Dante Göttliche Komödie Übersetzt von Philalethes Die Hölle Erster Gesang Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens, Fand ich mich einst in einem dunklen Walde, Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte; Gar hart zu sagen ist's, wie er gewesen, Der wilde Wald, so rauh und dicht verwachsen, Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuet; So herb, daß herber kaum der Tod mir schiene: Doch eh' vom Heil, das drin mir ward, ich handle, Meld' ich erst andres, was ich dort gewahrte. Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen, So schlafbefangen war ich zu der Stunde, Als von dem rechten Weg ich abgewichen. Doch da ich zu dem Fuß nun eines Hügels Gekommen war an jenes Tales Ende, Das mir mit Furcht das Herz durchschauert hatte, Blickt' ich empor und sah der Berge Schultern Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen, Der andre allerwegen recht geleitet; Nun ward die Furcht ein wenig mir gestillet, Die in des Herzens tiefstem Grund verweilet, In jener Nacht, durchlebt bei so viel Leiden. Wie einer, der mit angstgepreßtem Odem, Dem Meere kaum entronnen, nun vom Strande Auf die gefahrvoll wilde Flut zurückstarrt; So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend Zurück, den engen Durchgang zu betrachten, Den nie ein Wesen lebend noch verlassen. Nachdem ich ruhend neu gestärkt die Glieder, Stieg weiter ich empor am wüsten Hange, So daß der feste Fuß stets war der tiefre. Doch sieh! fast schon beim Anbeginn des Steigens Erblickt' ein Pardel ich, gar leicht und flüchtig, Bedeckt mit einem buntgefleckten Felle; Es wollte nie vor meinem Antlitz weichen, Ja, schien den Weg mir also zu versperren, Daß ich mich öfter schon zur Rückkehr wandte. Die Stunde war es, da der Morgen anbricht, Und aufwärts stieg die Sonne mit den Sternen, Die bei ihr standen, als die ew'ge Liebe Zuerst Bewegung gab dem schönen Weltall, So daß ich, guter Hoffnung voll, mich freute Am Fell des Wildes, lustig buntgesprenkelt, Am Morgenlicht und an des Lenzes Milde, Doch so nicht, daß mich Schrecken nicht ergriffen, Als die Gestalt ich eines Leu'n gewahrte. Es war, als kam' er auf mich losgegangen, Erhabnen Haupts, gereizt vom wilden Hunger, So, daß die Luft selbst vor ihm her erbebte. Und eine Wölfin, deren magres Äußre Voll wilder Gier schien und es deutlich zeigte, Daß vielen schon das Leben sie verbittert, Ließ durch das Graun, das ihrem Blick entströmte, Des Wegs Beschwerde mich so drückend finden, Daß ich die Hoffnung des Ersteigens aufgab. Und so wie jener, welcher gern gewönne, Wenn nun die Zeit kommt, die Verlust ihm bringet, Bei jeglichem Gedanken weint und trauert; So ward ich ob des friedenlosen Untiers, Das, mir entgegenkommend, mehr und mehr mich Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schwindet. Indes ich wieder zu dem tiefem Grunde Mich stürzte, trat mir einer vor die Augen, Der heiser schien durch langgewohntes Schweigen. Als in der großen Wüst' ich den erblickte, Rief ich ihm zu: ,O hab' mit mir Erbarmen, Wer du auch seist, ob wirklich Mensch, ob Schatten.' »Nicht Mensch,« antwortet' er, »gewesen bin ich's; Lombarden waren meine beiden Eltern, Und ihrer Vaterstadt nach Mantuaner. Sub Julio geboren, ob auch spät schon, Lebt' ich zu Rom zur Zeit Augusts des Guten. Als falsche Lügengötter man noch ehrte. Ein Dichter war ich und sang den gerechten Sohn des Anchises, welcher kam von Troja, Nachdem das stolze Ilion verbrannt war. Doch du, was kehrst zu solcher Pein du wieder, Warum ersteigst du nicht den Wonnehügel, Der Grund und Anfang ist von aller Freude?« – »So bist du der Virgil denn und die Quelle, Draus sich so reicher Strom der Red' ergießet,« – Antwortet' ich ihm mit verschämter Stirne, »O du, der andern Dichter Licht und Ehre, Der lange Fleiß sei und die große Liebe, Mit der nach deinem Buch ich griff, mir günstig. Du bist mein Meister, mein erhabnes Muster, Du bist's allein, aus dem ich sie geschöpfet, Die schöne Schreibart, die mir Ruhm erworben. Sieh dort das Tier, vor dem ich mich gewendet. Errette mich von ihm, berühmter Weiser, Es macht die Adern mir und Pulse zittern!« »Vollführen mußt du eine andre Reise,« Antwortet' er, da er mich weinen sehen, »Willst du aus dieser wilden Stätt' entrinnen; Denn dieses Tier, weshalb du riefst um Hilfe, Läßt keinen frei hinziehn auf seiner Straße, Ja, hindert ihn so sehr, bis es ihn tötet. Und von Natur ist es so schlimm und boshaft, Daß nimmer es den gier'gen Trieb befriedigt, Und nach dem Fraß mehr als vorher noch hungert. Viel Tiere sind, mit denen es sich paaret, Und mehr noch werden sein, bis einst der Windhund Erscheint, der es vor Schmerz wird sterben machen. Nicht wird von Erd' er und Metall sich nähren, Allein von Weisheit, Tugend und von Liebe, Geboren wird er zwischen Feltr' und Feltro, Dem armen Welschland wird zum Heil er werden. Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus Und Nisus und Euryalus an Wunden; Der wird es hin durch alle Städte jagen, Bis in die Höll' er es zurückgetrieben, Woraus der erste Neid es einst hervorrief. Drum denk' ich und erkenne für dein Bestes, Daß du mir folgest und ich sei dein Führer, Der rettend durch den ew'gen Ort dich leite. Dort wirst du der Verzweiflung Schrei'n vernehmen, Die Trauerschar der alten Geister schauen, Wo jeglicher des zweiten Tods begehret; Dann wirst du die erblicken, die im Feuer Zufrieden sind, weil sie zu kommen hoffen, Wann es auch sei, hin zu dem sel'gen Volke; Willst du zu dem auch steigen, o dann findet Sich würdiger als ich wohl eine Seele, Mit der ich dich bei meinem Scheiden lasse. Denn jener Kaiser, der dort oben herrschet, Weil ich mich gegen sein Gesetz empöret, Läßt keinen mich zu seiner Stadt geleiten. Er herrschet allerwärts, doch waltet dort nur; Denn seine Stadt, sein hoher Sitz ist droben, O glücklich der, den er sich dort erkoren!« Und ich zu ihm: ›O Dichter, ich begehre, Bei jener Gottheit, die du nicht erkanntest, Daß diesem Weh und Schlimmern ich entgehe, Daß du dahin mich führst, wo du gesagt hast, Damit das Tor Sankt Peters ich erschaue Und jene, die du mir so traurig schilderst.‹ – Da schritt er vor, ich folgte seinen Spuren. Zweiter Gesang Der Tag entwich schon, und der düstre Himmel Entlud die Wesen, die auf Erden wohnen, All ihrer Mühen, aber ich allein nur Hielt mich bereit, den Kampf zu überstehen,– So mit dem Weg, als auch mit dem Erbarmen,– Den mein Gedächtnis ohne Trug soll schildern. O Musen, hoher Geist, kommt mir zu Hilfe, Gedächtnis, welches schrieb, was ich gesehen, Hier wirst du deinen Adel offenbaren. Und so begann ich: ›Dichter, der mich führest, Betrachte meine Kraft erst, ob sie stark ist, Eh' du dem schweren Pfad mich anvertrauest. Du kündest, daß des Silvius Erzeuger, Obgleich verweslich noch, zur wandellosen Welt sei gewallt, und zwar als Sinnenwesen, Drum, wenn der Widersacher alles Bösen Geneigt hier war, der hohen Wirkung denkend, Die ihm entsprießen sollt', und wer und welcher, So scheint er des Verständigen nicht unwert, Da er der hehren Roma und dem Reiche Im höchsten Himmel war erwählt zum Vater, Welche und welches, daß ich Wahrheit sage, Bestimmet waren zu der heil'gen Stätte, Allwo der Erbe sitzt des größern Petrus. Auf dieser Reise, die von ihm du rühmest, Vernahm er Dinge, welche seines Sieges Und der Tiara Ursach' so geworden. Hin kam auch das Gefäß der Auserwählung, Um Stärkung jenem Glauben draus zu reichen, Der auf dem Weg des Heils der erste Schritt ist. Doch warum käm' ich hin, und wer gewährt es? Ich bin Äneas nicht, ich bin nicht Paulus; Nicht ich noch andre glauben des mich würdig: Drum wenn ich dennoch hinzugehen wagte, So, fürcht' ich, wäre töricht meine Reise. Du, Weiser, kennst das besser, als ich sage. Und jenem gleich, der nicht will, was er wollte, Und für den neuen Einfall Vorsatz ändert, So, daß er anzufangen ganz verzichtet, Erging es mir in diesem dunklen Tale, Weil sinnend ich die Unternehmung aufgab, Zu der beim Anfang ich so rasch gewesen.‹ »Wenn deine Wort' ich recht verstanden habe,« Entgegnet' jenes Hochgesinnten Schatten,– »So wird von Feigheit deine Seel' erschüttert, Die oft des Menschen also sich bemächtigt, Daß sie von ehrenvollem Zweck ihn abbringt, Wie wenn ein Tier sich scheut vor falschen Bilden. Damit du nun von dieser Furcht dich lösest, Sag' ich, warum ich kam und was ich hörte, Als ich zuerst mich über dich betrübet. Ich war bei jenen, die in Zweifel schweben, Und sieh, da rief ein Weib mich, schön und selig, So, daß ich selbst sie bat, mir zu befehlen. Es glänzten ihre Augen mehr als Sterne, Und sie begann zu sagen sanft und leise Mit eines Engels Stimm' in ihren Worten;– ›O du, des Mantuaners holde Seele, Des Nachruhm immer in der Welt noch währet, Und ferner währen wird, solang die Welt steht. Mein Freund, der nie des Glückes Freund gewesen, Ist so am wüsten Abhang in dem Wege Gehindert, daß er sich vor Furcht gewendet, Und hat, besorg' ich, sich bereits verirret, Weil ich zu spät mich ihm zur Hilf erhoben, Nach dem, was in dem Himmel ich vernommen. Wohlauf geh' und mit deiner schmucken Rede Und allem, was ihm zum Entrinnen nötig, Steh' so ihm bei, daß ich getröstet werde. Beatrix bin ich, die dich sendet, kommend Von einem Ort, nach dem ich heim mich sehne. Mich trieb die Liebe, die dies Wort mir eingab. Wenn wieder ich vor meinem Herrn erscheine, So will ich oft bei ihm mich deiner rühmen.‹ – Da schwieg sie. Und ich drauf begann zu sprechen: ›O Weib voll Tugend, die allein die Menschheit Erhebet über alles, was der Himmel, Den engre Kreis' umschließen, in sich fasset! Es ist mir dein Befehl so sehr willkommen, Daß auch sofort Gehorchen Säumen schiene, Mehr brauchst du deinen Wunsch mir nicht zu zeigen. Doch sag' den Grund, warum du dich nicht scheutest, In diesen Mittelpunkt herabzusteigen, Vom weiten Ort, nach dem du heim erglühest,‹ – ›Da du so viel davon zu wissen wünschest,‹ Entgegnet' sie, ›so sag' ich dir in Kürze, Warum hierher zu kommen ich nicht fürchte; Zu fürchten hat allein man jene Dinge, Die Macht besitzen, Schaden zuzufügen, Nicht alles übrige, – es ist nicht furchtbar. Durch Gottes Gnade bin ich so geartet, Daß euer Elend nimmer mich mag rühren, Noch dieses Brandes Flamme mich ergreifet. Im Himmel ist ein holdes Weib, das klagend Ob jenes Irrsals, wo ich hin dich sende, Dort oben bricht des Richterspruches Härte; Die wandt' an Lucien sich mit einer Bitte, Und sprach zu ihr: Gar sehr bedarf dein Treuer Jetzt dein, und darum sei er dir empfohlen. Und Lucia, die Feindin aller Härte, Bewegte sich und kam zu jenem Orte, Allwo ich selbst mit Rahel saß, der Alten. Wahres Lob Gottes, o Beatrix, sprach sie, Was stehst du dem nicht bei, der dich so liebet, Daß er durch dich trat aus des Pöbels Scharen? Vernimmst du nicht die Trauer seiner Klagen, Siehst du den Tod nicht, welcher ihn bekämpfet Auf jener Flut, die selbst dem Meer nicht Ruhm läßt? So rasch ist niemand auf der Welt gewesen, Gewinn zu machen, Schaden zu vermeiden, Als ich, nachdem ich solches Wort vernommen, Herniederstieg von meinem sel'gen Sitze, Vertrauend deiner wohlgewählten Rede, Die dich ehrt, so wie jene, die sie hören.‹ Nachdem sie solches Wort mit mir gesprochen, Wandte sie weinend ab die Strahlenaugen, Darob ich schneller eilte herzukommen. So kam ich denn zu dir nach ihrem Willen, Entriß dich jenem Ungeheuer, das dir Den kurzen Weg des schönen Bergs versperrte. Drum was ist das, warum, warum verziehst du? Was nährst so viele Feigheit du im Herzen? Was hast Entschlossenheit du nicht und Kühnheit, Da drei so hochgebenedeite Frauen Im Hof des Himmels für dich Sorge tragen. Und dir mein Wort so vieles Heil verheißet?« – Wie Blümchen sich, gebeuget und geschlossen Vom Nachtfrost, wenn die Sonne sie versilbert, Nun all' eröffnet auf dem Stengel heben, Ward jetzt mir der erschlaffte Mut erneuet, Und durch das Herz rann mir so edle Kühnheit, Daß ich begann zu ihm, ein Freigesinnter: ›O wohl barmherzig sie, die mir geholfen, Und du auch freundlich, der sogleich gehorchet Dem Wort der Wahrheit, das dir ward geboten; Du hast das Herz mit Sehnsucht zu der Reise Durch deine Worte mir so angereget, Daß ich zurückgekehrt zum ersten Vorsatz. Geh' nun, mein Will' ist einer mit dem deinen, Mein Führer du, mein Meister, mein Gebieter.‹ – So sprach ich, und nachdem er vorgeschritten, Betrat auch ich den tiefen Pfad des Waldes. Dritter Gesang Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer, Der Eingang bin ich zu dem ew'gen Schmerze, Der Eingang bin ich zum verlornen Volke! Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer: Die Allmacht hat der Gottheit mich gegründet, Die höchste Weisheit und die erste Liebe. Vor mir ist nichts Erschaffenes gewesen, Als Ewiges, und auch ich daure ewig. Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren. – Mit dunkler Farbe sah ich diese Worte Geschrieben an dem Gipfel eines Tores Und sprach drum: ›Meister, hart erscheint ihr Sinn mir.‹ Und er zu mir gleich einem Wohlerfahrnen: »Hier muß man jedes Zweifels sich entschlagen, Und jede Feigheit hier ertötet werden. Wir sind nun an dem Ort, wo ich dir sagte, Du werdest schaun die schmerzenreichen Scharen, Die der Erkenntnis höchstes Gut verloren.« Und da er seine Hand gelegt in meine, Mit heitrem Antlitz, das mich ließ erstarken, Führt' er mich ein in die geheimen Dinge. Geseufz' und Weinen hier und dumpfes Heulen Ertönen durch den sternenlosen Luftkreis, So daß im Anfang drob ich weinen mußte. Gemisch von Sprachen, grauenvolle Reden, Des Schmerzes Worte und des Zornes Laute, Und Stimmen tief und rauh, mit Händeklopfen, Erregten ein Getümmel hier, das immer In diesen endlos schwarzen Lüften kreiset, Dem Sande gleich, wenn Wirbelwinde wehen. Und ich, dem Wahn das Haupt umfangen hatte, Sprach: ›Meister! was ist das, was ich vernehme, Und wer sind die vom Schmerz so Übermannten?‹ Und er zu mir: »Die jammervolle Weise Ist den elenden Seelen jener eigen, Die ohne Lob und ohne Schande lebten; Vermischt sind sie mit jenem feigen Chore Der Engel, welche nicht Empörer waren, Noch Gott getreu, für sich gesondert bleibend. Nicht seinen Glanz zu trüben, stieß der Himmel Sie aus, noch nimmt sie auf die tiefe Hölle, Weil Sünder stolz auf sie doch blicken könnten.« Und ich: ›Was ist wohl ihnen so beschwerlich, Mein Meister, daß sie drob so kläglich jammern?‹ »Ganz kurz,« antwortet' er, »will ich dir's sagen: Des Todes haben diese keine Hoffnung, Und so verächtlich ist ihr dunkles Leben, Daß jedes andre Schicksal sie beneiden. Es läßt die Welt nicht ihren Nachruhm dauern, Gerechtigkeit verschmäht sie und Erbarmen. Nichts mehr davon; schau' hin und geh' vorüber!« Und ich, der hingeblickt, sah eine Fahne, Die wirbelnd so behend vorüberrannte, Daß jede Ruhe sie mir zu verschmähn schien, Und ein so großer Zug des Volkes folgte Ihr nach, daß nimermehr geglaubt ich hätte, Daß ihrer schon der Tod so viel' entseelet. Da einen ich erkannt nun unter ihnen, Schaut' hin ich und erblickte jenes Schatten, Der auf das Groß' aus Feigheit einst Verzicht tat. Sogleich sah ich es ein und ward versichert, Daß dieses sei der Feiggesinnten Rotte, Die Gott mißfällig sind wie seinen Feinden; Die Jämmerlichen, welche nie gelebet, Sie waren nackt und wurden viel gestochen Von Bremsen und von Wespen, die hier schwärmten; Ihr Antlitz netzten ihnen die mit Blute, Das tränenuntermischt zu ihren Füßen Von ekelhaften Würmern ward gesammelt. Und da ich weiter hingeblickt, sah Scharen Ich an dem Ufer eines großen Stromes, Und sprach drum: »Meister, woll'st mir jetzt gewähren, Zu wissen, wer die sind und welche Sitte Sie macht zum Übergang so fertig scheinen, Wie ich erkenne bei dem Dämmerlichte.« Und er zu mir: »Berichtet wird dir alles, Wenn unsern Schritt wir innehalten werden An Acherons trübseligem Gestade.« Drauf mit verschämtem und gesenktem Blicke, Besorgt, es falle lästig ihm mein Reden, Enthielt ich bis zum Flusse mich des Sprechens. Und sieh, es nahte gegen uns zu Schiffe Ein Alter sich, weiß durch die greisen Haare, Laut rufend: »Weh' euch, ihr verruchten Seelen, Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken, Zum Ufer jenseits, komm' ich, euch zu führen, In ew'ge Finsternis, in Frost und Gluten. Und du, was du dort, lebend'ge Seele? Geh' fort von jenen, welche schon gestorben.« Allein nachdem er sah, daß ich nicht fortging: »Durch andre Wege,« sprach er, »andre Buchten, Nicht hier, wirst zu dem Ufer du gelangen; Ein leichtes Schiff muß dich hinüber tragen.« Zu ihm mein Führer: »Nicht gezürnet, Charon, Man will es so an jenem Orte, wo man Auch kann das, was man will, und frag' nicht weiter.« Drauf wurden ruhig die behaarten Wangen Dem Steuermanne auf der bleichen Lache, Der um die Augen Flammenränder hatte. Doch jene Seelen, welche nackt und müde, Verfärbten sich und knirschten mit den Zähnen Stracks, als die grausen Worte sie vernommen. Sie lästerten auf Gott und ihre Eltern, Die Menschheit und den Ort, die Zeit, den Samen, Aus welchem sie erzeuget und geboren. Dann zogen samt und sonders sie vereinet Laut weinend hin zu dem verruchten Strande, Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet. Charon, der Dämon mit den glüh'nden Augen, Winkt ihnen und versammelt rings sie alle, Schlägt mit dem Ruder jeglichen, der zögert. So wie zur Herbstzeit sich die Blätter lösen, Eins nach dem andern, bis zuletzt die Zweige Der Erd' all' ihren Schmuck zurückgegeben; Auf gleiche Art stürzt Adams schlimmer Same Sich einer nach dem andern von dem Ufer Auf Zeichen, wie ein Vogel auf den Lockruf, So gehen hin sie durch die dunkeln Fluten, Und eh' sie jenseits noch ans Land gestiegen, Versammeln diesseits schon sich neue Scharen. »Mein Sohn,« sprach nun zu mir mein güt'ger Meister, »Sie, die in Gottes Zorn dahingestorben, Versammeln hier sich all' aus jedem Lande Und sind bereit, den Fluß zu überschreiten, Von ewiger Gerechtigkeit gespornet, So, daß die Furcht sich wandelt in Verlangen. Hier geht nie über eine gute Seele; Drum wenn sich Charon über dich beklaget, Magst du wohl wissen, was sein Wort dir tönet« Er schwieg, und rings erzitterten die düstern Gefilde plötzlich so, daß mich der Schrecken, Wenn ich dran denke, noch im Schweiße badet. Vom tränenreichen Land erhob ein Sturm sich, Begleitet von der Blitze rotem Leuchten, Das jeglicher Empfindung mich beraubte, Und nieder fiel ich, wie vom Schlaf umfangen. Vierter Gesang Mir brach den tiefen Schlummer in dem Haupte Ein schwerer Donner so, daß ich mich schüttelt' Gleich einem, welcher mit Gewalt geweckt wird, Und wandte rings das ausgeruhte Auge Und richtete mich auf und schaute starrend, Den Ort zu unterscheiden, wo ich wäre. Und in der Tat fand ich mich an dem Rande Der schmerzensreichen Niederung des Abgrunds, Endlosen Jammers Donnertön' umschließend. So düster war sie und so tief und neblig, Daß, ob zum Grund ich heftete die Blicke, Ich nichts zu unterscheiden drin vermochte. »Jetzt steigen zu der düstern Welt wir nieder,« Begann zu mir ganz totenbleich der Dichter, »Ich selber geh' voraus, du wirst mir folgen!« Und ich, der seiner Farbe inne worden, Sprach: ›Wie komm' ich hinab, wenn du erschauderst, Der du mich sonst ermutigt, wenn ich zagte?‹ Und er zu mir: »Es malt die Angst der Seelen Dort unten wohl mir des Erbarmens Züge Aufs Angesicht, wo Furcht du glaubst zu lesen. Wohlan denn; fort! Uns treibt des Weges Länge!« So schritt er vorwärts und ließ ein mich treten Zum ersten Kreise, der den Abgrund gürtet. Hier, dem gemäß, was ich erlauschen konnte, Gab es kein Jammern, sondern nur wie Seufzer, Davon die ew'gen Lüft' erzittern mußten; Und dies kam her von Leiden ohne Marter, So Scharen, groß und zahlreich, hier erlitten, Von Kindern und von Weibern und von Männern. Zu mir der gute Meister: »Du erfragst nicht, Wer diese Geister sind, die du erblickest? Jetzt sollst du wissen, eh' du weiter gehest, Daß sie nicht Sünder waren, und doch g'nügte Nicht ihr Verdienst, weil sie der Tauf entbehren, Was ja ein Satz des Glaubens, den du glaubest, Und da sie vor dem Christentume lebten, Ward Gott von ihnen würdig nicht verehret, Und so bin ich von diesen selber einer. Durch diesen Mangel, nicht durch andres Böse, Sind wir verloren und so weit nur leidend, Daß ohne Hoffnung wir in Sehnen leben.« Gewalt'ger Schmerz ergriff mich, als ich's hörte, Weil Männer ich von hohem Wert erkannte, In dieser Vorhöll' ungewiß verharrend. ›Sag' an, Gebieter, sag' mir an, mein Meister!« Begann ich, weil ich sicher wollte werden Des Glaubens, der besieget jeden Irrtum: ›Kam einer je durch eignes oder fremdes Verdienst heraus, der selig dann geworden?‹ Und er, der mein verhülltes Wort verstanden, Antwortete: »Ich war in diesem Zustand Ein Neuling noch, als ich, mit Siegeszeichen Gekrönet, einen Mächtigen sah kommen. Hinweg führt' er des ersten Vaters Schatten Und seines Sohnes Abel, Noeh auch, Den Patriarchen Abra'm, König David, Und Moysen, der Gesetz gab und gehorcht, Und Jakob mit dem Vater, den Erzeugten, Und Rahel, für die er so lang gedient, Und viele noch macht' er mit jenen selig. Auch sollst du wissen, daß vor den Genannten Errettet wurde keines Menschen Seele.« Nicht ließen, weil er sprach, wir ab vom Gehen, Sondern den Wald durchschritten immerhin wir; Den Wald mein' ich der dichtgedrängten Geister. Nicht waren wir im Weg noch weit gekommen Vom Gipfel ab, als ich erblickt' ein Feuer, Halbkugelförm'ges Dunkel überstrahlend. Noch waren wir entfernt davon ein wenig, Doch nah genug, teilweise wohl zu sehen, Daß ehrenwertes Volk den Ort besäße. ›Der jede Kunst du ehrst und jedes Wissen, Wer sind sie, die so große Ehre haben, Daß sie getrennt sind von der andern Weise?‹ Und er zu mir: »Die ehrende Erwähnung, Die droben tönt, in deiner Welt, von ihnen, Schafft' Gnad' im Himmel, die sie so begünstigt.« Und mittlerweile hört' ich eine Stimme: »Erzeiget Ehre dem erhabnen Sänger, Er kehrt zurück, sein Schatten, der verschwunden.« Als nun die Stimme aufgehört und still ward, Sah ich vier hohe Schatten auf uns kommen, Nicht heitern und nicht trüben Angesichtes. Der gute Meister nun begann zu sagen: »Schau' jenen mit dem Schwerte in der Hand an, Der vor den dreien hergeht, wie ein Herrscher; Das ist Homer, der oberste der Dichter; Horaz naht, der Satiriker, als zweiter; Der dritte ist Ovid, Lucan der letzte. Drum, weil den Namen alle mit mir teilen, Den jüngst die Stimme einzeln ausgerufen, Erweisen sie mir Ehr' und tuen wohl dran.« So sah ich sammeln sich die schöne Schule Des Fürsten der erhabnen Sangesweise, Der ob den andern wie ein Adler schwebet. Nachdem sie eine Weile sich besprochen, Wandten zu mir sie sich mit Grußeszeichen, Und ob der Ehre lächelte mein Meister. Und noch zuteil ward mir viel größre Ehre, Da sie in ihre Schar mich aufgenommen, Als sechsten, bei so hoher Geistesnähe. So gingen vorwärts wir bis zu dem Lichte, Von Dingen sprechend, drob zu schweigen schön ist, So wie das Sprechen war dort, wo's geschehen. Wir kamen jetzt zu einem stolzen Schlosse, Das, siebenfach umkreist mit hohen Mauern, Von einem klaren Bach rings war verteidigt; Den überschritten wir wie festen Boden. Eintrat durch sieben Tor' ich mit den Weisen, Zu einem Plan von frischem Grün gelangend. Hier waren Leute stillen, ernsten Blickes, In ihren Zügen hohe Würde tragend; Sie sprachen wenig und mit sanfter Stimme. Wir zogen so nun aus der Ecken einer Zu einem offnen, hoh'n und lichten Orte, 18 Von wo man alle überschauen konnte. Dort gegenüber auf dem grünen Schmelze Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister, Die ich gesehn zu haben still mich rühme. Elektren sah ich, und in ihrem großen Gefolg erkannt' ich Hektor und Äneas, Cäsar im Waffenschmuck, mit Falkenaugen, Ich sah Camilla, sah Penthesilea Zur andern Seit' und sah Latin, den König, Hier mit Lavinia, seiner Tochter, sitzend; Ich sah den Brutus, der Tarquin verjagte, Lucretien, Julien, Martien und Cornelien, Auch Saladin allein auf einer Seite. Nachdem ich mehr die Augen nun erhoben, Sah ich den Meister jener, die, durch Wissen Berühmt, im Kreis der Philosophen sitzen, Ihn, die Bewundrung, die Verehrung aller; Dort sah ich ferner Sokrates und Plato, Die vor den andern ihm am nächsten stehen; Demokrit, der die Welt dem Zufall zuschreibt, Empedokles, Diogenes und Thaies, Anaxagoras, Heraklit und Zeno. Ich sah der Qualitäten wackren Sammler, Den Dioskorides, auch Orpheus, Tullius, Linus und Seneca, den Moralisten, Euclid, den Geometer, Ptolomäus, Hippokrates, Gallienus, Avicenna, Averoes, den großen Kommentator; Ich kann sie alle hier nicht wiederholen, Weil mich des Stoffes Fülle so bedränget, Daß hinter dem Gescheh'nen oft das Wort bleibt. Die Schar der Sechse mindert sich auf zweie, Und aus der Stille führt mein weiser Leiter Durch andern Weg mich in der Lüfte Zittern Zu einer Stätte, wo kein Schimmer hindringt. Fünfter Gesang So stiegen von dem ersten Grund wir nieder Zum zweiten, welcher mindern Raum umgürtet, Doch größern Schmerz, der bis zum Heulen peinigt. Hier stehet Minos grauenvoll und knirschend; Er untersucht die Schuld beim Eintritt, richtet, Und weist hinab nach Zahl der Schweifesschwingen. Ich sage, daß, wenn die verruchte Seele Vor ihm erscheint, sie alles ihm gestehet, Und jener Kenner der Vergehen, schauend, Was für ein Ort der Hölle für sie tauget, Umschlingt so oft sich mit dem Schweif, als Stufen Er sie hinunter will gesendet wissen. In Scharen stehn sie stets vor ihm, sie treten Der Reih nach zum Gericht, bekennen, hören Den Spruch und werden dann hinabgeschleudert. »Der du der schmerzenreichen Wohnung nahest,« Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte, So hohen Amtes Übung unterbrechend, »Wahr' deinen Eintritt, schaue, wem du trauest, Laß dich des Eingangs Breite nicht betrügen!« Und drauf zu ihm mein Führer: »Was doch schreist du? Verhindre nicht sein vorbestimmtes Wandern, Man will es so an jenem Orte, wo man Vermag das, was man will – und frag' nicht weiter.« Anjetzt beginnen schmerzensvolle Töne Hörbar zu werden; dorthin nun gelangt' ich, Wo vieles Jammern mich erschüttern sollte. Ich kam zu einer lichtberaubten Stätte, Wo's gleich dem Meer beim Ungewitter brüllet, Wenn es zum Kampf erregte Stürme peitschen. Der Wirbelwind der Hölle, nimmer ruhend, Führt jähen Zuges mit sich fort die Geister, Zur Qual umher sie schwingend und sie schüttelnd. Wenn in des Abgrunds Nähe sie gelangen, Da geht es an ein Klagen, Schrein und Jammern, Da schallet Lästrung gegen Gottes Allmacht. Und ich vernahm, daß zu dergleichen Qualen Verdammet sei'n die fleischlichen Verbrecher, So die Vernunft den Lüsten unterwürfen. Gleichwie beim Reif die Star' auf ihren Schwingen In breiten, dichten Scharen sich entfernen, So führt die Windsbraut hier die schlimmen Geister Hierhin und dorthin, aufwärts und hernieder, Und keine Hoffnung kann sie jemals trösten, Auf Ruhe nicht, ja nicht auf mindres Leiden. Und wie die Kranich' kläglich kreischend ziehen In Lüften, eine lange Reihe bildend, So sah ich, laut Geheul erhebend, Schatten, Von jenem Sturm getragen, sich uns nahen. Da sprach ich: .Meister, wer sind jene Seelen, Die von der düstern Luft gepeitscht so werden?' »Die erste derer, über die du Nachricht Zu haben wünschest,« sprach zu mir nun jener, »Ist vieler Zungen Kaiserin gewesen. Der Unzucht Laster war sie so ergeben, Daß ihr Gelüst sie durch Gesetz erlaubte, Die Schande, die sie traf, von sich zu wälzen. Sie ist Semiramis, von der wir lesen, Daß sie auf Ninus folgt', und sein Gemahl war. Das Land besaß sie, das der Sultan dränget. Die andr' ist sie, die liebend sich getötet Und Treue brach der Asche des Sichäus. Kleopatra, die Wollüstige, folgt ihr.« Ich sah auch Helena, ob der im argen So viele Zeit verstrich; Achill, den Großen, Der bis zuletzt gerungen noch mit Liebe. Paris und Tristan sah ich, mehr als tausend Der Schatten nannt' und zeigt' er mit dem Finger, Die unsrem Leben Liebe einst entführte. Nachdem von meinem Meister ich vernommen Der alten Ritter all' und Frauen Namen, Ergriff mich Mitleid, daß ich wie verwirrt stand. ,O Sänger!' sprach ich, ,mich verlangt zu reden Mit jenen beiden, die vereint dort wallen Und von dem Wind so leicht getragen scheinen.' Und er zu mir: »Sieh zu, wenn sie uns nahen, Und dann beschwöre sie bei jener Liebe, Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.« Sobald der Wind sie gegen uns gelenket, Erhob die Stimm' ich: ,O gequälte Seelen, Steht Red' uns, so es euch kein andrer wehret. Wie Tauben stracks die Luft mit offnen Schwingen, Wenn Sehnsucht sie zum süßen Neste hinlockt, Durchfliegen, von dem eignen Trieb getragen, So kamen aus der Schar, wo Dido weilte, Auf uns heran sie durch die argen Lüfte; Denn mächtig war das liebevolle Rufen. »O du mitleidiges und holdes Wesen, Das durch die purpurdunkle Luft uns aufsucht, Die wir mit blut'gem Rot die Welt gefärbet; Wenn gnädig uns des Weltalls König wäre, So würden wir für deinen Frieden bitten, Weil du dich unsers grausen Weh's erbarmest. Was willst du wissen, sprich, und was uns sagen? Wir hören zu, und werden mit dir sprechen, So lange noch, wie jetzt, die Winde schweigen. Es liegt die Stadt, wo ich geboren wurde, Am Meeresstrand, wo sich der Po hinabsenkt, Mit den Begleitern Ruhe dort zu finden; Liebe, die schnell an zarten Herzen haftet, Erfaßte diesen, durch das schöne Äußre, Das mir geraubt ward – noch betrübt die Art mich. Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten, Ließ mich an ihm so groß Gefallen finden, Daß, wie du siehst, es noch nicht von mir weichet: Es führte Liebe uns zu einem Tode; Caina harrt des, der uns schlug im Leben.« Das war's, was uns von ihnen her ertönte. Als ich vernommen die gekränkten Seelen, Senkt' ich den Blick und hielt so lang ihn nieder, Bis mich der Dichter fragte: »Nun, was sinnst du?« Antwortend drauf begann ich: ,Weh, wie führte So vieles Sehnen, so viel süßes Träumen Doch diese hier zum schmerzenreichen Hintritt!' Dann mich zu ihnen wieder wendend, sprach ich, Und hob so an: .Franziska, deine Marter Entlockt mir fromme, schwermutsvolle Tränen; Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer, Wie und woran gewährte euch die Liebe, Daß ihr den unbestimmten Wunsch erkanntet?' Und sie zu mir: »Es gibt kein größres Leiden, Als sich der frohen Zeiten zu erinnern Im Elend – wohl hat dies gewußt dein Lehrer. Doch wenn die ersten Wurzeln unsrer Liebe Zu kennen du so große Sehnsucht hegest, Mach' ich's wie der, so Worte mischt und Tränen. Wir lasen eines Tages zum Vergnügen Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstricket, Wir waren ganz allein und ohne Arges. Zum öftern trafen schon sich unsre Blicke Beim Lesen, und entfärbte sich das Antlitz; Doch was uns ganz besiegt, war eine Stelle, Als wir gehört, wie das ersehnte Lächeln Von so erhabnen Liebenden geküßt ward; Da küßte mich, der nie sich von mir trennet, Ganz bebend auf den Mund. Zum Gallehaut ward Uns jenes Buch und wer's geschrieben hatte – An diesem Tage lasen wir nicht weiter.« – Indem der Schatten einer dieses sagte, Weinte der andre so, daß ich vom Mitleid Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe, Und niederfiel, wie tote Körper fallen. Sechster Gesang Als heimgekehrt der Sinn, der aus Erbarmen Mit jenem Schwagerpaare sich verschlossen, Das durch Betrübnis gänzlich mich verstöret, Sah neue Martern ich um mich und neue Gemarterte, wie ich nun mich bewegte Und wie ich wandte mich und wie ich schaute. Ich bin im dritten Kreise nun des Regens, Des ew'gen, kalten, last'gen, flucherfüllten, Dem nie Gesetz, noch Eigenschaft sich wandelt. Unreines Wasser, Schnee und schwerer Hagel Ergießt sich durch der Lüfte Finsternisse, Und Stank entsteigt der Erde, die es aufnimmt. Das Untier Cerberus, seltsam und wütig, Bellt aus drei Kehlen nach der Art der Hunde Die Menge an, die überschwemmt hier lieget. Rot sind die Augen, schwarz der Bart und triefend, Der Bauch geräumig und beklaut die Pfoten, Womit's die Geister krallt, zerfleischt und vierteilt. Sie heulen Hunden gleich ob solchen Regens. Mit einer Seite schirmen sie die andre, Oft wenden sich die armen Gottvergeßnen. Als Cerberus uns wahrt', der große Lindwurm, Riß er die Mäuler auf und wies die Hauer, Kein Glied hatt' er am Leibe, das er still hielt. Doch seine Spannen streckte aus mein Führer, Erfaßte Erde, und mit vollen Fäusten Warf er hinein sie in die gier'gen Schlünde. Gleich einem Hunde, welcher bellend fordert, Und sich beruhigt, da den Fraß er beißet Und jetzt bloß aufs Verzehren sinnt und strebet, Dem ähnlich machten's die unflät'gen Schnauzen Des Dämons Cerberus, der so die Geister Durchdröhnet, daß sie taub zu werden wünschten. Wir schritten, ob den Schatten, die des Regens Gewicht herabdrückt, unsre Sohlen setzend Auf ihre Nichtigkeit, die Menschen gleichet. Sie lagen all' am Boden, bis auf einen, Der sich behend aufrichtete zum Sitzen, Als er uns sah bei sich vorüberwandeln. »O du, der durch dies Höllenloch geführt wird, Erkenne mich, wenn du's vermagst,« sprach jener, »Du tratest in die Welt, eh' ich heraustrat.« Und ich zu ihm: ,Die Qualen, die du leidest, Entziehn vielleicht dich mir aus dem Gedächtnis So, daß es scheint, nie hab ich dich gesehen. Doch sage mir, wer bist du, der an solchen Schmerzvollen Ort zu solcher Pein gesandt ward? Wenn andre größer, ist mißfäll'ger keine.' Und er zu mir drauf: »Deine Stadt, die voll ist Von Neid, so daß der Topf schon überfließet, Umschloß mich dort in jenem heitern Leben. Ihr Bürger gabt mir einst den Namen Giacco. Ob der verderbenreichen Schuld der Kehle Schlägt, wie du siehst, mich nieder hier der Regen. Nicht bin ich hier die einz'ge Sünderseele; Denn alle diese leiden gleiche Strafe Ob gleicher Schuld.« Mit diesem Wort verstummt' er. Und ich versetzte: ,Ciacco, dies dein Leiden Drückt mich so sehr, daß drob ich weinen möchte; Doch sprich, weißt du es anders: wohin kommt es Wohl mit den Bürgern der entzweiten Stadt noch, Ist einer drin gerecht, und sag' die Ursach', Warum so große Zwietracht sie befallen?' Und jener drauf zu mir: »Nach langem Streite Kommt es zum Blut, und die Partei der Neuern Vertreibt die anderen mit vielem Schimpfe; Doch kurz darauf, noch innerhalb drei Sonnen Muß jene fallen und die andre siegen, Durch dessen Übermacht, der fern schon lauert. Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen, Die andre schwerbelastet niederhaltend, Wie sie darob auch wein' und sich erbose. Zwei sind gerecht, doch will man sie nicht hören, Stolz, Neid und Habsucht, das sind die drei Funken, Woran der Bürger Herzen sich entzündet.« Hier endet' er die trauerreichen Töne, Und ich zu ihm: ,Wohl möcht' ich, daß du weiter Belehrtest mich, mir mehr der Worte gönnend. Tegghiajo, Farinata, die so würdig, Auch Jacob Rusticucci, Heinrich, Mosca Und andre, die den Sinn aufs Rechttun wandten, Sag', wo sie sind, und laß mich sie erkennen; Denn größer Wunsch ergreift mich, zu erfahren, Ob Himmelswonn', ob Höllengift ihr Teil ist.' Und jener drauf: »Die sind bei schwärzern Seelen; Verschiedne Schuld drückt nieder sie zu Boden, Du schaust sie, wenn so weit hinab du steigest. Eins bitt' ich, wenn zur süßen Welt du kehrest, So rufe mich den Freunden ins Gedächtnis. Mehr sag' ich nicht, und mehr geb' ich nicht Antwort.« Die graden Augen wandt' er drauf zum Schielen, Blickt' mich ein wenig an, beugte das Haupt dann, Häuptlings hinsinkend, gleich den andern Blinden. Und zu mir sprach der Führer: »Der erwacht nicht, Eh' der Drommetenruf des Engels schallet Bei ihres Widersachers Machterscheinung. Sein traurig Grab wird jeder wiederfinden, Sein Fleisch dann und sein Äußres wiedernehmen Und hören, was in Ewigkeit ihm nachhallt.« So gingen, langsam schreitend, durch das schnöde Gemisch der Schatten hin wir und des Regens, Vom künft'gen Leben einiges berührend. Drum sprach ich: »Meister, jene Martern, werden Sie nach dem großen Urteilsspruch wohl wachsen, Abnehmen oder gleich an Schärfe bleiben?' Und er zu mir: »Kehr' heim zu deiner Lehre, Die will, daß, je vollkommener ein Wesen, Es Freud' und Schmerzen um so mehr empfinde. Wiewohl nun dies verfluchte Volk zu wahrer Vollkommenheit nie reift, ist es bestimmt doch, Mehr, als vorher es war, nachher zu werden.« Wir wandten uns im Kreis, auf diesem Wege Weit mehr besprechend, als ich wiedersage, Und kamen zu dem Punkt, wo man herabsteigt, Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an. Siebenter Gesang »Pape Satan Pape Satan Aleppe!« Begann nun Plutus mit der rauhen Stimme, Und, mich zu stärken, sprach der edle Weise, Der alles wußte: »Laß nicht Schaden bringen Dir deine Furcht, welch eine Macht er habe, Nicht wehrt er dir, den Fels herabzusteigen.« Zu jenem zorngeschwollnen Antlitz wandt' er Sich drauf und sprach: »Verfluchter Wolf, verstumme! Verzehr' mit deiner Wut dich in dir selber; Nicht sonder Ursach' wandeln wir zur Tiefe, Dort in der Höh' beliebt's so, wo die Rache Der stolzen Buhlschaft Michael genommen.« Gleich wie die von dem Wind geblähten Segel Umwickelt fallen, ward der Mast zerschmettert, So fiel zu Boden hin das grause Untier. – So stiegen wir zum vierten Abgrund nieder, Mehr von dem Riff der Schmerzen hinterlegend, Das alles Weh' der Welt in sich verschließet. O ewige Gerechtigkeit, wer häufte So viele Müh'n, als ich geseh'n, und Peinen? Was richtet eigne Schuld uns so zugrunde! Gleich wie die Flut dort über der Charybdis Sich mit der andern bricht, an der sie brandet, So muß sich hier das Volk im Reigen drehen. Viel mehr als anderswo sah ich des Volks hier Von dieser Seit' und jener, unter lautem Geheule Lasten wälzend mit den Brüsten. Sie stießen aneinander, und drauf kehrte Allda sich jeder wieder rückwärts, schreiend: »Was kargst du,« und »was machst du tollen Aufwand?« So kehrten durch den finstern Kreis sie wieder Zu jeder Hand, bis sie genüber standen, Ihr schimpflich Lied von neuem anzustimmen. Dann wandte jeder, wenn er seinen Halbkreis Zurückgeleget, sich zum andern Kampfplatz. Und ich, der schier das Herz zerknirscht drob hatte, Sprach: »Meister, jetzt erklär' mir, wer dies Volk sei, Und ob sie alle Pfaffen sind gewesen, Die mit der Glatze hier zu unsrer Linken.' Und er zu mir: »Schwachsichtig waren alle Am Geiste so in jenem ersten Leben, Daß dort mit rechtem Maß sie nie gespendet. Wohl deutlich sagt es ihrer Stimme Kläffen, Wenn sie im Kreis an die zwei Punkte kommen, Allwo der Gegensatz der Schuld sie scheidet. Sie waren Pfaffen, die der Haarbedeckung Am Haupt entbehren, Päpst' und Kardinale, In denen Geiz sein Übermaß verübet.« Und ich: ,O Meister, unter dem Gelichter Sollt' ich, bedünkt mich, manche wiederkennen, Die unrein waren von dergleichen Übeln.' Und er zu mir drauf: »Leere Schlüsse machst du; Ihr ruhmlos Leben, das sie so besudelt, Läßt sie für das Erkennen jetzt im Dunkeln. So stoßen ewig sie nun aneinander Und werden aus dem Grab einst auferstehen, Die mit geschloßner Faust, kahlköpfig jene. Schlecht Geben und schlecht Sparen brachte einst sie Ums schöne Leben und in diese Kämpfe, An denen ich kein Wort mehr will verschwenden. Sieh hier, mein Sohn, wie kurz die Posse dauert Der Güter, die Fortunen anvertraut sind, Um derenhalber sich die Menschen raufen. Denn alles Gold, das unterm Mond sich findet Und je sich fand, nicht einer einz'gen könnt' es Aus diesen müden Seelen Ruh' gewähren.« »Mein Meister,« sprach ich, »sag' mir noch: Fortuna, Die du berührt, wer ist sie, daß die Güter Der Welt sie also hält in ihren Klauen?« Und er zu mir: »Blödsinnige Geschöpfe! Wie groß ist doch die Blindheit, die euch schadet! Jetzt will ich, daß du ganz mein Wort erfassest. Er, dessen Wissen alles übersteiget, Erschuf die Himmel und gab ihnen Führer, Daß allen Teilen alle Teile schimmern, Auf gleiche Weise rings das Licht verteilend: So ordnet' er den ird'schen Schimmern gleichfalls Gemeinsam eine Schaffnerin zur Führung, Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamme wandern, Trotz allem Widerstand der Menschenklugheit. Drum herrschet ein Volk, und das andre welket Dahin, gemäß dem Richterspruche jener, Die wie im Gras die Schlange bleibt verborgen; Nicht kann ihr euer Wissen widerstehen, In ihrem Reich, gleich wie die andern Götter In ihrem, ordnet, richtet und vollführt sie. Und nimmer haben Stillstand ihre Wechsel, Notwendigkeit leiht Flügel ihr; denn bald kommt Ein andrer, den der Reihe Los getroffen. Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen Von denen selbst wird, die sie loben sollten, Doch sie durch ungerechten Tadel schmähen; Doch selig in sich selbst, hört nichts davon sie Und dreht mit andern Urgeschöpfen fröhlich Still ihre Kugel hin, in sel'ger Wonne. Jetzt steigen wir zu größern Leiden nieder.« Die Sterne, die bei meinem Ausgang stiegen, Sie sinken schon; nicht länger ziemt's zu weilen. Den Kreis durchschritten wir zum andern Ufer Bis über einen Quell, der kocht und dann sich Durch einen Bach, der ihm entspringt, ergießet. Sein Wasser war viel dunkler noch als Purpur, Und, von der grauen Flut begleitet, kamen Hernieder wir, durch einen Pfad des Grausens. Es bildet einen Sumpf, der Styx genannt wird, Der Trauerbach, wenn er zum Fuß herabkommt Des greulich unheilvollen Felsgestades. Und ich, der aufmerksam stand im Betrachten, Sah schlammbedecktes Volk in dieser Lache, Nackt insgesamt und mit erzürntem Antlitz, Die schlugen nicht allein sich mit den Händen, Auch mit dem Haupt, der Brust und mit den Füßen, Stückweise mit den Zähnen sich zerfleischend. Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, hier siehst du Die Seelen derer, die der Zorn besiegte, Und auch will ich, daß für gewiß du glaubest, Daß unterm Wasser Volk ist, welches seufzet Und Blasen treibt auf seiner Oberfläche, Wie dich der Blick lehrt, wo er hin sich wendet. Versenkt im Sumpfe, rufen sie: ,Wir waren Trüb in dem süßen, sonnenheitern Luftkreis, Da schleichend Feuer uns im Innern qualmte; Uns selbst betrüben wir im schwarzen Schlamm jetzt.' Sie gurgeln dieses Lied in ihrer Kehle, Weil sie's mit klarem Wort nicht sagen können.« So kreisten wir um einen großen Bogen Der Pfütze, zwischen Moor und festem Riffe, Den Blick auf jene, die den Schlamm verschlucken. Zu eines Turmes Fuß zuletzt gelangend. Achter Gesang Fortfahrend sag' ich, daß um vieles früher, Als wir zum Fuß des hohen Turms gelangten, Sich unser Aug' erhob zu seinem Gipfel Ob zweier Flämmchen, die wir richten sahen, Und eins von fern das Zeichen wiedergeben So weit, daß kaum das Aug' es mocht' erreichen. Und ich, zum Meer mich wendend aller Einsicht, Sprach: ›Was besaget dies, und was antwortet Das andre Feu'r, und wer hat sie entzündet?‹ Und er zu mir: »Fern auf den schlamm'gen Fluten Kannst du erkennen schon, was uns erwartet, Wenn es dir nicht verbirgt der Dunst der Lache.« Nie hat der Strang noch einen Pfeil geschnellet, Der durch die Luft so rasch dahingestrichen, Als durch das Wasser ich ein kleines Schifflein Alsbald heran sah kommen uns entgegen, Von einem Steuermann allein geleitet, Der rief: »So bist du da, verruchte Seele?« – »Phlegias, Phlegias, für diesmal schreist du Vergebens,« sprach mein Meister, »länger hältst du Uns nicht, als hier die Überfahrt des Sumpfs währt.« Gleich jenem, der, von großem Truge hörend, So man ihm angetan, nun drob ergrimmet, Ward Phlegias jetzt im Zorn, der ihn ergriffen. Mein Führer stieg hinab nun in das Schifflein Und hieß darauf zu sich hinein mich treten; Doch erst, als ich drin war, schien es belastet. Sobald ich mit dem Führer war im Fahrzeug, Flog hin der alte Kiel, nun tiefer schneidend Ins Wasser, als er sonst mit andern pfleget. Indes den toten Graben wir durchliefen, Kam einer vor das Antlitz mir voll Schlammes Und sprach: »Wer bist du, der du vor der Zeit kommst?« Und ich zu ihm: ›Ich komme, doch nicht bleib' ich. Doch wer bist du, der häßlich so geworden?‹ Er drauf: »Du siehst's, ein weinend Wesen bin ich!« Und ich zu ihm: ›Beim Weinen und beim Klagen, Vermaledeiter Geist, magst du verbleiben! Ich kenne dich, obgleich du ganz besudelt.‹ Da streckt' er nach dem Fahrzeug beide Hände; Drob der erfahrne Meister ihn hinwegstieß Und sprach: »Fort, dorthin zu den andern Hunden!« Den Hals umschlang er drauf mir mit den Armen, Küßt' mir die Wang' und sprach: »Du Feuerseele, Gebenedeit sei sie, die dich empfangen! Der ist ein Stolzer in der Welt gewesen, Es schmückt sein Angedenken keine Tugend, Und so ist auch hier noch sein Schatten rasend. Wie viel' ehrt man als große Fürsten droben, Die, Schweinen gleich, im Kot hier stecken werden, Graunvolle Flüche hinter sich verlassend.« Und ich: ›Mein Meister, sehr begierig war' ich, In diesen Schlamm versenken ihn zu sehen, Bevor wir aus der Lache uns entfernen.‹ Und er zu mir drauf: »Eh' sich noch das Ufer Dir zeiget, wird befriedigt dein Verlangen, Und billig freust du dich gerechten Wunsches.« Bald aber sah ich solcherlei Mißhandlung Von jenem schlammbedeckten Volk ihm antun, Daß Gott ich noch darüber lob' und preise. Sie schrien alle: »Auf, Philipp Argenti!« Die Florentinische, zornmüt'ge Seele Wandte sich auf sich selber mit den Zähnen. So ließen wir ihn. – »Mehr von ihm nicht sag' ich.« – Doch traf die Ohren mir ein solches Jammern, Daß mit erschloßnem Blick ich vorwärts schaute. Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, jetzt naht sich Die Stadt, die Dis genannt wird, mit den Bürgern, Den schwerbeladnen, mit der großen Menge.« Und ich: ›Mein Meister, ihre Minarete Erkenn' ich deutlich schon dort in dem Tale Glutrot, als ob sie aus dem Feuer kämen.‹ Und jener sprach zu mir: »Das ew'ge Feuer, Das drinnen glüht, macht sie dir rot erscheinen, Wie du nun schaust in dieser untern Hölle.« Wir kamen endlich in die tiefen Gräben, Die jene hoffnungslose Stadt umwallen, Von Eisen schienen mir zu sein die Mauern. Nicht ohne erst noch weit herumzukreuzen, Gelangten zu dem Ort wir, wo der Schiffer Laut zu uns rief: »Steigt aus, hier ist der Eingang!« Über den Toren sah ich mehr denn tausend Herabgeregnete vom Himmel, die uns Voll Trotz zuriefen: »Wer ist's der die Reiche Des toten Volkes ohne Tod durchwandelt?« Mein weiser Meister drauf macht' ihnen Zeichen, Daß heimlich er mit ihnen sprechen wolle. Da zähmten sie den großen Zorn ein wenig Und sagten: »Komm allein, doch jener gehe, Der durch dies Reich so kecklich eingedrungen, Allein kehr' er zurück des tollen Weges. Versuch' er's, wenn er's kann; doch du wirst bleiben, Der auf so finstrer Straße ihn geleitet!« Bedenke, Leser, ob ich mich entmutigt Beim Klange der vermaledeiten Worte, Denn nimmermehr vermeint' ich heimzukehren. ,O teurer Führer, der du siebenmal und Wohl öfter mir die Zuversicht erneut hast, Mich aus Gefahr und Hindernis errettend, Verlaß mich nicht,' sprach ich, ,hier wie vernichtet, Und ist mehr vorzudringen uns verweigert, Laß schnell auf unsrer Spur zurück uns kehren.' Und jener Hohe, der mich hingeführet, Sprach: »Fürchte nichts, denn rauben kann uns niemand Den Weg, den uns ein Mächtiger gewähret. Doch harre meiner hier und tröst' und nähre Den abgespannten Geist mit guter Hoffnung. Nicht werd' ich in der tiefen Welt dich lassen.« So geht von dannen und verläßt allhier mich Der süße Vater, daß ich zweifelnd stehe, Weil Ja und Nein mir in dem Haupte streiten. Was jenen drauf er bot, konnt' ich nicht hören, Allein nicht lang noch stand er dort bei ihnen, Als jeglicher hineinfloh um die Wette. Die Tore schlossen unsre Widersacher Dicht vor dem Meister, welcher ausgesperrt nun Langsamen Schritts zurück zu mir sich wandte. Den Blick am Boden und die Stirn entblößet Von stolzem Mute, sagt' er nur durch Seufzen: »Wer weigert mir, ins Jammerhaus zu treten?« Allein zu mir sprach er: »Weil ich erzürnt bin, Erschrick nicht; in dem Wettstreit werd' ich siegen, Wer drin auch zur Verteidigung sich rege. Dies ihr Vermessen ist nicht neu; sie übten Es schon an weniger geheimer Pforte, Die sich seitdem noch ohne Schloß befindet, Und wo des Todes Inschrift du erblicktest. Schon steigt diesseits von ihr den Abhang nieder, Herwandelnd durch die Kreise sonder Führer, Ein solcher, dem die Stadt sich wird eröffnen.« Neunter Gesang Mein innre Furcht verratendes Erblassen, Als ich den Führer sah sich rückwärts wenden, Schien, was ihn neu bewegte, zu verschließen. Aufmerksam stand er wie ein Mann, der lauschet, Denn fern nicht konnten seine Augen tragen, Weil Nebel rings den dunklen Luftkreis füllten. »Doch kommt's uns zu, im Kampf zu siegen,« sprach er, »Wo nicht – ist er nicht mächtig, der sich anbot, O wie verlangt mich, daß ein andrer nahe!« Ich sah wohl, wie den Anfang seiner Red' er Bemäntelt mit dem andern, was drauf folgte, Das ganz verschieden lautete vom erstern; Doch um nichts minder gab mir Furcht sein Reden, Weil ich vielleicht bezog auf schlimmre Meinung, Als er gehegt, die abgebrochnen Worte. ,Stieg einer je vom ersten Grad hernieder, Dem nur der Hoffnung Mangel ward zur Strafe, Zu diesem Abgrund des graunvollen Beckens?' Die Frage tat ich; er darauf: »Nur selten Trifft sich's,« entgegnet' er, »daß unsereiner Den Weg betritt, auf dem ich jetzo wandle; Wahr ist's daß ich schon einmal war hienieden, Als jene graus' Erichtho mich beschworen, Die heim zu ihren Körpern rief die Schatten. Vor kurzem war das Fleisch erst meiner ledig, Als sie mich sandt' in dieser Mauer Umkreis, Um einen Geist aus Judas' Kreis zu ziehen, Der ist der tiefste, finsterste der Orte, Vom Himmel, der das All umkreist, am weit'sten. Ich weiß die Straße wohl; drum sei getrost nur. Die Lache, so die große Fäulnis aushaucht, Umgürtet rings umher die Stadt des Jammers, In die wir ohne Zorn nicht dringen mochten.« Und andres sprach er, doch mir ist's entfallen, Weil sich mein Auge ganz hinauf gewendet Zum hohen Turme mit der glüh'nden Spitze, Wo ich im Augenblick stracks aufgerichtet Drei höll'sche Furien, blutgefärbt, erblickte, Die weibliche Gebärd' und Glieder hatten. Hochgrüne Hydern waren ihre Gürtel, Blindschleichen und Zerasten ihre Haare. Die sich um ihre grausen Schläfen schlangen. Und jener, welcher wohl die Dienerinnen Der Königin des ew'gen Jammers kannte, – »Schau!« rief er, »die Erinnyen, die grimmen! Dies ist Megära an der linken Seite, Die weinende zur Rechten ist Alekto, Tisiphone dazwischen!« Hier verstummt' er. Auf riß die Brust sich jede mit den Nägeln, Sie schlugen in die Händ' und schrien so heftig, Daß ich aus Furcht mich anschmiegt' an den Dichter. »Medusa komme, daß zu Schmelz er werde!«– So sprachen alle sie, herniederblickend,– »Schlimm war's, daß Theseus' Anfall wir nicht rächten.« »Wende dich rückwärts und verbirg dein Antlitz; Denn wenn sich Gorgo zeigt und du sie sähest, Wär' keine Heimkehr mehr für dich nach oben.« So sprach der Meister, und er selber wandte Mich um, und so nicht gnügten meine Händ' ihm, Daß er nicht noch mich mit den seinen deckte. O ihr, die mit gesundem Geist begabt seid, Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen Liegt unterm Schleier seltsamen Gedichtes. Und schon kam auf uns durch die trüben Fluten Das Krachen eines schreckenvollen Tones, Wovon die Ufer beiderseits erbebten. Nicht anders war's, als daß von einem Sturme, Der, tobend ob des Widerstands der Gluten, Unwiderstehlich auf den Wald sich stürzet, Die Äste bricht, hinwirft und raubt die Blüten, Gehüllt in Staubeswolken stolz einhergeht Und fliehen macht die Herde und den Hirten. Die Augen löst' er mir und sprach: »Jetzt richte Auf jenen alten Schaum den Nerv des Sehens, Dorthin, wo jene Dünste sind am herbsten.« Wie vor der Schlange feindlicher Erscheinung Die Frösche all' im Wasser sich verlieren, Bis sie zusammen sich geduckt am Grunde, Sah ich zerstörter Seelen mehr denn tausend Vor einem fliehen, der am Übergange Den Styx durchschritt mit ungenetzten Sohlen. Vom Angesicht entfernt' die dichte Luft er, Gar öfters mit der Linken vorwärts greifend, Und nur von solcher Qual schien er belästigt. Wohl merkt' ich, daß vom Himmel er gesandt sei, Und wendete zum Meister mich, der winkte Mir, stillzustehn und mich vor ihm zu neigen. O wie er mich so voll Unwillens deuchte. Zur Pforte kam er, und mit einem Stäbchen Öffnet' er sie, da war kein Widerstreben. »O schmählich Volk, vertrieben aus dem Himmel!« Begann er auf der grausenvollen Schwelle, »Wodurch erwächst in euch solch ein Vermessen, Was seid ihr widerspenstig jenem Willen, Dem nimmermehr sein Ziel geraubt kann werden, Und der zum öftern eure Pein schon mehrte? Was hilft's, sich gegen das Geschick zu stemmen? Drum eben ist, wenn ihr euch recht erinnert, Ja Cerberus haarlos an Hals und Kinne.« Dann wandt' er heim sich durch die schlamm'ge Straße Und sprach kein Wort zu uns, sondern sein Antlitz War eines Mannes, welchen andre Sorge Als des, der vor ihm stehet, drängt und stachelt. Und wir nun lenkten unsern Schritt der Stadt zu, Gesichert durch den Klang der heil'gen Worte. Wir traten ohne Kampf hinein ins Innre, Und ich, der zu betrachten war begierig, Was solche Festung wohl in sich verschließe, Ließ, als ich drin war, rings die Augen kreisen Und sah zu jeder Hand ein groß Gefilde Mit Jammer angefüllt und großen Martern. So wie bei Arles dort, wie die Rhone stauet, So wie bei Pola nahe beim Quarnaro, Der Welschland schließt und seine Mark bespület. Viel Gräber rings die Statt' uneben machen: So sah ich deren hier auf allen Seiten, Nur daß noch bitterer daselbst die Weise; Denn zwischen diesen Särgen waren Flammen Verstreut, durch welche sie so ganz erglühten, Daß keine Kunst mehr von dem Eisen fordert. All' ihre Deckel waren aufgeschlagen, Und draus erklang wohl ein so herbes Jammern, Daß es von Armen schien und von Geplagten. Und ich: ›Mein Meister, wer sind diese Leute, Die, eingesarget dort in jenen Laden, Ihr Dasein durch ein kläglich Seufzen künden?‹ Und er zu mir: »Hier sind die Irrtumstifter Mit ihren Jüngern, aller Sekten, und wohl Mehr, als du glaubst, beladen sind die Gräber; Mit ähnlichen sind ähnliche begraben, Und mehr und minder sind die Gräber glühend.« Drauf wandt' er sich zur Rechten, und wir schritten Nun zwischen Martern hin und hohen Zinnen. Zehnter Gesang Jetzt geht es vorwärts auf geheimem Pfade Zwischen den Martern und dem Wall der Stadt hin, Mein Meister und ich, seinen Fersen folgend. ›O hohe Kraft, die durch der Frevler Kreise Mich lenkest,‹ fing ich an, ›wie dir's gefällig, Sag' und befriedige mir meine Wünsche: Kann man das Volk, das in den Gräbern ruhet, Nicht näher sehn? Denn alle Deckel sind ja Geöffnet schon, und niemand hält dran Wache.' Und er zu mir: »Die werden all' geschlossen, Wenn heim vom Tale Josaphat sie kehren Mit ihren Körpern, die sie droben ließen. Auf dieser Seit' hat ihre Grabesstätte Mit Epikurus seine ganze Schule, Die mit dem Körper läßt die Seele sterben. Und dort drin wirst du bald befriedigt werden Auf alle Fragen, die du ausgesprochen, Und ob des Wunsches auch, den du verschweigest.« Und ich: ›O guter Führer, nicht verberg' ich Mein Herz, nur bündig möcht' ich mit dir sprechen, Und dessen hast du unlängst mich ermahnet.‹ »O Tuscier, der du durch die Stadt des Feuers Lebendig wallst, mit ehrenwerter Rede, Laß dir's gefallen, an dem Ort zu weilen! Ich muß an deiner Sprache dich erkennen, Als aus der edlen Vaterstadt gebürtig, Der ich wohl allzu lästig einst gewesen!« Urplötzlich tönt' es aus der Laden einer Also hervor, drum ich, von Furcht ergriffen, Mich etwas näher meinem Führer anschloß. Und er zu mir: »Wende dich um! Was tust du? Sieh Farinata, der sich aufgerichtet; Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn schauen.« Schon heftet' ich mein Antlitz auf das seine, Und jener hob den Busen und die Stirne, Als ob der Hölle trotzig Hohn er spräche. Und zwischen ihn nun und die Gräber stießen Mich meines Führers Hände rasch und mutig, Der sprach dazu: »Gezählt' sei'n deine Worte!« Sobald ich kam zum Fuße seines Grabes, Blickt' er mich eine Weil' an, und dann fragt' er Wie zürnend mich: »Wer waren deine Väter?« Und ich, der zu gehorchen war begierig, Verbarg ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen; Drauf er ein wenig aufwärts zog die Brauen Und sprach: »Sie waren fürchterliche Feinde Mir, meinen Vätern, meinem ganzen Anhang, So daß ich zu zwei Malen sie zerstreute.« ›Wenn auch verjagt, so kehrten beide Male Sie allenthalben heim,‹ gab ich zur Antwort, ›Doch eure haben schlecht die Kunst erlernet!‹ Da stieg, enthüllt vom Deckel, augenscheinlich Nächst ihm empor ein Schatten bis zum Kinne; Denn auf die Knie, schien's, hatte er sich erhoben. Er blickt' um mich herum, als ob er wünsche Zu sehn, ob jemand andres mit mir wäre; Doch, da sich sein Vermuten ganz erledigt, Sprach weinend er: »Wenn durch des Geistes Hoheit In diesem düstern Kerker du einhergehst, Wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht mit dir?« Und ich zu ihm: ›Nicht von mir selber komm' ich, Denn mich geleitet jener, der dort harret, Den euer Guido wohl gering geschätzt hat.‹ Es hatten seine Worte und die Weise Der Strafe seinen Namen mir verraten, Drum konnt' ich ihm so volle Antwort geben. Stracks aufgerichtet rief er aus: »Wie sagst du, Er hat gering geschätzt? – Lebt er denn nicht mehr, Trifft nicht das süße Licht mehr seine Augen?« Als er gewahr ward eines kurzen Zögerns, Indem ich vor der Antwort war befangen, Fiel rückwärts er und kam nicht mehr zum Vorschein. Doch der hochherz'ge andr', um dessen willen Ich stehn geblieben, ändert' nicht sein Antlitz, Hielt starr den Hals und beugte nicht die Seite. »Und wenn,« sprach er, in seiner ersten Rede Fortfahrend, »schlecht sie diese Kunst erlernet, So martert mich dies mehr als dieses Bette; Doch fünfzigmal nicht wird vom neu'n erglühen Das Antlitz jener Herrin, die hier herrschet, Bis du erfährst, wie schwer die Kunst dir lastet. Und willst du in der süßen Welt je weben, So sprich, warum ist gegen meinen Stamm doch Dies Volk erbarmungslos in jeder Satzung?« ›Die große Niederlage und das Blutbad,‹ Sprach ich drauf, ›welches rot die Arbia färbte, Gibt solchen Ratschluß ein in unsern Hallen.‹ Nachdem er seufzend drauf das Haupt geschüttelt, »Nicht ich allein war's,«, sprach er, »noch gewißlich Wär' ohne Grund gekommen ich mit andern; Doch ich allein war's, welcher dort, wo alle Einwilligten, Florenz hinwegzureißen, Mit offner Stirn der Stadt Partei genommen.« ›Wenn euer Samen je soll Ruhe finden,‹ Fleht' ich ihn an, ›so löset mir den Knoten, In welchen hier mein Urteil sich verstrickt hat. Es scheint, ihr seht, wenn ich euch recht verstanden, Im voraus, was die Zeit mit sich herbeiführt, Doch für die Gegenwart verhält sich's anders.‹ »Wir sehn, wie einer, der ein schwach Gesicht hat, Die Dinge,« sprach er, »die von uns entfernt sind; So viel noch läßt der höchste Fürst uns schimmern. Doch wenn sie annahn oder da sind, schwindet All unser Sinn, und bringt kein andrer Botschaft, So wissen wir nichts von der Menschen Treiben. Darum begreifst du wohl, daß unser Wissen Ganz tot sein wird von jenem Augenblicke, Da sich das Tor der Zukunft wird verschließen.« Da sprach ich, von des Zögerns Schuld zerknirschet: ›Gebt dann dem, welcher dort zurücksank, Kunde, Daß noch den Lebenden sein Sohn vereint ist, Und wenn vorher ich blieb die Antwort schuldig, So sagt ihm, daß es nur geschah, weil ich schon Dem Zweifel nachsann, den ihr mir gelöst habt.‹ Und schon rief mich zu sich zurück mein Meister, Drob ich nun schneller von dem Geist begehrte, Daß er mir sage, wer mit ihm hier weile, Er sprach zu mir: »Mit mehr denn tausend lieg' ich Allhier, hierdrinnen ist der zweite Friedrich, Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich.« Hierauf verbarg er sich, und meine Schritte Wandt' ich dem alten Dichter zu; die Rede, Die feindlich mir geschienen, überdenkend. Er aber brach nun wieder auf und fragte Im Weitergehn: »Was hat dich so verwirret?« Und da ich seiner Frage drauf genüget, Ermahnte also mich der Weise: »Was du Hier Feindliches vernommen hast, bewahre; Doch jetzt merk' auf (hier zeigt' er mit dem Finger), Wenn du dort stehst vor ihrem holden Strahle, Die mit den schönen Augen alles schauet, Wird klar durch sie dir deines Lebens Reise.« Er wandt' den Schritt zur Linken nun; die Mauer Verlassend, wallten wir zur Mitt' auf einem Fußpfad, der an ein Tal stieß, wo bis oben Uns widerliche Duft' entgegenqualmten. Elfter Gesang Am obern Saume eines hohen Ufers, Das Felsentrümmer bildete im Kreise, Gelangten wir ob grausenvollre Haufen. Dort, wegen fürchterlichen Übermaßes Des Stankes, den der tiefe Abgrund auswirft, Verbargen dicht wir hinter einem großen Grabdeckel uns, auf dem ich eine Schrift sah, Besagend: ›Anastasius verwahr' ich, Den Papst, den ab vom rechten Weg Photin zog.‹ »Es muß sich unser Niedergang verzögern, So, daß sich an den schlimmen Duft der Sinn erst Etwas gewöhn', und dann verschlägt's nicht weiter.« Der Meister so; und zu ihm sprach ich: ›Einen Ersatz sinn' aus, daß nicht umsonst die Zeit uns Verstreich'.‹ Und er: »Du siehst, daß ich dran denke. Mein Sohn, es sind noch, stufenweise sinkend, Drei kleinre Kreis' in dieses Felsens Umfang,« – Begann er drauf, – »den hinterlegten ähnlich. Erfüllt sind alle mit verfluchten Geistern. Doch, daß dir gnüge dann am Schaum, vernimm jetzt, Wie und warum sie eingekerkert liegen. Jedweder Bosheit, die des Himmels Haß trifft, Ist Unrecht Zweck, und solchen Zweck erreicht man Bald durch Gewalt, durch Trug bald, andern schadend. Doch weil der Trug des Menschen eignes Übel, Mißfällt er Gott mehr, und drum sind zu unterst Die Trügrischen von größerm Schmerz befallen. Den ersten Kreis füllt, wer Gewalttat übte; Doch da man drei Personen kann Gewalt tun, Ist er gefügt in drei getrennte Zirkel. Gewalt tun kann man Gott, sich selbst, dem Nächsten; Ich mein' an ihnen selbst und an dem Ihren, Wie du mit offenem Beweis wirst hören. Mord mit Gewalt und schmerzliche Verwundung Übt man am Nächsten, und an seiner Habe Zerstörung, Brand und unrechtmäßig Rauben. Drum peinigt Mörder auch und die, so böslich Verwunden, Räuber und Verwüster, sämtlich Der erste Zirkel, in verschiednen Scharen. Gewaltsam kann an sich man Hand anlegen Und auch an seine Güter, und darum muß Im zweiten Zirkel fruchtlos Reu' empfinden Jedweder, der sich eurer Welt beraubet, Verspielt sein Eigentum und es vergeudet Und, statt der Lust, sich Tränen nur bereitet. Gewalt verüben kann man an der Gottheit, Sie mit dem Herzen leugnend und verlästernd Und die Natur und ihr Geschenk verschmähend. Darum nun brandmarkt auch der engste Zirkel Cahors und Sodoma mit seinem Siegel, Den Trug, der stets Gewissensbiss' erreget, Kann gegen den, der einem traut, man üben Und gegen den, der kein Vertraun gefaßt hat. Auf letztre Art wird nur das Band der Liebe, So die Natur erschaffen hat, vernichtet. Drum ist im zweiten Kreis auch eingenistet Heucheln und Schmeicheln und wer Zauberei treibt, Verfälschung, Diebstahl, Simonie und Kuppeln, Bestechlichkeit und mehr dergleichen Unflat. Auf erstre Art vergißt man, nächst der Liebe, So die Natur schafft, jene, die hinzukommt, Aus der sich der besondre Glaub' erzeuget. Drum wird im engsten Kreis im Mittelpunkte Des Weltalls auch, auf welchem Dis den Sitz hat, Wer da verrät, in Ewigkeit verzehret.« Und ich: ›Mein Meister, gar wohl deutlich schreitet Vor dein Bericht und unterscheidet trefflich Den Schlund und jene, die ihn innehaben; Doch sage mir, die in der schlamm'gen Lache, Die dort die Windsbraut jagt, der Regen anschlägt, Und die sich mit so herbem Wort begegnen, Warum, wenn sie in Gottes Zorn sind, leiden Sie innerhalb der glüh'nden Stadt nicht Strafe, Und sind sie's nicht, was trifft sie solch Verfahren?‹ Und er zu mir: »Warum doch schwärmt dein Geist mehr, Als sonst er pfleget? Oder auf was anders Hat nun dein Sinn sein Augenmerk gerichtet? Erinnerst du dich nicht mehr jener Worte, Mit denen deine Sittenlehr' gedenket Der drei Gesinnungen, verhaßt im Himmel, Unmäßigkeit und Bosheit, und der tolle Viehische Sinn; daß minder Gott beleidge Unmäßigkeit, und mindern Tadel ernte? Und wenn du wohl auf diese Sätze merkest Und in den Sinn dir heimrufst, wer sie waren, Die außerhalb dort oben Buß' erleiden, Wirst klar du sehn, warum von diesen Frevlern Getrennt sie sind, und weshalb minder zürnend Sie die Gerechtigkeit zermalmt des Ew'gen.« ›O Sonne, jeden trüben Blick erhellend, So sehr befriedigt stets mich deine Lösung, Daß minder nicht mich Zweifeln freut als Wissen. Noch einmal wende dich ein wenig rückwärts,‹ Sprach ich, ›dorthin, wo's hieß, daß Wucher Gottes Geschenk beleid'g', und so entwirr' den Knoten.‹ »Philosophie belehret ihre Jünger,« Sprach er zu mir an mehr als einer Stelle, »Wie die Natur aus dem Verstand der Gottheit Den Ursprung hat und aus der Kunst des Schöpfers. Und finden wirst du, wenn du wohl in deiner Physik nachforschen willst, nach wenig Seiten, Daß eure Kunst, so viel ihr möglich, jener, So wie der Schüler seinem Meister, folget, So daß wie Gottes Enk'lin eure Kunst ist. Durch diese beiden, wenn du dich erinnerst Des Buchs der Genesis im Anfang, soll sich Die Menschheit Unterhalt und Reichtum schaffen. Doch weil der Wuchrer andre Wege einschlägt, Verschmäht er die Natur an sich, verschmäht sie In ihrer Jüng'rin, da er hofft auf andres. Doch folge mir; denn mir gefällt's zu wandeln. Die Fische zittern schon am Horizonte, Ganz gen den Caurus liegt der Himmelskarren, Und weiterhin dort geht's den Fels herunter. Zwölfter Gesang Der Ort, wo wir zum Niedergang gelangten, War steinig und so graus ob seines Inhalts, Daß jeder Blick zurückgeschaudert hätte. Wie jener Bergfall ist, der eine Seite Der Etsch diesseits Trient bedrängt, sei's, daß einst Die Erd' erbebt, sei's, daß der Grund gewichen, Denn von des Berges Höh', dem er entstürzte, Zur Ebn' ist so herabgerollt das Steinwerk, Daß es von oben einen Pfad gewähret; So ging es an dem Abhang hier herunter, Und auf dem Gipfel des geborstnen Schachtes War Kretas Schandmal ausgestreckt zu schauen, Das in dem falschen Bild der Kuh erzeugt ward. Als es uns nun erblickt', biß es sich selber Gleich einem, den der Zorn verzehrt im Innern. Ihm rief mein weiser Führer zu: »Du meinest Vielleicht, daß dies der Herzog von Athen sei, Der oben in der Welt den Tod dir brachte. Fort, Ungeheuer, denn nicht naht sich dieser, Von deiner list'gen Schwester unterwiesen, Er geht, um eure Qualen zu betrachten!« Gleich wie der Stier, der sich dem Strick entrissen, Nachdem er schon empfing den Stoß des Todes, Nicht fähig mehr, zu wandeln, hin und her springt, So sah ich hier den Minotaurus rasen. Da rief der kluge Führer: »Eil' zum Passe, Gut ist's, hinabzusteigen, weil er wütet.« So ging es weiter abwärts durch den Umsturz Des Steingerölls, das unter meinem Fuß oft Sich ob der ungewohnten Last bewegte. Nachdenkend schritt ich vor; doch er: »Du denkst wohl Ob diesem Sturz nach, den des Untiers Wüten Bewachet, das ich eben jetzt beschwichtigt. Nun wisse, daß, als ich das andre Mal hier Herniederstieg in diese tiefe Hölle, Noch diese Felswand nicht hinabgestürzt war. Doch kurz vorher, wenn ich mich recht erinnre, Eh' jener kam, der aus dem obern Kreise Dem Dis die große Beute abgenommen, Zitterte so das tiefe Tal des Grausens An allen Enden, daß ich meint', es fühle Das All die Sympathie, die, wie geglaubt wird, Schon oft die Welt ins Chaos umgewandelt; Und damals war's auch, wo der alte Felsen Hier und an andrer Stelle umgestürzt ward. Doch werfe nun zu Tal den Blick, es naht sich Der blut'ge Strom, wo jeglicher muß sieden, Der durch Gewalttat andern Schaden zufügt.« O blinde Gier! O unverständig Wüten, Das uns so mächtig spornt im kurzen Leben Und dann im Ewigen so schnöd' uns einweicht. Ein breiter Graben war's, den ich erschaute, Im Bogen rings die ganze Fläch' umfassend, Wie mein Begleiter mir berichtet hatte, Und zwischen diesem und der Felswand sprengten Zentauren hint'reinander, pfeilbewaffnet, Wie in der Welt sie auf die Jagd gezogen. Stehn blieben all', da sie herab uns kommen Gesehn, und drei nur, mit vorher erlesnem Geschoß und Bogen, trennten aus der Schar sich. Doch einer rief von weitem: »Welcher Marter Seid ihr bestimmt, die ihr das Riff herabsteigt? Von dort aus sagt's, sonst schnell' ich los den Bogen!« Zu ihm sprach drauf mein Meister: »Antwort werden Dem Chiron dort wir in der Nähe geben; Verderblich rasch ist stets dein Sinn gewesen.« Er dann, mich leis berührend: »Das ist Nessus, Der wegen Dejanira starb, der Schönen, Und aus sich selber Rache sich bereitet. Der mittelste, der auf die Brust herabschaut, Ist Chiron, des Achilles großer Pfleger, Der andr' ist Pholus, der so wuterfüllt war. Zu Tausenden umkreisen sie den Graben, Verwundend jeden Geist, der aus dem Blute Mehr taucht empor, als seiner Schuld gebühret.« Jetzt nahten wir dem flücht'gen Wild uns, Chiron Nahm einen Pfeil zur Hand, und mit der Kerbe Strich er den Bart sich hinter seine Kiefern; Enthüllend so den weiten Mund, begann er Zu den Genossen: »Merkt ihr wohl, wie jener, Der dort zuletzt wallt, was er trifft, beweget; Das ist dem Fuß der Toten sonst nicht eigen.« Mein guter Hort, schon an der Brust ihm stehend, Wo beiderlei Naturen sich vermählen, Sprach: »Wohl ist er am Leben, und ich muß ihn So ganz allein durchs düstre Tal geleiten, Wohin Notwendigkeit, nicht Lust ihn führte. Vom Hallelujasingen kam hernieder, Die dieses neue Amt mir aufgetragen. Er ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels. Doch bei der hohen Kraft, die meine Schritte Durch diese wilde Straße lenkt, gewähr' uns Aus dem Gefolge einen zum Begleiter, Daß er uns zeige, wo die Furt zu finden, Und auf dem Rücken den hinübertrage, Denn wie ein Geist nicht wallt er durch die Lüfte.« Zur rechten Brust gewandt, sprach jetzt zu Nessus Chiron: »Kehr' um und führ' sie so und wehre Den andern Scharen, wenn auf sie du stoßest.« Wir gingen mit dem sicheren Begleiter Nun längs dem Rand hin des blutroten Sudes, Wo der Gesottnen lautes Schrein ertönte. Ich sah hier Volk, versenkt bis zu den Brauen. »Tyrannen sind's, gewöhnt,« sprach drauf der große Zentaur, »an blut'ge Tat und Räubergriffe. Hier weint ob so erbarmungslosen Freveln Mit Alexander Dionys der Harte, Der Jahre schweren Drucks Sizilien brachte. Und jene Stirne mit dem schwarzen Haare Ist Ezzelino, und die andre blonde Ist Obizzo von Este, der in Wahrheit Vom Rabensohn auf Erden ward getötet.« Da ich zum Dichter drauf mich wandte, sprach er: »Der sei der erste jetzt dir, ich der zweite.« Ein wenig weiter hielt bei anderm Volke Nun der Zentaur still, das bis zu der Kehle Hervor aus jenem glüh'nden Strudel ragte. In einer Eck' allein zeigt' einen Schatten Er, sprechend: »Der durchbohrt' im Schoße Gottes Das Herz, das an der Themse noch geehrt wird.« Drauf sah ich andre, nebst dem Haupt den Rumpf noch Ganz aus dem Bach emporgetragen haltend, Von denen ich gar manchen wiederkannte. So wurde seichter stets Blut und seichter, Bis daß es nur die Füße noch bedeckte, Allwo den Graben nun wir überschritten. »Gleich wie auf dieser Seite du gesehen, Daß dieses Pfuhles Tiefe immer abnimmt,« Sprach der Zentaur, »so wisse, daß auf jener Sein Grund sich immer mehr und mehr herabsenkt, Bis er an jenen Ort sich wieder anschließt, Wo ewiglich die Tyrannei muß seufzen. Denn die Gerechtigkeit des Ew'gen peinigt Dort jenen Attila, der Erde Geißel, Pyrrhus und Sextus und preßt ewig Tränen Den Augen aus, gebeizt vom heißen Sude, Des Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo, Die so gewalt'gen Krieg auf Straßen führten.« Drauf wandt' er sich und kehrte durch die Furt heim. Dreizehnter Gesang Noch war nicht jenseits Nessus angekommen, Als wir uns schon in ein Gehölz begaben, Das keine Spur von einem Pfade zeigte. Nicht grün die Blätter, nein, von düstrer Farbe, Nicht glatt die Äste, nein, gekrümmt und knotig; Nicht Früchte gab's hier, nein, nur gift'ge Dornen. So rauh' und dunkle Dickichte bewohnt nicht, Selbst zwischen Cecinas Flut und Corneto, Das grause Wild, bebaute Striche scheuend. Hier baun ihr Nest die scheußlichen Harpyien, Die Trojas Volk von den Strophaden trieben, Mit trüber Kunde vorbestimmten Wehes. Breitschwingig, menschengleich an Hals und Antlitz, Beklaut, den weiten Bauch gefiedert, jammern Sie auf den abenteuerlichen Bäumen. Der gute Meister: »Eh' du weiter eintrittst,« Begann er drauf, »wiss', daß im zweiten Zirkel Nunmehr du bist, und drin auch wirst verbleiben, Bis du beim grauenvollen Sandmeer anlangst; Drum blicke wohl umher, und schauen wirst du, Was, sagt' ich's, allen Glauben überstiege.« Von jeder Seite her hört' ich ein Winseln Und sah doch niemand, dem es zuzuschreiben Gewesen war', drob ganz verwirrt ich still hielt. Ich glaube, daß er glaubte, daß ich glaube, Daß diese Stimmen aus dem Buschwerk kämen Von Leuten, die sich unserm Blick verbergen. Und drum sprach nun der Meister: »Wenn du irgend Ein Zweiglein abbrichst von der Büsche einem, Wird ganz zunichte werden, was du sinnest.« Als ich ein wenig vor die Hand nun streckte, Ein Ästchen eines großen Dornstrauchs pflückend, Schrie laut sein Stamm: »Warum doch mich zerknicken?« Und da er drauf vom Blute schwarz geworden, Begann er wieder: »Was doch mich zerreißen? Lebt in der Brust dir gar kein Geist des Mitleids? Wir, Menschen einst, sind Schößlinge geworden; Wohl sollte liebevoller deine Hand sein, Selbst wenn wir Schlangenseelen nur gewesen.« Gleich wie ein grüner Brand, wenn er, entzündet An einem Ende, nun am andern träufelt Und zischet, ob der Luft, die ihm entweichet, So drangen aus dem Bruche Blut und Worte Vereint hervor; drob mir die Zweigesspitze Entfiel und ich ein Furchtergriffner dastand. »Wenn er zuvor das hätte glauben können, Gekränkte Seel',« entgegnet' ihm der Weise, »Was ihm aus meinem Lied allein bekannt war, So hätt' er nimmer Hand an dich geleget; Doch das Unglaubliche der Sache ließ mich Die Tat ihm heißen, die mir selber lastet. Doch sag' ihm, wer du warst, daß statt der Buß' er Den Ruf dir droben in der Welt erneure, Wohin ihm heimzukehren ist gestattet.« Und drauf der Stamm: »So lockt dein süßes Wort mich, Daß ich nicht schweigen kann, euch aber sei's nicht Zur Last, wenn im Gespräch ich mehr verweile. Ich bin es, welcher beide Schlüssel führte Zum Herzen Friedrichs und so sanften Druckes Beim Öffnen und Verschließen sie gewendet, Daß alle schier von seinem Rat ich ausschloß, Und das ruhmvolle Amt übt' ich so treulich, Daß drob der Schlaf mich mied, der Puls mir stockte. Die Metze, die nie von des Cäsars Wohnung Den Buhlerblick gewandt, sie, das gemeine Verderben und der Höfe eignes Laster, Entflammte gegen mich die Seelen aller, Die, selbst entflammt, so den August entflammten, Daß trübes Weh mir ward aus heitrer Ehre. Mein Sinn voll zorn'gen Überdrusses, hoffend, Im Tode der Verachtung zu entgehen, Ließ Unrecht mich an mir Gerechtem üben. Bei dieses Baums seltsamen Wurzeln schwör' ich's, Daß nimmermehr ich treulos bin gewesen An meinem Herrn, der so der Ehre wert war. Und wenn zur Welt je einer von euch heimkehrt, So richt' er wieder auf mein Angedenken, Das noch darniederliegt vom Stoß des Neides.« Nach kurzem Harren sprach: »Da er noch schweiget,« Mein Meister drauf, »verliere nicht den Zeitpunkt, Nein, sprich und frag' ihn, wenn du mehr noch wünschest.« Drob ich zu ihm nun: ›Frage du ihn wieder, Was du wohl glaubst, das mich befried'gen möchte, Ich könnt' es nicht, so sehr betrübt mich Mitleid.‹ Darum begann er: »Wenn man je dir tun soll Mit freiem Sinn, was deine Wort' erflehen, Laß dir's gefallen, o gefangne Seele, Uns zu berichten, wie der Geist sich bindet In diese Knoten, und vermagst du's, sag' uns, Ob einer je sich löst aus solchen Gliedern.« Da zischte laut der Stamm, und solches Wehen Verwandelte sich drauf in diese Stimme: »Mit kurzen Worten will ich Antwort geben. Wenn sich die grimme Seele von dem Körper Entfernt, aus dem sie selbst sich losgerissen, So weist zum Schlund, dem siebenten, sie Minos. Sie fällt zum Wald nun, ohne Wahl des Ortes, Doch dort, wo sie das Schicksal hingeschleudert, Da keimet sie empor, gleich einem Spelzkorn. Sie wächst zum Schößling auf, zum Strauch des Waldes; Drauf die Harpyi'n, ihr Laub benagend, Schmerzen Ihr antun und den Schmerzen Luft verschaffen. Gleich andern treffen einst wir unsre Hüllen, Doch nicht, daß eine neu damit sich kleide; Denn was der Mensch sich raubt, soll er nicht haben. Hier schleppen wir sie hin dann, und im düstern Gehölz wird jeder Leib einst aufgehangen Am Dornbusch, wo gequält sein Schatten wohnet.« Wir harrten noch am Stamm in der Erwartung, Daß er uns mehr darob berichten wolle, Als überrascht von einem Lärm wir wurden, Gleich einem Jäger, der auf seinem Stande Den Eber plötzlich nah'n hört und das Treiben, Und durch der Zweige Laub die Doggen rauschen. Und sieh da! zwei zu unsrer linken Seite Nackt und zerkrallt, die so gewaltig flohen, Daß alle Gitter sie des Waldes brachen. Der vordre: »Eil, o Tod, herbei jetzt, eile!« Drauf schrie der andre, dem es allzu langsam Zu gehn schien: »Lanol war doch so behende Dein Fuß nicht bei dem Waffenspiel am Toppo.« Und da's ihm drauf am Atem wohl gebrochen, Verschlang er sich mit einem Strauch zum Knoten. Dicht hinter ihnen war der Wald erfüllet Mit schwarzen Hündinnen, in gier'gem Laufe Windhunden ähnlich, die dem Strick entkommen. Den, der gedrückt lag, packten mit den Zähnen Sie nun, und trugen, stückweis' ihn zerreißend, Die schmerzensvollen Glieder drauf von dannen. Da faßte bei der Hand mich mein Begleiter Und führte mich zum Busch hin, der aus blut'gen Verletzungen fruchtlose Tränen weinte. »O Jakob,« rief er aus, »von Sankt Andreas, Was half es dir, daß du mit mir dich schirmtest? Was bin ich schuld an deinem wüsten Leben?« Mein Meister, über jenem still nun haltend, Begann: »Wer bist du, der durch so viel Enden Du blutgemischte Schmerzenswort' enthauchtest?« Und er zu uns: »O Seelen, angekommen, Die seh mähliche Mißhandlung zu betrachten, Die meine Blätter so von mir getrennt hat, Rafft sie am Fuß des Jammerstrauchs zusammen. Ich war aus jener Stadt, die mit dem Täufer Den ersten Hort vertauscht hat, drum auch dieser Sie stets mit seinen Künsten wird betrüben, Und wenn nicht an dem Übergang des Arno Von ihm noch übrig eine Spur verbliebe, So hätten jene Bürger, die von neuem Vierzehnter Gesang Sie auf dem Schutt, den Attila zurückließ, Gedrängt von Liebe zum Geburtsort, rafft' ich Nun die zerstörten Blätter auf und gab sie Erbauten, ein vergeblich Werk begonnen. Ich machte mir mein eigen Haus zum Galgen.« Dem wieder, der schon sprach mit heis'rer Stimme. Drauf kamen wir zur Grenze, wo vom dritten Sich trennt der zweite Zirkel und der ew'gen Gerechtigkeit graunvolle Kunst zu sehn ist. Die neuen Dinge klar zu schildern, sag' ich, Daß wir zu einer Heide nun gelangten, Die kein Gewächs auf ihrem Grunde duldet. Es kränzet sie die schmerzensreiche Waldung Ringsum, wie diese der verruchte Graben; Hier hielten dicht am Rand wir unsern Schritt ein. Ein dürres festes Sandfeld war der Boden, Ganz gleicher Art mit jenem, der vor Zeiten Von Catos Füßen ist betreten worden. O Rache Gottes! wie so furchtbar mußt du Jedwedem scheinen, der es hier wird lesen, Was meinen Augen ward geoffenbaret! Zahlreiche Scharen sah ich nackter Seelen, Ganz jämmerlich wohl samt und sonders weinend, Doch schien verschiedne Satzung sie zu treffen. Rücklings am Boden lag ein Teil des Volkes, Ein andrer saß, zusammen ganz gekauert, Und noch ein andrer wandelt unablässig, Der so umherging, war an Anzahl größer, Und minder der, so in der Marter dalag, Doch war zum Fluch ihm mehr gelöst die Zunge. Es regneten aufs ganze Sandmeer nieder Langsamen Falles breite Feuerflocken, Wie auf den Alpen Schnee an stillen Tagen. Wie Alexander einst in jenen heißen Landstrichen Indiens über seine Mannschaft Sah Flammen ungedämpft zur Erde fallen, Drob er Vorkehrung traf, den Grund zu stampfen Durch seine Scharen, weil der Dunst noch leichter Zu löschen war, eh' neuer noch hinzukam, So senkte sich herab die ew'ge Lohe, Davon der Sand, wie unterm Feuerzeuge Der Zunder, glomm, die Qualen zu verdoppeln. Ununterbrochen ging das Spiel beständig Der unglücksel'gen Hände, welche hier bald, Bald dort abschüttelten die neuen Gluten. Ich nun begann '0 Meister, der du alles Besiegst, nur nicht die trotz'gen Teufel, die uns Entgegentraten bei des Tores Eingang, Wer ist der Große, der, die Brunst nicht achtend, So höhnend und mit scheuem Blicke daliegt, Daß mürb ihn auch der Brand nicht scheint zu machen?' Und jener selbst nun, der es inne worden, Daß seinethalb ich meinen Führer fragte, Rief: »Wie ich lebend war, bin ich auch tot noch. Mag Jupiter auch seinen Schmied ermüden, Von dem im Zorn er nahm den scharfen Blitzstrahl, Der an der Tage letztem mich getroffen; Ermüd' er all' die andern auch der Reih' nach In Mongibellos schwarzer Schmiedewerkstatt, 'Vulkan, du Lieber, hilf mir, hilf mir!' rufend, Wie bei der Schlacht er tat in Phlegras Tale, Und schleudr' auf mich die ganze Kraft des Blitzes, Doch wird er nie der Rache froh drum werden.