Clemens Brentano Gockel, Hinkel und Gackeleia Ein Mährchen Herzliche Zueignung Gockel, Hinkel und Gackeleia Aus dem Tagebuch einer Ahnfrau Herzliche Zueignung Keiner Puppe, sondern nur Einer schönen Kunstfigur weihe ich dieses Paradieschen, diese Rarität, diese Kunst, diese verspäteten Schmetterlinge, dieses Adonisgärtchen, dieses Mährchen; Sie halte ihnen den Daumen, friste ihnen das Leben, laße sie welken und sterben auf kindlichen Händen. Liebstes Großmütterchen! Nimm nur Gockel, Hinkel und Gackeleia freundlich bei dir auf. Demüthig all dein Lebtage verläugnetest du immer nur dich, nimmer aber mich, und so mag der Alektryo munter zwischen uns krähen, ohne uns zu erschrecken. Auch jetzt brauchst du dich meiner nicht zu schämen, denn erst am Schluße dieser höchst wahrhaften Geschichte, als sie selbst zu einem Mährchen und alle darin verwickelten hohen und niedern Standespersonen zu Kindern geworden, lege ich dir die ganze Bescherung mährchenhaft zu Füßen, und kannst du mich mit gutem Gewissen für dein Enkelchen halten. – Wie oft hast du uns Kindern den Christbaum geschmückt und mit Lichtern erleuchtet, und mit der Schelle klingelnd, die Thore des verlornen Paradiesgärtchens eröffnet, daß wir unschuldige Früchte vom Baume des Lebens pflückten. Nicht aus mir, sondern nur aus Achtung vor den ehrwürdigen Leuten, die aus ihren Ursachen die Welt verkehrt nennen, habe ich den Nürnberger Bilderbogen von der verkehrten Welt genauer studirt, und, um eine höchst wichtige Lücke in ihm zu ergänzen, das feierliche Amt eines Enkels übernommen, der seiner Großmutter ein Mährchen beschert. – Vor Allem aber zürne mir nicht, wenn du das Meiste in diesem Mährchen als das Deine wieder erkennest; ach Großmütterchen! wo sollte ich dann alle die artigen Verkleidungen und sieben Sächelchen, die ganze Garderobe der Puppe – nein der nur allerschönsten Kunstfigur her haben, als aus dem reizenden Glasschränkchen in deiner Stube, in dem alle die Alter- und Neuerthümer der Orden des Ostereis, der Tändelei, der Kinderei und der freudigen frommen Kinder aus Gelnhausen, Gockelsruh und Hennegau und die heiligen Reichskleinodien des Ländchens Vadutz, wenn ich mich nicht irre, aufbewahrt sind? – woher sollte ich alle die kuriosen Kräuter und Blumen, alle die Hahnen- und Hünerpflanzen und das ganze Marienklostergärtchen denn haben, als aus deinen botanischen Vorrathskammern und Trockenanstalten zur Bekränzung des menschlichen Lebens? – ja du Kränzewinderin, Kronenbinderin, Sträußerkräuslerin, aus deinen vielen getrockneten Blumensammlungen habe ich gestohlen, und von dir habe ich gelernt, mit jener Anhänglichkeit, die aus dem Herzen des Lebensbaumes quillt, diese Blumen dir zur Erheiterung um ein Mährchen herum zu befestigen, wie du sie deinen Freunden mit jenem Gummi, das aus der Rinde der arabischen Acacia vera quillt, um artige Bilder und Reime in schöner Anordnung auf Papier zu heften pflegst. Aus deiner großen Gallerie ausgeschnittener Bildchen habe ich den größten Theil der artigen Figürchen, welche ich hier, gleich dir, in scherz- und ernsthafter Combination zu einem Bilderbuche zusammengeklebt habe, und zwar von dir für dich. Ach! wenn ich so recht in der Arbeit war, sah ich oft nach der Gegend von Gockelsruh hin und dachte, dort herum sitzt jetzt vielleicht auch schon das Großmütterchen und klebt mir und den andern Kindern mit großer Geduld ein Bilderbuch zur Beschauung zusammen. – Wenn du alles das Deine nicht gleich wieder erkennst, so mußt du bedenken, daß große Leute nicht mit den Fingern auf die kleinen Großmütter deuten dürfen, und daß ich erst am Schluße des Mährchens ein Kind geworden bin, um in dieser Zueignung mit der Wahrheit herausplatzen zu dürfen. In vielen Zügen jedoch wirst du dich gewiß gern wiederfinden, z. B. in allen den Fahnen bei dem Leichenzuge des armen Kindes von Hennegau; denn ich selbst habe ja schon solche Fahnen aus deinen Händen den Armen gegeben. Auch der Name und Orden des armen Kindes von Hennegau muß deinem Herzen nahe liegen, denn liebes Großmütterchen, wir sind wohl beide arme Kinder, wenn gleich nicht von Hennegau. Die Ortsnamen wirst du überhaupt nicht zu strenge nehmen, denn du weißt, daß alle höchst wichtigen, oder gar nothwendigen Begebenheiten, Gott sey Dank, überall geschehen sind. Du fragst mich, was mich meine leibliche Großmutter oft gefragt: »woher hast du nur alle das wunderliche Zeug?« – ich antwortete: »ach, es ist nicht weit her!« – die Grundlage von dem Hahn und dem Ring hörte ich als Knabe von einem wälschen Chocolatemacher krähend erzählen. – Gelnhausen prägte sich mir in der Jugend durch den Zettel an einer Bude mit Wachsfiguren ein, welcher lautete: »wahrhafte Abbildung der beiden Gebrüder Vatermörder von Gelnhausen« – als sey dies eine Handlungsfirma. Später ein Mal durch diese Stadt fahrend, glaubte ich besonders viele Bäcker- und Fleischerladen dort zu sehen; wäre aber dieses nur ein Spiel der Phantasie gewesen, so mahnt mich doch heut eine Fügung, allen Lohn, den mir Gockel je zu Tage scharren wird, nach Gelnhausen zu wenden. – In das Land Hennegau bin ich durch Gockel und Hinkel gerathen; das Ländchen Vadutz aber habe ich von Jugend auf seines kuriosen Namens wegen gar lieb gehabt, ohne doch je zu wissen, wo es eigentlich liegt; ich habe auch nie darnach gefragt, um nicht aus einem jener Träume zu kommen, welche die Pillen der sogenannten Wirklichkeit vergolden. Vadutz ist mir noch jetzt das Land aller Schätze, Geheimnisse und Kleinodien und dort ist mir das Thule, wo der König den liebsten Becher, ehe er starb, in die Fluth hinab geworfen. Da ich als ein Knabe in dem Comtoir den gelehrten Rabbi Gedalia Schnapper mit dem unvergleichlichen Abarbanel Meyer auf Tod und Leben, so daß man mehrmals Wasser auf sie gießen mußte, um sie auseinander zu bringen, über die Lage eines wunderbaren Landes disputiren hörte, welches der Fluß Sabbathion umfließt, der die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt, floh ich auf den Speicher in die Einsiedelei eines leeren Zuckerfasses und beweinte die Blindheit der Menschen, welche nicht fühlten, daß jenes Land nothwendig das Ländchen Vadutz seyn müsse. Alle Wundergebirge der Geschichte, Fabel- und Mährchenwelt, Himmelaya, Meru, Albordi, Kaf, Ida, Olymp und der gläserne Berg lagen mir im Ländchen Vadutz. Alle seltsamen, merkwürdigen und artigen Dinge von den Reichskleinodien bis zum Nürnberger Guckgläschen à 4 kr., in dem Erbsen, Goldblättchen und blauer Streusand unter einem Vergrößerungsglas geschüttelt, alle Schätze der Welt darstellen, schienen mir aus Vadutz zu seyn. In der sogenannten Schachtelkammer des Hauses voll abentheuerlichen Gerümpels war mir das Archiv von Vadutz, ja das goldne Zeichen über unserem Hausthor selbst schien mir aus diesem gelobten Ländchen, als es in wirrer Zeit den Kopf verloren, zu uns emigrirt. Auf der Gallerie aber, einem schon vornehmeren Bewahrungsraum, war mir die Schatz- und Kunstkammer. Hier war das Arsenal verflossener Christfeste, hier wurden die Dekorationen und Maschinerien der Weihnachtskrippen bewahrt; hier stand eine Prozession allerliebster kleiner Wachspüppchen, alle geistlichen Stände, alle Mönche und Nonnen vom Pabste bis zum Eremiten, nach der Wirklichkeit gekleidet, und gleich neben ihnen das Modell eines Kriegsschiffes. O Schatzkammer von Vadutz, was botst du Alles dar? Vor allem aber entzückte mich ein kunstreicher Besatz von den Braut- und Festkleidern meiner Großmutter. Nie kann ich die Bauschen und Puffen von Seide und Spitzen vergessen, gleich Berg und Thal eines Feenlandes, gleich den Zaubergärten der Armida von den Gewinden feiner, allerliebster, bunter Seidenblümchen labirinthisch durchirrt. – Ich will dir es nur gestehen, liebes Großmütterchen, oft, wenn ich so glücklich war, den Gallerieschlüssel zu erwischen, stellte ich mich krank, um Sonntags nicht mit den Eltern nach Gockelsruh oder auf die stille Mühle fahren zu müssen, und sperrte mich dann, wenn alle andern weg waren, zwischen diesen Herrlichkeiten ein. Das Kriegsschiff war mir zu hölzern, klapperig und wirr mit den vielen Stricken, Flaschenzügen und Segeln, und man konnte auch nicht zu dem Kapitän in die Kajüte hinein, man sah ihn nur durch ein Fensterchen am Tisch vor einer Landkarte und dem Kompaß unbeweglich sitzen. Ich konnte nichts mit dem Schiffe anfangen, es war kein Wasser da; – die Prozession der geistlichen Wachspüppchen war so delikat und zerbrechlich, daß ich sie kaum anzuschauen wagte; wäre sie von buntem Zuckerwerke gewesen, so wäre sie vielleicht Gefahr gelaufen, durch meinen Geschmack zu erbleichen, aber in ihrer jetzigen Beschaffenheit stand sie unter den Kanonen des Kriegsschiffes sicher vor mir. – Jene biegsamen, unzerbrechlichen Zaubergärten von Seidendrathblümchen aber, welche ich höchstens ein wenig zerbog, legte ich um mich her, und saß dazwischen, die drei Pomeranzen, das grüne Vögelchen, das tanzende Wasser von Gozzi lesend, und glaubte mich selbst einen verschäferten Prinzen, der voll Sehnsucht seine Lämmer in den Thälern dieses Paradieses weidete und nach Erlösung seufzte. Ich glaubte mich dann mit diesen Zaubergärten mitten in Vadutz, wo mir das Paradies, wie Lindaraxas Gärtchen mitten in dem Alhambra eingeschlossen lag. – Da lebte ich eine Mährchenwelt, die über der Wirklichkeit, wie ein Sternhimmel über einer Froschpfütze lag. Man nannte diese ungemein artigen Blumenverzierungen mit vollem Recht agréments , Anmuthigkeiten, Lieblichkeiten. Als man diese Anmuthigkeiten nicht mehr trug, benützte man ihre Ueberbleibsel, kleine Heiligen-Bilder oder Wachskindchen damit zu umgeben, und nannte diese unter einem Glase bewahrt, Paradieschen, welche die Kinder mit großer Lust betrachteten, sich fest einbildend, Adam und Eva seyen einst mit allen Geschöpfen in solcher Herrlichkeit herumspaziert. Weil nun jeder Mensch wohl fühlt, daß er das Paradies verloren hat, und sich daher irgend ein Surrogat erschaffen, sich mit irgend einem Schmuck, einer Krone u. dgl. verkleiden, verschönern möchte, machten sich von je die Töchter der Menschen, naiv genug, solche kleine Gärten aus vergänglichen Dingen, wozu aller Putz der Frauen und die kleinen Adonisgärtchen gehören, die bei dem Adonisfeste um Sonnenwende prunkend umher getragen und dann in den Strom geworfen wurden; so auch machen sich gern die Kinder aus dergleichen Ueberresten von Flittern irgend eine glitzernde Zusammenstellung unter einem Stückchen Glas, hinter einem Thürchen von Papier, und zeigen einander für eine Stecknadel diese Herrlichkeit. – Als ich später in Geschäften der Akademie der Menschenkenner eine große Reise mit dem gelehrten Wunderkind Monsieur Heinicke machte, theils um dem verlornen Paradies, theils um allen Raritäten und der Kunst auf die Spur zu kommen, war das Resultat unsers Reiseberichts: »Einige bunte Seideflöckchen mit Goldfädchen, Flittern und andern Agrements mehr oder weniger fantastisch verwirrt und hinter einem Quadratzoll weißen Glases auf Papier platt gedrückt, und das Alles mit einem Thürchen bedeckt, ließen uns an vielen Orten die Kinder um den Preis einer Stecknadel sehen, weswegen wir der Akademie 12 kr. für einen Brief Stecknadeln berechnen. Ueberall war es eigentlich dasselbe; nur schien uns merkwürdig, daß in Köln ein Heiligenbildchen darin war und man es ein Paradies nannte, daß in Nürnberg ein Spielpfennig darin war und man es eine Rarität nannte, daß in Berlin ein Bischen Rauchpulver dann war und man es eine Kunst nannte. Ueberall aber kostete es nur eine Stecknadel.« Längere Zeit hielt ich mich und eine meiner Schwestern für die privatisirenden Besitzer von Vadutz, und wir erzählten uns jeden Morgen die Tugenden, welche wir in den Träumen der letzten Nacht an Land und Leuten inkognito ausgeübt hatten. Unsere Verdienste häuften sich dermaßen, daß wir sie in Bataillone eintheilen und außer den Revuen in den Feldbau entlassen mußten. Es reicht hin, wenn ich sage, daß wir die Akazienbäume, den Erdmandel-Caffee, den Schlüsselblumen-Champagner, die Uebung des Körpers durch Tanzen für alle drei christlichen Religionspartheien, das Gichtpapier, die Toleranzpomade, die Beruhigungs-Schawls à 2 fl. 24 kr., die Käppchen aus Freundschaft à 12 kr., die Kuhpocken, die Kunst ein guter Jüngling, ein edles Mädchen zu werden, und Elise, das Weib, wie es seyn soll, und Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird, und die wasserdichten Lobzettel in Vadutz einführten. Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier. Unsre Gnadengeschenke bestanden aus Abschnitten von Zuckerpapier, welches noch die Fußtapfen der darauf gebackenen Bisquits trug. – So machten wir Alles und vor Allem uns höchst glücklich. – Da nun eine Kaiserkrönung nahte und oft von den Reichskleinodien und allerlei Belehnungen gesprochen wurde, dachten wir uns auch Reichskleinodien von Vadutz aus. Wir regierten inkognito, die Kleinodien mußten also versteckt getragen werden. Nie hatte ich etwas blinkenderes gesehen, als die Epaulets eines ungarischen Magnaten, und so verfertigte ich dann aus Goldpapier und allerlei Flittern Achselbänder, als die Reichskleinodien von Vadutz, die ich versteckt unter meiner Weste tragen konnte. Da nun alle Reichskleinodien eine sehr alte Geschichte haben, und ich keine ältere Geschichte von Kleinodien wußte, als daß Abrahams Knecht der Rebecka Armringe angelegt, so ließ ich die Reichskleinodien von Vadutz, die Schulterbänder der Rebecka seyn; und weil die ältern Geschwister, wenn ich mich bei dem Bilder-Anschauen ihnen über die Schultern lehnte, mehrmals gesagt: »du meinst wohl, du seyst der Kaiser, daß du mich belehnen willst?« so nannte ich auch diese Schulterbänder die Lehnskleinode von Vadutz. – Aber kein Glück besteht auf Erden! – und jetzt, liebes Großmütterchen, ist endlich die Zeit gekommen, da ich dich mit dem Ursprung vieler Thränen bekannt machen kann, welche ich aller Welt zum Räthsel vergossen habe. – Ich träumerischer Knabe hielt mich bei der Kaiserkrönung für nichts mehr und nichts weniger, als den verkannten privatisirenden Regenten von Vadutz, und würde es nach jener größten Ungerechtigkeit, daß der Hauptmann von Capernaum noch immer nicht Major geworden ist, für die allergrößte gehalten haben, wenn beim Ritterschlag nach der Frage: »ist kein Dalberg da?« nicht die Frage gefolgt seyn würde: »ist kein edler Dynast von Vadutz da, daß er das Lehnskleinod auf seine Schultern empfange?« – So standen meine Hoffnungen, als nun am Vorabende ihrer Erfüllung mich ein alter Diener des Hauses, Herr Schwab, der Buchhalter, an dessen Originalitäts-Staketen alle Reben, Geisblatt- und Bohnenlauben unsrer Fantasie hinan gerankt waren, enttäuschte. Dieser seltne Mann setzte dem goldnen Kopf bald die Amalia, bald die Liesel (so hießen seine zwei Haarbeutelperücken) über die Frisuren, à la Taubenflügel, Ninon, Sevigné, Rhinozeros, Elephant, Cagliostro, Montgolfier, Heloise, Siegwart, Werther, Titus, Caracalla und Incroyable, ohne irgend eine dieser Pantomimen der Zeit, welche dem goldnen Kopf zugleich durch die Haare fuhren, zu stören. Er beugte sich wie der immer blühende und fruchtende Christbaum einer derben sachlichen Vorzeit über einen gähnenden Abgrund und über den von Seufzern zerrissenen Zaun der Gegenwart bis zu der sehnsüchtigen Jasminlaube der Pfarrerstochter von Taubenheim hin, welche beschäftigt war, den kaum verbleichten himmelblauen Frack Werthers und dessen strohgelbe Beinkleider auf dem Grabe Siegwarts gegen Mottenfraß auszuklopfen und abwechselnd den bei der Urne seiner Geliebten verfrorenen Kapuziner nach den Methoden des Miltenberger Noth- und Hilfbüchleins auf zu thauen, während Karl Moor seine bleichgehärmte Wange an einen Aschenkrug lehnend ihr Mathisons Elegie in den Ruinen eines alten Bergschlosses vorlas und seitwärts ein Verbrecher aus Ehrsucht mit Lida Hand in Hand im Mondenschimmer am Unkenteich Irrlichter weidete und nimmer vergaß, was er alda empfand. – Ein so großes Stück von der Geschichtskarte der Phantasie umfaßte jener Herr Schwab, daß ich wohl sagen kann: in den Zweigen dieses Baumes plauderten noch die Legenden, Gespenstergeschichten und Mährchen in nächtlicher Rockenstube, als schon Lenore ums Morgenroth aus schweren Träumen emporfuhr; – in seinen Zweigen hielten noch die asiatischen Banisen, die Simplizissimi, die Aventüriers, die Felsenbürger, die Robinsonen, die Seeräuber, die Cartouche, die Finanziers und deren Jude, Süß Oppenheimer, Gespräche im Reich der Todten bis tief in die Sternennacht, da unter seinem Schatten Götz von Berlichingen nebst Suite vereint mit Schillers Räubern der Zukunft bereits auf den Dienst lauerten, und dicht neben diesen die heilige Vehme und alle geheimen Ordensritter bis zur Dya-Na-Sore Loge hielten. Es ward ein kunterbunter Polterabend der alten und neuen Zeit unter diesem Baume gefeiert, da wetteiferte Theophrastus Bombastus Paracelsus mit Cagliostro in Theriack und Lebensäther, da lehrten Christian Weisens drei Erznarren den Naturmenschen Basedows Latein aus dem Orbis pictus Comenii , da sperrte der höfliche Schüler den Magister Philotecknos in das Magasin des enfans der Frau von Beaumont, bis er Knigges Umgang mit Menschen auswendig konnte; da deklamirte Pater Cochem aus Eckartshausens »Gott ist die reinste Liebe« und meditirte der Letztere aus des Ersten vier letzten Dingen, da that Siegfried von Lindenberg die genealogische Frage »was thuen die Fürsten von Hohenloh?« und antwortete Hübner: »sie theilen sich in drei Linien.« – Da las Eulenspiegel die Correkturbogen der neuen Heloise und sang Donquixote: »Freude schöner Götterfunken,« und endlich – hier tanzte der Reifrock mit der chemise grecque den Cotillon auf der Hochzeit des Kehrauses bei einem umfassenden Orchester von der alten Laute Scheidlers, der Glasharmonicka und Harfe der blinden Jungfer Paradies, einigen Maultrommeln, Papagenopfeifen und modernen Guitarren. – – Ja um den Paradeplatz aller Leistungen unter dem Kommando des Herrn Schwab zu umspannen, reichte kaum das Gespinnst der alten Base Cordula zu, deren reiner Faden doch von dem Taufhemde der Fräulein von Sternheim bis zur Jakobinermüze um die Spule gelaufen war. – Dieser Janus, dieser Proteus, dieser Centaur von Scherz und Ernst, dieser mir ewig theure Herr Schwab also stellte mich bei der Kaiser Krönung sehr ernsthaft zur Rede und ermahnte mich, im Stillen meine Ansprüche auf das Ländchen Vadutz fallen und Gras über diese kahlen Phantasien wachsen zu lassen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage gesetzt werden, denn unter den vielen bei der Krönung anwesenden Potentaten sey auch ein Fürst Lichtenstein, und dieser sey der wahre Besitzer des Ländchen Vadutz, welches nebst der Herrschaft Schellenberg seit 1719 das Fürstenthum Lichtenstein ausmache. Er ermahne mich im Guten meine seltsamen Prätensionen aufzugeben, denn das Fürstenthum müße jährlich einen Reichsmatrikularanschlag von 19 fl. und 18 Rthl. 60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um so schlechter mit meiner Sparbüchse aussehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr. Briefporto schuldig sey. – Da diese Ermahnungen mich noch immer nicht zu einem schönen Bilde der Resignation machen konnten, mußte mir der größte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Hübners Zeitungslexikon vorlesen, wo Alles Obige gedruckt stand; wobei es mich am tiefsten kränkte, die Lage meiner Ländereien so veröffentlicht zu hören. – Mir war, als einem, dem das Paradies und das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen sind. – Aber ich erkannte Alles nicht an – ich hielt mich zäh und kraus und erwiederte: »das Papier ist geduldig und läßt viel auf sich drucken, was darum doch nicht wahr ist.« – Meine Hartnäckigkeit machte den Geographen sehr bedenklich, so daß er mir im Katechismus zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnäckig zu wiederstreben, sey eine unverzeihliche Sünde. Das machte mich sehr wirr, und ich war lange Zeit gar traurig, als habe sich das Paradies in meinen Händen in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein silbernes Nichtschen in einem niemaligen Büchschen verwandelt. – Da man mich nun oft mit dem Verlust von Vadutz aufzog, und es mir sogar unter den verlornen Sachen im Wochenblättchen vorlas, sagte die Hausfreundin, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: »Laß dich nicht irr machen, glaub du mir, dein Vadutz ist dein und liegt auf keiner Landkarte, und alle Frankfurter Stadtsoldaten und selbst die Geleitsreiter mit dem Antichrist an der Spitze können dir es nicht wegnehmen; es liegt, wo dein Geist, dein Herz auf die Weide geht; Wo dein Himmel, ist dein Vadutz, Ein Land auf Erden ist dir nichts nutz. Dein Reich ist in den Wolken und nicht von dieser Erde, und so oft es sich mit derselben berührt, wird's Thränen regnen. – Ich wünsche einen gesegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feenschlösser nicht auf die schimmernden Höhen unter den Gletschern, denn die Lavinen werden sie verschütten, nicht auf die wandelbaren Herzen der Menschen unter den Klätschern, denn die Launen werden sie verwüsten, nein, baue sie auf die geflügelten Schultern der Fantasie.« – So war mir nun von meiner Herrschaft in Vadutz nichts geblieben, als die Reichskleinodien auf den Schultern der Phantasie, die mir wie Links und Rechts, bald Friede und Freude gaben, als sey ich glücklich wie Salomo, bald so viel Kummer und Hunger, daß ich den Ugolino beneidete. – Endlich aber degradirte sich die Phantasie selbst; weil ich ihr den Abschied nicht geben wollte, riß sie sich die Epaulets vor der Fronte der Philister selbst von den Schultern und warf sie mir und so mit mich sich vor die Füße, nahm achselzuckend all das Meine auf die leichte Achsel und kehrte mir den Rücken, ohne gute Nacht, noch Abschied zu geben oder zu nehmen. – Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. – Da war es ganz um mein Reich geschehen, und meine Trauer zappelte an Widerhacken. So ist die Erfindung der Achselbänder von Vadutz entstanden. – Als ich und meine Betrübniß so herangewachsen, daß die Frau Rath uns nicht mehr Du, sondern Er nannte, sagte sie einstens: »wenn ich Ihn ansehe, geht mir es schier, wie jenem alten General, der sah einmal einen höchst kummervollen Menschen in den Schloßhof hereinschleichen und als dessen elendes Aussehen sein starkes Herz rührte, zeigte er einem Bedienten den Armen und sprach: »prügle er mir den Menschen dort vom Hofe hinweg, denn der Kerl erbarmt mich.« – Steht es denn so gar schlecht mit seinen Ländereien, Er sieht ja drein, als sey der Scepter von Juda gewichen und der Herrscher von seinen Lenden. – Komme Er heute Abend mit mir, es soll Ihm das schönste Spektakel gezeigt werden, das je in Vadutz aufs Tapet gekommen ist.« – Ich gieng mit und ich sah etwas ganz Allerliebstes, nehmlich, ein kleiner Harlekin kroch aus einem Ei und machte die zierlichsten Sprünge. »Nicht wahr,« sprach sie, »das thut seinen Effekt?« – Ich bejahte es, und schrieb nachher ein paar tausend ernsthafter Verse über diese Begebenheit, die du auch kennst. – »Nu,« sagte sie, »ist Ihm das nicht eine saubere Bescherung?« – »Allerdings,« erwiederte ich, »aber sie ist mir nicht beschert, mir gebührt ein Steckenpferd, keine Puppe.« – Da sprach die Frau Rath: »erstens ist es auch keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur, und wenn Er dann so gewiß meint, daß sie Ihm nicht gebühre, so hüte Er sich vor allen Kunstfiguren, denn sie sollen ihm als Ruthen beschert werden, das prophezeihe ich Ihm.« – Sieh, liebes Großmütterchen, da hast du nun auch die Quelle des so oft im Mährchen wiederkehrenden Reims: »Keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur.« – Als ich der Frau Rath sagte: »Wenn der Osterhaas solche Eier legen würde, möchten die Hasen und die Eier gewaltig im Preise steigen,« erwiederte sie: »ja und wenn man mit den Eiern kippte, würde man behutsamer seyn, um dem Harlekin nicht ein Loch in das allerliebste Köpfchen zu stoßen. Hätte nur Wolfgang diesen Harlekin im Ei gekannt, was hätte der für schöne Mährchen von ihm erzählt, denn, wenn er seine Kameraden am Osterfest die Ostereier im Garten suchen ließ, bewirthete er sie immer mit einem ganzen Eierkuchen von Mährchen aus dem großen Weltei, das über dem Brüten zerbrochen, so daß aus dem obern Theil der Schale der Himmel, aus dem untern die Erde entstanden ist.« – Hiemit weißt du nun auch, wie die vielen Eierhändel und Eierorden in das Mährchen kommen, das ist Alles mit dem Harlekin aus dem Weltei gekrochen. – Danke du Gott, daß in der inkompleten Encyklopädie von Krünitz, welche ich aus der Verlassenschaft des erlauchten Salathiel Salaboni, genannt Picktus, Salzgraf von Orbis erstanden habe, unter andern acht und fünfzig Bänden, auch der eilfte und also der Artikel Ei fehlt, sonst würde ich dir noch weit mehr Eierspeisen vorgesetzt haben; – und somit habe ich dir auch eingestanden, woher ich meist Alles habe, was dieses Mährchen so langweilig macht, nehmlich aus Krünitz Encyklopädie, und wer es nicht darin findet, bedenke doch nur, daß alle Exemplare inkomplett sind. – Vergebens wirst du dich, ausser in Schottland, nach der großen breiten Schottländerin umsehen, welche am Schluße einen so derben Schatten über alle die Artigkeiten wirft; eine etwas vollkommene Person hatte vor mir bedauert, daß die Erfindung durch dick und dünn mit mir davon gehe, da ich mir aber nur allzu feiner Zierlichkeiten bewußt war, setzte ich, damit jene Person Recht habe, diese breite Kounteß als Ballast in das Mährchen und fürchte schier, ihre Corpulenz sey nur Contrebande von lauter Agrements und Anmuthigkeiten. Nun muß ich dir noch eingestehen, daß ich außer dir auch deiner klugen, klaren und guten Freundin dieses Mährchen widmen wollte, welche einst, da ich ihr in Gegenwart Anderer sagte, wie sehr ich sie verehren müße, so anmuthig strafend zu den Umstehenden sprach: »Wir wissen Alle, welche artige Mährchen dieser Freund erzählen kann.« – Ich wollte sie nicht Lügen strafen, ich widmete ihr das Mährchen nicht. – Solltest du, die Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau am Schlusse angehängt finden, so wisse, daß ich einst ein Fragment aus der Chronika eines fahrenden Schülers bekannt machte, woran sich allerlei Leute erfreuten, und daß jene Blätter flüchtige Skizzen aus dem Umfange jener Chronika sind, welche ich noch nicht in die harmonische Haltung mit dem Tone derselben gebracht hatte, die ich aber zu meiner eignen Belustigung mit der Geschichte der Ahnfrau verwebte. – Nach Allem vergib mir, daß ich dieses Märchen bekannt machte, es war mein Wille nie, die andern Kinder drohten mir, weil Abschriften da sind, es selbst drucken zu lassen. – Ich willigte ein, mit dem innersten Gefühl, höchstens ein Mitleid dafür zum Lohne zu erhalten, welches jenes des alten Generals noch hinter sich zurückläßt; denn die Kinder dieser Zeit, wenden mir den Rücken wie die Phantasie, und die Frau Rath, Gott tröste sie, kann mich nicht mehr trösten, wie einstens. – Also, vergib mir dieß Mährchen, in dem Alles ein Mährchen ist, außer daß ich es gewiß nicht gern gethan, und es nicht wieder thun will. – Ja liebes Großmütterchen, wenn ich darum verspottet und gekränkt werde, wenn sie mich am Aermel zerren, aus dem sie dieses Alles geschüttelt glauben, die nicht wissen, daß es aus dem Herzen ist, welches ich in der Hand trage, dann nimm du es bei dir auf, dieses Mährchen und dieses Herz! – Aber lasse uns hier diese Dedikation zerbrechen, wie Kronovus und Gackeleia Bretzel und Bubenschenkel bei dem Eiertanz zerbrachen, als Meister Schelm nahte, und so wir diese Pfänder wohlerhalten wieder aufweisen können, sind wir treue Spielkameraden gewesen, bis dahin wollen wir uns mit einem Druckfehler dieser Dedikation trösten, welchen ich hier schließend verbessere, denn statt »herzliche Zueignung«, lese überall »herzliche Zuneigung«, mit welcher ich verharre bis ans Ende – keiner Puppe, sondern nur einer schönen Kunstfigur und eines theuersten Großmütterchens gehorsamer Enkel. Gockel, Hinkel und Gackeleia In Deutschland in einem wilden Wald, zwischen Gelnhausen und Hanau, lebte ein ehrenfester bejahrter Mann, und der hieß Gockel. Gockel hatte ein Weib, und das hieß Hinkel. Gockel und Hinkel hatten ein Töchterchen, und das hieß Gackeleia. Ihre Wohnung war in einem wüsten Schloß, woran nichts auszusetzen war, denn es war nichts darin, aber viel einzusetzen, nämlich Thür und Thor und Fenster. Mit frischer Luft und Sonnenschein und allerlei Wetter war es wohl ausgerüstet, denn das Dach war eingestürzt und die Treppen und Decken und Böden waren nachgefolgt. Gras und Kraut und Busch und Baum wuchsen aus allen Winkeln, und Vögel, vom Zaunkönig bis zum Storch, nisteten in dem wüsten Haus. Es versuchten zwar einigemal auch Geier, Habichte, Weihen, Falken, Eulen, Raben und solche verdächtige Vögel sich da anzusiedeln, aber Gockel schlug es ihnen rund ab, wenn sie ihm gleich allerlei Braten und Fische als Miethe bezahlen wollten. Einst aber sprach sein Weib Hinkel: »mein lieber Gockel, es geht uns sehr knapp, warum willst du die vornehmen Vögel nicht hier wohnen lassen? Wir könnten die Miethe doch wohl brauchen, du läßt ja das ganze Schloß von allen möglichen Vögeln bewohnen, welche dir gar nichts dafür bezahlen.« – Da antwortete Gockel: »o du unvernünftiges Hinkel, vergißt du denn ganz und gar, wer wir sind, schickt es sich auch wohl für Leute unserer Herkunft, von der Miethe solches Raubgesindels zu leben? – und gesetzt auch, Gott suchte uns mit solchem Elende heim, daß uns die Verzweiflung zu so unwürdigen Hilfsmitteln triebe, – was doch nie geschehen wird, denn eher wollte ich Hungers sterben, – womit würden die räuberischen Einwohner uns vor Allem die Miethe bezahlen? Gewiß würden sie uns alle unsre lieben Gastfreunde erwürgt in die Küche werfen, und zwar auf ihre mörderische Art zerrupft und zerfleischt. Die freundlichen Singvögel, welche mit ihrem unschuldigen Gezwitscher unsre wüste Wohnung zu einem herzerfreuenden Aufenthalte machen, willst du doch wohl lieber singen hören, als sie gebraten essen? Würde dir das Herz nicht brechen, die allerliebste Frau Nachtigall, die trauliche Grasmücke, den fröhlichen Distelfink, oder gar das liebe treue Rothkehlchen in der Pfanne zu rösten, oder am Spieße zu braten, und dann zuletzt, wenn sie alle die Miethe bezahlt hätten, nichts als das Geschrei und Gekrächze der gräulichen Raubvögel zu hören? Aber wenn auch alles dieses zu überwinden wäre, bedenkst du dann in deiner Blindheit nicht, daß diese Mörder allein so gern hier wohnen möchten, weil sie wissen, daß wir uns von der Hühnerzucht nähren wollen? Haben wir nicht die ehrbare Stamm-Henne Gallina jetzt über dreißig Eiern sitzen, werden diese nicht dreißig Hühner werden, und kann nicht jedes wieder dreißig Eier legen, welche es wieder ausbrütet zu dreißig Hühnern, macht schon dreißig mal dreißig, also neunhundert Hühner, welchen wir entgegensehen? O du unvernünftiges Hinkel! und zu diesen willst du dir Geier und Habichte ins Schloß ziehen? Hast du denn gänzlich vergessen, daß du ein edler Sprosse aus dem hohen Stamme der Grafen von Hennegau bist, und kannst du solche Vorschläge einem gebornen leider armen, leider verkannten Raugrafen von Hanau machen? Ich kenne dich nicht mehr! – O du entsetzliche Armuth! ist es denn also wahr, daß du auch die edelsten Herzen endlich mit der Last deines leeren und doch so schweren Bettelsackes zum Staube nieder drückest?« Also redete der arme alte Raugraf Gockel von Hanau in edlem hohen Zorne, zu Hinkel von Hennegau seiner Gattin, welche so betrübt und beschämt und kümmerlich vor ihm stand, als ob sie den Zipf hätte. Aber schon sammelte sie sich und wollte so eben sprechen: »die Raubvögel bringen uns wohl auch manchmal junge Hasen« – doch da krähte der schwarze Alektryo, der große Stammhahn ihres Mannes, der über ihr auf einem Mauerrande saß, in demselben Augenblick so hell und scharf, daß er ihr das Wort wie mit einer Sichel vor dem Munde wegschnitt, und als er dabei mit den Flügeln schlug, und Graf Gockel von Hanau sein zerrissenes Mäntelchen auch ungeduldig auf der Schulter hin und her warf, so sagte die Frau Hinkel von Hennegau auch kein Piepswörtchen mehr, denn sie wußte den Alektryo und den Gockel zu ehren. Sie wollte eben umwenden und weggehen, da sagte Gockel: »o Hinkel! ich brauche dir nichts mehr zu sagen, der ritterliche Alektryo, der Herold, Wappenprüfer und Kreiswärtel, Notarius Publikus und kaiserlich gekrönte Poet meiner Vorfahren hat meine Rede unterkrähet, und somit dagegen protestirt, daß seinen Nachkommen, den zu erwartenden Hühnchen, die gefährlichen Raubvögel zugesellt würden.« Bei diesen letzten Worten bückte sich Frau Hinkel bereits unter der niedrigen Thüre und verschwand mit einem tiefen Seufzer im Hühnerstall. Im Hühnerstall? Ja – denn im wunderbaren, kunstreichen, im neben-, durch- und hintereinandrigen Stil der Urwelt, Mitwelt und Nachwelt erbauten Hühnerstall wohnten Gockel von Hanau, Hinkel von Hennegau und Gackeleia, ihre Fräulein Tochter, und in der Ecke stand in einem alten Schilde das auf gothische Weise von Stroh geflochtene Raugraf Gockelsche Erbhühnernest, in welchem die Glucke Gallina über den dreißig Eiern brütete, und von einer Wand zur andern ruhte eine alte Lanze in zwei Mauerlöchern, auf welcher sitzend der schwarze Alektryo Nachts zu schlafen pflegte. Der Hühnerstall war der einzige Raum in dem alten Schloße, der noch bewohnbar unter Dach und Fach stand.   Zu Olims Zeiten, wo Dieses und Jenes geschehen ist, war dieses Schloß eines der herrlichsten und deutlichsten in ganz Deutschland; aber die Franzosen haben es so übel mitgenommen, daß sie es recht abscheulich zurückließen. Ihr König Hahnri hatte gesagt, jeder Franzose solle Sonntags ein Huhn, und wenn keines zu haben sei, ein Hinkel in den Topf stecken und sich eine Suppe kochen. Darauf hielten sie streng, und sahen sich überall um, wie jeder zu seinem Huhn kommen könne. Als sie nun zu Haus mit den Hühnern fertig waren, machten sie nicht viel Federlesens und hatten bald mit diesem, bald mit jenem Nachbarn ein Hühnchen zu pflücken. Sie sahen die Landkarte wie einen Speisezettel an, wo etwas von Henne, Huhn oder Hahn stand, das strichen sie mit rother Tinte an und giengen mit Küchenmesser und Bratspieß darauf los. So giengen sie über den Hanebach, steckten Groß- und Kleinhüningen in den Topf, und kamen dann auch bis in das Hanauer Land. Als sie nun Gockelsruh, das herrliche Schloß der Raugrafen von Hanau, im Walde fanden, wo damals der Großvater Gockels wohnte, statuirten sie ein Exempel, schnitten allen Hühnern die Hälse ab, steckten sie in den Topf und den rothen Hahn auf das Dach, das heißt, sie machten ein so gutes Feuerchen unter den Topf, daß die lichte Lohe zum Dach herausschlug und Gockelsruh darüber verbrannte. Dann giengen sie weiter nach Hünefeld und Hunhaun und sind noch lang unterwegs geblieben. Als sie abgespeist hatten, gieng Gockels Großvater, der mit seiner Familie und dem Stamm-, Erb- und Wappen-Hahn und Hinkel im Walde versteckt gewesen, um das Desert zu besehen, es war eine Wüste. Nichts war ihm geblieben, er konnte sein Schloß nicht mehr herstellen und übergab es daher gratis an die Verschönerungs-Commission der vier Jahrszeiten, des Windes und des Wetters, welche es auch in Jahr und Tag mit Gras und Kraut und Moos und Epheu und Büschen und Bäumen so reichlich austapezierten, daß es ein rechtes Paradies aller Waldvögelein und andern Wildpretts ward. – Er selbst zog nach Gelnhausen und nahm die Stelle eines Erb-Hühner- und Fasanenministers bei dem dortigen König an. Sein Sohn trat nach ihm in dieselbe Stelle, und nach dessen Absterben unser Gockel, der gewiß auch als Hühnerminister mit Tod abgegangen wäre, wenn ihn nicht sein Menschen- oder vielmehr Hühnergefühl gezwungen hätte, noch lebendig von Gelnhausen Abschied zu nehmen. Dieses aber gieng folgendermaßen zu. Der König Eifrasius von Gelnhausen überließ sich der Leidenschaft des Eieressens so unmäßig, daß keine Brut Hühner mehr aufkommen konnte. Dies war gegen den Eid Gockels und gegen das Landesgesetz, Artikel Hühnerzucht. Gockel machte eine allerunterthänigste vergebliche Vorstellung nach der andern. Eifrasius errichtete den rührenden Eierorden verschiedener Grade und ließ von seinem Leibredner eine Rede dabei halten, die einer Schmeichelei so ähnlich sah, wie ein Ei dem andern. Er sagte, Eifrasius esse nur allein so viele Eier, um die Hühner zu vermindern, damit die Franzosen nicht ins Land kämen. Dabei machte er bekannt, daß man künftig nicht Ihro Majestät, sondern Ihre Eießtät König Eifrasius sagen solle und vieles Aehnliche. Auch wußte er sehr viele hinreißende Stellen großer Dichter in seiner Rede anzubringen, z. B.: Ein Huhn und ein Hahn, Meine Rede geht an; Eine Kuh und ein Kalb, Meine Rede ist halb; Eine Katze und eine Maus, Meine Rede ist aus! und weiter Ein Ei, un oeuf, Ein Ochs, un boeuf, Une vache, eine Kuh, Fermez la porte, mach die Thür zu! womit er den König ganz bezauberte. Nach dieser Rede wurden alle anwesenden Anhänger und Schmeichler des Königs ganz eigelb im Gesicht und steckten gelbe Cocarden auf; Gockel von Hanau aber wurde vor Zorn und Schrecken und Unwill und Schaam ganz grün und blau und roth, und kriegte ordentlich einen rothen Kamm und schüttelte den Federbusch, wie ein Hahn, auf seinem bordirten Hut und scharrte mit den Füßen und hackte mit den Spornen. Da zog der König Eifrasius eben in der Kirche an ihm vorüber, sah ihn sehr ungnädig an und sprach: »in Gnaden entlassen, das Hühnerministerium ist bis auf ein Weiteres aufgehoben.« – Somit hatte Gockel seinen Abschied. Gockel war voll Ehrgefühl, er zeigte sogleich seiner Frau an, daß er am folgenden Morgen mit ihr und Gackeleia nach seinem Stammschloße Gockelsruh aus Gelnhausen so wegziehen werde, wie seine Großeltern hineingezogen waren. Er befahl ihr, jene alten Kleider aus dem Kasten zu nehmen und im Hühnerministerium zurecht zu legen, wo sie sich morgen umkleiden wollten. Frau Hinkel war schier untröstlich über die alten seltsamen Kleider und meinte, alle Hunde würden ihr nachlaufen. Das Entsetzlichste aber war ihr, daß Gockel am hellen lichten Tage vor der Wachparade vorbei und über den Gemüßmarkt in diesem Aufzug aus der Stadt hinaus wollte, und nur unter den heftigsten Thränen mit Gackeleia vor ihm auf den Knieen liegend, konnte sie erflehen, daß er mit ihr Morgens vor Tag zur Gartenthüre hinaus, hinten um die Stadtmauer herum, seine Abreise anzutreten versprach. Gockel hängte seine Hühnerminister-Kleidung an das königliche Hühnerministerial-Zapfenbrett, legte alle die ihm aufgedrungenen Eierorden ab, den Orden der Schmeichelei und Heuchelei und befestigte seinen eigenen, Raugräflich Gockel Hanauischen Haus-Orden der Kinderei wieder in das Knopfloch der Jacke seines Großvaters, die er morgen früh anziehen wollte; dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, um alle die Rechnungen über seine Verwaltung heute Nacht noch auszubrüten, und als er es so weit gebracht, daß Einnahme und Ausgabe sich wie ein Ei dem andern glichen, sank er ermüdet mit der Nase auf das Papier und schnarchte, daß der Streusand von zerstossenen Eierschalen umherflog, und mehrere Muster von Hühnerfedern, die vor ihm lagen, durch einander wehten. Aber der Schaden war nicht groß. Kaum graute der Tag, als Alektryo, der edle Stammhahn sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite schlug, den Hals emporreckte und mit aufgerissenem Schnabel lautkrähend wie mit einem Trompetenstoß alle zur Abreise erweckte; das Stammhuhn Gallina begleitete sein Morgenlied mit einigen wehmüthigen Accorden. Gockel sprang auf und weckte Weib und Kind, die sich bald einstellten. Frau Hinkel war sehr traurig, auch sie mußte ihre Hühnerministerial-Kontusche ans Zapfenbrett hängen und die Kleider von Gockels Großmutter anziehen; händeringend stand sie in diesem Putz vor dem Spiegel. Gockel hatte viel zu ermahnen und zu trösten; er hatte seine Raugräfliche Gockelskappe aufgesetzt, auf der ein Hahnenkamm war, er hängte seine Perücke von Eierschalen an den Ministerialperücken-Hahn und fuhr in die großväterlichen Stiefel und Grafenhosen, welche ihm Gackeleia hinbrachte, die ziemlich lustig in ihrem seltsamen Röckchen war und das alte Erbhühnernest wie einen Fallhut auf dem Kopf trug. Alektryo, der Stammhahn, saß neben dem Schreibtische auf der Raugräflich Gockelschen Erbhühnertrage, welche der berühmte Erwin von Steinbach zugleich mit dem Straßburger Münster erfunden hatte, und wiederholte, da er die ganze Familie wieder in ihren altgräflichen Kleidern sah, sein Krähen mit stolzer Freude. Er hatte einen reichsfreiritterlichen Unmittelbarkeitssinn und war nie gern in Gelnhausen gewesen, wo er nur zu Haus der Hahn im Korb war, am Hof aber nie auf dem Mist krähen durfte, weil dieses ein Regale, ein königliches Recht der Hofhähne war. Er war hier nur Kammerhahn à la suite , hatte allerlei Kränkungen seiner Verhältnisse von den Hofhahnen zu erleiden, und durfte sie nicht einmal deswegen herausfordern. Gleich Graf Gockel war er sehr mit dem König Eifrasius unzufrieden, denn dieser hatte einmal die Eier seiner lieben Gemahlin Gallina durch die Polizei wegnehmen und sich in die Pfanne schlagen lassen. – Seine häusliche Glückseligkeit war dadurch gestört. Er war heftig und ungeduldig, Gallina aber gacksig, glucksig und piepsig geworden. Sie saßen immer auf dem Hühnerministerium und kamen nicht ins Freie; statt auf dem Miste, scharrte Alektryo in Papierspänen, und die leidende Gallina wälzte sich im Streusand oder brütete hoffnungslos auf den ausgeblasenen Eierschaalen des Eierordens, welche dort aufbewahrt wurden. Nun aber, da alle zur Abreise gekleidet waren, trieb Alektryo die Gallina an, von seiner Seite auf dem Gockelschen Hühnersteg hinab zu dem Hennegauschen Erbhühnerkorb der Frau Hinkel zu schreiten, und sagte ihr dabei ganz freundlich ins Ohr, was ihr tröstend zu Herzen ging: »heute Abend sind wir frei und glücklich in Gockelsruh, dem Pallaste unsrer Vorfahren, da giebt es Würmchen und Maikäfer und allerlei Sämerei die Menge; da wollen wir ein neues Leben beginnen, da gehören wir uns allein an, da wirst du eine Brut ausbrüten, die unser würdig ist.« Gallina trippelte mit einem lieblichen Lächeln gacksend den Steg hinab und setzte sich oben auf den Hühnerkorb. Frau Hinkel nahm den Korb, worauf Gallina saß, auf ihren Kopf. In diesem Korbe hatte sie ein paar Hemden, etwas Flachs-, Hanf- und andere Sämereien, Nadel, Zwirn und Fingerhut und ein Wachsstümpfchen, ein Gebetbuch und einige schöne neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr, und den Gräflich Hennegauschen Stammbaum und ihren Taufschein und Copulationsschein und so weiter Schein bewahrt. Dann ergriff sie ihren Rocken und sprach: »ich bin fertig.« Gockel schlüpfte mit den Armen in die Tragriemen seiner Erbhühnertrage und trug sie wie eine gothische Kirche auf dem Rücken, oben drauf saß Alektryo, neben dran war sein Grafenschwert befestigt, und im Innern befanden sich sein Stammbaum, Grafenbrief, Taufschein, Ehekontrakt, ein Buch von Geheimnissen der Hahnen und Hühner und auch ein altes Geschlechts-Register, nach welchem Alektryo vom Hahn des Hiob und Gallina vom Hahn Petri abstammen sollte; es war aber theils sehr unleserlich mit Hühnerpfoten geschrieben, theils hatten es die Mäuse so durchstudiert, daß viele Löcher darin waren. Solche große Raritäten waren in der Hühnertrage. Gockel nahm nun seine Raugräfliche Standarte, die zugleich ein Hühnersteg war, als Stab in die Hand und sagte: »wohlan ich bin fertig.« Gackeleia hatte das Erbhühnernest auf dem Kopf, und weil sie auf alle Weise noch sonst etwas tragen wollte, steckte sie der Vater in einen Korb, wie man sie über die jungen Hühnchen stellt, und befestigte ihr denselben über die Schultern mit Bändern, so daß sie wie in einem lustigen Reifrock mitspazierte. In der einen Hand hielt sie ihr ABC-Buch, worauf ein Hahn abgebildet war, und in der andern einen Eierweck von gestern, man nennt sie dort Bubenschenkel. Das Kind war sehr lustig, und schrie. »kikeriki, ich bin schon lang fertig.« Nun blies Gockel die Hühnerministerial-Lampe aus, und sie giengen zu der Thüre hinaus. Gockel gab dem Nachtwächter den Hausschlüssel, und dann verließen sie still durch die hintere Gartenthüre, die durch die Stadtmauer führte, das undankbare Gelnhausen. Kaum waren sie auf einer nahen kleinen Anhöhe, welche die Stadt überschaut, als Alektryo sich hoch aufrichtete und mit einem trotzigen kühnen Krähen allen Hahnen von Gelnhausen Hohn sprach, die erwachend von Haus zu Haus, von Thurm zu Thurm sich wieder zukrähten, so daß die Gockelsche Familie wo nicht unter dem Geläute aller Glocken, doch unter dem Krähen aller Hahnen die Stadt verließ. Als Alektryo gekräht hatte, schauten sie alle noch einmal schweigend nach Gelnhausen zurück. Es lag eine weiße Nebelwolke über der herrlichen Stadt, die Sonne schoß mit ihren ersten Strahlen nach den blinkenden Wetterhahnen auf den Thurmspitzen, welche aus dem Nebel hervorblitzten; hie und da drang ein dunkler dichter Bäckerrauch wie eine dicke braune Schlange durch den Nebel hervor. Frau Hinkel war betrübt. Gackeleia fieng laut an zu weinen; ihr Eierweck war ihr gefallen und sie konnte ihn von dem Hühnerkorb, in dem sie steckte, gehindert nicht aufheben. – Gockel hob sie aus dem Korbe heraus und hängte sich denselben noch hinten auf die Trage, denn Gackeleia wäre mit diesem Reifrocke an allen Büschen des wilden Waldes hängen geblieben, durch welchen jetzt ihr Weg führte. Frau Hinkel durch das Krähen aller Hahnen in Gelnhausen und durch den aufsteigenden Rauch von neuem sehr betrübt, folgte ihrem Manne mit manchem Seufzer durch den Wald. Sie gedachte an die Herrlichkeit von Gelnhausen, wo immer das eine Haus ein Bäckerladen, das andre ein Fleischerladen ist; – ach, dachte sie, jetzt ist die Stunde, jetzt öffnen die Fleischer ihre Laden, jetzt hängen sie die fetten Kälber, Hämmel und Schweine auf und breiten in deren aufgeschlitzten Leibern reinliche schneeweiße Tücher aus! – Ach jetzt ist die Stunde, jetzt öffnen die Bäcker ihre Laden und stellen auf weißen Bänken die braunglänzenden Brode, die gelben Semmeln und schön lakirten Eierwecke, Bubenschenkel genannt, in Reih und Glied. Gackeleia, die sie an der Hand führte, weckte mit ihren Reden ihre Betrübniß oft von neuem wieder auf, denn sie fragte ein um das anderemal: »Mutter, giebt es auch Bretzeln, wo wir hingehen?« Da seufzte Frau Hinkel; Gockel aber, der ernsthaft und freudig voranschritt, sagte: »nein, mein Kind Gackeleia, Bretzeln giebt es dort nicht, sie sind auch nicht gesund und verderben den Magen; aber Erdbeeren, schöne rothe Waldbeeren giebt es die Menge,« und somit zeigte er mit seinem Stocke auf einige, die am Wege standen, welche Gackeleia mit vielem Vergnügen verzehrte. Hierauf fragte Gackeleia wieder: »Mutter, giebt es auch so schöne braune Kuchenhäschen, wo wir hingehen?« Da seufzte Frau Hinkel abermals und die Thränen traten ihr in die Augen; Gockel aber sagte freundlich zu dem Kinde: »Nein, mein Kind Gackeleia, Kuchenhäschen giebt es da nicht, sie sind auch nicht gesund und verderben den Magen, aber es giebt da lebendige Seidenhäschen und weiße Kaninchen, aus deren Wolle du der Mutter auf ihren Geburtstag Strümpfe stricken kannst, wenn du fleißig bist. Sieh, sieh, da lauft eines!« und somit zeigte er mit seinem Stocke auf ein vorüberlaufendes Kaninchen. Da riß sich Gackeleia von der Mutter los, und sprang dem Hasen mit dem Geschrei nach: »gieb mir die Strümpfe, gieb mir die Strümpfe!« aber fort war er, und sie fiel über eine Baumwurzel und weinte sehr. Der Vater verwies ihr ihre Heftigkeit und tröstete sie mit Himbeeren, welche neben der Stelle wuchsen, wo sie gefallen war. Nach einiger Zeit fragte Gackeleia wieder: »liebe Mutter, giebt es denn auch da, wo wir hingehen, so schöne gebackene Männer von Kuchenteig, mit Augen von Wachholderbeeren und einer Nase von Mandelkern, und einem Mund von einer Rosine?« Da konnte die Mutter ihre Thränen nicht zurückhalten und weinte; Gockel aber sagte: »nein, mein Kind Gackeleia, solche Kuchenmänner giebt es da nicht, die sind auch gar nicht gesund und verderben den Magen. Aber es giebt da schöne bunte Vögel die Menge, welche allerliebst singen und Nestchen bauen, und Eier legen und ihre Jungen füttern. Die kannst du sehen und lieben und ihnen zuschauen, und die süßen wilden Kirschen mit ihnen theilen.« Da brach er ihr ein Zweiglein voll Kirschen von einem Baum und das Kind ward ruhig. Als Gackeleia aber nach einer Weile wieder fragte: »liebe Mutter, giebt es denn dort, wo wir hingehen, auch so wunderschöne Pfefferkuchen, wie in Gelnhausen?« und die Frau Hinkel immer mehr weinte, ward der alte Gockel von Hanau unwillig, drehte sich um, stellte sich breit hin und sprach: »o mein Hinkel von Hennegau! du hast wohl Ursache zu weinen, daß unser Kind Gackeleia ein so naschhafter Freßsack ist und an nichts als Bretzeln, Kuchenhasen, Buttermänner und Pfefferkuchen denkt, was soll daraus werden? Noth bricht Eisen, Hunger lehrt beißen. Sei vernünftig, weine nicht, Gott, der die Raben füttert, welche nicht säen, wird den Gockel von Hanau nicht verderben lassen, der säen kann. Gott, der die Lilien kleidet, die nicht spinnen, wird die Frau Hinkel von Hennegau nicht umkommen lassen, welche sehr schön spinnen kann, und auch das Kind Gackeleia nicht, wenn es das Spinnen von seiner Mutter lernt.« Diese Rede Gockels ward von einem gewaltigen Geklapper unterbrochen, und sie sahen alle einen großen Klapperstorch, der aus dem Gebüsche ihnen entgegentrat, sie sehr ernsthaft und ehrbar anschaute, nochmals klapperte und dann hinwegflog. »Wohlan, sagte Gockel, dieser Hausfreund hat uns willkommen geheißen, er wohnet auf dem obersten Giebel von Gockelsruh, gleich werden wir da seyn; damit wir aber nicht lange zu wählen brauchen, in welchen von den weitläufigen Gemächern des Schlosses wir wohnen wollen, so will ich unsere höchste Dienerschaft voraussenden, damit sie uns die Wohnungen aussuche.« Nun nahm er den Stammhahn von der Schulter auf die rechte Hand und die Stammhenne auf die linke, und redete sie mit ehrbarem Ernste folgendermaßen an: »Alektryo und Gallina, ihr stehet im Begriff, wie wir, in das Stammhaus eurer Vorältern einzuziehen, und ich sehe an euren ernsthaften Mienen, daß ihr so gerührt seid als wir. Damit nun dieses Ereigniß nicht ohne Feierlichkeit sey, so ernenne ich dich Alektryo, edler Stammhahn, zu meinem Schloßhauptmann, Haushofmeister, Hofmarschall, Astronomen, Propheten, Nachtwächter, und hoffe, du wirst unbeschadet deiner Familienverhältnisse als Gatte und Vater diesen Aemtern gut vorstehen; das Nämliche erwarte ich von dir, Gallina, edles Stammhuhn; indem ich dich hiemit zur Schlüsseldame und Oberbettmeisterin des Schlosses ernenne, zweifle ich nicht, daß du diesen Aemtern trefflich vorstehen wirst, ohne deßwegen deine Pflichten als Gattin und Mutter zu vernachlässigen. Ist dieß euer Wille, so bestätigt es mir feierlich.« Da erhob Alektryo seinen Hals, blickte gegen Himmel, riß den Schnabel weit auf und krähete feierlichst, und auch Gallina gab ihre Versicherung mit einem lauten und rührenden Gacksen von sich, worauf sie Gockel beide an die Erde setzte, und sprach: »nun, Herr Schloßhauptmann und Frau Schlüsseldame, eilet voraus, suchet eine Wohnung für uns aus, zeiget auch allen Bewohnern unsers Schlosses an, sie möchten sich durch kein Geräusch in ihrem Abendgebete stören lassen, weil ich in der Nähe des Schlosses, wo der englische Garten ein wenig ins Kraut geschossen seyn mag, wahrscheinlich mit meinem Grafenschwert die Hecken werde schneiden müssen, um mir und Frau Hinkel mit unsern hohen Insignien durchzuhelfen; also thuet und bereitet uns einen würdigen Empfang.« – Da eilte der Hahn und die Henne in vollem Laufe, was giebst du, was hast du? in den Wald hinein nach dem Schlosse zu. Nun ermahnte Gockel auch noch die Frau Hinkel und das Kind Gackeleia zur Zufriedenheit, zum Vertrauen auf Gott und zu Fleiß und Ordnung in dem neu bevorstehenden Aufenthalt auf eine so liebreiche Art, daß Frau Hinkel und das Kind Gackeleia den guten Vater herzlich umarmten und ihm alles Gute und Liebe versprachen; und so zogen sie alle froh und heiter durch den schönen Wald, die Sonne sank hinter die Bäume, es ward so recht stille und vertraulich, ein kühles Lüftchen spielte mit den Blättern und Frau Hinkel von Hennegau sang folgendes Liedchen mit freundlicher Stimme, wozu Gockel und Gackeleia leise mitsangen. Wie so leis die Blätter wehn In dem lieben, stillen Hain, Sonne will schon schlafen gehn, Läßt ihr goldnes Hemdelein Sinken auf den grünen Rasen, Wo die schlanken Hirsche grasen In dem rothen Abendschein. Gute Nacht, Heiapopeia! Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia. In der Quellen klarer Fluth Treibt kein Fischlein mehr sein Spiel, Jedes suchet, wo es ruht, Sein gewöhnlich Ort und Ziel, Und entschlummert überm Lauschen Auf der Wellen leises Rauschen Zwischen bunten Kieseln kühl. Gute Nacht, Heiapopeia! Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia. Schlank schaut auf der Felsenwand Sich die Glockenblume um, Denn verspätet über Land Will ein Bienchen mit Gesumm Sich zur Nachtherberge melden In den blauen zarten Zelten, Schlüpft hinein und wird ganz stumm. Gute Nacht, Heiapopeia! Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia. Vöglein, euer schwaches Nest, Ist das Abendlied vollbracht, Wird wie eine Burg so fest; Fromme Vöglein schützt zur Nacht Gegen Katz und Marderkrallen, Die im Schlaf sie überfallen, Gott, der über alle wacht. Gute Nacht, Heiapopeia! Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia. Treuer Gott, du bist nicht weit, Und so ziehn wir ohne Harm In die wilde Einsamkeit Aus des Hofes eitelm Schwarm. Du wirst uns die Hütte bauen, Daß wir fromm und voll Vertrauen Sicher ruhn in deinem Arm. Gute Nacht, Heiapopeia! Singt Gockel, Hinkel und Gackeleia. Als dieß Lied zu Ende war, ward der hohe Eichenwald lichter. Sie hörten ein Geklapper, und Gackeleia blickte in die Höhe und schrie. »ach, der Klapperstorch, der Klapperstorch mit seinen Jungen, da oben steht er auf der hohen Mauer, ach, was hat der aber ein großes Nest, o da will ich mich auch einmal hineinsetzen und mit ihm klappern!« Nun waren die Reisenden an dem ganz verwilderten Raugräflich Gockelschen Schloßgarten angekommen. Da war an kein Durchkommen zu gedenken, und Gockel sprach zu Frau Hinkel, indem er seine Erbhühnertrage absetzte, und das Grafenschwert von ihr losband und herauszog: »setze deinen Korb ab, schürze deinen Rock nieder, streiche dein Haar zurecht, dort an dem alten Springbrünnchen wasche dich, bade dir die Füße, ruhe ein bischen aus, damit wir mit Respekt einziehen. Thue der Gackeleia eben so. – Ich will indessen mit meinem Grafenschwert hier das wilde Genist lehren, daß man seinem Herrn den Weg nicht verrennt.« Nun setzten sich Frau Hinkel und Gackeleia an das Brünnchen, wuschen und musterten sich, und Gackeleia patschte mit ihren erhitzten Füßchen in dem kalten Wasser herum. Gockel aber erhob sein Grafenschwert, und hieb kreuz und quer mit großer Kraft einen Weg durch die wildverwirrten Hecken, Büsche und Bäume. Er nannte jedes Gesträuch, das er zusammenhieb, mit Namen, und weil er schnell arbeitete, so verkürzte er die Worte – er schrie: »Potz Stachel-, Kreusel-, Preißel-, Kloster-, Hollunder-, Wachholder-, Berberitzen-,Johannis-, Brom-, Himbeeren! ich will euch lehren, mir mein Haus zu sperren! – Potz Quentel, Lavendel, Bux, Taxus, Mispel, Quitten und Hassel! – Potz Thymian, Majoran, Baldrian, Rosmarin, Hisop und Salbei!« und mit jedem Worte ein Schwertschlag, der ihm den Weg öffnete und mit Zweigen, Blättern und Blumen bestreute. Als er so bis in die Nähe des Schloßthores gekommen, kehrte er zu den Seinigen an das Brünnchen zurück. Gockel hatte sich ganz müde gearbeitet, auch er wusch und erquickte sich an dem Wasser. Frau Hinkel hatte sich recht frisch und sauber gemacht. Sie hatte Gackeleia einen schönen Blumenkranz aufgesetzt und ihr das Hühnernest mit harten Brosamen, welche sie am Brunnen erweicht, gefüllt, diese sollte sie beim Einzug in das Schloß den Vögeln ausstreuen. Das war so, als wenn bei der Kaiserkrönung zu Frankfurt Gold ausgeworfen wird. Nun nahm Gockel seine Hühnertrage, Frau Hinkel den Hühnerkorb wieder auf und Gackeleia trug das Nest voll Brosamen vor sich; so giengen sie durch den Weg, den Gockel gehauen hatte, auf das Schloßthor zu. Gackeleia nahm sich Zeit, sie pflückte links und rechts viele Brombeeren und Heidelbeeren, und als der Vater sie heranrief, in das Schloß einzugehen, hatte sie die Hände und das halbe Gesicht schwarz wie ein Mohrenkind. Gockel riß mit der Hühnerstange, die er trug, eine dichte Epheudecke auseinander, welche das Gartenthor zugesponnen hatte, und sie traten vor das wunderbare Raugräfliche Schloß in seinem vollen Glanz. Der Empfang war feierlich; aus den leeren Fensteröffnungen des Schlosses hingen Teppiche von Epheu und mancherlei Blumen nieder, und wehten blühende Gesträuche wie festliche Fahnen, und zwischen ihnen durch sah der stille Abendhimmel in purpurnem Gewande herab. Die vielen Säulen und Bildwerke des Schlosses hatten Wind und Wetter und die vier Jahreszeiten seit lange mit dem schönsten Laubwerke verziert. Der Hahn Alektryo saß auf dem steinernen Wappen über dem Thore, schüttelte sich, schlug mit den Flügeln und krähte als ein rechtschaffener Schloßtrompeter dreimal lustig in die Luft, und alle Vögelein, die in dem verlassenen, Baum durchwachsenen Baue wohnten, und welchen der Hahn die Ankunft der gnädigen Herrschaft verkündiget hatte, waren aus ihren Nestern herausgeschlüpft und schmetterten lustige Lieder in die Luft, indem sie sich auf den blühenden Hollunderbäumen und wilden Rosenhecken schaukelten, welche ihre Blüthen vor den Eintretenden niederstreuten. Der Storch auf dem Schloßgiebel klapperte dazu mit seiner ganzen Familie, so daß alles wie eine große Musik mit Pauken und Trompeten klang. Gockel, Hinkel und Gackeleia hießen alle willkommen, und Gackeleia streute mit vollen Händen die Brosamen aus, was mit großem Beifall von allen den Vögeln aufgenommen ward. Hierauf zogen sie in die alte verfallene Schloßkapelle, knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei dem Grabstein des alten Urgockels von Hanau nieder, sagten Gott für ihre glückliche Reise Dank, und flehten ihn um fernern Schutz und Segen an. Während ihres Gebetes waren alle Vögel ganz stille, und da sie sich von den Knieen erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann und Schlüsseldame, an der Thüre, sie sollten ihnen nach dem ausgesuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und der Hahn und die Henne schritten gackernd und majestätisch über den Schloßhof auf den sehr kunstreich von Stein erbauten Hühnerstall zu, dessen Dach allein im Schloße bis auf einige Lücken im Stande war. Als Alektryo über die Schwelle schritt, bückte er sich tief mit dem Kopf, als befürchtete er, mit seinem hohen rothen Kamme oben anzustossen, da die Thüre doch für einen starken Mann hoch genug war; aber dieses war im Gefühle seines Adels, denn alle hohen Adeligen und alle gekrönten Häupter pflegten in den guten alten Zeiten es so zu machen, wenn sie durch ein Thor schritten; das kam aber von den erstaunlich hohen Federbüschen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen getragen hatten. In diesem Hühnerstalle nun, dessen Fenster in ein kleines Gärtchen giengen, richteten sie sich ein, so gut sie konnten; Gockel hängte seine Erbhühnertrage an einen Haken hoch an der Wand auf, stellte die Hühnersteige daran, und Alektryo und Gallina sagten gute Nacht und spazierten sogleich fein ordentlich hintereinander hinauf und setzten sich still zusammen und ließen sich was träumen. – Frau Hinkel stellte den Korb, den Spinnrocken, den Bratspieß, die Pfanne, die Schüssel, den Topf und den Wasserkrug an ihre Stelle, und Gackeleia setzte das Hühnernest, wo es hin gehörte. – Dann machte Gockel aus grünen Zweigen zwei große und einen kleinen Besen, und fegte mit Hinkel und Gackeleia den Boden ein wenig rein. Gackeleia fuhr ganz stolz und geschäftig mit ihrem Besen umher. Nun machten sie ein Lager von Moos und dürren Blättern, worüber Gockel seinen Mantel und Hinkel ihre Schürze breitete. Dann betete Gockel ein kurzes Nachtgebet vor, worauf sie sich schlafen legten, Gockel rechts, Hinkel links, das Töchterlein Gackeleia in der Mitte zwischen beiden. Von der Reise und der Arbeit ermüdet, schliefen sie alle bald ein. Gegen Mitternacht rührte sich plötzlich der wachsame Schloßhauptmann Alektryo mit warnender Stimme auf seinem Sitz, und Gockel, der vor allerlei Gedanken, wie er seine Familie ernähren solle, nicht fest schlief, richtete sich auf und blickte umher, was vorgehe. Da sah er an der offnen Thüre, durch welche der Mond schien, eine große lauernde Katze, die auch sogleich einen heftigen Sprung herein that. In demselben Augenblick hörte Gockel ein Gepfeife, und fühlte, daß ihm etwas Lebendiges in den weiten Aermel seines Wammses hineinlief. Alektryo und Gallina erhoben ein banges Geschrei wegen der Katze. Gockel sprang auf, verjagte die Feindin und warf ihr einen Stein nach. Dann zog er an der Pforte die Thierchen, die ihm in den Aermel geschlüpft waren, hervor, und erkannte im Mondschein zwei weiße Mäuschen von außerordentlicher Schönheit. Sie waren nicht scheu vor ihm, sondern setzten sich auf seiner Hand auf die Hinterbeine, und zappelten mit den Vorderpfötchen, wie ein Hündchen, das bittet, was dem alten Herrn wohl gefiel. Er setzte sie in seine Gockelsmütze, legte sich wieder nieder und diese neben sich, mit dem Gedanken, die guten Thierchen am folgenden Morgen seinem Töchterchen Gackeleia zu schenken, welche sehr ermüdet, wie ihre Mutter, nicht erwacht war. Als Gockel wieder eingeschlafen war, machten sich die zwei Mäuschen aus der Pudelmütze wieder heraus und unterhielten sich miteinander. Die eine sprach: »Ach Sissi, meine geliebte Braut, da hast du es nun selbst erlebt, was dabei herauskommt, wenn man des Nachts so lange im Mondschein spazieren geht, habe ich dich nicht gewarnt?« – Da antwortete Sissi: »O Pfiffi, mein werther Bräutigam, mache mir keine Vorwürfe, ich zittere noch am ganzen Leibe vor der schrecklichen Katze, und wenn sich ein Blatt regt, fahre ich zusammen, und meine, ich sehe ihre feurigen Augen.« – Da sagte Pfiffi wieder: »Du brauchst dich nicht weiter zu ängstigen, der gute Mann hier hat der Katze einen so großen Stein nachgeworfen, daß sie vor Angst schier in den Springbrunnen gesprungen ist.« – »Ach!« erwiederte Sissi, »ich fürchte mich nur auf unsre weite Reise, wir müssen wohl noch acht Tage laufen, bis wir zu deinem königlichen Herrn Vater kommen, und da jetzt einmal eine Katze uns ausgekundschaftet hat, werden diese Freilaurer an allen Ecken auf uns lauern.« – Da versetzte Pfiffi: »wenn nur eine Brücke über das Flüßchen führte, das eine halbe Tagreise von hier durch den Wald fließt, so wären wir bald zu Haus; aber nun müssen wir die Quelle umgehen.« – Als sie so sprachen, hörten sie eine Eule draus schreien und krochen bang tiefer in die Mütze. – »Auch noch eine Eule,« flüsterte Sissi, »o wäre ich doch nie aus der Residenz meiner Mutter gewichen,« und nun weinte sie bitterlich. – Der Mäusebräutigam war hierüber sehr traurig, und überlegte her und hin, wie er seine Braut ermuthigen und vor Gefahren schützen solle. – Endlich sprach er: »geliebte Sissi, mir fällt etwas ein; der gute Mann, der uns in seine Mütze gebettet hat, würde uns vielleicht sicher nach Hause helfen, wenn er unsere Noth nur wüßte. Lasse uns leise an seine Ohren kriechen und ihm recht flehentlich unsere Sorgen vorstellen; ich will zuerst mit ihm sprechen, hilft das nicht, dann rede du in deinen süßesten Tönen zu ihm, wer kann dir widerstehen? aber ja recht leise, damit er nicht aufwacht, denn nur im Schlafe verstehen die Menschen die Sprache der Tiere.« – Sissi war sogleich bereit und nahte sich besinnend dem linken Ohre Gockels. Pfiffi aber lief zum rechten Ohre und sang, nachdem er sich auf die Hinterbeine gesetzt und seinen Schweif quer durch das Maul gezogen hatte, um seiner Stimme, welche durch das Kommandiren bei der letzten Revue etwas rauh geworden war, einen mildern Ton zu geben. Ich bin der Prinz von Speckelfleck Und führe heim die schönste Braut; Die Katze bracht' ihr großen Schreck, Sie bangt um ihre Sammethaut. Ach, Gockel, bring uns bis zum Fluß Und bau uns drüber einen Steg, Daß ich mit meiner Braut nicht muß Den Quell umgehn auf weitem Weg. Gedenken wird dir's immerdar Ich und der hohe Vater mein; Ist's auch nicht gleich, vielleicht aufs Jahr Stellt Zeit zu Dank und Lohn sich ein. – Doch was brauchts da viel Worte noch, Hart wird es mir, der edeln Maus, Vor deinem großen Ohrenloch Zu betteln. – Ich, der stets zu Haus Als erstgeborner Königssohn Gefürchtet und befehlend sitzt Auf einen Parmesankästhron, Der stolze Butterthränen schwitzt, Sag dir hiemit, erwähl' dein Theil, Nimm mich und meine Braut in Schutz, Schaff uns nach Haus gesund und heil, Sonst biete ich dir Fehd' und Trutz. Wenn uns die Katze auch nicht beißt, Maulleckend nur die Zähne bleckt, Miauend meine Braut erschreckt, Woran viel liegt, was du nicht weißt, Krümmt sie uns nur ein einzig Haar, Faßt uns ein wenig nur beim Schopf, – Vielmehr, – frißt sie uns ganz und gar, So kommt die That auf deinen Kopf, Wonach du dich zu richten hast! Gegeben vor dem Ohrenloch Des Wirthes, auf der dritten Rast Von unsrer Brautfahrt, da ich kroch In seinen Aermel vor der Katz, Nebst meiner Braut aus großem Schreck, Worauf in seiner Mütze Platz Er uns gemacht. Prinz Speckelfleck. Punktum, Streusand, nun halte still, Ins Ohr beiß ich dir mein Sigill. Nach dieser ziemlich unhöflichen Rede biß Prinz Speckelfleck den ehrlichen Gockel so derb ins Ohrläppchen, daß er mit einem lauten Schrei erwachte und um sich schlug. Da flohen die beiden Mäuse in großer Angst wieder in die Pudelmütze. – »Nein das ist doch zu grob, einen ins Ohr zu beißen,« sagte Gockel. Da erwachte Frau Hinkel, und fragte: »wer hat dich denn ins Ohr gebissen, du hast gewiß geträumt.« – »Ist möglich,« sagte Gockel, und sie schliefen wieder ein. Nach einer Weile sprach Sissi zu Pfiffi: »Aber um alle Welt, was hast du nur gethan, daß der Mann so bös geworden?« – Da wiederholte ihr Pfiffi seine ganze Rede, und Sissi sagte mit Unwillen: »Ich traue meinen Ohren kaum, Pfiffi! kann man unvernünftiger und plumper bitten, als du? die niedrigste Bauernmaus würde sich in unsrer Lage diplomatischer benommen haben. Alles ist verloren, ich bin ohne Rettung in die Krallen der Katze hingegeben durch deine übel angebrachte Hoffart. – Ach mein junges Leben, o hätte ich dich nie gesehen! u. s. w.« – Pfiffi war ganz verzweifelt über die Vorwürfe und Klagen seiner Braut, und sprach: »Ach Sissi, deine Vorwürfe zerschneiden mein Herz, ich fühle, du hast recht; aber fasse Muth, gehe an das linke Ohr und wende alle deine unwiderstehliche Redekunst an – das linke Ohr geht zum Herzen, er erhört dich gewiß; o ich Unglücklicher, daß ich in die verwünschten standesmäßigen Redensarten gefallen bin!« – Da erhob sich Sissi, und sprach: »wohlan, ich will es wagen.« – Leise, leise schlüpfte sie wieder an das linke Ohr Gockels, nahm eine rührende Stellung an, kreuzte die Vorderpfötchen über der Brust, schlang den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das Köpfchen gegen das Ohr, und flüsterte so fein und süß, daß das Klopfen ihres bangen Herzchens schier lauter war, als ihr Stimmchen. Verehrter Herr! ich nahe dir Bestürzt, beschämt und herzensbang; Ich weiß, mein Bräutigam war hier Und ziemlich grob vor nicht gar lang; Auch war sein Siegel sehr apart, Mit Recht hast du ihn angeschnarrt! Weil er verwöhnt, von Noth entfernt, Als einz'ger Prinz verzogen ward, Hat er das Bitten nicht gelernt; Drum, edler Mann, nimms nicht so hart! Wie Grobseyn ihm, sey Höflichseyn Dir leicht, weil du erzogen fein. Er meints gewiß von Herzen gut, Doch kömmt beim Sprechen er in Zug, So regt sich sein erhabnes Blut, Und er wird gröber als genug. Bedenk, der Kinder Pfeife klingt, Wie ihrer Eltern Orgel singt; Doch reut's ihn immer hintendrein, Und in der Pudelmütze sitzt Jetzt krumm das arme Sünderlein Und seufzt und wimmert, daß es schwitzt, Und schimpft, daß ihm die Hofmanier So grob entfuhr zur Ungebühr. Bekennet hat er mir, der Braut, Die ihn erst tüchtig zappeln ließ, Ihm tüchtig wusch die grobe Haut, Die Nas' ihm auf den Fehler stieß, Und endlich, nach manch bitterm Ach, Dich zu versöhnen ihm versprach. Doch, daß ich selbst mich nicht vergess', Vergönne jetzt in Demuth mir Zu sagen, daß ich, was Prinzeß Bei Menschen ist, bin als ein Thier, Und zwar als kleine, weiße Maus, So schütt' ich nun mein Herz dir aus! – Prinzeß Sissi von Mandelbiß Fleht dich um Ritterdienste an; Du weißt aus dem Aesop gewiß, Was für die Maus ein Löw gethan, Und wie ihm dankbar half die Maus Dann wieder aus dem Netz heraus. Auch meinem Bräutigam und mir Hilf sicher in das Mäusereich, – Die Katz, das ungeheure Thier, Macht mich vor Schreck ganz todtenbleich! O hättest du ein Bischen nur Von Mausgeschmack und Mausnatur. O wüßtest du, wie weiß und zart, Wie lieblich ich an Leib und Seel, Gar nicht nach andrer Mäuseart, Ja unter allen ein Juwel, Du littest lieber selbst den Tod, Als du mich ließ'st in Katzennoth. Die Aeuglein sind wie Diamant, Die Zähne Perl und Elfenbein, Mein Leib ist zierlich und gewandt, Die Pfötchen rosenroth und klein, Die Oehrlein sind zwei Blumen zart, Die Nase einer Blüthe gleich; Wie Blüthenfäden ist mein Bart So rein, so fein, so weiß und weich. Schweig Mäulchen, pfiffiglich gespitzt, Von Schönheit, die der Leib besitzt, Sprich von der Kunst, dem Sinn, dem Geist, Von Leistungen, die jeder preis't, – Denn, wie Frau Catalani singt, Mein Stimmlein bei den Mäusen klingt. Man hat mich drum als Gegensatz Oft Mausalani auch genannt, Weil Cata etwas klingt wie Katz, Hat man das Wort so umgewandt; Das Lani ließ man angehängt, Weil man dabei an Wolle denkt. Verläugne nicht dein Zartgefühl, Laß rühren dich durch meinen Sang, Denn lockender als Flötenspiel, Als Harfenton und Geigenklang Fleht er aus meiner Brust heraus: Beschütz die kleine weiße Maus! Bei deiner hohen Adelspflicht, Die dich zum Schutz der Damen weiht, Beschwör ich dich, verlaß mich nicht! Vielleicht ist ja der Tag nicht weit, Daß ich dir wieder helfen kann – Doch danach frägt kein Edelmann! Wer mich zu retten einen Stein Der Katze in die Rippen warf, Wer zugab, daß der Liebste mein An meiner Seite schlummern darf In seiner Mütze weich und warm, Der schützt mich auch mit starkem Arm! Erlaub nun, daß dir als Sigill Der Wahrheit, ohne Hinterlist Hier einsamlich und in der Still Das Ohrläppchen demüthig küßt, Was niemals sie noch that gewiß, Prinzeß Sissi von Mandelbiß. Nun küßte sie ganz leise das Ohrläppchen Gockels, und weil er im Schlafe etwas durch die Nase pfiff, glaubte sie, er sage ihr in der Mäusesprache die artigsten Sachen und verspreche ihr seine Hilfe für ganz gewiß. Mit leichtem Herzen begab sie sich daher in die Mütze zurück und verkündigte ihrem Bräutigam den guten Erfolg ihrer Bitten, worauf dieser sie zärtlich umarmte. Jetzt aber war die Stunde gekommen, da die schwarze Nacht gegen Morgen ergrauet, und Alektryo, als ein getreuer Burgvogt, streckte dem anbrechenden Lichte seinen Hals entgegen, um es zum erstenmal mit einem krähenden Trompetenstoße zu bewillkommen. Da erwachte Gockel und Frau Hinkel, Gackeleia aber schlief fest. Frau Hinkel fragte ihren Mann, warum er denn heute Nacht so unruhig gewesen, und wie er nur geträumt habe, daß ihn jemand ins Ohr gebissen. Da zeigte Gockel ihr die weißen Mäuschen in seiner Mütze, und erzählte ihr, was ihm alles mit ihnen geschehen sey, und daß er versprochen habe, ihnen zu helfen; »und das will ich auch thun,« fuhr Gockel fort, »ich will beide sogleich über den nächsten Fluß bringen, wo sie bald außer Gefahr in ihrer Heimath sind.« Nun wollte er aufstehen und sich auf den Weg begeben, aber Frau Hinkel sagte: »du bist nicht recht klug; dir träumt, du hättest den Mäusen etwas versprochen und willst es ihnen nun im Wachen halten, und deßwegen willst du mich hier in der Wildniß mit Gackeleia allein lassen, wo du so nöthig bist, um aufzuräumen und alles in Ordnung zu bringen.« – Da erwiederte Gockel: »du hast scheinbar ganz recht, aber versprochen muß gehalten werden, ich habe mein Ehrenwort gegeben, und das ist mir so deutlich und gegenwärtig als der Biß in das Ohr.« – »Wenn aber der Biß,« sagte Frau Gockel, »ein Traum war, so war auch das Ehrenwort ein Traum.« Gockel sprach hierauf unwillig: »ein Ehrenwort ist nie ein Traum, das verstehst du nicht, und den Biß habe ich so deutlich gefühlt, daß ich mit einem Schrei erwachte, das Ohr brennt mich noch.