Flintwinch.« »Wie nennen Sie sich dann selbst?« lautete die grämliche Frage dieses Mannes. »Sie haben den Geist von zwei Männern.« »Mein Geschlecht macht mich unfähig«, fuhr sie fort, indem sie die Augen nur leicht nach Jeremiah umwandte, »einen verantwortlichen Teil des Geschäfts zu übernehmen, wenn ich auch die Fähigkeit dazu hätte. Einige unsrer alten Freunde jedoch (vorzüglich die Schreiber dieses Briefes) haben die Freundlichkeit, unserer nicht zu vergessen, und wir erhalten uns die Fähigkeit, was sie uns auftragen, so tatkräftig zu tun, wie wir es immer getan haben. Das kann Sie jedoch nicht interessieren. Sie sind Engländer, Sir?« »Offen gesagt, Madame, nein; ich bin in England weder geboren noch erzogen. Ich gehöre wirklich keinem Lande an«, sagte Mr. Blandois, sein Bein ausstreckend und darauf schlagend, »ich stamme von einem halben Dutzend Ländern ab.« »Sie sind viel in der Welt herumgekommen?« »Es ist wahr. Beim Himmel, Madame, ich war hier und dort und überall!« »Sie haben wahrscheinlich keine Familienbande? Sind nicht verheiratet?« »Madame«, sagte Blandois, mit einem häßlichen Senken seiner Augbrauen, »ich bete Ihr Geschlecht an, aber ich bin nicht verheiratet – ich war es nie.« Mistreß Affery, die neben ihm am Tisch stand, sah, indem sie den Tee eingoß, zufällig in ihrem traumhaften Zustand den Fremden an, als er diese Worte sprach, und glaubte einen Ausdruck in seinen Augen zu bemerken, der ihre Augen so gewaltig fesselte, daß sie sich nicht losreißen konnte. Die Wirkung dieser Einbildung war, daß sie ihn, mit der Teekanne in der Hand, nicht bloß zu ihrem eigenen Mißbehagen, sondern offenbar auch zu dem seinigen, und durch sie beide zu dem von Mrs. Clennam und Mr. Flintwinch unverwandt anstarrte. Auf diese Weise traten einige geisterhafte Augenblicke ein, während deren sie sich alle verwirrt, und nicht wissend warum, ansahen. »Affery«, sagte ihre Herrin, zuerst die Pause unterbrechend, »was ist mit dir?« »Ich weiß nicht«, sagte Mistreß Affery, indem sie ihre unbeschäftigte linke Hand nach dem Fremden ausstreckte. »Ich bin es nicht. Er ist es!« »Was meint diese gute Frau?« rief Mr. Blandois blaß und heiß werdend, indem mit einem Blicke so tödlichen Zornes aufstand, daß dieser seltsam mit dem schwachen Ausdruck seiner Worte kontrastierte. »Wie ist es möglich, dieses gute Geschöpf zu verstehen?« »Es ist nicht möglich«, sagte Mr. Flintwinch, indem er sich rasch nach ihr umdrehte. »Sie weiß nicht, was sie will. Sie ist eine blödsinnige Frau, eine Schwärmerin in ihrem Sinne. Sie soll eine Dosis Arznei haben, sie soll eine tüchtige Dosis haben. Mache, daß du fortkommst, Frau«, fügte er, leise ihr ins Ohr flüsternd, hinzu, »mache, daß du fortkommst, solange du noch weißt, daß du Affery bist, und ich dich noch nicht zu Schaum geschüttelt.« Mistreß Affery, besorgt für die Gefahr, in der ihre Identität stand, ließ die Teekanne los, als ihr Gatte sie ergriff, nahm die Schürze über den Kopf und war in einem Nu verschwunden. Der Fremde brach nach und nach in ein Lachen aus und setzte sich wieder nieder. »Sie werden sie entschuldigen, Mr. Blandois«, sagte Jeremiah, indem er den Tee selbst eingoß; »sie ist geistesschwach und zerstreut; daran fehlt's. Nehmen Sie Zucker, Sir?« »Danke; keinen Tee für mich. – Verzeihen Sie meine Bemerkung, aber das ist eine sehr merkwürdige Uhr.« Der Teetisch war in die Nähe des Sofas gestellt, mit einem geringen Zwischenraum zwischen diesem und Mrs. Clennams eigenem besonderen Tisch. Mr. Blandois war in seiner Galanterie aufgestanden, um der Dame den Tee zu reichen (ihre gerösteten Brotschnitten standen bereits vor ihr), und während er so die Tasse in passende Entfernung von ihr stellte, zog die Uhr, die wie immer vor ihr lag, seine Aufmerksamkeit auf sich. Mrs. Clennam sah plötzlich zu ihm auf. »Ist es erlaubt? Danke. Eine schöne altertümliche Uhr«, sagte er und nahm sie in seine Hand. »Schwer für den Gebrauch, aber massiv und echt. Ich habe eine besondere Liebhaberei für alles Echte. Ich bin selbst, so wie ich bin, durchaus echt. Ha! Eines Gentleman Uhr mit zwei Gehäusen nach der alten Fasson. Darf ich sie aus dem äußeren Gehäuse nehmen? Danke. Ah! ein altes seidenes Uhrfleckchen mit Perlen gestickt? Ich habe dergleichen oft bei alten Holländern und Belgiern gesehen. Niedliche Dinge!« »Sie sind auch sehr altmodisch«, sagte Mrs. Clennam. »Sehr. Aber das ist, wie mir scheint, nicht so alt wie die Uhr.« »Ich glaube nicht.« »Eigentümlich, wie sich diese Chiffern ineinander zu verschlingen pflegten«, gemerkte Blandois und sah mit seinem bekannten Lächeln auf. »Wie, heißt das nicht D.N.F.? Es könnte beinahe alles sein.« »Das sind die Buchstaben.« Mr. Flintwinch, der die ganze Zeit beobachtend, mit einer Tasse Tee in der Hand und den Mund geöffnet, um den Inhalt zu verschlingen, dasaß, begann endlich zu trinken: er war gewöhnt, immer seinen Mund ganz zu füllen, ehe er ihn auf einen Schluck leerte, und immer zuvor mit sich zu Rate zu gehen, ehe er ihn wieder füllte. »D.N.F. war ohne Zweifel ein zartes, liebenswürdiges, bezauberndes, hübsches Geschöpf«, bemerkte Blandois, indem er das Gehäuse wieder aufnahm. »Ich bete sie schon an, wenn ich nur daran denke. Unglücklicherweise bete ich, für den Frieden meiner Seele, nur zu leicht an. Es mag ein Fehler, es mag eine Tugend sein, aber Anbetung weiblicher Schönheit und Vorzüge bilden drei Teile meines Charakters, Madame.« Mr. Flintwinch hatte sich indessen eine weitere Tasse Tee eingeschenkt, die er in Schlucken wie zuvor verschlang, während seine Blicke auf die kranke Frau gerichtet waren. »Ihr Herz kann hier ruhig sein, Sir«, versetzte sie, an Blandois gewandt. »Diese Buchstaben bilden, glaube ich, nicht die Initialen eines Namens.« »Vielleicht eines Motto«, sagte Blandois einwerfend. »Einer Sentenz. Sie standen, glaube ich, immer für ›Do Not Forget‹ (vergiß nicht)!« »Aber natürlich«, sagte Mr. Blandois, indem er die Uhr wieder an ihren Ort legte und zu seinem Stuhle zurückging, »Sie vergessen auch nicht.« Mr. Flintwinch, der jetzt vollends austrank, nahm nicht nur einen längeren Schluck als bisher, sondern machte die darauffolgende Pause auch unter neuen Umständen: das heißt, er hatte seinen Kopf zurückgeworfen und seine Tasse an den Lippen, während seine Augen noch immer auf der Kranken ruhten. Sie besaß jene Gewalt über ihr Gesicht und jene konzentrierte Kraft, ihre Festigkeit oder richtiger Halsstarrigkeit im Ausdruck zusammenzuhalten. In ihrem Fall ersetzte sie, was andre durch Gebärde und Geste ausgedrückt hätten, als sie in ihrer bedächtigen und entschiedenen Weise antwortete: »Nein, Sir, ich vergesse nicht. Ein so monotones Leben wie das, das ich seit vielen Jahren führe, ist nicht der Weg zum Vergessen. Ein Leben der Selbstpeinigung ist nicht der Weg zum Vergessen. Zu fühlen, daß man (wie wir alle, jedes von uns, alle Kinder Adams!) Verfehlungen wieder gutzumachen und Frieden anzubahnen habe, rechtfertigt den Wunsch zu vergessen nicht. Deshalb habe ich längst darauf verzichtet und vergesse weder, noch wünsche ich zu vergessen.« Mr. Flintwinch, der zuletzt den Satz am Boden seiner Teetasse umhergeschüttelt, schluckte ihn jetzt und richtete, indem er die Tasse, mit der er fertig war, auf das Teebrett stellte, die Blicke auf Mr. Blandois, als wollte er ihn fragen, was er davon denke? »All das, Madame«, sagte Mr. Blandois mit seiner weichsten Verbeugung und die weiße Hand auf die Brust legend, »all das war durch das Wort ›Natürlich‹ ausgedrückt, das ich vorhin anzuwenden Scharfsinn und Takt (ohne Takt wäre ich nicht Blandois) genug besessen zu haben stolz bin.« »Verzeihen Sie, Sir«, versetzte sie, »wenn ich die Wahrscheinlichkeit bezweifle, daß ein Mann des Vergnügens, des Glücks und der Galanterie, ein Mann, der zu schmeicheln und sich schmeicheln zu lassen gewöhnt ist –« »O Madame! Wahrhaftig!« »– wenn ich zweifle, daß ein solcher Charakter imstande sei, zu begreifen, was mir in meinen Umständen zukommt. Nicht als wollt' ich Ihnen eine Lehre aufdrängen«, sie sah nach dem großen Stoß schwerer verblichener Bücher vor sich, »(denn Sie gehen Ihren eigenen Weg, und die Folgen kommen über Ihr Haupt), ich sage nur so viel: ich steure meinen Weg mit Hilfe von Piloten, geprüften und erfahrenen Piloten, mit denen ich nicht Schiffbruch leiden kann – nicht Schiffbruch leiden kann –, und wenn ich der Mahnungen uneingedenk wäre, die mir diese drei Buchstaben bringen, würde ich nicht halb so sehr gestraft sein, wie ich es jetzt bin.« Es war eigentümlich, wie sie die Gelegenheit ergriff, mit einem unsichtbaren Gegner zu disputieren. Vielleicht mit ihrem eigenen bessern Gefühl, das sich immer gegen sie und ihren Selbstbetrug wandte, »Wenn ich die unwissentlichen Fehler vergäße, die ich während der Tage der Gesundheit und Freiheit beging, so würde ich über das Leben klagen, zu dem ich jetzt verdammt bin. Ich tue es aber nie und habe es nie getan. Wenn ich vergäße, daß dieser Schauplatz, die Erde, ein Schauplatz der Trübsal und Mühsal und finsterer Prüfung für die Geschöpfe zu sein bestimmt ist, die aus seinem Staube geschaffen sind, so möchte ich mich über die Eitelkeit derselben grämen. Aber ich kenne dieses Gefühl nicht. Wenn ich nicht wüßte, daß wir, jeder einzelne, der Gegenstand (höchst gerechterweise der Gegenstand) eines Zornes sind, der versöhnt werden muß und gegen den bloße Handlungen nichts bedeuten, so würde ich über den Unterschied zwischen mir, die hier gefangen sitzt, und den Leuten, die durch den Torweg drunten gehen, murren. Aber ich betrachte es als eine Gnade und Gunst vom Himmel, ausgewählt zu sein, die Versöhnung herbeizuführen, die ich hienieden anbahne; zu wissen, was ich hienieden als gewiß weiß, und zu erreichen, was ich hienieden erreicht habe. Mein Leiden hätte sonst keinen Sinn für mich. Deshalb möchte ich nichts vergessen, und ich vergesse nichts. Deshalb bin ich zufrieden und sehe, es ist besser mit mir als mit Millionen anderen.« Während sie diese Worte sprach, legte sie ihre Hand auf die Uhr und schob sie wieder genau an den Ort auf ihrem kleinen Tisch, den diese gewöhnlich einnahm. Sie ließ die Hand unverwandt darauf ruhen und saß noch einige Momente, den Blick starr und halb verächtlich auf sie gerichtet, da. Mr. Blandois war während dieser Auseinandersetzung ganz Ohr; er heftete die Augen auf die Dame und strich sich den Schnurrbart mit beiden Händen. Mr. Flintwinch war etwas unruhig geworden und fiel nun ins Wort: »Ja, ja, ja!« sagte er. »Das versteht sich, Mrs. Clennam, und Sie haben fromm und gut gesprochen. Mr. Blandois, möcht' ich vermuten, neigt nicht besonders zur Frömmigkeit.« »Im Gegenteil, Sir«, warf der Fremde protestierend ein, indem er mit seinen Fingern schnalzte. »Sie verzeihen! Es ist gerade eine Seite meines Charakters. Ich bin gefühlvoll, feurig, gewissenhaft und phantasiereich. Ein gefühlvoller, feuriger, gewissenhafter und phantasiereicher Mann, Mr. Flintwinch, muß das sein, oder er ist nichts.« Es lag ein leichter Verdacht in Mr. Flintwinchs Gesicht, er möchte eben nichts sein, als der Fremde aus seinem Stuhl auffuhr (es war charakteristisch für diesen Mann wie für alle ähnlichen Persönlichkeiten, daß er alles, was er je tat, übertrieb, und wäre es auch nur um ein Haar breit) und näher trat, um von Mrs. Clennam Abschied zu nehmen. »Was werden Sie von dem Egoismus einer kranken alten Frau denken, Sir«, sagte sie dann, »obgleich ich wirklich nur durch Ihre zufällige Anspielung auf mich und meine Schwächen dazu veranlaßt worden bin. Da Sie so rücksichtsvoll waren, mich zu besuchen, hoffe ich, werden Sie ebenso rücksichtsvoll sein, darüber hinwegzusehen. Sagen Sie mir aber bitte keine Artigkeit mehr.« Denn er war sichtlich im Begriff, dies zu tun. »Mr. Flintwinch wird sich außerordentlich freuen, Ihnen jeden Dienst zu erweisen, und ich hoffe, Ihr Aufenthalt in dieser Stadt soll Ihnen angenehm werden.« Mr. Blandois dankte ihr und küßte ihre Hand mehrere Male. »Das ist ein altes Zimmer«, bemerkte er, indem er sich plötzlich lebhaft umsah, als er nach der Tür ging. »Ich war so in Gedanken, daß ich es gar nicht bemerkte, aber es ist ein echtes altes Zimmer.« »Ja, es ist ein echtes altes Haus«, sagte Mrs. Clennam mit ihrem kalten Lächeln: »Ein Haus ohne alle Anmaßung, aber ein Stück Altertum.« »Ganz gewiß!« rief der Fremde. »Wenn Mr. Flintwinch die Güte haben wollte, mich auf dem Wege hinaus durch die Zimmer zu führen, er könnte mir keinen größeren Dienst erweisen. Ein altes Haus ist eine Schwäche von mir. Ich habe manche Schwäche, aber keine größere. Ich liebe und studiere das Malerische in allen Richtungen. Ich bin selbst malerisch genannt worden. Es ist kein Verdienst, malerisch zu sein – ich habe vielleicht größere Verdienste –, aber ich mag es durch irgendeinen Zufall sein. Sympathie, Sympathie!« »Ich sage Ihnen im voraus, Mr. Blandois, daß Sie es sehr dunkel und sehr leer finden werden«, sagte Jeremiah, indem er das Licht nahm. »Es ist des Ansehens nicht wert.« Mr. Blandois klopfte ihm jedoch freundlich auf den Rücken und lachte, statt zu antworten. Darauf warf Mr. Blandois Mrs. Clennam noch einige Kußhände zu, und sie verließen zusammen das Zimmer. »Sie wollen wohl nicht in das obere Stockwerk gehen?« sagte Jeremiah auf der Schwelle. »Im Gegenteil, Mr. Flintwinch; wenn es nicht ermüdend für Sie ist, würde es mich ungemein freuen!« Mr. Flintwinch krümmte sich demzufolge die Treppe hinauf, und Mr. Blandois folgte ihm auf den Fersen. Sie stiegen nach dem großen Schlafzimmer im Dache, das Arthur am Abend seiner Rückkehr bewohnt hatte. »Hier, Mr. Blandois!« sagte Jeremiah, indem er es zeigte, »ich wünsche nun, Sie werden den Anblick der Mühe des Steigens wert erachten. Ich gestehe, mir wär' es nicht der Mühe wert.« Da Mr. Blandois entzückt war, gingen sie noch durch andere Dachstuben und Gänge und kamen wieder die Treppe hinab. Inzwischen hatte Mr. Flintwinch bemerkt, daß der Fremde, nachdem er einen flüchtigen Blick umhergeworfen, nie mehr das Zimmer, sondern beständig ihn, Mr. Flintwinch, ansah. Nachdem er diese Entdeckung bei sich gemacht, drehte er sich auf der Treppe zu einer weiteren Probe um. Ihre Blicke begegneten sich alsbald; und in dem Augenblick, als sie sich aufeinander hefteten, lachte der Fremde mit jenem häßlichen Spiel der Nase und des Bartes (wie er es in jedem ähnlichen Augenblick, seit sie Mrs. Clennams Zimmer verlassen, getan) teuflisch vor sich hin. Als ein weit kleinerer Mann, wie es der Fremde war, befand sich Mr. Flintwinch in dem physischen Nachteil, daß er auf diese unangenehme Weise von oben herab angeschielt wurde; und da er zuerst die Treppe hinunterging und gewöhnlich eine Stufe oder zwei tiefer als der andere stand, so war der Nachteil für den Augenblick noch größer. Er sah sich deshalb erst wieder nach Mr. Blandois um, als diese zufällige Ungleichheit durch den Eintritt in das Zimmer des verstorbenen Mr. Clennam aufgehoben war. Dann aber drehte er sich plötzlich nach ihm um, fand jedoch seinen Blick unverändert. »Ein höchst merkwürdiges altes Haus«, lächelte Mr. Blandois. »So geheimnisvoll. Hören Sie nie ein unheimliches Geräusch hier?« »Geräusch?« versetzte Mr. Flintwinch. »Nein.« »Und sehen Sie auch keine Gespenster?« »Nein«, sagte Mr. Flintwinch, indem er sich zornig nach dem Frager umwandte. »Keins, das sich unter diesem Namen und in dieser Eigenschaft einführte.« »Haha! Ein Porträt hier, wie ich sehe?« (Er sah immer noch Mr. Flintwinch an, als wäre er das Porträt.) »Ein Porträt, Sir, wie Sie bemerkten.« »Darf ich fragen, wen es vorstellt, Mr. Flintwinch?« »Den seligen Mr. Clennam. Ihren Gemahl.« »Vielleicht der frühere Besitzer jener merkwürdigen Uhr?« sagte der Fremde. Mr. Flintwinch, der seine Blicke auf das Porträt geworfen, drehte sich wieder um und fand sich abermals als Gegenstand desselben Lächelns und Blickes. »Ja, Mr. Blandois«, antwortete er scharf. »Es war seine Uhr und seines Oheims vor ihm, und der Herr weiß, wessen noch vor ihm; das ist alles, was ich Ihnen von ihrem Stammbaum sagen kann.« »Das ist ein scharf ausgeprägter Charakter, Mr. Flintwinch, unsere Freundin oben.« »Ja, Sir«, sagte Jeremiah, sich wieder nach dem Fremden umdrehend, was er während dieses Gesprächs tat, wie eine Schraubenmaschine, die zu kurz eingreift, denn der andere änderte sich keinen Augenblick, und er sah sich immer gezwungen, etwas zurückzutreten. »Sie ist eine merkwürdige Frau. Großer Mut – große Stärke des Geistes.« »Sie müssen sehr glücklich zusammen gewesen sein«, sagte Blandois. »Wer?« fragte Flintwinch, indem er sich wieder umdrehte. Mr. Blandois streckte den rechten Zeigefinger nach dem Krankenzimmer und seinen linken Zeigefinger nach dem Porträt aus; dann stemmte er die Arme in die Seite, streckte die Beine weit auseinander und sah lächelnd mit herabstrebender Nase und emporgezogenem Schnurrbart auf Mr. Flintwinch herab. »Vermutlich so glücklich wie die meisten andern Leute«, versetzte Mr. Flintwinch. »Ich kann's nicht sagen. Ich weiß es nicht. Es gibt in allen Familien Geheimnisse.« »Geheimnisse!« rief Mr. Blandois« lebhaft. »Sag' es noch einmal, mein Sohn.« »Ich sage«, versetzte Mr. Flintwinch, gegen den er sich so plötzlich aufgebläht, daß Mr. Flintwinch durch die ausgedehnte Brust sein Gesicht beinahe gestreift fühlte. »Ich sage, es gibt Geheimnisse in allen Familien.« »So, es gibt welche«, rief der andere, indem er ihm auf beide Schultern schlug und ihn vor- und rückwärts bog. »Haha! Sie haben recht. So, es gibt welche! Geheimnisse? Wahrhaftig, es gibt des Teufels eigene Geheimnisse in einigen Familien, Mr. Flintwinch.« Nachdem er Mr. Flintwinch mehrmals auf beide Schultern geklopft, als ob er sich gleichsam in freundlicher und humoristischer Weise über diesen Scherz lustig machte, den er zum besten gegeben, zog er seine Arme hinauf, warf seinen Kopf zurück, schwang die Hände hinter demselben ineinander und brach in ein lautes Lachen aus. Vergeblich suchte Mr. Flintwinch sich noch einmal gegen ihn aufzuschrauben. Er kam nicht gegen dieses Lachen an. »Aber erlauben Sie mir einen Augenblick da Licht«, sagte Blandois, als er ausgelacht. »Wir wollen einen Blick auf den Gemahl jener merkwürdigen Frau werfen. Ha!« rief er, indem er das Licht einen Arm hoch hielt. »Auch hier große Entschiedenheit im Ausdruck, obwohl nicht von demselben Charakter. Blicke, als wollte er sagen – wie heißt es? Vergiß nicht – nicht wahr, Mr. Flintwinch? Beim Himmel, Sir, so sieht er aus!« Als er ihm das Licht zurückgab, sah er ihn noch einmal an und erklärte dann, während er langsam mit ihm in den Flur hinausschritt, es sei wirklich ein reizendes altes Haus. Es habe ihm so sehr gefallen, daß er seine Besichtigung nicht für hundert Pfund missen möchte. Trotz dieser eigentümlichen Vertraulichkeit seitens Mr. Blandois', die eine allgemeine Veränderung in seinem Benehmen in sich schloß, das dadurch weit gröber und rauher, weit ungestümer und kühner als früher wurde, bewahrte Mr. Flintwinch, dessen ledernes Gesicht dem Wechsel nicht sehr ausgesetzt war, seine Unbeweglichkeit unverändert bei. Ja, er sah in diesem Augenblick aus, als wenn er vielleicht etwas zu lange bis zu der freundschaftlichen Operation des Abschneidens gehangen – eine so gleichförmige Ruhe bewahrte er in seinem ganzen Wesen. Sie hatten ihre Rundschau mit einem kleinen Zimmer an der Seite der Flur geschlossen, und Mr. Flintwinch stand nun da und betrachtete Mr. Blandois. »Ich freue mich, daß Sie so sehr befriedigt sind, Sir«, lautete seine kalte Bemerkung. »Ich erwartete es wirklich nicht. Sie scheinen in sehr guter Stimmung zu sein.« »In herrlicher Stimmung«, versetzte Blandois. »Auf Ehre, ich war noch nie so angenehm erfrischt. Haben Sie immer Vorahnungen, Mr. Flintwinch?« »Ich bin nicht gewiß, ob ich weiß, was Sie mit diesem Ausdruck meinen, Sir«, antwortete Jeremiah. »Das heißt in diesem Fall, Mr. Flintwinch, unbestimmte Ahnungen von einem Vergnügen, das kommt.« »Ich kann nicht behaupten, daß ich gegenwärtig ein solches Gefühl habe«, versetzte Mr. Flintwinch mit dem größten Ernst. »Wenn ich es nahen fühlen sollte, werde ich es Ihnen sagen.« »Ich aber«, sagte Blandois, »ich, mein Sohn, habe heute abend eine Ahnung, daß wir gut miteinander bekannt werden. Fühlen Sie das auch kommen?« »N – nein«, entgegnete Mr. Flintwinch, bedächtig bei sich überlegend. »Ich kann das nicht behaupten.« »Ich habe ein starkes Vorgefühl, daß wir sehr intim miteinander bekannt werden. – Haben Sie noch kein Gefühl der Art?« »Noch nicht«, sagte Mr. Flintwinch. Mr. Blandois nahm ihn wieder bei beiden Schultern; wiegte ihn wieder in seiner heitern Weise wie zuvor; nahm ihn dann unter den Arm und lud ihn ein, mit ihm zu kommen und eine Flasche mit ihm zu trinken: er wolle seinen guten, schlauen, alten Jungen bei sich haben. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, nahm Mr. Flintwinch die Einladung an, und sie gingen durch den Regen, der seit Anbruch der Nacht an den Fenstern, Dächern und auf dem Pflaster gerüttelt hatte, nach dem Quartier, wo der Reisende wohnte. Donner und Blitz hatten schon lange aufgehört, aber der Regen floß außerordentlich heftig herab. Bei ihrer Ankunft in Mr. Blandois' Zimmer befahl dieser wackere Mann eine Flasche Portwein und kauerte sich dann (nachdem er alles, was er nur Weiches auftreiben konnte, zusammengepreßt, um es seiner zarten Person bequem zu machen) in dem Fenstersitz nieder, während Mr. Flintwinch einen Stuhl gegenüber von ihm nahm, so daß der Tisch zwischen ihnen stand. Mr. Blandois machte den Vorschlag, daß sie die größten Gläser, die im Hause seien, kommen lassen wollten, was Mr. Flintwinch billigte. Nachdem die Humpen gefüllt waren, klinkte Mr. Blandois in lärmender Heiterkeit mit der Spitze seines Glases an den Fuß von Mr. Flintwinchs Glas und trank auf die intime Freundschaft, die er kommen sah. Mr. Flintwinch tat ihm ernsthaft Bescheid und trank allen Wein, den er bekommen konnte, antwortete aber nichts. Sooft Mr. Blandois anstieß, was bei jedem Füllen der Fall war, tat Mr. Flintwinch willig Bescheid und würde den Wein seines Trinkgenossen, so gut wie den seinen, ausgetrunken haben: denn er war mit Ausnahme des Gaumens eine reine Tonne. Kurz, Mr. Blandois fand, daß Portwein in den verschwiegenen Flintwinch zu gießen, ihn nicht öffnen, sondern zuschließen heiße. Ferner machte er den Eindruck, als ob er vollkommen imstande wäre, die ganze Nacht so fortzufahren, oder wenn sich Gelegenheit böte, den ganzen nächsten Tag und den ganzen nächsten Abend. Dagegen wurde sich Mr. Blandois bald deutlich bewußt, daß er zu stolz und keck renommiere. Er machte deshalb nach der dritten Flasche der Unterhaltung ein Ende. »Sie werden morgen auf uns ziehen, Sir?« sagte Mr. Flintwinch, indem er sich beim Weggehen ein geschäftliches Ansehen zu geben suchte. »Lieber Kohlkopf«, erwiderte der andere, indem er ihn mit beiden Händen am Kragen faßte. »Ich werde auf Sie ziehen, haben Sie keine Furcht. Adieu, mein Flintwinch. Empfangen Sie beim Scheiden«, fuhr er fort, umarmte ihn mit südlichem Feuer und küßte ihn schmatzend auf beide Wangen, »empfangen Sie das Wort eines Gentleman! Bei allen tausend Donnern, Sie sollen mich wiedersehen!