« Da sprach mit solcher Kraft zu ihm mein Führer. Wie ich noch nie von ihm vernommen hatte: »O Kapaneus, daß nimmermehr sich dämpfet Dein Stolz, ist eben deine größte Strafe, Denn keine Marter, als dein eigenes Rasen, Wär' deiner Wut ein vollgeziemend Leiden!« Drauf wandt' er sich zu mir mit mildrer Lippe Und sprach: »Er ist der eine von den sieben Belagrern Thebens, welcher Gott verschmähte Und noch, so scheint's, verschmäht und wenig achtet; Doch, wie ich ihm gesagt, es ist sein Lästern Wohl seinem Innern ein gebührend Brandmal. Jetzt folge mir und hab' wohl acht, die Füße Noch nicht in den entbrannten Sand zu setzen, Am Saum des Waldes immer dicht sie haltend.« Stillschweigend kamen wir zu einer Stätte, Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein sprudelt, Des Röte mir noch jetzt die Haare sträubet. Wie aus dem Schwefelpfuhl der Bach entströmet, Den dann die Sünderinnen sich verteilen, So wallte jener durch den Sand hernieder. Des Flußbetts Grund und beide Hänge waren Von Stein, so wie der Ranft zu jeder Seite, Daraus ich hier den Übergang erkannte. »Es hat dein Auge unter all' dem andern, Was ich gezeigt dir, seit zu jenem Tore Wir eingetreten, dessen Schwelle niemand Verriegelt ist, nichts so Bemerkenswertes Annoch gesehn als gegenwärt'ges Bächlein, Das alle Flammen über sich verlöschet.« So lauteten die Worte meines Führers, Drob ich ihn bat, zu spenden mir die Speise, Nach der er Sehnsucht mir ins Herz gespendet. »In Meeres Mitte liegt ein Land, verwüstet, Mit Namen Kreta,« sprach zu mir nun jener, »Zu dessen Königs Zeit schuldlos die Welt war. Drin ist ein Berg, anmutig einst bewässert Und laubbeschattet, Ida war sein Name. Jetzt ist er öde, wie vom Alter modernd. Ihn wählte Rhea zur betrauten Wiege Des Sohnes einst und ließ dort, wenn er weinte, Geschrei erheben, sichrer ihn zu bergen. Ein hoher Greis steht aufrecht in dem Innern Des Berges, nach Damiett' den Rücken wendend Und hin auf Rom, als sei's sein Spiegel, blickend. Von feinem Gold ist ihm das Haupt gebildet, Aus reinem Silber Arm und Brust bestehend; Dann folget Erz bis zu dem Spalt herunter; Von dort ab ist er ganz gediegnes Eisen, Nur daß gebrannter Ton der rechte Fuß ist, Auf dem er mehr als auf dem andern feststeht. Bis auf das Gold ist jeder Teil geborsten Durch einen Spalt, aus welchem Tränen träufeln, Die dann, sich sammelnd, jenen Fels durchwühlen. In dieses Tal enstürzet ihre Strömung, Den Acheron, Styx, Phlegethon zu bilden. Dann geht's herab durch diese enge Rinne Bis dort, wo man nicht ferner abwärtssteiget, Zu bilden den Cozyt, wie diese Lache Beschaffen, wirst du schaun, drum sag' ich's hier nicht.« Und ich zu ihm nun: »Wenn auf solche Weise Der Abfluß hier vor uns aus unsrer Welt kommt, Warum erscheinet er an diesem Rand erst?« Und er zu mir: »Du weißt, daß rund die Stätte, Und ob du gleich schon viel in ihr hernieder Gestiegen bist, stets links herum dich wendend, So hast du doch noch nicht den ganzen Umkreis Durchlaufen; drum, wenn Neues dir erscheinet, Darf Staunen nimmer auf dein Antlitz treten.« Ich wieder: »Meister, Phlegethon und Lethe, Wo sind sie nur? denn von dem letztern schweigst du Und sagst, der erstre bild' aus diesem Tau sich.« »Wohl sind erfreulich mir all' deine Fragen,« Antwortet' er: »doch sollte dir das Sieden Der roten Flut alsbald die eine lösen. Einst schaust du, aber nicht in dieser Grube, Den Lethe, wo zum Bad die Seelen treten, Wenn die bereute Schuld wird nachgelassen.« Drauf sprach er: »Es ist Zeit, uns zu entfernen Vom Busche nun; auf! folge meinen Schritten, Bahn bieten uns die unentbrannten Ufer, Und aller Dunst verlöschet über ihnen.« Fünfzehnter Gesang Jetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns; Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer Verwahrend Dämm' und Flut, der Rauch des Bächleins. Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder, Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend, Sich eine Wehr' baun, der die Brandung weiche, Und wie die Paduaner längs der Brenta Sie baun zum Schirm der Villen und Kastelle. Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen, Dem ähnlich waren jene hier gebildet, Nur daß von gleicher Höhe nicht, noch Stärke, Wer er auch war, der Meister sie errichtet. Schon waren wir so weit vom Wald entfernet, Daß, wo er stand, ich nicht mehr unterschieden, Ob ich auch rückwärts mich gewendet hätte, Als uns entgegenkam ein Haufen Seelen, Herwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen Sah uns jedwede an, wie wohl des Abends Beim Neumond einer auf den andern hinblickt, Anblinzelnd also uns mit ihren Augen, Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider. So angestarrt von solcherlei Gesellschaft, Ward ich erkannt von einem, der, beim Saum mich Erfassend des Gewands, rief: »Welch ein Wunder!« Und ich, da er den Arm nach mir gestrecket, Hing mit dem Blick an dem verbrannten Antlitz So, daß die von der Glut zerstörten Züge Nicht wehrten meinem Geist, ihn zu erkennen, Und hin mein Angesicht zu seinem neigend, Antwortet' ich: ›Seid Ihr hier, Herr Brunetto?‹ Und er: »O lieber Sohn, laß dir's gefallen, Daß, weichend von der andern Spur, Brunetto Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.« Ich sprach zu ihm: ›Aus ganzer Seel' erfleh' ich's Und setze mich mit euch, wenn ihr es wünschet, Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wandr' ich.‹ »O lieber Sohn,« sprach er, »wer aus der Schar hier Sich irgend aufhält, liegt dann hundert Jahre, Ob auch die Glut ihn senge, unbeweglich. Drum geh' nur fort, ich folg' am Saum des Kleids dir Und hole wieder ein dann meine Rotte, Die weinend wallt ob ihres ew'gen Unheils.« Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen Um mich ihm gleichzustellen, doch gebücket Hielt ich das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt. Er nun begann: »Welch Schicksal oder Zufall Führt vor dem letzten Tag dich hier hernieder, Und wer ist dieser, der den Weg dir zeiget?« ›Dort oben über uns, im heitern Leben,‹ Entgegnet' ich, ›verirrt' in einem Tale Ich mich, bevor erfüllt noch war mein Alter. Erst gestern morgens wandt' ich ihm den Rücken, Doch da zu ihm ich kehrt', erschien mir jener Und führt' mich heim nunmehr auf diesem Pfade.‹ Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgest, Kannst des ruhmvollen Ports du nicht verfehlen, Dafern ich recht gesehn im schönen Leben; Und wär' ich so nicht vor der Zeit gestorben, So hätt' ich, da ich dir des Himmels Zeichen So günstig sah, zum Werke dich ermuntert. Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft, Das niederstieg von Fiesole vor Alters Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet, Wird dir zum Feind ob deines Rechttuns werden, Und da, weil sich's nicht ziemt, daß zwischen herben Spierlingen süßer Feigen Frucht gedeihe. Blind nennt sie eine alte Sag' auf Erden, Ein geiziges Geschlecht voll Stolz und Mißgunst. Sieh zu, dich ihrer Sitten zu entschlagen. So großen Ruhm bewahret dir dein Schicksal, Daß beide Teil' einst Hunger nach dir fühlen, Doch wird vom Mund dann fern der Bissen bleiben. Wohl mögen selber sich zu Streu zertreten Die Bestien Fiesoles, doch sollen nimmer Die Pflanze sie berühren, wenn noch eine Dem Wust entkeimt, in der der heil'ge Samen Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren, Als solches Nest voll Bosheit ward gegründet.« ›Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Himmel,‹ Entgegnet' ich ihm drauf,›Ihr würdet jetzt noch Nicht aus der menschlichen Natur verbannt sein. Denn fest bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt Das teure, liebe, väterliche Bild mir Von Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich Den Weg gelehrt, wie sich der Mensch verewigt, Und wie ich dankbar drob, so lang' ich lebe, Müßt Ihr an meinen Worten noch erkennen. Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich Mit anderm Spruch, es zur Erläut'rung wahrend, Bis ich ein Weib, das dies versteht, erschaue. So viel indes will ich Euch offenbaren, Daß, schilt mich anders nur nicht mein Gewissen, Ich auf das Schicksal, wie's auch sei, gefaßt bin. Nicht neu ist solch ein Vorklang meinen Ohren, Drum mag Fortuna immer nach Gefallen Ihr Rad umdrehn und seinen Karst der Landmann.‹ Da wandte auf die rechte Seite rückwärts Mein Meister sich, ins Angesicht mir blickend, Und sprach darauf: »Recht höret, wer es merket.« Doch drob nicht minder wandl' ich im Gespräch hin Mit Herrn Brunetto, wer von den Genossen Am größten und berühmt'sten wohl? ihn fragend. Und er zu mir drauf: »Manche ziemt's zu kennen, Von andern wird es löblich sein zu schweigen, Weil allzu kurz die Zeit für die Erzählung. Wiss' überhaupt, daß Geistliche, Gelehrte Sie alle waren, groß und weltberühmet, Die gleiche Sünd' einst auf der Welt befleckte. Dort wallt mit jener Unglücksschar Priscianus Und Franz Accursius, auch erblicken kannst du, Wenn dich gelüsten sollte solches Unflats, Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno Versetzt zum Bacchiglione, wo die Nerven, Zu schnöder Brunst mißbraucht, er hinterlassen. Mehr würd' ich sagen, aber Red' und Wandrung Darf nun nicht länger dauern, denn schon seh' ich Dort neuen Dunst vom Sandmeer sich erheben; Es nahet Volk, mit dem mir nicht zu weilen Vergönnt. Laß meinen Schatz dir sein empfohlen, In dem ich leb' annoch, und mehr nicht fordr' ich.« Drauf wandt' er sich und schien von jenen einer, Die zu Verona durch das Blachfeld laufen Ums grüne Tuch, und schien von ihnen jener, Der Sieger bleibt, nicht jener, der besiegt wird. Sechzehnter Gesang Schon waren wir, wo man den Schall der Wässer Vernahm, die zu dem nächsten Kreis entstürzten, Dem Summen gleich, um Bienenkörbe tönend, Als schnellen Laufs allzumal drei Schatten Von einer Schar, die unter jenem Regen Der herben Qual vorüberging, sich trennten. Sie kamen auf uns zu und riefen sämtlich: »Steh still du, der, nach deiner Tracht zu schließen, Ein Bürger unsrer Stadt scheint, der verderbten.« Weh'! welche Wunden, alt'und neu', erblickt' ich, Die ihren Gliedern eingebrannt die Flamme! Noch schmerzt es mich, wenn ich daran nur denke. Auf ihren Ruf hielt horchend still mein Lehrer, Wandt' mir das Antlitz zu und sprach: »Halt ein jetzt, Denn diesen muß mit Achtung man begegnen. Und wär's nicht ob der Glut, die von Natur hier Herabgeschleudert wird, so möcht' ich sagen, Dich zu beeifern zieme dir vor ihnen.« Das früh're Lied begannen, da wir standen, Von neuem sie, und, uns erreichend, faßten Sich alle drei, umdrehend wie ein Rad sich. Wie einst entkleidet und gesalbt die Kämpfer Sich Blöß' und Vorteil abzulauschen suchten, Eh' sie einander Schlag und Stoß versetzten, So wendete ein jeglicher das Antlitz Mir wirbelnd zu, daß in verkehrter Richtung Der Hals beständig umlief mit den Füßen. »Und wenn das Elend dieser sand'gen Stätte Und unser traurig, lautlos Antlitz uns auch Und unser Flehn verschmähn läßt,« fing der ein' an, »So rühre deinen Sinn doch unser Nachruhm, Uns, wer du bist, zu sagen, der die Hölle So sonder Fahr durchstreicht, lebend'gen Fußes. Er, dessen Spur du hier mich siehst betreten, Obgleich er nackt jetzt und zerfleischt einhergeht, War einst von größrer Würd', als du wohl glaubest. Der trefflichen Waldrada Enkel ist er, Mit Namen Guido Guerra, der im Leben Viel durch den Rat, viel mit dem Schwert vollbrachte. Der andre, hinter mir den Flugsand stampfend, Tegghiajo Aldobrandi ist, des Stimme Man droben in der Welt wohl hören sollte. Und ich, mit ihnen hier ans Kreuz geschlagen, Bin Jacob Rusticucci, und gewißlich, Das schlimme Weib bringt mir am meisten Schaden.« – Wenn vor dem Feuer sicher ich gewesen, Hätt' ich mich unter sie herabgestürzet, Und wohl gelitten, glaub' ich, hätt's der Meister. Doch weil ich mich gesengt dort und verbrennet, Ward von der Furcht besiegt mein guter Wille, Der mir Begierde gab, sie zu umarmen. Drauf ich begann:›Verachtung nicht, nein, Kummer, Hat euer Zustand mir so tief ins Innre Geprägt, daß er nur langsam ganz entschwindet, Sobald mir dieser mein Gebieter Worte Gesagt, aus denen ich wohl schließen mochte, Daß Männer euresgleichen sich uns nahten. Von eurer Stadt bin ich, und immer habe Ich eurer Taten und verehrten Namen Gedacht mit Lieb' und sie erwähnen hören. Den Wermut flieh'nd, wall' ich der süßen Frucht zu, Die der wahrhaft'ge Führer mir versprochen, Doch muß ich bis zum Mittelpunkt erst stürzen.‹ – »Wenn lange Zeit der Geist noch deine Glieder Bewegen soll,« antwortet' drauf mir jener, »Und wenn dein Ruf nach dir noch soll erglänzen, Sprich, wohnen Edelsinn und Tapferkeit noch In unsrer Stadt, wie sie gepfleget, oder Sind ganz und gar aus ihr sie jetzt entflohen? Denn dort Wilhelm Borsiere, der seit kurzem Mit uns hier klagend wallt mit den Genossen, Hat uns gar sehr gequält durch seine Worte.« – ›Das neue Volk, der schnellgewachsne Reichtum Hat Stolz und Übermut in dir erzeuget, Florenz, so daß du schon dich drob beklagest!‹ So rief ich mit emporgehobnem Antlitz; Die drei nun, hier die Antwort ahnend, starrten Einander an, wie man die Wahrheit anstarrt. »Wenn es dir künftig mehr nicht kostet, andern Genugzutun,« antworteten sie alle, »O glücklich du, der frei den Sinn du äußerst! Drum wenn du einst aus diesen finstern Stätten Entrinnst, die schönen Sterne wieder schauend, Und es dich dann: ›Dort war ich!‹ freut zu sagen, So unterlasse nicht, von uns zu sprechen.« Drauf brachen sie das Rad, und Flügeln schienen Die raschen Füß' im Fliehen zu vergleichen, Nicht schneller hätte man vermocht, ein Amen Zu sagen, als sie uns entschwunden waren. Darob mein Meister fortzugehn für gut fand. Ich folgt' ihm, und nur waren wir ein wenig Gewallt, als uns so nah des Wassers Lärm kam, Daß man kein Wort von uns verstanden hätte. Wie jener Fluß, – der ab von Visos Berge Nach Morgen hin zuerst den eignen Lauf hat, Der Apenninen linkem Hang entströmend, Der Acquacheta oberhalb genannt wird, Bevor er niedersinkt zum tiefen Grunde, Und bei Forli dann ist des Namens ledig, – Dort ob San Benedettos Kloster schallet, Durchs Hochgebirg in eine Schlucht entstürzend, Wo Tausende wohl Zuflucht finden sollten; So hörten wir von einem steilen Riffe Herab die trübe Flut hier widerhallen, Die wohl in kurzer Zeit das Ohr verletzte. Den Leib hatt' ich mit einem Strick umgürtet, Mit dem ich mehr als einmal jenes Pardel Mit buntbemaltem Fell zu fangen dachte. Nachdem ich nun ihn ganz von mir gelöset, So wie mein Führer mir geboten hatte, Reicht' ich ihn diesem hin zum Knäul verschlungen. Drauf er, sich nach der rechten Seite wendend, Ein wenig von dem Rand entfernt, hinunter Ihn schleuderte in jenen tiefen Abgrund. ›Wahrhaftig, etwas Neues muß entsprechen,‹ Begann ich bei mir selbst, ›dem neuen Zeichen, Das mit dem Blick der Meister so begleitet.‹ O wie behutsam ziemt's zu sein dem Menschen Bei jenen, die nicht nur die Tat erschauen, Nein, mit dem Geist in die Gedanken blicken! Er sprach: »Bald muß hier oben an nun langen, Was ich erwart' und was dein Sinn schon träumte, Bald muß es deinen Blicken sich enthüllen.« Stets soll der Wahrheit, die der Lüge ähnelt, Der Mensch, so viel er kann, die Lippen schließen, Weil sie ihm Schmach bringt ohne sein Verschulden. Doch kann ich hier nicht schweigen, und ich schwöre Bei der Komödie Worten dir, o Leser, So wahr sie späten Beifall nicht vermisse, Daß durch die dichte, dunkle Luft ich eine Gestalt, wie schwimmend sich empor sah heben, Drob auch selbst unerschrockn're Herzen staunten. Wie einer auf wohl steiget, der, den Anker Zu lösen, niedertaucht' und, einen Felsen Umklammernd oder was sonst birgt die Meerflut, Sich oben streckt, nach sich die Füße ziehend. Siebzehnter Gesang »Sieh dort das Untier mit dem spitzen Schweife, Das Berge übersteigt und Wehr und Mauern Zertrümmert! Sieh, was alle Welt mit Stank füllt.« Also begann mein Führer mir zu sagen, Und winkt' ihm, daß es zu dem Ufer käme, Dem Schluß nah des betretnen Marmorpfades. Und jenes widerliche Bild des Truges Kam nun herbei, anlandend Haupt und Bruststück, Doch zog es seinen Schweif nicht mit zum Strande. Sein Antlitz war wie des Gerechten Antlitz, So mild von außen schien die Oberfläche, Indes sein Rumpf sonst einer Schlange Leib glich. Zwei Pratzen hatt' es, haarig bis zur Achsel, Und Rücken, Brust und beide Seiten waren Mit Kreisen ihm und Schleifen bunt bemalet. In Wollzeug woben nimmermehr mit Farben Tataren so als Türken Grund und Einschlag, Noch zog Arachne auf ein solch Gewebe. Wie öfters wohl am Ufer stehn die Barken, Zum Teil im Wasser und zum Teil am Lande, Und wie bei jenen Schlemmern dort, den Deutschen, Zu seinem Kampfe sich der Biber anschickt, So stand hier das heillose Ungeheuer Am Rand, der steinern rings das Sandmeer schließet. Ganz in den leeren Raum schlug's mit dem Schweife Und krümmt' empor die gifterfüllte Gabel, Den Stachel auf Skorpionenart bewaffnend. Mein Meister sprach: »Jetzt müssen wir ein wenig Abwenden unsern Pfad bis hin zu jenem Verruchten Untier, das dort ausgestreckt liegt.« Darauf stieg er herab zur rechten Seite, Zehn Schritte hin am Rand zu äußerst wallend, Die Flammen und den Sand wohl zu vermeiden. Und als wir bei dem Tier nun angekommen, Sah ich ein wenig weiter Volk im Sande Nah an der eingesunknen Stätte sitzen. Der Meister hier: »Damit von diesem Zirkel Du ganz vollständ'ge Kenntnis mit dir nehmest, Geh' hin,« sprach er zu mir, »und schau' ihr Treiben; Doch kurz nur sei dort deine Unterredung. Bis du zurückgekehrt, sprech' ich mit diesem, Daß es uns seine starken Schultern leihe.« So ging ich denn durch den entferntsten Abschnitt Von diesem Kreis, dem siebenten, allein nun Einher, wo die trübsel'gen Männer saßen. Hervor aus ihren Augen brach ihr Jammer, Und hier oft, dort oft wehrten mit der Hand sie Den Dünsten bald und bald dem heißen Boden. Im Sommer machen's anders nicht die Hunde, Bald mit dem Fuß, bald mit der Schnauze, wenn sie Der Flöhe, Bremsen, Fliegen Bisse fühlen. Ins Antlitz einem und dem andern blickend Der von der schmerzensvollen Glut Befallnen, Erkannt' ich keinen zwar, doch ich bemerkte, Daß jedem an dem Hals hing eine Tasche, Gewisse Farbe tragend und Bezeichnung, Daran, so schien's, sich weidete ihr Auge. Als unter sie nun schauend ich getreten, Erblickt' ich himmelblau, vom gelben Beutel Sich hebend, eines Leu'n Gestalt und Haltung. Da weiter drauf mein Blick die Bahn verfolget, Erblickt' auf andrem blutigrotem Säckel Ich eine Gans, viel weißer noch denn Butter; Und einer, der das Bild der trächt'gen Bache Als Zeichen, blau auf weißem Säcklein, führte, Sprach: »Was machst du doch hier in dieser Grube? Jetzt geh hinweg, und da du noch am Leben, So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano Zu meiner linken Seite hier wird sitzen. Als Paduaner unter Florentinern Bin ich allein hier, die, das Ohr mir öfters Durchdröhnend, schrein: ›Der Fürst der Ritter komme! Der einst die Tasche trägt mit den drei Böcken.‹ « Den Mund verzerrend, streckt' er drauf die Zunge Heraus, dem Rind gleich, das sich leckt die Nase. Und ich aus Furcht, daß längres Weilen jenem Mißfalle, der mich kurz nur zu verweilen Ermahnt, kehrt' heim nun von den müden Seelen. Hier fand ich meinen Hort, der auf die Krupe Des grausen Tiers bereits war aufgestiegen Und so zu mir sprach: »Jetzt sei stark und herzhaft. Von nun an geht's herab durch solche Stiegen. Sitz' auf vor mir, ich will die Mitte halten, Daß dir der Schweif zu schaden nicht vermöge.« Wie jener, dem sich bei dem nahen Anfall Des Wechselfiebers schon die Nägel bleichen, Ganz zittert bei des Schattens bloßem Anblick, So ward mir, als er mir dies Wort geboten; Doch es ergriff mich Scham bei seinem Drohen, Die tapfre Diener stets vor wackren Herrn schafft. Jetzt setzt' ich mich auf jene Riesenschultern Und sagen wollt' ich (doch nicht kam die Stimme, Wie ich geglaubt): ›Sieh zu, mich zu umfangen‹ . Doch er, der öfters mir schon beigesprungen In schwerer Fahr, umschlang mich mit den Armen Und stützte mich, sobald ich aufgestiegen. Drauf sprach er: »Geryon, wohlan, mach' auf dich, In weiten Kreisen senk dich langsam nieder; Gedenk, welch' neue Last dir auferlegt ist!« Wie von dem Standort rückwärts abgestoßen Der Kahn wird, zog von hier hinweg sich jener, Und als er nun sich ganz im Freien fühlte, Wandt' er den Schweif hin, wo die Brust gestanden, Und streckt' ihn aus, bewegend wie ein Aal ihn, Und rudert zu die Luft sich mit den Tatzen. Nicht größer, mein' ich, ist die Furcht gewesen, Als Phaethon die Zügel fallen lassen, Weshalb, wie noch zu schaun, gebrannt der Himmel; Noch als die Lenden Ikarus, der Arme, Sich fühlt' entfiedern ob des Wachses Schmelzen, Da ihm sein Vater rief: »Dein Weg ist unrecht,« Denn meine war, als ich von allen Seiten Mich in der Luft sah und jedweder Anblick Dem Aug' entschwunden war, als nur des Untiers. Und langsam, immer langsam schwimmt's von dannen, Es kreist, es senket sich und nichts bemerk' ich Als nur das Wehn im Antlitz und von unten. Schon hört' ich unter uns das grauenvolle Geräusch des Strudels auf der rechten Seite, Drob ich das Haupt herniederblickend beuge, Da ward ich noch verzagter ob des Abgrunds, Denn Feuer sah ich dort und hörte Klagen, So daß ich zitternd, festgeklammert dahing. Drauf merkt' ich, wes ich erst nicht inne worden, Das Abwärtskreisen durch die großen Qualen, Die aus verschiednen Ecken sich uns nahten. Gleich wie ein Falk, der lang sich auf den Schwingen Gewiegt, nicht Federspiel noch Vogel schauend, Die Klag' entreißt dem Falkner: »Weh', du sinkst ja!« Erst müd' sich niederlassend, dann sich hurtig In hundert Kreisen plötzlich dreht und fern sich Vom Meister hinsetzt, unmutsvoll und tückisch; So legte Geryon sich hin am Boden, Ganz nah dem Rande des gezackten Felsens, Und da er unser sich entladen, schwand er, Wie von der Sehn' entschnellt des Pfeiles Kerbe. Achtzehnter Gesang Ein Ort ist in der Hölle, Übelbulgen Genannt, ganz steinern und von Eisenfarbe, So wie der Felsenring, der ihn umkreiset. Grad' in des tückischen Gefildes Mitte Gähnt breit und tief ein Schacht, des innern Bau ich An seiner Stelle künftig melden werde. Des zirkelförm'gen Umfangs Grund, der zwischen Dem Schacht nun und dem Fuß des hohen Steinrands Verbleibt, ist in zehn Täler eingeteilet; Ein Bild, dem ähnlich, das, wo viele Gräben Zum Schutz der Mauer eine Burg umgürten, Der Ort, wo solche sich befinden, darstellt. Gewährten jene hier auf dieser Stätte; Und wie bei solchen Vesten von den Schwellen Der Tore Brücklein gehn zur äußern Böschung, So liefen von dem untern Rand des Felsens Hier Klippen hin, durchschneidend Dämm' und Gräben, Bis zu dem Schachte, der sie schließt und aufnimmt. An diesem Ort nun fanden abgeladen Wir uns von Geryons Rücken, und der Dichter Schritt nach der Linken hin, ich aber folgt' ihm. Zur rechten Hand erblickt' ich neuen Jammer Und neue Martern, neue Henkersknechte, Davon die erste Bulge war erfüllet. Die Sünder, nackt zu schaun am Grunde, wallten Entgegen diesseits bis zur halben Breit' uns, Doch jenseits mit uns, nur geschwindern Schrittes; Gleich wie die Römer, ob der Menge Pilger Im Jubeljahr, ein Mittel jüngst ergriffen, Den Übergang der Brücke zu befördern, Daß alle, mit der Stirn' nach dem Kastelle, Auf einer Seite gen Sankt Peter wallen, Und nach dem Berg hin an der andern Lehne. So hier als dort erblickt' am finstern Fels ich Gehörnte Teufel, mit gewalt'gen Peitschen Von hinten unbarmherzig jene schlagend. Weh'! wie sie auf den ersten Hieb die Fersen Empor schon zogen, und es wollte keiner Den zweiten ab noch warten oder dritten. Dieweil ich also hinging, fiel mein Auge Auf einen, drob sogleich ich also sagte; ›Nicht ist's das erste Mal, daß ich ihn schaue!‹ Drum hielt ich still, ihn wiederzuerkennen, Und stehn blieb auch mit mir der süße Führer, Zurückzugehn ein wenig mir gestattend. Und der Gestäupte, hoffend, sich zu bergen, Beugt' nieder sein Gesicht, doch wenig half's ihm, Denn ich begann: ›Du, mit dem Aug' am Boden! Wenn die Gestalt mich, die du trägst, nicht täuschet, Bist du Venedico Caccianimico? Doch was führt' zu so beizend herber Qual dich?‹ Und er zu mir: »Zwar wider Willen sag' ich's, Allein es zwingt mich deine helle Stimme, Die mir der alten Welt Erinnrung wecket. Ich war es, der Ghisola einst, die Schöne, Vermocht, sich des Marchese Wunsch zu fügen, Was sonst die schnöde Mär davon auch künde. Auch andre Bologneser weilen hier noch, Ja mehr davon erfüllt ist diese Stätte, Als zwischen Savena und Reno Zungen Jetzt sind, die »Sipa« man gelehrt zu sagen; Und willst du des Beweis und Zeugnis haben, Führ' unsern geiz'gen Sinn dir zu Gemüte.« Doch weil er also sagte, gab ein Teufel Mit der Karbatsch' ihm eins und rief: »Fort, Kuppler! Hier gibt's nicht Weiber, nach dem Gülden käuflich.« Ich holte wieder ein nun den Begleiter, Drauf wir nach wenig Schritten hin gelangten, Wo aus dem Fels hervorsprang eine Klippe, Die wir alsbald mit leichter Müh' erstiegen, Und, rechts uns wendend über ihr Gezacke, Von jenen ew'gen Kreisen nun uns trennten. Als wir dahin gekommen, wo sie unten Sich öffnet, den Gepeitschten Raum zu lassen, Begann zu mir der Führer: »Wart' und trachte, Dem Blick der andern Schurken zu begegnen, Die du von Angesicht noch nicht gewahret, Weil gleichen Weges sie mit uns gegangen.« Von jener alten Brücke sahn den Zug wir Der andern Schar nun, die auf uns herzukam, Gejaget ebenmäßig von der Peitsche. Drauf ungefragt begann der gute Meister Zu mir: »Schau jenen Großen, der dort nahet Und keine Träne, scheint's, vor Schmerz vergießet; Welch königliches Ansehn er bewahret! 's ist Jason, der durch Mut dereinst und Klugheit Den Kolchiern das Goldne Vlies entrissen. Auf diesem Zug kam er nach Lemnos' Eiland, Nachdem die kühnen mitleidslosen Weiber All' ihren Männern dort den Tod gegeben. Da war es, wo durch Wink' und glatte Worte Hypsipyle er hinterging, die Jungfrau, Die erst die andern sämtlich hintergangen, Geschwängert und allein ließ er zurück sie; Solch eine Schuld verdammt zu solcher Qual ihn, Und auch Medeas Leid wird hier gerochen. Mit ihm geht, wer betrügt in solcher Weise; Dies gnüge dir vom ersten Tal und jenen Zu wissen, die's zerfleischt in seinem Schoße.« Schon waren wir, allwo der enge Fußpfad Sich mit dem zweiten Damm durchkreuzt und diesen Den andern Bogen nun zur Stütze bietet. Von hier aus hörten in der nächsten Bulge Wehklagend Volk wir mit dem Maule schnauben Und auf sich selber mit den Händen klopfen. Des Grabens Ufer überzog ein Schimmel, Vom Dunst der Tief erzeugt, der hier sich ansetzt, Den Augen und der Nase gleich verletzend. So tiefgehöhlet ist sein Grund, daß nirgends Man ihn zu schaun vermag als auf dem Rücken Des Bogens, wo die Klipp' am höchsten aufsteigt. Dorthin gelangend, sahn von da wir unten Im Graben Volk in einem Mist versenket, Wie man ihn leert aus menschlichen Priveten. Und drunten suchend mit dem Aug', erblickt' ich Unflätig einen so am Haupt vom Kote, Daß man nicht merkt', ob Lai' er oder geistlich; Der rief mir zu: »Was bist du so begierig, Mich mehr denn andr' Entstellte zu betrachten?« Und ich zu ihm: ›Weil ich, wenn ich nicht irre, Dich trocknen Haars einst sah schon, denn du bist ja Alexius Interminei von Lucca; Drum schau' ich mehr dich an als all' die andern.‹ Und er darauf, sich vor den Hohlkopf schlagend: »Hier tauchten unter mich die Schmeicheleien, Davon nie müde mir die Zunge worden.« Alsbald begann zu mir darauf der Führer: »Streck' nun ein wenig weiter vor dein Antlitz, Daß besser das Gesicht dein Blick erreiche Der schmutz'gen Dirne mit verworrnen Haaren, Die dort sich grimmet mit den kot'gen Nägeln, Sich kauernd bald, bald auf den Füßen stehend. Die Metze Thais ist's, die ihrem Buhlen, Als er zu ihr sprach: ›Ernt' ich großen Dank wohl Bei dir?‹ ›Ei freilich, ganz gewalt'gen‹ , sagte. Damit mag hier sich unser Blick begnügen.« Neunzehnter Gesang O Simon Magus! O, sein jämmerliches Gefolge! die ihr Gottes Wundergaben, Die nur der Tugend sich vermählen sollten, Für Gold und Silber raubbegierig preisgebt! Von euch muß die Drommete nun ertönen, Weil in der dritten Bulg' ihr euch befindet. Schon waren an der nächsten Grabesstätte Wir auf den Teil der Klipp' emporgestiegen, Der senkrecht schwebt, grad' ob des Grabens Mitte. O höchste Weisheit, welche Kunst im Himmel, Auf Erden du und in der argen Welt zeigst, Und deine Kraft, wie sie gerecht verteilet! An jedem Abhang sah ich und am Grunde Das grauliche Gestein bedeckt mit Löchern, Kreisförmig insgesamt und gleicher Breite. Sie schienen mir nicht enger und nicht weiter, Als ich in meinem schönen St. Johannes Sie fand, den Taufenden bestimmt zur Stätte. Von ihnen brach ich eins vor wenig Jahren, Daß einen, der darin erstickt', ich rette. (Urkunde sei mir dies, die all enttäusche!) Jedwedem ragten vor aus seiner Mündung Die Füße eines Sünders nebst den Beinen Bis zu der Wad', doch drin verblich das andre. Die Sohlen beid' erglühten ihnen sämtlich, Droh mit den Fußgelenken so sie zuckten, Daß Seil und Wieden sie zerrissen hätten. Gleichwie das Leuchten ölgetränkter Dinge Sich an der Oberfläche hinbeweget, So flackert's von der Ferse zu den Zeh'n hier. ›Mein Meister,‹ sprach ich, ›wer ist dort, der zuckend Mehr als die übrigen Genossen tobet, Von roter, glüh'nder Flamme ausgesogen?‹ Und er zu mir: »Wenn ich hinab dich trüge, Dort, wo der Strand am flachsten liegt, so würd' er Von sich und seiner Schuld dir selbst berichten.« Und ich: ›Was dir beliebt, ist mir gefällig, Du bist mein Herr und weißt, nie weicht mein Wille Von deinem, und verstehst, was ich verschweige.‹ Darauf gelangten auf den vierten Damm wir Und stiegen, links uns wendend, nun hernieder Zu dem durchlöcherten und engen Grunde. Und eh' nicht legte mich der gute Meister Von seiner Hilft' ab, bis er mich genähert Dem Spalt, wo jener klagte mit den Beinen. ›O du, das Oberste gekehrt zu unterst, Verruchter Geist, pfahlähnlich eingerammet, Wer du auch seist,‹ sprach ich, ›vermagst du's, rede!‹ Da stand ich gleich dem Mönch, der Beichte höret Den tück'schen Mörder, der, schon eingesenket, Zurück ihn rief, den Tod noch zu verzögern. Und jener schrie: »Bist du schon eingetroffen, Bist du schon eingetroffen, Bonifazius? Um ein paar Jahre täuschte mich die Handschrift! Wardst du so schnell der Habe überdrüssig, Drob du dich nicht gescheut, mit List zu fangen Die schöne Frau, um sie sodann zu schänden?« Da ward ich jenen gleich, die, nicht verstehend, Was man zur Antwort gab, wie spottbeladen, Unfähig, etwas zu entgegnen, dastehn. Zu mir begann Virgil jetzt: »Sag' ihm hurtig: Ich bin es nicht, nicht bin ich, der du glaubest.« Und ich antwortete, wie mir's geboten. Darob der Geist, die Füße ganz verdrehend, Mit Seufzen und wehklagendem Getöne Begann: »Was ist's denn, das von mir du forderst? Wenn, wer ich bin, dich so zu wissen kümmert, Daß du deshalb den Felsenstrand durchlaufen, So wiss', einst schmückte mich der hehre Mantel. Als echter Sohn der Bärin war ich also Voll Gier, die Bärlein zu erhöhn, daß dort ich Das Geld, mich selber in den Sack hier steckte. Hinabgefahren unterm Haupt sind meine Vorgänger mir, die, gleichfalls Simonisten, Im Spalt des Felsens hier verkrochen liegen. Dort sink' auch ich dereinst hinab, wenn jener Wird kommen, der ich glaubte, daß du wärest, Als ich so plötzlich dich vorhin gefraget. Doch länger ist's, daß, mit den Füßen zappelnd, Ich hier kopfüber schon, kopfunter liege, Als glüh'nden Fußes er gepflanzt wird bleiben; Denn nach ihm kommt noch schnöderen Gebarens Vom Westen her ein Hirt, gesetzlos waltend, Der ihn und mich dann wieder muß bedecken. Der wird ein neuer Jason aus dem Buche Der Makkabäer sein, und wie dem gütig Sein König war, so jenem Frankreichs Herrscher.« Nicht weiß ich, ob ich hier zu keck gewesen, Doch ich antwortet' ihm in solcher Weise: ›Sag' an, wie groß der Schatz war, den vom Anfang Wohl von St. Peter unser Herr verlangte, Als er der Schlüssel Macht in seine Hand gab? Gewiß nichts fordert' er als: »Folge nach mir!« Und Petrus nebst den andern fordert' Gold nicht, Noch Silber von Matthias, als das Los ihn Des Amts traf, das verlor die Frevlerseele! So bleib' denn da, dich trifft gerechte Strafe, Und wahre wohl die schlecht erworbnen Gelder, Die gegen Karl dir solche Kühnheit gaben! Und war' es nicht, daß mir annoch die Ehrfurcht Vor den erhabnen Schlüsseln solches wehrte, Die du getragen hast im heitern Leben, So würd' ich härtre Worte noch gebrauchen; Denn euer Geiz betrübt die Welt, mit Füßen Die Guten tretend und erhöh'nd die Schlechten. Ihr Hirten seid's, die der Evangelist sah, Als jene, die auf großen Wässern sitzet, Von ihm erblickt ward, mit den Kön'gen buhlend! Sie, die, erzeugt mit siebenfachem Haupte, Durch die zehn Hörner ward bewehrt, so lang noch Ihr Gatte fand Gefallen an der Tugend. Ihr schüfet Gold und Silber euch zum Gotte, Und von den Götzendienern scheidet nichts euch, Als daß sie einem, Hunderten ihr opfert. O Konstantin! wie vieles Übel deine Bekehrung nicht, doch jene Schenkung zeugte, Die du erteilt dem ersten reichen Vater!‹ Und weil ich solches Lied ihm vorsang, sei's nun, Daß Zorn, sei's, daß Gewissensbiß ihn quälte, Warf er gewaltig beide Sohlen aufwärts. Wohl glaub' ich, war's gefällig meinem Führer, Mit so zufriednem Antlitz horcht' er immer Dem Klang der ausgesprochnen wahren Worte. Darum mit beiden Armen mich erfassend, Hob er mich ganz zur Brust empor und stieg dann Des Wegs hinauf, den er herabgekommen. Und unermüdet hielt er mich umschlossen, Bis auf des Bogens Spitz' er mich getragen, Der von dem vierten hin zum fünften Damm führt. Drauf legt' er sanft die Bürd' ab, die ihm sanft auch Das steil', zerrißne Riff hindurch geschienen, Das selbst ein schwerer Steg den Ziegen wäre. Von hier aus ward ein andres Tal mir sichtbar. Zwangzigster Gesang Von neuer Pein zu dichten liegt mir ob jetzt, Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu liefern Des ersten Lieds, das von Versunknen meldet. Schon hatt' ich ganz und gar mich angeschicket, Zu schaun in die mir nun enthüllte Tiefe, Die von so bangem Tränenstrom benetzt wird; Da sah durchs zirkelförm'ge Tal ich Leute Stillschweigend und in Zähren nah'n des Schrittes, In dem in dieser Welt Bittgäng' umhergehn. Als tiefer ich auf sie den Blick nun senkte, Schien wunderbarlich jeglicher verdreht mir Vom Kinn bis zu dem Anbeginn des Rumpfes; Denn abgewandt war von der Lend' ihr Antlitz Und rücklings mußten auf uns zu sie kommen, Weil ihnen, vor sich her zu schaun, verwehrt war. Vielleicht hat einmal durch Gewalt der Lähmung Wohl ganz und gar sich einer so verdrehet, Doch sah ich's nie, doch glaub' ich, daß es stattfand. Wenn Gott dich, Leser, Frucht von deinem Lesen Soll ernten lassen, so bedenk' im Innern, Ob tränenlos mein Antlitz bleiben konnte, Als in der Näh' die menschliche Gestalt ich Also verwandt sah, daß des Auges Zähren Die Hinterbacken durch den Spalt benetzten; Gewiß, da weint' ich, an ein Horn mich lehnend Der harten Klippe, so daß mein Begleiter Mir sagte: »Gleichst auch du den andern Toren? Hier lebt die Lieb' erst, wenn sie recht erstorben; Denn wer ist frevelhafter wohl als jener, Der nach des Ew'gen Ratschluß trägt Gelüsten. Richt' auf dein Haupt, richt' auf! schau' ihn, dem einst sich Die Erd' erschloß vor der Thebaner Augen, Darob sie alle riefen: ›Wohin stürzest, Was weichst du aus dem Kampf, Amphiaraus?‹ Und unaufhaltsam stürzt' er hin zu Tale, Bis er zu Minos kam, der all' ergreifet. Sieh, wie den Rücken er zur Brust gemacht hat, Und weil zu weit er vorwärts blicken wollte, Rückwärts nun schaut, verkehrten Pfades wandelnd. Tiresias schau', der die Gestalt gewechselt, Vom Mann zum Weibe werdend, als die Glieder An seinem Leib sich insgesamt verändert, Und erst mußt' wieder sie, die beiden Schlangen, Die engverschlungnen, mit dem Stäbchen schlagen, Eh' wieder ihr des Manns Behaarung wurde. Der seinen Bauch dort nahet mit dem Rücken, 's ist Aruns, welcher einst in Lunis Bergen, Wo, ihren Fuß bewohnend, der Carrarer Das Feld baut zwischen weißen Marmorfelsen, In einer Höhle haust', von wo die Aussicht Aufs Meer und auf die Stern' ihm nicht gehemmt war. Und jene, die mit den gelösten Zöpfen Die Brüste, die du nicht erblickst, bedecket Und alles Haarige nach jenseits kehret, War Manto, die durch viele Länder streifte Und dann sich niederließ, wo ich erzeugt ward; Drob mir's beliebt, daß du mich kürzlich hörest. Nachdem ihr Vater abtrat aus dem Leben Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden, Durchwallte lange Zeit hindurch die Welt sie. Ein See liegt droben in dem schönen Welschland, Am Fuß des Alpenstocks, der Deutschland schließet, Nah' bei Tirol und wird genannt Benacus. Aus tausend Quellen und wohl mehr benetzet Inmitten Valcarnonicas und Gardas Das Wasser den Pennin, das in dem See staut. In seiner Mitte liegt ein Ort, wo Brescias, Trients und auch Veronas Hirt zu segnen Berechtigt wären, wenn des Wegs sie kämen. Peschiera thront, ein Rüstzeug, stark und prächtig, Die Stirn den Bergamasken und Brescianern Zu bieten, wo am tiefsten rings der Strand sinkt. Hierhin muß sämtlich sich das Wasser stürzen, Was in Benacus' Schoß nicht bleiben kann, Und strömt als Fluß dann ab durch grüne Triften. Sobald die Flut hier ihren Lauf beginnt, Heißt sie Benacus nicht mehr, sondern Mincio, Bis bei Governo sie sich mischt dem Po. Nach kurzem Lauf erreicht sie eine Niedrung, In der sie, sich verbreitend, sie umsumpfet Und oft verderblich pflegt zu sein im Sommer. Die grause Jungfrau, hier vorüberziehend, Erblickte Land in des Morastes Mitte, Unangebaut und von Bewohnern ledig; Dort blieb, der Menschen Umgang zu entfliehen, Mit ihren Knechten sie und trieb ihr Wesen, Und lebt' und ließ dort den entseelten Körper. Die Leute drauf, die rings zerstreut hier lebten, Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war Ob des Morasts, der allseits ihn umfaßte. Die Stadt erbauten über dem Gebein sie, Nach ihr sie, die den Ort zuerst erkiesen, Ohn' andre Vorbedeutung Mantua nennend. Zahlreicher war in ihr stets die Bevölkrung, Bevor die Torheit des von Casalodi Durch Pinamonte hintergangen worden. Darum belehr' ich dich, daß, wenn du jemals Den Ursprung meiner Stadt hörst anders deuten, Die Wahrheit keine Lüg' entstellen möge.« Und ich: ›So zuverlässig ist, o Meister! Mir dein Bericht und heischt so meinen Glauben, Daß leere Spreu mir wären all' die andern. Doch sprich, von jenem Volk, das dort einherzieht, Erkennst du einen, der bemerkenswert sei? Denn nur darauf ist jetzt mein Sinn geheftet.‹ Drauf er: »Der, dem dort zu dem braunen Rücken Der Bart herabwallt von der Wange, war einst Augur, als Griechenland so männerleer war, Daß ihrer kaum noch in den Wiegen blieben, Und gab mit Calchas an die Sternenstunde In Aulis, um das erste Tau zu kappen. Er hieß Eurypylus, wie meine hohe Tragödie von ihm singt in einem Verse; Wohl weißt du ihn, du kennst sie ganz und gar ja. Der andre mit den hagern Weichen war sonst Michael Scotus und verstand wahrhaftig Das trügerische Spiel der Zauberkünste. Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdentel Der sich mit Naht und Leder jetzt beschäftigt Nur haben möchte, doch zu spät gereut's ihn. Sieh die Erbärmlichen, die, Nadel, Spule Und Schiff verlassend, Zauberinnen wurden Und Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben. Doch komm von dannen, denn es steht an beider Halbkugeln Grenze und berührt die Fluten Jenseits Sevilla Kain mit seinen Dornen. Und daß der Mond zur Nacht schon gestern voll war, Mußt du wohl wissen, denn im tiefen Walde War er dir mehr als einmal gar willkommen.« So redet' er, indes wir weitergingen. Einundzwanzigster Gesang Von Brücke so gelangten wir zu Brücke, Noch andres, das nicht wert ist, daß es meine Komödie sing', besprechend, bis am Gipfel Wir hielten, Übelbulgens nächste Spalte Zu schaun und andr' umsonst geweinte Tränen, Und wunderbarlich schien mir jene düster. Wie in dem Arsenal der Venetianer Im Winter kocht der zähe Teer, mit welchem Die leck gewordnen Schiffe sie kalfatern; – Denn nicht ist's Zeit zur Schiffahrt, und statt dessen Baut der sein neues Fahrzeug, jener stopfet Die Rippen dem, das öfters schon in See stach, Der hämmert vorn am Schiff und jener hinten, Der schnitzet Ruder zu, der windet Taue, Der am Besan-, der flickt am Bugspritsegel: So kocht' hier unten, nicht durch Feuersgluten, Nein, durch des Schöpfers Kunst, ein dicker Pechbrei, Der allerseits die Ufer überklebte. Ich sah ihn (nichts erblickend von dem Inhalt Als nur die Blasen, die das Kochen auftrieb), Sah ihn sich heben und verdickt dann setzen. Weil unverwandt dort unten hin ich blickte. Zog mich mein Führer: »Schau' doch, schau' doch!« rufend, Zu sich hin von dem Ort, wo ich gestanden. Da wandt' ich um mich, ähnlich einem Manne, Der, was er fliehn muß, gern erschauen möchte, Doch übermannt vom jähen Furchtgefühle, Ob er auch hinblickt, nicht die Flucht verzögert. Und hinter uns sah ich in schnellem Laufe Die Klipp' ersteigen einen schwarzen Teufel. Weh'! wie so wild sein Antlitz war zu schauen, Wie roh er schien in jeglicher Gebärde, Die Schwingen ausgespannt und leichten Fußes. Mit beiden Hüften lastete ein Sünder Auf seinem hoh'n und spitz'gen Schulterpaare, Und selbst hielt er umkrallt des Fußes Sehn' ihm. »Ihr Grausetatzen unsrer Brücke,« rief er, »Da ist der Ält'sten von Sankt Zita einer! Steckt ihn hinunter, denn ich kehr' nun wieder Zu jener Stadt, die wohl damit versehn ist, Feil sind sie alle dort bis auf Buonturo; Ums Geld pflegt man dort Nein aus Ja zu machen.« Dort schmiß er ihn herab, durchs harte Riff sich Zurück drauf wendend, hast'ger, als ein Hofhund, Los von der Kette, je dem Dieb gefolgt ist. Der sank zum Grund, doch schnell sich wendend, taucht' er Empor, allein die Teufel, unterm Brücklein Versteckt, schrien: »Hier frommt nicht das heil'ge Antlitz! Hier schwimmt's gar anders sich als in dem Serchio! Drum willst du nicht der Zinken Schärfe fühlen, So wag's nicht, aus dem Pech hervorzutauchen.« Mit mehr denn hundert Haken drauf ihn packend, Begannen sie: »Du mußt verdeckt hier hüpfen, Um heimlich noch, wo möglich, zu erkapern.« Nicht anders läßt der Koch das Fleisch durch seine Vasallen in des Kessels Mitte nieder Mit Gabeln drücken, daß es auf nicht schwimme. Zu mir der gute Meister drauf: »Damit sie Dein Hiersein nicht bemerken, so verkrieche Dich hinter einen Fels, der Schutz dir leihe, Und daß mir irgend Leid hier widerfahre, Befürchte nicht – ich bin bekannt mit allem, Denn einmal schon war ich bei solchem Strauße.« – Den Ausgang überschritt er drauf der Brücke, Und als er an den sechsten Strand gelangt war, Mußt' eine mut'ge Stirn er wohl bewähren; Denn mit der Wut und mit dem Ungestüme, Womit die Hunde auf den Armen fahren, Der, wo er still hält, gleich zu betteln anfängt, Entstürzten diese vor nun unterm Brücklein, Die Haken sämtlich auf ihn zugewendet; Er aber rief: »Zu freveln wage keiner ! Bevor mich eurer Zinken Spitz' ergreife, Komm einer vor erst, der mich hör', und dann mögt Ihr weiter denken dran, mich zu zerkrallen.« Da schrien sie sämtlich: »Grauseschwanz mag gehen!« Drob einer vortrat, weil die andern hielten, Und hin zum Meister kam und sprach: »Was schaffst du?« – »Glaubst, Grauseschwanz, du, daß du mich hier unten Erblicken würdest, der ich schon gesichert Vor aller eurer Wehr bin,« sprach mein Meister, »War's göttlich Wollen nicht und Gunst des Schicksals? Laß mich drum ziehn, im Himmel ist's beschlossen, Daß durch den wilden Pfad ich einen leite.« Da ward der Stolz ihm dergestalt gebeuget, Daß er zum Fuß sich ließ den Haken sinken Und zu den andern sprach: »Den schlagt mir jetzt nicht!« Drauf rief mir zu mein Führer: »Du, der zwischen Der Brücke Felsenspitzen liegst verkrochen, Kehr' ohne Furcht zu mir anjetzo wieder.« Da kam ich eilends zu ihm hin, und vorwärts Rückt' insgesamt der Teufel Schar, drob Furcht mich Befiel, sie möchten den Vertrag nicht halten. So sah ich einst die Lanzenknechte zittern, Die durch Vertrag Capronas Burg verließen, Als so viel Feinde sie um sich erblickten. Ich schmiegte drum mich mit dem ganzen Leibe Dem Führer an, die Augen nicht verwendend Von ihrem Anblick, der mir gut nicht deuchte. Die Haken neigten sie, und zu den andern Sprach einer: »Soll ich auf die Krupp' ihn treffen?« Der drauf: »Ja, sieh, daß du ihm eins versetzest!« Doch jener Dämon, der mit meinem Führer Sich unterredet, wandt' sich um behende Und rief: »Gemach! gemach! o Raufefankel.« Sodann sprach er zu uns: »Auf diesem Riffe Kann man nicht weitergehn, weil an dem Grunde Geborsten ganz der sechste Bogen daliegt. Allein gefällt's euch mehr noch vorzudringen, So geht nur immerhin auf jenem Felsdamm, Wo bald ein andres Riff euch überführet. Fünf Stunden später, als es jetzt ist, waren Zwölfhundertsechsundsechsig Jahre gestern Vollendet, seit der Weg zerstört hier worden. Dorthin zu send' ich einige der Meinen, Um nachzusehn, ob sich nicht einer lüfte. Mit ihnen geht, sie werden euch nicht schaden. Tritt vorwärts, Bückeschnurbs und Fröstetretel,« Begann er jetzt, »und du auch, Reckelschnauzer, Und Sudelbart du, führ' die Schar der Zehne. Noch komm' auch Scharlachmohr und Drachennaser, Schweinsborst mit seinen Hauern, Hundekraller, Sausfleder und Karfunkelpolt, der Tolle, Streift ringsum an dem glüh'nden Leim; und diese Laßt sicher zu dem andern Riff gelangen, Das unversehrt die Gruben überbrücket.« – ›Weh' mir, was muß ich sehn, mein Meister, ‹ rief ich, ›Laß uns allein gehn ohne Führung; mich nicht Verlangt nach ihr, bist du des Wegs nur kundig. Bist hier umsichtig du, wie sonst du pflegest. So sieh doch, wie sie dort die Zähne fletschen Und, Ränke drohend, mit den Brauen winken.‹ Und jener drauf zu mir: »Du darfst nicht beben, Laß fletschen immerhin sie nach Gefallen, Das gilt allein den jammernden Gesottnen.« Dann wandten links sie auf den Damm, doch hatte Ein jeder erst noch, drauf die Zähne setzend, Die Zung' als Zeichen zugestreckt dem Obmann, Und der gebraucht den Hintern als Trompete. Zweiundzwanzigster Gesang Aufbrechen sah ich sonst wohl Reiterscharen, Angreifen und in Schlachtordnung sich stellen Und manchmal auch im Rückzug Rettung suchen, In eurer Stadt sah ich, o Aretiner, Wettläufer fliegen und Geschwader umziehn Und Lanzenbrechen auch und Ringelrennen. Bald zum Trompeten-, bald zum Glockenklange, Zur Trommel bald und bald nach Turmwartzeichen, Nach heim'scher Weise bald und bald nach fremder, Doch nimmer zu so seltsamer Schalmei sah Ich Reiterei noch Fußvolk sich bewegen, Noch Schiffe steuern nach Gestirn und Küste. Wir gingen hin mit jenen zehn Dämonen (O grausiges Geleit!), doch in der Kirche Mit Heil'gen, heißt's, im Wirtshaus mit den Zechern. Aufs Pech allein war jetzt mein Sinn gerichtet, Den Zustand ganz der Bulge zu gewahren, So wie des Volkes, das in ihr geglüht ward. Gleich wie ein Zeichen die Delphine geben Den Schiffern mit dem Bogen ihres Rückgrats, Damit ihr Fahrzeug sie zu retten trachten; So zeigte, sich die Qualen zu erleichtern, Von Zeit zu Zeit den Rücken uns ein Sünder, Ihn schneller, als es blitzt, aufs neu' versteckend. Und wie am Rand im Wasser eines Grabens Die Frösche mit dem Maul allein hervorstehn, Die Füße bergend und den Schwulst des Leibes, So waren allseits hier zu schaun die Sünder; Allein, wie Sudelbart sich ihnen nahte, Verkrochen sie sich wieder unterm Sude. Ich sah, noch schaudert's mir darob im Herzen, Verziehn den einen, so wie wohl zuweilen Ein Frosch zurückbleibt, weil der and'r enthüpfet. Doch Hundekraller, ihm zunächst genüber, Hakt' ihm das pechverklebte Haar, und einer Fischotter glich er, als ihn der emporzog. Schon wußt' ich insgesamt die Namen aller, Wohl merkend, als sie auserkoren wurden, Und horchend drauf, wie sie einander riefen. »Karfunkelpolt, auf! fall' ihm mit den Klauen Den Rücken also an, daß du ihn schindest!« Schrien allzugleich jetzt die Vermaledeiten. Und ich: ›Sieh zu, mein Meister, ob dir's möglich, Des Unglücksel'gen Namen zu erfahren, Der hier in seiner Gegner Hand gefallen.‹ Mein Meister drauf, ihm nah' zur Seite tretend, Befragt' ihn, wer er sei, und der entgegnet': »Geboren bin ich in dem Reich Navarra; In eines Herrn Dienst gab mich meine Mutter, Die mich mit einem Taugenichts erzeuget, Der selber sich zerstört und seine Habe. Hausdiener bei Thibaut, dem guten König, Begann ich drauf Durchstecherei'n zu treiben, Drob Rechenschaft in dieser Glut ich gebe.« Und Schweinsborste, dem zu jeder Seit' ein Hauer Wie einer Sau hervorragt' aus dem Maule, Ließ ihm des einen Schärf' im Reißen fühlen. Zu schlimmen Katzen war die Maus gekommen, Doch Sudelbart umschlang ihn mit den Armen Und sprach: »Bleibt dort, so lang ich ihn umklammre!« Sein Antlitz drauf zum Meister wendend, sagt' er: »Jetzt frag' ihn, wenn du mehr zu wissen wünschest, Bevor ein andrer ihn zugrunde richtet.« Der Führer nun: »Sag' an, ob unterm Peche Du sonst wohl einen kennst von jenen Frevlern, Der ein Lateiner sei?« und der: »Ich trennte Von einem Nachbar jenes Lands mich kürzlich. O wärt' ich doch mit ihm noch so verborgen, Dann braucht' ich Klau' zu fürchten nicht, noch Haken!« Doch Scharlachmohr rief: »Allzulang ertrugen Wir's schon,« und packt' am Arm ihn mit dem Haken So, daß er draus den vordern Teil ihm abriß. Und Drachennasser auch wollt' an den Beinen Ihn unten kneipen; doch ihr Zehnmann wandte Sich rings umher darob mit wildem Blicke. Als sie hierauf ein wenig sich beruhigt, Fragt' jenen, der annoch auf seine Wunde Hinstarrte, ungesäumt jetzt mein Begleiter: »Sag' an, wer war's, von dem zu deinem Schaden Du dich getrennt, um an den Strand zu kommen?« Und er: »Der von Gallura war's, der Bruder Gomita, ein Gefäß voll Arglist, der einst Die Feinde seines Herrn in seiner Hand hielt Und so dann tat, daß drob sie all' ihn loben. Geld nahm er und ließ dann sie ungehudelt, Wie er sich ausdrückt, und war sonst im Amt auch Ein Mäkler nicht im kleinen, nein im großen. Mit ihm pflegt Umgang dort Don Michael Zanche Von Logodor', und ihre Zungen werden Nie müde, von Sardinien zu sprechen. 0, Weh' mir! Seht, wie dort der andre fletschet! Mehr würd' ich sagen noch; allein ich fürchte, Er schickt sich an schon, mir das Fell zu kratzen.« Ihr großes Haupt, Sausfledern zu sich wendend, Der schon den Blick verdreht, um auszuhauen, Rief: »Mach' dich fort von hier, du schlimmer Vogel!« – »Begehrt zu sehn ihr oder zu vernehmen.« Begann drauf der Erschrockne, »sei's Lombarden, Sei's Tuscier, ich will herbei sie schaffen; Doch laßt die Grausetatzen erst ein wenig Zurück sich ziehn, daß ihre Rache jene Nicht fürchten; und an dieser Stätte sitzend, Stell' sieben ich an meiner Statt, des Einz'gen, Indem ich ihnen pfeife, wie wir pflegen Zu tun, wenn einer sich herausgewagt hat.« Die Gosch', auf solches Wort, hob Reckelschnauzer Und sprach kopfschüttelnd: »Hört einmal den Schurken! Er sinnt nur drauf, daß er hinab sich stürze.« Drauf er, der Schlich' in Meng' im Haupte hatte, Entgegnet': »Ich bin wohl ein arger Schurke, Da ich den Meinen schlimmres Weh' bereite.« Doch Bückeschnurbs hielt sich nicht mehr, und gegen Der andern Meinung rief er: »Springst hinab du, So galoppier' ich dir nicht nach, es soll dich Mein Flügelschlag schon überm Pech ereilen. Fort von der Höh', es mag der Strand uns decken; Laß sehn, ob mehr du giltst als wir zusammen!« Du, Leser, wirst von neuem Spaß jetzt hören! Ein jeder wandt' den Blick zum andern Ufer, Und der zuerst, der drob am meisten zürnte. Der Navarrese, wohl den Zeitpunkt wahrend, Drückt' fest die Füß' ein, und mit einem Sprung Setzt' er hinab, entrinnend ihrer Absicht. Da faßte Reu' ob ihrer Schuld sie sämtlich, Doch den am meisten, der des Fehlers Ursach', Drum eilt' er fort und schrie ihm nach: »Ich hab' dich!« Doch wenig half's, denn schneller als sein Flügel War noch des andern Furcht, der ging zu Grunde, Und jener richtete zum Flug die Brust auf; Nicht anders duckt sogleich die Ente unter, Wenn ihr zu nah der Falke kommt, und dieser Kehrt dann empor, voll Ärgers und ermüdet. Und Förstetretel, zürnend ob des Possens, Flog drein dicht hinter ihm, voll Gier, daß jener Entrinnen möcht', auf daß es Hader gebe, Und wandte, da verschwunden war der Mäkler, Die Krallen alsobald auf den Genossen So, daß sie überm Graben sich zerzausten. Doch dieser, als ein echter Wildfangssperber, Fing an, ihn so zu krallen, daß sie beide Hinfielen in des glüh'nden Pfuhles Mitte. Kampfschlichter ward zwar ungesäumt die Hitze, Doch nicht vermochten sie sich zu erheben, So waren überklebt mit Pech die Flügel. Wehklagend mit den übrigen Genossen, Ließ viere Sudelbart zum andern Ufer Mit ihren Haken fliegen: schnell nun gingen Hinab auf ihren Stand sie dies- und jenseits, Die Haken nach den Überpappten streckend, Die ganz gekocht schon in der Rinde staken, Und wir verließen also sie beschäftigt. Dreiundzwanzigster Gesang Stillschweigend, einsam, unbegleitet schritten Wir nun einher, der eine hinterm andern, Wie ihres Wegs die mindern Brüder hingehn. – Ob jenes Zwists war jetzo mein Gedanke Gerichtet auf die Fabel des Äsopus, Wo von der Maus er handelt und dem Frosche. Denn mehr nicht läßt sich ›halt‹ und ›man‹ vergleichen Als dies' und jener, wenn man End' und Anfang Recht hält zusammen aufmerksamen Sinnes. Und so, wie ein Gedank' entspringt dem andern, Entstand aus diesem alsobald ein zweiter, Der doppelt mir die früh're Furcht vermehrte. Ich dachte so: Um unsertwillen hat sie So vieler Spott und Schaden jetzt getroffen, Daß ich vermut', es mag sie wohl verdrießen; Wenn sich der Zorn gesellt dem bösen Willen, So werden wütender sie uns verfolgen Als je ein Hund den Hasen, den er rammet! Schon fühlt' ich, daß sich ganz das Haar mir sträubte Vor Furcht, und horchend rückwärts hin, begann ich: ›O Meister, wenn du dich und mich nicht schleunigst Verbirgst, so fürcht' ich von den Grausetatzen Gar viel; sie sind schon hinter uns gewißlich, Mir ist es so, als ob ich schon sie hörte.‹ Und er: »Wär' ich von bleibelegtem Glas auch, Nicht würde schneller sich dein Äußres spiegeln In mir, als ich dein Innres jetzt erfasse. Denn stracks kam dein Gedanke zu dem meinen, Der gleichen Inhalts war und gleichen Ganges, So daß ich beide schmolz in einen Ratschluß. Böscht so sich rechts der Strand, daß uns herunter Zu kommen in die nächste Bulge möglich ist, So werden die geahnte Jagd wir meiden.« Und eh' er noch sein ratend Wort vollendete, Sah ich sie nah'n mit ausgespannten Flügeln, Um uns zu fangen, nicht mehr weit entfernt von uns. Urplötzlich faßte mich an jetzt mein Führer, Der Mutter gleich, die, durch den Lärm gewecket, Erblickend über sich die lohe Flamme, Den Sohn ergreift und flieht und so viel Zeit nicht Sich nimmt, für ihn mehr sorgend als sich selber, Daß sie ein Hemde nur sich überwürfe. Und von dem Gipfel nun des harten Strandes Rutscht' mit dem Rücken er hinab am Felshang, Der eine Seite sperrt der nächsten Bulge. Nie glitt so schnell die Flut noch durchs Gerinne Ein oberschlächtig Mühlrad zu bewegen, Dort, wo zumeist sie sich den Schaufeln nähert, Als hier an diesem Rand hinab mein Meister, Von dannen auf der eignen Brust mich tragend, Als ob sein Sohn ich wär', nicht sein Genosse. Kaum war er mit den Füßen zu dem Bette Des Grunds gelangt, als droben jen' erschienen Grad' über uns, doch gab's ihm keine Furcht mehr; Denn die erhabne Vorsicht, die zu Dienern Des fünften Grabens sie bestellen wollte, Ließ keinem Macht, von dort sich zu entfernen. Dort unten traf ein übertünchtes Volk ich, Das weinend rings gar trägen Schrittes wallte, Im Angesicht verdrossen und gebeuget. Sie trugen Kutten, die mit tiefen Kappen Das Aug' bedeckten, ganz von jenem Schnitte, Wie für die Mönch' in Clugny man sie fertigt. Vergoldet sind sie außen, daß es blendet, Doch drinnen ganz von Blei und also wuchtend, Daß Friedrichs Kutten Stroh dagegen wären. O Mantel, Ewigkeiten durch beschwerlich! Links abermals uns wendend, wallten hin wir Mit ihnen, aufs trübsel'ge Jammern merkend. Doch ob der Last kam jenes müde Volk so Langsam herbeigeschlichen, daß in neuer Gesellschaft wir bei jedem Schritt uns fanden. Drum sprach ich zu dem Führer: ›Such' mir einen, Den von Gestalt ich oder Namen kenne, Und laß im Gehn ringsum dein Auge kreisen.‹ Und einer, der mein Tuscisch Wort verstanden, Schrie hinter uns her: »Haltet euern Schritt ein, Die durch die finstre Luft so schnell ihr hinrennt! Vielleicht erhältst von mir du, was du wünschest.« Der Führer drauf zu mir sich wendend: »Warte, Und dann geh' gleichen Schritts dahin mit jenem.« Still hielt ich und sah großen Drang der Seelen Nach mir im Antlitz Zweier, doch es hemmte Sie die Belastung und des Pfades Enge. Und angelangt nun, schielten mit den Augen Lang auf mich hin sie, ohn' ein Wort zu sagen, Und sprachen drauf, sich zu einander wendend: »Der lebt noch, scheint's nach seiner Kehlbewegung! Und wenn sie tot sind, welch ein Vorrecht läßt sie Vom lastenden Talar enthüllt hier wandeln?« Zu mir drauf: »Tuscier, der du zur Versammlung Der jämmerlichen Heuchler bist gekommen, Verschmäh' nicht, wer du seist, uns zu berichten.« Ich drauf: ›Erzeugt hat mich und auferzogen Die große Stadt an Arnos schönem Strome, Und noch trag' ich den Leib, den stets ich hatte. Doch ihr, wer seid ihr, denen's so gewaltig Vor Schmerz herniederträufelt an den Wangen, Und welche Pein in euch entladet so sich?‹ Und mir antwortet' einer: »Diese Kutten, Die goldenfarb'gen. sind von Blei so wuchtig, Daß unter dem Gewicht so knarrt die Wage. Wir waren Brüder-Lustig aus Bologna, Ich Catalan und jener Lodoringo Genannt, die deine Stadt zugleich einst wählte, Wie man wohl einen kürt, der einzeln stehet, Zu wahren ihre Ruh'; doch wie wir's trieben, Kann man noch schaun rings um Gardingos Straße.« Ich nun begann: ›O Brüder, eure Übeln –‹ Doch mehr nicht sprach ich, da mein Blick auf einen Fiel, an der Erd' gekreuzigt mit drei Pfählen. Als er mich sah, verdreht' er ganz am Leib sich Und blies in seinen Bart mit tiefen Seufzern. Doch Bruder Catalan, der drob sein wahrnahm, Sprach: »Dieser, den du hier durchbohrt erblickest Riet einst den Pharisäern, es sei ziemend; Den einen Mann fürs Volk der Qual zu weihen. Jetzt liegt er überzwerch und nackt am Wege, Wie du hier siehst, und seine Last muß jeder, Eh' er vorübergeht, ihn fühlen lassen. Auf gleiche Art wird auch gequält der Schwäher In dieser Grub' und all' aus der Versammlung, Die für die Juden ward des Übels Samen.« Da sah ich, daß Virgil verwundert dastand Ob jenem, der hier ausgestreckt am Kreuz lag So schmachvoll in der ewigen Verbannung. Drauf richtet' an den Mönch er diese Worte: »Laßt Euch's gefallen, wenn Ihr's dürft, zu sagen, Ob sich zur rechten Hand ein Ausgang findet, Auf dem wir beid' uns wegbegeben mögen Und nicht genötigt sind, die schwarzen Engel Zu zwingen, aus der Schlucht hier uns zu tragen.« Und jener drob: »Wohl näher, als du ahnest, Liegt eine Klipp', die, von dem großen Kreise Ausgeh'nd, die grausen Täler all' durchschneidet, Nur daß sie, hier zerschellt, nicht überführet; Doch könnt empor ihr auf dem Schutte steigen, Der sich am Rande böscht und häuft am Grunde.« Ein wenig stand gesenkten Haupts der Führer Und sprach dann: »Übel hat er uns berichtet, Der jenseits mit dem Haken krallt die Sünder.« Der Mönch darauf: »Schon in Bologna hört' ich Vom Teufel manches Bös' und drunter auch, Daß er ein Lügner sei und Lügenvater.« Mit großen Schritten ging mein Führer jetzt Davon, etwas verstört von Zorn im Antlitz, Drob ich auch die Belasteten verließ, Den Spuren folgend der geliebten Füße. Vierundzwanzigster Gesang In jener Zeit des jugendlichen Jahres, Da Sol im Wassermann die Locken wärmet, Und gleich schon wird die Nacht dem halben Tage; Wenn nun der Reif das Bild des weißen Bruders Auf Erden darzustellen strebt, doch wenig Nur dauert das Gebilde seiner Federn: Dann steht der Landmann, dem's gebricht an Futter, Wohl auf und schaut umher und sieht die Fluren Weißglänzen rings und schlägt sich drob die Hüfte, Kommt jetzt nach Haus, sich hier und dort beklagend, Dem Schlucker gleich, nicht wissend, was er tun soll; Zurück drauf kehrend, faßt er neue Hoffnung, Gewahrend, wie die Welt in wenig Stunden Gestalt gewechselt, und ergreift den Stecken Und treibt hinaus die Schäflein auf die Weide. Also entsetzt' ich jetzt mich ob des Meisters, Da seine Stirn ich so getrübt erblickte. Und also schnell auch ward der Wund' ihr Pflaster; Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen, Wandt' er mir zu sich mit dem holden Blicke, Den ich zuerst gesehn am Fuß des Berges. Nach kurzer Überlegung sich entschließend, Tat er die Arm' auf jetzt, und das Getrümmer Erst recht betrachtend, faßt' er mit dem Arm mich, Dem gleich, der bei der Arbeit überleget Und stets, man sieht's ihm an, der Zukunft denket, Zeigt' er mir, auf den Gipfel hin mich hebend Des einen Felsstücks, schon die andre Spitze Und sprach: »An jene mußt du nun dich klammern Doch prüf' erst, ob sie auch dich tragen könne.« Das war kein Pfad wohl für die Kuttenträger, Da er, der leicht, und ich, den er doch forthob, Von Trumm zu Trumm empor kaum steigen konnte, Und wenn der Strand an diesem Umfang kürzer Nicht als am andern war, er zwar vielleicht nicht, Doch ich gewißlich wär' hier unterlegen. Allein weil Übelbulgen gen den Eingang Des tiefsten Schachts ganz abwärts hin sich neiget, So bringt's mit sich die Lage jedes Tales, Daß sich ein Strand erhebt, der andre senket. So nun gelangten wir bis zu der Höhe, Von wo ab sich die letzte Trümmer löset. An Atem war die Lung', als ich hinaufkam, Mir so erschöpft, daß ich nicht weiterkonnte, Vielmehr alsbald mich bei der Ankunft setzte. »Wohlan, jetzt ziemt es dir, dich zu ermannen!« Begann mein Meister, »denn in Federn liegend Und unter Decken, kommt zu keinem Ruhm man, Und wer sein Leben des entbehrend hinbringt, Der hinterläßt nur solche Spur auf Erden, Wie Rauch in Lüften und Geschäum im Wasser. Drum auf! Dein Herz besiege die Erschöpfung, Das immerdar im Kampfe Sieger bleibet, Wenn es des Körpers Schwere nicht herabzieht. Erklimmen müssen wir noch längre Stiegen, Und nicht genügt's, von diesen uns zu trennen; Hast du verstanden? Wohl, so nütz' die Lehre.« Darauf erhob ich mich, bei Atem besser Mich zeigend, als ich wohl mich selber fühlte, Und sprach: ›Geh hin denn, ich bin stark und mutig.‹ Die Klipp' empor nun nahmen unsern Weg wir, Der gar mühselig war und eng und höck'rig Und steiler noch um vieles als der früh're. Um schwach mich nicht zu zeigen, ging ich sprechend hin. Drauf aus der Schlucht empor scholl eine Stimme, Die Worte ungeformt hervor nur sprudelte; Nicht weiß ich, was sie sprach, stand auf dem Rücken Ich gleich des Bogens, der hier überführet, Doch schien der Redende zum Zorn gereizt mir. Ich beugte mich, doch ob des Dunkels konnte Nicht des Lebend'gen Blick zum Grunde dringen, Drob ich: ›Auf, Meister! schnell zum andern Umkreis! Und laßt die Felswand uns herniedersteigen; Denn wie von hier ich hör' und nichts verstehe, Schau' ich hinab und kann nichts unterscheiden.‹ »Nicht anders,« sprach er, »geb' ich drauf Bescheid dir Als durch die Tat; denn ehrenwerter Bitte Muß durch Erfüllung schweigend man willfahren.« Den Ausgang stiegen wir herab der Brücke, Wo mit dem achten Strand sie sich verknüpfet, Und drauf ward mir die Bulge offenbaret. Darin erblickt' ich fürchterliche Haufen So wunderlich verschiedenart'ger Schlangen, Daß noch das Blut mir starrt bei der Erinnrung. Nicht rühme Libyen mehr sich seiner Wüste; Denn bringt es Ringler, Ottern, Brillenschlangen Hervor und Wasser- auch und Lanzennattern, Hat es doch nie so viel' und so verruchte Untier' annoch gezeugt, nebst ganz Äthiopien Und nebst dem Küstenland des Roten Meeres. In dieser grausen, wilderbosten Menge Lief nacktes Volk umher und voll Entsetzens, Schlupfwinkel nicht, noch Heliotrop erhoffend. Die Händ' am Rücken hatten sie mit Schlangen Gebunden, die durch ihre Hüften steckend So Kopf als Schweif, sich vorn zum Knoten knüpften. Und sieh, auf Einen nah an unserm Strande Schnellt eine Schlange hin sich und durchstach ihn, Allwo der Hals sich bindet mit den Schultern. Nie hat so schnell man O noch J geschrieben, Als er entzündet ward und brannt' und gänzlich Zu Asch' alsbald hinfallend mußte werden. Und als er so vernichtet lag am Boden, Vereinte sich von neu'm die Asch' und wurde Von selbst stracks wieder, was sie erst gewesen. So stirbt, berichten uns die großen Weisen, Der Phönix und wird wieder drauf geboren, Wenn er beinah' fünfhundert Jahre zählet. Von Korn und Kraut nicht nährt er sich im Leben, Nur von des Weihrauchs Tränen und von Ingwer, Und Nard' und Myrrhen ist sein Sterbelager. Wie der so selbst, nicht ahnend, wie, dahinsank, Sei's, daß Dämonenkraft ihn riß zu Boden, Sei's Stockung, die den Sinn des Menschen bindet, Sich wieder drauf erhebend, um sich her schaut, Ob der gewalt'gen Angst, die er erlitten, Verworren ganz und seufzend hebt die Blicke; Also der Sünder, als er aufgestanden. Gerechtigkeit des Ew'gen, wie du streng bist, Die rächend du ausschüttest solche Schläge! Da ihn mein Führer, wer er sei, jetzt fragte, Entgegnet er: »Ich regnet' aus Toskana Herunter jüngst in diesen Schlund des Grausens. Kein menschlich, nein, ein viehisch Leben liebt' ich, Wie's mir, dem Maul, ziemt'; Vanni Fucci bin ich, Die Bestie, der ein würd'ger Bau Pistoja.« Zum Führer ich: ›Verbeut ihm zu entschlüpfen Und frag' ihn, welche Schuld ihn hier herabstieß, Den ich als zorn'gen Blutmann einst gesehen.‹ Und jener Sünder, der's vernahm, verstellte Sich nicht, nein, Sinn und Antlitz nach mir wendend, Begann er jetzt, von wilder Scham verfärbet: »Mehr schmerzt es mich, daß du mich hier getroffen In diesem Elend, wo du mich erblickest, Als da ich aus der andern Welt entrückt ward. Abschlagen kann ich nicht, was du begehrest. Ich kam so weit herunter, weil das schöne Gerät ich aus der Sakristei gestohlen Und fälschlich ward ein andrer des bezichtigt. Doch daß du solches Anblicks dich nicht freuest, Wenn jemals du entkommst den finstern Orten, Schließ jetzt dein Ohr auf meiner Kund' und höre: Von Schwarzen wird vorerst entblößt Pistoja, Dann ändert auch Florenz Sitt' und Bewohner. Mars zieht aus Val di Magra einen Dunst auf, Der, eingehüllt in trübe Wetterwolken, Mit einem schneidend ungestümen Sturmwind Den Kampf besteht in dem Gefild Piceno; Drauf jener stracks den Nebel wird zerreißen, Davon die Weißen all' getroffen werden – Und hab's gesagt, damit's dich schmerzen möge.« Fünfundzwanzigster Gesang Bei seiner Worte Schluß hob beide Hände Der Dieb empor mit durchgesteckten Daumen Und rief: »Nimm hin sie, Gott, dir ball' ich zu sie!« Seitdem bin ich befreundet mit den Schlangen; Denn eine wickelte sich um den Hals ihm, Als ob sie spräche: »Mehr sollst du nicht sagen,« Und um die Arm' ein' andre und umschlang ihn, Sich vorn sodann dermaßen rückwärts krümmend, Daß keinen Ruck er konnte tun mit ihnen. Pistoja, o Pistoja, was doch säumst du, Dich einzuäschern, daß du mehr nicht dauerst, Da deine Brut im Bösetun du förderst. Nicht einen Geist in all den finstern Kreisen Der Hölle sah ich gegen Gott so trotzig; Selbst der nicht war's, der fiel vor Thebens Mauern. Und jener nun entfloh und sprach kein Wort mehr, Drauf sah ich einen wütenden Centauren Laut schreiend nah'n: »Wo ist, wo ist der Herbe?« Maremma, glaub' ich, hat so viele Schlangen Selbst nicht, als dieser trug auf seinem Kreuze, Bis wo die menschliche Gestalt beginnet. Ein Drache lag ihm hinten am Genicke Mit ausgespannten Flügeln überm Rücken, Endzündend jeglichen, dem er begegnet. Zu mir begann mein Meister: »Dies ist Cacus, Der unterm Fels des Aventin'schen Hügels Oft einen ganzen See von Blut vergossen; Nicht geht er gleichen Wegs mit seinen Brüdern, Des Diebstahls wegen, den mit List er übte An jener großen Herd', als sie ihm nah' kam. Dort macht' ein Ende dem verkehrten Treiben Die Keule Herkul's, der ihm hundert Schläge Wohl gab, von denen er nicht zehn gefühlet.« Weil er so sprach und jener flog vorüber, Gelangten unter unsern Fuß drei Schatten, Die weder ich gewahrte, noch mein Führer, Als bis wir schrei'n sie hörten: »Wer doch seid ihr?« Darob in unsrer Mär wir still nun hielten, Auf jen' allein das Augenmerk gerichtet. Nicht kannt' ich sie, doch es geschah, so wie es Durch einen Zufall oft wohl zu geschehn pflegt, Daß einer mußt' des andern Namen nennen, Indem er sprach: »Wo mag nur Cianfa bleiben?« Drob ich, daß aufmerksam mein Führer stände, Den Finger mir vom Kinn zur Nase legte. Wenn du jetzt, Leser, was ich sagen werde, Zu glauben zögerst, nimmt es mich nicht wunder, Da ich, der's sah, mir's selbst kaum eingestehe. Weil ich auf sie den Blick hielt aufgeschlagen. Fällt plötzlich eine Schlange mit sechs Füßen Den einen vorn an, ganz an ihn sich klammernd; Den Bauch umschlang sie mit den Mittelfüßen Und packt' ihm mit den vorderen die Arme, Drauf biß sie in die Wangen beiderseits ihn. Die Hinterfüße nach den Schenkeln streckend, Legt' ihren Schwanz jetzt hin sie zwischen beide, Ihn hinten an den Lenden aufwärtsbiegend. Nicht häkelte um einen Baum sich Efeu Je so, wie das grau'nvolle Ungeheuer Die eignen schlang um eines andern Glieder; Drauf ineinanderschmelzend, gleich, als sei'n sie Von warmem Wachs, vermischten sie die Farben, Daß kein's von beiden schien, was es gewesen. Also verbreitet aufwärts am Papiere Sich vor dem Brande bräunlich eine Farbe, Die noch nicht schwarz, erstirbt schon gleich das Weiße, Die andern zwei sah'n zu und riefen beide: »Weh' dir, Agnello, wie du dich veränderst, Sieh doch, schon bist du zwei nicht mehr, noch einer!« Schon waren die zwei Häupter eins geworden, Als zwei Gestalten uns vermischt erschienen In einem Antlitz, drin sich zwei verloren. Zwei Arme bildeten sich aus vier Zweigen, Und Rumpf und Bauch und Bein' und Schenkel wurden Zu Gliedern, wie man nie sie noch gesehen; Verlöscht war hier jedwedes frühre Ansehn, Zwei schien und keins von beiden das verkehrte Gebild und ging so fort langsamen Schrittes. Wie unterm heft'gen Stich der Hundssterntage Die Eidechs', wenn sie Zaun mit Zaun vertauschet, Des Wandrers Weg durchschneidend scheint ein Blitzstrahl; Dem ähnlich schien mir jetzt, den beiden andern Sich stürzend nach dem Wanst, ein wütend Schlänglein, Das braun und schwarz gleich einem Pfefferkorn war. Und jenen Teil, durch den zuerst die Nahrung Der Mensch empfängt, dem einen drauf durchstach es, Dann fiel's vor diesem hingestreckt zu Boden. An starrt' es der Gestochne und verstummte, Doch still jetzt haltend, fing er an zu gähnen, Als ob, sei's Schlaf, sei's Fieber, ihn befiele. Die Schlange blickt' auf ihn, er auf die Schlange; Sie dampfte durch den Mund, er durch die Wunde Gewaltig, und es kreuzten sich die Dämpfe. Lukan verstumme dort, wo er erwähnet Das Elend des Sabellus und Nassidius, Und hör' aufmerksam, was sich jetzt entwickelt; Von Cadmus schweig' Ovid, von Arethusa, Denn wenn er den zur Schlange, die zur Quelle Verwandelt im Gedicht auch, nicht beneid' ich's; Denn nie hat zwei Naturen gegenüber Er so vertauscht, daß beide Bildungskräfte Bereit sich zeigten, ihren Stoff zu wechseln. In solcher Folg' entsprachen sie einander, Daß, weil den Schweif die Schlange gablig spellte, Die Fersen zog zusammen der Gebißne, Die Beine nebst den Schenkeln miteinander Verschmolzen so, daß keine Spur in kurzem Von der Verbindung war zu unterscheiden. Der so gespaltne Schweif nahm die Gestaltung Drauf an, die dort verlorenging, und weich ward Die Haut ihm hier, weil jenseits hart sie wurde. Einkriechen sah ich durch die Achselhöhlen Die Arm', indes des Untiers kurzes Beinpaar Um so viel länger ward als jene kürzer. Drauf bildeten, verschlungen miteinander, Das Glied die Hinterbeine, das der Mann birgt, Weil zwei der Arme aus den seinen spreizte. Indes der Dampf mit neuer Farbe beide Umhüllt' und, überm Leib auf einer Seite Das Haar erzeugend, andrerseits es abstreift', Stand jener auf, und dieser fiel zu Boden, Nicht drum verwendend die ruchlosen Blicke, In deren Schein sie tauchten die Gesichter. Der Steh'nde zog es rückwärts nach den Schläfen, Und von dem Überfluß des Stoffes traten Hervor die Ohren aus den glatten Wangen; Der Rest, der nicht zurückwich, sondern vorn blieb, Gestaltete dem Antlitz sich zur Nase, So viel die Lippen schwellend, als sich ziemte. Der Liegende schiebt jetzo vor die Schnauze, Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren, Gleich wie die Gartenschneck' ihr Fühlhorn einzieht, Und seine Zunge, ganz erst und zum Reden Stets fertig, spaltet sich, und die gespaltne Des andern schließt sich und der Dampf hört auf jetzt. Die Seele, so zum Ungeheuer worden, Flieht mit Gezisch von dannen durch das Tal hin, Weil hint'r ihr her der andre ruft und sprudelt. Drauf wandt' er jenem zu den neuen Rücken Und sprach zum andern: »Jetzt soll Buoso laufen Wie ich sonst dieses Pfads auf allen Vieren.« So sah ich's in der siebenten Kloake Sich wandeln und verwandeln, und entschuld'gen Mag mich der neue Stoff, schweift hier die Zung' ab; Und waren gleich die Augen mir ein wenig Getrübt und abgespannt des Geistes Stärke, Doch konnten jen' im Flieh'n sich so nicht bergen, Daß ich nicht wohl Puccio Sciancato kannte, Der einzig unverändert war geblieben Von den zuerst gekommnen drei Genossen. Der andre war's, ob dem du weinst, Gaville. Sechsundzwanzigster Gesang Erfreue dich, Florenz, ob deiner Größe, Daß über Land und Meer du schlägst die Flügel, Und in der Höll' auch sich dein Ruf verbreitet! Denn bei den Dieben sah ich fünf dergleichen Aus deinen Bürgern, drob mich Scham ergreifet, Und du auch steigst drum nicht zu großer Ehre. Doch wenn auf Wahrheit Morgenträume deuten, Fühlst du in kurzer Zeit von hier, was Prato, Von andern nicht zu reden, an dir wünschet. Und ob auch jetzt, würd' es nicht vor der Zeit sein, O daß es wäre schon, da's einmal sein muß, Denn mehr wird's mich bei höherm Alter drücken. Wir gingen fort, und an den Steinvorsprüngen Empor, die abwärts uns gedient als Stufen, Stieg, nach mich ziehend, wiederum mein Führer. Und weiter jetzt den öden Weg verfolgend, Vermochte zwischen Splittern sich und Zacken Des Riffs der Fuß nicht ohne Hand zu fördern. Da trauert' ich und traure jetzt von neuem, Indem den Sinn ich aufs Geseh'ne richte, Den Witz mehr zügelnd, als ich sonst wohl pflege, Daß es der Zucht der Tugend nicht entschlüpfe, So daß, wenn, sei's ein günst'ger Stern, sei's Bessres, Ein Gut mir gab, ich selbst mir's nicht mißgönne. Wie viel der Landmann, an dem Hügel ruhend, Zur Zeit, da jener, der die Welt erleuchtet, Sein Antlitz weniger uns hält verborgen, Wenn schon die Fliege weicht der Wassermücke, Leuchtwürmchen unten in dem Tal erblicket Dort, wo er pflügt vielleicht und Trauben sammelt; Von so viel Flammen glänzte allenthalben Die achte Bulg', wie ich sogleich gewahrte, Als an der Stell' ich stand, wo man den Grund sieht. Wie der, so einst sich mit den Bären rächte, Die Rosse sah, als des Elias Wagen Hinwegfuhr, himmelwärts gradauf sich schwingen, So daß sein Blick ihm so nicht folgen konnte, Daß andres er als nur gleich einem Wölkchen Die Flamm' empor sich hebend hält' erblicket; Also bewegten durch den Schlund des Grabens Sich alle hin, ohn' ihren Raub zu zeigen, Denn jede Flamm' entrückt' uns einen Sünder. So ausgestreckt zum Schaun stand auf der Brück' ich, Daß, hätt' ein Felsstück ich nicht festgehalten, Hinabgestürzt ich war' ohn' anzustoßen. Und als so aufmerksam mich sah mein Führer, Sprach er: »In diesen Flammen sind die Geister, Und jeglichen hüllt die, dran er entbrannt ist.« Ich drauf: ›Mein Meister, seit ich dich vernommen, Ist sichrer mir's, doch schon hatt' ich geurteilt, Daß es so sei, und wollte schon dich fragen; Wer ist im Feuer dort, das so nach oben Gespalten naht, als schlüg' es aus dem Holzstoß, Darauf Eteocles lag mit dem Bruder?‹ Drauf er: »Gemartert wird dadrin Ulysses Mit Diomed, und wie zu zorn'ger Tat sie Vereint sonst eilten, eint sie jetzt die Strafe. Beseufzet wird im Innern ihrer Flamme Die Kriegslist mit dem Pferde, so das Tor brach, Daraus der Römer edler Sam' hervorging: Drin wird die Kunst beweint, drob nach dem Tod noch Achills Verlust beklagt Deidamia, Drin wird auch des Palladiums Raub gebüßet.« ›Wenn innerhalb der Loh' sie reden können,‹ Sprach ich, ›so bitt' ich, Meister, dich von Herzen, Einmal und abermals statt tausend Malen, Daß du mir nicht verweigerst hier zu weilen, Bis die gehörnte Flamme sich uns nahet; Du siehst, wie Sehnsucht nach ihr hin mich beuget.‹ Und er zu mir: »Gar großen Lobes würdig Ist dein Begehr, drum ich es auch genehm'ge; Doch sieh, daß deine Zunge hier du zähmest, Und laß mich sprechen; denn begriffen hab' ich, Was du verlangst, und weil sie alle Griechen, würden Vielleicht sich jene deinem Wort verhärten.« Nachdem dahin die Flamme war gekommen, Wo schicklich meinem Führer Ort und Zeit schien, Hört' ich in solcher Weise jetzt ihn sprechen: »O ihr dort, zwei vereint in einem Feuer, Wenn ich um euch verdient, solang ich lebte, Wenn ich um euch verdient viel oder wenig, Als das erhabne Lied ich schrieb auf Erden, Bewegt euch nicht, doch einer von euch sage, Wo er sich hin verlor, den Tod zu finden.« Das größre Horn nun dieser alten Flamme Fing mit Geknister an zu flackern, jener, Die von des Windes Wehn bedrängt wird, ähnlich. Darauf die Spitze hin und her bewegend, Als sei des Sprechers Zunge sie, enthaucht Es eine Stimm' und sprach: »Als ich von Circe Entfernt mich hatte, die mehr als ein Jahr mich Zurückgehalten nah dort bei Gaeta, Eh' es Äneas so genannt, vermochte Die Lust am Sohn, das Mitleid für den greisen Erzeuger nicht und nicht die schuld'ge Liebe, Daran Penelope sich freuen sollte, Im Innern die Begier mir zu besiegen, Mich mit der Welt ringsum bekannt zu machen Und mit der Menschen Trefflichkeit und Lastern; Nein, ich begab aufs hohe weite Meer mich Mit einem Schiff allein und mit der kleinen Genossenschaft, die nimmer mich verlassen. Die Ufer beide sah ich bis nach Spanien Und nach Marokko und der Sarden Eiland, Und all' die andern, die dies Meer umspület. Ich war nebst den Genossen alt und schwer schon, Als wir zu jenem engen Schlund gelangten, Wo Herkules sein Grenzmal aufgerichtet, Damit der Mensch sich weiter hin nicht wage. Zur rechten Hand ließ ich Sevilla liegen, Weil ich zur andern Ceuta schon gelassen. ›O Brüder,‹ sprach ich, ›die zum fernen West ihr Durch hunderttausend Fährlichkeiten dränget, Verschmäht doch nicht die kurze Abendwache Der Sinneskraft, die euch noch übrig bleibet, Zu nützen, um, der Sonne folgend, Kunde Vom menschenleeren Weltteil zu erlangen. Zieht euern Ursprung in Betrachtung, wurdet Ihr doch gemacht nicht, gleich dem Vieh zu leben, Nein, daß nach Tugend ihr und Kenntnis ringet.