Lord George Byron Werner oder Das Erbe. Eine Tragödie. Vorwort. Das folgende Drama ist ganz der Erzählung: »Kreutzner, Geschichte eines Deutschen« entnommen, welche vor vielen Jahren in Lee's Canterbury-Novellen erschien. Diese Novellen waren, wenn ich mich recht erinnere, von zwei Schwestern geschrieben, von welchen die Eine nur diese und noch eine zweite Erzählung lieferte, die aber beide für bedeutender als die übrigen gehalten wurden. Dies ist nicht ganz genau. Die Erzählung der jungen Dame oder die zwei Emilien und die Erzählung des Geistlichen oder Pembroke waren von Sophie Lee, der Verfasserin von »Die Einsamkeit«, des Lustspiels »Das Kapitel der Zufälle« und der Tragödie »Almeyda«. Sie starb im Jahre 1824. Die »Geschichte eines Deutschen« aber und alle übrigen Novellen der Canterbury-Sammlung sind von der jüngeren Schwester Henriette. Ich habe Charaktere, Plan und sogar die Sprache an manchen Stellen der Geschichte beibehalten. Einige der Charaktere sind gemildert, andere geändert, auch einige Namen abgeändert und eine Person (Ida von Strahlenheim) durch mich beigefügt worden; im Uebrigen aber habe ich mich meistens an das Original gehalten. In meinen jungen Jahren (ich glaube, ich war erst 14 Jahre alt) las ich diese Erzählung zum ersten Mal. Sie machte damals einen tiefen Eindruck auf mich. Ich darf wol sagen, sie enthält den Keim von Vielem, was ich seitdem geschrieben habe. Ich bin indessen nicht sicher, daß jene Erzählung jemals viel Aufsehen machte, oder ist sie jedenfalls seither durch andere große Schriftsteller dieser Richtung in Schatten gestellt worden. Aber ich habe im Allgemeinen gefunden, daß wer sie gelesen hatte, darin mit mir übereinstimmte, daß er die merkwürdige Kraft der Empfindung und die Feinheit der Erfindung, die sich in ihr kundgibt, hochschätzte. Ich sage Erfindung, denn die Ausführung hätte vielleicht geschickter gemacht werden können. Unter Denjenigen, deren Anschauungen in Betreff des Werths dieser Geschichte mit mir übereinstimmten, könnte ich einige sehr bedeutende Namen nennen; doch dies ist überflüssig und würde zu Nichts führen, da ein Jeder doch nach seinem eigenen Gefühl urtheilen wird. Ich verweise den Leser auf die Originalerzählung, aus der er ersehen möge, in welchem Maße ich entlehnt habe. Ich würde es ihm nicht übel nehmen, wenn er ein weit größeres Vergnügen daran fände, jene zu lesen, als das Drama, welches auf ihren Inhalt gegründet ist. Schon im Jahre 1815 hatte ich ein Drama nach dieser Erzählung begonnen, – das erste, welches ich überhaupt versuchte, mit Ausnahme eines, welches ich in meinem 13. Jahre schrieb und Ulrich und Elwina betitelte, das ich jedoch vernünftig genug war zu verbrennen – und hatte beinahe einen Act vollendet, als die Verhältnisse meine Arbeit hemmten. Dieser Act muß sich noch unter meinen Papieren in England vorfinden; da er sich jedoch seiner Zeit nicht beischaffen ließ, habe ich ihn von Neuem geschrieben und die folgenden Acte beigefügt. Das Ganze ist durchaus nicht für die Bühne berechnet, eignet sich auch nicht dafür. Pisa, im Februar 1822.   Dem berühmten Goethe widmet diese Tragödie einer seiner wärmsten Bewunderer. Personen des Dramas. Werner. Erich. Ulrich. Arnheim. von Strahlenheim. Meister. Idenstein. Rudolf. Gabor. Ludwig. Fritz. Josephine. Heinrich. Ida von Strahlenheim. Ort der Handlung: In den drei ersten Arten in einem Schlosse an der Grenze Schlesiens, im vierten und fünften Act auf Burg Siegendorf bei Prag. Zeit: Gegen Ende des 30jährigen Kriegs. Erster Act Erster Auftritt. Saal eines verfallenen Schlosses in der Nähe einer kleinen Stadt an der Nordgrenze Schlesiens. Stürmische Nacht. Werner und dessen Frau Josephine . Josephine . Sei ruhiger, mein Herz! Werner . Ich bin ja ruhig! Josephine . Ja, gegen mich; doch nicht so gegen dich, Dein Schritt ist fieberhaft, und Niemand geht In solchem Zimmer so gewalt'gen Schritts, Wenn Ruh' in seiner Brust. Wär' es im Garten, Ich hielte dich für glücklich wie die Biene, Die munter dort von Blum' zu Blume eilt. Doch hier! Werner . 'S ist kalt! und die Tapeten lassen Den Wind hindurch; mein Blut ist wie gefroren. Josephine . Ach nein! Werner . (lächelnd). Nun, wolltest du, es wäre so? Josephine . Ich wollt', es flösse recht gesund. Werner . O laß Es fließen, bis es ausfließt oder stockt – Wie bald, ist ja schon längst mir gleich! Josephine . Und bin Ich deinem Herzen nichts? Werner . Du? Alles – Alles! Josephine . Kannst du dann wünschen, was mein's brechen müßte? Werner . (nähert sich ihr langsam). Wenn du nicht warst, so ward ich – gleichviel was, Doch viel in guten Dingen und in bösen. Du weißt wol, was ich bin, doch nicht, was ich Hätt' werden können – dennoch lieb' ich dich, Und nichts soll je uns von einander reißen. – (Werner geht unruhig auf und ab und bleibt dann vor Josephine stehen.) Der Sturm der heut'gen Nacht reizt meine Nerven, Ich bin erregbar, war erst kürzlich krank. Du weißt es ja, mein Herz! denn du hast mehr Als ich, bei dem du stets gewacht, gelitten. Josephine . Es ist schon viel, daß ich gesund dich sehe. Wenn ich dich glücklich säh' – Werner . Wen sahst du so? Laß mich nur elend wie die Andern sein. Josephine . Doch denk' der Vielen nur, die bei dem Sturm, Im scharfen Wind, im schweren Regen zittern, Deß Tropfen sie zur Erde niederbeugen, Die keine Wohnung für sie hat als nur In ihrem Schooß. Werner . Das ist die schlechtste nicht. Was macht die Wohnung? Ruhe ist doch Alles. Die Elenden, die du genannt – jawol, Der Wind umheult sie, und der kalte Regen Durchwühlt das Mark, das durch die Knochen schleicht. Ich war Soldat, war Wandersmann und Jäger Und bin ein Bettler nun; ich sollte wol Die Dinge kennen, die du angeführt. Josephine . Und bist du nicht vor all dem jetzt behütet? Werner . Ja, doch vor diesem nur. Josephine . Das ist schon was. Werner . Für einen Bauern – ja! Josephine . Und sollte denn, Wer edleren Geblüts, für ein Asyl Nicht dankbar sein, das die Verweichlichung Von Jugend auf ihm nöth'ger macht als dem Gemeinen Mann, wenn ihn des Glückes Ebbe An dieses Lebens Klippen wirft? Werner . Das ist Es nicht, du weißt es wohl! Wir trugen das, Ich sag' nicht, mit Geduld – das thatst nur du – Jedoch wir trugen es. Josephine . Nun denn? Werner . Es war Noch Etwas neben dieser äußern Pein, – Obschon auch diese hart an uns genagt – Was mich oft stach und mehr als je mich sticht. Wenn jene widerwärt'ge Krankheit nicht An dieser öden Grenze hin mich warf Und nicht nur meine Kraft mir nahm, nein! auch Die Mittel all', so daß wir – ach! es ist Zu viel! – denn ohne das wär' glücklich ich Geworden, du warst glücklich, und mein Rang, Mein Namen mir, des Vaters Namen mir Zurückgestellt, und mehr als das – Josephine . (unterbricht ihn) . Nein Sohn, Dein Sohn, ja unser Ulrich, läge wieder In diesen Armen, die ihn lang' entbehrt, Und einer Mutter Sehnsucht wär' gestillt! Zwölf Jahr'! er war erst acht, und schön war er, Schön muß er jetzt erst sein, mein Ulrich, mein Geliebtes Kind! Werner . Das Schicksal hat oft Jagd Auf mich gemacht. Jetzt hat es meinen Geist Da eingeholt, wo er nicht trotzen kann, Krank, arm, allein – Josephine . Allein, mein theurer Gatte? Werner . Nein! schlimmer! Alles was ich liebe, mit In dieses schlimm're Ding als Einsamkeit Verwickelnd, – denn allem wär' ich gestorben Und Alles deckte namenloses Grab. Josephine . Ich hätte dich nicht überlebt! Doch bitte, Fass' Muth! Wir haben lang gekämpft und wer So mit dem Schicksal kämpft, gewinnt am End', Wo nicht, so macht er's mürbe doch, er kommt Zum Ziele oder fühlt zuletzt nichts mehr. Komm, tröste dich! Wir finden unsern Sohn. Werner . Wir hatten ihn und Alles schon in Sicht, Was für den Kummer uns entschäd'gen konnte, Den wir schon durchgemacht – und Alles nun Dahin! Josephine . Es ist noch nicht dahin. Werner . Sind wir Nicht ohne Geld? Josephine . Wir waren niemals reich. Werner . Doch kam zu Reichthum, Rang und Macht ich auf Die Welt, und ich genoß sie, liebte sie Und ach! mißbrauchte auch, verwirkte sie Durch Vaters Zorn, in meiner Jugend Rausch. Doch hat den Mißbrauch manches Leidensjahr Gesühnt. Der Tod des Vaters schloß uns wieder Die Straße auf, die nicht gefahrlos war; Und jener kalte, intrigante Vetter, Der schon so lang' sein Auge auf mich hielt Wie eine Schlange auf ein Vögelchen, Hat sicher jetzt mich längst schon überholt, Zum Meister meiner Rechte sich gemacht, Zum Herrn von Dem, was in die Reih' der Fürsten An Nacht und Gütern ihn erhebt. Josephine . Wer weiß! Vielleicht ist unser Sohn zu seinem Ahn Zurückgekehrt und hat dein Recht für dich Gewahrt. Werner . Dazu ist keine Hoffnung da! Seit er so seltsam aus des Vaters Haus Verschwand und gleichsam meine Sünden auf Sich übertrug, kam keine Nachricht mehr Von seinem Lebensgang. Ich hatte ihn Einst meinem Vater – ungern – überlassen, Weil der versprach, sein Ingrimm werde sich Nicht grausam auf den Enkel weiter pflanzen. Jedoch der Himmel scheint sein Recht zu fordern Und heimzusuchen jetzt des Vaters Wahn Und Sünden an dem Sohn. Josephine . Ich hoffe noch Ein besser Loos. Wir haben wenigstens Die lange Hetze Strahlenheims bis jetzt Getäuscht. Werner . Wir hätten's, ja! wenn diese Krankheit Nicht so fatal dazwischen kam, die schlimmer Als eine tödtliche, da sie zwar nicht Das Leben nahm, jedoch des Lebens Lust. Auch jetzt noch fühl' ich meinen Geist umgarnt Von dieses habbegier'gen Feindes Schlingen. Wer weiß, ob nicht er hier uns aufgespürt! Josephine . Er kennt dich ja nicht selbst, und seine Späher, Die lang' uns überwacht, sind noch in Hamburg. Der Namenswechsel und die Plötzlichkeit, Womit wir abgereist, ließ jene weit Zurück. Hier hält uns Jedermann für das Nur, was wir scheinen. Werner . Was wir scheinen? Was Wir sind – für krankes Bettelvolk! krank selbst In unsern Hoffnungen. Ha ha! Josephine . O Gott, Dies bitt're Lachen! Werner . Ha! wer suchte wol In dieser Form die hohe Seele noch Des Sohnes eines altergrau'n Geschlechts? In diesem Rock den Erben reichster Güter? Wer in dem eingesunk'nen kranken Blick Den Stolz, den Rang und Ahnen mir verliehn? In diesen fahlen Wangen, in der Stirne, Die Hunger tief gefurcht, den Herrn von Hallen, Wo täglich Tausend' von Vasallen schmausen? Josephine . Du hast an diese ird'schen Dinge nicht Gedacht, mein Werner, als zur Braut du einst Des Fremdlings Tochter, des Verbannten, wähltest. Werner . Die Tochter des Verbannten war gerade Die rechte Wahl für den Geächteten. Doch hatt' ich damals ein'ge Hoffnung noch, Dich wieder in den Stand empor zu heben, Für den wir beide einst geboren waren. Auch deines Vaters Haus war edel, wenn Verfallen gleich und seiner Herkunft nach Wol würdig, sich mit unsrem zu verbinden. Josephine . So dachte einst dein stolzer Vater nicht! Doch wenn es meine Herkunft nur gewesen, Was mich dir gleich gestellt, so hätt' ich sie Für das gehalten, was sie wirklich ist. Werner . Und was ist sie in deinen Augen denn? Josephine . Das, was sie uns genützt hat – nichts! Werner . Wie? Nichts? Josephine . Wo nicht was Schlimm'res noch, denn von Beginn war sie ein Krebs in deinem Herzen. War der nicht, hätten unsre Armuth wir Wie tausend And're heitern Geist's getragen. War dies Phantom nicht deiner hohen Ahnen, Hätt'st du dein Brod verdient, wie's Tausend' thun, Und wenn dir dies zu niedrig schien, den Handel Und and'res bürgerliches Werk versucht, Dein Loos zu bessern. Werner (ironisch) . Und ein Hansaspieß Zu werden! Wundervoll!! Josephine . Was du auch je Geworden wärst, mir bist du, was der Stand, Ob hoch ob nieder, niemals ändern kann, Des Herzens erste Wahl! Es wählte dich, Als deinen Stand, dein Hoffen es nicht kannte – Nur deinen Gram! So lange dieser währt, Laß mich ihn theilen, laß mich Trost dir bringen; Wenn er zu Ende, endet meiner auch. Werner . Mein guter Engel! stets als solchen fand Ich dich. Mein hitzig oder schwach Gemüth Trug niemals doch 'nen einzigen Gedanken, Der dich, die Deinigen verletzen könnt'. Du warst es nicht, die mir das Glück verderbt; Mein eigen Wesen war in meiner Jugend Der Art, daß es ein Reich, das ich ererbt, Vernichten hätte können; doch gezüchtigt, Gezähmt, erschöpft, zur Selbsterkenntiß nun Gebracht – soll ich's verlieren nun, dem Sohn Und dir! – Glaub mir: daß zweiundzwanzig alt Mein Vater mich aus seinem Hause stieß, Den letzten Sprossen von viel hundert Ahnen – Denn damals war ich es – hat weniger Mir weh gethan, als daß ich jetzt den Sohn Und meines Sohnes Mutter ausgeschlossen, Trotz ihrer Unschuld sehen soll von dem, Wovon mich meine Fehler ausgeschlossen; Ob meine Leidenschaften damals gleich Lebend'ge Schlangen waren und um mich Sich wickelten wie die der Gorgona. (Man hört ein lautes Pochen.) Josephine . Horch nur! Werner . Man pocht. Josephine . So spät? Wer mag das sein? Es gibt nur Wen'ge, die uns hier besuchen. Werner . Zur Armuth kommt man nicht, wofern man nicht Sie ärmer machen will. – Nun gut! ich bin Bereit. (Werner fährt mit der Hand in den Busen, als ob er nach einer Waffe suchte.) Josephine . O blicke nicht so wild! Ich will Zur Thüre gehn; es kann nichts Wicht'ges sein. Zu traurig ist es hier, zu winterlich. Die Oede selbst schützt Menschen hier vor Menschen. (Sie geht nach der Thür.) Idenstein tritt ein. Idenstein . Schön guten Abend meiner schönern Wirthin Und meinem würdigen – Wie heißt Ihr doch, Mein Freund? Werner . Und fürchtet Ihr Euch nicht, mich dies Zu fragen? Idenstein . Fürchten? Freilich fürcht' ich mich. Ihr seht ja aus, als ob ich um was Bess'res Als Euern Namen Euch gebeten hätte. Werner . Um Bess'res, Herr? Idenstein . Nun, besser oder schlechter Wie eine Eh'. Was soll ich weiter sagen? Ihr seid seit einem Monat hier ein Gast, Im Schloß des Fürsten – seit zwölf Jahren freilich Hat Seine Erlaucht den Gespenstern es Und Ratten eingeräumt, doch ist's noch stets Ein Schloß – ich sag', Ihr wäret unser Miethsmann Und immer kennen Euern Namen wir Noch nicht. Werner . Ich heiße Werner. Idenstein . Schöner Name! Und ein so würd'ger Name, als man je Auf eines Krämers Schild in Golde sah. Ich habe einen Vetter im Spital Zu Hamburg, der ein Weib genommen hat, Das ganz den gleichen Namen trug. Er ist Beamter dort, der viel Vertraun genießt, Gehilfe eines Arzts – hofft's selbst zu werden – Und hat schon Wunderding' in seinem Amt Gethan. Vielleicht mit meinem Vetter seid Ihr auch verwandt? Werner . Mit Eurem –? Josephine . Ja, wir sind's, Jedoch entfernt. (Bei Seite zu Werner). Könnt Ihr dem schalen Schwätzer Nicht den Gefallen thun, bis wir ersehen, Was er hier will? Idenstein . Schön, schön, das freut mich sehr. Ich hab' es gleich gedacht; es regte sich In meinem Herzen gleich so was. Blut ist Nicht Wasser, Vetter! Drum thut Wein jetzt her, Wir wollen auf's Bekannterwerden trinken, Verwandte sollen immer Freunde sein. Werner . Ihr scheint bereits genug gethan zu haben; Doch hättet Ihr's auch nicht, so hab' ich keinen Wein Euch zu bieten, so's nicht Eurer wäre. Ihr wißt das oder solltet es doch wissen. Ihr seht doch, ich bin arm und krank, und wollt Nicht sehn, daß ich allein sein möcht'. Doch nun Zu Eurem Zweck. Was führt Euch her? Idenstein . Je nun, Was führt mich denn wol her? Werner . Ich weiß es nicht. Doch gaub' ich, daß ich Den errathen kann, Der wieder fort Euch schickt. Josephine (bei Seite). Ruh', lieber Werner! Idenstein . So wisset Ihr denn nicht, was hier geschehn? Josephine . Wie sollten wir? Idenstein . Der Fluß ist ausgetreten. Josephine . Ach ja, das wissen wir zu unsrem Schmerz Fünf Tage schon weil's hier uns hält. Idenstein . Doch was Ihr nicht wißt, daß heut' ein großer Herr, Der gern, den Strom und dreien Postillons Zum Trotz, hinüber wär', abwärts der Furth Ertrunken ist, fünf Pferde auch mit ihm, Ein Aff', ein Bulle und ein Kammerdiener. Josephine . Die armen Wesen! seid Ihr deß gewiß? Idenstein . Des Affen ja, des Dieners und des Viehs, Doch wissen wir bis jetzt noch nicht, ob todt Auch Seine Excellenz ist oder nicht. Ihr Adlige seid schwierig zu ersäufen, Wie sich's für Herrn von Rang und Amt gebührt. Doch sicher ist, daß so viel Oberwasser Geschluckt er hat, daß den zwei Bauern bärsten. Jedoch zwei Reisende, ein Ungar und Ein Sachs, entrissen ihn mit eigener Gefahr dem Strudelbach. Sie schickten her, Und bitten um ein Zimmer oder Grab, Ganz je nachdem er lebend oder todt. Josephine . Und wo wollt Ihr ihn unterbringen? Hier Vielleicht? Wenn wir was dienen können – sprecht! Idenstein . Hier? Nein! Doch in des Fürsten eigenem Gemach, wie sich's für einen edeln Gast Geziemt. Zwar ist es feucht, weil Seit zwölf Jahren Von Niemand mehr bewohnt; doch kommt der Herr Zunächst von einem noch viel feuchtern Ort. Er wird sich somit schwerlich drin erkälten, Das heißt, wenn er sich noch erkälten kann; Wo nicht, so wird er morgen schlechter noch Gebettet sein. Doch hab' ich heizen lassen Und Alles für das Schlimmste vorbereitet, Ich meine für den Fall, daß mit dem Leben Davon er kommt. Josephine . Der arme Herr! ich hoff' Von ganzem Herzen, daß er's thut. Werner . Habt Ihr Den Namen nicht des Herrn gehört, Castlan? (Bei Seite zu seiner Frau). Geh, Josephine 'mal hinaus, ich will Aushorchen diesen Narren. (Josephine ab.) Idenstein . Seinen Namen? O Gott! wer weiß, ob einen Namen er Noch hat, ob nicht! 'S ist Zeit genug zu fragen, Wenn Antwort wieder er erst geben kann. Wo nicht, so setzt man den des Erben auf Den Leichenstein. Habt Ihr nicht eben mich Gezankt, daß ich nach Namen fragen wollt'? Werner . Ja, ja! ich that's. Ihr sprecht ganz gut und weise. Gabor tritt auf. Gabor . Wenn ich hier störe, bitt' ich sehr – Idenstein . O Ihr Stört nicht! Dies hier ist der Palast und dies Ein Fremder grad' wie Ihr. Ich bitte, macht Es Euch bequem. Doch Seine Excellenz, Wie steht's mit ihm? wie fühlt er sich? Gabor . Recht naß Und angegriffen, doch gefährlich nicht. Er hielt, um andre Kleider anzuziehn, In einer Hütte an – wo ich die meinen ach Mit diesen hier vertauscht. Er hat sich fast Von seinem Bad erholt. Gleich ist er hier. Idenstein . He! tummelt euch da draußen! Hermann! Weilburg! He Peter! Kunz! (Er ertheilt seine Weisungen an verschiedene auf einen Ruf eintretende Diener.) Hier übernachtet heut' Ein hoher Herr. Seht zu, daß Alles im Damast'nen Zimmer hergerichtet wird; Heizt tüchtig ein, ich selbst will in den Keller. Frau Idenstein – das ist mein Ehweib, Herr! – Soll selbst das Bettzeug liefern für den Gast. Denn damit ist man, offen sei's gesagt, Höchst knapp in dem Palast daran, seitdem Ihn Seine Erlaucht vor zwölf Jahren ließ. Dann wird auch Seine Excellenz vermuthlich Zu Abend speisen wollen? Gabor . Meiner Treu! Das weiß ich nicht. Doch mein' ich fast, das Kissen Werd' ihm jetzt lieber als die Tafel sein. Nachdem er sich in Eurem Strom geweicht. Damit jedoch nicht umkommt Euer Fleisch, Will selber ich zu Abend bei Euch speisen. Auch hab' ich einen Freund noch draußen, der Mit eines Wandrers Hunger alle Ehre Wird anthun Eurem guten Mahl. Idenstein . Doch wißt Ihr auch gewiß, daß Seine Excellenz – Wie ist sein Name doch? Gabor . Ich weiß es nicht. Idenstein . Und doch habt Ihr das Leben ihm gerettet? Gabor . Ich half nur meinem Freund hiebei. Idenstein . Ei das Ist sonderbar! Jemand das Leben retten, Den man nicht kennt! Gabor . Doch nicht! Denn Manche gibt's, Die so genau ich kenn', daß ich mir kaum Um sie die Mühe nehmen würd'. Idenstein . Ich bitte, Mein guter Freund, wer seid denn Ihr? Gabor . Ungar Der Herkunft her. Idenstein . Und heißt? Gabor . Daran liegt nichts. Idenstein (bei Seite). (Das sieht ja aus, als sei die ganze Welt Jetzt namenlos, da Keiner sagen will, Wie er sich nennt!) – Hat Seine Excellenz Ein groß Gefolge? Gabor . Groß genug. Idenstein . Wie viel? Gabor . Ich hab' sie nicht gezählt. Wir kamen nur Zufällig her, und grad' zur rechten Zeit, Um ihn durchs Wagenfenster 'raus zu ziehn. Idenstein . Was gäb' ich, wenn ich einen großen Mann Erretten dürft'! Ihr werdet ohne Zweifel Ein hübsches Sümmchen Euch als Lohn gewinnen. Gabor . Vielleicht. Idenstein . Auf wie viel rechnet Ihr etwa? Gabor . Ich habe mich bis jetzt noch nie verkauft. Indessen wäre mir der liebste Lohn ein Glas Hochheimer, wenn Ihr habt, ein grünes Glas, Bekränzt mit Trauben und mit Bacchus-Sprüchen, Und voll vom ältesten aus Eurem Keller. Dafür versprech' ich Euch, im Fall Ihr je Ersaufen solltet – ob es gleich mir scheint, Als sei von allen Todesarten diese Am wenigsten für Euch bestimmt – daß ich Euch unentgeldlich aus dem Wasser ziehe. Rasch, rasch, mein Freund! Mit jedem Glase, das Ich leer', soll eine Welle weniger Ob Eurem Haupte gehn. Idenstein (bei Seite). (Der Mann gefällt Mir gar nicht sehr; er scheint verschlossen, derb, Zwei Dinge, die mir nicht bequem. Doch Wein Soll er erhalten; schließt ihn der nicht auf, So werde ich vor Neugier heute Nacht Kein Aug' zuthun.) (Idenstein ab.) Gabor (zu Werner). Der Ceremonienmeister Ist ohne Zweifel Kastellan des Schlosses? Ein schöner Bau, jedoch etwas verfallen. Werner . Das Zimmer, das für Den, den Ihr gerettet, Bestimmt ist, wird für einen kranken Gast In passenderem Zustand sein als dieses. Gabor . Dann wundr' ich mich, daß Ihr es nicht bewohnt, Denn von Gesundheit scheint Ihr nicht sehr stark. Werner (schnell). Herr! ich – Gabor . Ich bitt', entschuldigt mich. Hab' ich Etwas gesagt, was Euch beleid'gen konnt'? Werner . Das nicht, allein wir sind einander fremd. Gabor . Und deshalb wünscht' ich, daß wir's weng'er würden. Ich glaube, der geschäft'ge Gastwirth sagte, Ihr seid, wie ich's bin und mein Reis'gefährte, Zufällig nur, vorübergehend Gast. Werner . So ist's. Gabor . Nun, da wir niemals uns getroffen Und nie vielleicht uns wieder treffen werden, So wollt' ich, um dies alte Kerkerloch – Mir wenigstens ist's eins – uns zu erheitern, Euch bitten, unser Mahl mit dem Kam'raden Und mir zu theilen. Werner . Dank! Entschuldigt mich, Wenn mein Gesundheitszustand – Gabor . Wie Ihr wollt. Ich war Soldat und bin vielleicht zu plump In meiner Art. Werner . Auch ich hab' einst gedient Und kann erwidern den Soldatengruß. Gabor . In welchem Dienst? im kaiserlichen Heer? Werner (schnell, dann sich unterbrechend). Ich commandirte – nein! – ich diente, wollt' Ich sagen, doch ist's viele Jahre her, Als Böhmen erstmals gegen Oesterreich Die Fahne hob. Gabor . Das ist vorüber nun, Und ein'ge tausend tapfre Herzen hat Der Frieden auf den Sand gesetzt. Sie mögen Jetzt sehn, von was sie leben, und in Wahrheit, 'S gibt Ein'ge, die das Kürzeste ergreifen. Werner . Wie das? Gabor . Nun Alles, was sie grad' erwischen. Die Wälder Schlesiens und der Lausitz sind Von Banden voll aus den entlass'nen Heeren, Die ihren Unterhalt im Land erheben. Die Herren müssen jetzt die Schlösser hüten, Denn außerhalb ist es für reiche Grafen Und üppige Barone schlimm zu reisen. Mein Trost ist, daß, wo immer ich mag wandern, Ich wenig zu verlieren hab'. Werner . Ich – nichts. Gabor . Das ist noch trauriger. Ihr sagt, Ihr wart Soldat? Werner . So ist's. Gabor . Ihr seht noch jetzt so aus. Soldaten sind Kam'raden, oder sollten So sein, und wären's Feinde auch. Wenn wir Das Schwert gezogen, mag es auch sich kreuzen Und das Gewehr ziel' nach des Gegners Herz; Doch wenn der Friede, wenn die Waffenruh' Den Stahl in seine Scheide wieder steckt, Den Funken ausbläst, der die Lunt' entflammte, So sind wir Brüder. Ihr seid arm