« Er erschien am nächsten Tage nicht, obgleich der Avisbrief richtig ankam. Als Mr. Flintwinch abends nach ihm fragte, erfuhr er zu seinem großen Staunen, daß der Fremde seine Rechnung bezahlt hatte und über Calais nach dem Kontinent gegangen sei. Nichtsdestoweniger scharrte Jeremiah aus seinem nachdenklichen Gesicht die Überzeugung zusammen, daß Mr. Blandois in jedem Fall sein Wort halten und sich wieder sehen lassen werde. Einunddreißigstes Kapitel. Hochsinn. Man kann jeden Tag in den von Menschen wimmelnden Straßen der Hauptstadt einem magern, runzligen, gelben, alten Mann begegnen (von dem man glauben möchte, es sei aus den Sternen gefallen, wenn irgendein Stern am Himmel dunkel genug wäre, um in Verdacht zu geraten, er habe eine so schwache Schnuppe ausgeworfen). Er schleicht mit scheuer Miene fort, als mache ihn das Geräusch und der Lärm unheimlich ängstlich. Dieser alte Mann ist immer ein kleiner alter Mann. Wenn er je ein großer alter Mann gewesen war, so ist er zu einem kleinen alten Mann zusammengeschrumpft; war er immer ein kleiner alter Mann, so ist er zu einem noch kleineren alten Mann zusammengeschwunden. Sein Rock ist von einer Farbe und einem Schnitt, die nie und nirgends Mode waren. Offenbar war er weder für ihn noch für irgendeinen Sterblichen gemacht. Ein Lieferant en gros maß dem Schicksal fünftausend Röcke solcher Qualität an, und das Schicksal lieh diesen alten Rock diesem alten Manne als einem Glied aus der langen unendlichen Kette vieler alten Männer. Er hat immer große dunkle Metallknöpfe, wie es sonst keine Metallknöpfe gibt. Dieser alte Mann trägt einen Hut, einen abgegriffenen und kahlen, aber hartnäckigen Hut, der sich nie an seinen alten Kopf angeschmiegt. Sein schmutziges Hemd und sein schmutziges Halstuch haben nicht mehr Persönliches als sein Rock und sein Hut; sie haben denselben Charakter, als ob sie nicht ihm gehörten, – als ob sie niemandem gehörten. Und doch trägt dieser alte Mann diese Kleider mit einem gewissen ungewohnten Gefühl, für die Straße angezogen und herausgeputzt zu sein, als wenn er den größeren Teil seines Lebens in einer Nachtmütze und in einem Schlafrock zugebracht. So geht dieser alte Mann durch die Straße einher wie die Feldmaus im zweiten Hungerjahr, wenn sie die Stadtmaus besucht und ängstlich ihren Weg zur Wohnung dieser durch eine Stadt von Katzen sucht. Bezieht sich auf das bekannte Märchen von Feldmaus und Stadtmaus. Bisweilen wird man ihn an Festtagen gegen Abend noch etwas unsicherer einherschreiten sehen, und seine Augen werden wie ein feuchtes und sumpfiges Licht glänzen. Dann ist der alte Mann betrunken. Ein sehr kleines Maß wird ihn umwerfen; ein Viertelliter vermag seine unsicheren Beine aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein mitleidiger Bekannter – er stößt sehr häufig auf Bekannte – hat ihm den schwachen Magen mit Bier erwärmt, und die Folge ist, daß es länger als gewöhnlich dauert, bis er wieder vorüberkommt. Denn der kleine alte Mann geht heim in das Armenhaus; und trotz seiner guten Aufführung lassen sie ihn nicht oft heraus (obgleich sie das meiner Ansicht nach doch sollten, wenn man die wenigen Jahre in Anschlag bringt, die er unter der Sonne noch aus- und einzugehen hat); und wegen seiner schlechten Aufführung schließen sie ihn fester als je mit einem Haufen von zwei Schock und neunzehn alten Männern ein, von denen jeder nach allen übrigen riecht. Mrs. Plormishs Vater – ein armer, kleiner alter Mann mit einer rauhen Stimme – wie ein ausgesungener Vogel – war, wie er es nannte, Musikbinder gewesen, hatte vieles Unglück erlebt, und selten war es ihm gelungen, irgendwo sein Glück zu machen, oder zu wissen, was er machen solle, oder zu bezahlen, oder irgend etwas anderes zu tun, als nicht zu wissen, wo hinaus. Mrs. Plornishs Vater hatte sich bei der Pfändung, die Mr. Plornish nach dem Marschallgefängnis gebracht hatte, freiwillig in das Armenhaus zurückgezogen, das durch das Gesetz der barmherzige Samariter seines Distriktes (ohne die zwei Pence, eine schlechte Staats-Sparsamkeit) zu sein bestimmt war. Ehe die Verlegenheiten seines Schwiegersohnes diese Höhe erreichten, hatte der »alte Nandy« (so wurde er immer an seinem gesetzlichen Ruhesitz genannt, unter den »blutenden Herzen« hieß er der »alte Herr Nandy«) in einer Ecke am Kamine der Plornishs gesessen und seine Bedürfnisse an Speise und Trank aus dem Speiseschrank der Plornishs genommen. Er hoffte noch immer, diese häusliche Stellung wieder einzunehmen, wenn das Glück seinem Schwiegersohn lächeln sollte. In der Zwischenzeit bewahrte er sich eine unerschütterliche Fassung und war einer jener kleinen alten Männer in einem Haufen von alten kleinen Männern mit jenem gemeinschaftlichen Geruch und beschloß es auch zu bleiben. Aber keine Armut, die auf ihm lastete, und kein nie in der Mode gewesener Rock, den er trug, und keine Altemännerwache vor seiner Wohnung konnte die Bewunderung seiner Tochter beeinträchtigen. Mrs. Plornish war so stolz auf ihres Vaters Talente, wie sie es hätte etwa sein können, wenn man ihren Vater zum Lord-Kanzler gemacht. Sie hatte einen so festen Glauben an die Feinheit und den Anstand feiner Manieren, wie sie es hätte haben können, wenn er Lord-Oberhofmeister gewesen. Der arme, kleine alte Mann kannte einige verblichene und abgelebte Lieder von Chloë und Phyllis und von Strephon, der von dem Sohn der Venus verwundet wurde. Diese Lieder waren längst verschollen. Für Mrs. Plornish gab's in der Oper selbst keine solche Musik, wie das schwächliche innere Zittern und Zirpen, mit dem der Alte diese Liedchen wie eine schwache, kleine, zerbrochene Drehorgel, die ein Wickelkind dreht, zum besten gab. An seinen ›Ausgehtagen‹, jenen Lichtpunkten in seiner flachen Aussicht auf die gekappten Bäume der alten Männer, war es Mrs. Plornishs Lust und Anliegen, wenn er tüchtig gegessen und für einen vollen halben Penny Porter getrunken, den alten Mann aufzufordern: ›Sing uns ein Lied, Vater!‹ Dann sang er ihnen gewöhnlich Chloë, und wenn er in besonders guter Stimmung war, auch Phyllis – zu Strephon war er kaum mehr zu bewegen, seit er sich auf seinen Ruhesitz zurückgezogen, und dann erklärte Mrs. Plornish gewöhnlich, sie glaube nicht, daß je ein solcher Sänger wie der Vater existierte, und rieb sich dazu die Augen. Wenn er bei solchen Gelegenheiten von Hof gekommen wäre, ja, wenn er der edle ›Kühler‹ gewesen, der triumphierend von einem fremden Hofe heimgekehrt ist, um sich nach seinem letzten furchtbaren Mißlingen vorstellen und befördern zu lassen, hätte ihn Mrs. Plornish nicht mit größerer Begeisterung im Hof zum blutenden Herzen an der Hand umherführen können. ›Hier ist der Vater‹, sagte sie dann gewöhnlich, wenn sie ihn einem Nachbar vorstellte. ›Vater wird jetzt bald wieder für immer bei uns sein. Sieht Vater nicht gut aus? Vater singt angenehmer als je. Sie würden es in Ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen, wenn Sie ihn eben gehört hätten.‹ Mr. Plornish hatte diese Glaubensartikel geheiratet, als er Mr. Nandys Tochter zur Frau nahm, und wunderte sich nur, wie es kam, daß ein so begabter alter Mann nicht sein Glück gemacht hatte. Nach vielem Hin- und Hersinnen schrieb er es dem Umstand zu, daß sein musikalisches Genie nicht in der Jugend wissenschaftlich entwickelt worden war. ›Warum‹, argumentierte Mr. Plornish, ›warum Musik einbinden, wenn man sie in sich hat? Darin liegt's nach meiner Ansicht.‹ Der alte Nandy hatte einen Gönner: einen Gönner. Er hatte einen Gönner, der, auf eine gewisse pompös-prunkhafte Weise, auf eine zugleich entschuldigende Weise, als ob er ständig eine bewundernde Zuhörerschaft als Zeugen anriefe, daß er wirklich freundlich mit diesem alten Jungen sein könne, mehr als sie nach seiner Einfachheit und Armut erwartet haben dürften –, er hatte einen Patron, wie gesagt, der in solcher Weise außerordentlich gut gegen ihn war. Der alte Nandy war verschiedene Male im Marschallgefängnis gewesen und hatte mit seinem Schwiegersohn während seines kurzen Aufenthaltes dort verkehrt. Dadurch war er so glücklich, sich die Gönnerschaft des Vaters dieses Nationalinstituts zu erwerben, und hatte sie nach und nach im Verlauf der Zeit bedeutend gemehrt. Mr. Dorrit hatte die Gewohnheit, diesen alten Mann zu empfangen, als wenn er in irgendeiner feudalen Lehensabhängigkeit von ihm stünde. Er gab ihm kleine Gastmähler und Tees, als wenn er mit seiner Huldigung von einem an der Grenze liegenden Distrikt käme, wo die Lehensleute noch in ihrem Urzustände seien. Es war, als ob es Augenblicke gäbe, in denen er nicht anders geschworen hätte, als daß der alte Mann einer seiner ehemaligen Vasallen sei, der sich durch seine Treue Verdienste erworben. Wenn er ihn erwähnte, so sprach er gewöhnlich als von seinem alten Pensionär. Er empfand eine ungemeine Befriedigung, wenn er ihn sah und über seinen herabgekommenen Zustand Bemerkungen machen konnte, sobald er gegangen. Es schien ihm erstaunlich, daß er überhaupt seinen Kopf aufrecht tragen konnte, der arme Mensch. »Im Armenhause, Sir, in der Union: keine Abgeschiedenheit, keine Besuche, keine Stellung, kein Respekt, keine Besonderheit für sich. Sehr traurig!« Es war der Geburtstag des alten Nandy, und sie ließen ihn heraus. Er sagte nichts davon, daß sein Geburtstag sei; sonst hätten sie ihn vielleicht drinnen behalten; denn solche alten Leute sollten gar nicht geboren sein. Er ging durch die Straßen wie gewöhnlich nach dem Hof zum blutenden Herzen, nahm das Mittagmahl mit seinem Schwiegersohn und seiner Tochter ein und gab ihnen Phyllis zum besten. Er hatte kaum geschlossen, als Klein-Dorrit hereinsah, um zu hören, wie es ihnen allen gehe. »Miß Dorrit«, sagte Mrs. Plornish, »hier ist der Vater! Sieht er nicht gut aus? Und was er für eine Stimme hat!« Klein-Dorrit gab ihm ihre Hand und sagte lächelnd, sie hätte ihn schon so lange nicht mehr gesehen. »Nein, sie sind ziemlich hart gegen den Vater«, sagte Mrs. Plornish mit einem länger werdenden Gesicht, »und lassen ihm nicht halb soviel Abwechslung und frische Luft zugute kommen, wie ihm wohltun würde. Aber er wird bald wieder ganz nach Hause kommen. Nicht wahr, Vater?« »Ja, meine Liebe, ich hoffe es. Bald, wenn es Gott gefällt.« Hier hielt Mr. Plornish eine Rede, die er gewöhnlich bei allen solchen Gelegenheiten, Wort für Wort dasselbe sagend, zum besten gab. Sie bestand in folgenden Ausdrücken: »John Edward Nandy. Sir, solange eine Unze Speise oder Getränke irgendeiner Art unter diesem Dach sind, sollen Sie mir herzlich willkommen sein, sie mit uns zu teilen. Solange eine Handvoll Feuer oder ein Mundvoll Bett unter diesem Dach sind, sollen Sie mir herzlich willkommen sein, beides mit mir zu teilen. Sollte aber nichts mehr unter diesem Dache vorhanden sein, so werden Sie mir so willkommen sein, es zu teilen, als wenn es etwas mehr oder weniger wäre. Und das ist's, was ich meine, und so betrüge ich Sie nicht, und folglich, was da ist, können Sie fordern, und weshalb es nicht tun?« Auf diese glänzende Anrede, die Mr. Plornish immer in einer Weise zum besten gab, als hätte er sie, was ohne Zweifel auch der Fall war, mit ungeheurer Anstrengung verfaßt, antwortete Mrs. Plornishs Vater in pfeifendem Ton: »Ich danke Ihnen freundlich, Thomas, ich kenne Ihre Absichten wohl, was eben die Sache ist, für die ich Ihnen freundlich danke. Doch nein, Thomas, ehe solche Zeiten kommen, wie sie noch nicht da sind, wo ich's nicht aus ihrer Kinder Mund nähme, was geschieht, wenn ich's nehme, und nennen Sie's auch, wie Sie wollen, es bleibt immer dasselbe und ist eine Beraubung, wenn sie auch kommen, und so bald können sie nicht kommen, nein, Thomas, nein!« Mrs. Plornish, die ihr Gesicht etwas abgewandt hatte und eine Ecke ihrer Schürze in der Hand hielt, mischte sich wieder in das Gespräch, indem sie Miß Dorrit mitteilte, daß Vater über die Themse gehen wolle, um seine Aufwartung zu machen, wenn sie nicht aus irgendeinem Grunde wüßte, daß es nicht angenehm wäre. Ihre Antwort lautete: »Ich gehe gerade nach Hause, und wenn er mit mir kommen will, so werde ich mit Vergnügen für ihn sorgen – mit großem Vergnügen«, sagte Klein-Dorrit, die immer für die Schwachen besorgt war, »werde ich in seiner Gesellschaft gehen.« »Hier, Vater!« rief Mrs. Plornish. »Wirst du nicht wieder jung und munter, daß du mit Miß Dorrit gehen darfst? Ich will dir dein Halstuch in einen regelmäßigen Knoten binden; denn du bist selbst ein rechter Stutzer, Vater, wenn es je einen solchen gab.« Mit diesem kindlichen Scherze putzte ihn seine Tochter heraus und umarmte ihn herzlich, während sie an der Tür, mit dem schwachen Kinde auf dem Arme, stand, indes der stärkere Knabe die Treppe hinabrutschte. Sie sah ihrem kleinen alten Vater nach, der, seinen Arm in den von Miß Dorrit hängend, fortschwankte. Sie gingen langsam, und Klein-Dorrit führte ihn über die Iron Bridge, ließ ihn dort sitzen, daß er sich ausruhe, und sie sahen über das Wasser hin und sprachen von Schiffahrt. Dabei sagte der alte Mann, was er tun würde, wenn er ein Schiff voll Gold hätte, das heimkehrte (sein Plan war, eine noble Wohnung für die Plornishs und sich selbst in einem Teegarten zu nehmen und dort ihr ganzes Leben, von dem Kellner bedient, zu wohnen). Es war diesmal wirklich ein ausgezeichneter Geburtstag für den alten Mann. Sie waren noch fünf Minuten von dem Ort ihrer Bestimmung entfernt, als sie an der Ecke ihrer Straße auf Fanny in ihrem neuen Hut stießen, die nach demselben Hafen hinsteuerte. »Wie, ums Himmels willen, Amy!« rief das junge Mädchen erschrocken. »Du wirst doch nicht!« »Was nicht, liebe Fanny?« »Nein! Ich hätte viel von dir geglaubt«, versetzte die junge Dame mit glühender Entrüstung, »aber ich kann mir nicht denken, daß ich das, selbst von dir, für möglich gehalten hätte.« »Fanny!« rief Klein-Dorrit verwundert und erstaunt. »Oh, nenne mich nicht Fanny, du armseliges, kleines Ding, nenne mich nicht so. Welch ein Gedanke, auf offener Straße am hellen Tage mit einem Armenhäusler zu gehen!« Das Wort Armenhäusler schoß sie ab, als wäre es eine Kugel au« einer Luftkanone. »Oh, Fanny!« »Ich sage dir, du sollst mich nicht Fanny nennen; denn ich werde es nicht dulden. Ich kenne ein solches Geschöpf nicht. Die Art, wie du entschlossen bist, uns bei allen Gelegenheiten zu beschimpfen, ist wahrhaft abscheulich. Du schlechtes, kleines Ding!« »Beschimpft das irgend jemand«, sagte Klein-Dorrit äußerst sanft, »wenn ich auf diesen armen, alten Mann achte?« »Ja, Miß«, versetzte die Schwester, »und Sie sollten das wissen. Und Sie wissen es. Und Sie tun es, weil Sie's wissen. Das Hauptvergnügen Ihres Lebens ist es, Ihre Familie an ihr Unglück zu erinnern. Und das nächste große Vergnügen Ihres Leben« ist, sich in niederer Gesellschaft zu bewegen. Wenn Sie jedoch kein Gefühl für Distanz haben, so habe ich es. Sie werden mir gefälligst erlauben, unbelästigt auf der andern Seite der Straße zu gehen.« Damit hüpfte sie nach dem entgegengesetzten Trottoir. Der alte Schandfleck, der sich untertänig verbeugend ein paar Schritte zurückgetreten war (denn Klein-Dorrit hatte in ihrem Staunen seinen Arm losgelassen, als Fanny über sie herzufallen begann) und der von den ungeduldigen Vorübergehenden gestoßen und verwünscht worden war, weil er ihnen den Weg versperrte, trat ziemlich taumelig wieder zu seiner Begleiterin und sagte: »Ich hoffe, es ist doch Ihrem geehrten Vater kein Unglück geschehen, Miß? Ich hoffe, es ist nichts in der geehrten Familie geschehen?« »Nein, nein«, versetzte Klein-Dorrit, »nein, ich danke Ihnen. Geben Sie mir wieder Ihren Arm, Mr. Nandy. Wir werden bald zu Hause sein.« So sprach sie denn wieder mit ihm, wie sie früher gesprochen, und sie kamen nach dem Pförtnerstübchen; Mr. Chivery öffnete ihnen, und sie traten ein. Da geschah es denn, daß der Vater des Marschallgefängnisses gerade nach dem Pförtnerstübchen schlenderte, als sie, Arm in Arm in das Gefängnis tretend, aus jenem herauskamen. Als er dieses Schauspiel gewahrte, sah man ihn in die fürchterlichste Aufregung geraten und bangen Kleinmut sein Herz erfassen. Ganz und gar des alten Nandy nicht achtend, der, seine Reverenz machend, mit dem Hut in der Hand dastand, wie er es immer in dieser gnädigen Gegenwart tat –, drehte er sich um und eilte nach seinem Torweg und die Treppe hinauf. Den alten Unglücklichen loslassend, den sie in einer schlimmen Stunde unter ihren Schutz genommen, eilte Klein-Dorrit mit dem flüchtigen Versprechen, sogleich wieder zurückzukommen, ihrem Vater nach und sah Fanny auf der Treppe ihr folgen und mit beleidigter Würde einherstolzieren. Alle drei kamen beinahe zu gleicher Zeit in das Zimmer, und der Vater setzte sich in seinen Stuhl, begrub sein Gesicht in seine Hände und stöhnte laut. »Wirklich«, sagte Fanny. »Sehr hübsch. Armer, gekränkter Vater! Nun, hoffe ich, glauben Sie mir, Miß!« »Was ist dir, Vater?« rief Klein-Dorrit und beugte sich über ihn herab. »Habe ich dich unglücklich gemacht, Vater? Hoffentlich nicht ich!« »Du hoffst wirklich! Ei seht doch! O du –« Fanny hielt inne, um dem Folgenden den gehörigen Nachdruck zu geben – »du niedrig denkende, kleine Amy! Du bist ein echtes Gefängniskind!« Er tat diesen zornigen Vorwürfen Einhalt, indem er mit der Hand winkte und aufseufzte, während er seinen Blick erhob und sein melancholisches Haupt gegen seine jüngere Tochter schüttelte: »Amy, ich weiß, daß du keine böse Absicht hattest. Aber du hast mir ins Herz geschnitten.« »Keine böse Absicht!« warf die unversöhnliche Fanny ein. »Eine elende Absicht! Eine gemeine Absicht! Eine die Familie erniedrigende Absicht!« »Vater!« rief Klein-Dorrit, blaß und zitternd, »ich bin sehr unglücklich. Bitte, vergib mir. Sage mir, worum es sich handelt, daß ich es nicht wieder tue!« »Was es ist, du pflichtvergessene Kreatur!« rief Fanny. »Du weißt, worum es sich handelt. Ich habe es dir bereits gesagt; keine Ausflüchte im Angesicht der Vorsehung, indem du es abzuleugnen suchst!« »St! Amy!« sagte der Vater und fuhr mehrmals mit seinem Taschentuch über sein Gesicht. Dann preßte er das Tuch krampfhaft mit der Hand zusammen, die über sein Knie fiel. »Ich habe getan, was in meinen Kräften stand, dich in einer gebührenden gesellschaftlichen Stellung zu bewahren; ich habe getan, was ich konnte, um dir hier eine Stellung zu bewahren. Es mag mir gelungen sein oder nicht. Du magst es wissen oder nicht. Ich spreche keine Meinung aus. Ich habe hier alles erduldet, außer Demütigung. Davor wurde ich – bis zu diesem Tag glücklich bewahrt.« Hier öffnete sich seine krampfhaft zusammengepreßte Hand, und er brachte sein Taschentuch wieder an seine Augen. Klein-Dorrit, die neben ihm auf dem Boden kniete und die Hand bittend auf seinem Arm ruhen hatte, betrachtete ihn reuevoll. Als er sich endlich wieder etwas gefaßt, ergriff er noch einmal sein Taschentuch. »Vor Demütigung wurde ich glücklich bis heute bewahrt. Mitten in all meinen Widerwärtigkeiten war jene Würde in mir und jene – jene Unterwerfung unter denselben, wenn ich mich so ausdrücken darf, in meiner Umgebung, die mir jede Demütigung ersparte. Aber heute, in diesem Augenblick, habe ich sie tief gefühlt.« »Natürlich! Wie konnte es anders sein!« rief die unerbittliche Fanny. »Mit einem Armenhäusler auf der Straße einherzustolzieren!« Neue Luftkanone. »Aber, lieber Vater«, rief Klein-Dorrit, »ich will mich nicht von der Schuld lossprechen, daß ich dein teures Herz verwundet – nein! Der Himmel weiß, ich tue es nicht!« Sie rang die Hände in mächtigem Kampfe. »Ich kann nichts tun, als dich bitten und anflehen, dich zu beruhigen und darüber hinwegzusehen. Wenn ich jedoch nicht gewußt hätte, daß du selbst freundliche Gesinnungen für den alten Mann hegst und dich viel um ihn kümmerst und dich immer freutest, ihn zu sehen, wäre ich nicht mit ihm hierhergekommen, gewiß nicht. Was ich zu tun so unglücklich gewesen, war ein Mißgriff von mir. Ich wollte nicht absichtlich eine Träne deinen Augen entlocken, lieber Vater!« sagte Klein-Dorrit, und ihr Herz war nahe daran zu brechen, »um alles nicht, was die Welt mir geben oder nehmen könnte.« Fanny begann nun mit einem halb zornigen, halb reuigen Seufzer selbst zu weinen und sagte – was diese junge Dame immer sagte, wenn sie halb in der Leidenschaft, halb bei Vernunft, halb feindselig gegen sich und halb feindselig gegen jedermann war –, sie wünschte, sie wäre tot. Der Vater des Marschallgefängnisses zog indes seine jüngere Tochter an seine Brust und streichelte ihr den Kopf. »So, so! Sage nichts mehr, Amy, sage nichts mehr, mein Kind. Ich will es so bald vergessen, wie ich kann. Ich« – fuhr er mit gemachter Munterkeit fort, »ich – werde es bald zu vergessen imstande sein. Es ist vollkommen wahr, mein liebes Kind, daß ich mich immer freue, meinen alten Pensionär als solchen, als solchen zu sehen – und daß ich so viel Schutz und Güte diesem – hm – zerstoßenen Rohr – ich glaube ihn wohl so nennen zu dürfen – angedeihen lasse, als ich in meinen Umständen vermag. Es ist ganz wahr, daß dies der Fall ist, mein liebes Kind. Zu gleicher Zeit bewahre ich jedoch – während ich dies tue, wenn ich – ha – wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf – meine Würde. Die gebührende Würde. Und es gibt Dinge, die«, er seufzte dazwischen, »die damit unvereinbar sind und sie verletzen, tief verletzen. Nicht dies, daß ich meine gute Amy aufmerksam und – hm – herablassend gegen meinen alten Pensionär gesehen, nicht dies ist es, was mich kränkt, sondern vielmehr – wenn ich, um der Sache ein Ende zu machen, deutlich sein soll –, daß ich mein Kind, mein eignes Kind, meine eigne Tochter von der offenen Straße – lächelnd! lächelnd! in unser Institut Arm in Arm – o mein Gott! mit einer Armenhauskleidung kommen sah!« Diese Anspielung auf den Rock von keinem Schnitt und keiner Zeit brachte der alte Mann mit kaum hörbarer Stimme und sein zusammengedrücktes Taschentuch vor sich hinhaltend hervor. Seine aufgeregten Gefühle würden einen weiteren schmerzlichen Ausdruck gefunden haben, wenn nicht an die Tür gepocht worden wäre, was bereits schon zweimal geschehen. Darauf rief Fanny (die noch immer wünschte, sie wäre tot, und nun sogar so weit ging, hinzuzufügen, begraben): »Herein!« »Ah, der junge John!« sagte der Vater in einem andern und ruhigeren Tone. »Was gibt es, lieber John?« »Ein Brief für Sie, Sir, der soeben im Pförtnerstübchen abgegeben wurde, und eine Botschaft, die ich, da ich zufällig gerade anwesend war, selbst in Ihr Zimmer heraufbringen zu wollen dachte.« Die Aufmerksamkeit des Sprechenden wurde durch den mitleidweckenden Anblick Klein-Dorrits, die zu den Füßen ihres Vaters lag und den Kopf abgewandt hatte, bedeutend zerstreut. »Wirklich, John? Danke Ihnen.« »Der Brief ist von Mr. Clennam, Sir – es ist die Antwort –, und die Botschaft, Sir, lautet, Mr. Clennam lasse sich Ihnen empfehlen und sagen, daß er sich selbst das Vergnügen machen werde, heute abend vorzusprechen in der Hoffnung, Sie zu sehen und auch«, die Aufmerksamkeit wurde noch mehr als zuvor abgelenkt, »Miß Amy.« »Oh!« Als der Vater in den Brief blickte (es befand sich eine Banknote darin), errötete er ein wenig und streichelte Amy wieder auf den Kopf. »Danke Ihnen, lieber John. Ganz gut. Sehr verbunden für Ihre Aufmerksamkeit. Wartet niemand?« »Nein, Sir, es wartet niemand.« »Danke, John. Wie befindet sich Ihre Mutter, lieber John?« »Danke, mein Herr, sie ist nicht ganz so wohl, wie wir es wünschten – im ganzen ist keines von uns, ausgenommen der Vater, wohl –, aber sie ist ziemlich wohl, Sir.« »Sagen Sie ihr gefälligst, wir lassen uns empfehlen, wollen Sie? Sagen Sie ihr gefälligst, recht freundlich empfehlen, lieber John.« »Danke, mein Herr, ich werde das ausrichten.« Und Mr. Chivery junior ging weg, nachdem er unwillkürlich auf der Stelle eine gänzlich neue Grabschrift für sich verfaßt hatte, die ungefähr so lautete: »Hier liegt die irdische Hülle John Chiverys, der so und so alt geworden, das Ideal seines Lebens in Schmerz und Tränen gesehen hatte, der außerstande, dieses herzzerreißende Schauspiel zu ertragen, sogleich nach der Wohnung seiner untröstlichen Eltern zurückkehrte und seinem Leben durch seine eigne rasche Hand ein Ende machte.« »Nun, nun, Amy!« sagte der Vater, als der junge John die Tür hinter sich geschlossen, »wir wollen nicht mehr davon sprechen.« Die letzten wenigen Minuten hatten seine Stimmung wesentlich gebessert, und er war wieder ganz heiter. »Wo bleibt mein alter Pensionär die ganze Zeit? Wir dürfen ihn nicht länger sich selbst überlassen. Sonst möchte er glauben, er sei nicht willkommen, und das würde mich peinigen. Willst du ihn holen, mein Kind, oder soll ich es tun?« »Wenn dir's nicht beschwerlich fällt, Vater«, sagte Klein-Dorrit, indem sie ihrem Schluchzen ein Ende zu machen suchte. »Nein, ich werde gehen, meine Liebe. Ich vergaß, deine Augen sind ziemlich rot. Ermuntre dich, Amy. Gräme dich nicht um mich. Ich bin ganz wieder ich selbst, meine Liebe, ganz ich selbst. Geh in dein Zimmer, Amy, und mach', daß du wieder hübsch und heiter aussiehst, um Mr. Clennam empfangen zu können.« »Ich möchte lieber auf meinem Zimmer bleiben, Vater«, versetzte Klein-Dorrit, die schwerer als früher ihre Fassung wiederzugewinnen vermochte. »Ich möchte viel lieber Mr. Clennam nicht sehen.« »O pfui, pfui, meine Liebe, das ist Narrheit. Mr. Clennam ist ein sehr netter Mann. Etwas zurückhaltend manchmal; aber ich muß gestehen, außerordentlich artig und fein. Ich könnte mir's nicht denken, daß du nicht hier wärest, um Mr. Clennam zu empfangen, meine Liebe, namentlich heute abend. Geh deshalb und mache dich wieder frisch, Amy; geh und mache dich wieder frisch, mein gutes Kind.