‹ Und die Genossen macht' ich nach der Reise Also begierig durch die kurze Rede, Daß ich sie kaum dann abgehalten hätte. Drauf, unser Hinterschiff gewandt nach Morgen Bewegten, Schwingen gleich zum tollen Fluge, Die Ruder wir, stets mehr zur Linken steuernd. Schon sah das Aug' der Nacht die Sterne sämtlich Des andern Poles und so tief den unsern, Daß kaum er aus der Meeresflut emporstieg. Fünfmal war neu entzündet und verlöscht schon Das Licht am untern Teil des Mondes worden, Seit in den schweren Pfad wir eingetreten, Als endlich dunkel uns durch die Entfernung Ein Berg erschien, der also hoch uns deuchte, Wie ich noch keinen je gesehen hatte. Wir jauchzten; doch bald ward die Lust zum Jammer, Denn wirbelnd ging vom neuen Land ein Sturm auf, Der unser Fahrzeug traf am vordern Ende. Dreimal schwang er's umher samt den Gewässern, Beim vierten warf empor das Hinterschiff er, Den Schnabel senkend (als wollt's ein andrer), Bis über unserm Haupt sich schloß die Meerflut.« Siebenundzwanzigster Gesang Schon war die Flamme nach geschloßner Rede Still und grad aufgerichtet und hinwegging Sie mit Bewilligung des süßen Dichters, Als hinter ihr einherkam eine andre, Die unsern Blick nach ihrer Spitze hinzog Ob des verworrnen Tons, der draus hervordrang. Wie der sizil'sche Stier, der durch das Jammern Des, der mit seiner Feil' ihn hergerichtet, Zum erstenmal gebrüllt (also war's billig), So durch die Stimme des Gequälten brüllte, Daß, wenn er gleich von Erz nur war gebildet, Er um nichts minder schien vom Schmerz durchbohret; So wandelten sich in des Feuers Sprache, Da weder Weg noch Ausgang draus sie fanden, Im Anbeginn die jammervollen Worte. Doch als sie Bahn sich droben durch die Spitze Gebrochen drauf, mitteilend ihr die Schwingung, Die ihnen selbst die Zunge gab beim Durchgang, Vernahmen wir, wie folgt: »O du, an den ich Mein Wort jetzt richte, der du auf Lombardisch Erst sprachst: ›Gehst halt jetzt weg, i' aiz' di' nimmer', Laß dich's, weil etwas spät ich wohl gekommen, Nicht reu'n, mit mir zu weilen im Gespräche! Du siehst, mich reut es nicht, obgleich ich brenne. Wenn du erst kürzlich bist herabgestürzet In diese finstre Welt aus jenem süßen Lateinerland, wo meine Schuld sich herschreibt, Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden? Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino Vom Joche trennen, dem entquillt die Tiber.« Ich stand annoch hinabgebeugt und lauschend, Als leis mich in die Seite stieß mein Führer Und sprach: »Hier rede du, 's ist ein Lateiner.« Und ich, der schon bereit die Antwort hatte, Begann drauf sonder Zögern so zu sprechen: ›O Seele, die versteckt du weilst dort unten, Es ist nicht und war nimmer dein Romagna In seiner Zwingherrn Herzen ohne Krieg noch; Doch offenbar verließ ich dort jetzt keinen. Ravenna steht, wie's stand seit vielen Jahren, Es horstet da der Adler von Polenta, So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen. Die Stadt, die einst so lange standgehalten Und der Franzosen blut'ge Leichen häufte, Weilt unterm Schutz anjetzt der grünen Klauen! Verucchios alten Fanghund und den neuen, Der einst so schnöd verfahren mit Montagna, Sieht man, wo sonst sie pflegten, bissig wüten. Die Stadt' am Strand Lamones und Santernos Regiert der junge Löw' aus weißem Lager, Partei von Mitternacht zu Mittag wechselnd, Und die vom Savio wird bespült zur Seite, Gleich wie sie zwischen Ebne liegt und Bergen, Schwankt zwischen Zwingherrschaft und freiem Wesen. Jetzt fleh' ich an dich, wer du bist, zu künden, Sei unerbittlicher nicht als die andern, Wenn sich dein Nam' behaupten soll auf Erden.‹ Nachdem die Flamm' auf ihre Weis' ein wenig Gebraust, bewegte sie die spitze Zunge Bald hin, bald her und hauchte drauf dies Wort aus: »Wenn meine Antwort ich gerichtet glaubte An einen, der zur Welt zurück je kehrte, So würde mehr nicht diese Flamm' erzittern; Doch weil, wenn anders Wahrheit ich vernommen, Aus diesem Grund noch niemand heimgekehrt ist, Antwort' ich jetzt dir ohne Furcht vor Schande. Ich war erst Kriegsmann und dann Franziskaner, Vom Strick umgürtet, abzubüßen hoffend, Und sicher war' erfüllt mein Hoffen worden, Wenn nicht der Großpfaff war (bekomm's ihm übel), Der mich in meine frühre Schuld zurückwarf. Wie und warum, sollst du anjetzt vernehmen. Solang als ich in Fleisch und Bein noch webte Dem Erbteil meiner Mutter, übt' ich Taten, Die löwenartig nicht, nein, füchsisch waren. Die list'gen Streich' all' und geheimen Schliche Verstand ich, ihre Kunst so trefflich treibend, Daß drob mein Ruf drang zu der Erde Enden. Doch als an jenem Zeitpunkt meines Alters Ich angelangt mich sah, wo jeder sollte Einziehn die Tau' und seine Segel streichen, Ward, was mich erst erfreut, mir jetzt zuwider, Und reuevoll bekennend meine Sünden, Hätt' ich, (o Weh' mir Armen!) mich gerettet. Das Oberhaupt der neuen Pharisäer, – Ganz nah dem Lateran in Krieg verwickelt, Und nicht mit Sarazenen, noch mit Juden; Denn Christen nur allein hatt' es zu Feinden, Und keiner war bei Acres Sturm gewesen, Noch als ein Kaufmann in des Sultans Landen., – Nicht achtet' er in sich die heil'ge Weihe, Nicht das erhabne Amt, in mir den Strick nicht, Durch den sonst magrer ward, wer ihn getragen. Nein, wie einst Konstantin dort im Sorakte Silvester rief, vom Aussatz ihn zu heilen, Also begehrte dieser mich zum Meister, Daß ich ihm stille seines Hochmuts Fieber, Und fragt' mich drob um Rat; doch ich verstummte, Denn eines Trunknen schien mir seine Rede. Und jener drauf: ,Laß nicht dein Herz verzagen! Ich sprech' dich los für jetzt; doch du belehr' mich, Wie Penestrinos Burg ich brechen möge. Den Himmel kann ich öffnen und verschließen, Das weißt du ja; dazu gibt's zwei der Schlüssel, Die jüngst mein Vorfahr nicht gar hochgehalten.' Da trieben an mich die gewicht'gen Gründe, Weil Schweigen hier mir schien der schlimmste Ratschluß. Daß ich begann: ›Da du mich, Vater, reinigst Von dieser Sünd', in die ich jetzt muß fallen – Ein lang Versprechen und ein kurzes Halten Wird auf erhabnem Stuhl dir Sieg verschaffen.' Franziskus suchte drauf mich, als ich tot war, Doch einer von den schwarzen Cherubinen‹ Sprach zu ihm: ›Hol' ihn nicht, tu' mir nicht Unrecht! Der muß hinab zu meinen Sklaven kommen, Weil er gegeben hat den Rat des Truges, Seitdem ich stets im Haar ihm bin gelegen. Wer nicht bereut, den kann man los nicht sprechen, Und nicht kann man zugleich bereun und wollen, Dieweil der Widerspruch es nicht gestattet.' O weh' mir Jammerndem! wie ich erbebte, Als er mich packt' und zu mir rief: ›Du dachtest Vermutlich nicht, daß ich Logik verstände.' Zu Minos trug er hin mich, und der schmiegte Den Schweif achtmal sich an den harten Rücken. Drauf, sich vor großer Wut in jenen beißend,‹ Sprach er: ›Der Flammenhüll' ist dieser schuldig.' Drob hier, wo du mich siehst, ich bin verloren Und so umwallt in Herzeleid einhergeh'.‹ Nachdem er seine Red' also vollendet, Entfernte sich mit Wehgeklag die Flamme, Das spitze Horn verneigend und bewegend. Wir gingen weiter, ich drauf und mein Führer, Am Riff hinan bis auf den andern Bogen, Der überm Schlund schwebt; drin mit Pön belegt wird, Wer, Spaltung stiftend, selbst sich Last bereitet. Achtundzwanzigster Gesang Wer könnt', auch selbst in ungebundner Rede Mehrmals erzählend, gnüglich all' die Wunden Und all' das Blut, das ich jetzt sah, beschreiben? Gewiß zu schwach wär' hier jedwede Zunge, Weil unsre Sprach' und unser Sinn so vieles In sich nicht zu umfassen Raum besitzen. Wenn all' das Volk auch gleich versammelt wäre, Das auf Apuliens schicksalsreichem Boden Gejammert ob des eignen Bluts Vergießen Durch Römerhand erst, in der langen Schlacht dann, Die so gewalt'ge Beut' an Ringen brachte, Wie Livius sonder Irrtum uns berichtet, Nebst jenem Volke, dem geschmerzt die Hiebe, Weil Robert Guiscard es sich widersetzet, Und jenem, des Gebein noch jetzt man aufliest Bei Ceperano, wo zu Lügnern wurden All' die Apulier, und bei Tagliacozzo, Wo Ehrhard siegt', der Alte sonder Waffen, Und der durchbohrt ein Glied und der verstümmelt Es zeigt', war's mit der widrigen Gestaltung Der neunten Bulge nichts doch im Vergleiche. Nicht sprang, wenn Mittelstück es oder Gere Verloren, je ein Faß so, als durchhauen Vom Kinn bis wo man furzt, ich einen schaute. Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen. Und das Geschling war sichtbar und der Beutel, Der schnöde, der aus dem Verschlungnen Dreck macht. Dieweil ich ganz auf ihn den Blick nun hefte, Sah er mich an und sprach, sich mit den Händen Auftu'nd die Brust: »Sieh, wie ich mich zerlege, Sieh, wie verstümmelt Mahomed ist! Weinend Geht Ali vor mir her, im Angesicht Vom Kinn hinaufgespalten bis zum Stirnhaar, Und all' die andern, die du hier erblickst, Weil Unruh' sie und Spaltung ausgestreuet Im Leben, sind anjetzt also zerspellt. Ein Teufel spaltet uns dadrin so grausam Und läßt jedweden aus der Rotte über Des Schwertes Klinge wiederum dann springen. Wenn wir die jammervolle Bahn umlaufen; Denn stets aufs neu' verschließen sich die Wunden, Eh' einer abermals vor jenen hintritt. Doch wer bist du, der von dem Riff du gaffest, Wohl zögernd, zu der Strafe dich zu stellen, Die auf Beschuldigung dir zuerkannt ward?« – »Nicht hat der Tod ihn noch erreicht, noch führet Ihn Schuld zur Qual,« entgegnete mein Meister – »Doch um vollkommne Kund' ihm zu gewähren, Muß ich, der tot schon bin, von Kreis zu Kreise Hier unten durch die Höll' ihn jetzt geleiten, Und also ist's so wahr ich mit dir spreche!« Wohl mehr denn hundert blieben in dem Graben, Als sie's vernahmen, stehn, mich anzublicken, Die Marter vor Verwunderung vergessend. »So sag' dem Fra Dolcino denn, du, der wohl Die Sonne bald aufs neu' erblickst, daß, will er Mir nicht in kurzem folgen, er sich also Mit Nahrungsmitteln rüste, daß die Schneenot Den Novaresern nicht den Sieg verleihe, Der außerdem nicht leicht wär' zu erringen.« Den einen Fuß zum Weitergehn erhebend, Sprach Mahomed zu mir sotane Worte Und streckt' darauf, fortschreitend, ihn zu Boden. Ein andrer, dem durchbohret war die Kehle Und abgestutzt die Nas' bis zu den Brauen Und der annoch ein einzig Ohr nur hatte, Stillhaltend vor Verwundrung nebst den andern, Um mich zu sehn, riß jetzt vor den Genossen Den Schlund auf, blutrot allerseits von außen, Und sprach: »O du, den keine Schuld verdammet Und den ich einst sah im Lateinerlande, Wenn mich zu große Ähnlichkeit nicht täuschet, Gedenk' an Peter doch von Medicina, Wenn je du wiedersiehst die holde Fläche, Nach Marcabô sich senkend von Vercelli. Und gib die Kund' den beiden besten Bürgern Von Fano, Angiolello'n und Herrn Guido, Daß, wenn hier eitel nicht ist das Vorhersehn, Sie aus dem Schiff geworfen und gesäcket Einst werden in der Näh' dort von Cattolica, Von einem schnöden Wüterich verraten. Nicht sah annoch Neptun so große Übeltat Je zwischen Zyperns Eiland und Majorca Nicht von Seeräubervolk, nicht von Argivischem. Denn der Verräter mit dem einen Auge, Der jene Stadt besitzet, die gesehen Wohl einer hier bei mir nicht haben möchte, Wird sie zu sich zur Unterredung laden Und so dann tun, daß bei Focaras Windstoß Sie nicht Gebet mehr brauchen, noch Gelübde.« Und ich zu ihm drauf: ‹ Zeig' mir und erkläre, Wenn ich hinauf von dir soll Nachricht bringen, Wer jener sei, denn herb ist das Geseh'ne.‹ Drauf, an die Kinnlad' eines der Genossen Die Hand anlegend, riß er ihm den Mund auf Und rief: »Der ist es selbst hier, der nicht redet. Er war es, der verbannt, in Cäsars Seele Den Zweifel tilgt', behauptend, daß nur Schaden Stets den Gerüsteten das Zögern brächte.« O wie erschrocken Curio jetzt mir deuchte Mit der zerschnittnen Zung' in seiner Gurgel, Er, der so keck im Sprechen einst gewesen; Und einer, der beraubt war beider Hände, Streckt' in die dunkle Luft empor die Stumpen, So daß das Blut besudelte sein Antlitz, Und rief: »Du wirst doch Moscas noch gedenken, Der ich, weh mir, einst sprach: Geschehnes fügt sich – Ein Wort für Tusciens Volk des Unheils Samen,« ›Und deinem Stamm‹ – fügt' ich hinzu – ›Vernichtung!‹ Drob jener, häufend Schmerz auf Schmerz, davonging, Gleich einem, der im trüben Wahnsinn hinwallt. Doch ich verblieb, die Schar noch zu betrachten, Und sah etwas, das ich mich scheuen würde, Allein ohn' anderen Beweis zu melden, Gab' mein Gewissen mir ein gut Geleit nicht, Das unerschrocknen Sinn dem Menschen leihet, Wenn ihn als Harnisch deckt ein rein Bewußtsein. Ich sah gewiß (noch deucht mir, daß ich's sehe) Hauptlos einhergehn einen Rumpf, gleich wie auch Die andern wallten aus der Jammerherde. Das abgeschlagne Haupt hielt bei den Haaren Laternenartig in der Hand er schwebend, Und dieses blickt' uns an und sprach: »O weh mir!« – Sich selber macht' er selbst sich so zur Leuchte, Daß zwei in einem, eins in zwei'n sie waren. Wie solches sein kann, weiß, wer's so geordnet. Als er gerad' am Fuße stand der Brücke, Hob er den Arm empor zusamt dem Haupte, Damit er seine Wort' uns näher brächte; Die waren: »Sieh die qualenvolle Strafe, Der du noch atmend wallst, zu schau'n die Toten, Sieh, ob so groß wohl eine sei wie diese. Und daß von mir du Nachricht bringen mögest, So wiss', ich bin Bertram von Born, derselbe, Der einst dem König Johann bösen Rat gab. Den Vater hab' ich mit dem Sohn entzweiet, Achitophel trieb Schlimmres nicht mit David Und Absalon, voll Bosheit sie verhetzend. Weil ich so Engverbundene getrennt, Muß ich getrennt, weh! mein Geirn jetzt tragen Von seiner Wurzel, die in diesem Strunk ist. So wird in mir Vergeltungsrecht geübet.« Neunundzwanzigster Gesang Vom vielen Volk und den verschiednen Wunden War also mir das Auge trunken worden, Daß es zu ruhn sich und zu weinen sehnte. Doch zu mir sprach Virgil: »Was starrst du länger, Was weilen noch dort unten deine Blicke Bei den verstümmelten betrübten Seelen? So tat'st du ja nicht bei den andern Bulgen. Denk', wenn du meinst, die Geister all' zu zählen, Daß zweiundzwanzig Meilen dieses Tal kreist Und schon der Mond steht unter unsern Füßen. Nur wenig Zeit ist uns annoch vergönnet Und mehr zu schaun, als du allhier erblickest.« ›Wenn auf die Ursach' du gemerket hättest,‹ Entgegnet' ich ihm drauf, drob ich hinabsah, ›Hätt'st du mir wohl noch stillzustehn gestattet.‹ Dieweil von dannen ging mein Führer, folgt' ich Ihm nach, und fernerhin ihm Antwort gebend, Fügt' ich hinzu: ›In dieser Höhle Umfang, Worauf ich jetzt die Augen hielt geheftet, Beweint, glaub' ich, ein Schatten, blutsverwandt mir. Die Schuld, die drunten kommt zu stehn so teuer.‹ Drauf sprach der Meister: »Daß dich der Gedanke An ihn von nun an künftig nicht mehr störe, Merk' auf das andr' und laß ihn hier verbleiben, Denn auf dich sah ich ihn am Fuß des Brückleins Hindeuten mit dem Finger, ernst dir drohend, Und nennen hört' ich ihn Geri del Bello. Also warst damals du mit dem beschäftigt, Der einst auf Hautefort hauste, daß dorthin du Geblickt nicht hast, und so ging er von dannen.« ›O Führer, die gewaltsame Ermordung,‹ Sprach ich, ›die ungerächt ihm ist geblieben Durch irgendeinen, so der Schmach Genosse, Hat ihn erzürnt, weshalb er, wie ich glaube, Davon ging, ohn' ein Wort mit mir zu reden, Und solches hat mich mehr für ihn beweget.‹ So sprachen wir bis zu der ersten Stelle, Wo von der Klippe sich bei mehrem Lichte Das andre Tal vom Grund aus zeigen würde. Als an dem letzten Kreuzgang Übelbulgens Wir standen so, daß seine Laienbrüder Vor unsern Blicken nun erscheinen konnten, Traf mich verschiedenart'ges Wehgeklage, Das mit des Mitleids Pfeilen mich durchbohrte, Drob ich mir deckte mit der Hand die Ohren. Ein Jammer, gleich als ob die Hospitäler Von Valdichiana zwischen Heu- und Herbstmond Und von Maremm' und von Sardinien sämtlich In einer Grub' all ihre Seuchen einten, Ward dort gehört, und solch ein Stank entstieg ihr, Wie ihn ein eiternd Glied pflegt auszuhauchen. Wir stiegen zu dem letzten Strand herab nun Der langen Klipp', aufs neue links uns wendend, Und drauf begann ich deutlicher zu sehen Bis auf den Grund, allwo die unfehlbare Gerechtigkeit, des Höchsten Dien'rin, alle Verfälscher straft, die hier sie aufgezeichnet. Betrübter, mein' ich, war nicht anzuschauen Das Volk Äginas, insgesamt erkranket, Da so von bösem Stoff die Luft erfüllt war, Daß alle Tier' auch bis zum kleinsten Wurme Hinfielen und sodann aus Ameissamen, Wie es die Dichter uns für sicher geben, Das frühere Geschlecht erneuert wurde, – Als die verschiednen Haufen hier der Geister, Die man hinschmachten sah im finstern Tale. Der hier lag auf dem Bauch, der auf dem Rücken Des andern, der dort schleppt' auf allen Vieren Von Platz zu Platz sich hin am Pfad des Jammers. Stillschweigend gingen Schritt vor Schritt einher wir Und blickten hin und horchten auf die Kranken, Die nicht vermochten, sich emporzurichten. Zwei sah ich sitzen also aneinander Gestützt, wie Pfann' an Pfann' am Herd man stützet, Und Grinde deckten sie vom Kopf zu Fuße. So eilig sah noch niemals ich den Burschen, Auf den die Herrschaft wartet, noch auch jenen, Der ungern aufbleibt, seine Striegel rühren, Als unablässig mit der Nägel Schärfe Sich beid' anfielen hier, weil so gewaltig Das Jucken rast', dem nimmermehr wird Hilfe. Sie zogen sich die Krätz' ab von den Nägeln, Wie mit dem Messer das Geschupp man abstreift Dem Brassen oder größerschupp'gen Fische. »Du, der du mit den Fingern dich zerreißest Manchmal,« begann mein Führer zu dem einen, »Abkneipend mit denselben, wie mit Zangen, Sag' an, ist ein Lateiner unter jenen, Die drin hier sind, soll anders dir der Nagel Zu solcher Arbeit ewiglich genügen?« – »Lateiner sind wir selbst, die beid' entstellt so Du hier erblickst,« antwortet' einer weinend, »Doch du, wer bist du, der nach uns du fragest?« Der Führer drauf: »Begleiter des Lebend'gen Allhier bin ich, und stieg von Fels zu Felsen Herunter, daß ich ihm die Hölle zeige.« Drob los von der gemeinschaftlichen Stütze Sich reißend, wandt' das Paar nach mir sich zitternd, Nebst andern noch, die es beian vernommen. Ganz dicht zu mir trat hin der gute Meister Und sprach: »Sag' ihnen jetzt, was dir beliebet.« Und ich begann darauf nach seinem Willen: ›Wenn euer Angedenken aus der Menschen Erinnrung in der ersten Welt nicht flieh'n soll, Nein, manche Sonnenwende durch noch leben, So sagt mir, wer ihr seid und welches Volkes. Abschrecken mög' euch eure ekelhafte Und grause Pein nicht, mir euch zu entdecken.‹ »Ich war ein Aretiner, und verbrennen Ließ mich,« sprach einer, »Albert von Siena, Doch das, warum ich starb, führt' mich hierher nicht. Wahr ist's daß ich im Scherz zu ihm gesprochen, Ich könnt' im Flug mich durch die Luft erheben, Und er, der voll Begier, doch leer an Witz war, Verlangt', daß ich die Kunst ihm zeig', und ließ mich, Nur weil er Dädalus nicht ward, durch jenen, Der ihn als Sohn hielt, in das Feuer werfen. Doch zu der letzten Bulge von den zehen Verdammte, weil ich Alchymie im Leben Getrieben, Minos mich, der nie kann irren.« Und zu dem Dichter sprach ich: ›Gab's ein Volk je Leichtsinnig wohl, gleich wie die Sieneser? Gewiß, nicht die Franzosen sind's um vieles.‹ Darauf der andr' Aussätzige, mich hörend, Ins Wort mir einfiel: »Nimm mir aus den Stricca, Der Aufwand so mit Maß verstand zu machen. Und Nikolaus, der zuerst erfunden Die prächt'ge Kost der Nelk' in jenem Garten, Wo alsobald bekleibt dergleichen Same. Das Kränzchen auch nimm aus, darin verzettelt Den Forst und Weinberg Caccia von Asciano Und Abbagliato seinen Witz gezeigt hat. Doch jetzt, damit du wissest, wer dir gegen Sienas Volk so beisteht, blick' mich scharf an, So daß mein Antlitz ganz dir Antwort stehe. Und sehn wirst du in mir Capocchios Schatten, Der einst Metall durch Alchymie verfälschet; Denn kenn' ich recht dich, mußt du dich erinnern, Was für ein guter Aff' ich der Natur war.« Dreißigster Gesang Zu jener Zeit, als gegen Thebens Samen Ob Semeles in Zorn entbrannt war Juno, Wie zu verschiednen Malen sie gezeigt hat, Ward Athamas vom Wahnsinn so ergriffen, Daß, da, auf jeder Seite gleich beladen, Sein Weib er kommen sah zusamt zwei Söhnen Er rief: »Spannt aus die Netze, daß die Löwin Mit ihren Jungen ich am Ausgang fange.« Ausstreckend drauf die unbarmherz'gen Klauen, Packt' er den einen, der Learch genannt ward, Und schleudert' und zerschlug an einem Stein ihn, Und jen' ertränkte mit der andern Last sich. Und als Fortuna der Trojaner Größe, Die alles sich vermaß, zu unterst kehrte, So daß der König mit dem Reich zugrund ging, Hört' die gefangne Hekuba man traurig Und elend, da sie Polyxenen tot sah Und ihres Polydors, die Jammervolle, War inne worden an dem Strand des Meeres, In Raserei gleich einem Hunde bellen, Weil so viel Schmerz den Sinn verstört ihr hatte. Doch nicht thebanische, nicht Trojas Furien Sah je so wild man Tiere, noch viel minder Anfallen je die Glieder eines Menschen, Als, um sich beißend, nackt und bleich zwei Schatten Ich jetzt herbei sah laufen gleich dem Schweine, Das aus dem Kof ist losgelassen worden. Anlangend bei Capocchio, packt der ein' ihn So mit den Zähnen am Genick, daß hin er Ihn zog am harten Grund, den Rauch ihm reibend. Zu mir der Aretiner drauf, der zitternd Noch stand: »Der Kobold, der umher so wütet, Beschädigend die Geister, ist Hans Schicchi.« ›O,‹ sprach ich, ›soll der andre dir die Zähne Nicht in den Rücken setzen, so verdrieße Dich's nicht, eh' er entschlüpft, ihn mir zu nennen.‹ Und er zu mir: »Das ist die alte Seele Myrrhas, der Frevlerischen, die dem Vater Mit mehr denn rechter Liebe ward gewogen, Und ihr gelang's, zu sündigen mit jenem, In fremdes Äuß're trügerisch sich hüllend, Wie jener, der dort hingeht, einst die Rolle Buoso Donatis fälschlich durchgeführet, Letztwillig so nach Form des Rechts verfügend, Damit der Herde Fürstin er gewinne.« Und als die beiden Rasenden vorüber Nun waren, drauf geruht mein Auge hatte, Wandt' ich's, die andern Schurken zu betrachten. Da sah ich einen, ähnlich einer Laute Gestaltet, hätt' ihm anders man die Weichen Dort, wo der Mensch gespalten ist, verstutzet. Die läst'ge Wassersucht, die durch die Säfte, Die schlechtverdauten, so verzerrt die Glieder, Daß das Gesicht nicht mehr entspricht dem Wanste, Hielt ihm die Lippen aufgesperrt, wie sonst wohl Schwindsücht'ge tun, die ob des Dursts die eine Dem Kinne zu, aufwärts die andre ziehen. »O ihr, die sonder Straf' ihr (und nicht weiß ich, Warum) euch in der schlimmen Welt befindet,« Begann er jetzt zu uns, »schaut und betrachtet Das Elend Meister Adams; denn im Leben Hatt' alles ich vollauf, was ich begehrte, Und schmacht', ach! jetzt nach einem Tröpflein Wasser. Die Bächlein, die, herab zum Arno wallend Von Casentinos grünen Hügeln, Kühlung Und Feuchtigkeit in ihrem Bett verbreiten, Stehn vor dem Geist mir stets, und nicht vergebens, Denn mehr noch dörrt mich aus ihr Bild als selber Das Übel, das mich abzehrt im Gesichte; Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt, Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt, Um hastiger die Seufzer mir zu jagen. Dort liegt Romena, wo den Feingehalt ich, Besiegelt mit des Täufers Bild, verfälschet, Drum ich verbrannt den Leib zurückließ droben. Doch sah' ich Guidos oder Alexanders Verruchte Seel' hier oder ihres Bruders, Für Brandas Born gäb' ich nicht hin den Anblick. Drin ist die eine schon, wenn mich die Schatten, Die ringsherum hier rasen, wahr berichtet, Allein was hilft's mir mit gebundnen Gliedern! Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren Ich einen Zoll mich vorbewegen könnte, So hätt' ich schon mich auf den Weg begeben, Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen, Wenn es elf Meilen gleich im Kreis umherliegt Und in der Breite mind'stens eine halbe. Bei solcherlei Genossen bin durch jen' ich, Da die Floren' sie mich verführt zu schlagen, So drei Karat enthielten an Legierung.« Ich drauf: ›Wer sind wohl die armsel'gen beiden, Die dampfend, gleich der Hand, getaucht ins Wasser Beim Winterfrost, dicht dir zur Rechten liegen?‹ »Hier fand ich sie, die nie seitdem sich wandten,« Sprach er drauf, »als in diesen Spalt ich schneite, Und werden's mein ich, nicht in Ewigkeiten. Dies' ist die falsch' Anklägerin des Joseph, Sinon von Troja der, der falsche Grieche, Von Brodem qualmend beid' im hitz'gen Fieber.« Und einer drauf von ihnen, dem's zuwider Wohl war, verächtlich so genannt zu werden, Schlug mit der Faust auf den gespannten Wanst ihm, Der einem Trommelfell gleich widerdröhnte; Doch Meister Adam gab ihm mit dem Arme, Der minder hart nicht schien, eins ins Gesichte Und sprach zu ihm: »Muß gleich ich die Bewegung Entbehren durch die Schwere meiner Glieder, Hab' ich doch frei zu solchem Zweck den Arm noch.« Und jener drauf entgegnet': »Als zum Feuer Du schrittest, war er dir nicht so behende, Doch so und mehr noch war er's, als du prägtest.« Der Wassersücht'ge jetzt: »Dran sprichst du Wahrheit, Doch warst du nicht ein so wahrhaft'ger Zeuge, Als man bei Troja dich nach Wahrheit fragte.« – »Wenn falsch ich sprach, so fälschtest du die Münze,« Rief Sinon, »und bin hier ob eines Fehls ich, Bist du's ob mehr, denn irgend sonst ein Teufel.« – »Erinn're dich, Meineidiger, des Pferdes,« Gab der mit dem geschwoll'nen Wanst zur Antwort, »Und Strafe sei dir's, daß es alle Welt weiß.« – »Zur Strafe,« sprach der Grieche, »sei der Durst dir, Drob dir die Zunge platzt, und vor den Augen, Den Bauch dir türmend auf, das Eiterwasser.« Der Münzer drauf: »So reißest du wie immer Den Mund dann auf, Verkehrtes nur zu sprechen; Denn dürst' ich auch, bin ich gefüllt mit Naß doch, Dich aber plagt die Hitze samt dem Kopfschmerz, Und lang' wird man dich nicht zu bitten brauchen, Damit Narcissus' Spiegel du beleckest.« Dieweil ich so gespannt auf jene horchte, Begann zu mir mein Meister: »Sieh mir einer, Es fehlt nur wenig, daß mit dir ich hadre!« Als ich ihn jetzt im Zorn so sprechen hörte, Wandt' ich mich gegen ihn so voll Beschämung, Daß sie mir noch sich regt in der Erinn'rung. Und jenem gleich, der, eignes Unglück träumend, Im Traum zu träumen wünscht, sich das ersehnend, Was wirklich ist, als ob es nicht so wäre, Ward mir, da voll Begier, mich zu entschuld'gen, Ich keine Worte fand, und bei dem allen Mich doch entschuldigte, ohn' es zu wissen. »Gering're Scham tilgt aus wohl größern Fehltritt. Als deine ist gewesen,« sprach mein Meister, »Darum entlade dich jedweden Trübsinns Und denk' nur dran, daß ich dir immer nah' bin, Wenn's je geschieht, daß dich der Zufall hinführt, Wo Leut' in solcherlei Gezänk sich finden, Denn niedrig ist der Wunsch, derlei zu hören.« Einunddreißigster Gesang Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet, So daß sich rot mir beide Wangen färbten, Sie reichte wieder mir die Arzenei dann. So hört' ich, daß die Lanze des Achilles Und seines Vaters erst ein schlimm Geschenke Und dann ein gutes zu erteilen pflegte. Dem Jammertal nun wandten wir den Rücken, Quer über'm Felsrand, der es rings begrenzet, Hinschreitend, ohn' ein Wort von uns zu geben. Hier war es Nacht nicht ganz und gänzlich Tag nicht, So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte, Doch hört' ich in ein Horn lautschallend blasen, Drob selbst der Donner schwach geklungen hätte, Und einem Punkt zu lenkten beide Augen Sich mir, dem Ton nach in verkehrter Richtung. Nach jener schmerzensvollen Niederlage, Die Karl des Großen heil'gen Zug vereitelt, Hat also furchtbar Roland nicht geblasen. Kaum hatt' ich dort hinauf das Haupt gewendet, Als es mir deucht', ich säh' viel hohe Türme, Drob ich: ›Sprich, Meister, welche Stadt ist dieses?‹ Und er zu mir: »Weil durch die Finsternisse Zu weit umher du schweifst, so muß es kommen, Daß deine Vorstellung sich dann verirret, Denn deutlich wirst du sehn, wenn dort du anlangst, Wie sehr der Sinn sich täuscht aus der Entfernung; Drum treibe selbst dich etwas schneller vorwärts.« Darauf, mich freundlich bei der Hand ergreifend, Sprach er: »Eh' wir noch weiterhin gelangen, Daß dir die Sache minder seltsam scheine, So wisse, nicht sind's Türme, nein, Giganten, Die von dem Nabel abwärts samt und sonders Im Schachte stehn ringsum am Felsenufer.« Wie, wenn der Nebel sich zerstreut, das Auge Jetzt nach und nach beginnt zu unterscheiden, Was erst der Dunst barg, von der Luft verdichtet, So, als ich mehr die dicken, dunklen Lüfte Durchdrang und mehr mich näherte dem Strande, Floh Irrtum mich, indes mich Furcht ereilte. Denn wie an seinem zirkelförm'gen Umfang Mit Türmen ist gekrönt Montereggione, Also umtürmten mit dem halben Leibe Den Rand, der ringsumher den Schacht umgürtet, Die schrecklichen Giganten, die, wenn's donnert, Noch immer Jupiter bedroht vom Himmel. Und schon gewahrt' ich Antlitz, Brust und Schultern Des einen und den Bauch zum großen Teile, Und beiderseits hinab die Arme hängend. Traun, als der Kunst, zu zeugen solche Wesen, Natur entsagte, handelte gar wohl sie, Dem Mars derlei Vollstrecker zu entziehen, Und wenn sie's auch, Walfisch und Elefanten Zu schaffen, nicht gereut hat, scheint sie weiser Drum und gerechter bei genauer Prüfung; Denn wo sich noch die Urteilskraft des Geistes Dem bösen Willen und der Macht vereinet, Kann niemand einen Damm entgegenstellen. Sein Antlitz schien mir gleich an Läng' und Breite Dem Pinienzapfen bei Roms Peterskirche, Und demgemäß der andern Glieder Größe, So daß der Strand, der bis zur halben Höhe Ihm dient' als Schurz, nach oben hin so viel noch Sehn ließ von ihm, daß bis zum Haar zu reichen Vergebens sich gerühmt drei Friesen hätten; Denn sein gewahrt' ich volle dreißig Spannen Abwärts vom Ort, wo man den Mantel heftet. »Rafel mal amec zabi almi,« Begann der grause Mund anjetzt zu schreien, Für den sich süßrer Psalmen Ton nicht schickte. Zu ihm mein Führer drauf: »Blödsinn'ge Seele, Bleib bei dem Horn, dir Luft mit ihm zu machen, Wenn, sei's der Zorn, sei's andrer Trieb, dich fasset! Such' nur am Hals, dort findest du den Riemen, Verworrne Seele, dran es hängt gebunden, Und sieh, wie's dir die breite Brust umreifet.« Zu mir fuhr er jetzt fort: »Er selbst verklagt sich; Nimrod ist er, durch des verkehrten Anschlag Mehr herrscht als eine Sprache noch auf Erden. Mag er denn stehn, laß uns umsonst nicht sprechen, Denn ihm ist jede Sprache, wie den andern Die seinige, die niemand ist verständlich.« Wir wanderten fürbaß, jetzt links uns wendend, Bis einen Armbrustschuß weit wir den andern Giganten trafen, wilder noch und größer. Nicht weiß ich, welch ein Meister ihn gebunden, Doch hielt den rechten Arm umschnürt am Rücken Und vorn den anderen ihm eine Kette, Die also ihn umschlang abwärts vom Halse, Daß sie an dem enthüllten Teil des Körpers Umwickelt war bis zu der fünften Windung. »Der Stolze wollt' einst seine Kraft versuchen Am großen Jupiter,« begann mein Führer, »Darum verdient er solche Straf; Ephialtes Ist er benannt und tat so große Taten, Daß vor den Riesen Furcht die Götter fühlten. Die Arme, die er schwang, bewegt er nie mehr.« Und ich zu ihm: ›Wenn's möglich wäre, möcht' ich Mich selbst von Briareus', des Ungeheuren, Gestalt mit eignen Augen überzeugen.‹ Er drauf: »Zunächst hier schaust du den Antaeus, Der spricht und fessellos ist, und hinab uns Zum tiefsten Grund wird alles Bösen heben. Der, den du sehen willst, steht weiterhin dort, Und ist gefesselt und von gleicher Bildung Mit diesem, nur noch grimmiger im Antlitz.« Nicht sah man einen so gewalt'gen Erdstoß Je einen Turm so heftig noch erschüttern, Als jetzt behend sich schüttelt Ephialtes. Da glaubt' ich mehr als je, den Tod zu finden, Wozu die Angst schon gnügend wär' gewesen, Hätt' ich gewahret nicht des Riesen Bande. Jetzt ging es weiter, bis wir zu Antaeus Gelangten, der, den Kopf nicht mitgerechnet, Fünf Ellen wohl aus jener Höhlung ragte. »O du, der in dem schicksalsreichen Tale, Wo Scipio Ruhm ererbt hat, als den Rücken Mit seinen Scharen Hannibal gewendet, Dir tausend Leu'n als Beute sonst errungen, Und von dem, wärst du bei dem großen Kampfe Gewesen mit den Brüdern, wohl zu glauben, Daß Sieg dem Erdgeschlecht verschafft du hättest, – Setz' uns (und nicht verdrieß' es dich) hinunter, Wo den Cocyt zusammenzeucht die Kälte; Schick' uns zu Titius nicht, noch zu Typhoeus, Der kann gewähren dir, was hier begehrt wird; Drum bücke dich und rümpfe nicht die Schnauze, Er kann dir Ruhm noch auf der Welt bereiten, Da er noch lebt und hofft auf langes Leben, Wenn Gnad' ihn vor der Zeit nicht zu sich hin ruft.« Der Meister sprach's, und jener packte schleunig Mit ausgestreckter Hand nun meinen Führer, Von der einst Herkules so sehr bedrängt ward. Als sich Virgil erfaßt jetzt fühlte, rief er Mir zu: »Komm her zu mir, daß ich dich fasse!« Und drauf verschlang er mich mit sich zum Bündel. Wie Carisendas Turm scheint dem Beschauer, Der unterm Hang ihm steht, wenn ein Gewölke Entgegen seiner Neigung drüber hinzieht, Schien mir Antaeus, da auf ihn ich merkte, Wie er sich bückt', und wohl zur selben Stunde Wär' ich auf andrer Straße gern gezogen. Doch leichtlich legt' er auf den Grund, wo Judas Mit Luzifer verzehrt wird, uns hinab, Und länger nicht gebückt dort weilend, hob er, Wie in dem Schiff der Mastbaum, sich empor. Zweiunddreissigster Gesang Wenn rauh und holprig mir verliehen wären Die Verse, wie fürs schlimme Loch sich ziemte, Drauf insgesamt die andern Felsen wuchten, Würd' ich den Saft in größrer Fülle pressen Aus des Gedankens Kern; doch des entbehrend, Entschließ' ich mich nicht sonder Furcht, zu dichten; Denn spielend nicht und nicht mit einer Zunge, Die noch »Papa, Mama« lallt, kann man's wagen, Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben. Doch förderten die Frau'n mein Lied nur, die einst Amphion halfen Theben zu ummauern, So daß das Wort der Wirklichkeit entspräche! O Volk, zum Weh' erzeugt vor allen, weilend Am Ort, drob's hart zu sprechen, wärt ihr lieber Schaf oder Geißen doch allhier gewesen! – Als nun im finstern Schacht wir standen drunten, Weit tiefer unterm Fuß schon des Giganten, Und ich zur hohen Felswand auf noch blickte, Vernahm ich solches Wort: »Gib auf den Weg acht, Sieh zu, daß mit den Sohlen du die Häupter Der armen müden Brüder nicht zertretest.« Mich wendend drauf, erblickt' ich mir zu Füßen Und vor mir einen See jetzt, der nicht Wasser, Nein, Glas zu sein schien durch die Kraft des Frostes. So dicke Rinde zieht der Donaustrom nicht Des Winters über sich in Österreich, Noch auch der Don dort unterm kalten Himmel, Als hier zu schauen war; denn wär' Tabernichs, Wär' Pietrapanas Berg auch drauf gefallen, Doch hätt' am Rand man nie gehört ein »Krick«. Und wie der Frosch beim Quaken aus dem Wasser Hervor die Schnauze streckt zur Zeit, da öfters Die Bäuerin vom Ährenlesen träumet, So staken, dunkelblau bis wo das Schamrot Sich zeigt, im Eis die jammervollen Schatten, Im Storchenton mit ihren Zähnen klappernd. Abwärts hielt jed' ihr Angesicht gewendet, Vom Frost legt' Zeugnis ab ihr Mund, vom Herzen, Dem trübgesinnten, legten's ab die Augen. Erst etwas um mich blickend, warf das Aug' ich Zu meinem Fuß jetzt und gewahrte zwei dort, So eng vereint, daß sie ihr Haupthaar mischten. ›Sagt ihr, die ihr so an die Brust euch schließet,‹ Sprach ich, ›wer seid ihr?‹ und als drauf die Hälse Sie bogen, auf zu mir ihr Antlitz richtend, Troff ihrer Augen Lid, das feucht im Innern Erst nur, von Tränen, die dann, zwischen jenen Von Frost erstarrt, sie kitteten zusammen. Nicht hat noch Holz mit Holz je eine Schiene So fest vereint; drob sie, zwei Böcken ähnlich, Vom Zorn bezwungen, aneinander prallten. Und einer, den die Kälte beider Ohren Beraubt, sprach, immerhin abwärts gewendet Das Antlitz: »Was begaffst du uns so lange? Begehrst zu wissen du, wer diese zwei sind? Das Tal, daraus herabströmt der Bisenzio, War Albert, ihrem Vater, einst und ihnen. Aus einem Leib entkamen sie, und suchtest Du ganz Caïna durch, fänd'st keinen Schatten Du doch, der mit mehr Recht im Gallert steckte; Nicht jener mehr verdient's, dem Brust und Schatten Ein Lanzenstoß durchstach von Arturs Hand; Focaccia nicht, nicht dieser hier, des Haupt sich Vor mir so türmt, daß ich nicht weiter seh', Und der genannt war Sassol Mascheroni; Wenn du ein Tuscier, weißt du, wer er war. Doch daß du mehr nicht von mir fordern mögest, So wisse, Camicion de' Pazzi war ich Und warte drauf, daß mich Carlin vertrete.« Drauf sah ich tausend fletschender Gesichter Gleich Hunden durch den Frost, drob es mich schaudert Und stets wird schaudern vor gefrornen Lachen. Und während wir zum Mittelpunkte wallten, Bei dem sich alles Schwere strebt zu einen, Und zitternd in der ew'gen Kühl' ich hinging, – War's Absicht nun, war's Schickung oder Zufall, – Doch zwischen jenen Häuptern wandelnd, stieß ich Gewaltig einen mit dem Fuß ins Antlitz. Er schrie mich weinend an: »Warum mich treten? Wenn du nicht kommst, die Rache mir zu häufen Ob Montapertis Schlacht, warum mich quälen?« Und ich darauf: ›Jetzt harre mein, o Meister, Bis ich durch den mir einen Zweifel löse, Und dann magst du nach Wunsch mich eilen heißen.‹ Still hielt der Führer, und ich sprach zu jenem, Der noch mit harten Worten auf mich fluchte; ›Wer bist du, der so keifet gegen andre?'‹ »Und wer bist du, der wallt durch Antenora,« Entgegnet' er, »auf andrer Wangen stampfend? Wenn du lebendig, wär' es allzu schlimm doch.« ›Lebendig bin ich, und es kann dir lieb sein,‹ Antwortet' ich, ›wenn dir nach Ruhm verlanget, Daß deinen Namen ich zu andern schreibe.‹ Und er zu mir: »Das Gegenteil begehr' ich! Hinweg! beläst'ge mich nicht mehr, denn schlecht nur Verstehst zu schmeicheln du in dieser Heide.« Da rief ich, bei dem Schopf ihn hinten packend: ›Du wirst mir doch dich selbst noch nennen müssen, Sonst soll kein Haar hier oben dir verbleiben.‹ Drauf er zu mir: »Rauf immerhin sie aus mir; Nicht sag' ich, wer ich bin, noch werd' ich's zeigen, Wenn tausendmal du mir aufs Haupt auch stürzest.« Schon hatt' ich um die Hand sein Haar gewickelt Und mehr denn eine Lock' ihm ausgerissen, Indes er boll, die Augen niederschlagend, Als jetzt ein andrer rief: »Was hast du, Bocca? Genügt dir's mit den Laden nicht zu klappern? Mußt du auch bellen? Welch ein Teufel plagt dich!« ›Fortan,‹ sprach ich, ›brauchst mehr du nichts zu sagen, Du hämischer Verräter; dir zur Schande Werd' ich von dir wahrhaft'ge Kunde bringen.'‹ »Geh fort,« sprach er, »was dir beliebt, erzähle; Doch schweige, wenn du je hieraus entrinnest, Nicht über den, des Zunge jetzt so rasch war Und der ob der Franzosen Geld hier weinet. Ich sah, sprichst du wohl einst, den von Doaria Dort, wo im kalten Bad die Sünder sitzen. Fragst du, wer weiter da sei, wohl so wisse, Daß dir zur Seit' ist der von Beccheria, Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten. Hans Soldanier wird weiter dort zu finden Wohl sein, nebst Gannelon und Tribadello. Der, weil man schlief, Faenzas Tor' erschlossen.« Wir hatten schon von jenen uns entfernet, Als zwei Erfrorn' ich sah in einem Loche, So daß ein Haupt, als Hut, das andre deckte. Und wie beim Hunger man ins Brot beißt, setzte Der ob're auf den andern seine Zähne, Wo das Gehirn sich dem Genick verbindet; Nicht anders hat einst Melanippus' Schläfe Tydeus vor Wut benaget, als den Schädel Und alles übrige der hier benagte. ›O du, der Haß durch solch ein viehisch Zeichen Du gegen den beweisest, den du frissest, Sag' an,‹ sprach ich, ›warum, und dir gelob' ich Dafür, daß, wenn mit Recht ob ihm du klagest, Da eure Namen ich und seine Schuld weiß, Ich droben in der Welt dir's noch vergelte, Soll sie, mit der ich spreche, nicht vertrocknen.‹ Dreiunddreissigster Gesang Den Mund erhob vom grausen Mahl der Sünder, Abwischend an den Haaren ihn des Hauptes, Das am Genick er übel zugerichtet. Drauf fing er an: »Verzweiflungsvolle Schmerzen Soll ich erneun, die mir das Herz beklemmen Beim Denken schon, eh' ich davon noch spreche; Doch kann mein Wort ein Same sein, dem Schande Entsprießt für den Verräter, den ich nage, Magst du zugleich mich weinen sehn und reden. Nicht weiß ich, wer du seist, noch auf was Weise Du hier herabkamst, doch ein Florentiner Scheinst in der Tat du mir nach deiner Sprache. So wisse denn, ich war Graf Ugolino, Erzbischof Roger dieser, und vernimm jetzt, Warum ich ihm bin ein so läst'ger Nachbar. Daß ich infolge seiner schlimmen Ränke, Mich ihm vertrauend, eingekerkert wurde Und dann getötet, brauch' ich nicht zu sagen. Doch das, was du nicht kannst erfahren haben, Wie grausam nämlich ist mein Tod gewesen, Das hör' und sieh, ob er mir wehgetan hat. Ein enges Loch im Umkreis jenes Käfigs, Der jetzt nach mir den Namen trägt des Hungers, Und andere dereinst noch muß umschließen, Er hatte manchen Mond durch seine Öffnung Mir schon gezeigt, als unheilvoll ein Schlummer Den Schleier mir zerriß vor meiner Zukunft. Es schien mir dieser hier als Herr und Führer Den Wolf mit seinen Wölflein hinzujagen Zum Berg, der Lucca den Pisanern decket. Und vor sich her ließ er mit magern, scharfen, Wohleingehetzten Hündinnen Gualandi, Zusamt Sismondi und Lanfranchi sprengen. Nach kurzem Lauf schon schienen Söhn' und Vater Ermattet mir, und ihre Weichen sah ich Aufreißen, deuchte mir, mit spitzen Fängen. Als ich vor Tagesanbruch drauf erwachte, Hört' ich die Söhnlein, die mit mir hier waren, Im Schlafe weinen und nach Brot verlangen. Wohl hart bist du, wenn du bei dem Gedanken Des, was mein Herz jetzt ahnte, nicht schon trauerst; Und weinst du nicht, weshalb pflegst du zu weinen? Wir waren wach jetzt, und die Stunde nahte, Wo man uns Speise sonst zu bringen pflegte; Doch jeder zweifelte ob seines Traumes, Als unter uns des grausen Turmes Tor ich Zuschließen hörte, drob ich meinen Söhnen Ins Angesicht sah, ohn' ein Wort zu sprechen. Nicht weint' ich, so erstarrt war ich im Innern, Doch jene weinten, und mein Anselmuccio Sprach: ›Blickst mich ja so an, was hast du, Vater?‹ Doch keine Trän' entfiel mir, und nicht gab ich Den ganzen Tag ihm, noch die Nacht drauf Antwort, Bis sich der Welt zeigt' eine neue Sonne. Als nun ein schwacher Strahl ins schmerzensvolle Gefängnis drang, und auf vier Angesichtern Das Aussehn ich des eigenen gewahrte, Biß ich vor Schmerz mich selbst in beide Hände; Doch jene, glaubend, daß ich's aus Begierde Nach Speise tät', erhoben sich behende Und sprachen: ›Vater, minder schmerzlich wär's uns, Wenn du von uns jetzt äßest, du umgabst uns Mit diesem Jammerfleisch, nimm es uns wieder.‹ Da ward ich still, sie mehr nicht zu betrüben, Stumm blieben wir den Tag all' und den nächsten. O harte Erde, daß du dich nicht auftatst! Doch als wir bis zum vierten Tag nun kamen, Fiel Gaddo ausgestreckt zu meinen Füßen Und rief: ›Mein Vater, ach! was hilfst du mir nicht!‹ Dort starb er, und wie du mich hier erblickest, Sah ich die drei, eins nach dem andern, fallen Vom fünften Tag zum sechsten, drauf ich blind schon Begann herumzutappen über jeden, Und sie zwei Tage rief nach ihrem Tode, Bis Hunger tat, was nicht der Schmerz vermochte.« Sprach's und ergriff verwandten Blicks den Schädel, Den jammervollen wieder mit den Zähnen, Die wie ein Hundsgebiß die Knochen malmten. Weh' Pisa dir, du Schandfleck alles Volkes Des schönen Lands, allwo das sî ertönet! Da langsam sind die Nachbarn, dich zu strafen, Bewege sich Capraja nebst Gorgona, Sich also dämmend vor des Arno Mündung, Daß es in dir die Menschen all' ersäufe. Denn ward Graf Ugolino gleich bezichtigt, Er hab' ob der Kastelle dich verraten, Sollt'st du die Söhn' aufs Kreuz doch so nicht spannen; Unschuldig machte ja, du jüngres Theben, Die Jugend Uguccione und Brigata Und jene zwei, im Lied genannt schon oben. Wir gingen weiterhin, bis wo, vom Froste In rauher Hüll' umstrickt, ein andres Volk weilt, Gebückt nicht, nein, ganz rücklings umgestürzet: Das Weinen selbst erlaubt hier nicht, zu weinen, So daß der Jammer, in dem Aug' gehemmet, Die Angst vermehrt, sich nach dem Innern wendend; Denn es vereinen sich die ersten Tränen Zu Klumpen, und die Augenhöhlen füllen Sie, gleich kristallnen Brillen, untern Brauen. Und ob auch schon, gleich wie aus einer Schwiele, Aus meinem Antlitz jegliche Empfindung Sich ob des Frosts zurückgezogen hatte, So glaubt' ich doch ein wenig Wind zu fühlen; Drob ich: ›Mein Meister, wer erregt nur solches? Hat nicht hienieden aller Dunst ein Ende?‹ Drauf er zu mir: »Dorthin gelangst du nächstens, Wo dir dein Auge drauf wird Antwort geben, Die Ursach', der das Wehn entströmt, erblickend.« Und ein Elender aus der kalten Rinde Schrie gegen uns: »O Seelen, also grausam, Daß euch die letzte Stätt' ist angewiesen, Entfernt mir vom Gesicht die harten Schleier, Daß sich der Schmerz, der mir die Brust füllt, etwas Entlad', eh' wiederum die Zähren frieren.« Drauf ich zu ihm: ›Sag' an, soll ich dir helfen, Wer bist du, und wenn ich dich dann nicht löse, So mög' ich zu dem Grund des Eises sinken.‹ Drob nun entgegnet' er: »Mönch Alberigo, Der mit den Früchten des verruchten Gartens, Bin ich, der Datteln hier empfängt für Feigen.« ›O,‹ sprach ich, ›bist denn du auch schon gestorben?‹ Und er zu mir: »Wie's droben auf der Erde Um meinen Leib steht, des hab' ich nicht Kunde; Denn solchen Vorzug hat die Ptolemäa, Daß oftmals schon der Geist in sie herabfällt, Bevor noch Atropos ihn trieb von dannen. Doch daß du williger vom Angesichte Hinweg mir räumest die verglasten Tränen, Wiss', daß, sobald Verrat geübt die Seele, Wie ich getan, der Körper ihr geraubt wird Von einem Dämon, der ihn dann beherrschet, Bis gänzlich umgelaufen seine Zeit ist. Sie stürzt herab in solcherlei Zisternen, Und so mag oben noch der Leib zu sehn sein Des Schattens, hinter mir hier überwinternd, Wie du wohl weißt, wenn du erst jetzt herabkommst: Herr Branca d'Oria ist's, und mehr' der Jahre Vergingen schon, seit er hier ward umschlossen.« Drauf ich zu ihm: ›Ich glaube, du betrügst mich, Denn keineswegs starb ja Herr Branca d'Oria, Der immer noch ißt, trinkt, schläft und sich kleidet.‹ »Dort oben in der Grausetatzengrube«, Sprach er, »allwo der zähe Pechbrei siedet, War Michael Zanche noch nicht eingetroffen, Als der den Teufel ließ an seiner Stelle Im eignen und in des Verwandten Körper, Der den Verrat zugleich mit ihm vollbrachte. Doch streck' hierher die Hand jetzt, mir die Augen Zu öffnen.« Und ich öffnet' ihm sie doch nicht; Denn edel war's zum Schelm an ihm zu werden. O Genueser, Männer, aller Sitte Entfremdet und bedeckt mit allen Fehlern, Was seid ihr von der Welt nicht ausgerottet! Denn mit der Schatten schlimmsten aus Romagna Traf einen ich der Euren, der dem Geist nach Ob seiner Tat schon im Cocyt sich badet, Indes er lebend scheint dem Leib nach droben. Vierunddreißigster Gesang »Vexilla Regis prodeunt inferni Adversum nos,« begann zu mir mein Führer, »Drum blicke vorwärts, ob du's unterscheidest.« Wie – sei's, daß sich erhebt ein dichter Nebel, Sei's, daß auf unsrer Hemisphär' es Nacht wird – Fern her, vom Wind gedreht, scheint eine Mühle; Ein solch' Gebäude wähnt' ich jetzt zu schauen Und schmiegte rückwärts dann mich, ob des Windes, Dem Führer an, weil sonst kein Schirm zu finden. Schon stand ich (nur mit Furcht setz' ich's in Verse), Wo ganz und gar bedeckt die Schatten waren, Durchscheinend wie ein Splitter in dem Glase. Flach liegen diese, senkrecht stehn die andern, Bald mit dem Haupt, bald mit den Sohlen oben, Der dort kehrt Bogen gleich zum Fuß das Antlitz. Als wir bis dahin vorwärts nun gekommen, Wo es gefiel dem Meister, das Geschöpf mir Zu zeigen, das so schön einst ist gewesen, Zog er mich vor sich hin und hieß mich stillstehn Und sprach: »Sieh hier den Dis, sieh hier die Stätte, Wo's dir geziemt, mit Starkmut dich zu waffnen.« Wie starr und sprachlos bin ich da geworden, Das frage nicht, o Leser, denn nicht schreib' ich's, Weil allzuschwach dafür jedwedes Wort wär'. Nicht traf der Tod mich, noch blieb ich am Leben; Bedenk' jetzt selbst, hast du nur etwas Einsicht, Was aus mir ward, da beider ich beraubt war. Des schmerzensvollen Reiches Kaiser ragte Bis zu der halben Brust vor aus dem Eise, Und eh' würd' ich wohl einem der Giganten Vergleichbar sein, als diese seinen Armen; So sieh nun zu, wie groß das Ganze sein muß, Das so gestalt'tem Teile soll entsprechen. Wenn er so schön war, als er jetzt ist scheußlich, Und hob das Aug' auf gegen seinen Schöpfer, Muß alles Weh' von ihm sich her wohl schreiben. 0 welch ein großes Wunder es mir däuchte, Als drei Gesichter ich an seinem Kopf sah! Das eine blutrot an der vordern Seite, Und von den andern beiden, die sich jenem Grad ob der Mitte jeder Schulter einten, Sich aneinanderschließend, wo der Kamm sitzt, Halb weiß, halb gelb das nach der rechten Hand hin, Und das zur linken so zu schaun wie jene, Die dorther stammen, wo der Nil zu Tal stürzt. Ein mächtig Flügelpaar ragt' unter jedem Hervor, wie's so gewalt'gem Vogel ziemte; Nie sah ich auf dem Meer dergleichen Segel. Gefiedert nicht, nein, wie von Fledermäusen War ihre Weis', und mit denselben flatternd, Ließ von sich aus dreifachen Wind er wehen, . Drob allenthalben der Cocyt zu Eis fror. Er weinte mit sechs Augen, und es troff ihm Geträn' und blut'ger Geifer von drei Kinnen; In jedem Mund zermalmt' er mit den Zähnen, Gleich wie mit einer Breche, einen Sünder, So daß er ihrer drei so leiden machte. Dem vorn war nichts das Beißen im Vergleiche Mit dem Zerkrallen, denn die Haut blieb öfters Von seinem Rücken gänzlich abgeschunden. »Die Seel', am heftigsten gepeinigt droben, Ist,« sprach der Meister, »Judas Ischariotes, Das Haupt drin und heraus die Beine streckend. Und von den beiden mit dem Haupt zu unterst Ist's Brutus, der von schwarzer Schnauz' herabhängt – Sieh, wie er sich verdreht und keinen Laut gibt. Der andr' ist Cassius, der so stark an Gliedern. Doch wieder steigt die Nacht empor, und Zeit ist's, Davonzugehn, weil alles wir gesehen.« Den Hals umschlang ich ihm nach seinem Willen, Und er darauf, wahrnehmend Zeit und Stätte, Als eben weit die Flügel auf sich taten, Hing fest sich jetzt an die behaarten Flanken, Und stieg von Schopf zu Schopf herab dann zwischen Dem dichten Haar und der gefrornen Rinde. Als wir dahin nun kamen, wo der Schenkel Sich dreht grad an dem breit'sten Teil der Hüfte, Wandt' mit Beschwerd' und Mühe mein Begleiter Dorthin das Haupt, wo erst die Bein' ihm waren, Sich klammernd an das Haar, wie wer emporsteigt, So daß ich meint', es geh' zurück zur Hölle. »Halt' dich recht fest an, denn durch solche Stiegen,« Sprach, keuchend wie ein Müder, jetzt mein Meister, »Ziemt's, von so großem Weh' sich zu entfernen.« Darauf kam er zu eines Felsens Öffnung Heraus, und auf den Rand mich niedersetzend, Trat neben mich er hin dann sichern Schrittes. Ich hob den Blick, und Luzifer vermeint' ich Zu schaun, wie ich ihn erst verlassen, Und sah empor ihn seine Beine richten. Und daß ich in Verwirrung jetzt geraten, Das mag der Pöbel fassen, der nicht einsieht, An welchem Punkt ich war vorbeigekommen. »Steh auf!« begann der Meister, denn noch lang ist Der Weg und schlimm die Straß', und schon zur Hälfte Der dritten Stunde kehrt zurück die Sonne.« Nicht eines Schlosses Saal war's, wo wir standen, Nein, ein Verlies, von der Natur erbauet, Ungleichen Bodens und nur schlecht erleuchtet. ›O Meister, eh' dem Abgrund ich entrinne,‹ Sprach ich, nachdem ich mich emporgerichtet, ›Erzähl' ein wenig mir, mich zu enttäuschen, Wo ist das Eis? Wie ist Der umgestürzt so? Und wie hat nur vom Abend in den Morgen Die Sonne sich versetzt in wenig Stunden?‹ Und er zu mir: »Du glaubst annoch dich jenseits Des Mittelpunkts, wo ich ans Haar des schlimmen Lindwurms mich hing, der mitten durch die Welt bohrt. Doch warst du's nur so lang', als ich hinabstieg; Da ich mich wandte, kamst vorbei am Punkt du, Nach dem sich allerseits die Lasten hinziehn, Und weilst jetzt unter einer Hemisphäre, Der gegenüber, die, vom großen Festland Bedeckt, hinsterben sah auf ihrem Gipfel Den Mann, der sündlos ward erzeugt und lebte. Es steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise, So der Judecca Gegenseite bildet. Hier ist es Morgen, wenn es dort ist Abend, Und dieser, der mit seinem Haar als Stiege Uns hat gedient, steckt wie vorher noch immer. Vom Himmel fiel herab auf diese Seit' er, Und jenes Land, das hier empor erst ragte, Umhüllt' aus Furcht vor ihm sich mit der Meerflut Und kam auf unsre Hemisphär', und wohl ließ Das, was sich diesseits zeigt, hier leer die Stätte, Ihm zu entfliehen, und entwich nach oben.« Dort unten ist ein Ort, so weit entlegen Von Beelzebub, als seine Gruft sich ausdehnt, Und nicht dem Auge, nur dem Ohr bezeichnet Ein Bächlein ihn, das hier herniederrinnet Durch einen Felsspalt, den's gewundnen Laufes Und mit geringem Fall sich ausgewaschen. In den geheimen Pfad trat mit dem Führer Ich ein, zur lichten Welt zurückzukehren, Und ohne irgend mehr der Ruh' zu pflegen, Ging's aufwärts, er voran und ich ihm folgend, Bis ich vom schönen Schmuck des Himmels etwas Wahrnahm durch eine runde Kluft, zu der wir Heraus dann tretend, wiedersahn die Sterne. Das Fegefeuer Erster Gesang Durch bessre Flut den Lauf zu nehmen, ziehet Die Segel auf jetzt meines Geistes Schifflein, Das hinter sich so grauses Meer zurückläßt, Und singen werd' ich von dem zweiten Reiche, Allwo sich reiniget der Geist des Menschen Und würdig wird, zum Himmel aufzusteigen. Doch hier ersteh' die tote Dichtkunst wieder, Da ich der Eure bin, ihr heil'gen Musen, Hier hebe sich Kalliope ein wenig, Mein Lied begleitend mit dem Ton, von dem sich Die unglücksel'gen Elstern so betroffen Gefühlt, daß an Vergebung sie verzweifelt. Des morgenländ'schen Saphirs sanfte Bläue, Die in dem heitern Anblick war ergossen Der reinen Luft bis hin zum ersten Kreise, Fing wieder an mein Auge zu erfreuen, Sobald ich aus der Todesluft hervorkam, Die Augen mir und Herz verdüstert hatte. Ganz lächelte der Aufgang von dem schönen Planeten, dem Ermunterer zum Lieben, Der sein Geleit, die Fische, überstrahlte. Ich wandt' zur Rechten mich, den Sinn gerichtet Zum andern Pol hin, und sah dort vier Sterne, Die niemand als das erste Paar noch wahrnahm; Der Himmel freute, schien's, sich ihrer Flämmchen. O arktische, verwaiste Erdengegend, Da dir versagt ist, jene zu betrachten! Als ich von ihrem Anschaun mich entfernet, Ein wenig nach dem andern Pol mich wendend, An dem der Wagen schon nicht mehr zu sehn war, Erblickt' allein zur Seit' ich einen Greis mir, Dess' Äußeres so viele Ehrfurcht heischte, Daß mehr kein Sohn ist seinem Vater schuldig. Lang trug er seinen Bart, mit weißem Haare Gemischt, den Locken seines Hauptes ähnlich, Davon zur Brust ein Doppelstreif herabfiel. Die Strahlen der vier heil'gen Himmelslichter Umsäumten so sein Angesicht mit Schimmer, Daß ich ihn sah, als träf auf ihn die Sonne. »Wer seid ihr, die, dem finstern Strom entgegen, Dem ewigen Gefängnis ihr entronnen?« Sprach er, das ehrenhafte Haar bewegend. »Wer hat geführt euch? Wer dient' euch als Leuchte, Um aus der tiefen Nacht hervorzukommen, Drob für und für das Tal der Hölle schwarz ist? Ist das Gesetz des Abgrunds so gebrochen? Ward neuerdings des Himmels Rat geändert, Daß als Verdammt' ihr kommt zu meinem Felsen?« Alsbald ergriff behend mich mein Begleiter Und hieß mit Worten, mit der Hand, mit Winken, In Ehrfurcht Aug' und Knie vor ihm mich beugen; Sodann antwortet' er: »Von selbst nicht kam ich; Vom Himmel stieg ein Weib herab, auf dessen Gesuch ich hilfreich diesem das Geleit gab. Doch da dein Will' es ist, daß ich dir näher, Wie es in Wahrheit um uns steht, verkünde, Kann's nicht der meine sein, dir's zu verweigern. Nicht sah noch dieser hier den letzten Abend, Doch war so nah er ihm durch seine Torheit, Daß nur ein kurzer Zeitlauf noch blieb übrig. Wie ich gesagt, ward ich zu ihm gesendet, Daß ich ihn rett', und keinen andern Weg mehr Als diesen gab es, den ich eingeschlagen. Gezeigt hab' ich das ganze Frevlervolk ihm, Und denke jetzt, die Geister ihm zu zeigen, Die unter deiner Aufsicht sich entsühnen. Wie ich heraus ihn zog, wär' lang zu sagen, Kraft aus der Höh' hilft mir hierher ihn führen, Wo er dich sehen kann und dich vernehmen. So mögst sein Kommen denn genehm du halten; Der Freiheit strebt er nach, die so viel wert ist, Wie der weiß, der für sie sein Leben hingibt. Du weißt's, denn herb nicht war für sie der Tod dir In Utica, wo du die Hülle ließest, Die einst am großen Tag so hell wird glänzen. Nicht ward durch uns verletzt die ew'ge Satzung; Denn dieser lebt, und mich nicht bindet Minos. Nein, in dem Kreis bin ich, wo deiner Marcia Sittsamer Blick dich noch zu bitten scheinet, Daß sie für dein, o heil'ges Herz, dir gelte. So sei uns ihr zu Liebe denn geneiget, Laß wandern uns durch deine sieben Reiche, Von dir bring' ich ihr Grüße, wenn du anders Dort unten nicht verschmähst genannt zu werden.« – »Marcia gefiel so sehr einst meinen Augen, Als ich noch jenseits war,« begann der andre, »Daß stets ich tat, was sie als Gunst begehrte. Jetzt, da sie jenseits wohnt des schlimmen Stromes, Kann's mich nicht rühren mehr ob des Gesetzes, Das, als ich draus entrann, gegeben wurde. Doch wenn ein himmlisch Weib, so wie du sagest, Dich schickt und führt, braucht's nicht der Überredung. Genug, daß ihrethalb du auf mich forderst, Geh denn und sieh, daß diesen du umgürtest Mit glattem Schilf und ihm das Antlitz waschest, So daß jedweder Schmutz vertilgt dort werde. Denn nicht geziemt es sich, das Aug' umfangen Von irgendeinem Nebel, vor den ersten Der Diener aus dem Paradies zu treten. Dies Inslein trägt an seinem tiefsten Fuße Ringsum dort unten, wo's der Wogenschlag trifft, Gar viel des Schilfes auf dem weichen Schlamme; Kein anderes Gewächs kann hier gedeihen, Das Laub hervortreib' oder sich verholze, Weil es den Stößen nicht der Brandung nachgibt. Von dort sei dann hierher nicht eure Rückkehr, Die Sonne, die schon aufgeht, wird euch zeigen, Wo leichtern Steigens ihr den Berg erklimmet.« So schwand er, und ich, ohn' ein Wort zu reden, Erhob mich drauf und wandte zu dem Führer Mich ganz und richtete auf ihn die Augen. Doch er begann: »Sohn, folge meinen Schritten, Laß um uns kehren; denn dorthin zu senket Sich dies Gefild nach seiner untern Grenze.« Die Dämm'rung siegte übers Morgengrauen, Das vor ihr her floh, so daß ich von ferne Der Meeresfläche Flimmerschein erkannte. Wir wandelten durchs menschenleere Blachfeld Wie der, so zum verlor'nen Weg zurückkehrt Und bis zu ihm vergebens glaubt zu gehen. Als wir dorthin gelangt, wo mit der Sonne Im Kampf der Tau liegt und, weil länger Schatten Die Stätte hat, nur wenig sich verflüchtigt, Legt ausgestreckt der Meister beide Hände Gemächlich auf das junge Gras; darob ich, Der sein Beginnen wohl verstanden hatte, Die tränenvolle Wange hin ihm reichte; Daselbst ließ er an mir die Farb' erscheinen, Die von dem Höllendunst verdunkelt worden. Drauf kamen hin wir zu der öden Küste, Die ihre Flut noch niemand sah beschaffen, Der dann die Wiederkehr erfahren hätte. Dort gürtet' er mich nun, wie's jener wollte. O Wunder! und wie die bescheidne Pflanze Er auserkor, so sproßte sie aufs neue Urplötzlich dort, wo er sie ausgezogen. Zweiter Gesang Schon war die Sonn' an jenem Horizonte, Dess' Mittagskreis mit seinem höchsten Gipfel Jerusalem bedecket, angekommen, Indes die Nacht, ihr gegenüber kreisend, Emporstieg aus dem Ganges mit der Wage, Die aus der Hand ihr fällt, sobald sie obsiegt, So daß die weißen wie die roten Wangen Der lieblichen Aurora, wo wir waren, Goldgelb schon wurden durch zu hohes Alter. Wir standen immer noch längshin am Meere, Gleich denen, die, den Weg sich überdenkend, Im Geist schon gehn, indes der Leib verweilet. Und sieh, wie öfters kurz vor Morgensanbruch Mars ob der dichten Dünste rötlich schimmert, Gen Untergang tief überm Meeresspiegel, Dem ähnlich schien – mög' ich's einst wiedersehen! – Ein Licht so schnell sich übers Meer zu nahen, Daß seinem Lauf kein Fliegen ist vergleichbar; Denn weil von ihm ich abgewandt mich hatte Ein wenig, um den Führer zu befragen, Sah wieder ich's, schon leuchtender und größer. Darauf erschien an ihm zu jeder Seite Wie etwas Weißes mir, indes ein andres Dergleichen unter ihm allmählich vortrat. Mein Meister hatte noch kein Wort gesprochen, Als Schwingen schon die erstern Weißen schienen. Und da den Schiffer jetzt er recht erkannte, Rief er mir zu; »Beug', beuge deine Knie, 's ist Gottes Engel! falte deine Hände; Von nun an siehst du mehr dergleichen Diener. Sieh, er verschmäht jedwedes Menschenwerkzeug Und braucht kein Ruder, nur die eignen Schwingen Als Segel zwischen den entfernten Küsten. Sieh, wie gen Himmel er sie hat gerichtet, Die Luft bewegend mit den ew'gen Federn, Die nicht wie sterbliches Gefieder wechseln.« Drauf schien, als mehr und mehr er uns sich nahte, Der Vogel uns, der göttliche, jetzt heller; Drob, weil ihn nicht ertrug so nah' mein Auge, Ich's niedersenkt', und jener kam zum Strande Mit einem schnellen und so leichten Schifflein, Daß in die Wasserfläch' es gar nicht einschnitt. Am Rückteil stand der himmlische Pilote, Der Seligkeit trug auf der Stirn geschrieben, Und drinnen saßen mehr denn hundert Geister. »In exitu Israel de Aegypto« ; Hört' ich zugleich einstimmig alle singen, Und was sonst noch von diesem Psalm zu lesen. Dann segnet' er sie mit dem heil'gen Kreuze, Worauf sie allzumal zum Strand sich stürzten, Und jener schwand so schnell, als er gekommen. Die Schar, die hier verblieb, schien, mit dem Orte Wie nicht vertraut, rings um sich her zu blicken, Gleich jenem, der da neue Dinge kostet. Nach allen Seiten schoß das Licht des Tages Die Sonn' aus, die mit leuchtenden Geschossen Vom Mittagskreis verjagt den Steinbock hatte, Als gegen uns das neue Volk die Stirne Empor jetzt hob und sprach: »Wenn ihr ihn wisset, So zeigt den Weg uns, auf den Berg zu kommen.« Zu jenen drauf Virgil: »Ihr meint vielleicht wohl, Daß wir bekannt mit dieser Stätte seien. Doch, so wie ihr, sind Fremdlinge wir hier auch; Jüngst kamen wir hierher, vor euch ein wenig, Durch andre Straße, die so rauh und schwierig, Daß Spiel nur jetzt uns wird das Steigen scheinen.« Die Seelen, die mich atmen sahn, und inne So wurden, daß ich noch am Leben wäre, Erbleichten vor Verwunderung darüber. Und wie dem Boten, der den Ölzweig bringet, Zuströmt das Volk, um Neues zu vernehmen, Und keiner sich vor dem Gedränge scheuet, So hingen allzumal an meinem Antlitz Jetzt die beglückten Seelen, als vergäßen Sie, hinzugehn, um schöner dort zu werden. Vortreten sah die ein' aus ihrer Mitt' ich, Mich zu umarmen mit so großer Liebe, Daß ich bewogen ward, zu tun ein gleiches. O, nicht'ge Schatten, nur dem Aug' erkennbar! Dreimal verschränkt' ich hinter ihm die Hände, Und dreimal zog ich an die Brust zurück sie. Wohl mocht' ich vor Erstaunen mich verfärben, Darum der Schatten lächelt' und zurücktrat, Und ich, ihm folgend, weiter vor mich drängte. Mit sanfter Stimme hieß er mich verweilen, Darauf erkannt' ich ihn und bat ihn, stille Zu stehn ein wenig, um mit mir zu sprechen. Er gab zur Antwort: »Wie ich einst geliebt dich Im Leib des Todes, lieb' ich dich entfesselt; Drum bleib' ich stehn. Doch du, warum nur gehst du?« ›O mein Casella, dorthin heimzukehren, Wo ich noch bin jetzt, mach' ich diese Reise‹ ; – Sprach ich – ›doch du, was raubt so viele Zeit dir?‹ Zu mir darauf jener: »Mir geschah kein Unrecht, Wenn er, der, wen und wann er will, davonführt, Mir mehrmals hat die Überfahrt verweigert; Denn aus gerechtem Willen kommt der seine, Und wirklich nahm er seit drei Monden jeden In vollem Frieden auf, der eingehn wollte. Drob ich, zum Meeresstrande hingewendet, Wo sich dem Salze mischt der Tiber Welle, Gar liebevoll durch ihn an jener Mündung Einlaß bekam, wohin sein Flug sich richtet; Denn immer wird dort jeder aufgenommen, Der nicht zum Acheron hinunterstürzet.« Und ich: ›Raubt dir ein neu Gesetz Erinnrung Nicht und Gebrauch des liebevollen Sanges, Der all' mein Sehnen mir zu stillen pflegte, So sei's gefällig dir, durch ihn ein wenig Zu trösten mir den Geist, der, mit dem Körper Hierhergelangt, so sehr sich fühlt beklommen.‹ »Die Liebe, die mit mir im Geiste redet,« Begann er darauf so sanft, daß mir im Innern Der sanfte Ton noch immer widerklinget. Mein Meister und ich selbst samt jenem Volke, Das mit ihm war, wir schienen so zufrieden, Als ob den Sinn nichts anderes uns kümmre. Aufmerksam gingen wir einher und horchten Auf seine Tön', und sieh', der edle Alte Erschien und rief: »Was ist das, träge Geister? Welch säumig Wesen, welch Verweilen ist das? Eilt hin zum Berg, die Rind' euch abzustreifen, Die offenbarlich Gott zu schaun euch hindert.« Wie Tauben, die, wenn Korn sie oder Unkraut Zu suchen rings zum Fressen sich versammeln, Still sind, nicht die gewohnte Keckheit zeigend, Sobald etwas sie schaun, das sie erschrecket, Urplötzlich dann im Stich die Nahrung lassen, Weil sie befallen sind von größrer Sorge, So sah die neue Schar ich, den Gesang jetzt Aufgebend, hin zum Felsenabhang eilen, Wie wer da geht und weiß nicht, wo er hinkommt. Und minder schnell auch war nicht unser Abgang. Dritter Gesang Indes die Flucht, die plötzliche, durchs Blachfeld Zerstreut die andern hatte, die zum Berge, Wohin Vernunft uns spornt, sich wieder wandten, Schloß ich mich an dem sicheren Geleite; Und wie auch wär' ich sonder ihn gelaufen, Wer hätte mich den Berg hinangezogen? Vorwürfe schien er selber sich zu machen, O würdevoll und fleckenlos Gewissen, Welch herber Biß dir ist ein kleiner Fehler! Als nun sein Fuß das Eilen ließ, worunter Die Ehrsamkeit bei jedem Schritte leidet, Erweiterte mein Sinn, der festgebunden Erst war, sein Streben so, daß neubegierig Empor zur Höh' ich richtete mein Antlitz, Die von der See zumeist sich dehnt' gen Himmel. Es unterbrach vor mir den Schein der Sonne, Der rot im Rücken glomm, des Leibes Umriß, Weil eine Stütz' ich darbot ihren Strahlen. Ich wandte nach der Seite mich, verlassen Zu sein befürchtend, als ich inne worden, Daß nur vor mir allein der Grund war dunkel. Und drauf begann also zu mir mein Tröster, Ganz nach mir hingewandt: »Was hegst du Kleinmut? Glaubst nicht, daß ich mit dir bin und dich führe? Schon Abend ist's dort, wo begraben lieget Mein Leib, in dem ich Schatten warf; Neapel Besitzt ihn, sein beraubet ward Brundusium. Drum wenn anjetzt vor mir nichts wird beschattet, Darf's mehr dich wundern nicht, als daß ein Himmel Dem andern nicht der Strahlen Durchgang hemmet. Qual zu empfinden, Glut und Frost, befähigt Dergleichen Körper jene Kraft, die nimmer, Wie sie's vollbringt, uns will enthüllen lassen. Tor ist, wer hofft, daß die Vernunft des Menschen Die endlos weite Bahn durchlaufen könne Der einen Wesenheit in drei Personen. Begnügt euch mit dem ›Daß‹ , ihr Menschenkinder; Denn konntet alles ihr durchschaun, so brauchte Maria ja nicht Mutter erst zu werden, Und fruchtlos saht ihr Manchen Sehnsucht fühlen, Des Sehnen, das ihm ewiglich zum Leiden Gegeben ist, sonst wär' befriedigt worden. Den Aristoteles mein' ich und Plato, Und viele andr'.« – Und hier beugt' er die Stirne, Und sprach nichts weiter mehr und blieb verstöret. Indes gelangten wir zum Fuß des Berges, Wo wir so steil den Felsenabhang fanden, Daß hier vergebens rasch die Füße wären. Der wildeste, der öd'ste Bergsturz zwischen Turbias Schloß und Lerici wär' eine Bequem' und breite Stiege gegen jenen. »Wer es nur wüßte jetzt, zu welcher Hand sich Der Hang verflacht,« sprach still mein Meister haltend, »Daß ihn, wer ohne Flügel, könn' ersteigen.« Und während er, gesenkt den Blick zum Boden, Den Pfad, im Geiste forschend, untersuchte, Und ich ringsum empor zum Felsen spähte, Erschien mir eine Seelenschar zur Linken, Die gegen uns die Füße hinbewegte, Und zwar so langsam, daß es nicht bemerkbar. »Richt' jetzt das Aug' empor,« begann mein Meister, »Sieh', dort ist jemand, der uns Rat kann geben, Wenn du nicht aus dir selbst ihn weißt zu schaffen.« Drauf an mich blickend, sprach mit offner Mien' er: »Laßt uns dorthin gehn, denn sie kommen langsam, Und du auch, lieber Sohn, bleib fest in Hoffnung.« Noch war dies Volk so weit von uns entfernet, Nachdem wir, mein' ich, tausend Schritt gegangen, Als mit der Hand ein guter Werfer schleudert, Da drängten all' sie nach den harten Blöcken Des hohen Rands sich, fest und starr dort bleibend, Wie wer im Zweifel stillsteht, um zu schauen. »0, wohlvollendet', auserkorne Geister!« Begann Virgil darauf, »bei jenem Frieden, Den insgesamt ihr, wie ich glaub', erwartet, Sagt an, wo sich der Berg senkt, so daß möglich Es ist, hinaufzugehn; denn Zeit verlieren Ist jenem, der mehr weiß, auch mehr zuwider.« Wie aus der Hürd' hervor die Schäflein kommen, Bald eins, bald zwei, bald drei, indes die andern Noch schüchtern stehn, so Maul als Aug' am Boden, Und was das eine tut, die andern nachtun, Sich, wenn es stehnbleibt, über jenes lehnend, Einfältig-still und selbst den Grund nicht wissen, So sah, sich gegen uns jetzt zu bewegen, Die Spitz' ich der glücksel'gen Herde nahen, Sittsam im Antlitz, ehrenhaften Schrittes. Als unterbrochen mir zur rechten Seite Das Licht am Boden jene nun erblickten, So daß mein Schatten an dem Fels sich zeigte, Verweilten sie, rückwärts ein wenig tretend, Indes die andern all', die hinter ihnen, Nicht wissend selbst, warum, ein gleiches taten. »Auch ungefragt von euch, will ich bekennen, Daß, was ihr seht, der Leib ist eines Menschen, Darob am Grund das Sonnenlicht getrennt ist. Verwundert euch darum nicht, sondern glaubet, Daß ohne Kraft nicht, die vom Himmel kommet, Er diese Wand zu übersteigen trachte.« Der Meister so, – und jene würd'gen Seelen, »Kehrt um,« begannen sie, »vor uns geht ein denn!« Uns mit der äußern Hand ein Zeichen gebend. Und einer unter ihnen sprach: »Wer immer Du seist, so wandelnd, wende mir den Blick zu, Besinn dich, ob du je mich jenseits sahest.« Ich wandte mich nach ihm und sah ihn starr an: Blond war er, schön und edlen Angesichtes, Doch eine Brau' hatt' ihm ein Hieb gespalten, Als ich darauf demütiglich geleugnet, Daß ich ihn je gesehn, sprach er: »Schau hin jetzt!« Mir auf der Höh' der Brust ein Wundmal zeigend. Dann sagt' er lächelnd weiter: »Manfred bin ich, Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze; Drum bitt' ich dich, wenn je zurück du kehrest, Geh hin zur schönen Tochter, die geboren Den Stolz Siziliens hat und Aragoniens, Und künd' ihr, wenn man andres spricht, die Wahrheit. Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden Gebrochen worden war, ergab mit Tränen Ich jenem mich, der willig stets verzeihet. Zwar graunvoll sind gewesen meine Sünden, Doch Gottes Güte hat so weite Arme, Daß sie das aufnimmt, was zu ihr sich wendet. Und wenn Cosenzas Hirt, der auf die Fährte Von Clemens mir gehetzt ward, zu der Stunde Wohl dieses Blatt in Gott gelesen hätte, So würden die Gebeine meines Leibes Bei Benevent, am Ausgang dort der Brücke, Vom schweren Steinhauf' noch behütet, liegen; Jetzt wäscht der Regen und bewegt der Wind sie Jenseits des Reiches Grenz' unweit des Verde, Dorthin versetzet bei verlöschten Kerzen. Durch jener Fluch wird so die ew'ge Liebe Verwirkt nicht, daß zurück sie nicht kann kehren, Solange Hoffnung noch ein wenig grünet. Wahr ist es, wer dahinstirbt in dem Banne Der heil'gen Kirch', ob er bereut am End' auch, Muß dreißigmal so lange Zeit dann auswärts Von diesem Felshang bleiben, als er früher In seinem Trotz verharrt ist, wenn nicht solche Bestimmung durch ein fromm Gebet verkürzt wird. Sieh jetzt daraus, ob du mich kannst erfreuen, Wenn du, wie du gesehn mich, meiner guten Constanz' enthüllst, und dies Verbot ihr kündest: Denn die noch jenseits, fördern hier uns mächtig.« Vierter Gesang Wenn, sei's aus Lust nun, sei's aus Schmerz, von welchem Eins unserer Vermögen ward ergriffen, Die Seele recht nach diesem hin sich wendet, So merkt sie, scheint es, sonst auf keine Kraft mehr, Und solches widerspricht der irr'gen Meinung, Daß mehr als eine Seel' in uns erglühe. Drum wenn der Mensch ein Ding sieht oder höret, Das mächtig hält die Seel' auf sich gerichtet, So geht die Zeit dahin, und er verspürt's nicht; Denn eine andre Kraft ist's die drauf lauschet, Und eine andr' erfaßt jetzt ganz die Seele; Dies' ist gebunden gleichsam, jene ledig. Dies hab' ich in der Tat an mir erfahren, Indem auf jenen Geist ich horcht' und staunend Dann sah, daß fünfzig Grad' emporgestiegen Die Sonne war, und ich's bemerkt nicht hatte, Als hin wir kamen, wo die Schar der Seelen Einstimmig rief: »Hier ist, wonach ihr fragtet.« Wohl einen größern Spalt vermachet oftmals Mit soviel Dornen, als die Forke fasset, Der Landbewohner, wenn die Trauben dunkeln, Denn jener Steig war, wo hinauf wir klommen, Wir beid' allein, mein Hort und ich ihm folgend, Als sich von uns getrennt die Seelen hatten. Zu Fuß geht nach San Leo man, steigt nieder Nach Noli und hinauf zum hohen Gipfel Bismantova's, allein hier mußt' ich fliegen Mit der gewalt'gen Sehnsucht raschen Schwingen Und Federn, mein' ich, jenem nachgezogen, Der Licht mir gab und Hoffnung mir gewährte. Wir stiegen jetzt hinauf im Spalt des Felsens, Beengt durch seinen Rand auf beiden Seiten, Und Fuß und Rand heischt' unter uns der Boden. Als wir empor drauf zu dem obern Saume Der hohen Wand auf offnem Abhang kamen, Sprach ich: ›Mein Meister, welches Wegs nun gehn wir?‹ Und er zu mir: »Laß keinen Schritt jetzt weichen, Nur immer hinter mir hinauf zum Berge, Bis irgend uns erscheint ein kluger Führer.« Hoch war sein Gipfel, sich dem Aug' entziehend, Und trotziger sein Hang, als von dem halben Quadranten nach dem Mittelpunkt die Linie. Schon war ich müd', als ich begann zu sagen: ›O süßer Vater, sieh dich um und schau doch, Wie ich verlassen bleibe, stehst du still nicht.‹ »0 lieber Sohn,« sprach er, »bis hierher schlepp' dich!« Auf einen Vorsprung, etwas höher, deutend, Der ganz den Berg umkreist an dieser Stelle. So ward ich angespornt durch seine Worte, Daß ich mich mühte, hin zu ihm zu kriechen, Bis unterm Fuß mir endlich jener Gurt war. Zum Sitzen ließen hier wir beid' uns nieder Nach Morgen hin, wo wir heraufgekommen, Was immer ist erfreulich zu betrachten. Den Blick wandt' ich zuerst zum tiefen Strande, Hob ihn sodann zur Sonn' empor und staunte, Uns links von ihr getroffen zu gewahren. Der Dichter merkte wohl, wie voll Verwundrung, Zum Wagen ich des Lichts hinstarrend, dasaß, Weil zwischen uns er eintrat und dem Nordwind, Und sprach zu mir: »Wenn Castor erst und Pollux In der Gesellschaft jenes Spiegels wären, Der aufwärts und herab sein Licht entsendet, So würd'st den Tierkreis dort, wo rot er glühet, Den Bären näher du noch kreisen sehen, Dafern er nicht die alte Bahn verließe. Wenn du begreifen willst, wie dieses zugeht, So stelle dir im Innern Sion vor Also mit diesem Berg auf unserm Erdball, Daß auf verschiednen Hemisphären sie Bei gleichem Horizont stehn, und wenn deutlich Sich dein Verstand dies denkt, wirst ein du sehn, Wie diesem muß zu einer Seite laufen Und jenem zu der anderen die Straße, Drauf Phaethon so schlecht verstand zu fahren.« ›Gewiß, mein Meister,‹ sprach ich, ›nimmer ward mir So klar noch, als ich alles jetzt erkenne, Worin mir unzulänglich mein Verstand schien, Daß jener Kreis am halben Himmelsumschwung, Der in der Wissenschaft Äquator heißet Und immer zwischen Sonn' und Winter einsteht, Sich aus dem Grund, den du erwähnt, nach Norden Von hier muß scheiden, während den Hebräern Er nach der warmen Gegend zu sich zeigte. Doch gern möcht' ich, wenn's dir gefällig, wissen, Wie viel zu gehn uns bleibt; denn aufwärts dehnt sich Die Höh' mehr, als mein Aug' sich kann erheben. Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen, Daß unten beim Beginn er stets beschwerlich Erscheint, doch minder quält, je mehr man steiget. Drum, wenn er so gemächlich dann dir dünket, Daß dir das Wandeln leicht wird, wie hinunter Es mit dem Schiffe sich stromabwärts gleitet, Dann wirst du dich am Ende dieses Pfades Befinden, wo dein Ruh' harrt nach den Mühen. Mehr nicht antwort' ich; doch dies weiß ich sicher.« Und als er dieses Wort vollendet hatte, Erklang's aus unsrer Näh: »Vielleicht, daß früher Zu sitzen du Bedürfnis doch empfindest.« Da beid' auf solchen Ton wir um uns wandten, Sah'n links von uns wir einen großen Felsblock, Den weder ich, noch er vorerst gewahret. Dort schleppten wir uns hin, und Leute waren Allda im Schatten hinterm Fels befindlich, Wie man nachlässig an sich pflegt zu lehnen. Und einer aus denselben, der mir müde Zu sein schien, saß und hielt die Knie umfangen, Tief das Gesicht gesenket zwischen diese. ›Mein süßer Meister,‹ sprach ich, ›blicke hin doch Auf jenen, der nachlässiger sich zeiget, Als wenn die Trägheit seine Schwester wäre.‹ Da merkt' er auf und wandte gegen uns sich, Nur an der Hüft' empor das Antlitz richtend, Und sprach: »Geh nur hinauf, denn du bist kräftig!« Anjetzt erkannt' ich ihn, und die Erschöpfung, Die noch etwas beschleunigte mein Atmen, Hielt mich nicht ab, zu ihm zu gehn, und als ich Bei ihm nun eintraf, hob er kaum das Haupt auf Und sprach: »Hast du bemerkt recht, wie die Sonne Zur linken Schulter uns herlenkt den Wagen?« Sein träges Tun und seine kurzen Worte Bewegten meine Lipp' etwas zum Lächeln, Drob ich begann: ›Belacqua, nicht mehr schmerzt mich's Um dich jetzt; doch sag' an, was hier du sitzest? Harrst du auf den Begleiter, oder hat dich Die altgewohnte Weis' aufs neu' ergriffen?‹ Und er: »O Bruder, wozu hilft das Steigen, Da mich zur Pein doch nicht gelangen ließe Der Pförtner Gottes, der am Tore sitzet. Erst muß so lang hier außen, als im Leben Er's tat, der Himmel mich umkreisen, weil ich Die frommen Seufzer bis zuletzt verschoben. Hilft früher mir, entsteigend einem Herzen, Das in der Gnade lebet, ein Gebet nicht, Was nützt mir andres, das nicht Gott genehm ist!« Und schon stieg vor mir her empor der Dichter Und sprach: »Komm jetzt, sieh, schon berührt die Sonne Den Mittagskreis, und an dem äußern Rande Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.« Fünfter Gesang Schon hatt' ich von den Schatten mich entfernet Und folgte nach den Spuren meines Führers, Als hinter uns der eine rief, den Finger Empor gerichtet: »Sieh, scheint doch dem untern Zur Linken nicht der Sonnenstrahl zu leuchten, Nein, er gehabt sich, scheint's, wie ein Lebend'ger!« Auf solchen Klang wandt' ich zurück mein Auge Und sah sie vor Verwunderung nach mir nur, Nach mir und dem getrennten Lichte schauen. »Warum verstrickt sich also deine Seele, Daß du im Wandern zögerst?« sprach mein Meister. »Was geht dich das nur an, was die da flüstern? Komm nach mir drein und laß die Leute reden, Steh wie ein fester Turm, der trotz des Sausens Der Stürme nimmermehr die Spitze schüttelt; Denn stets entfernt sich jener von dem Ziele, Dem ein Gedank' emporquillt übern andern, Weil einer dann den Flug des andern hemmet.« Was konnt' ich sagen drauf als nur: ›Ich komme!‹ Ich sprach's, leicht überflogen mit der Farbe, Die der Vergebung macht bisweilen würdig. Und an dem Abhang während des, ein wenig Vor uns nur, kamen Leute jetzt vorüber, Die Vers für Vers das »Miserere« sangen. Als sie gewahrten, daß ob meines Leibes Ich nicht die Strahlen durchließ, da verwandelt' Ihr Lied sich in ein »Oh!« gedehnt und heiser; Und zwei davon, Botschaftern ähnlich, kamen Entgegen uns gelaufen, also fragend: »Gewährt uns Wissenschaft von eurem Zustand!« Mein Meister drauf: »Ihr könnt von dannen gehen Und denen, die gesandt euch, es berichten, Daß des Genossen Körper wahres Fleisch ist. Stehn still sie, wie mir deucht, weil seinen Schatten Sie sehn, so gnügt die Antwort: Ehren mögen Sie ihn, der ihnen teuer noch kann werden.