« – »Laß doch einmal sehen,« sagte Frau Hinkel, und erblickte mit großer Verwunderung wirklich die Spur von fünf spitzen Zähnchen an Gockels Ohr. Als sie ihm dieses gesagt hatte, ließ er sich auch keinen Augenblick länger aufhalten, sprang vom Lager auf, nahm das Brod aus dem Hühnerkorb, schnitt ein Stück herunter, das er einsteckte, und sprach zu seiner Frau: »Hinkel räume einstweilen Alles hübsch auf, sieh dich im Schloße und der Umgebung um, und denke dir Alles aus, wie du es gerne zu unserer Haushaltung eingerichtet hättest; besonders gieb auf Alektryo und Gallina acht, weil es, wie du gehört hast, Katzen hier giebt; nach Mittag hoffe ich wieder hier zu seyn,« und nun nahm er seinen Reisestab in die Hand. Weil er aber die Mütze, aus der ihm die Mäuschen entgegenpfifferten, aufsetzen mußte, so nahm er ein leeres, mit zarten Federchen ausgefüttertes Vogelnest aus einem Baum, setzte die Mäuschen hinein, schob es in den Busen und gieng mit starken Schritten in den Wald gegen das Flüßchen hin. Nach ein paar Meilen Wegs ruhte er an einer Quelle, wo er sein Brod mit seinen Reisegefährten theilte. Da er aber endlich an den Fluß kam, gieng er auf und ab, eine schmale Stelle zu finden, fand auch endlich einen Ort, wo er das Flüßchen leicht mit einem Steine überwerfen konnte. Hier nun nahm er sich vor, die Mäuschen überzusetzen, aber keine Brücke, kein Kahn war da; er entschloß sich daher kurz, zog das Nest mit den Mäusen hervor, und sprach hinein: »lebet wohl, meine lieben Gäste; du Prinz von Speckelfleck befleiße dich besserer Sitten, und du Prinzeß von Mandelbiß bilde dir nicht so viel auf die Schönheiten ein, die du besitzest; übrigens bist du wirklich ein sehr schönes Thierchen! Lebt wohl, grüßt eure Anverwandten und vergeßt nicht den armen alten Gockel von Hanau.« Die Mäuschen wußten gar nicht, was er wollte, weil er schon Abschied nahm und sie doch noch diesseits des Flußes waren, auch kein Kahn und keine Brücke weit und breit zu sehen war; sie pfifferten ihm daher allerlei Fragen entgegen, aber er verstand kein Wort, ließ sich auch weiter auf nichts ein, sondern wickelte sie, nebst einer Erdscholle, in das Nest, holte weit aus und warf sie glücklich hinüber in das hohe Gras. Da sich von dem Falle das Nest drüben öffnete, schrieen die kleinen Thierchen noch immer sehr erstaunt, wie er sie nur hinüber bringen wolle, als sie zu ihrer größten Verwunderung sahen, daß sie bereits drüben waren und fröhlich nach Hause liefen, ihre Abentheuer zu erzählen. Auf dem Heimwege begegnete Gockel drei alten Morgenländern mit langen Bärten, welche große Naturphilosophen, Kabbalisten und Petschierstecher waren; sie führten einen alten Bock und eine alte magere Ziege an Stricken zur Frankfurter Messe. Sie redeten Gockel an: »seid ihr der Besitzer des alten Schloßes hier im Walde?« Gockel antwortete: »ja, ich bin der alte Raugraf, Gockel von Hanau.« Da fragten ihn die Männer, ob er ihnen nicht den alten Haushahn verkaufen wollte, sie wollten ihm den Bock dafür geben. Gockel antwortete: »was soll ich mit dem Bock, ihn etwa zum Gärtner machen, kann der Bock etwa krähen? Mein Hahn ist kein Alletagshahn, er ist ein Wappenhahn, ein Stammhahn; sein Vater hat auf meines Vaters Grab gekräht, und er soll auf meinem Grabe krähen, lebt wohl.« Da boten ihm die Männer die Ziege, und als er abermals nicht wollte, boten sie ihm den Bock und die Ziege; Gockel aber lachte sie aus und gieng seiner Wege. »Nun,« riefen sie ihm nach, »in vier Wochen gehen wir wieder vorbei, da wollen wir wieder nachfragen, vielleicht haben dann der Herr Raugraf mehr Lust, den Hahn zu verkaufen.« Gockel kam gegen Abend nach Haus, und nachdem er von seiner Reise ausgeschlafen hatte, sah er sich am andern Morgen mit Frau Hinkel und dem Töchterchen Gackeleia in dem wüsten Schloße seiner Vorältern um und begann sich so gut einzurichten, als es nur immer möglich war. Alektryo zog überall mit ihnen umher, und da er an einer Stelle nicht aufhörte zu scharren und zu locken, ward Gockel aufmerksam und räumte mühsam den Schutt hinweg, wo er dann zu seiner großen Freude einiges eiserne Gartengeräth fand, das von dem eingestürzten Hause verschüttet worden war. Da war ein Spaten, eine Pickel, eine Karst, eine Harke, und Gockel machte sich gleich daran, diese rostigen Instrumente wieder blank zu wetzen und neue Stiele hinein zu schnitzen. Mit diesem Werkzeug konnte er nun tüchtig in dem Schutt herum arbeiten, und es gelang ihm, am Fuße eines Rauchfangs, ein Kamin herauszugraben, in welchem der eiserne Kessel seiner Vorfahren noch an einer Kette über der Feuerstelle hing. Auch diesen scheuerte Frau Hinkel am Brunnen wieder blank, und Gockel richtete ihr das schöne Kamin zur Kochstelle ein. – Freudig rief er sie herbei und zeigte ihr die schöne Einrichtung; aber Frau Hinkel seufzte und sagte: »was soll uns der Herd, wenn wir nichts zu kochen haben?« – »Gott wird helfen,« sagte Gockel, und lehnte sich auf seine Schaufel; indem kam Gackeleia herangehüpft und hatte eine Menge bunte Vogelfederchen in ihrer Schürze gesammelt, und sagte: »Mutter, da sind so schöne Federchen, mache mir doch solche Hühnchen und Hähnchen daraus, wie du mir oft in Gelnhausen gemacht!« – Gockel sagte: »Kind, dich schickt Gott; ja, das thue Frau Hinkel, mache ein paar Dutzend solche Vögelchen, ich will sie für Brod und andres Nöthige verkaufen.« – Frau Hinkel, welche eine ganze Sammlung solchen kleinen Geflügels für das königlich Gelnhausenische Hühner-Normal-Museum verfertigt hatte, machte nun aus Lehm und diesen Federn allerlei artige kleine Vögel; die Beine und Schnäbel wurden aus Dorn gemacht, und sie sahen recht artig aus. An den Tagen, da sie hieran auf den verfallenen Stufen des trocknen Springbrunnens sitzend arbeitete, legte Gockel auf allen fruchtbaren Erdstellen zwischen den Mauern Gartenbeete an, ordnete und verband alle Winkelchen mit Zäunen und aus umherliegenden Steinen zusammengestellten Treppen. Er sammelte alle Gartengewächse, die im verwilderten Schloßgärtchen noch übrig geblieben waren, und pflanzte sie fein ordentlich in die neu angelegten Beete. Von den mitgebrachten Broden war das letzte schon seit einigen Tagen angeschnitten, und Frau Hinkel hatte die zwei Dutzend Federvögelchen fertig. Gockel nahm sie und sprach: »Diese Thierchen sollen uns Brod schaffen, bis wir lebendige Hühnchen zu verkaufen haben« und somit empfahl er ihnen fleißig zu seyn und gieng fort durch den wilden Wald nach der Landstraße zu. Kaum war er eine Stunde Wegs gegangen, als er einen Postillon ganz erbärmlich blasen hörte. Er gieng auf den Schall zu, und sah einen Mann in gelbem Rock mit schwarzen Aufschlägen im Gebüsch herum kriechen. Als sie sich erblickten, sagte dieser: »Gott sey Dank, daß da jemand kömmt, mir aus der Noth zu helfen.« – »Von Herzen gern, wenn's möglich ist,« erwiederte Gockel, »was giebt es, wo fehlt es?« – »Seht,« fuhr der Mann fort, »ich bin der Conducteur vom heiligen römischen Reichs-Postwagen und fahre jetzt nach Nürnberg; da ich durch Gelnhausen kam, war ein Lärm in der Stadt, daß der Hühnerminister, Alles zurücklassend, mit Frau und Kind verschwunden sey. Das ärgerte den König Eifrasius, er ließ mich zu sich rufen und sagte: »Herr Conducteur, will er mir gegen ein gutes Trinkgeld einen Gefallen thun?« – »Nicht mehr als Schuldigkeit, ihre Majestät,« sagte ich. – Da sagte der König: »Mein Hühnerminister, ein alter eigensinniger deutscher Degenknopf, ist in Gnaden entlassen auf und davon gegangen, und hat nicht einmal seinen Gehalt fürs letzte Vierteljahr mitgenommen; ich will ihm nichts schuldig bleiben; wie ich vermuthe, ist er in sein wüstes Stammschloß im Hanauer Wald gezogen. Nehme er ihm sein letztes Quartal mit und suche er ihn auszufragen; wenn er mir einen Zettel bringt, daß er es empfangen, so gebe ich ihm bei der Rückkehr ein gutes Trinkgeld.« – Ich war zu Allem bereit; man lud mir einen Sack voll Kartoffeln, einen Sack voll Mehl, einen Kuhkäs, einen Topf voll Butter, einige Laib Brod und einen Korb mit Eiern auf. Alles mit der Adresse, an Seine Hochgeborne Excellenz Herrn Raugrafen Gockel von Hanau, königlich Gelnhausenischen Exhühnerminister in – da steht ein Fragezeichen. – Nun fahre ich schon ein paar Stunden herum und kann das Schloß nicht finden, und ich führe noch herum – aber es geht nicht – denn der Postwagen ist mir umgefallen, und der ganze Korb mit Eiern ist mir zerbrochen, ihr werdet die Bescheerung sehen. – Ich ließ den Postillon schon eine Stunde lang um Hülfe blasen und suchte einstweilen, bis jemand käme, uns den Wagen aufrichten zu helfen, hier unter den Bäumen Pfifferlinge für einen Freund in Nürnberg. Das ist die Geschichte, jetzt kommt und helft.« Gockel umarmte den Conducteur, knöpfte seinen Wammes auf, zeigte ihm seinen Orden und gab sich als den Exhühnerminister zu erkennen. Niemand war froher als der Conducteur. Sie eilten nach dem umgefallenen Postwagen, trugen die Kartoffeln, das Mehl, das Brod, den Käs, die Butter, die Gockel gehörten, in ein dichtes Gebüsch, richteten den Postwagen wieder auf, wischten mit Gras das Eigelb von den zerbrochenen Eiern aus dem Wagen und schmierten die Räder damit. Gockel nahm seinen Siegelring, worauf ein doppelter Hahn eingestochen war, den er mit Eigelb bestrich und dem Conducteur in sein Postbuch als Bescheinigung des Empfangs abdruckte. – »Nun ist alles vortrefflich, Herr Graf,« sagte der Conducteur, »aber eine Gefälligkeit möchte ich mir erbitten. Ein Freund von mir, in Nürnberg, ein Liebhaber von Raritäten, hat auf der Durchreise in Gelnhausen, im königlichen Normalhühnermuseum, eine Sammlung kleiner, von Federn gemachter Hühnchen gesehen, und wünschte um Alles in der Welt zu wissen, wo dieselben verfertigt werden, er könnte bei seinem ausgebreiteten Handel wohl hundert Dutzend davon gebrauchen.« »Gut, mein Freund,« erwiederte Gockel, »ich kann sie Ihnen verschaffen, hier haben sie gleich zwei Dutzend von neuester Façon als eine Probe; wenn sie hier wieder vorbeifahren, legen sie nur dort in den hohlen Baum, was ihr Freund dafür bezahlt, sie sollen dort immer von Zeit zu Zeit einige Dutzend solchen Geflügels vorräthig finden. Wenn sie wieder kommen, bringen sie mir etwas Drath und Zwirn und eine halbe Elle rothes Tuch mit, die Beine und den Kamm an den Thierchen schöner machen zu können.« Der Conducteur versprach Alles, und da Gockel fragte, wie denn das Handlungshaus in Nürnberg heiße, zog er eine leere Rauchtabaksdüte aus der Tasche, füllte die Hühnchen hinein und zeigte Gockel die Adresse: Gebrüder Portorico ohne Rippen. – Da blies der Postillon recht ungeduldig. Gockel schüttelte dem Conducteur die Hand, der in den heil. römischen Reichspostwagen kroch, der gewiß sehr schnell fortgefahren wäre, weil er so gut geschmiert war – aber der Kasten war schwer, die Pferde müd, der Weg schlecht und der Postillon schlief. Gockel packte sogleich von Allem, was er erhalten hatte, so viel auf, als er tragen konnte, das Uebrige verdeckte er dicht mit Zweigen, um es Morgen vollends nach Haus zu bringen. Als er in das Schloß kam, rief er sogleich: »geschwind Frau Hinkel! den Kessel übers Feuer, ich bringe Lebensmittel,« und nun zeigte er, was er gebracht, und erzählte Alles, was er erlebt.« Frau Hinkel kochte Kartoffeln, machte gebrannte Mehlsuppe, backte Pfannkuchen. Sie assen fröhlich, streuten den Vögeln Brosamen und giengen zufrieden schlafen. Am andern Morgen holte Gockel den übrigen Vorrath und fuhr fort in dem wüsten Gebäude aufzuräumen und einzurichten. Ihr Leben ward täglich erträglicher in dem wilden Schloß. Gockel gieng oft ganze Tage in den Wald, bald zu jagen, bald um die Vögelchen und Hühnchen der Frau Hinkel in den hohlen Baum zu tragen, wo er immer für jedes zwei Kreuzer von Hrn. Gebrüder Portorico ohne Rippen durch den Conducteur und neue Bestellungen, und was er selbst bestellt, hingelegt fand. – Wenn Gockel weggieng, befahl er immer, was gearbeitet werden sollte, und Alektryo horchte seinen Aufträgen jedesmal sehr ernsthaft zu. Seine Befehle wurden aber nicht immer befolgt. Zum Beispiel: Gackeleia sollte aus Weidenruthen Hühnernester flechten und die Weidenruthen in den Brunnen vor dem Schloßgarten legen, damit sie sich recht geschmeidig flechten ließen; aber sie that das sehr nachlässig, war eine neugierige, naschhafte kleine Spielratze, guckte in alle Vogelnester, naschte von allen Beeren, machte sich Blumenkränze und hatte keine rechte Lust zum Arbeiten, weßwegen der strenge Alektryo sie manchmal mit großem Zorn ankrähte, so daß sie erschreckt zu ihrer Arbeit zurücklief. Darum faßte sie einen starken Unwillen auf den alten Wetterpropheten und verklagte ihn bei der Mutter. Auch diese hatte keine Liebe zu Alektryo, denn, wenn sie sich manchmal über der Gartenarbeit ermüdet auf einen Stein setzte und sehnsüchtig an die Fleischer- und Bäckerladen zu Gelnhausen dachte, begann Alektryo, der ihr immer wie ein beschwerlicher Haushofmeister auf allen Schritten nachgieng, auf den zu bestellenden Gartenbeeten zu scharren und zu krähen, um sie an die Arbeit zu erinnern. Als sie nun einstens so sitzend eingeschlafen war und vergessen hatte, der Henne Gallina Futter vorzustreuen und frisches Wasser zu geben, träumte ihr auch von den Gelnhausner Braten und Eierwecken so klar und deutlich, daß sie im Traum sagte: »ach es ist Wahrheit, es ist kein Traum;« da krähte ihr Alektryo so schneidend dicht in die Ohren, daß sie vor Schrecken erwachte und an die harte Erde fiel. Darum hatte sie noch einen viel größern Unwillen gegen den ehrlichen Stammhahn Alektryo, und jagte ihn überall hinweg, wo sie zu thun hatte. Auch hätte sie ihm gerne längst den Hals abgeschnitten, weil er sie alle Morgen um 3 Uhr von ihrem Lager aufweckte. Aber er war ihr zu der Hühnerzucht, auf welche Gockel alle seine Hoffnung gestellt hatte, gar zu nöthig. Wenn nun Gockel Abends heimkehrte, kam ihm gewöhnlich Alektryo entgegengeflogen, schlug mit den Flügeln und krähte ihm allerlei vor, als wolle er Hinkel und Gackeleia wegen ihrer Nachläßigkeit verklagen, und diese verklagten den Hahn wieder und es gieng ein strenges Nachforschen Gockels über Alles an, wo darin Hinkel und Gackeleia mancherlei Verdruß bekamen, so daß sie dem Alektryo täglich feindseliger wurden. Das Alles währte so fort, bis die Henne Gallina dreißig Eier gelegt hatte, auf denen sie brütend saß. Auf diese Brut setzte Gockel alle seine Hoffnung für die Zukunft, und zürnte darum so gewaltig auf Frau Hinkel, als sie die Vorsprecherin der Raubvögel werden wollte, die gern im Schloße aufgenommen gewesen wären, worüber ihr Gockel einen so derben Verweis gab, wie ich gleich anfangs erzählte. Die Freude des guten Gockels über seine brütende Henne war ungemein groß, und da er täglich erwartete, daß die kleinen Hühnchen auskriechen sollten, eilte er nach einer nahe gelegenen Stadt, Hirse zu ihrem Futter zu kaufen, und empfahl sowohl der Frau Hinkel als der kleinen Gackeleia sehr auf die brütende Gallina Acht zu haben, daß ihr ja niemals etwas mangle. Er gieng schon um Mitternacht weg, weil er einen weiten Weg vor sich hatte. Frau Hinkel dachte nun einmal recht auszuschlafen, und nahte sich dem Hahn Alektryo, der noch auf seiner Stange schlafend saß, ergriff ihn und steckte ihn in einen dunkeln Sack, damit er den anbrechenden Morgen nicht erblicken und sie mit seinem Krähen nicht erwecken möge, worauf sie sich wieder niederlegte und wie ein Ratze zu schlafen begann. Das Töchterlein Gackeleia aber schlief nicht viel, denn sie hatte sich schon lange darauf gefreut, wenn der Vater Gockel einmal länger abwesend seyn würde, sich ein Vergnügen zu machen, das sie gar nicht erwarten konnte. Sie hatte nämlich bei ihrem Herumklettern in einem entfernten Winkel des alten Schloßes eine Katze mit fünf Jungen gefunden und weder dem Vater noch der Mutter etwas davon gesagt, weil diese immer sehr gegen die Katzen sprachen. Gackeleia aber konnte sich nie satt mit den artigen Kätzchen spielen, sie brachte alle ihre Freistunden bei denselben zu und hatte der alten Katze den Namen Schurrimurri gegeben, die fünf Jungen aber Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog genannt. Heute stand sie nun in aller Frühe leise neben der schlafenden Mutter auf, froh, daß Alektryo sie nicht verrathen könne, denn sie hatte wohl bemerkt, daß die Mutter ihn in den Sack gesteckt. Als sie aber an dem Neste der brütenden Gallina vorübergieng, hatte sie eine wunderbare Freude, denn sieh da, alle die Eier waren kleine Hühnchen geworden, und piepten um die Henne herum und drängten sich unter ihre ausgebreiteten Flügel und guckten bald da, bald dort mit ihren niedlichen Köpfchen hervor. Gackeleia wußte sich vor Freude gar nicht zu fassen; anfangs wollte sie die Mutter gleich wecken, dann aber fiel es ihr ein, sie wolle es zuerst ihren kleinen Kätzchen erzählen, und meinte, die würden sich eben so sehr, als sie selbst, über die schönen Hühnchen freuen. Schnell lief sie nun nach dem Katzennest, und als ihr die alte Katze mit einem hohen Buckel entgegen kam und um sie herumzuschnurren begann, und die kleinen Kätzchen hinter ihr drein zogen, sprach Gackeleia: »Ach, Schurrimurri! Gallina hat dreißig junge Hühnchen, und jedes ist nicht größer als eine Maus.« Als die Katze dies hörte, war sie so begierig die Hühnchen zu sehen, daß ihr die Augen funkelten. Da sagte Gackeleia: »wenn du hübsch leise auftreten willst und nicht miauen, damit die Mutter nicht erwacht, so will ich dir die artigen Hühnchen zeigen; die kleinen Kätzchen können auch mitgehen, die werden große Freude an den Hühnchen haben.« Gleich lief nun Schurrimurri mit ihren Jungen vor Gackeleia her, und als sie an den Stall gekommen waren, ermahnte sie dieselben nochmals, recht artig zu seyn, und machte leise die Thüre auf. Da konnte sich aber Schurrimurri nicht länger halten, sie setzte mit einem Sprunge auf die brütende Gallina und erwürgte sie, und die jungen Kätzchen waren eben so schnell mit den jungen Hühnchen fertig. Das Geschrei der Gackeleia und der sterbenden Gallina weckte die Mutter, die noch auf dem Lager schlief und mit Entsetzen ihre ganze Hoffnung von der Katze erwürgt sah, die sich, nebst ihren Jungen, bald mit ihrer Beute davon machte. Gackeleia und Hinkel weinten und rangen die Hände, und der arme Alektryo, der das Wehgeschrei der Seinigen wohl gehört hatte, flatterte und schrie in dem Sack. Gackeleia wollte sterben vor Angst, sie umfaßte die Kniee der Mutter und schrie immer; »ach der Vater, ach der Vater, ach was wird der Vater sagen, ach er wird mich umbringen; Mutter, liebe Mutter, hilf der armen Gackeleia!« Frau Hinkel war nicht weniger erschreckt, als Gackeleia, und fürchtete sich nicht weniger als diese vor dem gerechten Zorne Gockels, denn sie hatte den wachsamen Alektryo in den Sack gesteckt. Als sie das bedachte, fiel ihr auf einmal ein, sie wolle den Hahn Alektryo als den Mörder der jungen Hühnlein angeben, und hoffte dadurch den Zorn Gockels auf diesen unbequemen Wächter zu wenden. Sie nahm daher den Sack, worin der Hahn war, und sagte: »komm Gackeleia, wir wollen dem Vater nacheilen und ihm den Alektryo als den Mörder der kleinen Hühner und der Gallina überbringen,« und so eilten sie nun beide den Gockel einzuholen, der im Walde herumstrich, einiges Wild zu erlegen, das er bei dem Krämer gegen Hirse vertauschen wollte. Bald sahen sie ihn auch in einem Busche zwei Schnepfen, die sich in einem Sprenkel gefangen hatten, in seinen Ranzen stecken; da fiengen sie laut an zu weinen. Gockel schrie ihnen entgegen: »Gott sey Dank, ihr weinet gewiß vor Freude, Gallina hat gewiß dreißig schöne junge Hühnchen ausgebrütet.« – »Ach,« schrie Frau Hinkel, »ach ja, aber!« – »Aber, was aber?« sagte Gockel, »was aber weint ihr, dreißig Hühner, und immer so fort, entsetzlich viele Hühner!« – Da rief Hinkel: »O Unglück über Unglück, Alektryo, dein sauberer Haushahn hat Gallina und alle die gegenwärtigen und künftigen Hühner gefressen! Da hab ich ihn in den Sack gesteckt, da hast du ihn, strafe ihn, ich will ihn nie wieder sehen.« Mit diesen Worten warf sie dem vor Schreck versteinerten Gockel den Sack mit dem Hahn vor die Füße. Gockel war über die schreckliche Nachricht, die alle seine Hoffnungen zerstörte, ganz wie von Sinnen; »ach,« rief er aus, »nun habe ich Alles verloren, das Glück weicht von meinem Stammhaus, alle meine Voreltern und Nachkommen sind betrogen durch den unseligen Alektryo, den wir über Menschen und Vieh hoch geachtet haben. O! hätte ich ihn doch den drei morgenländischen Petschierstechern für den Geisbock und die Ziege verkauft, da hätten wir doch etwas gehabt.« Als Frau Hinkel hörte, daß er den Alektryo so gut hätte verkaufen können, machte sie dem Gockel bittere Vorwürfe, der immer trauriger ward, und endlich seinen alten pergamentenen Adelsbrief aus dem Busen zog und zu seiner Frau sagte: »Hinkel, sieh, was meinen Stamm immer bewogen hat, den Alektryo zu ehren; da unten auf der goldenen Büchse, in welcher der treulose Alektryo als mein Familienwappen in Wachs abgebildet ist, steht ein alter Familienspruch, nach welchem ich mit allen meinen Vorfahren, von dem Geschlechte des Alektryo unser Glück erwartete. Die schriftliche Urkunde davon ist bei der Verbrennung unseres Schlosses verloren gegangen, mein Großvater hat den Spruch aber zum ewigen Angedenken auf die goldene Siegelbüchse stechen lassen. Er lautet ganz klar: ›Alektryo bringt dir Glücke selbst um Undank. Gockel – Kopf – Kropf – Siegel – Brod gab.‹ Was aber die Worte: Kopf, Kropf, Siegel, Brod gab, bedeuten sollen, weiß ich nicht.« Als er kaum die Worte ausgesprochen hatte, traten die drei Petschierstecher, die ihm neulich den Hahn abkaufen wollten, aus dem Gebüsch und sprachen: »was befehlen der Herr Graf Gockel von Hanau von uns?« – »Wie so,« sagte Gockel unwillig, »was soll ich befehlen?« – »Der Herr Graf,« antworteten die Männer, »haben doch unsre Namen, Kopf, Kropf und Siegel zweimal ausgesprochen, denn so heißen wir, seit unsre Vorältern nach Deutschland gezogen. – Aber vielleicht wollen der Herr Graf sich ein neues Petschaft stechen lassen; denn außerdem, daß wir in der Astrologie, Physiognomie, Chiromantie, Geomantie, Alektryomantie, Coscinomantie, Hydromantie, Crystallomantie, Cabbala, Goetie, Diplomatie und Prophetie unbegreiflich billige Privatstunden geben, und daß wir Hühneraugen schneiden, zerbrochenes Porzellain kitten und Kaffeemühlen scharf machen, sind wir hauptsächlich Petschierstecher, was durchaus zur Diplomatie, wegen der Siegelkenntniß an den Urkunden, und zur Verfertigung der Talismane nöthig ist. Ach, Herr Graf! es gehört heut zu Tag ein entsetzlicher Umfang dazu, um in den Wissenschaften komplett zu seyn; es werden grausame Forderungen gemacht, und was hat man davon, nichts als die Ehre, daß Alles in einander greift mit leeren Händen. Ja, wenn der Handel mit Vieh, mit alten Kleidern und Hasenpelzen nicht wäre – Herr Graf! – wahrhaftig die hohen Wissenschaften machen die Suppe nicht fett.« – »Also, daß ich meine Rede nicht vergesse, wollen der Herr Graf sich nicht ein Petschaft stechen lassen? – denn wir sehen, daß sie Ihr Siegel in den Händen haben, welches ein Siegel des Gleichnisses, voll der Weisheit und ausnehmend schön ist.« »Ach«, sagte Gockel, »ich möchte mein Wappen lieber ganz vernichten, denn der Hahn Alektryo, der darauf abgebildet ist, hat uns schändlich betrogen,« und nun erzählte er ihnen sein ganzes Unglück. – »Sehen der Herr Graf,« sagte der eine Petschierstecher, »wie gut wir es mit Ihnen gemeint, da wir Ihnen neulich den Hahn abkaufen wollten; haben wir nicht gesagt, Sie würden ihn nächstens vielleicht gern los werden, wenn ihn nur jemand wollte, das lehrte uns die Prophetenkunst.« »Wie so, gut gemeint,« sagte Gockel, »wie konntet ihr denn wissen, daß mich der Hahn in solches Leid versetzen werde?« Da erwiederte der eine Morgenländer: »dieß Leid ist ja deutlich in dem alten Familienspruch ausgesprochen, welchen unsre Vorältern selbst auf die goldne Siegelbüchse gestochen haben; weswegen auch abgekürzt unter dem Spruche steht, daß durch diese Arbeit Gockel dem Kopf , dem Kropf , dem Siegel Brod gab , und aus Dankbarkeit für dieses Brod, das Ihre Vorältern den unsern gegeben, wollten wir, da der Herr Graf in Ungnade und Armuth gerathen ist, Ihro Excellenz den Hahn abkaufen, weiteres Unglück von Ihnen abzuwenden.« »Das ist dankenswerth,« erwiederte Gockel, »aber ich sehe in dem Spruche gar keine Unglücksprophezeiung, sondern gerade das Gegentheil; steht nicht in den Worten: Alektryo bringt dir Glücke selbst um Undank. ganz deutlich ausgesprochen, daß der Hahn selbst für Undank seinem Herrn Glück bringen werde?« – »Ja,« sagte da der zweite Petschierstecher, »der Spruch ist, wie viele solche Sprüche, in der Flattirmanier gestellt, große Herrn flattirt man gern. Die Urkunde ist ein bischen verschmeichelt und aus Menschenfreundlichkeit ein wenig aufgemuntert; so wie man einem alten Roß die Haare aus den Ohren schneidet und die Zähne feilt, daß es jünger aussieht, haben unsre Vorfahren dem damaligen Graf Gockel den Schrecken ersparen wollen und haben ein r aus einem e und aus einem u ein ü gemacht, denn der Spruch heißt eigentlich: Alektryo bringt die Glucke selbst um, o Undank! was durch die Thatsache bewiesen ist, denn der undankbare Alektryo hat ja die Glucke sammt den Küchlein umgebracht; wir aber müssen dieses verstehen, denn wir sind von undenklichen Zeiten aus dem Stamme der Petschierstecher. Von unsern Vorältern ist das Siegel Juda, das Siegel Pharaos, das Siegel Ahabs, das Siegel Ahasveri und das Siegel des Darius gestochen, womit er den Daniel in die Löwengrube versiegelte. Wir sind Leute vom Fach, der Herr Graf können sich auf die Güte unsrer Auslegung verlassen, und so sie sich nicht von erster Qualität bewährt, können der Herr Graf sie uns wieder zurückgeben.« Gockel ganz von der Rede der Männer und seinem Unglücke überzeugt, bat sie, ihm doch nun den Bock und die Ziege für den Hahn zu geben, aber das wollten sie nicht mehr und sprachen: »was soll uns der Hahn, er ist ein Unglückshahn, er kann uns ein Leid anthun, wer wird einen Unglückshahn essen, und bleibt er am Leben, er könnte einem ein Unglück ankrähen; aber lassen ihn der Herr Graf einmal sehen, man kauft keine Katze im Sack, viel weniger einen Hahn.« Da zog Gockel den Hahn aus dem Sack, und sprach weinend: »o Alektryo, Alektryo! welch Leid hast du mir gethan.« Alektryo ließ Kopf und Flügel hängen und war sehr traurig; aber als ihm der eine Petschierstecher an den Kropf fühlen wollte, ward er ganz wüthend; alle seine Federn sträubten sich empor, er hackte und biß nach ihm und schrie und schlug so heftig mit den Flügeln, daß der Mann zurückwich, und Gockel den Hahn kaum halten konnte. »Schau eins,« sagten die drei Petschierstecher, »man soll noch Geld geben für so ein wildes Ungeheuer, es will die Leute fressen; wer wird ihn kaufen?« Als aber Gockel ihn immer wohlfeiler bot, sagten sie ihm endlich: »wir geben dem Herrn Grafen, wenn er uns den Hahn nach Hause tragen will, neun Ellen Zopfband dafür, daß er sich einen schönen langen Zopf binden kann, wie sichs einem Grafen gebührt,« und Gockel willigte ein, um nur etwas für den Alektryo zu erhalten. Frau Hinkel und Gackeleia hatten alles dieses still mit angehört und giengen mit schwerem Gewissen nach Hause, denn sie wußten wohl, daß die Dreie die Unwahrheit sagten. Gockel aber nahm den Alektryo unter den Arm und folgte traurig den drei Petschierstechern durch den Wald nach ihrem Wohnorte. Anfangs giengen sie dicht um ihn; weil der Hahn aber dann immer nach ihnen biß und schrie, baten sie Gockel, einige Schritte mit dem grausamen Ungeheuer hinter ihnen her zu gehen. Gockel hörte öfter, wie die drei unheimlichen Männer zu einander sagten: »Kropfauf, Siegelring, Kopf ab,« und wie sie dann miteinander zankten und immer einer zum andern schrie: »nein ich Siegelring, nein du Kropf auf, nein du Hals ab,« und als Gockel sie fragte, warum sie immer miteinander zankten, sagten sie: »ei, es will keiner von uns den Hahn schlachten, weil er ein so grausames Thier ist; wenn der Herr Graf ihn gleich schlachten, so wollen wir Ihro Excellenz den Kamm, die Füße und Sporen und Schweif geben, die können Sie auf die Mütze setzen zum ewigen Andenken, – ein schönes Monument, ein statuirtes Exempel für den Undank; drehen Sie ihm unterm Tragen doch ganz leise den Hals herum.« »Gut,« sagte Gockel, und faßte den Alektryo an der Kehle. Da fühlte er aber etwas sehr Hartes in seinem Kropfe, und der Hahn bewegte sich so heftig dabei, daß die Männer sich sehr fürchteten und zu Gockel sagten: »Ach gehen der Herr Graf ein wenig weiter hinter uns her.« Das that Gockel, und als er wieder an den Hals des Alektryo faßte, fühlte er das Harte im Kropfe wieder, und machte sich allerlei Gedanken, was es doch nur seyn könne. Da sagte auf einmal der Hahn mit deutlichen Worten zu ihm: »Lieber Gockel, bitt' dich drum Dreh mir nicht den Hals herum, Köpf mich mit dem Grafenschwert, Wie es eines Ritters werth. Weh, Graf Gockel, bittre Schmach! Trägt den Hahn den Schelmen nach.« Gockel blieb vor Schrecken und Rührung stehen, als er den Alektryo reden hörte, aber er besann sich bald eines Andern, und wollte ihnen nicht mehr den köstlichen Hahn, der reden konnte, um neun Ellen Zopfband nachtragen, und rief ihnen zu, links in das Gebüsch zu treten, jetzt wolle er das grausame Ungeheuer tödten. Sie sprangen schnell in das Gebüsch, aber da war eine mit Reisern bedeckte Wolfsgrube, die kannte Gockel gut, denn er hatte sie selbst gegraben, und Plumps fielen alle drei morgenländische Petschierstecher hinein, und riefen dem Gockel, ihnen herauszuhelfen; aber dieser gab keine Antwort, und schlich sich in die Nähe der Grube, um zu hören, was sie da unten für Betrachtungen anstellen würden. »O weh mir!« schrie der Eine, »da haben wir es, wer dem Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; was nützt uns nun der Siegelring des Darius, womit er die Löwengrube verschlossen, wir sitzen in der Wolfsgrube. Alle Mühe und Arbeit und Salomonis Siegelring in des Hahnen Kropf ist verloren für uns, der Gockel muß es gemerkt haben, daß Kopf, Kropf, Siegel nicht unsere Namen, sondern nur einzelne Worte des alten geheimen Spruches sind, welcher sagt: man müsse dem Hahnen den Kopf ab und den Kropf aufschneiden, um Salomonis Siegelring aus demselben zu erhalten, der einem giebt, Herz was verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Güter der Welt, Geld! – Geld! – Geld! – Geld!« – Dann schrie der Andere: »o wehe uns, daß wir jemals etwas von dem Ring in dem Kropfe des Hahnen erfahren haben; o hätten unsere Väter doch niemals in dem alten Gockelschloß nach Schätzen gegraben, und dort das ganze Geheimniß auf dem Grabsteine eingehauen gelesen, so hätten wir Ruhe gehabt, jetzt schwebt uns der Ring immer vor den Augen, der einem giebt, Herz was verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Güter der Welt! – Geld! Geld! – Geld! – Geld!« Nun schrie der Dritte: »o Unglück über Unglück, alle Mühe und Arbeit verloren! wie lange haben wir dem König von Gelnhausen zugesetzt, wie viel haben wir an seine Minister spendirt, bis sie den Gockel ins Elend gebracht, damit wir ihm den Hahn leicht abkaufen könnten; haben unsere Eltern doch allein das Petschierstechen gelernt, um dem Hahn näher zu kommen, da sie sein Portrait nach der Natur auf das Grafensiegel stachen, wo sie ihm auf den Zahn fühlen konnten, ob er nach dem Tod des frühern Hahns, als dessen erstgeborner Sohn, auch den Ring wieder im Kropf habe. – Wie haben wir müssen laufen von Heddernheim nach Krakau, von Krakau nach Bockenheim, von Bockenheim nach Constantinopel, von Constantinopel nach Fürth, von Fürth nach Jerusalem, von Jerusalem nach Worms, von Worms nach Cairo, von Cairo wieder nach Heddernheim und von Heddernheim wieder in die ganze Geographie, laufen, laufen um zu lernen die Kabbala, Gicks Gacks und Kikriki, die große Alektryomantie, bis wir endlich den Spruch auf dem Grabstein in der Burg Gockels verstehen konnten. – Weh, Alles umsonst, Alles verloren! Wenn wir nur aus dem Loche wären, und wer bezahlt mir nun die Katze, die ich mit ihren fünf Jungen selbst aus meinem Beutel gekauft und in das Schloß gesetzt habe, damit sie die Gallina sammt der Brut fressen sollte, auf daß dem Gockel der Hahn feil würde? Wer bezahlt mir die Katze? ich will mein Geld für die Katze. Hätte ich ihr den Pelz doch abziehen und sie als einen Hasen verkaufen und den Pelz auch verkaufen können, ich will mein Geld für die Katze! Die Katze ist verloren, der Ring ist verloren, der einem giebt, Herz was verlangst du? Jugend und Reichthum, alle Güter der Welt! – Geld! – Geld! – Geld! – Geld!« – Da Gockel über ihr Geschrei lachen mußte, glaubte der erste Petschierstecher, der zweite habe ihn ausgelacht, und schlug nach ihm; der schrie und sagte, der dritte sey es gewesen; da schlug dieser nach ihm und daraus entstand eine allgemeine Prügelei unter den Dreien, worüber Gockel mit Alektryo die Grube verließ und nach seinem Schloße in tiefen Gedanken zurückgieng. Gockel hatte gar vieles erfahren, die Lüge der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia, die Anwesenheit einer alten Schrift auf einem Grabstein in seiner Schloßkapelle, das Geheimniß von dem Siegelring in des Hahnen Kropf und die ganze Betrügerei der morgenländischen Petschierstecher. Alles dieses machte ihn gar tiefsinnig und betrübt; er drückte den edlen Hahn Alektryo einmal um das andremal an sein Herz und sagte zu ihm: »nein, du geliebter, ehrwürdiger, kostbarer Alektryo, und wenn du den Stein der Weisen in deinem Kropf hättest, du sollst darum durch meine Hand nicht sterben, und ehe Gockel nicht verhungert, sollst du auch nicht umkommen.« Nach diesen Worten wollte Gockel dem Alektryo einen Bissen Brod geben, der aber schüttelte den Kopf und sprach gar beweglich: »Alektryo in großer Noth, Gallina todt, die Hühnchen todt, Alektryo will mehr kein Brod, Will sterben durch das Grafenschwert, Wie es ein edler Ritter werth, Verlangt ein ehrlich Halsgericht, Wo Raugraf Gockel das Urtheil spricht, Und über die Katze das Stäblein bricht.« »O Alektryo,« sprach Gockel mit Thränen, »ein strenges Gericht soll über die Katze ergehen, deine verstorbene Gallina und deine dreißig Jungen sollen gerächt werden, und was noch von ihnen übrig ist, soll in einem ehrlichen Grabe bestattet werden; aber du, du mußt bei mir bleiben.« Der Hahn blieb immer bei seiner Rede, er müsse in jedem Falle sterben, und wolle ihn Gockel nicht enthaupten, so werde er sich zu Tode hungern; Gockel werde schon heute in der wüsten Schloßkapelle noch Alles erfahren und dann kurzen Proceß machen. Es war Nacht geworden: als Gockel nach Hause kam. Frau Hinkel und Gackeleia schliefen schon, denn sie erwarteten heute den Vater nicht zurück, weil sie glaubten, er sey mit den Käufern des Alektryo nach der Stadt gegangen. Zuerst schlich sich Gockel nach dem Winkel, wo die mörderische Katze mit ihren Jungen schlief, Alektryo zeigte ihm den Weg. Gockel ergriff sie alle zusammen und steckte sie in denselben Sack, in welchem Alektryo gefangen gelegen war. Ach wie trauerten Gockel und Alektryo, als sie die Federn und Gebeine der guten ermordeten Gallina und ihrer Küchlein um das Nest der Katze herumliegen sahen. Sie weinten bittere Thränen mit einander und Alektryo sammelte, mit seinem Schnabel herumsuchend, alle Beinchen und Federn der Ermordeten in die Mütze Gockels, der sie ihm hiezu hinhielt. Dann sprach Alektryo zu Gockel, indem er traurig vor ihm herschritt, Kamm und Schweif niedersenkte und die Flügel hängen ließ, als begleite er wie ein Kriegsmann mit gesenkter Fahne und niedergewendetem Gewehr eine Leiche zu Grab: Nun folg mir zur Kapelle, Daß diese theure Last Dort find' an heil'ger Schwelle Auf ewig Ruh und Rast. So giengen sie wie ein stiller Leichenzug zu der wüsten Kapelle, Alektryo sang eine leise Lamentation und die Vögel aus dem Schlafe erwachend guckten hie und da aus den Nestern und lamentirten, ohne die einfache Würde der erhabenen Trauerzeremonie zu stören, in sanfter Harmonie ein bischen mit. Der Himmel selbst hatte seine Sterne mit Wolken verhüllt und der Mond, mit Thränen im Auge, schimmerte bleich durch einen Schleier der Wehmuth. Die halbe Natur stimmte in das schöne Ganze dieser eben so rührenden als würdigen Feier mit ein, wobei auch die so sinnige Mitwirkung der Büsche und Kräuter und Blumen rühmlich zu erwähnen ist, denn die Glockenblumen, die ehr- und tugendsam Jungfer Campana läutet ganz mitleidig mit allen ihren blauen Glocken, und die bewußten weißen Rosen, die bei Feierlichkeiten immer so beliebten weißgekleideten Mädchen, gossen Schalen voll reichlichen Thränenthaus vor dem Zuge aus; man bemerkte unter den Leidtragenden die so achtbare Klagejungfrau Rosmarin, die demüthige Familie Thymian, die Miß Lavendel, die Comtesse Quentel und viele andre edle Familien. Auch die barmherzigen Schwestern Jungfer Melissa, Krausemüntze, Kamille, Schaafgarbe, Königskerze, Ehrenpreiß, Baldrian, Himmelsschlüßel bewiesen ihre innigste Theilnahme. Vor allen andern des schönen Blumengeschlechtes aber beurkundete Fräulein Reseda, welche so oft im Wochenblättchen anzeigt, daß sie mehr auf gute Behandlung als großen Gehalt sehe, den guten Geruch aller ihrer Verdienste. Der allgemeine Blumen-Notarius Publicus Salomons-Siegel bewährte durch seine Theilnahme, daß sein Name in großem Bezug mit diesem merkwürdigen Ereignisse stehe. Kurz die Theilnahme aller Kräutlein war so groß, daß sogar die faule Grethe unter ihnen bemerkt wurde, der redliche gute Heinrich hatte sie aufgeweckt, daß auch sie mit ihm dem Alektryo ihr Beileid bezeige. O wie kindlich, einfältig rührend sprach sich die Theilnahme der frommen Klosterschwestern, Marienkinder genannt, aus, welche ihr Klösterchen in dem mit Erde erfüllten trockenen Becken des verfallenen Springbrunnens zu Füßen des zerbrochenen Liebfrauenbildes bewohnten. Gackeleia nannte dieses mit lauter Marienpflänzchen überwachsene Brunnenbecken gewöhnlich ihr Marienklostergärtchen, und pflegte es besser, als alle anderen Gartenbeete. Alle Marienkäferchen, die sie fand, setzte sie hinein. Sie hatte sich eine Bank darin bereitet, und neben dieser stand das Kräutlein Unserlieb-Frauenbettstroh. Da trieb Gackeleia gewöhnlich ihre Spielereien. Sie hatte das liebe Dreifaltigkeitsblümchen, das auch Jelängerjelieber und Denkeli und unnütze Sorge genannt wird, zu Füßen des Liebfrauenbildes gepflanzt, weil die Mutter ihr gesagt hatte, daß dieß Blümchen in Hennegau Jesusblümchen heiße. Da nahm dann Gackeleia manchmal ein solches Jesusblümchen und legte es auf das Kräutchen Marienbettstroh und wiegte es hin und her und sang dazu: Da oben im Gärtchen, Da wehet der Wind, Da sitzet Maria Und wieget ihr Kind, Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Und brauchet dazu gar kein Wiegenband. Ich will mich zur lieben Maria vermiethen, Will helfen ihr Kindlein recht fleißig zu wiegen, Da führt sie mich auch in ihr Kämmerlein ein, Da singen die lieben Engelein fein, Da singen wir alle das Gloria, Das Gloria, Lieb Frau Maria! Als der Leichenzug Gallina's an diesem Mariengärtchen vorübergieng, war die Betrübniß von dessen Bewohnerinnen um so größer, als ihre Freundin Gackeleia diesen höchst traurigen Todesfall veranlaßt hatte; ach, sie fühlten Alle in ihrem frommen Herzen, als theilten sie die Schuld Gackeleia's. Da standen nun die lieben Kräutchen, die Marienkinder, in einer Reihe. Schwester Margarita Marienröschen, Schwester Chardonetta Mariendistel, Schwester Cuscutta Marienflachs, Schwester Spergula Mariengras, Schwester Gremila Marienhirse, Schwester Alchimilla Marienmantel, Schwester Mentha Marienmünze, Schwester Päonia Marienrose, Schwester Calceola Marienschuh und auch die kleine feine Novize Mignardisa Marientröpfchen hatte ihr gefranztes Trauerschleierchen ganz naß geweint. Alle standen sie in stiller Andacht und dufteten ein de profundis , und einer jeden hatten die Marienkäferchen eine brennende Kerze in die Hand gegeben, und die Laienschwestern Campanula, Marienhandschuh und Marienglöcklein läuteten mit den blauen, violetten und weißen Klosterglöckchen gar beweglich und harmonisch. Nirgends aber sprach sich Trauer, Mit- und Beileid tiefer und wahrer aus, als unter der uralten Linde, nahe bei dem Eingang in die Kapelle. Es müssen sich theure Gockelhinkelsche Erinnerungen an diese klassische Stelle knüpfen; Ortsnamen und Bewohner zeugen dafür. Die Linde heißt von Olims Zeiten her die Hennenlinde, das kleine Feldkreuz unter ihr, worauf eine Henne ausgehauen, heißt das Hennenkreuz. Die drei zu ewiger Anbetung und Fürbitte verlobten adeligen Klosterfrauen, die drei reinen schneeweißen Lilien, welche zu Häupten dieses Kreuzes stehen, sendeten Weihrauch und Gebete aus den Opferschalen ihrer Kelche empor. Zu Füßen des Hennen-Kreuzes trauerte in stummem Schmerz ein adeliger Fräuleinverein von lauter Pflanzen und Kräutern, welche der Gräfin Hinkel von Hennegau namensverwandt und seit Olims Zeiten in diesem Schloße einheimisch waren. Hier weinten unter dem Vorstand der alle Schmerzen übernehmenden Fräulein Grasette Fetthenne ihre stillen Thränen die edlen Fräulein Moscatellina von Hahnenfuß, Ornitogalia von Hühnermilch, Serpoleta von Hühnerklee, Morgelina von Hühnerbiß, Cornelia von Hahnenpfötchen, Osterlustia von Hahnensporn, Cretellina von Hahnenkamm und Esparsetta von Hahnenkämmchen. – Dank den edlen schönen Seelen! Es haben sich außerdem allerlei Gerüchte von außerordentlichen Erscheinungen verbreitet, die bei diesem Begräbniß eingetreten seyn sollen, und es ist noch jetzt das Gerede unter den Vögeln der Umgegend davon: »es sey ein Comet in der Gestalt eines Paradiesvogels am Himmel gesehen worden, und unter der Linde hätten die drei Lilien zu leuchten begonnen, Sterne seyen in sie niedersinkend gesehen worden und vor ihnen sey eine schöne edle Frau, eine Gräfin von Hennegau, erschienen und habe beim Vorübergang der Leiche die Worte gesungen: O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! worauf Alles verschwunden sey.« Wir stellen diese Gerüchte, als dem Reiche der Phantasie angehörig, unverbürgt dem Glauben eines jeden anheim. Als Gockel und Alektryo in der dachlosen, Busch und Baum durchwachsenen Kapelle mit den Ueberresten Gallina's angekommen war, schüttete er dieselben fein sachte auf die Stufen des zerfallenen Altares aus und zog seine Mütze wieder über die Ohren, weil er wohl wußte, es könne ihm bei seiner Anlage zu rheumatischem Kopf-, Zahn- und Ohrenweh unmöglich gesund seyn, das nicht mehr dicht behaarte Haupt dem kühlen Nachtthau auszusetzen. Hierauf sprach der treue Alektryo, der nicht von den Ueberresten seiner Familie wich, zu Gockel:       Wachholderstrauch       Macht guten Rauch. Zu Stambul hat der Großsultan Wachholder in dem Garten sein Und drum ein goldnes Gitterlein, Er zündet dran die Pfeife an Und hat recht seine Freude dran; Du Gockel brich Wachholder mir Zu dem Castrum Doloris hier. Da brach Gockel ihm Reiser von einem dort stehenden Wachholderbusch und flocht eine Art Nest daraus, welches er auf die Stufe des Altares setzte. Alektryo legte alle die Beinchen der Gallina und ihrer Jungen in diesem Nest in einen wohlgeordneten Scheiterhaufen zusammen, füllte diesen mit den Federn und legte den Kopf und die Köpfchen der Seinigen darauf. Indessen blickte Graf Gockel nachdenklicher als je den alten Grabstein an, der hinter dem Altar in der Wand eingemauert war; es war sein erster Ahnherr, der Urgockel, mit einem Hahnen auf der Schulter und einem ABC-Buch in der Hand, in bedeutender Größe darauf abgebildet, und zu seiner Linken war an der Mauer eine Reihe von Bildern aus seinem Leben in Stein gehauen. Gockel wußte nicht viel von dem Urgockel und noch weniger von der Bedeutung der Bilder; die Hauschronik war mit dem Schloß verbrannt. Er wußte nur den alten Familiengebrauch, daß die Grafen Gockel immer den Alektryo in Ehren hielten, und daß er ihrem Haus Glück bringe. Als Alektryo mit der Ordnung der Gebeine seiner Familie fertig war, scharrte er die Erde von einer Marmorplatte, die vor dem Altar am Boden lag, und Gockel reinigte sie vollkommen. Auf dieser Platte waren allerlei Zeichen, wie Hahnen und Hühner sie mit ihren Pfoten im Schnee machen, eingegraben. Alektryo sprach: Graf Gockel lies, Was heißet dies? Gockel konnte aus dem Gekritzel nicht klug werden und sprach: Alektryo, mein lieber Hahn, Wie sehr ich auch nachdenken mag, Kann ich kein Wörtchen doch verstahn Von dieser Kribbes-Krabbes-Sprach. Da erwiederte Alektryo: Der Ur-Alektryo dies schrieb Dem Ur-Gockelio zu lieb. Da keine Handschrift konnte lesen, Noch schreiben Ur-Gockelio, So ist ihm hier zu Dienst gewesen Mit Fußschrift Ur-Alektryo. Sein Lehrer war ein Indian, Ein Schreiber des Gott Hahnemann, Die Tinte war der Morgenthau, Die Federn waren Hahnenpfoten, Er schrieb auf Paradieses Au Zum reinen Kikriki die Noten; Doch als im Eifer eine Sau Er einstens hat hineingekleckst, Fiel gleich sein Stamm mit Kind und Frau Auf lange Zeiten aus dem Text; Bis er bei Job als Concipist Ward angestellet auf dem Mist. Was Hahn zu Hahn hat je gekräht, Der Schrei noch um die Erde geht; Was Hahn an Hahn vor Langem schrieb, Nicht immer ganz verständlich blieb. Weil Fußschrift auf die Fußschrift trifft, So ward es Kribbes-Krabbes-Schrift. Ein jeder liest sich erst hinein Was er sich gern heraus möcht' lesen, Oft giebt ein Strich, ein Pünktlein klein, Dem ganzen Sinn ein andres Wesen. So ward auch hier der dunkle Spruch Aus dein und meinem Schicksalsbuch, Der auch auf deinem Wappen steht, Von Schriftgelehrten bös verdreht; Doch weil ich kräh' nach Tradition, So kann ich noch mein Lektion. Nun las Alektryo ihm folgende Worte von der Marmorplatte: Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank. O Gockel hau ihm den Kopf ab, Schneid' ihm den Kropf auf, Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab. Da sah nun Graf Gockel deutlich, daß die Eltern der Petschierstecher schon seine Vorfahren bei dem Spruch auf dem Wappen betrogen hatten, und daß die Worte: Kopf, Kropf, Siegel gar nicht ihre Namen waren. Alles Gehörte erweckte dunkle Erinnerungen wie von Mährchen aus seiner frühesten Jugend in ihm, und begierig, von der Geschichte seiner Vorfahren etwas zu wissen, sprach er zu dem Hahnen: Alektryo! es ist curios, Du sprichst vom Ringe Salomo's Und von dem Urgockelio Und von dem Uralektryo; Mir ist, wenn ich dies Alles hör', Wie einer Eierschaale leer, Wenns Huhn, von dem sie war gelegt, Sich gacksend um sie her bewegt. Wer lang, wie ich, bei Hofe sitzt Im Hühner-Ministerium, Zuletzt gar von sich selbst ausschwitzt Das innere Mysterium. Mir ist so dumm, als ob ich sey Ein in der Stichedunklichkeit Der finstern Mittelaltrichkeit Gelegtes ausgeblas'nes Ei. Belehr mich doch! – ich weiß nicht mehr, Wo kommen alle wir nur her, Wo Gockel, wo Alektryo, Wo jener Ring des Salomo? Da erwiederte Alektryo: Du dauerst mich, du armer Tropf! Faß an den Ring in meinem Kropf, Sprich: Urgockel! dort an der Wand, Hast's ABC-Buch in der Hand, Gehorch' dem Ring des Salomon Und sag mir auf dein Lektion, Links vom Altar bis zu der Thür Die alten Bilder explizir'! Graf Gockel nahm nun den Alektryo unter den Arm, faßte mit der Hand an seinen Kropf und sprach diese Worte ganz feierlich zu dem Bilde Urgockels an der Wand. Da rauschte es dumpf in dem Steinbild, der steinerne Hahn Urgockels schlug sich mit den Flügeln in die Seite, daß Moos und Kalk niederfiel; er streckte den Hals und krähte, wenn gleich ein wenig heiser, doch so laut und feierlich, als wolle er den Schlafenden den jüngsten Tag verkünden, und Alektryo antwortete ihm mit ehrfürchtigem Ernst. Nun aber fiel hie und da brüchiges Gestein an der Wand rasselnd nieder, es regte sich das steinerne Bild Urgockels, hob langsam die Hände, streckte sich, rieb sich die Augen, gähnte etwas zu laut, machte aber dabei ein Kreuz vor den Mund, welches ein schönes Zeugniß für die fromme Sitte des finstern Mittelalters war; er schob sich auch die Mütze ein wenig hin und her und nießte sehr heftig, und Graf Gockel sagte ernsthaft: »wohl bekomm's!« und er erwiederte: »Schönen Dank!« – Dann aber stellte er sich ruhig in Positur, deutete der Reihe nach auf die Bilder an der Mauer hin und las dabei aus seinem ABC-Buch schön deutlich wie ein verständiger Knabe, aber freilich, wie es von seiner Zeit nicht anders zu erwarten war, ohne Gefühl, ohne Betonung, ohne Ausdruck, ohne Deklamation, etwas eintönig folgende Reime ab: Urgockel werde ich genannt, Zog weit umher im Morgenland Und schlief einst dorten auf dem Mist, Wo Job versuchet worden ist. Da träumte mir, der Dulder fromm Heiß' mich auf seinem Mist willkomm Und schenk' mir einen schwarzen Hahn Und spräch': »es hat des Hahnen Ahn Bei mir auf diesem Mist gekräht, Zu Gott geklagt, zu Gott gefleht, So klug, daß ich den Spruch erfand: Wer giebt dem Hahnen den Verstand? Leb wohl – er heißt Alektryo.« Da weckte mich auf meinem Stroh Ein ritterlicher Hahnenschrei; Ich sah, daß es derselbe sey, Den mir Herr Job im Traume gab, Er saß auf meinem Pilgerstab Und weckt' mit Schrei und Flügelschlag Sich, mich und auch den jungen Tag. Ich theilt' mit ihm mein Sorgenbrod Und zog mit ihm durch Morgenroth, Durch Mittagsgluth und Abendschein, Durch Mond- und Sternennacht, allein, Ach so allein, allein, allein, Als Mann und Hahn kann jemals seyn! Alektryo so mit mir kam Durch Persiam und Mediam, Armeniam, Mingreliam, Durch Gock- und Magockeliam; – In Montevillas Reisbuch stehn Die Länder all, die wir besehn. Wann Nachts ich ruht, da wacht' der Hahn, Zeigt' redlich mir die Stunden an, Da stand ich auf, that ein Gebet – Schlief wieder bis er wieder kräht'; Oft hielt sein Krähn – Lob Gott den Herrn, Die wilden Löwen von mir fern. Ich hatte ein Gelübd gethan, Zu Ehren Jobs mit meinem Hahn Zu schlafen stäts auf einem Mist, Weil da er mir erschienen ist. Zu Tadmor einst war meine Rast Am Mist vor Salomo's Palast; Da weckte mich Alektryo, Kräht' laut und scharrte aus dem Stroh Ein Kleinod licht, ein blinkend Ding Und steckte mir den Siegelring Selbst an den Finger meiner Hand. – Wer gab dem Hahnen den Verstand? – Den Ring ich gegen Morgen hielt, Der junge Tag drin lieblich spielt'; Ich dacht: wem nur das Wunderding, Der schöne Ring, verloren gieng? Da drangen gleich zu meinem Ohr Die Worte aus dem Ring hervor: – »Der Siegelring von Salomo Macht alle Menschen reich und froh, Wer an dem Finger um mich kehrt, Dem ist ein jeder Wunsch gewährt!« Da dankt ich Gott still im Gebet, Bis laut Alektryo gekräht, Und wünscht': »wär ich dem Land heraus, Mit Hahn und Ring bei mir zu Haus!« Als auf dies Wort den Ring ich dreh', Bei Hanau hier im Wald ich steh'; Mit Amen schloß mein Frühgebet, Der Morgenschrei war ausgekräht Im Walde hier, was Hahn und Mann Zu Tadmor eben erst begann. Ich fand nicht Vater, Mutter mehr, Sie waren todt – die Hütte leer! Ich dreh' den Ring – »hätt' ich ein Schloß Und Knecht, Magd, Ochs und Kuh und Roß!« Und sieh das Schloß stand alsobald Mit Knecht, Magd, Ochs, Kuh, Pferd im Wald. Ich dreh den Ring – »hätt' ich zur Frau Das liebste Herz aus Hennegau, Und hätt' mein Hahn ein Hühnlein gut, Es würde eine edle Brut.« Da hört' im Wald ich ein Geschrei Und eilt' mit Roß und Knecht herbei, Und bei der Hennen-Linde draus, Da hatt' ich einen blut'gen Strauß. Der Schrei von einem Fräulein war, Entführt von wilder Räuberschaar. Die Räuber schlug ich alle todt Und half dem Fräulein aus der Noth; Und in der Linde Schattenraum Sprach sie: »schon ründet sich mein Traum, Ich ward durch eines Hahnen Schrei Aus wilder Löwen Kralle frei, Giebt nun der Hahn mir noch den Ring, Dann Alles in Erfüllung gieng.« Ich gab den Ring dem lieben Bild, Vereint ward unser Wappenschild; Urhinkel wars von Hennegau, Der Kaiser gab sie mir zur Frau. Ein Huhn sie mir als Brautschatz gab, Das von dem Hahnen stammte ab, Der einstens krähte hell und klar, Als Petrus in Versuchung war. Es bracht' dies edle Huhngeschlecht Aus Syria ein Edelknecht, Der bei Pilati Leibwach stand, Salm hieß er, aus Savoierland. – Nun fing ich und mein edler Hahn Ein ritterliches Leben an; Ich hatte Söhnchen nach der Reih, Er Hahn und Hühnchen, Ei auf Ei! Ich dreht den Ring – den Grafenhut Hatt' ich sogleich, er stand mir gut. – Doch als ich ward ein edler Greis, Gedacht ich an die weite Reis, Ins andere gelobte Land. Ich dreht' den Ring – »hätt' ich Verstand!« Da war ich klug wie Salomo Und sprach da zu Alektryo: »Ich hab den Ring bald ausgedreht, »Und du die Zeit bald ausgekräht, »Es naht der Ring der Ewigkeit, »Da mißt kein Hahnenschrei die Zeit; »Die Schlange beißt sich in den Schweif, »Ohn' End und Anfang ist der Reif, »Und da es geht zum Ende nun, »Sprich, was soll mit dem Ring ich thun?« Alektryo sprach: »hör' sey klug! »Du läßst wohl Geld und Gut genug »Den Söhnen dein, sie können sich »Als Grafen nähren ritterlich; »Gäbst ihrer Einem du den Ring, »Gar leicht ein Zank und Streit angieng; »Er wünschte sich solch Glück und Ehr, »Daß drüber er sein Seel' verlör'! »Da Keiner von dem Ring noch weiß, »Wird Keinem um den Ring auch heiß. »Dem Erstgebornen gieb das Haus, »Die Andern statte reichlich aus; »So soll jed Erstgeborner thun, »Bis alle Gockel bei dir ruhn. »Ich, dein Alektryo, füg' bei: »Aus der Gallinen erstem Ei, »Der Erstling der Alektryonen, »Soll stäts bei allen Gockeln wohnen, »Daß er vor Mißbrauch und Gefahr »Dem Haus den Ring im Kropf bewahr'. »So komm' dein Ring von Kropf zu Kropf, »Dein Grafenhut von Kopf zu Kopf. »Und wenn erlischt der Mannesstamm »Vom Gockelhut, vom Hahnenkamm, »Schlägt ab des letzten Gockels Schwert »Dem Schluß-Alektryo den Kopf. »Und Salomonis Ringlein kehrt »In Grafen Hand aus Hahnen Kropf. »Der letzte Sproß den Ring dann dreht, »Bis neu der Hahn vom Tod ersteht, »Der auf den Wunsch von einem Kind »Das End vom Liede schnell ersinnt.« Zu mir dem Urgockelio Sprach so der Uralektryo, Und hat mit seinem Kopf gezuckt Und schnell in seinen Kropf verschluckt Den Siegelring des Salomo, Und hat dann dunkel, als Prophet, Den Schicksalsspruch mir vorgekräht, Der auf dem Grab und Wappen steht, Und richtig, ward er gleich verdreht, Noch heute in Erfüllung geht. Doch ich hab' nicht recht zugehört, Ich sprach im Bett zur Wand gekehrt: »Wer gab dem Hahnen den Verstand?« Dann reiste in das andre Land, Wohin den Weg noch jeder fand, Ich, der Urgockel, an der Wand! Nach diesen Worten schwieg Urgockel still und war ein lebloses Steinbild wie vorher. Graf Gockel, der während der Explication die Bilder der Reihe nach betrachtet hatte, schüttelte den Kopf und sprach: »curios, curios, was doch einem Menschen alles passiren kann. Es ist und bleibt doch halt immer ein höchst merkwürdiger klassischer Boden, die Gegend zwischen Hanau und Gelnhausen!« – dann wendete sich Gockel zu Alektryo und fuhr fort: »o! nun weiß ich Alles, verstehe ich Alles, theurer schätzbarer Freund meines Stammes; aber sage mir doch, wenn es zu fragen erlaubt ist, wie ist dann dieser unvergleichliche Siegelring Salomonis eigentlich in deinen Kropf gekommen?« – da erwiederte Alektryo: Urahnherr sterbend spie aus den Stein, Da schluckte ihn mein Ahnherr ein. Mein Ahnherr sterbend spie aus den Stein, Da schluckte ihn mein Großvater ein. Großvater sterbend spie aus den Stein, Da schluckt ihn mein Herr Vater ein. Herr Vater sterbend spie aus den Stein, Da schluckte ihn der Alektryo ein. Alektryo sterbend speit aus den Stein, Da kehrt er zu Gockel, dem Herren sein. Gallina todt, die Küchelchen todt – Alektryo frißt nun mehr kein Brod. Er will nun sterben durch Grafenschwert, So wie ein edler Ritter es werth! Was Uralektryo prophezeit, Geht Alles in Erfüllung heut. »Wohlan,« sprach Gockel, »so will ich dann sogleich allhier ein hochnothpeinliches Halsgericht halten, du sollst Zeter über die Mörder der Deinigen rufen und strenge Genugthuung erhalten. – Dann aber will ich an dir thun, was du verlangst. – Rufe sogleich als Herold meines Stammes alle Bewohner dieses Schloßes vor die Schranken.« Da nun eben der Morgen graute, flog Alektryo auf die höchste Giebel-Mauer des Schloßes und krähte dreimal so laut und heftig in die Luft hinein, daß sein Ruf wie der Schall einer Gerichtstrompete von allen Wänden wiederhallte, und alle Vögel erwachten und streckten die Köpfe aus dem Neste hervor, um zu vernehmen, was er verkünde; und da sie hörten, daß er sie zu Recht und Gericht gegen die mörderische Katze vor den Raugrafen Gockel von Hanau rief, fiengen sie an, mit tausend Stimmen ihre Freude über diesen Ruf zu verkünden, schlüpften alle aus ihren Nestern, schüttelten sich die Federn und putzten sich die Schnäbel, um ihre Klagen vorzubringen, und flogen in den Raum der Kapelle, wo sie sich hübsch ordentlich in Reih und Glied in die leeren Fenster, auf die Mauervorsprünge und auf die Sträucher und Bäume, welche darin wuchsen, setzten und die Eröffnung des Gerichts erwarteten. Als die Vögel alle versammelt waren, trat Alektryo vor den Hühnerstall, worin Hinkel und Gackeleia noch schliefen; und indem er gedachte, daß hier der Mord an der frommen Gallina geschehen, krähte er mit solchem Zorne in den Stall hinein, und schlug dermassen mit den Flügeln dazu, daß Frau Hinkel und Gackeleia mit einem gewaltigen Schrecken erwachten, und beide zusammen ausriefen: »o weh, o weh! da ist der abscheuliche Alektryo schon wieder, er ist gewiß dem Vater im Walde entwischt, wir müssen ihn nur gleich fangen.« Nun sprangen sie beide auf und verfolgten den Alektryo mit ihren Schürzen wehend; er aber lief spornstreichs in die Kapelle hinein; wie erschrecken Hinkel und Gackeleia, als sie daselbst auf den Stufen des Altares den Gockel mit finsterm Angesicht das grosse rostige Grafenschwert in der Hand haltend sitzen sahen. Sie wollten ihn eben fragen, wie er wieder hieher gekommen sey, aber er gebot ihnen zu schweigen und wies ihnen mit einer so finstern Miene einen Ort an, wo sie ruhig stehen bleiben sollten, bis sie vor Gericht gerufen würden, daß sie sich verwundert einander ansahen. Der Hahn Alektryo gieng immer sehr traurig und in schweren Gedanken mit gesenktem Kopfe vor Gockel auf und ab, wie ein Mann, der in traurigen Umständen sehr tiefsinnige, verwickelte Dinge überlegt. Ja es sah ordentlich aus, als lege er die Hände auf dem Rücken zusammen. Auch Gockel sah einige Minuten still vor sich hin und alle Vögel rührten sich nicht. Nun stand Gockel auf und hieb mit seinem Grafenschwert majestätisch nach allen vier Winden mit dem Ausruf: »Ich pflege und hege ein Hals-Gericht, Wo Gockel von Hanau das Urtheil spricht Und über den Mörder den Stab zerbricht.« Nach diesen Worten flog Alektryo auf die Schulter Gockels und krähte dreimal sehr durchdringlich. Frau Hinkel wußte gar nicht, was das alles bedeuten sollte, und schrie in grossen Aengsten aus: »o Gockel, mein lieber Mann, was machst du? ach ich unglückselige, er ist närrisch geworden!« Da winkte ihr Gockel nochmals zu schweigen, und sprach: »Wer kömmt zu Rüge, wer kommt zu Recht?« Da trat Alektryo hervor, und sprach mit gebeugtem Haupt: »Alektryo klagt, dein Edelknecht!« Ach! wie fuhr das der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia durch das Gewissen, als sie hörten, daß der Hahn reden konnte; sie zitterten, daß nun Alles gewiß herauskommen wurde. Da sprach Gockel: »Alektryo, was ward dir gethan?« Da antwortete Alektryo: »Graf Gockel, trag mir das Schwert voran, Trag es voran mit gewaffneter Hand, Dann rufe ich Zeter wohl durch das Land.« Da zog Gockel einen alten Blechhandschuh an die rechte Hand, in der er sein Schwert trug, und gieng so vor Alektryo, der ihm folgte, im Kreis durch die Kapelle wieder zu den Gebeinen Gallina's zurück. Da trat Alektryo zu den Gebeinen der Gallina und krähte Zeter mit zitternden Stimme. »Ach Herr, schau diese Gebeinlein an, Das war mein Weib und meine Brut, Die Katze zerriß sie und trank ihr Blut. Zeter über Schurrimurri und Gog, Mack, Benack, Magog, Demagog; Zeter und Weh und aber weh, Und immer und ewig Herr Jemine!« Bei diesen Worten krähte er wieder gar betrübt, und Gockel sagte: »Alektryo, du mein edler Hahn, Ich hörte, du hättest es selbst gethan. Nun bringe du mir auch Zeugen bei, Daß deine Klage wahrhaftig sey.« Da antwortete Alektryo: »Hier war ich schon lange ein lästiger Gast, Sie haben den redlichen Wächter gehaßt; Oft mußte ich hören den Wiegengesang, Der mir, wie ein Messer, die Kehle durchdrang: »Ha heia, popeia, schlag's Kickelchen todt, Er legt keine Eier und frißt mir mein Brod, Dann rupfen wir ihm seine Federchen aus, Und machen Gackeleia ein Bettchen daraus!« O wär ich gestorben! wie wär' mir jetzt gut Mit meiner Gallina und mit meiner Brut, Bei dir lieber Hiob, bei dir Salomo In himmlischen Höfen auf goldenem Stroh! Doch fehlte der Muth hier zu blutiger That, Ich sollte verderben durch Lug und Verrath. Weil oft ich zu früh das Gewissen erweckt, Ward mit dem Gewissen in Sack ich gesteckt. So hab ich gehört nur und hab nicht gesehn, Wie hier ist die gräßliche Unthat geschehn, Und lad' drum die lieben Schloßvögelein ein, Sie sollen wahrhaftige Zeugen mir seyn.« Nach diesen Worten fiengen alle die Vögel an, so gewaltig durcheinander zu zwitschern, zu schnurren und zu klappern, daß Gockel sprach: »Halt ein, hübsch stille, macht kein Geschrei, Ich will euch vernehmen nun nach der Reih'! Zuerst Frau Schwalbe, die früh aufsteht, An dich mein Zeugenruf ergeht.« Da flog die Schwalbe heran und sprach: »Noch zittere ich und beb ich, Es ist wirklich, gewiß, sicherlich geschehn, Sterb ich, oder leb ich, will ich's immer und ewig Sicherlich nimmer mehr wieder sehn; Wie die wilde Kätzin und ihre Kätzchen Sprangen mit zierlichen Sprüngen und Sätzchen Zum Nestchen und rissen ripps, rapps, Die Küchlein und ihr Mütterlein treu, Gripps, grapps in viele, viele Restchen, Und federwinzige Fetzen entzwei. Ich blieb drüber schier vor Schrecken Zwier im zierlichen Gezwitscher stecken. Wie ich eben im Begriffe bin gewesen, Meinen Kindern, wie üblich, gar lieblich Ein Capitel ersprießlich aus der Bibel Von Tobiä Schwälblein und Sälblein Exegisirend, explicirend zu lesen, Geschah das himmelschreiende grimmige Uebel; Als ich, wie's schicklich, erquicklich ist, Mit witziger, spitziger List Die Hirngespinnste meiner Gesichte, Die figürlichen, manierlichen Traumgedichte Den Kindern ein bischen zimperlich, spärlich, Doch ziemlich klimperklärlich Im glitzernden Frühlichts-Schimmer Spintisirlich rezitirte, ist, was ich gewiß nimmer Bis jetzt je gesehen, nie wieder will sehen, Die verzwiefelte, verzweifelte Misse – Misse – Missethat binnen kürzester Frist geschehen, Daß die wilde Kätzin ohne Rezepisse Und Gewissen die Gallina zerrisse; Sieh, es ist die fleißige, ämsige, sitzende, Giksende, gacksende, kratzende, kritzende Gickel, Gackel, Gallina nicht mehr, Das von weißen, weichen Ginster und Weidenzweigen Zierlich gewickelte, figürlich gezwickelte, fleur-de-lysirte, Gothisch verzierte, stilisirte, persisch ziselirte, Von piependen, trippelnden, nickenden, pickenden Küchelchen wimmelnde Erbhühnernest ist zerrissen, Zerbissen und lee, lee, lee, leer; Zwischen den Splittern zittern und wehen die Federchen rings her, Ich theile gewißlich mit denen, die drum wissen, Das stechende, beissende, böse Gewissen Immer und ewiglich nimmer nie, nie, nie, mehr!« Nach dieser sehr beweglichen Aussage der kleinen Schwalbe krähte Alektryo wieder: »Zeter über Schurrimurri und Gog, Mack, Benack, Magog, Demagog; Zeter und Weh und aber weh, Und immer und ewig, Herr Jemine!« Bei dem Krähen aber ward der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia fast zu Muthe, wie Einem, der seinen Herrn verläugnet hat, beim Hahnenschrei zu Muthe ward. Gockel sprach nun: »Hab Dank Frau Schwalbe, tritt von dem Plan, Nun komm Rothkehlchen als Zeug' heran.« Da flog das liebe kleine Rothkehlchen auf einen wilden Rosenstrauch in die Nähe des Altars und sagte: »Auf des höchsten Giebels Spitze Sang im ersten Sonnenblitze Ich mein Morgenliedlein fromm, Pries den lieben Tag willkomm. Bei mir saß gar freundlich lächelnd, Sich im Morgenlüftchen fächelnd, Der erwachte Sonnenstrahl, Unten lag die Nacht im Thal. Unten zwischen finstern Mauern Sah ich Katzenaugen lauern, Und ich dankte Gott vertraut, Daß ich hoch mein Nest gebaut. Und ich sah die Katze schleichen, Mit den Kätzchen unten streichen In den Stall, und hört' Geschrei, Wußt' bald, was geschehen sey; Denn sie und die Kätzchen alle Sprangen blutig aus dem Stalle, Trugen Hühnchen in dem Maul Und zerrissen sie nicht faul. Ach, da war ich sehr erschrecket, Hab' die Flügel ausgestrecket, Flog ins Nest und deckt' in Ruh Meine lieben Jungen zu. Ja ich muß es eingestehen, Hab' den bösen Mord gesehen, Und mein kleines Mutterherz Brach mir schier vor Leid und Schmerz!« Nach diesen Worten krähte Alektryo wieder: Zeter über Schurrimurri und Gog, Mack, Benack, Magog und Demagog! Zeter und Weh und aber Weh! Und immer und ewig, Herr Jemine! Nun hörte Gockel noch viele andere Vögel als Zeugen ab, und alle, vom Storch bis zur Grasmücke, erzählten, wie sie den Mord durch die Katze gesehen. Als aber Gockel sich nun zu Frau Hinkel und Gackeleia wendete und sie beide fragte, wie sie das hätten können geschehen lassen, da die Gallina doch dicht neben ihrem Ruhelager gebrütet habe, und wie sie Alles auf den edlen Alektryo geschoben hätten, sanken beide auf die Kniee, gestanden ihr Unrecht unter bitteren Thränen, und versprachen, es niemals wieder zu thun. Gockel hielt ihnen eine scharfe Ermahnung und bat den Alektryo, ihnen selbst ihre Strafe zu bestimmen. Der gute Alektryo aber bat für sie und verzieh ihnen selbst. Gockel sagte nun: »deine Strafe, Frau Hinkel, soll seyn, daß ich dir und deiner Tochter ein Hühnerbein und einen Katzenellenbogen in das Wappen setze zum ewigen Andenken für eure böse Handlung, und außerdem soll Gackeleia, weil sie die Katze Schurrimurri mit ihren verwegenen Söhnen, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog sich heimlich zum Spiele erzogen und durch diese ihre Spielerei ein solches Unglück angestellt hat, nie eine Puppe besitzen, nie mit einer Puppe spielen dürfen.« Ach, da fiengen Frau Hinkel und Gackeleia bitterlich zu weinen an. Gockel befahl nun dem Hahn den Scharfrichter zu holen, damit die Katze mit ihren Jungen hingerichtet würde. Da schrie der Hahn und alle Vögel: »das ist die Eule, die große alte Eule, die dort draus in der hohlen dürren Eiche mit ihren Jungen sitzt«, und sogleich ward die Eule gerufen. Als diese ernsthaft und finster wie ein verhaßtes, gefürchtetes, von allen andern Vögeln geflohenes Thier mit ihren Jungen zu der Kapelle mit schweren Flügeln hereinrasselte und mit dem Schnabel knappte und hu hu schrie, und die Augen verdrehte, versteckten sich die Vögel zitternd und bebend in alle Löcher und Winkel; und Gackeleia verkroch sich schreiend unter die Schürze ihrer Mutter, welche sich selbst die Augen zuhielt. Gockel aber legte den Sack, worin die böse Katze mit ihren Jungen stack, in die Kapelle und die Eule trat mit ihren drei Jungen vor den Sack hin und sprach: Ich komm zu richten und zu rechten Mit meinen drei Söhnen und Knechten; Nun höret ihr armen Sünder, Katz Schurrimurri und Kinder, Du Mack, du Benack und du Gog, Du Magog und du Demagog, Die ihr seid arme Sünderlein, Ein Exempel muß statuiret seyn. Nun Hackaug, Blutklau, Brich-das-Genick! Meine Söhne, macht eurer Meisterstück. Da wollten sie den Sack aufmachen und die Katzen vor aller Augen hinrichten, aber Gackeleia schrie so entsetzlich, daß Gockel der Eule befahl, mit ihren Söhnen den Sack fortzutragen und sich zu Hause mit den Katzen abzufinden, was sie auch buchstäblich gethan. – Ja, ja sie fanden sich mit ihnen ab! Als so dieses schreckliche Schauspiel vermieden war, trat Alektryo vor Gockel und verlangte, daß er ihm nun den Kopf abschlagen, sich den Siegelring Salomonis aus seinem Kropfe nehmen und ihn sodann mit den Gebeinen der Gallina und ihrer Jungen verbrennen sollte. Gockel weigerte sich lange, dem Begehren des Alektryo zu folgen, aber da er sich auf keine Weise wollte abweisen lassen und ihn versicherte, daß er sich doch in jedem Falle zu Tode hungern werde, so willigte Gockel ein; er umarmte den edlen Alektryo nochmals von ganzem Herzen. Dann streckte der ritterliche Hahn den Hals weit aus und rief, auf der Inschrift des Grabsteins scharrend, mit lauter Stimme aus: Alektryo bringt dir Glück selbst um Undank. O Gockel! hau' ihm den Kopf ab, Schneid' ihm den Kropf auf! Salomo's Siegelring Jedem noch Brod gab. Am Schluße dieser Worte schwang Gockel das Grafenschwert und hieb den Hals des Alektryo mitten durch, daß ihm der Kopf des Hahnen vor die Füße fiel und der todte Rumpf in den Scheiterhaufen sank. Gockel nahm das ehrwürdige Haupt bei dem Kamm, hob es empor, küßte es, schüttelte es dann über seiner Hand, und der Siegelring Salomonis fiel ihm hinein. Alle Anwesenden weinten, Gockel legte das Haupt zu dem Leibe auf den Scheiterhaufen der Gebeine Gallina's; alle Vögel brachten noch dürre Reiser und legten sie drum her, da steckte Gockel die Reiser an und verbrannte alles zu Asche; aus den Flammen aber sah man die Gestalt eines Hahns wie ein goldenes Wölkchen durch die Luft davon schweben. Nun begrub Gockel die Asche und deckte den Stein mit der Schrift wieder mit Erde zu, und hielt dann eine herrliche Leichenrede über die Verdienste Gallina's und besonders Alektryo's, wie des edlen Hahnengeschlechts überhaupt. Nachdem er die Herkunft Alektryo's von dem Hahne Hiobs nach der Erzählung Urgockels mitgetheilt hatte, sprach er unter Anderm: »Wer gibt die Weisheit ins verborgene Herz des Menschen, wer giebt dem Hahnen den Verstand? Gleichwie der Hahn den Tag verkündet und den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: »die Nacht ist vergangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werke der Finsterniß und anlegen die Waffen des Lichtes.« Wie lieblich und nützlich ist das Krähen des Hahnen; dieser treue Hausgenosse erwecket den Schlafenden, ermahnet den Sorgenden, tröstet den Wanderer, meldet die Stunde der Nacht und verscheuchet den Dieb und erfreuet den Schiffer auf einsamem Meere, denn er verkündet den Morgen, da die Stürme sich legen. Die Frommen weckt er zum Gebet und den Gelehrten ruft er, seine Bücher bei Licht zu suchen. Den Sünder ermahnet er zur Reue, wie Petrum. Sein Geschrei ermuthiget das Herz des Kranken. Zwar spricht der weise Mann: »Dreierlei haben einen feinen Gang und das Vierte geht wohl, der Löwe mächtig unter den Thieren, er fürchtet Niemand – ein Hahn mit kraftgegürteten Lenden, ein Widder und ein König, gegen den sich Keiner erheben darf« – aber dennoch fürchtet der Löwe, der Niemanden fürchtet, den Hahn und fliehet vor seinem Anblick und Geschrei; denn der Feind, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und suchet, wie er uns verschlinge, fliehet vor dem Rufe des Wächters, der das Gewissen erwecket, auf daß wir uns rüsten zum Kampf. Darum auch ward kein Thier so erhöhet; die weisesten Männer setzen sein goldenes Bild hoch auf die Spitzen der Thürme über das Kreuz, daß bei dem Wächter wohne der Warner und Wächter. So auch steht des Hahnen Bild auf dem Deckel des ABC-Buchs, die Schüler zu mahnen, daß sie früh aufstehen sollen, zu lernen. O wie löblich ist das Beispiel des Hahnen! Ehe er kräht, die Menschen vom Schlafe zu wecken, schlägt er sich selbst ermunternd mit den Flügeln in die Seite, anzeigend, wie ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er sie anderen lehret. Stolz ist der Hahn, der Sterne kundig, und richtet oft seine Blicke zum Himmel; sein Schrei ist prophetisch, er kündet das Wetter und die Zeit. Ein Vogel der Wachsamkeit, ein Kämpfer, ein Sieger wird er von den Kriegsleuten auf den Rüstwagen gesetzt, daß sie sich zurufen und ablösen zu gemessener Zeit. So es dämmert und der Hahn mit den Hühnern zu ruhen sich auf die Stange setzt, stellen sie die Nachtwache aus. Drei Stunden vor Mitternacht regt sich der Hahn, und die Wache wird gewechselt; um die Mitternacht beginnt er zu krähen, sie stellen die dritte Wache aus, und drei Stunden gen Morgen rufet sein tagverkündender Schrei die vierte Wache auf ihre Stelle. Ein Ritter ist der Hahn, sein Haupt ist geziert mit Busch und rother Helmdecke und ein purpurnes Ordensband schimmert an seinem Halse; stark ist seine Brust wie ein Harnisch im Streit, und sein Fuß ist bespornt. Keine Kränkung seiner Damen duldet er, kämpft gegen den eindringenden Fremdling auf Tod und Leben und selbst blutend verkündet er seinen Sieg stolz emporgerichtet gleich einem Herold mit lautem Trompetenstoß. Wunderbar ist der Hahn; schreitet er durch ein Thor, wo ein Reiter hindurch könnte, bücket er doch das Haupt, seinen Kamm nicht anzustoßen, denn er fühlt seine innere Hoheit. Wie liebet der Hahn seine Familie! Dem legenden Huhn singt er liebliche Arien: »bei Hühnern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht, die süßen Triebe mit zu fühlen, ist auch der Hahnen erste Pflicht;« – stirbt ihm die brütende Freundin, so vollendet er die Brut und führet die Hühnlein, doch ohne zu krähen, um allein Mütterliches zu thun. – O welch erhabenes Geschöpf ist der Hahn! Phidias setzte sein Bild auf den Helm der Minerva, Idomeneus auf sein Schild. Er war der Sonne, dem Mars, dem Mercur, dem Aesculap geweiht. O wie geistreich ist der Hahn! Wer kann es den morgenländischen Kabbalisten verdenken, daß sie sich Alektryo's bemächtigen wollten, da sie an die Seelenwanderung glaubten und der Hahn des Mycillus sich seinem Herrn selbst als die Seele des Pythagoras vorstellte, die inkognito krähte. Ja wie mehr als ein Hahn ist ein Hahn, da sogar ein gerupfter Hahn noch den Menschen des Plato vorstellen konnte«! u. s. w. Noch unaussprechlich vieles Erbauliche, Moralische, Historische, Allegorische, Medizinische, Mystische, selbst Politische brachte Gockel in dieser schönen Leichenrede an, welche auch oft von dem lauten Schluchzen und Weinen Gockels, der Frau Hinkel und der kleinen Gackeleia unterbrochen ward. Selbst alle Vögelein gaben ihre Rührung mit leisem Piepen zu verstehen; weil aber der größte Theil der Rede aus Coleri Haushaltungsbuch und aus Gesneri Vogelbuch u. s. w. herrührte, zogen sich die zuhörenden Vögel, denen es viel zu lang dauerte, nach und nach in der Stille zurück, – und da er nun gar noch allerlei Abergläubisches von der Alektryomantie, einer Art zauberischer Wahrsagerei vermittelst der Hahnen, und von dem Hahnenei, woraus die Basilisken entstehen, vorbrachte, ward Frau Hinkel auch etwas unruhig – doch hielt sie sich noch zurück – dann aber kam er auf einen gewissen unpartheiischen Engländer zu sprechen, und was dieser von Hahnen und Hinkeln gesagt; da ward es Frau Hinkel nicht recht wohl und sie sprach: »Lieber Gockel, ich glaube, wir haben das schon gehört, wir sind auch noch nüchtern, ich fürchte die Milch wird sauer, ich habe auch noch kein Wasser zum Kaffee am Feuer, ich dächte wir hielten einen kleinen Leichenschmaus.