« Auf diesen Wink stand Klein-Dorrit pflichtgetreu auf und gehorchte. Einen Augenblick blieb sie jedoch stehen, als sie aus dem Zimmer ging, um ihrer Schwester einen Kuß zur Versöhnung zu geben. Diese junge Dame aber, die sich sehr niedergedrückt fühlte und für den Augenblick den Wunsch, mit dem sie es sonst erleichterte, erschöpft hatte, kam auf den glänzenden Gedanken, zu wünschen, der alte Nandy wäre lieber tot, als daß er als ein widerlicher, langweiliger, trauriger Mensch hierherkäme, sie quälte und Unfrieden zwischen den beiden Schwestern säte. Der Vater des Marschallgefängnisses ging sogar summend und die schwarze Samtmütze etwas schief auf dem Kopf (so viel hatte sich seine Stimmung gebessert) in den Hof hinab und fand seinen alten Pensionär mit dem Hut in der Hand im Tore stehend, wie er die ganze Zeit gestanden hatte. »Kommen Sie, Nandy!« sagte er mit großer Weichheit. »Kommen Sie herauf, Nandy; Sie kennen ja den Weg! Warum kommen Sie nicht herauf?« Er tat bei dieser Gelegenheit sein Äußerstes, indem er ihm seine Hand gab und sagte: »Wie geht es Ihnen, Nandy? Sind Sie ganz wohl?« worauf dieser greise Sänger antwortete: »Ich danke Ihnen, geehrter Herr, ich befinde mich um viel besser, wenn ich Sie sehe.« Als sie durch den Hof gingen, stellte der Vater des Marschallgefängnisses ihn einem Kollegen von neuerem Datum vor. »Ein alter Bekannter von mir, Sir, ein alter Pensionär.« Dann sagte er mit großer Aufmerksamkeit: »Bedecken Sie sich, mein guter Nandy; setzen Sie Ihren Hut auf.« Seine Gönnerschaft blieb dabei nicht stehen; denn er beauftragte Maggy, den Tee bereit zu halten, und instruierte sie, einige Teekuchen, frische Butter, Eier, kalten Schinken und Krabben zu kaufen; zum Ankauf dieses Imbisses gab er ihr eine Zehnpfundnote, indem er ihr ans Herz legte, vorsichtig beim Wechseln zu sein. Diese Vorbereitungen waren ziemlich weit vorgeschritten und seine Tochter Amy mit ihrer Arbeit zurückgekommen, als Clennam eintrat. Er empfing ihn außerordentlich freundlich und bat ihn, an ihrem Mahl teilzunehmen. »Amy, mein liebes Kind, du kennst Mr. Clennam sogar besser, als ich das Glück habe. Fanny, mein gutes Kind, du kennst Mr. Clennam gleichfalls.« Fanny bejahte stolz, denn die Voraussetzung, von der sie in allen solchen Fällen stillschweigend ausging, war die, daß eine große Verschwörung bestehe, die die Familie beleidigen wolle, indem man sie nicht zu verstehen oder sich nicht gehörig ihr unterwerfen zu wollen den Anschein gebe; und hier war einer von den Verschworenen. »Dies, Mr. Clennam, müssen Sie wissen, ist ein alter Pensionär von mir, der alte Nandy, ein sehr treuer, alter Mann.« (Er sprach stets von ihm als einem sehr alten Gegenstand, und doch war er zwei bis drei Jahre jünger als er selbst.) »Lassen Sie mich sehen. Sie kennen Plornish, denke ich? Ich glaube, meine Tochter Amy hat mir gesagt, daß Sie den armen Plornish kennen?« »O ja!« sagte Arthur Clennam. »Nun, Sir, das ist Mrs. Plornishs Vater.« »Wirklich? Ich freue mich, ihn kennenzulernen.« »Sie würden sich noch mehr freuen, wenn Sie seine zahlreichen guten Eigenschaften kennten, Mr. Clennam.« »Ich hoffe, sie dadurch kennenzulernen, daß ich ihn kenne«, sagte Arthur und bemitleidete innerlich die gebeugte und demütige Gestalt. »Es ist heute ein Festtag für ihn, und er kommt, seine alten Freunde zu besuchen, die sich immer freuen, ihn zu sehen«, bemerkte der Vater des Marschallgefängnisses. Dann fügte er hinter seiner Hand hinzu: »In der Union, der arme, alte Bursche. Durfte heute ausgehen.« Maggy hatte inzwischen in der Stille, von ihrem Mütterchen unterstützt, den Tisch gedeckt, und das Mahl stand bereit. Da es heißes Wetter und das Gefängnis sehr eng war, stand das Fenster so weit offen, wie man es öffnen konnte. »Wenn Maggy diese Zeitung auf die Fensterbank legen will, meine Liebe«, bemerkte der Vater gelassen und halb flüsternd gegen Klein-Dorrit, »so kann mein alter Pensionär dort seinen Tee nehmen, während wir hier trinken." Wahrend so eine Kluft von ungefähr einem Fuß Breite, Originalmaß, zwischen ihm und der guten Gesellschaft geschaffen war, wurde Mrs. Plornishs Vater gut bewirtet. Clennam hatte nie etwas Ähnliches gesehen wie die großherzige Protektion dieses andern Vaters, des vom Marschallgefängnisse, und war ganz in die Betrachtung ihrer vielen Merkwürdigkeiten versunken. Das Merkwürdigste von alledem aber war vielleicht die selbstgefällige Art, wie er die Schwächen und Fehler des Pensionärs bemerkte, als wenn er ein herablassender Wärter wäre und einen fortlaufenden Kommentar zu dem traurigen Zustand des harmlosen Tiers gäbe, die er zeigte. »Nicht Lust zu noch etwas Schinken, Nandy? Nun, wie langsam Sie essen!« (»Seine letzten Zähne«, erklärte er der Gesellschaft, »fallen aus, der arme Junge.«) Ein andermal fragte er: »Keine Krabben, Nandy?« und als er nicht sogleich antwortete, bemerkte er: (»Sein Gehör ist sehr mangelhaft geworden. Er wird nächstens taub sein.«) Nieder ein andermal fragte er ihn: »Gehen Sie viel innerhalb der Mauern im Hofe Ihres Hauses spazieren?« »Nein, Sir, nein. Ich habe keine große Liebhaberei dafür.« »Nun ja«, pflichtete er bei. »Ganz natürlich.« Dann unterrichtete er insgeheim den Kreis: (»Die Beine können nicht mehr recht gehen.«) Einmal wandte er sich an den Pensionär mit seiner gewöhnlichen Huld, die nur irgend etwas fragte, um ihn flott zu erhalten, wie alt sein jüngerer Enkel sei? »John Edward«, sagte der Pensionär, indem er langsam Messer und Gabel niederlegte, um sich zu besinnen: »Wie alt, Sir? Lassen Sie mich etwas nachdenken.« Der Vater des Marschallgefängnisses berührte seine Stirn. (»Das Gedächtnis wird schwach.«) »John Edward, Sir. Ja, ich habe wirklich vergessen. Ich könnt es in diesem Augenblick nicht sagen, ob er zwei Jahre und zwei Monate, oder zwei Jahre und fünf Monate alt ist. Eins oder das andere.« »Beunruhigen Sie sich nicht dadurch, daß Sie Ihren Kopf anstrengen«, entgegnete jener mit unendlicher Nachsicht. (»Die geistigen Fähigkeiten lassen sichtlich nach – der alte Mann versauert bei dem Leben, das er führt!«) Je mehr solche Entdeckungen er bei dem Pensionär zu machen sich überredete, desto besser schien er ihm zu gefallen; und als er nach dem Tee von seinem Stuhl aufstand, um dem Pensionär guten Abend zu sagen, da dieser zu verstehen gab, er fürchte, seine Zeit sei um, richtete er sich so hoch und stolz auf, wie es ihm nur immer möglich war. »Wir nennen das nicht einen Schilling, Nandy, Sie wissen es«, sagte er, indem er ihm einen solchen in die Hand steckte. »Wir nennen es Tabak.« »Edler Herr, ich danke Ihnen. Ich werde mir Tabak dafür kaufen. Meinen Dank und mein Kompliment, Miß Amy und Miß Fanny. Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Mr. Clennam.« »Und vergessen Sie uns nicht, Nandy, nicht wahr«, sagte der Vater. »Sie müssen wiederkommen, merken Sie sich's, wenn Sie wieder einen Nachmittag frei haben. Sie dürfen nicht ausgehen, ohne uns zu besuchen, sonst werden wir eifersüchtig. Gute Nacht, Nandy. Geben Sie gut acht, wenn Sie die Treppen hinuntergehen; sie sind ziemlich uneben und ausgetreten.« Während er dies sagte, stand er auf der obersten Stufe der Treppe und sah dem alten Mann nach. Als er wieder in das Zimmer zurückkam, sagte er mit feierlicher Selbstzufriedenheit: »Ein melancholischer Anblick das, Mr. Clennam, wenn man auch den Trost hat, daß er selbst es nicht fühlt. Der arme, alte Junge ist ein trauriges Wrack. Der Geist gebrochen und dahin – zu Staub zermalmt – vollständig aus ihm herausgepreßt, Sir!« Da Clennam die Absicht hatte zu bleiben, so sagte er, was er eben auf diese Gefühle antworten konnte, und stand am Fenster mit dem, der sie geäußert, während Maggy und ihr Mütterchen das Teeservice reinigten und wegschafften. Er bemerkte, daß dieser Mann, mit dem er sich hier unterhielt, mit der Miene eines herablassenden und gnädigen Souveräns am Fenster stand und daß, wenn jemand von den Leuten im Hofe unten heraufsah, die Art, wie er ihren Gruß erwiderte, wenig anders als wie ein Segenausteilen aussah. Als Klein-Dorrit mit ihrer Arbeit am Tische und Maggy mit der ihrigen auf dem Bett beschäftigt war, begann Fanny den Hut als Vorbereitung zu ihrem Weggange zu binden. Arthur, der noch immer dieselbe Absicht hatte, blieb. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, ohne daß vorher gepocht worden wäre, und Mr. Tip trat ein. Er küßte Amy, als sie aufsprang, um ihm entgegenzugehen, nickte Fanny zu, nickte seinem Vater zu, sah den Fremden finster an, ohne sich weiter bekannt zu machen, und setzte sich nieder. »Lieber Tip«, sagte Klein-Dorrit, die dies gekränkt hatte, in mildem Tone, »siehst du nicht –« »Ja, ich sehe, Amy. Wenn du damit auf die Anwesenheit eines Besuchs, den du hier hast – ich sage, wenn du darauf anspielst«, antwortete Tip, indem er seinen Kopf energisch nach Clennams Seite warf, »so sehe ich wohl!« »Ist das alles, was du sagst?« »Das ist alles, was ich sage. Und ich vermute«, fügte der stolze junge Mann nach einer kurzen Pause hinzu, »der Fremde wird mich verstehen, wenn ich sage, das sei alles, was ich sage. Kurz, ich glaube, der Fremde wird verstehen, daß er mich nicht wie ein Gentleman behandelt.« »Ich verstehe das nicht«, bemerkte die strafbare Person, von der die Rede war, mit größter Ruhe. »Nicht? Nun denn, um es Ihnen klarer zu machen, Sir, gestatten Sie mir Ihnen zu bemerken, daß, wenn ich eine gutgesetzte Ansprache, eine dringende Ansprache – um eine kleine zeitweilige Unterstützung, die ihm leicht wird – sehr leicht wird, merken Sie sich das! – an jemanden richte, und dieser Jemand schreibt mir zurück, er bitte, ihn zu entschuldigen, so scheint es mir, er behandelt mich nicht als einen Gentleman.« Der Vater des Marschallgefängnisses, der seinen Sohn schweigend beobachtete, hörte nicht sobald dieses Gefühl äußern, als er in zornigem Ton sagte: »Wie kannst du es wagen –« Aber sein Sohn unterbrach ihn. »Frage mich nicht, wie ich das wagen kann, Vater; denn es ist nichts. Was die Richtschnur meines Benehmens betrifft, das ich gegen die gegenwärtige Person zu wählen für gut fand, so solltest du stolz sein, daß ich Selbstgefühl an den Tag lege.« »Allerdings!« rief Fanny. »Ein Selbstgefühl?« sagte der Vater. »Ja, ein schönes Selbstgefühl, ein passendes Gefühl! Ist es so weit gekommen, daß mein Sohn mich – mich – lehrt, was Würde ist?« »Laß uns nicht darüber streiten, Vater, sonst könnte es Spektakel geben. Ich habe mir's nun mal in den Kopf gesetzt, daß mich gegenwärtiges Individuum nicht wie ein Gentleman behandelt hat. Und damit basta.« »Nein, damit nicht basta, mein Herr«, versetzte der Vater. »Es soll damit nicht basta sein. Du hast dir's in den Kopf gesetzt?« »Ja, allerdings. Wozu das nochmals wiederholen?« »Weil«, versetzte der Vater in großer Hitze, »du kein Recht hast, dir in den Kopf zu setzen, was widernatürlich – was – ha – unmoralisch, was – hm – vatermörderisch ist. Nein, Mr. Clennam, ich bitte Sie, Sir. Verlangen Sie nicht, daß ich davon abstehe; es handelt sich hier – hm – um Grundsätzliches – das selbst über die Rücksichten der Gastfreundschaft wegsehen muß. Ich muß mich der Behauptung meines Sohnes widersetzen. Ich – ha – weise sie persönlich zurück.« »Nun, was geht es denn dich an, Vater?« versetzte der Sohn von oben her. »Was es mich angeht, mein Herr! Ich habe eine – hm – Würde, Sir, die es nicht dulden will. Ich«, er nahm sein Taschentuch wieder heraus und wischte sich sein Gesicht, »ich bin beschimpft und beleidigt. Lassen Sie mich den Fall setzen, daß ich selbst einmal – ja – oder mehrmals eine Ansprache, eine gutgesetzte Ansprache, und eine feinfühlige Ansprache, und eine dringende Ansprache wegen einer zeitweiligen Unterstützung an jemanden gerichtet hätte. Lassen Sie mich den Fall setzen, daß diese Unterstützung leicht hätte gewährt werden können und nicht gewährt worden wäre, und dieser Jemand nur mitteilte, er bitte ihn zu entschuldigen. Soll ich mir deshalb von meinem eigenen Sohne sagen lassen, ich sei auf eine eines Gentlemans unwürdige Weise behandelt worden, und ich hätte mich – ha – zufrieden gegeben?« Seine Tochter Amy suchte ihn sanft zu beruhigen, aber er wollte um keinen Preis beruhigt sein. Er sagte, seine Würde sei verletzt und er wolle das nicht dulden. Ob er sich von seinem eignen Sohne, an seinem eignen Herd, das ins Gesicht sagen lassen müsse, wollte er wissen. Ob diese Demütigung ihm von seinem eignen Blute widerfahren dürfe? »Du spielst das auf dich selbst hinüber, Vater, und redest dich freiwillig in all diese Beleidigungen hinein«, sagte der junge Mensch mürrisch. »Was ich mir in den Kopf gesetzt, hat nichts mit dir zu tun. Warum mußt du andrer Leute Hüte ausprobieren?« »Ich antworte, es hat alles wohl mit mir zu tun«, versetzte der Vater. »Ich gebe dir mit Entrüstung zu bedenken, daß – hm – die – ha – besondere und eigentümliche Stellung deines Vaters, wenn auch nichts andre, dich zum Schweigen bringen und dich solch – ha – unnatürliche Grundsätze aufzugeben zwingen sollte. Und dann, wenn du auch keine kindlichen Gefühle hegst, wenn du diese Pflicht aus den Augen lassest, bist du nicht wenigstens – hm – ein Christ? Bist du – ha – ein Atheist? Und ist es christlich, möcht' ich dich fragen, eine Person zu brandmarken und zu denunzieren, weil sie diesmal zu entschuldigen bat, während dasselbe Individuum das nächste Mal – ha – die erbetene Unterstützung gewährt? Ist es denn nicht die Aufgabe des Christen – hm – ihn noch einmal auf die Probe zu stellen?« Er hatte sich förmlich in einen religiösen Feuereifer hineingeredet. »Ich sehe wohl«, sagte Tip und stand auf, »daß ich heute abend keine Überzeugungskraft besitze: deshalb ist es das beste, der Sache ein Ende zu machen. Gute Nacht, Amy. Laß es dich nicht grämen. Ich fürchte wirklich, daß du dich darüber grämst, und daß du gerade hier, bei meiner Seele, schmerzt mich; aber ich kann, selbst um deinetwillen, liebes Mädchen, auf meine Würde nicht verzichten.« Mit diesen Worten setzte er seinen Hut auf und ging in Begleitung von Miß Fanny weg, die es ihrer Würde schuldig zu sein glaubte, den Gast mit keiner geringeren Bekundung ihrer Abneigung zu verlassen, als daß sie ihn mit einem starren Blick ansah, der die Bedeutung in sich schloß, daß sie ihn immer als einen von der großen Korporation der Verschwörer gekannt. Als sie fortgegangen, war der Vater des Marschallgefängnisses anfangs geneigt, wieder in Kleinmut zu verfallen, und es wäre das wohl auch geschehen, wenn nicht glücklicherweise eine Minute später oder zwei ein Kollege heraufgekommen, um ihn in die Snuggery abzuholen. Es war derselbe, den Clennam in der Nacht seiner eigenen zufälligen Gefangenschaft gesehen, und der jenen unaussprechlichen Schmerz wegen des Schatzes geäußert, den der Marschall sich unrechtmäßigerweise angeeignet, um sich damit gütlich zu tun. Er stellte sich als Deputation vor, die den Vater zum Präsidentenstuhl abholen sollte, da es eine Gelegenheit sei, zu der er versprochen, den versammelten Kollegen bei der Belustigung einer kleinen Geselligkeit zu präsidieren. »Sehen Sie, Mr. Clennam«, sagte der Vater, »das sind die Ungereimtheiten meiner hiesigen Stellung. Aber es ist eine öffentliche Pflicht! Ich bin jedoch überzeugt, niemand würde eine öffentliche Pflicht bereitwilliger anerkennen als Sie.« Clennam bat ihn, keinen Augenblick zu zögern. »Amy, mein liebes Kind, wenn du Mr. Clennam zu überreden vermagst, länger zu bleiben, so kann ich dir mit Vertrauen die Honneurs unseres dürftigen Hauses überlassen, und vielleicht gelingt es dir, etwas dazu beitragen, den verdrießlichen und unangenehmen Zwischenfall, der sich seit dem Tee ereignet, in Mr. Clennams Erinnerung zu verwischen.« Clennam versicherte ihn, daß er keinen Eindruck auf ihn gemacht und es deshalb keines Verwischens bedürfe. »Mein lieber Herr«, sagte der Vater, indem er seine schwarze Mütze abnahm und Clennams Hand ergriff, wodurch er den richtigen Empfang seines Briefes nebst Einlage am heutigen Nachmittag andeuten wollte, »der Himmel segne Sie!« So war endlich Clennams Absicht, zu bleiben, erreicht, und er konnte Klein-Dorrit ohne Zeugen sprechen. Maggy zählte für niemand; sie war dabei. Zweiunddreißigstes Kapitel. Mehr Wahrsagerei. Maggy saß in ihrer großen weißen Haube mit der Masse undurchsichtiger Krausen, die verbargen, was sie an Profil hatte (sie hatte keinen Überfluß daran), an ihrer Arbeit, und ihr dienstfähiges Auge besorgte an der Fensterseite des Zimmers ihre Geschäfte. Durch ihre schlaff herabhängende Haube und ihr dienstunfähiges Auge aber war sie ganz geschieden von ihrem Mütterchen, das auf der entgegengesetzten Seite, entfernt vom Fenster, saß. Die Tritte und das Geschlürfe der Füße auf dem Pflaster des Hofes hatten sich bedeutend vermindert, seit der Präsidentenstuhl besetzt worden war, da die Flut der Kollegen sich stark nach der Richtung der Geselligkeit bewegte. Einige wenige, die keine Musik in ihrem Herzen oder kein Geld in ihren Taschen hatten, trieben sich noch umher, und das alte Schauspiel weiblicher Besuche und niedergedrückter, noch nicht abgelagerter Gefangener war noch immer in Ecken und Winkeln zu sehen, wie sich zerrissene Spinngewebe und dergleichen unscheinbare Trostlosigkeiten in Ecken und Winkeln anderer Orte im Staub herumziehen. Es war die ruhigste Zeit, die das Kollegium kannte, mit Ausnahme der Nachtstunden, wenn die Kollegen sich der Wohltat des Schlafes erfreuten. Das dann und wann hörbare Beifallsgerassel auf den Tischen der Snuggery deutete den glücklichen Schluß eines Stückes Festprogramms oder die entsprechende Aufnahme eines Toastes oder eines Trinkspruchs des Vaters von seiten der versammelten Kinder an. Bisweilen belehrte ein sonorer Gesang, der hier an der Tagesordnung war, den Zuhörer, daß ein prahlerischer Baß auf der blauen See, oder auf der Jagd, oder hinter einem Renntier her, oder auf den Bergen, oder in der Heide war; aber der Marschall des Marshalsea wußte es besser und hielt ihn hinter Schloß und Riegel fest. Als Arthur Clennam sich näherte, um sich neben Klein-Dorrit zu setzen, zitterte sie so sehr, daß sie Mühe hatte, ihre Nadel festzuhalten. Clennam legte sanft die Hand auf ihre Arbeit und sagte: »Liebe Klein-Dorrit, lassen Sie mich das weglegen.« Sie ließ es zu, und er legte die Arbeit beiseite. Ihre Hände waren ängstlich ineinander geschlungen, aber er nahm eine derselben. »Wie selten habe ich Sie in letzter Zeit gesehen, Klein-Dorrit!« »Ich war beschäftigt, Sir!« »Aber ich hörte erst heute«, sagte Clennam, »durch einen reinen Zufall, daß Sie bei den guten Leuten dicht neben mir waren. Warum besuchten Sie mich nicht?« »Ich – ich weiß nicht. Oder vielmehr, ich dachte, auch Sie würden viel beschäftigt sein. Sie sind es doch jetzt gewöhnlich, nicht wahr?« Er sah ihre zitternde kleine Gestalt und ihr gesenktes Gesicht und die Augen im selben Augenblick wieder niedergeschlagen, in dem sie sich zu den seinigen erhoben – er sah sie beinahe mit ebenso viel Unruhe wie Zärtlichkeit an. »Mein Kind, Ihr Wesen ist so verändert!« Nun ihres Zitterns nicht mehr Herr, entzog sie ihm sanft ihre Hand, legte sie in die andere und saß mit gesenktem Haupt vor ihm, während ihre ganze Gestalt zitterte. »Meine liebe Klein-Dorrit«, sagte Clennam teilnahmsvoll. Sie brach in Tränen aus. Maggy sah sich plötzlich um und betrachtete sie wenigstens eine Minute; aber sie mischte sich nicht darein. Clennam wartete einen kurzen Augenblick, ehe er wieder sprach. »Ich kann es nicht ertragen«, sagte er dann, »Sie weinen zu sehen: aber ich hoffe, das wird ein übervolles Herz erleichtern.« »Gewiß, Sir. Ganz gewiß!« »Nun, nun! Ich fürchtete, Sie würden sich's zu sehr zu Herzen nehmen, was soeben hier vorgegangen. Es ist von keiner Bedeutung; nicht der geringsten Bedeutung. Ich bedaure nur, eine Störung gemacht zu haben. Lassen Sie es mit diesen Tränen vergessen sein. Es ist nicht eine einzige wert. Nicht eine einzige! Solch eine nichtige Sache sollte, mit meiner freudigen Zustimmung, fünfzigmal des Tages wiederholt werden, wenn Ihnen der Schmerz eines Augenblicks damit erspart würde, Klein-Dorrit.« Sie hatte jetzt Mut gefaßt und antwortete weit mehr in ihrer gewöhnlichen Weise: »Sie sind so gut! Aber wenn auch nichts sonst dabei wäre, worüber man sich zu grämen oder zu schämen hätte, es ist eine so schlechte Vergeltung –« »Ach wo!« sagte Clennam lächelnd und berührte ihre Lippen mit seiner Hand. »Vergessen bei Ihnen, die Sie so mancherlei und so treu in Ihrem Gedächtnis bewahren, wäre wahrlich neu. Soll ich Sie daran erinnern, daß ich nichts anderes bin und nie war als der Freund, dem Sie zu trauen versprachen? Nun, Sie erinnern sich dessen, nicht wahr?« »Ich suche es zu tun, sonst hätte ich das Versprechen eben jetzt gebrochen, als mein im Irrtum befindlicher Bruder hier war. Sie werden in Betracht ziehen, daß er hier erzogen worden, und werden den armen Jungen, ich weiß es, nicht hart beurteilen!« Indem sie bei diesen Worten ihre Augen erhob, betrachtete sie sein Gesicht noch näher als bisher und sagte mit einer lebhaften Änderung des Tones: »Sie waren doch nicht unwohl, Mr. Clennam?« »Nein.« »Haben Sie vielleicht Kummer und Sorgen? Wurden von der Welt verletzt?« fragte sie ihn besorgt. Clennam wußte in diesem Augenblick seinerseits nicht, was er antworten sollte. Endlich erwiderte er: »Aufrichtig gesagt, ich hatte einigen Kummer, aber es ist vorüber. Zeige ich es denn so offen? Ich sollte mehr Charakterstärke und Selbstbeherrschung besitzen. Ich glaubte, ich hätte sie. Ich muß das von Ihnen lernen. Wer könnte es mich besser lehren?« Er hätte nie gedacht, daß sie in seinem Innern sehe, was niemand sonst sehen konnte. Er dachte nie, daß in der ganzen Welt je Augen seien, die mit demselben Licht und derselben Stärke wie die ihren auf ihn sähen. »Aber das führt mich auf etwas, was ich sagen wollte«, fuhr er fort, »und deshalb will ich mit meinem Gesicht nicht hadern, daß es Geschichten erzählt und mir ungetreu ist. Auch ist es ein Privilegium und ein Vergnügen für mich, auf meine Klein-Dorrit zu vertrauen. Lassen Sie mich Ihnen denn gestehen, daß ich, vergessend, wie gesetzt ich war, und wie alt ich war, und wie die Zeit für solche Dinge bei mir mit den vielen eintönigen und wenig glücklichen Jahren, in denen sich mein langes Leben verzehrte, ohne eine Spur zurückzulassen, – daß ich, all dies vergessend, mir einbildete, ich liebe jemanden.« »Kenne ich sie, Sir?« fragte Klein-Dorrit. »Nein, mein Kind.« »Nicht die Dame, die um Ihretwillen freundlich gegen mich war?« »Flora. Nein, nein. Dachten Sie –« »Ich dachte das nie so eigentlich,« sagte Klein-Dorrit, mehr zu sich selbst, als zu ihm. »Ich wunderte mich immer ein wenig darüber.« »Nein!« sagte Clennam, in das Gefühl versunken, das ihn in jener Allee zur Nacht der Rosen ergriffen hatte, das Gefühl, daß er ein älterer Mann sei, der mit dieser sentimentalen Periode des Lebens abgeschlossen: »Ich habe meinen Irrtum erkannt, und ich dachte ein wenig – ja, ziemlich viel – darüber nach und wurde klüger. Klüger geworden, zählte ich meine Jahre und betrachtete, was ich bin, und sah rückwärts und sah vorwärts und fand, daß ich bald grau werden würde. Ich fand, daß ich den Hügel erklommen und die Hochebene hinter mir habe und nun rasch hinabsteige.« Wenn er gewußt, welch herben Schmerz er dem geduldigen Herzen verursachte, als er so sprach! Und er tat es doch mit der Absicht, sie zu beruhigen und ihr zu dienen. »Ich fand, daß der Tag, wo irgend etwas der Art in mir wertvoll, oder gut, oder Hoffnung erweckend, oder glückbringend für mich, oder irgend sonst etwas hätte durch mich sein können, untergegangen ist und mir nie wieder leuchten wird.« O, wenn er gewußt, wenn er gewußt hätte! Wenn er den Dolch in seiner Hand und die grausamen Wunden hätte sehen können, die er in die treue blutende Brust seiner Klein-Dorrit wühlte! »All das ist vorbei, und ich habe mein Gesicht davon abgewandt. Warum spreche ich davon mit Klein-Dorrit? Warum zeige ich Ihnen, mein Kind, die Kluft von Jahren, die zwischen uns ist, und erinnere Sie daran, daß ich um die ganze Summe von Jahren, die Sie zählen, älter bin als Sie?« »Weil Sie mir hoffentlich vertrauen. Weil Sie wissen, daß nichts Sie berühren kann, was nicht auch mich berührt. Daß nichts Sie glücklich oder unglücklich machen kann, was nicht auch mich, die Ihnen zu so großem Dank verpflichtet ist, glücklich oder unglücklich machte.