H. Clauren Die Gräfin Cherubim Erstes Bändchen. Das Marienbild. Der Hausmarschall, von der Last mehrerer ihm bereits ertheilten Aufträge niedergedrückt, verbeugte sich tief, und wollte das Kabinet verlassen, aber der Fürst rief: »Noch eins! – Kennen Sie dieß Gesicht?« und reichte ihm ein Miniaturgemälde, was auf dem Schreibtische unter Papieren verborgen gelegen hatte, und dem Gefragten lächelte ein mildes Engelsköpfchen entgegen. »Was meinen Sie dazu?« sagte der Fürst, sich an des Mannes lebhaftem Entzücken im Stillen ergötzend. »Das ist ein wahres Marienbild,« entgegnete der Marschall, denn ein solcher Zauber, eine solche himmlische Lieblichkeit durfte unter den Sterblichen der wirklichen Welt schwerlich gefunden werden.« »Doch, doch,« erwiederte der Fürst mit sichtbarem Antheil. »Es ist – ich sage Ihnen etwas, was hier noch Niemand weiß, und Zagern , Sie werden mein Vertrauen zu ehren wissen – es ist« – er zögerte, das Wort auszusprechen, als möchte er das Geheimniß nicht gern preis geben, und müsse es doch, wenn er zum Zweck wolle – »es ist hoffentlich meine künftige Schwiegertochter!« Zagern hob das Auge auf zu seinem Herrn, als traue er seinem Ohre nicht. Mit einem entfernten Hofe, auf dessen Kreise er früher seine Frau geheirathet hatte, stand er seit Kurzem in den allergeheimsten Unterhandlungen, die auf die Verbindung des Prinzen Ewald mit Prinzessin Rebekka, der Tochter jenes hohen Hauses, führen sollten. Goldene Dosen mit Brillanten, Ehrenauszeichnungen, Orden, Standeserhebungen, und was die Hauptsache war, ein bleibender Einfluß bei der künftigen Landesmutter, der ja durch seine Vermittelungen die Hand des liebenswürdigen Prinzen zu Theil geworden war, – alles lag im Hintergrunde dieses fein angelegten Planes, und alle diese glänzenden Aussichten waren vernichtet, wenn die Holdin, deren Bildniß er eben in der Hand hatte, ihm in den Weg trat. Wie ein Flammenblitz durchzuckte des Fürsten vertrauliches Wort das Innerste des Hofmannes, und ein Glück war's, daß jener mit behaglichem Wohlgefallen auf dem Bilde verweilte, und sein Blick nicht auf den Hausmarschall fiel, sonst hätte ihm das krampfhafte Zusammenkneipen in den Mundwinkeln des Überraschten, der verhaltene Athem in der hohlen Brust des heimlichen Lauschers das Unheil verrathen müssen, was in dem überraschten Manne brütete. Doch diese Betroffenheit währte kaum einige Sekunden; der Hausmarschall sammelte sich mit Gewalt, lispelte ein »Charmant« über das andere, fand in dem Gesichtchen die höchste Anmuth, den klarsten Verstand, den lebendigsten Geist, den edelsten Stolz, und bemerkte zu seinem Schrecken, daß er bei dieser erheuchelten Analyse des Fürsten Meinung und Ansichten in Worte übersetzte, denn dieser nickte zu jeder dieser Äußerungen höchst beifällig, meinte, daß, je länger er das Bild ansehe, dasselbe immer mehr anziehe; daß er es schon den ganzen Morgen mit stiller Freude betrachtet, daß er es immer mit neuem Vergnügen wieder zur Hand nehme, und frug, ob der Hausmarschall sich der Züge dieses höchst interessanten Gesichts nicht entsinne. »Doch,« fiel er sich selbst ins Wort, »damals war die Prinzessin noch ein halbes Kind; es ist ja über sieben Jahre her, daß Sie auf dem Jagdschlosse des Vaters in Habichtswalde waren.« »Prinzessin Aloyse?« rief der Hausmarschall, sie jetzt wieder erkennend – ja, ja – sehr getroffen – so mag – so muß sie jetzt aussehen – dieß große Auge – das Grübchen in der Wange – dieser kleine Rosenmund – es ist – wo habe ich meine Augen denn gehabt – es ist, als sähe ich sie jetzt vor mir. – »Adelsheim hat es mir besorgt,« versetzte der Fürst. »Es weiß selbst dort kein Mensch, daß ich das Bild habe; es darf dieß vor der Hand auch kein Mensch wissen; die Prinzessin hat sich für ihren Vater malen lassen; Adelsheim hat durch die dritte, vierte Hand von dem Maler eine Kopie sich zu verschaffen gewußt, und nach dem, was Adelsheim mir über die Prinzessin berichtet, finde ich die Beschreibung vollkommen bestätigt, die mein Bruder von ihr machte, als er sie vorigen Sommer im Bade kennen gelernt hatte. Sie kennen die Mißhelligkeiten, die zwischen uns früher obgewaltet haben; um so unerwarteter, und ich kann nicht läugnen, um so angenehmer ist mir Adelsheims Versicherung, daß man, wenn Ewald gefalle, gegen die Verbindung beider Kinder jenseits nichts einzuwenden, daß man sie zu wünschen scheine. Ich, meines Theils, gestehe gern, daß ich mit Vergnügen die Hand biete, unsere Familienbande enger zusammen zu ziehen, denn unserer beider Unterthanen Vortheil gewinnt offenbar dadurch, und überdieß sind noch mehrere nicht unwichtige Rücksichten, die mich für diesen Plan geneigt machen. Die Hauptsache ist jetzt nur, sich zu vergewissern, ob Ewald in die Idee, sich zu vermählen, überhaupt eingehe, und ob Prinzessin Aloyse, so weit er sie durch das Bild und durch das kennen lernen kann, was mein Bruder und Adelsheim über sie schreiben, und was Sie von ihr wissen, ihm in einem so wohlgefälligen Lichte erscheint, daß er sich zu einem bestimmten Schritte entschließen kann. Vorschreiben will und werde ich ihm hierin nie; indessen ist er ein zu guter Sohn, als daß die Wünsche seines Vaters bei ihm ohne Gewicht bleiben sollten. Könnte er hin, und sie von Angesicht zu Angesicht sehen, und sie persönlich kennen lernen, und eine Zeitlang dort verweilen; so würde er sich bald sagen können, ob Prinzessin Aloyse den Erwartungen entspreche, die er sich von seiner künftigen Gemahlin, ich mir von meiner Schwiegertochter, und das Land sich von seiner dereinstigen Gebieterin zu machen berechtigt sey; allein das geht ja nicht – das geht ja nicht. Unter welchem Vorwande sollte Ewald hin? Wir möchten ersinnen, was wir wollten, und das Ersonnene so viel verbreiten, als wir könnten; das liebe Publikum dort und hier würde sich bald unsere eigentliche Absicht zusammensetzen, und keine acht Tage gängen in das Land, so spürten die lauernden Zeitungsschreiber die zarten Fäden aus, die den Prinzen hingezogen, und halb Europa wüßte davon in einem halben Monate mehr, als wir vielleicht selbst. Wenn die Verbindung zu Stande kommt, hat das Aussprengen solcher vorlauten Gerüchte am Ende nichts zu sagen; wie aber, wenn sich unsere Pläne zerschlagen, wenn die Kinder einander nicht gefallen? dann ist entweder Ewald oder Prinzessin Aloyse, oder eins wie das andere dem Gespötte der Welt preis gegeben; man erfindet die allerabentheuerlichsten Geschichten, und je toller sie lauten, desto mehr Eingang finden sie im Publikum, und, was mir das Empfindlichste wäre, Prinzessin Aloyse und ihre Eltern könnten vielleicht gar den Argwohn schöpfen, die gewiß nicht ausbleibende Zeitungsnachrichten wären absichtlich verbreitet, von uns selbst verbreitet, um jeden Rücktritt zu erschweren, und die Prinzessin zu bestimmen, ihre Hand meinem Sohne lieber, wenn auch ohne Liebe, zu geben, als sich zum Gegenstande aller möglichen Vermuthungen in den Zirkeln aller Hof- und gesellschaftlichen Kreise machen zu lassen. – Wie Adelsheim jetzt, und früher mein Bruder schreiben, scheint Prinzessin Aloyse meinem Sohne nicht abhold zu seyn. Rantaus haben im vorigen Sommer, im Bade, die Gräfin Stockheim aber bei ihrer Durchreise in diesem Frühjahre dort Gutes von ihm gesprochen; auch mag die Prinzessin oder der Hof anderwärts Nachrichten über ihn eingezogen haben, die zu seinem Vortheile gelautet, denn man hat eine Menge kleiner Züge von ihm gewußt, die ihm dort, wie hier, den Beifall der Bessern erworben, und so darf ich, da Ewald sich eines empfehlenden Äussern und einer gesunden frischen Kräftigkeit erfreut, wohl voraussetzen, daß sein persönliches Auftreten dort die gute Meinung, die ihm vorausgegangen, rechtfertigen, und auf den Entschluß der Prinzessin von dem erwünschtesten Erfolge seyn werden. Nur bleibt die Hauptsache übrig, den Prinzen selbst dahin zu vermögen, daß er sich, nach Einsicht des Bildes und der Papiere von Adelsheim und meinem Bruder, und nach Anhörung dessen, was Sie ihm über die Prinzessin Aloyse mündlich mittheilen werden, mit sich selbst berathe, ob er unsern Absichten geneigt sey, und sich zu der Reise entschließen könne; der Hof befindet sich gegenwärtig wieder in Habichtswalde, und wird dort den ganzen Sommer zubringen. Wenn also Ewald seinen Entschluß gefaßt hat, so würde er je eher, je lieber seinen Weg dahin antreten können. Spreche ich mit ihm selbst darüber, so sind zwei Fälle möglich; er erfüllt meinen Wunsch, und dann habe ich nicht die gewisse Überzeugung, ob er aus eigenem Gefühl, oder nicht vielmehr aus bloßem kindlichen Gehorsam handelt; und das Letztere soll er in dieser wichtigen, bloß sein Herz betreffenden Angelegenheiten nicht; weist er aber die ganze Sache mit oder ohne Grund ab, so hat sich der Vater gegen den Sohn ein Blöße gegeben, und etwas der Art darf in unserm Verhältniß nicht wohl statt finden; darum habe ich es vorziehen müssen, durch einen Dritten auf ihn zu wirken, und dieser Dritte sollen Sie seyn. Sie kennen die Prinzessin persönlich; Sie können ihn also von allem, was er zu wissen wünscht, am besten in Kenntniß setzen; von Ihrer Gewandheit und von Ihrer Diskretion darf ich erwarten, daß Sie dem Prinzen überall die richtigen Gesichtspunkte aufstellen werden, aus denen er seinen Schritt zu betrachten hat, und zu ihrem Attachement versehe ich mich der pünktlichsten und umsichtigsten Ausführung meines Auftrages, wofür ich mich, bei glücklichem Erfolg Ihnen meine Dankbarkeit werkthätig zu bezeugen, im voraus gern verpflichte. »In Angelegenheiten der Art,« fuhr der Fürst nach einigem Besinnen fort, »haben die Frauen in der Regel immer eine wirksame Stimme. Ich habe daher nichts dagegen, wenn Sie Ihrer Frau hievon die nöthige Mittheilung machen, um, falls der Prinz bei Ihrer ersten Einleitung ausbeugende Schritte nehmen sollte, ihn durch ein verständiges Wort aus Frauenmunde wieder auf den Weg zu führen, der ihn und uns zum Ziele bringt; doch weiter, das bedinge ich mir ausdrücklich aus, darf von der ganzen Sache Niemand wissen, darauf verlasse ich mich.« Der Hausmarschall heuchelte in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken seinen submissesten Dank für das schmeichelhafte Vertrauen, was in diesem Auftrage liege, versprach dessen gewissenhafteste und behutsamste Ausführung, bat um die Erlaubniß, über den Erfolg seiner zu nehmenden Maaßregeln seiner Zeit zu berichten, und eilte, im Gedränge zwischen seinen halb schon zu Wasser gewordenen heimlichen Plänen und dem ihm jetzt ertheilten Befehle, mehr todt als lebendig nach Hause. »Und darüber kannst Du außer Athem kommen?« fragte mit verächtlichen Lächeln die Hausmarschallin, als der Mann ihr die Unterredung mit dem Fürsten, und die Besorgniß auseinandergesetzt hatte, nun mit einemmale alle die Vortheile einzubüßen, die sie sich von Ewalds Verbindung mit Prinzessin Rebekka geträumt hatten. »Daß Ihr Männer doch immer gleich den Kopf verliert! Prinz Ewald heirathet Eure Aloyse nicht, und wenn sie noch tausendmal schöner wäre, als das verwünschte Bild sie Euch da vorlügt. Mit Rebekka feiert er sein Beilager, oder ich will nicht Hausmarschallin mehr seyn. Aber sieh, das hast Du davon, wenn Du deiner Frau nicht folgst. Adelsheim mußte dort durchaus nicht Gesandter werden. Habe ich mir damals nicht den Mund fast abgeredet! Aber hat es denn etwas geholfen? Ließen wir zu der Zeit alle Minen springen, so fiel der superkluge Herr v. Adelsheim durch, und Vetter Dahl bekam die Stelle. Den hatten wir in der Hand, und der hätte sich nicht unterstehen sollen, solche Portraits einzuschicken. Aber da will der feine Herr v. Adelsheim sich bei beiden Höfen liebes Kind machen, und hat ein Gewebe eingefädelt, mit dem er im Trüben zu fischen gedenkt. Doch einen Fischzug Petri soll der saubere Herr Gesandte nicht machen; dafür laß mich sorgen. Ärger, Verdruß, Beschämung, und am Ende Rapel – ich sage dir Rapel – das soll sein Lohn seyn.« »Aber lieber Engel,« hob der Hausmarschall mit gedämpfter Stimme an, denn die Frau Gemahlin war sehr aufgeregt, und in solchen mißlichen Augenblicken mußte er immer die Worte auf die Goldwage legen, wenn das Quecksilber ihres Wetterglases nicht im Nu auf den Erdbebenpunkt kommen sollte, »bei der gegenwärtigen Lage der Dinge sehe ich doch wirklich nicht ab, was wir zum Bessern unserer früheren Pläne, in Betreff unserer guten Prinzessin Rebekka, jetzt thun könnten.« »Manche Menschen sehen nie weiter als ihre Nasenspitze reicht,« entgegnete die Ungnädige in bitterm Grolle. »Nun laß doch hören,« setzte sie spöttelnd hinzu, »was Deine Weisheit sich für einen Plan ausgebrütet hat.« »Da ist nicht viel zu brüten,« erwiederte der Hausmarschall empfindlich, ohne indessen seine Stellung zur Gebieterin zu vergessen. »Der Befehl des Fürsten, mit dem Prinzen zu sprechen, ist unumgänglich da; ich kann dem Vater nicht sagen, daß ich mit dem Prinzen gesprochen, wenn es nicht wahr ist; und spreche ich mit dem Prinzen, und sieht der Pulverkopf das Bild, so jagt er heute Abend noch nach Habichtswalde, und wir und Prinzessin Rebekka –« »Vortrefflich!« fiel ihm die Gemahlin giftig spottend in's Wort; »wirklich, einen richtiger berechneten Plan gegen unsere Manövres kann es nicht geben. Nein, Lieber, ein recht wakerer Hausmarschall magst du seyn, wenn es darauf ankommt, ein paar Dutzend alter Stühle in deinen fürstlichen Schlössern neu poliren zu lassen, aber das Mittel, den gemächlichen Sorgenstuhl unserer Zukunft uns recht blank und bequem zu fertigen, liegt, wie ich jetzt sehe; außer Deinem Gesichtskreise. Der Fürst hat mir in seinem Operationsplane das zweite Treffen angewiesen, ich soll erst vorrücken, wenn Du vom Prinzen geschlagen bist. Allein ich muß die Schlachtordnung verändern. Laß mir die Avantgarde; ich will, ich stehe Dir dafür, dem Prinzen mit meinem Streifkorps so vorplänkeln, daß er sich in Zeiten zurückziehen und es zu einer Hauptaktion gar nicht kommen lassen soll.« Der Hausmarschall sah die Frau staunend an, und sein Blick gestand ihr, daß er ihre strategischen Demonstrationen nicht recht verstehe. Geschmeichelt von dem Gefühl ihres geistigen Übergewichts, fuhr sie, jetzt etwas heiterer werdend, in ihrer taktischen Gleichnißrede fort: »Meine Hülfstruppen greifen den Prinzen im Rücken an; sie treiben ihn mir entgegen; bloß die Sturmglocke ziehe ich an, und er soll mein Gefangener seyn, ohne daß auf meiner Seite ein Schuß fällt; den Vater entwaffne ich, und Prinzessin Aloyse zieht ihre Brücke für immer und ewig auf, und macht ihre Veste, jedem Versuche, sie zu nehmen, selbst unzugänglich. Sieh, lieber Mann, wenn man einmahl einen Plan macht, so muß er vollständig, erschöpfend, und mit leichten Mitteln ausführbar seyn.« »Ich mag Dich gern so reden hören,« versetzte der Hausmarschall, um der theuern Hälfte seines Lebens etwas Schönes zu sagen, »Du kannst auch dem Verzagtesten Muth machen, und ich fühle allemal in solchen Fällen, wie die Regimenter, die halb schon zur Flucht gewendet, wieder Kehrt machen und in das feindliche Feuer mit Siegesgeschrei gehen, weil ihr Feldherr die Fahne selbst ergriffen und sich an die Spitze der Stürmenden gestellt hat; nur – verzeihe, wenn ich Deinem Ideenfluge nicht so schnell folgen, und nicht gleich alles mit Deinem Blicke übersehen kann; nur will mir nicht recht einleuchtend seyn, wie die, nur Deinem Genie mögliche Lösung unserer sehr schwierigen Aufgabe, mit leichten Mitteln zu bewirken seyn dürfte.« »Lieber guter Mann,« hob die Geschmeichelte mit selbstgefälliger Salbung an, und ihr ganzes Gesicht klärte sich immer mehr auf, »es gibt in der Welt eine große Kunst, und die ist: zur Ausführung seiner Zwecke immer den rechen Mann zu finden. Glaube mir, die Welt – es ist ein großer, aber ein wahrhafter Gedanke, – die Welt würde in der Kultur um mehrere Jahrtausende vorgerückt seyn, wenn die, welche sie regieren, in jener Kunst immer Meister gewesen wären. Wenn ich aber einen zum General mache, der viel besser zum Vesperprediger gepaßt hätte, oder einen zum Minister, der nur zum Kanzleidirektor taugt, so können beide freilich das nicht leisten, was sie sollen; wie mancher Ladendiener würde als Finanzier, wie mancher Schreiber als Geheimer Justizrath, wie mancher Trommelschläger als Feldmarschall Großes, Treffliches wirken! Denke Dir nun, daß Jeder, vom Höchsten bis zum Kleinsten, an seiner Stelle stände, wie schnell, wie zweckmäßig würde alles in einander greifen, mit welcher Raschheit würde alles seiner Vollendung entgegen reifen; auf welcher Höhe würden wir heute stehen, wenn von Anbeginn der Welt diese goldene Regel immer befolgt worden wäre. Sieh, um auf den vorliegenden Fall zurückzukommen, die Fäden liegen in unserer Hand; wir können aus der Geschichte machen, was wir wollen, man muß nur die Menschen als Marionetten zu dirigiren verstehen, und jedem die für ihn passende Rolle geben. Mein Regeldetri-Exempel ist ganz einfach, und so sicher, daß es die Probe vor- und rückwärts bestehen wird.« »Die Frau v. Walborn wohnt nicht weit von Habichtswalde; es kostet mich nur ein paar Zeilen an sie, so schreibt sie hieher an ihre alte Tante, die Gräfin Mohrenhoven, mit der sie ohnehin fortwähremd in Briefwechsel steht, von der Aloyse eine Menge Betisen; ob sie wahr sind oder nicht, thut gar nichts zur Sache; vorzüglich muß die Prinzessin eine heimliche Liebschaft mit einem unter ihrem Stande, einem Offizier, einem Hofkavalier oder so etwas dergl. haben. Ein solcher Brief in den Händen der Mohrenhoven ist so gut, als wäre er hier an allen Ecken der Stadt angeschlagen; sie sagt nicht, woher sie die Nachricht hat, aber sie bringt sie in zweimal vier und zwanzig Stunden in der ganzen Residenz herum; sie setzt dazu, sie gibt das Gerücht mit einer pikantem Sauce, und da in ihren Zirkeln gewöhnlicher Weise von nichts, als vom Dritten gesprochen wird; so hascht jeder nach der Neuigkeit, vergrößert sie mit verschwenderischer Freigebigkeit, und in drei Tagen ist das Portrait der Prinzessin Aloyse so entstellt, daß sie kein Mensch mehr wieder erkennen soll. Prinz Ewald, der in allen diesen Kreisen verkehrt, hört die Schilderungen fünf-, sechs-, siebenmal, und mit seiner Manier, allen solchen Klatschereien die lächerliche Seite abzugewinnen, ist er mit seinem, auf alle diese ihm zu Ohren kommenden Gerüchte basirten Urtheile bald fertig; er lacht, und unser Spiel ist gewonnen. Bis dahin hast Du kein Wort mit ihm über diese Sache gesprochen, und fragt Dich während der Zeit der Fürst, wie ich stehe, so antwortest Du bloß, daß sich eine schickliche Gelegenheit noch nicht gefunden, das Gespräch mit dem Prinzen auf diesen delikaten Punkt zu bringen, daß Du aber hofftest, bald eine passende Veranlassung dazu zu finden, und dgl. mehr. Nun aber, wenn Prinz Ewald von der Prinzessin weiß, was er wissen soll, dann rückst Du mit der Sprache heraus. Natürlich sprichst Du für die Prinzessin; denn auf jeden Fall verhandelt einmal über kurz oder lang der Vater mit dem Sohne selbst, und dann mußt Du immer den Schein für Dich haben, als sey von Dir zum Besten der Sache gethan worden, was nur irgend möglich gewesen; allein Alles, was Du zu Gunsten der Prinzessin anführst, wiegt bei Ewald nichts, denn er kennt sie aus den ihm von allen Seiten gemachten Schilderungen schon besser, und er lacht Dich und uns alle mit Deinem Antrage weidlich aus. Nun rücke ich der ertheilten Instruktion gemäß, vor; ich stelle nicht in Abrede, daß ich dieß und jenes von der Prinzessin zwar auch gehört, indessen erkläre ich dieß für wahrscheinliche Übertreibungen; ich entschuldige das gute Kind mit verschrobener Erziehung, mit Temperament und dergleichen, und meine am Ende, daß, wenn an ihren heimlichen Liebeleien wirklich etwas Wahres auch seyn sollte, dieß in der Welt nicht der erste und nicht der letzte Fall seiner Art sey; daß man ihrer großen Jugend auch etwas nachsehen müsse; daß sie, die dortigen Umgebungen im Rücken, ihrer frühern kleinen Verirrungen hoffentlich hier bald vergessen werde, und frage ihn zuletzt, ihm das Portrait hinreichend, ob ein solches Gesicht, dem die Natur selbst den Stempel der Anmuth und Liebe aufgedrückt, nicht von ihm Verzeihung verdienen und erhalten würde, selbst wenn hier einmal ähnliche Rezitive vorfallen sollten. Diese Frage, und ich werde sie mit der nöthigen Beitze zu verschärfen nicht ermangeln, – diese Frage wischt in den Augen des Prinzen, wie ich ihn kenne, den ganzen Liebreiz mit einem Striche aus dem Portrait; mit seiner lebendigen Phantasie sieht er die Gefallene schon zu seinen Füßen; der Argwohn krallt ihm das Herz zusammen, ehe in diesem das Wohlgefallen an der Lieblichkeit dieser Züge rechten Platz ergriffen hat; er sieht in der Verbindung mit einem solchen leichtsinnigen, dem Temperamentsdrange erliegenden, und ihm und jedem Dritten zu verführerischen Wesen, nichts als schwarzes Unheil, und setzt nun alles daran, um sich des Vaters wirklichen, und unsern scheinbaren Plänen entgegen zu stemmen.« »Jetzt spielen wir beim Vater Ewalds Vertreter; wir berichten dem Fürsten, wie abgeneigt sich der Prinz gegen die Parthie geäußert; wir können des Prinzen Gründe nicht mißbilligen, da dessen Nachrichten mit den unserigen nicht ganz im Widerspruche stehen, und da, wenn das, was der Prinz uns über die Prinzessin mitgetheilt, auch zur Hälfte übertrieben seyn sollte, selbst schon diese eine Hälfte vollkommen hinreichend sey, um jeden Gedanken an eine Verbindung aufgeben zu müssen; wir loben dabei des Sohnes kindlichen Sinn und strenge Sittlichkeit und stopfen damit dem Vater den Mund, den nun kann er dem Sohne keine weitere Zumuthungen machen, er muß die Idee aufgeben, von Prinzessin Aloyse ist keine Rede mehr und der gute Herr v. Adelsheim soll nicht wissen, wie er bekehrt ist, denn so viel kannst Du Dir wohl zusammenreimen, daß diesem der Fürst die wahren Gründe, warum man jetzt von der weitern Verfolgung des Verbindungsplanes abstrahire, nimmermehr angeben wird. Adelsheim kann sie also auch nicht widerlegen und so muß kein Mensch, wenn er nicht so vertraut, mit dem Fadenlauf dieses Gespinnstes ist, als wir, das Wie und Warum dieses Rücktrittes recht klar übersehen können. Genug, wenn jeder, der von oder mit Adelsheim dort in das Geheimniß gezogen ward, weiß, daß Prinz Ewald sich mit Prinzessin Aloyse nicht vermählt.« »Liebe, englische Frau,« hob der Hausmarschall in der höchsten Begeisterung an, »ja, ja, so geht es, so muß es gehen; wie du das Schach gestellt, machst Du Vater und Sohn mit einem Zuge matt; ich könnte Dir stundenlang zuhören, wenn Du sprichst; in Deinen Maschinerien greift ein Triebrad in das andere, die Sache muß gehen wie ein Uhrwerk – und diese Leichtigkeit– es ist, als hättest Du bei Archimedes von Syrakus selber die Mechanik des Flaschenzuges studiert, so spielend hebst Du die größten Hindernisse aus dem Wege; auf der Montgolfiere Deiner sichern, Deiner untrüglichen Berechnungen fliegt man über alle Berge.« »Halt, halt, mein Freund,« fiel ihm die Marschallin, für seine Huldigungen dankbar, in das Wort – »daß Ihr Männer Euch doch immer mit halben Maasregeln begnügt! Mit dem allen ist ja kaum ein Drittel von dem geschehen, was geschehen muß, ehe wir sagen können, daß unser Werk vollendet sey.« Der Hausmarschall stutzte; er fühlte seine Geisteskräfte kaum zureichend, das ihm eben auseinandergesetzte eine Drittel der zu spielenden Intrigue zu übersehen, und die Frau sprach gar noch von zweien. Es war ihm im Geheimen bange, daß dies am Ende doch zu viel werden, und das Projekt, so hübsch es auch hier vor ihm, im Entwurfe klinge, unausführbar seyn dürfte; doch hatte er den Muth nicht, seine Besorgniß laut werden zu lassen, sondern lispelte nur mit leisem Zagen vor sich hin, »zwei Drittel.« »Du hast,« fuhr die Hausmarschallin, sich durch die Auseinandersetzung ihres Planes selbst klar machend, fort, »Du hast gehört, das jener Hof die Verbindung seiner Prinzessin Aloyse mit Ewald wünscht; wir müssen machen, daß er sie nicht wünscht, man muß uns von dort aus, hier unser Spiel erleichtern; Aloyse selbst muß das Wohlwollen, das sie vielleicht schon halb und halb zu Ewald gefaßt hat, aufgeben, sie muß ihn hassen lernen; sind wir soweit, dann mag der Herr v. Adelsheim dort kabaliren und intriguiren so viel er will, er bringt die Verbindung zwischen beiden Höfen nicht zu Stande; er fällt am Ende dort in Ungnade, man wird ihn nicht gern mehr sehen, man wird das von dort aus hieher merken lassen; Herr v. Adelsheim muß rappellirt werden und hat auf immer Aussicht und Gewicht verloren. Vielleicht können wir dann noch Vetter Dahl auf seinen Posten bringen; doch das ist jetzt Nebensache.« »Ganz vortrefflich;« hob der Hausmarschall etwas ängstlich an, denn ihm stiegen im Stillen die Haare zu Berge über das kecke Wagstück, das die Unbegreifliche in ihrem Kopf hatte und bei dessen halsbrecherischen Ausführung ihm wahrscheinlich auch eine Rolle übertragen werden sollte. »Der Plan ist eines Meisters würdig, nur sehe ich nicht recht ab, wie er zu verwirklichen.« »Nichts leichter als dieß,« entgegnete die Brütende und lachte über die Ideen, die ihr, da sie den Giftquell ihres teuflischen Egoismus einmal erschlossen, von selbst im reichlichsten Übermaaße zuströmten. »Der Prinz muß sich hier verlieben, in die erste beste, natürlich unter seinem Stande; man macht die Sache tausendmal ärger, als sie ist, man sprengt aus, daß er dieser Leidenschaft sich mit der höchsten Ausschweifung hingebe, daß er mehremale erklärt habe, neben diesem Idol eine Andere nicht lieben zu können; daß er öffentlich geäußert, nur aus Convenienz zu heirathen, wenn er überhaupt je zu dem Schritte sich entschlösse; seine Achtung, seine Freundschaft, sein Wohlwollen, seine Liehe aber habe nur sein Mädchen, und dieses solle und wenn hundert Fürstentöchter kämen, doch immer und ewig, und einzig und allein im Besitze seines Herzens bleiben. Etwas der Art darf die alte Broich nur halb hören – und daß sie es mehr als halb höre, dafür werde ich sorgen – so schreibt sie es den nächsten Posttag mit den erdenklichsten Zusätzen an ihre Kousine, die Frau v. Bouslar, deren Tochter Hofdame bei Aloysens Mutter ist, und erfährt Aloyse nur eine Sylbe von der saubern Verbindung des Prinzen, so zieht sie bei ihren und ihrer Eltern strengern Ansichten, gerade über diesen Punkt ihre Hand zurück, selbst wenn die Sache viel weiter gediehen wäre, als sie es wirklich ist. Dann mag Adelsheim seinen Prinzen zum Herrnhuter, zum Asceten selbst machen, sie glauben ihm nicht, denn sie wissen aus heimlichen und darum ihnen glaubwürdigeren Quellen, daß der Prinz ein Libertin ist, daß seine Verirrung mehr zu bedeuten hat, als eine gewöhnliche, daß sein Herz mit im Spiele ist, und daß Aloyse, wenn der Prinz aus höhern Rücksichten sich wirklich entschließen sollte, ihr seine Hand zu bieten, in ein Verhältniß treten würde, in dem sie nichts als kalte Konvenienz, liebeleeren Hofton und herzlose Etikette zu erwarten habe. Dazu kann und wird sich Aloyse, die sammt ihrem ganzen Hofe in diesem Kapitel schrecklich kleinbürgerlich ist, nie entschließen und darum werden Dir und unserm alten ehrlichen Oberceremonienmeister die Voranstalten zu diesem Beylager keine Sorgen machen.« »Je mehr ich Dir zuhöre,« versetzte der Hausmarschall, »desto mehr muß ich Deiner unbegränzten Umsicht alle Gerechtigkeit widerfahren lassen; nur – verzeih, wenn mir einige Bedenklichkeiten hierbei noch obzuwalten scheinen. – Wenn ein solches Gerücht von einem unerlaubten Verhältniß ausgesprengt werden soll, so muß, scheint mir doch wenigstens ein Schein von einem solchen Verhältnisse da seyn, sonst glaubt um so weniger ein Mensch an derlei bloßes Gerede, als der Prinz bekanntlich gerade von dieser Seite bisher für ein wahres Muster von – wie soll ich sagen, von wirklich Josephscher Keuschheit in der ganzen Stadt gegolten hat!« – »Schein von einem solchen Verhältnisse!« – fiel ihm die Hausmarschallin ärgerlich ins Wort. »Kind, überlaß das mir! mit dem bloßen Scheine wäre uns freilich nichts geholfen! das Verhältniß muß selbst da seyn.« »Damit kommen wir nicht durch,« entgegnete der erschrockene Gatte, und wischte sich die Angstperlen von der Stirne, denn die Hand zu solch einem Mißverhältniß zu bieten, den tugendhaften, entweihten Prinzen auf dieses schlüpfrige Glatteis zu führen, schien ihm doch zu bedenklich. » Wir kommen damit nicht durch,« erwiederte die Hausmarschallin scharf, »aber ich . Der Prinz hat den Weg dazu eigentlich schon halb und halb selbst eingeschlagen; Du hast nicht bemerkt, mit welchem ganz besondern Antheil er jetzt die Oper besucht, seit die Kleine aus Neapel, wie heißt sie denn, die – – Battista Roselli hier ist; Du hast nicht bemerkt, wie er ganz Auge und Ohr ist, wann sie auftritt; wie er jedesmal die schöne Gestalt mit dem funkelnden Blicke des fröhlichsten Entzückens verschlingen möchte; wie er lauscht, wann ihre reine Glockenstimme ertönt, wie er bei ihren Wunder-Kadenzen den Athem an sich hält, wie er allemal der erste im ganzen Hause ist, der ihr seinen Beifall zuklascht, wie sein Bravo das lauteste ist. – Das alles hast Du nicht bemerkt. Er ist auch dem kleinen Schwarzkopf nicht gleichgültig; natürlich! Er, ein sehr hübscher, junger, reicher Prinz und sie, Italienerin – und Sängerin! Neulich sprach er sie im Konzert. Der Fürst war dabei und der ganze Hof stand um beide und doch konnte das Mädchen das Brennen der Kohlenaugen nicht bändigen; sie verzehrten den armen Prinzen beinahe bei lebendigem Leibe. Beide sprachen gewaltig klug über Musik. Er sagte ihr sehr viel Schönes über den Umfang und die Biegsamkeit ihrer Silberstimme, über ihre reine Intonation, über die Deutlichkeit ihrer Aussprache und über ihren Geschmack, ihre Manier, ihr tiefes Gefühl; da hättest Du sehen sollen, wie sich des Mädchens Wangen rötheten, wie wohl ihr das Lob des Mannes that, in dessen Rede sie den Kenner vernahm; dann sprachen sie über die Guidonische Solmisation; dem Prinzen war das Ur, Re, Mi undeutlich; Crescentinis Solfeggien kamen ihm unüberwindlich schwierig vor; Signora Battista Roselli äußerte lächelnd, daß bei den Fortschritten, die er, wie sie gehört, bereits im Singen gemacht, vielleicht blos Übung fehle; es ward scherzweise von Singestunden gesprochen, die sie ihm geben solle. Dazu kann und wird es nun zwar nicht kommen, aber zusammen singen sollen sie; Oberstallmeisters geben in ihrem Garten draußen zuweilen kleine Konzerte, die Roselli ist schon zweimal dort gewesen; ich veranstalte, daß der Prinz auch hinaus kommt. Die Solfeggien von Nic. Porpora sollen, wie die Roselli meinte, die schwersten der neuern Zeit seyn; die mögen sie beide studiren! Das Übrige wird sich finden, und daß es sich finde und daß es auf die rechte Weise bekannt werde, dafür laß mich sorgen. Solch einer italienischen Sängerin darf man nur einen Fingerzeug geben, so spielt sie ihre Rolle, trotz ihrer berühmten Landsmännin, der Giovanna de Santi, die bekanntlich die beste Improvisatrice ihrer Zeit war; sie spielt sie aus dem Stegreife. Der Prinz gefällt sich in der gelegten Schlinge; Aloyse erhält von allem die nöthigen Nachrichten gehörig ausgemalt, und schämt sich des früheren Traumes von einer Verbindung mit ihm.« Der Hausmarschall, dem die reizende Roselli selbst so gefiel, daß er die Ausführbarkeit dieses Planes jetzt nicht der geringsten Schwierigkeit mehr unterworfen sah, nickte, den Fall in Gedanken, daß ihm die verführerische Neapolitanerin so in die Arme geführt werde, höchst beifällig, nur konnte er die Besorgniß nicht unterdrücken, daß Prinzessin Rebekka eben so gut, als Aloyse von Ewalds Verirrungen durch einen Dritten in Kenntniß gesetzt werden, und daß sie sich dann vielleicht gleicherweise bestimmen lassen könnte, die Parthie mit dem Prinzen weniger annehmlich zu finden. »Vielleicht, vielleicht,« fiel ihm die theure Hälfte seines Lebens ärgerlich ins Wort. »Zehnmal, hundertmal habe ich Dich schon gebeten, nicht eher Deine Meinung über etwas zu äußern, als bis Du das, worüber Du sprechen willst, vollkommen kennst, vollständig übersiehst. Rebekka ist Dir fremd, wie kannst Du sie beurtheilen? wie kannst Du wissen, mit welchem Auge sie dieß und jenes ansieht, wie sie über dieß und jenes denkt? Ich kenne sie, ich kenne den leisesten Gedanken ihrer Seele; sie ist viel zu weltklug, als nicht dergleichen alltägliche Kindereien, die eine thränenfertige Romanenheldin allenfalls unter Wasser setzen können, aus dem rechten Gesichtspunkte zu betrachten; bei den beschränkten Verhältnissen ihres Hauses muß diesem alles daran liegen, die Verbindung mit unserm Hofe zu bewirken; das ist die Hauptsache, auf Nebendinge muß man nicht achten, wenn man zum Zweck will. Übrigens werde ich schon unter der Hand dafür sorgen, daß Rebekkens Mutter, welche zuweilen kleine bigotte Zufälle hat und jugendliche Vergehungen der Art strenger rügt, erfahre, daß das Gerücht von Ewalds Verhältniß zur Roselli blos leeres Geschwätz sey, und um sie darüber ganz zu beschwichtigen, kann die Roselli auch zu seiner Zeit, d. h., wann Aloyse die Idee zur Vermählung mit Ewald ganz aufgegeben, ihren Laufpaß bekommen. Dieß wird Rebekken dann schleunigst gemeldet, und ihr so hingestellt, als sey dieß ein Opfer, das Ewald ihrer Mutter mit Freuden gebracht, so ist diese zugleich mit gewonnen, unser drittes Werk ist damit gethan und, da nun der Vollziehung des Beilagers mit Rebekka nichts mehr im Wege steht, unsere Existenz hier und unser Einfluß auf immer gesichert.« »Die drei Werke sind gethan, versetzte der Hausmarschall, aber der Hauptschritt scheint mir doch noch etwas im Hintergrunde zu liegen. Bis heute weiß Ewald von Rebekka noch kein Wort, außer daß er sie vielleicht einmal zufällig im genealogischen Kalender gefunden, wie denkst Du denn, ihn für Deine Idee, der Prinzessin Rebekka seine Hand zu bieten, so schnell zu gewinnen?« »Nun, liegt Dir denn das nicht so klar vor den Augen, als daß zweimal zwei vier ist? Aloyse bricht die Verbindung ab. Dem Prinzen übersetzen wir das in einer traulichen Stunde so, daß sie ihm, auf gut deutsch, einen Korb gegeben. Ehe diese Beschämung in der Welt laut werde, stellen wir ihm vor, ist es dringend nöthig, in möglichster Schnelle eine andere Wahl zu treffen, um dadurch die Sage von dem Korbe, als ein falsches Gerücht zu entkräften, und zugleich die hoffärtige Aloyse auf eine feine Weise fühlen zu lassen, daß es noch mehr Fürstentöchter in Europa gibt, die sich es zur Ehre rechnen, ihre Hand in die unsers Ewalds zu legen. Er wird mit der Idee, Rebekken zu wählen, überrascht; im gekränkten Unmuthe wählt er die erste die beste; der Vater wünscht im Allgemeinen, daß sich Ewald bald vermählen möge; er kann und wird gegen Rebekka nichts einwenden, und das Ende vom Liede ist, daß Du mit mir, weil ich an Rebekkens Hofe bekannt bin, dorthin abgesandt wirst, um die Sache in Gang zu bringen. Hier meine Hand darauf, daß wir in wenigen Monaten zur Brautwerbung abreisen.« * Während Herr und Frau v.  Zagern jetzt ihre Minen zu graben anfingen und mit unglaublicher Feinheit die Fäden spannen, an denen sie die Puppen ihres eigensüchtigen Marionettenspiels zu dirigiren gedachten, träumte Prinzessin Aloyse, das lieblichste Fürstenkind seiner Zeit, von nichts als von Ewald. Die jüngere Schwester der Frau von Adelsheim, Klorinde von Kulm, unlängst angekommen und von Ewalds Anmuth selbst bezaubert, hatte ihr zufällig von ihm die erste Kunde gegeben. Klorinde hatte noch kurz vor ihrer Abreise auf dem letzten Hofballe mit ihm getanzt; wie er, behauptete sie, tanze Keiner in der ganzen Welt; den Tag darauf war sie mit ihm bei Oberstallmeisters, auf deren herrlicher Villa unfern der Residenz in Gesellschaft gewesen; den ganzen Kreis hatte er durch seinen gutmüthigen Witz, durch seine köstliche Laune, durch seine fröhliche Herzlichkeit belebt. Bei den Spielen im Freien, welche die dort versammelte junge Welt veranstaltete, war er der Behendeste, der Gewandteste gewesen. Als die Abendkühle den Zirkel genöthigt, in die Zimmer zurückzukehren und die Spiegelglätte des Saales einigen den Wunsch zu tanzen abgelockt, war er mit beispielloser Gefälligkeit an das Fortepiano geeilt und hatte fast eine ganze Stunde die einladendsten Walzer und andere Tänze gespielt, und als sie sich später mit kleinen gesellschaftlichen Spielen die Zeit vertrieben, war er die Seele der muntern Unterhaltung gewesen und dann am Morgen ihrer Abreise, als sie draußen vor dem Thore den Exerzierplatz passirte, hatte er vor der Fronte der Gardehusaren gehalten und das blanke schöne Regiment in den Waffen geübt, so muthwillig und ausgelassen er neulich bei Oberstallmeisters gewesen war, so ernst, so besonnen hatte er sich hier benommen; er war nachher, als er ihren Reisewagen auf der Chaußee bemerkt, herangeritten gekommen und hatte ihr recht freundlich viel Glück auf den Weg gewünscht. Das alles plauderte Klorinde in ihrer ungebundenen Weise lustig hin, ohne sich etwas dabei zu denken und Aloyse hörte mit einer Aufmerksamkeit zu, als hätte Klorinde ihr ein Feenmährchen erzählt. Dreimal waren die beiden Mädchen die dunkele Schloßgartenallee auf- und abgegangen und immer noch hatte Aloyse über den belobten Ewald etwas zu fragen gehabt; jetzt aber ward Klorinde gerufen, um mit Adelsheim nach Hause zu fahren. Aloyse bedauerte schmerzlich, daß sie so früh schon aufbrach, und bat dringend, doch ja recht bald wieder zu kommen. Die Fürstin Mutter äusserte über die so schnell sich gefundene Freundschaft zwischen den beiden Mädchen ihr beifälliges Befremden und hörte gern, daß Aloyse mit Enthusiasmus von der neuen Bekanntschaft sprach; hatte sie sich doch auch in den Tagen ihrer frühern Jugend so schnell angeschlossen, hatte ihr es damals doch auch gut gethan, wenn sie ein jugendliches Herz gefunden, das sich ihr traulich und offen genähert; überdieß war Frau von Adelsheim selbst ihr ausgezeichneter Liebling und die viel jüngere Schwester Klorinde deren Ebenbild; darum hatte sie auch diese gleich heute am ersten Tage der Bekanntschaft lieb gewonnen und sah es gern, daß Aloyse an diesem frohen sehr fein gebildeten und schuldlosen Mädchen Gefallen finde. Aber dieses Gefallen finden – der Blick der scharfsinnigen Mutter erreichte nicht die heimliche Tiefe, in der dieses seinen eigentlichen Grund hatte. War es doch Aloysen selbst nicht einmal klar, daß sie die neue Bekanntschaft blos darum so lieb gewonnen, weil diese ihr das in einem Bilde vor die Seele gestellt, was seit einiger Zeit in ihrer Phantasie halb verhüllt gelegen hatte. Das Fürstenkind hatte sich während Klorindens lebhafter Schilderung des liebenswürdigen Prinzen Ewald in die fürstliche Jungfrau verwandelt. Es war ihr, als hätte sie oft schon von ihm geträumt, als habe Klorinde dem, den ihre geheime Sehnsucht längst geahnt, nur den Namen gegeben; sie verarbeitete nun im Stillen die Materialien, die ihr Klorinde zu dem Gemälde geliefert, und trug mit unsichtbarer Geschäftigkeit so viel und so bunte glänzende Farben auf, daß sie am Ende selbst die Überladung fühlte, das ganze Gebilde mit Gewalt zerstörte und ein neues sich zu schaffen anfing, das in Kurzem gleiches Schicksal hatte. Mit diesen noch halb kindischen Kartenhaus-Bauten hatte sie aber so volle Arbeit, daß die dazu gewidmeten Hauptstunden der ersten Hälfte der Nächte, in denen sie allein und ungestört und unbelauscht war, nicht reichten, sie mußte auch den Tag dazu nehmen, und da konnte es natürlich nicht fehlen, daß die französische Gouvernante, Demoiselle Condillac , der Zeichenlehrer, Herr Professor Villaume , und die Musiklehrerin, Signora Farinelli , gegenseitig sich bald ihre liebe Noth klagten. Die kleinen französischen Ausarbeitungen wimmelten voller Fehler, und gegen die bekanntesten grammatikalischen Regeln, welche Demoiselle Condillac dem Prinzeßchen schon vor sechs Jahren mit tausend Noth und Mühe beigebracht hatte, war fast in jeder Zeile auf das Gröblichste gesündigt. Professor Villaume wollte aus der Haut fahren; welche saubere Arbeiten hatte Aloyse sonst mit Feder, mit der Kreide und mit Tusche geliefert – mit welchem Geiste, mit welcher Kühnheit hatte sie ihre Crocquis entworfen! wie sorgsam vollendet waren ihre ausgeführten Zeichnungen, wie genial ihre Studien, wie kunstgerecht ihre Kartons gewesen! Von dem allen jetzt keine Spur. Ihre neusten Produkte trugen nichts als den Stempel der flüchtigsten Faselei, der unverkennbarsten Eile, der sorglosesten Nachlässigkeit. Doch Beider Jeremiaden erklärte Signora Farinelli gegen ihre Leiden für bloße Kleinigkeiten. Von Musik-Übungen außer den Stunden sey jetzt, meinte sie, gar keine Rede mehr und in den Lektionsstunden selbst wäre sie jedesmal in Gefahr, sich die Schwindsucht direkte an den Hals zu ärgern; Harfe, Guitarre, Fortepiano, alles scheine jetzt die Prinzessin anzuwidern; sie hätte keinen Takt, sie greife alle Töne falsch, und spiele ohne Gefühl und Verstand, und nun vollends das Singen! »die gefälligsten Sachen der besten Meister,« fuhr die schwer Geärgerte fort, »habe ich ihr ausgesucht, daß sie doch nur Eine mit Liebe sänge! heute sind ihr die Parthieen zu schwer, morgen zu trocken, heute zu einfach, morgen zu überladen; nein, das Unterrichten ist schon an sich ein saurer Bissen Brod, aber einer Schülerin, die nichts lernen will, Stunden geben zu müssen, eine wahre Höllenpein. Bei andern sieht man seinen Mann an; da hilft, wenn die Geduld ausreißt, einmal ein böser Blick, ein hartes Wort, und wenn es Mädchen sind, die vom Singen künftig leben wollen, auch mitunter ein honetter Ribbenstoß, ein christlicher Puff oder dergl. – aber hier, man soll ja ein eiskaltes Blut haben wie ein Kerbthier, man soll ja immer in der gebührenden Fassung bleiben, und die Dehors nie außer Augen setzen; zuweilen aber – nein zuweilen ist das doch fast unmöglich, z. B. – sie hatte wieder einmal geklagt, daß ich ihr zu schwierige Sachen zumuthe, also lege ich ihr vorgestern einige leichte Dinger von Gretry, Della Maria, und Boyeldieu hin. »Mit ihren Franzosen,« sagte sie verdrießlich und schob sie alle auf die Seite, ohne sie nur des Ansehens zu würdigen; ich behielt die gehörige Ruhe äußerlich, aber inwendig kochte es. Gestern bringe ich ihr ganz allerliebste leichte Singesachen von Galuppi, Sacchini und Cimarosa; sie blätterte darin verdrießlich, »Gott,« rief sie endlich aus, »nichts als Italienisch, wir leben ja in Deutschland!« Ich hatte den Text, den ich ihr lesen wollte, auf der Zunge, aber ich begreife selbst meine Haltung nicht; ich schwieg und trollte mit meinen Italienern und mit den schonungslosen Seitenhieb auf mein Vaterland, wo in jedem Dorfe mehr Musik ist, als hier im ganzen Fürstenthum, schweigend wieder ab. Heute komme ich denn mit einem ganzen Arm voll deutscher kleiner leichter Singestücke von Weber, Winter, Mozart und zehn andern Komponisten des ersten Ranges; hierunter, sage ich mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt, werden Ew. Durchlaucht hoffentlich nun etwas nach Ihrem Geschmacke finden; ich reiche ihr mit den Worten den ganzen Stoß hin, daß sie sich selbst etwas aussuchen solle. Oben auf liegt ein Lied mit der Aufschrift: Elegie von Ewald. Sie hatte noch keinen halben Blick auf das Notenblatt geworfen, so schoß ihr alles Blut in das Gesicht; wer sollte in einem so kleinen Dinge eine solche Bosheit vermuthen! »Ich bin heute nicht bei Stimme,« sagte sie über und über roth, und machte eine Miene dazu, als ob sie mich heimlich auslachte. Ich hatte mir vorgenommen, ihrem Starrsinne den höchstmöglichsten Gleichmuth entgegen zu setzen, ich war also gewissermaßen auf ihre Weigerung vorbereitet gewesen, aber dieses mühsam verhaltene Lachen, und dazu dieser glühende Purpur auf dem ganzen Gesicht, der den innern Grimm über das lästige Singen so recht augenscheinlich zeigte – sehen Sie, dieser schneidende Kontrast in einem so jungen Gemüthe! und noch dazu in dem Gemüthe einer Fürstin! Wie gefährlich ist der Charakter, der mitten im Ärger, mitten in der Bosheit lachen kann! Lassen Sie die einmal Land und Leute regieren! den Hof bedaure ich, den die einmal unter ihre Gewalt bekommt. Meine Geduld war zu Ende, ich konnte mich nicht mehr halten. Ich fragte sie gerade heraus, ob sie über mich oder über den Ewald lache; dieß sey ein Ehrenmann gewesen, dem Klopstock, Carstens und Bernstorff ihre Freundschaft geschenkt hätten und den seine Landsleute die Dänen heute noch in Ehren hielten. Sie aber wendete mir den Rücken zu, wiederholte, daß sie heute platterdings keinen Ton singen könne, gab mir mein ganzes deutsches Noten-Packet wieder zurück, die Ewaldsche Elegie, aber gerade die behielt sie an sich. Ich trage in allem Ärger die Musikalien auf meine Stube, nehme ein Buch und gehe, um mir die bösen Gedanken zu vertreiben ein wenig in den Garten; keine halbe Stunde sitze ich auf der grünen Bank, da, nicht weit von der Prinzessin Fenster. Singt die auf einmal das Ding von Ewald so schön, so glockenrein, wie ich sie in meinem Leben nicht habe singen hören. Nun, was sagen Sie dazu? Giebt es denn in der ganzen Welt ein eigensinniger Wesen?