Ludwig Börne Essays und Kritiken Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden 1823 Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung geben, die lateinische, griechische, französische Sprache in drei Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. Wie man aber in drei Tagen ein guter Originalschriftsteller werden könne, wurde noch nicht gezeigt. Und doch ist es so leicht! Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen; nichts zu erfahren, sondern manches zu vergessen. Wie die Welt jetzt beschaffen, gleichen die Köpfe der Gelehrten und also auch ihre Werke den alten Handschriften, von welchen man die langweiligen Zänkereien eines Kirchenstiefvaters oder die Faseleien eines Mönchs erst abkratzen muß, um zu einem römischen Klassiker zu kommen. Jedem menschlichen Geiste sind schöne Gedanken und, weil mit jedem Menschen die Welt neu geschaffen wird, auch neue angeboren; aber das Leben und der Unterricht schreiben ihre unnützen Sachen darauf und bedecken sie. Man bekommt eine ziemlich richtige Ansicht von dieser Lage der Dinge, wenn man etwa folgendes bedenkt. Ein Tier, eine Frucht, eine Blume erkennen wir in ihrer wahren Gestalt; was sie sind, erscheinen sie uns. Würde aber der von der Natur eines Rebhuhns, eines Himbeerstrauchs, einer Rose eine wahre Anschauung haben, der nur eine Rebhuhnpastete, Himbeersaft und Rosenöl kennen gelernt? So ist es aber mit den Wissenschaften, mit allen Dingen, die wir mit dem Geiste und nicht durch die Sinne auffassen: zubereitet und verwandelt werden sie uns vorgesetzt, und in ihrer rohen und nackten Gestalt lernen wir sie nicht kennen. Die Meinung ist die Küche, worin alle Wahrheiten abgeschlachtet, gerupft, zerhackt, geschmort und gewürzt werden. An nichts ist größerer Mangel als an Büchern ohne Verstand, an solchen nämlich, die Sachen enthalten und keine Meinungen. Es gibt nur eine kleine Zahl origineller Schriftsteller, und die besten unterscheiden sich von den minder guten viel weniger, als man nach einer oberflächlichen Vergleichung denken mag. Einer schleicht, einer läuft, einer hinkt, einer tanzt, einer fährt, einer reitet zu seinem Ziele; aber Ziel und Weg ist allen gemein. Große und neue Gedanken gewinnt man nur in der Einsamkeit; wie gewinnt man aber die Einsamkeit? Man kann die Menschen fliehen, dann steht man auf dem geräuschvollen Markte der Bücher; man kann die Bücher wegwerfen, wie entfernt man aber aus seinem Kopfe alle die herkömmlichen Kenntnisse, die der Unterricht hineingebracht? In der Kunst, sich unwissend zu machen, ist die wahre Kunst der Selbsterziehung die nötigste, die schönste, aber die am seltensten und am stümperhaftesten geübt wird. Wie es unter einer Million Menschen nur tausend Denker gibt, so gibt es unter tausend Denkern nur einen Selbstdenker. Ein Volk ist jetzt wie ein Brei, dem nur der Topf Einheit gibt; etwas Kerniges und Festes findet sich nur an der Scharre, in der untersten Lage des Volks, und Brei bleibt Brei, und der goldene Löffel, der einen Mundvoll herausschöpft, hat, weil er die Verwandten getrennt, nicht darum auch die Verwandtschaft aufgehoben. Das wahre wissenschaftliche Streben ist keine Columbische Entdeckungsreise, sondern eine Ulyssesfahrt. Der Mensch wird in der Fremde geboren, leben heißt die Heimat suchen, und denken heißt leben. Aber das Vaterland der Gedanken ist das Herz; an dieser Quelle muß schöpfen, wer frisch trinken will; der Geist ist nur Strom, Tausende sind daran gelagert und trüben das Wasser mit Waschen, mit Baden, mit Flachsrösten und andern schmutzigen Hantierungen. Der Geist ist der Arm, das Herz ist der Wille; Kraft kann man sich anbilden, man kann sie steigern, ausbilden; was nützt aber alle Kraft ohne den Mut, sie zu gebrauchen? Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt. Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu sein, als sie sind. Aus Eitelkeit entspringt diese Schwäche. Der Künstler, der Schriftsteller will seine Genossen überragen, überholen; aber um einen zu überragen, muß man sich ihm zur Seite stellen; um einen zu überholen, muß man auf gleichem Wege wandern als er. Daher haben die guten Schriftsteller so vieles mit den schlechten gemein: im guten steckt ganz der schlechte; nur ist er etwas mehr; der gute geht ganz den Weg des schlechten, nur geht er etwas weiter. Wer auf die Stimme seines Herzens hört statt auf das Marktgeschrei, und wer den Mut hat, lehrend zu verbreiten, was ihn das Herz gelehrt, der ist immer originell. Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, und die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher wären. Und hier folgt die versprochene Nutzanwendung. Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weiber, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozeß, vom Jüngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden! Ankündigung der Gesammelten Schriften Von den unwichtigsten oder den scherzhaftesten Dinge wollte ich mit Ernst und breiter Würde sprechen; aber von meinen Schriften ernsthaft reden – nein, das kann ich nicht Herr Campe [bekannter Verleger aus Hamburg] , der sie sich angeeignet, sprach sogar von Gesamtausgabe meiner Werke. Wie würde ich mich schämen, wenn er je so et was drucken ließe! Ich habe keine Werke geschrieben, ich habe nur meine Feder versucht, auf diesem, auf jenem Papiere; jetzt sollen die Blätter gesammelt, aufeinander gelegt werden, und der Buchbinder Soll sie zu Büchern machen – das ist alles. Zu dem Alten wird einiges Neue kommen; doch wer, nach so vielen Jahren, das Alte nicht vergessen, für den behielt es einen Wert, und wer es vergessen, dem ist alles neu. Ich habe hundertundzwanzig Bogen zu, liefern versprochen. Hundertundzwanzig Bogen! Guter Gott, hat denn Voltaire so viel Geist? Aber zum Glücke ist in dem Druckvertrage von dem Geiste meiner Schriften gar nicht die Rede, und ich war sehr froh, als er unterschrieben war und unwiderruflich geworden. Es ist so schwer, Bescheidenheit zu erkünsteln, und mir zumal, dem Kunstfertigkeit ganz mangelt, würde es nie gelingen. Und doch brauchte ich sie oder ihren Schein, die Leser zu begütigen. Möchten sie meiner Aufrichtigkeit nur eines glauben. Es ist nicht meine Schuld, wenn alte Reden sich zum zweiten Male hören lassen, es ist die meiner Freunde, ich habe ihnen lange widerstanden. Vielleicht verdiene ich keine Achtung für das, was ich geschrieben, aber für das, was ich nicht geschrieben, verdiene ich sie gewiß. Ich war älter als dreißig Jahre, als ich mich an die Wortdrechselbank gesetzt, seitdem sind zehn Jahre vorübergegangen; ich hätte früher anfangen, fleißiger fortfahren können, ich tat es nicht, ich kam spät und kehrte selten wieder. Hätte ich es anders gemacht, wie die Andern, dann wäre meine Sammlung voller geworden, und sie wäre jetzt, gleich einem Wolkenbruche, auf Dich, armen Leser, herabgefallen. Meine Freunde haben mich oft träge gescholten, sie haben mir Unrecht getan. Ich habe nicht vermeiden können manches zu lernen, und über das, was ich wußte , mochte ich nicht reden. Wo ich unwissend war, nur da hatte ich Trieb, mich auszusprechen, da war ich frei. Ich suchte immer meinen eignen Weg, wenn auch vorhersehend, daß ich nur zu bekanntem Ziele würde kommen. Traf ich aber dort mit den Besseren zusammen, machte es mir Freude; es hätte mich nicht gefreut, mit ihnen zu wandern oder mich führen zu lassen. So habe ich mühsam erfunden, was ich leichter hätte finden können, so verlor ich Zeit, und der Leser gewann sie. Doch das war es nicht allein, warum ich so schweigsam lebte. Ich hatte eine Richtung des Geistes, eine , und diese zu verfolgen, ward mir oft verwehrt. Was jeder Morgen brachte, was jeder Tag beschien, was jede Nacht bedeckte, dieses zu besprechen hatte ich Lust und Mut, vielleicht auch die Gabe; aber ich durfte nicht. Wie, durfte ich nicht? Ich bin ein Deutscher, lebe im Vaterlande, in einer Zeit, die Alles darf, und ich durfte nicht? Ich habe es erfahren, ich habe es gelebt, und doch ist es so unglaublich, daß ich oft an meinen Sinnen zweifle. Käme ein treuherziger Mann und spräche: Du durftest, ermuntere Dich, Freund, Du hast geträumt – ich striche mit der Hand über die Stirne und sagte: wahrhaftig, ich habe geträumt, ich durfte! Was ich immer gesagt, ich glaubte es. Was ich geschrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgesagt, ich mußte. Darum, wer meine Schriften liebt, liebt mich selbst. Man würde lachen, wenn man wüßte, wie bewegt ich bin, wenn ich die Feder bewege. Das ist recht schlimm, ich weiß es, denn ich begreife, daß ich darum kein Schriftsteller bin. Der wahre Schriftsteller soll tun wie ein Künstler. Seine Gedanken, seine Empfindungen, hat er sie dargestellt, muß er sie frei geben, er darf nicht in ihnen bleiben, er muß sie sachlich machen. Ach, die böse Sachdenklichkeit , es wollte mir nie damit glücken! Ich weiß nicht, ob ich mich darüber betrüben soll. Es muß wohl etwas Schönes sein um die Kunst. Die Fürsten, die Vornehmen, die Reichen, die Glücklichen, die Ruhigen im Gemüte lieben sie. Aber sie sind so gerecht, die Kunstkenner, daß mich oft schaudert. Nicht was die Kunst darstelle, es kümmert sie nur, wie sie es darstelle. Ein Frosch, eine Gurke, eine Hammelskeule, ein Wilhelm Meister, ein Christus – das gilt ihnen alle gleich; ja sie verzeihen einer Mutter Gottes ihre Heiligkeit, wenn sie nur gut gemalt. So bin ich nicht, so war ich nie. Ich habe nur immer Gott gesucht in der Natur, die göttliche Natur in der Kunst, und wo ich Gott nicht fand, da fand ich Unnatur, und wo ich die göttliche Natur nicht fand, da fand ich elende Stümperei, und so habe ich über Geschichten, Menschen und Bücher geurteilt und so mag es wohl geschehen sein, daß ich manches gute und schöne Werk getadelt, nur weil ich den Werkmeister schlecht und häßlich fand. Ich suchte zu bewegen; der Beweislehrer gab es schon genug. Wer zu den Köpfen redet, muß viele Sprachen verstehen, und man versteht nur eine gut; wer mit dem Herzen spricht, ist Allen verständlich, spricht Musik, in der sich jeder vernimmt, sich und eine leise Antwort hört auf jede leise Frage. Freunde haben es mit Verdruß, Gleichgültige als einen Tadel, auch einige Übelwollende es mit Schadenfreude ausgesprochen: ich könnte kein Buch schreiben. Aber, habe ich denn eines geschrieben? Und was ist's! Ein Buch ist Wein im Fasse, ein Blatt Wein in der Flasche – wenn Wein ist hier und dort; wer trinken will, muß das Faß doch anzapfen, wer lesen will, muß das Buch in Kapitel füllen. Auch habe ich gedacht, für Bücher sei jetzt die Zeit zu eilig und beschäftigt – die Welt ist auf Reisen. Gehet nun hin, ihr guten einfältigen Blätter, ich wünsche euch Glück, ihr braucht es. Als ihr noch still und bescheiden auf der Schwelle des Musentempels saßet, zufrieden mit dem kleinsten Almosen des Beifalls, da waren euch viele hold, da waret ihr froh und sorgenlos. jetzt schreitet ihr mit, Stolz und Geräusch durch die Säulenhalle, und man wird euch nach eurer Würde fragen, ehe man euch aufnimmt, und euch empfangen nach eurer Würde. Ich sage nicht, wie üblich: daß ich jedes Lob mit Dank annehmen, dem Tadel aber mit Verachtung begegnen werde – ich sage es nicht, denn ich denke es nicht. Wahrlich, mir ist sehr bange – nicht vor dem Urteile, aber mir ist bange, ich möchte empfindlich dagegen werden. Bis heute war ich es nicht. Guter Gott! Wenn mich noch in meinen alten Tagen die Lobsucht der Schriftsteller befiele und der Krampf der Ehre meine gute breite Brust zusammenzöge – es wäre schrecklich! Habe ich gesagt, ich wollte nicht mit breiter Würde von meinen Schriften reden? Ach, was sind die Vorsätze des Menschen! Ich glaube, daß ich es doch getan. Hannover, im November 1828. Brief an Johann Friedrich von Cotta (1821) An Johann Friedrich v. Cotta Frankfurt, den 10. März 1821 Ew. Hochwohlgeboren muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich für den verflossenen Monat keinen Bericht in das Morgenbl. überschicke. Es hat sich hier so wenig ereignet, daß ich keine 10 Zeilen damit anfüllen könnte, und es ist besser, daß ich dieses wenige auf den nächsten Monat erspare. Ich will Ihnen Ihrem Wunsche gemäß meine Ideen über ein zu unternehmendes literarisches Tagblatt kurz vorlegen. Da es hierbei aber, wie überall, nicht bloß auf die Entwürfe, sondern auf die Ausführung dieser Entwürfe ankömmt, diese Ausführung aber von Persönlichkeiten abhängt, so bin ich genötigt, von mir zu sprechen, zu sagen, wie ich es machen würde und anzunehmen, daß Sie bei einem solchen liter. Blatte an mich als Redakteur gedacht haben. Meine Absicht wäre eigentlich nicht, die erscheinenden Schriften ihrem Werte oder Unwerte nach zu beurteilen und daraus das Belehrende oder Unterhaltende mitzuteilen; dieses würde zwar geschehen, aber nur zufällig und der Form wegen, es wäre aber nicht der Zweck. Der Zweck des Blattes müßte sein, die Literatur mit dem Leben, d. h. die Ideen mit der wirklichen Welt zu verbinden. Diese Verbindung geschieht auf zweierlei Art, indem man entweder vom Buche zum Leben herab- oder vom Leben zum Buche hinaufsteigt. Erscheint ein Werk, es sei nun gut oder schlecht, so würde es der Form nach rezensiert werden, dem Wesen nach würde gezeigt werden, wie die darin ausgesprochenen Ideen mit der wirklichen Welt in Verbindung stehen oder in Verbindung gesetzt werden können, oder wie die Ausführung solcher Ideen schädlich wäre. Jede Wissenschaft wie jede Kunst hat eine Seite, wo sie alle Menschen anspricht, und diese müßte berührt werden. Das hieße nicht oberflächlich und im Konversationstone davon sprechen, wie es Kotzebue getan, sondern den Punkt der Wissenschaft oder der Kunst berühren, wo sie an das Leben sich knüpft. Geschieht aber etwas, das allgemeine Teilnahme erregt, so würde man von dem Ereignisse zu ihrer Idee hinaufsteigen. Erschiene z. B. eine neue Übersetzung des Calderon, so würde man auf die politischen Verhältnisse Spaniens auf dem Wege übergehen, indem man bespräche, wie die romantische Poesie mit absoluter Monarchie in Verbindung steht und wie heutzutage kein Calderon in Spanien entstehen könnte. Ereignet sich eine Revolution in Neapel, so würde man von aller eifernden Parteilichkeit, von den wechselnden Tagsbegebenheiten, von Wünschen oder Verwünschungen abstehen und von der Sache sprechen, als wäre sie ein Buch. Auf diese Weise die Literatur und die Tagsgeschichte zu behandeln, heißt: zugleich einer Schwäche und einer Tugend des deutschen Volkes schmeicheln. Unsere Schwäche ist Pedanterie, und daß wir über die Grundsätze die lebendigen Folgen vergessen. Unsere Tugend ist, daß wir nicht, gleich den Franzosen, uns von Leidenschaften verblenden lassen und im wärmsten Kampfe an Recht und Wahrheit denken. Also meine Absicht würde sein, der Metaphysik, die in allen deutschen Büchern sich findet, selbst wenn sie nur von Kartoffelbau handeln, einen lebendigen Körper zu geben, die lebende Geschichte der Zeit aber metaphysisch zu besprechen. Was die Literatur im eigentlichen Sinne betrifft, so würde ich noch etwas in das Blatt hineinziehen, was Kotzebue u. Brockhaus vernachlässigt haben, nämlich die ältere und die ganz alte Literatur. Man hat in Deutschland zwar eine gewisse Ansicht von Rousseau, Voltaire, Lessing, Goethe, Jean Paul u. anderen, aber von jedem ihrer einzelnen Werke herrscht kein allgemein geltendes Urteil. Ich glaube, es müßte sehr interessant sein, den Maßstab der neuern Zelt an die Werke der ältern zu legen. Wie wäre jetzt Wilhelm Meister, Titan, La Pucelle, die Eloïse, Lessings Dramaturgie zu beurteilen? Man müßte diese Werke besprechen, als wären sie erst erschienen, sich um die geschlossene Meinung über jene klassischen Schriftsteller gar nicht bekümmern und erst dann, wenn die Meisterwerke eines Schriftstellers nach und nach behandelt worden, ein allgemeines Urteil über ihren Wert fällen und es darauf ankommen lassen, ob dieses Urteil einer neuen Instanz mit dem frühern übereinstimme oder davon abweiche. Die Literatur der Griechen und Römer ist in Deutschland bloß Zunftsache. Die Menge kennt sie nicht. Warum sollte man die Gelegenheit neuer Übersetzungen nicht benutzen, um diese Literatur in unser Leben einzuführen? Es erscheint jetzt eine Übersetzung des Aristophanes von Voß. Wenn eine solche besprochen und angepriesen würde, nicht bloß wegen ihres philologischen Wertes, sondern wegen ihrer unterhaltenden Art, so kann man sicher die Leute dahin bringen, daß sie in Lesebibliotheken so eifrig nach diesen Lustspielen als nach Kotzebue fragen. So auch mit Virgil, Terenz, Sophokles, Horaz. Das wäre ohngefähr meine Ansicht vom Liter. Blatte. Hochachtungsvoll Dr. Börne Bemerkungen über Sprache und Stil 1826 Im Jahre 1814 glorreichen Andenkens war ich als Herausgeber eines politischen Blattes so glücklich, unter der pädagogischen Leitung eines großmächtigen Polizeidirektors und Zensors zu stehen. Ich war damals, was sich von selbst versteht, jünger als jetzt, stand in den Flegeljahren der Schriftstellerei, war ohne Scheu, freimütig, ein kleiner Hutten. In dieser glücklichen Gemütsstimmung ließ ich drucken: »Die Engländer sind Spitzbuben.« Der Herr Polizeidirektor strich ganz gelassen diesen Satz aus der Weltgeschichte und bemerkte mir freundschaftlich: ich wäre ein junger Mann, gar nicht ohne Talent, und es wäre recht schade, daß ich meinen Geist nicht auf etwas Solides legte. Sehr beschäftigt, wie er war, wartete er nicht erst meine Erkundigung ab, was er unter Solides verstehe, sondern fügte von selbst hinzu: in der deutschen Sprache wäre noch viel zu tun und das eigentlich mein Feld, auf dem ich Ruhm und Lohn einernten könnte. Ich erwiderte hierauf: dieses Feld wäre allerdings so angenehm als fruchtbar; aber meiner Meinung nach wäre jetzt gar nicht die Zeit, wo ein braver Mann an seine Spaziergänge oder sonstige Vergnügungen denken dürfe. Wenn wir uns mit Untersuchungen über die deutsche Sprache beschäftigten, wer denn Europa in Ordnung bringen sollte? – fragte ich ihn. Ohne von dem Zensurblatte aufzublicken und mit dem Streichen einzuhalten, antwortete mir der Polizeidirektor: das ist unsere Sorge; Sie aber sollten Ihre glückliche Freiheit – Freiheit? Nein, das Wort gebrauchte er nicht. Er sagte: Sie aber sollten Ihre glückliche Sorgenlosigkeit gehörig benutzen, über unsere Muttersprache Forschungen anzustellen. Beatus ille, qui procul negotiis – setzte er mit klassischer Bildung hinzu. Atque emolumentis? frug ich satirisch. Aber er hörte diese Frage nicht oder wollte sie nicht hören, und es blieb zweifelhaft, ob das Imp ., das er im nämlichen Augenblicke niederschrieb, die Abbreviatur von Impertinent oder von Imprimatur war. Indessen versprach ich, den guten Rat zu befolgen, nahm mein radiertes Blatt und empfahl mich. Seit jener Zeit habe ich oft und ernstlich über Sprache und Stil nachgedacht, aber was ich suchte, habe ich bis jetzt nicht entdeckt. Was heißt Stil, Buffon sagte: Le style c'est l' homme . Buffon hatte einen schönen und glänzenden Stil, und es war also sein Vorteil, diesen Satz geltend zu machen. Ist aber der Satz richtig? Kann man sagen- wie der Stil, so der Mensch? Nur allein zu behaupten: wie der Stil, so das Buch – wäre falsch; denn es gibt vortreffliche Werke, welche in einem schlechten Stile geschrieben sind. Doch die Behauptung: der Mensch ist wie sein Buch – ist noch falscher, und die Erfahrung spricht täglich dagegen. Der eine dichtet die zartesten Lieder und ist der erste Grobian von Deutschland; der andere macht Lustspiele und ist ein trübsinniger Mensch; der dritte ist ein fröhlicher Knabe und schreibt Nachtgedanken. Machiavelli, der die Freiheit liebte, schrieb seinen Prinzen, so daß er alle rechtschaffene Psychologen in Verlegenheit und in solche Verwirrung gebracht, daß sie gar nicht mehr wußten, was sie sprachen, und sie behaupteten, Machiavelli habe eine politische Satire geschrieben. Was heißt also Stil? Wie gesagt, ich weiß es nicht, und ich wünsche sehr, darüber belehrt zu werden. Die Schreibart eines Schriftstellers gehörig zu beurteilen, muß man die Darstellung von dem Dargestellten, den Ausdruck von dem Gedanken sondern. Aber dieses wird zu oft miteinander verwechselt. Noch ein anderes wird nicht immer gehörig unterschieden, nämlich: die Schönheit und das Charakteristische des Stils. Man kann sehr schön schreiben, ohne einen Stil zu haben, und einen Stil haben, ohne schön zu schreiben. Ja, eine Schreibart von eigentümlichem Gepräge schließt die vollkommene Schönheit aus, wie ein Gesicht mit ausgesprochenen Zügen selten ein schönes und ein Mann von Charakter selten ein liebenswürdiger ist. Nicht im Kolorit, in der größern oder kleinern Lebhaftigkeit der Farben, sondern in der Zeichnung, Stellung und Gruppierung der Gedanken liegt das Eigentümliche einer Schreibart. Vielleicht hängt der Stil eines Schriftstellers mehr vom Charakter als vom Geiste, mehr von seiner sittlichen als von seiner philosophischen oder Kunstanschauung des Lebens ab. Cicero schreibt vortrefflich, aber er hat keinen Stil, er war ein Mann ohne Charakter. Tacitus hat einen, und Cäsar. Die Franzosen können keinen Stil haben, weil ihre Sprache einen hat. Wer in Frankreich schreibt, schreibt wie die guten französischen Schriftsteller, oder schreibt schlecht. Vergleicht man Rousseau mit Voltaire, so findet man zwar beide Stile sehr voneinander verschieden, doch sind sie es nur so lange, als sich beider Ansichten voneinander unterscheiden. Wo Rousseau denkt wie Voltaire, schreibt er auch wie er. Die deutsche Sprache hat – der Himmel sei dafür gepriesen – keinen Stil, sondern alle mögliche Freiheit, und dennoch gibt es so wenige deutsche Schriftsteller, die das schöne Recht, jede eigentümliche Denkart auch auf eigentümlicher Weise darzustellen, zu ihrem Vorteile benutzten! Die wenigen unter ihnen, die einen Stil haben, kann man an den Fingern abzählen, und es bleiben noch Finger übrig. Vielleicht ist Lessing der einzige, von dem man bestimmt behaupten kann: er hat einen Stil. Eine andere Frage: Woher kommt es, daß so viele deutsche Schriftsteller so sehr schlecht schreiben? Vielleicht kommt es daher, weil sie sich keine Mühe geben, und sie geben sich keine Mühe, weil sie, als Deutsche treu und ehrlich sich mehr an die Sache und die Wahrheit haltend, es für eine Art Koketterie ansehen, den Ausdruck schöner zu machen, als der Gedanke ist. Entspringt die Vernachlässigung des Stils aus dieser Quelle, so ist zwar die gute Gesinnung zu loben; doch ist die Sittlichkeit, von der man sich dabei leiten läßt, eine falsche. Wie man sagt: der Gedanke schafft den Ausdruck, kann man auch sagen: der Ausdruck schafft den Gedanken. Worte sind nichtswerte Muscheln, in welchen sich zuweilen Ideen als edle Perlen finden, und man soll darum die Muscheln nicht verschmähen. Zu neuen Gedanken gelangt man selten. Der geistreiche Schriftsteller unterscheidet sich von dem geistarmen nur darin, daß er, mit größerer Empfänglichkeit begabt, schon vorhandene Ideen, deren Dasein jener gar nicht merkt, aufzufassen und sich anzueignen vermag; aber neue schafft er nicht. Der menschliche Geist müßte eine ungeheure Umwälzung, eine solche erfahren, von der wir gar keine Ahnung haben, wenn der Kreis seiner Wirksamkeit sich bedeutend erweitern sollte. Die größte bekannte Revolution, welche die Menschheit erlitten, war das Christentum, und doch kann man sagen, daß wir viele neue Ideen gewonnen, welche den Alten fremd gewesen. Freilich erklärt sich dieses dadurch, daß auch schon vor Christus christliche Weltanschauung, wenn auch nicht in solcher Ausbreitung als jetzt, geherrscht hat. Kann aber der Schriftsteller keine neuen Ideen schaffen, so vermag er doch die alten in neue Formen zu bringen, und wie die Lebenskraft in der ganzen Natur die nämliche und es nur die Gestalt ist, welche in der Wesenskette ein Geschöpf über das andere stellt, so wird auch der ewige, ungeborne Gedanke durch einen edlern oder gemeinern Ausdruck edler oder gemeiner dargestellt – und der Pflegevater ist auch ein Vater. Die schlechte Schreibart, die man bei vielen deutschen Schriftstellern findet, ist etwas sehr Verderbliches. In Büchern ist der Schaden, den ein vernachlässigter Stil verursacht, geringer und verzeihlicher; denn Werke größeren Umfangs werden mehr von solchen gelesen, die eine um- schlossene oder gesicherte Bildung haben, und der sittliche und wissenschaftliche Wert dieser Werke kann ihren Kunstmangel vergüten. Zeitschriften aber, aus welchen allein ein großer Teil des Volks seine Bildung, wenigstens seine Fortbildung schöpft, schaden ungemein, wenn sie in einem schlechten Stile geschrieben sind. Die wenigsten deutschen Zeitschriften verdienen in Beziehung auf die Sprache gelobt zu werden. Es ist aber leicht an ihnen zu gewahren, daß die Fehlerhaftigkeit des Stils von solcher Art ist, daß sie hätte vermieden werden können, wenn deren Herausgeber und Mitarbeiter mit derjenigen Achtsamkeit geschrieben hätten, die zu befolgen Pflicht ist, sobald man vor dreißig Millionen Menschen spricht. Man glaubt gewöhnlich, jedes Kunsttalent müsse angeboren sein. Dieses ist aber nur in einem beschränkten Sinne wahr, und gibt es ein Talent, das durch Fleiß ausgebildet werden kann, so ist es das des Stils. Man nehme sich nur vor, nicht alles gleich niederzuschreiben, wie es einem in den Kopf gekommen, und nicht alles gleich drucken zu lassen, wie man es niedergeschrieben. Eine gute Stilübung für Männer (denn Knaben auf Schulen im Stile zu üben, finde ich sehr lächerlich) ist das Übersetzen, besonders aus alten Sprachen. Ich meinerseits pflege mich am Horaz zu üben, und – es kommt hier nicht darauf an, ob mir die Übersetzungen mehr oder minder gelingen, aber das habe ich dabei gelernt: daß die Reichtümer der deutschen Sprache, wie wohl jeder, nicht oben liegen, sondern daß man darnach graben muß. Denn oft war ich tagelang in Verzweiflung, wie ich einen lateinischen Ausdruck durch einen gleich kräftigen deutschen wiedergeben könne, ich ließ mich aber nicht abschrecken und fand ihn endlich doch. So erinnere ich mich, acht Tage vergebens darüber nachgedacht zu haben, wie sub dio moreris zu übersetzen sei, und erst am neunten kritischen Tage fand ich das richtige Wort. Mehrere deutsche Journalisten werden es einst bereuen, daß sie die gegenwärtige vorteilhafte Zeit nicht zur Verbesserung ihres Stils benutzt haben. Die goldene Zeit der römischen Literatur begann, als die der Freiheit aufhörte. Natürlich. Wenn man nicht frei heraussprechen darf, ist man genötigt, für alte Gedanken neue Ausdrücke zu finden. Die schönsten Stellen des Tacitus sind, wo er von der alten Freiheit spricht, weil er dieses verdeckt tun mußte, da er, zwar unter einem guten Kaiser, aber doch unter einem Alleinherrscher lebte. Unsere Zeit auch verstattet nicht, alles frei herauszusagen, und durch diesen Zwang befördert sie sehr den guten Stil. Man möchte von Konstitution, von Spanien, von Italien sprechen, aber es ist verboten. Was tut ein erfinderischer Kopf? Statt Konstitution sagt er »Leibesbeschaffenheit«, statt Spanien »lberien«, statt Italien »das Land, wo im dunklen Hain die Goldorangen glühen«, und gebraucht für diesen und jenen Gedanken diesen und jenen dichterischen Ausdruck, den der gemeine Mann nicht versteht. Denn darauf kommt jetzt alles an, daß der gemeine Mann nicht errate, was wir wollen, sondern fühle, was wir gewollt. Die deutschen Journalisten müssen sich aber eilen. Sie sollen nicht vergessen, daß am 20. September 1824, abends mit dem Glockenschlage zwölf, die Zensur in Deutschland aufhört. Wenn sie also bis dahin ihren Stil nicht verbessert, werden sie mit ihrem schlechten Stile in die Ewigkeit wandern. Weil wir gerade in so freundschaftlichen Unterhaltungen begriffen sind, will ich noch erzählen, wie ich dazu gekommen, den Horaz zu übersetzen. Am 20. März 1815 kehrte Napoleon von der Insel Elba zurück. Wir deutschen Zeitungsschreiber wurden rein toll vor Freude. Nicht etwa aus Liebe für die korsische Geißel – bewahre der Himmel! sondern weil uns nach langer Dürre endlich wieder erfrischende Nachrichten zugekommen. Ich schrieb hurtig einen schönen Artikel in meine Zeitung nicht für, sondern gegen Napoleon; denn, es offenherzig zu gestehen, ich war damals noch eine recht gläubige Seele und sehr dumm, wenn ich mich so ausdrücken darf. Aber der Artikel, der mit vielem Feuer geschrieben, wurde von oben erwähntem Polizeidirektor dennoch gestrichen. Den andern Tag fragte ich dessen Sekretär, warum es geschehen, da wir doch alle mit der Geißel der Menschheit Krieg führten? Dieser antwortete mir:»Wind ist Wind, ob er nach Osten oder Westen bläst gleichviel. Er soll gar nicht blasen, wir wollen Ruhe haben.« Also, wie gesagt, mein Artikel wurde gestrichen. Es war zehn Uhr abends, und es fehlte mir eine halbe Spalte. Was tue ich? Im Polizeizimmer lag unter den Sachen eines Jenaer Studenten, der am nämlichen Tage, weil er seine Wirtshauszeche nicht bezahlen konnte, arretiert worden war, ein kleiner Horaz. Ich setzte mich hin und übersetzte daraus die Ode Nunc est bibendum und bringe das nasse Manuskript zum Zensieren ins Nebenzimmer, wo der Polizeidirektor saß. Dieser las es und sprach: »Charmant! Ich muß Ihnen das Kompliment machen, daß Sie die Ode recht gut übersetzt. Horaz – ja, das war ein Mann! Welche Sprache, welche Delikatesse, welches attische Salz! (Schade, bemerkte ich, daß auch dieses Salz ein Regal ist!) Und welche Philosophie, welche Sittlichkeit, welche Tugend! ja, Horaz, das nenne ich einen wackern Mann!« ... Als ich Horaz wegen seiner Sittlichkeit loben hörte, pochte mir das Herz; ich konnte es nicht länger aushalten und mußte mir Luft machen. Ich ordnete meine Glieder, streckte feierlich wie ein Gespenst meine Rechte aus und sprach wie folgt: »Horaz ein wackerer Mann? der? Nun, dann seid mir willkommen, ihr Memmen und Schelme! Nicht als ich Sylla morden, als ich Cäsar rauben, als ich Oktavius stehlen sah, gab ich die römische Freiheit verloren – erst dann weinte ich um sie, als ich Horaz gelesen. Er, ein Römer, ihr Götter! und seine Kinderaugen haben die Freiheit gesehen – er war der erste, der sich am Feuer des göttlichen Genius seine Suppe kochte. Was lehrt er? Ein Knecht mit Anmut sein. Was singt er? Wein, Mädchen und Geduld. Ihr unsterblichen Götter! ein Römer und Geduld. Er vermochte darüber zu scherzen, daß er in jener Schlacht bei Philippi, wo Brutus und die Freiheit blieb, seinen kleinen Schild »nicht gar löblich« verloren. Klein war der Schild, Herr Polizeidirektor, und doch warf er ihn weg so leicht macht' er sich zur Flucht! Und der ein wackerer Mann?« ... Ich sagte noch mehrere solche teils fürchterliche, teils heidnische Dinge. Der Polizeidirektor entsetzte sich, trat weit, weit von mir zurück und sah mich flehentlich an. Ich ging. Auf der Treppe dachte ich, er ist doch kein ganzer Türke – er fürchtet die Ansteckung! Aber das Lob, das offizielle Lob, daß ich Nunc est bibendum gut verdeutscht, hatte ich weg. Das munterte mich auf, ich übte mich weiter, und so habe ich nach und nach fast den ganzen Horaz übersetzt. Da liegen sie nun, die armen Oden und Satiren, und ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Sollte ein unglückseliger Zeitungsschreiber Gebrauch davon machen wollen, die Zahnlücken der Zeit damit ausfüllen, so stehen sie ihm zu Gebote. Briefe werden postfrei erbeten. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde Auteuil 1835   Ich dich ehren? wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Je des Geängstigten? Goethes Prometheus   Die mißtrauische Stimmung, mit der ich das Buch in die Hand nahm, ging sogleich in eine freundliche über, als ich auf der zweiten Seite der Vorrede das Geständnis der Verfasserin las, daß sie an orthographischen Fehlern leide und mit Komma und Punkt nicht umzugehen wisse. Bei einer gebildeten Frau ist die Unorthographie die Blüte weiblicher Liebenswürdigkeit. Auch in jeder anderen Sprache geschrieben, selbst in der gebildeten, feinen und vornehmen Literatur der Engländer und Franzosen würden diese Briefe eines Kindes die höchste Auszeichnung verdienen und erhalten; aber als ein deutsches Werk sind sie von noch größerer Bedeutung. Ist es doch das erste Mal, daß wir deutschen Geist, ein Schiff mit reicher Ladung, auf offener See, bei günstigem Winde, mit geschwellten Segeln stolz dahin fahren sehen! Soll uns das nicht freudig überraschen, uns, die wir die deutschen Schiffe nur immer im Hafen sahen, einladend oder ausladend, aber bewegungslos? Und Goethe ist der Anker dieses Schiffes! Bettine würde sagen: er ist mein Polarstern, mein Magnet und mein Steuermann. Geschwätz eines Kindes, worauf wir nicht achten. Goethe ist der Anker, und wie freuen wir uns darüber, wenn das kalte, harte, schwere und träge Eisen, sooft das Schiff ausgeschlafen, hinaufgezogen und mit fortgeführt wird, hin in das Ungewisse, getragen von dem Schwankenden, unter sich den Abgrund, hinter sich die Launen des Windes; und alles ohne Rahmen, ohne Farbe, ohne Gestaltung! Betet dieses Kind an, denn der Himmel ist in ihm, und erkennt, daß es einen Gott gibt und eine gerechte Vergeltung! Bettine ist nicht Goethes Engel, sie ist seine Rachefurie. Einst vor vielen Jahren schmolz wieder einmal der Schnee in unsrem rauhen Lande, und die Herzen wurden wieder warm und Gedanken keimten wieder. Da ragte unter allen sprossenden Geistern einer hervor, mit tausend Knospen prangend, er allein ein ganzer Frühling. Die Götter sprachen: Diesen Dichter wollen wir ehren durch unsre Gunst, denn er wird uns verherrlichen, uns und sein Vaterland, und sein armes Volk wird durch ihn erfahren, daß wir noch seiner gedenken in unsrer Höhe. Sie sendeten dem Dichter einen ihrer vertrautesten Geister herab, ein holdes zaubrisches Wesen, das sich in irdischer Gestalt ihm näherte. Die schönsten Blumen, die süßesten Früchte brachte sie ihm. Sie war ihm Tochter, Freundin, Geliebte und sang ihm vor mit Harfenstimme von ihrem Heimatlande, wohin sie ihn zu führen versprach. Goethe fühlte sich gerührt und immer tiefer und tiefer, und da, aus Furcht zu lieben, haßte er; denn Goethe haßte die Liebe, die ihm Tod, Fäulnis war, und er fürchtete den Tod; den Haß aber liebte er, denn er liebte das Leben, und im trennenden Hasse erkannte er allein das Leben. Goethe schlug Mignon tot mit seiner Leier und begrub sie tief, und verherrlichte ihr Andenken mit den schönsten Liedern. Die Tote versprach er sich zu lieben, behaglich, nach Bequemlichkeit, nach Zeit und Umständen, und so oft ihn die Optik, Karlsbad und seine gnädigste Herrschaft nicht in Anspruch nähmen. Aber Mignon war keine Sterbliche. Noch einmal weinte sie, dann ließ sie ihre Hülle sinken und entschwebte. Oben aus einer Gewitterwolke rief sie herab: Wehe dem Undankbaren, der die Gunst der Götter verschmäht! Du hast mich nicht geliebt als Jüngling, so sollst du mich lieben als Greis; du hast mich nicht umarmt in den Tagen deiner Kraft, so sollst du mich umarmen in den Jahren deiner Ohnmacht; du hast mich von dir gestoßen, da ich deine Lust wollte sein, du sollst mich an deine Brust drücken, wenn ich deine Qual werde sein. Lebe nur fort in Hochmut und Todesfurcht, einst erscheine ich dir wieder. Und wie sie gedroht, vollstreckte sie. Nach vierzig Jahren kam sie wieder und nannte sich Bettine. Sie liebte ihn, und er glaubte, sie spotte seiner; er liebte sie, und sie heuchelte, es nicht zu glauben, und er hatte doppelten Schmerz und war sehr unglücklich. Es fehlte der Frau von Arnim nur an einer größern Schaubühne der Beobachtung, einer solchen, wie sie in Deutschland keiner findet; dort, wo für jede Loge ein eignes Stück aufgeführt wird – nur daran fehlte es ihr, sonst wären ihre Briefe den interessantesten französischen Memoiren zu vergleichen, und wir hätten eine deutsche Sévigné, nur verschönert und veredelt durch jene Liebe und jene Tiefe des Gemüts, welche die deutsche Nation über die französische erheben. Die Verfasserin hat ein merkwürdig[e]s Talent zu porträtieren, sowohl Zeiten als Menschen, welches sich mit ihrem nationellen Talente zu idealisieren gar wohl verträgt. Es wäre gut, sie gründete eine Unterrichtsanstalt für die historischen Professoren der deutschen Universitäten, welche die Kunst besitzen, sehr gute Geschichtsbücher zu schreiben, aber nicht die Kunst, sie lesen zu machen. Es wäre eine Kochschule, in der man lernte, wie aus den vortrefflichen Viktualien der deutschen Literatur alles Zähe, alle Säure und fixe Luft zu vertreiben sei, damit sie zur wohlschmeckenden und gesunden Nahrung werde. Wer Frankfurt kennt, den Geburtsort der Verfasserin, und ihrem Buche die Bewunderung zuwendet, die es verdient, der wird nicht begreifen können, wie eine in Frankfurt Geborne diese Freiheit des Geistes und des Herzens gewinnen konnte. Die Auflösung des Rätsels liegt darin: Frau von Arnim war eine Katholikin, sie gehörte zu den unterdrückten Volksklassen, sie war also Weltbürgerin, und dieses bewahrte sie vor der Engherzigkeit und der Philisterei, von der sich der Protestant Goethe, dessen Familie zur herrschenden Partei gehörte, nie losmachen konnte. Was machte Goethe, den größten Dichter, zum kleinsten Menschen? Was schlang Hopfen und Petersilie durch seine Lorbeerkrone? Was setzte die Schlafmütze auf seine erhabene Stirne? Was machte ihn zum Knechte der Verhältnisse, zum feigen Philister, zum Kleinstädter? Er war Protestant und seine Familie war ratsfähig. Er war schon sechzig Jahre alt, stand auf dem höchsten Gipfel seines Ruhms, und Weihrauchwolken unter seinen Füßen wollten ihn trennend schützen vor den niedern Leidenschaften der Talbewohner – da ärgerte er sich, als er erfuhr, die Frankfurter Juden forderten Bürgerrecht, und er geiferte gegen die »Humanitätssalbader«, die den Juden das Wort sprächen. ja, der Gott ärgerte sich und geiferte, und das Kind Bettine mußte ihm weiche Umschläge auf sein gichtisches Herz legen und ihn beschwichtigen wie einen leidenden mürrischen Onkel! Bettine liebte Goethe wie einst Petrarca seine Laura; sie liebten beide nur die Liebe. Bettine kniete nicht vor Goethe, sie kniete in ihm; er war ihr Tempel, nicht ihr Gott. Goethe war König, nicht der gemeinen, noch der vornehmen Geister, sondern ein König bürgerlicher Seelen. Ehrfurcht und Liebe umgaben ihn nicht, aber Bettelei und Dankbarkeit. Er war der Gönner der literarischen Gewürzkrämer, die Nationalgarde der Egoisten; verschmähend alles, was allen, hassend das, was den Besten gefiel. Er beschützte die Mittelmäßigkeit der Literatur und ließ sich von ihr bewachen. Er schrieb dem Kinde: »Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen; nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke.« Wenn Goethe für Originalskizzen dankt, kann niemand an der Aufrichtigkeit seines Dankes zweifeln. Wären diese Briefe nicht Originalskizzen gewesen, sondern an alle geschrieben, gedruckt, dann hätte sie Goethe unleidlich gefunden. Daß er sie, selbst in ihrer ausschließlichen Beziehung zu ihm, zu würdigen verstand, mußte er in seinem Geiste, wir zweifeln nicht daran, sie als orientalische Poesie angesehen haben. War ihm Ja der ganze Jean Paul nur unter dieser Vorstellung begreiflich und verzeihlich. Diese Weise der Anschauung und des Urteils war begründet in Goethes innerster Natur. Feuer, das nichts verzehrte, Licht, das nichts beleuchtete, Wärme, die nichts erwärmte, waren ihm grauenvoll. In der Kohle, in der Farbe, in der Kälte, die sondern und sperren, sah er allein das Leben. Stoffloses Feuer, farbenloses Licht waren seinem Herzen unverständlich und seinem Verstande, seiner Wißbegierde nur als eine Seltsamkeit wert, die aus dem Morgenlande kam. Frau von Sévigné, als einst Ludwig XIV. einen Menuett mit ihr getanzt, rief begeistert aus: es ist doch wahr, wir haben einen großen König! So haben gar viele Personen Goethe groß gefunden und bewundert, nur weil er so gnädig war, ihnen zu schreiben, weil er einen Briefmenuett mit ihnen getanzt. Aber zu diesen eiteln Enthusiasten gehörte Bettine nicht; sie hatte ein zu großes Herz um eitel zu sein. Aber wie konnte sie Goethen lieben und bewundern ? Es ist das Geheimnis der Apokalypse, man kann hundert Auslegungen versuchen, und des Unerklärlichen bleibt noch viel zurück. Bettine hatte einen bewunderungswürdigen Höhesinn und eine unstillbare Kletterlust. Sie kletterte an Goethen hinauf wie an Türmen, Mauern und Bäumen, und oben, wenn ihr warm geworden war von der Bewegung, glaubte sie, sie hätte oben die Wärme gefunden, und die schöne Aussicht, die sie auf der Höhe gewann, sie glaubte, die Höhe hätte sie geschaffen. Es geschah nicht selten, daß Bettine von ihrer Begeisterung für Goethe herabstürzte, aber nach ihrer Katzennatur fiel sie immer auf die Beine, und sie tat sich nicht zu weh. Da ihr Herz heller aufloderte so oft Goethe es berührte, wähnte sie, von ihm käme seine Glut. Und doch war es nichts anderes, als daß er Wasser in ihre Flamme sprützte. Wenn aber der Kälte zuviel kam, die Glut dämpfend statt anzufachen, dann kam Bettine zur Besinnung, und sie erkannte Goethen, und sie pochte mit ihrer Kindeshand zornig an seine eiserne Brust. Wem hätte Goethe nicht wehe getan, wer hätte nichts an ihm zu rächen? Darum wird es viele Tausende erquicken, wenn sie folgendes lesen, was Bettine, überwältigt von ihrer sich nicht bewußten Sendung, von Zeit zu Zeit an Goethe schrieb. Kinder sagen die Wahrheit und Narren verbreiten sie. Aber wer wäre nicht gern ein Kind mit diesem Kinde, ein Narr mit dieser Närrin? »Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde; die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab' ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht abzuändern ist, gerne ab; wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblicke war und wie gewaltig das Poetische in ihr.« »Bei der Hand möchte dich Dich nehmen und weit wegführen, daß Du Dich besinnen solltest über mich, daß ich Dir in Deinen Gedanken aufginge, als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürst, wie z. B. einem Intermaxillarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Sömmering behauptet: sag mir aufrichtig, werde ich Dir so wichtig sein als ein solcher toter Knochen?« »Ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle deine Liebsten müßten denn mit ihren Prätensionen und höhern Gefühlen eine Welle darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen verbleicht sein und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonnenverbrannten Marsantlitze schaudern.« »Ja, ich glaub's, daß ich Dir lieb bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schöne Mäßigung plötzlich zum Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefühl, so ganz wie Dich Gott geschaffen hat, in Deinem Herzen, ich würde mich nicht vor Dir fürchten wie jetzt, wenn ein so kühler Brief ankömmt, wo ich mich besinnen muß, was ich denn getan hab.« »Ach, Du hast einen eignen Geschmack an Frauen. Werthers Lotte hat mich nie erbaut. So geht mir's auch mit Wilhelm Meister; da sind mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen. « »Ach, Goethe, laß Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du müßtest sie verstehen und würdigen; ergib Dich auf Gnade und Ungnade, leide in Gottes Namen Schiffbruch mit Deinem Begriff. Was willst Du alles Göttliche ordnen und verstehen, wo's herkömmt und hinwill?« »Ja, das hat Christian Schlosser gesagt: Du verstündest keine Musik, Du fürchtest Dich vor dem Tod und habest keine Religion.« Und in einem langen herrlichen Briefe über Musik erzählt Bettine, sooft sie spiele oder singe, käme in ihrem Zimmer eine Maus und eine Spinne aus ihrer Verborgenheit vor und äußerten bei den Tönen das lebhafteste, freudendurchdrungenste Mitgefühl. Dann spricht sie fortfahrend zu Goethe: »Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhöht, vom Göttlichen berührt fühlten, und Du, der sich bewegt fühlt durch die ewige[n] Wellen des Göttlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Werke, dessen Gedanken immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht im Element der Erhöhung, der Vermittelung mit Gott!« »Du bist ein koketter zierlicher Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schöne Natur, die herrliche Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung – das alles rührt Dich nicht, so freundlich Du bist, so kalt bist Du auch.« Einmal schickte Bettine Liebesäpfel an Goethe. Darauf schrieb er ihr: er habe sie nach deren Empfang an eine Schnur gereiht, ans Fenster in die Sonne gehängt und Farbenbeobachtungen dabei angestellt. Nicht einmal die Dankbarkeit konnte diesen kalten Mann erwärmen, ihn, der doch so gern Geschenke nahm. Man muß es ihm verzeihen, daß er so gern Geschenke nahm, ja oft erbettelte; Goethe war der ärmste Mann seines Landes und seiner Zeit. Er konnte nur genießen, was er besaß, und er besaß nur, was unter seinen Augen stand, was er mit den Händen fassen konnte. Sein Gaumen hatte keine Phantasie. Für ihn gab es keine Erinnerung, keine Hoffnung, keine Sehnsucht, keine Gläubigkeit. Gott selbst hätte ihm einen Wechsel auf eine Million, zahlbar in vier Wochen, ausstellen können, er hätte den Wechsel für einen Dukaten verkauft. Wie konnte aber ein so gottloser Mann einen so reich begabten Geist haben, da aller Geist nur von Gott kömmt? Goethe hatte sich dem Teufel verschrieben. Kein erhabener Mensch, kein großer Fürst, kein Gott hat je eine seelenvollere, glühendere, herzinnigere Anbetung gefunden, als sie Goethe von Bettinen empfing. Ihre Briefe sind Gebete des Geschöpfes an seinen Schöpfer, jedes Wort zu seiner Verherrlichung. Ein Gott selbst hätte solche Lobpreisungen nur mit Rührung und Demut aufgenommen und gesagt: ich will werden, was ich Scheine. Wie aber nahm sie Goethe auf? Bettinens Gefühle fand er oft zu natürlich, ihre Gedanken zu roh, und dann schickte er sie ihr gekocht zurück. Die Prosa ihrer Briefe putzte er in Poesie, machte Sonette daraus und besang und verherrlichte sich selbst mit der erstaunenswürdigsten Sachdenklichkeit. Bacchus, obzwar Herr des Weins, wird doch oft sein Diener und berauscht sich selbst; aber Goethe hat einen starken, felsenfesten Kopf; er kann Fässer seines Lobes austrinken und es schwindelt ihn nicht und er wankt nicht! Goethe hatte weder Sinn noch Geist für edle Liebe, er verstand ihre Sprache nicht, noch ihr stummes Leiden. Die Liebe, die er begriff, die ihn ergriff, das war die gemeine, jenes Herzklopfen, das aus dem Unterleibe kömmt; und selbst in dieser galt ihm nur geliebt werden, lieben galt ihm nichts. Abends, wenn Goethe müde war vom Stolze, ward er eitel sich auszuruhen. Man mustere die liebenden Paare, die durch seine Dichtungen streichen, loses Gesindel, das in allen Reichsstädten dem Konsistorium zugefallen wäre. Die glückliche Liebe ist ein Verbrechen, die unglückliche ein verbrecherischer Wunsch. Sinnlichkeit, Eitelkeit, Heuchelei mit Stickereien von blumigen Redensarten als Schleier darüber. Seine geliebten Frauen sind Maitressen, seine geliebten Männer Günstlinge – und bezahlt. Die Liebeswirtschaft in Wilhelm Meister hätte die Polizei keinen Tag geduldet, wären nicht Barone und Gräfinnen dabei im Spiele gewesen. Goethe fürchtete sich vor der Liebe, denn alles, was er nicht mit Händen greifen konnte, war ihm Gespenst. Er schlug sie tot auf seine gewohnte Weise. Die Liebe war ihm Chemie des Herzens, Sympathie nannte er Wahlverwandtschaft. Er stellte die Liebe in gut verstöpselten Gläsern in sein Laboratorium, und da war ihm wohl. Bettine erzählte Goethe von seinen Kinderjahren, was sie von seiner Mutter gehört: »Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Straße herkamst mit mehrern andern Knaben; sie bemerkten, daß Du sehr gravitätisch einherschrittest und hielten Dir vor, daß Du Dich mit Deinem Geradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. Mit diesem mache ich den Anfang, sagtest Du, und später werde ich mich noch mit allerlei auszeichnen.« Knaben, die sich gerade halten, werden Männer, die sich bücken, und darin hat sich Goethe ausgezeichnet, er hat sich tief gebückt vor allen, die sich noch gerader gehalten als er. Seine Mutter erzählt weiter: »In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen; ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen. Auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein paar Stiefel dazu. Auf den zweiten einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw. Auf den dritten kam alles vom feinsten, nebst Degen und Haarbeutel. Das erste zog er im Hause an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zur Gala.« Goethe war stolz und hochmütig, aber alle seine große[n] Gaben berechtigten ihn zu keinem Stolze, denn die Gaben, die allein dazu berechtigen, fehlten ihm: Mut und Seelengröße. Und ist man ein Dichter ohne Mut? Wahrheit und Schönheit sind verzauberte Prinzessinnen. Gar manchen Riesen und Drachen mußte man erlegen, durch Feuer und Wasser gehen, über einen Draht reiten um sie zu erlösen. Aber Goethe ist auch kein Dichter; die Muse war ihm nie vermählt, sie war seine Dirne, die sich ihm hingab für Geld und Putz, und Bastarde sind die Kinder seines Geistes. Ja wahrlich, Goethe mußte, um seine Freundin erträglich, um sie nur begreiflich, und in seinem Naturalienkabinett ein Schubfach für sie zu finden, sie als seine Hofnärrin betrachten. Wenn Bettine ihre schöne Begeisterung für die Treue, den Heldenmut der Tiroler und ihren Schmerz und Zorn bei Hofers Tod Goethen anvertraut und von ihm Verständnis, Erwiderung ihrer Gefühle erwartet, muß man da nicht laut auflachen über das närrische Kind, das seiner Puppe seine Leiden vorweint? Und möchte man nicht laut aufweinen, wenn man gewahrt, wie ein so bedeutender Mann als Goethe vor jeder Empfindung bleich wird und zittert, weil er die hypochondrische Einbildung hat, das Herz wäre von Glas und müsse brechen von einer heftigen Berührung? ja wahrlich, Goethe hatte eine fixe Idee, so traurig als man nur je eine im Irrenhause fand. Die Natur verwahrt alle ihre Kleinodien in Futteralen, wie der Mensch; aber für Goethe galten die Futterale selbst als Kleinodie; innen die Kostbarkeiten gewahrte er gar nicht, und wenn ja, betrachtete er sie als eingeschlossene Diebe, die seinen Schatz bedrohten. Goethe hatte eine lächerliche Schachtelwut; er nannte das Kunstliebe, seine Verehrer nannten es Kunstkennerschaft, Sachdenklichkeit. Aber das war eine betrübliche Kunstliebe, eine lächerliche Kunstkennerschaft und eine wahnsinnige Sachdenklichkeit. Jedes Kunstwerk ist der sterbliche Leib eines unsterblichen Gedankens, die Versinnlichung des Übersinnlichen. Aber für Goethe war ein Kunstwerk der Sarg einer Idee, und hörte er etwas sich darin rühren, floh er entsetzt davon, ihm schauderte vor der lebendig begrabenen. Es gibt keine Staatsgeheimnisse mehr. Goethes ehemalige Minister und Günstlinge werden freilich die Verwirrungen ihres Gebieters auch nach dessen Tode nicht verraten; aber mögen sie schweigen so tief sie wollen, wer errät es nicht, daß Bettine Goethes Quälgeist war, und daß sie ihn mit ihren Briefen, mit ihren Besuchen oft zur Verzweiflung gebracht haben mußte? Mit ihrer Begeisterung, ihrer Schwärmerei, ihrer schattenlosen Mittagslust, ihren Gedanken, Sternschnuppen gleich, dem Kometenwandel ihrer Phantasie konnte Goethes Sachdenklichkeit nicht fertig werden. Nicht in seiner Gemäldegalerie, nicht in seinem Naturalienkabinette wollte sie still halten, Ja aus dem festesten unterirdischen Gedichte wußte sie zu entspringen. Das eine, was ihm mit ihr gelang und ihn vor Trostlosigkeit auf kurze Zeit schützte, war, daß er sie wie Sand auf eine Glastafel streute und sie zu Chladnischen Klangfiguren formte. Aber wie lang half das und wie wenig! Hatte sie anschwindelnd getanzt bis zur willkommenen Gestaltung – ein Lüftchen, und sie stäubte wieder auseinander. Nach einer langen Reihe von Briefen, worin sie mit Goethe von Musik, von Liebe, von der schöpferischen Natur, von Freiheit, von Vaterland, von Andreas Hofers Tode gesprochen, schrieb ihr der betrübte Freund zurück: »Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zum Tempel des Mars geleitet.« Um den Lichtwechsel und den launischen Gang der Liebe zu begreifen, mußte er sich das Herz als einen englischen Garten vorstellen, und um aus Andreas Hofer etwas zu machen, ließ er ihn als einen Priester des Marstempels gelten. Der unglückliche Mann, der nur in einem Kerker ruhig schlafen konnte! Goethe hat nur das Räumliche und das Zeitliche verstanden, das Unendliche und die Ewigkeit verstand er nicht; aber unsterblich ist nur, wer die Unsterblichkeit begreift. Lächerlicheres gibt es nicht auf der Welt als Gott und Teufel, wie sie Goethe in seinem viel gepriesenen Faust dargestellt; Goethe hat Gott und Teufel nach seinem Ebenbilde geschaffen. Dort ist Gottes Weisheit fünf grade sein lassen; und des Teufels Klugheit, es mit Gott nicht zu verderben, weil er doch ein vornehmer Herr ist. Hätte Bettine die schöne Musik ihres Herzens vor rohen Ohren hören lassen, vor einem Philister ihrer Vaterstadt, vor einem Sachsenhäuser, der aus dem Apfelwein seine Begeisterung schöpft – es hätte uns gewundert aber nicht verdrossen. Wir hätten gedacht: sie ist ein Sonntagskind, die einen edlen Geist da erkennt, wo wir Wochenmenschen nur die rohe Hülle sehen. Aber daß sie sich Goethen zugewendet, der seinen ganzen Schatz an den Koffer verwendet, der bei andern großen Geistern den Schatz einschließt; den jeder Alltagsmensch begreift, nach seinem vollen Werte schätzt, weil er nichts zu erraten übrig läßt, weil er sein eigener Hintergrund ist – das betrübt uns. Goethe hat nur verstanden, was tot war, und darum tötete er jedes Leben um es zu verstehen. Nicht die Natur, nicht den Menschen faßte er. Er zerstückelte das Leben in seine Glieder, in seine einzelnen Organe und zeichnete sie sehr richtig, wie in den besten anatomischen Kupfertafeln. Freilich findet Ihr alles in seinen Schriften, Hand und Fuß, Rumpf und Schädel, Herz und Nieren; aber setzt sie nur zusammen, macht einen lebendigen Menschen daraus, wenn Ihr könnt. Ihr findet freilich Sterne und Götter in seinen Dichtungen, aber gerissen aus ihrer Liebesbahn, Ihr macht nie einen Himmel daraus. Goethe lebt nur in seinen Liedern, da allein ist er ganz und vollständig; denn das Lied ist die Scheidemünze der Poesie, die sich nicht mehr teilen läßt, die nicht mehr gewechselt werden kann. Bettine ist ein reichbegabtes, gottgesegnetes Kind, das wir lieben und verehren müssen. Sie ist glückliche Gespielin der Blumen, Vertraute der Nachtigall; sie verstand die Sprache der Stille, der Goethe taub war, und wußte das Mienenspiel der stummen Natur zu deuten. Ihr waren die Sterne näher, sie leuchteten ihr wie uns Mond und Sonne. Ihr Buch ist ein Gedicht und ihr Leben ein holdes Märchen. Goethes Nachwelt ist auch die ihre, sie richtet beide. Wird Goethe verurteilt, ist Bettine freigesprochen, wird Goethe freigesprochen, ist Bettine schuldig. Goethe nannte sie eine Närrin, und er mußte wohl; denn Bettine selbst sagt es: »Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergänglichen.« Goethe wagte sich nicht zu berauschen im Weine der Begeisterung. Er hätte Wasser in den Nektar selbst gemischt, ihn wie Arznei getrunken, ängstlich in Maß und Zeit. Bettine besiegte Goethen, aber nicht wie die Liebe besiegt: er floh vor ihr, und so eilig und angstvoll, daß er nicht einmal seinen Körper mitnahm. Die Biene erquickt uns nicht bloß mit Honig, sie spendet uns auch das Licht der Nacht. So soll auch der Dichter sein: süß dem Freudedurstigen, leuchtend in der Dunkelheit der Trauer. Goethe war nur das erstere, der Dichter der Glücklichen, er war nicht der Dichter der Menge. Keiner weint an seinem Grabe, denn nur die Unglücklichen haben Tränen. Goethe hat nur immer der Selbstsucht, der Lieblosigkeit geschmeichelt; darum lieben ihn die Lieblosen. Er hat die gebildeten Leute gelehrt, wie man gebildet sein könne, freisinnig und ohne Vorurteile und doch ein Selbstling; wie man alle Laster haben könne ohne ihre Roheit, alle Schwächen ohne ihre Lächerlichkeit; wie man den Geist rein erhalte von dem Schmutze des Herzens, mit Anstand sündige und den Stoff Jeder Nichtswürdigkeit durch eine schöne Kunstform veredle. Und weil er sie das gelehrt, verehren ihn die gebildeten Leute. Goethe hat sich mit wenigen Worten treffender und wahrer geschildert, als es irgend ein anderer vermöchte. Er sagt in seinem Leben: »Es liegt nun einmal in meiner Natur, ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als eine Unordnung ertragen.