« Er vernahm das Zittern in ihrer Stimme, sah den Ernst in ihrem Gesicht, sah in ihre klaren, wahren Augen, sah den bewegten Busen, der sich freudig vor ihm niedergeworfen hätte, um den Todesstoß, der auf seine Brust gezückt war, mit dem sterbenden Ausruf: »Ich liebe ihn!« zu empfangen, und auch die entfernteste Ahnung der Wahrheit tauchte nicht in ihm auf. Nein. Er sah dies hingebende, kleine Geschöpf mit ihren abgetragenen Schuhen, in ihrer dürftigen Kleidung, in ihrer Gefängnisheimat; ein schwaches Kind an Leib, eine starke Heldin an Seele: und das Licht ihrer häuslichen Geschichte ließ ihm alles andere dunkel erscheinen. »Aus diesem Grunde allerdings, Klein-Dorrit, aus keinem andern. So entfernt, so verschieden und so viel älter, bin ich um so besser zu Ihrem Freund und Ratgeber geeignet. Ich glaube, man kann mir um so leichter vertrauen; und jeder kleine Zwang, den Sie vor einem andern fühlen, kann vor mir verschwinden. Warum sind Sie so fern von mir geblieben? Sagen Sie mir.« »Ich bin besser hier. Mein Platz ist hier, hier kann ich nützen. Ich bin weit besser hier«, sagte Klein-Dorrit halblaut. »So sagten Sie an jenem Tag auf der Brücke. Ich dachte später oft daran. Haben Sie mir kein Geheimnis anzuvertrauen, dessen Mitteilung Ihnen Hoffnung und Beruhigung einflößte?« »Geheimnis? Nein, ich habe kein Geheimnis«, sagte Klein-Dorrit in einiger Verlegenheit. Sie sprachen leise miteinander; mehr, weil es natürlich war, zu dem, was sie sich mitteilten, diesen Ton anzuschlagen, als weil sie besorgt gewesen, es vor Maggy, die an ihrer Arbeit saß, geheimzuhalten. Plötzlich sah Maggy sie starr an und sagte jetzt: »Höre! Mütterchen!« »Ja, Maggy.« »Wenn du ihm kein Geheimnis von dir selbst zu sagen hast, so erzähle ihm das von der Prinzessin. Sie hat ein Geheimnis, weißt du.« »Die Prinzessin hat ein Geheimnis?« sagte Clennam etwas überrascht. »Was für eine Prinzessin war das, Maggy?« »Na, na! Wie Sie das alles untereinander bringen«, sagte Maggy, »und fassen das arme Ding von zehn Jahren. Wer sagte denn, daß die Prinzessin ein Geheimnis hat? Ich habe das nicht gesagt.« »Ich bitte um Entschuldigung. Ich meinte, Sie sagten das.« »Nein, ich nicht. Wie kann ich auch, da sie es war, die verlangte, daß man es enträtsle? Die kleine Frau war es, die das Geheimnis hütete, und sie spann immer an ihrem Rade. Und da sagt sie zu ihr, warum bewahrst du es da? Und da sagt die andere zu ihr, nein, ich tue es nicht; und so sagt die andere zu ihr, ja, du tust es; und dann gehen sie beide zu dem Speiseschrank, und da ist es. Und sie wollte nicht ins Hospital gehen, und so starb sie. Du weißt, Mütterchen, erzähle ihm das. Und es war gar ein schönes rechtes Geheimnis, das!« rief Maggy sich selbst umarmend. Arthur sah Klein-Dorrit bittend an, daß sie es ihm verstehen helfe, was Maggy gesagt hatte, und war betroffen, da er sie verlegen und rot werden sah. Als sie ihm jedoch sagte, daß es nur eine Feengeschichte sei, die sie eines Tages für Maggy ersonnen, und daß nichts darin, was sie sich schämen würde, jedem wieder zu erzählen, wenn sie sich derselben erinnern könnte, ließ er die Sache auf sich beruhen. Er begann dagegen wieder von seiner eigenen Sache zu sprechen und bat sie zuerst, ihn öfter zu besuchen und nicht zu vergessen. Er sagte, daß niemand ein größeres Interesse an ihrem Wohlergehen nehme als er und mehr bereit sei, es zu fördern, als er. Als sie lebhaft antwortete, sie wisse das wohl, sie habe das nie vergessen, berührte er den zweiten und zarteren Punkt – den Verdacht, der in ihm aufgestiegen war. »Klein-Dorrit«, sagte er, indem er ihre Hand nahm und leiser sprach, als er bisher gesprochen, so daß selbst Maggy in dem kleinen Zimmer ihn nicht hören konnte, »noch ein Wort. Ich habe sehr verlangt, Ihnen dies zu sagen: ich habe nur auf eine Gelegenheit gelauert. Achten Sie nicht auf mich, der den Jahren nach Ihr Vater oder Ihr Oheim sein könnte. Betrachten Sie mich immer als einen alten Mann. Ich weiß, daß all Ihre Hingebung sich auf diesen Raum beschränkt und daß nichts bis ans Ende Sie je von den Pflichten, die Sie hier erfüllen, abbringen wird. Wenn ich dessen nicht gewiß wäre, würde ich Sie schon früher gebeten haben und Ihren Vater gebeten haben, mir zu erlauben, Ihnen an einem passenderen Ort eine Stellung zu verschaffen. Aber Sie haben vielleicht ein Interesse – ich will nicht sagen, obwohl auch das möglich ist – haben vielleicht später einmal ein Interesse für sonst jemanden, ein Interesse, das mit Ihrer Liebe hier nicht unvereinbar ist.« Sie wurde sehr, sehr blaß und schüttelte schweigend den Kopf. »Es ist vielleicht doch der Fall, liebe Klein-Dorrit.« »Nein, nein, nein.« Sie schüttelte nach jeder langsamen Wiederholung des Wortes den Kopf mit einem Ausdruck ruhiger Verzweiflung, dessen er sich noch lange erinnerte. Die Zeit kam, wo er sich noch lange nachher innerhalb dieser Gefängnismauern, ja innerhalb dieses Zimmers selbst daran erinnerte. »Aber wenn es je so wäre, so sagen Sie es mir, mein liebes Kind, vertrauen Sie mir die Wahrheit an, bezeichnen Sie mir den Gegenstand solchen Interesses, und ich werde mit allem Eifer, aller Verehrung, Freundschaft und Achtung, die ich für Sie, gute Klein-Dorrit, in meinem Herzen nähre, versuchen, Ihnen einen dauernden Dienst zu erweisen.« »Ich danke Ihnen, danke Ihnen! Nein, nein, nein!« Sie sagte das, indem sie die von der Arbeit mageren Hände ineinander legte und ihn ansah, mit demselben resignierten Ton wie zuvor. »Ich dringe auf kein Geständnis in diesem Augenblick. Ich bitte Sie nur, ein rückhaltloses Vertrauen in mich zu setzen.« »Kann ich weniger tun als das, während Sie so gut gegen mich sind?« »So werden Sie Ihr volles Vertrauen in mich setzen? Werden keinen geheimen Kummer, keine Besorgnis mir verheimlichen?« »Beinahe keine.« »Und Sie haben jetzt keinen Kummer?« Sie schüttelte den Kopf. Aber sie war sehr blaß. »Wenn ich zur Nacht mich niederlege, und meine Gedanken schweifen – wie dies der Fall sein wird, da sie es jede Nacht tun, auch wenn ich Sie nicht gesehen – nach diesem traurigen Ort zurück, darf ich dann glauben, daß hier in diesem Zimmer und unter seinen gewöhnlichen Bewohnern kein Kummer weilt, der an Klein-Dorrits Herzen nagt?« Sie schien nach diesen Worten zu haschen – was er sich gleichfalls lange nachher erinnerte – und sagte heiterer: »Ja, Mr. Clennam; ja. Sie dürfen das!« Die schwache Treppe, die gewöhnlich nicht faul war, bemerklich zu machen, wenn jemand hinauf- oder hinabging, ächzte jetzt unter einem raschen Tritt, und man vernahm noch ein weiteres Geräusch auf ihr; als wenn eine kleine Dampfmaschine mit mehr Dampf, denn sie zu verbrauchen weiß, nach dem Zimmer sich hinarbeitete. Als sie nahte, was sie sehr rasch tat, arbeitete sie mit vergrößerter Energie. Nachdem an die Tür gepocht worden, glaubte man zu hören, wie sie sich herabbeugte und in das Schlüsselloch hineinschnaubte. Ehe Maggy die Tür öffnen konnte, stand Mr. Pancks, der sie von außen geöffnet hatte, ohne Hut und mit dem bloßen Kopf in wilder Unordnung auf der Schwelle und sah Clennam und Klein-Dorrit über ihre Schulter an. Er hatte eine angezündete Zigarre in seiner Hand und brachte Bier- und Tabakgeruch mit sich. »Pancks der Zigeuner«, sagte er außer Atem, »beim Wahrsagen.« Er stand mit einer ungemein seltsamen Miene da, lächelte schmutzig und atmete ihnen ins Gesicht. Er sah aus, als wenn er, statt seines Eigentümers Ausjäter, der triumphierende Eigentümer des Marschallgefängnisses, des Marschalls, aller Schließer und aller Kollegen wäre. In seiner großen Selbstzufriedenheit brachte er die Zigarre an seine Lippe (er war sichtlich kein Raucher) und nahm, während er das rechte Auge zu diesem Zweck fest schloß, einen solchen Zug, daß er krampfhaft zusammenfuhr und schauerte. Aber auch mitten in diesem Krampf suchte er noch seine Lieblingsweise sich vorzustellen zu wiederholen: »Pa–-ancks, der Zi–geuner, beim Wahr–sagen.« »Ich bringe den Abend mit den andern zu«, sagte Pancks. »Ich habe gesungen. Ich habe eine Partie ›weißen Sand und grauen Sand‹ gemacht. Ich verstehe nichts davon, tut nichts. Ich mache bei allem mit. Es ist alles eins, wenn man nur laut genug ist.« Anfangs glaubte Clennam, er sei berauscht. Aber er bemerkte bald, daß, wenn ihm auch etwas schlimmer (oder besser) durch das Bier geworden, der Sturm seiner Aufregung nicht aus Malz gebraut oder aus irgendeiner Beere oder einem Korn destilliert war. »Wie geht es Ihnen, Miß Dorrit?« sagte Pancks. »Ich dachte, Sie würden nicht übelnehmen, wenn ich hier auf einen Augenblick vorspreche. Mr. Clennam, hörte ich von Mr. Dorrit, sei hier. Wie geht es Ihnen, Sir?« Clennam dankte ihm und sagte, er freue sich, ihn so heiter zu sehen. »Heiter!« sagte Pancks. »Ich bin in herrlicher Gesellschaft, Sir. Ich kann keinen Augenblick bleiben, sonst vermißt man mich, und ich will nicht, daß man mich vermisse – hm, Miß Dorrit?« Er schien ein unersättliches Vergnügen daran zu finden, sie anzureden und sie anzusehen, während sein Haar zu gleicher Zeit starr in die Höhe stand wie die Federn einer dunklen Art von Kakadu. »Ich bin noch nicht eine halbe Stunde hier. Ich wußte, daß Mr. Dorrit im Präsidentenstuhl sitzt, und ich sagte: Ich will gehen und ihn unterstützen. Ich sollte eigentlich im Hof zum blutenden Herzen drunten sein: aber ich kann sie morgen quälen. – Hm, Miß Dorrit?« Seine kleinen schwarzen Augen funkelten elektrisch. Sein Haar sogar schien Funken zu sprühen, wenn er durch dasselbe strich. Er war in einem so aufgeregten Zustande, daß man hätte glauben können, er werde Funken und Schläge von sich geben, wenn man einen Muskel an irgendeinen Teil seines Körpers halte. »Eine Kapitalgesellschaft hier«, sagte Pancks. – »Nicht wahr, Miß Dorrit?« Halb fürchtete sie sich vor ihm, halb war sie unentschlossen, was sie sagen sollte. Er lachte und nickte Clennam zu. »Seien Sie seinetwegen unbesorgt, Miß Dorrit. Er ist einer von den Unsrigen. Wir kamen überein, daß Sie vor den Leuten mich nicht kennen sollten. Aber wir meinen damit nicht Mr. Clennam. Er ist einer von den Unsrigen, Er hält zu uns. Nicht wahr, Mr. Clennam? – Hm, Miß Dorrit?« Die Aufregung dieses seltsamen Menschen war nahe daran, sich auf Clennam zu übertragen. Klein-Dorrit sah dies mit Verwunderung und bemerkte, daß sie lebhafte Blicke wechselten. »Ich machte eine Bemerkung«, sagte Pancks, »aber ich erkläre, daß ich vergesse, was es war. Oh, ich weiß! Eine Kapitalgesellschaft hier. Ich habe sie sämtlich bewirtet. – Hm, Miß Dorrit?« »Sehr freigebig von Ihnen«, versetzte sie, indem sie wieder einen der lebhaften Blicke zwischen den beiden bemerkte. »Keineswegs«, sagte Pancks. »Sprechen Sie nicht davon. Ich komme in mein Eigentum, das ist die Sache. Ich kann gut freigebig sein. Ich denke, ich will sie bewirten. Die Tische werden im Hof gedeckt. Brot in Haufen. Pfeifen in Bündeln. Tabak in Heulasten. Roastbeef und Plumpudding für jeden. Ein Quart Doppelbier für den Kopf. Ein Viertel Wein dazu, wenn sie Lust haben und die Vorgesetzten es erlauben. – Hm, Miß Dorrit?« Sie war durch sein Benehmen oder vielmehr durch Clennams wachsendes Verständnis seines Wesens so verwirrt (denn sie sah ihn nach jeder neuen Anrede und Kakadudemonstration des Mr. Pancks wieder an), so daß sie nur ihre Lippen zur Antwort bewegte, aber kein Wort hervorbrachte. »Ja, ja, nach und nach!« sagte Pancks. »Sie sollen es erleben, daß Sie es sehen, was hinter uns auf Ihrer kleinen Hand ist. Das werden, das werden Sie, mein Liebling. – Hm, Miß Dorrit?« Er hielt plötzlich inne. Woher er all die schwarzen Zinken bekam, die jetzt an seinem Kopf emporstarrten wie die Myriaden Spitzen, die im letzten Augenblick eines großen Feuerwerks hervorbrechen; das war ein unerklärliches Geheimnis. »Aber man wird mich vermissen«, sagte er, darauf zurückkommend, »und ich möchte nicht, daß man mich vermißt. Mr. Clennam, Sie und ich machten einen Pakt. Ich sagte, Sie sollen finden, daß ich fest daran halte, und Sie werden finden, daß ich jetzt fest daran halte, Sir, wenn Sie einen Augenblick mit mir hinaus vor das Zimmer kommen wollen. Miß Dorrit, ich wünsche Ihnen gute Nacht. Miß Dorrit, ich wünsche Ihnen viel Glück.« Er schüttelte ihr rasch beide Hände und fuhr die Treppen hinunter. Arthur folgte ihm so eilig, daß er auf dem letzten Absatz beinahe über ihn gestolpert wäre und ihn in den Hof hinausgeschleudert hätte. »Was gibt es, um des Himmels willen?« fragte Arthur, als sie beide hinausstürzten. »Warten Sie einen Augenblick, Sir. Mr. Rugg. Erlauben Sie mir, daß ich ihn vorstelle.« Mit diesen Worten stellte er einen Mann vor ohne Hut, auch mit einer Zigarre, und gleichfalls mit einem Bier- und Tabakgeruch. Dieser Mann befand sich, obgleich nicht aufgeregt wie er selbst, in einem Zustand, der mit der Mondsucht verwandt gewesen, wenn er nicht im Vergleich zu Mr. Pancks' Ausschweifung nüchtern erschienen wäre. »Mr. Clennam, Mr. Rugg«, sagte Pancks. »Warten Sie einen Augenblick. Kommen Sie zu der Pumpe.« Sie begaben sich nach der Pumpe. Mr. Pancks hielt augenblicklich seinen Kopf unter die Röhre und bat Mr. Rugg tüchtig zu pumpen. Da Mr. Rugg seinen Wunsch wörtlich erfüllte, so kam Mr. Pancks schnaubend und blasend darunter hervor und trocknete sich mit seinem Taschentuch ab. »Ich sehe jetzt um so klarer«, fauchte er Clennam an, der erstaunt dastand. »Aber, auf Ehre, ihren Vater Reden im Präsidentenstuhl halten zu hören, wahrend wir wissen, was wir wissen, und sie droben in einem solchen Zimmer, in einem solchen Kleid zu sehen, während wir wissen, was wir wissen, das ist genug, und – geben Sie mir noch eins in den Nacken, Mr. Rugg, – etwas höher, Sir – das wird recht sein!« Dann und hier, auf diesem Pflaster des Marschallgefängnisses, in der Abenddämmerung, flog Mr. Pancks, in eigener Person, über Kopf und Schultern von Mr. Rugg von Pentonoille, dem Generalagenten, Rechnungsführer und Schuldeneintreiber. Als er wieder auf seine Füße herabkam, nahm er Clennam am Knopfloch, führte ihn hinter die Pumpe und brachte keuchend ein Bündel Papiere aus der Tasche. Rugg brachte gleichfalls keuchend ein Bündel Papiere aus der Tasche. »Ha!« sagte Clennam flüsternd. »Sie haben eine Entdeckung gemacht?« – Mr. Pancks antwortete salbungsvoll, wie sie keine Sprache wiederzugeben vermag: »Wir glauben, ja.« »Wird jemand dadurch kompromittiert?« »Wie kompromittiert?« »Durch eine Unterdrückung oder eine schlechte Handlung irgendwelcher Art?« »Keineswegs.« »Gott sei Dank!« sagte Clennam bei sich. »Nun, zeigen Sie mir.« »Sie müssen wissen«, schnaubte Panck«, fieberhaft die Papiere entfaltend, indem er in kurzgestoßenen Sätzen sprach: »Wo ist der Stammbaum? Wo ist das Verzeichnis Nummer vier, Mr. Rugg? Ja, ganz recht! Hier sind wir. – Sie müssen wissen, daß wir eben heute tatsächlich fort sind. Rechtlich werden wir's erst in zwei bis drei Tagen sein. Nehmen Sie höchstens eine Woche an. Wir waren, ich weiß nicht wie lange, Tag und Nacht bei der Sache. Mr. Rugg, Sie wissen, wie lange. Tut nichts zur Sache. Brauchen's nicht zu sagen. Sie wollen mich nun verwirren. Sie werden es ihr sagen, Mr. Clennam. Aber nicht eher, als bis wir es Ihnen erlauben. Wo ist die rohe Bilanz, Mr. Rugg? Oh! Hier sind wir. Da, mein Herr. Das ist's, was Sie ihr zu eröffnen haben. Dieser Mann ist Ihr Vater des Marschallgefängnisses.« Dreiunddreißigstes Kapitel. Mrs. Merdles Übel. Mrs. Gowan faßte, in das unvermeidliche Schicksal sich fügend, indem sie die vorteilhafteste Seite dieser Miggles herauskehrte, den edelmütigen Entschluß, sich der Heirat ihres Sohnes nicht zu widersetzen. Auf dem Wege zu diesem Entschluß, zu dem sie endlich glücklich gekommen, wurde sie vielleicht nicht bloß durch ihre mütterliche Liebe, sondern auch durch dreierlei Erwägungen der Klugheit beeinflußt. Von diesen mag die erste die gewesen sein, daß ihr Sohn niemals die leiseste Absicht zu erkennen gegeben hatte, ihre Einwilligung einzuholen. Ferner hatte er nie ein Mißtrauen in seine Fähigkeit, sich von dieser Pflicht zu dispensieren, offenbart. Die zweite war die, daß die Pension, die ihr ein dankbares Land (und ein Barnacle) zuerkannt, von allen, selbst den kleinsten kindlichen Eingriffen fortan befreit sein würde, sobald ihr Sohn Henry mit dem einzigen Liebling eines Mannes in sehr vermöglichen Umständen verheiratet wäre; die dritte, daß Henrys Schulden von seinem Schwiegervater bei Heller und Pfennig auf dem Altargeländer bezahlt werden müßten. Wenn zu diesen dreifachen Klugheitsrücksichten das Faktum hinzugefügt wird, daß Mrs. Gowan ihre Zustimmung in dem Augenblick gab, als sie erfuhr, daß Mr. Meagles die seinige gegeben, und daß Mr. Meagles' Einspruch gegen die Heirat bislang das einzige Hindernis gewesen war, so erreicht es die Höhe der Wahrscheinlichkeit, daß die Witwe des verstorbenen Unterhändlers, der eigentlich nichts zu unterhandeln hatte, diese Ideen in ihrem schlauen Geiste wohl erwogen hatte. Unter ihren Verwandten und Bekannten bewahrte sie jedoch ihre persönliche Würde und die Würde des Bluts der Barnacles, indem sie fleißig die Behauptung wiederholte, daß es ein sehr unglücklicher Handel wäre. Sie sei sehr betrübt darüber, daß Henry unter einem wahren Zauberbanne stehen müsse; daß sie sich lange widersetzt habe, aber was könne eine Mutter tun, und dergleichen. Sie hatte sich sogar auf Arthur Clennam, als auf einen Freund der Familie Meagles, berufen, um diese Fabel zu bekräftigen, und sie ging noch weiter, indem sie sogar die Familie selbst zu gleichem Zweck in Anspruch nahm. Bei der ersten Zusammenkunft, die sie Mr. Meagles zugestand, gab sie sich das Ansehen, als ob sie mit schwerem Herzen, aber doch voll Güte, in das unwiderstehliche Drängen einwillige. Mit der größten Höflichkeit und Feinheit tat sie, als ob sie – nicht er – die Schwierigkeiten gemacht und endlich nachgegeben hätte, und als ob das Opfer ihrerseits – nicht seinerseits – bestände. Dieselbe Finte wandte sie mit derselben feinen Geschicklichkeit gegen Mrs. Meagles an, als ob ein Verschwörer etwa dieser unschuldigen Dame eine Karte aufgedrungen hätte. Als dann die künftige Schwiegertochter ihr von ihrem Sohne vorgestellt wurde, sagte sie, während sie sie umarmte: »Mein liebes Kind, was haben Sie Henry angetan, daß er so bezaubert ist!« indem sie zu gleicher Zeit einigen Tränen erlaubte, das kosmetische Pulver auf ihrer Nase in kleinen Pillen vor sich herzutreiben, als ein zartes, aber rührendes Zeichen, daß sie innerlich viel leide, obgleich sie äußerlich mit großer Fassung ihr Unglück trage. Unter den Freundinnen von Mrs. Gowan, die sich zu gleicher Zeit darauf spitzte, zur Gesellschaft zu zählen und intimen und ungezwungenen Verkehr mit dieser Macht zu pflegen – unter diesen Freundinnen stand Mrs. Merdle in erster Reihe. Die Zigeuner von Hampton Court rümpften ohne Ausnahme die Nase über die Merdles als Emporkömmlinge; aber sie senkten auch wieder die Nasen, indem sie aus Achtung vor ihrem Reichtum flach auf den Boden fielen. In dieser sich ausgleichenden Stellung ihrer Nasen waren sie der Schatzkammer, dem Stande der Rechtsanwälte und der Bischöfe, bzw. deren Vertretern und allen übrigen ungemein ähnlich. Mrs. Gowan machte Mrs. Merdle einen Beileidsbesuch in eigner Sache, sozusagen, nachdem sie die erwähnte gnädige Einwilligung gegeben. Sie fuhr zu diesem Ende in einem einspännigen Wagen, in jener Periode der englischen Geschichte unehrfürchtigerweise Pillenschachtel genannt, nach der Stadt. Der Wagen gehörte einem armseligen Makler, der ihn selbst führte und tage- oder stundenweise an die meisten alten Damen in Hampton Court vermietete; aber es war ein heiliger Gebrauch dieses Wagens, daß die ganze Equipage stillschweigend als das Privateigentum des Mieters für die Dauer der Miete angesehen wurde und daß der Makler niemand persönlich kennen sollte als den Mieter, der im momentanen Besitz des Wagens war. So behaupteten ja auch die Barnacles vom Circumlocution-Office, die die größten Makler des Universums waren, keinen andern Mieter zu kennen als den, der gerade im Augenblick im Besitz einer Sache war. Mrs. Merdle war zu Hause und saß in ihrem Nest von Scharlach und Gold, während der Papagei in der Nähe auf einer Stange saß und sie mit zur Seite geneigtem Kopf betrachtete, als wenn er sie ebenfalls für einen glänzenden Papagei, nur von einer größeren Gattung, hielte. Mrs. Gowan trat mit ihrem grünen Lieblingsfächer, der das Licht auf den roten Flecken ihres allzu blühenden Antlitzes dämpfte, bei ihr ein. »Meine teure Freundin«, sagte Mrs. Gowan und klopfte mit dem Fächer nach einem kurzen gleichgültigen Gespräch den Handrücken ihrer Freundin: »Sie sind mein einziger Trost! Die Geschichte mit Henry, von der ich Ihnen erzählte, wird demnächst vor sich gehen. Nun, was denken Sie davon? Ich sterbe vor Ungeduld, es zu wissen, da Sie die Gesellschaft so vortrefflich repräsentieren und die Meinung derselben klar kundzugeben imstande sind.« Mrs. Merdle musterte den Busen, den die Gesellschaft zu mustern pflegte, und nachdem sie sich überzeugt, daß das Schaufenster von Mr. Merdle und den Londoner Juwelieren in bester Ordnung sei, antwortete sie: »Bei einer Heirat, meine Liebe, verlangt die Gesellschaft auf seiten des Mannes, daß er durch die Verbindung seinen Vermögensverhältnissen aufhilft. Die Gesellschaft verlangt, daß er durch die Verbindung gewinnt. Die Gesellschaft verlangt, daß er durch die Verbindung in eine hübsche Stellung kommt. Die Gesellschaft begreift sonst nicht, was er mit einer Heirat will. Vogel, sei still!« Der Papagei, der nämlich in seinem Käfig über ihnen bei der Verhandlung den Vorsitz führte, als wenn er Richter wäre, sah ziemlich wie ein solcher aus und hatte die Auseinandersetzung mit einem entsprechenden Spektakel abgeschlossen. »Es gibt Fälle«, sagte Mrs. Merdle, indem sie den kleinen Finger ihrer Lieblingshand sanft krümmte und ihre Bemerkungen durch diese zierliche Aktion noch zierlicher machte, »es gibt Fälle, wo ein Mann nicht jung oder elegant, aber reich ist und bereits eine hübsche Stellung hat. Diese sind von anderer Art. In solchen Fällen –« Mrs. Merdle zuckte die schneeweißen Schultern und legte ihre Hand auf das Juwelenkissen, indem sie ein kleines Hüsteln unterdrückte, als wenn sie hinzufügen wollte: »Warum sollte ein Mann auf solche Dinge sehen, meine Liebe?« Dann schrie der Papagei wieder, und sie setzte ihr Glas auf, um nach ihm zu sehen, und sagte: »Vogel, sei still!« »Aber junge Leute«, fuhr Mrs. Merdle fort, »und Sie wissen, was ich unter jungen Leuten verstehe, meine Liebe – ich meine die Söhne gewöhnlicher Leute, die noch die Welt vor sich haben, – solche müssen sich durch eine Heirat in eine bessere Stellung zur Gesellschaft bringen, sonst wird die Gesellschaft sich unbarmherzig lustig über sie machen. Schrecklich eigennützig klingen diese Worte«, sagte Mrs. Merdle, indem sie sich in ihr Nest zurücklehnte und ihren Kneifer wieder aufsetzte, »nicht wahr?« »Aber es ist richtig«, sagte Mrs. Gowan mit einer höchst moralischen Miene. »Meine Liebe, es läßt sich keinen Augenblick bestreiten«, versetzte Mrs. Merdle, »weil die Gesellschaft sich mal darauf gespitzt hat; es läßt sich nichts weiter darüber sagen. Wenn wir in einem ursprünglicheren Zustand lebten, wenn wir unter Dächern von Laub wohnten und Kühe und Schafe und Vieh hielten, statt Wechselgeschäfte zu machen – was köstlich wäre, meine Liebe, ich bin von Hause aus bis zu einem gewissen Grade sehr für das Landleben eingenommen – dann gut und schön. Aber wir leben mal nicht unter Laubdächern und halten keine Kühe und Schafe und Vieh. Ich schwatze mich bisweilen ganz außer Atem, wenn ich Edmund Sparkler diesen Unterschied auseinandersetze.« Mrs. Gowan, die über ihren grünen Fächer hinsah, als der Name dieses jungen Mannes genannt wurde, antwortete wie folgt: »Meine Liebe, Sie kennen den heruntergekommenen Zustand dieses Landes – die unglückseligen Zugeständnisse von John Barnacle! – und Sie wissen somit den Grund, weshalb ich so arm wie – bin.« »Wie eine Kirchenmaus!