Giacomo Casanova Eduard und Elisabeth bei den Megamikren Ein phantastischer Roman In der ersten deutschen Bearbeitung von Heinrich Conrad Vorwort Casanovas Icosameron ist bekanntlich eines der seltensten Bücher, die es gibt. Ich persönlich hatte mich seit fünfzehn Jahren vergeblich bemüht, es zu erhalten. Da führte ein (wenn auch von mir etwas beeinflußter, doch immerhin) glücklicher Zufall zur Entdeckung eines Exemplars in einem kleinen österreichischen Städtchen. Schon nach den wenigen Andeutungen Victor Ottmanns hatte ich stets angenommen, daß es sich um eine bedeutende geistige Schöpfung handeln müsse. Diese Erwartung fand ich nicht nur bestätigt, sondern sogar weit übertroffen, als ich diesen Icosameron nun endlich lesen konnte. Wenn Casanovas Werk nichts anderes wäre, als eine von den vielen Utopien, die nach der Utopia des Thomas Morus entstanden oder eine der vielen Liliputiaden nach Swift, so brauchte man sich nicht darum zu mühen, es der Vergessenheit zu entreißen. Aber es ist mehr: es ist das Werk eines tiefen und vor allem auch freien Denkers und es ist vor allem eine sehr unterhaltsame Abenteuergeschichte, die zwar einen Leser verlangt, der gerne denkt, die aber auch ganz abgesehen von ihrem Gedankengehalt durch die bewußte Fülle der Ereignisse interessiert. Eduard und Elisabeth sind ein junges englisches Geschwisterpaar, das im Maelstrom Schiffbruch leidet, aber auf eine sehr merkwürdige Art gerettet wird, indem es in einer Bleikiste durch die Rinde unseres Erdballs hinabsaust und so in den hohlen Innenraum der Erde gelangt, dessen Grundfläche von dem nach Milliarden zählenden Volk der Megamikren (das heißt: Großkleinen) bewohnt wird. Eduard ist vierzehn, Elisabeth zwölf Jahre alt. Der Trieb der Natur führt sie zusammen: die Geschwister werden Mann und Frau, sie werden die Eltern von vierzig Zwillingspaaren, die stets aus einem Knaben und einem Mädchen bestehen. Im Laufe ihres Aufenthalts, der 324 Megamikrenjahre oder 81 Jahre unserer Zeitrechnung währt, vermehrt diese Nachkommenschaft sich auf mehr als 600000 Menschen, die sich zu Herren der Megamikrenwelt machen. Eduard und Elisabeth, die sich während dieser ganzen Zeit im Paradies (denn das Paradies unserer Bibel ist nach Casanovas Annahme eben die Megamikrenwelt) in ihrer Jugendblüte erhalten haben, gelangen auf eine höchst merkwürdige Weise wieder an die Oberfläche der Erde empor und begeben sich zu ihren noch lebenden Eltern in England. Dort erzählt nun Eduard, ab und zu von Elisabeth ergänzt, einer Gesellschaft von Lords und Ladies die ganze Geschichte ihrer erstaunlichen Abenteuer und gibt eine genaue Beschreibung aller Einrichtungen und Gebräuche des nicht minder erstaunlichen Megamikrenlandes. Sein Bericht wird in Kurzschrift aufgenommen und so entsteht ein englischer »Roman«, den Casanova ins Französische übersetzt. Diese Übersetzung ist natürlich eine Fiktion; jede Seite des Werkes ist aus Casanovas klugem und kühnem Kopf hervorgegangen. Das Werk ist mit Feuereifer in einem Zuge geschrieben; in sechzehn Monaten hat Casanova die fünf Bände (ungefähr 1800 Druckseiten) vollendet. Eine ganz erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, daß zwar die Phantasie, und zwar eine sehr schwungvolle Phantasie, den Plan des Werkes eingegeben hat, daß aber die Ausführung auf den genauesten mathematischen Berechnungen beruht. Nachdem die Voraussetzung gegeben war, ist nichts mehr der Willkür überlassen; jede einzelne Zahl stimmt ganz genau. Die außerordentlichen Kenntnisse auf allen Gebieten, die schon für den jungen Casanova bei seinen ersten Ausflügen in die Welt so charakteristisch sind, treten in einer Fülle hervor, über die man staunen muß. Zugleich wird auch Casanovas Charakterbild in einer Weise