« Da lächelte der gute Gockel, umarmte Frau Hinkel und Gackeleia und begab sich, selbst ermüdet von der schlaflosen Nacht, gern mir ihr in den Hühnerstall. Den ganzen übrigen Tag weinten Frau Hinkel und Gackeleia noch öfter, und wollten sich gar nicht zufrieden geben, daß sie an dem Tode der Gallina und Alektryo's Schuld gewesen. Gockel gab ihnen die schönsten Ermahnungen, sie versprachen die aufrichtigste Besserung, und so entschlief die ganze Familie am Abend dieses traurigen Tages nach einem gemeinschaftlichen herzlichen Gebet. Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich, ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und drehte ihn an demselben herum mit den Worten: »Salomon du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Mach' mich und Frau Hinkel jung, Trag' uns dann mit einem Sprung Nach Gelnhausen in ein Schloß, Gieb uns Knecht und Magd und Roß, Gieb uns Gut und Gold und Geld, Brunnen, Garten, Ackerfeld, Füll' uns Küch und Keller auch, Wie's bei großen Herrn der Brauch, Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz, Mach' uns reich und herrlich ganz, Ringlein, Ringlein, dreh' dich um, Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!« Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen, Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien, Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße, was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß Gockel plötzlich erwachte. Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend, bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: »o Jemine, was ist das?« In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe, und dann riefen beide: »wer ist hier?« und beide antworteten: »ich bin's, Gockel! – ich bin's Hinkel!« aber sie wollten's beide nicht glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt, und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar nicht zu Sinnen kommen konnten. »Gockel,« flüsterte Frau Hinkel, »was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre alt.« »Ach ich weiß nicht,« sagte Gockel, »aber ich möchte eine Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin.« »Aber sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?« fragte Frau Hinkel, »so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister in Gelnhausen warst, – und die himmlischen Wohlgerüche umher, – aber ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht mehr so klapperdürr.« – Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den Ring Salomonis; er dachte: »ach, das mag Alles von meinem gestrigen Wunsche herkommen;« da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge und aufgestellte Silber- und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder, und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen sich um den Hals und riefen aus: »ach Gockel, ach Hinkel, wie jung und schön bist du geworden!« Da sprach Gockel: »Alektryo hat die Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung gegangen«; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den Ring dabei gedreht habe. – »Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket? Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock, fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen. Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare – Alles, Alles so nach meiner Lust?« – »Ja«, sagte Gockel, »Alles nach deiner Lust, es wird schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume, Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-, Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von weißen Rosen – und eine Wiege von weißen Lilien – vom Küchengarten will ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster hineinhängen. – Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen, Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u. s. w. nenne, ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und probirst Alles nach der Reihe; – aber Herz Hinkel, das Schönste ist: da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten, kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern, Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen, in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden, trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner Ahnfrau von Hennegau: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Schönster Baum im Paradies, Gieb mir Das und gieb mir Dies, Rüttel dich und schüttel dich, Schüttel Leib und Herz und Geist, Und was diesen zierlich heißt, Hüllend, füllend über mich.« O Hinkel! – dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen. – Ich will nicht weiter sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee, Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und der Sattel! – der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen! nun denke!« »Lieber Gockel,« sagte Frau Hinkel, »es ist nicht möglich, es ist zu viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?« – »Geh nur links an deinen Waschtisch,« erwiederte Gockel, »und halte den Krystall-Pokal zum Fenster hinaus.« »O Gockel, gehe mit,« sagte Hinkel, sich an seinen Arm hängend, »ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen.« Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster, dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch. – In den mit tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht; diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen, in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen. Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach: Wunder über Wunder, Gockel! Wunderherrlich ist der Sockel Von dem Wischiwaschi-Tisch; Herzerquicklich scheint der Fisch Lustig in dem Meer zu gaukeln Und das flinke Kind zu schaukeln Mit dem vollen Rosensieb, Alles ist so süß und lieb, Alles ist so fein und frisch! – Doch, eh ich das Glas erwisch, Kann ich gar nichts recht betrachten Und muß schier vor Durst verschmachten. »Verzeih, Herz Hinkel!« sprach Gockel, »ich selbst vergesse über den kuriosen Sachen Essen und Trinken« – da gab er ihr das Glas von dem Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet – »halte es zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen.« Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen von der Nachtigall will bringen lassen. – »Reiche nur den Pokal hinaus,« sagte Gockel, »fahre nur mit der Hand mitten durch die Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl senden, der dir das Herz erlabt.« – Frau Hinkel that, wie Gockel befahl, und Gockel sprach den Ring drehend: »Salomo, du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Füll' Frau Hinkel den Pokal Mit der reinsten Quelle Strahl, In der Felsen Herz entsprungen, Durch der Erde Brust gedrungen, Durch der Blüthen Duft geschwungen, Von der Nachtigall besungen, Von der Sterne Licht gegrüßt, Von des Mondes Strahl geküß't; Gieb zum Labsal durst'ger Zungen Ein Glas Wasser, bitt' dich drum! Ringlein, Ringlein, dreh dich um.« Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond- und Sternenlicht schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: »wohl bekomm's, Frau Gräfin von Hennegau« dazu. »Ach«! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den Waschtisch setzte, »das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt«! – »Horch«! sagte Gockel, »da singt noch was«, es war aber der Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er an zu singen: »Nachtigall, ich hör dich singen, s'Herz im Leib möcht mir zerspringen, Komme doch und sag mir bald, Wie sich Alles hier verhalt'. Nachtigall, ich seh dich laufen, An dem Bächlein thust du saufen, Tunkst hinein dein Schnäbelein, Meinst es sey der beste Wein! Nachtigall, wohl ist gut wohnen In der Linde grünen Kronen, Bei dir, lieb Frau Nachtigall, Küß' dich Gott viel tausendmal!« Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen. – Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber: »nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten, voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist.« – Nun liefen sie an ein drittes Fenster; »o je, welche Freude!« rief Frau Hinkel aus, »Wir sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die Bäcker- und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt; horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht! Und der König, was wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit deinem Ring Salomonis!« und da fielen sie sich wieder um den Hals und fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden. Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand, sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen. Gockel und Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: »wach auf, Gackeleia, ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen Sachen an!« Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte, sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte immer: »o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück.« Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: »Wer bist du denn?« »Gackeleia bin ich,« erwiederte das Kind. »So«, sagte Gockel«,du bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne, buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?« »Ach, das weiß ich nicht,« antwortete Gackeleia, »aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;« dabei weinte sie so bitterlich und fuhr fort: »o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte Schloß, ihr habt mich gestohlen;« und da weinte das Kind wieder heftig. Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte: »Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin.« Da guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz sachte am Finger und sprach leis: »Salomon, du großer König, Mache mich doch gleich ein wenig Dem ganz alten Gockel ähnlich; Mach' mich wieder wie gewöhnlich.« Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das Kind sagte immer: »ach Herrje, ja, fast wie der Vater!« und als er ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und flog ihm um den Hals und schrie: »ach ja, du bist's, du bist's, liebes, gutes, altes Väterchen! aber die Mutter ist es mein Lebtag nicht.« Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen, daß sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine Freude, und sie sagte immer: »halt ein Gockel, nein das ist doch ganz abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als ich war!« und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen. Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und rief einmal über das anderemal aus: »ach Mutter, liebe Mutter, du bist's, du bist's ganz gewiß!« Da sagte Frau Hinkel: »nun meinethalben,« und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen. Gockel aber sprach: »ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel, dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt.« Da sagte Frau Hinkel: »thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat mich nur so überrascht.« Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring wieder, und sie wurden wieder jung und schön. So erfuhr auch Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen, sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl wieder arm und elend in das alte Schloß zurück. »Bewahr uns Gott davor!« sagten alle, und Gockel fuhr fort: »ja, daß er uns davor bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt die Ehre!« da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott von Herzen. Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: »jetzt kommt, jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit uns selbst wird angefangen.« Nun traten sie alle drei vor einen großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: »Pfui, wawa, das ist unartig!« Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen beiden ein Waschtischchen Gackeleia's. Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit einem feinsten weißen Tuche bedeckt. – »Was ist nur das?« – sagte Frau Hinkel und zog das Tuch weg, – aber Alle wurden still und ernst, als sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend, die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen! »Ach!« sagte Frau Hinkel, »das ist wohl eine ernste Erinnerung, das kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina, wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte denken!« – »Ach ja,« sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach: »wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen.« – Da deckte Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da. – Sie waren Alle ganz erstaunt. Gockel aber sprach weiter: »du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern bemeistert. – Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben; – dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba; und so standen am Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt, bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist. Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen. »›Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba, verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus 24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon.‹ Nun sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?« Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus Deckeln, Büchschen und Fächern u. s. w. Wenn man den Rücken mit den ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben, Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß. Der Hals enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine Insektenfalle. In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das Nest im Innern selbst war ein Näh- und Nadelkissen von tyrischem Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln abgesteckt waren. Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten, Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und Bernsteinschnüren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen. Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht, das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet waren als Salomo selbst. Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein. Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka, als wolle es die Henne füttern. Das Wunderbarste aber war, daß die Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog, so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten Liedes, das Salomo je gedichtet. Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand oder Wolle dar. – »Ach,« sagte Frau Hinkel, »allen Respekt vor der Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich werde es nie gebrauchen.« – »Da hast du wieder Recht,« sagte Gockel, »es ist auch nur ein Schau- und Familienstück, du wirst schon ein andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-, Kleider- und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,« und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit Seifenschaum ein. Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das ein silbernes Hühnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: »komm Gackeleia, damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht mehr gewohnt, er könnte sich schneiden. – Wir wollen in die Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen: Bäumchen rüttel dich und schüttel dich, Schüttle schöne Kleider über mich!« Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter Goldstickerei wieder herein. Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei erhob: »Hört ihr Herrn und laßt euch sagen, Die Glocke hat vier Uhr geschlagen, Aber das ist noch gar nicht viel Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel; Da steht's vor mir ganz lang und breit, Wir leben in wunderbarer Zeit, Ich schau es an, es kömmt mir vor, Wie der alten Kuh das neue Thor. Wacht auf ihr Herrn und werdet munter, Schaut an das Wunder über Wunder, Und wahrt das Feuer und das Licht, Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht Und lobet Gott den Herren!« Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung an. – Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer: »da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen.« »Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken,« fuhr ein staubiger, untersetzter Bäckermeister fort. Da gieng aber auf einmal die Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten, silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß, und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln. Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören, was er sagte. Er sprach aber: »hört einmal ihr lieben Bürger von Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg, Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu erleben, das laßt euch gesagt seyn.« – »Mit Gunst« sagte da der Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, »wenn erlaubt ist zu fragen, wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?« »Allerdings,« erwiederte der Schweizer, »es ist bewohnt von ihm und seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia, außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten, vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen, zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen, einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer, einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch, fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig Würste und dergleichen essen.« – »Ach«, schrie da der Metzger und kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, »ich recommandire mich beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger.« Und der Bäcker zupfte den Schweizer am Aermel mit den Worten: »Seine Hochgräflichen Gnaden nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund seyn.« »Ei behüte,« sagte der Schweizer, »Sie brauchen täglich dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken, hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke zum Kaffee« – »O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen Hofbäcker«, rief der Bäckermeister. »Wir wollen sehen«, sprach der Schweizer, »wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett.« Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten. Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß. Die Bürgerschaft, um ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen Flinten in die Luft und schrieen: »Vivat der Herr Graf Gockel von Hanau! Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia! Vivat hoch! und abermal hoch!« – Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk. Gockel warf den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue Gackeleid'ors aus. Sie riefen dabei immer: »theilt untereinander aus, laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!« Weil aber damals der Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen, Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel- und Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt. Je mehr das Gold fiel, desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten, ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen, Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln schleuderten. Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen eingezogen, daß damals das Haus: »Gebrüder Vatermörder«, welches später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten Grund zu seinem Renommee gelegt habe. – Als man sich nun bereits bei den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein Gefäß bei sich hatte. Da liefen sie auseinander nach Haus und holten Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels Gesundheit am Weinfaß. Der König von Gelnhausen wohnte damals nicht in der Stadt, sondern eine Meile davon, in seinem Lustschloße Kastellovo, auf deutsch Eier-Burg, denn das ganze Schloß war von ausgeblasenen Eierschalen errichtet, und in die Wände waren bunte Sterne von Ostereiern hineingemauert. Dieses Schloß war des Königs Lieblingsaufenthalt, denn der ganze Bau war seine Erfindung, und alle diese Eierschalen waren bei seiner eigenen Haushaltung ausgeleert worden. Das Dach der Eierburg aber war in Gestalt einer brütenden Henne wirklich von lauter Hühnerfedern zusammengesetzt, und inwendig waren alle Wände eiergelb ausgeschlagen. Gerade der Bau dieses Schloßes war schuld gewesen, daß Gockel einstens aus den Diensten des Königs gegangen war, weil er sich der entsetzlichen Hühner- und Eierverschwendung widersetzte und dadurch den König erbittert hatte. Täglich kam nun der königliche Küchenmeister mit einem Küchenwagen nach Gelnhausen gefahren, um die nöthigen Vorräthe für den Hofstaat einzukaufen. Wie erstaunte er aber heute, als er die ganze Stadt in einem allgemeinen Bürgerfest vor einem nie gesehenen Palaste erblickte und den Namen Gockels an allen Ecken ausrufen hörte. Aber sein Erstaunen ward bald in einen großen Aerger verwandelt; denn wo er zu einem Bäcker oder Fleischer oder Krämer mit seinem Küchenwagen hinfuhr, um einzukehren, hieß es überall: Alles ist schon für Seine Raugräflichen Gnaden Gockel von Hanau gekauft. Da nun endlich der königliche Küchenmeister sich mit Gewalt der nöthigen Lebensmittel bemächtigen wollte, widersetzten sich die Bürger und es entstand ein Getümmel. Gockel, der die Ursache davon erfuhr, ließ sogleich dem Küchenmeister sagen, er möge ohne Sorgen seyn, denn er wolle Seine Majestät den König und Seine ganze Familie und Seine ganze Dienerschaft allerunterthänigst heute auf einen Löffel Suppe zu sich einladen lassen, und er, der Küchenmeister, möchte nur mit seinem Küchenwagen vor seine Schloß-Speisekammer heranfahren, um ein kleines Frühstück für den König mitzunehmen. Der Küchenmeister fuhr nun hinüber, und Gockel ließ ihm den ganzen Küchenwagen mit Kibitzeneiern anfüllen und setzte seine zwei Kammermohren oben drauf, welche den König unterrichten sollten, wie man die Kibitzeneier mit Anstand esse; denn der König hatte seiner Lebtage noch keine gegessen. Der Küchenmeister fuhr durch den Sand in gestrecktem Galopp mit seinem Küchenwagen voll Eiern nach dem Lustschloß, ohne ein Einziges zu zerbrechen, nur daß die zwei Mohren, wo es zu langsam ging, manchmal absteigen und zu Fuß gehen mußten; sie kamen jedoch zugleich in der Eierburg an. Mit höchster Verwunderung hörte König Eifrasius die Geschichte von dem Schloß und dem Gockel durch den Küchenmeister erzählen, und ließ sich sogleich ein Hundert von den Kibitzeneiern hart sieden. Als nun die zwei schwarzen Kammermohren in ihren goldbordirten Röcken mit der silbernen Schüssel voll Salz, in welches die Eier festgestellt waren, hereintreten, und mit ihrer schwarzen Farbe so schön gegen den weißen Eierpalast abstachen, hatte der König Eifrasius große Freude daran. Er ließ seine Gemahlin Eilegia, und seinen Kronprinzen Kronovus zum Frühstück berufen, und erzählte ihnen das große Wunder vom Palast Gockels. »Ach«, sagte Kronovus, »da ist wohl die kleine Gackeleia, mit welcher ich sonst spielte, auch wieder dabei.« »Natürlich«, sprach Eifrasius, »wir wollen gleich nach diesem Frühstück hinein fahren und das ganze Spektackel ansehen. Aber seht nur die kuriosen Eier, die er uns zum Frühstück sendet; grün sind sie mit schwarzen Puncten; man nennt sie Kibitzeneier, sie kommen weit aus Rußland und werden so genannt, weil sie in Kibitken, einer Art von Hühnerstall auf vier Rädern gefunden, oder gelegt, oder hieher gefahren werden.« Da sprach der eine Kammermohr: »ich bitte Eure Majestät um Vergebung, man nennt sie Kibitzeneier, sie werden vom Kibitz, einem Vogel gelegt, der ungefähr so groß wie eine Taube und grau wie eine Schnepfe ist, und wie eine französische Schildwache beim Eierlegen immer Ki wi, Ki wi schreit, wenn man dann: »gut Freund« antwortet, so kann man hingehen und ihm die Eier nehmen, worauf er gleich wieder andere legt.« Den König Eifrasius ärgerte es, daß der Mohr ihn in Eierkenntnissen belehren wollte, und sagte zu ihm: »halt er sein Maul, er versteht nichts davon, sey er nicht so nasenweis.« Darüber erschrack der Mohr wirklich so sehr, daß er ganz weiß um den Schnabel wurde. Der andere Mohr sprach nun: »der Raugraf Gockel hat uns befohlen, Eurer Majestät zu zeigen, wie diese Eier jetzt nach der neuesten Mode gespeist zu werden pflegen.« »Ich bin begierig«, sagte der König, »es zu sehen.« Da nahm jeder der Kammermohren eins von den Eiern in die flache linke Hand, und nun traten sie mit aufgehobener Rechte einander gegenüber und baten den König eins, zwei, drei zu kommandiren. Das that Eifrasius, und wie er drei sagte, schlug der eine Mohr dem andern so auf das Ei, daß der gelbe Dotter gar artig auf die schwarze Hand herausfuhr. Dem König gefiel dieses über die Massen, und sie mußten es ihm bei allen hundert Eiern da Capo machen, wofür er ihnen beim Abschied beiden den Orden des rothen Ostereies dritter Klasse ohne Dotter taxfrei zur Belohnung um den Hals hängte. Nun fuhr der König und seine Gemahlin und der Kronprinz mit dem ganzen Hofstaat auf einer Wurst nach Gelnhausen zu Gockel, der ihm mit Hinkel und Gackeleia an der Schloßthüre entgegen trat. Die Verwunderung über den Reichthum und die jugendliche Schönheit Gockels konnte nur durch die außerordentliche Mahlzeit noch übertroffen werden. Alles war in vollem Jubel. Kronovus und Gackeleia saßen an einem aparten Tischchen und wurden von den zwei Kammerzwergen bedient, und Musik war an allen Ecken. Beim Nachtisch tranken Eifrasius und Gockel Bruderschaft, und Eilegia und Hinkel Schwesterschaft, und Kronovus und Gackeleia Spielkameradschaft, sprechend: »du bist mein König und du bist meine Königin.« Eifrasius zog dann den Gockel an ein Fenster und hieng ihm das Großei des Ordens des goldnen Ostereies mit zwei Dottern und Petersilie um den Hals und borgte hundert Gockeld'ors von ihm, worauf das Ganze mit einem grossen Volksfeste beschlossen wurde. So lebten Gockel und die Seinigen beinah ein Jahr in einer ganz ungemeinen irdischen Glückseligkeit zu Gelnhausen, und der König war so gut Freund mit ihm und seiner vortrefflichen Küche und seinem unerschöpflichen Geldbeutel, und alle Einwohner des Landes hatten ihn seiner grossen Freigebigkeit wegen so lieb, daß man eigentlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer der König von Gelnhausen war, Gockel oder Eifrasius. Auch wurde es unter beiden fest beschlossen, daß einstens Gackeleia die Gemahlin des Erbprinzen Kronovus werden und an seiner Seite den Thron von Gelnhausen besteigen sollte. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und so kamen auch über diese guten Leute noch manche Schicksale, an die sie gar nicht gedacht hatten. Alles hatte die kleine Gackeleia in vollem Ueberfluß, nur keine Puppe; denn Gockel bestand streng auf dem Verbot, das er über sie bei dem Tode des Alektryo hatte ergehen lassen, sie sollte zur Strafe niemals eine Puppe haben. Wenn sie nun um Weihnachten oder am St. Niklastage alle Mägdlein in Gelnhausen mit schönen neuen Puppen herumziehen sah, war sie gar betrübt und weinte oft im Stillen; eine solche Sehnsucht hatte sie nach einer Puppe. Merkte der alte Gockel aber, daß Gackeleia, die er wie seinen Augapfel liebte, so traurig war, so that er ihr Alles zu lieb, um sie zu trösten, zeigte ihr die schönsten Bilderbücher, erzählte ihr die wunderbarsten Mährchen, ja er gab ihr auch wohl manchmal den köstlichen Ring Salomonis in die Hände, der mit seinem funkelnden Smaragd und den wunderbaren Zügen, die darauf eingeschnitten waren, alle Augen erquickte, die ihn anschauten. Einstens gierig nun Gackeleia in ihrem kleinen Gärtchen spazieren, welches am Ende des Schloßgartens, dicht an der Landstraße lag. Da waren die zierlichsten Beete voll schöner Blumen, alle mit Buchs, Salbei und Schnittlauch eingefaßt, und die Wege waren mit glitzerndem Goldsand bestreut; in der Mitte war ein Springbrünnchen, worin Goldfischchen schwammen, und über demselben ein goldener Käfig voll der buntesten singenden Vögel; hinter dem Brunnen aber war eine kleine Laube von Rosen und eine kleine Rasenbank. Ein schönes goldenes Gitter umgab das ganze liebe Gärtchen. »Ach«, dachte Gackeleia, »wie glückselig wäre ich, wenn ich eine Puppe in meinem schönen Garten spazieren führen könnte, so allein gefällt er mir gar nicht, was hilft es mir auch, wenn ich mir aus meinem Taschentuche durch allerlei Knoten eine Puppe zusammenknüpfe, sie ist doch nie eine schöne Gliederpuppe, ganz wie ein Mensch, mit einem schönen lakirten Gesicht – und der Vater hat mir selbst solche Puppen verboten.« Während Gackeleia so in schweren Puppensorgen auf ihrer Rasenbank saß, hörte sie auf einmal eine angenehme summende, aber sehr leise Musik ganz nahe hinter ihr vor dem Garten, der an einem Feldweg lag. Da guckte sie durch die Blätter und sah etwas Seltsames. Dicht vor dem Gitter saß ein Mann in einem schwarzen Mantel ohne Kopf an der Erde zusammengehuckt, und unter dem Mantel hervor schnurrte die Musik. Gackeleia beugte sich zur Erde, um zu sehen, wo nur in aller Welt die feine Musik herkomme; wie war sie erstaunt, als sie da unten ein paar allerliebste Puppenbeinchen in himmelblauen, mit Silber gestickten Schnürstiefelchen ganz im Takte der Musik herumschnurren sah, sie wußte gar nicht, was sie vor Neugier, die Puppe ganz zu sehen, anfangen sollte. Oft war sie im Begriffe, die Hand durchs Gitter zu stecken und den schwarzen Mantel ein wenig aufzuheben, aber die Furcht, weil sie an dieser Gestalt keinen Kopf sah, hielt sie immer wieder zurück. Endlich brach sie sich eine lange Weidenruthe ab, steckte sie durch das Gitter und lüftete den Mantel ein wenig, da schnurrte eine wunderschöne Puppe in den artigsten Kleidern, wie eine Reisende geputzt, unter dem Mantel hervor, und rannte gerade auf das Gitter des Gartens zu, stieß einigemale an die goldenen Gitterstäbe und würde gewiß zu ihr hineingekommen seyn, wenn sich nicht eine hagere Hand aus dem Mantel nach ihr hingestreckt und sie wieder in die Verborgenheit zurückgezogen hätte, wo die kleine Puppe von einer rauhen Stimme sehr ausgeschimpft wurde, daß sie sich unterstanden habe, unter dem Mantel hervorzulaufen. Gackeleia konnte nicht mehr länger zurückhalten, und rief einmal über das anderemal: »bitte, bitte du schwarzer Mantel, zanke doch die liebe schöne Puppe nicht so, lasse sie doch ein wenig heraus zu mir in den Garten.« Da that sich auf einmal der Mantel auf, und ein alter Mann mit einem langen weißen Bart richtete sich vor Gackeleia auf und sprach: »ich bitte recht sehr um Verzeihung, daß ich meine Puppe hier ein wenig unter meinen Mantel tanzen ließ und auf der Maultrommel dazu spielte, ich habe nicht gewußt, daß das Comteßchen zusah. Ich wollte nur versuchen, ob sie mir auf der Reise nicht melancholisch geworden sey; denn ich will sie hier in Gelnhausen für Geld auf dem Rathhause tanzen lassen. Sehen das Comteßchen nur, sie ist ganz artig, jetzt ist sie in ihren Reisekleidern mit einem Mantel und Reisehut und einem Blumenstrauß und einer Landkarte und einem Nachtsack; aber die Schnürstiefelchen sind doch allerliebst, sie hält gewaltig auf einen schönen Fuß, aber Comteßchen, sie hat eine viel schönere Garderobe, sie kann sich verkleiden, in was sie will, bald so, bald so, wenn das Comteßchen erlaubt, werde ich die Ehre haben, Ihnen alle ihre Kleidchen und sieben Sächelchen zu zeigen, ich habe mir hier um meinen Regenschirm sechszehn Silberglöckchen befestigt und bei jedem Glöckchen ein anderes Kleidchen und was dazu gehört, und wenn sie schmutzig sind, wäscht mir sie der Regen und im Sonnenschein trocknen sie. Lasse ich im Wetter tanzen, geschieht es unter dem Schirm, da ist sie wie unter einem chinesischen Dach, Alles ist einfach und kurz beisammen, man muß auf Alles denken.« – Da rief Gackeleia aus: »ach! zeige mir Alles, Alles, explicire mir Alles; o wie artig ist die Puppe! wie wackelt sie mit dem Köpfchen, wie schüttelt sie die Zöpfchen, wie reicht sie die Aermchen, ach gieb sie mir nur ein klein Bischen zu betrachten.« Der Alte sagte: »Comtesse, das kann ich nicht, aber die Kleider will ich Ihnen gleich zeigen und Alles expliciren.« Da steckte er die Puppe in den Gürtel, die anfangs mit dem Kopf daraus hervorwackelte und nachher stille ward; dann spannte der alte Mann einen großen Regenschirm aus, der am Rande mit vielen kleinen Glöckchen und bei jedem mit allerlei niedlichen Puppenkleidchen und Kleinigkeiten behängt war. Zuerst drehte er den Schirm schnell herum, daß die Schellen lieblich klingelten und die Puppenkleider bunt im Kreise wehten, dann hielt er plötzlich den Schirm still und fing an, mit einem Stäbchen deutend jedes Stück zu expliciren, wobei er halb sprach, halb durch die Nase sang, und Gackeleia jedesmal antwortete. Der Alte sang:               »Guck', hier bei dem ersten Glöckchen Dieses grüne, kurze Röckchen Zieht sie an als Gärtnerin, Möchte in dein Gärtchen hin; Hier dies Gießkännchen, zu gießen Alle Blümchen, die drin sprießen, Kriegt sie in die kleine Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Sie ist klein, kann ohne Bücken Mir die schönsten Sträußchen pflücken.« Der Alte: »Guck', hier bei dem zweiten Glöckchen Dieses schwarze, seidne Röckchen Und das schwarze Schürzchen dran, Zieht sie als Scribentin an; Denn da giebt's leicht Tintenfleckchen. Sieh' das Tintenfäßchen klein Und das art'ge Federlein. Hier ist auch das Wochenblatt, Wenn sie es gelesen hat, Putzt sie dran die Feder rein, Alles muß hübsch sauber seyn. Ein Wachsstöckchen hängt auch hier Und ein niedliches Petschier Und ein Sieg'llakstängelchen, Grad wie für ein Engelchen. Und dies Briefchen mit Adresse, Alles voll Accuratesse, Kriegt sie dann in ihre Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant Wollen wir correspondiren, Invitiren, gratuliren!« Der Alte: »Guck', hier bei dem dritten Glöckchen Hängt ein grünes, krauses Röckchen Und ein Hut mit grünem Band, Goldne Fransen an dem Rand; Spielhahnfeder, Gemsenbart Stecket drauf, nichts ist gespart; Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt, Alles, wie es sich gebührt, Rothe Strümpfe, goldne Zwickel, Ja, es fehlet kein Artikel, Wenn sie als Tyrolermädchen, Schmuck als wie ein Silberdräthchen, Zitherspielend zieht durch's Land.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Zimm, zimm, zimm so spielest du, Und ich singe Eins dazu.« Der Alte: »Guck', hier bei dem vierten Glöckchen Hängt ein dunkelbraunes Röckchen Und ein Häubchen in der Ferne, Denn sie trägt es gar nicht gerne Und ein ABC-Büchlein, Wenn sie Lehrerin soll seyn, Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen Die Histörchen, zum Erzählen. O, wie kann sie buchstabiren! Fast so gut als deklamiren; Und hier diese feine Ruthe Für die kleinen Thunichtgute Kriegt sie dann in ihre Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Nur die Ruthe nicht probiren, Ich will recht hübsch deklamiren.« Der Alte: »Hier bei diesem fünften Glöckchen Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen, Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen; Sieh' die Goldpantöffelchen, Wie zwei Zuckerlöffelchen, Zieht sie an und mit dem netten Tamburin und Kastagnetten Schnurrt und rasselt ihre Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Schnurre, raßle, klappre nur Und wir tanzen nach der Schnur.« Der Alte: »Guck', bei diesem sechsten Glöckchen Hängt ein schwarz und weißes Röckchen; Wenn sie soll ein Nönnchen seyn, Hüllt man ihr die krausen Löckchen Hier in dieses Schleierlein, Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen, Und giebt ihr dies Rosenkränzchen In die kleine, fromme Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Sag' hast du auch Pfeffernüßchen, Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?« Der Alte: »Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen Hängt ein feuerfarbig Röckchen Nach der Mode von Vadutz Zugestutzt, ein Zauberputz. Auf dem Gürtel schwarz auf weiß, Der zugleich der Zauberkreis, Groß das ganze Alphabeth Abera-Cadabra steht. Hier ist auch der Zauberstab, Wen er anrührt, geht in's Grab; Ist es heut nicht, ist es morgen, Keiner braucht darum zu sorgen. Und hier ist der Zauberspiegel, Wer hineinblickt, sieht das Siegel Seiner Thorheit im Gesicht, So bei Nacht als Tageslicht. Und hier ist das Zaubersieb, Wer es stiehlt, der kennt den Dieb; Doch sieh' hier ein Wunderding, Sieh' von Gold ein runder Ring, Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug, Hat zu viel und nie genug. Lischt die Zauberlampe hier, Riecht der Docht gar übel schier, Zünde schnell den Wachsstock an, Weil man sonst nichts sehen kann. Dieses hier der Wünschhut ist, Wünsch dich hin, wo du nicht bist. Dies der Sack des Fortunat, Gold ist drin, so viel man hat. Aber hier dies Bäumchen heißt: Rüttel dich und schüttel dich, Schüttle, rüttle Herz und Geist, Leib und Seele über mich. Gieb mir Das und gieb mir Dies, Schönster Baum im Paradies; Wer dies sagt und rührt den Baum Hat, was ihm gebührt, im Traum, Schwer und leicht und seicht und tief, Links und rechts und grad und schief. Alles dies mit sauber'm Sinn Braucht sie, wenn als Zauberin Sie die Geister um sich bannt.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Rüttel dich und schüttel dich Liebes Bäumchen über mich.« Der Alte: »Guck', hier bei dem achten Glöckchen Hängt ein grünes, kurzes Röckchen, Jägerhut und Jägertasche Und die fein umflocht'ne Flasche Und die Stiefelchen, die knappen, Um im Wald herum zu tappen; Alles dies wird angezogen, Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen Sie die flinke Jäg'rin spielt, Und nach Reh und Häschen zielt; Dann auch führt an einem Band Sie dies Windspiel an der Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Doch, das sollst du nicht mehr thun, Lass' nur Reh und Häschen ruhn.« Der Alte: »Guck', hier bei dem neunten Glöckchen Ein ganz reputirlich Röckchen, Wenn sie ist ein Nähemädchen; Hier im Körbchen, Nähelädchen, Sind viel Zwirn- und Seidenfädchen, Nadeln, Scheerchen, Fingerhut Und noch viele Dinger gut. Nimmermehr ihr Finger ruht, Denn zuletzt noch zupfet sie Alle Restchen zur Charpie; Und nimmt dann die Kinderkäppchen, Flickelfleckt aus hundert Läppchen, All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen Und die Schürzchen mit zwei Säckchen, Ausgespitzt aus vielen Fleckchen, All' die art'gen Dingerchen Auf die feinen Fingerchen, Drehet sie mit Freudenblicken Und mit kind'schem Beifallnicken Appetitlich auf der Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Komm', ich hab gar schöne Läppchen, Komm', wir machen Kinderkäppchen.« Der Alte: »Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen Hängt für sie ein krauses Röckchen Und ein Hut mit Blumenstrauß, Geht als Sennerin sie aus. Sieh' im Korb die Blätter decken Viele reine Butterwecken; Fette Milch und frische Eier Trägt sie feil, ist gar nicht theuer, Jeder sie noch billig fand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Sennerin komm' und mess' geschwind Mir ein Schöppchen Milch für's Kind.« Der Alte: »Guck', bei diesem eilften Glöckchen Hängt ein grob geflicktes Röckchen Und ein graues Futtersäckchen, Und hier in dem Wanderbündlein Trägt ein schreiend Wickelkindlein, Mit dem Lutscher in dem Mündchen, Sie als Pilgerin durch's Land; Hier ihr kluges, mag'res Hündchen, Das Septemberle genannt, Ist in aller Welt bekannt.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Armes Kindchen komm' zu mir, Deinen Lutscher füll' ich dir.« Der Alte: »Guck', bei diesem zwölften Glöckchen Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen, Breit verbrämt mit Hermelin, Und am Krönchen goldig, perlich, Und am Scepter blitzend herrlich Lacht Smaragd und glüht Rubin. Wenn sie sich als Königin Setzt auf's goldne Thrönchen hin, Und die goldgestickte Schleppe Niederhänget auf der Treppe, Küßt man still den goldnen Rand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Doch ich küsse ihre Hand, Denn ich bin vom Grafenstand.« Der Alte: »Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen Hänget bei dem braunen Röckchen Schäferhut mit breitem Rand, Rosen drauf und grünes Band, Und dazu auch Schäfertasche, Schäferstab und Kürbisflasche, Und dies Lamm an rothem Band Führt die Hirtin durch das Land.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn So allein, allein, allein!« Der Alte: »Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen Hänget für das flinke Döckchen Ein garnirtes Kaffeebrett, Wenn sie schön die Wirthin macht; O, das kann sie gar zu nett! Sie nimmt Alles wohl in Acht, Trägt nicht hoch das feine Näschen, Stößt nicht um die kleinen Gläschen, Theilt den Kuchen ein so klug, Daß er reicht mehr, als genug. Flinker als ein Wassernixchen Präsentirt sie, macht ein Knixchen: »Bitte, bitte!« rings herum. Und kein Bischen kömmt je um, Alles, was da übrig blieb, Giebt den Armen sie aus Lieb', Oder streut's den Vögelein – Kann man allerliebster seyn! – Mit der milden, treuen Hand.« Gackeleia: »O wie artig! wie scharmant Invitir ich sie zur Noth Gleich auf Thee und Butterbrod.« Der Alte: »Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen, Helm und Speer und Schwert und Schild Herrlich in der Sonne blitzt, Wenn sie für Minerva gilt Und das Eulchen bei ihr sitzt. Ich verstehe nichts davon, Doch ein hoher Kunstpatron, Der mir schuldet, leider, leider! Zahlte mich durch diese Kleider; Er ist Extheaterschneider Von Person und Condition, Giebt auch Kindern Lektion In der Mytholologie Und Demagogokolie. Er sprach: »Industrierende, Krieger und Studierende Rufen dir bei vollem Haus Ihre Göttin gern heraus.« Wie er sprach, so ist's gescheh'n, Jeder will Minervchen sehn. Keiner weiß doch, was im Schild Führt das kleine Götterbild; Durch das Gitter aus dem Helm Lauscht sie wie ein schlauer Schelm. Hält sie's mit der Wissenschaft, Gleich um ihres Speeres Schaft Rosen, Myrthen und Gedanken Sich in buntem Wechsel ranken. Tritt sie krieg'risch in die Schranken, Eifersüchtig gleich ihr Schwert Jedes Listgeweb zerstört, Das der Mückchen heiter'm Leben Gift'ge Spinnen lauernd weben. Rächend, daß Arachne's Hand Sie einst webend überwand. Ich verstehe nichts davon, Sag' nur her die Lektion Von dem hohen Kunstpatron, Der wohl selbst sie nicht verstand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Kann die Spinnen nicht bedauern, Die so auf die Mückchen lauern.« Der Alte: »Guck', hier bei dem letzten Glöckchen Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen, Fallhut, Rassel, rothe Schuh' Und ein Püppchen auch dazu, An Figur und Art und Sitten, Wie ihr aus dem Aug geschnitten. Wenn sie spielt die Kinderrolle, Hüpft dies Püppchen hinter drein, Und sie neckt es: Molle, Molle! Weil es nicht wie sie so fein. Kind und Püppchen wetten dann, Wer von ihnen beiden kann Süßer: »bitte, bitte« sagen, Daß Mama nichts ab kann schlagen. Und dann spielt das Kind Verstecken, Mit dem Püppchen sich zu necken, Thut sich mit dem Schurz bedecken, Ruft: »Wu Wu«, es zu erschrecken. Hierauf streut das noch verhüllte Kind, den Vöglein die Brosamen, Womit es die Säckchen füllte, Und sie rathen seinen Namen: Klandestinchen? Schirosellchen? Penseröschen? Hirondellchen? Kaschettinchen? Allerleja? Und das Kind spricht: »Eja! Eja! Gukuk! gukuk – nit da, nit da!« Läßt sie fressen aus der Hand.« Gackeleia: »O wie artig, wie scharmant! Aber ich ruf', um zu necken, Girri, girri beim Verstecken.« Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu, der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen Kleinigkeiten. – »Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider«, sagte sie einmal über das andremal, »ach dürfte ich sie nur ein bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!« »Halten Sie ein Comteßchen,« sagte der Alte: »halten Sie ein, es wird mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für immer! bitte, bitte, bitte!« »Die Puppe haben?« sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die Händchen, »ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie, nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu dürfen – ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein bischen, bitte, bitte!« Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: »ein grausames Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe haben? – hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen sein Mäuschen, womit es spielt!« – »Schweig still, schweig still«, sagte Gackeleia, »sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf! – aber es geht nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein Bischen, bitte, bitte!« Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich sehr irren, mit. »Comteßchen«, sagte er, »ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir wird wie der große Dichter in der Poesie sagt: Liebes Kind! was soll mir das? Wein' nicht so, du wirst ganz naß, Ich muß lachend dir gestehen, Gleich werd' ich dich trocken sehn.« »Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen, putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite, damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen – verstehen Sie Comteßchen, jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen und dem Kind ein Püppchen.« – »Ach! ich darf aber keine haben«, jammerte Gackeleia, »gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben«! – »Ganz gut«, sagte der Alte, »bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn man muß immer sehen, was geschrieben steht.« Da fieng Gackeleia an zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u. s. w. – keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur – und sie guckte den Mann und dann wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach: »wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?« Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte: »Mit Verstand sind wir erschaffen, Menschen haben nicht, wie Affen, Alles nur gleich nachzumachen; Zu begründen sind die Sachen. Und so werd' ich auch beweisen, Daß dies nicht kann Puppe heißen, Daß Comteßchen ohne List Sie darf haben, denn es ist Keine Puppe, sondern nur Eine schöne Kunstfigur Nach der Schnur und nach der Uhr, Und ein Mäuschen von Natur. Eine Puppe steht ganz starr, Aber hier der liebe Narr, Hat da an dem Kettchen fein Zu der Uhr ein Schlüßelein. Ich zieh' auf – horch – knirr, knirr, knirr! Sieh', schon geht sie in's Geschirr! Wackelt mit dem klugen Köpfchen, Schüttelt ihre Seidenzöpfchen, Regt die Aermchen hin und her, Bis die Stund vorüber wär'. Alles, Alles nach der Schnur, Alles, Alles nach der Uhr Thut kein Püppchen, sondern nur Eine schöne Kunstfigur.« »Ja«, sagte Gackeleia, »das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur«; und der Alte fuhr fort: »Eine Puppe kann nicht laufen, Man muß stäts herum sie schleppen, Diese rennt auf Flur und Treppen Jede Puppe über'n Haufen. Eine Puppe kann nicht hören, Diese hier ist leicht zu stören, Niemand hört sie, doch sie hört, Wenn ein Blumenblatt sich kehrt, Wenn ein Holzwurm leise pickt, Das Figürchen um sich blickt, Spitzt die Oehrchen und erschrickt; Und wenn gar die Katze maut, Schaudert ihr die zarte Haut, Bang ist ihr, es könnt' die Katze Halten sie für eine Ratze, Und sie hielt' mit einem Satze Sie in ihrer scharfen Tatze; Und gleich sucht sie eine Ecke, Daß sie sich darin verstecke. Keine Puppe, so thut nur Eine schöne Kunstfigur, Die trotz Uhr und die trotz Schnur Ist ein Mäuschen von Natur; Darum bitt' ich um die Güte, Daß man sie vor Katzen hüte.« Da sprach Gackeleia: »Ach ich hüt' mich schon davor, Vater schrieb mir's hinter's Ohr!« Der Alte fuhr fort: »Eine Puppe kann nicht essen, Die Figur hat's nie vergessen, Ißt zu der bestimmten Stund' immer sich hübsch satt und rund; Braungebackne Semmelrinde Knuppert sie gern ab geschwinde, Könnte auch nach ihrem Magen Speck und Schinken wohl vertragen, Was sie aber niemals that, Denn sie ist zu delikat, Daß des Morgenlands Gesetze Sie durch solche Kost verletze, Drum lass' ich steinharten Kuchen Sie belohnend oft versuchen. Andern gönnt sie stäts das Beste, Und sich selbst läßt sie die Reste, Was so übrig ist geblieben, Ganz demüthiglich belieben. Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne, Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht, Daß man menschlich essen lerne Und nicht mehr den Thieren gleicht. – Ja ich zweifle, ob Comtessen Jemals zierlicher gegessen.« Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem Alten etwas in verweisendem Tone: »Wie Comtessen essen, weiß ich, Denn ich übe mich gar fleißig. Die Erzmundwischmeisterin, Comteß Torschon de Popin, Lehrte mich, wie stäts bei Tische Jeder anders, ländlich, sittlich, Appe- und unappetitlich, Standsgemäß das Maul sich wische. Denk', die große Lektion Vom Maulwischrecht kann ich schon; Als ich mit Gefühlsbetonung Sie bei Hof hab' deklamirt, Wischt' die Königin, gerührt, Mir das Mäulchen zur Belohnung.« Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war: »Hör'- nicht Puppe, sondern nur Allerschönste Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und du Mäuschen von Natur! Hör', was sittlich und dezent Nach dem Tischzuchtreglement, Alles, Alles sag ich dir. Meine Meist'rin sprach zu mir: »Alle Prinzen und Prinzessen, Alle Grafen und Comtessen, Alle Junker, alle Fräulchen Wischen sich so Mund als Mäulchen, Dupse-Däumchen, Fingerlein An der Serviette rein. O Comtesse, nie vergesse, Wie ein Kind von deinem Adel Mit Delikatesse esse – Gackeleia ohne Tadel! Schluck' nicht große Brocken ein, Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein'; Alles esse mit Manier, Ohne Trägheit, ohne Gier, Doch mit angeborner Zier; Prüfe, ordne jeden Bissen Recht mit zartestem Gewissen, Ja mit feinem Skrupel schier. Schiebe mit der Gabelspitze Zierlich Alles, was nichts nütze, Nicht an Reinheit ebenbürtig, Nicht an Feinheit speisewürdig, Daß du's über's Herzchen bringst Und in's Mägelchen verschlingst, Zähe Adern, harte Flechsen, Harte Fasern von Gewächsen, Schiebe solche Dingerchen Leis auf deines Tellers Rand, Heb' das kleine Fingerchen Fein dabei an rechter Hand, O, das steht dir ganz scharmant! Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen Wie die Teller-Lecker-Katzen, Die unehrbar unter'm Tisch Hörbar fressen Fleisch und Fisch. Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen Mußt du knuppern, und bei'm Trinken Läßt du sanft die Aeuglein sinken, Mußt du wie ein Vöglein nippen. Wie man leckt und schmeckt und kaut, Werde nie durch einen Laut Irgendjemand anvertraut, Eben so, wie man verdaut – Alles still, gleich wie es thaut. Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n, Was nicht soll zum Munde geh'n, Jedes Krümchen noch so klein, Streue aus den Vögelein!« Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von der Puppe, indem sie fortfuhr: »Wie ich esse sagt' ich dir, Wie du ißt, auch sage mir, O! du Puppe, o du nur Eine schöne Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und ein Mäuschen von Natur!« So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: »Comtesse Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen nach den Worten des großen Abulfeda: »In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist, Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't. Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't, Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt.« »Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!« – »Hören?« sagte Gackeleia, »sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!« – »Geduld,« sagte der Alte, »geben mir das Comteßchen ihr Körbchen, haben Sie nichts zu naschen?« – »O ja«, sagte Gackeleia, »da sind Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und mir geschenkt.« – »Herrlich,« sagte der Alte, »aber eine ist genug,« und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter und sagte: »Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.« – Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief: »Knupper, Knupper Kneischen, Du knupperst ja im Häuschen, O du schöne Kunstfigur! Wie ein Mäuschen von Natur.« Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf und sagte: »Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn, sonst schläft sie uns ein: Denn nach Tische soll man stehn, Oder tausend Schritte gehn, Sagt der würdige Galen.« Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her, nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren nicht groß genug. Gackeleia außer sich vor Freude rief. »ach sie winkt mir, sie winkt mir, sie möchte zu mir in den Garten – ach lieber alter Mann sage mir geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die Kunstfigur giebst!« – Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in seinen Gürtel und sprach: »O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer, betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen.« Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach: »ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun, was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann.« – Da erwiederte der Alte: »Dein Vater hat ein Ringelein Mit einem grünen Edelstein, Der hat gar einen schönen Schein, Laß mich nur einmal sehn hinein, So werd ich gleich durch Mark und Bein Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn, Dann soll das Kunstfigürchen fein Zu dir ins Gärtchen gleich hinein; Es bleibt mit allen Kleidern sein O lieb Comteßchen! immer dein, Damit die Gackeleia klein Nicht so allein, allein, allein!« »Ei!« sagte Gackeleia«,den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring bringe.« »Ganz gewiß«, sagte der Alte, »ich will Ihnen die Kleider der Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem Schirm ein bischen aus der Façon gekommen.« Da gab er ihr die Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer nachrief »aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich recht anlachen!« »Ja, ja ganz gewiß«, rief der Alte und verschwand hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube, musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen. Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte und vor sich sagte: »ach wenn ich den Ring nur leise von seinem Finger herunter hätte!« da that der Ring seine Wirkung. Gockel schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte. Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: »die Kunstfigur her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der Vater aufwacht.« Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie anhängen hatte, in das Ohr und sagte: »Comteßchen! links müssen Sie leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten. Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert. Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt: braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb, ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen. Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich. – Hören Sie, um Sie ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr Stimmchen hören lassen.« Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut aufschrie: »ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!« der Alte aber sagte: »nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch Keine Puppe, sondern nur Eine schöne Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und ein Mäuschen von Natur.« »Gewiß«, sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber sagte noch: »Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen; wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon.« Dann gab er die Puppe der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien. Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in seine großen Hände. »Ach!« rief ihm Gackeleia zu, »gelt, du hast dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind, geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen.« – »O mir ist schon ganz fröhlich«, sagte der Alte, »bald werde ich noch lustiger seyn!« Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur, worauf er sich in das Gebüsch verlor. Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr, als hätte sie einen Stein von dem Herzen. Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht, um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen, aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist: »Fahr', fahr', fahr' auf der Post, Frag', frag', frag' nit, was's kost, Spann' mir sechs Schimmel ein, Ich will der Postknecht seyn, Fahr', fahr', fahr' auf der Post!« Gleich erwachte Gockel und sprach: »ei, es ist schon vorgefahren, gut, daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen.« »Ich habe es gewußt«, sagte Gackeleia, »ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.« – Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs, den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war, in die Schürze, dabei rief er: »bravissimo! da capissimo! cito citissimo!« – hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen. – Das heiße ich mir gefahren! – Bei der Eierburg waren viele Menschen auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier, und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte; kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte. Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier, immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen Herrschaften. Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer, die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle, der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er mitten unter ihnen. »Hast du, hast du?« schrieen sie dem Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: »Ja ich habe glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben, welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns die Bauern nicht herausgeholten hätten.« So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte: »Salomon du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Mach' den Gockel wieder alt, Zumpig, lumpig, mißgestalt, Mach' Frau Hinkel wieder häßlich, Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich, Mach' die Gackeleia schmutzig, Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig. Nehme ihnen Gut und Geld, Schloß und Roß und Hof und Feld, Jag' sie wieder Knall und Fall In den alten Hühnerstall. Aber uns drei Petschaftstechern, Bau' ein Haus mit goldnen Dächern, Mache uns zu Hofagenten, Hoffactoren, Consulenten, Rittern und Kommerzienräthen, Commissären und Propheten. Gieb uns Gold und Geld und Glanz, Stell' uns hoch in der Finanz, Mach' uns schön wie Davids Sohn, Den scharmanten Absalon, Mach' uns glücklich ganz enorm, Orden gieb und Uniform! Ringlein, Ringlein dreh' dich um, Mach' es schön, wir bitten drum. Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und Schimpfen unter dem versammelten Volk. »Ei, seht den alten Bettler, die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier zertreten!« – und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein, daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war, und schrie laut aus: »o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den Ring betrogen!« Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zu- und Umstände und in die Arme der Ober- und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung, theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen, mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte. Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt, häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen sah, schrie sie weinend: »ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?« da reichte mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: »da Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so – so, das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim Tanzen aufgehoben.« – dann warf er ihr noch einen Thaler in die Schürze – »da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld steckt, das hole dir!« – dann zog er eine Bretzel hervor und sagte: »ziehe!« – da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon; – und einen Bubenschenkel und sprach: »reiße!« und jedes riß die Hälfte davon; dann sprach er: »jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer beisammen bleiben wollen!« – da hoben sie beide die Hände auf und schworen. – Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte Kronovus umarmen, da rief Gockel: »Gackeleia tummle dich geschwind, der Bettelvogt kömmt!« – worauf Kronovus diesem zurief: »halte er sich zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen«; in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius, forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das königliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem Bettelvogt: »daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin, das Comteßchen anzurühren!« reichte ihr die Hand und sprach: »leide geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!« da lief Gackeleia, was giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als daß er sie fortgetrieben hätte. Auf dem Eiercirkus war große Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich, die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur ausstieß: »in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den Kerl auf einem Butterbrod!« so faßten ihn der Kommandant der Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Königin Eilegia forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt. Die Nerven, an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit, daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: » horreur! welche Bettelbagage!« der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der Rettungswissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein frisches Osterei mit der Inschrift: »Vivat Eilegia!«, mit welchem die Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück – ach! – und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener anzulächeln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade, unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem Wein einen strengen Arrest aushalten. Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang: »Hört ihr Herrn und laßt euch sagen, Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen, Aber das ist noch gar nicht viel Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel; Hier hat's gestanden lang und breit, Wir leben in wunderbarer Zeit; Der Markt ist leer als wie zuvor, Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor, Schaut an ihr Herren dieses Wunder Gieng schnell, wie es entstanden, unter; Bewahrt das Feuer und das Licht, Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht, Und lobet Gott den Herrn.« Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts wüßte. Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht mehr bei ihnen einkaufen würde. – Die guten Gelnhausener konnten aber doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten und heulten und alle Hähne krähten. Es war eine beispiellos angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für Gelnhausen. Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen: »Patriotisches Gelnhausen jubilire, Deine Fenster gleich all' illuminire, Hochlöbliche städtische Metzgerschaft Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft; Liefre Schweinsblasen viel und billig, Zeig' edles Gelnhausen dich willig, Lass' donnern den hehren Feierknall, Erfülle die Nacht mit Freudenschall; Eifrasius und Eilegia theuer Geruhen harmonisch ungeheuer Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen, Wer kanns ihnen unterthänigst verargen? Es war ja, was ich schier heiser sag, Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag. Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch Ist ganz wohl auf und singt munter noch: »Gackeleia, liebste Gackeleia mein, »Wann werden wir wieder beisammen seyn.« Postskriptum . »Jetzt allgemeine Illumination, Nebst großer Blasendetonation; Morgen früh vor dem Hanauerthor Große Parade vom Nachtwächterchor, Dann nach Eierburg Deputation Vom weißgekleideten Bataillon Der Mädchen, Blumen zu streuen, Sie können heute Nacht noch heuen Im Mondschein auf städtischer Weide; Daß keinen Schaden doch leide Die Au bürgermeisterlicher Schafe Wird geboten bei fünf Gulden Strafe.« Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl: »Der Patriotismus soll sich noch fassen Und alles Obige unterlassen; Nach einem ärztlichen Consulte Sind zu vermeiden alle Tumulte. Ein Genesungsfest in leisester Stille Ist Eifrasii allerweisester Wille.« Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte. – Auf dem Markt am folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent. Der arme Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloß; aber sie waren viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die Schürze über den Kopf gehängt, weil sie sich schämte, so häßlich geworden zu seyn. Als sie auf einer Höhe angekommen waren, wo man Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und sprach: »unseliger Ort, wo ich um den köstlichen Ring Salomonis betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schändlich hast du mich in meinem Unglück verstoßen, und hast nicht daran gedacht, mir die hundert Stück neue Gockeld'ors wieder zu geben, die du in glücklicher Zeit von mir geborgt.« Frau Hinkel aber rief aus: »o Königin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit schönen Blumen und Blättern bunt gesotten, die schönsten Muster zu Hauben und Garnituren a l'öff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt, und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, lässest du Undankbare mich zerlumpt und hungernd über die Gränze führen!« – Nun erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: »Ach du herzliebes Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, daß ich mich abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am Entenpfuhl bei den Vergißmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige Gackeleia nicht von dir weggestoßen. Ach, es thut mir recht leid, daß ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum Andenken zu schenken.« Kaum hatte Gackeleia das Wort Puppe ausgesprochen, als Gockel zornig nach ihr blickte und sprach: »du unseliges Kind! du hast eine Puppe? welche Puppe? woher hast du die Puppe? weißt du nicht mehr das Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung Gallina's, daß du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst! – ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!« Und da er hierauf die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzürnten Vater nach dem äußersten Rande eines Felsens hin, der über einen schroffen Abhang hinausragte. Frau Hinkel schrie: »um Gotteswillen, das Kind fällt sich zu Tode!« und hielt Gockel beim Arme zurück. Gackeleia aber kniete auf dem äußersten Rande des Felsens, breitete ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach: »Vater Gockel ach verzeih', Mutter Hinkel steh' mir bei, Oder Gackeleia klein Springt und bricht sich Hals und Bein!« Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen, und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzählen, was sie angestellt, er werde sie nicht umbringen. »Erzähle Gackeleia«, sagte die Mutter, »wo hast du eine Puppe herbekommen?« Da war Gackeleia in großer Angst, denn der Vater riß während der Erzählung an einer Birke, die bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind mußte sprechen und sprach: »An mein Gärtchen kam heut Morgen Ein alt Männchen ganz voll Sorgen, Ließ vor mir im Tanz sich drehn Ach! ein Püppchen, wunderschön.« »Da haben wir es«, rief Gockel und riß ein starkes Birkenreis ab, »da haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist himmelschreiend!« Gackeleia aber sagte geschwind: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur, Eine kleine Gärtnerin, Lehrerin und Tänzerin, Wirthin, Hirtin und so weiter, Jede hat besondre Kleider.« »Abscheulich, abscheulich!« sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort: »Allerliebst, kaum auszusprechen, Mir wollt' schier das Herz zerbrechen Nach dem schönen Wunderding; Als es an zu laufen fieng, Als die Räder in ihm knarrten, Wollt' es zu mir in den Garten, Lief am Gitter hin und her, Als ob es lebendig wär'. Und ich glaubt' des Alten Schwur, Daß es eine Kunstfigur, Daß es keine Puppe sey, Dacht' nichts Arges mir dabei.« »Schöne Ausreden«, sagte Gockel unwillig und riß wieder ein Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte: »Vater, bitte, bitte schön, Laß das Birkenreis doch stehn, Ach ich sorg' vor Angst verwirrt, Daß es eine Ruthe wird.« Da sprach Gockel ernsthaft: »Gackeleia glaub' du nur, Daß es eine Kunstfigur, Daß es keine Ruthe sey, Denk' nichts Arges dir dabei.« Da sagte Gackeleia: »Kunstfigur von Birkenreis? Ach du machst mir gar zu heiß!« Und Gockel sagte: »Kunstfigur für Kunstfigur, Ruthe für die Puppe nur.« Da ward Gackeleia wieder sehr betrübt und schrie wieder ganz erbärmlich: »Vater Gockel ach verzeih', Mutter Hinkel steh' mir bei, Oder Gackeleia klein, Springt und bricht sich Hals und Bein!« Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: »ich werde sie nicht umbringen, sie soll nur erzählen, was der Alte weiter gesagt hat, und was sie ihm für die Kunstfigur gegeben hat.« Da fuhr Gackeleia fort: »Ach der Alte weinte sehr, Hätt' nicht Vater, Mutter mehr, Bruder nicht, noch Schwesterlein, Keinen Sohn, kein Töchterlein, Keinen Vetter, keine Base, Nichts als eine lange Nase, Einen Bart ganz weiß und lang, War betrübt und angst und bang.« »Der alte Schelm«, rief da Frau Hinkel aus und riß nun auch ein starkes Birkenreis ab, »der alte Schelm ist schuld, daß ich auch wieder eine so häßliche lange Nase habe.« Und Gockel sagte: »Schau, Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du die Nase und ich den Bart. O unglückselige Kunstfigur, was sind wir für abscheuliche Figuren durch dich geworden. Aber erzähle weiter Gackeleia, was wollte er für die Puppe«? Da erwiederte Gackeleia mit großer Angst: »Für die schöne Kunstfigur Wollt' in deinen Ring er nur Einmal ein klein bischen blicken, Seinen Kummer zu erquicken.« »O du abgefeimter Gaudieb«, rief Gockel aus, »o du unseliges, leichtsinniges, spielsüchtiges Kind! – und da zogst du mir den Ring im Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom Felsen hinab.« Da rief Gackeleia wieder in großer Angst: »Vater Gockel ach verzeih', Mutter Hinkel steh' mir bei; Ja als Vater Gockel schlief, Mit dem Ring ich zu ihm lief, Doch er sah nicht lang hinein, Gab zurück den Edelstein, Den ich schnell zurückgebracht, Eh' der Vater aufgewacht. Ach ich will's nicht wieder thun, Einmal ist das Unglück nun Durch mich böses Kind geschehn. Werdet ihr die Puppe sehn – Nein nicht Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur, Ganz natürlich nach dem Leben – Ach ihr müßt mir dann vergeben.« Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Körbchen, das sie am Arm hängen hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, daß Gackeleia ihr, in die Hände patschend, nachlief. Da erwischte der alte Gockel das Kind beim Arm und sagte: »Nun habe ich dich, habe ich dir nicht tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniß anzurühren? Du hast ihn aber dem alten Betrüger gegeben, und der hat ihn mit einem andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde nach einer elenden Puppe«. Da schrie Gackeleia ganz erbärmlich: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur. Vater, Vater laß mich los! Ach sie läuft durch Stein und Moos Von dem Fels in vollem Lauf, Mutter Hinkel halt' sie auf! Daß sie nicht den Hals zerbricht; Denn sie kennt die Wege nicht.« Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen aus und rutschte ein ziemlich Stück Weg hinab. Darüber wurde der alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: »nun sieh, das Unglück, deine Mutter bricht noch schier ein Bein über der abscheulichen Puppe. Recht muß seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt wähle Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tüchtig die Ruthe, oder du läßt die Puppe laufen«, und da Gackeleia wieder schrie: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur, Nach der Uhr und nach der Schnur, Und ein Mäuschen von Natur.« – legte Gockel sie über das Knie und gab ihr tüchtig die Ruthe mit den Worten: »Keine Ruthe, es ist nur Eine Birken-Kunstfigur, Und du kriegst sie nach der Schnur, O du Nichtsnutz von Natur!« Und Gackeleia schrie: »Mutter halt', o Jemine! Halt' sie auf, sie thut sich weh.« Und Gockel schlug immer zu und schrie: »Fitze, fitze, Domine Thut die ganze Woche weh!« Er hätte auch noch länger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so erbärmlich, sie könne nicht wieder herauf, daß Gockel das Kind los ließ und hinabgieng, ihr zu helfen. Kaum aber war Gackeleia los, so rüttelte und schüttelte sie sich über die fatale Kunstfigur, die sie empfunden hatte, und lief ihrer flüchtig gewordenen schönen Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale über den Steg eines Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine hätte, über den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer hinter ihr drein. Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die Höhe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den köstlichen Ring Salomonis gebracht, gewiß einer von den alten Petschierstechern sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betrügen wollen. Als sie unter solchen Reden auf den Fels zurückkamen und die Gackeleia nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber nirgends hörten und sahen sie etwas von ihr. Da ward ihr Kummer um allen ihren Verlust in eine große Sorge um ihr Kind verwandelt, sie liefen hin und her und schrieen durch den Wald: »Gackeleia, Gackeleia!« und wenn das Echo wieder rief. Eia, Eia! glaubten sie, das Kind antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniß, bis sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem Stammschlosse wieder fanden. Die Vögel wachten alle auf und flogen wie alte Bekannte um sie her und grüßten sie, aber Gockel und Hinkel riefen immer in alle Büsche hinein: »Gackeleia, komm doch nur, S'ist ja eine Kunstfigur, Komm' es soll dir nichts geschehn, Wenn wir dich nur wieder sehn.« Aber keine Antwort von keiner Seite. Da saßen die zwei armen Eltern auf der Schwelle des alten Hühnerstalles nieder und weinten die ganze Nacht bitterlich, und alle Vögelein weinten mit. Am Morgen aber schnitt sich Gockel einen tüchtigen Knotenstock und gab auch der Frau Hinkel einen und sagte: »Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden; aber es gebührt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugräfin Hinkel von Hennegau nicht, im Unglücke zu verzweifeln; laß uns auf Gott vertrauen und unser Fräulein Tochter Gackeleia durch die weite Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben. Geh' du links, und ich geh' rechts. Alle Monate kommen wir hier wieder zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei können wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen.« Frau Hinkel war das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thränen und wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel links. Und wenn sie in die Dörfer oder Städte kamen, sangen sie vor allen Thüren: »Habt ihr nicht ein Kind gesehn? Ein klein Mägdlein wunderschön, Blaue Augen, rothe Backen, Zähnchen weiß zum Nüsseknacken, Einen rothen Kirschenmund, Frisch und froh und dick und rund, Glänzend wie ein Mandelkern, Hüpft und spielt und singt so gern. Es hat einen blonden Zopf, Einen Strohhut auf dem Kopf, Trägt auch eine alte Juppe Und läuft hinter einer Puppe Her und schreit, es sey ja nur Eine schöne Kunstfigur. Barfuß läuft es ohne Schuh, Fragt man es, wie heißest du? Sagt es gleich ganz freundlich: »Eja Ich bin Gockels Gackeleia.« Ach das Kind hab' ich verloren Und hab' einen Eid geschworen, Nicht zu ruhn, bis ich das Kind Gackeleia wieder find'!« Aber immer sagten die Leute: »Wir haben so kein Kind gesehn, Ihr armer Mensch müßt weiter gehn; Da habet ihr ein Stücklein Brod, Gott helfe euch in eurer Noth!« Da nahmen sie dann das Brod, die armen Eltern, und assen es mit Thränen und setzten ihren Stab traurig weiter. So waren sie schon dreimal wieder in dem alten Schloße ohne Gackeleia zusammen gekommen, hatten mit großem Jammer im alten Hühnerstall geschlafen, und sich ihre vergeblichen Nachforschungen einander mitgetheilt. »Ach Gott«, sagte Frau Hinkel, »das arme Kind ist gewiß umgekommen, hättest du es doch nicht so hart wegen der Puppe behandelt.« Da erwiederte Gockel: »Und hättest du besser auf sie Acht gegeben, so hätten wir den Ring und das Kind nicht verloren; nichts ist leichter zu sagen, als – hättest du. Lasse uns lieber auf dem Grabe des Alektryo in der Kapelle recht herzlich beten, daß wir das Kind morgen zum viertenmale nicht vergebens suchen mögen.« Hierauf giengen sie nach der Kapelle und beteten recht eifrig, legten sich dann auf ihr Mooslager und schliefen einen gar süßen Schlaf und träumten von Gackeleia. Gegen Morgen hörte Gockel noch halb im Schlafe etwas um sich her rasseln, es war noch sehr dunkel in dem Stalle; aber er sah etwas an der Erde hinlaufen und verschwinden, er stieß Frau Hinkel und sagte: »Mir war gerade, als wenn die fatale Puppe der Gackeleia vorüber gelaufen wäre.« Da sprach eine Stimme: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur.« Gockel meinte, Frau Hinkel habe das gesagt, und verwies ihr, daß auch sie so eigensinnig wie Gackeleia spreche. Frau Hinkel hatte schlaftrunken die Worte gehört und behauptete, er habe es selbst gesagt. Sie wollten eben zu zanken anfangen, als sie leise an der Thüre pochen hörten. Sie fuhren ordentlich vor Schrecken zusammen, wer das wohl seyn könne, der in dem wüsten zerstörten Schlosse so leise anpoche. Da es aber zum drittenmale pochte, fragte Gockel laut: »Wer ist draus?« und es antwortete eine männliche Stimme: »ich bitte allerunterthänigst um Verzeihung, Herr Graf, daß ich so früh störe, aber die Eseltreiber lassen mir keine Ruhe; sie sagen, daß ich ihnen drei Zentner Käse aus der gräflichen Käsefabrik auf ihre Thiere packen soll, nun wollte ich doch den Befehl des Herrn Grafen selbst abholen.« Gockel wußte auf diese Rede gar nicht, wo ihm der Kopf stand; »drei Zentner Käse«, sagte er, »aus der gräflichen Käsefabrik, hast du gehört Hinkel?« »Ja«, sagte Frau Hinkel, »was kann das seyn? ich weiß nicht, ob ich träume oder wache.« Da der Mann aber immer von neuem pochte und um die Erlaubniß bat, die Käse abzuliefern, schrie Gockel heftig: »bist du, der da pochet, toll oder ein Spötter, der einen armen Greis zum Narren haben will? so nehme dich in Acht, oder ich komme mit dem Knotenstock über dich. Wo habe ich denn Käse oder eine Käsefabrik? Gehe von dannen und gönne den Armen ihr einziges Gut: die Ruhe und den Schlaf.« Da antwortete die Stimme wieder: »Gnädigster Graf, vergebet mir, daß ich euch erweckte, ich sehe wohl, daß ihr den Leuten die Käse nicht abliefern lassen wollet, ich werde sie abweisen!« Nun hörte Gockel draußen auf dem Hofe sprechen und hin und wieder gehen, und seine Verwunderung, was das zu bedeuten habe, wuchs immer mehr. »Ach«, sagte er zu seiner Frau, »ich fürchte fast, es ist irgend eine Nachstellung von unsern Feinden aus Gelnhausen, die uns ermorden wollen.« »Das wäre entsetzlich«, erwiederte Frau Hinkel und drückte sich in der Angst dicht an ihn. Da pochte es wieder an der Thüre, und Gockel rief zwar erschrocken, aber doch ziemlich laut: »Wer da?« Da antwortete eine andere Stimme: »Eurer Hochgräflichen Gnaden unterthänigster Küchenmeister fragt an, ob er einen Zentner Schinken aus der gräflichen Rauchkammer abliefern darf, welche auf den drei Eseln, die vom König Sissi angekommen sind, abgeholt werden sollen?« Gockel, dem bei diesen Reden zu Muthe ward, wie einem Hahn ohne Kopf, rief aus: »Warte, ich will dir Schinken geben, du nichtswürdiger Spötter!« indem er aufsprang und nach seinem Stocke suchte. Als er aber ganz klar und deutlich drei Esel vor der Thüre schreien hörte, rief er und Frau Hinkel zugleich: »Herr Jemine, die Esel sind wirklich da.« Es war noch dunkel in dem Stalle, der kein Fenster hatte, und dessen verschlossene Thüre nur durch einen Spalt einen Schimmer des Tages hereinfallen ließ. Gockel tappte an der Wand nach seinem Knotenstock herum, und plötzlich wurde er von ein paar zarten Armen herzlich umschlossen, so daß er laut aufschrie: »um Gotteswillen, wer ist das?« Aber die Unbekannte hörte nicht auf, ihn mit den zärtlichsten Küssen zu bedecken, und als Frau Hinkel auch dazu kam, gieng es derselben nicht besser; und da sie sich in diese Liebkosungen gar nicht finden konnten, sagte endlich das unbekannte Wesen mit einer wohlbekannten Stimme zu ihnen: »Ach! kennt ihr denn euer Töchterlein Gackeleia gar nicht mehr?« – »Du, Gackeleia?« riefen Beide aus, »nein das ist nicht möglich, du bist ja eine erwachsene Jungfrau.« – »Ach, groß oder klein«, antwortete es, »ich bin doch eure Gackeleia«, und da riß sie die Thüre auf, und es fiel zu gleicher Zeit so viel Fremdes und Wunderbares in die Augen des alten Gockels und der Frau Hinkel, daß sie sich einander in die Arme sanken und weinen mußten. Erstens sahen sie wirklich die ganze Gackeleia vor sich, aber nicht mehr als ein kleines Mädchen, sondern als eine blühende, wunderschöne, allerliebst geputzte Jungfrau; und zweitens sahen sie sich selbst beide nicht mehr alt und in Lumpen, sondern als zwei schöne wohlbekleidete Leute in den besten Jahren; und drittens sahen sie durch die Thüre nicht mehr in einen verfallenen, mit Schutt und wildem Unkraut bewachsenen Burghof hinaus, sondern in einen schön gepflasterten, reinlichen Hof von schönen Schloßgebäuden, Ställen, Gärten und Terrassen umgeben; in der Mitte des Hofes aber, an einem plätschernden Springbrunnen, sahen sie drei verdrießliche alte Esel mit langen Ohren angebunden, welche die Köpfe zusammendrückten, als ob sie sich schämten. Auch sahen sie allerlei Bediente in schönen Livreen geschäftig auf und niedergehen, die immer, so oft sie am Hühnerstall vorüber kamen, tiefe Verbeugungen machten und schönen guten Morgen wünschten. »Ach, was ist das, es ist nicht möglich, woher alle diese Wunder?« rief Gockel aus; da reichte Gackeleia ihm ihre schöne Hand und sah ihm freundlich lächelnd in die Augen, und Gockel schrie mit lautem Jubel aus: »ach der Ring, der köstliche Ring Salomonis ist wieder da, den du durch die Puppe verloren!« Da sagte aber Gackeleia gleich wieder: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur«, und Gockel sagte: »meinetwegen, ich will dir die Ruthe nicht mehr geben, du bist auch zu groß dazu, und Alles ist ja wieder gut.« »Aber wie hast du nur Alles angefangen?« sagte Frau Hinkel, welche immer um die schöne, prächtige Jungfrau herumgegangen war, sie zu betrachten und zu küßen und zu drücken, »um Gotteswillen, Herz-Wunder-Gackeleia, erzähle!« »Ja, erzähle«, rief Gockel und drückte sie herzlich an seine Brust. Gackeleia aber erwiederte: »lobet mich nicht zu sehr, geliebter Vater, denn all unser neues Glück haben wir allein Euch selbst zu verdanken.« »Mir?« fragte Gockel, »das müßte seltsam zugehen; ach ich habe ja nichts thun können, als vor den Häusern nach dir suchend herumbetteln.« Da sagte Gackeleia: »schon gut, Ihr sollt Alles hören; folgt mir nur an einen andern Ort, wir wollen das wieder hergestellte Stammschloß unsrer lieben Vorfahren einmal ein wenig durchmustern, wir werden gewiß ein Plätzchen finden, wo es uns besser gefällt, als in dem alten Hühnerstall, in dem wir ohnedieß dem Federvieh Platz machen wollen, das gleich wieder hinein muß.« Da drehte Gackeleia den Ring und sprach: »Salomon, du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Fülle gleich den Hühnerstall, Lass' die bunten Hühner all' Gackeln, scharren, glucken, brüten, Und vom hohen Hahn behüten; Alle soll er übersehen, Stolz mit Spornen einhergehen, Kamm und Sichelschweif hoch tragen, Streitbar mit den Flügeln schlagen; Krähen wie ein Hoftrompeter, Daß bei seinem Anblick jeder Ganz mit Wahrheit sagen kann: »Das ist recht ein Rittersmann.« Bringe uns auch schöne Pfauen, Die bei ihren grauen Frauen Gold'ne Augenräder schlagen, Abends nach der Sonne klagen. Gieb uns dann auch wälsche Hahnen, Zornig schwarze Indianen, Solch' hoffärtige Gesellen, Denen roth die Hälse schwellen, Die sich kollernd neidisch blähen, Wenn sie rothe Farben sehen, Aufgespreitzt mit Hofmanieren Um die Hennen her turniren. Schenk' uns Enten bunt und prächtig, Weiße Gänse, die bedächtig Nach dem Wolkenhimmel sehn Und auf einem Beine stehn, Oder auf der Wiese gackeln, Bis sie in das Wasser wackeln. Lasse auch schneeweiße Schwäne, Rein, wie blanke Silberkähne, Ernst und klar mit edlem Schweigen Schwimmen in den Spiegelteichen. Auf dem Dache lass' sich drehen Tauben, schimmernd anzusehen, Um den Hals mit gold'nen Strahlen, Schöner, als man sie kann malen. Alles sey recht auserlesen, Wie's im Paradies gewesen. Ringlein, Ringlein dreh' dich um, Mach's recht schön ich bitt' dich drum.« Kaum hatte Gackeleia dieses gesagt, als aus dem Hühnerstalle, den sie verlassen hatten, ihnen eine Schaar der buntesten Hühner, Pfauen, Puter, Enten, Gänse und Schwäne nachströmte, und auf dem Dache Alles von Tauben wimmelte. Gockel und Hinkel hatten die größte Freude an dem herrlichen Federgeviehzel und folgten, nachdem sie Alles einzeln bewundert hatten, der Gackeleia in das Schloß. Freudig und neugierig betrachteten sie eine Reihe von Gemächern und Sälen, welche alle mit dem prächtigsten alten Hausrath versehen waren, und traten endlich oben auf einer Terrasse heraus, von welcher sie herab in den Hühnerhof. links auf das Schloß und vor sich hin Gärten und Wald in die Ferne bis nach Gelnhausen und Hanau sahen. »Hier ist es gar schön«, sagte Gackeleia, »seht wie die schönen Tauben neben uns schweben, und der Pfau sieht auf der Spitze des Thurmes der Sonne entgegen; hier will ich Euch Alles erzählen, wie ich den Ring wieder erhalten habe, aber wir wollen auch etwas frühstücken.« Kaum hatte sie dieses gesagt, als ein alter Diener einen großen Präsentirteller mit Früchten und kaltem Fleischwerk und feinem Gebackenem und Wein und Milch über die Treppe heraufbrachte, und als er Alles vor sie niedergesetzt hatte, nochmals fragte: »sollen die drei Esel mit dem Käse und den Schinken bepackt werden!« »Ja«, sagte Gackeleia, »und daß nur Alles recht gut und ausgesucht sey; ich werde hernach das Weitere selbst befehlen.« Gockel und Hinkel waren sehr begierig nach ihrer Erzählung und baten sie zu beginnen. Da erzählte sie Folgendes: »Lieber Vater, als meine Puppe – nein, meine schöne Kunstfigur – so weit vor mir vorausgelaufen und eure Ruthe – nein, eure häßliche Kunstfigur – so dicht hinter mir her war, zappelte ich mit Händen und Füßen, von euerm Knie herunter auf die Beine zu kommen, um meinem lieben Klandestinchen nachzueilen, welche bergab lief, wie sie noch nie gelaufen war; da ließest du mich los und eiltest den Felsen hinab der Mutter zu Hülfe, ich aber raffte mein Körbchen auf und rannte über Hals und Kopf der Kunstfigur nach, die einen guten Vorsprung hatte. Da wir aber in den dichten Wald kamen, hinderten sie öfter Gras und Gesträuch im Lauf, und ich war ihr endlich so nah, daß ich die Hand ausstreckte, sie zu ergreifen, aber in demselben Augenblick entschlüpfte sie zwischen zwei Felsstücken in eine kleine Höhle. – Ich war in der größten Betrübniß, ich konnte ihr nicht nach; ich kniete vor der Oeffnung nieder und rief zu ihr hinein: »Klandestinchen, Klandestinchen! wie handelst du so undankbar gegen mich, ich habe dich so lieb, so lieb, daß ich lieber die schimpflichste Strafe über mich ergehen ließ, als dich zu verlassen, und jetzt versteckst du dich vor mir, als wenn ich deine ärgste Feindin wäre.« »Als ich diese Worte gesprochen hatte, fiel mir auch erst ein, wie sehr weit ich von Euch, liebe Aeltern, fortgelaufen war; ich sah die Sonne bereits sinken und war außer allem Weg und Steg. Weinend schrie ich in den Wald hinein: »Vater Gockel, Mutter Hinkel!« aber Alles war vergebens, nur das Echo antwortete mir. Dann fiel mir ein, daß jetzt die Stunde sey, wo der alte Mann gesagt, daß die Puppe etwas müsse zu knuppern haben; ich holte etwas Zuckerbrod aus meinem Körbchen und legte es auf ein reines Blatt vor die kleine Höhle und füllte meinen Fingerhut in einem nahen Quell und stellte ihn aufrecht in den feuchten Sand gedrückt darneben, dann rief ich in das Höhlchen hinein: »Klandestinchen, wenn's gefällig ist, es ist servirt.« – Ich dachte, der Alte hat von ihrem guten Appetit gesprochen, sie hat Bewegung genug gehabt, es sollte ihr wohl schmecken, wenn sie merkt, daß aufgetragen ist. Ich selbst hatte Hunger, und nahm ein Stück hartes Brod aus meinem Bettelsack, tauchte es ins Wasser und aß in einiger Entfernung, weil ich gehört hatte, daß sie sich nicht gern beim Essen zusehen lasse. – Ach ich war so müd, so müd, Hände und Füße zuckten mir, ich lag im Gras, der Schlaf krabbelte mir den Rücken herauf und machte mir die Augendeckelchen zu, denn das Sandmännchen kam und wollte mir Sand hinein streuen, und das wäre nicht gut gewesen, aber ich raffte mich noch einmahl auf und wusch mich ein bischen am Bach, weil ich so viel Staub und Schmutz im Gesicht und an Händen und Füßen hatte, denn ich habe nie vergessen, was die Mutter mich gelehrt, man soll nie ungewaschen und ungebetet zu Tische gehen, aufstehen und schlafen gehen. – Ich setzte mich also ins weiche Moos, und war so müd, so müd und wußte nicht, sollte ich mich rechts, sollte ich mich links legen, und sagte alle meine Kindergebetchen durch einander her: »Guten Abend, gute Nacht, Von Sternen bedacht, Vom Mond angelacht, Von Engeln bewacht, Von Blumen umbaut, Von Rosen beschaut, Von Lilien bethaut, Den Veilchen vertraut; Schlupf' unter die Deck' Dich reck' und dich streck', Schlaf' fromm und schlaf' still, Wenns Herrgottchen will, Früh Morgen ohn Sorgen Das Schwälbchen dich weck'!« Unter diesen Gebetchen kehrte ich mich nach einer Seite, zuckte noch einige Male und schlief ein. Da träumte mir, ich sehe Clandestinchen die schöne Kunstfigur aus der Höhle kommen, sie verzehrte das Zuckerbrod, sie trank aus dem Fingerhut, und kam nachher zu meinem Bettchen und sagte: »Herzkind, Gackeleia, schlaf nur süß fort, denn nur im Schlaf kannst du mich verstehen; sag, süß Lieb! darf ich wohl ein bischen zu dir kommen? o nimm dein Püppchen in den Arm an dein lieb Herzchen, meine Füßchen sind ganz wund vom vielen Laufen, auch ist mir gar nicht wohl, ich muß mich verkältet haben, ach Kind nimm die Puppe zu dir« – da sagte ich ganz erschrocken: Darf nicht, darf nicht, denn ich schwur, Keine Puppe, sondern nur Eine schöne Kunstfigur, Nach der Uhr und nach der Schnur Und ein Mäuschen von Natur. »Ach Gackeleia«, sprach sie, »das bin ich alles, und noch mehr, ich weiß kaum mehr, was ich bin, ich will dir ja Alles erzählen, nimm mich doch, ich bin ja gewiß keine Puppe.« – Hierauf schlupfte sie zu mir und ich hielt sie schlummernd im Arm an meinem Herzen, wobei ich sagte: Zu Bett, zu Bett, Die ein Püppchen hätt, Die keines hätt', Muß auch zu Bett! Und da ich mein Schürzchen uns Beiden gegen den Nachtthau übers Gesicht deckte, ward mir ganz weich ums Herz und ich wiegte das Klandestinchen ein bischen, daß es schlafen sollte, und sprach: Eia popeia popolen! Unser Herr Gottchen mag uns nur holen, Kommt er mit dem goldenen Lädchen, Legt uns hinunter ins Gräbchen, Ueber mich Kräuterlein, Ueber dich Blümelein, Bis wir beisammen im Himmelreich sein. Da sagte die Figur: »Das ist alles gar schön, und man mag die Puppe und die Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur in einem goldenen Lädchen immer ins Grab legen, nur das Mäuschen von Natur, muß ich bitten, damit zu verschonen, denn es muß für Gatte und Familie, für Volk und Vaterland noch lange leben; drum Gackeleia bitte ich dich um Gotteswillen, mache mir das fatale Drathgürtelchen los, womit mich der böse Alte unter die verschraubte Kunstfigur festgeschnürt hat, ich habe solches Leibschneiden, ich hab' mich überlaufen, ich hab' mich übergessen, es ist mir zum Sterben, geschwind, geschwind hilf dem Mäuschen von Natur, denn ich bin keine Puppe, keine Kunstfigur, ich bin die unglückliche Mäuse-Prinzessin Sissi von Mandelbiß, der dein Vater einmal das Leben gerettet hat.« Da sah ich gleich nach und fand wirklich das schönste weiße Mäuschen von Natur mit einem Drath zwischen kleine Räder befestigt, die an den Füßchen der Puppe angebracht waren, ich machte die arme Prinzessin los, die mir freudig dankte und sagte: »Schlaf fort Herz-Gackeleia, gleich komm ich wieder, ich muß mich nothwendig ein bischen bewegen und durch das thauichte Gras laufen, um mich zu waschen und zu erfrischen, gleich komme ich wieder zu dir« – und husch war sie fort.« So weit hatte Gackeleia erzählt, da sah Gockel nach den beiden Mäusen, die sich in ein Stück Kuchen eingefressen hatten und ruhig darin schliefen, und sprach: »Es ist doch eine kuriose Theater-Prinzessin, die Sissi von Mandelbiß; wo die überall herum kömmt, die kann auch mehr als Brod essen! Aber erzähle weiter, wie ist sie nur mit der Kunstfigur zusammengekommen?« Da fuhr Gackeleia fort: »Als Sissi wieder kam, schlupfte sie mir dicht ans Ohr, versteckte sich warm in meine Haarlocken und erzählte mir alles ganz ausführlich, und ich war so neugierig, daß ich sie nie unterbrach. Sie sagte: »dein Vater Gockel hat mich und meinen Gemahl Prinz Pfiffi von Speckelfleck vor der Katze Schurrimurri gerettet und uns wieder nach Haus befördert; der Mord der Gallina durch dieselbe Katze und die Hinrichtung der Katze und der edle Tod Alektryos ward uns durch Musterreiter unsers Volkes erzählet, wir wollten Gallina und Alektryo ein Mausoleum auf dem Mauskirchhof setzen lassen, und da ich mit Prinz Speckelfleck wegen unserer Rettung eine Wahlfahrt nach dem Mausthurm bei Bingen gelobt hatte, gedachten wir damit eine Kunstreise zu verbinden und uns mit den schönsten Mausoleen in Kirchen und auf Kirchhöfen bekannt zu machen. Prinz Speckelfleck meinte, wir müßten incognito wie gemeine Mäuse nur in geringen Häusern einkehren; – ich folgte, aber nie thue ichs wieder, denn was man da erwischen kann, ist nichts werth, und am Ende wird man noch selbst erwischt. – So waren wir in Friedberg neben drei alten schmutzigen Männern mit langen Bärten im Stroh eingekehrt. Pfiffi schlupfte zur Thüre hinaus, mir etwas zu essen zu suchen, und ich war so unbesonnen dem Geruch von gebranntem Speck in meiner Nähe nach zu gehen, ach schon nagte ich ein bischen – klapp that es einen Schlag, die Falle schloß sich zu, und ich war gefangen. Meine Verzweiflung kannst du dir denken. – Der Schlag der Falle hatte die drei Alten auf dem Stroh erweckt; sie liefen mit der Falle ans Fenster, der Tag brach schon an. »Da haben wir, was wir brauchen«, sagte der eine, »eine schöne, große weiße Maus hat sich gefangen; die befestige ich mit einem Drathgürtel unter der Kunstfigur, die wir in Nürnberg gekauft haben; das Räderwerk ist zu schwach, die Puppe kann nicht lang laufen, da kann die Maus als Vorspann dienen, damit sie von der Stelle kömmt. Geschwind zünde ein Licht an, sagte er zu dem Andern, ich will mich gleich an die Arbeit machen.« Da schlug der Andere Licht, und der Alte hatte mich bald mit einem Drath an die kleine Puppe befestigt, die er aus seinem Schnappsack holte; dann zog er das Uhrwerk in der Puppe auf und setzte sie an den Boden, und ich lief von dem Saum des seidenen Puppenkleides bedeckt an der Erde in großer Angst umher; da ich aber aus Begierde zu entfliehen, in allen Ecken anstieß, ergriff er mich mit der Puppe und sagte mit einem widerlichen Zorn zu mir: »ich muß andre Saiten mit dir aufspannen, höre Madame weiße Maus, wenn du mir so toll herum rennst, lasse ich dich hungern, daß du schwarz wirst, oder ich gebe dich der Katze, die soll dich besser tanzen lehren.« – Vor dieser Drohung hatte ich einen solchen Respekt, daß ich mir vornahm, Alles zu thun, was der Alte nur wollte. Er sprach aber noch allerlei wunderliche Worte Abracadabra über ein Stückchen harten Kuchen, das er mich zu essen zwang, es muß das ein Zauberwerk gewesen seyn; denn nun mußte ich Alles thun, was er nur wollte, bald laufen, bald hüpfen, bald so, bald so, wie er verlangte, und auf alle Namen, die er mir gab, hörte ich, wie ein gut abgerichtetes Hündchen. – »Nun«, sagte er zu den Andern, »reisen wir nach Gelnhausen, ich zeige die Puppe der kleinen Gackeleia und schwätze ihr leicht den Ring Gockels dafür ab; ich habe schon einen ähnlichen nachmachen lassen, und haben wir den Ring, so haben wir für nichts mehr zu sorgen.« – Nach diesen Worten steckte er mich mit der Puppe in seinen Gürtel, und sie zogen nach Gelnhausen. O ich war froh, zu dir, Gackeleia, zu kommen, ich machte die artigsten Sprünge vor dir, ich dachte, wenn du schlafen würdest, dir Alles zu sagen, und durch die Großmuth deines Vaters nochmals gerettet zu werden; – das Uebrige weißt du, liebste Herzgackeleia! – Jetzt aber werde ich dich bald aufwecken, wir sind nicht weit von der Residenz meines Herrn Vaters, Alles ist gewiß noch in großer Trauer um meinen Verlust, du sollst die Freude sehen, wenn ich wieder komme. Ich muß dir nur noch sagen, daß unsre Stadt nicht ist wie eure Städte, Alles ist ländlich, sittlich; du könntest nicht bequem bei uns wohnen, es ist alles zu eng. – Sieh unsre Stadt ist gegründet worden auf einem ehemaligen Schlachtfeld; der Proviantwagen der Marketenderin und allerlei andere Bagage wurden zerschlagen und geplündert, und das zwar in einer einsamen unwegsamen Gegend. Meine Vorältern waren als freiwillige Mäuse mit den Proviantwagen gezogen, und da nun alles zerstört und die Soldaten fort waren, ließen sie sich dort nieder, sammelten noch andere edle Mäuse, richteten Alles in eine vollkommene Stadt ein, und es wird jetzt von dort aus ein großes Mäusereich regiert. Du wirst dein blaues Wunder an den herrlichen, geschmackvollen Anlagen sehen. Sobald wir dort sind, lasse ich dir ein Blumenbettchen auf unserm Maifeld machen, da legst du dich gleich nieder und schläfst und kannst dann Alles verstehen, was ich sagen und thun werde, um deinem Vater Gockel den Ring Salomonis wieder zu verschaffen. – Jetzt erschrick nicht, ich beiße dich ein bischen ins Ohr, damit du aufwachst; dann nehme ich einen leuchtenden Johanniswurm in den Mund und laufe vor dir her nach meiner Heimath, da folgst du mir, wie einer Fackelträgerin. Glück auf Gackeleia!« Nun biß die Prinzessin Mandelbiß mich ins Ohrläppchen, und ich erwachte. Schnell packte ich die Kunstfigur und alles Andre wieder in mein Körbchen und rüstete mich zum Abmarsch. Die Mäuseprinzessin machte die lustigsten Freudensprünge mit dem leuchtenden Johanniswürmchen vor mir her durch das Gras, was gut war; denn da der Mond noch nicht aufgegangen, so war es im dichten Wald noch sehr dunkel und ich wußte weder Weg, noch Steg. Ich folgte dem Lichte; aber sie eilte so sehr, daß ich sie oft aus dem Gesichte verlor. Wenn ich dann ängstlich rief: »Mandelbißchen, laß mich nicht im Stiche!« pfiff sie laut und sprang mit dem Lichtchen vor mir hoch aus dem Gras auf, wodurch ich mich wieder zurecht fand. Als wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen waren, hörte ich ein großes Gepfeife und sah um einen Hügel herum die Residenz des Mäusekönigs im Sternenschein liegen, die ich euch gleich beschreiben will. Kaum hatte die Prinzessin sich am Thore der Stadt gezeigt, als es weit aufflog, und ein freudiges Gepfeife durch die ganze Stadt und das oben liegende Schloß sich verbreitete, aus welchem viele weiße Mäuse ihr entgegenstürzten und sie mit großem Jubel empfingen. Sie wollte aber nicht in das Schloß hinein, sondern drehte sich abwechselnd gegen mich und die Ihrigen, welchen sie von mir zu erzählen schien, so, daß alle die Mäuse bald ihre Köpfchen gegen mich aufhoben und allerlei pfiffen, was ich nicht verstand. Da sagte ich zu ihnen: »ihr lieben Mäuse, gleich will ich mich schlafen legen, damit ich eure Gespräche verstehen kann,« und kaum hatte ich das gesagt, als sie auch zu Tausenden anströmten und das zarteste Moos an einem reinen Plätzchen zwischen Blumen zusammen trugen. Ich sah wohl, das dieß ein Bettchen für mich werden sollte, und betrachtete unterdessen die schöne Mäuse-Stadt. Oben auf dem Hügel lag das königliche Schloß, von grossen holländischen Käsen erbaut, die alle auf das reinlichste ausgenagt waren. Alle Thüren und Fenster waren zwar etwas nach altem Geschmack, und nicht ganz gleichförmig vertheilt; doch hatte die Burg ein sehr ehrwürdiges Ansehen; sie war pyramidalisch im perspektivischen Stile erbaut, und ich kann noch nicht begreifen, wie es Mäuse-möglich war, ein so kühnes Werk zu Stande zu bringen. Rings um das Schloß her und selbst auf seinen Dächern waren die schönsten Gärten von Schimmel angelegt, den ich nie höher und feuchter gesehen habe. Thürme von ausgehöhlten Commisbroden, mit Kuppeln von Flaschen-Kürbissen schmückten das mit Bretzeln und dergleichen verzierte Schloß. Die neuern Häuser der Unterthanen bestanden aus hohlen Kürbissen und Melonen, die sie früher selbst mit Mühe herangewältzt, in der neuern Zeit aber, bei zunehmender Bildung und Industrie, an den Stellen gepflanzt und, wenn sie groß waren, ausgehöhlt hatten. Aeltere adelige und Patrizier-Geschlechter bewohnten alte Reiterstiefel, Patrontaschen, Tornister, Pistolenhulfter, Mantelsäcke, Filzhüte und Lederhelme und was auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war; jedoch schienen diese Gebäude der Reparatur zu bedürfen. Einen alten Reutersattel sah ich als Thor oder Triumphbogen zwei Stadttheile verbinden. Alle Gebäude der etwas sehr unregelmäßigen Stadt wurden durch größere und kleinere Anlagen von Schimmel, Pilzen und vielerlei andern Pflanzen umher verschönert. Auch bemerkte ich viele Höhlen in die Erde hinein, die theils Keller und Vorrathskammern waren, theils von einem eigenen Stamm der Feldmäuse bewohnt wurden. Das Schönste aber von allem war Folgendes: herrlich und kunstreich schaute von einer Höhe eine große gothische Kirche auf die ganze Stadt wie ein Hirt auf seine Heerde herab; ihr Schiff bestand aus einem großen alten Koffer, worüber ein zerrissener Flaschenkorb stand, die beiden Thürme waren aber zwei weißgebleichte Pferdeschädel, welche das Gebiß noch im Maule hatten. Leider war, wie bei den meisten solchen Werken der Stil nicht ganz gleichartig, denn das eine Gebiß war eine Trense das andre eine Stange. Die Thurmspitzen selbst waren mit tausend kleinen Knochensplittern verziert und verspitzt; um die Kirche her breitete sich der Kirchhof aus, Grab an Grab schön geordnet, und mitten darauf ein Beinhaus von lauter Mäusegerippen und Beinchen, weiß wie Elfenbein, in schönster Ordnung zusammengelegt. Etwas tiefer als die Kirche lag ein Bauwerk, das zu den sieben Wundern der Welt gezählt wird, es bestand aus einem Trinkhumpen, der gekrönt von einem Reuterhelm in einer Trommel stand. Man nannte es das Mausoleum, denn hier ist der erste König dieses Volkes Namens Mausolus I. begraben, und seine Gattin Artemisia I. hat es ihm errichtet. Alles das konnte ich nicht genug bewundern, und der Mond schien so hell in die kleine wimmelnde Welt, daß es eine Lust war hinein zu schauen. Während dem hatten die Mäuschen mein Bettchen und neben mir eines für die Kunstfigur von dem weichsten Moose zwischen Blumen fertig gemacht. Die meisten giengen ihrer Wege, einige konnten aber gar nicht fertig werden, mir gute Nacht zu sagen, und ich war doch von den vielen Anstrengungen so müde, daß ich schier vergessen hätte, wie ich hier bei weltfremden Leuten war; ja, lieber Vater! ich war so in der Empfindung des Schlafes, daß ich glaubte, ich sey bei Mutter Hinkel in Gelnhausen, und ich rieb mir die Augen und hatte schon angefangen, mit weinerlicher Stimme zu sagen: »Mutter, Mutter, Gackeleia ins Bettchen legen, Gackeleia ist müd, müd!« – Da ich aber die Worte der Mutter nicht hörte: »ja, schlafen gehen, das Kind ist müde, das Sandmännchen kömmt angeschlichen«, besann ich mich und schaute um mich, und sprach mit majestätischer Stimme: »Ich habe die Ehre, Ihnen sämmtlich eine geruhsame Nacht zu wünschen, lassen Sie sich etwas recht Schönes träumen. Sie würden mich unendlich verbinden, wenn Sie sich zurückziehen wollten, damit ich mich schlafen legen kann.« Da aber die dummen Mäuse immer noch verwundert da standen, jagte ich sie endlich mit meiner Schürze nach Haus. Es ist mir nichts Peinlicher, als das lange unentschiedene Zaudern, und doch war ich nun, da ich mich zum Schlafen niederlegte, längere Zeit beunruhiget, daß ich die armen Schelmen so hart angefahren hatte und bat sie in meinem Innern herzlich um Verzeihung. Kaum war ich entschlafen, so versammelte sich die königliche Mäusefamilie mit ihrem Ministerium um mich her, und ich hörte alle die schönen Reden, die sie hielten, an denen nichts auszusetzen war, als daß die kurzen zu langweilig und die langen zu kurzweilig waren. Die Hauptsache war, wie sie der Raugräflich Gockelschen Familie nun schon zweimalige Rettung verdankten. Prinz Pfiffi sagte, als seine Gemahlin in die Gefangenschaft unter die Kunstfigur gekommen, sey er den drei Petschierstechern gefolgt, habe gesehen, wie sie sich den Ring verschafft und sich zu vornehmen, schönen, jungen Leuten gemacht, den Graf Gockel und seine Familie aber in arme Bettler verwünscht hätten. Kurz er wußte Alles, und wollte morgen allein ausziehen, mir den Ring wieder zu verschaffen, was ihm wegen der Uneinigkeit der Besitzer sehr leicht schien. »Nein, nein« rief da die Prinzeß Sissi, »ich will dabei seyn, du bist viel zu ungestüm, wir wollen es zusammen versuchen, und Gackeleia soll auch mitgehn.« Da sprach ich: ja, ja, das wollen wir, und ich verspreche euren königlichen Eltern, wenn ich den Ring wieder erhalte, einen Zentner der schönsten holländischen Käse und einen Sack der besten Knackmandeln, um ihre Residenz neu erbauen zu können, und dazu noch einen Zentner der beßten Schinken zur allgemeinen Belustigung der Nation, und sonst Alles, was dem edeln Volk der Mäuse lieb und angenehm seyn kann.« – »Ach«, rief der alte König aus, »meine liebe Gemahlin sagt mir so eben, daß sie vor ihr Leben gerne einmal Königsberger Marzipan und Thornischen Pfefferkuchen und Jauersche Bratwürste und Spandauer Zimmtbretzeln und Nürnberger Honigkuchen und Frankfurter Brenten und Sachsenhauser Kugelhupfen und Mainzer Vitzen und Gelnhauser Bubenschenkel und Koblenzer Todtenbeinchen und Liestaller Leckerli und Botzner Zelten und dergleichen patriotische Kuchen essen möge.« »Alles das sollt ihr im Ueberfluße erhalten«, sagte ich, »sobald ich den Ring besitze.« – »Wohlan«, sprach der König, »so mögt ihr morgen mit Tagesanbruch auf das Abentheuer ausziehen. Jetzt aber soll gleich, sobald unsre Rathsitzung geschlossen ist, in die Kirche gezogen werden, um den Segen des Himmels zu erflehen; die fliegende Gensdarmerie soll gleich die nöthigen Anstalten treffen.« – Nach diesen Worten des Königs Mausolus VIII. sah ich viele Fledermäuse geschäftig durch die Stadt hin- und wiederfliegen. Jetzt trat noch ein fataler Schmeichelredner auf, um den Muth herauszustreichen, mit welchem ich die Ruthe für Prinzessin Sissi ertragen hätte. Ein alter Pair aber unterbrach ihn mit den Worten: »Ehre, dem Ehre, Ruthe, dem Ruthe gebührt! Sie litt nicht weil sie eine Mäusefreundin, sondern eine Spielratze und einst eine Katzenfreundin war; wer weiß, ob sie nicht noch jetzt deren Spionin ist« – dieser Verdacht schnitt mir durchs Herz, so daß ich im Schlafe wie eine Katze zu miauen begann, worauf dem Redner das Wort in der Kehle stecken blieb, und das ganze Parlament über Hals und Kopf auseinanderlief und sich in alle mögliche Wohnungen und Löcher verkroch. Die Prinzessin von Mandelbiß hatte nach ihrem Zartgefühl mich wohl verstanden, sie blieb bei mir und sagte: »liebe Gackeleia, du hast die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich hätte es an deiner Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkünden lassen, woher das Katzengeschrei kam, dann fällt Alles auf den undelikaten Redner. Vorher muß ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Königin gekleidet aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten, das wird eine so große Wirkung thun, als das Trojanische Pferd; – ich bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf die Eroberung des Ringes ausziehen.« Schnell kleidete ich die Figur nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Rücken und zog die Uhr in ihr auf. Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, daß die Mäusekinder, welche sich schon vor der Thüre des Schulmeisters zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig über sie erschracken. Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng wieder was Neues los. Die Kirchenmäuse liefen auf die Thürme der Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und ich glaube darum, daß sie eine Art türkischer Religion haben. Die Fledermäuse, eine Art fliegender Nachtwächter-Gensdarmerie, schwebten über der Stadt hin und wieder und verkündeten, das gehörte Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde Statt, Prinzeß Mandelbiß trage die schöne Kunstfigur als Königin dabei durch die Strassen u. s. w. Nun hörte ich ein fernes Singen immer näher und näher kommen; endlich verweilte der Gesang in der Nähe meines Lagers, und ich hörte, daß Prinz Speckelfleck ausrief: »hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia den Schlaf zu versüßen.« – Ich hörte nun das folgende Lied, welches von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorüberziehenden Mäuseprozession unterbrochen ward. Kein Thierlein ist auf Erden Dir lieber Gott zu klein, Du ließt sie alle werden, Und alle sind sie dein.     Zu dir, zu dir     Ruft Mensch und Thier;     Der Vogel dir singt,     Das Fischlein dir springt,     Die Biene dir brummt,     Der Käfer dir summt,     Auch pfeifet dir das Mäuslein klein:     Herr, Gott, du sollst gelobet seyn. Das Vöglein in den Lüften Singt dir aus voller Brust, Die Schlange in den Klüften Zischt dir in Lebenslust.     Zu dir, zu dir u. s. w. Die Fischlein, die da schwimmen, Sind, Herr, vor dir nicht stumm, Du hörest ihre Stimmen, Vor dir kömmt Keines um.     Zu dir, zu dir u. s. w. Vor dir tanzt in der Sonne Der kleinen Mücken Schwarm, Zum Dank für Lebenswonne Ist Keins zu klein und arm.     Zu dir, zu dir u. s. w. Sonn, Mond geh'n auf und unter In deinem Gnadenreich, Und alle deine Wunder Sind sich an Größe gleich.     Zu dir, zu dir u. s. w. Zu dir muß Jedes ringen, Wenn es in Nöthen schwebt, Nur du kannst Hülfe bringen, Durch den das Ganze lebt.     Zu dir, zu dir u. s. w. In starker Hand die Erde Trägst du mit Mann und Maus, Es ruft dein Odem: »werde«, Und bläst das Lichtlein aus.     Zu dir, zu dir u. s. w. Kein Sperling fällt vom Dache Ohn' dich, vom Haupt kein Haar, O theurer Vater wache Bei uns in der Gefahr!     Zu dir, zu dir u. s. w. Behüt' uns vor der Falle Und vor dem süßen Gift Und vor der Katzenkralle, Die gar unfehlbar trifft.     Zu dir, zu dir u. s. w. Daß unsre Fahrt gelinge, Schütz' uns vor aller Noth, Und hilf uns zu dem Ringe Und zu dem Zuckerbrod.     Zu dir, zu dir u. s. w. Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an: Vivat! beim höchsten Schwure Nicht Puppe, sondern nur Nach Uhr und nach der Schnure Die schöne Kunstfigur!     Von ihrer Zier     Spricht Mensch und Thier     Das Vögelein singt,     Das Fischelein springt,     Das Bienelein summt,     Das Käferlein brummt,     Auch pfeifen alle Mäuselein:     Die Kunstfigur ist schön allein. Vivat! du feine gute Prinzessin Mandelbiß, Die sich mit Heldenmuthe Aus schlimmem Handel riß.     Von ihr, von ihr     Spricht Mensch und Thier     Das Vögelein singt,     Das Fischelein springt,     Das Bienelein brummt,     Das Käferlein summt,     Auch pfeifen alle Mäuselein:     Prinzeß Sissi ist superfein. Vivat! hoch Gackeleia, Singt ihr ein Wiegenlied, Singt Heia und Popeia, Das Kind ist müd, so müd!     Von ihr, von ihr     Spricht Mensch und Thier,     Das Vögelein singt,     Das Fischelein springt,     Das Bienelein brummt,     Das Käferlein summt,     Auch pfeifen alle Mäuselein:     Schlaf' Gackeleia popeia ein! Ich erwachte über dem schönen Gesang und hatte schon im Sinn aufzustehen und für die Nachtmusik zu danken, aber ich fürchtete, dann möchten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so hielt ich mich dann mäuschenstille und schien wie eine Ratze zu schlafen, bis die Sänger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich mich auf und sah die schönste Procession ein wenig an. An der Spitze gieng die schöne Kunstfigur, umgeben von der königlichen Familie und dem ganzen Hofstaat. Unter den Hoffräulein sah ich eine viel zu große, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen, tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme paßte gar nicht in den Gesang. Hierauf folgten mehrere fremdartige Mäuse, sie unterschieden sich nicht nur durch Gestalt, Größe und Farbe, sondern auch leider meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel umher und flüsterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich erfuhr später, wer sie waren. Auf sie folgten alle adelichen Geschlechter, worunter das schöne Geschlecht meistens aus weißen Mäuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand. Alle, von welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden Johanniskäfern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden Fledermäuse hatten einfangen müssen. Hierauf folgten nun die Bürgerlichen und endlich die Landmäuse, alle in ihren National- und Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem faulem Holze als Fackeln, welche sie im Vorübergehen an einem alten Weidenstumpf abbissen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Straßen der wunderlichen Mäusestadt den Hügel hinan in den ehrwürdigen Dom hinein schlängelte – es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden Zunderlappen hinlaufen; weißt du noch Vater, du sagtest mir manchmal in Gelnhausen am Kamin, »das sind die Studentchen, die aus der Schule laufen«, ich dachte noch an diese deine Rede. Vor der Thüre der Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern Kirchenmäuse die schöne Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es mäuschenstille ward. – Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebäude im Sternenlicht. Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge, weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefühle und Wünsche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da geheim nun auch; die schwärmerische, die Nacht kam, trunken von Sternen und wohl wenig bekümmert um uns glänzte die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen, über Gebirgsanhöhen traurig und prächtig herauf! – Ach! da dachte ich nichts mehr, als wäre nur Vater und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier wäre, daß ich mittheilen könnte, was ich fühle! – ja liebe Eltern, es giebt Eindrücke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich anklammern möchte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels, einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und uns reißend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will! – nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei großer Architektur im Mondschein« – da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzählung ein, Frau Hinkel schloß sie ans Herz und sagte: »O das ist eine sehr poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind, mein herz- und seelenvolles Kind, auch mich hätte einst zu Gelnhausen im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins Meer der Begeisterung reißend dahin getragen, – aber Vater Gockel war bei mir und so einerlei, daß ich nicht so allerlei empfinden konnte.« – »Bleibe bei der Wahrheit«, sagte Gockel, »du hast doch zweierlei empfunden, du hast an die Fleischerladen und Bäckerladen gedacht und den Schnupfen bekommen. Dir aber Gackeleia, sage ich: ich müßte mich sehr irren, oder du bist eine Schwärmerin mit deinen verschimmelten Käsen, Kürbißen, alten Reuterstiefeln, Sätteln, Patrontaschen und gothischen Kirchen im Mondschein – auch finde ich deine Gefühle im Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, wärst du damals schon so groß gewesen, als jetzt, so wären dergleichen Redensarten zu verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe entlaufen.« – »Vater«, erwiederte Gackeleia, »entschuldiget mich, ich bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich sage als Jungfrau, was ich als Kind gefühlt, und gewiß, Vater, als Kind habe ich nur anders gesprochen.« »Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn,« sagte Gockel, »aber erzähle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt herauskommen – jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in dem sehnsüchtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu patschen – jetzt heißt es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Bäume am Ufer der Sehnsucht haben, daß du Kohlen daraus brennen kannst und zuletzt ausrufen mußt: »ach, es ist Alles, Alles einerlei! o Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen« – aber erzähl weiter Herz Gackeleia!« »Ja«, fuhr Gackeleia fort, »wie ich mein Herz so groß, meine Seele so weit fühlte, erkannte ich wohl, daß jedes Geschöpf der Eitelkeit unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich quält; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken könne, und sang dabei stille vor mich hin: »Mutter-seelig ganz allein, Wie der stille Mondenschein Schauet in die Stadt hinein, Muß die Gackeleia klein In der weiten Welt noch seyn, Wie ist Alles klar und rein, Wie ist Alles licht und fein, Wie ist Alles im Verein Zwei und zwei, und mein und dein; Aber ich, ich bin allein, Mutterseelig ganz allein!« Da hörte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich für die frommen Mäuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu und fand, von Distel und Dornen überwachsen, eine alte, leere Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der Mond schien hinein – ich guckte auch hinein – ach liebe Eltern! ich sah etwas so Entsetzliches, daß mich der Schrecken wie mit einer Gänsehaut überzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte, saßen fünf junge Kater, in welchen ich zu meinem größten Schrecken – ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden: – die fünf Söhne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte. Sie waren also der Hinrichtung entgangen – ihre Mutter Schurrimurri aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie saßen um deren Todtenkopf herum, der in einer alten Alongeperücke lag. – Mack schien eine heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten große Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit ihren Schweifen, daß Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie ihren Grimm nicht ganz unterdrücken und ließen ein dumpfes Murren und Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hören, wobei sie ihre weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten. Das Ganze hatte vom Monde im Faß beleuchtet etwas höchst Gräuliches, Tückisches; mir war, als sehe ich in die Hölle, und unwillkührlich kam mir in die Seele, das ist eine Verschwörung, eine Meuterei, rette deine Freunde, die frommen Mäuse! Diese Verbrecher sind schon gerichtet, sie dürfen ihrer Strafe nicht entgehen. – Ich besann mich nicht lang, erwischte das Fäßchen beim hinteren Ende und stellte es aufrecht, so daß es wie eine Glocke über der ganzen Verschwörung stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch stopfte ich mit einem Stück Rasen zu. Ich legte noch soviel Steine auf das Faß, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die Gefangenen es nicht umwerfen möchten, und begab mich mit dem Gefühle, eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich horchte noch ein Bischen nach dem Faße hin, aber sie hielten sich ganz stille, und so deckte ich mein Schürzchen über die Augen, zuckte ein Bischen und schlief einen süßen Schlaf ein. Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: »Gackeleia, mache mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich gesprochen hat.« Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da habe ich dann Alles folgende gehört: Die große, seltsame Person, die mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland zurückzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen Vorderpfötchen. – Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte: »Vorderpfötchen! es ist mir schier lächerlich! in allen Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfüße haben vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfüße fünf; aber, daß dieses schön sey, das steht nirgends! – Wie mag sie sich nur eine Maus nennen? ihrer Größe nach könnte sie eben so gut Bergbär als Bergmaus heißen; diese Marquise Marmotte hat einen großen, runden Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs, unbedeckte Zähne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze, Augen wie ein Siebenschläfer, Pfoten wie ein Bär, einen kurzen Schweif und gestutzte Ohren. Wenn man ihr schön thut, so knurrt sie wie ein Hündchen. Was ist Schönes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlägen eingequält, und schläft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man allerdings Zeit, sich etwas Schönes träumen zu lassen.« Jene, welche ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und ausländischen Mäusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe befinden, Bündnisse abzuschließen, Gratulationen abzustatten und sich Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern Mäusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen Mausfallen mit. Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzeß Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe über See sehr weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhöchsten wohlthätigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt einer großen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weiße Unterkleider. Er hieß Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthätig auf ihre schwachen Nerven gewirkt. Die übrigen Abgesandten waren von den Spitzmäusen, Bergmäusen, Waldmäusen, Wurzelmäusen u. dgl. Sie plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der Prinzeß Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze Schurrimurri und ihrer Jungen, äußerten sich alle aber sehr bedenklich über ein umlaufendes Gerücht, daß die fünf verwegenen Söhne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverständniß mit den Söhnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des jungen Katzenellenbogens eine höchst gefährliche Verschwörung, angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen Hühner und Vögel; die Eulen seyen bereits für sie gewonnen, ebenso die Füchse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man müsse sehr auf seiner Hut seyn u. s. w. – Sissi erzählte mir dieses Gerede der ausgezeichneten Staatsmäuse mit großer Bangigkeit; – o wie froh war ich, ihr versichern zu können, obgleich jenes Gerücht gegründet, sey dennoch gar nichts von diesen Verschwörern zu befürchten. Sissi erzählte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner Muskulus im Dome gehalten. Er sprach über Mann und Maus, Menschheit und Mausheit, Menschlichkeit und Mäuslichkeit, Menschenmöglichkeit und Mäusemöglichkeit. Er erwähnte den Verstand der Mäuse, welche stäts von jeder Speise das beste Theil erwählen; ihre Großmuth, weil sie trotz ihrer Blödigkeit vor allen Thieren ein sehr großes Herz haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Löwen aus dem Netze befreit; ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fürchtet, sie möchten ihm in den Rüssel schlüpfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus verlassen, ehe es zusammenstürzt. Er sprach von der Ehrfurcht der Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen gefüttert werden. Er erwähnte die große Nächstenliebe der Mäuse, welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die Schwänze beißend, eine Kette bilden, um ihre verunglückte Nebenmaus aus der Grube zu ziehen. Er sagte, wie thöricht bei all diesen großen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebären wollen, und eine lächerliche Maus sey hervorgekommen; er führte die Mäuse als Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den Mausthurm mitten in den Rhein geflüchtet. Er sprach auch von der Holdseligkeit der Mäuse, daß sogar die Menschen ihre artigsten Kinder: »kleine Maus, liebes Mäuschen,« nennen. Er erwähnte, daß die Mäuse das feinste Gehör außer den Eseln haben. Aber auch vom Uebermuth der Mäuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist, schmeckt ihr das Mehl bitter. Er sprach von gefährlichen Zeiten, und daß die Mäuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken sollten, daß die Katze das Mausen nicht lasse. Dann flehte er noch den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiß und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das Sprichwort wohl zu überlegen: »Zu bedauern ist die Maus, Kennt sie nur ein Loch im Haus; Aber ins Verderben rennt Jene, die gar keines kennt,« und nun setzte der gelehrte Muskulus hinzu, wie er bei seinen Studien eine halbe Bibliothek durchfressen und wie trefflich ihm endlich die schöne Stelle des heidnischen Komödienschreibers Plautus geschmeckt habe: »Bedenk' die Weisheit der kleinen Maus, Sie hat viel Thüren in ihrem Haus, Sperrst du ihr einen Schlupfwinkel zu Flieht sie zum andern und sitzt in Ruh'.« Als der Klingelbeutel in dem Dom herumgieng, hielt der edle Muskulus noch eine rührende Auslegung des tiefsinnigen Wortes: »er ist so arm wie eine Kirchenmaus,« welche den ganzen Klingelbeutel mit Waitzenkörnern so reichlich füllte, daß die Marquise Marmotte genug zu thun hatte, ihn herum zu schleppen, wenn gleich der duftende Herr Piloris ihr dabei den Arm gab. So erzählte mir Prinzeß Sissi Alles, daß ich es eben so gut wußte, als wenn ich in der Rede des edlen Muskulus geschlafen hätte. – Ich dankte ihr herzlich dafür und sagte ihr: »Liebste Sissi, ich bin glücklich, daß sich unsre Herzen gefunden haben und daß wir uns du nennen – ach so kann ich auch alle meine Leiden in deinen schwesterlichen Busen ausschütten; ach ich muß dir zu meiner großen Beschämung gestehen, es ist mir so sehnsüchtig um's Herz, ich sehne mich nach einem Gegenstand, den ich freßlieb haben könnte, es ist mir so leer, so leer, ich möchte Alles verschlingen; ich müßte mich sehr irren, oder ich habe einen ganz abscheulichen Hunger, denn seit ich das Birkenreis geschmeckt, habe ich nichts mehr über mein Herz gebracht, als einige Wald-Erdbeeren; Sissi, schaffe mir etwas zum schnabelieren, oder ich sterbe aus Sehnsucht.« – Da erwiederte Sissi: »Herz Gackeleia! du hast ja noch eine halbe Bretzel und einen halben Bubenschenkel in deinem Körbchen;« aber ich entgegnete: »das sind Dokumente, und ich wollte eher verhungern, als Dokumente essen.« »Wohlan,« sagte Sissi, »ich will sehen, was ich dir auftreiben kann,« da pfiff sie einige Mal, worauf eine Fledermaus zu ihr heranflog, welcher sie den Auftrag gab: die reinsten Schulmauskinder sollten augenblicklich Beeren pflücken und auf grünen Blättern mir zu Füßen legen – eben so solle sie den anwesenden Geschäftsträger der Haselmäuse, den wohlriechenden Chevalier Muscardin in ihrem Namen um eine Portion Haselnüße bitten und diese hieher besorgen, Überhaupt möge sie Alles, was sie von menschlichen Eßwaaren auftreiben könne, ohne großes Aufsehen zu machen, so schnell als möglich herbeischaffen. – Die Fledermaus machte ihr unterthäniges Kompliment und flog von dannen. – Schon nach einigen Minuten bemerkte ich eine große Thätigkeit: die Mäuse schleiften ein altes, rund genagtes Trommelfell auf den Rasen in meine Nähe und deckten mehrere große Pilze, die wie kleine Tische umherstanden, mit Blättern und trugen allerlei Eßwaaren darauf zusammen. Nun sprach ich zu Sissi: »Höre mich an, du bist besonnen und klug, was ich dir sage ist wahr, was ich verlange, mußt du thun, sonst seyd ihr Alle verloren, Aufsehen muß vermieden werden, damit kein unnöthiger Schrecken das schüchterne Volk verwirrt. Sieh dort die kleine Pulvertonne aufgerichtet und mit Steinen belegt: Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, die fünf Rädelsführer des jungen Katzenellenbogens, welche darin in einer Alonge-Perücke ihre Krallen auf einem Todtenkopf zu eurem Untergange gewetzt haben, wurden von mir darunter gefangen, ich habe ihre Loge gedeckt und die Pulververschwörung, das Spundloch der Hölle, verstopft. Gehe gleich mit deinem Gatten, Prinz Speckelfleck, zu deinem königlichen Vater Mausolus VIII., zeige es ihm an, und sage ihm, er solle eilend befehlen, daß alle Mäuse und den Mäusen Befreundete ohne Ausnahme Lehm, Erde und Rasen zu dem Fasse hintragen und es rund damit umgeben, bis es ganz ummauert eine Pyramide wird. So eingeschlossen werden sie einander selbst zerreißen und ihr werdet euch durch euer frommes Gebet gerettet finden. – Dem Volke soll gesagt werden, das Ganze sey ein Monument zum Andenken meiner Anwesenheit und deiner Rettung und heiße Gackeleioeum, ein Gegenstück zu dem Mausoleum. Er soll nur sein Volk, aber keine Maurer daran arbeiten lassen, denn die da drinnen dürften nur einmal rufen: »Mack,« und die draußen antworten: »Benack,« so wäre Alles verrathen. – Eile, es ist keine Zeit zu verlieren, der Bau muß fertig seyn, wenn ich deinem Vater die versprochenen patriotischen Backwerke schicke, welche bei der Einweihung das Fest verherrlichen können. Mache deinen Bericht kurz und kehre schnell mit Prinz Speckelfleck zurück, damit wir inkognito fortreisen.« Ich bewunderte die Gemüthsfassung der hochherzigen Prinzessin Sissi: ein Blick des Entsetzens gegen die Pulvertonne, ein Blick des Dankes gegen mich, ein Blick der Hoffnung gegen den Himmel war alles, was sie erwiederte, und sogleich lief sie in der größten Eile zu dem königlichen Käsepallast hinauf. Der Hunger weckte mich nun, ich näherte mich der von den Mäusen zusammengetragenen Mahlzeit, da fand ich auf dem Trommelfell eine kleine Melone, welche die Marquise Marmotte selbst herangewälzt hatte; der Chevalier Muskardin hatte nicht nur ein halb Hundert der schönsten Haselnüße eigenmaulig heraufgetragen, sondern auch aufgeknackt; die Schuljugend hatte einen Haufen Erdbeeren und Heidelbeeren herbeigetragen und in Nußschaalen sehr artig angerichtet, eine Speckmaus hatte einen gewaltigen Flug gethan und mir einen ganzen frischen Bubenschenkel aus einem Bäckerladen und ein Würstchen aus einem Fleischerrauchfang von Gelnhausen gebracht, Dank dem edlen, biedern, deutschen Herzen! an ihm wird die alle edlen Anstrengungen so sehr beachtende Familie der Mausoleer das Sprichwort wahr machen: »dem Verdienste seine Kronen.« Ach! wie rührend war es, als nun noch ein gemüthvoller, junger Igel von der schönsten Haltung zu mir heran rasselte, wie ein ganzer Rüstwagen; er hatte sich in einem benachbarten Ort unter den Borstorfer Aepfelbäumen gewälzt und alle herabgefallenen Aepfel auf seinen Stacheln aufgespießt, die ich ihm dankbar herabnahm, worauf er sich schweigend empfahl. Er war etwas melancholisch, denn er war verkannt, sein Geschlecht gehört zu den Feinden der Mäuse, aber er hatte seine Natur besiegt und lebte in einsamer Betrachtung als philosophischer Wohlthäter und Mäusefreund unter ihnen von dem schönen Herzen der geistvollen Prinzessin Sissi geschätzt. Ich aß nun im Zwielicht (denn der Mond war untergegangen und es dämmerte im Osten) ohne große Wahl, was mir unter die Finger kam, lustig hinein, Alles, Alles schmeckte köstlich – o da kam erst das Beste! – ach es raschelte etwas neben mir und es rollte etwas in mein Schürzchen, ich fühlte, es war ein Ei, ich hielt es neugierig dem ersten Strahle des Tages entgegen – es war schwarz mit einem schönen Vergißmeinnicht bemahlt, ringsum standen die Worte: »Vivat Gackeleia,« ich schüttelte es, ach es rasselte Geld darin; wie ein Blitzstrahl durchfuhr es meine Seele: es ist das Ei meines lieben Kronovus, das er für mich alle Wochen mit seinem Taschengeld hinten an den Entenpfuhl verstecken wollte! meine Freude war unaussprechlich – aber wer ist der wohlthätige Sterbliche, der mir diese höchste Freude gemacht? dachte ich und sprang auf und rief aus: »o mein heimlicher Wohlthäter entziehe dich meinem Danke nicht!« aber ich hörte es fern weg eilen, und ein wundersüßer Moschusgeruch drang mir entgegen. Da wurde es mir klar, und ich rief ihm nach: »du bist es edler Piloris, fernher pilgernden Menschenwohlbezwecker im schwarzen Frack und weißen Unterkleidern, der Wohlgeruch deiner schönen Handlungen verräth dich!« »Ja, liebe Eltern,« unterbrach sich hier Gackeleia, »ich hatte mich nicht geirrt, diese edle Moschusratte Piloris war es gewesen. Sissi, der ich von dem Ei des Kronovus erzählte, hatte ihm schon in der Kirche zugeflüstert, welche große Freude es ihr machen würde, wenn sie meine Wohlthaten gegen sie mit diesem Eie belohnen könnte. Piloris, so hohes Interesse er auch an der Rede des edlen Muskulus hatte, verließ sogleich den Dom und eilte, ohne sich umzusehen, nach der Eierburg an den Entenpfuhl und brachte dies Ei, welches Kronovus seinen Worte getreu mit 1 Gulden 30 Kreuzer beschwert dort hin versteckt hatte.« Gockel und Hinkel sahen das Ei mit großer Rührung an, die beiden Mäuschen kamen herbeigelaufen und tanzten lustig umher, als gäben sie ihren Beifall. Frau Hinkel aber sagte: »erzähle weiter Gackeleia, damit du einmal von all dem Ungeziefer wegkömmst« und Gackeleia fuhr fort: Gleich werde ich davon weg seyn, um zu noch viel ärgerm Ungeziefer zu kommen. Ich hatte mich pumpsatt gegessen, ich packte die Puppe – nein die nur eine schöne Kunstfigur – in mein Körbchen, ich legte mein liebes Ei, einige Aepfel und Haselnüße und den halben Bubenschenkel, der noch übrig, hinein und auch das Würstchen und von dem Moos meines Lagers; kaum war ich fertig, da kam Prinz Speckelfleck und Prinzeß Mandelbiß und hüpften in das Körbchen und pfifferten allerlei, was ich nicht verstand – aber es mußte wohl heißen, daß meine Sendung ausgerichtet sey, denn ich sah das Andringen von unzähligen Mäusen mit Erde und Rasen durch alle Straßen und Schluchten in solcher Menge, daß ich mich auf die Höhe vor den Dom retirirte, um keinen der Arbeiter zu zertreten. Es war ein wunderbarer Anblick, viele strömten gegen die Pulvertonne hin und bissen die Dornen und Disteln rings weg, andere wühlten Erde und Lehm auf, andere benetzten sie und machten Klumpen daraus, dann legten sich Ratzen und Mäuse auf den Rücken und faßten die Erde mit den Füßen, und die andern zogen sie bei den Schweifen wie beladene Wagen fort. Vor allen zeichnete sich die Marquise Marmotte aus, sie hatte einen Klumpen Rasen, größer als ein Backstein, zwischen ihren Pfoten, der Chevalier Muskardin und der edle Piloris spannten sich vor und zogen sie bis an die Pulvertonne; der edle Igeljüngling war auch mit Rasenstücken bedeckt und trug sie hinauf. – Ich segnete die liebe Mäusestadt und eilte mit meinen zwei Mäuschen und sieben Sächelchen im Korbe dem Walde zu. Ich zog über Berg und Thal und fragte vergebens nach euch, liebe Eltern; manchmal ließ ich bei Bäckerläden meine Kunstfigur vor den Kindern herumtanzen und der Bäcker gab mir gern ein Brödchen zur Belohnung. So fristete ich mein Leben. Wir zogen um Gelnhausen herum, denn ich fürchtete den Bettelvogt, Meister Schelm; da ich aber die Hahnen dort krähen und auf den Thurmspitzen in die Ferne blinken sah, ward mir es recht schwer ums Herz, und wenn etwas im Gebüsch raßelte, guckte ich um und meinte immer das Prinzchen Kronovus käme vielleicht auf seinem Schimmelchen zur Jagd geritten. Aber, wer nicht kam, das war er. Da ich nun einige Stunden weiter, nahe bei einer ganz herrlichen Stadt, reisemüd an einem Bächlein niedersaß und mich im Wasser beschaute, mußte ich mich recht schämen, ich hatte vergessen, mich am Morgen meiner Abreise und am folgenden Abend zu waschen und sah nun, daß ich Mund und Nase ganz schwarz von den vielen Heidelbeeren hatte, die ich in der Mäusestadt im Dunkeln gegessen hatte. Nun wußte ich erst, warum die Kinder überall mich ausgelacht hatten, und ich war recht froh, daß Kronovus mich nicht so schmutzig gesehen hatte. Geschwind wusch ich mich und erfrischte mich durch und durch. Ich aß auch ein Bischen mit meinen Mäuschen, und da es sehr heiß gewesen, war ich schläfrig und legte mich vom Gebüsch versteckt auf den weichen Rasen und schlief. Da kam Prinz Speckelfleck an mein Ohr und sagte mir:«Wir sind am Ziel unserer Reise, wir haben die herrliche Hauptstadt Urbs des Weltreichs Orbis vor uns. Hier ist der Ring deines Vaters, hier wohnen die morgenländischen Petschierstecher; als sie mir Sissi entführt, bin ich ihnen bis hieher gefolgt, wo sie hingiengen, weil Alles, was Salz lecken kann, hier frei und ungestört leben darf. Sie sind immer in Angst vor allen Menschen und vor einander selbst. Sie fürchten des Ringes halber getödtet zu werden; damit man nun nicht merken möge, wo ihr großer Reichthum herkömmt, haben sie hier die großen Salzbergwerke gekauft und sind Salzverschwärzer, Salzversilberer, Salzjunker und endlich Salzgrafen geworden; sie haben sich einen salzgräflichen Pallast erbaut, sie sagen, daß sie Gold machen können; aber Alles ist durch den Ring Salomonis. Trage mich und Sissi nur gleich in die Kirche und bete einstweilen, daß Gott uns hilft, so wollen wir den Ring bald erwischen. So gern ich und Sissi und alle Mäuse Salz lecken, brauchen wir doch kein Scheffel Salz mit diesen kuriosen Grafen zu essen, bis wir sie kennen lernen.« Nach diesen Worten wachte ich auf und trug die Mäuschen geschwind, geschwind in meinem Korb in die Kirche nach Urbs; der Gedanke, dem lieben Ring so nah zu seyn, lehrte mich so schnelle zu laufen, als da ich die Puppe und mich die Ruthe verfolgte. – O liebe Eltern, welche Kirche! welches Wunder der Architekto-Natürlichkeit, der ungeheure große gothische Säulenwald mit unzählichem Schnitz-, Spitz-, Glitz-, Blitz-, Ritz-, Kritz- und Spritzwerk im vorgothischen und hintergelnhausenschen Spitzbubenschenkel-Katzenellenbogen-Styl übertraf das Unerhörte. – Alles, alles war von Salz, die Kirche war ein Salzkrystall, die Fenster waren Salzscheiben, die Kanzel war ein Salzfaß; das Merkwürdigste aber war die Erbauung dieser Kirche: ein eifriger Mann hatte hier vom Krystalismus predigend gesagt: wer die Hand an den Pflug gelegt, der solle sich nicht mehr umschauen, die Weiber sollten an Loths Weib denken, die durch das Umschauen in eine Salzsäule verwandelt worden; »ach!« rief er aus, »wollte Gott ein Wunder zur Erbauung der Kirche thun, an eurem Umschauen fehlt es nicht, so hätten wir einen Wald von Säulen, ehe man sich umsieht, um eine Kirche darauf zu stützen.« In demselben Augenblick kam die Frau Salzinspektorin mit einem neuen Hut in die Kirche, da schauten sich um alle Fräulen und dienten verwandelt in Säulen zur allgemeinen Erbauung der Kirche im gothischen Styl, denn in diesem Styl war der Hut der Frau Inspektorin. So wurde die Kirche zwar sehr schnell, aber doch nicht, ehe man sich umsah, erbaut. Als ich in das Salzmünster hineintrat, verließ eben nach der Nachmittags-Predigt der Redner die Kirche, aber ich versäumte nichts, die Kirche ist echoistisch gebaut, der Redner braucht nur ein paar Worte zu verlieren, so werden sie sogleich von Frau Echo, der unverbesserlichen Widerbellerin, aufgeschnappt und eine halbe Stunde lang zwischen den Säulen herumgehetzt und geschleudert, und so lief auch jetzt zwischen allen Salzsäulen die Rede umher: »so gut auch das Salz sey, wäre es doch mißlich, wenn es dumm werde, man habe Nichts, um es zu salzen und es mache weder das Feld noch den Mist besser.« – Ich kniete in ein Winkelchen und betete herzlich um die Hülfe Gottes; nicht weit von mir kniete eine prächtig geputzte Köchin, und neben ihr stand ein von Makaroninudeln geflochtener Gemüskorb, auf welchem mit goldenen Buchstaben stand: »salzgräflich-Salomon-Salabonischer Salatkorb.« Sissi und Pfiffi merkten gleich, daß dieses die Köchin der drei morgenländischen Petschierstecher sey, sie schlupften in den Korb und ließen sich von ihr in den salzgräflichen Pallast tragen. Als ich nun in der Kirche einsam und allein war, vernahm ich durch das geschäftige Echo jedes Gebet, jedes Flüstern und Seufzen der Umherknieenden; der Eine betete: »ach Gott! befreie uns von dem Hoffaktor Salzgraf Salathiel Salaboni, er ist schuld, daß das Salz so dumm und theuer geworden;« der Andere: »befreie uns von dem Commerzienrath, Salzgraf Salomon Salaboni, er ist schuld, daß die Salzkukummern so kümmerlich schmecken und so klein sind;« der Dritte seufzte: »ach hilf uns aus dem Salz des Elendes, befreie uns von dem Hoflieferanten, Salzgraf Salmanasser Salaboni, er versalzt uns alles Leben, füllt unsere Augen mit gesalzenen Thränen und fegt unsre Beutel aus dem Salz!« – Da betete ich dann auch so recht von Herzen, Gott möge mir wieder zu dem Ringe helfen, weil die drei Morgenländer doch keinen Menschen damit glücklich machten. – Da es aber in der Kirche so hübsch stille und kühl war, überfiel mich ein leiser Schlummer, und ich hatte schier so lange geschlafen, daß mich der Küster in die Kirche eingesperrt hätte; aber Sissi kam gerade zur rechten Zeit und flüsterte mir in die Ohren: »geschwind Gackeleia, geh mit mir aus der Kirche; hörst du? der Küster rasselt schon mit den Schlüsseln; geh mit mir, du sollst selbst sehen, wie wir den Ring erwischen, wir haben die beste Hoffnung.« Fröhlich nahm ich nun die kleine Maus in mein Körbchen und gieng mit ihr nach dem Schlosse der Petschierstecher. Als wir an die Gartenmauer kamen, sprang Sissi an die Erde und zeigte mir den Weg. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Ich gelangte hinter ein artiges Lusthaus, Krystalline genannt, wo ich auf den Kübel eines Orangenbaumes stieg und durch eine Spalte im Fensterladen Alles sehen und hören konnte, was im Gartenhaus vorgieng. Die drei Salzgrafen saßen jung und glänzend mit wohlakkomodirten Perücken in verschiedenen alamodischen kuriosen Uniformen um einen Tisch, in dessen Mitte der köstliche Ring Salomonis lag und stritten miteinander, wer den Ring am Finger tragen und wünschen sollte; sie nannten sich Commerzienrath, Hoffaktor, Hoflieferant untereinander und jeder wollte nicht mehr so heißen, jeder wollte den Salzgrafentitel haben; der Eine schrie: »einer muß der Erste seyn,« die Andern schrien: »das geht nicht, wir sind Drillinge, wir sind eine große Merkwürdigkeit, keiner geht vor dem andern;« da schrie der Eine wieder: »ich habe die Maus gefangen und unter die Puppe geheftet, wodurch wir der Gackeleia den Ring abgelockt, ich muß ihn haben, wem ich was wünschen soll, der bringt mir einen vollwichtigen Gockelsd'or, da wünsche ich ihm Etwas, wie gerade der Kurs steht.« – »Wie kömmst du mir vor?« sprach der Andere, »habe ich doch den falschen Ring gemacht, der für den ächten dem Gockel an den Finger gesteckt ward, ich muß den Ring haben!« – »Was soll mir das?« schrie der Dritte, »habe ich doch die Puppe gekleidet und tanzen lassen und die große Arie gedichtet und abgesungen von der großen Garderobe, habe ich doch der Spielratze die Puppe aufgeschwätzt, den Ring abgeschwätzt und euch den Ring gebracht, mein muß er seyn!« Da sie aber gar nicht einig werden konnten und lange geschrieen und gezankt hatten, weil immer der Eine fürchtete, der Andere möge ihm den Tod anwünschen, wenn er den Ring am Finger habe, griff endlich der Eine mit solcher Heftigkeit nach dem Ring, daß er den Tisch umstieß, und dieß machte sich der Andere zu Nutz und ertappte den an die Erde gefallenen Ring, steckte ihn an den Finger und drehte und schrie: »Salomon du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Mach' zwei Esel aus den Beiden, Die in diesem Garten weiden, Ringlein, Ringlein dreh dich um, Mach's geschwind, ich bitt dich d'rum.« Während er dieses mit der größten Eile hergeschnattert hatte, rissen die Beiden Andern ihn hin und her; aber es währte nicht lange, so waren sie Beide zwei dicke, häßliche Esel, und er nahm einen Prügel und trieb sie aus dem Gartenhaus hinaus, das er hinter ihnen verschloß. Sie schrieen und bissen sich unter einander noch eine Weile, fiengen aber bald an, sich in ihre neue Natur zu schicken und Trauben und Disteln durcheinander zu fressen. Ich guckte wieder in das Gartenhaus, da wollte sich der, welcher den Ring hatte, schier bucklicht lachen, weil er seine Gesellen endlich so sauber angeführt. »Gott sey Dank,« sagte er, »nun kann unser eins doch einmal ruhig ausschlafen, ohne die Gefahr, daß der andre ihm den Tod wünscht.« Nach diesen Worten schaute er sich lachend im Spiegel an und hängte seinen Federhut auf die Spitze einer wunderbaren Kaktuspflanze, die an der Wand blühte. Der Ankaufspreis stand auf dem Topf. Die Perücken und Hüte der zwei andern lagen noch an der Erde, wie auch ihre Stühle. Nun lehnte er sich breit in seinen Prachtstuhl, stellte die Füße auf einen Schemel und sprach: »reich zum zahlen, klug zum prahlen, schön zum malen – was fehlt mir noch, ich will berühmt werden – da fällt mir was ein – ich will den Namen Pictus, Salzgraf von Orbis annehmen, und will einen neuen Orbis Pictus herausgeben, da sollen alle unbefriedigten Wünsche der Welt nach dem ABC darin abgemalt werden, und ich will sie mir alle mit dem Ring befriedigen von A bis Z – aber Alles, Alles mit Geschmack und Kunstgefühl – poetisch, sympathetisch, magnetisch« – und nun fieng er an, bald tüchtig zu schnarchen. Nun ist es Zeit, dachten Pfiffi und Sissi und schlupften beide durch ein Loch in das Gartenhaus. Ich wendete kein Auge von dem Schlafenden und dem Ring an seinem Finger; ach, er hatte eine Faust gemacht, und der Ring schien sehr schwer zu bekommen; aber Sissi nahte sich seinem Ohr und sang mit der süßesten Stimme nichts als das Verslein: »Louisd'ore und Dukaten Aechte Perlen, Diamant, Ritterorden, Ihro Gnaden, Hohe Bildung, Ordensband, Witz und Wesen, scharf und zart, Gänsefett und Backenbart.