« Nie sah so schnell entglommen Dunst beim Anbruch Der Nacht durchschneiden ich den heitern Himmel, Noch, wenn die Sonne sinkt, Augustgewölke, Als aufwärts kehrten jen' und, angelangt dort, Sich gegen uns dann mit den andern wandten, Wie ein Geschwader rennt verhängten Zügels. »Gar zahlreich ist das Volk, das auf uns zudringt Und kommt, um dich zu bitten,« sprach der Dichter, »Drum geh nur hin, zuhorchend, weil du wandelst.« – »O Seele, zu dem heitern Dasein wallend Mit den bei der Geburt erhaltnen Gliedern,« Schrien sie im Nah'n, »hemm' deine Schritt' ein wenig, Schau, ob aus uns du einen je gesehn hast, So daß von ihm du jenseits Nachricht bringest. Warum, ach, gehst, warum, ach, stehst du still nicht? Gewaltsam wurden all' einst wir getötet Und waren Sünder bis zur letzten Stunde, In der ein himmlisch Licht uns hat gewitzigt, So daß vergebend und bereu'nd getreten Wir aus dem Leben sind, mit Gott versöhnet, Den zu erschaun, uns Sehnsucht jetzt betrübet.« Und ich: ›Ob auch ins Antlitz ich euch schaue, Erkenn' ich keinen doch; allein, wenn etwas Ihr wünscht, das ich vermag, erkorne Geister, Sprecht, und ich werd' es tun, bei jenem Frieden, Den, auf der Spur so hohen Führers wandelnd, Von Welt zu Welt zu suchen, es mich dränget.‹ Und einer drauf begann: »Jedweder bauet Auch ohne Schwur auf die verheiß'ne Wohltat, Bricht nur den Willen nicht das Unvermögen; Drum ich, der hier allein spricht vor den andern, Fleh', daß, wenn jemals du das Land erschauest, Das zwischen Karls Reich und Romagna lieget, Du mir gefällig seist mit deinen Bitten Zu Fano so, daß wohl für mich man bete, Damit ich sühnen kann die schweren Schulden. Dorther war ich, allein die tiefen Wunden, Draus rann das Blut, auf dem den Sitz ich hatte, Erhielt im Schoß ich der Antenoräer, Wo ich am sichersten zu sein vermeinte. Anstifter dieser Tat war der von Este, Weit mehr mir zürnend, als es sich gebührte. Doch, wär' ich gegen Mira hingeflohen, Als eingeholt ich ward bei Oriaco, Würd' ich noch jenseits sein, dort, wo man atmet. Ich lief zum Sumpf, wo Schilf und Schlamm mich also Umstrickten, daß ich fiel, und dort ein Meer sah Aus meinen Adern sich am Grund ergießen.« Drauf sprach ein andrer: »O, wenn sich das Sehnen Erfüllen soll, das dich zum hohen Berg zieht, So hilf mit frommem Mitleid doch dem meinen! Ich war von Montefeltro, bin Buonconte; Nicht sorgt für mich Johanna, noch wer andres, Drum geh' gesenkter Stirn' ich unter diesen.« Ich drauf: ›Welch' eine Macht riß, welch ein Zufall Dich also weit hinweg von Campaldino. Daß nie man deine Grabesstatt erfahren?‹ »O,« sprach er drauf, »ein Wasser strömt querüber An Casentinos Fuß, genannt Archiano, Das ob der Öd' im Apennin entspringet. Dorthin, wo die Benennung es verlieret, War ich gelangt, verwundet in der Kehle, Zu Fuß entflohn, mit Blut die Flur benetzend; Hier schwand mir das Gesicht, und in dem Namen Marias starb das Wort mir, und hier fiel ich Dahin und ließ mein Fleisch allein zurück dort. Ich spreche wahr, du künd' es den Lebend'gen, Mich faßte Gottes Engel, und der Höll'sche Rief: ›Was beraubst du mich, du dort vom Himmel, Du trägst mir seinen ew'gen Teil von dannen Ob eines Tränleins, das ihn mir genommen, Doch ich will mit dem andern anders schalten. Wohl weißt du, wie der feuchte Dunst, als Wasser Zurück dann kehrend, in der Luft sich sammelt, Sobald dorthin er stieg, wo Kält' ihn fasset; Dem bösen Willen einte, der nur Böses Begehrt, der Scharfsinn sich, und Sturm und Dünste Regt durch die Kraft er auf, die ihm Natur gab.‹ Drauf, als der Tag verlöscht war, deckt' mit Nebel Von Prato magno bis zum großen Joch er Das Tal, den Himmel drüber zubereitend, So daß die schwangre Luft zu Wasser wurde, Der Regen fiel, und zu den Bächen strömte Das, was davon die Erd' in sich nicht aufnahm, Und zu den größern Flüssen dann sich sammelnd, Stürzt es dahin zum königlichen Strome, So rasch, daß nichts zu hemmen es vermochte. Kalt fand an seiner Mündung meinen Leichnam Der mächt'ge Archian', und in den Arno Ihn stoßend, löst' er auf der Brust das Kreuz mir, Das ich, vom Schmerz besiegt, aus mir gebildet; Hinwälzend dann am Grund mich und dem Ufer, Deckt' und umhüllt' er mich mit seiner Beute.« – »O, wenn zur Welt einst du zurückgekehrt bist. Und ausgeruhet von der langen Reise,« Fuhr fort der dritte Geist jetzt nach dem zweiten, »Gedenke meiner dann; denn ich bin Pia, Siena gab, Maremma nahm mirs Leben, Dies weiß, wer einst, den Finger mir mit seinem Juwel beringend, sich mir angetrauet.« Sechster Gesang Beim Schluß des Würfelspieles bleibt in Trauer, Wer da verloren hat, zurück, versuchet Die Würfel wiederum und lernt verdrießlich; Doch mit dem andern strömt das ganze Volk hin, Der geht vor ihm einher, der faßt ihn hinten, Der ruft sich von der Seit' ihm ins Gedächtnis. Er bleibt nicht stehn, hört nur auf den und jenen, Wem er die Hand hinreicht, der drängt nicht weiter, Und so weiß er des Drangs sich zu erwehren. Dem gleich war ich in diesen dichten Haufen, Nach ihnen rechts und links mein Antlitz wendend, Und löste durch Versprechen mich von ihnen. Hier war der Aretiner, dem das Leben Durch Ghin' di Tacco's grimmen Arm geraubt ward, Und jener, der ertrank im raschen Jagen, Hier flehte mit emporgestreckten Händen Friedrich Novello, so wie der von Pisa, Ob dem Marzucco stark erschien, der Gute. Graf Orso sah ich hier und jene Seele, Getrennt von ihrem Leib aus Haß und Mißgunst, So wie er sagt', und nicht, weil sie's verschuldet, Ich meine Peter de la Brosse, und vorsehn Mag die Brabanterin sich, weil sie diesseits, Daß sie nicht schlimmrer Schar einst angehöre. Als ich nun ledig war von all' den Schatten, Die andre bitten nur, für sie zu bitten, Daß ihre Heiligung beschleunigt werde, Begann ich so: ›Mir scheint, daß klar du leugnest, O du mein Licht, an irgendeiner Stelle, Daß je Gebet des Himmels Ratschluß beuge, Doch eben dies ist's was dies Volk begehret. Wär' eitel wohl drum ihre Hoffnung, oder Sind deine Worte mir nicht ganz verständlich?‹ Und er zu mir dann: »Meine Schrift ist deutlich, Und dennoch täuschet jene nicht ihr Hoffen, Wenn mit gesundem Sinn man wohl drauf merket. Nicht wird erniedriget des Urteils Gipfel, Denn Liebesglut ersetzt in kurzer Zeit das, Wofür hier das Verweilen soll genug tun, Und dort, wo jenen Satz ich aufgestellet, Ward durch Gebet kein Fehler je vergütet, Dieweil von Gott geschieden war das Beten. Wahrhaftig drum bei so tiefsinn'gem Zweifel Verweil' nicht, wenn nicht sie dir's heißt, die zwischen Der Wahrheit dir und dem Verständnis Licht wird. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst; Beatrix Mein' ich, die droben du, glückselig lächelnd, Auf dieses Berges Gipfel wirst erschauen.« Und ich: ›Laß mehr uns eilen, guter Führer, Denn schon ermüd' ich mich nicht so wie früher, Und sieh, es wirft bereits der Berg jetzt Schatten.‹ »Wir gehn,« antwortet jener, »diesen Tag lang, So weit wir können, vorwärts, doch gestaltet Sich's in der Tat ganz anders, als du wähnest. Eh' du hinaufgelangst, wirst wiederkehren Du jene sehn, die schon sich hinterm Strand birgt, So daß du nicht mehr ihre Strahlen trennest. Doch sieh, wie jene Seele, hingestellt dort, Ganz einsamlich die Blicke nach uns richtet; Sie wird gewiß den schnellsten Weg uns zeigen.« Wir nahten ihr uns. O Lombard'sche Seele, Wie du so stolz und voll Verachtung dastandst, Langsam das Aug' und ehrenhaft bewegend. Nicht sprach zu uns sie irgend etwas, sondern Ließ uns einherziehen, hin nach uns nur schauend Auf eines Löwen Weise, wenn er ruhet. Dennoch trat hin zu ihr Virgil und bat sie, Den besten Weg nach oben uns zu zeigen, Und jen' antwortet' nichts auf seine Frage, Nein, frug nach unserm Vaterland und Leben; Und es begann der süße Führer: »Mantua.« Doch jener Schatten, ganz in sich vertieft erst, Erhob sich gegen ihn von seinem Stande Und rief: »Ich bin Sordell, o Mantuaner, Aus deiner Stadt;« darauf sie sich umarmten. Weh' dir, Italien, Sklavin, Haus des Jammers, Schiff ohne Steuermann in großem Sturme, Nicht Herrin der Provinzen mehr, nein, Metze! Also behend war jene edle Seele, Den süßen Klang der Vaterstadt nur hörend, Hier ihre Bürger festlich zu begrüßen, Und jetzt sind sonder Krieg nicht die Lebend'gen In dir, und es benagen sich einander, Die eine Mauer einschließt und ein Graben. Such', Jammervolle, ringsum an den Küsten All' deiner Meer' und schau' dir dann ins Innre, Ob eine Stätt' in dir sich freut des Friedens. Was frommt's, daß dir den Zügel ausgebessert Justinianus, wenn der Sattel leer ist? War' ohnedies geringer doch die Schande! O Volk, das nur der Frömmigkeit zu leben Und Cäsar sollt'st auf seinem Sitze lassen, Wenn wohl du faßtest, was dir Gott bestimmet, Sieh, wie störrisch ist das Tier geworden, Weil durch die Sporen es nicht mehr gestraft wird. Seitdem du in den Zaum ihm bist gefallen, O deutscher Albert, der das wildgewordene Unbänd'ge du sich selber überlassest, Und sollt'st doch seines Sattels Bug umspannen! Ein recht Gericht fall' aus den Sternen nieder Auf dein Geschlecht, und unerhört und klar sei's, Daß dein Nachfolger Furcht darob empfinde; Denn du nebst dem Erzeuger hast geduldet, Von Habbegierde jenseits festgehalten, Daß wüst gelegt des Reiches Garten würde. Komm her und sieh Montecch' und Capelletti, Sorgloser Mann, Monald' und Filippeschi, In Not schon jen' und diese voll Befürchtung. Grausamer, komm und sieh die Unterdrückung All deiner Edeln, komm und heil' ihr Leiden. Und sehn wirst du, wie sicher Santafior' ist! Komm her und sieh, wie deine Roma weinet, Die einsam, eine Witwe, Tag und Nacht ruft: »Mein Cäsar, was doch ein'st du dich mit mir nicht?« Komm her und sieh, wie sehr das Volk sich liebet, Und rühret kein Erbarmen über uns dich, So komm, des eignen Leumunds dich zu schämen. Und ist's erlaubt mir, höchster Jova, der du Auf Erden wardst für uns gekreuzigt, wendet Wo anders hin sich dein gerechtes Auge? Wenn's nicht Vorkehrung ist in deines Rates Abgrund, bestimmt zu irgend etwas Gutem, Das ganz und gar sich unsrer Kund' entziehet; Denn voll sind von Tyrannen Welschlands Städte, Allsamt, und zum Marcell wird jeder Bauer, Der nur herbeikommt und Partei ergreifet. O mein Florenz, zufrieden kannst mit dieser Abschweifung du wohl sein, die dich nichts angeht, Dank's deinem Volk, das soviel Kluges aussinnt. In manchem wohnt Gerechtigkeit, doch spät geht Sie los, weil er mit Vorsicht spannt den Bogen, Doch auf der Zungenspitze hat dein Volk sie. Gar mancher lehnt die öffentliche Bürd' ab, Allein dein Volk antwortet ungerufen Voll Emsigkeit und schreit: ›Ich unterzieh' mich.‹ So sei denn fröhlich; denn du hast wohl Ursach', Du reich', du voll des Friedens, du voll Einsicht, Ob wahr ich spreche, zeigt sich an der Wirkung. Athen und Lacedaemon, die, der alten Gesetze Mütter, so geregelt waren, Sie geben gegen dich geringe Probe Der Wohlfahrt nur, die du so fein erdachte Satzungen machst, daß bis Novembers Mitte Nicht reicht, was im Oktober du gesponnen. Wie oft hast du, soweit zurück du denkest, Gesetz' und Münz' und Obrigkeit und Sitte Gewechselt und erneuert deine Glieder, Und wenn du recht besinnst dich, und dir's klar wird, So wirst du sehn, daß du dem Kranken gleichest, Der, keine Ruhe findend, auf den Federn Umher sich wälzend, Schutz sucht vor den Schmerzen. Siebenter Gesang Nachdem die biedre freudige Begrüßung Drei- oder viermal war erneuert worden, Trat jetzt Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« – »Eh' zugewandt noch wurden diesem Berge Die Seelen, wert, zu Gott emporzusteigen, Ward mein Gebein durch Octavian begraben. Ich bin Virgil, und andre Schuld als Mangel Des Glaubens raubte nicht den Himmel mir.« Also entgegnet' ihm anjetzt mein Führer. Wie einer ist, der, unversehens ein Ding Vor sich erblickend, drob er sich verwundert, Glaubt und nicht glaubt, und spricht: »es ist – ist nicht;« Schien jener mir, und drauf gesenkten Blickes Kehrt er zurück demütiglich zum andern. Umschlingend ihn, wo sich ein niedrer anschmiegt, »O, der Lateiner Ruhm,« sprach er, »durch welchen, Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache, O ew'ger Preis des Orts, aus dem ich stamme! Welch ein Verdienst, welch eine Gnade zeiget Dich mir, wenn wert ich bin, dein Wort zu hören, Sprich, kommst du aus der Höll' und welcher Klause?« »Durch alle Kreise hin des Reichs der Schmerzen,« Antwortet' er, »bin ich hieher gekommen, Es trieb mich Himmelskraft, und mit ihr komm' ich. Durch Taten nicht, durch Nichttun nur verlor ich Der hehren Sonne Schaun, nach der du schmachtest, Und die zu spät von mir erkannt ist worden. Ein Ort ist drunten, nicht durch Qualen traurig, Durch Finsternis allein, wo wie Gejammer Nicht tönen, nein, nur Seufzer sind die Klagen; Alldort bin ich mit den unschuld'gen Kleinen, Die von des Todes Zahn zermalmet worden, Eh' frei sie waren von der Schuld der Menschheit. Mit jenen bin ich dort, die, nicht gekleidet In die drei heil'gen Tugenden, die andern Erkannten all' und übten sonder Laster. Doch wenn du's weißt und kannst, gib eine Weisung Uns, wie dorthin am schnellsten wir gelangen, Wo wirklich erst das Purgatorium anhebt.« Er drauf: »Kein fester Ort ist uns bestimmet, Empor darf und umher ich gehn; soweit ich Zu gehn vermag, begleit' ich dich als Führer. Doch sieh, wie schon der Tag sich senkt, und steigen Kann man zur Nachtzeit nicht; drum wird es gut sein. Auf einen schönen Aufenthalt zu sinnen. Abseits hier findest Seelen du zur Rechten; Wenn du mir beistimmst, führ' ich dich zu ihnen, Die du nicht sonder Lust wirst kennen lernen.« »Wie das?« sprach jener. »Wer heraufgehn wollte Zur Nachtzeit, hinderte den wohl ein andrer Dran, oder stieg' er nicht, weil er nicht könnte?« Und mit dem Finger streift' am Grund der gute Sordell und sprach: »Auch selber diesen Strich hier Nicht überschritt'st du, wenn die Sonn' entschwunden; Nicht daß das Aufwärtssteigen etwas andres Als nur die Finsternis der Nacht erschwere, Die durch Nichtkönnen dann das Wollen hemmet. Wohl könnte man mit ihr herabwärts kehren Und, irrend rings, den Bergeshang umwandern, Solang der Horizont den Tag verdeckt hält.« Drauf mein Gebieter, wie verwundert, anhob: »So führ' uns denn dahin, wo du gesagt hast, Daß Lust der Aufenthalt gewähren könne!« Als kaum ein wenig wir von dort entfernt uns, Ward ich gewahr, daß eingesenkt der Berg war, Wie hier sich Täler einzusenken pflegen. »Dorthin,« sprach jener Schatten, »laßt uns gehen, Wo sich zur Bucht der Bergesabhang bildet, Da wollen wir den neuen Tag erwarten.« Schräg liegend zwischen waag- und senkrecht zog sich Ein Pfad hin, der zum Rand der Schlucht uns führte, Wo mehr als halb ihr Seitenhang schon schwindet. Gold, feines Silber, Scharlach selbst und Bleiweiß, Und leuchtend Holz, und Indig, und der heitre Smaragd, wenn er soeben frisch gebrochen, Sie würden allzumal besiegt an Farbe Vom Gras und von den Blumen dieses Tals sein, Gleich wie vom Mehr besieget wird das Minder. Und nicht gemalt nur hatte die Natur hier, Nein, aus der Süßigkeit von tausend Düften Schuf sie ein unbestimmt fremdartig Etwas. »Salve Regina« singend, auf den Blumen Und auf dem Grün sah Seelen hier ich sitzen, Von außen ob des Tales nicht ersichtlich. »Eh' noch zu Raste geht die wen'ge Sonne,« Sprach, der uns hergelenkt, der Mantuaner, »Verlangt nicht, daß ich unter jen' euch führe. Von dieser Höh' herab erkennt ihr besser An jeglichem aus seinem Tun und Antlitz Als drunten in der Au', in ihrer Mitte. Der dort am höchsten sitzt, dem man es ansieht, Daß er versäumt, was er vollbringen sollte, Und der den Mund nicht rührt zum Sang der andern, Rüdolph, der Kaiser, war er, der die Wunden, Die Welschland Tod gebracht, wohl heilen konnte, So daß es spät erst neu belebt ein andrer. Der, dessen Anblicks jener sich getröstet, Herrscht' in dem Land, draus quillt das Wasser, welches Der Elbe zu die Moldau, jen' ins Meer führt; Man nannt' ihn Ottokar, und besser war er In Windeln schon, als bärt'gen Kinns ist Wenzel, Sein Sohn, an Trägheit sich und Wollust weidend. Der mit der Stumpfnas', der in tiefem Rat scheint Mit jenem, der so güt'gen Angesichtes, Starb, flüchtig und die Lilien entblätternd, Betrachtet, wie er dort sich auf die Brust schlägt, Und seht den anderen, der seine Wange Hat seufzend in die hohle Hand gebettet; Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher, Sie kennen sein unflätig Lasterleben, Daher kommt auch der Schmerz, der so sie stachelt. Der dort so stark an Gliedern scheint und singend Begleitet den, des Nase männlich raget, War mit jedweder Tugend einst umgürtet, Und wenn als König wär' nach ihm verblieben Der Jüngling hinter ihm dort, traun, die Tugend Hätt' von Gefäß sich zu Gefäß ergossen. Doch solches gilt nicht von den andern Erben; Die Reich' erhielten Jakob zwar und Friedrich, Doch an dem bessern Erb' hat keiner Anteil. Denn selten nur entsproßt aufs neu' den Zweigen Der Menschheit Biederkeit, und solches wollte Ihr Geber, daß man sein Geschenk sie nenne. Auch den Benas'ten trifft mein Wort nicht minder, Als es von Peter galt, der mit ihm singet, Darob Provence schon und Apulien klagen. So weit steht nach dem Samen hier die Pflanze, Als sich annoch Konstanze des Gemahles Mehr denn Beatrix rühmt und Margarete. Seht, wie der König dort einfachen Wandels, Heinrich von Engelland, für sich allein sitzt! Dem ward ein bessrer Trieb an seinen Zweigen, Und der, am tiefsten sitzend unter ihnen, Am Boden, aufwärts blickt, ist Markgraf Wilhelm, Der Monferrat und Canavese Tränen Ob Alessandrias Fehde hat gekostet.« Achter Gesang Die Stunde war's, die Schiffenden das Sehnen Heim wendet und ihr Herz erweicht am Tage, Da sie: »Lebt wohl!« gesagt den süßen Freunden, Und die mit Liebe quält den neuen Pilgrim, Wenn er von fern ein Glöcklein hört, des Hallen Den Tag scheint zu beweinen, der dahinstirbt; Als ich begann, des Hörens mich entschlagend, Zu schaun auf eine Seele, die, sich aufrecht Erhebend, mit der Hand Gehör verlangte. Sie faltete und hob jetzt beide Hände, Die Augen fest dem Aufgang zugerichtet, Als spräche sie zu Gott: »Mich rührt nichts weiter.« Te lucis ante klang so voller Andacht Aus ihrem Mund und mit so süßen Tönen, Daß es mich meiner selbst vergessen machte. Darauf die andern allzumal ihr folgten, Süß und voll Andacht durch die ganze Hymne, Den Blick gewandt zu den erhabnen Kreisen. Jetzt, Leser, such' geschärften Blicks die Wahrheit, Denn also fein ist wahrlich hier der Schleier, Daß es, durch ihn hineinzudringen, leicht wird. Ich sah die edle Heeresschar stillschweigend Darauf nach oben blicken, gleich als ob sie Etwas erwarte, blaß und voll von Demut, Und sah, der Höh' entsteigend, niederlassen Zwei Engel sich mit zwei entflammten Schwertern. So abgestumpfet und beraubt der Spitzen. Grün, gleich den eben erst entkeimten Blättlein, War ihr Gewand, das, von den grünen Schwingen Bewegt, sich rückwärts zog, im Winde flatternd. Nur wenig über uns zu stehn kam einer, Der andre ließ genüber sich am Talrand Herab, daß alles Volk blieb in der Mitte. Ihr blondes Haupt wohl konnt' ich unterscheiden, Doch in dem Angesicht verging der Blick mir, Wie an zu vielem jede Kraft muß scheitern. »Sie kommen beide von dem Schoß Marias,« Begann Sordell, »das Tal hier zu bewachen Ob jener Schlange, die alsbald herbeikommt.« Drob ich, nicht wissend, welches Pfads sie käme, Mich wandte ringsumher und eng mich anschloß, Durchschauert ganz, an den betrauten Rücken. Sordell drauf: »Laßt zu Tal uns gehn inmitten Der hohen Schatten, daß wir dort sie sprechen; Denn euch zu schaun, wird sie gar sehr erfreuen.« Drei Schritte nur mocht' ich herab wohl steigen, Als ich schon unten stand, und sah dort einen Auf mich nur schaun, als wollt' er mich erkennen. Die Zeit war's schon, da sich die Luft verfinstert, Doch nicht, daß zwischen seinem Blick und meinem Sie kund nicht tat, was erst sie hielt verborgen. Er nahte mir, ich ihm: ›O Richter Nino, Du Edler, wie erfreut' es mich, zu sehen, Daß du nicht wärest unter den Verdammten.‹ Kein holder Gruß ward zwischen uns versäumet; Dann fragt' er mich: »Wie lange ist's daß du kamest Zum Fuß des Berges durch die weiten Wässer?« ›0h!‹ sprach ich, ›mitten durch des Jammers Stätten Kam ich heut' früh und bin im ersten Leben, Erstreb' ich, also wallend, gleich das andre.‹ Als meine Antwort war vernommen worden, Sah ich zurück Sordell und jenen weichen, Dem gleich, den etwas plötzlich hat verwirret. Der eine wandt' sich an Virgil, der andre An einen, der dort saß, laut rufend: »Konrad! Auf, komm und sieh, was Gott gewollt aus Gnade!« Drauf gegen mich: »Bei dem besondern Danke, Den ihm du schuldig bist, der so sein erstes ›Warum‹ verbirgt, daß keine Furt dorthin ist; Wenn jenseits du der breiten Flut, sag' meiner Johanna, daß für mich sie flehen möge Dort, wo Unschuldige Gewährung finden. Denn nicht mehr liebt mich, glaub' ich, ihre Mutter, Da sie den weißen Schleier hat vertauschet, Den einst zurück noch muß die Arme wünschen. An ihr ist es gar leichtlich zu erkennen, Wie lang im Weib der Liebe Feuer dauert, Wenn es nicht Blick oft und Berührung anfacht. So herrlich wird nicht ihr Begräbnis schmücken Die Viper, drunter Mailands Volk sich lagert, Als es geschmückt der Hahn Gallura's hätte.« Also sprach er, in seinem Angesichte Den Abdruck jenes echten Eifers tragend, Davon mit Maß und Ziel das Herz erwärmt wird. Mein Auge hing voll Sehnsucht nur am Himmel Dort, wo die Stern' am trägsten sich bewegen, Dem Rade gleich, wo es der Achs' am nächsten. Der Führer drum: »Mein Sohn, was blickst hinauf du?« Und ich darauf zu ihm: ›Nach den drei Flämmchen, Davon der ganze Pol diesseits erglühet.‹ Zu mir der andere: »Die vier lichten Sterne, Die du heut' Morgen sahst, sind jenseits drunten, Und diese stiegen auf, wo jen' erst standen.« Weil er so redete, zog ihn Sordello Zu sich hin, rufend: »Sieh dort unsern Gegner!« Und streckt' die Finger, daß dorthin er schaue. Von jener Seite her, wo keine Schutzwehr Das kleine Tal verschließt, kam eine Schlange, Dieselbe wohl, die Even bittre Kost gab: Durch Gras und Blumen schlich der arge Streif hin, Bald mit dem Kopf sich, bald dem Rücken wendend, Gleich einem Tiere leckend, das sich putzet. Nicht sah ich, und drum kann ich drob nichts künden, Die Habichte des Himmels sich bewegen, Doch wohl wie beide sich bewegt; die Schlange, Als durch die Luft die grünen Schwingen rauschen Sie hört', entfloh. Es wandten sich die Engel Auf ihren Stand zurück, gleichmäßig fliegend. Der Schatten, der dem Richter sich genähert, Als dieser rief, verwendete die Blicke Von mir nicht während dieses ganzen Agriffs. »Soll jene Leuchte, die dich führt nach oben, So vieles Öl in deinem Willen finden, Als bis zum Blumenschmelz des Gipfels nötig?« Begann er; »wenn von Val di Magra oder Dem Land umher du hast wahrhaft'ge Nachricht, Tu' mir sie kund; denn einst war dort ich mächtig. Mit Namen hieß ich Konrad Malespina, Der Alte bin ich nicht, doch von ihm stamm' ich, Den Meinen weiht' ich Liebe, die hier läutert.« ›0!‹ ' sprach ich drauf zu ihm, ›in Eurem Lande War ich noch niemals, doch wo kann man wohnen Durch ganz Europa, daß man sie nicht kenne. Der Ruf, der Euer Haus mit Ehren nennet, Laut preist die Herren er und laut die Landschaft, So daß davon vernimmt, wer noch nicht dort war. Auch schwör' ich Euch, so wahr empor ich gehn will, Daß Euer ehrenwert Geschlecht des Ruhms sich, Des Schwertes und der Börse nicht entäußert. Sitt' und Natur gibt ihm ein solches Vorrecht, Daß es, verführt das schlimme Haupt die Welt auch, Geht grad' allein, des Bösen Weg verschmähend.‹ Und er: »Jetzt geh; denn siebenmal nicht leget Die Sonn' aufs neu' ins Bett sich, das der Widder Mit den vier Füßen decket und umspannet, Eh' diese Meinung, die du freundlich äußerst, Dir mitten in das Haupt wird eingeschlagen Mit stärkern Nägeln noch als andrer Rede, Wenn nicht des Richterspruches Lauf gehemmt wird.« Neunter Gesang Die Bettgenossin des bejahrten Tithon Erblaßte schon am Morgensaum des Himmels, Dem Arm des süßen Buhlen sich entreißend, Von Edelsteinen glänzte ihre Stirne, In der Gestalt des kalten Tiers geordnet, Das mit dem Schwänze Stiche gibt den Menschen; Und zwei der Schritte, die sie steiget, hatte Die Nacht zurückgelegt dort, wo wir standen, Und seine Flügel senkte schon der dritte, Als ich, der Adams Erb' ich bei mir führte, Vom Schlaf besiegt, aufs Gras mich niederbeugte, Wo wir erst alle fünf gesessen hatten. Zu jener Stund', in der ihr traurig Klaglied Die Schwalbe, da der Morgen naht, beginnet, Wohl in Erinnrung ihres ersten Jammers, Und unser Sinn, dem Fleische mehr entfremdet Und nicht so sehr verstricket in Gedanken, Wie göttlich ist in seinen Visionen, Glaubt' einen Aar mit goldnen Federn, schwebend Am Himmel, ich im Traum zu sehn, die Flügel Ausspannend und bereit, herabzuschießen; Und dort glaubt' ich zu sein, wo Ganymedes Die Seinigen zurückließ und entrafft ward Empor in die erhabne Ratsversammlung. Ich dachte bei mir selbst: Der stößt hierher wohl Nur aus Gewohnheit, und von anderm Orte Verschmäht er, mit den Klau'n wohl fortzutragen. Dann schien es mir, als ob erst etwas kreisend Er furchtbar wie ein Blitz herab drauf stürzte, Und mich hinauf entrückte bis zum Feuer. Da schien mir's, als erglüht' er und ich selber, Und also brannte die geträumte Glut mich, Daß drob der Schlummer mir zerrissen wurde. Nicht anders hat Achilles sich geschüttelt, Im Kreis rings die erwachten Augen wendend Und, wo er sei, nicht wissend, da die Mutter Von Chiron weg hinüber ihn nach Scyros Geflüchtet, weil er schlief in ihren Armen, Von wo die Griechen dann hinweg ihn führten, Als ich mich schüttelte, da mir vom Antlitz Der Schlummer floh und totenbleich ich wurde, Gleich einem Manne, der vor Schreck erstarret. Es stand allein mein Hort mir noch zur Seite, Und hoch die Sonne schon mehr als zwei Stunden, Und nach dem Meer zu war gewandt mein Antlitz. »Befürchte nichts,« begann jetzt mein Begleiter, »Ermanne dich; wir sind zu guter Stelle, Dräng' nicht zurück, nein, jede Kraft entfalte, Beim Purgatorium bist du angelangt jetzt. Sieh dort die Felsenwand, die's rings umschließet, Sieh dort den Eingang, wo zertrennt sie scheinet. Jüngst in der Dämmerung, die vor dem Tage Einhergeht, weil dir schlief die Seel' im Innern, Auf jenem Blumenschmuck der untern Stätte Erschien ein Weib und sagte: ›Lucia bin ich; Laß diesen hier, der schlummert, mich ergreifen, Daß ich auf seinem Weg ihn fördern möge.‹ Sordell blieb mit den andern edlen Schatten Zurück; sie nahm dich, und da's heller Tag ward, Kam sie herauf und ich auf ihren Spuren. Hier legte sie dich hin, und erst noch zeigte Den offnen Eingang mir ihr schönes Auge, Drauf schwand zu gleicher Zeit sie mit dem Schlummer. Dem Manne gleich, dem sich der Zweifel löset, Und dem die Furcht in Sicherheit sich wandelt, Nachdem die Wahrheit ihm enthüllt ist worden, Verändert' ich mich, und da frei von Sorge Mich sah mein Führer, setzt' er in Bewegung Am Abhang sich – und ich ihm nach – zur Höhe. Du, Leser, siehst, wie meinen Gegenstand ich Erheb' anjetzt, drum darfst du dich nicht wundern, Wenn ich mit größrer Kunst ihn unterstütze. Heran jetzt tretend, standen wir so nah schon, Daß dort, wo mir ein Spalt erst war erschienen, Dem Risse gleich, der eine Mauer trennet, Ein Tor ich sah und unter ihm drei Stufen, Die zu ihm führten, von verschiedner Farbe Und einen Pförtner, der kein Wort noch sagte. Und mehr und mehr das Äug' auf ihn erschließend, Sah ich ihn auf der höchsten Stufe sitzen, Im Antlitz so, daß ich's nicht tragen konnte; Und ein entblößtes Schwert hatt' in der Hand er, So gegen uns zurück die Strahlen werfend, Daß mehrmals drauf den Blick umsonst ich wandte. »Von dorther saget uns erst, was ihr wollet!« Begann er, »wo ist der Begleiter, wahrt euch, Daß euch nicht schädlich sei, hinaufzukommen.« »Ein himmlisch Weib, vertraut mit diesen Dingen,« Entgegnet' ihm mein Meister, »sprach vor kurzem Zu uns erst: ›Dorthin geht, dort ist die Pforte!‹ « »Und mög' im Guten euern Schritt sie fördern,« Begann jetzt wieder der gefäll'ge Pförtner, »So kommet vorwärts denn zu unsern Stufen.« Dorthin gelangten wir, und weißer Marmor, So rein geschliffen, war die erste Staffel, Daß ich mich drin so spiegelt', als ich scheine. Es war die zweite dunkel, mehr denn Purpur, Von rauhem brandverwüstetem Gestein, Der Länge nach und überzwerch geborsten. Die dritte, die empor noch drüber ragte, Schien mir aus Porphyr von so feur'gem Rote Zu sein wie Blut, das aus der Ader spritzet. Auf dieser ruhte mit den beiden Füßen Der Engel Gottes, auf der Schwelle sitzend, Die mir von Diamantenstein zu sein schien. Den Willigen zog über die drei Stufen Der Führer jetzt empor und sprach: »Begehre In Demut, daß das Schloß er lösen möge.« Andächtig fiel ich zu den heil'gen Füßen, Barmherzigkeit erflehend, daß er öffne, Doch schlug vorerst dreimal ich auf die Brust mich; Drauf schrieb er sieben P mir auf die Stirne Mit seines Schwertes Spitz' und: »Trachte,« sprach er, »Die Wunden, wenn du drin bist, wegzuwaschen.« Asch' oder Erde, die man trocken ausgräbt, Würd' einer Farbe sein mit seinem Kleide, Darunter er zwei Schlüssel jetzt hervorzog; Der eine war von Gold, der andre silbern. Erst mit dem weißen und dann mit dem gelben Tat er am Tor so, daß ich ward zufrieden. »Wenn einer dieser Schlüssel je versaget, Daß er nicht gleich im Schlüsselloch sich umdreht,« Sprach er, »so wird der Eingang nicht erschlossen. Der ein' ist teurer, doch der andre fordert Gar viel Verstand und Kunst, um auf zuschließen; Denn er ist's, der den Knoten muß entwirren. Von Petrus hab' ich sie; der hieß mich lieber Im Auftun irr'n als im Verschlossenhalten, Wenn nur die Leute mir zu Füßen fallen.« Aufstoßend drauf des heil'gen Tores Eingang, Sprach er: »Geht ein; doch merket wohl, daß jeder, Wenn hinter sich er blickt, zurück muß kehren.« Und als auf seinen Angeln nun gedrehet Die Kanten der geweihten Pforte wurden, Die mächtig sind von tönendem Metalle, Da knarrte stärker es und zeigte herber Sich denn Tarpeja, als man ihr den wackern Metellus nahm, drob dann sie leer geblieben. Um wandt' ich, auf das erste Rasseln achtend, Da hörte, schien's, von Stimmen ich: »Te Deum Laudamus« , untermischt mit süßem Klange, Und solchen Eindruck gab mir grade wieder, Was ich vernahm, wie man ihn pflegt zu haben, Wenn den Gesang der Orgelton begleitet, Daß man bald hört und bald nicht hört die Worte. Zehnter Gesang Als wir des Tores Sehwelle, durch der Seelen Verkehrtes Lieben ungebraucht, das grade Den krummen Weg läßt scheinen, überschritten, Hört' ich es mit Gedröhn' sich wieder schließen, Und wenn den Blick nach ihm gewandt ich hätte, Wie möcht' ich gnügend wohl den Fehl entschuld'gen. Wir stiegen auf, durch eines Felsens Spalte, Der bald zu einem, bald zur andern Seite Sich windet, gleich der Flut, die naht und fliehet. »Hier wird es nötig, etwas Kunst zu brauchen,« Begann mein Führer, »und sich anzuschmiegen Bald hier, bald dort, der Seite, die zurückweicht.« Und solches ließ hier sparsam vor uns schreiten, So daß des Mondes Abbruch erst aufs neue Sein Bett berührt', um wieder dort zu ruhen, Eh' wir hervor aus dieser Esse kamen; Doch als wir frei und unbeschränkt jetzt droben Uns fanden, wo der Berg sich hinten schließet, Da blieben wir, ich müd' und beid' im Zweifel Ob unsers Wegs, auf einer Ebne stehen, Die öder noch, als Straßen sind durch Wüsten. Von seinem Rand, wo's an das Leere grenzet, Zum Fuß der hohen Wand, die weiter aufsteigt, Mißt jene dreimal eines Menschen Körper, Und bis wohin den Blick ich werfen konnte Zu rechten bald und bald zur linken Seite, Schien mir gleichmäßig dieser Sims gestaltet. Nicht hatten droben wir den Fuß bewegt noch, Als ich gewahrte, daß ringsum der Abhang, Der keine Möglichkeit zum Steigen darbot, Von weißem Marmor und so mit erhabner Arbeit geschmückt war, daß nicht Polyklet nur, Selbst die Natur beschämt hier stehen müßte. Der Engel, der auf Erden die Gewährung Des viele Jahr' erweinten Friedens brachte, Drob sich nach langem Bann der Himmel auftat, Erschien vor unsern Blicken, so getreulich Hier eingehaun in liebevoller Stellung, Daß man ein schweigend Bild zu sehn nicht meinte, Man hätte schwören mögen, er sag': »Ave« ; Denn hier war jen' im Bild auch, die den Schlüssel Gedreht, die höchste Lieb' uns aufzuschließen, Und ausgeprägt im Äußern trug die Worte: »Ecce ancilla Dei« so unverkennbar Sie, wie sich eine Form ausdrückt im Wachse. »Auf einen Ort allein den Sinn nicht richte,« Begann der süße Meister, der mich hatte An jener Seite, wo der Mensch das Herz hat. Drauf wandt' ich mit dem Antlitz mich, und hinter Maria sah ich an dem Hang dorthin zu, Wo jener stand, der meinen Schritt bewegte, Ein andres Bild im Felsen eingesetzet; Drum ging ich bei Virgil vorbei, und näher Trat ich, daß es dem Blick erreichbar würde. In gleichen Marmor eingehaun war Karr'n hier Und Stiergespann, die heil'ge Arche ziehend, Darob nichtübertragnes Amt man scheuet; Davor kam Volk, in sieben Chöre sämtlich Geteilt, von dem zwei meiner Sinne sagten, Der eine, »nein,« der andere: »ja, es singet.« Auf gleiche Weise ließ der Dampf des Weihrauchs, Der hier war abgebildet, Aug' und Nase Durch Ja und Nein in Zwietracht mir geraten. Einher kam vor dem heiligen Gefäß hier Hochspringend der demüt'ge Psalmensänger, Der mehr dabei und minder war als König. Genüber dargestellt, an eines großen Palastes Fenster sah man Michol staunen, Ein zornig Weib, verächtlich niederblickend. Den Fuß bewegt' ich drauf von seiner Stelle, Ein anderes Bild von nahem zu betrachten, Das hinter Michol weißlich mir erglänzte. Hier war im Bild der hehre Ruhm zu schauen Des Römerfürsten, ob des großer Tugend Gregor getrieben ward zum großen Siege; Trajans, des Kaisers, mein' ich, und am Zügel Des Rosses stand ihm eine arme Witwe, Die Tränen ließ und Schmerz an sich erkennen. Ringsher um ihn erschien, zahlreich gedränget, Ein Troß von Reitern, und die goldnen Adler Bewegten scheinbar drüber sich im Winde. Die Unglückselige in jener Mitte Schien so zu sprechen: »Schaff mir Rache wegen Des Sohnes Mord, o Herr, drob ich mich gräme.« Und er zu ihr entgegnen: »Warte jetzt noch, Bis heim ich kehr'.« Und sie drauf: »Mein Gebieter!« Gleich einem, den der Schmerz beeilt: »Wenn heim du Nicht kehrst?« und er: »Wer dann an meiner Stelle, Schafft Rache dir?« und sie: »Des andern Rechttun, Was hilft dir's, wenn des eignen du vergissest?« Drauf er: »Jetzt tröste dich; denn zu erfüllen Ziemt's mir die Pflicht, eh' ich von dannen ziehe, Das Recht erheischt's, und Mitleid hält zurück mich.« Hervorgebracht hat er, dem nimmer Neues Erschienen ist, dies sichtbarliche Sprechen, Das neu uns nur, weil es sich hier nicht findet, Weil ich an der Betrachtung mich der Bilder So viel demüt'ger Handlungen ergötzte, Die schon ob ihres Bildners wert zu sehn sind. »Sieh dort das viele Volk von dieser Seite, – Doch langsam schreitet's« – raunt' mir zu der Dichter, »Das wird einweisen uns zu höhern Stufen.« Mein Auge, das beschäftigt war mit Schauen, Um Neuigkeiten, drauf es ist begierig, Zu sehn, war träg nicht, sich nach ihm zu wenden. Doch wollt' ich, Leser, nicht, daß du am guten Vorsatz ermatten möchtest, wenn du hörest, Wie Gott will, daß die Schuld bezahlt hier werde. Stoß' an die Art der Qual dich nicht, bedenke Die Folge, denke, daß im schlimmsten Falle Sie doch den großen Spruch nicht überdauert. Ich drauf: ›Was, Meister, auf uns zu dort kommen Ich seh', nicht scheinen's menschliche Gestalten, Doch weiß ich nicht, ob sich mein Blick nicht täuschet.‹ Und er zu mir drauf: »Ihrer Qualen läst'ge Beschaffenheit krümmt also sie zu Boden, Daß meine Augen auch erst Kampf drob hatten. Doch schau' dorthin fest, und was unter jenem Felsblocke naht, entwirr' mit deinem Blicke. Schon kannst du sehn, wie jeglicher zerquetscht wird.« O stolze Christen, unglücksel'ge Müde, Die, krank am geistigen Gesicht, ihr euer Vertrauen setzet auf verkehrten Wandel, Begreifet ihr denn nicht, daß wir Gewürm sind, Bestimmt, den Himmelsschmetterling zu bilden, Der schirmlos zur Gerechtigkeit sich aufschwingt! Was blähet euer Geist so hoch sich, da ihr Doch nur, gleich unvollendeten Insekten, Den Würmern gleich seid mit verfehlter Bildung. Wie man, sei's einem Dach, sei's einer Decke Zur Stütze manchmal wohl als Kragstein eine Gestalt erblicket mit dem Knie am Busen, So daß aus dem, was nicht wahr, wahrer Kummer Entsteht dem, der es sieht, also gestaltet Sah jen' ich, als ich sorglich drauf gemerket; Zwar waren mehr gekrümmt sie oder minder, Nachdem mehr oder mindre Last sie trugen, Und wer zumeist Geduld im Äußern zeigte, Schien weinend doch zu sagen: »Mehr nicht kann ich.« Elfter Gesang »O, Vater unser, in den Himmeln wohnend, Zwar nicht umschlossen, doch durch größre Liebe Zu jenen ersten Wirkungen dort oben, Gepriesen sein dein Nam' und deine Stärke Von jeder Kreatur, wie sich's gebühret, Daß deinen süßen Duft man dankend rühme. Uns komme zu der Frieden deines Reiches, Weil aus uns selbst wir zu ihm hin nicht können, Wenn er nicht kommt, so viel wir immer sinnen. Gleich wie den eignen Willen deine Engel, Hosanna singend, dir zum Opfer bringen, So sei's auch bei den Menschen mit dem ihren. Das Manna gib, das tägliche, uns heute, Da ohn' in dieser rauhen Wüste rückwärts Nur geht, wer sich am meisten müht zu wandern. Und wie das Übel, welches wir erlitten, Wir jeglichem verzeihn, o so verzeihe Auch du voll Güt' uns, aufs Verdienst nicht schauend. Führ' unsre Tugend, die so leicht erlieget, Nicht durch den alten Gegner in Versuchung, Nein, mach' uns frei von ihm, der so sie quälet. Die letzte Bitte, lieber Herr, verrichten Wir für uns selbst nicht, die wir's nicht bedürfen, Für jen' allein, die hinter uns geblieben.« So gingen, sich und uns ein glücklich Pilgern Erflehend, jene Schatten, von den Lasten Gedrückt, gleich wie's im Traum uns manchmal vorkommt, Verschiedentlich beängstet all' im Kreise, Und müd' umher hier auf dem ersten Simse, Sich von der Finsternis der Welt zu säubern. Spricht jenseits uns zum Heil man stets, was können Für sie wohl diesseits jene tun und sprechen, Die da des Wollens gute Wurzel haben. Zu helfen ziemt's, die Flecken abzuwaschen, Die sie von dannen trugen, so daß rein sie Und leicht enteilen zu den Sternenkreisen. »O, wenn Gerechtigkeit euch und Erbarmen Bald soll entlasten, so daß ihr die Schwinge Bewegen könnt, die euch nach Wunsch erhebe, Zeigt an, zu welcher Hand es zu der Stiege Am nächsten, und wenn's mehr denn einen Pfad gibt, Lehrt den, des Abfall minder schroff, uns kennen. Denn ob der Wucht von Adams Fleisch, damit er Sich kleidet, ist, der mit mir kommt, entgegen Dem eignen Willen, karg im Aufwärtssteigen.« Von wem die Worte kamen, die auf jene, So der sprach, dem ich folgt', entgegnet wurden, War nicht zu unterscheiden zwar, doch hörte Man sagen: »Rechter Hand kommt auf dem Strande Mit uns; dort werdet ihr den Aufgang finden, Der zu ersteigen ist Lebend'gen möglich! Und wenn ich nicht behindert wär' vom Felsen, Der meinen stolzen Nacken niederzwinget, Drob ich das Antlitz tiefgebeugt muß tragen, Würd' ihn ich, der noch lebt und sich nicht nennet, Betrachten, um zu sehn, ob ich ihn kenne, Und Mitleid ob der Last in ihm zu wecken. Lateiner war ich selbst; ein mächt'ger Tuscier, Wilhelm Aldobrandesco mein Erzeuger; Nicht weiß ich, ob sein Nam' euch je erreicht hat, Das alte Blut, die ritterlichen Taten Der Ahnherrn machten mich so übermütig, Daß, unser aller Mutter schier vergessend, Ich jeden so verachtete, daß drüber Ich starb, wie die Sieneser wissen, wie es In Campagnatico jedwedes Kind weiß. Humbert bin ich, und Schaden hat der Hochmut Mir nicht allein getan; denn all' die Meinen Hat er mit sich ins Unglück fortgerissen. Und hier muß seinethalb die Last ich tragen, So lang ich Gott genuggetan nicht habe, Weil ich's nicht lebend tat, hier bei den Toten.« Mein Angesicht beugt' ich zuhorchend nieder, Und einer (nicht der eben sprach) aus ihnen Wandt' unter dem Gewicht sich, das ihn hemmte, Und sah mich und erkannte mich und rufte, Die Augen nur mit Müh' auf mich geheftet, Mir zu, der ganz gebeugt mit ihnen hinging. ›O,‹ sprach ich jetzt, ›bist du nicht Oderisi, Agubbios Stolz, die Ehre jener Kunst nicht, Die zu Paris man nennt Illuminieren?‹ »O Bruder,« sprach er, »schöner lächeln Blätter, Die Franco Bologneses Pinsel färbet; Ganz ist jetzt sein die Ehre, mein nur teilweis. Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen, Weil ich noch lebt', ob der gewalt'gen Gierde, Die nach Vortrefflichkeit mein Herz erfüllte. Für solchen Stolz bezahlt man hier die Buße, Und noch war' hier ich nicht, hätt' ich, da sünd'gen Ich könnt' annoch, mich nicht zu Gott gewendet. O eitler Ruhm des menschlichen Vermögens, Wie kurz das Grün an deinem Wipfel dauert, Wenn eine rohe Zeit auf dich nicht folget! Das Feld zu halten glaubte Cimabue Als Maler, jetzt nennt alles Giottos Namen, So daß den Ruhm des andern er verdunkelt. So hat der Sprache Preis dem einen Guido Der andere geraubt, und wohl geboren Mag einer sein, der beide jagt vom Neste. Der Lärm, den in der Welt man macht, nichts ist er Als Windeswehn, bald hier-, bald dorther kommend, Das Namen tauscht, weil's Himmelsgegend tauschet. Bleibt dir mehr Ruhm, wenn alt das Fleisch du abstreifst, Als wenn du wärst gestorben, eh' ›kling, kling‹ du Und ›Happchen‹ noch verlernt, nach tausend Jahren, Was im Vergleich zur Ewigkeit doch kürzer Ist als ein Wimperschlag zu jenes Kreises Umlauf, der sich am spät'sten krümmt im Himmel? Der, welcher hier vor mir vom Weg so wenig Zurücklegt, hat durchtönt einst ganz Toskana, Und jetzt raunt kaum von ihm man in Siena, Drin er geherrschet, als vernichtet worden Die Florentinsche Wut, die stolz gewesen Zu jener Zeit, wie jetzt sie ist verworfen. Nachruhm bei euch ist gleich dem Grün des Grases, Das kommt und geht, und das dieselbe Sonne Entfärbt, durch die's der Erd' erst frisch entsproßte.« Und ich zu ihm: ›Es flößt dein wahres Wort mir Fein Demut ein, des Stolzes Blähn mir ebnend; Doch wer ist der, von dem du grade sprachest?‹ Er drauf: »Es ist dies Provenzan Salvani, Der hier zu finden, weil er sich vermessen, Siena ganz in seine Hand zu bringen. So ging er und geht jetzt noch sonder Ruhe, Seitdem er starb; denn solche Münz' entrichtet Als Sühnung, wer zu keck jenseits gewesen.« Und ich: ›Wenn jener Geist, der bis zum Rande Des Lebens mit der Reu' hat angestanden, Dort unten weilt und nicht hierher gelanget, Sofern ihm nicht ein fromm Gebet ist hilfreich, Eh' so viel Zeit verstreicht, als er verlebet, Wie ward dann dem gewährt, hierher zu kommen?‹ »Zu seines größten Ruhmes Zeit,« sprach jener, »Geschah's, daß ungescheut er auf Sienas Marktplatz sich setzte, jeder Scham entsagend, Und dort, um aus der Qual den Freund zu retten, Die er erduldete in Karls Gefängnis, Tat er, was alle Puls ihm beben machte. Mehr sag' ich nicht und weiß, ich spreche dunkel, Doch wenig Zeit verläuft, eh' deine Nachbarn So tun, daß du dir's wirst erklären können. Dies Werk hat jenen Bann für ihn gehoben.« Zwölfter Gesang Gepaart gleich Stieren, die im Joche gehen, Wallt' ich fürbaß mit der beladnen Seele, So lang's gestattete der süße Lehrer; Doch als er sprach: »Laß ihn und geh vorüber, Denn hier geziemt's, mit Segeln und mit Rudern, Soviel ein jeder kann, sein Schiff zu treiben,« Da richtet' ich mich auf, wie sich's zum Wandeln Gebührt dem Leib nach, ob auch die Gedanken Gebeugt mir blieben und herabgestimmet. Von dannen mich bewegend, folgt' ich willig Den Schritten meines Meisters, und schon zeigte Es an uns beiden sich, wie leicht wir waren, Als er begann: »Wend' abwärts deine Blicke, Gut wird dir's sein, den Weg dir zu erleichtern, Daß deiner Sohlen Bette du betrachtest.« Wie, um ihr Angedenken zu bewahren, Auf Grabestafeln über den Begrabnen Steht abgebildet, was sie sonst gewesen, Drob man sie dort oft wiederum beweinet, Von Schmerzen der Erinnerung berühret, Die für die Frommgesinnten nur ein Sporn ist, So sah ich hier, doch bessrer Art, mit Bildern Kunstmäßig ausgeschmückt die ganze Breite Des Rands, ausladend aus dem Berg als Straße. Ich sah den, welcher edler war geschaffen Denn irgendein Geschöpf, auf einer Seite Gleich einem Blitz herab vom Himmel stürzen; Ich sah, vom himmlischen Geschoß durchbohret, Den Briareus zur andern Seite liegen, Schwer auf der Erd' in Todeskälte lastend; Ich sah Thymbraeus, ich sah Mars und Pallas In Waffen noch, den Vater dort umstehend, Beschaun der Riesen rings verstreute Glieder; Nimrod sah ich am Fuß des großen Werkes Verstört hier stehn, die Völker all' betrachtend, Die stolz mit ihm in Sennaar gewesen. O Niobe, mit welch schmerzvollem Blicke Stand'st auf dem Pfad im Bild du zwischen sieben Und sieben der getöteten Erzeugten! O Saul, wie schienst entseelt du hier zu liegen, Auf deinem eignen Schwert zu Gelboe, Das weder Tau noch Regen mehr dann spürte! So, törichte Arachne, sah ich dich Schon halb als Spinne traurig auf den Fetzen Des Werks, das du zum eignen Weh vollbracht! O Roboam, schon scheint nicht mehr zu drohen Dein Abbild hier, nein, voller Schrecken trägt dich Der Wagen fort, eh' man dich noch verjaget! Es zeigte noch der Grund auf hartem Pflaster, Wie hoch das unglückselige Geschmeide Alkmaeon seine Mutter ließ bezahlen; Er zeigte, wie der Söhne Paar sich über Sennacherib im Tempel hingeworfen Und wie sie tot ihn dann dort liegen ließen; Er zeigt', wie nach vollbrachter Niederlage Und grausem Mord Tomyris sprach zu Cyrus: »Blut hast gedürstet, und mit Blut dich füll' ich!« Er zeigte, wie geschlagen die Assyrer Von dannen flohn, als Holofernes tot war, Und ließ der Marter Überrest auch schauen. Troja sah ich in Asch' und Räuberhöhlen Verkehrt. O Ilion, wie schlecht und niedrig Stellt sich das Bild dar, das man hier erblicket! Wer ist des Pinsels oder Stifts so Meister, Daß er die Züg' und Schatten wiedergäbe, Drob selbst der feinste Sinn hier staunen müßte? Tot schien, wer tot war, lebend, wer lebendig; Nicht mehr als ich sah, wer die Tat gesehn hat, Von dem, was ich betrat, weil ich gebückt ging. Stolziert nur und geht hin hoffärt'gen Blickes, Ihr Kinder Evens, und beugt nicht das Antlitz, Daß eures üblen Pfads gewahr ihr werdet! Wir hatten mehr schon von dem Berg umgangen Und gar um vieles mehr vom Lauf der Sonne Verbraucht, als der befangene Geist vermeinte, Als jener, der, beständig vorwärts merkend, Einher ging, so begann: »Richt' auf dein Haupt jetzt, Es ist nicht Zeit mehr, zögernd so zu wandeln! Sieh jenen Engel dort, der sich bereitet, Auf uns zu kommen, sieh, es kehrt zurück schon die sechste Dienerin vom Dienst des Tages. Mit Ehrfurcht schmücke dir Gebärd' und Antlitz, Daß, uns hinaufzuweisen, ihm gefalle, Bedenk', daß dieser Tag nie wieder aufgeht.« Wohl war ich schon gewöhnt an seine Warnung, Nur Zeit nicht zu verlieren, drum er, dunkel In diesem Stück, mit mir nicht sprechen konnte. Es nahte sich uns jetzt das schöne Wesen, Weiß an Gewand und in dem Angesichte Dem flimmernden Gestirn des Morgens ähnlich. Er tat die Arm' auf, tat dann auf die Schwingen Und sprach: »Kommt! In der Näh' hier sind die Stufen, Und leicht wird es euch nun emporzusteigen. Gar selten nur kommt man auf solche Kunde, O menschliches Geschlecht, aufwärts zu fliegen Erzeugt, wie sinkst bei so geringem Wind du!« Hinführt' er uns, wo ausgehaun der Fels war, Dann fächelt' mit den Schwingen er die Stirn mir Und sicherte mir zu ein glücklich Wandern. Wie, wenn man rechter Hand den Berg ersteiget, Drauf liegt die Kirche, so die Stadt beherrschet, Die wohlgeführt' ob Rubacontes Brücke, Des Steigens jähe Raschheit wird gebrochen Durch Stufen, die gelegt in einer Zeit sind, Wo Buch und Maß noch ungefährdet waren, So wird gesänftigt hier des Hanges Steile, Mit der er von dem nächsten Kreis herabfällt, Doch rechts und links streift an den hohen Fels man. Als wir dorthin uns jetzt gewandt, da hörten »Beati pauperes spiritu« wir Stimmen So singen, wie's kein Wort beschreiben könnte. 0, wie verschieden von den Höllenschlünden Sind diese hier; denn hier tritt mit Gesängen Man ein, und dort mit wilden Jammertönen. Schon stiegen wir empor die heil'gen Staffeln, Und leichter schien ich mir zu sein um vieles, Als ich vorher auf ebnem Weg mich fühlte; Drum ich: ›O Meister, sprich! Welch ein Gewicht hat Sich wohl von mir gelöset? denn schier keine Beschwerde mehr verursacht mir das Gehen.‹ Er drauf entgegnet': »Wenn die P, die fast schon Verlöscht dir auf dem Antlitz sind verblieben, Dem einen gleich ganz ausgetilgt sind, dann wird Vom guten Willen so besiegt dein Fuß sein, Daß keine Müh' nicht nur er fühlt, nein, Lust es Ihm sein wird, wenn er aufwärts wird getrieben.« Da macht' ich es gleich jenem, der, nicht wissend, Daß auf dem Haupt er etwas hat, einhergeht Und nur es argwöhnt aus der andern Zeichen; Drum ihm die Hand soll zur Gewißheit helfen, Und sucht und findet und den Dienst verrichtet, Den das Gesicht unfähig ist zu leisten, Und mit geteilten Fingern meiner Rechten Fand ich nur sechs Buchstaben noch von jenen, Die auf die Schlaf einschnitt der mit den Schlüsseln. Drob, solches schauend, lächelte mein Führer. Dreizehnter Gesang Wir waren an dem Gipfel jetzt der Stiege, Allwo zum zweitenmal ist eingeschnitten Der Berg, der die Ersteigenden entsündigt. Hier nun umschließet ringsumher die Höhe Ein Sims, dem ersteren in allem ähnlich, Nur daß sich zeitiger sein Bogen krümmet; Nicht Schatten gibt's, noch Bilder hier zu schauen, Einförmig deckt den Felshang, deckt die Straße Die graulichbleiche Färbung des Gesteines. »Wenn hier zu fragen erst wir Leut' erwarten,« Begann der Dichter, »dann ist wohl zu fürchten, Daß allzulang sich unsre Wahl verziehe.« Drauf fest die Augen nach der Sonne richtend, Nahm er zum Mittelpunkte der Bewegung Die rechte Seit' und schwenkte seine Linke. »O holdes Licht, dem trauend ich betrete Die neue Bahn, so führe du uns,« sprach er, »So wie sich's ziemt, hier durchgeführt zu werden. Du wärmst die Welt, du bist's, das sie beleuchtet; Treibt sonst ein Grund uns nicht in andrer Richtung. So müssen stets uns leiten deine Strahlen.« Wieviel man diesseits zählt für eine Meile, So viel schon waren jenseits wir gegangen In kurzer Zeitfrist ob des rüst'gen Willens, Und gegen uns zu hörten, doch nicht sahen Wir Geister schweben, mit holdsel'ger Rede Einladung zu dem Mahl der Liebe bietend. Die erste Stimme, die vorüberschwebte, » Vinum non habent «, sprach sie ganz vernehmlich, Es hinter uns aufs neue wiederholend; Und eh' noch gar nicht mehr sie war zu hören Ob der Entfernung, rief vorüberziehend Die zweit': »Orest bin ich,« und sie nicht weilt' auch. ›O,‹ sagt ich, ›Vater, was für Stimmen sind das?‹ Und als ich solches fragte, horch, da sprach schon Die dritte: »Liebet, die euch Böses taten.« Der gute Hort jetzt: »Dieser Gürtel geißelt Des Neids Verschuldung, und von Liebe werden Geschwungen auch darum der Peitsche Stricke. Von umgekehrtem Klange muß der Zaum sein; Nach meiner Meinung wirst du's, denk' ich, hören, Eh' du zu der Vergebung Paß gelangest. Doch hefte fest den Blick jetzt durch die Lüfte, Und Volk wirst du vor uns dort sitzen sehen, Das insgesamt gereiht ist längs dem Felsen.« Da tat ich weiter auf als erst die Augen Und sah, vorschauend, Schatten dort mit Mänteln, An Farbe nicht verschieden vom Gesteine. Und als wir etwas weiter vorgekommen, Da hört' ich: »Bitt' für uns, Maria,« hörte Michael, Petrus, alle Heil'gen rufen. Nicht glaub' ich, daß zur Stund' auf Erden wandelt Ein Mann, so hart, daß er vom Mitgefühle Ob des, was dann ich sah, bewegt nicht würde. Denn als ich ihnen war so nah gekommen, Daß deutlich mir sich jetzt ihr Treiben zeigte, Da troffen mir von schwerem Leid die Augen. Ein hären schlecht Gewand schien ihre Hülle, Und einer stützt' den andern mit der Schulter, Und alle wurden von dem Strand gestützet. So stehn oft dürft'ge Blind' an Ablaßstätten, Um das, was ihnen not tut, zu erbetteln, Das Haupt der eine über'n andern neigend, Mitleid in dritten desto mehr zu wecken, Nicht durch der Worte Klang nur, nein, durch ihren Anblick auch, der nicht minder brünstig flehet. Und wie Erblindeten nichts hilft die Sonne, Also gewähret keinen Teil den Schatten, Die ich erwähnt, an sich das Licht des Himmels; Denn aller Lid durchzieht ein Draht von Eisen Und näht ihr Auge zu, wie Wildfangssperbern Zu tun man pflegt, weil sonst sie still nicht bleiben. Unrecht glaubt' ich zu tun, wenn ich vorbeiging, Die andern seh'nd und nicht gesehn von ihnen, Drum ich nach meinem weisen Rat mich wandte. Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte, Und darum wartet' er nicht ab mein Fragen, Nein, sprach zu mir: »Red' und sei klug und bündig.« Virgil ging neben mir an jenem Saume Des Simses, wo herab man fallen konnte, Weil er von keinem Rand dort wird unkränzet. Zur andern Hand hatt' ich die fleh'nden Schatten, Die's durch die grause Naht hervor so preßten, Daß ihre Wangen drob gebadet wurden. Zu diesen jetzt gewandt: ›O Volk, gesichert,‹ Begann ich, ›einst das hehre Licht zu schauen, Um das allein sich euer Sehnen kümmert, Wenn anders Gnade von dem Schaum soll euer Gewissen lösen, so daß klar hindurch dann Der Strom des Geistes sich ergießen möge, Sagt mir (es wird mir dankeswert und lieb sein), Ist von lateinschem Stamm hier eine Seele Bei euch? Gut kann's ihr sein, wenn ich's erfahre.‹ »O lieber Bruder, Bürgerin ist jede Von einer wahren Stadt; doch du willst sagen, Daß sie als Gast gelebt hat in Italien.« Solch eine Antwort, deuchte mir, vernahm' ich Von etwas weiter vor, als wo ich weilte, Drum ich mich mehr dorthin zu ließ vernehmen. Hier sah ich unter andern einen Schatten, Der harrend schien, und fragt'st du: wie? so sagt' ich, Er hob das Kinn empor nach Blinder Weise. ›O Geist, der sich bezwingt, um aufzusteigen,‹ Sprach er, ›warst du's der Antwort mir gegeben, Mach' dich durch Namen oder Stadt mir kenntlich,‹ Er drauf: »Ich war Sieneserin und rein'ge Mit diesen mich von schlimmem Tun durch Zähren, Geweinet dem, der sich uns schenken möge. Nicht weise war ich, ob ich gleich Sapia Mit Namen hieß, und wegen andrer Schaden Freut' ich weit mehr mich als ob eignen Glückes. Damit du nun nicht glaubst, daß ich dich täusche, Hör', ob ich töricht war, wie ich dir sagte. Als schon sich neigte meiner Jahre Bogen, War nah bei Colle einst gestoßen meiner Mitbürger Heer im Feld auf seine Gegner, Und ich bat Gott um das, was selbst er wollte. Geschlagen ward's hier und zum herben Pfade Der Flucht gewandt, und als ich sah das Jagen, Ergriff mich größre Freud' als irgendeine, So daß ich, keck empor das Antlitz wendend, Gott zurief: ›Fürderhin nicht fürcht' ich mehr dich, Gleich wie die Amsel tat ob kurzer Milde.‹ Am Ende meines Lebens sucht' ich Friede Mit Gott zu schließen, und es wär' noch meine Verpflichtung abgezahlet nicht durch Buße, Wenn meiner nicht im heiligen Gebete Sich Peter Pettinajo hätt' erinnert, Der Mitleid trug für mich aus Christenliebe. Doch wer bist du, der, dich nach unserm Zustand Erkund'gend, du einhergehst und die Augen Gelöst hast, wie ich glaub', und atmend redest?« ›Der Augen werd' ich einst hier noch beraubt sein, Doch kurze Zeit,‹ sprach ich, ›denn wenig Unrecht Beging ich nur, umwendend sie aus Schelsucht. Viel größer ist die Furcht, die meine Seele In Spannung hält ob jener tiefern Marter, Denn schon drückt mich die Last des untern Simses.‹ Und sie: »Wer führte dich herauf zu uns denn, Wenn du hinunter wieder glaubst zu kehren?« Und ich: ›Der hier mit mir ist und kein Wort spricht, Und lebend bin ich, und von mir drum heische, Erkorne Seele, willst du, daß ich künftig Für dich den Fuß, den sterblichen, bewege.‹ »O,« sprach sie drauf, »das ist so neu zu hören, Daß es gar sehr beweist, daß Gott dich liebe. Drum hilf zuweilen mir mit deinen Bitten, Und wenn du je betrittst Toskanas Boden, So fleh' bei dem ich, was zumeist du wünschest, Daß meinen Ruf du besserst bei den Meinen. Du find'st sie unterm eitlen Volk, das, hoffend Auf Talamone, mehr wird dran verlieren An Hoffnung, als da's aufgesucht die Diana; Doch mehr noch büßen ein die Admiräle.« Vierzehnter Gesang »Wer ist es, der dort unsern Berg umkreiset, Bevor ihn noch der Tod zum Flug beschwingt hat, Und der nach Lust sein Aug' erschließt und zudeckt? Nicht, wer er sei, doch, daß er nicht allein ist, Weiß ich; frag' du ihn, denn du bist ihm näher, Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.« Also besprachen sich hier rechts zwei Geister, Einander zugeneigt, von mir und legten Das Antlitz rücklings dann, mit mir zu reden. Und einer sprach: »O, Seele, die, gebannt noch Im Leib des Todes, du gen Himmel wallest, Beruhig' uns aus Liebe und erklär' uns, Woher du kommst und wer du bist; denn also Macht staunen uns die dir erzeigte Gnade, Wie sich's für etwas ziemt, das nie noch da war.« Und ich drauf: ›Mitten durch Toskana wallet Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet, Und dem ein Lauf nicht gnügt von hundert Meilen; Von seinem Strande bring' ich diesen Leib her. Zu sagen, wer ich sei, wär' fruchtlos Reden; Denn großen Klang nicht hat annoch mein Name.‹ »Dafern ich deine Meinung ganz durchdringe Mit dem Verstand,« gab, wer zuerst gesprochen, Zur Antwort dann, »so redest du vom Arno.« Der andre drauf zu ihm: »Warum hat dieser Den Namen jenes Flusses nur verborgen, So wie man tut mit grauenvollen Dingen?« Und jener Schatten, der befragt war worden, Entlud sich so: »Ich weiß nicht, doch wohl ziemt sich's, Daß dieses Tals Benennung untergehe; Denn vom Beginn, wo so das Hochgebirge, Davon Pelor' getrennt ward, ist geschwängert, Daß wenig Stellen nur darüber reichen, Bis wo er als Ersatz sich selbst zurückgibt Für das, was aus dem Meer der Himmel sauget, Draus, was in ihnen strömt, die Flüss' erhalten, Wird von jedwedem, gleich der Schlang' als Feindin, Die Tugend weggescheucht, sei's ob des Unsterns Des Ortes, sei's weil böse Sitte reizet; Darob des jammervollen Tals Bewohnern Ihr Wesen so verkehrt ward, daß es scheinet, Als habe Circe sie auf ihrer Weide. An wüsten Schweinen hin, der Eicheln würd'ger Als andrer Kost, für Menschen zubereitet, Sieht ärmlich man zuerst den Lauf ihn richten. Er findet Kläffer dann, wenn er hinabkommt, Weit keifender, als ihre Stärke heischet, Und wendet ab unwillig seine Schnauze. Er sinkt noch weiter, und je mehr er anwächst, Sieht um so mehr aus Hunden Wölfe werden Der unglückselige, verfluchte Graben. Wenn er darauf durch andre tiefe Schluchten Entstürzt ist, trifft er Füchse, so voll Arglist, Daß keinen Witz sie scheun, der sie besiege, Und schweigen werd' ich nicht, ob man mich hör' auch; Denn gut wird's dem sein, wenn er des einst denket. Was ein wahrhaft'ger Geist mir jetzt enthüllet. Ich sehe, wie dein Enkel, der zum Jäger Wird jener Wölfe werden, dort am Ufer Des grausen Stromes insgesamt sie aufschreckt; Ihr Fleisch verkauft er bei lebend'gem Leibe, Dann schlachtet er sie hin gleich altem Viehe, Beraubt des Lebens viel' und sich der Ehre. Bluttriefend kommt er aus dem Jammerwalde, Verläßt ihn so, daß er in tausend Jahren Von jetzt, nicht wie er war, sich neu bewaldet.« Wie bei Verkünd'gung künft'gen Mißgeschickes Das Antlitz wird verstört dem, der sie höret, Von welcher Seit' auch die Gefahr ihn fasse, So sah die andre Seel' ich, die zum Horchen Gewendet war, verstört und traurig werden, Als jenes Wort in sich sie aufgenommen. Der einen Rede gab, der andern Anblick Den Wunsch mir, ihre Namen zu erfahren, Drob eine Frag' ich tat, gemischt mit Bitten, Darauf der Geist, der erst mit mir gesprochen, Aufs neu' begann: »Du willst dahin mich bringen, Daß ich dir tue, was du mir nicht tun willst. Doch da Gott seine Gnad' in dir so sehr will Durchschimmern lassen, werd' ich dir nicht karg sein; So wisse denn, ich bin Guido del Duca. Vom Neid ist so verbrannt mein Blut gewesen, Daß, hätt' ich jemand froh gesehn, so würdest Mit Blässe du bedeckt gesehn mich haben. Von meinem Samen ernt' ich solches Stroh hier; O menschliches Geschlecht, was hängst dein Herz du An das, wobei zulässig nicht Gemeinschaft! Dies ist Rinier, dies ist der Preis, die Ehre Des Hauses Calboli, aus dem dann keiner Zum Erben seiner Tugend sich gemacht hat; Und sein Geschlecht allein nicht ist beraubet Vom Po zum Berg, vom Meeresstrand zum Reno Der Güter, die zu Lust und Wahrheit dienen. Denn zwischen jenen Grenzen wimmelt alles Von gift'gen Sträuchern, so daß wohl der Anbau Zu spät, sie auszuroden, jetzo käme. Der gute Lizius, Peter Traversaro, Heinrich Manard und Guido von Carpigna, Wo sind sie? O, der Bastardbrut Romagnas, Weil in Bologn' ein Fabbro, in Faenza Treibt neue Wurzeln Bernardin von Fosco, Ein edles Reis, aus niederm Keim entsprossen. Verwundre dich nicht, daß ich weine, Tuscier, Wenn ich gedenke nebst Guido da Prata Ugolin's d' Azzo, der mit uns gelebt hat, Friedrich Tignosos nebst der Schar, des Hauses Der Traversara denk' und Anastagi, Und dies Geschlecht wie jenes ist enterbt jetzt, Der Ritter und der Frau'n, der Müh'n und Freuden, Die Lieb' und adlig Wesen uns bereitet, Wo jetzt die Herzen sind so schlimm geworden. O Bertinoro, warum nicht entfleuchst du, Da sich dein Haus von dannen hat gewendet Und vieles Volk, nicht lasterhaft zu werden. Wohl tut Bagnacaval, nicht mehr zu zeugen, Und schlecht tut Castrocar, und schlimmer Conio, Der ferner strebt, zu zeugen solche Grafen. Wohl werden die Pagani tun, wenn fort einst Ihr Teufel ist gegangen, doch nicht also, Daß fürder unbefleckt ihr Leumund bliebe. O Ugolin de' Fantolin, dein Name Ist sicher, da man keinen mehr erwartet, Der durch Entartung ihn verdunkeln könnte! Doch geh von dannen, Tuscier; denn zu weinen Gelüstet's jetzt weit mehr mich als zu sprechen, So hat mir dies Gespräch das Herz beklemmet.« Wir wußten, daß uns jene werten Seelen Gehn hörten, und darum gab uns ihr Schweigen Die Zuversicht, daß wir auf rechtem Wege. Als wir fortschreitend nun allein uns fanden, Kam gleich dem Blitze, der die Luft durchschneidet, Entgegen eine Stimm' uns, also sprechend: »Erschlagen wird mich jeder, der mich antrifft!« Und schwand gleich einem Donner, der verhallet, Nachdem die Wolke plötzlich er zerrissen, Und als kaum unser Ohr Ruh' vor ihm hatte, Horch! eine andre mit so mächt'gem Krachen, Daß sie dem Donner glich, der Schlag auf Schlag folgt: »Ich bin Aglauros, die zum Felsen wurde!« – Darauf, mich an den Dichter anzuschmiegen, Den Schritt ich rückwärts und nicht vorwärts setzte. Schon waren allerseits gestillt die Lüfte, Und jener: »Das Gebiß ist dies, das harte, Das in den Schranken sollt' euch Menschen halten. Doch ihr schnappt nach dem Köder, und so zieht euch An sich des alten Gegners Angelhaken; Drum helfen Zaum und Lockruf euch nur wenig. Zu sich ruft euch der Himmel, euch umkreist er, Euch seine ew'gen Herrlichkeiten zeigend, Und doch schaut euer Auge nur zur Erde; Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.« Fünfzehnter Gesang Soviel als von dem Anbeginn des Tages Bis zu der dritten Stunde Schluß vom Kreise Sich zeigt, der, einem Kind gleich, stets umherspielt, Soviel schien bis zum Untergang der Sonne Von ihrem Lauf schon übrig nur zu bleiben; Dort war es Vesperzeit, und Mitternacht hier. Und mitten traf der Strahl uns an der Nase, Weil dergestalt den Berg umkreist wir hatten, Daß grade schon gen Niedergang wir wallten, Als ich die Stirne mir von Glanz beschweret Weit mehr als früher fühlte, und Erstaunen Ob solches nie gekannten Dings mich faßte, Weshalb empor zum Gipfel meiner Brauen Ich hob die Hand und einen Schirm mir machte, Das Licht zu dämpfen, das von oben einfiel. Wie, wenn der Strahl vom Wasser oder Spiegel Abspringt nach der entgegenstehnden Seite, In eben jener Weis', als er herabfiel, Empor nun steigend, und auf gleiche Höhe Vom Fall des Steines gleich entfernt sich haltend, Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeiget; So glaubt' ich, vom zurückgeprallten Lichte Allhier vor mir getroffen mich zu fühlen, Drob mein Gesicht behend zur Flucht sich wandte. ›Was, süßer Vater, ist's, vor dem das Aug' ich Nicht so kann schirmen,‹ sprach ich, ›daß mir's helfe. Und uns entgegen scheint sich's zu bewegen?‹ »Verwundere dich nicht, wenn noch dich blendet,« Entgegnet' er, »die Dienerschaft des Himmels; Ein Bote ist es, der zum Steigen ladet. Bald wird's geschehn, daß, solcherlei zu schauen, Nicht lästig mehr, nein, Lust dir wird, so viel als Dich die Natur geschickt zu fühlen machte.« Als jetzt wir zu dem heil'gen Engel kamen, Sprach er mit heitrer Stimme: »Tretet ein hier Zur Stiege, die so steil nicht als die andern.« Drauf stiegen wir empor, von dort entfernt schon, Da ward gesungen hinter uns: »Beati Misericordes« und: »Erfreu' dich, Sieger!« Wir gingen aufwärts beide jetzt, mein Meister Und ich allein, und wandernd so, gedacht' ich, Aus seinen Worten Nutzen mir zu schaffen, Und wandte mich an ihn, also ihn fragend: ›Was meinte jener Geist wohl aus Romagna Von »nicht zulässig« sprechend und »Gemeinschaft«?‹ Und er zu mir drum: »Seines größten Fehlers Nachteil erkennt er; drum ist's nicht zu wundern, Wenn er ihn rügt, daß minder drob man weine. Weil dorthin eure Wünsche sind gerichtet, Wo durch Genossenschaft ein Teil muß schwinden, Bewegt der Neid den Seufzern das Gebläse. Doch wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise Nach oben richtete all euer Sehnen, Würd' in der Brust euch diese Furcht nicht weilen; Denn dort je mehr man unser nennt des Guten, Um so viel mehr besitzt davon ein jeder, Und glüht von größrer Lieb' in jenem Chore.« ›Mehr fühl' ich nach Befriedigung jetzt Hunger,‹ Sprach ich, ›als wenn ich erst geschwiegen hätte, Und mehr des Zweifels eint in meinem Sinn sich. Wie mag's geschehn, daß eines Guts Verteilung Die mehreren Besitzer mehr bereichre Durch selbes, als wenn's wen'ge nur besäßen?‹ Und er zu mir: »Weil du nun immer wieder Den Sinn nur auf die ird'schen Dinge heftest. So klaubst du Finsternis aus wahrem Lichte. Das endlos', unnennbare Gut, das droben Befindlich ist, eilt also zu der Liebe, Wie sich der Strahl glanzvollem Körper einet, Dem er so viel an Glut gibt, als er findet, So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet, Um desto mehr ihr wächst die ew'ge Stärke. Und wenn sich droben mehr' verstehn, gibt's mehr dort Des Guten auch zu lieben, und mehr liebt man, Sich's Spiegeln gleich zurück einander strahlend. Doch sollte mein Beweis dich nicht ersätt'gen, So find'st Beatrix du, die gänzlich diesen Und jeden andern Wunsch dir wird entnehmen. Schaff' nur, daß insgesamt vertilgt bald werden, Wie's zwei schon sind, die übrigen fünf Wunden, Die sich dadurch nur schließen, daß sie schmerzen.« Als grad ich sagen wollte: ›Du begnügst mich,‹ Sah ich mich angelangt am nächsten Kreise, Drob Schweigen mir gebot der Augen Neugier. Allhier glaubt' ich urplötzlich mich in eine Verzückte Vision emporgezogen, Und vieles Volk zu schaun in einem Tempel, Und daß ein Weib mit süßer, mütterlicher Gebärd' im Augenblick des Eintritts sage: »Mein Sohn, warum hast dieses du getan uns? Denn sieh, mit Schmerzen haben wir, dein Vater Und ich, gesucht dich.« Und als drauf sie still ward, Da war, was erst erschienen mir, verschwunden. Drauf eine andr' ich sah, der jenes Wasser Die Wang' herabfloß, das der Schmerz macht träufeln, Wenn großer Unwill, ihn erzeugt auf andre. Und also sprach sie: »Wenn du Herr der Stadt bist, Um deren Namen so die Götter stritten, Und der jedwede Wissenschaft entstrahlet, So räche dich an den verwegnen Armen, Die unser Kind, o Pisistrat, umfangen.« Und der Gebieter schien mir mild und gütig, Voll Mäßigung im Antlitz, zu entgegnen: »Was sollen dem wir, der uns Böses wünschet, Nur tun, wenn, wer uns liebt, von uns verdammt wird?« Darauf erblickt' ich zornentbrannte Männer, Die einen Jüngling töteten mit Steinen, Einander laut zurufend: »Martert, martert!« Und jenen sah gebeuget ich vom Tode, Der ihn schon zu der Erde niederdrückte, Doch stets der Augen Tor dem Himmel öffnend. Zum höchsten Herrn in solchem Kampfe beten, Daß denen er verzeih', die ihn verfolgten, Mit jenem Blick, dem sich das Mitleid aufschließt. Als sich mein Geist nach außen auf die Dinge, Die außerhalb von ihm noch wahr sind, wandle, Erkannt' ich meine Täuschung, die nicht falsch war. Mein Hort, der sehn mich konnte, wie gleich jenem Ich tat, der von dem Schlummer los sich windet, Begann: »Was ist's, daß du dich nicht kannst halten, Und gingst schon mehr als eine halbe Stunde Geschlossnen Blicks, verwickelt mit den Beinen, Wie der, den Wein macht oder Schlummer taumeln?« ›O süßer Vater, wenn du mich willst hören, So sag' ich dir,‹ sprach ich, ›was mir erschienen, Indes ich so nicht mächtig war der Beine.‹ Und er: »Wenn überm Antlitz hundert Larven Du hättest auch, doch würden mir von deinen Gedanken selbst die kleinsten nicht verhüllt sein. Das, was du sahst, geschah, damit dein Herz du Zu öffnen dich nicht weigerst jenen Wässern Des Friedens, die dem ew'gen Quell entströmen. ›Was ist dir?‹ fragt' ich, nicht aus gleichem Grunde Wie jener, der nur mit dem Auge schauet, Das nicht mehr sehn kann, wenn entseelt der Leib liegt. Ich fragt', um Stärke deinem Fuß zu geben; So ziemt's, die Langsamträgen anzuspornen, Ihr Wachsein zu benutzen, wenn es heimkehrt.« Wir wallten durch den Abend, vorwärts merkend, So weit hin, als entgegenschweifen konnte Der Blick des Niederganges letzten Strahlen; Und siehe, nach und nach erhob ein Rauch sich Jetzt gegen uns, der dunkel gleich der Nacht war, Und keine Stätte gab's, ihm zu entgehen; Der raubt' das Aug' uns und die reinen Lüfte. Sechzehnter Gesang Der Hölle Dunkel selbst und solcher Nächte, Wo kein Planet scheint, unter ödem Himmel, Von Wolken, so viel möglich, noch verfinstert, Nicht wär' sie meinem Angesicht ein Schleier So dicht und dem Gefühl so rauh gewesen, Als jener Dampf war, der uns hier bedeckte Und uns das Auge ließ nicht offen halten; Darum mein einsichtsvoll und treu Geleite Mir näher trat und seine Schulter anbot. Gleich wie der Blinde hinterm Führer hergeht, Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas, Das ihn beläst'ge oder gar ihn töte, Ging hin ich durch die herben schmutz'gen Lüfte, Dem Führer horchend, der zu mir nur sagte: »Gib acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.« Ich hörte Stimmen, und jedwede schien mir Um Frieden und Barmherzigkeit zu flehen Zum Lamme Gottes, das die Sünden hinnimmt. Mit »Agnus Dei« hoben an sie sämtlich; In allen war ein Wort und eine Weise, So daß nur Eintracht alles schien bei ihnen. ›Das sind wohl Seelen, was ich, Meister, höre?‹ Sprach ich, und er zu mir drauf: »Recht bemerkst du, Und also lösen sie des Zornmuts Bande.« »Wer bist du nur, der, unsern Rauch durchschneidend, Du so von uns doch redest, gleich als ob du Die Zeit noch immer nach Kalenden teiltest?« So sprach der Stimmen eine, drob mein Meister Zu mir begann: »Antworte drauf und frage, Ob man empor auf dieser Seite steiget.« Und ich drauf: ›0 Geschöpf, das hier sich reinigt, Um schön zu seinem Schöpfer heimzukehren, Wenn du mir folgst, sollst Wunder du vernehmen.‹ »Ich folge dir, so weit es mir erlaubt ist,« Antwortet' er, »und ob wir vor dem Rauch uns Nicht sehn, hält uns vereint dafür das Hören.« Drauf hob ich also an: ›Mit jenen Banden, Davon der Tod uns löst, steig' ich nach oben, Und durch die Angst der Hölle kam hierher ich, Und da Gott also mich zu Gnaden aufnahm, Daß schauen er mich seinen Hof will lassen In einer Art, ganz neurer Sitt' entgegen, Verbirg mir nicht, wer vor dem Tod du warest; Nein, sag's und sag', ob recht zum Paß ich gehe; Denn als Geleite wird dein Wort uns dienen.‹ »Ich war Lombard und hieß mit Namen Markus; Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend, Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannet. Emporzusteigen gehst du rechten Weges,« So gab zur Antwort er, beifügend: »Bitte Für mich, ich bitte, wenn du droben sein wirst.« Ich drauf: ›Ich binde mich bei Treu' und Glauben Zu tun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel Mich bersten, wenn ich sein mich nicht entlade. Erst war er einfach und ist jetzt verdoppelt Durch deinen Spruch, der hier und anderswo mir Des gibt Gewißheit, dran sich jener anknöpft. Die Welt ist in der Tat also verödet An jeder Tugend, wie du mir gekündet, Und so geschwängert und bedeckt mit Bosheit. Doch laß, bitt' ich, den Grund davon mich wissen, Daß ich ihn seh' und andern zeigen möge; Denn der sucht ihn im Himmel, der hinieden Ein tiefes Seufzen, das in Ach zusammen Der Schmerz zog, haucht' er aus und sprach drauf: »Bruder, Die Welt ist blind, und wohl von ihr her kommst du. Ihr, die ihr lebt, legt jede Ursach' immer Dem Himmel droben bei, gleich als ob alles Mit sich er durch Notwendigkeit bewege. Wenn dem so wäre, würd' in euch zerstört sein Der freie Will', und nicht Gerechtigkeit wär's Wenn Gutem Wonne, Leid dem Bösen folgte. Anstoß gibt euern Regungen der Himmel; Nicht sag' ich allen, doch gesetzt, ich sagt' es, Dennoch habt ihr ein Licht fürs Gut' und Böse Und Willensfreiheit, die, wenn unermüdet Den ersten Kampf sie mit dem Himmel aushält, Dann, wohlgenährt, auch alles überwindet. Ihr unterwerft euch größrer Kraft und bessrer Natur aus freier Wahl, und diese schafft dann Den Sinn in euch, den nichts der Himmel kümmert. Drum wenn die gegenwärt'ge Welt verirrt ist, Liegt nur der Grund in euch, in euch nur sucht ihn; Des werd' ich jetzt dir sein ein treuer Späher. Hervor kommt aus der Hand des, der mit Lust sie Betrachtet', eh' sie ward, gleich einem Mägdlein, Das kindisch tut beim Lachen wie beim Weinen, Einfältiglich die Seele, die nichts weiß noch, Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen, Sie gern nach dem sich kehrt, was sie ergötzet. Geschmack erst findet sie an kleinem Gute; Hier täuscht sie sich und jagt ihm nach, lenkt anders Ein Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben. Drum braucht's, Zaum anzulegen, der Gesetze, Des Königes bedarf es, der die Türme Zum mindesten der wahren Stadt erkenne. Wohl sind Gesetze da; doch wer legt Hand dran? Niemand; weil jener Hirte, der vorangeht, Zwar wiederkau'n kann, doch den Huf nicht spaltet. Drum auch das Volk, das seinen Führer zielen Nach jenem Gut nur sieht, wonach es gierig, Daran allein sich weidend, mehr nichts fordert. So kannst du sehn denn, wie die schlimme Führung, Und nicht, daß die Natur in euch verderbt sei, Der Grund ist, drum die Welt so bös geworden. Einst pflegte Rom, der guten Ordnung Gründ'rin, Zwei Sonnen zu besitzen, welche diesen Und jenen Weg, der Welt und Gottes, zeigten. Verlöscht hat eine jetzt die andr'; es eint sich Das Schwert dem Hirtenstab, und so verbunden Muß sich notwendig beides schlecht behaben, Dieweil vereint eins nicht das andre fürchtet. Willst mir du glauben nicht, merk' auf die Ähren; Denn jeglich Kraut erkennt man an dem Samen. In jenem Land, das Etsch und Po bewässern, War Mut und adeliger Sinn zu finden, Eh' Händel Friederich bekommen hatte. Jetzt kann mit Sicherheit dort jeder durchziehn, Der es aus Scham vermeiden will, den Guten Zu nahen und mit ihnen umzugehen. Wohl gibt's drei Greise dort noch, drin das alte Geschlecht das neue schilt, und ihnen dünkt's schon Zu spät, daß Gott sie setz' in bessres Leben: Der gute Gerhard, Konrad von Palazzo Und Guido von Castell, genannt noch besser Nach Franzmanns Art der einfache Lombarde. Gesteh' mir also, daß die röm'sche Kirche, Weil zwei Gestalten sie in sich vermengt hat, In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd.« ›Mein Markus,‹ sprach ich drauf, ›du folgerst richtig, Und jetzt erst seh' ich ein, warum vom Erbe Die Söhne Levis ausgeschlossen worden. Doch, welch ein Gerhard ist's, der, wie du sagest, Als Denkmal des erloschnen Volks zurückblieb, Ein Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?‹ »Täuscht mich dein Wort wohl, oder will's mich prüfen,« Antwortet' er, »daß du, toskanisch redend, Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest? Beinamen wüßte sonst für ihn ich keinen, Wär's nicht etwa nach seiner Tochter Gaja. Gott sei mit euch, denn mehr mit euch nicht komm' ich. Seht, wie weiß schimmernd durch den Rauch das Zwielicht Dort glänzet schon, und mir geziemt's, zu scheiden, Eh' noch der Engel, der dort steht, erscheinet.« Sprach's, und nicht ferner wollt' auf mich er hören. Siebzehnter Gesang Erinnre, Leser, dich, wenn in den Alpen Dich je ein Nebel überfiel, durch den du Nur, wie der Maulwurf durch sein Fell, konnt'st sehen, Wie, wenn sodann die feuchten, dicken Dünste Sich aufzuziehn beginnen, matten Glanzes Der Sonne Kugel hinter ihnen durchdringt; Und nur ein schwaches Abbild wirst du haben Des, was ich sah, als ich zuerst aufs neue Die Sonne, die schon unterging, erblickte. So meinen Schritt dem trauten Schritt des Meisters Gesellend, trat ich aus der Wolk' entgegen Dem Strahl, der schon am tiefern Strand erstorben. O Kraft der Einbildung, die so nach außen Uns schließt zu Zeiten, daß der Mensch nichts merkte, Und klängen rings auch tausend Erzdrommeten, Wer regt dich an, wenn nichts der Sinn dir bietet? Licht regt dich an, das sich im Himmel bildet, Sei's von sich selbst, sei's weil's ein Will' entsendet. Vom Frevel jener, die sich in den Vogel, Der sich zumeist am Sang ergötzt, verwandelt, Erschien in meiner Vision der Abdruck, Und hier ward dergestalt zurückgezogen Meist Geist in sich jetzt, daß, von außen kommend, Kein Ding in ihn mehr aufgenommen wurde. Dann fiel in die entzückte Phantasie mir Hernieder ein Gekreuzigter, unwillig Und stolz im Angesicht, und also starb er. Assuerus stand um ihn, der Groß', und Esther, Sein Weib, und der gerechte Mardochaeus, Der so untadelhaft in Wort und Tat war. Und als nun diese Vision von selber Zersprang gleich einer Blase, der das Wasser Entweichet, unter dem sie sich gebildet, Taucht' im Gesicht ein Mägdelein empor mir, Das heftig weint' und sprach: »Warum, o Fürstin, Hast du aus Zorn vernichtet werden wollen? Du starbst, um nicht Lavinien zu verlieren! Jetzt hast du mich verloren, und ich, Mutter, Bejammre deinen Fall noch vor dem seinen.« Wie, wenn auf einmal die geschlossnen Augen Ein neues Licht berührt, sich bricht der Schlummer, Der schon gebrochen zuckt, eh' ganz er hinstirbt, Also fiel meine Vision jetzt nieder, Sobald das Antlitz mir ein Licht berührte, Um vieles stärker, als wir's sonst gewohnt sind Ich wandte mich, zu wissen, wo ich wäre, Als eine Stimme sprach: »Hier steigt man aufwärts!« Die von jedwedem andern Zweck mich abzog Und mir so rüstiges Verlangen eingab, Zu schaun, wer jener sei, der jetzt geredet, Daß es geruht nicht hätte, bis er standhielt. Doch wie die Sonne unsern Blick belästigt, Durch übermäß'gen Glanz ihr Bild verschleiernd, So mußte meine Kraft hier unterliegen. »Ein Himmelsgeist ist dies, der uns die Straße Zum Aufwärtssteigen weist unaufgefordert Und mit dem eignen Licht sich selbst verhüllet. Er macht's mit uns, wie's mit sich selbst der Mensch macht; Denn wer die Not sieht und aufs Bitten wartet, Der legt sich auch schon böslich aufs Verweigern. Mög' unser Fuß jetzt solcher Ladung folgen! Laßt uns zu steigen trachten, eh' es dunkelt; Denn dann nicht geht's mehr, bis der Tag zurückkehrt.« So sprach mein Führer, und wir beide wandten Jetzt unsre Schritte hin zu einer Stiege, Und angelangt dann bei der ersten Stufe, Hört' ich mir nah wie Flügelschlag und fühlte Ein Wehn im Antlitz und vernahm: »Beati Pacifici, die frei von bösem Zorn sind!« Schon waren über uns so weit erhoben Die letzten Sonnenstrahlen, drauf die Nacht folgt, Daß von verschiednen Seiten Stern' erschienen. ›O meine Kraft, wie schwind'st du also!