und krank, Ich bin nicht reich zwar, doch gesund, und misse Nichts, was ich leicht nicht missen könnt'. Ihr scheint Von dem entblößt, Kam'rad. (Gabor zieht die Börse.) Wollt' Ihr es theilen? Werner . Wer sagte Euch, daß ich ein Bettler sei? Gabor . Ihr selbst, da Ihr gesagt, Ihr wär't Soldat In Friedenszeit. Werner (sieht ihn argwöhnisch an). Ihr kennt mich also nicht? Gabor . Ich kenne Niemand, nicht einmal mich selbst. Wie sollt' ich also Einen kennen, den Ich erst seit einer halben Stunde seh'? Werner . Ich dank' Euch! Euer Anerbieten wär' Großmüthig, wenn Ihr's einem Freund gemacht, Und ist noch mehr, da's einem Fremden gilt, Doch schwerlich klug. Gleichwol habt meinen Dank! In jeder Richtung bin ich Bettler zwar, Nur noch vom eigentlichen Handwerk nicht. Doch wenn ich je bei Einem betteln müßt', So sollt' bei Dem es sein, der mir zuerst, Was Wenige durch Bitten selbst erflehn, Aus freien Stücken bot. Verzeiht! (Werner ab.) Gabor (allein). Er sieht Aus wie ein braver Mann; nur mitgenommen Wie diese meist, durch Leiden oder Lust, Die vor der Zeit uns aus das Leben pressen, Ich weiß nicht, wer am schnellsten von den zwei. Er hat wol bess're Tage schon gesehn. Wer nicht, der schon ein Gestern sah? Doch hier Kommt unser weiser Castellan mit Wein, Des Bechers halb will ich den Mundschenk dulden. Idenstein tritt auf. Idenstein . Hier ist der Magentrost! Wol zwanzig Jahr' Alt wie ein Tag. Gabor . Ein herrlich Alter Für junge Frau'n und alten Wein; und Schade Ist's nur, daß von zwei so beliebten Dingen Das Eine besser mit dem Alter wird, Das Andere verdirbt. – Füllt bis zum Rand! Auf unsre Wirtin! Euer schönes Weib! (Ergreift das Glas.) Idenstein . Schön? – Nun, ich hoffe, Euer Feingeschmack In Wein gleicht dem, den Ihr für Schönheit zeigt. Gleichwol will ich Bescheid Euch thun. Gabor . Ist denn Die Liebliche, die ich im Vorsaal traf, Und die mit einer Miene, Haltung, Auge – Wie diesem Schloß in seinen schönsten Tagen Sie angestanden, während doch ihr Kleid Zu seinem jetzigen Verfalle stimmte – Zurück mir die Begrüßung gab, ist sie Nicht Eure Frau? Idenstein . Ich wollt', sie wäre es, Doch irrt Ihr Euch, es ist des Fremden Frau. Gabor . Dem Aussehn nach könnt' eines Fürsten Frau Sie sein. Hat Zeit sie auch berührt, so blieb Ihr doch viel Schönheit noch, und Majestät Noch mehr. Idenstein . Und Solches ist weit mehr als von Frau Idenstein ich sagen kann, zumal Was Schönheit anbelangt; von Majestät Hat ein'ge Züge sie, die besser Nicht Da wären. Doch was thut's? Gabor . Mir nichts. Doch wer Mag dieser Fremde sein? Auch sein Benehmen Erhebt ihn über seine Außenseite. Idenstein . Da bin ich andrer Ansicht; der ist arm Wie Hiob, nur nicht so geduldig. Wer Er ist, das weiß ich nicht; noch sonst etwas Von ihm, den Namen ausgenommen – und Auch den erfuhr ich erst heut' Nacht. Gabor . Und wie Kam er hierher? Idenstein . In einer scheußlichen Zerfallnen Chaise vor etwa vier Wochen; Dann wurde gleich er krank, und todtkrank zwar; Er hätte sterben sollen. Gabor . Zart und wahr! Jedoch warum? Idenstein . Was ist denn Leben, wenn Man nichts zu leben hat? Ihm fehlt der Heller. Gabor . In diesem Fall muß ich mich billig wundern, Daß Einer, der so klug aussieht wie Ihr, So gottverlass'ne Leute aufgenommen In dieses edle Haus. Idenstein . Das ist wol wahr. Doch Mitleid läßt das Herz, Ihr wißt es ja, Thorheiten solcher Art begehn. Zudem Besaßen damals sie noch Kostbarkeiten, Die mich bezahlt bis diese Stunde machten. So dacht' ich, könnten hier sie ganz so gut Wie in dem kleinen Wirthshaus drüben wohnen, Und räumte einige der ältsten Zimmer Des Schlosses ihnen ein. Ich nützte sie Die Zimmer auszuwohnen, in so lang Als sie die Feuerung bezahlen konnten. Gabor . Die armen Leute! Idenstein . Ja entsetzlich arm, Gabor . Und doch an Armuth nicht gewöhnt, wenn ich Nicht irr'. – Wo wollen sie denn hin? Idenstein . Das weiß Der Himmel! wenn nicht in den Himmel selbst. Vor ein'gen Tagen sah es aus, als ob Dahin am eh'sten Werner's Reise geh'. Gabor . Werner's? Den Namen hab' ich schon gehört, Doch kann es auch ein angenomm'ner sein. Idenstein . Das mag wol sein. – Doch horch! ein Lärm von Rädern Und Stimmen, und ein Fackelschein von Außen. Gewiß sind Seine Excellenz gekommen! Ich muß auf meinem Posten sein. Wollt Ihr Nicht mit mir gehn, um aus dem Wagen ihm Zu helfen und am Thor ihm aufzuwarten? Gabor . Ich habe aus dem Wagen ihm geholfen, Wo seine Grafschaft er gegeben hätte, Um von dem Schlund das Wasser fern zu halten. Jetzt hat er Diener ja genug; sie standen Damals hübsch fern und schüttelten am Ufer Ihr triefend Ohr. Sie schrieen all: »zu Hilfe!« Doch keiner bot sie selbst. Was das Aufwarten Drum anbelangt, so hab' ich's schon besorgt. Jetzt ist's an Euch. Geht also nur, bückt Euch Und kriecht vor ihm. Idenstein . Ich kriechen? Ich? Doch ich Verschwatze mich mit Euch. Der Henker hol's! Gleich ist er hier und ich bin dann nicht dort. (Idenstein rasch ab.) Werner tritt wieder ein. Werner (für sich). Ich hörte ein Geräusch von Rädern, Stimmen. Wie jeder Ton mich jetzt erregt! Doch still! (Bemerkt Gabor.) Ob ein Spion er nicht des Mannes ist, Der mich verfolgt? Sein plötzlich Anerbieten, Und einem Fremden gegenüber trug Ganz den Charakter stiller Feindlichkeit. Denn Freunde sind niemals so rasch hierin. Gabor . Ihr scheint nachdenklich, Herr! doch ist die Zeit Gedanken nicht sehr hold. Bald werden wol Die alten Mauern hier geräuschvoll sein. Der Freiherr oder Reichsgraf oder was Der halbertrunk'ne Edelmann mag sein, Vor dem dies wüste Dorf und seine Bürger Mehr Achtung zeigen als die Elemente, Ist angelangt. Idenstein (außen). Hierher, hier, Excellenz! Nehmt Euch in Acht, 's ist etwas finster hier Und auch die Treppe etwas morsch. Wenn wir So hohen Gast erwartet hätten – bitte! Nehmt meinen Arm! Strahlenheim, Idenstein und Diener vom Schloß sowol als von Strahlenheim treten auf. Strahlenheim . Laßt einen Augenblick Mich ruhn. Idenstein ( zu den Dienern ). He! einen Stuhl! rasch, rasch, ihr Bursche! ( Strahlenheim setzt sich .) Werner ( bei Seite ). Er ist's! Strahlenheim . Jetzt ist mir's besser schon. Wer sind Die Fremden hier? Idenstein . Der Eine, gnäd'ger Herr, Will Euch kein Fremder sein. Werner ( laut und hastig ). Wer sagte das? ( Sie sehen ihn erstaunt an .) Idenstein . Ei Niemand sprach von Euch, noch auch mit Euch, Doch hier steht Einer, dessen Excellenz Sich mit Vergnügen wol erinnern wird. ( Deutet auf Gabor ) Gabor . Ich möchte nicht sein hoh' Gedächtniß stören. Strahlenheim . Ich höre, dies sei Einer von den Fremden, Die mich gerettet, denen Dank ich schulde. Ist nicht der And're dies? ( Deutet auf Werner .) Mein Zustand als Man bei mir sprang, muß mich entschuldigen, Wenn ich nicht sicher bin, wem ich so viel Verdanke. Idenstein . Der? Nein,, gnäd'ger Herr, der hat Selbst eher Unterstützung nöthig als Er bieten kann. Es ist ein armer Mann, Recht reisemüd', der eben erst vom Bett Erstand, wovon er wieder aufzustehn Sich kaum geträumt. Strahlenheim . Ich dachte doch, es seien Zwei Herrn gewesen? Gabor . Ja! zwei waren da, Doch bei dem Dienst, der Euer Gnaden ward Gethan, war Einer nur betheiligt, und Der eben ist nicht hier. Er war es, der Den größten Theil der Sache that: er war So glücklich dort zuerst zu sein. Mein Wille War nicht geringer zwar, doch blieb er hinter Des Andern Schick und Jugendkraft zurück. Verschwendet keinen Dank deshalb an mich. Ich war nur Adjutant des edleren Gen'rals. Strahlenheim . Und wer ist der? Ein Diener . Er blieb noch in Der Hütte, gnäd'ger Herr, wo Excellenz Geruht, und will erst morgen hier erscheinen, Wie er gesagt. Strahlenheim . Bis dahin dank' ich nur, Doch dann – Gabor . Ich will nicht mehr, und kaum verdien' Ich mehr. Mein Freund mag sprechen für sich selbst. Strahlenheim ( heftet den Blick auf Werner, bei Seite ). Es kann nicht sein, doch will ich ihn im Aug' Behalten. Zwanzig Jahr' ist's her, daß ich ' Ihn nicht mit eig'nem Aug' gesehn. Zwar haben Stets meine Leute Acht auf ihn gehabt, Doch Politik verbot mir's selbst zu thun, Um nicht Verdacht in jenem zu erwecken, Ob meines Plans. Was ließ ich Jene auch, Die mir Gewißheit geben konnten, ob Er's ist, ob nicht, in Hamburg? Vorher wollt' Ich machen mich zum Herrn von Siegendorf Und reiste eilig ab. Doch scheinen selbst Die Elemente gegen mich verschworen, Und dieses schnelle Wachsen der Gewässer Kann als Gefang'nen hier mich halten, bis – ( Er hält inne und blickt auf Werner; dann fährt er fort: ) Man muß den Mann im Aug' behalten. Ist Er es, so hat er so verändert sich, Daß selbst sein Vater, wenn dem Grabe er Entstieg, an ihm vorüberging, und ihn Nicht mehr erkennte. Wachsam muß ich sein: Ein Fehler könnte Alles noch verderben. Idenstein . Der gnäd'ge Herr scheint in Gedanken. – Wollt Ihr nicht so gnädig sein und weiter gehn? Strahlenheim . Das Schwere, was ich durchgemacht, verleiht Wol dem gedrückten Geist den äußern Schein, Als denke tief er nach. Ich will zur Ruhe. Idenstein . Des Fürsten Zimmer sind für Euch gerichtet Und ausgerüstet mit den gleichen Möbeln, Die unsrem Fürsten, als in vollem Glanz Er hier gelebt, gedient. ( Bei Seite .) (Etwas zerlumpt Und höllisch feucht, doch stets noch schön genug Bei Kerzenlicht!) Für Euer edel Blut Mit zwanzig Feldern auf dem Wappenschild Paßt das recht gut, und mö'g' sein Träger heut' So fest darunter schlafen, wie er einst Für immer ruhen wird. Strahlenheim ( erhebt sich, gegen Gabor gewendet ). Gut' Nacht, ihr Leute! Ich hoffe, Herr! der Morgen findet mich In bess'rem Zustand Euern Dienst zu lohnen. Inzwischen bitt' ich Euch, auf meinem Zimmer Gesellschaft mir 'nen Augenblick zu leisten. Gabor . Ich folge Euch. Strahlenheim ( hält nach einigen Schritten inne und ruft Werner ). He, guter Freund! Werner . Herr! Idenstein . Herr? Gott – Gott! Warum nicht sagt Ihr »gnäd'ger Herr?« Nicht »Excellenz?« – Ich bitte, Euer Gnaden'! Entschuldigt dieses armen Mannes Mangel An Lebensart. Er ist es nicht gewöhnt, Mit solchen Herren umzugehn. Strahlenheim ( zu Idenstein ). Still da, Cast'lan! Idenstein . O ich bin stumm! Strahlenheim . Sagt doch: seid Ihr Schon lange hier? Werner . Lang' hier? Strahlenheim . Ich bat um Antwort, Nicht um ein Echo Euch. Werner . Die Wände mögen Euch beides geben. Ich bin's nicht gewohnt, Jemanden: Red' zu stehn, den ich nicht kenne. Strahlenheim . So, so! – Doch könntet jedenfalls Ihr artig Auf das, was man Euch freundlich fragt, erwidern. Werner . Wenn eine Frag' als solche ich erkenne, Werd' ich in gleichem Klange sie erwidern. Strahlenheim . Mir sagte der Cast'lan, daß Ihr durch Krankheit Hier aufgehalten wurdet; wenn – da ich Den gleichen Weg mach', ich Euch dienen kann – Werner ( schnell ). Ich mache nicht den gleichen Weg wie Ihr. Strahlenheim . Wie wißt Ihr das, da meinen Weg Ihr noch Nicht kennt? Werner . Weil's Einen Weg nur gibt, den Reich Und Arm jemals zusammen gehn. – Ihr habt Vor Stunden Euch von jenem Schreckenspfad Gewandt, und ich vor Tagen; künftig werden Weit aus einander unsre Wege gehn, Wenn sie auch stets nach Einer Heimat zielen. Strahlenheim . Weit über Euern Stand ist Eure Sprache. Werner ( bitter ). Meint Ihr? Strahlenheim . Sie ist es über Euern Rock Zum wenigsten. Werner . Es ist nur gut, daß sie Nicht drunter ist, wie manchmal es dem Fein- Gekleideten geschieht. – Doch kurz und gut: Was wollt Ihr eigentlich von mir? Strahlenheim ( bestürzt ). Ich? Werner . Ja! Ihr kennt mich nicht und fragt mich gleichwol aus Und wundert Euch, daß ich nicht Antwort gebe, Da ich doch meinen Inquisitor gar Nicht kenn'. Erklärt Euch, was Ihr wollt; dann werd' Ich Euch Genüge leisten, oder mir. Strahlenheim . Ich wußte nicht, daß Eure Gründ' Ihr habt, Damit zurückzuhalten. Werner . Manche haben's. Habt Ihr's nicht auch? Strahlenheim . Doch keinen, der von Werth Für einen Fremden könnte sein. Werner . Nun, dann Verzeiht dem unbekannten, niedern Fremden, Wenn fremd er einem Mann zu bleiben wünscht, Der nichts mit ihm gemein doch haben kann. Strahlenheim . Herr! ich will Eure Laune nicht durchkreuzen, So unerwartet sie mir kommt; ich wollt' Euch einen Dienst erweisen nur – gut Nacht! – Cast'lan, zeigt mir den Weg. (Zu Gabor). Ihr geht doch mit? (Strahlenheim mit Gabor, Idenstein und den Dienern ab.) Werner (allein). Er ist's! – Ich bin im Netze nun gefangen! Eh' Hamburg ich verließ, hat Giulio mir, Sein letzter Intendant, noch mitgetheilt: Er hab' vom Kurfürst selbst von Brandenburg Sich eine Ordre ausgewirkt, um Kreutzner – So hieß ich damals – sofort zu verhaften, Wenn ich die Grenze überschreiten sollt'. Die freie Stadt nur schützte meine Freiheit, So lang' ich ihre Wälle nicht verließ, Ich Thor! Allein ich glaubt', dies schlechte Kleid, Die dunkle Straße hab' die schlauen Hunde Von meiner Fährte abgebracht. – Was hab' Ich jetzt zu thun? Persönlich kennt er zwar Mich nicht; und ihn erkennen konnte nur Das Aug' der Furcht nach diesen zwanzig Jahren, Da in der Jugend wir so selten uns, So kalt begegnet nur. – Jedoch die Leute, Die um ihn sind? Jetzt kann ich mir erklären, Warum so generös der Ungar that, Der, ohne Zweifel Strahlenheims Spion, Ausholen mich und sicher machen soll. Krank, mittellos, von dem geschwoll'nen Fluß Gehemmt, der für den Reichen selbst nicht zu Passiren ist, dem alle Mittel zu Gebot doch stehn, um große Hindernisse Auf Kosten selbst von Menschenleben zu Beseitigen, was kann ich da noch hoffen! Vor einer Stunde noch schien meine Lage Mehr als verzweiflungsvoll; jetzt ist sie so, Daß das Vergang'ne noch als Paradies Erscheint. – Ein Tag noch und ich bin entdeckt, Im Augenblick gerade, wo mein, Erbe Mit allen seinen Ehren, seinen Rechten Mir nahe liegt und wen'ge Tropfen Golds Mein Fliehn begünst'gen, mich erretten könnten. Idenstein und Fritz treten im Gespräch mit einander ein . Fritz . Sogleich! Idenstein . Ich sage Euch: unmöglich ist's! Fritz . Versuchen muß man's jedenfalls, und wenn Ein Eilbot' fehl schlägt, müßt Ihr and're schicken, Bis eine Antwort uns vom Commandanten Aus Frankfurt wird. Idenstein . Thun will ich, was ich kann. Fritz . Spart keine Müh', bemerket wohl: Man wird Zehnfach dafür belohnen Euch. Idenstein . Hat der Baron zur Ruhe sich verfügt? Fritz . Er hat In einen Lehnstuhl am Kamine sich Gelegt und schlummert nun. Er hat befohlen, Daß man vor elf ihn nicht mit irgend was Mehr stören soll. Dann will zu Bett er gehn. Idenstein . Eh' eine Stund' vergeht, Hab' ich so gut Als möglich ihn bedient. Fritz . Vergeßt es nicht! ( Fritz ab .) Idenstein . Der Henker hole diese große Herrn! Sie meinen, Alles sei für sie nur da. Jetzt soll ich ein halb Dutzend Hörige, Die vor Erstarren mit den Zähnen klappern, Aufrütteln von der niederträcht'gen Streu Und übers Wasser auf Gefahr des Lebens Nach Frankfurt schicken. Hätt' ich doch gedacht, Was der Baron soeben selbst erfahren, Lehrt' ihn Gefühl für seine Nebenmenschen. Doch nein! »Es muß sein!« heißt's und damit gut. – Wie ist es. Meister Werner? Ihr noch hier? Werner . Sehr bald verließt Ihr Euern edeln Gast. Idenstein . Ja, ja! er schläft und scheint den Wunsch, zu haben, Daß sonst kein Mensch hier schlafe. – Da ist ein Packet an Frankfurts Commandanten, das Trotz Noth und Tod um jeden Preis soll hin. Da darf ich keine Zeit verlieren. Drum Gut Nacht. ( Idenstein ab .) Werner ( allein ). Nach Frankfurt? So? 's zieht sich zusammen. Aha, der Commandant! Das Paßt zu all Den frühern Schritten dieses kalten Feinds, Der zwischen mir und meines Vaters Haus Gar schlau berechnend schleicht. Er schreibt gewiß Um eine Truppenschaar, um mich hinweg In irgend eine Festung zu verbringen. Doch eher soll – (Werner sieht sich um und ergreift ein Messer, das auf einem Tisch in der Nische liegt.) Jetzt bin ich wenigstens Herr meiner selbst! Horch! Tritte! – Weiß ich denn, Ob Strahlenheim selbst auf den Schein von Recht Noch harrt, der die Gewalt verdecken soll? Gewiß ist, daß er im Verdacht mich hat. Ich bin allein. Er hat zahlreiche Diener. Ich bin geschwächt. Er ist durch Gold, durch Zahl, Durch Rang und Ansehn stark; ich namenlos, Ja durch den Namen selbst noch in Gefahr, So lang' ich mein Besitzthum nicht erreicht; Er aufgeblasen durch der Titel Prunk, Der diesen dunkeln Bürgerspießen mehr Noch imponirt, als er wo anders könnte. – Horch! näher kommt's! So flucht' ich mich in den Geheimen Gang, der in die Zimmer mündet – Nein! Alles still! – Ich hab' mir's eingebildet. Noch stets der athemlose Augenblick, Der zwischen Blitz und Donner schwebt. Ich muß Mein Herz beruhigen in seinen Nöthen. Doch will ich hier hinein und sehn, ob noch Nicht ausgespürt der Gang ist, den ich weiß. Im schlimmsten Fall kann dies Versteck mir dann Als Zufluchtsort für ein'ge Stunden dienen. (Werner drückt an einer Blende, tritt hinein und schließt hinter sich.) Gabor und Josephine treten auf. Gabor . Wo ist denn Euer Mann? Josephine . Ich glaubte hier, 'S ist noch nicht lang', daß ich ihn da verließ; Doch diese Zimmer haben viele Thüren. Vielleicht hat er den Castellan begleitet. Gabor . Baron von Strahlenheim befragte den Cast'lan gar eifrig über Euern Mann; Und daß ich's offen Euch gesteh', ich fürchte. Er meint's nicht gut mit ihm. Josephine . Ach! was Kann dieser stolze, reiche Herr Baron Von meinem unbekannten Werner wollen! Gabor . Das werdet Ihr wol selbst am besten wissen. Josephine . Und wär' es so, wie kommt denn Ihr dazu, Euch eher umzuthun für ihn, als für Den Mann, deß Leben Ihr gerettet habt? Gabor . Ich half ihn retten, als er in Gefahr, Doch hab' ich mich ihm, nicht verdingt, um ihm Bei einem Werke der Gewalt zu helfen. Ich kenne diese edeln Herren wohl Und ihre tausend Arten, um den Armen Zu unterdrücken. Ich auch hab's empfunden, Die Galle schwillt mir drum, wenn ich bemerke, Daß sie dem schwachen Mann zu Leibe gehn. Dies ist mein einz'ger Grund. Josephine . Es dürfte nicht So leicht sein, meinen Mann zu überzeugen, Daß Eure Absicht gut. Gabor . Mißtraut er so? Josephine . Einst that er's nicht; doch Zeit und manche Noth Hat ihn zu dem, wie Ihr ihn seht, gemacht. Gabor . Das thut mir leid. Ein schwerer Harnisch ist Das Mißtraun und behindert mehr durch sein Gewicht, als er beschützt. Gut' Nacht. Ich hoffe, Bei Tagesanbruch noch ihn hier zu sehn. ( Gabor ab .) Idenstein und einige Bauern treten ein. Josephine zieht sich in den Hintergrund zurück. Erster Bauer . Und wenn ich dann ersauf'? Idenstein . Ihr werdet gut Dafür bezahlt, und habt mehr als Ertrinken Gewiß schon oft für gleichen Preis gewagt. Zweiter Bauer . Doch Weib und Kinder? Idenstein . Denen kann es dann Nicht schlechter wol ergehn, vielmehr nur besser. Dritter Bauer . Ich hab' nicht Weib noch Kind und will es wagen. Idenstein . Gut so! Ihr seid ein flotter Bursch', und scheint Zum Kriegsmann wie gemacht. Ich will, wenn Euch Das Ding gelingt, 'nen Platz im Gardecorps Des Fürsten Euch, verschaffen, überdies Sollt Ihr zwei Thaler blanker Münz' erhalten. Dritter Bauer . Nicht mehr? Idenstein . Pfui welche Habsucht! Kann ein Laster Von solchem Schmutz mit soviel Ehrgeiz noch Verbunden sein? Ich sage dir, zwei Thaler In kleiner Münze sind ein wahrer Schatz; Und wagen fünfmalhunderttausend Helden Nicht täglich Leib und Seel' für einen Thaler? Wann habt ihr je nur halb so viel gesehn? Dritter Bauer . Noch nie! Doch gleichwol muß ich drei bekommen. Idenstein . Habt Ihr vergessen, wessen Unterthan Ihr seid. Ihr Sklav'? Dritter Bauer . O nein – des Fürsten, nicht Des fremden Herrn! Idenstein . Bursch! wenn der Fürst nicht da, Bin ich hier Herr, und der Baron ist mein Vertrauter Freund. [ »Mon cousin, Idenstein« ], Sprach er, »schick' doch ein Dutzend Schlingel fort!« – Nun denn, ihr Schlingel! Packt euch! Marsch! sag' ich, Und wenn ein einzig Ohr an dem Packet Naß wird vom Oderwasser, dann seht zu! Für jedes Blatt Papier laß ich 'ne Haut Von euch als Kalbfell auf die Trommel spannen, Wie Zizka's Haut, um Sturm darauf zu schlagen Auf jeden widerspenstigen Vasallen, Der nicht Unmöglichkeiten leisten kann. Fort, Erdgewürm'! (Idenstein ab, indem er sie hinausjagt.) Josephine (kommt vorwärts). Gern mied' ich diese Scenen, Die hier die Tyrannei mit armen Opfern Nur zu oft spielt. Ich kann nicht helfen ja! Und möchte drum nicht Zeuge davon sein. Auch hier an diesem fernen, dunkeln Ort, Dem dunkelsten in des Bezirkes Karte, Reibt sich des Bettelstolzes Uebermuth An solchen, die noch ärmer sind, der Stolz Vornehmer Knechte an noch schlecht'rem Knecht, Und spreizt sich noch zerlumpte Herrlichkeit. Was ist dies für ein Leben! In Toscana, In meinem theuern, sonn'gen Vaterland, War doch der Edelmann auch Bürger, Kaufmann Wie Cosmus selbst. Wir hatten unsre Uebel, Doch solche nicht wie hier. In unsern Thälern Voll üpp'ger Fruchtbarkeit war Armuth selbst Weit fröhlicher. Jed' Kraut war auch ein Schmaus, Von jeder Rebe floß gleichsam der Trank, Der da erfreut des Menschen Herz. Die Sonne, Die stets man fühlt, die selten sich umwölkt, Und wenn's geschieht, doch ihre Wärme läßt, Damit man ihres Strahls gedenk', macht dort Den blöden Mantel und den dünnen Rock Viel wen'ger drückend als des Kaisers Purpur. Hier aber ahmt der nordische Tyrann Den Eiseswind des rauhen Klimas nach Und greift dem Kälte schauernden Vasallen Durch seine Lumpen, ihm die Seel' zu martern, Wie's mit dem Leib die Elemente thun. Und einer dieser kleinen Herrn zu sein, Sehnt sich mein Gatte selbst! Und so groß ist Sein Adelstolz, daß zwanzig Jahre Härte, Wie ein im Staub geborner Vater sie Nie gegen seine Kinder üben könnte, Nicht eine Spur von seinem Wesen tilgten; Mich aber, die ich gleichfalls edeln Bluts, Hat meines Vaters Güte Andres doch Gelehrt. O Vater! mög' dein langgeprüfter Und nun belohnter Geist herniederschaun Auf uns und unsern heißersehnten Ulrich. Ich liebe meinen Sohn wie du einst mich. – Was ist das? – Werner? Du? – Ist's möglich? – so – (Werner tritt rasch mit dem Messer in der Hand durch die geheime Thür, die er eilig wieder hinter sich schließt.) Werner (erkennt sie anfangs nicht). Entdeckt!! Dann fall' – (erkennt sie) Ah du bist's, Josephine! Was bist du nicht zur Ruh'? Josephine . Zur Ruh'? Kein Gott! Was heißt denn das? Werner (zeigt eine Rolle). Hier – Gold! – Gold, Josephme l Um uns aus diesem schnöden Kerker zu Befrein. Josephine . Und wie kamst du dazu? Dies Messer – Werner . Es ist kein Blut daran – noch nicht! Jetzt fort, Auf unsre Stube fort! Josephine . Wo aber kommst Du her? Werner . Frag' nicht! Laß uns nur denken jetzt, Wohin wir fliehn. Dies – (zeigt das Gold.) Dies bahnt uns den Weg. Jetzt will ich's ihnen sagen, wo sie her! Josephine . Zu denken wag' ich nicht, daß einer Schande Du fähig – Werner . Schande?! Josephine . So hab' ich gesagt. Werner . Laß uns von hinnen, dies ist hoffentlich Die letzte Nacht, die wir hier weilen müssen. Josephine . Ich hoff', es ist die schlimmste nicht. Werner . Du hoffst's, Ich mach's gewiß. Doch laß nach unsrer Stub' Uns gehn. Josephine . Noch eine Frag'! – Was thatest du? Werner (wild). Ich ließ ein Ding noch ungeschehn, das Alles Hätt' gut gemacht. Ich darf nicht daran denken! Josephine . Ach daß ich an dir irre werden muß! (Beide ab.) Zweiter Act. Erster Auftritt. Saal im gleichen Palast. Idenstein und Andre treten ein. Idenstein . Sehr schöne Dinge! Saubre Dinge, das! Ein Reichsbaron beraubt in einem Fürstenschloß! Wo man bis heut' von so was nie gehört. Fritz . Das war auch nicht wohl möglich, wenn die Ratten Den Mäusen nicht Tapetenfetzen raubten. Idenstein . O daß ich leben mußt', um diesen Tag Zu schaun! Die Ehre unsrer Stadt ist nun Für ewig hin! Fritz . Ganz gut! Jetzt aber ist Die Frag', wie man den Uebelthäter faßt. Der Herr Baron will diese Summe nicht So ohne weiteren Versuch verlieren. Idenstein . Ich auch nicht, nein! Fritz . Auf wen habt Ihr Verdacht? Idenstein . Verdacht? Auf alle Welt! sei's draußen, drin, Sei's droben, drunten! – Himmel, steh' mir bei! Fritz . Gibt's keinen andern Zugang in das Zimmer? Idenstein . Ich wüßt' nicht wo! Fritz . Seid dessen Ihr gewiß? Idenstein . Gewiß! Von Kindheit auf hab' ich im Schloß Gelebt, gedient. Gäb's einen solchen, hätt' Ich doch davon gehört. Fritz . Dann müßte Einer Ins Vorgemach gekommen sein. Idenstein . Natürlich! Fritz . Der Mann, der Werner heißt, ist arm. Idenstein . Arm wie Ein Hund! Doch wohnt er so weit weg von hier Im andern Flügel, der mit des Barons Gemach in keinerlei Verbindung steht, Daß das nicht sein kann. Ueberdies bot ich Fast tausend Schritt von hier ihm gute Nacht Im Saal, der nur nach seiner Stube führt, Und zwar zur selben Zeit, da dieser Raub, Dies schändliche Verbrechen Allem nach Hier ward verübt. Fritz . 