« So war Goethe immer und überall, so hat er sich gezeigt in allen seinen Worten und Handlungen. Wenn edle Menschen sich gegen ihre böse, tyrannische Natur empören, sich von ihr frei zu machen suchen, war es Goethes Weisheit, sich ihr zu unterwerfen mit Lakaiendemut. Die Liebe, die alle Trennung aufhebt, die kunsttötende, galt ihm für Unordnung. Für Unordnung galt ihm, wenn die Macht wechselte, wie alles wechselt, und von dem Starken zu dem Schwachen, von den Unterdrückern zu den Unterdrückten überging. Goethe war ein Stabilitätsnarr, und die Bequemlichkeit war seine Religion. Er hätte gern die Zeit an den Raum festgenagelt. Das gelang ihm nicht, aber es gelang ihm, sein Volk aufzuhalten, da er lebte und noch nach seinem Tode; denn über seine Leiche muß es schreiten, will es zu seinem Ruhme und seinem Glücke kommen. Blind ist jede Liebe, aber blinder hat sie sich noch nie gezeigt als bei Bettine. Ihr Buch, bekannt gemacht zur Verherrlichung Goethes, hat seine Blöße gezeigt, hat seine geheimsten Gebrechen aufgedeckt. Die arme Bettine rieb sich die Hände wund ihren Gott zu reinigen, es gelang ihr nicht; sie hat ihm manchmal den Kopf gewaschen, aber das Herz konnte sie ihm nicht waschen. Wäre die Liebe nicht blind, hätte sie statt zu Goethe für ihn gebetet, gebetet mit seinen eignen schönen Worten: Ist auf deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke sein Herz! Öffne den umwölkten Blick Über die tausend Quellen Neben dem Durstenden In der Wüste. Die Ahnfrau Trauerspiel von Grillparzer 1818 O Dank, Dank diesen freundlich grünen Bäumen, Die meines Kerkers Mauern mir verstecken! Ich will mich frei und glücklich träumen. Warum aus meinem süßen Wahn mich wecken? Diese Worte der Königin Maria, könnte man sie nicht dem Dichter zuwenden, der von den Mauern, zwischen welchen der menschliche Wille gefangen sitzt, alle Blüten Lind Täuschungen wegzieht, die sie verhängen, und dem erschrocknen Blicke die steile, kalte Notwendigkeit zur Anschauung gibt? Warum aus unserm süßen Wahn uns wecken? – Sooft das Schicksal mit der zermalmenden Keule als Sieger die Bühne verläßt, so oft ist auch die dramatische Kunst von ihrer Bestimmung abgewichen, und der Tempel der Freude hat sich in einen Tempel des Gottesdienstes umgewandelt. Dort mag es frommen, daß der Mensch, der in seinem Übermute sich ungebunden wähnt, die ewige Weltordnung, die ihn unauflöslich kettet, verehren lerne. Dort mag es gut sein, daß dein vom Gefühle der Vergänglichkeit gepreßten Herzen der allgemeine Blutlauf der Dinge, dein es folgen muß aufgezeigt und ihm für den Verlust seiner Freiheit die Unsterblichkeit geboten werde. Aber wo der Mensch sich menschlich freuen soll, da muß er wie ein Vogel hoch in den Lüften schweben, die unter seinen Füßen liegende schmutzige Notwendigkeit aus den Augen verlieren und es zu vergessen suchen, daß sie ihn endlich dennoch anziehen werde. Daß die Tragödiendichter der alten und der neuen Zeit dies so oft nicht beachtet und den Menschen als Sklaven des Geschickes dargestellt hatten, eben daraus wird kund, wie der gottesdienstliche Ursprung der dramatischen Kunst in ihren Werken sich herabgeerbt habe, und dann, als solche Schicksalstragödien dennoch eine Art schmerzlicher Lust gewähren, zeigt uns, wie es gleichviel sei, ob eine rauhe oder eine sanfte Hand die Saiten des Herzens berühre – nur daß sie bewegt werden und tönen. Wird nun zwar verstattet, daß der Dichter den Menschen der Macht des Schicksals unterwerfe, so darf dies doch nur in einem Kampfe der sittlichen Freiheit gegen die sittliche Notwendigkeit, nicht in einem Widerstreite jener gegen die Notwendigkeit der Naturgesetze dargestellt werden. Es mag die eigne Lust in der allgemeinen Seligkeit untergehen, nie aber darf das besondere Leben dem gemeinschaftlichen Tode hingeopfert werden. Dies ist in der Ahnfrau geschehen, und das ist ihre Fehlerhaftigkeit. Wenn ein Mensch, unzufrieden mit der Mitgift des Glückes, die ihm zuteil geworden, sich die Freuden anderer räuberisch anmaßt und das waltende Geschick endlichen Freiheit der Gemeinschaft aufgeopfert wird. Wo bestraft, dann zeigt sich hier die Regel der Weltordnung, nach weicher die sittliche Freiheit des einzelnen der sittlichen Freiheit der Gemeinschaft aufgeopfert wird. Wo aber der Enkel die Schulden seiner Voreltern bezahlen und für ihre Sünden büßen soll, wo die Nachkommen als leibeigne Glieder des Familienhauptes, dessen Bewegung sie folgen, angesehen werden; wo das verbrecherische Blut der Ahnen durch die ganze Reihe der Geschlechter fließt und sie versauert, bis endlich die Ader durchgefressen und die Schuld, die Buße und das Leben in einem großen Morde ausströmen; – wenn dem Schicksalskampfe ein solcher Ausgang gegeben wird, wie in der Ahnfrau es geschehen, da hat der Dichter nicht die gerechte Vorsehung, sondern die blinde Naturkraft siegen lassen, und dieser Streit zwischen sittlicher Freiheit und massiver Notwendigkeit, als zwischen ungleichen Waffen, ist gemein und unkünstlerischen Stoffes. Wenn zwischen Aufgang und Untergang, zwischen Quelle Lind Ausfluß sich eine lange Zeit oder ein breiter Strom gelagert und wir mit unsern schwachen Sinnen das feine Gespinst, das Ursache und Wirkung aneinanderbindet, übersehen, dann schreckt uns endlich am Ziele die täglich, aber leise waltende Regel als Schicksal mit Donnerworten auf. Die Griechen verehrten und fürchteten das Fatum als eine tückische Lind rächende Macht, welche die Freuden der Menschen zerstöre und ihre Schwäche schonungslos bestrafe. Aber der Christ erkennt nur eine Allmacht voll Güte und versöhnlicher Liebe. Nicht weil die christliche Glaubenslehre die Verehrung eines blinden Geschickes verbietet (es gibt keinen Zwang für das Gemüt), sondern weil der Glaube der Christen ins Gefühl und Leben aufgenommen, kann das Fatum im Sinne der Alten nicht auf unsre Bühne gebracht werden. Wenn noch überdies, wie in der Ahnfrau, dieses so geschieht, daß eine abgeschmackte Puppe die Triebfeder des Ganzen wird, dann ist nicht allein das wahre Ziel der Tragödie, sondern auch der Weg zum gewählten falschen Ziele verfehlt. Was Grillparzer in der Vorrede zu diesem Trauerspiele in der Absicht sagte, um sich gegen empfangene Beschuldigungen zu verteidigen, klagt ihn nur noch lauter an. »Der verstärkte Antrieb zum Bösen, der in dem angeerbten Blute liegen kann, hebt die Willensfreiheit und die moralische Zurechnung nicht auf.« Allein wenn dieses ist, dann hätte die Tugend, nicht das böse Geschick, als siegreich dargestellt werden sollen. Freiheit ist nur vor einer Tat- sobald sie geschehen, war sie notwendig. Eine verwirrende und trügerische Ansicht herrscht im Leben wie in der Kunst der Neuern. Die Bühne der Griechen war eine Schule der Weisheit: dort ward ihnen die Übermacht des Geschickes bekannt, sie traten erschüttert, aber nicht mit zerrissenen Gefühlen ins Leben zurück, und sie lernten mit dem ihnen gewordenen Teile der Freiheit sich begnügen. Die Bühne der Christen ist eine Schule der Torheit: die Tugend soll siegen und das Laster siegt. Ist der Wille frei und stark, warum unterliegt er? ist er schwach, warum wird die Schwäche als Sünde angerechnet? ... Leidenschaften? ... Ob wir diesen, ob wir unserem bösen Geschicke unterlagen, es war der nämliche Kampf – das Schicksal hat uns besiegt. Sobald ein Mensch mit sich selbst zerfällt, sobald es ihm an Kraft gebricht, eine Leidenschaft zu bekämpfen oder zu befriedigen, ist dieser sein feindlicher Teil zur Außenwelt übergetreten, hat sich mit der großen Notwendigkeit verbündet und führt so den Krieg gegen den schwachen Überrest der Selbständigkeit. Das Gespenst, welches Grillparzer auf die Bühne gebracht, welchen dramatischen Zweck wollte er damit erreichen? Sollte das übermächtige Einwirken irgendeines geistigen Daseins hierdurch fühlbar gemacht werden, wozu diese sinnliche Einkleidung, worüber Kinder erschrecken und Erwachsene lachen? Sollte das Fieberbild einer erkrankten Einbildungskraft, vorn Aberglauben vorgegaukelt, dargestellt werden, dann hätte eben, um den Ursprung solcher Erscheinungen zu erklären, das Gespenst nicht den Blicken des kalten Zuschauers sichtbar gemacht, sondern nur durch Worte und Gebärden des geängstigten Geistersehers verraten werden dürfen, welche Erscheinung ihm vorschwebte. –-- Vorgehende, gegen die Tragödie gerichtete Bemerkungen sollten nur andeuten, welche Verwirrung in der Ansicht der dramatischen Kunst der Neuern herrsche, nicht den herrlichen und geistreichen Dichter sollten sie treffen. Gäbe es nur eine größere Zahl solcher dramatischen Dichtungen, daß wir endlich der Jämmerlichen Familiengeschichten ledig würden, die wie Wanzen sich in alle Ritzen der Bühnenbretter eingenistet haben, gar nicht zu vertreiben sind und uns zur Verzweiflung bringen. Herr* * * vom Leipziger Theater spielte als Gast den Jaromir und gab uns einen seltenen, ja seltenen Genuß. Das ist Kunst ! ruft die aus dem Schlafe geweckte Erwartung verwundernd aus. Es gehört ein ungemeiner Reichtum künstlerischer Hilfen dazu, und es wird eine nicht geringe Kraft erfordert, um in dieser Rolle nicht unterzugehen. Dem Schauspieler wird durch die ganze Handlung nicht ein Augenblick der Ruhe vergönnt, mit gleich starker Leidenschaftlichkeit betritt und verläßt er die Bühne, und er findet keine Zeit, sich für die entscheidenden Momente zu sammeln. Den Kampf auf Tod und Leben seiner Gefühle gab uns Herr*** mit ergreifender Wahrheit. Dieses Feuer, diese unauslöschliche Glut der Leidenschaft mußte Jaromir fühlbar machen, um in dem Herzen des Zuhörers für seine Verbrechen Erbarmen zu finden. Der kalte, besonnene Bösewicht bliebe ein Gegenstand des Hasses und Ekels. Herr*** zeigte im Vortrage der oft gesangartigen Verse eine große Mannigfaltigkeit einschmeichelnder und stets angemessener Modulationen der Stimme. Sein Gebärdenspiel war manchmal zu reich. Nur die großen Bewegungen des Herzens müssen sich kundtun, doch darf nicht jeder Pulsschlag der Empfindung durch Zeichen sich kenntlich machen wollen. Coopers Romane 1825 Es sind jetzt dreißig Jahre, daß der Kaufmannssohn Wilhelm Meister mit einigen Edelleuten auf vertrautem Fuße gelebt, ja es erreicht, eine Gräfin und ihre Brillanten an sein bürgerliches Herz zu drücken. Wie waren wir damals so hoffnungsfroh, die Deutschen würden ihr Glück machen und es weit bringen im Leben und in Romanen. Aber was sind unsere Hoffnungen, was ist aus all der Herrlichkeit geworden? Der Lehrbrief, den der junge Meister aus den Lilienhänden der schönen Erfahrung empfing, war auf Seidenpapier geschrieben, verduftete und verwelkte wie eine Blume und ließ nichts zurück als dürre Blätter, die unter den Fingern zerstäuben. Wenn Goethes Grundsatz wahr ist: der Held eines Romanes müsse sich sehr leidend verhalten, müsse sich alles gefallen lassen und dürfe nicht mucksen – warum haben wir denn keine guten Romane, da wir doch alle geborne Romanenhelden sind? Wir haben keine, weil der Grundsatz wahr ist. Um etwas zu erfahren, muß man etwas tun; wir müssen gehen, daß uns etwas begegne. Wir einregistrierten Menschen aber, wir Hochgebornen, Hochwohlgebornen, Wohlgebornen, Edelgebornen und dienstgebornen Menschen, welchen das Herz klopft, so oft wir an eine fremde Türe klopften; wir in unserem Gefach-Leben verlassen nie den Stand und die Zunft, in welchen die Wiege unserer Eltern gestanden und Stände und Zünfte sind zwar größere Familien, aber auch lauere, unerquicklichere, und sie sind unkünstlerischen Stoffes. Weil wir unseren Lebenskreis nicht überschreiten, erfahren wir auch nicht, was sich innerhalb des Kreises begibt; denn man muß andere kennen lernen, sich selbst zu kennen. Die Eilwagen, auf welchen doch manchmal ein armer Schelm von Dichter mit reichen und vornehmen Herren zusammentrifft, werden auf die Romanenliteratur vorteilhaften Einfluß haben; aber sie sind noch zu neu, diese Postmusen sind noch zu jung, und immer noch ist zu fürchten, daß die Botanibaier Spitzbuben früher gute Romane schreiben werden als die ehrlichen Deutschen. Wir haben keine Geschichte, kein Klima, keine Volksgeselligkeit, keinen Markt des Lebens, keinen Herd des Vaterlandes, keinen Großhandel, keine Seefahrt, und wir haben – keine Freiheit zu sagen, was wir noch mehr nicht haben. Woher Romane? Uns Kleinen begegnet nichts Großes, und was den Großen begegnet, und sei es noch so klein, bringen wir in die Weltgeschichte. Daher Demut im Leben und Wehmut in Romanen. Kaiser Augustus der Schelm sagte, als er einst bei Tische zwischen dem tiefäugigen Horaz und dem engbrüstigen Virgil gesessen: da sitze ich zwischen Tränen und Seufzern. Ganz so kaiserlich speisen wir auch, so oft wir deutsche Romane lesen. Rote Augen, kurzer Atem und unheilbare Herzpolypen. Alle die herumziehenden Schmerzen rheumatischer Seelen! Der Tod so weinerlich und das Leben ohne Lachen. Heimweh nach dem Himmel weil fremd auf der Erde; Liebe zu Gott, aus Furcht vor Menschen. Ernsthaftigkeit ohne Ernst und Spaß ohne Spaßhaftigkeit. Und die Faustwehen, die Künstlerwehen und alle die Bergwehen und lächerlichen Geburten! Welche Anstalten, welche Zurüstungen, es herauszustellen, daß ein schlapper Wilhelm nicht bei Troste gewesen! Und eine Männerwelt sitzt kindisch auf niedriger Schulbank und buchstabiert jedes Wort ihres Meisters plärrend nach. Und gar die Liebeswehen! Ein deutscher Jüngling weint zehnmal mehr über bare, handschriftliche und gedruckte Leiden als ein junger Franzose oder Engländer. Wie sollte er nicht? Er, ein Kreidling der Bürgerlichkeit, enterbter Sohn einer reichen Geschichte, was hätte er zu tun, ehe er Referendär wird, und ist er es geworden, was hat er zu denken? Er ist unglücklich zum Zeitvertreibe. Nichts ist ihm geblieben als die Jugend, die man ihm nicht rauben konnte; aber die Jugend ist ein Verbrechen und das Alter ein Verdienst. Kein anderer Jubel als Dienstjubel. Sind sie recht alt, mager und zähe geworden, dann spickt man sie mit Nadeln für das Nachtessen der Würmer und umflechtet sie mit der Petersilie deutsch-vaterländischen Ruhms. Adlige Dichter sind herablassend und dichten Lieder auf bürgerliche Rentmeister; die Glocken läuten, die Türmer blasen, die Gassenbuben jubeln, im Deckelglase grinst sauerer Wein, die Ämter sind gerührt, und der Jubelgreis, den Henkeltaler auf der Brust, weint Freudentränen und stirbt am Wonneschlag. Pfui! lieber eine alte Maus sein als solch ein Jubelgreis, und – woher, woher Romane? Eine Million für einen Roman ! Bemüht euch, zappelt, rennt – ihr bringt so wenig einen Roman zustande, als ich die Million herbeischaffe. Doch was liegt daran? Es gibt nichts Lächerlicheres als volkstümliche Gefühle, es ist nichts kindischer als Vaterlandsliebe. Die ganze Menschheit ist ein Volk, die ganze Erde ist ein Land; Gaben, Mühen und Genüsse sind verteilt – die Engländer schreiben Romane, und wir lesen sie. Ja, wenn es bloß die Engländer wären! man kann viel weniger sein als die, und immer noch viel. Daß aber selbst die Amerikaner es uns zuvorgetan, so ein junges Volk, das kaum die schwäbische Reife erlangt, das beschämt, das entmutigt. Washington lrwing, Cooper und noch andere! Wäre Cooper ein ausgezeichneter Künstler, wie Walter Scott es ist, das möchte uns beruhigen. Denn der große Genius bedarf keines Wachstums, keiner Entwicklung, er springt reif und vollendet hervor. Er bedarf keiner Gunst des Himmels noch der Menschen, er braucht keine Sonne, keine Aufmunterung. Er häuft nicht verdienten auf verdienten Lohn; die volle Bewunderung wird ihm auf einmal ausbezahlt. Solch ein Genius aber ist Cooper nicht. Manche Deutsche kommen ihm gleich an Kunstfertigkeit; er hat nur vor ihnen voraus, daß er ein Amerikaner ist – versteht ihr? daß er ein Amerikaner ist. Das haben auch die deutschen Übersetzer seiner Romane gefühlt, und sie haben darum auf dem Titelblatte dem Namen Cooper das Beiwort Amerikaner vorgesetzt. Es ist ein Titel wie ein anderer, wie Doktor, wie Hofrat. ja, hätten sie geschrieben: »Seine Exzellenz, der Herr Amerikaner Freiherr von Cooper« – man hätte es gern gelesen und haßte man auch noch so sehr die Titel. Ein Freiherr ist er gewiß, und die Exzellenz gebührt ihm wohl. Cooper und Walter Scott – der erstere steht so weit über dem andern in sittlicher Beziehung, als er in künstlerischer unter ihm steht. Scott ist ein Tory, und wäre er das nicht, wäre er der große Dichter nicht. Die wahren Dichter, wie alle großen Künstler, lieben das Gewordene, das Seiende, das Notwendige, das Unbewegliche, das dem Meißel still hält; sie lieben daher den Zwang als den Erhalter des Bestehenden. Darum hassen sie das Werdende, das Bewegliche, das Schwankende, das Strebende und das Widerstrebende, denn sie hassen den Kampf; darum hassen sie die Freiheit. Man sage nicht, Walter Scott wäre unparteiisch. Er ist es freilich, sobald er einmal den Gegenstand der Darstellung gewählt; ihm liebe Verhältnisse und Menschen verschönt er nicht ungebührlich, ihm widrige verhäßlicht er nicht. Aber er ist parteiisch in der Wahl der Gegenstände, und wo er der Freiheit huldigt, da verehrt er nur den Sieg und die Gewalt, nicht den Kampf und das Recht der Freiheit, Cooper aber – ist ein Amerikaner. In Coopers Romanen handeln frische, jungfräuliche Menschen frisch und jungfräulich, wie ihre Natur es ist. Sie haben ihre Schwächen und Laster, wie wir auch; aber die Krankheiten der Seelenleidenden sind kenntlichen Ausdrucks und geregelten Ganges, nicht wie bei uns getrübt und verworren durch einfließende Nervenschwäche und Romantik. Ihre Lebensverhältnisse sind klar und heiter, nicht als atmeten sie in Rosenschimmer unvergänglicher Freuden; sie kennen den Schmerz wie wir; aber Lust und Trauer, Licht und Finsternis sind geschieden, und Tag und Nacht liegen nicht immer im Streite, Tohu Wabohu wie in unsern Romanen. Darum werden dem Leser gesunde Rührungen, die aus reinem Herzen quillen, die nicht aus morschen Tränenfisteln sickern. Dort sind die Bürger ihrer Rechte klar, ihrer Pflichten sich froh bewußt; denn ihre Pflichten sind auch ihre Rechte. Das Gesetz des Bürgers und des Staates ist dort blank, stark geprägt und scharf gerändert, wie es aus der Münze der Natur gekommen; nicht beschmutzt von den Händen bestochener Richter, nicht vergriffen und beschnitten von den tausend Fingern der hundert Schreiber, Advokaten und Mäkler des Rechts. Doch das wird der verständige Leser schon alles von selbst herausfinden, und ist er ein Freund – guter Bücher, wird er nicht ermangeln, die Romane Coopers nach Möglichkeit zu empfehlen. Don Carlos Trauerspiel von Schiller 1818 Es könnte den Mut geben, die Fehler eines der Meisterstücke deutscher Dichtkunst offen zu besprechen, wenn man wahrnimmt, welcher Anstrengung Schiller selbst, in seinen Briefen über Don Carlos , bedurfte, um nur einem Teile der diesem Werke gemachten Rügen sich entgegenzusetzen, und wie unentschieden sein Sieg gewesen sei. Doch an diesem bejahrten Denkmale der Kunst, seit lange allen sichtbar und zugänglich, hat das Urteil sich wohl schon längst erschöpft, und nur erneuerte, keine neue Bemerkungen lassen sich erwarten. Darum mag nur so viel berührt werden, als nötig ist, um vor der Ungerechtigkeit zu schützen, daß wir die Schwächen der Dichtung der Darstellung anrechnen. Auch das herrlichste Gemälde, vor unsere Augen hingestellt, würde von seinem Eindrucke verlieren, hätten wir den Pinselstrichen beigewohnt, aus welchen es sich nach und nach zusammengestaltet hat. Die Werke göttlicher Schöpfungskraft entspringen leicht und froh aus dem Gedanken, und wo ein Kunstwerk die himmlische Natur, die es beseelt, uns zuspiegeln soll, da muß der irdische Fleiß, der es zustande gebracht, unsichtbar bleiben. Der Landmann verkauft gleichgültig die Frucht, die er hat wachsen sehen, aber wir finden sie süß, weil uns der lange Weg von der Wurzel bis zur Krone des Baumes nicht ermüdet hat. Wie die Pinselstriche zum vollendeten Gemälde, wie die Wurzel zur Frucht, so steht die Gesinnung des Menschen zu seiner Tat. Die Überlegung ist Wurzel, die Empfindung ist Blüte, die Handlung ist Frucht des menschlichen Geistes. Nur letztere soll in der Tragödie zum Vorschein kommen, geschmückt wohl mit den Blumenkränzen der Gefühle, aber der dunkle Keim, aus dem beide entsprossen, muß bedeckt bleiben. Die Lust des Schauspiels soll ein Erntefest sein, keine ermüdende Saatbeschäftigung. Erfüllt Don Carlos diese Forderung? Nein, er hält uns nur dafür schadlos. Nichts geschieht, wenig wird empfunden, am meisten wird gedacht. Es ist ein schönes vergoldetes Lehrbuch über Seelenkunde und Staatskunst, vom Schulstaube gereinigt, uns in die Hände gegeben. In diesem Menschengemälde ist kein vorherrschendes Bild. Drei Gruppen sind in gleich starkem Lichte in den Vordergrund gestellt: Philipp mit seinen Trabanten, die Königin und Carlos, Posa mit seinen Traumgestalten. Es ist ein Dreispiel, welches die Einheit der Teilnahme zerreißt; der Infant bewirbt sich um diese Teilnahme, der Marquis erhält sie, und nur der König hätte sie verdient; denn er ist der einzige, welcher weiß, was er will, und tut, was er will, und dessen schnell reifende Entschlüsse uns immer wach, von dem Schneckengange der Vorsätze nicht eingeschläfert finden. Die Schauspieler sind es nicht, welche die Schuld der Ermüdung zu tragen haben, die ein vierstündiger Unterricht in Dingen der Weltweisheit, auf deutsche Art vorgetragen, den Lehrjahren entwachsenen Zuhörern verursachen muß. Welcher Schalk hat noch überdies diesen gegenwärtigen Don Carlos für unsere Bühne eingerichtet? An die Stelle des Domingo ist ein Staatssekretär Perez gesetzt. Wie ein Meteorstein ist er aus den Wolken gefallen, man weiß nicht, wie er entstand, woher seine Macht, sein Einfluß, das Vertrauen, das ihm der König gibt? Übrigens sind ihm viele Reden des Beichtvaters ganz ohne Sinn in den Mund gelegt. So sagt ihm der König nach der fürchterlichen Entdeckung, die seinem Argwohne zugetragen ward: – – – – Redet offen Mit mir. Was soll ich glauben, was beschließen? Von Eurem Amte fordr' ich Wahrheit. Wahrhaftig, der ärmste Schlucker von einem Kopisten würde in Spanien nicht Staatssekretär sein wollen, wenn es sein Amt erforderte, täglich mit Gefahr seines Kopfes einem Despoten die Wahrheit zu sagen. Wozu geschah die Umänderung eines Beichtvaters in einen Staatssekretär? Hat man aus Schonung die düstere, schleichende, tückische Pfaffheit als gehässiges Bild nicht wollen erscheinen lassen? So war sie in Spanien nicht gewesen. Dort trat die geistliche Macht kühn und offen hervor und handelte mit klarer Willenskraft. Domingo ist nicht bloß der geschäftige Wind, das fliegende Insekt, welches den Blütenstaub von den männlichen zu den weiblichen Blüten trägt und so die Handlung befruchtet; sondern der kluge Diener der Inquisition, welcher die Seele der ganzen Staatslist war und sich auch dafür bekannte. Der Großinquisitor am Schlusse weiß allein das Rätsel zu lösen, und außer ihm keiner. Es wäre zu unserer Zeit sehr wohlgetan, die Dichtung in ihrer alten Form wieder auf die Bühne zu bringen, damit, was man am Morgen vor den Geschäften des Tages gedankenlos in der Zeitung liest: daß in Madrid die Inquisition sich wieder ausbreite, wirksamer am Abend im Schauspielhause als Schreckbild in die Seele dränge und sie mit Abscheu erfüllte. –-- Das Lob, das man dem Tacitus erteilt: er sei am tiefsten in die Seele eines Tyrannen eingedrungen, kann man Herrn*** in der Rolle des Philipp nicht versagen. Ihr erkennt ergrimmt einen jener Könige, die an der Vorsehung zweifeln machen, und ihr fragt den Himmel, warum ein Mensch, der nicht verdiente, die Sonne aufgehen zu sehen, sagen durfte, daß sie in seinem Reiche nicht untergehe? Herr*** hatte sein ganzes Spiel mit gleicher Mächtigkeit durchgeführt. Der böse Geist der schlaflosen Nächte , an welchen ein Tyrann leidet und leiden macht, war er malerisch getreu. Eines war mir in dessen meisterhafter Darstellung aufgefallen; nämlich daß er sich einen Fußschemel unterstellen ließ, sooft er sich setzte. Den majestätischen Philipp mußte dieses häusliche Bequemtun sehr entstellen, zumal wie es Herr* *** zur Schau brachte, indem er gewöhnlich nur den einen Fuß auf den Schemel stellte und den andern leicht hinabwiegen ließ. Darf ein Erdengott zeigen, daß er müde werden kann? Herr*** spielte den Alba lobenswert. Dieser Held ist kein Mordbrenner, wie er dem jugendlich-schwärmerischen Carlos und dem innern Auge menschenfreundlicher Geschichtsforscher erscheint, sondern ein großer, ruhiger, besonnener Mann, der aus Ehrgeiz, hätte es die Zeit und seine Pflicht erfordert, auch weich und tugendhaft gewesen wäre. So muß er gespielt werden. Vorrede zu den »Dramaturgischen Blättern« 1829 Deutschlands kritische Nacht war gekommen, die Wärter saßen kopfschüttelnd am Bette, alte Basen machten bedenkliche Runzeln, und die Lichter wurden nicht mehr geputzt. Da richtete sich der Kranke plötzlich auf, saß ganz gerade, blickte umher und fragte: »Wo bin ich? « – »In Ihrer alten Wohnung, bei den Ihrigen« – antwortete der Arzt, freundlich und vergnügt, und machte eine siegreiche Miene. Ein wohltätiger Schweiß war ausgebrochen, die Fieberphantasien hatten aufgehört, der gute alte Puls war gleich wieder da, und die Gesundheit kehrte mit schnellern Schritten zurück, als sie sich entfernt hatte. Noch einige Tage blieb der Genesende schwach; aber er lächelte selig, alles war ihm recht, er war alles zufrieden. Noch einige Tage, und Vetter Michel stand wieder auf den Beinen, schnitt sich zwölf Dutzend neue Federn und aß abends seinen Kartoffelsalat. Noch einige Tage, und das Testament, in der Furcht des Todes geschrieben, wurde hervorgesucht und zerrissen; es sollte alles beim alten bleiben. Noch einige Tage, und der Krankenwärter kam glückwünschend und erinnerte an den neuen blauen Rock, dem ihm der Kranke versprochen hatte, wenn er wieder aufkäme. Der Gesunde lachte den guten Mann aus und sagte: »Im Fieber mag ich wohl viel dummes Zeug gesprochen und versprochen haben ... « Ach! es war eine schöne Zeit. Zwar habe ich nicht mitgefochten im Befreiungskriege – mir fehlte das gehörige Maß des Körpers und des Glaubens –, aber ich habe den Franzosen auch kleine Stöße gegeben. Von der Polizeistelle eines rheinischen Bundesstaates war ich, ohne Stuhl und Stil zu wechseln, zur Polizeistelle eines deutschen Bundesstaates gekommen. Früher hatte ich gehorsame, eilfertige Briefe nach allen Postwinden geschrieben, um arme deutsche Jungen, die sich versteckt hatten, weil man sie als widerspenstige Konskribierte verfolgte, zu erspähen und den französischen Metzgerknechten auszuliefern. jetzt schrieb ich noch gehorsamere, noch eilfertigere Briefe, um alte Deutsche mit pedantischen Herzen, die immer noch Liebe und Bewunderung für Napoleon zeigten, als Verräter festzuhalten und deutschen Metzgerhunden zur Bewachung zu übergeben. Einmal fing man einen solchen Spion, und ich mußte ihn auf Befehl meiner Vorgesetzten zwingen, sich bis auf das Hemd auszukleiden, um nachzusehen, ob er sich nicht die drei Farben tätowiert hätte. Ich fand nichts, sah, daß alles gut war und Deutschland wirklich frei. Darauf bekam ich meinen Abschied, und das war auch gut. Ich trieb Privatpatriotismus und gab eine Zeitschrift heraus: Die Wage. Ach Himmel! An Gewichten fehlte es mir nicht, aber ich hatte nichts zu wiegen. Das Volk auf dem Markte tat nichts und machte keine Geschäfte, und das Völkchen in den höhern Räumen handelte mit Luft und Wind und andern imponderablen Stoffen. Ich war in sehr großer Verlegenheit. Das Journal war angekündigt, der Druck hatte schon begonnen, die Abonnementsgelder waren schon ein- und ausgezogen, und ich wußte noch nicht, wie ich mein Versprechen erfüllen und das Versprochene voll machen sollte. Da rief mir ein Freiwilliger Jäger, der sein Leben liebgewonnen und, um es fortzusetzen, Komödiant geworden war, ich solle über das Theater schreiben. Der Rat war gut, und ich befolgte ihn. Ich setzte die wohlweise Perücke auf und sprach Recht in den wichtigsten und hitzigsten Streithändeln der deutschen Bürger – in Komödiensachen. Wie ein Geschworener urteilte ich nach Gefühl und Gewissen; um die Gesetze bekümmerte ich mich, ja ich kannte sie gar nicht. Was Aristoteles, Lessing, Schlegel, Tieck, Müllner und andere der dramatischen Kunst befohlen oder verboten, war mir ganz fremd. Ich war ein Naturkritiker in dem Sinne, wie man einen Bauer vor zwanzig Jahren – ich glaube, er hieß Maus  –, der Gedichte machte, einen Naturdichter genannt hatte. Die Katze Kritik ging damals sehr schonend um mit jener Maus, zog ihre Krallen ein und liebkoste sie. Eine gleiche Nachsicht fand ich auch, wahrscheinlich aus gleichem Grunde: weil man eine gewisse bäuerliche Natürlichkeit an mir bemerkt. Die Menschen sind gar nicht so schlimm, als man gewöhnlich glaubt. Sie lassen jedem gern seine Meinung, häßlich oder schön, wenn er nur fest darinsteckt wie in seiner Haut; versteckt man sich aber hinter seiner Meinung, dann ziehen die Leute mißtrauisch den Vorhang weg, um zu sehen, wer dahinter ist. Meine Kritiken fanden vielen Beifall, sogar Kotzebue lobte mich. Wie wütend war ich über Sand, als er mir meinen lieben guten Kotzebue umgebracht, der mich gelobt hatte. Es war Hamlet, der Polonius erstach, Rattengift – dummes Volk! So sind diese dramaturgischen Blätter entstanden, die ich jetzt, gesammelt und vermehrt, den Lesern vorlege. Möchten sie größere Freude daran haben, als ich selbst dabei gefunden. Ich beklage verlorne Zeit und fruchtlose oder übel verwendete Mühe. Der Kritiker befördert so wenig die schöne Kunst, als der Scharfrichter die Tugend befördert. Beide schrecken nur von Vergehungen ab, beide bestrafen sie nur. Ich fange an zu glauben, daß die armen Bühnendichter doch recht haben mögen, wenn sie ihre Rezensenten Freudestörer schelten. Wir sind wirklich garstige Raupen, die Blatt nach Blatt abfressen, bis vom Buche nichts mehr übrigbleibt als der Deckel und die Rechnung des Buchhändlers. Ehe die Schlange Kritik mich verführte, war ich unschuldig wie der Mensch im Paradiese; ich konnte über einen Ifflandschen Hofrat, wenn er tugendhaft war, weinen wie ein Bürgermädchen, und über Bären und närrische Pudeln gleich einem Wiener lachen. Da aß ich vom Baume der Erkenntnis, lernte Gutes vom Bösen unterscheiden, und meine Zufriedenheit war hin. Da kam ich mit einem Vergrößerungsglase in das Schauspielhaus und entdeckte häßliche Flecken und Unebenheiten, wo ich früher alles schön und glatt gefunden. Da fing ich die armen Leute zu plagen an, und mich am meisten. - Ein Kerl, der kritisiert , Ist wie ein Tier, auf dürrer Heide, Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, Und ringsumher liegt schöne grüne Weide. Es ist wahr, ich hatte bei meinem dramaturgischen Bestreben eine schönere und bessere Absicht als die, einen armen Dichter zu kränken, den die Natur schon genug gekränkt hatte, und seine armen Bewunderer zu verspotten. Aber ich blieb immer ein Tor, zu hoffen, das Feiertägliche werde wirken, wo das Wochentägliche nicht gewirkt, und zu vergessen, daß es Lehren gibt, die, wenn nötig geworden, fruchtlos sind. Ich sah im Schauspiele das Spiegelbild des Lebens, und wenn mir das Bild nicht gefiel, schlug ich, und wenn es mich anwiderte, zerschlug ich den Spiegel. Kindischer Zorn! In den Scherben sah ich das Bild hundertmal. Ich war bald dahintergekommen, daß die Deutschen kein Theater haben, und einen Tag später, daß sie keines haben können. Das erstere war mir gleichgültig man kann ein sehr edles, ein sehr glückliches Volk sein ohne gutes Schaupiel – aber das andere betrübte mich. Dieser Schmerz gab meinen Beurteilungen eine Leidenschaftlichkeit, die man mir zum Vorwurfe gemacht, weil man sie mißverstanden. »Sie sind zu scharf« – sagten mir oft Freunde, weil sie dachten, ich hätte es auf einen Dichter, einen Schauspieler abgesehen. Guter Gott! Wäre der Dichter oder der Schauspieler mein Sohn gewesen, ich hätte ganz so von ihm gesprochen wie von dem Fremden, so wenig dachte ich daran, einem wehe zu tun. Es war oft komisch, wenn junge Leute, die Respekt vor mir hatten, im Theater oder nach demselben auf meine Worte horchten, was ich urteilte von dem neuen Stücke, ob ich es für gut oder schlecht erklärte. Wahrhaftig, ich hatte beim zweiten Akte den ersten, wenn der Vorhang fiel, alles vergessen, und ich erinnerte mich gar nicht, ob das Stück gut oder schlecht war. Aber am folgenden Tage kam immer etwas, das mich daran erinnerte: das Stück mußte schlecht gewesen sein, und da setzte ich mich hin und beurteilte es und tadelte die Zeitung des Morgens im Komödienzettel des Abends, die Natur in der Kunst. Ich schlug den Sack und meinte den Esel. Das französische Schauspiel, das klassische zumal, ist mir weit mehr zuwider als das deutsche; aber nur, wenn ich es lese, nicht, wenn ich im Lande es darstellen sehe. Dann gewahre ich bald, daß die Gebrechen des französischen Dramas die der Franzosen, die ihrer Nationalität sind; die Gebrechen des deutschen Dramas aber zeugen von der Unnationalität der Deutschen, und das ist zum Verzweifeln, das ist keine bloße Komödie. Ein Volk, das nur der Pferch zum Volke macht, das, außer demselben, den Wolf fürchtet und den Hund verehrt und, wenn ein Gewitter kommt, die Köpfe zusammensteckt und geduldig über sich herdonnern läßt; ein Volk, das beim Jahresabschlusse der Geschichte gar nicht mitgerechnet wird, ja, das sich selbst nicht zählt, wo es selbst die Rechnung macht, – ein solches Volk mag recht gut, recht wohlig, ganz brauchbar für das Haus sein; aber es wird kein Drama haben, es wird in jedem fremden Drama nur der Chor sein, der weise Betrachtungen anstellt, es wird nie selbst ein Held sein. Alle unsere dramatischen Dichter, die schlechten, die guten und die besten, haben das Nationelle der Un-Nationalität, den Charakter der Charakterlosigkeit. Unser stilles, bescheidenes, verschämtes Wesen, unsere Tugend hinter dem Ofen und unsere Scheinschlechtigkeit im öffentlichen Leben, unsere bürgerliche Unmündigkeit und unser großes Maul am Schreibtische – alles dieses vereint, steht der Entwicklung der dramatischen Kunst mächtig im Wege. Reden heißt uns handeln und schweigen groß handeln. Die Skulptur kam in der christlichen Zeit durch die Entwöhnung, nackte Gestalten zu sehen, herunter, und die Entwöhnung, nackte Charaktere zu sehen, läßt die dramatische Kunst in Deutschland nicht aufkommen. Zwar versetzt sich der Deutsche leicht in jedes neue Verhältnis, in jede fremde Empfindung; aber diese Leichtigkeit wird durch die andere, sich aus jeder Lage zu versetzen, wieder zunichte gemacht. Der Deutsche reflektiert über alles, sieht alles aus der Vogelperspektive und ist darum nie in der Mitte der Sache. So ist er erhaben über den Scherz, handhabt ihn und ist nie scherzhaft. Den Punkt, den sich Archimedes wünschte, hat er gefunden, und er sollte wünschen, daß er ihn verlöre. Und tritt der Deutsche in ein fremdes Verhältnis ein, dann geschieht es als Gast, er ist bescheiden und verlegen und tut nicht wie zu Hause darin. Der Deutsche hat alles und ist nichts, und die dramatischen Charaktere seiner Schauspiele haben darum nur, was sie sein sollten. Im Lustspiele, wenn ja einmal die Dummheit aufhört und der Witz erscheint, sehen wir den Geist, aber nicht den Charakter des Witzes; wir sehen witzige Geister, aber keine witzigen Charaktere. Die Personen haben Witz und sind nicht witzig. Bezeichnend für diese Gattung der Fehlerhaftigkeit ist Raupach , ein Mann von Geist, Geschmack und schöner Darstellung. Alle seine komischen Personen machen sich über sich selbst lustig, greifen dadurch in das Recht des Zuschauers ein und rauben diesem alle Lust. Sein Eifersüchtiger in »Laßt die Toten ruhen«, sein Shakespeare-Narr in »Kritik und Antikritik«, persiflieren ihren eigenen Charakter; der eine verspottet die Eifersucht, der andere die Shakespeare-Manie. Sie tragen die Maske ihres Charakters, verstellen ihre Stimme, sind aber nicht, was sie scheinen. Ich habe, soviel ich mich erinnere, in den Kritiken dieser Sammlung noch andere Bemerkungen über die Unbedeutendheit des deutschen Lustspiels und die Schuld daran gemacht, und ich will hier darauf hinweisen. Hat das Lustspiel keine Lust, ist das Trauerspiel dafür um so trauriger. Man braucht ein doppeltes Maß von Tränen, eines für die Leidenden im Gedichte, ein anderes für den leidenden Dichter selbst. Der arme Tragödist, ein geplagter Schulmeister, auf dessen Bänken naseweise Könige und wilde Völker sitzen, und der die Rute gebrauchen soll für beide, bekommt sie öfter, als er sie austeilt. Er ist furchtsam, versteckt sich hinter die Tugend, sagt, nicht er gebiete, sondern sie, nicht er sei streng, sondern sie, und man möge ihm nichts übeldeuten. Im Hause haben wir Mut, der Deutsche hält etwas auf sein Hausrecht; da sind wir imstande, wie der Geiger Miller in »Kabale und Liebe«, sogar einem Präsidenten mit dem Hinauswerfen zu drohen. Aber vor der Türe, wo die Polizei beginnt, wenn die Dekoration einen Palast, eine Straße, einen Markt vorstellt, da sind wir ängstlich und blöde, sehnen uns nach der warmen Stube, nach den gemütlichen Pantoffeln zurück; und dichten wir Tragödien in dieser weinerlichen Stimmung, wird ein lyrisches Gedudel, ein Papa Tell, ein empfindsamer Tiroler, ein operlicher Belisar daraus. Im Leben und im Drama kommt es darauf an, recht zu behalten; dem ehrlichen Deutschen aber liegt daran recht zu haben, und darum haben seine Helden alle recht und die geschlagenen immer unrecht. Unser Hausherz, unsere Provinzialempfindung verdirbt die Kunst. Dem tragischen Dichter ergeht es wie dem Schweizersoldaten. Er steht mitten im tragischen Schrecken, der Sturm der Schlacht tobt wild, Waffen klirren, Wunden ächzen, das Leben steigt im Preise, der Tod wird wohlfeil, der Augenblick gebietet, der Mut über den Augenblick, die Flamme der Begeisterung erwärmt selbst den kalten Feigling, der Held kämpft wie ein Löwe – da, horch! – da summt einer den Kuhreigen; der Held steht stille, es wird ihm schwabbelig, seine Augen tröpfeln, er läßt den Arm sinken, wirft das Schwert hin, desertiert, vergißt Ehre, Pflicht, Ruhm, alles läuft in die Heimat zurück, setzt sich hinter den Ofen und weint unaufhörlich. Da sitzt der Held, statt zu streiten, warm im Herzen des Dichters – warm, weil er sich warm gelaufen; denn was ist ein deutsches Herz? eine gefrorene Schweiz, nichts mehr. Den armen Rest nimmt eine schamlose Zensur hinweg. War nicht Grillparzers jungfräuliche Muse schön und hold? Nun seht, seht! Man hat sie der ehrlosesten Mißhandlung preisgegeben, in der Wachstube der Polizei wurde sie geschmäht und geschändet, und jetzt schleicht sie bleich und mit verweinten Augen umher, daß einem das Herz vor Mitleid springen möchte. Sagt nicht: »So schlimm ist es nicht überall!, «- doch, doch, so schlimm ist es überall. Nicht die Zensur, die das Drucken verbietet, die andere ist die verderblichste, die uns am Schreiben hindert; und das tut sie im ganzen Lande. Wir werden zensiert geboren, unsere Ammenmilch ist zensiert. Ein Deutscher könnte fünfzig Jahre Großinquisitor sein, und er würde das freie Denken nicht verlernen; aber setzt ihn auf eine menschenleere Insel, wo er sein eigener König ist, und er schreibt nicht frei. Er würde immer fürchten, irgendein Schwachkopf auf einer der Inseln im Stillen Ozean könnte sich an eines seiner harten Worte stoßen und würde sie darum alle mit weichem Wulste umgeben. Wir sind so sehr gewöhnt, vorsichtig zu sein, daß uns die Vorsicht zu tierischem Instinkte geworden und wir sie gar nicht mehr brauchen. Dem Deutschen ist ganz unbekannt, wieviel der Mensch an Wahrheit, Grobheit und Satire, ohne zu sterben, ertragen kann. Er weiß noch weniger, daß der Mensch gar nicht daran stirbt, sondern vielmehr stärker und gesünder davon wird. Selbst verwöhnt und verzärtelt, verwöhnt und verzärtelt er auch die Kinder seines Geistes. Er windelt sie gegen die Luft bis zum Halse ein, und sie liegen da wie die ägyptischen Mumien, regungslos und bedeckt mit Hieroglyphen. Darum ist auch kein Leben, darum herrscht auch das Fratzige und Rätselhafte in allen dramatischen Gedichten. Der Dichter will nicht gedeutet sein, er nimmt seine Urbilder nicht aus der Wirklichkeit. Sie verspotten die Torheiten des vorigen Jahrhunderts, züchtigen die Verbrechen des vorigen Jahrtausends, und wenn nicht ein Bräutigam aus Mexiko oder ein Vetter aus Lissabon kommt, wissen sie nichts Neues aufzutreiben. Sie kennen die Natur und kennen den Menschen nicht. Eine Laune machen sie zur Leidenschaft, den Rausch der Leidenschaft zur perennierenden Empfindung, Empfindungen zu Gedanken, und unfruchtbare Gedanken lassen sie Handlungen gebären. Unmögliche, mißgestaltete Ungeheuer von Geschichten lassen sie geschehen, und sie vergessen, daß, wenn im Leben auch das Unwahrscheinlichste zuweilen wirklich wird, es doch auf der Bühne nie geschehen darf. Und gelingt es ja einmal einem dramatischen Dichter, das wirkliche, gelebte Leben schön und wahr darzustellen, leugnet er es ab, opfert seinen Künstlerruhm seiner Ruhe auf und sagt: Bemüht euch nicht, im Buche der Geschichte Der Quelle meines Liedes nachzuspüren; Die Wirklichkeit taugt selten zum Gedichte. Es sei alles erfunden, alles gelogen, er habe an nichts dabei gedacht, das Stofflose sei der echte Stoff für ein Drama, und an nichts zu denken, das sei die rechte Art, eine Tragödie zu schreiben! denn Was niemals war, das ist zu allen Zeiten. Mit dem französischen Drama hat die Kritik freilich auch ihre große Not und Langeweile; aber die Zuschauer nie. Ist es kein Trauerspiel, ist es kein Lustspiel, so ist es doch wenigstens eine Zeitung von den Ereignissen des Tages, an denen jeder teilnimmt. Man weint oder lacht, pfeift oder klatscht, man macht Lärm und hat seine Freude daran. Wenn aber dem deutschen Drama der Kunstwert mangelt, mangelt ihm alles. Nur der ein zige Kotzebue hat den Verstand gehabt, seinen Schauspielen, die sich alle gleichen, wenigstens den Kalendernamen des Tages zu geben, und er hat damit gewirkt. Es ist ganz zum Verzweifeln, daß der Deutsche mit der Temperatur der Jahreszeiten nie im Einklange steht. Im Winter geht seine Seele nackt, im Sommer trägt sie einen Pelz. Im Kriege ist er politisch und spricht von Politik, während dem Frieden teilt er die Welt aus. Er schreibt Bücher über den Haushalt der Athener; um den Haushalt der Östreicher, welchen er sein Geld anvertraut, bekümmert er sich nicht. Eine Berliner Akademie hält am Geburtstage des großen Friederichs eine Vorlesung über die Infinitesimalrechnung, und es wäre doch wahrhaftig zeitgemäßer, wohltätiger und patriotischer, zur Feier eines solchen Tages eine Vorlesung über den deutschen Fürstenbund zu halten. Engländer und Franzosen walzen mit der Zeit, der Deutsche tanzt einen Menuett mit ihr. Sie sind sich immer entgegen, der Chapeau steht oben, die Dame unten; sie entfernen sich voneinander und sehen sich dabei schief an, und wenn sie sich begegnen, reichen sie sich die Hände, aber mehr zum Adieu als zum Willkommen. Will Ja einmal ein Deutscher der Zeit die Hand küssen, benimmt er sich so ungeschickt dabei, daß alle Welt lachen muß. Einer Tat die Farbe der Empfindung geben, das vermögen sie nicht. Dem Zechbruder Lessing errichten sie ein Spital, und für den heiligen Bonifazius in Fulda werden sie wahrscheinlich ein Schauspielhaus bauen. Luther zum Andenken – Luther und ein Andenken! Es kommt noch dazu, daß sie dem lieben Gott eines setzen wollten sie vor mehreren Jahren in Eisleben eine Art Findelhaus gründen, und Goethe sollte in seiner Vaterstadt einen Tempel der Vesta haben; er war schon in Kupfer gestochen. Können die dramatischen Dichter besser sein? Und wären sie es, und spielten sie aus dem Tone der Zeit, es würde nichts helfen. In Tirol ist Immermanns Trauerspiel von Tirol , wie uns Heine erzählt, selbst zum Lesen verboten. Ist ganz recht; die Tiroler könnten das Jodeln darüber verlernen, und die guten Wiener hätten ein Vergnügen weniger. Kein Schauspieldirektor denkt daran, unter den Tausenden von Stücken eines zu wählen, das für den Tag paßt. Doch ja, in den ersten Wintertagen spielen sie überall den Graf Benjowsky , weil eine Schneedekoration darin vorkommt. Das ist aber auch die ganze Huldigung, die man dem Geiste der Zeit bringt. Das Volk ist nicht besser. Denkt denn einer bei Raupachs Rafaele an die Griechen? Neulich war ich ein Narr. Ich sah Lessings Minna von Barnhelm aufführen. Darin sagt der Wachtmeister Werner: »Unsere Vorfahren zogen fleißig wider den Türken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und gute Christen wären.« Varna war gerade an die Russen übergegangen, und ich dachte: jetzt geht der Lärm los! ... 0, mein Gott! kein Goldfingerchen hat sich gerührt. ja, es war stiller als vorher; es schien, als hätte der Atem des ganzen Hauses gefürchtet, irgendeine Teilnahme zu verraten. Dieses geschah freilich in Hannover; aber Hannover ist nur der Titel des Landes; ganz Deutschland ist hannövrisch. Der Teufel mag Komödien schreiben für solche Menschen! Ich wollte, daß ich auch sagen könnte: wer mag vor solchen Menschen spielen ! Aber, warum nicht gut spielen? Das Drama sei, wie es wolle, der Zuschauer sei, wie er wolle, gut spielen ist immer möglich und wird immer empfunden und mit Dank aufgenommen. Vielleicht kann man den niederen Stand der deutschen Schauspielkunst erklären, aber zu entschuldigen ist er gewiß nicht. Und wenn man die zwanzig guten Schauspieler und Schauspielerinnen, die Deutschland vielleicht hat, versammelte und sie auf einer Bühne, im nämlichen Stücke, auftreten ließe, es würde doch nicht gut gespielt werden. jeder bekümmert sich nur um seine Rolle, keiner um das Ganze, keiner um die Rolle des Mitspielenden. Warum sind die Orchester gewöhnlich gut, obzwar deren Mitglieder gewiß nicht alle Künstler sind, die fühlen und verstehen, was sie vortragen ? Es kommt daher, weil sie in Ordnung gehalten werden, weil sie aus einem Takte, einem Tone spielen. Könnte man die Schauspieler nicht auf gleiche Weise leiten? Könnte man ihnen nicht Ton, Takt, Temperatur vorschreiben? Könnte nicht der Regisseur hinter den Kulissen mit einem Stäbchen kommandieren und das Zeichen geben, wenn geschrien oder gelispelt, langsam oder geschwind gesprochen, wenn der Kopf hängen oder sich gerade halten, der rechte oder der linke Arm sich bewegen soll? Die Schauspieler verstehen gewöhnlich das Stück und ihre Rolle nicht. Gebt ihnen Shakespeares Hamlet, und sie machen aus Hamlet einen Helden, aus dem Könige einen Schuft, aus Polonius einen Einfaltspinsel und Ophelia zur Schwärmerin. Man sollte bei jedem Theater einen Dramaturgen anstellen, der jedes neue Stück und die einzelnen Rollen darin den Schauspielern kritisch erläuterte. Die Bessern unter ihnen würden dadurch belehrt und ausgebildet, und bei denen von minderer Fassungskraft wenigstens das gewonnen werden, daß sie den Bau und Zusammenhang des neuen Stücks, daß sie es räumlich kennen lernten. Das wäre schon Vorteil genug. Man hat mir von Schauspielern erzählt, die schon zwanzig Jahre in einem Stück aufgetreten sind, ohne dessen Ausgang zu kennen, weil sie lange vor demselben abzutreten haben und sie immer, die Zeit nicht zu verlieren, gleich ins Weinhaus gingen ... Warum keine Theaterschule ? ... Doch das würde uns hier zu weit ablenken. Ich habe auch einige Bemerkungen über schauspielerische Darstellungen – jedoch ohne Namen zu wiederholen – aus alten Blättern in diese Sammlung aufgenommen. Es geschah der Buße wegen; denn wahrlich, wenn ich an meine ehemaligen Beurteilungen der Schauspieler mich erinnere, möchte ich Asche auf mein Haupt streuen und meine Kleider zerreißen. Ich habe jenen guten Menschen sehr wehe getan. Die Beurteilungen bezogen sich alle auf die Bühne meines Wohnorts. Ich war damals noch fremd in der Theaterwelt, sah, daß schlecht gespielt wurde, und dachte, das wäre unserer Bühne eigentümlich. Das Repertoire fand ich erbärmlich, und ich wähnte, das sei allein bei uns so. Als ich aber auch andre Bühnen kennen gelernt, erfuhr ich, daß es nirgends besser sei, ja an vielen Orten noch schlechter als bei uns. Ich bitte darum die Herren und Damen, welchen ich einst zu nahegetreten, herzlich um Verzeihung. Mein Urteil war eine Art Kriegsgericht, es war ein Dezimieren; sie bekamen die bösen Würfel, aber hundert andere waren schuldiger als sie. Mit gutem Vorbedachte habe ich an die Spitze meiner gesammelten Schriften diese dramaturgischen Blätter gestellt, sie sind ihre Furiere, sie sollen ihnen Quartier machen. O! Ich sehe es schon im Geiste: man wird an das Fenster laufen, wenn ich vorübergehe, man wird vielleicht an manchem Orte mir die Pferde ausspannen. Was kann man Schöneres, was kann man Glorreicheres tun als über Theater sprechen und schreiben? Wenn der Knabe die Schule verläßt, spricht und schreibt er von Leistungen unserer Schauspieler; dann bekommt er die Toga, und der deutsche Bürger ist fertig. Der Messager des Chambres , das Blatt der französischen Regierung, hat am Schlusse dieses Jahres in seiner Übersicht der europäischen Politik unseres Vaterlandes nicht mit einem Worte erwähnt. In diesem Jahr soll das anders werden! Man wird von uns berichten: »In Deutschland sind im verflossenen Jahre zwei neue Bände Theaterkritiken erschienen, und viele Dienstjubilate sind gefeiert worden. « Vorigen Sommer im Bade, als mich mein Barbier zum ersten Male unter seinem Messer hatte, brachte mir der Kellner einen Brief; jener schielte nach der Adresse, und gleich fühlte ich das Blut an meinem Gesichte herabrieseln. »Gott, Gott!« – sprach der Mensch – »Sie haben den schönen Aufsatz von der Sontag geschrieben? Wir haben uns bald buckelig darüber gelacht.« Vor Überraschung und aus reiner Hochachtung hatte er mir einen Schnitt gegeben. Wäre ich gar der Vater der großen Sontag gewesen und die Adresse hätte es ihm entdeckt, ich lebte nicht mehr, er hätte mir aus Ehrfurcht den Hals abgeschnitten. Geht nun, geht! Ergötzt die Barbierer und die Barbierten und macht mir Ruhm! Hannover, im Januar 1829 Über Goethes Kommentar zum Diwan ca. 1830 Merkwürdig ist der Kommentar zum Diwan. Durch ihn wird Goethe deutlicher, als er sich selbst gemacht in seinem beschriebenen Leben. Darin ist alles Wahrheit und nirgends Dichtung. In dem Garten der Poesie hat der Dichter einmal die Blumen mit der Wurzel ausgerissen; wir sehen den Farbenglanz der Blüten, wir sehen die dunkle Erde. Er hat nicht gut getan, aus dem Schweigen seines ganzen Lebens zu treten; er hat nicht gut getan, eine Brücke zu bauen, die von der Bewunderung zur Untersuchung führt. Vieles hat man ihm vorgeworfen; doch fehlte das eigene Geständnis seiner Schuld. Nach dem Diwan fehlte es nicht mehr. Meinungen sind frei. Philosophie und Kunst mögen sie beurteilen, verurteilen darf man sie nie. Ganz persönlicher Art, stehen sie unter keinem Gesetze und übertreten kein Gesetz, wohin sie auch schweifen. Gesinnungen aber stehen unter dem Gesetze der Sittlichkeit und werden gerichtet. Nicht was Goethe meint, wie er gesinnt ist, zeigt der Diwan. Mahomet hat beteuert: er wäre Prophet und kein Poet. Goethe will nun den Unterschied zwischen Propheten und Poeten näher andeuten und sagt: »Der Poet vergeudet die ihm verliehene Gabe im Genuß, um Genuß hervorzubringen, Ehre durch das Hervorgebrachte zu erlangen; allenfalls ein bequemes Leben. Alle übrigen Zwecke versäumt er . .. Der Prophet hingegen sieht nur auf einen einzigen bestimmten Zweck ... Irgend eine Lehre will er verkünden. Hierzu bedarf es nur, daß die Welt glaube, er muß also eintönig werden und bleiben. « – Nein – den Propheten und den Poeten unterscheidet nur ein Wort. Für den Poeten gibt es keine Zukunft, denn ihm ist alles gegenwärtig; für den Propheten gibt es keine Gegenwart, denn sie ist ihm die Hülle der Zukunft. Beide lehren, beide sind eintönig; doch eintönig nur, wie der gleiche Himmel sich über alle irdische Mannigfaltigkeit verbreitet. Man kann im gleichen Tone verschiedene Melodien spielen. Der Prophet zeigt seinen Gott überall, die Kunst die Einheit in der Mehrheit. Wehe dem Dichter, der nicht wie der Prophet Glauben sucht und findet; dreifach wehe ihm, wenn er nur Genüsse erstrebt und gibt, und um schnöden Beifall und um schnödern Gewinst des Himmels heilige Gunst vermäkelt! Mit der seeleninnigsten Behaglichkeit preist Goethe in seinem Diwan die Despotie . Kein Liebchen im Leben und im Gedichte war ihm Je so wert als diese stolze Schöne, die ihre Verächter in eisernen, ihre Verehrer in goldenen Ketten nach sich schleppt und sich fellbietende Menschenwürde mit nichts als einer dummen Farbe bezahlt. Wer noch sonst als der einzige deutsche Goethe war je so schamlos, das Knechtische in der Natur des Menschen zu verherrlichen und nackt zu zeigen, was ein edler Mensch mit Trauer bedeckt? Tyrannen hat schon mancher Dichter geschmeichelt, der Tyrannei noch keiner. Da will er einmal zeigen, wie unter den verschiedenen Regierungsformen die Charaktere sich auf verschiedene Weise ausbilden, und er sagt: »In der Republik bilden sich große, glückliche, ruhig-rein tätige Charaktere; steigert ( steigert !) sie sich zur Aristokratie , so entstehen würdige, konsequente, tüchtige, im Befehlen und Gehorchen bewunderungswürdige Männer. Die Despotie dagegen schafft große Charaktere; kluge, ruhige Übersicht, strenge Tätigkeit, Festigkeit, Entschlossenheit, alles Eigenschaften, die man braucht, um den Despoten zu dienen, entwickeln sich in fähigen Geistern und verschaffen ihnen die ersten Stellen des Staats, wo sie sich zu Herrschern ausbilden.