‹ sagte Ich zu mir selber, weil ich das Vermögen Der Füß' in Ohnmacht mir versetzet fühlte. Wir standen jetzt, wo ferner nicht emporsteigt Die Stiege mehr, und waren festgebannet, Dem Schiff gleich, das am Strand ist angelaufen. Ein wenig merkt' ich auf, ob irgend etwas Im neuen Kreis ich wohl vernehmen möchte; Dann wandt' ich mich zum Meister hin und sagte: ›Sprich, süßer Vater, welcherlei Beleid'gung Wird in dem Kreis hier, wo wir sind, getilget? Steht gleich der Fuß, so steh doch still dein Wort nicht.‹ Und er: »Des Guten Lieb', in Pflichten säumig, Wird hier gebessert; hier holt wieder ein man Durch frischen Ruderschlag die schlimme Zögrung. Doch daß du offenbarer dies erkennest, So wende zu den Sinn mir, um in etwas Doch vom Verweilen gute Frucht zu haben. Der Schöpfer nicht, noch ein Geschöpf war jemals, Mein Sohn,« begann er, »sonder Liebe, sei es Natürlicher, sei's seelischer. Du weißt es, Stets frei war die natürliche vom Irrtum; Doch irren kann durch schlechtes Ziel die andre Und durch zu viel und durch zu wenig Stärke. Solang sie nach den ersten Gütern strebet Und im Betreff der zweiten rechtes Maß hält, Kann böser Lust sie nimmer Ursach' werden. Doch kehrt sie sich zum Bösen, oder jaget Mehr oder minder, als sie soll, nach Gutem, Braucht das Geschöpf sie gegen seinen Schöpfer, Hieraus kannst du begreifen, daß die Liebe In euch der Same jeder Tugend sein muß, Wie jeder Handlung, die der Strafe würdig. Dieweil nun Liebe nimmermehr die Blicke Abwenden kann vom Wohle des, der liebet, So sind vor Eigenhaß die Dinge sicher; Und weil man ferner sich getrennt vom ersten Kein Wesen, noch für sich besteh'nd kann denken, Ist jenes Haß fremd jeglichem Gefühle. So bleibt drum, wenn ich recht geteilt, zu lieben Des Nächsten Übel nur, und solche Liebe Sprießt auf dreifache Weis' in eurem Schlamme. Der hofft von seines Nachbars Unterdrückung Auszeichnung für sich selbst und wünscht nur darum, Daß jener werd' entsetzt von seiner Größe. Der fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre, weil ihn Ein andrer übertreffe, zu verlieren, Und grollt drob so, daß er das Gegenteil liebt; Und der glaubt durch Beleid'gung sich geschändet, So daß nach Rach' er dürstet, und ein solcher Muß nach dem Schaden dann des andern trachten. Solch dreigestaltet Lieben wird beweinet Dort unterhalb; doch jetzt vernimm vom andern, Das auf verkehrte Weise strebt nach Gutem. Es ahnet jeglicher ein Gut verworren, In dem die Seele Ruhe find', und wünscht es, Drum jeder auch es zu erreichen strebet. Zieht träges Lieben nun euch hin, ein solches Zu schaun und zu erwerben, dann bestrafet Euch dieser Sims nach gnügendem Bereuen. Noch andres Gut gibt's, Menschen nicht beglückend, Das Seligkeit nicht, noch das wesenhafte Gut ist, die Frucht und Wurzel alles Guten. Die Liebe, die zu sehr sich jenem hingibt, Wird über uns beweinet in drei Kreisen; Doch wie sie dreifach eingeteilt zu denken, Darüber schweig' ich, daß für dich du's suchest.« Achtzehnter Gesang Ein Ziel gesetzet hatte seine Rede Der hohe Lehrer jetzt und blickte forschend Ins Antlitz mir, ob ich zufrieden scheine, Und ich, von neuem Durst annoch gepeinigt, Schwieg äußerlich zwar, doch im Innern sprach ich: ›Wohl wird's ihm lästig, wenn zu viel ich frage.‹ Doch jener echte Vater, als er wahrnahm Mein schüchtern Wollen, das sich nicht entdeckte, Gab durch sein Sprechen mir den Mut zu sprechen. Drob ich: ›O Meister, so belebt mein Blick sich In deinem Licht, daß klar ich, was mir deine Schlußfolge reicht und schildert, unterscheide; Drum ich dich, süßer, teurer Vater, bitte, Daß du die Liebe mir erklärst, auf die du Zurückführst jede gut' und böse Handlung.‹ »Auf mich,« begann er, »richte des Verstandes Geschärfte Blick', und offenbar wird sein dir Der Blinden Wahn, die sich zu Führern machen. Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben, Ist allem Wohlgefäll'gen leicht beweglich, Wenn vom Gefallen wirklich sie geweckt wird. Aus wahrem Wesen schöpft ein Abbild eure Auffassungskraft, das sie in euch entfaltet, So daß die Seele nach ihm hin sich wendet; Und wenn sich diese so gewandt ihm zuneigt Ist Liebe solche Neigung, ist Natur dann, Die durch Gefallen neu in euch sich anknüpft. Und wie das Feuer sich zur Höh' beweget, Weil seiner Form nach es dorthin zu steigen Erzeugt ward, wo's zumeist dem Stoff nach dauert; Also gerät dann die gefangne Seele In des Begehrens geistige Bewegung, Nie ruh'nd, bis ihr Genuß gab das Geliebte. Daraus kannst du ersehn, wie sehr die Wahrheit Den Leuten ist verborgen, die behaupten, Daß jede Lieb' an sich ein löblich Ding sei: Denn stets vielleicht mag gut ihr Stoff erscheinen, Doch keineswegs ist jedweder Abdruck Darum allein schon gut, weil gut sein Wachs ist.« ›Durch deine Wort' und durch mein folgsam Denken,‹ Entgegnet' ich, ›ward Liebe mir enthüllet, Doch dies macht mich nur mehr von Zweifeln schwanger; Denn wird von außen Lieb' uns angeboten Und geht mit anderm Fuße nicht die Seele, Geht grad sie oder krumm, ist's ihr Verdienst nicht.‹ Und er zu mir: »Soviel hier die Vernunft sieht, Kann ich dir sagen; doch für weitres harre Bloß auf Beatrix, dies ist Glaubenssache. Die substantielle Form, die von dem Stoffe Ist unterschieden und mit ihm vereinet, Hat stets in sich spezif'sche Kraft verschlossen, Die unbetätigt nicht erkannt kann werden, Noch anders sich als durch die Wirkung zeiget, Gleichwie durch grünes Laub am Baume Leben. Drum, wo die Wissenschaft der Urbegriffe Euch herkommt, weiß man nicht, noch das Verlangen Des Urbegehrbaren, die in euch wohnen, Gleichwie der Trieb, den Honig zu bereiten, Ist in der Bien', und solches Urbegehren Kann weder Lob noch Tadel je verdienen. Damit nun jedes andre dem sich eine, Ward eingeboren euch die Kraft des Rates, Die der Einwill'gung Schwelle soll bewahren. Jen' ist der Urgrund, draus in euch der Anlaß Zu jeglichem Verdienst entspringt, nachdem sie Gut' oder böse Lieb' annimmt und abwirft. Die sinnend bis zum Grunde drangen, wurden Der eingebornen Freiheit inn' und haben Daher der Menschheit Sittlichkeit gelassen. Gesetzt darum, daß jede Lieb', entglimmend In euch, auch durch Notwendigkeit erstehe, Ist es in eurer Macht doch, sie zu zügeln. Die edle Kraft meint unter freiem Willen Beatrix; drum sieh zu, daß du dir's merkest, Wenn jemals dir davon sie sprechen sollte.« Der Mond, der fast bis Mitternacht gezögert, Ließ uns die Sterne seltener erscheinen, Und einem Kessel gleich, der ganz erglühet, Lief wider'n Himmel er durch jene Straßen, Die dann die Sonn' entzündet, wenn der Römer Sie zwischen Sarden sieht und Korsen sinken; Und jener edle Schatten, der den Namen Pietola über Mantua's Stadt erhöhet, Hatt' also mir der Last Beschwerd' entnommen, Drum ich, der klar' und offene Belehrung Auf alle Fragen jetzt erhalten hatte, Dem gleich ward, dem vor Schlaf der Sinn entschwindet, Doch solche Schläfrigkeit ward mir urplötzlich Von Volk geraubt, das, hinter unserm Rücken Im Kreise laufend, nun auf uns herzukam, Und wie Ismenus einstens und Asopus Sahn längs dem Strand nachts rasendes Gedränge, Wenn die Thebaner Bacchus' Hilfe brauchten; Dem ähnlich dreht' in diesem Kreis die Schritte Nach dem, was ich von ihnen sah im Kommen, Wen guter Will' anspornt und rechtes Lieben. Stracks waren sie bei uns auch, weil im Laufe Sich diese ganze große Schar bewegte, Und zwei, die an der Spitze, riefen weinend: »Maria lief eilfertig zum Gebirge, Und Cäsar griff, Ilerda zu besiegen, Massilien an und eilte dann nach Spanien.« »Schnell, schnell, daß nicht die Zeit verlorengehe,« Schrien alle drauf, »durch schwache Lieb', es grüne Durch Fleiß zu guter Tat die Gnade wieder!« »O Volk, in dem vielleicht der glüh'nde Eifer Nachlässigkeit und Säumnis jetzt ersetzet, Die ihr im Gutestun aus Lauheit zeigtet, Der hier (traun nicht belüg' ich euch), der lebt noch, Will aufwärtsgehn, wenn wieder scheint die Sonne; Drum sagt, von welcher Seit' uns nah die Öffnung.« Es waren dies die Worte meines Führers, Und einer jener Geister sprach: »Wenn hinter Uns drein du kommst, wirst du die Öffnung finden. Also voll Wunsch sind wir, uns zu bewegen, Daß wir nicht weilen können; drum verzeihe, Wenn, was gerecht uns, dir unfreundlich scheinet. Abt war ich von Sankt Zeno von Verona Zu Zeit der Herrschaft jenes guten Rotbarts, Von dem noch jammernd Mailand weiß zu sprechen, Und einer hat schon einen Fuß im Grabe, Der jenes Klosters wegen bald wird weinen Und sich betrüben, daß er Macht drin hatte, Weil seinen Sohn er, schlimm am ganzen Körper Und schlimmer an der Seel' und schlimm geboren, Statt dessen rechten Hirten eingesetzt hat.« Nicht weiß ich, ob er weiter sprach, ob stillschwieg, So weit war er im Lauf bei uns vorbei schon; Doch dieses hört' und sucht' ich mir zu merken. Und er, für jeglichen Bedarf mein Helfer, Sprach: »Wende hierher dich, sieh zwei von ihnen Der Trägheit dort im Kommen Bisse geben.« Drein hinter allen sprachen sie: »Gestorben War erst das Volk, dem sich das Meer erschlossen, Eh' Jordan hat erblickt, die ihn ererbten, Und jenes, das die Mühen bis zum Ende Nicht mit Anchises' Sohn ertragen wollte, Hat sich ruhmlosem Dasein preisgegeben.« Drauf, als so weit von uns getrennet waren Die Schatten, daß man nicht mehr sehn sie konnte, Entstand in mir ein anderer Gedanke, Dem wieder andr' entsprangen und verschiedne, Und so von einem irrt' ich zu dem andern, Daß aus Behagen ich verschloß die Augen, Und so in Träumen wandelte mein Sinnen. Neunzehnter Gesang Zur Stunde, da nicht mehr des Tages Wärme Vermag den Frost des Mondes zu erlauen, Besiegt von Tellus, manchmal von Saturn auch, Wenn fern im Orient die Geomanten Ihr größtes Glück sehn aufgehn vor der Dämmrung Auf einem Weg, der kurze Zeit noch dunkelt, Erschien dem Träumenden ein stotternd Weib mir, Mit schelem Blick, gekrümmt auf seinen Füßen; An Händen krüppelhaft und bleich von Farbe. Ich schaut' auf sie, und wie die Sonn' erquicket Die kalten, von der Nacht beschwerten Glieder, Also macht' ihr mein Blick behend zum Reden Die Zung' und richtete sodann ganz auf sie In wenig Zeit, und ihr entstelltes Antlitz, Gleich wie's die Lieb' erheischet, also färbt' er. Nachdem die Sprach' ihr so gelöst war worden, Begann zu singen sie, so daß mit Mühe Den Sinn von ihr ich abgewandt nur hätte. »Ich bin,« war ihr Gesang, »ich bin die süße Sirene, die auf hoher See die Schiffer Verlockt, so voll der Lust bin ich dem Hörer. Ich zog Ulyssen ab von seinem Irrpfad Durch meinen Sang, und wer sich mir gesellet, Trennt kaum sich mehr, so ganz wird er begnüget.« Sie hatt' annoch nicht ihren Mund geschlossen, Als neben mir ein Weib, geschwind und heilig, Erschien, daß es die andere verwirre. »Virgilius, o Virgilius, wer ist diese?« Sprach sie voll Zorns; der kam allein, auf jene Ehrsame hingerichtet seine Blicke. Die andre faßt' und, ihr Gewand zerreißend, Enthüllt' er vorn und ihren Bauch mir zeigt' er, Der durch den Stank, der draus entstieg, mich weckte. Ich wandt' das Aug', und: »Dreimal,« sprach der gute Virgil, »rief ich dir mind'stens: auf und komme, Daß wir die Öffnung finden, wo du eingehst!« Jetzt stand ich auf, und voll schon waren sämtlich Vom hellen Tag des heil'gen Berges Kreise; Hin ging's, die neue Sonn' an unsern Lenden. Ihm folgend trug ich also meine Stirne Wie jener, der sie schwer hat von Gedanken Und selbst sich macht zum halben Brückenbogen. Da hört' ich sagen: »Kommt, hier ist der Durchgang!« In sanfter, milder Weise, wie man nimmer Vernimmt in dieser sterblichen Gemarkung. Mit offnen Schwingen, die von Schwanen schienen, Wies uns empor, der so gesprochen, zwischen Die beiden Mauern hin des harten Felsens. Anfächelnd uns, bewegt' er drauf die Federn, Versichernd, daß glückselig sei'n, qui lugent , Weil ihre Seelen Trost besitzen werden. »Was hast du, der du stets zu Boden blickest?« Begann mein Hort zu sagen, als ein wenig Wir beid' uns unterm Engel noch befanden. Und ich: ›Mit so viel Zagen läßt mich wandern Ein neu Gesicht, das nach sich hin mich lenket, So daß ich los nicht werde des Gedankens.‹ »Du sahst,« sprach jener drauf, »die alte Hexe, Die über uns allein noch Tränen kostet, Du sahest, wie von ihr der Mensch sich los macht. Frisch auf den Grund gestampfet deine Ferse, Den Blick zur Lockung wendend, die umherführt Der ew'ge König mit den großen Kreisen!« Dem Falken gleich, der nach den Klau'n erst schauet, Dann dem Geschrei sich zukehrt und sich dehnet Ob der Begier nach Fraß, die ihn dorthin zieht, Ward ich anjetzt und ging, so lang der Felsen Sich spaltet als ein Pfad für den Ersteiger, So hin bis dort, wo man zu kreisen anfängt. Als auf den fünften Ring ich nun heraustrat, Erblickt' ich weinend Volk am Boden liegen, Auf ihm umher, nach unten ganz gewendet. »Adhaesit pavimento anima mea« , Hört' ich sie sagen mit so tiefen Seufzern, Daß man die Worte kaum verstehen konnte. »O Auserkorne Gottes, deren Leiden Gerechtigkeit und Hoffnung minder hart macht, Weist uns zurecht nach den erhabnen Stiegen.« »Wenn vor dem Liegen sicher ihr hierher kommt Und am geschwindesten den Weg wollt finden, So bleibe stets nach außen eure Rechte.« So bat der Dichter, und so klang die Antwort Hier kurz vor uns; drum ich aus solcher Rede, Was sonst darin noch war verborgen, merkte. Den Blick drauf wandt' ich meines Herren Blick zu, Drob dieser freundlich winkend mir gewährte Das, was geheischt die wünschende Gebärde. Da so nach Lust mit mir ich schalten konnte, Trat ich dorthin jetzt über jenes Wesen, Das durch sein Wort mir schon bemerklich worden, Und sprach: ›Geist, in dem das durch Zähren reifet, Davon entblößt man nicht zu Gott kann kehren, Für mich dein größres Sorgen hemm' ein wenig. Wer warst du, und weshalb habt ihr die Rücken Aufwärts gewandt? Sprich, wenn ich etwas jenseits Dir soll erflehn, woher ich lebend komme.‹ Und er: »Weshalb sich zu dem Himmel unsre Rückseite wendet, künd' ich dir; doch erstlich Scias quod ego fui successor Petri . Inzwischen Chiaveri und Sestri stürzt sich Ein schöner Strom herab, von dessen Namen Mein Blut herleitet seines Titels Zierde. Kaum mehr als einen Mond fühlt' ich, wie schwer sei Der große Mantel dem, der ihn bewahre Vor Schlamm, drob federleicht scheint jeder andre. Zwar spät, weh' mir, erst hab' ich mich bekehret, Allein, nachdem ich röm'scher Hirt geworden, Da ward des Lebens Lüge mir enthüllet, Ich sah, daß nicht befriedigt dort das Herz ward Noch könnt' in jener Welt man höher steigen; Drum ward zu dieser ich von Lieb' entzündet. Bis zu dem Augenblick war meine Seele Elend und Gott entfremdet, ganz voll Geizes; Nun, wie du siehst, werd' ich drob hier gestrafet. Das, was die Habsucht tat, wird dargestellet, Hier bei der Lästrung der bekehrten Seelen, Und keine Pein ist bittrer dieses Berges. Wie unser Blick sich nicht hat aufgerichtet Nach oben, an den ird'schen Dingen haftend, Versenkt' auch hier Gerechtigkeit zur Erd' ihn; Und wie der Geiz hat jedes Guten Liebe In uns getilgt, drum wir das Tun versäumet, So hält uns hier Gerechtigkeit gefangen An Händen und an Füßen festgebunden; Und wir, solang es dem gerechten Herren Gefällig, bleiben reglos ausgestrecket.« Ich kniete nieder jetzt und wollte sprechen, Allein als ich begann und jener meine Ehrfurchtsbezeigung durchs Gehör nur wahrnahm, »Was für ein Grund,« sprach er, »beugt so dich nieder?« Und ich zu ihm: ›Ob Eurer Würde hat mir Mit Recht gemacht Vorwürfe mein Gewissen.‹ »Richt' auf die Füße und erheb' dich, Bruder!« Entgegnet' er, »laß dich nicht irren; Mitknecht Bin ich dir und an Macht gleich mit den andern. Wenn je die heil'gen evangel'schen Klänge, Wo's neque nubent heißt, du hast verstanden, Kannst du wohl sehn, warum ich also spreche. Hinweg jetzt; nicht mehr will ich, daß du weilest, Denn deine Gegenwart erschwert mir's Weinen, Durch das ich zeitige, was du gesaget. Ich habe jenseits eine Nicht', Alagia Genannt, die von sich selber gut ist, wenn nur Sie schlimm nicht wird durch unsres Hauses Beispiel; Die ist allein mir übrig dort geblieben.« Zwanzigster Gesang Schlecht kämpft der Wille gegen bessern Willen; Drum gegen Wunsch, um seinem Wunsch zu gnügen, Zog nicht ganz voll den Schwamm ich aus dem Wasser. Ich ging einher, und hin ging auch mein Führer, Wo frei der Pfad beständig längs dem Felsen, Wie man auf Mauern geht dicht an den Zinnen, Denn jenes Volk, dem tropfenweis den Augen Entquillt das Weh, das alle Welt ergriffen, Ist andrerseits zu nah dem äußern Rande. Vermaledeiet seist du, alte Wölfin, Mehr Raub als alle andern Tier' erbeutend Ob deines unauslöschlich heißen Hungers. O Himmel, dessen Kreisen, wie geglaubt wird, Den Stand der Dinge soll hier unten ändern, Wann kommt nur der, vor welchem diese weichet? Wir wandelten langsamen, kargen Schrittes, Und ich merkt' auf die Schatten, die ich weinen Voll Herzeleids und sich beklagen hörte; Und wie durch einen Zufall hört' ich: »Süße Maria!« vor uns rufen also kläglich, Gleich wie ein Weib in Kindesnöten wimmert. Und ferner dann: »Arm warst du, wie aus jener Herberge man ersehn kann, wo das Heil'ge Das du getragen, nieder du gelegt hast!« Darauf vernahm ich weiter noch: »0 guter Fabricius, die Tugend war dir lieber Mit Armut als mit Laster großer Reichtum!« Mir waren diese Worte so erfreulich, Daß ich fürbaß ging, Kunde zu erlangen Vom Geiste, dem sie zu enttönen schienen. Es sprach derselb' annoch von jener Gabe, Die Nikolaus einst den Jungfrauen reichte, Zur Ehrbarkeit zu führen ihre Jugend. ›O Seele, die du so viel Gutes kündest, Sag' an, wer warst du,‹ sprach ich, ›und warum du Allein das wohlverdiente Lob erneuest. Nicht unbelohnet wird dein Wort dir bleiben, Wenn heim ich kehre, daß den kurzen Pfad ich Des Lebens, das zum Ziele fliegt, vollende.‹ Und er: »Ich sag' dir's nicht, weil irgend Hilfe Von jenseits ich erwarte, nur weil also In dir, eh' du gestorben, Gnade leuchtet. Ich war die Wurzel jenes schlimmen Baumes, Der so das ganze Christenland beschattet, Daß gute Frucht nur karg davon man sammelt. Doch wenn Gand, Doway, Brugg' und Ryssel könnten, So würde Rache bald an ihm genommen, Und ich fleh' den drum an, der alles richtet. Jenseits hieß Hugo Capet ich mit Namen, Die Ludwigs stammen von mir ab und Philipps, Von denen Frankreich neuerdings beherrscht wird. Der Sohn war eines Schlächters aus Paris ich. Als bis auf einen, der in Grau sich hüllte, Der Stamm der alten Kön'ge war erloschen, Fand ich die Zügel mit der Reichsverwaltung Fest in der Hand und so viel Macht durch neue Erwerbungen und mich so reich an Freunden, Daß zur verwaisten Krone ward befördert Des Sohnes Haupt, mit welchem die gesalbten Gebeine jener ihre Reih' begannen. Solang die große provenzal'sche Mitgift Noch meinem Blute nicht die Scham genommen, Galt es zwar wenig, doch es tat nichts Böses. Da nun begann es seine Räubereien Mit Lügen und Gewalt, worauf's zur Buße Ponthieu, Gascogne und Normandie hinwegnahm. Karl kam herab nach Welschland, und zur Buße Bracht' er als Opfer Konradin und sandte Heim in den Himmel Thomas drauf zur Buße. Die Zeit erblick' ich kurz nach diesen Tagen Die einen andern Karl aus Frankreich herzieht, Daß ihn man und die Seinen besser kenne. Aus zieht er sonder Waffen, mit der Lanze Allein, mit welcher Judas focht, und diese So stößt er, daß Florenz der Wanst drob platzet. Nicht Land wird er dadurch, nur Sünd' und Schande Erwerben, um so schwerer auf ihm lastend, Je leichter er dergleichen Schaden achtet. Den jüngst aus Seegefangenschaft Befreiten Seh' ich sein Kind verkaufen und drum feilschen, Wie wohl um andre Sklavinnen Korsaren. O Habbegier, was kannst du mehr bewirken, Da du mein Blut so hast an dich gezogen, Daß es ums eigne Fleisch sich nicht mehr kümmert! Daß künft'ger Frevel kleiner schein' und vor'ger, Seh' ich die Lilj' eindringen in Alagna, Und im Statthalter Christum selbst gefangen! Ich seh' zum andern Mal ihn dort verspottet, Seh' Gall' und Essig wiederholt und zwischen Lebend'gen Schächern ihn getötet werden. Ich seh' den neueren Pilatus, grausam, So daß ihm dies nicht g'nügt, nein, sonder Freibrief Er gier'gen Segels einfährt in den Tempel. O Herr, mein Gott, wann werd' ich froh nur werden Des Anschauns jener Rache, die verborgen In deiner Heimlichkeit dein Zürnen sänftigt! Was ich von jener einz'gen Braut gesaget Des heil'gen Geistes, das dich hat bewogen, Dich zur Erläuterung an mich zu wenden, All unserem Gebete ist's als Inhalt Bestimmt, solang der Tag währt; doch wenn's Nacht wird, Beginnen wir in umgekehrter Weise. Wir wiederholen dann Pygmalions Namen, Den zum Verräter, Dieb und Brudermörder Die hungrige Begier nach Gold gemacht hat, Und minder nicht des geiz'gen Midas Elend, Das seinem gierigen Verlangen folgte, Darüber man noch immer jetzt muß lachen. Des Toren Achan drauf gedenkt ein jeder, Wie von der Beut' er stahl, so daß noch immer Ihn Josues Zürnen hier scheint zu erfassen. Verklagt wird mit dem Gatten dann Saphira, Die Streiche preisen wir, die Heliodorus Empfing, und schmachvoll kreist den ganzen Berg um Des Polydorus Mörder, Polymnestor. Zum Schlüsse riefen wir uns zu noch: ›Krassus, Sag' an, du weißt's, wie der Geschmack des Goldes.‹ Zuweilen spricht der laut und leis der andre, Nachdem uns das Gefühl anspornt zum Reden, Bald größeren und bald geringern Schrittes. So war vorher das Gut' ich zu besprechen, Wie wir des Tags tun, nicht allein; doch eben Erhob kein andrer in der Näh' die Stimme.« Wir hatten schon von diesem uns entfernet Und trachteten den Weg zurückzulegen, So weit es unsern Kräften war gestattet, Da fühlt' ich, einem Ding, das stürzt, gleich, zittern Den Berg, darob mich solch ein Schauern faßte, Wie's den ergreifet, der zum Tod muß gehen. Traun! nicht so sehr hat Delos sich geschüttelt, Bevor Latona drin ihr Nest sich baute, Das Augenpaar des Himmels zu gebären. Von allen Seiten drauf begann ein Rufen, So daß darob mein Meister zu mir hintrat Und sprach: »Sei unbesorgt, weil ich dich führe.« »Gloria in excelsis Deo!« sprachen alle, Soviel als ich verstand aus meiner Nähe, Aus der allein den Ruf man hören konnte. Wir standen reglos harrend da, den Hirten, Die jenen Sang zuerst vernommen, ähnlich, Bis sich das Zittern legt', und er zum Schluß kam. Den heil'gen Weg begannen drauf wir wieder, Anschau'nd die Schatten, die zu Boden lagen, Zurückgekehrt schon zum gewohnten Weinen. Nie hatt' Unwissenheit so viele Kämpfe Durch Sehnsucht mir nach Aufschluß noch veranlaßt, Wenn mein Gedächtnis sich hierin nicht irret, Als sinnend jetzt ich zu bestehn vermeinte, Noch ob der Eile wagt' ich es zu fragen, Und durch mich selbst konnt' ich hier nichts erkennen; Drum ging ich schüchtern hin und voll Gedanken. Einundzwanzigster Gesang Von eingebornem Durst, der nie gestillt wird Als mit dem Wasser, dessen Gnadengabe Begehrte das samaritan'sche Weiblein, Ward ich gequält, und vorwärts trieb mich Eile Dem Führer nach auf vielgehemmtem Pfade, Und Mitleid fühlt' ich ob gerechter Rache. Und sieh, gleichwie von Lukas wird berichtet, Daß Christus zwei'n erschien, die auf dem Wege, Als er schon war der Grabeshöhl' entstiegen, Erschien ein Schatten uns, der hinterdrein kam, Die Schar, die ihm zu Füßen lag, betrachtend, Und wir gewahrten ihn nicht, bis er also Begann: »Gott geb' euch Frieden, meine Brüder!« Stracks wandten wir uns um, und mit dem Zeichen, Das dem entspricht, antwortete Virgil ihm. Drauf hob er an: »Zum Kreis der Sel'gen sende Dich des wahrhaft'gen Hofes Spruch in Frieden, Der mich verweist in ewige Verbannung.« »Wie,« sprach der andr' (und rüstig gingen fort wir), »Wenn Schatten ihr, die Gott hinauf nicht würdigt, Wer hat so weit geführt auf seiner Stieg' euch?« Mein Lehrer drauf: »Wenn an du schaust die Male, Die jener trägt und die der Engel zeichnet, Siehst du wohl, daß mit Gutem er muß herrschen. Allein da jene nicht, die Tag und Nacht spinnt, Den Knäul ihm ganz noch ausgezogen hatte, Den Clotho jedem auflegt und umwickelt, So könnt' allein hieher nicht seine Seele, Die dein' und meine Schwester ist, gelangen, Weil sie nicht schaut die Ding' auf unsre Weise. Drum ward entrückt dem weiten Schlund der Höll' ich, Daß ich ihm alles zeig', und werd' es ferner, So weit als meine Schule führt, ihm zeigen. Doch sag' uns, wenn du's weißt, warum so bebte Der Berg vorher, und weshalb all' auf einmal Bis hin zum feuchten Fuß zu rufen schienen?« So traf er durch sein Fragen meinem Wunsche Grad' wie ins Nadelöhr, denn durch die Hoffnung Allein schon ward der Durst mir minder brennend. Und jener drauf: »Nichts ist, das außer Ordnung Hier in die heil'ge Sitt' eingreifen könnte Des Berges oder gegen Brauch geschehen. Frei ist hier oben man von jeder Störung; Das, was aus ihm in sich der Himmel aufnimmt, Kann das bewirken, doch nicht andre Ursach', Darum auch Regen nicht, noch Schnee, noch Hagel, Noch Tau, noch Reif herabfällt weiter oben Als bis zum kurzen Trepplein der drei Stufen. Nicht dichte Wolken zeigen sich, noch dünne, Nicht Wetterleuchten, noch des Thaumas Tochter, Die jenseits oft die Himmelsgegend wechselt. Auch trockner Dunst nicht steiget weiter aufwärts Als zu der drei besagten Stufen Gipfel, Drauf der Statthalter Petri setzt die Füße. Wohl weiter unten bebt's viel oder wenig, Doch nie hat es, ich weiß nicht, wie, durch Wind noch, Der sich im Grund verbirgt, gebebt hier oben. Es bebt nur, wenn sich rein fühlt eine Seele, So daß sie aufsteht oder sich zum Steigen Bewegt, und solches Rufen dann begleitet's. Beweis der Rein'gung ist allein das Wollen, Das voller Freiheit, ihren Stand zu wechseln, Die Seel' ergreift, am Wollen Freud' ihr gebend. Erst will sie wohl, doch hindert's die von ew'ger Gerechtigkeit entgegen jenem Willen Gesetzte Lust an Qual, wie sonst am Sünd'gen. Und ich, der mehr schon als fünfhundert Jahre In diesem Leide lag, empfand erst jetzo Das freie Wollen besserer Behausung. Drum fühltest du den Erdstoß, hört'st am Berge Umher der frommen Geister Lobgesänge, Gebracht dem Herrn, der bald hinauf sie weise.« So sprach er, und weil um so mehr des Trankes Man sich erfreut, als groß der Durst gewesen, Könnt' ich, wie sehr er mich erquickt, nicht sagen. Der weise Führer: »Wohl seh' jetzt die Schling' ich, Die hier euch hält, und wie man ab sie streifet, Weshalb es bebt, und welche Freud' ihr teilet. Jetzt, wer du seist, laß mich gefällig wissen, Und weshalb der Jahrhunderte so viele Du hier gelegen, deinem Wort entnehmen.« »Zur Zeit, da mit des höchsten Königs Hilfe Der gute Titus jene Wunden rächte, Draus quoll das Blut, das Judas hat verkaufet, Lebt' ich,« entgegnete der Schatten, »jenseits Durch jenen Namen, der am meisten dauert Und ehret, hochberühmt, doch noch nicht gläubig. So süß ist meiner Stimme Hauch gewesen, Daß Rom mich an sich zog, den Tolosaner, Wo Myrtenschmuck den Schläfen ich verdienet. Statius nennt immer noch das Volk mich jenseits. Von Theben sang ich und Achill dem Großen, Doch unterwegs fiel mit der zweiten Bürd' ich. Erzeuget wurde meine Glut durch Funken, Die mich erwärmet, jener Gottesflamme, Dran mehr denn tausend schon entzündet worden; Ich meine die Äneis, welche Mutter Und Amme mir im Dichten ist gewesen; Denn ohne sie setzt' ich nicht fest ein Quentchen, Und um, indes Virgil noch lebte, jenseits Gelebt zu haben, legt' ich zu dem Austritt Vom Bann ein Jahr noch zu, mehr, als ich schulde.« Es wandte nach mir hin dies Wort Virgilen Mit einem Blick, der schweigend sagte: »Schweige!« Doch alles nicht vermag die Eraft des Wollens, Denn Lachen ist und Weinen im Gefolge Des Eindrucks, dem's entsprang, so schnell, daß minder, Je wahrer ist der Mensch, es folgt dem Willen. Ich lächelte nur so, wie wer da blinzet; Darob der Schatten schwieg und in die Augen, Allwo zumeist der Ausdruck wohnt, mir blickte. »Sollst glücklich du so große Müh' beenden, Sag' an,« sprach er, »warum alsbald dein Antlitz Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat.« Jetzt werd' ich dies- und jenseits festgehalten; Hier heißt's mich schweigen, dort werd' ich beschworen, Zu sprechen, drob, so daß man's hört, ich seufze. »Sprich,« sagte drauf mein Meister, »und zu reden Nicht habe Furcht, nein, red' und laß ihn wissen, Was er mit so viel Sorgfalt hat erfraget.« ›Vielleicht, daß du dich, alter Geist, verwunderst.‹ Versetzt' ich, ›ob des Lachens, das ich zeigte, Doch mehr noch soll Erstaunen dich ergreifen; Denn dieser, der nach oben meinen Blick lenkt, Ist der Virgil, von welchem du so mächtig Von Göttern und von Menschen singen lerntest, Und hast geglaubt du, daß aus anderm Grund ich Gelacht, so gelt' er dir als falsch, und glaube, Daß nur das Wort dran schuld war, das du sprachest.‹ Schon beugt' er sich, daß meines Lehrers Füß' er Umarme, doch der sagte: »Tu's nicht, Bruder; Denn, Schatten selbst, siehst du hier einen Schatten.« Und jener sich erhebend: »Die Wievielheit Der Lieb' ersiehst du hier, davon ich glühe Für dich, weil, unsre Nichtigkeit vergessend, Ich Schatten wie ein fühlbar Ding behandle.« Zweiundzwanzigster Gesang Schon war der Engel hinter uns verblieben, Der Engel, der zum sechsten Kreis gewandt uns Und einen Strich getilgt mir auf der Stirne; Und die nach der Gerechtigkeit sich sehnen, Hatt' er genannt »Beati« , doch beschränkten Sich seine Wort' auf »Sitio« und nichts weitres. Und leichter schon als durch die andern Schlünde Ging ich einher, so daß ohn' alle Mühe Den schnellen Geistern ich nach oben folgte, Als jetzt Virgil begann: »Die Lieb', entzündet Von Tugend, hat stets Gegenlieb' entzündet, Wenn nur nach außen ihre Flamm' erschienen. Drum seit dem Tag, als unter uns hernieder Zum Limbus stieg der Hölle Juvenalis, Der mir entdeckt hat, wie du mir geneigt seist, Ward ich dir so gewogen, als man jemals Es einem ward noch, den man nicht gesehen, Drob diese Stiegen kurz mir scheinen werden. Doch sag', und mögst als Freund du mir verzeihen, Wenn zu viel Keckheit mir den Zügel lüftet, Und laß als Freunde drüber jetzt uns sprechen, Wie nur vermochte Platz in deinem Busen Der Geiz zu finden bei so vieler Einsicht, Von der durch dein Bemühn du voll gewesen?« Ob solcher Worte lächelt' erst ein wenig Statius, und gab zur Antwort dann: »Was immer Du sagst, ist mir ein teures Liebeszeichen, Und in der Tat erscheinen oftmals Dinge, Die einen falschen Stoff zum Zweifeln bieten, Weil die wahrhaft'ge Ursach' bleibt verborgen. Was du gefragt, beweist mir deine Meinung, Daß geizig ich in jener Welt gewesen Des Kreises wegen wohl, wo ich mich aufhielt. So wisse denn, daß allzuweit entfernt war Von mir der Geiz, und Tausende von Monden Sind Strafe solchem Übermaß geworden; Und hätt' ich mein Bestreben nicht berichtigt, Als ich die Stelle hörte, wo du rufest, Als ob der menschlichen Natur du zürntest: ›Wohin nicht alles, o verfluchter Hunger Nach Gold, führst du der Sterblichen Begierden! Bestand' umwälzend ich die herben Kämpfe. Da ward ich inne, daß zu sehr die Flügel Die Hand zum Spenden öffnen kann, und fühlte Reu' wegen dieses und der andern Fehler. Wieviel erstehn dereinst mit kahlem Kopfe, Weil sie der Reu' ob dieser Sünd' im Leben Unwissenheit beraubt hat und beim Scheiden! Und wisse, jede Schuld, die einem Laster Im graden Widerspruche tritt entgegen, Läßt hier zugleich mit ihm ihr Grün verdorren. Drum, wenn ich, mich zu rein'gen, bin gewesen Bei jenem Volk, das ob des Geizes weinet, Ist mir's ob seines Gegenteils begegnet.« »Als aber du die grausenvollen Waffen Des Doppeljammers der Jokaste sangest,« Begann der Sänger der bukolschen Lieder, »Da Klio dort mit dir berührt die Saiten, So, scheint's, noch hatte gläubig nicht gemacht dich Der Glaube, ohne den Rechttun nicht gnüget; Wenn dem so ist, welch eine Sonne hat dich, Welch eine Kerz' entfinstert, daß du förder Die Segel hinterm Fischer drein gerichtet?« Er drauf: »Du hast zuerst mich zum Parnassus Gewiesen, daß ich trink' in seinen Grotten, Und mir zuerst zu Gott auch hingeleuchtet. Du tat'st wie jener, der des Nachts einhergeht Und hinter sich ein Licht hält, das ihm selber Nichts hilft, doch kundig macht, die nach ihm kommen, Dort, wo du sprachst: ›Jahrhunderte erneu'n sich, Astraea kehrt, es kehrt die Urzeit wieder, Und niedersteigt ein neu Geschlecht vom Himmel.‹ Durch dich ward Dichter ich, durch dich zum Christen; Doch daß du besser siehst, was ich gezeichnet, Will ich zur Färbung aus die Hand jetzt strecken. Es war die Welt schon ganz und gar geschwängert Mit dem wahrhaft'gen Glauben, ausgesäet Von den Verkündigern des ew'gen Reiches, Und dein vorher erwähntes Wort, es stimmte So mit den neuen Predigern zusammen, Daß ich sie zu besuchen mich gewöhnte. Darauf begann so heilig mir zu scheinen Ihr Wesen, daß bei Domitians Verfolgung Ihr Weinen meiner Zähren nicht entbehrte; Und weil ich jenseits mich befand, kam ihnen Zu Hilf ich, und ihr rechter Wandel machte, Daß ich verschmäht' jedwede andre Sekte. Und eh' die Griechen hin zu Thebens Flüssen Ich im Gedicht geführt, erhielt die Tauf' ich; Doch war aus Furcht ein Christ ich im Verborgnen, Durch lange Zeit als Heide mich bezeigend, Ob welcher Lauheit ich den vierten Zirkel Mehr denn vierhundert Jahre mußt' umkreisen. Du nun, der mir den Deckel aufgehoben, Der so viel Heil mir barg, als ich erwähnte, So lang uns übrig noch zu steigen bleibet, Sprich, wenn du's weißt, wo unser Freund Terentius Sich findet, wo Caecilius, Plautus, Varro? Sprich, sind verdammt sie und in welcher Stätte?« »Sie alle, Persius, ich und viele andre, Wir sind,« sprach drauf mein Führer, »mit dem Griechen, Der mehr als einer trank die Milch der Musen, Dort in des finstern Kerkers erstem Kreise Und sprechen öfters von dem Berg, der unsre Säugammen immerdar bei sich bewahret. Euripides und Antiphon sind mit uns, Auch Agathon, Simonides und mehr noch Der Griechen, deren Stirn einst Lorbeer kränzte. Alldort sind von den Deinigen zu schauen Antigone, Deiphil' und Argia, Und in Betrübnis, wie sie war, Ismene. Dort sieht man die, so die Langia zeigte, Dort ist Tiresias' Tochter, dort ist Thetis, Und mit den Schwestern dort Deidamia.« Schon schwiegen beiderseits anjetzt die Dichter, Aufs neu' beschäftigt, ringsumher zu blicken, Da sie des Steigens und der Wände ledig, Und vier schon von des Tages Mägden standen Zurück, und an der Deichsel war die fünfte, Aufwärts annoch die glüh'nde Spitze richtend, Als so mein Führer sprach: »Wir müssen, glaub' ich, Dem Rande zu die rechte Schulter wenden, Den Berg umkreisend, wie wir stets gepfleget.« So ward hier die Gewohnheit unsre Weisung, Und minder zaudernd schlugen wir den Weg ein, Weil jene würd'ge Seel' uns beigepflichtet. Sie wandelten voraus, und ich einsamlich Dahinter gab auf ihre Reden Achtung, Die da zum Dichten mir Verstand gewährten. Doch plötzlich brach die süße Unterredung Ein Baum, den mitten auf dem Weg wir fanden Mit Früchten, gut und lieblich dem Geruche. Und wie von Zweig zu Zweig abnimmt die Tanne Nach oben hin, so dieser hier nach unten. Damit, vermut' ich, niemand auf dran steige. Von jener Seite, wo der Pfad verschlossen, Entstürzt' ein klares Naß dem hohen Felsen, Das oben sich verbreitet' auf den Blättern. Die beiden Dichter näherten dem Baum sich, Und aus dem Laub hervor rief eine Stimme: »An dieser Kost wird es euch noch gebrechen!« Drauf sprach sie: »Mehr gedachte dran Maria, Daß ehrenvoll und ungestört die Hochzeit, Als an den eignen Mund, der euch vertritt jetzt. Die alten Römerinnen, sie begnügten Mit Wasser zum Getränke sich, und Speise Verschmähte Daniel und erwarb sich Wissen. Dem ersten Alter, das wie Gold so schön war, Erschien die Eichel schmackhaft ob des Hungers, Und Nektar ob des Durstes jedes Bächlein. Heuschrecken waren, Honig war die Nahrung, Davon der Täufer in der Wüste lebte, Darob er ruhmgekrönet und so groß ist, Wie durch das Evangelium uns bekannt wird.« Dreiundzwanzigster Gesang Weil mit den Augen durch die grünen Blätter Ich forschte, gleich wie der es pflegt zu machen, Der hinterm Vögelein verliert sein Leben, Sprach, der mir mehr als Vater war: »Komm endlich, Mein Sohn, die Zeit, die uns ist angewiesen, Geziemt's nutzbringender uns zu verteilen.« Das Antlitz und nicht minder schnell die Schritt' auch Wandt' ich den Weisen nach, die also sprachen, Daß sonder Mühe drob mir schien das Gehen. Und sieh, da hörte weinen man und singen: »Labia mea domine« , in einer Weise, Daß allzumal es Lust und Schmerz erzeugte. ›Was ist's, o süßer Vater, das ich höre?‹ Sprach ich, und jener: »Schatten wohl, die hingehn, Auflösend so die Banden der Verpflichtung.« Und wie's gedankenvolle Pilger machen, Die, unterwegs auf nicht Gekannte stoßend, Nach ihnen hin sich wenden und nicht weilen, So, hinter uns einher geschwindern Schrittes Sich nahend und vorübergehend, staunte Uns eine Seelenschar an, fromm und schweigsam. Ums Auge war jedwede hohl und dunkel, Blaß im Gesicht und also abgemagert, Daß ihre Haut sich nach den Knochen formte. Bis auf die äußre Haut so ausgetrocknet War, mein' ich, Erisichthon nicht durchs Hungern Zur Zeit, da's ihm davor am meisten graute. Ich sagte, bei mir selber denkend: ›Siehe Das Volk hier, das Jerusalem verloren, Als auf den Sohn einhieb Marias Schnabel.‹ Ein Ring schien sonder Stein die Augenhöhle, Und wer im Menschenantlitz liest ein omo , Der konnte hier das M wohl unterscheiden. Wer glaubte wohl, wüßt' er nicht, wie's geschehen, Daß Wunsch erzeugend jemals eines Wassers Geruch und einer Frucht so wirken könne. Schon staunt' ich, was sie also hungern mache, Weil noch der Magerkeit und schlimmen Schuppen Ursache mir nicht offenbar geworden; Und aus des Hauptes Tiefe, sieh, da wandte Ein Schatten mir den Blick zu, an mich starrend, Und rief dann laut: »Was wird mir da für Gnade!« Nie würd' am Antlitz ich erkannt ihn haben, Allein durch seine Stimme ward mir deutlich, Was in dem Anblick war verungestaltet. Durch solche Funken ward ganz neu entzündet Mir das Erkenntnis der entstellten Züge, Und ich nahm wahr das Angesicht Foreses. »0, achte nicht auf jene trocknen Schuppen, Die meine Haut,« so fleht' er, »mir verfärben, Noch drauf, daß ich am Fleische Mangel leide, Nein, sage Wahrheit mir von dir, und wer nur Die beiden Seelen sind, die dich begleiten; Verharre nicht dabei, mir nichts zu sagen.« ›Dein Angesicht, das ich schon tot beweinte, Erpreßt ob mindern Schmerzes nicht mir Tränen,‹ Entgegnet' ich, ›da ich's entstellt jetzt schaue. Drum sprich um Gottes Willen, was entblättert Euch so? Heiß' mich nicht sprechen, weil ich staune; Der schlecht nur spricht, wer voll ist andern Wunsches,‹ Und er zu mir: »Durch ew'gen Ratschluß senkt sich Ins Wasser eine Kraft und in die Pflanze Dort hinter uns, darob so dünn ich werde. All dieses Volk, das unter Zähren singet, Weil es der Gurgel ohne Maß gefolget, Wird hier durch Durst und Hunger neu geheiligt. Zum Trinken und zum Essen weckt uns Neigung Der Duft, der aus der Frucht kommt und dem Springquell, Der droben auf dem Grünen sich verbreitet. Und nicht bloß einmal werden aufgefrischet Auf dieses Wegs Umwandrung unsre Qualen; Ich sage Qual und sollte Wonne sagen, Denn jenes Sehnen führt uns zu dem Baume, Das Christum froh geführt zum Eli-Ruf, Als seiner Adern Blut uns frei gemacht hat.« Und ich zu ihm: ›Forese, seit der Zeit, Da du die Welt vertauscht zu besserm Leben, Bis jetzt sind noch fünf Jahr' nicht umgerollet. Wenn, eh' die Stund' erschien des guten Schmerzes, Der Gott uns neu vermählet, schon erloschen Die Möglichkeit dir war zum fernern Sünd'gen, Wie bist du denn hierhergelangt? Ich glaubte, Daß du dort unten dich annoch befändest, Wo man durch Zeit für Zeit Vergütung leistet.‹ Und jener drauf zu mir: »So schnell geführet Hat zu dem süßen Wermutstrank der Qualen Mich meine Nella durch ihr maßlos' Weinen; Durch ihr andächtig Flehn, durch Seufzen hat sie Dem Berghang mich entrissen, wo man harret, Und von den andern Kreisen mich befreiet. Um so viel lieber ist bei Gott und teurer Mein Witfräulein, das ich gar sehr geliebet, Als es einsamlicher im Rechttun dasteht; Denn sittsamer noch zeigt in ihren Weibern Um vieles sich Sardiniens Barbagia Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ. Was soll ich dir, o süßer Bruder, sagen? Schon seh' ich meine künft'ge Zeit vor Augen, Der nicht gar alt wird diese Stunde heißen, Wo von den Kanzeln ab man untersagen Wird den schamlosen florentin'schen Frauen, Einherzugehn, die Brust samt Warze zeigend. Hat's je barbarische, hat's sarazen'sche Frau'n wohl gegeben, die bedeckt zu gehen, Sei's geistlicher bedurft, sei's andrer Strafe? Doch wenn die Schamentblößten, was der schnelle Umlauf des Himmels für sie sammelt, wüßten, Sie würden schon den Mund zum Heulen auftun; Denn täuscht mich hier Voraussehn nicht, so werden Sie traurig sein, eh' noch des Kinn mit Flaumen Sich deckt, den jetzt ›Eiapoppeia‹ tröstet. O Bruder, jetzt verbirg dich uns nicht länger; Du siehst, daß nicht bloß ich, nein, alle diese Dorthin schaun, wo die Sonne du verschleierst.« Drob ich: ›Wenn du dir in den Sinn zurückrufst, Wie du mit mir und ich mit dir gewesen, Wird lästig dir noch jetzt sein die Erinnrung. Von solchem Leben hat mich abgewendet, Der vor mir hergeht, wenig Tage sind es, Als eben rund sich dessen Schwester zeigte‹ (Und auf die Sonn' zeigt' ich); ›durch die tiefe Nacht führt' er hin mich zu den wahren Toten Mit diesem wahren Fleische, das ihm folget. Durch seine Hilfe zog er mich von dannen Herauf, den Berg umkreisend und ersteigend, Der grad euch macht, die jene Welt gekrümmt hat. So lang', verspricht er, noch mich zu beglücken, Bis hin ich komme, wo Beatrix sein wird; Allda geziemt's, daß ich ohn' ihn verbleibe. Virgil ist jener, der mir solches saget‹ (Und auf ihn deutet' ich), ›und dieser andre Ist jener Schatten, drob an allen Hängen Jüngst euer Reich gebebt, ihn auszuscheiden.‹ Vierundzwanzigster Gesang Das Gehn nicht ward durchs Wort, das Wort durchs Gehn nicht Verzögert, nein, im Sprechen wallten rüstig Wir hin, dem Schiff gleich, das ein guter Wind treibt. Und Staunen sogen durch der Augen Höhlung Die Schatten, die zweimal Gestorbnen glichen, Aus mir, da sie gewahrten, daß ich lebe. Und ich, fortfahrend jetzt in meiner Rede, Sprach: ›Wohl langsamer wandelt er nach oben, Als es aus anderm Grund geschehen möchte. Doch sag' mir, wenn du's weißt, wo ist Piccarda? Sag' an, ob unterm Volk, das mich so anblickt, Jemand Bemerkenswertes ist zu schauen.‹ »Die Schwester mein, so schön und gut (nicht weiß ich, Was sie von beidem mehr war), freut im hehren Olymp sich schon siegprangend ihrer Krone.« So sprach er erst und dann: »Hier ist's verwehrt nicht, Zu nennen jedermann, weil also unsre Gestalt ist ausgezogen durch das Fasten. Dies ist« (mit Fingern zeigt' er) »Buonagiunta, Buonagiunta von Lucc', und jenes Antlitz Jenseits von ihm, verfallner als die andern, Hielt einst die heil'ge Kirch' in seinen Armen. Von Tours war er und büßt jetzt ab durch Hunger Bolsenas Aal, im Firnewein gesotten. Noch weiter zeigt' er einen nach dem andern, Und jedem schien es recht, genannt zu werden, So daß drob keine trübe Mien' ich wahrnahm. Ich sah die Zähn' umsonst aus Hunger brauchen Nebst Ubaldin von Pila Bonifazius, Der in dem Priesterrock viel Volks geweidet. Sah Herrn Marchese, zu Forli einst zechend Gemächlicher mit minder trockner Kehle, Der so war, daß er nimmer satt sich fühlte. Doch dem gleich, der beschaut und eins dann vorzieht Dem anderen, tat ich's mit dem von Lucca, Der mehr von mir schien Kunde zu besitzen. Er murmelt', und etwas, gleichwie Gentucca, Hört' ich dort, wo die Wund' er fühlte jener Gerechtigkeit, die so ihn abgezehret. ›O Geist,‹ sprach ich, ›der so begierig scheinet, Mit mir zu reden, laß mich dich verstehen, Dich selbst und mich befried'gend durch dein Reden.‹ »Geboren ist ein Weib, das keinen Schleier Noch trägt, ob dem dir,« sprach er, »einst gefallen Wird meine Stadt, wie man sie jetzt auch schelte. Hingehst du, dies Voraussehn mit dir tragend, Und ob mein Murmeln irre dich geführt hat, Wird dir die Wirklichkeit dereinst noch dartun. Doch sprich, seh' ich hier jenen, dem enttönten Die Reime neuer Art, also beginnend: ›Ihr Frauen, die ihr Einsicht habt der Liebe‹ .« Und ich drauf: ›Ich bin einer, der, wenn Liebe Mich anweht, es bemerk' und in der Weise, Als sie's im Innern vorspricht, dann verzeichne.‹ »O Bruder,« sprach er, »jetzt seh' ich den Knoten, Der den Notar, Guitton und mich entfernt hielt Vom neuen, süßen Stil, den ich vernehme. Wohl seh' ich ein anjetzt, wie eure Federn Dem, der da vorspricht, auf dem Fuße folgen, Was bei den unsern wahrlich nicht der Fall war; Und wer noch drüber 'naus sich müht zu schreiten, Der sieht von einem Stil nicht bis zum andern.« Und wie befriediget schwieg er nun stille. Wie Vögel, wenn zum Winter sie enteilen Dem Nile zu, bald sich zusammenscharen, Bald wieder schnellern Flugs in Reihen hinziehn, Also beschleunigte jetzt seine Schritte, Das Antlitz von uns wendend, alles Volk hier, Das leicht durch Hagerkeit und will'gen Sinn war. Und jenem ähnlich, der, vom Laufe müde, Vorausläßt die Genossen und so folget, Bis daß der rasche Schlag der Brust sich mindert, Ließ jetzt die heil'ge Schar vorbei Forese, Und hinterdrein mit mir einhergeh'nd, sprach er: »Wann wird's geschehn, daß ich dich wiedersehe?« Ich drauf: ›Wie lang' ich noch zu leben habe, Nicht weiß ich's, doch sobald nicht kehr' ich wieder, Daß früher nicht mein Wunsch den Strand erreiche; Denn jener Ort, drin ich bestimmt zu leben, Entblößt von Tag zu Tag sich mehr der Tugend Und scheint zu grausem Untergang bereitet.‹ »Jetzt geh,« sprach er, »denn wer's zumeist verschuldet, Den seh' geschleppt an eines Tieres Schweif ich Dem Tale zu, wo nie man wird entsündigt. Mit jedem Schritt geht schnell das Tier und schneller In wachsend rascher Flucht, bis, ihn zertretend, Es schnöd' entstellt läßt liegen seinen Körper. Nicht viel mehr werden drehn sich diese Kreise« (Und auf den Himmel blickt' er), »bis dir klar wird, Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären. Du bleib zurück jetzt, denn die Zeit ist teuer In diesem Reich, drum ich zuviel verliere, Wenn ich mit dir so gleichen Schrittes wandle.« Wie aus der Schar wohl, die geritten herkommt, Ein Reiter manchmal im Galopp hervorsprengt, Daß ihm der Ruhm des ersten Angriffs werde, Ging jener von uns fort, doch schnellern Schrittes, Und ich blieb mit den zweien, die so große Marschäll' auf Erden waren, fernhin wandernd. Und als fort von uns so weit er vorgedrungen, Daß ihm mein Auge nicht mehr folgen konnte, Als jüngst mein Sinn gefolget seinen Worten, Erschienen eines andern Fruchtbaums Zweige Mir, schwer belastet prangend, wenig fern nur, Weil Wendung ich nach ihm erst jetzt genommen. Darunter sah ich Volk die Händ' erheben, Nicht weiß ich, was, hinauf zum Laube rufend, Gleich Kindelein, die, töricht wünschend, bitten, Und der gebeten wird, gibt nichts zur Antwort, Nein, hält, um ihr Verlangen recht zu schärfen, Was sie begehren, hoch empor und birgt's nicht. Drauf gingen sie hinweg, Enttäuschten ähnlich, Und zu dem großen Baum gelangten jetzt wir, Der so viel Bitten von sich weist und Tränen. »Geht hier vorüber, ohne dran zu rühren; Ein Baum steht weiter droben, von dem Eva Gepflückt, und dies Gewächs ward ihm entommen.« So sprach, ich weiß nicht, wer, aus seinen Ästen, Darob Virgil, Statius und ich gedrängter Vorbei zur Seite gingen, wo's emporsteigt. »Erinnert euch,« sprach's, »der Vermaledeiten, Erzeuget aus der Wolke, die gesättigt Mit zwiegestalter Brust Theseus bekämpften, Und der Hebräer, weich beim Trunk sich zeigend, Drob sie nicht Gedeons Genossen wurden, Als gegen Madian er die Höh'n hinabstieg.« Also dem einen nah'nd der beiden Säume, Hingingen wir, von Kehlensünden hörend, Die trauriger Erfolg vorlängst begleitet. Dann, wieder uns verbreitend, wallten einsam, Wohl tausend Schritt' und mehr des Wegs wir weiter, Ein jeglicher stillschweigend in Betrachtung. »Was geht allein ihr drei doch also sinnend?« Sprach plötzlich eine Stimm', und schüttelnd tat ich Drob gleich dem Roß, das fohlenhaft sich scheuet. Aufrichtet' ich das Haupt, zu sehn, wer's wäre, Und niemals ward gesehn in einem Ofen Metall noch oder Glas so rot und leuchtend, Als einen hier ich sah, der sprach: »Gefällt's euch, Emporzusteigen, müßt ihr hier euch wenden, Hierhin geht, wer zum Frieden will gelangen.« Sein Anblick hatte des Gesichts beraubt mich, Drum ich mich hinter meine Lehrer wandte, Gleich einem, der dem nachgeht, was er höret. Und wie, Verkünderin der Morgenhelle, Die Mailuft bebt und duftet, vom Geruche Der Blumen und des Grases ganz durchwürzet, So spürt' ich, mitten auf die Stirn mich treffend, Ein Wehn, und spürte wohl der Schwingen Fächeln, Das mir ambrosisches Gedüft ließ spüren, Und sagen hört' ich: »Selig, wen die Gnade So sehr erleuchtet, daß in seinem Busen Des Gaumens Lust nicht zu viel Wünsch' entzündet, So daß er hungert stets, so viel es recht ist.« Fünfundzwanzigster Gesang Die Stunde heischt' ein ungehemmtes Steigen, Weil dem Skorpion die Nacht, dem Stier die Sonne Den Mittagskreis schon überlassen hatte; Drum gleich wie jener tut, der nimmer stillsteht, Nein, seines Wegs geht, was ihm auch erscheine, Weil er von dem Bedürfnis wird gestachelt, So traten in die Kluft wir ein, erklimmend, Der eine hinterm andern drein, die Stiege, Die ob der Enge trennt der Steiger Paare. Und gleich dem jungen Storch, der hebt den Flügel Aus Lust, zu fliegen, und doch zu verlassen Das Nest nicht wagend, wieder ihn läßt sinken, Ward ich, weil erst entbrannt' und dann verlöschte Des Fragens Lust in mir, drob bis zu dessen Gebärd' ich kam, der sich zum Reden anschickt. Nicht schwieg der süße Vater, ob auch eilig Wir gingen hin, nein sprach: »Schnell' los den Bogen Des Worts, den bis zum Eisen du gespannt hast!« Drauf öffnete den Mund ich zuversichtlich Und fing so an: ›Wie kann man mager werden, Wo's kein Bedürfnis gibt, sich zu ernähren?‹ »Wenn du gedächtest, wie sich Meleager Verzehrt', indem ein Feuerbrand verzehrt ward, Dir würde dies,« sprach er, »so herb nicht dünken; Und wenn du dann erwägst, wie euerm Zucken Gemäß muß zucken euer Bild im Spiegel, Erschiene weich dir, was jetzt hart dir scheinet. Allein, damit du drin nach Lust verweilest, So ist hier Statius, den ich ruf' und flehe, Daß er ein Heiler jetzt sei deinen Wunden.« »Wenn ich dort, wo du bist, des Ew'gen Rach' ihm,« Sprach Statius, »erkläre, mag mich dieses Entschuld'gen, daß ich nichts dir kann verweigern.« Demnächst begann er so: »Wenn meine Worte, O Sohn, dein Sinn begreift und faßt, so geben Sie Licht dir ob des Wie, das du erwähntest. Vollkommnes Blut, das nimmer eingesogen wird von den durst'gen Adern und zurückbleibt Gleich einer Speise, die vom Tisch man aufhebt, Gestaltungskraft nimmt's an für alle Glieder Des Menschen in dem Herzen, gleich dem andern, Das, jene bildend, durch die Adern hinströmt. Nochmals verwandelt sinkt's dorthin, darüber Man besser schweigt als spricht, von wo's auf fremdes Blut träuft, dann in natürliches Gefäße. Hier nun vereinigt eins sich mit dem andern, Zum Leiden dies geschickt, zum Schaffen jenes, Ob des vollkommnen Orts, dem es entquillet; Zu jenem jetzt gelangt, beginnt's sein Wirken, Macht's erst gerinnen, und sodann belebt es, Was es als seinen Stoff zur Ruh' erst brachte. Die tät'ge Kraft, zur Seele jetzt geworden, Von Pflanzenseelen nur so viel verschieden, Daß unterwegs noch jen', am Land schon diese, Schafft dann, daß es sich schon bewegt und fühlet Dem Seeschwamm gleich, Werkzeuge jetzt zu bilden Den Kräften, deren Keim sie ist, beginnend. Jetzt nun entwickelt, Sohn, jetzt dehnet aus sich Die Kraft, die aus des Zeugers Herzen stammet, Wo die Natur Vorkehr für jedes Glied trifft. Allein, wie's aus dem Tier zum Menschen werde, Siehst du noch nicht; dies ist ein Punkt, der irre Einst einen Weiseren als dich geführt hat, So daß in seiner Lehr' er von der Seele Geschieden ließ den möglichen Verstand sein, Weil kein Organ er sah, das diesem eigen. Schließ auf der Wahrheit, die da kommt, den Busen Und wisse, daß, sobald dem Embryone Die Gliederung des Hirnes ist vollendet, Ihm zu sich kehrt der Urbeweger fröhlich Ob solches Kunstwerks der Natur, und neuen Mit Kraft erfüllten Geist dann ein ihm hauchet, Der in sein Wesen aufnimmt, was er Tätig's Dort trifft und so wird eine einz'ge Seele, Die lebt und fühlt und nach sich selbst sich wendet. Und daß du minder anstaunst diese Worte, Blick' auf die Sonnenwärme, die zu Wein wird, Dem Saft vereint, der aus der Rebe quillet. Und wenn's dann Lachesis gebricht am Leine, Löst jene sich vom Fleisch und trägt im Keime So Göttliches als Menschliches von dannen, Die andern Kräfte allzumal verstummet, Gedächtnis, Willen und Verstand um vieles In Wirklichkeit geschärfter noch als früher. Unaufgehalten fällt sie wunderbarlich Von selber nun auf eins der beiden Ufer; Hier wird zuerst sie kundig ihres Weges. Sobald sie nur daselbst ein Ort umschränket, Strahlt rings die Bildkraft aus nach Maß und Weise, Gleich wie sie's tat in den lebend'gen Gliedern. Und wie die Luft, wenn wohlgefüllt mit Regen Sie ist, durch fremden Strahl in ihr sich spiegelnd, Geschmückt sich zeiget mit verschiednen Farben, So setzet hier die nachbarliche Luft sich In jene Form anjetzt, die in ihr ausprägt Durch innre Kraft die aufgehaltne Seele; Und ähnlich dann dem Flämmchen, das dem Feuer Stets folgt, wie's immer seinen Platz auch wechs'le, Folgt jetzt auch seine neue Form dem Geiste. Weil nun hierdurch sie äußerlich erscheinet, Wird Schatten sie genannt und schafft für jede Empfindung ein Organ, dem Aug' noch kennbar. Daher kommt's, daß wir reden, daß wir lachen, Daß Tränen wir und Seufzer von uns geben, Die an dem Berg du kannst vernommen haben. Nach dem, als uns ein Wunsch nun oder andres Gefühl berührt, gestaltet sich der Schatten, Und dies ist auch der Grund des, was du anstaunst.« Und bei der letzten Marter angelanget Schon waren wir und wandten uns zur Rechten, Und andre Sorge hielt uns jetzt beschäftigt. Hier schnellt aus sich hervor der Felshang Flammen, Und Windeswehen haucht der Sims nach oben, Das jene rückwärts biegt und von ihm trennet. Drum mußten, eins auf einmal nur, wir wandeln Am offnen Rand. Hier fürchtete vorm Feuer Ich mich, dort fürchtet' ich hinabzustürzen. Mein Führer sprach zu mir: »An dieser Stätte Muß man die Augen streng im Zügel halten, Weil's wenig nur bedarf, daß man verirrt sich.« »Summae Deus clementiae« im Innern Der großen Glut hört' ich anjetzo singen, Drob hinzuschaun nicht minder ich bedacht ward. Und Schatten sah ich in den Flammen wallen, Drum ich auf ihre Schritt' und meine schaute, Von Zeit zu Zeit verteilend meine Blicke. Gleich nach dem Schlusse jener Hymne hörte Man laut sie rufen: »Virum non cognosco« ; Drauf sie den Hymnus leis aufs neu' begannen. Und wieder riefen sie, da dies geendet: »Zum Wald lief Dian', und Helike vertrieb sie, Die da verspürt das Gift der Venus hatte.« Dann kehrten zum Gesang sie wieder, riefen: »Von Frau'n und Gatten dann, die keusch gewesen, Wie's Eh' und Tugend ihnen auferleget.« Und diese Weis' ist, mein' ich, ihnen gnügend Die ganze Zeit durch, wo die Glut sie brennet; Durch solche Kost muß und durch solche Pflege Die letzte sich der Wunden auch noch schließen. Sechsundzwanzigster Gesang Indes am Rande wir, eins hinterm andern, So wallten hin, sprach oft der gute Meister: »Sieh zu, laß dich von mir gewitzigt werden.« Die Sonne traf mich auf die rechte Schulter Und wandelt' an der ganzen Abendseite Die blaue Färbung strahlend schon ins Weiße, Und glühender macht' ich durch meinen Schatten Die Flamm' erscheinen, und nur auf dies Zeichen Sah ich viel Schatten im Einhergehn merken. Dies war die Ursach', die von mir zu reden Den Anlaß ihnen gab, und zueinander Begannen sie: »Kein Scheinleib deucht mir dieser!« Dann näherten, so viel als sie's vermochten, Sich ein'ge mir, stets auf der Hut, heraus nicht Zu treten, wo gebrannt sie nicht mehr würden. »Du, der nicht, weil du träger bist, wohl eher Aus Ehrfurcht hergehst hinter jenen andern, Antworte mir, denn Durst und Flammen brennen; Und not tut mir allein nicht deine Antwort, Mehr dürsten alle die danach als Indier Nach kaltem Wasser oder Äthioper. Sag' an, wie kommt's, daß du der Sonn' als Mauer Mit deinem Leibe dienest, gleich als wärst du Ins Netz des Todes noch nicht eingegangen?« So sprach derselben einer, und schon hätt' ich Entdeckt mich, war' ich nicht gefesselt worden Von andrer Neuigkeit, die dann sich zeigte. Denn auf der Mitte des entbrannten Weges Kam Volk entgegen jenen mit dem Antlitz, So daß ich drob blieb in Betrachtung schweben. Hier sah ich beiderseits sich alle Schatten Beeilen und zu zwei'n einander küssen Ohn' Aufenthalt, begnügt mit kurzem Feste. So rührt im schwärzlichen Gewimmel eine Ameise an der andern Maul, erkündend, Wohin sie geht wohl und was ihr begegnet. Sobald sich trennt die freundliche Begrüßung, Eh' noch der erste Schritt dann wird vollendet, Müht jedes sich, zu überschrein das andre. Das neue Volk ruft: »Sodom und Gomorrha!« »Pasiphae kroch in die Kuh,« ruft jenes, »Daß sich der Stier auf ihr Gelüste stürze.« Wie Kran'che dann, die teils zu dem Riphäschen Gebirge fliegen, teils zur sand'gen Wüste, Die vor dem Frost scheu, jene vor der Sonne, Geht fort das eine Volk, kommt mit von dannen Das andr', und weinend kehrt's zum ersten Sang dann Und zu dem Ruf, der ihm am meisten ziemet. Und wieder traten zu mir her, wie früher, Dieselben jetzt, die mich gebeten hatten, Des Horchens Ausdruck all in ihren Mienen. Ich, der zweimal jetzt ihren Wunsch ersehen, Begann: ›O Seelen, sicher zu erhalten, Wann es auch immer sei, den Stand des Friedens, Jenseits nicht blieben reif, noch ungezeitigt Die Glieder mir, nein, mit dem eignen Ich bin Ich hier, mit seinem Blut und seinen Muskeln. Um nicht mehr blind zu sein, geh' ich hier aufwärts; Ein Weib erwirbt dort oben mir die Gnade, Dies Sterbliche durch eure Welt zu tragen. Doch wenn gestillt soll euer größtes Sehnen Bald werden, so daß euch der Himmel aufnimmt, Der, voll von Lieb', am weit'sten sich verbreitet, Sprecht, daß ich einst damit noch Blätter fülle, Wer seid ihr, und wer ist die Schar gewesen, Die hinter euerm Rücken geht von dannen?‹ Nicht anders scheint verblüffet vor Erstaunen Der Bergbewohner und verstiert im Gaffen, Wenn roh und unerfahren er zur Stadt kommt, Als jener Schatten schien in seinem Äußern. Allein als sie des Schreckens sich entledigt, Der in Hochherzigen zunächst gestillt wird, »Glückselig du,« sprach wieder, der zuerst uns Gebeten hatte, »der aus unsern Marken Erfahrung du zu besserm Streben einschiffst! Das Volk, das nicht mit uns kommt, hat gefehlet Durch das, weshalb einst Cäsar beim Triumphe Zur Schmach sich Königin benennen horte. Drum gehen sie von dannen, ›Sodom‹ rufend, Sich selbst Vorwürfe machend, wie du hörtest, Und helfen so der Glut nach durch Beschämung. Doch unsre Sünde war hermaphroditisch; Allein, weil wir dem menschlichen Gesetz nicht Gehorcht, dem Vieh gleich unsern Lüsten folgend, Wird uns zur Schande durch uns selbst verlesen Beim Scheiden von den andern jener Name, Die sich vervieht im vieh'schen Bretterwerke. Jetzt kennst du unsre Weis' und wes wir schuldig; Doch um, wenn du's begehrtest, uns zu nennen, Gebräch's an Zeit, auch wüßt' ich's nicht zu sagen. Wohl lös' ich meinethalb den Wunsch dir; denn ich Bin Guido Guinicelli, und schon rein'ge Ich mich, weil vor dem End' ich recht bereuet.« Wie bei Lykurgs Betrübnis die zwei Söhne Getan, als sie die Mutter wiederfanden, So tat ich (doch bis zum »Soviel« nicht steig' ich), Als ich sich selbst hier nennen hörte meinen Und meiner Meister Vater, die sich jemals Bedienet süßer, holder Liebesreime; Und lange Zeit ging, hörend nicht, noch redend, Ich hin, gedankenvoll auf jenen schauend, Noch trat dorthin ich näher ob des Feuers. Nachdem ich seines Anblicks mich ersättigt, Bot ich mich ganz ihm willig an zum Dienste Mit der Beteuerung, die Glauben schaffet. Und er: »So viel' und helle Spuren lässest In mir durch das Vernommne du, daß Lethe Sie nimmer tilgen kann, noch dunkel machen. Doch sprich, wenn Wahrheit mir dein Wort geschworen, Was ist der Grund, weshalb durch Blick und Rede Du mir gezeiget hast, daß ich dir teuer?« Und ich zu ihm drauf: ›Eure süßen Lieder, Die stets, so lang' die neu're Weise dauert, Die Tinte, die sie schrieb, uns teuer machen.‹ »O Bruder,« sprach er, »jener, den mein Finger Bezeichnet« (auf der Geister einen wies er), War bessrer Bildner in der Muttersprache. In Liebesreimen und Romanzenprosa Besiegt' er all', und laß die Toren reden, Die jenem vom Limoges den Vorzug geben. Mehr auf Gered' als auf die Sache richtend Die Blicke, setzten fest sie ihre Meinung, Eh' auf Vernunft sie oder Kunst gehöret. So taten viel' der Alten mit Guittone, Von Mund zu Mund ihm einzig Lob erteilend, Bis ihn und andre mehr Wahrheit besiegt hat. Und wenn so vieles Vorrecht du genießest, Daß dir's zum Kloster ist erlaubt zu gehen, Wo Christus selber Abt ist des Konventes, So sprich zu ihm für mich ein Vaterunser, So viel davon in unsrer Welt ist nötig, Wo wir zu sündigen nicht mehr vermögen.« Drauf wohl dem andern, der ihm nah, den zweiten Platz einzuräumen, schwand er in dem Feuer, Gleichwie der Fisch im Wasser, der zum Grund fährt. Ein wenig trat vor den ich, der gezeigt mir War worden, hin, ihm kündend, seinem Namen Bereite freundlichen Empfang mein Wünschen. Da fing er an freimütiglich zu sagen: »So sere mir gevallet ivver tugendliches Geren, Daz ich iune chan min name unt ouch niene vvill verdagen. Ich bin Arnold, der vveinet unde singende gat, Und trurechlich gedenche ich mines alten Vvanes, Und vrolich se vor mir ich die Vroude, uff die ich hoffe. Nu bit ich iu gar sere bi der vvätlichen Chraft, Die uff iu vurt zum Hubel ane chalt unde vvarme, Daz iu gedenchen muget ze sanften minen Smerz.« Dann barg er in der Glut sich, die sie läutert. Siebenundzwanzigster Gesang Wie, wann zuerst dorthin sie schießt die Strahlen, Wo, der sie schuf, sein Blut vergoß, da unter Die hohe Wag' Iberus kommt zu liegen, Und Ganges' Wellen von der Nonzeit glühen, Stand jetzt die Sonn', und scheidend war der Tag schon, Als heiter uns erschien der Engel Gottes, Am Strande stand er außerhalb der Flamme Und sang mit einer Stimme, weit lebend'ger Als unsere: »Beati mundo corde« , Drauf sprach er: »Weiter geht's nicht unberühret Vom Feuer, heil'ge Seelen, tretet ein drum Darin und seid nicht taub dem Sang von jenseits!« So sagt' er, da wir nah bei ihm jetzt waren; Darob ich also ward, als ich's vernommen, Wie jener ist, der in das Grab gelegt wird. Ich streckte mich, verschränkend meine Hände, Und blickt aufs Feuer, lebhaft mich erinnernd Verbrannter einst gesehner Menschenkörper. Da wandten sich nach mir die guten Führer, Und zu mir sprach Virgil: »Mein Sohn, es können Wohl Qualen, doch kann Tod hier statt nicht finden. Erinnre dich, erinnre dich, und wenn ich Selbst auf dem Geryon sicher dich geleitet, Was werd' ich jetzt tun, da ich Gott bin näher? Nimm für gewiß an, daß, wenn tausend Jahre Du auch in dieser Flamme Bauch verbliebest, Sie kahl doch um kein Haar dich machen könnte; Und wenn vielleicht du glaubst, daß ich dich täusche, Tritt hin zu ihr und schaff dir Überzeugung Mit eigner Hand am Saume deines Kleides. Leg' ab anjetzt, leg' ab jedweden Kleinmut, Kehr' dich hierher und schreite mutig weiter.« Doch ich stand fest, nicht horchend dem Gewissen. Als er mich immer noch so fest und starr sah, Sprach er etwas bewegt: »Mein Sohn, sieh, zwischen Beatrix ist und dir nur diese Mauer.« Wie Pyramus bei Thisbes Namen aufschlug Das Aug' und, nah dem Tod schon, auf sie blickte, Damals, als rot die Maulbeer' ist geworden, So wandt', als sich erweicht mein harter Wille, Ich mich zum weisen Hort, den Namen hörend, Der immerdar im Geiste mir emporquillt. Das Haupt drob schüttelnd, sprach er: »Wie nun, bleiben Wir diesseits?« und zu lächeln drauf begann er, Wie ob des Kindes, das bezwingt der Apfel. Dann trat er vor mir her hinein ins Feuer, Statius ersuchend, hinter mir zu gehen, Der erst getrennt uns hatt' auf langer Strecke. Als ich drin war, würd' ich in siedend Glas mich Geworfen haben, um mich abzukühlen; Also war sonder Maßen hier die Hitze. Mein süßer Vater, um mir Trost zu geben, Nur von Beatrix redet' er im Gehen Und sprach: »Mich deucht, ich seh' schon ihre Augen!« Von jenseits leitet' singend eine Stimm' uns, Und wir, allein auf sie nur merkend, traten Heraus dort, wo man in die Höhe steiget. »Venite, benedicti patris mei,« Klang's innerhalb hier eines Lichts, das also Mich überwand, daß ich's nicht anschaun konnte. »Die Sonne sinkt,« fuhr's fort, »es naht der Abend; Bleibt stehen nicht, nein, fördert eure Schritte, So lang' sich schwarz noch nicht der Himmel färbet.« Der Weg erhob sich durch den Felsen grade Nach solcher Seite, daß vor mir die Strahlen Der Sonne, die schon müde war, ich deckte. Viel Stufen nicht versuchten wir, denn hinter Uns merkten schon wir durch des Schattens Schwinden Den Sonnenuntergang, ich und die Weisen; Und eh' in allen unermessnen Teilen Der Horizont den gleichen Anblick zeigte, Und seine Kammern all' die Nacht noch einnahm, Wählt' eine Stufe jeglicher von uns sich Zum Bett, weil die Natur des Bergs zum Steigen Die Fähigkeit mehr als die Lust uns raubte. Gleichwie beim Wiederkäu'n geduldig liegen Die Geisen, welche rasch und dreist erst waren Auf Bergesgipfeln, eh' sie sich gesättigt, Still in dem Schatten, weil die Sonne glühet, Bewahrt vom Hirten, der, auf seinen Stecken Gelehnet, ruht und so gelehnt sie hütet; Und wie der Schäfer, wenn er auswärts herbergt, Vor seiner Herde ruhig übernachtet, Wach' haltend, daß kein Raubtier sie zerstreue: Gleich ihnen waren alle drei wir jetzo, Ich gleich der Geis, und jene gleich dem Hirten, Und beiderseits hielt uns der Fels umschränket. Von dem, was draußen, war hier wenig sichtbar; Doch durch dies Wenige sah ich die Sterne Weit leuchtender und größer als gewöhnlich. So drüber brütend und nach jenen schauend, Ward ich vom Schlaf erfaßt, vom Schlaf, der oftmals Vor der Begebenheit schon hat die Kunde. In jener Stunde, glaub' ich, wo von Osten Zuerst den Berg bestrahlte Cytherea, Die stets zu glühen scheint von Liebesflammen, War mir's als säh' ich jung und schön im Traume Ein Weib auf einem Plane sich ergehen, Das Blumen pflückt' und singend sprach die Worte: »Wer immer fragt nach meinem Namen, wisse, Daß ich bin Lia, so die schönen Hände Ringsum bewegt, sich einen Kranz zu winden. Daß ich im Spiegel mir gefalle, schmück' ich Mich hier, doch meine Schwester Rahel weichet Von ihrem nie und sitzt den ganzen Tag dran. Ihr ist's Ergötzen, ihre schönen Augen Zu sehn, und mir, mit Händen mich zu schmücken; Wie sie das Schaun, befriedigt mich das Handeln.« Und ob der Helle vor des Tages Anbruch, Die um so wonniger dem Pilgrim aufgeht, Je weniger, heimkehrend, fern er herbergt, Floh schon die Finsternis von allen Seiten Und mit ihr auch mein Schlummer, drob ich aufstand, Erhoben sehend schon die großen Meister. »Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen Der Sterblichen Bemühung pflegt zu suchen, Wird deinem Hunger Frieden heut' gewähren,« Sotaner Worte gegen mich bediente Virgil sich, und nie gab's ein Angebinde, Das gleiche Freude je verursacht hätte. So sehr kam Wollen jetzt mir über Wollen, Zu sein dort oben, daß bei jedem Schritt dann Ich mir zum Flug die Federn wachsen fühlte. Als unter uns ganz die durchlaufne Stiege Lag und wir auf der höchsten Stufe standen, Da heftete Virgil auf mich die Blicke Und sprach: »Das zeitliche und ew'ge Feuer Hast du gesehn, o Sohn, und dorthin kamst du, Wo durch mich selbst ich mehr nichts unterscheide. Durch Kunst und Weisheit zog ich bis hierher dich, Dem Wohlgefallen nimm an jetzt zum Führer, Des Steilpfads bist du, bist des Engpfads ledig. Sieh dort die Sonne, dir ins Antlitz leuchtend, Sieh das Gegräs', die Blumen und die Sträuche, Die durch sich selbst allein das Land hervorbringt. Bis wonnerfüllt die schönen Augen kommen, Die weinend mich dir beizustehn bewogen, Kannst sitzen du, kannst wandeln unter jenen. Nicht meines Worts, noch meines Winks mehr harre, Denn frei, gerad' ist, gesund dein Wille jetzt, Und Fehler war's nicht, seinem Sinn zu folgen; Drum über dich verleih' ich Kron' und Mitra dir.« Achtundzwanzigster Gesang Voll Sehnsucht, ringsumher schon und im Innern Des dichten, frischen Gotteswalds zu spähen, Durch den der neue Tag dem Blick gedämpft ward, Verließ den Strand ich, ohne mehr zu zögern, Fortwandelnd Schritt vor Schritt durch das Gefilde, Hin auf die Flur, die duftet' allenthalben. Ein sanftes Wehn, das keinerlei Verändrung War unterworfen, traf mich an die Stirne Nicht stärkeren Stoßes als von leisem Winde, Davon das Laub erzitternd, leicht beweglich, Sich insgesamt nach jener Seite neigte, Wohin der heil'ge Berg zuerst wirft Schatten. Doch so nicht ward's entfernt aus seiner Richtung, Daß aufgehört all ihre Kunst zu üben Die Vöglein auf den Wipfeln droben hätten. Vielmehr im vollen Jubelchor empfingen Die ersten Stunden sie dort in den Blättern, Die ihrem Lied die Grundbegleitung gaben, Gleichwie von Zweig zu Zweig sich mehrt das Rauschen In jenem Pinienwald an Chiassis Strande, Wenn den Scirocco Äolus entfesselt. Getragen hatten mich die läss'gen Schritte Schon in den alten Wald hinein, so daß ich Nicht mehr erblickte, wo ich eingetreten; Und sieh, da hinderte mein Weitergehen Ein Bach, des kleine Wellen nach der Linken Das Gras, das seinem Strand entsproßte, beugten. Die Wässer all', die diesseits sind am reinsten, Sie würden etwas doch von Mischung zeigen Mit jenem im Vergleich, das nicht verhüllet, Obgleich sich's dunkel, immer dunkel unter Dem ew'gen Schatten hinbewegt, der nimmer Die Sonne, noch den Mond dorthin läßt strahlen. Stehn blieb ich mit dem Fuß, doch mit dem Auge Schweift' ich jenseits des Flüßchens, um die große Abwechslung frischer Mai'n dort zu betrachten Und es erschien, wie manchmal unversehens Ein Ding erscheint, das uns ob der Verwundrung Verscheucht jedweden anderen Gedanken, Einsamlich dort ein Weib mir jetzt, das singend Hinging und Blumen lesend aus den Blumen, Mit denen überall ihr Pfad bemalt war. ›O schönes Weib, das an der Liebe Strahlen Sich wärmt, wenn ich dem Angesicht darf trauen, Das Zeugnis von dem Herzen pflegt zu geben, Gefällig sei dir's, dich so weit zu nahen,‹ Sprach ich zu ihr, ›dem Ufer dieses Flusses, Daß ich vernehmen könne, was du singest. Du mahnst mich dran, wie und an welchem Orte Proserpina zur Zeit war, als der Mutter Sie selbst und ihr der Frühling ging verloren.‹ Gleichwie sich mit den Füßen dicht am Boden Und beieinander dreht ein Weib im Tanze, Und einen Fuß kaum setzet vor den andern, Also sich drehend kam sie auf den roten Und gelben Blümlein gegen mich, der Jungfrau Vergleichbar, die den Blick schlägt sittsam nieder; Und meine Bitten stellte sie zufrieden, Sich also nahend, daß zu mir mit seiner Bedeutung jetzt der süße Ton gelangte. Als dort sie stand, wo schon das Gras vom Wasser Des schönen Flusses wird bespült, gewährte Sie mir es, daß nun auf sie schlug die Blicke. Nicht, mein' ich, hat geglänzt so mächt'ges Leuchten Selbst unter Venus' Brauen, da verletzet Ganz gegen seinen Brauch vom Sohn sie wurde. Sie lächelte vom rechten Ufer drüben, Des Bunten mehr mit ihren Händen pflückend, Das sonder Samen sprießt im hohen Lande. Drei Schritte hielt der Fuß uns auseinander, Doch Hellespont, wo Xerxes übersetzte (Ein Zügel noch jedwedem Stolz der Menschen), Ward nicht, weil zwischen Sestos und Abydos Er wogte, von Leander mehr gehasset Als von mir jener, weil er jetzt nicht aufging. »Ihr seid hier neu, und weil an diesem Orte,« Begann sie, »der zur Wiege ward erkiesen Der menschlichen Natur, ich lächle, hält euch Ein Zweifel durch Verwunderung gefangen. Doch Licht gewährt der Psalm drob: ›Delectasti‹ , Der eurem Sinn den Nebel kann zerstreuen, Und du, der Vorderste, der mich gefraget, Sag', ob du andres hören willst; denn willig Komm' ich, auf jede Frage dir zu gnügen.« ›Das Wasser‹ , sprach ich, ›und des Waldes Rauschen Bekämpfen in mir einen neuen Glauben An etwas, das ich dem entgegen hörte.‹ Und sie: »Berichten will ich, wie hervorgeht Aus seiner Ursach' das, drob du dich wunderst, Und so den Dunst zerstreun, der dich ergriffen. Das höchste Gut, sich selbst allein gefallend, Das gut den Menschen schuf und für das Gute, Gab ihm den Ort als Angeld ew'gen Friedens. Durch seine Schuld verblieb er hier nur wenig, Durch seine Schuld verwandelt' er in Kummer Und Zähren süßen Scherz und ehrsam Lachen. Damit die Störung, drunten von des Wassers Und von der Erd' Ausdünstungen erzeuget, Die stets nach Möglichkeit der Wärme nachgehn, Dem Menschen keinen Kampf bereiten möge, Stieg dieser Berg so weit empor gen Himmel Und ist von dort, wo man ihn schließt, des ledig. Dieweil nun allzumal sich durch die erste Umwälzung ringsumher die Luft beweget, Wird nicht ihr Kreislauf irgendwo gebrochen, So trifft in dieser Höh', die, ganz entbunden, In frische Lüfte raget, solch Bewegen Den Wald und macht ihn rauschen, weil er dicht ist. So viel vermag nun die getroffne Pflanze, Daß sie mit ihrer Kraft die Lüfte schwängert, Die kreisend dann sie ringsumher zerstreuen; Das andre Land, nach dem als selbst es oder Sein Himmel würdig ist, empfängt und zeuget Verschiednes Holz nun mit verschiednen Kräften. Nicht würd' es jenseits wohl noch wundernehmen Nach solchem Wort, wenn, ohne daß ein Same Bemerkbar sei, dort Pflanzen sich bekleiden, Und wisse, daß das heilige Gefilde, Wo jetzt du bist, jedweden Samens voll ist Und Frucht in sich hat, die man dort nicht pflücket. Das Wasser, das du siehst, nicht einer Ader Entquillt's, die Dunst ergänzt, von Frost verwandelt, Wie Flüss' aufatmend mehr bald und bald minder; Es kommt aus unversiegbar sichrer Quelle, Der Gottes Wille stets so viel zurückgibt, Als nach zwei Seiten sie geöffnet ausgießt. Von dieser Seit' entströmt's mit Kraft, der Sünden Erinnerung zu tilgen, von der andern Weckt's jeder guten Tat Gedächtnis wieder. Drum, gleich wie Lethe hier, wird es Eunoe Jenseits genannt, und nicht vermag's zu wirken, Ist's hier und dort nicht erst verkostet worden. Kein anderer Geschmack ist dem vergleichbar, Und ob dein Durst auch ganz gestillt sein könnte, Wenn ich ein Mehreres dir nicht entdeckte, Geh ich dir einen Anhang doch aus Gnaden Und meine, minder nicht erfreut mein Wort dich, Ergeht's mit dir sich über mein Versprechen. Die da vor alten Zeiten von des goldnen Geschlechts glücksel'gem Stand gedichtet haben, Sie sahn auf dem Parnaß den Ort im Traum wohl. Hier war unschuldig einst der Menschheit Wurzel; Hier ist stets Lenz, hier jede Frucht zu finden, Nektar ist dies, von dem sie sämtlich sprechen.« Als ich ganz rückwärts jetzt zu meinen Dichtern Mich wendete, bemerkt' ich, daß mit Lächeln Sie diesen letzten Satz vernommen hatten. Dem schönen Weib drauf kehrt' ich zu die Blicke. Neunundzwanzigster Gesang Gleich einem liebesel'gen Weibe singend, Fuhr fort sie, knüpfend an den Schluß der Rede: »Beati quorum tecta sunt peccata,« Und Nymphen ähnlich, die durch Waldesschatten Einsamlich wanderten, die, zu entfliehen Die Sonne wünschend, die, sie zu erblicken, Ging sie dem Fluß entgegen, aufwärts wandelnd Am Strand jetzt, und ich folgt' auf gleicher Höhe Mit ihr den kurzen Schritten kurzen Schrittes. Nicht hatten wir zusammen hundert Schritte Getan, als beide Ufer gleich sich wandten, So daß ich wieder mich gen Aufgang kehrte; Und so auch waren weit wir nicht gegangen, Als sich das Weib ganz nach mir hin jetzt wandte Und also sprach: »Mein Bruder, schau und höre!« Und siehe da! ein Lichtglanz strahlte plötzlich Durch alle Teile hin des großen Waldes, So daß ich ungewiß ward, ob's nicht blitze. Doch da der Blitz nur weilt, wie er gekommen, Doch jenes dauernd mehr und mehr erglänzte, So sprach ich in Gedanken: ›Was ist dieses?‹ Und eine süße Melodie durchbebte Die lichterfüllte Luft, drob guter Eifer Die Keckheit Evens mich bewog zu schelten, Weil dort, wo Erd' und Himmel war gehorsam, Ein Weib allein, das eben erst erschaffen, Vor sich nicht duldete den mind'sten Schleier, Denn wenn sie fromm dahinter war' verblieben, So hätt' ich jene unnennbare Wonne Weit früher schon und längre Zeit genossen. Weil ich durch so viel Erstlinge der ew'gen Glückseligkeit einherging, ganz in Spannung Und mehr der Freuden immer noch begehrend, Da ward vor mir wie ein entzündet Feuer Die Luft dort unter jenen grünen Zweigen, Und schon als Sang vernahm den süßen Ton man: »O ihr hochheil'gen Jungfrau'n, wenn ich Hunger, Frost oder Wachen je für euch erduldet, Treibt wohl ein Grund mich, Lohn dafür zu heischen; Jetzt muß für mich sich Helikon ergießen, Urania mit ihrem Chor mir helfen, Daß Schweres ich erdenk' und setz' in Verse.« Ein wenig weiter spiegelte von Gold mir Der Bäume sieben vor die weite Strecke, Die mitten zwischen mir noch lag und ihnen. Doch als ich war so nah hinzugekommen, Daß am Gemeinschaftlichen, das den Sinn täuscht, Kein Zug durch die Entfernung ging verloren, Da ward die Kraft, die der Vernunft die Rede Bereitet, daß es Leuchter sei'n, jetzt inne Und in des Sanges Stimmen ein Hosianna. Es flammte an dem obern Teil das schöne Gerät dem Monde gleich bei hellem Himmel Um Mitternacht in seines Monats Mitte. Ich wandte voll Verwundrung zu dem guten Virgil mich jetzt, und dieser gab mir Antwort Durch Blicke, minder nicht erfüllt mit Staunen. Drauf wandt' ich wieder den erhabnen Dingen Das Antlitz zu, die gegen uns so langsam, Daß schneller junge Bräute gehn, sich nahten. Mich scheltend, sprach das Weib: »Warum erglühst du So von der Lust an den lebend'gen Lichtern Und schaust das nicht, was hinter ihnen drein kommt?« Jetzt sah ich gleich, als folg' es seinen Führern, Ein Volk dicht hinter jenen, weiß gekleidet, Und nie war diesseits gleiches Weiß zu schauen. Das Wasser glänzte mir zur linken Seite Und warf zurück mir meine linke Hüfte, Wenn ich auf selbes blickte, wie ein Spiegel. Als solchen Stand ich hatt' an meinem Ufer, Daß mich der Fluß allein von ihnen trennte, Hemmt' ich den Schritt, um besser sehn zu können; Und vorwärts sah die Flämmchen jetzt ich gehen, Gefärbet hinter sich den Luftraum lassend, Und ausgestrichnen Pinseln war's vergleichbar, Also, daß oben jener war geteilet Durch sieben Streifen, ganz von jenen Farben, Draus Sol den Bogen, Delia macht den Gürtel. Rückwärts erstreckten jene Banner weiter Sich als mein Blick, und die zu äußerst hatten Zehn Schritte, mein' ich, Abstand voneinander. Es kamen unter jenem schönen Himmel, Den ich geschildert, vierundzwanzig Greise, Stets zwei und zwei, mit Lilien bekränzet; Sie sangen all': »Gebenedeiet bist du Aus Adams Töchtern, und gebenedeiet In Ewigkeit soll deine Schönheit werden.