« warf Mrs. Merdle lächelnd ein. »Ich dachte an die andre sprichwörtliche Kirchenperson – Hiob«, sagte Mrs. Gowan. »Beides richtig. Es wäre deshalb umsonst, sich zu verhehlen, daß ein großer Unterschied zwischen der Stellung Ihres Sohnes und der meines Sohnes ist. Ich darf hinzufügen, daß Henry Talent hat –« »Was Edmund freilich nicht hat«, sagte Mrs. Merdle mit der größten Freundlichkeit. »– und daß sein Talent verbunden mit Enttäuschungen«, fuhr Mrs. Gowan fort, »ihn auf eine Bahn brachten – ach, Gott! Sie wissen, meine Liebe. In solcher Lage Henrys war die Frage, was die unterste Klasse von Heiraten ist, mit der ich mich einverstanden erklären kann.« Mrs. Merdle war so sehr mit der Betrachtung ihrer Arme beschäftigt (herrlich geformter Arme, wie für Armbänder gemacht), daß sie einen Augenblick zu antworten vergaß. Durch die eingetretene Stille endlich aufgeschreckt, faltete sie ihre Arme, sah ihrer Freundin mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart offen ins Gesicht und sagte fragend: »Ja–a? Und dann?« »Und dann, meine Liebe«, sagte Mrs. Gowan, nicht ganz so artig wie zuvor, »ich wünschte sehr zu hören, was Sie dazu zu sagen haben.« Hier brach der Papagei, der, seit er zuletzt geschrien, auf einem Beine stand, in ein lautes Gelächter aus, baumelte höchst komisch mit beiden Füßen auf und nieder, stand zuletzt wieder auf einem Fuße und hielt zu einer Antwort inne, indem er den Kopf so schief wie möglich drehte. »Es klingt kaufmännisch, zu fragen, was der Mann mit der Frau tun soll«, sagte Mrs. Merdle: »aber die Gesellschaft ist nun mal etwas kaufmännisch, wie Sie wissen, meine Liebe.« »Nach dem, was ich ausfindig machen konnte«, sagte Mrs. Gowan, »glaube ich sagen zu dürfen, daß Henry sich von seinen Schulden loszumachen imstande sein wird –-« »Sehr viel Schulden?« fragte Mrs. Merdle durch ihren Kneifer. »Nun ziemlich, glaube ich«, sagte Mrs. Gowan. »Und daß der Vater ihnen ein Einkommen von dreihundert Pfund jährlich, vielleicht auch etwas mehr, aussetzen wird. Was in Italien –-« »Oh! Sie gehen nach Italien –-« »Henrys wegen, der dort Studien machen will. Sie können leicht ahnen, weshalb, meine Liebe. Diese schreckliche Kunst –-« »Wahr.« Mrs. Merdle beeilte sich, die Gefühle ihrer bekümmerten Freundin zu schonen. Sie verstand. »Sagen Sie nichts mehr!« »Und das«, sagte Mrs. Gowan, ihr gebeugtes Haupt schüttelnd, »das ist alles. Das«, wiederholte Mrs. Gowan, ihren grünen Fächer für den Augenblick faltend und ihr Kinn damit klopfend (es war auf dem Wege, ein Doppelkinn zu werden, und konnte für den Augenblick ein Anderthalbkinn genannt werden), »das ist alles! Nach dem Tod der alten Leute wird vermutlich mehr herausspringen: aber wie es zusammengehalten oder bewahrt wird, weiß ich nicht. Und was das betrifft, mögen sie ewig leben. Meine Liebe, dazu sind sie ganz die rechten Leute.« Mrs. Merdle, die ihre Freundin, die Gesellschaft, sehr gut kannte und wußte, wer die Mütter der Gesellschaft waren, und wer die Töchter der Gesellschaft waren, und welcher Art der Freiermarkt der Gesellschaft war, und wie die Preise auf demselben stehen, und wie für die großen Käufer geboten und gegengeboten wurde, und wie man handelte und feilschte – Mrs. Merdle dachte in der Tiefe ihres geräumigen Busens, daß es ein sattsam glücklicher Fang sei. Da sie jedoch wußte, was man von ihr verlangte, und sah, wie man diese umgedichtete Angelegenheit hätschelte und wartete, so nahm sie sie sanft in ihre Arme und legte den verlangten Beitrag von Randbemerkungen darauf. »Und das ist alles, meine Liebe?« sagte sie, freundlich aufseufzend. »Nun, nun, der Fehler liegt nicht an Ihnen. Sie haben sich dabei nichts vorzuwerfen. Sie müssen die Stärke des Geistes, wegen der Sie berühmt sind, hier an den Tag legen und sich so gut wie möglich aus der Sache ziehen.« »Die Familie des Mädchens«, sagte Mrs. Gowan, »hat natürlich die größten Anstrengungen gemacht, Henry – wie die Rechtsanwälte sagen – ›niet- und nagelfest zu machen‹.« »Natürlich taten sie das, meine Liebe«, sagte Mrs. Merdle. »Ich beharrte bei allen möglichen Einwänden und habe Tag und Nacht auf Mittel gesonnen, Henry von dieser Bekanntschaft loszureißen.« »Kein Zweifel, daß Sie das getan haben«, sagte Mrs. Merdle. »Und alles umsonst. Alles ist unter mir zusammengebrochen. Nun sagen Sie, meine Liebe: bin ich zu rechtfertigen, daß ich endlich, wenn auch mit größtem Widerstreben, meine Einwilligung zu Henrys Verbindung mit Leuten gab, die nicht zur Gesellschaft zählen; oder habe ich mit nicht zu entschuldigender Schwäche gehandelt?« Auf diese direkte Aufforderung antwortend, versicherte Mrs. Merdle, indem sie als eine Priesterin der Gesellschaft sprach, Mrs. Gowan, daß sie im höchsten Grade zu loben sei, daß man mit ihr in hohem Maße sympathisieren müsse, daß sie das beste Teil erwählt und gereinigt aus dem Fegefeuer gekommen sei. Und Mrs. Gowan, die natürlich durch ihren eigenen abgenützten Schleier ganz gut sah und wußte, daß Mrs. Merdle durch denselben gleichfalls ganz gut sehe, und wußte, daß die Gesellschaft durch denselben gleichfalls ganz gut sehe, trat dessenungeachtet mit ungeheurer Selbstgefälligkeit und Würde aus dieser Umhüllung, wie sie hineingetreten. Die Verhandlung fand zwischen vier und fünf Uhr nachmittags statt, wo die ganze Gegend von Harley Street, Cavendish Square, von Wagenrädern und Türklopfen widerhallt. Sie waren so weit gekommen, als Mr. Merdle, von seiner täglichen Beschäftigung, den britischen Namen in allen Teilen der zivilisierten Welt immer geachteter zu machen, kommerzielle Unternehmungen, die die ganze Welt umfassen, und riesenhafte Kombinationen des Talents und Kapitals zu würdigen fähig, nach Hause kehrte. Denn obgleich niemand auch nur entfernt genau angeben konnte, was Mr. Merdles Geschäft sei, außer Geldaufhäufen, so war dies doch immer der Ausdruck, mit dem man dasselbe bei allen feierlichen Gelegenheiten bezeichnete, und die neueste höfliche Lesart von der Parabel von dem Kamel mit dem Nadelöhr, die man ohne Prüfung annehmen mußte. Für einen Mann, der sich diese hohe Aufgabe gestellt, sah Mr. Merdle etwas einfach, ja ziemlich so aus, als wenn er, im Verlauf seiner großen Unternehmungen, seinen Kopf mit einem untergeordneten Geist verwechselt hätte. Er erschien vor den beiden Damen nach einem trübseligen Streifzug durch sein Haus, der offenbar keinen andern Zweck hatte, als dem Oberhaushofmeister zu entfliehen. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er verlegen innehaltend, »ich wußte nicht, daß jemand außer dem Papagei hier sei.« Da aber Mrs. Merdle sagte: »Sie können hereinkommen!« und Mrs. Gowan äußerte, daß sie im Begriff sei zu gehen, und bereits aufgestanden war, um Abschied zu nehmen, trat er ein und stellte sich, um hinauszusehen, an ein entferntes Fenster. Dabei legte er die Hände unter seinen unbequemen Rockaufschlägen übereinander und hielt sich an seinen Handgelenken fest, als wollte er sich selbst in Bewachung nehmen. In dieser Stellung versank er alsbald in eine Träumerei, aus der er erst durch den Ruf seiner Frau vom Diwan her aufgescheucht wurde, als sie bereits eine Viertelstunde allein waren. »Hm? Ja?« sagte Mr. Merdle und wandte sich nach ihr um. »Was gibt es?« »Was es gibt?« wiederholte Mr. Merdle. »Das glaube ich, daß Sie nicht ein Wort von meiner Klage gehört haben.« »Ihrer Klage, Mrs. Merdle?« sagte Mr. Merdle. »Ich wußte nicht, daß Sie etwas zu leiden haben. Was ist es?« »Ich beklage mich über Sie«, sagte Mrs. Merdle. »Oh! Eine Klage über mich«, sagte Mr. Merdle. »Was ist das – was habe ich – worüber haben Sie sich, was mich betrifft, zu beklagen, Mrs. Merdle?« In seiner ausweichenden, abstrakten, überlegenden Weise kostete es ihm einige Zeit, diese Frage zu bilden. Als eine Art schwachen Versuchs sich zu überzeugen, ob er Herr vom Hause sei, schloß er damit, daß er seinen Zeigefinger dem Papagei hinbot, der seine Meinung in dieser Hinsicht dadurch aussprach, daß er ihn augenblicklich mit dem Schnabel biß. »Sie sagten, Mrs. Merdle«, fuhr Mr. Merdle, mit dem verwundeten Finger im Munde fort, »Sie hätten eine Klage gegen mich?« »Eine Klage, deren Gerechtigkeit ich kaum nachdrücklicher darzulegen vermöchte als dadurch, daß ich sie wiederholen muß«, sagte Mrs. Merdle. »Ich könnte sie ebensogut der Wand vorgehalten haben. Ich hätte sie sogar weit besser dem Vogel vorgehalten. Er würde wenigstens geschrien haben.« »Sie verlangen doch nicht, daß ich schreien soll, Mrs. Merdle?« sagte Mr. Merdle, indem er einen Stuhl nahm. »Wahrhaftig, ich weiß nicht«, erwiderte Mrs. Merdle, »ob Sie nicht besser schreien würden, als so launisch und zerstreut zu sein. Man wüßte wenigstens, daß Sie wissen und fühlen, was um Sie her vorgeht.« »Ein Mann könnte schreien und doch nichts wissen, Mrs. Merdle«, sagte Mr. Merdle schwerfällig. »Und könnte verfolgt sein, wie Sie es in diesem Augenblick sind, ohne zu schreien«, versetzte Mrs. Merdle. »Das ist sehr wahr. Wenn Sie die Klage zu wissen wünschen, die ich gegen Sie vorzubringen habe, so ist es in wenigen einfachen Worten die, daß Sie wirklich nicht in Gesellschaft gehen sollten, bis Sie sich der Gesellschaft anzupassen verstehen.« Mr. Merdle fuhr so heftig mit seinen Händen in die Haare, die er noch auf dem Kopfe hatte, daß er sich selbst in die Höhe zu heben schien; denn er fuhr aus seinem Stuhl auf und rief: »Im Namen aller höllischen Mächte, Mrs. Merdle, wer tut mehr für die Gesellschaft als ich? Sehen Sie diese Gebäude, Mrs. Merdle? Sehen Sie diese Möbel, Mrs. Merdle? Sehen Sie in den Spiegel und betrachten Sie sich selbst, Mrs. Merdle! Wissen Sie, was das alles gekostet? Für wen ist es angeschafft worden? Und Sie wollen mir noch sagen, ich sollte mich nicht in der Gesellschaft bewegen? Ich, der ich das Geld in solcher Weise über die Gesellschaft ausschütte? Ich, von dem man beinahe sagen könnte, er – er – er – schirre sich an einen Wasserkarren voll Geld und gehe umher, um jeden Tag die Gesellschaft zu sättigen?« »Bitte, werden Sie nicht heftig, Mr. Merdle«, sagte Mrs. Merdle. »Heftig?« sagte Mr. Merdle. »Sie könnten mich wirklich zur Verzweiflung bringen. Sie wissen nicht die Hälfte von dem, was ich tue, um mich der Gesellschaft anzupassen. Sie wissen nicht das geringste von den Opfern, die ich ihr bringe.« »Ich weiß«, versetzte Mrs. Merdle, »daß Sie die Besten des Landes empfangen. Ich weiß, daß Sie sich in der ganzen Gesellschaft des Landes bewegen. Aber ich glaube, ich weiß (wahrhaftig, es ist keine lächerliche Anmaßung), ich weiß, ich weiß, wer Sie in derselben hält, Mr. Merdle.« »Mrs. Merdle«, entgegnete der Angegriffene, indem er sein dunkelrotes und gelbes Gesicht wischte, »ich weiß das so gut wie Sie. Wenn Sie nicht eine Zierde der Gesellschaft und ich nicht ein Wohltäter der Gesellschaft wäre, würden Sie und ich nie zusammengekommen sein. Wenn ich sage ein Wohltäter, so verstehe ich darunter einen Mann, der sie mit allen Arten kostbarer Dinge zum Essen und Trinken und Beschauen versieht. Aber nun zu sagen, daß ich nicht für sie geschaffen sei, nach allem, was ich für sie getan, nach allem, was ich für sie getan«, wiederholte Mr. Merdle mit heftigem Nachdruck, der seiner Frau die Augen öffnete, – »nach alledem! – alledem! – mir zu sagen, ich habe kein Recht, mich unter sie zu mischen. Das ist ein hübscher Lohn.« »Ich sage«, antwortete Mrs. Merdle gelassen, »Sie sollten sich mehr für die Gesellschaft bilden, indem Sie sich aufgeschlossener, weniger mit Ihren Gedanken beschäftigt zeigen. Es liegt etwas entschieden Ordinäres darin, Ihre Geschäftssachen überall mit sich herumzuschleppen, wie Sie es machen.« »Inwiefern schleppe ich sie mit mir herum, Mrs. Merdle?« fragte Mr. Merdle. »Inwiefern Sie sie mit sich herumschleppen?« sagte Mrs. Merdle. »Sehen Sie sich nur mal im Spiegel.« Mr. Merdle richtete seine Blicke unwillkürlich nach dem nächsten Spiegel und fragte, während sein dickes Blut langsam in seine Schläfe stieg, ob ein Mensch für seine Verdauung verantwortlich gemacht werden könne? »Sie haben einen Arzt«, sagte Mrs. Merdle. »Er behandelt mich nicht richtig«, sagte Mr. Merdle. Mrs. Merdle wechselte den Boden. »Ach«, sagte sie. »Ihre Verdauung, das ist Unsinn. Ich spreche nicht von Ihrer Verdauung. Ich spreche von Ihren Manieren.« »Mrs. Merdle«, versetzte ihr Gatte, »ich überlasse das Ihnen, Sie liefern die Manieren, ich das Geld.« »Ich erwarte nicht von Ihnen«, sagte Mrs. Merdle, indem sie sich bequem in ihre Kissen zurücklehnte, »daß Sie die Leute fesseln sollen. Ich will nicht, daß Sie sich irgendwie beunruhigen oder bemühen sollen, bezaubernd zu sein. Ich verlange einfach, daß Sie sich um nichts kümmern, – oder sich um nichts zu kümmern scheinen – wie alle andern Leute.« »Sage ich je, daß ich mich um etwas kümmere?« fragte Mr. Merdle. »Sagen? Nein! Niemand würde darauf achten, wenn Sie es täten. Aber Sie zeigen es.« »Zeigen, was? Was zeige ich?« fragte Mr. Merdle rasch. »Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Sie zeigen, daß Sie Ihre Geschäftssorgen und Pläne mit sich herumtragen, statt sie in der City zu lassen, oder wohin sie sonst gehören«, sagte Mrs. Merdle. »Oder zu gehören scheinen. Scheinen wäre vollkommen genug: ich verlange nicht mehr. Während Sie im Gegenteil nicht mehr mit den alltäglichen Kalkulationen und Geschäftsproblemen beschäftigt sein könnten, als Sie es gewöhnlich zeigen, selbst wenn Sie ein Zimmermann wären.« »Ein Zimmermann?« wiederholte Mr. Merdle, etwas wie einen Seufzer zurückhaltend. »Es wäre mir nicht so unangenehm, wenn ich ein Zimmermann wäre.« »Und meine Klage ist die«, fuhr die Dame fort, auf diese leise Bemerkung nicht achtend, »daß das nicht der Ton der Gesellschaft ist und daß Sie ihn verbessern sollten, Mr. Merdle. Wenn Sie gegen mein Urteil irgend mißtrauisch sind, so fragen Sie Edmund Sparkler.« Die Tür des Zimmers war aufgegangen, und Mrs. Merdle erblickte den Kopf ihres Sohnes in dem Spiegel. »Edmund, wir brauchen dich hier.« Mr. Sparkler, der bloß seinen Kopf hereingesteckt und im Zimmer umhergesehen hatte, ohne einzutreten (als suchte er im Hause nach der jungen Dame, die keinen Unsinn an sich habe), ließ auf diese Aufforderung seinen Körper seinem Kopf folgen und stand vor ihnen. Mrs. Merdle legte ihm in wenigen einfachen, seiner Fassungsfähigkeit angemessenen Worten die spruchreife Frage vor. Der junge Mann sagte, nachdem er verlegen nach seinem Hemdkragen gegriffen hatte, als wenn dies sein Puls und er Hypochonder wäre: er habe diese Bemerkung von Kameraden gehört. »Edmund Sparkler hörte diese Bemerkung machen«, sagte Mrs. Merdle mit mattem Triumph. »Nun, natürlich, jedermann hat es bemerkt!« Das war wirklich keine unvernünftige Folgerung, wenn sie bedachte, daß Mr. Sparkler wahrscheinlich in jeder menschlichen Gesellschaft die letzte Person sein würde, die von irgend etwas, was in seiner Gegenwart vorging, einen Eindruck empfinge. »Und Edmund Sparkler wird Ihnen zuversichtlich sagen können«, fuhr Mrs. Merdle fort, indem sie mit ihrer liebenswürdigen Hand ihrem Gatten winkte, »wie er hörte, daß man es bemerkt.« »Ich könnte nicht«, sagte Mr. Sparkler, nachdem er wie zuvor seinen Puls gefühlt, »könnte wirklich nicht sagen, wie es kam – ich habe ein verzweifelt schlechtes Gedächtnis. Als ich jedoch zur erwähnten Zeit mich in Gesellschaft mit dem Bruder eines sehr feinen – und wohlerzogenen – Mädchens befand –, das wahrhaftig keinen Unsinn im Kopfe hat –« »Na! Laß die Schwester aus dem Spiel«, versetzte Mrs. Merdle etwas ungeduldig. »Was sagte der Bruder?« »Sagte kein Wort, Ma'am«, antwortete Mr. Sparkler. »Ein ebenso schweigsamer Junge wie ich, aus dem ebenso schwer eine Bemerkung herauszubringen ist.« »Es sagte doch jemand etwas«, versetzte Mrs. Merdle. »Tut nichts, wer es war.« »Ich versichere Sie, ich war´s wenigstens nicht«, sagte Mr. Sparkler. »Aber sag' uns, was es war.« Mr. Sparkler griff wieder an seinen Puls und nahm sich zuvor unter strenge geistige Zucht, ehe er antwortete: »Die Leute sprachen von meinem Erzieher – nicht mein Ausdruck – und rühmten dabei auf sehr freundliche Weise den ungeheuren Reichtum und das Wissen meines Erziehers – er sei ein wahres Phänomen von Geschäftsmann und Bankier und – aber sie behaupteten, der Kramladen sitze ihm schwer auf dem Nacken. Sie sagen, er schleppe den Kramladen mit sich auf seinem Rücken herum – wie der Kleiderjude, mit zuviel Geschäftigkeit.« »Das«, sagte Mrs. Merdle, indem sie aufstand und die faltigen Stoffe um sie her flatterten, »das ist ja meine Klage. Edmund, gib mir deinen Arm. Ich will hinaufgehen.« Mr. Merdle, der nun allein war und über ein besseres Anschmiegen an die Gesellschaft nachdenken konnte, sah nach und nach aus neun Fenstern und schien neun öde Räume zu sehen. Als er sich damit sattsam unterhalten, ging er hinab und sah eifrig auf alle die Teppiche, die auf dem Boden lagen. Dann ging er wieder hinauf und sah eifrig auf alle Teppiche des ersten Stocks, als ob es dunkle Tiefen wären, die mit seinem gedrückten Geiste harmonierten. Er ging durch alle Zimmer, wie er es immer tat, als ob er der letzte Mensch auf Erden wäre, der irgendein Recht hätte, sich ihnen zu nahen. Mochte Mrs. Merdle mit all ihrem Ansehen kundtun, daß sie jeden Abend während der Saison »zu Hause« sei, sie konnte es nicht allgemeiner und unzweideutiger erklären, als Mr. Merdle erklärte, daß er nie zu Hause sei. Zuletzt begegnete er dem Oberhaushofmeister, dessen glänzender Anblick ihm immer den Todesstoß gab. Verdunkelt durch diese große Kreatur, schlich er sich in sein Arbeitszimmer und blieb dort eingeschlossen, bis er mit Mrs. Merdle in ihrem eigenen hübschen Wagen zum Essen ausfuhr. Beim Diner wurde er als eine Macht beneidet und mit Schmeicheleien überhäuft, wurde vom Schatzamte, vom Rechtsanwaltsstand, vom Bischofsstuhl über die Maßen geehrt, wie er es nur wünschen konnte; und eine Stunde nach Mitternacht kam er allein nach Hause. Alsbald wurde er dort wieder von dem Oberhaushofmeister wie ein Binsenlicht in seinem eignen Flur ausgelöscht und ging seufzend zu Bett. Vierunddreißigstes Kapitel. Eine ganze Sandbank voll Barnacles. Mr. Henry Gowan und der Hund waren ständige Gäste auf dem Landhause, und der Tag für die Hochzeit wurde festgesetzt. Es sollte eine Zusammenberufung der Barnacles bei dieser Gelegenheit stattfinden, damit diese sehr hohe und sehr große Familie der Heirat so viel Lustre verleihe, als ein so trübes Ereignis in sich aufnehmen konnte. Die ganze Familie Barnacle zusammenzubringen, wäre aus zwei Gründen unmöglich gewesen. Erstens, weil kein Gebäude alle Glieder und Bekannte dieses berühmten Hauses hätte fassen können. Zweitens, weil, wo ein viereckiges Grundstück unter der Sonne oder dem Monde in britischem Besitze und ein öffentlicher Posten dabei war, dieser Posten sich in den Händen eines Barnacle befand. Kein unerschrockener Seemann konnte eine Flaggenstange auf irgendeinem Flecke der Erde aufstecken und von demselben im Namen der britischen Nation Besitz ergreifen, wohin, sobald die Entdeckung bekannt wurde, das Circumlocution Office nicht einen Barnacle und eine Depeschenkapsel abgesandt hätte. So waren die Barnacles über die ganze Welt zerstreut – nach allen Richtungen depeschenkapselten sie den Kompaß. Während aber selbst die so mächtige Kunst Prosperos nicht imstande gewesen wäre, die Barnacles aus allen Orten des Ozeans und des trockenen Landes, wo nichts zu tun (als Unsinn) und alles einzusacken war, herbeizurufen, war es doch vollkommen möglich, eine große Menge Barnacles zusammenzubringen. Das übernahm Mrs. Gowan selbst, indem sie häufig bei Mr. Meagles vorsprach, um neue Namen zu der Liste hinzuzufügen, und Konferenzen mit dem Vater der Braut hielt, wenn er nicht (was in dieser Zeit beständig der Fall) mit Prüfung und Bezahlung der Schulden seines künftigen Schwiegersohnes in dem Zimmer der ausgleichenden Gerechtigkeit beschäftigt war. Unter den Hochzeitsgästen befand sich einer, dessen Anwesenheit Mr. Meagles mehr interessierte und am Herzen lag als die Teilnahme des erhabensten Barnacle, den man erwartete, obgleich er durchaus nicht gleichgültig gegen die Ehre solcher Gesellschaft war. Dieser Gast war Clennam. Clennam hatte sich unter den Bäumen in jener Sommernacht ein Versprechen gegeben, das er heilig hielt, und das ihn in der Ritterlichkeit seines Herzens zu manchen stillschweigenden Verpflichtungen verband. Ganz sich selbst vergessend, ihr bei allen Gelegenheiten seine zarten Dienste zu weihen, war seine unverbrüchliche Pflicht; um damit zu beginnen, antwortete er Mr. Meagles: »Ich werde ganz gewiß kommen.« Sein Kompagnon Daniel Doyce war ein Stein des Anstoßes für Mr. Meagles, da der würdige 3üann in seinem ängstlichen Gemüt befürchtete, das Zusammenbringen Daniels mit dem offiziellen Barnacleismus möchte selbst bei einem Hochzeitsfrühstück eine Explosion herbeiführen. Der Nationalbeleidiger jedoch befreite ihn von seiner Verlegenheit, indem er nach Twickenham kam, um mit der Offenheit, die einem alten Freunde vergönnt sei, und als eine Gunst, die ein solcher verdiene, zu bitten, daß man ihn nicht einlade. »Denn«, sagte er, »da mein Geschäft mit diesen Herren einer öffentlichen Pflicht und einem öffentlichen Dienst galt und ihr Geschäft mit mir darin bestand, mich daran zu hindern, indem sie mich auf jede Weise schikanierten, so denke ich, es wäre besser, wenn wir nicht miteinander essen und trinken würden; denn es könnte scheinen, als ob wir einerlei Sinnes wären.« Mr. Meagles war durch diese Schrulle seines Freundes sehr erfreut und behandelte ihn mit noch gnädigerer Gönnermiene als gewöhnlich, indem er nachgebend sagte: »Ja, ja, Dan, Sie sollen Ihrem wunderlichen Willen folgen.« Clennam suchte, als die Zeit heranrückte, Mr. Henry Gowan durch alle ruhigen und einfachen Mittel beizubringen, daß er offen und ohne Interesse wünsche, ihm jede Freundschaft, die er nur wünschen könne, zu erweisen. Mr. Gowan behandelte ihn dagegen mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und seinen gewöhnlichen Beweisen von Vertrauen, die nichts weniger als Vertrauen waren. »Sie sehen, Clennam«, bemerkte er zufällig eines Tages im Verlaufe eines Gesprächs, als sie eine Woche vor der Hochzeit in der Nähe des Landhauses spazierengingen, »ich bin ein getäuschter Mann. Das wissen Sie bereits.« »Wahrhaftig«, antwortete Clennam etwas verlegen, »ich wüßte kaum, wie.« »Nun«, versetzte Gowan. »Ich gehöre zu einem Geschlecht, oder einer Gemeinschaft, oder einer Familie, oder einer Verwandtschaft, oder wie Sie es nennen wollen, die auf fünfzigerlei Weise für mich hätte sorgen können, die sich's aber in den Kopf gesetzt, es nicht zu tun. So bin ich nun ein armer Teufel von Künstler.« Clennam begann: »Aber auf der andern Seite –«, als Gowan ihm ins Wort fiel. »Ja, ja, ich weiß. Ich habe das große Glück, von einem schönen und liebenswürdigen Mädchen geliebt zu werden, das auch ich von ganzem Herzen liebe.« »Ist das viel?« dachte Clennam. Und als er es gedacht, schämte er sich über sich selbst. »Und habe das Glück, einen Schwiegervater zu finden, der ein Kapitaljunge ist und ein freigebiger, guter, alter Junge. Es wurden mir freilich andre Aussichten in den Kopf gewaschen und gekämmt, als man mir diesen wusch und kämmte, und ich nahm sie in eine öffentliche Schule mit, als ich mir ihn selbst kämmte und wusch, und nun bin ich verlassen von all diesen Aussichten, ein getäuschter Mann.« Clennam dachte, und als er es dachte, schämte er sich wieder über sich selbst: ist diese Idee eines getäuschten Lebens die Behauptung einer Stellung, die der Bräutigam als sein Eigentum in die Familie bringt, nachdem er sich bereits damit geschadet? Und ist überhaupt etwas Hoffnungsvolles oder Vielversprechendes dabei? »Ich denke, Sie sind nicht bitter enttäuscht«, sagte er laut. »Zum Teufel, nein! nicht bitter«, lachte Gowan, »meine Leute sind das nicht wert, daß – obgleich es liebenswürdige Jungen sind und ich die größte Zuneigung für sie besitze. Und dann ist es herrlich, ihnen zu zeigen, daß ich ohne sie existieren kann und daß sie alle zum Teufel gehen können. Und dann sind ja auch die meisten Menschen im Leben auf die eine oder andre Art getäuscht worden und durch diese ihre Täuschung präpariert. Aber es ist eine schöne gute Welt, und ich liebe sie!« »Sie liegt jetzt sehr schön vor Ihnen!« sagte Arthur. »Schön wie dieser sommerliche Fluß«, rief der andre mit Enthusiasmus, »und ich glühe, beim Jupiter, vor Bewunderung und vor Begierde, den Wettlauf in ihr zu beginnen. Es ist die beste der alten Welten! Und mein Beruf! Die beste aller Berufsarten, nicht wahr?