ergänzt und vervollständigt, die seine zahlreichen Freunde erfreuen wird. In diesem Werk ist keine Spur von dem frivolen Abenteurer, Weibverführer, Spieler und Schwindler der Memoiren. Es ist die reife Frucht eines in allem Schlamm doch rein und im Kern gesund gebliebenen Geistes, der allerdings in einem sehr sinnlichen Körper haust. Eines Geistes aber, den Männer wie der Fürst von Ligne bewunderten, dem sie zugleich auch tiefe menschliche Teilnahme zollten. Eines Geistes, der allerdings sich über menschliche Vorurteile und Satzungen weit emporhebt; der in dem Eheverhältnis des Geschwisterpaares nicht den Incest sieht, sondern die Naturnotwendigkeit (wie übrigens auch unsere Bibel in der Fortpflanzung der ersten Menschensippe); der dieses Verhältnis zu einer moralischen Reinheit emporhebt, die man großartig nennen darf. Es braucht für diejenigen, die den Casanova der Memoiren wegen seiner von Manchem wohl überschlagenen philosophierenden und kritisierenden Abschweifungen erst recht lieben – und nur solche sollten eigentlich die Memoiren lesen dürfen! – es braucht für diese wahren Freunde Casanovas nicht gesagt zu werden, daß die Wissenschaftlichkeit dieses Werkes in frevelnder Weise verarbeitet ist. Der Leser braucht nicht zu befürchten, mit dunkler Gelehrsamkeit gelangweilt zu werden. Casanova hatte gewiß große Hoffnungen auf seinen Icosameron gesetzt, als er das Werk zu schreiben begann, sobald er in Dux beim Grafen Waldstein den sicheren Hafen gefunden hatte. Er hatte mit früheren Werken gute pekuniäre Erfolge gehabt. Er hatte in den sieben Jahren nach seiner Begnadigung in Venedig (es kann leider nicht verschwiegen werden) als Spion und Schmarotzer gelebt und seine fleißige Schriftstellerei hatte ihn aus dieser traurigen Sphäre nicht befreien können. Jetzt trat er wieder in glänzende Kreise ein: Waldstein und Ligne, Clarys und andere vom Hochadel ehrten seinen Geistesadel und verstatteten ihm Zutritt in ihren vertrauten Kreis. In diesem Kreise und unter seinen früheren Freunden und Gönnern mußte er unschwer auch die Subskribenten für sein Werk finden. Er fand sie auch in einer Anzahl, die jedenfalls einen Verlust für ihn vollkommen ausschließen mußte. Trotzdem wurde die Herausgabe für Casanova zum Unglück, das ihm seinen Lebensabend verbitterte. Die Gründe sind nicht ganz klar. Er scheint von seinem Leipziger Verleger betrogen worden zu sein. Da er nun das Werk auf seine Kosten in Prag hatte drucken lassen, so geriet er in Schulden, in Wuchererhände und in die bekannten bedrängten Umstände, die ihm die Demütigungen von dem Feldkircher, dem Wiederholt und der übrigen Duxer Crapule einbrachten. Es ist aber angebracht, zu untersuchen, ob nicht auch Eigenschaften des Werkes selber zu dem Mißerfolg beigetragen haben mögen. Die Frage muß ich bejahen. Das Werk hätte zweifellos einen Erfolg verdient, wenn auch nicht bei der großen Menge (an der natürlich Casanova gar nichts lag); daß es diesen Erfolg nicht fand, liegt meines Erachtens an der unglücklichen Form, die er seinem so inhalts- und abwechselungsreichen Buch gab. Die Nachahmung des Decameron lag einem Italiener nahe; auch ist die Einleitung durchaus nicht ungeschickt, denn sie erweckt Teilnahme und Spannung. Leider aber ist das Zwischenwerk, das bei Boccaccio so anmutig ist, dem Venetianer ganz mißglückt. Die Glossen der zuhörenden Engländer sind ganz überflüssig und können nur langweilen; sie werden sicherlich auch die freundlich gesinnten Gönner beim Lesen abgeschreckt haben, noch mehr vielleicht die Exegese der ersten Genesiskapitel, mit der Casanova sein Buch beginnt. Für diese theologischen Exkurse hatten die Fürsten und Fürstinnen, Grafen und Gräfinnen, die ihn mit ihrer Subskription beehrten, gewiß kein