Wilhelm Busch Tobias Knopp Abenteuer eines Junggesellen Herr und Frau Knopp Julchen Abenteuer eines Junggesellen Die Sache wird bedenklich Sokrates, der alte Greis, Sagte oft in tiefen Sorgen: »Ach, wie viel ist doch verborgen, Was man immer noch nicht weiß.« Und so ist es. – Doch indessen Darf man eines nicht vergessen: Eines weiß man doch hienieden, Nämlich, wenn man unzufrieden. – Dies ist auch Tobias Knopp, Und er ärgert sich darob. Seine zwei Kanarienvögel Die sind immer froh und kregel, Während ihn so manches quält, Weil es ihm bis dato fehlt. Ja, die Zeit entfliehet schnell; Knopp, du bist noch Junggesell! – Zwar für Stiefel, Bett, Kaffee Sorgt die gute Dorothee; Und auch, wenn er dann und wann Etwas nicht alleine kann, Ist sie gleich darauf bedacht, Daß sie es zurechte macht. Doch ihm fehlt Zufriedenheit. – Nur mit großer Traurigkeit Bleibt er vor dem Spiegel stehn, Um sein Bildnis zu besehn. Vornerum ist alles blank; Aber hinten, gottseidank, Denkt er sich mit frohem Hoffen, Wird noch manches angetroffen. Oh, wie war der Schreck so groß! Hinten ist erst recht nichts los. Und auch hier tritt ohne Frage Nur der pure Kopf zutage. – Auch bemerkt er außerdem, Was ihm gar nicht recht bequem, Daß er um des Leibes Mitten Längst die Wölbung überschritten, Welche für den Speiseschlauch, Bei natürlichem Gebrauch, Wie zum Trinken, so zum Essen, Festgesetzt und abgemessen. – Doch es bietet die Natur Hierfür eine sanfte Kur. Draußen, wo die Blumen sprießen, Karrelsbader Salz genießen Und melodisch sich bewegen, Ist ein rechter Himmelssegen; Und es steigert noch die Lust, Wenn man immer sagt: du mußt. Knopp, der sich dazu entschlossen, Wandelt treu und unverdrossen. Manchmal bleibt er sinnend stehn, Manchmal kann ihn keiner sehn. Aber bald so geht er wieder Treubeflissen auf und nieder. – Dieses treibt er vierzehn Tage; Darnach steigt er auf die Waage, Und da wird es freudig kund: Heißa, minus zwanzig Pfund! Wieder schwinden vierzehn Tage, Wieder sitzt er auf der Waage, Autsch, nun ist ja offenbar Alles wieder, wie es war. Ach, so denkt er, diese Welt Hat doch viel, was nicht gefällt. Rosen, Tanten, Basen, Nelken Sind genötigt zu verwelken; Ach und endlich auch durch mich Macht man einen dicken Strich. Auch von mir wird man es lesen: Knopp war da und ist gewesen. Ach, und keine Träne fließt Aus dem Auge, was es liest; Keiner wird, wenn ich begraben, Unbequemlichkeiten haben; Keine Seele wird geniert, Weil man keinen Kummer spürt. Dahingegen spricht man dann: Was geht dieser Knopp uns an? Dies mag aber Knopp nicht leiden. Beim Gedanken, so zu scheiden In ein unverziertes Grab, Drückt er eine Träne ab. Sie liegt da, wo er gesessen, Seinem Schmerze angemessen. Dieses ist ja fürchterlich. Also, Knopp, vermähle dich. Mach dich auf und sieh dich um, Reise mal 'n bissel rum. Sieh mal dies und sieh mal das, Und paß auf, du findest was. Einfach ist für seine Zwecke Das benötigte Gepäcke; Und die brave Dorothee Ruft: »Herr Knopp, nanu adjeh!« Eine alte Flamme Allererst und allsofort Eilet Knopp an jenen Ort, Wo sie wohnt die Wohlbekannte, Welche sich Adele nannte; Jene reizende Adele, Die er einst mit ganzer Seele Tiefgeliebt und hochgeehrt, Die ihn aber nicht erhört, So daß er, seit dies geschah, Nur ihr süßes Bildnis sah. Transpirierend und beklommen, Ist er vor die Tür gekommen, Oh, sein Herze klopft so sehr, Doch am Ende klopft auch er. »Himmel,« – ruft sie – »welches Glück!!« (Knopp sein Schweiß der tritt zurück.) »Komm, geliebter Herzensschatz, Nimm auf der Berschäre Platz! Nur an dich bei Tag und Nacht, Süßer Freund, hab ich gedacht. Unaussprechlich inniglich, Freund und Engel, lieb ich dich!« Knopp, aus Mangel an Gefühl, Fühlt sich wieder äußerst schwül; Doch in dieser Angstsekunde Nahen sich drei fremde Hunde. »Hülfe, Hülfe!« – ruft Adele – »Hilf, Geliebter meiner Seele!!!« Knopp hat keinen Sinn dafür. Er entfernt sich durch die Tür. – Schnell verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Ein schwarzer Kollege Knopp verfügt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Förster Knarrtje nannte. – Unterwegs bemerkt er bald Eine schwärzliche Gestalt, Und nun biegt dieselbe schräg Ab auf einen Seitenweg. Sieh, da kommt ja Knarrtje her! »Alter Knopp, das freut mich seht!« Traulich wandeln diese zwei Nach der nahen Försterei. »So, da sind wir, tritt hinein; Meine Frau, die wird sich freun!« »He, zum Teufel, was ist das? Alleh, Waldmann, alleh faß! Oh, tu tu verruchtes Weib, Jetzt kommt Knarrtje dir zu Leib!« Knopps Vermittlung will nicht glücken. Wums! da liegt er auf dem Rücken. Schnell verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Rektor Debisch Knopp begibt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Rektor Debisch nannte. Er erteilet seinem Sohn Eben eine Lektion, Die er aber unterbricht, Als er Knopp zu sehen kriegt. Zu dem Sohne spricht er dann: »Kuno, sag ich, sieh mich an! Höre zu und merke auf! Richte itzo deinen Lauf Dahin, wo ich dir befehle, Nämlich in die Kellerhöhle. Dorten lieget auf dem Stroh Eine Flasche voll Bordeaux. Diese Flasche, sag ich dir, Zieh herfür und bringe mir!