'S ist noch ein Andrer da, Der fremde Herr! Idenstein . Der Ungar? Fritz . Der, der aus Der Oder den Baron half fischen. Idenstein . Nun! Nicht unwahrscheinlich wär's. – Doch halt! könnt's nicht Auch Einer vom Gefolg' gewesen sein? Fritz . Was? wir, Herr? Idenstein . Nein, nicht Ihr, doch einer von Den niedern Dienern. Der Baron, sagt Ihr, Schlief in dem großen Stuhl, dem Sammetstuhl, In seinem reichgestickten Nachtgewand, Vor ihm die Toilette ausgelegt Und auf dem Tisch ein Kästchen mit Papieren Und ein'gen Rollen Golds; von diesen sei Nur eine wegstipizt. Die Thüre war Nicht abgeschlossen und der Zutritt leicht. Fritz . Mein lieber Herr! seid nicht so rasch! Die Ehre Der Leute, die zum Haushalt des Barons Gehören, ist vom Küchenjungen an Bis zu dem Haushofmeister tadellos. Da wird nur ehrlicher Profit gemacht An Rechnungen, an Maß, Gewicht, im Keller, In Speisekammer, wo ein Jeder sich Was macht; auch an dem Briefporto, beim Zins, Wenn man ein Gastmahl hält, und dadurch, daß Man mit den Handwerksleuten sich versteht, Die für die Edelleute Etwas liefern. Doch jene kleinliche, wegschnappende Und offne Dieberei verachten wir So sehr, wie's Tafelgeld. – Und dann, hätt' Einer Von unsern Leuten es gethan, so wär' Er doch kein solcher Tropf gewesen, Daß er den Hals um eine Rolle wagte; Der hätte alle mitgenommen und Das Kästchen auch, wenn es nur tragbar war. Idenstein . Darin liegt ein'ger Sinn. Fritz . Nein, lieber Freund, Seid überzeugt, 's war keiner von den Unsern, Vielmehr ein kleinlicher, erbärmlicher Langfinger ohne Geist und Kunst. Es fragt Sich nur – wer anders daran konnte als Der Ungar, und – Ihr selbst? Idenstein . Ihr meinet doch Nicht mich? Fritz . Nein, Herr! von Eurer Fähigkeit Halt' weit mehr ich – Idenstein . Und meiner Ehre, Hoff' ich. Fritz . Natürlich! Doch zur Sach'! Was ist zu thun? Idenstein . Nichts – nichts! Doch läßt sich viel darüber sagen. Wir wollen einen Preis ausschreiben, Himmel Und Erde in Bewegung setzen, und Die Polizei – obschon die nächste die In Frankfurt ist – und weil kein Drucker hier, Die Nachricht schriftlich an die Ecken schlagen Und meinen Schreiber dazu stellen, daß Er vor sie liest – denn Niemand außer ihm Und mir kann das. Wir wollen Kerls aussenden, Die Bettler ausziehn, leere Taschen schütteln, Ein jed' Zigeunerweib verhaften, auch Die Schlechtgekleideten und Schmutz'gen all. So werden wir Gefangene bekommen, Wenn auch den Schuld'gen nicht; und was das Gold Des Freiherrn anbelangt, erwischt man's nicht, So soll er die Befriedigung doch haben, Daß, um den Geist der Rolle zu citiren, Ihr Inhalt zwei Mal schmelzen wird. Da habt Ihr Alchymie für Eures Herrn Verlust! Fritz . Er hat schon eine bessere gefunden. Idenstein . Und wo? Fritz . In einem ungeheuern Erbe. Der Graf von Siegendorf, sein ferner Vetter, Ist nah bei Prag auf seiner Burg gestorben Und nun ist mein Gebieter auf dem Weg, Sich in Besitz von diesem Erb' zu setzen. Idenstein . War sonst kein Erbe da? Fritz . O ja! Doch der Entschwand schon längst dem Aug' der Welt, vielleicht Auch ganz der Welt: so ein verlor'ner Sohn, Der zwanzig Jahre lang des Vaters Fluch Ertrug, der ein gemästet Kalb für ihn Nicht schlachten wollt'. Wenn Der daher noch lebt, Muß er noch immer an den Träbern nagen; Und käme er zum Vorschein jemals wieder, So würde der Baron schon Mittel finden, Zum Schweigen ihn zu bringen. Der ist klug Und hat viel Einfluß an gewissen Höfen. Idenstein . Da ist er glücklich. Fritz . Allerdings ist noch Ein Enkel da, den der verstorb'ne Graf Von seinem Sohn sich geben ließ, und den Als seinen Erben er erzog. Doch ist Der Mensch von zweifelhaftem Blut. Idenstein . Wie so? Fritz . Sein Vater schloß 'nen dummen Ehebund Zur linken Hand, aus Lieb', mit einer Welschen, Der Tochter eines ausgewies'nen Herrn, Der, wie es heißt, zwar adlich war, jedoch Dem Hause Siegendorf nicht ebenbürtig. Der Alte konnte die Verbindung nie Verdaun und nie veranlaßt werden, daß Das Paar er sah. Doch nahm er ihren Sohn Zu sich. Idenstein . Wenn dieser Bursche Feuer hat, So kann er Euch den Anspruch schwer bestreiten Und ein Gewebe weben, das der Herr Baron nicht leicht entwirrt. Fritz . Nun Feuer hat Der Bursche wol genug. Man sagt, er sei Ein glücklich Mischwerk von den Eigenschaften Des Vaters und des Ahn, so ungestüm Wie jener und so schlau wie dieser. Doch Das Seltsamste ist, daß auch er vor ein Paar Monden jäh verschwand. Idenstein . Den Teufel auch! Fritz . Jawol! der muß ihm's eingegeben haben, Daß er gerade vor des Alten Tod, Deß Herz dadurch gebrochen ward, verschwand. Idenstein . Und hat man keinen Grund dafür genannt? Fritz . O freilich viele! schwerlich wol den wahren. Der meinte: um die Eltern aufzusuchen; Der : weil der Alte ihn zu streng gehalten. – Das konnt's nicht sein, Der war in ihn vernarrt – Der schwur: er habe Kriegsdienst' nehmen wollen; Doch da man Frieden bald darauf geschlossen, So könnte längst zurück er sein, war dies Der Grund. Noch Andre meinten liebevoll: Es lieg' in ihm etwas so Wildes, Finstres, Daß er in seines Wesens Ueppigkeit Vielleicht den schwarzen Banden sich gesellt, Die in der Lausitz hausen, in den Bergen Von Böhmen, Schlesien, seitdem der Krieg Herunterkam zu einem Räuberwesen, Wo jede Bande ihren Hauptmann hat, Die alle gegen Land und Leute wüthen. Idenstein . Das kann nicht sein! Ein junger Erbe, der Für Reichthum und für Luxus ward erzogen, Sollt' Ehr' und Leben in die Schanze schlagen Mit Soldateska und Banditenvolk! Fritz . Das weiß nur Gott! Allein es gibt Naturen, Die Unternehmungslust so wild entflammt, Daß sie Gefahr wie ein Vergnügen suchen. Ich hörte sagen, daß den Kannibalen, Den Tiger Nichts zu zähmen sei im Stand, Und wäre er von Jugend auf mit Milch Und Honig nur genährt. Und eigentlich War euer Wallenstein und euer Tilly Und Gustav Adolf, Banner, Torstenson Das gleiche Ding in großem Maßstab nur. Da diese todt und Frieden ist verkündet, Muß, wer den alten Zeitvertreib will pflegen, Es nun auf eig'ne Rechnung thun. – Da kommt Der Freiherr und der fremde Herr aus Sachsen, Der gestern ihm hauptsächlich half heraus Und der heut' Morgen erst das Bauernhaus Am Oderfluß verließ. Strahlenheim und Ulrich treten auf. Strahlenheim . Da jede Art Erkenntlichkeit Ihr ablehnt, edler Fremdling, Und nichts wollt nehmen als nur Dankesworte, So drängt Ihr diese fast zurück und laßt Die Unzulänglichkeit des Worts mich fühlen Und mich erröthen über meinen Dank, Der im Vergleich mit dem, was Euer Muth Für mich gethan, so dürftig nun erscheint. Ulrich . Ich bitt' Euch, sprecht nicht weiter von der Sache. Strahlenheim . Doch kann ich Euch nicht irgend Dienste leisten? Ihr seid noch jung, und von dem edeln Zeug, Aus dem man Helden macht, schön von Gesicht, Brav, wie mein Dasein es bezeugt, und würdet Mit solchem Aeußern, solchem Herzen sicher Dem Krieg so ruhmbegierig in das Auge, Das wilde, schaun, wie einen dunkeln Tod Ihr selbst gewagt, um einen fremden Mann Aus einem gleich gefährlichen, wenn auch Ganz andern kühlen Element zu retten. Ihr seid für's Dienen wie gemacht; auch ich Hab' einst gedient und durch Geburt und Dienst Mir Rang und Freunde viel verschafft, die nun Die Euern sind. Wol ist es wahr, der Frieden Begünstigt spärlich solche Laufbahn jetzt, Allein er wird nicht dauernd sein; zu sehr Bewegt ist stets der Menschengeist, und nach Den dreißig Jahren Kampf ist Friede nur Ein, kleiner Krieg, wie man in jedem Wald Jetzt sieht, ein bloser Stillstand unter Waffen. Krieg wird von Neuem seine Rechte fordern, Und in der Zwischenzeit mögt einen Posten Erlangen Ihr, der einen höhern bald Euch sichern würd', wie Euch mein Einfluß bürgt. Ich spreche hier von Brandenburg, wo mir Der Kurfürst hold. In Böhmen bin ich fremd Und wir befinden uns an seiner Grenze. Ulrich . Ihr seht an meinem Kleid, daß ich ein Sachse; Natürlich schuld' ich meinem eig'nen Herrn Den Dienst. Doch wenn ich Euer Anerbieten Ablehnen muß, geschieht's mit dem Gefühl, Womit Ihr es gemacht. Strahlenheim . Das heiß' ich Wucher! Ich danke Euch mein Leben, und Ihr wollt Den Zins der Schuld nicht einmal anerkennen. So häuft Ihr nur noch mehr Verbindlichkeit Auf mich, die mich zu Boden drücken muß. Ulrich . Ihr mögt das sagen, wenn ich Zahlung heische. Strahlenheim . Gut denn! wenn Ihr nicht wollt – Ihr seid von Adel? Ulrich . Mein Vetter sagte so. Strahlenheim . Und Eure That Beweist's. Darf ich um Euern Namen bitten? Ulrich . Ulrich! Strahlenheim . Und Euer Haus? Ulrich . Wenn dessen werth Ich einmal bin, werd' ich Euch Antwort geben. Strahlenheim . (bei Seite). Vermutlich ist's ein Oesterreicher, dem Die böse Zeit verbeut, sich seines Bluts In diesem wilden Landesstrich zu rühmen, Wo seines Vaterlandes Namen wird Gehaßt. – (Laut zu Fritz und Idenstein.) War't glücklich Ihr in Eurem Forschen? Idenstein . So ziemlich, Excellenz. Strahlenheim . So darf ich hoffen, Daß man den Räuber hat erwischt? Idenstein . Nun ja – Das heißt, nicht ganz. Strahlenheim . So ist man wenigstens Ihm auf der Spur? Idenstein . Ja, sehr viel auf der Spur. Strahlenheim . Wer ist es denn? Idenstein . Wißt Ihr's nicht, gnäd'ger Herr? Strahlenheim . Wie sollt' ich? Ich schlief fest. Idenstein . Ich auch, und das Ist auch der Grund, warum ich mehr nicht weiß Als Eure Excellenz. Strahlenheim . Du Schöps! Idenstein . Nun, wenn Ihr, gnäd'ger Herr, den man beraubt, den Schelm Nicht kennt, wie soll denn ich, den man ja nicht Beraubt, den Dieb erspähen aus so Vielen? Im Haufen – wenn es Euer Excellenz Gefällt – sieht Euer Dieb genau so wie Die Andern aus, vielleicht sogar noch besser; Nur vor Gericht und im Gefängniß kennen Die Weisen Euern Gauner an den Zügen. Ich wett', wenn man ihn dort nur einmal sieht, Wird sein Gesicht, ob er als schuldig nun Erfunden wird, ob nicht, ein schuld'ges sein. Strahlenheim (zu Fritz). Ich bitte, Fritz, berichte mir, was man Gethan hat, um den Schuft herauszubringen. Fritz . In Wahrheit, gnäd'ger Herr, noch nicht viel mehr Als muthgemaßt. Strahlenheim . Ganz abgesehen vom Verlust – der übrigens gerade jetzt Mich auch empfindlich trifft – möcht' ich den Kerl Im allgemeinen Interesse finden, Denn ein so abgeführter Dieb, der mitten Durch meine Diener schleicht und durch so viele Bewohnte, lichterhellte Zimmer und Vor meinem kaum geschloss'nen Auge mir Das Gold wegnimmt, der würde Euer Städtchen, Herr Castellan, bald gründlich räumen aus. Idenstein . Ja, das ist wahr – wenn etwas nämlich hier Zu räumen wäre, gnäd'ger Herr. Ulrich . Was heißt Das Alles denn? Strahlenheim . Ihr kamt erst heute früh Zu uns und habt noch nicht gehört, daß man Mich heute Nacht beraubt? Ulrich . Nur ein Gerücht Traf mich, als ich die äußeren Gemächer Im Schloß durchschritt, doch Näh'res weiß ich nicht. Strahlenheim . Es ist ein eigner Handel. Der Cast'lan Kann Euch die Sache nach der Hand erzählen. Idenstein . Sehr gern! So wißt – Strahlenheim (ungeduldig). Verschiebt doch die Geschichte, Bis Ihr gewiß seid, daß der Hörer hört. Idenstein . Das kann man durch die Probe nur erproben. So wißt – Strahlenheim (unterbricht ihn wieder und wendet sich gegen Ulrich). Kurz denn: ich schlief auf meinem Stuhl Vor meinem Pult, wo oben ein'ges Gold – Mehr als ich gern verliere, traf's auch nur 'Nen Theil – und so gelang es einem Schelm Durch alle meine Diener sich zu schleichen Und die des Hauses – und mir so ein hundert Dukaten abzuführen, die ich nun Gern wieder finden möchte. Das ist Alles! Vielleicht – da ich zu schwach noch bin – Ihr würdet Zu Eurer gestrigen Verbindlichkeit Noch diese klein're, doch nicht kleine fügen, Den Leuten hier, die allzu lau mir scheinen, Beim Wiederfinden etwas beizustehn? Ulrich . Sehr gern, wir wollen gleich daran. (Zu Idenstein.) Kommt, Freund! Idenstein . Ei solche Hast fand selten noch Erfolg Und – Ulrich . Starre Unbeweglichkeit noch nie! Drum laßt uns gehn. Wir sprechen unterwegs. Idenstein . Allein – Ulrich . Zeigt nur den Ort, dann hör' ich Euch. Fritz . Sogleich, wenn Seine Excellenz erlaubt. Strahlenheim . Ja! – Nehmt den alten Esel mit. Fritz . Voran! Ulrich . Komm, alt's Orakel, laß dein Räthsel hören. (Ab mit Idenstein und Fritz.) Strahlenheim (allein). Ein braves feuriges Soldatenherz! Wie Herkules vor seinem ersten Werk So schön, und von gedankenvoller Stirn, Die nicht zu seinen Jahren paßt, so lang' Er schweigt; bis sich sein Aug' entflammt, wenn er Euch Antwort gibt. Ich wollt', ich könnt' ihn fesseln. Ich brauche solche Herzen jetzt um mich, Denn dieses Erb' ist einen Kampf wol werth, Und bin ich gleich der Mann, der ohne Kampf Zurückweicht, nicht, so sind auch die es nicht, Die zwischen mich und meine Wünsche treten. Der Knabe, sagen sie, sei kühn; allein In einer Stunde toller Laune hat Den Abenteurer er gespielt und es Dem Glück anheim gestellt, sein Recht zu schützen. So ist es recht! Der Vater, dem ich lang', Ohn' ihn zu sehen, nachgespürt, und nur Nach dem Geruch, wie es ein Bluthund thut, Entwischte erst, doch hab' ich ihn jetzt hier, Und das ist besser noch. Er muß es sein; Ein jeder Umstand deutet darauf hin. Arglose Stimmen, die den Grund nicht ahnen, Warum ich forsch', bestärken mich hierin. Ja, ja, der Mann, sein Wesen, das Geheime, Wie er hier angelangt, die Zeit, auch die Beschreibung, die der Castellan mir von Dem würdigen, doch fremden, seltnen Aeußern Der Frau gemacht, die ich noch nicht gesehn; Der Widerwillen selbst, womit wir uns Begegnet hier, wie Leu und Schlange thun, Im heimlichen Instinkt, daß Todfeind Beide, Doch von Natur sich nicht bestimmt zur Beute, Dies Alles macht es meiner Brust gewiß. Wir werden gleichwol hart zusammenringen. In wenig Stunden kommt von Frankfurt der Befehl, wofern das Wasser nicht noch steigt Und dieses Wetter bringt sein rasches Fallen – Dann hab' ich sicher ihn in einem Kerker; Dort mag er Stand und Namen nur enthüllen. Auch hat's dann weiter nichts auf sich, wenn als Ein Andrer, denn ich mein', er sich entpuppt. Auch dieser Diebstahl – abgesehen vom Verlust – kommt ganz geschickt, denn er ist arm, Das ist verdächtig schon; ist unbekannt; So nimmt sich, Niemand seiner an. Wahr ist's, Wir haben keinen Schuldbeweis, allein Hat er Beweise seiner Unschuld denn? Käm' meiner Hoffnung er nicht in die Quere, Möcht' ich die That vom Ungarn eher glauben, Der etwas an sich hat, was ich nicht mag, Und außer dem Cast'lan, sowie des Fürsten Und meiner Dienerschaft, allein von Allen Vertrauten Eintritt in mein Zimmer hatte. Gabor tritt auf. Wie geht's Euch, Freund? Gabor . Wie Einem, dem es gut Geht überall, wenn er gegessen und Geschlafen hat, gleichviel wie gut – und Euch, Mein gnäd'ger Herr? Strahlenheim . Im Schlafe besser als Im Beutel, Herr! Es scheint, dies Wirthshaus kommt Mich hoch zu stehn. Gabor . Ich hab' von dem Verlust Gehört, der Euch betroffen; doch ist dies Ja eine Kleinigkeit für einen Herrn Wie Ihr. Strahlenheim . So dächtet schwerlich Ihr, wenn Euch Der Unfall träf'. Gabor . Ich hatt' – auf einmal – so Viel Geld noch nie in meinem ganzen Leben, Drum kann ich nicht entscheiden, ob's so ist. – Ich kam Euch aufzusuchen. Eure Boten Sind schon zurück. Ich überholte sie, Als ich zurückgekehrt. Strahlenheim . Ihr? Nun? Gabor . Ich ging Mit Tagesanbruch aus, zu sehen ob Das Wasser schon gefallen sei, da ich Gern meine Reise weiter fortgesetzt. Doch Euern Boten ging's wie mir: der Fluß Litt's nicht. Und da ich sehe, daß die Sache Unthunlich ist, will ich hier warten bis Dem Strom 's beliebt. Strahlenheim . Ich wollt', sie lägen drin! Warum versuchten sie's nicht durchzukommen? Befahl ich's nicht auf jegliche Gefahr? Gabor . Wenn Ihr dem Fluß befehlen könnt, daß er Sich theil', wie Moses einst dem rothen Meer Gethan – das schwerlich röther war, als der Geschwoll'nen Oder Flut – und er es thut, Dann können sie es wagen – anders nicht. Strahlenheim . Da muß ich selber sehn, die Hund', die Sklaven! Sie sollen büßen mir dafür! (Strahlenheim ab.) Gabor (allein). Da geht Mein edler, eigenwilliger Baron, Ein Rest von jener tapfern Ritterschaft, Den edeln Herrn der guten alten Zeit! Noch gestern hätt' er seine Länderei'n – Wenn welche er besitzt – ja noch weit mehr: Die sechzehn Felder seines Wappenschilds Für so viel frische Luft, als eine Blase Zum Schwimmen hält, getauscht, da schnappend er In seiner umgestürzten Kutsche lag Und durch das Fenster spie. Jetzt wüthet er Auf ein halb Dutzend arme Teufel, weil Auch sie ihr Leben lieben! Er hat Recht! Warum auch lieben sie's, da solch ein Kerl Sie zwingen darf, es auf das Spiel zu setzen, Wie's ihm beliebt? O Welt, du traur'ger Spaß! (Gabor ab.) Zweiter Auftritt. Das Zimmer Werner's in dem Palast. Josephine und Ulrich treten auf. Josephine. Bleib' steh« und laß dich noch einmal betrachten! Mein Ulrich! theurer Sohn! Ist es denn möglich? Zwölf Jahre sind's! Ulrich . Geliebte Mutter! Josephine . Ja! Mein Traum ist nun erfüllt, und – o wie schön! Weit schöner, als ich es ersehnt. O Himmel! Nimm einer Mutter Dank und Freudethränen. Fürwahr, dein Werk ist dies. In dieser Stunde Kommt er als Sohn nicht nur, als Retter auch. Ulrich . Wenn solche Freude meiner harrt, muß sie Verdoppeln was ich fühl', und von mir nehmen Ein Stück der langen Schuld der Pflicht, doch nicht Der Lieb' – denn diese hielt ich nie zurück – Der lange Aufschub war nicht meine Schuld, Vergib! Josephine . Ich weiß. Doch kann ich jetzt nicht mehr An meinen Kummer denken; ja ich zweifle, Ob jemals solchen ich gefühlt; dies Glück Hat mir aus dem Gedächtniß ihn gewischt. Mein Sohn! Werner tritt auf. Werner . Wer ist da? Wieder Fremde? Josephine . Nein! Sieh ihn nur an! Was siehst du? Werner . Einen Jüngling – Zum ersten Mal – Ulrich (kniet). Ja, nach zwölf langen Jahren! Mein Vater! Werner . Gott! Josephine . Er fällt in Ohnmacht! Werner . Nein, Es ist mir besser. Ulrich! (Umarmt ihn.) Sohn! Ulrich . Mein Vater! Graf Siegendorf! Werner (erschrocken). Still, Knab'! Die Mauern könnten. Den Namen hören. Ulrich . Und was dann? Werner . Nun! dann – Doch davon reden wir jetzt gleich. Merk dir! Man darf mich hier als Werner einzig kennen., Komm noch einmal in meine Arme, komm! – Ja, du siehst ganz, wie ich hätt' aussehn sollen Und es nicht that. – O Josephine, 's ist Nicht Vaterzärtlichkeit, was mich verblendet, Doch hätt' ich unter tausend Jünglingen Den herrlichsten – den Jungen hier gesehn, Ihn hätt' mein Herz zum Sohne sich erwählt. Ulrich . Und doch hast du mich nicht erkannt. Werner . Ach Sohn! Ich hatte auf der Seele was, das mich Auf Jeden läßt mit einem Auge schaun, Das auf den ersten Blick nur Schlimmes sieht. Ulrich . Mir diente das Gedächtniß freundlicher. Ich habe nichts vergessen. Oftmals blickte Ich aus den stolzen fürstlichen Gemächern Von – doch ich nenn' sie nicht, da du es für Gefährlich hältst. Ja mitten in dem Prunk Des stolzen Ahnenhauses, blickte ich An manchem Abend nach den böhm'schen Bergen Und weinte, daß ein neuer Tag vorbei, Wo diese mächt'gen Berge uns getrennt. Sie sollen uns nicht länger trennen mehr. Werner . Das weiß ich nicht. Ist dir bekannt geworden, Daß todt mein Vater ist? Ulrich . O Himmel! ich Verließ ihn noch im frischen Greisenalter. Er sah wie eine Eiche aus: gebeugt, Doch fest noch in dem Wettersturm, indeß Weit jüng're Baume zahlreich um ihn fielen. 'S ist kaum drei Monde her. Werner . Warum gingst du Von ihm? Josephine (umarmt Ulrich). Wie kannst du fragen? Ist er denn Nicht hier? Werner . 