Interesse. Casanova hat allerdings den Plan seines Buches der biblischen Schöpfungsgeschichte entnommen: der Garten Eden ist das Reich der Megamikren. Hierfür brauchte aber nicht mühsam versucht zu werden, auf hundert Druckseiten einen Beweis zu führen, der doch nur Hypothese bleiben konnte. Diese Untersuchung war für Casanova eine Spielerei, die ihn interessierte, seine Leser aber und Leserinnen bekamen dabei wohl vor Gähnen Kinnbackenkrämpfe. Nicht jeder ist so klug, ein fünfbändiges Werk beim letzten Bande anzufangen, wenn er sieht, daß er nicht über den Anfang hinwegkommt. So bedauerlich es nun ist, daß Casanovas Hoffnungen so schnöde enttäuscht wurden und daß er um den wohlverdienten Lohn kam, so ist seine Mühe darum nicht verloren gewesen. Ich habe den guten, blanken Kern herausgeschält und biete nun die Abenteurergeschichte von Eduard und Elisabeth bei den Megamikren als das was sie ist: einen phantastischen Roman in zwei starken Bänden. Heinrich Conrad. Dem Grafen von Waldstein Herrn auf Dux und anderen Gutsherrschaften, Kämmerer S. k. u. k. M. Herr Graf! Kein Mensch auf der Welt, nicht einmal jener, der dieses Wert erfunden haben könnte, vermag zu entscheiden, ob es eine wahre Geschichte oder ein Roman ist, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß eine rechtschaffene Feder eine wahre Begebenheit niederschreibt, in der Meinung, sie zu erfinden, sowie sie Unwahres berichten kann, obgleich sie nur die Wahrheit zu sagen glaubt. Aus dieser Voraussetzung kann folgende Schlußfolgerung gezogen werden: Ohne genügende Beweise wird man weder etwas leugnen noch glauben können. Der Leser muß unbekümmert alles, was ihm wahrscheinlich erscheint, für Wahrheit halten, und als falsch alles bezeichnen, was seiner Vernunft anstößig ist. Wenn Sie also, Herr Graf, finden, daß der Inhalt dieses Buches nicht möglich ist, so glauben Sie es ganz ruhig, schaden wird es Ihnen nicht, umsoweniger, weil alles Gute darin mit der Weltgeschichte nichts zu tun hat. Da ist zum Beispiel ein englisches Buch »Robinson Crusoe«: man hält es nur darum für einen Roman, weil man keine Beweise für die geschichtliche Wahrheit hat, aber als Roman wird es um so höher geschätzt. Vor fünfunddreißig Jahren sagte mir der französische Geschichtsschreiber Herr Duclos, die von Abbé de S. Real geschriebene Geschichte der venezianischen Verschwörung könne nur als eine Fabel angesehen werden, woher er sie haben könne. Ich antwortete ihm: dieser Leitsatz könne richtig sein, nichtsdestoweniger aber sei diese Verschwörung eine geschichtliche Tatsache und, was mehr bedeute, der Bericht sei sehr genau. Wenn der Icosameron, den ich Ihnen, Herr Graf, vorlege, eine wahre Geschichte ist, so werden Sie daraus entnehmen, daß die Welt im Innern der Erde das irdische Paradies jenes Garten Eden ist, dessen tatsächliches Vorhandensein wir nicht bezweifeln können, obwohl es uns unbekannt ist, wo er sich befindet. Einige Gelehrte haben schon behauptet, er könne wohl im Innern der Erde sein, doch ist niemand danach suchen gegangen; Juden sowohl wie Christen scheuten sich natürlich vor dem Versuch, ihn zu entdecken, weil sie wußten und wissen, daß Gott Cherubim mit Feuerschwertern aufstellte, um einem jeden den Eintritt zu verwehren (Genesis Kap. III. V. 24). Die Neugierde hätte wohl darauf kommen können, das Paradies in der Mitte des Erdballes zu suchen; vielleicht aber fürchtete man, anstatt des Paradieses die Hölle zu finden. Viele behaupten nämlich, daß dort ihr Platz sei: Tertullian zweifelt nicht daran, der heil. Augustin ist derselben Meinung und sagt: das Feuer in der Erdmitte entsteht durch ein Wunder Gottes. Dadurch fällt die Behauptung von Swinden, es sei unmöglich, daß im Innern der Erde die nötige Menge Salpeter sich