« Kaum hatte der Schlafende diesen Vers gehört, als er die Hand so öffnete, als wolle er nach all den schönen Sachen greifen. Nun biß ihn Prinz Pfiffi in den Ringfinger; er wachte auf und sagte: »ein scharmanter Traum, aber der Ring drückt mich und weckt mich auf, wer kann ihn mir hier nehmen? die zwei Esel grasen draußen nach dem besten Appetit; was brauchen sie mehr? ungebildete Menschen kennen keine höheren Bedürfnisse. Sie sollen nicht einmal die Ehre haben unter den dreihundert weißen Mauleseln zu seyn, die ich mir wünschen werde, um die Schlüssel meiner Schatzkammer zu tragen. Ach, der schöne Traum! ich will versuchen, ob ich ihn wieder träumen kann; Psyche, das angenehmste Frauenzimmerchen aus der klassischen Literatur, rührte mich an der Nase mit einer Blumenzwiebel an und beleuchtete mit einer hetrurischen Lampe das Traumbild meiner Wünsche – ich will nochmals gerührt werden, ich will gerührt seyn, der Ring soll mich nicht wieder stechen, ich lege ihn, bis ich erwache, auf den Tisch.« Nun zog er den Ring ab und schlief wieder ein, indem er flüsterte: »Psyche rühr'! und nicht vergebens! Führ', was ich im Schilde führ', Führ' das Traumbild meines Lebens, Mir empor dort an der Thür!« Kaum aber schnarchte er, als Sissi ihm wieder ins Ohr sang: »Louisdore und Dukaten, Aechte Perlen, Diamant, Ritterorden, Ihro Gnaden, Hohe Bildung und Verstand, Witz und Wesen scharf und zart, Gänsefett und Backenbart.« Da lächelte er so süß wie ein Topf voll saurer Milch und antwortete mit schmachtender Stimme im Traume: »Psyche rührt und nicht vergebens, Seh' das Traumbild meines Lebens, Seh', was ich im Schilde führ« Ich im Wappen an der Thür, Von dem Goldsack blasonirt, Mit Papieren kraus verziert, Grand-Kordon und Lorbeerkron, Huldigung, Dedikation, Und weil ich gemalt seyn muß, Seh' ich dort mich als Modell Vor dem kühnsten Genius, Der sein eigner Pegasus, Der sein eigner Musenquell, Schöpfer schier, kaum Kreatur, Alles lernte von Natur. Ja, ein solcher Geist haucht nur Treu in ganzer Positur Und ursprünglicher Figur Meiner Grazie Formenzauber Auf die Leinwand zart und sauber; O wie duftig! wie moelleux ! Kunst, das ist die höchste Höh!« Hierauf breitete er die Arme mit großer Innigkeit aus und sprach: »Seyd umschlungen Millionen, Diesen Kuß der ganzen Welt! Schönste Psyche, o verschonen Sie doch mein, ich hab' kein Geld, Bin gerührt und alterirt, Denn die Schildwach' präsentirt!« Da brachte mir Sissi den Ring Salomonis durch das Loch heraus, ich steckte ihn in tausend Freuden an den Finger, drehte ihn und sagte voll Neugier: »Ringlein sag' mir unversäumt, Was der Petschaftstecher träumt!« Und gleich sah ich, daß dem Petschierstecher Alles, was er im Schild führte, in einem prächtigen Wappen im Traume vorgestellt wurde. Ein Geldsack war der Helm, allerlei Papiere und Wechselbriefe die Helmzierde, er selbst stand voll Anstand in der Mitte, ein Genius krönte ihn mit Lorbeern, ein Andrer reichte ihm ein Ordensband, einer huldigte ihm mit Kleinodien, einer dedizirte ihm ein Buch; auch war das Sinnbild der Sternsehenden Wachsamkeit eine fette Gans vor seinen Füssen. Ganz unten aber im Wappen malte der geflügelte Genius der Kunst selbst den Schönsten der Sterblichen, denn ein Anderer hätte nie vermocht, einen so ursprünglichen Menschen aufzufassen. Nun aber öffnete sich plötzlich der purpurfarbichte Sammetkelch einer Kaktusblüthe und zwischen den weißseidenen Staubfäden schwebte eine feine Jungfer mit Schmetterlingsflügeln hervor an die Seite des Wappens hin; in der einen Hand hatte sie eine Zwiebelpflanze, mit der sie die Nase des Glücklichen berührte, in der andern trug sie eine antike Lampe, womit sie das Wappen beleuchtete. Er nannte sie Psyche. – An der andern Seite des Wappens erschien ein Grenadier, der das Gewehr präsentirte. – Ach, der gute Salzgraf träumte so selig, daß er mich schier dauerte; aber ich konnte ihm nicht helfen, ich mußte ihm aus dem Traum helfen; – ich drehte also den Ring mit den Worten: »Salomon du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Lasse diesen, wie die andern Gleich als einen Esel wandern; Schaff' auch einen Eseltreiber, Der mir ihre faulen Leiber Mit dem Prügel tüchtig rührt, Und zum Vater Gockel führt. Ringlein, Ringlein dreh dich um, Mach's recht schnell ich bitt' dich drum.« Und sieh da, gleich war der Esel fertig, und der Treiber stand schon bei ihm, trieb ihn mit einem Prügel aus dem Gartenhaus hinaus und mit den beiden Andern hieher. Ich aber drehte den Ring und wünschte bei euch zu seyn. Da war ich gleich hier in dem Hof und als ich euch in dem alten Hühnerstall so klagen hörte, wünschte ich, daß das Schloß wieder seyn möchte, wie es einst im höchsten Glanze bei unsern Vorältern gewesen; auch wünschte ich euch als schöne Leute in den besten Jahren und mich als eine schöne vernünftige Jungfrau, über die Puppen – wollt' ich sagen Kunstfiguren-Jahre hinaus zu sehen; zürnet nicht lieber Vater, aber der Gedanke an die Kunstfigur von Birkenreis kann mich noch jetzt erbittern.« – Gockel lachte und sagte: »Gackeleia dreh' den Ring nur noch einmal, um verständig zu werden, es steckt noch viel vom eigensinnigen Kind in der erwachsenen Jungfrau, du willst die Ruthe noch nicht küßen!« – da küßte Gackeleia ihm die Hand und fuhr fort: »Als nun Alles nach meinem Wunsche geworden war, schlich ich zu euch in den Hühnerstall und drückte mich in einen Winkel, um eure Ueberraschung recht zu genießen. Sissi aber wollte mit aller Gewalt unter die Puppe gebunden seyn, um euch zu wecken; da lief sie über euer Stroh und als ihr aufriefet: »die Puppe! die Puppe!« sagte ich: »Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur.« »Das Andre wißt ihr Alles.«   Nach dieser Erzählung umarmten Gockel und Hinkel die Gackeleia unter Freudenthränen und sagten: »Dank, tausend Dank, liebes Kind; du sollst zum Lohne deiner Güte nun auch den Ring immer am Finger haben, du sollst Alles wünschen, was du willst!« Gackeleia sagte: »ich nehme es an, vor Allem wollen wir die drei Esel, welche im Hofe stehen mit Allem bepacken; was ich dem guten Mäusekönig versprochen habe und dann sollt ihr sehen, wie vernünftig ich wünschen will.« Nun giengen sie hinab und wünschten, nachdem die Käse und die Schinken den Eseln auf den Rücken gepackt waren, den Königsberger Marzipan, den Thornischen Pfefferkuchen, die Jauerischen Bratwürste, die Spandauer Zimmetbretzeln, den Nürnberger Lebkuchen, die Frankfurter Brenten, die Sachsenhauser Kugelhupfen, die Mainzer Vitzen, die Gelnhausner Bubenschenkel, die Koblenzer Todtenbeinchen, die Liestaller Leckerli und die Botzener Zelten auch dazu, welche sich ohne Verzug einstellten und die Esel so belasteten, daß sie schier niederbrachen. Als nun die Zeit kam, daß Prinz Speckelfleck und Prinzessin Sissi Abschied nehmen wollten, drehte Gackeleia den Ring Salomonis mit dem Wunsch, die Sprache der Mäuse zu verstehen, ohne grade zu schlafen, und dadurch ward die Unterhaltung jetzt ganz leicht. Gackeleia sagte: »Meine liebsten durchlauchtigen Freunde! Euer Abschied thut mir sehr leid, wir verdanken euch Alles; ich will es euch belohnen. Ihr habt gesehen was der Ring vermag; die Petschierstecher hat er in Esel verwandelt – so ihr es verlangt, soll er euch gleich in Menschen verwandeln, und ihr könnt für immer hier bei uns bleiben.« – Die beiden Mäuschen schauten sich ernsthaft an und dann erwiederte Sissi: »Gackeleia, du sagst ein großes Wort – aber lasse uns bleiben, was wir sind, wir wollen uns nicht von unserm Volke trennen, wolltest du auch unser ganzes Volk zu Menschen machen, wo wäre das Land, das sie fassen und ernähren könnte? o es gäbe Mord und Todschlag und Hungersnoth! nein, wir sind uns als Mäuse genug; uns bleibt Nichts mehr zu wünschen übrig, als daß wir, glücklich nach Hause gekommen, die Verschwörung Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog mit der Pulvertonne in dem herrlichen Monumente Gackeleioeum auf ewig eingemauert finden, daß wir unsre königlichen Eltern mit all den köstlichen Leckerbissen erquicken können und daß weder Papa noch Mama sich den Magen verdirbt. O die Einweihung des Monuments wird monumental werden! – o wie hinreißend wird Muskulus deklamiren! wie süß wird der edle Piloris duften!« – da fiel Speckelfleck ein: »und wie bezaubernd die holde Marquise Marmotte tanzen!« – Sissi aber that, als wenn sie ihn nicht hörte; und Gackeleia erwiederte: »Sissi! du sprichst sehr vernünftig, aber frage doch den anmuthigen jungen Igel, ob er vielleicht ein Mensch seyn möchte, er scheint mir melancholisch; – »ich glaube kaum,« versetzte Sissi«, aber ich will es thun.« Als hierauf Prinz Pfiffi und Prinzessin Sissi von ihren Freunden den zärtlichsten Abschied genommen hatten, befestigte Gockel den falschen Ring Salomonis dem Esel, der ihn nachgemacht hatte, als ein Andenken in das Ohr, heftete ihm seine Pudelmütze auf den Kopf und setzte die Mäuschen hinein, dann ließen sie durch die Treiber die drei Esel nach dem Mäuseland hintreiben und recht viele schöne Grüße ausrichten. Als sie fort waren, sagte Gackeleia: »jetzt wollen wir auch einmal in unsre Schloßkapelle gehen und sehen, wie sie sich verändert hat.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die Glocke zu läuten anfieng und sie in die Kapelle rief. Sie traten hinein und konnten sich nicht satt sehen, wie Alles so reinlich und festlich mit Blumen und Laubkränzen geschmückt war. Alle Wände und Steinbilder, das Grabmal des Urgockels und die Bilder aus seinem Leben waren wie neu, rein und polirt. Es war eine schöne Kanzel an der Seite und gegenüber eine Orgel mit einem stattlichen Organisten und seinen Blasebalgtretern. Mehrere kleine Jungen läuteten am Glockenstrang aus Leibeskräften. Ein Anderer lief mit Wasser und Sprengwedel umher und sprengte, daß es kühl sey. An einer Seite streuten weißgekleidete Mädchen Blumen, an der anderen standen Knaben hinter großen Sträußern versteckt. Aber es war doch keine rechte Kapelle, der Altar war auch nicht, wie zu Urgockels Zeiten, da waren keine Leuchter, keine Kerzen, kein Heiligthum. Der Ring Salomonis hatte sein Mögliches gethan; aber er kann nur Zeitliches, Natürliches, Künstliches, Weltliches, aber nichts Ewiges und Geistliches geben. Als sie Alles mit Freuden betrachtet hatten, wurden sie durch den Anblick des Hahns auf dem Grabmal des Urgockels recht lebhaft an den guten Alektryo erinnert. Sie dachten an das Halsgericht, das Gockel hier gehalten. Frau Hinkel und Gackeleia schlugen die Augen nieder; da spielte auf einmal der Organist eine sehr rührende Arie: »Wie sie so sanft ruhn.« Es war ein gar feierlicher Moment. – »Ach der edle Alektryo!« seufzte Gockel, »ich kanns nicht aushalten,« schluchzte Frau Hinkel, »ach wäre er nur wieder da!« – »Ei,« dachte Gackeleia, »dazu kann ich helfen« und drehte ganz still an ihrem Ring: »Salomo du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Mache meine Eltern froh Durch den Hahn Alektryo; Ringlein! Ringlein! dreh' dich um, Mach geschwind, ich bitt' dich drum.« Da hob sich ein Wölkchen auf der Stelle aus dem Boden, wo die Gebeine Alektryo's verbrannt worden waren, und wirbelte und ballte sich zusammen und ward wie ein Hahn und der Uralektryo auf dem Grabmal rührte sich, streckte den Hals, schlug mit den Flügeln und krähte durchdringend, und es fuhr wie ein Feuerstrahl aus seiner Kehle sichelförmig zu der kleinen Wolke nieder, die im Augenblick der alte kräftige Alektryo ward, auf Gockels Schulter flog, mit den Flügeln schlug und mit ritterlichem Krähen dem steinernen Hahn antwortete, worauf draußen in dem Hühnerhof alle Hahnen antworteten; es gieng wie ein Zurufen der Schildwachen von Hahn zu Hahn das Krähen umher. Aller Freude über Alektryo war sehr groß, er selbst aber war tiefsinnig und nachdenklich, er meditirte. Da nun von allen Seiten die Hühner und Hahnen in die Kapelle hinein kamen, den Alektryo zu sehen, benutzte dieser die durch seine Wiedergeburt erschütterten Hahnenherzen und Hühnergemüther, schwang sich auf die Kanzel empor und hielt eine ganz erstaunlich ergreifende Rede über Familienglück und Kinderzucht, so daß auch kein Hühnerauge ohne Mitgefühl blieb, all das unten zuhörende Federvieh schluchzte und piepte ganz leise – der Organist accompagnirte gar lieblich mit einer melancholischen Arie: »Ach Schwester! die du sicher u. s. w.« Auch die raugräfliche Familie war sehr gerührt. Als nun Alektryo am Schluße seiner Rede ausrief: »ist jemand unter den verehrten Anwesenden, der feierliche Verlöbniß oder Hochzeit zu halten wünscht?« – drehte Gackeleia den Ring, ohne zu wissen wie, und sprach ganz heimlich, ohne zu wissen was: »Salomo du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Bring' doch den Kronovus her So ganz, wie von ungefähr; Ringlein! Ringlein! dreh' dich um, Mach' geschwind, ich bitt' dich drum.« Da ertönten plötzlich Jagdhörner im Schloßhof. Gackeleia lief hinaus, als ob ihr der Kopf brenne, und sah das Prinzchen Kronovus in einem grünen Jagdröckchen von seinem Schimmelchen springen, und sie flogen sich einander in die Arme mit dem Ausruf: »Ach wie bist du so groß, bück dich!« – »Ach wie bist du so klein, streck dich!« Gackeleia aber drehte schnell den Ring hinter dem Rücken des Kronovus und wünschte, daß er so erwachsen und verständig seyn möge, als sie selbst, und sieh da, er ward es zusehends, worüber sie eine große Freude hatte. Da eilte sie mit ihm in die Kapelle, sein Jagdgefolge aber blieb in den Thüren stehen. Gockel und Hinkel grüßten den Kronovus herzlich und dieser sagte sogleich, da sein Herr Vater Eifrasius und seine Frau Mutter Eilegia, das Zeitliche gesegnet hätten und mit Tod abgegangen seyen, erkläre er ihnen, daß, so sie ihm die Hand ihrer Tochter Gackeleia geben wollten, er sie zu seiner Königin von Gelnhausen zu machen Willens sey. Da alle Theile zufrieden waren, führten die Eltern das junge Paar zu dem blumengeschmückten Altar. Indessen spielte und sang der Organist die schöne Arie: »Schönstes Hirschlein über die Maßen, hörst du nicht den Jäger blasen?« Alektryo aber schrie dreimal hinter einander von der Kanzel: »Zum Verlöbniß hier sich melden Die Hochachtbar Wohlbestellten, Majestät Kronovus, König Von Gelnhausen, oberthänig, Mit der zarten Raugräfinn Gackeleia, unterthänig, Grafen Gockels Gau-Erbinn, Wend't Niemand was dawider ein, So sollen sie verlobet seyn!« Kein Piepswörtchen von einer Einwendung ließ sich hören, als er aber zum drittenmal fragte: »wer wendet was dawider ein?« erschallte eine dumpfe Stimme, die alle erschreckte: »Ich Urgockelio sag: Nein!« Alles schaute das Bild des Urgockels an, Kronovus aber zog grimmig seinen Degen und schrie gegen den Grabstein: »Wer wagt's und spricht ein Wort darein?« Urgockel aber schlug mit der Ruthe auf das steinerne Abc-buch, daß es rasselte und sprach, die Augen wie ein erzürnter Schulmeister rollend: »Gleich steck' mir ein den Flederwisch, Sonst ich dich bei dem Fell erwisch' Und lasse dir die Kunstfigur Von Birkenreis recht tüchtig schmecken; Kennst du sie nicht? die Braut frag' nur, Sie wird dir, wie sie schmeckt, entdecken!« Das plötzliche Reden des steinernen Urgockels brachte keine geringe Störung unter die hohen Anwesenden und deren Federvieh, Gackeleia hatte kaum das Wort »Kunstfigur von Besenreis« gehört, als eine glühende Röthe ihre Wangen überzog; aber sie sammelte sich augenblicklich und winkte dem Organisten, der in einem Spiegelchen Alles sah, was am Altare geschah, und dieser ließ plötzlich alle Pfeifen los und machte einen Tusch wie mit Paucken und Trompeten, so daß die ganze Drohung Urgockels nicht gehört ward. Indessen zog Gackeleia die Kunstfigur auf, gab ihr einen kleinen Klingelbeutel in die Händchen und ließ sie unter den anwesenden Hühnern herumschnurren, mehrere junge Hahnen aber, welche kein kleines Geld bei sich hatten, fiengen darüber zu schwätzen und endlich zu streiten an, und ein kleiner Junge nahm einen Sprengwedel und spritzte unter sie, daß sie mit großem Geschrei wegliefen, dazu schrie Alektryo fortwährend von der Kanzel, und Gackeleia war herzlich froh, daß man über all dem Spektakel die Worte Urgockels nicht gehört und Kronovus seinen Degen wieder eingesteckt hatte. Als es wieder etwas ruhig geworden, rief Alektryo zum drittenmal: »Wendt Niemand was dawider ein, So sollen sie verlobet seyn!« und aller Anwesenden Augen waren auf das Bild Urgockels gerichtete welches sprach: »Ich segne euer Bündniß nur, Wenn ihr gehalten euern Schwur, Den ihr bei meinem Namen sprachet, Als ihr beim Fest die Bretzel brachet, Nur dann einander nie zu lassen, Wenn die gebrochnen Stücke passen!« Urgockel hatte aber diese Worte kaum ausgesprochen, als auch Gackeleia gleich aus ihrem Körbchen und Kronovus aus seiner Jagdtasche, die Hälfte der Bretzel und des Bubenschenkels hervorzogen und zusammenhielten; und die Bruchstücke paßten so scharf zusammen, als ob sie eben jetzt erst gebrochen wären. – Sie entschuldigten sich nicht, daß sie ihr Gelübde in der Freude des Wiedersehens vergessen hatten, aber sie wurden bei den Worten Urgockels roth bis über die Ohren und sahen ganz blöd vor sich hin, weil sie sich beschämt fühlten. Bei dieser feierlichen Handlung herrschte eine allgemeine Stille, man hörte nichts als das Glöckchen am Klingelbeutel, den die Kunstfigur herumtrug. Urgockel aber streckte seine steinerne Hand hervor und segnete Kronovus und Gackeleia mit den Worten: »Wie die beiden Hälften Eines, Trenne sich vom Andern Keines; Und in euren Wappenschilden Sollt in einem Myrthenkranz Ihr im goldnem Feld abbilden, Glänzend, unverletzt und ganz, Bretzel und auch Bubenschenkel Zum Gedächtniß später Enkel. Zwei gekrönte Mäuschen fein Sollen die Schildhalter seyn; Unter'm Schild am Ordensband Hänge als der Treue Pfand Des Kronovus buntes Ei, Worauf Vivat Gackelei. Auf des Schilds zwei Helmen stehen Königskrone, Grafenkrone, Und Alektryo mit Krähen Auf der Königskrone throne Und ein starkes Nest behüte; Worin Frau Gallina brüte. Auf der Grafenkrone Rand Schweb' in purpurnem Gewand, Hebend mit der kleinen Hand Hoch des Glückes Unterpfand, Salomonis Siegelring, Jenes liebe Wunderding, Keine Puppe, sondern nur Eine schöne Kunstfigur!« Nach diesen Worten zog Urgockel seine Hand wieder zurück und war ein unbeweglicher Grabstein wie zu vor. Der Organist aber sang eine schöne kunstfigurirte Arie, wozu Menschen und Federvieh einstimmten und die Glocken läuteten – denn sieh, ein merkwürdiges Ereigniß hatte den Bund bekräftiget, die beiden Stücke der Bretzel und des Bubenschenkels waren fest und wieder Eins geworden, als seyen sie nie getrennt gewesen. – Gackeleia aber drehte den Ring mit dem Wunsche das Wappen möge nach dem Willen Urgockels fertig seyn und sogleich stand es auf einer schönen Fahne neben der Orgel. Schon wollte man sich ordnen mit der vorgetragenen Fahne in den Speisesaal zu ziehen, als Gackeleia an den goldnen Hahn, die goldne Henne, das Geschenk von Salomo und der Königin von Saba gedachte, das sonst bei jeder Hochzeit in Gockelsruh im Brautzug getragen worden. Schnell drehte sie den Ring und wünschte, dieses Kleinod möge sich im Schatze der Kapelle befinden und in ihrem Zuge getragen werden. – Da trat ein Jüngling und eine Jungfrau, beide in morgenländischer Tracht, herrlich geschmückt in die Kapelle vor eine eiserne Thüre in der Wand, die mit Rasseln aufsprang. Da sah man die beiden Brautgeschenke schimmernd stehen. Sie nahmen sie heraus und präsentirten sie dem Brautpaare, welche sie auf den Altare stellten und mit großer Freude anschauten. – Indem nun Alektryo von der Kanzel das Bild der brütenden Gallina in der goldnen Henne erkannte, schlug er mit den Flügeln und krähte gar wehmüthig. Gackeleia verstand seine Sehnsucht und drehte den Ring, auch die gute Gallina möge wieder im Kreise ihrer Lieben verweilen. Da hob sich ein Wölkchen auf dem Grabstein, wo die Gebeine Gallinas und ihrer Jungen verbrannt worden, wirbelte, drehte, ballte sich und ward zum großen Erstaunen aller Anwesenden Hühner, denen die Federn darüber zu Berge stiegen – Gallina; Alektryo unterbrach seine ernste Rede und flog von der Kanzel zu seiner Gefährtin nieder, die er freudig begrüßte; aber Alektryo besann sich, flog wieder auf die Kanzel, bat die Anwesenden um Vergebung, daß er von der Freude des Wiedersehens hingerissen, ihre ernsten Betrachtungen unterbrochen habe und forderte abermals jene sich zu melden auf, welche sich zu vereinigen gedächten. Da trat die Primadonna von Gelnhausen in die Kapelle und da der Organist eben die Fuge anstimmte: »Laurentia, schönste Laurentia mein, Wann werden wir endlich vereiniget seyn?« wollte sie künftig die Fugen nicht mehr Solo singen, sondern mit ihm, da sie aber sich immer mit dem Gesang einander flohen und nachließen, ohne jemals sich zu vereinigen und ihr Zusammensingen eine Fuga perpetua, eine immerwährende Flucht war, und da der gräfliche Erztruchseß hereintrat, vermeldend, daß bereits servirt sey und bei längerem Verziehen das Fett am Hammelsbraten leicht gerinnen könne, so ordnete sich der Brautzug die Kapelle zu verlassen. Man hatte die Wappenfahne bereits in Bewegung gesetzt, die Träger der Braut-Henne und des Braut-Hahnes hielten bereits diese Reichskleinodien auf purpurnen Sammtkissen vor ihrer Brust, und Kronovus und Gackeleia wollten so eben von den Stufen des Altares herabsteigen, als Urgockel auf dem Grabstein sich abermals sehr heftig bewegte und mit drohender Stimme sprach: »Wohl ist das Sprichwort wahr gestellt: Undank ist stets der Lohn der Welt, Undank ward dem Alektryo, Undank dem Urgockelio. Ich habe euch den Ring geschenkt, Doch ist hier Niemand, der mein denkt, Ich muß euch Ringe wechseln sehn Und Keiner will den Ring mir drehn, Ich stehe hier auf meinem Stein – Verlassen, einsam, ganz allein, Und draußen bei der Linde ruht Mein edles Weib, Urhinkel gut, Sie wählte diesen Ort zum Grab, Weil ich sie dort errettet hab'. Drei Lilien stehn auf ihrer Gruft Und senden Weihrauch in die Luft; Wenn ein Geschick vorübergeht, Ihr Geist bei diesen Lilien steht, Mit denen er zum Himmel fleht' Und Gott erhöret ihr Gebet. Die Lilien leuchten dann zumal, Die Sterne senken Strahl um Strahl In ihre reinen Kelche ein; Auch schweben schöne Engelein In sie hinein und singen fein; Das höret Alles klar und rein Urhinkel an und stimmt mit ein Und läßt das weiße Schleierlein Im Sternenschein, im Mondenschein, Hin spielen in den Lüftelein; Ich aber muß hier einsam seyn Und recht in meines Herzens Pein, Wie's Kindlein nach dem Mütterlein, Nach dem Urhinkel draußen schrein: O laß doch den Urgockel dein Nicht so allein, allein, allein! Du plauderst draußen mit der Lilie, Vom Thau berauscht im Sternenschein, Mich hüllt hier trocken ohne Familie Der alte kalte Epheu ein. Urhinkel komm! ich rück' zur Seite, Du bist ja Bein von meinem Bein, Es ist vollkommen für uns Beide Raum, Licht und Luft auf diesem Stein.« Dann schaute Urgockel das Brautpaar sehr gebieterisch an und fuhr fort: »Was euch ist recht, das ist mir billig, Ihr wollet zwei und zwei hier seyn, Und drum in Zukunft nicht mehr will ich Das ein mal eins hier seyn allein; Dreh, Gackelei den Ring und führe Die Ahnfrau her mit Sang und Klang; Bleibt Wahrheit immer vor der Thüre, Wird Zeit und Mährchen stäts zu lang.« Gackeleia, welche großes Mitleid mit dem Urgockel hatte, drehte den Ring Salomonis schnell, schnell mit dem Wunsche, die Gebeine der Frau Urhinkel möchten aus dem Grabe unter der Hennenlinde erhoben und Alles bereit seyn, um sie in die Gruft Urgockels beisetzen zu können. Als sie nun aus der Kapelle hinausgezogen waren, fanden sie Alles folgendermassen geordnet; im Schatten der Hennenlinde um das Hennenkreuz standen bei den Lilien drei schneeweiß gekleidete Klosterjungfrauen und mitten zwischen ihnen schwebte der Geist der Frau Urhinkel von Hennegau in einem schneeweißen, schimmernden Gewand; ihr von langen schwarzen Locken umströmtes Haupt war über einem weißen Schleier mit weißen Rosen gekrönt, auf ihrer Schulter saß eine weiße Henne, in der einen Hand hielt sie eine goldne Spindel, in der andern ein feines leuchtendes Brod. Ihr Angesicht war nicht irdisch schön, aber von einer himmlischen Liebe und Freundlichkeit übergossen, man konnte nicht aufhören, sie anzuschauen, ihr Blick war eine segnende Verbindung von Thau und mildem Sonnenlicht. In kleiner Entfernung von ihnen war das Grab der Ahnfrau eröffnet und stand neben demselben ihr irdisches Kleid im Sarge auf einer Tragbahre; nicht weit von diesem aber bei jenen Kräutern, die bei dem Begräbniß Gallina's so großes Beileid bezeugt hatten, stand die Erscheinung von acht altfränkisch festlich gekleideten Jungfrauen, sie waren mit Kräutern bekränzt und mit einem Orden an amaranthfarbigem Band geschmückt. Eine jede trug ein schönes Huhn in einem Körbchen unter dem Arm. Sie blickten alle mit dem Ausdruck ernster Freude und Rührung nach dem Geiste und dem Leibe der Ahnfrau und waren in einer lieblich schwebenden Bewegung. Sie schienen Etwas zu erwarten, die Tragbahre war mit einer tiefrothen Sammtdecke, worauf das Hennegausche Wappen in Gold gestickt, bedeckt. Auf dieser Bahre stand nun der offne Sarg, worin die liebste Frau Urhinkel ruhte; aber welch ein seltsamer Sarg! es war ein langer Gitterkorb von Zypressen und Myrthenzweigen geflochten und mit erstaunlich vielerlei Blumen durchschlungen, welche durch ihre Namen und Bedeutungen ausdrückten, wie sehr die Todte von den Armen geliebt worden war, die ihr den Sarg geflochten und ausgeschmückt hatten und ihrer Leiche gefolgt waren. Gackeleia hatte oft von dem Blumensarg ihrer Ahnfrau erzählen hören. Es gab ein Mährchen davon in der Gockelschen Familie, das man den Kindern erzählte, um ihnen Milde gegen die Armen einzuflößen. – Nun sah sie diesen Blumensarg vor ihren Augen; aber er war ganz welk und verdorrt. – Sie wollte um Alles in der Welt den Blumensarg wieder in seiner ganzen Schönheit sehen. So drehte sie dann den Ring Salomonis mit den Worten: »Salomo, du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Lasse neu den Sarg verzieren Mit des Dankes Blumengaben; Wolle uns vorüber führen Alle Armen, alle Kinder, Die den Sarg gewebet haben; All der Liebe Kränzewinder, Die in Blumen einst begraben Dieses Herz, den Trost der Kinder. Sende all die Kronenbinder, Jene Blumen einzusammeln, Jene Kräuter, jene Halmen, Deren Namen Wünsche stammeln, Deren Namen Dankespsalmen, Süße Grüße, Wohlgefallen, Wie unschuldige Kinder lallen. Um das Bettlein, wo in Frieden Ruht das ird'sche Kleid der Braut, Die vom Leib der Zeit geschieden, Ward dem ew'gen Geist getraut, Werde von dem Dank hienieden Neu ein Blumenzelt gebaut. Schmücket neu dies Herz mit Blüthen, Liebeswerke, die drin glühten, Daß die Blumen, Erdensterne, Zeitlich hier den Leib umkränzen, Wie des Himmels Blumen, Sterne, Ewig dort den Geist umglänzen; Ringlein! Ringlein! dreh dich um, Schmück' den Sarg, ich bitt dich drum!« Auf diese Worte Gackeleias ertönte ein leiser, ungemein reiner und lieblicher Gesang von den drei Lilien her, welche zu Häupten des Hennenkreuzes standen: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Nach diesen Stimmen nahte hinter der Linde hervor von beiden Seiten eine gar rührende Prozession von Greisen, Männern, Frauen, Jünglingen und Jungfrauen, Knaben und Mägdlein, ja Säuglingen auf den Armen der Mütter. Alle waren sie durch Kränze und Gewinde der manichfaltigsten Blumen und Kräuter verbunden, die sie in der einen Hand hielten, während sie in der andern an weißen Stäben schimmernde Fahnen trugen und rings um Frau Urhinkel aufpflanzten. Diese Fahnen aber bestanden aus nichts anderm, als aus Hemden, Strümpfen, Röcken, Wämsern und besonders aus vielen allerliebsten, kleinen Kindermützchen, welche Frau Urhinkel mit eigenen Händen verfertigt hatte, um die Armen damit zu bekleiden. Alle die Kleidungsstücke schimmerten wie Silber und Gold und was mit großem Fleiße, mit großer Liebe und Ueberwindung genäht war, das war wie mit Edelsteinen und Perlen ausgeziert. Es waren die Werke der Frau Urhinkel, welche ihr nachfolgten. Als nun alle diese Siegsfahnen um die liebe Seele aufgepflanzt waren, zogen die Geister der Armen, welche sie durch milde Austheilung der Gaben Gottes vor Noth, Verzweiflung und Verbrechen gehütet und als dankbare Kinder in das Haus des Vaters geführt hatte, hin zu dem Sargkorbe, worin der Leib ihrer Wohlthäterin ruhte, und verwandelten ihn mit allen ihren Laubgewinden durchflechtend in ein Schiff von Blumen. Die guten, dankbaren Seelen schmückten das Ruhebettlein der Ahnfrau mit allem Danke, aller Liebe, die sich durch Blumennamen aussprechen lassen, und als der Blumensarg neu erblüht war, brach Gackeleia freudig in die Worte aus: »o das ist eine schöne Leichenrede, das sind keine rednerischen Blumen, das ist eine Blumenrede, mir ist, als spräche ich selbst so, wenn ich diese Blumengewinde ansehe; denn was die Blumen heißen, das sind sie mir!« »Ja, liebe Ahnfrau, da ist Augentrost für dich, welche alle Thränen getrocknet, Liebäugelein für dich, weil du alle Arme so lieblich anblicktest, brennende Liebe mit den granatrothen Blumen, weil dein Herz von Nächstenliebe geglüht; Thymian , das gewürzige Demuthkraut für dich du Demüthige; Ehrenpreis für dich du aller Ehren werthe; Engelsüß und Engelblume sprechen: »du süßer milder Engel in aller Noth! – O du Herzblümlein , du Herzenstrost , du Herzensfreude flüstern drei andre Blümlein; – du Honigblümchen , je länger je lieber hatten wir dich, sagen andre. – Wie viele stammeln mit Kinderaugen, » Vergiß mein nicht .« – Das Schlafkräutlein spricht: »schlummere süß« – und das Fühlkraut : » rühr mich nicht an .« – Das Mollenkraut , das Wunderbäumchen , Palme Christi säußelt um dein Haupt. – Das Herrgottsbärtlein weht durch deine Locken. – Die Passionsblume schaut dich an – ruhe sanft lieb Denkeli – an deinem schattigen sonnigen Herzen, du Liebstöckel , blühet dein Herzgespann , das demüthige Sophienkraut , das Sonnenbräutlein , der Sonnenthau füllt ihm die Löffelchen seiner Hände, im tiefsten Schatten, wie in glühender Sonne heilend und erquickend. Dem lieben Herzen, dem es nahe ist, müssen die Feinde vergeben, wie es ihnen vergiebt, alle müssen es lieben, kein Zauber kann es kränken, selbst der eigne nicht. – O schlummre selig, der Engeltrank dir Wohl verleih ! – Sey Wohlgemuth , Gottes Gnade , Gottes Hülfe , Gottes Heil sind mit dir. – Zum Himmel kehr dich du Sonnenwende . – Wandle träumend durch den Himmelsthau zu dem Kreuzblümlein , dem Jesusblümlein . – Der Heiland legt den Himmelsschlüssel in deine Hände – Du ewige Blume . – Gotteshülfe sey dir ewig grün . – Tausendblättchen hast du reine, feine Garbe voll Heilkraft – und Floramor , Tausendschön , die purpursammtne Amaranthe schimmert dich an, daß dir das Herz lacht u. s. w. – Wer kann alle Liebe aussprechen, welche die Blumen stammelten? – Zu ihren Füßen deutete die Jerusalemsblume , die feurige Liebe , die Mannstreue auf die Liebe und Treue Graf Gockels. Alle diese Blumen waren von vielen weißen Rosen durchflochten und an den Ecken des Sarges ragten Lilien hervor, und beide wußten nichts freudigeres zu sagen, als, »sie liebte uns.« In der Hand hatte die liebe Todte einige Heilkräuter, einen Strauß von Schlüsselblumen , Chamomillen , Melissen , weißen Nesseln , Lindenblüthe und Orangenblättern . – Ein Monatröschen , das sie lange gepflegt, blühte in einem Körbchen an ihrer Seite. – Die ganze sprechende Blumendecke des Sarges war von einer immergrünen Epheuranke übersponnen, welche an dem Kreuze zu Häupten des Sarges hinanrankend sagte: »immergrün ist meine Treue, wer will mich trennen von meiner Liebe, ich halte ihn und lasse ihn nicht. Wer ist treuer als ich? selbst von der Wurzel getrennt, lasse ich nicht von dem, was ich umarmte, und grüne und lebe klammernd an meiner Stütze. Mit ewigem Grün umschließet die Treue die Asche der Todten und bindet die Scherben der Urne; denn losgerissen würde sie sterben. Selbst den gefallenen Stamm umgrüne ich. Seit ich lebe, ringe ich aufwärts, nicht aus eigener Kraft, sondern getragen von zuvorkommender Gnade, die ich dankbar mit den Wurzeln meiner Zweige erfaße. – Weil ich barmherzig den nackten Fels bekleide, decket die ewige Liebe meine eigne Armuth und trägt mich aufwärts mit den Barmherzigen, die sie selig spricht; auf daß ich aufsteige aus der Wüste, gestützt auf den Geliebten überfließend von Beglückungen.« – Solches und vieles andere stammelten die Blumen und Kräuter, womit die Geister der dankbaren Armen, denen Frau Urhinkel alle Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihren Sarg von neuem schmückten. – Als sie den Sarg geschmückt hatten, zogen sie sich zu beiden Seiten der Frau Urhinkel zurück, erhoben ihre Fahnen wieder und traten in den Hintergrund. Alles das sahen Gockel, Hinkel, Gackeleia und Kronovus ganz still mit tiefer Rührung an und nun sprach Gackeleia: »das also ist der schöne Blumensarg unsrer Ahnfrau von dem du mir so oft erzählt liebe Mutter, daß die Engel die Blumen dazu im Himmelsgarten gepflückt?« – da erwiederte Frau Hinkel: »Ja, und er ist noch viel schöner als ich wußte, denn die Engel waren die Armen, die sie in den Himmel durch ihre Liebe geleitet und der Himmelsgarten war der Garten ihres liebvoll barmherzigen Wirkens und alle die Blumen und Kräuter waren ihre Liebeswerke. Sie hat mit der Gnade Gottes ihren Garten selbst gebaut!« – Da sprach Gockel: »Hier kann man wohl sagen, unsere Werke folgen uns, und wie man von Kummer und Bösem sagt, das ist ein Nagel in meinen Sarg, kann man wohl von allen Werken der Liebe sagen, sie sind Blumen auf meinem Grab, o wer sollte sich nicht einen solchen Garten zu bauen wünschen!« – »Ach,« sprach Kronovus, »du mußt helfen Gackeleia, wir wollen fleißig im Garten arbeiten.« Gackeleia hatte Thränen in den Augen und nickte still. So standen sie und sahen den Leib der Ahnfrau an, der ernst und ehrwürdig und doch so lieblich mit seinem Brautkleid in dem Blumenbettchen ruhte. Keine Spur von Verwesung entstellte die rührende Gestalt. Sie war ganz dieselbe, wie man sie in dem Grafensaal in Gockelsruh als Braut gemalt sah, nur noch weiser, noch reiner. Das edle, kluge Haupt trug die Grafenkrone über einen Kranz von Amaranthen, der die reichen mit Perlen durchflochtenen Locken umfieng und ruhte mit geschloßnen Augen, wie das Antlitz eines schlummernden Heldenkindes, auf einem runden goldnen, mit Rubinen verzierten Polster, das sie gleich einem Heiligen Schein umleuchtete; die eine Wange jedoch lehnte etwas zur Seite geneigt an einem Kissen von der feinsten schneeweißen Leinwand. – »Kennst du das kleine Kissen?« fragte Frau Hinkel die Gackeleia und diese antwortete: »o gewiß, davon hast du mir ja auch erzählt, wie von dem Blumensarg; die Gräfin Amey von Hennegau spann so fein, so fein, webte so fein, so fein, und trocknete mit ihrem Linnen die Thränen der Armen; weil aber noch so fein gesponnen, endlich doch kömmt an die Sonnen, so haben ihr die Armen dieses Linnen an der Sonne mit Thränen des Dankes gebleicht. Sie theilte aber Alles mit ihnen und so auch dieses Linnen; da haben dann die dankbaren Armen ihr aus ihrem Theil ein Brauthemd und ein Todtenhemd genäht, und da noch ein Stückchen übrig blieb, verfertigten sie dies kleine Kissen daraus und nähten den Spruch darauf. »ein gutes Gewissen ist das ruhigste Kissen.« Es kamen aber alle Vögelein, denen sie von Jugend auf ihre Brosamen ausgestreut hatte, herangezogen, und rupften sich selbst aus Dankbarkeit die zartesten Flaumfederchen aus der Brust in das Kissen, bis es recht weich und reichlich gefüllt war. Diese Gaben verehrten sie der lieben Wohlthäterin als Brautgeschenk und sie nahm sie mit in den Blumensarg.« – »Du weißt Alles noch recht schön,« erwiederte Frau Hinkel, »sieh, zum Andenken dieses so ehrenvollen Ereignisses haben auch alle Jungfrauen und Frauen unseres Stammes in ihrer Ausstattung zwei solche Hemden und ein solches kleines Kissen, welche von den Armen verfertigt werden müssen und dieser Theil der Ausstattung heißt die Armen-Linnen-Spiegelgabe, weil wir uns an der Milde unsrer Ahnfrau spiegeln sollen.« »Ach,« sagte Gackeleia, »es ist schwer den Blick von dem lieben Angesicht zu trennen, es ist so ehrwürdig, so ernst wie eine Sybille, welche Schicksale träumt, so liebvoll sorgend und warnend wie eine fromme Mutter, und auf der sinnenden Stirne ruht der Friede besiegter Leiden, und wenn ich ganz bewegt bin und die Thränen mir in die Augen treten wollen, lächeln mir ihre Wangen und ihre Lippen so kindlich entgegen und es ist mir, als küße mir ein Kind die Thränen von den Augen und streiche mir tröstend die Locken von der Stirne.« – Da sprach Gockel: »Kind, du hast ein gutes sicheres Aug, was du sagst, muß wohl so gewesen seyn. Sieh, darum hat das liebe Herz, die gute Ahnfrau auch schon als Jungfrau den Hennegauschen Mägdlein-Orden der freudig-frommen Kinder gestiftet, dessen höchster Grad hier im Sarge ihre Brust bedeckt. Es ist derselbe Orden, den Mutter Hinkel und auch du jetzt trägst. Es war in den Tagen der guten Ahnfrau im Lande Hennegau unter dem weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise eingerissen; das Ei wollte klüger seyn, als das Huhn, und die Hühner sprachen erstaunlich viel über umgelegte Eier. Es war wie eine Krankheit unter den Mägdlein des Landes geworden, aller weiblichen Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrüten zu ergeben, wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen. – Da nun im Jahre 1310 Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Gräfin Amey kannte, durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam, daß sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Gräfin Amey sich dieses so zu Herzen, daß sie sich entschloß, dieser Verkehrtheit durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten. Sie errichtete deswegen für Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege für die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen. Alles Gute und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe Amey in ein recht liebes, natürliches Wesen. Sie ward der Trost der Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als Großmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau. Da begann eine gute Zeit für die Kinder in Hennegau, welche durch die übertriebene Selbstbeschauung ihrer Mütter und älteren Schwestern ganz unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden waren. Die liebe Amey errichtete große Ordensfeste und jede ihrer Ordensgespielinnen mußte eine Heerde Kinder sauber und reinlich gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen und getrunken und auch Gott gedankt wurde. Alle edlen Jungfrauen wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die weibliche Sitte erhielt eine neue schöne Wendung, so daß es ein Sprichwort geworden: »Wie wohl wär mir, hätt' ich zur Frau ein' edle Dirn aus Hennegau!« Um aber die Verbindung der freudigen Frömmigkeit und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudrücken, daß die tiefste Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind, so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, lächelndes Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen läßt, vorstellt. Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen, mit allerlei Glöckchen und Quästchen und sieben Sächelchen behängten Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt. Die Amaranthe ist das Sinnbild treuer, beständiger Gottes- und Menschenliebe, und ein Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau hier im Blumenbettlein die schöne Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es recht gewandelt ist. Die Erde trägt eigentlich nur den Schatten dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fülle ihrer ganzen Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergängliches, unbeflecktes, unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist. – Die Amaranthe ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die tiefrothen Amaranthen glühen, welche selbst von der Pflanze abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren. – Die Amaranthe ist das Sinnbild der Beständigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heißt es, in Kälte und Hitze, auch getrennt beständig, nimmer welkend, in Thränen erneuet. – Dieser Eigenschaften wegen trägt Gräfin Amey die Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; daß aber am Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen, Quasten, Glöckchen, Troddeln hängen, deutet wieder auf unschuldige Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens, den wir mühselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefaßt sind. Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Rührung bei ihrem Anblick, denn sie konnte sich oft gar nicht zurückhalten, wenn sie diese Farbe sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe über sie aus einem Vorgefühl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand? – ich kann es nicht entscheiden – nur muß ich dich ermahnen, liebe Gackeleia, nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu lassen, damit sie dich nicht endlich überwältige; denn sieh – die gute Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach Gockelsruh entführt. Die Räuber, welche wußten, daß sie dieser Farbe nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer grünen Wiese, auf der sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus, und sangen ein Lied in der Nähe, das sie sehr liebte: »Feuerrothe Blümelein, Aus dem Blute springt der Schein, Aus der Erde dringt der Wein, Roth schwing ich mein Fähnelein.« Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde nicht wiederstehen; sie mußte hineilen, und sich auf die Decke niedersetzen, und so entschlummerte sie. Da zogen die Räuber mit verborgenen Schnüren plötzlich die Decke über ihr zusammen, banden sie auf ein Pferd und entführten sie bis hieher unter die Hennenlinde, wo Urgockel sie auf ihr Hülfsgeschrei befreite. – Sieh, sie ist ganz in ein weites amaranthseidenes Gewand gehüllt, das deutet auf jene Decke, in der sie entführt, gerettet und die Braut Urgockels ward.« – »Es paßt recht schön,« sprach nun Gackeleia, »daß sie diese Farbe auch hier im Tode trägt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der Erde entführt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut des Himmels und wie ein Küchlein unter die Flügel der Henne versammelt worden. – Aber sage, warum haben denn die Räuber die liebe Ahnfrau entführen wollen? – Sie sieht doch gar nicht so reichgeschmückt aus wie andere Gräfinnen, die von funkelndem Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon über diese Armuth verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf den Schultern zusammen fassen?« – Da schaute Gockel die Gackeleia lächelnd an und sprach: »du bist ein rechter Schelm, du fragst mich über Allerlei, was längst vergessen ist, und dann drehst du heimlich den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich nie oder doch nur dunkel gewußt habe.« – »Freilich mache ich es so,« antwortete Gackeleia, »denn wie jede Speise ihr eigenthümliches Gefäß hat, so sind solche alte Geschichten immer am schönsten, wenn sie der Vater erzählt.« – Da fuhr Gockel fort: »du fragst ganz recht wegen den Räubern, die sie entführten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren Achselbändern zugleich, denn wegen dieser wollten die Räuber, welches böse Edelleute aus dem Turgau waren, sie entführen, und Kronovus mag dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du trägst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter schürzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe, welche dir allein gehört. Es sind die sogenannten heiligen Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben ist. Vadutz mit seinen Felsenschlößern ist ein Frauenlehn und gehört allen erstgebornen Gräfinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen. Es ist eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heißt, die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren Schultern getragen, sie seyen wunderthätig, die Ahnfrau habe sie mit ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hüten, und jene, welche diese trügen, seyen gewöhnliche Edelsteine; das mag wohl auch so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Gräfin von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen. Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Gräfin Amey ihre Tochter zur Gräfin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern gekommen sind, an die ächten Edelsteine angerührt worden und mögen so einen Strahl ihres Segens empfangen haben. Die ächten heiligen Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau, und in dem großen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt, steht von dem Geheimniß dieser Steine, wir wollen es heute nach der Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Ländchen Vadutz an die Gräfinnen von Hennegau gekommen sind. – Der Vater der lieben Ahnfrau trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermählte sich aber mit einer Gräfin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach Hennegau und nahm dessen Namen an. Er sehnte sich lange nach einem Töchterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schloßkapelle und im Augenblick als man sang: »Uns ist geboren ein Kindelein, Sein Reich lehnt auf den Schultern sein.« kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Gräfin kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes Töchterchen gebracht. Da lief der Graf geschwind hinauf in das Zimmer der Gräfin und sang den ganzen Weg: »Mir ist geboren ein Töchterlein, Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,« und als er hinauf kam, saß die Gräfin aufrecht auf ihrem Lager und hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war ganz außer sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der Mutter und sah dem Töchterlein in die lieben Augen und vergoß Freudenthränen, dann nahm er seine Achselbänder, worauf zwei Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte feierlich: »weil uns das liebe Töchterchen gerade bescheert worden ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen Vormünderin.« Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbänder mit den Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die Schultern und sagte: »Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und alle erstgebornen Töchter ihrer Nachkommen mit dem Ländchen Vadutz, es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und sollen den erstgebornen Töchtern der Grafen von Hennegau, sobald sie die erste Kunkel des zartesten Flachses für die Armen, ohne den Faden zu zerreißen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern geheftet und sie so mit dem Ländchen Vadutz belehnt werden.« – Du nun, liebe Gackeleia, trägst jetzt diese Kleinodien auf deinen Achselbändern. Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau später von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien bei ihr stehen. – Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der Grafschaft Vadutz entführten einige Ritter, welche nicht vom Auslande her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von Urgockel erschlagen.« Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte, »warum sprichst du nicht?« antwortete sie, in dem sie ihm eine Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: »Ei Vater, weil ich jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Ländchen so schwer auf den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie nun voll feinem Garn für die Armen und es ist mir wieder ganz leicht auf den Schultern.« Da lächelten sie alle über die Gewissenhaftigkeit der neuen Königin Gackeleia von Gelnhausen, Gräfin von Gockelsruh und Hennegau, Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an. Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest angeschlossen, waren los an den dürren Armen herabgesunken, die feinen weißen Hände ruhten an beiden Seiten des Leibes. Die Linke hielt die obengenannten Heilkräuter, die Rechte ruhte auf einem großen Buch und faßte acht lange amaranthfarbige, mit Perlen gestickte Bänder, welche von dem ähnlichen Gürtel ausliefen, der das weite Gewand über den Hüften umschloß. An diesem Gürtel hingen auch Schlüssel, und ein Löffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere und Aehnliches. Die hagern feinen Füßchen schauten so arm und rührend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und die mit Perlen gestickten Goldpantöffelchen waren zu weit geworden, und eines herunter gefallen, so daß der eine Fuß mit den weißen schimmernden Zehen hervorsah. – Da kniete Gackeleia mit großer Liebe und Rührung an dem Sarge nieder und küßte den Fuß und benetzte ihn mit Thränen, mit den Worten: »du liebes armes Kind von Hennegau hast ja dein Pantöffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muß das liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die Spitze des Fußes ist ganz braun, sie hat sich die Füße verfroren, – wart, ich weiß, was ich thue, in der goldnen Gallina der Königin von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!« – Gleich brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuß der geliebten Todten damit und schaute mit Thränen den Vater an und sprach: »Vater Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz unvernünftig? denn sieh, ich muß es thun aus Liebe und Dank und würde mich schämen, so ich es nicht thäte, ich thue es mit dem Wunsche, es ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es.« – Unter diesen Worten küßte Gackeleia den Fuß, den sie gepflegt und nur einem reinen Tüchlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das Pantöffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend, und es ertönte von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude der Gesang her: »Mein Schmerz ward milder, tausend Dank! Lieb ewig heilt, was zeitlich krank, Nimm dir zu deiner Liebe Lohn Die ächten Steine von Vadutz; Im großen Buche findst du schon, Wie heilsam dieser Gnadenputz; O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen Nönnchen bei den Lilien, die süßer dufteten, als je. – Gackeleia aber besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das große Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater. – Gockel blätterte ein wenig dann und sagte: »es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der Mitte zu. Von einer Seite einhält es die Rechnungen der Grafschaft Vadutz, von der andern ein Tagebuch. – Potz tausend! was stehen da für Lehen und Zinsen darin, aber – aber irren ist menschlich, das Kind hat sich auch da einmal verrechnet. Hier auf diesem Blatt bei der Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99, aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10 bleibt 9 und 9 von 9 geht auf, – das kann ja unmöglich eintreffen, aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen. – In der Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der täglichen Haushaltungsrechnung steht immer, eine Maß Michl, ein Schoppen Michl, immer Michl statt Milch; aber halt, da kömmt Etwas, das muß jetzt verlesen werden, lies Gackeleia!« und er gab ihr das Buch und sie las: Gräflich Hennegauische Hühner- und Menschensatzungen Zu der Sache ewiger Gedächtniß. Wir von Gottes Gnaden Gräfin Amey, Urhinkel von Hennegau, allererste Lehnshuldin des Ländchens Vadutz, armes Kind von Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin, erklären in hoher Pünktlichkeit, Komma cum Pünktlichkeit und Duopünktlichkeit. – Als wir, der abgründlichen Untiefe übertriebener Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebüchern des Jahres 1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte für sich und ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau eine Nachkommin dieser Gespielinnen gottesfürchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem sogenannten Hühnerabend abzuliefern hat. Auch sollen dieselben solchen Braut- und Leichenzügen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen geschmückt beiwohnen und derlei Blumen zu Füßen des Grabes erhalten, mit der kindlichen Liebesmeinung, diese möchten dort statt ihrer beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn könnten. – Eine jede erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren mündigen Jahren das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: »das arme Kind von Hennegau« an und hat an ihrem Gürtel als Braut und als Leiche acht Bänder von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen. Sie gehen in dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal. – Sie haben dies Alles zu erfüllen bei Verlust ihrer Rechte. Diese unsre Erklärung soll bei Braut- und Leichenzügen den Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden. – Sodann sind die Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben aufgerufen und von ihnen die Pflichthühner abgeliefert werden sollen. Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang: »Gott grüß dich Mond und Sternenschein, Entlaubet ist das Fensterlein!«   Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal. Als ich am Tage nach Johanni des Jahres 1318 den drei Fräulein zur Lilien auf Gottes höhere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal gründete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal verpflichtet, den Braut- und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau und Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern trägt, von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten drei weiße Lilien auf meinem Grabe zu erhalten. – Es sind aber diese drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten aufzurufen: »Ihr Lilien im Garten Gedenket der Nacht, Gedenket der Zarten, Die bei euch gewacht; Gedenket der Gnade, Die auf euch gethaut, Und duftet am Pfade Der lieblichen Braut, Und bittet am Grabe, In dem sie nun ruht, Daß Friede sie habe, Die lieb war und gut.«   Da neigten sich die drei weißen Klosterfrauen gegen die rechte Schulter der Ahnfrau und man hörte die Worte wieder: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht Amaranthbänder, die von dem Gürtel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten Aermel ein wenig über den hagern elfenbeinernen Händen der Ahnfrau in die Höhe zog, sprach sie: »sieh Gackeleia, da bewährt sich das Sprichwort wieder – an der Klaue kennt man den Löwen und an der Hand die Gräfin von Hennegau. – Wenn wir es auch nicht wüßten, so würden uns diese Hände sagen, daß sie der Gräfin Amey von Hennegau gehören. Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt.« Gackeleia küßte die Hände der Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: »die ganze Hennegauische Familie stammt mütterlicher Seite von einem römischen Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegründet. Es war aber bei den heidnischen Römern eine grausame Belustigung, Männer mit Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen. Wenn nun einer der Kämpfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die Kehle und schaute umher, ob man ihn tödten oder begnadigen lassen wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der hob die Hände in die Höhe und schloß den Daumen fest in die Faust, das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach ihrer Geburt schon die Händchen in dieser Stellung gehabt haben, so daß die Mutter ausrief: »Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!« – Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung galt, von frühester Jugend auf ihre Händchen immer in dieser Gnadenstellung, so daß ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese Handbildung auf alle Gräfinnen von Hennegau, mit der großen Neigung zu begnadigen und zu vergeben, vererbt. – Sieh Gackeleia, daher kömmt der Gebrauch, daß man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt, ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glück wünschen.« »Nun wissen wir Alles,« sprach Gackeleia, »so recht, wie man sagt, bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die drei weißen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmückt erscheinen und Hühner in Körbchen unter dem Arm tragen. Sie kommen zur Leichen-Uebertragung des ältesten armen Kindes von Hennegau und zum Brautzug des jüngsten, und das bin ich! – Sie wollen ihre Pflichthühner abliefern. – Geschwind, geschwind, laßt uns sie empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig durcheinander. Wohlan, ich rufe sie auf – »Im Namen Ihrer Kindlichkeit der Gräfin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia Königin von Gelnhausen, Gräfin in Hennegau und von Gockelsruh, jüngste Lehnshuldin von Vadutz und jüngstes armes Kind von Hennegau, – Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthühner abzuliefern. – Zuerst rufe ich auf. Fräulein Ornitogalia, für eine am 30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein Hirtenhuhn!« Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kränzlein des Kräutleins Hühnermilch auf den blonden Locken und ein schönes Huhn in einem Körbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia. Sie verbeugte sich gegen den Geist der Ahnfrau, küßte dann knieend den Orden, den der Leichnam im Sarge trug. Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias, setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Füßen nieder und nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht amaranthfarbenen Bänder ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen blieb. – Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden Fräulein auf. Alle trugen sie Kränze von Kräutern ihres Namens und den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia. – Osterluzia lieferte für ein am 1. Mai empfangenes Stück Wald ein Waldhuhn. – Kretellina brachte für das am 7. Mai erhaltene Recht, im Wald zu grasen, ein Grashuhn. – Serpoleta gab für den am 14. Mai verliehenen jährlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn. – Morgelina hatte am 21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein Laubhuhn. – Moskatellina entrichtete für ein am 28. Mai empfangenes Kornfeld ein Aehrenhuhn. – Kornelia leistete ihre Lehnspflicht für einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn. – Esparsetta entrichtete für ein am 13. Juni, Pfingstdienstag, empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn. – Als alle Ordensgespielinnen ihre Pflicht gelöst und die acht Bänder anfassend, zur Rechten und Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu. – Der Geist der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab. – Es war ein Anblick von der rührendsten Erhabenheit. – Hinter dem von den acht Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem elfenbeinernen ernsten Jungfräulein zu schlummern schien, schwebte dessen eigner Geist zwischen den drei weißen Klosterfrauen, welche Lilien trugen – selbst eine Lilie – in unaussprechlich rührender Einfachheit, in schneeweißem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend, das verschleierte Haupt mit weißen Rosen bekränzt, mit lieblichem Frieden im Angesicht über die Blumen und Grasspitzen dahin. Eine der drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu lieben schien, trug ihr demüthig die Schleppe. – Alle drei sangen: »Die reine Lilie prangt mit größrer Herrlichkeit, Als jemals Salomo in seinem Königskleid, Du trägst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden, Du konntest herrlicher niemals geschmücket werden.« Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmüthiger Innigkeit wieder sang: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche den Sarg geschmückt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von Röckchen, Hemdchen, Schürzchen, Jäckchen, Mützchen, die guten Werke des armen Kindes von Hennegau. Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so daß gar nichts mehr hinter ihm kam? – Niemand Anders, als jene alte Frau mit einer blauen Schürze, welche bei allen Prozessionen und Leichenzügen zuletzt kommen muß – jene gesetzte, solide Person, die nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiß, wo sie ist und wer sie ist. Alle Nachforschungen der so ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine entschiedenere Auskunft über sie zu Stande gebracht, als, es heiße, sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn, man halte sie für eine Art Nachrede, sie gebe sich für ein gewisses Gewissen aus u. dgl. mehr. – Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft zu werden, man stellte bei allen Blaufärbern Spionen auf, um sie zu ergreifen, wenn sie etwa ihre Schürze neu wolle färben lassen; aber sie ließ sie nicht färben. Endlich ward sie von der Verschönerungskommission, als geschmacklos und die künstlerische Würde solcher Prachtzüge störend, und von der Aufklärungskommission als ein abgeschmackter alter Aberglauben für null und nichtig in Contumaziam erklärt. – Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekrönte Preisschrift gegen sie, worin er sie für eine optische Täuschung, oder höchstens für das fünfte Rad am Wagen erklärte, welches, so oft man seiner auch erwähne, doch eigentlich niemals da sey. – Unter der Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller Null- und Nichtigkeits-Erklärung hinter dem Leichenzug seines Herrn Vaters Eifrasius allerhöchstaugenscheinlich herschleichen gesehen, alles Schreiben über sie verboten und eingeführt, bei ihrem Anblick immer einem Armen eine neue blaue Schürze zu schenken; man hat bemerkt, daß sie seitdem immer eine neue blaue Schürze trägt, und daß die Blaufärberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat, daß sie der Bäcker- und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt. So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier machte. Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia den Ring, das Grab Urgockels öffnete sich, da sahen sie das Gerippe des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen. Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Bänder in die Hand der Ahnfrau im Sarge zurück und ergriffen die ähnlichen Bänder, die zum Gürtel Gackeleias gehörten, und standen eine Weile um sie her. Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab schloß sich, die Jungfrauen stellten ihre Körbchen mit den Hühnern darauf und legten alle ihre Kränze umher. – Der Geist der Frau Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Füssen. Eine Lichtwolke erfüllte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Gräfin Amey von Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen. – Gackeleia sprach zu den acht Jungfrauen um sich her: »segne euch Gott, liebe Gespielen, ich danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch besser ist als hier in Gockelsruh!« da neigten sie sich gegen ihre rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach und man hörte den Gesang: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels an der Wand und unter demselben schauten drei weiße Lilien über dem Altare hervor. Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kränze der Ordensgespielen Wurzel geschlagen und grünten alle die Kräuter, aus denen sie bestanden. – Gackeleia übergab die verehrten Hühner dem Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der übrigen Hühnergemeinde in den Hühnerhof führte, wo ihnen ein Hochzeitsschmaus von Waitzenkörnern, Brodsamen, allerlei Grünem, Maikäfern, Regenwürmern und andern Delikatessen zubereitet war. – Während allem diesem wurden fortwährend die Glocken geläutet, lief die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht. – Hierauf setzte sich der Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben, die blumenstreuenden Mägdlein, die Jünglinge mit den Geschenken Salomos; – dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thüre verließen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen. – So kam der Zug in den herrlichen Raugräflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war. Im ganzen Schlosse gieng es lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals über Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren. Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr Schirrmeister schmierte unerschöpflich, die Herrn Postillone bliesen sich schier den Athem aus. Alles was in Gelnhausen kurfähig war, wurde zur gräflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens; auch viele reisende Künstler und Gelehrte und Standespersonen, welche gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen. – Es wurden der Gäste so viel, daß Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen mußte, um den Tisch zu verlängern. Einen großen Tisch allein bedurfte der Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene großmächtige, breite Schottländerinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgroßen Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebküchler bestand, die Alle mit ihr an einer Tafel saßen. – Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den hohen Herrschaften mit den Worten vor: »die sehr honorable Kounteß Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem die Könige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der schottischen Könige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u. s. w., welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist. Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze Melancholie durch zu urälterliche und altvorderliche Studien zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstühlchen vor St. Eduards Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe spielend zur Wache gesessen und dann durch stätes Brüten über die Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat. Nun aber reist sie mit ihrem Kinderstühlchen umher, dieselbe wieder zu finden und darauf zu setzen. Da sie Alles vom Ei an ergründen muß, und von meinen geringen Verdiensten als unwürdigem Oberhof-Osterhaas gehört hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren Kindskopf zu finden, aber leider vergebens! – Es ist ihr bei längerem Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, daß die Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den Schultern tragen, und weil sie weiß, daß diese Kleinode mit dem Stein Jakobs zusammenhängen, so wünscht sie für ihre Studien eine nähere Kenntniß dieser Alterthümer aus schriftlichen, gleichzeitigen Urkunden zu erlangen. – Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Könige Gothol, Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen. Der sie begleitende Leib-Lebküchler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Löwen Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlägt, in Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern. – Diese würdige Märtyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der theilnehmenden Kind- und Kinds-Kindlichkeit der königlichen und gräflichen Familie, allerunterthänigster, unwürdiger Oberhof-Osterhaas.« Gackeleia empfand eine große Theilnahme für die honorable Kounteß und wollte sie umarmen, sie war aber zu groß und zu breit und wollte sich nicht bücken, da half sich Gackeleia mit dem Ring und drehte die Kounteß herunter, daß sie gerade groß genug war und schloß sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe ward, so daß sie lächelnd sagte: »Euer Kindlichkeit können auch mehr als Brod essen!« – Gackeleia lächelte und drehte die Kounteß wieder in ihre große, breite Gestalt zurück, worauf sich Alles zu Tisch niedersetzte. – Daß Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der Küchenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung für die Kounteß verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottländische, und die Verwunderung der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gäste, die nicht wußten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten, erlustigte das ganze Fest. – Besonders viel zur allgemeinen Freude trug der Leib-Lebküchler der Kounteß Gothol bei. Sie saß zwischen den Bildern ihrer Vorältern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an und war in stäter Arbeit, daß ihm der Schweiß ausbrach, er hatte einen großen Kübel Honigteich neben sich, und indem er mit großen Appetit zu essen schien, knetete er mit Löffel, Messer und Gabel, das Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers, dann begehrte er einen frischen Teller und ließ den andern am Tische von Hand zu Hand gehen, was ein großes Aufsehen unter allen Gästen machte. Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, daß sie sich freßlieb gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer aß des Andern Bild auf. Da drehte Gackeleia, die melancholische Kounteß auch wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, daß alle ihre Lebzelten-Vorältern neben ihr leben und mit ihr sprechen möchten und eben so möchten die neugeformten Gesichter mit dem Lebküchler thun. Das gab nun einen seltsamen Spaß, die alten Schottischen Könige fiengen an mit der Kounteß, und dann unter einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die Gesichter, welche der Künstler auf die Teller formte, schnitten Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig darüber, knetete ihnen die Mäuler zu, da bliesen sie dann die Backen auf, kurz es ward eine stäte Abwechslung von Grimassen. Da nun alle die Könige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tüchtig zu zusprechen und auch dem Lebküchler häufig zutranken, gab es Streit und sie warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios mit den Humpen auf den Köpfen herum. Diese alten Schotten-Könige hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald jener Trumpf, – und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen, ohne daß sie irgend einig werden konnten. Alles das ward der guten Kounteß ein Stein des Anstoßes, sie wußte gar nicht mehr, was sie von ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit ihrem Kinderstühlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren großen Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten Schulter mit den Worten: »o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr hin, ihr schönen Tage meiner Kindheit!« – Gackeleia aber drehte den Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden möchten sich in unschuldige, belustigende Gegenstände verwandeln und alsbald wurden die Könige und der Lebküchler zu Hollundermännchen, welche sich einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Füße purzelten, was allgemeinen Beifall fand. Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt. – Selbst die Kounteß lächelte darüber und sagte: »seit ich die Achselspange der Rebecka berührt habe, ist mir ein solcher kindlicher Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, daß es mir lächerlich vorkömmt, wie ich so entsetzlich über den Stein Jakobs habe studieren können, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als daß ich noch, wie einst auf meinen Kinderstühlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und meine Puppe darauf stellen könnte.« – Diese Rede gefiel der ganzen gräflichen Familie so wohl, daß Gockel ihr Kinderstühlchen auf den Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern, und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhängten, sie rückten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten und Alles war voll Lust und Herrlichkeit. – Gockel aber nahm nun das große Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos und der Königin von Saba auf dem Tische lag und überreichte es der Kounteß mit der Bitte, da sie sich so sehr für schriftliche Urkunden interessire und eine so schöne Aussprache habe, möge sie mit der Vorlesung die Mahlzeit beschließen; wahrscheinlich werde dort zu ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine Jakobs verzeichnet seyn. – Sie nahm das Buch, blätterte ein wenig darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und sagte: »es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch, daß ich mich ordentlich zusammennehmen muß, um mich nicht da auf den Tisch hinauf auf mein Kinderstühlchen zu setzen und mit den Füßen zu pampeln. So lächerlich, ja unmöglich dieses bei meiner allzu großmächtigen Figur nun scheint, muß ich dennoch leiblich dagegen kämpfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und läßt jedermann seine schönen, neuen, rothen Schuhe bewundern. Nein, jetzt lese ich nicht – ich habe eine große Angst, wieder in die Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitäten zu fallen, mir ist, als verstünde ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: »sey ein frommes Kind, laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich hübsch fest an der Schürze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht – die treuen Kinder wird die Mutter gewiß zum lieben Vater bringen, und da giebt es Kuchen und Herz, was verlangst du?« – seht, so ist mir – ich will mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch hernach doch aus dem Buche lesen – jetzt nun hätte ich vor mein Leben gern, daß die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wünsche, was ihr das Liebste und uns Allen das Nützlichste und Gott das Wohlgefälligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich für jedermann wäre. – Wünsche, Gackeleia, wünsche, bitte, bitte, bitte!« – Die große majestätische Schottländerin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den Händchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein greift, ja so ganz von Herzen, daß sie in ihrer jetzigen Aeußerung einem schönen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der finsteren Hülle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die Flügel träumend entfaltet, und rührt und ruft: o Blumen her, Rosen, Lilien, mich zu schauckeln! – o es war rührend, leicht hätte er das Licht selbst für eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den Tod darin finden können. – Gackeleia fühlte das Alles so tief, daß sie die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drückte, mit den Worten: »gewiß, gewiß, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen Kindes von Hennegau!« – Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater und Mutter und alle Gäste gar lieblich, schlau und kindlich lächelnd der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor: »wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wünsche?« und alle riefen einstimmig: »ja, ja, von Herzen zufrieden, wünsche Gackeleia, wünsche!« Nun umarmte Gackeleia Vater und Mutter und den Kronovus und drückte die schöne Kunstfigur ans Herz und reichte allen Gästen der Reihe nach die Hand – dann schaute sie rings um aber das fröhliche Volk, über Schloß, Hof und Garten, über die ganze freudige Umgegend und sprach: »o wie ist Alles so einig und freudig umher! nur Eines bleibt zu wünschen übrig – ich wünsche es,« da drehte sie den Ring Salomonis am Finger und sprach: »Salomo, du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Setz' uns von dem stolzen Pferde, Ohne Fallen sanft zur Erde, Führ uns von dem hohen Stuhle Bei der Nachtigall zur Schule, Die mit ihrem süßen Lallen Gott und Menschen kann gefallen, Laß, das hohe Lied zu singen, Uns aufs Kinderstühlchen schwingen, Führ uns nicht in die Versuchung Unfruchtbarer Untersuchung; Nicht der Kelter ew'ge Schraube, Nein die Rebe bringt die Traube. Mach' einfältig uns gleich Tauben, Segne uns mit Kinderglauben. Lasse uns um jede Gnade Kindlich bitten, kindlich danken Und durch Dorn und Blumenpfade Treu gepflegt sie ohne Wanken, Freudig, doch mit frommem Zagen, Hin zum lieben Vater tragen. Laß die Engel bei uns wachen, Daß wir wie die Kinder lachen, Daß wir wie die Kinder weinen, Laß uns Alles seyn, nichts scheinen. – Mache uns zu Kindern Alle, Jedes sey nach seiner Art, Wie's dem lieben Gott gefalle, Einsam oder treu gepaart. Bricht ein Herz am andern Herzen, Mach ihm Blumen aus den Schmerzen, Daß mit duftendem Gewinde Seine Wunde es verbinde, Roth, wie Amaranthen blühe, Bis in Schmerzen es verglühe. Wessen Herz ein Anderes spiegelt, Der sey rein und stark geflügelt, Daß er heil empor es trage Zur Befriedung aller Klage, Zur Erlösung aller Frage, Aus der Nacht zum Herrn der Tage. Zieh'n schon Engel durch die Halmen, Wogt das Korn schon Well auf Welle, Naht der Schnitter unter Psalmen, Spielen Kinder auf der Schwelle Doch mit Blumen roth und blau, Die des letzten Tages Thau Bräutlich schmückt mit mildem Glanz Für des Festes Erndtekranz, Und sie singen: Uns liebt morgen, Der uns heut so treu geliebt, Ein fromm Kind braucht nicht zu sorgen, Wenn's noch Heut und Morgen giebt; Und kömmt erst die Ewigkeit, Halt ich reinlich nur mein Kleid, Bin ich fertig und bereit Und geh ein zur Herrlichkeit. Darum liebster Salomo! Mach uns heute groß und klein Gleich zu solchen Kinderlein, Knaben derb und Mägdlein fein, Die im Grase frisch und froh All in Kleidchen nett und rein Rings um den Alektryo Glücklich bei einander sitzen Und die Ohren horchend spitzen. Mach, daß Alles auf ein Häärchen Nichts ist, als ein altes Mährchen, Das der Hahn uns hübsch erzählt, Den wir lang darum gequält, Und die Puppe, nein – die nur Eine schöne Kunstfigur, Sey gleich eine ganz scharmante, Aprobirte Gouvernante, Schmeidig, wie ein Seidenfädchen, Zierlich, wie ein Silberdräthchen, Die mit zimperlichen Schritten Einen Kuchen schon zerschnitten, Weil das Beste kömmt zuletzt, Lächelnd vor uns niedersetzt. Und wir drängen uns um sie, Herzen und bekränzen sie, Und sie stimmet mit uns ein: »Bitte, bitte, artig seyn!« Und wir patschen in die Hände, Und das Mährchen hat ein Ende; Ringlein, Ringlein, dreh dich um, Mach es so, ich bitt dich drum!« Während Gackeleia diese Worte theils mit tiefer Rührung, so daß ihr die Thränen in die Augen traten, theils lächelnd mit gutmüthigem Muthwill aussprach, drehte sie den Ring immer schneller, denn sie ward immer ungeduldiger, wieder ein Kind zu seyn. Kronovus hängte sich an ihren Arm, er war ordentlich bang, sie würde ganz klein werden und ihm endlich gar verschwinden; weil sich aber in seiner Seele alles zugleich mit ihr veränderte, merkte er keinen Unterschied. – Das verschiedene Betragen aller Gäste war lustig anzusehen, einigen sehr soliden Standespersonen aus Gelnhausen war gleich anfangs schon nicht recht wohl bei dem Handel zu Muthe, sie waren froh, die Kinderschuhe ausgetreten zu haben, sie fürchteten, sie müßten wieder in die Schule und besonders in die Kinderlehre gehen und würden sehr beschämt werden, weil sie den Katechismus ganz vergessen hatten. – Einige Damen dachten auch, man könne sich das Verjüngen bis auf einen gewissen Grad wohl gefallen lassen, dann aber wollten sie sich unter irgend einem Vorwand zurückziehen; so kam es dann, daß vielen gleich anfangs übel ward, daß sie Nasenbluten bekamen, heftig zu husten anfiengen und sich aus dem Staube machten. Andere, welche tüchtig gegessen und getrunken hatten, begannen zu gähnen und schliefen ein oder fiengen an zu tändeln und zu spielen und ganz kindisch vertraut allerlei Neckereien mit ihren Nachbarn zu treiben. – Es kam viele Natur, viele Art und Unart, aber auch gar viel verstecktes Liebes an den Leuten zu Tag. – Da nun Gackeleia mit ihrem Wunsche fertig war, zog sie den Ring ab und legte ihn auf den Teller, um ihn für immer dem Kronovus zu überreichen, aber Alektryo, der neben ihr auf der Schulter Gockels saß, zuckte mit dem Schnabel hervor nach dem Ringe und verschluckte ihn wieder, in demselben Augenblicke gieng der Wunsch Gackeleias plötzlich in seine ganze Erfüllung. – Die großmächtige Schottländerin hatte noch gerade so viel Zeit, das große Tagebuch der Ahnfrau unter den Arm zu klemmen und ihr Kinderstühlchen zu erwischen, denn sonst hätte sie mit den andern Kindern auf der Erde sitzen müßen. – Mehr als drei dutzend Personen waren gerade noch übrig, und diese waren auch richtig in eben so viele gesunde vergnügte Kinder verwandelt, die auf einem schönen, blumigen Grasplätzchen am Rande eines Kornfeldes um den Hahn Alektryo herumsaßen, der ihnen die Geschichte erzählte, die ein altes Mährchen war, welches er in seiner Kindheit von einem italienischen Schokolademacher gehört, und um das sie ihn schon lange gequält hatten. Als er nun eben fertig war, kam das Beste zuletzt, nicht die Puppe, sondern nur die allerschönste Kunstfigur war in eine wohl aprobirte Gouvernante verwandelt und trippelte mit einem Präsentirteller, worauf ein großer, schon getheilter Kuchen lag, mitten unter die Kinder und ließ sich auf ein Knie nieder und setzte den Kuchen auf den Rasen zwischen die Kinder. Da war der Jubel allgemein, die Kinder drängten sich um sie, umarmten sie, schmeichelten ihr, setzten ihr Kränze auf, machten Musik, schrien Vivat, und jedes that nach seiner Art, gesellt oder einsam; es waren auch Kinder da, die schliefen, die gähnten, die aufwachten, die sich neckten, versteckten, liebkosten, Kränzchen aufsetzten. – Sie hatten ihre Lämmchen, Hündchen, Vögelchen u. s. w. bei sich. – Unter allen diesen lustigen Kindern saß Eines ein wenig abgesondert, etwas ernsthafter auf einem Kinderstühlchen, es hatte ein großes Buch unter dem Arm, ein Schmetterling lebte und starb ihm auf dem Händchen. Es schien ein Bißchen tiefsinnig, wie träumend, als sey es einmal eine sehr große breite Figur gewesen und könnte sich noch nicht in Alles recht finden. Ein Knabe auf dem Steckenpferd wollte es vorwärts reißen, wodurch es sich noch mehr zusammennahm. Es sah auf den Kuchen hin, auf welchem seine Vorältern, als Hollundermännchen um eine Puppe herumpurzelten. – Es lächelte kaum, denn es hörte in der Ferne die ernsten Psalmen des Schnitters, es hörte das Wogen der Aehren Welle auf Welle, und wenn es gleich freudig mit den andern Kindern auf der Schwelle des Erndtefestes saß, so spielte es doch nicht mit den blauen und rothen Blumen, die vom Thau des letzten Tages schimmerten, sondern es gedachte dieses Tages und sah die Boten der Erndte, zwei Engel aus dem Weizen hervortreten; der eine führte ein armes verwaistes Kind, das lange keine Freude gehabt, hin auf die Schwelle, wo die freudig frommen Kinder spielten, und zu dem Kuchen, der da ausgetheilt ward. – Da sagte das nachdenkliche Mädchen auf dem Kinderstühlchen vor sich: »ach und das Leben ist doch so ernst!« – Gleich darauf sah es den zweiten Engel, sich aus dem Korn hervorbeugend, mit einem andern Kinde in das Nest der Gallina schauen, welche dort brütete; da sprach das ernste Kind: »Engel, die Gott zugesehn, Sonn und Mond und Sterne bauen, Sprechen: »Herr, es ist auch schön, Mit dem Kind ins Nest zu schauen!« Darüber dachte es nun wieder nach, als der Knabe auf dem Steckenpferd vorüber reitend es an der Schürze zupfte. Als nun Alles so voll Freude und Jubel über die wohlaprobirte Gouvernante und ihren Kuchen war, sagte diese, dem Ungestümm der Kinder wehrend: »bitte, bitte, artig seyn, jetzt will ich austheilen.« Da patschten Alle so freudig in die Hände, und ich vor allen so unmäßig, daß mir die Hände noch brennen, denn ich war auch dabei, sonst hätte ich die ganze Geschichte ja nie erfahren und hätte keinen Kuchen erhalten von der Puppe – nein der nur allerschönsten Kunstfigur u. s. w. *                 Alle patschten in die Hände Und das Mährchen schien am Ende Selbst ganz artig zugespitzt, Ja ein kleines Sternchen blitzt Unten an der Himmelsleiter Unter einem – und so weiter; Und dies heißt: der kleine Stern Plauderte noch gar zu gern; Denn, wie sichs versteht am Rande, Hat die edle Gouvernante All die Kinder heimgeführt, Und dann, wie es sich gebührt, Gleich die Schaar, daß sie gedeihe, Rein gewaschen, nach der Reihe Umgekleidet und gepflegt, Wie ins Bett man Kinder legt; Und weil Alles auf ein Härchen Mußte sein ein artig Mährchen, Kämmt' und flocht den Kinderköpfchen Allen sie die linden Zöpfchen, Sprengte dann mit Wassertröpfchen Noch die lieblichen Geschöpfchen, So wie Blumen man erquickt, Die man in die Kirche schickt, Und nun ist sie fromm mit Allen Auf die Kniee hingefallen, Hat mit ihnen süß gesungen, Daß zum Himmel es gedrungen: »Müde bin ich, geh zur Ruh, Schließe beide Aeuglein zu, Vater, laß die Augen dein Ueber meinem Bette seyn; Hab ich Unrecht heut gethan, Sieh es, lieber Gott, nicht an, Deine Gnad und Jesu Blut Macht ja allen Schaden gut; Vater hab mit mir Geduld Und vergieb mir meine Schuld, Wie ich Allen auch verzeih, Daß ich ganz in Liebe sey. Alle, die mir sind verwandt, Herr laß ruhn in deiner Hand, Alle Menschen groß und klein Sollen dir befohlen seyn. Kranken Herzen sende Ruh, Nasse Augen schließe zu, Laß den Mond am Himmel stehn, Und die stille Welt besehn!« – Alle sagten dann gut Nacht, Haben lieb sich angelacht, Zu einander nach der Reihe Sprachen sie: »verzeih, verzeihe, Morgen, läßt uns Gott erwachen, Wollen wir es besser machen.« All ins Bettchen dann gesteckt Hat sie und hübsch zugedeckt. Als sie dann in sich gekehrt Suchte, was ihr Gott bescheert, Trat ihr Engel ihr entgegen Und gab ihr den Kindersegen, Und, was Alles sie geträumt, War mit Himmelsgold gesäumt. Nicht lang nach dem Abendlied, Als die Gouvernante schied, Alle Kinder einen tiefen Traum-durchblümten Schlummer schliefen; Eines nur verließ das Pfühlchen, Mit dem Buch und Kinderstühlchen Wollt's zum Mond in's Freie gehn Und die stille Welt besehn. Und ich folgt' ihm, sah im Traum, Wie es an der Aehren Saum Zwischen Lilien in dem Feld Vor Sankt Eduards Thronstuhl dicht Hat sein Stühlchen hingestellt. Aus dem Thronstuhl sind von Licht Dann zwei Pflanzen aufgeschossen, Blatt vor Blatt gleich Leitersproßen Waren wie das Blatt des Mohns Und des Siegels Salomons, Und sie wuchsen bis zum Mond. Oben in dem Strauße thront Mild ein Weib in ernster Feier, Thront die Nacht in weiter Hülle, Schauet, thauet durch den Schleier Mutterstille, Mutterfülle Träumerisch vom blauen Zelt Auf das goldne Aehrenfeld. Ihr zur Rechten, ihr zur Linken Auf des Mohnes Blumen winken Sterne, Kinder aller Launen, Die da sinnen, harren, staunen, Beten, sehnen, prophezeihen, Wenig wohl um uns bekümmert Schweigen und ins Herz uns schreien. Während oben es so schimmert, Blättert unten in dem Düstern Still das Kind im großen Buche, »Find' nicht,« sprach es, »was ich suche, Hör, doch alle Blätter flüstern Von des Jakobs Schlummerstein Und Rebeckas Edelstein, Was zu lesen ich so lüstern; Stiegen doch die Engel wieder Auf der Himmelsleiter nieder, Brächten mir ein Bischen Licht! Denn trotz Mond und Sterngefunkel Ist's zum Lesen doch zu dunkel. Sieh, als kaum das Kind so spricht, Nahen auf der lichten Bahn Gleich zwei Engel sich geschwinde Mit zwei Sternlein und dem Kinde Zünden sie die Lilien linde Zu des Thronstuhls Seiten an, Und nun ist es hell zum Lesen Wie in einem Chor gewesen, Wo man wechselnd singt die Psalmen, Als das Kind hat intoniret, Haben auf des Mohnes Halmen Gleich die Sterne respondiret: »Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid, Zeit und Ewigkeit.« Und den ganzen Wiederhall Sang das Lied der Nachtigall, Die da auf dem Thronstuhl saß Und kein Wörtchen je vergaß, Das das Kind im Buche las. Und ich sah das Kind im Singen Sich zum höhern Chor erschwingen, Wie es so emporgestiegen, Ließ sein Buch es unten liegen, Hat zu mir sich umgeschaut, Und sprach milde, wie es thaut: »War in Schottland einst geboren, Irrt in Irland lang verloren, Geh ins wahre Engelland An der lieben Engel Hand; Gieb mir Acht auf meine Sachen, Wenn die Kinder all erwachen, Lese ihnen aus dem Buch Von dem Segen, von dem Fluch, Von des Kleinods Heil und Noth, Von der Fahne weiß und roth, Von dem Wolfbrand Hammelstutz Und dem Hego von Vadutz; Jetzt gut Nacht, auf Wiedersehn!« Und da war's um mich geschehn, Kind gieng in den Himmel ein, Und ich blieb allein, allein! Rings die weite, weite Nacht Und der Sterne ernste Pracht, Keiner hat an mich gedacht, Keiner hat mich angelacht. In der Lilien Wunderlicht Sitz ich gleichsam vor Gericht, Und das liebe Kinderstühlchen Ward mein Armesünderstühlchen; In die Nacht hab ich gedichtet, Was gen Morgen wird gelichtet, Und gesichtet und gerichtet; Vor mir ruht das große Buch, Und ich harre auf den Spruch. Horch, wie ernst die Aehren wogen, Horch, der Schnitter kömmt gezogen! Träume thauen von dem Mohn Und vom Schlafe übermannt Sinkt das müde Haupt mir schon Auf des Thronstuhls harten Rand, Und mir träumt, wie zwei Jungfrauen Aus der frühen alten Welt Durch das reiche Aehrenfeld Mild zu mir herüberschauen; Und die Junge fragt die Alte: »Vreneli, was macht das Büblein?« »Amey,« sprach die, »dicht am Grüblein Schläft es, o daß Gott sein walte! Seine Sache hats vollbracht, Und daß, wenn der Tag erwacht, In der Erndte es nicht darbe, Leg ihm milde in den Arm Eine kleine feine Garbe, Hart liegt's jetzt, daß Gott erbarm!« Und so that die liebe, gute, Daß mein Haupt nun friedlich ruhte, Flocht dann bei der Sterne Glanz Aemsig an dem Erndtekranz, Neben ihr die andere kniete, Betend: »Büblein ruh in Friede!« Aber ach! es wehrt nicht lange, Horch! es rührt sich auf der Stange Bei der Henne schon der Hahn; Morgenthau rührt mir die Wange Weckend, bald zerrinnt der Wahn; Und der erste Hahnenschrei, Wenn die Kinder auferstehen, Bricht den lieben Traum entzwei; Und sie werden dann verstehen, Wie mir also ist geschehen. Dann wird Alles vorgelesen, Und wird das, was es gewesen, Tretend aus dem trüben Schein Auch in vollem Lichte seyn; Ja dann ist selbst auf ein Härchen Dieses Mährchen mehr kein Mährchen; Und bis so das Mährchen aus, Sing ich in die Nacht hinaus: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau. Einleitung. Die wohlaprobirte Gouvernante hatte die verkindete Hochzeitsgesellschaft von Gockelsruh nach der Eierburg bei Gelnhausen geführt und dort aus ihnen eine Kleinkinderbewahranstalt gebildet. Da sich aber weder der Staat, noch die einzeln Familien in die Unmündigkeit der Landes- und Hausväter finden konnten, suchten sie Hülfe bei dem Pupillen- oder unmündigen Kinder-Collegium, welches erklärte, es sey zwar zur Bevormundung bereit, aber die kleinen Leute zu vergrößern gehöre in die Kunst der Lebensverlängerung und also ins Medizinalfach. Man wendete sich daher an den Stadtphysikus, der aber entschied dahin, dieser Handel gehe über seinen Horizont, er gehöre ins Nachtgebiet der Natur, und beweise das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsre. – Weil nun die Rolle einer Königin der Nacht damals vor der Erfindung der Zauberflöte in Gelnhausen unmöglich besetzt seyn konnte, wußte man keine Autorität für das Nachtreich und nahm seine Zuflucht zu der hochlöblichen Nachtwächterzunft in der Voraussetzung, von Nachtgebiets- und Geisterragerei-Sachen müßten sie wohl Bescheid wissen. Sie erklärten aber, in ihr Nachtgebiet gehörten allein die Diebe, die betrunkenen Schwärmer, die Nachtmusikanten, die Nachtwandler, die Muhkälber, die Wehrwölfe, die dreibeinigen Hasen, und dergleichen kurze Waaren; dieser Handel aber sey am hellen Tage geschehen und daher von ihnen nach Recht und Gerechtigkeit verschlafen worden. – In dieser Verlegenheit wendete man sich, da die Schäfer von je im Rufe vieler geheimen Künste stehen, an die königlich Gelnhausensche, veredelte, spanische Hammelknechtschaft. Der Präsident dieses Collegiums, geheimer Oberhof-Haushammel Lälaps, ein sehr gelehrter Mann und besonderer Freund des verkindeten Herrn Oberhof-Osterhaas bat sich Bedenkzeit bis nach der Schafschur aus. Als er nun sein Schäfchen geschoren und ins Trockene gebracht hatte, erklärte er, er habe zwar unter dem berühmten Johannes Prätorius in Leipzig die Rocken-Philosophie studiert, er besitze dessen Werke, Glückstopf, Wünschelruthe, Blocksberg, wunderbare Menschen, Rübezahl, Weihnachtsfratzen, Schwalben und Storchs Winterquartier, Sieblaufen, Alektryomantie oder Hahnenzauber u. s. w.; aber in allen diesen sei kein Mittel gegen diese unerhörte Curiosität zu finden; da ihm jedoch von allen Wundern des Herrn Magisters Prätorius immer als das größte erschienen, daß derselbe zum kaiserlich gekrönten Poeten habe gemacht werden können und zwar durch einen Hof- und Pfalzgrafen, so mache er darauf aufmerksam, daß seit der Erbauung der Pfalz Barbarossas hier in Gelnhausen immer ein Pfalzgraf seinen Sitz habe, und also bei dem derweiligen Herrn Pfalzgrafen Hanns Diemringer von Staufenberg Hülfe zu suchen sey. Da dieser nach seinem Amte nicht nur Doktoren, Lizentiaten, Baccalaureen, Edelleute und gekrönte Poeten, sondern auch Illegitime legitim, Unehrliche ehrlich, Unmündige mündig machen, ja sogar mit rothem Wachs siegeln könne, so zweifle er nicht, der liebe Menschenfreund werde die edle Stadt seiner Pfalzkraft genießen lassen und ihre verkindeten Tagsgebieter aus dem Nachtgebiete der Natur heraus, volljährig an das Tagslicht bringend, ihr Mährchen zur Sage, und ihre Sage zur Geschichte sowohl um ein billiges Honorar erheben, als auch dieses Alles mit rothem Wachse besiegeln. – Ganz Gelnhausen jubelte über diesen Vorschlag, man hielt eine Gemeindeversammlung, worin alle Leidtragende den ersten Platz hatten. – Jedoch die Deputation, welche in Barbarossas Pallast gesendet worden war, den Herrn Pfalzgrafen in den Rath einzuladen, kam ohne ihn mit dessen Haushälterin zurück, welche eidlich zu Protokoll gab, der Herr Pfalzgraf bedaure sehr, nicht vor dem Rath erscheinen zu können, indem er vor einigen Tagen in wichtigen Geschäften verreist sey; die Akademie der old druidical superstitions in London sey entschlossen, der eingerissenen seichten Aufklärung kräftig entgegen zu treten, und die in der letzten Zeit ins Reich der Fabel verwiesenen Erd, Wasser, Luft und Feuer- Wundergeschöpfe, die Zwerge, Gnomen, Kobolde, Faunen, Satyrn, Nymphen, Dryaden, Hamadryaden, Sirenen, Melusinen, Undinen, Sylphiden, Elfen, Salamandrinen u. s. w., wie überhaupt Alles, was keine Menschensatzung, salvo errore et ommissione , als wirklich bestehend wieder anzuerkennen und ferner nur mit überlieferter Protestation gegen das zu protestiren, was durch lange Ueberlieferung bereits anerkannt und also anerkannt nicht anzuerkennen sey. – Zur Begründung dieser Aberglaubens-Anwandlung habe nun die Akademie dem Herrn Pfalzgrafen für jedes Stück dieser so schändlich unterdrückten Wundergeschöpfe, das er unter der Bank hervorziehe und durch ein mit rothem Wachs versiegeltes Dokument legitimire, vier Pfund Sterling durch das Handlungshaus Gebrüder Vatermörder anweisen lassen. Der Herr Pfalzgraf habe hierauf sogleich eine Rundreise zu diesem Geschäft angetreten und sey zuerst auf das Schloß Staufenberg bei Offenburg in der Ortenau gezogen, um die dortige Meerfey oder Melusine, welche mit seinem Ahnherrn Peter Diemringer von Staufenberg in Verbindung gestanden, zu legitimiren, und ihr wirkliches Hereinragen aus der Geisterwelt in die Leiberwelt auf dem Zwölfstein zwischen Staufenberg, Nußbach und Weilershofen mit seinem rothen Pfalzgrafenwachs zu besiegeln; indem diese Meerfey das vollkommenste Exemplar sey, welches je ein Exempel des Hereinragens statuirt habe, was bei seines Anherrn Hochzeit mit einer Muhme des Kaisers aus Kärnthen offenkundig geworden sey, da das elfenbeinerne Geisterbein der Meerfey bis ans Knie über dem leiblichen Hochzeitsmahl in Gegenwart aller Gäste durch eine Oeffnung der Stubendecke hereingeragt habe, welche den Fremden noch vorgezeigt werde. Dort also sey der Herr Pfalzgraf Diemringer zu finden und alle frankirten Briefe an ihn nach Offenburg poste restante adressirt empfange er richtig. – Nach dieser eidlichen Aussage der Haushälterin erklärte der Präsident im Namen der Gemeinde, es stehe dem Volke nicht zu, seine ins Nachtgebiet der Natur gerathenen Landesgebieter aus demselben ohne allerhöchste Einwilligung zu verweisen und müsse Erlaubniß hiezu vorerst allerunterthänigst nachgesucht werden, allen andern Betheiligten aber sey es freigestellt, bei dem Herrn Pfalzgrafen Hülfe zu suchen. – Nach dieser Erklärung erhob sich die Frau Oberosterhäsin und sprach: »Hochherzige Gelnhauserinnen, mein ehemaliger Ehegemahl, das nunmahlige Oberhofosterhäschen hatte auf die merianische Bilderchronik subskribirt, die so eben in Frankfurt herausgekommen; gestern erhielt er sein Exemplar und ich habe es mit ihm in seiner nunmehrigen Kindlichkeit durchbildern müssen, weiter aber als bis zu Seite 75 des dritten Theils sind wir nicht gekommen; denn von dem Bilde der Weiber von Weinsberg, welche ihre Eheherrn auf dem Rücken aus dem von Kaiser Konrad III. belagerten Weinsberg frei heraustragen, wollte er sich nie trennen; immer buchstabirte er wieder die Unterschrift: »Exempel ehelicher Lieb und Treu deutscher Frauen gegen ihre Männer« und sah mich dabei gar freundlich an, ja ich mußte ihn länger, als mir lieb war, auf dem Rücken herumtragen, habe aber dennoch während dem das Gelübde gethan, wüßte ich, daß der Kaiser meinem Mann durch mich so aus dem Nachtgebiet der Natur könnte heraushelfen lassen, wie er jenen Weibern zugestanden, ihren Männern aus Weinsberg zu helfen, so wollte ich meinen Eheherrn bis nach Wien auf dem Rücken tragen. – Jetzt aber habe ich diese Hülfe im Herrn Pfalzgrafen Diemringer viel näher und es wäre eine Schande, wenn ich wartete, bis er erst das Hereinragen aller Wald und Wassergeister in die Natur urkundlich dokumentirt hat und hierher zurückgekehrt ist. Nein das Emporragen ist meinem Herrn viel nöthiger, er hat schon bitterlich geweint, daß er die Wanduhr und den Bratenwender nicht aufziehen, den Vogelkäfig nicht herablassen, den Barometer nicht nachsehen, die Lichter auf dem Kronleuchter nicht ausblasen könne und alle Augenblicke muß ich ihn in die Höhe heben. – So will ich dann den Weinsbergerinnen nicht nachstehen; Morgen trage ich meinen lieben Herrn und Gebieter auf dem Rücken nach Staufenberg, um ihn durch den Herrn Pfalzgrafen aus dem Nachtgebiet heraus bringen zu lassen. – Indem ich nun alle meine anwesenden Freundinnen auffordere, in meine Fußstapfen zu treten, frage ich schließlich: »sollten die Gelnhauser Bubenschenkel, deren Ursprung niemand kennt, und die wir so oft in schwerer Ladung auf dem Rücken in der Gegend umher zu Markte tragen müssen, nicht ein prophetisches Backwerk seyn, welches Morgen in Erfüllung geht, wenn wir unsre verkindeten Angehörigen nach Staufenberg tragen?« – Allgemeiner Beifall krönte den Entschluß und Vorschlag der hochherzigen Frau. – Am folgenden Morgen sah man sie und einige zwanzig andere Gelnhauser Frauen und Männer mit ihren verkindeten Ehehälften auf dem Rücken oder Arm gen Staufenberg in die Ortenau zu Herrn Pfalzgraf Diemringer wallfahrten; dem Erfolg wird mit gespannter Erwartung entgegengesehen. Die Schottländische breite Countesse, welche am Schlusse obiger Wunderbegebenheit als Kind von St. Eduards Stuhl mit den Engeln emporgestiegen, soll nach den neuesten Beobachtungen des jungen Herschels auf dem Vorgebirg der guten Hoffnung wirklich im Monde gesehen worden seyn und dort unter den Fledermausmenschen großes Aufsehen durch ihre Studien über den Stein Jakobs gemacht haben. Wir sehen dem Erfolg entgegen. Der Verfasser, welcher bei dem Hochzeitsschmaus auch der Kindheit anheimgefallen und in der Nacht auf dem Kinderstühlchen mit dem Tagebuch der Ahnfrau allein sitzen geblieben ist, schlief endlich ein und als er Morgens erwachte, fand er sich des Tagebuchs beraubt. Was sollte er thun? Er mußte im Nachtgebiete der Natur sitzen bleiben. Er hatte Niemanden auf der weiten Welt, der ihn zum Herrn Pfalzgrafen Diemringer nach Staufenberg hätte tragen mögen oder können. – Da er sich nun erinnerte, kurz vor seiner Verkindung von seinem literarischen Vormund Urkundius Regestus vernommen zu haben, daß derselbe alle Augenblicke eine verlorne alte Chronik wieder auffinde, so bat er diesen um Ausspannung aller Entdeckungssegel nach dem verlornen Tagebuch. – Urkundius war, um sich zu besinnen, kaum über drei Registraturen und nicht ganz über fünf Büchergestelle gesprungen, als ihm einfiel, daß, wie sonst, Entdeckungsreisen aus Portugal, jetzt solche nach Portugal ausgerüstet würden und zwar um des Sanchuniatons verlorne Bücher seiner phönizischen Geschichte zu entdecken, und so entschloß er sich, der Expedition das verlorne Tagebuch zur Nebenentdeckung zu empfehlen, was er für ganz angemessen hielt, da er von dem Verfasser gehört, daß Etwas von der Geschichte des Steins Jakobs darin stehe, der bekanntlich von Phönizien nach Brigantium in Galizien in den Besitz der schottischen Könige gekommen. Seine Absicht wurde mit Erfolg gekrönt; denn kaum hatte der Verfasser auf dem Kinderstühlchen das vorhergehende Mährchen ausgeschrieben, so ward er auch durch die portugisischen Correspondenten Regesti Urkundii in den Stand gesetzt, aus dem wiederentdeckten Tagebuch der Ahnfrau folgenden Auszug, der sich auf Gockel, Hinkel und Gackeleia bezieht, einstweilen mitzutheilen. Aus dem Tagebuch der Ahnfrau. (Vom Charfreitag bis Sonnenwende 1317). Der fromme und gelehrte Jakob von Guise ermahnte in dieser heiligen Fastenzeit die Frauen und Jungfrauen des Landes Hennegau gar eindringlich, sie möchten, statt ihre Zeit mit Lesung tiefsinniger Bücher zu verlieren, doch den elenden Stand der verlassenen armen Kinder, von denen alle Straßen wimmelten, zu Herzen ziehen, und sich Gott durch Barmherzigkeit an diesen gefällig machen. Seine Worte rührten mein Herz, jede Noth, jede Unart eines Kindes, die mir bekannt ward, fühlte ich wie eine Beschuldigung. Ich dachte nach, wie ich, als die Erste des Landes, mit einem Beispiele vorgehen sollte. – Ich sprach darüber mit acht meiner adeligen Gespielinnen, und forderte sie zum Gebet auf, daß Gott mir die rechten Wege dazu zeige. Charfreitag . Jakob von Guise, mit dem ich von meinen guten Wünschen für die armen Kinder gesprochen hatte, hielt uns heute noch eine Ermahnung, nie der Armen, welche Gott mit vielen Kindern gesegnet, zu spotten. – Er gab uns diese Warnung, weil Gott heute vor 42 Jahren solchen Spott an Margaretha, Gräfin von Holland strafte, indem er ihr eine große Zahl kleiner Kinder bescheerte, welche, vom Bischof Guido in zwei Becken, die Knaben Johannes, die Mägdlein Elisabeth getauft, nebst der Mutter schnell gestorben und in der Kirche zu Leusden begraben sind. – Er erzählte auch von der großen Gefahr der aufsichtslosen Kinder ein erschreckliches Beispiel. – Im Jahre 1284 kam gen Hammeln ein Rattenfänger, der hieß Bundting, seines buntgefleckten Gewandes wegen, der ward mit dem Rathe einig, um ein gewisses Geld alle Ratten und Mäuse der Stadt mit seiner Pfeife hinaus in die Weser zu locken. Er hielt auch sein Wort, den Rath aber gereute der Lohn, und hielt er sein Wort nicht. Darob erbitterte der Bundting und als am 26. Juni Morgens 7 Uhr Alles in der Kirche war und die Kinder auf der Straße spielten, kam er wieder als ein Jäger mit schrecklichem Angesicht und einem rothen wunderlichen Hut und pfiff durch die Straßen, da zogen ihm viele Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an und darunter des Bürgermeisters schon erwachsenes Töchterlein nach und er führte sie hinaus in einen Berg und verschwand mit 130 Kindern in demselben. Ein stummes Kind hatte sich verspätet, denn es führte ein blindes Kind dem Zuge nach, das stumme zeigte den Ort, wo sie alle verschwunden, das blinde sprach von dem wunderlichen Ton der Pfeife, dem sie alle gefolgt. Ein Knäblein, das im Hemd mitgelaufen, kehrte um, seinen Rock zu holen, und da es mit diesem den Andern nachlief, waren alle schon verschwunden; so ward es gerettet und konnte von Allem den Eltern berichten. Diese waren in großem Leid, suchten und forschten aller Orten, sendeten Boten zu Wasser und zu Land nach den Kindern, aber vergeblich; und sind ihrer auch mehrmalen bei uns im Lande Hennegau gewesen. Die Trauer der unglückseligen Leute ist noch also groß um ihre Kinder, daß in der Straße ihres Auszugs weder Trommelschall noch Saitenspiel, noch Tanz, auch selbst bei Brautzügen seyn darf. – Der liebe Herr Jakob von Guise legte diese wahre Geschichte aus gleich einer Parabel auf die Gefahren der verlassenen Kinder, und fügte noch eine Betrachtung hinzu über die Worte des Herrn: »Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel versammelt u. s. w.« dann sagte er: »wen sollte das tiefer treffen, als uns, die wir hier im Lande Hennegau leben; aber wie steht es mit den Küchlein, o gäb' ihnen Gott eine Henne, die sie unter ihre Flügel versammelt. – O gnädige Gräfin Amey gedenket der armen Kinder!« – Da sagte ich: »Habt Dank hochwürdiger Herr! ja so Gott Segen giebt, will ich ihnen eine Henne werden und meine hier anwesenden Gespielinnen werden mir helfen;« da erhoben diese sich sämmtlich und sprachen: »ja mit Gottes Gnade, das soll wahr seyn!« Da segnete Jakob von Guise neun Schaupfennige und gab sie uns am Rosenkranz zu tragen. Es ist aber auf der einen Seite eine Gluckhenne abgebildet, welche ihre Küchlein mit den Flügeln decket und auf der andern Seite stehen die Worte: Nähre und schirme. Diese Pfennige hatte der gute Mann uns zur Mahnung prägen lassen, denn er hatte im Gebet erkannt, mein Herz sey kein steiniger Acker, wenn gleich hie und da eine Heerstraße; darum wollte er es einzäunen. Gott segne seinen Willen an mir! – Ich entschloß mich nun fest, gleich nach Ostern eine Ordnung mit meinen Gespielen zum Besten der armen Kinder zu treffen. Charsamstag . Heute sprach ich nochmals mit Jakob von Guise über mein Vorhaben und er ermahnte mich, daß doch Alles, was ich hiezu verordne, einfältig, demüthig, fromm und freudig seyn möge; ich solle mich mit meinen Andachten und Lesungen an das halten, was die Kirche das Jahr hindurch feiere, und alles Besondere ablegen, dieses sey das geistliche Brod, das ich den armen Kindern täglich gehörig zertheilet spenden solle, außerdem solle ich ihnen auch mit dem leiblichen Brod treue Vorsorge thun. Er machte mir hiebei eine gar rührende Auslegung des Vaterunsers, welche die ganze Regel des weltlichen Ordens enthält, den ich stiften will unter dem Namen der freudigen, frommen Kinder. Dessen Aufgabe aber soll seyn, daß die Kinder von Hennegau freudig und fromm werden; dazu aber gehöret alle Christentugend, zu der helfe mir Gott und lege mir eine treue, freigebige, fleißige Hand auf das Herz und ein aufrichtig wahres Herz auf die Hand und auf die Zunge! – Heut brachte mir auch Meister Andreas der Goldschmied die Ordenszeichen, die ich bei ihm bestellt, und war auf der einen Seite ein Windelkindlein, auf der andern ein Lerchlein, das singend zum Himmel fliegt, abgebildet. Ich befestigte sie an amarantfarbige Bänder und zeigte sie meinen Gespielen noch nicht. Wir giengen heut alle zur Kirche und versprachen einander, morgen bei dem Feste Gott unser Vorhaben demüthig aufzuopfern. Heut auch besuchte ich nach meinem jährlichen Gebrauch die gottselige Jungfrau Verena und das fromme Hühnlein; und da mich Jakob von Guise ermahnt hat, in Allem so zu schreiben, daß es auch die Nachwelt verstehen könne, will ich hier kürzlich von Verena und dem Hühnlein sprechen. – Vor vielen hundert Jahren kam ein römischer Soldat von Pilati Leibwache hier in die Lande; er hieß Salmo und war nach dem ersten Pfingstfest in Jerusalem getauft durch Petrus. Er hatte sich zum ewigen Andenken ein Hühnlein aus Jerusalem mitgebracht, das von dem Hahn abstammte, der bei Petri Verläugnung gekräht. Es war aber hier noch Alles wilder Wald und hie und da ein Edelhof mit Feldern und einigen Bauern umher. Auf einem solchen Hofe saßen dann Kriegsleute, die sich häuslich niedergelassen, die lebten von der Jagd, und machten sich so viel Landes unterthan, als sie umreiten wollten. Belgius, ein solcher Kriegsmann hatte sein Haus hier, wo jetzt mein Schloß steht, und da er in den Wald ritt zu jagen, sah er eine schöne weiße Henne, deren Art er hier zu Land nie gesehen, im Walde laufen. Da folgte er dem Hühnlein tief in den Wald bis in eine Höhle, darin ein Mann gar elendiglich lag. Das war aber Salmo, der römische Soldat, der war im Walde verirrt und schier Hungers gestorben, und war sein frommes Hühnlein fortgelaufen, ihm Hülfe zu suchen. Da labte Belgius den Salmo und nahm ihn sammt dem Hühnlein auf sein Roß und führt ihn in sein Haus, und er und sein Weib pflegten ihn, bis er gesund war. Salmo aber erzählte ihnen, was er in Jerusalem erlebet, und vom Tod, Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn, und von St. Petrus, der ihn getaufet und auch von dem Hühnlein, darob sie groß Wunder hatten. Während dem aber legte das Hühnlein ein Ei, und sie ließen den Salmo nicht fort, bis es ausgebrütet war, da schenkte er ihnen das ausgebrütete junge Hühnlein und zog weiter. Wann er nicht wußte wohin, ließ er sein Hühnlein laufen und folgte ihm. So kam er bis an einen Bach in einer lustigen Gegend, und da sein Hühnlein sehr durstet und hungert, kam ein Hahn aus dem Walde geflogen und lockte es bis zu dem Bach, und sie tranken daraus; da sagte Salmo: »das ist der Hahnebach« und der Hahn lockte wieder und scharrte einen Weizenkern aus dem Boden, den fraß das Hühnlein und war wohlgemuth. Da aber Salmo weiter reisen wollte, denn er war aus Savoyer Land, wollt das Hühnlein nicht von dannen, und so blieb Salmo hier, und baute sich ein Haus an dem Hahnebach und nannte es Kern wegen dem Weizenkern. Er nahm auch ein Weib und sind die Grafen Salm daraus worden und die Stadt Kern oder Kyrn am Hahnebach. – Das Hühnlein aber, das hier im Hause des Belgius geblieben, ward gar gut gehalten und ward Gallina genannt. Belgius aber war ein Heide und ein abergläubischer Mann, und nahm er allerlei Wahrzeichen an der Henne in Acht; nachdem sie fraß und froh oder traurig war, darnach handelte er. Nun war er schon bejahrt und hatte viel Kinder und Leute und wollte sich ein Land gründen und das auf seinem Pferd umreiten; da sah er, wie die Henne fraß, und da sie gar lustig gefressen, war es ihm ein gutes Zeichen, und er setzte sich mit seiner Frau und seinen Söhnen und Töchtern zu Pferd, und sie ritten in den wilden Wald nach dem Ort, wo er den Salmo gefunden hatte. Da ließ er das Hühnlein laufen, und wo es hinlief, ritten sie nach wohl vier Tage lang und kamen sehr durstig an ein Brünnlein, daran saß Lucius, ein König von England, der war ein Christ worden und reiste nach Augsburg, das Christenthum zu verkünden und hielt hier Ruhe an dem Brünnlein. Das Hühnlein Gallina aber lief auf ihn zu und fraß ihm das Brod aus den Händen. Deß wundert sich Belgius sehr, da Gallina sonst nicht also kühn war und ein gar blöd züchtiges Hühnlein. Da gedachte Belgius, das muß ein frommer, heiliger Mann seyn, weil das Hühnlein ihn so lieb hat. Als sie aber miteinander sprachen, sagte Belgius dem Lucius Alles von dem Hühnlein und dem Salmo, und Lucius sprach so eindringlich mit Belgius, daß er sich mit Weib und Kind von ihm in der Quelle taufen ließ. Darnach reiste Lucius weiter gen Räthien, und Belgius ritt dem Hühnlein Gallina nach, bis sie dahin kamen, wo sie ausgezogen, und nahm Belgius alles das Land in Besitz und nannte es das Hennegau, weil die Henne es umlaufen hatte. – Von dieser Henne Gallina nun ist von damals immer das erstgebohrne Hühnlein bei den Grafen von Hennegau aufbewahret und im Schlosse gefüttert worden, und nennt man es im Lande allgemein Gallina, das fromme Hühnlein und hält es gar hoch. Es ist ihm eine eigne Pflegerin bestellt, wozu immer die älteste tugendlichste Magd aus dem Frauenzimmer der Gräfinnen genommen wird, und nennt man diese Pflegerin selbst das fromme Hühnlein. Dieses Ehrenamt versieht heut zu Tage Jungfer Verena, eine gar gottselige Jungfrau. Sie war oben von dem Rheine her und schon als Wärterin meiner Großmutter in Vadutz gewesen. Es besteht aber das Hühnerhaus des Belgius mit seinem Hof und Gärtchen noch, worin die erste Gallina gelebt und gestorben und ist ein feines Stübchen darüber erbaut, worin Verena wohnet, und heißt diese Wohnung das Gallinarium. Es ist auch ein alt Herkommen, daß das fromme Hühnlein nicht mit erkauftem, sondern nur mit erbetteltem Weizen zur Ehre Gottes ernährt werden darf, und so wandelt Jungfer Verena mit ihrem langen Korbe am Arm von Haus zu Haus und bittet um Nahrung für das fromme Hühnlein. Es ist dieß aber eine mühselige Arbeit, denn sie nimmt nirgend mehr, als drei und dreißig Weizenkörner zu Ehren der Lebensjahre des wahren Weizenkörnleins. Alle diese Körnlein zählet sie nach unter Gebet, und da es für die Nahrung des Hühnleins und seiner vielen Nachkommen, denn es sind sehr viele in dem Gallinarium, doch immer zu vieler Weizen ist, so theilet sie die Körnlein in drei gleiche Theile; den geringsten zum Futter, den bessern, um ein Feld für die Armen damit zu besäen, die allerreinsten Körnlein aber läßt sie mahlen und siebt das Mehl selber, und backt selbsten die reinsten, weißesten Hostien daraus für die Pfarrkirche. Gott segnet ihr Thun, und so bringt ihr Feld immer gar reichlich, und hat sie viel Arme ersättiget in Hungerjahren. Es ist ein Glaube in Hennegau, wer ein Hühnlein von dieser Zucht, ja nur ein Federlein davon in seinem Stall habe, dem gedeihen die Hühner über die Maßen. – Heute gieng ich aber zu Verena, weil sie Ostereier bunt färbte, um ihr zu helfen. Sie wußte sie gar schön mit Blumen, Kreuzlein, Gotteslämmlein u. dgl. zu verzieren und hatte deren eine große Menge zu bereiten für die besonderen Wohlthäter des frommen Hühnleins. Jenes Osterei, das sie mir besonders bereitete, werde ich erst morgen zu sehen bekommen. Alle meine Gespielen waren gestern und heute schon bei ihr zur Hülfe gewesen und zwar nacheinander, denn ihr Stübchen neben der kleinen Küche ist gar enge und nichts darin, als links von der Thüre ein Kasten mit Schiebladen, ein Stuhl und das Bett, rechts ein Tisch, ein Stuhl und ein Spinnrad und bei dem Bette noch eine Truhe und der Ofen. Man schreitet auf einer schmalen offnen Treppe, wie auf einer Hühnerleiter zu ihr hinauf und trifft dann auf die kleine arme Küche, neben welcher ihre Stubenthüre. Das Gallinarium ist unter ihrer Wohnung; da lebet das Hühnlein Gallina und seine große Familie und hat dasselbe sein Nest, seine Stange, sein Freß- und Sauftröglein, alles abgesondert und von Verena besonders gepflegt. Hier unten ist ein kleiner Garten und Hühnerhof, und dem Gallinarium gegenüber ein Behälter für das Holz und in weiteren alten Gewölben sind die Räume, wo die Wäsche des Schlosses besorgt wird. Dieser ganze Theil des Schlosses von Hennegau ist sehr alt und etwas wüste; man hat ihn nie erneuert aus Achtung für das Gallinarium, weil Gallina, das erste fromme Hühnlein, welches das Werkzeug zur Bekehrung des Belgius und zur Benennung des ganzen Landes gewesen, hier gewohnt hatte. Ich gieng aber immer von Kind auf mit einem heiligen Grauen in das Gallinarium; es war da einsam und gar ernsthaft; an der einen Seite liegt St. Petri Münster, die erste Kirche des Landes, die auch durch das fromme Hühnlein veranlasset worden, und um das Gallinarium her läuft der Kreuzgang von dem ehemaligen Kirchhof St. Peters, worin alte Todtentragen und schwarze Sargdecken und Flitterkränze und Kreuze stehen. An dem Treppchen zu Verenas Stübchen eilte ich immer schnell und scheu hinauf, denn die Wäscherinnen sagten mancherlei Unheimliches von dem Gewölbe bei dem Gallinarium, und wußte Verena Vieles davon zu erzählen, aber wollte nie recht damit heraus. Immer wußte ich nicht recht, was das heißen sollte, daß meine Mutter oft zu ihr zu sagen pflegte: »Verena, was macht das Büblein?« worauf sie jedesmal ernst und bedenklich erwiederte: »es macht sein Sach!« – und doch war es von Kindheit auf meine Gewohnheit, wenn ich sie sah, diese Frage an sie zu wiederholen und dieselbe Antwort von ihr zu erhalten, ohne daß sie je meine heimliche Neugierde, was und wo dieß Büblein sey, und was es eigentlich thue, befriedigt hätte. Verena war mir auch durch eine eigne Gewohnheit, die sie wie eine strenge Pflicht in meiner Jugend übte, eine sehr geheimnisvolle Person. Mir wurde immer empfohlen, auf der rechten Seite liegend zu schlafen, und oft wurde ich Nachts aufgeweckt und sah dann Verena an meinem Bettchen, die mich von der linken auf die rechte Seite legte, und dann mit dem Finger drohend sagte: »das fromme Hühnlein schickt mich, es weiß Alles.« – Dann fragte ich gewöhnlich: »Vrenchen, was macht das Büblein?« und sie antwortete ihre ewige Antwort: »es macht sein Sach« und kehrte ins Gallinarium zurück. Besonders aber war mir auch der Gang zu Verena feierlich, weil sie mich zu meiner ersten Buße vorbereitet hatte, und ich mich immer bei solcher Gelegenheit von ihr ermahnen ließ. Da nun das fromme Hühnlein vom Hahne Petri abstammte, der bei dessen Schuld gekräht hatte, so glaubten wir Kinder, das Hühnchen wisse Alles, und wenn wir es im Vorübergehen gacksen hörten, meinten wir, es mahne, oder beschuldige uns, und so erforschten wir unser Gewissen mit größerem Ernste. Einigemahl in meiner Jugend kam Verena sogar plötzlich zu mir, während ich in Versuchung zu irgend einem Vergehen war, und immer sagte sie: »das fromme Hühnlein hat mich gesendet.« Durch Alles das ist sie mir selbst bis jetzt in mein erwachsenes Alter eine sehr achtbare, geheimnisvolle Person geblieben, und da ich heute mit meinen Gespielen zur Kirche gehen wollte, um morgen das hohe Fest zu halten, so schlüpfte ich mit meiner gewöhnlichen Scheu der Wohnung des frommen Hühnleins vorüber die kleine Treppe zu Verena hinauf. – Die fromme Seele war gar lieb und freundlich, sie war ganz wie neubelebt und rüstig in ihrem Bereiten der Ostereier, und ich half ihr nach Kräften. Dann erzählte ich ihr von den Ermahnungen des Jakob von Guise, und wie ich entschlossen sey, am Ostermontag mit meinen Gespielen einen Orden zum Besten der Kinder zu stiften. Da küßte Verena mir mit Freudenthränen die Hände und sagte: »Schön Dank, tausend Dank für's fromme Hühnlein!« ich aber fragte mit lächelnder Neugierde: »und fürs Büblein?« – Da sammelte sich Verena, ward ernsthaft und sagte wie ehedem: »das thut sein Sach!« – Dann sprach ich noch mit ihr von meinem ersten Kirchengang und auch von meinem jetzigen Gewissenszustand. Sie wiederholte mir wie gewöhnlich alle meine Hauptfehler von Kind auf und dankte Gott mit mir, wie er mich gehütet, und mir Gnade gegeben, Manches zu bessern, und betete mit mir für die Zukunft. Ich kann nicht sagen, wie ihr Wesen mich immer rührte; als ich von ihr gierig, sagte sie: »Gnädigste Gräfin, o meine goldene Amey, ich danke viel tausendmahl, daß du noch immer so redlich zu mir kömmst, dein armes Herz zu erweichen, ehe du es mit Reuethränen vor Gott reinigest. – Ja es ist hier bei mir nicht vergebens das Waschhaus! – Morgen in aller Frühe werden in St. Peter die Ostereier gesegnet, und dann werde ich der gnädigen Amey das goldene Osterei unterthänigst überreichen.« – Hierauf verneigte sie sich tief und wollte den Saum meines Rockes küssen; aber ich schloß sie in die Arme und lud sie auf den Ostermontag in den Garten zu der Ordensstiftung ein. Sie lehnte es ab und sprach: »es ist besser, daß ich zurückgezogen für euch bete.« Sie gab mir darin noch mancherlei Rath in dieser Sache und wir trennten uns mit dem gegenseitigen Wunsche eines gesegneten Osterfestes. Sie geleitete mich bis zur Wohnung des frommen Hühnchens. Mir war Angst und bang, es möge sich rühren, auch vor dem Büblein war mir bang; aber alles war still, und Verena flüsterte: »Gottes Segen mit dir, goldene Amey! Gallina mahnet nicht, du wirst nichts auf deinem Herzen behalten;« da gieng ich zur Kirche, wo meine Gespielen mich erwarteten, und behielt nichts auf meinem Herzen; o es war mir so leicht, so leicht, daß ich auf dem Rückweg ohne Scheu nochmals in das Gallinarium schlich, und vor das Hühnchen trat, es saß auf seiner Stange, den Kopf unter dem Flügel und rührte sich nicht. – Droben lischt Verena das Lämpchen, gute Nacht Verena! – Hierauf kehrte ich in meine Stube und schrieb dieses nieder; da schlägt es Mitternacht – ich höre meine Gespielen nahen, die feierliche Auferstehungsglocke ruft. Es erleuchten sich alle Fenster; Jakob von Guise trägt das Kreuz aus der Kirche um den Kirchhof, alles Volk zieht mit ihm und singt mit lautem Jubel: »Christ ist erstanden aus seinen Todesbanden!« – Wir ziehen mit. Ostermontag . Heute nach der Kirche las ich meinen Gespielinnen im Garten die Regel des Ordens der freudig frommen Kinder vor, und da sie Alles mit großer Freude angenommen, und nun auch gern Ordensnamen gehabt hätten, sagte ich zu ihnen: »Weil ich eure Oberin, die Henne von Hennegau bin, so suchet euch Pflanzen, welche ihren Namen von dem Hühnergeschlecht haben; wir wollen sie mischen, daß jede sich einen Namen durchs Loos ziehe.« So thaten sie und brachten acht verschiedene Pflanzen solcher Namen; ich faßte sie alle in meine Schürze und sie zogen sich nach der Reihe ihre Namen. – So hießen dann die ersten Ordensgespielinnen – Ornitogalia von Hühnermilch – Osterluzia von Hahnensporn – Cretelina von Hahnenkamm – Serpoleta von Hühnerklee – Morgellina von Hühnerbiß – Moscatellina von Hahnenfuß – Cornelia von Hahnenpfötchen – Esparsetta von Hahnenkämmchen. – Sie gelobten mir alle Gehorsam und ich nahm als ihre Oberin den Namen an: »das arme Kind von Hennegau,« worauf ich ihnen allen das Ordensband umhängte. – Hierauf vertheilten wir unter uns die Gegenden der Stadt, worin eine jede sich der Nothleidenden und besonders der Kinder annehmen sollte. Auch erwägten wir nach dem Kalender die altherkömmlichen Volks- und Kinderfeste, welche wir in aller guten Weise aufrecht erhalten wollten. Osterdienstag . Nach alter Landessitte hielten wir an diesem Tag den Wiegenzug zu den Eheleuten, auf deren Hochzeit wir gewesen waren. Wir trugen eine schön geschmückte Wiege, eine Rassel und allerlei Kindergeräthe bei uns. Die Wiege ward in die Stube gestellt, um sie her gesungen und gereiht, und darüber gesprungen. Alle opferten etwas an Geld oder Flachs oder Linnen, oder Früchten in die Wiege, und da sie wohl angefüllt war, wickelten wir alle Gegenstände in eine Puppe zusammen und spendeten es sammt der Wiege der ärmsten Familie. Quasimodo geniti. Weißer Sonntag . Heute hatten wir die erste Ordensversammlung. Wir theilten weiße Taufhemden und Decken aus an arme Wöchnerinnen. Ornitogalia wiederholte uns gar anmuthig, was Jakob von Guise über die Worte geprediget: »Wie neugeborne Kindlein ohne Trug begehret nach der Milch, daß ihr durch sie zum Himmel aufwachset.« – Ich schenkte ihr dafür das Recht, eine Anzahl Kühe, Schaafe und Ziegen auf meinen Wiesen weiden zu lassen, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen meiner weiblichen Nachkommen ein Hirtenhuhn zu entrichten hat. Mayentag. Wir Gespielinnen zogen mit den armen Kindern hinaus in den grünen Mayen, speisten sie, spielten und tanzten mit ihnen im Kreis und sangen die Weise: Grase, grase, grüne, Sieben junge Hühner, Gläschen Wein, Bretzelchen drein. Sitz nieder! Ich gieng mit Osterluzia in den Wald und suchte Waldmeisterlein und andere Kräuter zum Maytrank. – Sie war Abends bei mir und sprach so lieblich von der Waldeinsamkeit und wie sie eine Einsiedlerin werden möchte, daß ich ihr ein schönes Stück Wald schenkte, wofür sie ein Waldhuhn bei Braut- und Leichenzügen zu entrichten hat. Sonntag Misericordias . Da man liest vom guten Hirten. Ordensversammlung. Wir führten die Kinder in die Kinderlehre und hielten hierauf einen Schäferzug. Mit Hirtenstäben in der Hand, geschmückte Schaafe und Lämmer führend, giengen wir zu den Armen, die viele Kinder hatten, beschenkten die Eltern mit den Schaafen und führten die Kinder, die wir neu kleideten, auf die Wiese, wo wir sie speiseten und mit ihnen spielten. Abends waren die Ordensgespielinnen bei mir im Garten, wir tranken Maiwein, und da wir fröhlich waren wie Kinder, setzte mir Cretellina einen dichten Kranz von Maiglöckchen auf das Haupt, als die weisen Glöckchen mir zwischen den Locken nieder in die Augen sahen, ward ich wunderbar freudig und sang unter Thränen: »Kling, kling Glöckchen Weis durch braune Löckchen, Das Huhn sitzt auf dem Osternest Und brütet auf das Pfinsterfest, Zum Segen über Land und Haus Drei schöne Seidenpüppchen aus. Eins spinnt Seiden, Eins flicht Weiden, Eins thut den Himmel auf. Läßt ein Bischen Sonn heraus, Läßt ein Bischen drinnen, Draus will Maria spinnen Ein goldig Pfinsttagsröckelein Für ihr holdselig Kindelein.« Cretellina hatte mir mit dem Kranze etwas Liebes angethan, ich umarmte sie und schenkte ihr, weil sie die Blümchen weit im Walde zusammensuchte, das Recht, ihre Heerde in meinem Walde grasen zu lassen, wofür sie und ihre Nachkommen bei Braut- und Leichenzügen ein Grashuhn zu entrichten haben. Sonntag Jubilate . Wenn man singt: jauchzet Gott alle Lande. Ordensversammlung. Es war eine Rede in Hennegau, der ewige Jude sey gesehen worden und glaubte selbst Serpoleta ihn gestern im Walde gesehen zu haben und beschrieb ihn gar kläglich und irrend und wollte nicht sagen, was sie mit ihm gehabt. Ich erzählte aber, wie mein seeliger Herr Vater in England einen gelehrten Mönch Mathias Paris besucht, sey zu diesem ein reisender Bischof aus Armenien gekommen und habe erzählt, daß er den ewigen Juden selbst gesprochen, der den kreuztragenden Herrn nicht bei sich ruhen lassen und nun ewig ohne Ruh und Rast zur Warnung herumziehen und suchen müsse. Da sprach Serpoleta: »ja zur Warnung, denn er sprach zu mir, da ich ihm ein Almosen bot: »Schön Dank! ich brauch nicht Gut noch Geld, Mir fehlt, was ich versaget, Hab Müdem keinen Sitz gestellt, Werd ruhlos umgejaget. Kömmt je mit seinem Kreuz zu dir Ein müder Mann gegangen, Laß ruhen ihn und schenke mir Die Lieb, die er empfangen, Sitz zu ihm, hör ihn an mit Huld, In ihm dem Herrn dies thue, Dann zahlst du mild an meiner Schuld Und hilfst zu meiner Ruhe!« Er sah mich scharf und traurig dabei an und eilte durch die Büsche weg. Ich höre sie noch hinter ihm rauschen. Mir ward so bang seit seinem Blick, ich fühlte mich ohne Ruhe, bis ich den ersten besten Kreuzträger eingeladen, bei mir zu ruhen und mir sein Leid zu klagen, da ward mir besser. Ich bitte das arme Kind von Hennegau ein Ordensgesetz hierauf zu gründen.« Mich rührte die Erfahrung Serpoleta's, und ich willfahrte ihr mit dem Gesetze, die Bedrängten bei uns ruhen zu lassen und huldvoll anzuhören. Da Serpoleta mir sagte, ihre und vieler Armen Schornsteine rauchten nicht, gab ich ihr das Recht, in dem Wald, wo ihr Asverus begegnet, alle ihren Holzbedarf zu schlagen, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen ein Rauchhuhn zu entrichten hat. St. Sophientag . Heute hatte ich einen lieben stillen Tag, das treue Mutterherz, das Rothkehlchen unter meinem Dach weckte mich gar früh mit seinem Liedchen, ich streckte den Kopf durchs Fenster und belauschte es, wie es mit dem ersten Sonnenstrahl oben am Giebel gar einfältiglich in Muttersorgen überlegte, wo und wie es sein Nestchen am sichersten bauen solle; da fiel mir mein Herzgespann ein, dessen Fest heut war und ich lief an einen schattigen feuchten Ort der Wiese, wo das Sophienkräutlein, Sonnenthau, Sonnenbraut stand, dessen große Heilkraft mir wohl bekannt ist, und flocht ich ein Kränzlein daraus und kaufte zwei gleiche seidne Tüchlein, eins für sie und eins für mich und brachte Kranz und Tüchlein meinem lieben Herzgespann und war seelig mit ihr den ganzen Tag. Das Verslein aber, das ich ihr schrieb lautete also: »Dies Kränzlein von Sophienkraut, Weil's deinen Namen führet, Und weil es heißet Sonnenbraut, Dir liebstes Herz gebühret, Steht sonnig es in offner Au, Steht schattig es verhüllet, Heißt immer es doch Sonnenthau, Weil milder Thau es füllet. Der Thau aus seinem Innern quillt, Er ist nicht drauf geregnet, Drum ist, lieb Herz, dein Ebenbild Mir segnend drin begegnet. Wer Sonnenthau im Herzen trägt, Hat Schutz vor Zaubereien, Und muß, eh er sich schlafen legt, Wie du dem Feind verzeihen. Auch heute den Sophientag Kann schöner ich nicht weihen, Als daß, verzeih uns Gott, ich sag, Wie Allen wir verzeihen.« Sonntag Cantate . Da man liest: singet dem Herrn ein neues Lied. – Ordensversammlung. Es sollte ein neues Lied gesungen werden, da war das Lied der Morgelina das neueste und schönste: Es hat einmal geregnet, Die Laübli tröpflen noch; Ich hab einmal Gott recht geliebt, Ich wollt, ich thät es noch. Wir sangen das Lied alle in großen Freuden und ich schenkte Morgelina das Recht in allen meinen Wäldern Laub zur Streu zu sammeln, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen ein Lauberhuhn zu entrichten hat. Sonntag Rogate. Vor der Bittwoche, Ordenssitzung. – Wir überlegten, wie wir die armen Kinder an den drei folgenden Tagen durch die Felder führen sollten, um Segen für die Ernte zu erflehen. Jede der acht Gespielinnen sollte der Schaar ihrer Pflegekinder ein Fähnlein, worauf ein Schutzengel im Korn abgebildet, vortragen, und Moskatellina hatte dazu folgendes Lied gedichtet, was wir den Kindern lehrten: »Engel segnet uns das Korn, Laßt es golden reifen, Hütet es vor Wetterzorn, Bis wir Aehren streifen. Wiegt ihr unser täglich Brod Golden auf den Halmen, Singen frei vor Hungersnoth Wir euch Dankespsalmen. Wollen treu das zehnte Korn Unsern Hirten bieten, Die vor Distel und vor Dorn Schwache Schäflein hüten. Schützet uns vor Hagelnoth, Gebet Sonn und Regen, Bis wir tragen Wein und Brod Unserm Hirt entgegen. Gebt, daß Alles leben kann, Und daß keiner darbe, Selbst dem aller ärmsten Mann Eine feine Garbe. Wenn wir durch die Stoppeln ziehn Und die Aehren lesen, Danken Gott wir auf den Knie'n, Der so treu gewesen.« Ich schenkte Moskatellina ein schönes Getreidefeld, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen ein Aehrenhuhn zu entrichten hat. St. Nicomedestag . Heute stand ein Storch auf dem Thurm meines Schlosses und klapperte. Ich hörte ein Glöckchen läuten, wußt' nicht, was soll's bedeuten, da sah ich einen Zug kleiner, armer Kinder vorüberführen. Sie plauderten durcheinander, daß man sie weit in die Ferne hören konnte. Als sie nun den Klapperstorch hörten, machten sie Halt vor dem Thurme und sangen zu ihm hinauf: »Klapperstorch, Langebein, bring mir doch ein Schwesterlein, Eh die Sonn zum Krebse geht und die Gluck' am Himmel steht Mit den sieben Küchlein fein, das sind sieben Sternelein, Wenn der Mond in voller Pracht lachet in der Mitternacht, Wenn der Widder springt heran zu dem feuchten Wassermann, Da die Rosen glühen und die Linden blühen, Da die Bienlein schwärmen und die Käfer lärmen, Da vom Fliederblüthenduft ganz berauscht der Kukuk ruft, Da der Wein im Faß sich rührt, weil er Rebenblüthe spürt. Da der Finke musizirt und die Lerche tirelirt, Da die Lilie in der Nacht träumend weint und wachend lacht, Da manch Eichhorn hüpfet, da dem Nest entschlüpfet Manches liebe Vögelein; bring mir doch ein Schwesterlein, Leg es in den Garten, will sein fleißig warten, Leg es, wie der Osterhaas bunte Eier legt ins Gras, Leg mirs in mein Schürzelein, trag ichs in mein Kämmerlein, Mir im Arm soll's liegen, will's am Herzchen wiegen, Dann leg ichs in Mutter Schooß, die mirs aufzieht fromm und groß.« Ich kann nicht sagen, wie dieser Gesang mich rührte und ich meine auch den Klapperstorch, der sehr ernsthaft zuhörte, dann klapperte und wie in Geschäften fort flog, worauf auch die Kinder weiter zogen. Nun ging ich zu des Herzens Nachbarin, bei welcher ich am 25. April mit den Gespielen über die Wiege gesprungen, sie war krank, es kam ihr gar ernst der Gedanke an den Tod, sie legte mir mit Thränen, was ihr theuer, an das liebste Herz, das sie in ihrer Einfalt kennet, und ich habe. Ich verließ sie bang und schwer und wachte bis Mitternacht in Sorgen, der Vollmond stieg auf die Linde und blickte mich so sehnsüchtig an, daß er mich entschlummernd hinüberzog in das andere Land. »Da träumte mir ein Träumelein, ich saß ganz einsam und allein, Blos wie ein armes Seelchen fein, ein kleines Thaujuwelchen rein, Auf weiter Himmelswiesen-Flur und sucht' des Paradieses Spur, Ich zitterte durch Mark und Bein, mein Kleidchen war der Mondenschein, Ich flehte zum Ermatten schier, wer gibt ein Bischen Schatten mir? Da flog ein langer Schatten her, ins Kreuz gestaltet ungefähr, That mich in meinem Schrecken ein Weilchen auch bedecken. Es war der Storch, der Langebein, ich sah ihn in dem Mondenschein Die Wiese hin spazieren und ringsum spioniren, Da fand er vor dem Hirtenhaus ein junges Lamm gesetzet aus; Es lauert bang gekauert und hat den Storch gedauert, Er sprach: »geschlagen hats schon zwölf, daß Gott dir vor den Wölfen helft! Der Widder kommt gelaufen schier und rennt dich übern Haufen hier, Gleich leert der Wassermann sein Faß, da kannst du werden pfützenaß.« So sprach er manch affabel Wort und trug das Lamm im Schnabel fort, Wohl über Berg und Thal geschwind, daß er ihm eine Mutter find', Die es zum guten Hirten führ', er flog – da pochts an meine Thür, Und ich erwachte.« St. Marcellinustag . – Heut stand ich armes Kind von Hennegau mit den andern Kindern um eine Wiege, sie fragten: »Sag, Mütterchen, wir bitten sehr, Wo kömmt das liebe Püppchen her? Das hier so artig in der Wiegen Gleich einem Engelein thut liegen.« Da antwortete die Mutter: »Es ist ein liebes Schwesterlein, Es ist mein armes Kindelein, Verloren vor der Himmelsthür Fand es der Storch und bracht es mir, Nun will ichs treulich ziehen auf Durch seinen ganzen Lebenslauf.« Die Kinder hörten die Antwort und standen voll Neugierde um die Wiege herum, aufmerksam auf jede Bewegung der kleinen Puppe, die darin lag, mit Freude glänzenden Augen. – Ach! und das Leben ist doch so schwer und ernst! Sonntag Exaudi, Rosensonntag . Ordenssitzung. Ich konnte nicht dabei seyn, denn ich wartete heut das Kindlein und trug es umher bis es schlief. Ich bin fast ganz stolz gewesen auf mein kleines Amt, ich meine oft, man könne mich zu gar nichts gebrauchen, und die Leute sagten mir das auch schon oft genug. Es kamen aber meine Ordensspielinnen und streuten Rosen in der Stube und über das Lager der Freundinn, und setzten mir einen Kranz von weißen Rosen und dem Kinde ein Kränzchen von Rosenknospen auf, während ich es trug; dazu sang Cornelia:     »Die Rose blüht, selig die fromme Biene, Die in der Blätter keuschen Busen sinkt Und milden Thau und linden Honig trinkt, Selig die Magd, die dir o Rose diene! In Freuden schwebet ihr Gemüth, Weil ihre Rose blüht.     Die Rose blüht, Gott laß doch milde glühen Der Sonne Licht, hüll' Ros' und Röselein Gen Frost und Gluth in deine Gnade ein, Laß alle Lieb in dieser Rose blühen, Dann singt das ganze hohe Lied: Ach unsre Rose blüht!     Wie rosigt blüht das Röslein aller Rosen Und lacht mit solcher Herzempfindlichkeit, Daß selbst die Lilie ihr zu Dienst sich weiht, Mit keiner andern Blume zu liebkosen, Weil aller Unschuld Seelenfried Aus diesem Röslein blüht.« Ich schenkte Cornelien für dieses Rosenlied einen schönen Rosengarten, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen ein Gartenhuhn zu entrichten hat. Vorabend vor Pfingsten . – Ordenssitzung. Ich armes Kind ordnete mit den Gespielen die Festlichkeit der folgenden Tage. Es wurden Maien im Walde gehohlt und Blumen auf der Wiese, um das Fest zu schmücken. Pfingstsonntag . – Als ich erwachte, fand ich auf der Wiese vor dem Schloß, meinem Fenster gegenüber einen schönen Maienbaum von den Gespielen und den Waisenkindern gepflanzt. Er war mit Kränzen von Siebenfarbenblumen und Bändern von siebenerlei Farben geschmückt. Als der Tag anbrach, standen die Gespielinnen darunter und sangen mir ein Pfingstlied. Ich dankte und lud sie auf Morgen zum Fest unter die Maie. Pfingstmontag . – Meine Ordensgespielinnen führten am Nachmittag schier alle Kinder der Stadt unter die Maie; die Armen hatten den Vortritt, sie waren neu gekleidet, sie zogen alle mit Blumen bekränzt um die gedeckten Tische singend umher und wurden mit Hirsenmus bewirthet, wir Ordensgespielen gossen allen den Honig darauf und dienten ihnen. Hierauf sangen wir und tanzten Reihentänze und ließen viele weiße Tauben fliegen, die mit bunten Bändern und Silberpfennigen geschmückt waren, wir waren sehr freudig. Pfingstdienstag . – Heute gegen Abend kam eine große Schaar unserer Pflegekinder mit grünen Zweigen und Blumenkränzen geschmückt, sie zogen einen mit Laub verzierten Kinderwagen, worauf die Pfingstbraut saß, in den Schloßhof. Die Pfingstbraut war eine der Ordensgespielinnen, sie hatten sie im Walde so mit Laub und Blumen verhüllt, daß sie, einem großen Blumenstrauß ähnlich, ganz und gar nicht zu erkennen war. Ein Schleier von Siebenfarbenblumen bedeckte ihr Gesicht. Sie trug eine weiße Taube in den Händen. Nun mußte ich rathen, welche von meinen acht Gespielinnen die Pfingstbraut sey; die sieben andern folgten in einem dicht verlaubten Wagen dem Zuge. Da ich dreimal falsch rieth, ließ die Braut die Taube fliegen, welche ihren Namen auf einem Zettel anhängen hatte, nun mußte ich die Taube fangen, oder die Braut und alle Kinder beschenken. – Die Taube aber flog hinaus und kreiste über einem schönen Kleefelde; da sagte ich zu der Pfingstbraut: »sage mir deinen Namen, mit welchem die Taube das Feld umflogen hat, so schenke ich dir das Feld.« Da stiegen die andern Gespielen aus dem Wagen und entschleierten Fräulein Esparsetta von Hahnenkämmchen, welche ich umarmte und mit dem Feld beschenkte, wofür sie bei Braut- und Leichenzügen ein Pfingsthuhn zu entrichten hat. – Wir zogen hinaus auf das Feld und die Kinder steckten Zweige umher, wo die Taube flog, und da wurden Marksteine aufgerichtet; es war ein schönes Stück Feldes. Also habe ich meine acht Ordensgespielen vom weißen Sonntag bis heute alle mit Gütern beschenkt. St. Silveriustag . – Entschlummert träumte mir, die Lilien meines Gartens hätten sich erschlossen, und ich sähe zwei leuchtende Frauengestalten in den Garten treten, eine gekrönte Matrone mit einem Kreuz in der Hand und eine schlanke, rührend bewegliche Jungfrau mit langen niederfließenden Haaren, sie war in eine Decke von Roßhaaren eingehüllt, und mit einem blühenden Zweig weißer Dornrosen gegürtet. Ich hatte nie diese Frauen gesehen. Ich aber stand bei einem Rosenstrauch; und als sie vorüber giengen, gab ich ihnen ein neuaufgegangenes Röslein, das war äußerlich ganz schön und gesund, aber ich fühlte, daß es mit tödtlichem Mehlthau befleckt war und sprach zu den Frauen: »laßet es reinigen und heilen.« Als sie nun mit dem Röslein zu den Lilien kamen, sah ich zwischen denselben einen schimmernden Jüngling erscheinen, von unaussprechlicher Reinheit und Jungfräulichkeit, er hatte eine leuchtende Lilie in der Hand, die Lilien um ihn her sahen trüb aus, gegen ihn und sie. Er sah nicht auf, er schlug die Augen nieder. – Die Frauen hielten ihm das Rosenknöspchen auf den Händen hin, und er goß aus dem Kelch der Lilie, die er trug, einen Lichtthau über dasselbe und sprach Namen aus; – da war das Röschen ganz heil, ganz rein und licht, und mir war, als gehöre es nun auch noch zu einem viel schönern Rosenstrauch mit fünf blutrothen Rosen, den ich über dem ganzen Bilde erscheinen sah. Da verschwanden der Jüngling und auch die beiden Frauen, nachdem sie mir das Röschen zurückgebracht, welches ich wieder an den Rosenstrauch heftete, dem ich die ganze Zeit nahe stehend Alles erzählt hatte, was geschah. Er verstand mich sehr gut, denn er war ganz selig und schüttelte helle Tropfen nieder auf das schöne, neue, reine Röschen und es spritzten nur Tropfen auf die Wange, da erwachte ich. – Ich war aber so bewegt von dem lebhaften Traum und war seiner so gewiß, daß ich mich einhüllte und auf leisen Socken hinabschlich in den Garten. O wie war es kühl und still und so ruhig, so ruhig! ich meinte immer, ich müße die lichten Gestalten irgendwo sehen, aber ich sah nur ein Nachtlicht herschimmern, hörte nur ein Kindlein wimmern und das Brünnchen rauschen. Im Garten war es wie sonst, einige Glühwürmer leuchteten umher, als wollten sie mir suchen helfen, der Mond war untergegangen, es glitzerten nur einige nachsinnende Sternchen. Ich nahte den Lilien, sie dufteten Licht und ich sah Strahlen von den Sternen in sie niederschießen und von ihnen wieder empor, es war, als trügen Himmelsbienen Honig aus ihnen ein für die Kinder einer bessern Welt. – Und wie ich so sinnend stand, hörte ich eine Menschenstimme, fern und doch nah mit wehmüthigem Tone die Worte sprechen: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!« Bang hüllte ich mich dichter ein und eilte aus dem Garten. Mein Gewand fieng sich in einer Dornranke; erschreckt rief ich laut: »wer faßt mich?« und stand. Niemand zeigte sich, so riß ich dann schneller eilend die Ranke mit fort und dachte: sie wird mir morgen ein Zeichen seyn, daß ich nicht geträumt. In meinem Schlafgemach hörte ich immer jene Worte noch um mich tönen. Ich verstand sie durch und durch und konnte sie doch nicht erklären. Ich verstand ihr Wesen und hatte keine Worte für sie, als sie selbst. Immer wiederholte ich sie, immer sah ich die leuchtenden Lilien und die Sterne vor mir, die sie grüßten. Als ich mir den Nachtthau von dem Angesicht wusch, war mir, als sehe ich ein Haupt so deutlich neben mir, daß ich die Ranke von meinem Kleide löste und das Haupt mit ihr bekränzte. Da hörte ich jene Worte wieder und erschrack nicht, und legte die Hand auf das Haupt und fühlte: diese Worte sollen mein Wahlspruch seyn. Entschlummernd aber hörte ich eine klagende Stimme: »Ach wer nimmt mir von der Stirne den Traum?« da versteckte ich mich und hörte zum erstenmal in meinem Leben mein Herz heftig pochen und entschlief. St. Albanustag . Heut ward Alles wahr, ich stand bei meinem lieben Herzgespann und sie trugen das Kind zur Kirche, indessen erzählte ich ihr, wie ich Nachts im Traum bei der Rose gestanden und was ich gesehen, und sie brachten das Kindlein ganz klar und heil wieder, und ich legte es ihr ans Herz, und mein Herzgespann weinte auf das Röslein, wie Nachts die Rose gethan. St. Achatiustag. Heute mußte ich das kleine Röslein in den Garten tragen. Mein Herzgespann glaubte, es bringe ihm einen besonderen Segen, durch mich zuerst an die Luft getragen zu werden. Ich trug es und sagte ihm im Herzen Alles, was ich gesehen, von den leuchtenden Frauen und dem Jüngling mit der Lilie, und es schien es besser zu verstehen, als ich; denn es sah mich groß an, lächelte und weinte dann gar beweglich. Ich aber hatte immer Angst, ich möge es fallen lassen, und brachte es heim. – NB . Nun nahet aber ein wichtiger Tag, Sonnenwende, des Täufers Tag, da die Sonn nicht höher mag; da hat sich auch meine Sonne gewendet, und ist vieles anders geworden mit mir, da ich erfahren von den Kleinoden von Vadutz, die ich bisher unwissend auf den Schultern getragen und da ich gestiftet das Kloster Lilienthal. St. Edeltrudistag vor Sonnenwende . Heut Morgen gegen drei Uhr vor Tages-Grauen ward ich aufgeweckt, und sieh, Verena stand bei meinem Bette und bemühte sich, mich von der linken auf die rechte Seite zu legen, dabei sagte sie: »das fromme Hühnlein schickt mich, es weiß Alles.« – Ich richtete mich im Bette auf, ich glaubte zu träumen, ich sey noch ein Kind, wo Verena so zu thun pflegte. – Sie aber sprach: »gnädige Gräfinn, goldne Amey, erschrick nicht. Es ist meines Bleibens nicht mehr lange hier. Du weißt, daß ich am Tag vor Sonnenwende immer mit dem frommen Hühnlein in die Höhle gehe, wo der Vater deines Stammes den Salmo und das erste Hühnlein Gallina am Sonnwendetag gefunden, und daß ich dort einige Tage in Zurückgezogenheit während dem lärmenden Johannisfest ihrer gedenke. Dieses Jahr treibt es mich etwas früher hinaus, weil du heute mit Tages Anbeginn unten im Gallinarium große Wäsche hast und ich nicht von allen deinen Gespielen und Mägden will angesprochen werden. – Ich bringe dir hier den Schlüssel zum Gallinarium und meiner Kammer, du bist die Landesherrinn, ich habe ihn von dir und muß ihn dir wiedergeben, ich bin schon alt, ich hab schon viele Hühnlein erlebet, wer weiß seinen letzten Tag. In meiner Kammer in der Truhe wirst du mein Testament finden.« – Ich ward ganz ernsthaft über diese Reden Verenas und bat, sie möge doch bei solchen Ahndungen nicht allein in die Salmoshöhle gehen, damit ich ruhig seyn könne. Sie aber erwiederte: »habe keine Sorge um mich, ich bin zwar bereit, aber wir sehen uns auf Erden doch wieder und wollen noch recht freudig zusammen seyn. – O goldne Amey! achte auf Alles, was dir vertraut ist, besonders auf die amaranthseidne Decke von Hennegau.« Als sie dieß sagte, ließ sich das heilige Hühnlein mit einem warnenden Tone in ihrem Korbe vernehmen. »Hörst du,« fuhr sie fort, »Gallina ist auch meiner Meinung, und mahnet mich zugleich zum Scheiden, das Hühnchen weiß Alles.« Hierauf fragte ich »und das Büblein?« da erwiederte Verena mit großem Ernste: »es hat seine Sache zu Ende gebracht, hilf ihm sein Bündlein schnüren;« da umarmte sie mich und zog von dannen. Ich kann nicht sagen, wie tief mich die Worte erschütterten, die sie zum erstenmal von dem geheimnisvollen Büblein gesprochen. Ich ahndete, es stehe mir etwas Großes bevor; jedoch was sollte ich thun, ich mußte es erfolgen lassen. Jetzt aber stand ich auf, zündete meine Leuchte an und ging in das Waschhaus bei dem Gallinarium; wir hatten gewettet, wer zuerst da seyn werde. Ich war die Erste. Keine meiner Gespielinnen oder Mägde war zugegen. Ich blickte zwischen den großen Waschbütten scheu durch die weite dunkle Halle, die meine Lampe unbestimmt erleuchtete. – Ich dachte, wenn jetzt das Büblein käme! – Da hörte ich die Hühner sich rühren und auch wie Schritte und glaubte schon, es nahten meine Mägde. Ich ging zu dem Stalle und sah da einen Knaben von etwa sechs Jahren, der aus dem dort hängenden Futtersäckchen der Verena mit einem Maße Weizen schöpfte und den Hühnern vorwarf. Neben ihm stand ein offnes Reisesäckchen, in welchem ich allerlei Früchte schimmern sah. Mir schauderte ein wenig und ich sagte flüsternd: »ach das Büblein!« – Da wendete es den Kopf und schaute mich wehmüthig lächelnd an, nickte und machte, auf das offne Reisesäckchen hindeutend, mit den Händen die Bewegung des Zubindens; da fühlte ich mich auf die Kniee niedergezogen und betete von Herzen; das Knäblein that eben so und antwortete ordentlich im Gebet, und es war, als drehe es aus meinem Gebet eine Schnur zusammen, sein Bündelchen zu zu binden; die Schnur ward immer länger, und es faßte den Rand des Säckchens zusammen und wickelte die Schnur darum und als ich sprach: »Gott gebe ihm die ewige Ruhe« sagte es, »und das ewige Licht leuchte ihm!« da hatte es den Knoten geschlungen, schloß das Bündelchen, schwang es auf den Rücken, sprach: »tausend Gott vergelt's!« und verschwand in hellem schönen Schein. – Im selben Augenblicke traten meine Mägde betend herein und freuten sich, daß ich die Wette gewonnen. Wir gingen zur Kirche und nach dem Gottesdienst bat mich Jakob von Guise, ihn in das Stüblein Verenas zu führen, weil er mir etwas mitzutheilen habe. Dort sagte mir nun der fromme Mann: »Verena hat heute, ehe sie ihren Weg zu Salmos Höhle antrat, mir aufgetragen, dir Folgendes zu sagen. Als vor vielen Jahren Verena von deiner seligen Frau Mutter das Pflegeamt des frommen Hühnleins erhielt, bestand bereits das Gerücht, unten in den Gewölben des Gallinariums lasse sich manchmal ein kleines Büblein sehen, welches allerlei Geschäfte verrichte und dann wieder verschwinde. Es war Dieses von mehreren Wäscherinnen, die dort vor Tag arbeiteten, gesehen worden. Einst ward Verena auf ihrer Kammer Nachts erweckt und sah zum erstenmal jenes Büblein vor sich stehen, welches sie mit den Worten aus dem Bett zog: »der Iltis, der Iltis.