« Kuno eilet froh und prompt, Daß er in den Keller kommt, Wo er still und wohlgemut Etwas von dem Traubenblut In sich selbst herüberleitet, Was ihm viel Genuß bereitet. Die dadurch entstandne Leere Füllt er an der Regenröhre. – Rotwein ist für alte Knaben Eine von den besten Gaben: Gern erhebet man das Glas. Aber Knopp der findet was. »Ei« – spricht Debisch – »dieses ist, Sozusagen, Taubenmist. Ei, wie käme dieses dann? Kuno, sag ich, sieh mich an!!« Drauf nach diesem strengen Blick Kommt er auf den Wein zurück. Aber Knopp verschmäht das Glas, Denn schon wieder sieht er was. »Dies« – spricht Debisch – »scheint mir ein Neugeborner Spatz zu sein. Ei, wie käme dieses dann?! Kuno, sag ich, sieh mich an!! Deiner Taten schwarzes Bild Ist vor meinem Blick enthüllt; Und nur dieses sage ich: Pfui, mein Sohn, entferne dich!! –« Das ist Debisch sein Prinzip: Oberflächlich ist der Hieb. Nur des Geistes Kraft allein Schneidet in die Seele ein. Knopp vermeidet diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Ländliches Fest Knopp begibt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Meister Druff benannte. Druff hat aber diese Regel: Prügel machen frisch und kregel Und erweisen sich probat Ganz besonders vor der Tat. Auch zum heutgen Schützenfeste Scheint ihm dies für Franz das beste. Drum hört Knopp von weitem schon Den bekannten Klageton. Darnach wandelt man hinaus Schön geschmückt zum Schützenhaus. – Gleich verschafft sich hier der Franz Eines Schweines Kringelschwanz, Denn er hat es längst beachtet, Daß der Wirt ein Schwein geschlachtet; Und an Knoppens Fracke hing Gleich darauf ein krummes Ding. – Horch, da tönet Horngebläse Und man schreitet zur Française. Keiner hat so hübsch und leicht Sich wie unser Knopp verbeugt; Keiner weiß sich so zu wiegen Und den Tönen anzuschmiegen; Doch die höchste Eleganz Zeiget er im Solotanz. Hoch erfreut ist jedermann, Daß Herr Knopp so tanzen kann. Leider ist es schon vorbei. Und er schreitet stolz und frei Wiederum zu seinem Tische, Daß er etwas sich erfrische. Rums! – Der Franz entfernt die Bank, So daß Knopp nach hinten sank! – Zwar er hat sich aufgerafft, Aber doch nur mangelhaft. Und er fühlt mit Angst und Beben: Knopp, hier hat es Luft gegeben! – Schnell verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Die stille Wiese Knopp begibt sich weiter fort Bis an einen stillen Ort. Hier auf dieser Blumenwiese, Denn geeignet scheinet diese, Kann er sich gemütlich setzen, Um die Scharte auszuwetzen Und nach all den Angstgefühlen Sich ein wenig abzukühlen. Hier ist alles Fried und Ruh, Nur ein Häslein schauet zu. Sieh da kommt der Bauer Jochen. Knopp hat sich nur leicht verkrochen. Doch mit Jochen seiner Frau Nimmt er es schon mehr genau. Kurz war dieser Aufenthalt Und mit Eifer alsobald Richtet Knopp sein Augenmerk Auf das angefangne Werk. – Kaum hat er den Zweck erreicht, Wird er heftig aufgescheucht, Und es zeigt sich, achherrje, Jetzt sind Damen in der Näh. Plumps! – Man kommt. – Indes von Knopp Sieht man nur den Kopf, gottlob! – Wie erschrak die Gouvernante, Als sie die Gefahr erkannte. Ängstlich rief sie: »Oh mon dieu! C'est un homme, fermez les yeux!« Knopp, auf möglichst schnelle Weise, Schlüpfet in sein Beingehäuse. Dann verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Babbelmann Knopp begibt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Babbelmann benannte; Der ihm immer so gefallen Als der Lustigste von allen. Schau, da tritt er aus der Tür. »Na«, ruft Knopp, »jetzt bleib ich hier!« Worauf Babbelmann entgegnet: »Werter Freund, sei mir gesegnet! Erstens in betreff Logis, Dieses gibt es nicht allhie, Denn ein Pater hochgelehrt Ist soeben eingekehrt. Zweitens dann: für Essen, Trinken Seh ich keine Hoffnung blinken, Heute mal wird nur gebetet, Morgen wird das Fleisch getötet, Übermorgen beichtet man, Und dann geht das Pilgern an. Ferner drittens, teurer Freund – Pist! – denn meine Frau erscheint!« Knopp, dem dieses ungelegen, Wünscht Vergnügen, Heil und Segen Und empfiehlt sich alsobald Außerst höflich, aber kalt. – Schnelle flieht er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Wohlgemeint wird abgelehnt Knopp verfügt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Küster Plünne nannte. Knopp der tritt durchs Gartengatter, Siehe, da ist Hemdgeflatter, Woraus sich entnehmen läßt: Plünnens haben Wäschefest. Dieses findet Knopp bekräftigt Dadurch, wie der Freund beschäftigt. Herzlich wird er aufgenommen. Plünne rufet: »Ei, willkommen! Gleich besorg ich dir zu essen, Halte mal das Kind indessen.« Knopp ist dieses etwas peinlich. Plünne machet alles reinlich. Knopp der fühlt sich recht geniert. Plünne hat derweil serviert. Jetzt eröffnet er das Bette Der Familienlagerstätte. In dem Bette, warm und schön, Sieht man eine Schale stehn. Nämlich dieses weiß ein jeder: Wärmehaltig ist die Feder. Hat man nun das Mittagessen Nicht zu knappe zugemessen, Und, gesetzt den Fall, es wären Von den Bohnen oder Möhren Oder, meinetwegen, Rüben Ziemlich viel zurückgeblieben, Dann so ist das allerbeste, Daß man diese guten Reste Aufbewahrt in einem Hafen, Wo die guten Eltern schlafen, Weil man, wenn der Abend naht, Dann sogleich was Warmes hat. Diese praktische Methode Ist auch Plünnens ihre Mode. »So« – ruft Plünne – »Freund, nanu Setz dich her und lange zu!