'S ist wahr, er suchte seine Eltern Und fand sie auch – doch wie! in welchem Zustand! Ulrich . Das soll jetzt Alles besser werden. Was Zu thun wir haben, ist: voranzugehn Und zu behaupten unser Recht, vielmehr Das deine nur, denn ich verzicht' auf Alles, Wofern dein Vater über seine Güter In solcher Weise nicht Verfügung traf, Daß meine Rechte oben stehn und ich Der Form zu lieb sie für mich wahren muß. Doch hoffe ich, daß Alles dir gehört. Werner . Sprich! Hast du nichts von Strahlenheim gehört? Ulrich . Ich rettete ihm gestern erst das Leben. Auch er ist hier. Werner . So hast die Schlange du, Die Alle uns noch stechen wird, gerettet. Ulrich . Du sprichst in Räthseln. Was geht Strahlenheim Uns an? Werner . Nur allzu viel! Er ist's, der auf Die Güter unsres Vaters Anspruch macht: Ein ferner Vetter – unser nächster Feind. Ulrich . Ich hab' den Namen nie bis heut' gehört. Der Graf sprach manchmal wol von einem Vetter, Der, wenn sein eigner Stamm erlöschen sollte, Entfernt sich an dem Erb' betheil'gen könnte; Doch nannte nie er seine Titel nur. Was thut das auch? Sein Recht muß unsrem weichen, Werner . Jawol in Prag, doch hier ist er allmächtig. Er hat mir Schlingen lang' genug gelegt, Und wenn bis jetzt ich ihnen noch entging, So war's mein Glück, nicht seine Gunst. Ulrich . Kennt er Persönlich dich? Werner . Das nicht, doch er ist schlau Und hat mich im Verdacht, wie gestern er Verrieth, und deshalb nur bin ich vielleicht In Freiheit noch, weil er noch nicht gewiß. Ulrich . Du thust ihm Unrecht wol – verzeih' dies Wort! Doch Strahlenheim ist der nicht, den du meinst, Und wär' er's auch, so schuldet er mir Dank Für das Vergang'ne und die Gegenwart. Ich rettete das Leben ihm; er hat Deshalb mir sein Vertraun geschenkt. Er ist Bestohlen worden seit er hier verweilt; Ist krank, hier fremd und deshalb außer Stand, Dem Schuft, der ihn beraubte, nachzuspüren. Ich habe ihm versprochen, dies zu thun, Und dies Geschäft hauptsächlich hat mich her- Geführt, doch als nach fremden Schlacken ich Gesucht, fand ich den eignen höchsten Schatz: Euch, meine Eltern, euch! Werner . (gereizt). Wen nennst du Schuft? Wer lehrte dich den Namen? Ulrich . Gibt's 'nen bessern Für so gemeinen Dieb? Werner . Wer lehrte dich, Den unbekannten Mann mit diesem Maal Der Hölle zu belegen? Ulrich . Mein Gefühl Lehrt mich den Schuft nach seiner That benennen. Werner . Du langgesuchter, schlimm gefund'ner Knab'! Wer sagte dir, daß mich der eig'ne Sohn Beschimpfen dürfte ungestraft? Ulrich . Ich sprach Von einem Schuft. Was hat mit solchem Menschen Mein Vater je gemein? Werner . Nur jede Faser! Der Schuft – es ist dein Vater! Josephine . O mein Sohn, Glaub' ihm kein Wort – und doch – (sie stockt). Ulrich . (erschrickt, blickt erst auf Werner und sagt dann langsam). Und du gestehst's? Werner . Ulrich! eh' deinen Vater du verachtest, Lern' seine Handlungen verstehn, beurtheln. Kannst du, der du so jung, so neu im Leben, Und in dem Schooß der Ueppigkeit erzogen, Die Macht der Leidenschaft ermessen, die Versuchung bitt'rer Noth? Wart' erst! – nicht lang', 'S kommt wie die Nacht und plötzlich – wart' erst, wart', Bis deine Hoffnungen zerstört wie meine, Bis Gram und Schande täglich dich bedienen, Bis Noth und Hunger deine Gäste sind, Dein Bett Verzweiflung theilt – dann stehe auf Doch nicht vom Schlaf und richt'! – Wenn je der Tag Erscheint, wo du die Schlange dann, die sich Um Alles was dir lieb und theuer schlingt, Auf deinem Weg im Schlafe liegen siehst, Und dich vom Glück nur ihre Ringeln trennen, Wenn der, der einzig lebt, um dir den Namen Und Hab' und Gut, das Leben selbst zu nehmen, Dir Preis gegeben ist und Glück dich führt, Dich Mitternacht mit ihrem Mantel deckt, Das bloße Messer in die Hand dir drückt Und Alles schläft, sogar dein ärgster Feind, Und er zum Tödten reizt, weil er wie todt Fast sieht, und nur sein Tod dich retten kann, So danke Gott, wenn du wie ich, zufrieden Mit kleinem Raub, dich abseits kehrst – ich that's. Ulrich . Allein – Werner (schnell). Hör' mich, ich halte es nicht aus, Die Stimme eines Menschen anzuhören. Kaum wag' ich's auf die eigene zu lauschen – Wenn die noch menschlich ist – hör' mich! Du kennst Den Mann noch nicht, ich kenne ihn. Er ist Gemein, betrüglich, geizig. Weil du jung Und tapfer bist, hältst du für sicher dich. Doch Niemand ist vor der Verzweiflung sicher, Nur Wenige vor Selbstbetrug. Mein Feind, Mein ärgster! Strahlenheim lag in dem Haus, Im Bett des Fürsten unter meinem Messer. Ein Augenblick – ein Regen nur – ja der Geringste Anstoß nahm ihn von der Erde Hinweg mit aller meiner Furcht. Ich hatte Ihn ganz in der Gewalt, mein Messer war Erhoben schon. Ich zog's zurück und bin In seiner jetzt – bist du's nicht etwa auch? Wer sagt dir, daß er dich nicht kennt? Wer weiß, Ob nicht hierher er dich gelockt, um dir Den Garaus hier zu machen, oder dich Mit deinen Eltern in ein Loch zu werfen? – (Er hält inne.) Ulrich . Fahr' fort! fahr' fort! Werner . Mich hat er stets erkannt Und mich durch jede Aenderung der Zeit, Des Namens und des Glücks gehetzt; warum Nicht jetzt auch dich? Bist in den Menschen du Erfahrener? Um mich wand Schlingen er, Warf Nattern mir in' Weg, die ich als jung Hinweggestoßen hätt'; jetzt füllte sie Ein Stoß mit frischem Gift. – Wirst du etwa Geduld'ger sein, mein Sohn? O Ulrich, 's gibt Verbrechen, die verzeihlich sind, weil die Gelegenheit sie macht, Versuchungen, Die die Natur nicht überwinden kann. (Ulrich sieht erst ihn an, dann Josephine.) Ulrich . O meine Mutter! Werner . Ich hab' mir's gedacht. Du hast jetzt nur noch sie, und ich verlor Den Vater und den Sohn, und bin allein. (Werner eilt aus dem Zimmer) Ulrich . So bleib' doch! Josephine (zu Ulrich). Folg' ihm nicht, bis dieser Sturm Der Leidenschaft vorbei. Glaubst du, wenn dies Ihm gut gethan, ich wär' ihm nicht gefolgt? Ulrich . Ich folg' dir, Mutter, aber schweren Herzens. Doch meine erste Handlung hier soll nicht Ein Werk des Ungehorsams sein. Josephine O er Ist gut! Verdamm' ihn nicht nach seinem Wort! Nein! glaube mir, die schon so viel mit ihm Und für ihn trug: dies ist die Außenfläche Von seiner Seele nur, die Tiefe ist An bessern Dingen reich. Ulrich . So ist dies nur Des Vaters Ansicht, seine Denkungsweise? Und meine Mutter denkt nicht ebenso? Josephine Auch er spricht nicht so, wie er denkt. Ach Gott! Der langen Jahre Gram macht hie und da Ihn so. Ulrich . Erklär' den Anspruch Strahlenheims Mir deutlicher, damit, wenn ich die Sache In ihrem wahren Wesen seh', ich leichter Ihr gegenübertret' und wenigstens Aus eurer jetzigen Gefahr euch rette. Ich bürg' dafür, daß dies mir möglich ist; Ich wollte nur, daß ein'ge Stunden früher Ich kam. Josephine Ach wärst du das! Gabor und Idenstein mit Dienern treten auf. Gabor (zu Ulrich). Ich suchte Euch, Kam'rad! – Dies also ist mein Lohn!! Ulrich . Was meint Ihr denn? Gabor . Ha daß ich das erleben muß! (Zu Idenstein). Wärt Ihr so alt nicht und so dumm, ich wollt' – Idenstein . Zu Hilfe! Hände weg! Vergreift Euch nicht An einem Schloßcast'lan! Gabor . O glaubet nicht, Daß ich die Ehr' Euch anthun wolle, Euch Den Hals vom Rabenstein zu retten, und Euch selbst zu würgen. Nein! Idenstein . Ich danke für Die Galgenfrist, doch gibt es Leute, die Sie nöth'ger hätten als ich selbst. Ulrich . Enträthselt Dies niedrige Gebalge mir. Gabor . Wolan! Man hat den gnäd'gen Herrn beraubt, und nun Geruht der würd'ge Meister hier, auf mich Den freundlichen Verdacht zu lenken – mich, Den gestern er zum ersten Male sah. Idenstein . Hätt' meine eig'nen Freunde ich etwa Verdächt'gen sollen? Wißt: mein Umgang ist Doch bess'rer Art. Gabor . Ihr sollt den besten bald Und letzten aller Menschen haben: Würmer!. Du böser gift'ger Hund! (Gabor ergreift ihn.) Ulrich . (tritt dazwischen). Halt! nicht Gewalt! Er ist ein Greis und unbewaffnet, Gabor! Drum mäßigt Euch! Gabor . (laßt Idenstein fahren). Da habt Ihr Recht! Ich bin Ein Narr, daß ich mich so vergesse, weil Ein Narr für einen Schelm mich hält. Das ist Ja Schmeichelei. Ulrich . (zu Idenstein). Wie geht es Euch? Idenstein . Zu Hilfe! Ulrich . Ich half Euch ja. Idenstein . Bringt ihn erst um, dann sag' Ich so. Gabor . Jetzt bin ich ruhig. – Leb' nur zu! Idenstein . Ihr sollt das nicht, wenn es in Deutschland noch Ein Recht und Richter gibt. Der Herr Baron Entscheid'. Gabor . Hat er etwa Euch aufgereizt, Mich zu beschuldigen? Idenstein . Hat er es nicht? Gabor . Dann soll der Bursche wieder sinken und Ich laß mich hängen, wenn ich vom Ersaufen Ihn rett'. Da kommt er grad'! Strahlenheim tritt auf. Gabor (tritt auf ihn zu). Mein edler Herr! Da bin ich. Strahlenheim . Schön! Gabor . Wollt Ihr etwas von mir? Strahlenheim . Was sollt' ich wollen denn von Euch? Gabor . Wenn Euch Das Wasser gestern das Gedächtniß nicht Hinweggewaschen hat, so wißt Ihr's wol. Doch das ist Nebensache jetzt. Ich werd' In unzweideut'gen Redensarten von Dem Castellan hier angeklagt, Euch in Person Beraubt zu haben oder Euer Zimmer. Kommt die Beschuldigung von ihm, kommt sie Von Euch? Strahlenheim . Ich schuld'ge Niemand an. Gabor . So sprecht Ihr mich von der Beschuld'gung frei, Baron? Strahlenheim . Ich wüßte nicht, wen ich beschuldigen, Freisprechen oder nur verdächt'gen sollte. Gabor . Doch solltet wenigstens Ihr wissen, wen Ihr nicht verdächt'gen sollt. Man hat mich hier Beschimpft, das Dienervolk hat mich bedrängt. Ich schau' auf Euch um Schutz, lehrt dies Gesindel, Was seine Schuldigkeit. Bei ihnen selbst Sich nach dem Diebe umzuschauen wär' Ein Theil hievon, wenn Ihr sie richtig lehrtet. Mit Einem Wort: will Einer mich beschuld'gen, So sei's ein Mann, der eines Manns wie ich Bin, werth; denn ich bin Eures Gleichen. Strahlenheim . Ihr? Gabor . Ja höher selbst steh' ich, Ihr wißt warum. Jedoch fahrt fort; ich frage nicht nach Winken, Annahmen und Verhältnissen, Beweisen. Ich weiß zu sehr, was ich für Euch gethan Und was Ihr schuldig mir, um jedenfalls Weit eher Eure Zahlung abgewartet Als selber mich bezahlt gemacht zu haben, Wenn ich nach Eurem Golde gierig war. Ich weiß auch, daß, wär' ich der Schelm sogar, Für den man mich hier hält, der Dienst, den ich Euch kürzlich that, Euch nicht gestatten würde, Mich so zu Tod zu hetzen, denn ein so Verächtlich Thun müßt' Euern Wappenschild Durchstreichen ja. Doch das ist nichts. Ich will Schutz gegen Euer schnödes Dienerpack Von Euch; will, daß mit eig'nem Mund Ihr sagt, Daß ihre Frechheit nimmermehr Ihr billigt. So viel seid Ihr dem Unbekannten schuldig, Der mehr ja nicht verlangt, und niemals ahnte, Daß jemals er nur Das verlangen müßte. Strahlenheim . Der Ton mag wol der Unschuld Stimme sein. Gabor . Zum Teufel! wer darf Solches noch bezweifeln, Wenn nicht ein Schuft, der nie die Unschuld kannte? Strahlenheim . Ihr werdet hitzig, Herr! Gabor . Soll ich gefrieren, Weil Hunde mich begeifern und ihr Meister? Strahlenheim . Ulrich! Ihr kennt den Mann; ich fand in Eurer Gesellschaft ihn. Gabor . Wir fanden Euch im Strom; Ich wollt', wir hätten Euch gelassen dort! Strahlenheim . Ich sag' Euch meinen Dank. Gabor . Den hab' ich jetzt. Doch hätt' von Andern ich wol mehr erhalten, Wenn Eurem Schicksal ich Euch überließ. Strahlenheim . Ulrich! Ihr kennt den Mann? Gabor . Nicht mehr als Ihr, Wenn meine Ehre er nicht anerkennt. Ulrich . Ich anerkenne Euern Muth, und in So weit man bei so kurzem Umgang kann, Auch Eure Ehr'. Strahlenheim . Dann bin zufrieden ich Gestellt. Gabor (ironisch). Sehr schnelle, wie mich dünkt. Wo liegt Der Zauber denn, der sein Behaupten besser Als meines macht? Strahlenheim . Ich sagte nur, ich sei Zufrieden jetzt, nicht Ihr seid freigesprochen. Gabor . Schon wieder! Bin ich angeschuldigt oder Bin ich es nicht? Strahlenheim . Laßt's sein! Ihr werdet mir Zu frech. Wenn mancher Umstand, wenn der Leute Verdacht sich ausspricht wider Euch, bin ich Dran Schuld? Ist's nicht genug, wenn jede Frage Ob schuldig oder nicht, ich von mir weise? Gabor . Mein gnäd'ger Herr! Das sind nur eitel Kniffe! Ein niedrig Wortverdrehn! Ihr wißt recht gut, Daß Eure Zweifel für die andern Alle Gewißheit sind und Eure Blicke Worte, Ja Eurer Stirne Runzeln ein Verdammen. Ihr übet Eure Macht an mir, weil Ihr Sie habt; doch hütet Euch, Ihr wisset nicht, Auf wem herumzutreten Euch beliebt. Strahlenheim . Du drohst? Gabor . So schwer nicht als Ihr mich beschuldigt. Ihr deutet die gemeinste Handlung an Und ich vergelt' mit offner Warnung Euch. Strahlenheim . Wie Ihr gesagt, ich schulde Ein'ges Euch, Wofür Ihr, scheint's, bezahlt Euch machen wollt. Gabor . Doch nicht mit Eurem Gold. Strahlenheim . Mit eitler Grobheit. (Zu Idenstein und den Dienern). Ihr braucht nicht weiter zu belästigen Den Mann. Laßt ihn nur gehn. Ulrich, behüt' Euch Gott! (Strahlenheim, Idenstein und Diener ab.) Gabor . (folgt). Ich will ihm nach und – Ulrich (hält ihn auf). Keinen Schritt. Gabor . Wer soll mich hindern? Ulrich Eure eigene Vernunft, wenn Ihr's nur einen Augenblick Bedenkt. Gabor . Soll so was ich ertragen? Ulrich Still! Wir Alle müssen dessen Uebermuth Ertragen, der gewaltiger als wir. Die Höchsten können Satan nicht beherrschen, Die Niedrigsten nicht dessen Stellvertreter. Ich sah, wie Ihr den Elementen trotztet Und Dinge trugt, wovor der Seidenwurm Die Haut abwarf; jetzt kommt Ihr außer Euch Zweideut'gen Lächelns, bitt'rer Worte halb. Gabor . Soll ich für einen Dieb mich halten lassen? Hielt man für einen Räuber mich im Wald, Ich hätt's ertragen: 's liegt was Flottes drin! Doch Geld zu stehlen einem Schlafenden – Ulrich Es scheint also, daß Ihr nicht schuldig seid? Gabor . Was?! hör' ich recht? Auch Ihr? Ulrich Ich fragte nur. Gabor . Wenn mich ein Richter fragte, sagt' ich Nein! Doch Euch antwort' ich so! (Er zieht.) Ulrich (zieht). Mir grade recht! Josephine . Heda ihr draußen! Hilfe! Hilfe! Hilfe! O Gott, 's gibt einen Mord! (Josephine schreiend ab.) (Gabor und Ulrich fechten. Gabor wird in dem Augenblick entwaffnet, wo Strahlenheim, Josephine, Idenstein etc. wieder eintreten. Josephine . Dem Himmel Dank! Er lebt! Strahlenheim .( zu Josephine) . Wer lebt? Josephine . Mein – Ulrich (unterbricht sie mit einem finstern Blick und wendet sich gegen Strahlenheim). Ja, wir beide thun's. Es war hier nicht viel los. Strahlenheim . Wer war denn Schuld Daran? Ulrich . Ich glaube Ihr, Baron! Doch da Es ohne Folgen blieb, laßt's Euch nicht grämen. – Gabor! hier Euer Schwert! Zieht Ihr es wieder, So thut es nicht mehr gegen Eure Freunde. (Ulrich spricht die letzten Worte langsam und nachdrücklich, doch mit gedämpfter Stimme zu Gabor.) Gabor . Ich dank' Euch wen'ger für mein Leben als Für Euern Rath. Strahlenheim . Der Zank muß enden hier. Gabor (hebt sein Schwert auf). Er soll's! Ihr habt mir weh' gethan, mein Freund, Durch Eure schimpflichen Gedanken mehr Als Euer Schwert, und lieber wollt' ich, dies Stäk' mir im Herzen als in Eurem jene. Ertragen könnt' ich noch die abgeschmackten Verdächtigungen jenes Edelmanns. Unwissenheit und alberner Verdacht Sind ja sein Erb', und werden länger ihm Verbleiben als sein Grundbesitz. Doch krieg' Ich schon noch ihn! Ihr überwandet mich; Ich war in meiner Leidenschaft so toll, Zu glauben, daß mit Euch ich kämpfen könnte, Den ich in größeren Gefahren schon Als meine Klinge birgt, als Mann erfunden. Wir mögen uns wol wieder mal begegnen. Doch sei's in Freundschaft nur. (Gabor ab. ) Strahlenheim . Das trag' ich länger nicht. Der Friedensbruch, Den er auf die Beschimpfungen, vielleicht Die Schuld hier folgen ließ, hat ausgelöscht, Was ich ihm etwa noch für seinen Beistand, Den er zu Eurem wirksamern gefügt Und stets so prahlend vorhält, schuldig war. – Ihr seid doch nicht verletzt? Ulrich . Im mindsten nicht. Strahlenheim . (zu Idenstein). Hört, Castellan! Trefft Eure Anstalt nur, Des Kerls Euch zu versichern. Meine Milde Nehm' ich zurück. Sobald das Wasser fällt Soll mit Bedeckung man nach Frankfurt – merkt Es Euch! – ihn senden. Idenstein . Seiner sich versichern! hat den Degen ja zurück erhalten Und scheint zu wissen, mit ihm umzugehn, Sein Handwerk ist's vermutlich – ich bin Bürger. Strahlenheim . Du Narr! ist jenes Schock Vasallen, das Dir auf der Ferse nachläuft, nicht genug, Ein Dutzend solcher Bursche aufzugreifen? Fort, fort! Ihm nach! Ulrich . Baron! ich bitte Euch – Strahlenheim . Gehorsam will ich sehn; kein Wort mehr weiter. Idenstein . Gut! wenn es sein muß. – Marsch, Vasallen, marsch! Ich führe Euch, doch bleib' ich bei dem Nachtrab. Ein kluger General soll nie sein Leben, Das theure, auf dem Alles ruht, riskiren. Ich liebe diesen Kriegsartikel sehr. (Idenstein mit den Dienern ab.) Strahlenheim . Komm her, mein Ulrich! – Doch was will das Weib? Ah jetzt erkenn' ich sie: es ist die Frau Des Manns, den man hier »Werner« heißt. Ulrich . So heißt er. Strahlenheim . Wirklich? – Ist Euer Gatte, schöne Dame, Nicht sichtbar? Josephine . Sucht ihn wer? Strahlenheim . Nein, vorerst nicht. – Doch möcht' ich gern mit Euch allein was reden, Ulrich! Ulrich . Ich geh' mit Euch. Josephine . Nicht doch! Ihr seid Der letzte Fremde hier und habt deshalb Auch über alle Räume zu verfügen. (Bei Seite zu Ulrich, während sie hinausgeht) Ulrich! nimm dich in Acht! Bedenk', wie viel An einem unvorsicht'gen Worte hängt. Ulrich (zu Josephine) . Fürcht' nichts! (Josephine ab.) Strahlenheim . Ich denk', daß ich Euch trauen darf, Ulrich! Ihr habt das Leben mir gerettet Und Thaten der Art zeugen unbegrenzt Vertraun. Ulrich . So sprecht! Strahlenheim . Verhältnisse, die dunkel Und langer Hand, so daß ich jetzt in das Detail nicht eingehn kann, bewirkten, daß Der Mann mir schädlich, ja gefährlich ist. Ulrich . Wer? Gabor, jener Ungar? Strahlenheim . Nein, der Werner, Mit seinem falschen Namen und Gewand. Ulrich . Wie kann das sein? Der Aermste ist's der Armen, Und Krankheit sitzt in seinen hohlen Augen. Der Mann ist hilflos selbst. Strahlenheim . Er ist – gleichviel! Doch wenn der Mann er ist, der er mir scheint – Und daß es so, bestätigt Alles mir, Was ich hier seh', und viel, was nicht hier ist – So muß man, eh' zwölf Stunden um, sich sein Versichern. Ulrich . Was hab' ich damit zu thun? Strahlenheim . Ich hab' nach Frankfurt an den Gouverneur Geschickt, der mir befreundet ist (hiezu Berechtigt eine Vollmacht mich, die ich Vom Hause Brandenburg erhielt), damit Er eine schickliche Bedeckung sende. Doch die verwünschte Flut sperrt jeden Weg Und wird vielleicht noch stundenlang es thun. Ulrich . Sie fällt. Strahlenheim . Das ist sehr gut. Ulrich . Doch was hab' ich Damit zu thun? Strahlenheim . Da Ihr so viel für mich Gethan, kann Euch, was wicht'ger mir, selbst als Das Leben ist, das Ihr gerettet habt, Bedeutungslos nicht sein. – Behaltet ihn Im Aug'. Der Mann vermeidet mich. Er weiß, Daß ich ihn kenne. Hütet ihn, wie Ihr Den wilden Bären hüten würdet, wenn Er durch der Jäger Reihn sich auf Euch stürzte. Wie jene muß man ihn durchrennen mit Dem Speer. Ulrich . Weshalb? Strahlenheim . Weil zwischen mir er steht Und einem schönen Erb'. O könntet Ihr Das sehn! Jedoch Ihr sollt's. Ulrich . Ich hoff's. Strahlenheim . Es ist Das reichste wol im ganzen reichen Böhmen Und unversengt durch dieser Kriege Flammen. Es liegt so nah an Prag, der stärksten Stadt, Daß Brand und Schwert es leichthin nur berührt, So daß ganz abgesehn von seiner Fülle, Zweifachen Werth es jetzt besitzt, wenn man Mit ganzen Ländern es vergleicht, die nah' Und fern verwüstet sind. Ulrich . Ihr malt getreu. Strahlenheim . Ja könntet Ihr es sehn, Ihr sagtet so; Doch wie ich schon versprach, Ihr sollt's. Ulrich . Ich nehm' Das Omen an. Strahlenheim . Dann fordert einen Lohn Von ihm und mir, wie Euer Angebot Und Eure Dienste es um mich und um Mein Haus verdienen immerdar. Ulrich . Und dieser Unsel'ge, arme Mensch, der milde Wandrer Steht zwischen Euch und jenem Paradies? (Bei Seite.) Wie Adam zwischen Satan und dem seinen. Strahlenheim . So ist's! Ulrich . Hat er kein Recht? Strahlenheim . Recht? nein! Er ist Enterbt – verlorner Sohn, der sein Geschlecht Wol zwanzig Jahre lang durch jede That Entehrt, zumal durch seinen Ehebund Und sein Getreibe unter Bürgersleuten Und schnöden Krämern auf dem Judenmarkt. Ulrich . Er hat ein Weib? Strahlenheim . Es würde leid Euch thun, Wenn Eure Mutter Die Ihr nennen müßtet. Ihr saht die Frau ja, die sein Weib er nennt. Ulrich . Sie ist es nicht? Strahlenheim . So wenig als er selbst Je Euer Vater ist! 'Ne Italienerin, Die Tochter eines ausgewies'nen Manns, Die mit dem Werner nun von Liebe lebt Und Bettelbrod. Ulrich . Sie sind wol kinderlos? Strahlenheim . Es ist ein Bastard – oder war er – da, Den jener Greis, der Großpapa – denn Alter Ist stets in solche Brut vernarrt – sich zu Erwärmen, an den Busen nahm, als er Gar eisig kalt dem Grab zuschritt. Allein Der Bursch steht nicht mehr mir im Weg. Er ist Entflohn und Niemand weiß, wohin? Doch wär' Er es auch nicht, so wäre zu verächtlich Sein Anspruch doch, um gegen mich zu gelten. – Was lächelt Ihr? Ulrich . Ob Eurer eiteln Furcht! Ein armer Mann, den in der Hand Ihr habt Ein Kind anrüchigen Geblüts schreckt den Gewalt'gen Herrn! Strahlenheim . Wo Alles zu gewinnen, Ist Alles zu befürchten auch. Ulrich . Gewiß! Und um zu sichern oder zu gewinnen, Muß man auch Etwas thun. Strahlenheim . Ihr habt die Saite, Die meinem Herzen liegt zunächst, berührt. Ich kann mich also ganz auf Euch verlassen? Ulrich . Es wär' zu spät, wenn Ihr dran zweifeln wolltet. Strahlenheim . Kein thöricht Mitleid rühre Euer Herz – Denn jammerwürdig sieht der Mann wol aus – Er ist ein Schuft, dem es so gleich säh, mich Beraubt zu haben wie dem Kerl, der noch Verdächt'ger ist. Nur sind die äußern Gründe Nicht so sehr gegen ihn, da er sehr fern In einem Zimmer wohnt, das mit dem meinen Nicht in Verbindung steht; und – grad heraus! Ich denke von verwandtem Blut zu gut, Als daß ich glauben könnt', er würde je Herab zu einer solchen Handlung sinken; Und überdies war er Soldat, und zwar Ein tapfrer einst, wenn auch zu hitzig stets – Ulrich . Und Die, mein gnäd'ger Herr, das wissen aus Erfahrung wir, berauben nie, eh' sie Den Schädel nicht erst eingeschlagen haben, Was sie zu Erben, statt zu Dieben macht. Die Todten, die nichts fühlen, können auch Nichts mehr verlieren, noch bestohlen werden. Ihr Raub ist ein Vermächtniß, weiter nichts. Strahlenheim . Hört, Mann! Ihr seid ein Schalk. Jedoch versprecht, Daß Ihr den Mann im Auge wollt behalten Und mir es melden, wenn er Anstalt trifft, Sich zu verstecken oder durchzugehn. Ulrich . Ihr dürft versichert sein, Ihr selber könntet Ihn strenger nicht bewachen als vor ihm Ich Schildwach' steh'. Strahlenheim . Ihr macht zum Eurigen Mich ganz und gar damit. Ulrich . Das will ich auch. (Beide ab.) Dritter Act. Erster Auftritt. Saal mit dem geheimen Gang, im gleichen Palast. Werner und Gabor treten auf. Gabor . Ich hab' Euch nun erzählt, was mir geschehn. Wollt Ihr so gut sein, mir für wen'ge Stunden Hier ein Asyl zu geben – gut! Wo nicht, So will mein Glück ich anderswo versuchen. Werner . Wie kann denn ich, der elend ist, Dem Unglück Schutz gewähren, wo ich selbst Des Schutzes so bedürftig bin wie je Nur ein gehetzter Damhirsch – Gabor . Oder eher Wie der getroff'ne Leu der kühlen Höhle, Denn Ihr seht mir ja aus, als würdet Ihr Euch gegen den Verfolger stellen und Die Därme aus dem Leib ihm reißen. Werner . O! Gabor . Mich kümmert's nicht, ob wirklich so es ist, Weil so zu thun, ich selbst bin sehr geneigt. Doch wollt Ihr mir ein Obdach leihn? Ich bin Verfolgt wie Ihr, und arm wie Ihr, entehrt – Werner (schnell). Wer sagt Euch, daß entehrt ich sei? Gabor . Kein Mensch. Auch sagt' ich's nicht von Euch. Mit Eurer Armuth Ging mein Vergleich zu End'. Ich sagte aber, Ich sei's und wollt' hinzu – wie wahr ist – fügen, So unverdient wie Ihr. Werner . Schon wieder ich! Gabor . Nun, oder jeder andre Ehrenmann! Was Teufels wollt Ihr denn? Ihr glaubt mich doch Nicht auch des niederträcht'gen Diebstahls schuldig? Werner . Nein, nein! das kann ich nicht. Gabor . Das heiß' ich noch Ein Biederherz! Der flotte junge Herr, Der schuft'ge Castellan, der Dummkopf von Baron – sie Alle, All' verdächt'gen mich. Warum? weil ich den schlecht'sten Rock anhabe Und keinen solchen Namen trag' wie sie. Doch säße Momus' Fenster vor den Herzen, So könnte meine Brust ein weiter Oeffnen Des Fensters als die Ihrige ertragen. Doch so ist's stets! Ihr, der Ihr selbst noch mehr Als ich seid arm und hilfsbedürftig – Werner . Wo- Her wißt Ihr das? Gabor . Da habt Ihr Recht. Ich bitt' Die Hand um Schutz, die selbst ich hilflos nenne, Wenn Ihr sie weigertet, geschäh mir recht. Doch Ihr, der, wie es scheint, die Bitterkeit Des Lebens durchgekostet hat, fühlt wol An Eurem eignen Herzen, daß all' Gold Der neuen Welt, womit der Spanier prahlt, Den Mann, der dessen wahren Werth erkennt, Auf solche Weise nur versuchen könnt – (Und da gesteh' ich seine Macht, weil ich Sie fühl') – daß Nachts kein Alp sein Herz deshalb Bedrücken würd'. Werner . Wie meint Ihr das?. Gabor . Grad' wie Ich's sag': ich dächte doch, ich drückte mich Sehr deutlich aus. Ihr seid kein Dieb, auch ich Bin keiner, und drum sollten wir einander Als brave Leute treulich unterstützen. Werner . Die Welt ist voll Verdammniß, Herr. Gabor . So ist Die nächste auch der zwei, die unsrer harren, Wie wenigstens die Priester sagen – und Die werden sie gewiß am besten kennen – Drum will ich lieber mich an diese halten Und mag kein Martyrthum, am wenigsten Auf meinem Grabstein einen Diebstahl dulden. Ich bitte nur um eine Nacht Asyl; Denn morgen will das Wasser ich versuchen, Wie einst die Taube that, und hoffe, daß Es fällt. Werner . Ist Hoffnung dazu da? Gabor . Man hatte Um Mittag welche schon. Werner . Dann können wir Entfliehn, Gabor . Auch Ihr seid in Gefahr? Werner . Das ist Die Armuth stets. Gabor . Das hab' ich lang' erprobt. Versprecht mir jetzt, die meine zu vermindern. Werner . Ich? Eure Armuth? Gabor . Nein! Ihr seht nicht aus, Als ob Ihr Arzt für diese Krankheit wärt. Ich meinte die Gefahr, in der ich schwebe. Ihr habt ein Dach und ich