befinde, um dieses Feuer ewig zu erhalten: mit tiefer Sachkenntnis meint er, daß die Hölle sich nur im großen Hohlgewölbe der Sonne befinden könne, obgleich König David das Gegenteil gesagt hat. Wie dem auch sein mag, wir können an der Hand dieser Geschichte darüber disputieren und dürfen offen, ohne unsere Religion zu verletzen, sagen, was reine Vernunft und klarer Sinn uns eingeben. Die Scharfsichtigen werden uns nicht auslachen, dafür steh' ich Ihnen, und das Brummen jener, die Petrarca gente cui si fa notte avanti sera nennt, wird nicht imstande sein, unsern Disput zu unterbrechen. Wir werden nicht albern stolz behaupten, daß wir zur Gewißheit gelangen werden; wir werden aber zum Zweifeln gelangen; und Sie wissen wohl, daß die allergelehrtesten Menschen jene sind, die viel zweifeln. Wer zweifelt, weiß nicht, dafür irrt er aber sich nie: ein denkendes Wesen, das von der Materie umgeben ist, kann nie behaupten, etwas sicher zu wissen. Wir dürfen aber von unserer Vernunft Gebrauch machen. Glücklich, wem die Vernunft zur Unterhaltung dienen kann. Wenn Gott unsere Erde zu dem Zwecke erschaffen hat, damit sie bewohnt werde, ist es dann wahrscheinlich, daß er gewollt habe, nur ihre äußere Fläche solle bewohnt werden und nicht auch die innere Höhlung? Nein. Der Bienenkorb ist nicht dazu gemacht, damit die Bienen dessen Außenwand bewohnen; die Muschel birgt das Weichtier in ihrem Innern; und die Seele, der Geist, der Sitz der Leidenschaften und der Tugenden wurden durch den Schöpfer nicht am, sondern im Menschen untergebracht; ausgenommen sind nur die Sarmaten, deren Tugend nach Tacitus veluti extra ipsos war. Der berühmte Kern der Erde, über den so viele Philosophen tastende Vermutungen aufgestellt haben, ist eine Notwendigkeit und kann nur ihr bewohnbarer Teil sein, von Gott dazu erschaffen, damit wir ihn ewig bewohnen; er ist der Garten Eden, aus dem uns der Ungehorsam gegen den Allmächtigen vertrieben hat. Wenn es heißt, daß Er uns herausjagte, so waren wir eben drinnen, und das Äußere des Inneren können nur dessen Wände sein, die Rinde, der äußere Umkreis. Als wir nun uns unwürdig machten dort im Innern zu hausen, als wir verdächtig waren, vom Baume des Lebens gekostet zu haben, um unsterblich zu werden (Genesis Kap. III. V. 22), da wurde unser rebellisches Geschlecht von Gott dazu verdammt, außerhalb der Mauern des schönen Gartens sich niederzulassen. Und da sind wir nun. Dabei wundert mich besonders, daß wir uns stets Bewohner dieser Welt nannten, während in Wirklichkeit dieser Ausdruck uns gar nicht zukommt: er kann nicht auf Vertriebene passen, wir sind rechtmäßige und eigentliche Ansiedler nur auf der Oberfläche des Erdballs, auf der wir, da er selbstverständlich hohl ist, herumkriechen – gestatten Sie den Ausdruck. Es ist wahr, mir haben uns vielfach ausgezeichnet, wir haben aus allem Nutzen zu ziehen gewußt, haben ziemlich schöne Dinge vollbracht auf dieser undankbaren Erde, die eher dazu geeignet erscheint, überschwemmt und von Fischen bewohnt zu werden, als Menschen zu beherbergen. Wir haben uns durch herrliche Werke hervorgetan: wir haben unfruchtbare Erdflächen beackert, einigen Flüssen ihre Grenzen angewiesen, Meeren Dämme entgegengebaut, Sümpfe getrocknet, Berge durchbohrt und abgetragen, Straßen und Städte gebaut, überhaupt die Baukunst zu Ehren und zu großer Würde gebracht, tief in der Erde gewühlt, um ihr Metalle zu entnehmen, wir haben ihr sozusagen den Bauch aufgeschlitzt. Wir haben die Chemie, die Künste und sogar die Wissenschaften erfunden, wir haben Gesetze gemacht, Verbrechen verabscheuen und die Tugend triumphiren lassen, ja, wir haben es soweit gebracht, uns von der Göttlichkeit des menschlichen Geistes zu überzeugen und dadurch auf den kürzesten