« – Geht es uns allen doch oft in der Welt so, daß uns von der Mitwelt, die von den geheimen Triebfedern unserer Handlungen nicht unterrichtet ist, Fehler und Schwächen angedichtet werden, die uns völlig fremd sind! warum sollte Aloyse etwas voraus haben! das sanfteste, das engelreinste aller Fürstenkinder, das die Liebe, die Güte selbst war, sollte eigensinnig, stöckisch, boshaft seyn! Sie wußte von dem harten, ungerechten Urtheil nichts, daß diese dreie hinter ihrem Rücken laut werden ließen, sie hatte ja nichts als ihr Herz im Kopfe und bloß darum war sie, seit der Unterredung mit Klorinden zur Fortsetzung ihres Unterrichts, jetzt ein Paar Tage über weniger aufgelegt gewesen, als vordem, wo sie in der Regel ihrer wissenschaftlichen Ausbildung mit Lust und Liebe obgelegen hatte. Klorinde kam in der nächsten Woche wieder nach Habichtswalde. Mit stürmischer Freude ward sie von der Prinzessin empfangen. Aloyse umschlang das Mädchen, als habe sie sich jahrelang nach ihr gesehnt. Sie lustwandelten wieder, wie neulich allein im Garten; hundert Fragen hatte Aloyse für sie aufgespart über eine Menge Kleinigkeiten, die sie noch von dem Ideal ihrer Seele, von Ewald wissen wollte, aber keine einzige konnte jetzt die Schüchterne über die Lippen bringen. Sie führte in ihrer Manier auf recht fein verdecktem Wege Klorinden wieder auf die Kreise zurück, in welchen diese den Prinzen gesehen hatte; aber, geschah es absichtlich, oder zufällig, oder hatte Klorinde über die neuen Bekanntschaften, die sie jetzt im Adelsheimischen Hause gemacht, schon wieder den ganzen Ewald vergessen, kurz, sie erwähnte seiner mit keiner Sylbe. Unter anderm Geplauder kam die Rede auch auf die Zirkel bei Oberstallmeisters. Aloyse lauschte; jetzt mußte Klorinde sich des Prinzen erinnern; dort war er, wie sie ja neulich erzählt hatte, fast täglich, dort verfehlte er die musikalischen Abende nie; dort pflegte er, wie Klorinde neulich erzählt, gewöhnlich selbst zu singen. Klorinde that, als ob kein Prinz Ewald in der Welt wäre. Das Gespräch wollte eben auf einen andern Gegenstand springen, Aloyse – man kennt ja die Angst der Liebe in solchen peinlichen Fällen unverrathener Sehnsucht – Aloyse hielt sich jedoch durch mehrere kleine Fragen, die sie als Vortrab des Hauptcorps, der Frage nach Ewald, vorausschickte, an Oberstallmeisters und deren Musikliebhaberei fest, aber hatte sie denn den Muth, diese wochenlang in der geheimsten Tiefe des Herzens erwachsene Frage heraus zu bringen? Sie that sie, indem sie neben Klorinden herging, für sich ohne Worte, aber da schon bildete sie sich ein, ihr die Verdächtigkeit anzuhören, geschweige denn, wenn sie ihr nun wirklich Wort und Laut gäbe und dann, wie sollte sie die Frage einkleiden? Jede Wendung schien ihr gesucht, jede wie bey den Haaren herbeigezogen! Klorinde mußte in dem Augenblick merken, wo sie damit hinwollte. Nein, heute gefiel das Fräulein Kulm der kleinen Prinzessin nicht ein Bischen. Aloyse ging minutenlang neben Klorinden her, ohne auf ihr nichtssagendes Geschwätz zu hören, und fand das Mädchen, das ihr neulich ein Ideal von Liebenswürdigkeit geschienen, und dessen Witz, natürliche Lebendigkeit und geistvolle Unterhaltung sie unbeschreiblich angezogen hatte, heute doch gewaltig langweilig. Bei der Tafel erzählte die Fürstin Mutter der Frau von Adelsheim, wie oft und mit welcher Sehnsucht Aloyse die baldige Wiederholung ihres Besuchs gewünscht, weil sie dann mit Bestimmtheit auf die Freude habe rechnen können, ihre neue Freundin; Fräulein Kulm wieder zu sehen und äußerte, daß, falls Frau von Adelsheim nichts dagegen habe, sie es ihrer Seits recht gern sehen werde, wenn Fräulein von Kulm sich entschließen könnte, ihrer Aloyse einmal auf längere Zeit, wenigstens auf einige Wochen hier Gesellschaft zu leisten. Klorinde und ihre Schwester fanden sich von der Einladung sehr geschmeichelt, und Aloyse mußte vor der Gesellschaft auch so thun, als ehre sie die Absicht der gütigen Mutter, das für ein junges Mädchen fast zu einfache Stilleben in dem ländlichen Habichtswalde, ihr durch den Umgang mit der lustigen Klorinde zu würzen, mit gebührendem Danke; aber kurz nachdem die Tafel aufgehoben war, und es Aloysen gelang, die Mutter auf einen Augenblick allein zu sprechen, bat Prinzessin Schlauköpfchen, die Einladung des Fräuleins von Kulm, wenn Adelsheims nicht selbst wieder darauf zurückkämen, vor der Hand nicht weiter zu berühren, einmal, weil sie, bei näherer Bekanntschaft mit Klorinden, glaube, auf die Dauer doch nicht recht für einander zu passen und dann, weil sie dadurch, daß sie sich Schicklichkeit halber dem Gaste ganze halbe Tage widmen müsse, doch in ihren Unterrichts-Stunden und in ihren Vorbereitungen dazu und in den empfohlenen Selbstübungen zu sehr gestört werde. Sollte die Mutter das Kind, das früher von Klorinden mit dem lebendigsten Entzücken gesprochen, und jetzt gegen sie erkaltet schien, über die Veränderlichkeit seiner Sinnesart tadeln, oder sich über dessen Studienfleiß freuen? Sie schüttelte, von Aloysens unerwarteter Bitte überrascht, den Kopf und entgegnete mit einer Miene, als könne sie sich in das Mädchen nicht finden, daß, wenn Adelsheims den Punkt wegen Klorindens Herauskunft nicht selbst weiter berührten, sie davon nicht weiter anfangen wolle. Der Stunden-Eifer war es nicht, der Aloysen diese Bitte abdrang. Klorinde störte sie in ihren Träumereien. Hätte diese heute, wie Aloyse mit brennender Sehnsucht erwartet hatte, wieder von Ewald erzählt, sie wäre die vertrauteste, die einzigste Freundin der Prinzessin geworden; aber so – und doch schien Aloysen auf der andern Seite wieder nicht unlieb zu seyn, daß Klorinde seiner mit keiner Sylbe erwähnt hatte; sie zog sich daraus den Schluß, daß die ihr zuweilen aufgestiegene Vermuthung, als fühle Klorinde selbst für den Prinzen mehr als gut sey, ganz ungegründet gewesen war. Während die Gesellschaft späterhin im schattigen Garten Thee trank, ging Aloyse mit Klorinden auf ihr Zimmer, um dieser eine kleine Stickerei zu zeigen, an der sie zu dem nahe hevorstehenden Geburtstage der Mutter, eben beschäftigt war. Zufällig fiel hier Klorindens Blick auf das Fortepiano, auf dem die Elegie von Ewald lag. »Was ist das für ein Ewald? doch nicht unser Prinz?« fragte Klorinde bezuglos, aber Aloyse schoß bei dem ersten Worten wie ein Pfeil zum Boden nieder und steckte das dunkelroth übergossene Köpfchen unter das Fortepiano und that, als suche sie in dem dort befindlichen Noten Kasten nach Musikalien. »Nein ein Däne,« antwortete Aloyse, unter ihren Noten kramend, von unten herauf und freute sich, daß Klorinde nicht durch den Deckel und den Resonanzboden des Instrumentes sehen konnte, denn sie fühlte die Rosengluth ihrer Wangen und den Sturm, der in dem Augenblicke, als der Laut jenes Namens ihr Ohr getroffen, die jungfräuliche Schwanenbrust durchwogte; sie wäre jetzt um keinen Preiß im Stande gewesen, aus ihren klangreichen Hülfs-Stollen zu Tage zu fahren und Klorinden in das Angesicht zu sehen. Diese aber lachte, das Wort Elegie jetzt lesend, selbst über ihre Frage und meinte, der Prinz mache zwar einen recht hübschen Vers, allein bis zur Elegie hätte er sich doch noch nicht verstiegen, auch scheine er, bei seinem ausgelassenen Humor, für diese Gattung nicht recht geeignet zu seyn, »indessen,« setzte sie hinzu »die Talente, die Jahre lang im Menschen ruhen, erwachen oft mit einemmale, wenn der rechte Augenblick eintritt; so glaub ich, würde der Prinz so muthwillig er auch in der Regel ist, sich doch bald in das Elegische finden, wenn z. B. eine unglückliche Liebe« – Als flöge ein Blitz durch den Mahagoni-Deckel, den Lindenholz-Resonanzboden und den zarten Alabaster-Nacken, Aloysen mitten in das Herz, so erbebte sie bei dem Worte »unglückliche Liebe.« Jetzt ward es ihr zu eng unten; sie kam hervor und indem sie sich aufrichtete, fragte sie, was der Prinz für eine unglückliche Liebe habe, mit einer so mühsam verhaltenen Theilnahme, daß Klorinde, wäre sie nicht eben in der Ewaldschen Elegie gar zu vertieft gewesen, die Feuersbrunst hätte wahrnehmen müssen; die in dieser himmlischen Brust unlöschbar empor loderte. »Der liebt gar nicht,« entgegnete Klorinde lachend, »und das ist auch ein wahres Glück, denn wirft dieser erst einmal eine ernste Neigung auf ein Mädchen, so geht seine Leidenschaft, fürcht' ich, mit ihm durch; seine erste Liebe ist gewiß auch seine letzte, und bei seinen freisinnigen Ansichten wird er, die Schranken der Konvenienz ohne Schonung niederreißen, und sein Herz unter keine Etikette, unter kein Herkommen, unter keine Statuten beugen, er wird nur die lieben, die er seiner Liehe werth findet, die seine Liebe versteht; Stand und Geburtsvorrechte, diese zufälligen Vorzüge sind nach seiner Rangordnung der menschlichen Verdienste die allerletzten.« Das Ideal. Fräulein Bouslar , die Hofdame, trat in diesem Augenblick in das Zimmer, um, im Auftrage der Mutter, Beide zum Thee abzuholen. Der Oberlandschenk Herr v.  Walhorn aus der Nachbarschaft, war nebst Gemahlin zum Besuch eingetroffen und unterhielt, vom eben servirten Thee verleitet, den kleinen Kreis mit einer so gelehrten als langweiligen Abhandlung über diesen chinesischen Trank. Mit schmeichlerischer Lobpreisung erklärte er die vor ihm dampfende Sorte für den besten Kaiserthee, den er in seinem Leben getrunken, erzählte, daß dieser ausschließlich für den Kaiserlichen Hof zu Pecking bestimmt sey, und aus den ersten Maisprossen des Strauches gesammelt werde; er gab die Quantität der jährlichen Ausfuhr auf 20 Millionen Pfund an, prophezeite, daß der Thee, der größtentheils mit barem Gelde den Chinesen abgekauft werde, noch Europas ganzen Gold- und Silber-Vorrath nach jenem Riesenreiche unwiederbringlich führen werden, und klagte ihn, mit breiter, geschichtlicher Hinweisung auf die Erbitterung, mit der am 26sten Dezember 1773 das Volk zu Boston 342 der Engl. Ostindischen Kompagnie gehörende Kisten Thee verbrannte, als den ersten Impuls zu der Trennung Englands von den Nordamerikanischen Freistaaten an; so aufmerksam die Fürstin mit den Übrigen dem Vortrage des pedantischen Oberlandschenks zuhörte, so ganz antheillos blieben Aloyse und Klorinde bei dem trockenen Sermon des Theeprofessors. Ein junger Major der Küraßiergarde, Bruder der Gräfin Bouslar , der eben aus der Residenz eingetroffen war, um seine Schwester zu besuchen, saß mit im Kreise und Klorinde verwendete fast kein Auge von ihm, so, daß Aloyse ihr heimlich zuwisperte, der junge angekommene Fremde scheine ihr mehr zu gefallen, denn der alte Chinese. Da diese aber die kleine Neckerei, die ihr zu Aloysens großer Ergötzlichkeit, eine leichte Röthe in das Gesicht gejagt hatte, mit der Versicherung beantwortete, daß sie den Major blos darum so aufmerksam betrachtet, weil er eine überraschende Ähnlichkeit mit dem Prinzen Ewald habe, daß jedoch der Prinz jünger und noch viel hübscher sey, so kam die Reihe des Rothwerdens an Aloysen. »Jünger und noch viel hübscher,« wiederholte sich Aloyse heimlich, und sah nun fast unaufhörlich auf den Major, als wolle sie sich dessen Züge recht tief einprägen, um sich das Bild, das ihre geschäftige Phantasie in aller Schnelligkeit verjüngte und verhübscherte, für die Träume ihrer heimlichen Liebe aufzuheben. Bouslar, dem die gespannte Aufmerksamkeit der schönen Aloyse nicht entging und dessen Eitelkeit ihm bald zuflüsterte, daß die beifälligen Blicke der holden Fürstentochter seiner Person gelten, ward so angenehm verlegen, daß er kaum seine Augen mehr aufschlagen konnte, und that er es einmal, so begegnete er immer wieder Aloysens klaren Sternen, deren freundlicher Strahlenglanz auf ihm weilte, ohne daß sie es selbst wußte. Daß alle Mädchen in der Residenz, von der ersten bis zur letzten Klasse nach ihm schmachteten, vor Liebe zu ihm heimlich fast vergingen, wußte er längst, wenigstens bildete er sich das mit einer Gewißheit ein, die so weit ging, daß er mit den armen Kindern, die er alle doch unmöglich wieder lieben konnte, zuweilen recht barmherziges Mitleiden hatte; aber daß seine zusammengeschnürte Taille, seine wattirte Brust und seine preßhafte Halsbinde, die ihm die Augen aus dem Kopf und das Blut in die Wangen trieb, auf Aloysen, auf den gefeyerten Liebling der Grazien, des Hofs und des ganzen Landes, mit einem solchen Zauber hätten wirken können, hätte er sich selbst im kühnsten Schwunge seiner Eigenliebe nie träumen lassen. Berauscht von der ihm fast selbst unglaublichen Entdeckung, taumelt er mit seinem schwachen Geiste im Stillen, in den leeren Steppen seines Innern umher und entfernte sich von dem Gespräch des Chinesischen Oberlandschenks so gänzlich, daß, als dieser sich mit der Frage an ihn wendete, ob es nicht räthlich seyn dürfte, bei den Heeren im Felde, statt des gottlosen Branntweins, den Gebrauch des Thee's einzuführen, und wie hoch man da wohl den Bedarf annehmen könne, er in der Zerstreuung höchlich überrascht, entgegnete, »für jedes Regiment täglich wenigstens ein Loth.« Das von allen Seiten erschallende Gelächter, machte ihn noch verlegener und um seinen Fehler zu verbessern, rief er schnell: »Ich versprach mich, pro Mann täglich ein Pfund wollte ich sagen.« Natürlich lachte man noch einmal so arg, als vorher, und Klorinde und Aloyse, die vor Kichern nicht zu sich selbst kommen konnten, standen auf und verließen den Kreis, um dem Drange, sich recht herzlich auszulachen, freien Lauf zu lassen. Der Major, der die häßliche Blöße die er sich gegeben, schmerzlich fühlte, wünschte bei sich, den Oberlandschenk sammt ganz China zum Henker, hätte sich vor Ärger an der alten 300 Meilen langen Chinesischen Mauer, die das Kaiserreich von der Mongolei und dem Mantschlande trennt, den Kopf dreihundertmal einrennen mögen, schwor im Stillen auf seine Ehre, daß ihm ein Korb Champagner tausendmal lieber sey, als eine Tasse solcher lauwarmer Karavanen-Strauchblätter-Brühe, verabschiedete sich bei Zeiten und ritt, auf sich bitterböse und mit der ganzen Welt entzweit, nach Hause. Der Schlaf sogar empfing ihn mit den verworrensten Fieberträumen; bald stand er an der Küste des gelben Meeres, Wanghay genannt, in dem nichts als der klare Hayßan-Thee fluthete, aus dessen Wogenschaum, Aloyse-Anadyomene, in meergrüne Schleier verhüllt, auftauchte; bald bivouakirte er mit der ganzen Chinesischen Armee von 900,000 Mann in der Wüste Cobi, und reich mit Pfauenfedern geschmückte Mandarinen in ihrem ceremoniellen Kostüm von geblümten Atlas, und mit ihrem faltigen Überwurf von blauem Kreppflor, labten das ganze große halb verschmachtete Heer mit einem erquickenden Aufguß ihres landüblichen Schlammwassers auf ein Loth grünen Thee; so kam er die ganze Nacht nicht aus dem verwünschten China heraus, und selbst am Morgen, als er beim Fürsten in den Parolesaal trat, grinzte ihm vom Kamine herab, der dickbäuchige Pagode den eben der muthwillige Jagdpage du jour durch einen kräftigen Nasenstüber aus seiner behaglichen Ruhe gestört hatte, mit feichsendem Lächeln entgegen, und dem verdrießlichen Major war, als höre er von den breitmäuligen Lippen des kahlen Wackelkopfs die Spottfrage: wie Wohlderselbe diese Nacht in der geliebten Chinesischen Heimath geschlafen. Ein wahres Glück war es für Aloysen, daß des Majors eitler Wahn so bald und so ganz zerstört worden war; denn er hätte, so gewagt es auch war, seinen Triumph nicht verschweigen können, er hätte ihn wenigstens dem und jenem guten Freunde vertrauen müssen, und natürlich wäre die Geschichte binnen 24 Stunden ein Stadtgespräch gewesen; so aber hatte Aloyse gelacht, sie hatte ihn ausgelacht; sie war aufgestanden, sie hatte die Gesellschaft verlassen, sie hatte sich um ihn weiter nicht bekümmert. Es war ja offenbar, daß Aloysens auffallendes Wohlwollen; was sein interessantes Äußere, seine blanke Uniform, seine militairische edle Haltung an jenem unvergeßlichen Abende ihm gewonnen, bei der unglückseligen Theegeschichte mit einemmale verschwunden war. Späterhin – die Eitelkeit ist ein guter Kommandant; den Platz den sie einmal inne hat, gibt sie nicht gleich bei dem ersten Kanonenschusse auf, und hier in der Selbstgefälligkeit des guten Majors befand sie sich in einem bombenfesten Montalembert'schen Thurme. – Späterhin sagte sich der Major, daß Klorinde zuerst gelacht, und Aloysen durch ihr verhaltenes Kichern nur angesteckt habe. Ein so engelgutes, sanftes Wesen, als Aloyse sey, könne in der Regel keinen Menschen auslachen, am wenigsten ihn, der kurz zuvor ihr Wohlgefallen so unläugbar auf sich gezogen. Am sichersten, kalkulirte er, werde Aloysens Meinung über ihn durch seine Schwester die Hofdame zu erfahren seyn; nur war das ein sehr verständiges, kluges Mädchen, dem er den rasenden Eindruck, den er auf die Prinzessin gemacht, um keinen Preis merken lassen durfte. Es sind, sagte er zu sich selbst und freute sich über die entsetzliche Schlauheit, mit der er die höchst kitzliche Sache durchschaute, es sind zwei Fälle, entweder Du irrst Dich, oder Du irrst Dich nicht; irrst Du Dich, hat die Prinzessin Dich nicht aus Liebe, sondern blos zufällig oder Gott weiß, aus welchem Grunde, neulich mit den Augen gleichsam verschlungen; so wäscht Dir Schwester Hofdame ungeheuer den Kopf und zieht Dich so lange sie lebt durch die Hecheln ihres grimmigen Stachelspotts; Du kannst das nicht leiden, Du wirst grob, ihr überwerft Euch, und Du hast von der ganzen Geschichte nichts als Verdruß und offenbaren Nachtheil, denn sie ist bei Hofe und kann Dir auf allerlei Weise schaden. Irrst Du Dich nicht, hat die Prinzessin von der Höhe ihres Ranges auf Dich glücklichen Sterblichen wirklich ein Auge geworfen, und Schwester Hofdame merkt dieß, so arbeitet diese mit ihrer kalten Vernunft aus allen Kräften daran, dieß Verhältniß, was in ihren Hofaugen bestimmt ein unpassendes ist, zu zerstören; sie ist die erste, die ohne alle Rücksicht auf den Bruder, der Fürstin Mutter davon Kunde gibt, und dann zieht, wenn nicht gar noch Schlimmeres passirt, der Herr Major, ohne Weiteres die göttliche Gardeuniform aus und spaziert in die allerentfernteste Gränzgarnison zu einem schmucklosen Feldregimente, wo von Bällen, Theater, Soirees, Konzerten und dergl. St. Paulus keine Sylbe schreibt, sondern die ganzen Ergötzlichkeiten des kleinbürgerlichen Lebens aus einem Frühstück in der Apotheke, aus einer Kegelparthie zur Verdauung des ungenießbaren Garküchen-Tisches, und des Abends aus einem Dreier-Solo, oder wenn es recht sentimental hergeht, aus einer Parthie Plumpsack in der tabackdurchqualmten Resource bestehen. Ergo schloß der Major sein fein berechnetes Facit, ergo ist es am klügsten die Gräfin Schwester gänzlich aus dem Spiele zu lassen. Der Major war mit seinem Selbstgespräch noch nicht zu Ende, als ein Fürstlicher Reitknecht von Habichtswalde eintraf, und ihm folgendes Billet überbrachte. »Du nahmst neulich, lieber Bruder, Dein Portrait mit in die Stadt, um mir einen neuen Rahmen darum zu besorgen; hoffentlich ist dieser fertig, und in diesem Falle bitte ich Dich, das Portrait durch den Ueberbringer mir wieder zu übersenden. Die Prinzessin, die sich jetzt auf das Miniaturmalen mit der Lebendigkeit gelegt hat mit der sie alles Neue ergreift, und die früher Dein Portrait in meinem Zimmer öfters gesehen, ohne sich je darüber zu äußern, behauptet jetzt mit einemmale, daß Du nicht getroffen, sondern weit jünger, und – Du wirst das nicht übel nehmen – auch hübscher seyst; sie will daher nach diesem Bilde ein neues machen und behauptet mit etwas kecker Zuversicht, daß das ihrige viel ähnlicher sein werde. Dabei betreibt sie die einmal vorgenommene Arbeit mit solcher kindischen Hast, daß sie mir, als sie hörte, daß ich das Portrait Dir wegen des Rahmens hineingesandt habe, nicht eher Ruhe ließ, als bis ich einen Expressen abschickte, der es gleich mit herausbringen soll. Du weißt wie sie ist, wenn sie sich einmal auf etwas der Art verstürzt hat; also thue ihr nun schon den Gefallen und laß uns Dein Konterfey schleunigst zukommen. Die Fürstin scheint, ihrer Unpäßlichkeit wegen, jetzt nicht besonders gern Besuch zu sehen; komm daher in den ersten vierzehn Tagen, drei Wochen, lieber nicht heraus. Was Du mir zu sagen hast, kannst Du mir ja schreiben.« Deine Friederike. Der Major zitterte vor Freude und seliger Überraschung am ganzen Leibe. Der Hofmaler, einer der ersten Künstler seiner Zeit, war ein Stümper, die Prinzessin hatte Recht, er war viel jünger, viel hübscher, als ihn der Pfuscher hier hingepinselt hatte. Aloyse, der Engel, kann es nicht erwarten; sie schickt einen Eilboten, der über Stock und Stein zur Stadt gesprengt kommt, um seine geliebten Züge ihr hinaus zu holen; sie läßt es ihm schreiben, ihm durch die kalte strenge Schwester schreiben, daß er ein viel jüngerer, viel hübscherer Major sey, als ihn der schülerhafte Hofmaler auf das Elfenbein gestümpert hatte. Mit stürmischer Heftigkeit riß er das Bild von der Wand, packte es ein und fertigte den goldbetreßten Liebes-Kourier damit nach Habichtswalde ab. »Was Du mir zu sagen hast, kannst Du mir ja schreiben.« So hatte die gefühllose Schwester ihre Zeilen geschlossen. Als ob die tausendfache Gluth, die dem Major zu Kopf und Herzen hinaus brannte, sich hätte auf das Papier gießen lassen. Er schrieb gar nichts, aber als beim nächsten Besuch, den ihm ein Bekannter abstattete, dieser fragte, wo sein Bild hingekommen, das bisher provisorisch über dem Büreau gehangen, da stand die Seligkeit, gern sprechen zu wollen und nicht zu dürfen, in des Majors rein verklärten Zuger deutlich geschrieben. »Das Bild,« entgegnete er im Rausche des glücklichsten Entzückens, und rieb sich die Hände, »ist gut, ist sehr gut aufgehoben.« Der Fragende der dem Tone dieser Rede anhören mochte, daß es dem Major wohl that, dieß Kapitel weiter auszuführen, wollte ihn näher darüber aushorchen; allein der Major lachte, meinte, während er einen leichten selbstgefälligen Blick seinem blanken Vertrauten, dem Spiegel zuwarf, daß das ein kitzlicher halsbrecherischer Punkt sey, und hätte gar zu gern dem von der geschmeicheltsten Eitelkeit gepreßten Herzen Luft gemacht, wenn er nicht bei rechter Zeit nicht noch gefühlt hätte, wie gefährlich ihm und der Geliebten die Verlautbarung ihres beiderseitigen, zum tiefsten und wahrscheinlich zum lebenslänglichen Geheimnisse bestimmten Liebesverhältnisses werden könnte. Schwester Friederike, die unausstehliche Neunmalklug, mißbilligte, wie er sich bei der zwanzigsten und dreissigsten Durchlesung ihres auf Schrauben gestellten Billets zusammensetzte, Aloysens Neigung offenbar. Er sprach, wo er hinkam, über der Fürstin Unpäßlichkeit; kein Mensch in der Residenz wollte davon viel wissen. Bestimmt hatte bloß die Besorgniß, daß er nun täglich nach Habichtswalde kommen, daß Aloyse ihre Neigung zu ihm nicht vorsichtig genug verheimlichen, daß die Fürstin Mutter die Sache entdecken, und daß Schwester Hofdame darüber in Ungnade fallen werde, dieser die Erwähnung jener Kränklichkeit blos als Vorwand in die Feder diktirt, und von Hochmuth und Liebe gedrängt, trabte er, des schwesterlichen Verbots ungeachtet, den dritten Tag schon nach Habichtswalde zu; aber er hatte kaum die hohen Thürme des prächtigen Schlosses vor sich, die sich in blauer Ferne mit ihren reich vergoldeten Kuppeln hinter dem dunkeln Laubdach des davorliegenden stillen Lustwaldes, majestätisch empor hoben, als ihm der Muth zu sinken anfing. Schwester Friderike war eine sehr bestimmte und sehr heftige Person; er mußte von ihrem unerbittlichen Eigensinn befürchten, daß, wenn er vor dem angesetzter Termine kam, sie in ihn dringen würde, gleich auf dem Fleck wieder umzukehren; bei solchen Gelegenheiten ergoß sie sich – das kannte er aus früherer Zeit – in einer Schärfe, in einer Bitterkeit, daß jedes ihrer Worte traf und einschlug, gewaltiger als eine glühende hundertpfündige Bombe. Er meinte bei sich, ein grundguter Mensch zu seyn und viel vertragen zu können, aber was zu viel sey, sey zu viel; Friederikens Art, ihn in das Wachtelfeuer Bekanntlich eine Erfindung von Vergueil , deren man sich zuweilen bedient, um vor dem Anfange eines Sturms, den Feind aus dem verdeckten Wege zu treiben. Die Granaten selbst, mit denen dieß Feuer bewirkt wird, heißen Wachteln, wahrscheinlich von dem Wachtelschlag-ähnlichen Zischen, mit dem sie zerspringen. zu nehmen, sey ihm von Kindesbeinen an unausstehlich gewesen. Noch einen Seufzer, noch einen Blick der Sehnsucht warf er hinüber in die paradiesischen Gefilde der stolzen Habichtswalder Schloßburg, lenkte sein Pferd und ritt mißmuthig nach Hause. Am Chaußeehause überholte ihn die vierspännige Equipage des General-Landschafts-Directors. Nur Mama und Fräulein Tochter saßen im Wagen; hatte ihn sein Auge nicht getäuscht, so war es ihm gewesen, als hätte ihm Mama scherzhafter Weise gedroht. Sie kamen den Weg von Habichtswalde her! Was sollte denn das Drohen –? Sie hatten doch dort nicht etwa? – Er setzte beide Sporen dem Braunen in die Rippen und flog dem Wagen nach. Richtig; die dicke Generallandschaft drohte wieder sehr freundlich lachend, bog sich mit dem halben Oberleibe zur Chaise heraus, schrie, um das Raßeln des Wagens zu übertönen, aus Leibeskräften: »Wir wissen alles« und kreischte noch ein Mehreres, aber die vier Rappen eilten mit einem so satanischen Trabe in ihren Residenzstall zurück, daß der Chaußee-Kies die rasenden Räder ellenbreit umflog, und der Major vor dem Geklapper des Packbretts, das hinten losgegangen war und trotz des besten Stirnhammers spektakelte, kein Wort vernehmen konnte; er zuckte mit den Achseln und gab durch Pantomime zu verstehen, daß es ihm unendlich leid thue, sich gegen den ihm unbekannten Verdacht nicht rechtfertigen zu können. Mutter und Tochter aber schien es unmöglich, das, was sie auf dem Herzen hatten, darauf zu behalten, man rief also dem Major zu, daß er sein Pferd seinem Reitknecht an die Hand geben, und sich zu ihnen in den Wagen setzen solle. Das lärmende Packbrett ward festgenagelt, der Kutscher beauftragt, langsam zu fahren, und der Major nun, wie die Generallandschafts-Directorin es nannte, methodisch in das Gebet genommen. Erst holte sie sehr weit aus, meinte, daß er die letzte Zeit immer so zerstreut gegen seine alten Bekannten, so verschlossen, so kalt und in der letzten Zeit gegen alle Damen ihres gemeinschaftlichen Kreises so stolz gewesen und versicherte, daß sie jetzt, seit heute Nachmittag sich alles erklären könne; dann wünschte sie ihm zu diesem unermeßlichen Triumphe Glück, und zuletzt spielte sie die wohlmeinende Freundin und warnte und bat ihn um Gotteswillen, vorsichtig zu seyn, sich damit nicht zu überheben, das Gute, was ihm der Himmel bescheert, still und ruhig zu genießen, und nicht durch unnützes Prahlen, wodurch sich schon mancher junge unbesonnene Mann in ähnlichen Fällen geschadet, sich und den Engel auf immer und ewig unglücklich zu machen. Der Major wollte vor Lachen immer aus dem Wagen fallen und betheuerte bei seiner Taille, daß er auch jetzt noch, nachdem dem Packbret der Mund gestopft, und der Chaussee-Spetakel beschwichtigt wäre, die Gnädigste nicht verstehe, daß sie von ihm durchaus ganz fremden Dingen spreche, und daß er sie daher um nähere Erklärung bitten müsse, diese aber lag in seinem ganzen Gesichte und war zur Verklärung geworden. Bestimmt hatte die Generallandschafts-Directorin von Aloysens Liebe zu ihm erfahren, vielleicht von ihr selbst! die dicke Generallandschaft war das Intelligenzblatt, der Anzeiger, das Adreßkomptoir der ganzen Residenz: was die wußte, wußte die ganze Stadt; morgen war es in allen Zirkeln der Hohen- und Mittelwelt bekannt, daß Prinzessin Aloyse mit dem Übermaaße ihres Liebreizes, mehr als gewöhnliches Wohlwollen und gnädige Fürstenhuld für den jungen, freilich sehr hübschen Garde-Küraßier-Major v.  Bouslar empfinde. Er hörte morgen hinter sich hersprechen, vom gemeinen Volk: »das is der Prinzessin ihrer,« vom gebildeten Theile, »das ist der dreimal Selige, für den das Herz der schönen Fürstentochter Aloyse in seiner ersten Liebe erglüht.« Er sah stolze vornehme Männer sich ihm nähern, um seine Freundschaft, um sein Wohlwollen buhlen, denn sie kannten die Beziehung, in der er zu der himmlischen Aloyse stand, und deren Einfluß auf den fürstlichen Vater; er sah die Paar Stüfchen, die er vom Major aufwärts jetzt mit leichten Schritten zu steigen hatte; er sah sich sie im Geschwindschritt ersteigen und die kleine Regiments-Fronte vor der er bisher paradirt hatte, dehnte sich in eine unermeßlich lange fast unübersehbare aus; alle diese goldenen Träume flogen in dem Augenblicke an seiner trunkenen Seele vorüber; doch, der eben erhaltenen Warnung gegen das unzeitige Prahlen eingedenk, läugnete er standhaft, zu wissen, was die wohlbeleibte Landschafts-Directrice mit all ihrem Galimathias eigentlich sagen wolle, sein überseliges Gesicht strafte indessen die Lippen Lügen, und als die Generallandschaft, über sein beharrlich verweigertes Geständniß entrüstet, ihm mit den Daumenschrauben ihres Witzes schärfer zusetzte und ihm erzählte, daß sie mit ihren eigenen zwei Augen sein Bild im Zimmer der Prinzessin gesehen, daß es auf ihrem Arbeitstische gelegen, und daß Aloyse eine Kopie davon angefangen, in der er noch um einige Jahre jünger, und seiner wirklichen Schönheit unbeschadet, noch viel hübscher und idealisirter gezeichnet sey, so konnte der unermeßlich Eitele seinem Entzücken keine Gränze mehr setzen; er bat um Gotteswillen, davon Niemand zu erzählen, er schwor hoch und theuer, seiner Seits durchaus nichts gethan zu haben, daß diese ihm zwar unendlich schmeichelhafte, auf der andern Seite aber höchst gefährliche Leidenschaft habe rege machen können und begriff nicht, wie die Prinzessin so unvorsichtig seyn könne, aus der Sache keinen Hehl zu machen und Bild und Kopie so offen jedermann zur Schau auszustellen. »Nein, mein Major,« fiel ihm die Vertraute seines heiligsten Geheimnisses, seine süße Unruhe beschwichtigend in das Wort, »da thun Sie ihr Unrecht; wir wußten, daß der Hof heute nicht in Habichtswalde war; die ganze Familie hatte einen kleinen Ausflug nach Truschütz gemacht, um den dortigen Kanalbau in Augenschein zu nehmen. Wir gaben uns also mit Walhorns in Habichtswalde ein Rendezvous. Mein Ottilchen hier hatte das Innere der Zimmer im Schlosse noch nicht gesehen; die Kammerfrau der Prinzessin, eine Schwester unserer Jungfer, erbot sich, uns herumzuführen. Unter andern kommen wir auch in die Zimmer der Prinzessin. Ottilchen – sie ist dabei, aber ich kann es ihr in das Gesicht sagen – Ottilchen nimmt es im Zeichnen mit manchen Meister auf, aber als sie hier an der einen Wand die Polen- Crème –« »Polychromen, die vielfarbigen Zeichnungen der Alten,« fiel ihr Ottilie verbessernd in das Wort. »Ja,« fuhr die Mutter fort, »als Ottilie die sah; fing sie doch an, vor dem allergnädigsten Landeskinde Respect zu bekommen.« »Es waren zwar,« versetzte die wohl unterrichtete Ottilie, »es waren zwar nur Versuche, welche die Schülerin verriethen, aber ich kann nicht läugnen, sie waren so fleißig, so kühn und geschmackvoll ausgeführt, daß sie selbst dem französischen Raphael, dem streng korrecten Poussin würden Freude gemacht haben; doch mag ich nicht in Abrede stellen, daß mir die Landschaften in Sepia, die über dem kleinen Blumentische hingen, noch besser gefielen; diese liebliche Melancholie, dieser milde Ernst, dieses einfach Große, düstere –« »Kaum,« fiel der Tochter die Mutter, die dem Major wohl ansah, daß ihm Ottiliens gelehrte, sein bischen Wissen in Verlegenheit setzende Kunst-Tiraden nicht halb so sehr am Herzen lagen, als die Geschichte mit seinem Bilde, in das Wort, »kaum hörte die Kammerfrau an Ottilchens Reden die Kennerin, so äußerte sie, daß die Prinzessin jetzt eine Arbeit unter den Händen habe, die ihr gewiß die liebste seyn müsse, denn wo sie sich nur ein halbes Stündchen abmüßigen könne, da säße sie mit einem Fleiße und einer Lust dabei, daß man es ihr ordentlich ansehe, welche Freude ihr die Beschäftigung gewähre. Natürlich waren wir neugierig, diese Arbeit zu sehen, und vorzüglich bat Ottilchen, sie ihr zu zeigen. Eigentlich, meinte die Kammerfrau, dürfte sie das wohl nicht, indessen bei uns, als der gnädigen Herrschaft ihrer Schwester, könnte sie sich wohl eine Ausnahme von der Regel erlauben und so holte sie dann aus dem Schubfache des Zeichentischchens zwei Gemälde heraus; die Walhorn warf kaum einen Blick auf das Original, so schrie sie gleich laut lachend auf, das ist Bouslar und – die Copie – liebster Major – nein, die müssen Sie sehen, so etwas superdelikates –« »Man sieht der Arbeit an,« nahm Ottilie das Wort, »daß sie con amore gemacht ist. Seidelmann war bekanntlich der erste, der in dieser Manier arbeitete; aber ich möchte ihm wahrhaftig Aloysen mit diesem Bilde an die Seite setzen; sie hat das Original, was unser Hofmaler recht brav gemacht hat, weit, weit übertroffen; das Bild spricht, die tausend sanften Punkte, aus denen es zusammengehaucht ist, geben ein Ganzes was ungemein anzieht; ungemein bezaubert. Es ist, als gösse der Vollmond sein mildestes, sein freundlichstes Licht über das Gesicht aus. Sie sind es, und sind es nicht. Diese Geistestiefe, diese klare Seele im Auge, dieser fast wehmüthige Ernst, dieses feingewebte Gemisch von Scherz und Gemüth, dieses Zartgefühl, verschwistert mit der männlichen Festigkeit, der edelste Stolz verschmolzen mit der anspruchlosesten Bescheidenheit – es ist kein Mensch mehr, es ist ein Ideal; ein Ideal der aufwachenden Liebe im jungfräulichen Herzen der Künstlerin, ein Phantasiegebilde der süßesten Träume; der erste Ausbruch der tief und heilig glühenden Leidenschaft, die dem Fernen mit der verschwenderischen Freigebigkeit ihrer Huld und Neigung einen Liebreiz andichtet, wie ihn noch kein Gott einem Sterblichen verliehen; ein Liebesgeständniß, was Aloyse in ihrer himmlischen Unschuld, ohne es selbst zu wissen, ihrer vielleicht einzigen Freundin, der Kunst anvertraut hat.« »Und einen Orden hat sie Ihnen auch gegeben,« fiel die wohlgenährte Landschaft der Tochter prosaisch in die feurige Rede, doch war nicht abzusehen, welcher, denn die Kleidung war noch nicht fertig. Der Major – er schwamm ja in einem Meere von Glückseligkeit, aber Ottiliens scharfe Worte, Sie sind es und sind es nicht – dann was sie da von der anspruchlosesten Bescheidenheit gesagt hatte – er hatte wohl den Stich gefühlt, und darum that er sich Gewalt an, und zwang sich, zu scheinen, als habe diese ganze Mittheilung den hohen Werth gar nicht für ihn, den beide Damen ihr beilegen zu wollen schienen. Er meinte trockenhin, das Portrait gehöre eigentlich seiner Schwester, wahrscheinlich habe die Prinzessin auf dem Lande lange Weile gehabt, und um sich die Zeit zu verkürzen, die erste beste Arbeit vorgenommen; zufällig sey ihr sein Portrait, von dem sie früher oft behauptet, daß es zwar ziemlich, aber doch nicht ganz ähnlich sey, in die Augen gefallen, und da habe sie den Versuch machen wollen, ob sie das Fehlende aus dem Stegreife ergänzen könne, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, wendete er sich an Ottilien mit der Frage, was denn eigentlich die Sepia sey, »in meiner Jugend hörte ich oft wohl, schloß er sichtbar verlegen, und bemüht nur zu reden, um etwas zu reden, von venetianischer Seife – das ist doch wohl nicht –« »Nein,« entgegnete Ottilie fast verlegener als er, und bewunderte im Stillen jetzt nur noch mehr Aloysens Kunst, diesem Kopfe Geist und Verstand in jenem Grade angehaucht zu haben; »Sepia ist ein Fisch, derselbe, der in ihre Pfeifensammlung manchen schönen Meerschaumkopf geliefert hat, denn diese Masse auch ossa sepia genannt, ist das kalkartige Rückenschild, welches mein Fisch, der auch Black- und Dintenfisch heißt, jährlich abwirft; habe ich den lateinischen Namen recht gemerkt, so nennen die Ichthyologen das sonderbare Thier, Polypus Octopus.« » Octopus. « wiederholte der Major heimlich verlegen, und fingerte unten an seinen Sporen herum, um sein Gesicht nicht Preis zu geben, denn in diesem stand geschrieben, daß ihm Ottiliens Polypen reine böhmische Dörfer waren. »Die Tusche aber,« fuhr diese fort,»die unter dem Namen Sepia bekannt ist, besteht aus einem Gemisch der dunkelbraunen Galle dieses Blackfisches mit Bister.« »Bister?« fragte der Major, und fühlte sich in einem ganz fremden Felde. »Ja,« erwiederte Ottilie belehrend, »das ist ein Rußschwarz, eine Farbe aus gekochtem Ofenruß und Gummi; mein Blackfischchen,« setzte sie mit einem etwas scharfen Seitenblick auf den Major hinzu »ist überhaupt ein kurioses Thier, sein Mund ist fast dem Papagay-Schnabel ähnlich; haben die Fische eine Sprache unter sich, so schwatzt er gewiß sein Kauderwelsch, wie Papchen unter den Vögeln, und dabei ist er, wenn ich unsere Fähnriche ausnehme, die selbstgefälligste Kreatur unter der Sonne. Seine Eitelkeit kostet ihm Freiheit und Leben.« »Wie das?« fragte Bouslar erschrocken, denn ihm war, als säße er in der Generallandschafts-Halbchaise der Vielwisserin, Ottilien gegenüber, vor der heiligen Pythia selbst, um aus ihrem Munde seine dunkle Zukunft zu hören! er ahnte in diesem Augenblicke, daß auch ihm das eitle Glück, von einer Fürstentochter geliebt zu werden, Freiheit und Leben kosten könne. »Die Kinder an den Küsten des Mittelmeers,« antwortete die unterrichtete Ottilie, »fangen den Sepia, dem Blackfisch, lediglich durch seine Eigenliebe; sie lassen kleine Spiegel in die Meeresfluthen hinab, und kaum sieht der Fisch sein Bild in diesem, so stürzt er darauf hin, saugt sich betaumelt vor Freude, sein Ich zu sehen, mit den tausend und vierzig Rüsselchen, die das zehnarmige insektenartige Thier vorn am Kopfe hat, an den Spiegel und umklammert diesen so fest, daß er selbst dann nicht los läßt, wenn die Kinder den Spiegel aus dem Meere heraufziehen, und noch jetzt Mühe haben, den Gefangenen vom Spiegel los zu bekommen.« In diesem Augenblick passirte der Wagen den äußersten Schlag der Residenz; der Major, durch Ottiliens frühere und jetzige Rede sonderbar getroffen, war sehr ernst geworden. Er hatte über Alles so viel zu sinnen und zu denken, daß er hier im Wagen unmöglich länger aushalten konnte; erbat daher, aussteigen zu dürfen, setzte sich auf sein Pferd, ersuchte; von der Furcht, daß ihn das Schicksal des Blackfisches treffen und er am Ende das Gespött der Kinder werden könne, hart gepreßt, nochmals den besprochenen Vorfall gegen keinen Menschen weiter zu erwähnen, und ritt höchst tiefsinnig nach Hause. Sonst – immer der erste Gang zum Spiegel, und sich viertel Stunden lang von allen Seiten besehen, und an Locken, Bart, Halsbinde, Kragen und dergl. tausend Kleinigkeiten arrangirt. Heute – die verdammte Geschichte mit dem Dintenwurm – es war; als glühe die Diele vor dem Spiegel, er konnte nicht davor stehen bleiben – und doch – hatte Ottilie nicht gesagt: »Sie sind es und sind es nicht?« hatte sie nicht von Geistestiefe, klarer Seele, wehmüthigem Ernst, von Scherz und Gemüth, von Zartgefühl, männlicher Festigkeit, edlem Stolze und dergl. gesprochen? War das alles nicht in seinem Gesichte, so konnte es Aloyse auch nicht in ihre Kopie legen! Die Neugierde, alle jene von Ottilien gerühmten Eigenheiten in seiner Physiognomie aufzufinden war zu groß, er mußte sich darauf einmal recht ordentlich ansehen. Zweimal, dreimal, setzte er an, sich vor den großen Trumeau in seinem Gastzimmer zu stellen. Aber Ottiliens prophetische Worte: »Seine Eitelkeit kostet ihm Freiheit und Leben« ließen ihn nicht nahe heran treten; er nahm daher, halb verstohlen seinen ovalen Barbierspiegel, und analysirte nun, nach Ottiliens Kompendium, sein Gesicht, Geistestiefe –? klare Seele –? er suchte lange, wo das beides sitzen sollte, konnte es aber platterdings nicht finden – doch – dummes Zeug – das hatte, merkte er jetzt, die Kunstbegeisterte nur figürlich gesprochen, Geist und Seele – beides kann man ja nicht sehen! Wehmüthiger Ernst? – er machte ein Gesicht, als gebe er Befehl, einen seiner Gardeküraßiere auf die Latten legen zu lassen und meinte, darin den Ernst zu finden; die Wehmuth hatte er aber ganz deutlich, er dachte an die vierzig Friedrichsdors, die er neulich in Einem Abende in Rouge et Noir verspielt hatte. Scherz –? o ja, damit konnte er aufwarten; er hatte neulich mit Kriegsministers Kammermädchen, einem allerliebsten Kinde, gescherzt; er spielte die Scene in Gedanken durch, sah dazu in seinen Barbierspiegel, und bemerkte, daß er wirklich recht scherzhaft aussehe. Gemüth? – weg damit – so was kann man nicht greifen, das ist nicht körperlich; und was man nicht greifen kann, das kann man auch nicht sehen. Gemüth – das ist bloß ein Kunst-Ausdruck, weg damit. – Zartgefühl –? o ja. Oberstallmeisters Philippine hatte ihm vor acht Tagen auf dem Balle beim Oberkammerherrn auf sein Hünerauge getreten, und er fühlte es heute noch; er schnitt ein gottesjämmerliches Gesicht in das Spiegeloval, und nickte Ottilien seinen Beifall im Stillen zu, daß sie die Züge in Aloysens Kopie so gründlich studirt hatte. Männliche Festigkeit –? nu, nu, wenn die ein Gardemajor nicht haben sollte! Donnerwetter – doch – bei diesem schweren Unglückswort fiel ihm Ottiliens Rede vom Blackfisch ein; wie dieser mit 1040, so hat auch er den Spiegel mit seinen zwei Händen umklammert, wie diesem, dem Spiegel gegenüber das letzte Stündlein geschlagen, so ahnte auch er, daß er aus der ganzen Prinzlichen Liebesgeschichte keine Rosen erblühen sehen werde, und er legte jetzt selbst wie vom Donnerwetter erbebt, das verhängnißvolle Spiegelchen bei Seite, seinen eigenen Leichnam aber noch bei hellem lichten Sommerabende zu Bette, und dachte an nichts, als an sein Mißgeschick, von diesem fürstlichen Engel geliebt zu werden. Er konnte ja nicht dafür, daß sich alle Mädchen, sogar das erste im Lande, in ihm verlieben mußten. Während dieses lautlosen Monologs, ließ die Generallandschafts-Directorin im vertrauten Kreise einiger Freundinnen, welche sich an demselben Abende nach der gewöhnlichen Sitte des Hauses, um ihren Theetisch versammelten, die Geschichte mit dem Bilde los, und am folgenden Morgen schon war diese, obgleich jedes das andere bat, eine so delikate Mittheilung mit der höchsten Diskretion aufzubewahren, und sie nicht weiter zu verbreiten, entstellt und vergrößert in allen Kreisen der Residenz herum. Als der Major auf die Parade kam, fand er lauter andere Gesichter; die, welche nicht begreifen konnten, wie ein so streng erzogenes, ein so kluges, verständiges Mädchen dieses höchsten Ranges für diesen leeren eiteln Mann nur im Entferntesten eine Art von Wohlwollen hegen könne, begegneten ihm kalt und verschlossen, die, welche durch ihn und seine geträumte Verbindung irgend einen Vortheil für sich zu erringen hofften, höflich und zuvorkommend, und die, welche in ihm einen neuen Beweis vom Zauber einer blanken Uniform erkennen lernten, und im Stillen auf gleich glückliche Eroberungen durch diesen Talisman spekulirten, traulich, cordial. Manche seiner nähern Bekannten warfen scherzende Stichelworte von wahrscheinlich baldigem Avancement hin, andere ängstlichere meinten, daß er ein sehr gefährliches Spiel spiele, und wieder andere fragten mit theilnehmender Neugierde, wie das alles gekommen. Gegen die Mehrzahl äußerte er, aber immer mit einem Gesichte, was seiner Rede widersprach, daß er nicht wisse, was sie wollten; den gediegenern Freunden aber betheuerte er bei Seele und Seligkeit, daß er nichts dafür könne, daß er durchaus nichts dazu gethan, daß er mit sich selbst nicht im Klaren sey, ob er sich zur ganzen Sache Glück wünschen solle, und daß ihm ganz unbegreiflich sey, wie ein solches Geheimniß, das eigentlich nur Aloyse und er wissen sollten, so stadt- und landkundig habe werden können; er konnte wohl ahnen, daß die Generallandschafts-Direktorin den Lärm geblasen, aber, wenn er auch that, als sey ihm die Offenkundigkeit der ganzen Geschichte höchst verdrießlich; so war er doch der dicken Frau darum nicht böse, denn – das sah er in seinem selbstgefälligen Dünkel wohl deutlich – die Leute hatten jetzt vor ihm viel mehr Respekt, als sonst; er ward in Zirkel geladen. in die er sonst nie Zutritt gehabt hatte; mehrere ärmlich pensionirte Beamten-Wittwen schickten ihm ihre niedlichen Töchter zu um durch seine und, wie sie zur Bemäntelung ihrer Bitte hinzusetzten, durch seiner Schwester Fürsprache, Anstellung als Kammerfrauen, Silberwäscherinnen oder ähnlich dienende Hofgeister zu erhalten, und der pfiffige Spekulant, der Herr Hoflieferant Schnelletti, der bisher nicht gewußt hatte, daß ein Major v.  Bouslar in der Welt sey, kam jetzt unter weit hergeholtem Vorwande, bat um seine Freundschaft, und unterstützte das wohlgemeinte Gesuch durch ein Dutzend Flaschen Champagner; Bouslars Onkel aber, ein alter, in der Regenten-Geschichte von ganz Europa tüchtig bewanderter Geheimer Rath, der auch wohl von dem Gerücht gehört, doch viel zu viel Takt hatte, um daran glauben zu können, seinem windbeuteligen Herrn Neffen indessen Dummdreistigkeit genug zutraute, sich wirklich einzubilden, daß er mit seiner Personage einer Prinzessin unwiderstehlich sey, nahm ihn am nächsten Sonntage, wo der Major sammt der ganzen Sippschaft seit Menschengedenken allemal des Mittags bei ihm speiste, nach seiner Art in das Gebet, d. h. er that, als wisse er von der ganzen Sache kein Wort, sprach von höchst gleichgültigen Dingen, kam dann auf die Zeitungen, von diesen auf den und jenen Hof, verlor sich in dessen frühere Geschichte, und wußte nun eine Menge Fälle zu erzählen, wo der und jener, der in älterer Vorzeit sich gleicher Verhältnisse zu der oder jener Prinzessin wirklich zu erfreuen gehabt, oder sich deren nur gerühmt hatte, ohne Weiteres geköpft oder gehangen worden war. Dem Major verging Essen und Trinken; die eng zusammen gerödelte Halsbinde fing an ihn zu würgen; er lüftete sie zwei, dreimal mit zitterndem Finger, und sah aus, als stäke er mit dem ganzen Kopfe in einer Gewitterwolke, so schwül, so bänglich ward ihm zu Sinne. »Es schmeckt Dir nicht, Sander,« sagte der alte Oheim, sich in seinen historischen Auseinandersetzungen unterbrechend, mit gastlicher Aufmerksamkeit, »Du bist vielleicht durch die Fürstliche Tafel verwöhnt; wahrscheinlich speist der Herr Major jetzt, seit der Hof draußen ist, oft bei Schwester Fritzchen in Habichtswalde?