« Als drauf die Blumen nebst dem andern frischen Gegräs' am andern Strand mir gegenüber Vom auserwählten Volke ledig waren, Gleichwie am Himmel Licht dem Lichte folget, Erschienen mir vier Tiere hinter jenen, Gekrönet jegliches mit grünem Laube. Jedwedes war beschwinget mit sechs Flügeln, Die Flügel voller Augen, und die Augen Des Argus wären so, wenn sie noch lebend. Nicht Reime mehr verschwend' ich, Leser, ihre Gestalt zu schildern, denn ein andrer Aufwand Drängt mich, drob ich freigebig hier nicht sein kann. Doch ließ Ezechiel, der sie beschrieben, Wie er gesehn hat, sie von kalter Seite Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer kommen, Und wie du's find'st in seinen Blättern, waren Sie hier, nur daß in Rücksicht auf die Flügel Johannes für mich ist und von ihm abweicht. Der Raum, der von den Vieren war umschlossen, Enthielt, zweirädrig, einen Siegeswagen, Den mit dem Hals ein Greif gezogen brachte. Der steckt' empor die beiden Flügel zwischen Dem mittlern hier und dort und den drei Streifen, So daß, durchschneidend, keinen er verletzte. Dem Blick entzogen jene sich vor Höhe; So weit er Vogel, waren Gold die Glieder, Doch weiß die anderen, mit Rot vermischet. Nicht nur, daß, sei's August, sei's Afrikanus, Mit schönerm Wagen Rom nicht hat erfreuet, Nein, gegen ihn wär' arm selbst der der Sonne, Der Sonnenwagen, der entgleist verbrannt ward Ob des inbrünstigen Gebets der Erde, Als Jupiter geheimnisvoll gerecht war. Drei Frauen kamen an dem rechten Rade, Im Kreise tanzend, also rot die eine, Daß man im Feuer kaum erkannt sie hätte; Die zweite war, gleich als ob Fleisch und Beine Ihr aus Smaragd gebildet worden wären, Die dritte frischgefallnem Schnee vergleichbar, Jetzt wurden von der Weißen sie gezogen, Jetzt von der Roten, und bald schnell, bald langsam Ging nach der letztern Sang der Schritt der andern. Am linken sah ich vier in Festesreigen, Mit Purpur angetan gemäß der Weise Der einen, die drei Augen hatt' im Haupte. Auf die geschilderte Verschlingung folgen Sah ich zunächst zwei Alt', an Tracht verschieden, Doch gleich in Haltung, ehrenhaft und sicher. Der eine schien von den Vertrauten einer Des hohen Hippokrat, den für die Wesen, Die ihr am teuersten, Natur erschaffen; Ums Gegenteil besorget schien der andre Mit einem blinkenden und spitzen Schwerte, So daß jenseits des Bachs er Furcht mir machte. Drauf sah ich viere, demutsvoll im Äußern, Und hinter allen einen Greis allein noch, Zwar schlafend, doch mit sinn'gem Antlitz kommen, Und gleich gekleidet mit der ersten Menge War diese Siebenzahl, doch nicht von Lilien Wand um derselben Häupter, nein, von Rosen Und andern roten Blumen eine Flur sich. Geschworen hätte drob man auf geringen Abstand, daß übern Brau'n sie sämtlich brannten; Und als mir gegenüber war der Wagen, Erklang ein Donner, und dem würd'gen Volke Schien untersagt zu sein das Weitergehen, Und nebst den vordern Fahnen hielten still sie. Dreißigster Gesang Als der Septentrio des ersten Himmels, Der Aufgang nie, noch Untergang gekannt hat, Doch andern Nebel als der Schuld Verschlei'rung, Und der jedweden seine Pflicht hier lehrte, So wie's der tiefre tut dem Steuermanne, Damit das Schiff zum Port gelangen möge, Still stand, da wandte das wahrhaft'ge Volk sich, Das zwischen ihm erst und dem Greifen herkam, Zum Wagen hin, gleichwie zu seinem Frieden; Und einer draus, gleich einem Himmelsboten, »Veni sponsa de Libano,« rief dreimal Er singend, und nach ihm die andern sämtlich. Wie einst beim jüngsten Aufgebot die Sel'gen Schnell jeder aus der Gruft erstehn, mit wieder Erlangter Stimme Alleluja rufend, So hoben ob der göttlichen Basterne Ad vocem tanti senis hundert Diener Und Boten sich empor des ew'gen Lebens. »Benedictus qui venis,« riefen alle Und, ringsumher und drüber Blumen streuend, »Manibus o date lilia plenis.« Oft sah ich wohl beim Anbeginn des Tages Die Morgenseite rosig ganz gefärbet, Und schöne Heitre sonst den Himmel schmücken, Und überschattet so aufgehn das Antlitz Der Sonne, das, gesänftiget durch Dünste, Es lange Zeit das Aug' ertragen konnte. Also von einer Blumenwolk umgeben, Die sich emporhob aus den Engelshänden Und dann zurückfiel innerhalb und draußen, Bekränzt mit Öllaub auf dem weißen Schleier, Erschien ein Weib mir unter grünem Mantel, Gekleidet in lebend'ger Flammen Farbe. Und meine Seele, die so viele Jahre Schon war verblieben, ohne daß von Schrecken In ihrer Gegenwart durchbebt sie worden, Nicht Kenntnis irgend durch das Aug' erlangend, Nur durch geheime Kraft, die von ihr ausging, Empfand die große Macht der alten Liebe. Sobald ins Antlitz mich getroffen hatte Die hohe Kraft, die einst schon mich durchbohret, Eh' noch ich aus der Kindheit war getreten, Wandt' ich zur Linken mich mit jener Demut, Mit der das Kindlein sich zur Mutter flüchtet, Wenn es sich fürchtet, oder wenn's betrübt ist, Um zu Virgil zu sprechen: ›Nicht ein Quentchen An Blut ist mir verblieben, das nicht bebet! Der alten Flamme Zeichen kenn' ich wieder!‹ Allein Virgil hatt' uns verlassen, seiner Beraubt, Virgil, der süßeste der Väter, Virgil, dem ich zum Heile mich ergeben. Nicht konnte, was die erste Mutter alles Verlor, den taugewaschnen Wangen wehren, Daß trüb aufs neue sie durch Tränen wurden. »Dante, ob auch Virgil von dannen gehe, Nicht weine, weine noch nicht, denn zu weinen Ziemt's dir,« sprach sie, »von anderm Schwert verwundet.« Dem Admiral gleich, der auf hohen Schiffen Am Hinterteil und Schnabel die Bedienung Besichtigt und zum Fleiße sie ermuntert, Erblickt' ich an des Wagens linkem Rande, Umwendend auf den Klang mich meines Namens, Der aus Notwendigkeit hier wird verzeichnet, Das Weib jetzt, das mir erst verschleiert unter Dem Festgepräng' der Engel war erschienen, Jenseits des Bachs nach mir das Auge richtend; Obgleich der Schleier, von dem Haupt ihr wallend, Der mit Minervas Laube war umkreiset, Sie noch nicht offenbar mir ließ erscheinen. Und königlich, annoch mit strenger Haltung Fuhr jetzt sie fort gleich jenem, der da redet, Allein die glüh'ndsten Worte noch zurückhält: »Schau mich recht an, ich bin, ich bin Beatrix. Wie, hältst du's wert, den Berg nun zu ersteigen? Wußtest du nicht, daß hier der Mensch ist glücklich?« Das Auge sank zum klaren Quell mir nieder, Doch weil ich drin mich sah, wandt' ich's zum Grase; So viele Scham beschwerte mir die Stirne. Also erscheint die Mutter stolz dem Sohne, Wie jene mir anjetzt erschien, weil bitter Ist von Geschmack die Kost der herben Liebe. Sie schwieg, und gleich begannen drauf die Engel Zu singen: »In te Domine, speravi« , Doch kamen sie nicht über »pedes meos« . Gleichwie der Schnee langhin auf Welschlands Rückgrat Gefrieret zwischen den lebend'gen Stämmen, Wenn ihn Slavoniens Wind anhaucht und härtet, Doch dann zergehend in sich selbst versickert, Sobald's vom Land weht, das des Schattens bar wird, Dem Feuer, das die Kerze schmelzet, ähnlich; Also war sonder Tränen ich, noch Seufzer, Eh' jene sangen, die mit ihren Tönen Den Tönen stets der ew'gen Kreise folgen. Doch als ich aus den süßen Melodien Ihr Mitleid wahrnahm, mehr, als wenn gesaget Sie hätten: »Weib, warum ihn so erschüttern?« Da ward der Frost, der mir ums Herz sich drängte, Zu Hauch und Wasser und entlud sich angstvoll Durch Aug' und Mund zugleich aus meinem Busen. Sie, fest annoch an der erwähnten Seite Des Wagens stehend; richtet' ihre Worte Also darauf an jene frommen Wesen: »Ihr wacht im ewig wandellosen Tage, So daß nicht Nacht noch Schlummer euch entziehet Je einen Schritt der Zeit auf ihrem Wege; Drum ich in meiner Antwort mehr besorgt bin, Daß jener mich versteh', der jenseits weinet, Damit von gleichem Maße Schuld und Schmerz sei. Nicht durch das Werk allein der großen Kreise, Die einem Ziel zuführen jeden Samen Dem Sternenstand gemäß, der ihn begleitet, Nein, durch Freigebigkeit der Gnade Gottes, Die aus so hehren Dünsten ihren Tau zieht, Daß unser Blick dorthin sich nicht kann nahen, Ward dieser so in seinem neuen Leben Befähiget, daß jede rechte Sitte Sich wunderbar in ihm bewähret hätte. Doch um so schlimmer wird das Land und wilder Durch schlechten Samen und des Anbaus Mangel, Je mehr's an guter Bodenkraft besitzet. Aufrecht hielt ihn mein Antlitz eine Weile, Und ihm die jugendlichen Augen zeigend, Führt' ich mit mir ihn in gerader Richtung. Sobald ich, auf des zweiten Alters Schwelle Gelanget, Leben jetzt gewechselt hatte, Entzog er mir sich und ergab sich andern. Als ich vom Fleisch zum Geist emporgestiegen, Und Schönheit mir und Tugend war gewachsen, Ward ich ihm minder angenehm und teuer, Und seinen Schritt wandt' er durch irre Pfade, Die falschen Bilder eines Guts verfolgend, Die das Versprochne nimmermehr erfüllen. Nichts half's, Eingebungen ihm zu erflehen, Mit denen ich zurück ihn rief in Träumen, Und sonst, so wenig achtet' er auf solche, So tief sank er hinab, daß alle Mittel Zu seinem Heil schon unzureichend waren, Als nur, ihm das verlorne Volk zu zeigen. Deshalb besucht' ich selbst der Toten Ausgang Und richtete an den, der hier herauf ihn Geführet hat, mit Tränen meine Bitten. Der hehre Ratschluß Gottes wär' gebrochen, Wenn Lethe man durchschritt' und solche Speise Gekostet würd', ohn' irgend zu entrichten Der Reue Zoll, die Tränen macht vergießen.« Einunddreißigster Gesang »O du, der jenseits ist des heil'gen Stromes,« Ihr Wort jetzt mit der Spitze nach mir richtend, Das mit der Schneide schon mir herb erschienen, Begann fortfahrend ungesäumt sie wieder, »Sprich, sprich, ist solches wahr? denn zu so großer Anklage muß doch dein Geständnis kommen.« Also war meine Kraft erschüttert worden, Daß zwar die Stimme sich bewegt', allein schon, Eh' sie sich vom Organ gelöst, verlöschte. Ein wenig harrend, sprach sie dann: »Was sinnst du? Gib Antwort, denn des Übels Angedenken Ist noch in dir vom Wasser nicht verletzet.« Furcht und Verwirrung in Verbindung preßten Ein solches ›Ja!‹ hervor mir aus dem Munde, Das zu verstehn man des Gesichts bedurfte. Gleichwie die Armbrust sprenget, wenn sie losgeht Ob allzugroßer Spannung, Strang und Bogen Und minder schnell das Ziel dann trifft der Bolzen, Also, von jener schweren Last zersprenget, Entlud ich mich durch Tränen und durch Seufzer, Und meine Stimme stockt' in ihrem Ausgang. Und sie darob zu mir: »In deinem Sehnen Nach mir, das dich ein Gut zu lieben lehrte, Darüber man nicht Höh'res kann erstreben, Was fand'st für vorgezogne Gräben oder Für Ketten du, die dich der Hoffnung, vorwärts Zu dringen, also nur berauben durften? Und welch erleichternd Wesen, welcher Vorteil Hat auf der Stirn der andern sich gezeiget, Daß du zu ihnen hinzuwandeln brauchtest?« Nachdem ich ausgehaucht ein bittres Seufzen, Konnt' ich zur Antwort kaum die Stimme finden, Und mühsam gaben ihr Gestalt die Lippen, Und weinend sprach ich: ›Meine Schritte wandten Mit falscher Lust die gegenwärt'gen Dinge, Sobald sich Euer Antlitz mir verborgen.‹ Und sie: »Wenn du verschwiegst auch oder läugnet'st, Was du gestehst, nicht minder wüßte drum man Um deine Schuld doch; solch ein Richter kennt sie. Doch wenn aus eignem Angesicht der Sünde Anklage bricht hervor, dann kehrt in unserm Gericht das Schleifrad sich der Schneid' entgegen. Indes, damit du besser Scham empfindest Ob deines Irrtums und, wenn die Sirenen Du hörst ein andermal, dich stärker zeigest, Leg' ab der Tränen Samen jetzt und horche, Daß du vernehm'st, wie mein begrabner Leib dich In umgekehrter Richtung treiben sollte. Nie bot Natur dir oder Kunst ein größres Ergötzen als die schönen Glieder, drin ich Verschlossen war, und die zerstreut als Staub jetzt. Und wenn die höchste Lust dich so getäuscht hat Durch meinen Tod, welch sterblich Wesen durfte Dich ferner noch, sein zu begehren, locken? Wohl solltest du dich bei dem ersten Streiche Der trügerischen Dinge aufwärts schwingen Mir nach, die nicht zu solchen mehr gehörte. Nicht durfte dir die Flügel abwärts drücken, Mehr Schläge zu erwarten, sei's ein Mägdlein, Sei's andrer Tand vergänglichen Gebrauches. Ein unerfahren Vöglein wartet's zweimal Und dreimal ab; doch fruchtlos vor den Augen Der Flüggen spannt' ein Netz man oder schösse.« Den Kindlein ähnlich, die, voll Scham verstummend, Die Augen an den Boden, stehn und horchen, Die eigne Schuld erkennend und bereuend, Also stand ich, und jene sprach: »Ob auch dich, Was du vernommen, schmerzt, erheb' den Bart jetzt, Und größern Schmerz wirst aus dem Schaun du schöpfen.« Mit minderm Widerstand wird eine mächt'ge Zirneich' entwurzelt, sei es durch den Auster, Sei's durch den Wind, der weht von Jarba's Lande, Als ich auf ihr Gebot das Kinn emporhob; Und da durch »Bart« sie das Gesicht bezeichnet, Erkannt' ich wohl den Stachel des Gedankens. Und als mein Angesicht ich aufwärts streckte, Da sah mein Blick, daß inne jetzt gehalten Mit Blumenstreun die Urgeschöpfe hatten; Und meine Augen, noch unsicher, sahen Beatrix nach dem Tier gewandt, das einzig In einerlei Person faßt zwei Naturen. Bedeckt vom Schlei'r, jenseits des grünen Strandes Besiegte sie, wie einst sie war, sich selber Mehr als, so lang sie hier noch war, die andern. Da brannte mich so sehr der Reue Nessel, Daß von dem andern all, was mich am meisten Zu seiner Liebe zog, zumeist mir Feind ward. Also ergriff mein Herz jetzt Selbsterkenntnis, Daß übermannt ich hinsank, und wie jetzt ich Geworden, weiß nur sie, die's hat verursacht. Drauf, als mirs Herz nach außen Kraft zurückgab, Sah ich das Weib, das ich allein gefunden, Jetzt über mir, und »Fass' mich! fass' mich!« rief es, Versenkt hatt's in den Fluß mich bis zum Schlunde, Und hinter sich einher mich ziehend, ging es Leicht wie ein Weberschiff hin auf dem Wasser. Als nah' ich kam dem seligen Gestade, Hört' ich » asperges me « so lieblich, daß ich's Nicht wiederdenken kann, noch minder schreiben. Die Arm' erschloß das schöne Weib, umarmte Mirs Haupt und tauchte dann so tief mich unter, Daß ich das Wasser hinterschlucken mußte. Dann zog sie mich heraus, also gebadet Darbietend mich dem Tanz der holden viere, Davon mich jede mit dem Arm bedeckte. »Hier sind wir Nymphen und am Himmel Sterne; Eh' niederstieg zur Welt Beatrix, wurden Zu ihren Dienerinnen wir bestimmet. Wir führ'n zu ihren Augen dich, doch werden Fürs heitre Licht, das drin ist, erst die dreie Jenseits, die tiefer schaun, die deinen schärfen.« Also begannen singend sie und führten Mich dann mit sich hin zu der Brust des Greifen, Wo nach uns zu Beatrix stand gewendet. Sie sprachen: »Schone hier nicht deine Blicke, Wir stellten den Smaragden dich genüber, Draus Amor sein Geschoß auf dich einst schnellte.« Wohl tausend Wünsche, heiß wie Flammen, zogen Die Augen nach den glanzerfüllten Augen Mir hin, die fest nur auf dem Greifen ruhten. Gleich wie die Sonn' im Spiegel, also strahlte Das Doppeltier darinnen, bald die einen Und bald die anderen Gebärden zeigend. Bedenke, Leser, ob ich mich verwundert, Als ich die Sache selber unverrücket Sah stehn, indes sich änderte ihr Abbild. Weil, so erfüllt mit Staunen und beseligt, Mein Geist von jener Speise kosten durfte, Die, sättigend mit sich, nach sich gibt Hunger; Sich von erhabnerem Geschlecht erweisend Im Wesen, traten vor die andern dreie, Nach ihren Engelsmelodien tanzend. »Kehr', o Beatrix, kehr' die heil'gea Augen,« Also war ihr Gesang, »nach deinem Treuen, Der, dich zu sehn, so viel den Schritt bewegt hat. Aus Gnaden gib die Gnad' uns, daß du deinen Mund ihm entschleierst, so daß er erkenne Die zweite Schönheit, die du hältst verborgen.« O Widerglanz lebend'gen ew'gen Lichtes, Wer machte unter des Parnassus Schatten So bleich sich oder trank aus seinem Brunnen, Daß sein Gedächtnis nicht behindert schiene, Wollt' er dich schildern, wie du dich gezeiget, Wo dich mit Harmonien umwebt der Himmel, Als du den offnen Lüften dich enthülltest! Zweiunddreissigster Gesang So fest und achtsam waren meine Augen, Das Sehnen des zehnjähr'gen Dursts zu stillen, Daß ganz erloschen jeder andre Sinn war; Und jene hatten hier und dort wie Wände, Drob nichts gewahr sie wurden; also lockte Sie mit dem alten Netz das heil'ge Lächeln, Als mit Gewalt das Angesicht zur Linken Durch jene Göttinnen mir ward gewendet, Weil ich ein »allzu starr!« vernahm von ihnen, Und jene Stimmung, die zum Sehn in Augen Sich findet, wenn sie eben trifft die Sonne, Beraubt' auf kurze Zeit mich des Gesichtes. Doch als ans Wenig sich mein Blick gewöhnet, Ans Wenig sag' ich im Vergleich zum mächtig Fühlbar'n, davon ich mich gewaltsam losriß, Sah nach dem rechten Arm ich umgewendet Das ruhmgekrönte Heer und rückwärtskehren, Die sieben Flammen und die Sonn' im Antlitz. Wie unter Schilden, die Gefahr zu meiden, Sich kehrt der Trupp, abschwenkend um die Fahne, Eh' er in sich die Stellung ganz gewechselt, Also zog die Miliz des Himmelreiches, Die da vorausging, ganz an uns vorüber, Bevor das erste Holz noch bog der Karren. Die Frau'n dann traten wieder an die Räder, Und die gebenedeite Last zog weiter Der Greif, an keiner Feder drob erschüttert. Das schöne Weib, das mich die Furt hindurchzog, Statius und ich, wir folgten jenem Rade, Das sein Geleis in engerm Bogen krümmte. So wallten durch den hohen Forst wir, öde Durch jener Schuld noch, die geglaubt der Schlange, Nach Engelstönen mäßigend die Schritte. Es hinterlegt entfesselt in drei Flügen Ein Pfeil so vielen Raum wohl, als entfernet Wir uns schon hatten, da Beatrix abstieg, Und insgesamt hört' ich sie »Adam« murmeln. Dann kreisten sie um einen Baum, von Blüten Und anderm Laub beraubt an allen Zweigen. Sein Haupthaar, das sich um so mehr verbreitet, Je höher man hinaufkommt, würden Indier In ihren Wäldern ob der Höh' bewundern. »Heil dir, o Greif, daß nichts du mit dem Schnabel Von diesem Holz abstreifst, das süß dem Gaumen, Weil schlimm darob der Bauch sich winden müßte!« So riefen um den mächt'gen Baum die andern Ringsum, und jenes Tier, zwiefach gezeuget: »So wird der Samen alles Rechts erhalten!« Und sich zur Deichsel wendend, die's gezogen, Schleppt' es zum Fuß sie des verwaisten Baumes, Sie, die von ihm war, dran gebunden lassend. Wie unsre Bäume hier, wenn sich hernieder Das große Licht ergießet, untermischet Mit dem, das hintern Himmelskarpfen strahlet, Anschwellen, und dann in der eignen Farbe Sich jeglicher erneut, bevor die Sonne Noch unter anderm Stern anschirrt die Rosse, Nicht rot wie Rosen ganz, doch mehr denn Veilchen Die Farb' entfaltend, ward verjüngt der Baum jetzt, Des Äste so verödet erst gewesen. Nicht konnt' ich sie verstehn, noch singet hier man Die Hymne, die das Volk anjetzt gesungen, Noch auch ertrug die Weis' ich bis zum Schlusse. Könnt' ich beschreiben, wie, von Syrinx hörend, Entschlummerten die mitleidslosen Augen, Die Augen, längre Wacht so schwer einst büßend, Dem Maler gleich, der malt nach einem Vorbild, Abzeichnen würd' ich, wie ich eingeschlafen; Doch das Entschlummern mag, wer will, recht schildern. Darum geh' über ich zu dem Erwachen Und sage, mir zerriß ein Glanz den Schleier Des Schlummerns und der Ruf: »Steh auf, was tust du?« Gleichwie, zu schaun des Apfelbaumes Knospen, Nach dessen Frucht die Engel sind begierig, Und der ein ewig Brautmahl beut im Himmel, Geführet, Petrus, Jakob und Johannes Aus ihrer Ohnmacht auf das Wort erwachten, Das schwerern Schlummer schon gebrochen hatte, Und ihre Brüderschaft vermindert sahen Sowohl um Moyses als um Elias Und das Gewand verändert ihres Meisters; Also erwacht' ich jetzt, und jene Fromme Sah über mir ich stehn, die erst am Flusse War meiner Schritte Führerin gewesen. ›Wo ist Beatrix?‹ sprach ich ganz in Zweifel. Doch jene drauf zu mir: »Schau, wie sie sitzet Dort unterm neuen Laub an dessen Wurzel! Schau die Genossinnen, die sie umgeben! Dem Greif nachgehn die anderen nach oben Mit süßerm Liede und von tieferm Sinne.« Und ob noch weiter sich ihr Wort verbreitet, Nicht weiß ich's; denn schon faßten meine Blicke Sie, die den Sinn mir schloß für alles andre. Sie saß allein hier auf dem echten Lande, Zurückgeblieben als des Karrens Hüt'rin, Den ich durchs Doppeltier befest'gen sehen. Im Kreise bildeten um sie ein Gitter Die sieben Nymphen, in der Hand die Lichter, Die sicher sind vor Aquilo und Auster. »Hier bleibst du nur auf kurze Zeit als Fremdling, Und bist dann ewiglich mit mir ein Bürger In jenem Rom, wo Christus ist ein Römer. Darum zum Heil der Welt, die schlimm jetzt lebet, Heft' auf den Karr'n die Blick', und was du schauest, Wenn du von dort zurückkehrst, schreibe nieder.« Beatrix so zu mir, und ich, der ihrem Befehle lag demütig ganz zu Füßen, Wandt' Aug' und Sinn dorthin, wo sie's begehrte. Nie fiel mit solcher Schnelligkeit herab noch Aus dichter Wolk' ein Feuer, wenn der Regen Von der entferntsten Grenze niederströmet, Als durch den Baum herab ich Jovis Vogel Sah schießen, nicht allein die neuen Blätter Und Blüten schädigend, nein, auch die Rinde; Und mit der ganzen Kraft traf er den Karren, Der wich wie's Schiff im Sturm, das bald am Backbord, Am Steuerbord bald von der Flut besiegt wird. Und in den Schoß darauf des sieggekrönten Fuhrwerks sah einen Fuchs empor ich schleichen, Der jeder guten Kost schien zu entbehren; Doch häßliche Verschuldung vor ihm haltend, Trieb dann in solche Flucht ihn meine Herrin, So weit es möglich den entfleischten Knochen. Drauf sah von dort ich, wo zuerst er herkam, Den Adler in des Karrens Arche stürzen Und sie bedeckt mit seinen Federn lassen. Und wie's dem Herzen, das sich grämt, enttönet, So kam vom Himmel eine Stimm' und sagte: »Mein Schifflein, ach, was bist du schlimm beladen!« Drauf schien's, als ob sich zwischen beiden Rädern Die Erd' auftät und draus ein Drach' entstiege, Der durch den Karr'n den Schwanz nach oben steckte; Und gleich der Wespe, die den Stachel einzieht, Zog er, mitschleppend einen Teil des Bodens, Den schlimmen Schweif an und ging irren Schritts fort. Was übrig blieb, bedeckte sich, wie Grasung Fruchtbares Land bedeckt, mit dem Gefieder, Aus reiner guter Absicht wohl geboten, Und beide Räder und die Deichsel wurden Davon bedeckt in solcher Frist, daß länger Ein Seufzer mag den Mund erschlossen halten. Dem heiligen Gebäude, so verwandelt, Entsproßten Häupter aus verschiednen Teilen, Drei auf'der Deichsel, eins in jeder Ecke. Die ersten waren Stieren gleich gehörnet, Doch nur ein Horn trug jede Stirn der viere; Nie war zu schaun ein ähnlich Ungeheuer. Voll Trotz gleich einer Burg auf hohem Berge Schien mir entblößt auf jenem eine Hure Zu sitzen, rings behend die Augen wendend; Und daß man, schien's, ihm sie nicht rauben möge, Sah neben ihr ich einen Riesen stehen, Und mehr als einmal küßten sie einander. Doch weil die Blicke sie, die lüstern schweiften, Nach mir gewendet, geißelte vom Kopfe Bis zu der Sohle sie der wilde Buhle, Dann voll des Argwohns und im grimmen Zorne Löst' er das Ungetüm und zog's so weit hin Im Wald, daß der allein schon vor der Hure Und vor dem neuen Untier mir zum Schild ward. Dreiunddreissigster Gesang »Deus, venerunt gentes« , von den Frauen Bald drei, bald vier im Wechselchor begannen Den süßen Psalmensang anjetzt mit Tränen, Und seufzend horcht' und mitleidsvoll auf jene Beatrix, so gestaltet, daß verändert Kaum unterm Kreuze mehr sich hat Maria. Doch als die andern Jungfrau'n ihr zum Sprechen Gegeben Raum, erhob sie aufrecht sich Und gab zur Antwort, feuerrot gefärbet: »Modicum et non videbitis me Et iterum , o ihr geliebten Schwestern, Modicum et vos videbitis me.« \ Drauf setzte vor sich her sie alle sieben, Und winkend ließ sie hinter sich einhergehn Das Weib, mich und den Weisen, der zurückblieb. Also ging fort sie, und nicht, mein' ich, war noch Ihr zehnter Schritt gesetzet auf den Boden, Als mit den Augen sie mir traf die Augen, Und ruh'gen Angesichtes: »Komm geschwinder,« Sprach sie zu mir, »daß, wenn mit dir ich rede, Du wohl befähigt seist, mir zuzuhören.« Als ich bei ihr jetzt war, so wie ich sollte, Begann zu mir sie: »Bruder, was getraust du Dich nicht zu fragen, wenn du mit mir gehest?« Wie's jenen geht, die, sprechend vor den Obern, Zu sehr voll Ehrfurcht sind, so daß die Stimme Lebendig nicht bis zu den Zähnen dringet, Ging mir's, weil ich, des vollen Lauts entbehrend, Also begann: ›O Herrin, mein Bedürfnis Ist Euch bekannt und was dafür mir gut ist.‹ Und sie darauf zu mir: »Ich will, daß endlich Von Furcht und Scham du jetzt dich lösen mögest, Damit gleich Träumenden nicht mehr du sprechest. Wiss', das Gefäß, zerbrochen durch die Schlange, War und ist nicht; doch wer dran Schuld hat, glaube, Daß Gottes Rache sich nicht scheut vor Tunken. Nicht alle Zeit wird sonder Erben bleiben Der Adler, der die Federn ließ im Karren, Drum er zum Untier ward und dann zur Beute; Denn zweifellos seh' ich, und drum bericht' ich's, Den Sternenstand sich nahn, der eine Zeit gibt, Vor jedem Hindernis und Hemmnis sicher, In welchem ein ›Fünfhundertzehn und fünfe‹ , Von Gott gesendet, wird die Vettel töten Und jenen Riesen, welcher mit ihr sündigt. Und wenn dich mein Bericht vielleicht, der dunkel Wie Sphinx und Themis, minder überzeuget, Weil er nach ihrer Art den Sinn verwirret, So werden die Begegnis' als Najaden Alsbald dir doch dies schwere Rätsel lösen Ohn' allen Schaden an Getreid' und Herden. Du merk' es an, und wie dir meine Worte Ich bot, so lass' den Lebenden sie wissen Des Lebens, das ein Laufen ist zum Tode; Und denke dran, wenn du sie niederschreibest, Daß du nicht bergest, wie den Baum du sähest, Der jetzt zweimal hier ist beraubet worden. Wer immer ihn beraubt, wer ihn verletzet, Beleidigt Gott durch Lästerung in Taten, Der heilig ihn sich zum Gebrauch erschuf nur. Weil sie von ihm gebissen, wünschte sehnlich Mit Schmerz den, der den Biß an sich gestrafet, Mehr denn fünftausend Jahr' die erste Seele. Dein Geist muß schlummern, wenn er nicht begreifet, Daß aus besonderm Grund also erhaben Er ist und so verkehrt an seinem Wipfel; Und wären Elsa's Wässer nicht gewesen Um deinen Sinn die eitelen Gedanken, Und ihre Lust ein Pyram an der Maulbeer', Du würdest schon allein an so viel Zeichen Gottes Gerechtigkeit in dem Verbote Am Baum erkennen im moral'schen Sinne. Doch weil ich am Verstande ganz versteinert Und durch die Sünde dich gefärbt erblicke, So daß das Licht dich meiner Worte blendet, Will ich, wenn nicht geschrieben, doch gemalet, Daß du mit dir davon sie tragest, wie man Den Pilgerstab mit Palmen bringt geschmücket.« Und ich darauf: ›Gleichwie das Wachs vom Siegel, Des Abbild jenes dann nicht mehr verändert, So ward von Euch jetzt mein Gehirn gestempelt. Doch weshalb flieget Euer heißersehntes Wort so viel höher, als mein Blick kann reichen, Der's mehr verliert, je mehr er ab sich mühet?‹ »Damit du,« sprach sie, »jene Schul' erkennest, Der du gefolgt, und seh'st, wie ihre Lehre Imstand ist, meinen Worten nachzufolgen, Und seh'st, wie euer Weg von Gottes Wege So weit abweichet, als die Erd' entfernt ist Von jenem Himmel, der am höchsten eilet.« Ich drauf zu ihr: ›Nicht kann ich mich erinnern, Daß ich mich je von Euch entfremdet hätte, Noch hab' ich des Bewußtsein, das mir's rüge.‹ »Und wenn du dessen dich nicht kannst entsinnen,« Antwortete sie lächelnd: »so gedenke, Daß eben erst von Lethe du getrunken; Und wie vom Rauche man aufs Feuer schließet, So zeigt solch ein Vergessen klar, daß schuldig Du warst, als sich dein Wunsch auf andres wandte. Von jetzt an werden wahrlich meine Worte, Ganz unverhüllet sein, so weit sich's ziemet, Daß ich sie deinem rohen Blick entdecke.« Und glüh'nder schon und mit langsamern Schritten Behauptete den Mittagskreis die Sonne, Der unserm Standpunkt nach bald hier, bald dort ist, Als jetzt die sieben Frau'n, wie einer stillhält, Der einer Schar vorausgeht als Geleite, Wenn Neues ihm auf seiner Spur begegnet, Am Saum stillhielten eines blassen Schattens, Wie unter grünem Laub und dunkeln Zweigen Das Hochgebirg ihn trägt an kühlen Strömen. Vor ihnen deuchten Euphrat mir und Tigris Aus einer Quelle hier hervorzukommen Und Freunden gleich nur zögernd sich zu trennen, ›0 Licht, o Ruhm des menschlichen Geschlechtes, Welch Wasser ist dies, das von einem Ursprung Sich breitet aus und von sich selbst sich trennet?‹ Auf solche Bitte ward gesagt mir: »Bitte Mathilde, dir's zu sagen,« und zur Antwort Gab, dem gleich, der die Schuld von sich hinwegwälzt, Das schöne Weib: »Dies und noch andre Dinge Hab' ich ihm schon gesagt, und sicher bin ich, Daß Lethes Flut sie ihm nicht hat verborgen.« Beatrix drauf: »Vielleicht hat größre Sorge, Die oftmals der Erinnrung uns beraubet, Jetzt für das Sehen seinen Geist verdunkelt; Doch sieh Eunoe, welche dort entspringet, Führ' ihn zu ihr, und, wie du immer pflegest, Beleb' ihm die erstorbne Kraft aufs neue!« Wie sich die edle Seele nicht entschuldigt, Nein, zu dem seinen macht des andern Willen, Sobald nach außen ihn ein Zeichen kundtut, Also, nachdem sie mich erfaßt, bewegte Das schöne Weib sich jetzt und sprach zu Statius Auf adeliger Frauen Art: »Komm mit ihm!« Wenn ich, o Leser, größern Raum zum Schreiben Noch hätte, möcht' ich wohl zum Teil besingen Den süßen Trank, dran nimmer satt ich würde; Doch weil erfüllt schon sind die Blätter alle, Gewoben für dies zweite Lied, so halten Vom Weitergehn die Zügel mich der Kunst ab. Zurück kehrt' ich von den hochheil'gen Fluten, Ganz umgeschaffen gleich der jungen Pflanze, Wenn sie mit jungem Laube sich verjünget, Rein und bereit zum Aufstieg nach den Sternen. Das Paradies Erster Gesang Die Herrlichkeit des, der das All beweget, Durchdringt die Weltgesamtheit und erglänzet An einem Ort mehr, am andern minder. Im Himmel, der zumeist sein Licht empfänget, War ich und sah, was wieder zu berichten Nicht weiß und nicht vermag, wer dort herabkommt; Weil sich, dem Ziele nahend seines Sehnens, Der menschliche Verstand so weit vertiefet, Daß kein Erinneren von dort zurückkehrt. Doch, so viel immer von dem heil'gen Reiche Als Schatz ich im Gedächtnis sammeln konnte, Das soll den Stoff jetzt meines Liedes bilden. O gütiger Apoll, zur letzten Arbeit Mach' deiner Kraft Gefäß mich, wie du's heischest, Um den geliebten Lorbeer zu verleihen! Bis hierher war mir ein Joch des Parnassus Genug, denn jetzt muß ich mit allen beiden Die Rennbahn, die noch übrigbleibt, betreten. In meinem Busen kehr' drum ein und hauche, Wie damals du getan, als du gezogen Den Marsyas aus seiner Glieder Scheide. O Gotteskraft, wenn du dich mir gewährest, So daß den Schatten ich des sel'gen Reiches Im Haupt mir ausgepräget offenbare, Wirst du zu deinem teuren Baum mich kommen Und mich bekränzen sehn dann mit dem Blatte, Des mich mein Stoff, des du mich würdig machest. So selten nur, o Vater, pflückt von solchem Zum Siegesschmuck ein Cäsar oder Dichter, (O Schuld und Schmach des menschlichen Verlangens!) Daß Freude das Penesche Laub der heitern Delphischen Gottheit wohl gewähren sollte, Wenn's noch bei einem Durst nach sich erwecket. Geringern Funken folgt oft große Flamme, Vielleicht daß man nach mir mit bessrer Stimme Einst flehen wird, daß Antwort Cirrha gebe. Den Sterblichen steigt aus verschiednen Schlünden Das Licht der Welt empor, allein aus jenem, Wo sich vier Kreise in drei Kreuzen binden, Tritt sie, mit besserm Lauf und besserm Sterne Vereint, hervor, und mehr nach eigner Weise Gibt sie dem ird'schen Wachs Gepräg' und Fügung. Fast hatte jenseits Morgen, diesseits Abend Der Schlund gemacht, und jene Hemisphäre War ganz dort weiß und schwarz die andre Hälfte, Als ich Beatrix nach der linken Seite Gewendet sah und in die Sonne blicken. Kein Adler hat sie je so angeschauet! Und wie dem ersten Strahl pflegt zu entspringen Ein zweiter, wiederum dann aufwärts steigend, Dem Pilgrim ähnlich, welcher heim will kehren, So kam aus ihrem Akt, durchs Aug' einströmend In meine Phantasie, der mein', und fest hin Zur Sonne blickt' ich, unserm Brauch entgegen. Viel, was hier statthaft nicht, ist unsern Kräften Gestattet dort aus Gunst des Orts, der eigens Der Menschheit ward zum Aufenthalt geschaffen. Nicht lange trug ich sie, noch auch so kurz nicht, Daß ich sie rings nicht Funken sprühn sah, ähnlich Dem Eisen, wenn es glüh'nd kommt aus dem Feuer. Und plötzlich schien mir Tag zu Tag gefüget, Als hätte jener, der da kann, den Himmel Mit einer andern Sonne noch geschmücket. Beatrix stand, ganz auf die ew'gen Kreise Geheftet ihren Blick, und ich, die Augen Auf sie geheftet, abgewandt von droben, Ward innerlich in ihrem Anschaun also, Wie Glaucus, kostend von dem Kraut, durch das er Genosse ward im Meer der andern Götter. Verzückung! sie vermöchte man durch Worte Zu schildern nicht; drum gnüge jenes Beispiel, Wem Gnad' es zu erfahren aufbewahret. Ob ich von mir der Teil nur, den zuletzt du Erschufst, o Liebe, die den Himmel lenket, Du weißt's, die du mich hobst mit deinem Lichte. Als mich das Rad, das ewiglich du umschwingst, Ersehnter, mit der Harmonie nach sich zog, Die du verteilest und zusammenstimmest; Da schien mir durch der Sonne Flamm' erglühend So viel vom Himmel, daß kein Fluß, noch Regen Je einen See schuf, der so weit sich dehnte. Der neue Ton, das große Licht erweckte Nach ihrem Grund in mir solch ein Verlangen, Wie ich's noch nie gefühlt von gleicher Schärfe. Und jene, die mich sah, wie ich mich selber, Um mir zu stillen die bewegte Seele, Erschloß den Mund, eh' ich's noch tat zum Fragen, Und fing so an: »Du selbst machst dich durch falsche Vorstellung irre, so daß du nicht siehest, Was sehn du würdest, wenn du sie verscheuchtest. Du bist nicht, wie du glaubest, auf der Erde; Doch lief ein Blitz, der eignen Stätt' entfliehend, So schnell als du nicht, der zu ihr zurückkehrt.« Wenn ich vom ersten Zweifel ward gelöset Durchs kurze Wort, das sie mir zugelächelt, So hielt ein neuer mehr mich drauf umstricket, Und also sprach ich: ›Schon befriedigt ruht' ich Von großem Staunen aus, allein jetzt staun' ich, Wie diese leichten Körper ich durchsteige.‹ Sie drauf, nach frommem Seufzer auf mich wendend Die Augen, mit dem Blicke, den die Mutter Wirft auf das Kindlein, das im Fieberwahn liegt, Begann: »Die Dinge samt und sonders stehen In Ordnung unter sich, und eben sie ist Die Form, durch die das Weltall Gott wird ähnlich. Hier sehen die erhabenen Geschöpfe Die Spur der ew'gen Kraft, die da das Ziel ist, Zu dem bestimmt ist die berührte Regel. Der Ordnung zugeneigt, die ich erwähnet, Sind die Naturen alle, durch verschiednes Geschickt dem Urquell näher bald, bald ferner; Darum bewegen nach verschiednen Häfen Durchs große Meer des Seins sie sich, und jede Von einem ihr gegebnen Trieb geführet. Der trägt das Feuer aufwärts nach dem Monde; Der ist in ird'schen Herzen der Beweger; Der eint und zieht die Erd' in sich zusammen. Und die Geschöpfe nicht allein, die sonder Intelligenz sind, schnellet dieser Bogen, Nein, jen' auch, die Verstand und Liebe haben. Die Vorsehung, die all dies Große ordnet, Hält durch ihr Licht in ew'ger Ruh' den Himmel, In dem sich der dreht, der am meisten eilet. Und jetzt dorthin als zum bestimmten Sitze Trägt uns die Kraft von dannen jener Sehne, Die heiterm Ziel zuführt, was sie entschnellet. Wahr ist's, daß, wie gar öfters das Gebilde Nicht übereinstimmt mit des Künstlers Absicht, Weil taub der Stoff ist, Antwort drauf zu geben, Also von solcher Richtung sich zuweilen Entfernet das Geschöpf, das, so getrieben, Doch Macht hat, anderwärts sich hinzuwenden, Wenn (wie man Feuer aus der Wolke fallen Kann sehn) der erste Anstoß, abgelenket Von falscher Lust, es erdwärts niederschleudert. Nicht staunen darfst du, wenn ich recht geurteilt, Ob deines Steigens mehr, als da von hohem Gebirg zu Tal ein Fluß herunterströmet. Nein, zu verwundern war's an dir, wenn ledig Von jedem Hemmnis du dich niedersetztest, Wie wenn am Grund still blieb lebend'ges Feuer.« Drauf wandte wieder sie den Blick zum Himmel. Zweiter Gesang O ihr, die ihr in einem kleinen Nachen Voll Sehnsucht zuzuhören nachfolget Seid meinem Schiff, das mit Gesang einherzieht, Kehrt um, daß wieder euern Strand ihr sehet! Begebt euch nicht aufs hohe Meer, ihr möchtet Verirrt dort bleiben, wenn ihr mich verlöret! Nie ward die Flut beschifft, die ich berühre; Minerva weht, es führet mich Apollo, Neun Musen zeigen mir der Bären Sterne. Ihr andern wenigen, die ihr bei Zeiten Den Hals gewendet habt zum Engelsbrote, Davon man lebet hier, doch nimmer satt wird, Wohl könnt ihr euch aufs weite Salzmeer wagen Mit euerm Fahrzeug, dicht an meine Furche Euch haltend, eh' die Flut sich wieder glättet. Die Ruhmgekrönten, die nach Colchis zogen, Sie staunten so nicht, wie ihr werdet staunen, Da Jason sie als Ackersmann erblickten. Das ewige und einerschaffne Dürsten Nach dem gottförm'gen Reich trug uns von dannen So rasch beinah', als ihr den Himmel sehet. Beatrix schaut' empor, und ich nach ihr hin, Und so in kurzer Frist wohl, als ein Bolzen Ankommt und fliegt und von der Nuß sich löset, Sah ich mich angelangt, wo Wunderbares Auf sich den Blick mir zog; darum auch jene, Vor der mein Sorgen nie verdeckt sein konnte, So schön als heiter gegen mich gewendet, Begann: »Richt' aufwärts dankerfüllt die Seele Zu Gott, der uns dem ersten Stern vereint hat!« Mir deucht', als ob uns eine Wolke decke, Helleuchtend, dicht und fest und sonder Makel, Wie ein Demant, getroffen von der Sonne. In ihrem Innern nahm die ew'ge Perle Uns auf, wie Wasser einen Strahl des Lichtes Wohl aufnimmt, unzertrennet selbst verbleibend. War Leib ich, und man faßt hier nicht, wie eine Ausdehnung kann die andr' in sich ertragen, Was sein doch muß, wenn Körper kreucht in Körper, So sollte mehr sich unser Wunsch entzünden, Die Wesenheit zu schaun, in der man siehet, Wie unsere Natur und Gott vereint sind. Dort schaun wir einst, was gläubig fest wir halten, Nicht durch Beweis es, nein, an sich erkennend, Nach Art des ersten Wahren, das der Mensch glaubt. Ich drauf zu ihr: ›‹ 0 Herrin, so voll Andacht, Als ich es nur vermag, bring' ihm ich Dank dar, Der mich der Welt der Sterblichkeit entrückt hat. Doch saget mir, was sind die dunklen Flecken An diesem Körper, drob auf Erden drunten Von Kain durch manche fabelnd wird gesprochen?‹ Ein wenig lächelnd erst, sprach dann zu mir sie: »Wenn sich die Meinung Sterblicher verirret, Dort, wo der Sinne Schlüssel nicht kann öffnen, Darf, traun, dich der Verwundrung Pfeil nicht stacheln Fortan, da, wie du siehst, selbst in der Sinne Gefolg' so kurze Schwingen die Vernunft hat. Doch sprich, was von dir selbst du drüber denkest!« Und ich: ›Was uns dort unten scheint verschieden, Glaub' ich, entsteht, weil dünn und dicht die Körper.‹ Und sie: »Gewiß wirst du als falsch dein Dünken Zugrunde gehn sehn, horchest du der Folge Von Schlüssen recht, die ich entgegenstelle. Die achte Sphäre zeigt euch viele Lichter, An denen man verschiedentlich Erscheinen Im Wie sowohl als im Wieviel gewahret. Wenn dicht und dünn ausschließlich dies bewirkte, So wär' nur eine Kraft allein in allen Mehr oder minder demgemäß verteilet. Verschiedne Kräfte müssen Frucht formaler Ursachen sein, und, bis auf eine, würden In Wegfall die nach deiner Ansicht kommen. Noch mehr, wenn Dünnsein jenes Dunkels Ursach', Nach der du fragst, so müßt' entweder dieser Planet teilweise durch und durch so spärlich Am Stoff sein, oder, wie in einem Körper Sich Fett und Mager teilen, so derselbe In seinem Buche mit den Blättern wechseln. Das erstre müßte sich bei Finsternissen Der Sonne zeigen, weil durchschimmern würde Das Licht, wie wenn sonst Dünnes eingesprengt ist. Dies ist der Fall nicht; drum laßt nach dem andern Uns sehn, und wenn's geschieht, daß ich's vernichte, So ist als falsch bewiesen deine Meinung. Wenn's nun gewiß, daß nicht das Dünne durchdringt, Muß eine Grenz' es geben wohl, von wo an Sein Gegenteil es durchzugehen hindert, Und von woher sich drum zurückergießet Der Strahl, gleichwie die Farbe aus dem Glase Heimkehrt, das hinter sich hält Blei verborgen. Jetzt wirst du sagen, dunkeler erscheine Allhier der Strahl als an den andern Teilen, Weil er hier weiter rückwärts wird gebrochen. Von diesem Einwand kann dich die Erfahrung Befrei'n, versuchst du sie, aus deren Quelle Die Flüsse strömen euern Wissenschaften. Drei Spiegel nimm zur Hand, und zwei entferne Von dir gleichmäßig, doch den dritten finde Dein Blick in größrer Ferne zwischen beiden. Gewandt nach ihnen stelle hintern Rücken Ein Licht dir, das erglüh'n macht die drei Spiegel Und zu dir kehrt, zurückgestrahlt von allen. Wenn auch so groß an Umfang nicht die fernste Erscheinung ist, so wirst du hier doch sehen, Daß sie auf gleiche Weise muß erglänzen. Jetzt, wenn durch warmer Sonnenstrahlen Wirkung, Was unterm Schnee gelegen hat, entblößet Von seiner frühern Farbe bleibt und Kälte, Will ich, da du im Geist also verblieben, Mit so lebend'gem Lichte dich erleuchten, Daß dir sein Anblick soll entgegenflimmern. Es dreht im Himmel göttlicher Befriedung Ein Körper sich, in dessen Kraft das Dasein Der Dinge sämtlich ruht, die er umschließet. Der nächste Himmel, der so reich an Bildern, Verteilt dies Sein in mannigfache Wesen, Von ihm verschieden und in ihm enthalten. Die andern Kreise durch vielfachen Wechsel Befäh'gen für ihr Ziel und ihren Samen Das Unterschiedne, das in sich sie tragen. Wie du jetzt siehest, reihen stufenweise Sich diese Weltorgane also, daß sie Von oben nehmen und nach unten wirken. Aufmerksam blick' auf mich, wie hin ich gehe Durch diesen Ort zur Wahrheit, die du wünschest, So daß du selbst die Furt dann finden mögest. Kraft und Bewegung jener heil'gen Kreise Muß, gleichwie von dem Schmied die Kunst des Hammers, Auswehen von den seligen Bewegern. Der Himmel, der mit so viel Lichtern pranget, Empfängt in sich das Bild des tiefen Geistes, Der um ihn rollt, und wird zu seinem Siegel. Und wie die Seel', in euren Staub gebannet, Durch unterschiedne Glieder, angemessen Den unterschiednen Kräften, sich verbreitet, Also entwickelt ihre Güte jene Intelligenz, vervielfacht durch die Sterne, Auf ihrer eignen Einheit um sich drehend. Verschiedne Kraft mit dem von ihr belebten Kostbaren Körper schließt verschiednes Bündnis, In ihm sich, wie in euch das Leben, bindend. Der heiteren Natur nach, draus sie stammet, Durchglänzt die beigemischte Kraft den Körper, Wie Heiterkeit lebend'ge Augensterne. Von ihr kommt her das, was von Licht zu Lichte Verschieden scheint, und nicht von Dünn' und Dichtheit; Sie ist's, die, ein Formalprinzip, hervorbringt, Nach ihrer Güte Maß, das Hell und Dunkel.« Dritter Gesang Die Sonne, die mein Herz mit Lieb' erst wärmte, Sie hatte schöner Wahrheit holdes Antlitz Mir durch Beweis enthüllt und Widerlegung; Und ich, berichtiget und überzeuget Mich zu bekennen, hob das Haupt, soweit es Zu sprechen nötig war, empor es richtend. Doch eine Vision erschien, die also An sich mich fesselte, sie zu betrachten, Daß meiner Beicht' ich jetzt nicht mehr gedachte Wie aus durchscheinend hellem Glase oder Aus einem Wasser, glatt und unbeweglich, Das nicht so tief ist, daß der Grund entschwinde, Der Umriß unsers Angesichts zurückkehrt So schwach, daß eine Perl' auf weißer Stirne Nicht minder früh erreichet unsre Augen; So sah ich wortbereit mehr als ein Antlitz, Drob ich in einen Wahn fiel, dem entgegen, Der zwischen Mensch und Quell hat Lieb' entzündet Alsbald, als jener ich gewahr geworden, Für Spiegelbilder nur sie haltend, wandt' ich Die Augen, um zu sehen, wer sie wären, Und sah dort nichts und kehrte wieder vor sie, Zum Licht der süßen Führerin sie richtend, Die, lächelnd, glüht' in ihren heil'gen Augen. »Verwundre dich nicht, wenn ich lächle,« sprach sie, »Ob deines kind'schen Einfalls, da den Fuß er Noch auf die Wahrheit nicht zu setzen waget, Nein, du dich, wie du pflegst, nach Leerem wendest. Was du erblickst, sind wirkliche Substanzen, Hierher ob Mangels an Gelübd' versetzet. Drum sprich mit ihnen, höre sie und glaube; Denn das wahrhaft'ge Licht, das sie befriedigt, Läßt nimmermehr den Fuß von sich sie kehren.« Und ich zum Schatten, der zumeist begierig Mit mir zu sprechen schien jetzt, hin mich wendend, Begann, wie wen zu großer Wunsch durchbebet: ›O wohlerschaffner Geist, der du genießest Die Süßigkeit am Strahl des ew'gen Lebens, Die ungekostet nimmer wird begriffen; Erfreulich wird mir's sein, wenn deinen Namen Und euer Los du mir gewährst zu wissen.‹ Drauf jene willig und die Augen lächelnd: »Gerechtem Wunsch wird nimmer unsre Liebe Verriegelen das Tor, nicht mehr als jene, Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehn will. Ich war auf jener Welt einst Klosterjungfrau; Und wenn dein Geist mich recht betrachtet, wird mich, Daß ich jetzt schöner bin, dir nicht verbergen; Nein, in mir wirst Piccarda du erkennen, Die, weilend hier mit diesen andern Sel'gen, Ist selig in der langsamsten der Sphären. All' unsere Empfindungen, die einzig Entflammt sind von der Lust des heil'gen Geistes, Freun sich in Harmonie mit seiner Ordnung; Und dieses Los, das so tief unten scheinet, Ward uns gegeben, weil versäumet unser Gelübd' und ungeübt in einem Punkt blieb.« Drauf ich: ›In eurem wunderbaren Antlitz Erglänzt, ich weiß nicht wie, ein göttlich Etwas, Das euch verwandelt von dem frühern Eindruck. Darum war ich nicht schnell, mich zu erinnern. Allein jetzt hilft mir das, was du mir sagest, So daß mir wird geläuf'ger das Erkennen. Doch sage mir: Ihr, die ihr hier beglückt seid, Begehrt ihr wohl nach einem höhern Orte, Um mehr zu schaun und Freunde mehr zu werden?‹ Ein wenig lächelnd nebst den andern Schatten, Antwortete sodann sie mir so freudig, Als glühe sie von Lieb' im ersten Feuer: »O Bruder, unsern Willen hält in Ruhe Der Liebe Kraft, die nur, was wir besitzen, Uns wollen läßt und nach nichts anderm dürsten. Wenn wir uns sehnten, Höhere zu werden, So wären unsre Wünsche nicht im Einklang Mit dessen Willen, der uns hier gesondert, Was, wie du siehst, nicht diese Kreise fassen, Wenn's hier notwendig ist, zu sein in Liebe, Und du auf ihre Wesenheit wohl achtest; Nein, zu der Form des Seligseins gehört es, Sich innerhalb des, was Gott will, zu halten, So daß all unsre Willen einer werden. Drum wie wir durch dies Reich von Grad zu Grad sind, Gefällt's dem ganzen Reich und dessen König, Der uns an seinem Wollen Lust läßt finden. Und unser Friede ist sein Wille; er ist Das Meer, zu dem sich alles hinbeweget, Was er erschafft und was Natur hervorbringt.« Da ward mir's klar, wie jede Stätt' im Himmel Ist Paradies, wenn auch auf gleiche Weise Des höchsten Gutes Gnade drauf nicht tauet. Doch wie's geschieht, wenn, statt von einer Speise, Man Lust annoch behält nach einer andern, Daß diese man verlangt, für jene danket, So macht' ich's jetzo durch Gebärd' und Worte, Welch ein Geweb' es sei, von ihr zu hören, Draus bis zu End' sie nicht das Schiff gezogen. »Vollkommnes Leben, hehr Verdienst beseligt Ein Weib mehr droben,« sprach sie, »dessen Norm nach Man drunten Kleid und Schlei'r auf eurer Welt trägt, Daß bis zum Tod man wachend weil' und schlafend Beim Bräutigam, der kein Gelübd' verschmähet, Das Lieb' im Einklang beut mit seinem Willen. Ihr nachzufolgen, floh in jungen Jahren Ich aus der Welt und hüllt' in ihr Gewand mich, Zu ihres Ordens Wandel mich verpflichtend. Doch Männer dann, an Böses mehr als Gutes Gewöhnt, entrissen mich dem süßen Kloster; Gott weiß es, wie mein Leben dann gewesen. Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget Auf meiner rechten Seit' und mit der ganzen Lichtfülle unsrer Sphäre sich entzündet, Läßt, was von mir ich sprach, von sich auch gelten. Auch sie war Nonn', und ihr auch ward vom Haupte Der Schatten so geraubt der heil'gen Binde. Doch, da sie zu der Welt gekehret worden, So ihrem Wunsch als guter Sitt' entgegen, Warf sie doch nie von sich des Herzens Schleier. Die Lichtgestalt ist diese jener großen Konstanze, die von Schwabens zweitem Sturmwind Den dritten hat, die letzte Macht, geboren.« So sprach zu mir sie und begann drauf »Ave Maria« zu singen, und im Singen schwand sie, Gleichwie ein schweres Ding in tiefem Wasser. Mein Auge, das, so lang' es ihm noch möglich, Gefolgt ihr war, kehrt', als es sie verloren, Zum Ziele sich des größeren Verlangens Und wendete ganz hin sich nach Beatrix; Doch diese blitzt' in das Gesicht mir also, Daß es im Anfang nicht ertrug mein Auge, Und dies ließ säumiger mich sein im Fragen. Vierter Gesang Im Mittel zweier Speisen, gleich bewegend Und gleich entfernt, stürb' Hungers eh' der freie Mensch, als daß ein' er sich zum Munde führte. So blieb' ein Lamm stehn zwischen zweier Wölfe Grausamer Gier, gleichmäßig beide fürchtend; Ein Hund so zwischen zweien Damhirschkühen. Drum, wenn, von meinen Zweifeln gleicherweise Gedrängt, ich schwieg, mag ich mich drob nicht schelten, Noch preisen, da's Notwendigkeit so heischte. Ich schwieg, allein im Angesicht gemalet Trug meinen Wunsch ich und mit ihm das Fragen, Viel glühender als durch die laute Rede. Beatrix tat, wie Daniel getan hat, Nabuchodonosor den Zorn zu stillen, Der ungerechterweis' ihn grausam machte, Und sprach: »Wohl seh' ich, wie dich nach sich ziehet So der wie jener Wunsch, drob dein Bedürfen, Sich selber bindend, nicht heraus kann wehen. Du denkst so: wenn der gute Wille dauert, Aus welchem Grund kann anderer Gewalttat Das Maß mir des Verdienstes dann vermindern? Auch gibt zum Zweifeln Stoff dir, daß es scheinet, Als ob im Einklang mit der Meinung Plato's Zurück die Seelen zu den Sternen kehrten. Dies sind die beiden Fragen, die dein Wollen Gleichmäßig drängen; drum will ich erst von jener Ich handeln, die am meisten hat des Herben. Der Seraphim selbst, der zumeist in Gott lebt, Samuel, Moyses, und wen du von beiden Johannes wählst, ja, auch Maria, sag' ich, Sie thronten nicht in einem andern Himmel, Als diese Geister, die dir jüngst erschienen, Noch hat mehr oder wen'ger Jahr' ihr Weilen. Nein, alle schmücken sie den ersten Umkreis Und haben unterschiedlich süßes Leben, Den ew'gen Hauch mehr oder minder fühlend. Hier zeigten sie sich, nicht weil diese Sphäre Für sie beschieden ward, nein, als ein Zeichen Des weniger gestiegnen Himmelslebens. So muß zu euerem Verstand man sprechen, Weil nur vom Sinnlichen er kann entnehmen, Was er dann würdig macht des Intellektes. Deshalb läßt sich zu euern Fähigkeiten Die Schrift herab, und schreibet Füß' und Hände Gott zu und meint dabei doch etwas andres; Die heil'ge Kirch' auch stellt mit Menschenantlitz Euch Michael und Gabriel vor Augen Und jenen, der Tobias wieder heilte. Das, was Timäus in betreff der Seelen Behauptet, ist nicht gleich dem, was man hier sieht, Weil er's zu meinen scheint, wie er's gesprochen. Zu ihrem Stern, sagt er, kehr' heim die Seele, Und glaubt, von ihm sei abgetrennt sie worden, Als die Natur zur Form sie hat gegeben; Allein vielleicht ist anders seine Meinung Beschaffen, als das Wort klingt, und wohl könnte Sein Sinn so sein, daß er nicht zu belächeln. Meint er, es kehre zu den Sternen ihres Einflusses Ehr' und Tadel heim, so möchte In etwas Wahres wohl sein Bogen treffen. Dies mißverstandene Prinzip verführte Einst schier die ganze Welt, daß sie dahin kam, Mars, Jupiter, Merkurius zu vergöttern. Der andere Zweifel, welcher dich beweget, Hat mindres Gift in sich, weil seine Bosheit Dich nicht aus meiner Näh' entführen könnte; Daß Unrecht in der Menschen Augen unsre Gerechtigkeit erscheinet, ist zum Glauben Auffordrung, nicht zu ketz'rischer Verruchtheit. Allein weil eure Fassungskraft in diese Wahrheit gar wohl vermag hineinzudringen, Will ich, wie du es wünschest, dich befried'gen. Wenn das Gewalt ist, wenn, der sie erduldet, In keinem Stück dem mitwirkt, der Gewalt übt, So sind durch sie nicht schuldfrei diese Seelen; Denn nicht löscht man, wenn er nicht will, den Willen, Nein, dem Naturtrieb tut er's gleich des Feuers, Ob tausendmal Gewalt ihn ab auch lenke; Drum, wenn er nachgibt, sei's viel oder wenig, So folgt er der Gewalt, und so auch diese, Da sie zum heil'gen Ort heimkehren konnten. Wenn unversehrt ihr Wollen war' gewesen, Wie das, was Lorenz festhielt auf dem Roste, Und Strenge gab für seine Hand dem Mucius, So hätte sie's, sobald sie frei, des Weges Zurückgetrieben, drauf entführt sie worden; Doch ein so sichrer Will' ist allzuselten. Durch diese Worte, wenn du, wie sich's ziemet, Sie aufnahmst, ist vernichtet das Bedenken, Das öfters wohl dich noch belästigt hätte. Doch jetzt sperrt dir den Weg ein andrer Engpaß Vor deinen Augen, so daß durch dich selber Du nicht herauskäm'st; eh' würd'st du ermüden. Ich hab' als sicher dir ins Haupt befestigt, Daß nimmermehr ein sel'ger Geist kann lügen, Weil er der ersten Wahrheit immer nah' ist; Und von Piccarda konntest dann du hören, Daß Liebe zu dem Schlei'r bewahrt Konstanze, So daß sie mir hier scheint zu widersprechen. Gar öfters schon, o Bruder, ist's geschehen, Daß, um Gefahr zu meiden, wenn auch ungern, Man das getan, was sich zu tun nicht ziemte; So wie Alkmäon, der, darum gebeten, Vom Vater, tötete die eigne Mutter, Um nicht unfromm zu sein, ruchlos geworden. Dies ist der Punkt, den du durchdenken mögest. Denn die Gewalt mischt sich dem Wollen also, Daß unentschuldbar die Beleidigungen. Der Will' an sich nicht willigt in das Übel, Doch willigt insoweit er, als er fürchtet, Durch Weigerung in größtes Leid zu fallen. Darum, wenn also sich Piccarda ausdrückt, Meint sie den Willen an sich selbst, ich aber Den andern, so daß wahr zugleich wir sprechen.« So war das Wallen jenes heil'gen Flusses, Dem Quell, draus jede Wahrheit kommt, entspringend, So setzt's in Frieden den und jenen Wunsch mir. ›0 Liebe des Urliebenden,‹ begann ich, ›O Göttliche, die so mich überströmet Und wärmt, daß sie mich mehr und mehr belebet, So tief ist mein Gefühl nicht, daß es gnüge, Um Gabe dir für Gabe darzubringen; Doch er, der sieht und kann, erfülle solches! Wohl seh' ich ein, daß nie gesättigt unser Verstand wird, wenn das Wahr' ihn nicht erleuchtet, Aus dessen Umkreis keine Wahrheit schweifet. Er ruht darin, gleichwie ein Wild im Dickicht, Wie er's erreicht hat, und erreichen kann er's; Sonst wäre fruchtlos ja jedwedes Wünschen. Drum sprießt, dem Schößling gleich, am Fuß der Wahrheit Der Zweifel auf, und unsere Natur ist's, Die uns zum Gipfel treibt, von Höh' zu Höhe. Dies fordert auf mich, dies gibt mir die Kühnheit, Mit Ehrfurcht euch, o Herrin, zu befragen Ob einer andern Wahrheit, die mir dunkel. Gern wüßt' ich, ob man für verfehlt' Gelübde Durch andres gute Werk so kann genug tun, Daß es zu leicht nicht wieg' auf eurer Waage.‹ Beatrix blickte nach mir hin, mit Augen, Von Liebesfunken angefüllt, so göttlich, Daß ich, zu schwach an Kraft, mich rückwärts wandte Und wie verloren stand, gesenkten Blickes. Fünfter Gesang »Wenn ich entflammt von Liebesglut dir scheine In höh'rer Weis', als man es sieht auf Erden, So daß ich deiner Augen Kraft besiege, Nicht staune drob; denn von vollkommnem Schauen Kommt solches her, das, wie's erfasset, also Den Fuß bewegt auch im erfaßten Guten. Gar wohl erseh' ich es, wie schon erglänzet Das ew'ge Licht in deinem Intellekte, Das, auch gesehn bloß, Liebe stets entzündet; Und wenn selbst etwas andres eure Liebe Verführt, ist's nichts als eine Spur von jenem, Das, mangelhaft erkannt nur, durch hier schimmert. Ob man durch andern Dienst so viel erstatten Kann für verfehlt' Gelübde, willst du wissen, Daß drob die Seele sicher sei vor Anspruch?« Also begann Beatrix dieses Lied jetzt, Und dem gleich, der nicht trennet seine Rede, Fuhr so sie fort in ihrem heil'gen Vortrag: »Die größte Gabe, die uns, schaffend, Gottes Freigebigkeit gab, und die seiner Güte Zumeist entspricht, und die er schätzt am höchsten, Ist unsres Willens Freiheit doch, mit welcher Die sämtlichen vernünftigen Geschöpfe, Und sie allein, begabet sind und waren. Jetzt wird dir, wenn von hier du weiter schließest, Der hohe Wert sich des Gelübdes zeigen, Das so ist, daß Gott zustimmt, wenn du zustimmst; Denn im Vertrag, den Gott und Menschen schließen, Bringt jenen Schatz man, wie ich ihn genannt dir, Und zwar durch seinen eignen Akt zum Opfer. Was also kann man als Ersatz dann bieten? Meinst wohl zu brauchen du, was du geopfert, So willst du gutes Werk tun mit Geraubtem. Des Hauptpunkts bist du sicher jetzt; doch weil hier Die heil'ge Kirche dispensiert, was gegen Die Wahrheit scheinet, die ich dir enthüllet, Mußt noch etwas am Tisch du sitzen bleiben, Weil jene schwere Kost, die du genossen, Noch Hilf' erheischt aus deiner Vorratskammer. Den Geist erschließe dem, was ich dir künde, Und heb' es auf drin; denn nicht Wissenschaft ist's, Gehört zu haben, ohne zu behalten. Zwei Dinge sind zu solches Opfers Wesen Erforderlich: das ein' ist das, woraus man Es bringt, das andre die Übereinkunft. Die letztere wird nie getilgt, als wenn sie Erfüllet ist, und in Betracht derselben Ist oben so bestimmt gesprochen worden. Darum war unerläßlich den Hebräern Das Opfern selbst, wenn auch so manches Opfer, Wie du wohl wissen mußt, verwandelt wurde. Das andre, was als Stoff dir ward gezeiget, Kann solcher Art wohl sein, daß man nicht fehl geht, Wenn es mit anderm Stoff wird umgetauschet. Doch seiner Schultern Last verwandle niemand Aus eigner Willkür, ohne daß der gelbe Und weiße Schlüssel umgedrehet worden; Und jegliche Verwandlung glaube töricht, Wenn das Erlassne in dem Übernommnen, Nicht wie die Vier ist in der Sechs enthalten. Drum, wenn etwas so schwer durch seinen Wert wiegt. Daß es jedwede Schale niederziehet, Kann andre Zahlung nicht dafür genug tun. Scherzt nicht, ihr Sterblichen, mit dem Gelübde, Seid treu und legt's nicht ab verkehrterweise, Wie Jephtha tat mit seiner Erstlingsgabe, Dem's besser ziemt' ›ich tat nicht recht‹ zu sagen, Als worttreu Schlimmeres zu tun. Und töricht Findst du auch so der Griechen großen Führer, Darob ihr schönes Antlitz Iphigenia Beweint und weinen machte Weis' und Toren, Wenn sie von solchem Götterdienst vernahmen. Bewegt, ihr Christen, euch gewicht'g'ren Schrittes, Seid nicht der Feder gleich, die jeder Wind treibt, Und glaubt nicht, daß euch jeglich Wasser wasche. Ihr habt das Alt' und Neue Testament ja! Der Kirche Hirten habt ihr, der euch führet! Daran laßt euch zu eurem Heile gnügen. Wenn schnöde Habgier euch ein andres zuruft, So seid ihr Menschen, nicht sinnlose Schafe, Daß euch der Jud' auslach' in eurer Mitte. Macht es nicht einem Lamm gleich, das, verlassend Der Mutter Milch, einfältig und verwegen, Nach eigner Lust umherspringt sich zum Schaden.« Also zu mir Beatrix, wie ich's schreibe; Dann wandte sie, voll Sehnsucht, hin sich wieder Zur Gegend, wo die Welt ist lebensvoller. Ihr Schweigen, ihres Angesichts Verwandlung, Sie machten den begier'gen Geist verstummen, Der neue Fragen schon zu Händen hatte. Und einem Pfeil vergleichbar, der ins Ziel trifft, Bevor sich noch beruhigt hat die Sehne, Also schon eilten hin im zweiten Reich wir. Hier sah ich meine Herrin also fröhlich, Als in das Licht sie dieses Sternes eintrat, Daß leuchtender selbst der Planet drob wurde. Und wenn der Stern sich wandelt und gelächelt, Wie mußt' ich werden, der ich von Natur aus Veränderlich doch bin in aller Weise! Gleichwie in einem Fischteich, klar und ruhig, Dem, was von außen kommt, die Fische zuziehn, Indem sie solches für ihr Futter halten; Also sah ich wohl mehr denn tausend Leuchten Uns zuziehn, und in jeglicher vernahm man: »Sieh hier, wer unser Lieben wird vermehren!« Und alsobald, wie jede sich uns nahte, Sah man, wie voll der Schatten war von Wonne, An hellem Blitzesglanz, der ihm entstrahlte. Bedenk', o Leser, wenn, was jetzt beginnet, Nicht weiter vorwärts ging, wie, mehr zu wissen, Du ängstliches Bedürfen würd'st empfinden. Und sehn wirst du von selbst, wie ich durch jene Von ihrer Lage Wunsch bekam zu hören, Sobald sie meinem Blick sich offenbaret. »O du zum Heil Geborener, dem Gnade Gewährt, des ewigen Triumphes Throne Zu schaun, eh' noch den Kriegsdienst du verlassen; Vom Licht, verbreitet überall im Himmel, Erglühn wir; drum, wenn über uns du wünschest Dich aufzuklären, sättige nach Lust dich!« So ward von einem jener frommen Geister Zu mir gesagt, und von Beatrix: »Sprich, sprich Mit Zuversicht, wie Göttern ihnen glaubend!« ›Wohl seh' ich, wie du dich mit eignem Lichte Umspinnst, und daß du's aus den Augen ziehest, Darum sie blitzen auch, sobald du lächelst; Doch, wer du bist, nicht weiß ich, würd'ge Seele, Noch auch warum du hast den Grad der Sphäre, Die Sterblichen durch fremden Strahl verhüllt wird.‹ So sagt' ich, grade nach dem Licht gewendet, Das erst mich angesprochen; drob um vieles Es leuchtender noch ward, als es gewesen. Gleichwie die Sonne, die sich selbst verschleiert Durch zuviel Licht, sobald die dichten Dünste, Die's erst gedämpft, verzehrt sind von der Wärme; Also verbarg sich mir vor größrer Wonne Die heilige Gestalt im eignen Lichte Und gab, dicht verhüllet, in der Weise Mir Antwort, wie der folgende Gesang singt. Sechster Gesang Da Konstantin gewandt den Adler gegen Den Himmelslauf, dem dieser nachgezogen, Dem Alten folgend, der geraubt Lavinen, Verhielt sich zweimal hundert Jahr' und länger Der Vogel Gottes an Europas Ende, Dem Berge nah, draus er zuerst entkommen; Und unterm Schatten dort der heil'gen Flügel Lenkt er die Welt, von Hand zu Hand gelangend, Und kam so durch den Wechsel in die meine. Cäsar war ich und bin Justinianus, Der der Urliebe Rat nach, die ich fühle, Aus dem Gesetz schied, was zu viel und leer war; Und eh' ich auf dies Werk den Sinn gerichtet, Glaubt' ich, in Christus sei nicht mehr als eine Natur, mit solchem Glauben mich begnügend. Doch der gebenedeite Agapetus, Der höchster Hirt war, leitete mich wieder Der echten Lehre zu durch seine Worte. Ich glaubt' ihm, und den Inhalt seiner Worte Seh' ich jetzt klar, wie du, daß eines wahr ist, Das andre falsch, bei jedem Widerspruche. Sobald der Kirche nach den Schritt ich lenkte, Gefiel's aus Gnaden Gott, mich zu begeistern Zum hohen Werk, und ihm ergab ich ganz mich, Die Waffen meinem Belisar vertrauend. Dem so vereinet war des Himmels Rechte, Daß es ein Zeichen, still mich selbst zu halten. Allhier jetzt knüpft an deine erste Frage Sich meine Antwort; doch ihr Inhalt drängt mich, Annoch mit einem Zusatz fortzufahren, Damit du sehest, mit wie vielem Rechte Entgegenstrebet dem hochheil'gen Zeichen, Wer sich's aneignen will und wer's bekämpfet. Sieh, wie viel Tugend es der Ehrfurcht würdig Gemacht hat, und wie jen' am Tag begonnen, Da Pallas starb, die Herrschaft ihm zu geben. Du weißt, wie es in Alba hat gewohnet Dreihundert Jahr' und mehr, bis zu der Stunde, Da wieder drum gekämpfet drei mit dreien; Weißt, was es tat vom Weh' sabin'scher Frauen Bis zu Lucretias Schmerz, die Nachbarvölker Rings unter sieben Königen besiegend; Weißt, was es tat, von den gepriesnen Römer Getragen gegen Brennus, gegen Pyrrhus, Gen andre Fürsten und Genossenschaften; Drob Quinctius, nach dem ungekämmten Haupthaar Benannt, Torquatus, Decier und Fabier Den Ruf erlangt, den ich mit Lust betrachte. Es schlug den Stolz der Araber zu Boden, Die hinter Hannibal die Alpenwände, Davon du, Po, herabfällst, überschritten. Darunter siegten Scipio und Pompejus Als Jüngling', und dem Hügel schien es bitter, An dessen Fuße du geboren worden. Dann, nah der Zeit, als seiner heitern Weise Der Himmel wieder ganz zuführen wollte Die Welt, ergriff es Cäsar nach Roms Willen, Und was es tat vom Varus bis zum Rhenus, Das sah Isara, sah Sequan' und Arar Und jedes Tal, draus sich der Rhodan füllet. Was folgt', als, aus Ravenna dann es ziehend, Den Rubicon durchschritt, war solches Fluges, Daß Zung' ihm nicht, noch Feder folgen könnte. Hin gegen Spanien wandt' es seine Scharen, Dann gen Durazz', und macht Pharsalien zittern, So daß am heißen Nil man Schmerz drob fühlte. Antandros und den Simois sah's wieder, Woher es kam, und Hektors Grab und schwang sich Dann wieder auf zu Ptolomäus' Schaden; Von dort kam's einem Blitz gleich gegen Juba, Sich wieder dann nach eurem Abend wendend, Wo's nur der Pompejaner Tuba hörte. Was mit dem nächsten Träger es getan hat, Drob kläfft mit Brutus Cassius in der Hölle, Und Mutina mußt' und Perusia klagen. Kleopatra weint drob auch, die Betrübte, Die, sich vor jenem rettend, durch die Schlange Den schwarzen jähen Tod sich selbst gegeben. Mit ihm lief's bis zum Strand des Roten Meeres, Mit ihm setzt' es die Welt in solchen Frieden, Daß Janus' Tempel ist geschlossen worden. Doch was das Zeichen, das mich treibt zu reden, Getan erst hatt', und was es tun noch sollte, Ob des ihm unterworfnen ird'schen Reiches, Das wird gering und dunkel nur erscheinen, Wenn in des dritten Cäsars Hand man solches Mit klarem Blick und reinem Sinn betrachtet; Denn die Gerechtigkeit gab, die lebend'ge, Die mich belebt, in des Erwähnten Hand ihm Den Ruhm, zu üben ihres Zornes Rache. Jetzt staun' ob des, was ich dir wiederhole: Mit Titus eilte dann es, an der Rache Der alten Sünde Rache zu vollstrecken. Und als der longobard'sche Zahn benagte Die heil'ge Kirche, kam, von seinen Flügeln Bedeckt, siegreich zur Hilf' ihr Karl der Große, Urteilen kannst du jetzt wohl über jene, Die droben ich verklagt, und ihre Fehler, Drin aller eurer Leiden Grund zu finden. Dem Zeichen setzt des Reichs die gelben Lilien Entgegen der, und der macht's zum Parteigut, So daß, wer mehr sich irrt, schwer zu entscheiden Treibt, Ghibellinen, treibet unter anderm Feldzeichen eure Künste, denn schlecht folgt ihm, Wer immer von Gerechtigkeit es trennet. Und niederschlag' es jener neue Karl nicht Mit seinen Guelphen, nein, die Klauen fürcht' er, Die höhern Löwen schon gerauft die Mähne. Gar öfters haben schon geweint die Söhne Durch Schuld des Vaters, und nicht glaube jener, Daß Gott das Wappen tausch' um seine Lilien. Von solchen guten Geistern ist geschmücket Der kleine Stern hier, welche tätig waren, Damit sie Ehr' und Ruhm erlangen möchten; Und wenn auf solche sich die Wünsche richten, Muß dennoch, abgelenkt so, minder lebhaft Der Strahl der wahren Liebe aufwärts steigen. Doch im Vergleichen unsers Lohns mit unsern Verdiensten liegt ein Teil auch unsrer Wonne, Weil wir ihn kleiner nicht, noch größer sehen; Drum sänftiget in uns auch die lebend'ge Gerechtigkeit den Sinn so, daß er nimmer Zu irgend Bösem kann verkehret werden. Verschiedne Stimmen geben süße Klänge; Verschiedne Stufen unsers Lebens bilden So süße Harmonie in diesen Kreisen. Und innerhalb der gegenwärt'gen Perle Erglänzt das Licht Romée's hier, dessen Taten So groß und schön, als schlecht vergolten waren. Allein den Provenzalen, seinen Gegnern, Vergeht das Lachen bald, denn schlecht fährt jener, Der andrer Rechttun sich für Schaden achtet. Vier Töchter hatt', und alle Königinnen, Graf Raimund Berengar, und solches hatt' ihm Romée verschafft, ein demutsvoller Pilger. Und dann bewegen ihn die scheelen Worte, Von dem Gerechten Rechenschaft zu fordern, Der ihm statt zehen fünf und sieben anwies. Von dannen ging er arm dann und bejahret, Und wüßte nur die Welt, welch Herz er hatte, Als er sein Leben Stück für Stück erbettelt, Sie lobt' ihn sehr und würde mehr ihn loben.« Siebenter Gesang »Osanna sanctus Deus Sabaoth, Superillustrans claritate tua Felices ignes horum malahoth!« O heiliger Gott der Heeresmacht (Zebaoth) Überstrahlend mit deinem Glänze Die seligen Feuer dieser Scharen. So wieder sich zu seinem Umschwung wendend, Sah jenes Wesen ich anjetzo singen, Auf dessen Haupt ein Doppelstrahl sich einet; Und jenes und die andern, sich bewegend Zu ihrem Tanz, blitzschnellen Funken ähnlich, Entschwanden mir durch plötzliches Entfernen. Ich zweifelte, und ›Sag' ihr's sag' ihr's,‹ sprach ich Im Innern, ›sag' es,‹ sprach ich, ›meiner Herrin, Daß sie mit süßen Tropfen mich entdürste;‹ Doch jene Ehrfurcht, die durch B und X schon Sich meiner ganz bemächtigt, beugte wieder Zu Boden mich gleich jenem, der in Schlaf fällt. Nur kurze Zeit ließ mich so stehn Beatrix Und fing dann an, zustrahlend mir ein Lächeln, Darob man selbst im Feuer glücklich würde: »Nach meiner unfehlbaren Meinung hältst du, Wie wohl bestraft gerechterweise würde Gerechte Rache, fest dir in Gedanken; Doch ich will alsobald den Sinn dir lösen, Und du hör' zu, denn meine Worte werden Mit einem großen Ausspruch dich beschenken Den Zaum nicht duldend an der Kraft des Wollens, Der ihm zum Heil, verdammte, sich verdammend, Sein ganz Geschlecht der Mann, der nicht geboren; Darob die Menscheit krank gelegen viele Jahrhunderte hindurch in großem Jrrtum, Bis dem Wort Gottes dort hinabzusteigen Gefiel, wo's die Natur, die ihrem Schöpfer Entfremdet war, persönlich sich vereinte Durch einen Akt nur ihrer ew'gen Liebe. Dein Antlitz richt' auf das jetzt, was ich sage: Vereint mit ihrem Schöpfer war nun diese Natur zwar gut und rein, wie sie geschaffen, Doch an sich selbst war dennoch sie verbannet Vom Paradies, weil sie sich abgewendet Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben. Wenn man die Strafe, die das Kreuz gereichet, Drum an die angenommene Natur hält, Hat keine noch gerechter je verletzet; Und so war ungerechter keine, wenn man Auf die Person blickt, die sie hat erlitten, Drin angenommen solcherlei Natur war. Darum hatt' eine Tat verschiedne Folgen, Daß Gott ein Tod gefiel und auch den Juden: Die Erde bebt', aufging darob der Himmel. Anjetzo darf's dir nicht mehr schwierig scheinen, Wenn ich gesaget, daß gerechte Rache Dann von gerechtem Hof gerochen worden. Doch jetzt seh' ich, wie sich in einem Knoten Versteiget von Gedanken zu Gedanken Dein Geist, draus er mit Sehnsucht harrt auf Losung. Du sagst: ›Wohl unterscheid' ich, was ich höre, Doch warum solche Weise Gott zu unsrer Erlösung üben wollte, bleibt mir dunkel.‹ Sotaner Ratschluß, Bruder, ist verborgen Den Augen aller jener, deren Geist noch Nicht ist erstarket in der Liebe Flamme. Und in der Tat, weil man nach jenem Ziel hin Viel schaut und wenig noch erblickt, verkünd' ich, Warum am würdigsten war diese Weise. Die Güte Gottes, die, jedwede Mißgunst Verschmäh'nd, aus sich hervor die eigne Glut sprüht, Entwickelt ihre ew'gen Herrlichkeiten. Das, was von ihr unmittelbar entträufelt, Hat dann kein End' auch, weil sich nie verändert Ihr Eindruck, wenn sie selber hat gesiegelt. Das, was von ihr unmittelbar herabfließt, Ist ganz und gar auch frei, weil es der Macht nicht Der neugeschaffnen Dinge unterlieget. Es gleicht ihr mehr, und drum gefällt's ihr mehr auch, Weil jene heil'ge Glut, die alle Dinge Ausstrahlt, in ähnlichern lebend'ger lodert. Durch diese Dinge sämtlich wird bevorteilt Das menschliche Geschöpf, und fehlt das eine, So muß von seinem Adel es entsinken. Die Sünd' allein beraubet es der Freiheit Und macht unähnlich es dem höchsten Gute, So daß es minder glänzt in seinem Lichte, Und nimmer kehrt in seine Würd' es wieder, Wenn es nicht ausfüllt, was die Schuld geleert hat, Für schlimm' Gelüste durch gerechte Strafen. Als ganz in ihrer Wurzel hat gesündigt Die menschliche Natur, ward dieser Würden So wie des Paradieses sie beraubet; Und herzustellen war sie nicht, wenn scharf du Aufmerken willst, auf irgendeinem Wege, Ohn' eine dieser Furten zu durchgehen, Daß Gott allein aus Gütigkeit entweder Verziehn hätt', oder aus sich selbst die Menschen Genug getan für ihre Torheit hätten. Heft' jetzt die Augen innerhalb des Abgrunds Des ew'gen Rats, so viel als es dir möglich, Dich angestrengt an meine Worte haltend. Nicht konnte inerhalb der eignen Grenzen Der Mensch genug tun, weil er nicht, durch Demut Gehorchend, dann so weit herabgehn konnt', als Er ungehorsam erst zu steigen suchte; Und solches ist der Grund, warum's dem Menschen Genug zu tun verwehrt war aus sich selber. Gott also war es, der durch seine Wege Zu unversehrtem Sein erneuern mußte Den Menschen, sei's durch einen, sei's durch beide. Doch weil um so genehmer ist die Handlung Des Handelnden, je mehr in ihr sich darstellt Des Herzens Trefflichkeit, draus sie hervorging, War's göttlicher Vollkommenheit, die Form ist Der Welt, gefällig, auf all' ihren Wegen Vorschreitend, wiederum euch aufzurichten; Und zwischen letzter Nacht und erstem Tage Gab's herrlicher und hehrer kein Verfahren Durch diesen oder jenen, noch wird's geben. Denn gütiger war Gott, sich selber schenkend, Daß er den Menschen aufzustehn befäh'ge, Als wenn er aus sich selbst vergeben hätte. Und der Gerechtigkeit war jede andre Weis' ungenügend, hätte der Sohn Gottes Sich nicht herabgelassen, Fleisch zu werden. Doch, jetzt dir jeden Wunsch recht zu erfüllen Kehr' ich, dir eine Stelle zu erläutern, Zurück, damit du hier seh'st, wie ich sehe. Du sagst: ›Ich seh' die Luft, ich seh' das Feuer, Seh' Erd' und Wasser und all ihre Mischung Sich dem Verderbnis nahn und kurz nur dauern, Und diese Dinge sind doch auch Geschöpfe, Drum, wäre wahr, was ich gesagt, so sollten Sie sicher sein vor jeglichem Verderben.‹ Die Engel, Bruder, und das Land der Klarheit, In dem du bist, kann man geschaffen nennen, So wie sie sind in ihrem ganzen Wesen; Allein die Elemente, die du nanntest, Und jene Dinge, die daraus entstehen, Sind durch geschaffne Kraft gebildet worden. Geschaffen war der Stoff, den sie besitzen, Geschaffen war die Bildungskraft in jenen Gestirnen, die rings um dieselben wandeln. Die Seele jedes Tiers und jeder Pflanze Entziehet aus befähigtem Gemische Der Strahl und die Bewegung heil'ger Lichter. Doch unser Leben haucht unmittelbar aus Die höchste Gütigkeit und füllt mit Lieb' es Zu sich, so daß es stets nach ihr sich sehnet. Und unsre Auferstehung auch vermagst du Hieraus zu folgern, wenn zurück du denkest, Wie damals ward das Fleisch erzeugt des Menschen, Als unser erstes Elternpaar erzeugt ward.« Achter Gesang Die Welt pflegt' einst zu glauben, sich gefährdend, Die schöne Cypris strahlte die verkehrte Lieb' aus, sich dreh'nd im dritten Epizyklus; Darum erzeigten ihr allein nicht Ehre, Mit Opfern ihr und Weihgesängen dienend, Die alten Völker in dem alten Irrtum; Nein, nebst Dione ehrten sie Cupido, Als Mutter sie und ihn als Sohn, und sagten, Daß er in Didos Schoß gesessen habe. Von ihr, mit welcher ich beginne, nahmen Sie nun des Sterns Benennung, der die Sonne Mit Lust beschaut von vorn bald, bald vom Rücken. Nicht merkt' ich, wie in ihn ich aufgestiegen, Doch, daß ich drin, davon gab meine Herrin Mir Zeugnis, da ich schöner sie sah werden. Und wie man Funken sieht in einer Flamme, Und wie man unterscheidet Stimm' in Stimme, Wenn eine feststeht, eine kommt und gehet, So sah in diesem Licht ich andre Leuchten Im Kreis sich drehn mehr oder minder eilend, Nach ihres ew'gen Schauns Maßgabe, glaub' ich. Aus kalter Wolk' entstürzten nimmer Winde, Sei's sichtbar oder nicht, mit solcher Schnelle, Daß träg sie und gehemmt nicht scheinen würden Dem, der gesehn die heil'gen Lichter hätte Uns näher ziehn, das Kreisen unterbrechend, Das anhub in den hohen Seraphinen. Und hinter jenen, die zunächst sich zeigten, Erklang »Osanna« so, daß nimmer nachmals Ich ohne Wunsch blieb, wieder es zu hören. Darauf der eine näher zu uns hintrat, Allein beginnend: »Alle sind bereit wir, Zu Willen dir, daß unser froh du werdest. Wir drehn in einem Kreise, eines Kreisens Und eines Dursts, uns mit den Himmelsfürsten, Von denen du auf Erden schon gesagt hast: ›Die ihr betrachtend lenkt den dritten Himmel!‹ Und sind so lieberfüllt, daß minder süß nicht, Dich zu erfreun, ein wenig Ruh' uns sein wird.« Nach dem sich meine Augen dargeboten In Ehrfurcht meiner Herrin und dieselbe Sie ihrethalb versichert und befriedigt, Wandt' ich sie zu dem Licht, das uns so Großes Versprochen, und: ›Wer seid ihr, sprecht!‹ von großem Gefühl bewegt, ertönte meine Stimme. O wie ich's wachsen sah an Stück und Umfang Ob jener neuen Wonne, die hinzukam, Indem ich sprach, annoch zu seiner Wonne! Verändert so sprach's: »Kurz besaß mich drunten Die Welt, und hätte mehr sie mich besessen, So würde viel des Wehs nicht sein, das kommet. Es hält mich meine Wonne dir verborgen, Die mir ringsum entstrahlt und mich verhüllet, Gleich einem Tier, von eigner Seid' umsponnen. Sehr liebt'st du mich und hattest des wohl Ursach': Denn wenn ich drunten blieb, so zeigt' ich wahrlich Von meiner Liebe mehr dir als die Blätter. Der linke Strand, den Rhodanus bespület, Nachdem er mit der Sorgue sich gemischt hat. Erwartete zu seiner Zeit als Herrn mich. Und jene Spitz' Ausoniens, die mit Bari, Gaet' und Croton sich beburgt, von dort an, Wo Tront' und Verde sich ins Meer ergießen. Es glänzte schon mir an der Stirn die Krone Des Landes, das der Donaustrom bespület, Sobald die deutschen Ufer er verlassen. Trinacria, die Schön', auch, die inmitten Pachynums und Pelorums, übern Busen, Dem Not zumeist macht Eurus, dunkel qualmet, Nicht durch Typhoeus, durch entsteh'nden Schwefel, – Sie würde ihrer Könige noch harren, Von Karl durch mich abstammend und von Rudolph, Wenn schlechtes Regiment, das unterworfne Bevölkerungen stets betrübt, Palermo ›Stirb, stirb!‹ zu rufen nicht bewogen hätte. Und säh' mein Bruder dies voraus, so würd' er Die katalonische habsücht'ge Armut Schon fliehn, damit er jene nicht beleid'ge; Denn traun not tut's, daß, sei's er selbst, sein's andre, Vorkehrung treffen, so daß seinem Fahrzeug, Das schon beschwert, mehr Last man auf nicht lege. Sein Wesen, vom freigeb'gen karg entsprossen, Bedürfte solcher Diener wohl, die nimmer Sich kümmerten zu legen in die Lade.« ›Dieweil ich glaube, daß die hohe Wonne, Die mir dein Wort, o mein Gebieter, einflößt, Dort, wo jedwedes Gut anfängt und endet, Von dir gesehn wird, wie ich selbst sie sehe, Freut sie mich mehr, und auch dies ist mir teuer, Daß du, Gott schauend, solches unterscheidest. Froh hast du mich gemacht, doch jetzt erklär' mir, Da mir dein Wort den Zweifel hat erreget, Wie Bittres kann aus süßem Samen kommen.‹ So ich. Und er zu mir: »Kann eine Wahrheit Ich zeigen dir, so wirst, wie jetzt den Rücken, Das Antlitz du zukehren deiner Frage. Das Gut, das dieses ganze Reich befriedigt Und dreht, das du ersteigst, läßt seine Vorsicht Zur Kraft in diesen großen Körpern werden; Und nicht allein sind die vorhergesehnen Naturen in dem Geist, der aus sich selber Vollkommen, nein, sie selbst nebst ihrem Heile. Darum, wenn immer dieser Bogen schnellet, Trifft, wohlgestellt, vorhergesehnen Zweck er, Dem Pfeile gleich, der auf sein Ziel gerichtet. Wär' dem nicht so, der Himmel, den du wandelst, Er würde solche Wirkungen erzeugen, Daß sie Kunstwerke nicht, nein, Trümmer wären; Und dies kann nicht sein, wenn die Intellekte Nicht fehlerhaft, die diese Sterne lenken, Und fehlerhaft der erste, der sie schuf, auch. Soll ich dir diese Wahrheit mehr erklären?« Und ich: ›Nicht doch! unmöglich, seh' ich, ist es, Daß die Natur ermüd' in dem, was nötig.‹ Und jener drauf: »Jetzt sprich, wär's für den Menschen Auf Erden schlimmer nicht, wenn er nicht Bürger?« ›Gewiß,‹ antwortet ich, ›hier fordr' ich Grund nicht.‹ »Und kann er's sein, wenn man verschiedenartig Nicht drunten lebet in verschiednen Ämtern? Nein, wenn euch euer Meister recht berichtet.« So kam er bis hierher durch Folgerungen; Dann schloß er so: »Es müssen also eurer Wirkungen Wurzeln auch verschiedner Art sein. Darum wird der als Solon, der als Xerxes, Der als Melchisedek erzeugt, und jener Als der, so fliegend seinen Sohn verloren. Die Kreisbewegung der Natur, die Siegel Dem Wachs der Menscheit ist, treibt ihre Kunst wohl, Doch unterscheidet nicht ein Haus vom andern. Daher geschieht's, daß Esau sich im Keime Von Jakob trennt und von so niederm Vater Quirinus stammt, daß man dem Mars ihn zuschreibt. Mit den Erzeugern würde die erzeugte Natur stets ähnlich ihres Pfades wandeln, Wenn Gottes Vorsicht hier nicht stärker wäre. Jetzt steht vor dir, was hinter dir gewesen; Doch daß du wissest, daß ich dein mich freue, Will ich dir einen Zusatz bei noch legen. Stets wird Natur, wenn sie das Schicksal feindlich Sich findet, gleichwie jeder andre Samen, Der fern von seinem Boden, schlecht geraten. Und wenn die Welt dort unten achten wollte Auf jenen Grund, den die Natur gelegt hat, Würd', ihm sie folgend, bessre Menschen haben. Ihr aber schleppet zu dem Klosterleben, Der da geboren war, das Schwert zu gürten, Und macht zum König, dem die Predigt ziemte; Darum entfernt sich eure Spur vom Wege.« Neunter Gesang Nachdem dein Karl, o liebliche Clemenza, Mich aufgeklärt, verkündet' er die Täuschung, Die seinem Samen widerfahren sollte; Doch sprach er: »Schweig und laß die Jahre rollen, So daß ich nichts kann sagen, als daß euern Nachteilen wird gerechter Jammer folgen.« Und heimgekehrt schon hatte sich das Leben Des heil'gen Lichts zur Sonne, die's erfüllet, Als zu dem Gut, dran jeglich Ding hat Gnüge. O der getäuschten Seelen, gottvergessnen Geschöpfe, die, von solchem Gute wendend Das Herz, nach Eitelkeit die Schläfe richten! Und sieh, ein anderer aus jenen Schimmern Kam gegen mich und zeigte durch sein Leuchten Nach außen, daß er mir gefallen wolle. Beatrix' Augen, fest auf mich gerichtet, Versicherten aufs neu' jetzt ihrer teuern Zustimmung mich zu meinem Wunsch, wie früher. ›O mögst alsbald mein Wollen du erfüllen, Glücksel'ger Geist,‹ sprach ich, ›und gib Beweis mir, Daß sich in dir abspiegle, was ich denke!