hab' keins. Ich such' Ein Obdach nur. Werner . Ganz recht! denn wie sollt' denn Ein Mensch wie ich zu Geld und Gute kommen? Gabor . Auf rechten Wegen kaum, das muß ich sagen. Obschon ich Euch das des Barones gönnte. Werner . Ihr wagt zu sticheln? Gabor . Wie? Werner . Wißt Ihr, mit wem Ihr sprecht? Gabor . Nein! kümmert mich auch nicht. ( Lärm außen .) Doch horch! Sie kommen schon! Werner . Wer kommt? Gabor . Der Castellan Und seine Menschenhunde, die mich hetzen. Ich böte ihnen gern die Stirn. Doch wie Gerechtigkeit erwarten aus der Hand Von solchem Volk? Wo soll ich hin? Zeigt mir Nur irgend einen Platz. Ich schwöre Euch, So wahr noch Treue bei den Menschen lebt: Unschuldig bin ich ganz. Denkt Euch, Ihr wärt In meinem Fall! Werner (bei Seite). Gerechter Gott! Nicht jenseits Brennt deine Hölle erst! Bin ich noch Mensch? Gabor . Ich seh', Ihr seid gerührt, das steht Euch gut. Ich werd' es Euch dereinst vergelten können. Werner . Seid Ihr nicht Strahlenheim's Spion? Gabor . Ich nicht! Und wenn ich's wär', was fände ein Spion Bei Euch? Zwar ich erinn're mich, daß er Nach Euch und Eurem Weibe oft gefragt. Das möchte wol auf ein'gen Argwohn deuten. Doch wißt Ihr selbst am besten ja, warum Und wie ich dessen Todfeind bin. Werner . Ihr wärt's? Gabor . Seit für den Dienst, den ich ihm mitgeleistet, Er also mir vergilt, bin ich sein Feind. Wenn Ihr sein Freund nicht seid, so müßt Ihr an Die Hand mir gehn. Werner . Ich will's. Gabor . Doch wie? Werner (zeigt die geheime Thür). Dort ist Ein heimlich Federschloß. Durch Zufall, merkt's! Hab' ich's entdeckt und es bis jetzt, mich selbst Zu schützen, nur benützt. Gabor . Macht auf! ich will's Benutzen zu dem gleichen Zweck. Werner . Ich fand Es wie gesagt. Es führt durch dicke Mauern, So dick, daß Gänge durch sie laufen können Und sie deshalb an Stärke nichts verlieren, Durch Wölbungen und dunkle Nischen fort, Ich weiß nicht wo hinaus. Ihr dürft nicht weit Drin gehn, versprecht mir das. Gabor . Das braucht es nicht. Wie sollt' ich in der Finsterniß den Weg Durch solch' gewund'ne Labyrinthe finden? Werner . Jawol! allein wer weiß, nach welchem Ort Es führt! Ich weiß es nicht. – Bemerkt es wohl! Wer weiß, es führt der Gang gerad' In Eures Feinds Gemach? So seltsam wurden Von unsern Vätern solche Galerien In alten Zeiten angelegt, wo man Sich mehr vor seinem nächsten Nachbar schützte Als vor der Elemente Wuth. Ihr dürft Nicht weiter als zur zweiten Windung gehn. Geht weiter Ihr, so steh' ich Euch für nichts, Was Ihr dort finden könnt, obschon ich selbst Nie weiter kam. Gabor . Ich will's. Nun, tausend Dank! Werner . Die Feder auf der andern Seite ist Viel handlicher und wenn heraus Ihr wollt, Gibt dem geringsten Druck sie nach. Gabor . Ich will Hinein. Lebt wohl! (Gabor tritt durch die geheime Thür.) Werner (allein). Gott! was hab' ich gethan! Was that ich vorher ach! daß ich jetzt fürchte? Es möge ein'ge Sühnung sein, wenn ich Den Menschen rett', der sich für mich vielleicht Geopfert hat. – Sie kommen, aller Orts Nach dem zu forschen, was vor ihnen steht. Idenstein und Andere treten auf. Idenstein . Ist er nicht hier? dann muß er in dem Düster Durch's goth'sche Fenster dort entronnen sein Mit jener Heil'gen mitleidvoller Hilfe, Die roth und gelb die lichten Scheiben schmücken, Durch die die Sonn' im Auf- und Untergehn Auf lange perlengraue Bärte scheint, Auf rothe Kreuze, gold'ne Bischofsstäbe, Auf Waffen, Kutten, Helme, Panzerketten, Auf lange Schwerter und den ganzen Plunder, Worin phantastisch diese Fenster gleißen Mit tapfern Rittern, heil'gen Eremiten Und deren Lebensruhm auf ein paar Scheiben, Die jeder Windstoß so gebrechlich zeigt, Wie jeder Ruhm und jedes Leben ist. – Doch er ist fort! Werner . Wen sucht Ihr denn? Idenstein . 'Nen Schuft. Werner . Warum seid deshalb Ihr soweit gegangen? Idenstein . Wir suchen Den, der den Baron beraubt. Werner . Wißt Ihr gewiß, daß Ihr ihm auf der Spur? Idenstein . So sicher, als Ihr vor mir steht; doch wo- Hin ist er wol? Werner . Wer denn? Idenstein . Der, den wir suchen. Werner . Ihr seht, er ist nicht hier. Idenstein . Doch gingen wir Ihm bis zum Saal hier nach. Seid Ihr sein Spieß- Gesell? Macht Ihr in schwarzer Kunst? Werner . Ich bin Geradezu, das ist für viele Leute Die schwärzeste. Idenstein . Vielleicht hab' ein paar Fragen Ich später auch an Euch zu stellen, Freund. Jetzt aber müssen wir in unsrem Forschen Nach jenem Andern eifrigst weiter machen. Werner . Vielleicht Ihr thätet wohl daran, gleich jetzt Mit dem Verhöre zu beginnen; denn Nicht immer dürft' ich so geduldig sein. Idenstein . So sagt, ob wahr und wirklich Ihr der Mann, Nach welchem Strahlenheim so fahndet, seid? Werner . Wie, Unverschämter, sagtet Ihr nicht selbst, Er sei nicht hier? Idenstein . Ja Einer wol! Doch da Ist Numro Zwei, nach dem er eifriger Noch forscht und bald vielleicht mit einer Macht, Die höher noch als sein' und meine ist. – Doch kommt, ihr Bursche, rührt euch! Wir sind hier Nicht recht. (Idenstein und Diener ab.) Werner . In welch ein Labyrinth hat mich Mein düster Schicksal hier hineingestoßen! Und die gemeine Sünde brachte mir Gering're Noth, als daß die größere Ich unterließ. – Fort, du geschäft'ger Teufel, Der sich in meiner Brust erhebt! Du kommst Zu spät. Ich will mit Blut zu thun nichts haben. Ulrich tritt auf. Ulrich . Ich suchte dich, mein Vater. Werner . Bringt uns das Nicht in Gefahr? Ulrich . Nein! Strahlenheim ahnt nicht, Daß irgend Bande uns verbinden; ja Noch mehr, er sendet mich, dein Handeln aus- Zuspähn, da ganz er mich gewonnen meint. Werner . Ich kann's nicht glauben, 's ist nur eine Schlinge, Die er uns beiden legt, daß er zugleich Den Vater fang' und Sohn. Ulrich . Ich kann nicht scheun Vor jeder kleinen Furcht, nicht straucheln an Jed' zweifelhaftem Punkt, der auf dem Weg Sich wie ein Brombeerstrauch erhebt. Ich muß Hindurch, wie Einer thät, der unbewehrt – Selbst wenn die Beine nackt! – wenn in dem Wald, Wo um sein Brod er Bäume hackt, ein Wolf Geraschelt käm'. Das Netz ist für die Drosseln, So fängt man Adler nicht. Wir fliegen drob Weg oder reißen sie in Stück'. Werner . Sag' mir Nur wie? Ulrich . Und du erräthst dies nicht? Werner . Ich rath' Es nicht. Ulrich . Seltsam! Trat der Gedanke dir In letzter Nacht nicht nah'? Werner . Ich kann dich nicht Verstehn. Ulrich . Dann werden wir uns nimmermehr Verstehn. – Doch ändern wir den Text. Werner . Das heißt Verfolgen wir ihn weiter, denn der Text Heißt unsre Rettung, Sohn! Ulrich . Ganz recht! Du hast Verbessert meinen Satz. Ich seh' die Sache Und unsre allgemeine Lage klarer. Das Wasser fällt; in wenig Stunden nahn Von Frankfurt her die aufgebot'nen Schergen. Dann wirst du ein Gefang'ner sein, vielleicht Was Schlimm'res noch, und ich ein Auswürfling, Den dieser Herr Baron zum Bastard macht, Damit er Platz bekommt. Werner . Und nun dein Mittel? Ich dachte mittelst des verfluchten Golds Zu flüchten mich, doch jetzo wag' ich nicht Es zu gebrauchen, ja's nur anzusehn. Mir ist, es trag' als Rundschrift meine Schuld Und nicht des Staates Münzenzahl und -namen, Statt Kaisers Kopf mein eigen Haupt, umkränzt Von Schlangen, die mir um die Schläfe rollen Und Jedem, der es ansieht, zischend schrein: »Das ist ein Schuft!« Ulrich . Du darfst es nicht benützen, Jetzt wenigstens noch nicht. Nimm diesen Ring! (Gibt ihm einen Ring) Werner . Ah dies Juwel! es war des Vaters Ring. Ulrich . Und ist deshalb jetzt dein. Damit mußt du Den Castellan bestechen, daß er dir Sein altes Fuhrwerk und zwei Pferde leiht, Um mit dem Tag die Reise fortzusetzen, Die Mutter nimmst du mit. Werner . Und lasse dich, Den ich so spät erst fand, in der Gefahr Zurück? Ulrich . Fürcht' nichts! Gefährlich wär' es nur, Wenn wir zusammen flöhn, denn aufgeklärt Wär' das Verhältniß dann. Das Wasser ist Nur zwischen hier und Frankfurt ausgetreten, Dies ist für uns ein Glück. Der Weg nach Böhmen Ist freilich auch erschwert, doch kommt man durch; Und hast du wen'ge Stunden Vorsprung nur. So ist die Schwierigkeit die gleiche auch Für den, der dich verfolgt. Und hast du erst Die Grenze hinter dir, so bist du sicher. Werner . Mein edler Sohn! Ulrich . Still, still! Jetzt keinen Jubel, Wir wollen jubeln in Burg Siegendorf. Laß ja dein Gold nicht sehn, zeig' diesen Ring Dem Idenstein (ich kenn' den Mann und hab' Ihn ganz durchschaut). So wird ein doppelt Ziel Erreicht. Denn Strahlenheim verlor nur Gold, Nicht Schmuck; somit kann der nicht seiner sein; Und dann wird man den Mann, der solchen Schmuck Besitzt, nicht im Verdachte haben, können, Daß dem Baron er Geld genommen habe, Da er den Ring in mehr verwandeln konnte, Als Strahlenheim in letzter Nacht verlor. Sei nicht zu schüchtern, wenn du an ihn gehst, Doch auch anmaßend nicht, dann wird der Mann Dir gern zu Willen sein. Werner . In allen Dingen Folg' deiner Weisung ich. Ulrich . Ich hätte dir Die Mühe gern erspart, doch hätt' es aus- Gesehn, als nähme ein Int'resse ich An euch. Noch mehr! Hätt' ich zu euern Gunsten Mit einem Ring herumprobirt, so hätt' Man Alles leicht entdeckt. Werner . Mein guter Engel! Dies gleicht mir reichlich das Vergangene aus. Was aber willst du thun, wenn wir nun fort? Ulrich . Entfernt nicht ahnet Strahlenheim, wie nah' Wir uns. Ich warte deshalb ein paar Tag' Bei ihm, um jeden Zweifel einzuschläfern. Dann folg' ich meinem Vater nach. Werner . Um dann Dich nie zu trennen mehr von ihm. Ulrich . Das weiß Ich nicht. Doch werden wir uns wieder treffen. Werner . Mein Sohn, mein Freund! mein einzig Kind, und Retter! O hass' mich nicht! Ulrich . Den Vater hassen! Werner . Ach! Mein Vater haßte mich. Warum nicht auch Mein Sohn? Ulrich . Dein Vater kannte dich nicht so Wie ich. Werner . Ein Stachel liegt in deinem Wort! Du kennst mich? Nein! in dieser Maske kannst Du mich nicht kennen, nein! Da bin ich nicht Ich selbst, doch – hass' mich nicht – ich werde bald Es sein. Ulrich . Ich will's erwarten. Glaub' indessen, Daß Alles, was ein Sohn für seine Eltern Vollführen kann, ich thun werd' für die meinen. Werner . Ich seh's und fühl's; doch fühl' ich mehr, daß du Verachtest mich. Ulrich . Weshalb sollt' ich das thun? Werner . Muß das Beschämende ich wiederholen? Ulrich . Nein! dies und dich hab' ich genug durchschaut. Doch sprechen wir davon nicht mehr, und wenn Es je noch sein muß, nur nicht jetzt. Dein Irrthum Vermehrt die Schwierigkeiten unsres Hauses, Das insgeheim das Strahlenheims bekriegt Und Alles, was wir jetzt zu denken haben, Ist, wie wir seine Pläne nun vereiteln. Ich habe einen Weg gezeigt. Werner . Es ist Der einzige, und ich umfasse ihn Wie meinen Sohn, der mir an einem Tag Sich selbst und seines Vaters Sicherheit Geschenkt. Ulrich . Ja, du sollst sicher sein; laß dies Genügen dir. – Würd' Strahlenheim's Erscheinen Im böhm'schen Lande deine, meine Rechte, Wenn wir einmal in unsre Güter ein- Gesetzt, noch stören können? Werner . Ja, gewiß – In unsrer jetz'gen Lag' – Doch dürfte wol Der Erste, der sie in Besitz genommen, Wie das gewöhnlich ist, sich als der Stärkste Erweisen bald, zumal wenn er im Blut Der Nächste ist. Ulrich . Im Blut! Das ist ein Wort Von mannigfachem Sinn. In unsern Adern Und außerhalb ist's ein verschieden Ding. So wird's auch sein, wenn wer von gleichem Blut – Wie man es nennt – sich doch so fremd ist wie Theban'sche Brüder. Wenn ein Theil auch schlecht, So reinigen ein Paar vergoss'ne Unzen Den Rest. Werner . Ich kann dich nicht verstehn. Ulrich . Mag sein! Und muß vielleicht auch sein! Doch mach' dich nur Bereit. Du mußt mit meiner Mutter fort, Noch heute Nacht. – Da kommt der Castellan. Hol' mit dem Ring ihn aus. Der wird wie Blei Ins Meer in seine feile Seele sinken Und Schmutz, Morast und Schlamm nach Oben bringen, Wie's Blei es thut von seinem fetten Bette; Doch wird es uns durch diese Klippen lootsen. Die Fracht ist reich; so wirf bei Zeit das Loth. Leb' wohl! ich hab' nicht Zeit; doch deine Hand, Mein Vater, noch! Werner . Laß dich umarmen, Sohn! Ulrich . Man könnt' uns sehn! Beherrsche dein Gefühl Und halt' dich fern von mir wie von 'nem Feind. Werner . Verdammt sei, wer die Schlinge hat gedreht, Die unsrer Herzen bestes, süßestes Gefühl erstickt, zumal in solcher Stunde! Ulrich . Ja, fluche nur, erleichtern wird es dich. Da kommt der Castellan! Idenstein tritt ein. Herr Idenstein, Wie steths mit Eurem Werk? Habt Ihr den Schuft Erspürt? Idenstein . Noch nicht! Ulrich . Nun, 's gibt ja Viele noch! Bei einer zweiten Jagd seid Ihr vielleicht So glücklicher. – Wo ist denn der Baron? Idenstein .. Zurück in sein Gemach. Jetzt fällt mir ein, Er frug mit edler Ungeduld nach Euch. Ulrich . So großen Männern muß man augenblicks, Wie des gestoch'nen Rosses Sprung dem Sporn Erwiedrung gibt, entsprechen. Und 's ist gut, Daß Rosse sie besitzen; wär's nicht so, So fürcht' ich sehr, die Menschen müßten selbst Dann ihre Wagen ziehn, wie Könige Sesostris' Wagen schleppten. Idenstein . Wer war der? Ulrich . Ein alter Böhm', ein fürstlicher Zigeuner. Idenstein . Zigeuner oder Böhme bleibt sich gleich, Sie gehen beide auf denselben Namens –. Der also war ein Böhm'? Ulrich . Ich hörte so. Doch muß ich Abschied nehmen, Castellan. Nun, Euer Diener! – Werner! – ( flüchtig zu Werner ) nämlich wenn Dies Euer Name, Eurer auch! ( Ulrich ab. ) Idenstein . Ein hübscher Und redefert'ger junger Herr, der sich Auch zu benehmen weiß. – Ihr sehet, Herr, Der kennt die Stellung, die ihm ziemt. Wie Jedem Das Seinige er gab! Werner. Ich hab's bemerkt Und lob' sein richtiges Erkennen und Das Eure auch. Idenstein . Gut so, sehr gut! Somit Kennt Ihr auch Euern Platz; doch wüßt' ich nicht, Daß ich ihn kennte. Werner ( zeigt ihm den Ring ). Könnte dies etwa Euch zur Erkenntniß helfen? Idenstein . Wie? Was? Ah! Ein Ring! Werner . Er soll bedingungsweise Euch Gehören. Idenstein . Mir? – Nennt die Bedingung. Werner . Daß Ihr mir erlaubt, ihn künftig einzulösen Für eine Summe, die das Dreifache Des Werths beträgt; 's ist ein Familienring. Idenstein . Familienring? Aus Eurem Haus? Mit Steinen! Ich bin ganz außer mir. Werner . Ihr müßt dafür Die Mittel mir verschaffen, um vor Tag Den Ort hier zu verlassen. Idenstein . Ist's denn wahr? Laßt mich betrachten ihn! Ein Diamant, Bei aller Herrlichkeit der Welt! Werner . Wolan! Ich will mich Euch vertraun. Ihr habt gewiß Errathen schon, daß mehr ich bin, als was Ich scheinen muß. Idenstein . Ich kann nicht sagen, daß Ich was errieth; doch das sieht allerdings So aus. Das ist das ächte edle Blut. Werner . Ich habe wicht'ge Gründe, um die Reise Von hier ab im Geheimen fortzusetzen. Idenstein . So seid Ihr denn der Mann, den Strahlenheim So sucht? Werner. Ich bin es nicht; doch wenn man mich Für ihn hier nähme, könnte dies mich jetzt Sehr in Verlegenheiten bringen und Auch in der Folge den Baron. Um das Uns beiden zu ersparen, mied ich gern Jedweden Lärm. Idenstein . Ob Ihr der Mann nun seid, Ob nicht, das scheert mich nicht; und überdies Bekam' ich nie die Hälfte nur von diesem Hochmüth'gen, filz'gen Edelmann, der gern Die ganze Gegend in Bewegung setzte, Um ein paar Groschen willen, die ihm fehlen, Und der nie bietet einen sichern Lohn. Doch das – o laßt mich noch einmal ihn sehn! Werner . Schaut immer zu! Mit Tagesgrau'n gehört Er Euch. Idenstein . Du holder Funkler, du! Du mehr Als Stein der Weisen! Du Probirstein der Philosophie! du leuchtend Aug' der Mine! Du Seelenleitstern, acht magnet'scher Pol, Nach welchem alle Herzen schuldigst zeigen Wie Zitternadeln! Feur'ger Erdgeist du! Der auf des Königs Diadem du sitzest Und mehr Verehrung dir gewinnst als der Monarch, der unter seiner Krone schwitzt, Die Kopfweh' ihm und Pein den Andern macht, Die bluten müssen, Glanz ihr zu verleihn. Und du sollst mein sein? Wahrlich ich erscheine Bereits als kleiner König mir, als ein Beglückter Alchymist, ein weiser Zaub'rer, Der ohne seine Seele zu verkaufen. Dm Teufel sich verpflichtet hat. Doch kommt, Freund Werner, oder wie –? Werner . Sagt Werner nur! Einst werdet unter hö'h'rem Titel Ihr Mich kennen lernen. Idenstein . Ja! ich glaub' an dich. Du bist der Geist, von dem ich lang' geträumt, Der Geist in niedrer Tracht. Ich diene dir! Komm nnr, du sollst so frei sein wie die Luft Trotz allen Wassers. Laß uns geh«! Ich will Dir zeigen, daß ich ehrlich bin. (O mein Juwel!) Du sollst mit solchen Mitteln zum Entfliehn von mir versehen werden, Werner, Daß, wenn du eine Schnecke wärst, kein Vogel Dich fangen könnt'. – O laß mich wieder sehn! Ich hab' in Hamburg einen Freund und Bruder, Der sich auf Edelstein' versteht. Wie viel Karat hat der? Ich mach' dir Flügel, Werner! (Beide ab.) Zweiter Auftritt. Strahlenheims Zimmer. Strahlenheim und Fritz. Fritz . Bereit ist Alles, gnäd'ger Herr. Strahlenheim . Ich bin Nicht schläfrig noch und doch muß ich zu Bett. Gern sagte ich: Zur Ruh'! Doch liegt etwas So schwer auf meinem Geist, der zu betäubt, Um wach zu sein, uno doch zum Schlaf zu rege, Wie eine Wolke ist am Himmelszelt, Die keinen Sonnenstrahl läßt durch, und doch Auch nicht in Regen niedersinkt, vielmehr Sich zwischen Erd' und Himmel breitet aus, Wie oft der Neid den Menschen trennt vom Menschen Als ew'ger Nebelstreif. – Ich will zu Bette. Fritz . Mögt Ihr recht gut dort ruhn. Strahlenheim . Ich fühl' es, daß Ich's werd' und fürchte mich davor. Fritz . Weshalb? Strahlenheim . Das weiß ich nicht, und darum fürcht' ich um So mehr; weil etwas Unbeschreibliches – Doch 's ist ein Unsinn! – Sind die Zimmerschlösser, Wie ich es wünschte, heut' verändert worden? Das Abenteuer dieser Nacht hat es Notbwendig fast gemacht. Fritz . Gewiß! wie Ihr Befahlt und unter meiner Aufsicht und Des jungen Sachsen, der das Leben Euch Gerettet hat. Ich glaub', er nennt sich Ulrich. Strahlenheim . »Du glaubst«? Du übermüth'ger Sklav'! Was fällt Dir ein, gar dein Gedächtniß drob zu tadeln, Das eifrig, stolz und glücklich sollte sein, Den Namen dessen zu behalten, der Dir deinen Herrn gerettet hat, wie ein Gebet, das täglich herzusagen Pflicht. Marsch! fort! »Du glaubst!« Das muß ich sagen! Du, Der heulend, triefend an dem Ufer stand, Indeß ich sterbend lag und jener Fremdling Durch die empörten Wellen schoß und mich Errettete, dem ich nun Dank, wie dir Verachtung hege, Sklav'! »Du glaubst!« Kannst kaum Dich seines Namens noch.erinnern!! Geh'! Ich will an dich kein Wort verschwenden mehr. Weck' mich bei Zeit! Fritz . Gut Nacht! Ich hoff', bis morgen Wird sich der gnäd'ge Herr zu neuer Kraft Und guter Laune aufgeschwungen haben. ( Der Vorhang fällt. ) Dritter Auftritt. Der geheime Gang. Gabor ( allein ). Vier, fünf, sechs Stunden hab' ich nun gezählt Wie eine Wache bei den Außenposten An jener niemals muntern Uhr, der Zeit Tonloser Zunge, die – selbst wenn sie euch Von Freuden spricht – mit jedem Tone doch Etwas vom Frohsinn nimmt. Und wenn sie auch Zur Hochzeit schallt, ist's doch nur Todtenglocke. Ein jeder Schlag streicht eine Hoffnung aus; Zu Grabe läutet sie der Liebe dann, Die eingesargt wird in Besitzes Gruft, Woraus sie nicht mehr aufersteht; indeß Das Grabgeläute altgewordner Eltern Ein heiter Echo weckt im Ohr des Sohns Und ihm verdreifacht des Genusses Zeit. – Mich friert – ich sehe nichts – ich habe in Die Finger mir gehaucht und meine Schritte Gezählt und neu gezählt, und mir den Kopf An ein'ge fünfzig Pfeiler angeschlagen, Und Ratten rings und Fledermäuse auch Emporgescheucht, bis das verdammte Rappeln Und das Geschwirr der Flügel mich fast taub Gemacht. – Ein Licht! Es ist entfernt – wenn ich Im Dunkel die Entfernung messen kann – Es schimmert wie durch einen Spalt, wie durch Ein Schlüsselloch, in der verbot'nen Richtung. Doch muß ich hin, die Neugier kitzelt mich. Ein fernes Licht ist ein Ereigniß ja In einem Loch wie dies. Geb' Gott, daß es Zu nichts mich führt, was mich versuchen könnte, Dann – helf' der Himmel mir, daß ich's erlang', Daß ich entgehn ihm mag! – Es blinkt noch immer. Wär' es der Stern von Lucifer, wär' es Er selbst umloht von seinen Strahlen all, Ich könnt' nicht langer an mich halten. – Sachte! Sehr gut! – Um diese Ecke wären wir! So! – Ah! – Nein! – Recht! Es kommt mir immer näher. Hier ist ein finstrer Winkel. – So! – Der wär' Umschifft. – Jetzt will ich etwas warten. Wie? Wenn's mich in größere Gefahren führte Als die ist, der ich kaum entrann? – Gleichviel! So ist's was Neues doch und neue Noth Zieht wie ein neues Liedchen mächtig an. Ich schreite zu, geh' es, wohin es woll'. Ich habe meinen Dolch, der wird mich schon Im Nothfall schützen. Brenn', mein Licht! Du bist Mein Irrwisch, bleib' nur wo du bist. – So, so! Es hört den Ruf und läßt mich nicht im Stich. ( Der Vorhang fällt. ) Vierter Austritt. Ein Garten. Werner tritt auf. Werner . Ich konnt' nicht schlafen, und die Stunde naht! Bereit ist Alles, Idenstein hielt Wort. Im äußern Theil der Stadt, dort, wo der Wald Beginnt, erwartet uns der Wagen schon. Jetzt fangen auch die matten Sterne an, Am Himmel zu erbleichen, und ich schau' Zum letzten Male diese Schreckensmauern. O niemals, niemals werd' ich sie vergessen! Höchst arm kam ich hierher, doch nicht entehrt, Und nun verlass' ich sie mit einem Flecken, Wo nicht auf meinem Namen, doch im Herzen; Mit einem Wurm, der niemals mehr erstirbt, Den all' der künft'ge Schimmer meiner Lande, Der Titel und der Macht der Siegendorf Kaum einen Augenblick einschläfern kann. Ich muß ein Mittel finden, jenes Gold Zurück zu stellen, und die Seele so Wir zu entlasten. Doch wie machen, will Ich nicht verrathen mich? – Doch Etwas muß Geschehn, und in der ersten Stunde, wo Ich frei, will ich das Wie? mir überlegen. Der Wahnsinn meines Unglücks führte mich Zu dieser Schlechtigkeit; und Reue muß Mich von der Qual befrein. Von Strahlenheims Besitz soll nichts die Seele mir belasten, Und wenn er Alles nimmt, was mein: die Güter, Die Freiheit – 's Leben! Und doch schläft der Mann Vielleicht so ruhig, wie ein Kind nur schläft, Auf seid'nen Kissen, prächtige Gardinen Herunter wallend von des Bettes Himmel Gerade wie – horch, welch Geräusch! Schon wieder! Die Zweige knicken, lose Steine fallen Von der Terrasse dort. ( Ulrich springt von der Terrasse. ) Ulrich! willkommen! Und dreimal jetzt willkommen, theurer Sohn! Ulrich . Halt! ehe wir uns nahn, sag' erst – Werner . Was siehst Du so mich an? Ulrich . Seh' ich den Vater oder – Werner . Was? Ulrich . Einen Mörder hier? Werner . Bist du verrückt? Ulrich . Wenn dir dein Leben lieb ist oder meins, So gib mir Antwort! Werner . Und auf was? Ulrich . Bist du Der Mörder Strahlenheims? Sprich! Bist du's nicht? Werner . Ich war der Mörder noch von keinem Menschen. Was willst du denn? Ulrich . Gingst du nicht diese Nacht – Wie gestern Nacht – in den geheimen Gang? Besuchtest du nicht wieder Strahlenheims Gemach und – ( Ulrich hält inne .) Werner . Fahre fort! Ulrich . Starb Jener nicht Von deiner Hand? Werner . Gerechter Gott! Ulrich . So bist Du schuldlos denn, mein Vater? schuldlos? O Umarme mich! Ja – dieser Ton – der Blick Ja ja – doch sag' es auch! Werner . Wenn jemals ich Im Herzen oder Geist solch' 'nen Gedanken Mit Ueberlegung faßte und ihn nicht Sofort zur Hölle wieder wandern ließ, Wofern er einen Augenblick durch die Erregte, schwer gepreßte Seele blitzte, So mög' der Himmel meine Hoffnungen Wie meine Augen schließen, und für immer! Ulrich . Doch Strahlenheim ist todt. Werner . Das ist entsetzlich! Ist schauerlich! abscheulich! aber