« »O nein,« entgegnete Alexander von Bouslar vom Schreck über das Wort »Habichtswalde,« glühroth übergossen und scharrte, aus Dankbarkeit für das Wohlwollen des freigebigen Wirths mit beiden Füßen unterm Tische, nahm die bereits auf den Rand des Tellers zurückgelegten Knorpel des Kälberfrikaßee's, zermalmte sie mit heimlich knirschenden Zähnen, und aß sie hinter mit Stumpf und Stiel, denn der Onkel konnte sehr empfindlich werden, wenn die Leute, wie er es nannte, seinen Tisch verachteten, und ihn böse zu machen, war nicht räthlich, denn er hatte viel Geld und keine Kinder. Der Anker. Unterdessen hatte Klorinde ihrer Schwester zufällig von dem Antheil erzählt, mit dem Prinzessin Aloyse immer zugehört, wenn das Gespräch auf den Prinzen Ewald gekommen. Frau v. Adelsheim hatte eben so unabsichtlich dieß ihrem Manne erzählt; dieser aber, ein ächter Diplomat, hatte aus diesen leicht hingeworfenen Reden sich ein kühnes Werk zusammengebaut, das, wie er es in Gedanken fertig hatte, recht stattlich aussehen sollte. Aloysens Eltern auszuforschen, in wie fern diese zur Einwilligung in eine Verbindung zwischen Aloysen und Ewald bereit seyn dürften – dazu hatte er seine Leute, und wie aus dem Eingange der Geschichte erinnerlich seyn wird, das Resultat seiner Ermittlungen war das erwünschteste. Aloysen sollte seine Schwägerin Klorinde bearbeiten. Er sprach dieserhalb mit dem Mädchen ausführlich, legte auf die Ehre, die in diesem Auftrag für Klorinden läge, ein sehr großes Gewicht, setzte ihr aus einander; daß sie das künftige Wohl beider Länder in der Hand habe, daß er von ihrer Gewandtheit sich im voraus der zartesten Behandlung dieser ganzen Angelegenheit versichert halten dürfe, und ließ nicht undeutlich fallen, daß, wenn sie die Sache dahin bringe, wohin er sie gebracht zu sehen wünsche, eine sehr anständige Belohnung ihrer Verdienstlichkeit nicht ausbleiben könne. Klorinde hörte dem Schwager mit großer Aufmerksamkeit zu. »Sind Sie nun fertig?« fragte sie halb scherzend, halb ernst. »Bis auf der Dank,« entgegnete Herr v. Adelsheim sehr verbindlich, »den ich Dir im Voraus hiermit abstatte, für die Bereitwilligkeit, mit der Du Dich zum Besten unsers Hofes und unsers ganzen Landes dieser Negotiation unterziehst, und für die vielen Vortheile, die, wenn die Parthie zu Stande kommt, Deinem Schwager und Deiner Schwester unausbleiblich daraus erwachsen müssen. – Jetzt bin ich fertig, liebe Klorinde; ich habe lange lavirt, um eine gute Stelle auf der Rhede zu finden, wo ich meinen Anker werfen könne; um mit sicherm Effect das stolze Hafenfort beschießen zu können. Jetzt habe ich gefunden, was ich suchte, und darum warf ich mit festem Vertrauen meinen Anker in Dein Herz und Deinen Kopf; sprich also, liebes Lindchen, was wirst Du thun, wie denkst Du die Sache am besten anzugreifen?« »Sey mit Deinem Anker nicht zu rasch,« erwiederte Klorinde. »Wie lieb und theuer mir unser Hof und mein Vaterland sind, weißt Du, und daß ich alles zu thun verpflichtet bin, was diesem frommen kann, und in meinen Kräften liegt, versteht sich von selbst. Aber zu einer Bearbeitung der Prinzessin in Deinem Sinne bringt mich keine Macht der Welt, weil sie wider mein Gefühl, wider meine Weiblichkeit und wider die Achtung ist, die ich vor Ewald und Aloysen habe. Gesetzt, es glückte mir, Aloysen so zu gewinnen, daß sie sich auf meine Schilderung von Ewalds Liebenswürdigkeit zu einer Verbindung mit ihm entschlösse, und sie sähe ihn nun, und er entspräche den Erwartungen nicht, die sie sich nach meinen Beschreibungen von ihm gemacht; wie möchte ich da vor der Fürstlichen Jungfrau bestehen? und vor dem Prinzen, der mit einer Gemahlin sich verbände, die den Himmel der ersten Flitterwoche schon, sich und ihm mit dem, freilich nie über ihren Lippen gehenden, ihr Inneres aber desto schmerzlicher verwundenden Geständnisse trübte, daß sie getäuscht sey? Wäre ich nicht für den Mißmuth, für die Kälte, und wie die unglücklichen Folgen alle heißen mögen, die aus einem solchen Verhältniß entstehen müßten, verantwortlich? Nein, liebster Adelsheim! mit diesem Auftrage verschone mich und die Prinzessin. Mögen sich beide doch erst selbst sehen, mögen sie sich einander doch kennen lernen, und finden sie gegenseitig Gefallen an einander, so –« »Das verstehst Du nicht, Kind« fiel ihr Adelsheim über ihre unerwartete Weigerung etwas verstimmt in das Wort, »das geht bei Leuten unsers Standes wohl, aber nicht bei Personen dieses Ranges, und glaubst Du nicht, gutes Kind, daß, auch wenn der Zufall das Geschäft übernimmt, um das ich Dich ersuchte, Täuschungen und späterhin Enttäuschungen vorfallen können? Lehrt uns das tägliche Ereigniß der Ehescheidungen nicht, daß die Menschen, die sich zufällig fanden, und verbanden, oft bald nach der Hochzeit merken, daß sie einander das nicht sind, was sie seyn sollten? Ich kann, ich muß Dir sagen, was in der Sache bereits geschehen ist, damit Du weißt, wie die Lage der Dinge, die mit Dein Werk sind, gegenwärtig stehen.« »Mein Werk?« fragte Klorinde gespannt« Ja entgegnete Adelsheim lächelnd. und freute sich seiner diplomatischen Wirksamkeit, ja, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Du hattest meiner Frau von dem Eindrucke erzählt, den Deine Schilderungen von Ewald auf Aloysen gemacht hatten; sie theilte mir dieß gesprächsweise mit. Ich wüßte unter allen Fürstentöchtern unserer Zeit keine, die ich lieber an Ewalds Seite sehen, keine, die ich lieber als unsere künftige Landesmutter verehren möchte, als Aloysen, die mit ihren Tugenden, mit ihrer Liebenswürdigkeit Ewalds Leben und unsern Thron schmücken wird, zum Heil unserer Dynastie und unsers ganzen Landes; ich frug, nachdem ich hier unter der Hand ausgemittelt hatte, daß eine engere Familienverbindung beider Häuser dem Wunsche des hiesigen Hofes nicht entgegen seyn würde, bei dem unsrigen vertraulich an, ob man dieserhalb gleiche Ansichten hege, und legte der gewissenhaften und empfehlenden Schilderung von dem Karacter der Prinzessin, eine Kopie ihres Bildes bei, das ich mir durch die dritte Hand vom hiesigen Hofmaler zu verschaffen wußte. Die Zustimmung ist erfolgt, und jetzt ist es an Dir, das von Dir begonnene Werk zu vollenden.« »Dazu passe ich nicht,« fiel ihm Klorinde mit einiger Heftigkeit in das Wort. »Ist es der Wille der Vorsehung, so wird geschehen, was Ihr wünschet auch ohne mich. Kommt einmal zwischen mir und Aloysen das Gespräch wieder zufällig auf Ewald, und sie fragt Näheres über ihn, so werde ich ihr sagen, was ich weiß, und es wird, der Wahrheit gemäß, zu seinen Gunsten lauten. Ein Weiteres verlangt nicht von mir.« »Gut, gut,« erwiederte Adelsheim mit freundlichem Lächeln; »ein Mehreres ist vor der Hand auch nicht nöthig. Das Übrige wird sich von selbst finden.« Seit diesem Gespräch vermied Klorinde in ihrer vielleicht zu weit getriebenen Ängstlichkeit absichtlich jede Gelegenheit nach Habichtswalde zu kommen. Wenn Adelsheims hinausfuhren, gab sie bald Kopf- bald Zahnschmerzen vor, um nur zu Hause bleiben zu können, und die Grüße die Adelsheims jedesmal von der Fürstin Mutter und Aloysen mitbrachten, und die Versicherungen des Bedauerns, daß sie nicht mitgekommen, und die Aufträge, sie das nächste Mal bestimmt mitzubringen, hielt sie für eitel Machwerk des diplomatischen Herrn Schwagers. Dieser aber war fein genug, über die ganze Sache kein Wort zu berühren, sondern von der Zeit das Beste zu erwarten. Einmal mußten sich doch Beide sprechen, und daß bei dem Interesse, was Aloyse, nach seinen Nachrichten, am Prinzen genommen, diese gegen ihre Vertraute dann gewiß wieder von Ewald anfangen, und daß Klorinde dann, was das Gesetz der Wahrheit, die Achtung für Ewald und die Liebe zu Aloysen geböten, nicht zu Ewalds Nachtheil reden, und daß Aloyse in ihrer zu Ewald gefaßten Neigung nur bestärkt werden würde, glaubte er mit Sicherheit berechnen zu können. Assa foetida. Der Oberceremonienmeister an Ewalds Hofe feierte sein Dienstjubiläum; der Prinz beehrte das Fest mit seiner Gegenwart. Bei der Tafel saß ihm Frau v.  Zagern schräg gegenüber. Der Prinz ergötzte sich an ihrer fröhlichen Laune, an ihrem Witze, an der Lebendigkeit ihrer Unterhaltung, auch mochte er sich nicht bergen, daß die geistreiche Frau nicht zu den Häßlichsten gehöre; sie fing zwar noch nicht eigentlich an zu herbsteln, doch stand der Zeitmesser ihrer äußern Reize ungefähr im Ende des Augustmonats, wo indessen gewöhnlich noch recht warme Sonnentage zu seyn pflegen. Freigebig wie Pomona, die Göttin des Herbstes, bot sie den so noch ziemlich conservirten Reichthum ihrer Reize, halb unverhüllt, dem schaulustigen Publicum dar, und der blitzende Juwelenschmuck, der ihr im Haare und Ohr, um Hals und Arm prangte, gab der vollen Figur ein recht anziehendes Lüstre. Was Spanien, Frankreich und Deutschland, Ungarn und Italien, Griechenland und die Azoren, die Kanarischen Inseln und das Cap an guten Weinen nur liefern, hatte, selbst älter als der Jubelgreis die Tafelrunde schon passirt, und die vielen Toasts, die bereits waren ausgebracht worden, hatten sämmtliche Gäste überfröhlich gestimmt. Des alten Jubilars Enkelin war Braut; auf ihr und des Bräutigams, eines stattlichen Jägerhauptmanns Wohl, trank jetzt die ganze Gesellschaft unter Trompeten- und Paukenschall; das Pärchen eilte zum Silbergreis, der neben dem Prinz Ewald saß, und der alte Mann küßte segnend das blühende Engelkind, und sprach zu ihm und dessen Geliebten über ihr künftiges Verhältniß, in dem sie mit einander die Freuden und Leiden dieses Lebens hienieden theilen, und in treuer Liebe einander gehören sollten, herzlich rührende Worte. Prinz Ewald, den bräutlichen Enkel in der jugendlichen Frische des süßesten Liebreizes vor sich, und die Gluth der vielen alten Sorten im Kopfe, hörte die einfache Rede des ehrwürdigen Silberkopfs mit wunderlicher Andacht. Er dachte sich an die Stelle des Jägerhauptmanns, den jetzt das liebliche Mädchen mit beiden Schwanenarmen umfing, und er warf schnell wieder den Blick weg, und heftete ihn auf die dunkele Spiegelfläche des vor ihm stehenden Konstantiaweines, denn ihm begann der Mund zu wässern nach dem würzigen Kusse, den die Rosenlippen der in Unschuld und Liebe züchtig erglühenden Jungfrau dem bärtigen Jägerhaupte, unter heimlichen Zuflüstern ihres ehrlichen Gelöbnisses ewiger Treue, mit unnennbarem Zauber bot. »Nun, mein Prinz,« hob drüben Frau v.  Zagern , den Augenblick seiner stillen Verzückung bemerkend, mit scherzhaftem Lächeln an, und berechnete im Geheimen, daß jetzt der rechte Moment gekommen sey, das Wort zur Welt zu bringen, das ihr seit Wochen schon auf dem Herzen gelegen, »nun mein Prinz, wann dürfen wir denn einen gleichen Toast auf Ihr Wohl ausbringen?« Ewald bückte sich schnell zu dem vor ihm auf dem Desertteller stehenden Glase nieder, damit die Fragerin den Purpurguß nicht gewahren sollte, den er im ganzen Gesichte fühlte; war es doch, als hätte ihn die Frau mit ihrer Frage wie mit einem zweischneidigen Speer mitten durch das Herz gestoßen. Er schüttelte mit dem Kopfe, zwang sich zu lachen, meinte, daß es damit noch lange Zelt habe, und sog, um die übermäßige Verlegenheit zu verbergen, in die er sich wie ringsum eingestrickt fühlte, mit eng zusammengepreßten Lippen den köstlichen Konstantia in schlürfenden Zügen hinab. »Trinken Sie, trinken Sie,« sagte die Hausmarschallin lachend mit gedämpfter Stimme, »das ist gerade der Wein, in dem jeder Mann auf das Wohl seiner Braut trinken sollte, vielleicht würden dann unsere Herren ein wenig beständiger.« Der Prinz meinte, daß, wenn er einmal liebe, er gewiß, auch ohne seine Festigkeit in Konstantiawein sich zu erholen, in seiner Liebe beständig seyn würde; doch das meinte er nur, recht deutlich sagen konnte er es nicht, weil er in seinem Leben über die Liebe noch nie gesprochen, und dieß hier an der geräuschigen Tafel zum erstenmal zu thun am wenigsten im Stande gewesen wäre; die Frau v.  Zagern aber, den Zaun einmal niedergetreten, verfolgte ihre Bahn mit raschem kühnen Schritt, und äußerte – während die fröhliche Tischgesellschaft über einen andern ganzen hetrogenen Gegenstand in einem überlauten Gespräch höchst lebhaft begriffen war, und die nächsten Nachbarn dorthin ihre Aufmerksamkeit gerichtet hatten, daß ihm, dem Prinzen, die Tugend der Beständigkeit auch gar zu leicht gemacht werde, denn wenn er der ihm Bestimmten untreu werden könnte, so wäre, falls das Gesicht wirklich getroffen, und sie also wirklich so blendend schön wäre, als sie in diesem Portrait natürlich seyn sollte und müsse , an der Männertreue im Allgemeinen zu verzweifeln. »Was ist das?« fragte der Prinz, seinem Ohr nicht trauend, und hob den Kopf über die leichten Nebeldünste, mit denen ihm die Mänaden von den Rebenhügeln der fernsten Länder die Schläfe umschleiert hatten, und bog sich vor über die Tafel und fragte über ihre höchst merkwürdigen und ihm höchst spaßhaften Neuigkeiten, in halblautes Lachen ausplatzend, »was schwatzen Sie da von einer mir Bestimmten, von einer Sie – von einem Portrait?« »Läugnen Sie mir nicht,« rief die Hausmarschallin, »ich weiß, was ich weiß, und wünsche Ihnen und uns zu der getroffenen Wahl aufrichtig Glück;« sie nickte bei den Worten ihrem Manne zu, griff mit ihrer Rechten an den kleinen Finger ihrer Linken, an welchem gewöhnlich der Trauring steckt, warf einen bedeutenden, sehr verständlichen Blick auf den Prinzen, langte nach dem Glase, und trank mit einer kleinen Verneigung gegen Ewald, als wolle sie ihrem Manne durch diese Pantomime andeuten, der Trunk gelte auf das Wohl der künftigen Gemahlin des Durchlauchtigsten Prinzen. Herr v.  Zagern , auf diesen Coup de Main wahrscheinlich schon früher einexerzirt, griff rasch nach seinem Pocale, bückte sich gegen den Prinzen so tief, daß seine Nasenspitze in den Schaum des vor ihm auf dem Teller liegenden Baisers tippte und leerte das Glas in Einem Zuge. »Auch Ihr Mann weiß?« fragte der Prinz überrascht, und hatte nicht den Muth weiter zu sprechen. »O der hat sie in der Tasche,« entgegnete die Hausmarschallin, und ein Glück war, daß eben die Tafelrunde sich erhob, denn die Antwort der Frau v.  Zagern kam dem Prinzen so komisch vor, daß er nahe daran war, in ein lautes Lachen auszuplatzen. Er drängte sich durch das Gewühl der weinfrohen Gäste, die sich jetzt unter lauter Gesegnetemahlzeitwünschen im bunten Kreise untereinander mischten, zum Hausmarschall, klopfte diesem muthwillig auf beide Taschen und bestürmte ihn, über die bewußte ihm Bestimmte, nähern Aufschluß zu geben. Die Hausmarschallin kam ihrer verlegenen Hälfte bald zum Sukkurs, und jetzt erfuhr der Prinz zu seinem größten Erstaunen, was außer Zagerns eigentlich noch kein Mensch wußte, nähmlich, daß von seiner nahen Verbindung in der ganzen Stadt, wie von einer völlig bekannten Sache gesprochen werde; beide wunderten sich, daß er davon nichts wissen wolle, und zögerten lange, seine dringende Frage nach dem Namen der vorgeblichen Braut zu beantworten. Frau v.  Zagern erzählte, wie sie Beide höchst neugierig gewesen wären, die Glückliche näher kennen zu lernen, und pries den Zufall, endlich durch die dritte, vierte Hand ein Gemälde von ihr bekommen zu haben; ihr Mann sey eben im Begriff, dasselbe heute noch an seine Behörde zurückzugeben; darum trage er es bei sich, und darum habe sie sich wohl den Scherz erlauben dürfen, zu sagen, daß er die Braut des Prinzen in der Tasche habe, die mit Einem Worte – Prinzessin Aloyse heiße. »Aloyse?« rief der Prinz, aus den Rosenhimmeln seiner fröhlichen Laune fallend. »Kennen Sie denn diese Aloyse genauer? Glauben Sie denn im Ernst, daß ich mich entschließen könnte, eine solche Wahl zu treffen? Zeigen Sie mir ihr Portrait nicht; ich mag es gar nicht sehen. Sie soll hübsch, sie soll sehr hübsch seyn! Das Gesicht könnte mich verführen; die Hofmaler sind überdieß feile Söldlinge, und führen einen gefälligen Pinsel – nein, behalten Sie ihr Portrait. Wollen Sie aber ein wahres von dieser belobten Aloyse haben; so fragen Sie die alte Mohrenhoven, die hat dort Verwandte, Bekannte, die hat mir der Prinzessin Bild neulich nur in leichten Schattenrissen hingeworfen, aber –« »Die Mohrenhoven,« fiel Frau v.  Zagern ihm in das Wort, »Sie kennen ja die alte gute Gräfin und ihr Talent, aus einem Maulwurfshügel gleich einem Himmelaya zu machen.« »Und wenn nur die Hälfte von dem wahr ist,« fuhr der Prinz in rascher Aufwallung fort, »und wenn es auch nur ein Maulwurfshügel ist; auf der Blumenwiese meines häuslichen Lehens mag ich keinen solchen Hügel leiden, er bleibt immer eine Entstellung. Glauben Sie mir, ich bin ganz unpartheiisch; Rantaus und die Gräfin Stockheim waren, als sie zurückkamen, von der Prinzessin bezaubert. Klorinde Kulm hat neulich an Oberstallmeisters eine wahre Hymne über sie geschrieben; ich zweifle gar nicht, daß sie auch ihre guten Seiten haben mag, und lasse ihren gerühmten Talenten und ihrem Wissen alle mögliche Gerechtigkeit widerfahren – aber –« »Nun, was hat den die Mohrenhoven geschwatzt?« fragte die Hausmarschallin mit einem Tone, der sattsam verrieth; wie sehr sie die Klatschwuth der Alten mißbillige und freute sich heimlich, daß das Gift, was sie bereitet, se trefflich gewirkt hatte. »Davon spricht man nicht gern,« entgegnete der züchtige Fürstensohn; »fragen Sie sie nur selbst; die Prinzessin scheint – etwas viel Temperament zu haben, ist bei dergleichen Verirrungen das Herz mit im Spiele – und das soll hier der Fall seyn, – so steht die Sache noch schlimmer; die Liebe soll blind machen, und die gute Prinzessin muß ganz erblindet seyn, denn sie hat die große, hohe Stufe übersehen, die sie herabgesprungen ist, um einen Herrn Jemand mit ihrem Wohlwollen zu beglücken, der keinen andern Werth haben soll, als den ihm sein Regimentsschneider verliehen. Dieß Mißverhältniß ist so offenkundig geworden, daß wie mir erst gestern noch die Mohrenhoven erzählte, der heimlich Beglückte in ein entferntes Gränzregiment hat versetzt werden müssen, und nun soll ich die Trauernde um ihren Verlust trösten? Nein, beste Zagern , wenn ich dereinst einmal ein Herz besitzen soll, so will ich es aus der ersten Hand der Liebe haben und nicht aus der zweiten; ein Mädchen, das früher schon einmal geliebt hat, kann, sollte ich meinen, den zweien nie mit der Klarheit, mit der Hingebung, mit der Treue lieben, als den ersten. Es wird immer zwischen Beiden im Geheimen Vergleiche anstellen, und – der Mensch bleibt ja auch in der Liebe Mensch – immer den höher stellen, den es nicht besitzen kann, selbst wenn der, dem es zu Theil geworden, besser seyn sollte, als der, auf dessen Besitz es hat verzichten müssen, was übrigens im vorliegenden Falle noch unentschieden ist, da ich meinen Herrn Vorgänger zu kennen nicht das Glück habe, und überhaupt, ich denke jetzt noch gar nicht an das Heirathen; unter drei, vier Jahren wünsche ich von all dergleichen Vorschlägen gar nichts zu hören, am wenigsten würde ich mich entschließen können, auf ein Porträt hin zu heirathen. Könnte ich, wie ich wollte, so reiste ich dann in der Welt umher, aber ganz incognito, sähe mir Europas Fürstentöchter der Reihe nach an, suchte mich unter irgend einem angenommenen Grafentitel ihnen zu nähern, und wählte dann selbst nach meinem Gefühl und nach meinem Herzen – aber – können wir armen, von Manchem, dem unsere Verhältnisse fremd sind, oft mit Unrecht beneideten Menschen denn das? Wir sind noch nicht zum Thore hinaus, so weiß die ganze Welt, daß wir gereist sind, wohin, und unter welchem Namen wir gereist sind; man legt unserer Reise hundert Zwecke unter, einen immer alberner als den andern, und man weiß am Ende mehr von uns, als wir selbst. Das alles trat mir heute recht deutlich vor die Seele, als unser glücklicher Jägerhauptmann mit dem niedlichen Enkelkinde den alten Großvater um seinen Segen bat; beide haben sich durch eine freie Wahl gefunden, keine Nebenrücksicht, nichts, als die Liebe selbst, hat die seligen Menschen zusammengeführt – wahrhaftig, ich kam mir vor, als stände ich am Gitterthor des Paradieses, das mir nie geöffnet werden würde, da das niedliche Mädchen im Rausche der süßester Empfindung den Geliebten bräutlich umschlang!« – »Ja,« versetzte Frau v.  Zagern , und benutzte das Terrain, das ihr der Prinz blos gegeben, um ihre zweite Batterie schnell aufzufahren, »ja, das muß man dem Mädchen lassen, es ist ein allerliebstes Kind; aber finden Sie nicht auch, daß die Kleine recht viel Aehnlichkeit mit der Roselli hat? nur ist die Roselli – das Bräutchen hört es ja nicht, – noch hübscher und interessanter; aber in der Zartheit der Figur, in der Grazie der Bewegungen, in der stolzen Haltung, und selbst in den Hauptzügen des Gesichtes, ist zwischen Beiden wirklich recht viel Gleiches, auch Andere wollen das finden.« Hatte es denn die Frau heute darauf abgesehen, den Prinzen einmal über das andere aus der Fassung zu bringen! Die schöne Roselli – die junge Männerwelt der ganzen Residenz huldigte dem Neapolitanischen Grazienkinde, aber es war auch ein so liebreizendes Wesen, daß selbst der Älteste und Kälteste bei ihrem Anblick nicht ungerührt blieb; ein Körper, als hätte Praxiteles seine ganze Kunst in diesem Prachtwerk erschöpft; eine Fülle, eine Üppigkeit so schön, so verführerisch, als wäre dieses Ideal unmittelbar aus der Phantasie des Cephißodorus hervorgegangen, und das Schelmengrübchen in der Wange erinnerte an die Kunstfertigkeit ihres Landsmanns Bernini, dessen Meisel bekanntlich in dieser Parthie unter allen Bildhauern seiner Zeit unerreichbar blieb; aber was alle jene Meister geliefert, war immer nur kalter Marmor – hier dieses brennende große Auge, diese Rosengluth auf der zarten Lilienwange, dieser unaussprechliche Zauber im Lächeln des kleinen Mundes, dieser Perlenschmelz der blendend weißen Zähne, dieses himmlische Schmachten im verlangenden Blick – das Bild des schönen neapolitanischen Mädchens stand in diesem Augenblicke im Strahlenglanze seiner ganzen Glorie vor der Seele des hochaufgeregten Prinzen; es war, als hätte er sich lange gewehrt, sich selbst die Gewalt zu gestehen, mit der er zu dem holden, anmuthigen Wesen unwiderstehlich hingezogen werde. Es kostete ihm die angestrengteste Mühe, die schlaue Hausmarschallin das Entzücken nicht merken zu lassen, das ihn überströmte, als er aus ihrem Munde das Lob des liebenswürdigen Mädchens hörte, und ihre leicht hingeworfene Frage, ob er nicht heute Abend auch zu Oberstallmeisters in den Garten hinauskommen werde, wo die Roselli versprochen habe, Einiges aus der Olympia zu singen, bestimmte ihn zu der Lüge, daß er sich ohnehin vorgenommen, bei Oberstallmeisters heute noch ein wenig vorzusprechen, denn eigentlich hatte er sich bei dem Kriegsminister schon halb und halb versagt; aber was sollte er bei dem alten Manne in den stillen finstern Gemächern, da ihn der Sommerabend und etwas anderes noch mit magischer Gewalt hinaus in die reizende Villa des Oberstallmeisters zog. Frau v. Zagern sprach jetzt ein Mehreres über die Privatverhältnisse des Mädchens. Es sollte seit Kurzem von mehreren jungen reichen Männern der Residenz, die als Wüstlinge bekannt waren, entehrende Anträge bekommen haben, die es mit edlem Stolze ausgeschlagen hatte; sie klagte über die Lage eines solchen sich selbst überlassenen, allein stehenden Wesens; sie äußerte die Besorgniß, daß das Mädchen über kurz oder lang doch einmal in die Schlingen gerathen werde, die ihm von der Schlechtigkeit der heutigen jungen Männerwelt mit der raffinirtesten Bosheit gelegt würden, beschwerte sich über den Generalintendanten, der aus falsch verstandener Sorge für seine Theater-Casse der Roselli das nicht gebe, was ihrem Talente gebühre, was dem armen Mädchen den Schritt, zu dem es durch Versprechungen auf Reichthum und Wohlleben täglich verlockt werde, am Ende nun erleichtern würde, und fand das einzige Mittel, das schuldlose Geschöpf vor dem unvermeidlichen Verderben zu retten, darin, daß man suche, dem Mädchen, sobald als möglich eine schickliche Parthie zu verschaffen, wozu sich indessen im Augenblicke keine günstige Gelegenheit zeige, oder – sie stockte absichtlich, und der Prinz mit dem Seelenheil der armen Roselli auf das lebhafteste beschäftigt, fragte rasch »oder?« »Ja,« sagte Frau v. Zagern mit verstelltem Antheil an der Lage des bedauernswerthen Kindes, und zuckte die weißgeschminkten Achseln, anderer Orten gibt es wohl Personen von Einfluß, welche sich eines solchen liebenswerthen Mädchens mit Nachdruck annehmen, die, ohne sich und ihrer Ehre im Mindesten etwas zu vergeben, ein engeres Verhältniß mit ihm anknüpfen und dadurch alle Andere von der zudringlichen, unverschämten Klasse entfernt halten, allein hier wüßte ich in der Art nicht Einen, und ich sehe das Kind, das – die verläumderische Stadt mag sagen was sie will – mit seltener Strenge sich bis jetzt auf den Pfad der Tugend erhalten hat, für verloren an. Lassen sie nur erst den Winter kommen, dann kehrt alles, was sich zu unserm reichen Adel zählt, wieder in die Residenz zurück, und sieht z. B. unser guter Graf Rhog , oder der allbekannte Herr Kammerherr v.  Leegen das Mädchen, so werden diese ihre goldenen Netze schon aufzustellen wissen, daß ihnen der Fang nicht entgehen kann.« Das Gespräch ward hier von einigen, die aus der Gesellschaft hinzutraten, unterbrochen und Hausmarschalls entfernten sich, um zu Oberstallmeisters zu fahren. Der Prinz ward über eine Stunde noch festgehalten; brach er auf, so ging der ganze Kreis auseinander, und der fröhliche Jubelgreis suchte seine Gäste so lange als möglich um sich versammelt zu behalten. Das aus Lüge und Bosheit mit besonnener Raffinerie zusammengerührte Mittelchen der Frau v.  Zagern wirkte trefflich. Ewald stand auf Kohlen, er dachte an nichts, als an die bedrängte Lage der armen Roselli; er war so zerstreut, daß er auf mehrere Anreden, die an ihn von dem und jenem gerichtet wurden, keine Sylbe antwortete, denn er hatte sie gar nicht gehört, und manche der Höflinge zogen sich, von diesem unerwarteten Zeichen der Ungnade tief erschüttert zurück, und ihr Inneres krampfte in einander, denn die Umstehenden, unter denen der und jener ihnen im Geheimen nicht wohlwollte, hatten gelächelt, als der Prinz ihr unberufenes Herandrängen und Wedeln unbeachtet gelassen, und sie nicht einmal einer Antwort gewürdigt hatte. Im Fensterbogen des einen Zimmers stand der General-Intendant. Bei der raschen Lebendigkeit, mit welcher der junge Prinz gewöhnlich handelte, hätte er den Mann am liebsten vor der Brust gepackt, und ihn gefragt, wie er die Unschuld und die Tugend des Mädchens so auf die Spitze stellen und diesem so wenig geben könne, daß es am Ende aus Mangel, aus Hunger sich dem Laster in die Arme werfen müsse. Aber das ging ja nicht. Er zügelte den glühenden Unwillen, der ihm in der Brust kochte, fing von gleichgültigen, das Theater betreffenden Dingen zu sprechen an, ging dann auf die Oper über, wendete, um dahin zu kommen, wohin er eigentlich wollte, vor, gehört zu haben, daß die – er setzte zweimal an, ehe er den Namen herausbrachte, daß die Roselli den Plan habe, sich bei einem andern Theater zu engagiren, und fragte, ob die Sage gegründet sey. Allein auf diesem verdeckten Wege kam er nicht zu seinem Zwecke, denn der General-Intendant erwies den Ungrund dieses Gerüchts mit dem Umstande, daß Signora Roselli durch ihren Kontract noch zwei Jahre gebunden sey, und daher jetzt vor ihrem Abgange keine Rede seyn könne. »Sie soll aber,« fuhr der Prinz fort, »mit ihrer Lage durchaus unzufrieden seyn, und daher dringend wünschen, sie zu verändern; ihre Gage, hat sie hie und da geäußert, sey zu spärlich abgemessen, so daß sie bei andern Bühnen auf das Doppelte rechnen könne.« Die letzten Worte sprach der Prinz viel leiser und unvernehmlicher, als die ersteren, denn der General-Intendant, ein schlauer alter Herr, sah ihn an, als wundere er sich, aus diesem Munde eine Art von Verwendung um Zulage für die junge und sehr hübsche Signora Roselli zu hören; der Prinz fühlte, wie ihm der listige Blick des Spähers auf die Wangen brennte, er wendete sich gegen die Scheiben und spielte, ohne den Theatertyrannen weiter ansehen zu können, mit dem Fensterwirbel. »Die Sänger,« begann der Intendant lächelnd, »die Sänger, mein Prinz, die Schäfer, die Müller und die Feldmarschalls nach glücklichem Feldzuge, – die gehören, was die Unersättlichkeit anbelangt, alle in eine Klasse. Kein Müller hat Wasser genug, keinem Schäfer ist das ihm verabreichte Heu gut genug, keinem Feldmarschall sind seine Staatsdotationen groß und einträglich genug, und kein Sänger und absonderlich keine Sängerin, vornehmlich wenn sie überdieß so hübsch ist, als unsere Roselli, finden ihre Gage ihrer Verdienstlichkeit angemessen. Die Roselli hat ein Einkommen, wie hier kein Geheimer Hofrath hat, und das mit Recht, denn sterben heute zehn Geheime Hofräthe, so sind morgen zehn andere da, die deren Dienst eben so gut versehen; geht aber ein Mädchen wie die Roselli ab, so dürfte ihr Platz schwerlich wieder sobald zu ersetzen seyn, und darum –« »Und eben darum,« fiel ihm der Prinz, dem diese Aeußerung des General-Intendanten recht vernünftig vorkam, beifällig in das Wort. »Und eben darum,« fuhr der alte Herr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, »bekommt sie auch was die Casse zu geben nur irgend vermag. Beschwert sich Signora, daß das, was sie erhält, für ihr Talent und ihre Leistungen zu wenig sey, so handelt sie unklug und unbillig, unklug, denn sie hat gewußt, was sie hier zu erwarten hatte; sie hat darauf ihren Kontract abgeschlossen: war die Summe zu gering, so zwang sie kein Mensch den Kontract einzugehen; glauben Ew. Durchlaucht nur, so eine pfiffige Italienerin nimmt hier nicht eine Stelle an, bei der sie einen Kreuzer weniger Einnahme hat, als an einem andern Orte, wenn sie einen andern Ort weiß, wo sie mehr bekommt, unbillig aber, denn sie kennt recht gut die Gehalte der Uebrigen beim Theater und muß die Ueberzeugung haben, daß deren und ihre Leistungen, mit ihrem Einkommen im möglichsten Verhältnisse stehen. Ein Mehreres kann die Casse nicht geben, und um der Signora Roselli halber, auf außerordentliche Zuschüsse anzutragen, würde ich mit gutem Gewissen nicht über das Herz bringen können.« Der Prinz wendete sich verdrießlich von ihm. Der Mann widerte ihn mit seinen hartherzigen Ansichten wie assa foetida an; verstimmt warf er sich in den Wagen und befahl dem Hoflackey kaum vernehmlich, »zu Oberstallmeisters.« Heimweh. Der alte Isegrimm mochte – das fühlte der Prinz jetzt bei ruhigerer Prüfung – im Ganzen wohl Recht haben, aber damit war die arme Roselli nicht vom Verderben gerettet. Die Hausmarschallin hatte von Personen von Einfluß gesprochen, die sich des Mädchens mit Nachdruck annehmen sollten; er glaubte nicht ohne allen Einfluß zu seyn, er hatte hier mit Nachdruck gesprochen, was hatte es ihm denn geholfen, was der Roselli? – nichts, gar nichts, im Gegentheil, er hatte ihr offenbar geschadet. Nur um das Gespräch auf sie zu bringen, hatte er ihr den Plan, vom Theater abzugehen, angedichtet, und mit dieser Nothlüge abgeblitzt, hatte er, um das Gespräch über sie fortzuführen, und sich in dessen Laufe für sie verwenden zu können, einen zweiten Vorwand darauf gesetzt und gesagt, daß die Kleine über ihr beschränktes Einkommen sich beschwert; natürlich mußte der General-Intendant darüber empfindlich werden; natürlich mußte sie dadurch bei ihm verlieren; natürlich rächte er sich an ihr auf tausenderlei Art, wozu sich ihm täglich Gelegenheit darboten; natürlich machte dieß die Lage, die Verhältnisse des armen Kindes noch drückender, noch schwieriger – und an allen diesen »Natürlich's« und deren unabsehbaren Folgen, war er und nur er allein mit seinem ganz am falschen Orte angebrachten Nachdrucke Schuld. Er saß, auf sich selbst böse und verdrießlich, im Wagen und schimpfte, im einmal aufgeregten Unmuth vor sich selbst, auf die bodenlose Schlechtigkeit der ganzen Welt. Was hatten die Leute nicht alles über Frau v.  Zagern gesprochen! Hauptmann Wülfingerode von der Grenadiergarde – das sollte ihr beglückter Liebhaber seyn: scharfe Zungen, an denen es in keiner Residenz fehlt, behaupteten ungescheut, daß der Forstmeister von Stöckey, dessen eben so beglückter Vorgänger gewesen, daß dieser früher den Regierungs-Assessor Puhstleben abgelöst habe und daß man in aufsteigender Linie so zurückgehen könne, bis zu den frühesten Jugendjahren der verschrienen Frau. Frivol konnte sie allenfalls seyn, daß mochte er sich nicht in Abrede stellen; hatte sie doch einmal in seiner Gegenwart das Geheimniß von den wattirten Waden in den seidenen Strümpfen ihres Mannes, einem nicht kleinen Damenkreise selbst verrathen, und die muthwilligste der Hofdamen verleitet, einen ganzen Brief Stecknadeln dem ehelichen Hausmarschall unbemerkt in die Watte zu appliciren, – allein schlecht war sie darum gewiß nicht; wie hoch in Ehren mußte nicht bei ihr Tugend und jungfräuliche Sittlichkeit stehen, da sie um die Unschuld der armen Roselli, mit so großer Theilnahme bekümmert war – und was die böse, die abscheuliche Welt von dieser sich unter der Hand alles erzählt hatte, das war, wie sich ja aus dem Zeugnisse der Marschallin, aus dem Zeugnisse einer Frau ergab, die, wenn es auf die Unbescholtenheit anderer Frauenzimmer ankam, nicht immer für die behutsamste und schonendste gelten konnte, hier augenscheinlich ergab, offenbar nichts, als die Erfindung der abgefeimtesten Bosheit. Erst sollte der Konzertmeister zu ihren Füßen gelegen haben, dann wollten sie von dem jungen Millionär, dem jüdischen Bankier Zachäus wissen, daß – Eben langte der Prinz am Garten, der zur Villa des Oberstallmeisters gehörte, an; die kleine Nebenthüre am äußersten Ende des Parks stand offen; er stieg hier aus, und trat fast auf den Zehen in die stillen entlegenen Parthieen des schattenreichen Gartens. Er war sich über seine sonderbare Heimlichkeit selbst nicht recht klar. Er machte sich weiß, daß die Roselli drinnen im Konzertsaale vielleicht schon singen könnte und daß er sie dann ungesehen belauschen wolle; hätte er aber recht ehrlich seyn wollen, so hätte er sich bekennen müssen, daß er sich die Möglichkeit dachte, die kleine Neapolitanerin könne den köstlichen Abend haben genießen wollen, sey ein wenig allein in den Park gegangen, und begegne ihm in den dunkelsten Laubengängen der reizenden Anlagen. War es die Gluth des Weins, den er an der Prachttafel des gastlichen Jubilars bei den vielen Toasts hatte trinken müssen, oder war es der Feuerfunken, den die verschmitzte Hausmarschallin ihm mit ihrer verführerischen Schilderung von der Anmuth der lieblichen Roselli, in das jugendliche Pulverfaß, Herz genannt, geworfen hatte, oder war es die Freude über den ihm auf dem Herwege zum festen Vorsatze gewordenen Entschlusse, sich der Schutzlosen mit dem empfohlenen Nachdruck anzunehmen, er wußte es selbst nicht, was ihn so gewaltsam bewegte und in ihm eine nie gekannte Sehnsucht anfachte, so daß er jeden frischen, duftigen Strauch hätte mit beiden Armen umfangen und ihn in das neapolitanische Grazienkind verwandeln mögen. Die Sonne sank in ein Meer von flammendem Abendgold, die bunten Sänger in den Wipfeln schwiegen und Millionen Blumen erschlossen ihre würzigen Kelche den lauen Abendlüftchen, die sie schäkernd umspielten; »warum ist sie nicht hier!« lispelte er, sich in schmerzlich süßes Wehe auflösend, und legte beide Hände auf die gepreßte Brust und fühlte, daß er etwas vermisse, was er bis diesen Augenblick noch nicht gekannt und was ihm kein Gold und kein Rang gewähren konnte. In banger Unruhe, das Mädchen nirgends zu finden, und in der Richtung nach dem Schlosse zu, trat er aus dem Gebüsche auf einen freien Rasenplatz, und das Mädchen lag auf der grünen Sammtmatte und kos'te mit dem jüngsten Kinde vom Hause, einem lebendigen Amor; die tändelnden Abendlüftchen hatten sich von den Blumenkelchen gewendet und waren herbeigeflogen, und scherzten mit den flatternden Bändern an dem leichten Gewande des holden Mädchens; der kleine wilde Knabe half ihnen durch sein muthwilliges Spiel so, daß die Züchtige unter tausend Lachen und Schäkern mit beiden Händen zu wehren hatte, um den lauschenden Hypnos, dem Gotte des Schlafs, der drüben in Westen die mit Gold und Purpur umsäumten Wolkenkissen zu seinem Nachtlager auf einander thürmte, die Ueberschwenglichkeit ihrer Reize nicht Preis zu geben. Jetzt kam gar der Prinz. Battista erschrak und wollte fliehen, um die von Oberstallmeisters unbändigen Amor zerzaußten Locken und Schleifen wenigstens in Ordnung zu bringen, aber Ewald eilte herbei, schalt im Scherz den kleinen Wildfang über den Unfug aus, den er angerichtet hatte, und nannte sich das Hülfscorps, das herbeigeeilt sey, um den übermüthigen Feind bezwingen zu helfen; er streckte nun den lustigen Jungen in das Gras und nahm ihm unter tausend Scherz und Lachen die Küße wieder ab, die dieser vorhin in der Spiegelbataille von Battistas Rosenlippen, vor seinen Augen erhalten hatte; nachdem endlich der Uebelthäter redlich abgestraft war, erhoben sich alle Dreie vom Rasenplatze und wollten nach dem Schlosse zu; Ewald aber bog bald in einen schmälern Seitengang, der sich durch ein blühendes Jasmin-Bosket schlängelte; Battista folgte; des Oberpferdebändigers Sprößling aber, der aus dem Gefechte einen wüthenden Hunger mit zurückgebracht zu haben behauptete, eilte zu der ihm befreundeten Ausgeberin. Ja, die Zagern hatte Recht, einige Aehnlichkeit hatte die schöne Battiste mit des heutigen Jubilars bräutlichen Enkelin; aber diese hier zog den leidenschaftlich aufgeregten Ewald tausendmal mehr an; ihre Gestalt war edler, ihre Haltung gracieuser; in ihrer Stimme, in ihren Bewegungen, in ihrem ganzen Wesen lag eine Anmuth, die je mehr gewann, je länger er mit ihr sprach; das Gluthfeuer des Abendhimmels spiegelte sich in ihrem brennenden schwarzen Auge wieder, und der bezaubernde Blick dieses sanft schmachtenden Auges, der mitten im Gespräch zuweilen auf ihn fiel, brachte ihn so außer Fassung, daß er in stiller Verzückung vermeinte, die Brust sey ihm für sein Herz zu enge geworden. Auch Battista schien von der Stille des heraufdämmernden Sommerabends, oder von der Nähe des liebenswürdigen Prinzen, oder von irgend etwas andern, sonderbar bewegt zu seyn; von dem lautesten Scherze vorhin auf der Matte ging ihre Unterhaltung bald über zu ernstern Gegenständen, und als der Prinz in der Erinnerung an das, was ihm Frau v.  Zagern von Battistas Stellung gesagt, sie fragte, wie es ihr jetzt hier gefalle und ob sie mit ihrer Lage zufrieden wäre, drängte sie einen leichten Seufzer zurück, und erwiederte ein kurzes »man muß wohl!« Sie entschuldigte, als der Prinz besorglich und fragweise ihr banges »man muß wohl« wiederhohlte, ihre Mißstimmung mit einem sie oft anwandelnden ganz eigenen Gefühl von Beklommenheit, daß sie für Heimweh halte, und was vielleicht mit der Zeit vorüber gehen werde, und wollte auf einen andern Gegenstand überspringen, allein Ewalds Theilnahme war durch diese halb leise hingeworfenen drei Worte so rege geworden, daß er die Gelegenheit ergriff und sie bat, sich, wenn sie irgend Wünsche habe, ihre Verhältnisse hier zu verbessern, mit Vertrauen an ihn zu wenden; bis dahin hatte er den Prinzen noch so ziemlich festgehalten, als er aber in diesem Augenblicke im Feuer seiner Zusicherungen Battistas an seiner Seite herabhängende Hand ergriff, und diese zur Bekräftigung seiner Trostzusprüche, seiner selbst vielleicht unbewußt, drückte, und die Dankbare ihm ihre Verpflichtungen für seine Huld durch einen sanften Gegendruck verlautbarte, da trat der Prinz von der Bühne, und Ewald, der feurige, in der ersten Liebe erglühende Jüngling nahm seinen Platz ein. »Es könnte,« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort und schlug die Augen nieder, denn er fürchtete, der sittlich strengen Battista das, was er ihr sagen wollte, nicht zart genug zu geben, und wünschte doch von ihr verstanden zu werden, »es könnte bestimmt Manches geschehen, um Ihre Zufriedenheit mehr zu begründen, nur – Sie wissen, wie dergleichen Bemühungen gleich bekannt, und so schuldlos sie auch seyn mögen, leicht gemißdeutet werden. Wenn indessen dem, der seine Theilnahme gern werkthätig bezeigen will, der aber in seiner Lage auch mancherlei Rücksichten zu nehmen hat, darüber die beruhigende Gewißheit gegeben werden kann, daß auch kein einziger Mensch in der Welt davon erfahre, so –« Battista bog, ohne ihn ausreden zu lassen, vom Wege ab zu der großen Leäna hinüber, die in dem Lindenrondel lag, an dem sie eben vorbeigingen, legte die kleine blendend weiße Hand auf das kolossale Thier von braungelber Bronze, und fragte mit sinnigem Lächeln: »Sie kennen doch, Durchlaucht, die Geschichte dieser ehernen Löwin? Hipparch, Athens Beherrscher, erfuhr, daß eine Verschwörung gegen ihn im Werke sey, an deren Spitze zwei junge Griechen, Harmodius und Aristogiton stehen sollten; er konnte vermuthen, daß Leäna, die Geliebte des Einen, um den Plan wisse; er ließ sie einziehen und foltern, foltern bis zum Tode; sie wußte um die Verschwörung, aber sie starb unter den martervollsten Qualen, und mit heldenmüthiger Standhaftigkeit bewahrte sie ihr Geheimniß bis zum letzten Athemzuge der zerquälten Brust; darum stellte sie Iphikrates der Bildner, als Löwin ohne Zunge dar, und hat damit, so lange die Welt steht, beurkundet, in welchem Grade auf Frauen zu rechnen, wenn es auf Bewahrung eines Geheimnisses ankommt. »Erlauben Ew. Durchlaucht,« setzte sie mit einem Blick auf den Prinzen, der sich unterdessen auf dem Piedestal der verschwiegenen Löwin niedergelassen, hinzu, »Sie werden Ihre Tuchnadel verlieren.« Ewald griff schnell darnach, aber er konnte damit nicht fertig werden, Battista bot ihre Dienste an, aber das war eine gefährliche Hülfe; ihre zehn kleinen Rosenfinger kribbelten ihm dicht unter dem Kinne, er sah von unten herauf in die Sonnenglut ihres Feuerauges, das sich aber, wenn es ihm begegnete, mit jungfräulicher Schüchternheit von ihm abwendete, und sich auf die verwünschte Nadel richtete, die immer noch nicht fest halten wollte; das Grübchen ihrer Wange – er hätte den Scherz, der in dieser Purpurtiefe lächelte auffangen mögen; der frische Lebensathem dieses würzigen Mundes – das Wogen des Alpenschnees unter dem herabflatternden Florshawls – die verschwiegene Löwin im Rücken – er umschlang das schöne Mädchen, um in seinem Leben den ersten Kuß auf die ihm entgegenschwellenden Lippen zu drücken – »Da haben wir die Bescheerung,« rief lächelnd Battista, und that, als bemerke sie den Sturm nicht, der in Ewalds erglühenden Brust emporraste, »da habe ich so lange gedreht und gebogen, bis das Unglück geschehen ist,« mit diesen Worten reichte sie den großen Solitair ihm in der hohlen Hand hin, dessen Einfassung von der goldenen Nadel abgegangen war, und der in dem schwanenweißen Händchen der niedlichen Battista einen eigenen Lüstre bekam; die letzten Strahlen der scheidenden Abendsonne funkelten im blitzenden Steine wider, und Battista ergötzte sich an dem Farbenspiel des köstlichen Brillanten mit lautem Entzücken. »Wenn Ihnen der Stein solche Freude macht,« hob der Prinz an, »so verdoppeln Sie die meinige, liebe Roselli, und behalten Sie ihn zum Andenken.« »Durchlaucht!« erwiederte Battista betroffen, und that, als brenne ihr der Stein in der Hand, »wie sollte ich wagen, von ihrer Gnade ein Geschenk von solch hohem Werthe –« »Um Gotteswillen hier nichts von Gnade,« flehte Ewald, und sah der überraschten Battista bittend in die schmachtenden Augen, »wie locker saß der Stein! wie leicht hätte ich ihn hier verlieren können! Ich habe ihn verloren und daß er sich nicht wieder gefunden, dafür bürgt mir hier meine Schutzheilige, unsere Leäna.« »Mein Prinz,« flüsterte Battista in lieblicher Verwirrung und zog seine Hand an ihr dankerfülltes Herz; Ewald aber schlang trunken von der Seligkeit dieses Augenblicks seine Rechte um das Mädchen und bat, vor Befangenheit kaum hörbar, um den vorhin verunglückten Kuß; Battista sträubte sich zwar gegen die Gewährung der bescheidenen Bitte mit jungfräulicher Keuschheit, die ihre Reize in Ewalds Augen nur noch vertausendfachte, aber der Solitair, der seine tausend Louisd'ors unter Brüdern werth war, wog ihre kleinen Bedenklichkeiten am Ende auf, sie sah sich schüchtern um, ob sie keiner bemerke, breitete mit unaussprechlicher Anmuth die Schwanenarme, und – bon soir »guten Abend,« rief es aus dem dunkeln Gebüsch herüber, und Ewald und Battista prallten auseinander, als hätte der Blitz zwischen ihnen eingeschlagen. »Sieh da,« sprach Frau v.  