« Hamlet Von Shakespeare Unter den Schauspielen des britischen Dichters, die sich nicht in der Geschichte oder Fabel Englands bewegen, ist Hamlet das einzige, das nordischen Boden und nordischen Himmel hat. Der naturkundige Shakespeare verstand es gut und achtete wohl darauf, welche Luft am gedeihlichsten sei für jede seiner Menschenarten. Dem bunten Scherze, der flatternden Freude, der entschiedenen Leidenschaft, der hellen, scharf umgrenzten Tat gab er den blauen sonnigen Süden, wo die Nacht nur ein schlafender Tag ist; den wehmütigen, brütenden, träumerischen Hamlet versetzte er in ein Land des Nebels und der langen Nächte, unter einen düstern Himmel, wo der Tag nur eine schlaflose Nacht ist. Gleich dem Nord, dem feuchten Kerker der Natur, hält uns dieses Trauerspiel gefangen, und es erquickt uns wie der Sonnenstrahl, der durch einen Ritz der Mauer in das Dunkel dringt, wenn, wie es einmal geschieht, wir das warme Wort »Rom« und das helle »Frankreich« darin vernehmen. Die genauesten Schätzer, wie die wärmsten Freunde des Dichters haben Hamlet als sein Meisterwerk erklärt. Wir müssen die Grenzen dieser Meinung suchen. Hamlet ist nicht das bewunderungswürdigste Werk Shakespeares; aber Shakespeare ist am bewunderungswürdigsten im Hamlet. Nämlich: erstaunen wir über eine ungewöhnliche Kraft, geschieht es nicht, wo ihre Wirksamkeit beginnt, sondern diese aufhört; denn nur die Ausdauer einer Kraft zeugt von deren Größe. So hier. Durchwandern wir die glänzende Bahn des Dichters und kehrt am Ziel unsere Bewunderung ermüdet um, finden wir Hamlet auf dem Rückwege, den wir nicht erwartet. Shakespeare mußte sich verdoppeln, mußte aus sich heraustreten, ihn zu schaffen, er hat darin sich selbst überholt. Aber dieses ist nicht gesagt in der rednerischen Sprache der Lobpreisung, sondern in der nüchternen der Betrachtung. Hamlet ist eine Kolonie von Shakespeares Geiste, die unter einer andern Zone liegt, eine andere Natur hat und von ganz andern Gesetzen regiert wird als das Mutterland. Shakespeare ist ein Naturgläubiger, ein Naturweiser. Sein Gott ist ein offenbarter Gott, die Abspiegelung der Welt im menschlichen Geiste ist seine Weisheit. Was er uns zeige, Himmel und Erde, Hölle und Paradies, Leben und Tod, er läßt es erscheinen als freundlich-menschliches Gesicht. Alles atmet, alles lebt, und der Tod ist nur das Hauptbuch über Einnahmen und Ausgaben des Lebens. Ganz anders Hamlet; da ist alles mystisch. Überall sonst tritt der Heroismus hervor, bei Hamlet steht die blöde Genialität im Hintergrunde. Da ist die Nachtseite, die weibliche Natur des Lebens, das Empfangende, Gebärende, da hören wir die Wehen der Schöpfung. Sonst überall bei Shakespeare erscheint die Philosophie und gestaltet sich als Erfahrung; im Hamlet verschwindet die Erfahrung und steigt als Dunst der Philosophie zum Wolkenhimmel auf. Alle andere Charaktere des Dichters sind konvex und bilden Brennpunkte; Hamlet ist der einzige konkave Charakter, dessen Strahlen divergieren. Alles sonst, auch das Furchtbarste, das Gräßlichste erscheint im Sonnenlichte. Bei Hamlet erschreckt selbst der Scherz; denn ihn bleicht der Mondschein. Nicht der Geist des ermordeten Königs ist das schlimmste Grauen; er zeigt sich in der Nacht, in dieser dunklen Wohnung der Geister, wo wir nur schüchterne Gäste sind. Der Geist bei Tage in unserm eigenen Hause – Hamlets Geist ist viel entsetzlicher. Shakespeare ist König, nicht untertan der Regel. Wäre er wie ein anderer, dürfte man sagen: Hamlet ist ein lyrischer Charakter, der aller dramatischen Gestaltung widerstrebt; Hamlet ist das Un-Ding, schlimmer als der Tod, das Ungeborene. Doch es ist Shakespeare! – wir müssen gehorchen und schweigen. Über dem Gemälde hängt ein Flor. Wir möchten ihn wegziehen, das Gemälde genauer zu betrachten; aber der Flor ist selbst gemalt. Die Nähe des Auges muß die Schwäche des Lichtes ersetzen. Werfen wir zuerst einen Blick auf die Umgebungen unseres Leidenshelden. Hamlet ist nicht der Mittelpunkt, wir müssen ihn dazu machen; wir wollen erst seinen Kreis bilden und ihn dann hineinstellen. Doch vor allem rüsten wir uns männlich gegen den Irrtum, der uns im Leben wie auf der Bühne so oft besiegt. Im Leben beurteilen wir die Menschen nach ihrem Rufe; auf der Bühne glauben wir von den dargestellten, ohne zu untersuchen, alles, was die Tugendhaften im Schauspiele von ihnen sagen und denken. Das ist nicht die rechte Art; wir müssen sie selbst beobachten und prüfen. Hamlet ist gar nicht so edel und liebenswürdig, wie er seinem Mädchen erscheint; der König ist lange nicht so nichtswürdig, wie ihn Hamlet lästert. ja, wir müssen uns sehr vorsehen, daß wir den bösen Oheim nicht lieber gewinnen als den guten Neffen. Der Schauplatz ist ein nordischer Hof, halb gekleidet im wilden Eisen der alten Zeit, halb im Tuche unserer Tageshelden, die, hinter der Fronte, mit ihrem Schwerte Federn schneiden. Der Rost der Politik fing schon an, den kriegerischen Stall fleckig zu machen. Gradsinn und krumme Wege ziehen nebeneinander her, Grobheit und Schmeichelei begegnen sich. Die Hofleute haben schon die Witterung des 18. Jahrhunderts und wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Verstand gewahren wir genug; aber nicht Geist, nicht Witz noch Bildung. Die beiden Studenten, Hamlet und Horatio, sind Orakel, und ihre Gelehrsamkeit wird angestaunt. Der Scherz ist etwas plump und unzüchtig; die Silbenstecherei gehört zu den Turnierübungen der schönen Geister jener Zeit. Das Volk ist störrig – »Ihr falschen Dänenhunde «, sagt die Königin. Der König hat seinen Bruder ermordet, dessen Witwe geheiratet und sich die Krone aufgesetzt. Er ist verschlossen, wir können ihm nicht in die Brust sehen; aber es scheint, er ist der Königin ernstlich zugetan, und wir dürfen glauben, daß seine Liebe älter sei als sein Ehrgeiz und sein Verbrechen. Er hat es begangen, er hat sich den unterirdischen Mächten verkauft; doch seine Rechnung ist ihm klar; er weiß, was er ausgegeben, und auch, was er eingenommen. Der König gleicht allen Bösewichtern Shakespeares, die, es in guter hausbackenen Meinung zu sagen, der Sittlichkeit gar nicht heilsam sind. Man kann Shakespeares Bösewichtern nicht recht gram werden; sie sind nicht schlimm für eigene Rechnung allein, sie bilden Gattung, sie tragen das Kainszeichen auf ihrer Stirne, das Titelblatt von dem Sündenbuche der Menschheit, das nicht verantwortlich ist für den Inhalt, den es anzeigt. Der König, nach seiner großen Schuld, tut nicht mehr Böses, als nötig ist zu ihrer Benutzung und seiner Sicherheit, und er tut es nicht eher, als bis der Gebrauch und seine Gefahr ganz nahegekommen. Selbst arg, quält ihn doch der Argwohn nicht. Er ist sehr nachsichtig, sehr langmütig gegen Hamlet, dessen wahre Stimmung er, und er allein, durchschaut, sobald er ihn nur einmal unbemerkt beobachtet. Er ist ein vornehmer Geist, dem sein untergebenes Gewissen nur in der stillen Zurückgezogenheit vertraulich nahen darf. Einmal, da es ihn überrascht, und er seine starken Knie vor Gott beugt, sind wir bewegt, und es schmerzt uns, daß ihm das Beten nicht gelingt und daß ihm die Schuld leichter fiel als die Buße. Er ist ein stattlicher Herr, Ehrfurcht gebietend und dabei staatsklug, beredsam und freundlich. Er behandelt den alten, unbrauchbar gewordenen Polonius mit schonender Achtung, Laertes und die übrigen Hofleute mit einschmeichelnder Aufmerksamkeit. Er ist zechlustig wie sein Land; er ist es aus Neigung und zeigt es aus Politik. Er hat eine bewunderungswürdige Geistesgegenwart, die er nie verliert. Wenn er Hamlets Schauspiel plötzlich verließ, geschah es nicht, weil er seine innere Bewegung nicht bemeistern konnte; denn wäre das, wäre er gleich nach der Pantomime aufgebrochen, die doch als der erste Eindruck am meisten überraschen mußte. Er entfernt sich nur, sich zu retten; denn er fürchtet, das Spiel könnte ernsthaft endigen und auf Hamlets peinliches Gericht möge gleich die Hinrichtung folgen. Darin verkannte er Hamlet; er bedachte nicht, daß ein starker Mann der einmal fest beschlossenen Tat nie eine Drohung vorausschickt. Die ruhige Haltung und königliche Würde verläßt ihn nicht, als Laertes an der Spitze einer empörten Rotte in den Palast dringt; nicht, als Hamlet unerwartet von seiner Seereise zurückkehrt und den Plan vereitelt, nicht, als die Königin vergiftet nieder sinkt, deren Ohnmacht er für Nervenscheu vor Blut erklärt; selbst nicht, als er selbst unheilbar hinfällt er verbirgt die Gefahr und sendet nach Hülfe. In diesem letzten, fürchterlichen Augenblicke, am Rande des Todes, verläßt der König den Menschen nicht, dankbar für die von ihm erhaltenen Opfer. Er begleitet ihn hinüber in die andere Welt, hinauf zu jenem ewigen Richter, ihn dort zu verteidigen. Wir dürfen hoffen, der gnädige Gott werde dem Menschen verzeihen, was der König begangen; war es ein Verbrechen, König zu sein, war es nicht seines, sondern das seines Volks. Die Königin ist schwach, sie ist Hamlets Mutter. Ihr Teil an dem Verbrechen bleibt zweifelhaft; sie ist Hehlerin, kauft wohlfeil gestohlenes Gut und fragt nicht, ob ein Diebstahl geschehen. Des Königs männliche Art hat sie überwältigt; ihres Sohnes Gewissenslampe, erst um Mitternacht entzündet, brennt nicht bis zum Morgen, und sie erwacht mit den Sünden des vorigen Tages. Fortinbras und Laertes, Hamlets Altersgenossen, hat der Dichter mit bedächtiger Kunst dem Königssohne zur Seite gestellt, daß sie Licht werfen auf seine Schatten. Fortinbras streckt mit schöner Keckheit seine Hand aus nach Hamlets künftigem Erbgut, und als er ertappt wird, wendet er sich ruhig zu eines andern Tasche. Er trommelt, wie zum Spotte, in Hamlets stillen Schlaf, und als dieser ausgeträumt und stirbt, ist er auf der Stelle wieder da, bei hellem Tage den Thron zu besteigen, zu dem er früher im Dunkeln hat hinaufschleichen wollen. Laertes, der leichtgesinnte Jüngling, verläßt im Fluge das liederliche Paris, den Tod seines Vaters zu rächen, und ist sehr bereit, sich die Zinsen seiner Ungeduld mit einer Krone bezahlt zu machen – und der ernste, tugendhafte Hamlet, dem man auch einen Vater gemordet, kommt, ganz entkönigt, geschlichen von dem keuschen Wittenberg her und schleicht fort und träumt und besinnt sich und vollbringt nichts. Mit Laertes' lauter Trauer um Ophelia sucht er zu wetteifern; seinen stillen Schmerz um sie teilt er nicht. Horatio hat auch in Wittenberg studiert und kam mit starkem Geiste und schwachem Fleische von dort zurück. Er ist ein ganzer Lateiner geworden und weiß zu erzählen von Rom und dem großen Cäsar. Die jungen Hofleute werden sich wohl im stillen über ihn lustig gemacht haben. Da Hamlet umkommt, sagt Horatio, er wäre kein Däne, sondern ein alter Römer, und er wolle seinem Herrn und Freunde in den Tod nachfolgen; aber er läßt es schön bleiben. Hamlet brauchte seinen Vertrauten nicht zu wählen, die Natur hat ihm Horatio angetraut. Polonius war in seiner Jugend ein kluger Kopf. Dem alten Manne ist sein Verstand zu schwer geworden, und er kann ihn nicht mehr aus der Scheide bringen. Er trägt ihn gern zur Schau, als könnte er ihn noch führen, und er freut sich der oft geprüften Waffe. Nur unzeitiger Spott kann den Greis lächerlich finden. Auf Liebe, Wahnsinn und Schwärmerei versteht er sich zwar nicht viel; denn diese Krankheitsfälle sind ihm in seiner Hofpraxis noch nicht vorgekommen. Doch versteht er sich auch nicht auf geheime Tücke, und er ließe sich für die Biederkeit seines Königs totschlagen. Die schöne Erfahrung, die das Alter verschafft, besitzt er im hohen Grade. Er gibt seinem Schrie ganz vortreffliche Reiseregeln; er ist ein liebender Vater und gar nicht grämlich, wie es alte Leute sind. Seiner Tochter macht er zwar ernste, doch zugleich milde und freundliche Vorstellungen über ihren Umgang mit Hamlet, und der Ehrgeiz verleitet ihn nicht, ein Verhältnis zu unterhalten, das seiner Staatsdienerpflicht als unschicklich erscheint. Und doch wäre dieses Verhältnis nicht ohne Hoffnung gewesen; denn wie man von der Königin erfährt, hatte sie eine Verbindung zwischen Hamlet und Ophelia in ihren Gedanken. Polonius ist ein treuer Diener seines Herrn, ein Biedermann und kein gemeiner Höfling. Wenn er Hamlets launischer Meteorologie schmeichelt, so geschieht es nicht aus alberner Kriecherei, sondern weil er den Spötter für toll hält. Wir freuen uns, daß der gute alte Mann stirbt und daß er den Untergang des Königshauses und seines eigenen nicht sieht. Ophelia ist gut und auch beschränkt wie ein Bürgermädchen. Der Hof hat sie nicht verdorben und nicht verfeinert. Hamlet verführte sie, und sie bemerkte nicht eher, was sie verloren, bis sie mit dem Mörder ihres Vaters es unersetzlich verloren. Zum Glück für ihre Tugend kam die Etikette der Pietät, die Politik der Moral zu Hülfe. Sie verliert die Vernunft und das Leben und weiß nicht worüber. Die Kleine stand gerade in einem Fußtritte des weit dahinschreitenden Schicksals; die Eiche, die der Sturm brach, fiel um und legte das Veilchen nieder. Ist der Geist wirklich so erhaben, als er schon oft geschildert worden? Er tritt geharnischt auf; aber, wie mir scheint, ist nur seine Hülle umpanzert, seine innere Seele aber ist weich und bloß. Die Familienähnlichkeit zwischen ihm und seinem Schrie Hamlet ist gar nicht zu verkennen. Er ist ein schwacher, philosophischer, geflügelter Geist, der in der Luft zu Hause ist. Wesen solcher Art singen wie die Vögel, deren Ton kein Wort zum Körper hat. Hamlets Vater spricht gern, viel und kunstrednerisch; man könnte glauben, einen verklärten Schauspieler zu hören. Die Zeit, die ihm zum Herumwandern verstattet, ist so sehr kurz, und er verliert sie fast unbenutzt. Statt mit dem Wichtigsten, mit den Tatsachen, mit seiner Ermordung anzufangen, erzählt er zuerst von seinen Höllenqualen und zeigt die größte Lust, eine große dichterische Schilderung davon zu machen. Er will einen regelmäßigen Klimax beobachten und mit dem Fürchterlichsten, mit dem Brudermorde endigen; das ist aber hier ein Fehler. Das Schauerlichste an einem Geiste ist, daß er erscheint und spricht; was er tut und sagt, und wäre es das Schrecklichste, ist nach dem andern Kinderei. Auch scheint der Geist in jener Welt seine Menschenkenntnis nicht verbessert zu haben, sonst hätte er jeden andern eher als Hamlet zum Vollstrecker der Rache gewählt. Vielleicht war das auch gar nicht die Absicht seiner Erscheinung. Er wanderte auf gut Glück umher, sich einen Rächer zu suchen; unglücklicherweise aber war am ganzen Hofe Hamlet das einzige Sonntagskind. Der Geist ist so besorgt, Horatio und die andern Zeugen schwören zu lassen, daß sie nicht reden wollten von dem, was sie gesehen, versäumt aber, was viel nötiger war, seinem Sohne Verschwiegenheit zu empfehlen. Dieser plaudert und verplaudert alles und vereitelt dadurch den Wunsch seines Vaters und sein eigenes Vorhaben. Der König kommt zwar endlich um, doch wird er nicht gerichtet als der Mörder seines Bruders, sondern als der Mörder seines Neffen. Der alte Maulwurf war blind. In dieses Land, an diesen Hof, unter diese Menschen kommt Hamlet, ganz warm, von Wittenberg zurück, erkältet sich augenblicklich und gewinnt den Schnupfen, an dem zarte Seelen so sehr oft leiden. Aus dem Treibhause der Schule wird er in die freie Welt gesetzt und verkümmert. Ein Königssohn, zu Krieg und Jagd erzogen, übte er sich in Wittenberg, wilde Theses zu bestreiten und hasenfüßige Sophismen aufzutreiben. Zwar wird die schwere deutsche Philosophie zur Grazie in dem geistreichen Fürstensohne; aber desto schlimmer – die geschmeidige dringt in die feinsten Adern des Lebens und hemmt den Lauf des fröhlichen Blutes, während die plumpe nur die großen Wege versperrt. Das einzige, was er von der hohen Schule Brauchbares für das niedere Leben mitgebracht, seine Fechtkunst, auf die er so eitel ist, gereicht ihm zum Verderben. Er ist weitsichtig, sieht ganz deutlich die Gefahr, die ihm im fernen England droht; aber er sieht nicht die scharf geschliffene Degenspitze, die nur einen Finger weit von seinen Augen blinkt. Hamlet ist ein Feiertagsmensch, ganz unverträglich mit dieser Werkeltagserde. Er verspottet das eitele Treiben der Menschen, und diese tadeln seinen eiteln Müßiggang. Ein Nachtwächter, beobachtet und verkündet er die Zeit, wenn andere schlafen und nichts von ihr wissen wollen, und schläft, während andere wachen und geschäftig sind. Wie ein Fichtianer denkt er nichts, als ich bin ich, und tut nichts, als sein Ich setzen. Er lebt in Worten und führt als Historiograph seines Lebens ein Schreibbuch in der Tasche. Ganz Empfindung, verbrennt ihn das Herz, das ihn erwärmen sollte. Er kennt die Menschheit, die Menschen sind ihm fremd. Er ist zu sehr Philosoph, um zu lieben und zu hassen. Die Menschen kann er nicht lieben, den Menschen kann er nicht hassen; darum ist er ohne Teilnahme für seine Freunde und ohne Widerstand gegen seine Feinde. Mut, dieser Bürge der Unsterblichkeit – wer hätte Mut, wenn er sich nicht unsterblich glaubte? – er hat ihn nicht, der Königssohn. Weil er in jedem Menschen das übergewaltige Menschenvolk erkennt, ist er furchtsam, was andere nicht sind, die mit ihren kleinen Augen im einzelnen nur den einzelnen sehen. In der Schuld seiner Mutter sieht er die Gebrechlichkeit des Weibes, in dem Verbrechen seines Oheims die lächelnde Schurkerei der Welt. Soll er ihn wagen, diesen tollkühnen Streit', Er zittert. Ihm fehlt nicht der Mut des Geistes, den ein tapferes Heer von Gedanken umgibt; ihm fehlt der Mut des Herzens, für das nur das eigene Blut kämpft. Darum ist er kühn in Entwürfen und feige, sie auszuführen. Zum Übermaße des Verderbens kennt sich Hamlet sehr gut, und zu seiner unselige Schwäche gesellt sich das Bewußtsein derselben, das ihn noch mehr entmutigt. Hamlet ist ein Todesphilosoph, ein Nachtgelehrter. Sind die Nächte dunkel, steht er unentschlossen, unbeweglich da; sind sie hell, ist es immer nur eine Monduhr, die ihm den Schatten der Stunde zeigt, er handelt ungelegen und geht irre im trügerischen Lichte. Das Leben ist ihm ein Grab, die Welt ein Kirchhof. Darum ist der Kirchhof seine Welt, da ist sein Reich, da ist er Herr. Wie liebenswürdig erscheint er dort! Überall betrübt, da ist er heiter; überall dunkel, da ist er klar; Überall verstört, da ist er ruhig. Wie treffend, geistreich und witzig zeigt er sich dort! Sonst betrübt durch seine Todesgedanken, wird er uns tröstlich zwischen Gräbern. Indem er das Leben als einen Traum verspottet, spottet er den Tod auch zu nichts. Da ist er nicht schwach – wer ist stark im Angesicht des Todes? Da endigt alle Kraft, aller Wert, da hört alle Berechnung, alle Schätzung, alle Verachtung, jede Vergleichung auf. Da darf Hamlet ungescholten den Befehl seines Vaters vergessen, da braucht er dessen Tod nicht zu rächen. Soll er einen Verbrecher, der in den letzten Zügen einer Krankheit liegt, auf das Blutgerüst schleppen? Wie grausam! Umbringen im Angesicht des Todes – wie lächerlich, welch eine kindische Ungeduld! Es ist als ginge eine Schnecke dem kommenden Winde entgegen. In dieser schnöden Welt muß die Tugend Gewalt haben, um Macht zu haben, anmaßend sein, der Anmaßung zu begegnen, und mit den Waffen der Hölle für den Himmel kämpfen. Hamlets Tugend hat keine Tüchtigkeit. Ein so zarter Jüngling mit seinem ewig jungen Herzen kann in keinem Königshause gedeihen, wo man alt geboren wird. Hamlet hat den Adelstolz der hochgeborenen Seelen, und er kann sich zu keiner niedrigen Natur herablassen. Geistreich und feingesittet, wird es ihm nicht behagen in einem betrunkenen Lande. Zeigt er sich trüb gestimmt und schwärmerisch, wird er verachtet und verspottet werden- wenn heiter, wird er selbst ein Spötter sein, was keiner ungestraft ist, an einem Fürsten aber, dem gleiche Waffe sich nicht offen entgegensetzen darf, sich im verborgenen am gefährlichsten rächt. Hamlet tadelt die Zechlustigkeit des Hofes, macht Polonius' geschäftige Dienertreue lächerlich und verhöhnt die elende Kriecherei der Höflinge. Sein Oheim ist ihm unleidlich, und er würde ihn hassen, auch wenn er nicht der Mörder seines Vaters wäre. Der Geist ohne Charakter steht dem Charakter ohne Geist und jener diesem immer feindlich gegenüber. Hamlet fühlt sich überwältigt von der stillen, ruhigen, machtgebietenden Art des Königs. Er weiß recht gut, daß es nur eitle Fechterkünste sind, die ihn abhalten; aber er kann ihnen nicht begegnen, er selbst hat diese Künste nicht geübt, und dieses gibt ihm jenen heftigen Groll, der selbstbewußte Schwäche immer begleitet. Dem Könige gegenüber ist er blöde und verlegen, und aus dem ganzen Heere von Hohn und Haß, das sich um sein Herz gelagert, tritt selten eines jener großen Worte hervor, deren Hamlet so viele zählt, den friedlichen König herauszufordern. Wie froh wird Hamlet sein, wenn er erfährt, daß sein Oheim ein Bösewicht ist; wie wird er sich erleichtert fühlen, wenn sein Haß einen Grund bekommen, wenn seine Abneigung ihm zur Pflicht geworden! Der Mord des Vaters ist nicht Hamlets Schmerz, er ist nur das Gefäß seiner Leiden; jetzt faßt er, was ihn quält. Unglücklich wäre er immer gewesen. Der Tod des Vaters ruft Hamlet zurück. Die Heirat der Mutter bekommt er drein in seine Trauer. Hamlet weiß besser als einer, besser als etwas, daß Menschen sterblich sind. Aber daß auch Empfindungen sterblich sind, die der Jüngling für ewig hielt, daß eine Liebe endigen, man zweimal lieben und von einer edlen Liebe zu einer gemeinen herabsteigen könne – das überrascht ihn schmerzlich, das verwirrt ihn, für diese neue Erfahrung ist selbst sein weiter Kreis der Trostlosigkeit zu eng. Hamlets Einbildungskraft ist kühn, sie wirft alles vor sich nieder. Sein Oheim hat eine Krone empfangen aus den Händen seiner Mutter – er hat Vorteil gezogen von dem Tode seines Vaters – er hat diesen tot gewünscht – er hat seinen Bruder ermordet. Das ahndete Hamlet, ehe es ihm der Geist entdeckt. Dieser erscheint, sagt laut, was sich der Sohn leise gesagt, und fordert ihn zur Rache auf. Hamlet entsetzt sich – nicht über den Mord; er entsetzt sich, daß er ihn rächen soll. Nur auf freies Denken und Fühlen angewiesen, soll er nachdenken und handeln; die Natur hat ihn durchsichtig geschaffen, und er soll auf Liste sinnen und sie verdecken; er ist zum Dulden geboren und man erwartet Taten von ihm. So geklemmt zwischen dem heiligen Gebote seines Vaters und den strengen Verboten seiner Natur, wird er bald hier fort-, bald dort zurückgestoßen, vertieft alle freie Bewegung, und so sehen wir ihn hingeschleppt von Entwürfen, die seiner Ohnmacht spotten, von Versuchen, die ihm mißlingen, von großen Worten, die ihn lächerlich, und kleinen Handlungen, die ihn verächtlich machen – und so sehen wir ihn endlich in einem gemeinen Handgemenge schimpflich umkommen und alle, die ihn umgeben, nicht den Schlägen, nein, einer Schlägerei des Schicksals unterliegen. Die fürchterliche Stunde ist da, wo Hamlet den Geist seines Vaters sehen soll. Und hätte er tausend Seelen, sie dürften sich nicht bewegen; und hätte er tausend Herzen, sie müßten stillstehen und horchen. Aber in dieser Bangigkeit, wo wir selbst, gleichgültige Hörer eines Märchens, taubes Ohr, blindes Auge sind – was tut Hamlet? Er füllt die Erwartung mit unnutzem Werg aus. Er hält eine anthropologische Vorlesung, spricht wie ein Prediger von häßlichen Gewohnheiten, welche die saubersten Tugenden beschmutzen, und stellt nüchtern Betrachtungen über das zu viele Trinken an. Der Geist schreckt ihn auf, er hatte ihn schon ganz vergessen. Der Geist spricht Feuerworte, Hamlet brennt – es ist Zunder. Eine Minute, und es ist verglommen, und die Asche seiner Begeisterung fliegt in den Wind. Er will rasch sein zur schönen Tat, er möchte fliegen, der Rückweg zum Palaste ist ihm um eine Welt zu lang. Aber, noch hat er keinen Schritt getan, und er hat schon Mittel gefunden, die Rache mit seiner Bedächtigkeit, die Pflicht mit seiner Schwäche zu vereinigen. Er will mit Witz anfangen, was nur der Verstand unternehmen, nur der Mut vollführen kann. Er will es fein machen, will politisch sein, sich toll stellen. Was denkt er sich dabei? Soll ihm die Tollheit den Zutritt zum Könige erleichtern? Sie wird ihn nur erschweren. Soll die den König einschläfern? Sie wird ihn nur wachsamer machen. Will er seine Schwermut vermummen? Er soll sie hellen, er soll sie rächen. Stellt sich Hamlet tot? Er ist es. Es gibt Wahnsinnige, die lichte Zeiten, es gibt andere, die lichte Räume haben, in welche sie zu jeder Zeit sich stellen und von dort aus ihren eigenen Wahnsinn beobachten können. Zu den letztern gehört Hamlet. Er glaubt mit seinem Wahnsinne zu spielen, und dieser spielt mit ihm. Hamlet beginnt sein tolles Spiel und prüft dessen Wirksamkeit zuerst an der Unschuldigsten in seinem Kreise, an der liebendgläubigen Ophelia. Es ist eine unbeschreibliche Häßlichkeit in diesem Betragen. Er hätte das gute Mädchen eher zur Vertrauten als zur Hülle seines Geheimnisses machen sollen. Hamlets Verwirrtheit wird bemerkt; der aufmerksame König schickt Rosenkranz und Güldenstern, des Prinzen Jugendfreunde, hinter ihn, den Grund seines Trübsinns zu erspähen. Hamlet ist eitel, er verstellt sich, will aber zugleich seinen klugen Kopf zeigen und merken lassen, daß er sich verstellt. Er läßt sich nicht ausforschen, bekennt aber, daß er ein Geheimnis habe. Die Spione müssen zwar unverrichteter Sache abziehen, aber nur weil sie Höflinge sind, die sich auf Schwärmereien nicht verstehen. Hamlet beharrt in seiner schmählichen Untätigkeit; statt anzugreifen, verschanzt er sich gegen Angriffe. Wenn auch Mensch und Sohn, durfte er darüber den Fürsten nicht vergessen; er mußte in dem Mörder seines Vaters auch den Mörder seiner Krone bestrafen. Nicht meuchelmörderisch soll er den König töten, er soll das Verbrechen laut verkündigen und sich an die Spitze des Volkes stellen, das ja, wie Laertes' Beispiel gezeigt, dem Könige so ungewogen und so leicht zu lenken ist. Aber Hamlet geht umher wie Hans der Träumer. Da werden ihm die Schauspieler gemeldet; er wacht auf, er lebt wieder. Auf die Kunst versteht er sich, er liebt sie. Einer der Komödianten trägt etwas vor von Hekuba; er redet sich in das Zeug hinein und wird blaß und weint. Hamlet fühlt sich beschämt, überhäuft sich mit Scheltreden und betrinkt sich in Worten, um Mut zu bekommen. Es dauert nicht lange, und er redet sich wieder in Zweifel, um die Tat verschieben zu dürfen. Vielleicht hat ihn ein tückischer Geist betrogen, vielleicht ist sein Oheim unschuldig. Er will ihn prüfen durch psychologische Mittel, er will einen chemischen Versuch anstellen, die Schauspieler sollen des Königs echte Farbe dartun. Er gibt ihnen ein Stück auf, worin ein Mord dargestellt wird, er macht selbst Verse dazu und mehr als für seinen Vater zeigt er sich besorgt, daß ihm die Schauspieler durch schlechten Vortrag seine schönen Verse verunzieren möchten. Er unterrichtet sie mit einer Ruhe, mit solchem Bedachte und mit solcher Umständlichkeit, als habe er sein gutes Auskommen und sonst keine Sorgen auf der Welt. Der König wird gefangen, Hamlet ist ganz vergnügt, daß ihm seine List gelungen; die gewonnene Erfahrung zu benutzen, daran denkt er nicht. Seine Mutter läßt ihn rufen, er geht und hält sich lange im Vorzimmer auf; dort philosophiert er. Er hält den schönen Monolog, der aber in dem Munde eines Fürsten sich so häßlich ausnimmt. Das Leben ist ihm verhaßt; aber nicht wegen der Leiden, nein, wegen der Handlungen, die es auflegt. Kein anderes Mittel, sich vor den Plagen der Welt zu schützen, als Flucht, Selbstmord; der Tod soll die Todesfurcht heilen. Er trifft den König unbewacht, jetzt könnte er ihn röten; aber er betet. Hamlet will grausam sein, er will ihn betrunken zur Hölle schicken. jetzt spricht er mit seiner Mutter; da ist ihm wohl und behaglich, da vertragen sich Pflicht und Neigung. Der Geist selbst hat ihm Schonung aufgelegt, nur reden darf er, Dolche keine brauchen. Es rührt sich etwas hinter dem Vorhange; Hamlet hat Mut, er sieht den Gegner nicht; er verwundet den weichen, wehrlosen Teppich und trifft Polonius, den guten alten Mann. Hamlets Wahnsinn steigt; die Maske der Verstellung, halb fällt sie, halb läßt er sie sinken. Der König wird zum Äußersten gebracht, er muß selbst zugrunde gehen oder Hamlet verderben. Da beschließt er, ihn nach England zu schicken, zu seinem Untergange. Er gibt ihm ganz freundliche Rechenschaft von der Notwendigkeit seiner Entfernung. Hamlet ist es gleich zufrieden, das Wörtchen nein steht nicht in seinem Wörterbuche, er sagt gut und läßt sich schicken. Er denkt an nichts, er entfernt sich von allem. Auf dem Schiffe übt er ein Bubenstück, begeht eine schimpfliche feige Tat gegen seine Begleiter Güldenstern und Rosenkranz. Diese Jungen Leute wollen ihr Glück machen, sie zeigten sich dem Könige gefällig; aber sie durchschauen seine Tücke nicht, wissen nichts von der Botschaft, die sie nach England bringen. Hamlet schreibt wie ein Gauner falsche Briefe, schiebt sie den echten unter und bringt seine Begleiter und Jugendfreunde in die Falle, die ihm selbst gestellt. Er tut es nicht aus Bosheit, nicht aus Rachsucht, er tut es nur aus Eitelkeit. Noch nie ist ihm eine Tat gelungen, er will sich zweimal etwas zugute tun, er will sich mit einem klugen Streiche bewirten. Der Zufall wirft ihn nach Dänemark zurück. Ob er Jetzt auf etwas sinne, läßt er nicht erraten. Er wird zum Fechten mit Laertes eingeladen. Kaum hat er es zugesagt, wird es ihm übel ums Herz; nur die Ahnung einer Tat macht ihn schon krank. Er wird handeln, er wird sterben. Vorher versöhnt er sich mit Laertes auf eine würdige, rührende Art; noch einmal taucht der edle Schwan herauf und zeigt sich rein von dem Schmutze dieser Erde. Hamlet ficht, wird tödlich verwundet, und da, als er nichts mehr zu verlieren hat, als er keinen Mut mehr braucht, bringt er den König um. Es ist die Keckheit eines Diebes, der schon unter dem Galgen steht und Gott, die Welt und seinen Richter lästert. So endet ein edler Mensch, ein Königssohn! Er, der Wehe über sich gerufen, daß er geboren ward, die Welt aus ihren Fugen wieder einzurichten, tritt wie ein blindes Pferd das Rad des Schicksals, bis er hinfällt und, ein armes Vieh, den Peitschenhieben seiner Treiber unterliegt! Das ist das Los der Schönen auf der Erde. Man hat viel von Shakespeares Ironie gesprochen. Vielleicht habe ich nicht recht verstanden, was man darunter erstanden: aber ich habe Ironie überall vergebens gesucht. Ironie ist Beschränktheit, – oder Beschränkung. Für letztere war Shakespeare zu königlich, für erstere hatte er eine zu klare Weltanschauung; er sieht keinen Widerspruch zwischen Sein und Schein, er sieht keinen Irrtum. Oft zeigt er uns lächelnd des Lebens verstellten, doch nie spottend des Lebens lächerlichen Ernst. Doch im Hamlet finde ich Ironie, und keine erquickliche. Der Dichter, der uns immer so freundlich belehrt, uns alle unsere Zweifel löst, verläßt uns hier in schweren Bedenklichkeiten und bangen Besorgnissen. Nicht die Gerechten nicht die Tugendhaften gehen unter, nein schlimmer, die Tugend und die Gerechtigkeit. Die Natur empört sich gegen ihren Schöpfer und siegt; der Augenblick ist Herr und nach ihm der andere Augenblick; die Unendlichkeit dem Raume, die Ewigkeit ist der Zeit untertan. Vergebens warnt uns das eigene Herz, das Böse ja nicht zu achten, weil es stark, das Gute nicht zu verschmähen, weil es schwach ist; wir glauben unsern Augen mehr. Wir sehen, daß wer viel geduldet, hat wenig gelebt, und wir wanken. Hamlet ist ein christliches Trauerspiel. Die Welt staunt Shakespeares Wunderwerke an. Warum? Ist es denn so viel? Man braucht nur Genie zu haben, das andere ist leicht. Shakespeare wählt den Samen der Art, wirft ihn hin, er keimt, sproßt, wächst empor, bringt Blätter und Blüten, und wenn die Früchte kommen, kommt der Dichter wieder und bricht sie. Er hat sich um nichts bekümmert, Luft und Sonne seines Geistes haben alles getan, und die Art ist sich treu geblieben. Aber den Hamlet staune ich an. Hamlet hat keinen Weg, keine Richtung, keine Art. Man kann ihm nicht nachsehen, ihn nicht zurechtweisen, nicht prüfen. Sich da nie zu vergessen! Immer daran zu denken, daß man an nichts zu denken habe! Ihn nichts und alles sein zu lassen! Ihn immer handeln und nichts tun, immer sich bewegen und nie fortkommen zu lassen! Ihn immer sich als Kreisel drehen lassen, ohne daß er ausweiche! Das war schwer. Und Shakespeare ist ein Brite! Hätte ein Deutscher den Hamlet gemacht, würde ich mich gar nicht darüber wundern. Ein Deutscher brauchte nur eine schöne, leserliche Hand dazu. Er schreibt sich ab, und Hamlet ist fertig. Einige Worte über die angekündigten Jahrbücher der wissenschaftlichen Kritik herausgegeben von der Societät für wissenschaftliche Kritik zu Berlin 1826 Was diese meine Blätter enthalten werden, das weiß der allwissende Gott jetzt schon; ich weiß es noch nicht. Nur so viel sehe ich in die Ferne, daß, was ich auch sagen dürfte, der Leser sich doch immer meine Angst und die Wichtigkeit nicht wird erklären können, die ich auf die Ankündigung jener Berliner Jahrbücher gelegt habe, und daß er fragen wird: hat der Verfasser dieser Blätter vielleicht mehr gedacht als gesagt, und welche Absicht hatte er, als er sie geschrieben? Um diese zu erfahren, darum schreibe ich sie eben; der Leser soll mir sagen, was ich gewollt. Ich habe die Feder ohne Überlegung in die Hand genommen, nicht ein klarer Gedanke, ein dunkles Gefühl hat mich angetrieben. O ich bitte, zürne und spotte keiner hierüber! Sage mir, Leser, wenn dir träumte, dein Freund sei in Gefahr und jammere nach deiner Hülfe, würdest du nicht aufspringen von dem weichen und warmen Bette und zum Beistande des Freundes eilen? Und wenn unter tausend Traumgestalten, die gelogen, auch je nur einmal ein warnender Gott erschienen – würdest du kalt die tausend Täuschungen berechnen und eitel die kleine Gefahr, verlacht zu werden, mit der des Freundes messen? Nein, das tätest du gewiß nicht. Nun wohl, ich hatte einen solche Traum. Geträumt nur? Nein, es war mehr. In dem Buche eines Arztes habe ich gelesen, es gäbe Menschen mit so reizbaren Nerven, daß sie eine Wolke am heitern Himmel, die sie nicht sehen, fühlen könnten. So reizbarer Art bin ich auch. Es steht eine Wolke am reinen Himmel der deutschen Wissenschaft; ich sehe sie nicht, aber ich empfinde sie. Den Vorwurf, daß ich kränklich sei, will ich gern ertragen, hört man nur auf das, was ich sage. Deutsche Rezensionen lassen sich in der Kürze mit nichts treffender vergleichen als mit dem Löschpapiere, auf dem sie gedruckt sind. Ach, man kennt ja dieses Löschpapier und das, was darauf steht! Es löscht den Durst nicht, es ist selbst durstig. Und doch rühmen sich die Deutschen, die besten Kritiker zu sein? Sie sind es auch, nur daß sie nicht wissen, sich als solche geltend zu machen, wie sie überhaupt nicht verstehen zu zeigen, was sie haben, und zu scheinen, was sie sind. Die Natur hat die Deutschen zum Denken und nicht zum Schreiben bestimmt, und blieben sie ihrer Bestimmung treu, würden sie ihre Gedanken roh ausführen und sie von Franzosen und Engländern verarbeiten lassen. Wenn in Frankreich Bettlergedanken sich immer schön und sauber kleiden und darum Zutritt in guter Gesellschaft finden, hüllen sich die reichsten deutschen Geister in Lumpen ein, finden alle Türen verschlossen und werden von jedem unverschämten Hofhunde ausgebellt. Der Deutsche kann kein Buch machen. Ein gutes Buch, ein Buch, wie es sein soll, muß des Titelblattes entbehren können. Nun versuche man es mit einem deutschen Werke, ob man ohne das Titelblatt seinen Inhalt und seine Bestimmung erraten kann. Es sind Baumaterialien, die besten oft, Marmorblöcke, Säulen, Acajouholz, Teppiche, Kristallspiegel, schöne Gemälde; aber es ist kein fertiges Haus. Und ist ja ein Haus daraus geworden, und es ist wohnlich und bequem, so hat man die Außenseite vernachlässigt, und kein Vorübergehender wird gelockt, hineinzugehen und das Haus zu sehen und zu kaufen. Vornehme Berliner Gelehrte ruhen hinter Lehmwänden auf seidenen Polstern, während Pariser Lumpengesindel durch hohe Marmorportale zu seinem Strohlager trippelt. So schlimm ist es mit Büchern; mit Zeitschriften, also auch mit kritischen, ist es noch schlimmer. Es gibt kein kritisches Blatt in Deutschland, das verdiente, sein eignet Gegenstand zu werden. Woher das Übel? Der deutsche Gelehrte betrachtet sich als einen Staatsbeamten. Seine Bücher sind ihm Akten, seine Studierstube ist ihm eine Kanzlei, seine Wissenschaft ein Geheimnis. Er hat es geschworen, den Verstand zu Hause zu lassen, sooft er ausgeht, nämlich sooft er schreibt für die Menge. Treibt ihn nun ja einmal Not oder Laune an, für das Volk mit Verstand zu schreiben, macht er es eben wie jene Beamte, welchen er gleicht. Diese haben über dem Gebrauch der Macht den der Rede verlernt, und kommt einmal eine Zeit, wo Drohung nichts wirkt, wo nur Überredung wirken könnte, stehen sie unbehülflich da, grinsen, wenn sie bitten, sind ohne Grazie, wenn sie schmeicheln, und lächerlich, wenn sie rühren wollen. Die deutsche gelehrte Welt ist ein Freistaat, und sie wird auch einer bleiben, allen Triumviraten zum Trotze. Da aber in einem Freistaate weder monarchischer noch aristokratischer Einfluß gestattet ist, so bleibt denen, welchen die Natur selbst den Herrscherstab in die Hand gegeben, nichts anderes übrig, ihre Rechte geltend zu machen, als daß sie Demagogen werden und das Volk durch Lehre und Beispiel zu leiten suchen. Aber dieses zu tun, unterlassen die vornehmen deutschen Gelehrten, die einen aus Stolz, die andern aus Feigheit. Sie fürchten das literarische Volk, und verachten es. Aber indem sie es fürchten, machen sie es furchtbar, indem sie es verachten, verächtlich. Darum ist in Deutschland der literarische Pöbel so herrschend, darum füllt er mit seinen Haufen den Markt der Zeitungen aus und bedeckt mit seinem Geschreie jede Stimme der Wahrheit und des Rechtes. Es ist die Schuld derer, die durch ihre eitle Absonderung das Volk zu Pöbel gemacht. In Deutschland nehmen die bessern und besten Köpfe keinen Teil an Zeitschriften. Warum tun sie es nicht? Ich frage die unbekannten Mitglieder der so geheimnisvollen Berliner Societät für Kritik, warum sie nicht schon früher kritisiert? sie versprechen jährlich hundertundzwanzig Bogen zu schreiben; diese hätten hingereicht, allen schon bestehenden kritischen Zeitschriften einen Wert zu geben, die schlechten Kritiker ins Dunkel zu setzen, sie zurückzudrängen oder auch durch Lehre und Beispiel sie zu bessern. Ob aber durch eine geschlossene Societät, ob durch den Glanz einer kritischen Residenz das arme platte Land der deutschen Kritik bereichert werden wird, das wollen wir jetzt untersuchen. Ich hasse jede Gesellschaft, die kleiner ist als die menschliche. Unterwirft man sich dem Staate, so ist dieses eine traurige Notwendigkeit; aber man soll sich nicht mehr unterwerfen, als man muß. Nichts ist betrübter und lächerlicher zugleich, als die kranke Lust, welche besonders die Deutschen haben, sich freiwillig einzupferchen und aus Furcht vor den seltenen Wölfen sich täglich den Launen des Schäfers und seinen unvermeidlichen Hunden preiszugeben. Nur allein die deutschen Gelehrten – und das gereicht ihrem Geiste und ihrem Herzen zu Ruhme – haben bis jetzt ihre Unabhängigkeit zu behaupten verstanden. Sie haben, weder aus Übermut noch aus Feigheit, weder herrsch- noch schutzbegierig, die unbezahlbare Freiheit hingegeben. Haben denn gelehrte Gesellschaften je Nutzen gebracht? Sie haben nur immer geschadet. Die Wissenschaft haben sie aufgehalten und den Leidenschaften freien Lauf gelassen. Nicht den edlen Leidenschaften, welche, gleich Wein, alle Kräfte aufregen und jede Bewegung rascher machen; sondern den unedlen, narkotischen, die betäuben, verwirren, einschläfern und damit endigen, jede Kraft zu zerstören. Wenn hundert Gelehrte ihre Seelen in eine gemeinschaftliche Kasse legen, lacht der Teufel; denn mit einem Griffe holt er sie dann alle hundert. Eine solche Gesellschaft hat sich in Berlin gebildet, und zwar eine für Kritik; sie hat sich angekündigt. Man täusche sich über jene Ankündigung nicht. Sie gleicht nicht den gewöhnlichen Ankündigungen, die allen literarischen Unternehmungen vorausgeschickt werden, wo man auch immer von einem allgemein und dringend gefühlten Bedürfnisse redet, wo man auch verspricht, dem Bedürfnisse abzuhelfen, es aber nachher macht wie alle und es gehen läßt, wie es Gott gefällt – nein, jene Ankündigung ist sehr bedächtig, in sehr abgemessenen Reden abgefaßt, und es ist eher zu fürchten, daß sie mehr als daß sie weniger halte, als was sie versprochen, und daß der Vorteil, die guten Köpfe anzuziehen, den Nachteil, sie abgestoßen zu haben, nicht vergüten werde. Kurz, um es geradeheraus zu sagen, ich fürchte die Berliner Gesellschaft möchte die bisherige Freiheit der deutschen Kritik, und als Folge die der Wissenschaft überhaupt, gefährden, und vor dieser Gefahr will ich warnen. Die Societät will die Kritik auf Aktien betreiben und alljährlich nach Verteilung der Dividende ihren Statuten gemäß von ihrem Verfahren Rechenschaft ablegen. Aber was enthalten diese Statuten? Warum werden sie nicht bekanntgemacht? Moses auch hatte seine Gesetzestafeln von dem Wolkengipfel des Berg Sinais herabgebracht, und keiner wußte, von wem er sie erhalten; aber er machte den Inhalt der Gesetze bekannt, und so konnte jeder urteilen, ob sie von Gott gegeben. Die Berliner Societät aber hält ihre Statuten geheim. In welche Lage werden nun die externen Gelehrten kommen, die, ohne in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, sich ihr anschließen? Sie werden eine Art dienender Brüder sein, die nicht alles wissen, die man aber alles zu tun verpflichten wird, was die Zwecke der Allwissenden befördern soll. Zu wissenschaftlichen Zwecken verbundene Männer sollen nichts Gemeinschaftliches haben als Fähigkeit, guten Willen und das Papier, auf dem sie drucken lassen. Was sie noch außerdem verbindet, ist als Freiheit beschränkend zu verwünschen, und es wird nach innen auf die Gesellschaft, nach außen auf die Wissenschaft verderblichen Einfluß haben. Leise, doch richtig wurde in der Ankündigung der Tadel ausgesprochen, den die in Deutschland übliche Kritik lauter verdient hätte. Aber die Kritik ist eine Frucht der Wissenschaft, und jede Veredlung, die man beabsichtige, müsse mit letzterer anfangen. Was fehlt dieser nun? Nichts als frische Luft. Ihr fehlt der Sinn für die Öffentlichkeit, der ihr aus Mangel an Übung abgestorben. Ihr fehlt feine Sitte, Gewandtheit, Anstand, Mut und Gegenwart des Geistes. In Deutschland schreibt jeder, der die Hand zu nichts anderem gebraucht, und wer nicht schreiben kann, rezensiert. Nichts ist verzeihlicher als das, es ist jeder berechtigt, über alles, was alle angeht, seine Stimme zu geben. Nur fehlt es an einer öffentlichen Meinung, an einer Urne, worin alle Stimmen zu sammeln wären, daß man sie zählen könne. Diese herbeizuschaffen, die Stimmen für das Rechte zu gewinnen und die Abstimmung zu leiten, dazu sollte sich eine Gesellschaft bilden, nicht aber zu dem bloßen Zwecke, die Stimmen zu vermehren. Und die Berliner Societät, abgeschlossen, umregelt und monarchisch wie sie ist, und mögen noch so viele, noch so achtungswürdige Männer sich ihr anschließen, wird das kritische Geschrei doch nur mit einer Stimme vernehmen, und die Bauchrednerei mannigfaltiger Akzente wird nur Unkundige, und nicht lange, täuschen. Die Societät will nur solche Schriften beurteilen, »die in irgendeiner Richtung bedeutend sind und eine Stelle in der Geschichte der Wissenschaften einnehmen«. Durch dieses Verfahren würde künftig jedes neue Werk schon durch die bloße Anzeige in den Berliner Jahrbüchern sich ausgezeichnet, schon durch deren Stillschweigen sich zurückgesetzt sehen – eine schnelle, aber scharfe Art zu richten! Kann die Societät blindes Vertrauen auf die Billigkeit solcher Urteilssprüche fordern, die kein Entscheidungsgrund begleitet? Ja, das könnte sie, wären die Mitglieder, die sie bilden, frei; da sie es aber nicht sind, sondern, wie wir schon angedeutet haben und noch klarer erörtern werden, einer monarchischen Regel unterworfen so kann die Societät jenes Vertrauen nicht erwarten. Übrigens ist es sehr zu fürchten, daß wenn nur solche Werke beurteilt werden sollen, die eine Stelle in der Geschichte der Wissenschaften einnehmen, die versprochenen hundertundzwanzig Bogen jährlich nicht möchten ausgefüllt werden können. Die Geschichte der Wissenschaft, das heißt ihr Wachstum ; aber die deutsche Wissenschaft ist ausgewachsen, sie wächst nur noch in die Breite, und da sie täglich dicker und dicker wird, viele Nahrung zu sich nimmt und sich gar keine Bewegung macht, so ist wohl zu besorgen, daß sie einmal in ihrem Lehnstuhle der Schlag rühren möchte und daß sie das viele schöne Fett nur für die Würmer wird aufgehäuft haben. Unsere kritischen Hauptstädter wollen sich in Klassen teilen, je nach den Fächern der Wissenschaft, und jede Anzeige wird, vor der Zulassung zum Drucke, die Genehmigung der betreffenden Klasse erhalten und mit dem Namen des Verfassers versehen sein müssen. Ich gestehe es frei – früher konnte ich es nicht gestehen, da es mir während dem Schreiben erst selbst klar geworden daß dieses der Punkt ist, der meine Gefühle aufgeregt und sie gegen jene Anstalt so feindlich gestimmt hat. Die Vernunftgründe, meine Abneigung zu verteidigen, habe ich erst später gesucht und, wie ich denke, auch gefunden. Ich begreife nicht, wie die Berliner Societät hoffen durfte, unter freien deutschen Gelehrten Männer zu finden, die sich einen solchen Zwang freiwillig gefallen ließen; doch hätte sie sie dennoch gefunden – nun, dann freilich begreife ich ihre Zuversicht. Die Mitglieder jener Societät haben sich nicht genannt; doch sind es ganz gewiß sehr achtungswerte Männer, die Bedacht genommen haben werden, sich unter den fremden Gelehrten nur gleichbegabte, gleichgesinnte zuzugesellen. Ist dieses aber geschehen und sind die Männer bewährt, wozu dann noch jene beleidigende Vorsicht, wozu jene freiheitbeschränkende Zensur? Sie sagen, es geschähe: »damit Willkür und Nebenrücksicht ausgeschlossen bleibe«. Allein wenn zu wählen ist zwischen der Willkür eines einzelnen und der Willkür einer Klasse, so ist die erstere zu wählen. Der einzelne hat seine Leidenschaften, aber sie wechseln, und er wird oft, was er aus Laune gefehlt, aus Laune wieder gutmachen, wenn es nicht aus Tugend geschieht. Aber die Leidenschaften einer Klasse wechseln nicht. Der Eigensinn einer Gesellschaft taut niemals auf, und da sie, wie den Gewinn, den sie beabsichtigt, auch die Schuld unter sich teilt, die auf ihr liegt, so hat sie kein Gewissen, und sie kennt die Reue nicht. Alle ihre Fehler sind unverbesserlich. Wer bürgt uns für die Unparteilichkeit der Berliner Societät, wenn sie die Kritik eines ihrer Mitarbeiter verwirft? Vielleicht war es nicht die Unbedeutendheit der beurteilten Schrift, vielleicht war es nur ihre eigentümliche Bedeutung, die man nicht wollte aufkommen lassen – vielleicht war es nicht die verwerfliche Darstellung des Kritikers, vielleicht war es die eigene, herrschsüchtiger Regel nicht zusagende Art der Darstellung, warum die Anzeige zurückgewiesen worden. Man weiß ja, wie eine Gesellschaft gleich der, von welcher wir hier sprechen, sich bildet. Der schaffende Gedanke entspringt aus einem Kopfe; es wird ein guter, ein enzyklopädischer Kopf sein, einer der das ganze Reich der Wissenschaften übersieht und jeder einzelnen Lage und Grenzen kennt. Aber mit diesem enzyklopädischen Kopfe wird auch ein enzyklopädisches Herz verbunden sein, das zwar alle Tugenden in sich schließen, aber auch das ganze Alphabet der Leidenschaften enthalten kann. Ein solcher Stifter wählt sich gleichgesinnte Anhänger, diese wählen andere, und so wird ein Gedanke, der alle beherrscht und dem alle, die sich dem Kreise anschließen, sich unterwerfen müssen. Jede Kritik soll mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein müssen. Warum dieser Zwang? Es wäre wohl gut, wenn es freiwillig geschähe. Ich habe nie begreifen können, wie man schreiben, wie man kritisieren mag, ohne sich zu nennen. Es ist so etwas Unbehagliches, so etwas Gespenstisches darin. Ach, ich habe auch geschrieben und gekrittelt, aber ich habe zur Buße mich immer genannt, und wenn ich aus Laune oder Unachtsamkeit meinen Namen verschwiegen, ging ich immer schwermütig umher, als hätte ich ein zweites Verbrechen begangen. Aber ich bedenke auch, daß ich frei bin, weder Weib noch Kinder habe, und daß die Rache, die jede ungefällige Wahrheit, wenn auch nicht immer trifft, doch immer bedroht, nur mich allein hätte treffen können. Doch nicht jeder ist so frei, viele deutsche Gelehrte leben in Verhältnissen der Dienstbarkeit, sie haben Familien, und keiner ist verpflichtet, ja vielleicht nicht berechtigt, andere sich allein der guten Sache aufzuopfern. Wenn jeder deutsche Schriftsteller sich nennen müßte, würde manches verschwiegen bleiben, was, kund geworden, sehr ersprießlich gewesen wäre. Die Teilnehmer an den vortrefflichen Wiener Jahrbüchern der Literatur nennen sich auch nicht, sie müssen es wenigstens nicht – warum will man die Mitarbeiter an den Berliner Jahrbüchern dazu zwingen? Ist Furcht etwa keine so gute Entschuldigung, als Scham es ist? Wenn es geheime Diener des Bösen gibt, warum will man keine geheimen Diener des Guten dulden? Es ist alles bedacht, alles bestimmt worden bis auf den Ton, bis auf den Takt, in welchem jede Kritik für die Berliner Jahrbücher vorgetragen werden soll. Es wird der Ton »durchaus nicht anders als gehalten und der Würde der Wissenschaft angemessen sein«. Gehalten ! Was heißt das? Heißt das jener ausgehaltene, zähe Viervierteltakt, von dem wir nur schon zuviel ausgehalten? Tut eine solche Erinnerung not? Wäre nicht dringender, den Gelehrten presto, presto zuzurufen? Wäre nicht gut, wenn die deutschen Federn den schleichenden Menuett ihren Voreltern überließen und etwas walzten? Die Würde der Wissenschaft ! Nun freilich, Würde soll sie haben, aber nur keine Standeswürde. Doch würdig macht sie nur der Wert, den sie hat, nicht der Schein, den sie annimmt. Ernst soll die Wissenschaft sein und das Leben auch; aber nicht ernsthaft. Nur zu ernsthaft ist sie in unserm Vaterlande, und es wäre gut, sie lächelte ein wenig. Der Bart macht den Gelehrten nicht ehrwürdig, er macht ihn nur lächerlich, und eine große Summe seines Wertes geht darin auf, daß er seine lächerliche Erscheinung damit loskaufen muß. Was bezweckt die Berliner Societät mit ihrer Stilordnung? Doch nicht, die Wissenschaft zu isolieren gleich ehemals? Dann wäre ihre Täuschung groß, und ihre Enttäuschung würde bitter sein. Wahr ist es, die deutsche Wissenschaft konnte sich nur darum zu solcher Kraft und Freiheit entwickeln, weil sie einsam und verborgen lebte. Ungeachtet, weil unbemerkt, hielt sie Furcht und Argwohn, Haß und Verfolgung von sich fern. Aber die Not der Zeit hat sie ins Freie gerufen, sie hat sich im Felde des Lebens versucht, man lernte sie kennen, fürchten und hassen. Nun hofft sie vergebens, wenn sie das Feld räume und in ihre vorige Einsamkeit zurückkehre, auch die vorige Ruhe und Bequemlichkeit wiederzufinden – man wird sie bis in ihre Feste verfolgen, und nur erst auf deren Trümmern wird der Argwohn seinen alten Schlaf wiederfinden. Darum bekämpfe sie den Feind; ihn zu beschwichtigen, ist zu spät geworden. Die kritische Gesellschaft spricht am Schlusse ihrer Ankündigung die Hoffnung aus: es dürfte »eine neue, eben unter bedeutenden Auspizien aufblühende Anstalt in der Folge auch mit ihren Kräften die Societät verstärken«. Ich denke, damit ist München gemeint, und wünsche mich zu irren, wenn ich dieses denke. Es wäre nicht gut, es wäre wahrlich nicht gut, wenn jene neue Anstalt nicht ihren eigenen Weg einschlüge und fremder Führung folgte. Die Müncher Professoren werden sich bedenken, sie werden überlegen, wie es den Enten ergangen, welchen Münchhausen nachgestellt. Dieser band einen guten Bissen an eine Schnur; die erste Ente verschlang den Bissen und zog die Schnur nach und gab beides hinten wieder von sich. Die zweite Ente verschlang den nämlichen Bissen und machte es weiter so. Dann kam die dritte, vierte Ente; so eine nach der andern. Nachdem die letzte angebissen, zog der kluge Jäger die Schnur an sich, hockte die ganze Herde auf seinen Rücken und trug sie mit Leichtigkeit fort. Da zappelten, da flatterten, da schnatterten sie – zu spät; sie hingen, sie hatten sich fest gefressen. Doch das waren dumme Enten; Gelehrte aber haben Verstand, und ehe sie nach einer Lockspeise schnappen, sehen sie zu, ob kein Bindfaden daran befestigt. Denkrede auf Jean Paul Vorgetragen im Museum zu Frankfurt, am 2. Dezember 1825 Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein hoher Priester ist gestorben! Wohl mögen wir den beweinen, der uns Ersatz gewesen und uns nun unersetzlich geworden. jedem Lande ward für jedes trübe Entbehren irgendeine freundliche Vergütung. Der Norden ohne Herz hat seine eiserne Kraft; der kränkelnde Süden seine goldene Sonne; das finstere Spanien seinen Glauben; die darbenden Franzosen erquickt der spendende Witz, und Englands Nebel verklärt die Freiheit. Wir hatten Jean Paul, und wir haben ihn nicht mehr, und in ihm verloren wir, was wir nur in ihm besaßen: Kraft und Milde und Glauben und heitern Scherz und entfesselte Rede. Das ist der Stern, der untergegangen: der himmlische Glaube, der in dem Erloschenen uns geleuchtet. Das ist die Krone, die herabgefallen: die Krone der Liebe, die den beherrschte, der sie getragen, wie alle, die ihm untertan gewesen. Das ist das Schwert, das gebrochen: der Spott in scharfer Hand, vor dem Könige zittern und der blutleere Höflinge erröten macht. Und das ist der hohe Priester, der für uns gebetet im Tempel der Natur – er ist dahingeschieden, und unsere Andacht hat keinen Dolmetscher mehr. Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme. Dann führt er die Müden und Hungrigen ein in die Stadt seiner Liebe; er führt sie unter ein wirtliches Dach: die Vornehmen, verzärtelten Geschmacks, in den Palast des hohen Albano; die Unverwöhnten aber in seines Siebenkäs enge Stube, wo die geschäftige Lenette am Herde waltet und der heiße beißende Wirt mit Pfefferkörnern deutsche Schüsseln würzt. Jahrhunderte ziehen hinab, die Jahreszeiten rollen vorüber, es wechselt die Witterung des Glücks; die Stufen des Alters steigen auf und steigen nieder. Nichts ist dauernd als der Wechsel, nichts beständig als der Tod. jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein ewiges Verbluten, wenn nicht die Dichtkunst wäre. Sie gewährt uns, was uns die Natur versagt: eine goldene Zeit, die nicht rostet, einen Frühling, der nicht abblüht, wolkenloses Glück und ewige Jugend. Der Dichter ist der Tröster der Menschheit; er ist wenn der Himmel selbst ihn bevollmächtigt, wenn ihm Gott sein Siegel auf die Stirne gedrückt und wenn er nicht um schnöden Botenlohn die himmlische Botschaft bringt. So war Jean Paul. Er sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergebornen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe. Mögen wir der stolzen Glocke, die an seltenen Festtagen majestätisch schallt, unsere Ehrfurcht zollen – unsere Liebe wird der vertrauten Uhr, die jeden Pulsschlag unsers Herzens begleitet, die jede Viertelstunde unserer Freude nachtönt und alle unsere Schmerzen Minute nach Minute von uns nimmt. In den Ländern werden nur die Städte gezählt; in den Städten nur die Türme, Tempel und Paläste, in den Häusern ihre Herren; im Volke die Kameradschaften; in diesen ihre Anführer. Vor allen Jahreszeiten wird der Frühling geliebkost; der Wanderer staunt breite Wege und Ströme und Alpen an; und was die Menge bewundert, preisen die gefälligen Dichter. Jean Paul war kein Schmeichler der Menge, kein Dichter der Gewohnheit. Durch enge, verwachsene Pfade suchte er das verschmähte Dörfchen auf. Er zählte im Volke die Menschen, in den Städten die Dächer und unter jedem Dache jedes Herz. Alle Jahreszeiten blühten ihm, sie brachten ihm alle Früchte. Auch der ärmste Dichter, und schlotterte ihm nur eine Saite noch auf seiner kümmerlichen Leier, er hat die Feiertage der ersten Liebe besungen. Jean Paul wartet diese heilige Flamme, bis sie mit dem Tode verlischt. Bei jeder goldenen Hochzeit ist er der trauende Priester, der die alten Herzen noch einmal aneinanderlegt und die zitternden Hände zum letzten Male paart, bevor der Tod sie trennt. Durch Nebel und Stürme und über gefrorne Bäche dringt er in das eingeschneite Häuschen eines Dorfschulmeisters, die Christnachtfreuden seiner Kinder zu teilen. Mit vollen Klängen besingt er die königliche Lust auf den Wonneinseln des Lago Maggiore; aber mit leisern und wärmern Tönen das enge Glück eines deutschen Jubelseniors und die Freuden eines schwedischen Pfarrers. Für die Freiheit des Denkens kämpfte Jean Paul mit andern; im Kampfe für die Freiheit des Fühlens steht er allein. Seltsame, wunderliche Menschen, die wir sind! Fast sorglicher noch als unsern Haß suchen wir unsere Liebe zu verbergen, und wir fliehen so ängstlich den Schein der Güte, als wir unter Dieben den Schein des Reichtums meiden. Wie oft geschieht es, daß wir auf dem Markte des täglichen Treibens oder in den Sälen alltäglichen Geschwätzes all den wichtigen, volljährigen Dingen, die hier getrieben, dort besprochen werden, erlogene Aufmerksamkeit schenken! Wir scheinen gelassen und sind bewegt, scheinen ernst und sind weich, scheinen wach und sind von süßer Lustgewiegt, gehen bedächtigen Schrittes, und unser Herz taumelt von Erinnerung zu Erinnerung und wir wandeln mit breitem Fuße zwischen den Blumenbeeten unserer Kindheit und erheben uns auf den Flügeln der Phantasie zu den roten Abendwolken unsrer hinabgesunkenen Jugend. Wie ängstlich lauschest du dann umher, ob kein Auge dich ertappt, ob kein Ohr die stillen Seufzer deiner Brust vernommen! Dann tritt Jean Paul nahe an dich heran und sagt dir leise und lächelnd: Ach kenne dich!« Du verbirgst deine Freuden, weil sie dir zu kindlich scheinen für die Teilnahme der Würdigen; du verheimlichst deine Schmerzen, weil sie dir zu klein dünken für das Mitleid. Jean Paul findet dich auf und deine verstohlene Lust und spricht: »Komm spiele mit mir!« Er schleicht sich in die Kammer, wo du einsam weinest, wirft sich an dein Herz und sagt: »Ich komme, mit dir zu weinen! Schlummert und träumt irgendeine kindliche Neigung in deiner Brust, und sie erwacht, steht Jean Paul vor ihrer Wiege, und vielleicht waren es nur seine Lieder, die dein Herz in solchen Schlaf und in solche Träume gelullt. Nicht wie andere es getan, spürt er nach den verborgenen Einöden im menschlichen Herzen, er sucht darin die versteckten Paradiese auf. Er löset die Rinde von der verhärteten Brust und zeigt den weichen Bast darunter; und in der Asche eines ausgebrannten Herzens findet er den letzten halbtoten Funken und facht ihn zur hellen Liebesflamme an. Darin hat er seinem Volke wohlgetan, darin war er sein Retter! Es gab eine Zeit, wo kein deutscher Jüngling, wenn er liebte, zu sagen wagte: Ach liebe dich.« Zünftig und bescheiden, wie er war, sagte er: »Wir lieben dich, Mädchen!« Hinangezogen am Spalier der Staatsmauer, hatte er verlernt, seinen eignen Wurzeln zu trauen. Jean Paul munterte die blöden Herzen auf; er zuerst wagte das jedem Deutschen so grause Wort Ich auszusprechen, und wenn die Freiheit nicht darin besteht, daß man ohne Gesetze lebe, sondern daß jeder sein eignet Gesetzgeber sei, so war es Jean Paul, der für unsere Enkel die Saat der deutschen Freiheit ausgestreut. Jean Paul war der Dichter der Liebe auf die schönste und erhabenste Weise, wie man dieses Wort nur deuten mag. Einst in seiner Jugend hatte er folgenden Eid geschworen: »Großer Genius der Liebe! ich achte dein heiliges Herz, in welcher toten oder lebenden Sprache, mit welcher Zunge, mit der feurigen Engelszunge oder mit einer schweren, es auch spreche, und will dich nie verkennen, du magst wohnen im engen Alpental oder in der Schottenhütte, mitten im Glanze der Welt; und du magst den Menschen Frühlinge schenken oder hohe Irrtümer oder einen kleinen Wunsch oder ihnen alles, alles nehmen!« Er hat den Eid geschworen, und er hat ihn gehalten bis in den Tod. Doch was ist Liebe ohne Gerechtigkeit? Die Milde des Räubers, der dem einen schenkt, was er dem andern genommen. Jean Paul war auch ein Priester des Rechts. Die Liebe war ihm eine heilige Flamme und das Recht der Altar, auf dem sie brannte, und nur reine Opfer brachte er ihr. Er war ein sittlicher Sänger. Nie schmückte er häßliche Sünde mit den Blumen seiner Worte aus; nie bedeckte er eine unedle Regung mit dem Golde seiner Reden. Er hätte es vermocht, wenn er gewollt; auch er hätte vermocht, mit seinem mächtigen Zauber dem frommen Tadler ein Lächeln abzuschmeicheln; aber er hat es nicht getan. Er stritt für Wahrheit, für Recht, für Freiheit und Glauben, und nie deckte bei ihm die Flagge eines mächtigen Namens sündlich-heilloses Gut, es den Ungläubigen zuzuführen. Die Trostbedürftigen zu trösten und als befruchtender Himmel dürstende Seelen zu erquicken – dazu allein ward der Dichter nicht gesendet. Er soll auch der Richter der Menschheit sein und Blitz und Sturm, die eine Erde voll Dunst und Moder reinigen. Jean Paul war ein Donnergott, wenn er zürnte, eine blutige Geißel, wenn er strafte; wenn er verhöhnte, hatte er einen guten Zahn. Wer seinen Spott zu fürchten hatte, mochte ihn fliehen; ihn zu verlachen, wenn er ihm begegnete, war keiner frech genug. Trat der Riese Hochmut ihm noch so keck entgegen, seine Schleuder traf ihn gewiß! Verkroch sich die Schlauheit in ihrer dunkelsten Höhle, er legte Feuer daran, und der betäubte Betrüger mußte sich selbst überliefern. Sein Geschoß war gut, sein Auge besser, seine Hand war sicher. Er übte sie gern, seinen Witz hinter Höfe und hinter Deutschland hetzend. Nicht nach der Beute der Jagd gelüstete ihm, er wollte nur fromm die Felder des Bürgers und des Landmanns Äcker vor Verwüstungen schützen. Von der Feder manches Raubvogels, von dem Geweihe und der Klaue manch erlegten Wildes könnten wir erzählen; doch lassen wir uns zu keinen Jagdgeschichten verlocken in dieser sehr guten Hegezeit, wo schon strafbar gefunden und bestraft wird, nur die Büchse von der Wand herabzuholen. Freiheit und Gleichheit lehrt der Humor und das Christentum – beide vergebens. Auch Jean Paul hätte vergebens gelehrt und gesungen, wäre nicht das Recht ein liebes Bild des toten Besitzes und die Hoffnung eine Schmeichlerin des Mangels. Jean Paul hat gut gemalt, er hat uns zartgeschmeichelt. Der Humor ist keine Gabe des Geistes, er ist eine Gabe des Herzens, er ist die Tugend selbst, wie ein reichbegabtes Herz sie lehrend übt, weil es sie nicht übend lehren darf. Der Humorist ist der Hofnarr des Königs der Tiere in einer schlechten Zeit, wo die Wahrheit nicht tönen darf wie eine heilige Glocke, wo man ihr nur ihr Schellengeläute vergibt, weil man es verachtet, weil man es belächelt. Der Humorist löst die Binde von den Füßen des Saturns, setzt dem Sklaven den Hut des Herrn auf und verkündigt das saturnalische Fest, wo der Geist das Herz bedient und das Herz den Geist verspottet. Einst war eine schönere Zeit, wo man den Humor nicht kannte, weil man nicht die Trauer und nicht die Sehnsucht kannte. Das Leben war ein olympisches Spiel, wo jeder durfte seine Kraft und Hurtigkeit erproben. Der Schwäche war nur das Ziel versperrt, nicht der Weg; der Preis verweigert, nicht der Kampf. Jean Paul war der Jeremias seines gefangenen Volkes. Die Klage ist verstummt, das Leid ist geblieben. Denn j . jene falschen Propheten wollen wir nicht hören, die ihn begleitet und ihm nachgefolgt; und nur aus Liebe zu dem geliebten Toten wollen wir seiner kranken Nachahmer mit mehr nicht als mit wenigen Worten gedenken. Sie dünken sich frei, weil sie mit ihren Ketten rasseln; kühn, weil sie in ihrem Gefängnisse toben, und freimütig, weil sie ihre Kerkermeister schelten. Sie springen vorn Kopfe zum Herzen, vom Herzen zum Kopfe – sie sind hier oder dort; aber der Abgrund ist geblieben; sie verstanden keine Brücke über die Trennungen des Lebens zu bauen. Verrenkung ist ihnen Gewandtheit der Glieder, Verzerrung Ausdruck des Gesichts, sie klappern prahlend mit Blechpfennigen, als wenn es Goldstücke wären, und wirft ihnen ja einmal der Schiffbruch des Zufalls irgendein Kleinod zu, wissen sie es nicht schicklich zu gebrauchen, und man sieht sie, gleich jenem Häuptling der Wilden, ein Ludwigskreuz am Ohrläppchen tragen. Die Bewunderung preist, die Liebe ist stumm. Nicht preisen wollen wir Jean Paul, wir wollen ihn beweinen! Der lüsterne Gast vergißt über das Mahl den Wirt, der herzlose Kunstfreund den Künstler über sein Werk. Zwar wird als Dankbarer gelobt, wer von der genossenen Wohltat erzählt; aber der Dankbarste ist, der die Wohltat vergißt, sich nur des Wohltäters zu erinnern. So wollen wir des seligen Geistes liebend gedenken, nicht der Arbeiten und Werke, womit er unsere Bewunderung verdient. Und wollten wir anders, wir vermöchten es nicht. Man kann Jean Pauls Werke zählen, nicht sie schätzen. Die Schätze, die er hinterlassen, sind nicht alle gemünztes Gold, das man nur einzurollen braucht. Wir finden Barren von Gold und Silber, Kleinodien, nackte Edelsteine, Schaumünzen, die der Gewürzkrämer als Bezahlung abweist; aufgespeicherte, ungemahlne Brotfrucht und Äcker genug, worauf noch die spätesten Enkel ernten werden. Solcher Reichtum hat manches Urteil arm gemacht. Fülle hat man Überladung gescholten. Freigebigkeit als Verschwendung! Weil er so viel Gold besaß als andere Zinn, hat man als Prunksucht getadelt, daß er täglich aus goldenen Gefäßen aß und trank. Hat aber Jean Paul doch hierin gefehlt, wer hat seinen Irrtum verschuldet? Wenn große Reichtümer durch viele Geschlechter einer Familie herab erben, dann führt die Gewohnheit zur Mäßigkeit des Genusses; die Fülle wird geordnet; alles an schickliche Orte gestellt und um jeden Glanz der Vorhang des Geschmacks gezogen. Der Arme aber, den das Glück überrascht, dem es die nackten Wände zauberschnell mit hohen Pfeilerspiegeln bedeckt, dem der Gott des Weins plötzlich die leeren Fässer füllt – der taumelt von Gemach zu Gemach, der berauscht sich im Becher der Freude, teilt unbesonnen mit vollen Händen aus und blendet, weil er ist geblendet. Ein solcher Emporkömmling war Jean Paul; er hatte von seinem Volke nicht geerbt. Der Himmel schenkte ihm seine Gunst; das Glück stürzte gutgelaunt sein Füllhorn um und überschüttete ihn mit Blumen und Früchten; die Erde gab ihm ihre verborgenen Schätze. Er sah und zeigte sie gerne! Doch war der Neid der Mitlebenden belächelt, darüber lachen froh die Erben. Gold bleibt Gold, auch in der Erzstufe, nur von wenigen erkannt, und die Fassung der Edelsteine erhöht ihren Preis, nicht ihren Wert. So war Jean Paul! – Fragt ihr: wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab. Wollt ihr hören von den Tagen seiner Kindheit, von den Träumen seiner Jugend, von seinen männlichen Jahren? Fragt den Knaben Gustav; fragt den Jüngling Albano und den wackern Schoppe. Sucht ihr seine Hoffnungen? Im Kampanertale findet ihr sie. Kein Held, kein Dichter hat von seinem Leben so treue Kunde aufgezeichnet, als Jean Paul es getan. Der Geist ist entschwunden, das Wort ist geblieben! Er ist zurückgekehrt in seine Heimat; und in welchem Himmel er auch wandere, auf welchem Sterne er auch wohne, er wird in seiner Verklärung seine traute Erde nicht vergessen, nicht seine lieben Menschen, die mit ihm gespielt und geweint und geliebt und geduldet wie er. Das Käthchen von Heilbronn Von Heinrich von Kleist 1818 Fürwahr, es ist Mark darin und Geist und Schönheit. Von der dunkeln Tiefe des Gemüts bis hinauf zu Jener heitern Höhe, auf welcher die Schöpfungskraft frei und besonnen waltet, führt uns ein lockender Weg, mit abwechselndem Reize, bald zwischen lieblichen Winden, blumigen Auen und besonnten Feldern, bald zwischen stürzenden Wetterbächen, erhabenen Wildnissen und Wäldern voll Sturm und Brausen. Gleich anmutig ist Wanderung und Ziel. Warum haben die tückischen Parzen dieses blühende Dichterhaupt so frühe in das Grab gebeugt? Welch ein Unternehmen, so kühn als unbesonnen, den Schleier der Isis wegzuheben, hinter welchem der Tod lauscht! Nur Priestern frommt ein solcher Anblick, nicht der Menge, welcher mit der letzten Täuschung auch das letzte Glück entschwindet. Das wäre die so gepriesene Liebe, von Kindern angelallt, von Greisen angestottert, und das wäre ihr Band? Hätten wir's nie erfahren! Graf Wetter von Strahl, reich, im Lande angesehen, edelstolz, voll des Mutes und der Kraft seines jugendlichen Alters und jener alten Zeit, ein an Seele wie an Leib geharnischter Ritter – und Käthchen, Tochter eines Bürgers von Heilbronn, ein süßes wunderschönes Mädchen, werden, sie, die sich nie gesehen, von einer geheimnisvollen Macht einander im Traume angetraut. Dem todkrank darniederliegenden Grafen erscheint im Wahnsinne des Fiebers ein glänzender Cherub, führt ihn weit weg in die Kammer eines schönes Kindes und zeigt es ihm als die für ihn bestimmte Braut, sagend, es sei die Tochter des Kaisers. Dieselbe Nacht sieht Käthchen im gesunden Traume (das gesunde Weib erhebt sich zum kranken Manne wie das wache zum schlafenden) einen schimmernden Ritter eintreten, der sie als seine Braut begrüßt. So sich angelobt, bringt später ein Zufall den Grafen in Käthchens Vaterhaus. Diese, ihn erblickend, erkennt allsogleich die Traumgestalt. Da stürzt plötzlich ihres Körpers und ihrer Seele Bau und eigene Haltung zusammen, sie fliegt ihrem Pole zu und bleibt ohne Willen und Bewegung an ihm bangen. Vergebens wird sie vom Ritter weggerissen, von diesem selbst mit Füßen zurückgestoßen, wie ein Tier, wie eine Sache behandelt, sie ist immer wieder da und folget ihm auf allen seinen Zügen. Wohl lernt er das Bürgermädchen lieben, aber werter bleibt ihm sein Ritteradel. Endlich bis in den Grund des Herzens gerührt, forscht er Käthchens Inneres aus, da sie einst im magnetischen Schlummer sich befand, wo die Seele, zwischen der Nacht der Erde und dem Tage des Himmels in der dämmernden Mitte schwebend, mit einem Blicke beide umfaßt, und da ward ihm kund, was er im Geräusche eines tatenvollen Lebens nicht früher erhorchen konnte, daß sie die Verheißene sei, die ihm im Traume gezeigt worden. Später tritt auch der Kaiser auf, gibt sich als Käthchens natürlicher Vater zu erkennen und diese, nachdem er sie zur Fürstin erhoben, dem Grafen zum Weibe. Dieses Schauspiel ist ein Edelstein, nicht unwert an der Krone des britischen Dichterkönigs zu glänzen. Man braucht nur den herrlichen Monolog des Grafen, womit der zweite Akt beginnt, gelesen zu haben, um das Lob gerecht zu finden. Um so deutlicher fallen zwei Flecken in das Auge. Die wirkliche Erscheinung des Cherubs beim Sinken des brennenden Schlosses Thurneck konnte nicht unzeitiger geschehen. Die Seele, die so tief geneigt war, sich dem Anwehen einer verborgenen Geisterwelt, die im Traume sich offenbarte, gläubig hinzugeben, wird durch das sinnliche Wunder, das sich im Wachen ergibt, enttäuscht und wendet sich, nüchtern gemacht, vom Unbegreiflichen kalt hinweg. Zweitens spielt das Fräulein Kunigunde, ohne Willen des Dichters, die Rolle der Närrin in diesem ernsten Schauspiele. Gibt es eine tollere Erfindung als dieses Fräulein, welches durch Schönheit und Liebreiz allen Rittern des Landes den Kopf verrückt und am Ende sich als eine garstige Hexe kundgibt, die mit falschen Zähnen, aufgelegter Schminke und einem schlankmachenden Blechhemde die Göttin Venus vorzulügen verstand? Aber wie haben sie dieses Stück wieder zugerichtet, damit es in ihren Raum, ihre Zeit und ihre Umstände sich füge! Das ist ein ganz eignes Kapitel des Jammers. Wie wehe gar muß es dem Künstler selbst tun, der die schönsten Teile seines Gemäldes wegschneiden sieht, damit es nur in den engen Rahmen passe. Zuvörderst ist in der Femgerichtsszene vieles ganz unbedachtsam ausgelassen worden. Es ist wahr, daß einige Reden darin etwas lang sind, allein es durfte dennoch kein Wort fehlen, damit es klar und verständlich werde, wie durch einen arbeitsamen Trieb der Natur sich Faden an Faden gereiht, um das sympathetische Netz zu flechten; das zwei Herzen unzertrennlich machte. Zweitens hatte man unerklärt auf welche Weise der Kaiser Käthchens Vater geworden sei. Das war wieder einmal aus jener entnervten Sittsamkeit geschehen, welche der Verführung heuchlerische, vermaledeite Kupplerin ist. Graf von Strahl, Herr *** . Beim Himmel, die Rolle ist schwer und ich möchte den Schauspieler sehen, der sie trägt, leicht aber doch so, daß die Kraft nicht die Last verschlinge und man wahrnehme, wieviel er zu tragen habe. Vor dem Femgerichte: alle die mannigfaltigen Reden mit ihren Chamäleonsfarben, – Erzählungston, – Nachahmung fremder Stimme, – unbändige Kraft an die Schranke des Gesetzes pochend, –Verstellung der Wahrheit und Wahrheit der Verstellung, – das Gefühl unter freiwilliges Joch gebeugt, –Trotz der Unschuld, – Spott, – dastehend mit recht fest zusammengeknäulter, nicht allseitig hinausflatternder Kraft; nicht sich brüstend, den Körper leicht tragend mit der Seele, wie das Schwert in einer starken Faust, – (es ist ein Unverstand vieler Schauspieler, daß sie wähnen, Helden müßten sich spreizen, gerade sie dürfen es am wenigsten; bei kräftigen Menschen lehnt sich der Körper leicht am Geiste an, aber bei Schwächlingen findet die matte Seele am stärkern Körper ihre Stütze; nur solche Gewaltsmenschen mögen sich spreizen, die keine andere Macht haben als die Meinung, die man hat von ihrer Macht, wie König Philipp in Don Carlos ). – Der Dichter läßt den verliebten jungen Löwen Tränen vergießen; ich bitte, welcher Schauspieler (der unsrigen) versteht es, als Held zu weinen, ohne sich lächerlich zu machen? – Nun vor allen: die Beschwörungsszene, wo der Graf den Geist des schlummernden Käthchens aus dem Körper, seinem dunkeln Sarge, hervorruft und um das Geheimnis überirdischer Dinge befragt (das vorgeschriebene Auflegen der Arme um den Leib hätte strenger beobachtet werden müssen, hierin war die Macht des Zaubers). –- So seht, wieviel als Graf von Strahl zu tun war! – – – Käthchen. Demoiselle Lindner . Gewiß und wahrhaftig, das demütige, gottgefällige, wundersüße, heimgefallene Kind hätte wahrer, lieblicher und rührender nicht dargestellt werden können. Es war nur ihre Schuld, wenn man es vergaß, wie schwer die Schlafrednerin zu spielen sei. Das Insichhineinreden, wo der Mund zugleich Ohr und Lippe ist, der melodische Schmelz der Stimme in den Worten: »O Schelm.