und gradesten Weg zur Betrachtung der Allmacht und unbegreiflichen Größe des Schöpfers zu gelangen. Gott muß sich also sozusagen gefreut haben, als er sah, welch nützlichen Gebrauch wir von dem ungefügen Geschenk gemacht haben, das er uns zur Strafe gegeben hatte. Wenn wir unsere Erde ansehen und sie schön finden, – müssen wir da nicht sofort bedenken, daß es nur durch das ist, was wir aus ihr gemacht haben. Ja, wir. Dieser Gedanke aber soll uns nicht stolz machen, sondern uns dazu anregen, Jenem zu danken, der uns die Gelegenheit gab, uns in all diesem Elend auszuzeichnen. Und indem wir uns mit diesem Allem abfanden, gewöhnten wir uns an all den Jammer unseres Lebens in dieser Wohnstätte, die doch nur ein Verbannungsort ist; gewöhnten uns so sehr, daß die meisten von uns nichts mehr als störend betrachten, was unser Glück beeinträchtigt; wir ertragen die Krankheiten, denen wir unterworfen sind, ertragen Pest, Kriege, Hungersnot, Überschwemmungen, Erdbeben, wir ertragen den Gestank der Nebel, die Blitze des Himmels, das Toben der Winde, den verpestenden Einfluß des Hundssternes. Wir ertragen übermäßige Hitze, die starken Fröste, die wilden Tiere, die stets bereit sind, uns zu verschlingen, die Insekten, deren die Luft voll ist, und die (wenn es wahr ist, daß sie aus uns entstehen, wie die Flöhe, die Läuse, die Wanzen), nicht unrecht haben, uns zu stechen, um uns die Nahrung zu entnehmen, die wir ihnen schulden. Man muß zugeben, daß wir sehr gutmütige und leichtblütige Menschen sind, da fast alle ungern sterben und viele sich willig verpflichten würden, unter denselben Verhältnissen wieder auf die Welt zu kommen. Alle diese Armseligkeiten, Herr Graf, sind bei den Megamikren nicht vorhanden. Nun werden Sie mich fragen: wie konnten, wenn dieses Land das irdische Paradies sei, Eduard und seine Schwester trotz der Wache haltenden Cherubim (Engel, die nach der Namensbezeichnung den Ochsen gleichen sollen) und dem göttlichen Bannspruch dorthin gelangen? Ich kann Ihnen hierauf als philosophischer Theologe antworten. Erstens kann Gott kein unwiderrufliches Urteil aussprechen; und zweitens kann der Schöpfer zu seiner größten Ehre einem unserer sterblichen Menschenpaare erlaubt haben, dorthin zu gelangen und wiederzukehren, um uns davon zu berichten und dadurch unseren Glauben zu stärken, der nur gar zu schwach und wankelmütig ist. Bedenken Sie auch, daß das göttliche Erlösungswerk jeden bösen Einfluß der ersten Sünde vernichtet haben muß und daß die Ledigsprechung von einer Schuld mit der Aufhebung der für sie bestimmten Strafe verbunden sein muß. Eduard ließ dort fünf Millionen Kinder zurück, die er während der achtzig Jahre niemals krank werden noch altern sah. Vielleicht wollte Gott ihnen die Unsterblichkeit wiedergeben. Was wissen denn wir? Kommen wir nun auf die Megamikren zurück, die Eduard als Herren jener Welt fand. Was ist das für ein neues Menschengeschlecht, von dem wir nie etwas gehört haben, deren Vorhandensein niemand geahnt hat, das nicht von Adam abstammen, mit der Erbsünde nichts Gemeines haben kann und somit mit der Menschwerdung Gottes nichts zu tun hat? Dürfen wir vermuten, daß es das vom ersten Menschenpaare abstammende Geschlecht sein könnte, von dem der 26. Vers des ersten Kapitels der unfehlbaren Genesis spricht? Der heilige Geist nennt uns deren Namen nicht, er läßt uns nur im folgenden Verse 27 wissen, daß dieser Mensch zwei Wesen bildete, dessen jedes Männchen und Weibchen war, marem et feminam fecit deus . In Vers 28 sagt er ihnen: füllet die Erde, implete ; meinen Sie, daß das Wort füllen gleichbedeutend mit decken sein könnte? Würden Sie von einem grün angestrichenen Ei sagen, es sei mit grüner Farbe gefüllt? Sie würden sagen: mit grün bedeckt. Gott