Zagern mit einem Blicke, den nur der ganz hätte verstehen können, der es wußte, daß sie es war, die der Roselli erst heute Abend erzählt hatte, welche glänzende Eroberung sie an dem Prinzen gemacht; daß sie es war, die gesprächsweise der feinen Italienerin zu verstehen gegeben, daß der Prinz heute Abend noch herauskommen und sich gewiß sehr freuen werde, sie hier zu finden; daß sie es war, die von Ewalds blöder Befangenheit gesprochen, die, wenn er einmal lieben sollte, durchaus nur von einem Mädchen beseitigt werden könne, das er noch für ganz unschuldig halte und das ihm züchtig aber freundlich entgegen komme, und daß sie es war, die, um die Ausführung des beabsichtigten christlichen Werks zu beeiligen, der spekulativen Roselli mit der aus der Luft gegriffenen Aeußerung die Spornen gab, daß, wie es scheine, die Solotänzerin, Demoiselle Caroso ein ganz gewaltiges Auge auf den Prinzen habe und nur die Gelegenheit abwarte, diesen blanken Dorata , wie sie ihn gewöhnlich nenne, sich zu fangen. »Sieh da, alles wartet im Saale auf unsere kleine Battista, und unterdessen lustwandeln wir hier recht gemüthlich und erholen uns vom schwülen Tage hier in der erfrischenden Kühle der dunkelsten Schattenparthie des ganzen Parks – Guten Abend, Prinz« setzte sie ungebundener als jemals hinzu, denn sie hatte ihn jetzt in ihren Händen, »das Jubelfest scheint Sie recht echauffirt zu haben. Es war bei Tische doch aber auch eine Hitze zum Ersticken; für solch einen erquickenden Abend hier im Freien,« schloß sie bedeutend lächelnd und überstreifte Ewald und Battista mit einem vertraulichen Spottblick, »gebe ich gern zehn heutige Diners hin. Sind Sie nicht auch der Meinung, liebster Prinz?« Das Extrablatt. Ewald war wie vernichtet, denn aus demselben Gebüsch, aus dem die Hausmarschallin getreten war, watschelte jetzt auch die alte Lärmkanone die Frau v.  Broich heran; hatte die Battista in seinen Armen gesehen, so wußte es morgen früh die ganze Stadt, denn was der neukreirten Schutzpatronin, der ehernen Leäna fehlte, hatte diese allgefürchtete Stadtglocke, die man in der ganzen Residenz nur das Extrablatt hieß, doppelt und dreifach. Prinz Ewald kam sich in diesem entsetzlichen Augenblicke leibhaftig vor wie Adam in seiner Bilderbibel, als dieser vom verbotenen Baume des Erkenntnisses gegessen; wie dieser auf Eva, so wollte er im Stillen die ganze Schuld auf Battista schieben; wie diesem das Paradies, so kam auch ihm Oberstallmeisters Park nicht halb so hübsch mehr vor als ehedem; wie dieser von da an den düstern Blick verzagend in die wüste Zukunft warf, so sah auch er nach seiner mädchenhaften Ansicht, einmal herausgetreten aus dem Stande der Unschuld, nichts als eine Reihe von Mühen und verdrießlichen Scenen vor sich, und wie dieser verurtheilt ward, fortan im Schweiße seines Angesichts zu arbeiten, so traten auch ihm schon die hellen Schweißperlen der allerabscheulichsten Verlegenheit auf die feuerbedeckte Stirn. Der Schuldbewußte konnte kein Auge aufschlagen, und bewunderte im Stillen die Fassung, mit der Battista die alte Broich begrüßte, und höchst unbefangen, als sey gar nichts vorgefallen, italienisch mit ihr zu plappern anfing. Meisterin in der Kunst, ihren einmal errungenen Vortheil zu verfolgen, hing sich, indem sie alle Viere jetzt nach den Schlosse zu gingen und Battista mit der dicken Broich weit zurückblieb, die schlaue Frau v.  Zagern an des Prinzen Arm und demolirte das schwache Schanzwerk seiner Hoffnung, daß ihn die Löwin vielleicht gedeckt, und die Hausmarschallin deßhalb nicht alles gesehen habe, mit der, unter traulichem Lächeln ihm zugelispelten Versicherung, daß die Gruppe sich ganz allerliebst ausgenommen habe; »als hätte ich Amor und Psyche gesehen,« sagte sie beifällig, »so zart, so entgegenkommend, so ansprechend machte sich das Bild, und das lauschige Helldunkel der stillen Abenddämmerung gab dem ganzen eine wundervolle Beleuchtung; das Licht fiel von oben herab aus dem matten Schimmer der hohen Lindenwipfel, deren äußerste Spitzen noch alle von dem Abendrothe magisch vergoldet waren; ich hätte noch stundenlang zugesehen, und gewiß nicht gestört, ich weiß ja wohl aus eigener Erfahrung, wie unwillkommen in solchen Augenblicken jeder Dritte ist, aber die alte Broich konnte ja den Mund nicht halten; fängt die gleich ihr bon soir zu kreischen an, daß alle Vögel oben in den Nestern aufgescheucht durch einander flogen, als hätten sie eine Eule gehört. – Ueber Battista aber,« fuhr sie mit verstelltem Unwillen fort, »kann ich mich ordentlich ärgern; wochenlang habe ich an dem Mädchen gepredigt, und es himmelhoch gebeten, ihrer thörigten Leidenschaft ruhige Vernunft entgegenzusetzen, auf Ihre und eigene Verhältnisse die nöthige Rücksicht zu nehmen und jede Gelegenheit, sich Ihnen zu nähern, möglichst zu vermeiden, aber solch neapolitanisches Blut ist wahrhaftig, als hätte es der Vesuv selbst gekocht; ich kann nicht, rief sie neulich, als ich ihr über dieß gefährliche Kapitel wieder einen sehr strengen Text las, und rang die Hände, ich kann nicht, oder ich gehe zu Grunde; ich weiß, daß es eine Raserei ist, ihn zu lieben, aber er hat ja keine Ahnung davon, und er soll auch die unermeßliche Liebe nie erfahren, die in diesem Busen glüht; es ist meine Erste und es soll und wird meine Letzte seyn.« Beide standen jetzt an der Thüre des Gartensaales, in dem sich größere Gesellschaft befand, die auf Battistas Rückkunft aus dem Parke wartete, denn sie hatte zu singen versprochen. In diesen Kreis jetzt zu treten wäre dem Prinzen um keinen Preis möglich gewesen. Der selige Augenblick vorhin, der Schreck der Ueberraschung, die Angst vor der Plaudersucht der alten Frau v.  Broich , das neue trauliche Verhältniß mit der Hausmarschallin, die er auf einmal von einer ganz andern Seite kennen lernte, als er sie sich früher gedacht hatte, und die von der überschlauen Frau fein zusammengewobene Lüge von dem Ausbruch der allerersten und nicht länger mehr zu gewältigenden Liebe in Battistas Brust, und die Schnelle der wenigen Minuten, in denen dieß alles auf einander gefolgt war, – nein, nur jetzt in keine Gesellschaft; die Hausmarschallin, die gar zu gern gesehen hätte, daß der Prinz geblieben wäre, schien zu merken, daß er fort wolle, und um dieß zu verhindern, beschleunigte sie jetzt ihre Schritte nach der Saalthüre, damit ihn die Frau vom Hause in das Gesicht bekommen und ihn mit ihr vereint bitten sollte, zu bleiben; sie hatte schon die Klinke der Thüre in der Hand, aber der Prinz, von der peinlichsten Befangenheit gefoltert, nahm hier schnell Abschied. »Recht Schade,« fabelte die Hausmarschallin, »daß Sie nicht bleiben können; ich hatte auf ein Plätzchen in Ihrem Wagen beim Nachhausefahren gerechnet. Die Roselli hatte wieder auf mich gebaut – folglich hätten Sie heute Abend schon uns Beide mitnehmen müssen – nun – die Oberstallmeisterin wird uns ja wohl mit einem ihrer Wägen aushelfen können, falls wir uns nicht bei einem oder dem andern der Gäste einflicken;« mit den Worten öffnete sie bereits die Thüre, aber der Prinz sprach blos ein kurzes Bedauern über die Unmöglichkeit, dießmal nicht dienen zu können, aus, drückte sich noch in der Geschwindigkeit die Bitte ab, mit Battista über die Sache nicht in gewöhnlicher Strenge zu sprechen und vor allem der alten Broich auf eine feine Weise den Mund zu verbieten, und eilte, ohne sich umzusehen, durch einer Seitenweg zu seinem Wagen. »Nach Hause – langsam,« befahl er dem Bedienten, der ihn in den Schwimmer hob, schmiegte sich in den Winkel der schaukelnden Wiege, und drückte mit der Linken die Augen fest zu, um seine Paradies-Scene noch einmal, noch zehnmal in der Erinnerung zu durchleben. Er haderte mit dem Zufalle, daß dieser gerade im interessantesten Momente die unwillkommenen Damen hatte zu dem Lindenrondel führen müssen; mit beiden Armen hatte er das wunderholde Mädchen umfaßt gehabt, beide Lippen wären, meinte er, einander schon so nahe gewesen, daß kaum ein Mohnblatt zwischen beiden Platz gehabt, und gerade da, gerade da wären die Unberufenen gekommen, und doch war es ihm auf der andern Seite wieder lieb, daß die Zagern gekommen, hatte er doch nun Jemand, mit dem er von Battista reden konnte. Wie vergiftete Pfeile waren die Worte der Hausmarschallin ihm in das frisch aufgerissene Herz gedrungen, und je mehr er sie sich jetzt wiederholte, desto tiefer gingen sie ihm in das Blut. Hatte er die Frau recht verstanden, so war lange schon Battista ihm zugethan gewesen; er war des Mädchens erste Liebe, er sollte, hatte es gesagt, seine letzte seyn. Battista wollte eher zu Grunde gehen, als diese Neigung aufgeben; sein Rang, sein Vermögen waren es nicht, die sie blendeten, er hatte ja von dem allen nichts wissen sollen – der Zufall hatte sie ihm heute in seinen Wagen führen sollen; wäre er in der Gesellschaft geblieben, so hörte er ihre Zauberstimme, war noch mehrere Stunden mit ihr unter Einem Dache, und saß dann, umschlossen vom verschwiegenen Dunkel der Sommernacht, ihr gegenüber, oder – der Wagen war für Dreie breit genug, – an ihrer Seite. Er ärgerte sich, daß er nicht geblieben war; er begriff nicht, wie er so ganz alle Fassung hatte verlieren können, Battista hätte ihn gewiß nicht verrathen, sie hatte ihm durch die Geschichte der Leäna auf die feinste Weise Verschwiegenheit gelobt; die Frau v.  Zagern hätte, nach ihren Aeußerungen über den ganzen Vorfall, desselben in der Abendgesellschaft gewiß mit keiner Sylbe erwähnt, und die alte Broich – die hatte einen gewaltigen Respect vor der Hausmarschallin; sagte diese, Sie [solle] schweigen, so schwieg sie, und wenn es ihr hätte das Leben kosten sollen. »Warum überlegte ich dieß nicht alles früher,« sagte er, mit sich und seinem Nachhausefahren höchst unzufrieden zu sich selbst, warum nahm ich nicht an des Mädchens Gewalt über sich, ein Beispiel – heute Abend – sagte die Zagern nicht, daß – wie konnte sie ein solches Wort in den Mund nehmen – daß sie sich mit Battista bei einem oder dem andern einflicken wolle? Sie setzt sich in den ersten besten Wagen, Battista muß vielleicht gar allein mit einem Andern fahren!! Der rüde Jagdjunker Flörken, der dummdreiste Kammerherr Boutalp, der Wüstling Graf Balkenburg – bestimmt waren die heute draußen bei Oberstallmeisters – wenn Battista mit einem von diesen heute Abend nach Hause fährt! Allein! von der ganzen Welt ungesehen! – – Höchst verstimmt fuhr er zum Thore der Residenz ein; die Wache trat in das Gewehr, alle Posten in der langen Straße machten die Honneurs, alle Leute die ihm begegneten, zogen ehrerbietigst die Hüte, und alle Damen verneigten sich freundlich, aber er dankte keinem, er sah nicht einmal hin, denn er lag immer noch im Winkel seines Wagens und hielt sich die Hand vor die Augen, unbekümmert um die ganze Aussenwelt; die Menschen aber sahen dem vorbeifliegenden Wagen nach, und einer fragte den andern, was dem Prinzen fehlen müsse, denn sonst war der liebenswürdige junge Herr die herablassende Güte selbst, und grüßte immer zuerst. Nur als der Kammerdiener beim Entkleiden die Tuchnadel vermißte, und vor Schreck die Hände in einander schlug, kam Ewald wieder zu sich, warf leicht hin, daß er den Solitair verloren, und tröstete den treuen Diener mit der Versicherung, daß er den Stein wohl wieder zu sehen bekommen werde. Natürlich erzählte der Kammerdiener das Unglück seinen Umgebungen, von diesen kam es bald weiter; in den am Schloßplatze zunächst gelegenen Straßen war der verlorene Stein schon fünfzehn, in den Vorstädten dreißigtausend Thaler werth, und noch denselben Abend wußten die Leute, warum Prinz Ewald so verstimmt nach Hause gefahren war. So falsch, so unbegründet mag oft das Urtheil des großen Haufens über Personen dieses Ranges seyn. Den folgenden Morgen legte der Hof-Staatssecretair einen Aufruf an den ehrlichen Finder dem Prinzen zur Genehmigung vor, und bat in seiner Unschuld um nähere Angabe der Stellen, wo der Stein könne verloren gegangen seyn, und um die Bestimmung der Summe, die als Recompens in den Zeitungen solle ausgeboten werden. »Mein Gott,« entgegnete Ewald etwas unwillig, »ist das nicht ein Lärmen um solch einen Stein! Wo kann ich ihn anders verloren haben, als gestern bey dem Jubelfeste oder bei Oberstallmeisters; beide Häuser können wir in der Annonce nicht nennen, das schickt sich nicht, also lassen Sie die ganze Bekanntmachung auf sich beruhen; leben tausend Millionen Menschen ohne solche Tuchnadeln, so werde ich an diesem Verluste auch nicht sterben.« Der Hofstaatssecretair verbeugte sich tief und wußte nicht recht, ob er die hohe Gesinnung als eine noble verehren, oder in ihr eine leichtsinnige Gleichgültigkeit gegen den, in seinen Augen über alles gehenden Werth des Geldes finden, und sie dann mißbilligen sollte. Battista war schlau genug, mit dem köstlichen Steine nicht zu prahlen; sie wollte ihn ganz still zu dem Golde legen, das sie sich bereits zusammengesungen hatte, und mit dem sie über lang oder kurz nach Neapel zurückzugehen gedachte, aber Frau v.  Zagern , der sie in der ersten Freude von dem gütigen Geschenke vertrauliche Mittheilung gemacht und der es in ihre Pläne paßte, diesen Beweis von auszeichnender Huld möglichst in das Publikum zu bringen, rief, als Battista zugleich hinzufügte, daß sie diesen köstlichen Solitair heilig verwahren, und um Neid und Mißgunst unter den übrigen Mitgliedern des Theaters zu vermeiden, hier gar nicht zum Vorschein bringen werde, einmal über das andere, »wo denken Sie hin, Battista! der Stein ist Ihnen bestimmt nicht gegeben, daß Sie ihn in Baumwolle einwickeln sollen; der Prinz hat Sie damit schmücken wollen. Er wird ihn, wenn Sie irgend in einem Stück auftreten. wo ein solcher Schmuck zu Ihrem Kostüm paßt, in Ihrem Haar, an Ihrem Halse, auf Ihrem Busen suchen und müßte er, wenn er ihn immer und ewig vermißte, bei seiner Bescheidenheit nicht der Besorgniß Raum gehen, daß der Solitair Ihnen noch nicht gut genug gewesen wäre? oder müßte er am Ende nicht gar auf die Vermuthung kommen, daß Sie auf das Glück, ein solches Geschenk aus seiner Hand selbst erhalten zu haben, gar keinen Werth gelegt und dieß Kleinod beim ersten besten Juden versilbert hätten? Nein, mein Kind, eine Auszeichnung dieses Grades muß man ehren, man muß aber auch der Welt zeigen, daß man sie zu würdigen verstehe, das hebt uns dann selbst in den Augen unserer Feinde. Lassen Sie also einige Ihrer Schmucksachen schnell umarbeiten, und den Solitair mit hineinfassen, und ist jemand dreist genug zu fragen, wie Sie zu diesem kostbaren Steine gekommen, so billige ich Ihr Zartgefühl sehr, die Antwort darauf durch irgend eine ausbeugende Aeußerung zu umgehen. Grade aus diesem Heimlichthun schließen die Leute gewöhnlich auf ein weit engeres Verhältniß zwischen dem Geber und der Empfängerin, als solches eigentlich statt findet; ein solcher Schluß aber, wenn er für den Augenblick auch noch zu voreilig ist, kann Ihnen nicht nachtheilig seyn, denn von einem Prinzen Ewald geliebt zu werden ist wahrlich kein gemeines Glück, ein Glück, dessen sich im ganzen Lande noch keine Einzige rühmen kann; ich weiß, die Carosa und unsere tragische Heldin, die kolossale Mamsell Herbst bersten vor Aerger, wenn sie das Brillantenfeuer in tausend Funkel-Farben im Kohlenschwarz Ihres Haares, oder auf der Schneepracht Ihres Busens spielen sehen, aber sie werden bald ahnen, aus welcher Hand dieser fruchtbare Steinregen gefallen, und sie werden schweigen, der Kabale, mit der beide Ihnen manche bittere Stunde gemacht, den Kopf eindrücken, aus dem Staube ihres Nichts zu Ihnen hinaufblicken und um Ihre Gunst buhlen. An Ihnen ist es jetzt, Battista, den rosenen Faden, den Ihnen die Parzen aus ihrem schönsten Wocken gezogen, fest zu spinnen, daß er halte; Sie können an ihm hinaufklimmen zu einer Höhe, daß mir selbst schwindelt, wenn ich Sie mir auf diesem Kulminationspunkte denke. Doch, Battista, da wir einmal diesen Punkt berühren – um Ihres eigenen Besten willen müssen Sie mir schon nicht übelnehmen, wenn ich hier etwas berühre, was, wie Sie vielleicht nicht mit Unrecht meinen werden, mich eigentlich nichts angeht; aber ich meine es gut mit Ihnen. Der Prinz.– kennten Sie seine frühere Erziehung, so würden Sie entschuldigen, daß er in manchen Punkten noch gewaltig kleinbürgerlich ist; der ganze hiesige Hof – wir sind Beide fremd, und dürfen daher unter vier Augen uns das wohl sagen – hat noch etwas Altfränkisches, eine Strenge, die nicht selten recht drückend wird; über manche Dinge wohl zu beschränkte Ansichten, mit einem Wort, eine Art von Bigotterie in Glauben und Thun. Natürlich ist das auf den Prinzen übergegangen, der nie aus dem Kreise seiner Familie gekommen, und daher ist er in den Studien der eigentlichen großen Welt noch gewaltig zurück; er kann roth werden wie ein Mädchen, wenn man ihn scharf ansieht; in seinen Augen ist Verbrechen, was Andere Leichtigkeit der Sitte nennen; er hat bei allem Umfange seines Wissens, und bei der Masse von Kenntnissen, doch aber auch wieder von einer Menge Dinge, besonders von den verfeinerten Lebensgenüssen, von der Freiheit in Erfüllung unserer Wünsche und Plaisanterien, von dem Gesetz der Leichtigkeit, mit welcher der Gebildetere sich über manchen Stein des Anstoßes hinweghebt, Begriffe wie ein Kind; so hält er z. B. – ich habe ihm wahrhaftig ein paarmal, als er auf das Kapitel kam fast in das Gesicht lachen müssen, die Liebe für etwas rein überirdisches, heiliges; wie er die Ehe ansieht, so ist das ein Nothzwinger, in den zwey Menschen auf Tod und Leben aneinandergeschmiedet sind, mit unerträglichen, eisernem Fesseln. Sein Urtheil über – wie soll ich sagen, über kleine Flatterhaftigkeiten unsers Geschlechts – wahrhaftig, als läge die hiesige Residenz am berühmten See Möris und er wäre zum Todtenrichter bestellt, so unerbittlich so ehern ist seine Strenge, wenn er auf den Punkt kommt; indessen – diesem, ich möchte sagen, in frommer Einfalt aufgewachsenen jungen Menschen, hierüber klarere, richtigere Ansichten beizubringen, ist nicht die Sache des Augenblicks; für jetzt muß man sich also in seine Launen fügen, wenn man ihn gewinnen, wenn man ihn festhalten will. Die Stadt spricht von Ihnen und von Zacharias –« Die Roselli lachte laut auf. »Nun ja,« fuhr Frau v.  Zagern sie entschuldigend fort, »wir leben ja alle in der Welt und wissen wie es darinnen zugeht, aber wollen Sie den Prinzen vor Ihrem Triumphwagen sehen, so spannen Sie den Zacharias aus; wie ich Ewald kenne, würde dieser aus der glühendsten Liehe in den eisigsten Haß fallen, wenn er nur leise ahnte, daß er mit einem Andern theilen solle, was ihm nur dann die ganze Lebensseligkeit gewähren kann, wenn er es allein genießt. Also vorsichtig, Battista; lassen Sie ihm Zeit, drängen Sie sich nicht um ihn; beeiligen Sie nicht einmal ihr Entgegenkommen; er muß Sie suchen. Es muß ihm schwer werden, Sie zu finden; er muß Monate lang vergeblich schmachten; dann faßt sein Glaube an Sie Wurzel, und ist dieser erst fest, so traut er sich selbst, und immer enger schürzt sich dann das Band zwischen Euch Beiden, was für Sie, Kleine, mit manchem blanken Goldfaden sich durchweben wird. Der wundervolle Grundstein da, auf dem der Prinz sein Sanssouci, sein Monplaisir, sein St. Clou, oder wie er das Schloß seiner süßen Liebesträume nennen wird, zu bauen gedenkt, ist gar nicht übel, und wenn er solche Baumaterialien zum Fundament verwendet, so kann man wohl denken, daß er zur belle Etage just keine schlechtere nehmen werde.« Battista, welche in der Schule der Ränke noch auf der untersten Bank saß, und alle diese Aeußerungen und Andeutungen für gutmüthige Theilnahme an ihrem Glücke hielt, küßte, im Ergusse der Freude über das Glück, an der Hausmarschallin eine so wohlwollende Freundin gefunden zu haben, dieser für die umsichtigen Rathschläge, dankbar die Hand, versprach in allem die pünktlichste Folgsamkeit und eilte den folgenden Morgen schon zum Hofjuwelier, um den Solitair in ihr Diadem fassen zu lassen. Natürlich waren der ehrliche Hofstaatssecretair und der treue Kammerdiener, vom Diensteifer getrieben, hier so wie bei allen Juwelieren, Juden und Pfandverleihern der ganzen Residenz schon gewesen, und hatten, da der Prinz jedes öffentliche Bekanntmachen durchaus untersagt, nicht verfehlen wollen, wenigstens hinter der Hand die nöthigen Maßregeln zu treffen, um dem verlorenen Gute auf die Spur zu kommen, und der Hofjuwelier stutzte daher nicht wenig, als Signora Roselli, mit einer Gleichgültigkeit, als wäre das Steinchen Sechs Dreier werth, ihm den Verlorenen, mit ihren darüber getroffenen Dispositionen zustellte. »Englisches Kind,« sagte er achselzuckend, und hielt den Brillant-Findling mit beiden Händen umschlossen vor der Brust, »Ihre Ideen sind charmant, und das Diadem, diesen kleinen Goliath von Diamanten in der Mitte, wird sich gar nicht übel machen, allein – sagen Sie, wo haben Sie den Stein her?« »Herr Kiesel,« entgegnete die Neapolitanische Philomele, von der dreisten Frage etwas überrascht, »Ihre Sache ist, meine Bitte zu erfüllen, und den Stein dahin zu setzen, wohin ich ihn haben will, ein Weiteres liegt, scheint mir, außer Ihrem Kreise.« »Mitnichten, Goldkind,« versetzte der Hofsteinsezzer etwas kurz angebunden, »den Solitair kenne ich; vor Kurzem erst habe ich ihn an seine hohe Behörde abgeliefert, und –« »Herr Kiesel,« fiel ihm die Gereizte in das Wort, »ich hoffe doch nicht, daß Sie meinen, ich wäre auf unrechtem Wege in den Besitz des Steines gerathen? Solche Dinger kann ich mir, wenn es Noth thut, allenfalls selbst kaufen; Dutzendweise, wenn es seyn muß. Bei Ihrem Verstande werden Sie mir zutrauen, daß, wenn hier etwas Unklares im Spiele wäre, ich den Stein doch wahrhaftig nicht zu Ihnen, zum Hofjuwelier bringen würde; ich will gern zugeben, daß ich nur den zehnten Theil so klug bin, als Sie; allein, wenn Sie mich auch für noch weniger klug halten sollten; so reicht doch dieß Restchen Uebersicht so weit zu, um berechnen zu können, daß ich werth wäre, in das Tollhaus gebracht zu werden, wenn ich die Raserei begehen wollte, mit einem – ich will das Wort nur gerade heraussprechen, was Ihnen auf den Lippen schwebt, – mit einem gestohlenen Steine, den Sie und vielleicht noch zehn Andere hier auf den ersten Blick erkennen, öffentlich auf die Bühne zu treten. Den Sonntag wird Johann von Paris gegeben, ich mache die Prinzessin , dazu muß ich das Diadem haben, und der Solitair muß darin seyn; heute ist Montag; folglich haben Sie eine ganze Woche Zeit. Jetzt können Sie nun thun, was Sie wollen. Der Stein ist in Ihren Händen und darum recht gut aufgehoben; wollen sie sich aber einmal recht ordentlich auslachen lassen, so befördern Sie ihn nur an die hohe Behörde zurück, deren Sie vorhin erwähnten. Adjeu!« Sie machte Herrn Kiesel, der über die Entdeckung des ihm ganz unerwarteten Verhältnisses zwischen Ewald und der Roselli so verblüfft war, daß er kein Wort erwiedern konnte, eine vornehme, herablassende Verbeugung, lächelte noch einmal mit recht studiertem kaltem Hohn zurück, und ging ab. Herr Kiesel schoß, das Corpus delikti in der Hand, eiligst und schleunigst zum Hofstaatssecretair und Kammerdiener, und berichtete jedes Wort der Neapolitanischen gazza lodra mit gehöriger Breite. »Donner und das Wetter,« rief der Kammerdiener, und steckte den vierten Finger seiner Linken zwischen die Zähne, was kuckt mir da heraus! Jetzt geht mir eine Pechfackel auf! Darum sollte in dem Wochenblatte der Deserteur nicht mir Steckbriefen verfolgt werden, darum diese unbegreifliche Ruhe bei dem verdrießlichen Verluste! darum die leichte Selbsttröstung, darum – o sehr richtig, sehr richtig – darum die bestimmte Hoffnung, den Stein gewiß einmal wieder zu sehen. Herr Hofstaatssecretair, Herr Kiesel – das ist ein kitzliches Ding; wollen Sie dem Prinzen den Findling bringen, glauben Sie sich damit liebes Kind bei ihm zu machen, ich habe nichts dawider, gehen Sie hin – ich verzichte gern auf die Ehre. Die kleine italienische Bestie weiß recht gut, woran sie mit ihrem Brillanten ist, sonst würde sie wahrhaftig nicht so keck thun; mich ärgert nur, daß er in solche Hände gefallen ist. Wie lange wird die hier bleiben, über kurz oder lang packt sie ihre sieben Sachen zusammen und geht damit über die Gränze; wir errichten überall Schlagbäume, daß keine Haselnuß aus dem Lande kollern kann, und so ein verschmitztes Ding nimmt es gleich tausendthalerweise in seine ferne Heimath; wollte der Herr seine Juwelen los werden, so waren in der Residenz, im ganzen Lande noch hundert hübsche Mädchen, die mit allen zehn Fingern darnach gegriffen hätten.« Der alte Hofstaatssecretair, ein bedächtiger, ängstlicher Mann, bat den Entrüsteten, seine vorlaute Zunge im Zügel zu halten, und legte auch dem Herrn Kiesel das strengste Stillschweigen auf. Allein seine vorsichtige Warnung mußte nicht ganz pünktlich befolgt worden seyn, denn als das Publikum den folgenden Sonntag im Rabenhaare der reizenden Prinzessin von Navarra den prächtigen Solitair in seinem vollen Glanze funkeln sah, wendete es seine Augen mehr auf die Loge des Prinzen, als auf die Bühne, und der Neid der schlechtern Hälfte, und das Staunen der Bessern über die unvermuthete Wandlung des bis dahin für unschuldig und unentweiht gehaltenen edeln Ewalds, schwächte den Beifall, den Battista durch ihr Spiel und ihren Gesang heute mehr als je verdient hätte. Der Prinz, welcher vielleicht der Einzige im Hause war, der den Stein des Anstoßes in Battistas Diadem nicht bemerkte, und der natürlich keine Ahnung davon hatte, daß die Neigung, der er selbst kaum recht klar bewußt war, dem großen Haufen zur Kunde gekommen, und von diesem, nach der leidigen Gewohnheit der verdorbenen Menge aus jedem noch so schuldlosen Verhältniß, gleich das Schlechteste zu folgern, in den nachtheiligsten Schatten gestellt war, gab sich seinem Gefühle hin, und beehrte die Künstlerin nach der bekannten Arie: »welche Lust gewährt das Reisen,« vom Glockenton ihrer Zauberstimme berauscht, mit den Zeichen des lautesten Beifalls. Das Publikum schwieg, einige Stimmen liessen sich sogar zischend vernehmen. Jetzt zweifelten selbst die Ungläubigsten nicht mehr und Frau v.  Zagern feierte in ihrer Loge den glänzendsten Triumph; Ewald aber übersetzte sich das vernommene Mißfallen des Parterrs, in Partheihaß gegen die arme Roselli, die an einer zweiten Sängerin bei der Bühne, eine gefährliche, von einem großen Theile des Publikums enthusiastisch geliebte Nebenbuhlerin hatte, und schmollte im Stillen über die erbärmliche Einseitigkeit der bestochenen, ungerechten Theater-Kritik. Nonne. Prinzessin Aloyse mußte krank seyn. Sonst fröhlich und bis zum Muthwillen lustig, sprach sie jetzt wenig und ward immer einsylbiger und stiller; sonst schalt sie, wenn nicht alle Tage Gesellschaft aus der Residenz oder Nachbarschaft kam, das reizende Habichtswalde, ein altes Eulen-Nest; jetzt suchte sie die einsamsten Parthien des weiten Parks auf, und verweilte dort stundenlang ganz allein; und versammelten sich die ausgesuchtesten, geistvollsten, heitersten Kreise um die liebenswürdige Herrscherfamilie, so flüchtete sie auf ihr Zimmer, und hatte bald Kopf- bald Zahnschmerzen, bald that ihr der Hals wehe, bald klagte sie über kleine Anfälle von Schwindel, und wenn dann die Gesellschaft wieder fort war, der mit Hastboten aus der Residenz geholte Leibmedikus kam, und helfen wollte, so war wieder alles vorbei, er fuhr wieder nach Hause, und verwünschte die peinliche Lage eines Hofarzts, jeder Kleinigkeit wegen, die bei andern Leuten nicht der Rede werth sey, gleich meilenweit im Gallopp hinausjagen zu müssen, und das gewöhnlich in den Abendstunden, wo jeder andere rechtliche Mann ungestört am Boston-Tische sitzen könne. Mit so vielem Fleiße Aloyse in der letzten Zeit ihren Studien obgelegen hatte, so unlustig war sie jetzt wieder von Neuem zu allen Beschäftigungen dieser Art: eine besonders böse Nummer hatte Professor Villaume und vor allem Signora Farinelli. Seit geraumer Zeit hatte Aloyse Crayon und Pinsel nicht angerührt, und sich ziemlich unumwunden erklärt, daß ihr das Zeichnen und Malen keine Freude mehr mache; gegen die Farinelli aber schien sie, ohne selbst recht zu wissen, warum, eine persönliche Abneigung zu haben; sie nannte die gute Person eine italienische falsche Katze, und studirte mit einer ganz eigenen Bitterkeit die Geschichte Italiens, blos um sich daraus Züge der Bosheit, Schlauheit und Tücke zu sammeln, mit denen sie dann die Farinelli, bei der ersten besten Gelegenheit regalirte, um ihr die Schlechtigkeit ihrer Landsleute recht handgreiflich zu beweisen. Die Farinelli äußerte gegen ihre Vertrauten, daß die Prinzessin den Plan haben müsse, sie todt zu ärgern; »alle Augenblicke,« klagte die Gereizte, »alle Augenblicke kommt sie mit Geschichten angestiegen, wovon immer eine gräßlicher ist, als die andere, jede soll in Italien passirt seyn, in dem Lande, in welchem keine Liebe und keine Treue wohne, in dem das grauenvollste Gift, das aqua tofana bereitet werde, und aus dem nichts Gutes komme. Klavier und Guitarre spielt sie nur selten; in die Harfe greift sie so wild, als ob das Ding von Stahl und Eisen wäre, und zum Singen ist sie um keinen Preis zu bewegen. So wie sie jetzt ist, habe ich sie noch in meinem Leben nicht gesehen. Neulich lege ich ihr aus dem Johann von Paris die Arie hin: welche Lust gewährt das Reisen. Sie hat sie sonst gesungen, daß sie mich selber entzückt hat: jetzt– kaum daß sie einen Blick darauf warf, stürzte ihr – so boshaft ist die kleine Person, – das helle Wasser in die Augen, sie ließ das Blatt zur Erde fallen und eilte in das Nebenzimmer mit einem Gesichte, auf dem, da einmal von der Lust zum Reisen die Rede war, ganz deutlich die Lust geschrieben stand, mich für immer und ewig auf Reisen zu schicken.« Die sorgliche Mutter, die mit stiller Theilnahme Aloysens Betragen in der letzten Zeit bemerkt hatte, und die mit Schrecken gewahrte, daß der fröhliche Sinn des geliebten Kindes immer mehr schwand, daß die Rosen auf den Wangen immer mehr bleichten, und der glückliche Schatz der Jugend, die Frische des Lebens, von Tage zu Tage sich sichtbar verringerte, gerieth, da die Aerzte einstimmig versicherten, daß die Prinzessin körperlich durchaus nicht krank sey, auf die Vermuthung, daß irgend etwas ihr Gemüth so gewaltsam ergreife, und nahm sich vor, einmal recht ausführlich und recht mütterlich mit ihr zu sprechen. Sie entwarf ihr bei der ersten Gelegenheit; daß sie allein waren, und wegen des trüben Wetters zu hoffen stand, es werde den Nachmittag so bleiben, ein vollständiges Bild von dem, was sie ehedem gewesen, und was sie jetzt sey, und fragte im vertraulichen Tone der herzlichen Freundin, was ihr fehle und bat, es ihr unverholen zu sagen. Aloyse hatte, wider die Gewohnheit ihrer sonstigen Lebhaftigkeit, die gütige Mutter ruhig ausreden lassen; sie umschlang sie jetzt weinend, und versicherte, selbst nicht zu wissen, woran sie mit sich sey. »Du liegst,« sagte die Fürstin tief bewegt, und drückte Aloysen inniger an sich, »Du liegst an dem Herzen, dessen Seligkeit Dein erster Pulsschlag war, an dem Mutterherzen, dessen reinste Freude, Dein Glück, Deine Zufriedenheit ist. Habe Vertrauen zu mir; hast du Wünsche, sprich sie aus, und ist es in meiner Macht –« »Nein, nein,« fiel Aloyse ihr leise schluchzend in das Wort, aber die Fürstin wußte eigentlich nicht, ob dieß nein, nein bedeuten solle, daß Aloyse keine Wünsche habe, oder daß es nicht in ihrer Macht stehe, sie zu erfüllen, und doch hatte sie, weil es schien, als schmerze dieß Verhör Aloysens reizbares Gemüth, nicht den Muth, weiter zu fragen. Vielleicht hätte die Gefolterte bekannt, wenn die Mutter Festigkeit genug gehabt hätte, in diesem Augenblicke die Schrauben fester anzuziehen, vielleicht auch nicht, denn die Mutter fühlte wohl, daß durch Erziehung und Lebensweise das Kind ihr nicht so nahe stand, als dieß in Familien niedrigern Ranges der Fall seyn mochte, sie brach also ab, weiter in sie zu dringen, und hielt ihr auf die schonendste Weise blos ihr Benehmen wegen ihrer Umgebungen, vorzüglich gegen die Farinelli vor. »Ich kann sie nicht leiden,« sagte Aloyse mit einem Tone, dem man anhörte, daß dieß ein der Milde ihres Characters recht abgezwungener Zug von Härte war. »Aber bist du nicht ungerecht gegen die arme Person?« fragte die Fürstin sanft, »hat Sie Dir etwas gethan? hat sie die Artigkeit aus den Augen gesetzt, die Du von ihr erwarten darfst, hat sie –« »Nein, nein,« entgegnete Aloyse, sie selbst rechtfertigend, »aber sie ist eine Italienerin, und die Menschen sind mir alle in den Tod zuwider; es ist ein böses, heimtückisches Volk, ränkesüchtig, geizig, und sinnlich bis zur Verächtlichkeit.« Die Fürstin schüttelte über die sonderbaren Ansichten der Prinzessin den Kopf. »In wie weit Deine Völkerkunde gegründet seyn mag,« sagte sie lächelnd, »will ich ununtersucht lassen, allein gesetzt auch, Du hättest im Ganzen Recht, so bist Du gewiß doch viel zu billig, als nicht Ausnahmen zu gestatten; die Farinelli hat von allem dem, was Du da den Italienern zur Last legst, nie einen einzigen Beweis gegeben; sie ist freundlich, offen, ehrlich –« »Schon der Name,« fiel ihr Aloyse mit verhaltener Heftigkeit in das Wort, »ist mir zuwider; die Endung »elli,« setzte sie halb erschrocken, daß sie die Unvorsichtigkeit begangen, sich beinahe zu verrathen, »hat mir etwas Unerträgliches.« »Aber Aloyse,« versetzte die Mutter sanft verweisend, »wie kann man solch ein Kind seyn! was thut der Name zur Person! wie kann uns ein solcher bedeutungsloser Schalk bestimmen, unsere Nebenmenschen, mehr oder minder zu achten und zu lieben; ich kenne eine Familie von Teufel , und diese zählte achtbare, liebenswürdige Glieder, die –« »Der große Friedrich,« unterbrach sie Aloyse, »konnte die Leute nicht leiden, deren Namen sich auf us endigte, und war darum doch der König aller Könige seiner Zeit.« Die Fürstin schwieg mißmuthig; so bestimmt, so widerspruchsüchtig, so heftig war Aloyse sonst nicht gewesen; sie ging, um sich zu zerstreuen, in den Garten, aber sie konnte die Ruhe nicht so bald wieder finden, die sie in der Wahrnehmung der gänzlichen Sinnesumänderung des geliebten Kindes verloren hatte. Zufällig trat sie an ein Blumenbeet, auf dem einige Tagelöhner-Frauen mit Jäten beschäftiget waren. Die Eine klagte, von der Fürstin unbemerkt, der Andern ihre Noth über ihre Agathe, die sonst das folgsamste Kind gewesen, und jetzt ewig verdrießlich, störrisch und unlustig zu aller Arbeit sey; die Fürstin lauschte der Erzählenden still zu; sie malte Aloysen nur mit grellern, härtern Farben. »Endlich,« schloß die Klagende, und riß den wuchernden Hederich mit einem. ganzen Rest Brennesseln heftig aus der Erde, »endlich war es mit meiner Geduld alle; ich nahm sie heute früh vor, und wusch ihr den Kopf mit scharfer Lauge, und frug, was ihr sey, und wo das hinauswolle; glaubt Sie, Frau Gevatter, daß mir der Maulaffe antwortete? Ich gab ihr in der Bosheit ein Paar Maulschellen, daß ihr die Bakken aufliefen wie Pfannkuchen, aber eher bringt man einen Klotz zum Reden, als den Stockfisch.« »Die Mädels, versetzte die Andere lachend, sind in den Jahren nicht anders, s'ist mir, als ich so jung war, akkurat so gewesen, glaub sie mir Frau Gevatter, das ist nichts weiter, als versetzte Liebe; der steckt, da will ich drauf das Leben verwetten, das Heirathen im Kopfe; aber die Mutter ist allemal die letzte, die das erfährt. Wie Meiner um mich freite – i! ich hätte es ja der ganzen Welt lieber erzählt, als meiner Mutter.« Die Fürstin schlich unbemerkt von dannen; die einfache Rede der Tagelöhnerinnen hatte ihr ein Licht in das Labyrinth geworfen, daß ihr bange ward, in dasselbe weiter vorzudringen. Liebe –? Liebe sollte das seyn, was Aloysen so um und umgewandelt habe? Unmöglich! Es war ja von ihrem Range noch keiner, der das eben aufblühende Mädchen gesehen; und unter ihrem Range? – der geängsteten Mutter ward die Brust beklommener! Sie musterte die ganze Reihe der nächsten Hof-Umgebungen Mann für Mann, aber da war auch nicht Einer, von dem sie bemerkt, daß Aloyse ihn nur im Geringsten mehr ausgezeichnet hätte, als den Andern. – Sie ging sich mit Fragen und Sinnen zerquälend, noch um einige Stufen hinab – der Major Bouslar – sollte an dem albernen Gespräch, das der eitle Narr ausgesprengt, doch etwas Wahres gewesen seyn? Sollte Aloyse für diesen kopflosen, leeren Schwäzzer wirklich etwas gefühlt haben? Sollte sie darum, daß er, um der weitern Verbreitung des abgeschmackten Mährchens vorzubeugen, und dem Unbesonnenen eine feine Lektion zu geben, zu einer entfernten Festungs-Garnison versetzt worden war, so umgewandelt, so trübsinnig geworden seyn? Wer konnte der beunruhigten Mutter hierüber Aufschluß gehen, wer ihre Zweifel heben? Sie kam an die große Blumenterasse, wo Agathe knieete, die Nelkenstöcke ausputzte, und mit Bast zusammenband. Die Fürsten beobachtete von der Seite, ungesehen, eine Weile das hübsche Mädchen mit Wohlgefallen, das mit Aloysen in Einem Alter war. Agathe hatte das Gesicht auf ihre Arbeit niedergebeugt; eine helle Silberthräne entfiel ihrem blauen Auge und perlte auf die Knospen-Spitze der incarnat-rosigen Pergoleuse, die Agathe eben unter den Händen hatte. »Was weinst Du, mein Kind?« fragte die Fürstin mit sanfter Stimme und mildem Tone. Agathe erschrack, raffte sich auf, und wischte sich mit dem Zipfel ihres weißen Schürzchens das Gesicht. »Du weißt,« fuhr die Fürstin, von dem stillen Leiden der Gedrückten bewegt fort, »daß ich Dir gut bin, und daß ich gern helfe, wo ich kann.« Agathe schüttelte, gesenkten Auges den Kopf, und schwieg; aber die himmlische Güte der Fürstin rührte das arme Kind, daß es der Thränen nicht wehren mochte, die ihm warm über die Wangen liefen, und auf weiteres Zureden der gütigen Fürstin, unter leisem Schluchzen in die Klage ausbrach, »die Mutter ist so schlimm.« »Vielleicht nicht ohne Ursache,« versetzte die Fürstin, und dachte mehr an Aloysen, als an die vor ihr gesenkten Köpfchens stehende Agathe, »vielleicht bist Du gegen Deine Mutter nicht so offen, als sie zu verlangen – oder wenigstens zu wünschen das Recht hat. Du hast, wie ich mir habe sagen lassen, eine kleine Heimlichkeit auf Deinem Herzen – Du hast Jemand Deine Liebe geschenkt, und da fehlt Dir der Muth, dieß Deiner Mutter zu vertrauen –« Agathe hob das unter Wasser stehende Auge zur Fürstin, als wolle sie die Unbegreifliche fragen, wie es möglich, daß diese sich solches habe sagen lassen können, da nur sie und noch ein Einziger in der Welt wären, die darum wüßten, und über ihre beiderseitigen Lippen davon noch kein Laut gekommen – aber als die Fürstin, ohne sich von ihrer Ueberraschung und ihrem forschenden Blicke stören zu lassen, fortfuhr, und ihr, wenn ihre Wünsche erfüllbar wären, versprach, sich selbst für sie bei der Mutter verwenden zu wollen, sank das Mädchen, von der Himmelsgüte der hohen Frau tief ergriffen, zu ihren Füßen nieder, umschlang ihre Kniee, und rief fröhlich weinend: »ja es ist wahr, wenn die Noth am größesten, ist der liebe Gott mit seinen Engeln immer am nächsten.« Nach langem Zögern und verschämten Lächeln kam denn endlich heraus, daß die Mutter im Plan habe, Agathen mit einem reichen Wittwer im Dorfe zu verheirathen, daß sie aber mit Martin, dem Maurergesellen schon seit Jahr und Tag heimlich versprochen, daß Beide nie von einander lassen würden, daß es aber an 25 Thalern fehle, die Martin für das Recht, Landmeister zu werden, haben müsse, daß diese Summe beide unter mehreren Jahren nicht zusammen sparen könnten, und daß sie daher nicht absehe, wie ihrem Unglücke abzuhelfen sey. Mit der Mutter dürfe sie darüber nicht sprechen, Andere könnten ihr auch nicht helfen, also redete sie mit ihnen auch nicht darüber. Martin arbeite in der Stadt, also hätte sie niemand, als den lieben Gott, dem sie ihre Leiden klage – aber geholfen hätte der bis jetzt ihr auch nicht. »Da kommt es wohl,« fuhr sie unter stillen Thränen fort, »daß man manchmal den Kopf verliert, und in der Wirthschaft nicht immer thut was man soll, und dann schilt die Mutter, und keift, daß ich ihr nichts recht mache; ach wenn sie nur wüßte, wie mir zu Muthe ist; ich möchte ja aus der Welt hinaus laufen!« Die Fürstin sprach Agathen freundlich Muth zu, und beschwichtigte ihre Trostlosigkeit mit der Versicherung, sich ihrer anzunehmen, und ihre bescheidenen Wünsche zu erfüllen, wenn Martin, nach dem sie sich erkundigen wolle, dieser Berücksichtigung werth sey. Tausend und zweitausendmal mehr hätte sie ja gern hingegeben, wenn Jemand so mit Aloysen gesprochen! vielleicht, schmeichelte sich die liebende Mutter, bedürfte es, wie bei Agathen hier, auch nur einer Kleinigkeit, um sie zufrieden zu stellen und glücklich zu wissen. Zur Tafel fanden sich Adelsheims ein. Wie gerufen schien ihr Klorinde zu kommen; diese sollte Aloysen ausforschen und ihr berichten, was sie ermittelt; sie hob es sich daher bis zum Abend, wo die Mädchen gewöhnlich im Park lustwandelten, auf, kurz vorher Klorinden mit dem Stande der Sache bekannt zu machen und sie förmlich zu instruiren, welche Punkte sie vorzüglich berühren solle, um Aloysens Kummerquelle zu erschürfen. Bei Tische brachte die Fürstin, auf jeden Fall absichtlich, das Gespräch auf Agathe; der Schloßhauptmann und der Schloßbaumeister hatten über Martins Kenntnisse und Wandel Gutes gezeugt, und die Fürstin äußerte daher, daß sie zur Gründung des Glückes beider Liebenden sich gern bereitwillig finde, das Ihrige beizutragen. »Guter Gott,« setzte sie lächelnd hinzu, und warf dabei verstohlen einen Seitenblick auf Aloysen, welche die ganze Geschichte mit sehr lebendigem Antheil angehört hatte, wenn mit 25 Rthlr. geholfen werden kann, – ich möchte ihn nicht für so unglücklich halten, als es ihm vielleicht selbst dünkt. Er darf nur Vertrauen zu den Menschen haben, und jedes wird, so viel in seinen Kräften steht, gewiß gern beitragen, den Kummer zu lindern, und Hülfe zu schaffen. Hier, im vorliegenden Falle hat sich einmal die Tugend der Offenheit recht eigentlich selbst belohnt; die arme Agathe hätte noch manches Jahr vielleicht auf den Besitz ihres Martins verzichten müssen, wenn sie mir ihr Herz nicht aufschloß.« Aloyse fühlte jedes Wort; sie bückte sich tief nieder, zählte, um nicht aufsehen zu müssen, die kleinen weißen Körner auf den Chocoladenplätzchen ihres Deserttellers, sog in langsamen Zügen das vor ihr stehende Glas Calabre aus; verwendete dabei kein Auge von der dunkelgoldigen Fläche dieses Gluthweins, und meinte bei sich im Stillen, daß die arme Agathe zehntausendmal glücklicher sey, als sie; dieser sey mit 25 Rthlr. geholfen, ihr nicht mit so viel Millionen. Nach aufgehobener Tafel entfernte sich Aloyse unvermerkt, schlüpfte auf ihr Zimmer, räumte hier ihr ganzes mit knapper Oekonomie zugemessenes Taschengeld zusammen, und flog damit zur großen Blumenterrasse, wo Agathe die Nelkenstöcke band. »Da,« flüsterte sie leise, und hatte beide Hände voll Gold und Silber, alles gelb und weiß durcheinander, und ließ das blanke Geld sorglich, daß es nicht klimpere, durch die rosigen Finger in Agathens weißes Schürzchen laufen und lächelte mild, wie der Engel der Liebe und des Erbarmens, »da, Agathe, das ist für Dich und Deinen Martin. Aber nun weine auch nicht mehr, und sey fröhlich und bitte Gott, daß Martin Dir treu bleibe, und nicht dem Leichtsinn verfalle, der oft die Besten bethört.« Agathe erstarrte vor freudigem Schreck; sie wollte danken, sie wollte des gutmüthigen Fürstenkindes Knie umfassen, seine Hand an ihre Lippen drücken, aber Aloyse entschwand, um im Schlosse nicht vermißt zu werden, eilenden Fußes; das selige Gefühl, etwas Gutes gethan zu haben, machte ihr die beklommene Brust leicht; sie ging nicht, sie schwebte, es war, als zöge die Azur-Bläue des Himmels, in dem eigentlich mehr ihr Platz war, als auf Erden, die Gott Wohlgefällige hinauf zu den lichteren Höhen der bessern Welt. Sie hätte in diesem Augenblicke Milliarden haben mögen, um in der reinsten Freude des Menschen, in der Freude wohl zu thun, mit vollen Händen zu schwelgen. Im dunkelschattigen Bogengange, dicht am Schlosse, begegnete ihr Klorinde. »Ich suchte Sie, englische Durchlaucht,« rief sie ihr entgegen, »und komme mit einer grossen Bitte angestiegen.« »Nun, doch nicht etwa à l'Agathe? Will da in dem Herzchen vielleicht auch ein Herr Martin seinen Hausgöttern einen Altar mauern?« fragte Aloyse fröhlich neckend. »Hier wird nichts gemauert,« entgegnete Klorinde in ihrer komischen Manier, und legte die Hand auf das Herz. »Der heutige Kalk bindet nicht mehr; sonst war solch Gemäuer zehnmal dauerhafter.« – »Liegt auch vielleicht am Fundamente,« fiel ihr Aloyse in das Wort und öffnete ihr die Thüre ihres Zimmers; »doch Ihre große Bitte?« »In der ganzen Stadt,« entgegnete Klorinde »habe ich schon nach dem lieben Herrn Johann von Paris herumgeschickt, in keiner einzigen Musikhandlung ist der Klavierauszug aufzutreiben. Meine einzige Hoffnung habe ich nun auf Ihre reiche Notensammlung gesetzt, und Sie würden mich unendlich glücklich machen, wenn ich ihn nur auf ein Paar Tage –« »Sie können ihn ganz und gar bekommen, liebe Klorinde,« erwiederte Aloyse, und kniete vor ihren Notenkasten nieder, um die gewünschten Musikalien zu suchen. »Aber beste Durchlaucht,« entgegnete Klorinde und wollte danken, und senkte sich, um mit suchen zu helfen, neben Aloysen nieder; doch diese versicherte ihr, daß die Kleinigkeit gar keines Dankes werth sey, »im Gegentheil,« fuhr sie fort, »bin ich Ihnen verpflichtet, daß Sie mir Gelegenheit geben, des Dinges los zu werden; ich weiß nicht, Boyeldieu hat allerliebste Sachen geschrieben, seine Voitures versées, seine jeune femme colère, sein Montbreuil et Verville haben furore gemacht, aber mit seinem Pariser Johann – ich gestehe ganz ehrlich, ich bin daran Schuld, daß er in der letzten Zeit auf unserm Hoftheater nicht gegeben worden ist. Der Geschmack unsers Publikums ist, was die Oper anbelangt, ohnehin schon verdorben genug.