« »Nein, nein, nein.« – »Bitte, bitte! « Man sah den himmlischen Wein der Liebe im goldenen Becher der Sinnlichkeit blinken. Wußte Dem. Lindner, was sie tat, dann zeigte sie sich als eine besonnene Künstlerin, handelte sie nach dunklen Trieben, auch gut, das Glück ist eine schöne Gabe. –--Herr*** spielte Käthchens Vater, den Waffenschmied Friedeborn. Er war aber nicht der derbe, begüterte Handwerksmann, der den Hammer von Eisen zu führen gewöhnt ist und wohl täglich seinen guten Humpen Wein trank; der keinen Teufel fürchtet und nur weich ist an der Stelle, wo er sein Goldkind liebt; er war nichts oder was man will. –- Was ist das wieder für ein toller Einfall mit der Puppe gewesen, die man aufhockte und statt Kunigunden in die Köhlerhütte trug? Man hätte entweder die lebendige tragen, oder die ausgestopfte fortspielen lassen sollen; Einheit muß sein. – Sappho Trauerspiel von Grillparzer 1820 Vor etwa zwei Jahren wurde uns diese Tragödie mit dem Spiele der Frau Schröder als Sappho gleichzeitig bekannt. So empfingen wir eine köstliche Frucht in goldner Schale mit Dank und Freude aus den Händen der großen Künstlerin. Später wurde sie uns wiederholt, aber auf flacher Hand, und heute auf irdenem Teller dargereicht. Der Reiz zum Genusse der Frucht ward schwächer, wenn auch nicht das Gefühl der Annehmlichkeit, indem man sie genoß. Nicht etwa, als hätte das Spiel jener Künstlerin Mängel des Dichtwerks versteckt oder ersetzt, die nun, ihrer Hülle oder Entschädigung verlustig, nackt und unverzeihlich erschienen – so nicht. Aber oft geschieht, daß uns eine Wirklichkeit anzieht, die uns als ein Gedachtes abstößt, daß wir an der Gegenwart preisen, was wir als ein Entferntes tadeln, und an der Wahrheit, was uns an der Dichtung nicht erfreut. Die Sinne und das Herz prüfen nicht; die Sinne neigen sich zum Schönen, das Herz liebt und haßt. Aber der Geist urteilt und unterscheidet, was liebenswürdig und was hassenswürdig sei. Die Strafe des Verbrechens, der verschuldete Schmerz, die törichte Klage kann unser Mitleid nicht erregen; aber um den Verbrecher auf dem Blutgerüste, um den Duldenden Iltis Leichtsinn, um den verzweiflungsvollen Toren weinen wir gewiß; die Schwachheit tadeln, den Schwachen bemitleiden wir. Und so würde behauptet, daß wir der Sappho der Dichtung nicht ganz bewilligen können, was wir der Sappho der Bühne zugestanden. Ich mache mit den Philologen nicht gemeinschaftliche Sache, deren einer, da er zu Berlin die Sappho darstellen sah, ausrief: »Das ist dummes Zeug!« Ich rede keinem Konrektor nach, den es verdrießt, daß seine Sappho, von der man »leider« nur noch einige Fragmente hat, so verkleinert worden, indem sie der Dichter sich mit Lappalien beschäftigen ließ. Ich kenne die lesbische Sappho gar nicht ich weiß nichts von der grausamen Geliebten des Alcäus, nichts von der Ehefrau des Kerkolas; ich kenne nur die gekrönte Dichterin und das liebende Weib und will betrachten, wie der Dichter Liebe und Ruhm feindlich sich gegenübergestellt und wie traurig der Kampf geendet, da der Sieg ohne Entscheidung geblieben und ein und ein gemeinschaftliches Grab beide Kämpfenden verschlang. Freilich spottet die Natur der Befehle wie der Verweise eines Dramaturgen; aber darf auch die Kunst nichts darstellen, also wozu ihr die Natur ein Vorbild reicht, so darf sie doch nicht Jede Erscheinung der Natur zum Vorbilde nehmen. Die Natur schafft, indem sie zerstört, und sie zerstört das Einzelne, um die Gesamtheit zu erhalten. Doch die Kunst stellt nur das Einzelne dar, und zernichtet sie ein Besonderes, um nur ein anderes Besondere zu erhalten, erkauft sie das Leben des einen mit dem Tode des andern, so ist dieses eine frevelhafte launische Wahl, durch keinen Zweck entschädigt, durch keine Weisheit geleitet. Erhabene, heil'ge Götter! Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt! In meine Hand gabt ihr des Sanges Bogen, Der Dichtung vollen Köcher gabt ihr mir, Ein Herz zu fühlen, einen Geist zu denken Und Kraft zu bilden, was ich mir gedacht. Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt, Ich dank' euch! Ihr habt mit Sieg dies schwache Haupt gekrönt Und ausgesät in weitentfernte Lande Der Dicht'rin Ruhm, Saat für die Ewigkeit! Es tönt mein goldnes Lied von fremden Zungen, Und mit der Erde nur wird Sappho untergehn. Ich dank' euch! So spricht Sappho, Die Könige zu ihren Füßen sah Und, spielend mit der dargebotnen Krone, Die Stolzen sah und hörte und – entließ. und dieses Weib, so hoch gestellt von Menschen und von Göttern, so in der Fülle des Wertes und dieses Wertes froh und sich bewußt: sie kehrt zurück aus der Mitte der versammelten Griechen, die Herrlichste unter den Herrlichen, die Gepriesenste unter den Gepriesenen, die Glücklichste unter den Glücklichen, siegestrunken, lobrauscht; auf ihrem Haupte den frischesten jüngsten Lorbeer; sie kehrt zurück, mit Jauchzen entlassen, mit Jauchzen empfangen; sie kehrt zurück und – steht dem Sklaven, der ihren Siegeswagen sollte ziehen, als Sklavin zur Seite! Das ist nicht Sinken mehr der Größe, das ist schon ihr Fall. Das Grab ist geöffnet, der Sarg ist aufgeschlagen, die Würmer nagen an der Leiche. Wozu unser Bangen, da die Gefahr schon erreicht, wozu unsere Tränen, da die Verwesung schon eingetreten, was fürchten, da nichts mehr zu hoffen ist? Sie kehrt zurück, und, noch ehe sie herannaht, ist sie schon verurteilt, durch einen niedrigen Diener verurteilt, durch Rhamnes , der mit den Worten: Der Mann mag das Geliebte laut begrüßen, Geschäftig für sein Wohl liebt still das Weib! die der Herrin entgegenjubelnden Mädchen in das Haus zurückweist. Aber Sappho verkündigt dem versammelten Volke laut und gebieterisch Ihre Liebe und ihre Schande. Als ruhmvolle Herrin dürfte sie nicht lieben, als liebendes Weib seine Liebe nicht verkündigen. Wir wissen nicht, was wir empfinden sollen, und die Einheit der Empfindung, die in dramatischen Dichtungen nicht minder sorgfältig als die Einheit der Handlung gehütet werden muß, wird getrennt. Wir müssen der Sappho vergessen, sollen wir dem Weibe seine Liebe verzeihen, aber wenn wir der Sappho vergessen, welche Teilnahme kann noch ferner eine alltägliche Schwäche bei uns finden? Eine Königin im Krankenbette mit der Krone auf dem Haupte; oder eine Königin auf dem Throne von Fieberschauern gerüttelt – so oder so erscheint uns Sappho, und durch diese Nachbarschaft von Größe und Schwäche wird Ehrfurcht wie Mitleid von uns abgewehrt. Wenn die Liebe Geist und Arm des Mannes unterwirft und als Gebieterin des Ruhmes erscheint, dann mögen wir seinen Fall beweinen oder auch verzeihen; denn nur einfach ist die Schwäche und die Schuld. Doch wenn das Weib, das sein stilles Haus verließ, von seiner Höhe herabstürzt, wird es nur Schadenfreude finden; denn zwiefach ist die Schuld – daß es gesunken und daß es gestiegen. Die Flügel des weiblichen Geistes sind immer aus Wachs, doch nur den Fall, nicht den Ruhm der kühnen Tat teilen sie mit Ikarus. Wenn behauptet wird, die Liebe Sapphos müsse mit Spott und Unwillen erfüllen, ist es etwa die Verstimmung unseres Gemüts, ist es etwa mein irrender Murrsinn, der dieses ungerechte Urteil fällt? Ist es nicht Sappho selbst, die ihre eigene Liebe geringschätzt und fast verhöhnt – ja geringschätzt , so sehr sie sich auch abmüdet, sich vor sich selber zu verstecken. Sie denkt über ihre Liebe, und die wahre Liebe denkt nicht. Sie will auf ihrem Herzen spielen, wie auf ihrer Leier; aber bei der wahren Liebe ist eins Finger und Saite. Sie lauscht dem Urteile der Welt, um es zu verschmähen; aber die wahre Liebe vergißt die Welt und hört nicht, was sie spricht. Ihre Liebe ist ihr nur das Höchste, aber die wahre Liebe hat auch nichts unter sich noch zur Seite, sie ist alles und füllt alle Räume aus. Sappho kehrt von den olympischen Spielen in den Kreis einer sie anbetenden Menge zurück. Sie steigt mit Phaon von ihrem Siegeswagen und ihrem Ruhme herab. Die Ihrigen jauchzen. Da fühlt sie alsobald, daß sie diesen ehrfurchtsvollen Empfang nicht mehr verdiene. Sie sucht die Vorwürfe ihres Inneren zu beschwichtigen, und da sie es nicht vermag, trotzt sie ihnen, mit Ingrimm, schuldbewußt: Mögt ihr's immer wissen ! Ich liebe ihn! ruft sie dem versammelten Volke zu. Kann die wahre Liebe fürchten, daß man ihre Wahl nicht achten werde? Sie duldet zwar nicht, daß man verletze, was ihr heilig; aber ehe man das Heilige verletzt, ahnet sie nicht, daß man wagen könne, es zu verletzen. Aber Sappho zittert der Mißbilligung entgegen. Darum lauert sie auf Jede Miene, horcht auf jedes Wort der sie Umgebenden und wiegt ängstlich und empfindlich jeden Laut ab. Sie stellt ihren Sklaven, den Geliebten, mit den Worten vor: »Hier sehet euern Herrn!« Rhamnes (verwundert, halblaut): »Herrn?« Sappho : »Wer spricht hier? (gespannt) was willst du sagen?« Rhamnes (zurücktretend): »Nichts!« Sappho: »So sprich auch nicht! « Doch wie! Darf ein Weib, weil es den Lorbeer sich gewonnen, nicht auch die Myrte durch ihre Locken flechten? Darf es nicht bewundern, weil es bewundert, nicht lieben, weil es angebetet wird? Sappho – ihre Eltern sanken früh ins Grab – ward am Mutterherzen der Musen gewartet. Des Gesanges und der Dichtung Gaben schnell entfaltend, sie fortgetragen durch heitere blaue Lüfte, von dem offnen Ohr der Griechen bald vernommen, bald angestaunt, ihr Ruhm von Tempel zu Tempel eilend – so im raschen Fluge bis hinauf zum Sitze der Götter, erreichte sie den Gipfel ihres Ruhms glücklich und gesättigt. Da fiel das blitzende Auge Phaons in ihr Herz und erhellte seine Leere. Sappho kannte die Liebe nicht, und ... doch nein, ihr war Liebe nicht fremd: Der Freundschaft und der – Liebe Täuschungen Hab' ich in diesem Busen schon empfunden; sie bekennt es und damit ihre Schuld. Nicht überrascht, nicht überwältigt wurde die Unerfahrne von der Leidenschaft. Sie gab sich ihr willig, unbedacht hin, und wäre Phaons Treue nur um einen Tag älter geworden, dann hätte Sappho selbst von dem Felsen am Meere in die Wellen hinabgejammert und ihren Verrat zu spät bereut – wir dürfen es denken. Aber tritt die Kraft nicht am herrlichsten hervor, wenn Schwäche sie umschattet? Macht nicht das Tal den Berg? Göttlich ist der große Mensch, aber ohne Fehl wäre er Gott, und unsrer Liebe wie unsrer Bewunderung entrückt. Steht Sappho nicht größer da als zuvor, nachdem sie sich aufgerafft und ihre Liebe als ein Spielwerk, mit dem sie zu ernst gespielt, weit von sich werfend, ihrer Lust, der Erde entflieht, um zu den Sternen emporzusteigen? Da sie spricht: Ich will mit Sapphos Schwäche euch versöhnen, Gebeugt erst zeigt der Bogen sei ne Kraft. Hat sie nicht den schönsten der Siegeskränze sich erkämpft? ... Nein, das tat sie nicht. Kleiner noch als im Leben zeigt sich Sappho sterbend. Sie versöhnt mit ihrer Schwäche nicht, sie entzieht sie nur dem Vorwurfe. Der Bogen zeigt nicht seine Kraft; er bricht und zeigt seine Gebrechlichkeit. Sie liebt und haßt, und ohnmächtig, ihr Herz zu entleeren der Liebe und des Hasses, zerschlägt sie das Gefäß, damit die Empfindung von selbst entströme. Ihr Tod war nicht das Werk freier Entschließung. Er ward im Wahnsinn beschlossen und im Wahnsinn vollführt, und nur das Meer, nicht die Reue, bedeckt Ihre Schuld. Doch schon zu lange habe ich in diese Sonne gesehen, um ihre Flecken zu ergründen; geblendet senke ich den Blick, mich ferner nur ihrer Wärme und ihres Lichtes zu erfreuen. Sapphos Ruhm und Tag sahen wir traurig, blutrot untergehen; aber um so süßer und freundlicher steigt ihre Nacht herauf, mit dem milden Mondlichte der Weiblichkeit und den Liebestönen der klagenden Nachtigall. Welche tiefe, doch nicht einschneidende, verwundende, nur vordringende Blicke hat der Dichter in das weibliche Herz geworfen! Von dem Dornenritze jener Rose, der Sapphos Herz blutig anstreifte, bis zum Dolchstoße der Entführung Melittens, der es durchbohrte – wie wahr, schön und naturtreu ist das alles vorgebildet! Vergebens sucht die männerkundige Sappho die Gefahr, die ihrer Liebe droht, herabzudeuteln, vergebens bittet sie ihren Ruhm um Entschädigung für ihren Schmerz, ihren Stolz um Beistand gegen ihn, sie entrinnt dem Verderben nicht. Wie das Vöglein, wenn es der Blick der Klapperschlange traf, von ihrem giftigen Anhauche umnebelt, festgehalten, nicht zu entfliehen vermag und immer weiter gezogen, endlich in den offnen Rachen stürzt so auch Sappho, da die Eifersucht ihr Schlangenhaupt gegen sie reckt; gelähmt sind die Flügel ihres Geistes, und besinnungslos sucht sie selbst den Untergang. Wenn mir auch das Gebot der Dramaturgen, eine dramatische Handlung dürfe eine gewisse Bühnenlänge nicht überschreiten, sonderbar erscheint, da ich erwäge, daß doch dem Maler verstattet ist, eine meilenweite Landschaft in einen fußengen Rahmen zu sperren, wenn nur Licht und Schatten, Größenverhältnis und Fernsicht beobachtet sind so rühmlich bleibt doch, daß der Dichter Sapphos jene Forderung so völlig zu gewähren verstand. Innerhalb eines Tages und einer Nacht sieht man den Keim, das Wachsen, die Blüte, die Frucht, das Hinwelken der Liebe; die Natur selbst hätte keine längere Zeit bedurft. Phaon , wie klein und niedrig erscheint er neben Sappho, wie, er selbst dunkel, Schatten werfend in ihren Glanz! Wir stimmen ihm bei, wenn er ausruft: Wer glaubte auch, daß Hellas' erste Frau Auf Hellas' letzten Jüngling würde schauen? – und so sehr bei, daß wenig sein bescheidener Sinn uns rührt. Sappho sucht ihn aufzurichten, nicht um ihn, um sich selbst zu erheben: Dem Schicksal tust du unrecht und dir selbst! Verachte nicht der Götter goldne Gaben! So spricht sie und rechnet diese Gaben vor. Allein, Der kühne Mut, der Weltgebieter Stärke – ist er Phaon eigen, glaubt ihn Sappho in dessen Besitz? Warum so ängstlich besorgt, wie eine Mutter um ihr krankes Kind besorgt, zeigt sie sich um ihn? Wie sie der Weltgebieter Einen, den Sklaven ihres Hauses, vorstellt ! Ihr seht hier euern Herrn. Was er begehrt, Ist euch Befehl, nicht minder als mein eignet. Weh dem, der ungehorsam sich erzeigt, Den eine – Wolke nur auf dieser Stirn Als Übertreter des Gebots verklagt! Vergehen gegen mich kann ich vergessen, Wer ihn beleidigt, wecket meinen Zorn, Und nun, mein Freund, vertrau' dich ihrer Sorgfalt ... Wie undankbar, wie verächtlich erscheint Phaon! Daß er Sappho, die er hoch verehrte, nicht zu lieben vermochte, das ist nicht sein Vergehen; er vermochte es nicht, weil er sie hoch verehrte. Daß er aber den Mut gewann, sich gegen ihre Größe aufzulehnen, zeigt sein kleines Gemüt; er hätte jenen Mut nicht gefunden, hätte er ihre Größe zu umfassen verstanden. Doch eben in der Bildung eines solchen Phaons hat der Dichter seine Meisterschaft gezeigt. Ein Geringerer als er hätte den Geliebten Sapphos mit allen Gaben des Geistes und Gemüts ausgestattet, um ihn der Anbetung einer solchen Liebenden würdig zu machen. Wie versäumt wäre alsdann geworden, was am meisten not tut! Denn wo anders könnte Sappho Nachsicht finden für ihre Verblendung als in der Größe dieser Verblendung? Wo anders Mitleid für ihre Niederlage als in der Unscheinbarkeit des Feindes, der sie besiegte, weil er ungefürchtet nahe kommen durfte; Wenn zeigt sich die Liebe allmächtiger, als indem sie alles gibt und nichts dafür nimmt? Wäre Phaon Sapphos würdiger gewesen, dann erst hätte man ihr vorrechnen können, wie töricht sie getauscht und wie sie, wenn sie auch viel empfing, doch für das, was sie hingegeben, nicht genug empfangen. Die wahre Liebe würdigt ihren Gegenstand, aber das ist die wahre Liebe nicht, die nur das Würdige liebt. In Melitta sahen wir den Sieg der Weiblichkeit über mannartigen Hochsinn; den Sieg des Herzens über Geisteskraft und den der Anmut über Schönheit. Verschwiegen, verschlossen, träumend wie eine Blume, erwartend die liebende Hand, die sie brechen wird, sich ihr nicht entgegenstreckend, fromm ergeben, still gehorchend so steht sie dem Undanke und der Rauheit Phaons, wie der Rachsucht und Heftigkeit Sapphos gegenüber, und so überlebt die bescheidene Lampe der Sklavin die verzehrende Sonne der Gebieterin. Soll ich noch sprechen von dem holden Zauber in allen Reden unseres Dichters? Von dieser bald milden, bald glühenden Farbenpracht, von der Schönheit und Wahrheit seiner Bilder, von der Tiefe und Wärme seiner Empfindungen? Dieser wundervolle paradiesische Garten ist genug gepriesen, wenn ich ihn den Fruchtmarkt anderer neuen Dichter gegenüberstelle. Dort findet sich des Willkommnen gar viel für Küche und Magen, nur nichts für Herz und Phantasie. Zierliche Weltweisen sind sie mit Lob zu nennen, welche Bücherschränke voll guten Verstandes mit Blumengirlanden umhängen oder wohl auch einer saftigen Frucht ein abgerissenes grünes Blatt unterlegen, oder eßliche Kuchen mit Dragee bestecken – aber Dichter sind sie nicht. Grillparzer ist ein Dichter. Der Schutzgeist Eine dramatische Legende von Kotzebue 1818 Der Schutzgeist der Bühne war es nicht, welcher diesen Schutzgeist auf die Bühne gebracht, Voltaire hat Lustspiele geschrieben und Kotzebue Trauerspiele: sie haben beide nicht wohl daran getan. Der Bewunderung und Dankbarkeit fällt es freilich nicht schwer, diesen großen Männern ihre Schwächen nachzusehen; aber diesen Schwächen auch zuzusehen, vier Stunden lang durch sieben Akte, das ist schon nicht so leicht. Wie abgeschmackt, ohne Phantasie erdacht und ohne sinnbildliche Bedeutung ist diese Legende vom Schutzgeiste, soweit sie aus ihrer dramatischen Bearbeitung erkannt wird. – Ein Knabe wird auf der Chaussee vom Blitze gerührt und von seinen Eltern auf die Bahre gelegt. Nicht lange, so steht er vom Tode wieder auf, will aber mit seinen betrübten, ihn beweinenden Eltern nichts mehr zu tun haben und sagt, er habe wichtigere Geschäfte, nämlich der Schutzgeist einer bedrängten Königswitwe zu sein. Wie dieser junge zu der Ehre komme, als Himmelsbote gebraucht zu werden, ist ebensowenig begreiflich, als wodurch die Königin Adelheid diese himmlische Einmischung in ihr irdisches Dasein verdient haben mag. Unglück allein gibt keine Ansprüche auf die Heiligkeit; wäre dies, so gäbe es viele Heilige. Königin Adelheid hat eine Krone und ihren Mann verloren und trägt ihre Leiden keineswegs mit Ergebung. Auch läßt sie sich überreden, noch einmal zu heiraten, und ist wahrscheinlich im siebenten Akte, der nicht mehr auf der Bühne spielt, sehr vergnügt. Ich möchte wissen, worin ihre Tugend bestehe? Wie nur Kotzebue mit der ihm eigenen Klarheit und Verständigkeit einen solchen Stoff hat bearbeiten mögen! Verlegenheit und List Lustspiel von Kotzebue 1820 Kotzebue ist ein Wucherer, der ein kleines Kapital durch große Zinsen verhundertfacht – ein guter Wirtschafter, der mit wenigem ausreicht; ein geschickter Frauenschneider, der das nämliche Kleid nach jeder wechselnden Mode umgestaltet. Er macht schneller ein Lustspiel als die Welt den Stoff dazu. Er ist leichter zu übertreffen als zu ersetzen. Was Verlegenheit und List darbietet, genießt man zum tausendsten Male mit ungeschwächter Lust. Eine Gasthausstube mit zwei Flügeltüren – ein Onkel das Schicksal der Christen: die Polizei – ein Kammerdiener und eine Kammerjungfer – viel Liebe und wenig Geld – eine Heirat. Zwei Dinge sind mir in unsern Komödien unerklärlich. Erstens, daß die Hauptgeschichten in Wirtshäusern vorfallen. Ich bin viel gereist, habe aber in der Heimat immer mehr Abenteuer als im Gasthofe erlebt. Es ist natürlich, der Wechsel der Gasthäuser ist zu groß, als daß sich zwei Fremde mehr als streifen können. Wie gelangt man dort gar zu einer Frau? Zweitens fällt mir auf, daß die bedeutendsten Herzens- und Familiengeheimnisse in Gegenwart der Bedienten besprochen werden. Ich kenne die große Welt wenig, die von liebender Beschaffenheit gar nicht; aber bei uns Bürgerlichen ist es nicht Sitte, daß Liebender und Geliebte im Beisein des Kammerdieners und der Kammerjungfer ihre Herzen ineinandergießen, während jene, gleich den Bildern im Spiegel, die rührendsten Gebärden nachäffen. Im gegenwärtigen Lustspiele geschieht es-, ja, während der junge Baron seinem Onkel flehentlich zu Füßen liegt und um Vergebung seiner Schuld und Schulden bittet, ist die ganze Hausdienerschaft Zeuge der Rührung. Haben vielleicht die vornehmen Leute weniger Stolz und mehr Menschenliebe als die gemeinen und behandeln sie ihre Diener wie ihresgleichen, oder sehen sie aus Hochmut die Bedienten als Zimmermöbel, als Gipsfiguren an, die man nicht zu beachten brauche? Die Zauberflöte Am 14. Juni Seitdem unsere Bühne besteht, ist von allen Singspielen Mozarts Zauberflöte am häufigsten vorgestellt worden. Im Jahre 1793, wo sie zum ersten Male erschien, wurde sie siebzehn Male, in dem darauf folgenden Jahre sechsundzwanzig, 1795 zwölf, 96 zehn, 97 acht Male, später seltener, doch jedes Jahr – mit der einzigen Ausnahme von 1812 – gegeben. Bis jetzt (das gegenwärtige Jahr ungerechnet) ist die Oper 137 Male gespielt worden. Wie ein Kirchenlied, wie ein Gebet, ist diese Musik in aller Ohren, in aller Herzen einheimisch. Unser vortreffliches Orchester könnte sie wohl auswendig spielen. Wenn eine Musik so lange ihre Herrschaft behauptet und so dauernd die Liebe fesselt, so beweist dieses nicht bloß ihren Wert, sondern auch die Anerkennung ihres Wertes. Schon als Deutsche können wir dem großen Mozart nie genug huldigen. Nicht darum bloß, weil er ein Deutscher, sondern auch, weil seine Kunst die einzige ist, worin, durch ihn, die Deutschen sich vor allen Völkern Europas des größten Meisters erfreuen. Deutschland besitzt für alle Wissenschaften und Künste eine große, für einige, verglichen mit andern Ländern, die größte Zahl ausgezeichneter Männer. Aber der ausgezeichnetsten dürfen sich jene andern rühmen. Eine Ausnahme bildet, in der Wissenschaft, die Philosophie, worin die größten Geister Deutsche sind, und in den Künsten die Musik. (Es ist bezeichnend für deutsche Art, daß Musik eine metaphysische Kunst ist.) Bedenkt man nun, wie oft die Zauberflöte das Entzücken und die Bewunderung der Kenner erregt, wie oft die Menge erfreut und wie vieles Geld daher in die Theaterkasse gebracht hat, so dürfte man mit Recht fordern, daß diese Oper auch äußerlich mit dem erforderlichen Anstande und Glanze geschmückt erscheine, was aber auf unserer Bühne nicht geschieht. Möget ihr immer den göttlichen Mozart nur als Diener eurer Theaterkasse betrachten, aber auch einem Bedienten läßt man von Zeit zu Zeit eine neue Livree machen. Verwischte, verschabte, alte Dekorationen: die nämlichen, die schon vor 27 Jahren gebraucht. In so viel Zeit wird selbst ein massives Bauwerk schadhaft und der Ausbesserung bedürftig, geschweige ein gemaltes. Eine Soldatenpfeife, eine alte Bandschachtel, woraus das Glockenspiel, von zwei hölzernen Trommelschlegeln angeschlagen, erklingt. Feen kosten ihre Geschenke keinen Heller, darum sind sie auch immer prächtig; welche Pracht sich durch etwas Farbe, Papier und Glas leicht vortäuschen läßt. Mag die alte Schlange immerhin noch tausend Jahre den Tamino schrecken und noch millionenmal totgestochen werden: – so eine Schlange hat ein zähes Leben; – aber der Papageno-Rock taugt nichts. Der arme Vogelfänger sieht darin aus wie ein Hanswurst. Das Kleid mag buntbefiedert sein, so bunt wie ein Kolibri, Papagei, Pfau; aber welcher Vogel hat so abgezirkelte, symmetrische Farbenfelder auf dem Leibe? Früher war das Kleid mit natürlichen Federn besetzt, die durch Alter und Gebrauch nach und nach ausfielen. Dem verstorbenen, wenn auch nicht unersetzlichen, doch unersetzten Lux (möchte unser Fiat lux! erhört werden), begegnete es als Papageno, daß er sich unter dem Spiele mauste. Er extemporierte einigen Spott, und das half; es wurde ein neues Kleid angeschafft, welches aber jetzt, ob zwar keine natürliche, sondern von Seide oder Wolle nachgebildete Federn darauf sitzen, wieder verdorben ist. Auch wäre zu wünschen, daß in den großen Vogelkäfig noch einiges Geflügel gesperrt werde; es sind nicht mehr als zwei ausgestopfte magere Hinkel darin. Würden diese Verbesserungen eingeführt, dann bliebe nichts mehr zu wünschen übrig, da die Priesterkutten vor zwei Jahren gewaschen worden sind. Die Zeitgenossen sind immer undankbar gegen lebende große Männer, die sich um die Menschheit verdient gemacht haben; aber die späte Nachwelt wird es dankend und verehrend anerkennen, daß ich es war, der durch eine Rüge in der Wage jene Reinigung der Priesterkutten veranlaßt hatte. Herr Dobler von Linz trat als Sarastro mit Beifall auf. Es heißt, wir würden diesen braven Sänger hier behalten. Die Entführung aus dem Serail Oper von Mozart 1818 Gibt es ein übersinnliches Land, wo man in Tönen spricht die Meister der Kunst führen euch hinauf, indem sie euch erheben : nur Mozart allein zeigt uns den Himmel, zu dem andere emportragen müssen, in unserer irdischen Brust. Das ist's, was ihn nicht allein zum Größten macht aller Tondichter, sondern zum einzigen unter ihnen. Um Mozartscher Musik froh zu werden, bedarf es keiner Erhebung, keiner Spannung des Gemüts; sie strahlt jedem, wie ein Spiegel, seine eigene und gegenwärtige Empfindung zurück, nur mit edleren Zügen; es erkennt Jeder in ihr die Poesie seines Daseins. Sie ist so erhaben und doch so herablassend, so stolz und doch jedem zugänglich, so tiefsinnig und verständlich zugleich, ehrwürdig und kindlich, stark und milde, in ihrer Bewegung so ruhig und in ihrer Ruhe so lebensvoll. Musik, wenn sie als heimatliche Sprache der Liebe und Religion sich austönt, wird so himmlisch als bei Mozart bei keinem vernommen. Aber bewunderungswürdiger als in jener Höhe, wo das Wort schon im Sinne seine Verherrlichung findet, ist Mozart in der Tiefe, wo er, das gemeine Treiben adelnd, die Poesie der Prosa, den Farbenschmelz des Schmutzes und den Wohlklang des Gepolters kundmacht. Die Singstücke der Konstanze, der Donna Anna und das furchtbare Auftreten des steinernen Gastes sind vielleicht minder unnachahmlich als Osmins Gesänge. So ein meisterhafter Geselle, so ein verklärter Brummbär und hündischer Frauenwächter, wie er ergrimmt sich an dem verriegelten Gitter abmartert, durch welches er täglich den Honig sieht, den er nicht ablecken darf, so ein erboster Kerl, der alle Welt haßt, weil er nicht lieben kann, wird so bald nicht wieder in Musik gesetzt. Die Serapions-Brüder gesammelte Erzählungen und Märchen. Herausgegeben von E.T.A. Hoffmann. Erster und zweiter Band. Berlin, 1819 1820 Aus dem Meere der deutschen Leihbibliothek (nur das Salz und die Tiefe unterscheidet jenes von diesen) ragen die Schriften Hoffmanns als tröstende, liebliche Eilande hervor. Jauchzend springen wir ans Ufer, küssen den grünenden Boden, umarmen Baum und Strauch und sind beglückt, uns aus der Wassernot gerettet zu sehen. Aber wie die Gefahr des Lebens zurückgetreten, stellen sich seine Bedürfnisse ein: der Hunger und der Durst; doch da rieselt keine Quelle, und so schöne Früchte uns auch locken, sie sind uns fremd, wir wagen die giftdrohenden nicht zu berühren. Wir dringen tiefer ins Land, da kommen von allen Seiten mit gräßlichem Geheule die wilden Bewohner, mit Pfeilen und Wurfspießen bewaffnet, auf uns zu. Überreste verzehrter Menschenopfer erfüllen uns mit Schauer. Wir fliehen entsetzt an den Strand zurück und vertrauen uns der greulichen Wasserwüste von neuem an. Unsere Furcht vor dem nassen Tode wird wohl verziehen, denn sie wird geteilt und unsere Freude an dem grünen Lande daher mitempfunden. Aber daß wir dieses so schnell verließen, daß wir vor den ungewöhnlichen Tönen der Wilden, die uns vielleicht freundschaftlich begrüßten, erbebten, daß wir die schönen Früchte nicht zu pflücken wagten, die vielleicht wohlschmeckend und nahrhaft waren, daß die Knochenreste, wahrscheinlich natürlich verstorbener Menschen, uns entsetzten – das bedarf einer Rechtfertigung. Sie ist schwer, verdrießlich. Denn, wie es unbequem ist, Menschen, die man nicht liebt, achten zu müssen, und schmerzlich, sie nicht lieben zu können, wenn man sie achtet – so ist es auch mit ihren Werken. Aber, wer ist Preisrichter über diese Werke? Das Herz oder der Kopf? Der Geist erkennt den Preis, das Herz überreicht ihn, oder – hält ihn auch zurück, wenn es mit dem Ausspruche nicht zufrieden ist. Mag der richtende Verstand diese gesammelten Erzählungen für preiswürdig erklären, die Empfindung schweigt gewiß, wenn sie nicht gar murrt gegen den Ausspruch. Aus verschiedenen Zeiten und Orten, wo die Erzählungen und Märchen zerstreut und einzeln erschienen, hat sie der Verfasser gesammelt und vereinigt. Daher wird es zum Gegenstande der Beurteilung, nicht bloß wie, sondern auch, daß sie zusammengestellt worden. Denn oft geschieht, daß wir von der flüchtigen Stunde ertragen, was uns unerträglich wird, wenn Stunde an Stunde sich zum Tage reiht; daß ein kindisches oder verwegenes Spiel, eine trübe oder leidenschaftliche Laune uns reizt und ergötzt, dagegen uns schmerzlich berührt, wenn Jenes Spiel, durch häufige Wiederholung, sich als Ernst, und jene Laune, durch ihre Dauer, sich als Gemütsart darstellt. Einige Freunde verabreden sich, an bestimmten Tagen zusammenzukommen, um sich die Schöpfungen ihres Geistes und wechselseitig ihr Urteil darüber mitzuteilen. Sie nennen sich Serapions-Brüder, nicht darum bloß, weil sie am Kalendertage des Märtyrers Serapion sich zum ersten Male vereinigt hatten, sondern auch, weil sie im Geiste jenes Heiligen dichten und trachten wollten. Der heilige Serapion hatte, wie die Legende lehrt, unter dem Kaiser Decius den grausamsten Märtyrertod erlitten. Man trennte die Junkturen der Glieder und stürzte ihn dann vorn hohen Felsen herab. Das ist aber keineswegs das hohe Ziel, das sich die Berliner Serapions-Brüder vorgesetzt; sie sitzen vielmehr bei Sala Tarone unter den Linden und trinken italienische Weine, auch wohl kalten Punsch, leben also gar nicht wie die Anachoreten. Sie haben nur in dem Sinne jenen Heiligen zum Schutzpatron ihres Klubs und seine Regel zu der ihrigen gemacht, als sie ihre poetische Dichtungen in dem Geiste eines gewissen verrückten Grafen schaffen wollten, der sich für den Märtyrer Serapion hielt und einsiedlerisch lebte. Mit der Geschichte dieses Wahnsinnigen beginnt das Buch. Einer der Freunde erzählt sie. Auf seinen Reisen habe er von dem Grafen gehört und ihn in dem Walde, wo er sich angesiedelt, aufgesucht. Darauf habe er sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und ihn nach den Grundsätzen des Pinels und Reils von seiner fixen Idee hellen wollen, sei aber ganz beschämt abgeführt worden. Denn der Graf habe ihm bewiesen, wie er, der psychologische Experimentator eigentlich verrückt sei, indem er nicht begreifen wolle, daß sie sich in der thebaischen Wüste befänden. Darauf habe ihm der Graf mit hoher Begeisterung einige Gesichte mitgeteilt, die in Erstaunen setzten wegen der plastischen Ründung und des glühenden Lebens, mit der sie dargestellt wurden. Nachdem diese Erzählung geendet, läßt sich einer der versammelten Serapions-Brüder wie folgt vernehmen: »Ich verehre Serapions Wahnsinn deshalb, weil nur der Geist des vortrefflichsten oder vielmehr des wahren Dichters von ihm ergriffen werden kann. Woher kommt es, daß so manches Dichterwerk wirkungslos bleibt, als daher, daß der Dichter nicht das wirklich schaute, wovon er spricht? Vergebens ist das Mühen des Dichters, uns dahin zu bringen, daß wir daran glauben sollen, woran er selbst nicht glaubt, nicht glauben kann, weil er es nicht erschaute. Der Einsiedler war ein wahrhafter Dichter, er hatte das wirklich geschaut, was er verkündete, und deshalb ergriff seine Rede Herz und Gemüt. « »Dessen wollen wir eingedenk sein, so oft wir bei unseren Zusammenkünften einer dem andern nach alter Weise manches poetische Prodüktlein, das wir unter dem Herzen getragen, mitteilen werden. Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt, laut damit zu werden. Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron, er lasse seine Sehergabe über uns walten, seiner Regel wollen wir folgen als getreue Serapions-Brüder.« So durch und durch, so ganz, nicht bloß nach innen, sondern auch an seinen Oberflächen wertlos, so ohne die geringste Beimischung von Wahrheit ist jener Lehrsatz, der von der Natur des Dichters gegeben wird, daß Täuschung und Verwechslung unmöglich ist und es nur weniger Worte bedarf, um zu zeigen, worin die Falschheit bestehe. Wie die Anbetung den Gott, so schafft erst die Bewunderung das Kunstwerk, es sei ein Gedicht, eine Bildnerei oder ein anderes. Ist es in jedem Kunstwerk die Vollkommenheit irgend eines Wesens, was jene Bewunderung erregt, so muß, daß diese erregt werden könne, jenes Wesen faßlich sein – faßlich für den Verstand, für den Glauben oder die Phantasie. Wie aber kann ein Kunstwerk faßlich werden, wenn es der Künstler nicht freigibt, wenn es die Werkstätte des Künstlers nicht verläßt? Will der Dichter mit den Blumen seiner Wartung, die er in den Boden unserer Phantasie verpflanzt, auch die Blumenerde versetzen, aus der jene hervorgesprossen, will er durch seine eigene Phantasie die des Leser, verdrängen, dann weisen wir seine Gaben zurück, weil nur für das Geschenk. nicht aber für den Geber Raum haben. Nie wird der Dichter glaublich machen, was er selbst glaubt, nie anschaulich, wenn er das, was er uns zeigt, selbst gesehen. Dann wird die Dichtung zur Wahrheit, das Märchen zur Geschichte, die den Verstand befriedigt, sättigt, und alle Lust der Einbildungskraft zerstört. Dann wird das Bild zur Konterfei, mit aller Beschränkung, worin jede Wirklichkeit gefangen ist; dann wird das Kunstwerk zum Spiegelbilde des Künstlers, ein Schatten, wenn wir vorwärts, ein nüchternes Dasein aus Fleisch und Bein, wenn wir es rückwärts schauen. Es ist falsch, daß der wahre Dichter ein Seher sei. Ein Seher ist ein verzückter oder ein verrückter Geist, ein Gott, zu dem wir nicht hinaufreichen, oder ein kranker Menschen zu dem wir nicht hinabsteigen können. Der Dichter aber menschlich fühlen, um Menschen zu bewegen. Daß er dieses muß, daß er nicht glauben dürfe. was glauben, nicht sehen, was er anschaulich machen das hat der Verfasser der Serapions-Brüder widerleglicher, als es ein anderer vermöchte, an seirnem Werke selbst gezeigt. Er hat geglaubt, er hat gesehen, darum sind es aber auch keine Dichtungen, die er uns gibt; sie sind nicht etwa mehr, nicht etwa weniger, sie sind ein anderes. Er gibt uns eine werdende, noch im Gären begriffene, oder eine untergehende Welt. Sonne, Mond und Sterne, Tag und Nacht, Wasser, Feuer, Erde und alle Elemente, die Tiere des Waldes und die Fische des Meeres und die Vögel in den Lüften, alles bewegt sich in tollem Taumel und streitet um die Herrschaft; nur der Mensch ist abwesend. Aber es ist nicht etwa der heitere Mutwille, der mit Freiheit und Ergötzen alles untereinander wirft, es ist der vom Hexentrank berauschte Blocksbergreiter, der treibt, weil er wird getrieben, und so findet der Leser an der Besonnenheit des Dichters keine Brust-Wehr, die ihn vor dem Herabstürzen sichert, wenn ihn beim Anblicken der tollen Welt unter seinen Füßen der Schwindel überfällt. In allen diesen gesammelten Erzählungen und Märchen herrscht eine abwärts gekehrte Romantik, eine Sehnsucht nach einem tieferen, nach einem unterirdischen Leben, die den Leser anfröstelt und verdrießlich macht. Es ist Phantasie darin, aber nicht die hellaufflammende, schaffende, sondern eine rotglühende, zersetzende Phantasie. Wer auf Marionettenbühnen jene tanzenden Figuren gesehen hat, die Hände und Arme, dann Füße und Schenkel, endlich den Kopf wegschleudern, bis sie zuletzt als greuliche Rumpfe umherspringen, der hat die Gestalten der Hoffmannschen Erzählungen gesehen, nur daß diese von allen Gliedern den Kopf zuerst verlieren. Man hört nicht die Aussprüche eines verzückten, begeisterten, man vernimmt nur die erzwungenen Geständnisse eines auf die Folter gespannten Gemüts. Es ist kein Tagesstrahl in den Gemälden, alles Licht kommt nur von Irrwischen, Blitzen und Feuersbrünsten. Man hört in dieser öden, herbstlichen, welken Natur keinen Ton eines frischen, gesunden, lebenskräftigen Wesens, man hört nur das Gewinsel der Kranken und Sterbenden und das Geschrei der Eulen, die um Äser schwirren. Selbst die Musik, die in allen Werken des Verfassers wiederklingt, sie dient nicht dazu, den Himmel, dessen Dolmetscherin sie ist, auf die Erde herabzuziehen und ihr verständlich zu machen, sie wird nur gebraucht, um höhnend den unermeßlichen Abstand zwischen Himmel und Erde zu beweisen, zu zeigen, daß jene Höhe von sehnsuchtsvollen Menschen nie erreicht werden könne, und ihnen » das Mißverhältnis des innern Gemüts mit dem äußern Leben « genau vorzurechnen, damit sie ja nicht der Verzweiflung entgehen. In den Worten, die der Verfasser einem der Serapions-Brüder sagen läßt: »ich tadle, o Cyprian, deinen närrischen Hang zur Narrheit, deine wahnsinnige Lust am Wahnsinn. Es liegt etwas überspanntes darin, das dir selbst mit der Zeit wohl lästig werden wird«, hat der Verfasser das Urteil gegen sich selbst gesprochen, und noch ein schonendes, denn beharrlich hat er durch alle seine Werke gezeigt, daß ihm jener Hang noch immer nicht lästig geworden ist. Eine Reihe heiterer Gemälde mag hier und dort, von einem schauerlichen Nachtstücke unterbrochen, noch genußbringender werden. Nur dürfen nicht alle Wände damit behängt sein, nur muß ein Sternenschein die Nacht sichtbar machen, daß sie nicht zum unergründlichen dunkeln Nichts werde. Der Schrecken muß in der getäuschten Einbildungskraft, nicht in der Sache selbst sein, und Maß überall. Die Ägypter würzten ihre Freudengelage durch den Anblick des Todes; der Anblick des Sterbens hätte alle Lust vernichtet. Ich sagte früher.- die Erzählungen, die uns der Verfasser gibt, sind keine Dichtungen, sie sind ein anderes, und hier ist das kurze freundliche Abendrot des langen mürrischen Urteils. Es wird gefragt, welchen Zweck hatten diese Erzählungen? Dieses ist zwar eine sehr philistermäßige Frage, wie die Serapions-Brüder mit Recht spotten können. Denn ein Buch will nichts, es zeigt sich, es ist da. Aber fordert auch ein Buch nichts, so gewährt ihm doch der Leser etwas, und er gewährt ihm, was er glaubt, daß ihm gebühre. Den Wert eines poetischen Werkes habe ich gewagt ihm abzusprechen, aber den eines wissenschaftlichen gebe ich ihm willig. Es ist ein Lehrbuch mit den schönsten Bildnissen geziert, es ist der elegante Pinel, es ist die Epopee des Wahnsinns. Ein lobenswertes Unternehmen, wenn es lobenswert ist, den menschlichen Geist, der nachtwandelnd an allen Gefahren unbeschädigt vorübergeht, aufzuwecken, um ihn vor dem Abgrunde zu warnen, der zu seinen Füßen droht. Der Jude Shylock im Kaufmann von Venedig 1828 Als nach geendigtem Schauspiele die Frauenzimmer nach Hause kamen, erzählten sie, der Gastspieler, der den Shylock dargestellt, sei hervorgerufen worden, habe sich wie üblich zierlich bedankt und habe unter anderm gesagt: ein solches Ungeheuer, wie Shylock, finde man zum Glücke in der Wirklichkeit nie. Da war ich recht froh, daß ein schlimmer Husten mich abgehalten, der Vorstellung beizuwohnen. Doch vielleicht hatte der menschenfreundliche Mann nur aus Gutmütigkeit so gesprochen. Es leben in dieser Stadt viele und reiche Juden, die von ihren christlichen Mitbürgern gehaßt und geneckt werden. Weil nun der fremde Schauspieler der christlichen Einwohnerschaft die Schadenfreude gewährt, zu seinem Benefize den Kaufmann von Venedig zu wählen, wollte er den Juden, die das Haus bevölkern helfen, wohl auch etwas Artiges sagen. Aber ernst durfte es ihm mit seiner wunderlichen Rede nicht gewesen sein; sonst hätte er gezeigt, daß er seine Rolle gar nicht verstanden. Ob es in der Natur jüdische Menschenfresser und Vampire gibt oder nicht, darauf kommt es hier nicht ,in; aber daran ist sehr viel gelegen, daß man nicht glaube, der große Dichter habe uns einen kleinen Judenspiegel für einen Batzen, nach Art des Hundt-Radowsky, zeigen wollen. Wenn der Himmel uns unwissenden Menschen einen Propheten wie Shakespeare schickt, so geschieht es wahrlich nicht bloß, daß er uns lesen lehre, sondern zu größerer Botschaft. Oberhaupt ist Shakespeares Sendung das Predigen und das Lehren nicht. Wollte er aber ja einmal ein Schulmeister sein, so dachte er im Kaufmann von Venedig gewiß eher daran den Christen, als den Juden eine Lehre zu geben. Shylocks Judentümlichkeit in Ehren gehalten, diese schöne Moral, die alle ungemünzten Leidenschaften verachtet – ist doch, sich selbst zum Trotze, etwas Großes, etwas Erhabenes in ihm, das auf seine eigene Niedrigkeit mit Stolz herabsehen darf. Shylock ist ein gestiegener Jude, ein Racheengel; er hat sich zu einer Höhe hinauf empfunden, wo er fähig wird, etwas zu tun, das nicht seinem Beutel wuchert, etwas zu tun für alle. Er will sein geschmähtes, niedergetretenes Volk an dessen Peiniger, dem Christenvolke, rächen. Den Geldbeutel in Shylock verabscheuen wir, den geplagten Mann bedauern wir, aber den Rächer unmenschlicher Verfolgung lieben und bewundern wir. Glaube man ja nicht, es sei eine Kleinigkeit, einem guten, christlichen Manne ein Pfund Fleisch aus der Brust zu schneiden! Das ist wohl eine Kleinigkeit für einen bösen Christen, aber nicht für einen Juden. Der Jude kann grausam sein von Geist, aber von Herzen ist er es nie; er hat ein weiches, mürbe geschlagenes Herz, er ist mitleidig, er kann kein Blut sehen. Wer weiß, ob es Shylock ausgeführt, wer weiß, ob ihm das Messer, das er so schadenfroh an seiner Sohle gewetzt, nach dem ersten Tropfen Blutes nicht aus den Händen gefallen wäre; Antonio hätte wagen dürfen, es darauf ankommen zu lassen. Und welche Opfer bringt Shylock seiner Rache! Dreitausend, sechstausend, neuntausend Dukaten! Und die Dukaten der Juden, das sind keine gewöhnlichen Dukaten, die sind viel mehr wert als die andern; ihre Liebe zu ihnen vergrößert sie in ihren Augen. Und nicht bloß diese Summe wagt er, er wagt mehr, die Zinsen dieser Summe; denn mehr ist dem Juden der Gewinn als der Besitz. Konnte Antonio nicht bezahlen zur Verfallzeit? Aber Shylock vertraut den Rachegöttern, vertraut den Meeresstürmen und den gefährlichen Winden böser Gerüchte, und sie täuschen ihn nicht. Auch lasse man sich von Shylock ja nicht irre machen, wenn er sagt, er hasse Antonio, weil dieser, wie ein Narr, Geld ohne Zinsen verleihe und dadurch die Zinsen in Venedig herunterbringe, und durch seine Entfernung werde er im Handel gewinnen. Nein, darum haßt Shylock den Antonio nicht. Die christliche Kaufmannschaft in Venedig wird auch nicht aus lauter edlen Antonios bestanden haben, und ein Mann allein, sei er noch so reich, kann den Wert des Geldes nicht verringern. Shylock ist ein Jude, er schämt sich vor sich selbst, bares Geld einer Einbildung aufzuopfern, und er sucht sich darum etwas weis zu machen. Schwärmt auch der Jude einmal, weiß er doch, daß er krank ist. Aber krank ist Shylock wirklich; nicht den Handelsfeind, den Glaubensfeind verfolgt er in Antonio und gibt im Fieberwahnsinne vollwichtige Dukaten für eine luftige Empfindung hin. Der Schauspieler, der die Rolle des Shylock übernimmt, mag zusehen, wie er damit fertig wird. Der blutdürstige Haß des Juden soll uns entsetzen, wie jede Glaubenswut, wie jeder Wahnsinn; aber Ekel und Abscheu darf er nicht erwecken, gleich einer körperlichen Krankheit. Shylocks vermaledeite Geldsucht und die Krämpfe, in die gestörter Eigennutz seine Seele werfen, sollen unser Inneres empören, aber lächerlich sollen wir das nicht finden – wenn uns der leibhaftige Teufel erscheint, ist wahrlich nicht Zeit zum Lachen. Nun aber im Teufel den Gott zu zeigen, durch eine Sandwüste von Sünde bis zur kleinen Quelle der Liebe vorzudringen, die so weit entfernt, so verborgen rieselt: das gibt wohl dem darstellenden Künstler Arbeit genug. Denn Shakespeare tut nicht wie gewöhnliche Menschen und gewöhnliche Dichter, die, es ihrem Herzen oder ihrer Kunst bequem zu machen, lebende vermischte Dinge, gleich Scheidekünstlern, in ihre toten Elemente auflösen, reine Charaktere darstellen, diese lieben, jene hassen, diese anziehen, jene abstoßen – so tut Shakespeare nicht. Er nimmt nicht Partei, er gibt keinem Recht als der Sittlichkeit, die lauter im Leben nie erscheint; sondern läßt die Erscheinungen miteinander hadern und mischt sich nicht in ihren Streit. Der Dichter hat alles mögliche getan, den Christenhaß der Juden zu rechtfertigen, und mit gleicher Anstrengung bemühte er sich, den Judenhaß des Christen zu entschuldigen. Wie sollte Shylock den Antonio nicht hassen, um so mehr hassen, je besser und edler der Mann ist! Antonio ist gut, edel und hülfreich, nur nicht für den Juden. Er beschimpft ihn vor den Augen aller Welt, er mißhandelt ihn, wo und sooft er ihm begegnet. ja in dem nämlichen Augenblicke, da er seine Gefälligkeit, sein Geld braucht, vermag er es nicht über sich, seinen Haß, seine Verachtung zu verbergen, und der gute edle Antonio, der seinem Freunde Bassanio alles aufopfert, ist doch nicht edel genug, dem Freunde zuliebe, einem Juden gütige Worte zu geben. Dann entführt ein Windbeutel von Christ Shylocks Tochter; diese beraubt und verläßt ihren alten Vater, und nur erst mit dem Vorsatze, eine Christin zu werden, beginnt sie ihre Bekehrung damit, den Vater zu verachten, weil er ein Jude ist. Das könnte wohl das Blut einer Taube in Drachenblut verwandeln. Der Christ haßt den Juden, der Jude vergilt es dem Christen, und indem er es tut, rächt Shylock die verspottete Tugend auch an sich selbst. Er gibt Geld hin, sein Volk zu rächen, und erfährt, daß Gold nicht Herr der Welt ist, wie der Jude glaubt, sondern daß Liebe mächtiger ist als Gold, selbst im Juden. Sooft ich Shakespeare lese, habe ich einen wahren Kummer, daß er nicht in unsern Tagen lebt, sie uns klar zu machen. Es ist, als geschähen die Geschichten nicht auf die gehörige Art, wenn kein rechter Meister da ist, der sie auf die gehörige Art erzählt. Ein Charakter, ein Verhältnis, die dieser große Dichter nicht geschildert, weil sie ihm unbekannt waren, ist wie ein Buch ohne Titel, dessen Inhalt wir erst zusammenlesen müssen. Es geschieht oft, daß große Zeiten keine großen Geschichtschreiber, Dichter oder Künstler finden, die fähig wären, sie würdig zu beschreiben, zu schildern oder bildlich darzustellen. Die vornehmen Geschichten sind zu stolz, zu unruhig oder zu beschäftigt, gewöhnlichen Künstlern ruhig zu sitzen. Diese können ihre Züge nur im Fluge erhaschen oder müssen warten, bis die Zeit gestorben, um dann von ihrer Leiche einen Abguß zu nehmen, dem das Leben fehlt, wie dem Urbilde. Einem Maler wie Shakespeare aber halten die Zeiten stille, wohl wissend, daß die Natur nur der Kunst ihre Unsterblichkeit verdankt. Wie hätte Shakespeare unsere Shylocks, die großen Shylocks, mit christlichen Ordensbändern auf jüdischem Rockelor, geschildert! Wie hätte er die papierverkehrenden Shylocks ohne Rockelor gezeichnet, die das Fleisch und Blut ganzer Völker in Scheinen besitzen und die nicht mit Lumpen Papier, sondern mit Papier Lumpen machen! Wie hätte er die Ruchlosen dahin gemalt, welchen Gott ein Finanzminister ist, der spricht: es werde! und es wird eine papierne Welt; Adam, der erste Bankier; das Paradies, ein seliger Pari-Stand der Staatspapiere; der Sündenfall, der erste Fall der Kurse; welchen die Blätter der Geschichte Metalliques , Bankaktien, Partiale sind; welchen der Jüngste Tag ein Ultimo ist; Gott Mars, der dem Ruhme, der Ehre, dem Glücke der Völker, dem Glauben, dem Rechte und andern solchen schnöden Dingen die Ruhe der Kurse aufgeopfert, ein vermaledelter Baissier; Sultan Mahmud, der Beschützer der christlichen Papiere, ein großer Mann, ein gewaltig großer Mann, ein zweiter Josua; der österreichische Beobachter, das sechste Buch Mosis! O, wie hätte Shakespeare, dieser große Wechselmäkler zwischen Natur und Kunst, der das Geld der einen gegen das Papier der andern eintauscht, die Geheimnisse der Börsenherzen aufgedeckt! Wie hätte er unsere Börsenleute dahingestellt, welche die Griechen ein » Lumpenvolk !