« Knopp hat aber, wie man sieht, Keinen rechten Appetit. Schnell verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Freund Mücke Knopp begibt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Welcher Mücke sich benannte. Wie es scheint, so lebt Herr Mücke Mit Frau Mücke sehr im Glücke. Eben hier, bemerken wir, Küßt er sie und spricht zu ihr: »Also Schatz, ade derweil! Ich und Knopp, wir haben Eil. Im historischen Verein Wünscht er eingeführt zu sein.« Bald so öffnet sich vor ihnen Bei der Kirche der Kathrinen Im Hotel zum blauen Aal Ein gemütliches Lokal. Mücke scheinet da nicht fremd, Er bestellt, was wohlbekömmt. Junge Hähnchen, sanft gebraten, Dazu kann man dringend raten, Und man darf getrost inzwischen Etwas Rheinwein druntermischen. Nötig ist auf alle Fälle, Daß man dann Mussö bestelle. Nun erfreut man sich selbdritt, Denn Kathinka trinket mit! – »So, jetzt wären wir so weit, Knopp, du machst wohl Richtigkeit.« Lustig ist man fortspaziert Zum Hotel, wo Knopp logiert. Heftig bollert man am Tor, Der Portier kommt nicht hervor. »Komm« – ruft Mücke – »Knopp, komm hier, Du logierst die Nacht bei mir!« Schwierig, aus verschiednen Gründen, Ist das Schlüsselloch zu finden. So so so! Jetzt nur gemach, Tritt hinein, ich komme nach. Knopp schiebt los, indessen Mücke Bleibt mit Listigkeit zurücke. Schrupp! – Wie Knopp hineingekommen, Wird er an die Wand geklommen. »Wart!« ruft Mückens Ehgemahl – »Warte, Lump, schon wieder mal!?« Weil sie ihn für Mücken hält, Hat sie ihm so nachgestellt. Hei! Wie fühlt sich Knopp erfrischt, Als der Besen saust und zischt. Bums! Er fällt in einen Kübel, Angefüllt mit dem, was übel. Oh, was macht der Besenstiel Für ein schmerzliches Gefühl! Und als regellose Masse Findet Knopp sich auf der Gasse. Schnell verläßt er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Ein frohes Ereignis Knopp verfügt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Der sich Sauerbrot benannte. Sauerbrot, der fröhlich lacht, Hat sich einen Punsch gemacht. »Heißa!!« – rufet Sauerbrot – »Heißa! meine Frau ist tot!! Hier in diesem Seitenzimmer Ruhet sie bei Kerzenschimmer. Heute stört sie uns nicht mehr, Also, Alter, setz dich her, Nimm das Glas und stoße an, Werde niemals Ehemann, Denn als solcher, kann man sagen, Muß man viel Verdruß ertragen. Kauf Romane und Broschüren Zahle Flechten und Turnüren, Seidenkleider, Samtjacketts, Zirkus- und Konzertbilletts – Ewig hast du Nöckerei. Gott sei Dank, es ist vorbei!!« Es schwellen die Herzen, Es blinkt der Stern. Gehabte Schmerzen Die hab ich gern. Knarr! – da öffnet sich die Tür. Wehe! Wer tritt da herfür!? Madam Sauerbrot, die schein- Tot gewesen, tritt herein. Starr vor Schreck wird Sauerbrot, Und nun ist er selber tot. – Knopp vermeidet diesen Ort Und begibt sich eilig fort. O weh! Knopp verfügt sich weiter fort Bis an einen andern Ort. Da wohnt einer, den er kannte, Welcher Piepo sich benannte. – Aus dem Garten tönt Gelächter, Piepo ist's und seine Töchter. »Dies, mein lieber Knopp, ist Hilda, Dort die ältre heißt Klotilda. Hilda hat schon einen Freier, Morgen ist Verlobungsfeier, Doch Klotilda, ei ei ei, Die ist noch bis dato frei.« – Oh, wie ist der Abend milde! Knopp der wandelt mit Klotilde, Die ihm eine Rose pflückt. – Und er fühlt es tief beglückt: Knopp, in diesem Augenblick, Da erfüllt sich dein Geschick. – Drauf hat Piepo ihn geleitet, Wo sein Lager zubereitet. »Hier« – so spricht er – »dieser Saal Ist für morgen Festlokal. Hier zur Rechten ist die Klause, Stillberühmt im ganzen Hause; Und hier links da schlummerst du. Wünsche recht vergnügte Ruh!« Knopp ist durch und durch Gedanke An Klotilde, jene Schlanke, Und er drückt in süßem Schmerz Ihre Rose an sein Herz. »O Klotilde, du allein Sollst und mußt die Meine sein.« – Darauf ist ihm so gewesen: Knopp, du mußt noch etwas lesen. – Gern erfüllt er sein Verlangen; Still ist er hinausgegangen Und bei seiner Kerze Strahl Hingewandelt durch den Saal. – Oftmals kann man müde sein, Setzt sich hin und schlummert ein. – Erst des Morgens so um achte, Als die Sonne freundlich lachte, Dachte Knopp an sein Erwachen. Er erwacht durch frohes Lachen. – Dieses tut die Mädchenschar, Welche schon beschäftigt war, Um an dieses Festes Morgen Für des Saales Schmuck zu sorgen. – »Ewig kannst du hier nicht sein« – Denket Knopp voll Seelenpein. Und so strömt er wohlverdeckt Da hervor, wo er gesteckt. Groß ist seines Laufes Schnelle; Aber ach, die Kammerschwelle Ist ihm äußerst hinderlich. Hopsa! – Er entblättert sich. – Heimlich flieht er diesen Ort Und begibt sich weiter fort. Abschreckendes Beispiel Knopp begibt sich eilig fort Bis zum höchsten Bergesort. Hier in öder Felsenritzen Sieht er einen Klausner sitzen. Dieser Klausner, alt und greis, Tritt aus seinem Steingehäus. Und aus Knoppen seiner Tasche Hebt er ernst die Wanderflasche. »Ich« – so spricht er – »heiße Krökel Und die Welt ist mir zum Ekel. Alles ist mir einerlei. Mit Verlaub! Ich bin so frei. Oh, ihr Bürsten, oh ihr Kämme, Taschentücher, Badeschwämme, Seife und Pomadebüchse, Strümpfe, Stiefel, Stiefelwichse, Hemd und Hose, alles gleich, Krökel der verachtet euch. Mir ist alles einerlei. Mit Verlaub, ich bin so frei. Oh, ihr Mädchen, oh, ihr Weiber, Arme, Beine, Köpfe, Leiber, Augen mit den Feuerblicken, Finger, welche zärtlich zwicken, Und was sonst für dummes Zeug – Krökel der verachtet euch. Mir ist alles einerlei. Mit Verlaub, ich bin so frei. Nur die eine, himmlisch Reine, Mit dem goldnen Heilgenscheine Ehre, liebe, bet ich an; Dich, die keiner kriegen kann, Dich, du süße, ei ja ja, Heilge Emmerenzia. Sonst ist alles einerlei. Mit Verlaub, ich bin so frei.