« Klorinde stutzte, indessen wagte sie doch nicht, der Prinzessin die Meinung der ganzen musikalischen Welt, die gerade diesen Pariser Johann, wie ihn Aloyse verächtlicher Weise genannt, für des Meisters erstes Werk erklärte, aufdringen zu wollen, sie äußerte daher nur, daß es möglich sey, daß er ihr jetzt, nachdem sie hier an Glucks und Anderer große Kompositionen mehr gewöhnt worden sey, vielleicht weniger gefallen werde, »doch,« fügte sie leicht hingeworfen hinzu, »doch erinnere ich mich, offenherzig gestanden, immer noch mit Entzücken der Vorstellung dieses Stücks, als bei uns darin die Roselli zum erstenmale auftrat.« Als rolle das Wort wie ein schweres Donnerwetter über Aloysen weg, so tief beugte diese sich in ihren Notenkasten nieder, und suchte emsiger nach dem verwünschten Jean; Klorinde aber sprach, ohne im Allerentferntesten das Gewicht ihrer Rede zu ahnen, weiter von des Mädchens Glockentönen und von dem Zauber, den es über dar ganze Haus gegossen; »ach, und dabei,« fuhr sie fort, »ist die kleine Neapolitanerin so unendlich hübsch, so unbeschreiblich liebreizend, daß – sieh' da, was ist denn das für eine allerliebste Zeichnung,« unterbrach sich Klorinde, und griff nach einem Bilde, welches zwischen den Noten lag, und lief damit nach dem Fenster. »Das ist ja ein wahrer Apoll von Belvedere! ach das ist ja ein wunder-wunderhübsches Gesicht – nach dem Leben gezeichnet? –« Aloyse hätte dem Naseweis gern das Blatt aus der Hand gerissen, hätte jetzt gern geantwortet, und wäre gern von dem Notenkasten aufgestanden, aber sie war vor Schreck komplett vom Schlage getroffen; sie hatte schon wochenlang das Blatt gesucht, alle ihre Zeichnungen und Papiere durchwühlt, jeden Brief, jeden Papierstreifen dreimal umgewendet, und immer vergeblich, und hier fällt es der Unberufenen in die Hände. – Daß sie es wegnahm und besah, konnte sie ihr nicht übel nehmen; welchen unschätzbaren Werth dieß Blatt für Aloysen hatte, konnte Klorinde nicht vermuthen, um so weniger, als sie es hier in einem unverschlossenen Behältniß zwischen alten Musikalien fand. »Je länger man es ansieht,« sagte Klorinde am Fenster, im Anschauen der Zeichnung ganz verloren, »desto lieber gewinnt man das Gesicht; ich habe von meiner kleinen Durchlaucht schon sehr schöne Arbeiten in dieser Manier gesehen, aber dieß hier ist unstreitig das gelungenste! Das ist ja ein liebes, liebes Bild! Mein Himmel, kenne ich denn –?« »I, Gott bewahre,« fiel ihr Aloyse, vom Notenkasten aufstehend, sehr verlegen in das Wort, »wie wollen Sie das kennen! Die Zeichnung habe ich,« setzte sie, der Seligkeit sich erinnernd, mit der sie daran gearbeitet, wehmüthig hinzu, »schon vor langer Zeit gemacht, und das ganze Gesicht ist nichts, als reines Phantasiewerk, das sehen Sie ja auch an den Sternen und Orden, beides finden Sie im ganzen Gottschalk nicht.« Sie nahm das lange nicht gesehene Bild jetzt in die Hand, ihr Blick weilte geraume Zeit darauf, und es mochte das Spiel ihrer früheren Träume ihr vor die Seele treten, und das rosene Licht jener glücklichen Tage im Widerschein fallen auf das dunkele Düstre ihres Gemüths, denn sie ward immer weicher und weicher. Klorinde, die das nicht merkte, zog freundlich scherzend ihre Versicherung, daß das eine bloße Phantasie seyn solle, in Zweifel, und fragte mit prüfendem Blicke, ob dieser schöne junge Mann ihrem Herzen nicht vielleicht näher stehe, als jeder Andere dieses Erdenrundes; Aloyse schüttelte, ohne die Augen aufzuheben, mit dem Kopfe, und Klorinde behauptete fortwährend, daß ihr dieses Gesicht auffallend bekannt vorkomme, »nur,« sagte sie, sich selbst berichtigend, »ist solch ein Wesen nicht unter den Männern; diese Klarheit, dieser Ernst, diese Festigkeit, diese Gediegenheit, und wieder auf der andern Seite, dieser frohe Sinn, diese Herzlichkeit, dieser Muthwille, diese, ich möchte es Schelmerei nennen – und da oben zwischen den herrlichen Braunen, welche die großen geistvollen Augen umwölben, dieser Zug von sanfter Schwärmerei – ja, von solch' einem Manne geliebt zu sein, kann ich mir wohl als das höchste der irdischen Glücksgüter denken, aber auch die Hölle auf Erden müßte es seyn, einen solchen Mann zu lieben, und ihn zu den Füßen einer Andern, vielleicht gar einer Unwürdigen zu wissen.« Aloyse wendete sich schnell ab, daß Klorinde nicht die großen warmen Thränen sehe, die ihr still über die Wange liefen; Klorinde hatte gesprochen, als läge vor ihr Aloysens Tiefstes wie ein Buch aufgeschlagen, es war Aloysen als hätte sie sich selbst sprechen gehört. »Mein Gott, Durchlaucht, was ist Ihnen?« fragte Klorinde besorgt, als sie jetzt gewahrte, mit welcher Gewalt Aloyse sich bemühte, sich des Weinens zu enthalten. »Nichts, nichts,« erwiederte Aloyse schluchzend und warf sich an Klorindens Brust, aus der es ihr getönt hatte, wie aus ihrem eigenen Herzen. »Meine Durchlaucht, meine liebste Durchlaucht,« entgegnete Klorinde, von des Fürstenkindes Thränen tief bewegt, »meine gute, himmlische Aloyse, sprechen Sie doch! Es ist Ihnen etwas was nicht seyn sollte; wir haben es alle schon seit geraumer Zeit bemerkt; Sie sind jetzt anders, als sonst; es drückt eine Last auf Sie, die Ihnen schwer, die Ihnen unerträglich zu werden scheint, weil Sie solche allein tragen wollen; machen Sie doch Ihr Herz leicht durch ein offenes herzliches Wort; oder ist vielleicht nicht schicklich, daß ich Sie um Ihr Vertrauen bitte; ich als Fremde, als Ausländerin; aber zu Ihren Füßen, bei Gott und bei Allem, was mir heilig ist, will ich Ihnen schwören, daß –« Aloyse wehrte, ohne aufzublicken, mit der Hand, als wollte sie sagen, daß es bei Klorinden hierüber keiner Eide bedürfe; »gerade weil Sie aus Ihrem Lande sind,« lispelte sie leise und konnte Klorinden dazu nicht ansehen; »sind Sie mir lieber und näher, als manche Eingeborene, und darum könnte ich Ihnen jedes Geheimniß anvertrauen, wenn ich eins hätte; aber weiß ich doch selbst nicht, was mir fehlt; ich komme mir wie ein einfältiges Kind vor, das aus einem Traume erwacht, und darüber schmollt, daß es geweckt worden ist.« »Also träumten sie angenehm, mein Prinzesschen?« fragte Klorinde, die lauter Räthsel zu hören glaubte, und sah in Aloysens verweinten Augen mit einer gutmüthigen Innigkeit, als wolle sie sagen, so vergiß doch nur ein einzigesmal, Du holdes Engelswesen, daß Du Fürstin bist, vergiß nur ein einzigesmal die strenge Verschlossenheit, das Entfernen von Allem, was sich Dir herzlich naht, das Festhalten an Form und Konvenienz, was Dir alles von Deiner frühesten Jugend an tief eingeprägt worden seyn mag, steig herab von Deiner Höhe, und sey vor mir, was Du hinter allen den Flitterschleiern, die sie über Dich geworfen, ja doch immer bist, und bleiben wirst, das liebenswürdigste Wesen unter der Sonne. Aloyse mußte selbst so etwas der Art in Klorindens sprechenden Augen gelesen haben, denn sie lächelte freundlich und machte ihr, sanft scherzend den Vorwurf, daß eigentlich sie an allem Schuld sey. »Ich?« fragte Klorinde erschrocken, und begriff Aloysens dunkle Rede jetzt noch weniger; »vorhin, Durchlaucht,« fuhr sie mit eindringlichen Worten fort, »wäre es Vermessenheit gewesen: Sie um nähere Aufschlüsse über das, was Ihnen das Herz drückt, zu bitten, allein jetzt – nennen Sie das kühne Wort nicht Keckheit– jetzt, meine englische Durchlaucht, darf ich bitten, ich darf – es ist mir als stände ich vor der Gerechtigkeit selbst, ich darf verlangen, ich darf fordern. Sie haben das Wort »Schuldig« über mich ausgesprochen, ohne mich zu hören, selbst ohne mir einmal mein Vergehen zu nennen.« »Ich sage Ihnen ja,« erwiederte Aloyse verlegen lächelnd, und wollte einer bestimmten Antwort ausbeugen, »die ganze Sache war eine Kinderei, ein bloßer Scherz.« »Beste Durchlaucht,« versetzte Klorinde, sich an ihrer Verwirrung ergötzend, »damit kommen Sie nicht durch; ich will die Klage gegen mich hören, ich bitte mich rechtfertigen zu dürfen, und dann sollen Sie über mich Recht sprechen.« »Da wäre ich ja Kläger und Richter in Einer Person,« entgegnete Aloyse, sich von der Hauptsache absichtlich entfernend, mit leichtem Lächeln, »und das darf, nach unsern Landesgesetzen wenigstens, durchaus nicht statt finden.« Klorinde, welche jetzt wohl abnahm, daß Aloyse sich mit Gewalt zwang, verschlossen zu bleiben, mußte natürlich den Versuch aufgeben, sich diesem schönen Herzen so zu nähern, als sie gewünscht und gehofft hatte. Im ganzen Benehmen der armen Prinzessin lag offenbar, daß es ihr Bedürfniß gewesen war, sich einer vertrauten Freundin mitzutheilen, daß sie sich aber auf dem halben Wege ertappt hatte, und, entweder aus angeborener Schüchternheit, oder aus Furcht vor weiterer Verbreitung ihres Geheimnisses, oder aus falscher Schaam über ihre Schwäche, oder in der Erinnerung des ihr in früher Jugend eingeprägten Grundsatzes, keine unter ihrem Stande zu ihrer Vertrauten zu machen, noch zu rechter Zeit, dem Drange, sich einer gleichgestimmten Seele hinzugeben, in den Zügel gefallen war, und nun auf dem ihr, von ihrer geschraubten Lage abgezwungenen Vorsatze, zu schweigen, mit Festigkeit beharrte. Sie nahm die Zeichnung, warf einen, für Klorindens noch ziemlich beschränkte Kunde des menschlichen Herzens, nicht ganz deutlich zu enträthselnden Seitenblick darauf, und war im Begriff, sie in ihr Büreau zu legen, als Klorinde, welche in diesem Momente die Zeichnung von einer andern Seite, als vorher in das Auge bekam, noch einmahl darnach griff, dem bildhübschen Mannskopfe nach einer Weile still lächelnd unwillkürlich zunickte, und Aloysen frug, ob sie ihr wohl erlauben wolle, die Zeichnung ihrer Schwester zu zeigen, um zu sehen, ob diese das auch finden werde, was ihr jetzt erst so eben, wie in die Augen gesprungen sey. »Was denn?« fragte Aloyse mit ungewisser Stimme, wendete sich nach ihrem Büreau, und kramte dort in ihren Papieren, um Klorinde die Beklommenheit nicht Preis zu geben, in der sie der Antwort entgegen harrte, die sie jetzt ahnete. »Nein, das ist merkwürdig!« hob Klorinde richtig an, »wissen Sie, mit wem hier Ihr Phantasie-Prinz – daß ich das vorhin doch auch gar nicht bemerkt habe – aber – man muß das Bild hier von der Seite ansehen – der Hauptumriß des Gesichts – nein, es ist wirklich auffallend. Kennten Sie unsern Prinzen Ewald, so glaubte ich, Sie hätten ihn aus dem Kopfe gezeichnet.« Der allerdunkelste Purpur brannte auf Aloysens Wangen, sie blieb darum mit dem Gesichte nach dem Büreau zugewendet, in dem sie eine Menge Kleinigkeiten ordnete, aber ihre Hand zitterte so heftig, daß sie fast kein Papier anrühren konnte, um durch dessen Knistern sich nicht gegen Klorinden zu verrathen, die nun indessen auf nichts Acht hatte, als auf ihren Pseudo-Ewald, und seine Züge mit diesem hier bis auf die kleinste Einzelnheit verglich. Das Resultat ihrer Gegeneinanderhaltung war am Ende, daß Ewald und der Unbekannte, in dem und jenem einige weitläufige Familien-Aehnlichkeit mit einander hätten, und daß Ewald im manchem hübscher, in anderem wieder weniger hübsch, als der Gezeichnete hier sey. »Ich habe mir« hob Aloyse, die sich unterdessen ziemlich gesammelt hatte, an, um Klorinden von der Fährte in das Labyrinth ihres Geheimnisses abzubringen, und der Vermuthung zu begegnen, als solle dieß wirklich Prinz Ewald seyn, »ich habe mir einmal den Gedanken ausführbar gedacht, die himmlische und die irdische Liebe bildlich darzustellen; ich fing mit der himmlischen an; ich hatte mir die Aufgabe gemacht, das vollendete Urbild des Menschen, wie es aus des Schöpfers Hand in frischer Kräftigkeit und Jugendfülle hervorgegangen, hinzustellen.« – »Und da ward unser halber Prinz Ewald daraus?« fragte Klorinde lächelnd und meinte, daß er mit dem Komplimente, das ihm der Zufall durch Aloysens Crayon gemacht, just eben nicht Ursache habe, unzufrieden zu seyn. »Aber,« fuhr Aloyse fort, ohne sich von Klorindens Scherz unterbrechen zu lassen, »der Versuch gelang mir nicht, und späterhin gab ich dem mißlungenen Erzeugniße, Gewand und Schmuck der heutigen Zeit; das ist die ganze Geschichte des Bildes.« »Nun, und die irdische Liebe? wie gedachten Sie denn diese zu personifiziren?« frug Klorinde, die diese Kunst- und Herzens-Abhandlung mit lebendigem Interesse aufzugreifen schien.« »Darüber war ich mit mir noch nicht einig,« erwiederte Aloyse kalt hin, »darüber hatte ich noch nicht einmal recht nachgedacht.« »Die irdische scheint Ihnen nicht gefallen zu wollen,« erwiederte Klorinde, »und doch ist es ja die, an welche wir uns hienieden halten sollen, als an das Höchste dieses Erdenlebens!« »Leider!« versetzte Aloyse ernst und warf den Blick in die Wolken. »Leider?« fragte Klorinde, »zur Nonne, zur Himmelsbraut wollen Sie sich doch nicht bestimmen? und – meinen Sie denn, daß die irdische Liebe eine sündige sey?« »Eine reine ist sie wenigstens nicht,« entgegnete Aloyse niedergeschlagen und ernst, »darum kann sie auch das Höchste des Lebens hienieden nicht seyn, und darum ist sie das auch nicht. Wie viel Millionen Thränen mögen um dieser Liebe willen nicht schon geweint worden, wie manche blühende Wange mag nicht schon unter dem Dornenkranze dieses falschen Glücks verbleicht seyn! – Die Menschen sind jetzt so unerträglich klug geworden! Sie verweisen die Liebe in das Gebiet der Träume, der Schwärmerei, und lachen über den Thoren, der in ihrem ausgekälteten Herzen sucht, was mit dem Glauben und mit der Treue längst von unserer Welt verschwunden ist.« »Ist es doch,« sagte Klorinde, Aloysens Zeichnung noch in der Hand haltend, und voller Verwunderung, aus dem Munde der jungen Fürstentochter Aeußerungen zu vernehmen, die sie nur von einem Mädchen hätte erwarten dürfen, das in der Liebe die bittersten Täuschungen erfahren, »ist es doch, als hörte ich unsern Prinzen Ewald sprechen, der behauptete auch immer, es sey in der Welt keine wahre Liebe mehr; und alles, was die Menschen zusammenführe, sey jetzt nur Konvenienz oder kalte Gewinnsucht, oder Ueberwallung des Augenblicks; aber das Heiligthum der wahren reinen Liebe sey der Menge verschlossen, und zeige sich ja einmal ein Einzelner empfänglich für jenes himmlische Gefühl, so werde er vom großen Haufen, der nur der Sinnlichkeit huldige, ein Phantast gescholten.« »Nun dann hat er sich, seit sie von dort weg sind, sehr geändert,« sprach Aloyse mit verhaltener Heftigkeit, ohne Klorinden anzusehen, »wenigstens ist sein Verhältniß zur Roselli –« »Daran werden Sie doch nicht glauben, Durchlaucht?« fiel ihr Klorinde in das Wort, »das ist ja das allererbärmlichste Gewäsch, das je erdacht werden konnte; ich weiß, Frau v.  Bouslar hat das Verdienst, dieß Mährchen hier in Umlauf gebracht zu haben; indessen, wer unsern Ewald auch nur oberflächlich kennt, muß darüber indignirt werden, daß es bei der Schlechtigkeit unserer Welt möglich ist, diesen Prinzen so zu verläumden, ihn, der gerade in diesem Punkte die Fleckenlosigkeit, die Unbescholtenheit selbst ist; nicht ein, sondern zwanzigmal hat er, selbst in meiner Gegenwart, seinen lautesten Unwillen geäußert, wenn Andere seines Standes, Verbindungen dieser unwürdigen Art anknüpften oder unterhielten. Offen und gerade wie er immer ist, sprach er sich auch laut und unverhalten über diesen Gegenstand aus; ich weiß noch, als wenn es heute wär, als wir einmal bei Oberstallmeisters auf dieß Kapitel kamen, und einer unserer Kammerherren Verbindungen der Art damit entschuldigte, daß Prinzen sich selten nach ihren Neigungen verheirathen dürften, daß auch sie ein menschliches für Liebe empfängliches Herz in der Brust hätten, und daß es darum ein ihnen wohl zu gönnendes Vorrecht bleiben müsse, neben der Gemahlin, deren Hand ihnen politische Rücksichten in die ihrige gelegt hätten, einer Geliebten ihre Huld zu schenken; da warf der Prinz einen dunkeln Flammenblick auf den Kammerherrn, und rief hoch aufgeregt: Nimmermehr! Das sind Sophistereien! Der Fürst wie der Aermste seines Landes schwört vor Gottes Altare der Gattin Treue und ehrliche Liebe bis zum Tode. Den heiligen Schwur darf keiner brechen, am wenigsten der Fürst! und glauben Sie denn, Herr Kammerherr, daß eine Fürstin auch nicht Rechte hat? und daß es sie nicht tief und bitter schmerzen muß, wenn sie den Meineidigen von den Armen einer Buhlerin umfangen weiß, die ihn nie liebte, sondern nur um schnöden Goldes willen ihm gibt, was der Unschuld und Liebe nie feil seyn sollte? und daß ein solches Beyspiel nicht auf die Sittlichkeit der nächsten Hofumgebungen und des ganzen Landes höchst nachtheilig wirken muß? Sie haben einen sehr beschränkten Begriff von der Politik, Herr Kammerherr, wenn sie meinen, daß diese von einem Fürsten verlangen dürfe, sein Leben mit einer Prinzessin zu theilen, die er nicht liebt. Des Fürsten Pflicht ist, alles der Ehre seines Hauses, und dem Glücke seines Volkes zu opfern. Genügt er aber dieser Pflicht, wenn er sich ohne Neigung mit einer Prinzessin verbindet, und dann sich in die Arme der ersten, besten Kokette wirft, und sich einem Wandel hingibt, vor dem die Tugend erröthet? Wie können wir Liebe von dem Volke verlangen, wenn wir dessen Achtung uns verscherzen? Sie Herr Kammerherr, Sie sind vielleicht so gefällig, sich mit Ihrer leichten Gefügigkeit über dergleichen kleine Skrupel hinwegzusetzen, aber der gediegenere Theil unserer Nation, in dem noch fromme Einfalt und sittliche Unverdorbenheit heimisch sind, ist, Gott sey Dank in dem Punkte noch schwerfälliger. Stellen Sie einmal die beiden Bilder nebeneinander; ein, in treuer Liebe festverbundenes Fürstenpaar, und dann, einen von Maitressen umstrickten Herrscher, dessen Gattin entweder über die Schwäche und den Leichtsinn des Gatten ungesehene Thränen weint, oder, um sich für die Vernachlässigung zu rächen, ihr Wohlwollen einem Begünstigten schenkt; fragen Sie einmal das Volk, unter welchen der beiden Paare es lieber leben möge – und von Vorrechten unsers Standes, kann, Herr Kammerherr, hier nicht die Rede seyn; keine Geburt, kein Stand, kein Rang, können dem Menschen das Vorrecht geben, von der Bahn, die uns das Sittengesetz vorschreibt, abzuweichen, und der Höfling, der die Tugend seines Herrn mit solchen Grundsätzen einschläfern will, ist, wenn er sie aus Leichtsinn laut werden läßt, ein werthloser Taugenichts; versucht er aber absichtlich, die Festigkeit seines Gebieters schwankend zu machen, ein Verbrecher – und einen Prinzen, der mit der Lebendigkeit, mit dieser Wärme, seine Meinung hierüber ausspricht, kann man fähig halten, alle diese Früchte seiner vortrefflichen Erziehung, des Beispiels, von dem er im Kreise seines Hauses umgeben ist, und seiner eigenen gediegenen Selbstbildung, einem Mädchen wie die Roselli, zu Füßen zu legen? Wohl sollen die Männer in der Regel schwache, unzuverlässige Wesen seyn, die im Rausch der Sinne sich der Achtung entäußern, die sie sich selbst schuldig sind; wohl soll ein hübsches Gesicht, ein freundliches Wort, oft nur ein halber Blick diese sogenannten Herren der Welt, um Verstand und Konsequenz bringen und versteht jemand die Kunst, die Männer solchen Schlags verrückt zu machen, so ist es die Roselli, die von ihren unläugbaren körperlichen Reizen, von ihrem glühenden Temperament, und von der allerraffinirtesten Schlauheit unterstützt, die Koketterie ordentlich in ein wissenschaftliches System gebracht zu haben scheint, denn sie spielt, je nachdem sie ihren Mann vor sich hat, die zarte Unschuld, die dem Himmel Verlobte, die unentweihte Sonnen-Jungfrau, eben so täuschend wahr, und so unübertreffbar natürlich, als die Einfältige, die Naive, das Weltkind und die Buhlerin, und ist ihres Sieges überall gewiß. Dabei läßt sie den feinberechneten Kalkül nie aus dem Auge, von dem großen Haufen den Ruf der Unbescholtenheit sich möglichst zu erhalten; jeder ihrer Anbeter muß ihr, sagt man, mit wahrhaft fürchterlichen Eiden geloben, sich nie einer Begünstigung von ihr zu rühmen und vor der Welt gegen sie möglichst gleichgültig zu erscheinen. Dadurch gewinnt sie den Vortheil, daß sie immer die Dankopfer mehrerer Verehrer zu gleicher Zeit, anzunehmen geruhen kann, ohne daß einer vom andern weiß, und zweitens, daß sie sich den Zutritt in anständige Häuser offen behält, wodurch selbst ihr Künstlerwerth steigt, und wodurch sie die beste Gelegenheit gewinnt, ihre Netze nach den vorzüglichsten Goldfischen auszuwerfen; und daher mag es denn auch wohl gekommen sein, daß der Prinz ihren gewiß sehr fein gelegten Schlingen nahe gekommen, vielleicht nahe gebracht worden ist, aber –« »Nahe gebracht? « fragte Aloyse, welche während Klorindens lebendiger Vertheidigung des Prinzen, aus den düstern kalten Zweifeln, von denen ihre Seele bisher befangen gewesen, allmählig herausgetreten war, sich in den wohlthätigen Strahlen eines neuen Glaubens gesonnt und erwärmt hatte, und jetzt der Marterqualen, die bisher ihr Innerstes zerstörend gepeiniget hatten, los und ledig, in die Fröhlichkeit eines Menschen überzugehen anfing, der jahrelang in Fesseln geschmachtet hat, und dem die nahe Hoffnung auf Glück und Freiheit verkündet wird. »Ja, ich kann es nicht anders nennen,« erwiederte Klorinde, »denn so viel ich darüber erfahren, sind andere Menschen im Spiele gewesen, die, Gott weiß warum, den Prinzen absichtlich in die Arme der Roselli zu verlocken bemüht waren.« »Abscheulich!« rief Aloyse mit tiefem Unwillen, »doch liebste Klorinde,« setzte sie eine Weile nachher wieder mit gedämpfter Stimme hinzu, »so ganz schuldlos, als Sie den Prinzen hiebei machen wollen, mag er doch am Ende nicht seyn; wenigstens zeugt die Geschichte mit dem Solitair wider ihn, und –« »Auch davon wissen Ew. Durchlaucht?« fragte Klorinde mit einem Tone, dem man es anhörte, daß es ihr schwer ward, ihre Empfindlichkeit über die unberufene Ausführlichkeit zu verbergen, mit der alle und jede Ereignisse ihres heimathlichen Hofes hieher berichtet wurden; »wer Ewalds Leidenschaft im Schenken, auf der einen Seite, und der verschlagenen Roselli feine Kunst im Betteln, auf der andern kennt, dem wird es leicht erklärlich, daß der Prinz diesen Solitair ohne Weiteres hinzugeben im Stande gewesen, wenn das Mädchen auf eine sein versteckte Weise hat merken lassen, daß der Stein ihr gefallen. Bei seiner unbegränzten Gutmüthigkeit, kann eine viel weniger Hübsche ihm weit größere Geschenke ablocken, wenn sie es versteht, ihr Gefallen an dem Gewünschten so zu äußern, daß darin kein Schein einer Bitte liegt. Die schlaue Italienerinn hat das Geld lieb; aber der Werth des Solitairs ist es nicht allein, der hier den Ausschlag gibt; die Person des Gebers ist ihr die Hauptsache; sie hatte nach ihrer Ansicht, nun den höchsten Gipfel ihrer Wünsche erreicht; die Ehrgeitzige wähnte den Prinzen mit all seinen Schätzen und all seinen persönlichen Liebenswürdigkeiten von ihren Netzen umstrickt, zu ihren Füßen zu sehen. Ihre Klugheit ward dießmal von ihrer Eitelkeit überflügelt; sie brüstete sich öffentlich mit dem Steine, den sie als das erste Unterpfand ihrer glänzenden Hoffnungen ansah; sie rühmte sich des nahen Verhältnisses, sie log ihren Umgebungen von den Betheurungen vor, mit denen der Prinz versichert haben solle, ohne sie nicht leben zu können, und vier und zwanzig Stunden darauf hatte sie ihren Abschied.« »Abschied?« unterbrach sie Aloyse, angenehm überrascht. »Mit der Aufgabe,« fuhr Klorinde, unwillkührlich erfreut, den Prinzen in Aloysens Augen gerechtfertigt zu sehen, fort, »die Residenz den Augenblick zu verlassen. Der Prinz hatte kaum von einigen seiner ihm ergebenen treuen Seelen erfahren, was Signora Battista Roselli in der Stadt herumgelogen, als er zum General-Intendanten des Theaters fuhr, diesen, unter offener Anführung der Veranlassung bestürmte, das Mädchen auf dem Fleck zu verabschieden, und dessen Einwand, daß die Künstlerin noch zwei Jahre Kontract habe, dadurch beseitigte, daß er ihr den Betrag ihres ganzen Dienst-Einkommens auf vier Jahre mit einemmale aus seinen eigenen Mitteln auszahlen ließ. Sie reiste den andern Morgen schon ab und wendete sich nach Norden, wo sie mit ihren Talenten und ihren Annehmlichkeiten leicht wieder Engagement finden wird.« Die Geschichte der Empfindungen zu erzählen, die während dieser ganzen Unterredung, vom Anfange an bis jetzt, in Aloysens Innern, auf einander gefolgt waren, ist ein Werk der Unmöglichkeit; wußte sie doch selbst nicht, wie so wunderbar ihr geschehen; sie lag, als Klorinde, mit der übrigens diesen Abend die Fürstin Mutter zu dem beabsichtigten Gespräch nicht hatte kommen können, längst wieder fortgefahren war, in dem weißumflorten Bette, und konnte kein Auge zuthun. »Bist du nicht ein einfältiges Ding,« sagte sie sanft lächelnd zu sich selbst; »du hast den Ewald nie gesehen, er weiß von dir kein Wort, du wirst ihn wahrscheinlich nie kennen lernen, und doch – aber geht es denn der armen Nonne in der einsamen Zelle anders? Sie hat den Heiligen ihrer Liebe nur in der keuschen Brust, und vor sich im Bilde; ihn selbst sah sie nie; er kennt sie nicht; sie wird ihn hienieden nie sehen, und doch hängt sie mit namenloser Innigkeit an ihm und nur an ihm allein! Dir und ihr schwebt ein Ideal vor, was die Seele füllt, die Sehnsucht stillt. Wohl dir und ihr vielleicht, daß dieser geträumte Liebling des schmachtenden Herzens nie körperlich erscheint; denn so denken, so sprechen, so fühlen kann er ja nicht, als wir ihn uns dachten; wir malten uns einen Seraph, und er würde nur immer ein Mensch seyn! Wie glücklich sind die Mädchen aller andern Stände! Jedes hat wenigstens Eine treue Seele, der es seine Freuden, seine Leiden anvertrauen kann! Ich soll und muß alles im Herzen behalten, was so voll, so übervoll ist. Aber der Schmerz ist der Liebe leichter zu tragen, als die Freude. Da ich Kummer hatte, da ich meinen – da ich den Ewald meiner Phantasie gefallen glaubte, da ich ihn für schuldig hielt, da fand ich etwas Wohlthuendes darin, im Stillen zu weinen, meinen Schmerz allein zu tragen, und Niemand zu haben der es wisse, wie tief ich um seinetwillen betrübt sey; aber heute – als Klorinde den schwarzen Krepp zerriß, den das verläumderische Gerücht über sein Bild geworfen, als sie ihn laut und wahr vertheidigte, als sie ihn frei sprach von den Vorwürfen, mit denen ich ihn im Stillen belastet, als er wieder rein und fleckenlos vor meinem Inneren stand, ach, warum konnte ich ihr da nicht um den Hals fallen, warum ihr die barmherzige Hand nicht küssen, dir mir auf das wunde Herz den kühlenden Balsam legte! – aber – durfte ich denn das? Wie die kalt verschlossene Klosterschwester, so soll auch ich ja keine Freundin, keine Vertraute haben, nur die Einsamkeit und die Nacht sind die Verschwiegenen, die es wissen dürfen, was mich bekümmert und ergötzt. Hundertmal schon hatte sie sich die Scene gedacht, wie ihr sein würde, wenn Ewald einmal käme, ohne daß sie ihn kenne; bald ließ sie sich von ihm auf einer weiten Reise finden, bald überraschte er sie in einer fremden wilden Gegend; beide kannten sich nicht, und jedes wußte doch, wer das andere war. So wie heute hatte sie lange nicht an ihn gedacht. Sie sah ihn vor sich, im ganzen Schmuck seiner Jugend und frischen Lebenskraft, wie sie hundertmal schon sein Bild sich ausgemalt hatte; sie hörte den Wohlklang seiner Stimme; sie blickte hinauf zu dem kleinen Bronze-Kupido, um dessen Hand das zurückgeschlagene leichte Vorgehänge ihres Bettes geschlungen war, und der, wie vom Gotte des Schlafes gesandt, über ihrem Lager schwebend, schalkhaft und bedeutsam herablächelte, und schlummerte nach langen trüben Tagen, die schwarze Wolke, die sich ihr am nächsten Morgenhimmel heraufthürmen werde, nicht ahnend, zum erstenmale wieder leicht und fröhlich in das Zauberreich der süßesten Träume hinüber, und in stiller Nacht senkte sich der Schelm oben, auf das liebreizende Fürstenkind nieder, umfing es mit solch leichtfertigem Kosen, daß diesem das Herz in der Schwanenbrust höher schlug, das Grübchen in der Lilienwange sich unter leichtem Lächeln im sanften Wechsel bald vertiefte, bald verflachte, und das ganze Engels-Prinzeßchen, auf die Alabasterpracht seines Linnen-Schnees hingegossen, am folgenden Morgen, vom Purpur des himmlischen Frühgoldes geröthet, aussah, wie die eben aus Meeresschaum geborene Königin der Liebe selbst. Zweytes Bändchen. Der Vicomte. Der Fürst, der in der Regel in der Residenz schlief, war heute zeitiger als gewöhnlich in Habichtswalde; er ging, ohne die Fürstin in ihrem Morgenschlafe stören zu wollen, in den Park, bestellte sich das Frühstück auf die Schwaneninsel, und trug Aloysens Kammerfrau auf, ihre Herrin zu rufen. In der letzten Zeit immer bleichen und trüben Gesichts, schlaff in ihrer Körperhaltung und fast schleichend im Gange, kam frisch und blühend, wie der heutige Sommermorgen selbst, Aloyse durch die Blumengänge geflogen, sprang in die Gondel, fütterte im Überfahren die sechs stolzen Schwäne, die sie auf beiden Seiten eskortirten, und gewohnt waren, aus dieser kleinen milden Hand ihr Morgenfutter zu erhalten, wand sich durch das blühende Buschwerk der Insel, das im Millionen-Funkel seiner Thaujuwelen sich huldigend ihr entgegenneigte, trat in der ganzen Fülle ihres lebendigen Jugendreizes vor ihren fürstlichen Vater und Herrn, und küßte ihm kindlich die Hand. Der Vater gestand sich im Stillen, das Mädchen nie schöner gesehen zu haben. Er äußerte ihr mit sichtbarem Wohlgefallen seine Freude, daß ihr die Landluft so wohl bekomme, und warf einen dankbaren Blick in die blühenden Umgebungen und in die erquickende Azurbläue des Himmels, daß sich ihre Heilkraft an seinem Kinde so wohlthätig bewährt habe. Aloyse aber lächelte heimlich über die schuldlose Täuschung des gütigen Vaters; denn nicht die Gewürzdüfte der sie umblühenden Kräuter, Bäume und Blumen, nicht der Balsam der reinen Landluft – Klorindens gestriges Abendgespräch, und die wunderlichen Träume dieser Nacht hatten ihr frisches Blut in das Herz gebracht, hatten ihre Wange mit dem zartesten Roth überhaucht, und neues Feuer in das schmachtende Auge gegossen. Der Fürst rief den Gondelier, der Aloysen auf die Schwaneninsel herübergefahren, zu, daß er an das jenseitige Ufer zurückfahren und dort warten soll, bis er werde gerufen werden, und verkündete, durch den, diesen Befehl motivirenden Zusatz, daß dergleichen Leute gern zu horchen pflegten, und man hier auf der stillen Insel jedes Wort hören könnte, der darob in sichtliche Verlegenheit gerathenden Tochter, daß hier etwas gesprochen werden solle, was nicht Jedermann hören dürfe; sie hatte sich nicht getäuscht. Nach einer Art von festlichem Eingange, in dem ihr der Fürst die Bestimmung des weiblichen Geschlechts, ihr Alter und der Eltern billigen Wunsch auseinandersetzte, sie einmal an der Hand eines ihnen allen willkommenen Gatten zu sehen, und bei dessen ersten Worten schon der kleinen Prinzessin vor Angst der Athem verging, rückte er mit der Eröffnung heraus, daß der Erbprinz Konradin, aus einem entfernten höchst achtbaren Hause, durch den Vicomte Barbou unter der Hand habe anfragen lassen, ob er sich Hoffnung auf die Erlaubniß machen dürfe, sich um Aloysen zu bewerben. »Der Erbprinz Konradin?« fragte Aloyse, und es war ihr, als schwanke die ganze Insel unter ihren Füßen. »Er ist,« begann der Vater, dem der schmerzliche Ton dieser Frage nicht entging etwas verstimmt, »von Dir im Alter zwar etwas verschieden –« »Er muß ein Vierziger seyn,« fiel ihm Aloyse mit einer raschen Aufwallung in das Wort, die ihren Widerwillen gegen den Vorschlag nur zu laut verrieth – »Nun ja –« entgegnete der Fürst etwas verlegen – fünf bis sechs und vierzig Jahre kann er wohl alt seyn, indessen ist es, so viel mir bekannt, noch ein gesunder rüstiger Herr, und über seine ausgezeichnet glückliche Ehe mit seiner ersten Gemahlin, ist nur Eine Stimme. Unstreitig wird er jetzt im Kurzem zur Regierung gelangen, und der Thron, den er dann mit Dir theilen würde, ist einer der geachtetsten unserer Zeit. Du wirst selbst fühlen, wie schmeichelhaft dieser Antrag für Dich, uns und unser kleines Land ist, und die Vortheile, die letzterm aus dieser Verbindung erwachsen können, sind so mannichfach und so berücksichtigungswerth, daß ich von Dir im Voraus um so mehr alle Bereitwilligkeit, in diese Anträge einzugehen, erwarten darf, als Du wohl wissen wirst, daß eine Fürstentochter für ihr Herz keine so reiche Auswahl hat, als die Mädchen anderer Stände, und als, wenigstens so weit ich die jetzt heirathsfähigen Prinzen unserer sämmtlichen Höfe kenne, ich keinen Einzigen weiß, der Dir unter glänzendern Aussichten seine Hand bieten könnte, als der Erbprinz. – Ich hatte – ich kann Dir das jetzt sagen – ich hatte früher einmal Hoffnung, Dir eine Verbindung zu bewirken, gegen die Du, hinsichtlich des Alters wenigstens keinen Einwand zu machen gehabt haben würdest; allein nähere Nachrichten, die mir zu Ohren kamen, mußten in mir die Besorgniß erregen, daß Deine reine unentweihte Hand einem Manne zu Theil geworden wäre, der ihrer nicht ganz würdig sey. Ueber Deinen Anstoß an dem Unterschied zwischen Deinem Alter und dem des Erbprinzen wirst Du indessen um so eher Dich wegsetzen können, als sich selbst in den niedern Ständen oft Mädchen mit viel älteren Männern verbinden, und doch recht glücklich leben. – Ich werde,« setzte er nach einer Weile, von den Thränen gerührt, die Aloysen vom gesenkten Köpfchen auf den Blumenstrauß am Busen tröpfelten, mit gedämpfter Stimme hinzu, »ich werde Dich nie zu einer Verbindung zwingen, die Deiner Neigung entgegen ist; du sollst in Deiner Wahl durchaus freie Hand behalten; aber wenn Du keine triftige Gründe hast, eine Parthie auszuschlagen, die uns nur erfreuliche Aussichten auf Deine Ehre und Dein Lebensglück und auf das Heil unsers ganzen Landes verspricht, so versehe ich mich zu Deinem Pflichtgefühl, daß Du von einer unzeitigen Schwärmerei, oder wie ich die etwas romanhafte Ansicht nennen soll, die Du von Liebe und Ehe zu haben scheinst, Dich nicht wirst verleiten lassen, den Wünschen zuwider zu handeln, die der Erbprinz und sein Hof mir durch den Vicomte haben kund thun lassen; – das Unerwartete der Sache scheint Dich etwas überrascht zu haben. Ich will Dich wegen Deiner Erklärung nicht übereilen. Die Sache liegt so, daß wir uns Zeit nehmen können. Es handelt sich jetzt noch nicht um Dein Ja oder Nein; die Initiative der mir vom Vicomte gemachten Eröffnung ist nur darauf gerichtet, zu wissen, ob man bei einem dereinst zu machenden förmlichen Antrage auf eine beifällige Erklärung rechnen dürfe; ich lasse Dir daher gern einen ganzen Monat Bedenkzeit, frage, natürlich ohne den Zweck Deiner Erkundigungen errathen zu lassen, wenn Du willst über den Erbprinzen; wir haben ja mehrere Familien hier, die dort bekannt sind, und Dir über seine Person und über seine guten wie über seine etwanigen Schattenseiten, die nöthigen Details werden geben können; prüfe Dich und den zu nehmenden Entschluß ruhig und mit Rücksicht auf das, was Du uns, Dir, Deiner Stellung und dem Manne schuldig bist, der Dich durch seine bis jetzt noch geheime Wahl ausgezeichnet hat, und dann sprich Deinen Willen aus. Solltest Du dann Gründe haben, Dich ablehnend zu erklären, so wirst Du sie mir angeben, und finde ich sie hinlänglich vorhaltend, so werde ich selbst einen schicklichen Vorwand auszufinden bemüht seyn, die vorläufigen Einleitungen auf eine uns unnachtheilige Weise abzubrechen. – Die Fürstin weiß bis jetzt noch kein Wort davon, ward mir selbst doch gestern erst darüber vom Vicomte die erste Mittheilung gemacht; ich gehe jetzt, um sie deßhalb in Kenntniß zu setzen. Sprich mit ihr nachher darüber und bitte Dir ihren mütterlichen Rath aus.« Mit diesen Worten drückte der Fürst Aloysen die Hand, rief den Gondelier zu, fuhr hinüber, und überließ Aloysen ihren Hoffnungen und Besorgnissen, ihrem Schmerze und ihrem Kummer. Sie warf sich, als der Vater fort war, auf das dunkelumbuschte Gartensopha und weinte sich das gepreßte Herz aus. Mit welcher Heimtücke hatten sie die Träume dieser Nacht betrogen; sie wähnte sich das unglücklichste Mädchen unter der Sonne. Sie schmollte mit der ganzen Welt; selbst auf Klorinden war sie böse. Sie hatte ja die thörige Neigung für Ewald aufgegeben; sie hatte ja längst schon erkannt, daß es eine ihr selbst unbegreifliche Kinderei gewesen war, einen Menschen zu lieben, den sie sich eigentlich selbst geschaffen hatte, der von ihr nur idealisirt worden war, der nie existirte; sie hatte diesen ehemaligen Liebling ihrer Phantasie vergessen; sie hatte ihn hassen gelernt, weil Frau von Bouslar das Bild, was von ihm in ihrer Seele lebte, mit den allergiftigsten Pinselstrichen zu entstellen meisterhaft verstanden hatte, und nun mußte gestern, gerade gestern Abend Klorinde kommen und den Heiligen ihrer jungfräulichen Liebe ihr wieder makellos hinstellen; er war ihr dadurch seitdem noch theurer geworden, denn sie sah ihn als den duldenden Märtyrer ihres übereilten Verdammungsurtheils an; sie hatte ihm abzubitten, sie hatte das ihm zugefügte Unrecht wieder gut zu machen; die Liebende ward zur Büßerin, und der Glorienschein des unschuldigen Dulders spielte ihr mit noch hellerem Strahlenglanze als zuvor in das thränenschwere Auge. War Klorinde gestern Abend nicht da, so wußte sie das alles nicht; sie hätte eine Art von kleinem Trotz darin gefunden, den Mann ihrer Träume, der ihrer namenlosen Liebe gar nicht würdig war, aufzugeben, und, um sich selbst zu beweisen, wie geheilt sie von der lächerlichen Schwäche sey, ihm gut gewesen zu seyn, dem Erbprinzen sich zuzusagen. – Der Vater war so kalt, so bestimmt gewesen! Das, was er von ihrer freien Wahl gesagt, blieben, bei näherer Beleuchtung der Sache, ja doch nur leere Worte, durch deren wohltönenden Schall sie zu dem Selbstbetrug verlockt werden sollte, als dürfe sie wirklich nur nach ihrer Neigung handeln, Mit wem sollte sie sich berathen? wen konnte sie fragen? Die Familien hier, deren der Vater erwähnte, wußten im Geheimen bestimmt schon, was von Seiten des Erbprinzen im Werke sey, denn was der Art bleibt an den Höfen verschwiegen! und natürlich hörte sie nichts, als die schmeichelhaftesten Lobeserhebungen seines Karacters, seiner Vorzüge, vielleicht auf Kosten der Wahrheit! Am liebsten aber wäre ihr gewesen ein rechtes Schreckbild von ihm zu erhalten; dann hätte sie doch sogenannte vorhaltende Gründe gehabt, Nein zu sagen! aber wer hätte ihr gegenüber gewagt, einen solchen Schattenriß zu liefern, selbst, wenn der Erbprinz in eben dem Grade werthlos gewesen wäre, als er, zu ihrem Unglück, des aufrichtigsten Lobes und der unbedingtesten Achtung würdig war. – Mit der Mutter sollte sie sprechen? Was konnte ihr diese rathen und helfen? durfte sie ihr, durfte sie denn einen Menschen in der Welt den eigentlichen Stein nennen, der ihr im Wege lag? durfte sie denn hintreten, und, ohne den gerechten Spott jedes Unbefangenen zu fürchten, sagen: ich habe mir von einem hübschen Prinzen in der Nachbarschaft etwas vorschwatzen lassen, und unter diesem mir ein Wesen gedacht, wie es seyn und aussehen müsse, wenn ich es lieben solle, dieses Wesen habe ich Ewald getauft; die stillen Träume meiner heimlichen, meiner ersten Liebe haben mich zu diesem Unbekannten hingezogen, wie der fromme Wahn die Klosterjungfrau zu den Füßen ihres Heiligen. Ich fürchte selbst, daß ich von der Krankheit, die mich mit ihren süßen Giften verzehrt, geheilt seyn würde, sobald ich diesen Ewald sähe, denn gewiß ist es ein ganz anderer, als ich ihn tausendmal in den Visionen meiner seligen Verzückungen gesehen, und bestimmt spricht er ganz anders, als ich ihn, umdunkelt von den Träumen der lautlosen Mitternacht, tausendmal habe sprechen gehört – aber, – um des Spaßes willen, möchte ich fast sagen, wenn die Sache nicht gar zu ernsthaft wäre, – im Ganzen möchte ich doch wissen, ob, und in wie weit die Wirklichkeit hinter meinem Phantasiegebilde zurückbliebe; macht also, Ihr Menschen, die Ihr mir sagt, daß Ihr mir gut seyd, daß Ihr mich liebt, macht, daß ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehe, und enttäuscht mich dieser Versuch, so will ich noch vor seinen Augen dem Erbprinzen meine Hand geben. Lebt aber das Gefühl in seiner Brust, das – sie lächelte über ihren sich selbst gespielten Betrug – das ich hineingesenkt, tönen die Worte von seinen Lippen, die ich ihm in unserm ungehörten Zwiesprach in den Mund gelegt, strahlt wirklich in seinem Flammenblick das Feuer seiner Gegenliebe, das ich darin gelesen, so müßt ihr mir nicht verargen, wenn ich ihn an die Spitze meiner vorhaltenden Gegengründe stelle, und zum Erbprinzen ein vernehmliches Nein sage. – Der Vater – was wollte er mit der Verbindung, die er im Plane gehabt, und gegen die ich, hinsichtlich des Unterschiedes im Alter, gewiß keine Ausstellung gemacht haben würde, die aber – sprach er nicht von nachtheiligen Gerüchten, die ihm nachher zu Ohren gekommen. – Sollte er damit Ewald gemeint – ihr verging der Athem bei dem Gedanken! Bestimmt hatte man auch bei dem Vater den Schuldlosen verschwärzt! und er hatte Niemand, der ihn rechtfertige, Niemand der ihn vertheidige, und von der Zurücknahme dieses Verdachtes hing doch ihr ganzes Lebensglück ab. – Sie legte beide Hände auf die gepreßte Brust, und sann, wie und durch wen sie Ewalds Ehre und guten Namen bei dem Vater retten könne; aber mit schmerzlicher Empfindung gewahrte sie, wie allein und verlassen sie stehe. Mit wem konnte sie darüber sprechen? Wen konnte sie dazu wählen? In einem Monate sollte sie sich bestimmt erklären! Sie wußte dann eben nicht mehr, als heute! Sie mußte dann Ja sagen, und eine Verbindung eingehen, in der sie für ihr ganzes Leben auf das Glück der Liebe verzichtete! Alles, nur keine Prinzessin möchte ich seyn, sagte sie, mit ihrem Geschick zerfallen, heimlich zu sich selbst, als sie über den spiegelglatten See wieder nach dem Schlosse zufuhr, und hätte viel darum gegeben, wenn sie das Diadem ihrer Fürstenherrlichkeit mit all seinem Schimmer und all seiner Pracht, in das Tiefste der Krystallfluthen hätte versenken dürfen. Auf dem Heimwege begegnete ihr Agathe, und erzählte ihr mit freudeverklärtem Gesicht, daß nun Alles in Ordnung wäre, daß sie nächsten Sonntag mit Martin werde aufgeboten werden, und daß Aloyse es sey, deren Güte sie Beide ihr Glück ewig zu verdanken hätten. »Sage Martin,« hob Aloyse, ihres Schmerzes kaum mehr mächtig, an, »daß er mir, wenn ich sterbe, mein Grab mauere; das soll mir sein bester Dank seyn!« »Mein Gott und Herr,« erwiederte Agathe erschrocken, »wie mag eine so junge und so schöne Prinzessin, die ja Alles vollauf hat, wie mag die an das Sterben denken!« Aloyse aber ging, ohne zu antworten, und zürnte mit sich selbst, daß ihr das Wort entschlüpft war, denn sie konnte wohl voraussehen, daß Agathe das weiter herum bringen, und ihr heimlicher Kummer, den ja Keiner wissen sollte, bald zum Stadtgespräch der Residenz werden würde. Leuchtkugeln. Prinz Ewald war auf die ganze West böse. Der junge Baron Benno von Hollau, mit dem er in den frühesten Tagen seiner Kindheit aufgezogen worden war, und mit dem er sich seit jener glücklichen Zeit unter vier Augen noch Du hieß, war von den Gütern seines Vaters, die an dem entferntesten Ende des Landes in einer reizenden Gebirgsgegend lagen, zufällig in die Residenz gekommen, hatte von des Prinzen angeblichen Verirrungen mit der Roselli gehört, konnte, so weit er Ewalds Grundsätze kannte, unmöglich glauben, daß die Vertraulichkeit dieses Verhältnisses den Grad wirklich erreicht haben sollte, wie ihn die Klatsch- und Vergrößerungssucht der einen Hälfte der Stadtzirkel darstellte, und die andere Hälfte nach der gewöhnlichen Weise, alle Gerüchte dieser Art ohne weitere Prüfung gleich als baare Münze anzunehmen, glaubte, und nahm sich daher das Herz, dem Prinzen offen zu sagen, was man sich hier alles über die Geschichte in die Ohren flüstere, und ihn zu fragen, was an der Sache Wahres sey. Anfangs – die Schuldlosigkeit der Jugend, die von dem boshaften Gewebe der Tücke und des Argwohns gewöhnlich keinen Begriff hat, die alles um sich her für so rein, für so unbefangen hält, als sie selbst ist, und die über die Folgen eines ungegründeten Verdachts sich mit Leichtigkeit wegsetzt, weil sie meint, daß das, was keinen Grund habe, von selbst in sich zusammenfallen müsse – Anfangs lachte der Prinz über das alberne Geschwätz; als indessen Benno versicherte, daß die Roselli selbst hie und da auf eine sehr feine Weise habe errathen lassen, wessen man ihn verdächtig halte, ward Ewald stutziger; der Stolz seines reinen Bewußtseyns erwachte, und mit verhaltenem Unwillen rief er entrüstet: »Battista ist eine Närrin; aber ich hoffe, man kennt mich, und weiß daher, was an der Prahlerei ist.« »Die Hausmarschallin,« fuhr Benno fort, »zuckt, wenn in ihrer Gegenwart von der Sache gesprochen wird, mit einer Miene die Achseln, als sey das, was man sage, noch lange nicht die Hälfte von dem, was die Leute wüßten, und die alte Frau v.  