« schelten! – Hört ihr Catos Asche lachen? Was hat der venetianische Shylock getan? Dreitausend gute Dukaten für ein armes Pfund Christenfleisch hingegeben; das Gelüste war wenigstens teuer bezahlt. Aber unsere Shylocks, alten und neuen Testaments, ersäufen für ein Achtelchen ganz Hellas, als wär's ein blindes Kätzchen. Der Shylock von Venedig war ein Lamm, ein Kind, eine gute Seele; und doch hat der Schauspieler oben in Frankfurt gesagt: ein Ungeheuer wie Shylock gäbe es nicht in der Natur, und Shakespeare sei ein Verleumder! O, guter Schauspieler! Die Geschichte lügt, wenn sie Menschen Christen nennt, weil ihre Ahnen Wurst gegessen; aber Shakespeare lügt nicht. Über den Charakter des Wilhelm Tell in Schillers Drama 1828 Aus Schillers liebevollem, weltumflutenden Herzen entsprang Tells beschränktes, häusliches Gemüt und seine kleine enge Tat; die Fehler des Gedichtes sind die Tugenden des Dichters. Wäre es mir auch immer gleichgültig, nur dieses Mal möchte ich nicht mißdeutet sein – ich vermisse, doch ich beklage nicht. Der reiche Schatz der Kunst kann eine Kostbarkeit entbehren, das Seltenste ist ein edler Geist. Dem liebenswürdigen Schiller stehen seine Mängel besser als besseren Dichtern ihre Vorzüge an. Ihm zittert das Herz, ihm zittert die Hand, welche formen soll, und formlos schwanken die Gestalten. Der Frost bildet glänzende Kristalle, bildet schöne Blumen an den Fensterscheiben, der Frühling schmilzt sie weg; das Glas wird leer, doch durchsichtig und zeigt den warmen blauen Himmel; das Auge staunt nicht mehr an, aber es weint. Es tut mir leid um den guten Tell, aber er ist ein großer Philister. Er wiegt all sein Tun und Reden nach Drachmen ab, als stünde Tod und Leben auf mehr oder weniger. Dieses abgemessene Betragen im Angesichte grenzenlosen Elends und unermeßlicher Berge ist etwas abgeschmackt. Man muß lächeln über die wunderliche Laune des Schicksals, das einen so geringen Mann bei einer fürstlichen Tat Gevatter stehen und durch dessen linkisches Benehmen die ernste Feier lächerlich werden ließ. Tell hat mehr von einem Kleinbürger als von einem schlichten Landmann. Ohne aus seinem Verhältnisse zu treten, sieht er aus seinem Dachfenster über dasselbe hinaus; das macht ihn klug, das macht ihn ängstlich. Als braver Mann hat er sich zwar den Kreis seiner Pflichten nicht zu eng gezogen; doch tut er nur seine Schuldigkeit, nicht mehr und nicht weniger. Er hat eine Art Lebensphilosophie und ist mit Überlegung, was seine Landesleute und Standesgenossen aus bewußtlosem Naturtriebe sind. Er ist ein guter Bürger, ein guter Vater, ein guter Gatte. Es ist sehr komisch, daß er seinen gesunden Bergesknaben, starken Kindern einer rauhen Zeit, eine Art Erziehung gibt, wie sie Salzmann in Schnepfenthal den seidnen Püppchen des 18. Jahrhunderts gab. Er härtet sie ab, sie sollen ausgerüstet werden gegen das Ungemach des Lebens, ja er bemüht sich sogar, ihren Verstand aufzuklären und die abergläubische Wirkung der Ammenmärchen zu zerstören, Tell hat den Mut des Temperaments, den das Bewußtsein körperlicher Kraft gibt; doch nicht den schönen Mut des Herzens, der, selbst unermeßlich, die Gefahr gar nicht berechnet. Er ist mutig mit dem Arm und furchtsam mit der Zunge, er hat eine schnelle Hand und einen langsamen Kopf, und so bringt ihn endlich seine gutmütige Bedenklichkeit dahin, sich hinter den Busch zu stellen und einen schnöden Meuchelmord zu begehen, statt mit edlem Trotze eine schöne Tat zu tun. Tells Charakter ist die Untertänigkeit. Der Platz, den ihm die Natur, die bürgerliche Gesellschaft und der Zufall angewiesen, den füllt er aus und weiß ihn zu behaupten; das Ganze überblickt er nicht , und er bekümmert sich nicht darum. Wie ein schlechter Arzt sieht er in den Übeln des Landes und seinen eigenen nur die Symptome, und nur diese sucht er zu heilen. Geschickt und bereit, den einzelnen Bedrängten und sich selbst zu helfen in der Not, ist er unfähig und unlustig, für das Allgemeine zu wirken. Als der flüchtige Baumgarten seine Landsleute um Beistand anfleht, denken diese mehr an die Verfolgung als an den Verfolgten, lassen sich erzählen, klagen um das Land und zaudern mit der Hülfe. Tell erscheint, sieht nicht auf die Verfolgung, sondern nur auf den Verfolgten und rettet ihn. Ein solcher Mann kann in einem Schiffbruche als guter Schwimmer vielen Verunglückten Hülfe leisten; doch unfähig, das Steuer zu führen, wird er den Schiffbruch nicht verhüten können. Wenn er nun in einem Sturme den Geängstigten zuruft: fürchtet euch nicht, ich kann schwimmen, ich ziehe euch aus dem Wasser – wird er, wie überall, wo der Charakter mit den Verhältnissen in Widerspruch steht, komisch erscheinen und eine Wirkung hervorbringen, die der ernsten Würde der Tragödie schädlich ist. Auf dem Rütli, wo die Besten des Landes zusammenkommen, fehlte Tells Schwur; er hatte nicht den Mut, sich zu verschwören. Wenn er sagt: Der Starke ist am mächtigsten allein  – so ist das nur die Philosophie der Schwäche. Wer freilich nur so viel Kraft hat, grade mit sich selbst fertig zu werden, der ist am stärksten allein ; wem aber nach der Selbstbeherrschung noch ein Überschuß davon bleibt, der wird auch andere beherrschen und mächtiger werden durch die Verbindung. Tell versagt dem Hute auf der Stange seinen Gruß; doch man ärgert sich darüber. Es ist nicht der edle Trotz der Freiheit, dem schnöden Trotze der Gewalt entgegengesetzt: es ist nur Philisterstolz, der nicht Stich hält. Tell hat Ehre im Leibe, er hat aber auch Furcht im Leibe. Um die Ehre mit der Furcht zu vereinigen, geht er mit niedergeschlagenen Augen an der Stange vorüber, damit er sagen könne, er habe den Hut nicht gesehen, das Gebot nicht übertreten. Als ihn Geßler wegen seines Ungehorsams zur Rede stellt, ist er demütig, so demütig, daß man sich seiner schämt. Er sagt, aus Unachtsamkeit habe er es unterlassen, es solle nicht mehr geschehen – und wahrlich, hier ist Tell der Mann, Wort zu halten. Der Apfelschuß war mir immer ein Rätsel, ja mehr ein Wunder. Er soll geschehen sein, man glaubt daran, gleichviel. Die Natur ist oft unnatürlich, sie schafft Mißgestalten, und die Geschichte ist oft undramatisch; aber man muß das liegen lassen. Ein Vater kann alles wagen um das Leben seines Kindes, doch nicht dieses Leben selbst. Tell hätte nicht schießen dürfen, und wäre darüber aus der ganzen schweizerischen Freiheit nichts geworden. Man frage nur die Zeugen der Tat, man höre, was sie sagen, beobachte die Schweigenden – sie alle haben sie verdammt. Ja die gelungene Tat ist noch ganz so häßlich, als es die gewagte war; das Entsetzen bleibt, und die Furcht, der Vater hätte sein Kind treffen können, ist größer, als die frühere war, er könnte es treffen. War Geßlers Gebot so ungeheuer, daß es einen Vater ganz aus der Natur werfen konnte und er nicht mehr bedachte, was er tat: so hätte auch Tell, ohne Bedacht, dem Befehle nicht gehorchen oder den Tyrannen erlegen sollen. Aber er war doch besonnen genug, wie ein Weib zu bitten, und sein lieber Herr, lieber Herr zu sagen, wofür der bange Mann Ohrfeigen verdient hätte. Daß er dem Landvogt tollkühn eingestand, was er mit dem zweiten Pfeile im Sinne geführt, das war auch wieder Philisterei; die ehrliche Haut kann nicht lügen. Dieses ängstliche Wesen, diese Unbeholfenheit des guten Tell entsprang aber nicht aus Scheu des Untertanen vor seinem Herrn – dieses Gefühl, wie er später gezeigt, konnte er überwinden – nein, es war die Scheu des Bürgers dem Edelmanne gegenüber. Ganz anders betrug sich der Ritter Rudenz. Das ist es aber eben, und das hätte der Dichter bedenken sollen. Man muß das Bürgervolk nur immer in Masse kämpfen lassen; man darf keinen Helden aus seiner Mitte an seine Spitze stellen. Der schönste Kampf kommt in Gefahr, dadurch lächerlich zu werden. Es ist traurig – ja schlimmer: es ist verdrüßlich, daß Tell in die Lage kommt, um der guten Sache willen schlechte Streiche machen zu müssen. Verrat kann wohl notwendig werden, aber sittlich wird er nie, auch nicht, wenn er an Feinden begangen. Und ist es nicht Verrat, ist es nicht ein schlechter Streich, wenn Tell, als der Landvogt sich auf dem See seiner Hülfe anvertraut – der Feind dem Feinde – dem Schiffe entspringt, es in die Wellen zurückstößt und wieder dem Sturme preisgibt? Tell zeigt sich hier auch wieder als Pedant, als Schulmoralist und buchstäblicher Worthalter. Er glaubt nicht, den Landvogt getäuscht zu haben; er versprach, ihn aus der gegenwärtigen, zehn Schuhe breiten Gefahr zu retten, und dies hat er getan. Dem Schiffer, dem Tell nach seiner Befreiung das Ereignis erzählte, sagt er: Ich aber sprach: Ja, Herr, mit Gottes Hülfe Getrau' ich mir's und helf' uns wohl hindannen. So ward ich meiner Bande los und stand Am Steuerruder und fuhr redlich hin ; Das nennt er redlich hinfahren! Wie ist nur der schlichte Mann zu dieser feinen jesuitischen Sinnesdeutung geraten? ... Jetzt kommt Geßlers Mord. Ich begreife nicht, wie man diese Tat je sittlich, je schön finden konnte. Tell verrsteckt sich und tötet ohne Gefahr seinen Feind, der sich ohne Gefahr glaubte. Die Natur mag diese Tat rechtfertigen, so gut es ihr möglich ist, aber die Kunst vermag es nie. Als Tell später mit Johann von Schwaben zusammentrifft und dieser mit dem Mordgesellen Brüderschaft machen will, stößt ihn jener mit Abscheu zurück und, spricht: Unglücklicher! Darfst du der Ehrsucht blut'ge Schuld vermengen Mit der gerechten Notwehr eines Vaters? Doch Tell irrt. Aus Ehrsucht hat er freilich den Landvogt nicht getötet, doch mit Notwehr – sollte diese ja, gegen eine rechtliche Obrigkeit, je rechtlich stattfinden können – kann er sich nicht entschuldigen. Damals, wenn er, um den Schuß von seinem Kinde abzuwenden, den Bogen nach Geßlers Brust gerichtet hätte, wäre es Notwehr gewesen, später war es nur Rache, wohl auch Feigheit – er hatte nicht den Mut, eine Gefahr, die er schon mit Zittern kennen gelernt, zum zweiten Male abzuwarten. Sollte ich aber jetzt auf die Frage Antwort geben: wie es denn Schiller anders und besser hätte machen können, wäre ich in großer Verlegenheit. Der dramatische Dichter, der einen geschichtlichen Stoff behandelt, kann eine wahre Geschichte nach seinem Gebrauche ummodeln; denn es schadet der Geschichte nicht, man kennt sie, und sie bleibt doch geschehen, wie sie geschah. Eine geistige Überlieferung aber darf er niemals ändern. Diese besteht nur durch den Glauben und wird zerstört, wenn der Glaube umgeworfen oder anders gerichtet wird. Eine solche Überlieferung ist das Ereignis mit Tell. Aus diesem Zwange aber entsprangen Verhältnisse, mit welchen die Kunst nicht fertig werden konnte. Schiller führte uns mit Bedacht und Geschicklichkeit die Leiden der Schweizer vor Augen; wir sehen, was Baumgarten, Melchthal, Berta und die übrigen dulden und fürchten. Diese Leiden fließen endlich in ein Meer der Not zusammen, das alles bedeckt; diese Klagen bilden endlich eine Vereinigung, die das Land rettet. Tell aber ragt im Tun und Leiden zu monarchisch vor, gehört nicht zu dem topographischen Schicksale der Schweiz und ist übrigens der Mann nicht, eine monarchische Rolle zu spielen. Er ist zu ängstlich, bedenkt zuviel und duckt sich gern. Den Mann mit breiten Schultern füllt nicht ganz seine Seele aus. Warum ihn aber Schiller so behandelt, ist schwer zu erklären. Er hätte ihn können alles tun, alles ertragen lassen, was er getan und ertragen, und ihn dabei trotziger, hochsinniger, gebietender machen können. Wilhelm Tell bleibt aber doch eines der besten Schauspiele, das die Deutschen haben. Es ist mit Kunstwerken wie mit Menschen: sie können bei den größten Fehlern liebenswürdig sein. Was heißt aber ein liebenswürdiges Schauspiel? Ein liebenswürdiges Schauspiel ist ein Schauspiel, das liebenswürdig ist; die Kritik weiß hierüber nicht mehr als jedes andere Frauenzimmer. Über den Umgang mit Menschen Vieles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht. Ihm ist die Welt gegeben; was er nicht hat, ist er. Nichts ist herrenlos auf dieser Erde, nicht einmal der Herr; nichts ist frei, nicht einmal die Luft, man kann sie dir nehmen. Gelüstet dir nach einer Blume, nach einer Frucht: der Garten, in dem sie wachsen, ist einem Menschen eigen. Suchst du Weisheit: der Mensch lehrt sie dich, oder das Buch, das ihm gehört. Willst du in den Himmel: Petrus hat den Schlüssel. Bist du arm, brauchst du Menschen, die dir geben; bist du reich, brauchst du Menschen, welchen du gibst. Denn ob du einsam auf einer wüsten Insel darbst, ob du einsam im wüsten Herzen genießest, du bist nicht glücklich, wenn du einsam bist. Dein Glück auch in der Einsamkeit zu finden, mußt du heilig sein, und das bist du nicht, wenn du willst; wenige sind auserkoren. Was dir Menschen geben, mußt du bezahlen mit dem, was du hast, oder teurer, mit dem, was du bist. Auch Freundschaft wird dir nicht unentgeltlich. Jeder hat in seinem Leben einen schönen Kindertag, wo er, wie die ersten Menschen im Paradiese die Früchte des Feldes, so auch Liebe ohne Sorgen und Mühe findet. Ist dieser Tag aber vorüber, erwirbst du, wie dein Brot, so auch Liebe nur im Schweiße deines Angesichts. Ihr müßt Herzen säen, wollt ihr Herzen ernten. Kann man den Menschen nicht gewinnen, wie verdient man ihn? Kann man ihn gewinnen, welchen Einsatz fordert das Glück für die Hoffnung des Gewissens? Vieles lernen wir auf niedern und hohen Schulen: wie die Sterne am Himmel gehen, welche Tiere in fremden Weltteilen leben, wie die Städte beschaffen, die wir niemals sehen. Aber wie die Menschen beschaffen, die uns umgeben, und welche Wege sie wandeln, das lehrt man uns nicht. Wir lernen unter Früchten die guten wählen, die giftigen meiden; wir lernen Haustiere benutzen und wilde Tiere zähmen; wir lernen dem übermütigen Pferde schmeicheln und das träge anspornen; schwimmen, und Brücken über reißende Ströme bauen. Aber wie wir gute Menschen gebrauchen und böse beschwichtigen; wie wir dem Stolzen schmeicheln und den Stillen antreiben; wie wir Brücken über Tyrannen bauen und durch ihre Leidenschaften schwimmen – das lernen wir nicht. Ihr sagt: das lehrt die Erfahrung dem Mann! Aber die Schule der Erfahrung wird auf dem Kirchhof gehalten, und der Tod fragt uns nicht, was wir im Leben gelernt; er hat andere Künste und andere Fragen. Doch soll man um den Menschen dienen? Darf man ihn behandeln? Soll man ihn gebrauchen? Darf man ihn täuschen? Soll man ihm schmeicheln? Du kannst noch viele solche Dinge fragen, und findest keine Antwort darauf. Und wärest du der klarste Geist und das tugendhafteste Gemüt, du wüßtest nicht, was recht ist. Glücklich auch hier, daß du nicht frei bist; daß dir die Natur, gütig oder hart, Kräfte, Neigungen, Leidenschaften gegeben oder versagt, die dich auf diesen oder jenen Weg führen und dir die Mühe der Wahl ersparen. Bist du aber der Glücklichern einer, Herr deines Willens, und Meister, zu tun, was du willst: so wähle. Es gibt zwei Wege, die zu den Menschen führen: du mußt sie lieben oder hassen, hochschätzen oder verachten, sie als göttliche Wesen oder als Sachen ansehen. Es gibt noch einen dritten breiten Weg, auf den die verworrene Menge sich drängt und Staub macht; den meide. Nicht wenn du liebenswürdig bist, wirst du geliebt; wenn man dich liebt, wirst du liebenswürdig gefunden. Andern gefallen, ist leicht, schwer ist nur, daß uns andere gefallen. Hier ist die Kunst, mit Menschen umzugehen! Du sagst: »Ich verabscheue jenen Menschen, er ist schlecht.« Nein, er ist krank. Gewährst du nicht dem Kranken deine größte Sorgfalt, und sind nicht die Krankheiten des Herzens die gefährlichsten? »Aber er ist frei, er kann sich bessern.« Glaube an deine eigene Freiheit, wenn du den Mut hast, dein Tun zu verantworten; bürde aber keinem Schwachen diese Last auf. »Er ist ein Wüterich, ein Attila.« Er ist ein Blitz. Bewunderst du nicht die Güte Gottes noch in der Sündflut und die Weisheit der Natur im niedrigsten Gewürm? »Er ist dumm.« Er ist nur ein dummer Mensch, aber das klügste Schaf. Muß er Wolle tragen? »Er ist ungesellig.« Gebrauche ihn zu etwas anderm. Der Weinstock gibt dir seine Früchte, die Eiche ihren Schatten; hast du je Früchte von der Eiche, und Schatten vom Weinstock begehrt? »Er hat weder Geist, noch Herz, noch Tugend, noch irgendeine Gabe, er ist ein Pferd.« So reite ihn; doch du irrst. Ein Riese ist nur zweimal so groß wie ein Zwerg, und jeder Zwerg ist ein halber Riese. Ein gleiches Maß von Kraft hat die Natur den meisten Menschen gegeben. Hier bildet sie sich zum Geiste, dort zur Tugend, bei einem zur Schönheit, beim andern zur Gesundheit, beim dritten zu dem Sinne aus, der das tief vergrabene Glück wittert. Ohne alle Gabe ist selten einer. »Aber er ist einer dieser Seltenen; er hat weder Geist, noch Herz, noch Schönheit, noch Reichtum.« So wird er wenigstens einen guten Magen haben, und es gibt Leute, die es gern hören, wenn man ihre Verdauung lobt. – »Selbst diese ist schlecht.« Dann wird er wenig essen und trinken; lobe seine Mäßigkeit, mache aus seiner Not eine Tugend. »Aber ich will, ich darf ihm nicht schmeicheln; schmeicheln ist sündlich.« So liebe ihn. Liebe ist eine Schmeichelei, die allen gefällt, Hohen wie Niedern, Kindern wie Erwachsenen, Guten wie Bösen – und sie ist auch Gott gefällig. Du hassest Könige, wenn sie rasen – rasest du nicht auch, wenn du getrunken? »Aber sie sollen nicht trinken, sie sollen Schmeichlern ihr Ohr nicht geben!« Aber sie sind im Keller geboren, Wein war ihre Ammenmilch, und man ist nur Herr, sich den ersten Becher zu versagen, nicht den zweiten. Du Liberaler hassest den Ultra – was hat er dir getan? »Er unterdrückt die Freiheit des Volks, er will alles für sich allein, er will Vorrechte haben.« Er liegt in den Banden der Gewohnheit, und wenn sein Recht auch nur ein Geschwür wäre, er stürbe daran, wenn man es öffnete. Doch sein Besitz ist edler, tausendjährig, und seine Vorfahren haben sich ihn durch ihre Tugenden erworben. »Doch er selbst hat kein Verdienst!« Bist du besser? Verschwelgst du nicht im Müßiggange den ererbten Reichtum, den dein Vater mit saurer Mühe erworben? Bist du geneigt, mit den Bedürftigen deine Schätze zu teilen? Macht ist wie Reichtum . . . Du Ultra verfolgst den Liberalen – warum verfolgst du ihn? »Er will mir meine Rechte rauben!« Er will sie nur mit dir teilen, er ist ein Mensch, wie du. »Aber ich war Jahrhunderte im alleinigen Besitz.« Desto schlimmer für dich, du bist ihm auch die Zinsen schuldig. »Aber er ist ein Schwärmer, den man schrecken muß. Ich habe die Macht in der Hand, ich kann ihn vernichten.« Und wenn du den Körper zerstörst, was gewinnst du? Der Geist bleibt, der Geist hat keinen Hals; er fürchtet dich nicht, er spottet deiner. Wenn du zehn, wenn du hundert, wenn du tausend fanatische Menschen hinrichten lassest, hast du darum den Fanatismus zerstört? Glaubst du das, dann bist du ein Tor, ein Kind. Schwärmerei ist wie eine Tontine, der Anteil der Verstorbenen fällt den Überlebenden zu, und wenn du die Zahl der Toten vermehrst, hast du nichts getan, als den Reichtum des Glaubens aus vieler in weniger Herzen gebracht, daß er mächtiger wirke. »Also« – sprecht ihr und ihr – »sollen wir die Hände in den Schoß legen und gelassen mitansehen, wie uns unsere Feinde bedrohen, uns berauben, in unser Gebiet fallen?« Nein, das sollt ihr nicht. Verteidige du und du, was du als Recht erkannt – nicht dein Recht, das deiner Brüder; aber nur auf dem Schlachtfelde dürft ihr euch verwunden. Bist du ein Krieger, fechte; bist du ein Redner, rede gegen deine Feinde. Doch außer der Schlacht, außer dem Buche schone deinen Feind. Entweihe nicht den heiligen Altar der Menschenliebe, der auch den Mörder schützt, und breche nicht die Tage des Gottesfriedens. »Wohl! Ich will alle Menschen lieben, ich will jedem zu gefallen suchen, dem Klugen wie dem Einfältigen, dem Hohen wie dem Niedern, dem Guten wie dem Bösen. Doch wie gefällt man der Gemeinheit?« Das mußt du einen andern fragen. Hast du einen hohen Geist, bückst du dich vergebens; so dumm ist die Dummheit nie, daß sie nicht die krumme Linie zur geraden umzumessen wüßte. Du mußt klein sein, willst du kleinen Menschen gefallen. »Doch ich lebe unter Philistern, ich muß unter ihnen leben.« Das mußt du nicht; erhänge dich! Doch ist dir dein Leben gar zu lieb, vertrage dich mit ihnen. Willst du wissen, wie unglücklich man ist, wenn man mit den Menschen zerfallen, denke an Rousseau. Sein Staub ist nicht mehr, du kennst sein Leben und seine Werke und weißt, daß er edlen Herzens und hohen Geistes gewesen. Du weißt aber auch, hättest du zu seiner Zeit gelebt, du würdest ihn, wie es alle getan, für einen Bösewicht und für einen Narren gehalten haben, Rousseau war ein Sklave seiner Freiheitsliebe, und wer die Liebe zur Freiheit bis zum Wahnsinn steigert, daß er, um aller geselligen Bande los zu sein, wie ein Vogel in der Luft zu fliegen wagt, den trifft des Ikarus Geschick. Darum suche die Menschen zu erwerben; aber noch einmal, du mußt wählen. Du gewinnst den Menschen nicht, wenn du ihn hochschätzest oder verachtest; und gibt es eine Kunst, in der zu stümpern lächerlich oder verdammlich ist, so ist es die, mit Menschen umzugehen. Laß dich von meinem eigenen Beispiele warnen. Nur einmal in meinem Leben – doch es war für einen Freund – suchte ich von einem Großen etwas zu erschmeicheln. Es ist schon lange her, und es geschah noch in jenen guten Tagen, von welchen der Minister auf dem Blocksberge in Goethe's Faust gesungen: Jetzt ist man von dem Rechten allzuweit, Ich lobe mir die guten Alten; Dann freilich, da wir alles galten, Da war die rechte goldne Zeit. Ich ging zur Audienz. Aus dem, was mich Knigge und Chesterfield gelehrt, wählte ich das Schönste und Beste, band es zierlich zusammen und überreichte den Blumenstrauß. Aber ich war falsch; mein Rücken war krumm, meine Seele war gerad; ich hatte Zucker auf den Lippen und Salz im Herzen, und der Minister – warf mich zur Türe hinaus. Über das Schmollen der Weiber Meine ehemalige Braut nannte ich, wie es bei allen kultivierten Völkern Sitte ist, einen Engel; meine jetzige Frau nenne ich, wenn ich böse auf sie bin, einen gefallenen Engel, ist das Ehewetter aber heiter, einen gestutzten. »Warum gestutzter?« fragte mich Wilhelmine, als ich mich zum ersten Male dieses Ausdrucks bediente. Ich ward verlegen, denn ich hatte mich noch nicht zu verstellen gelernt, ich wußte noch nicht, wie gut in der Ehe oft das Lügen sei, und wie ohne diesen Lichtschirm der Wahrheit rote Augen noch häufiger wären. »Teure Wilhelmine! – sagte ich, indem ich ihr ein Stückchen Zucker, den sie sehr liebt, in den Purpurmund steckte – liebes Vögelchen, müßte ich nicht zittern für mein Glück, wenn deine Engelsflügel nicht etwas gestutzt wären? müßte ich nicht fürchten, du entflatterst« . . . und flögest den Himmel hinauf, wo deine Heimat ist –wollte ich höchst poetischer Weise hinzusetzen. Aber meine gute Frau ließ mich nicht ausreden. »Du fürchtest also, ich könnte dir untreu werden?« fragte sie, wartete aber auf keine Antwort, sondern nahm ihr Gesicht zusammen, verschloß den Mund und schmollte . Vergebens war mein Flehen, mein Drohen, mein Reden, mein Schweigen sogar, sie schmollte fort. Ich ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab: in Engels Mimik ist keine Bewegung geschildert, die ich nicht mit der größten Naturtreue darstellte: Liebe, Haß, Zorn, Wut, Verzweiflung; aber meine gute Wilhelmine sprach kein Wort. Bei dieser Gelegenheit lernte ich das berühmte Schmollen der Weiber kennen und seitdem verlernte ich es nicht mehr. Es war der dreißigste Tag nach meiner Hochzeit, da mein Glück in den Wendepunkt des Krebses trat. Anfänglich hatte meine teure Wilhelmine nur einen Schmollstuhl, dann nahm sie einen Schmollwinkel ein, später verschloß sie sich in ein Schmollkämmerchen, bis sie endlich es durch Übung dahin gebracht, im ganzen Hause zu schmollen. Ich habe mich in der theoretischen wie in der praktischen Philosophie etwas umgesehen, Metaphysik, Logik, Anthropologie, empirische Psychologie sind mir nicht ganz fremd; aber mit der Theorie des weiblichen Schmollens konnte ich bis jetzt noch nicht ins reine kommen. Doch will ich die wenigen unstreitigen Grundsätze, die ich mir aus meinen Erfahrungen abgezogen, gern mitteilen; sie sind in der gegenwärtigen Lage von Europa nicht ohne Nutzen. Staatspapier-Händler, oder Staats-Papierhändler (ich weiß nicht, welche Schreibart die richtigere ist) fragen sich und andere jetzt oft: welchen Ausgang wird der Krieg gegen Spanien haben? O beneidenswerte Unwissenheit! Nur wer nicht verheiratet ist, kann zweifeln, jeder Ehemann aber weiß es bestimmt, daß die Franzosen verlieren werden. Das Schmollen der Weiber ist nichts als ein Guerillakrieg, den sie gegen die konzentrierte Macht der Männer führen, ein Krieg, in dem sie immer siegen. Was nützt euch eure schwere Artillerie, wenn Mücke nach Mücke die Hände, welche die Lunten anlegen, stechen und verwirren? Was helfen euch dreimal hunderttausend gut bewaffnete Gründe? Die Weiber, als hätten sie mit dem Bösen ein Bündnis geschlossen, sind gründefest, es dringt keiner durch. Ihre gefährlichste Waffe ist der Mund, sie mögen ihn zum Reden oder zum Schweigen gebrauchen. Reden sie, und ihr habt viel Verstand und Geduld, dann könnt ihr sie zuweilen zum Schweigen bringen; schweigen sie aber (welches in der häuslichen Kriegskunst Schmollen heißt), ist alle Mühe vergebens, sie zum Reden zu bringen, ihr müßt euch zurückziehen und schließt um jede Bedingung einen pyrenäischen Frieden. Der zürnende Mann ragt wenigstens mit dem Kopfe über die Wolke seines Zornes hinaus, das eheliche Gewitter grollt nur unter seinen Füßen; die Frau aber steht mit dem Kopfe unter dem donnernden Gewölke, und kein Strahl des Friedens beleuchtet ihr finsteres Gesicht. Wenn ich mit meiner guten Wilhelmine zanke, weiß ich, daß ich in einer Viertelstunde wieder versöhnt sein werde. Mein schmollender Engel aber hat gar keine Vorstellung davon, daß sie mir je wieder gut werden könnte. Ein komisches Mißverständnis trägt gewöhnlich dazu bei, sie noch mehr aufzubringen. Ich pflege nämlich meine teure Gattin Wilhelmine zu nennen; aber sooft sie zankt, rufe ich sie Minchen. Dieses Wort macht sie nur unversöhnlicher, denn sie wähnt, ich bediene mich der liebkosenden Verkleinerung nur aus Spott, und die gute Seele wird aus dem Morgenblatt erfahren, daß ich sie, wenn sie schmollt, nur darum Minchen nenne, weil sie mir dann als ein kleiner Mina vorkommt – so geschickt weiß sie den Guerillakrieg zu führen. Ich habe meiner lieben Frau schon oft vorgeschlagen, ich wollte mich auf ihr Schmollen monatlich abonnieren, indem ich ihr immer dreißig Tage voraus recht gäbe, und dabei, meinte ich, würden wir uns besser verstehen; aber sie wollte von einem solchen Vertrage nichts hören. So habe ich denn viele trübe Schmolltage in meinem Hauskalender einzutragen, und beim Schlusse des Jahres fällt die meteorologische Bilanz nicht immer zu meinem Vorteile aus. Was aber meinem Kalender ein noch seltsameres und traurigeres Ansehen gibt, ist, daß ich zwar Tag und Stunde bezeichnen kann, wo meine Wilhelmine zu schmollen angefangen, aber weder Stunde noch Tag, wo sie zu schmollen aufgehört. Sie vergrollt so leise und allmählich, daß nicht zu bestimmen ist, wann der letzte Laut ihrer Unzufriedenheit verschallte, und plötzlich befinde ich mich mitten in meinem gewohnten Glücke, ohne zu wissen, wie ich hineingekommen. Sie hat mir einmal anvertraut, daß es alle Weiber so machten, die, wenn sie ihr stillstehendes Herz wieder aufziehen, alle ganze, halbe und Viertelstunden, über welche der Zeiger rücke, schlagen ließen, bis der Zeiger auf der Stunde der Liebe stände. Sie müßten das so machen, um die Uhr ihrer Seele nicht zu verderben. Wenn mich meine gute Wilhelmine aus dem Paradiese, das sie mir selbst geschaffen, auf Stunden und Tage hinausschmollt, so ist das nur meine eigene Schuld. Ich habe unbesonnen meiner häuslichen Verfassung die Fehler der spanischen gegeben. Meine Frau und ich bilden nur eine Kammer, und so muß denn geschehen, was in solchen Fällen immer geschieht: das demokratische Prinzip gewinnt die Herrschaft über das aristokratische. Das weibliche Herz ist ein atheniensischer Markt – unter einem herrlichen blauen Himmel, liebliche Blumensträuße, duftende Südfrüchte, holde Anmut, Geist, Witz, Empfindung; aber auch Tücke, Launen, Wankelmütigkeit und Undankbarkeit. Wo aber die häusliche Gesetzgebung weise in zwei Kammern getrennt ist, wo der Mann das Oberhaus und die Frau das Unterhaus bildet, da werden, wie ein bairischer Pair unvergleichlich schön gesungen hat, die Wogen der Demokratie sich an den Felsen der Aristokratie brechen, auf welchen Felsen der Thron gebaut ist und der Frieden! O närrische Leute, o komische Welt Gott weiß, welche Klapperoper das Liedlein in mein Gedächtnis abgesetzt; aber es ist etwas Vertrauliches, Umschlingendes in dieser Weise und sie verläßt mich nicht mehr. Wenn ich sehe der Menschen ruchloses Treiben, und will ihnen nicht fluchen; ihr tolles Beginnen, und möchte sie nicht gewaltsam bändigen; ihren Weisheitsdünkel und ihr lächerliches Machtgepränge, und will ihrer nicht spotten; will ich die Menschen tadeln, ohne ihnen wehe zu tun, sie lieben, ohne ihnen zu schmeicheln, sie kennen, und nicht an Gott verzweifeln; bedarf ich eines freimachenden Wortes, das klagt und tröstet, schmerzt und heilt, mißbilligt und versöhnt zugleich – dann rufe ich laut oder leise: O närrische Leute, o komische Welt! Sittliche Freiheit, bürgerliche Sklaverei – Mutter und Tochter; im Schlafe empfangen, im Wachen geboren. Unseliger Traum, fluchbringende Verblendung! Die schöne blanke Münze für Papiergeld hingegeben, das wohlverwahrte Vermögen für lockende Zinsen ausgeliefert. Und dieser plumpe Betrug, fast zweitausend Jahre dauernd, und Pfaffen und Gewaltherrscher lachen noch immer fort. Als die Menschen begannen, sich frei zu dünken, da reichten sie, wie zum Spiele, ihre Glieder den Fesseln hin; da traten sie lächelnd in die Kerker der Tyrannei, deren Mauern sie nicht sahen, weil das Licht des Glaubens sie durchsichtig gemacht. Und da sie ihre Freiheit erproben und sich bewegen wollten, zerstießen sie wie Sperlinge sich die schwachen Köpfe an den Fensterscheiben. Wie klein ist nicht der menschliche Körper, wie klein für euch, die ihr Sterne kennt und ihren Lauf berechnet! Nun erkrankt dieser Leib. Millionenmale habt ihr das Übel gesehen und seinen Ausgang. Tretet zum Kranken hin und sprecht: Leidender, sei vernünftig und fasele nicht! Schwitze, und die Krankheit ist vorüber; wir haben Erfahrung in solchen Dingen. Er hört euch nicht. Am einundzwanzigsten Tage kommt Schweiß und Heilung, oder der Tod erfolgt. Oder ihr seid des Kranken Anverwandte und liebe Freunde und sagt zum Arzte: Helfen Sie schnell! Der kluge Arzt erwidert: die Natur hat ihre abgemessene Zeit, und sie läßt sich nicht einhalten, noch treiben in ihrem Gange. So spricht er, und doch wie klein ist nicht der Leib eines Menschen gegen einen Volkskörper gehalten! Deutschland ist siech und voller bösen Säfte; die Geschichte (die Menschennatur) will es durch ein Fieber heilen. Da sagen die Staatsärzte zum Kranken: Habt nicht so viel Hitze, und ihr werdet gesunden. Die lieben Anverwandten sagen zum Doktor: Geben sie ihm gleich eine gute Konstitution, wie sie Frankreich hat. Warum sollen wir erst das Fieber der Revolution durchmachen? Weise Reden! Hat je eine Mutter ohne Wehen geboren, weil sie tausendmal andere gebären sah? Hat sie den Schmerz vermeiden gelernt? O närrische Leute, o komische Welt! Sie brüsten sich mit ihrer Freiheit; aber sooft sie das Schlechte getan, machen sie sich schuldlos und sagen, sie wären Sklaven des Schicksals. Wie oft wurde zu diesen und jenen gesagt: Ihr sehet euer Unrecht ein, ihr begreift euren Irrtum. Warum macht ihr jenes nicht gut, warum kehrt ihr nicht von diesem zurück, warum entsaget ihr nicht euren Vorurteilen? Sie antworten: das wird sich mit der Zeit machen, das kommt nach und nach. Aber warum nicht gleich? Dünkt ihr euch frei, so setzt euch nicht in den Wagen des Schicksals, um das Ziel der Reifheit zu erreichen. Die rasche Fahrt macht euch schwindeln, Millionen stürzen heraus, der Huf der Rosse und die eisernen Räder zermalmen ganze Menschengeschlechter. Darum geht bedächtig zu Fuße, und ihr erreicht mit Schonung aller, ja schneller das Ziel. Denn das Schicksal hat auch in anderen Welten zu tun, und wenn ihr zum Gehen zu träge seid, läßt es euch Jahrhunderte warten, bis es euch abholt. Seid ihr frei, so greifet der Zeit vor! Seid ihr es nicht, so murrt nicht. O närrische Leute, o komische Welt! Religion ist Liebe und Versöhnung; schon im Worte liegt es: sie verbindet wieder, was getrennt war. Wären alle Menschen gleich weise, gleich begabt, mit gleichen Neigungen erfüllt, dann bedürfte es keiner Religion. Sie ist die Einheit des Mannigfaltigen, die Ewigkeit des Vergänglichen, die Schwerkraft des Unsteten; sie verzeiht die Schuld und löst die Sünde auf in das allgemeine Licht. Aber was haben die Menschen daraus gemacht! Ein Blutstrom fließt durch achtzehn Jahrhunderte, und an seinen Ufern wohnt das Christentum. Wie haben sie das Heiligste geschändet! Religion war eine Waffe in räuberischer oder meuchelmörderischer Hand. Wie haben sie den Gott der Liebe herabgewürdigt und seine Lehre zum Gesetze ihrer Herrschsucht, zum Regulative ihres habgierigen Krämerrechts mißbraucht! Hat das Christentum je zu etwas anderem gedient, als zum Werkzeuge der Verfolgung, wenn nicht zum Tröste wehrloser Schlachtopfer? Versöhnt seine Sekten, und es wird ohnmächtig, vertilgt das Judentum, und es stirbt. Vernichtet die Religionen, und ihr habt die Religion zerstört. Oder ist die Christuslehre nur die zerreißende Pflugschar der Menschheit? Wie mühsam und schmerzlich war dann der Bau des Landes, und bis der frohe Tag der Garben erscheint, rufe ich leise und mit erstickter Stimme: o närrische Leute, o komische Welt! Der Janus-Tempel »Frühe Weisheit, späte Liebe!« ... Sooft mein fünfunddreißigjähriger Freund – nicht unsere Freundschaft, er ist so alt – diesen selbst gezogenen Spruch hersagt, macht er ein gar närrisches Gesicht dazu, und schüttelt sich, wie ein Pudel, wenn er aus dem Wasser kommt. Neulich besuchte ich ihn. Ich fand ihn, den Kopf auf die linke Hand gestützt; in der rechten hielt er eine Feder, und schien in das vor ihm liegende Papierheft geschrieben zu haben. – Wie geht dir's, Fritz? Du siehst ja aus wie der Gott des Novembers! »Frühe Weisheit, späte Liebe!« erwiderte er und begleitete seine Worte mit einem langgehaltenen Vierviertel-Seufzer. – Wo ist deine liebe Frau? »Liebe Frau!« Er sprang vom Stuhle auf. »Ja, lieb sind sie alle, bis man sie liebt.« Ich ließ ein helles Gelächter erschallen . . . Eheliche Leiden! Das ist prächtig! Warte, Fritz, dazu muß ich mir's bequem machen . . . Ich setzte mich in den weichsten Sessel, schlug die Beine übereinander, und strich mir behaglich den Magen . . . Jetzt erzähle, Freundchen, das wird mich erquicken. Süß ist's, vom sichern Hafen aus Schiffbrüchige zu sehen! »In meiner sechswöchentlichen glücklichen Ehe habe ich mich schon achtmal mit meiner guten Sophie gezankt und habe schon acht trübe Tage gehabt. Nach Süßmilch's göttlicher Ordnung im Leben und Sterben lebe ich noch neunundzwanzig Jahre. In sechs Wochen acht Tage, kommen auf das Jahr zwei Monate, vier Tage, einundzwanzig Stunden und zwanzig Minuten; welches in neunundzwanzig Jahren fünf Jahre, einen Monat, siebenundzwanzig Tage, elf Stunden, zwei Minuten und dreißig Sekunden astronomische Trauerzeit beträgt.« – Sehr wahr! Die Ehe ist ein mathematisches Unglück.« »Und wenn du, Karl, früher stirbst, als es der gute Süßmilch ausgerechnet, und ich erbe einen Teil deiner Jahre als Legat, dann lebe ich noch länger, und die Summe meines Jammers wird noch größer.« – Darüber sei unbesorgt, Fritz, ich werde dir diesen Verdruß nicht antun. Aber, das werden auch wichtige Dinge sein, über die ihr euch entzweit! Das sind die Frühlings-Aequinoktial-Stürme der Ehe; sie gehen vorüber. »Ja, sieh nur selbst, wie sie vorübergehen!« Mein Freund zeigte mit den Fingern nach dem Ofen. Der Ofen war von weißem Porzellan, mit messingnen Bändern umgeben; die zwei Stufen, auf welchen er stand, und die Marmorplatte, die ihn bedeckte, gaben ihm das zierliche Ansehen eines Altars, über der Platte erhob sich eine messingne Säule, die in einer Kugel endigte. »Siehst du das offene Türchen?« – Du wirst doch nicht einheizen wollen? Es steht ein Gewitter am Himmel. »Was kümmert dich das Gewitter; es steht an meinem Himmel. Schon zwei Tage steht das Ofentürchen geöffnet!« – Fritz, seit deiner Heirat bist du ganz parabolisch geworden; du mußt dich deutlicher erklären. »Ich unterrichte meine Frau in der Mythologie.« – Nicht wahr, und für deine papiernen Fabeln gibt sie dir großmütig bare Geschichten? »An dem Tage, da wir uns zum ersten Male gezankt, hielten wir gerade am Gotte Janus und am Janus-Tempel, den die Römer im Kriege öffneten und im Frieden schlossen. Ich nahm mir vor, einen Scherz nützlich zu verwenden. Sophie, sagte ich, hier der Ofen sei unser Janus-Tempel. Sooft wir in Streit kommen, werde ich das Türchen öffnen. Willst du Frieden, kannst du es ungefragt zumachen; du weißt, liebe Sophie, ich bin in jedem Augenblick zu versöhnen.« – Das hast du gut gemacht, Fritz, man sollte eigentlich Janus den Gott der Ehe nennen. Er hat zwei Gesichter; er öffnet und schließt die Pforten des Himmels; er trägt in der rechten Hand das Zepter: das ist der Mann, und in der linken einen Schlüssel: das ist die Frau. Hast du das deinem Weibchen auch erzählt? »Ja, aber sie wußte es schon. Der Himmel weiß, woher sie das erfahren hat, denn sie war übrigens in der Mythologie wenig bewandert.« – Und das wundert dich, Fritz? In der Erkenntnis ihrer eigenen Rechte nehmen es die Weiber mit den besten Juristen auf. »Der Scherz half; meine gute Sophie kann das Ofentürchen nicht offen sehen. Wenn sie einige Stunden geschmollt hat, schließt sie den Janustempel, bald lachend, bald mit tränenden Augen, fällt mir um den Hals, und wir sind ausgesöhnt.« – Und was ist es, worüber sie jetzt so hartnäckig zürnt? »Du sollst es erfahren, Karl, ich will dir es vorlesen.« – Wie, du führst ein Hauptbuch über deine Leiden? »Wir nennen es poetisch unsere Fasti. Ich habe mir vorgenommen, wenn dieses Papierheft voll ist, es drucken zu lassen; aber ich fürchte, ich halte es nicht aus, und meine Erben werden das Honorar einziehen.« – Sei klug, Fritz, laß' dir das Honorar vorausbezahlen; das tun jetzt alle beliebten Schriftsteller. Fange nur zu lesen an, aber von vorne; ich bin begierig zu hören, worüber ihr zum ersten Male auseinandergekommen. » Mittwoch, den 25. Juni  . . .« – War nicht an diesem Tage deine Hochzeit? »Nein, die war den Tag vorher . . . O ihr Götter, wie glücklich habt ihr mich gemacht! Welch eine Gabe verdanke ich eurer Gunst! Welch ein Geist! Welch ein Herz! Seit ich Sophie kenne, bin ich mir erst selbst klar geworden; sie hat meine schlummernde Seele mit Saitenspiel aufgeweckt. Wie zart faßt sie alles! Sie gibt mir Besseres, als den schönsten Rat: sie widerratet mir, was ich zu viel, zu rauh, was ich Unschickliches gesagt! Welch ein Witz des Herzens! Sie befriedigt nicht bloß alle meine Wünsche, sie weiß neue in mir zu erregen, um sie zu befriedigen. Sie wacht vor jedem Eingange meiner Ruhe, über jeden Augenblick meiner Zufriedenheit. Sie weiß es immer eine halbe Stunde vorher, wenn ich meine Kopfschmerzen bekomme.« – Fritz, das ist gerade keine große Zauberei. Solche Prophezeiungen mißlingen keiner Frau, welcher an ihrer Propheten-Ehre nur im mindesten gelegen ist. »Du gute Sophie, wie belohne ich dir deine Liebe? Es ist ja deine einzige Freude, mich glücklich zu sehen, und diese Freude schaffst du dir selbst!« – Willst du mich zum besten haben, Fritz? Ich mag nichts hören von deiner Seligkeit; Jammer, Jammer will ich haben. »Gedulde dich nur, der wird nicht ausbleiben.« » Abends zehn Uhr. « – Des nämlichen Tages? »Ach ja, es war der nämliche Tag. . . . O Gott, wie betrübt bin ich!« – Schäm' dich, Fritz! Als du morgens glücklich warst, riefst du die Götter an, und erst als du abends in Unglück kamst, wurdest du ein guter Christ, und wendetest dich zu Gott. Du bist ein arges Weltkind! »Wir saßen in der Laube und lasen Romeo und Julia. Wie viel werter ist mir Sophie geworden, seit ich weiß, daß ihr Shakespeare wert ist. Sie rief mit bewegter Stimme aus: Welch eine Liebe! Wie Dülons Flöte! Es wollte mich etwas Eifersucht anwandeln, denn ich argwöhnte, sie habe mein Fagott im Sinne. Aber nein, die gute Seele dachte gewiß an nichts; sie hatte ja Tränen in den Augen . . . Da wurden meine Kleider-Koffer in den Hof gefahren, die ich aus meiner Junggesellenherberge hatte herholen lassen. Sophie ging mit nassen Augen hinaus, sie in Empfang zu nehmen. Ich las unterdessen weiter. Eine ganze Stunde wartete ich, und Sophie kam nicht zurück. Ich schickte nach ihr; das Mädchen sagte, Madame wäre beschäftigt und könne jetzt nicht kommen. Ich wartete noch eine andere Stunde. Endlich ging ich hinauf und fand meine gute Sophie, ganz erhitzt vor Anstrengung, vor einem großen Schranke stehen. Sie hatte meine Wäsche und meine Kleidungsstücke, nach Schnitt und Farbe, systematisch geordnet, das Beschädigte in großen Globen zusammengebunden, aus allem ein tabellarisches Verzeichnis verfertigt und den Zettel an die innere Seite der Schranktüre genagelt. Fritz, sagte sie mir schwer atmend, dort hinten die feinen Halstücher habe ich zurückgelegt; vorn die ordinären sind zu deinem täglichen Gebrauche. Ich fragte sie freundlich: Aber, Sophie, wie konntest du um einer solchen Bettelei willen mich und Shakespeare auf länger als zwei Stunden verlassen? Das verdroß sie, sie machte ein trübes Gesicht und sagte, sie hätte Kopfschmerzen.« – Und das war den Tag nach deiner Hochzeit? »Ja, sie schmollte, und legte sich um neun Uhr zu Bette.« – Du mußt auch nicht alles gleich so übel deuten, Fritz. » Samstag, den 28. Juni . Ich machte mit Sophie einen Ehrenbesuch bei einer ihrer Freundinnen. Die Zeit ward mir dort schrecklich lange. Ich gab meiner Frau hundert Zeichen und Winke zum Fortgehen; aber sie wollte nicht darauf merken. Endlich, nach drei peinlichen Stunden, stand sie auf. Mir ward ganz leicht zumute, und zeigte mich noch in den letzten Minuten als angenehmer Gesellschafter. Sophie öffnete die Türe, ihre Freundin hielt das Licht in der Hand. O Karl, da fingen meine Leiden erst recht an! Eine Viertelstunde sprachen sie innerhalb der Türe, eine Viertelstunde vor der Türe draußen und eine Viertelstunde auf der Treppe.« – So machen es alle Weiber, Fritz. Keine Frau kann einen Brief ohne Postdictum entlassen. Sind die sich Besuchenden wahre Freundinnen, dann ist die Sache noch erträglich; die Nachreden dauern nur ein halbes Stündchen, und die Türe wird zugemacht, ehe das Zimmer ganz kalt geworden ist. Sind sie sich aber spinnefeind, ist es nicht zum Aushalten. Dann wird die Freundlichkeit verdoppelt; dann will die Fortgehende zeigen, daß sie ungern fortgeht, und die Entlassende, daß sie ungern entläßt, und dann werden, wie die kaiserlichen Postulate von den böhmischen Ständen, die wichtigsten Dinge bei offnen Türen verhandelt. – »Beim Abendessen bat ich Sophie, sie möchte doch künftig nicht so lange auf der Treppe sprechen, sie könne sich darüber erkälten. Sie bemerkte mir, es sei ihr Grundsatz, sich in alle Leute zu schicken. Denk' nur, Karl, Grundsätze hat sie auch! Sie fing zu schmollen an, und sprach kein Wort weiter. Aber den anderen Morgen, schon ganz frühe, schloß sie den Janus-Tempel; sie war auf den Abend zu einem Balle eingeladen.« » Donnerstag, den 3. Juli . Als ich nach Hause kam, brachte mir Sophie einen Kuß entgegen. Sie führte mich in mein Studierzimmer und sagte: Sieh nur, Fritz, wie hübsch ich dir deine Bibliothek in Ordnung gebracht! Ich erschrak auf's heftigste; sie hatte meine Bücher so in Ordnung gestellt, daß ich kein einziges Buch mehr finden konnte. Hartlebens Übersetzung des französischen peinlichen Gesetzbuches stand neben Winkelmann, weil beide in Quart waren; und meine Tabaksdose, die sie für ein Buch angesehen, hatte sie neben Rousseau's Heloise gestellt, weil beide in grünen Saffian gebunden waren. Ich dankte ihr für ihren guten Willen, bat sie aber, künftig keine Hand an meine Bücher zu legen. Das beleidigte sie, und um einer solchen Kleinigkeit willen mußte ich den Janus-Tempel öffnen!« – Fritz, mein Professor der Mathematik pflegte zu sagen: Die Ehe ist die Lehre des Unendlich-Kleinen . Vierzig Jahre lang hatte er die Quadratur seiner häuslichen Zufriedenheit vergebens gesucht. Seine Frau rollte von Laune zu Laune, bis sie in das Grab fiel. »Und da ward der gute Professor wohl recht froh?« – Ach nein; er weinte und starb. » Montag, den 7. Juli . Sophie kam auf mein Zimmer und fand mich im Rauchen. Sie öffnete alle Fenster und sagte mit gedämpftem Ernste: Fritz, das Rauchen werde ich dir abgewöhnen! . . . Karl, teurer Freund, hast du das gehört? So ein Püppchen von achtzehn Jahren will mir etwas abgewöhnen, einem Manne von gesetztem Charakter!« – Alter, willst du sagen. »Nun meinetwegen, wenn du willst, Alter. Frühe Weisheit, späte Liebe!« » Montag, den 14. Juli  . . .« – Deine Montage sind nicht blau, wie es scheint. »Meine Sophie ist aber auch gar zu furchtsam! Einige Ängstlichkeit steht dem Weibe gut; ein mutiges Weib ist so häßlich als ein furchtsamer Mann. Doch zu groß darf ihre Furchtsamkeit nicht sein. Wir gingen den herrlichen Fußpfad, der längs des Waldes zum Brünnchen führt. Eine Lämmerherde graste auf dem Wege. Sophie wollte nicht vorbei, wegen des Schäferhundes. Sie bemerkte, der Hund strecke die Zunge heraus, und das bedeute nichts Gutes. Ich zog sie mit einiger Gewalt in die Herde hinein. Ach! Unter den Lämmern ward sie . . .« – Tue dir keine Gewalt an, Fritz; ich will es für dich sagen. Sie ward unter den Lämmern eine Wölfin. »Jetzt kommen zwei Vorfälle, die ich dir verschweigen muß, Karl.« – Behalte sie für dich, wenn du Verschwiegenheit geschworen. Freimaurer-Geheimnisse, die jeder erwachsene Mensch weiß! Ich möchte nur noch hören, was euern jetzigen, nun schon dreißigstündigen Krieg veranlaßt. »Vorgestern brachten wir den Tag auf unserm Landhause zu. Vor dem Essen gingen wir spazieren. Da sah ich in der Ferne Frau Marthe kommen. Karl, du warst dabei, wie ich mich als Fuchs mit dem wilden Senior der Westphalen geschlagen; aber wenn ich Frau Marthe sehe, werde ich blaß. Wehe dem Unglücklichen, der ihr in den Weg kommt! Sie führt rhetorisch in das Haus jeder Familie, in jedes Zimmer des Hauses, in jedes Mausloch des Zimmers, und erzählt, was seit zwanzig Jahren darin vorgegangen. Und wenn sie fertig ist, verdreht sie die Augen und sagt, das Beste, nämlich das Schlimmste, verschweige sie aus Menschenliebe. Ich begreife gar nicht, wie meine Sophie, bei so viel Geist und Herz, an einer solchen Lästerzunge Wohlgefallen finden kann!« – Und das begreifst du nicht, Fritz? So erfahre denn von mir, daß in jeder Frau, in der geistreichsten wie in der dümmsten, ein Gänschen steckt und daß, wenn die Stunde des Schnatterns kommt, auch Frau von Staël mit ihrem Kammermädchen sympathisiert. »Noch trennte uns ein Hügel, um den sich mehrere Wege bogen. Ich schlug den Weg ein, auf dem ich sie zu vermeiden hoffte. Aber, entweder ich kannte die Topographie der Gegend nicht genau, oder ich bin ein schlechter Taktiker, denn als wir aus dem Hohlwege kamen, stießen wir gerade mit den Köpfen aneinander. Erst wurden weibliche Küsse gewechselt, diese geheimen Ordenskennzeichen der Schwesternschaft; dann brach es los. Ich habe einmal als Student in einer Mühle geschlafen; aber wenigstens fand ich den anderen Morgen die Müllerstochter schön. Doch Frau Marthe ist häßlich wie die Nacht.« – O wehe, du armer Fritz! Wenn Frau Marthe häßlich ist, ist das Freundschaftsbündnis gar nicht aufzulösen. »Und das Schleichen, Karl! Du kennst diese Qual nicht. Die Weiber gehen, als wären ihre Füße von Porzellan. Wie ein Minutenzeiger um den Stundenzeiger, mache ich sechzig Schritte um meine Sophie, während sie einen Schritt macht, und ich erreiche doch nicht eher das Ziel. Wenn ich an die Seligkeit denke, die mir zuteil geworden, mit meiner Sophie durch das Leben zu wandern, kann ich die nicht fassen, die ich erst empfände, wenn ich starken Schrittes mit ihr den Weg gehen dürfte! . . . Frau Marthe ging mit uns zurück, und endlich kamen wir an unsern Garten. Ich war glücklich. Sophie bat sie, mit einzutreten; ich zitterte. Aber Frau Marthe schlug es aus. Was tut meine gute Sophie? Sie spricht mit ihrer Flötenstimme: Beste, Sie haben uns nach Hause begleitet, jetzt wollen wir Sie nach Hause begleiten. Wir hat sie gesagt, als wär' ich der Kometenschweif ihrer Laune! Ich folgte halb bewußtlos, als würde ich zum Richtplatz geführt. Auf dem Wege fühlte ich mich einer Ohnmacht nahe, und ich stieß meine Frau leise an. Da trennten sie sich. Ich schöpfte freie Luft; auch hatte ich sie bald nötig. Der Zorn meiner guten Sophie lagerte sich wie ein Alp auf meine Brust und erdrückte sie fast. Sie sagte, gegen Frau Marthe wäre ich grob gewesen, und sie selbst hätte ich gestoßen. Ich schwöre es dir, Karl, Aurora mit ihren Rosenfingern hätte sie nicht zarter berühren können. Aber sie blieb dabei, ich hätte ihr einen Puff gegeben, und sie sagte, ich wäre ein Bär.« – Ein Bär! »Ja, ein Bär! Und das war das letzte Wort, das ich seit vorgestern von ihr gehört.« – Nein, Fritz, das hielte ich nicht aus. Da sollte doch lieber . . . Philolog, wie heißt das Donnerwetter auf zart griechisch? Konnte dich deine Frau geduldig an Langeweile leiden sehen, so wäre sie auch fähig, dich zu vergiften. Laß' dich von ihr scheiden, Fritz. Ich habe zum Spaße Karl V. peinliche Halsgerichts-Ordnung gelesen, und die ganze neuere Literatur der Henker- und Kerkerlehre. Himmel! was haben die Väter des Volkes gerädert, gehängt, geköpft, verbrannt, erdrosselt, gevierteilt, ersäuft, gebrandmarkt, gefoltert, eingekerkert, verpönt, anbefohlen und verboten! Jeden Abend, wenn ich schlafen gehe, verwundere ich mich, daß ich noch nicht gehängt bin. Aber von dem größten aller Verbrechen haben sie kein Wort gesagt; von dem Verbrechen, einem menschlichen Wesen, einem Ebenbilde Gottes, Langeweile zu machen. Freilich, die Herren Gesetzgeber waren große und vornehme Herren, die jeden nach Belieben vor sich ließen oder wegschickten, empfingen oder verabschiedeten. Sie kannten die Langeweile nicht und dachten so wenig daran, eine Strafe auf dieses Verbrechen zu setzen, als Solon an den Elternmord gedacht. Ist Langeweile verursachen nicht ein wahrer Elternmord? Ist nicht die Zeit unser aller Mutter? Wer mich verwundet oder umbringt, hat doch nur meinen Körper verletzt oder getötet: wer mir aber Langeweile macht, verletzt oder ermordet meine Seele. »So denke ich auch, Karl. Ich kann alles ertragen, Hunger und Durst, Frost und Hitze, Rheumatismus und die Quotidienne in Paris, Zahnschmerzen und unverdiente Vorwürfe; aber die Langeweile, die ist stärker als ich. Und nicht damit zufrieden, mir, vielleicht ohne ihre Schuld, Langeweile verursacht zu haben, vermehrt sie noch dieselbe, indem sie schmollt und mich seit zwei Tagen allein gelassen hat.« – Führe mich zu ihr, Fritz, ich will ihr den Kopf zurechtsetzen. »Tue das, lieber Karl; aber ich bitte dich, sei nicht grob.« – Laß' mich nur machen. Ich weiß eine Strafpredigt auswendig, die hat schon in zwanzig Fällen gute Dienste geleistet. In zehn Minuten hast du sie wieder gewonnen, oder du hast nichts an ihr verloren. Fritz führte mich in das Zimmer seiner Frau. Das liebe Weibchen saß ganz vergnügt an einem Tischchen und aß Erdbeeren mit Zucker. Das vorjährige Taschenbuch für Liebe und Freundschaft lag vor ihr aufgeschlagen. Als wir eintraten, wollte sie fortgehen; ich bat sie aber, zu bleiben, ich hätte ihr nötige Dinge zu sagen. Jetzt fing ich zu reden an; aber nicht mit einem Adagio, sondern gleich ganz erschrecklich, wie die Ouvertüre zur diebischen Elster. Pfui! Weg die Runzeln und der Stirn Gewölk! Nicht Hohn geschnellt aus dem entflammten Blick Auf deinen Herrn, dein Haupt, dein fürstlich Haupt! Das kränkt die Schönheit, wie der Frost die Flur, Entstellt den Ruf, wie Sturm den Blütenbaum, Und ist durchaus nicht hübsch, noch angenehm. Ein aufgeregtes Weib gleicht einem Sumpf, Morastig, häßlich, dick – ohn' allen Reiz! So lang' er das ist, nicht der Durstige Trinkt einen Tropfen d'raus, noch rührt ihn an. Dein Eh'mann ist dein Herr, dein Licht, dein Leben, Dein Fürst, dein Oberhaupt; er sorgt für dich Und deinen Wohlstand; er gibt preis den Leib Mühsamer Arbeit, rings zur See, zu Land, Ausharrt er Nacht' im Sturm und Tag' in Frost, Weil du daheim liegst warm und wohlgemut; Und keinen Zins verlangt er sonst von dir, Als Liebe, heitern Blick und Folgsamkeit: Zu kleine Zahlung für so große Schuld! Was schuldig ist der Untertan dem Herrn, Das ist die Frau auch schuldig ihrem Mann. Und ist sie kopfstarr, launisch, düster, sau'r, Unfolgsam selbst dem billigsten Gebot, Was ist sie, als aufsätzige Rebellin, Danklos und frevelnd am liebreichen Herrn? Ich fühle Scham, daß Weiber sind so dumm, Krieg suchend, wo man sollte knien um Frieden; Erstrebend Herrschaft, Macht und Tyrannei, Wo besser ziemt Gehorsam, Lieb' und Treu. Warum ist euer Bau zart, fein und sanft, Kraftlos für Müh' und Ungemach der Welt? Ein sanftes Herz und Sitte, zart und fein, Soll stimmen mit dem Äußern überein. Anfänglich machte Sophie einen spöttischen Mund; dann lächelte sie; dann ward sie still; dann wurde sie ernst; dann fingen ihre Augen zu tröpfeln an; dann entstürzte ihnen ein Strom von Tränen, dann schlüpfte sie hinaus, schloß den Janus-Tempel, kam zurück und fiel ihrem Manne schluchzend um den Hals. Shakespeare's Geist lächelte von den Sternen herab; ich aber eilte fort und ließ die Glücklichen allein mit ihrer Liebe. Der Gott in Höflingen Das Spaßhafte der Sache liegt nur darin: daß die Leser anfänglich glauben werden, ich mache Spaß, und die Höflinge unter ihnen, ich wolle ihrer spotten, und daß der letzteren einer, begreift er endlich, daß ich es ernst gemeint, voller Angst zu seinem Arzte schicken und dem Herbeigeeilten sagen wird: »Medizinalrat, ich bin ein Mann und zittere vor dem Tode nicht, darum Offenherzigkeit! Bin ich wirklich ein Schwärmer? Habe ich Religion? Liege ich an Ideen darnieder? Gerade heraus, ist die Krankheit immer tödlich, oder hat man Beispiele von deren glücklichen Heilung? Was halten Sie von meinem Zustande?