« »Voll Interesse und Ehrgeiz, denke ich«, sagte Clennam. »Und Betrug«, fügte Gowan lachend hinzu; »wir dürfen den Betrug nicht vergessen. Ich hoffe, ich werde nicht darunter erliegen; aber hier wird es sich zeigen, daß ich ein getäuschter Mann bin. Ich werde nicht imstande sein, ihm keck genug zu trotzen. Zwischen Ihnen und mir, glaube ich, ist eine Gefahr vorhanden, daß ich, der ich schon erbittert genug bin, das nicht werde tun können.« »Was tun?« fragte Clennam. »Es zu behaupten. Mir meinerseits zu helfen, wie mein Vordermann seinerseits sich hilft, und die Rauchflasche weitergehen zu lassen. Den Schein bewahren, als wenn man arbeitete, studierte, Geduld übte und seiner Kunst treu wäre, ihr manchen einsamen Tag widmete und ihr manches Vergnügen opferte und ganz in ihr lebte und so weiter – kurz, die Rauchflasche der Regel gemäß herumgehen zu lassen.« »Aber es ziemt dem Mann, seinen Beruf zu respektieren, welcher Art er auch sei, und sich für verpflichtet zu erachten, ihn geltend zu machen und die Achtung für ihn zu fordern, die er verdient, nicht wahr?« behauptete Arthur. »Und Ihr Beruf, Gowan, kann wirklich diese Aufopferung und diesen Dienst verlangen. Ich gestehe, ich hätte geglaubt, jede Kunst verdiene das?« »Was für ein guter Mensch Sie sind, Clennam!« rief der andre stehenbleibend, um ihn mit ununterdrückbarer Bewunderung anzusehen. »Was für ein herrlicher Mensch. Sie sind nie getäuscht worden, das ist leicht zu sehen.« Es wäre so grausam gewesen, wenn er das wirklich gemeint hätte, daß Clennam fest entschlossen war, zu glauben, dies könne nicht seine Meinung sein. Gowan legte, ohne sich zu unterbrechen, die Hand auf seine Schulter und fuhr lachend und in leichtem Ton fort: »Clennam, ich möchte Ihre schönen Visionen nicht zerstören und würde alles Geld (wenn ich welches hätte) geben, um in solch rosigem Nebel zu leben. Aber was ich bei meinem Geschäft tue, geschieht, um zu verkaufen. Was wir Kunstgenossen machen, machen wir, um zu verkaufen. Wenn wir nicht so teuer wie möglich zu verkaufen brauchten, würden wir's gewiß nicht tun. Da es eine Arbeit ist, muß sie auch getan werden, aber sie ist leicht genug getan. Alles übrige ist Hokuspokus. Das ist einer von den Vorteilen oder Nachteilen, einen getäuschten Mann zu kennen. Sie hören die Wahrheit.« Was er gehört, und mochte es diesen oder einen andern Namen verdienen, es prägte sich in Clennams Geiste tief ein. Es faßte solchermaßen Wurzel darin, daß er zu fürchten begann, Henry Gowan werde sein ganzes Leben trüben und er habe am Ende durch die Abdankung jenes Niemand mit all seinen Widersprüchen, Besorgnissen und Unbeständigkeiten nichts gewonnen. Er fühlte in seiner Brust noch immer einen Kampf zwischen seinem Versprechen, Gowan vor Mr. Meagles im hellsten Lichte zu zeigen, und dem dunklen Lichte, in dem ihm unwillkürlich Gowan beständig erschien. Auch konnte er seine gewissenhafte Natur gegen den Vorwurf, daß er ihn entstelle und verzerre, dadurch nicht wappnen, daß er sich vorhielt, er sei auf diese Entdeckungen ja nicht selbst ausgegangen und würde sie mit der größten Bereitwilligkeit und Freude sogar vermieden haben. Denn er konnte nie vergessen, was gewesen; und er wußte, daß ihm Gowan einst aus keinem andern Grunde mißfallen hatte, als weil er ihm in den Weg gekommen war. Durch solche Gedanken beunruhigt, begann er zu wünschen, die Hochzeit wäre vorüber, Gowan und seine junge Frau wären abgereist und er wäre selbst mit der Erfüllung seines Versprechens und der Entledigung von der edlen Aufgabe, die er übernommen, beschäftigt. Die letzte Woche war in Wirklichkeit für das ganze Haus eine unbehagliche Zeit. Vor Pet und vor Gowan strahlte Mr. Meagles. Clennam hatte ihn jedoch mehr als einmal allein und sehr entstellt vor seiner Wage und Schaufel getroffen und hatte ihn oft den Liebenden im Garten oder sonstwo, da man ihn nicht sehen konnte, mit dem alten umwölkten Gesicht, auf das Gowan wie ein Schatten gefallen war, nachblicken sehen. Bei der Zurichtung des Hauses für die große Feierlichkeit mußte manches, was an die früheren Reisen von Vater, Mutter und Tochter erinnerte, anderswohin gestellt werden und ging von Hand zu Hand. Zuweilen konnte bei dem Anblick dieser stummen Zeugen des Lebens, das sie miteinander geführt hatten, auch Pet dem Schluchzen und Weinen nicht widerstehen. Mrs. Meagles, die heiterste und beschäftigtste aller Mütter, ging singend und aufmunternd umher; aber die ehrliche Seele flüchtete sich dann gewöhnlich in die Vorratskammern, wo sie weinte, bis ihre Augen rot waren, und schrieb, wenn sie wieder zum Vorschein kam, diese Erscheinung eingemachten Zwiebeln und Pfeffer zu und sang heiterer, denn zuvor. Mrs. Tickit, die keinen Balsam für ihr verwundetes Herz in Buchans »Hausarzt« fand, hatte viel unter ihrer Niedergeschlagenheit und den Erinnerungen, die ihr aus Minnies Kindheit aufstiegen, zu leiden. Wenn die letzteren recht lebendig vor ihre Seele traten, schickte sie gewöhnlich einen geheimen Boten hinauf, der auszurichten hatte, daß sie nicht salonmäßig angezogen sei und »ihr Kind« bitten lasse, ihr einen Augenblick in der Küche zu gönnen; da segnete sie dann ihres Kindes Gesicht und segnete ihres Kindes Herz und liebkoste ihr Kind unter Tränen und Glückwünschen, Hackbrettern, Rollhölzern, Pastetenkrusten mit der Zärtlichkeit einer anhänglichen alten Dienerin, der schönsten Zärtlichkeit, die es nur geben kann. Aber es kommen die Tage, die kommen sollen; und der Hochzeitstag sollte kommen und kam; und mit ihm kamen alle die Barnacles, die zu dem Feste gebeten waren. So Mr. Tite Barnacle, vom Circumlocution Office und News Street, Großvenor Square, mit der verschwenderischen Mrs. Tite Barnacle, geborenen Stiltstalking, die machte, daß die Quartale so langsam herbeikamen, und den drei verschwenderischen Miß Tite Barnacles, doppelt geladen mit Talenten und bereit loszugehen, und doch nicht mit der Schärfe von Blitz und Knall losgehend, wie man erwarten konnte, sondern höchstens schwelend. Ferner Barnacle junior, gleichfalls vom Circumlocution Office, der den Schiffszoll des Landes, von dem man annahm, daß er ihn unter seinen besondern Schutz genommen habe, in diesem Augenblick sich selbst überließ und, aufrichtig gesagt, dadurch der Wirksamkeit seines Schutzes nicht den geringsten Eintrag tat. Ferner der einnehmende junge Barnacle, von der heitern Seite der Familie abstammend und gleichfalls vom Circumlocution Office, half bei der ganzen Feierlichkeit in heiterer und angenehmer Weise und behandelte sie in seiner glänzenden Art, als eine der offiziellen Formen und Nebeneinkünfte des Kirchendepartements vom »Wie man's nicht machen müsse«. Noch drei andere Barnacles von drei andern Bureaus waren zugegen, unschmackhaft für alle Sinne und des Einsalzens äußerst bedürftig, die die Hochzeit behandelten, wie sie den Nil, das alte Rom, den Dichter Milton oder Jerusalem »behandelt« hätten. Aber es war noch feineres Wildbret zugegen als dieses, nämlich Lord Decimus Tite Barnacle selbst, mit dem Geruch des Circumlocution Office – mit dem echten Depeschenkapselgeruch an sich. Ja, Lord Decimus Tite Barnacle war zugegen, der auf den Schwingen eines Gedankens voll Entrüstung zu diesen bureaukratischen Höhen sich emporgeschwungen hatte, des Gedankens nämlich: Meine Lords, man sagt mir noch immer, daß es einem Minister dieses freien Landes zieme, der Philanthropie Ketten anzulegen, die Wohltätigkeit zu beschränken, den öffentlichen Geist zu fesseln, die Spekulation zu hemmen, das unabhängige Selbstvertrauen seines Volkes zu dämpfen. Das hieß mit andern Worten, man lasse diesen großen Staatsmann beständig wissen, dem Schiffspiloten zieme alles, nur nicht, daß er in dem privaten Brot- und Fischhandel am Ufer prosperiere, da die Menge imstande sei, durch angestrengtes Pumpen das Schiff ohne ihn über Wasser zu erhalten. In dieser erhabenen Entdeckung, in der großen Kunst, wie es nicht zu tun war, hatte Lord Decimus lange den höchsten Ruhm der Familie Barnacle gesucht. Mochte irgendein übelberichtetes Glied irgendeines Hauses versuchen, wie man es machen müsse, indem es eine Bill, die Sache doch noch zu erledigen, einbrachte: diese Bill war so gut wie tot und begraben, wenn Lord Decimus Tite Barnacle von seinem Platz aufstand und feierlich sagte, indem er sich in entrüsteter Majestät erhob – wobei auch die Circumlocution Office sich jauchzend um ihn erhob –, er müsse sich noch immer sagen lassen, es zieme ihm, als dem Minister dieses freien Landes, der Philanthropie Bande anzulegen, die Wohltätigkeit zu beschränken, den öffentlichen Geist zu fesseln, die Spekulation zu hemmen, das unabhängige Selbstvertrauen seines Volkes zu dämpfen. Die Entdeckung dieser Schicklichkeitsmaschine war die Entdeckung des politischen Perpetuum mobile. Sie nützte sich nie ab, obwohl sie in allen Abteilungen der Staatsverwaltung beständig in Bewegung war. Mit seinem edlen Freund und Verwandten Lord Decimus war William Barnacle erschienen, der die ewig denkwürdige Koalition mit Tudor Stiltstalking begründet und der immer sein besonderes Rezept »Wie man's nicht machen müsse« bereit hatte. Indem er bald den Sprecher leicht berührte und, um die Sache frisch aus ihm herauszulocken, zu ihm sagte: »Zuerst möchte ich Sie bitten, Sir, das Haus davon zu unterrichten, welche Vorgänge wir für das Verfahren haben, in das uns der ehrenwerte Herr hineinreißen will«, bald den ehrenwerten Herrn bat, ihm seine Ansicht von den Vorgängen mitzuteilen, bisweilen gar dem ehrenwerten Herrn sagte, er (William Barnacle) wolle nach einem Präzedenzfall suchen, oft aber auch den ehrenwerten Herrn mit der Bemerkung, daß kein Präzedenzfall existiere, auf der Stelle niederschlug. Präzedenzfall und Überstürzung waren jedoch unter allen Umständen das gut zusammenpassende Paar Schlachtrosse dieses gewandten Circumlocutionisten. Es half deshalb nichts, daß der unglückliche ehrenwerte Herr seit fünfundzwanzig Jahren vergeblich William hineinzureißen suchte – William Barnacle überließ es dem Haus und (in zweiter Hand) dem Land, ob er hineingerissen werden sollte. Abgesehen davon, daß es gänzlich unvereinbar mit der Natur der Dinge und dem Lauf der Ereignisse war, daß der unglückliche ehrenwerte Herr möglicherweise einen Präzedenzfall für die Sache beibringen konnte – William Barnacle dankte ihm gewöhnlich für diese ironische Freude, verständigte sich mit ihm über diesen Streitpunkt und sagte ihm ins Gesicht, daß es keinen Präzedenzfall für die Sache gebe. Es möchte vielleicht eingeworfen werden, die Weisheit William Barnacles sei keine große Weisheit, oder die Erde, die sie betrog, sei nie geschaffen worden oder, wenn durch einen raschen Mißgriff geschaffen, rein verrückt geblieben. Aber die Einwände Präzedenzfall und Überstürzung schreckten die meisten Leute von einem weiteren Einwurf ab. Noch ein anderer Barnacle war erschienen, ein sehr lebendiger, der in rascher Reihenfolge zwanzig Stellen eingenommen und stets zwei bis drei innehatte und der sehr geachtete Erfinder einer Kunst war, die er mit großem Erfolg und vieler Bewunderung in allen Regierungsbranchen der Barnacles übte. Diese Kunst bestand darin, wenn eine parlamentarische Frage über irgendeinen wichtigen Punkt an ihn gerichtet wurde, eine Antwort über einen andern zu geben. Es hatte ihm dies ungeheure Dienste geleistet und ihn in große Achtung beim Circumlocution gebracht. Außerdem war eine kleine Anzahl von weniger ausgezeichneten Barnacles vom Parlament anwesend, die sich noch keine Stellung errungen und ihre Probezeit bestanden, um sich würdig zu erweisen. Diese Barnacles saßen auf Treppen und standen in Gängen, den Befehl erwartend, ein Haus zu machen oder kein Haus zu machen. Und sie verrichteten all ihr »Hört! Hört!«- und »Oho«-Rufen, Beifallsäußern und Murren unter der Leitung der Häupter der Familie; und sie brachten Strohmannsanträge vor, um den Anträgen anderer Leute in den Weg zu treten. Sie verzögerten die Aussprache über unbequeme Dinge bis tief in die Nacht oder spät in die Sitzung. Dann aber riefen sie mit kräftigem Patriotismus, es sei zu spät; und sie gingen in das Land hinein, sooft man sie sandte, und schworen, daß Lord Decimus das Gewerbe aus einer Ohnmacht wieder ins Leben gerufen und den Handel aus einer Krise zur Gesundung gebracht, die Kornernte verdoppelt, die Heuernte vervierfacht und kein Stückchen Gold aus der Bank gelassen habe. Auch diesen Barnacles wurden, wie so viele andere Karten unter den Hauptkarten, durch die Häupter der Familie zu den öffentlichen Versammlungen und Diners ausgegeben, wo sie von allen Arten von Diensten ihrer edlen und ehrenwerten Verwandten Zeugnis ablegten und die Barnacles auf alle Arten von Toasten als Butter strichen. Sie standen bei allen Arten von Wahlen unter ähnlichem Befehl und verließen ihre Sitze auf den leisesten Wink und die unvernünftigsten Gründe hin, um für andre Platz zu machen. Sie holten und brachten, machten die Makler und bestachen, verschlangen Haufen von Schmutz und waren unermüdlich im öffentlichen Dienste. Und es war im ganzen Circumlocution Office keine Liste von Stellen, die innerhalb eines halben Jahrhunderts hätten vakant werden können, vom Lord Großschatzmeister bis zum chinesischen Konsul, und wieder hinauf bis zum Generalgouverneur von Indien, auf der nicht die Namen eines oder aller dieser hungrigen und sich überall anhängenden Barnacles als Bewerber geprangt hätten. Es konnte natürlich nur eine kleine Zahl von jeder Klasse von Barnacles der Hochzeit anwohnen, denn es waren im ganzen nicht volle zwei Schock, und was will das heißen bei einer Legion! Aber diese kleine Anzahl erschien wie ein Schwarm in dem Landhause von Twickenham und füllte es vollständig. Ein Barnacle (assistiert von einem Barnacle) vollzog die Trauung des glücklichen Paares, und es ziemte sich, daß Lord Decimus Tite Barnacle selbst Mrs. Meagles zum Frühstück führte. Die Unterhaltung war nicht so angenehm und ungezwungen, wie sie hätte sein können. Mr. Meagles, durch seine gute Gesellschaft umgelegt, während er sie im vollem Maß zu schätzen wußte, war nicht er selbst. Mrs. Meagles war sie selbst, aber das erhöhte seine Stimmung nicht. Die Einbildung, daß es nicht Mr. Meagles gewesen, der im Wege gestanden hatte, sondern die hohe Familie, und daß die hohe Familie eine Konzession gemacht, und daß nun eine schmeichelhafte Einmütigkeit herrsche, dieses Gefühl zog sich durch das ganze Fest, wenn es auch nicht offen ausgesprochen wurde. Und dann fühlten die Barnacles auch, daß sie ihrerseits mit den Meagles' abgeschlossen hätten, wenn der gegenwärtige herablassende Vorgang vorüber sei; und die Meagles' fühlten ihrerseits dasselbe. Gowan, der seine Rechte als getäuschter Mann geltend machte, der seinen Groll gegen die Familie hegte und seiner Mutter vielleicht nur darum gestattet hatte, sie hierherzubringen, weil er hoffte, sie würden sich ärgern, oder aus irgendeinem andern wohlwollenden Grunde – Gowan hielt ihnen seinen Pinsel und seine Armut mit großem Gepränge unter die Augen und sagte, er hoffe, mit der Zeit seiner Frau damit eine Kruste Brot und Käse zu erwerben, und bitte diejenigen von ihnen, die (reicher als er selbst) auf irgend etwas Gutes Anspruch machen und ein Bild kaufen könnten, sich gefälligst des armen Malers zu erinnern. Lord Decimus, der ein Wunder auf seinem Parlamentssockel war, manifestierte sich hier als der einfältigste Mensch von der Welt. Er wünschte nämlich der Braut und dem Bräutigam Glück in einer Reihe von Plattheiten, die jedem einfachen Schüler und Gläubigen das Haar hätte zu Berge stehen machen, und er trottelte mit der Selbstgefälligkeit eines dummen Elefanten in heulenden Labyrinthen von Sentenzen umher, die er für Landstraßen hielt, und aus denen er sich nur mit großer Mühe wieder herausfand. Mr. Tite Barnacle fühlte unwillkürlich, daß eine Person in der Gesellschaft sei, die ihn daran gehindert hatte, Sir Thomas Lawrence sein Leben lang in voller Amtstracht zu sitzen, wenn eine solche Störung möglich gewesen wäre. Während Barnacle junior mit Entrüstung zwei schalen jungen Leuten, seinen Verwandten, mitteilte: »Es ist ein Mensch hier, sehen Sie bloß mal an, der kam in unsere Verwaltungsabteilung ohne Vorladung und sagte, er möchte etwas wissen, wissen Sie; ja, und nun sehen Sie bloß mal an, wenn er jetzt loslegen könnte, wie er wollte, nicht wahr (denn man kann nie sagen, was solch ein ungebildeter Radikaler im nächsten Moment tut), und sagte, nicht wahr, er möchte im Augenblick etwas wissen, nicht wahr, das wäre hübsch, nicht wahr?« Der schönste Teil dieses Festes war für Clennam bei weitem der schmerzlichste. Als Mr. und Mrs. Meagles zuletzt Pet in dem Zimmer mit den beiden Bildern (wo die Gesellschaft nicht war) umarmten, ehe sie sich mit ihr zu der Schwelle hinabbegaben, über die sie nie wieder als die alte Pet und die alte Freude schreiten sollte, konnte nichts natürlicher und einfacher sein, als diese drei Menschen waren. Gowan selbst war gerührt und antwortete auf Mr. Meagles': »O Gowan, sorgen Sie für sie, sorgen Sie für sie!« mit großem Ernst: »Grämen Sie sich nicht so sehr, Sir. Beim Himmel, ich werde für sie sorgen!« Mit einigen letzten Seufzern und noch einigen liebevollen Worten und einem letzten Blick auf Clennam, in dem das volle Vertrauen auf sein Versprechen lag, sank Pet in den Wagen zurück. Ihr Gatte winkte mit der Hand, und sie fuhren nach Dover, nicht früher freilich, als bis die getreue Mrs. Tickit in ihrem seidenen Kleid und mit ihren achatschwarzen Locken aus einem Schlupfwinkel hervorgekommen und ihre beiden Schuhe dem Wagen nachgeworfen hatte: Ein alter Hochzeitsbrauch, der aber nur bei den einfachen Volksklassen noch üblich war. eine Erscheinung, die großes Aufsehen bei der vornehmen Gesellschaft an den Fenstern erregte. Da die Anwesenheit der genannten Gesellschaft nun nicht weiter erforderlich war und die ersten Barnacles ziemlich wichtig zu tun hatten (denn sie waren gerade in diesem Augenblick dabei, einen oder zwei Vasallen abzusenden und sie wie der fliegende Holländer in den Meeren umherschießen zu lassen, damit sie möglichst viel Verwirrung anrichteten und sich so für die Hemmung einer Menge wichtiger Geschäfte bemühten, die sonst womöglich erledigt worden wären), stob die Gesellschaft nach verschiedenen Richtungen auseinander, indem sie mit größter Freundlichkeit Mr. und Mrs. Meagles deutlich zu verstehen gab, daß sie das, was sie hier getan, als ein Opfer zum Besten von Mr. und Mrs. Meagles dargebracht hatte. Dies brachten diese Herrschaften denn auch stets Mr. John Bull bei ihrer amtlichen Herablassung zu diesem unglücklichen Geschöpf zum Ausdruck. John Bull: die humoristische Personifikation des englischen Volkes; entsprechend dem deutschen Michel. Eine traurige Leere entstand in dem Haus und in den Herzen des Vaters, der Mutter und Clennams. Mr. Meagles rief jedoch eine Erinnerung zu Hilfe, die ihm sehr wohl tat. »Es ist immerhin sehr angenehm, Arthur«, sagte er, »darauf zurückzublicken.« »Auf die Vergangenheit?« sagte Clennam. »Ja – aber ich meine die Gesellschaft.« Es hätte ihn sonst weit mehr niedergedrückt und unglücklich gemacht, aber nun tat es ihm wirklich wohl. »Es ist sehr angenehm«, sagte er noch oft im Verlauf des Abends diese Bemerkung wiederholend: »Solch hohe Gesellschaft!« Fünfunddreißigstes Kapitel. Was Mr. Pancks in Klein-Dorrits Hand gelesen hatte. Es geschah um dieselbe Zeit, daß Mr. Pancks, getreu seinem Vertrag mit Clennam, ihm seine ganze Zigeunergeschichte enthüllte und Klein-Dorrits Geschichte erzählte. Ihr Vater war gesetzlicher Erbe eines großen Vermögens, das lange unbekannt dagelegen hatte, ohne daß jemand einen Anspruch erhoben hätte, und das sich inzwischen bedeutend vergrößert hatte. Sein Recht war jetzt klar; nichts lag im Wege, die Marschallgefängnispforten standen offen, einige Züge seiner Feder, und er war außerordentlich reich. Bei dem Nachspüren nach den Ansprüchen auf den vollständigen Besitz hatte Mr. Pancks einen Scharfsinn an den Tag gelegt, den nichts aus der Fassung bringen, und eine Verschwiegenheit, die nichts ermüden konnte. »Ich vermutete, Sir«, sagte Pancks, »als Sie und ich in jener Nacht über Smithfield gingen und ich Ihnen sagte, was für eine Art von Einnehmer ich sei, daß das herausspringen würde. Ich dachte, Sir, als ich Ihnen sagte, Sie seien nicht von den Clennams von Cornwall, daß ich Ihnen einmal sagen könnte, wer zu den Dorrits von Dorsetshire gehöre.« Dann ging er zu den Einzelheiten über, wie, nachdem er jenen Namen in sein Notizbuch eingetragen, ihn anfangs der Name allein angezogen habe. Wie er, nachdem er schon oft gefunden, daß zwei ganz gleiche Namen, selbst wenn sie dem gleichen Orte angehören, keine nachweisbare nähere oder fernere Blutsverwandtschaft in sich schlössen. Wie er anfangs auch kein großes Gewicht darauf gelegt, wenn nicht in der Richtung, daß es ihn gereizt habe, zu wissen, welch eine überraschende Wendung in der Lage einer armen Näherin vorgehen würde, wenn man ihr zeigen könnte, daß sie an einem so großen Vermögen Anteil habe. Wie er selbst glaube, daß er die Sache weiter verfolgt, weil etwas Ungewöhnliches an dieser stillen, kleinen Näherin gewesen, das ihm gefiel und seine Neugier reizte. Wie er sich seinen Weg Zoll um Zoll fortgebahnt, und wie er sich Sandkorn um Sandkorn weiter »gemaulwurft« (das sein eigner Ausdruck) habe. Wie er im Anfang der Arbeit, die er durch jenes Wort bezeichnet – und das suchte Mr. Pancks noch ausdrucksvoller dadurch zu machen, daß er dazu die Augen schloß und sein Haar darüber schüttelte – wie er von plötzlichen Lichtblicken und Hoffnung in plötzliche Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit verfallen und wieder umgekehrt und so fort. Wie er im Gefängnisse Bekanntschaften gemacht, ausdrücklich, um aus- und eingehen zu können wie alle andern Aus- und Eingehenden; wie ihm der erste Lichtstrahl unbewußt von Mr. Dorrit und seinem Sohne gegeben worden, mit welchen beiden er leicht bekannt geworden, mit denen er viel gesprochen, scheinbar zufällig (»aber wohlgemerkt, immer wie ein Maulwurf wühlend«, sagte Mr. Pancks), und von denen er, ohne den geringsten Verdacht zu erwecken, zwei bis drei Punkte ihrer Familiengeschichte herausgebracht habe, die ihm, als er einmal den Leitfaden in der Hand hatte, weitere an die Hand gaben. Wie es endlich Mr. Pancks klar geworden, daß er den Erben eines großen Vermögens wirklich entdeckt und daß seine Entdeckung nur zu legaler Form und Vollendung zu reifen brauche. Wie er darauf seinen Wirt, Mr. Rugg, habe schwören lassen, das Geheimnis zu bewahren, und ihn ins Vertrauen gezogen hatte, damit er mit ihm »maulwurfe«. Wie sie John Chivery als einzigen Schreiber und Agenten angenommen, da sie gesehen, wem er ergeben war. Und wie sie bis zu dem Augenblick, wo angesehene Leute, die etwas in der Bank zu sagen haben und im Gesetze erfahren seien, ihre erfolgreichen Arbeiten für beendet erklärt, keinem andern menschlichen Wesen etwas verraten hätten. »Wenn somit zuletzt noch alles zusammengebrochen wäre, Sir«, schloß Pancks, »wir wollen sagen vorgestern am Tage, ehe ich Ihnen unsre Papiere im Gefängnishof zeigte, oder sogar heute, so würde niemand anders als wir selbst grausam getäuscht oder einen Penny schlimmer daran gewesen sein.« Clennam, der ihm beinahe beständig die Hände schüttelte, während er seinen Bericht abstattete, fühlte sich dadurch veranlaßt, mit einer Bestürzung, die selbst seine Vorbereitung auf die wichtige Entdeckung nicht mäßigen konnte, zu sagen: »Mein lieber Mr. Pancks, das muß Sie ja eine große Summe Geldes gekostet haben.« »Allerdings, Sir«, sagte Pancks triumphierend. »Keine Kleinigkeit, obgleich wir es so billig machten, wie es möglich war. Und die Auslage war eine Schwierigkeit, lassen Sie mich Ihnen das sagen.« »Eine Schwierigkeit?« wiederholte Clennam. »Aber die Schwierigkeiten haben Sie ja so wundervoll bei der ganzen Sache überwunden!« setzte er hinzu und schüttelte ihm wieder die Hand. »Ich will Ihnen sagen, wie ich's machte«, sagte der entzückte Pancks, indem er sein Haar so hoch strich, wie er selbst es war. »Zuerst verwandte ich alles, was ich selbst besaß. Das war nicht viel.« »Das bedaure ich sehr«, sagte Clennam, »obgleich es jetzt nichts zu sagen hat. Was taten Sie dann?« »Dann«, sagte Pancks, »borgte ich eine Summe von meinem Eigentümer.« »Von Mr. Casby?« sagte Clennam. »Er ist ein herrlicher alter Mann.