was Hab' ich damit zu thun? Ulrich . Kein Riegel ist Gesprengt und nirgends sieht man Spuren von Gewalt, als an dem Körper selbst. Ein Theil Von seinen Leuten ward geweckt; doch da Der Castellan nicht da, nahm ich die Sorge Der Polizei auf mich. Man ist in sein Gemach, das leidet keinen Zweifel, ins Geheim gedrungen. – Ach, verzeiht mir, wenn Natur – Werner . O Sohn! welch unbekanntes Weh, Welch schwarz Verhängniß drückt wie Wolkennacht Auf unser Haus! Ulrich . Mein Vater! ich – ich sprech' Dich frei! Doch wird die Welt es thun? Wird es Der Richter, wenn – doch mußt du gleich jetzt fort. Werner . Nicht doch! ich trotze jeglicher Gefahr; Wer will auf mich Verdacht zu werfen wagen? Ulrich . Doch hattest du nicht Gäste? nicht Besuche? Nicht – außer meiner Mutter – irgend Wen Um dich? Werner . Ach wol! den Ungarn! Ulrich . Der ist fort! Seit Sonnenuntergang ist er verschwunden. Werner . Nein! ich versteckte ihn in dem verborg'nen, Verhängnisvollen Gang. Ulrich . Dort find' ich ihn. (Ulrich will fort.) Werner . Es ist zu spät! Er ist schon fort, eh' ich Das Schloß verließ. Ich fand die Blende offen, Wie auch die Thür, die aus dem Saale führt, Der sie enthält. Ich dachte nur, er hab' Den stillen, günstigen Moment erhascht, Um Idensteins Panduren zu entfliehn, Die gestern Abend ihm hier nachgespürt. Ulrich . Du schloss'st die Füllung wieder zu? Werner . Jawol! Nicht ohne ihm im Innern drob zu grollen Und noch zu zittern ob des kecken Schritts, Da er in seiner Unbesonnenheit So des Beschützers Freistatt der Gefahr Entdeckt zu werden ausgesetzt. Ulrich . Und hast Du ganz gewiß die Füllung neu geschlossen? Werner . Gewiß! Ulrich . Gut so! Doch besser wär's gewesen Du hättest aus dem Gang nie ein Asyl Für – (Er hält inne.) Werner . Diebesvolk gemacht, das willst du sagen? Ich muß es tragen, weil ich es verdiene, Doch nicht – Ulrich . Nein, Vater! Sprich nicht so!, Jetzt ist Die Stunde nicht, so kleinen Fehls zu denken, Vielmehr die Folgen großer abzuwenden. Warum hast du den Menschen retten wollen? Werner . Konnt' ich umhin? Ein Mann verfolgt, gehetzt Von meinem Todfeind wegen einer That, Die ich gethan; ein Opfer für mein Wohl, Der mich auf ein'ge Stunden nur um ein Versteck gefleht – mich, jenen Unglücksmann, Um dessentwillen er dies Obdach brauchte. Wär' er ein Wolf gewesen, konnt' ich ihn Nicht stecken lassen bei so schlimmem Fall. Ulrich . Und wie der Wolf hat er's dir heimgezahlt. Doch 's ist zu spät, darüber lang zu grübeln. Du mußt nun reisen, eh' der Morgen graut, Ich bleibe hier, den Mörder aufzuspüren, Wenn's möglich ist. Werner . Doch diese meine Flucht Wird, da so plötzlich sie, dem Moloch Argwohn Zwei Opfer weihn, statt eines, wenn ich bleibe. Die Flucht des Ungarn, der der Schuld'ge scheint – Ulrich . Der's scheint? Wer And'res könnt' es sein? Werner . Ich nicht, Obschon du's eben noch geglaubt, ja du Mein Sohn – Ulrich . Und zweifelst an dem Flüchtling du? Werner . Mein Sohn! seit selbst ich in den Abgrund des Verbrechens fiel – wenn auch so schweren nicht – Und den der schuldlos, sah verfolgt statt meiner, Muß ich auch zweifeln an des Schuld'gen Schuld. Dein Herz ist rein, und in der Tugend Zorn Gar leicht geneigt, dem Schein nach anzuklagen; Und in der Unschuld Schatten sieht's vielleicht, Nur weil's dort dunkel ist, den Missethäter. Ulrich . Und thu' ich so, was werden Die erst thun, Die dich nicht kennen, und dir jetzt schon drohn? Du darfst es nicht drauf wagen, fort! Ich will Schon Alles hier besorgen. Idenstein Wird seiner selbst, des Ringes halber schweigen. Auch ist er ja an deiner Flucht mit Schuld. Und überdies – Werner . Entfliehn! und meinen Namen Dem jenes Ungarn angereiht zu sehn, Vielleicht als ärmster von uns zwei erwählt, Das Brandmal eines Mords auf mir zu tragen! Ulrich . Ei was! gib Alles Preis, nur unsres Vaters Gewalt und Herrschaft und Castelle nicht, Für die so lang', vergebens du gelitten. Was, Namen!! Du hast keinen Namen, da Der, den du trägst, ja doch erdichtet ist. Werner . Wol wahr, und dennoch möcht' ich nicht, daß er Roth eingezeichnet im Gedächtniß wär' Selbst nicht an diesem dunkelsten der Flecken: Und wenn man forscht – Ulrich. Ich werde Alles schon. Was dich berühren kann, besorgen. Niemand Kennt dich als Erbe hier von Siegendorf. Wenn Idenstein Verdacht hat, ist es nur Verdacht, und er ein Narr. Und seine Narrheit Werd' ich mit Dingen zu beschäft'gen wissen, Die näher als der Werner ihn berühren, Und die Gesetze – wenn Gesetze je Erreichen diesen Ort – sind alle längst In diesem dreißigjähr'gen Krieg erlahmt, Verschollen, – oder steigen langsam erst Aus jenem Staub empor, in den der Marsch Der Heere sie getreten. Strahlenheim, Wenn auch ein Edelmann, gilt hier nicht viel, Wo weder Güter er noch Einfluß hat, Den ausgenommen, der mit ihm verstarb. Gar Wenige verlängern ihre Macht Um Wochen über ihren Tod hinaus, Sind nicht Verwandte da, bei denen dann Ins Spiel das Interesse kommt. Dies ist Hier nicht der Fall. Er starb allein und fremd. Ein einsam Grab, so dunkel wie sein Werth Und ohne Wappenschild, ist Alles, was Er braucht und haben wird. Wenn ich den Mörder Entdecke – gut! wo nicht, entdeckt ihn Niemand, Das glaube mir! So laut ob seiner Asche Sein wohlgenährt Gesind' auch heulen mag, – Wie's um ihn heulte, als im Fluß er lag – Wird's jetzt doch keinen Finger weiter rühren, Als damals es gethan. Drum fort! Ich will Nichts weiter hören! – Sieh! die Sterne sind Beinahe schon erbleicht, und schon beginnt Das schwarze Haar der Nacht sich grau zu färben. Antworte mir jetzt nichts! Verzeih', daß ich So herrisch bin; dein Sohn ist's, der so spricht, Dein lang verlorner, spät gefund'ner Sohn. Wir wollen meine Mutter rufen; leis Und schnell geh' hin; mir überlass' den Rest. Ich stehe für die Sache ein, soweit Sie dich betrifft, das ist der Hauptpunkt ja, Und meine erste Pflicht, die ich erfülle. Wir finden wieder uns auf Siegendorf, Noch einmal sollen unsre Banner flattern! Daran allein denk' jetzt, und überlass' Jedweden weiteren Gedanken mir, Deß Jugend besser ihn bekämpfen mag. Jetzt fort! und mög' dein Alter glücklich sein. Noch einmal werd' ich meine Mutter küssen, Dann sei des Himmels ganzes Glück mit dir. Werner . Dein Rath ist gut, doch ist er ehrenhaft? Ulrich . Des Vaters Heil ist Kindes höchste Ehre. (Beide ab.) Vierter Act. Erster Auftritt. Ein gothischer Saal auf Burg Siegendorf bei Prag. Erich und Heinrich, Dienstleute des Grafen, treten auf. Erich . So zog denn eine bess're Zeit hier ein, Und neue Herrn und prächtige Gelage Erfüllen nun der alten Mauern Raum. Es war auch hohe Zeit. Heinrich . Ja mit den Herrn Mag's sein für die, die Neues stets ersehnen, Wenn's auch durch neue Gräber nur entsteht; Doch auf dem Feld der Feste will mich dünken, Daß schon der alte Graf von Siegendorf So flotte Gastlichkeit von je gepflegt, Wie irgend ein Gewaltiger des Reichs. Erich . Ja, was die Schüssel anbelangt, den Becher! Da fuhren allerdings wir seither auch Nicht schlecht. Doch Unterhaltung, Lust und Scherz, Die erst dem Mahl die rechte Würze geben, War' uns bis jetzt höchst kärglich zugemessen. Heinrich . Der alte Graf war selbst kein Freund vom Schwärmen, Seid Ihr versichert, daß es dieser ist? Erich . Bis jetzt war er so mild wie generös Und Alle lieben ihn. Heinrich . Doch währt sein Reich Ein Jahr kaum länger als der Honigmond, Und eines Herrschers erstes Jahr ist stets Ein Flitterjahr. Bald werden wir sein wahr Gemüth, den ächten Herrschergeist erfahren. Erich . Der Himmel gebe, daß er treu sich bleibt! Und dann sein wackrer Sohn Graf Ulrich. – ist Das nicht ein ächter Ritter? Schade nur, Daß jetzt kein Krieg mehr ist! Heinrich . Wie so? Erich . Seht ihn Nur an, und gebt Euch dann die Antwort selbst. Heinrich . Er ist sehr jugendlich und stark und schön Wie nur ein Tiger. Erich . Kein Vergleich ist das Für einen treuen Unterthan. Heinrich . Jedoch Ein richtiger vielleicht. Erich . 'S ist Schade, wie Gesagt, daß jetzt' der Krieg zu End'. Wer zeigt Zu Haus so wohl getrag'nen Stolz, der Furcht Einflößt, doch nicht verletzt? Wer gleicht ihm auf Der Jagd, wenn mit dem Speer er in der Hand Den Bären hetzt, der, seine Hauer wetzend Und rechts und links die armen Hunde schlitzend Zum Dickicht eilt? Wer lenkt ein Roß, wer trägt Den Falken, schwingt das Schwert wie er? Weß Feder Wallt fürstlicher herab? Heinrich . Nicht Eines, ich Geb's zu! Glaubt mir, wenn allzu lang Krieg auf Sich warten läßt, ist er der Mann, der selbst Ihn macht, – wenn er's nicht schon gethan! Erich . Wie das? Heinrich . Ihr könnt nicht läugnen, daß der Schwanz von Herr'n, Der mit ihm zieht, von denen Wen'ge nur In unsrem Land geborne Leute sind, Zu einer Art von Junkern zählt, die – (Hält inne.) Erich . Was? Heinrich . – Der Krieg, den Ihr so liebt, uns hinterließ. Wie andre Eltern thun, verdirbt auch er Die schlimmsten Kinder noch. Erich . Unsinn! es sind Nur tapfre eisenköpfige Gesellen, Wie sie der alte Tilly mocht'. Heinrich . Und wer Hat Tilly denn gemocht? fragt das einmal In Magdeburg. Auch Wallenstein mögt Ihr In dieser Richtung nennen. Beide sind – Erich . In Ruhe nun! und was darüber ist, Zu untersuchen, ist nicht unsre Sache. Heinrich . Ich wollte nur, sie hätten etwas noch Von ihrer Ruhe hinterlassen uns. Das Land, dem Namen nach in Frieden, ist Noch voll von Gott weiß was für Volk. Sie ziehn Bei Nacht umher und schwinden mit der Sonne. Doch bringen sie nicht wen'ger Jammer uns Als selbst der offenbarste Krieg – ja mehr. Erich . Jedoch, Graf Ulrich, was hat alles Das Mit ihm zu thun? Heinrich . Mit ihm? er könnt's verhindern. Wie Ihr gesagt, er liebt den Krieg. Warum Bekriegt er diese Raubgesellen nicht? Erich . Das fragt Ihr besser wol ihn selbst. Heinrich . Ich früg' Den Löwen grad so gut, warum er Milch Nicht leckt. Erich . Da kommt er selbst. Heinrich . Den Teufel! schweigt. Erich . Was werdet Ihr so blaß? Heinrich . Nichts – aber schweigt. Erich . Ich will für mich behalten, was Ihr sagtet. Heinrich . Ich meinte nichts damit, Ihr könnt mir's glauben. 'S war nur ein Wortscherz, weiter nichts! Und wär' Es anders auch: er ist der Bräutigam Ida's von Strahlenheim, der Lieblichen, Der Erbin des verstorbenen Barons. Sie wird gewiß zu mildern wissen, was Die Wuth des letzten langen Bürgerkriegs In alle Herzen goß, in die zumal, Die drin geboren wurden, die der Mord Auf seinem Schooß erzog und gleichsam schon Mit Blut getauft. Ich bitt', schweigt über Alles, Was ich gesagt. Ulrich und Rudolf treten auf. Heinrich . Graf Ulrich, guten Morgen! Ulrich . Mein lieber Heinrich, guten Tag! – Erich, Ist Alles für die Jagd bereit? Erich . Die Hunde Sind schon zum Wald hinabgeschickt. Die Treiber Durchstreifen das Gebüsch; der Tag verspricht Etwas. Soll das Gefolg' herbei ich rufen? Und welchen Renner wollt Ihr heute reiten? Ulrich . Den Schwarzbraun Wallenstein. Erich . Ich fürchte sehr, Er hat sich von des Montags Mühn noch nicht Erholt. Das war 'mal eine edle Jagd! Ihr stießt mit eigner Hand vier Bären nieder. Ulrich . Da habt Ihr Recht! Ich hatte es vergessen. So soll's der Graue sein, der alte Ziska. Er war seit vierzehn Tagen nicht mehr draußen. Erich . Er wird sogleich gesattelt sein. Wer soll Von dem gewöhnlichen Gefolge heut' Mit Euch? Ulrich . Das überlaß ich Weilburg, dem Bereiter. (Erich ab.) Rudolf! Rudolf . Gnäd'ger Herr! Ulrich . Das ist 'Ne dumme Nachricht von – (Rudolf deutet auf Heinrich) Nun, Heinrich, was Ist los? Was zögert Ihr? Heinrich . Ich wart', ob nicht Mein gnäd'ger Herr was zu befehlen hat. Ulrich . Geh' mal zu meinem Vater und vermeld' Ihm meinen ehrerbiet'gen Gruß, und hör', Ob, eh' zu Pferd ich steig', er noch was von Mir will. (Heinrich ab.) Es heißt, daß unsre Freunde jüngst An Frankens Grenze einen Stoß erlitten; Und die Colonne, die auf sie marschirt, Soll jetzt Verstärkung noch erhalten. Ich Muß bald dahin. Rudolf . Ich wartete auf weit're Und sicherere Nachricht erst. Ulrich . So denk' Ich auch. Die Sache hätte wahrlich nicht Zu einer Zeit erfolgen können, die Feindsel'ger wäre allen meinen Plänen. Rudolf . Es wird sehr schwer sein, Euer Fernesein Vor Eurem Vater zu entschuldigen. Ulrich . Wol wahr, doch der noch unentwirrte Stand Von unserm Gut im obern Schlesien Wird einen Grund zu meiner Reise leihn. Wenn mit der Jagd wir dann beschäftigt sind, Zieht ihr die achtzig Mann, die Wolff führt, weg Und haltet unterwegs Euch in den Wäldern. Ihr kennt den Weg? Rudolf . So gut wie in der Nacht, Da wir – Ulrich . Davon jetzt nichts, bis wir das Gleiche Mit gleichem Glück bald wiederholen können. Wenn Ihr zu Rosenberg gestoßen seid, Gebt ihm den Brief. (Gibt ihm einen Brief.) Und setzt hinzu: ich schicke Ihm diesen kleinen Zuwachs mit Euch selbst Und Wolff, als Bürgen meines Kommens, wenn Ich gleich sie jetzt nur schwer entbehren kann, Da zahlreich Volk mein Vater in der Burg Zu halten liebt, bis jene Hochzeit erst Mit ihren Festen, ihren Narretheien, Mit jenem dummen hochzeitlichen Bimmeln Verklungen ist. Rudolf . Ihr liebtet, glaubte ich. Baronin Ida. Ulrich . Wol! ich liebe sie; Doch daraus folgt noch nicht, daß meine Jugend, Die besten Jahre, die so kurz und warm, An einer Dame Gürtel binden möcht', Und wär's der Venus selbst. Doch lieb' ich sie Wie eine Frau geliebt sein sollt': allein Und wahr. Rudolf . Und treu? Ulrich . Ich glaube so, weil ich Sonst Niemand lieb'. Doch hab' ich keine Zeit Zu solchen Herzenspossen. Großes muß Jetzt bald geschehn, drum eile, eile, Rudolf! Rudolf . Und kehr' ich wieder, ist Baronin Ida In Gräfin Siegendorf wol aufgegangen? Ulrich . Vielleicht, da es mein Vater wünscht. Es ist Auch keine üble Politik, weil solch Ein Ehebündniß mit dem letzten Sprößling Des gegnerischen Zweigs die Zukunft bindet Und das Vergang'ne tilgt. Rudolf . Lebt wohl! Ulrich . Doch halt! 'S wird besser sein, wir bleiben noch beisammen, Bis erst die Jagd beginnt. Dann ziehst du ab Und thust wie ich gesagt. Rudolf . Gut so! – Doch um Auf die Baronin jetzt zurückzukommen: Es war vom Grafen, Eurem Vater, schön, Sehr schön gethan, daß er nach Königsberg Geschickt und jenes schöne Waisenkind Herkommen ließ, um sie als Tochter nun Ins Haus zu nehmen. Ulrich . Einzig schön! Zumal Bis dahin wenig Liebe zwischen uns Bestand. Rudolf . Der jüngst verstorbene Baron Erlag dem Fieber? nicht? Ulrich . Woher soll ich Das wissen, Freund? Rudolf . Ich habe flüstern hören, 'S sei nicht mit rechten Dingen zugegangen Bei seinem Tod. Man weiß nicht einmal recht, Wo er geschah. Ulrich . In irgend einem Dorf An Sachsens oder Schlesiens Grenze 'rum. Rudolf . Er hinterließ kein Testament? kein Wort Des Abschieds? wie? Ulrich . Ich bin nicht Beichtiger, Noch auch Notar, und weiß drum nichts. Rudolf . Das Fräulein! Ida von Strahlenheim tritt auf. Ulrich . Ihr seid früh aus den Federn, schöne Base. Ida . Doch nicht zu früh, mein theurer Ulrich – außer Wenn ich Euch stören sollte. – Doch warum Heißt Ihr mich Base? Ulrich . Seid Ihr's etwa nicht? Ida . Wol! Doch ich mag den Namen nicht; er klingt So kalt, als ob an unsern Stammbaum Ihr Gedacht und unser Blut gewogen nur. Ulrich (erschrocken). Blut? Blut? Ida . Warum entflieht das Eure so Von Euern Wangen? Ulrich . Thut es das? Ida . Jawol! Doch nein! jetzt stürmt es wieder wie ein Strom Bis zu der Stirn' empor. Ulrich (faßt sich). Und wenn es floh, Geschah es nur, weil Eure Gegenwart Es nach dem Herzen jagte, das für Euch, Geliebte Base, schlägt. Ida . Schon wieder »Base«! Ulrich . So will ich Euch denn »liebe Schwester« nennen. Ida . Den Namen lieb' ich wen'ger noch. Ich wollt', Wir wären nicht verwandt. Ulrich (düster). Ich wollt' es auch. Ida . O Himmel! Ihr wünscht das? Ulrich . Geliebte Ida! War's nicht das Echo Eures Wunsches nur? Ida . Ja Ulrich! Doch mit solchem Blick wünscht' ich Es nicht und wußte selbst kaum, was ich sagte. Indeß, ob ich Euch Schwester bin, ob Base, Wenn ich nur Etwas für Euch bin. Ulrich . Ihr sollt Mir Alles, Alles sein! Ida . Und Ihr seid' das Mir schon. Doch ich kann warten. Ulrich . Theure Ida! Ida . Nennt Ida, Eure Ida mich, denn Euer Und niemand And'rem möcht' ich sein – ich habe Ja Niemand sonst, seitdem mein armer Vater – (sie hält inne.) Ulrich . Ihr habt den meinen, Ihr habt mich. Ida . Mein Ulrich! O daß mein Vater doch mein Glück noch schaute! Nur dies fehlt noch. Ulrich . Ja, ja! Ida . Er hätte Euch, Ihr ihn geliebt, denn Brave lieben sich Ja stets. Er war dem Anschein nach zwar kalt, Sein Geist gar stolz, das Vorrecht seines Standes! Doch unter diesem strengen Aeußern schlug – – O hättet ihr doch Euch gekannt! Wärt Ihr Auf seiner Reise nur ihm nah gewesen, Dann wäre er nicht ohne Freund gestorben, Der seine letzten einsamen Minuten Ihm noch versüßt. Ulrich . Wer sagte das? Ida . Was? Ulrich . Daß Er einsam starb? Ida . Die allgemeine Sage Und das Verschwinden seiner Diener, die Niemals zurückgekehrt. Höchst tödtlich war Das Fieber wol, daß Alle hingerafft. Ulrich . Wenn sie ihm nahe waren, starb er doch Nicht so allein, verlassen, unbeachtet. Ida . Was ist ein Knecht an einem Todtenbette, Wenn der getrübte Blick vergebens rings Nach dem sucht, was er liebt. Die Leute sagen, Daß er am Fieber starb. Ulrich . Die Leute sagen? Es war ja so! Ida . Mir träumt zuweilen anders. Ulrich . Ach Träume sind nicht wahr. Ida . Doch seh' ich ihn, Wie Euch ich sehe. Ulrich . Wo? Ida . Im Schlaf. Ich seh', Wie blaß er daliegt, blutend, und ein Mann Steht mit erhob'nem Messer neben ihm – Ulrich . Und seht Ihr dessen Antlitz auch? Ida . (sieht ihn an). O nein! – Mein Gott! seht Ihr ihn? Ulrich . Warum fragt Ihr so? Ida . Weil grad' Ihr ausschaut, als ob einen Mörder Ihr säht! Ulrich . (aufgeregt). Ida! Das sind ja Kinderei'n! Zu meiner Schande steckt Euer Wahn mich an, Wie freilich jed' Gefühl, das Euch bewegt, Auch mich erregt. Ich bitt' dich, liebes Kind, Von etwas Andrem – Ida . Kind? Ei ei! ich zähle Doch fünfzehn Sommer schon! (Ein Horn ertönt.) Rudolf . Hört, gnäd'ger Herr! Das Horn! Ida . (ärgerlich zu Rudolf). Was braucht Ihr das ihm noch zu sagen? Kann er's nicht ohne Euer Echo hören? Rudolf . Verzeiht mir, schöne Baroness'. Ida . Nein! Ich Verzeih's Euch nicht, wenn Ihr es damit nicht Verdient, daß Ihr mir helft, Graf Ulrich heut' Das Jagen auszureden. Rudolf . Dazu braucht Ihr, hohe Dame, meinen Beistand nicht. Ulrich . Ich darf es heute nicht versäumen. Ida . Doch! Ihr sollt's! Ulrich . Ich soll? Ida . Ja, oder seid Ihr mir Kein rechter Ritter. – Lieber Ulrich! gebt Mir nach für diesen einen Tag. Es sieht So düster aus, und Ihr seid vorhin schon So bleich geworden, so verstört. Ulrich . Ihr scherzt. Ida . Ich scherze nicht. Fragt Rudolf nur. Rudolf . In Wahrheit, Ihr habt in dieser Viertelstunde öfter Die Farb' gewechselt, gnäd'ger Herr, als ich's In Jahren sah. Ulrich . 'S ist nichts! und wär' es so, So würde bald die Luft mich wieder heilen. Ich bin ein wahr Chamäleon und lebe Nur an der Luft. Die Feste in der Burg, Die lärmenden Bankets sind keine Nahrung Für meinen Geist. Ein Waidmann bin ich, ein Besteiger steiler Bergesspitzen, wo Ich Alles liebe, was der Adler liebt. Ida . Nur seinen Raub nicht, wie ich hoffen will. Ulrich . Wünscht eine gute Jagd mir, holde Ida, Ich bring' dafür sechs Bärenköpfe Euch Als Beute heim. Ida . So wollt Ihr denn nicht bleiben? Ihr sollt nicht fort. Ich will Euch – kommt! – was singen. Ulrich . Ihr werdet niemals ein Soldatenweib. Ida . Ich will auch keines werden, denn ich glaube, Daß dieser Krieg vorbei und Ihr in Frieden Fortan auf Euern Gütern leben werdet. Werner als Graf Siegendorf tritt auf. Ulrich . Ich grüß' Euch, Vater; und es thut mir leid, Daß dieser Gruß so kurz. Ihr hörtet wol Das Horn; die Leute harren mein. Siegendorf . So laß Sie warten. Du vergaßest ganz, daß morgen Das Friedensfest in Prag gefeiert wird. Du könntest leicht die Jagd so heiß betreiben, Daß heute kaum zurück du davon kehrtest, Und wenn zurück, dann allzu sehr ermüdet, Um morgen neben andern Edelleuten Dort unser Haus mit Würde zu vertreten. Ulrich . Du mußt die Stelle von uns Beiden füllen, Ich bin kein Freund von solchen Kindereien. Siegendorf . Nein, Ulrich, nein! es wär' nicht wohl bedacht, Wenn du allein vom ganzen jungen Adel – Ida . Und weit der adligste im Aeußeren, im Benehmen – Siegendorf . (zu Ida). Ja, so ist's, mein liebes Kind. Klingt auch dein Wort für eine Schöne fast Zu kühn. – Doch Ulrich, denk' an unsre Stellung, Die wir erst kürzlich wieder uns errungen. Glaub' mir, von jedem Hause würd's bemerkt, Vor Allem doch vom unsrigen, wenn Einer Zu solcher Zeit an solchem Orte fehlte. Auch hat der Himmel, der das Unsre uns Zurückgestellt und über Alle Frieden Zugleich gestreut, dadurch ein doppelt Recht Auf unsern Dank: einmal für unser Land Und dann, weil hier wir stehn, und dieses Glücks Theilhaftig sind. Ulrich . (bei Seite). (Jetzt auch noch fromm!) – Gut, Vater! Ich folge dir. (Zu einem Diener). Ludwig, entlaß die Leute! (Ludwig ab.) Ida . So gebt Ihr ihm sofort in Etwas nach, Um was ich stundenlang vergebens Euch Könnt' flehn. Siegendorf . (lächelnd) . Du wirst doch hoffentlich auf mich Nicht eifersüchtig sein, mein reizender Rebell? Du würd'st wol jeden Ungehorsam Entschuldigen, nur den nicht gegen dich? Doch fürchte nichts, du sollst ihn künftig ja Mit holderer und fest'rer Macht beherrschen. Ida . Doch möcht' ich auch schon jetzt Etwas beherrschen. Siegendorf . Ja, deine Harfe, die im Damenzimmer Dein harrt; die Gräfin klagt, daß du Recht lässig deine Musica betreibst. Sie wartet dein. Ida . Dann guten Morgen, Vetter! Wirst du erscheinen, Ulrich, und mich hören? Ulrich . Ich komme gleich. Ida . Glaub' mir, ich mach' es besser Als eure Hornmusik. Drum bitt' ich, sei Gleich pünktlich auch auf meiner Noten Ruf. Ich werde König Gustav's Marsch dir spielen. Ulrich . Warum nicht den des alten Tilly? Ida . Nein! Von diesem Ungeheuer Nichts! Mir wär', Als quölle grauses Stöhnen, nicht Musik Aus meinen Saiten, tönte Etwas drin Bon ihm. – Komm nur recht bald! Die Mutter sehnt Sich stets so sehr nach dir. (Ida ab.) Siegendorf . Mein Ulrich, hör', Ich spräche gern mit dir allein. Ulrich . Ich steh' Mit meiner Zeit dir stets zu Dienst. (Bei Seite zu Rudolf.) Rudolf! Geh' nun und thu, wie ich befahl. So schnell Wie möglich will von Rosenberg ich Antwort. Rudolf . Habt Ihr noch etwas zu befehlen, Graf? Ich muß ein wenig jenseit unsrer Grenze. Siegendorf . (erschrickt). Ah so! Wohin? Nach welcher Grenze hin? Rudolf . Der schlesischen, auf meinem Weg – (Bei Seite zu Ulrich.) Wo sag' Ich hin? Ulrich . (bei Seite zu Rudolf). Nach Hamburg, sag'! (Für sich.) Dies Wort, denk' ich, Soll schon ein Schloß vor weitre Fragen legen. Rudolf . Nach Hamburg, Graf. Siegendorf . (aufgeregt). Nach Hamburg? – Nein! ich hab' Dort nichts zu thun, und bin in keiner Weise Mit dieser Stadt verknüpft. Gott sei mit Euch! Rudolf . So lebt denn wohl, Graf Siegendorf. (Rudolf ab.) Siegendorf . Ulrich! Der Mann, der eben von uns ging, ist Einer Der seltsamen Gesellen, über die Ich ein vernünftig Wort mit dir möcht' sprechen. Ulrich . Er ist von Adel, Vater, und aus einem Der ersten Häuser Sachsens obendrein. Siegendorf . Ich red' von seiner Herkunft nicht, vielmehr Bon seiner Lebensart. Man spricht nichts Gut's Von ihm. Ulrich . Das thut man von den Meisten ja. Selbst der Monarch ist nicht vor der Verleumdung Des eig'nen Kämmerlings geschützt, nicht vor Dem Spott des schlecht'sten Höflings, den er groß Und – undankbar gemacht. Siegendorf Wenn offen ich Soll sein, so spricht die Welt mehr als nicht gut Von ihm. Man sagt, daß er den schwarzen Banden, Die unsre Grenze immer noch verheeren, Verbrüdert sei. Ulrich . Und glaubst du denn der Welt? Siegendorf In diesem Falle ja. Ulrich . In jedem Fall, Dächt' ich, sollt'st du sie besser kennen, um Beschuldigung für Wahrheit gleich zu nehmen. Siegendorf Sohn, ich verstehe dich, du spielst auf – ach! Mein Schicksal hat sein Spinngewebe so Um mich gelegt, daß ich nur flattern kann, Der armen Fliege gleich, doch 's nicht zerreißen. Nimm dich in Acht, mein Sohn! du hast gesehn, Wohin mich Leidenschaft geführt. Sie tilgten Selbst zwanzig Jahre nicht der Noth und Schmach, Und zwanzigtausend werden künftig kaum (Ja hier schon, in Momenten, die als Jahre Uns gelten können auf der Uhr der Angst!) Die Schmach, den Wahnsinn eines Augenblicks Auslöschen, sühnen können! – Ulrich! laß Dich warnen von dem Vater. Ich ward's einst Von meinem nicht. Drum siehst du so mich hier. Ulrich . Ich seh' den glücklichen Graf Siegendorf, Den Grundherrn eines fürstlichen Besitzes, Geliebt, geehrt vom Volk, das er beherrscht, Wie auch von seinen Standsgenossen. Siegendorf Ach! Was nennst du glücklich mich, da ich für dich Doch fürcht'? Und was geliebt, da du mich ja Nicht liebst? Ein jedes Herz mag freundlich für Mich schlagen hier, das meines Sohns bleibt kalt! Ulrich . Wer wagt dies zu behaupten? Siegendorf Niemand als Nur ich, der's sieht, der's fühlt, und tiefer als Dein Feind, der dies zu sagen wagte, Dein Schwert fühlte in der Brust. Die meinige Ach! überlebt den Stich! Ulrich . Du irrst. Mir ist Ein äußres Zärtlichthun von der Natur Versagt. Wie könnt' es anders sein, da ich Zwölf Jahre lang die Eltern nicht mehr sah. Siegendorf Und brachte nicht auch ich zwölf schwere Jahre In ähnlichem Entbehren zu? Jedoch Vergeblich wär's dich zu bestürmen, denn Natur wird durch Ermahnung nicht zurück Geholt. Wir wollen nun von Andrem sprechen. Ich wünsche, daß du wohl bedenkst, wie diese So heft'gen jungen Herrn von hohen Namen Doch dunkeln Thaten (ja den dunkelsten, Wenn Alles, was die Sage meldet, wahr) Mit denen du verkehrst, auch dich verleiten – Ulrich (ungeduldig). Ich lasse mich von keinem Manne leiten! Siegendorf . Und leitest keinen auch, laß mich es hoffen? Um der Gefahren deiner Jugend dich, Und deines stolzen Geistes zu entheben, Hab' ich für gut befunden, daß du dich Mit Ida sollt'st verbinden, um so mehr, Als du sie auch zu lieben scheinst. Ulrich . Ich sagte, Daß deinem Wunsche ich gehorchen wolle Und müßt' ich mich mit Hekate vermählen. Kann wol ein Sohn versprechen mehr? Siegendorf . Er thut Zu viel, wenn so viel er verspricht. Es liegt Nicht in dem Wesen deiner Altersstufe Noch deines Bluts, noch deines Temp'raments, So kalt zu sprechen, und so unbekümmert In Etwas zu verfahren, was die Blüte, Doch auch der Mehlthau oft des Menschenglücks (Denn ruhelos ist selbst des Ruhmes Kissen, Wenn Liebe nicht die Wange darauf legt). Es ist dir dienstbar irgend eine Kraft, Ein Erzfeind, der dich irre leitet, weil Du ihn für deinen Sklaven hältst und doch Ihm die Gedanken alle dienstbar machst. Sonst sagtest offen du: »Ich liebe Ida Und will zum Weib sie nehmen« – oder auch: »Ich lieb' sie nicht und keine Macht der Welt Soll mich zu dieser Heirath zwingen.