« Hiermit senkt der Eremit Sich nach hinten. – Knopp entflieht. – Knopp der denkt sich: dieser Krökel Ist ja doch ein rechter Ekel; Und die Liebe per Distanz, Kurz gesagt, mißfällt mir ganz. Schnell verlassend diesen Ort Eilet er nach Hause fort. Heimkehr und Schluß Knopp der eilt nach Hause fort, Und, sieh da, schon ist er dort. Grade lüftet seine nette, Gute Dorothee das Bette. »Mädchen« – spricht er – »sag mir ob –« Und sie lächelt: »Ja, Herr Knopp!« Bald so wird es laut verkündet: Knopp hat ehlich sich verbündet, Tobias Knopp Dorothea Lickefett Erst nur flüchtig und zivil, Dann mit Andacht und Gefühl. – Na, nun hat er seine Ruh. Ratsch! – Man zieht den Vorhang zu. Herr und Frau Knopp Ermahnungen und Winke Oh wie lieblich, oh wie schicklich, Sozusagen herzerquicklich, Ist es doch für eine Gegend, Wenn zwei Leute, die vermögend, Außerdem mit sich zufrieden, Aber von Geschlecht verschieden, Wenn nun diese, sag ich, ihre Dazu nötigen Papiere So wie auch die Haushaltsachen Endlich mal in Ordnung machen Und in Ehren und beizeiten Hin zum Standesamte schreiten, Wie es denen, welche lieben, Vom Gesetze vorgeschrieben, Dann ruft jeder freudiglich: »Gott sei Dank, sie haben sich!« Daß es hierzu aber endlich Kommen muß, ist selbstverständlich. – Oder liebt man Pfänderspiele? So was läßt den Weisen kühle. Oder schätzt man Tanz und Reigen? Von Symbolen laßt uns schweigen. Oder will man unter Rosen Innig miteinander kosen? – Dies hat freilich seinen Reiz; Aber elterlicherseits Stößt man leicht auf so gewisse Unbequeme Hindernisse Und man hat, um sie zu heben, Als verlobt sich kundzugeben. – Das ist allerdings was Schönes; Dennoch mangelt dies und jenes. Traulich im Familienkreise Sitzt man da und flüstert leise, Drückt die Daumen, küßt und plaudert, Zehne schlägt's, indes man zaudert, Mutter strickt und Vater gähnt, Und, eh man was Böses wähnt, Heißt es: »Gute Nacht, bis morgen!« – Tief im Paletot verborgen, Durch die schwarzen, nassen Gassen, Die fast jeder Mensch verlassen, Strebt man unmutvoll nach Hause In die alte, kalte Klause, Wühlt ins Bett sich tief und tiefer, Schnatteratt! so macht der Kiefer, Und so etwa gegen eine Kriegt man endlich warme Beine. Kurz, Verstand sowie Empfindung Dringt auf ehliche Verbindung. – Dann wird's aber auch gemütlich. Täglich, stündlich und minütlich Darf man nun vereint zu zween Arm in Arm spazierengehn! Ja, was irgend schön und lieblich, Segensreich und landesüblich Und ein gutes Herz ergetzt, Prüft, erfährt und hat man jetzt. Eheliche Ergötzlichkeiten Ein schönes Beispiel, daß obiges wahr, Bieten Herr und Frau Knopp uns dar. Hier ruht er mit seiner getreuen Dorette Vereint auf geräumiger Lagerstätte. Früh schon erhebt man die Augenlider Lächelt sich an und erkennt sich wieder, Um alsobald mit einem süßen Langwierigen Kusse sich zu begrüßen. Knopp aber, wie er gewöhnlich pflegt, Ist gleich sehr neckisch aufgelegt. Ganz unvermutet macht er: Kieks! Hierauf erhebt sich ein lautes Gequieks. Dorette dagegen weiß auch voll List, Wo Knopp seine lustige Stelle ist. Nämlich er hat sie unten am Hals. Kiewieks! Jetzt meckert er ebenfalls. Nun freilich möchte sich Knopp erheben Und schnell vom Lager hinwegbegeben, Wird aber an seines Kleides Falten Spiralenförmig zurückgehalten. Husch, er nicht faul, eh man sich's denkt, Hat sich nach hinten herumgeschwenkt Und unter die Decke eingebohrt, Wo man recht fröhlich herumrumort. Nach diesen gar schönen Lustbarkeiten Wird's Zeit zur Toilette zu schreiten. Gern wendet Frau Doris anitzo den Blick Auf Knopp sein Beinbekleidungsstück, Welches ihr immer besonders gefiel Durch Ausdruck und wechselndes Mienenspiel. Bald schaut's so drein mit Grimm und Verdruß, Bald voller Gram und Bekümmernus. Bald zeigt dies edle Angesicht Nur Stolz und kennt keinen Menschen nicht. Aber bald schwindet der Übermut; Es zeigt sich von Herzen sanft und gut, Und endlich nach einer kurzen Zeit Strahlt es in voller Vergnüglichkeit. – Dorettens Freude hierüber ist groß. Knopp aber ist auch nicht freudenlos; Denn ihm lächelt friedlich und heiter, Nach unten spitzig, nach oben breiter, Weißlich blinkend und blendend schön, Ein hocherfreuliches Phänomen. Besonders zeigt sich dasselbe beim Sitzen, In der Mädchensprache nennt man's Blitzen. – »Madam, es blitzt!« ruft Knopp und lacht. Schlupp! wird die Sache zugemacht. Der alte Junge hat's gut Die Frühstückszeit hat Knopp vor allen, Weil sehr behaglich, sehr gefallen. Nachdem die Liese aufgetischt, Hat Doris ihm den Trank gemischt. Und außerdem genießt er heute Noch eine ganz besondre Freude. Frau Doris schenkt ihm eine Mütze, Die rings mit Perlen und mit Litze In Form von einem Kranz der Reben Gar schön umwunden und umgeben. Sehr freut ihn dieser Kopfbehälter, Denn nach Micheli wird es kälter Und weht schon oft ein herber Hauch, Und außerdem verziert es auch. Stolz sitzt er da auf seinem Sitze; Das Haupt verschönt die Morgenmütze; Die Pfeife ist ihm Hochgenuß, Und Doris hält den Fidibus. Schnell flieht der Morgen. – Unterdessen Bereitet man das Mittagessen. – Was dies betrifft, so muß man sagen, Kann Knopp sich wirklich nicht beklagen. Zum Beispiel könnt er lange suchen Nach solchem guten Pfannekuchen. Hierin ist Doris ohne Fehl. Stets nimmt sie einen Löffel Mehl, Die nötge Milch, dazu drei Eier, Ja vier sogar, wenn sie nicht teuer, Quirlt dies sodann und backt es braun Mit Sorgfalt und mit Selbstvertraun; Und jedesmal spricht Knopp vergnüglich: »Der Pfannekuchen ist vorzüglich!