« Sie eilte hinab und kam gerade noch früh genug, um einen Iltis zu verjagen, der zu dem Hühnlein hineindringen wollte. Als Verena wieder zu Bette gegangen war, erschien ihr das Büblein wieder und sprach zu ihr: »du sollst mir Gutes thun, du bist aus demselben Stamme mit mir, mein Vater ist aus deinem Geschlecht oben am Rhein her. Er war ein Knecht Salmos am Hahnebach und baute mit an dem Schlosse Kirn, worin Salmo mit dem Hühnlein wohnte, dessen Fütterung meinem Vater anvertraut war. Wir waren alle Christen, und Salmo hat mich selbst unterrichtet, meine Mutter war seines Söhnleins Amme. Wir hatten aber eine Muhme, die war eine arge Heidinn und lebte in einer Höhle des Waldes und war eine Weissaginn. Meine Eltern fürchteten sich vor ihr, und ich mußte manchmal zu ihr gehen und ihr freundlich thun, damit sie uns nicht schade. Ich hatte eine große Begierde, zu reisen und zu lernen, die alte Muhme erzählte mir immer von wunderbaren Ländern und von Leuten, bei denen man Alles lernen könne. – »O könnt ich reisen und lernen!« sagte ich, »jetzt muß ich immer das Hühnlein füttern;« da erwiederte die Muhme: »ich weiß wohl ein Hühnlein, wenn du das füttertest, da wäre dir geholfen,« und sie zeigte mir ein Huhn in ihrer Höhle und sagte: »wenn du ihm täglich ein Körnlein vom Futter des Hühnleins Gallina bringst, bis es fett wird, so wird es ein goldenes Ei legen, wenn wir das verkaufen, kannst du weit reisen und Alles lernen.« Ich ließ mich verführen. Ich stahl täglich dem frommen Hühnchen ein Körnlein. Es reichte nicht hin. Ich lernte zwei, dann drei und zuletzt gar das ganze Futter stehlen. – »Noch einmal,« sagte die böse Muhme, »mein Huhn sitzt schon zu Neste, noch einmal bringe das Futter, und das goldene Ei ist da, und du reisest weit und lernest Vieles.« Nochmals schlich ich Nachts in großer Angst zu dem Futterkasten des Hühnleins, das immer gar wehmüthig gackernd mich gewarnt hatte, dießmal hörte ich seine Stimme nicht, ich öffnete den Kasten, der furchtbare Hund Salmos, der Saufänger sprang mir daraus entgegen und erwürgte mich. – Das Hühnlein Gallina war verhungert und Salmo hatte den Hund in den Kasten gesperrt, um den Dieb zu fangen. – Ach da machte ich die große Reise in die andere Welt, und lernte Vieles, nehmlich: »du sollst nicht stehlen, und Alles bis auf den letzten Heller muß ersetzet werden!« – mir aber ist das Urtheil gesprochen worden, daß ich bei Kindern und Kindes Kindern des Hühnleins so lange das Futter bewachen und jedes zerstreute Körnlein auflesen und anwenden muß, bis so viel Weizenkörner zur Ehre Gottes und zum Trost der Armen durch meine Bemühung gewonnen sind, als aus dem von mir gestohlenen Weizen, wenn er gesäet worden wäre, hiezu hätten verwendet werden können. Seit diesem Urtheil hüte und sorge ich schon viele, viele Jahre bei dem Futter im Gallinarium und hab schon ziemlich viel ersetzt, aber du kannst mir Hilfe leisten. Verena, du weißt, daß das Almosen tausendfältig ersetzt wird, so demüthige dich und bettle das Futter für das Hühnlein zusammen, so werden die Wohlthäter tausendfach belohnt werden; und du selbst theile das Ueberflüßige mit Gott und den Armen, so wird Alles auch tausendfach gemehrt werden, und Alles das schenke dem Aermsten aller Armen, mir – damit ich meine Schuld tilge und zur Ruhe gelange.« So flehte das Büblein zu Verena und sie gab ihm die Hand darauf und es verschwand. – Von dieser Zeit an bettelte Verena immer den Weizen zur Nahrung des ganzen Gallinariums und verwendete den Ueberfluß, wie du weißt, für die Kirche und die Armen, und Gott segnete ihr Thun reichlich. Niemals hat sie das Geheimniß des Bübleins ausgesprochen, nie mehr von ihm gesagt, als: »es macht sein Sach« – denn man soll die Schuld der Todten tilgen, ohne sie zu verkünden. Gestern Abend nun, als sie alle Hühner noch fütterte und das Hühnlein im Korb mit auf ihre Kammer nehmen wollte, um heute vor Tag, ohne die andern Hühner im Schlafe zu stören ihren jährlichen Gang zu der Höhle Salmos mit ihm anzutreten, sah sie das Büblein im Gewölbe sehr beschäftigt, als packe es seinen Reisebündel. – Nach Mitternacht, nachdem sie wenige Stunden geschlafen, weckte sie die Erscheinung und sprach: »Verena, ich komme Abschied von dir zu nehmen, lohn dir das wahre Weizenkörnlein tausendfältig, was du an mir gethan! Alles, was ich schulde, ist bezahlt, schenk mir doch noch ein Bischen auf den Weg, daß ich doch Etwas mitbringe und nicht ganz so kahl ankomme, sieh, ich habe noch Platz oben in meinem Bündlein!« Da stand Verena auf und betete von Herzen für das Büblein, bis es sagte: »Genug, genug, ich krieg den Seckel sonst nicht zu. Jetzt gehe zu Jakob von Guise und sage ihm, wie es mit dem Büblein beschaffen war, und wie es sein Sach endlich durch dich zu Stande gebracht. Sage ihm auch, er solle der Gräfin Amey Alles erzählen und sie bitten, daß sie mir mein Bündlein zuschnüre, dann sage ich tausend Gottvergelts und reise in den Himmel!« – nach diesen Worten verschwand das Büblein, und Verena gieng zu dir und dann zu mir, ich aber ersuche dich, erfülle den Wunsch des Bübleins mit Gebet.« So sprach Jakob von Guise zu mir, und da ich ihm hierauf erzählte, was mir vor einer Stunde mit dem Büblein geschehen, und wie ich ihm bereits sein Bündlein geschlossen und es seinen Weg in den Himmel freudig angetreten habe, gab er mir seinen Segen und sprach: »wir wollen dieses Ereigniß für eins bewahren.« So habe ich es dann auch allein für mich niedergeschrieben. – Als ich in das Gallinarium zurückkehrte, fand ich meine Mägde schon in der Wäsche plätschernd und meine Gespielen mit mancherlei Anordnung und Aufsicht beschäftigt. ich begab mich mit Jungfer Cordula, welche immer bei Krankheit oder Abwesenheit Verenas ihre Stelle vertrat, in das Stübchen Verenas, überreichte ihr die Schlüssel zu den Hühnern und dem Futter und dem Kornspeicher, nahm in ihrer Gegenwart das versiegelte Testament Verenas aus der Truhe und ließ sie in dem Stübchen zurück. – Ich war nach dem Erlebten eben nicht besonders erschüttert; es war mir recht von Herzen lieb, daß dem Büblein geholfen war; – aber indem ich mich fragte, warum mich Das nicht stärker bewegte, dem Verena doch so viel mühselige Jahre gewidmet hatte, antwortete eine Stimme aus meinem Innern, da ich vorübergehend mich vor dem großen Kreuze beugte: »hast du je für das Glück Anderer ein Opfer gebracht? dem Büblein, aber nicht dir ist geholfen, auch du thuest das Deine, wer wird dir dein Bündlein schnüren? Was soll dich erschüttern? Zu Leid und Freud gehört ein Echo, ein Wiederhall, der antwortet; – aber du bist einsam!« – Als ich diese Stimme in meinem Innern hörte, war mir unheimlich; ich blieb aber mit dem Gewande am Geländer der Treppe hängen, ich schaute um und sah das Kreuz an, da war's, als spreche es zu mir: »Ich bin so einsam, o lasse mich nicht so einsam, o lasse dich erschüttern!« – Das wollte mich schier bewegen, doch ich hörte Gesang nahen und trocknete meine Augen und eilte an den lustigen Springbrunnen des Schloßhofes unter die Linden, da fand ich meine Gespielen beschäftigt, meine Halskrausen und Schleier und feineren Geräthe zu waschen, und ich gesellte mich zu ihnen nach alter Landessitte, jede häusliche Arbeit durch meine Theilnahme zu ehren und wusch. Wie wir nun so plätscherten und wischi waschi plauderten und jede vor der Andern ihre innere Armuth, die wir doch gegenseitig kannten, unter einer andern Flitterkrone, ich aber unter meiner Grafenkrone versteckte, zogen Schaaren von armen Kindern mit Körben zu uns heran und bettelten um Geschenke, den Johannisengel morgen zum Feste zu schmücken, und Johannisfeuer anzuzünden. Ich ließ ihnen reichlich Speise und Holz austheilen und schenkte ihnen auch ein schönes rothes Kleid, den Johannisengel zu bekleiden. Sie sangen aber einen Reim: »Feuerrothe Röselein, Aus dem Blute springt der Schein, Aus der Erde dringt der Wein, Roth schwing ich mein Fähnelein!« und konnte ich diese Worte nicht aus den Sinnen los werden, ich weiß nicht warum. Es zog mir dabei ein banges drückendes Gefühl von der linken Schulter zum Herzen. Nachmittags zogen wir mit der Wäsche, den Teppichen und der großen amaranthseidnen Decke auf die Wiese, und breiteten Alles zur Bleiche aus; denn es ist in dem Lande Hennegau eine große Verehrung des Täufers und herrscht unter dem Volke der Glaube, der Thau in der Johannisnacht bewahre Leinen-, Seiden- und Wollentücher vor Mottenfraß und anderm Verderben. Es waren aber drei fromme arme Fräulein, zur Lilien genannt auf der Bleiche. Sie waren aus meinem Ländchen Vadutz einen weiten Weg vor einigen Tagen barfuß ins Hennegau gewallfahrtet und zwar zu mir. Sie hatten ein schweres Anliegen und ließen mich durch Jakob von Guise bitten, ganz allein mit mir zu sprechen und zwar am Abend vor Sonnenwende. Schon vor zwei Jahren, da meiner Mutter letztes Krankenlager begonnen, waren sie ins Hennegau gekommen mit sehr schönem Bildwerk, denn Klareta, die jüngste hatte ihres Gleichen der Zeit nicht mit Sticken und Weben von Priestergewand und Tapezerei; war auch eine große Lieblichkeit und Demuth in ihr, gemischt mit seltsamer Trauer und erquickendem Frieden, und konnte sie schöne Weisen dichten und singen. Meine Mutter hatte ein Wohlgefallen an ihr, und da das Mägdlein sehr darum bat, nahm sie es zur Dienerinn. Wir hatten aber fast großen Schrecken mit ihr, denn Nachts an ihrem Krankenlager wachend, war sie plötzlich unweise geworden, und haben wir sie mit den Schwestern wieder in ihre Heimath senden müssen. Sie schied unter großer Wehklage und sprach seltsame Worte; und da die Mutter acht Tage nachher starb, gieng allerlei Rede über sie, wodurch sie mir unheimlich ward; diese unweise Klareta war wieder von ihren Schwestern ins Land gebracht worden. Sie war mir nicht unlieblich, ja eigentlich meinem Herzen nah; aber ich verläugnete es, es war mir bange vor ihr, es war mir, als sey sie ein Geschick, oder bringe mir eins. – Wo ich war, flog sie nach mir, wie ein Schmetterling ins Licht. – Ich hatte ihnen versprochen, die Nacht vor Sonnenwende bei ihnen allein auf der Bleiche zu seyn; sie hatten übernommen, Kirchenwäsche und Taufhemden um Gotteswillen im Johannisthau zu bleichen und harrten meiner mit Sehnsucht. – Meine Gespielen schlugen mir ein kleines Schlafzelt neben ihrer Bleichhütte auf und kehrten zur Stadt. – Als es nun Abend geworden, war all meine Wäsche ausgebreitet. Der Engel des Herrn läutete, wir standen betend um die Hütte, und als wir uns gegrüßt, sangen die drei Schwestern dreistimmig einen süßen Reim vom Abend, von welchem sie aus früherer Zeit wußten, daß er mir ungemein lieb war: »O Stunde, da der Schiffende bang lauert Und sich zur Heimath sehnet an dem Tage, Da er von süßen Freunden ist geschieden, Da in des Pilgers Herz die Liebe trauert Auf erster Fahrt, wenn ferner Glocken Klage Den Tag beweinet, der da stirbt in Frieden!« Nun kehrten meine Gespielinnen nach der Stadt. Ich saß mit den Schwestern um ein Feuerchen, wir redeten gute Dinge. Mein Herz aber war schwer und sehnte sich, wenn ich in die Flamme sah, mußte ich immer leise singen: Feuerrothe Blümelein, Aus der Erde springt der Wein, und selbst der klare Sternhimmel von dem der kühle Thau auf mich sank, gab mir keinen rechten Frieden. Es war aber Klareta in dem Wahn, nur ich könne sie heilen, und war sie den weiten Weg hieher gereiset und hatte Alles verlassen und vergessen, um in meiner Nähe zu seyn. Ich wußte das Alles, weil ich aber gehört hatte, sie habe den Wahnsinn durch Mitleid von einem andern Menschen übernommen, hatte ich eine Scheu vor ihrer Annäherung, fürchtend, ihr Wahnsinn möge auf mich kommen. Es war aber ein Weber, ein Diener ihres seligen Vaters, um den sie litt. Er hatte für die drei Schwestern, die verarmt waren, so mühselig gearbeitet, daß er den Verstand darüber verloren, und da er gewohnt war, Klareta das Seelchen zu nennen, und für sie zu weben, so sang er immer Weberlieder von dem Seelchen, und sprach andere unweise Reden. Alle solche Reden sprach nun auch Klareta, und war mir immer bang bei ihr, da meine Natur gar geneigt ist, solche Dinge aufzunehmen. – Ich wußte dieses aus den Reden der Schwestern; wie ich aber Klareta heilen sollte, sagten mir diese nicht, schienen es auch nicht recht zu wissen. Klareta sehnte sich nur, allein mit mir zu seyn, und die Schwestern suchten das zu veranlassen. Sie warfen sich in ihrer Bleichhütte auf die Kniee und beteten. Ich aber suchte der unweisen Klareta auszuweichen, wo es angieng, bis sie endlich doch geheilt mir große Geheimnisse in dieser Nacht offenbarte, die mich reichlich belohnten. – Den Hergang schreibe ich nun hier nieder. Ich saß mit der unweisen Klareta an dem Feuerchen, wir assen Brod und Früchte. Sie schüttete mir aber eine Anzahl Haselnüsse in den Schoos, Jürgo, der kranke Weber aus Vadutz hatte ihr sie mitgegeben, und sie nahm schüchtern eine der Nüsse und fragte demüthig, darf ich dem Seelchen die Nüsse aufreißen? Mir grauste aber vor den Nüssen; ich gab sie ihr zurück mit den Worten: »Klareta, ich esse keine Nüsse;« da war sie gar traurig, brach das Brod mit mir und drückte es ans Herz und aß nicht viel. – Wie wir so stille ins Feuer schauten, hörten wir fernen Schallmeienklang sich nahen. Es waren die Hirten. Sie hatten nach Landes Sitte, weil der Täufer gesagt: »Siehe das Lamm Gottes!« am Vorabend seines Festes ihre Schafe gewaschen, und nachdem sie sie eingetrieben, zogen sie mit brennenden Kienfackeln, Pfeifen und Schallmeien um den Zaun der Bleiche zu des Täufers Kapelle oben vor dem Wald, wo der Bach entspringet. – Die rothen Fackellichter lockten mich, die Schallmeiklänge bewegten in der Nacht mein Herz gar gewaltig. Bald eilte ich an den Zaun, bald kehrte ich zu Klareta zurück, die mir immer traurig nachschlich; und als ich sprach: »warum üben nur Fackeln und Schallmeien in der Nacht so schmerzliche Gewalt über mein Herz?« blickte mich Klareta mit tiefen Augen an und sagte wunderliche Reime, die sie auch nachher noch wußte, und als sie geheilt war, mir aufschrieb: »Wenn der lahme Weber träumt, er webe, Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe, Träumt die stumme Nachtigall, sie singe, Daß das Herz des Wiederhalls zerspringe, Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne, Und der drei je zählte kaum, die Sterne, Träumt das starre Erz, gar linde thau es, Und das Eisenherz, ein Kind vertrau es, Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche, Wie der Traube Schüchternheit berausche; Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen, Führt der hellen Töne Glanzgefunkel Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel, Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen, Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schallmeien Der erwachten Nacht ins Herz all schreien; Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder, Geh'n die armen Herzen einsam unter!« Ich nickte bejahend, wie man einem Kinde nickt, dem man zu zuhören scheint, aber ich hörte auf die Schallmeien. Ich bot ihr schöne Früchte, sie aß nicht. Ich fragte: »warum ißt du nicht? sie sind süß.« – Da erwiederte sie mit tiefem Schmerz: »Ohne Opfer gehn die süßen Wunder, gehn die armen Herzen einsam unter.« – Ich wollte ihrer Empfindung ausweichen, blickte hin und wieder, aber plötzlich fühlte ich mein Herz. Ich blickte die arme Kranke liebevoll an, reichte ihr die Hand über die Früchte und sprach: »iß mir zum Opfer, armes Herz!« und sie aß. Als ich auch genug gegessen, eilte ich wieder an den Zaun zu den Fackeln und Schallmeien und dachte keines Hungernden, selbst meiner kaum. – Da rasselte es am Zaun neben mir. Klareta war mir nachgeschlichen, und riß sich die Hände blutig in den Dornen, um mir Rosen zu reichen. Ich sprach: »was soll ich mit den Rosen?« – Klareta erwiederte: »Meine Hände bluten, mein Herz blutet; ohne Opfer gehn die süßen Wunder, gehn die armen Herzen alle unter.« – Ich kehrte mit ihr zu der Bleichhütte, saß am Feuer nieder und ließ mir die Zöpfe von ihr um den Kopf unter ein Netz binden, denn ich wollte mich bald schlafen legen. Als sie mir so nahe war, stockte sie plötzlich in ihrer Arbeit, schloß die Augen und näherte wie träumend ihre Stirne meiner rechten Schulter. Ich stand auf mit den Worten: »was willst du, wer bist du, wer ich?« Da sprach sie gar demüthig: »O meine Herrinn! deine Magd hat ein Anliegen, höre mich an, Morgen ist es zu spät.« – Ich erwiederte: »schweige, daß ich die Schallmeien höre, ja Morgen ists zu spät, das scheinen sie zu klagen und reißen drum mich hin.« – Da eilte ich wieder an den Zaun und lauschte hinüber. – Klareta schlich mir nach und sprach: »O wär es doch vorüber, es thut mir großes Leid!« – »Welch Leid?« fragte ich und sie antwortete nicht, sondern sang das Lied des Webers Jürgo mit irrer Weise in die Nacht hinein: »Das Seelchen auf der Heide Hat nicht genug zum Kleide Und friert durch Mark und Bein; Ich hab in heißer Sonnen Mein Leben aufgesponnen Zu einem Faden fein, Den hab ich treu gewebet, Mein Schifflein ist geschwebet In stäter Noth und Pein. Mit Thränen ich's erweichte, Mit Thränen ich es bleichte In Mond- und Sternenschein. Todtwund lag ich zum Sterben, Der Seele Kleid zu färben Mit rother Farbe Schein. Ich trug es ohn Verweilen Hin viele, viele Meilen, Da war mein Tuch zu klein, Das Seelchen zu bedecken, Da zuckt an allen Ecken Heraus das Flämmelein, Und irret auf der Heide, Mein Zeug reicht nicht zum Kleide Dem Feuer-Lämmelein. Dadrüben die Gesellen, Die schleudern tausend Ellen Roth Zeug zur Nacht hinein; Die Fackeln und Schallmeien, Sie brennen, reißen, schreien Mir tief durch Mark und Bein. Weh, Weh thut das Verschwenden, Mit Roth mußt ich vollenden Mein Tuch – nun ists zu klein. Das Seelchen springet trunken Von Tönen, Farben Funken, Zur rothen Lust hinein. Wenn Tön' und Farben starben, Kömmt Nacht und bittres Darben, Arm, blos, allein; allein!« Ich fragte: »was für Reden sind dies?« und sie erwiederte: »Es sind Lichter, Melodeien In der Nacht gar manichfalt, Doch die Fackeln und Schallmeien Ueben größere Gewalt. Feuerrothe Röselein Aus der Erde dringt der Schein, Aus der Erde springt der Wein.« Ich blieb an dem Zaun stehen, bis die Hirten mit ihren Kienfackeln heim in das Thor zogen, ich wartete bis auch der letzte Schimmer verschwunden war, dann kehrte ich zum Feuer. Die Unweise war sehr betrübt, ich reichte ihr die Hand und sagte: »ich kann nicht anders, was hast du aber von Tuch gesungen, das zu kurz sey?« – Da legte sie mir ein tiefroth schimmerndes Tuch über die Schulter und sprach: »es ist von mir, mehr hab ich nicht, es reicht nicht zu!« ich erwiederte: »die Farbe zieht mich an, groß genug wäre es auch – aber das Muster des Gewebes ist mir zuwider.« – Sie schwieg und war sehr traurig, sie weinte still, ich fragte: »was fehlt dir? sage es geschwind, ich muß dort in das Zelt gehen, um zu schlafen;« da erhob ich mich, ordnete meine Arbeit und zündete die Leuchte an. – Die Unweise entsetzte mich, sie zitterte, sank auf die Kniee und sprach: »du mußt uns eine Gnade erweisen, und bis du sie mir bewilligest, soll diese Kohle auf meiner Hand glühen;« da nahm sie eine glühende Kohle aus dem Feuer in die Rechte und hielt sie mir entgegen und flehte: »stifte mir und den Schwestern ein Kloster Lilienthal, daß ich mich verberge und dir vor Gott danke!« – Ihre That empörte mich, doch schlug ich ihr die Kohle nicht aus der Hand, ich that, als gehe mich das nicht an; ich rief die Schwestern, die warfen die Kohle weg und fanden ihre Hand heil und ohne Brandmal und knieten nieder und baten wie die Unweise um ein Kloster Lilienthal. – Es lag mir aber etwas Gewaltthätiges in der Art des Begehrens, ich sprach: »gut Nacht, ich werde mich besinnen,« und gieng zitternd und bebend zu meinem Zelt. – Mein Lager war von Heu und ein Teppich darüber; ach! wie war ich so müde, und schwer und bang, es war schon spät und tiefe Stille umher. Nur Eulen schrieen im nahen Walde. Vor meiner Seele flimmerten noch die Fackeln, tönten noch die Schallmeien, dazwischen die wunderlichen Reden der Unweisen und die glühende Kohle und Alles. Mir war so schwer und traurig, als sollte ich bald von Allem scheiden, woran mein Herz noch hieng. – Ich entschlief und hatte einen schweren Traum. – Ich war auf einer Wiese und pflückte feuerrothe Röselein, da überfielen mich grausame wilde Löwen und trugen mich weit, weit hinweg in einen dichten Wald. Unter einer breiten Linde war meine Angst am größten, die Löwen wollten mir die Achselbänder von den Schultern reißen, da fiel mirs bang aufs Herz – »das ist die Strafe deiner Härte, bau den armen Schwestern ein Kloster Lilienthal, so Gott dir helfe;« da gelobte ich es im Traume und es krähte ein Hahn und die Löwen flohen, und Verena mit dem Hühnlein Gallina kam zu mir, und der rettende Hahn steckte mir einen Ring an den Finger. – Bei dem Hahnenschrei erwachte ich und hörte den Hahn, den die Bleicherinnen als Stundenzeiger bei sich hatten, wirklich krähen. Auch hörte ich Klareta vor meinem Zelte singen: »Was hab ich dir gethan, Was hast du mir gethan? Schon mahnt der Hahn. O senk die rothe Fahn', O heb die weiße Fahn Jetzt Himmel an! O hör mein Leiden an, Dann wird mein kranker Wahn Dir unterthan. Arm Kind von Hennegau! Das Lilienkloster bau, Schon sinkt der Thau.« Ich öffnete das Zelt, sie warf sich am untern Ende meines Bettchens nieder und schloß meine Füße an ihr Herz und wusch sie mit einem Strom von Thränen. – Ich sprach: »Klareta, warum thust du so?« – Sie flüsterte: »aus Dank und Liebe.« – Ich kann nicht sagen, wie sie mich rührte, aber ich that mir Gewalt an. Da sie nun so weinte und ihr Herz so heftig schlug, ward ich freundlich und sagte: »setze dich zu mir, reiche mir deine Hand, ich will dir meinen Traum erzählen.« – Sie setzte sich zu meiner Seite, faßte meine Hand, und ihre Stirne sank wie unwillkührlich auf den Edelstein meiner rechten Schulterspange; denn es ist ein altes Familiengesetz, daß eine Gräfinn von Vadutz diese Kleinode selbst bei Nacht nicht ablegen darf. Ich zuckte etwas zusammen, ihr Schleier war kalt und naß, ich fragte um die Ursache, sie erwiederte: »Lilie kennst du den Thau nicht? – o lasse mich ruhen und nimm mir von der Stirne den Traum und erzähle mir den Traum!« – Ihre Stimme war ganz ruhig, als sie Dieses sprach, auch mir war wohl und friedlich – ich fühlte, daß ich heilte und genaß selbst; da ließ ich sie ruhen und erzählte Nichts als: »ich pflückte rothe Blumen, da fielen mich drei wilde Löwen an und trugen mich weit durch einen Wald und unter einer Linde setzten sie mich nieder, und thaten so grimmig gegen mich, da war mir so bang, so bang!« Als ich so weit gesprochen, drückte sie ihre Stirne wie Eisen so schwer auf meine rechte Schulterspange, daß es mich schmerzte und ich sie mit dem Ausruf wegdrängte: »bist du unsinnig?« – Sie bebte aber vor Angst und sprach: »die Löwen sollen mich eher zerreißen, als dir die Kleinode rauben, die mich heilen, wart, wart! da kömmt der Hahn, horch sein Schrei! die Löwen fliehen.« Da krähte der Hahn wirklich zum zweitenmal, ich war erstaunt, daß sie von dem rettenden Hahnenschrei meines Traumes sprach und von dem Raube der Kleinode, wovon ich selbst noch nicht gesprochen hatte, aber ich ließ mir es nicht merken und schwieg, doch wie erstaunte ich erst, als sie fortfuhr: »o armes Kind von Hennegau! das Kleinod meiner Heimath, welches mir meine Sinne geheilt hat – jetzt, jetzt, tausend Dank! sie sind heil, – die lichten Edelsteine von Vadutz sind gerettet und der Hahn steckte dir einen weit wunderbareren Ring an den Finger unter der Linde, und Verena mit dem frommen Hühnlein Gallina sah freudig zu, und ich und die Schwestern kamen aus dem Kloster Lilienthal und folgten dem Brautzug und folgten dem Leichenzug und standen am Grabe im Garten, und das arme Kind stand vor uns und wir leuchteten und sangen: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.« »O wie bin ich selig, daß Alles so gut geendet!« – So sagte also die gute Klareta den ganzen Schluß meines Traumes, von welchem ich kein Wort erwähnt hatte; – sie hatte also dasselbe geträumt, und woher kam der Reim, den ich drei Tage vorher im Garten bei den Lilien gehört, wieder in ihren Traum? – Alles das machte einen tieferen Eindruck auf mich, als mir lieb war. Ich habe einen eignen Abscheu vor Wunderbarem, das meine Freiheit stört. – Ich äußerte Nichts davon, daß sie Dasselbe mit mir geträumt und sagte ganz unbefangen: »was hältst du von dem Traume?« und sie erwiederte mit ernstem Ton: »einstens wird es keiner mehr seyn.« – Ich fuhr aber fort: »was sagtest du von den Kleinoden auf meiner Schulter, du seyst durch sie geheilt, warum drücktest du so mit deiner Stirne darauf?« da fühlte ich an ihrer Stirne einen tiefen Eindruck von dem spitzen Steine und fuhr fort: »ist dieser unsinnige Eindruck etwa ein Beweis deiner Klugheit?« – Da richtete sich Klareta auf und sprach mit ruhigem Bewußtseyn: »meine Herrinn! ich will dir ein wichtiges Geheimniß von den Edelsteinen sagen, durch welche du mit dem Ländchen Vadutz belehnt und ich dir unterthan geworden. Es ruht in diesen Kleinodien eine wunderbare, schädliche und heilende Kraft, welche ich beide erfahren habe; denn ich ward krank durch sie und bin gesund durch sie geworden vor wenigen Augenblicken. Jetzt aber will ich dir sagen, woher ich das Geheimniß dieser Kleinode kenne. – Mein Vater ist über Meer gezogen gegen die Sarazenen, er ließ die Mutter und uns drei Mägdlein zurück, wir waren nicht reich und lebten von künstlicher Bildweberei. Ach! bald kam eine Botschaft, der Vater sey gefangen, wir sollten ihn auslösen. Es war aber Jürgo, ein Edelknecht des Vaters, unser einziger Schutz und Freund. – Er war ein gar kunstreicher Weber, arbeitete Tag und Nacht für uns und verkaufte auch unsre Arbeit. Er that uns Alles zu Liebe und wir liebten ihn als einen Bruder. Er bot sich uns an, hinein zu reisen und den Vater zu lösen. Wir verkauften alle unsre Habe, um ihn mit dem Lösegeld auszurüsten und sahen ihn mit großer Betrübniß von uns scheiden. Wir beteten viel für ihn und gelobten Gott, so er Jürgos Weg segne, ein Klösterchen zu gründen, das sollte heißen Lilienthal, und darin wollten wir Gott dienen bis an unser Ende. – Nach zwei Jahren kehrte Jürgo heim ins Land Vadutz ohne den Vater, der war gestorben an der Pest im Hospital in Cypern. Der Kummer tödtete die Mutter. Wir drei Waisen waren allein ohne alle Stütze, als den treuen Jürgo. Nach der Mutter Tod schickte es sich nicht, daß er so viel, wie sonst bei uns sey, dennoch lebte und arbeitete er allein für uns. Er verkaufte seine kleine Habe, um uns zu ernähren. Er war der treueste Mensch, er that es dem Vater und mir zu lieb. Er hatte durch einen Sonnenstich auf der Reise gelitten, er arbeitete sich schier zu Tode für uns – wir waren ihm dankbar. Er ward krank und kam von Sinnen. Ich trauerte unaussprechlich um ihn. Das edelste Herz ward aus Treue zu meinem Vater und mir ein Thor vor den Menschen. Ich konnte nicht mehr ruhen, ich glaubte mich schuldig, Alles aufzuwenden, ihm zu helfen. Ich betete Tag und Nacht und zog umher, Aerzte und fromme Männer um Rath zu fragen. Als ich einst einem alten Einsiedler, der Mönch im Kloster Bänderen gewesen war, meine Noth klagte, sagte dieser: »o wäre das Lehnskleinod von Vadutz noch hier im Lande, ihm wäre leicht zu helfen!« – Als ich in ihn drang, mir von diesem Kleinod zu erzählen, sprach er: »mit dem Kloster Bänderen sey ein altes Pergamentbuch verbrannt, in welchem er in seiner Jugend viel Wunderbares von dem Ursprung der Grafen von Vadutz und ihren heiligen Kleinoden gelesen, das später, wie alles Heilige bei den Menschen vergessen worden.« Er erzählte mir hierauf unter vielem Anderen Folgendes: »Wohl mit Recht ist das Ländchen Vadutz kurios zu nennen, denn Curio ein Kaiser aus Rom war sein Stifter im zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt. Sein Eheweib hieß Docka und war durch den heiligen Theonestus heimlich getauft und eine eifrige Christin geworden. Durch sie nahm auch Curio den Christenglauben an und half in Rom den Christen manichfaltig in der Verfolgung. Curio aber bekehrte einen alten jüdischen Mann, der war zu ihm gekommen mit vielem köstlichen Geschmeid von Gold und Edelsteinen, dem Kaiser das zu verkaufen. Er war ein sehr eifriger Christ und hatte große Liebe zu Curio und dieser zu ihm. Die Christen aber wurden verfolgt und getödtet, und der hebräische Mann ward auch gefangen und sollte gemartert werden, da gab er alle seine Edelsteine dem heiligen Theonestus, daß er den Armen damit helfen solle. Dem Kaiser Curio aber gab er ein unschätzbares Kleinod, zwei schöne Spangen von Einhorn, worauf zwei kleine Edelsteine; die Spangen dienten das Gewand auf der Schulter zu fassen. Ehe er den Martertod starb, besuchte ihn Curio im Gefängniß und er erzählte ihm, daß er aus dem Stamme Juda sey, und daß diese Achselbänder einstens auf den Schultern Rebeckas geruht und von derselben in gerader Linie auf ihn vererbt seyen. – Er theilte ihm seltsame Dinge mit, die ihm von der Geschichte dieser Kleinode durch seine Vorältern überliefert waren und die alle der Mönch aus dem Buche im Kloster Bänderen ausgeschrieben und mir gegeben hat. Ich gab sie vor einigen Tagen dem ehrwürdigen Jakob von Guise, von welchem du sie begehren magst. So viel gedenk ich noch daraus. Es sind diese Kleinode das höchste Heilthum, denn sie kommen aus dem Paradies, und sind sie von dem Stein, auf welchem Jakob die Himmelsleiter sah und von welchem auch der Siegelring Salomos war, durch den dieser alle seine Wünsche erfüllen konnte. Als der hebräische Mann dem Kaiser Curio das Kleinod der Achselbänder geschenkt hatte, sprach er zu ihm: »trage diese Kleinode auf deinen Schultern und fliehe mit Weib und Kindern aus Rom, denn ich habe im Gebet erkannt, du wirst des Christenthums angeklagt werden, du sollst aber über die Alpen in Rhätien ziehen, dort sind viele Leute zum Christenthum bekehrt durch St. Lucius, einen König aus Schottland; dort nun sollst du ein Fürst vieler Christen werden, und ein Reich gründen, das Gott wohlgefällig ist. So lange du und deine Erben die Kleinode der Rebecka ungetheilt auf den Schultern tragen, werdet ihr Glück und Friede haben. Ich will aber in der Stunde meines Todes deiner gedenken und sollst du die Kleinode am Tage meiner Marter segnen lassen durch Theonestus. Immer aber bedenke, du mit allen deiner Kinder Kindern, daß Jakob geruhet auf der rechten Schulter Rebeckas und Esau auf der linken, und daß mit geistlicher Stärkung und Heilung und Allem, was dahin gehöret, gefüllt ist das rechte Schulterband, mit leiblicher Kräftigung, irdischem Gedeihen aber bis zur Gewaltthat das linke Schulterband. So sey dann weise und lasse Zeitliches, Irdisches, Leibliches nicht überhand nehmen, neige dein Haupt zur Rechten um Rath und Trost, ehe du zur Linken Lust und Stärke verlangest. Jährlich aber an meinem Sterbetag lasse den Segen über die Kleinode durch einen frommen Priester erneuen. Dann auch magst du seelenkranke Menschen mit ihrer Stirne das Kleinod der rechten Schulter berühren lassen, und so es ihnen zum Heile, werden sie geheilet werden, so aber der Kranke nicht selbst zu kommen vermag und ein Anderer will dessen Leid aus Christenliebe auf sich nehmen, soll es ihm auch gedeihen. – Auch ist eine alte Sage, daß einstens der Siegelring Salomonis, der alle Wünsche erfüllet, mit diesen Kleinoden zusammen kommen werde in den Händen eines Dieners des Messias, und wünsche ich, daß dieses an dir wahr werde!« – Es starb aber der hebräische Mann am Vorabend des Täufers Johannes, und ließ Curio die Kleinode segnen durch Theonestus zu Ehren des Täufers vor 1100 Jahren am heutigen Tage, an dem ich bin geheilt worden durch die Kleinode, zur Ehre Gottes und des Täufers und zur Bestätigung der Worte des hebräischen Mannes. – Aber Curio von seinem Bruder des Christenthums angeklagt, floh mit seiner Gemahlin Docka und seinen Söhnen über die Alpen nach Rhätien und fand dort Alles, wie ihm gesagt worden. Er baute viele feste Schlösser und Flecken und setzte seine Söhne darauf und gab ihnen fromme Hausfrauen, und sammelte Gottesmänner in Gotteshäusern, und die da reif waren, säete er aus in Gottesäckern und that alle Wege, wie man thut, da man neue Lande und Leute gründet, das Reich Gottes zu mehren auf Erden. – Auf den beiden Schultern aber trug er die heiligen Achselbänder, und wurden sie genannt die Kleinode des Landes. Von Curio kamen diese Kleinode auf seinen Enkel den Grafen Anselm von Montfort. Seine Gemahlinn brachte Zwillingsbrüder zur Welt, den Wolfbrand von Rothenfahn, dessen Schild war weiß mit rother Fahne, und den Hego von Weißenfahn, dessen Schild war roth mit weißer Fahne. Als der Graf Anselm seinem Tode nahe kam, heftete er seiner Gemahlinn die Kleinode des Landes auf die Schultern und befahl ihr, ihre beiden Söhne gleich vor Gott in großer Einigkeit zu erziehen und Keinem den Vorzug zu geben, und wenn sie endlich dem Einen die Lande überlasse, solle sie ihm die beiden Edelsteine auf die Schultern heften und diese niemals trennen, sonst würde großer Haß und Unfriede entstehen. – Die Gräfinn von Montfort that nicht so, sie liebte den Rothenfahn, der ein Schmeichler und Augendiener mit rothen Wangen und einem Kirschenmund war viel mehr, als den Weißenfahn, der war treu und rein und wahr, aber weiß und bleich von Farbe; und sie hielt den Rothenfahn immer zu ihrer Linken am Herzen und er schlummerte oder lauerte vielmehr immer an dem Schulterband des linken Edelsteins, und sie wiegte ihn mit dem Reime ein: »Feuerrothe Röselein, Aus der Erde springt der Schein, Aus der Erde dringt der Wein; Roth schwing ich mein Fähnelein.« Der Weißenfahn aber mußte wie der Knecht des Bruders sein und auch meist die Strafe für ihn aushalten. So erzog sie ein rechtes Unkraut an dem Wolfbrand, und er hatte eine harte Stirne wie ein Widder, sein Sinn war zäh und sein Haar war kraus, und weil Hego alles mußte, was er wollte und er Alles wollte, das diesem weh that, so hatte er sich ein Spiel erdacht, das nannte er Hammelstutz. Es bestand aber darin, daß er »Hammel, Hammel stutz!« sagte und mit seiner harten Stirne gegen die Stirne seines armen Bruders rannte, daß dieser wie ein Lamm von einem Widder niedergestoßen, oft blutend zur Erde stürzte; und wenn der Bruder fiel, rief der böse Bube: »Vadutz!« und die Mutter und er gaben dem Hego den Spottnamen Vadutz. Dieser aber war gütig und weise, liebte Mutter und Bruder und nahm in Allem zu. – Als nun die Mutter zum Sterben kam und einem der Söhne die beiden Edelsteine auf die Schulter heften und das Land übergeben sollte, wählte sie ihren Liebling Wolfbrand dazu. Dieser aber sprach trotzig: »ich mag den Stein da drüben nicht, da hat der Vadutz daran geruht, er mag ihn behalten, so ich einmal Lust dazu habe, mache ich Hammelstutz, da plumpst er nieder Vadutz! und ich nehme ihm den Stein, das macht mir mehr Spaß.« – Die Mutter konnte ihm nichts abschlagen; da heftete sich Wolfbrand den linken Edelstein selbst auf die linke Schulter und die Mutter übergab ihm zugleich das ganze Land. Hego aber kniete mit gefaltenen Händen betend am Sterbebett der Mutter und bat sie um den Segen, da heftete sie ihm den Edelstein auf die rechte Schulter und sprach: »dein Bruder hat alles Land, aber da drüben liegt ein steiler, oder hoher Berg, da gehen meine Schafe, ich schenke dir die Schafe und den Berg, da bau dir ein Haus.« Der Jüngling benetzte die Hand der sterbenden Mutter mit Thränen des Dankes; – in demselben Augenblick aber ergrimmte Rothenfahn und rief: »Hammel, Hammel stutz« und stieß den Bruder mit der Stirne nieder, daß er blutete. – Da entsetzte sich die Mutter, die Augen giengen ihr auf, sie erkannte den Unterschied zwischen links und rechts, sie gedachte des Gebots des sterbenden Grafen Anselm, die Edelsteine nicht zu trennen, sie sah den bösen Sohn zitternd an und sagte: »Gott verzeihe mir, ich habe himmelschreiendes Unrecht gethan, Wolfbrand, du bist ein Ungeheuer, die ganze Macht des Steines werde an dir lebendig!« – Da zog sie den Hego an ihr Herz, und da sie das rothe Blut von seiner weißen Stirne niederrinnen sah, riß sie die Farbe in tiefer Liebe zu ihm hin, und sie küßte seine Stirne und segnete ihn nochmals und sprach: »alle deine Nachkommen sollen Zeugniß davon geben, daß dein rothes Blut zu mir geschrieen und mein Herz in meinem Tod mit Lieb und Reue erfüllet hat! aller Segen komme über dich! – Hüte dich vor deinem Bruder, aber räche dich nicht an ihm, – nein! heile mit deiner Rechten, was meine Linke verdarb, – ich werde keine Ruhe finden, bis die beiden Edelsteine vereint auf deinen Schultern ruhn!« da starb sie. – Wolfbrand nahm die Schlösser und Burgen des Landes in Besitz und pflanzte seine rothe Fahne überall auf. Er übte große Gewaltthat an Land und Leuten, Alles floh vor ihm. – Hego zog auf seinen Berg, baute sich ein Haus und hütete die Heerden, welche ihm die Mutter geschenkt. Segen und Friede war mit ihm, Unsegen und Unfriede mit jenem. Die verfolgten Unterthanen trieben ihre Heerden zu ihm und flehten ihn um Schutz. Darüber ergrimmte Wolfbrand immer mehr und sein Haß gegen den Bruder stieg bis zum Wahnsinn. Er hetzte ihm hungrige Wölfe an seine Heerde, und wenn der Bruder sanft und liebvoll ihn ermahnte, rief er ihn an: »Hammel stutz – und Vadutz!« – da nun unter dem Volk die Rede entstand, er sey nicht ihr vollkommener Herr, er trage nicht die beiden Edelsteine, das Land sey ihm nur zur linken Hand angetraut, zogen sich die Unterthanen immer mehr zu der weißen Fahne. – Indessen bauten die Unterthanen dem guten Hego ein festes Schloß auf seinen Berg, um ihn und das Seine vor dem wüthenden Wolfbrand zu schützen und nannten das Schloß Vadutz. Wolfbrand verlangte nun den andern Edelstein von seinem Bruder und war so von Sinnen gekommen, daß er ihn herausforderte, wer von beiden den Andern mit der Stirne niederstoße, solle beide Edelsteine haben. Hego schloß sich in seine Burg Vadutz ein und ließ ihm sagen: »so du willst, stoße diese Veste nieder!« da belagerte der unsinnige Wolfbrand Vadutz, alles Volk aber verließ ihn, und als er sich allein sah, rannte er mit seiner harten Stirne so wüthend gegen das Thor, daß er wie todt niedersank. Hego ließ ihn hereintragen und pflegte ihn, aber es war keine Hoffnung, sein Kopf war gespalten. Da nun Hego überall umfragte, ob Niemand Hülfe für den lieben Bruder wüßte, kam ein weiser, frommer Meister, der sagte ihm: »lasse sein Haupt an St. Johannis Vorabend auf dem Edelstein deiner rechten Schulter ruhen und sieh, was erfolgt.« Das that Hego, und Wolfbrand ward ruhig und mild und gewann seinen Verstand wieder, und bat seinen Bruder um Vergebung und alle die er betrübet und starb in Hegos Arm einen schönen Tod. Dieser aber trug nun beide Edelsteine und hatte das ganze Ländchen, das nannte er Vadutz, wie sein Schloß, und baute dem weisen Meister ein Kloster, wo der Leib seiner Mutter ruhte und legte den Leib Wolfbrands mit seiner rothen Fahne an ihre linke Seite. Er hieß aber das Kloster Bänderen, weil die Mutter den Raum dazu auf einer grünen Wiese mit tief rothen Bändern abgesteckt hatte. – Dann regierte Graf Hego das Land Vadutz gar milde, hatte viele Söhne und Töchter, und jährlich am St. Johannisabend warden unweise, arme Menschen zu ihm geführt, die lehnten ihr Haupt auf seine rechte Schulter, da wurden sie wieder heiler Sinne. – Solches erzählte mir der alte Mönch aus dem Kloster Bänderen und fügte hinzu: »Sieh also, arme Klareta, wäre das Kleinod von Vadutz noch hier auf dem Schlosse, St. Johannistag ist nahend, so dürfte Jürgo, der euch Kindern so große Treue geübet, nur sein Haupt auf das rechte Schulterband unsers Grafen von Vadutz lehnen und Gott würde ihn wie den Wolfbrand von seiner Unweisheit heilen; aber du weist, daß unser Herr jetzt im Hennegau wohnet, und daß die heiligen Kleinodien nicht mehr hier im Lande sind.« – »Das ist,« fuhr Klareta fort, »was mir der Mönch von dem Geheimniße der Kleinode gesagt, die jetzt auf deinen Schultern ruhen. Du kannst dir denken, o armes Kind von Hennegau, daß mir das Herz brannte, dem treuen Jürgo zu helfen; da es aber nicht möglich, ihn in seinem Elend ins Hennegau zu führen, erneuerte ich mit den Schwestern das Gelübd, ein Kloster Lilienthal zu gründen, so Gott den armen Menschen heilen wollte, wenn ich aus dankbarer Menschenliebe statt seiner barfuß ins Hennegau zöge und mein Haupt statt seiner auf das Schulterband Rebeckas lehnte. Die Schwestern wollten mich treulich geleiten, der Mönch aber sagte: »es sey eine ungewiße Sache, denn er wisse nicht, ob die Kraft der Edelsteine in diesen Zeiten in der Fremde noch geübet werde, oder in Vergessenheit gekommen sey.« – Ich aber konnte nicht mehr ruhen, ich opferte mich ganz auf für Jürgo und zog mit den Schwestern barfuß gen Hennegau. Ich hatte künstlich gewebtes Bildwerk mitgenommen und ein Brieflein vom Abt des Klosters Bänderen an Jakob von Guise, damit ich Eingang fände bei der Gräfinn deiner Mutter. Jakob von Guise, dem ich Alles mittheilte, belobte zwar meine Christenliebe, aber er sagte mir, wie der Gebrauch der Kleinodien zur Heilung blöder Sinne hier zu Lande schon lange abgekommen, weil mehrmalen ein übler Erfolg davon verspürt worden sey, außer dem großen Ueberlauf, den der Graf dadurch gehabt; was hauptsächlich eine Ursache gewesen, daß er aus Vadutz ins Hennegau gezogen. Auch sey die Gräfinn deine Mutter krank und ihr jene Kraft der Kleinode ganz unbekannt. Da ich ihn aber fußfällig bat, mir zu deiner Mutter zu helfen, gieng er in seine Kammer ins Gebet und da er heraus kam, segnete er mich und sprach: »folge mir in Gottes Namen!« da führte er mich und die Schwestern in das Schloß. Wir wurden auch gut aufgenommen bei deiner seligen Mutter, du gedenkest dessen noch; ja du selbst trugst bei, daß sie mich unter ihr Frauenzimmer nahm, dich das Bildwerk weben zu lehren, und ich brachte es so weit, daß es mir erlaubt ward, in ihrer Krankheit an St. Johannis Vorabend bei ihrem Lager zu wachen. Da man mir hier gar nichts von der Kraft der Edelsteine sagte, sprach ich auch nicht davon, und harrte mit großer Angst, bis deine Mutter entschlief, um mein Haupt auf ihre rechte Schulter zu lehnen. Sie lag aber auf der rechten Seite, und statt zu beten, daß sie sich umwenden möge, ließ ich mich von meiner Begierde, dem armen Jürgo zu helfen, hinreißen. Ich sah den lichten Stein auf ihrem linken Schulterbande blitzen und senkte meine Stirne mit dem heißen Verlangen auf diesen Stein nieder, es möge seine Kraft an mir wahr werden, – und sie ward an mir wahr, ich ward unweise und führte unsinnige Reden, und sang laut die thörichten Lieder des Jürgo. Deine Mutter erwachte, man brachte mich hinweg, und du weißt, wie ich mit meinen Schwestern nach Vadutz zurück gesendet ward. Eine Gnade hatte ich, ich wußte von meinem Leide, ich wußte von Allem, was um mich her geschah, aber ich mußte thun und denken, was ich that, und wohl auch manchmal fühlen, daß es im Grunde oft weiser war, als vorher. Ich wußte auch, daß Gott mir einst helfen werde, und so trug ich allen Hohn ohne Murren, und opferte alles Leid Gott auf für den treuen Jürgo und die Seelen meiner frommen Eltern. – Jetzt ist mir wie ein Schleier, wie ein Traum von meiner Stirne genommen, und ich weiß Alles von mir aus diesen zwei Jahren, wie von einer Andern und sage es dir, du magst morgen die Schwestern darum fragen, ich zweifle nicht, daß es so gewesen. Als wir nach Vadutz heim gekommen, fanden wir Jürgo nicht mehr. Er war am Vorabend von des Täufers Tag in der Kirche des Klosters Bänderen betend von seinem Wahne geheilet worden zur Stunde, da meine Stirne das Kleinod in Hennegau berührte, und er hatte das Kloster nicht mehr verlassen. Sie hatten ihn aufgenommen in ihren Orden. – Ich aber bin gleich bei meiner Ankunft in Jürgos Hütte nächst unserm Haus gegangen und habe mich an seinen Webstuhl gesetzt und an dem rothen Tuch fortgewebt, das er begonnen hatte, und habe seine irren Weberlieder gesungen von dem Seelchen auf der Heide, fort und fort bis dort drüben am Zaun, wo ich dir das Tuch gegeben. Als nun der Klostervogt von Bänderen zu mir kam und mir einen Schenkungsbrief Jürgos brachte, worin dieser mir und den Schwestern Hütte, Webstuhl, Garten und Alles, was er zurückgelassen, schenkte, und mir sagen ließ, ich möchte doch das rothe Tuch fertig weben, er wolle uns dafür geistlicher Weise eine Aussteuer bereiten für eine andere Welt, wunderte mich das Alles nicht, denn ich saß schon am Webstuhl und sang die Weberlieder, als sey das immer gewesen. – So gieng ein Jahr vorüber, Sonnenwende nahte heran, die Schwestern hörten, daß nach deiner Mutter Tod nun die Kleinode auf deinen Schultern ruhten, sie wollten mich nochmals um Hülfe hieher führen. Ich aber folgte nicht, denn das rothe Tuch war nicht fertig; auch fürchtete ich heimlich, Jürgo möge wieder krank werden, so ich genese. Erst um diese Zeit kam mein Zustand zu den Ohren Jürgos in Bänderen, der ward sehr traurig darum und starb in kurzer Zeit eines erbaulichen Todes. Als das Sterbglöcklein um ihn läutete, schoß ich sein Weberschifflein zum letztenmal durch die Fäden, das rothe Tuch war fertig, und ich selbst mahnte nun die Schwestern zur Wallfahrt ins Hennegau; – und Gott sey ewig gepriesen, heut an des Täufers Vorabend sind meine Sinne genesen an dem Kleinod des rechten Schulterbandes! – O armes Kind von Hennegau, nun erfülle das Maaß deiner Gnade, stifte uns das Kloster Lilienthal, das wir gelobet, wir wollen treulich dort beten, auf daß der Hahn die Löwen von dir verscheuche.« – Nach diesen Worten kniete Klareta vor mir nieder und umarmte flehend meine Füße. Ich aber, tiefbewegt von allem Gehörten, bedurfte Ruhe, um mich zu sammeln und vermochte nur zu sagen: »Klareta gehe, danke Gott mit den Schwestern und ruhe, auch das arme Kind von Hennegau ist müde und muß schlafen.« Da verließ sie das Zelt. – Ich dankte Gott auf den Knieen, ich wußte, daß er durch mich geheilt hatte. O wie arm erschien ich mir neben Klareta! Sie, die so vieles erlitten, die Treue eines Dieners zu belohnen, ließ ich schmachten, um der Fackeln und Schallmeien willen. – Manches Eigenthümliche in meinem Wesen, das ich mir selbst zugeschrieben, erschien mir nun mit der geheimen Kraft der Kleinode zusammenhängend. – Jetzt erst verstand ich, warum nach alter Sitte den Lehnshuldinnen von Vadutz von frühester Jugend so dringend eingeschärft wurde, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern gerade empor zu tragen. Jetzt verstand ich, warum die Zeremonienmeisterinn bis zur Ungeduld wiederholte: »halten sie sich gerade Gräfinn.« – Jetzt erst verstand ich die Worte, da mir die Lehnskleinode auf die Schulter gelegt wurden: »wandle in der goldnen Mitte und wähle das Rechte.« – Jetzt erst danke ich meiner Mutter und Verena, daß sie mich mit solchem Eifer anhielten, auf der rechten Seite ruhend zu schlafen; so daß sie oft in der Nacht nach mir sahen und mich weckend im Bette umwendeten, was mich nicht wenig verdroß. – Jetzt schämte ich mich des Eigensinns und der heimlichen Schadenfreude, mit welcher ich aus Widerspruch mich zur linken Seite wendete, sobald sie den Rücken kehrten, vor Allem aber der Heuchelei, mit welcher ich mich schnell rechts kehrte, so ich sie nahen hörte. – Aus diesem Widerspruch entstand eine geheime Lust, links zu schlafen, und aus dem Kampfe mit dem Gewissen entstand eine Unentschiedenheit, ob rechts, ob links zu ruhen, die mich noch jetzt störet, wenn ich mich zu Ruhe lege, und welche gewöhnlich die Hinfälligkeit des Schlafes entscheidet. – Aber ich muß auch gestehen, daß ich mich oft, wenn ich herzlich gebetet habe, mit Ueberwindung zur rechten lege, und leider mit Beschämung links aufwache. – O wie viele gute Einflüsse des rechten Kleinodes mag ich verschlafen haben. Von nun an will ich es besser machen! – Ich dachte weiter über Alles, was Klareta erzählt, und entdeckte darin mit Verwunderung eine Spur meiner und der Mutter Neigung zu tief rother Farbe bis in den rothen Kirschenmund meines Ahnherrn Wolfbrand Rothenfahn und die blutende Stirne des frommen Hego Weisenfahn hinein. – Gott habe sie selig! – Nach allen diesen Gedanken saß ich aufrecht auf meinem Lager und kreuzte voll Ehrfurcht und guten Willens die Hände und legte sie auf die Achselbänder Rebeckas und betete und sagte: »gewiß, gewiß, ich will den guten Schwestern das Kloster Lilienthal gründen – aber, ich muß doch erst – da übernahm mich der Schlaf – die große Wäsche zu Hause und wieder in den Schränken haben – feuerrothe Röselein – ich nickte und sank zur linken und schlummerte ein. St. Johannis des Täufers Tag. Sonnenwende . – Als der Tag anbrach hörte ich in der Ferne ein liebliches Singen. Ich trat vor das Zelt und hörte, daß es die drei Fräulein waren, welche vor Tag in den Wald gegangen waren, mancherlei Kräuter und Wurzeln unter Gebet zu sammeln, wie es in Hennegau an diesem Tag der fromme Gebrauch ist. Sie schmückten die Kapelle des Täufers vor dem Walde damit, auf daß sie bei dem Gottesdienste möchten gesegnet werden, und sangen ein Danklied wegen der Genesung Klaretas. Da nun meine Mägde kamen, nach mir zu schauen, ließ ich diese auf der Bleiche harren und ging auch zu der Kapelle. Die Schwestern vergessen Thränenströme, sie sprachen wenige Worte, sie küßten alle drei mit Ehrfurcht den Edelstein auf meiner rechten Schulter und steckten drei große Wachskerzen in Gestalt dreier Lilien vor dem Bilde des Täufers auf. Sie mahnten mich dadurch an das Kloster Lilienthal, aber ich ließ mich nichts merken, denn ehe ich durch das Johannisfeuer gesprungen war und den Johannisengel geküßt, und mein Geräthe wieder in den Schränken hatte, konnte ich das Kloster nicht ruhig bedenken. – Jakob von Guise hielt uns den Gottesdienst, meine Gespielinnen kamen auch mit den Kinderschaaren herangezogen. Jeder Schaar wurde ein schöner Johannistopf voll Blumen vorgetragen und am Fuße des Altars niedergesetzt. Es war eine gar liebliche Andacht. Die Mägdlein führten einen gesunden freudigen Knaben, den sie den Johannisengel nannten auf einem geschmückten Kinderwägelein in Prozession zur Kapelle. Er war sechs Jahre alt und hieß Immel, weil er wie eine Imme gern über die Blumen hin schwebte und allen lieb war. Er hatte wie ein klein Täuferlein ein Lammfell über der Schulter und ein Kreuzfähnlein in der Hand und war mit Blumen geschmückt. Ein Lämmchen lief seinem Wagen nach. Die Kinder halfen ihm aus dem Wagen und ließen ihn in ihrer Mitte in einem schönen dichten Blumenkranz niederknieen. Das Lamm lag neben ihm, da saß er drinnen wie der Sommer, der in einem Blumennest aus dem Ei geschlüpft ist. Meine Gespielinnen knieten rings um die Kinder, und hinter diesen mehrere der Eltern. Es trat aber plötzlich eine schlanke Frau zu der Kapelle heran und griff in den Weihbrunn und segnete sich und gieng auf den Johannisengel zu und besprengte ihn tüchtig und schien ihn küssen zu wollen in plötzlicher Freude, aber sie besann sich, erröthete über und über und trat wieder zu den anderen Frauen. Es war die Mutter des Johannisengels, den sie schier allzu lieb hat. Sie gehörte wohl hier zum Feste, denn in ihr glühet ein wahres Johannisengelfeuer offen unter freiem Himmel hin und herwehend, und alle Engel springen durch ihr Herz, daß die lichte Lohe herausschlägt, und auch der liebe Immel scheint nur ein Engel, der durch ihr Herz gesprungen, nur ein Flämmchen, das aus diesem Feuer hervorgezuckt. – Wie könnte ich sie nicht lieben, ich muß ja, denn wer sie anschaut, der muß singen: »Feuerrothes Röselein, Aus dem Blute springt der Schein, Aus der Erde dringt der Wein, Roth schwingst du dein Fähnelein.« Während der Andacht sangen die drei Lilienfräulein gar schöne Lieder und nachher segnete Jakob von Guise mich unter Gebet, wobei er sprach: »in Rebecka erscheint die Gewalt holdseliger Freundlichkeit über die Herzen anderer, ihre Schultern, die den Krug zum Brunnen trugen, den Boten Abrahams und seine Kameele zu tränken, sind die Werke ihrer Menschenliebe, durch welche sie die Brautgeschmeide Jakobs verdiente, dessen Weib sie ward. Aus den Fluthen schöpft die Liebe Gluthen.« – Dann segnete er die Spange auf meiner rechten Schulter mit den Worten Isacks zu Jakob: »Gott gebe dir vom Thaue des Himmels und dem Fette der Erde die Fülle an Korn und Wein und Oel« und hierauf die linke Spange mit den Worten zu Esau: »dein Segen wird seyn vom Fette der Erde und vom Thaue des Himmels von oben her.« – Auch sprach er Worte von den Schulterspangen Aarons und sodann: »gieb deine Füße in die Fesseln der Weisheit und nimm ihr Halsband an deinen Hals, neige deine Schultern und trage sie und habe keinen Verdruß an ihren Banden, zuletzt werden dir ihre Fesseln ein starker Schirm, und ihr Halsband ein Ehrenkleid seyn; denn in ihr ist die Zierde des Lebens, und ihre Bänder sind Bänder des Heils, du wirst sie wie ein Ehrenkleid anlegen und wie einen Freudenkranz aufsetzen.« Hierauf sprach er den neunzigsten Psalm und segnete bei den Worten: »er wird dich mit seinen Schultern überschatten und deine Zuversicht wird unter seinen Flügeln seyn.« – Sodann sprach er noch: »da du geboren wurdest, sang man: uns ist geboren ein Kindelein, sein Reich ist auf den Schultern seyn.« – Da machte er mir ein Kreuz auf die beiden Schultern, wobei er sprach: »trage dein Kreuz und folge nach, trage deinen Nächsten, wie Gott dich trägt, trage Niemand etwas nach, trage nicht auf beiden Schultern, nimm fremde Bürde nicht auf die leichte Achsel, zucke die Achsel nicht gegen den Hülfesuchenden, wandle in goldner Mitte und wähle das Rechte am Scheideweg, deine Linke wisse nie, was deine Rechte giebt, dein Reich sey Gnade auf deinen Schultern u. s. w.« – Dann segnete er auch die drei Schwestern und alle meine Gespielinnen und die Kinder; da er mit dem Weihbrunn gegen den Johannisengel trat, drang dessen Mutter durch die Menge heran, kniete hinter dem Knaben nieder, schloß ihn mit beiden Armen an ihre Brust, streckte ihr Haupt über seinem Blumenkranz hervor und so empfingen sie den Segen zusammen wie Thau des Himmels in Kranz und Locken. Es sah dieses gar rührend aus. Jetzt erhoben wir uns alle von den Knieen, alle meine Freundinnen küßten das Kleinod auf meiner rechten Schulter und ich umarmte sie. Als ich nun auch die Mutter Immels umarmt hatte, legte sie mir ungestüm den Johannisengel ans Herz, aber ich gedachte Wolfbrands, der im linken Arme seiner Mutter durch Liebkosung verunstaltet worden und nahm den Immel in den rechten Arm, und er küßte das Kleinod zur Rechten. Ich setzte ihn nun wieder in sein Wägelein, das die Kinder herbeigeführt hatten, und Jakob von Guise sprach nun zu den versammelten Müttern: »Ihr lieben Mütter bedenket bei diesem Feste; schon unter dem Herzen Elisabeths hüpfte Johannes dem Herrn entgegen, da dieses Herz die Mutter des Herrn begrüßte; so sollen alle Mutterherzen thun, um ihre Kinder dem Herrn entgegen zu bringen. – Frühe schon trennte Elisabeth den kleinen Johannes von ihrem Herzen und führte ihn nach Gottes Willen in die Wüste, damit er unberührt von Weichlichkeit, stark werde, damit er kein Sklave werde durch zärtliche Liebkosung und kein Tyrann durch Schmeichelei und befriedigten Eigenwillen; – so sollen alle Mutterherzen thun, sobald ihre Kindlein wandeln können, sollen sie sie führen auf die ernsten Wege der Zucht und Gottesfurcht; wir haben das Paradies der Lust verloren und müssen lernen, in die Wüste der Buße zu wandeln. Wenn die Mutter sich auch nicht wirklich von ihrem Kinde trennt, wird sie ihm doch eine heilsame Wüste bereiten, indem sie gerecht und streng ihm auch die Dornen und nicht allein die Rosen darbietet. – Johannes sollte werden die Stimme des Rufenden, der den Weg und die Wahrheit verkünde, darum ward er von Elisabeth in die Wüste gebracht, auf daß seine Zunge von aller Sünde rein bleibe; – so trennt jede fromme Mutter ihr Kind von allen weichlichen, verführenden Eindrücken und wacht über seine Sinne, daß sie rein und würdig bleiben, der Wahrheit allein zu dienen. – O bedenket ihr Mütter, nicht in den Armen der Mutter, nicht unter ihren Liebkosungen, nicht in der .Befriedigung seiner Gelüsten – nein in der Wüste der Zucht und des Gehorsams kam die Stimme des Herrn zu Johannes. – O bedenket ihr Mütter, in der Wüste ward Johannes vor dem Morde der unschuldigen Kindlein bewahrt; so bewahret denn auch ihr in der Wüste der ernsten Zucht eure unschuldigen Kinder vor dem Morde der Welt und ihres Fürsten. – Das Herz eurer Kinder ist in eure Hand gegeben, wie das biegsame Wachs in die Hand des Künstlers, er kann gute Engel, er kann böse Engel daraus bilden. – Wie oft ihr Mütter, nennt ihr eure Kinder Engel, o bedenket, daß es Engel gibt, die nicht in der Wahrheit geblieben, Engel, die durch den Schmuck auf ihrem Herzen stolz geworden, die bei ihrer Schönheit die Weisheit verloren haben und gestürzt worden sind. Gott gebe euch die Gnade, eure Kinder, wie auch heute diesen kleinen Johannisengel in die Wüste der Zucht zu begleiten!« – Hierauf wendete Jakob von Guise seine Rede zu den Kindern und sprach: »zum Gedächtniß, daß der Knabe Johannes von seinen Eltern früh in den Wald verborgen ward, wo er mit Kräutern und Blumen, mit Fischlein und Vöglein und allem Gethier ein unschuldiges heiliges Leben führte, von Gottes Engel gehütet, von Gottes Gnade bethaut, ziehet ihr jetzt mit dem kleinen Johannisengel spielend in den wilden Wald und segnet und pflücket mit unschuldigen Händen allerlei Heilkräuter, welche nun in der Sonnenwende in ihrer höchsten Kraft stehen. Alle Jahre kommen diese Kräuter wieder, kömmt dieses Fest wieder, so sey dann eure Andacht und Freude auch heute und alle Jahre in höchster Kraft, und wenn ihr die Johanniskräutlein oder Blümlein findet, so zeigt sie dem kleinen Immel, dem Johannisengel, daß er sie breche und in den Korb lege, dabei soll er sprechen: »O lieber Gott im Himmel Segne den kleinen Immel, Segne um das Täuferlein Das arme Johannisengelein; Dein Segen komm' auf seine Hand Und auf das Kräutlein, das er fand, Und führe den kleinen Immel Unschuldig einst in den Himmel!« Wenn ihr nun das Kraut Artemisia, Johannisgürtel genannt findet und kleine Gürtel daraus flechtet, sollt ihr sprechen: »Um Sankt Johannes das Täuferlein, Sein wohlgegürtet Vorläuferlein, Segne mir Gott dies Gürtelein, Daß, wen es gürtet, auf allen Wegen Dir unermüdet laufe entgegen!« Wenn ihr nun die heilsame Farrenkrautwurzel aus der Erde grabt und kleine Händchen daraus schnitzelt, die man Johannishändlein nennet, und diese anhängt in der frommen Hoffnung, Gott möge auf die Fürbitte Johannis, dessen Hand auf das Lamm Gottes gezeiget und den Herrn getauft, uns an Leib und Seele vor Unglück bewahren, so sprechet dabei: »Der Täufer zeigt mit seiner Hand Auf Gottes Lamm am Jordansstrand, Wir schnitzen Johannishändelein Und tragens an einem Bändelein, Gott schütz uns auf Wegen und Stegen Und führ uns dem Lamme entgegen!« Ihr werdet auch das Heilkraut Johannisblut sammeln; sein rother Saft erinnert uns, wie der Täufer sein Blut für das Lob der Wahrheit vergoß, auf daß wir Gott bitten, daß er uns vor der Verletzung des Leibes und der Seele durch falsches Lob, neidischen Blick, Schmeichelei u. s. w. behüte; dabei sprecht: »Johannes, wie ist dein Blut so roth, Du starbst für Wahrheit den Martertod; Und wo dein Blut geflossen ist, Das Blutkräutlein entsproßen ist. Um dich, der wahres Lob erhob, Behüt uns Gott vor falschem Lob, Vor bösem Blick, vor heimlichem Neid, Wobei nicht Leib, noch Seel gedeiht.« Und wenn ihr gegen Abend die leuchtenden Johanniswürmlein fliegen sehet, so gedenket an die Worte: »und das Licht leuchtet in der Finsterniß, und ein Mensch von Gott gesandt, Johannes gab Zeugniß von dem Licht!« – desgleichen denket, wenn ihr dann am Abend um die Johannisfeuer tanzet und springet. So thut, liebe Kinder und auch ihr Erwachsene in Allem, dann werdet ihr auch im Wald und Feld in aller unschuldigen Freude Gottes Lob und Ehre verkünden.« – Nach dieser Ermahnung segnete der liebe fromme Greis nochmals alle Anwesende und kehrte in sein Kloster. – Hierauf zogen die Kinder mit dem Johannisengel in den Wald, die rosige Mutter Immels zog mit hinein, und die Kinder nannten sie heute die rosige Mutter Elisabeth und schmückten sie dicht mit Rosen; denn ein Pilger hatte erzählt, nirgends gäbe es im heiligen Lande so viele Rosen, als im Thale St. Johann, wo der Täufer geboren ist. Wir alle gaben dem Zuge das Geleit, und meine Ordensgespielen gingen ganz mit, um die Aufsicht über die Kinder zu haben. Sie hatten einen Kessel und Hirse bei sich, um den Kindern einen Brei zu kochen. Als diese dem Wald nahten; sangen sie mit dem Johannisengel folgendes Lied in Fragen und Antworten. Zuerst zupften sie ihn an seinem Lammsfell und fragten, was für ein Rock dies sey und sangen dann von Zeit zu Zeit neue Fragen: Kinder. – Sag Engel Johannes, welch Röcklein ist dies? Immel. – Dem himmlischen Kaiser sein goldnes Vlies. K. – Sag Engel Johannes, wo steht dann dein Haus? I. – Es steht in dem wilden Walde da draus. K. – Sag Engel Johannes, wovon ist's gebaut? I. – Von Eichen, von Buchen, von Gras und von Kraut. K. – Ist gut auch gedecket dein lustiges Haus? I. – All Frühling blüht neu drauf des Zimmermanns Straus. K. – Wo hast du, o Engel, dein Schlafkämmerlein? I. – Nicht weit von Frau Echo im Felsengestein. K. – Und wo ist dein Tischlein, dein Stuhl, deine Bank? I. – Das Alles das ist mir der Erdboden blank. K. – Sag, was für Gerichte bereitet dein Koch? I. – Wilden Honig, Heuschrecken die ganze liebe Woch'. K. – Johannes, o lad' uns zu Gaste heut ein! I. – Von Herzen, wenn ihr in der Faste wollt sein. K. – Und was wird besonders uns heut aufgetischt? I. – Was man so an Hecken und Sträuchern erwischt. K. – Sag, Engel Johannes, ist klar auch dein Wein? I. – Mond, Sonne und Sternlein die spiegeln sich drein. K. – Wer sind, o Johannes, deine Nachbarsleutlein? I. – Die Hirschlein, die Häslein, die Waldvögelein. K. – Johannes, was soll unser Gastgeschenk sein? I. – Wer mit ißt, empfängt ein Johannisgürtlein. K. – Geschürzt und gegürtet, da läuft man viel Stund; I. – Und wird nimmer müde und läuft sich nicht wund. K. – Sag Engel, was soll unser Abschied dann seyn? I. – Daß jedem ich reich das Johannishändlein. K. – Wohin zeigt dem Händlein sein Fingerlein fein? I. – Hin auf das Lamm Gottes, dem folget allein. K. – Sag Engel, zum Schlusse, giebt's auch einen Tanz? I. – Ums Feuer, ums Feuer mit Kranz und mit Glanz. K. – Beim Heimgang, wer wird ein Laternchen uns leihn? I. – Die Sternchen und tausend Johanniswürmlein. Als sie so weit gesungen hatten, kamen sie zwischen viele Rosenhecken und Johannisbeerstauden und begannen lustig durcheinander zu schreien: »Feuerrothe Röselein, Aus der Erde springt der Wein, Aus dem Blute dringt der Schein, Schwingt das rothe Fähnelein!« Da fingen sie an die Beeren zu essen und den Johannisengel und seine rosige Mutter mit den Röselein zu bekränzen. – Hier verließ ich den Zug mit den drei Lilienfräulein, da wir an die Johanniskapelle zurückkamen, hatte Jakob von Guise so eben viele Wachskerzen gesegnet, er theilte sie uns und vielen Anwesenden aus und führte uns in Prozession, Gottessegen erflehend, um die Felder. In der Nähe der Stadt trennte ich mich von der Schaar und begab mich mit meinen Mägden in das Schloß. In meinem Gemache fand ich eine große Freude. Da trat mir mein liebes Herzgespann mit dem schönsten Johannisengel entgegen. Sie hatte ihr Kindlein, das liebste Röschen mit den schönsten Blumen umgeben und legte mir diesen lächelnden Johannisstrauß in die Arme. Ich dankte ihr von Herzen und lehnte das liebe Kind mit heißem Wunsche, Gott möge es segnen, an meine rechte Schulter. Ich betete still und gab es der Mutter wieder, die es aus den Blumen wickelte und auf mein Kissen legte. – Nun erzählte ich dem lieben Herzgespann die Heilung Klaretas und das Geheimniß der Kleinode, da lehnte sie ihr Haupt unter Thränen auf meine rechte Schulter und sprach mit großer Innigkeit: »Amey! wie wächst mir der Frieden im Herzen, sieh, ich habe immer geahndet, es müße etwas Heiliges an dir seyn, darum machte es mich auch so glücklich, als du mein Röschen zuerst in den Garten trugst, du hast es doch auf dem rechten Arme getragen?« – »Ja,« erwiederte ich: »aber fällt dir Nichts ein, was du einmal zu mir gesagt, da wir zusammen im Kloster erzogen worden? ich habe gleich daran gedacht, als Klareta mir heute das vergessene Geheimniß der Achselspangen wieder eröffnete.« – »O ich habe dich noch nie vor mir wandeln sehen,« erwiederte mein Herzgespann, »ohne daran zu denken; – es war, da ich zum erstenmal in der Prozession das Marienbildlein mit dir auf den Schultern trug; wir waren vier Jungfrauen, und ich wandelte hinter dir, immer mußte ich deine Schultern anschauen, immer erwartete ich, es sollten Engelsflügel daraus hervorsproßen, weißt du noch, wie ich dich zu Haus umarmte und dir so ernsthaft sagte, es sey nicht ohne Bedeutung gewesen, daß in der Stunde deiner Geburt gesungen ward: »uns ist ein Kindlein geboren, sein Reich ist auf seinen Schultern« und daß dein Vater dich mit der Grafschaft Vadutz beschenkte, indem er die Kleinodien auf die Schultern deiner Mutter heftete; – sieh, damals schon, als Niemand mehr etwas von der Bedeutung dieser Edelsteine wußte, ahndete ich eine wunderbare Macht in deinen Schultern, und wie oft hast du mich fragen müssen, warum ich in meinen Betrübnißen mein Haupt immer auf deine rechte Schulter lehne, da ich mich doch an deinem Herzen ausweinen könne? – aber ich lehnte mein Haupt wieder hin und sagte: »O Amey, ich weiß es nicht – aber wenn mein Herz schwer ist, lege ich meine Last auf deine Schulter, denn in ihr ist deine Macht; – sie kann mehr tragen als dein Herz! – sieh Amey, es war die Kraft jener Kleinode, die ich fühlte; und ich bitte dich, bedenke den Wunsch der Lilienfräulein, stifte ihnen ein Kloster Lilienthal, du hast durch sie deinen größten Schatz, der versunken war, wieder gehoben; – o thue mir auch diese Liebe noch zu dem Vielen, was ich dir verdanke.« – »Du mir?« sprach ich, »mir, welche in deinem Frieden, deiner Milde und Schonung immer allen Trost gefunden hat.« – »Amey,« erwiederte sie, »alle der Friede ist von dir, ist von Gottes Gnade, Gottes Kraft, welche in dem Edelsteine wohnet.« – Da umarmten wir uns und ich versprach ihr, wegen dem Kloster Lilienthal mit frommen Männern zu Rathe zu gehn, so etwas müße reichlich überlegt seyn, und es müße doch auch erst das Johannisfest vorüber und meine große Wäsche wieder in den Schränken seyn; in welchem beidem sie mir vollkommen Recht gab. – Kaum hatte sie mich mit ihrem Kindlein verlassen, so kam Jakob von Guise, den ich darum gebeten hatte, nach der Prozession zu mir. Ich erzählte diesem in geistlichen und weltlichen Dingen hochbewanderten Mann, der eine Chronik des Landes Hennegau bis zur Erschaffung der Welt hinauf zu schreiben begonnen, Alles, was ich diese Nacht durch Klareta von dem Ursprung und der Kraft der Achselbänder erfahren und wie die Heilung Klaretas diese Kraft bestätiget habe. Auch dankte ich ihm, daß er heute Morgen in der Kapelle den Segen der Kleinode erneuert, und fragte ihn, wie ich mich zu verhalten hätte, so die Kraft der Kleinode bekannt würde. – Jakob von Guise hörte Alles ruhig und ohne besonderes Staunen an, dann und wann lächelte er, freundlichen Beifall gebend, oder richtete die Augen gegen Himmel. Er sprach: »Alles dieses befremdet mich nicht, wir wollen Gottes Gnade darin bewundern und treu bewahren, wir wollen danken, daß keine Sünde darin ist und bitten, daß wir nicht versucht werden. Unser Zusammenhang mit dem ersten Menschenpaar ist uns so nah und gewiß, als Sünde, Tod und Erlösung; wie sollen wir groß staunen, die Spangen Rebeckas, den Stein Jakobs, den Ring Salomonis mit Vadutz und Hennegau in Berührung zu sehen, habe ich doch in meiner Chronik die nahe Verwandtschaft des Volkes Gottes mit dem Lande Hennegau augenscheinlich bewiesen. Fände aber solche Verwandschaft nicht überall statt, wie wäre dann die Geschichte jenes Volkes eine heilige Geschichte, und was ginge sie uns an. – Daß die Kraft der Kleinode bekannt werde, ist weder zu suchen, noch zu verhindern. Gott hatte sie verborgen, Gott hat sie wieder zu Tage gelegt, wir wollen einen heiligen Gebrauch davon machen, wie von uns selbst. Bei der Geburt des armen Kindes von Hennegau ward gesungen: »sein Reich ruht auf seinen Schultern,« wie soll es nun dieses Reich recht regieren, als nach dem Gesetze: »nimm dein Kreutz auf dich und folge mir nach!« Erwäge und befolge, was ich dir heute Morgen in des Täufers Kapelle gesagt, da ich dich und die Kleinode segnete, und du wirst sie würdig auf deinen Schultern tragen. – Nun will ich dir auch die alten Sagen vom Ursprung der Achselbänder Rebeckas mittheilen, welche der Mönch von Kloster Bänderen der Klareta mitgegeben und diese mir überreicht hat. Ich habe noch Einiges dazu geschrieben, was ich auf eine so merkwürdige Weise vernommen habe, daß es mir nicht ganz verwerflich schien. – Am Tage St. Servatii ging ich von des Täufers Kapelle tiefer in den Wald zu meiner Einsiedelei, um ruhiger die Schrift über die Kleinode zu lesen, die mir Klareta gegeben. Als ich still wandelnd hin und wieder am Wege einige Kräuter brach, begegnete mir mit flüchtigem Schritt ein sehr alter, fremdartig gekleideter Mann von jüdischem Aussehen. Da ich nun sehr gern mit solchen Leuten spreche, welche Vieles erlebt, das ich in meine Chronik gebrauchen kann, lud ich ihn nach freundlichem Gruße ein, ein wenig bei mir in der kleinen Einsiedelei zu ruhen, in deren Nähe wir angelangt waren. Als ich vom Ruhen sprach, zitterte er, blickte mich an, Thränen floßen von seinen Augen, sein Schritt ward noch eilender und er sprach, indem ich neben ihm her lief: »ich suche Ruhe, aber ich werde sie erst finden, wenn alle ruhen, ich bin Cartophilax, der ewige Jude, Ananias hat mich getauft, als Christ heiße ich Joseph, aber ich darf nicht ruhen bis ans Ende der Tage, und doch muß ich immer dahin streben, wo ich Ruhe finden könnte, und komme ich dem Orte nah, so verdoppelt sich meine Flucht.« Ich fragte ihn, ob er dann hier zu Lande Ruhe finden könne, weil er seine Schritte so beschleunige, da erwiederte er: »der Fels von Edelstein, an dem ich ruhen könnte, ist zersplittert über die ganze Erde; der Stein Sakrath, auf dem ich ruhen könnte wie Jakob, ist zersprungen in drei Theile, ich habe ihn gesucht in Bethel, im Tempel und in St. Eduards Stuhl in England und mußte überall fliehen; von England komme ich und könnte nun hier ruhen an der Schulterspange Rebeckas, welche allen Menschen Friede giebt, aber ich muß fliehen, denn ich habe dem, dessen Reich auf seinen Schultern war, keine Ruhe gegönnt.« Kaum hatte er die Schulterbänder der Rebecka erwähnt, als ich ihn beschwor, mir zu erzählen, was er davon wisse; und er theilte mir mancherlei davon mit, auch wie sie durch den hebräischen Märtyrer an Kaiser Curio gekommen und noch bei den Lehnsträgern von Vadutz seyen. Was er aber Alles aus indischer und morgenländischer Völker Geheimlehre davon erfahren, schrieb ich mit der Schrift des Mönchs ans Bänderen zusammen und werde dir es überreichen, daß du es deinen Tagebüchern beifügest. – Da mich dieser entsetzliche Mann nun zu großem Mitleid bewegte, sagte ich zu ihm: »Joseph komme mit mir, die Trägerinn der Achselbänder Rebeckas ist Milde, sie wird deinem Haupte gern vergönnen ein wenig zu ruhen;« er aber erwiederte mit erschreckendem Ernst: »ich werde nicht ruhen, als bis alle zerstreuten Edelsteine wieder gesammelt sind um den verworfenen Eckstein des Tempels, den auch ich von mir gestoßen!« Nach diesen Worten brach er in Wehklage aus und wollte durch die Büsche hinweg eilen, aber ich faßte ihn am Mantel mit den Worten: »erst sage mir von allem Mitgetheilten, was ist Wahrheit?« – Ihn aber durchzuckte diese Frage mit schrecklicher Erinnerung, er zitterte, blickte mich an und erwiederte: »Wie du fragest, so fragte Pilatus den, der gesprochen, ich bin in die Welt gekommen, der Wahrheit zum Zeugniß, wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. – Weh mir! ich war nicht aus der Wahrheit, aber ich hörte doch ihre Stimme, sie sprach zu mir, der sie fortstieß auf den Leidensweg: »ich gehe, und du sollst gehen, bis ich komme« – das geschah nach der Frage, was ist die Wahrheit? und so irre ich der Wahrheit zum Zeugniß über die Erde bis zum Tage, da sie wiederkehrt.« – Nach diesen Worten riß er sich von mir los und floh so eilend durch die Büsche hinweg, daß ich ein Kreuz hinter ihm schlug. Möge ihn der Segen erreichen!« – Weiter sprach Jakob von Guise zu mir, ich möge keine Sorge wegen den Kleinodien haben, es könne sich ja gar leicht bald etwas mit mir ändern, ich soll nur streben, mich der Wirkung der linken Seite zu entziehen und der rechten hinzugeben, ich möge bedenken, daß mir gesagt sey, der Siegelring Salomonis werde einst mit diesen Spangen zusammen kommen, und dann komme Alles darauf an, das Rechte zu wünschen. Das Kloster Lilienthal solle ich aus Dankbarkeit gegen Gott den armen Fräulein stiften; eine stäte Fürbitte sey mir bei solchem Beruf sehr zu wünschen. – Ich versprach ihm, nach seinem Rathe zu thun, kniete nieder, empfieng seinen Segen und er verließ mich, nachdem er mir die Schrift über den Ursprung der Kleinodien überreicht hatte, die ich hier meinem Tagebuch beifüge. Von den Lehnskleinodien von Vadutz . – Ich Jakob von Guise habe folgende Sagen, Meinungen, Geheimniße und Ueberlieferungen von den Schulterspangen der Rebecka, dem Stein Jakobs bei Bethel, dem Siegelring Salomonis, dem Stein Sakrath u. s. w. für meine Landesherrinn, Gräfinn Amey von Hennegau, Lehnshuldinn von Vadutz, zusammengeschrieben aus einer Schrift, welche mir Klareta zur Lilien, ein Fräulein aus Vadutz mitgetheilt und aus dem, was mir Carthophylax, der da ist der ewige Jude, am St. Servatiustag im Walde erzählt. Als ich diesen Cartophylax gefragt: »was hievon ist Wahrheit?