« – So Hätt' ich gesagt. Ulrich . Du hast aus Liebe dich Vermählt. Siegendorf . Jawol, und 's war in manchen Nöthen Mein einz'ger Trost. Ulrich . Doch deine Nöthen wären Nie ohne diesen Liebesbund gekommen. Siegendorf . Noch immer gegen Jahre und Natur! Wer sprach mit zwanzig Jahren jemals so? Ulrich . Hast du nicht selber mich gewarnt, es nicht Wie du zu machen? Siegendorf . Kindischer Sophist! Mit einem Worte: Liebst du Ida – oder Liebst du sie nicht? Ulrich . Was macht das, wenn bereit Ich bin, zum Weibe sie zu nehmen? Siegendorf . Nichts, Soweit es dein Gefühl betrifft, doch Alles Für sie; denn sie ist jung, vergöttert dich, Ist schön, mit Eigenschaften reich begabt, Ein Glück zu geben, das gemeines Leben Zu einem Traume macht, wie eure Dichter Ihn zu ersinnen nicht vermögen und (Wär's Weisheit nicht, die Tugend nur zu lieben) Wofür Philosophie die Weisheit gab' Dahin. Und wer so viel des Glückes gibt, Verdient auch ein'ges wieder zu erhalten. Ich möchte nicht, daß ihr um einen Mann, Der selbst kein Herz besitzt, das ihre bräche, Daß sie verwelkte wie die blasse Rose, Die von dem Vogel schnöd verlassen wird, Den sie für eine Nachtigall gehalten, Wie uns das Märchen sagt. Sie ist – Ulrich . Das Kind Des todten Strahlenheim, der einst dein Feind. Ich werde gleichwol mich mit ihr vermählen, Obwol ich, frei gesagt, gerade jetzt Nicht heftig für Verbindungen der Art Begeistert bin. Siegendorf . Doch liebt sie dich. Ulrich . Und ich Lieb' sie, und möcht' es zweimal drum bedenken. Siegendorf . Ach Liebe that das nie! Ulrich . Dann ist es Zeit, Daß sie damit beginnt, die Binde von Den Augen nimmt und aufschaut, eh' sie springt. Bis jetzt ist sie im Dunkeln zugesprungen. Siegendorf . Doch stimmst du zu? Ulrich . Ich that's und thu' es noch. Siegendorf . Nun, so bestimm' den Tag. Ulrich . Gebrauch ist's sonst Und artig jedenfalls, daß ihn die Dam' Bestimmt. Siegendorf . Ich stehe für sie ein. Ulrich . Das würd' Für keine Frau ich thun; und da ich das, Was ich bestimm', gern unerschüttert säh', Soll meine Antwort sie empfahn, so bald Sie ihre gibt. Siegendorf . Jedoch die Werbung muß Von dir ausgehn. Ulrich . Graf! Diese Heirath ist Ganz Euer Werk, so werbet denn auch Ihr. Doch um Euch angenehm zu sein, will ich Die Mutter jetzt, wo wie Euch ja bekannt Baronin Ida weilt, nach Pflicht begrüßen. Was wollt Ihr denn? Ihr habt mir untersagt, Mich außerhalb der Mauern dieses Schlosses Mit männlichem Vergnügen zu befassen. Ich hab' gehorcht. Jetzt wollt Ihr noch, daß ich Zum Stubenhocker werde, Handschuh' hole, Und Fächer halt', Stricknadeln heb' vom Boden, Auf Lieder lausche, um ein Lächeln buhle, Mich an Geschwätz erfreu' und einem Weib Tief in die schönen Augen seh', als wären's Die Sterne, die auf unsern Wunsch am Morgen Vor einer Weltschlacht früh zurück sich ziehn. – Was kann ein Sohn, ein Mann noch weiter thun? ( Ulrich ab .) Siegendorf . Das ist zu viel – zu viel der Pflicht und all Zu wenig Lieb'! Er zahlt mich in der Münze, Die er nicht schuldet, heim. Denn so war mein Verkehrt Geschick: ich konnte nicht bis heut' Des Vaters Pflicht an seiner Seite üben. Doch Liebe schuldet er mir viel; niemals Ließ mein Gedanke von ihm ab, in Thränen Sehnt' ich mich stets, mein Kind zu sehn. Nun hab' Ich's wol gefunden, aber wie? Gehorsam, Doch kalt; treu seiner Pflicht vor meinen Augen, Doch interesselos, geheimnißvoll, Zerstreut, mir fremd, abwesend viel und da, Wo Niemand weiß, in enger Freundschaft mit Den wildesten von unsern jungen Edeln, Wenn er auch nie – was wahr ist, bleibe wahr! – Herab sich läßt zu ihren niedern Freuden. Ein innig Band jedoch ist zwischen ihnen, Das ich nicht lösen kann. Sie schaun zu ihm Empor, sie holen Rath bei ihm und drängen Sich fast wie um ein Oberhaupt um ihn. Mir aber schenkt er sein Vertrauen nicht. Ach kann ich das auch hoffen nach – – ? Erstreckt Sich meines Vaters Fluch bis auf mein Kind? Ist jener Ungar wieder in der Näh', um mehr Des Blutes zu vergießen? Oder – Oh Wenn's möglich wär'! O Geist von Strahlenheim. Schwebst du um diese Mauern, um den Mann Und all die Seinen zu verderben, der Zwar dich nicht schlug, doch dir des Todes Thor Eröffnet hat? Es war nicht unsre Schuld Und ist nicht unsre Sünd', du warst mein Feind; Doch schont' ich dich, als mein Verderben noch Auf deinem Kissen schlief, um – würd'st du wach – Zugleich mit zu erwachen. Ach! ich nahm Nur – O verfluchtes Gold! du liegst wie Gift Mir in der Hand. Ich wag's nicht, dich zu brauchen, Noch auch von dir zu scheiden, denn du kamst Auf solche Art zu mir, daß du vielleicht Wie meine – jede Hand beflecken würdst. Doch that ich, um dich, schlechtes Gold, zu sühnen Und deines todten Herren Mord (wenngleich Der nicht durch mich, noch durch die Meinen, fiel), Was ich, wenn ich sein Bruder war, nur konnte. Ich nahm bei mir die Waise Ida auf Und liebte sie als Eine, die einst mein Sein, wird. Ein Diener tritt auf . Diener . Der Abt, nach dem Ihr habt gesandt Will, wenn es Eurer Erlaucht so gefällt, Euch grüßen. Prior Albert tritt auf . Prior . Friede sei mit diesen Mauern Und Allen, die darin. Siegendorf . Willkommen, Vater, Und möge dein Gebet Erhörung finden. Die Menschen haben es ja Alle Noth Und ich – Prior . Ihr habt den ersten Anspruch auf Die wärmsten Bitten unsrer Brüderschaft, Denn unser Kloster, das einst Eure Ahnen Gestiftet, wird von deren Kindern noch Beschützt. Siegendorf . Ja, guter Vater! fahre fort In dieser trüben Zeit voll Ketzerei Und Blut, für uns zu bitten jeden Tag, Wenn auch der ketzerische Schwede Gustav Nun heimgegangen ist. Prior . Zu jener Wohnung Der Glaubenslosen, wo ein ewig Weh' Und Zähneklappern ist, und blut'ge Thränen Und ewig Feuer und der Wurm, der nie Erstirbt. Siegendorf . Ja, Vater! und um diese Pein Von Einem abzuwenden, der zwar unsrer Höchst makellosen heil'gen Kirche lebte, Doch ohne jene Sacramente starb, Die durch das Fegefeuer sicher helfen – Der Seele, biete demuthsvoll ich dies Geschenk zu Seelenmessen für den Mann. (Siegendorf gibt ihm das Gold, das er bei Strahlenheim genommen.) Prior . Wenn ich es nehme, Graf, geschieht's nur, weil Ich zu wohl weiß, daß eine Weig'rung Euch Beleid'gen würd'. Seid überzeugt, daß dies Geschenk zu milden Gaben nur verwendet Und deshalb jede Messe für den Todten Dennoch gesungen wird; denn unser Haus – Dank Eurem, das es einst so reich bedacht – Bedarf Geschenke nicht, wird aber doch Euch und den Eurigen in allen Dingen, Die schicklich sind, Gehorsam gerne leisten. Für wen soll ich die Messen lesen lassen? Siegendorf (stockend) . Für – für – den Todten, Vater! Prior . Und sein Name? Siegendorf . Nicht von dem Namen möcht' ich, von der Seele Das ewige Verderben wenden, Vater! Prior . Ich wollte mich in kein Geheimniß drängen, Wir werden beten für den Unbekannten, Wie wenn's der Höchste wär'. Siegendorf . Geheimniß hab' Ich keins. Doch, Vater, Der, der starb, mag Ein's Bei sich getragen haben. Er vermachte – Das heißt, nicht grade er – doch ich bestimme Die Summe hier zu einem frommen Zweck. Prior . Ein solches Werk geziemt sich wol zu thun, Wenn Freunde von uns gehn. Siegendorf . Doch Der dahin, War nicht mein Freund, vielmehr mein tödlichster, Mein größter Feind. Prior . Nur um so besser dann! Den Reichthum dazu brauchen, daß den Himmel Man für die Seele seines ärgsten Feinds Gewinnt, ist Eines würdig, der, als er Gelebt noch, ihm verzieh. Siegendorf . Doch ich verzieh Ihm nicht. Ich flucht' ihm bis zuletzt, wie er Mir that. Auch jetzt lieb' ich ihn nicht, allein – Prior . Das ist noch mehr, ist reinste Religion. Ihr hälfet dem, der Euch verhaßt, gern aus Der Höll'! ein christlich Mitleid! und dazu Mit Eurem eig'nen Gold. Siegendorf . 'S ist nicht mein Gold. Prior . Weß ist es denn? Ihr sagtet doch, 's sei kein Legat? Siegendorf . Gleichviel wem es gehört. Deß seid Gewiß, daß der, dem es gehört, es nicht Mehr brauchen kann, es sei zu solchen Dingen, Die man von Eurem Altar sich erkauft; Euch oder Eurem Altar drum gehört's. Prior . 'S klebt doch kein Blut daran? Siegendorf . Nein, aber Schlimm'res: Endlose Schmach! Prior . Starb Der in seinem Bett, Dem es gehörte? Siegendorf . Ach! er that's! Prior . Mein Sohn, Ihr fallt in Euern Rachedurst zurück, Wenn Ihr des Feinds unblut'gen Tod beklagt... Siegendorf . Sein Tod war nur zu tief in Blut versenkt. Prior . Ihr sagtet doch: er starb in seinem Bett, Nicht in der Schlacht? Siegendorf . Er starb – ich weiß es selbst Nicht wie – er ward im Dunkel umgebracht; Er starb – da habt Ihr's nun! – auf seinem Kissen An einem – abgeschnitt'nen Hals. – Ach Gott! Ihr seht mich an? Ich bin nicht dieser Mann, In dem Punkt kann ich Euern Blick ertragen Wie Gottes Blick dereinst! Prior . Er starb auch nicht Durch Leute, Werkzeug, Mittel, die von Euch Gestammt? Siegendorf . Nein! bei dem Gott, der sieht und schlägt. Prior . Und wißt Ihr nicht, wer ihn getödtet hat? Siegendorf . Auf Einen könnte ich nur rathen, der Ein Fremder mir, durch nichts verbunden mir, Noch auch durch mich bestellt. Ich sah den Mann, Der in Verdacht gerieth, nur einen Tag. Prior . Dann seid Ihr frei von Schuld. Siegendorf ( lebhaft ). O bin ich's? Sprecht! Prior . Ihr habt es selbst gesagt und wißt's am besten. Siegendorf . Ich sprach die Wahrheit, Vater! nur die Wahrheit, Wenn auch die ganze nicht. – Doch sagt, daß ich Nicht schuldig sei, denn dieses Mannes Blut Drückt so auf mich, als hätte ich's vergossen, Obwol ich's nicht gethan, ich schwör' es bei Der Macht, die Blutvergießen stets gehaßt! Nein! ich verschonte ihn einmal, wo ich Ihn treffen konnt' – vielleicht auch sollt', denn Nothwehr Ist, wenn ein übermächt'ger Feind uns drückt, Stets zu entschuldigen. Doch betet jetzt Für ihn, für mich, mein ganzes Haus; denn wie Gesagt, obwol ich schuldlos bin, so fühl' Ich doch, ich weiß nicht wie es kommt, grad' so Gewissensbiss', wie wenn durch mich er oder Die Meinigen gefallen wär'. Drum betet Für mich, mein Vater! Ach vergebens hab' Ich selbst gebetet. Prior . Gut, mein Sohn! ich will's; Jetzt tröstet Euch: unschuldig' seid Ihr ja Und solltet ruhige wie die Unschuld sein. Siegendorf . Doch immer nicht ist mit der Unschuld Ruh' Vereint. Ich fühl's: sie ist es nicht. Prior . Allein Ihr werdet es, wenn Ihr die Wahrheit erst Des Tatbestands recht zu Gemüth Euch führt. Denkt an das morgige erhabne Fest, Wo unter unsre ersten Edeln Ihr Und Euer braver Sohn Euch reiht, und glättet Die Stirn. Und bei dem allgemeinen Dank- Gebet, daß nun die blut'ge Zeit vorbei, Laßt nicht ein Blut, das Ihr ja nicht vergoßt, Auf Eure Seele einen Schatten werfen. Das war' zu peinlich! Tröstet Euch! vergeßt! Und laßt dem Schuld'gen des Gewissens Biß. Fünfter Act. Erster Auftritt. Großer und prächtiger gothischer Saal auf Burg Siegendorf, geschmückt mit Trophäen, Fahnen und Waffen der Familie. Arnheim und Meister, Dienstleute des Grafen von Siegendorf, treten auf. Arnheim . Macht schnell! Der Graf kommt gleich zurück. Die Damen, Sind schon am Thor. Habt nach dem Manne, den Er sucht, Ihr Boten ausgesandt? Meister . Ich that's In jeder Richtung über Prag hinaus, So weit des Mannes Kleidung und Gestalt Nach Eurer Schild'rung zu erspähen war. Der Henker hol' die Aufzug' und Bankete! Den ganzen Spaß davon hat der Beschauer – Wenn Spaß dabei! – wir aber sicher nicht, Die sich zur Schau gestellt. Arnheim . Die Gräfin kommt! Paß auf! Meister . Ich wollte lieber Tage lang Auf einer abgetrieb'nen Mähre jagen, Als in dem Schweife eines großen Herrn Bei solchen Possen gehn. Arnheim . Mach' daß du fort- Kommst und schimpf' drin! (Beide ab.) Gräfin Josephine von Siegendorf und Ida von Strahlenheim treten auf. Josephine . Jawol, dem Himmel sei Gedankt, daß dieses Schaugepräng' vorbei! Ida . Wie kannst du so was sagen! Niemals träumt' Ich größ're Herrlichkeit! Das grüne Laub, Die Blumen, Fahnen, Edelleute, Ritter, Juwelen, Federhüte und Costüme, Die glücklichen Gesichter und die Rosse, Der Weihrauch und die Sonne, die durch die Gemalten Fenster brach, die Gräber selbst, Die so in Frieden lagen, und die Hymnen, Die eher von des Himmels Blau herab Zu rauschen schienen als empor zu steigen, Der Orgel Schall, der wie harmon'scher Donner Von Oben kam, die weißen Festgewänder, Die Blicke, die nach Oben sahn, die Welt In Frieden und die Menschen alle auch! O theure Mutter! (Umarmt Josephine.) Josephine . Mein geliebtes Kind! Denn das, so hoff' ich, wirst du bald jetzt sein. Ida . Ich bin es schon! Fühl', wie das Herz mir schlägt. Josephine . Ja, ja, es schlägt, mein Kind! Mög's niemals pochen Um ein betrübter Ding! Ida . Das soll es nicht. Wie könnt' es auch? Was könnt' uns Kummer machen? Ich lieb' es nicht, von Gram auch nur zu hören. Wie können wir auch traurig sein, da Eins Das Andere so innig liebt? Ihr und Der Graf und Ulrich und auch Eure Ida! Josephine . Du armes Kind! Ida . Beklagst du mich? Josephine . Nein, ich Beneide dich; und zwar in Schmerz, nicht in Dem Sinn, in dem dies allgemeine Laster – Wenn eines allgemeiner sein kann als Ein anderes – die Welt versteht. Ida . Ich will Kein Wort vernehmen gegen eine Welt, Die Euch und meinen Ulrich noch enthält. Saht je Ihr etwas, das ihm ähnlich war? Wie ragte er aus Allen heut' empor! Wie folgten alle Blicke ihm! die Blumen Ergossen schneller sich, sie regneten Aus jedem Gitter fast ihm zu und wie Mich dünkte, dichter als den andern Allen, Und wo er schritt, da möcht' ich schwören, wachsen Sie weiter noch und werden niemals welken. Josephine . Du wirst ihn ganz verderben, Schmeichlerin Wenn er dich hört. Ida . Das aber wird er nie! Ich wage nicht, zu ihm so viel zu sagen. Ich fürchte ihn. Josephine . Warum? Er liebt dich doch. Ida . Und dennoch kann ich, was ich von ihm denke, In Worten nie so deutlich an ihn richten, Und überdies: er macht mir manchmal Angst. Josephine . Wie so? Ida . 'S geht über seine blauen Augen Oft plötzlich eine Wolke hin; doch sagt Er nichts. Josephine . O das macht nichts! Den Männern allen, Besonders in den jetz'gen trüben Zeiten, kommt oft so Manches, was zu denken gibt. Ida . Und ich kann gar nichts denken als nur ihn. Josephine . Doch gibt's noch andre Männer, die die Welt Für ebenso vortrefflich hält. Zum Beispiel Der Graf von Walddorf, jener junge Mann, Der kaum das Auge von dir ließ. Ida . Ich sah ihn nicht, sah Ulrich nur. Bemerktet Ihr nicht, wie ich geweint, da Alle knieten? So dicht und warm die Thränen mir da flossen. Glaubt' ich gesehn er lächle sanft mir zu. Josephine . Ich sah den Himmel nur, nach dem mein Auge Gerichtet war, wie alles Volkes Blick. Ida . Auch ich dacht' den Himmel, doch ich sah Auf Ulrich nur. Josephine . Komm jetzt! laß uns hinein! Sie werden bald zu dem Banket erscheinen. Wir wollen uns der schwanken Federhüte Entledigen der schweren Kleiderschleppen. Ida . Vor Allem diese drückenden Juwelen, die auf der Stirne mir, im Gürtel funkeln Und mir nur Kopf- und banges Herzweh machen. Graf Siegendorf kommt im Festkleid von den Feierlichkeiten, mit ihm Ludwig. Siegendorf . Man hat ihn nicht entdeckt? Ludwig . Man sucht mit Eifer Und überall nach ihm. Wenn er in Prag Sich noch verweilt, wird man ihn sicher finden. Siegendorf . Wo ist mein Sohn? Ludwig . Er schlug den andern Weg Mit ein'gen jungen Edelleuten ein; Doch er verließ sie bald und irr' ich nicht, Vernahm ich eben erst, wie der Herr Graf Durch's Westthor galopirte mit Gefolg, Ulrich, reich gekleidet, tritt auf. Siegendorf (zu Ludwig). Sieh' zu, daß man nicht aufhört, nach dem Mann, Den ich beschrieb, zu fahn. (Ludwig ab.) O Ulrich, wie Hab' heut' ich mich nach dir gesehnt! Ulrich . Dein Wunsch Ist nun erfüllt, du siehst mich hier. Siegendorf . Ich sah Den Mörder heut'. Ulrich . Wen? wo? Siegendorf . Den Ungar, der Den Strahlenheim erschlug. Ulrich . Du träumst. Siegendorf . Ich leb', Und wie ich lebe, sah ich, hört' ich ihn. Er wagte es, bei Namen mich zu nennen. Ulrich . Bei welchem? Siegendorf . Werner, der war mein! Ulrich . Er soll Es nicht mehr sein, vergesse ihn! Siegendorf . Nie, nie! Mein ganz Geschick ist mit dem Wort verwebt; Es wird dereinst nicht auf mein Grab gesetzt, Doch mag es sein, daß mich's dahin noch bringt. Ulrich . Zur Sache – jener Ungar –? Siegendorf . Hör'! Die Kirche War voll von Volk. Man sang die Friedenshymne Te Deum ! scholl von Völkern mehr als Chöre In einem großen Ruf: Gelobt sei Gott Für einen Friedenstag nach dreißig Jahren Wovon eins blut'ger als das andre war! Als mit den andern Edeln ich mich nun Erhob und von der Galerie, die reich Mit unsern Wappen war geschmückt und Fahnen, Auf die Gesichter sah, die aufwärts schauten, Da wie ein Blitz – denn einen Augenblick Nur sah ich nicht hin, nicht mehr – taucht Etwas auf Was blind mich macht' für jedes andre Ding; Des Ungarn Antlitz! Mir vergehn die Sinne. Und wie ich aus dem Nebel wieder zu Mir kam, der meinen Geist umfing, und wieder Hinunterschau', erblick' ich ihn nicht mehr. Der Gottesdienst war aus, wir kehrten heim Im Zug. Ulrich . Mach fort! Siegendorf . Als wir die Moldaubrücke Erreicht und oben froh die Menge wogte, Zahllose Barken unten, reich bemannt Mit frohem Volk im bunten Festgewande, Durch schimmernde Gewässer schossen hin, Konnt' weder dies noch die geschmückte Straße, Der lange Zug, die schmetternde Musik, Der ferne Donner schwerer Artillerie, Die jetzt ein Lebewohl zu sagen schien Dem alten Werk, die wehenden Standarten, Das Stampfen, Summen dieser Tausende, Dies Alles, Alles konnte nicht das Bild Des dunkeln Manns aus meiner Seele scheuchen, Wenn er auch meinen Sinnen faßbar nicht Mehr war. Ulrich . So sahst du nicht mehr ihn? Siegendorf . Ich sah Mich um nach ihm, wie nur ein sterbender Soldat nach einem Trunke Wassers schaut. Doch sah ich ihn nicht mehr, wol aber – Ulrich . Nun? Siegendorf . Mein Auge fiel auf deines Helmbuschs Wallen; Als höchster auf dem höchsten schönsten Haupt Ragt' er empor aus diesem Federnstrome, Der sich durch alle Straßen Prags ergoß – Ulrich . Und was ist's mit dem Ungarn nun? Siegendorf . Ich hatte Fast über meinem Sohn ihn schon vergessen, Doch als die Artill'rie nun schwieg und die Musik verstummte und die Menge bald Zum Jauchzen überging, da hörte ich, Wie eine tiefe Stimm', die aber stärker Und schneidender mir in die Ohren drang Als der Kanonan Schall, den Namen Werner – Ulrich . Wer sprach's? Siegendorf . Er, er! Ich wandte mich und sah, Und fiel in Ohnmacht. Ulrich . Und weshalb? Sah man Dich dort? Siegendorf . Der Leute vielgeschäft'ge Sorgfalt, Die meine Ohnmacht sahn, doch ihren Grund Nicht ahnten, brachte mich hinweg. Auch du Warst zu entfernt im Zug – da man die Alten Von ihren Kindern ja geschieden hatte – Um Beistand mir zu leisten. Ulrich . Aber jetzt Vermag ich's wol. Siegendorf . Bei was? Ulrich . Beim Suchen nach Dem Menschen oder – sprich! was soll mit ihm Geschehn, wenn er gefunden ist? Siegendorf . Das weiß Ich nicht. Ulrich . Weshalb dann suchen? Siegendorf . Weil ich nicht Mehr ruhen kann, bis er gefunden ist: Sein Schicksal, Strahlenheims und unsres scheint Verwoben tief und nicht entwirrbar, bis – Ein Diener tritt auf. Diener . Ein fremder Herr möcht' Eure Erlaucht sprechen. Siegendorf . Wer ist's? Diener . Er sagte keinen Namen. Siegendorf . Laß Ihn gleichwol ein. (Der Diener führt Gabor ein und geht). Ah! Gabor . Also Werner doch! Siegendorf (vornehm). Derselbe, den als solchen Ihr gekannt. Und Ihr? Gabor (sieht sich um). Ja, ich erkenn' euch beide wieder: Den Vater, wie es scheint, und Sohn. – Ich hörte, Daß Ihr nach mir gefahndet, Graf. Nun bin Ich hier. Siegendorf . Ich suchte Euch, und fand Euch – ja! Ihr seid – und Euer Herz wird es Euch sagen, Weshalb? – so schrecklichen Verbrechens an- geklagt daß ich – (Hält inne.) Gabor . Sprecht Euch nur aus, und dann Werd' ich die Folgen auf mich nehmen. Siegendorf . Ja. Das sollt' Ihr auch. Gabor . Zuerst – wer klagt mich an? Siegendorf . Euch? Alle Dinge, wenn nicht alle Leute, Die allgemeine Stimme und mein eigen Zugegensein an Ort und Stell' – die Zeit – Der kleinste Umstand selbst trägt dazu bei, Die That Euch beizumessen – Gabor . Und nur mir? Bedenkt's, eh' Ihr mir Antwort gebt. Ist denn Kein andrer Namen noch bei diesem Werk Befleckt? Siegendorf . Armsel'ger Bösewicht! Was spielst Du so mit deiner Schuld? Von allen Menschen Kennst du die Unschuld Dessen wol am besten, Auf den du blut'gen Schimpf jetzt hauchen möchtst. Doch länger red' ich nicht mit einem Schuft, Nicht länger als Gerechtigkeit es heischt. Antwortet jetzt geradezu und ohne Daß Ihr mit Worten spielt, auf meine Anklag'. Gabor . Sie ist nicht wahr! Siegendorf . Wer sagt das? Gabor . Ich! Siegendorf . Wie wollt Ihr sie entkräften? Gabor . Durch den Mörder selbst. Siegendorf . So nennet ihn! Gabor . Verschiedne Namen führt Er wol. Auch Ihr, Herr Graf, habt's einst gethan. Siegendorf . Wenn mich Ihr meint, so kann ich Trotz Euch bieten. Gabor . Das könnet Ihr in aller Ruh'. Ich kenn' Den Mörder wohl. Siegendorf . Wo ist er? Gabor (deutet auf Ulrich). Neben Euch. (Ulrich stürzt auf Gabor los, Siegendorf tritt dazwischen.) Siegendorf . Du lügnerischer Teufel! Doch man soll Dich hier nicht tödten. Diese Mauern sind Noch mein, in ihnen bist du sicher. (Wendet sich gegen Ulrich). Ulrich! Weis' die Verleumdung nur zurück wie ich. Wol lautet sie so ungeheuerlich, Daß aus der Hölle nur sie stammen kann. Doch bleibe kalt, sie widerlegt sich selbst. Berühr' ihn nicht. (Ulrich ist bemüht, sich zu fassen.) Gabor . Seht ihn nur an, Herr Graf! Und dann hört mich. Siegendorf (der sich zuerst gegen Gabor wendet, blickt dann auf Ulrich). Ich höre dich. – Mein Gott! Du siehst ja – Ulrich . Wie? Siegendorf . Wie in der Schreckensnacht, Da wir im Garten uns getroffen. Ulrich . Es Ist nichts. Gabor . Ihr müßt mich hören, Graf. Ich kam Hierher, nicht weil ich Euch, nein! weil Ihr mich Gesucht. Als unterm Volk dort in der Kirche Ich niederkniete, dacht' ich nicht, den Werner, Den armen Mann im Sitz der Senatoren, Der Fürsten zu erblicken. Doch Ihr rieft Mich und wir haben uns getroffen. Siegendorf . Weiter! Gabor . Eh' ich es thu', erlaubt mir, daß ich frage: Wer hat durchs Ende Strahlenheims gewonnen? War ich es, der so arm ist wie zuvor, Ja mehr, da meinen Namen traf Verdacht? Bei seinem letzten Unglück büßte der Baron nicht Edelsteine ein, noch Gold, Nur auf sein Leben war es abgesehn, Ein Leben, das vor Andrer Anspruch stand Auf Rang und Güter, die fast fürstlich sind. Siegendorf . 