hat die Megamikren und uns nicht erschaffen, damit wir die Erde bedecken, sondern damit wir sie füllen. Die Erstgeborenen sind dortgeblieben und wir wurden hinausgejagt. Gott schuf unsern Ältervater Adam, nachdem die erste Woche schon verstrichen war. Doch bevor ich meine Gedanken weiter ausführe, beschwöre ich Sie, Herr Graf, gütigst beachten zu wollen, daß ich trotz meiner zuversichtlichen Sprache Ihnen nur Vermutungen vortragen will. Ich versichere Ihnen gleichzeitig, daß, wenn auch meine Reden die Wahrheit streifen würden, die strengste Kritik darin nie das Geringste finden wird, was den von den Mysterien abhängenden Glauben unserer Religion irgendwie verletzen könnte. Gott gab Adam den Befehl, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu kosten; hierauf schläferte er ihn ein und schuf durch eine für uns unbegreifliche Zauberei Eva, der, wie wir annehmen müssen, Adam das Verbot Gottes mitteilte. Diese Schöpfung, die wir im 7. Vers des zweiten Kapitels finden, hat nichts mit jener ersten zu tun, die uns im 26. Vers des ersten Kapitels so ganz nebenbei berichtet wird und wovon in der ganzen heiligen Schrift nie wieder die Rede ist; die Geschichte der Erbsünde bilde den Inhalt des ganzen dritten Kapitels. Man sollte sich aber nicht wundern, daß die Bibel nirgends mehr des zuerst geschaffenen Menschenpaares erwähnt; denn sie ist das Buch unserer Religion, dessen Vollkommenheit nicht im geringsten davon abhängt, daß wir irgend etwas über das erste Menschengeschlecht erfahren: denn wir haben mit diesem nichts gemein. Außerdem kommt es mir weder schicklich noch wahrscheinlich vor, daß es Gottes Absicht gewesen sein könnte, das Innere dieser Welt leer zu lassen, wir können es daher ohne jegliches Bedenken für bewohnt halten. Seien Sie aber darauf vorbereitet, in der Welt der Megamikren verschiedene gewöhnliche Irrtümer anzutreffen, denn sie sind eben auch Menschen; dafür werden Sie bei ihnen überall Erhabenes finden, wo es sich um ihre Lehren handelt: um Gott, das Geistige, die Schöpfung, die Unsterblichkeit der Seele, denen ihre Natur widerspricht, die Seelenwanderung, um die so viele Philosophen sich mühten. Sie werden bei ihnen unsere Glaubenssätze von der Ewigkeit finden, Belohnungen und sehr vernünftig abgestufte Strafen; der Gerechte ist stets sein Lebenlang und auch nachher glücklich, der Ungerechte immer unglücklich. Sie werden vom herrlichen süßen Tode der Megamikriten hören, dem achtzehn Monate ununterbrochener Freuden vorausgehen. Die Dauer ihres Lebens ist für alle gleich bemessen, daher jedem bekannt. Sie werden dort Herrschaft und Abhängigkeit finden, und Gesetze sind nur in beschränkter Zahl vorhanden, da es nur solche gibt, die zum Glück des Menschen notwendig sind; alle sind ohne Erläuterungen im Gegensatz zu den unseren, die dadurch nur noch unverständlicher werden. Sie werden dort fast dreihundert Herrscher bewundern können, die alle glücklich sind dank ihrer Erziehung, die sie belehrt, daß sie nur dann glücklich sein können, wenn sie von ihren Untertanen geliebt werden; und Sie werden mit Terenz sagen! »et errat longe – qui imperium credat esse gravius, aut stabilius vi quodsit quam illud quod amicitia adjungitur«. Sie werden dort ein Menschengeschlecht finden, das, um vollkommen und beneidenswert zu sein, nicht erst in zwei Geschlechter geteilt werden muß; das, um seine Kräfte wieder zu stärken, nicht erst zu schlafen braucht; das sich von der eigenen Milch ernährt; und das, um essen zu können, nicht erst warten muß, bis die Natur es mit Zähnen versorgt, diesen unhaltbaren, oft ungleichen Knochen, die auf unserer Erdoberfläche zwei Drittel der Lebenden verlassen, ehe sie das elende Greisenalter erreicht haben. Sie werden dort einen ewigen Tag, einen