« O wie behaglich kann er nun An Doris' treuem Busen ruhn. Gern hat er hierbei auf der Glatze Ein loses, leises Kribbelkratze. So schläft er mit den Worten ein: »Wie schön ist's, Herr Gemahl zu sein!« Ein Mißgriff Der Samstag ist meistens so ein Tag, Den der Vater nicht leiden mag. Es wirbelt der Staub, der Besen schwirrt, Man irrt umher und wird verwirrt. – Hier oben auf der Fensterbank Steht Liese und macht die Scheiben blank. Knopp, welcher seine Pfeife vermißt Und gar nicht weiß, wo sie heute ist, Schweift sorgenschwer im Haus umher, Ob sie nicht wo zu finden wär. Er denkt: »Wo mag die Pfeife sein?« Und zwickt die Liese ins Bein hinein. Obgleich dies nur ganz unten geschehen, Frau Doris hat es nicht gern gesehen. Sie ruft: »Das bitt ich mir aber aus! Abscheuliches Mädchen, verlasse das Haus!« So wären denn Knoppens also mal Ohne weibliches Dienstpersonal, Und morgens in früher Dämmerung Hat Knopp eine schöne Beschäftigung. Alsbald so steht es im Wochenblatt, Daß man Bedienung nötig hat. Infolgedessen mit sanfter Miene Erscheint eine Jungfrau namens Kathrine, Welche hochheilig und teuer versprochen, Stets fleißig zu putzen, beten, backen und kochen. Hierin ist sie auch einerseits rühmlich, Anderseits aber recht eigentümlich! Erglänzt zum Beispiel am Sirupstopfe Der unvermeidliche zähe Tropfe – Schluppdiwutsch! – so schafft sie ihn dort Mit schnellem Schwunge der Zunge fort. Oder wenn sich beim Backen vielleicht Irgendwo irgendwie irgendwas zeigt – Schluppdiwutsch! – sie entfernt es gleich Durch einen doppelten Bogenstreich. – Obschon dies sehr geschickt geschehen, Frau Knoppen hat es nicht gern gesehen. Sie ruft: »Das bitt ich mir aber aus! Abscheuliches Mädchen, verlasse das Haus!« So wären denn Knoppens zum andern Mal Ohne weibliches Dienstpersonal. Knopp aber in früher Dämmerung Hat eine schöne Beschäftigung. Alsbald so setzt man ins Wochenblatt, Daß man ein Mädchen nötig hat! Hierauf erscheint nach kurzer Zeit Eine Jungfrau mit Namen Adelheid, Welche hochheilig und teuer versprochen, Stets fleißig zu putzen, beten, backen und kochen. Auch kann sie dieses; und augenscheinlich Ist sie in jeder Beziehung sehr reinlich. Pünktlich pflegt sie und ohne Säumen Die ehliche Kammer aufzuräumen. Recht angenehm ist dann der Kamm, Pomade und Seife von Madam. Doch für die Zähne verwendet sie gern Den Apparat des gnädigen Herrn. – Obgleich dies zu guten Zwecken geschehen, Frau Knoppen hat es nicht gern gesehen. Sie ruft: »Das bitt ich mir aber aus! Abscheuliches Mädchen, verlasse das Haus!« Knopp aber in früher Dämmerung Hat eine neue Beschäftigung. – Knopp geht mal aus Bekanntlich möchte in dieser Welt Jeder gern haben, was ihm gefällt. Gelingt es dann mal dem wirklich Frommen, An die gute Gabe dranzukommen, Um die er dringend früh und spat Aus tiefster Seele so inniglich bat, Gleich steht er da, seufzt, hustet und spricht: »Ach Herr, nun ist es ja doch so nicht!« Auch Knopp ist heute etwas ergrimmt Und über sein ehliches Glück verstimmt. Grad gibt es den Abend auch Frikadellen, Die unbeliebt in den meisten Fällen. Er lehnt sie ab mit stillem Dank, Zieht seinen Frack aus dem Kleiderschrank, Und ohne sich weiter an was zu kehren, Wandelt er trotzig zum goldenen Bären! »Potztausend, also auch mal hier!« So rufen freudig beim Öffnen der Tür Der kunstreiche Doktor Pelikan Und Bello, der Förster und Jägersmann. Knopp aber redet nicht eben viel; Hat auch nicht Lust zum Solospiel; Sondern tief in sich selbst gekehrt Hat er sein Schöppchen Bier geleert. Punkt zehn schließt er die Rechnung ab Und begibt sich zu Haus in gelindem Trab. Unfreundlicher Empfang Grollend hat Madam soeben Sich bereits zur Ruh begeben. Freundlich naht sich Knopp und bang – Bäh – nicht gut ist der Empfang. Demutsvoll und treu und innig Spricht er: »Doris, schau, da bin ich!« Aber heftig stößt dieselbe – Bubb! – ihn auf sein Leibgewölbe. Dieses hat ihn sehr verdrossen. Tiefgekränkt, doch fest entschlossen, Schreitet er mit stolzem Blick Wieder ins Hotel zurück. Heißa, jetzt ist Knopp dabei, Kartenspiel und was es sei. Elfe, zwölfe schlägt die Glocke; Man genießt verschiedne Grocke Dreimal kräht des Hauses Hahn, Bis der letzte Trunk getan. Heimkehr Knopp ist etwas schwach im Schenkel, Drum so führt man ihn am Henkel. Glücklich hat es sich getroffen, Daß das Küchenfenster offen. Man erhebt ihn allgemach Und dann schiebt man etwas nach. Düster ist der Küchenraum. Platsch! Man fällt und sieht es kaum. Ratsam ist es nachzuspähen, Wo die Schwefelhölzer stehen. Kracks! Da stößt das Nasenbein Auf den offnen Küchenschrein. Peinlich ist ihm das Gefühl; Aber er verfolgt sein Ziel. Oha! – Wieder geht er irr. Dieses ist das Milchgeschirr. Dies dagegen ist die volle Sanftgeschmeidge Butterstolle. Doch hier hinten in der Ecke Kommt er jetzt zu seinem Zwecke. Autsch! Er schreit mit lautem Schalle Und sitzt in der Mausefalle. Jetzo kommt ihm der Gedanke, Nachzuspüren auf dem Schranke. Ach! Vom Kopfe bis zum Fuß Rinnt das gute Zwetschenmus. Doch zugleich mit dieser Schwärze Kriegt er Feuerzeug und Kerze. Freilich muß er häufig streichen, Ohne etwas