Broich , die ich gestern Abend in Gesellschaft traf, wo dieß beliebte Kapitel auch zur Sprache kam, thut offenbar, als kenne sie den Zusammenhang der Geschichte ganz genau, aber mit zugedrückten Augen, und die Hand auf dem Mund warf sie in den Kreis des wohlbesetzten Theetisches die Versicherung hin, von dieser delikaten Angelegenheit nicht sprechen zu dürfen, ansonsten sie Dinge erzählen könnte, daß allen Leuten Hören und Sehen vergehen solle. Dinge, die sie mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, verargst Du denn aber nun der Welt, deren gewöhnliches Treiben ja ohnehin immer darauf ausgeht, den Schwächen der Menschen aufzulauern, den Schein zur Wahrheit zu stempeln, und schonungslos das Geheimste aufzudecken, verargst Du ihr denn, wenn sie bei solchen vollgültigen Zeugen glaubt, was mir ein Werk der Unmöglichkeit ist, mir, der ich Dich, mein Ewald, kenne, wie mich selbst? Wüßten alle Menschen, wie ich, welch ein reines Herz in dieser Brust schlägt, wüßten sie alle, wie ich, daß der Adel dieser Seele sich nie, und am allerwenigsten einer solchen Buhlerin gegenüber vergessen kann, dann würden sie auch Alle, wie ich, selbst wenn die Zeichen noch wunderlicher wären, als die von den ehrenwerthen beiden Damen, zum Beweise ihrer Behauptungen angegebenen, steif und fest behaupten, daß alle diese Gerüchte, boshafte Lügen und leidiges Teufelswerk sind, aber so –« »Also die Battista , und die Zagern und die Broich? « – sagte Ewald, der auf Bennos Schlußrede nur halb gehört hatte, mit brütendem Grimm: »das ist ja ein höllisches Kleeblatt; aber Benno, ich will mich rechtfertigen, vor Dir, vor der Welt, vor mir selber; ich will hin zu den Schlangen, ich will der Natterbrut den Kopf zertreten, ich will –« »Was willst Du denn, mein Ewald?« fragte ihn mit sanfter Rede beschwichtigend, der verständige Benno. »Die Zagern , Du kennst ja die Aalglätte ihrer Gewandheit; sie wird Dich hören, sie wird Dir im erkünstelten Lachen ihre schönen Zähne weisen, sie wird mit ihren liberalen Begriffen von der Unbescholtenheit eines jungen Mannes in diesem Punkte sich über Dich, Dir gegenüber, lustig machen, und Dich in ihrem unübertrefflichen Leichtsinn fragen, was denn nun am Ende wäre, wenn Alles, was die Stadt von der Sache sich erzähle, sich wirklich so verhalte! Sie wird Dich fragen, ob Du glaubst, der Erste und der Letzte zu seyn, der ein Mädchen, wie Battista hübsch finde; sie wird Dir zu verstehen geben, daß Du blödsinnig wärest, wenn Du, da nun einmal davon gesprochen worden, und der Ruf Deiner jungfräulichen Unbeflecktheit nun doch nicht wieder zu repariren sey, die schöne Neapolitanerin nicht für Deine Favorit-Sultanin erklärtest, und sie wird allen ihren Bekanntinnen mit tausend lustigen Zusätzen erzählen, daß sie Dich belehrt habe, die alte Broich aber, setztest Du diese zur Rede, wird unter heißen Bethschwesterthränen mit Dir um die Wette über die Verdorbenheit der Welt klagen, daß selbst ein so tugendhafter Prinz wie Du, mit solch einer hergelaufenen Theatermamsell habe in das Gerede kommen können; sie wird, wenn Du sie darauf aufmerksam machst, daß sie sich selbst als Augen- und Ohrenzeugin aufgeworfen, von der ganzen gestrigen Theegesellschaft tausend leibliche Eide schwören, daß sie an solchen Frevel nie gedacht, daß wir uns platterdings verhört haben müßten, sie wird – ich höre die bräutmäulige alte Heuchlerin, ich sehe die ewig heisere Kropfgans vor mir – sie wird sich erbieten, der gottlosen Komödiantin den Kopf zu waschen, sie wird es, auch wenn Du es ihr auf das Strengste untersagst, blos aus falsch verstandenem Eifer für das Wohl des Hofes thun, und dadurch daß Uebel nur ärger machen. Du also darfst mit Deiner gewöhnlichen Raschheit dagegen gar nichts wirken. Laß die Leute sich müde reden; wache auf Dein Benehmen, daß es den, vielleicht durch Deine entfernte Schuld entstandenen Verdacht entkräfte, und wenn wirklich die Roselli einfältig genug wäre, einige kleine Artigkeiten, die Du mehr ihren Künstlertalent, als ihren persönlichen Reizen gezollt, für mehr anzusehen, als sie seyn sollten, und die Dummdreistigkeit so weit triebe, sich damit fernerhin gegen Andere zu brüsten, so suche sie auf eine unvermerkte Art, und ohne ihr in pekuniairer Hinsicht wehe zu thun, von hier zu entfernen; in Deiner Lage gibt es ja hundert Mittel, dieß so zu bewerkstelligen, daß es keinem auffalle, und Battista wird bey ihren Talenten überall ein gleich annehmliches Unterkommen finden.« Dieser besonnene Rath gewann bey Ewald bald Eingang. Es ward ihm, als habe Benno über das Dunkele seines Gefühls helle Leuchtkugeln aufsteigen lassen, bei deren sanftem Lichte er die Irrgänge erkannt habe, auf die er habe verlockt werden sollen. Er ward sich mit stiller Beschämung jetzt selbst klar, daß ihm Battista, in den ersten Augenblicken der leidenschaftlichen Ueberwallung, mehr gewesen war, als bloße Künstlerin; ihr zuchtloser Wandel aber, von dem er jetzt erst bestimmtere Nachrichten hörte, auf der einen Seite, und die Ueberzeugung, daß, wenn sie auch der reinste Seraph von Sittlichkeit selbst gewesen wäre, ein engeres Verhältniß doch zu nichts, als zu Unheil und tausend Verlegenheiten führen könne, auf der andern, lösten die Bande, von denen er sich umstrickt gefühlt hatte; aber der Unwille über die Menschen, und über das Gezwungene seiner Lage preßte ihm die Brust zusammen. daß es ihm jetzt wohl that, ihr Luft zu machen, und gegen Benno, seinen vertrauten Jugendfreund, den lang verhaltenen Unmuth einmal laut werden lassen zu können.. Benno jedoch lachte ihn und seine Klagen über die drückenden Ketten der Konvenienz, die ihm und seinem Herzen, seinem Mund, und jeder seiner Handlungen, für die ganze Lebenszeit angeschmiedet wären, mit gutmüthiger Schadenfreude aus. »Das Unglück, unter deinen Konvenienzfesseln zu schmachten, mein Ewald,« sagte er freundlich scherzend, und klopfte dem Schmollenden auf die Achsel, »ist allenfalls noch zu ertragen; von den tausend Millionen Menschen, die auf unserm Erdball leben, tauschen Neunhundert neun und neunzig augenblicklich mit Dir. Etwas mußte Dir vom Geschick doch auch in die Gegenschaale gelegt werben, und wer in der Einen das Glück findet, von der Sorge um das liebe tägliche Brod, die in der Welt täglich Millionen Leuten Schweiß und Thränen kostet, nichts zu wissen, das menschliche Elend in seiner furchtbaren Jammergestalt gar nicht zu kennen; hunderttausend Menschen mit einem freundlichen Blick zu gewinnen, mit einem gütigen Worte zu bezaubern, wie ein Engel des Himmels, blos durch guten Willen rundum Segen zu verbreiten, durch Rechtlichkeit und Huld die Liebe und Verehrung ganzer Völker zu erwerben, durch weise Strenge und schonende Milde das öffentliche Wohl zu begründen, durch frommen Sinn und reinen Wandel allen seinen Unterthanen ein fruchtbringendes Beispiel seyn zu können, und seinen Namen, durch Groß- und edle Thaten der Weltgeschichte zu bewahren, der darf diesem seinen verschwenderisch gütigen Geschick wahrhaftig nicht zürnen, wenn er in der andern Wagschaale eine kleine Dosis Zwang und die Nothwendigkeit findet, immer ein doppelt aufmerksames Auge auf sich zu haben, damit er zwei große, unschätzbare Gegenstände, Achtung und Volksliebe, die, einmal verloren, selten wieder errungen werden können, nicht verscherze.« »Du hast gut sprechen,« erwiederte Ewald, durch Bennos freundliche Ansichten mit seiner Lage ziemlich wieder ausgesöhnt, »aber das wirst Du nicht in Abrede stellen können, daß dieses ewige Aufmerksamseyn auf sich selbst, die ewige Sorge, sich und seinem Range nichts zu vergeben, die ewige Arbeit, den Zaun, den man um sich herziehen muß, im möglichst weiten Kreise und in möglichster Höhe zu erhalten, damit niemand uns zu nahe komme; eine, auf die Länge fast unerträgliche Last sind.« »Nun, Dein Zaun, mein Ewald, – eine chinesiche Mauer ist er just auch nicht,« versetzte Benno mit freundlichem Spott, »er reicht Dir, dem Himmel sey Dank, nicht einmal bis an das Herz, so, daß dieß seinen Raum nach allen Richtungen hin rundum frei behält. Das ist heute nur so ein hypochondrischer Anflug, mit Deinem Zaune. Dein ganzes Pallisadirwerk ist auch gar nicht so gefährlich, als Du Dir einbildest, denn ich habe doch schon manches niedliche Mädchen und manche Frau gesehen, denen gegenüber Du Dich gar nicht so genirt fühltest, als Du zu seyn Dir jetzt einbilden willst.« »Das ist die leere Unterhaltung des alltäglichen Konversationstons,« versetzte Ewald, »allein wenn nun das Herz verlangt, sich inniger anzuschließen, wenn es sich nun sehnt nach der Einen, die die Welt zum Paradiese, das Leben zur Seligkeit verschönen soll, wenn es diese Eine mit der süßen Beklommenheit der Liebe sucht, – dann, dann seyd Ihr tausendmal glücklicher als wir. Ihr geht hin, und habt die Wahl unter Hunderttausenden – ich, ich stehe auf einem kalten Eilande, und muß zufrieden seyn mit dem, was mir ein Dritter, ein Abgesandter ausgesucht hat, und mir, ohne zu fragen, ob ich es lieben könne, ob es mir nur gefalle, in die Arme legt. – Sieh, Benno, das ist schrecklich!« Benno sachte laut auf, und rief: »könnte ich doch alle Fürstentöchter Europas jetzt um Dich herumstellen, Du solltest gewiß nicht die Kourage haben, Dein Loos ein schreckliches zu nennen; denn unter den hundert Wahlfähigen, die ich mich wohl getraute Dir vorzuzählen, und unter denen viel in jeder Beziehung höchst liebreizende fürstliche Jungfrauen sich befinden, würde doch Eine wenigstens seyn, die der Hand meines Ewalds nicht unwürdig wäre.« »Hundert Wahlfähige!« fiel ihm Ewald schmerzlich betroffen in das Wort, »da hast Du mein Verhältniß zu dem Eurigen mathematisch festgestellt, da hast Du es in Zahlen ausgesprochen! Ich bin auf hundert Wahlfähige beschränkt, jeder von Euch auf eine Million, auf die ganze Mädchenwelt unter der Sonne.« »Deine Ansichten, mein einziger Ewald,« erwiederte Benno lustig, »sind unendlich komisch. Ist mein Herz noch ganz frei, ist noch Keine da, für die ich mehr, als für eine Andere fühle, so führe mich in einen Kreis von hundert Freiinnen, mit der Aufgabe, Eine unter ihnen mir zur Gattin zu wählen, laß mir Zeit, sie kennen zu lernen, und ich stehe Dir dafür, daß, ehe Jahre und Tag vergehen, ich Dir meine Auserwählte vorführen, und mit ihr glücklich leben will, bis an das Ende meines Lebens.« »Du sprichst wie ein Buch,« versetzte Ewald spottend. »Ist mein Herz noch ganz frei, sagst Du! – dann magst Du vielleicht recht haben; wie aber, wenn das nicht der Fall ist?« Benno horchte hoch auf. Ewald schien über sich selbst erschrocken zu seyn, er fühlte, daß er sich halb verrathen, und war in seinem Herzen dem zarten Benno verpflichtet, daß dieser nicht weiter forschte, denn der fragende Blick, den der von diesem unerwarteten Bekenntnisse überraschte Benno auf ihn geworfen, hatte ihm schon all sein Blut in das Gesicht gejagt. Es entstand eine kleine Pause, die Beiden gleich schmerzlich war; dem armen Benno, weil er sah, daß sein Ewald, für den er Haab und Gut, Blut und Leben hingegeben, etwas auf dem Herzen hatte, was er Bedenken trug, ihm anzuvertrauen, und daß die Kluft zwischen dem Prinzen und dem Baron, ob sie gleich Ewald nie zugeben wollte, doch da war; dem herrlichen Ewald aber, weil ihm schmerzte, etwas gegen seinen treuen Benno verschweigen zu müssen, dessen er sich kaum selbst recht bewußt war, was er selbst für eine kindische Posse, oder für ein Aufwallen von Liebesschwärmerei hielt, und dessen er, einem so verständigen Manne als sein Benno war gegenüber, sich selbst schämte. Um das Peinliche dieses augenblicklichen Stillstandes in der Unterhaltung möglichst schnell abzubrechen, und das Gespräch, welches Ewald sehr zu interessiren schien, wieder anzuknüpfen, begann dieser mit erkünstelter Gleichgültigkeit. »Du sprachst vorhin von hundert Wahlfähigen – ich glaube, wir brächten, und wenn wir alle Höfe Europas bereisten, nicht viel über die Hälfte zusammen!« – Er spielte, um bei der Unterhaltung so indifferent als möglich zu scheinen, auf dem vor ihm stehenden Tischchen Klavier, und hatte so viel Ruhe wieder über sich gewonnen [, um] in Bennos Gesicht, in dem die Zweifel über die dem Prinzen vorhin entfallene Äußerung von schon getroffener Wahl, noch deutlich zu lesen waren, recht unbefangen zu sehen. »Sieh,« rief Benno begeistert, »solch eine Reise die möchte ich mit Dir machen; wir müßten sie alle besehen, die Töchter der Fürsten und Herren der Welt, versteht sich aber, incognito; überall wollte ich die genausten Nachrichten über Jeder Tugend und Mängel einziehen und getreulich berichten, und« setzte er scherzend hinzu, »fanden wir in Europa nicht was wir suchten, so gänge es nach Afrika und Asien zu den Töchtern der Schachs und der kupfergelben und schwarzen Kaiserlichen Majestäten; doch, wenn ich dem Gerüchte glauben darf, so wär unsere erste Brautschau vielleicht auch schon die letzte. Natürlich machten wir unsere ersten Besuche in der Nachbarschaft – Hast Du z. B. von der Prinzessin Wunderschön, von der Prinzessin Aloyse nichts gehört?«. Ewald war während dieser Rede mit seinem Klavierspiel aus einem muntern Allegro, den fröhlichen Benno auf seiner Brautfahrt in Gedanken wahrscheinlich begleitend, in einen Geschwindmarsch gerathen, später, bei der Ueberfahrt über den Bosphorus, in. eine Janitscharenmusik übergegangen, sprang, als Benno von dem ersten Ausfluge an die benachbarten Höfe anfing, in ein höchst schwieriges Kaprizzio über, und blieb mit allen zehn Fingerspitzen auf seinem Tischklaviere ausgespreitet, als habe er den Starrkrampf bekommen, da Benno Aloysens Namen nannte.. »Woher kennst Du denn Aloysen?« fragte er, und dem Tone dieser Frage hörte man an, daß sie tief aus dem Herzen kam, und sich durch einen halberstickten Seufzer mühsam heraufgewunden habe. »Gesehen habe ich sie nicht,« entgegnete Benno mit aufmerksamen Seitenblick auf Ewalds auffallendes Ergriffenseyn, »aber die ganze Welt nennt sie eins der schönsten der liebreizendsten Mädchen in der Reihe der Fürstentöchter unserer Zeit, und Klorinde Kulm, die jetzt dort bei ihrem Schwager Adelsheim sich aufhält, und mit einer Bekannten unseres Hauses in Briefwechsel steht, ist in ihrem Lobe unerschöpflich. Ihr Verstand, ihre Bildung, ihre Engelsgüte, ihr frommes reines Herz machen sie zum Liebling der ganzen Residenz, des ganzen Landes; Du weißt wir gränzen zusammen, und haben drüben viel Bekanntschaft; aber wen man nur spricht, ist von Aloysens blendendem Aeußern entzückt, von ihrer Anmuth bezaubert, von der Verehrung ihrer Tugenden enthusiastisch durchdrungen.« »Sonst, sonst,« unterbrach ihn Ewald sichtbar verstimmt, – »sonst mag das gewesen seyn, aber jetzt – Hast Du hier die Mohrenhoven über sie gesprochen? – ich – es ist lächerlich, daß ich Dir das erzähle, aber es ist jetzt aus, ich kann nun davon reden – ich weiß, daß mein Vater im Geheimen den Plan hatte, aus uns ein Paar zu machen; der Kanzler ließ einmal in einer vertraulichen Stunde so etwas davon fallen; natürlich suchte ich unter der Hand von Leuten, die an Aloysens Hofe bekannt sind, ein Näheres über sie zu erfahren. Wie du jetzt sprachst, so sprachen Alle. Wußten sie, warum ich fragte, oder waren sie hintergangen, wie Du, kurz, Keins hatte Worte genug, die Liebenswürdigkeiten zusammen auszusprechen, aus denen dieser Ausbund von Schönheit und Grazie, von Verstand und Tugend zusammengesetzt seyn sollte. Ich liebte – Du mußt mich nicht auslachen – ich liebte Aloysen, ohne sie je gesehen zu haben. Meine unglückliche Eigenheit, für Alles gleich mit dem wärmsten Interesse ergriffen zu seyn, spiegelte mir das Mädchen so unendlich reizvoll vor, daß ich in Gedanken mich schon mit ihr verlobt sah, jede Nacht fast von nichts träumte, als von ihr; halb wachend, wenn ich allein war, laut mit ihr sprach, bogenlange Briefe an sie entwarf, und was dergleichen Liebestollheiten mehr sind; ich erwartete jeden Tag, daß mein Vater einmal davon anfangen würde, und ich sah mich schon im Geiste auf der Brautfahrt; Du – Gott, wie kindisch kann man seyn, wenn man verliebt ist! – Du begleitetest mich, und von unserm stattlichen Auftreten an Aloysens Hofe, vor unserm glanzvollen Empfange, von allem, was sie zu mir und ich zu ihr sagte, von allem, was ich und sie dachte und fühlte, hätte ich einen Roman in zehn Bänden liefern können, so ausführlich war meine aufgereizte Phantasie. Ganz versunken in meine Schwärmereien, deren Erinnerung mir, so schmerzlich sie mich jetzt beschämen, heute noch Freude machen, denn ich schwamm in jenen nie wiederkehrenden Tagen, in einem Meere von Entzücken, treffe ich in einem Zirkel zufällig auf die Mohrenhoven; ich weiß, daß diese in der Nähe von Habichtswalde eine vertraute Freundin, die Oberlandschenk Walhorn hat; ich konnte daher voraussetzen, daß die Mohrenhoven über Aloysen wenigstens Einiges wisse, und mein guter Geist brachte mich auf die Idee, auch von ihr zu erforschen, was ihr bekannt sey. Lieber Herzens-Benno, hast Du eine Idee, wie dem zu Muthe seyn muß, der aus einem Rosenhimmel auf ein Korallenriff fällt, so kannst Du meine Lage ungefähr begreifen, in der ich war, als die ehrliche Mohrenhoven mich enttäuschte, und den Flimmer, den Du und Klorinde, und viele andere, für ächten Juwelenschmuck und edles Metall gehalten, für böhmische Steine, leonisches Machwerk und Katzensilber erklärte; ihrem Aeußeren und ihren Talenten, ihrer Erziehung und selbst ihrem Herzen ließ sie alle Gerechtigkeit widerfahren, und bethätigte mir dadurch ihre Unpartheilichkeit, aber, aber – von ihrem Temperamente, von ihrer Sittsamkeit – da war nicht viel Erbauliches zu vernehmen. Denk Dir, sie hatte sich so weit vergessen können, daß sie sogar eine förmliche Intrigue mit einem Gardeoffizier –« »Das ist nicht wahr!« rief Benno von edlem Unwillen so überwallt, daß er vergaß einem Prinzen gegenüberzustehen, gegen den eine so derbe Aeußerung, trotz ihres beiderseitigen traulichen Verhältnisses immer unschicklich bleiben mochte, »das ist nicht möglich!« setzte er etwas gemessener hinzu. »Ich kann Dir ihn nennen,« entgegnete Ewald, über Bennos Zweifel fast entrüstet; »ein Mensch, ohne allen andern Werth, als den einer passabeln Figur, der Major Bouslar.« Benno lachte laut auf, und rief mit bitterm Spott über die Erbärmlichkeit der Alltagswelt, »Gott, wie kann man doch gleich aus der Mücke einen Elephanten machen! – An der Geschichte mit dem Pinsel, dem Bouslar, ist –– ich gebe Dir mein heiliges Wort darauf – nicht ein wahres Wort. Seine Schwester ist Hofdame; sie hat ein Portrait von ihm; Aloyse, die eine Meisterin im Zeichnen ist, kopirt dieß, blos um auf dem Lande eine Beschäftigung zu haben; der eitle Geck bildet sich ein, daß, weil die Prinzessin zehn andere Portraits aus ihrem Ahnensaale hätte kopiren können, diese aber hängen läßt, und grade seine angenehme Fratze wählt, sie in ihn sterbensverliebt sey, ist einfältig genug, damit auf die unverschämteste Weise zu prahlen, und wird weil er aller Welt davon erzählt hatte, und von aller Welt damit gehänselt wurde, um dem albern Gerede ein Ende zu machen, zu einer Gränz-Garnison versetzt – das ist das Ganze! so erzählten uns den Vorfall alle Offiziere seines Regiments, die wir darüber zu sprechen Gelegenheit hatten, und damit stimmen Klorindens Briefe buchstäblich überein. Von einer Intrigue ist hiebei nie die Rede gewesen, und ist Aloyse nur halb so verständig und wohlerzogen, als sie seyn soll, und Bouslar nur halb so strohköpfig leer und gehaltlos, als er allgemein geschildert wird, so läßt sich auch schon a priori die Unmöglichkeit einer engern Beziehung zwischen Beiden fast mit mathematischer Gewißheit folgern. – Wenn Du also sonst keinen Skrupel hast, so fangen wir unsere Brautschau immer noch in Habichtswalde an. –« Ewald schüttelte den Kopf und sagte nach einer kleinen Pause in einer Art von Mißstimmung: »Nein, – nein – der erste Goldstaub, der die Flügel meiner Phantasie schmückte, ist nun doch herunter.« »Streu ihn wieder darauf,« erwiederte Benno in seiner launigen Manier; Ewald aber meinte, daß man sich so etwas nicht nehmen noch geben könne, »und wenn auch« fuhr er fort, »die Geschichte mit dem Bouslar nicht wirklich so schlimm wäre, als die Mohrenhoven sie gemacht, so habe ich späterhin doch auch noch anderwärts über Aloysen sprechen gehört, und das wollte nicht recht zu ihrem Vortheil lauten, so daß ich die früher in mir unwillkührlich entstandene Neigung, die an sich schon baufällig seyn mußte, da sie keinen festen Grund hatte, jetzt völlig als Ruine ansehe, über die ich darum auch längst schon das Gras der Vergessenheit habe wachsen lassen.« »Anderwärts?« wiederholte Benno mit verhaltener Schärfe, »wer sind denn die Herren Anderwärts?« »Ein diplomatischer Mensch darf keine Quellen nennen,« entgegnete Ewald, und schien der weitern Frage hierüber, durch einen Scherz ausweichen zu wollen; allein Benno ließ den Gegner, der offenbar den Rückzug zu nehmen anfing, nicht aus dem Garne; »Bestimmt,« sagte er triumphirend, »sind die Quellen, aus denen Du Deine gallichten Nachrichten geschöpft hast, trübe, und liegen im fauligen Moorgrunde der Lüge und Heimtücke; die meinigen dagegen entspringen aus dem Felsen der ewigen Wahrheit. Ich will jetzt hundert gegen eins wetten, Deine Anderwärts sind weiblichen Geschlechts, und Du schämst Dich darum, sie zu nennen, weil Du fühlst, wie unverantwortlich Du gegen Aloysen gehandelt hast, Dir ihre Ehre, ihren guten Namen durch ein Paar Residenzklatschen wegplaudern zu lassen, ohne zu untersuchen, in wie weit Du diesem Ottergezüchte Glauben beimessen dürftest.« »Du wirst unartig, Benno,« versetzte Ewald etwas gereizt. »Daß doch die Wahrheit dem, der sie selten hört, immer empfindlich ist!« erwiederte Benno, in die ihm angewiesenen Schranken zurückkehrend, mit freundlichem Lächeln, »allein verzeih, wenn ich warm geworden, aber das werde ich immer werden, wenn ich sehe, daß Jemand, der sich nicht vertheidigen kann, Unrecht gethan wird, der Jemand mag ein Fürst oder ein Bettler seyn. Mein edler Ewald, der gegen den Niedrigsten seiner Unterthanen die strengste Gerechtigkeit, die schonendste Milde walten läßt, handelt – ist es nicht wahrhaft sonderbar! – handelt gegen das Lieblichste aller Nachbarskinder seines Ranges, das von Tausenden angebetet wird, mit einer Härte, mit einer Partheilichkeit, daß mir immer unbegreiflicher wird, wie Du Dich in einem solchen Grade hast bestechen lassen können. Komm, ehe Du verdammst, doch lieber selbst; sieh doch mit eigenen Augen.« »Das geht ja nicht,« antwortete Ewald mit einem Tone, aus dem das gutmüthige Bekenntniß seines himmlischen Gemüths zu entnehmen war, daß er fühle, unrecht gehandelt, und Aloysen, die vielleicht ganz unschuldig seyn könne, durch sein unbegründetes übereiltes Vorurtheil, wenn auch nur in Gedanken, wehe gethan zu haben; »erscheine ich in Habichtswalde, so setzt man sich gleich dort und hier eine Menge Dinge in den Kopf, an die meine Seele nicht denkt; auf alle meine Erkundigungen über die Prinzessin, werde ich dort an ihrem Hofe wahre, ehrliche Auskunft nie erhalten, und sie selbst, von allen ihren Umgebungen die meiner Erscheinung ja gleich den Zweck einer Brautschau unterlegen, auf den Standpunkt geschoben, der in ihre Pläne taugt, wird mir nie in ihrem natürlichen Gewande, sondern in der fremden Hülle der berechneten Speculation vorgestellt werden. – Sieh – das ist das Drückende unserer Lage. Schon das Wort Vorstellen widert mich an. So etwas muß sich finden, von selbst, ungesucht! Wünscht man dort, wie ich Ursache habe zu vermuthen, eine Verbindung zwischen uns, so wird Aloysen jedes Wort was sie sprechen soll, in den Mund gelegt; jeder Wink wird ihr vorgeschrieben; sie könnte mich alltäglich, gleichgültig, unausstehlich finden, aber sie muß – sie muß dann thun, als sey ich ihr willkommen, als finde sie Gefallen an mir; als liebe sie mich; sie muß mich betrügen: – Nein, bleib mir mit Deiner Reise nach Habichtswalde, und so wie dort, würde es mir überall gehen!« »Aber, englischer Ewald,« unterbrach ihn Benno lachend, »es soll ja kein Mensch wissen, daß Du der Prinz Ewald bist; wir kommen als ein Paar fremde Grafen; nenn Dich, wie Du willst; wir besehen die dortigen Anlagen, lassen uns melden, werden zur Tafel gezogen, leben Einen oder mehrere Tage dort, Du siehst die wunderhübsche Aloyse in ihrer ungeschminkten Natürlichkeit, und plauderst stundenlang mit ihr, erforschest mit eigenen Augen und Ohren, und prüfst mit eigenem Kopf und Herzen, und –« »Ach, das geht ja nicht,« versetzte Ewald, mit einem Gesicht, als möchte er gerne, daß es so ginge. »In Romanen kann man das alles recht leicht machen, da kostet es ein Paar Federstriche, weiter nichts; aber in der wirklichen Welt, und besonders in unserer Welt, von hundert Aufpassern ewig und immer umgeben – wir leben ja, möchte ich sagen, beständig in einen weiten Arrest; ich kann ja keinen Fuß über die Grenzen des mir angewiesenen Kreises setzen, so steckt ja vom Obermarschall bis zum Stubenheitzer das ganze liebe Personale die Köpfe zusammen, und setzt sich die allerabentheuerlichsten Schlußfolgerungen über den heimlichen, überraschenden Schritt zusammen und fragt, und spürt so lange nach, bis es glücklich heraus ist, wo ich mich hingewendet, und was ich im Plane habe und nicht habe. Du bist,« setzte er scherzend hinzu, »ein glücklicher freier Spatz, ich komme mir wie ein mysantropischer auf sich selbst gewiesener Papagey im goldenen Käfig vor, dem man das Symbol der Treue und Liebe, den Ring hingehängt hat, blos, daß er ihn mit Füßen trete.« »Wenn nun aber der Spatz den Papagey mitnimmt,« erwiederte Benno fröhlich lachend; »ich sage Dir, es ist dießmal nichts leichter, als das; Du willst, meintest Du heute morgen, Ende dieses Monats Deine kleine Reise nach den Festungen antreten; Du kommst nach Schreckenstein; von dort aus hast Du drei Stunden zu uns; Du gibst vor, die Stammschäferei zu Garbenfelde in Augenschein nehmen zu wollen, lässest Deine Adjutanten und Bedienten in Schreckenstein zurück, wirfst Dich in Zivilkleider, und reitest allein nach Garbenfelde; das ist zwei kleine Stunden von uns dort erwarte ich Dich, von Dir zuvor benachrichtigt, im Eichenbusche rechts hinter dem Schäferhause; Du hast einen schon im voraus mit Bleistift geschriebenen, von Garbenfelde aus datirten Zettel mitgenommen, in dem Du die Adjutanten benachrichtigst, daß Du in Garbenfelde den Amtmann nicht gefunden, – er ist, das weiß ich zufällig, nach Mecklenburg gereist, um Pferde zu kaufen, und daß Du Dich daher, da Du einmal halb auf dem Wege gewesen, entschlossen hättest, die Stuterei in Klesitz zu besuchen, von wo Du aber, da Du bei der Gelegenheit bei einigen Familien des dort umwohnenden Landadels vorzusprechen gedächtest, unter drei vier Tagen schwerlich zurückkommen würdest; diesen Zettel schickst Du von Garbenfelde aus, durch einem Schäferjungen nach Schreckenstein, und nun haben wir Zeit gewonnen, um unsern Plan mit aller Gemächlichkeit auszuführen. Ich bringe Dich nun nach Hause, stelle Dich meinem Vater und meiner Schwester als einen alten Universitätsfreund, als den Grafen Lüdinghausen vor, und den folgenden Morgen früh fahren wir mit Extrapostpferden, beide ganz allein nach Habichtswalde –« »Dort treffen wir,« fuhr Ewald in Bennos Luftschloßbauanschlage fort, »unsern Gesandten, den Herrn v.  Adelsheim , und dieser stellt dann Deinen Herrn Grafen Lügenhausen, als den Prinzen Ewald vor; und wir werden vor dem ganzen Hof und der ganzen Residenz zu Spott und Gelächter.« »Gott bewahre!« rief Benno von seinem Plane begeistert; »erstlich sind Adelsheims äußerst selten in Habichtswalde, und gesetzt, der Zufall hätte sie gerade herausgeführt, glaubst Du denn nicht daß solche gewandte diplomatische Menschen, nur eines halben bedeutenden Seitenblicks bedürfen, um zu wissen, daß der von ihnen erkannte Prinz Ewald, von Kindesbein an kein anderer Mensch gewesen ist, als der Graf Lüdinghausen? und sollte das Unglück wollen, daß noch ein Dritter da wäre, der Dich kennte, sollte denn ein Graf Lüdinghausen nicht einmal einem Prinzen Ewald ähnlich, zum Sprechen ähnlich sehen können? Eben so gut muß, wenn ein Vierter da wäre, der meinen Jugendfreund Lüdinghausen kennte, glauben können, daß es mehrere Grafen dieses Namens in der Welt gibt. Du siehst, bei meinen Plänen sind alle mögliche Fälle berechnet; so daß bei unserer Umsicht, und, wenn es die Lage der Dinge erfordert, bei unserer Fertigkeit im Nothlügen, die Ausführung gar nicht mißglücken kann.« »Nun, und das Ende vom Liede?« fragte Ewald, zwischen der Verwerfung und der Annahme des Projects merkbar schwankend. »Nun, sobald wir im Habichtswalder Hofkreise nur erst ein wenig warm geworden, suchst Du hauptsächlich Aloysen näher kennen zu lernen; ich tiraillire fortwährend um Dich herum, daß Du den Rücken frei behältst, um in Deiner Unterhaltung mit ihr, wenn diese einmal angeknüpft ist, nicht unterbrochen zu werden; ich beschäftige den Feind durch falsche Attakken, daß er auf die Märsche des Hauptcorps, d. h. auf Dich und Deine Annäherungen kein besonderes Augenmerk haben kann; ich spionire unvermerkt aus, wie und was man über meinen Grafen Lüdinghausen denkt und sich äußert; ich beschleiche in unbewachten Momenten die Seelenspiegel, die Augen der Prinzessin selbst, um darin zu lesen, ob und wie ihr mein junger Reisegefährte behage, und statte Dir von Allem getreulich Rapport ab; nach einem Aufenthalte von zwei, höchstens drei Tagen verabschieden wir uns. – Jetzt sind zwei Fälle, nein, eigentlich dreie: Aloyse hat Dir gefallen, oder sie hat Dir zwar gefallen, aber doch nicht in dem Grade, daß Du Dich bestimmen lassen könntest, ihr Deine Hand in bieten; oder sie hat Dir gar nicht gefallen; in beiden letzten Fällen erfährt kein Mensch von unserm –« »Studentenstreiche,« ergänzte Ewald, als Benno das rechte Wort nicht gleich finden konnte. »Im ersten,« fuhr Benno fort, »lassen wir durch Adelsheim oder einen Dritten, Aloysen oder deren Eltern ganz ehrlich wissen, was und warum wir es begonnen, man wird lachen, man wird einen Scherz daraus machen; aber übel gedeutet wird er gewiß von Niemand, am wenigsten von Aloysen; denn ein kühnes Ritterstück der Art gewinnt der Mädchen Beifall ohne Ausnahme.« »Don Quixotte, Sancho Pansa und das Fräulein von Toboso!« rief Ewald laut lachend, indessen schien er die Möglichkeit der Ausführbarkeit dieses Ritterzuges doch nicht ganz mehr so in Zweifel zu stellen, als Anfangs. Mit der Lebendigkeit, mit der ein junger Feuerkopf gern in die Schranken tritt, wenn von einem kühnen Unternehmen die Rede ist, ergötzte er sich an Bennos lustigen Skizzen von der bevorstehenden fahrenden Ritterschaft, und die sehr anmuthigen Schilderungen, die dieser im Hintergrunde seiner Phantasiegemälde, von Aloysens Liebreiz, von ihrer anfänglichen Befangenheit, von ihrer allmählig zunehmenden Traulichkeit, und von ihrer daraus am Ende erblühenden Liebe vormalte, mochten an Ewald nicht ganz ohne Wirkung vorübergegangen seyn, denn er versprach nach vielem Hin- und Herreden, endlich den besprochenen Scherz wenigstens in so weit zur Ausführung zu bringen, daß er von Schreckenstein aus den kleinen Ausflug zu Bennos Vater, ohne alle Begleitung machen, und dort, um einmal sich selbst und frei von allem Ceremoniell zu leben, unter dem Namen des Grafen Lüdinghausen auftreten wolle. Das Uebrige, meinte er, Bennos Plansucht auf Habichtswalde vorläufig beschwichtigend, werde sich ja dort weiter finden. Elisensruhe. Indessen auch für diesen Scherz fing er, als Benno abgereist war, und die Vorbereitungen zu der oben anzutretenden Revision der Festungen ihm eine ernstere Beschäftigung gaben, an, zu erkalten, doch, als er nach Schreckenstein kam, und alle Militär- und Civilbehörden ihn mit ihren Huldigungen umlagerten, und die ganze Umgegend Deputationen an ihn absendete, um sich Glück zu seiner hohen Gegenwart zu wünschen, und er von einer Reihe von Festlichkeiten hörte, die seinetwegen veranstaltet werden sollte, und alles immer mit krummen Rücken und in devoter Haltung vor ihm stand, in den Gesichtern aller seiner Umgebungen nichts als studirte Höflichkeit, gezwungene Freundlichkeit und ein heuchlerisches Lauschen auf seine Befehle und Wünsche zu lesen war, und keine Stimme anders, als gedämpft, und zum Zeichen der submissesten Unterwürfigkeit, kaum vernehmbar sprach, und die Honoratioren der Stadt und ganzen Nachbarschaft mit kleinstädtischer Possirlichkeit unter einander wetteiferten, den Hofton zu affectiren, und rund um ihn herum Prahlsucht, Eitelkeit, Bürgerstolz, Adelsdünkel, Rangstreit, Kastengeist, und allen diesen Jämmerlichkeiten verwandte Uebel wach wurden, da ward ihm das ganze Fort ein eiserner Käfig, er sehnte sich hinaus aus dem kalten Kreise dieser sich selbst und ihn mit quälenden Menschen, an das fröhliche Herz seines Benno, und segnete dessen Einfall, draußen in den stillen Thälern seiner väterlichen Besitzung frische Luft zu schöpfen. Er schrieb der genommenen Rücksprache gemäß, an Benno, und bestellte ihn in den bewußten Eichenbusch bei Garbenfelde zur bestimmten Stunde. Jetzt trieb es ihn wie mit glühenden Stacheln durch die dunkeln Wallthore und über die Zugbrücken des schrecklichen Schreckensteins, und erst, als er die ganze Festung mit ihren furchtbaren Werken weit hinter sich hatte, ward ihm das Herz wieder warm, und den ersten Bauernmädchen die ihm begegneten, ohne ihn zu grüßen, hätte er um den Hals fallen mögen, weil sie ihn nicht kannten. Er kam sich vor, als hätte ihm eine wohlthätige Fee zum berühmten Prinzen Däumling umgeschaffen, daß er unsichtbar geworden; er gehörte sich einmal selbst an, und die ganze freie Natur lachte ihm mit all ihren Zaubern freundlich entgegen. In dieser fröhlichen Stimmung traf ihn im Eichenbusche hinter Garbenfelde Freund Benno zur bestimmten Stunde, der bewußte Zettel ward nach Schreckenstein abgesandt, und Beide versprachen sich nun von der Redoute ohne Maske, und von ihrem heimlichen Streifzuge in das Land der Liebe die lustigste Unterhaltung. Schon beim Empfang, mit dem ihn Bennos Schwester Eberhardine und der Vater, der alte Freiherr von Hollau bewillkommten, gewann er die Idee lieb, einmal als Mensch sich die Welt zu besehen. Die trauliche Biederkeit, mit welcher der Alte, und die natürliche Freundlichkeit, mit welcher die funfzehnjährige Eberhardine dem Jugendgefährten ihres Benno Haus und Herz öffneten, rührten ihn unbeschreiblich; wäre er als Prinz Ewald gekommen, so hätte man, meinte er, auch ihm wohl alles Liebe und Gute entgegengebracht; allein das Steife, das Ceremonielle, das nicht ausbleiben konnte, hätte das alles gedämpft, und den größten Theil aller dieser Aufmerksamkeiten, welche jetzt seiner Person galten, hätte er auf Rechnung des Prinzen schreiben müssen. Eberhardine fand den jungen Grafen ungemein anziehend; sie hörte, wenn er mit Benno von der frühern Jugendzeit des akademischen Lebens fabelte, mit dem gespanntesten Interesse zu, und konnte sich nicht enthalten, dem Bruder, im ersten Augenblick, wo sie mit einander allein waren, sehr viel Schönes über den mitgebrachten Gast zu sagen, und das mit einem Entzücken, daß Benno angst und bange ward, denn nach seiner Ansicht flatterte das leicht bewegte Herz des Mädchens um Ewalds männliche Anmuth wie die Mücke um das Licht. »Dinchen, sieh dem hübschen Grafen nicht zu tief in die Augen,« sagte er, um der möglicher Gefahr einer hier entstehenden Liebesgeschichte in Zeiten vorzubeugen, »der hat schon sein Theil.« »Du bist recht albern,« entgegnete Eberhardine empfindlich, daß Benno mit Worten aussprach, wofür ihr Geheimstes selbst noch keinen Laut gehabt hatte; »weil Ihr immer gleich die Heirathsgedanken im Kopfe habt, wenn Ihr ein Mädchen seht, meint Ihr, daß auch wir – man darf doch wohl in aller Unschuld und Ehrbarkeit sein unbefangenes Urtheil sagen? – Aber Du meintest er hätte schon sein Theil? – wer ist denn seine Auserwählte – hier in der Gegend? kenne ich sie?« »Ho, ho, ho, was das gleich für ein Gefrage ist!« rief Benno lachend, »Ihr Frauenzimmer seyd doch ein neugierig Völkchen. Die ganze Geschichte soll noch ein Geheimniß seyn, und –« »Ein Geheimniß,« fragte Eberhardine elektrisirt, »das bekomme ich heraus. Er selbst soll mir es erzählen – o er soll beichten, heute Abend noch will ich alles wissen, – Ihr Mannspersonen könnt ja nicht schweigen!« Benno konnte sich des lauten Lachens nicht enthalten, denn der Gedanke, daß Ewald dem fünfzehnjährigen Naseweis etwas beichten sollte, was er selbst nicht wußte, kam ihm ungemein komisch vor, aber Eberhardine, halb böse, sich ausgelacht zu sehen, erwiederte triumphirend: »wer zuletzt lacht, lacht am besten; wessen das Herz voll ist, deß geht der Mund bald über. Es kommt, und wär's auch noch so fein gesponnen, doch endlich alles an die Sonnen; ein Tropfen Wasser ist zwar wenig wohl, und doch die härt'sten Steine macht er hohl; und Benno, ich will mit meinen Fragen auf den Lüdinghausen tröpfeln, bis ich bin, wo ich seyn will.« Gegen Abend machten Ewald und Benno noch einen kleinen Spaziergang in das Freie. Sie warfen, wie das auf dem Lande gewöhnlich ist, die leichten Jagdflinten über die Achsel, um, wenn ihnen zufällig ein Wild aufstieße, zugleich das Vergnügen der Jagd genießen zu können. Kupido, der Schalk, hatte den Spuk getrieben, und Ewalds Feuerrohr mit seiner Munition geladen; doch davon hatte der unschuldige Prinz keine Ahnung. Beide verloren sich, während sie durch den Garten, über die Wiesen gingen, in ihre Habichtswalder Pläne, zu denen Benno bereits alles vorbereitet hatte; ihr Fußsteig führte sie jetzt an einem breiten Bach hin, der sich mahlerisch durch blumige Ufer schlängelte; jenseits des Baches lag ein großer herrschaftlicher Garten mit geschmackvollen Anlagen; im Hintergrunde prangte ein stattlicher Rittersitz. »Das ist ja ein Fohrenplatz,« sagte Ewald überrascht, als er einige Schritte weiter gegangen war, und sie sich auf einer kleinen Höhe befanden von der aus Schloß und Garten zu übersehen waren. »Wem gehört denn das?« »Der Bach hier macht die Landes-Gränze,« entgegnete Benno kalt und mit sichtbarem Mißfallen über Ewalds Exstase, »drüben ist das Reich unserer Prinzessin von Toboso, der Besitzer des Gütchens Elisensruhe war der Graf Cherubim, ein Ausländer, ich glaube aus dem südlichen Frankreich, seine Frau war dir erste Erzieherin der Prinzessin Aloyse, und genießt darum noch eine ansehnliche Pension vom Hofe drüben; der Mann ist todt; sie die Gräfin bringt blos den Sommer über hier zu; im Winter lebt sie an Aloysens Hofe in der Residenz.« Ewalds Blick schweifte im ganzen Garten herum; es war ihm, als zöge ihn etwas in die dunkelen Baumgänge, in die lichtern Bouskets, auf die bunten Blumen-Matten, in die großen tiefer im Hintergrunde liegenden Felsenparthieen, zu den hundert kleinen Kaskaden, die rechts und links unter sanftem Gemurmel dem Gränzbache zueilten, in den würzigen Orangenwald, aus dem ein Meer von Wohlgerüchen ihm entgegen schwamm, und zu der gewaltigen Fontäne, die rund umschlossen von ehrwürdigen Säkular-Linden, ihren Wasserstrahl gen Himmel trieb, hoch hinaus, über die heimlich rauschenden Wipfel, deren reiches Grün das Feuergold der sinkenden Sonne köstlich durchpurpurte. Und auf dem Allem lag die Abendruhe des ländlichen Friedens, die Stille der tiefsten Abgeschiedenheit von der ganzen Welt, und es ward Ewald weich und wohl im Herzen, denn sein erster Blick in das Land des Fürstenkindes, das er suchte, war der Blick in ein Paradies gewesen. Bennos verdrießliches Schweigen zu seinen lauten Lobpreisungen, in die er sich jetzt während des Weitergehens ergoß, fiel Ewald nicht weiter auf, denn dem ehrlichen Benno war ja das Alles nicht neu, er war in der Nähe dieses reizenden Wohnsitzes aufgewachsen; auf ihn konnte das alles den Eindruck heute natürlich nicht mehr machen. Sie schlenderten nebeneinander, Arm in Arm weiter, einem Buchenwäldchen zu, und Ewalds Habichtswalder Träume hatten einen neuen Schwung bekommen, denn eine Frau, die sich in einem solchen Garten gefiel, die Geschmack an solchen Anlagen hatte, mußte, meinte er bei sich im Stillen, auf das Gemüth der ihrer Erziehung anvertrauten Aloyse nur vortheilhaft gewirkt haben. Er theilte seine desfallsigen Bemerkungen Benno mit, dieser aber brummte einige unverständliche Worte dazu, und schien in die große Lobpreisung der Gräfin Cherubim nicht recht einstimmen zu wollen. In diesem Augenblicke kamen Beide um eine Waldecke. Dicht neben ihnen fuhr eine offene Halbchaise mit vier Damen vorbei; Benno drückte, mit halb weggewandtem Gesichte dem Prinzen, der eben noch von dem Elisensruher Garten sprach, auf den Arm, Ewald griff schnell nach dem Hute und grüßte; Benno drückte stärker als vorher, und fast krampfhaft des Prinzen Arm, und lüftete kaum seinen Hut. Die Damen dankten höflich, und die Jüngste von ihnen, ein Mädchen, schön wie ein Engel, bog sich zwei und dreimal aus dem Wagen und schien die wandernden Jäger mit den blanken Flintchen auf den Achseln recht wohlgefällig zu betrachten. »Wer war das«? fragte Ewald, und alles Blut flog ihm in das Gesicht, und alle Pulse schlugen rascher. »Was grüßtest Du denn?« fragte Benno verstimmt und verlegen. »Nun, mein Gott,« entgegnete Ewald fröhlich, »Höflichkeit geht vor Schönheit; bei Euch auf dem Lande, denke ich, grüßt man Alles, und wer hätte vor diesem Mädchen den Hut auf dem Kopfe behalten können; das war ja ein Wunderbild! Hast Du die Augen, die Sterne gesehen –?« »Cherubims waren es,« versetzte Benno halb brummend; »Du siehst heute wieder einmal durch Deine Brille; so etwas entsetzlich Schönes, als Du an dem Garten und an der Komtesse findest, hat hier noch kein Mensch –« »Cherubims? Eure Nachbarn?« fiel ihm Ewald in das Wort, »und Du fragst, warum ich grüße, und rührst selbst Deinen Hut kaum an? Das von Dir, der Du sonst die Artigkeit immer selber bist? Wie soll ich das verstehen?« »Wir sind etwas über den Fuß gespannt,« hob Benno an, und erzählte im Heimgehen nun ein Langes und Breites von dem Hader, der Jahre lang schon beide Häuser und beider Unterthanen gegen einander verfeindet und verbittert habe, und tobte und schimpfte, und ließ an den ehrlichen Cherubims, wie man zu sagen pflegt, keinen guten Bissen. Ewald aber hörte von dem allem nur die Hälfte; er hatte nichts im Kopfe, als das engelschöne Mädchen, das sich aus dem Wagen gebogen – und daß ihm, und nicht Benno, ihr zauberischer Gegengruß, ihr freundliches Lächeln, ihr holdseliger Blick gegolten, lag ja am Tage, denn der mürrische Benno, der mit der Familie in Streit und Prozeß lag – »Sprich nur, wenn wir nach Hause kommen, mit meinem Alten nichts von denen drüben,« sagte Benno, Ewalds eitle Selbstbetrachtungen unterbrechend, »sonst bringst Du ihn auf acht Tage um alle gute Laune. Der Schlagfluß, der ihm vor 18 Jahren die Hüfte gelähmt, daß er heute noch nicht auftreten kann, ist vom puren Aerger über die vermaledeite Geschichte.« »Sieh doch, mein Brüderchen,« sagte Ewald spitz, »Du ziehst immer auf die Manier unserer Höflinge los, die auch für nichts angelegentlicher sorgen, als daß der Vater ja nichts Unangenehmes erfahre, und meintest, grade dieser müsse alles wissen was im Lande vorgehe, das Gute wie das Böse, und – macht Ihr es an Euren kleinen Höfen nicht akkurat so? Sollte ihn die Freundlichkeit, mit der die Damen uns grüßten, nicht freuen, sollte er darum nicht den ersten Schritt zur Aussöhnung finden? » Uns grüßten!« wiederholte Benno wegwerfend, uns grüßten sie nicht, sondern Dich, denn ich hätte hundertmal ihnen begegnen können, und es wäre ihnen nicht eingefallen mich nur anzusehen, denn wir können uns, wie man sich hier zu Lande ausdrückt, nicht riechen. Uebrigens, liebster Freund, scheint es mir, unter uns, mit dem ganzen Gruß überhaupt nicht recht richtig zu seyn; es liegen dort in der Gegend, wo wir ihnen begegneten, ein Paar tüchtige Wurzeln! über diese ging ihr Wagen; die davon verursachte starke Schwenkung fuhr Deinen gepriesenen Damen in den Rückgrath, sie beugten sich ein wenig vorwärts, und Du komponirtest Dir daraus eine höfliche Begrüßung. Mich wundert nur, daß Du mit Deinem gewöhnlichen Scharfsinn in ihren Blicken nicht eine besondere Freundlichkeit, ein so recht kordiales, nachbarliches Verhältniß gefunden hast.« Ewald hatte schon die Versicherung auf der Zunge, daß er etwas dem Aehnlichen wahrhaftig bemerkt zu haben glaube, aber Benno hatte nun einmal, sah er jetzt wohl, ein ungemessenes Vorurtheil gegen die Familie, am besten also, er schwieg, aber eben dieses Schweigen, dieses Zurückhalten seiner sonderbar aufgeregten Empfindungen, dieser gewaltsame Zwang, den er sich anthun sollte, nährten das verschlossene Feuer, daß es heimlich fortbrannte, und die junge Gräfin Cherubim für ihn viel mehr Interesse bekam, als dieß vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn er sich über sie ganz ungebunden hätte äußern dürfen. Die ganze Zeit, während sie des Abends bei Tische saßen, war Ewald in Gedanken mehr drüben in dem stillen Elisensruhe, als hier in dem kleinen Kreise; er gab, als man ihn fragte, was ihm fehle, vor, schläfrig zu seyn, aber Eberhardine meinte bei sich im Stillen, es besser zu wissen. Bestimmt war der junge hübsche Graf mit Herz und Seele bei seiner Braut; sie sah ihn mehreremale mit bedenklicher Miene an, und war, als Bennos Vater die Gläser anfrischte, und dem sichtlich zerstreuten Gaste zurief, »was wir lieben,« und dieser sein Glas in einem Zuge hastig leerte, mit sich im Reinen. »Ei, ei,« rief schalkhaft lächelnd der Baron und schenkte wieder ein, »bestes Gräfchen, der Toast – bis auf die Nagelprobe haben Sie ausgetrunken, das ist ein gutes Zeichen; Sie meinen es ehrlich!« »Wenn meine Ahnung mich nicht täuscht,« hob Eberhardine, ihr Glas in der Hand, theilnehmend an, »so ist des Grafen Braut hier in der Nähe; die Nachbarin soll leben!