« »Ein edler alter Junge, nicht wahr?« sagte Pancks, indem er eine Reihe trockenster Schnauber vernehmen ließ. »Ein großherziger alter Bock. Ein vertrauensvoller alter Knabe. Ein philantropischer alter Knabe. Ein wohlwollender alter Knabe! Zwanzig Prozent. Ich verpflichtete mich, ihn zu bezahlen, Sir. Wir machen in unserm Hause nie Geschäfte für weniger.« Arthur hatte das drückende Gefühl, daß er in seinem Entzücken etwas zu voreilig gewesen. »Ich sagte zu dem von christlicher Liebe übersprudelnden alten Mann«, fuhr Mr. Pancks fort, indem er großen Geschmack an diesem bezeichnenden Beiwort zu finden schien, »ich hätte ein kleines Projekt unter der Hand; ein hoffnungsvolles; ich sagte ihm, ein hoffnungsvolles, das ein kleines Kapital erfordere. Ich schlug ihm vor, mir das Geld auf meine Verschreibung zu leihen, was er auch tat, zu zwanzig Prozent; er hielt fest an den zwanzig Prozent und setzte sie in den Schuldschein, daß es aussah, als wär's ein Teil von der Hauptsumme. Wenn die Sache mißlungen, wäre ich für die nächsten sieben Jahre sein Ausjäter zu halbem Lohn mit doppelter Arbeit geworden. Aber er ist ein vollkommener Patriarch; und es würde einem Manne gut anstehen, ihm auch unter solchen Bedingungen – ja unter jeder Bedingung zu dienen.« Arthur hätte um sein Leben nicht mit Zuversicht sagen können, ob Pancks wirklich so dachte oder nicht. »Als dies verbraucht war, Sir«, fuhr Pancks fort, »und es geschah, obgleich ich es tropfenweise, wie wenn es Blut wäre, ausgab, hatte ich Mr. Rugg ins Vertrauen gezogen. Ich nahm mir vor, von Mr. Rugg zu leihen (oder von Miß Rugg, was das nämliche ist; sie gewann einst etwas Geld durch eine Spekulation, die sie mit einem Prozesse machte). Er lieh zu zehn Prozent und hielt das für sehr hoch. Aber Mr. Rugg ist ein rothaariger Mann, Sir, und läßt sein Haar schneiden. Und der Boden seines Hutes ist hoch. Und die Krempe seines Hutes ist schmal. Und es sprudelt nicht mehr Wohlwollen aus ihm als aus einem Kegel.« »Ihre Belohnung für all das, Mr. Pancks«, sagte Clennam, »müßte sehr groß sein.« »Ich zweifle auch nicht, daß ich sie erhalten werde«, sagte Pancks. »Ich habe keinen Vertrag gemacht. Ich war Ihnen allerdings einen solchen schuldig; aber jetzt ist der Handel perfekt. Ist die bare Auslage erledigt, der Zeitaufwand vergütet und Mr. Ruggs Rechnung bezahlt, so würden tausend Pfund eine glänzende Belohnung für mich sein. Diese Sache übergebe ich jedoch ganz in Ihre Hände. Ich ermächtige Sie, es der Familie in der Art, die Sie für die beste halten, mitzuteilen. Miß Amy Dorrit wird diesen Morgen bei Mrs. Finching sein. Je früher je besser. Kann nicht zu früh getan werden.« Dies Gespräch fand in Clennams Schlafzimmer statt; er lag noch im Bett. Denn Mr. Pancks hatte sehr frühzeitig am Haus gepocht und sich Eingang verschafft; und ohne sich einen Augenblick niederzusetzen oder stille zu stehen, sich all seiner Einzelheiten (durch eine Menge von Dokumenten illustriert) vor dem Bett entledigt. Er sagte nun, er wolle »gehen und nach Mr. Rugg sehen«, von dem sein aufgeregtes Gemüt einen zweiten Purzelbaum zu erwarten schien. Nachdem er seine Papiere zusammengebunden und Clennam nochmals herzlich die Hand geschüttelt hatte, ging er in voller Eile die Treppe hinab und dampfte davon. Clennam natürlich beschloß direkt zu Mr. Casby zu gehen. Er zog sich an und ging so rasch aus, daß er beinahe eine Stunde früher, als sie dahin kam, an der Ecke der patriarchalischen Straße stand; es war ihm dies jedoch nicht unangenehm, da er dadurch Gelegenheit hatte, sich durch einen gemächlichen Gang zu beruhigen. Als er nach der Straße zurückkam und mit dem schönen Messingklopfer gepocht hatte, erfuhr er, daß sie da sei, und man wies ihn nach Floras Frühstückszimmer die Treppe hinauf. Klein-Dorrit selbst war nicht zugegen, dagegen Flora, die das größte Erstaunen an den Tag legte, ihn zu sehen. »Mein Gott – Arthur – Doyce und Clennam!« rief die Dame. »Wer hätte je gedacht, daß ich Sie sehen würde; und bitte, entschuldigen Sie meinen Morgenrock, aber wahrhaftig, ich dachte nicht, und eine abgeschossene Jacke dazu, was noch schlimmer; aber unsre kleine Freundin macht mir einen, ich kann das wohl vor Ihnen sagen, denn Sie müssen wissen, daß es dergleichen gibt, einen Leib, und da ich es so arrangiert, daß nach dem Frühstück anprobiert werden sollte, so konnte ich nicht schon so steif angezogen sein.« »Ich müßte mich entschuldigen«, sagte Arthur, »daß ich so früh und so unerwartet einen Besuch mache; aber Sie werden mich entschuldigen, wenn ich Ihnen die Ursache sage.« »In jenen Zeiten, die für immer dahin sind, Arthur«, versetzte Mrs. Finching, »bitte entschuldigen Sie, Doyce und Clennam wäre unendlich passender, und obgleich sie unleugbar fern sind, die Entfernung verleiht den Dingen Reiz, ist das mindestens nicht meine Ansicht – wenn sie es wäre, glaube ich, würde viel von der Natur jener Dinge abhängen, aber ich laufe da wieder mit meinen Gedanken davon, und Sie haben mir ja all das aus dem Kopf vertrieben." Sie blickte ihn zärtlich an und fuhr fort: »In Zeiten, die für immer dahin sind, wollte ich sagen, würde es wirklich sehr seltsam für Arthur Clennam geklungen haben – Doyce und Clennam sind natürlich ganz verschieden –, sich wegen irgendeiner Stunde seines Besuches zu entschuldigen, aber das ist vorbei, und was vorbei ist, kann nimmer zurückgerufen werden, ausgenommen in seiner eignen Sache, wie der arme Mr. Finching sagte, wenn er in seiner Gurkenstimmung war; deshalb aß er nie welche.« Sie machte den Tee, als Arthur eintrat, und beendigte dies Geschäft nun in aller Eile. »Papa«, sagte sie ganz geheimnisvoll und flüsternd, indem sie den Deckel des Teekessels schloß, »Papa sitzt prosaisch im hintern Zimmer und klopft sich sein frisches Ei über dem Cityartikel auf, genau wie ›der Specht klopft‹, und braucht nicht zu wissen; daß Sie hier sind: und unsre kleine Freundin, wissen Sie wohl, der kann man alles anvertrauen, wenn sie herunterkommt: denn sie schneidet droben auf dem großen Tisch zu.« Arthur sagte ihr dann in wenigen Worten, daß er gekommen sei, ihre kleine Freundin aufzusuchen, und was er ihrer kleinen Freundin anzukündigen habe. Bei dieser erstaunlichen Mitteilung schlug Flora die Hände zusammen, verfiel in ein Zittern und vergoß Tränen der Teilnahme und Freude, da sie wirklich ein gutmütiges Geschöpf war. »Um des Himmels willen lassen Sie mich fort»«, sagte Flora, ihre Hände an die Ohren legend und nach der Türe zu gehend, »sonst weiß ich, ich sterbe und schreie laut auf und mache alles schlimmer, und das gute kleine Ding, das noch diesen Morgen so sauber und nett und gut und doch so arm aussah, – nun ist sie wirklich reich, und sie verdient es! Und darf ich es Mr. Finchings Tante sagen, Arthur, nicht Doyce und Clennam dies eine Mal, oder wenn Sie etwas dagegen einzuwenden haben, unter keiner Bedingung.« Arthur nickte ihr seine bereitwillige Erlaubnis zu, da Flora allen wörtlichen Austausch unmöglich machte. Flora nickte wieder, um zu danken, und eilte aus dem Zimmer. Klein-Dorrits Schritte waren bereits auf der Treppe, und im nächsten Augenblick stand sie an der Tür. Er mochte tun, was er wollte, um sich zu fassen, er konnte es doch nicht zu dem gewöhnlichen ruhigen Ausdruck bringen, denn als sie ihn erblickte, ließ sie ihre Arbeit sinken und rief: »Mr. Clennam! Was gibt es!« »Nichts, nichts. Das heißt, es ist kein Unglück geschehen. Ich bin gekommen, um Ihnen eine Mitteilung zu machen. Aber es ist etwas sehr Glückliches.« »Glückliches?« »Ein großes Glück.« Sie standen an dem Fenster, und ihre lichtvollen Augen waren auf sein Gesicht geheftet. Er schlang einen Arm um sie, da er sah, daß sie nahe daran war, umzusinken. Sie legte eine Hand auf diesen Arm, teilweise, um darauf auszuruhen, teilweise, um so ihre gegenseitige Stellung zu bewahren, damit ihr gespannter Blick auf ihn durch keine Veränderung in der Stellung beider zueinander erschüttert werde. Ihre Lippen schienen zu wiederholen: »Ein großes Glück?« Er wiederholte es laut. »Liebe Klein-Dorrit! Ihr Vater!« Das Eis des blassen Gesichts brach bei diesem Worte zusammen, und kleine Lichter und Blitze voll Ausdrucks flogen darüber hin. Es waren lauter Ausdrücke des Schmerzes. Ihr Atem ging schwach und rasch. Ihr Herz schlug heftig. Er hätte die kleine Gestalt fester umfaßt, aber er sah, daß die Augen ihn baten, sich nicht zu bewegen. »Ihr Vater kann in dieser Woche noch frei sein. Er weiß es nicht; wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen. Ihr Vater wird in wenigen Tagen frei sein. Ihr Vater wird in wenigen Stunden frei sein. Vergessen Sie nicht, wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen.« Das brachte sie zu sich. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie öffneten sich wieder. »Das ist nicht alles Glück. Das ist nicht all das große Glück, meine teure Klein-Dorrit. Soll ich Ihnen noch mehr sagen?« Ihre Lippen bewegten sich zu einem »Ja«. »Ihr Vater wird kein Bettler sein, wenn er frei ist. Es wird ihm nichts mangeln. Soll ich Ihnen mehr sagen? Vergessen Sie nicht. Er weiß nichts davon, wir müssen von hier aus zu ihm gehen, um es ihm zu sagen.« Sie schien ihn um etwas Zeit zu bitten. Er hielt sie in seinen Armen und beugte nach einer Pause sein Ohr hinab, um zu lauschen. »Wollen Sie, daß ich fortfahre?« »Er wird ein reicher Mann sein. Er ist ein reicher Mann. Eine große Summe Geldes liegt bereit, um ihm als seine Erbschaft ausbezahlt zu werden; Sie sind von nun an alle sehr reich. Bravstes und bestes der Kinder, ich danke dem Himmel, daß er Sie belohnt.« Als er sie küßte, wandte sie ihren Kopf nach seiner Schulter und erhob ihren Arm nach seinem Hals; dann rief sie laut: »Vater! Vater! Vater!« und sank in Ohnmacht. In diesem Augenblick kehrte Flora zurück; sie nahm sich ihrer an und hob sie auf ein Sofa, indem sie ihre freundlichen Dienste in so verwirrender Weise mit unzusammenhängenden Gesprächssplittern vermischte, daß niemand mit einigem Sinn für Verantwortlichkeit hätte zu entscheiden wagen können, ob sie das Marschallgefängnis nötigte, einen Löffel voll ungeforderter Dividenden zu nehmen, weil es ihm gut tun würde, oder ob sie Klein-Dorrits Vater gratulierte, daß er in den Besitz von hunderttausend Riechfläschchen komme; oder ob sie erkläre, daß sie fünfundsiebenzigtausend Tropfen Lavendelspiritus auf fünfzigtausend Pfund Stückzucker setze und Klein-Dorrit bitte, dieses sanfte Stärkungsmittel zu nehmen, oder ob sie die Stirn von Doyce und Clennam in Essig bade und dem verstorbenen Mr. Finching mehr Luft gebe. Ein Nebenstrom von Verwirrung kam ferner aus einem anstoßenden Schlafzimmer, wo Mr. Finchings Tante nach dem Ton ihrer Stimme in einer horizontalen Lage das Frühstück zu erwarten schien. Aus diesem Verließ schleuderte diese unerbittliche Dame kurze Schmähungen herein, sooft sie merkte, daß man sie hören konnte, wie: »Glaubt ihm nicht, daß er dies tut!« und »Er braucht keinen Glauben für sich deshalb in Anspruch zu nehmen!« und »Es wird lange genug dauern, denke ich, bis er etwas von seinem Geld hergibt!« – alles in der Absicht, Clennams Anteil an der Entdeckung herunterzusetzen und die eingewurzelten Gefühle, mit denen ihn Mr. Finchings Tante beehrte, auszusprechen. Aber Klein-Dorrits Wunsch, zu ihrem Vater zu kommen und ihm die freudige Nachricht zu bringen und ihn nicht einen Augenblick länger in seinem Kerker zu lassen, während dies Glück auf ihn wartete und ihm noch unbekannt war, trug mehr zu ihrer raschen Erholung bei, als alle Geschicklichkeit und Wartung auf Erden hätten tun können. »Kommen Sie mit mir zu meinem teuren Vater. Bitte, kommen Sie mit und sagen Sie es meinem teuren Vater!« waren die ersten Worte, die sie sprach. Ihr Vater, ihr Vater. Sie sprach von nichts als von ihm, dachte an nichts als an ihn. Sie kniete nieder und ergoß sich mit aufgehobenen Händen in Dank gegen Gott; sie dankte für ihren Vater. Floras zartes Herz war ganz angegriffen, und sie ergoß sich mitten unter Tassen und Untertassen in einen herrlichen Strom von Tränen und Reden. »Ich gestehe«, seufzte sie, »ich war nie so ergriffen, seit Ihre Mama und mein Papa, nicht Doyce und Clennam, nur dies eine Mal, aber geben Sie doch dem köstlichen kleinen Ding eine Tasse Tee und machen Sie, daß sie sie wenigstens an die Lippen setzt, bitte Arthur, nicht mal bei Mr. Finchings letzter Krankheit; denn sie war von ganz anderer Art, und Gicht ist keine Kinderkrankheit, obgleich sehr schmerzlich für alle Teile, und Mr. Finching war ein Märtyrer mit seinem Bein auf einem Schemel; und der Weinhandel an und für sich ist entzündlich; denn man trinkt mehr oder weniger selbst, und wer kann sich wundern, es scheint mir wahrhaftig wie ein Traum diesen Morgen noch an gar nichts zu denken und nun Bergwerke von Gold. Es ist merkwürdig, aber Sie müssen mein Liebling weil Sie nicht stark genug sein werden ihm alles zu sagen, Teelöffel zu nehmen, wäre es nicht am besten die Anweisungen meines Arztes zu befolgen; denn obgleich der Geschmack alles nur nicht angenehm ist, zwinge ich mich doch dazu, weil es mal vorgeschrieben und finde daß es gut tut, Sie haben vielleicht keine Lust, warum nicht meine Liebe, ich möchte auch lieber nicht; aber ich tue es doch, weil's eine Pflicht ist. Alle Leute werden Ihnen gratulieren, die einen im Ernst, die andern nicht und viele werden Ihnen aus vollem Herzen gratulieren, aber niemand so von ganzer Seele, das darf ich Sie versichern, als ich wenn ich auch fühle, daß ich unbesonnen herausplatze und töricht bin und darnach von Arthur, diesmal nicht Doyce und Clennam beurteilt werde. Leben Sie wohl denn und Gott segne Sie und mögen Sie glücklich sein und entschuldigen Sie meine Freiheit. Ich gelobe Ihnen, das Kleid von niemand anderem fertig machen zu lassen. Es soll, wie es ist, als Andenken aufbewahrt und Klein-Dorrit genannt werden, obgleich ich nie wußte und nun auch nie mehr erfahren werde, woher dieser seltsamste aller Namen kommt.« So sprach Flora, als sie von ihrem Liebling Abschied nahm. Klein-Dorrit dankte ihr und umarmte sie wieder und wieder; und verließ zuletzt das Haus mit Clennam und nahm einen Wagen nach dem Marschallgefängnis. Es war eine seltsam, gleichsam träumerische Fahrt durch die alten schmutzigen Straßen. Sie hatte ein Gefühl, über sich hinaus in eine luftige Welt des Reichtums und der Größe gehoben zu sein. Als Arthur ihr sagte, daß sie bald in ihrem eigenen Wagen durch ganz andere Gegenden fahren würde, wo all diese schlimmen Erfahrungen vorüber wären, schien sie bange Furcht zu ergreifen. Als er jedoch ihren Vater an ihre Stelle setzte und ihr sagte, wie er in seinem Wagen fahren und wie groß und stolz er sein würde, da flossen die Tränen der Freude und des unschuldigen Stolzes in Strömen. Als er sah, daß das Glück, das ihr Geist sich vorstellen konnte, alles auf jenen fiel, hielt Arthur ihr diese einzelne Gestalt vor Augen, und sie fuhren strahlend durch die armen Straßen in der Nähe des Gefängnisses, um ihm die wichtige Neuigkeit zu bringen. Als Mr. Chivery, der heute das Schließeramt hatte, sie in das Pförtnerstübchen einließ, sah er etwas in ihren Gesichtern, das ihn mit Staunen erfüllte. Er blickte ihnen nach, wie sie in das Gefängnis eilten, als ob er sähe, daß jedes von beiden in Begleitung eines Gespenstes zurückgekommen. Zwei oder drei Kollegen, an denen sie vorübergegangen, sahen ihnen ebenfalls nach und bildeten, zu Mr. Chivery tretend, auf der Treppe des Pförtnerstübchens eine Gruppe, unter der von selbst die flüsternde Bemerkung entstand, der Vater werde wohl seine Freiheit erhalten. Nach wenigen Minuten hörte man es in dem entferntesten Winkel des Gefängnisses. Klein-Dorrit öffnete die Tür von außen, und sie traten ein. Er saß in seinem alten grauen Rock und seiner alten schwarzen Mütze im Sonnenlicht am Fenster und las seine Zeitung. Er hielt die Brille in der Hand und sah sich gerade um. Ohne Zweifel war er anfangs erstaunt, als er ihren Tritt auf der Treppe hörte, da er sie nicht vor Nacht erwartet hatte, und war nun wieder erstaunt, als er Arthur Clennam in ihrer Gesellschaft sah. Als sie eintraten, machte ihn derselbe ungewohnte Blick bei beiden, der schon unten im Hofe Aufsehen erregt, verdutzt. Er stand nicht auf und sprach nicht, sondern legte seine Brille und seine Zeitung auf den Tisch neben sich und sah sie mit offenem Munde und zitternden Lippen an. Als Arthur seine Hand ausstreckte, berührte er sie, aber nicht mit seiner gewöhnlichen Würde; dann wandte er sich nach seiner Tochter um, die sich dicht neben ihn gesetzt und die Hände auf seine Schulter gelegt hatte, während sie ihm aufmerksam ins Gesicht sah. »Vater! ich bin diesen Morgen so glücklich gemacht worden!« »Du bist so glücklich gemacht worden, meine Liebe?« »Durch Mr. Clennam, Vater. Er brachte mir eine so heitere und herrliche Nachricht über dich! Wenn er mich nicht mit seiner großen Freundlichkeit und Güte darauf vorbereitet hätte, Vater – mich darauf vorbereitet, Vater – ich glaube, ich hätte es nicht ertragen.« Ihre Aufregung war außerordentlich groß, und die Tränen rollten ihr über das Gesicht. Er legte seine Hand plötzlich auf sein Herz und sah Clennam an. »Beruhigen Sie sich, mein Herr«, sagte Clennam, »und nehmen Sie sich ein wenig Zeit, zu denken. Zu denken an die glänzendsten und glückseligsten Ereignisse des Lebens. Wir haben alle schon von großen freudigen Überraschungen gehört. Es gibt noch immer welche. Sie sind selten, aber es gibt noch immer welche.« »Mr. Clennam? Es gibt noch immer welche? noch immer welche für –-« Er legte die Hand auf die Brust, statt »mich« zu sagen. »Ja«, versetzte Clennam. »Was für eine Überraschung«, fragte er, indem er seine linke Hand auf dem Herzen ruhen ließ und sich unterbrach, während er seine Brille flach auf den Tisch legte: »was für eine Überraschung kann mir vorbehalten sein?« »Lassen Sie mich mit einer andern Frage antworten. Sagen Sie mir, Mr. Dorrit, welche Überraschung könnte für Sie die unerwartetste und erwünschteste sein? Fürchten Sie nicht, sie sich zu denken oder zu sagen, was es sein könnte.« Er sah Clennam fest ins Auge und schien, während er ihn so anblickte, sich in einen sehr alten, häßlichen Mann zu verwandeln. Die Sonne schien hell auf die Mauer gegenüber von dem Fenster und auf die Eisenspitzen oben. Er streckte langsam die Hand aus, die auf seinem Herzen geruht, und deutete auf die Mauer. »Sie sind niedergerissen«, sagte Clennam. »Fort!« Er blieb in derselben Stellung und sah ihn noch immer unbewegt an. »Und statt ihrer«, sagte Clennam langsam und deutlich, »sind Ihnen die Mittel geboten, das Höchste zu besitzen und zu genießen, was man so lange Ihnen genommen hatte. Mr. Dorrit, es ist nicht der geringste Zweifel mehr vorhanden, daß Sie in wenigen Tagen frei und unendlich glücklich sein werden. Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zu diesem Glückswechsel und zu der heitern Zukunft, in die Sie bald den Schatz führen werden, mit dem Sie hier gesegnet waren – den besten aller Reichtümer, die Sie jemals besitzen können – den Schatz an Ihrer Seite.« Mit diesen Worten drückte er seine Hand und ließ sie los; und seine Tochter, die ihr Gesicht an das seine lehnte, umarmte ihn in dieser Stunde des Glücks, wie sie ihn in den langen Jahren seines Unglücks mit ihrer Liebe, Mühe und Treue umfangen, und ergoß ihr volles Herz in Dankbarkeit, Hoffnung, Freude, glücklicher Begeisterung, und alles für ihn. »Ich werde ihn sehen, wie ich ihn noch nie gesehen. Ich werde meinen teuren, lieben Vater sehen, wenn keine dunkle Wolke mehr ihn beschattet. Ich werde ihn sehen, wie ihn meine Mutter vor langem gesehen. O mein Lieber, mein Lieber! O Vater, Vater! O Dank dir, Gott, Dank dir, Gott!« Er gab sich ihren Küssen und Liebkosungen hin, erwiderte sie jedoch nicht, nur seinen Arm schlang er um sie. Auch sagte er kein Wort. Sein fester Blick war nun zwischen ihr und Clennam geteilt, und er begann zu erschauern, als ob er fröre. Arthur sagte Klein-Dorrit, daß er eiligst eine Flasche Wein aus dem Kaffeehaus holen wollte, und tat dies so rasch er konnte. Während der Wein vom Keller heraufgeschafft wurde, fragten ihn eine Anzahl aufgeregter Leute, was geschehen sei, worauf er ihnen in der Eile mitteilte, daß Mr. Dorrit zu Vermögen gekommen. Als er mit dem Wein wieder zurückkam, fand er, daß sie ihren Vater in seinen Lehnstuhl gebracht und sein Hemd und Halstuch bequemer gemacht. Sie füllten ein Glas mit Wein und hielten es an seine Lippen. Als er etwas geschluckt, nahm er das Glas selbst und leerte es. Bald darauf lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und weinte mit seinem Taschentuch vor dem Gesicht. Nachdem dies eine Weile gedauert, hielt es Clennam für den rechten Augenblick, seine Aufmerksamkeit von der bloßen Überraschung abzulenken, indem er ihm die Einzelheiten erzählte. Langsam und mit ruhigem Ton setzte er ihm deshalb, so gut er konnte, alles auseinander und verbreitete sich über die Art der Dienste, die Pancks geleistet. »Er soll – hm – soll schön belohnt werden, Sir«, sagte der Vater aufspringend und rasch im Zimmer auf und ab gehend. »Ich versichere Sie, Mr. Clennam, daß jedermann, der dabei beteiligt ist, – hm – nobel belohnt werden soll. Niemand, mein Herr, soll sagen, daß er einen unbefriedigten Anspruch an mich habe. Ich werde die – hm – die Vorschüsse, die Sie mir gemacht haben, Sir, mit besonderem Vergnügen zurückbezahlen. Ich bitte Sie ferner, sobald es Ihnen bequem ist, mir mitzuteilen, welche Vorschüsse Sie meinem Sohn gemacht.« Er hatte keine Absicht bei seinem Im-Zimmer-auf-und-ab-Gehen, aber er konnte keinen Augenblick stillstehen. »Jedermann soll bedacht werden«, sagte er. »Ich will nicht von hier weggehen, solange ich noch in jemandes Schuld stehe. Alle Leute, die sich – hm – gegen mich und meine Familie gut benommen haben, sollen belohnt werden. Chivery soll belohnt werden. Der junge John soll belohnt werden. Ich wünsche ausdrücklich und beabsichtige höchst freigebig zu handeln, Mr. Clennam.« »Wollen Sie mir erlauben«, sagte Arthur, indem er seine Börse auf den Tisch legte, »Sie für die nächsten Bedürfnisse mit Geld zu versehen, Mr. Dorrit? Ich hielt es für das Beste, Ihnen eine Summe Geldes für diesen Zweck zu bringen.« »Ich danke Ihnen, Sir, ich danke Ihnen. Ich nehme bereitwillig im gegenwärtigen Augenblick an, was ich noch vor einer Stunde nicht mit gutem Gewissen hätte annehmen können. Ich bin Ihnen für die zeitweilige Aushilfe zu Dank verpflichtet, nur ganz zeitweilig, aber wohl angebracht – wohl angebracht.« Seine Hand hatte sich über dem Geld geschlossen, und er trug es mit sich herum. »Seien Sie so freundlich, Sir, den Betrag zu den früheren Vorschüssen zu schreiben, von denen ich vorhin sprach! und seien Sie gefälligst besorgt, die meinem Sohne gemachten Vorschüsse nicht zu vergessen. Eine einfache mündliche Nachweisung der Totalsumme ist alles, was ich – hm – verlange.« Sein Blick fiel hierbei auf seine Tochter, und er hielt einen Augenblick inne, um sie zu küssen und ihr über den Kopf zu streichen. »Es wird nötig sein, eine Putzmacherin aufzusuchen, meine Liebe, und in deinem sehr einfachen Anzug eine rasche und vollständige Änderung eintreten zu lassen. Etwas muß auch mit Maggy geschehen, die im Augenblick – hm – nur leidlich, nur leidlich aussieht. Und deine Schwester, Amy, und dein Bruder. Und mein Bruder, dein Oheim – die arme Seele, ich hoffe, das wird ihn aufraffen – man muß zu ihm schicken und ihn holen lassen. Sie müssen davon unterrichtet werden. Wir müssen es ihnen vorsichtig mitteilen, aber man muß sie sogleich davon unterrichten. Wir sind es ihnen und uns als Pflicht schuldig, von diesem Augenblick sie nichts mehr – hm – nichts mehr tun zu lassen.« Dies war die erste Andeutung, die er je gegeben hatte, daß er darum wußte, daß sie für den Lebensunterhalt arbeiteten. Er ging immer noch im Zimmer umher, die Börse fest in der Hand haltend, als ein großes Jubelgeschrei in dem Hofe drunten entstand. »Die Nachricht hat sich bereits verbreitet«, sagte Clennam vom Fenster hinabblickend. »Wollen Sie sich ihnen zeigen, Mr. Dorrit? Sie sind sehr begeistert und wünschen es offenbar.