zu erreichen. Aber endlich und zuletzt Hat er's richtig durchgesetzt. Jetzt zur Ruh sich zu begeben, Ist sein sehnlichstes Bestreben. Hier ist nun die Kammertür. Ach, man schob den Riegel für. Demnach muß er sich bequemen, Auf der Schwelle Platz zu nehmen. So ruht Knopp nach alledem Fest, doch etwas unbequem. Donner und Blitz Hier sitzt Knopp am selbigen Morgen Greulich brütend im Stuhl der Sorgen; Tyrann vom Scheitel bis zur Zeh; Und heftig tut ihm der Daumen weh. Ei schau! Die Liese ist wiedergekommen! Ist Knopp egal. Man hört ihn brommen. Reumütig nahet Frau Doris sich. Knopp zeigt sich als schrecklicher Wüterich. Perdatsch! – Mit einem großen Geklirr Entfernt er das schöne Porzellangeschirr. Dann klopft er über den ganzen Graus, Ohne Rücksicht zu nehmen, die Pfeife aus. Mit Tränen tritt Frau Doris hervor Und sagt ihm ein leises Wörtchen ins Ohr. Dies Wort fährt ihm wie Donner und Blitz Durch Kopf, Herz, Leib in den Sorgensitz. Und tief erschüttert und allsogleich Zeigt er sich milde, gerührt und weich. Ängstlicher Übergang und friedlicher Schluß Wohlbekannt im ganzen Orte Mit der Klingel an der Pforte, Ist die Brave, Ehrenwerte, Ofterprobte, Vielbegehrte, Welche sich Frau Wehmut schrieb; Und ein jeder hat sie lieb. – Mag es regnen oder schneen, Mag der Wind auch noch so wehen, Oder wär sie selbst nicht munter, Denn das kommt ja mal mitunter – Kaum ertönt an ihrer Klingel Das bekannte: Pingelpingel! Gleich so ist Frau Wehmut wach Und geht ihrer Nahrung nach. Heute ist sie still erschienen, Um bei Knoppens zu bedienen. Auf dem Antlitz Seelenruhe, An den Füßen milde Schuhe, Wärmt sie sorglich ihre Hände, Denn der Sommer ist zu Ende. Also tritt sie sanft und rein Leise in die Kammer ein. Auch den Doktor Pelikan Sieht man ernstbedächtig nahn, Und es sagt sein Angesicht: Wie es kommt, das weiß man nicht. – Oh, was hat in diesen Stunden Knopp für Sorgen durchempfunden! Rauchen ist ihm ganz zuwider. Seine Pfeife legt er nieder. Ganz vergebens tief im Pult Sucht er Tröstung und Geduld. Oben auf dem hohen Söller, Unten in dem tiefen Keller – Wo er sich auch hinverfüge – Angst verkläret seine Züge. Ja, er greifet zum Gebet, Was er sonst nur selten tät.             Endlich öffnet sich die Türe, Und es heißt: ich gratuliere! – Friedlich lächelnd, voller Demut, Wie gewöhnlich, ist Frau Wehmut. – Stolz ist Doktor Pelikan, Weil er seine Pflicht getan. – Aber unser Vater Knopp Ruft in einem fort: Gottlob! – Na, jetzt hat er seine Ruh. – Ratsch! Man zieht den Vorhang zu. Julchen Vorbemerk Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Ersteres wird gern geübt, Weil es allgemein beliebt. Selbst der Lasterhafte zeigt, Daß er gar nicht abgeneigt; Nur will er mit seinen Sünden Keinen guten Zweck verbinden, Sondern, wenn die Kosten kommen, Fühlet er sich angstbeklommen. Dieserhalb besonders scheut Er die fromme Geistlichkeit, Denn ihm sagt ein stilles Grauen: Das sind Leute, welche trauen. – So ein böser Mensch verbleibt Lieber gänzlich unbeweibt. – Ohne einen hochgeschätzten Tugendsamen Vorgesetzten Irrt er in der Welt umher, Hat kein reines Hemde mehr, Wird am Ende krumm und faltig, Grimmig, greulich, ungestaltig, Bis ihn dann bei Nacht und Tag Gar kein Mädchen leiden mag. Onkel heißt er günstgen Falles, Aber dieses ist auch alles. – Oh, wie anders ist der Gute! Er erlegt mit frischem Mute Die gesetzlichen Gebühren, Läßt sich redlich kopulieren, Tut im stillen hocherfreut Das, was seine Schuldigkeit, Steht dann eines Morgens da Als ein Vater und Papa Und ist froh aus Herzensgrund, Daß er dies so gut gekunnt. Julchen als Wickelkind Also, wie bereits besprochen: Madame Knoppen ist in Wochen, Und Frau Wehmut, welche kam Und das Kind entgegennahm, Rief und hub es in die Höh: »Nur ein Mädel, ach herrje!« (Oh, Frau Wehmut die ist schlau; So was weiß sie ganz genau!) Freilich Knopp der will sich sträuben, Das Gesagte gleich zu gläuben; Doch bald überzeugt er sich, Lächelt etwas säuerlich, Und mit stillgefaßten Zügen Spricht er: »Na, denn mit Vergnügen!!« Dieses Kind hat eine Tante, Die sich Tante Julchen nannte; Demnach kommt man überein, Julchen soll sein Name sein. Julchen, als ein Wickelkind, Ist so, wie so Kinder sind. Manchmal schläft es lang und feste, Tief versteckt in seinem Neste. Manchmal mit vergnügtem Sinn Duselt es so für sich hin. Manchmal aber wird es böse, Macht ein lautes Wehgetöse Und gibt keine Ruhe nicht, Bis es was zu lutschen kriegt. – Sein Prinzip ist überhaupt: Was beliebt ist auch erlaubt; Denn der Mensch als Kreatur Hat von Rücksicht keine Spur. O ihr, die ihr Eltern seid, Denkt doch an die Reinlichkeit! Wahrlich, hier gebührt Frau Knopp Preis und Ehre, Dank und Lob. Schon in früher Morgenstund Öffnet sie den Wickelbund, Gleichsam wie ein Postpaket, Worauf Knopp beiseite geht. Mit Intresse aber sieht Er, was fernerhin geschieht. Macht man Julchens Nase reinlich, So erscheint ihm dieses peinlich. Wie mit Puder man verfährt, Dünkt ihm höchst bemerkenswert. Freudevoll sind alle drei, Wenn die Säuberung vorbei. Nun mag Knopp sich gern bequemen, Julchen auch mal hinzunehmen. Flötend schöne Melodien, Schaukelt er es auf den Knien. Auf die Backe mit Genuß Drückt er seinen Vaterkuß. Eine unruhige Nacht Einszweidrei! im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit. – Julchen ist hübsch kugelrund Und schon ohne Wickelbund. – Es ist Nacht. – Frau Doris ruht, Während Knopp das Seine tut. Aber Julchen in der Wiegen Will partu nicht stille liegen. Er bedenkt, daß die Kamille Manchmal manche Schmerzen stille. Wirkungslos ist dieser Tee. Julchen macht: rabäh, rabäh! Lieber Gott, wo mag's denn fehlen? Oder sollte sonst was quälen? O wie gern ist Knopp erbötig, Nachzuhelfen, wo es nötig. Aber weh, es will nicht glücken, Und nun klopft er sanft den Rücken. Oder will's vielleicht ins Bette, Wo auf warmer Lagerstätte Beide Eltern in der Näh? Nein, es macht: rabäh, rabäh! Schau! Auf einmal wird es heiter. – Knopp begibt sich eilig weiter Und bemerkt nur dieses noch: »Ei potztausend! Also doch!!