« Ja, Herr Hofmarschall! Sie sind schwärmerischer als ein Verliebter, frömmer als ein Heiliger, phantastischer als Jakob Böhm; Sie leben in einer luftigen Ideenwelt und sind gar nicht praktisch. Aber beunruhigen Sie sich nicht, Sie haben eine gute Natur und werden nicht daran sterben! . . . Ich sage: das ist allein der Spaß; im übrigen aber wird man den heiligen Ernst nicht verkennen. Jener Haushofmeister eines Prinzen Conti, der, nach beendigtem Festmahle, das er für seinen Gebieter angeordnet, sich den Degen in das Herz stieß und starb, weil auf dem Tische eine Schüssel Stockfische gemangelt – gemangelt ohne sein Verschulden (der Eilbote war damit eine Stunde zu spät aus dem Hafen gekommen) – gemangelt nur ihm, seinem Künstlerauge, nicht den Gästen und zur Sättigung – den Opfertod jenes edlen Haushofmeisters, werdet ihr ihn verspotten? Tut das nicht, nur seiner Zeit dürft ihr lachen. Gibt es einen himmlischen Lohn für jede irdische Hingebung, dann wird auch der Haushofmeister seine Palme finden. Freilich werden Brutus, Sokrates und Timoleon dem neuen Heiligen mit Lächeln entgegenschweben, aber sie werden ihm lächeln wie einem Kinde; und wenn der Himmel seine Spiele hat, werden sie ihn ergötzen, und der verklärte Haushofmeister wird mit seinem Degen an der Seite hinter dem Stuhle des großen Cäsar stehen, und die Majestät wird seine Kunst loben, und an Stockfischen wird's nicht mangeln! . . . Racine, welcher krank ward und starb, weil König Ludwig ohne Blick an ihm vorübergegangen war – er starb nur seinem Gotte, doch er starb dem Göttlichen. Der Himmel hat tausend Pforten, die Hölle hat nur eine, und seltener als man denkt, gelingt es Menschen und schwerer als man glaubt, sich verdammen zu lassen. Der Ruhm glänzt, wie die Sonne, mit eigenem Lichte; die Ehre gleicht der Erde, die mit geborgten Strahlen leuchtet; die Eitelkeit ist der Mond dieser Erde, der Ehre kühler und kleiner Trabant. Aber das Licht der Tugend behält, wie Wein im Wasser, auch verdünnt von seiner Kraft. Der Mensch, so gemein sein Treiben auch sei, lebt in Ideen, bis in den Sumpf spiegelt sich der Himmel ab. Der Höfling, der sich alle seine Jahre um ein Band am Rocke, um ein Lächeln seines Gebieters, um den leeren Schall eines Titels martert, opfert er nicht Ruhe, Glück und Frieden, gleich dem edlern Schwärmer, auch einem Gedankenbilde? Und ist es sein Vergehen, wenn er mit den Zeitgenossen summt, die den vergoldeten Turmknopf, um den sie gleich Mücken kriechen, für einen Sonnenball halten? Ich habe einen Freund, der sich so gern an den Pranger stellte, als einen Orden trüge, den aber jede Volksgunst, die in alter oder neuer Zeit diesem oder jenem widerfahren, bis zu Tränen der Eifersucht bewegt. Er hat freilich ein größeres und schöneres Recht als jener Höfling, aber kein anderes. Wohl ist es größer und schöner, den nach Bewegung lechzenden Geist auf weiter See schiffen zu lassen, und das glühende Herz an Meeresstürmen abzukühlen, als sich auf einem Gartenteiche zu schaukeln und mit einem Fächer die heißen Wangen zu erfrischen; aber hier und dort ist Wind und Wasser, und das göttliche Element, woraus jeder schöpft nach Vermögen mit kleinerem oder größerem, mit irdenem oder goldenem Gefäße. Der Weltmann spottet des Schwärmers, den er verkennt, nur weil er sich selbst nicht kennt. Nachdem er seinen Hunger gestillt und seinen Durst gelöscht, wofür bemüht er sich? Für ein Gedankenbild; er schwärmt selbst. Wir bewundern die großen Männer des alten Roms; kehrten diese zurück, sie würden uns mehr bewundern als wir sie. Was ist leichter: im Rausche der Begeisterung, die nicht rechnet, Leben und Gut an das Glück des Vaterlandes, eine Spanne Zeit an ewigen Nachruhm wagen – oder nüchtern fünfzig Jahre lang auf dem Seile der Intrige zu tanzen und mit klopfendem Herzen ängstliche Blicke rechts und links auf die Balancierstange der List zu werfen, um keinen andern Lohn, als sich von kindischen Zuschauern begaffen und beklatschen zu lassen? Was ist gewinnsüchtiger: schnödes Geld gegen Freiheit eintauschen – oder eine eiserne Kette zu schleppen, sich damit eine goldene zu verdienen? Darum nicht verachten oder hassen, belehren und belächeln soll man jene Weltleute, die jeder edeln Regung spotten. Wer nur wenige Jahre das Erziehungsrecht über sie selbst hätte, würde sie zu ihrer Beschämung dahin bringen, daß sie mit Füßen treten, was sie früher angebetet, und anbeten, was sie früher mit Füßen getreten. Alle Menschen aller Zeiten wurzeln in dem schmutzigen Boden des Eigennutzes; aber mit Stamm, Zweigen, Blüten und Früchten erhoben sie sich über die Erde und lebten im reinen Elemente, höher oder nieder wachsend, heller oder dunkler blühend, mit mehr oder minder süßer Frucht, je nach Samen, Witterung, Jahreszeit, Himmelsstrich und Pflege – aber alle nach dem Himmel strebend. Fastenpredigt über die Eifersucht Das Scharlachfieber füllt im Konversationslexikon mehr als sechs Seiten an, die Eifersucht kaum eine halbe Seite. Wunderliches Größenverhältnis! Jenes Übel, das nur die Oberfläche des menschlichen Lebens berührt, findet ärztliche Sorgfalt, freundliche Wärter, baldige Heilung und den sanften Kindertod, wenn die Natur unversöhnlich ist. Die Eifersucht aber, welche alle die großen Lebensräume des ausgebildeten Mannes und Weibes anfällt, ihr Inneres zerreißt, versengt, vergiftet, sie grausam verfolgt und die geängstigte flüchtige Empfindung aus dem verborgensten, dunkelsten Winkel hervorholt, sucht vergebens Trost und Beistand, sie findet nur Spott und Verachtung; der friedebringende Tod und selbst der Wunsch, zu genesen, bleibt ihr versagt. Prometheus, weil er das Feuer des Himmels entwendet und es dem feuchten Menschen eingehaucht, ward an einen Felsen geschmiedet, wo ein schrecklicher Geier an seinem Herzen nagte, ohne es je zu zernagen. Die Liebe ist jene Flamme, welche die Götter den Sterblichen mißgönnen, und die Eifersucht ist der fressende Geier, der den Diebstahl furchtbar rächt. Die Eifersucht der Männer muß von der Eifersucht der Frauen gesondert werden, sie haben eine gemeinschaftliche Quelle, aber ihr Lauf und, um das Bild zu vollenden, die Ufer, die sie bespülen, sind so unendlich verschieden, als es ihr Ausfluß ist, wenn sie diesen erreichen, und sich nicht in der Tiefe verlieren. Der Mann haßt seine Nebenbuhler nicht, das Weib verabscheut seine Nebenbuhlerinnen. Die Eifersucht des Mannes ist ein stürmisches Meer, das alles überschwemmt, alles, was fest an ihm ist, niederreißt und verschlingt, das alle seine Tiefen ausfüllt, alle Ströme seiner Empfindung aufnimmt und seinen Geist zerstört. Die Eifersucht des Weibes ist ein schmaler, reißender, tückischer Strom, der seine Tiefe verbirgt und an dem die stillen Ufer um so schärfer und höher hervorragen; sie erhöht seine Empfindungen und stärkt seinen Geist. Der eifersüchtige Mann ist ein zorniger Löwe; er ist edel, und nur der Hunger zwingt ihn, seine Beute zu zerreißen. Das eifersüchtige Weib ist eine erboste Schlange, sie ist eitel, und die Lüsternheit allein verführt sie zum Stechen. Die Erbitterung des eifersüchtigen Mannes ist gegen den geliebten Gegenstand gerichtet, und sie unterbricht seine Liebe; die des eifersüchtigen Weibes wendet sich seiner Nebenbuhlerin zu, und ihre Liebe wird dadurch erhöht. Die Eifersucht macht den Mann dumm, lächerlich und setzt ihn in der Liebe des Weibes herab; das Weib macht sie geistreicher, liebenswürdiger, und sie steigert die Empfindung des Mannes. Die Eifersucht ist ein furchtbares, blutiges Werkzeug, das ein Weib leichtsinnig gebraucht, ihrer Eitelkeit ein wenig Zuckerwerk vorzuschneiden; es verletzt oft damit selbst einen geliebten Mann, um sich an seinen Schmerzen zu ergötzen. Der Mann verschmäht dieses grausame Mittel, ob es zwar selten seinen Zweck verfehlte, würde es angewendet, die schlummernde Liebe eines Weibes aufzuwecken, die verheimlichte zum Geständnisse zu bringen, oder selbst die nicht bestehende zu schaffen. Die Freude ist gleichförmig, weil sie den ganzen Menschen ausfüllt. Denn jede Lust, durch welchen Sinn, durch welche Seite des Lebens sie auch einkehrt, ist nur der rohe Stoff, der wohl an der Eintrittspforte einen geringen Zoll erlegt, aber dann sich weiterführt, um dann im menschlichen Herzen, dieser großen gemeinschaftlichen Werkstätte, nach gleichen und unwandelbaren Regeln zubereitet zu werden. Alle Genüsse, so verschieden auch ihre Bestandteile sind, werden, wenn sie durch das Herz gehen, in Blut verwandelt. Darum ist die Freude so einfach und ohne Wechsel, und daher ist Entbehren die große Bedingung unseres Glückes, weil man das gesättigte Herz nüchtern machen muß, um seine Empfänglichkeit zu erneuern. Aber der Schmerz ist tausendfältig, denn das auflösende Herz weist ihn zurück, er darf die Glieder nicht verlassen, die er peinigt, und wird in jedem derselben besonders empfunden. Doch einen Schmerz gibt es, der mit der Freude die schreckliche Gemeinschaft hat, daß auch er den ganzen Menschen ausfüllt und in's Blut des Lebens verwandelt wird – es ist die Eifersucht. Wie Musik eine überirdische Lust ist, und der Mensch, der sie empfindet, alle Freuden aller Welten genießt, so ist die Eifersucht ein unmenschlicher Schmerz, und die Brust, die sie erfüllt, fühlt die Leiden aller erschaffenen Dinge. Verschmähte Liebe ist Tod. Eifersucht ist mehr, sie ist die Furcht des Todes. Frauen verstehen die Liebe der Männer nicht zu schätzen. Weil sie alles, worüber sie schalten können, dafür hingeben, glauben sie, den vollen Preis bezahlt zu haben. Es ist ihre ewige Täuschung, daß ihre Liebe größer sei, denn sie wähnen zu geben, wenn sie empfangen. Das Weib lebt nur, wenn es liebt, es findet sich erst, wenn es sich in einen Mann verliert. Das Herz der Frauen wird leer geboren, und nichts darin hat dem Bilde eines geliebten Mannes erst den Platz zu räumen. Aber die Seele des letztern ist voll und belebt, und er muß eine Welt verdrängen, um den Gegenstand seiner Liebe aufzunehmen. Er opfert dem Weibe alle seine Sinne, seine Entwürfe, seine Hoffnungen. Seine Empfindungen sind Ströme, seine Gedanken die Schiffe darauf, in welchen er der Geliebten alle Freuden und Kräfte des Lebens zuführt. Er hat sein ganzes Eigentum in eine Hand gegeben, und wird nun seine Liebe verschmäht und verraten, so findet er nicht Nahrung noch Obdach, denn er ist von allem entblößt. Wohin soll sich der Unglückliche wenden? Soll er seinen Schmerz in den Taumel der Sinne versenken – die grausamen Wellen heben ihn immer wieder empor und führen ihn dem Lande zu. Soll er sich im Tun des Geistes zerstreuen? Aber er hat auch den Geist der Geliebten geopfert. Er kann sich nicht betäuben, denn er hört nicht, er kann sich nicht verblenden, denn seine Augen sind geschlossen. Dem liebenden Jüngling ist die ganze Menschheit nur eine Sache. Die Welt ist ihm leblos und entvölkert, ihre Pulse stocken, wenn das Herz der Geliebten aufhört, für ihn zu schlagen. Jedes Seelenleid hat seine warmen Tränen, die manche stehende Eiszacke der Empfindung wegschmelzen; nur die Eifersucht hat sie nicht, und das trockne, verkohlte Auge zeigt den dürren Grund eines ausgebrannten Kraters. Jeder Schmerz hat seinen Schlummer, der ihn in Vergessenheit wiegt; nur der Eifersüchtige wacht immer, und kein schmeichelnder Traum gibt ihm zurück, was ihm der Tag genommen. Findet ein leises körperliches Mißbehagen seinen Arzt und schon die üble Laune eines Freundes ihren Tröster, warum bleibt allein das furchtbarste aller Übel ohne Hilfe und Beschwichtigung? Warum findet der Eifersüchtige weder Arznei noch Teilnahme? Weil die Nähe eines Eifersüchtigen drohend und verderblich ist; wo er weilt, da hausen Schlangen unter den Rosen der geselligen Freude. Der liebende Mann hat sein ganzes Dasein auf das Herz eines Weibes gestützt; wankt und bricht nun diese Säule unter ihm, dann stürzt er in den leeren Raum, und je bedeutender er ist, je mehr Tugenden er besitzt, desto gewichtiger ist sein Fall und desto gefährlicher wird er jedem, dem er in seinem Sturze begegnet. Darum flieht man ihn, wie man der verderbenschwangeren Bombe ausweicht. Jede andere Schwäche, jedes Laster, ja eine schlechte Handlung verzeiht man dem Manne, weil diese nur ein Glied seines Wesens verderben, und die Freundschaft oder die Achtung in seinen übrig gebliebenen gesunden Teilen Ersatz für die erkrankten finden. Wer aber an der Eifersucht krank liegt, dessen ganze Natur ist zerrüttet und, gleich einem durchaus verdorbenen Schuldner, kann er auch nicht den kleinsten Teil der gerechten Forderungen der Welt befriedigen. Wie kann der liebevolle Nachsicht fordern, der selbst Liebe für keinen hegt, weil er die ganze Summe seines Herzens einem einzigen Wesen hingegeben hat? Seine Seele ist eine Wasserwüste; vergebens schickt die Barmherzigkeit ihre Taube aus, sie bringt kein Ölblatt zurück, das die Rettung von irgendetwas Festem, Lebendigem bezeuge. Eifersucht ist der einzige verlorene Schmerz, die alleinigen Wehen in der Natur, welchen nie eine Geburt nachfolgt. Krankheiten stärken den Körper, Armut macht tätig und reich, Torheit macht weise, Ungewitter befruchten, was der Blitz zerstört, wird gut bezahlt, am Fuße flammenspeiender Berge blühen üppige Länder. Und gibt es Übel, die kein Gut begleitet, so sehen wir in der Erinnerung jeder überstandenen Not eine ähnliche Schwester der Freude. Aber die Eifersucht ist eine Wolke ohne Himmel, hinter ihr ist das schreckliche Nichts. Sie macht nicht stark, nicht weise, sie bessert, sie reinigt nicht, sie erwirbt nicht fremde Liebe, sie befreit nicht von der eignen, und endet sie, so endet die Liebe mit ihr, und das Herz gewinnt nur die Ruhe des Grabes. Die Rückerinnerung dieser Qual, wie traurig ist sie! Der Leidende fühlt sich wie nach einem Schiffbruche auf dürren Meeresstrand geworfen; das Leben ist gerettet, aber das Fahrzeug, das alle seine Güter trug, haben die Wellen verschlungen, und als nackter Bettler wandert er durch die Welt. Warum ist das zarte, innig fühlende Weib, das einem Manne diesen furchtbaren Schmerz einflößt, so empfindungslos dagegen? Das Weib bildet den Horizont der Menschen, an dem Himmel und Erde zusammentreffen. Engel und Teufel vertragen sich in ihm, wie sonst nirgends. Die sanfteste, edelmütigste Frau besitzt von der Hölle wenigstens ein volles Kohlenbecken, und es ist keine so ruchlos, die nicht einen kleinen Winkel des Paradieses in ihrem Herzen trüge. Wo ihre höchste Würde, da ist ihre niedrigste Gemeinheit nicht weit davon. Seht ihr ein königliches Weib auf goldenem Throne, so hat es einen Schemel von schlechtem Holze unter seinen Füßen. Man muß sie hassen, damit man sie ja nicht liebe, sie verachten, um sie nicht anzubeten, sie beherrschen, um nicht ihr Sklave zu werden. Die Liebe ist ihre Angel, die sie ernährt und ergötzt. Die großen Fische töten, mit den kleinen spielen sie. Es gibt nichts Lächerlicheres als ein verliebter Mann; ein Goldfischchen in einer Wasserglocke ist ein erhabener Anblick dagegen. Liebe einzuflößen ist das unaufhörliche Bestreben der Weiber. Sie wünschen dem Monde ein Herz, um es auszufüllen. Aber, gleich Helden, suchen sie nur den Kampf und verschmähen die Beute. Nicht das Herz, das sich ihnen ergibt, das widerstehende achten sie. Darum hat der Eifersüchtige kein Mitleid zu erwarten; er ist abgetan. Der Gleichgültige beschäftigt alle ihre Sinne, Kräfte und Wünsche; sie haben keine Tränen für die Wunden, die sie schlugen, aber sie küssen die Hand, die ihnen Wunden schlägt. Man begießt und wartet die Bäume nur, bis der Herbst gekommen, und Eifersucht ist die überreife Frucht der Liebe. Das entlaubte Herz wird gespalten, und die schönen Gärtnerinnen wärmen ihre Winterstuben mit dem Holze. Wollet ihr Liebe erwerben, verbergt die eure, wollt ihr euch gegen Eifersucht schützen, erregt sie. Macht es wie die Wanderer im heißen Afrika. Wenn sie reißenden Tieren begegnen, werfen sie sich zur Erde, halten den Schlag ihres Herzens zurück, die Tiger kommen herbei, belecken den Scheintoten und gehen, ohne ihn zu verletzen, vorüber. Liebende Jünglinge! Haltet den Schlag eures Herzens zurück, die Weiber küssen euch dann und zerfleischen euch nicht. Der Eßkünstler Nur drei Tage wurde ich in Wien verkannt, daher ich mich glücklicher schätzen darf, als viele andere. Nämlich der heiligen Allianz meiner Tischgenossenschaft, welche ihren Zweck, gemeinschaftlich zu verschlingen, gar nicht zu beschönigen suchte, drohte Zweitracht; denn sie konnte nicht einig darüber werden, ob ich verliebt sei, oder ein tiefsinniger Gelehrter, oder ein Narr, oder taubstumm, oder ein langweiliger und trockener Mensch. Allerdings hatte jede dieser Meinungen Gründe für sich. Ich aß wenig, sprach nichts, hörte auf keine Anrede . . . bald war ich düster, bald lachte ich laut auf . . . ich schnitt mehrere Gesichter, mein Blick war starr auf diesen oder jenen Punkt gerichtet, und nicht selten fuhr ich mit der Hand über die Stirne, gleich unseren artigen jungen Herren, die, wenn plötzlich Frauenzimmer in die Stube treten, sich aus dem Stegreife frisieren und ihre Locken in eine liebliche Verwirrung bringen. Aber nach einer Woche klärte sich alles auf, und meine gewöhnliche Liebenswürdigkeit, das heißt meine sehr gewöhnliche, kehrte zurück. Die Sache verhält sich wie folgt: Mir gegenüber saß ein Mann, an dessen Rocke von unaussprechlicher Farbe eine seltene Seltenheit der Knöpfe meine Aufmerksamkeit anzog. Auf drei Quadratschuh Tuch kam nicht mehr als ein einziger Knopf – eine Bevölkerung, die zwar, wenn von den Menschen die Rede wäre, zu den großen gehörte, denn sie überträfe selbst die von Malta, die aber, da es sich um Knöpfe handelt, von einer Sparsamkeit ohne Beispiel ist. Ich schloß aus Gründen der Anthropologie, daß ein Mensch von so eigentümlicher Physiognomie ein ausgezeichneter Mensch sein müsse, und ich irrte mich nicht. Ich entdeckte bald in ihm einen höchst vortrefflichen Eßkünstler, der mit seinen herrlichen Gaben auch die Tugend der Uneigennützigkeit verband, indem er acht Tage hintereinander in seiner Kunst unentgeltlich öffentliche Vorstellungen gab. Man wird mir beistimmen, wenn ich behaupte, daß die meisten Menschen wie das Vieh essen, ohne klares Bewußtsein, ohne Überlegung, ohne Regel, und ohne jene Anmut, welche nur die verschönernde Kunst über die Natur haucht. Was ich nur immer dunkel geahnet hatte, daß das Essen etwas viel Erhabeneres bezwecke, als die Befriedigung eines bloß tierischen Triebes, wurde mir klar durch die Anschauung der Meisterschaft, welche der würdige Künstler, von dem ich reden will, vor meinen Augen entfaltete. Andere Konzertgeber warten gewöhnlich, bis sich das Orchester versammelt hat und das Stimmen zu Ende ist; dann erst treten sie hervor. Unser Künstler aber verschmähte den kleinlichen Kunstgriff, durch Überraschung zu wirken. Im Gegenteil, er war eine halbe Stunde früher als die übrigen Gäste im Speisesaal, so daß die Kellner oft irre wurden und fragten, was er befehle, denn sie glaubten, er suche ein Gabelfrühstück. Diese Einsamkeit benutzte er als ein Mann, dem seine Kunst heilig ist und der sie nicht bloß zum schnöden Zeitvertreibe der Menge übt. Er unterwarf sein Gedeck einer höchst genauen Musterung; die Teller und das Glas wurden nachgesäubert; er untersuchte das Messer, ob es keine Scharten habe, in welchem Falle er es mit einem anderen vertauschte. Am meisten aber war er auf die Elastizität des Stuhles bedacht, wohl erwägend, wie viel auf diesen Resonanzboden des Eßinstrumentes ankäme. Darauf maß er sich mit seinen Ellenbogen einen freien Umkreis ab, indem er die Stühle auf beiden Seiten zusammenrückte, so daß man sich später wunderte, wie ein Mann, der für sechs essen mochte, doch nur für zwei Personen saß. War dieses alles geschehen und es blieb ihm noch Zeit übrig, so präludierte er, indem er sich ein Glas Wein aus den gemeinschaftlichen Beiträgen der benachbarten Flaschen sammelte und dazu ein Milchbrot mit etwas Gurkensalat genoß. So konnte er von seinem sichern Hafen aus mit Ruhe auf den Sturm der heranwogenden Gäste schauen, und durfte sich, während die andern verwirrt ihre Plätze suchten und hungrig der Suppe entgegenseufzten, der Früchte seiner weisen Vorsicht erfreuen. Man kann sich nicht genug darüber wundern, wie es so viel tausend Menschen, die seit undenklichen Zeiten täglich in Gasthöfen speisen, entgehen konnte, daß der Gebrauch der Gabel einer der Gebräuche sei, welche die Wirte aus Spitzbüberei eingeführt haben. Bei nur einiger Aufmerksamkeit hätte man entdeckt, daß jenes Werkzeug weniger geeignet ist, die Speisen zu halten, als herab- und durchfallen zu lassen. Einen so hellsehenden Eßkünstler wie den unsrigen, konnte die heuchlerische Hilfsleistung der Gabel nicht betören, und er bediente sich ihrer nie, sondern gebrauchte bei allen Speisen den sichern und weitumfassenden Löffel, den er vor den räuberischen Händen der Kellner, die nach der Suppe alle Löffel wegräumten, dadurch sicherte, daß er Exerzitien und gymnastische Übungen mit ihm anstellte, so daß er nicht zu erhaschen war. Die Völker germanischen Ursprungs leben alle in dem Wahne, als wären die verschiedenen Beiessen, von welchen das Rindfleisch begleitet zu werden pflegt, rote Rüben, Gurkensalat usw., nur zur Auswahl da: aber unser großer Künstler ging von dem Standpunkt aus, daß jene Beiessen Simultanspeisen wären, und die glückliche Anwendung seines Grundsatzes zeugte von dessen Richtigkeit. Meerrettich, geröstete Kartoffeln, die gewöhnliche braune Brühe, eingemachte Bohnen, Gurkensalat, Radieschen, rote Rüben, Rettichscheiben, Senf und Salz brachte er sämtlich auf seinen Teller und wußte sie durch eine weise Benutzung des Raumes dergestalt im Kreise zu ordnen, daß keines das andere berührte. Nur ein einziger Platz blieb leer, wie an Arthur's Tafelrunde, und war für das Beiessen bestimmt, welches er etwa übersehen haben und das noch kommen könnte. Das Vorurteil, daß die Künste in monarchischen Staaten größere Aufmunterung fänden als in republikanischen, hat jenes andere Vorurteil veranlaßt, daß die meisten Künstler aristokratisch gesinnt wären. Bedarf es noch eines Beweises, daß diese Ansicht falsch sei, so hat ihn unser Eßkünstler gegeben. Seine Neigung für Freiheit und Gleichheit war so heftig, daß ihn der Vorzug, welchen er Frauenzimmer genießen sah, bei Tische mit Übergehen der Herren zuerst bedient zu werden, in die größte Wut versetzte, und er schwatzte nicht bloß für die Freiheit gleich den deutschen Liberalen, sondern er kämpfte auch für sie, indem er jeden Kellner, der ihn überspringen wollte, um die Schüssel einer Dame zu reichen, gewaltsam am Ärmel zurückhielt und ihn Achtung der Menschenrechte lehrte. Den Kellnern selbst kam diese Freiheitsliebe unseres Künstlers am meisten zustatten; denn da der Wirt die geringste Nachlässigkeit, welche jene sich gegen die Gäste zuschulden kommen ließen, streng bestrafte, so arbeitete der Eßkünstler solcher Tyrannei dadurch entgegen, daß er den Kellnern unaufhörlich zurief und zuwinkte, sie sollten ihn nicht vernachlässigen und an ihn denken. Gemüse sind die Freuden des Eßpöbels und der Wirte; sie befriedigen das rohe Bedürfnis auf eine wohlfeile Art. Unser Künstler offenbarte seine Geringschätzung gegen dieselben hinlänglich, indem er bei keinem Gemüse lange verweilte, sondern von einem zum andern eilend, sich unter das Gefolge, die sogenannten Beilagen, mischte, wo er, wie dieses oft der Fall ist, größere Bildung fand als bei der Herrschaft. Einen neuen Hering, der noch sehr schüchtern war und dem man die Verlegenheit, vor so vielen Gästen zu erscheinen, ansah, munterte er auf und unterhielt sich so zutraulich mit ihm, daß dieser ein Leib und eine Seele mit ihm ward. Freilich murrten die Tischgenossen über diese Vernachlässigung des sogenannten Anstandes, aber unser Künstler lachte dazu und fragte einen österreichischen Grafen, ob nicht der älteste Hering auch einmal neu gewesen wäre? Vorzüge adeln, nicht Jahre – setzte er hinzu. Tutti aß zwar unser Künstler auch mit, sich von andern Künstlern unterscheidend, die hierin eine lächerlich-vornehme Zurückhaltung zu beobachten pflegen; doch wie natürlich versparte er seine meiste Kraft auf die Solos. Wenn er nach einem Halte, in Kadenzen, die gewöhnlich eine Schüssel Apfelkompott als langatmiger Triller schloß, sich ganz seiner freien Phantasie überlassen durfte, dann wurde auch der kälteste Mensch zur Bewunderung hingerissen. Wie aber die Zeit, die während des Tellerwechselns und Auf- und Abtragens der Gerichte verlorengeht, benutzt werden könnte, zeigte unser Eßkünstler zur Beschämung aller Tischgenossen. Ich weiß nicht, ob es ein passendes Gleichnis ist, wenn ich sage: Mehlspeisen sind die Adagios der Tischsymphonien; aber passend oder nicht, unser Künstler war hierin unerreichbar. Sobald die süße Schüssel auf der Schwelle der Saaltüre erschien, machte er ganz kleine Augen, um seine Sehkraft zu verstärken. Er hatte dieses optische Verfahren nicht aus Haller's Physiologie gelernt, sondern an mehreren europäischen Höfen, wo die Fürsten ihre Augen und Ohren bis auf eine kleine Öffnung verschließen, oder, was in der Berechnung auf eins herauskommt, wo sie nur wenige Höflinge sehen und anhören, um deutlicher zu vernehmen, was das Volk braucht und wünscht. Er machte also solche Hofaugen. Bis die Schüssel an seine Person kam, sprach er laut und viel, um gleich Frauenzimmern während eines Donnerwetters seine Angst zu betäuben. Er lachte mit sichtbarer Anstrengung. Endlich kam sie, und seine Brust ward frei. Er schnitt sich ein Stück von mittlerer Größe ab, das er, ehe er es aus der Schüssel nahm, einige Male darin herumdrehte, angeblich, es von allen Seiten zu beschauen, im Grunde aber, um es recht innig mit Sauce zu durchtränken. Dann überschüttete er es völlig, und wenn beim Schöpfen der Sauce noch etwas Solides im Löffel blieb, so war das schwer zu vermeiden. Freilich fiel ihm dann immer bei, die anwesenden Engländer möchten seine Anhänglichkeit an das Kontinentalsystem übelnehmen, und um diese zu täuschen, goß er so lange Sauce in den Teller, bis kein Land mehr zu sehen war. Doch gelang ihm dieses nicht immer, und mehrere Male ragte ein Berg Ararat von Mandeln und Rosinen über der Flut empor. Während des Essens der Mehlspeise war er nachdenklich und in sich gekehrt und man sah ihn nicht selten schmerzhaft lächeln. War das erste Drittel der Pudding-Portion verzehrt (denn er teilte seine Speiseportionen von allen Gerichten in drei Teile ab, weil die Teller zu klein waren, die ganze Portion auf einmal zu fassen), dann ließ er sich zum zweitenmal die Schüssel reichen, was gerade nichts Besonderes war. Beim drittenmal gebrauchte er List und rief dem Kellner zu, er wolle nur noch ein bißchen Sauce. Hatte er ihn aber herbeigelockt, dann lachte er ihn aus und griff auch zum übrigen. Nur deutsche Philister sind imstande, einen großen Mann zu bewundern, ohne ihn zu lieben. Daß große Männer auch immer gut sind, offenbarte unser Künstler in mehreren schönen Zügen. Nie schlug er eine Bitte unbedingt ab; konnte er sie nicht gewähren, so gab er wenigstens Hoffnung. Trug ihm der Kellner eine Schüssel vor, die er zurückweisen mußte, weil er zu beschäftigt war, sagte er: jetzt nicht, aber später, mein Freund! Ein rührender Zug seines sanften Herzens war folgender: eines Mittags wurde ihm zwischen dem Braten und dem Dessert noch einmal Suppe vorgesetzt, weil ihn der Kellner von hinten mit einem Gaste verwechselte, der eben erst in den Saal getreten und sich an den Tisch gesetzt hatte. Unser edler Künstler, um dem Kellner die Beschämung und die Vorwürfe des Wirtes zu ersparen, hatte die Großmut, die Suppe zu essen, als wäre sie für ihn bestimmt gewesen. In allen Dingen war er ausgezeichnet. So teilte er die Unart der meisten Gäste nicht, welche die großen Krebse auswählten und die kleinen in der Schüssel liegen ließen – er nahm die kleinen auch . . . Der eingeführten lächerlichen Sitte, in eine Pastete von oben einzudringen, und so gleichsam in ein Haus durch das Dach zu steigen, trotzte er mutig. Er machte zweckmäßiger zwei Seitenöffnungen einander gegenüber. Durch die Vordertür steckte er den Löffel und trieb das Wild und Geflügel nach der Hintertüre, wo er es mit Leichtigkeit auffing . . . Die Geschicklichkeit, mit welcher er einen Rebhuhnkopf trepanierte, hatte ihresgleichen nicht . . . Einen Prachthecht von seltener Größe nahm er ungeteilt vor sich, so daß der Fisch nur mit dem Leibe seinen eigenen Teller bedeckte, mit dem Kopf aber über den Teller seines rechten, und mit dem Schwanze über den seines linken Nachbarn hinausreichte, welches ein imposanter Anblick war. Man wird sich wundern zu hören, daß unser Künstler von den verschiedenen Bratensorten nur gewöhnlich viel aß, da allgemein bekannt ist, daß gerade diese Art Speisen bei wahren Kennern in großem Ansehen stehen. Aber der Meister betrat überall eine neue Bahn, und wie er selbst unnachahmlich war, so ahmte er auch niemals andere nach. Wie gesagt, er aß die Braten als Dilettant und benutzte die Muße, die er dadurch gewann, um sich auf das Dessert würdig vorzubereiten. Von diesem stellte er eine ganz neue Theorie auf, wodurch das bisherige System ganz über den Haufen geworfen wird. Ich werde mich bemühen, die neue Theorie unseres Künstlers in das klarste Licht zu setzen, und man wird erstaunen, daß die falsche Ansicht von Dessert sich so viele Jahrhunderte hat behaupten können. Joseph in Ägypten, den meine Leser, wenn auch nicht aus der Bibel, doch gewiß aus Mehuls Oper kennen, war in den Jahren der Fruchtbarkeit auf die künftigen Jahre der Hungersnot bedacht und ließ, als guter Staatsverwalter, Vorratskammern anlegen. Ich weiß nicht, ob sich unser Künstler gegen eine Frau Potiphar so streng benommen hätte wie der keusche Joseph, aber in der Nationalökonomie blieb er hinter dem Sohne der Rahel nicht zurück. Auch ihn machte der Überfluß bei Tische nicht sorglos, er gedachte der sieben magern Nachmittagsstunden und traf seine Maßregeln. Ein glücklicher Umstand, der Brand von Moskau, trug viel dazu bei, ihn auf den Weg der Weisheit zu führen. Der Künstler hatte in den ewig denkwürdigen Jahren 1814 und 1815 für die gute Sache gefochten und aus dem glorreichen Freiheitskampfe die wahre Ansicht vom Dom zu Köln, das Hep Hep und die Sprachreinigkeit als Beute des Sieges mit in die Heimat gebracht. Er war es, der den Vorschlag gemacht, der Bundestag solle sich nicht eher versammeln, als bis der Dom zu Köln ausgebaut wäre, um dann darin Platz zu nehmen, und jeder wahre Freund des deutschen Vaterlandes muß bedauern, daß dieser Vorschlag nicht zur Ausführung kam und daß sich der Bundestag früher versammelte. Er war es, der die Judenverfolgung in Gang brachte, um Freiheit und Gleichheit einzuführen, und ihm hat man zu verdanken, daß die Sekte der Puristen sich so allgemein verbreitet hat. Er jagte alle französischen Wörter über den Rhein zurück, und selbst das sanfte Dessert konnte seinem Hasse nicht entgehen; er sagte dafür Nachtisch. Nachtisch! Möchte man doch immer der ursprünglichen Bedeutung der Wörter nachforschen, dann wäre es leicht, sich über die wahre Beschaffenheit aller Dinge zu verständigen! Was heißt Nachtisch? Nachtisch heißt dasjenige Essen, welches nicht bei Tische, sondern nach Tische verzehrt wird. Unser Künstler war nun nach dem zweiten Pariser Frieden gar nicht mehr zweifelhaft über das, was ihm als deutschem Manne zu tun oblag, er aß den Nachtisch nach Tische. Um aber die neue Institution so fester zu begründen, gab er ihr eine historische Basis. Er aß daher, gleich den übrigen Gästen, sein Dessert noch bei Tische, war dieses aber geschehen, so häufte er seinen Teller zum zweiten Male mit Kuchen und Früchten an und ließ dieses durch den Kellner auf sein Zimmer tragen, um es in den Nachmittagsstunden zu verspeisen. Fehler wie Vorzüge, Laster wie Tugenden, Wahrheiten wie Irrtümer hängen unter sich zusammen und ziehen sich nach. Unser Künstler gab einen neuen Beweis hiervon. Kaum war ihm über die neue Bestimmung des Nachtisches ein Licht aufgegangen, so schritt er auf der Bahn der neuen Entdeckung weiter, bildete das System aus und wandte es noch auf andere Verhältnisse des Lebens an. Daß er, sich unterscheidend von den übrigen Gästen, seine Serviette unter dem Kinn festband, konnte mich nicht überraschen, denn von einem solchen Manne ließ sich nichts anderes erwarten, als daß er die alte Sitte, Weste und Beinkleider zu schonen, beibehalten werde. Daß er aber genannte Serviette, die während des Gedränges des Essens herabfiel, zur Zeit wenn das Dessert kam und die andern Gäste ihre Serviette zulegten, von neuem unter dem Kinn befestigte, mußte mir auffallen. Ich dachte gleich: dahinter steckt was – und es stak wirklich etwas dahinter, wie sich zeigen wird. Er spielte nämlich während der ganzen Mahlzeit, sooft es ihm seine Geschäfte erlaubten, mit der rechten Hand hinter der Serviette, zog sie aber häufig hervor und zeigte, daß sie hohl war. Hiedurch gewöhnte er die Zuschauer an diesen Anblick, so daß sie zuletzt gar nicht mehr darauf sahen. Kam nun das Dessert, dann nahm er ein großes Stück Brot vor sich, wovon er aber nur wenige Brosamen zu der Torte aß. Er ließ das Brotstück auf dem Tischtuche artige Purzelbäume machen, dann zog er das Schnupftuch aus der Tasche und bediente sich dessen mit vielem Geräusche. Er ahmte hierin glücklich die Taschenspieler nach, die, wenn sie einen großen Streich vorhaben, die Ohren der Zuschauer zu beschäftigen suchen. Ich paßte auf. Husch hatte er die rechte Hand mit dem Brote hinter der Serviette und von da brachte er es unbemerkt in die Tasche, worauf er dann das Schnupftuch wieder einsteckte. Auf dieselbe Art praktizierte er einige Birnen in die Tasche; jedoch hat man dieses letztere Stück schon von Pinetti gesehen. So wendete unser Künstler die Theorie des Nachtisches auch auf andere Lebensmittel an. Ach, die menschliche Natur ist nie vollkommen! Die größten Männer haben ihre Schwächen und auch unser Künstler war nicht frei davon. Ich hatte gestern in einem Anfalle von übler Laune in mein Tagebuch geschrieben: »Und sei eine Frau noch so kluge Wirtschafterin, sie versteht nur die Küche; der Keller ist – um mich artig und architektonisch auszudrücken – unter ihrem Verstande.« Diese Bemerkung galt der Frau von Staël; aber treffender hätte ich sie auf unsern Eßkünstler anwenden können. Vom Weine hatte er gar keine Kenntnisse, und er trank nur wenige Gläser. Doch hielt er für diese einzige Schwäche durch seine Herzensgüte wieder schadlos, indem er, um zu verbergen, daß ihm der Wein nicht schmecke, was den Wirt hätte kränken können, den übriggelassenen zugleich mit dem Dessert auf sein Zimmer tragen ließ, wo er ihn wahrscheinlich heimlich ausschüttete. Napoleon sagte nach seinem Rückzuge aus Rußland: »Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.« Die Kellner, welche unsern Eßkünstler bedienten, machten diesen Schritt und fanden dessen Kunstansichten lächerlich. Sie waren nicht allein wegen dieser ihrer Unwissenheit zu bedauern, sondern noch mehr darum, daß sie etwas lächerlich fanden und doch nicht lachen durften. Ich konnte ohne das innigste Mitleid nicht sehen, wie diese armen Menschen sich quälen mußten, um die Konvulsionen ihres Gesichtes zu verbergen und denjenigen Anstand zu beobachten, den jeder Gast von einem loyalen Kellner fordern kann. Das Gespenst der Zeit Geht ein vornehmer Mann in's literarische Wirtshaus und wird er in die Balgereien der Zechlustigen mit hineingezogen, so hat er sich das selbst zuzuschreiben, denn er hätte wegbleiben können. Drängt er sich aber gar zu unserem Tische und sucht er Händel, dann freut sich gewiß jeder billige und bescheidene Mann, wenn es was absetzt. Wir sind die Kutscher der Zeit: die großen Herren können es bequem haben, sich in den Wagen setzen und sich fahren lassen. Zwar behaupten sie, Kutsche, Pferde und Kutscher, das gehöre alle ihnen eigen, und wir müßten fahren, wohin sie wollten. Ob sie das Recht haben, dieses zu fordern oder nicht, das zu untersuchen ist jetzt zu spät; genug, wir haben die Zügel in den Händen, wir achten den Zuruf nicht, wir halten nicht ein, und das Herausspringen aus dem Wagen ist mit chirurgischer Gefahr verbunden. Was ist der Zeitgeist? Diesen Gegenstand hat der Fürst Alexander von Hohenlohe in einer zu Bamberg gehaltenen Adventrede besprochen. Wie er ihn besprochen, das hat er vor Gott zu verantworten, daß er aber seine Rede auch hat drucken lassen, hat er vor Menschen zu verantworten. Diese kleine Schrift ist zwar zu unbedeutend, ernste Aufmerksamkeit zu verdienen, und zu scheinlos, um täuschen und verführen zu können; doch möge sie als Anregung zu einer wichtigen Frage nicht ganz verworfen werden. Wie hat sich der Religionslehrer in unserer Zeit, wo die bürgerliche Gesellschaft – ich werde mich, dem Leser die freie Wahl überlassend, beider Sprachen bedienen – sich verjüngt oder hinfällig wird, sich erfrischt oder abwelkt, aufbaut oder zerstört, mündig oder geistesschwach, gesund oder krank wird; wie hat er sich da zu verhalten? Er muß über dieses alles hinaussehen; denn er hat den Menschen abzuziehen von der sinnlichen , das heißt von derjenigen Welt, welche nicht die ewige, beständige, wahre, sondern die vergängliche, wechselnde, falsche Welt ist, die, nur ein Spiegelbild der Sinne, im Ohre, im Auge, in jedem Menschen, in jedem Orte, in jeder Zeit, bei jedem Wandel des Lichtes sich anders abbildet und wie Schillertaft unaufhörlich die Farbe wechselt. Der Geistliche soll lehren, daß nichts geschieht ohne Wissen und Einwilligung des erhabenen Lenkers aller Dinge, und daß alles, was geschieht, weise, gerecht und ersprießlich ist. Mag Despotie die Glieder des Volks zusammendrücken, mag Anarchie sie auseinanderzerren; mögen in Republiken tausend Blutigel, mögen in Monarchien nur wenige Raubtiere das Herzblut der Staaten trinken – das alles gehört in die Ordnung der Geschichte, wie Stürme, Erdbeben und Blitze in die Ordnung der Natur gehören. Wer den Zeitgeist, wer die allgemeine Beschaffenheit der jetzigen Welt lästert, der hat Gott selbst gelästert; denn gottlos ist jeder, welcher meint, die Menschen könnten handeln ohne Gott. Kommt die Macht der Fürsten vom Himmel, so kommt auch deren Beschränkung vom Himmel. Es gibt nichts Verächtlicheres unter der Sonne als einen Geistlichen, der in dem Staube kriecht vor den Großen der Erde und die Religion zur schmutzigen Hantierung einer gemeinen Polizei-Magd zwingt. Die Geistlichen sollen Achtung lehren vor den bestehenden Gesetzen, Gehorsam gegen die bestehende Obrigkeit; nicht darum, weil jene Gesetze die weisesten sind, weil diese Obrigkeit die gerechteste ist, sondern selbst dann, wenn sie es auch nicht wären. Denn der Mensch steht unter der mütterlichen Sorgfalt der Vorsehung, und er soll nicht murren, wenn ihm der bittere Trank des Lebens von der Hand der Liebe dargeboten wird, daß er gesunde und erstarke. Zu jeder Zeit hat die Religion auf die Verfassungs-Urkunden der Staaten ihr Siegel gedrückt, und die Priester waren immer die Siegelbewahrer. Wenn aber das Pergament von den Motten der Jahre zernagt, oder von irgendeiner Gewalt zerrissen worden – was nützt dann noch ein Siegel ohne Unterlage, und welche Beweiskraft kann es fordern? Es ist fürder ohne Nutzen, und keinen Glauben kann es verlangen. Was hat die Religion zu tun, um sich selbst zu retten und durch ihr treues Zeugnis den Hader der Rechtsstreitenden zu verhüten? Sie hat ihr Siegel der neuen Urkunde des bürgerlichen Vertrags aufzudrücken. Weil dieses immer versäumt worden, weil die Priester, sie, die Lehrer der Unsterblichkeit, sie, die Gläubigen der Zukunft, immer ängstlicher die zerbrechliche Gegenwart umklammerten als alle Sünder der Erde, hat mit jedem Wechsel der innern Natur der bürgerlichen Gesellschaft auch die Religion gewechselt. Zittert, ihr Christus-Lehrer, daß der Haß, den eure Widerspenstigkeit erregt, nicht auf eure Lehre zurückfalle! Wenn ihr predigt, die christliche Religion könne nicht bestehen mit der neuen Ordnung der Dinge, so habt ihr gepredigt, die neue Ordnung könne nicht bestehen mit der christlichen Religion. Aber sie kann es wohl, nur eure Herrschsucht kann es nicht. Die Religion soll nicht Wurzel sein der Staaten, die nur solche oder solche Früchte geduldig trägt, sondern befruchtender Tau, der alle Pflanzen erquickt. Sie soll nicht eine Öllampe sein, die diesen oder jenen Winkel erhellt, sondern die Sonne, die alles beleuchtet. Herrschbegierde und Freiheitsliebe werden ewig die menschliche Seele bewegen, sie sind die zwei Seiten eines Triebes, welchen die Natur allen lebendigen Geschöpfen eingeflößt hat. Leben, heißt frei sein. Herrschsucht ist die Freiheitsliebe einzelner, Freiheitsliebe ist die Herrschsucht aller. Man will befehlen, um nicht gehorchen zu müssen, man will nicht gehorchen, um befehlen zu können. Die Völker des Altertums waren glücklicher: denn sie waren freier als wir, und sie waren freier, weil sie von dem Grundvermögen ihrer Freiheit lebten und, keine zukünftigen Tage hoffend oder fürchtend, alles der Gegenwart aufopferten. Der Christ ist minder frei, weil er nur die Zinsen seiner Freiheit verzehrt. Die christliche Religion lehrt frei sein in der Freiheit, sich glücklich fühlen in dem Glücke anderer. Wenn je die Welt in das Heidentum und in die Finsternis zurücksinkt, wenn verdorrt der Baum der ewigen Erkenntnis, wenn die Sonne der Liebe untergeht, und wenn wir, an der Fortdauer des Lebens verzweifelnd, wieder wie tolle Verschwender in den Tag hineinleben – dann werden es jene herrschsüchtigen Priester verschuldet haben, die der Gewalt schmeicheln, um sie zu teilen, denen der Opferpfennig mehr ist als Gebet und welche keck behaupten, alle Freiheit, die wir genössen, wäre nicht der schuldige Zins von dem Darlehen, das wir unsern Herrschern gaben, sondern nur das Almosen ihrer Gnade, steigend und fallend wie diese. Wer nicht wahr sprechen und überzeugen kann, der sollte wenigstens schön sprechen, um zu überreden, und wer beides nicht vermag, der sollte schweigen können, Schweigen ist eine große Kunst; doch gewöhnlich besitzen sie nur solche, denen sie nicht frommt, und die, welchen sie frommt, haben sie nicht. Was ist der Zeitgeist? frägt der Herr Fürst Alexander von Hohenlohe, und diese Frage in zwei Hälften teilend, teilt er auch die Antwort, die er sich selbst gibt. Er fragt: 1. Worin besteht der Geist unserer Zeit? 2. Welcher Mittel müssen wir uns gegen ihn bedienen, um uns vor demselben rein zu erhalten? Und wie beginnt er seine Untersuchung? – »Die Nacht ist vergangen, der Tag aber ist angebrochen, hinweg denn mit den Werken der Finsternis und angetan die Rüstung des Lichtes.« (Brief Pauli an die Römer K. 13, V. 12.) Mit diesem Spruche, ja wahrlich mit diesem Spruche beginnt er seine Untersuchung. Nur der frömmste Priester kann sich so kasteien – sich selbst so grausam zu verspotten, das verdunkelt den Ruhm aller Helden des Glaubens! Die Nacht ist wirklich vergangen, der Tag ist wirklich angebrochen, die Werke der Finsternis werden beleuchtet und verspottet werden, und vor der Rüstung des Lichtes taumelt ihr jetzt schon geblendet zurück und überstürzt euch selbst. Der Geist der Zeit, vor dem ihr zittert, ist nicht der Geist der lebenden Zeit, er ist das Gespenst der verstorbenen, der eurer erschreckten Einbildungskraft erscheint. Die fürchterliche Gestalt dieses Geistes beschreibt der Herr Fürst Alexander von Hohenlohe auf folgende Weise: »Er ist ein gewaltig mächtig wirkender Geist. Wer mit diesem Zeitstrome nicht fortschwimmen will, der stehe fest (mitten im Wasser oder an den Ufern?) und sei auf seiner Hut. (Wer denkt nicht hierbei an Horazens Bäuerlein?) Leicht erkennbar ist derselbe; denn er mischt sich in alles, bekrittelt alles (der Strom?) und trachtet, alles unter seine Herrschaft zu bringen. Auch sind seine faulenden Früchte zutage gefördert (also der Zeitstrom trägt Früchte!), sie heißen Ehrgeiz und Habsucht – Luxus und Sittenlosigkeit – Mangel an Gerechtigkeit im öffentlichen und Privatleben – willkürliche Änderungen sonst unantastbarer Regierungsformen. Intrigen im Innern und von außen – Untreue im Handel und Wandel – falsche Eidschwüre – Familienzwiste – gewaltsame Veränderungen durch falsche überspannte Aufklärung – Grundsätze, die nichts taugen (wie naiv!) – Trennung, Druck und Mißbrauch der Religion und ihrer Diener« . . . Was sagt der heilige Hieronymus? Hieronymus sagt: »Es gibt viele, welche nur den Glauben heucheln, ohne sich demselben zu unterwerfen. Aufgeblasen von eitlem Menschendunste sind sie, da sie nur an dem, was ihnen gefällt, einen Geschmack finden, und nicht an der Wahrheit.« Hieronymus war ein braver und kluger Mann und durchschaute die Heuchelei der Pfaffen. Warum richtet der Verfasser gegen uns diese Worte? Nicht uns treffen sie. Was ist zu tun in solcher Betrübnis? Der Verfasser stimmt jetzt seinen Ton herab und gibt in der Bußpredigerweise allerlei Lehren. Wie er aber in diesem ihm zugehörigen Gebiete waltet, mag folgende eifertolle Rede zeigen: »Man spricht keck den Forderungen der Bekehrung Hohn, worauf denn doch Christus so oft und so nachdrücklich hinweiset und viele bewaffnen sich mit Scheingründen, da sie sprechen: ›Niemand wird verdammt; denn dies stünde im Widerspruche mit der unendlichen Liebe des höchsten Wesens.‹ So also macht man den Sohn Gottes zum Lügner. Ihn, der für alle Zeiten die ewig denkwürdigen Worte gesprochen: ›Weg von mir, ihr Verfluchten! Weg in's ewige Feuer! welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist!‹« Und ihr nennt euch Streiter des Herrn? Ist Gott nicht barmherziger als ihr, dann wehe euch selbst! Honestus Oskar, ein junger Schwede, lebte in Paris und übte die Malerkunst. Oskar war immer fröhlich, denn er war immer gut. Wohl tändelte er mit der Gefahr des Lasters, doch nie beschmutzte er sein Herz, und dann geschah, daß er den Verworfenen auf eine kurze Stunde den Schmerz und die Lust der Reue wiedergab, und über dämmernden Wangen flammte das düstere Abendrot der Tugend noch einmal auf. Oft stürmte Oskar zu seinen Freunden und rief: Kommt, Brüder! laßt uns trinken! Sie eilten in ein Zechhaus: duftende Speisen, köstliche Weine wurden aufgetragen; aber Oskar genoß mäßig aus der Schüssel und nippte nur am Glase – der Becher seines Lebens war mit glühendem, schäumendem Blute bis zum Rande voll, und jeder Tropfen hinzugegossen machte ihn überströmen. Eines Tages eilte Oskar zur italienischen Oper, Mozart's Don Giovanni zu sehen. Das Haus war noch geschlossen, und die wartende Menge war groß. Oskar mischte sich in das Gedränge und zog einen Taler aus der Tasche, um, wenn die Kasse geöffnet würde, gleich bereit zu sein. Es stieß ihn einer an, das Geldstück entfiel seinen Händen und rollte weit über die Gasse weg. Er suchte es vergebens mit den Augen. Da hinkte ein alter Bettler auf Krücken zu ihm heran und überreichte ihm das verlorene Geldstück. – Behaltet es, ehrlicher Alter – sprach Oskar – für Eure Mühe. – Meine Mühe war klein, erwiderte dieser; es ist zuviel. – Nicht für mich, erwiderte Oskar. Doch er war nicht reich, und schnell eilte er fort, daß ihn keiner der Umstehenden über der List seines Herzens ertappe. Oskar wohnte in einem weit entfernten Teile der Stadt, und mit starken Schritten kehrte er nach Hause zurück. Als er dort ankam, sah er den alten Bettler vor der Türe stehen, der ihm entgegenrief: Ihr seid sehr schnell, junger Herr! – Und Ihr noch schneller! erwiderte Oskar. – Was mich betrifft, ich bin nicht zu Fuße gegangen, ich bin gefahren. Oskar sah ihn verwundert an . . . doch – sagte er – wohl bekomm Euch, Alter, die Bequemlichkeit! Er wollte in sein Haus treten, der Alte hielt ihm die Krücke vor. – Ihr müßt nicht so schnell von mir eilen, Ihr dürft nicht schlimm von mir denken, daß ich mir von Eurer Wohltat habe etwas zugute getan. Glaubt Ihr, betteln sei leicht? Versucht es einmal. Geben ist schwer, nehmen ist noch schwerer, aber am schwersten ist fordern. Oft wenn ich einem reichen Lüstling, dem ich mit dieser Krücke den hohlen Schädel einschlagen möchte, Schmeichelworte geben muß: dann fühle ich, welch' eine saure Mühe das Betteln ist! Gestern sah ich in der Abenddämmerung einen Mann, in seinen Mantel gehüllt, aus dem Hause eines ehrlichen Bürgers kommen, dessen Tochter er verführt. N'oubliez – pas le garçon! flüsterte ich ihm zu, und streckte ihm meine offene Hand entgegen. Der Bösewicht lachte und gab mir ein Goldstück. Ach, das Betteln ist schwer! Wie manchmal habe ich mir schon vorgenommen, es mir in meinen alten Tagen bequemer zu machen, zu arbeiten und nicht mehr zu betteln; aber die Gewohnheit ist eine verführerische Gebieterin; auch die Qual des Kerkers vermag sie in verzärtelnde Lust umzuwandeln. Oskar stand mit verschränkten Armen vor dem Bettler. – Ihr sprecht sehr klug, Alter; Ihr habt Euch gut geübt. Nun, schlaft wohl! – Nein, junger Herr, Ihr sollt noch nicht gehen. Ihr habt Euch einen Zeitvertreib machen wollen und habt Euer Vergnügen mir aufgeopfert. Der Abend ist lang, kommt mit mir; ich will Euch schöne Geschichten erzählen. Seht Ihr dort das Haus mit dem Schilde: au gagne petit? Dort wohne ich. – Ich sehe das Schild, sprach Oskar, aber nicht, was Ihr im Schilde führt! – Wie, junger Herr, Ihr werdet mich doch nicht fürchten? Seht Ihr nicht selbst, wie alt und schwach ich bin? – Weil Ihr alt und schwach seid, darum fürchte ich Euch; ich dürfte ja meine Stärke nicht gebrauchen. Der Alte faßte den Jüngling bei der Hand, zog ihn fort bis an sein Haus, dessen Türe sich nach einem leichten Schlage öffnete. Sie stiegen eine Treppe hinauf, der Alte zündete Licht an, und Oskar sah sich mit Verwunderung in einem freundlichen Zimmer, das mit allen Bedürfnissen wohlhabender Leute versehen war. – Sie haben es gut, armer Herr, sagte Oskar. – So, so! erwiderte der Bettler. Aber nicht gestohlen, alles ehrlich zusammengebettelt, und nebenbei – setzte er leise und lächelnd hinzu – zaubere ich auch etwas. – Wahrhaftig? fragte Oskar lachend. Ei, laßt mich doch von Euren Zauberkünsten einiges sehen. – Ist es Euer Ernst, junger Herr! Wollt Ihr Beweise? Traut Ihr Euren Sinnen? – Nein! rief der Jüngling mit Hast! Ich traue meinen Sinnen nicht, sie betrügen, denn sie werden betrogen; sucht Euch einen andern für Eure Gaukelkünste! – Nun, nun, seid nur nicht gleich so wild, junger Herr. Aber ein Gläschen müßt ihr mit mir trinken. Der Alte ging hinaus und kam bald mit drei Flaschen Wein zurück. – Ihr habt es gut vor, Alter! sprach Oskar. – Nicht für mich, ich trinke niemals Wein. Sie sind alle für Euch, und vielleicht reichen sie nicht; doch ich habe noch mehr. Der Alte schenkte ein. Oskar's Blicke waren festgebannt auf das Glas. Wie geschmolzenes Gold glänzte der Wein, und in jedem Tropfen perlte, blinkte und lockte ein schönes Mädchenauge. Oskar leerte das Glas, der Bettler füllte es wieder. Immer rascher trank Oskar, immer schneller füllte der Alte. Des Jünglings Blut stürzte wütend durch die Adern, sein Herz pochte laut, seine Lippen bebten. – Graukopf, dein Wein ist gut! – Nicht wahr, mein Bübchen? Er ist am Indus gekocht, und ich habe noch bessern. – Her damit, lustiger Krüppel! – Geduld noch ein Weilchen, ich will dir erst meine schönen Sachen zeigen. Ein Vorhang rauschte empor, und über den taumelnden Oskar wölbte sich ein kristallener Saal, der im Widerschein tausend unsichtbarer Kerzen leuchtete. Was der dunkle Schoß der Erde an Schätzen verbirgt, was des Menschen kunstreiche Hand nur Herrliches bildet, vereinigte der Saal in Pracht und Fülle. Gold, Silber und Edelsteine bedeckten den Boden; tausend Kleinodien und Gefäße standen umher; an den Wänden hingen blinkende Waffen aller Art, und hundert Vögel zwitscherten und sangen und hüpften auf goldenen Stäben hin und her. Oskar war in Entzücken getaucht; bald zog ein neuer Glanz seine dürstenden Blicke an, bald senkten sich die trunkenen müde zur Erde hinab. Da rief eine heisere Stimme: nimm mich, nimm mich! Oskar sah hin, und gewahrte einen Star, von dessen Halse an einem seidenen Bande ein goldenes Dreieck herabhing. Ein Diamant, ein Saphir und ein Rubin schmückten die Spitzen des Dreiecks. Mit unwiderstehlicher Gewalt zog dieses Kleinod Oskar's Blicke an. Nimm mich, nimm mich! rief der Star. – Alter! sprach Oskar, dieses Dreieck müßt Ihr mir geben. – Ihr seid nicht dumm, Herr; damit bezahle ich drei Königreiche. – Guter Alter, laßt mir das Dreieck; Ihr habt ja so viele. – Nein, Herr, wählt Euch, was Ihr wollt, nur dieses nicht. – Nimm mich! nimm mich! rief immer heiserer der Star. Oskar streckte seine Hand nach dem Dreieck aus; der Alte hielt ihn ab. Oskar stieß ihn zurück; der Alte hob drohend seine Krücke auf. Der Jüngling stürzte den Greis zu Boden, der mit seiner letzten Kraft sich sträubte. Nimm mich! nimm mich! kreischte der Star. Da zischte der Strahl eines blinkenden Dolches in Oskar's Auge. Er riß den Dolch von der Wand, zückte ihn, und stieß ihn dem Alten in die Brust, der ohne Laut leblos zu Boden sank. Nimm mich! nimm mich! rief der Star schneller und schneller. Oskar löste das Dreieck vom Bande und suchte den Ausgang. Da fingen alle Vögel zu rufen an: Nimm mich auch! nimm mich auch! Oskar sah zurück und begegnete den gebrochenen Augen des Greises. Da rieselte Entsetzen von den Gliedern des Jünglings; Todesblässe bedeckte ihn, seine Knie schlotterten und brachen zusammen. Mörder! Mörder! heulten tausend Stimmen von der Decke herab. Verzweiflung ergriff Oskar; er zog den Dolch aus der Brust des Toten und zückte nach seinem eigenen Herzen. Er fühlte seinen Arm zurückgehalten. Der Greis stand vor ihm, aber ohne Krücken. Ein schneeweißes Gewand floß von seinen Schultern, ein langer Bart wallte über seine Brust herab! – Oskar! sprach er lächelnd, deinen Sinnen wolltest du nicht trauen, doch deinem Herzen trautest du wohl? Edler Jüngling, du hast dich berauscht, du hast geraubt, du hast gemordet – glaubst du nun, daß ich zaubern kann? Oskar, von Beschämung und Ehrfurcht niedergedrückt, sank zu den Füßen des Alten. – Vergib, mein Vater! – Stehe auf, mein Sohn! du hast nichts begangen; nur im Traume warst du ein Missetäter. – O mein Vater, zaubere diesen Glanz vor meinen Blicken weg, der mir die schauerlichen Abgründe meines Herzens zeigte! Der Alte winkte, der Saal verschwand, und Oskar sah sich wieder im freundlichen Zimmer. Aber das Dreieck, das ihn verführt, lag vor seinen Augen auf dem Tische. – Bann auch dieses weg! flehte Oskar. Der Alte berührte es, und das Dreieck verwandelte sich in einen Blumenstrauß. Der Diamant wurde zur Lilie, der Saphir zum Veilchen, der Rubin zur Tulpe. – Nimm diese Blumen, Oskar, sprach der Greis. Unschuld ist die Lilie, Demut das Veilchen, Gesundheit die Tulpe. Warte die Tulpe nur; so lange sie blüht, blühen auch die anderen. Gesundheit ist das Gefäß jeder Tugend; mangelt dir dieses, kannst du keine fassen. Erfahre jetzt, mein Sohn, wer ich bin. Geister, die mich begreifen, nennen mich den Zauberer Honestus; gewöhnlichen Menschen bin ich auch ein gewöhnlicher Mensch. Schon zweitausend Jahre wandle ich über der Erde und suche die Tugend. Ich habe sie oft gefunden, aber weit von ihr das Glück. Und das schmerzte mich in der tiefsten Seele, und mich verdroß der Hohn der Schlechtern, welche die Tugend eine Bettlerin schalten. Da wurdest du unter einem schönen Gestirne geboren, und ich wachte über deine Tage und deine Wege. Du bist gut, Oskar, und du bist froh und glücklich. Meine Zauberkraft kann dir nicht mehr verleihen; aber kleiden will ich deine Tugend, deinem Glücke auch den Schein geben, damit die Guten ermuntert und die Spötter gedemütigt werden. Nimm diese Pergamente, Oskar, Weisheit steht auf dem einen geschrieben, Reichtum auf dem andern, Macht auf dem dritten. Eines darfst du wählen; die übrigen wirf von dir. Oskar's lustzitternde Hand faßte die Pergamente, und das Herz schwoll ihm von dem Gefühle, über der Güter Fülle frei schalten zu dürfen. Die Weisheit zog er zuerst hervor, und schon zuckte seine Hand, die andern Pergamente wegzuwerfen, da hielt ihn der gute Geist zurück, und er besann sich. – Ist Weisheit begehren nicht auch eine Habsucht, die an Sättigung stirbt oder an Hunger kränkelt? Wird sie mich glücklicher machen? Die wenigen Strahlen, die mir mehr geworden als andern, haben mir Abgründe aufgedeckt, wo andere Blumengärten sahen. Soll ich den kleinen Kreis meiner Freunde noch enger machen? Soll ich die Zahl derer, die ich liebe, noch vermindern? Soll ich verachten lernen, die ich geachtet? Bin ich nicht schon einsam genug? Nein! Weisheit ist ein tückisches Geschenk erzürnter Götter. Fort von mir! Oskar warf die Weisheit von sich weg. Honestus drückte gerührt den Jüngling an seine Brust, und sprach zu ihm: den schwersten Kampf hast du bestanden, mein Sohn, und ich zittere nicht mehr für deine Wahl. Jetzt nahm Oskar den Reichtum, lächelte und ließ ihn gelassen zu seinen Füßen fallen. Die Macht blieb ihm noch. Eine Welt beherrschen! Millionen Menschen beglücken! Millionen Herzen sich gewinnen! Die Guten belohnen, die Bösen züchtigen! Ja, schön ist die Macht, schön wie eine Rose. Doch ihre Dornen! Und unter der Rose lauscht die Schlange Schmeichelei. Wer noch hat das Szepter geführt? es führt die Hand. Ich vermag nicht besser zu sein als andere; nur eins vermag ich mehr – die Krone verschmähen . . . und Oskar warf die Krone weg. – Ich danke dir, mein Vater, ich bin zufrieden, ich habe keinen Wunsch. Der Greis sprach streng und ernst zum Jüngling: wie, Oskar? Bist du glücklich, daß du es bist? Bist du zufrieden, daß du nichts wünschest? Ist Oskar allein auf dieser Erde? Der Jüngling errötete. Und sie kamen alle herbei, die seinem Herzen teuer waren. Sein Vater und seine Mutter zuerst, dann Bruder und Schwester, dann die Freundin, dann der Freund; zu diesem gesellte sich ein anderer und noch einer. Und immer größer war die Schar, und immer höher schwoll dem Jüngling das Herz, und immer weiter ward seine Brust, bis sie die ganze Menschheit umschloß. – Was wählst du für andere? fragte Honestus. O mein Vater, ich kann nicht wählen, mach alle Menschen glücklich! Honestus lächelte. Was du begehrst, Oskar, kann ich nicht gewähren: nur die Tugend macht glücklich. Oskar sank zu den Füßen des Greises und hob flehend seine Hände auf. So mache sie tugendhaft, daß sie glücklich werden! Mache die Menschen alle gut, mache sie alle glücklich! Honestus erbleichte und sprach mit leiser, bebender Stimme: fordere das nicht, mein Sohn! Ich darf es dir nicht versagen, doch fordere es nicht! Sünde ist Fäulnis, und Fäulnis ist die Quelle des Lebens. Aber Oskar, im Rausche seiner Menschenliebe, vernahm die Worte des Greises nicht. Er umklammerte seine Knie und flehte unter heißen Tränen: o mächtiger Vater, gib den Menschen die Tugend, gib ihnen das Glück. – Fordere es dreimal, Oskar! Und dreimal wiederholte der Jüngling seine Bitte. – Es sei! Bald schlägt die Stunde der Mitternacht; in diese Spalte der Zeit muß ich greifen, die Natur von ihrem Gefolge zu trennen, daß ich ihrer Herr werde. Ermanne dich, Oskar! Die Mitternachtsstunde schlug. Honestus streckte seinen Zauberstab nach Ost und West und Nord und Süd und sprach geheimnisvolle Worte. Von dem Himmel herab säuselten süße Harfentöne; von der Erde herauf schallte ein gräßliches Gelächter. Oskar, zwischen Entzücken und Entsetzen geklemmt, fragte: woher das fürchterliche Lachen? – Still, mein Sohn! erwiderte der Greis mit leiser Stimme, das ist der Geist der Schadenfreude, reiz' ihn nicht, über diesen habe ich keine Gewalt. Komm in's Freie, daß wir unser Werk betrachten. Sie traten hinaus; es war eine stille, feierliche Nacht, und Oskar trug den frommen Blick zum gestirnten Himmel empor. Gerührt sprach der Greis: labe dich noch einmal an dieser süßen Nacht; sie ist die letzte dieser Erde. Nacht ist Sünde, und die Sonne wird nie mehr untergehen. Sie kamen in eine düstere Gasse und sahen eine Leiter an einem Hause gelehnt und einen Mann hinaufsteigen, der sich schüchtern umsah. Lässest du es geschehen? fragte Oskar, vielleicht mordet er den sorglosen Schläfer. – Sei ruhig, mein Sohn. Der Diebstahl war schon vollbracht, die Mitternachtsstunde gab dem Bösewicht die Tugend zurück, und er bringt das gestohlene Gut wieder hinauf. Honestus ging mit dem frohen Jüngling weiter; überall eindringend, alles sehend, nirgends sichtbar. – Welche Stimmen sind es, die dort weinen in jenem großen Gebäude? – Es sind Räuber und Mörder im Gefängnisse; sie beten. Sie traten in ein Zimmer, das eine Nachtlampe erleuchtete. Ein schönes Weib lag mit aufgelösten Haaren auf den Knien vor der Wiege ihres Kindes und küßte das schlummernde Kind und weinte über ihm. Unter der Türe stand ein Mann, der streckte errötend seine Hand nach dem Weibe aus, und die Mutter bedeckte ihre Augen. – Wer sind diese, Honestus? – Dort der Mann ist der Verführer, der um die Stunde gekommen, zu der ihn das Weib seines Freundes gerufen. Mein Zauberstab war schnell; die Reue eilte der Schuld voraus, die Mutter bittet dem Kinde das Verbrechen ab, das sie am Vater begangen, und der Verführer scheidet weinend von der schönen Sünde. Sie kamen auf einen großen Platz, den viele Bäume zierten. Und rings aus allen Häusern stürzten Tausende von Menschen; und Soldaten eilten herbei, Fußgänger und Reiter, und Fahnen wehten, Trommeln wurden gerührt, Kanonen wurden aufgepflanzt und Waffengetöse, Geschrei und Verwirrung überall. – Was ist geschehen? fragte Oskar. – Die aus den Häusern dort kamen, das sind Spieler, Gauner, Liederliche und Späher, die der Zauber der Tugend aus ihrer Verborgenheit gescheucht; und die Macht, der Tugend ungewohnt und vor ihr zitternd, hat ihre Scharen ausgesendet, dem Übermute zu begegnen. Der Morgen war herangebrochen, aber die nächtliche Stille blieb. Kein Karren rasselte über die Gasse, kein Bauer schrie, kein Hammerschlag ertönte, und der Markt blieb leer. – Warum diese Stille, Honestus? – Die Menschen haben keine falschen Begierden mehr, sie sind genügsam und ruhen. Vor dem Hause eines Bäckers standen jammernde Menschen, die vergebens um Geld Brot verlangten. Das Brot war all schon unentgeltlich an Notleidende verteilt. Hundert Leichen lagen auf der Straße. – Wer sind diese Unglücklichen, Honestus? – Das sind Spione, die lieber Hunger starben, als sich länger mit Schande füttern wollten. Sie kamen vor den Palast des Königs, der nicht bewacht war. Der König fürchtete keinen mehr, seit ihn keiner mehr fürchtete. Sie traten in den Vorsaal, wo sich die Höflinge versammelten, und sie sahen nasse Augen. Ein Greis warf sich jammernd zu den Füßen eines Jünglings und sprach: vergib mir, ich habe dich verleumdet! Sie traten in den Königssaal. Der König saß auf seinem Throne, und ein Weib stürzte kreischend durch die Menge, warf sich nieder und rief: halte dein Schwert zurück, er ist unschuldig! Und des Königs Vertrauter erbleichte und sprach: ich auch, o Herr, habe dich betrogen. Und der König stieg weinend von seinem Throne herab. Honestus und der erschütterte Oskar eilten aus dem Palaste. Sie gingen den Strom entlang; da stießen sie auf die Leiche eines jungen Mädchens. Oskar wandte sein bleiches Antlitz weg. – Die Unglückliche! sprach Honestus. Die geflüchtete Nacht hat ihre Unschuld geraubt, und verzweifelt über den Verlust ihrer schönsten Habe suchte sie den Tod in den Wellen. Sie kamen zur Brücke. Dort stand ein hoher, bleicher Jüngling, warf den Blick bald in den Himmel, bald in die Flut. Und er war so jammervoll; doch sein Auge war trocken. Oskar fühlte sich mächtig zu dem Jüngling hingezogen. – Fort, fort! schrie Honestus mit der Stimme des Entsetzens, und weine, Oskar, daß du ein Mensch geworden! – O weile, mein Vater; sprich, wer ist dieser leidende Jüngling? – Tritt näher, Oskar! Sieh diese Wangen, wie bleich sie sind! Einst hatte er sie purpurrot, und sie wurden nur blaß, wenn er von Unterdrückung hörte. Sieh diese Arme, wie mager und schlaff sie sind! Einst waren sie stark und gestählt, für Freiheit und Recht zu kämpfen. Schaudere in dieses ausgebrannte Auge hinab! Einst leuchtete es, vom Himmel angezündet, das Herz eines frommen Mädchens zu durchglühen. Ach, er war so fest und gut; aber wer ist dem Verführer zu fest und zu gut? Die schlauen Werber der Macht kamen hinter ihn, ihn zu verderben. Was im schuldlosen Spiele Schädliches, was im Weine Betäubendes, was in der Liebe Giftiges ist, mischten sie in seine gesunde Seele. Da gab er sich hin um schnödes Gold und um schnöden Ehrenflitter. Sie führten ihn von Scherz zu Leichtsinn, von Leichtsinn zur Falschheit, von Falschheit zu Verbrechen. Dieses Ohr, sonst nur der Stimme der Tugend geöffnet, schlich diebisch umher, ein unbewachtes Wort zu erhorchen. Dieses Auge, sonst nur Liebesblicke wechselnd, suchte die dunkeln Wege des Vertrauens und meuchelmordete die Sorglosen. Diese Zunge, die sonst nur Liebe und Freundschaft sang, ward eine Natter und stach. Da verriet er den treuen Freund, der gestern auf dem Blutgerüste starb. Des Betörten letzter Kuß empfing der Verräter, und: räche mich! lispelte der Verurteilte ihm in's Ohr. Der Teufel sah ihm hohnlächelnd nach und schwelgte am Abende vom Lohne seiner Sünde. Da kam die furchtbare Mitternacht über ihn, die Mitternacht, die ich, Oskar, deiner Bitte geschenkt. Ein fürchterlicher Traum jagte ihn aus dem Schlummer . . . Ich räche dich! schrie er in Verzweiflung und stürzte zur Brücke. Seit Mitternacht sucht der Jammervolle den Tod in den Wellen, fürchtet, ihn zu finden, und sucht ihn wieder. Der blasse Jüngling sah jetzt starrer hinab in die Flut. – Halt ihn zurück, Honestus, rief der schaudernde Oskar; es ist zu fürchterlich, mit solcher Schuld vor den Richter zu treten. – Oskar! sprach der Zauberer, hier endet meine Macht. Die Sünde ist von ihm gewichen, die Reue ist zu ihm gekommen; was er verschuldet, will er büßen. Oskar stürzte jammernd vor dem Zauberer nieder. So gib ihm die Sünde zurück und nimm ihm die Reue! Gib den Menschen allen ihre Begierden wieder! Gib ihnen ihre Laster zurück! Gib allen Menschen alle ihre Sünden wieder! Er erwachte .. . sie hatten sie wieder. Humoralpathologie 1820 Die Katze gehört zum edlen Geschlechte des Löwen; aber nur der Abschaum königlichen Blutes fließt in ihren Adern. Sie ist ohne Mut, und darum ohne Großmut; ohne Kraft, und darum falsch; ohne Freundlichkeit, und darum schmeichelnd. Der Tag blendet sie, am schärfsten sieht sie im Dunkeln. Sie liebt die Höhen nicht, sie liebt nur das Steigen; sie hat einen Klettersinn und klettert hinauf, um wieder herabzuklettern. Minder widerlich ist selbst ihr tückisches Knurren als ihr zärtliches Miauen. Nicht dem Menschen, der sie wartet, nur dem Hause, worin sie gefüttert worden, bleibt sie treu. Eine entartete Mutter, frißt sie ihre eigenen jungen. So ist die Katze! So ist auch der Katzenhumor, der in Hoffmanns Kater Murr spinnt. Ich gestehe es offen, daß dieses Werk mir in der innersten Seele zuwider ist, mag man es auch eben so kindisch finden, ein Buch zu hassen, das einem wehe tat, als es kindisch ist, einen Tisch zu schlagen, woran man sich gestoßen. Aber nicht über die genannte Schrift insbesondere, sondern über die darin fortgespielte mißtönende Weise, die auch in allen übrigen Werken des Verfassers uns beleidigend entgegenklingt, über die beständig darüber herziehende, naßkalte, nebelgraue, düstere und anschauernde Witterung will ich einige Worte sagen. Die Überschrift, welche diese Betrachtung führt, ein Wort, dessen Bedeutung die neuere Arzneikunst verwirft, wurde darum gewählt, weil gezeigt werden soll, daß der Humor in den Schriften des Verfassers der Phantasiestücke ein kranker ist. Der gesunde und lebensfrische Humor atmet frei und stöhnt nicht mit enger Brust. Er kennt die Trauer, aber nur über fremde Schmerzen, nicht über eigene. Er berührt die Wunde nicht, die er nicht hellen kann, und reizt sie nie vergebens. Er sieht von der Höhe auf alle Menschen herab, nicht aus Hochmut, sondern um alle seine Kinder mit einem Blicke zu übersehen. Was sich liebt, trennt er, um die Neigung zu verstärken; was sich haßt, vereinigt er, nicht um den Hader, um die Versöhnung herbeizuführen. Er entlarvt den Heuchler und verzeiht die Heuchelei; denn auch die Maske hat ein Menschenantlitz, und in der häßlichen Puppe ist ein schönerer Schmetterling verborgen. Er findet nichts verächtlich als die Verachtung und achtet nichts, weil er nichts verachtet. Nichts ist ihm heilig, weil ihm alles heilig erscheint; die ganze Welt ist ihm ein Gotteshaus, jedes Menschenwort ein Gebet, jede Kinderlust ein Opfer auf dem Altare der Natur. Er zieht den Himmel erdwärts, nicht um ihn zu beschmutzen, sondern um die Erde zu verklären. Er kennt nichts Häßliches, doch verschönt er es, um es gefälliger zu machen. Er liebt das Gute und beklagt die Schlechten; denn das Laster ist ihm auch eine Krankheit und der Tod durch des Henkers Schwert nur eine andere Art zu sterben. Er zürnt mit seinem eignen Zorne, denn nur das Überraschende entrüstet, und nur der Schlafende wird überrascht. Er verspottet seine eigne Empfindung, denn jeder Regung geht Gleichgültigkeit vorher, und jede Vorliebe ist eine Ungerechtigkeit. Er erhebt das Niedrige und erniedrigt das Hohe, nicht aus Trotz, oder um zu demütigen, sondern um beides gleich zu setzen, weil nur Liebe ist, wo Gleichheit. Er tröstet nicht, er unterdrückt das Bedürfnis des Trostes. Stets rettend, lindernd, heilend, verletzt er sich selbst mit scharfem Dolche, um dem Verwundeten mit Lächeln zu zeigen, daß solche Verletzungen nicht tödlich seien. Seine Sorgfalt endet nicht, wenn die Wunde sich geschlossen; Narben sind auch Wunden, die Erinnerung ist auch ein Schmerz; er glättet jene und vernichtet diese. Der Geist der Liebe haucht fort und fort aus ihm, alles befördernd; er treibt das Schiff, wenn es die Gefahren des Meeres, und führt es zurück, wenn es den Hafen sucht – er rechtet nicht mit den Begehrungen der Menschen, denn Schulden beglückt mehr als Finden. Der gute Geist der Liebe, der versöhnt und bindet und die im Prisma des Lebens entzweiten Farben in den Schoß der Muttersonne zurückführt, jener Geist – er kommt nie ungerufen – beseelt die Werke des Verfassers der Phantasiestücke nicht mit dem leisesten Hauche. Das neckende Gespenst des Widerspruchs, das Jede Freude verdirbt und jeden Schmerz verhöhnt, steigt dort, von grauer Mitternacht umgeben, aus dem Grabe aller Empfindungen herauf. Er führt uns auf die höchsten Gipfel, um uns tiefer herabzustürzen, und selbst sein Himmel ist ein unterirdischer. Er dringt in die Tiefe aller Dinge, um ihren geheimnisvollen Wechselhaß, nicht um ihre verschwiegene Liebe zu verraten. Kreisler ist der Unglücklichste aller Verdammten. Er ist ein gestürzter Engel. Die Brücke, welche der gute Humor über alle Spalten und Spaltungen des Lebens führt, reißt der entartete nieder; die Harrenden auf beiden Seiten strecken sich sehnsuchtsvoll die Arme entgegen und verzweifeln um so mehr, je näher die Ufer sind. Selbst die Musik, diese Himmelskönigin, die er liebend verehrt, steht in unerreichbarer Ferne von ihm; sie hört seine Gebete nicht, und nie gab es eine mißtönendere Seele als die jenes Kreisler , der rastlos den Wohllaut sucht und niemals findet, weil der Widerklang im eignen Herzen fehlt. Empfindsamkeit und Spott sind die beiden Pole, jene der anziehende, dieser der abstoßende des Humors. Aber nur in der Mitte ist der Indifferenzpunkt der Liebe. Wo sie versöhnt zusammentreffen, da schmilzt die eine den Frost des anderen, oder der Spott kühlt säuselnd die Sonnenglut der Empfindung ab. Wenn sie aber auseinander stehen, ist die Empfindsamkeit nur eine gefährliche Abneigung, eine launische Wahlverwandtschaft, die uns mit einem Stoffe verbindet und von tausenden trennt, und der Spott wird zum Hasse. So in seine Bestandteile gespalten, erscheint der Humor in den genannten Werken, und ganz so, wie er dem Meister Abraham tadelnd zugeschrieben wird, nicht »als jene seltene wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der tiefern Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur durch das entschiedene Gefühl des Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dieses war die Grundlage des verhöhnenden Sportes, den Liscov überall ausströmen ließ, der Schadenfreude, mit der er alles als ungehörig erkannte, rastlos verfolgte, bis in die geheimsten Winkel.