‹ Darauf das Licht, das mir noch unbekannt war, Aus seiner Tief, aus der es erst gesungen, Fortfuhr, wie wer am Gutestun sich freuet. »In jenem Teile des verderbten Landes Italien, der zwischen dem Rialto Liegt und der Brenta und der Piave Quellen, Erhebt ein Hügel sich geringer Höhe, Von welchem einst herabstieg eine Fackel, Die rings die Landschaft mächtig angefallen. Mit ihr bin ich entsproßt aus einer Wurzel; Cunizza war mein Nam', und hier erglänz' ich, Weil mich das Licht besiegt hat dieses Sternes. Doch freudenvoll vergeh' ich meines Loses Ursach' mir selber jetzt, kein Leid drob fühlend, Was wohl schwer faßlich eurem Pöbel sein wird. Von diesem teuern leuchtenden Juwele Aus unserm Himmel, der zunächst mir stehet, Blieb großer Ruf zurück, und eh' er hinstirbt, Muß fünfmal sich dies Hundertjahr erneun noch. Sieh, ob der Mensch soll trefflich sein, so daß ihm Vom ersten Leben hinterbleib' ein zweites! Und solches denkt das gegenwärt'ge Volk nicht, Das Etsch umschlossen hält und Tagliamento, Und ob geschlagen auch, bereut es doch nicht. Doch bald geschieht's, daß Padua an dem Sumpfe Verfärbt das Wasser, das bespült Vicenza, Weil widerspenstig ihrer Pflicht die Völker. Und dort, wo Sil' und Cagnan' sich begleiten, Herrscht einer jetzt annoch und trägt das Haupt hoch, Den man zu fahn die Netze schon bereitet. Auch Feltro wird noch ob der Untat ihres Verruchten Hirten weinen, die so schändlich, Daß ähnliches noch nie nach Malta führte. Es müßte allzubreit die Wanne werden, Um all das Ferraressche Blut zu fassen, Und müd', wer's unzenweis verwiegen wollte, Das dieser güt'ge Priester wird verschenken, Parteitreu sich zu zeigen, und entsprechen Der Landessitte werden derlei Gaben. Dort oben gibt es Spiegel, Thronen sagt ihr, Von denen Gott uns richtend wiederglänzet, So daß dergleichen Reden gut uns dünken.« Hier schwieg sie still und gab mir zu erkennen, Daß sie auf andres merke, durch das Kreisen, In das sie wieder, wie vorher, jetzt eintrat. Die andre Wonne, die mir schon bekannt war, Ward funkelnd meinem Auge, wie der blasse Rubin, wenn auf ihn trifft der Strahl der Sonne. Durch Wonne wird dort oben Glanz erworben Wie Lächeln hier; doch drunten wird verdunkelt Der Schatten äußerlich, weil trüb der Geist ist. ›Gott siehet alles, und in ihm vertieft sich Dein Schaun, glücksel'ger Geist, so daß kein Sehnen Nach ihm,‹ sprach ich, ›dir dunkel kann verbleiben. Warum befriediget denn deine Stimme, Die stets mit dem Gesang der frommen Flammen, Die aus sechs Flügeln sich die Kutte bilden, Den Himmel fröhlich macht, nicht meine Wünsche? Wohl harrt' ich deiner Frage nicht, wenn ich dich Durchschauete so, wie du mich durchschauest.‹ »Das größte Tal, drin sich das Wasser breitet,« Also begannen seine Worte, »außer Dem Meere, das die Erde rings umkränzet, Dehnt zwischen feindlichen Gestaden gegen Die Sonne sich so weit, daß Meridian es Dort macht, wo Horizont es erst gemacht hat. Anwohner solches Tals war ich, inmitten Ebros und Macras, die auf kurzem Wege Das Genuessche von Toskana trennet. Den gleichen Sonnauf- und untergang hat Buscheia mit dem Ort, wo ich geboren, Des Port von seinem Blut einst heiß geworden. Folco hieß bei dem Volk ich, dem mein Name Geläufig war, und wie ich einst den seinen, Empfängt jetzt dieser Himmel meinen Eindruck; Denn mehr nicht glühete des Belus Tochter Zu des Sichäus Leid wie der Krëusa, Als ich, so lang als es dem Haupthaar ziemte, Noch jene Rhodopäerin, getäuschet Von Demophon, noch auch der Held Alcides, Als er Jolen in sein Herz geschlossen. Doch hier fühlt man nicht Reue, nein, man lächelt, Nicht ob der Schuld, die in den Sinn nicht heimkehrt, Nein, ob der Kraft, die ordnet' und voraussah. Hier schaut man in die Kunst, die alles schmückte Mit solcher Lieb', und jenes Gut erkennt man, Weshalb die untre Welt zur obern kehret. Allein damit du jeden Wunsch befriedigt Davon trag'st, der in dieser Sphär' entstanden, Muß ich noch etwas weiter vor jetzt schreiten. Du möchtest wissen, wer in diesem Licht ist, Das also hier in meiner Nähe blinket, Gleichwie ein Sonnenstrahl in hellem Wasser; So wisse, daß hier innen sich beruhigt Rahab, und, unsrer Ordnung eingereihet, Von ihr den Abdruck trägt auf höchster Stufe. In diesem Himmel, bis zu dem die Spitze Des Schattens eurer Welt reicht, ward aus Christi Triumphzug sie vor andern aufgenommen. Wohl ziemt' es ihm, in irgendeinem Himmel Als Zeugin sie des hehren Siegs zu lassen, Mit einer Hand erworben und der andern, Weil Josues erstes rühmliches Beginnen In dem gelobten Land sie hat begünstigt, Das wenig jetzt des Papsts Gedächtnis rühret. Ja, deine Stadt, des Pflanzung, der den Rücken Zuerst hat seinem Schöpfer zugewendet, Und dessen Neid so viele Tränen kostet, Zeugt und verbreitet die verfluchte Blume, Die von dem Weg verirrt hat Schaf und Lämmer, Weil sie zum Wolf den Hirten umgewandelt. Dafür läßt man das Evangelium, läßt man Die großen Lehrer, nur die Dekretalen Studierend, daß man's sieht an ihren Randern. Darnach nur trachten Papst und Kardinäle, Nicht steht ihr Sinn auf Nazareth, wohin einst Die Schwingen Gabriel geöffnet hatte. Allein der Vatikan und all die andern Erkornen Teile Roms, die Kirchhof waren Der Kriegsschar, die Petrus nachgefolget, Sie werden frei alsbald von Hurerei sein.« Zehnter Gesang Auf ihren Sohn mit jener Liebe blickend, Die beid' in aller Ewigkeit enthauchen, Erschuf die erste Kraft, die unnennbare, Was immer sich vor Aug' und Geist beweget Mit solcher Ordnung, daß, wer dies betrachtet, Nicht sein kann, ohne sich an ihr zu laben. Erhebe, Leser, zu den hehren Kreisen Mit mir den Blick drum, grade nach der Gegend, Wo beiderlei Bewegung sich berühret; Und dort mögst du beginnen anzuschauen Des Meisters Kunst, der so sie liebt im Innern, Daß nimmermehr von ihr den Blick er wendet, Sieh, wie von dort sich jener schiefe Zirkel Abzweigt, auf welchem die Planeten kreisen, Der Welt zu gnügen, die sie laut erheischet. Und wenn verschoben ihre Bahn nicht wäre, So würd' im Himmel viele Kraft umsonst sein Und jede Fähigkeit schier tot hier unten; Und wenn von gradem Weg mehr oder minder Sie wiche, würde manches in der Ordnung Der Welt ermangeln, unten so wie droben. Jetzt bleib' auf deiner Bank, o Leser, denkend Zurück an das, was ich dir vorgekostet, Willst froh du sein viel eher noch als müde. Vor hab' ich dirs gelegt, jetzt zehre selbst dran; Denn wieder zieht nun alle meine Sorge Der Stoff auf sich, des Schreiber ich geworden. Die größte Dien'rin der Natur, dieselbe, Die mit des Himmels Kraft das Weltall stempelt Und uns die Zeit einteilt mit ihrem Lichte, Mit jenem erstgenannten Ort vereinigt, Beschrieb, sich drehend, jene Schraubenlinien, In denen sie stets früher uns erscheinet; Und ich war mit ihr; doch des Steigens ward ich Nicht inne, mehr nicht, als der Mensch des ersten Gedankens inne wird vor seinem Kommen. Beatrix ist's, die man so schnell gewahr wird, Vom Guten zu dem Bessern umgewandelt, Daß solcher Akt sich in der Zeit nicht ausdehnt. Wie leuchtend aus sich selber sein das mußte, Was innerhalb der Sonn', in die ich eintrat, Durch Farbe nicht, nein, durch das Licht war sichtbar, Ob ich Verstand anrief' und Kunst und Übung, Doch schildert' ich's nicht so, daß man sich's denke Doch glauben mag man's und zu schaun sich wünschen, Und sind zu niedrig unsre Phantasien Zu solcher Hoheit, darf's nicht wundernehmen, Denn mehr als Sonnenlicht erträgt kein Auge. So war zu schaun die vierte Dienerschaft hier Des hohen Vaters, der sie stets befriedigt, Ihr zeigend, wie er haucht und wie er zeuget. Anjetzt Beatrix: »Sage Dank, der Sonne Der Engel sage Dank, die dich zu dieser Sichtbaren hat durch ihre Gnad erhoben.« Kein menschlich Herz war jemals so durchdrungen Von Andacht und sich Gott dahinzugeben Mit allem seinem Dankgefühl so eilig, Als ich auf dieses Wort, und meine Liebe Warf sich so ganz auf ihn, daß im Vergessen Beatrix selbst verdunkelt werden mußte. Nicht war sie gram darob, nein, lächelt also, Daß ob des Glanzes ihrer heitern Augen Mein Geist, der eins erst, sich auf mehres teilte. Mehr Schimmer sah ich blendend und lebendig Um uns als Mittelpunkt zum Kranz sich bilden, Noch süßrer Stimm', als leuchtend sie zu schauen. So sehn wir manchmal wohl Latonas Tochter Umkreist, wenn so die Luft geschwängert, daß sie Den Faden festhält, der den Gürtel bildet. Im Hof des Himmels, draus ich wiederkehre, Gibt's viele Freuden, die so schön und teuer, Daß man sie aus dem Reich nicht kann entführen; Und dieser Seelen Sang war eine solche. Drum wer sich nicht beschwingt, hinaufzufliegen, Der mag vom Stummen dorther Kund erwarten. Nachdem sich singend jene glühn'den Sonnen Rings um uns her dreimal gedrehet hatten, Gleich wie die nahen Stern' um feste Pole, Erscheinen sie wie Frau'n mir, nicht vom Tanze Gelöst, nein, die stillschweigend stehn und horchen, Bis daß die neuen Töne sie vernommen. Und innerhalb der einen hört' ich's also: »Wenn jener Gnadenstrahl, dran wahre Liebe Entzündet wird, und der dann wächst durch Lieben, Vervielfacht also in dir wiederglänzet, Daß er dich führt die Stieg' empor, von welcher Man nur herabsteigt, wieder aufzusteigen; Wer dir den Wein versagt' aus seiner Flasche Für deinen Durst, der würde mehr in Freiheit Nicht sein als Wasser, das zum Meer nicht sänke. Zu wissen wünschest du, mit welchen Blumen Sich dieser Kranz schmückt, der ringsum betrachtet Das schöne Weib, das dich zum Himmel stärket. Ich war ein Lamm aus jener heil'gen Herde, Die solchen Weg Dominikus geführt, Drauf wohlgenährt man wird, wenn man nicht abschweift. Er, der zur Rechten mir am nächsten stehet, War Bruder mir und Meister, es ist Albert Von Köln, und ich bin Thomas von Aquino. Willst du der andern all gewiß auch werden, So folge meinem Wort mit deinen Blicken, Sie kreisen lassend durch die sel'ge Krone. Das andere Geflamm entspringt dem Lächeln Gratians, der diesem Richterstuhl und jenem So half, daß es gefällt im Paradiese. Und jener, der zunächst ihm unsern Chor schmückt, War Peter, der mit jenem armen Weiblein Der heil'gen Kirche seinen Schatz gewidmet. Das fünfte Licht, das schönst' aus uns, enthauchet So große Liebe, daß dort unten Nachricht Von ihm zu haben alle Welt ist hungrig. Drin ist das hehre Licht, in das gelegt ward So tiefes Wissen, daß, wenn wahr die Wahrheit, Zu solchem Schaun kein zweiter sich erhoben. Zunächst ihm siehst das Licht du jener Kerze, Das drunten in dem Fleisch annoch am tiefsten Amt und Natur der Engel eingesehn hat. In jenem andern kleinen Lichte lächelt Der christlichen Jahrhundert' Anwalt, dessen Abhandlung Augustinus hat benutzet. Jetzt, wenn du mit des Geistes Aug' einherziehst Von Licht zu Licht, nachfolgend meinem Lobe, Wirst nach dem achten schon du Durst empfinden. Jedwedes Gut zu schauen, freut dort drin sich Die heil'ge Seele, die des Lebens Täuschung Den läßt erkennen, der auf sie recht horchet. Der Leib, aus welchem sie verjagt ward, lieget Dort unten in Cieldaur', und aus Verbannung Und aus der Qual kam sie zu diesem Frieden. Sieh weiterhin den glüh'nden Hauch dort lächeln Von Isidor, von Bed' und Richard, welcher In der Betrachtung höher als ein Mensch war. Und der, von dem dein Blick zu mir zurückkehrt, Ist eines Geistes Leuchte, dem in ernsten Gedanken allzuspät das Sterben vorkam. Das ew'ge Licht Sigers ist solches, der, einst Vorlesung haltend in der Halmenstraße, Durch Schlüsse dartat manch mißfäll'ge Wahrheit.« Drauf gleich dem Seiger, der uns ruft zur Stunde, Da Gottes Braut aufsteht, dem Bräutigame, Daß er sie lieb', ihr Morgenlied zu bringen, Da einen Teil er zieht, den andern treibet, »Tin, tin« enthallend mit so süßem Klange, Daß wohlgestimmt der Geist von Liebe schwellet; Also gewahrt' ich das ruhmvolle Rad sich Bewegen, tauschend Stimm' um Stimm', in solchem Akkord, mit solcher Süßigkeit, wie dort nur Man sie vernimmt, wo ewig der Genuß währt. Elfter Gesang O töricht Sorgen Sterblicher, wie sind nur So mangelhaft die Syllogismen alle, Die deinen Flügelschlag nach unten richten! Der strebt' den Rechten nach, den Aphorismen Der andere; der legt' aufs Priestertum sich, Und der auf Herrschaft durch Gewalt und Arglist; Auf Raub der, der auf bürgerliches Treiben; Der müht', umstrickt von fleischlichen Gelüsten, Sich ab; der gab sich hin dem Müßiggange, Indes, gelöst von allen diesen Dingen, Ich mit Beatrix droben in dem Himmel Also bin rühmlich aufgenommen worden. Nachdem ein jeder auf den Punkt des Zirkels Zurückgekehrt war, wo er erst gewesen, Blieb fest er, wie die Kerz' auf ihrem Leuchter; Und innerhalb des Lichtes, das soeben Mit mir gesprochen hatte, hört' ich's lächelnd Also beginnen, fröhlicher noch werdend: »Wie ich an seinem Strahle mich entzünde, So, schauend in das ew'ge Licht, erkenn' ich Das, was du denkest, und woher es kommet. Du zweifelst und begehrst, daß ich durchgehe In so ausführlicher und offner Rede Mein Wort, daß deinem Sinn es sich entwickle Dort, wo vorher ich sprach: ›Drauf wohlgenährt man‹ Und da, wo's hieß: ›Kein zweiter sich erhoben‹ ; Und hier ist's nötig, recht zu unterscheiden. Die Vorsicht, die die ganze Welt regieret Mit jenem Rat, drin jeglicher erschaffne Blick sich besiegt fühlt, eh' zum Grund er dringet, Daß dessen Braut, der unter lautem Ruf sie Sich im gebenedeiten Blut verlobet, In sich gesicherter und ihm auch treuer Entgegen dem Geliebten wallen möge, Verordnete zwei Fürsten ihr zugunsten, Die ihr so hier, als dort zu Führern dienten. Der eine war seraphisch ganz an Gluten, Durch Weisheit war der andere auf Erden Ein Schimmer von dem Licht der Cherubinen. Von einem red' ich, denn von beiden spricht man, Wenn man den einen lobt, wen man auch nehme, Weil auf ein Ziel nur gingen ihre Werke. Zwischen Tupino und dem Bach, entströmend Dem Hügel, den erkor der sel'g' Ubaldus, Hängt fruchtbar ein Geländ' vom hohen Berge, Darob von Porta Sole Kält' und Wärme Perugia fühlt, und hinter jenem weinet Ob schweren Joches Gualdo nebst Nocera. Von jenem Hang dort, wo sich seine Steilheit Zumeist bricht, ging der Welt auf eine Sonne, Wie diese hier zu Zeiten aus dem Ganges. Darum, wer jenes Ortes will erwähnen, Der sag' Ascesi nicht, zu wenig sagt' er, Nein, Orient, wenn er genau will sprechen. Noch war sie nicht gar weit entfernt vom Aufgang, Als etwas Stärkung schon sie mitzuteilen Begann durch ihre große Kraft der Erde; Denn mit dem Vater kam er schon als Jüngling In Krieg ob solcher Frau, der, wie dem Tode, Des Wohlgefallens Pforte niemand auftut; Und vor zuständ'gem geistigen Gerichte Et coram patre eint er sich derselben, Von Tag zu Tag dann inniger sie liebend. Sie, von dem ersten Ehgemahl beraubet, Blieb tausend Jahr und länger bis auf jenen Verachtet und im Dunkeln sonder Werbung; Nicht half's, daß man vernommen, wie gesichert Auf seiner Stimme Klang sie bei Amyclas Der fand, der alle Welt mit Furcht erfüllte; Nicht half es ihr, standhaft zu sein und mutig, So daß, wo drunten selbst verblieb Maria, Mit Christus an das Kreuz sie ist gestiegen. Doch daß ich also dunkel fort nicht fahre, Nimm jetzt in meiner ausgedehnten Rede Für dieses Paar Franciscus und die Armut. Ihr heitres Ansehn, ihre Eintracht ließen Lieb' und Bewunderung und süßes Schauen Ursache heiliger Gedanken werden, So daß zuerst sich der ehrwürd'ge Bernhard Entschuhte und nacheilte solchem Frieden Und eilend säumig doch zu sein vermeinte. O wahres Gut, o unbekannter Reichtum! Barfuß Egidius, barfuß folgt Sylvester Dem Bräutigam, so sehr gefällt die Braut ihm. Von dannen geht der Vater nun und Meister Mit seinem Weib und den Genossen, die schon Den demutsvollen Strick umgürtet hatten, Und nicht beugt Kleinmut ihm die Augen nieder, Weil er ein Sohn war Peter Bernadones, Noch weil verächtlich angestaunt er wurde. Nein, königlichen Sinns tat Innocenzen Er kund den harten Vorsatz und erhielt so Von ihm das erste Siegel seinem Orden. Nachdem das arme Völklein war gewachsen, Dem folgend, dessen wunderbares Leben Man besser in des Himmels Glorie sänge, Ward durch Honorius von dem ew'gen Hauche Gekrönt jetzt mit der zweiten Krone dieses Archimandriten heilige Begierde; Und da er, durstend nach dem Märtyrtume, In Gegenwart des stolzen Sultans Christum Gepredigt und die, so ihm gefolget, Weil allzu herb er fand für die Bekehrung Das Volk, kehrt' er, um nutzlos nicht zu bleiben, Zur Frucht zurück italischen Gewächses; Auf hartem Fels gelegen zwischen Arno Und Tiber, ward ihm Christi letztes Siegel, Das seine Glieder dann zwei Jahr' lang trugen. Als dem es, der ihm solches Heil beschieden, Gefiel, ihn aufwärts zu dem Lohn zu ziehen, Den er, sich selbst verkleinernd, sich erworben, Empfahl er noch als seinen rechten Erben Sein vielgeliebtes Weib all seinen Brüdern, Gebietend, daß sie's treulich lieben sollten; Und, dessen Schoß entsteigend, wollte heimwärts Zu ihrem Reich die hehre Seele kehren, Kein' andre Bahre für den Leib verlangend. Bedenk' anjetzt, wer jener war, der würdig War, sein Genoß zu sein, um Petri Schifflein In hohem Meer auf rechter Bahn zu halten; Und dies ist unser Patriarch gewesen. Drum wer ihm folgt, wie er's befiehlt, der kann wohl Bemerken, daß er gute Ware ladet. Doch seine Herd' ist jetzt so gierig worden Nach neuer Kost, daß, wie's nicht anders sein kann, Sie sich zerstreun muß auf verschiednen Weiden; Je weiter seine Schafe nun von ihm sich Entfernen, und je mehr umher sie schweifen, Je leerer kehren sie an Milch zur Hürde. Wohl gibt's noch solche, die, den Schaden fürchtend, Sich an den Hirten halten, doch so wen'ge Sind sie, daß wenig Tuch hergibt die Kappen. Jetzt, wenn undeutlich nicht mein Wort gewesen, Und wenn du aufmerksam mir zugehöret Und, was ich sprach, dir in den Sinn zurückrufst, So wird zum Teil befriediget dein Wunsch sein; Denn sehn wirst du das Holz, von dem es splittert, Und sehn den Tadel, der in jenem Wort liegt: ›Drauf wohlgenährt man wird, wenn man nicht abtschweift.‹ « Zwölfter Gesang Sobald als die gebenedeite Flamme Das letzte Wort nun ausgesprochen hatte, Begann das heil'ge Mühlrad sich zu drehen, Und eh's den ganzen Kreis beschrieb, umkränzt' es Ein andres schon mit einem Reif, Bewegung Mit der Bewegung, Sang mit Sang verschmelzend; Gesang, der also unsre Musen, unsre Sirenen in den süßen Himmelsflöten Besiegt, als erster Glanz den, der zurückstrahlt. Gleichwie durch zarte Wolken sich zwei Bogen, Gleichlaufend und von gleichen Farben, wölben, Wenn Juno ihrer Dienerin Befehl gibt, Der innre aus dem äußeren entstehend, Der Sprache jener Schmachtenden vergleichbar, Die Lieb' einst aufgezehrt, wie Sol die Dünste, Darob die Völker hier dann prophezeien Ob des Vertrags, den Gott einging mit Noe, Daß nie die Welt mehr überschwemmt wird werden. Also aus jenen ew'gen Rosen schlangen Rings um uns her sich die zwei Blumenketten. Und so entsprach die äußerste der innern. Nachdem der Reigen und das andre große Festprangen am Gesang und Aufgeflamme, Voll Wonn' und freundlich, Lichter neben Lichtern, Zu gleicher Zeit sich stillt' aus freiem Willen, Gleichwie der Willkür nach, die sie beweget, Die Augen man zugleich muß auf- und zutun, Kam aus dem Innern eines jener neuen Lichtschimmer eine Stimme, die mich wandte Nach seiner Stätte, wie zum Stern die Nadel. Und er begann: »Die Liebe, die mich schön macht, Treibt mich, vom andern Führer zu erzählen, Ob des von meinem man so gut gesprochen. Wo einer, ziemt's den andern einzuführen, So daß, gleichwie für eines sie gekämpfet, Also vereint ihr Ruhm auch glänzen möge. Die Heerschar Christi, die so viel gekostet, Sie wieder zu bewaffnen, folgte langsam, Voll Furcht und in geringer Zahl, der Fahne, Als jener Kaiser, der ohn' Ende herrschet, Vorsorge für das unentschlossne Kriegsvolk Aus bloßer Gnade traf, nicht weil's des würdig; Und, wie gesaget, kam er mit zwei Kämpen Zu Hilfe seiner Braut, auf deren Taten Und Worte das verirrte Volk zurückkam. In jener Gegend, wo der sanfte Zephyr Entsteht, die neuen Blätter zu erschließen, Mit denen sich Europa wieder kleidet, Nicht weit entfernt vom Wogenschlag der Wässer, Dahinter ob des langen Laufs zu Zeiten Die Sonne sich vor jedermann verhüllet, Liegt das beglückte Callaroga unter Dem Schutz des großen Schildes, drin der Löwe So unterliegen macht, als unterlieget. Hier kam zur Welt der liebevolle Buhle Des echten Christenglaubens, jener heil'ge Athlet, den Seinen mild und grimm den Feinden; Und, kaum geschaffen, ward sein Geist erfüllet So mit lebend'ger Kraft, daß in der Mutter Er diese zur Prophetin schon gemacht hat. Als an dem heil'gen Born der Ehbund zwischen Ihm und dem Glauben war vollzogen worden, Drin sie sich gegenseitig Heil gewähret, Sah jenes Weib, das für ihn eingewilligt, Im Traumgesicht die wunderbare Wirkung, Die ihm entspringen sollt' und seinen Erben; Und daß er, was er war, mit klarem Wort sei, Entstieg von hier ein Geist, mit dem Besitzwort Des, dem er ganz gehört', ihn zu benennen. Dominicus ward er genannt, und von ihm Als von dem Ackersmann sprech' ich, den Christus Zur Hilfe sich erkor für seinen Garten. Wohl schien ein Bot' er und Nachfolger Christi, Dieweil die erste Lieb', in ihm sich zeigend, Dem ersten Rat galt, den gegeben Christus. Zu öftern Malen ward er wach und schweigend Von seiner Amm' am Boden aufgefunden, Als spräch' er: ›Hierzu bin ich hergekommen.‹ O seines Vaters, der wahrhaftig Felix! O seiner Mutter, die wahrhaft Johanna, Wenn es verdolmetscht gilt, wie man behauptet. Nicht für die Welt, für die man jetzt sich abmüht, Dem Ostiensis folgend und Thaddaeus, Nein, lieberfüllt für das wahrhaft'ge Manna, Ward er in kurzer Zeit groß als Gelehrter, So daß er zu umgehn begann den Weinberg, Der grau bald werden muß, wenn träg der Winzer. Und von dem Stuhl, der den gerechten Armen Einst güt'ger war, – an ihm nicht liegt's, an jenem Allein, der auf ihm sitzt und aus der Art schlägt, – Dispens nicht, zwei und drei für sechs zu leisten, Nicht den Genuß der nächsten offnen Pfründe, Non decimas quae sunt pauperum Dei Verlangt er, nein, Erlaubnis nur, zu kämpfen Mit der verirrten Welt für jenen Samen, Davon dich vierundzwanzig Pflanzen kränzen. Durch Lehre dann zugleich und Tatkraft drang er, Mit apostol'schem Amt bekleidet, vorwärts, Dem Gießbach gleich, der tiefem Spalt entquillet, Und am lebendigsten traf an der Stelle Sein Ungestüm das ketz'rische Gestrüppe, Wo sich der Widerstand am dicht'sten zeigte. Von ihm entstanden dann verschiedne Bäche, Davon sich wässert der kathol'sche Garten; Drob grünender jetzt seine Sträucher stehen. Wenn so das eine Rad war jenes Karrens, Auf dem die heil'ge Kirche sich verteidigt, Im offnen Kampf den Bürgerkrieg besiegend, So sollte dir wohl deutlich sein zur Gnüge Die Trefflichkeit des andern, dafür Thomas, Bevor ich kam, so freundlich ist gewesen. Allein das Gleis, das seines Umfangs höchster Teil einst beschrieben hat, ist jetzt verlassen, So daß, wo Weinstein war, sich Schimmel findet. Und seine Schar, die mit den Füßen grade Auf seiner Spur einst ging, ist so gewendet, Daß sie das Vorderste nach hinten kehret; Doch bei der Ernte wird des schlechten Anbaus Man inne sein alsbald, wenn sich das Unkraut Beklaget, daß der Kasten ihm versagt sei. Wohl sag' ich, daß, wer Blatt für Blatt in unserm Buch suchen wollte, wohl noch Seiten fände, Woselbst er läs': ›Ich bin, der einst ich pflegte.‹ Doch nicht kommt's von Casal' noch Aquasparta, Von woher an die Schrift sich solche wagen, Daß der sie flieht und jener sie beenget. Das Leben bin ich selbst Bonaventuras Von Bagnoreggio, der in großen Ämtern Zurückgesetzt stets die geringre Sorge. Illuminat ist hier und Augustinus, Die von den ersten der barfüß'gen Armen, So Gottes Freunde unterm Strick geworden. Mit ihnen ist hier Hugo von Sankt Viktor, Petrus Comestor auch, nicht minder Petrus Hispanus, in zwölf Büchlein drunten glänzend. Nathan der Seher, der Metropolite Chrysostomus, Anselm, Donat, der nicht es Verschmäht, Hand an die erste Kunst zu legen. Raban ist dort, und hier an meiner Seite Erglänzt Abt Joachim, der Calabrese, Der mit prophet'schem Geiste war begabet. Für so erhabnen Paladin zu eifern, Trieb die entflammte Freundlichkeit des Bruders Thomas mich an und sein bescheidnes Reden, Und trieb mit mir auch diese ganze Schar an.« Dreizehnter Gesang Vorstellen möge sich, wer recht zu fassen Wünscht was ich jetzt gesehn, das Bild bewahrend, Gleich einem festen Fels, indes ich spreche, Fünfzehn der Sterne, die verschiedne Teile Des Himmels mit so heiterm Licht beleben, Daß jede Luftverdichtung sie besiegen; Vorstellen mög' er dann sich jenen Karren, Dem Nacht und Tag der Schoß gnügt unsres Himmels. So daß nie müd' er wird, zu drehn die Deichsel; Vorstellen mög' er sich des Hornes Mündung, Das an dem Endpunkt anfängt jener Achse, Darum der erste Umschwung sich beweget, Und daß aus sich zwei Zeichen sie gebildet Am Himmel, jenem gleich, daß Minos' Tochter Gebildet, als des Todes Frost sie fühlte, Und eins im andern seine Radien hätte, Und beide sich in solcher Weise drehten, Daß eines vorwärts ging, das andre rückwärts; Und einen Schatten wird er von dem wahren Sternbild und von dem Doppelreigen haben, Der jenen Punkt, auf dem ich stand, umkreiste; Denn um so viel besiegt er unsre Sitte, So viel der Chiana Lauf wird übertroffen Vom Himmel, der am schnellsten läuft vor allen. Nicht Bacchus, nicht Päan, nein, drei Personen In göttlicher Natur, klang's und in einer Person sie und die menschliche vereinet. Sein Maß vollendet hatte Sang und Reigen, Und nach uns wandten sich die heil'gen Lichter, Vor Sorge sich beseligend zu Sorge. Das Schweigen brach einträcht'ger Götterwesen Das Licht drauf, drin das wunderbare Leben Des Armen Gottes mir berichtet worden, Und sprach: »Wenn schon ein Stroh gedroschen, wenn schon Sein Same aufbewahrt ist, ladet ein mich Das andere zu schlagen süße Liebe. Du glaubst, daß in die Brust, daraus die Rippe Man nahm, die schöne Wange draus zu bilden, Die durch den Gaum so viel der Welt gekostet, Und in die, so, durchbohret von der Lanze, Nachher und auch vorher so viel genug tat, Daß sie von jeder Schuld aufwägt die Schale, Was nur die menschliche Natur zu haben An Licht ist fähig, eingeflößt sei worden Von jener Kraft, die beide sie geschaffen, Und staunst ob des drum, was ich droben sagte, Als ich erwähnet, daß kein zweites hätte Das Gut, das in dem fünften Licht umschlossen. Auf meine Antwort schau' jetzt, so wirst sehn du Dein Glauben und mein Reden in der Wahrheit, Gleichwie der Kreis im Mittelpunkt, sich einend. Das, was nicht sterben kann, und das, was sterblich, Ist nur gleichwie der Widerglanz von jener Idee, die liebend unser Herrscher zeuget; Denn das lebend'ge Licht, das da hervorgeht Von seinem Leuchtenden, von ihm enteint nie, Noch von der Liebe, die das Dritt' in ihnen, Vereiniget durch seine Güte, gleichsam Sich spiegelnd, sein Gestrahl in neun Substanzen, In alle Ewigkeit doch eins verbleibend. Von hier steigt's zu den letzten Möglichkeiten Herab, von Akt zu Akt, so tief sich senkend, Daß es nur schafft zufäll'ge kurze Dinge; Und unter solcherlei Zufälligkeiten Versteh' ich das Erzeugnis, das des Himmels Umschwung hervorbringt mit und ohne Samen. Sein Stoff und wer ihn führet sind nicht immer Die gleichen, drum erglänzet solches unterm Marksteine der Idee bald mehr, bald minder; Daher geschieht es, daß dieselbe Pflanze Der Art nach bessre bald, bald schlechtre Frucht trägt, Und ihr auch mit verschiednem Geist zur Welt kommt. Wär' stets der Stoff zum rechten Punkt gediehen, Und stets in seiner höchsten Kraft der Himmel, So würde ganz des Siegels Licht erscheinen; Doch immer mangelhaft gibt's die Natur nur, Dem Künstler ähnlich handelnd, der die Übung Der Kunst noch hat, indes die Hand ihm zittert. Wo warme Liebe drum, wo klares Schauen Der ersten Kraft befähiget und ausprägt, Wird jegliche Vollkommenheit erworben. Auf solche Weise ward die Erd' einst würdig Der ganzen animalischen Vollendung, Auf solche Weise ward die Jungfrau schwanger, So daß ich billigen muß deine Meinung, Daß nimmer so die menschliche Natur war, Noch sein wird wie in diesen zwei Personen. Jetzt wenn ich weiter hier nicht vorwärts schritte, Wie denn ist sondergleichen der gewesen? Also beginnen würden deine Worte; Doch daß dir deutlich sei, was dir nicht deutlich, Denk', wer er war, und welch ein Grund ihn antrieb, Zu fordern, als ihm ward gesagt: ›Begehre!‹ Ich sprach nicht so, daß du nicht konnt'st ersehen, Daß er ein König war, der Einsicht heischte, Damit er ein vollkommner König würde; Nicht um zu wissen, welche Zahl Beweger Die obre Welt hier hat, noch ob Notwend'ges Mit Möglichem Notwendiges je gebe, Non si est dare primum motum esse; Noch ob im halben Kreise man beschreiben Ein Dreieck kann, das keinen Rechten habe. Drum merkst du dies, und was ich sprach, so wirst du, Im Schaun, das sondergleichen, königliche Klugheit ersehn, drauf meiner Meinung Pfeil trifft. Und wenn du aufs ›Erhob‹ mit klarem Blick schaust, Wirst sehn du, daß es nur sich auf die Kön'ge Bezieht, die zahlreich und die Guten selten. Mit diesem Unterschiede nimm mein Wort auf, Und so kann's wohlbestehn mit deinem Glauben Vom ersten Vater und von unsrer Wonne. Und dies sei immer Blei dir an den Füßen, Dich langsam zu bewegen wie ein Müder, Zu Ja und Nein, das du nicht kannst erschauen; Denn unter Toren steht der wohl am tiefsten, Der ohne Unterschied bejaht und leugnet, So bei dem einen als dem andern Schritte; Denn es geschieht, daß sich die rasche Meinung Gar öfters nach der falschen Seite wendet, Und dann den Intellekt die Neigung bindet. Mehr als umsonst entfernt sich vom Gestade, Da er nicht wiederkehrt, wie er gegangen, Wer nach der Wahrheit fischt und nicht die Kunst hat. Des sind auf Erden offene Beweise Parmenides, Bryson, Meliß und viele, Die gehend nicht gewußt, wohin sie gingen. So tat Sabell, Arius nebst den Toren, Die Schwertern gleich den heil'gen Schriften waren, Indem ihr klares Antlitz sie verwirret. Und jetzt auch mög' im Richten allzu sicher Das Volk nicht sein, wie jener, der die Früchte Abschätzet auf dem Feld, bevor sie reif sind; Den Dornstrauch sah ich, der den ganzen Winter Hindurch sich starr und wild gezeiget hatte, Dann doch die Ros' auf seinem Gipfel tragen; Und manches Schiff sah ich, das grad und eilig Das Meer durchlief auf seinem ganzen Wege, Zuletzt umkommen bei des Hafens Eingang. Nicht glaube Meister Martin und Frau Berta, Weil sie den stehlen sieht, den Opfer bringen, Sie innerhalb des ew'gen Rats zu schauen; Denn der kann steigen und der andre fallen.« Vierzehnter Gesang Vom Mittel wallt zum Rand, vom Rand zum Mittel Das Wasser, wenn's von außen oder innen Berührt wird in kreisförmigem Gefäße. Getreten war mir plötzlich vor die Seele Das, was ich hier gesagt, sobald des Thomas Glorreiches Leben stillgeschwiegen hatte, Ob einer Ähnlichkeit, die jetzt sich zeigte Mit seiner und mit der Beatrix Rede, Der es nach ihm also gefiel zu sprechen: »Bedürfnis ist es jenem, und nicht sagt er's, Mit Worten nicht, noch denkend bloß, zur Wurzel Hineinzudringen einer andern Wahrheit. Sagt ihm, ob jenes Licht, mit welchem eure Substanz umblüht ist, mit euch wird verbleiben In alle Ewigkeit, so wie es jetzt ist; Und wenn es bleibt, sagt an, wie's nur geschehn kann, Daß, wenn ihr sichtbar wiederum geworden Einst seid, es eurer Sehkraft dann nichts schadet.« Gleichwie auf einmal, die im Kreis sich drehen, Von größrer Lust getrieben und gezogen, Die Stimm' erhebend, munter sich gebärden, So zeigten auf das willige und fromme Gebet die heil'gen Zirkel neue Wonne Durch Drehn und wunderbare Melodien. Wer sich beklaget, daß man hier muß sterben, Um droben fortzuleben, der hat dort nicht Des ew'gen Taues Kühlung noch empfunden. Der eins und zwei und drei, der ewig lebet Und ewig herrscht in drein und zwein und einem, Umschrieben nicht, doch alle Welt umschreibend, War von jedwedem dieser Geister dreimal In solcher Melodie gesungen worden, Daß jegliches Verdienst sie gnügend lohnte. Und aus dem göttlichsten der Lichter hört' ich Des kleinen Kreises eine Stimme sittsam, Wie die wohl war des Engels zu Maria, Antwortend drauf: »Solang die Feier dauert Im Paradies, so lang wird unsre Liebe Rings um sich her ausstrahlen solche Hülle; Denn ihre Klarheit muß der Glut entsprechen, Die Glut dem Schauen, und so weit reicht dieses, Als Gnad' es über eigne Kraft empfangen. Sobald wir mit dem ruhmvoll heil'gen Fleische Uns neu umkleidet, wird genehmer unsre Person auch werden, weil sie ganz und gar ist. Drum wird vermehren sich, was uns gewähret Das höchste Gut an unverdientem Lichte, Licht, das es zu betrachten uns befähigt; Daher muß wachsen auch das Schaun und wachsen Die Glut auch, die daran entbrennt, und wachsen Nicht minder auch der Strahl, der von ihr herkommt. Und wie die Kohle, welche Flamme aushaucht Und diese durch lebend'gen Glanz besieget, So daß ihr Licht derselben sich erwehret, Also wird das Geblitz, das uns umkreiset, An Helle von dem Fleisch besieget werden, Das Tag für Tag die Erde jetzt bedecket; Und nicht wird uns so großes Licht ermüden, Denn die Organe unsres Körpers werden Stark sein zu allem, was uns kann erfreuen.« Also bereit und eilig schien mir Amen Zu sagen dieses Chor wie jenes, daß sie Wohl Sehnsucht nach den toten Körpern zeigten, Nicht ihrethalb so sehr, als ob der Mütter, Der Väter und der andern, ihnen teuer, Bevor sie ew'ge Flammen noch geworden. Und sieh, ringsum entstand von gleicher Klarheit Ein Schimmer über jenem, der schon da war, Dem Horizont gleich, wenn er sich erhellet. Und wie beim ersten Anbeginn des Abends Sich an dem Himmel neue Lichter zeigen, So daß die Sache wahr und auch nicht wahr scheint, Also begann ich hier, so schien es, neue Substanzen zu erschauen, einen Zirkel Um die zwei anderen Umkreise bildend. O heil'gen Hauchs wahrhaftiges Entsprühen, Wie trat's vor meine Augen rasch und glänzend, Daß überwunden sie's nicht tragen konnten! Allein Beatrix zeigte sich so schön mir Und lächelnd, daß mit anderem Gescheh'nen Ich's lassen muß, das nicht dem Sinn gefolgt ist. Hier schöpften wiederum Kraft meine Augen, Sich aufzurichten, und ich sah versetzt mich Zu höherm Heil allein mit meiner Herrin. Wohl ward ich inne, daß ich mehr gestiegen, Ob des entbrannten Lächelns des Planeten, Der glühender mir schien, als er gepfleget. Mit ganzem Herzen und mit jener Stimme, Die ein' in allen, bracht' ich Gott ein Opfer, Wie's für die neue Gnade sich gebührte; Und nicht erschöpft noch war aus meinem Busen Die Opferflammenglut, als ich erkannte, Es sei genehm und heilvoll solche Gabe; Denn solches Glanzes und so rot erschienen Lichtschimmer innerhalb mir zweier Strahlen, Daß ich ›o Helios‹ sprach, ›der so sie schmücket!‹ Gleichwie von Pol zu Pol, sich deutlich sondernd, Galaxias hell erglänzt von größern Lichtern Und kleineren, so daß drob Weise zweifeln, Also vereinet bildeten im tiefen Mars jene Strahlen das ehrwürd'ge Zeichen, Das die Quadranten in dem Kreis verbindet. Allhier besiegt den Geist mir das Gedächtnis; Denn in sotanem Kreuz aufflammte Christus, So daß kein würdig Bild ich weiß zu finden. Doch, wer sein Kreuz nimmt und nachfolget Christo, Entschuldigt mich ob des, was ich verschweige, Sieht er in jenem Licht einst blitzen Christum. Von Horn zu Horn, vom Gipfel bis zum Fuße Bewegten Lichter sich, die beim Vorbeigehn Und beim Zusammentreffen hell aufsprühten. Also erblickt man hier bald schief, bald grade, Langsam und schnell, stets neuen Anblick zeigend, Lang oder kurz, der Körper kleinste Teile, Bewegend sich im Strahl, davon zu Zeiten Der Schatten wird gesäumt, den, sich zu schützen, Durch Kunst und Witz die Menschen sich erworben. Und wie von vielen Saiten, im Akkorde Gestimmt, Geig' oder Harfe süßes Summen Dem hören läßt, der nicht vernimmt die Weise; So von den Lichtern, die mir hier erschienen, Klang eine Melodie durchs Kreuz hin, die mich Entzückt', ob ich gleich nicht verstand die Hymne. Wohl merkt' ich, daß von hohem Lob sie handle, Denn zu mir kam das Wort: »Steh auf und siege!« Gleich wie zu dem, der hört und nicht verstehet, Also ward ich von Liebe hier berauschet, Daß bis dahin kein Ding es hat gegeben, Das mit so süßen Banden mich umschlungen. Vielleicht scheint allzu kühn mein Wort, indem ich Hier nachgesetzt die Lust der heil'gen Augen, In die zu schaun all meine Sehnsucht stillet. Doch, wer bedenkt, daß die lebend'gen Siegel Jedweder Schönheit, höher, mehr auch wirken Und ich mich hier noch nicht gewandt nach jenen, Entschuldigt mich ob des, daß zur Entschuld'gung Ich mich beschuld'g', und sieht, daß wahr ich spreche; Denn ausgeschlossen ist die heil'ge Lust nicht Hierbei, weil steigend sie sich mehr noch läutert. Fünfzehnter Gesang Der gute Wille, der in jener Liebe Sich immer zeigt, die rechterweise wehet; Gleichwie Begehrlichkeit in der verderbten, Stillschweigen hat er jener süßen Lyra Geboten und gestillt die heil'gen Saiten, Die da des Himmels Rechte spannt und nachläßt. Wie würden taub wohl für gerechte Bitten Die Wesen sein, die bloß, mir Lust zu geben, Daß ich sie bitt' einträchtiglich geschwiegen? Wohl ist es recht, daß der ohn' Ende leide, Der einem Ding zu Liebe, welches ewig Nicht dauert, jener Liebe sich entäußert. Wie durch die Klarheit reiner stiller Nächte Von Zeit zu Zeit ein plötzlich Feuer hinläuft, Das Auge, das erst sicher stand, bewegend, Und einem Sterne gleicht, der Stätte wechselt, Nur daß am Ort, dran es entglommen, keiner Verlorengeht, und selbst es kurz nur dauert; Also vom Horne, das sich recht erstrecket, Lief aus dem Sternbild, welches hier erglänzet, Ein Stern hin zu dem Fuße jenes Kreuzes; Und nicht vom Bande trennte der Juwel sich, Nein, durch den Radiusstreif querüber laufend, Glich einer Flamm' er hinter Alabaster. So liebreich bot sich dar Anchises' Schatten, Wenn Glauben heischt die größte unsrer Musen, Als im Elysium er des Sohns gewahr ward. »O sanguis meus, o super infusa Gratia Dei, sicut tibi, cui Bis unquam coeli janua reclusa?« »O du, mein Blut, o du über dasselbe ergossene göttliche Gnade, wem ward jemals, wie dir, die Pforte des Himmels zweimal geöffnet?« So jenes Licht; drob ich auf solches merkte. Drauf, wieder meiner Herrin zugewendet Den Blick, ergriff so hier als dort mich Staunen; Denn solch ein Lächeln glüht' in ihren Augen, Daß meiner Gnad' ich, meines Paradieses Grund mit den meinen zu berühren glaubte. Darauf zu hören und zu schaun erfreulich, Der Geist zu seinem Anfang Dinge fügte, Die ich nicht faßte, so tiefsinnig sprach er. Und nicht aus freier Wahl verbarg er mir sich, Nein, aus Notwendigkeit, weil sein Gedanke Jenseils der Grenze Sterblicher sich aufschwang. Doch als der Bogen sich der glüh'nden Liebe So weit entleeret, daß sein Wort herabstieg Bis nach dem Markstein unsres Intellektes, Da war das erste Ding, das ich verstanden: »Gebenedeiet seist du, drei und einer, Der du so gütig warst für meinen Samen.« Drauf fuhr er fort: »Ein Sehnen lang und wonnig, Geschöpft im Lesen aus dem größten Buche, In dem sich Weißes nie, noch Schwarzes ändert, Hast du gelöst, o Sohn, in jenem Lichte, In dem ich mit dir spreche, Dank sei's jener, Die dich zum hehren Fluge hat beschwinget. Du glaubst, daß dein Gedanke zu mir komme Vom Urgedanken, gleichwie von der Einheit, Wenn man sie kennt, die fünf und sechs entstrahlet. Drum, wer ich sei, nicht fragst du, noch warum ich Mich freudiger dir zeig' als irgendeiner Der anderen aus diesen heitern Scharen. Du glaubest recht, denn Größre schaun und Kleinre Aus diesem Leben in den Spiegel, drin sich, Eh' du ihn denkst, enthüllet dein Gedanke. Doch daß die heil'ge Lieb, in der ich wache Mit ew'gem Schaun, und die mit süßen Sehnens Durst mich erfüllt, befriedigt besser werde, So spreche deine Stimme kühn und sicher Und freudig aus den Willen, sprech' den Wunsch aus, Darauf beschlossen schon ist meine Antwort.« Ich wandte zu Beatrix mich, die, hörend, Bevor ich sprach, zulächelt' einen Wink mir, Drob meinem Willen noch die Schwingen wuchsen; Drauf ich begann: ›Empfindung und Verständnis, Seit euch die erste Gleichheit ist erschienen, Sind jeglichem aus euch im Gleichgewichte; Denn in der Sonne, die durch Licht und Wärm' euch Erleuchtet und entzündet, sind so gleich sie, Daß jede Ähnlichkeit dagegen karg ist. Doch in dem Sterblichen sind Wunsch und Einsicht, Ob eines Grundes, der euch wohlbekannt ist, Verschiedentlich befiedert an den Schwingen. Drum ich, der sterblich bin, mich fühl' in dieser Ungleichheit, und daher nur mit dem Herzen Dank sage für die väterliche Feier. Doch fleh' ich dich, lebendiger Topas, an, Von dem dies kostbare Geschmeide funkelt, Daß du mit deinem Namen mich befriedigst.‹ »O du, mein Laub, an dem ich Wohlgefallen Im Harren fand schon, deine Wurzel war ich.« Solch einen Anfang macht' er seiner Antwort. Dann sprach er: »Der, nach dem sich nennet deine Verwandtschaft, und der hundert Jahr' und drüber Den Berg umkreist hat auf dem ersten Simse, Er war mein Sohn, und war dein Ältervater. Wohl ziemt es sich, daß du die lange Mühe Abkürzen ihm durch deine Werke mögest. Florenz, im Umkreis seiner alten Mauern, Von denen Terz und Non' annoch es hernimmt, War keusch und mäßig damals, und im Frieden. Noch keine Kettlein gab es, keine Kronen, Nicht Frauen mit Sandalen, noch auch Gürtel, Dran mehr als an der Trägerin zu sehn war. Nicht machte, kaum geboren, schon dem Vater Die Tochter Sorge, daß nicht Zeit und Mitgift Sich hier und dort vom Maß entfernen möchten. Noch gab's nicht Häuser, leer von Hausgenossen, Noch war Sardanapalus nicht gekommen, Zu zeigen, was in Kammern man vermöge. Besiegt war Montemalo noch von eurem Uccelatojo nicht, der, wie im Steigen Er's ward, besiegt auch wird im Sinken werden. Bellincion Berti sah ich gehn umgürtet Mit Bein und Leder, und vom Spiegel kommen Sein Weib mit ungeschminktem Angesichte; Ich sah den von den Nerli, den von Vecchio Sich mit dem unbedeckten Fell begnügen, Und ihre Frauen mit dem Knaul und Spinnrad. O Glückliche! und ihrer Grabesstätte War jegliche gewiß, und noch war keine Im Ehebett verwaist um Frankreichs willen. Die eine wachte sorglich an der Wiege Und brauchte, lullend, jene Redeweise, An der zuerst sich Väter freun und Mütter; Die andere, den Faden zieh'nd am Rocken, Erzählte Märchen, in der Ihr'gen Mitte, Von Rom und Fiesole, und den Trojanern. Für solch ein Wunder hätte da gegolten Eine Cianghell', ein Lapo Salterello, Als jetzt Cornelia gilt und Cincinnatus, So ungestörtem, schönem Bürgerleben, So trauter Bürgerschaft und solcher süßen Herberge hat Maria mich geschenket, Da sie mit lautem Schrein ward angerufen, Und dort in eurem alten Baptisterium Ward ich ein Christ zugleich und Cacciaguida. Moront' und Elisäus waren Brüder Mir; aus dem Po-Tal kam mir meine Gattin, Woher dann dein Zuname ist entstanden. Dem Kaiser Konrad folgt' ich dann, und dieser Umgürtete mich als sein Kriegsgefolge; So sehr ward er mir hold ob meines Rechttuns. Ich zog ihm nach, entgegen der Verruchtheit Desjenigen Gesetzes, desen Anhang Durch Schuld des Hirten euer Recht sich anmaßt. Alldort ward ich durch solches schnödes Volk dann Von jener trügerischen Welt gelöset, Die durch ihr Lieben manche Seel' entadelt, Und kam vom Märtyrium zu diesem Frieden.« Sechzehnter Gesang O du geringer Adel unsres Blutes! Wenn Anlaß du den Menschen, sich zu rühmen Hienieden, gibst, wo unsre Neigung kränkelt, Wird nie mir solches wunderbar erscheinen, Da dort, wo nimmer abgelenkt der Trieb wird, Im Himmel sag' ich, ich mich dein gerühmet! Wohl bist ein Mantel du, der bald sich kürzet, So daß, wenn man nicht Tag für Tag hinzufügt, Die Zeit ihn mit der Schere rings beschneidet. Vom »Ihr«, das Rom zuerst geduldet hatte, In welchem minder nun sein Volk verharret, Begannen wiederum jetzt meine Worte; Darauf Beatrix, die ein wenig fern stand, Lächelnd der glich, die hustete beim ersten Fehltritt, der von Ginevra steht geschrieben. Also begann ich dann: ›Ihr seid mein Vater, Ihr gebt zum Reden mir jedwede Kühnheit, Ihr hebt empor mich höher, als ich selbst bin. Durch so viel Ströme füllet mit Ergötzen Mein Geist sich, daß zur Freud' es ihm gereichet, Wie er's kann tragen, ohne zu zerspringen. Sagt mir, mein teurer Urquell, denn, wer Eure Altvorderen gewesen sind, und welche Jahrzahl in Eurer Kindheit man geschrieben? Sagt mir, wie groß die Herde Sankt Johannis Damals schon war, und welche die Geschlechter, Die drin der höchsten Sitze würdig waren?‹ Gleichwie zur Flamme bei des Windes Hauchen Die Kohle sich belebt, so sah bei meinen Liebkosungen ich jenes Licht erglänzen; Und so, wie's meinem Blick sich schöner zeigte, Also mit sanfterer und süßrer Stimme Sprach es, doch nicht in dieser neuern Mundart: »Vom Tag, wo ›Ave‹ man gesagt, bis zu der Geburt, da meine Mutter, die jetzt heilig, Sich mein, der ihre Bürde war, entledigt, Ist fünfmalhundertfünfzig und noch dreißig Mal heimgekehrt zu seinem Leu'n dies Feuer, Sich unter dessen Fuß neu zu entflammen. Geboren ward ich selbst nebst meinen Vätern Dort, wo zuerst berühret wird bei eures Alljähr'gen Festes Lauf das letzte Sechsteil. Von meinen Ahnen gnüg' es, dies zu hören: Wer sie gewesen, und woher sie kamen, Darob ziemt's mehr zu schweigen, als zu sprechen. Was waffenfähig, zwischen Mars und Täufer, Zu jener Zeit dort war, betrug den fünften Teil derer nicht, die gegenwärtig leben. Allein das Bürgertum, das jetzt gemischt ist Aus Campi, aus Certald' und aus Figghine, War rein zu schaun im letzten Handwerksmanne. O, wieviel besser war's, zu Nachbarn jene Zu haben, die ich nannt', und bei Galluzzo Und bei Trespiano eures Weichbilds Markstein, Als drin sie haben, und den Stank des Bauers Von Aguglione dulden und von Signa, Der schon zum Schachern seinen Blick geschärft hat! Und wär' das Volk, das auf der Welt zumeist ist Entartet, nicht stiefmütterlich für Cäsar, Nein, mild gewesen wie dem Sohn die Mutter; So hätte, wer als Florentiner Handel Jetzt treibt und Wechsel, sich nach Simifonti Gewandt, wo der Großvater schon umherzog; So wäre Montemurlo noch den Grafen, Noch wären in Acones Pfarr' die Cerchi, Wohl selbst im Grieve-Tal die Buondelmonti. Allzeit war das Vermengen der Personen Der erste Grund zum Ungemach der Städte, Wie für den Leib die Speise, die sich anhäuft; Und hurt'ger als ein blindes Lämmlein stürzet Ein blinder Stier, und mehr und besser schneidet Ein Schwert allein oft, als fünf Schwerter schneiden. Wenn du bemerkst, wie Lun' und Urbisaglia Dahingegangen sind, und, ihnen folgend, Von dannen Sinigaglia geht und Chiusi, Wird dir's nicht neu noch wunderbar erscheinen, Wenn du vernimmst, wie die Geschlechter schwinden, Da auch die Städte selbst ihr End' erreichen. All euern Dingen ist ihr Tod bestimmet So wie euch selbst, doch birgt er sich bei manchem, Das lange währt, weil kurz ist euer Leben. Und wie des Mondes Himmel durch sein Kreisen Unausgesetzt die Küsten auf- und zudeckt, Also gebaret mit Florenz das Schicksal; Drum darf dir das erstaunenswert nicht scheinen, Was ich von hohen Florentinern, deren Ruf in der Zeit verborgen ist, dir künde. Ich sah die Ughi, sah die Catellini, Filippi, Greci, Ormanni und Alberighi, Schon sinkend, ausgezeichnet noch als Bürger, Und sah so groß als alten Stamms mit jenem Von der Sannella jenen von der Arca, Nebst den Bostichi, Ardingh' und Soldanieri Ob jenem Tor, auf dem jetzt neuer Treubruch Von solcher Schwere lastet, daß alsbald man Die Barke wird erleichtern müssen, saßen Die Ravignani schon, von denen abstammt Graf Guido und wer immer dann den Namen Des hohen Bellincion hat angenommen. Schon wußte, wie sich's zu regieren ziemet, Der von der Press', und Galigajo hatte Im Hause Kopf und Bügel schon vergoldet. Groß war der Hermelinpfahl schon, die Giuochi, Die Galli, die Sacchetti, die Sifanti, Barucci und die sich des Scheffels schämen. Der Stamm, dem die Galfucci sind entsprosset, War groß schon, und zu den curul'schen Sitzen Zog man die Sizi schon und Arrigucci. O wie sah jen' ich, die durch ihre Hoffart Zerstört sind! und die goldnen Kugeln zierten Florenz in allen seinen großen Taten, So handelten auch die Vorfahren jener, Die jederzeit, wenn unbesetzet eure Kirch' ist, sich mästen, sitzend im Kapitel. Die übermüt'ge Sippschaft, die dem Flieh'nden Nachzischt und wie ein Lamm sich schmiegt vor einen, Der ihr den Zahn zeigt oder auch den Beutel, Kam schon empor, doch aus geringem Volke, So daß ungern sah Ubertin Donato, Daß ihm sie gab der Schwäher zum Verwandten. Schon war von Fiesole herabgestiegen Zum Marktplatz Caponsacco, und schon waren Guido und Infangato gute Bürger. Unglaubliches, was wahr doch ist, bericht' ich: Zum kleinen Kreise trat durch eine Pforte Man ein, benannt nach denen von der Pera. Sie alle, die das schöne Wappen tragen Des großen Freiherrn, dessen Preis und Name Erneuert wird am Thomas-Feste, hatten Urkund' und Ritterschlag von ihm empfangen, Obgleich sich heutzutage mit dem Volke Vereint, der mit der Leiste jenes säumet. Schon Gualterotti gab's und Importuni, Und Borgo wäre friedlicher verblieben, Wenn sie der neuen Nachbarn noch entbehrten. Das Haus, dem euer Jammer ist entsprossen Ob des gerechten Zorns, der Tod euch brachte Und eurem heitern Leben macht' ein Ende, War hochgeehrt nebst seinen Anverwandten. O Buondelmonte, wie so unrecht tat'st du, Zu fliehn auf andrer Ratschlag seine Heirat! Gar viele wären froh, die jetzt sind traurig, Wenn Gott der Ema dich gegeben hätte, Als du das erste Mal zur Stadt gekommen! Allein es mußte dem gebrochnen Steine, Der auf der Brücke steht, Florenz ein Opfer In seines Friedens letzten Tagen bringen, Mit diesen und noch anderen Geschlechtern Hab' ich Florenz gesehn in solchem Frieden, Daß nimmer es zu weinen Ursach' hatte. Mit diesem hab' ich so gerecht und ruhmvoll Sein Volk gesehen, daß niemals die Lilie An Speeresspitze rückwärts ward gewendet, Noch auch durch Zwiespalt rot gefärbt ist worden.« Siebzehnter Gesang Wie zu Clymene kam, der noch die Väter Karg macht den Söhnen, des gewiß zu werden, Was er Nachteiliges für sich gehöret, Dem ähnlich macht' ich's jetzt und ward vernommen So von Beatrix als der heil'gen Leuchte, Die erst für mich den Platz gewechselt hatte. Zu mir drob meine Herrin: »Deines Wunsches Glut laß heraus, so daß hervor sie komme, Mit deines Innern Stempel recht bezeichnet; Nicht daß, durch was du sagest, unser Wissen Sich mehre, nein, damit du dich gewöhnest, Den Durst zu künden, daß man dir kredenze.« ›O du mein teurer Stamm, der du dich also Erhebest, daß, wie ird'sche Geister sehen, Es fass' ein Dreieck nie zwei stumpfe Winkel, So die zufäll'gen Dinge du erschauest, Eh' in sich selbst sie sind, den Punkt betrachtend, Für den jedwede Zeit ist gegenwärtig; Indes ich mit Virgil noch war vereinet, Den Berg erklimmend, der die Seelen heilet, Und in die Welt des Todes niedersteigend, Ward mir gesagt von meinem künft'gen Leben Manch schweres Wort, obgleich ich jetzt mich fühle Recht felsenfest für des Geschickes Streiche. Drum würd' es mir Befriedigung gewähren, Zu wissen, welch ein Schicksal sich mir nahe; Denn träger kommt der Pfeil, den man voraussieht.‹ Also begann ich zu demselben Lichte, Das mit mir sprach zuerst und, wie Beatrix Es forderte, bekannt' ich meinen Wunsch ihm. Nicht durch Vieldeutigkeit, drin sich verstrickte Das Torenvolk, bevor noch Gottes Lamm war Getötet worden, das die Sünden wegnahm, Nein, klaren Worts und mit bestimmter Rede Gab Antwort mir die väterliche Liebe, Umhüllt und strahlend von dem eignen Lächeln. »Das Reich zufäll'ger Dinge, das sich weiter Nie denn das Buch erstrecket eures Stoffes, Ist ganz im ew'gen Antlitz abgebildet. Notwendigkeit jedoch empfängt's daher nicht, Nicht mehr als von dem Auge, drin sich's spiegelt, Ein Schiff, das in der Strömung abwärts gleitet Von dorther tritt mir, gleichwie von der Orgel Zum Ohre süße Harmonien gelangen, Die Zeit vors Auge, die sich dir bereitet. Wie Hippolyt von dannen aus Athen ging, Der treulos-grausamen Stiefmutter wegen, Also wirst du Florenz verlassen müssen. Das ist es, was man will; das sucht bereits man, Und bald wird's dem gewähret, der drauf sinnet, Dort, wo tagtäglich Christus wird verhandelt. Die Schuld wird dem verletzten Teile folgen Dem Ruf nach, wie sie's pflegt, allein die Rache Zeugt für die Wahrheit bald, die jene spendet. Verlassen wirst du all die lieben Dinge, Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird Der erste sein von der Verbannung Bogen. Erfahren wirst du, wie gesalzen schmecket Das fremde Brot, und wie so herb der Pfad ist, Den man auf fremden Stiegen auf- und absteigt. Doch was zumeist den Rücken dir beschweret, Wird die Genossenschaft sein, bös und töricht, Mit der in solches Tal herab du stürzest, Die ganz undankbar dich, ganz toll und gottlos Anfeinden wird; allein bald wird sie selber, Nicht du, blutrot davon die Schläfe tragen. Von ihrer Unvernunft gibt ihr Verfahren Bald den Beweis, so daß dir's rühmlich sein wird, Daß für dich selbst du hast Partei gebildet. Dein erster Zufluchtsort, dein erstes Obdach Wird sein des mächtigen Lombarden Großmut, Der auf der Stiege trägt den heil'gen Vogel; Der wird mit so viel Güte dich beachten, Daß von dem Tun und Bitten, was bei andern Das spät'ste, unter euch das erste sein wird. Mit ihm schaust den du, der bei der Geburt so Den Eindruck dieses kräft'gen Sterns empfangen, Daß merkenswert einst seine Taten werden. Noch sind die Völker des nicht inne worden Ob seines jungen Alters; denn neun Jahre Erst sind's, seit diese Kreis' um ihn sich winden. Doch eh' der Baske täuscht den hohen Heinrich, Wird er schon Funken seiner Tugend zeigen, Indem er sich um Geld und Müh' nicht kümmert. Also bekannt wird sein großartig Wesen Dereinst noch werden, daß selbst seine Feinde Davon die Zunge stumm nicht halten können. Auf ihn mögst hören du und auf sein Wohltun! Viel Volk wird durch ihn umgeändert werden, Der Reiche mit dem Bettler Lage wechselnd. Von ihm nimmst manches du im Sinn verzeichnet Von dannen mit und sagst's nicht!« Und sprach Dinge Unglaublich dem, der gegenwärtig sein wird. Drauf fügt' er bei: »Sohn, dieses sind die Glossen Zu dem, was dir gesagt ward, dies der Fallstrick, Der hinter wenig Schwingungen verhüllt liegt. Doch mögst du deine Nachbarn nicht beneiden, Da weiter in die Zukunft hin, als ihrer Treulosigkeit Bestrafung, reicht dein Leben.« Nachdem durch Schweigen drauf die heil'ge Seele Gezeigt, daß sie zu Ende mit dem Einschlag In jenem Grund, den ich ihr bot gewoben, Begann ich, jenem ähnlich, der, im Zweifel Befangen, Rat von einem Manne wünschet, Der sieht und rechten Willen hat und liebet: ›Wohl seh' ich, Vater, wie auf mich zusprenget Die Zeit, daß einen Streich sie mir versetze, Der dem am härt'sten, der zumeist sich gehn läßt; Drum ziemt es, daß ich mich mit Vorsicht waffne, So daß, wenn mir der liebste Ort geraubt wird, Ich nicht die andern durch mein Lied verliere. Dort unten in der Welt, der endlos bittern, Und an dem Berg, von dessen schönem Gipfel Die Augen meiner Herrin mich erhoben, Und späterhin von Licht zu Licht im Himmel Vernahm ich manches, das gar vielen, wenn ich Es wieder sage, stark gewürzt wird schmecken; Doch, wenn ich schüchtern nur der Wahrheit Freund bin, Möcht' ich bei jenen, fürcht' ich, fort nicht leben, Die diese Zeit die alte nennen werden.‹ Das Licht, in welchem lächelte mein Kleinod, Das ich gefunden hier, ward erst ganz blitzend, Wie bei der Sonne Strahl ein goldner Spiegel; Drauf gab's zur Antwort: »Ein befleckt Gewissen, Sei's durch die eigne, sei's durch fremde Schande, Mag immerhin dein herbes Wort empfinden. Doch um nichts weniger veroffenbare Dein ganz Gesicht, jedweder Lüg' entsagend, Und kratzen laß, wo sich die Krätze findet; Denn wenn auch deine Stimme lästig sein wird Beim ersten Kosten, wird sie Lebensnahrung, Wenn sie verdauet ist, zurück dann lassen. Dem Sturme gleich wird dies dein Rufen wirken, Der stets zumeist die höchsten Gipfel schüttelt, Und solches wird nicht wenig Ruhm dir bringen. Drum wurden dir gezeigt in diesem Kreise, Am Berg und in dem schmerzensreichen Tale Nur solche Seelen, die an Ruf bekannt sind, Indem des Hörers Geist nicht wird befriedigt, Noch sich im Glauben feststellt durch ein Beispiel, Des Wurzel unbekannt ist und verborgen, Noch auch durch andern Grund, der nicht zu schaun ist.« Achtzehnter Gesang Schon freute jetzt des eigenen Gedankens Allein sich jener sel'ge Geist, und ich mich Des meinen, Süßes mäßigend durch Herbes; Doch jenes Weib, das hin zu Gott mich führte, Sprach: »Sinn' auf andres; denke, daß du nahe Dem bist, der jedes Schadens Last enthebet.« Nach meines Trostes liebevollen Tönen Wandt' ich mich, und welch eine Lieb' im heil'gen Aug' ich dort sah, hier geb' ich's auf zu schildern; Nicht, weil ich meiner Rede nur mißtraue, Nein, ob des Sinns, der auf sich selbst soweit nicht Zurück kann kehren, führt ihn nicht ein andrer. Soviel kann ich von dem Moment berichten, Daß, weil ich sie betrachtete, mein Herz sich Von jedem andern Wunsche frei gefühlet. Indes die ew'ge Lust, die sonder Mittel Strahlt' auf Beatrix, aus dem schönen Antlitz Mit ihrem Abbild mich zufriedenstellte, Sprach sie zu mir, durch eines Lächelns Licht mich Besiegend: »Wende dich und horche; denn nicht In meinen Augen nur ist Paradies ja!« Gleichwie zuweilen hier im Angesichte Sich zeiget das Gefühl, wenn es so mächtig, Daß ganz von ihm die Seel' ist hingerissen; Also erkannt' ich in des heil'gen Blitzes Geflamm, nach dem ich mich gewandt, das Wünschen, Das in ihm war, mir noch etwas zu sagen. Und er begann: »Auf dieser fünften Stufe Des Baums, der Leben zieht von seinem Wipfel Und Frucht stets trägt und nie sein Laub verlieret, Gibt's sel'ge Geister, die dort unten, eh' sie Zum Himmel kamen, großen Ruf erlanget, Dran reichen Stoff jedwede Muse hätte. Drum blicke nach den Hörnern hin des Kreuzes; Der, den ich nenne, wird den Akt dort zeigen, Den in der Wolke macht ihr rasches Feuer.« Ein Licht sah ich durchs Kreuz einhergezogen Auf Josua's Erwähnung, wie sie stattfand, Noch ward des Wortes vor der Tat ich inne. Und auf des hohen Makkabäers Namen Sah ich ein andres drehend sich bewegen, Und Wonne war die Peitsche solches Kreisels. So folgt', als Karl dem Großen und als Roland, Zwei'n aufmerksam mein Blick, gleichwie das Auge Dem eignen Falken pflegt im Flug zu folgen. Drauf zog mein Angesicht nach sich hin Wilhelm, Es zogen's Renouard und Herzog Gottfried Auf sich in jenem Kreuz, und Robert Guiscard. Bewegt dann und gemischt mit andern Lichtern, Bewies die Seele, die mit mir gesprochen, Mir, welch ein Künstler sie im Himmelschor sei. Ich wandte wieder mich zur rechten Seite, Um in Beatrix meine Pflicht zu schauen, Durch Worte dort bezeichnet oder Handlung; Und ihrer Augen Licht sah ich so klar dort, So wonnig, daß ihr Anblick, was sie früher Gepflegt zu sein und was zuletzt, besiegte. Und wie der Mensch, indem von Tag zu Tag er Beim Gutestun der Freude mehr empfindet, Gewahrt, daß seine Tugend vorwärtsschreitet, Merkt' ich, daß meinem Umschwung mit dem Himmel Zugleich der Bogen sich vergrößert hatte, Da jenes Wunder reicher ich geschmückt sah. Und der Verändrung ähnlich, die nach kurzem Zeitraum die Farbe weißer Frau'n erleidet; Wenn sich der Scham ihr Antlitz hat entlastet, War's, als ich mich gewandt, in meinen Augen Ob des gemäßigten Planeten Weiße, Des sechsten, der in sich mich aufgenommen. In dieser Jovis-Fackel sah der Liebe Entsprühn ich, das sich hier befand, die Worte Darstellen unsrer Sprache meinen Augen Wie Vögel, die sich an dem Strand erheben, Zu ihrem Mahle gleichsam sich begrüßend, Bald lange Scharen und bald runde bilden; So sangen, hin und wieder fliegend, heil'ge Geschöpf in diesen Lichtern, bald zu D sich, Zu I , zu L in ihrer Form gestaltend. Nach ihrer Melodie bewegten erst sie Sich singend, und, eins jener Zeichen bildend, Verharrten sie ein Weilchen dann und schwiegen. O heil'ge Pegasäa, die den Geistern Du Ruhm gewährst und lange Dauer sicherst, Und diese Städten dann mit dir und Reichen, Erleuchte mich durch dich, daß jene Formen Ich, wie ich sie gewahrt, herzählen möge; Tu' deine Kraft kund in den kurzen Versen! Es zeigten mir sich also fünf mal sieben Selbstlaut' und Mitlaut', und die Teile merkt' ich, Wie sie geschrieben mir erschienen waren. Diligite justitiam , Nenn- und Zeitwort, So hieß der erste Teil der ganzen Inschrift, Qui judicatis terram , hieß der letzte. Drauf in dem M des fünften Wortes blieben Sie so geordnet stehn, daß hier dem Silber Jupiter ähnlich war, mit Gold besetzet. Und andre Lichter sah ich niedersteigen Zum Haupt des M und dort zur Ruhe kommen, Das Gut wohl singend, das nach sich sie hinzieht. Dann, wie, wenn sich entbrannte Stücke treffen, Unzähl'ge Funken steigen, draus die Toren Sich Vorbedeutung zu entnehmen pflegen, Sah mehr denn tausend Lichter ich von hier sich Erheben, minder oder mehr, nachdem es Die Sonne, die sie zündet, ihnen anwies; Und als nun jedes still an seinem Ort stand, Erblickt' ich im vorstechend hellen Feuer Darstellend Haupt und Hals sich eines Adlers. Der so hier malt, hat niemand, der ihn führet, Nein, selber führt er, und von ihm her schreibet Die Kraft sich, die zur Form wird in den Nestern. Die andre sel'ge Schar, die erst befriedigt Schien sich als M in Lilien einzufassen, Mit kurzem Umschwung folgte jenem Eindruck. 0 liebliches Gestirn, wie viel und welche Juwelen zeigten mir, daß Wirkung unsre Gerechtigkeit des Himmels, dran du prangst, sei! Drum bitt' ich jenen Geist, von dem dein Umschwung Und deine Kraft beginnt, daß er betrachte, Woher der Rauch kommt, der dein Licht verkümmert; So daß er endlich wieder einmal zürne Dem Kaufen und Verkaufen in dem Tempel, Aus Martyrium und Zeichen aufgemauert. 0 Kriegerschar des Himmels, den ich schaue, Bet' an für jene, die, auf Erden bösem Beispiele folgend, ganz verirrt sich haben! Einst pflegte mit dem Schwert man Krieg zu führen, Doch jetzt, bald hier, bald dort das Brot entziehend, Das keinem hält versperrt der fromme Vater. Doch du, der nur, um auszulöschen, schreibet, Wiss', Paul und Peter, die für jenen Weinberg, Den du verderbst, gestorben, sind noch lebend. Wohl kannst du sagen: also feste Sehnsucht Hab' ich nach dem, der einsam leben wollte, Und der durch Tanz zum Martyrium gebracht ward, Daß ich den Fischer nicht, noch Paulum kenne. Neunzehnter Gesang Es zeigte sich vor mir mit offnen Schwingen Das schöne Bild, das fröhlich in dem süßen Genusse die verbundnen Seelen machte. Jedwede schien wie ein Rubinlein, drinnen Ein Sonnenstrahl von solchem Feuer glühte, Daß es zurück ihn warf in meine Augen. Und, was mir jetzt zu schildern ziemt, nie ward es Durch Stimme noch verkündet, noch mit Tinte Geschrieben, noch durch Phantasie begriffen; Denn reden sah und hört' ich jenen Schnabel, Und in den Worten »Ich« und »Mein« erklingen, Weil es den Sinn von »Wir« und »Unser« hatte. Und er begann: »Weil ich gerecht und fromm war, Bin ich zu solcher Herrlichkeit erhöht hier, Die sich durch bloßen Wunsch nicht läßt erringen; Und auf der Erde ließ ich solch Gedächtnis Von mir zurück, daß das verkehrte Volk es Zwar preiset, doch nicht folget der Geschichte.« So ist von vielen Kohlen eine Glut wohl Zu fühlen, wie von vieler Herzen Liebe Ein einz'ger Ton aus diesem Bild hervordrang. Und ich darauf: ›0 immergrüne Blumen Der ew'gen Lust, die ihr all eure Düfte Als einen einzigen mir laßt verspüren, Löst mir, enthauchend, jenes große Sehnen, Drob lang ich schon gehungert, da auf Erden Ich keine Speise fand, um es zu stillen! Wohl weiß ich, wenn in anderm Reich des Himmels Die göttliche Gerechtigkeit sich spiegelt, Daß eures doch sie nicht verschleiert auffaßt. Ihr wisset, wie aufmerksam zuzuhören Ich mich bereit'; ihr wisset, welch ein Zweifel Es ist, drob ich so altes Sehnen hege.‹ Dem Falken gleich, wenn er, der Haub' entkommen, Das Haupt bewegt und mit den Schwingen Beifall Sich schlägt, voll Lust sich und in Schönheit zeigend, Sah ich's das Zeichen machen, das gewoben Von Lobgesängen war der ew'gen Gnade, In Weisen, wie sie kennt, wer droben selig. Drauf fing er an: »Er, der, den Zirkel an der Weltgrenze dreh'nd, so viel in ihrem Umfang Verborgenes unterschied und Offenbares, Ausprägen konnt' er nicht im ganzen Weltall So seine Kraft, daß nicht sein Wort unendlich Es übertreffend noch verblieben wäre. Und des Beweis ist, daß der erste Stolze, Der der Geschöpfe höchstes, weil auf Licht er Nicht wollte warten, ungezeitigt hinfiel. Denn draus erhellt, wie jegliche geringre Natur ein eng Gefäß nur jenem Gut ist, Das, endlos selbst, sich mit sich selbst nur misset. Daher kann unser Schauen, das nur einer Der Strahlen jenes Intellektes sein muß, Von welchen insgesamt die Ding' erfüllt sind, Der eigenen Natur nach also mächtig Nicht sein, daß sein Prinzip es nicht gewahre Viel minder glänzend, als es in der Tat ist. Darum vertiefet innerhalb der ew'gen Gerechtigkeit die Sehkraft sich, die eure Welt hat empfangen, wie das Aug' im Meere, Das, ob's am Strand den Grund erblickte, so doch Auf hohem Meer nicht, und dennoch ist jener Vorhanden; doch ihn birgt die eigne Tiefe. Kein Licht gibt's, kommt es nicht von jener Heit're, Die nie sich trübt, nein, Finsternis ist's, stammend Vom Schatten oder von dem Gift des Fleisches. Zur Gnüg' ist dir die Höhle nun erschlossen, Drin die lebendige Gerechtigkeit dir Sich barg, drob du so häuf'ge Fragen einwarfst, Indem du sprachst: Geboren wird am Indus Ein Mensch, und niemand ist daselbst, der spreche Von Christo, noch auch lese, noch auch schreibe; Und alles, was er will, und all sein Handeln Ist gut, so weit die menschliche Vernunft sieht, Von jeder Sünde frei in Wort und Leben. Er stirbet ungetauft und sonder Glauben; Wo kann ihn hier Gerechtigkeit verdammen? Wo nun ist seine Schuld, wenn er nicht glaubet? Doch, wer bist du, der zu Gericht will sitzen, Auf tausend Meilen weit Urteil zu fällen Mit deinem Blick, der eine Spanne reichet? Wohl würde dem sich, der mit mir gegrübelt, Wenn über euch die heil'ge Schrift nicht stände, Zu staunensvollem Zweifel Stoff hier finden. 0 ird'sche Wesen, o stumpfsinn'ge Geister! Der erste Wille, gut an sich, hat nimmer Sich von sich selbst, dem höchsten Gut, entfernet. Das ist gerecht, was mit ihm übereinstimmt; Und nach sich hin zieht kein erschaffnes Gut ihn, Nein, er ist's, der, entstrahlend, es hervorruft.« Gleichwie sich überm Nest im Kreise drehet Der Storch, nachdem die Jungen er gefüttert, Und der gefütterte nach jenem hinblickt, Dem ähnlich ward – und so hob sich das Auge – Das segensreiche Bild, das, von so tiefem Ratschluß beweget, seine Schwingen regte. Umkreisend sang's und sprach: »Wie meine Worte Für dich sind, der sie nicht versteht, so ist für Euch Sterbliche der Spruch des ew'gen Richters.« Drauf wurden still die hellen Fackelbrände Des heil'gen Geistes wiederum im Zeichen, Durch das ehrwürdig Rom der Welt geworden. Und es begann aufs neu': »Zu diesem Reiche Stieg keiner je, der nicht geglaubt an Christum, Nicht eh' man ihn ans Holz schlug, noch auch später. Doch sieh, gar viele rufen: ›Christe! Christe!‹ Die im Gericht viel minder nah einst werden Ihm stehn als mancher, der nicht kannte Christum; Und solche Christen wird der Äthiope Verdammen, wenn sich trennen die zwei Scharen, Die ein' auf ewig reich, die andre dürftig. Was können euren Kön'gen nicht die Perser Einst sagen, wenn geöffnet sie das Buch sehn, Darin all eure Schmach wird aufgeschrieben? Alldort wird unter Alberts Taten jene Man schaun, die bald den Flügel wird bewegen, So daß Prags Königreich drob wüst gelegt wird. Hier wird den Trug man sehn, den an dem Strande Der Seine jener treibt, die Münze fälschend, Der durch der Borste Stoß den Tod wird finden. Den Stolz wird man hier sehn, durch dessen Dünste Der Schott' und Engeländer also rasen, Daß keiner mag in seinen Schranken bleiben. Die Üppigkeit wird und das weiche Leben Des Spaniers man sehn, so wie des Böhmen, Der Tugend nie gekannt hat, noch geliebet. Mit einem I bezeichnet wird man sehen Beim Lahmen von Jerusalem sein Gutes, Weil dessen Gegensatz ein M bezeichnet. Den Geiz wird und die Feigheit man dort schauen Des, der die Feuerinsel schirmt, wo einstens Anchises schloß die lange Lebensdauer; Und anzudeuten, wie gering er gelte, Wird über ihn mit abgekürzten Lettern In engem Raume viel geschrieben stehen. Und jedem werden sich die schnöden Werke Des Ohms und Bruders zeigen, die so hehre Abstammung und der Kronen zwei geschändet. Und den von Portugal, den von Norwegen Wird man erkennen dort und den von Rascien, Der schlecht Venedigs Stempel zugerichtet. O glücklich Ungarland, wenn es sich nimmer Mißhandeln läßt, und glückliches Navarra, Wenn's mit dem Berg sich waffnet, der's umgürtet! Und glauben mag ein jeder, daß als Vorschmack Hiervon Nicosia jetzt und Famagosta Ob ihrer Bestie schon schrein und jammern, Die von der andern Seite sich nicht trennet.« Zwanzigster Gesang Wenn jene, so die ganze Welt erleuchtet, Von unsrer Hemisphär' also herabsteigt, Daß allenthalben schon der Tag entschwindet; Dann wird der Himmel, der von ihr allein erst Entglommen war, auf einmal wieder leuchtend Von vielen Lichtern, drin das ein' erglänzt. Und dieser Akt des Himmels kam zu Sinn mir, Als jetzt der Welt und ihrer Führer Zeichen Still schwieg mit dem gebenedeiten Schnabel; Denn, heller leuchtend noch, begannen jene Lebend'gen Lichter insgesamt Gesänge, Die dem Gedächnis schwanden und entfielen. O süße Liebe, die sich hüllt in Lächeln, Wie glüh'nd in jenem Funken du erschienest, Die heilige Gedanken nur durchwehen! Nachdem die teuern glänzenden Gesteine, Damit das sechste Licht besetzet pranget, Den Engelsglockenton verstummen lassen, Glaubt' eines Flusses Murmeln ich zu hören, Der hell von Stein zu Stein herniederstürzet, Die Wasserfülle seines Ursprungs zeigend. Und wie der Ton am Hals der Zither seine Gestalt gewinnt, und wie der Wind, der durchdringt, Sie in dem Luftloch der Schalmei gewinnet, So, keine fern're Zögerung mehr duldend, Stieg jenes Murmeln jetzt des Adlers aufwärts In seinem Halse, gleich als ob er hohl sei. Zur Stimme ward es hier und drang heraus dann Durch seinen Schnabel in Gestalt von Worten, Wie sie das Herz, drein ich sie schrieb, erharrte. »Den Teil in mir, der in den ird'schen Adlern Die Sonn' erträgt und schaut,« also begann er, »Geziemt es jetzt aufmerksam zu betrachten, Weil von den Feuern, draus ich mich gestalte, Die, draus das Auge mir im Haupte schimmert, Stehn auf der obersten all ihrer Stufen. Der in der Mitt' als Augenstern mir glänzet, Des heil'gen Geistes Sänger war er, der einst Von Stadt zu Stadt versetzt die Bundeslade; Anjetzt erkennet das Verdienst er seines Gesangs, soweit er Wirkung eignen Rates, Durch die Belohnung, die demselben gleich ist. Von jenen fünfen, die als Brau' im Kreise Mir stehn, hat, der zumeist sich naht dem Schnabel, Die arme Witw' ob ihres Sohns getröstet; Anjetzt erkennet er, wie schwer es kostet, Christum nicht folgen, weil dies süße Leben, So wie sein Gegenteil er hat erprobet. Und der im Umkreis dann, von dem ich spreche, Nach jenem folget auf des Bogens Steigung, Erhielt Aufschub des Tods durch wahre Buße; Anjetzt erkennt er, wie sich nicht verändert Der ew'ge Spruch, ob würdiges Gebet auch Dort unten Morgiges aus Heut'gem machet. Der andre, der drauf folgt' in guter Meinung, Die schlechte Frucht trug, ward mit den Gesetzen Und mir, daß er dem Hirten weich', ein Grieche; Anjetzt erkennet er, wie jenes Bös' ihm, Das seiner guten Tat entsprang, nichts schadet, Ob auch die Welt darob zugrund gegangen. Der, den du siehst auf dem gesenkten Bogen, War Wilhelm, den das Land beweint, das über Friedrich und Karl, die Lebenden, jetzt jammert; Anjetzt erkennt er, wie gerechten König Mit Lieb' umfängt der Himmel, und noch kann man An seines Glanzes Anblick es gewahren. Wer glaubte drunten in der irren Welt wohl, Daß in dem Kreis hier Rhipeus, der Trojaner, Das fünfte sei von diesen heil'gen Lichtern; Anjetzt erkennt er viel von dem, was nimmer Die Welt erschaun kann von der Gnade Gottes, Wenn auch sein Blick den Grund nicht unterscheidet.« Gleich einer Lerche, die sich in die Lüfte Erst singend hebt und dann zufrieden schweiget, Ersättigt von dem letzten süßen Tone, Schien mir anjetzo das Symbol des Abdrucks Des ew'gen Wohlgefallens, durch das Sehnen, Nach dem das, was es ist, jedwedes Ding wird. Und ob ich auch hier war für meinen Zweifel, Wie Glas, das sie umhüllt, ist für die Farbe, Ertrug er's doch nicht länger, stumm zu harren, Nein, aus dem Mund trieb er hervor mit seines Gewichtes Kraft ein: »Was sind das für Dinge?« Darob ich großes Festgeflimmer wahrnahm. Hierauf gab dann mit glühenderem Auge Mir das gebenedeite Zeichen Antwort, Nicht im Erstaunen mich gespannt zu halten: »Ich sehe, daß du diese Dinge glaubest, Weil ich sie sage; doch das Wie nicht siehst du, So daß sie, ob geglaubt, verhüllt doch bleiben. Dir geht's wie jenem, der ein Ding mit Namen Wohl kennenlernt; doch seine Washeit kann er Nicht schaun, wenn ihm ein andrer sie nicht kundtut. Regnum coelorum muß Gewalt erleiden Von heißer Lieb' und von lebend'ger Hoffnung, Durch welche Gottes Wille wird besieget; Nicht wie der Mensch den Menschen überwindet, Nein, jener sieget, weil besiegt er sein will Und dann besiegt durch seine Güte sieget. Das erst' und fünfte Leben in der Braue Nimmt wunder dich, dieweil du mit demselben Die Region der Engel siehst gefärbet. Nicht Heiden, wie du meinst, nein, Christen schieden Sie aus dem Leib, fest an der Füße Wunden, An künft'ge das, das an erlittne glaubend; Denn aus der Höll', in der zu gutem Willen Nie wieder man gelangt, kehrt' heim das eine Zu dem Gebein, als Lohn lebend'gen Hoffens; Lebend'gen Hoffens, das all seine Stärke In Bitten legt' an Gott, ihn zu erwecken, So daß sein Wille sich bewegen könne. Zum Fleisch, indem sie kurz nur blieb, gekehret, Glaubt' an den einen die glorreiche Seele, Von der ich spreche, der ihr helfen konnte; Und glaubend dann entbrannt' in wahrer Liebe Glut also sie, daß bei dem zweiten Tode Sie würdig ward, zu diesem Fest zu kommen. Das andere, durch eine Gnad' entströmend So tiefem Quell, daß keine Kreatur je Mit seinem Auge drang zur ersten Welle, Wandt' all sein Lieben auf das Rechte drunten; Drum ihm für unsre künftige Erlösung Von Gnad' erschloß zu Gnade Gott das Auge, Drob er an jene glaubt' und ferner nicht mehr Den Stank des Heidentums ertragen konnte, Darüber scheltend die verkehrten Völker. Es wurden ihm zur Taufe die drei Frauen, Die du gesehn hast an dem rechten Rade, Eh' man getauft hat, mehr als ein Jahrtausend. O Vorbestimmung, wie so weit entfernet Ist deine Wurzel allen Angesichtern, Die da den ersten Grund nicht ganz erschauen! Ihr aber, Sterbliche, enthaltet streng euch Vom Richten, da wir selbst, die Gott doch sehen, Die Auserwählten alle noch nicht kennen; Und süß erscheinet uns sotaner Mangel, Weil unser Heil sich läutert in dem Heile, Nur das, was Gott will, einzig selbst zu wollen.« So ward von jenem göttlichen Gebilde, Um aufzuklären mein kurzsichtig Auge, Wohlschmeckend' Arzenei mir dargereichet. Und wie dem guten Sänger mit der Schwingung Der Sait' ein guter Zitherspieler folget, So daß der Sang mehr Lieblichkeit erlanget, Also erinnr' ich mich, weil es gesprochen, Daß ich die zwei gebenedeiten Lichter Sah, wie im Einklang zuckt der Augen Blitzen, Die Flämmchen mit dem Wort zugleich bewegen. Einundzwanzigster Gesang Schon war mein Blick zum Antlitz meiner Herrin Aufs neu' gewendet und mit ihm die Seele, Jedweden andern Strebens sich entschlagend. Sie lächelte jetzt nicht, doch »Wollt' ich lächeln,« Begann zu mir sie, »würdest so du werden, Wie Semele, da sie zu Asche worden; Denn meine Schönheit, die sich auf den Stiegen Des ewigen Palastes mehr entzündet, Wie du gesehen hast, je mehr man steiget, Sie würde, mäßigt' ich sie nicht, so glänzen, Daß deine ird'sche Kraft vor ihrer Leuchte Den Zweigen gliche, die der Blitz zersplittert. Zum siebenten der Scheine sind erhöht wir, Der unter des glutvollen Löwen Brust jetzt, Gemischt mit ihm, hernieder seine Kraft strahlt. Jetzt, deinen Augen nach den Sinn geheftet, Laß jene der Gestalt zum Spiegel dienen, Die dir in diesem Spiegel wird erscheinen.« Wer immer wüßte, welcherlei des Schauens Genuß war in dem sel'gen Angesichte, Als ich mich abgewandt zu andrer Sorge, Der würde, wie dem himmlischen Geleite Mir's wonnig zu gehorchen war, erkennen, Die eine Seit' abwägend mit der andern. In dem Kristalle, der, die Welt umkreisend, Trägt ihres teuern Führers Namen, unter Des Herrschaft tot einst lag jedwede Bosheit, Sah ich von goldner strahldurchwirkter Farbe Aufwärts so hoch sich eine Stieg' erheben, Daß sie mein Auge nicht verfolgen konnte. Auch sah ich auf den Stufen niedersteigen So viele Schimmer, daß ich meint', es sei hier Ergossen jedes Licht, das glänzt am Himmel. Und wie, nach eingeborner Sitte, sämtlich Die Kräh'n bei Tagesanbruch sich bewegen, Ihr kalt Gefieder wiederum zu wärmen, Dann ein'ge sonder Wiederkehr davonziehn, Und andre dorthin, woher sie kamen, Sich wenden, kreisend andere verweilen; Solch eine Weise glaubt' ich hier zu sehen In dem Hervorsprühn, das zugleich gekommen, Als auf gewisser Stuf' es plötzlich stillhielt. Und jener, der an uns zunächst jetzt stehnblieb, Ward also klar, daß ich im Innern sagte: ›Wohl seh' die Lieb' ich, die du mir bekundest.‹ Doch sie, von der im Sprechen ich und Schweigen Das Wie und Wann erwart', ist still, darum ich Trotz meines Wunsches recht tu', nicht zu fragen. Drob jene, die mein Schweigen schaut' im Schauen Desjenigen, der alle Dinge schauet, Zu mir so sprach: »Ström' aus dein heißes Wünschen!« Und ich begann drauf: ›Mein Verdienst nicht machet Mich würdig deiner Antwort, doch ob jener, Die das Begehren mir gewähret, lass' mich, Glücksel'ges Leben du, das sich verhüllet In seine eigne Wonne, lass' mich wissen, Weshalb so nah zu mir hinzu du tratest, Und sprich, warum in diesem Kreise schweiget Der süße ChorGesang des Paradieses, Der also fromm klang in den andern drunten.‹ »Wie dein Gesicht ist dein Gehör auch sterblich,« Entgegnet' er, »drum man aus gleichem Grunde hier Nicht singt, weshalb Beatrix nicht gelächelt. Herabkam auf der heil'gen Stiege Stufen So weit ich, bloß dich festlich zu begrüßen Durchs Wort und durch das Licht, das mich umkleidet. Noch war's mehr Liebe, die mich mehr beeilte; Denn gleich' und größre Liebe glüht nach oben Von hier, wie das Geflamm dir offenbaret. Doch hehres Lieben, das zu Dienerinnen Uns macht, dem Rat der Weltregierung willig, Verteilt, wie du bemerkst, hier die Bestimmung.« ›Wohl seh' ich ein,‹ sprach ich, ›o heil'ge Leuchte, Wie freie Lieb' an diesem Hof genüget, Der ewigen Voraussicht nachzukommen. Doch das ist's, was mir schwer scheint zu begreifen, Weshalb zu diesem Amt allein vor deinen Genossen du vorausbestimmet worden.‹ Kaum war ich noch zum letzten Wort gelanget, Als er zum Wendepunkt nahm seine Mitte, Gleich einer raschen Mühl' umher sich drehend. Drauf gab die Liebe, die drin war, zur Antwort: »Ein göttlich Licht schärft nach mir seine Strahlen, Durchdringend das, des Höhlung mich beherbergt, Und seine Kraft, vereint mit meinem Schaun, hebt So weit mich über mich, daß ich kann schauen Die höchste Wesenheit, draus es geschöpft ist. Daher die Fröhlichkeit, die mich entflammet, Weil meinem Anschaun, je nachdem es klar ist, Ich gleich die Klarheit mache meiner Flamme. Allein die aufgehellt'ste Seel' im Himmel, Der Seraph, der zumeist auf Gott das Auge Geheftet hat, nicht gnügt er deiner Frage, Dieweil so weit hinein liegt in den Abgrund Der ew'gen Satzung, was du heischest, daß es Sich jeglichem erschaffnen Blick entziehet. Und wenn zur Welt der Sterblichkeit du heimkehrst, Berichte dies so, daß man nicht mehr wage, Nach solchem Ziel die Füße zu bewegen. Der Geist, der Licht hier, ist auf Erden Nebel, Drum sieh, ob er dort unten wohl vermöchte, Was er nicht kann, da ihn der Himmel aufnimmt.