« Ein festlicher Morgen Einszweidrei! im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit. – Julchen ist schon sehr verständig Und bewegt sich eigenhändig. – Heut ist Feiertag; und siehe! Schon streicht Knopp in aller Frühe Luftiglosen Seifenschaum Auf des Bartes Stachelflaum. Heut will er zur Messe gehn, Denn da singt man doch so schön. Frau Dorette trägt getreu Frack und Biberhut herbei. Julchen gibt indessen acht, Was der gute Vater macht. Bald ist seine Backe glatt, Weil er darin Übung hat. In die Kammer geht er nun, Julchen macht sich was zu tun. Gern ergreifet sie die Feder An des Vaters Schreibkatheder. Reizend ist die Kunstfigur Einer Ticktacktaschenuhr. Achherrje! Es geht klabum! Julchen schwebt; der Stuhl fällt um. Allerdings kriegt Julchen bloß Einen leichten Hinterstoß, Doch die Uhr wird sehr versehrt Und die Tinte ausgeleert. – Schmiegsam, biegsam, mild und mollig Ist der Strumpf, denn er ist wollig. Drum wird man ihn gern benutzen, Um damit was abzuputzen. Wohlbesorgt ist dieses nun. Julchen kann was andres tun. – Keine Messer schneiden besser Wie des Bartes Putzemesser. Wozu nützen, warum sitzen An dem Frack die langen Spitzen?? Hier ein Schnitt und da ein Schnitt, Ritscheratsche, weg damit. – Wohlbesorgt ist dieses nun. Julchen kann was andres tun. – In des Vaters Pfeifenkopf Setzt sich oft ein fester Propf, Ja, was schlimmer, die bewußte Alte, harte, schwarze Kruste; Und der Raucher sieht es gerne, Daß man sie daraus entferne. Wohlbesorgt ist dieses nun. Julchen kann was andres tun. Stattlich ist der Biberhut; Manchmal paßt er nur nicht gut. Niemals soll man ihn benützen, Um bequem darauf zu sitzen. Seht, da kommt der Vater nun, Um den Frack sich anzutun. Schmerzlich sieht er, was geschehn, Und kann nicht zur Messe gehn. Böse Knaben Einszweidrei! im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit. – Unsre dicke, nette Jule Geht bereits schon in die Schule, Und mit teilnahmsvollem Sinn Schaut sie gern nach Knaben hin. Einer, der ihr nicht gefiel, Das ist Dietchen Klingebiel. Ferdinandchen Mickefett Scheint ihr nicht besonders nett. Peter Sutitt, frech und dick, Hat natürlich auch kein Glück. Försters Fritze, blond und kraus, Ja, der sieht schon besser aus. Keiner kann wie er so schön Grade auf dem Kopfe stehn; Und das Julchen lacht und spricht: »So wie Fritze könnt ihr's nicht!« Kränkend ist ein solches Wort. Julchen eilt geschwinde fort. Knubbs! Da stoßen die drei Knaben Julchen in den feuchten Graben Und sie fühlen sich entzückt Daß der Streich so gut geglückt. Wartet nur, da kommt der Fritze! Schwapp, sie liegen in der Pfütze. Fritz ist brav und sanft und spricht: »Gutes Julchen, weine nicht!« Julchens Kleid ist zu beklagen. Knopp der muß die Kosten tragen. Vatersorgen Einszweidrei! im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit. – Julchen ist nun wirklich groß, Pfiffig, fett und tadellos, Und der Vater ruft: »Was seh ich? Die Mamsell ist heiratsfähig!« Dementsprechend wäre ja Mancher gute Jüngling da. Da ist Sutitt; aber der Praktiziert als Vetrinär. Da ist Mickefett; doch dieser Ist Apthekereiproviser. Da ist Klingebiel; was ist er? Sonntags Kanter, alltags Küster. Und dann Fritz, der Forstadjunkt, Das ist auch kein Anhaltspunkt. Einfach bloß als Mensch genommen Wäre dieser höchst willkommen, Nur muß Knopp sich dann entschließen, Ganz bedeutend zuzuschießen. – – Kurz gesagt mit wenig Worten, Ob auch Knopp nach allen Orten Seine Vaterblicke richte, Nirgends paßt ihm die Geschichte. – Anderseits, wie das so geht, Mangelt jede Pietät. Man ist fürchterlich verliebt, Ohne daß man Achtung gibt Oder irgendwie bedenkt, Ob man alte Leute kränkt. Selten fragt sich so ein Tor: Was geht in den Eltern vor?? – Ja, so ist die Jugend heute! – Schrecklich sind die jungen Leute Hinter Knoppens Julchen her, Und recht sehr gefällt es der. – Was hat Knopp doch für Verdruß, Wenn er das bemerken muß! – Hier zum Beispiel abends spät, Wie er still nach Hause geht, Sieht er nicht mit Stirnefalten, Wie drei männliche Gestalten Emsig spähend da soeben Starr vor Julchens Fenster kleben? Zornig mit dem Wanderstab Stochert er sie da herab. Er verursacht großen Schreck, Doch den Ärger hat er weg. Herzverlockende Künste Wohl mit Recht bewundert man Einen Herrn, der reiten kann. – Herzgewinnend zeigt sich hier Sutitt auf dem Satteltier. – Doch die Wespen in der Mauer Liegen heimlich auf der Lauer; Sie sind voller Mißvertrauen, Als sie einen Reiter schauen. Hopps! Der Rappe springt und schnaubt, Hebt den Schwanz und senkt das Haupt; Und am Halse hängt der Reiter. – Er ist ängstlich, Knopp ist heiter. – Dahingegen Klingebiel Hofft vermittelst Saitenspiel Julchens Seele zu entzücken Und mit Tönen zu umstricken. Dazu hat er sich gedichtet, Aufgesetzt und hergerichtet Ein gar schönes Schlummerlied, Horch! er singt es voll Gemüt. Ständchen Der Abend ist so mild und schön. Was hört man da für ein Getön??     