« Kreisler hat sich selbst das Urteil gesprochen: nicht anders ist sein eignet Humor. Ein zerrissenes Gemüt, ein alles zerreißender Spott. Seine Gefühle sind nur Verzerrungen, nicht rührender als das Zucken des Froschschenkels an der galvanischen Säule, und der Friede seines Gemüts zeigt nur die Ruhe einer Maske. Was die Natur am innigsten verwebte, zieht er in die Fäden der Kette und des Einschlags auseinander, um hohnlächelnd ihre feindlichen Richtungen zu zeigen. Daher auch seine harten Schmähungen, mit welchen er diejenigen verfolgt, die an musikalischen Spielen ihre Lust finden und welchen die Kraft oder Neigung fehlt, die Kunst als heiligen Ernst zu fassen und auszuüben. Kreisler fordert unduldsam, seine Göttin solle, gleich dem grausamen Gotte der Juden, dem auserwählten kleinen Volke der Künstler ausschließlich zugehören. Noch nie haben Priester den Tempel, den sie bewahren, Gläubigen verschließen wollen! Musik ist Gebet; ob nun das Kind es herstammele, ob der rohe Mensch in roher Sprache es halte, ob der Gebildete in sinnigen geistvollen Worten der Himmel hört sie mit gleicher Liebe an und gibt jedem den Widerklang seiner Empfindung als Trost zurück. Das Gassenlied, das den rohen Gesellen hinauftreibt, ist so ehrwürdig, als die erhabenste Dichtung Mozarts; die ein empfängliches Ohr begeistert. Und welche Musik ist beglückender, die berauschende des wahnsinnigen Kapellmeisters, die als Bacchantin und Furie das Herz durch alle Wonnen, durch alle Qualen peitscht, oder die sanft erwärmende, die still erfreut und täglich und häuslich genossen werden kann ? Darf man eine Freude zerstören, weil man sie verwirft und nicht teilen mag-, Warum gegen die musikalischen Tändeleien eifern, da durch sie allein die ernste Kunst fortgepflanzt wird, weil jede Größe in Kunst und Wissenschaft nur die zusammengezogene Zahl vorhergehender kleinerer Zahlen ist, und da kein Gut an die Stelle des Genusses käme, wenn nicht seines Wertes unkundige Fuhrleute, sich mit dem Ertrage des Gewichtes begnügend, es weiter brächten? Kater Murr und die ihm vorhergegangenen Werke seines Verfassers sind Nachtstücke, nie von sanftem Mondscheine, nur von Irrwischen, fallenden Sternen und Feuersbrünsten beleuchtet. Alle seine Menschen stehen auf der faulen wankenden Brücke, die von dem Glauben zum Wissen führt; unter ihnen droht der Abgrund, und die erschrockenen Wanderer wagen weder vorwärts zu schreiten noch zurück und harren unentschlossen, bis die Pfeiler einstürzen. Das ist seine Stärke, seine Wissenschaft und seine Kunst, – die Geisterwelt aufzuschließen, zu v erraten das Leben der leblosen Dinge, an den Tag zu bringen die verborgenen Fäden, womit der Mensch, und der glückliche, ahndungslos gegängelt wird; jede Blume als ein lauerndes Gespensterauge, jeden freundlich sich herüberneigenden Zweig als den ausgestreckten Arm einer zerstörenden dunklen Macht erscheinen zu lassen. Es ist der dramatisierte Magnetismus, und wenn das Konversationslexikon von jenem Schriftsteller bemerkt: daß er durch die grellsten Dissonanzen zur harmonischen Auflösung durchdringe, so ist ja eben in dieser Auflösung das Anschauernde, Unheimliche, Verletzende. Eine unerklärliche schreckliche Erscheinung wird dem Erzähler nicht geglaubt und mag als Werk der Einbildungskraft erheitern; aber sobald er sie natürlich erklärt und so den Glauben erzwingt, weckt er den Menschen aus seiner fröhlichen Sorglosigkeit, zieht ihn von den freundlich lichten Höhen in den dunklen Abgrund hinab, wo die zerstörende Natur unter Scherben und Leichen sitzt. Ein Streben, das keinen Dank verdient: Es freue sich, Wer da atmet im rosigen Licht; Da unten aber ist's fürchterlich! Und der Mensch versuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen. Nur allein die Liebe, die ihm mangelt, kann dem Verfasser des Kater Murr Verzeihung gewähren selbst für diesen Mangel, und wir endigen besänftigt und besänftigend Mit den Worten, die Faust seiner den Unhold ahnenden Margaretha sagt: Es muß auch solche Käuze geben. Die Schwefelbäder bei Montmorency Ach, wäre ich nur schon der Rührung frei, wie munter wollt ich herumhüpfen auf dem Papier! Aber Tränen umdämmern meine Augen – und sie haben weit zu sehen, über Frankreich weg, bis hinüber in das Vaterland; aber meine Hand zittert und sie soll doch Kranken einen Heilbrief schreiben. Tausend frische Zweige säuseln mich vom dürren Pulte weg, tausend Vögel zwitschern mich hinaus; denn sie säuseln, denn sie zwitschern Rousseau! Rousseau! Die Kastanienbäume dort, ernste Greise jetzt, sie haben in schöneren Jahren Rousseau gekannt und mit Schatten bewirtet seine glühende Seele. Das Häuschen gegenüber – ich sehe in die Fenster – darin ist Rousseaus Stübchen; aber er ist nicht daheim. Dort ist der kleine Tisch, an dem er die »Heloise« gedichtet; da steht das Bett, in dem er ausgeruht von seinem Wachen. O heiliges Tal von Montmorency! Kein Pfad, den er nicht gegangen, kein Hügel, den er nicht hinaufgestiegen, kein Gebüsch, das er nicht durchträumt! Der helle See, der dunkle Wald, die blauen Berge, die Felder, die Dörfchen, die Mühlen sie sind ihm alle begegnet, und er hat sie alle gegrüßt und geliebt! Hier der Schatten vor meinen Augen – so, ganz so hat ihn die Frühlingssonne um diese Stunde auch seinen Blicken vor- gezeichnet! Die Natur ringsumher – die treulose, buhlerische Natur! In Liebestränen lag er zu ihren Füßen, und sie sah ihn lächelnd an, und jetzt, da er fern ist, lächelt sie an gleicher Stelle auch mir und lächelt jeden an, der seufzend vorübergeht! – Drei Stunden von Paris und eine halbe Stunde von Montmorency entfernt liegt, zwischen den Dörfern Enghien und St. Gratien, ein See, welchen die Franzosen den Teich nennen, l’ étang. Darüber mag man sich billig wundern! Sie, die alles vergrößern, die inländischen Tugenden und die ausländischen Fehler, müßten den See – sollte man meinen – das stille Meer von Montmorency heißen, so groß und stattlich ist er. Wahrlich, als ich ihn gestern vormittag sah – das Wetter war etwas stürmisch-, schlug er hohe Shakespeareswellen und war unklassisch bis zur Frechheit. Ich brauchte, bei freiem Herzen, zwanzig Minuten ihn zu umreiten; Liebende zu Fuß können ihn eine ganze schöne Stunde umschleichen. Herrliche Baumgänge umschatten sein Ufer, zierliche Gondeln hüpfen über seine Wellen. Diesem See nahe sind die Badehäuser angebaut, alle auf das schönste und bequemste eingerichtet. Die Bestandteile des Wassers kenne ich nicht genau; die chemische Analyse, die der berühmte Fourcroy davon gegeben, habe ich nicht gelesen; nur so viel weiß ich, daß Schwefel darin ist – dieses herrliche Mittel, das, in Schießpulver verwandelt, kranke Völker, zu Arzneipulver gestoßen, kranke Menschen heilt. Wahrscheinlich hat das Badewasser von Montmorency die größte Ähnlichkeit mit dem von Wiesbaden, welches nach dem Konversationslexikon diesem sächsischen Reichsvikar nach Ableben des deutschen Kaisers, der den deutschen Völkern geistige Einheit gibt und dessen zehn Bände das Andenken der ehemaligen zehn Reichskreise mnemonisch bewahren – kohlensaure Kalkerde, Bittererde, salzsaures Natrum, salzsaure Kalkerde und Bittererde, schwefelsaures Natrum und schwefelsaure Kalkerde, Tonerde und etwas mit kohlensaurem Natrum aufgelöstes Eisen enthält. Aber Montmorency ist ungleich wirksamer als Wiesbaden und alle sonstigen Schwefelbäder Deutschlands und der Schweiz. Die notwendigste Bedingung zur Heilung einer Krankheit durch Schwefelbäder ist, wie die Erfahrung lehrt – die Krankheit; weswegen auch gute Ärzte da, wo sie keine Krankheit vorfinden, ihr Heilverfahren damit beginnen, eine zu schaffen. Paris liegt aber so nahe bei Montmorency, daß die erforderliche Krankheit auf das leichteste zu haben ist. Aus dieser vorteilhaften Lokalität entspringt für deutsche Kurgäste noch ein anderer ganz unschätzbarer Nutzen: daß sie nämlich gar nicht nötig haben, sich auf der großen Reise von Deutschland nach Paris mit einer Krankheit zu beschleppen, welches besonders bei Gichtübeln beschwerlich ist, sondern daß sie sich gesund auf den Weg machen und sich erst in Paris mit den nötigen Gebrechen versehen, von wo aus sie gemächlich in zwei Stunden nach Montmorency fahren, um dort Heilung zu suchen. Sollten sie diese nicht finden oder gar unglücklicherweise in Paris sterben – denn es versteht sich von selbst, daß man dort alle seine Zeit zubringt und nur sonntags zuweilen nach Montmorency fährt, um unter den Kastanienbäumen hinter der Eremitage die feine Welt tanzen zu sehen –, so hat man die Reise doch nicht vergebens gemacht. Es gibt nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben? Der Vorzüge, welche das Schwefelbad von Montmorency vor allen übrigen Schwefelbädern hat, sind noch gar viele, und ich werde ein anderes Mal darauf zurückkommen. Jetzt aber habe ich von etwas Wichtigerem zu sprechen, nämlich von der zweimonatlichen Vorbereitungskur, welcher sich besonders die deutsche weibliche Welt zu unterwerfen hat, ehe sie die Reise nach Montmorency antreten darf. Ich weiß freilich nicht, ob auch junge Frauenzimmer von Stand zuweilen die Gicht bekommen und ob ich nicht gegen die Pathologie und Courtoisie verstoße, wenn ich dieses als möglich annehme. Sollte ich aber fehlen, so entschuldigt mich meine gute Absicht gewiß. Wäre ich nun ein halbes Dutzend Dinge, die ich nicht bin: jung, reich, schön, verheiratet, gesund und ein Frauenzimmer, würde ich, sobald ich im Morgenblatte die Anpreisung des Montmorencybades gelesen, wie folgt verfahren. Ich nehme an, ich lebte seit fünf Jahren in kinderloser, aber zufriedener Ehe. Mein Mann wäre ein Graf und reich. Er wäre nicht geizig, verwendete aber mehr auf seine landwirtschaftlichen Baue, Parkanlagen und Merinoschafe als auf meine Launen und Luftschlösser. Er liebte die Jagd sehr, mich aber nicht minder. An Wochen- und Werkeltagen tät ich ihm in allem seinen Willen, und nur an Festtagen, die ich mir zu diesem Zwecke alle beweglich gemacht, behielte ich mir die Herrschaft vor. Wir lebten zurückgezogen auf unseren Gütern. Mein Mann wäre Tage und Wochen auf seinen entfernten Meiereien, und wir hätten selten eheliche Zwiste. Nun käme er eines Abends- – – aber, um es den Leserinnen bequem zu machen, will ich in der dritten Person, wie Cäsar, und im Indikativ, wie die Weltgeschichte, yon mir erzählen. An einem schönen Maiabend – die Dorfglocke verhallte schlaftrunken, der Himmel löste seine roten Bänder auf, die Sterne wurden angezündet – kehrte Graf Opodeldoc von der Jagd zurück. In das Hoftor eingetreten, sprach er zu seinem Oberjäger: »Lieber Herr Walter, sein Sie so gut und lassen Sie meiner Frau sagen, daß ich da bin.« Der Graf war gegen seine Jagddienerschaft ein gar milder und lieber Herr. Im Gartensaale legte er seine Tasche ab und zog die Ladung aus der Büchse; die Jagd war sehr unglücklich gewesen, nichts, keine Rabenfeder war ihm aufgestoßen. Sophie, das Kammermädchen der Gräfin, kam schüchtern herbei und sprach mit ängstlicher Stimme: »Erschrecken Sie nicht, Herr Graf, es hat gar nichts zu bedeuten, bis morgen ist es vorüber, Sie brauchen sich gar nicht zu beunruhigen.« Der Graf stieß zornig seine Büchse auf den Boden. – »Elster, Starmatz, Gans, was schnattert Sie da? Was hat nichts zu bedeuten, worüber soll ich nicht erschrecken?« Das Kammermädchen erwiderte: »Sie können ganz ruhig sein, die gnädige Gräfin befinden sich etwas unwohl und haben sich zu Bette gelegt.« »Schon gut«, brummte der Graf, »schick Sie mir Heinrich.« Heinrich kam, seinem Herrn die Stiefel auszuziehen. Wie gewöhnlich benahm er sich ungeschickt dabei und bekam einen leisen Fußtritt; so sanft hatte Heinrich den Herrn nie gesehen. Nachdem der Graf in Pantoffel und Schlafrock war, ging er in das Zimmer seiner Frau. Die schöne Gräfin richtete sich im Bette auf; sie hatte den Kopf mit einem Tuche umbunden. – Amor trug die Binde nur etwas tiefer. »Was fehlt dir, mein Kind?« frug der Graf so zärtlich als ihm möglich war. – »Nichts, lieber Mann; ich bin froh, daß du da bist, jetzt ist mir schon viel besser. Heftiges Kopfweh, Schmerz in allen Gliedern, große Übelkeiten.« Die Gräfin, obzwar eine geübte Schauspielerin, die schon in bedeutenden Rollen aufgetreten, stotterte doch, als sie diese Worte sprach, und ward rosenrot im Gesicht. Der Graf er besaß große Allodialgüter und war seiner ganzen Kollateralverwandtschaft spinnefeind; als er seine Gemahlin erröten sah, faßte ein freudiges Mißverständnis und drückte der Gräfin so fest und zärtlich die Hand, als er es lange nicht getan. Diese schrie ein langgedehntes Au!, zog die Hand zurück, bewegte krampfhaft die Finger und wiederholte im Sechsachteltakt: Au!au!au! Au ist zwar ein unfeines Wort; aber der Schmerz hat keinen guten Stil, und einen schönen Mund kann auch ein Au nicht verunzieren. Der klugen Leserin brauch ich es wohl nicht zu sagen, daß jenes Au nichts war als die erste Szene einer kleinen dramatischen Vorgicht. »Ich habe dich oft gewarnt, abends nicht so spät in der Laube zu sitzen; du hast dich gewiß erkältet; das kommt dabei heraus!« Nach diesen Worten wünschte der Graf seiner Gemahlin gute Nacht und ging brummend fort. Am anderen Morgen fand sich die Gräfin beim Frühstück ein und erklärte sich für ganz wiederhergestellt. Der Graf fragte, wie gewöhnlich, nach dem Morgenblatte, das der Bote jeden Abend aus der Stadt brachte. Man suchte darnach, es fand sich nicht. »Steht etwas Interessantes darin?« fragte der Graf. Die Gräfin erwiderte, sie habe es gestern, weil sie sich zu Bett gelegt, nicht gelesen. Sie war ungemein hold und liebenswürdig und schlürfte ein Löffelchen aus der Tasse ihres Mannes, ehe sie ihm dieselbe hinreichte, um zu versuchen, ob der Kaffee süß genug sei – eine zarte Aufmerksamkeit, die sie für feierliche Gelegenheiten versparte. Darauf brachte sie ihre eigene Tasse an den Mund, vermochte sie aber nicht zur Hälfte zu leeren. Sie klagte über Appetitlosigkeit und daß ihr der Mund so bitter wäre. »Meinst du nicht, liebes Kind«, sagte der Graf, »daß es gut sei, den Arzt aus der Stadt holen zu lassen? « »Ich halte es nicht für nötig«, erwiderte die Gräfin, »es fehlt mir eigentlich nichts, indessen, wenn es dich beunruhigt, tue es immerhin.« Ein Reitknecht wurde abgefertigt, und nach zwei Stunden fuhr der Arzneiwagen in den Hof. Der Doktor fühlte den Puls, frug herüber, frug hinüber, schüttelte den Kopf; Frank, sein Polarstern, zog sich hinter Gewölk, und vom menschlichen Herzen, diesem Kompasse auf dem Meere zweifelhafter Geschichten, verstand der gute Doktor nichts. In seiner Spezialinquisition erlaubte er sich verbotene Suggestionen; die Gräfin verwickelte sich in ihren Antworten, klagte über die widersprechendsten Leiden, stotterte, ward wiederum rot. Der Graf lächelte abermals und sprach. »Herr Doktor, ich will Sie mit meiner Frau allein lassen.« Als Graf Opodeldoc fort war, waren die Leiden der schönen Gräfin auch fort. Sie ließ sich vom Doktor die jüngsten Stadtneuigkeiten erzählen und fragte diesen endlich: »Waren Sie schon draußen auf dem Friedhof beim Baron Habersack gewesen? Er ist krank.« – »Ich bin sein Arzt nicht«, erwiderte der Doktor seufzend. »Ich weiß das«, sagte die Gräfin; »aber ich habe vor einigen Tagen mit der Baronesse von Ihnen gesprochen, sie wird Sie rufen lassen.« – Der Doktor machte einen Bückling der Erkenntlichkeit. »Der Baron hat das Podagra«, fuhr die Gräfin fort. »Die Baronesse, die ihn zärtlich liebt, glaubt, daß nur ein Bad ihn herstellen könne, aber der Baron ist ebenso geizig, als seine Gemahlin großmütig ist. Sie verläßt sich auf Sie, daß Sie ihm eine Badereise als unerläßlich zu seiner Heilung vorschreiben werden.« – »Gnädige Gräfin, eine Badereise wäre Ihnen vielleicht auch anzuraten.« – »Meinen Sie, Doktor? (Das ausgelassene Herz machte den Doktor völlig zum Sklaven der Gräfin.) Aber welchen Badeort würden Sie empfehlen? « – »Sind Sie für Wiesbaden, gnädige Gräfin?« – »Ich will nichts davon hören, man begegnet da nur verkrüppelten Männern und möchte sterben vor Langeweile.« – »Was halten Sie von Ems?« »Man erkältet sich dort abends zu leicht.« – »Lieben Sie Cannstatt?« – »Ich hatte mir dort sehr gefallen; schade nur, daß die Esel fehlen, welche die Bäder in der Nähe von Frankfurt so lustig machen ... Doktor, was denken Sie von Montmorency bei Paris? Die dortigen Schwefelbäder werden sehr angerühmt und scheinen mir für meine Umstände ganz zu passen.« – »Ich kenne sie; glauben Sie doch der französischen Scharlatanerie nicht. Einen Schwefelfaden in ein Glas Wasser geworfen und sich damit gewaschen, tut dieselben Dienste wie das Bad von Montmorency.« – »Aber, lieber Doktor, bedenken Sie die angenehme Reise, Paris, die Zerstreuungen.« – »Freilich, gnädige Gräfin, Sie haben recht, die milde Luft Frankreichs wäre Ihren Nerven gewiß sehr heilsam.« – »Doktor, reden Sie mit meinem Manne, seien Sie geschickt, Sie werden Mühe haben.« »Gnädigste, ich führe eine Schlange in meinem Wappen.« Während oben Kriegsrat gehalten wurde, ging Graf Opodeldoc im Garten auf und ab und wartete auf den Doktor. Er machte große Schritte und rieb sich vergnügt die Hände, denn er hoffte heute noch seinen nahbegüterten Kollateralverwandten eine schadenfrohe Botschaft zu bringen. »Wartet nur naseweiser Bruder«, sprach er lachend vor sich hin, »und Sie, hochmütige Frau Schwägerin, wir wollen eine Suppe zusammen essen, die gesalzen sein soll.« Endlich kam der Arzt, er stürzte ihm entgegen, faßte ihn an beiden Händen und sprach: »Nun, lieber Herr Doktor, was macht meine gute Frau? Trinken wir eine Flasche Madeira?« Der Doktor zuckte bedeutend die Achseln. »Man kann noch nichts sagen, wertester Herr Graf. Man muß der Natur Zeit lassen, sich zu entwickeln. Ich habe eine Kleinigkeit verschrieben, zum Versuch bloß.« – »Aber was fehlt denn eigentlich?« – »Es ist eine unausgebildete Gicht, die man zu befördern suchen muß.« »Gicht! Doktor. Meine Frau ist erst dreiundzwanzig Jahre alt, so jung und schon die Gicht! Ich habe sie oft gewarnt, das kommt von den weiten Fußreisen, von dem tagelangen Reiten.« – »Im Gegenteil, Herr Graf, mehrere und stärkere Bewegung wäre der gnädigen Gräfin zuträglich. Die frühzeitige Gicht findet sich jetzt häufig bei jungen Damen von Stande; das kommt vom übermäßigen Zuckerwassertrinken.« – Graf Opodeldoc ließ sich das gesagt sein; er war ein kenntnisvoller Pferdearzt, aber von der Menschheit in ihrem gesunden und kranken Zustande wußte er nicht viel. Nachdem der Arzt fort war, ging der verdrießliche Ehemann in das Zimmer seiner Frau, ergriff beide dort stehende vollgefüllte Zuckerdosen und schüttete ihren Inhalt zum Fenster hinaus. Alles Hofgeflügel kam herbeigeflattert und schlich langsam und verdrießlich wieder fort, als sich nichts zu picken vorfand. Vier Wochen lang wechselte die schöne Gräfin Opodeldoc zwischen Wohlbefinden und Übelbefinden mit vieler Kunst und Überlegung ab. Der Arzt kam, der Arzt ging. Die Krankheit blieb. Endlich schien die Arznei anzuschlagen – sie mochte wohl sympathisch gewirkt haben, denn Sophie, das Kammermädchen, pflegte ihre Privatnelken damit zu begießen. Schon seit acht Tagen war keine Klage gekommen aus dem Munde der Gräfin. Terpsichore hatte diese glückliche Verabredung mit Hygieia getroffen; denn am neunten Tage schickte die Baronesse Habersack Einladung zu einem Balle, auf dem sie vor der Abreise ins Bad alle ihre Freunde vereinigt sehen wollte. Die Gräfin schmückte sich aufs herrlichste, sie war schön wie – ein Engel. (Warum ist die christliche Mythologie so arm an guten Bildern?) Sophie, das Kammermädchen, stand, wie Pygmalion vor seinem Marmorbild mit Liebesblicken vor dem Kunstwerk ihrer Hände und flehte die Götter, sie möchten die Gräfin beleben und in einen Mann verwandeln. Der Graf selbst zeigte starke Spuren inneren Wohlgefallens beim Anblicke seiner Gemahlin; denn die Hoffnung, daß seine hagere Schwägerin auf dem Balle etwa bersten würde vor Neid, hatte sein ästhetisches Gefühl ungemein geschärft. Er nannte die Gräfin einmal über das andere: Mein Mäuschen! Endlich bot er ihr den Arm, sie hinab an den Wagen zu führen. Auf der Mitte der Treppe – o unvergleichliche Tat menschlicher Seelenstärke, einzig in der Weltgeschichte! o glorreichste Heldin des weiblichen Plutarchs! – mitten auf der Treppe, von Rosen umduftet, von Seide umwallt, von Gold und Perlen umglänzt. von Kunst und Natur bis zum Blenden umschimmert, auf dem Wege zum Tanze, auf dem Wege zu tausend süßen Triumphen... ... stieß die Gräfin Opodeldoc einen durchdringenden Schreie aus und wollte zusammensinken. Der Graf stützte sie und fragte: »Was hast du, mein Mäuschen?« Die Gräfin konnte vor Schmerz nicht antworten. Man mußte sie die Treppe wieder hinauftragen. Sie legte sich zu Bette. Sophie, ob sie zwar als Kammermädchen hinter den Kulissen stand, ward doch überrascht von dem Staatsstreiche ihrer Gebieterin, dessen Geheimnis sie nicht wußte, da die Gräfin, wie jede Frau, ein Allerheiligstes hatte, in das auch die Priesterin Sophie nicht treten durfte, sondern nur sie selbst als Hohepriesterin. Der kranke Fuß wurde bis zur Ankunft des Arztes ohne Erfolg mit Hausmitteln behandelt. Der Doktor kam und hatte mit der Gräfin eine lange geheime Unterredung. Vor dem Weggehen begab er sich zum Grafen und sagte mit feierlicher Stimme: »Herr Graf, ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu raten, daß Sie einen anderen Arzt kommen lassen.« – »Noch einen?« rief der Graf. »Ein Kongreß! Steht es so schlimm mit meiner Frau? Ist eine gefährliche Revolution in ihr vorgegangen?« »Nein, wertester Herr Graf, so schlimm ist es nicht; aber die gnädige Gräfin scheinen kein Zutrauen in mich zu setzen und wollen meinen Rat nicht befolgen. Ich habe Ihrer Gemahlin eine Badekur verordnet, aber sie will nichts davon hören. Sie sagt, das Geräusch der Badeorte sei ihr verhaßt, und sie hat mir verboten, mit lhnen, Herr Graf, davon zu sprechen. Aber meine Pflicht ... « – »Herr Doktor, Ich liebe die Badeorte auch nicht; können Sie meine Frau nicht auf anderem Wege heilen?« – »Wertester Herr Graf, wir können nicht zaubern, wir Ärzte. Der Arzt und die kranke Natur sind der Blinde und der Lahme; die Natur zeigt uns den Weg, den wir sie tragen sollen. Um einen Kranken zu heilen, müssen wir in ihm den gesunden Punkt, den Punkt des Archimedes auffinden, wo wir den Hebel ansetzen. Die Gicht ist eine Krankheit, die sich aufs hartnäckigste verteidigt, sie ist mit Gewalt gar nicht einzunehmen, weswegen sie auch im Konversationslexikon unmittelbar auf Gibraltar folgt ... « Der Doktor sprach noch länger als eine Viertelstunde gelehrt und unverständlich, um der Gräfin Zeit zu lassen, ihre Rolle zu rekapitulieren. »Sie werden meiner Frau Wiesbaden verordnet haben?« – »Nein, Herr Graf, das Wasser ist zu stark.« – »Oder Ems? Nicht wahr, Doktor, Ems, das hilft.« – »Trau Sie ihm nicht, Herr Graf, das Wasser allein tut' s dort nicht; die Nachtluft – die Nachtluft ist dort schädlich.« »Welches Bad raten Sie denn?« – »Das zweckmäßigste wäre Barrège in den Pyrenäen.« – »Träumen Sie, Herr Doktor? Wollen Sie meine Frau der Armée de fol zuführen? Soll uns der Trappist attrapieren?« – »Freilich, Herr Graf, Barrègge hat seine Bedenklichkeit. Das Wasser von Montmorency bei Paris ist ungefähr von gleicher Beschaffenheit.« »Herr Doktor, wenn unsereiner nach Paris reist, so kostet das gleich ungeheures Geld. Muß es denn sein? Tut es kein anderes Bad? Haben Sie Erfahrungen, ob es hilft?« – »Schon Hippokrates, in seinem Buche von den Winden, rühmt das Bad von Montmorency. Aber, Herr Graf, ich fürchte, Ihre Frau Gemahlin ist nicht zu bewegen.« – »Das wird sich finden; wenn ich will, muß sie wollen; ich bin Herr, Herr Doktor.« Graf Opodeldoc brauchte länger als vierzehn Tage, seine Gemahlin für die Schwefelbäder von Montmorency zu gewinnen. Endlich willigte sie ein. »Ich will deiner liebevollen Besorgnis dies Opfer bringen«, sprach sie mit matter Stimme. Sie ward täglich schwächer und verließ das Bett nicht mehr. »Liebes Kind«, sagte der Graf eines Morgens, »ich reite in die Stadt, ich will dir die Putzmacherin herausschicken, du wirst für die Reise noch allerlei bedürfen.« – »Nein, guter Mann«, erwiderte die Gräfin, »das Nötigste habe ich, und ein Leichentuch finde ich überall. Ich fühle, wie sich alles in mir auflöst, bald schließt mich der Tod in seine kalten Arme.« – »Kinderpossen! Du wirst in Paris wieder aufleben; dann brauchst du Flitter genug, und dort ist alles doppelt teuer. « – »O mein Gatte, wozu noch Tand und Flitter? Laß mich den Blick abwenden von allem Irdischen, laß mich gegen den Himmel meine Gedanken richten!« »Wie du willst!« brummte der Graf. – Die Vorbereitungen zur Reise waren getroffen, das Gold ward unter Seufzen eingerollt. – Der Graf liebte die Napoleons sehr, doch als guter Deutscher nur im Pluriel. Die Gräfin wurde in den Wagen gehoben. Schon am zweiten Tage fühlte sie sich gestärkt, und in Straßburg vermochte sie mit Leichtigkeit den Münster hinaufzusteigen. Oben auf der Plattform sagte der Graf: »Mäuschen, du blühst ja wieder wie eine Rose.« Die Gräfin erschrak, bedachte, wie wenig entfernt sie noch von der Heimat wären, und blickte in die untergehende Sonne, um ihre Wangenröte hinter dem Widerschein der Abendglut zu verstecken. Als sie an der Barriere St. Martin an das Tor gelangten, durch das man, von Deutschland kommend, in Paris einfährt, wollte der Postillion, wie es ihm auf der Station geheißen, rechts ab gleich nach Montmorency fahren, wo das Quartier vorausbestellt war. Aber die Gräfin befand sich plötzlich so übel, daß man sich entschließen mußte, über Nacht in Paris zu bleiben. Der am anderen Morgen herbeigeholte Arzt erklärte die Krankheit für une fièvre non maligne und gebot, das Zimmer zu hüten. Der Graf ging aus, Adressen abzugeben, machte Besuche, empfing Besuche; nach einigen Tagen war die Gräfin hergestellt und ward von ihrem Manne in den Strudel von Paris hineingeführt. Die deutsche unlegitime Garderobe wurde in der Viviennestraße restauriert. Der Graf selbst fing an, sich in Paris zu gefallen. Er hatte einen wackeren Colonel auf halbem Solde kennengelernt, der wie er ein leidenschaftlicher Jäger war und der ihm Gelegenheit verschaffte, seine Lust zu befriedigen. Die Gräfin aber hatte vom ersten Augenblick an eine unüberwindliche Abneigung gegen den Colonel gefaßt, und da sie ihren Widerwillen nicht verbarg, führte dieses zu häufigen Zwistigkeiten mit ihrem Manne. »Er ist ein wilder Mensch!« sagte die Gräfin oft. – »Wir gedienten Leute sind nicht anders!« erwiderte jedesmal der Graf. Wochen, Monate gingen vorüber, der Herbst nahte heran, die Rückreise konnte nicht länger verschoben werden. Der Wagen war angespannt, der Colonel umarmte seinen Freund. »Adieu, mon angel« sagte er zu Sophie, ihr die Wangen streichelnd; aber vergebens suchte er unter Scherzen seine Rührung zu verbergen, Tränen entstürzten seinen Augen. Er faßte die Hand der Gräfin, sie zu küssen, diese zog sie zurück und ließ ihren Schleier fallen. Als sie im Wagen saßen, sagte der Graf: »Du hast dich aber auch zu unartig gegen den Colonel benommen! Er ist ein herrlicher Mann, ein echt deutsches Herz.« ... Während auf der ersten Station hinter Paris die Pferde gewechselt wurden, schlug sich der Graf plötzlich an die Stirn und rief: »Rein vergessen!« Mit freudigem Schreck frug die Gräfin hastig: »Deine Brieftasche? Ich habe sie auf dem Kamin gesehen. Laß uns schnell zurückfahren, ich fürchte, ich habe auch manches dort vergessen; wenn wir nicht eilen, ist alles hin.« – »Die Brieftasche habe ich«, erwiderte der Graf. »Ich meine, wir haben ja ganz vergessen, uns in Montmorency umzusehen.« – »Übers Jahr!« lispelte die Gräfin mit einem leisen Seufzer und warf einen feuchten Blick auf den Dom der Invaliden zurück, dessen goldene Kugel in der Abendsonne leuchtete. Graf Opodeldoc lebte wieder im alten Gleise auf seinen Gütern. Die Nachbarinnen waren der Reihe nach gekommen, die Pariser Hüte zu bewundern, welche die Gräfin mitgebracht. Diese hatte sich müde erzählt von den Wunderwerken der herrlichen Stadt – wenn es für Männer angenehm ist, in Paris zu sein, ist es für Frauen noch angenehmer, dort gewesen zu sein und davon zu berichten. Die Herbstwinde raschelten, die Blätter fielen. Es kam der erste November, des Grafen fünfzigster Geburtstag. Der Graf schlief an diesem Tage wie gewöhnlich länger als gewöhnlich, um zu allen Vorbereitungen zu seiner Überraschung Zeit zu lassen. Er ging hinab in den Saal und wünschte seiner Gemahlin mit erkünstelter Gleichgültigkeit und Kälte einen schönen guten Morgen. Bei seinem Eintreten sagte die Gräfin zu ihrem Kammermädchen: »Geh, Sophie!« indem sie ihr einen sanften Schlag gab. Sophie hatte eine ganze Spitzbubenherberge voll Schelmerei auf ihrem Gesichte und schlüpfte lachend hinaus. »Väterchen!« sprach die Gräfin mit entzückender Holdseligkeit – der Graf kam näher »Väterchen!« – der Graf stand vor ihr – »Petit Papa« – sie ergriff seine Hand, drückte sie fest und zärtlich, er zog sie zurück; sie lächelte, er errötete. – Das macht ich so! Brief an einen siebenjährigen Deutschen in Neapel Lieber Herr! Sie selbst werden es sehr gut verstehen, warum ich Sie einen siebenjährigen Deutschen in Neapel nenne: weil Sie nämlich sieben Jahre dort wohnen. Aber wegen der übrigen Leser mußte ich dieses erklären. Ich habe mir, um die erforderliche Kürze der Überschrift zu erhalten, diese Sprachfreiheit nehmen müssen; denn hätte ich darauf warten wollen, bis man mir die Freiheit oktroyiert, hätte ich lange warten können. Ehe ich von meinen Angelegenheiten spreche, muß ich mein Bedauern ausdrücken, daß ich Ihnen keine Geheimnisse zu schreiben und daher nicht Gelegenheit habe, die schöne Entdeckung zu benutzen, die ich vor kurzem gemacht habe. Ich habe nämlich ein Mittel gefunden, Briefe gegen vorzeitiges Eröffnen zu sichern; es besteht darin, die Briefe drucken zu lassen und gar nicht zu versiegeln. Vielleicht wundern Sie sich, lieber Herr, daß ich jenes Briefeöffnen nur vorzeitig nannte und nicht abscheulich, wie andere Publizisten tun. Ich weiche aber hierin von der gewöhnlichen Ansicht ab. Meiner Meinung nach liegt jenen amtlichen Vorlesungen mehr eine medizinische Polizei, als irgendeine andere zum Grunde. Man hat Beispiele genug, daß Menschen gleich nach Empfang eines Briefes krank geworden oder gar gestorben sind. Oberflächliche Ärzte haben dann behauptet, der Inhalt des Schreibens und die dadurch bewirkte Gemütsbewegung hätten das getan. Es rührte aber bloß von der verdorbenen Luft her, die sich in lang verschlossenen Briefen notwendig erzeugen mußte, und welche die Empfänger ohne Vorsicht eingeatmet hatten. Um diese Gefahr zu entfernen, öffnet eine gute medizinische Polizei die Briefe auf verschiedenen Poststationen und erneuert die darin enthaltene Luft. Sieht das einer Abscheulichkeit ähnlich? Jetzt zu meinem Anliegen, und zwar zu dessen erstem Teil. Ich habe im literarischen Konversationsblatte mit vielem Vergnügen einen Bericht gelesen, den Sie über den letzten Ausbruch des Vesuvs eingeschickt. Der Ausbruch fand am 22. Oktober v. J. statt, und die Lebhaftigkeit Ihrer Schilderung läßt schließen, daß Sie den empfangenen Eindruck sogleich zu Papier und daß die italienische Post das Papier sogleich nach Leipzig gebracht. Aber erst am 23. April d. J. stand Ihr Bericht abgedruckt; also ganze sechs Monate später. Die Lava, so langsam sie auch schleicht, hätte sie ihren Lauf nach Leipzig genommen, wäre sie dort früher erschienen als Ihre Warnung. Ich bitte Sie, sich mir anzuschließen, damit wir gemeinschaftlich darüber nachdenken, wie die beschwerliche und langsame Verdauung der deutschen Buchdruckereien zu heilen sei. Sollte sie von Überladung herrühren? Aber in Frankreich wird nicht weniger geschrieben und gedruckt, und dennoch erscheinen die Bücher so schnell. Von den Übersetzungen der Scott'schen Romane werden in Paris sämtliche Bände an einem Tage ausgegeben; in Deutschland erscheinen sie aber in großen Zwischenräumen, so daß ich von vier Scott'schen Romanen nur die ersten Teile gelesen, weil, als die folgenden erschienen, ich das Gelesene wieder vergessen hatte, und es mir verdrießlich war, um den Zusammenhang der Geschichte zu gewinnen, eine gemachte Lektüre noch einmal vorzunehmen. Gute Werke werden im Leipziger Meßkatalog dreimal aufgeboten, aber nicht wie Leute, die sich verehelichen wollen, von Woche zu Woche, sondern von Halbjahr zu Halbjahr. Aus Ihrer Darstellung, wertester Herr, sieht man, daß Sie ein geübter Schriftsteller sind und es Ihnen also weniger Freude als Ihren Lesern macht, sich gedruckt zu sehen. Wenn dieses aber nicht wäre, wenn Sie ein anfangender Schriftsteller wären – in Neapel sind Sie ohnedies, wo die Sonne alle Neigungen und Leidenschaften schneller treibt und heißer ausbrütet – würden Sie nicht gestorben sein vor Ungeduld, ehe Sie Ihren Bericht im literarischen Konversationsblatte gesehen? Zu den sechs Monaten, die der Druck erforderte, müssen Sie auch noch drei andere rechnen, die der Fuhrmann gebraucht hätte, Ihnen das Blatt nach Neapel zu fahren. Ich erinnere mich noch recht gut, daß ich im Oktober 1813 zu Fuß von Heidelberg nach Frankfurt gegangen; auf dem Wege schloß ich mich einem Fuhrmanne an, denn das Leben der deutschen Fuhrleute war mir immer sehr poetisch erschienen, und ich wollte dieses Dessert meiner akademischen Freiheit auch noch verzehren, ehe ich an die saure Arbeit ginge. Aber so sehr ich auch meinen Gang mäßigte, vermochte ich doch nicht, mit den Gäulen gleichen Schritt zu halten, und ich mußte nach jeder Viertelstunde wieder umkehren, so daß ich den Weg gleich einem Pudel drei- bis viermal machte. Auf dem Wagen bemerkte ich einen Ballen Bücher, der nach Leipzig adressiert war. Damals fiel mir daran nichts auf als die Adresse, welche lautete: An die löbliche Buchhandlung N. N. . . . Ehrliche Deutsche – dachte ich, ihr macht nicht bloß lebendigen Geschöpfen Komplimente, sondern auch toten Sachen, die ja das Kompliment nicht erwidern können. Entspringt Schmeichelei aus so edlen, uneigennützigen Triebfedern, dann ist sie als Tugend sehr zu preisen! . . . Einige Wochen später aber fiel mir bei, daß, wenn in dem Pakete Klüber's Staatsrecht des Rheinischen Bundes gelegen, das sich ein Leipziger verschrieben, das Buch bei seiner Ankunft für den Besteller gar keinen Wert mehr gehabt hätte, da unterdessen die deutschen Fürsten zur guten Sache übergetreten waren und der Rheinische Bund aufgelöst worden. In Ihrem Berichte, wertester Herr (und das ist meines Anliegens anderer Teil), beschreiben Sie das vom Vesuv herabwogende Feuermeer schön und schauerlich, und dann sagten Sie folgendes: »In solchen Augenblicken scherzen zu können, beweist wenigstens ein fühlloses, wenn nicht ein geradezu schlechtes Herz. Und doch geschah es! Wir trafen viele Zuschauer beider Geschlechter und von allen Nationen dort, welche ihren Witz laut werden ließen. Einer – leider ein Deutscher – trieb es so weit, daß er ein paar Spiele Karten hervorzog, indem er, wie er sagte, sich vorgenommen habe, im Angesichte der Lava eine Partie Whist zu machen!! – Zum Glück war ein anderer Deutscher so entschlossen, ihm die Karten wegzureißen und sie in die glühende Lava zu schleudern – und das von Rechts wegen.« Zuvörderst erlauben Sie mir die kleinliche Vermutung, daß in dem letzten Satze etwas fehlt. Den Worten: so entschlossen , scheint ein Sätzchen folgen zu müssen, das mit daß anfängt, etwa: daß die Whistpartie unterblieb . Bei der Eilfertigkeit, womit Ihr Bericht abgedruckt worden ist, muß man sich verwundern, daß nicht noch mehrere Druckfehler darin vorkommen. Jetzt aber erlauben Sie mir, die beiden Geschlechter und die verschiedenen Nationen, die auf dem Vesuv witzig waren, gegen ihre Anklage in Schutz zu nehmen. Sie sagen: wer auf dem Vesuv Witz zeige, müsse ein Herz ohne Gefühl, ja ein durchaus schlechtes Herz haben. Ein so ungerechtes Urteil hatte das französische Revolutionsgericht in den Tagen des Schreckens nie ausgesprochen. Den Deutschen unter den Witzigen wäre nichts vorzuwerfen, als daß sie ihren Witz nicht im Lande verzehrt; den andern Nationen aber ist gar nichts hierüber zu sagen. Nicht aus Übermut, aus Angst waren sie witzig, wie es die Menschen gewöhnlich sind, wo sie sich in Gesellschaft fürchten. Wer der Gefahr spottet, gedenkt ihrer; der wahre Held aber denkt gar nicht an die Gefahr. Doch ist ein Herz darum schlecht, weil es furchtsam ist? Was aber jenen Deutschen betrifft, der auf dem Vesuv eine Partie Whist spielen wollte, so hätte ich selbst zwar ein solches Verlangen nie gezeigt, weil ich kein Whist verstehe; wäre mir aber in den Sinn gekommen, »im Angesicht der Lava« eine Partie Piket zu spielen und ein gemütlicher Landsmann hätte mir die Karten aus den Händen reißen wollen, so würde ich, wie folgt, zu ihm gesprochen haben und wäre dabei so in Eifer geraten, daß ich ihn gegen alle Regeln der Höflichkeit geduzt hätte: »Fremdling! Nicht darum nenn' ich dich Fremdling, weil du, wie ich an deiner Aussprache höre, ein Württemberger bist, ich aber ein Nassauer bin; sondern weil deine Gesinnungen und deine Gefühle meinem Kopfe und meinem Herzen ganz fremd sind. Du drohst, meine Whistkarte in die Lava zu werfen? Tue es, was liegt daran? ich kauf mir eine andere; es gibt der Damen, Buben, Könige und Kreuze noch genug in der Welt. Aber denke ja nicht, mich mit dieser groben Koketterie zu täuschen – ich durchschaue dich, Fremdling, du schmeichelst dem Vesuv, weil du vor ihm zitterst, und du zitterst vor ihm, wie du vor deinem Geheimrate in der Kreisstadt zitterst. Du findest es kleinherzig, Whist zu spielen im Angesichte dieser erhabenen, Verderben drohenden Natur! Sag' mir, Fremdling, hast du je die Karte hingelegt, wenn unter den Fenstern des Kasinos, wo du spieltest, weinende Kinder ihren Vater zu Grabe getragen? Du tändelst morgens beim Frühstücke mit deinem Weibchen und hast noch die Zeitung in der Hand, die dir vom spanischen Bürgerkriege erzählte, und wie dort nicht ein Vesuv Flammen speit, sondern zwei Vulkane gegeneinander wüten. Jede Freude wird am Strande eines Abgrunds gepflückt. Tanze, wo du willst, du tanzest über Gräbern; singe, wann du willst, Tränen begleiten dein Lied; siedle dich mit deinem Glücke an, wo du willst, die Trauer ist deine Nachbarin. Kennst du den Scherz nicht, kennst du den Ernst nicht; denn der Scherz ist der Staubfaden des Ernstes, sein Geschlecht anzeigend. Schau her, Fremdling: Ich selbst werfe jetzt die Karte in die Glut, aber mit Freiheit, nicht wie du aus Kriecherei. Gib mir deine Hand, Württemberger, dort liegt die Asche meines Zornes.« (Pressefreiheit) In dem Gange der Natur und der Geschichte ist nicht zu unterscheiden, was Ausgang, Weg und Ziel sei; alles kehrt in einem ewigen Kreislaufe zu sich selbst zurück. Doch welcher Ring der unendlichen Kette in jeder Stunde der Beobachtung an dem Menschengeschlechte vorüberziehe, das mag man erkennen – es bildet den Geist der Zeit. Die unsere ist bemüht, die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft anders zu gestalten, und sie strebt vor allem, die ausübende Gewalt den Händen eines alleinigen Herrschers dadurch zu sichern, daß sie die Fürsten der beratenden und gesetzgebenden Macht der öffentlichen Meinung unterwirft. Man widersetzt sich vergebens dem starken Willen der Zeit. Die öffentliche Meinung bildet eine Volksbewaffnung, die unbesiegbar ist, und welcher das stehende Heer der Regierungsgedanken früher oder später unterliegen muß. Alleinherrschaft kann nur bestehen, so lange das Volk in Stände zerfällt, welche, in einer unwandelbaren Ordnung übereinander gebaut, die festen Stufen bilden, welche gemächlich zum Throne führen. Diese dauern nur so lange, als Familien und Körperschaften sich an Macht und Reichtum einander überragen, und Macht und Reichtum, sei es als erworbener oder als ererbter Besitz, folgen allein der Geistestätigkeit. Sobald, wie in unserer Zeit, die Bildung des Geistes sich durch die ganze Gesellschaft ausgebreitet hat, und hierdurch die Ansprüche auf den Genuß des Lebens höher und allgemeiner geworden sind und ein Wunsch ist schon der halbe Besitz – sobald eine solche Gleichheit eingetreten ist, da kann auch die Vorherrschaft irgend eines Standes nicht länger mehr bestehen und nur mit Unwillen duldet man ihre Fortdauer. Das ist der Geist des Mißbehagens, der unter den Völkern wandelt, der nicht zu fürchten, aber zu achten ist. Ihn ableugnen, bedrohen oder schelten, das bannt ihn nicht. Man muß ihn begreifen und versöhnen. Das Mittel hierzu ist einfach und alleinig. Reichtum und Macht sind beschränkt in ihrem Maße; es kann nicht jeder alles haben; das erkennt auch der einfältigste und eigensüchtigste Mensch. Aber es bedarf auch nicht des Besitzes eines Guts, um die lärmende Habgierde zu beschwichtigen, sondern nur der ungehinderten Freiheit, darnach zu streben. Es ist eine große Lehre der Regierungskunst der Menschen: hoffnungslose Bürger sind gefährlich, denn sie sind auch furchtlos. Die Ausbrüche der Unzufriedenheit, welche Throne erschütterten, hatten wie Erdbeben in starken Trieben und Kräften ihren Ursprung, die aus den verborgenen und engen Räumen, in welchen sie eingeschlossen waren, sich zu befreien suchten. Es war ein Gebrechen der bürgerlichen Gesellschaft, daß jeder wie ein Baum festgewurzelt stand, von Geschlecht zu Geschlecht nur immer die nämlichen Früchte tragen, und auf der Stelle, wo er zur Welt kam, auch sein Grab finden sollte. Dem Adlergeiste wurden die Flügel beschnitten, daß er sich nicht über den Boden, über Dürftigkeit und Geringschätzung erheben möge. Die Bahn war lang und eng: nur immer einer konnte nach dem Preise des Zieles rennen, der zufällig Vordere konnte durch Kraft und Schnelligkeit nicht mehr überholt werden. Der Wunsch nach Veränderung des Besitzes der Lebensgüter mußte alle beseelen, sobald, nachdem die Regierungen das Geheimnis ihrer Macht und Schwäche verraten hatten, die Erfüllung dieses Wunsches sich als möglich zeigte. Um die Fürsten und ihre Völker vor dem Verderben zu bewahren, das aus jenem Geiste des Mißvergnügens und der Habsucht entspringt, muß in allen bürgerlichen Ständen bedeutenden Menschen die lang verschlossene Laufbahn wieder geöffnet werden, die Freiheit nämlich, ihre vorwaltende Geisteskraft zu gebrauchen und geltend zu machen. Dieses kann nur geschehen durch Gewährung der Redefreiheit, der mündlichen in volksvertretenden Versammlungen und der schriftlichen durch die Presse. Auf diese Weise bildet sich eine sittliche Demokratie, wodurch die Entstehung der so gefährlichen, unheilbringenden, numerären Demokratie allein verhindert werden kann. Eine unhaltbare Moral hält viele ab, diese Absicht zu bekennen, aber redliche Männer dürfen ihre Triebe eingestehen, während die Sünder, weil sie solche sind, heucheln müssen. Die öffentliche Meinung ist der bestehenden Ordnung der bürgerlichen Dinge nicht hold, und das macht die Freiheit der Rede um so nötiger. Die öffentliche Meinung ist ein See, der, wenn man ihn dämmt und aufhält, so lange steigt, bis er schäumend über seine Schranken stürzt, das Land überschwemmt und alles mit sich fortreißt. Wo ihm aber ein ungehinderter Lauf gegeben ist, da zerteilt er sich in tausend Bäche mannigfaltiger Rede und Schrift, die, friedlich durch das Land strömend, es bewässern und befruchten. Die Regierungen, welche die Freiheit der Rede unterdrücken, weil die Wahrheiten, die sie verbreitet, ihnen lästig sind, machen es wie die Kinder, welche die Augen zuschließen, um nicht gesehen zu werden. Fruchtloses Bemühen! Wo das lebendige Wort gefürchtet wird, da bringt auch dessen Tod der unruhigen Seele keinen Frieden. Die Geister der ermordeten Gedanken ängstigen den argwöhnischen Verfolger, der sie erschlug, nicht minder, als diese selbst im Leben es getan. Der freie Strom der öffentlichen Meinung, dessen Wellen die Tagesschriften sind, ist der deutsche Rubikon, an welchem die Herrschsucht weilen und sinnen mag, ob sie ihn überschreiten und das teure Vaterland und mit ihm die Welt in blutige Verwirrung bringen, oder ob sie sich selbst besiegen und abstehen soll. Cäsars Schatten zeigt warnend nach der Bildsäule des Pompejus. Geschichten, Sagen und Meinungen Großstädtische Gesinnung. Eine Berliner Zeitungsnachricht meldete vor kurzem, was folgt: Eine Deputation der hiesigen Stadtverordneten machte dem neuen Gouverneur der Residenz, General Grafen von Gneisenau, vor einigen Tagen ihre Aufwartung , und empfahl Sr. Exzellenz das Wohl der Berliner Bürgerschaft . Die Deputation genoß das Glück einer langen Audienz , in welcher sich Se. Exzellenz mit vieler Güte und Herablassung äußerte usw. So etwas in's Französische übersetzt, müßte drollig zu lesen sein. Fast zweimalhunderttausend Menschen machen durch Stellvertreter einem einzigen Generale ihre Aufwartung, empfehlen ihm ihr Wohl und rechnen sich's zum Glücke, daß sie so lange vor ihm stehen durften, und der General läßt sich herab, gütig mit ihnen zu sprechen. Wahrhaftig, der brave Gneisenau hat es nicht verdient, daß man so kriechend und balsamisch von ihm rede. Aber wäre ich der Gouverneur gewesen, ich hätte die Deputation der Berliner Bürgerschaft zur Türe hinausgeworfen; denn sie war gekommen, um sich die Befreiung von Wachtdiensten zu erbetteln. Diese Hauptstädter alle sind die gefährlichsten Feinde der deutschen Volksfreiheit; sie schmieden die Ketten, mit welchen die Provinzen belastet werden. Die winzigen, engherzigen Menschen! Um wöchentlich vielleicht eine Stunde länger ihrer Kramerei nachzugehen, geben sie freiwillig die letzte Waffe aus den Händen, und die Schwachköpfe wissen es nicht zu berechnen, daß sie in den sechzig Minuten, am Schilderhäuschen zugebracht, nicht den zehnten Teil so viel hätten erschachern können, als es ihnen an Abgaben mehr kostet, wenn sie die Oberherrschaft des Soldatenstandes wieder aufkommen lassen. Geht nur, ihr lustigen Feuerwerker vom 18. Oktober, ihr seid Taugenichtse, wie ihr immer waret. Das matte Lüftchen, das oberflächlich eure sumpfige Empfindung kräuselte, es ist nicht mehr, und die Pfütze – schläft. Otaheite , den 30. Oktober 1818. Se. Exzellenz, der Finanzminister Uhauga , haben sich gestern auf eine, noch von keinem versuchte Weise zu entleiben geruht, nämlich durch freiwilliges Selbsterschrecken. Er saß, und anscheinend ganz ruhig, bei einer Tasse Tee, als er plötzlich und ehe man ihn daran verhindern konnte, die Worte aussprach: die Presse ist frei, der Teufel ist los! Darauf fiel er zurück und tot war er. Dieser Staatsmann wird allgemein bedauert und man begreift nicht, was ihn zu diesem Schritte bewogen haben möchte. Man hatte nie irgendein Zeichen von Geistesanwesenheit bei ihm bemerkt. Er hinterläßt eine zahlreiche Familie. Aus meinem Tagebuche 1828/29 (Auszug) Goethe hätte ein Herkules sein können, sein Vaterland von großem Unrate zu befreien; aber er holte sich bloß die goldenen Äpfel der Hesperiden [nach griech. Mythologie bewachen Nymphen den Garten der Götter] , die er für sich behielt, und dann setzte er sich zu den Füßen der Omphale [Herakles diente der lydischen Königin in Frauenkleidung] und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die großen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Dante, Krieger, Staatsmann, ja Diplomat, von mächtigen Fürsten geliebt und gehaßt, beschützt und verfolgt, blieb unbekümmert um Liebe und Haß, um Gunst und Tücke, und sang und kämpfte für das Recht. Er fand die alte Hölle zu abgenutzt und schuf eine neue, den Übermut der Großen zu bändigen und den Trug gleißnerischer Priester zu bestrafen. Alfieri war reich, ein Edelmann, adelstolz, und doch keuchte er wie ein Lastträger den Parnaß hinauf, um von seinem Gipfel herab die Freiheit zu predigen. Montesquieu war ein Staatsdiener, und er schrieb seine persischen Briefe, worin er den Hof verspottete, und seinen Geist der Gesetze, worin er die Gebrechen Frankreichs richtete. Voltaire war ein Höfling; aber nur schöne Worte verehrte er den Großen und opferte ihnen nie seine Gesinnung auf. Er trug eine wohlbestellte Perücke, feine Manschetten seidene Röcke und Strümpfe; aber er ging durch den Kot sobald ein Verfolgter um Hülfe schrie, und holte mit seinen adeligen Händen schuldlos Gerichtete vom Galgen herab. Rousseau war ein kranker Bettler und hülfsbedürftig ; aber nicht die zarte Pflege, nicht die Freundschaft, selbst der Vornehmen, verführte ihn, er blieb frei und stolz und starb als Bettler. Milton vergaß über seine Verse die Not seiner Mitbürger nicht und wirkte für Freiheit und Recht. So waren Swift, Byron , so ist Thomas Moore . Wie war, wie ist Goethe ? Bürger einer freien Stadt, erinnert er sich nur, daß er Enkel eines Schultheißen ist, der bei der Kaiserkrönung Kammerdienste durfte tun. Ein Kind ehrbarer Eltern, entzückte es ihn, als ihn einst als Knabe ein Gassenbube Bastard schalt, und er schwärmte mit der Phantasie des künftigen Dichters, wessen Prinzen Sohn er wohl möchte sein. So war er, so ist er geblieben. Nie hat er ein armes Wörtchen für sein Volk gesprochen, er, der früher auf der Höhe seines Ruhms unantastbar, später im hohen Alter unverletzlich, hätte sagen dürfen, was kein anderer wagen durfte. Noch vor wenigen Jahren bat er die »hohen und, höchsten Regierungen« des deutschen Bundes um Schutz seiner Schriften gegen den Nachdruck. Zugleich um gleichen Schutz für alle deutschen Schriftsteller zu bitten, das fiel, ihm nicht ein. Ich hätte mir lieber wie einem Schulbübchen mit dem Lineal auf die Finger klopfen lassen, ehe ich sie dazu gebraucht, um mein Recht zu betteln, und um mein Recht allein! Goethe war glücklich auf dieser Erde, und er erkennt sich selbst dafür. Er wird hundert Jahre erreichen; aber auch ein Jahrhundert geht vorüber, und ewig sitzt die Nachwelt. Sie, die furchtlose, unbestechliche Richterin, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast du je die Niedrigkeit beschämt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast du je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst nur immer dein eigner Wächter! Glücklich hast du gelebt, aber du hast gelebt.. Aus meinem Tagebuche 1830 Frankfurt, den 30. April Kostbar ist ein Brief, den Goethe auf einer Reise nach der Schweiz aus Frankfurt an Schiller geschrieben. Wer ihn ohne Lachen lesen kann, den lache ich aus. Goethe, der an nichts Arges denkt und im Schoße des Friedens ruhig und guter Dinge lebt, entdeckt plötzlich in der Residenz seines Lebens deutliche Spuren von Sentimentalität . Erschrocken und argwöhnisch, wie ein Polizeidirektor, sieht er darin demagogische Umtriebe des Herzens demagogische Umtriebe, die, als gar nicht real, sondern nebulistischer Natur, ihm noch verhaßter sein müssen als Knoblauch, Wanzen und Tabakrauch. Er leitet eine strenge Untersuchung ein. Aber – er war noch im achtzehnten Jahrhundert – nicht ohne alle Gerechtigkeit und bedenkend, daß ihm doch auf der ganzen Reise nichts, gar nichts »nur irgend eine Art von Empfindung gegeben hätte «, findet er, daß, was er für Sentimentalität gehalten, nur eine unschuldige wissenschaftliche Bewegung gewesen sei, die ein leichtes Kunstfieber zur Folge hatte. Die Gegenstände, welche das Blut aufgeregt, seien symbolisch gewesen. Für Zeichen dürfen sich gute Bürger erhitzen, aber nicht für das Bezeichnete. Darauf wird das Herz in Freiheit gesetzt, versteht sich gegen Kaution, und es wird unter Polizeiaufsicht gestellt. Doch will Goethe die Sache nicht auf sich allein nehmen; er berichtet an Schiller, als seinen Justizminister, darüber und bittet ihn gehorsamst, das Phänomen zu erklären. Schiller lobt Goethe wegen seiner Achtsamkeit und seines Eifers, beruhigt ihn aber und sagt, die Sache habe nichts zu bedeuten. Dieser Kriminalfall ist wichtig, und ich wünschte, Jarke in Berlin behandelte ihn mit demselben Geiste, mit dem er in Hitzigs Journal Sands Mordtat besprochen. Die Briefe ergötzen mich bloß, weil sie mir Langeweile machen. Etwas weniger langweilig, würden sie mich entsetzlich langweilen. Wären sie gefällig, was wär's? Schiller und Goethe! Aber daß unsere zwei größten Geister in ihrem Hause, dem Vaterlande des Genies, so nichts sind nein, weniger als nichts, so wenig – das ist ein Wunder, und jedes Wunder erfreut, und wäre es auch eine Verwandlung des Goldes in Blei. Wasser in Likörgläschen! Ein Briefwechsel ist wie ein Ehebund. Die Stille und die Einsamkeit erlaubt und verleitet viel zu sagen, was man andern verschweigt, ja was man mitteilend erst von sich selbst erfährt. Und was sagen sie sich? Was niemand erhorchen mag, was sie sich auf dem Markte hätten zuschreien dürfen. Anfänglich schreibt Schiller: »Hochwohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimrat!« Nun, diese Etikette hört freilich bald auf; aber es dauert noch lange, bis Schiller Goethes Hochwohlgeburt vergißt, und nur einmal in zehn Jahren ist er Mann genug, ihn mein Freund, mein teurer Freund zu nennen. Goethe aber vergißt nie seine Lehnsherrlichkeit über Schiller, man sieht ihn oft lächeln über dessen Zimmerlichkeit und ihn als einen blöden Buchdichter genädig und herablassend behandeln. Er schreibt ihm: mein Wertester, mein Bester. Welch ein breites Gerede über Wilhelm Meister! Quel bruit pour une omelette! »Es sieht zuweilen aus, als schrieben Sie für die Schauspieler, da Sie doch nur von den Schauspielern schreiben wollen« – tadelt Schiller. Auch findet er unzart, daß Wilhelm von der Gräfin ein Geldgeschenk annimmt. Bei Goethe aber finden sich immer nur Maitressen oder hommes entretenus ; wahre Liebe kennt er, erkennt er nicht und läßt sie nicht gelten. Der dumme Schiller! Ist nicht Wilhelm Meister ein bloßer Bürger, der keine Ehre zu haben braucht? Mich ärgert von solchen Männern das pöbelhafte Deklinieren der Eigennamen. Sie sagen: die Humboldtin , sprechen von Körnern, Lodern, Lavatern, Badern . Auch bedienen sie sich, am meisten Schiller, einer zahllosen Menge von Fremdwörtern, und das ganz ohne Not, wo das deutsche Wort viel näher lag. Stagnation, convenient, avanciert, incalculabel, Obstakeln, embarrassieren, retardieren, Desavantage, Arrangements, satisfeciert, Aperciis, Detresse, Tournüre, repondieren, incorrigibel . Und solche Männer, die in ihren Werken so reines Deutsch schreiben! Ist das nicht ein Beweis, daß ihnen Leben und Kunst getrennt war, daß ihr Geist weit von ihrem Herzen lag? Goethes Lieblingsworte sind: heiter, artig, wunderlich . Er fürchtet sogar sich zu wundern; was ihn in Erstaunen setzt, ist wunderlich. Er gönnt dem armen Worte die kleine Ehre der Überraschung nicht. Er scheut alle enthusiastischen Adjektive; – man kann sich so leicht dabei echauffieren. Wie freue ich mich, daß der Konrektor Weber, der in den kalten Berliner Jahrbüchern den neuen Goethe mit brühheißem Lobe übergossen, nicht mehr in Frankfurt ist, sondern in Bremen vergöttert. Er ist ein starker, kräftiger Mann, und wenn er mich totschlagen wollte, ich könnte es ihm nicht wehren. – – Mensch, du elender Sklave deines Blutes, wie magst du nur stolz sein? Du armes Schifflein auf diesem roten Meere, steigst und sinkst, wie es den launischen Wellen beliebt, und jede Blutstille spottet deiner Segel und deines Steuers! Der Puls ist der Hammer des Schicksals, womit es Könige und Helden schmiedet und Ketten für Völker und das Schwert, sie zu befreien, und große und kleine Gedanken und scharfe und stumpfe Empfindungen. Du König im Purpurkleide, wer kann dir widerstehen ? ... War ich doch gestern weich wie Mutterliebe, und heute spotte ich die deutschen Götter weg und schnarche in ihren Tempeln! Frankfurt, den 4. Mai Schiller wünscht die Chronologie von Goethes Werken zu kennen, um daraus zu sehen, wie sich der Dichter entwickelt habe, welchen Weg sein Geist gegangen sei. Er spricht von dessen analytischer Periode. Ihm wird die gebetene Belehrung, und darauf anatomiert er seinen hohen Gönner kalt wie ein Prosektor, aber bei lebendigem Leibe, und hält ihm, unter dem Schneiden, Vorlesungen über seinen wundervollen Bau. Goethe verzieht keine Miene dabei und erträgt das alles, als ginge es ihn selbst nichts an. Er schreibt seinem Zergliederer: »Zu meinem Geburtstage, der mir diese Woche erscheint, hätte mir kein angenehmeres Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen.« Und jetzt bittet er Schiller, ihn auch mit dem Gange seines Geistes bekannt zu machen. Das alles ist um aus der Haut zu fahren! Freilich hat das Genie seine Geheimnisse, die wir anderen nicht kennen, noch ahnden. Aber ich hätte es nicht gedacht, daß es Art des Genies wäre, so sich selbst zu beobachten, so sich selbst nachzugehen auf allen Wegen, von der Laufbank bis zur Krücke. Ich meinte, das wahre Genie sei ein Kind, das gar nicht wisse, was es tut, gar nicht wisse, wie reich und glücklich es ist. Schiller und Goethe sprechen so oft von dem Wie und Warum, daß sie das Was darüber vergessen. Als Gott die Welt erschuf, da wußte er sicher nicht so deutlich das Wie und Warum, als es Goethe weiß von seinen eigenen Werken. Wer göttlichen Geistes voll, wer, hineingezogen in den Kreis himmlischer Gedanken, sich für Gott den Sohn hält – weicht auch die feste Erde unter seinen Schritten –, der mag immer gesund sein, nur verzückt ist er. Aber für Gott den Vater? Nein. Das ist Hochmut in seinem Falle, das ist Blödsinn. Nichts ist beleidigender für den Leser als eine gewisse Ruhe der schriftstellerischen Darstellung; denn sie setzt entweder Gleichgültigkeit oder Gewißheit zu gestalten voraus. So mit dürrem Ernste von sich selbst zu reden, ohne Eigenliebe, ohne Wärme, ohne Kindlichkeit, das scheint mir – ich mag das rechte Wort nicht finden. Wie ganz anders Voltaire! Seine Eitelkeit macht uns ihm gewogen. Wir freuen uns, daß ein Mann von so hohem Geiste um unser Urteil zittert, uns schmeichelt, zu gewinnen sucht. Die Liebe hat die Briefpost erfunden, der Handel benutzt sie. Schiller und Goethe benutzen sich als Bücher; es ist eine didaktische Freundschaft, ein wechselseitiger Unterricht zwischen ihnen. Unsere beiden Dichter haben eigentlich ganz verschiedene Muttersprachen. Freilich versteht jeder auch die des andern, soviel man sie aus Buch und Umgang lernen kann; aber Goethe macht sich's wie ein Franzose immer bequem und redet mit Schiller seine eigene Sprache, und Schiller, als gefälliger Deutscher, spricht mit dem Ausländer seine ausländische. Von ihrer Freundschaft halte ich nicht viel. Sie kommen mir vor wie der Fuchs und der Storch, die sich bewirten: der Gast geht hungrig vom Tische, der Wirt, übersatt, lacht im stillen. Doch kommt Storch Schiller besser dabei weg, als Fuchs Goethe. Ersterer kann in Goethes Schüssel sich wenigstens seinen spitzen idealen Schnabel netzen; Goethe aber, mit seiner breiten realistischen Schnauze, kann gar nichts aus Schillers Flasche bringen. Goethe schreibt: »Ich bin jetzt weder zu Großem noch zu Kleinem nütze und lese nur indessen, um mich im Guten zu erhalten, den Herodot und Thukydides, an denen ich zum ersten Male eine ganz reine Freude habe, weil ich sie nur ihrer Form und nicht ihres Inhalts wegen lese «. Bei den Göttern! Das ist ein Egoist , wie nicht noch einer! Goethe ummauert nicht bloß sich, daß ihn die Welt nicht überlaufe; er zerstückelt auch die Welt in lauter Ichheiten und sperrt jede besonders ein, daß sie nicht heraus könne, ihn nicht berühre, ehe er es haben will. Hätte er die Welt geschaffen, er hätte alle Steine in Schubfächer gelegt, sie gehörig zu schematisieren; hätte allen Tieren nur leere Felle gegeben, daß sie Liebhaber ausstopfen; hätte jede Landschaft in einen Rahmen gesperrt, daß es ein Gemälde werde, und jede Blume in einen Topf gesetzt, sie auf den Tisch zu stellen. Was in der Tat wäre auch nebulistischer , als das unleidliche Durcheinanderschwimmen auf einer Wiese! Goethes Hofleute bewundern das und nennen es Sachdenklichkeit ; ich schlichter Bürger bemitleide das und nenne es Schwachdenklichkeit . Alle Empfindungen fürchtet er als wilde mutwillige Bestien und sperrt sie, ihrer Meister zu bleiben, in den metrischen Käfig ein. Er gesteht es selbst in einem Kapitel der Wahrheit aus seinem Leben, daß ihn in der Jugend jedes Gefühl gequält habe, bis er ein Gedicht daraus gemacht und so es los geworden sei. Bewahre der gute Gott mich und meine Freunde, daß wir nicht jeden Zug des Herzens als ungesunde Zugluft scheuen! Lieber nicht leben, als solch einer hypochondrisch-ängstlichen Seelendiät gehorchen! Tausendmal lieber krank sein! Goethe diktiert seine Briefe auch aus Objektivsucht. Er fürchtet, wenn er selbst schriebe, es möchte etwas von seinem Subjekte am Objekte hängen bleiben, und er fürchtet Sympathie wie ein Gespenst. Er lebt nur in den Augen: wo kein Licht, ist ihm der Tod. Das Licht zu schützen, umschattet er es. Was ist Form? Der Tod der Ewigkeit, die Gestalt Gottes ... Ist Goethe glücklich zu nennen? Er ist so arm und so allein! Ihm kommt jeder Wunsch erst nach dessen Erfüllung, er begehrt nur, was er schon besitzt. Aber die Welt ist groß und der Mensch ist klein; er kann nicht alles fassen. Nur die Sehnsucht macht reich, nur die Religion, die, uns der Welt gebend, uns die Welt gibt, tut genug. Ich möchte nicht Goethe sein; er glaubt nichts, nicht einmal, was er weiß. Ein Narr im Gesellschafter oder in einem andern Blatte dieser Familie ließ einmal mit großen Buchstaben drucken: Goethe hat sich über die französische Revolution ausgesprochen . Es war ein Trompetenschall, daß man meinte, ein König würde kommen, und es kam ein Hanswurst. Und doch wäre Goethe, gerade wegen seiner falschen Naturphilosophie, der rechte Mann, die französische Revolution gehörig aufzufassen und darzustellen. Aber er haßte die Freiheit so sehr, daß ihn selbst seine geliebte Notwendigkeit erbittert, sobald sie ein freundliches Wort für die Freiheit spricht. Er schreibt an Schiller: »Ich bin über des Soulavie mémoires historiques et politiques du regne de Louis X Vl. geraten. ... Im ganzen ist es der ungeheure Anblick von Bächen und Strömen, die sich nach Naturnotwendigkeit von vielen Höhen und vielen Tälern gegeneinander stürzen und endlich das übersteigen eines großen Flusses und eine Überschwemmung veranlassen, in der zugrunde geht, wer sie vorhergesehen hat, so gut als der sie nicht ahnete. Man sieht in dieser ungeheuren Empirie nichts als Natur und nichts von dem, was wir Philosophen gern Freiheit nennen möchten.« Goethe, als Künstler Notwendigkeit und keine Freiheit erkennend, zeigt hier eine ganz richtige Ansicht von der französischen Revolution, und ohne daß er es will und weiß, erklärt er sie nicht bloß, sondern verteidigt sie auch, die er doch sonst so hasset. Er hasset alles Werden, jede Bewegung, weil das Werdende und das Bewegte sich zu keinem Kunstwerke eignet, das er nach seiner Weise fassen und bequem genießen kann. Für den wahren Kunstphilosophen aber gibt es nicht Werdendes noch Bewegtes; denn das Werdende in jedem Punkte der Zeit, das Bewegte in jedem Punkte des Raumes, den es durchläuft, ist in diesem Punkte, und der schnelle Blick, der ein so kurzes Dasein aufzufassen vermag, wird es als Kunstwerk erkennen. Für den wahren Naturphilosophen gibt es keine Geschichte und keine Gärung; alles ist geschehen, alles fest, alles erschaffen. Aber Goethe hat den Schwindel wie ein anderer auch, nur weiß er es nicht, daß das Drehen und Schwanken in der Vorstellung liegt und nicht in dem Vorgestellten. Soden, den 18. Mai Ich war immer erstaunt, daß unsern zwei größten Dichtern der Witz gänzlich mangelt; aber ich dachte: sie haben Adelsstolz des Geistes und scheuen sich, da, wo sie öffentlich erscheinen, gegen den Witz, der plebejischer Geburt ist, Vertraulichkeit zu zeigen. Im Hause, wenn sie keiner bemerkt, werden sie wohl witzig sein. Doch als ich ihren Briefwechsel gelesen, fand ich, daß sie im Schlafrocke nicht mehr Witz haben als wenn den Degen an der Seite. Einmal sagt Schiller von Fichte: »Die Welt ist ihm nur ein Ball, den das Ich geworfen hat und den es bei der Reflexion wieder fängt.« Man ist erstaunt, verwundert; aber diese witzige Laune kehrt in dem bändereichen Werke kein zweites Mal zurück. Der Mangel an Witz tritt bei Goethe und Schiller da am häßlichsten hervor, wo sie in ihren vertraulichen Mitteilungen Menschen, Schriftsteller und Bücher beurteilen. Es geschieht dieses oft sehr derb, oft sehr grob; aber es geschieht ohne Witz. Das Feuer brennt, aber es leuchtet auch; das Licht warnt vor dem Schmerz und bezahlt ihn. Tadel ohne Witz ist Glut ohne Licht. Das Lob braucht den Witz, verträgt ihn nicht; Wohlgefallen ist nur, wo Einheit der Empfindung, und der Witz trennt, zerreißt. Der Tadel braucht ihn; der Witz macht ihn milder, erhebt den Ärger zu einem Kunstwerke. Ohne ihn ist Kritik gemein und boshaft. Ich weiß nicht, wie hoch die Gesetzbücher der Ästhetik den Witz stellen; aber ohne Witz, sei man noch so großer Dichter, kann man nicht auf die Menschheit wirken. Man wird nur Menschen bewegen, Zeitgenossen, und sterben mit ihnen. Ohne Witz hat man kein Herz, die Leiden seiner Brüder zu erraten, keinen Mut, für sie zu streiten. Er ist der Arm, womit der Bettler den Reichen an seine Brust drückt, womit der Kleine den Großen besiegt. Er ist der Enterhaken, der feindliche Schiffe anzieht und festhält. Er ist der unerschrockene Anwalt des Rechtes und der Glaube, der Gott sieht , wo ihn noch kein anderer ahndet. Der Witz ist das demokratische Prinzip im Reiche des Geistes; der Volkstribun, der, ob auch ein König wolle, sagt: ich will nicht! Der Verstand ist Brot, das sättigt; der Witz ist Gewürz, das eßlustig macht. Der Verstand wird verbraucht durch den Gebrauch, der Witz erhält seine Kraft für alle Zeiten. Goethes und Schillers so verständige Lehren nützen nicht mehr; denn man hat ihre Lehren befolgt, und neues Wissen braucht neue Regeln. Auch Lessing und Voltaire haben gelehrt, die Kunst und ihre Zeit haben von ihnen gelernt; aber ihre Lehren sind für immer. Sie kämpften mit dem –Witze, und der Witz ist ein Schwert, das in jedem Kampfe zu gebrauchen. Die Geschichte zählt große Menschen, die sind Register der Vergangenheit : so Goethe und Schiller. Sie zählt wieder andere, die sind Inhaltsverzeichnisse der Zukunft : so Voltaire und Lessing. – Ihr, die ihr nicht Menschen, nur Göttern glaubt: so hört doch einmal, was eure verehrten Orakel sprechen! Schiller, wo er an Goethe von dem schlechten Absatze der Propyläen berichtet, spricht von der »ganz unerhörten Erbärmlichkeit des Publikums« ... Er schreibt: »Ich darf an diese Sache gar nicht denken, wenn sie mein Blut nicht in Bewegung setzen soll, denn einen so niederträchtigen Begriff hat mir noch nichts von dem deutschen Publikum gegeben« ... Er meint: »Den Deutschen muß man die Wahrheit so derb sagen, als möglich.« Ach! diese Wahrheit habe ich schon oft gesagt und derber als Schiller. Man m uß nicht aufhören, sie zu ärgern; das allein kann helfen. Man soll sie nicht einzeln ärgern – es wäre unrecht, es sind sogar gute Leute, man muß sie in Masse ärgern. Man muß sie zum Nationalärger stacheln, kann man sie nicht zur Nationalfreude begeistern, und vielleicht führt das eine zum andern. Man muß ihnen Tag und Nacht zurufen: Ihr seid keine Nation, Ihr taugt nichts als Nation. Man darf nicht vernünftig, man muß unvernünftig, leidenschaftlich mit ihnen sprechen; denn nicht die Vernunft fehlt ihnen, sondern die Unvernunft, die Leidenschaft, ohne welche der Verstand keine Füße hat. Sie ganz Kopf – caput mortuum . Europa gärt, steigt, klärt sich auf; Deutschland trübt sich, sinkt und setzt sich ganz unten nieder. Das nennen die Staatschemiker: die Ruhe, den Frieden, den trocknen Weg des Regierens. Doch haben Goethe und Schiller das Recht, auf das Volk, dem sie angehören, so stolz herabzusehen? Sie weniger als einer. Sie haben es nicht geliebt, sie haben es verachtet, sie haben für ihr Volk nichts getan. Aber ein Volk ist wie ein Kind, man muß es belehren, man kann es schelten, strafen; doch soll man nur streng scheinen, nicht es sein; man soll den Zorn auf den Lippen haben und Liebe im Herzen. Schiller und Goethe lebten nur unter ausgewählten Menschen, und Schiller war noch ein schlimmerer Aristokrat als Goethe. Dieser hielt es mit dem Vornehmen, den Mächtigen, Reichen, mit dem bürgerlichen Adel. Der Troß ist zahlreich genug; es kann wohl auch ein Unberechtigter ihrem Zuge folgen und sich unentdeckt in ihre Reihen mischen; und wird er entdeckt, man duldet ihn oft. Schiller aber zechte mit dem Adel der Menschheit an einem kleinen Tischchen, und den ungebetenen Gast warf er zornig hinaus. Und seine Ritter der Menschheit wissen das Schwert nicht zu führen, sie schwätzen bloß und lassen sich totschlagen; es ist ein deklamierender Komödiantenadel. Marquis Posa spricht in der Höhle des Tigers wie ein Pfarrer vor seiner zahmen Gemeinde und vergißt, daß man mit Tyrannen kämpfen soll, nicht rechten. Der Vormund des Volkes muß auch sein Anführer sein; einer Themis ohne Schwert wirft man die Waage an den Kopf. Wenn Gottes Donner rollen und niederschmettern das Gequieke der Menschlein da unten: dann horcht ein edles Herz und jauchzet und betet an, und wer angstvoll ist, hört und ist still und betet. Der Dämische aber verstopft sich die Ohren und hört nicht und betet nicht und betet nicht an. Schiller, während der heißen Tage der Französischen Revolution, schrieb in der Ankündigung der Horen : »Vorzüglich aber und unbedingt wird sich die Zeitschrift alles verbieten, was sich auf Staatsreligion und politische Verfassung bezieht.« So spricht noch heute je der Lump von Journalist, wenn er, um die Leser lüstern zu machen nach dem neuen Blatte, sie versichert, es werde das reine Gold der Novellen, der Theaterberichte mitteilen, ohne alle garstige Legierung mit Glaube und Freiheit. Schiller war edel, aber nicht edler als sein Volk. So sprach und dachte auch Goethe. Sendet dazu der Himmel der durstigen Menschheit seine Dichter, daß sie trinken, sie mit den Königen und daß wir, den Wein vor den Augen, den sie nicht mit uns teilen, noch mehr verschmachten? Und so denkend und so sprechend, geziemt es ihnen zu klagen. »So weit ist es noch nicht mit der Kultur der Deutschen gekommen, daß sich das, was den Besten gefällt, in Jedermanns Hände finden sollte?« Wie kann sich in Jedermanns Hände finden, wonach nicht jedermann greift, weil es, wie Religion und Bürgertum, nicht jedermann angeht? Soll etwa das deutsche Volk aufjauchzen und die Schnupftücher schwenken, wenn Goethe mit Myrons Kuh liebäugelt? Soden, den 20. Mai Ich habe Goethes und Schillers Briefe zu Ende gelesen; das hätte ich mir nicht zugetraut. Vielleicht nützt es meiner Gesundheit als Wasserkur. Mich für meine beharrliche Diät zu belohnen, will ich mir die hochpreislichen Rezensionen zu verschaffen suchen, die über diesen Briefwechsel gewiß erschienen sein werden. Ich freue mich sehr darauf. Was werden sie über das Buch nicht alles gefaselt, was nicht alles darin gefunden haben! Goethe hat viele Anhänger, er hat, als echter Monarch, es immer mit dem literarischen Pöbel gehalten, um die reichen unabhängigen Schriftsteller in die Mitte zu nehmen und einzuengen. Er für sich hat sich immer vornehm gehalten, er hat nie selbst von oben gedrückt; er ist stehengeblieben und hat seinen Janhagel von unten drücken lassen. Nichts ist wunderlicher als die Art, wie man über Goethe spricht – ich sage die Art ; ich sage nicht, es sei wunderlich, daß man ihn hochpreist; das ist erklärlich und verzeihlich. Man behandelt ihn ernst und trocken als ein Corpus Juris. Man erzählt mit vieler Gelehrsamkeit die Geschichte seiner Entstehung und Bildung, man erklärt die dunkeln Stellen- man sammelt die Parallelstellen; man ist ein Narr. Ein Bewunderer Goethes sagte mir einmal: um dessen Dichtwerke zu verstehen, müsse man auch seine naturwissenschaftlichen Werke kennen. Diese kenne ich freilich nicht; aber was ist das für ein Kunstwerk, das sich nicht selbst erklärt? Weiß ich denn ein Wort von Shakespeares Bildungsgeschichte und verstehe ich den Hamlet darum weniger, soviel man etwas verstehen kann, das uns entzückt? Muß man, den Macbeth zu verstehen, auch den Othello gelesen haben? Aber Goethe hat durch sein diplomatisches Verfahren die Ansicht geltend gemacht, man müsse alle seine Werke kennen, um jedes einzelne gehörig aufzufassen; er wollte in Bausch und Bogen bewundert sein. Ich bin aber gewiß, daß die erbende Zukunft Goethes Hinterlassenschaft nur cum beneficio inventarii antreten werde. Ein Goethepfaffe, der so glücklich war, eine ganze Brieftasche voll ungedruckter Zettelchen von seinem Gotte zu besitzen, breitete einmal seine Reliquien vor meinen Augen aus, fuhr mit zarten, frommen Fingern darüber her und sagte mit Wasser im Munde: »J ede Zeile ist köstlich!« Mein guter Freund wird diesen Briefwechsel, der funfzigtausend köstliche Zeilen von Goethe enthält, als ein grünes Gewölbe anstaunen: ich aber gebe lieber für das Dresdner meinen Dukaten Bewunderung hin. Aber in dem letzten Bande der Briefsammlung ist es geschehen, daß Goethe einmal, ein einziges Mal in seinem langen Leben, sich zur schönen Bruderliebe wandte, weil er sich vergessen, sich verwirrt und vom alten ausgetretenen Wege der Selbstsucht abgekommen war. In der Zueignung des Buches an den edlen König von Bayern, worin er diesem Fürsten für die von ihm empfangenen Beweise der Gnade dankt, gedenkt er Schillers, des verstorbenen Freundes, und beweint, daß nicht auch er, da er noch lebte, sich solcher fürstlichen Huld zu erfreuen gehabt; ja ihn rührt der Gedanke, daß Schiller vielleicht noch lebte, wäre ihm solche Huld zu Teile geworden. Goethe sagt: »Der Gedanke, wieviel auch er von Glück und Genuß verloren, drang sich mir erst lebhaft auf, seit ich Ew. Majestät höchster Gunst und Gnade, Teilnahme und Mitteilung, Auszeichnung und Bereicherung, wodurch ich frische Anmut über meine hohen Jahre verbreitet sah, mich zu erfreuen hatte ... Nun ward ich zu dem Gedanken und der Vorstellung geführt, daß auf Ew. Majestät ausgesprochene Gesinnungen dieses alles dem Freunde in hohem Maße widerfahren wäre; umso erwünschter und förderlicher, als er das Glück in frischen, vermögsamen Jahren hätte genießen können. Durch allerhöchste Gunst wäre sein Dasein durchaus erleichtert, häusliche Sorgen entfernt, seine Umgebung erweitert, derselbe auch wohl in ein heilsameres besseres Klima versetzt worden, seine Arbeiten hätte man dadurch belebt und beschleunigt gesehen, dem höchsten Gönner selbst zu fortwährender Freude, und der Welt zu dauernder Erbauung. « Dürfen wir unsern Augen trauen? Der Geheimrat von Goethe, der Karlsbader Dichter, wagt es, deutsche Fürsten zu schelten, daß sie Schiller, den Stolz und die Zierde des Vaterlandes, verkümmern ließen? Er wagt es, so von höchsten und allerhöchsten Personen zu sprechen? Ist der Mann jung geworden in seinem hohen Alter; Ach nein, es ist Altersschwäche; es war keine freie Bewegung der Seele, es war ein Seelenkrampf gewesen. Aber das verdammt ihn, daß er nicht vierzig Jahre früher und auch bei jedem Anlasse so hervorgetreten – das verdammt ihn, weil wir jetzt sahen und erkannten, wie er hätte wirken können, wenn er es getan. Er hat durch die wenigen Worte seines leisen Tadels ein Wunder bewirkt! Er hat die festverschlossene, uneindringliche Amtsbrust eines deutschen Staatsdieners wie durch Zauberei geöffnet! Er hat den fünfundzwanzigjährigen Frost der strengsten Verschwiegenheit durch einen einzigen warmen Strahl seines Herzens aufgetaut! Kaum hatte Herr von Beyme, einst preußischer Minister, Goethes Anklage gelesen, als er bekannt machte: um den Vorwurf, den Goethe den Fürsten Deutschlands macht, daß Schiller keinen Beschützer unter ihnen gefunden, wenigstens von seinem Herrn abzuwenden, wage er, die amtlich nur ihm bekannte Tatsache zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, daß der König von Preußen Schillern, als dieser den Wunsch geäußert, sich in Berlin niederzulassen, aus freier Bewegung einen Gehalt von dreitausend Talern jährlich und noch andere Vorteile gesichert hatte. Warum hat Herr von Beyme diesen schönen Zug seines Herrn so lange verschwiegen? warum hat er gewartet, bis eingetroffen, was kein Gott vorhersehen konnte, daß Goethe einmal menschlich fühlte? Daß der König von Preußen strenge Gerechtigkeit übt, das weiß und preist das deutsche Vaterland; aber seinen Dienern ziemte es, auch dessen schöne Handlungen, die ein edles Herz gern verbirgt, bekannt zu machen, damit ihnen die Huldigung werde, die ihnen gebührt, und damit sie die Nachahmung erwecken, die unsern engherzigen Regierungen so große Not tut. In den europäischen Staaten, die unverjüngt geblieben, fürchten die Herrscher jede Geisteskraft, die ungebunden und frei nur sich selbst lebt, und suchen sie durch verstellte Geringschätzung in wirklicher Geringschätzung zu erhalten. Wo sie dieses nicht vermögen, wo ein Talent sich durchgeschlagen und sich Hochachtung erbeutet, da schmieden sie es an die Schulbank, um es festzuhalten, oder spannen es vor die Regierung, um es zu zügeln. Ist die Regierung voll und kann keiner mehr darin untergebracht werden, zieht man den Schriftstellern wenigstens die Staatslivree an und gibt ihnen Titel und Orden; oder man sperrt sie in den Adelshof, nur um sie von der Volksstadt zu trennen. Daher gibt es nirgends mehr Hofräte als in Deutschland, wo sich die Höfe am wenigsten raten lassen. In Östreich, wo die Juden seit jeher einen großen Tell der bürgerlichen und alle staatsbürgerlichen Rechte entbehren; in diesem Lande, wo man an Gottes Wort nicht deutelt und alles läßt, wie es zur Zeit der Schöpfung gewesen, adelt man doch die niedergehaltenen Juden und macht sie zu Freiherrn, sobald sie einen gewissen Reichtum erlangt. So sehr ist dort die Regierung besorgt und bemüht, dem Bürgerstande jede Kraft, selbst den Reichtum und seinen Einfluß zu entziehen! Es ist zum Lachen, wenn man liest, welchen Weg der Ehre Schiller gegangen. Als er in Darmstadt dem Großherzog von Weimar seine Räuber vorgelesen, ernannte ihn dieser zum Rat, der damalige Landgraf von Darmstadt ernannte ihn auch zum Rat; Schiller war also zweimal Rat. Der Herzog von Meiningen ernannte ihn zum Hofrat , der deutsche Kaiser adelte den Dichter des Wilhelm Tell. Dann ward er Professor in Jena, er bekam Brot, er mußte aber arbeiten, und nur wenige Jahre lebte er frei und seiner Würde angemessen in Weimar von der Gunst seines Fürsten. Kein Zweiter übernahm die irdischen Sorgen dieses ätherischen Geistes, Gold hat ihm keiner gegeben. Doch ja – ein Erbprinz und ein Graf haben ihre beiden Herzbeutel zusammengeschossen und haben in Kompagnie dem Dichter auf drei Jahre einen Gehalt von dreitausend Talern gegeben. Wen Gott empfiehlt, der ist bei unsern regierenden Herren schlecht empfohlen. Und wäre es denn Großmut, wenn deutsche Fürsten das Genie würdiger unterstützen, da sie doch die alleinigen und unbeschränkten Verwalter des Nationalvermögens sind? Goethe hätte ein Herkules sein können, sein Vaterland von großem Unrate zu befreien; aber er holte sich bloß die goldenen Äpfel der Hesperiden, die er für sich behielt, und dann setzte er sich zu den Füßen der Omphale und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die großen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Dante, Krieger, Staatsmann, ja Diplomat, von mächtigen Fürsten geliebt und gehaßt, beschützt und verfolgt, blieb unbekümmert um Liebe und Haß, um Gunst und Tücke, und sang und kämpfte für das Recht. Er fand die alte Hölle zu abgenutzt und schuf eine neue, den Übermut der Großen zu bändigen und den Trug gleißnerischer Priester zu bestrafen. Alfieri war reich, ein Edelmann, adelstolz, und doch keuchte er wie ein Lastträger den Parnaß hinauf, um von seinem Gipfel herab die Freiheit zu predigen. Montesquieu war ein Staatsdiener, und er schrieb seine persischen Briefe, worin er den Hof verspottete, und seinen Geist der Gesetze, worin er die Gebrechen Frankreichs richtete. Voltaire war ein Höfling; aber nur schöne Worte verehrte er den Großen und opferte ihnen nie seine Gesinnung auf. Er trug eine wohlbestellte Perücke, feine Manschetten, seidene Röcke und Strümpfe; aber er ging durch den Kot, sobald ein Verfolger um Hülfe schrie, und holte mit seinen adeligen Händen schuldlos Gerichtete vom Galgen herab. Rousseau war ein kranker Bettler und hülfsbedürftig; aber nicht die zarte Pflege, nicht die Freundschaft, selbst der Vornehmen, verführte ihn, er blieb frei und stolz und starb als Bettler. Milton vergaß über seine Verse die Not seiner Mitbürger nicht und wirkte für Freiheit und Recht. So waren Swift, Byron , so ist Thomas Moore . Wie war, wie ist Goethe ? Bürger einer freien Stadt, erinnert er sich nur, daß er Enkel eines Schultheißen ist, der bei der Kaiserkrönung Kammerdienste durfte tun. Ein Kind ehrbarer Eltern, entzückte es ihn, als ihn einst als Knabe ein Gassenbube Bastard schalt, und er schwärmte mit der Phantasie des künftigen Dichters, wessen Prinzen Sohn er wohl möchte sein. So war er, so ist er geblieben. Nie hat er ein warmes Wörtchen für sein Volk gesprochen, er, der früher auf der Höhe seines Ruhms unantastbar, später im hohen Alter unverletzlich, hätte sagen dürfen, was kein anderer wagen durfte. Noch vor wenigen Jahren bat er die »hohen und höchsten Regierungen« des deutschen Bundes um Schutz seiner Schriften gegen den Nachdruck. Zugleich um gleichen Schutz für alle deutschen Schriftsteller zu bitten, das fiel ihm nicht ein. Ich hätte mir lieber wie einem Schulbübchen mit dem Lineal auf die Finger klopfen lassen, ehe ich sie dazu gebraucht, um mein Recht zu betteln, und um mein Recht allein! Goethe war glücklich auf dieser Erde, und er erkennt sich selbst dafür. Er wird hundert Jahre erreichen; aber auch ein Jahrhundert geht vorüber, und ewig sitzt die Nachwelt. Sie, die furchtlose, unbestechliche Richterin, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast du je die Niedrigkeit beschämt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast du Je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst nur immer dein eigner Wächter! Glücklich hast du gelebt, aber du hast gelebt. Soden, den 27. Mai Wo Weiber einkehren, da folgt auch bald Vokalmusik. Schon frühe morgens hörte ich zwei angenehme weibliche Stimmen Conrad, Conrad durch das Haus tönen. Die eine Stimme betonte die letzte Silbe und rief Conrad, die andere die erste und rief Conrad . Wie ungeduldig! Wenn das die Stimme der Witwe ist, wird sie mir viel zu schaffen machen. Ich bin aber auch für mein Alter noch ziemlich dumm. Ein erfahrner Mann würde eine Witwenstimme von hundert andern Stimmen unterscheiden; denn sie hat gewiß etwas Eigentümliches. – Nein, Madame Molly ist nicht die Heftige. Ich begegnete ihr im Gange. Eine edle schlanke Gestalt mit etwas blassem Gesichte. Das ist eine schöne Blässe! Das schüchterne Blut meldet die freien Wangen; aber im häuslichen Herzen, da zeigt es sich freudenrot und liebeswarm. Sie hat eine Art sich zu verneigen, die mir ungemein gut gefällt. Es ist, als wenn ein Lüftchen sich beugte, es ist, als wenn uns eine Blume begrüßte. – Während die Frauenzimmer ausgegangen waren, trat ich in das offenstehende Zimmer, worin das Mädchen säuberte. Dreizehn ausgeleerte Wasserflaschen standen umher. Ich stellte sie in Reihe und Glied vier Flaschen hoch, und die dreizehnte als Lieutenantin voraus. Kämen sie nur zurück und sähen die Parade! Sie haben auch Bücher. Die Stunden der Andacht. Was schadet's? Der Tag hat vierundzwanzig Stunden und Zeit für alles. Heines Reisebilder. Ossian. Volneys Ruinen, aus der Leihbibliothek. Ist das Ernst oder glaubten sie, es sei eine Räubergeschichte? Abraham a Sancta Clara. Das wunderte mich etwas von Frauenzimmern, die dreizehn Flaschen Wasser verbrauchen: jeder Humor hat doch etwas Unreinliches. Laßt die Toten ruhen, von Raupach. Uhlands Gedichte. Der liebe Uhland! Er begleitet mich auf allen meinen Wegen. ja, so laß ich mir es gefallen! Das ist auch alte Zeit; aber sie ist kindlich, nicht kindisch; sie ist heiter, keift nicht mit der Jugend, sondern spielt mit ihr. Das ist auch süße Minne; aber süß wie Zucker, nicht wie Sirup. Das sind auch treue Bürger; aber demütig sind sie nicht. Das sind auch mutige Ritter; aber hochmütig sind sie nicht. Das ist auch Königsglanz; aber er blinkt nicht wie kalte Sterne, er strahlt wie die Sonne herab und erwärmt die niedrigste Hütte. Golden und warm ist Uhland, wie die Krone in der Schäferin Hand. – Habe Goethes westöstlichen Divan geendigt. Ich mußte ihn mit Verstand lesen; mit Herz habe ich es früher einmal versucht, aber es gelang mir nicht. So mit keiner Schrift des Dichters, den Ante-Aulischen Werther ausgenommen, den er geschrieben, sich mit der zudringlichen Jugend ein für alle Male abzufinden. Welch ein beispielloses Glück mußte sich zu dem seltenen Talente dieses Mannes gesellen, daß er sechzig Jahre lang die Handschrift des Genies nachmachen konnte und unentdeckt geblieben! Nein, das sind keine Weingesänge, das sind keine Liebeslieder! Das sind keine losen, das sind feste Gedichte. Wohl anmutig säuselt die Luft durch die Zweige und Blätter und schüttelt sie freundlich; aber den starren Stamm bewegt sie nicht. Was wurzelt, ist halb der Nacht, halb dem Lichte und hat nur halbes Leben. Warum, ein freier Mann, orientalisch dichten? Gefangene sind jene, die durch das Gitter ihres dumpfen Kerkers hinaussingen in die kühle Luft. Das Lied ist leicht, das Herz ist schwer. Selbst Salomon seufzte bei Wein und Kuß, und er war Herr; wie mochten erst seine Sklaven lieben und trinken! Von den Orientalen stammen alle Religionen. Gottes Schrecken und Milde, Zorn und Liebe war in ihren despotischen Herrschern ihnen näher geführt als den freien Abendländern. Ihre Poesie ist kindlich, weil aufgewachsen unter dem Schutze und den Augen ihres Vaters; aber auch kindisch aus Furcht. Das zahme Dienen trotzigen Herrschern hat sich Goethe unter allen Kostbarkeiten des orientalischen Bazars am begierigsten angeeignet. Alles andere fand er, dieses suchte er; Goethe ist der gereimte Knecht, wie Hegel der ungereimte. Goethes Stil ist zart und reinlich: darum gefällt er. Er ist vornehm: darum wird er geachtet – von andern. Ich aber untersuchte, ob die so glatte Haut Kraft und Gesundheit bedecke, und ich fand es nicht; fand keine Ader, die von der lilienweißen Hand den Weg zum Herzen zeige. Goethe hat etwas Würdiges, aber diese Würde kömmt nicht von seiner Herrlichkeit, sondern von glücklicher Anmaßung, von Etikette. Wie ein König hat er schlau und wohlbedacht alles berechnet und angeordnet, statt Ehrfurcht , dieses ursprüngliche Gefühl, welches die gottentsprungene Macht erweckte, Ehre und Furcht zu erzwingen. Genug für die, welchen solche Huldigung genug ist; aber nicht genug für uns, die wir nur mit dem Herzen dienen. Blinzeln wir auch, wenn es uns um die Augen flittert, lassen wir uns doch nicht verblenden; stutzen wir auch, wenn machtgewohnte Mienen und Worte uns entgegenkommen, kehren wir doch bald zurück und fragen: wo ist das Recht? Goethe spricht langsam, leise, ruhig und kalt. Die dumme scheinbeherrschte Menge preist das hoch. Der Langsame ist ihr bedächtig, der Leise bescheiden, der Ruhige gerecht und der Kalte vernünftig. Aber es ist alles anders. Der Mutige ist laut, der Gerechte eifrig, der Mitleidige bewegt, der Entschiedene schnell. Wer auf dem schwanken Seile der Lüge tanzt, braucht die Balancierstange der Überlegung; doch wer auf dem festen Boden der Wahrheit wandelt, mißt nicht ängstlich seine Schritte ab und schweift mit seinen Gedanken nach Lust umher. Seht euch vor mit allen, die so ruhig und sicher sprechen! Sie sind ruhig aus Unruhe, scheinen sicher, weil sie sich unsicher fühlen. Glaubet dem Zweifelnden und zweifelt, wenn man Glauben gebietet. Goethes Lehrstil beleidigt jeden freien Mann. Unter allem, was er spricht, steht: tel est notre plaisir ; Goethe ist anmaßend oder ein Pedant, vielleicht beides. Goethes Gedanken sind alle ummauert und befestigt. Er selbst will, sein Leser kann nicht mehr hinaus, sobald er in sie eingedrungen. Das Tor schließt sich hinter ihm, er ist gefangen. Goethe, weil er beschränkt ist, beschränkt. Das Umflattern der Phantasie, der eigenen wie der fremden, belästigt ihn; er stutzt sie, und der flügellahme Leser preist einen Dichter hoch, zu dem er sich nicht zu erheben braucht, weil er so gütig ist, auf gleichem Boden mit ihm zu stehen. Goethe verbietet, ja selbst dem Eigenwilligsten verhindert er das Selbstdenken. Und sage man nicht: es geschieht, weil er den Gegenstand bis auf den Grund ausschöpft, weil er der Wahrheit höchste Spitze erreicht. Der menschenliebende, gottverwandte Dichter entführt uns der Schwerkraft der Erde, trägt uns auf seine feurigen Flügel hinauf bis in den Kreis des Himmels, dann senkt er sich, auch seine andern Kinder zu heben; uns aber zieht die Sonne an. Sinken wir mit dem Dichter zurück, so ist es, weil er den irdischen Dunstkreis nicht verließ. Der wahre Dichter schafft seinen Leser zum Gedichte, das ihn selbst überflügelt. Wer nicht dieses vermag, dem ist nichts gelungen. Ein Gesell zieht er Gesellen an; aber er ist kein Meister und bildet keinen. Briefe aus Paris Hundertneunter Brief Paris, Montag, den 25. Februar 1833 Soll ich über Heines Französische Zustände ein vernünftig Wort versuchen? Ich wage es nicht. Das fliegenartige Mißbehagen, das mir beim Lesen des Buches um den Kopf summte und sich bald auf diese, bald auf jene Empfindung setzte, hat mich so ärgerlich gestimmt, daß ich mich nicht verbürgen kann – ich sage nicht für die Richtigkeit meines Urteils, denn solche anmaßliche Bürgschaft übernehme ich nie – sondern nicht einmal für die Aufrichtigkeit meines Urteils. Dabei bin ich aber besonnen genug geblieben, um zu vermuten, daß diese Verstimmung meine, nicht Heines Schuld ist. Wer so große Geheimnisse wie er besitzt, als wie: in der dreihundertjährigen Unmenschlichkeit der österreichischen Politik eine erhabene Ausdauer zu finden, und in dem Könige von Bayern einen der edelsten und geistreichsten Fürsten, die je einen Thron geziert ; den König der Franzosen, als hätte er das kalte Fieber, an dem einen Tage für gut, an dem andern für schlecht, am dritten wieder für gut, am vierten wieder für schlecht zu erklären; wer es kühn und großartig findet, daß die Herren von Rothschild während der Cholera ruhig in Paris geblieben, aber die unbezahlten Mühen der deutschen Patrioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser Weichmütigkeit sich selbst noch für einen gefesteten Mann hält – wer so große Geheimnisse besitzt, der mag noch größere haben, die das Rätselhafte seines Buches erklären; ich aber kenne sie nicht. Ich kann mich nicht bloß in das Denken und Fühlen jedes andern, sondern auch in sein Blut und seine Nerven versetzen, mich an die Quellen aller seiner Gesinnungen und Gefühle stellen und ihrem Laufe nachgehen mit unermüdlicher Geduld. Doch muß ich dabei mein eigenes Wesen nicht aufzuopfern haben, sondern nur zu beseitigen auf eine Weile. Ich kann Nachsicht haben mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften eines Jünglings. Wenn aber an einem Tage des blutigsten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingen jagt, mir zwischen die Beine kömmt; wenn an einem Tage der höchsten Not, wo wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zur Seite in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen und mit ihnen liebäugelt und flüstert – so darf uns das, unbeschadet unserer Philosophie und Menschlichkeit, wohl ärgerlich machen. Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allgemeinsten Anerkennung fehlt ihm nur noch seine eigne. Weil er oft noch etwas anders sein will als ein Dichter, verliert er sich oft. Wem, wie ihm, die Form das Höchste ist, dem muß sie auch das Einzige bleiben, denn sobald er den Rand übersteigt, fließt er ins Schrankenlose hinab, und es trinkt ihn der Sand. Wer die Kunst als seine Gottheit verehrt und je nach Laune auch manches Gebet an die Natur richtet, der frevelt gegen Kunst und Natur zugleich. Heine bettelt der Natur ihren Nektar und Blütenstaub ab und baut mit bildendem Wachse der Kunst ihre Zellen. Aber er bildet die Zelle nicht, daß sie den Honig bewahre, sondern sammelt den Honig, damit die Zelle auszufüllen. Darum rührt er auch nicht, wenn er weint; denn man weiß, daß er mit den Tränen nur seine Nelkenbeete begießt. Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht; denn man weiß, daß er an der Wahrheit nur das Schöne liebt. Aber die Wahrheit ist nicht immer schön, sie bleibt es nicht immer. Es dauert lange, bis sie in Blüte kömmt, und sie muß verblühen, ehe sie Früchte trägt. Heine würde die deutsche Freiheit anbeten, wenn sie in voller Blüte stände; da sie aber wegen des rauhen Winters mit Mist bedeckt ist, erkennt er sie nicht und verachtet sie. Mit welcher schönen Begeisterung hat er nicht von dem Kampfe der Republikaner in der St. Méry-Kirche und von ihrem Heldentode gesprochen! Es war ein glücklicher Kampf, es war ihnen vergönnt, den schönen Trotz gegen die Tyrannei zu zeigen und den schönen Tod für die Freiheit zu sterben. Wäre der Kampf nicht schön gewesen, und dazu hätte es nur einer andern Örtlichkeit bedurft, wo man die Republikaner hätte zerstreuen und fangen können hätte sich Heine über sie lustig gemacht. Was Brutus getan, würde Heine verherrlichen, so schön er nur vermag; würde aber ein Schneider den blutigen Dolch aus dem Herzen einer entehrten jungen Nähterin ziehen, die gar Bärbelchen hieße, und damit die dummträgen Bürger zu ihrer Selbstbefreiung stacheln – er lachte darüber. Man versetze Heine in das Ballhaus , zu jener denkwürdigen Stunde, wo Frankreich aus seinem tausendjährigen Schlafe erwachte und schwur, es wolle nicht mehr träumen – er wäre der tollheißeste Jakobiner, der wütendste Feind der Aristokraten und ließe alle Edelleute und Fürsten mit Wonne an einem Tage niedermetzeln. Aber sähe er aus der Rocktasche des feuerspeienden Mirabeau auf deutsche Studentenart eine Tabakspfeife mit rot-schwarzgoldener Quaste hervorragen – dann pfui Freiheit! und er ginge hin und machte schöne Verse auf Marie-Antoinettens schöne Augen. Wenn er in seinem Buche die heilige Würde des Absolutismus preist, so geschah es, außer daß es eine Redeübung war, die sich an dem Tollsten versuchte, nicht darum, weil er politisch reinen Herzens ist, wie er sagt; sondern er tat es, weil er atemreines Mundes bleiben möchte und er wohl an jenem Tage, als er das schrieb, einen deutschen Liberalen Sauerkraut mit Bratwurst essen gesehen. Wie kann man je dem glauben, der selbst nichts glaubt? Heine schämt sich so sehr, etwas zu glauben, daß er Gott den »Herrn«, mit lauter Initialbuchstaben drucken läßt, tun anzuzeigen, daß es ein Kunstausdruck sei, den er nicht zu verantworten habe. Den verzärtelten Heine bei seiner sybaritischen Natur kann das Fallen eines Rosenblattes im Schlafe stören; wie sollte er behaglich auf der Freiheit ruhen, die so knorrig ist? Er bleibe fern von ihr. Wen jede Unebenheit ermüdet, wen jeder Widerspruch verwirrt macht, der gehe nicht, denke nicht, lege sich in sein Bett und schließe die Augen. Wo gibt es denn eine Wahrheit, in der nicht etwas Lüge wäre? Wo eine Schönheit, die nicht ihre Flecken hätte? Wo ein Erhabenes, dem nicht eine Lächerlichkeit zur Seite stunde? Die Natur dichtet selten und reimet niemals-, wem ihre Prosa und ihre Ungereimtheiten nicht behagen, der wende sich zur Poesie. Die Natur regiert republikanisch, sie läßt jedem Dinge seinen Willen bis zur Reife der Missetat und straft dann erst. Wer schwache Nerven hat und Gefahren scheut, der diene der Kunst, der absoluten, die jeden rauhen Gedanken ausstreicht, ehe er zur Tat wird, und an jeder Tat feilt, bis sie zu schmächtig wird zur Missetat. Heine hat in meinen Augen so großen Wert, daß es ihm nicht immer gelingen wird, sich zu überschätzen. Also nicht die Selbstüberschätzung mache ich ihm zum Vorwurfe, sondern daß er überhaupt die Wirksamkeit einzelner Menschen überschätzt, ob er es zwar in seinem eigenen Buche so klar und schön dargetan, daß heute die Individuen nichts mehr gelten, daß selbst Voltaire und Rousseau von keiner Bedeutung wären, weil jetzt die Chöre handelten und die Personen sprächen. Was sind wir denn, wenn wir viel sind? Nichts als die Herolde des Volks. Wenn wir verkünden und mit lauter vernehmlicher Stimme, was uns, jedem von seiner Partei, aufgetragen, werden wir gelobt und belohnt; wenn wir unvernehmlich sprechen oder gar verräterisch eine falsche Botschaft bringen, werden wir getadelt und gezüchtigt. Das vergißt aber Heine, und weil er glaubt, er, wie mancher andere auch, könnte eine Partei zugrunde richten oder ihr aufhelfen, hält er sich für wichtig; sieht umher, wem er gefalle, wem nicht; träumt von Freunden und Feinden, und weil er nicht weiß, wo er geht und wohin er will, weiß er weder, wo seine Freunde noch wo seine Feinde stehen, sucht sie bald hier, bald dort und weiß sie weder hier noch dort zu finden. Uns andern miserabeln Menschen hat die Natur zum Glücke nur einen Rücken gegeben, so daß wir die Schläge des Schicksals nur von einer Seite fürchten; der arme Heine aber hat zwei Rücken, er fürchtet die Schläge der Aristokraten und die Schläge der Demokraten, und um beiden auszuweichen, muß er zugleich vorwärts und rückwärts gehen. Um den Demokraten zu gefallen, sagt Heine: die jesuitisch-aristokratische Partei in Deutschland verleumde und verfolge ihn, weil er dem Absolutismus kühn die Stirne biete. Dann, um den Aristokraten zu gefallen, sagt er: er habe dem Jakobinismus kühn die Stirne geboten; er sei ein guter Royalist und werde ewig monarchisch gesinnt bleiben; in einem Pariser Putzladen, wo er vorigen Sommer bekannt war, sei er unter den acht Putzmachermädchen mit ihren acht Liebhabern – alle sechszehn von höchst gefährlicher republikanischer Gesinnung der einzige Royalist gewesen, und darum stünden ihm die Demokraten nach dem Leben. Ganz wörtlich sagt er: »Ich bin, bei Gott! kein Republikaner, ich weiß, wenn die Republikaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab .« Ferner: »Wenn die Insurrektion vom 5. Juni nicht scheiterte, wäre es ihnen leicht gelungen, mir den Tod zu bereiten, den sie mir zugedacht : Ich verzeihe ihnen gerne diese Narrheit.« Ich nicht. Republikaner, die solche Narren wären, daß sie Heine glaubten aus dem Wege räumen zu müssen, um ihr Ziel zu erreichen, die gehörten in das Tollhaus. Auf diese Weise glaubt Heine bald dem Absolutismus, bald dem Jakobinismus kühn die Stirne zu bieten. Wie man aber einem Feinde die Stirne bieten kann, indem man sich von ihm abwendet, das begreife ich nicht. jetzt wird zur Wiedervergeltung der Jakobinismus durch eine gleiche Wendung auch Heine kühn die Stirne bieten. Dann sind sie quitt, und so hart sie auch aufeinanderstoßen mögen, können sie sich nie sehr wehe tun. Diese weiche Art, Krieg zu führen, ist sehr löblich, und an einem blasenden Herolde, die Heldentaten zu verkünden, kann es keiner der kämpfenden Stirnen in diesem Falle fehlen. Gab es je einen Menschen, den die Natur bestimmt hat, ein ehrlicher Mann zu sein, so ist es Heine, und auf diesem Wege könnte er sein Glück machen. Er kann keine fünf Minuten, keine zwanzig Zeilen heucheln, keinen Tag, keinen halben Bogen lügen. Wenn es eine Krone gälte, er kann kein Lächeln, keinen Spott, keinen Witz unterdrücken, und wenn er, sein eignes Wesen verkennend, doch lügt, doch heuchelt, ernsthaft scheint, wo er lachen, demütig, wo er spotten möchte: so merkt es jeder gleich, und er hat von solcher Verstellung nur den Vorwurf, nicht den Gewinn. Er gefällt sich, den Jesuiten des Liberalismus zu spielen. Ich habe es schon einmal gesagt, daß dieses Spiel der guten Sache nützen kann; aber weil es eine einträgliche Rolle ist, darf sie kein ehrlicher Mann selbst übernehmen, sondern muß sie andern überlassen. So, seiner bessern Natur zum Spotte, findet Heine seine Freude daran, zu diplomatisieren und seine Zähne zum Gefängnisgitter seiner Gedanken zu machen, hinter welchem sie jeder ganz deutlich sieht und dabei lacht. Denn es zu verbergen, daß er etwas zu verbergen habe, so weit bringt er es in der Verstellung nie. Wenn ihn der Graf Moltke in einen Federkrieg über den Adel zu verwickeln sucht, bittet er ihn, es zu unterlassen; denn es schien mir gerade damals bedenklich, in meiner gewöhnlichen Weise ein Thema öffentlich zu erörtern, das die Tagesleidenschaft so furchtbar ansprechen müßte«. Diese Tagesleidenschaft gegen den Adel, die schon funfzigmal dreihundertfünfundsechzig Tage dauert, könnte weder Herr von Moltke noch Heine noch sonst einer noch furchtbarer machen, als sie schon ist. Um von etwas warm zu sprechen, soll man also warten, bis die Leidenschaft, der er Nahrung geben kann, gedämpft ist, um sie dann von neuem zu entzünden? Das ist freilich die Weisheit der Diplomaten. Heine glaubt etwas zu wissen, das Lafayette gegen die Beschuldigung der Teilnahme an der Juniinsurrektion verteidigen kann- aber » eine leicht begreifliche Diskretion « hält ihn ab, sich deutlich auszusprechen. Wenn Heine auf diesem Wege Minister wird, dann will ich verdammt sein, sein geheimer Sekretär zu werden und ihn von Morgen bis Abend anzusehen, ohne zu lachen. Französischer Kunstfleiß Unter den Erzeugnissen der französischen Industrie, die gegenwärtig in Paris öffentlich ausgestellt sind, sieht man folgende merkwürdige Stücke: 1. Eine sympathische Druckerschwärze , die nach einem Jahr wieder verschwindet. Gut zu gebrauchen zum Drucke der Konstitutionen, Proklamationen, Aufforderung zu Befreiungskriegen u. dergl. 2. Eine Zensur-Säure , die, wenn man die Zeitungen damit bestreicht, alles Staatsgefährliche ausätzt. 3. Akustischer Apparat , wodurch man hören kann, was in allen Häusern gesprochen wird. Der Erfinder ist Herr Mouchard in Lyon. 4. Revolutions-Gewitterableiter , die den Blitz in eine große Sandbüchse abführen. 5. Eine Spiel-Uhr , welche zu jeder beliebigen Stunde, auf welche man den Zeiger stellt, die Wachenden einschläfert. 6. Ein Taschenapparat für Freunde des Selbstmordes , der Werkzeuge zu allen möglichen Todesarten enthält – Messer zum Halsabschneiden – Pistolen zum Erschießen – wässrige Schriften zum Ersäufen – deutsche Protokolle zum Sterben durch Langeweile – ein Pulver, dessen Genuß augenblicklich zum Diebe macht, für Liebhaber des Galgens – Automat einer Xanthippe, zum Totärgern – ein desgleichen, das seinem Eigentümer auf öffentlicher Straße Schimpfreden nachruft und ihn darauf im Duelle ersticht – ein künstlicher Akzise-Einnehmer, zum Hungertode – Verschwörungsgeschichten (gedruckte), zum Ersticken vor Lachen – eine sinnreiche Chaussee zum Halsbrechen – ein Schächtelchen voll Verleumdungspillen zum Vergiften – ein ungeschickter Arzt aus Stahl, und ein dergleichen Chirurgus, zu vermischten Todesarten – Ernennungen zu Gesandtschaftsposten, um an diplomatischen Indigestionen zu sterben – eine Büchse voll Wahrheiten: Sobald man sie öffnet, fällt man in Ungnade und stirbt aus Verdruß – ein Blatt des Londoner-Couriers mit der Lüge, Bonaparte sei entwischt, zum Selbsterschrecken – falsche Briefe aus dem Haag, mit der Nachricht vom Gewinnste des großen Loses, zum Sterben vor Freude – eine Marionettentruppe, die Schiller's Don Carlos aufführt, zum Sterben vor Ungeduld – das französische Preßfreiheitsgesetz, zum Sterben vor Neid – ein Regiment hölzerner preußischer Douaniers, zum Bewirken einer tödlichen Auszehrung – ein Luftballon, durch Versprechungen aufgeblasen, der in einer gewissen Höhe platzt und mit dem Aeronauten herabfällt. 7. Hölzerne Feudal-Stiefelknechte für hohe Herrschaften, die den Fuß, der darauf tritt, sanft bedienen. 8. Soldaten-Röcke neuer Art, die so knapp gemacht sind, daß die Soldaten, die darin stecken, sich auf Kugeln und Säbelhiebe freuen, um Luft zu bekommen, und daher unerschrocken der Gefahr entgegengehen. 9. Puder für unruhige Köpfe, um sie weise, weiß, und ihnen was weis zu machen. 10. Modell eines langsam fahrenden diplomatischen Wagens , zur Herbeiführung der Instruktionen, sehr bequem eingerichtet. 11. Der kleine Orthograph für Frauenzimmer; eine mechanische Figur, die auf den Schreibtisch gestellt, jedesmal die Hand aufhebt, wenn ein Wort unorthographisch geschrieben wird. 12. Eine Luftpumpe zur Ausleerung der Windbeutel. Das Otto Guerikische Experiment zeigt die Wirksamkeit dieser Maschine auf's Schönste. Der Künstler ließ am Kopfe und an den Füßen eines englischen Augenarztes zwölf Pferde spannen und diese nach entgegengesetzter Richtung ziehen, ohne daß sie vermochten, den leeren Windbeutel auseinanderzureißen. 13. Wasserdichte Filzhüte , die Wasser weder ein- noch auslassen. Dioptrik Schon daran finde ich meine Schadenfreude, daß auch die schönsten und stolzesten Leserinnen der Iris nicht wissen, was Dioptrik bedeutet, und genötigt sind, der Überlegenheit männlicher Einsicht im Stillen zu huldigen. Aus keinem andern Grunde gebrauchte ich das Wort; denn ich wollte, gegen alles Völkerrecht, ohne blasende Herolde und aufgeblasene Manifeste vorauszuschicken, den Krieg mit einem Schusse zugleich ankündigen und beginnen. Freilich, wen die Weiber um Ruhe, Frieden und Wohlsein, um den Schlaf, das Herz, die Eßlust und den Verstand betrogen, der wird es kindisch finden, daß ich so stark tobe, da sie mir doch nicht mehr veruntreuet als einen Gulden. Aber einen Beleidigten, wenn er tugendhaft ist, schmerzt weniger die erlittene böse Tat als die Bosheit. Nicht an der Verletzung meines Eigentums liegt mir, sondern an der allgemeinen Sicherheit, und darum bringe ich meine Klage öffentlich vor. Ich ging vor einigen Tagen in den Sorgischen bestmöglichst erwärmten Saal, um die königlichen Transparentgemälde zu sehen. Ich sah aber gar nichts, aus den einfachsten optischen Gründen; denn die dort aufgestellten Weiberhüte, die nicht transparent waren, hinderten mich daran. Eine Frau – ich hätte giftiger und höhnischer Dame sagen können, aber man muß gegen Feinde gerecht sein: sie hatte ihr Kind auf dem Schoße – eine Frau unter einem Hute, der wenigstens 12,873 Fuß über dem mittelländischen Meere erhoben sein mußte, denn er ragte über die Jungfrau hinaus, die 12,872 Fuß hoch ist, saß gerade vor mir, und verteidigte die schweizerische Freiheit gegen mein Augennetz, worin ich sie fangen wollte. Welche Farbe der Hut hatte, und ob er mir einen grauen oder schwarzen Star verursachte, konnte ich nicht unterscheiden. Aber ich war vollkommen blind und genötigt, im Dunkeln anderthalb Stunden lang aus Verzweiflung satyrisch zu sein. Ich bedauerte sehr, daß Weiberköpfe zu den beweglichen Gütern gehörten, auf die man, wie auf Faustpfänder, nur etwas Weniges mit Sicherheit borgen kann. Wäre der vor mir befindliche Kopf als Hypothek zu verschreiben, das heißt: ein liegendes Grundstück gewesen, dann hätte ich vielleicht noch einen schmalen Weg in die Alpentäler aufgefunden. Aber so war gar nicht daran zu denken. Die schöne weibliche Himmelskugel bewegte sich unaufhörlich, und da ich stets auf die entgegengesetzte Seite ausbog, so bildeten unsere Köpfe die sich durchkreuzende Bewegung eines doppelten Uhrperpendikels. Anfänglich hatte ich große Hoffnung auf das Kind gesetzt, welches die Obskurantin auf dem Schoße hatte; ich dachte nämlich, sie würde sich oft niederbücken, es zu liebkosen. Aber die weibliche Neugierde war größer als die Mutterliebe, und sie ließ nur selten den Kopf zum Kleinen hinab. Ich sah also nichts von den Schweizergemälden, weder Muttertreue, noch die Stadt Luzern, noch Tells Kapelle, noch die Petersinsel . Nur als der Mond im Dörfchen Lyß aufging, fielen einige Strahlen desselben durch die Zweige der Hutfedern, welches schauerlich war. Auch die Jakobfeuer am Brienzersee gingen mir verloren, und in meinem Verdruß konnte ich den mörderischen Gedanken nicht unterdrücken: Lägen doch alle anwesenden Weiberhüte darin und brennten! Am meisten dauerten mich die vielen im Saale befindlichen Kinder unter 10 Jahren, die zwar nur die Hälfte des Eintrittspreises zu zahlen hatten, dafür aber auch weniger als die Hälfte der Schaustücke sehen konnten, da sie noch tiefer im Riesenschatten der Weiberhüte saßen als wir Erwachsenen. So ging ich unbefriedigt nach Hause und murrte sehr über das böse Geschick; doch bald mußte ich beschämt über meinen Zweifel an eine gütig waltende Vorsehung mit Candide ausrufen: Die Welt ist doch die beste, trotz ihrer dioptrischen Leiden! Ich fühlte nämlich, daß mein Hals, der seit drei Tagen so steif war wie der kuhschnappelsche Kanzleistyl, sich wieder frei bewegen konnte. Das Menuett, das er mit dem Federhute tanzte, hatte ihn wahrscheinlich flott gemacht. Die Heilung war gewiß ihren Gulden wert. Da aber nicht jeder, der so unglücklich ist, hinter einem Federhute zu sitzen, zugleich das Glück hat, einen steifen Hals zu haben, so darf ich diesem zum Schaden nachfolgende Betrachtungen nicht unterdrücken. Schon oft hat man über die Hindernisse geklagt, welche die hohen Hüte der Frauenzimmer den männlichen Augen in Schauspielen entgegensetzen, und Vorschläge gemacht, wie dem Übel abzuhelfen sei. Der beste unter den Vorschlägen war der , daß die Hüte aus Glas verfertigt werden sollten. Dieses hätte allerdings seinen Vorteil, und wenn man dabei noch bedacht wäre, die Gläser so zu schleifen und zusammenzusetzen, daß sie den männlichen Zuschauern als Perspektive dienen könnten, so wäre der Nutzen groß. Allein man vergaß, daß solche Hüte sehr gebrechlich sind, und daß, wenn auch der Anstoß von außen vermieden würde, die Bewegung, die so stark in Weiberköpfen stattfindet, dieselben leicht beschädigen könnte. Ich habe drei andere Hilfsmittel, die mir besser scheinen. Mein erster Vorschlag, die Hutfinsternisse, welche die Frauen bei Schauspielen verursachen, künstlich zu erhellen, besteht darin, daß man ihnen den Eingang auch ohne Hüte nicht verstatte. Ich habe nie begreifen können, wie Männer so leichtsinnig sein mögen, ihre Weiber die Komödie, diese Turn-, Fecht-, Redner- und Tränenschule, täglich einige Stunden besuchen zu lassen. Lernen auch die guten nichts Böses darin, so lernen doch die schlimmen das Böse geräuschlos begehen. In den Londoner Diebs-Erziehungsanstalten werden die Gaunerzöglinge geübt, lebensgroßen Puppen, die mit Schellen behängt sind, die Taschen zu leeren; sie müssen dies zustande bringen, ohne zu klingeln. Die Komödie ist ein ähnliches Institut, worin das Frauenzimmer lernt, seine kleinen Spitzbübereien ohne Geklingel auszuführen. Wenn man sich auch immerhin auf die Treue der Weiber verlassen darf, so soll man doch nie vergessen, wie groß ihre reine Liebe zur Wissenschaft ist, die sie ohne Einmischung alles Eigennutzes beseelt, und daß sie, gleich eifrigen Jägern, am Jagen und Töten ihre Lust finden, ob sie zwar das erlegte Wild verschmähen, es verschenken oder liegen lassen. Man sollte ihnen den Besuch der Schauspiele höchstens während der ersten Szenen verstatten, wo Kammermädchen und Bediente die Zimmer reinigen und sich über die Herrschaft lustig machen, die noch im Bette liegt, oder während des letzten Aktes, wo alles an den Tag kommt und auch die Listigste überführt wird. Sie würden auch mit dieser Einrichtung wahrscheinlich zufrieden sein, da ihnen beim Theaterbesuche an der Festlichkeit des Kommens und Gehens am meisten gelegen ist. Mein zweiter Vorschlag ist: sie sollen keine Hüte aufsetzen. Gibt es etwas Größeres als deren Geschmacklosigkeit? Außer der Kühnheit, dieses zu sagen, gewiß nichts. Die landüblichen Weiberhüte haben so viel Eckiges, Geschnörkeltes, Buntscheckiges, Domgewölbtes, kurz Gotisches, daß man sie für die stärksten Stützen des häuslichen Feudalwesens und der geselligen Oberlehnsherrlichkeit der Weiber ansehen kann. Nehmt sie ihnen, und die unnatürliche Geisteigenschaft so vieler Männer wird aufhören. Es ist mit den Gesetzen der Mode wie mit denen des Staates: jene werden für die Häßlichen, wie diese für die Ruchlosen gemacht, und die schönen Weiber wie die guten Bürger müssen sich ihnen, um der Ordnung willen, mit unterwerfen. Anders läßt sich ja gar nicht erklären, wie ein Frauenzimmer, das kein häßliches Gesicht zu verbergen hat, mit einem solchen Regen- und Sonnenschirme zu einer Zeit herumgehen mag, wo es weder regnet noch heiß ist. In einem solchen Hute, mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Böschungen und ausgezacktem Rande, kann jeder Ingenieur, ohne Anstrengung der Einbildungskraft, sämtliche Teile einer Festung, Graben, Wege, Palissaden, Bastionen, Courtinen und Schießscharten wahrnehmen. Und so angesehen, gereichen große Hüte den Köpfen, die sie tragen, allerdings zum Ruhme; denn da ausgedehnte Festungswerke bekanntlich eine große Besatzung erfordern, so setzen jene diese voraus. Aber Männer setzen sie in Verzweiflung. Eine Frau unter einem Hute ist gar nicht zu erobern. Jedes weibliche Herz ist ein heiliges Jericho im gelobten Lande, dessen Mauern vom Schalle einstürzen. Darum liebt auch eine taube Frau niemals, obzwar ein tauber Mann so wie ein stummer Mann keine Liebe einflößt, eine stumme Frau aber um so leichter. Wie ist es aber möglich, in der Pulverkammer der weiblichen Empfindung, in das Ohr, eine einzige Brandrakete zu werfen, wenn dieses vom hohen Hute geschützt wird? Desertierte nicht manchmal eine Locke aus der Hutfestung und zeigte dem belagernden Munde eine kleine Öffnung, wodurch der Zündfaden eines zärtlichen Wortes geleitet werden kann, so würde aus jeder Liebesbewerbung ein trojanischer Krieg und die schöne Helena zur Matrone werden. Mein dritter Vorschlag und Heilplan wäre, daß die Damen im Schauspiele ihre Hüte an die Wand hängten und mit großen Buchstaben, etwa transparent in Brillantfeuer, ihre Namen darunter setzen ließen. Da man den Putz nur trägt, ihn sehen und sich beneiden zu lassen, so reichte ja schon hin, daß man die Besitzerin desselben erführe. Ja die Weiber könnten oft gar zu Hause bleiben und nur ihre Hüte in's Theater schicken.