« »Ich – hm – ha – ich gestehe, ich hätte gewünscht, meine liebe Amy«, sagte er, mit noch größerer Unruhe als zuvor im Zimmer hin und her gehend, »ich hätte gewünscht, vorher mit meiner Kleidung einige Aenderung vornehmen zu können und eine – hm – eine Uhr und Kette zu kaufen. Aber wenn es so geschehen muß, wie die Sachen stehen, – hm – so muß es eben geschehen. Knüpfe mir das Hemd oben zu, meine Liebe. Mr. Clennam, wollen Sie die Güte haben, mir – hm – ein blaues Halstuch zu geben, das Sie in der Schublade neben Ihrem finden werden. Knöpfe meinen Rock über der Brust zusammen, meine Liebe. Er sieht besser aus, – hm – wenn er geknöpft ist.« Mit seiner zitternden Hand strich er sein Haar in die Höhe und erschien, auf Clennam und seine Tochter gestützt, am Fenster, indem er einen Arm auf beide lehnte. Die Kollegen begrüßten ihn ungemein herzlich, und er warf ihnen mit großer Urbanität und Herablassung Kußhände zu. Als er sich wieder in das Zimmer zurückzog, sagte er: »Die armen Geschöpfe!« in einem Tone voll Mitleid für ihre elende Lage. Klein-Dorrit war von dem eifrigen Wunsch beseelt, daß er sich niederlegen möchte, um etwas Ruhe und Fassung zu gewinnen. Als Arthur ihr seine Absicht kundgab, daß er gehen wolle, um Pancks zu benachrichtigen, daß er jetzt so bald kommen könne, wie er wolle, um das heitere Geschäft zu Ende zu bringen, bat sie ihn flüsternd zu bleiben, bis ihr Vater ganz ruhig sei. Es bedurfte keiner zweiten Bitte; und sie richtete ihres Vaters Bett her und bat ihn, sich niederzulegen. Die nächste halbe Stunde ließ er sich zu nichts bewegen, sondern ging im Zimmer umher und verhandelte mit sich die Wahrscheinlichkeit für und wider des Marschalls Erlaubnis, daß die ganze Masse der Gefangenen an den Fenstern des Amtsgebäudes, die nach der Straße gingen, sich aufstellen dürfe, um ihn und seine Familie in einem Wagen für immer scheiden zu sehen – was, wie er sagte, seiner Ansicht nach ein großes Schauspiel für sie wäre. Nach und nach begann er jedoch das Haupt zu senken und müde zu werden und legte sich zuletzt auf das Bett. Sie nahm ihren treuen Platz neben ihm ein und fächelte ihm Luft zu und kühlte seine Stirn; und er schien einzuschlafen (immer mit dem Geld in der Hand), als er sich plötzlich unerwartet aufsetzte und sagte: »Mr. Clennam, ich bitte um Verzeihung. Soll ich es so verstehen, daß ich – hm – jetzt gleich durch das Pförtnerstübchen gehen und – hm – einen Spaziergang machen dürfte?« »Ich denke nicht, Mr. Dorrit«, lautete die zögernde Antwort. »Es sind gewisse Formen zu beobachten: und obgleich Ihre Gefangenhaltung hier an und für sich nur noch eine Form ist, so fürchte ich doch, daß es eine Form sei, die noch etwas länger beobachtet werden muß.« Er vergoß bei diesen Worten wiederum Tränen. »Nur noch wenige Stunden, Sir«, drängte Clennam freundlich. »Noch wenige Stunden«, entgegnete er mit plötzlich erwachender Leidenschaftlichkeit. »Sie sprechen sehr leicht von Stunden, Sir! Wie lange glauben Sie, Sir, daß eine Stunde für einen Mann dauert, der nach Luft schmachtet?« Es war eine letzte Demonstration für diesmal, denn nachdem er noch einige Tränen geweint und sich jammernd beklagt, daß er nicht atmen könne, fiel er nach und nach in Schlummer. Clennam hatte reichliche Beschäftigung für seine Gedanken, als er in dem stillen Zimmer saß und den Vater auf seinem Bett und die Tochter betrachtete, die seinem Gesicht Kühlung zufächelte. Klein-Dorrit sann gleichfalls nach. Nachdem sie sanft sein graues Haar auf die Seite gestrichen und mit ihren Lippen seine Stirn berührt, sah sie Arthur an, der näher zu ihr herankam und in einem leisen Geflüster den Gegenstand ihrer Gedanken fortsetzte. »Mr. Clennam, wird er alle Schulden bezahlen können, ehe er von hier weggeht?« »Ohne Zweifel alle.« »Alle Schulden, wegen deren er, solange ich lebe und noch länger, hier gefangen sitzt?« »Ohne Zweifel.« Es lag etwas wie Ungewißheit und Einwendung in ihrem Blick, etwas, das nichts weniger als Befriedigung war. Er hätte gerne gewußt, was es sei, und sagte: »Sie freuen sich, daß er es tut?« »Und Sie?« fragte Klein-Dorrit neugierig. »Ob ich? Gewiß von Herzen freut es mich!« »Dann weiß ich, daß es auch mich freuen darf.« »Freut es Sie nicht?« »Es erscheint mir hart«, sagte Klein-Dorrit, »daß er so viele Jahre verloren und so viel gelitten und zuletzt doch alle Schulden bezahlen soll. Es erscheint mir hart, daß er mit seinem Leben und seinem Geld bezahlen soll.« »Mein liebes Kind« – begann Clennam. »Ja, ich weiß, ich habe unrecht«, verteidigte sie sich ängstlich, »denken Sie nichts Schlechtes von mir. Es ist hier mit mir aufgewachsen.« Das Gefängnis, das einem so manches rauben kann, hatte Dorrits Gemüt nicht weiter befleckt. Nachdem einmal Verwirrung in die Teilnahme für ihren Vater, den armen Gefangenen, eingetreten, war dies der erste Fleck der Gefängnisatmosphäre, den Clennam je an ihr gesehen hatte, und war der letzte Fleck, den Clennam je an ihr sah. Er dachte dies und unterließ es, ein weiteres Wort zu sagen. Mit diesem Gedanken traten ihre Reinheit und Güte vor ihm in das hellste Licht. Der kleine Fleck machte sie noch schöner. Erschöpft durch ihre eignen Gemütsbewegungen und den Einfluß der Stille des Zimmers, ermattete ihre Hand nach und nach, und das Fächeln hörte auf; ihr Kopf sank auf das Pfühl an ihres Vaters Seite nieder. Clennam stand langsam auf, öffnete und schloß die Tür ohne Geräusch und verließ das Gefängnis, indem er das Gefühl der Stille in die geräuschvollen Straßen mit sich hinausnahm. Sechsunddreißigstes Kapitel. Das Marschallgefängnis wird verwaist. Der Tag rückte heran, an dem Mr. Dorrit und seine Familie das Gefängnis für immer verlassen und die Steine seines vielbetretenen Pflasters sie nicht mehr kennen sollten. Die Zwischenzeit war von kurzer Dauer, aber er beklagte sich lebhaft über ihre Länge und ließ sich sehr hochfahrend gegen Mr. Rugg wegen der Verzögerung vernehmen. Er war überhaupt sehr stolz gegen Mr. Rugg und hatte ihm gedroht, jemanden anders mit seinen Sachen zu beauftragen. Er hatte Mr. Rugg aufgefordert, sich nichts auf den Ort hin, an dem er ihn finde, herauszunehmen, sondern seine Pflicht zu tun und sie pünktlich zu tun. Er hatte Mr. Rugg gesagt, daß er wisse, was für Leute Anwälte und Agenten seien, und daß er sich keiner Täuschung fügen werde. Als dieser Herr ihm demütig vorhielt, er strenge sich außerordentlich an, war Miß Fanny sehr kurz gegen ihn, indem sie zu wissen wünschte, was er weniger tun könnte, da man ihm doch schon ein dutzendmal gesagt, daß Geld kein Gegenstand sei, und vor ihm die Vermutung aussprach, daß er vergesse, mit wem er rede. Gegen den Marschall, der bereits seit vielen Jahren das Amt eines Marschalls verwaltete, und mit dem er nie zuvor ein Zerwürfnis gehabt, benahm er sich sehr hart. Dieser Beamte bot ihm, als er persönlich seine Glückwünsche darbrachte, die freie Benutzung von zwei Zimmern in seinem Hause bis zu seinem Weggang an. Mr. Dorrit dankte ihm für den Augenblick und antwortete, er wolle sich die Sache überlegen; aber der Marschall war kaum fort, als er sich niedersetzte und ihm einen unfreundlichen Brief schrieb, in dem er ihm bemerkte, daß er nie und bei keiner frühern Gelegenheit die Ehre gehabt, seine Glückwünsche zu empfangen (was allerdings wahr war, obgleich auch wirklich keine besondere Gelegenheit vorhanden gewesen, bei der man ihm hätte gratulieren können), und daß er deshalb sich erlaube, für sich und seine Familie das Anerbieten des Marschalls mit all dem Dank auszuschlagen, den sein uneigennütziger Charakter und seine vollkommene Unabhängigkeit von allen weltlichen Rücksichten fordere. Obgleich sein Bruder einen so dunklen Schimmer von Interesse an ihren veränderten Glücksumständen zeigte, daß es sehr zweifelhaft war, ob er sie überhaupt begreife, ließ ihm doch Mr. Dorrit für einen neuen Anzug das Maß von den Schnitthändlern, Schneidern, Hutmachern und Schuhmachern nehmen, die er für sich selbst hatte kommen lassen, und befahl, daß man ihm seine alten Kleider wegnehme und verbrenne. Miß Fanny und Mr. Tip brauchten keinen Wink, um sich den feinsten und elegantesten Anzug zuzulegen, und diese drei brachten die Zwischenzeit in dem besten Hotel der Nachbarschaft zu – obgleich das Beste, wie Miß Fanny sagte, kaum gut genug war. In Verbindung mit dieser Wahl einer Wohnung mietete Mr. Tip eine Equipage, nebst Pferd und Groom, ein sehr hübsches Ding, das man zu Zeiten zwei bis drei Stunden lang die Borough Hill Street, Außenseite des Marschallgefängnishofes, beehren sah. Ein bescheidener, kleiner, gemieteter Wagen mit zwei Pferden war gleichfalls häufig dort zu sehen; beim Aussteigen und Einsteigen in dieses Gefährt ärgerte Miß Fanny die Töchter des Marschalls durch Entfaltung eines unerhörten Kleiderluxus. Eine große Menge von Geschäften wurde in dieser kurzen Periode abgemacht. Unter anderen Items wurden die HH. Peddle und Pool, Sachwalter im Monument Yard, durch ihren Klienten Edward Dorrit, Esquire, instruiert, einen Brief an Mr. Arthur Clennam mit der Summe von vierundzwanzig Pfund, neun Schillingen und acht Pence zu richten, dem Betrag des Darlehens und der Interessen von fünf Prozent pro Jahr, den ihr Klient Mr. Clennam schuldig zu sein glaubte. Bei dieser Mitteilung und Rückzahlung wurden die HH. Peddle und Pool ferner durch ihren Klienten beauftragt, Mr. Clennam zu erinnern, daß dieses gütige Darlehen, das jetzt (mit Einschluß des Schließergeldes) zurückbezahlt sei, nicht von ihm verlangt worden war, und ihm mitzuteilen, daß es auch nicht angenommen worden wäre, wenn man es ihm offen in seinem Namen angeboten hätte. Womit sie einen gestempelten Empfangschein verlangten und seine ergebenen Diener verblieben. Eine große Menge Geschäfte mußten ebenfalls in dem nun bald verwaisten Marschallgefängnis von Mr. Dorrit besorgt werden, der so lange sein Vater gewesen, und zwar hauptsächlich Gesuche, die einzelne Kollegen wegen kleiner Summen an ihn richteten. Diesen entsprach er mit der größten Liberalität und ließ es nie an Formalitäten fehlen; indem er immer zuerst schriftlich eine Zeit bestimmte, wo sie ihn in seinem Zimmer erwarten sollten, und sie dann inmitten eines großen Haufens von Dokumenten empfing und seine Schenkung (denn er sagte in jedem solchen Fall, »es ist eine Schenkung, kein Darlehen«) mit vielem guten Rat begleitete, daß er, der scheidende Vater des Marschallgefängnisses, hoffe, man werde seiner noch lange als eines Beispiels gedenken, daß ein Mann seine eigne und die allgemeine Achtung auch hier sich noch erhalten könne. Die Kollegen waren nicht neidisch. Abgesehen von ihrer persönlichen und traditionellen Achtung vor einem Kollegen, der so lange schon im Gefängnis war, brachte das Ereignis dem Kollegium Kredit und machte viel in den Zeitungen von ihm sprechen. Vielleicht dachten auch mehrere von ihnen, ohne daß sie sich dessen wirklich bewußt waren, daß dies bei der Lotterie der Zufälle ihnen ebensogut hätte begegnen können, oder daß ihnen noch etwas der Art eines Tages passieren könnte. Sie nahmen es sehr gut auf. Nur wenige machte der Gedanke, zurückgelassen, oder arm zurückgelassen zu werden, niedergeschlagen; aber auch diese sahen den glänzenden Glückswechsel der Familie nicht mit mißgünstigen Augen an. Es wäre an vornehmen Orten sicher weit mehr Neid gewesen. Es dünkt uns wahrscheinlich, daß mittelmäßiges Vermögen weit weniger geneigt gewesen, großmütig zu sein als die Kollegen, die von der Hand in den Mund – von des Pfänderleihers Hand zum täglichen Essen – lebten. Sie setzten eine Adresse an ihn auf, die sie ihm in hübschem Glas und Rahmen präsentierten (doch wurde sie später nicht im Familienhause aufgehängt oder unter den Familienpapieren aufbewahrt ); er erließ aber eine gnädige Antwort darauf. In diesem Dokument versicherte er sie in echt königlicher Weise, daß er den Ausdruck ihrer Anhänglichkeit mit der vollen Gewißheit der Aufrichtigkeit entgegennehme, und ermahnte wiederum alle, seinem Beispiel zu folgen – welches sie, insoweit wenigstens, als es die Erlangung eines großen Vermögens betraf, sicherlich mit Freuden nachgeahmt hätten. Er ergriff zu gleicher Zeit diese Gelegenheit, sie zu einem alle umfassenden Gastmahl einzuladen, das dem ganzen Kollegium im Gefängnishofe gegeben werden sollte, und bei dem er, wie er andeutete, die Ehre haben werde, ein Abschiedsglas auf die Gesundheit und das Glück all derer zu trinken, die er zurückzulassen im Begriff stünde. Er aß nicht in Person bei diesem öffentlichen Gastmahl mit (es fand um zwei Uhr nachmittags statt, und seine Diners kamen nun um sechs Uhr aus dem Hotel), aber sein Sohn hatte die Güte, den obersten Platz an der Haupttafel einzunehmen und sehr leutselig und liebenswürdig zu sein. Er selbst ging unter der Gesellschaft umher, unterhielt sich mit den einzelnen und sah, ob die Gerichte von der Art waren, wie er sie befohlen, und daß alle bedient würden. Im ganzen nahm er sich wie ein Baron aus der alten Zeit aus, der in selten guter Stimmung war. Am Schluß des Mahles tat er seinen Gästen mit einem vollen Glase alten Madeiras Bescheid und sagte, er hoffe, sie seien vergnügt gewesen, und was mehr, sie würden sich auch noch den übrigen Teil des Abends gut unterhalten; daß er ihnen alles Gute wünsche und ihnen herzlich Lebewohl sage. Als seine Gesundheit unter lautem Jubel getrunken wurde, war er nicht so sehr Baron, daß er nicht, als er versuchen wollte, seinen Dank auszusprechen, wie ein bloßer Knecht mit einem Herzen in seiner Brust zusammengebrochen wäre und vor ihnen allen geweint hätte. Nach diesem großen Erfolg, den er für eine Niederlage hielt, ließ er »Mr. Chivery und seine Amtsbrüder« leben, von denen er zuvor jedem zehn Pfund geschenkt, und die alle zugegen waren. Mr. Chivery antwortete auf den Toast, indem er sagte: »Was du einsperren willst, das sperre ein; aber erinnere dich, daß du nach den Worten des gefesselten Afrikaners Mensch und Bruder bist.« Nachdem die Reihe der Toaste vorüber war, hatte Mr. Dorrit die Artigkeit, eine Partie Kegel mit dem Kollegen zu machen, der der nächstälteste Bewohner des Gefängnisses nach ihm war, und überließ seine Vasallen ihren Belustigungen. All diese Vorkommnisse gingen jedoch dem letzten Tag voraus. Nun kam der Tag, wo seine Familie das Gefängnis für immer verlassen und die Steine seines vielbetretenen Pflasters sie nicht mehr kennen sollten. Mittag war die für das Scheiden bestimmte Stunde. Als sie heranrückte, war kein Kollege mehr innerhalb der Türen, kein Schließer abwesend. Diese letztere Klasse der Herren erschien in ihren Sonntagskleidern, und der größere Teil der Kollegen war so guter Laune, als die Umstände es erlaubten. Auch zwei bis drei Fahnen wurden entfaltet und die Kinder mit allen Arten von Bändern behängt. Mr. Dorrit selbst bewahrte bei dieser wichtigen Gelegenheit eine ernste, aber anmutsvolle Würde. Viele Aufmerksamkeit widmete er dem Bruder, wegen dessen Benehmen bei der großen Feierlichkeit er etwas besorgt war. »Mein lieber Frederick«, sagte er, »wenn du mir deinen Arm geben willst, so werden wir zusammen durch die Reihe unserer Freunde schreiten. Ich denke, es ist das richtige, wenn wir Arm in Arm von hier weggehen, mein lieber Frederick.« »Hah!« sagte Frederick. »Ja, ja, ja, ja.« »Und wenn, mein lieber Frederick, – wenn du, ohne dir großen Zwang anzulegen (bitte, entschuldige mich, Frederick), etwas Schliff in dein gewöhnliches Benehmen bringen könntest –« »William, William«, sagte der andere, seinen Kopf schüttelnd, »das ist deine Sache, all das zu tun. Ich weiß nicht, wie das machen. Alles vergessen, vergessen!« »Aber, mein lieber Junge«, entgegnete William, »gerade aus diesem Grunde, rein aus keinem andern, mußt du wirklich versuchen, dich etwas aufzuraffen. Was du vergessen hast, mußt du wieder in dein Gedächtnis zurückzurufen beginnen, mein lieber Frederick. Deine Stellung –-« »Hm?« sagte Frederick. »Deine Stellung, mein lieber Frederick.« »Meine?« Er sah zuerst sich und dann seinen Bruder an, worauf er tief Atem holend ausrief: »Ha, allerdings. Ja, ja, ja!« »Deine Stellung, mein lieber Frederick, ist jetzt eine sehr vornehme. Deine Stellung, als mein Bruder, ist jetzt eine sehr vornehme. Und ich weiß, daß es in deiner gewissenhaften Natur liegt, den Versuch zu machen, derselben würdig zu werden und zu streben, mein lieber Frederick, ihr Ehre zu machen. Ihr nicht Unehre, sondern Ehre zu machen.« »William«, sagte der andere weich und mit einem Seufzer, »ich will alles tun, was du wünschest, vorausgesetzt, daß es in meiner Macht liegt. Bitte, erinnere dich aber daran, daß meine Macht sehr beschränkt ist. Was wünschest du, mein Bruder, daß ich heute tun soll? Sage, was du willst, sage nur, was du willst.« »Mein liebster Frederick, nichts. Es ist nicht der Mühe wert, ein so gutes Herz wie das deine zu quälen.« »Bitte, quäle es«, versetzte der andere. »Es ist mir keine Qual, William, wenn ich etwas für dich tun kann.« William fuhr mit der Hand über die Augen und murmelte mit erhabener Befriedigung: »Gott segne deine Anhänglichkeit, mein armer, lieber Junge!« Dann sagte er laut: »Nun, mein lieber Frederick, wenn du nur versuchen wolltest, wenn wir weggehen, zu zeigen, daß du die Bedeutung des Augenblicks lebhaft fühlst – daß du darüber etwas denkst –-« »Was rätst du mir zu denken?« versetzte sein unterwürfiger Bruder. »Oh, mein lieber Frederick, wie kann ich dir antworten? Ich kann dir nur sagen, was ich selbst denke, wenn ich diese guten Leute verlasse.« »Das ist's!« rief sein Bruder. »Das wird mir helfen.« »Ich finde, daß ich, mein lieber Frederick, mit gemischten Gefühlen, in denen ein sanftes Mitleid vorherrscht, denke: Was werden sie ohne mich anfangen?« »Wahr«, versetzte sein Bruder, »ja, ja, ja, ja. Ich werde das denken, wenn wir weggehen. Was werden sie ohne meinen Bruder anfangen? Die armen Menschen! Was werden sie ohne ihn tun?« Es hatte soeben zwölf geschlagen; und da man meldete, daß der Wagen im äußern Hof warte, stiegen die Brüder Arm in Arm die Treppe herab. Edward Dorrit, Esquire, (ehedem Tip) und seine Schwester Fanny folgten, gleichfalls Arm in Arm; Mr. Plornish und Maggy, denen die Wegschaffung der Familiensachen anvertraut war, die des Wegschaffens wert erachtet wurden, folgten mit Bündeln und Paketen, die in einen neuen Wagen gepackt werden sollten. Im Hof waren die Kollegen und Schließer. Im Hof waren Mr. Pancks und Mr. Rugg, die gekommen waren, um die letzte Hand an ihr Werk legen zu helfen. Im Hof war der junge John, der eine neue Grabschrift auf sein Sterben an gebrochenem Herzen machte. Im Hof war der patriarchalische Casby, der so entsetzlich wohlwollend aussah, daß viele enthusiastische Kollegen begeistert seine Hand faßten und die Frauen und weiblichen Verwandten manches andern Kollegen seine Hand küßten, fest überzeugt, daß er das alles getan hätte. Im Hof war der gewöhnliche Chor von Leuten, wie sie an solchen Orten zu sein pflegen. Im Hof war der Mann mit dem Schatten von Schmerz wegen des Fonds, den der Marschall unterschlagen hatte; er war morgens um fünf aufgestanden, um die Kopie einer vollständig unverständlichen Geschichte dieses Handels zu vollenden, die er Mr. Dorrit als ein Dokument von der äußersten Wichtigkeit übergab, das darauf berechnet war, die Regierung in Staunen zu setzen und des Marschalls Sturz herbeizuführen. Im Hof war der Insolvente, dessen äußerste Energie immer darauf bedacht war, Schulden zu kontrahieren, der mit ebensoviel Mühe ins Gefängnis hineinbrach, wie andere hinausgebrochen sind, und der immer freigelassen und bekomplimentiert wurde; während der Insolvente zu seiner Seite – ein sehr kleiner, lumpiger, strebsamer Handelsmann, halbtot vor ängstlicher Besorgnis, schuldenfrei zu bleiben, – wirklich große Mühe hatte, einen Vermittler zu finden, der ihn mit großen Vorwürfen und Zurechtweisungen frei machte. Im Hof war der Mann mit den zahlreichen Kindern und Lasten, dessen Bankerott jedermann wunderte; im Hof war der Mann, mit keinen Kindern und großen Hilfsquellen, dessen Bankerott niemand wunderte. Ferner zugegen waren die Leute, die immer schon morgen hinausgingen und es immer aufschoben; ferner die Leute, die gestern gekommen und weit eifersüchtiger und empfindlicher über diese Laune des Schicksals waren als die zahmen Vögel. Ferner solche, die aus bloßer niedriger Gesinnung sich bückten und beugten vor dem reichgewordenen Kollegen; noch andere, die dies taten, weil ihre Augen, an die Dunkelheit des Gefängnisses oder der Armut gewöhnt, das Licht solch hellen Sonnenscheins nicht ertragen konnten. Es waren manche da, deren Schillinge in seine Tasche geflossen, um ihm Speise und Trank zu kaufen; aber keine, die jetzt auf Grund dieser Unterstützung in aufdringlicher Weise den vertrauten Kameraden mit ihm spielten. Man konnte eher bemerken, daß die gefangenen Vögel etwas scheu vor dem Vogel waren, der nun so großartig frei werden sollte, und daß sie das Streben hatten, sich etwas nach dem Gitter zurückzuziehen und etwas unruhig zu sein, als er vorüberkam. Durch diese Reihe von Zuschauern bewegte sich die kleine Prozession, an deren Spitze die beiden Brüder gingen, langsam nach dem Tor zu. Mr. Dorrit, den der große Gedanke bewegte, was die armen Geschöpfe ohne ihn anfangen sollten, war ernst und traurig, aber nicht davon völlig überwältigt. Er fand noch Gedanken dazu, die Köpfe der Kinder zu streicheln, wie Sir Roger de Coverley bei seinem Kirchgang; er redete die Leute im Hintergrund bei ihrem Taufnamen an, er benahm sich gegen alle Anwesenden äußerst herablassend und schien zu ihrem Trost bei seinem Gang von dem Spruch in goldenen Buchstaben umgeben zu sein: »Sei getrost, mein Volk! Ertrag es!« Zuletzt kündigten drei kräftige Jubelrufe an, daß er das Tor passiert habe und daß das Marschallgefängnis verwaist sei. Ehe das Echo in den Mauern des Gefängnisses verhallt war, hatte die Familie ihren Wagen bestiegen und der Diener den Tritt in der Hand. Dann und nicht früher rief Miß Fanny plötzlich: »Gott im Himmel! Wo ist Amy?« Ihr Vater hatte geglaubt, sie sei bei ihrer Schwester. Ihre Schwester hatte geglaubt, sie sei irgendwo. Sie hatten alle erwartet, wie es immer der Fall gewesen, sie im rechten Moment am rechten Platz zu finden. Dies Weggehen war wirklich die erste Handlung in ihrem gemeinsamen Leben, die sie ohne sie vollbracht hatten. Eine Minute mochte in der Vergewisserung dieser Angelegenheit verflossen sein, als Miß Fanny, die von ihrem Sitz im Wagen den langen engen Weg überschaute, der nach dem Pförtnerstübchen führte, entrüstet errötete. »Nein, das muß ich sagen. Papa«, rief sie, »das ist schändlich!« »Was ist schändlich, Fanny?« »Ich sage«, wiederholte sie, »es ist wahrhaft niederträchtig! Wahrhaftig so entehrend, daß man selbst in einem Augenblick wie diesem wünschen möchte, man wäre tot! Da ist dieses Kind, diese Amy, in ihrem häßlichen und abgeschabten Anzug, wegen dessen sie so eigensinnig war, Papa, und den ich sie zu ändern unermüdlich im Bitten und Flehen war, wogegen sie Einwürfe zu machen gleichfalls unermüdlich war, den sie jedoch heute zu ändern versprach, indem sie sagte, sie wünsche ihn nur so lange noch zu tragen, als sie hier mit dir verweile – ein absolut romantischer Unsinn der geringsten Art – hier ist dieses Kind Amy, das uns bis zum letzten Moment und im letzten Moment Unehre macht, indem sie sich in diesem Anzug heraustragen läßt. Und dieser Mr. Clennam dazu!« Das Vergehen erwies sich als richtig, sobald sie die Anklage ausgesprochen. Clennam erschien an dem Wagenschlag, die kleine bewußtlose Gestalt in seinen Armen tragend. »Sie wurde vergessen«, sagte er in dem Ton des Mitleids, der nicht frei von Vorwurf war. »Ich eilte nach ihrem Zimmer hinauf (das Mr. Chivery mir zeigte) und fand die Tür offen und das arme Kind auf dem Boden in einer Ohnmacht liegen. Sie schien weggegangen zu sein, um ihr Kleid zu wechseln, und war, überwältigt von den Eindrücken, zusammengebrochen. Es mag der Jubel gewesen oder auch schon früher geschehen sein. Nehmen Sie die arme kalte Hand in acht, Miß Dorrit. Lassen Sie sie nicht fallen!« »Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Miß Dorrit in Tränen ausbrechend. »Ich glaube, ich weiß, was ich zu tun habe, wenn Sie mir's erlauben wollen. Liebe Amy, öffne deine Augen, liebes Kind! O Amy, Amy, ich bin wirklich so ärgerlich und beschämt. Ermanne dich, mein Liebling! Oh, warum fahren Sie nicht fort! Bitte, Papa, fahre fort!« Der Diener trat mit einem schroffen: »Mit Ihrer Erlaubnis!« zwischen Clennam und den Wagenschlag, legte den Tritt zusammen, und sie fuhren fort.