Sei ruhig, Liebchen, das bin ich,     Dein Dieterich,     Dein Dietrich singt so inniglich!! Nun kramst du wohl bei Lampenschein Herum in deinem Kämmerlein; Nun legst du ab der Locken Fülle, Das Oberkleid, die Unterhülle; Nun kleidest du die Glieder wieder In reines Weiß und legst dich nieder. Oh, wenn dein Busen sanft sich hebt, So denk, daß dich mein Geist umschwebt. Und kommt vielleicht ein kleiner Floh             Und krabbelt so –     Sei ruhig, Liebchen, das bin ich.     Dein Dieterich.     Dein Dietrich der umflattert dich!! Platsch! – Verstummt ist schnell und bang Nachtgesang und Lautenklang. Eilig strömt der Sänger weiter; Er ist traurig, Knopp ist heiter. Die Tante auf Besuch Unvermutet, wie zumeist, Kommt die Tante zugereist. Herzlich hat man sie geküßt, Weil sie sehr vermöglich ist. Unser Julchen, als es sah, Daß die gute Tante da, Weiß vor Freude nicht zu bleiben Und hat allerlei zu schreiben. – Sutitt hielt vor großem Kummer Grade einen kleinen Schlummer. Froh wird er emporgeschnellt, Als er dies Billett erhält: »Weißt du, wo die Rose blüht??? Komm zu mir, wenn's keiner sieht!!« Stolz und schleunig diese Zeilen Mickefetten mitzuteilen, Eilt er zur Aptheke hin. Ach, wie wurde dem zu Sinn; Plump! so fällt ihm wie ein Stein Neidgefühl ins Herz hinein. Aber sagen tut er nichts. – Scheinbar heitern Angesichts Mischt er mancherlei Essenzen, Ums dem Freunde zu kredenzen Unter Glück- und Segenswunsch; Und dem Freunde schmeckt der Punsch. – Hoffnungsvoll, beredt und heiter Schlürft er arglos immer weiter. Aber plötzlich wird er eigen, Fängt sehr peinlich an zu schweigen Und erhebt sich von dem Sitz. »Ei«, ruft Mickefett, »potzblitz! Bleib doch noch ein wenig hier!« Schnupp! Er ist schon aus der Tür. – Mickefett voll List und Tücke Wartet nicht bis er zurücke, Sondern schleicht als falscher Freund, Wo ihm Glück zu winken scheint. Seht, da steigt er schon hinein. Freudig zittert sein Gebein. Und er küßt die zarte Hand, Die er da im Dunkeln fand. Und er hält mit Liebeshast Eine Nachtgestalt umfaßt. – Mickefett! Das gibt Malör, Denn die Tante liebt nicht mehr!! – Ängstlichschnelle, laut und helle Schwingt sie in der Hand die Schelle. Schwerbewaffnet kommt man jetzt. Mickefett ist höchst entsetzt. Schamverwirrt und voller Schrecken Will er sich sogleich verstecken. Aber autsch! Der Säbel ritzt, Weil er vorne zugespitzt. Schmerzgefühl bei großer Enge Wirkt ermüdend auf die Länge. Bratsch! Mit Rauschen und Geklirr Leert sich jedes Waschgeschirr. Man ist sehr verwirrt und feucht. Mickefett entschwirrt und fleucht. Schmerzlich an den Stoff der Hose Heftet sich die Dornenrose. Das Gartenhaus Liebe – sagt man schön und richtig – Ist ein Ding, was äußerst wichtig. Nicht nur zieht man in Betracht, Was man selber damit macht, Nein, man ist in solchen Sachen Auch gespannt, was andre machen. – Allgemein von Mund zu Munde Geht die ahnungsvolle Kunde, Sozusagen ein Gemunkel, Daß im Garten, wenn es dunkel, Julchen Knopp mit Försters Fritze Heimlich wandle oder sitze. Diese Sage hat vor allen Drei Personen sehr mißfallen, Die sich leider ganz entzweit Durch die Eifersüchtigkeit. Jeder hat sich vorgenommen: Ei, da muß ich hinter kommen. Hier schleicht Sutitt schlau heraus Zu Herrn Knoppens Gartenhaus, Wo das Gartenbaugerät Wohlverwahrt und trocken steht. Husch! Er schlüpft in das Sallett, Denn es naht sich Mickefett. Husch! Der zögert auch nicht viel, Denn es naht sich Klingebiel. Husch! Auch der drückt sich hinein, Denn hier naht im Mondenschein, Wie wohl zu vermuten war, Das bewußte Liebespaar. O wie peinlich muß es sein, Wenn man so als Feind zu drein Engbedrückt zusammensitzt Und vor Zorn im Dunkeln schwitzt! Siehste wohl! Da geht es plötzlich Rumpelpumpel, ganz entsetzlich. Alles Gartenutensil Mischt sich in das Kampfgewühl; Und, rabum! zum Überfluß Löst sich laut der Flintenschuß. Husch! Da schlupfen voller Schreck Fritz und Julchen ins Versteck; Denn schon zeigt sich in der Ferne Vater Knopp mit der Laterne. Knipp, der Hund, kratzt an der Tür. Knopp der denkt: »Was hat er hier?« Starr und staunend bleibt er stehn Mit dem Ruf: »Was muß ich sehn??« Dann mit Fassung in den Zügen Spricht er: »Na, Ihr könnt Euch kriegen!!« Jetzt kommt Mutter, jetzt kommt Tante, Beide schon im Nachtgewande. Oh, das war mal eine schöne Rührende Familienszene!!! – Ende Feierlich, wie sich's gebührt, Ward die Trauung ausgeführt. – Hierbei leitet Klingebiel Festgesang und Orgelspiel Unter leisem Tränenregen, Traurig, doch von Amtes wegen; Während still im Kabinett Sutitt und Herr Mickefett Hinter einer Flasche Wein Ihren Freundschaftsbund erneun. Knopp der hat hienieden nun Eigentlich nichts mehr zu tun. – Er hat seinen Zweck erfüllt. – Runzlig wird sein Lebensbild. – Mütze, Pfeife, Rock und Hose Schrumpfen ein und werden lose, So daß man bedenklich spricht: »Hört mal, Knopp gefällt mir nicht!!« In der Wolke sitzt die schwarze Parze mit der Nasenwarze, Und sie zwickt und schneidet, schnapp!! Knopp sein Lebensbändel ab. Na, jetzt hat er seine Ruh! Ratsch! Man zieht den Vorhang zu.