« Ewald trank vor Schreck, daß Eberhardine, der Naseweis, ihm bis auf den Grund in das Herz gesehen, sein Glas hastig aus, und Benno lachte unbändig; Eberhardine aber warf dem Bruder einen triumphirenden Seitenblick, als wolle sie sagen, das Geständniß ist schon heraus, jetzt fehlt nur noch der Name. Vater Hollau saß zwischen den Dreien wie verrathen und verkauft; verstand doch Keins das Andre, verstand doch Ewald sich selbst nicht. So mag es aber wohl oft in dieser Welt sein. Der Talisman. Benno hatte jetzt seinen Freund Ewald auf dessen Schlafzimmer gebracht, wegen der morgenden Reise nach Habichtswalde noch bestimmte Abrede genommen, ihm gute Nacht gesagt, und sich entfernt. Gottlieb, der alte Jäger, half Ewald beim Auskleiden, erzählte auf Befragen ein Breites vom hiesigen Jagdstande und wies, wenn er von den großen Revieren des Barons sprach, immer rechts und links zum Fenster hinaus. »Nun, und hier gerade vor uns,« hob Ewald der Gelegenheit, sich orientiren zu können, sich erfreuend, an, »ist da in dem hohen Forste dort unten kein Wild? –« »Das ist kein Forst, Ew. Erlaucht,« erwiederte Gottlieb, »das ist der Gräflich Cherubimsche Garten. Wenn der Mond heraufkommt, können Sie den Schloßthurm und den hohen Obelisk und die alte Ritterburg Grauenfels sehen; es ist ja kaum eine halbe Viertelstunde hinüber. Das ist ein Garten! Mohrenfickerment, der hat einen Thaler Geld gekostet!« Ewald hätte den alten Mann für die Nachricht umarmen mögen. Er legte sich zum Fenster weit hinaus, um die Nachtlüftchen, die von drüben herüber säuselten, in die wunde Brust zu ziehen. »Cherubims sind, da sie so nahe wohnen, wohl oft hier?« fragte er den schwatzsüchtigen Gottlieb aushorchend. »Die? –« erwiederte der alte Jäger mit giftigem Lachen, »mit keinem Schritte dürfen die zu uns herüber; unser Bloom – aber den haben Sie nicht gekannt, lieber Herr Graf, – aber das war ein Hund! unser Herr hatte ihn von einem englischen Lord aus London geschenkt bekommen! Herr Graf, solch einen Solofänger gibt es in der ganzen Welt nicht mehr! Meilenweit sah er die Hasen; und hatte er sie nur einmal im Auge, so waren sie auch schon so gut, wie verlesen. Nun waren schon lange zwischen uns und den Cherubimschen drüben, kleine Zänkereien gewesen; bald hüteten sie uns die Wiesen in der Nacht mit ihrem Viehe ab, bald spielten ihnen unsere Leute allerlei Schabernack, und kamen die drüben mit unsern jungen Burschen etwa einmal in der Schenke zusammen, so setzte es allemal Prügeleien, und das tüchtige, so daß es dabei nie ohne blutige Köpfe abging, der alte Graf Cherubim und unser gnädiger Herr beständig Aerger und Verdruß mit einander hatten, und durch Prozesse und Streit und Hader die Feindschaft immer ärger ward; aber den Gnadenstoß gab unser ehrlicher Bloom. Hinten am Garten von Elisensruhe hatte der alte Graf eine große Fasanerie angelegt; das Ding ist über zehn Morgen lang und breit, und rundum geht eine mannshohe Mauer. Da drinnen wimmelt es nur so von Fasanen und Hasen, und Herr Graf, Sie mögens nun glauben oder nicht, aber Hühnervölker sind drin, ich glaube, mehr denn zwei Dutzend. Mein guter Musje Bloom macht sich eines Abend einem kleinen Spaziergang, bekommt die Fasanerie in die Nase, ist, wupp Dich, über die Mauer, und ravagirt da nach seinem eigenen Plaisir darin herum, daß dem Fasanenwärter vor Schreck auf der Stelle der Schlag fast rührt, als er den Spektakel gewahr wird; er will den Bloom einfangen, aber da hätte er müssen früher aufstehen; Bloomchen ist mit Einem Satze wieder über die Mauer, und kam mit einem Gesichte nach Hause, als hätte er etwas Rechtes gethan. Den andern Morgen aber schrieb der Graf an unsern Herrn ein sackgrobes Billet-doux, und drohte den Hund auf dem Flecke erschießen zu lassen, wenn er sich noch ein einzigesmal in der Fasanerie blicken ließe. Da überlief unserm gnädigen Herrn auch die Galle, und er antwortete, daß an der Bagatelle kein Mensch Schuld sey, als der Graf selber; warum hätte er die Mauer nicht höher machen lassen. Bloom wäre ein englischer Solofänger von der ersten Race, und wer den anrühre, der habe es mit ihm zu thun. Er, der Graf, sollte es nur einmal probiren, und den Bloom erschießen lassen, er werde dann schon sehen, was daraus erfolge. Die Paar Hasen, die der Bloom abgefangen, wolle er bezahlen, das werde den Hals nicht kosten. Hasen gäbe es mehr in der Welt, aber ein Bloom wäre nur Einmal da, und so weiter. – Es gingen keine drei Tage in das Land, da spazierte mein Bloomchen wieder über die Mauer, und that, als ob die ganze Fasanerie seyn wäre – und hol mich der Teufel, der alte Graf hält Wort, und läßt das Prachtthier todtschießen. Des Scharfrichters Knecht, denken Sie um Gotteswillen den Affront, der muß den edeln Hund über die Gränze schleppen, und uns die Meldung machen, daß auf unserm Territorio bei der kahlen Eiche die Leiche liege. Nun war es aus mit dem Landfrieden. Unser Herr forderte den Grafen auf Pistolen; aber der alte Sünder lag krank und stand vom Siechbette nicht wieder auf; sechs Wochen drauf starb er. Seitdem ist der ganzen Familie und allen Bauern drüben Haß und Feindschaft auf ewig geschworen. Bloom aber ruht hier im Garten, dicht am Hundestalle, und zu seinem Haupte steht eine kleine Denksäule mit der Inschrift: Hier liegt Bloom der Großbritanische Solofänger, ein Opfer unversöhnlichen Nachbar-Hasses. Sehen Sie, gnädigster Herr Graf, das ist unsere Geschichte mit denen drüben in Elisensruhe.« Ewald dankte dem Himmel, als der feindselige Schwätzer endlich ging. Die verdammte Hunde-Tragödie hatte ihm alle Laune geraubt. Wie einfältig doch die Menschen in der lieben Welt sind, sagte er halb laut vor sich hin, ist es denn nicht möglich, daß sie in Ruhe und Frieden mit einander leben können! Wie reich, wie verschwenderisch hat die Natur ihnen alles bereitet, um es in freundlicher Eintracht zu genießen, und welche erbärmliche Kleinigkeiten sind es, durch die sie sich den dargebotenen Genuß einander verbittern, vergiften! Er trat mit dieser ihn unwillkührlich überwallenden Mißstimmung an das offene Fenster; der Vollmond ging eben links hinter dem schwarzen Hochgebirge auf, und streute seine blinkenden Silberblüthen rundum auf die ganze Gegend, und der blanke Thurmknopf des Cherubimschen Grafenschlosses; und der sichelförmige kleine Namensvetter auf dem schlanken Obelisk, und das vergoldete Kreuz auf der alten Ritterburg Grauenfels drüben, blitzten wie Lichtpunkte aus dem mitternächtlichen Dunkel ihm entgegen. Die ganze Atmosphäre schwamm in einem Meere von Wohlgerüchen, mit denen Millionen Feld- und Wiesenblumen den Abendthau begrüßten, der sich auf ihre schmachtenden Kelche kühlend senkte; und das heilige Rauschen des Waldgartens von drüben herüber, und das leise Plätschern der Kaskaden, und das sanfte Brausen der wolkenhohen Fontaine – es war ihm, als sähe er in ein Feenland, und der Mond, der jetzt noch höher heraufkam, goß über das Ganze sein mildestes Licht, daß er über die vor ihm liegenden Wiesenmatten hinüber sah in das Paradies seiner Sehnsucht, und unter den Laubdächern der hundertjährigen Linden, Eichen und Ulmen drüben, und in den Felsenschluchten, die sich längs dem Zaubergarten hinzogen, und mit ihren emporstarrenden Zacken, im hellen Mondscheine gar wundersame Gestalten bildeten, das holdselige Grafen-Kind suchte, das ihm heute so freundlich, so sinnig, so ganz eigen angelächelt hatte, nicht, weil er Prinz war, denn das konnte die Liebliche ja nicht wissen, sondern weil sie an ihm, schmeichelte er sich, Wohlgefallen gefunden hatte. Ach, warum war sie nicht wach, wie er, warum genoß sie nicht der stillen Abendfeier wie er? Doch – vielleicht lag sie, wie er drüben im Fenster ihres Kämmerleins und sah zu ihm herüber –! Aber – thörichter Wahn! Die schliefen – auf dem Kirchthurme seines Dorfes schlug es eben eilfe, und die Leute auf dem Lande gehen gern früh zu Bette – die schliefen gewiß Alle schon drüben in guter Ruhe. Gute Nacht, sagte er, in der sonderbarsten Spannung wehmüthiger Sehnsucht, leise, und nickte nach dem Feengarten hinüber, und des Westes laue Lüftchen wehten ihn von drüben herüber an, als brächten sie ihm des niedlichsten aller Cherubims heimliche Gegengrüße. Da hörte er – nein es war nichts – und doch – er legte sich weit aus dem Fenster, und hielt die Hand hinter das rechte Ohr und lauschte, und ein Sphärengesang ertönte vom Garten herüber, und des Abendwindes kosendes Fächeln trug die Silberlaute drei weiblicher Stimmen durch die stille Mitternacht ihm in das Herz und in die Seele. – Trunken vor Entzücken horchte er den himmlischen Lauten, die je nachdem die schäkernden Zephyre sich in das magische Spiel mischten, bald in der würzigen Nachtluft verschwammen, bald deutlich vernehmbar ihm entgegen schwebten. – Der unwillkommene Wächter rief im Dorfe die eilfte Stunde ab, und kaum brüllte sein furchtbares Horn die gräulichen eilf Dissonanzen, als die Hunde in allen Gehöften, wie auf ein gegebenes Zeichen anfingen zu bellen und zu heulen und zu winseln, als wären sie Alle Blooms, des großbritanischen Solofängers Blutsfreunde, und erhoben beim Glockenschlage der Geisterstunde ihre elegische Klage um die von dieser Welt geschiedene Hundeseele. Nein, es war nicht länger zu ertragen. Ewald warf wüthend das Fenster zu. Der vermaledeite Bloom und dessen disharmonische Sippschaft hatten ihm sein ganzes Entzücken, seine süßesten Träume, seinen seligsten Genuß vernichtet. Zufällig fiel sein Blick auf seinen Mantel und Hut. »Wenn du beides nähmst, dich hinabschlichest, und durch den kleinen Garten schlüpftest, hinaus auf den schmalen Damm, der zum Gränzbache führt« wollte er denken, aber ehe er dazu Zeit hatte, war er schon, er wußte selbst nicht, wie das Alles gekommen war, auf dem schmalen Damme, der über die Wiesen zum Gränzbache führte. Er machte Schritte, als setzte ihm die Gensdarmerie des ganzen Erdballes nach, und nur erst, da die Hunde hinter ihm im Dorfe allmählich stille wurden, und er dem Cherubimschen Garten näher kam, und die drei Sängerinnen jetzt ganz deutlich vernahm, gewann er so viel über sich, langsamer zu gehen, um nicht bemerkt zu werden. Als hinge an jedem Baum in Elisensruh ein Talisman, so zog es ihn mit tausend Ketten weiter vorwärts. Er war ein einziges Mal in seinem Leben auf der Auerhahn-Balze gewesen. Der Jäger Weise dort ward ihm hier sein Leitstern. Solange die Gräfinnen sangen, berechnete er sehr richtig, so lange konnte er dreist sich nahen, ohne zu fürchten, von ihnen entdeckt zu werden; das Elsengebüsch auf beiden Seiten des Dammes verbarg ihn ohnehin genugsam; so schlich er sich, während des köstlichen Terzettes: Infelice, sventurata quella Donna c'ha buon cuor aus Dama soldatta, bis dicht an den Gränzgraben, fand ein darübergelegtes schmales Brett, wagte sich mit verhaltenem Athem darüber, und stand jetzt im fremden Nachbarlande dicht unter der Mauer des Cherubimschen Gartens, umdunkelt von einer sich gastlich über ihn breitenden Hangebirke. Die langen dünnen Zweige seines Schutzbaumes bildeten eine sichere Schirmwand vor ihm, so, daß er selbst durchaus unbemerkt blieb, die Gräfinnen aber, die vom Glanze des hellsten Mondlichts umflossen keine zehn Schritte von ihm entfernt in einem leichten, auf der kaum mannshohen Gartenmauer befindlichen Kiosk saßen, von ihm ganz genau beobachtet werden konnten. Ewald hatte unter seinem lauschigen Versteck kaum Poste gefaßt, als das Terzett seinem Schlusse nahte, und bald darauf endete. Er dankte seinem Schöpfer, daß er an Ort und Stelle war, denn schloß das Terzett, als er den gefährlichen kaum fußbreiten Steg über den Gränzbach passirte, so war er offenbar verrathen. Die drei Mädchen schwiegen eine kleine Weile. Er wagte kaum zu athmen. Das Sternbild. Er lugte durch die Blätter und Zweige. Grade ihm gegenüber saß der himmlische Cherubim, der ihn heute aus dem Wagen so holdselig gegrüßt hatte. Keine Phantasie konnte das Mädchen sich schöner malen. Das ringelnde Rabenhaar glänzte im Schimmer des Mondes, wie weiche Seide; der schwärmerische Blick des großen geistreichen Auges hing an dem Lichtballe, der oben am Sternenzelte stand, als sehne sich der Blick des holden Wesens, dem Irdischen zu entschweben! In dem ausdrucksvollen Gesichtchen lagen Milde und Sanftmuth, den kleinen Purpurmund umlächelte ein unaussprechlicher Liebreiz; die ganze Figur war, so viel ihm der schwarzseidene Mantel, in den sich das Wunderkind gehüllt hatte, verrieth, ein Musterbild von jugendlicher Frische, und um so mehr kontrastirte diese üppige Kräftigkeit mit der blassen Lilienwange, in die, wenn ihn sein Auge nicht täuschte, ein zartes Grübchen sich schelmisch tiefte – und der Teint –! kein Alabaster, kein Alpenschnee, konnte blendend weißer sein! – Ewald stand, seinen Birkenstamm mit dem linken Arm umschlingend, lautlos in stummen Entzücken verloren; deutete er die sprechenden Züge dieses Madonnenbildes sich richtig, so war das Mädchen nicht glücklich; so lag im Geheimsten seiner Seele der Stoff zu der bangen Schwermuth, die trotz aller Gewalt, die sich das Mädchen anthat, doch hervorbrach aus jeder Miene, und sich verlautbarte durch den schmerzlichen Blick nach oben. Er hätte sich mit seiner Lebendigkeit einen ganzen Roman zusammengesetzt, so reiche Materialien dazu fand er in diesem unnennbar interessanten Gesicht, wenn nicht die kleine Pause, die eben nach dem Terzett statt gefunden, von der Gräfin, die ihm den Rücken zukehrte, unterbrochen worden wäre; sie stieß unvermerkt ihre Nachbarin, von welcher Ewald das Profil sah, und schien diese auf die in der Sternenwelt umherschweifende kleine Schwärmerin aufmerksam zu machen.. »Wo sind wir denn,« fragte das Profil freundlich, und legte die Hand auf des Mädchens Arm, »im großen oder kleinen Bär, beim Fuhrmann oder Vollmond, oder gar nur mit Augen oben, und mit dem Herzen drüben beim hübschen Nimrod Lüdinghausen?« »Ihr seyd recht garstig,« sagte das holde Zauberkind, und wendete die Augen freundlich lächelnd vom Sternenhimmel zur Erde nieder. Freund Ewald aber, bey Nennung seines Pseudonamens durch und durch erbebt, hätte tausend Ohren haben mögen, um keine Sylbe zu verlieren. Er war gemeint, sagte ihm seine schmeichelnde Eitelkeit, woher aber wußten die Mädchen seinen Namen! er war ja kaum einige Stunden hier? »Nun, ganz richtig war es mit dem niedlichen Jäger nicht,« hob die junge Gräfin, die Ewald den Rücken zukehrte, an, »der Mensch grüßte ja mit einer Ehrfurcht, als ginge er an einem Heiligenbilde vorüber, und hätte ich mein Lieschen nicht gehalten, es wäre wahrhaftig aus dem Wagen gefallen, so weit bog es sich heraus, um den grünen Adonis nur noch einmal zu sehen.« »Mir ist heute wahrhaftig nicht lächerlich zu Muthe,« versetzte Gräfin Lieschen, »aber Ida, Deine herrliche Gabe, Dinge zu sehen, die nicht sind, aus Nichts eine ganze Geschichte zusammen zu setzen –« »Dinge die nicht sind? – Nichts? –« fiel ihr Ida lachend in das Wort, »sag einmal ehrlich, Jettchen,« fuhr sie, gegen das Profil gewendet fort, »ward sie nicht über und über roth, als wir heute Abend bei Tische davon anfingen?« »Roth wie ein Scharlach,« versetzte Gräfin Henriette, »lebten wir noch in der alten Ritterzeit, so käme der jetzt recht a tempo ; wir offenbarten ihm unsere Noth. Er käme mit seinem Zelter hier unter das Kiosk, Lieschen ließe sich hinab, und fort ging es über Stock und Stein, und der Bräutigam hätte das leere Nachsehen.« »Bräutigam?« knirschte Ewald halblaut zwischen den Zähnen, und setzte nun den Schlußstein in das Gewölbe seines Romanenbaues. Elise Wunderhold sollte ihre Hand einem Manne geben, den sie nicht mochte; darum ihr Hilfe suchender Blick nach der lichteren Sternenwelt, darum die Wehmuth in den Zügen dieses schönen Cherubims, darum die sanfte Klage in der weichen Stimme der Engels. »Wer wird heute daran denken,« sprach, Elisens sichtbar zunehmende Bangigkeit beschwichtigend, Gräfin Henriette, »so lange der Patron das Jawort nicht hat, so lange haben Herz und Hand noch freies Spiel. Das kann alles noch anders werden; und zwingen kann uns kein Mensch! – Verderben wir uns den wunderschönen Abend nicht mit solchen Gedanken. Wie wahr sagt nicht Ewald in seinem herrlichen Ständchen: Liebchen, laß die bangen Sorgen Stör' Dir heute nicht die Ruh. Gott ist unser Gott auch morgen, Und sein Schooskind bist ja Du. Dir steht ja sein Himmel offen, Darum sollst Du glauben, hoffen. »Wir sollten das singen, es hat eine gar zu gefällige Melodie.« »Ist das Lied von Ewald?« fragte Elise mit einem Tone, als hätte es dann für sie einen doppelten Werth. »Wohl,« entgegnete Gräfin Henriette, »aber nicht von unserm Nachbarn, dem Prinzen, doch, soll er mitsingen, so wollen wir ihn citiren.« – Sie erhob sich von ihrem Sitze und wendete sich in die Gegend, wo die Feste Schreckenstein lag, und rief mit tiefer Stimme laut in die dunkele Nacht hinaus; »Prinz Ewald erscheine, und singe das Ständchen von Ewald mit uns!« Ida lachte über Jettchens tollen Einfall, Gräfin Lieschen aber warf links und rechts einen scheuen Blick, hüllte sich tiefer in den Mantel, und sagte bittend, »Kinder, macht mir nicht Angst; es ist hier ohnehin so schaurig. Allein – ich bin sonst nicht furchtsam, aber allein brächte mich kein Mensch in der Mitternacht hieher. Vorhin, –– lacht mich nicht aus – aber vorhin war es mir, als sähe mich Jemand starr an, und lasse mich nicht aus dem Gesicht. Ich weiß, daß es bloße Einbildung ist. aber ich kann des Gefühls nicht los werden.« Die Erscheinung. »Nein, nein,« versetzte Ida scherzend, »daran kann etwas seyn; drüben bei Hollaus gehen die Fenster des Fremdenzimmers hier zu uns heraus. Der junge Herr Graf von Lüdinghausen, vom überfreundlichen Abendgruße getroffen, wie von einem Wetterstrahl, hat weder Ruhe noch Rast – er kann nicht schlafen, er liegt im Fenster und stiert herüber; sein Adlerauge erspäht das süße Wunderbild, und die Strahlen seines sehnsüchtigen Blickes treffen auf Herz und Wange.« »Oder Prinz Ewald,« fuhr Jettchen fort, und man hörte ihr am Tone an, das sie das furchtsame Lieschen durch ihre Neckerei noch mehr einschüchtern wollte, »oder Prinz Ewald, der jetzt in Schreckenstein ist, hat den verfallenen Gang, der tief unter der Erde, vor vielen hundert Jahren, von der Feste dort hierher zum Grauenfels geführt, wieder aufgefunden, und ist hier bei den alten Ruinen zu Tage gekommen, und steht, von unserm Dreigesang festgezaubert und lauscht, von irgend einem Burggeist unsichtbar gemacht, in unserer Nähe, und der Athem seiner von stürmischer Liebe hochbewegten Brust trifft auf Wange und Herz.« »Laßt die albernen Possen,« flehte Lieschen beklommen; »mitten in der stillen Geisterstunde ist solch kecker Scherz wahrhaftig gefährlich. Ich wette Ihr hieltet Beide nicht Stich, wenn aus dunkler Tiefe des unterirdischen Ganges, dort aus den Felstrümmern der Burg, sich eine Gestalt langsam emporhübe und gerade auf uns hierher zukäme.« »Wenn es Prinz Ewald wäre, warum nicht?« fiel Ida lachend der Aengstlichen in das Wort. »Er soll bildhübsch, und liebenswürdig sein über alle Maaßen.« »Sonderbar,« entgegnete Lieschen, und legte auf das Wort eine eigene Betonung. »Auch ihr stellt den Prinzen und den Lüdinghausen neben einander; mir war es gleich beim ersten Blick, als wären Beide eine und dieselbe Person, dasselbe Gesicht, dieselben Züge.« »Nein, nun ist es Zeit, daß wir zu Bette gehen,« sagte Gräfin Henriette mit gutmüthigem Spott und strich Lieschen die Locken von der Stirn, »denn unser Lieschen träumt bey wachendem Leibe. Keine von uns hat den Prinzen mit Augen gesehen, und mein englisches Lieschen findet ihn mit dem jungen fremden Grafen drüben ähnlich zum Verwechseln. Das ist ja offenbarer Spuk der Burggeister von Grauenfels, die haben den Prinzen in den Lüdinghausen verwandelt, und nun umschwebt uns seine unsichtbare Gestalt, und verrückt unserm Lieschen das sinnige Köpfchen. – Kommt laßt uns das Lied von Ewald singen, daß wir die bösen Gedanken vertreiben.« Und sie sangen das Abendständchen von Ewald und der überselige Prinz lauschte mit verhaltenem Athem unter seinem Versteck, denn schöneres als diese drei Mädchenstimmen, hatte er nimmer gehört, bei den ersten Versen war Lieschen, noch in dem vorhergehenden Gespräch verloren, kaum hörbar, dann aber hob sich ihre Silberstimme, und die Glockentöne dieses himmlischen Metalls verschwammen bald im heimlichen Flüstern des linden Zephyrs, bald stiegen sie wolkenan zu den flimmernden Sternen, bald verhauchten sie sich im leisesten Echo des stillen Hochgebirges. Aber kaum hatten sie die zweite Strophe begonnen, als alle Dreie, wie von einem zuckenden Blitz durchbebt, stockten, und, ohne einen Laut hervorbringen zu können, hinstarrten zum schwarzen Grauenfels, denn dort oben am verfallenen Gemäuer der Burgkapelle hob sich aus den Ruinen eine weiße Gestalt hervor, die, von dem Mondlichte seltsam beleuchtet, selbst in Ewalds Augen wie ein Nachtgespenst, wie ein wandelndes Todtenbild aussah. Es stand unbeweglich da.. Die drei Mädchen im Kiosk schienen die Sprache verloren zu haben. Dem Prinzen lief es kalt über Haut und Rückenmark. Täuschung war es nicht, denn acht gesunde klare Augen sahen das schauerliche Burgräthsel deutlich. Jetzt bewegte es sich einige Schritte rechts nach den hochgewölbten Bogenfenstern des Ahnensaals zu, dessen Vorderwand die Zeit vernichtet hatte, so daß man in das Innere des weiten, jetzt von Strauchwerk und Gestrüpp überwachsenen Gemaches schauen konnte, dann schwankte es links nach den Ueberresten der Rüstkammer und verschwand in der Gegend des Burgverließes. Gräfin Ida saß mit den Händen vor den Augen, Jettchen hatte sie gerungen von sich gestreckt, Lieschen sie wie zum Gebet gefaltet. Alle Dreie hatten Sprache, Gegenwart des Geistes und Muth verloren, und es grauste ihnen vor dem Rückweg, den sie jetzt, in der tiefsten Mitternacht, durch den langen einsamen Park, bis zum Schloßhofe zu machen hatten. Da rief aus der Thalschlucht des hohen Granit-Zakkens, der auf dem Grauenfels lag, eine weibliche Stimme: »Gräfin Ida! Gräfin Henriette!« und beide Gräfinnen erwiederten fröhlich: »hier! hier!« denn sie erkannten die Stimme des Kammermädchens, Charlotte, das jetzt von der Burgseite her aus dem Gebüsch herabeilte, und fast athemlos erzählte, daß es im Garten nicht geheuer seyn müsse; sie habe im Auftrage der Gräfin Mutter, die jungen Gräfinnen suchen, und sie, da es hoch Mitternacht sey, bitten sollen, zu Bette zu gehen, in der Vermuthung, sie am Goldforellen-Teiche zu finden, habe sie sich dahin gewendet, aber auf einmal sey das Lied erklungen; der Schall wäre, darauf wolle sie in ihrer letzten Stunde schwören, wie vom Grauenfels gekommen; sie wäre hinaufgeeilt, aber da hinauf müsse sie ein Kobold geneckt haben; denn nirgends, weder in der Kapelle, noch im Ahnensaale, noch auf der großem Bank in der Rüstkammer hinter dem Burgverließ, wären sie zu finden gewesen. Nun hätte sie sich nicht halten können, sie hätte sie, was sich eigentlich nicht schicke, beim Namen rufen müssen. »Gott sey Dank,« schloß sie, »daß ich Sie Alle endlich gefunden. Da oben bringt mich kein Mensch in der Nacht mehr hinauf; mitten im Burghofe, wo der unterirdische Weg vom Schreckenstein her sonst zu Tage ausgegangen, da pullerte es tief unten in der Erde, als hämmerten hundert Bergleute an altem Gerille und festem Gestein. »Das ist Prinz Ewald,« entgegnete Jettchen, jetzt wieder ermuthigt, zu Lieschen gewendet, »der gräbt sich zu uns durch, und erscheint mit dem Frühroth der morgenden Sonne hier zu unsern Füßen.« »Da braucht er sich nicht zu übereilen,« erwiederte Ida, »denn morgen vor eilf Uhr bringt mich kein Mensch aus dem Bette. – Gute Nacht Ew. Durchlaucht,« sagte sie mit einer leichten Verbeugung nach dem Schreckenstein gewendet und stieg vom Kiosk in den Garten hinab. »Gute Nacht, Herr Graf,« rief Jettchen nach Hollaus Schlosse hinüber, »unser Lieschen wird bestimmt von Ihnen recht angenehm träumen, und wenn Sie nicht alle Lebensart verlernt haben, so kommen Sie morgen und lassen Sich wieder auf einem kleinen Streifzuge von uns ein bischen beliebäugeln – o – herrlich – eben fällt mir ein – die ganze Geschichte muß morgen Abend Freund Bernhard in seine Erzählung bringen, aber, bitte, bitte,« sagte sie im Begriff, auch vom Kiosk in den Garten hinab zu gehen, zu Lieschen gewendet; »recht schwere Worte; wir wollen ihm das Leben blutessigsauer machen; warum hat er sich der schweren Aufgabe so gar gewaltig dreist unterzogen!« Lieschen aber, jetzt allein auf dem Kiosk, stellte sich an das niedrige leichte Geländer, mit dem Gesichte nach dem Schreckensteine gerichtet, und lispelte leise: »gute Nacht, Ewald« Verschämt lächelnd schaute sie sich um, ob sie jemand sehen könne. Es war ja niemand, der sie belausche, als der freundliche Vollmond, der tausendjährige Vertraute der heimlich Liebenden – sie lüftete den weichen Faltenmantel, legte die rechte Hand auf die Schwanenbrust, drückte dann die Rosenfinger auf ihre Lippen, warf den Herzenskuß durch die stille Nacht in die Gegend des Schreckensteins, und sagte mit unendlicher Weichheit: »gute, gute Nacht, mein lieber Ewald.« Ewald – offenbar galt der liebreizenden Gräfin Cherubim englischer Nachtgruß ja ihm – Ewald – alle Nerven hatte es ihm durchzuckt, er vergaß sich und seinen Versteck, – er richtete sich rasch höher, stieß oben an einem Aste an, der Hut fiel ihm vom Kopfe, er wollte ihn fangen; und schlug mit der flachen Hand auf den Hutdeckel; vom dumpfen Schlage aufgeschreckt, sprang Lieschen mit einem lauten Schrei in zwei Sätzen vom Kiosk die Treppe in den Garten hinab; Ewald hatte den verwünschten Hut nicht erwischt, der Deserteur rollte hinter Ewalds Rücken in den dicht an der Wurzel des Birkenstammes vorbeifliessenden Gränzbach hinab, und Ewald stand wie eine Bildsäule, denn Lieschen rief in der allerhöchsten Bestürzung den vorangeeilten Schwestern zu – »Ida, Jettchen um Gotteswillen, draußen an der Mauer ist ein Mensch! –« Die Mädchen lachten, aber Lieschen betheuerte, unter der Hangebirke etwas rauschen gehört zu haben, und ein dumpfer Schlag sey gefallen, der habe geklungen, als falle ein schwerer Stein auf ein hohles Gefäß. Ida und Jettchen sprachen, so viel Ewald in seiner Todesangst von ihrer verworrenen Reden, die, je mehr die Mädchen dem Schlosse zueilten, ihm immer unvernehmlicher wurden, verstehen konnte, vom Herausschicken der Jäger und Bedienten, welche mit den Hunden die ganze Gegend draußen vor dem Garten durchspüren sollten; Charlotte indessen äußerte, wahrscheinlich um die Furcht, die sämmtliche drei Mädchen ergriffen zu haben schien, zu mildern, daß das ganze Geräusch gewiß von nichts anderm hergerührt; als von einem Fische, der, wie ja das bei warmen Sommerabenden oft der Fall im Gränzgraben aus dem Wasser emporgesprungen sey. Sobald Ewald nach den sich immer mehr entfernenden Tritten der Heimeilenden berechnen konnte, daß sie weit genug waren, um von ihm nichts mehr zu hören, trat er seinen Rückzug an, und flog mehr, als er ging, den schmalen Damm entlang, nach Hause, denn die Jäger und Bedienten und Hunde aus dem Gräflich Cherubimschen Schlosse saßen ihm in Gedanken schon auf den Fersen. Erst kurz vor der Hollauischen Gartenthüre fiel ihm bei, daß er den Hut im Stich gelassen. Umzuwenden war nicht möglich, denn er wäre ja den Nachsetzenden grade in die Hände gelaufen. Was war am Hut gelegen! wenn er nur in Sicherheit war. Athemlos erreichte er die Thüre, schlich sich ungesehen in Garten, Schloß und Zimmer, und lag lange noch im Fenster, um abzuwarten, ob sie drüben kommen und die Ufer des Gränzbachs und die daran stoßende Umgegend nach ihm absuchen würden! Aber es kam Niemand. Die ganze Welt war still, die Dorfglocke schlug zwölfe, der Wächter machte wieder die Runde, und alle Hunde heulten auf das mißtönige Horngebrüll wieder wie vorhin. Eine Stunde war er also weggewesen. Aber was war dieß für eine Stunde! die allerseligste seines Lebens! Er streckte sich auf sein Lager, aber wie konnte er, bis zum höchsten Grade aufgeregt, jetzt schlafen! Derselbe Mond, der sich in den Augen des lieblichsten aller Lieschen des ganzen Erdenrundes gespiegelt hatte, zu dem die Zagende mit unbeschreiblicher Bangigkeit hinaufgeblickt, lächelte ihm sanft und freundlich in das Gesicht. Sein erstes Abenteuer im Leben – ein Jahr hätte er Zeit haben mögen, um Alles recht genau sich zu zerdenken, um diese Stunde noch hunderttausendmal in der Erinnerung zu durchleben. Die zarte anmuthige Gestalt, der Flötenlaut ihrer Stimme, das Geistvolle, Schmachtende ihres Blicks, die jugendliche Frische ihrer Reize, er sah, er hörte sie ja lebendig vor sich! Woher aber wußte sie, daß er mit dem vorgeblichen Lüdinghausen sich gleiche? Wer war der widrige Bräutigam? War er denn wirklich der Ewald, den sie meinte, als sie den Kuß des Herzens ihm zur guten Nacht zuwarf? Wie hatte ihn das Mädchen lieb gewonnen, so lieb gewonnen, das er mit keinem Auge gesehen, von dem er nie gehört? Alle diese Räthsel und noch viel hundert andere, in die sich seine Seele verwirrte, löste ihm der schalkhafte Traumgott, der ihm allmählig das müde Auge schloß und ihm das wundersüße Lieschen Cherubim in die Arme legte; mit zauberischem Lächeln erzählte ihm die zarte Traumgestalt den wunderbaren Zusammenhang der Dinge, hob seine Zweifel, und verkündigte ihm ihre stille, noch von keinem menschlichen Wesen bemerkte Liebe durch den Honigkuß der bräutlichen Schaam, er hob die umfangenden Arme, um das reizende Grafenkind an seine Brust zu drücken, und erfaßte Bennos Arm, der vor seinem Bette stand, und über den Schlaftrunkenen laut lachte, denn zehn Minuten hatte er schon gerufen und gerüttelt, doch alles vergeblich. Ewald schlug, noch halb im Schlafe die Augen auf; an der Stelle des eben entschwebenden Luftbildes seiner entzückten Phantasie, den stürmigen Benno zu finden, war ihm eine höchst unwillkommene Erscheinung, und die Nachricht, daß das Frühstück und der Wagen bereit standen, und daß wenn sie bei Zeiten in Habichtswalde eintreffen wollten, kein Augenblick zu verlieren sey, tönte ihm widrig in das Ohr. Was sollte er in Habichtswalde! Lieblicher, als Lieschen Cherubim, war ja kein Mädchen in der Welt; Aloyse konnte ihm jetzt unmöglich gefallen; sie war ihm die allergleichgültigste Person auf dem ganzen Erdenrunde. Ueberdieß mußte er über die kleine Cherubim noch nähere Aufschlüsse haben; die Zeit, die er sich von Schreckenstein losgemacht, konnte er ja nirgends besser zubringen, als hier in ihrer Nähe; jede Stunde, die er aus dem magischen Kreise dieses unwiderstehlichen Magnets verlebte, war ihm ja rein verloren. Dieß Alles machte er sich, während Benno in ihn hineinredete, daß er aufstehen und sich mit dem Anziehen möglichst beeiligen solle, klar, und förderte eine in der Geschwindigkeit recht sauber zusammengeflochtene Nothlüge zu Tage. Er hatte wüthenden Kopfschmerz; der gestrige starke Ritt in der Sonnenhitze, hatte ihn angegriffen; er erklärte, daß es ihm heute platterdings unmöglich sey, zu reisen, daß er mit seinem Schmerzensgesichte drüben in Habichtswalde eine miserable Figur spielen werde, und es daher am Besten sey, den kleinen Ausflug noch ein bis zwei Tage aufzuschieben. Benno war über diese unerwartete Erklärung sichtlich betroffen. Er wollte sogleich nach einem Arzt schicken, Ewald verbat diesen aber in sehr bestimmten Ausdrücken, und meinte, daß er sich kenne, daß er an diesem periodischen Uebel jetzt öfters leide, daß es aber, wenn er sich nur einige Ruhe gönne, bald und ohne alle ärztliche Mittel wieder vorüberzugehen pflege. »Ganz offenherzig heraus,« hob jetzt Benno an, »wenn wir heute nicht reisen können, so mußt Du mir nicht übel nehmen, wenn wir nun unsere Fahrt nach Habichtswalde wenigstens bis übermorgen oder vielleicht noch bis auf einen Tag später verschieben, und dann bitte ich Dich, mich auf diese Zwischenzeit zu beurlauben. Wir hatten heute in unserer Kreisstadt beim Friedensgericht, einen uns wichtigen Termin. Der Vater kann, wie Du weißt, wegen seines Fußes nicht von der Stelle; ich hatte also den Termin abwarten wollen, ließ ihn aber, da Du kamst, gestern Abend spät absagen; da Du nun aber doch nicht reisest, so fahre ich gleich nach der Kreisstadt, komme dort hoffentlich noch früher an, als mein zu Fuße abgegangener Bote, mache mein Geschäft, das mich vielleicht bis morgen dort aufhalten kann, ab, eile übermorgen zurück, und bin dann zu Deinem Dienst nach Habichtswalde und tausend Meilen weiter.« »Fahr in Gottes Namen!« erwiederte Ewald mit der freundlichsten Herzlichkeit, und dankte seinem Gott im Stillen, daß er Benno los ward; konnte er doch nun seinen Versuchen, sich Lieschen Cherubim weiter zu nähern, desto ungestörter nachhängen. Das Osterey. Kaum war Benno zum Hofe hinaus, so stand Ewald, zur großen Verwunderung des alten Gottlieb, der vom Kopfschmerz gehöret, und zu dessen Vertreibung alle mögliche Haus- und Jägermittel vergeblich empfohlen hatte, frisch und kräftig, wie der junge Morgen, vom Lager auf, und versicherte, daß ihm die freie Luft am heilsamsten sey, und daß er daher gleich nach dem Frühstück einen kleinen Morgenspaziergang in den Gränzbusch zu machen gedenke. Zu dieser folgenreichen Jagdparthie fehlte es an einer Kleinigkeit, am Hute. Der alte Gottlieb wollte, als Ewald gar nicht begreifen zu können schien, wo der Vermißte hingekommen, gleich zehntausend Eide schwören, daß er ihn gestern Abend eigenhändig auf das Zimmer gebracht, und ihn dort bei der Thüre an den Nagel gehängt habe; er kam sich wie behext vor, denn daß außer ihm kein Mensch auf dem Zimmer gewesen, wußte er ganz bestimmt; auf einmal aber stand er mitten in der Stube und lachte, und erklärte sich das Räthsel. Der junge Herr Benno, der oft schon dergleichen Anfälle von arger Zerstreuung gehabt, hatte den Hut für den seinigen angesehen, und ihn glücklich mit in die Kreisstadt genommen. Ewald gab der Idee seinen vollen Beifall, und lächelte im Stillen über die Einfalt der Menschen, die sich, ohne es selbst zu wissen, alle ersinnliche Mühe geben, Andere aus ihrem Trug- und Lügengespinnste heraus zu fitzen. Er ließ sich aus Bennos Garderobe einen andern Hut geben, aber Bennos Kopf war viel stärker als der seinige; der Hut fiel ihm bis über die Nase; er sah darin aus, wie die Vogelscheuche auf dem Herzkirschenbaum unten im Obstgarten, durch den er eben nolens volens, Chapeau-pas eiligst strich, um nur je eher je lieber hinüber in das Land seiner Liebe zu gelangen, und im Hutkopfe prangte die Firma des Fabrikanten, in Form und Farbe einem Ostereye ähnlich. Ewald lachte, als er das rothe geschmacklose Machwerk des sinnigen Filz-Künstlers gewahrte; doch fand er den Zufall nicht ohne Bedeutsamkeit, denn er meinte bisher auch nur in der stillen Marterwoche seines Herzens, von einfacher Fastenspeise gelebt zu haben, und jetzt die Morgenröthe seines Osterfestes heraufdämmern zu sehen; in der Liebe zur Gräfin Lieschen ahnte er die Auferstehung seines Lebensglücks, und das brennende Roth seines Hut-Eyes, – was weissagte es ihm anders, als den fröhlichsten Erfolg seines eben bevorstehenden Waidganges auf den lauschigen Anstand. Eberhardine pflückte sich Frühbirnen, reichte mit traulicher Gastlichkeit dem Grafen ein Paar recht saftige, bezeugte ihm ihre Theilnahme an seiner kleiner Unpäßlichkeit, und setzte schmeichelnd hinzu, daß ihr, wenn die Kopfschmerzen nur nicht gar zu heftig wären, der liebe Herr Gott einen rechten Gefallen damit gethan, denn nun müsse der Graf länger hier bleiben, und sie habe das Vergnügen, ihm einige Tage länger bewirthen zu können. Sie bat wiederholentlich, sich doch zu bedecken, und hielt es in ihrer kleinen Eitelkeit für übertriebene Artigkeit, daß Ewald in ihrer Gegenwart, trotz des Kopfwehs, platterdings den Hut nicht aufsetzen wollte. Um über Cherubims nähere Nachrichten einzuziehen, kam er im Verfolg des Gesprächs auf den nächtlichen Gesang, den er gestern vor Schlafengehen gehört, und frug, ob das hier im Dorfe gewesen. »Gott bewahre,« entgegnete Eberhardine, und man hörte ihrem Tone an, daß auch sie von dem Familienhasse gegen das Nachbarhaus angesteckt war, »das sind die drüben gewesen; alle Abend sitzen die in ihrem Kiosk, und schreien wie die jungen Klapperstörche im Neste.« »Wenn ich nicht irre,« sagte Ewald und hielt das mitleidige Lächeln über die Verblendung des Vorurtheils an sich, denn mit Klapperstorchgeschrei war jener Sphärengesang durchaus nicht zu vergleichen, »wenn ich nicht irre, sangen sie dreistimmig.« »Nun ja,« erwiederte Eberhardine, »es sind ja ihrer dreie; Ida, Henriette und Luise.« »Luise –« hob Ewald an, und wollte weiter reden, aber vor Schreck, daß er den Namen seiner Traumheiligen von seinen Lippen gehört, konnte er kein Wort mehr herausbringen, und stopfte, um nur geschwind eine Ursache seines Steckenbleibens zu haben, zwei Birnen mit einemmale in den Mund und biß in die Saftreichen, als wären es die letzten seines Lebens. »Luise,« fuhr Eberhardine fort, ohne seine Verlegenheit zu bemerken, »Luise ist noch ein Backfisch.« »Backfisch?« fragte Ewald stutzend. »Nun ja,« versetzte Eberhardine lachend, »so nennt man hier zu Lande solche noch unreife Dinger von Mädchen. Wilder und ungezogener gibt es nichts in der Welt. Neulich setzte sie wahrhaftig vor meinen Augen über den Gränzbach, wie ein Rehbock; mir verging Hören und Sehen, denn 6 Fuß breit ist dort der Bach allerwenigstens, und fiel sie in das Wasser, so war sie ein Kind des Todes, denn dort an der Stelle sucht man umsonst Grund. Hat sie ein Pferd unter dem Sattel, so geht es über Stock und Stein, und daß sie zur Zeit den Hals noch nicht gebrochen, ist ein Wunder Gottes. Ohne Brauschen aber und Schrammen und Beulen geht es selten ab, denn das Mädchen rast mit dem flüchtigsten Renner durch Wald und Gebüsch, als habe der wilde Jäger sie selber gepackt.« Ewald horchte sinnend, und kaute verlegen an einem holzigen Birnenstiel. Kam, was Eberhardine von dem Mädchen alles erzählte, nicht größtentheils auf Rechnung der zwischen beiden Familien bestehenden Spaltung; so war mit dem Grafenkinde seit Kurzem eine Total-Umwandlung vorgegangen; denn in dem schmachtenden Gesang gestern Abend, in dem schwermüthigen Blick des himmlischen Auges, und in den sanften Zügen des frommen Gesichtchens war von der verschrieenen Wildheit nicht das Geringste zu spüren. Wer aber anders kann, folgerte Ewalds Eitelkeit weiter, diese Umwandelung bewirkt haben, als die Liebe. Luise hatte für ihn – wie blieb ihm noch ein Räthsel – oder – aber dieses oder konnte er ohne einen leisen Fieberschauer nicht denken, – oder für einen andern Ewald fühlen gelernt, und mit diesem Gefühl hatte sie sich ihrer jugendlichen Ungebundenheit, ihrem muthwilligen Kindersinn bald entfremdet, und ihr Herz nur der zartesten Weiblichkeit, den Empfindungen der mädchenhaftesten Zuneigung geöffnet. »Wenn,« hob er, den möglich andern Ewald, den gestern von Ida erwähnten unwillkommenen Bräutigam im Sinne, »wenn aber Gräfin Luise wirklich, wie Sie es nennen. noch ein Backfisch ist, so wundert es mich, daß, wie ich gestern noch hier in der Nähe zufällig erfuhr, ein recht respectabler Mann schon um ihre Hand wirbt.« Eberhardine lachte mit dem versteckten Grolle, den selten ein Mädchen ganz verbergen kann, wenn es von einem ihm ohnehin unleidlich vorkommenden Andern hört, daß dieses den Rosenstufen des Brautaltars näher stehe, und gratulirte schnippisch dem Glücklichen, der mit diesem Unbande sein Heil versuchen wolle; auf einmal fiel ihr aber ein, daß der Graf Lüdinghausen am Ende selber der Blinde sey, der in dieses Liebesnetz laufen wolle, und daß Gräfin Luise Cherubim die Braut seyn könne, auf deren Wohl sie gestern getrunken, und nun ließ sie der Zunge freien Lauf, um dem Verblendeten den Staar zu stechen, und erzählte von dem Mädchen und der ganzen Familie mit so studirter Bitterkeit, daß Ewald in ihren offenbaren Uebertreibungen die Beruhigung fand, daß nur die ihr von Jugend auf eingeimpfte Partheilichkeit aus ihr sprach, und ihr mit seinem milden Sinne die Wehthat verzieh, die sie den armen Cherubims hinter dem Rücken zufügte. Des bösen Leumundes müde, mit dem ihm Eberhardine die schöne Morgenstunde vergiftet hatte, ging er, sein blankes Vogelflintchen wieder über der Achsel, und Bennos unaufsetzbaren Ostereier-Filz in der Hand, unter dem Vorwande, das Dorf zu durchstreichen, zum Garten hinaus, wendete sich aber draußen, statt nach dem Dorfe, links nach dem Gränzgraben zu, und jauchzte heimlich auf, als er Gräfin Lieschen von weitem im Kiosk allein erblickte. Von Weiden und Elsengebüsch gedeckt, schlich er sich auf den schmalen Damme immer näher. Die kleine Cherubim saß in Gedanken verloren hinter einem eleganten Gartentischchen; ihre Linke ruhte auf einem Blatte Papier, in ihrer Rechten hatte sie eine Bleifeder, deren neidenswerthe Spitze sie mehreremale in die frischen Purpurlippen nahm. Das Mädchen war heute noch viel schöner, als gestern im Wagen, und diese Nacht hier im Kiosk. Freundlich, wie der junge Morgen, saß sie und sann, und lachte zuweilen halb laut vor sich hin, und schrieb dann, was sie sich ausgedacht, nieder. Das blendend weiße, höchst geschmackvolle Morgengewand, die von spielenden Lüftchen leichtflatternden Bänder am zierlichen Pointhäubchen, die kräftige Fülle des schöner Körpers, das bewegliche Mienenspiel im ausdrucksvollen Gesicht, der schuldlose Scherz, der aus jedem ihrer Züge lustig und lebendig sprach, und die Feuergluth im Liebesblick der beiden Morgensterne – der überselige Ewald hätte gleich hinüberfliegen und zu ihren Füßen das Geständniß seines Entzückens niederlegen mögen. »Hier bist Du, Lieschen?« hob eine Kinderstimme unten im Garten hinter der Mauer an, »im ganzen Park habe ich Dich schon gesucht.« »Was soll sein, lieber Raymund?« fragte Gräfin Lieschen, und die weichen Laute ihrer Silberstimme drangen in Ewalds wonnetrunkenes Herz wie Frühlingsthau in den Kelch der eben erst aufgeschlossenen Blume. »Sie brauchen,« antwortete der Kleine von unten hinauf, »noch viel, viel mehr Vergißmeinnicht, die Guirlande wär' kaum erst zur Hälfte fertig.« »Schön, schön,« erwiederte der holde Cherubim vom Kiosk herab, und die Zaubergestalt erhob sich vom Sitze, »sag nur ich würde gleich gehen und mehr pflücken, und dann bringen, was ich noch zusammen bekommen.« Lieschen stieg die Stufen hinab, und verschwand hinter der Mauer, und Ewald schmollte mit dem Raymund, der ihm den Anblick des süßen Mädchens entzogen, aber nach wenig Secunden trat sie – es mußte weiter links, wo der Garten sich an ein Wäldchen lehnte, eine Thür in der Mauer seyn, – hervor, ging die Mauer links, den Gränzbach rechts, nach dem Steig zu, auf dem Ewald diese Nacht den Bach passirt hatte, beugte sich drüben am Ufer nieder, und pflückte die dort einzeln stehenden Vergißmeinnicht; auf dem diesseitigen Ufer aber blühten der Blumen zu tausenden: sie schaute sich ringsum, als wollte sie erspähen, ob von Hollaus Leuten Niemand in der Nähe sey, der ihren kleinen unschuldigen Blumen-Raub auf dem fremden Boden bemerke, war, da sie Niemand gewahrte, in zwei leichten Sätzen über den Steg und pflückte nun im benachbarten Gränzlande die beiden Händchen voll der köstlichsten Vergißmeinnicht. Ewald schlug das Herz hoch vor Freude, daß das zauberische Mädchen auf seinem väterlichen Grund und Boden sich holte, was ihm zu dem im Schlosse wahrscheinlich bereiteten Familienfeste noch fehlte, daß es ihm entgegen kam, daß es ihm jetzt so nahe war. Er konnte sich jetzt nicht länger halten – eine schönere Gelegenheit, mit dem liebreizenden Kinde zu sprechen, bot sich ihm nie wieder dar – er trat hinter seinem Verstecke hervor, näherte sich der kleinen Gräfin mit freundlichem Lächeln, und rief fröhlich scherzend: »Ein Dieb, ein Dieb!« Gräfin Lieschen aber erschrack, als sie den jungen Mann, dessen sie sich von der gestrigen Spazierfahrt augenblicklich entsann, auf sie zueilen sah, so entsetzlich, daß sie ihren ganzen Vergißmeinnicht-Vorrath mit einem leichten Schrei zur Erde fallen ließ. Ewald flog herbei, warf Hut, Taschentuch und Flinte bei Seite, suchte unter tausend launigen Entschuldigungen, daß er ihr den kleinen Schreck verursacht, die Verlorenen wieder zusammen, pflückte, was er in der Nähe vorfand, noch geschwind dazu, überreichte ihr den großen Strauß knieend, und meinte, daß sie durch ihren Gewaltschritt über die Gränze seinem Vaterlande die größte Ehre erwiesen habe, denn er finde das stillschweigende Geständniß darin, daß in diesem die Blume, welche seit Menschengedenken das Sinnbild der Liebe und Treue sey, besser gedeihe, als in dem ihrigen. Das zarte Nachbarkind stand vor dem knieenden Grafen in der lieblichsten Verwirrung, von der Stirn bis zur Schwanenbrust, hat der dunkelste Karmin die Reizende übergossen; sie senkte den jungfräulichen, schüchternen Blick zu Ewald hinab, empfing zitternd die gerühmten Sinnbilder der Liebe und Treue aus seinen Händen, und wollte sprechen und konnte nicht, denn sie kannte ja den schönen jungen Mann, der mit unaussprechlicher Anmuth zu ihren Füßen lag, ohne zu wissen, wer er war; sie hatte ihn ja schon gesehen, ohne zu wissen wo; sie hatte ihn ja schon gehört; ohne zu wissen wann; sie hatte ja schon mit ihm gesprochen, ohne zu wissen wie. Es war ihr, als habe sie schon einmal gelebt, und hier vor ihr der Jüngling mit den brennenden Augen und den blühenden Wangen und der kräftigen Adonis-Gestalt, sey ein trauter Freund aus ihrer frühern Welt, und wieder war es ihr, als hätte sie ihn viel hundertmal im Traume gesehen, und der sanftlächelnde Blick, mit dem sie das stumme Staunen über das Unbegreifliche, was vor ihrer Seele vorüberging, verrieth, und die freundliche Milde, die aus jedem Gesichtszuge der Ueberraschten sprach, verschönten das Mädchen zum lebendigen Engel. »Das Vergißmeinnicht,« hob Ewald fröhlich scherzend an, und richtete sich vom Ufer des Gränzbaches auf, »ist eine Wiesen- und Waldblume; folglich gehört vorliegender Fall halb und halb zu den Forstfreveln, und unsere Forstgesetze sind unmenschlich streng; das Erste, was sie vorschreiben, ist die Pfändung; – ein Pfand – meine schöne Gräfin – ohne das werden Sie dießmal nicht wegkommen.