« So setzten eine Schranke seine Worte Mir, daß die Frag' ich ließ und mich begnügte, Demütig, wer er sei, von ihm zu forschen. »Ein Felsjoch hebt sich zwischen Welschlands beiden Gestaden nicht gar weit von deiner Heimat So hoch, daß sehr viel tiefer hallt der Donner, Und bildet eine Kuppe, namens Catria, Darunter eine Wildnis eingeweiht ist, Die sich zu eignen pflegt einsamem Gott'sdienst.« Also begann zu mir die dritte Rede Er jetzt und sprach fortfahrend dann: »Hier hatt' ich Im Dienste Gottes also mich befestigt, Daß ich bei Speisen aus Olivensaft nur Mit Leichtigkeit hinbrachte Frost und Hitze, Zufrieden in beschaulichen Gedanken. Dies Kloster pflegt' einst reichlich Frucht zu tragen Dem Himmel hier, doch jetzt ist's leer geworden, So daß alsbald sich solches muß enthüllen. Ich Peter Damian lebte hier, doch Peter Der Sünder hat gelebt im Hause unsrer Liebfrau'n am adriatischen Gestade; Nur wenig ird'sches Leben blieb mir übrig, Als man zu jenem Hut mich rief und schleppte, Der jetzt von Schlechten übergeht zu Schlechten. Es kam einst Cephas, es kam einst das große Gefäß des heil'gen Geists, barfuß und mager, Die Kost, die jede Herberg' bot, genießend. Anjetzt bedarf der neu're Hirt, daß einer Ihn stützte rechts und links, und der ihn führe, So schwer ist er, und der ihn hinten hebe. Mit seinem Mantel decket er den Zelter, So daß zwei Bestien unter einem Fell gehn; O der Langmütigkeit, die soviel duldet!« Auf solche Stimme sah ich mehr' der Flämmchen Von Grad zu Grad absteigen und sich drehen, Und schöner wurden sie bei jeder Drehung. Um jenen sich versammelnd, hielten still sie Und gaben einen Ruf so lauten Klanges Von sich, daß hier damit nichts zu vergleichen, Und ich ihn nicht vernahm, vom Schall bewältigt. Zweiundzwanzigster Gesang Von Schreck beklommen wandt' ich wieder hin mich Zur Führerin, dem Kindlein gleich, das immer Dorthin sich flüchtet, wo's zumeist vertrauet. Und diese, gleich der Mutter, die behende Aufhilft dem bleichen atemlosen Sohne Mit ihrer Stimme, die ihn stets ermuntert, Sprach zu mir: »Weißt du nicht, daß du im Himmel? Und weißt du nicht, daß ganz der Himmel heilig, Und, was drin vorgeht, stammt aus rechtem Eifer? Wie der Gesang dich erst verwandelt hätte Und ich durchs Lächeln, kannst du jetzt dir denken, Nachdem das Rufen schon dich so bewegt hat; Und wenn in solchem du vernommen hättest Die Bitte, würde dir bekannt die Rache Schon sein, die du vor deinem Tod noch schaun wirst. Das Schwert aus dieser Höh', nicht eilig schneidet's, Noch langsam, als allein in dessen Meinung, Der, wünschend oder fürchtend, seiner harret. Doch wende wieder jetzt dich nach den andern, Denn gar berühmte Geister wirst du schauen, Wenn du nach meinem Wort den Blick zurückführst.« Wie's ihr gefiel, sodann die Augen richtend, Sah ich wohl hundert Sphärlein, unt'reinander Mit gegenseit'gen Strahlen sich verschönernd. Ich stand gleich jenem, der in sich zurückdrängt Den Stachel des Verlangens und zu fragen Sich nicht vermißt, zu viel zu tun sich scheuend. Die größt' und auch zugleich die lichterfüllt'ste Von jenen Perlen trat jetzt vor, um meinem Verlangen in bezug auf sich zu gnügen. Drauf hört' ich's ihr im Innern: »Wenn gleich mir du Die Liebe säh'st, die unter uns erglühet, Würd' ausgedrückt sich zeigen dein Gedanke; Doch daß du, harrend, nach dem hohen Ziel nicht Zu kommen zögerst, geb' ich deinem Denken Schon, das so sehr zurück du hältst, jetzt Antwort. Der Berg, an dessen Hang Cassino lieget, Ward einst auf seinem Gipfel heimgesuchet Von dem betrognen, schlimm gesinnten Volke; Und ich bin's, der zuerst hinaufgetragen Den Namen dessen, der zur Erde nieder Die Wahrheit brachte, die uns so verkläret; Und über mich entstrahlte so viel Gnade, Daß ich ringsum die Weiler vom verruchten Dienst abzog, der die Welt verführet hatte. Die andern Flammen waren insgesamt auch Beschaul'che Männer, von der Wärm' erglühend, Die heil'ge Blüten sprießen macht und Früchte. Hier ist Macarius, hier ist Romualdus, Hier sind auch meine Brüder, die in Klöstern Den Schritt gebannt und fest das Herz gehalten.« Ich drauf: ›Die Liebe, die du, mit mir sprechend, Mir zeigest, und das güt'ge Ansehn, das ich Schau' und bemerk' in allen euren Gluten, Hat also mir die Zuversicht erweitert, Wie vor der Sonne sich die Ros' entfaltet, Wenn sie, so sehr als sie's vermag, sich auftut. Drum fleht' ich, Vater, laß mich sicher wissen, Ob so viel Gnad' ich kann erlangen, daß ich Dich schau' in unverschleiertem Gebilde?‹ Und er drauf: »Bruder, dein erhabnes Sehnen Wird sich erfüllen in der letzten Sphäre, Wo jedes andr' und meines sich erfüllet. Dort ist vollkommen reif und ungeschmälert Jedwede Sehnsucht; denn in ihr allein ist Ein jeder Teil dort, wo er stets gewesen; Denn nicht im Raum ist sie, kennt keine Pole, Und unsre Stiege reicht bis hin zu selben, Darum sie so sich deinem Blick entziehet. Bis dort hinauf sah ihre höchste Spitze Jakob der Patriarch einst sich erstrecken, Als sie von Engeln so beschwert ihm deuchte. Doch jetzt bewegt, sie zu ersteigen, niemand Den Fuß vom Boden mehr, und meine Regel Blieb drunten, um die Blätter zu verderben. Die Mauern, die vordem Abtei'n gewesen, Sind Räuberhöhlen worden, und die Kutten Sind Säcke, mit verdorbnem Mehl gefüllet. Doch schwerer Wucher lehnt sich gegen Gottes Gefallen mehr nicht auf, als jene Nutzung, Davon so töricht wird das Herz der Mönche; Denn alles, was die Kirche hat, gehöret Dem Volke, das um Gottes Willen flehet, Und nicht Verwandten, noch auch andern Schlimmren, Das Fleisch der Sterblichen ist so verlockend, Daß guter Anfang drunten nicht vom Keime Der Eiche zu der Eichel Bildung hinreicht. Petrus begann, nicht Gold, noch Silber führend, Ich mit Gebet und Fasten, und Franciscus Demütiglich die Stiftung seines Ordens. Und wenn du auf den Anfang eines jeden Und dann zum Punkte blickst, wo's hingelangt ist, Wirst du viel Weißes sehn, das schwarz geworden. Doch traun! den Jordan rückwärts abgewendet, Und fliehn das Meer zu sehn, als Gott es wollte, War wunderbarer noch, als hier die Hilfe.« Sprach's und trat wieder dann zu den Genossen, Und die Genossen, eng vereint, erhoben Sich aufwärts drauf gleich einem Wirbelwinde. Die süße Herrin trieb durch einen Wink bloß Mich ihnen nach die Stieg' an; so ward meine Natur bewältiget von ihrer Stärke. Noch gab's hienieden, wo man auf- und absteigt, Naturgemäß so schnell je ein Bewegen, Daß meinem Flug man es vergleichen könnte. So wahr ich, Leser, je zurück will kehren Zum frommen Siegeszug, drob meine Sünden Ich oft bewein' und an die Brust mir schlage, Du würd'st den Finger nicht so schnell ins Feuer Gesteckt und draus gezogen haben, als ich Das Zeichen, das dem Stier folgt, sah und drin war. O ihr glorreichen Stern', o Licht, erfüllet Mit großer Kraft, als dessen Gab' ich alles, Was ich an Geist empfangen, anerkenne, Mit euch ging auf, mit euch verbarg sich jener, Der allem ird'schen Leben ist ein Vater, Als ich zuerst Toskanas Luft gefühlet; Und dann, als ich die Gnad' erlangt, zu treten In jenen hehren Kreis, der euch umherschwingt, Ward eure Region mir angewiesen. Zu euch empor jetzt seufzet meine Seele Inbrünstiglich, um Kraft zum schweren Schritte, Der nach sich hin sie zieht, sich zu erwerben! »Du bist so nah jetzt bei dem letzten Heile,« Also begann Beatrix nun, »daß lauter Und scharf das Licht schon sein muß deinen Augen. Und drum, eh' du dich mehr hinein vertiefest, Blick' abwärts noch einmal und sieh, wie viel schon Ich von der Welt dir untern Füßen sein ließ So daß dein Herz so freudevoll als möglich Der triumphier'nden Schar entgegentrete, Die fröhlich naht durch diesen runden Äther.« Den Blick zurück durch alle sieben Sphären Jetzt führend, sah ich diesen Ball also, daß Mich lächeln machte sein verächtlich Ansehn; Und jenen Ratschluß schätz' ich als den besten, Dem er am mind'sten gilt; und wem nach anderm Der Sinn steht, der kann wahrhaft trefflich heißen. Ich sah die Tochter der Laton' erglühend, Des Schattens ledig, der ein Grund gewesen, Drob ich sie dicht und dünn geglaubt einst hatte. Den Anblick deines Sohns, o Hyperion, Ertrug ich hier und sah, wie sich zunächst ihm Und um ihn her Dion' und Maja drehen. Hiernach erschien mir zwischen Sohn und Vater Ermäßigt Jupiter, und deutlich ward mir Hierdurch, wie sie verändern ihre Stelle; Und alle sieben zeigten insgesamt mir, Wie sie so groß und wie sie so geschwind sind, Und wie sie auf getrennten Bahnen wandeln. Das Plätzlein, das so stolz uns macht, indes ich Mich mit dem ew'gen Zwillingspaar umherschwang, Erschien mir ganz von Mündungen zu Hügeln: Drauf wandt' das Aug' ich zu den schönen Augen. Dreiundzwanzigster Gesang Gleichwie das Vöglein, das auf seiner süßen Erzeugten Nest im lieben Laubesdunkel Die Nacht durch lag, die uns die Ding' umhüllet, Um des ersehnten Anblicks zu genießen Und Kost zu finden, die es jenen spende, Drob angenehm die schweren Müh'n ihm scheinen, Der Stunde kommt zuvor auf offnem Zweige Und, glüh'nden Wunsches voll die Sonn' erharrend, Mit festem Blick späht, ob die Dämmrung anhebt; So stand emporgerichtet meine Herrin, Aufmerksam hingewandt zur Himmelsgegend, Darunter mindres Eilen zeigt die Sonne. Drob mir, der sie so sehnsuchtsvoll sah harren, Wie einem ward zu Mut, der wohl ein andres Sich wünscht', allein durch Hoffen sich beruhigt. Doch kurze Frist verstrich von der zu jener Wonne, des Harrens mein' ich und Erblickens, Wie nach und nach der Himmel sich erhellte. Und jetzt begann Beatrix: »Sieh die Scharen Des Siegeszuges Christi, sieh versammelt Die ganze Frucht des Kreisens dieser Sphären!« Es schien, als ob ihr Antlitz ganz erglühe, Und wonnerfüllt so waren ihre Augen, Daß ich vorbeigehn muß, ohn' es zu schildern. Gleichwie bei heitern Vollmondsnächten Trivia, Umgeben von den ew'gen Nymphen, lächelt, Damit des Himmels Tief allseits geschmückt ist; So sah ich über Tausenden von Leuchten, Sie allzumal entzündend, eine Sonne, Wie, was wir droben schaun, die unsr' erleuchtet; Und, durchs lebend'ge Licht durchschimmernd, glänzte Die leuchtende Substanz mit solcher Klarheit Ins Antlitz mir, daß ich's nicht tragen konnte. ›O teure, süße Führerin Beatrix!‹ Drauf sie zu mir: »Das, was dich überwältigt, Ist eine Kraft, vor der sich nichts kann schirmen. Hier ist die Weisheit, hier die Macht, die zwischen Dem Himmel und der Erd' erschloß die Wege, Darob so lange Zeit man Sehnsucht fühlte.« Wie aus der Wolke Feuer sich entfesselt, Sich dehnend, so daß es nicht drin kann bleiben, Und der Natur zuwider erdwärts stürzet; So trat, inmitten jenes Festgelages, Vergrößert aus sich selbst heraus mein Geist jetzt, Und wie's ihm ward, kann er sich nicht erinnern. »Schließ auf dein Aug' und schau, wie ich beschaffen, Denn solche Dinge sahst du, daß du fähig Geworden bist, mein Lächeln zu ertragen.« Ich war demjen'gen gleich, der, von vergessnem Gesicht erwacht, doch sich umsonst bemühet, In das Gedächtnis sich's zurückzuführen, Als diesen Antrag ich vernahm, der würdig So vielen Danks, daß nimmer er vertilgt wird Vom Buch, drin das Vergangne steht verzeichnet. Wenn jetzt die Zungen insgesamt ertönten, Die Polyhymnia nebst ihren Schwestern Am süßesten mit ihrer Milch genähret, Mir beizustehn, ein Tausendteil der Wahrheit Erreicht' ich nicht, das heil'ge Lächeln singend, Und wie's erheiterte das heil'ge Antlitz. So muß bei Schilderung des Paradieses Das heil'ge Lied oft etwas überspringen, Wie der so seinen Pfad trifft abgeschnitten. Doch wer des Gegenstands Gewicht bedächte, Und daß die Schulter sterblich, die's auf sich nimmt, Nicht tadeln würd' er, daß sie drunter zittert; Denn keine Fahrt ist's, für ein kleines Schifflein Geeignet, die der kühne Kiel jetzt schneidet, Noch für den Schiffer, der sein selbst will schonen. »Warum entzücket also dich mein Antlitz, Daß du zurück nicht schaust zum schönen Garten, Der unter Christi Strahl sich schmückt mit Blumen? Dort ist die Ros', in welcher das Wort Gottes Zu Fleisch geworden ist, dort sind die Lilien, Nach deren Duft den guten Weg man einschlug.« Beatrix so. Und ich, der ihrem Rate Ganz willig war, begab zum Kampf mich wieder, Den zu bestehn die schwachen Augen hatten. Wie wohl im Sonnenstrahl, der ein gebrochnes Gewölk durchziehet, eine blum'ge Wiese Mein Blick gesehn hat, selbst bedeckt mit Schatten, So sah ich viele Scharen hier von Schimmern Durch glüh'nde Strahlen glanzerfüllt von oben Und konnte doch nicht schaun des Funkelns Ursprung. O milde Kraft, die also sie durchdringet, Du hobest dich empor, um meinen Augen, Die's nicht ertragen konnten, Raum zu geben! Der schönen Blume Namen, den ich immer Anrufe spät und früh, zog ganz zusammen Den Geist mir, auf das größte Licht zu merken. Und als mir wiederglänzt' im Augenpaare Die Weis' und Größe des lebend'gen Sternes Der droben siegt, wie er gesiegt hier unten, Stieg' eine Fackel in den Himmel nieder, Gleich einer Kron', in Kreisesform gestaltet, Die, jenen gürtend, um ihn her sich drehte. Der Melodien süßeste hienieden, Und die zumeist die Seele an sich zöge, Schien eine Wolke, die zerrissen donnert, Verglichen mit den Tönen jener Leier, Mit der der liebliche Saphir gekrönt war, Davon saphirblau glänzt der klarste Himmel. »Ich bin die Engelsliebe, die umkreiset Die hohe Wonne, so dem Leib entwehet, Drin unser Sehnen ist beherbergt worden, Und werd', o Himmelsfürstin, sie umkreisen, So lang dem Sohn du folgst, und gotterfüllter Durch deinen Eintritt machst die höchste Sphäre.« Also kam jetzt die zirkelförm'ge Weise Zum Schlusse, und die andern Lichter ließen Marias Namen insgesamt erklingen. Der königliche Mantel aller Hüllen Des Universums, der von Gottes Atem Und seinem Tun zumeist glüht und belebt wird, Hatt' über mir sein inneres Gestade In solcher Ferne, daß annoch sein Glänzen Dort, wo ich stand, mir nicht erscheinen konnte. Drum waren meine Augen nicht imstande, Dorthin zu folgen der gekrönten Flamme, Die sich erhob in ihres Samens Nähe. Und gleich dem Kindlein, das nach seiner Mutter Ausstreckt die Arme, wenn's die Milch genossen, So dehnt' ob des Gefühls, das selbst im Äußern Entflammt sich zeigt, ein jeder dieser Schimmer Die Spitz' empor, so daß die hohe Liebe Mir kund ward, die sie zu Maria trugen. Drauf blieben hier sie mir im Angesichte, So süßen Klangs »Regina coeli« singend, Daß nie die Lust dran sich von mir geschieden. O welche Füll' in jenen überreichen Kornspeichern aufbewahrt wird, die hienieden Im Sä'n so gute Feldbesteller waren! Hier lebt man von den Schätzen und genießt sie, Die weinend man erwarb in der Verbannung Zu Babylon, wo man das Gold zurückließ. Hier triumphieret unter dem erhabnen Sohn Gottes und Marias mit dem alten Und neuen Rat ob seines Siegs der, welcher Zu solcher Herrlichkeit den Schlüssel führet. Vierundzwanzigster Gesang »O Tischgenossenschaft, zum großen Mahle Des sel'gen Lamms erkoren, das euch speiset, Also daß stets erfüllt ist euer Sehnen! Wenn dieser hier durch Gottes Gnad' im voraus Von dem verkostet, was von eurem Tisch fällt, Eh' noch der Tod ein Ziel ihm hat gestecket, Erwägend sein unendliches Verlangen, Betauet ihn ein wenig; denn ihr trinkt ja Stets aus dem Quell, draus kommt, worauf er sinnet.« Beatrix so, und jene wonn'gen Seelen Umschwangen Sphären gleich auf festen Polen Sich, mächtig flammend nach Kometenweise. Und wie gemessnen Gangs des Uhrwerks Räder Sich drehn, so daß das erste dem Betrachter Zu stehn scheint und das letzte scheint zu fliegen, So ließen, in verschiedenart'gem Tanze Schnell oder langsam sich bewegend, jene Festreigen mich auf ihre Fülle schließen. Aus jenem, den als schönsten ich erkannte, Sah ich ein Feuer kommen, so beseligt, Daß keins darin es ließ von größrer Klarheit; Und zu drei Malen kreist' es um Beatrix Mit solchem göttlichen Gesang, daß meine Einbildungskraft ihn mir nicht wiederholet. Drum setzt die Feder aus, und nichts drob schreib' ich, Denn auch die Phantasie, nicht nur das Wort, ist Für solche Falte von zu greller Farbe. »O heil'ge Schwester mein, die so andächtig Drum bittet, durch dein gluterfülltes Lieben Entrückst du mich aus jener schönen Sphäre.« Stillhaltend richtete drauf meiner Herrin Den Hauch zu die gebenedeite Flamme; So sprechend, wie ich eben jetzt berichtet. Und sie: »0 ew'ges Licht des großen Mannes, Dem unser Herr die Schlüssel, die herab er Gebracht hat, ließ zu dieser Wunderwonne, Prüf' über schwer' und leichte Punkte diesen, Wie dir's gefällt, in Anbetracht des Glaubens, Durch den du übers Meer einst bist gewandelt. Ob er recht liebet und recht hofft und glaubet, Ist dir verborgen nicht, weil dort das Auge Du hast, wo jedes Ding gemalt zu schaun ist. Doch weil durch den wahrhaft'gen Glauben Bürger Dies Reich erworben hat, ist's gut, daß, solchem Zum Ruhm, es dem gescheh', davon zu sprechen.« Wie schweigend sich der Baccalaureus rüstet, Solang der Meister noch die Frage vorlegt, Sie zu begründen, nicht sie zu entscheiden, So rüstet' ich mich jetzt mit allen Schlüssen, Indes sie redete, daß ich bereit sei Auf solchen Fragenden und solch Bekenntnis. »Sprich, guter Christ, und gib dich zu erkennen; Was ist der Glaube?« Drauf erhob die Stirn ich Nach jenem Licht, von dem dies Wort enthaucht ward; Dann wandt' ich gen Beatrix mich, und diese Gab rasch ein Zeichen mir, daß ich das Wasser Des innern Quells nach außen möcht' entladen. ›Die Gnade,‹ hob ich an, ›die vor dem hehren Vorkämpfer mir gewährt Beicht' abzulegen, Lass' mich für meinen Sinn den Ausdruck finden!‹ Und fuhr dann fort: ›Wie der wahrhaft'ge Griffel Uns schrieb, o Vater, deines teuren Bruders, Der Rom mit dir auf rechten Pfad gelenkt hat, Der Glaube ist Substanz gehoffter Dinge, Und der Beweisgrund für die unsichtbaren, Und solches dünkt zu sein mir seine Washeit.‹ Drauf hört ich: »Du denkst richtig, wenn du anders Genau verstehst, warum zu den Substanzen Du solchen zählst und den Beweisesgründen.« Und ich sodann zu ihm: ›Die tiefen Dinge, Die mir allhier gewähren ihr Erscheinen, Sind jedem Auge drunten so verborgen, Daß dort ihr Dasein einzig ist im Glauben, Auf welchen sich die hehre Hoffnung gründet, Und drum erhält den Namen der Substanz er, Und von sotanem Glauben muß man weiter Dann Schlüsse ziehn, ohn' andres zu erkennen; Deshalb erhält er des Beweisgrunds Namen.‹ Drauf hört' ich: »Wenn, was immer wird erworben Durch Lehre drunten, so verstanden würde, So wäre für Sophistenwitz nicht Raum da.« Also enthaucht's aus jener glüh'nden Liebe; Drauf fügte sie hinzu: »Gar wohl durchgangen Ist jetzo Schrot und Korn schon jener Münze; Doch sprich' ob du sie hast in deiner Börse!« Und ich: ›So glänzend hab' ich und so rund sie, Daß im Gepräg' an ihr nichts zweifelhaft bleibt.‹ Demnächst entklang aus jenem tiefen Lichte, Das hier erglänzte: »Dieses teure Kleinod, Darauf jedwede Tugend ist gegründet, Wo kam dir's her?« Und ich: ‹ Des heil'gen Geistes Freigeb'ger Tau, der sich ergossen über Die alten und die neuen Pergamene, Gilt mir als Folgrung, draus so scharf sich jenes Für mich ergibt, daß im Vergleich zu diesem Ein jeglicher Beweis mir stumpf erscheinet.‹ Hierauf hört ich: »Die alte und die neue Behauptung, die als Schluß dir also dienen, Weswegen hältst du für ein göttlich Wort sie?« Ich drauf: ›Beweis, der mir die Wahrheit aufdeckt. Die Werke sind's, zu denen die Natur nie Das Eisen glühete, noch schlug den Amboß.‹ Zur Antwort ward mir: »Sprich, wer ist die Bürgschaft, Daß diese Werk' erfolget sind? Dasselbe, Was zu beweisen ist, nichts sonst, ich schwör' dir's.« ›Wenn ohne Wunder sich die Welt gewendet Zum Christentum,‹ sprach ich, ›so ist dies eine So groß, daß nicht ein Hundertteil die andern; Daß, arm und Mangel leidend, eingetreten Ins Feld du bist, zu sä'n die gute Pflanze, Die Reb' einst war und Dornbusch jetzt geworden.‹ Ich schloß, und durch die Sphäre klang's vom heil'gen Erhabnen Hof: »Wir loben, ein'ger Gott, dich!« Nach jener Weise, die man singt dort oben. Und der Baron, der schon, mir Fragen stellend, Von Zweig zu Zweig mich so gezogen hatte, Daß wir uns naheten den letzten Blättern, Began aufs neu': »Die Gnade, die sich liebend Vereinet deinem Sinn, erschloß den Mund dir Bis hierher, wie sich's aufzutun ihm ziemet, So daß ich billige, was draus hervorkam; Doch jetzt ziemt's auszudrücken, was du glaubest, Und woher's deinem Glauben ward geboten.« ›O sel'ger Geist und Vater, der du schauest, Was so du glaubtest, daß du überwandest Im Lauf zum Grab hin jugendlich're Füße,‹ Sprach ich, ›du willst, daß kund allhier ich mache Das Wesentliche meines will'gen Glaubens, Und minder nicht desselben Grund begehrst du.‹ Und ich antwort': ›Ich glaub' an einen ein'gen Und ew'gen Gott, der da den ganzen Himmel Bewegt, selbst unbewegt, durch Lieb' und Sehnsucht; Und nicht nur physischen und metaphys'schen Beweis hab' ich für solches Glauben, nein, auch Die Wahrheit gibt mir's, die von hier entträufelt Durch Moyses, die Propheten und die Psalmen, Durchs Evangelium und durch euch, die schriebet, Nachdem euch jener feur'ge Geist geadelt. Auch glaub' ich an drei ewige Personen, Die eine Wesenheit, so ein' und dreie, Daß sunt und est sie allzumal ertragen. Vom tiefen göttlichen Verhalten, das ich Berühr' anjetzt, erhält mein Sinn zum öftern Den Eindruck durch des Evangeliums Lehre. Dies ist das Urprinzip, dies ist der Funke, Der in lebend'ger Flamme dann sich ausdehnt Und, wie ein Stern am Himmel, in mir sprühet.‹ Gleichwie der Herr, der hört, was ihm genehm ist, Den Diener dann umarmt auf solche Nachricht Mit freud'gem Gruß, sobald er ausgesprochen, Also umkreist' mit segnendem Gesange Zu dreien Malen mich, als ich geschwiegen, Das apostol'sche Licht, auf des Geheiß ich Gesprochen; so gefiel ihm meine Rede. Fünfundzwanzigster Gesang Sollt' ich's erleben, daß die heil'ge Dichtung, Daran Hand angelegt hat Erd' und Himmel, Und drob ich manches Jahr schon hager worden, Die Grausamkeit besiegte, die mich ausschließt Von jener schönen Hürde, drin ein Lämmlein Ich schlief, den Wölfen Feind, die sie bekriegen; Würd' ich mit anderm Ruf, mit anderm Vließe Als Dichter heim dann kehren und am Borne, Wo ich getaufet ward, den Kranz erhalten, Weil in dem Glauben, der mit Gott die Seele Befreundet, ich dort eintrat und dann Petrus Um seinetwillen mir die Stirn umkreiste. Hierauf bewegte gegen uns ein Licht sich Aus jener Schar, daraus der Erstling seiner Statthalter kam, den Christus hinterlassen. Und meine Herrin, ganz erfüllt von Wonne, Sprach zu mir: »Schau, schau hin, sieh den Baron hier, Für den man drunten nach Galizien pilgert.« Wie wenn der Tauber dicht bei der Genossin Sich niederläßt, sie beiderseits durch Kreisen Und Girren ihre Liebe kund dann geben, So sah ich, wie der eine jener großen Ruhmwürd'gen Fürsten hier den andern aufnahm, Die Kost, die droben wird genossen, preisend. Nachdem zu Ende war die Festbegrüßung, Hielt schweigend grad' vor mir ein jeder still jetzt Entflammt so, daß das Auge mir's besiegte. Darauf begann Beatrix lächelnd also: »Erlauchtes Leben du, durch welches unsers Prachttempels Überfluß bezeichnet worden, Die Hoffnung laß auf dieser Höh' erklingen; Du weißt ja, daß so oft du sie bedeutest, Als Jesus ließ die drei sehn größre Klarheit.« – »Das Haupt erheb' und sieh, daß Mut du fassest; Denn das, was aus der ird'schen Welt hier 'rauf kommt, Muß erst an unsern Strahlen Reif erlangen.« Sotaner Trost kam mir vom zweiten Feuer, Drob ich die Augen aufhob zu den Bergen, Die sie durch zuviel Wucht erst niederbeugten. »Dieweil, daß du in der geheimsten Halle Mit seinen Grafen dich noch vor dem Tode Besprächest, unser Kaiser will aus Gnaden, So daß, da diesen Hof du wirklich schauest, Die Hoffnung, die mit rechter Liebe drunten Erfüllt, du dort in dir und andern stärkest; Sag' an, was ist sie, und wie sehr von solcher Dein Geist erblüht, und sprich, woher sie kam dir.« Also fuhr anderweit das zweite Licht fort. Und jene Fromme, die zu so erhabnem Flug das Gefieder meiner Schwingen führte, Kam also mir zuvor in meiner Antwort: »Die Kirche hat, die Streitende, begabter An Hoffnung keinen Sohn, wie's in der Sonne Geschrieben, die all unsre Schar bestrahlet; Drum ward gewährt ihm, daß er von Ägypten Zum Anschaun nach Jerusalem gelange, Bevor sein Kriegesdienst noch abgelaufen. Die übrigen zwei Punkte, drob du fragtest, Nicht um sie zu erfahren, nein, damit er Berichte, wie dir diese Tugend wert ist, Lass' ich ihm selbst, sie werden ihm nicht schwer sein, Noch dünkelhaft ihn zeigen; er antworte Darauf, und dazu helf ihm Gottes Gnade!« Dem Schüler gleich, der Rede steht dem Lehrer In dem, was er versteht, bereit und willig, Damit sich seine Tüchtigkeit erweise: ›Hoffnung,‹ sprach ich, ›ist ein gewiß Erwarten Der künft'gen Glorie, das mit Gottes Gnade Vorhergegangenes Verdienst erzeuget. Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht her, Doch der hat mir's zuerst ins Herz geträufelt, Der höchster Sänger war des höchsten Führers. Es mögen jene, singt in einem Psalm er, Die deinen Namen kennen, auf dich hoffen; Und wer nicht kennt ihn, hat er meinen Glauben? Du dann betrauftest mich mit deinem Träufeln In der Epistel, so daß selbst ich voll bin Und euern Tau auf andre wieder taue.‹ Indes ich sprach, erzittert' ein Geflamme In dem lebend'gen Busen jener Lohe, Rasch und schnell wiederkehrend, gleich dem Blitzen. Darauf enthauchte sie: »Die Liebe, die mich Durchglüht noch für die Tugend, die mir folgte Bis zu der Palm' und zu der Kampfbahn Ausgang, Heischt, daß ich nochmals an dich hauch', auf daß du Dich ihrer freust; und mir gefällt, daß, was dir Verspricht die Hoffnung, du mir jetzt verkündest.« Und ich: ›Die alten und die neuen Schriften Bezeichnen mir das Ziel (es selbst gibt kund mir's) Der Seelen, die sich Gott befreundet haben. Isaias spricht, daß jegliche bekleidet Mit doppeltem Gewand in ihrem Land wird, Ihr Land ist aber dieses süße Leben. Und viel ausführlicher noch läßt dein Bruder Dort, wo er von den weißen Kleidern handelt, Sotane Offenbarung uns erkennen. Und gleich beim Ende jener Worte hörte Man über uns zuerst »Sperent in te« , Worauf die Reigen all entgegenklangen; Sodann ging unter ihnen auf ein Licht, So daß, wenn solch Kristall der Krebs besäße, Aus einem Tag bestand' ein Wintermond. Und wie die Jungfrau fröhlich sich erhebet Und kommt und in den Tanz tritt, nur um Ehre Der Braut zu tun, nichts Schlimmes irgend sinnend; Also sah ich den aufgegangnen Schimmer Den zwei'n sich nahn, die sich im Kreise drehten, Wie's ihrer glüh'nden Liebe war entsprechend. Hier trat ins Lied er ein und in die Weise, Und meine Herrin hielt auf sie das Antlitz, Gleich einer Braut, schweigsam und unbeweglich. »Der ist's, der unserm Pelikan am Busen Gelegen hat, der ist es, der vom Kreuze Herab zum großen Amt erkieset worden.« Also sprach meine Herrin, doch nicht wurde Nachher mehr als vorher vom aufmerksamen Hinblick ihr Antlitz durch das Wort gewendet. Wie's jener tut, der blinzend sich bemühet, Der Sonne Teilverfinsterung zu schauen, Der durch das Sehn des Sehens sich beraubet; So tat ich hier bei diesem letzten Feuer, Indes gesagt mir ward: »Was blend'st du selbst dich, Um etwas zu erschaun, das hier nicht statt hat? Erd' ist mein Leib auf Erden und wird's bleiben So lang mit allen andern, bis der ew'gen Vorausbestimmung unsre Zahl sich gleichstellt. Mit den zwei Kleidern sind im sel'gen Chore Die beiden Lichter nur, die sich erhoben; Und dieses wirst nach deiner Welt du bringen.« Auf solches Wort kam das entflammte Kreisen Zur Ruh' jetzt und mit ihm die süße Mischung, Die des dreifachen Hauches Ton erzeuget. Wie, sei's Ermüdung, sei's Gefahr zu meiden, Die Ruder, die das Wasser erst gepeitschet, Ruhn allzumal auf einer Pfeife Zeichen. O wie ward in dem Innern ich beweget, Als ich mich wandt', um anzuschaun Beatrix, Und doch sie sehn nicht konnte, ob ich nah' gleich Mich ihr befand und in der Welt der Sel'gen! Sechsundzwanzigster Gesang Noch zweifelt' ich ob der erloschnen Sehkraft, Als aus dem Flammenglanz, der sie geblendet, Ein Hauch hervordrang, der mich auf ließ merken Und sprach: »Bis daß du wiederum gewinnest Des Sehens Sinn, den du an mir verzehret, Ziemt's, daß du durch Besprechung ihn ersetzest. Beginne drum und sprich, was deines Geistes Ziel ist, und halte dich versichert, daß nur Verirrt in dir die Sehkraft, nicht erstorben; Denn jene Herrin, die dich führt durch diese Göttliche Region, hat in dem Blicke Die Kraft, die Ananias' Hand besessen.« ›Früh oder spät, wie's ihr beliebt, genese Das Auge mir,‹ sprach ich, ›durch das als Tor sie Einzog mit jenem Feu'r, das stets mich glühn macht; Das Gut, das diesen ganzen Hof befriedigt, Ist A und 0 von allen Schriften, draus mir Laut oder leise Liebe wird verlesen.‹ Dieselbe Stimme, die mir die Besorgnis Entnommen ob des plötzlichen Erblindens, Hieß mich aufs neu' für meine Rede sorgen Und sprach: »Gewiß, mit einem engern Siebe Ziemt's dir noch zu durchseihen; sagen mußt du, Was deinen Bogen auf dies Ziel gerichtet.« Und ich darauf: ›Durch philosoph'sche Gründe Und durch Autorität, von hier entsteigend, Muß sich in mir einprägen solche Liebe, Weil Gutes, insoweit es gut, sobald es Erkannt wird, Lieb' entzündet, um so größre, Je mehr's an Trefflichkeit in sich begreifet. Drum muß dem Wesen, das so weit hervorragt, Daß jedes Gut, so außer ihm sich findet, Nichts weiter als ein Strahl ist seines Lichtes, Sich mehr als allen andern zubewegen In Liebe jeder Geist, der jene Wahrheit Erkennt, auf die sich der Beweis hier gründet. Sotane Wahrheit rollet auf vor meinem Verstand derjen'ge, der mich aller ew'gen Substanzen erste Liebe läßt erkennen. Es rollt sie auf des wahren Meisters Stimme, Der, von sich selbst zu Moyses sprechend, sagte: »Ich werde dir jedwedes Gute zeigen.« Auch du rollst auf sie, da die hehre Botschaft Du anhebst, mehr denn irgend sonst ein Herold, Verkündend dieser Welt Geheimnis drunten.‹ Und ich vernahm: »Durch menschlichen Verstand und Autorität, die mit ihm übereinstimmt, Für Gott bewahre deine höchste Liebe. Doch sprich, ob du noch andre Saiten fühlest Dich nach ihm ziehn, so daß von jenem Lieben Du sagst, mit wie viel Zähnen dich's verwundet?« Nicht blieb verborgen mir die heil'ge Absicht Des Adlers Christi, nein, vielmehr ward inn' ich, Wohin er mein Bekenntnis führen wollte; Drum fing aufs neu' ich an: ›All jene Stiche, Die unser Herz nach Gott hin wenden können, Vereinten sich zugunsten meiner Liebe; Denn dieser Welt Dasein, sowie mein eignes, Der Tod, den er erlitt, damit ich lebe, Und das, was mit mir jeder Gläub'ge hoffet, Nebst der erwähneten lebend'gen Kenntnis, Sie zogen aus dem Meere des verkehrten Und setzten an den Strand mich rechten Liebens. Die Blätter auch, damit der ganze Garten Des ew'gen Gärtners sich belaubet, lieb' ich So sehr, als er des Guten ihnen reichet.‹ Sobald ich schwieg, erklang hin durch den Himmel Ein lieblich süßer Sang, und meine Herrin Rief mit den andern: »Heilig, heilig, heilig!« Und wie bei scharfem Licht der Schlummer fliehet, Dieweil der Geist des Sehens nach dem Glanze Hineilet, der von Hülle dringt zu Hülle, Und der Erwachte, was er sieht, verabscheut, So unbewußt ist noch sein plötzlich Wachsein, Bis ihm die Schätzungskraft zu Hilfe kommet; Also scheucht' jeden Unrat jetzt Beatrix Von meinen Augen durch den Strahl der ihren, Der mehr als tausend Meilen weit erglänzte; Darob ich besser noch dann als vorher sah Und Kunde, wie betäubt, von einem vierten Licht forderte, das ich mit uns erblickte. Und meine Herrin: »Ihren Schöpfer schauet In dieser Strahlen Schoß die erste Seele, Die jemals hat die erste Kraft erschaffen.« Dem Blatte gleich, das beim Vorüberziehen Des Winds die Spitze beugt und dann sich wieder Erhebt, von eigner Kraft emporgetragen, Ward ich anjetzt, solang' sie sprach, von Staunen Ergriffen, und es gab mir Mut auf neue Der Wunsch zu sprechen dann, der mich durchglühte, Und ich begann anjetzt: ›O Frucht, die einzig Gereifet ward erzeugt, o alter Vater, Dem jede Gattin Schnur zugleich und Tochter, Voll Inbrunst, wie's mir immer möglich, fleh' ich Dich an, mit mir zu sprechen! Mein Begehren Siehst du, drum sag' ich's nicht, dich bald zu hören.‹ Manchmal bewegt ein Tier sich unter Decken, So daß sich zeigen muß, was es empfindet, Dieweil nach ihm sich die Umhüllung richtet; Auf gleiche Weise ließ durch ihre Hülle Durchschimmern mir, wie sehr es ihr erfreulich, Gefällig mir zu sein, die erste Seele. Drauf hauchte so sie: »Wenn du gleich dein Sehnen Nicht dartust, unterscheid' ich's dennoch besser Als du, was du am sichersten erkennest, Weil ich es schau' in dem wahrhaft'gen Spiegel, Der sich zum Widerschein macht aller Dinge Und keines macht zu seinem Widerscheine. Wie lang es her, daß in den hohen Garten Mich Gott gesetzt, willst hören du, wo diese Dich zu so langer Stiege hat befähigt? Und wieviel Zeit er Lust war meinen Augen, Den eigentlichen Grund des großen Zorns auch, Und welche Sprach' ich braucht' und mir gebildet? Sieh, lieber Sohn, das Kosten von dem Baume War nicht an sich der Grund so langen Bannes, Nein, lediglich des Marksteins Übertretung. Weil dort, woher Virgilen deine Herrin Rief, ich dies Chor mir wünschte, schwang viertausend Dreihundert und zwei Mal sich um die Sonne; Und heim zu allen Lichtern ihre Straße Sah ich neunhundert dreißig Mal sie kehren, Indes ich auf der Erde noch verweilte. Die Sprache, die ich sprach, war ganz verloschen, Bevor noch um das Werk, das unvollendliche, Die Völker Nimrods sich bemühet hatten; Denn keine Wirkung jemals der Verstandskraft, Weil menschlich Wohlgefallen nach des Himmels Bewegung sich erneuert, war unwandelbar. Werk der Natur ist's, daß die Menschen sprechen; Allein, ob so, ob so, das überläßt sie Euch selber dann zu tun, so wie's euch gut dünkt. Bevor ich zu der Höllenangst hinabstieg, Ist El das höchste Gut, von dem die Wonne Herkommt, die mich umhüllt, genennet worden; Eli hieß es sodann, und also ziemt's sich, Weil der Gebrauch der Sterblichen dem Blatt gleicht Am Ast, das schwindet und ein andres treibet. Mit reinem und beflecktem Sinn bewohnte Ich von der ersten bis zur Stunde, die auf Die sechste folgt, wenn Sol Quadranten wechselt, Den Berg, der sich zumeist hebt aus den Fluten.« Siebenundzwanzigster Gesang »Dem Vater und dem Sohn und heil'gen Geiste,« Begann das ganze Paradies, »sei Ehre!« Also, daß mich der süße Sang berauschte. Was ich erblickte, schien mir wie ein Lächeln Des Weltenalls, drob solcher Rausch nicht minder, Als durchs Gehör, auf mich eindrang durchs Auge. O Wonn', o unaussprechliches Entzücken! O Leben, ganz erfüllt mit Lieb' und Frieden! O sichrer Reichtum, frei von jedem Wunsche! Vor meinen Augen sah ich die vier Fackeln Entzündet stehn, und die zuerst gekommne, Begann lebendiger anjetzt zu leuchten, Und also ward ihr Anblick, wie zu schauen Wär' Jupiter, wenn Vögel wären dieser Und Mars, und ihr Gefieder sie vertauschet. Die Vorsehung, die Amt und Reihenfolge Allhier verteilet, in dem sel'gen Chore, Sie hatten Schweigen ringsumher geboten, Als jetzt ich hörte: »Wenn ich mich verfärbe, Erstaune drob nicht; denn, sobald ich spreche, Wirst du sie alle sich verfärben sehen. Er, der auf Erden meines Stuhls sich anmaßt, Ja meines Stuhls, ja meines Stuhls, der ledig Ist vor dem Angesicht des Sohnes Gottes, Hat meine Ruhstatt zur Kloak' entweihet, Voll Bluts und Stanks, mit welchem der Verruchte, Der hier herabfiel, drunten wird gesühnet.« Mit jener Farbe, mit der früh und abends Genüberstehend Sol die Wolken färbet, Sah ich den ganzen Himmel jetzt besprenget; Und wie ein ehrsam Weib, sein selbst gesichert Verbleibend, dennoch ob der andern Fehltritt', Beim bloßen Hören schon, sich schüchtern zeiget, So wandelte ihr Ansehn jetzt Beatrix, Und solch Verfinstern, mein' ich, ist im Himmel Gewesen, als die höchste Macht gelitten. Drauf fuhr er also fort in seiner Rede Mit einer Stimme, vor sich selbst verwandelt, So daß nicht mehr verändert war sein Ansehn: »Dazu nicht wurde Christi Braut erzogen Mit meinem Blut, mit Linus' Blut und Cletus', Damit zu Gelderwerb mißbraucht sie würde; Nein, um dies heitre Leben zu erwerben, Sah man mit vielen Tränen Sixtus, Pius, Calixtus und Urban ihr Blut verspritzen. Auch war es unsre Absicht nicht, daß unsern Nachfolgern sitzen möcht' ein Teil zur Rechten Des Christenvolkes und ein Teil zur Linken; Noch daß die Schlüssel, die gewährt mir worden, Auf einer Fahne, die zum Kampf sich gegen Getauft' entfalt', als Zeichen sei'n zu finden; Noch daß mein Bild auf Spiegeln stehen möge An feilen, trügerischen Freiheitsbriefen, Darob ich oft erröt' und Funken sprühe. In Hirtenkleidern sind raubgier'ge Wölfe Dort unten jetzt zu schaun auf allen Weiden. 0 Gottes Schutz, was ruhest du noch immer! Von unserm Blut bereiten Caorsiner Und Basken sich zu schlürfen; guter Anfang, Zu welchem schnöden Ende mußt du fallen! Doch die erhabne Vorsicht, die durch Scipio Dem Weltruhm Roms Verteidigung gewährt hat, Schafft hier auch Hilfe bald, wie ich erkenne. Und du, mein Sohn, der ob der ird'schen Last du Herab noch kehren mußt, tu' deinen Mund auf Und berge nicht das, was ich nicht verborgen.« Wie's von gefrornem Dunste niederwimmelt In unserm Luftkreis dann, wann in Berührung Der Himmelsziege Horn tritt mit der Sonne; Also sah ich den Äther jetzt sich schmücken, Aufwärts von triumphier'nden Dünsten wimmelnd, Die erst allhier mit uns verweilet hatten. Mein Blick verfolgte ihre Lichterscheinung Und folgt' ihr, bis er ob des Mittels großer Ausdehnung weiter nicht vordringen konnte. Drob meine Herrin, die vom Aufwärtsmerken Gelöst mich sah, begann: »Nach unten richte Das Aug' und schau, wie du dich umgeschwungen!« Da merkt' ich, daß seit meinem ersten Hinschaun Ich ganz den Bogen, den das erste Klima Vom Mittel bis zum Schluß beschreibt, durchlaufen, So daß ich jenseits Gades sah die tolle Durchfahrt Ulyssens und dort schier das Ufer, Auf dem Europa ward zur süßen Bürde. Und mehr noch hätte dieses Plätzleins Lage Sich mir enthüllt, doch, fern von mir ein Zeichen Und mehr, schritt von mir unterm Fuß die Sonne. Der lieberfüllte Geist, der meine Herrin Umbuhlte stets, entbrannte mehr als jemals Anjetzt, den Blick auf sie zurückzurichten. Wenn Lockungen Natur je oder Kunst schuf Im Fleisch des Menschen oder seinem Abbild, Den Blick zu fahn, um so den Geist zu fesseln, Sie wären all vereint nichts im Vergleich doch Zur Götterlust, die mich umstrahlt', als ich mich Nach ihrem lächelnden Gesicht jetzt wandte. Und jene Kraft, die mir ihr Blick gewährte, Entriß mich Ledas schönem Netz und stieß mich Hinein in den geschwindesten der Himmel. All seine Teil', erhaben und voll Lebens, Sind so gleichförmig, daß ich nicht kann sagen, Welch einen mir als Stätt' erkor Beatrix. Sie aber, die mein Sehnen ganz durchschaute, Begann zu sagen, also heiter lächelnd, Daß Gott in ihrem Antlitz sich zu freun schien: »Des Weltenalls Natur, das, seine Mitte Stillhaltend, ringsumher schwingt alles andre, Beginnt von hier, gleichwie von ihrer Grenze. Und dieser Himmel hat sonst keine Stätt' als Die Urvernunft, drin sich die Liebe, die ihn Umdreht, die Kraft, die von ihr taut, entzündet. Ein Kreis umschließet ihn von Licht und Liebe, Gleichwie die andern er, und auf den Umfang Wirkt der allein, der ihn umhergegürtet. Nichts anderes bestimmet seine Schnelle, Nein, jede andre wird nach ihm bemessen, Wie sich die Zehn ergibt aus Hälft' und Fünfteil. Und wie's geschiehet, daß die Zeit in dieser Schal' ihre Wurzeln hat und in den andern Das Laub, kann dir wohl deutlich jetzt sich zeigen. O Gierde, unter dich also versenkend Die Sterblichen, das keiner mehr imstand ist, Aus deiner Flut die Augen zu erheben! Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen, Doch durch den unabläss'gen Regen kehren Zuletzt in Hutzeln sich die guten Pflaumen. Unschuld und Glaube sind nur bei den Kindlein Annoch zu finden, und so der als jene Entfliehn dann, eh' die Wangen sich behaaren. Derselbe, der, solang er lallt, noch fastet, Verzehret dann, wenn ihm gelöst die Zung' ist, Ein jegliches Gericht in jedem Monde; Und der, weil er noch lallt, auf seine Mutter Hört und sie liebet, wünscht dann, wann vollkommen Er sprechen kann, begraben sie zu sehen. So wird beim ersten Anblick schwarz die weiße Haut schon der schönen Tochter dessen, der uns Den Morgen bringt und hinterläßt den Abend. Doch du, damit es dich nicht wundernehme, Denk', daß auf Erden keiner, der regieret; Drob irre geht die menschliche Gesellschaft. Doch eh' noch ob des Hundertteils, das drunten Bleibt übersehn, sich Jänner ganz entwintert, Ertönen so einst diese obern Kreise, Daß die so lang erharrte Schickung dorthin Die Hinterschiffe drehn wird, wo die Schnäbel Gestanden, so daß graden Laufs die Flotte Hinläuft, und wahre Frucht kommt nach der Blüte.« Achtundzwanzigster Gesang Nachdem wir Wahres ob des jetz'gen Wandels Der jammervollen Sterblichen verkündet, Die meinen Geist ins Paradies verkläret, – Gleichwie im Spiegel der der Fackel Flamme Erblickt, der rücklings wird von ihr beleuchtet, Eh' sie ins Aug' ihm und den Sinn gekommen, Und, um zu sehn, ob wahr das Glas gesprochen, Zurück sich kehrt und sieht, daß es mit jenem Stimmt überein wie mit dem Lied die Weise; Also entsinnt sich mein Gedächnis, daß ich Getan, hinblickend auf die schönen Augen, Draus Amor, mich zu fahn, den Strick bereitet. Und als ich mich zurückgekehrt und, was sich, Wenn man in seinem Umkreis recht umherschaut, In diesem Buche zeigt, berührt die meinen, Erblickt' ich einen Punkt, dem Licht entstrahlte So scharf, daß mein Gesicht, von dem erglühend, Ich schließen mußt' ob der gewalt'gen Schärfe. Und jeder Stern, der hier am kleinsten scheinet, Er würde, neben ihn gesetzt, wie Stern sich Bei Stern zu setzen pflegt, dem Monde gleichen. So viel abstehend wohl, als nah der Hof scheint, Das Licht zu gürten, das sein Bild hervorbringt, Dann, wann die Dünst' am dicht'sten, die ihn tragen, Dreht' um den Punkt umher ein feur'ger Kreis sich So rasch, daß die Bewegung, die am schnellsten Die Welt umkreiset, selbst besiegt er hätte. Und dieser war umkränzt von einem andern, Vom dritten der, der dritte dann vom vierten, Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten. Der sieb'nte folgte drüber dann, an Breite So ausgedehnet schon, daß Junos Botin Als voller Kreis zu eng, ihn zu umfassen; So auch der acht' und neunt', und es bewegte Langsamer sich ein jeder, je nachdem er Sich in der Zahl von der Eins entfernte. Und jenem war am lautersten die Flamme, Der minder abstand von dem reinen Funken, Weil er wohl mehr sich füllt' mit seiner Wahrheit. Und meine Herrin, die gar sehr in Sorge Mich schweben sah, sprach: »Von dem Punkte hänget Der Himmel und die sämtliche Natur ab. Schau jenen Kreis, der ihm zunächst vereint ist, Und wisse, daß so schnell ist sein Bewegen Ob jener glüh'nden Liebe, die ihn treibet.« Und ich zu ihr: ›Wenn in der Ordnung stände Das Weltall, die ich schau in diesen Kreisen, Wär' ich befriedigt mit dem Vorgelegten; Doch in der sichtbarlichen Welt bemerkt man, Daß um so göttlicher ist jede Wölbung, Je mehr sie sich vom Mittelpunkt entfernet. Drum, wenn mein Wunsch sein Ende soll erreichen In diesem wunderbaren Engelstempel, Der Liebe hat und Licht allein zur Grenze, Muß ich noch hören, wie's geschieht, daß Abbild Und Urbild nicht in einer Weise gehen, Da für mich selbst ich fruchtlos dies betrachte.‹ »Wenn deine Finger nicht für solchen Knoten Genügen, ist's zu wundern nicht, so fest ward Er, weil man ihn zu lösen nicht versuchte.« So meine Herrin, und dann sprach sie: »Willst du Ersättigt sein, nimm hin, was ich dir sage, All deinen Scharfsinn auf dasselbe richtend. Die körperlichen Kreise sind eng oder Weit, je nachdem die Kraft mehr oder minder, Die sich in allen ihren Teilen ausdehnt. Mehr Trefflichkeit will größres Heil erzeugen, Und größres Heil umfaßt ein größrer Körper, Wenn ihm gleichmäßig sind erfüllt die Teile. Daher entspricht auch jener, der das ganze Erhabne Weltenall mit sich dahinreißt, Dem Kreise, der mehr weiß und der mehr liebet. Drum, wenn du deinen Maßstab an die Kraft legst, Und nicht an die Erscheinung der Substanzen, Die rund sich zeigen dir, wirst du bemerken, Wie mit dem Mehr das Größre, mit dem Minder Das Kleinre wunderbar bei jedem Himmel Und der Intelligenz desselben stimmet.« Wie hell und glänzend bleibt die Hemisphäre Der Luft, wenn Boreas bläst aus jener Wange, Aus welcher er gelinder pflegt zu wehen, Darob sich reiniget und löst der Nebel, Der sie getrübt, so daß mit seines ganzen Gefolges Schönheit jetzt der Himmel lächelt; Also ward mir's, als mich mit klarer Antwort Versorget meine Herrin, und die Wahrheit Gleich einem Stern am Himmel sich mir zeigte. Und als nun ihre Worte aufgehöret, Nicht anders sprühet Funken aus, wenn's glühet, Ein Eisen, als die Kreise Funken sprühten. Nach taten's ihrem Brand die Funken alle, Die zahlreich so, daß höher, als des Schachbretts Verdopplung, in die Tausend' ihre Zahl steigt. Von Chor zu Chor hört' ich Hosanna rufen Dem festen Punkt zu, der sie an der Stätte Hält und stets halten wird, wo stets sie waren; Und sie, die mir die zweifelnden Gedanken Im Geist sah, sprach: »Die ersten Kreise haben Die Seraphim und Cherubim gezeigt dir. Sie folgen ihren Banden so behende, Um gleich zu sein dem Punkt, soviel sie können, Und können's um soviel als hehr ihr Schaun ist. Die andern Lieben, die um sie sich schwingen, Nennt Throne man des ew'gen Angesichtes, Dieweil die erste Drei mit ihnen schließet. Und wisse, daß sie alle soviel Wonne Empfinden, als ihr Blick sich in der Wahrheit Vertieft, drin jeglicher Verstand zur Ruh' kommt Hieraus läßt sich erkennen, daß begründet Das Seligsein ist auf den Akt des Schauens, Und nicht auf den des Liebens, der dann folget; Und zu dem Schaun gibt das Verdienst den Maßstab, Das Gnade bringt hervor und guter Wille; Also wird stufenweise fortgeschritten. Die andre Drei, die hier im ew'gen Lenze Ergrünet, den das nächtliche Erscheinen Des Widders nicht entblättert, läßt Hosanna Als unabläss'gen Frühlingsschlag erschallen In dreien Melodien, enttönend dreien Wonnordnungen, in denen sie sich dreiet. In dieser Hierarchie sind die erhabnen Göttinnen Herrschaften zuerst, dann Kräfte; Die dritte Ordnung endlich sind die Mächte. Sodann in den vorletzten beiden Reigen Umschwingen Fürstentümer und Erzengel sich; Aus Engelstänzen ganz besteht der letzte. Nach oben sämtlich schauen diese Ordnungen, Also nach unten siegend, daß zu Gott hin Gezogen alle sind und alle ziehn sie. Und Dionysius legt' auf das Betrachten Sotaner Ordnungen sich, so voll Sehnsucht, Daß er sie unterschied, wie ich, und nannte. Doch von ihm hat Gregor sich dann getrennet; Drum er, sobald als er in diesem Himmel Das Aug' auftat, sich selber hat belächelt. Und wenn so hehr geheime Wahrheit kund tat Ein Sterblicher auf Erden, staune drob nicht, Denn wer sie droben sah, enthüllt' ihm solche Mit mehr des Wahren noch von diesen Kreisen.« Neunundzwanzigster Gesang Soviel, wenn beide Kinder der Latona, Vom Widder eins bedeckt, eins von der Waage, Sich mit dem Horizont zugleich umgürten, Vom Zeitpunkt ist, da beim Zenith die Zunge Einspielt, bis, Hemisphären tauschend, beide Aus dieses Gürtels Gleichgewicht sie kommen; Solang verblieb, das Angesicht mit Lächeln Geschmückt, Beatrix schweigsam nach dem Punkte Fest blickend, welcher mich besieget hatte. Dann fing sie an: »Ich sage dir, nicht frag' ich Das, was du hören willst, weil ich's geschauet Dort, wo sich jeglich Wann und Wo verknüpfet. Nicht um für sich des Guten zu erwerben, Was nimmer sein kann, nein, daß glanzentstrahlend Ihr Glanz ›Ich bin vorhanden‹ sagen könne, Erschloß in ihrer Ewigkeit sich, außer Der Zeit und jeglicher Begrenzung, wie's ihr Gefiel, die ew'ge Liebe in neun Lieben. Und nicht lag sie vorher gleichsam erstarret, Da kein Vorher und kein Nachher vorausging Dem Wallen Gottes über diesen Wässern; Hervorging Form und Stoff rein und vereinet Durch einen Akt, der sonder Fehl, wie einem Dreisträng'gen Bogen drei Geschoss' entfliegen. Und gleichwie im Kristall, Glas oder Bernstein Ein Strahl so schimmert, daß von seinem Kommen, Bis er es ganz erfüllt, kein Zwischenraum ist, Also entstrahlte die dreiförm'ge Wirkung Aus ihrem Herrn hervor das All ins Dasein, Ohn' einen Unterschied in ihrem Ausgang. Ordnung und Zweck ward eingeschaffen allen Substanzen, und zum Gipfel wurden jene Der Welt, in denen reiner Akt erzeugt ward. Am tiefsten stellte reine Möglichkeit sich, Im Mittel Möglichkeit und Akt verknüpfet Durch solches Band, das nimmer wird gelöset. Zwar schrieb Hieronymus von langer Reihe Jahrhunderte, drin Engel schon geschaffen, Bevor im übrigen die Welt gemacht ward; Doch jene Wahrheit steht auf mancher Seite Geschrieben von des heil'gen Geistes Schreibern, Und du kannst dort sie sehn, wenn recht du hinblickst. Und in etwas auch sieht es die Vernunft ein, Die's nicht zuließe, daß so lang ohn' ihre Vollendung da der Welt Beweger wären. Jetzt weißt du, wo und wann sotane Lieben Geschaffen sind und wie, so daß verlöschet In deinem Wunsche sind schon drei der Gluten. Und nicht gelangte zählend man zur Zwanzig So schnell, als drauf ein Teil der Engel trübte Die Unterlage eurer Elemente. Der andre blieb zurück, mit solcher Lust dann Die Kunst beginnend, die du hier gewahrest, Daß er sich nimmermehr vom Kreisen trennet. Des Falles Anbeginn war die verfluchte Hoffahrt desjenigen, den du zusammen- Gedrückt von aller Welt Gewicht erblickt hast. Bescheiden bleiben die, so hier du schauest, Als Werke sich erkennend jener Güte, Die sie bereit schuf zu so hoher Einsicht; Drum ward durch die erleuchtende Genade Und ihr Verdienst also erhöht ihr Schauen, Daß sie vollkommen festen Willen haben. Und nicht im Zweifel sollst du, nein, gewiß sein, Daß, je nachdem sich der Affekt ihr auftut, Es sei verdienstlich, Gnade zu empfangen. Jetzt kannst du gnug betrachten wohl in dieser Versammlung Rücksicht, wenn du meine Worte Dir eingesammelt hast ohn' andre Hilfe. Doch weil in euren Schulen wird auf Erden Gelesen, so sei die Natur der Engel, Daß sie versteh' und sich erinnr' und wolle, Sag' ich noch etwas mehr, damit die Wahrheit Du rein erschaust, die drunten man verwirret, Zweideutig sprechen in sotaner Lesung. Seitdem des Angesichts Gottes diese Substanzen froh geworden, wandten nie sie Den Blick von selbem, dem kein Ding verhüllt ist. Drum wird ihr Schaun von neuen Gegenständen Nicht unterbrochen, und nicht des Entsinnens Bedarf's für sie ob der Gedanken Trennung; So daß im Wachen man dort unten träumet, Wahrheit zu sagen glaubend und nicht glaubend; Doch in dem einen ist mehr Schuld und Schande. Ihr wandelt drunten im Philosophieren Nicht eines Pfads; so weit entführt die Lieb' euch Zum Scheinen und das Sinnen nach demselben. Und solches trägt hier oben man mit minderm Unwillen noch, als wenn die Heil'ge Schrift wird Hintangesetzet, und wenn sie verdreht wird. Dabei denkt niemand, wie viel Blutes kostet Ihr Aussä'n in die Welt, noch wie Gott jener Gefällt, der sich demütiglich ihr anschließt. Zu scheinen müht sich jeder und bringt seine Erfindungen, und solche handeln ab dann Die Pred'ger, und das Evangelium schweiget. Der sagt, daß sich der Mond zurückgewendet Bei Christi Leiden, sich dazwischen schiebend, So daß nicht drang herab der Schein der Sonne, Und lügt; denn von sich selbst hat sich verborgen Das Licht, weil Spaniern ja und Indern, gleichwie Den Juden solche Finsternis sich zeigte. Nicht zählt Florenz so viele Lap' und Bindi, Als solche Märlein innerhalb des Jahres, Bald so, bald so, von Kanzeln man verkündet; So daß, mit Wind genährt, einfält'ge Schäflein Heimkehren von der Trift, und nicht kommt's ihnen Zu gut, daß ihren Schaden sie nicht sehen. Nicht sprach zu seiner Urgemeinde Christus: ›Geht hin in alle Welt und predigt Schwänke!‹ Nein, einen Grund von Wahrheit gab er ihnen, Und diese klang allein aus seiner Wange, So daß zum Kampf, den Glauben zu entzünden, Als Lanz' und Schild das Evangelium diente. Doch jetzt legt man sich drauf, mit Spott und Scherzen Zu pred'gen, und, wenn drob nur recht gelacht wird, So bläht sich die Kapuz', und mehr nicht heischt man. Doch solch ein Vogel nistet in dem Zipfel, Daß, säh' der Pöbel ihn, er sehn wohl könnte, Auf welcherlei Vergebung er vertrauet. Drob ist auf Erden dergestalt die Torheit Gewachsen, daß auf jegliches Versprechen, Gebräch' ihm jedes Zeugnis auch, man einging'. Mit solchem mästet sich ein Schwein St. Anton, Und andres mehr, das schlimmer ist als Schweine, In Gold bezahlend, dem der Stempel fehlet. Doch da gar weit wir abgeschweift sind, wende Den Blick zurück jetzt nach der graden Straße, So daß wir Weg und Zeit zugleich verkürzen. So weit versteiget sich in Zahlen diese Natur, daß keine Sprach' es gibt, noch einen Gedanken Sterblicher, der dorthin reiche. Und wenn du, was in Daniel offenbart wird, Betrachtest, wirst du sehn, wie die bestimmte Zahl sich in seinen Tausenden verhüllet. Das erste Licht, das jene ganz bestrahlt, wird Auf so viel Weisen von ihr aufgenommen, Als Schimmer sind, mit denen es sich paaret. Drum weil sich der Affekt nach des Empfangens Akt richtet, muß in ihr der Liebe Süße Verschiedentlich bald heißer glühn, bald lauer. Sieh die Erhabenheit jetzt, sieh die Weite Der ew'gen Kraft, da sie so viele Spiegel Sich hat gebildet, drin sie sich zerteilet, In sich die eine, wie vorher, verbleibend.« Dreißigster Gesang Sechstausend Meilen wohl von uns entfernet Erglüht die sechste Stund', und ihre Schatten Senkt diese Welt schon fast zur ebnen Fläche, Wenn also tief für uns des Himmels Mitte Beginnt zu werden, daß zu diesem Grunde Der Schimmer manches Sterns nicht mehr kann dringen; Und wie die lichte Dienerin der Sonne Mehr vorwärts schreitet, schließet sich der Himmel Von einem Bild zum andern bis zum schönsten. Nicht anders wurde der Triumph, der immer Den Punkt umspielt, der mich besiegt und von dem, Was er umschließet, selbst umschlossen scheinet, Vor meinem Blicke nach und nach verlöschet; Drum meinen Blick Beatrix zuzuwenden Mich Liebe zwang und weil ich nichts erblickte. Wenn alles, was bisher von ihr gesagt ward, In einem Lobe könnt' umschlossen werden, Wär's dennoch zu gering diesmal zu gnügen. Die Schönheit, die ich sah, reicht über unser Maß nicht allein hinaus, nein, sicher glaub' ich, Daß nur ihr Schöpfer ihrer ganz sich freue. An diesem Ort geb' ich mich überwunden, Mehr, als ein trag'scher oder kom'scher Dichter Von einem Punkt je seines Stoffs besiegt ward; Denn wie das schwächere Gesicht die Sonne, Also entzücket des holdsel'gen Lächelns Erinnrung aus sich selber mein Gedächtnis. Vom ersten Tag, da ich ihr Angesicht sah In diesem Leben, bis zu diesem Anblick Ward mein Gedicht am Folgen nicht behindert; Allein jetzt muß davon ich abstehn, ihrer Schönheit noch ferner dichtend nachzufolgen, Wie von dem letzten Ziel jedweder Künstler. Also, wie ich sie mächtigerem Rufe Jetzt überlass', als jenem meiner Tuba, Die ihren schweren Stoff zum Ende führet, An Stimm' und Tun gleich einem sichern Führer, Begann sie: »Aus dem größten Körper traten Wir in den Himmel ein, der reines Licht ist, Intellektuelles Licht, erfüllt mit Liebe, Liebe des ew'gen Guts, erfüllt mit Wonne, Wonn' übertreffend alle Süßigkeiten. Hier wirst du dies' und jene Heerschar sehen Des Paradieses, und die ein' in jener Gestalt, die du beim letzten Richterspruch siehst.« Gleich einem schnellen Blitzen, das die Geister Des Sehns zerstört, so daß das Aug' des Eindrucks Selbst stärkrer Gegenstände wird beraubet, Umleuchtete mich ein lebend'ges Licht jetzt, Von solchem Schlei'r umhüllt zurück mich lassend Durch seinen Glanz, daß sich mir nichts mehr zeigte. »Die Liebe, die beruhigt diesen Himmel, Nimmt stets in sich auf mit sotanem Heile, Die Kerz' auf ihre Flamme zu bereiten.« Nicht früher waren diese kurzen Worte Zu meinem Ohr gedrungen, als ich über Die eigne Kraft mich fühlt' emporgehoben; Und in mir ward ein neu Gesicht entzündet Also, daß kein so lautres Licht zu finden, Des meine Augen sich erwehrt nicht hätten. Ein Licht sah ich, gleich einem Fluß gestaltet, Von Blitzen schimmernd, zwischen zwei Gestaden, Mit wunderbarer Frühlingspracht bemalet. Lebend'ge Funken stiegen aus den Fluten Empor, allseits sich in die Blumen senkend, Rubinen ähnlich, die mit Gold umschlossen. Dann tauchten, wie von Duft betäubt, sie wieder In jene wundersamen Wogen unter, Und wie herein der kam, entstieg ein andrer. »Der hohe Wunsch, der dich entflammt und treibt jetzt, Kenntnis von dem, was du erblickst, zu haben, Gefällt mir um so mehr, je mehr er schwillet; Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken, Bevor noch solcher Durst in dir gestillt wird.« Also begann die Sonne meiner Augen, Beifügend dann: »Der Fluß und die Topase, Die aus- und eingehn, und des Grases Lächeln Sind nur ein schattig Vorbild ihrer Wahrheit; Nicht daß an sich herb diese Dinge wären, Nein, nur ein Mangel deinerseits ist's daß sich So hoch nicht dein Gesicht noch kann erheben.« Nicht stürzte je ein Kindlein mit dem Antlitz So schnell sich nach der Milch, wenn sein Erwachen Viel mehr, denn es sonst pflegt, sich verzögert, Als ich getan, daß meine Augen würden Zu bessern Spiegeln, nach der Flut mich bückend, Die da entströmt, daß drin man besser werde. Und als der Saum nun meiner Augenlider Von ihr getrunken hatte, schien alsbald sie, Statt daß sie lang erst war, jetzt rund geworden. Dann, wie das Volk, das Larven erst getragen, Wenn es des fremden Äußern sich entkleidet, Drin sich's verborgen, anders als vorher scheint, So wandelten sich Blumen mir und Funken In größre Fest' also, daß beide Höfe Des Himmels offenbar ich jetzt erblickte. O Abglanz Gottes, durch den ich den hehren Triumph des wahren Reiches sah, gib Kraft mir, Ihn zu beschreiben, wie ich ihn gesehen! Ein Licht ist droben, welches sichtbar machet Den Schöpfer dem Geschöpf, das in desselben Anschaun allein kann seinen Frieden finden, Und dehnet sich so sehr in zirkelförm'ge Gestaltung aus, daß für die Sonne selber Sein Umkreis ein zu weiter Gürtel wäre. Aus Strahlen webt ein ganzes Bild sich, wieder Am obern Saum des erstbewegten glänzend, Das Leben und Befäh'gung draus empfanget. Und wie ein Hang an seinem Fuß im Wasser Sich spiegelt, gleichsam sich geschmückt zu schauen, Wenn er in Grün und Blümlein prangt am schönsten; So ringsumher, empor am Lichte ragend, Sah ich auf tausend Stufen wohl sich spiegeln Und mehr, was Heimkehr fand von hier dort oben. Und wenn so groß das Licht ist, das der tiefste Grund in sich schließet, welches ist die Breite Wohl dieser Hos' in den entfernt'sten Blättern? Mein Blick verlor in ihrer Weit' und Höhe Sich nicht, nein, ganz und gar nahm in sich auf er Das Wie und das Wieviel sotaner Wonne. Näh' und Entfernung gilt hier nichts und nimmt nichts, Denn da, wo Gott unmittelbar regieret, Hat das natürliche Gesetz nicht Geltung. Ins gelbe Mittel jener ew'gen Rose, Die sich ausdehnt, abstuft und Lobesdüfte Zur Sonn' enthaucht, die immerdar im Lenz steht, Zog mich, wie den, der schweigt und sprechen möchte, Beatrix hin und sprach: »Schau, wie so zahlreich Ist die Vereinigung der weißen Kleider! Sieh unsre Stadt, wie weit umher sie kreiset! Sieh unsre Stufen, die schon so erfüllt sind, Daß wenig Volk dort noch zu wünschen bleibet! Auf jenem großen Thron, nach dem du schauest Der Krone wegen, die daraufgelegt ist, Wird, eh' an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst, Die Seele sitzen, die Augusta drunten Wird sein, des hohen Heinrich, der zu Welschlands Herstellung kommen wird, eh's reif dafür ist. Die blinde Habgier, die euch betöret, Hat euch dem Kindlein gleich gemacht, das, sterbend Vor Hunger schier, die Amme von sich wegstößt. Und Vorstand wird im göttlichen Gerichtshof Dann einer sein, der offenbar und heimlich Mit jenem nicht auf gleichem Wege wandelt. Doch kurze Zeit drauf wird im heil'gen Amt ihn Gott dulden nur, und ausgestoßen wird er Dorthin, wo nach Verdienst weilt Simon Magus, Drob tiefer sinken muß der von Anagni.« Einunddreißigster Gesang So zeigte denn, wie eine weiße Rose Gestaltet, sich die heil'ge Kriegerschar mir, Die Christus durch sein Blut sich angetrauet; Doch jene, die im Fliegen schaut und singet Die Herrlichkeit des, der sie füllt mit Liebe, Und seine Güte, die so groß sie machte, Gleich einem Bienenschwarm, der in die Blumen Bald ein sich senket, bald dorthin zurückkehrt, Wo lieblichen Geschmack sein Werk erlanget, Stieg in die große mit so vielen Blättern Geschmückte Blum' herab und stieg dann aufwärts Dahin, wo ewig ihre Liebe weilet. Das Antlitz aller war lebend'ge Flamme, Die Flügel Gold, und also weiß das andre, Daß bis zu solchem Ziel kein Schnee kann reichen. Sie spendeten beim Tauchen in die Blume, Von Bank zu Bank die Seiten sich befächelnd, Des Friedens und der Glut, die sie erworben. Und daß die Fülle Fliegender sich zwischen Der Blum' einschob und dem, was drüber, konnte Ein Hemmnis nicht dem Schaun sein, noch dem Glanze; Dieweil das Licht, das göttliche, durchdringet Die Weltgesamtheit, je nachdem sie's würdig, So daß sich nichts ihr kann entgegenstellen. Dies sichre, freudenvolle Reich, bevölkert Mit altem und mit neuem Volk, gerichtet Auf einen Punkt, ganz hatt' es Blick und Liebe. O dreifach Licht, das, ihren Augen flimmernd In einem einz'gen Stern, sie so befriedigt, Blick her auf unsre Stürme doch hienieden! Wenn die Barbaren, von der Gegend kommend, So Tag für Tag von Helice bedeckt wird, Die, nach ihm schmachtend, sich mit ihrem Sohn dreht, Da Rom sie sahn und seine mächt'gen Werke, Erstaunet standen, als der Lateran noch Die Dinge, die vergänglich, überragte; Ich, der ich zu den Göttlichen gekommen Vom Menschlichen, vom Zeitlichen zum Ew'gen, Und von Florenz zum Volk, gerecht und fehllos, Wie mußt' ich erst erfüllt von Staunen werden! Gewiß war's zwischem solchem und der Wonne Genehm mir, stumm zu stehn und nichts zu hören. Und gleich dem Pilgrim, der im Tempel seines Gelübdes, um sich schauend, sich ergötzet Und, wie er sei, schon hoffet zu berichten; So, in lebend'gem Lichte mich ergehend, Bewegt' ich meinen Blick durch alle Stufen, Bald auf, bald ab, und bald im Kreis ihn drehend. Ich sah liebüberredende Gesichter, Mit fremdem Licht gesäumt und eignem Lächeln, Und Tun mit jeder Ehrbarkeit geschmücket Die allgemeine Form des Paradieses Hatt' insgesamt mein Blick jetzt schon erfasset, An keine Stelle fest annoch geheftet; Und mit aufs neu' entzündetem Verlangen Wandt' ich mich um, nach Dingen meine Herrin Zu fragen, drob mein Geist im Zweifel schwebte. Auf eines zielt' ich und erlangt' ein andres; Ich glaubte sie zu sehn, allein ein Greis stand Vor mir, gleich dem ruhmvollen Volk gekleidet. Verbreitet war auf Augen ihm und Wangen Wohlwoll'nde Freud', und da stand er, wie's einem Liebreichen Vater ziemt, mit frommem Gruße. Und: ›Wo ist sie?‹ sprach ich mit schnellen Worten. Drauf er: »Zum Ende deinen Wunsch zu führen, Ließ mich von meinem Sitz Beatrix kommen; Und wenn du auf den dritten Umkreis schauest Von oben ab, wirst du sie wiedersehen Auf jenem Thron, den ihr Verdienst ihr anwies.« Ohn' Antwort ihm zu geben, hob das Aug' ich Und sah sie dort sich eine Krone bilden, Abspiegelnd von sich selbst die ew'gen Strahlen. Von jenem Raume, wo's am höchsten donnert, Hat größern Abstand wohl kein sterblich Auge, Das sich am tiefsten in das Meer versenket; Als hier von mir Beatrix war entfernet; Doch tat's mir keinen Eintrag, denn ihr Bild kam Zu mir herab ohn' eines Mittels Mischung. ›O Herrin, in der meine Hoffnung lebet, Die du geduldet hast, daß in der Hölle Zurückblieb deine Spur ob meines Heiles, Von jenen Dingen all, die ich gesehen, Durch deine Macht und deine Güt' erkenn' ich Die Kraft und Gnade, die sie mir gewähret. Du zogst mich aus der Knechtschaft in die Freiheit Durch alle jene Weg', in allen Weisen, Die solches zu bewirken Macht besaßen. In mir bewahre deine reichen Gaben, Daß meine Seele, die du hast geheilet, Dir wohlgefällig von dem Leib sich löse!‹ So betet' ich, und jen', aus solcher Ferne Sich zeigend, warf mir lächelnd einen Blick zu; Dann wandte sie sich zu der ew'gen Quelle. Der heil'ge Greis darauf: »Damit vollkommen,« Sprach er, »zum Schluß du bringest deine Reise, Wozu mich Bitt' und heil'ge Liebe sandte, Durchfliege mit den Augen diesen Garten; Denn mehr wird deinen Blick sein Anschaun schärfen, Um zu der Gottheit Strahl emporzusteigen. Und sie, die Himmelkön'gin, die mit Liebe Mich ganz durchglüht, wird drob dir alle Gnade Erzeigen, denn ich bin ihr treuer Bernhard.« Wie's dem zu Mut ist, der wohl aus Kroatien Kommt, unsre Vera Icon zu betrachten, Der ob der alten Sage nicht dran satt wird, Nein, bei sich selber spricht, weil man sie zeiget, »O du wahrhaft'ger Gott, Herr Jesus Christus, So also bist du anzuschaun gewesen!« Also ward mir's, als die lebend'ge Lieb' ich Des Manns erblickte, der auf dieser Welt schon Beschau'nd von jenem Frieden hat gekostet. »O Gnadensohn, nicht wird dies heitre Dasein«, Begann er drauf zu mir, »bekannt dir werden, Wenn drunten du am Grund nur hältst die Blicke; Doch blicke nach den Kreisen bis zum fernsten, So daß die Königin du sitzen sehest, Der dieses Reich gehorsam und ergeben.« Ich hob die Augen, und gleichwie am Morgen Der Teil des Horizonts, der östlich lieget, Den übertrifft, wo sich die Sonne senket; Also, von Tal zu Berg geh'nd mit den Augen, Erblickt' ich einen Teil des äußern Randes, An Licht besiegend die gesamte Reihe, Und wie dort, wo die Deichsel man erwartet, Die Phaëthon schlecht lenkte, mehr sich jener Entflammt, weil rechts und links das Licht sich mindert; So glühte jene Friedensoriflamme Im Mittel am lebendigsten, ihr Feuer In gleicher Weis' auf jeder Seite mildernd. Und nach dem Mittel sah mit offnen Schwingen Ich mehr denn tausend Engel festlich eilen, Ein jeglicher an Glut und Kunst verschieden. Dort sah zu ihren Reigen, ihren Sängen Ich eine Schönheit lächeln, die den Augen Der andern Heil'gen allzumal war Wonne. Und wenn ich auch so reich an Worten wäre Als an Vorstellungen, nicht würd' ich's wagen, Zum kleinsten Teil nur ihren Reiz zu schildern. Bernhard, als meine Augen er gewahret Auf jener heiße Glut achtsam geheftet, Kehrt' ihr die seinen zu mit solcher Liebe, Daß mehr die meinen drob zum Schaun entbrannten. Zweiunddreißigster Gesang An seiner Wonn' inbrünstig hängend, nahm jetzt Des Lehrers Amt freiwillig der Beschauer Auf sich, beginnend diese heil'gen Worte: »Die, so die Wunde, die Maria zuschloß Und heilte, hat geöffnet und geschlagen, Ist jene, die so schön ihr sitzt zu Füßen. Und in der Reihe, von den dritten Sitzen Gebildet, sitzet Rahel unter jener, Vereinet mit Beatrix, wie du siehest. Sara, Rebekka, Judith und dann jene, Des Sängers Urgroßmutter, der aus Reue Ob seines Fehls sprach: ›Miserere mei!‹ Kannst also stufenweise tiefer sitzen Du sehn, wie ich, der, sie mit Namen nennend, Von Blatt zu Blatt herab die Ros' ich steige. Und von der siebenten der Stufen folgen Abwärts Hebräerinnen, so wie aufwärts, Die Blätter sämtlich teilend an der Blume; Dieweil gemäß des Blickes, den nach Christus Der Glaube richtete, die Wand sie bilden, Durch die getrennt die heil'gen Stiegen werden. Auf dieser Seite, wo die Blume reif ist Mit allen ihren Blättern, sitzen jene, Die da geglaubt an den zukünftigen Christus. Jenseits, allwo mit Lücken unterbrochen Die halben Kreise, sitzen jene, die dem Gekommnen Christus zugewandt ihr Antlitz. Und wie hier der glorreiche Sitz der Herrin Des Himmels und die anderen darunter Befindlichen solch eine Trennung machen, So gegenüber jener des erhabnen Johannes, der stets heilig Wüst' und Marter Erduldet und die Hölle dann zwei Jahr' lang; Und unter ihm traf so das Los, zu scheiden, Franziskus, Benedikt und Augustinus Und andre bis herab von Kreis zu Kreise. Betrachte jetzt die hehre Vorsicht Gottes, Daß eines und das andr' Anschaun des Glaubens Gleichmäßig diesen Garten wird erfüllen. Und wisse, von der Stuf abwärts, die grade Das Mittel beider Trennungen durchschneidet, Hat man ob keines eignen, nein, ob fremden Verdienstes Sitz nur, unter festgesetzten Bedingungen; denn Geister sind sie alle, Entfesselt, eh' sie wahre Wahl noch hatten. Wohl kannst du das an ihren Angesichtern Und ihren Kinderstimmen inne werden, Wenn du gebührend auf sie schaust und hörest. Jetzt bist du zweifelhaft, und zweifelnd schweigst du, Doch ich will dir die starken Bande lösen, Drin dein spitzfindig Denken dich verstricket. Im weiten Umfang dieses Reiches kann kein Zufäll'ger Punkt je eine Stelle finden, Nicht mehr, als Traurigkeit, Durst oder Hunger, Dieweil durch ewiges Gesetz bestimmt ist, Was immer du in ihm erblickst, so daß hier Stets ganz genau der Ring entspricht dem Finger. Und drum ist dies zum wahren Sein in Eile Beförderte Geschlecht nicht ohne Ursach' Hier unter sich mehr oder minder trefflich. Der König, durch den dieses Reich in solcher Lieb' und in solcher Wonne ruht, daß nimmer Ein Wille mehr zu heischen sich vermisset, Die Geister all vor seinem heitern Antlitz Erschaffend, hat mit Gnade sie begabet Verschiedentlich; hier gnüg' es an der Wirkung. Und in der Heil'gen Schrift ist dieses deutlich Und klar bemerkt, wo sie vom Zwillingspaar spricht, Das schon im Mutterleib zum Zorn bewegt war. Drum ziemt es sich, daß, je nachdem das Haupthaar Sich solcher Gnade färbt, das höchste Licht auch In würd'ger Weis' ihm dann den Scheitel kränze. Daher sind sie gestellt ohn' eignen Handelns Verdienst hier auf verschiedne Stufen, einzig Sich unterscheidend in dem ersten Antrieb. So gnügte nebst der Unschuld in den frühsten Jahrhunderten, daß man das Heil erlange, Allein es an dem Glauben der Erzeuger. Dann, als erfüllt die ersten Alter waren, Bedurft' es bei den Männlein, dem unschuld'gen Gefieder Kraft zu leihen, der Beschneidung. Doch als die Zeit der Gnade war gekommen, Ward ohne die vollkommne Taufe Christi Dort unten festgehalten solche Unschuld. Jetzt blicke nach dem Angesicht, das Christo Am meisten ähnlich, denn nur seine Klarheit Kann dich befähigen, zu schauen Christum.« Auf sie herab sah so viel Wonn' ich regnen, Getragen von den heil'gen Geistern, die da Geschaffen sind, durch diese Höh' zu fliegen, Daß alles, was bisher gesehn ich hatte, Mich nicht in solchem Staunen ließ verstummen, Noch solche Ähnlichkeit mit Gott mir zeigte. Und die zuerst hierher entstiegne Liebe, »Ave, Maria, gratia plena« singend, Verbreitete vor ihr die beiden Schwingen. Auf solchen göttlichen Gesang gab Antwort Von allen Seiten her der Hof der Sel'gen, So daß drob jeder Anblick heitrer wurde ›O heil'ger Vater, der für mich hier unten Du weilen willst, den süßen Ort verlassend, Auf welchem du nach ew'gem Schicksal sitzest, Wer ist der Engel, der mit soviel Jubel Die Augen unsrer Königin betrachtet, So lieberfüllt, daß er von Feuer scheinet?‹ Also wandt' ich mich wieder an die Lehre Des, der sich an Marias Licht verschönte, Wie an der Sonne Schein der Stern des Morgens. Und er zu mir drauf: »Lieblichkeit und Kühnheit, Wie sie in Engel oder Seele sein kann, Ist ganz in ihm, – und daß sie's sei, gefällt uns – Drum ist er's, der die Palme zu Maria Herabgetragen hat, als der Sohn Gottes Mit unsrer Bürde sich belasten wollte. Doch folg' jetzt mit dem Blick mir, wie ich sprechend Fortschreit', und merk' auf dieses allgerechten Und frommen Reiches mächtige Patrizier. Die zwei, zumeist beseliget dort oben, Weil sie am nächsten an Augusta sitzen, Sind wie die beiden Wurzeln dieser Rose. Der so sich auf der linken Seit' ihr anschließt, Er ist der Vater, durch des keckes Kosten Die Menschheit soviel Bittres hat verkostet. Zur Rechten siehst du jenen alten Vater Der heil'gen Kirche, dem die Schlüssel Christus Hat anvertraut zu dieser schönen Blume. Und jener, der die schweren Zeiten alle Der holden Braut, bevor er starb, gesehn hat, Die durch die Lanz' erfreit ward und die Nägel, Sitzt neben ihm; und bei dem andern ruhet Der Führer, unter dem das undankbare, Unstet', halsstarr'ge Volk von Manna lebte. Dem Petrus gegenüber siehst du Anna, Im Anschaun ihrer Tochter so befriedigt, Daß sie kein Auge rührt, Hosanna singend. Und der Hausväter erstem gegenüber Sitzt Lucia, die deine Herrin abrief, Als niederstürzend du die Augen senktest. Doch weil die Zeit flieht deines Traumgesichtes, Laßt uns hier schließen wie ein kund'ger Schneider, Der das Gewand macht, je nachdem er Tuch hat, Und unsre Blick' zur ersten Liebe richten, So daß, auf sie du schauend, vor du dringest: Soviel als es ob ihres Funkelns möglich. Doch daß du nicht etwa, die Flügel hebend, Zurückgehst, weil du vorwärts glaubst zu kommen, Ziemt's, daß man betend Gnad' erflehe, Gnade Von jener, die vermögend, dir zu helfen; Und du wirst mir mit dem Gefühle folgen, Dein Herz von meinem Worte nimmer trennend.« Drauf hub er dieses heilige Gebet an. Dreiunddreißigster Gesang »Jungfräul'che Mutter, Tochter deines Sohnes, Mehr, denn sonst ein Geschöpf, hehr und voll Demut Vorausbestimmtes Ziel des ew'gen Rates, Du bist's, durch die die menschliche Natur so Geadelt ward, daß es verschmäht ihr Schöpfer Nicht hat, sein eigenes Geschöpf zu werden. In deinem Leib hat sich aufs neu' entzündet Die Lieb', an deren Glut im ew'gen Frieden Also hervorgesproßt ist diese Blume. Allhier bist du der Liebe Mittagsfackel Für uns, und bei den Sterblichen dort unten Bist die lebend'ge Quelle du des Hoffens. Ein Weib bist du so groß, und soviel giltst du, Daß, wer nach Gnade strebt und dich nicht anruft, Der wünschet sich, zu fliegen sonder Schwingen. Und deine Gütigkeit gewährt dem Hilfe Allein nicht, der drum bittet, nein, zum öftern Kommt sie zuvor der Bitt' aus freiem Willen. In dir Barmherzigkeit, in dir ist Mitleid, In dir großmüt'ges Wesen, in dir eint sich, Was immer ein Geschöpf an Güte fasset, Der hier nun, welcher von der tiefsten Lache Des Universums bis hierher gesehn hat Der Geister Leben all, eins nach dem andern, Fleht dich um Gnad' an, Kraft ihm zu verleihen, So daß er höher noch sich mit den Augen Aufschwingen könne hin zum letzten Heile, Und ich, der nimmer für mein Schaun geglühet, Wie für das seine jetzt, bring' all mein Bitten Dir dar und bitte, daß es nicht umsonst sei, Damit du ihm jedwede Wolke mögest Der Sterblichkeit durch dein Gebet zerstreuen, So daß die höchste Lust sich ihm entfalte. Noch fleh' ich, Königin, die, was du willst, auch Vermagst, daß unversehrt du ihm erhaltest Nach so erhabnem Anschaun sein Verlangen. Dein Schutz besieg' in ihm die ird'sche Regung! Sieh, wie Beatrix mit so vielen Sel'gen Für mein Gebet zu dir die Hände faltet!« Die Augen, die Gott liebet und verehret, Bewiesen, auf den Redner fest sich richtend, Wie sehr ihr angenehm ein fromm Gebet ist. Dann wandte sie sich zu dem ew'gen Lichte, In das man nicht darf glauben, daß ein andres Geschöpf so klaren Blickes dringen könne. Und ich, der ich dem Ziele jedes Wunsches Anjetzt mich näherte, ließ, wie sich's ziemte, Die Flamme des Verlangens in mir schwinden. Es lächelte mir Bernhard einen Wink zu, Aufwärts den Blick zu richten; doch von selber War ich bereits so, wie er es begehrte, Weil meine Sehkraft, immer klarer werdend, Jetzt weiter in den Strahl und weiter vordrang Des hehren Lichts, das in sich selber wahr ist. Fortan war höh'r mein Schaun, als unsre Sprache, Die solchem Anblick weicht, und das Gedächtnis Auch muß so vielem Übermaße weichen. Gleich jenem, der im Traum etwas gesehn hat, Dem nach dem Traum nur der Empfindung Eindruck Verbleibt, und nicht zum Sinn heimkehrt das andre, Bis ich anjetzt, da mir fast ganz verlöschet Ist meine Vision, und doch im Herzen Das Süße noch, das draus entstand, mir träufelt. Also löst sich der Schnee am Strahl der Sonne, Also ging der Sibylla Spruch verloren, Beim Windeswehn auf jenen leichten Blättern. O höchstes Licht, so weit erhaben über Den menschlichen Begriff, leih' nur ein Wen'ges Von dem, wie du erschienst, dem Sinn mir wieder; Und meine Zunge laß so mächtig werden, Daß einen Funken deiner Herrlichkeit nur Dem künft'gen Volk ich hinterlassen möge! Denn wenn ein wenig nur in mein Gedächtnis Es kehrt, und etwas tönt in diesen Versen, Wird mehr man deine Siegerkraft begreifen. Ich glaub', ob des lebend'gen Strahles Schärfe, Die ich ertrug, wär' ich verwirrt geblieben, Wenn ich von ihm den Blick gewendet hätte, Und ich erinnre mich, daß ich drob kühner, Soviel zu tragen, ward und so dahin kam, Mein Schaun der unbegrenzten Kraft zu einen. O Überfluß der Gnade, drob ich's wagte, So weit hinein ins ew'ge Licht zu werfen Den Blick, daß drin ich mich verlor im Schauen! In seiner Tiefe sah ich, wie sich einet, Verbunden in ein einz'ges Buch mit Liebe, Was auf des Weltalls Blättern sich zerstreuet, Substanz und Akzidenz und ihr Verhalten In solcher Art zusammen all geschmolzen, Daß, was ich sage, nur ein schwacher Schein ist. Die allgemeine Form sotanen Bandes, Mein' ich, erblickt' ich dort; drum, da ich's sage, Zu größrer Lust mein Innres sich erweitert. Ein Augenblick bringt mir hier mehr Vergessen, Als fünfundzwanzig Säkeln jenem Zuge, Bei dem Neptun ob Argos' Schatten staunte. So schaute denn mein Geist in voller Spannung, Fest, unverrückt, aufmerksam hingerichtet, Und mehr und mehr entzündet' er im Schaun sich. In diesem Licht wird also man beschaffen, Daß es unmöglich ist, um andern Anblicks Je einzuwill'gen, sich von ihm zu kehren; Dieweil das Gute, das des Willens Ziel ist, In ihm sich ganz vereint, und außer selbem Stets mangelhaft nur ist, was hier vollkommen. Von nun an wird, verglichen selbst mit meiner Erinnrung, kürzer sein mein Wort, als eines Kindleins, das an der Brust noch netzt die Zunge. Nicht daß mehr als ein einfach Bild zu sehn sei In dem lebend'gen Licht, das ich beschaute, Und das stets ist, wie es vorher gewesen; Nein, weil durchs Schaun sich meine Sehkraft mehrte, Verwandelte für mich, indem ich selber Mich änderte, sich jener ein'ge Anblick. In der Substanz, der unergründlich klaren, Des hehren Lichts erschienen mir drei Kreise, Dreifach an Farbe und von einem Umfang; Und einer schien vom andern wie von Iris Die Iris abgespiegelt, und der dritte Wie Glut gleichförmig hier und dort enthauchet. Wie kurz und schwach mein Wort ist gegen meine Vorstellung, die, verglichen dem Gesehnen, So ist, daß es nicht genügt, zu sagen wenig! O ew'ges Licht, das, auf dir selbst nur ruhend, Allein du selbst dich kennst und, dich erkennend, So wie von dir erkannt, dir liebend lächelst! Das Kreisen, das in dir also erzeugt schien, Wie rückgestrahltes Leuchten, da ich etwas Mit meinen Augen es ringsum betrachtet, Zeigt' in dem Innern mir mit unserm Bilde Von seiner eignen Farbe sich bemalet, So daß ich mein Gesicht ganz drein versenkte. Dem Geometer gleich, der drauf geheftet Ganz ist, den Kreis zu messen, und, ob sinnend, Doch das Prinzip, des er bedarf, nicht findet, Also war ich bei diesem neuen Anblick. Sehn wollt' ich, wie das Bild sich mit dem Kreise Vereint, und wie's drin seine Stätte findet; Doch gnügten nicht dazu die eignen Schwingen, Bis daß mein Geist von einem Blitz durchzuckt ward, In welchem sein Verlangen sich ihm nahte. Der hehren Phantasie gebrach's an Kraft hier, Doch schon schwang um mein Wünschen und mein Wollen, Wie sich gleichförmig dreht ein Rad, die Liebe, Die da die Sonne rollt und andern Sterne.