'Ne leere schwankende Verdächtigung, Die ebenso auf mich wie meinen Sohn Kann gehn! Gabor . Ich kann's nicht anders machen. Doch Die Folgen mögen Den von uns nur drücken, Der selbst sich schuldig fühlt. Ich sprech' zu Euch, Graf Siegendorf, weil Eure Unschuld mir Bekannt und weil ich für gerecht Euch halte. Doch eh' ich weiter rede, sagt: wagt Ihr's Mich zu beschützen? wagt Ihr zu befehlen, Daß fort ich fahren soll? (Siegendorf sieht erst auf den Ungar und dann auf Ulrich, der seinen Säbel abgeschnallt hat und mit demselben Linien auf dem Boden zieht, doch ihn noch in der Scheide haltend.) Ulrich . (sieht auf seinen Vater). Laß ihn nur reden. Gabor . Graf, ich bin waffenlos, laßt Euern Sohn Den Säbel niederlegen. Ulrich . (bietet ihm denselben mit Verachtung hin). Nehmt ihn, da! Gabor . Nein! es genügt, wenn unbewehrt wir beide, Ich möchte keine Waffe an mich nehmen, Die mit noch andrem Blut befleckt sein kann Als dem der Schlacht. Ulrich . (wirft mit Verachtung den Säbel hin). Die oder eine solche Verschonte Euer Leben, als es mir Einst wehrlos preisgegeben war. Gabor . Wahr! Ich Vergaß es nicht. Ihr spartet damals mich Für Eure eig'nen Zwecke auf, damit Ich eine Schuld, die nicht die meine, trüg'. Ulrich . Fahrt fort. Das Märchen, sicherlich! ist des Erzählens werth. Doch darf's mein Vater wol Anhören ferner noch? Siegendorf (faßt ihn bei der Hand). Mein Sohn! ich weiß, Daß schuldlos ich und zweifle nicht an dir, Doch hab' Geduld ich diesem Mann gelobt. Er fahre fort. Gabor . Ich will Euch damit, daß Ich von mir selbst viel rede, nicht ermüden. Früh' trat ich in das Leben ein und ward, Wozu die Welt mich schuf. In Frankfurt an Der Oder, wo ich einen Winter still Verbracht, hört' ich im letzten Februar An Orten öffentlicher Lustbarkeit, Die ich zuweilen, doch nicht oft besuchte, Ein seltsam Ding. Ein Truppendetachement, Vom Staat entsendet, hatte eben sich Nach starkem Widerstande einer Schaar Verzweifelter bemächtigt, die man erst Für feindliche, entlauf'ne Plünd'rer hielt; Die aber, wie sich bald herausgestellt, Vielmehr Banditen waren, die der Zufall, Vielleicht auch wol ein größer Unternehmen Von ihrem Sitz, wo sie gewöhnlich hausten, Den Wäldern, die um Böhmen her sich ziehn, Bis in die Lausitz hatte fortgeführt. Es hieß, vornehme Herren seien drunter Und damals schlief das Kriegsgesetz noch sehr. Sie wurden endlich außer Lands geschafft Und unter das Gericht der freien Stadt Frankfurt gestellt. Von ihrem weitern Schicksal Vernahm ich nichts. Siegendorf . Was geht dies Ulrich an? Gabor . Es hieß, daß unter ihnen sich ein Mann Von seltener Begabung fand: Geburt, Vermögen, Jugend, Kraft und eine Schönheit, Die fast so unvergleichlich wie sein Muth, Maß ihm die öffentliche Stimme bei; Und seine Macht, nicht über die ihm zu- Gesellten blos, nein! seine Richter selbst Ward zauberischen Kräften zugeschrieben. So war sein Einfluß. Aber Zauberkräfte Trau' Niemand ich als nur dem Golde zu. Ich hielt ihn drum für reich. Doch trieb mich mehr Als ein Grund an, dies Wunder aufzusuchen, Sei es auch nur, um es mir anzuschaun. Siegendorf . Und es gelang? Gabor . Ihr sollt es sogleich hören. Der Zufall war mir hold: es setzte Händel Und eine Menge Volks strömt' nach dem Markt. Von jenen Fällen war es einer, wo Der Leute Seelen frei aus ihnen schaun Und so sich geben, wie sie sind, selbst im Gesicht. In diesem Augenblicke traf Mein Auge seins. Ich rief: das ist der Mann! Obschon er damals sich wie später auch Im Kreis der Edeln jener Stadt befand. Ich war gewiß, daß ich mich nicht geirrt Und lange musterte ich ihn und scharf. Ich merkte mir Gestalt, Geberden, Züge Und Größe, Haltung und durch Alles durch, Durch jede Gabe der Natur und Bildung Sah klar ich, wie mir schien, des Mörders Blick Und des Gladiators Herz. Ulrich (lächelt). Das Märchen klingt Ganz gut. Gabor . Es wird noch besser klingen. Hört! Er schien ein Mann mir jener selt'nen Sorte, Vor denen selbst das Glück, weil sie so kühn, Sich beugt, an die auch Andrer Schicksal oft Sich kettet noch; und überdies zog mich Ein unbeschreibliches Gefühl zu ihm, Wie wenn mein Glückstern auch ausgehen müßt' Von ihm. Hierin hatt' ich nicht Recht. Siegendorf . Wie wol Auch sonst. Gabor . Ich folgte ihm, bewarb mich drum, Von ihm bemerkt zu werden, und erreicht's; Doch seine Freundschaft nicht. Es war sein Plan, Die Stadt ganz im Geheimen zu verlassen. Wir gingen mit einander fort und kamen Bis in das Städtchen, wo sich Werner barg Und wo wir Anfangs Strahlenheim gerettet. Jetzt komm' ich dran. Wagt Ihr's, noch mehr zu hören? Siegendorf . Ich muß es – oder hab' zu viel gehört. Gabor . Ich sah in Euch den Mann von höh'rem Stand, Und wenn auch nicht so hoch, als ich jetzt finde, Erkannt' ich dennoch damals schon, daß ich Auch bei den Höchstgestellten dieser Welt Kaum einen Mann von gleicher Seelengröße Gesehen hatte. Ihr war't arm, es fehlte Fast nur des Bettlers Rock. Ich bot die Börse, So schwach sie selbst beschaffen war, Euch an: Ihr schlugt sie aus. Siegendorf . Macht meine Weigerung Zu Eurem Schuldner mich, daß Ihr so drängt? Gabor . Wol schuldet Ihr mir was, doch dafür nichts. Ich – schuldete Euch meine Sicherheit, – War sie auch scheinbar nur – als jene Schergen Von Strahlenheim mich aus dem Grund verfolgten, Weil ich den Mann bestohlen haben sollte. Siegendorf . Da barg ich Euch – ich, den und dessen Haus Ihr nun verklagt, als Viper, die von Neuem Hier aufgelebt. Gabor . Ich klage Niemand an, Wenn ich mich nicht vertheid'gen muß. Ihr, Graf, Habt Euch zu meinem Kläger hier gemacht Und Richter, Euer Saal ist mein Gerichtshof Und Euer Herz mein Tribunal. Seid Ihr Gerecht, so will ich gnädig sein. Siegendorf . Ihr gnädig, Ihr niedriger Verleumder? Gabor . Ich! Bei mir Wird es zuletzt doch stehen, es zu sein. Ihr bargt mich damals in geheimen Gängen, Die, wie Ihr sagtet, Niemand als nur Euch Bekannt. In todtenstiller Nacht, ermüdet Vom Wachen in der Dunkelheit, im Zweifel, Ob ich den Weg nach rückwärts finden würde, Sah ich den Schimmer eines Lichtes blinken Von ferner Ritze her. Ich ging drauf los Und kam an eine Thüre, die verborgen Nach einem Zimmer ging, wohin, nachdem Ich leise und behutsam erst die Fuge Zu einer Spalte aufgesperrt, ich durch Und auf ein rothes Bette sah, – und hier Lag Strahlenheim. Siegendorf . Im Schlaf? Und Ihr erschlugt Ihn, schlechter Mensch! Gabor . Er war bereits erschlagen Und blutete gleich einem Opferlamm! Mein eigen Blut ward mir zu Eis. Siegendorf . Jedoch Er war allein? Ihr saht sonst Niemand dort? Ihr saht den – ( Hält vor Aufregung inne .) Gabor . Nein! Der, den Ihr nicht könnt nennen Und den auch ich nicht wieder kennen möchte, Er war nicht im Gemach. Siegendorf . O dann, mein Sohn, Bist du doch ohne Schuld! Du bat'st mich einst, Ich möchte selbst mich schuldlos nennen. – O Sag's du auch jetzt! Gabor . Geduld! Ich kann nicht mehr Zurück, und stürzten selbst die Mauern ein, Die finster auf uns schaun! – Ihr werdet Euch Erinnern – oder Euer Sohn, daß an dem Tag, Der dieser Nacht vorausging, alle Schlösser Verändert unter seiner Aufsicht wurden. Wie er hereinkam, weiß er selbst am besten! Doch in dem Vorgemach, deß Thüre halb Geöffnet war, sah einen Mann ich, der Die blut'gen Hände wusch und oft mit finstrem Und angstbewegtem Blick auf jenen Mann Im Blut zurücksah. – Doch der regte sich Nicht mehr. Siegendorf . O Gott der Väter! Gabor . Da erst sah Ich seine Züge, wie ich Eure seh'; Doch Eure waren's nicht, so sehr sie Euch Auch ähnlich sahn. – Schaut in Graf Ulrich's sie! So deutlich, wie ich sie erblickt, ist auch Der Ausdruck jetzt nicht, wie er damals war. Doch war er so, als ich zum ersten Mal Ihn des Verbrechens zieh' – vorhin! Siegendorf . Dies ist So – Gabor ( unterbricht ihn .) Nein! – Hört mich zu Ende nur. Jetzt müßt Ihr es. – Ich hielt mich für verrathen erst Durch Euch und ihn (denn ich erkannte jetzt, Daß zwischen Euch ein Band besteh'). Ich glaubte, Ihr habet mich in das angebliche Asyl gelockt, daß ich das Opfer würd' Von Eurer Schuld. Mein erst Gefühl war Rache. Doch war ich gleich mit einem Dolch bewehrt, – Da draußen ich mein Schwert gelassen hatte – So war ich doch niemals gewachsen ihm, Nicht an Gewandtheit, nicht an Kraft, wie sich An jenem Morgen wies. So kehrt' ich um Und floh im Dunkel fort. Durch Zufall mehr Als durch Geschicklichkeit gewann ich die Geheime Thür und dann das Zimmer, wo Ihr schlieft; und hätt' ich wachend Euch gefunden, So weiß der Himmel nur, zu was Verdacht Und Rache mich verleitet hätte. Doch Nie schlief die Schuld, wie Werner damals schlief. Siegendorf . Und gleichwol hatt' ich fürchterliche Träume Und kurzen Schlaf. Die Sterne standen noch, Als ich erwacht'. – Warum schlugst du mich nicht? Ich träumt' von meinem Vater – ach mein Traum Ist aus! Gabor . Es ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihn ausgelegt. – Ich floh und blieb verborgen. Der Zufall warf mich nach so langer Zeit Hierher und zeigte in Graf Siegendorf Den Werner mir, den ich umsonst in Hütten Gesucht, in einem fürstlichen Palast. Ihr suchtet mich und habt mich nun gefunden. Jetzt kennt Ihr mein Geheimniß und mögt wägen, Wie viel es werth. Siegendorf ( nach einer Pause ). Jawol! Gabor . Ist's Rache, ist's Das Rechtsgefühl, was Euern Geist bewegt? Siegendorf . Von Beiden keines: ich erwog wie viel Wol dies Geheimniß werth. Gabor . Das sollt Ihr hören. Als Ihr noch arm wart und ich selbst, wenngleich Auch arm, – doch reich genug, um Eure Armuth, Die meine neiden konnt', zu unterstützen, Bot ich die Börse Euch. Ihr wolltet sie Nicht theilen. Ich will freier sein mit Euch: Ihr seid im Wohlstand, edel, hoch in Gunst Beim kaiserlichen Hof – versteht Ihr mich? Siegendorf . Gewiß. Gabor . Nicht ganz. Ihr haltet mich für feil Und kaum für wahr. Nicht wen'ger wahr ist es Jedoch, daß mein Geschick zu Beidem jetzt Mich hat gemacht. Ihr sollt mir weiter helfen. Ich hätte Euch geholfen – und mein Namen Ward auch ein wenig leck, als Euern ich Und Den des Sohns gerettet. Wäget wohl, Was ich gesagt. Siegendorf . Wollt das Ergebniß Ihr Von kurzer Ueberlegung hier erwarten? Gabor ( blickt auf Ulrich, der gegen einen Pfeiler lehnt ). Und wenn ich's thät'? Siegendorf . Ich bürg' für Euer Leben Mit meinem Euch. Hier tretet in den Thurm. ( Oeffnet die Thür nach dem Thurme .) Gabor ( zögert ). Dies ist das zweite sichere Asyl, Das Ihr mir zeigt. Siegendorf . War nicht das erste sicher? Gabor . Das weiß ich jetzt noch nicht, doch will' das zweite Erproben ich. Noch einen andern Schutz Hab' ich: ich reiste nicht allein nach Prag, Und würde ich wie Strahlenheim zur Ruh' Gebracht, so leben ein'ge Zungen noch, Die sich um meinetwillen rühren werden. Entscheidet Euch drum rasch. Siegendorf . Das will ich auch. Unwiderruflich, heilig ist mein Wort In diesen Mauern; weiter schützt es nicht. Gabor . Ich will es dafür nehmen. Siegendorf ( deutet auf Ulrich's Schwert, das noch am Boden liegt ). Nehmt auch das! Ich seh', Ihr blicket dies mit heißem Wunsch Und Den mit Mißtraun an. Gabor ( nimmt das Schwert ). Ich will's und so Mit Etwas vor mich sehn, womit mein Leben – Nicht wohlfeil! – ich erkaufen kann. ( Gabor geht in den Thurm, den Siegendorf schließt .) Siegendorf . Zu uns, Graf Ulrich, nun! Denn Sohn darf ich dich nicht Mehr nennen. Was sagst du dazu? Ulrich . Was er Erzählt', ist wahr. Siegendorf . Wahr, Ungeheuer? Ulrich . Ganz! Und Ihr habt wohl daran gethan, mein Vater, Daß Ihr ihn angehört. Vor dem, was uns Bekannt, vermögen wir uns auch zu hüten. Man muß den Mann zum Schweigen bringen. Siegendorf . Ja. Und wenn's die Hälfte meiner Güter kostet! Ja auch die andre Hälfte gäb' ich hin, Könnt' er, könnt'st du die Unthat widerrufen. Ulrich . Es ist jetzt keine Zeit zu kindischem Geschwätz und Heuchelei. Ich sagte dir, Was er erzählt, sei wahr. Man muß auch ihn Zum Schweigen bringen. Siegendorf . Wie? Ulrich . Wie Strahlenheim. Bist du so blöd, daß vorher nie darauf Du kamst? Als wir im Garten uns getroffen, Was anders als Entdeckung bei der That durch Euch Konnt' mich bewegen, seinen Tod zu künden? Und hätt' ich erst das Hausgesind' gerufen, Wär' dann dem Fremdling überlassen worden Die Polizei herbeizuschrein? Sollt' ich Auf halbem Wege etwa stehen bleiben? Konnt' Werner – Ihr! – das Ziel von des Barons Befürchtungen und Haß entfliehn, wenn es Nicht manche Stunde vorher schon geschah, Eh' noch Verdacht entstand? Ich prüfte dich Bis auf den Grund, weil ich nicht wußte, ob Du falsch seist oder schwach. Ich sah, daß du Das letzt're warst und doch fand ich dich so Vertrauensvoll, daß ich zuweilen doch Nicht wußte, ob du wirklich seist so schwach. Siegendorf . O Vatermörder und gemeiner Mörder! Was that ich und was dacht' ich je, daß du Mich tauglich wähnen konnt'st, dein Spießgesell Zu sein? Ulrich . Mein Vater! weck' den Teufel nicht, Den jetzo du nicht zwischen uns darfst bringen! Es ist jetzt Zeit für ein gemeinsam Handeln, Nicht für Familienzank. Wie konnte ich, Da ich gequält dich schaute, ruhig sein. Glaubst du, ich habe dieses Manns Erzählung Ganz fühllos angehört? Du lehrtest mich, Für dich und mich auch fühlen, und weshalb, Für wen hast du mich Soldes denn gelehrt? Siegendorf . O meines todten Vaters Fluch! er wirkt! Ulrich . Er wirke nur! Das Grab wird ihn schon hemmen. Die Asche ist ein schwacher Feind, weit leichter Ist's, sie verhöhnen als den Maulwurf äffen, Der seinen dunkeln, doch lebend'gen Gang Grad' unter deinem Fuße wühlt. – Doch hör' Mich an! Willst du verdammen mich, denk' dran, Wer mich dereinst gelehrt auf ihn zu hören, Und nur zu oft! Wer mir gesagt, daß es Verbrechen geb', die die Gelegenheit Verzeihlich mach'? Daß Leidenschaft Natur Uns sei? Daß Himmelsglück begleite stets Der Erde Glück? Wer zeigte mir, daß nur Durch seine Nerven seine Menschlichkeit Gesichert sei? Wer nahm mir jede Macht, Mich und mein Haus am hellen Tag zu rächen Durch sein Geschick, das mich zum Bastard fast, Ihn zum Verbrecher stempeln konnt'? – Der Mann, Der hitzig und doch schwach zugleich, zu Thaten, Die gern er thät und doch nicht wagt, mich reizte. Ist es so seltsam, daß ich ausgeführt, Was denken du gekonnt? – Wir haben jetzt Mit Recht und Unrecht abgemacht. Von nun An müssen wir die Wirkung nur erwägen, Nicht das, was sie erzeugt. – Dem Strahlenheim Hab' ich als unbekannt aus freier Regung, Wie einem Bauern, einem Hund ich's that, Das Leben erst gerettet; als bekannt Erschlug ich ihn, weil unser Feind er war, Doch nicht aus Rachbegier. Er war ein Felsen Auf unsrem Weg, den ich durchbohrt, wie ihn Ein Keil durchbohrt, weil zwischen uns er stand Und unsrem Ziel – und nicht für nichts und nichts. Als Fremden rettete ich ihn; er dankte Sein Leben mir: als diese Schuld verfiel, Zog ich sie ein. Er, du und ich, wir standen An Abgrunds Rand; ich stürzte unsern Feind Hinab. Du hast die Fackel erst entfacht, Du zeigtest mir den Weg. Nun zeige den Der Rettung mir – wo nicht, so laß mich machen! Siegendorf . Ich bin zu Rand mit diesem meinem Leben! Ulrich . Wir wollen das zu Rande lieber bringen, Was uns am Leben frißt: Familienhader, Vorwürfe über Dinge, die wir doch Nicht ungeschehen machen – eitle Klagen! Wir haben nichts zu hören mehr, zu bergen. Ich kenne keine Furcht und habe hier In diesen Mauern selbst Gesellen, die – Du zwar nicht kennst, doch die, das Letzte wagen. Du hast am Hofe einen hohen Stand; Was hier geschieht, wird dort nicht allzu sehr Die Neugier rege machen. Wahre nur Dein eigenes Geheimniß gut. Behalt' Ein sich'res Auge, rühr' dich nicht, sei stumm! Das Uebrige vertraue mir: Wir dürfen Nicht dritte Schwätzer haben zwischen uns. (Ulrich ab.) Siegendorf . (allein). Bin ich denn wach? ist dies der Väter Halle? Und der – mein Sohn? – Mein Sohn! Der Sohn von mir, Der Schliche stets und Blut verabscheut hat Und nun in beider tiefster Hölle sitzt! Ich muß mich eilen, sonst wird mehr vergossen, Des Ungarn noch! Ulrich hat Spießgesellen, Wie's scheint, ich hätt' mir's denken können. Ich Thor! Die Wölfe schwärmen ja in Heerden. Er hat, wie ich, den Schlüssel zu dem Thor, Das von der andern Seite führt zum Thurm, Wohlan! zur That! Sonst werde ich der Vater Von neuer Missethat, wie ich's schon bin Vom Missethäter. Gabor! Gabor! He! (Ab in den Thurm, dessen Thüre er hinter sich schließt.) Zweiter Auftritt. Das Innere des Thurms. Gabor und Siegendorf . Gabor . Wer ruft? Siegendorf . Ich! Siegendorf! Nehmt dies und flieht. Verliert nicht einen Augenblick! (Reißt sich einen Diamantstein und andere Juwelen ab und drückt sie Gabor in die Hand.) Gabor . Was soll Ich damit thun? Siegendorf . Was Ihr nur wollt! Verkauft Sie! hebt sie auf! macht Euer Glück damit, Doch zögert nicht, sonst seid verloren Ihr. Gabor . Ihr setztet doch für meine Sicherheit Die Ehre ein. Siegendorf . Und muß sie also lösen. Flieht, flieht! ich bin, wie's scheint, nicht meiner Burg, Nicht meiner eignen Leute mehr, ja selbst Der Mauern hier, nicht Herr! Sonst hieß ich jetzt Sie auf mich stürzen, mich zermalmen! – Flieht! Sonst mordet Euch – Gabor . Ist's so weit? Dann lebt wohl! Erinnert Euch jedoch, daß dies Begegnen Ihr selbst gesucht, Herr Graf. Siegendorf . Ich that's. Doch macht, Daß es nicht noch unsel'ger werde. Geht! Gabor . Auf jenem Weg, auf dem ich kam? Siegendorf . Ja, der Ist sicher noch. Doch weilet nicht in Prag. Ihr wißt nicht, wer Euch gegenüber steht. Gabor . Ich weiß es nur zu gut, und wußte es Vor Euch, unsel'ger Vater, Ihr! (Gabor ab.) Siegendorf (allein, lauscht). Er hat Die Treppe hinter sich! Die Thüre fällt Laut hinter ihm ins Schloß. Ah er ist sicher! O meines Vaters Geist! – Mir ist so schwach. (Lehnt sich in zusammengesunkener Haltung an einen steinernen Sitz.) Ulrich und andere Bewaffnete treten mit gezogenen Degen ein. Ulrich . Schnell! hier ist er! Ludwig . Der Graf ist's, gnäd'ger Herr. Ulrich (erkennt Siegendorf). Du hier! Siegendorf . Ja! wenn du noch ein Opfer brauchst, So stoße zu! Ulrich (bemerkt, daß jener seiner Juwelen beraubt ist). Wo ist der Schuft, der Euch Geplündert hat? – Vasallen! auf! ihm nach! Ihr seht, es war so, wie ich euch gesagt: Der Hund nahm meinem Vater Edelsteine, Die eines Fürsten Erbschaft bilden könnten. Fort! fort! ich folge Euch sogleich. (Alle ab außer Siegendorf und Ulrich.) Nun, was Ist das? Wo ist der Schurk'? Siegendorf . 'S gibt deren zwei, Nach welchem fahndest du? Ulrich . Nichts mehr davon! Er muß gefunden werden. Du hast ihn Doch nicht entwischen lassen? Siegendorf . Er ist fort. Ulrich . Mit deiner Zulassung? Siegendorf . Mit meiner vollsten Und freisten Hilfe. Ulrich . Dann leb' wohl! (Ulrich will fort.) Siegendorf . Halt! Ich Befehl es dir! ich bitte dich! ich fleh' Dich an! O Ulrich, willst du mich verlassen? Ulrich . Wie? Soll ich bleiben, um mich angezeigt, Vielleicht in Ketten fort geschleppt zu sehn? Und zwar in Folge jener Schwäche, die Im Blut dir liegt, der halben Menschlichkeit, Der egoistischen Gewissensangst, Des Mitleids, das sich nach dem Winde richtet Und noch dein ganz Geschlecht zum Opfer bringt, Um einen Schuft zu retten, der gewinnt Durch unsern Fall? – Nein, Graf! Von nun an habt Ihr keinen Sohn mehr. Siegendorf . Niemals hatt' ich einen! Ich wollt', du hättest nie den Namen, der So nutzlos jetzt, geführt! Wo willst du hin? Ich möchte dich nicht ohne Schutz verstoßen. Ulrich . Das überlasset mir. Ich bin ja nicht Allein, bin nicht der eitle Erbe nur Von Eurem Grundbesitz. Nein! mein sind tausend, Zehntausend Schwerter, Herzen, Arme – mein! Siegendorf . Das Volk des Walds, bei dem der Ungar dich Zuerst in Frankfurt fand! Ulrich . Ja, Männer, die Des Namens werth! Sag' deinen Senatoren, Daß sie auf Prag wohl geben Acht! Etwas Zu früh hat man dies Friedensfest gefeiert. Der Geister gibt's noch mehr, wie die, die man Mit Wallenstein ins Grab gelegt. Josephine und Ida treten auf. Josephine . Was gibt Es denn? Mein Siegendorf! Dem Himmel Dank! So bist du nicht verletzt? Siegendorf . Verletzt? Ida . Ja, Vater! Siegendorf . Nein, nein! ich habe keine Kinder mehr. Nennt mich bei diesem schlimmsten Namen Vater Nicht mehr! Josephine . Was soll dies heißen, lieber Freund? Siegendorf . Daß einem Teufel du das Leben gabst. Ida (faßt Ulrich's Hand). Wer darf von Ulrich solches sagen? Siegendorf . Ida! Nimm dich in Acht! an dieser Hand klebt Blut! Ida (bückt sich sie zu küssen). Ich küßt' es weg, selbst wenn es meines wär'. Siegendorf . Es ist's! Ulrich . Hinweg! 's ist deines Vaters Blut! (Ulrich ab.) Ida Allmächt'ger Gott! ich liebte diesen Mann! (Ida sinkt besinnungslos nieder. Josephine steht sprachlos vor Entsetzen da.) Siegendorf . Der Unglücksel'ge brachte Beide um! – O Josephine, wir sind jetzt allein! Ach wären wir es immer doch gewesen! Für mich ist Alles nun vorbei. Nun öffne, Mein Vater, weit dein Grab. Dein Fluch hat's tiefer Für deinen Sohn in meinem Sohn gegraben! Zu Ende geht das Haus der Siegendorf!