Wilhelm Busch Die Hungerpille Der Doktor und Professor Neidknochen liest in der Zeitung die Preise der Lebensmittel und ist ganz entsetzt über die zunehmende Teuerung. »Das muß anders werden«, sagt er und rennt wie närrisch im Zimmer umeinander – »da könnt' man am End' um sein ganzes Vermögen kommen!« – Da fällt ihm ein Artikel in die Hand, in welchem behauptet wird, der Hunger wäre nur eine Einbildung und das Essen eine schlechte Gewohnheit. Gleich am andern Morgen fängt er an, Ersparnisse zu machen – aber nicht an sich selber, sondern an seinem Hund; das heißt: er trinkt Kaffee, aber der Bürschel kriegt nix. Zu Mittag fangt auch er an zu fasten; aber sein Magen wird darüber rebellisch und untersteht sich zu knurren, was er durch ein einfaches Manöver zu unterdrücken sucht. Am folgenden Tage meint er doch: »Der Hunger tut weg«, und eine Kleinigkeit könne dem Experiment nicht viel schaden; er fängt sich daher eine solche in einer Mausfalle. Er kocht sich die Maus, und speist sie – der Bürschel, der bereits zaunrackerdürr wird, kriegt natürlich nichts und richtet daher sein Augenmerk auf das kleine Geflügel. Am nächsten Morgen wird es dem Herrn Professor schon ganz neblig vor den Augen, aber er hat sich fest vorgenommen, seine Theorie durchzuführen; sein Magen fordert jedoch mit solchem Ungestüm Arbeit, daß er in Ermanglung von etwas Besserem seinen Kanarienvogel umbringt, und ihn am Lichte bratet. Jedoch das gibt nicht mehr aus, und der Herr Professor fängt bereits an, wankelmütig zu werden. Da kommt ihm ein Gedanke: »Wozu wäre denn die Wissenschaft, ich will versuchen, eine magenstärkende Pille zu bereiten, die alle diese sinnlichen Bedürfnisse überflüssig macht.« Nachdem die Pille genau nach den Regeln der Wissenschaft aus den stärksten Ingredienzen bereitet ist, ruft er seinen Hund: »Da komm her, Bürschel, da hab' ich was Gutes!« Der arme Hund, der seit vier Tagen außer zwei Mücken nichts gefressen hat, verschluckt die Pille mit wahrem Heißhunger. Aber kaum hat er sie drunten, so dreht ihn ein paarmal im Kreis herum; der Professor meint: »Ha, jetzt wird's Hunderl lustig!« Da – mit einem Male tut's einen Knall, und den Bürschel reißt's auseinander, daß der Kopf weit weg fliegt. – Die Pille – war zu stark gewesen. »Au weh! jetzt ist's gefehlt«, sagte der Herr Professor. – »Nein, die Pille nehm' ich nicht, da soll mich unser Herrgott bewahren. – Am Ende ist's doch gescheiter, ich laß mir ein Paar Carbonadl kommen; wenn nur kein Mensch was erfährt von der Geschicht', ich müßt' mich in den Tod hinein schämen!« Das ist die Geschicht' von des geizigen Doktors Pillen, womit er wollt künstlich den Hunger stillen; Woraus die Lehre geht: Glaub nicht alles, was in der Zeitung steht.