« »Ihre eigenen Blumen,« erwiederte Lieschen mit einiger Befangenheit, »die mir vorhin entfielen, haben Sie mir gereicht; die kann ich Ihnen nun doch nicht wieder zurückgeben, und – weiter habe ich hier nichts! darf ich aber meine Schuld, mit einem Erzeugniß unsers Gartens lösen so –« Ewald übersetzte sich dieß in eine gastliche Einladung, mit hinüber in ihren Garten zu kommen, und sich dort sein Pfand abzuholen; er trat daher, da Lieschen ohnehin heimgehen zu wollen schien, auf den schmalen Steig, und bot der Comtesse die Hand, um sie hinüber zu geleiten. Vorhin war die Flüchtige in zwei Sätzen über den Graben gewesen, – jetzt – machte es, daß sie das Bild des frischen jungen Jägers zu ihren Füßen im klaren Silberbache sich widerspiegeln sah, – oder bebten ihr noch die zarten Glieder vom Schreck – oder fürchtete sie, daß das schwache Bret sie Beide nicht tragen möchte – sie zagte ängstlich, und schüttelte, über ihre Furchtsamkeit selbst sich im Stillen wundernd, das vorhin so schwindelfreye Köpfchen, und bat, daß Ewald nur allein vorangehen möge, wo sie dann nachkommen wolle. Sie setzte nun, da er drüben war, zweimal das kleine Füßchen auf das schwankende schmale Bret, als sie aber beidemale sichtlich beklommen, wieder zurücktrat, kam Ewald herüber, bat sich ihre Hand aus, führte sie lachend auf den Steig, und schon hatte Ewald den Fuß drüben auf dem Ufer, als das Bret brach; Lieschen schrie laut auf; Ewald schlug seine Linke, um sich zu halten, in den nächsten am Ufer befindlichen Strauch, schlang um die Fallende seine Rechte, und hob sie mit kräftiger Gewandheit auf das Ufer, so, daß ihr kaum die Schuhspitze am rechten Fuße vom Wasser genetzt ward. Das alles war Sache des Augenblicks. Gräfin Lieschen, noch halb todt vor Schreck, stand, von Ewald noch umschlungen, gerettet am Ufer, lachte über die glücklich überstandene Gefahr, und in ihrem freundlich sanften Blick, und in dem Wogen der hochbewegten Lilienbrust konnte Ewald mehr als in Worten seinen Dank lesen; sie wollte versichern, daß ihr das Unglück geahnet habe, aber mitten in der Rede blieb sie stecken, denn ihr Auge fiel auf Ewalds Linke, aus der das helle rothe Blut an drei, vier Stellen zur Erde hinab rieselte. »Um Gotteswillen,« rief sie, »was haben Sie gemacht!« und hob die blutende Hand mit einer Theilnahme in die Höhe, die dem glücklichen Ewald den ersten Schmerz der brennenden Wunden tausendfach versüßte. Der Strauch an dem er sich festgehalten, war ein dorniger gewesen, er hatte sich mehrere Stacheln tief in die Hand gedrückt; indessen zog er sie sich alle gleich wieder heraus, steckte die Hand in den Bach, und ließ die Wunden ausbluten. Während dem plauderte er mit der kleiner Gräfin, die sich tausend Vorwürfe machte, daß sie von dem ganzen Begebnisse eigentlich allein die Schuld trage, und die durch den lebhaften Antheil nur zu deutlich das Wohlwollen verrieth, mit dem sie sich dem ritterlichen Jüngling zugethan fühlte. Jetzt ließ das Bluten nach; Ewald nahm die Hand aus dem Wasser, wollte sie sich ein wenig verbinden, und bemerkte jetzt erst, daß er sein Tuch drüben bei Hut und Flinte gelassen. Er frug, ob hier in der Nähe kein zweiter Steig über den Gränzbach sey, und kaum hörte Lieschen die Ursache dieser Frage, als sie bat; sich ihres Taschentuches zu bedienen. Dieß war aber von so superfeinem Battist, und so über alle Beschreibung zierlich gestickt, daß Ewald erklärte, dieses Prachttuch dazu unmöglich anwenden zu können; Gräfin Lieschen aber legte es geschwind zusammen, sagte ängstlich, »bitte, bitte,« schlug das Tuch, ohne auf alle seine Einreden zu hören, um seine Hand, schürzte einen leichten Knoten in die Zipfel, und machte das alles mit einer solchen zarten Barmherzigkeit, daß Ewald im Stillen meinte, um den Preis bei der nächsten Gelegenheit mit tausend Freuden sich noch dreimal ärgere Dornenrisse gefallen lassen zu wollen. Sie gingen jetzt der Gartenthüre zu, aus der vorhin Lieschen herausgekommen war, und traten in den Park; der kleine Unfall hatte sie mit einander bekannter gemacht, als hätten sie Monate lang schon zusammen gelebt; ein junger hübscher Mann, der um eines Mädchens willen, ein halb Pfund Blut verliert, und ein solch Himmelskind, als Gräfin Lieschen war; das mit eigener Hand die Wunden verbindet, die es verursachte, – das sind keine Fremden mehr. Darum sprachen Beide auch herzlich und traulich mit einander, und Ewald sog die bildschöne gräfliche Jungfrau fast mit den Blicken auf. Lieschen hatte gewiß noch nicht geliebt, aber sie ahnete, sie wußte, was Ewalds seelenvolles Auge ihr sagte – sie konnte nicht mehr hinein sehen, in diese hochlodernde Flamme der frisch aufgehenden Feuersbrunst, sie schlug den Blick nieder auf Ewalds Hand, und sah doch wieder hinauf in das Gesicht des liebeerglühten Jünglings, aber blos um zu beobachten, ob ihm der Blutverlust anzumerken. »Lassen Sie die Hand nicht so hinabhängen,« sagte sie ärztlich altklug und sorglich, »das Blut schießt Ihnen sonst zu sehr in die Wunde; warten Sie – ich mache Ihnen eine Bandage,« und damit flog sie vorauf in den Kiosk, knüpfte dort die Bänder aus ihrem Strohhute zusammen, brachte ihm das Machwerk ihrer Empfindung entgegen, behauptete scherzend, daß Böttcher, Bernstein und Köhler, von denen ihr Leibarzt immer viel Rühmens mache, keine bessere Bandage für diesen wichtigen Fall hätten bereiten können, schlang ihm das Band über die Achsel, legte ihm die Hand, wie sie nach ihrer Meinung liegen sollte; dabei streichelte sie mit kindlicher Gutmüthigkeit die Verletzte, und fragte, ob es noch sehr weh thue. Ewald wollte, – das Herz preßte ihn, als laste eine ganze Welt auf ihm – er mußte dem Mädchen sagen, wie namenlos er es liebe, wie es das Erste sey, das diesen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht, wie er Blut und Leben für das holde Wesen hinzugeben jeden Augenblick bereit sey, aber mitten in der Rede, die, so wohlgefällig sie auch klingen mochte, Lieschen doch in gewaltige Verlegenheit zu setzen anfing, hielt er inne, sein Blick fiel auf den Zipfel des Battisttuches; in einem weißgestickten köstlichen Kranze von leichtem Blumengewinde prangte der Name »Aloyse.« »Aloyse?« fragte er, und dachte an die Prinzessin, die er über dieses Gräfchen Wunderhold ganz vergessen hatte. »Ich denke, Sie heißen Lieschen?« »Woher wissen Sie denn, daß ich Lieschen heiße?« fragte die kleine Gräfin, und sah unter komischem Kampfe mit einer Anwandlung von unbezwinglicher Lachlust, so verschmitzt und listig, und doch dabei so engelgut und lieblich aus, daß, wäre Ewald kein Prinz, und Lieschen keine Gräfin gewesen, er ihr auf diese frommen Schelmenaugen unausbleiblich einen Kuß gedrückt hätte. Beinahe wär ihm das Bekenntniß entschlüpft, daß er sie gestern Abend von ihren Schwestern so hätte nennen hören; er erwischte sich indessen noch in Zeiten bei der Unbesonnenheit, und erzählte, daß ihm Fräulein Hollau gleich nach seiner Rückkehr vom gestrigen Spaziergange, mit den sämmtlichen Gliedern ihres Hauses habe bekannt machen müssen, und daß er daher auch das Glück gehabt habe, von ihr, als von der jüngsten Gräfin zu hören. »Dann haben wir,« erwiederte Lieschen mit einem Tone, als suche sie etwas in der Sonderbarkeit des Zufalls, »wahrscheinlich zur nämlichen Zeit von einander gehört, denn als wir nach Hause kamen, erfuhren wir schon durch die hiesige Pfarrfrau, die drüben bei der Ihrigen zum Besuch gewesen, daß der junge Baron von Hollau von einem Universitätsfreunde überrascht worden sey; sie wußte schon Ihren Namen, Ihre Herkunft, alles – wie das nun so auf dem Lande ist, wo man sich um Alles bekümmert.« »Dann haben Sie wahrscheinlich,« fuhr Ewald fort, »das Tuch von irgend einer Freundin erhalten, und – Sie wissen – Sie sind mir ein Pfand schuldig, ich hätte gern um das Tuch – zum Andenken –« setzte er befangener hinzu, »gebeten, aber so müssen Sie mir schon etwas Anders aussuchen, denn –« »Das Tuch,« fiel sie ihm lächelnd in das Wort, »habe ich von unserer Prinzessin, doch bei der will ich, wenn Sie sich mit diesem Pfande begnügen, wohl vertreten, daß ich es weggab; wenn ich ihr erzähle, daß ich in den tiefen Bach gefallen, daß ich ertrinken konnte, und daß Sie mich vom Wassertode retteten, wird sie gewiß nicht böse sein –« »Also kennen Sie die Prinzessin?« fragte Ewald, »sie soll sehr hübsch, sehr liebenswürdig, und sehr –« »Passirt,« entgegnete Gräfin Lieschen, und kam jetzt mit Ewald auf den Kiosk, wo dieser den Zettel, an dem die Gräfin vorhin geschrieben, bemerkte; er erzählte, daß er sie vorhin daran hätte schreiben gesehen, und äußerte mit aufgehobenem Drohfinger, daß das wohl ein kleines Billetdoux gewesen, denn, wenn ihn sein Blick, den er vorhin beim Verbinden in ihre Hand geworfen, nicht ganz getäuscht, so wäre es mit ihrem Herzchen nicht recht richtig. Lieschen lachte über seinen Scharfblick, erklärte sein chiromantisches Wissen null und nichtig und gab ihm, da er behauptete, ihr seine Kunst beweisen zu können, auf sein dringendes Bitten, nach vielem Weigern, endlich die kleine Hand hin. Ewald verwünschte zum zweitenmale, daß er Prinz und Lieschen Gräfin war, denn als er in die Schneetiefe des wunderniedlichen Flaumenpatschchens sah, kam ihm die Lust, in diese weiche warme Alabasterfülle einen recht herzlichen Kuß zu drücken, so unwiderstehlich an, daß er seine ganze Zigeunerrolle fast vergaß, und nur, als Lieschen sich mit einem neugierigen »nun« vernehmen ließ, wieder zu sich selbst kam. »Ich habe es ja gleich gesagt,« hob er, auf sein gestriges Horchen gestützt, altklug an, »diese Linien hier sind unwidersprechliche Zeugen meiner Behauptung. Ihr Herz wird in Anspruch genommen, von einem Manne, der Ihnen nicht gefällt. –« Lieschen stutzte, und zuckte mit dem Händchen, als wolle es dasselbe zurückziehen – aber Ewald hielt es in der seinigen, und fuhr, ohne sie anzublicken fort, »Sie lie– ja hier steht es ganz deutlich – Gräfin, Sie lieben; wie Sie den glücklichen Gegenstand Ihrer Liebe haben kennen gelernt, das kann ich Ihnen in dem Augenblick noch nicht sagen; aber den Anfangsbuchstaben – sehen Sie selbst her – ist das nicht ein wie in Kupfer gestochenes E? –« Lieschen erschrak fast noch mehr, als vorhin, wie der Steig brach – sie sagte mit erzwungener Frivolität, »falsch, falsch,« und wollte nichts mehr hören, aber Ewald verwendete kein Auge von der Hand, die sie ihm wieder entziehen wollte, und sprach, um zu forschen, wer eigentlich der Ewald sey, dem sie gestern Abend den Gutenachtkuß zugeworfen, »der junge Mann ist, wenigstens für diesen Augenblick nicht fern von Ihnen, er wird das Ihnen lästige Verhältniß brechen, denn er ist von hoher Geburt, und hat Mittel genug in den Händen, jeden Mitbewerber zu verdrängen, –« (Lieschen sah, hoch aufhorchend, den Unbegreiflichen forschend an, der ihre heiligsten Geheimnisse in Worten aussprach, und ließ ihm, ohne es selbst zu wissen, willig die Hand) – »er ist von der reinsten Gegenliebe durchglüht, er wird, selbst wenn die Verhältnisse seines Standes ihm Hindernisse in den Weg legen sollten, sie alle beseitigen – deute ich den Stern hier im Tiefsten Ihrer kleinen Liniamente richtig, so ist der glückliche Sterbliche, dem Sie Ihre Neigung, Ihr Wohlwollen, Ihre Liebe geschenkt, ein Pr–« »Meine Schwestern!«rief Lieschen und sprang, von den Eröffnungen des Schwarzkünstlers vor Schreck mehr todt als lebendig, die Treppe hinab in den Garten, den Gräfinnen Ida und Henriette entgegen, wisperte ein paar Worte heimlich mit ihnen, fing dann wieder lauter von den Vergißmeinnicht an, die sie wahrscheinlich abholen wollten, erzählte ihnen im Zurückkommen den Vorfall auf dem Brückchen über den Gränzgraben, und stellte ihnen, als sie mit ihr auf dem Kiosk angelangt waren, den Grafen Lüdinghausen als ihren Lebensretter vor. Das Gespräch ward nun allgemein, und wo Geist und Herz, Witz und Laune sich den Zügel lassen, spinnt sich die Unterhaltung bald fort. Zweimal erinnerte Ida an das Heimgehen, und an die Fertigung der Blumenguirlanden, die, wie Ewald jetzt hörte, zum heutigen Geburtstagfeste des würdigen Pfarrherrn bestimmt waren, und zu dessen Mitfeyer Ida und Jettchen den Prinzen freundlich einladeten; aber immer gab es noch zu scherzen, zu lachen, zu fragen, und zu erzählen, daß an kein Fortkommen zu denken war. Unter andern nahm Gräfin Lieschen auch den vorhin besprochenen Zettel vom Tisch, erzählte den Schwestern, daß sie vom Grafen sehr keckerweise beschuldigt worden wäre, diesen Morgen hier gesessen, und Liebesbriefe fabrizirt zu haben, und zeigte ihm nun, um ihn vom Ungrunde seines Verdachts, wenn auch nicht mit Schwarz, doch mit Grau auf Weiß zu überzeugen, das Papier, auf dem sich folgende einzelne Worte befanden: Marienbild. Ideal. Anker. Assa foetida. Heimweh. Extrablatt. Nonne. Vicomte. Leuchtkugeln. Ruhe. Talisman. Sternbild. Erscheinung. Osterei. Eulengeschrei. Immergrün. zugleich bemerkte sie, daß Idas Bräutigam, Herr Bernhard von Sulzach, sich erboten, gelegentlich aus den ihm gegebenen Worten, eine Geschichte zu erzählen, daß sie den Auftrag erhalten, ihm diese Worte vorzuschreiben, und daß dieß das Resultat ihrer Bemühung sey, ihm das Leben recht sauer zu machen. »Das sind Hexenworte!« rief Ida mitleidig, »da bringt mein armer Bernhard mit aller Anstrengung gewiß nichts Gescheites heraus.« Ewald aber durchflog sie noch einmal, lächelte sinnend, und bat um die Erlaubniß, dem Herrn v.  Sulzach , wenn auch nicht gleich heute, doch später einmal einige Data dazu liefern zu dürfen. Natürlich ward das Anerbieten von den drei Mädchen mit lebhaftem Danke angenommen, und Jettchen eilte der Mutter, die, einen entsiegelten Brief in der Hand, eben aus einem dunkeln Bogengange nach dem Kiosk zukam, entgegen, um ihr den angenehmen Gast vorläufig anzumelden; auch sie sprach mit der Mutter heimlich, und diese beantwortete die ihr zugeflüsterte Mittheilung mit einigem Kopfschütteln, und entgegnete darauf ein freundlich-verweisendes »Mädchen, was macht Ihr für Streiche!« Was Ewald auf Lieschens Gang nach den Vergißmeinnicht auf dem jenseitiger Ufer bezog. Ewald entschuldigte, als die Gräfin Mutter im Kiosk angelangt war, sein Erscheinen in ihrem Garten mit dem edeln Anstande, der seine feine Erziehung und seinen gebildeten Weltton verrieth, und die Mutter hieß ihn herzlich willkommen, dankte ihm für den, ihrem Lieschen geleisteten Liebesdienst, und küßte dem geretteten Kinde zärtlich liebkosend die Stirn. Eulengeschrei. »Das ist ja vom Onkel,« sagte Ida, auf den Brief in der Mutter Hand deutend, »der sagt es für heute Abend doch nicht etwa ab?« »I, freilich,« erwiederte die Mutter bedauernd, »deswegen komme ich eben, um Euch das zu melden. Mein Schwager,« fuhr sie zu Ewald gewendet, erläuternd fort, »ist drüben bei Ihnen Kreis-Director; er wollte uns mit meiner Schwester, seiner Frau, heute Abend zu einem kleinen Familienfeste besuchen, und nun kann er nicht, weil ihn – ich hin noch so erschrocken – Gott im Himmel, in welcher bewegten Zeit leben wir! – hier – im Sitze des tiefsten Friedens eine solche unerhörte Greuelthat –« sie setzte sich erschöpft nieder, und gab Ida den Brief – »lies ihn laut,« bat sie mit weicher Stimme, »es kann kein Geheimniß bleiben, und es wird Sie, –« zu Ewald gewendet – auch interessiren, wenn Sie es nicht bereits bei Hollaus gehört haben.« Ewald, Jettchen und Lieschen sahen sich einander gespannt an, und Ida begann: »Leider, meine liebe Schwägerin, bin ich genöthigt, Dir melden zu müssen, daß wir heute bei Euch nicht erscheinen können. Ein Dienstgeschäft, durch höchst traurige Umstände veranlaßt, hält mich von dem Vergnügen ab, und meine arme Frau ist von dem Vorfalle so erschüttert, daß sie, für Euren fröhlichen Zirkel nun doch nicht gestimmt, lieber auch zu Hause bleiben will. Wir sitzen heute morgen beim Frühstück, als der Major von Bühren, der Adjutant unsers Prinzen Ewald, zum Hofe hereingesprengt kommt, leichenblaß in unser Zimmer tritt, und mich allein zu sprechen wünscht. Hier erzählt er mir nun, von der schrecklichsten Angst gepreßt, daß diese Nacht die Schildwache, die auf dem Außenwerke von Schreckenstein steht, auf dem kleinen Fluß der Lidde, die da dicht vorbeifließt, etwas Schwarzes geschwommen kommen sieht; der Soldat hält es anfänglich für einen Menschenkopf, erkennt es aber, als er näher kommt, bei dem hellen Mondschein für einen Hut, erhascht diesen mit seinem Bajonett, und bringt ihn, da er eben abgelöst wird, auf die Wache; dort sitzt ein Lakei unsers Prinzen Ewald, und spielt mit den Unteroffiziers Karte; der wird kaum des Huts ansichtig, als er aufschreit, daß dieß der Hut seines Prinzen sey, und daß diesem ein Unglück begegnet seyn müsse. In dem Augenblicke flattert oben vom Festungsthurme eine alte berüchtigte Eule, von der sich das Volk manch Grauenvolles erzählt, hoch auf, und erhebt ein furchtbares Geschrei. Die ganze Wache theilt jetzt die schreckliche Ahnung des Lackeis; man weckt den Major, alle Bewohner des Forts werden wach, und alle kommen zusammen und stimmen darin überein, daß, wenn die alte Eule zur Zeit des Vollmondes geschrieen, jedesmal ein großes Unglück für das ganze Land erfolgt sey. Auch der Major erkennt den Hut für den des Prinzen; dieser war die letzte Zeit, und besonders auf der Reise nach dem Schreckenstein, wider seine sonstige Gewohnheit, sehr zerstreut, und immer in Gedanken gewesen; er hatte ganze Viertelstunden lang im Wagen gesessen, ohne ein Wort zu sprechen; dann hatte er auf einmal gelacht; beim Umspannen auf einem der Relais war er ausgestiegen, hatte lange im Schatten einer Linde gesessen und mit dem Stocke den Namen ›Aloyse‹ in den Sand geschrieben; in Schreckenstein selbst war er auf alles um ihn her Vorgehende unaufmerksam gewesen; sonst gegen jeden freundlich, hatte ihn das gutmüthige Annähern der dortigen Menschen sichtlich gelangweilt; die Geschäfte, denen er sich sonst mit Leib und Seele hingegeben, hatten ihn angewidert, auf einmal war er, zum großen Befremden des Majors und des zweiten Adjutanten in Civilkleidern, ohne alle Begleitung auf und davon geritten, und hatte von Garbenfelde aus, einen mit Bleistift geschriebenen Zettel an ihn zurückgesendet, mit der Nachricht, daß er den dortigen Amtmann nicht gefunden, und daher nach Klesitz geritten sey, um die Stutterei zu besehen, und von dort aus den umliegenden Adel zu besuchen. Dieß ganze Billet war dem Major schon auffallend vorgekommen, denn bei dergleichen Besuchen reist in der Regel ein Prinz nicht leicht ohne Bedienung und Garderobe, indessen auch Herren der Art haben zuweilen ihre Phantasien, und jener Name im Sande führt den Major fast auf die Vermuthung, daß irgend ein kleiner Liebeshandel bei dem ganzen Ritt mit im Hintergrunde liege, doch steigen ihm auch darüber Zweifel auf, da der Prinz bis dahin sich eines Verhältnisses der Art durchaus nicht verdächtig gemacht hat – jetzt den Hut in der Hand, und die bangen Klagen der von der Eule gemahnten Schreckensteiner im Ohre, bleibt ihm nichts übrig, als selbst sofort nach Klesitz zu eilen, um zu sehen, ob der Prinz dort sey; er nimmt vorher allen Bewohnern des ganzen Forts das Wort ab, vom ganzen Vorfalle vor der Hand zu schweigen, und jagt nach Klesitz. Hier hat kein Mensch den Prinzen gesehen; er wechselt die Pferde und jagt nach Garbenfelde; der Junge, der ihm das Billet gebracht, ist nicht aufzufinden; eine Frau hat den Prinzen, wie ihn ihr der Major beschreibt, allein reiten gesehen; ein zehnjähriges Kind will ihn aber in Gesellschaft eines zweiten Reiters gesehen haben, doch sind Beide schon zu entfernt gewesen, um diesen Zweiten erkennen zu können. Weiter ist keine Kunde bis jetzt zu erlangen gewesen. Der Prinz ist verschwunden. Ist er verunglückt? hat er sich selbst ein Leides zugefügt? Ist er Raubmördern in die Hände gefallen? Das sind die quälenden Fragen. Oeffentliche Aufforderungen, ihn aufzusuchen, wünscht zwar der Major, der nun hierher gereist ist, um sich bei mir Rath zu holen, was bei der Sache zu thun sey; allein dieser Schritt ist sehr delikat; wenn nun wirklich der Prinz, was ja doch auch möglich wäre, in einer Liebesintrigue verwickelt wäre, den Hut blos verloren hätte, und, während wir im ganzen Lande Lärm schlügen, still und wohlgemuth bei seinem Mädchen säße und sich um die ganze Welt nicht bekümmerte, wie ungelegen müßte ihm unser Diensteifer seyn! Ich habe mich daher begnügen müssen, das Signalement des Prinzen, wie ich es vom Major erhalten, an mehrere Beamten und Gutsbesitzer im Kreise zu senden, ohne jedoch den Prinzen ihnen namhaft zu machen; und habe sie gebeten, sich unter der Hand zu erkundigen, ob der Vermißte in ihrem Geschäftsbereich oder in den Gränzen ihrer Güter sich habe sehen lassen. Mit dieser Bitte, wende ich mich jetzt auch an Dich, meine liebe Schwester, und finde mich um so mehr veranlaßt, als der Prinz nach Aussage der Frau und des Kindes in Garbenfelde, nach Eurer Gegend zu geritten seyn soll, und als der Graben, der an der Gränze Eures Gartens und Eurer Feldfluren vorbeifließt, sich in die Lidde ergießt, in welcher die Schreckensteiner Schildwache den Hut des Prinzen gefunden. Ich selbst will diesen Augenblick fort, und mit Forstbedienten, so viel ich deren in aller Schnelle auftreiben kann, den Grimnitzer Buchwald durchsuchen lassen, so weit ihn die Lidde durchfließt; vielleicht komme ich, da ich dann in Eurer Nähe bin, spät Abends noch auf ein Stündchen zu Euch. Bis dahin Dein treuer Schwager. »Großer Gott, was ist das für ein Begebniß,« sagte Ida, als sie bis zu Ende gelesen, tief bewegt, und legte das Blatt auf den Tisch; den beiden andern Mädchen aber waren während des Zuhörens die warmen Thränen über die Wangen gelaufen; Jettchen sprang ängstlich auf, und fragte die Mutter, ob sie schon die gewünschten Anstalten getroffen, und baute, als die Mutter sie beruhigend bejahte, auf die Hoffnung, daß, wenn der Prinz im Bereiche ihrer Güter sey, er gewiß werde aufgefunden werden. »Aber wie? wie?« rief Lieschen aus schmerzlich zerrissener Brust. »Gott im Himmel, wenn er nun hier verunglückt wäre, wenn sie ihn brächten, blutend oder todt!« Sie rang die Hände vor sich hin, und jammerte laut. »Ach und es soll,« sagte die Gräfin Mutter mit sanfter Rührung, »und es soll ein so edler, ein so wohlgebildeter, herzensguter, liebenswürdiger Mensch gewesen seyn!« Ewald saß auf glühenden Kohlen, er wollte anfänglich über die verdammte Incognito-Geschichte lachen, er wollte mit Benno schmollen, der ihm den unglücklichen Plan vorgeschwindelt hatte. Er wollte das Roth des Ostereies in seinem Interims-Hute als klare und deutliche Vorbedeutung, auf die vorgebliche Mordgeschichte ansehen; er wollte sich über den unzeitigen Spektakel, den der Major und der Kreisdirector angerichtet, ärgern, aber die Wehmuth, in welche hier die drei schönen Mädchen sammt der ehrwürdigen Mutter versunken waren, der zarte Antheil, den sie an seinem vermeintlichen Unglück nahmen, und vor allem Lieschens thränenschwerer Blick der bangsten Verzweiflung, ihre gebrochene Stimme, ihr beklommenes Athmen, ihr leises Schluchzen, ergriffen ihn so unbeschreiblich, daß ihm fast selbst das Wasser in die Augen trat; er rückte auf seinem Sitze verlegen hin und her, und in seiner sichtlichen Befangenheit schien denen, die nicht wußten was in seinem Innern vorging, seine Theilnahme an dem vernommenen Unglück zu liegen. Charlotte, das Kammermädchen, brachte jetzt ein zweites Blatt; es war das erwähnte Signalement, was der Verwalter zum Abschreiben und zum Vertheilen der Abschriften, unter die Schulzen der zur Herrschaft Elisensruhe gehörigen Dörfer, erhalten hatte, und der Gräfin wieder zustellen ließ. Ewald, in der höchsten Bedrängniß, jetzt entdeckt zu werden, wollte der Gräfin Ida, die das Blatt eben vorzulesen anfing, mit der Aeußerung. daß er den Prinzen kenne, in das Wort fallen; das Blatt ihr abnehmen, und, um sie irre zu führen, ein ganz falsches Signalement von sich geben; aber Ida, auf die nähere Beschreibung des verlorenen Prinzen, höchst neugierig, ließ sich nicht stören und las: Alter : 24 Jahr. Figur männlich stark; eher groß als klein, hochgewölbte Brust; vollkommenes Edelmaaß im ganzen Gliederbau; militärische Haltung; edler Anstand, gracieus in jeder Bewegung. Kleiner Fuß; feingeformte sehr weiße Hand. Haar : schwarz und gelockt, kurz verschnitten. Anzug in dem der Vermißte sich entfernt hat; schwarzer Vigogne-Frak, weißes Battist-Halstuch, feines Battist-Hemde mit breiten Busenstreif, weißes sehr sauberes Pierquee-Gillet. schwarze Tuch-Pantalons, Stiefeln, silberne Sporen, englische Reitgerte mit drei silbernen Streifen versehen, in der Leibwäsche und im gestickten battistenen Taschentuch, der Buchstabe E in einem leichten Eichenkranz. Eine goldene Repetir-Uhr, welche drei Pieçen aus dem Freischütz auf Federn spielt, mit einer zehnzeiligen goldenen Erbskette, an der sich ein Schlüssel von Mosaik befindet. Ewald, der, während ihn Ida so genau abkonterfeite, daß es ihm war, als sähe er sich im Spiegel, wußte vor immer zunehmender Verlegenheit nicht mehr mit sich wohin; er steckte unvermerkt die Füße tief unter die Bank, verbarg Kette und Uhrschlüssel, und hätte, wer weiß was darum gegeben, wenn er die Gräfin Ida den verwünschten Steckbrief gar nicht hätte lesen lassen. Zur Vermehrung seiner Pein wechselten Lieschen und Jettchen mit einander fortwährend sehr bedeutungsvolle Blicke, sahen dann auf ihn und auf seine im Signalement bezeichneten Gegenstände, zogen allmählig auch die Mutter mit in dieß ihn folternde Augenspiel, und gaben sich, je mehr sie hörten, die Entdeckung zu verstehen, daß, wenn der Zufall hier nicht sein Wesen ganz besonders treibe, zwischen dem Grafen Lüdinghausen, und dem signalisirten Prinzen Ewald doch eine höchst auffallende Aehnlichkeit obwalten müsse. Gesicht : oval, freie Stirn, große schwarze Augen, leichtgewölbte Augenbraunen, etwas gebogene Nase, blühende Farbe, kleiner Mund, frische, rothe, etwas schwellende Lippen; blauer Bart, schwarzer nicht zu langer Backenbart, blendend weiße Zähne. Besondere Abzeichen . Grübchen im Kinn und in der linken Wange, das rechte Ohrläppchen, behufs eines früher getragenen Ringes durchstochen, an dem linken Augenbraun eine kleine Narbe, eine etwas stärkere Rapier-Wunde unter dem rechten Backenbart, am linken Mundwinkel einen kaum bemerkbaren Leberfleck. – Weiter konnte Ida nicht lesen, denn Jettchen, das mit Lieschen, Punkt für Punkt das Signalement auf Ewalds Gesicht verfolgt, und in diesem die Merkzeichen alle buchstäblich gefunden hatte, sprang auf und wollte eben mit dem Rufe herausplatzen, daß der vermeintliche Herr Graf Lüdinghausen kein anderer, als Se. Durchlaucht der Prinz Ewald selbst sey; Ewald aber, der das kommen sah, begegnete rasch dieser beschämenden Entdeckung, machte zum bösen Spiele gute Miene, hob sich schnell von seinem Sitze, und präsentirte sich unter fröhlichem Scherz, als den Vermißten, lachte über den blinden Lärm, den man seinetwegen gemacht hatte, gab vor, daß er dieß Incognito blos angenommen habe, um bei seinem Jugendfreunde Benno einmal ein Paar Tage aller lästigen Hof-Etikette ganz los und ledig zu leben, bat den höchst erstaunten Damenkreis wegen der kleinen Störung, die er wider seinen Willen und ohne seine Schuld in der Freude ihres heutigen Familienfestes veranlaßte, um Verzeihung, und ergötzte sich vorzüglich an dem wunderlieblichen Lieschen, aus dessen ganz eigener Verwirrung sich seine Eitelkeit zusammenbuchstabirte, daß er in den Augen des zauberholden Kindes, als Prinz just nicht verloren. Ihr Gesichtchen wechselte die Farbe durch alle Schattirungen; Ida und Jettchen lachten über das köstliche Spiel des Zufalls, und hatten tausenderlei zu fragen; Gräfin Lieschen aber konnte nicht sprechen; ein unnennbar süßes Gefühl drängte ihr die klaren Perlen in die Augen, sie lächelte mit der jungfräulichsten Anmuth still vor sich hin; der Schwanenbusen hob und senkte sich, vom Sturme lange verhaltener Empfindungen tief bewegt, auf und nieder, und die Seitenblicke, mit denen sie an der Mutter, die sie seit der sonderbaren Entdeckung nicht aus dem Auge gelassen hatte, zuweilen vorbeistreifte, verlautbarten dieser scharfsichtigen Matrone den Wogendrang in Lieschens erschüttertem Innern. Immergrün. Nach den ersten Begrüßungen des Prinzlichen Gastes, sagte die Gräfin Mutter mit der ihr eigenen feinen Weise zu Ewald: »jetzt, da wir wissen, mit welchem Glück unser Haus heute geehrt worden, müssen wir auch den Scherz zurücknehmen, den sich meine Mädchen in der Ausgelassenheit ihres Muthwillens mit dem vermeintlicher Grafen Lüdinghausen erlaubt hatten; ich habe zwar noch eine jüngere Tochter, die Luise heißt, aber dieses sogenannte Lieschen hier, ist nicht meine Tochter; ich freue mich des Glücks, Ihnen Prinzessin Aloyse vorzustellen; blos der beliebter Kürze halber ward sie, in unserm Kreise aufgewachsen, und daher wie zu unserer Familie gehörig angesehen, früher immer Lieschen genannt und –« »Prinzeß – Prinzessin Aloyse?« fragte Ewald vor Freude und Entzücken halb erstarrt, und zog, – sich und die Regeln vergessend, die ihm für den Fall einer Präsentation bei der Prinzessin einer fremden Dynastie eingeprägt worden waren, – der engelschönen Fürstentochter Lilienhand an die Lippen, und zitterte vor freudigem Schreck, und konnte im Ungestüm seiner Seligkeit kein Wort weiter über die Lippen bringen, denn er hatte in Aloysens seelenvolle Augen gesehen, und der Himmel hatte ihm offen gestanden. Aloyse aber erbleichte, und schloß in überseliger Verzückung das Auge – die freundlichsten Träume der Vorzeit umflatterten ihre schwindende Seele, alle ihre Pulse tobten, das Herz wollte ihr in der gepreßten Brust zerspringen, sie konnte der Thränen nicht länger wehren, und mit dem Lächeln einer Verklärten sank sie halb bewußtlos in Jettchens Arme. Ida und Jettchen baten die Mutter durch einen heimlichen Wink, sich mit dem Prinzen auf einige Augenblicke zu entfernen, und Ewald benutzte diese Minuten, der Gräfin Mutter mit der ehrlichen Offenheit, die ihn so unendlich liebenswürdig machte, die ganze Geschichte seiner nach Habichtswalde bestimmten Reise zu erzählen, und den Eindruck zu gestehen, den Gräfin Lieschen vom ersten Gruß aus dem Wagen an, auf ihn gemacht; er bekannte gerade heraus, daß er über Gräfin Lieschen die Prinzessin Aloyse aufgegeben, und die Folgen hätten nun seyn mögen, wie sie gewollt, sich im Geheimen sie, und keine Andere erkohren habe, um sein Leben mit ihr zu theilen; jetzt stelle sich die Sache um so besser! der Einwilligung seines Vaters könne er um so gewisser seyn, als dieser bereits früher den Plan einer Verbindung mit Aloysen gehabt, und auch von Aloysens Eltern dürfe er die Gewährung seiner Wünsche erwarten, da diese damals in die Ideen seines Vaters willig eingegangen zu seyn geschienen hätten; wenn also Aloyse selbst – Die würdige Gräfin Cherubim fiel ihm, von der sonderbaren Fügung der Vorsehung, die hier die Beiden für einander bestimmten Fürstenkinder so zufällig zusammengeführt hatte, tief bewegt in die Rede: »Ich weiß,« sagte sie mit umsichtiger Ruhe und freudiger Rührung, »ich weiß von Aloysens Mutter, was früher zwischen beiden Höfen in Hinsicht dieser Verbindung gewünscht wurde; ich ahne auch die Verkettungen, durch die auf Sie, mein Prinz, gewirkt wurde, daß Sie, ohne Aloysen näher zu kennen, aus mir unbekannten Gründen, gegen sie eingenommen waren, und weil die zarte Liebe Ihres verehrten Vaters nicht wollte, daß Sie wieder ihre Neigung zu der gewünschten Verbindung verleitet werden sollten, so blieb die ganze Sache auf sich beruhen. Aloyse hatte von Ihnen nichts als Liebes und Gutes gehört; ohne ihr Zuthun hatte sich, wie sie mir jetzt selbst gestanden, ihre reizbare Phantasie ein Ideal geschaffen, und dieß waren Sie gewesen; sie liebte Sie, ohne Sie zu kennen, schalt sich, bey ruhigerer Prüfung ihrer Luftgebilde, selbst eine Thörin, konnte aber, als hätte sie von dem, was ihr einmal bestimmt war, ein sicheres Vorgefühl in der Brust gehabt, ihrer im stillen Herzen einmal Wurzel gefaßten Neigung so wenig Herr werden; daß sie, als der Erbprinz Konradin um ihre Hand angehalten hatte, der Mutter einen Theil ihrer Herzensbedrängnisse entdeckte, und sie dringend bat, mich, ihre frühere Erzieherin, ihre mütterliche Freundin, zu der sie das meiste Vertrauen habe, vor Ablauf der ihr, zur Abgabe des Jaworts für den Erbprinzen bestimmten Bedenkzeit, um Rath befragen zu dürfen. Gestern Mittag kam Aloyse; wenige Stunden nach dem Essen, schon vertraute sie mir ihre Abneigung gegen den Brautwerber; bei der Kindlichkeit ihres Gemüths ward es mir nicht schwer, die Geheimnisse ihrer Liebe tiefer zu ergründen; sie gestand durch das, was sie über einen andern jungen Mann ihres Standes gehört, für diesen mehr eingenommen zu seyn, als für jeden Andern und hielt die Erlaubniß, sich dann erst für oder wider den Erbprinzen erklären zu dürfen, wenn sie jenen jungen Mann persönlich habe kennen gelernt, für den unerläßlichen Grundstein ihres künftigen Lebensglücks; sie glaubte selbst, daß sie dann das nicht finden würde, was sie sich geträumt, und sie würde dann dem Erbprinzen ruhiger ihre Hand zusagen; so lange jenes persönliche Zusammentreffen aber nicht statt gefunden, so lange würde sie sich mit dem Vorwurfe quälen müssen, daß sie an der Seite eines Andern vielleicht glücklicher hätte seyn können; dieser Vorwurf würde, wenn der Erbprinz nicht so werthvoll sey, als man ihn schildere, um so drückender auf ihrer Seele lasten, und sie würde darum für ihre ganze Lebenszeit auf den Frieden ihres Innern verzichten müssen. Sie sprach über das alles mit so aufgeregtem Gemüth, und doch auch wieder mit so besonnener Festigkeit, daß ich wohl absah, welche tiefe Wurzel dieses Phantasiespiel in ihr geschlagen, und daß das, was ich ihr vom Gesetz der Konvenienz, von den Rücksichten, die sie auf die Verhältnisse ihres Standes nehmen müsse, und von dem gewagten Vorgreifen ihrer Einbildungskraft ausführlich, und mit herzlicher Liebe auseinandersetzte, nicht gar sehr haften konnte. Sie schüttelte zu dem allen sanftweinend den Kopf, und meinte verzagend, daß nun ihre letzte Hoffnung, ihre Hoffnung auf mich auch verschwunden sey, daß sie jetzt keiner Bedenkzeit mehr bedürfe, und ihr verlangtes Jawort zu geben bereit sey, ob sie gleich mit bestimmter Gewißheit sich sagen müsse, daß in diesem kurzen Worte ihr lebenslanges Unglück liege. Von dieser starren Kälte, die auf einmal dieß weiche kindliche Wesen eisig überreifte, erschrocken, lenkte ich, um ihr Vertrauen nicht mit einemmale zu verlieren, wieder ein, und machte sie mit sanftem Scherz darauf aufmerksam, daß, wenn der Arzt helfen solle, er den Krankheitszustand des Leidenden ganz kennen müsse; sie habe mir zwar von ihrer Vorliebe für einen Andern gesagt, aber wer eigentlich dieser Andere sey, das – sie ließ mich aber nicht ausreden, fiel mir unter stillen Thränen um den Hals, und versicherte mit verschämtem Lächeln, daß sie diesen Namen nie über ihre Lippen bringen könne, weil sie fühle, wie thöricht ihre Träume seyen, und wie von den Flügel-Schwingen der Phantasie sofort aller bunter Farbenstaub verschwinde, sobald ein solcher Nachtfalter sich aus seinem Zephyrreiche in die wirkliche Welt verirre; »mein einziges Vertrauen,« setzte sie mit scheinbarer Ruhe hinzu, »habe ich jetzt auf das Geschick gesetzt, ist es dessen Wille, daß das Alles so wird, wie ich es mir gedacht, so kann es nur hier, wo er mir so nahe ist, so kann es nur jetzt geschehen; geschieht es nicht, so hat die Vorsehung anders über mich beschlossen, und ich werde mich beugen unter ihren eisernen Zepter.« Sie ging zu meinen Kindern, und ich sann, was sie mit den letzten Worten, die sie so bedeutungsvoll betonte, hatte sagen wollen. Es sollte ein Mann ihres Ranges seyn; er war ihr hier näher, als anderwärts, er war ihr jetzt nahe. – Gestern Mittag bei Tische war die Rede zufällig auf Sie gekommen, mein Prinz; wir hatten gehört, daß Sie so eben in Schreckenstein angekommen wären – Aloyse hatte, das fiel mir jetzt erst ein, schnell Messer und Gabel weggelegt, und war über und über roth geworden; ich glaubte sie habe sich geschnitten, und äußerte diese Vermuthung; allein sie entgegnete mit gezwungenem Lächeln, daß sie auf einmal einen Stich wie mitten durchs Herz bekommen habe, indessen habe das nichts auf sich, sie habe schon in Habichtswalde dergleichen kleine Anfälle öfter gehabt, ohne daß der Leibarzt, welcher sie auf Rechnung des Bluts geschrieben, viel darauf geachtet habe; auch sey jetzt schon alles vorüber. – Nach dem Essen, im Garten, fragte sie hingeworfener Weise, nach welcher Himmelsgegend zu, der bei der Tafel erwähnte Schreckenstein liege, und als meine Mädchen sie gen Abend wiesen, mochte ich ihrem Blick begegnen, so oft ich wollte, sie hatte das Gesicht immer gegen Westen gerichtet. Raymund, mein jüngster Sohn, erzählte ihr, daß man vom Thurme unserer Ruine aus, bei hellem Sonnenschein, die Werke des Schreckensteins sehen könne, und nun ruhte sie nicht eher, als bis er sie hinauf führte. – Wer nur einigermaaßen zu combiniren verstand, mußte aus dem Zusammenreihen der kundgewordenen Umstände den sogenannten Andern meiner, durch des Erbprinzen Anträge hartbedrängten armen Aloyse, jetzt leicht ermitteln können; – mich jammerte Aloyse, daß sie diesem sogenannten Andern ihre Neigung, ihr reines Herz, ihre glühende Liebe hingab, wo sie auf Gegenliebe, nach meiner damaligen Ansicht, nie rechnen konnte; ich behielt mir daher vor, mit ihr darüber bei der nächsten schicklichen Gelegenheit mich offen zu besprechen, und diese auf leere Träume basirte Leidenschaft zu ersticken, ehe das arme Kind darüber zu Grunde ging. – Wir fuhren gestern Abend ein wenig aus, um ihr noch vor Sonnenuntergang die Umgegend zu zeigen. Ihr Köpfchen war fortwährend nach Westen gewendet. Wir begegneten Ihnen an Hollaus Seite. Sie grüßten, und Aloyse dankte so auffallend freundlich, und bog sich so weit aus dem Wagen, um Sie noch einmal zu sehen und brachte die Unterhaltung auf Sie immer wieder so künstlich zurück, daß ich der Vermuthung Raum geben mußte, sie habe einem alten Bekannten in Ihnen gefunden. Meine Mädchen, die ein Gleiches bemerkt hatten, zogen sie mit ihrer ihnen höchst sonderbar vorkommenden Freundlichkeit laut auf, allein sie leugnete gegen diese mit ziemlich sicherer Haltung, daß in ihrer Begrüßung des Fremden etwas so ganz Besonderes und Außerordentliches gelegen; indessen als ich sie später unter vier Augen darüber sprach, gestand sie nach langem Zögern, daß sie von Ihrer Erscheinung unbeschreiblich überrascht worden sey; der Fremde, der sie gegrüßt, sey – das fühle sie und lasse es sich nicht ausreden, derselbe gewesen, von dem sie heute nach dem Essen mit mir gesprochen; ich starrte sie an, als sollte ich meinem Ohre nicht trauen. Der junge Hollau war, wie ich wußte, mit Ihnen aufgezogen worden; wie leicht war es möglich, daß Sie ihn besucht hatten, und daß Aloyse sich also nicht irrte, oder ich konnte mich nicht gleich von dem Verdachte losmachen – oder wußte Aloyse bestimmt, daß Sie es waren? Stand sie mit Ihnen durch die dritte, vierte Hand in irgend einem geheimen Verständnisse? – Hatten Sie sich vielleicht das Wort gegeben, sich einander hier zu sehen und zu sprechen? Ich mochte, so behutsam ich auch mit meinen Worten war, hierüber vielleicht entfernt etwas haben fallen lassen, denn Aloyse schien von diesem meinem Argwohn empfindlich beleidigt, und sprach mit einer Art gereiztem Stolz, daß sie immer viel zu offen und gerade gehandelt, als daß man sie eines so versteckten, ihrer unwürdigen Schrittes fähig halten könne, und daß sie für mich und mein Haus zu viel Achtung hätte, als mich Verlegenheiten der Art Preis geben zu können. Sie sey ein verkehrtes Wesen, das selbst nicht recht wisse, was es wolle; vor einer halben Stunde noch hätte sie schwören wollen, daß der Fremde, der uns begegnet, der sey, von dem wir heute zusammen gesprochen, und jetzt käme es ihr fast selbst so vor, als könne sie sich doch getäuscht haben. Ich sah sie forschend an, und äußerte, daß sie doch wenigstens einen Grund für ihre Vermuthung haben müsse; da fiel sie mir halb weinend halb lachend um den Hals, schalt sich ein Kind, und erzählte nun, daß sie einen Offizier kenne, von dem man ihr gesagt, daß er dem Unbekannten Jemand ähnlich sey, nur sey dieser letztere hübscher und jünger, als jener Offizier; der Fremde, der uns heute begegnet, habe etwas Ähnliches mit jenem Offizier gehabt, und dadurch sey ihr die Idee durch den Kopf geflogen, daß dieser am Ende selbst der sey, den sie meine. In diesem Augenblicke kam die Nachricht von unserer Pfarrfrau, daß Sie der Graf Lüdinghausen wären, und jetzt waren Aloysens schwindelnde Hoffnungen geschlagen und meine Besorgnisse von einem geheimen Verständniß gehoben.« Die Gräfin wollte weiter fortfahren, aber Aloyse, geführt von Ida und Jettchen, kam die Allee herauf, und Ewald eilte ihr entgegen, und frug mit einer solchen antheilsvollen Zartheit nach ihrem Befinden, daß schon daraus jeder Sachkundige entnehmen konnte, was das Silber-Glöcklein der Liebe geschlagen. Er bot ihr den Arm, und während sie Beide mit ihrer Unterhaltung so lebendig in den Zug kamen, daß sie von Allem, was um ihnen her war, nichts hörten noch sahen, entfernte sich die Gräfin mit Ida und Jettchen, meldete dem Schwager Kreis-Director, daß Prinz Ewald sich wohlbehalten bei ihnen befände, und bat, seinem Adjutanten, zur Einstellung weiterer Nachforschungen, davon schleunigst Kunde zu geben. Nach länger denn einer Stunde kamen die Glücklichen aus dem Garten zurück. Aloyse sank fröhlich weinend in die Arme der mütterlichen Freundin, und lispelte ihr das Geständniß zu, daß Ewald sie mit seinem Antrag überrascht, daß er lange schon, ehe sie ihn gekannt, ihre erste Liebe gewesen, und ihre einzige bleiben solle, und daß sie – Ja gesagt. »Sprechen Sie doch auch, Ewald,« rief sie, die Hand ihm reichend, und drückte das in bräutlicher Verwirrung hoch erglühende Gesichtchen dichter an die Brust der tief bewegten Gräfin. Da umschloß Ewald Beide mit seinen Armen und wollte sprechen, aber das Entzücken des seligen Augenblicks – wo die Seele des Menschen sich in solche überirdische Wonne auflöst, hat die Sprache keine Worte, Thränen der süßesten Rührung im freudetrunkenen Auge, umschlang er das liebreizende Fürstenkind, und sein stummer Blick bat die ehrwürdige Freundin seiner zauberholden Aloyse, um ihre Fürsprache bei den erlauchten Eltern und um ihren Segen. Jetzt stürmten Ida und Jettchen, durch die Mutter von den frühern Vorgängen unterrichtet, und ihrer theilnehmenden Neugierde nicht länger Meister, fröhlich in das Zimmer, und brachten ihre jüngere Schwester, das wirkliche Lieschen mit, und das gefeierte Geburtstags-Kind, den silbergrauen Pfarrherrn sammt dessen Haus-Ehre; und als der Diener der Kirche, dem kund geworden, was sich hier so eben begeben, sich an das fürstliche Brautpaar wendete, und das herzeindringliche Wort der Verlobungsweihe über den geschlossenen Liebes-Bund sprach, umzogen die Mädchen die wunderschöne Gruppe – den Priester-Greis vor dem in frischer Jugend kräftig blühenden Fürstenpaare – mit den zarten Gewinden von den Vergießmeinnicht, die Aloyse und Ewald an den äußersten Gränz-Säumen ihrer Länder sich selbst gepflückt, und hatten die zartblaue Blumenkette mit frischem Immergrün sinnvoll durchflochten. Die vier und zwanzig Pfünder, die in dem Augenblicke losgebrannt wurden, als das glückliche Brautpaar vor dem Altare des Ewigen, zum Zeichen der Treue bis zum Tode, die Ringe wechselte, überheben mich der breiten Erwähnung alles dessen, was seit jenem Tage bis dahin gesprochen, geschrieben und gethan worden war, um die nöthige, und früher schon eventuell gegebene Einwilligung der beiderseitigen Eltern zu der Verbindung dieses liebenswürdigen Paares einzuholen, und die Festlichkeiten des Beilagers auf eine würdige Art vorzubereiten, und ich darf daher nur für die, welche alles gern recht ausführlich wissen möchten, noch nachträglich anführen, daß der Hausmarschall Herr v.  Zagern mit den Arrangements zu jenen Feierlichkeiten sich nicht zu beschweren brauchte, indem er kurz zuvor mit einer auskömmlichen Pension vom Hofe entfernt worden war; dagegen hatte der ehrenwerthe Herr von Adelsheim dessen Stelle bekommen. Adelheims Schwägerin, die niedliche Klorinde von Kulm, und Gräfin Ida von Cherubim, prangten bei Aloysens Brautzuge als deren Hofdamen, und Gräfin Jettchen – (es war dem edlen Prinzen geglückt, den Vater und die Schwester seines Benno, mit Cherubims, in deren Herzen nie eine Spur von Groll oder Feindschaft gewesen, von Grund aus zu versöhnen), verschönerte an Bennos Seite, als dessen Braut, die Reihe der hochzeitlichen Gäste. Battista Roselli aber, die sich seit jener Katastrophe auf eine Kunstreise in ferne Länder begab, sammelt goldene Schätze und entzückt noch heute das Ohr des musikalischen Publikums. Am Brautmorgen, wo das fürstliche junge Ehepaar, noch vor Annahme der großen Gratulations-Cour, die freundlichen Begrüßungen der Familie und der Vertrauteren des Hauskreises, zu dem auch Herr Bernard von Sulzach gehörte, beim Frühstück empfing, entsann sich Aloyse, als sie in die Blumentage ihrer Liebe zurückging, der von diesem noch ungelösten Aufgabe, aus ihren ihm aufgegebenen Worten eine Erzählung zu liefern. Die vorliegende ist das Resultat seines schüchternen Versuches.