« antwortete er, »nur der sey die Wahrheit, den Pilatus gefragt, was ist Wahrheit?« Dasselbe erwiedere auch ich Jakob von Guise jedem, der mich fraget, was an diesen Erzählungen Wahrheit sey. – Wahr ist, daß ich sie vernommen habe als Reden der auf der Erde spielenden Menschenkinder seit Jahrtausenden. Ob sie dieselben für wahr gehalten, weiß ich eben so wenig, als ob sie wahr sind. Die Geschichte der Kinder Gottes sind diese Erzählungen nicht. Da aber die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen gesehen hatten, wie sie schön waren, erzählten sie sich Menschenkindermährchen, die waren kristalisirt in Formen der Wahrheit und waren doch nicht die Wahrheit und rollten von Mund zu Mund im Strom der Rede zu uns nieder, bis sie rund und bunt waren gleich Kieselsteinlein, mit denen auch wir spielen. Einige dieser bunten Steinlein aber habe ich hier gesammelt zum Spiele für das arme Kind von Hennegau, meine gnädige Herrinn, auf deren Schultern die Lehnskleinode von Vadutz ruhen. Aus den sieben Schichten der jungfräulichen Erde ließ der Herr sich den edelsten Staub durch den Engel reichen und bildete den ersten Menschen daraus, und da er ihm eine lebendige Seele eingeblasen, ward der Rest jenes Staubes ein Fels der köstlichsten Edelsteine, worin alle Art und Kraft und alles Geheimniß jener zwölf Edelsteine vereinigt war, die in späteren Zeiten auf dem Brustschild und den Schulterspangen Aarons schimmerten. Dieser Fels ward mit Adam in das Paradies versetzet, und er wohnte bei ihm. Er war sein Altar und von ihm aus sprach der Herr mit ihm. Als unsere ersten Eltern nach der Sünde aus dem Paradiese auf die Erde gestoßen wurden, ward auch der Edelsteinfelsen hinabgeworfen, er zertrümmerte und ward in vielen Theilen über die Erde zerstreut. – Als die Menschen nun Kleider empfingen, sich zu bedecken, ward das Kleid Evas mit Spangen von Einhorn, worin Körnlein dieses Edelsteins, auf den Schultern geschürzt. – Wie nun jetzt im Herzen des Menschen Gutes und Böses, Rechtes und Linkes war, so war auch ein Wiederspruch in die Trümmer dieses Felsens gekommen. Alle Stücke der linken Seite wirkten irdisch und leiblich, alle Trümmer der rechten Seite aber himmlisch und geistlich. – Wo die Menschen Altäre bauten, fügten sie Bruchstücke dieses Felsens hinein. Abels Altar enthielt Trümmer der rechten, Kains der linken Seite. – Die Töchter der Menschen suchten funkelnde Körnlein der linken Seite des Felsens, die schöner schimmerten, und schmückten ihre Schultern damit, wodurch sie bösen Zauber übten. – Ein großes Bruchstück des Felsens, das auf die Erde fiel, hieß Sakrath und war das Fundament des wunderbaren Berges Kaf, der die ganze Erde umfaßt. Wer ein kleines Körnlein dieses Steines Sakrath besitzt, kann große Wunder thun. Als Noah in die Arche ging, trug sein Weib die Achselspangen Evas auf den Schultern. – Nach der Sündfluth waren die Trümmer jenes Felsens noch weiter zerstreut, und der Fundamentstein des Berges Kaf, der Stein Sakrath, war herausgewälzt und lag im Lande Kanaan. – Abraham wußte, daß die linke Schulterspange Evas in Labans Familie in Mesopotamien war. Er selbst besaß nur die rechte Spange und er sendete seinen Knecht Elieser dahin, die Besitzerinn dieses Kleinods für Isack zum Weibe zu hohlen. Als nun dieser dort zum Brunnen kam und Rebecka den Krug von der Schulter nahm, um ihm zu trinken zu geben, sah er, daß sie die Spange auf der Schulter trug und erkannte daraus, daß sie die Frau Isacks werden solle; denn die Trümmer des Edelsteinfelsens waren heilige Zeichen, wo sie sich fanden, und die Altväter suchten sie überall auf und brachten sie zusammen, wie sie nur konnten, weil sie eine Prophezeihung hatten, wenn der ganze, bei Adams Fall zertrümmerte und über die Erde zerstreute Edelsteinfelsen wieder beisammen sey, werde ein Tempel daraus gebaut werden und in diesem sich die Verheißung erfüllen. – Unter den Geschmeiden und Armbändern, welche der Knecht Abrahams der Rebecka als Brautgeschenk am Brunnen anlegte, war auch das rechte Achselband, und da nun die beiden Edelsteine auf ihren Schultern ruhten, war eine große Anmuth, ein schönes Ebenmaas leiblicher und geistlicher, zeitlicher und ewiger Kraft in ihr. – Als später Rebecka dem Jakob den Segen Isacks vor Esau verschaffen wollte, befestigte sie ihm das Kleid von rauhen Fellen mit diesen Spangen auf die Schultern und da der Erstgeborne diese Kleinode tragen sollte, hielt ihn der blinde Isack für Esau. – Esau faßte Haß gegen Jakob und raubte ihm die linke Spange, sein Haß ward durch leibliches, irdisches Gedeihen viel ungestümer und gewaltiger. – Als Jakob nach Mesopotamien zog, um sich bei Laban, dem Bruder seiner Mutter, vor der Verfolgung Esaus zu retten, kam er an die Stelle Lus in Kanaan, wo der Stein Sakrath lag, und da er sein Haupt darauf legte und schlief, sah er eine Leiter von der Erde bis zum Himmel; die Engel stiegen auf ihr auf und nieder, und von oben gab ihm Gott die Verheißung; da richtete er den Stein Sakrath auf und salbte ihn mit Oel zu einem Altar, und er nannte den Ort Bethel. – Als Jakob mit Weib und Kind aus Mesopotamien zurückkehrte und sich mit Esau zu Mahanaim versöhnte, gab ihm dieser die linke Achselspange zurück, und Jakob wandelte wieder ruhig zwischen beiden. – Von Jakob kamen nun diese Kleinode von Geschlecht zu Geschlecht bis zu dem hebräischen Mann, der sie nach der Zerstörung Jerusalems nach Rom brachte und vor seinem Martertode dem guten Kaiser Curio schenkte, von dem sie auf die Lehnshulden von Vadutz gekommen sind. – Der Stein Sakrath, auf welchem Jakob die Himmelsleiter gesehen, hieß fortan Bethel und war lange Zeit ein Ort der Anbetung, und es geschah viel Gnade dort. – Ueberall, wo man Bruchstücke des zertrümmerten Edelsteinfelsens aus dem Paradiese fand, richteten die Menschen sie auf, salbten sie zu Altären, und nannten sie Bethel, und viele, welche nur Bruchstücke von der linken Seite des Felsens fanden und denen die Kenntniß der rechten nicht von Vater auf Sohn überliefert war, trieben Abgötterei bei denselben. – Der weise König Salomo hatte einen Ring aus einem Edelsteine dieses Felsen, mit dessen Drehen am Finger er alle seine Wünsche erfüllen konnte; es ist auch eine alte Sage, dieser Ring und die Achselspangen Rebeckas würden einst in den Händen eines Dieners des Messias zusammen kommen. – Als der Tempel vollendet war, wollte Salomon den Stein Sakrath in dessen Mitte legen; aber seine Hände waren nicht mehr rein von Sünde und Abgötterei, und da er den Stein Sakrath berührte, zerbrach dieser in drei Stücke. Das eine Stück kam in den Tempel, wo es noch ruhet, das andre blieb zu Bethel, das dritte aber schenkte Salomo dem König Hiram von Tyrus, der ihm den Tempel zu bauen geholfen. Das Stück, welches zu Bethel geblieben, ward nach Salomos Tod, da sich das Reich gespalten, von dem König Jerobeam von Israel durch Götzendienst entweiht, er ließ das Volk das goldne Kalb dort anbeten. Das dritte Stück, welches mit Hiram nach Phönizien gekommen, wurde von den Phöniziern, die eine Kolonie im Lande Galäzien in Hispanien hatten, wohin sie vielen Handel trieben, dorthin in eine Stadt Brigantium gebracht und dort von ihren kunstreichen Meistern in den Thronstuhl des schottischen Königes Gothol angebracht, der hier darauf sitzend regierte. Nachher ward dieser Stein Jakobs ungefähr 700 Jahre vor Christi Geburt durch den König Simon Breach nach Irland übertragen und später 330 Jahre vor Christi Geburt durch den König Fergus nach Schottland. Endlich im Jahre Christi 650 ließ der Schottenkönig Kenneth den heiligen Stein in die Abtei zu Scone in der Herrschaft Perth bringen und in den Sitz eines künstlich gemalten Krönungsstuhls von hartem Holz einschließen. In unsern Tagen aber vor 21 Jahren im Jahre 1296, als Eduard I., König von England den Schottenkönig Johannes Baillot besiegte, hat er den Stuhl nach London in St. Eduards Kapelle in der Westmünster-Abtei gewidmet, wo er als Krönungsstuhl der englischen Könige bewahrt wird, und sind diesem Stuhle Pfleger bestellt, welches Amt bei den Grafen Gothol aus dem Geschlecht der alten Schottenkönige ist. – Hier endet, was ich von den Kleinoden von Vadutz durch die Chronik von Bänderen und den Carthophilax erfahren. Abend des Johannistag . – Ich zog mit den Ordensgespielen hinaus zur Bleiche, jede führte eine Schaar Kinder, welche alle Reiser- oder Schilfbündlein trugen, jeder Schaar ward ein Blumenkranz vorgetragen. – Während ich bei den drei Fräulein in meinem Zelte war, das sie mir ganz mit Blumenkränzen bedeckt hatten, legten meine Gespielen die Reiser- und Schilfbündel zu den Johannisfeuern zusammen. Das erste, mir zu Ehren, ordneten sie vor Johannis Kapelle, welche am höchsten liegt. Jede der acht Schaaren opferte ihre besten Reiser dazu, und Klareta hatte den schönen Blumenkranz geflochten, der darüber zwischen zwei Birkenstämmchen aufgehängt ward. Dann baute jede Schaar der Anhöhe entlang ihren Schilfhaufen auf und hängte ihren Blumenkranz darüber, so daß am Waldrand um die Bleiche her neun Haufen errichtet waren. – Alle Jungfrauen und Jünglinge der Stadt zogen in ihrem schönsten Putze in Chören singend heran. – Aus dem Walde kam nun auch die Kinderschaar mit dem Johannisengel singend zur Kapelle gezogen; die Sonne sank, noch brannte kein Licht, außer die Lampe in der Kapelle. Der Johannisengel ward wieder wie am Morgen in den Blumenkranz mit seinem Lamm gesetzt, und seine rosigte Mutter Elisabeth kniete hinter ihm. Es sah gar lieblich aus, Alles war still und dunkel umher, nur Immel und seine Mutter schimmerten, denn beiden hatte man so viele leuchtende Johanniswürmchen in ihre Blumenkronen befestigt, als man nur finden konnte. – Jakob von Guise sprach noch eine kleine Ermahnung über das heutige Fest und den Gebrauch dieser Feuer. – Er sprach: »bei diesen Feuern sollet ihr gedenken, daß Johannes nicht das Licht war, das in die Finsterniß leuchtete, sondern daß er Zeugniß davon gab, damit alle Menschen an das Licht glaubten; – ihr sollet denken bei diesen Feuern, daß Johannes gesprochen: »ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kömmt, wird euch mit dem heiligen Geiste und mit Feuer taufen!« und wenn ihr durch das Feuer springet sollet ihr gedenken, daß wir alle durch das Feuer der Läuterung gehen müssen; – wohlan so erwäget die Worte der ewigen Wahrheit: »Johannes war eine brennende Leuchte, ihr aber wollet eine kleine Weile in seinem Lichte fröhlich seyn!« – Nach diesen Worten segnete Jakob von Guise eine Kerze, zündete sie an der Lampe an und überreichte sie der Mutter des Johannisengels; diese gab sie dem Knaben hin und führte ihn zu den Reisern, die er mit der Fackel entzündete. Hoch auf prasselte die Gluth, wir ringten und reihten umher und sangen: »Feuerrothe Röselein, Aus der Erde springt der Wein, Aus dem Blute dringt der Schein, Roth schwang ich mein Fähnelein!« O! die schimmernden fröhlichen Kinder und Jungfrauen in ihrem Schmuck und der Blumenkranz über ihnen von der Flamme unter dem Sternhimmel beleuchtet! – Die rosigte Mutter mußte den Johannisengel fest auf den Arm nehmen, er zappelte mit Händen und Füßen und wollte mit aller Gewalt durch das Feuer springen. Wer kann sagen, wie hinreißend ihr blühendes Antlitz neben dem freudigen Engelskopf Immels im Lichte des Feuers glühte, es war als ringe eine Rose mit einem Schmetterling, der sie fortreißen will in die Gluth. – Da eilte sie fort mit ihm zu dem zweiten Feuer, daß er es entzünde, dann zum dritten und bis zum neunten, wo schon sein Wägelein harrte, in dem man ihn müde und entschlummernd in die Stadt zurückführte. – Wie aber erging es mir? – Von allen vier Winden her lockten die Schallmeien der Hirten und der Gesang: »Feuerrothe Röselein,« wo ich hinblickte, loderte ein Feuer auf, überall war ich hingerissen; es war, als sey ich ein ausgerüstetes Schiff mit allen Segeln dem Winde Preis gegeben, alle ernsten Erfahrungen der letzten Tage lagen zwar, wie ein schwerer Ballast in mir, und wie kräftige Anker waren sie ausgeworfen nach allen Seiten, – aber die Taue waren zu schwach oder zu kurz, sie reichten nicht zum festen Ankergrund; die Töne und Chöre hoben und wiegten mich mit stets höher schwellenden Wogen, die rings um bis zum fernsten Hintergrund sich mehrenden Feuer, von hüpfenden Schatten umkreist, lockten mich, alle Winde füllten meine Segel und rissen mich dem schimmernden Ziele entgegen. – Ja ich armes Kind von Hennegau war gleich einem Schmetterling, dem das Feuer als ein offnes Thor, zu dem Garten aller leuchtenden Lust aus der traurigen Nacht führend, erscheint, und der sich hineinstürzt; – öffentlich schäme ich mich darüber und ganz heimlich freue ich mich, daß es alle gesehen haben, wie mich die allgemeine Freude überwältigte, wie der Sturm einen Vogel fortreißt. »Feuerrothe Röselein« lockten alle Chöre und antwortete meine Seele. – Mir blieb die Zeit nicht zu fragen: »was sagt das fromme Hühnlein dazu, oder was macht das Büblein?« – Auf die Frage aber, was that das arme Kind von Hennegau? antworte ich: »es kreuzte die Hände ehrerbietig auf die Schulterbänder, als bitte es um deren Schutz,« es rief. »feuerrothe Röselein!« und sprang freudig die Erste durch das Feuer, und riß wie üblich im Sprunge eins der Röslein ab, welche an rothen Wollfäden von dem großen grünen Kranze über jedem der Feuer niederhiengen; – drüben flog ich einer Jungfrau in die Arme, ich wußte nicht welcher, so schnell riß ich mich los und sprang durch das zweite Feuer, und wieder fingen mich schützende Arme auf, und wieder entriß ich mich ihnen und sprang über das dritte, vierte, fünfte, sechste, siebente und achte Feuer, und an jedem riß ich ein Röslein vom Kranze, und alle andern sprangen mir nach. – Hier aber ruhte ich wieder an einem sorgenden Herzen. Es war Klareta, die mir immer vorgeeilt war und mich aufgefangen hatte. Jetzt aber ließ sie mich nicht so schnell entwischen. Sie trocknete mir den Schweiß von der Stirne, hüllte mich in ihren Mantel und sprach: »Amey, komme zu Athem, welcher Eifer ergriff dich? o lasse es gut seyn – sich dort ist das neunte Feuer! und alle deine Jungfrauen sind zurückgekehrt; denn es ist ein allgemein bekannter Aberglaube unter dem Volke, ein Mägdlein, das über neun Johannisfeuer springe, werde in diesem Jahre noch heurathen.« – Ich dankte Klareta herzlich, daß sie mich zurückgehalten, denn sonst wäre ich schon über diesem neunten Feuer drüben gewesen, und was hätten dann die Leute von mir gedacht? denn keine Jungfrau, welche über die acht frühern Feuer gesprungen, sprang über dieses, um nicht der lärmenden Neckerei ausgesetzt zu seyn. Mich verdroß der Aberglaube, ich war so schön im Zuge, ich wäre gern nochmals gesprungen; ich sprach zu Klareta: »komm führe mich in mein Bleichzelt, sonst stehe ich dir für Nichts gut, denn mir ist, als stecke mir noch ein Sprung in den Füßen.« Wir mußten aber, um dem neunten Feuer auszuweichen, das am Ende eines Hohlwegs brannte, eine Strecke zurückgehen; sieh, da kam uns Gluth und Jauchzen entgegen; in schnellem Lauf trieben die jüngern Bursche ein mit Stroh und Reisern umwickeltes, großes, brennendes Rad in den Hohlweg auf das Feuer los; vor dem Rade her floh eine Schaar von muthwilligen Mägdlein, welche sie neckend gegen das neunte Feuer hintreiben wollten. Es war kein Ausweg für mich zwischen dem Rad und dem Feuer; Klareta warf sich in einen Busch, mich trieb die Schaar der Mägdlein vor sich her. Ich war früher am Ziel und im schnellen Sprunge über die Flamme hinaus, und hatte nun auch das neunte Röslein erobert und in meinem geschürzten Vortuche bewahrt. – Man erkannte mich nicht in Klaretas Mantel. – Ich eilte aus dem Getümmel und traf bald mit meinen Gespielen zusammen, welche singend mit ihren Kinderschaaren zur Stadt zurückzogen und mich an meinem Schlafzelt auf der Bleiche verließen. – Die Schwestern Klaretas, welche auf der Bleiche wachend zurückgeblieben waren, boten mir vor meinem Zelt gute Nacht, küßten mir die Hände und verließen mich. – In dem Zelt fand ich Klareta. Sie saß dicht neben dem Eingang an der Erde. Ich sah sie, wendete mich aber nicht zu ihr; von Thau benetzt, legte ich Klaretas Mantel ab und andere Schuhe an und stand einige Augenblicke stumm vor dem kleinen Tisch, auf welchem meine Leuchte vor einem schönen Johannisblumentopf brannte und eine Schüssel mit Brod und Früchten aufgetragen war. Klareta hatte für Alles gesorgt. Wie ich so stand, umfaßte sie meine Füße und sagte: »Gott sey Dank, daß du da bist ohne Unfall!« nun nahm sie die neun Röslein aus meiner Schürze und legte sie auf einen Teller; »sie sind gesegnet,« sprach sie, »die Mägdlein und Frauen tragen sie an den rothen Wollfäden am Halse, das deutet auf das Blut Johannis bei seiner Enthauptung. Sie tragen sie in frommer Hoffnung, Gott möge sie durch die Fürbitte des heiligen Täufers vor dem Veitstanz und allen Nervenübeln bewahren.« – Ich schenkte die neun Röslein der Klareta, weil ich, Gott sey Dank, nie eine Spur solcher Krankheiten gehabt; sie dankte herzlich. – Ich war gar einsilbig, ich war ermüdet und trotz meiner heftigen Theilnahme an der Johannislust innerlich schwer und traurig. Noch immer bewegte mein Herz der Festjubel durch Musik, Gesang, Jauchzen und Feuer, die in mein Zelt hereinklangen und schimmerten, und doch trauerte ich und konnte nicht deutlich sagen um was. – Es ist ein Hang nach Unabhängigkeit in mir, der mich verschließt, wenn er gefesselt ist. – Es war so viel Außerordentliches über mich gekommen, daß ich alle Aeußerung unterdrückte aus Furcht, irgend eine Gewalt über meine Seele zu zugestehen. – »Soll ich das Nachtgebet mit dir beten?« fragte Klareta. – »Ich will allein beten,« antwortete ich und stand auf; da verließ sie das Zelt. Ich betete vor meinem Lager knieend und sie draus unter dem Sternhimmel. – Als sie durch meine Bewegung vernahm, daß ich geendet, fragte sie um die Erlaubniß, zu mir zu kommen. Ich gestattete es. Sie brachte ein Gefäß mit lauwarmem Wasser und setzte es zu meinen Füßen vor mein Lager, auf dem ich saß. Stillschweigend ließ ich mir die Haare von ihr flechten, ich war in einem dumpfen Hinbrüten, das nur dann und wann das ferne Singen: »feuerrothe Röselein« unterbrach. Klareta wusch mir die Füße, ich bedurfte es, sie hatte es gefühlt, ich nicht begehrt. Als sie aber ihre langen Haare auflößte, um mir die Füße damit zu trocknen, weigerte ich mich des Dienstes; sie aber flehte: »o lasse es geschehen, diese Haare haben mir bis jetzt nur zur Eitelkeit gedient, o lasse mich einen Dienst der dankbaren Liebe mit ihnen verrichten, damit sie doch ein Verdienst haben, wenn sie mir nun bald abgeschnitten werden!« – ich fügte mich ihrem Willen, aber ich war doch hart gegen sie, indem ich ihre Hoffnung zum Kloster gar nicht zu kennen schien und zu ihr sprach: »du wirst doch deine schönen Haare nicht abschneiden lassen?« – das that ihr weh, ich fühlte ihre Thränen auf meine Füße rinnen. Da sprach ich: »ich muß mir selbst helfen, sonst erneust du das Fußbad;« da faßte ich ihre Haare und trocknete meine Füße. – Ich weiß nicht welches Gefühl mich erschütterte, als ich ihre Haare faßte. Ich hatte sie unaussprechlich lieb – das heißt, ich hätte diese Neigung getödtet, wenn ich sie ausgesprochen. – »Gieße das Wasser hinaus,« sprach ich, »damit die Gräslein und die Gänseblümchen auch etwas von dem Feste haben, es war so heiß heute, sie sänftigen ja alle unsre Schritte mit solcher Liebe, wir nehmen es an, als verdienten wir es, und treten sie mit Füßen, als verdienten sie das; so muß man nicht seyn.« – Da ich nun hörte, daß sie das Wasser ausgoß, sprach ich vernehmlich: »ach, wie das erquicket! Klareta gieb mir auch zu trinken.« – Sie reichte mir ein Glas frisches Wasser und hielt mir es erst durch eine Oeffnung des Zeltes gegen den Sternhimmel, damit ich seine Klarheit sehe. – »Das ist klar wie Klareta,« sagte ich und trank und gab ihr den Rest und hatte das Gefühl, gar liebreich gewesen zu seyn, schämte mich auch gar nicht, sondern lächelte, wie sehr ich die Tugend gegen die Gänseblümchen empfahl, die ich gegen Klareta vernachläßigte. Ich streckte mich dann zum Schlafen aus, und da Klareta sich schweigend zu meinen Füßen legte, merkte ich es wohl, that aber nicht dergleichen. Ich träumte denselben Traum wie gestern, nur durch die vielen Eindrücke des Abends und mein Wissen von der Bedeutung der Kleinodien noch lebhafter und banger. Auch Klareta träumte Dasselbe zugleich und weckte mich abermals mit ängstlicher Theilnahme. Wie gestern erzählte sie mir weit mehr aus meinem Traume, als ich ihr mitgetheilt hatte. Zum Beispiel sagte sie mir heute: »die Löwen wollten dich hinausführen auf die Heide, auf das Moos, da solltest du die Kibitze hüten, aber des Hahnen Schrei hat die Löwen verscheucht, und Verena ist mit dem frommen Hühnlein gekommen; denn nicht die Kibitzen sollst du hüten in der Wüste, nein, einen ganzen Hof schöner bunter Hühnchen, – nein, viele liebe, lustige, reine Lämmer, nein, viele fromme, freudige Kinder – und Friede wird wohnen auf deinen Schultern, und Salomonis Ring wird dir erfüllen alle deine Wünsche; aber stifte uns ein Kloster Lilienthal, daß wir für dich beten, denn es ist Gefahr auf deinen Wegen.« – Bei diesen Worten umfaßte sie wieder meine Füße und schien sehr bewegt; ich aber sagte zu ihr: »Klareta, sey nicht so ungestüm, das macht mich ganz krank; durch neun Feuer bin ich gesprungen, und doch bin ich viel kälter als du, die mich nach acht Feuern in den Armen auffing. Es ist in diesen Tagen so Vieles über mich gekommen, auch ist mir so traurig und schwer, als solle ich bald von Allem scheiden, was mir lieb und theuer ist. Als ich so durch die neun Feuer springen mußte, war es mir, als sollte ich Alles in mir verbrennen, was mich noch feßle. – Ich habe den Orden der freudig frommen Kinder gestiftet; daß ich fromm sey, gebe Gott! aber freudig bin ich nicht mehr; o Klareta! ich will ja das Kloster Lilienthal stiften, aber du siehst doch wohl selbst ein, daß das tägliche Thun auch sein Recht hat und ein reiner Boden nöthig ist, um eine wichtige Sache würdig zu beginnen. So wirst du dann auch wohl fühlen, daß ich nothwendig erst meine große Wäsche wieder von der Bleiche in den Schränken haben muß, ehe ich an so etwas mit Ruhe denken kann; hilf mir schön morgen früh, wenn wir fertig, wollen wir sehen, wie es mit dem Kloster wird. Gute Nacht, jetzt bin ich müde!« – Da ging Klareta gegen die Thüre des Zeltes, aber sie kehrte nochmals um, und sagte: »o meine Herrinn! senke doch einschlafend dein Haupt zur rechten Seite, auf daß dir das Kleinod Friede gebe!« – ich nickte und sie schied. ich wollte thun, wie sie gebeten, aber entschlummernd that ich das Gegentheil und erwachte unter Thränen. St. Eligiustag nach des Täufers Tag . – Heute früh weckten mich meine Gespielen mit liebem Gesang; als ich zum Zelt heraustrat, hing alles mein Geräthe schon auf den Leinen und wehte der aufgehenden Sonne entgegen. – Klareta und die Schwestern hatten nicht geschlafen und Alles so geordnet. Um acht Uhr war Alles in Körben in das Schloß gefahren, und nun strichen, plätteten und falteten wir alle emsig darauf los. Wir waren sechs und dreißig Mägdlein in drei Hallen arbeitend. Es war eine rechte Freude, Alles war schneeweiß und lind. St. Johannis Thau hatte mit vollem Segen gewirkt. Ich habe noch nie eine so gesegnete Wäsche gehabt. Noch vor Abend war Alles aufgeschrieben und in den Schränken. – Nachdem wir ein kleines Mahl eingenommen, führte ich Alle in den Grafensaal, wo Jakob von Guise und mein Kanzler mit der Stiftungsurkunde von Kloster Lilienthal im Ländchen Vadutz, die ich ihnen zu verfassen befohlen hatte, unsrer warteten. Ich begab mich mit den Ordensgespielen in meine Kleiderkammer und legte meinen Grafenmantel an und setzte die Krone auf; dann trat ich von meinen Gespielen begleitet in den Saal und setzte mich auf den Grafenstuhl. Die drei Fräulein zur Lilien knieten vor mir auf dem Teppich. Der Kanzler verlas die Urkunde, in welcher ich den drei Schwestern zur Lilien Felder, Wiesen und Gärten und mancherlei Zehnten anwies, um eine kleine Klostergemeinde zu erhalten; zugleich befahl ich meinem Kanzler, in Vadutz den drei Fräulein ein Kloster mit Kirchlein und Garten und allem nöthigen Zubau in die Nähe der Hütte Jürgos aus meinen Mitteln zu errichten. Dem Kloster legte ich die Pflicht auf, auf meinem Grabe drei weiße Lilien zu erhalten und den Braut- und Leichenzügen jeder meiner weiblichen Nachkommen, welche die Lehnskleinode von Vadutz trage, drei Schwestern des Klosters mit weißen Lilien folgen zu lassen. Die Ordensregel überließ ich ihnen und Jakob von Guise, und stellte sie unter das Kloster Bänderen. Ich empfahl ihnen zur Aufnahme in ihre Regel Gebet und Arbeit, namentlich Erziehung verlassener Mägdlein, weil sie selbst Solche waren, und Erbarmen gegen die nachgelassenen Töchter der Kreuzfahrer. Ihr Hauptgeschäft sollten sie die Weberei zum Kirchenschmuck bei Klareta sein lassen. Auch bestellte ich eine große Tapete, die Geschichte des Kaisers Curio vorstellend und versprach ihr reichlichen Lohn in das Kloster. Nachdem der Kanzler Alles dieses gelesen hatte, reichte er mir die Urkunde, ich siegelte sie mit dem Kleinod der rechten Achselspange und überreichte sie Klareta, die sie küßte und eben so ihre beiden Schwestern; dann nahten sie mir, berührten meine rechte Schulter mit der Stirne, ich umarmte sie und verließ den Saal. St. Johannis und Pauli, der Wetterherren Tag . – Ich gieng vor Tag mit einer vertrauten Kammerfrau zu des Täufers Kapelle, von den drei Fräulein Abschied zu nehmen. Ich hatte ihnen einige Roße und Knappen dahin bestellt. Jakob von Guise wollte sie geleiten, um ihnen in Vadutz Alles einzurichten. Sie sollten in den Frauenklöstern seines Ordens unterwegs einkehren. Nachdem er den Gottesdienst gehalten, gab er uns den Segen. – Man führte die Roße voraus, ich geleitete sie eine Strecke in den Wald. Klareta folgte still in einiger Entfernung, ich redete mit Jakob von Guise. Als die Stelle da war, wo die Roße ihrer harrten, und ich bereits allen die Hände geboten hatte, wendete ich mich auf dem Punkte zu scheiden, zu Klareta und fragte: »wo warst du dann geblieben?« – Sie sprach: »ich überdachte Alles, was wir in diesen Tagen erlebt und was du erfahren und betete in deine Fußstapfen, gedenke des Traumes!« dann warfen sich die drei Schwestern auf die Kniee, dankten und reisten von dannen. Ich eilte aber nach Haus, denn bei den Worten Klaretas: »gedenke des Traumes,« fiel mir ein, daß ich die verflossene Nacht viel von der amaranthseidenen Decke von Hennegau geträumt hatte, welche zu dem Brautschatz meiner Mutter gehörte und auch über ihr Paradebett gebreitet gewesen ist. Was ich von dieser Decke geträumt, wußte ich nicht mehr, aber die Mahnung Verenas bei ihrem Abschied, ich solle besonders auf die Decke achten, und die Stimme des frommen Hühnleins bei dieser Mahnung fielen mir gar sorglich auf das Herz. – Ich war in Sorgen um die Decke, ich erinnerte mich nicht, die Decke gestern Abends bei dem Einräumen des Geräthes an der gewöhnlichen Stelle im Schranke gesehen zu haben. Ich war gestern so gestört durch die vielen Erfahrungen. Ich eilte schnell nach Haus und war so voll Sorge um die Decke, daß ich die mich begleitende Kammerfrau nicht zu fragen wagte, ob sie die Decke gesehen. – Im Schloße durchsuchte ich alle Schränke und Behälter – die Decke fand sich nicht. – Das machte mich ungemein traurig. Diese Decke war mir immer das rührendste unter all meinem Besitze gewesen; ich hatte die bleiche erhabene Gestalt meiner Mutter zum letztenmale auf ihr erblickt. Sie war eine Art Schatz in der Familie, es hingen allerlei Weissagungen mit ihr zusammen, die mir nie ganz eröffnet wurden. Die Mutter hat mir sie oft gezeigt, ja sie hat sie auch ausgebreitet und nur mir darauf knieend mich beten gelehrt. Sie pflegte dann zu sagen: »O herzliebe Amey, du stickest mir so viele Tapeten und nähest allerlei Bildwerk zu meiner Freude, hilf mir diese Decke mit Gebet zu verzieren; wir wollen sie schmücken mit Blumen der Andacht, daß sie blühet wie ein Blumenbeet, und darin will ich ruhen im Tode, und auch du sollst auf dieser Decke sterben. O hüte die Decke, lasse sie nicht entkommen!« – Alles das fiel mir peinigend ein und ich suchte von neuem vergebens. – Als ich nun endlich meine Kammerfrauen nach der Decke fragte, sagten sie, allerdings sey die Decke mit auf die Bleiche gekommen, um durch den Johannisthau vor Mottenfraß geschützt zu werden, sie hätten sie aber bei dem Rückzug in die Stadt nicht mehr gesehen und seyen der Meinung gewesen, daß sie in mein Schlafzelt gebracht worden. – Ich schwieg, um sie durch den Verlust nicht zu schrecken. Ich suchte einsam nochmals in allen Winkeln des Schloßes und wurde von Minute zu Minute trauriger und sehnsüchtiger nach der Decke. – Ich suchte sogar, wo sie kaum Raum hatte zu ruhen. – Ich öffnete eine kleine Lade meiner Mutter, welche ich seit meiner Kindheit nicht geöffnet, denn sie beschämte mich, und auch jetzt befiel mich eine große Angst und geschah mir etwas sehr seltsames. – Ich will hier niederschreiben, was mir als Kind mit dieser Lade geschah. – Meine Mutter bewahrte mancherlei Putz darin, unter anderm lag ihr Brautkränzchen von feinen, feinen amaranthfarbenen Seidenröschen und Perlen geflochten, und ein Besatz des Brautkleides darin, der für mich etwas ganz hinreißendes hatte; um Bauschen von weißem, feinstem Spitzengewebe schlangen sich abwechselnde Gewinde von unaussprechlich feinen, zierlichen kleinen Blümchen, aus bunter Seide um Silberdrath gewickelt; hie und da blitzte ein Sternchen, oder saß ein kleines Vögelchen bei einem Nestchen, worin drei Perlen die Eier vorstellten. Seit ich Das zum ersten Male gesehen, konnte ich es nie wieder vergessen. Dieser Schmuck webte sich in meiner Kindheit Tags und Nachts in meine Gedanken, ich nannte ihn den Himmelsgarten. Manches Marienkäferchen ließ ich durch das Schlüsselloch in die Lade laufen und dachte, wie wunderglücklich es dadrinnen in dem Himmelsgarten herumirren werde, ja ich selbst wünschte nichts sehnlicher, als mit ihm hineinschlüpfen zu können, und oft wandelte ich im Traume in diesen Labyrinthen von zierlichen, kleinen Blumen umher und erlebte dort die artigsten Geschichten. Als ich mich einmal ungemein nach dem Anblick dieses Paradieses sehnte, schlich ich um die Lade und berührte den Deckel – und sieh da, er war offen und ich öffnete. Die Wunderdinge lagen vor mir, ich unterlag der Versuchung, ich nahm einen Theil des Blumenwerks, es war das Bruststück. Mein Herz pochte, meine bebende Hand irrte weiter suchend zwischen den sich deckenden Lagen des Besatzes umher, und mich faßte ein großer Schreck, ich fühlte, als begegne mir eine andere Hand und schiebe mir einen Ring an den Finger; wie der Blitz zuckte ich mit der Hand zurück, schlug den Deckel zu und eilte mit dem Bruststück in meine Kammer und versteckte es in meinem Bette. – Ich konnte nicht erwarten, bis ich zu Bette gieng, ich heftete mir den kleinen Himmelsgarten im Dunkeln mit Nadeln auf mein Nachtjäckchen. – Ach, wohl mit Nadeln, sie stachen mich in der Nacht, ich konnte nicht ruhen, mein Gewissen stach mich, – ich hatte zum ersten Male etwas entwendet, und doch hatte ich diese Tändeleien so lieb, so lieb, mein Herz pochte so laut und bang, daß ich es hörte. Ich wagte diesen Schmuck nicht zu berühren, ich zitterte immer, jene Hand möge mir entgegen kommen mit dem Ringe. Ich entschlief unter Thränen und träumte immer von dem Himmelsgarten, wie ich darin herumirren und endlich, daß jene Hand wirklich in der meinen ruhe; da stachen mich wieder die Nadeln und ich erwachte. Der Tag schimmerte in die Kammer, die ersten Strahlen streiften über mein Bettchen durch die kleinen Blümchen des geraubten Paradieses zu meinen Augen; ich schaute bang durch die kleinen Blumen gerade vor mich hin, ich wagte nicht links, nicht rechts zu blicken; ich fühlte Etwas schwer auf meinem Herzen, ich war so bang wegen der Hand mit dem Ringe; endlich schob ich meine Hand nach der Stelle, wo mich eine Nadel stach, um diese heraus zu ziehen; – aber welch ein Schrecken! wirklich faßte eine Hand die meinige fest und eine Stimme sprach: »halt den Dieb!« – Mit welcher Angst versteckte ich mich unter die Decke, aber ich war bald losgewickelt und sah zu meinem Troste Verena vor mir. Ein sorglicher Traum hatte sie zu mir geführt. Sie fand mich in fieberhafter Aufregung, sie legte mir die Hand aufs Herz, da begegnete sie meiner Hand und ergriff sie. Sie kannte meine Begierde zu diesem Putze, den ich entwendet, und nahm mir das Paradies wie einen Stein vom Herzen, um es wieder zu verschließen. Ich weinte bitterlich an ihrem Halse um mein Unrecht. – »Kind«, sprach sie, »du hast ein Stückchen Paradies verloren, das mußt du beichten, o sage es selbst der Mutter, sie wird dir gern verzeihen. – Kind, das fromme Hühnlein weiß Alles;« – da legte sie mich auf die rechte Seite, ich umarmte sie und flüsterte die gewohnte Frage ihr schluchzend ins Ohr: »was macht das Büblein?« »Es macht sein Sach wieder gut,« erwiederte sie, »das thue du auch!« – da verließ sie mich. – Erst jetzt, da ich weiß, daß das Büblein für den Ersatz seines Diebstahls büßte, verstehe ich, was Verena damals mit den Worten sagte: »es macht sein Sach wieder gut, das thue du auch!« – ich hatte diese Lade seit dem nicht wieder berühret, die liebe Mutter war schon in das wahre Paradies eingegangen, dieses kindische Paradies der Tändelei, dessen Versuchung ich als Kind unterlag, war nun mein Eigenthum, ich hatte es seit dem nicht mehr gesehen. – Als ich die Lade öffnete, um nach der Decke zu suchen, als ich alle die artigen Blümchen wiedersah, kam mir Alles wieder lebhaft in Erinnerung. Ich nahm das amaranthfarbene Brautkrönchen heraus und setzte es auf. Ich nahm das Bruststück und steckte mir es vor, ich schob wieder meine Hand zwischen diese Dinge in die Lade; und war es Wahrheit, war es Täuschung? – Die Hand mit dem Ring begegnete wieder der meinigen – ich zuckte zurück, wie damals und schlug die Lade zu. – Ich kam die Zimmer durchirrend auf die Stelle, wo ich mit der Mutter auf der verlornen Decke knieend gebetet hatte, ich sah umher, als könne sie noch da liegen. – Die untergehende Sonne stand tief am Himmelsrand und blickte durch die Fenster herein; ich sah heftig in sie hinein, als wolle ich die rothe Decke in ihr suchen. Da ich aber meine Augen von dem Sonnenfeuer geblendet wegwendete, schwebte nun ein rother Fleck vor meinen Blicken, wohin immer ich auch schaute. Ich ließ meine Augen, als wolle ich diesen rothen Fleck zwischen Gras und Blumen abstreifen, eine Weile über die thauichte Wiese hin und wieder schweifen, welche vor meinem Fenster in den schrägen Strahlen der Abendsonne wie ein Schmaragd schimmerte, und sieh da! – o Freude! ich sah bald einen tiefrothen Fleck darauf funkeln, welcher der Bewegung meiner Augen nicht folgte, sondern fest ruhte. – Die Decke, die liebe Decke! rief es in meinem Herzen; – ich schaute schärfer hinaus, sie war es, gewiß, gewiß, der Wind hatte sie wohl von der Bleiche dahin geweht, o wie war ich froh, schon begann ich zu singen: »Feuerrothe Röselein, Aus der Erde springt der Schein, Aus der Erde dringt der Wein; Roth schwing ich mein Fähnelein.« Schon wollte ich hinab durch den Garten hinauseilen, als mich die Abendglocke unterbrach, man läutete den Engel des Herrn, ich stand still und betete den englischen Gruß, und indem ich immer hinaus nach dem rothen Fleck sah, wurde mein Herz gar tief bewegt, und ich gedachte des Abends auf der Bleiche mit Klareta und sang unter Thränen: »O Stunde, da der Schiffende bang lauert Und sich zur Heimath sehnet an dem Tage, Da er von süßen Freunden ist geschieden, Da in des Pilgers Herz die Liebe trauert Auf erster Fahrt, wenn ferner Glocken Klage Den Tag beweinet, der da stirbt in Frieden!« Ich war aber nun wegen der Decke beruhigt, ich schob es noch ein Weilchen auf, die Decke auf der Wiese zu hohlen, ich wußte ja, daß sie da lag, und so setzte ich mich, um meine Tagesordnung nicht zu verletzen, wie immer nach dem Abendgeläute an mein Tagebuch, um bis hieher zu schreiben; die Nächte auf der Bleiche hatten mich ohnedies schon gezwungen, Manches nach zu holen. – Jetzt aber blicke ich wieder hinaus nach der Decke, sie schimmert noch roth im letzten Strahl der Sonne, jetzt will ich hineilen allein durch den Garten und will auf der Decke der Mutter gedenken, ihr Brautkrönchen habe ich auf dem Haupt, das Paradiesgärtchen vor der Brust, die heiligen Kleinode von Vadutz auf den Schultern, o wie will ich so gerüstet, allein, allein, allein auf der Decke, auf welcher ich selbst sterben werde, den Tag beweinen, der da stirbt in Frieden! ich hülle mich in meinen Schleier und gehe. – Sechs Wochen später . – Gott sey Lob und Dank! alle seine Führungen seyen gesegnet. Ich war sechs Monate von diesen Blättern getrennt, ich habe sie unter mancherlei harten Prüfungen und bittern Leiden niedergeschrieben, sonst wären sie klarer und kindlicher und Alles, was das Herz des armen Kindes von Hennegau darin bewegte, würde dann auch die Herzen aller andren Kinder bewegen, welche sie in Zukunft lesen mögen – aller andern Kinder, sage ich und verstehe darunter meine Kinder, so Gott mir deren bescheeren wird, denn für sie allein sind diese Blätter geschrieben. Wie mir es aber nach dem obigen Schluße meines Tagebuchs bis heute ergangen, mögen diese Kinder, wenn Gott sie mir schenkt, aus meinem folgenden Briefe an Klareta zur Lilien kürzlich vernehmen, den ich nicht abgesendet habe. Liebe Klareta! Ich danke für dein und der Schwestern Gebet. Es hat die schützenden Engel auf meine Wege gerufen, sie haben mich gefunden, wenn du gleich nicht wußtest, wo ich war. – Die Erfüllung folgte unserm Doppeltraum so dicht auf den Fersen, daß sie meinem Traume beide Pantöffelchen ausgetreten haben würde, hätte er nicht das eine verloren, und dem deinen die Sandalen, wäre er nicht baarfuß gegangen. – Feuerrothe Röselein habe ich gesucht, die Löwen haben mich entführt und bedrängt, der Hahn hat mich gerettet und – der Ring ist an meinem Finger. – Höre! – Am Morgen des Wetterherrentags schied ich von dir und den Schwestern im Walde – du sagtest: »gedenke des Traumes!« – Heimgekehrt vermißte ich die amaranthseidne Decke von Hennegau, du kennst sie, sie war nicht von der Bleiche nach Hause gebracht worden. – Ich suchte den ganzen Tag in großen Aengsten nach ihr. – Am Abend aus dem Fenster blickend sah ich sie im Schimmer der sinkenden Sonne auf der entgegengesetzten Seite der Wiese tiefroth funkeln. Ich hatte suchend einen Theil des Brautschmucks meiner Mutter gefunden, ich hatte in kindischer Tändelei das Brautkränzchen aufgesetzt und das sogenannte Paradiesgärtchen – du kennst Beides – vorgesteckt; in meinen Schleier verhüllt eilte ich einsam und unbemerkt durch das Gartenpförtchen auf die Wiese hin zu der schimmernden Decke. – Je näher ich dem rothen Fleck kam, je mehr vergaß ich die Decke, es war die Macht der rothen Farbe über mein Herz, die mich hinriß, angelangt an die Stelle, flog ich auf die funkelnde Decke hin, wie ein Schmetterling in die Flamme und ich sang und hörte das Lied im Walde singen: »feuerrothe Röselein,« – ich fühlte mich so ermüdet, ich war seit mehreren Tagen von so vielen Eindrücken heftig bewegt, ich hatte alle diese Nächte schier gar nicht geschlafen, vom frühsten Morgen war ich ganz ohne Ruhe gewesen. Ich konnte der Müdigkeit nicht wiederstehen; ich lag mehr auf der Decke, als ich saß; der letzte Sonnenstrahl streifte über das Grüne der Wiese, über die rothe Decke durch die schimmernden Blümchen des Paradiesgärtchens zwischen meine zuckenden Augenlieder, und sie schloßen sich hinter dem Lichtstrahl, wie die Thüre deiner Zelle hinter dir, wenn du schlafen gehst. – Leider entschlief ich plötzlich den Kopf nach der linken Seite senkend! – O Klareta! – wie geschah mir! – ich werde dich bald sehen, da sollst du Alles hören. Hier nur Alles in kurzen Zügen. Der Traum ist erfüllt, die Löwen waren drei Ritter aus dem Thurgau, sie hatten die Decke von der Bleiche entwendet, um mich durch sie wie einen Vogel mit rothen Beeren zu fangen; ich gieng in ihre Netze. Kaum war ich tief entschlafen, als sie die Decke wie einen Sack über mir zusammenzogen, mir den Mund zuhielten, mich auf ein Roß zwischen sich banden und mit gewaltsamer Eile immer nur des Nachts von Wald zu Wald reitend, fern von Hennegau entführten. Mein Hülfsgeschrei verhinderten sie durch die Drohung des Todes. Schon weit entfernt von meinem Vaterlande fragte ich sie: »wohin führt ihr mich?« da erwiederten sie spottend, wie wir geträumt: »auf die Heide, aufs Moos, da sollst du uns die Kibitze hüten.« – Ich ergab mich in mein Schicksal, ich vertraute dem guten Ausgang des Traumes, und betete für diese Elenden, daß Gott sich ihrer erbarmen möge, wenn der Hahn über sie komme; und dieser blieb nicht aus. – Ich erkannte alle Gegenden auf der Reise wieder, die ich im Traum gesehen. Endlich nahten wir im Walde einer Linde, ich kannte sie wohl – da sprachen sie zu mir: »entweder mußt du schwören einen von uns dreien zum Gemahl zu nehmen, und ihn zum Grafen von Hennegau und Vadutz zu machen, oder du mußt uns die Kleinodien von Vadutz von deinen Schultern geben, dann magst du heim ziehen.« Da ich Keines von Beiden eingehen wollte, wollten sie mir bei der Linde die Achselbänder von den Schultern reißen; mein Geschrei erfüllte den Wald; ich flehte zu Gott: »o sende den Hahn, die Löwen zu vertreiben, ich gelobe, so es dein Wille, wenn er mich rettet, den Ring demüthig von ihm zu empfangen.« Da brach ein Ritter hervor mit einem lebendigen schwarzen Hahn auf dem Helm, sein Schwert schlug meine drei Feinde nieder, und der Hahn krähte siegreich auf seinem Helm. Er half mir, er tröstete mich, er saß bei mir unter der Linde, er sah mich freundlich lächelnd an und drehte einen kostbaren Ring an seinem Finger, leise Worte murmelnd. – Ich wußte schon Alles aus dem Traum und that mir eine unwahre Gewalt an, seinen Ring nicht an zu nehmen; ich ergab mich der schützenden Kraft des Achselbandes, ich neigte das Haupt auf die rechte Schulter; aber leider saß er mir zur rechten, unwillkührlich streckte ich den Ringfinger aus, und der Siegelring Salomonis umfaßte ihn, und das arme Kind von Hennegau war die verlobte Braut des Raugrafen Gockel von Hanau auf Gockelsruh. – Das Brautkrönchen der Mutter hatte ich auf dem Kopf, das Paradiesgärtchen vor der Brust, seit ich entführt ward; mir fiel ein, wie ich einmal als Kind geglaubt, da ich in diesem Schmuck herum fühlte, es begegne mir eine Hand mit einem Ringe. Das war also nun auch erfüllt und noch mehr – im Augenblick, da der Ritter mir den Ring an den Finger steckte, krähte der schwarze Hahn Alektryo auf seinem Helm und flog nieder gegen ein Gebüsch, aus welchem Verena mit dem frommen Hühnlein Gallina hervortrat, das sie in ihrem langen Korbe trug. Du kannst dir meine Freude denken. – Sie war am Johannisvorabend wie gewöhnlich zur Höhle Salmos gewallfahret, das fromme Hühnlein aber war weiter und weiter gelaufen bis hieher, und die gute Verena, die das Hühnlein verstand, war gefolgt. Als Verena vor mir stand, sprach sie: »Goldne Amey, ich brauche dich nicht zur rechten Seite zu wenden, du bist schon selbst dahin gewendet, das fromme Hühnlein hat mich hergeführt, es weiß Alles.« Da fragte ich wie gewohnt: »Was macht das Büblein?« und sie erwiederte: Es hat sein Sach gemacht, Es hat sein Sach gut gemacht, Du hast sein Bündlein zugemacht, Es hat es freudig heimgebracht, Hat angeklopfet fein und sacht, Die Mutter hat ihm aufgemacht, Der Vater hat es angelacht, Dann hat es gleich an uns gedacht, Hat dich auf deinem Weg bewacht, Hat mich und's Hühnlein hergebracht, Daß ich hier Alles nehm' in Acht, Bis daß die Hochzeit ist vollbracht. So weit hatte ich Alles in dem Briefe an Klareta geschrieben, als Verena mich mit den Worten unterbrach: »Warum schreibst du, hast du nicht den Ring Salomonis am Finger, hat denn dein Bräutigam dich liebste Dirn aus Hennegau durch einen Brief oder durch den Ring hieher gebracht? so thue du auch.« – Da drehte ich schnell den Ring, und wünschte die drei Schwestern aus Kloster Lilienthal und meine Ordens-Gespielinnen und Jakob von Guise aus Hennegau zu mir, und daß sie mir alles das Nöthigste von dem Meinigen mitbrachten; und alsbald kamen die Schwestern mit ihren drei Lilien und die Gespielinnen mit ihren Pflichthühnern zum ersten Mahle zur Hochzeit. Jakob von Guise, der sie begleitet hatte, vollzog die Trauung in der Schloßkapelle und segnete das ganze Haus, Verena gab das Hühnlein Gallina zu dem Hahn Alecktryo in das Raugraf Gockel'sche Gallinarium; und sie sah Nachts das Büblein ganz leuchtend, wie es ihnen goldnen Weizen streute und dann verschwand. – Jakob von Guise kehrte mit den Gespielen ins Hennegau, Verena zog mit den drei Schwestern ins Kloster Lilienthal. Mein Eheherr beschloß, mit mir ein Drittheil des Jahres in Gockelsruh, ein Drittheil in Vadutz, ein Drittheil in Hennegau zu leben. – Bis hieher habe ich in mein Tagebuch, das die Gespielen mir aus Hennegau mitgebracht, selbst geschrieben, das Folgende habe ich durch den Ring Salomonis hinein gedreht. In der Nacht vor meiner Training hatte ich folgenden seltsamen Traum. – Ich war mit Verena zu einem Erndtefest geladen und sollte den Kranz flechten. Es war eine mühselige Reise; wir gingen durch Wälder, Felder, Gärten, Wildniß und Wüste Jahrhunderte lang und kamen doch nicht weiter, als um Gockelsruh und Gelnhausen herum. Es war, als bewegten wir nur die Füße, blieben aber auf demselben Fleck. Nur die Zeiten drehten sich um uns. Unzählige Male kamen wir durch die Höfe und Gärten von Gockelsruh und sahen immer andere Gesichter, andere Kleider und neue Grabsteine an der Schloßkapelle aufgerichtet. Von Zeit zu Zeit begegneten ums drei Klosterfrauen aus Lilienthal mit Lilien in den Händen und acht Ordensgespielen aus Hennegau mit ihren Pflichthühnern. Oft kündete uns der Schrei eines Alecktryo, einer Gallina die Zeit; – Alles wechselte um uns her, nur Eines fanden wir bei jeder Rückkehr festbestehend und gesund wieder – die treue, dunkellaubige Linde, unter welcher Gockel mich von den Räubern befreit und mir den Ring gegeben hatte, breitete ihre Zweige immer reicher und mütterlicher umher, gleich einer Henne, die den Frühling ausbrütet. O wie oft kamen wir vorüber und waren wie die Bienen, die um sie schwärmten, trunken von dem Honigdufte des Frühlings in ihren Blüthen, und sahen sie bald winterlich entlaubet und dann wieder blühend. – Fünfzig Mal mochten wir zur Linde gekommen seyn, da war ich so müd, so müd, und sehnte mich wie ein Kind, in meinem Bettchen zu seyn, da kamen so viele arme Kinder, die bauten mir eine Wiege von unzählichen Blumen und zogen mich aus und legten mir ein gar wunderschön Schlafröckchen an und wuschen mich und beteten das Nachtgebet mit mir und legten mich in die Blumenwiege auf die Amaranthseidendecke von Hennegau, und sangen ein Schlummerlied um mich her. – Meine Gespielen mit den Pflichthühnern und die drei Nönnchen mit den Lilien standen um die Wiege, und ich schlief unter der Linde ein. – Aber es war seltsam, ich stand auch daneben und sah nur meinen schönen Mantel in der Wiege liegen und zog mit Verena von dannen in die Runde, und als wir wieder zur Linde kamen, sahen wir ein Rasenhügelein darunter und ein Steinkreuz, worauf eine Henne abgebildet, zu dessen Häupten. – Da knieten wir nieder und beteten; und als wir weiter gingen, sagte ich zu Verena: »ich danke dir, lieb Vreneli für das arme Kind von Hennegau.« – Einige Male begegnete uns viele Noth auf unserm Wege, wir mußten uns durch tobende Kriegsschaaren drängen, durch Brand und Verwüstung fliehen und über viele Grabhügel steigen. – Dann fanden wir Gockelsruh wie eine eroberte Burg. Die Wildniß hatte ihre Fahnen auf den zerstörten Mauern aufgepflanzt, der wilde Wald lagerte rauschend in allen Höfen und braußte aus den Fenstern, wie Kriegsvolk; da hörten wir den freudigen Ruf Alecktryos des Schloßwächters nicht mehr, aber wohl das Wehgeschrei der Todesmahnerinnen, der Eulen, und die wildentbrannten Weisen der Waldvögelein, über deren Brut die Geyer drohend kreisten. – O da war es gar traurig hier, und ich wendete mich im Traum zu meiner Begleiterinn und sprach: »Verena! ist das Gockelsruh? – sage, wo sind meine Kindeskinder?« Sie führte mich aber hin zur Linde, die war größer und schöner als je, ihr Blühen duftete süßen Frieden. Das Hügelein unten war eingesunken. Das dicht bemooste Kreuz neigte sich zur Rechten, als ziehe es das Kleinod nieder, das unter dem Hügelein ruht. – Keine Klosterfrauen, keine Ordensgespielen standen umher, aber drei einsame Lilien, und die acht Pflanzen, die meinen Jungfrauen den Namen gegeben, leisteten um das Hügelein blühend ihre Lehnspflicht. – Die Bienen summten wie ein Traum um die Linde und die Blumen, und sammelten Wachs und Honig; und dieser Traum summte mir durch alle Glieder, und ich lag selbst unter dem Hügelein und sah Alles und hatte das Haupt geneigt zur rechten Schulter, und ich war wie eine Bienenköniginn; – sie trugen mir Wachs und Honig ein, und ich hatte mein Körbchen voll süßer Honigbrode und reiner Wachskerzen und war allein, allein da unten. Es kam aber ein Kind zu mir gelaufen mit einer Puppe, und sprach zu mir: »keine Puppe sondern nur, eine schöne Kunstfigur!« und ich gab ihm all meinen Honig, als mein Wachs. Da spielte es um das Hügelein gar lieblich, und ich richtete mich auf und spielte mit, und auch Verena spielte mit. Wir waren Kinder; es saußte aber der Sturm wieder durch das walddurchwachsene Schloß und wir drängten uns bei der Linde zusammen und sangen: Treu, dunkellaubige Linde, Wenn rings die Windsbraut tobt, Dein Säuseln lieblich linde Den Frieden Gottes lobt. Treu, dunkellaubige Linde, Wie fährt all Gut und Blut Fort, fort im Sturm geschwinde, Nur du hegst festen Muth, Treu, dunkellaubige Linde, Wie bist du stark und gut, Wohl dem, der mit dem Kinde Bei dir im Hüglein ruht. Indem wir aber so sangen, hörte ich den Alecktryo wieder krähen und sah mich um, und Alles war verändert. – Gockelsruh stand wieder in vollem Glanze, und es war eine freudige Hochzeit, und ich zog mit dein Brautzug und Leichenzug durch die geschmückte Schloßkapelle, in der mir mein Mantel und mein Tagebuch genommen ward. – Hierauf zog ich mit Verena wieder umher durch die Gegend. Wir eilten immer schneller, immer müder und kamen endlich in der Mitternacht in ein weites Erndtefeld. Wir zogen dem Sensenklang und dem Schalle der Schnitterlieder nach, Verena las Aehren und ich sammelte Blumen zum Erndtekranz. Endlich kamen wir mitten in dem Aehrenfeld auf einen kleinen freien Raum, wo der Kranz sollte geflochten werden, da sahen wir Seltsames. St. Eduards Thronstuhl, in dessen Sitz der Schlummerstein Jakobs bewahrt ist, stand zwischen zwei hohen Lilien vor den Aehren. Aus dem Sitze des Stuhles strahlte eine Mohnpflanze von Licht mit acht Blumen zum Nachthimmel hinauf. In der Mitte der Pflanze unter dem Monde saß die Nacht, eine liebe mütterliche Frau, und ihr zur Rechten und Linken auf den acht Mohnblumen acht Sterne, als sinnende Knaben. Es schwebte aber von dem Thronstuhle an dem Mohnstengel ein ernstes kleines Mägdlein zum Sternhimmel empor, und zwei Engel senkten Sterne in die beiden Lilien zur Seite des Throns; dazu sangen die Knaben auf den Mohnblumen oben: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.« die Sense des Schnitters sauste immer näher durch die Halmen, und da ich mich niedersetzte, den Kranz aus den gesammelten Blumen zu flechten, sah ich zu meinen Füßen dicht vor dem Thronstuhl auf einem Kinderstühlchen einen Knaben schlummernd sitzen. Er hatte eine Feder hinter dem Ohre und schlief, den Kopf auf den Arm lehnend, auf dem scharfen Rande des Thronstuhls. Ich sagte zu Verena: »Was macht das Büblein?« da sprach sie, des langen Mitleides gewohnt: »es hat seine Sache vollbracht und ist dicht an der Grube vor Müdigkeit entschlafen; sieh, wie hart es da auf dem Rande liegt, ich habe Aehren lesend eine kleine feine Garbe in meinen Korb gesammelt, o lege sie ihm unter das Haupt, damit es nicht darbt, wenn der Schnitter es weckt; horch, schon naht er in den wogenden Halmen.« Ich legte ihm die Garbe in den Arm und sah o Wunder! zu seinen Füßen ruhte mein Tagebuch, und ich las gar Vieles mehr darin, als ich hineingeschrieben, z. B. diesen ganzen Traum, und daß Verena gestorben sey und mir zwölf Franken vermacht habe. »Ist das wahr, Verena?« fragte ich, und sie sprach: »Gewiß, gewiß, und es hat große Zinsen gebracht im Almosenstock, wie das Schärflein der Wittwe.« – Da sah ich den Knaben nochmals an, konnte ihn aber nicht erkennen, er hatte sein Angesicht fest in die Garbe verborgen, denn die Thränen floßen von seinen Wangen. »Verena,« sprach ich, »ist dann dies wirklich dasselbe Büblein, welches dem frommen Hühnlein des Salmo die Weizenkörner entwendet und das Zauberhühnlein der Weissaginn damit gefüttert hat?« – »Ach,« erwiederte Verena, »warum dasselbe Büblein? Alle thun so und auch wir, sieh in das Buch, da wirst du den Weizen finden!« – »o wie soll er das alles ersetzen?« rief ich aus und Verena sprach: »durch unser Gebet und Almosen, o drehe den Ring Salomonis, daß sein Getreide sich mehre. – Horch! das Lied des Schnitters nahet, schon fallen die Aehren über den Getreidekasten nieder, geschwind beginne den Kranz zu flechten!« – da sah ich hinüber und sah die Sense des Schnitters durch die Halmen greifen, und sie sanken über einen Kasten nieder, grad so groß, wie das Büblein, er war gemacht von fünf Brettern und zwei Brettchen, und stand über einer Grube vor einem Feldkreuz, auf dem Alektryo und Gallina schlafend saßen. – Ich machte zuerst ein Kränzlein und legte es auf den Kasten, dann aber drehte ich den Ring Salomonis gar flehentlich am Finger: »Salomo du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Bring doch all den Weizen wieder, Der da auf den Weg fiel nieder Und von Vogeln ward gefressen, Und von Füßen ward zertreten, All den Weizen ungemessen, Den sie auf das Steinfeld säeten, Wo, so schnell er aufgeblüht, In der Sonne er verglüht, Bring zurück die Weizenkörner, Die erstickten durch die Dörner; Was in guten Grund gefallen, Laße fruchtend überwallen, Daß der Weizen dreißigfältig, Sechzigfältig, hundertfältig Alles Unkraut überwältig', Das der Feind hineingesäet. Schnell, o schnell, es ist schon spät! Ringlein, Ringlein dreh dich um, Fruchte schnell, ich bitt' dich drum.« Kaum hatte ich den Ring drehend, diesen Wunsch ausgesprochen, und mitleidig nach dem Knaben hingeschaut, als ich etwas gar Rührendes sah. Er blickte mich, ohne den Kopf zu heben, mit stillem Danke an, Thränenströme rannen von seinen Augen auf die Garbe unter seinem Haupte nieder, und alle die Thränen waren Weizenkörnlein, und die Garbe wuchs und mehrte sich; und als ob sie mit dem Knaben weine, gossen sich aus ihren Aehren hundertfältige Weizenkörnlein nieder und aus allen Blättern des Buches rannen Fruchtkörner heraus, und mein Herz war so bewegt, daß auch ich auf einer Garbe sitzend gar reich und mildiglich weinte, und Verena, die neben mir betend kniete, weinte auch und alle unsre Thränen waren Weizenkörner, und sie keimten und schossen schnell auf in reichen, goldnen Aehren, und füllten die Grube und den Getreidekasten und umgaben den Thronstuhl und das Kinderstühlchen und den Knaben und Verena und mich, und alle Aehren wehten durcheinander und Keines sah das Andere mehr; denn Alles war nun Eines. – Der Schnitter aber nahte immer mehr und konnte kaum Alles schneiden, was aufschoß; es wuchs ihm unter der Sense empor. Während dem Allem flocht ich am Erndtekranz aus vielen Blumen und stimmte in das Lied des Schnitters ein: Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Er mäht das Korn, wenns Gott gebot; Schon wetzt er die Sense, Daß schneidend sie glänze, Bald wird er dich schneiden, Du mußt es nur leiden; Mußt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Was heut noch frisch und blühend steht Wird morgen schon hinweggemäht, Ihr edlen Narcissen, Ihr süßen Melissen, Ihr sehnenden Winden, Ihr Leid-Hyacinthen, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Viel hunderttausend ohne Zahl, Ihr sinket durch der Sense Stahl, Weh Rosen, weh Lilien, Weh krause Basilien! Selbst euch Kaiserkronen Wird er nicht verschonen; Ihr müßt zum Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Du himmelfarben Ehrenpreis, Du Träumer, Mohn, roth, gelb und weiß, Aurickeln, Ranunkeln, Und Nelken, die funkeln, Und Malven und Narden Braucht nicht lang zu warten; Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Du farbentrunkner Tulpenflor, Du tausendschöner Floramor, Ihr Blutes-Verwandten, Ihr Glut-Amaranthen, Ihr Veilchen, ihr stillen, Ihr frommen Camillen, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Du stolzer, blauer Rittersporn, Ihr Klapperrosen in dem Korn, Ihr Röslein Adonis, Ihr Siegel Salomonis, Ihr blauen Cyanen, Braucht ihn nicht zu mahnen. Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schönes Blümelein! Lieb Denkeli, Vergiß mein nicht, Er weiß schon, was dein Nahme spricht, Dich Seufzer-umschwirrte Brautkränzende Myrthe, Selbst euch Immortellen Wird alle er fällen! Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Des Frühlings Schatz und Waffensaal Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl, Ihr Schwerter und Pfeile, Ihr Speere und Keile, Ihr Helme und Fahnen Unzähliger Ahnen, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Des Maies Brautschmuck auf der Au, Ihr Kränzlein reich von Perlenthau, Ihr Herzen umschlungen, Ihr Flammen und Zungen, Ihr Händlein in Schlingen Von schimmernden Ringen, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Ihr sammtnen Rosen-Miederlein, Ihr seidnen Lilien-Schleierlein, Ihr lockenden Glocken, Ihr Schräubchen und Flocken, Ihr Träubchen, ihr Becher, Ihr Häubchen, ihr Fächer, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit, Die von der Marter dich befreit, Ihr Schlangen, ihr Drachen, Ihr Zähne, ihr Rachen, Ihr Nägel, ihr Kerzen, Sinnbilder der Schmerzen, Müßt in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! O heimlich Weh halt dich bereit! Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid, Das duftende Sehnen Der Kelche voll Thränen, Das hoffende Ranken Der kranken Gedanken Muß in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld, Man bricht euch ab das Honigzelt, Die Bronnen der Wonnen, Die Augen, die Sonnen, Der Erdsterne Wunder, Sie sinken jetzt unter, All in den Erndtekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein! O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Den Kranz helft mir winden, Die Garbe helft binden, Kein Blümlein darf fehlen, Jed Körnlein wird zählen Der Herr auf seiner Tenne rein, Hüte dich schöns Blümelein! Unter dem Sausen der Sense, dem Sinken und Aufsteigen der Aehren, dem Niederströmen meiner Thränen in den Blumenkranz, der mich schon ganz umwand, verstummte endlich das Lied, und ich sah nichts mehr Einzelnes. Der Traum ward nun recht wie ein Traum, ich saß darin und fühlte mich wie der bittere Kern in einer süßen Frucht, die der Morgenwind auf dem Zweige wiegt. Ich unterschied Nichts mehr deutlich; dichte, weiße Thaunebel lagen überm Stoppelfeld; ich fühlte mich emporgehoben, ich saß in dem thauichten Erndtekranz hoch zwischen Garben. Ich saß auf dem Erndtewagen, er schwankte unter mir vorwärts; es war kalt, ich war naß von Thau und Thränen; ich hörte Lieder um mich und sah die Singenden nicht. Da krähte Alektryo, der mit Gallina vorn auf dem Erndtewagen saß und ich erwachte, und hörte den Hahnenschrei wirklich draußen in dem Schloßhof – Ich konnte mich nicht gleich finden, meine Augen waren noch voll Thränen; ich hörte das Singen noch, aber ich saß auf keinem Erndtewagen, ich lag auf meinem Bettchen; ich drehte den Ring und wünschte, es möge doch mein ganzer Traum wahr werden und von dem Knaben auf dem Kinderstühlchen, mit allen Liedern und was darauf folgte, in mein Tagebuch eingeschrieben stehn. – Da ich nun ganz erwacht war, trat Verena zu mir und sprach: »Gesegne dich Gott, goldne Amey, du schöne Braut, das fromme Hühnlein schickt mich, es weiß Alles, segne uns Gott, daß wir von der langen künftigen Reise glücklich zurückgekommen sind, vom Erndtewagen auf den Brautwagen. Schön Dank, du hast auf der rechten Seite geruht, Ende gut, Alles gut! – aber stehe auf, daß ich dich schmücke als Braut, hörst du, deine elf Kränzeljungfern, die drei Schwestern mit den Lilien und die acht Ordensgespielen mit den Pflichthühnern singen schon unten die Brautlieder.« – Ich erwiederte ihr nach alter Gewohnheit: »Vreneli, was machts Büblein?« und sie sprach: »Es hat sein Sach ganz gut gemacht, Der Wagen trug dich fort mit Pracht, Ich bin bei ihm geblieben, Hab, als es vom Geräusch erwacht Und still sein Gärbchen angelacht, Ihm Aehren ausgerieben. Die Körnlein hat es in der Nacht Gar treu gezählt und mit Bedacht Sie hüben und auch drüben Ins Soll und Haben rein und sacht, Wie du es liebst, zu Buch gebracht, Bis Morgens früh geschrieben.« »Gott sey Dank,« sagte ich, »so hast du dann Alles mit mir geträumt, und Alles wird im Tagebuch stehen, ich habe den Ring Salomonis darum gedreht.« – Der Gesang aber tönte näher und näher und Verena sprach: »Geschwind stehe auf, daß ich dich ankleide, die Brautjungfern sind schon unter dem Fenster.« – Ich sprang aber auf und fuhr mit dem linken Fuß zuerst in den Pantoffel und öffnete das Fenster. Draußen lag ein dichter, weißer Nebel, die Lieder klangen mir so traurig hindurch. Der Nebel fiel mir ins Gesicht, ich ward schwermüthig und kriegte den Schnupfen; ich weinte, konnte nicht sprechen, jed Wort schnürte mir die Kehle zu, und da Verena mir den ganzen Brautschmuck meiner seligen Mutter anlegte und das Bruststück mit den vielen feinen, schönen Seidenröschen und das Amaranthen-Brautkränzchen, Alles, was ich sonst so geliebt, strömten meine Thränen nieder. Oft fragte sie um die Ursache meiner Thränen, meiner Stummheit, aber ich antwortete nicht. Als ich ganz geschmückt war, traten die Brautführerinnen, die Klosterfrauen mit den Lilien, die Gespielen mit den Pflichthühnern herein, und nun begann der Zug; voran ging Verena mit dem langen Korbe, dann folgten meine acht Gespielen mit den Ordenszeichen der freudig frommen Kinder, sie trugen die Pflichthühner in schön geflochtenen Nestkörben unter dem einen Arme und faßten mit der andern Hand an die amaranthseidne Decke von Hennegau, die sie zwischen sich ausgebreitet trugen, dann folgte ich armes Kind von Hennegau im Brautkleid meiner Mutter, die Kleinode von Vadutz und das Hühnlein Gallina auf der Schulter, an jeder Seite eine der Lilienfräulein mit ihren Lilien und hinter mir Klareta, die mir die Schleppe trug; so zog ich zur Kapelle und war nicht lustig, der Inhalt des Brautgesangs machte mich noch trauriger, meine Thränen strömten immer reichlicher, sie sangen aber abwechselnd: Die Gespielen.               Komm heraus, komm heraus, o du schöne, schöne Braut, Deine guten Tage sind nun alle, alle aus, Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer, O wie weinet die schöne Braut so sehr! Mußt die Mägdlein lassen stehn, Mußt nun zu den Frauen gehn.   Die Lilienfräulein. Ihr klugen Jungfraun zieht hinaus, Die Lampen sind geschmücket, Ans Herz den reinen Blumenstrauß Der Bräutigam nun drücket, Ihr Lilien gebt der Braut Geleit, Ihr tragt ein schön'res Ehrenkleid, Ein hochzeitlicheres Geschmeid, Als Salomo in Herrlichkeit.    Die Gespielen. Lege an, lege an heut auf kurze, kurze Zeit Deine Seidenröslein, dein reiches Brustgeschmeid, Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer, O wie weinet die schöne Braut so sehr! Mußt die Zöpflein schließen ein Unterm goldnen Häubelein.   Die Lilienfräulein. Heb an du liebe Nachtigall Dein kunstreich Figuriren, Hilf uns mit deinem süßen Schall Das Brautlied musiciren, Das Lerchlein soll sein – »dir, dir, dir, Dir Gott sey Lob« auch für und für Erschwingen in dem höchsten Thon Bis auf zu Gott im Himmelsthron.   Die Gespielen. Lache nicht, lache nicht, deine Gold und Perlen Schuh, Werden dich schon drücken, sind eng genug dazu, Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer, O wie weinet die schöne Braut so sehr! Wenn die Andern tanzen gehn, Mußt du bei der Wiege stehn.   Die Lilienfräulein. Du blauer Himmel spann ein Zelt, Den Bräutigam zu grüßen, Ihr Blümlein webet übers Feld Den Teppich ihm zu Füßen, Ihr Lüftlein reget dann geschwind Die Glöcklein, daß sie duftend find Thau-Perlen streuen auf der Au Ums arme Kind von Hennegau.   Die Gespielen. Winke nur, winke nur, sind gar leichte, leichte Wink, Bis den Finger drücket der goldne Treuering. Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer, O wie weinet die schöne Braut so sehr! Ringlein sehn heut lieblich aus, Morgen werden Fesseln draus.   Die Lilienfräulein. Wir Lilien aus dem Lilienthal, Wir kehren einstens wieder, Dann in ein Bettchen eng und schmahl Sinkt müd dein Brautkleid nieder, Dann naht der Seelenbräutigam Das Lamm von königlichem Stamm, Und wer ihm nicht entgegengeht, Bleibt unerhört und unerhöht.   Die Gespielen. Springe heut, springe heut deinen letzten, letzten Tanz, Welken erst die Rosen, stehn Dornen in dem Kranz, Dein Schleierlein weht so feucht und thränenschwer, O wie weinet die schöne Braut so sehr! Mußt die Blümlein lassen stehn, Mußt nun auf den Acker gehn.   Die Lilienfräulein. Führt sternenreine Engellein Die Braut auf guter Weide, Durch Lieb und Leid, bis klar und rein Der Geist im Lilienkleide Sich scheidet von dem Dornenthal Und mit uns singt beim Hochzeitsmahl: O Stern und Blume, Geist und Kleid Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Es wird Jedermann leicht einsehen, daß alles Dieses mehr zum Weinen als zum Lachen war, erst die kühlen Nächte auf der Bleiche in Hennegau, dann die Geschichte der Kleinodien von Vadutz, dann durch neun Feuer gesprungen, dann die Angst um die Amaranthseidne Decke, dann die lange gewaltsame Entführung zu Pferd, dann der Kampf unter der Linde, dann die plötzliche Verlobung durch die Gewalt des Salomonsringes, dann die Jahrhunderte von Meilen lange Traumreise mit Verena zum Erntekranz, und das mühselige Weinen von Weizenkörnern für das Büblein, dann noch pudelnaß von Thränen aus dem Schlafe geweckt durch ein wehklagendes Hochzeitslied, dann in den linken Pantoffel zuerst geschlüpft, dann den Kopf durchs Fenster hinaus in den kalten Nebel, wie in einen nassen Mehlsack gesteckt, dann mühselig eingeschnürt in der verstorbenen Mutter Brautkleid, das mir viel zu eng ist, dann hinter der Sterbedecke meiner Mutter her, auf der auch ich einst sterben sollte, durch den kalten Nebel von lamentabelm Gesang begleitet. – Sollte ich nicht schwer und krank und müd seyn und den Schnupfen ganz entsetzlich haben? – Das Fatalste war noch, daß das Hühnlein Gallina ganz naß und kalt die Flügel hängen ließ, und da ich sehr oft und ungemein stark nießte, fuhr es erschreckt zusammen und mir mit den naßkalten Flügeln an den Hals; wodurch ich gewiß einen Halskrampf bekommen hätte, denn der Schluchser stellte sich schon ein; jedoch Klareta hängte mir die neun Röslein, die ich beim Johannisfeuer erobert hatte um den Hals, das half so ziemlich; aber ich mußte alle Augenblicke denken: wäre ich nicht über das neunte Feuer gesprungen, so brauchte ich nicht hier im Nebel zu gehn. – Ich werde mein Leben lang an diesen Brautzug denken, wenn ich verdrießlich bin. – Man kann sich keine verdrießlichere Braut denken, als mich, Alles ärgerte mich, selbst daß ich keine Wand sah, an der mich eine Fliege hätte ärgern können. – Ach! dachte ich, wäre doch der fatale Ring Salomonis nicht, der mit der Erfüllung aller Wünsche einem schier die Thüre einrennt, das plötzliche Glück trifft einen wie ein Schlagfluß, es wird mir nichts zu wünschen übrig bleiben, das ist die größte Armuth. Gockel mag es gut meinen, aber was ist das für eine Heurath über Hals und Kopf? – alle Schränke sind voll und eingeräumt, und keinen Faden habe ich gesponnen, gewebt, gebleicht, genäht; – ach die Freuden einer großen Wäsche sind nun ewig für mich verloren! o unausstehliche Vollkommenheit aller Mobilien – nichts zu besorgen, auszusuchen, zu bestellen, nur wünschen, wünschen, wünschen und auch gleich besitzen – o verwünschtes Wünschen! – In solchen Jammergedanken nahten wir der Kapelle, und ich hatte noch eine neue Ursache, mich zu ärgern. Die Brautgeschenke Gockels zogen mir entgegen, er hatte die Geschenke Salomos und der Königinn von Saba durch den Ring herbei gewünscht, und das war eine Toilette aus einem goldnen Hahn und einer goldnen Henne bestehend von so kunstreichem Innern und Aeußern, daß mir der Geduldfaden ganz riß, all das Zeug anzusehen. Was mir in der Kapelle geschah, würde ich hier gar nicht sagen, wenn es nicht meiner Verdrießlichkeit die Krone aufgesetzt hätte. Graf Gockel erwartete mich am Altar, ich sah ihn nicht an, er ward sehr betrübt über meinen Unmuth, er bat mich dringend um die Ursache, ich antwortete nicht; da ward dem Alektryo auf seiner Schulter der Kamm ganz blutroth, und er ließ drohende Töne hören; – das fand ich impertinent; daß aber Gallina auf meiner Schulter sich darauf einließ, mit freundlicher Stimme zu antworten, verdroß mich mehr als Alles. – Ich meinte sie habe mir Etwas von meinem Rechte vergeben, und hätte sie schier herabgestoßen; aber Verena flüsterte: »das fromme Hühnlein weiß Alles« – das verdroß mich wieder; doch nun trat Jakob von Guise vor den Altar und hielt die Trauungsrede, und als wir die Ringe wechselten und ich das Jawort sagen wollte, mußte ich so entsetzlich nießen, daß ich selbst und alle Anwesenden in lautes Lachen ausbrachen. Gockel drehte den Ring mit dem lauten Wunsche »zur Gesundheit!« – da wirkte mein Niesen und Gockels Prosit plötzlich, der Nebel zerriß, die Sonne stand am blauen Himmel, aller Schnupfen fiel mir wie Schuppen von den Augen, ich war lustig und froh wie ein Kind und hätte allen Menschen mögen um den Hals fallen. Anfangs ärgerte mich das noch ein wenig, darum mag es hier stehen, aber weil auch dieser Aerger bald ganz abzog – so will ich Nichts weiter sagen. Als wir die Kapelle verließen, gab mir Gockel den Ring Salomonis wieder, und ich drehte ihn geschwind mit dem Wunsche, mein Tagebuch zu haben, um zu sehen, ob mehr darin stehe, als hier geschrieben steht; da trat auf einmal das Büblein zu mir hin mit dem Buche. Es bückte sich und wollte Staub vom Boden auf die frische Schrift streuen und dann die Feder an den Aermel wischen, ich klopfte ihm aber auf die Finger und sagte: »Pfui,« und drehte den Ring Salomonis mit den Worten: Salomo du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Bilde aus dem Nebel mir Gleich rein Seidenlöschpapier. Zephyr soll ein ganzes Buch, Wie gewebt aus Wohlgeruch, Sänftlich zu mir niederhauchen, Nach Belieben es zu brauchen. Vieles leg ich auf die Locken, Bis sie von dem Thaue trocken, Ein Blatt muß ins Tagbuch hier, Denn sonst möchte das Geschmier Von dem Büblein es beschmutzen, Ein Blatt mag es selbst benutzen, Seine Feder auszuputzen. Ringlein, Ringlein dreh dich um Schnell ein Fließblatt! bitt dich drum. Da kam ein leises lindes Wehen angeströmt, es hauchte fünf und zwanzig Mal und mit jedem Hauche ward der Himmel blauer, schien die Sonne heller; und ein wunderlieblicher geflügelter Jüngling schwebte durch die säuselnden Bäume und über die wiegenden Blumenglocken zu mir nieder. Er trug eine Blumenkrone, eine Wolke von Wohlgeruch duftete um ihn, es spielte ein Buch des feinsten Seidenpapiers in seiner Hand, vom Hauche seines Mundes und dem Schlage seiner Flügel durchfächelt. Er überreichte es mir, spielte in meinen Locken und entschwebte mit einem Seufzer, ohne die Locken meiner Braujungfern zu berühren, die mit Hyacinthen bekränzt, ihm wehmüthige Gedanken erregten. – Ich zählte das Buch Seidenpapier der Ordnung halber, und es waren richtig fünf und zwanzig Bogen von feinem Nebel vor der Sonne getrocknet; ich hielt einen Bogen vor die Sonne, um das Papierzeichen kennen zu lernen und sah das Himmelszeichen der Pleiaden, der Gluckhenne mit ihren Küchlein darauf abgebildet und die Worte umher »Vivat die goldene Amey«, eine Aufmerksamkeit Salomons, welche mir sehr schmeichelte. Ich trocknete meine Locken mit einem Theile der Bogen, legte einen Bogen in das Tagebuch und reichte den Letzten, der ohnedieß etwas schadhaft war, dem Büblein, seine Feder daran zu reinigen. Es that dies und verschwand, das Papier mit einem Tintenfleck fiel mir zu Füßen. Das Büblein war fort, es war, als habe es sein eignes Daseyn aus der Feder geputzt. Ich legte das Blatt auch in das Buch, als ein Andenken an das arme Büblein und las die letzten Worte, die es in das Tagebuch geschrieben: Was reif in diesen Zeilen steht, Was lächelnd winkt und sinnend fleht, Das soll kein Kind betrüben, Die Einfalt hat es ausgesäet, Die Schwermuth hat hindurch geweht, Die Sehnsucht hats getrieben; Und ist das Feld einst abgemäht, Die Armuth durch die Stoppeln geht, Sucht Aehren, die geblieben, Sucht Lieb, die für sie untergeht, Sucht Lieb, die mit ihr aufersteht, Sucht Lieb, die sie kann lieben, Und hat sie einsam und verschmäht Die Nacht durch dankend in Gebet Die Körner ausgerieben, Liest sie, als früh der Hahn gekräht, Was Lieb erhielt, was Leid verweht, Ans Feldkreuz angeschrieben, O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!