ununterbrochenen Frühling vorfinden. Die Liebe kann bei den Megamikren nicht eigentlich Leidenschaft genannt werden, denn es ist ein Gefühl, das keinem Wechsel unterliegt, weder verringert noch verändert wird, und man kann sie als die wirkliche Substanz ihres Lebens bezeichnen, denn ihr ganzes Leben ist nur eine Liebe, die gleich feurig fünfundvierzig Jahre fortbesteht, nachdem drei Jahre vergangen sind, um sie zu entfachen. Die zwei Wesen, die ein unzertrennbares Paar bilden, kommen auf die Welt, um zu lieben und sterben in der Liebe, denn sie geben einander die lebhaftesten Liebesbeweise bis zum letzten Augenblick ihres Lebens. Ihr sanftes Erlöschen kann man nicht Sterben nennen, sondern nur einen leichten Übergang, denn dieselbe Liebe wird in der Ewigkeit unsterblich fortleben. Wir sollen nach dem Wortlaut der heiligen Schrift selbzweit einen Körper bilden, die Megamikren aber sind eins in zwei Körpern. Sie werden dort mit Staunen Bäume sehen, auf denen unzählige Schlangen sich befinden, die unser Held mit Hilfe seiner vielen Kinder vernichtete, dem Aberglauben zum Trotz, obzwar nichts ihm bewiesen hatte, daß dieses Schlangen vom Geschlecht jener seien, die die Eva verführte; denn sie sprachen nicht. Wenn Sie, Herr Graf, auf die Sprache der Megamikren achtgeben, so werden Sie bemerken, wie weit sie alle Ihnen bekannten übertrifft, denn sie ist eine wahre Musik in Prosa, deren weiche Harmonie durch keine Konsonanten gestört wird: es ist ein ununterbrochenes Tönen mit Zwischenräumen zwischen jedem Klang, jedoch mit einer so zarten Abstimmung, daß nur ein sehr empfindliches Ohr es merken kann. Die höhere Musik des Kontrapunktes ist ihre Poesie, die keiner Worte bedarf wie die unsrige: der Megamikre braucht sie nicht erst durch die Ohren zu empfangen, sie findet ihren graden Weg zur Seele durch einen sechsten Sinn, den wir nicht haben und den Gott in ihre äußere Haut legte. Diese Musik kann nur durch wirkliche Dichter erzeugt werden, die dort ebenso selten sind wie bei uns: sie bildet für die Megamikren ganze Erzählungen, die man durch Worte nicht wiedergeben kann Unser Held Eduard, seine Schwester und Gattin Elisabeth und ihre Nachkommen empfanden beim Zuhören nur die Empfindung, die sie ausdrückte: Freude, Schmerz, Staunen, Empörung, Mitleid und Rührung, ohne begreifen zu können, um was es sich handelte. Man sagt, die Sprache der Griechen habe Mut eingeflößt oder zur Liebe entzündet und den Zorn besänftigt; und dies glaube ich wohl, denn die unsere erlustigt, rührt und stimmt zum Weinen, wie sie auch einschläfernd wirkt, wenn sie schlecht ist, und das ist sie oft, weil unsere Herren Musiker keine Poeten sind und weil unsere Dichter elende Reimschmiede sind, die nicht einmal wissen, was der schöne Name bedeutet, den sie sich geben. Der Tanz ist bei den Megamikren im höchsten Grade ausgebildet: man grüßt nur mit Tanzschritten und drückt dadurch seinen Gedanken aus, und dies ist ein einfaches Mittel, wodurch man sich vor Schmeichelei, Lüge und jener verfluchten Verstellung schützt, die wir für lobenswert halten und sogar zu den Tugenden rechnen, während sie sich bei genauer Beobachtung als reine Hinterlist herausstellt. Cicero sagt uns »quo quis versatior et callidior est, hoc invisior et suspectior detracta opinione probitatis«. Die Megamikren pflegen sehr sorgfältig die schönen Künste und ganz besonders betreiben diese glücklichen Sterblichen das Studium der Physik, Geometrie, Mechanik und Jurisprudenz; alle sind sie Geographen und Musiker: außerdem verschafft ein gründliches Studium denen, die es wünschen, die nötigen Kenntnisse im Handelswesen, das alle geselligen Völker beglückt und die Quelle der Industrie ist, die nur durch Gedeihen des Handels befördert werden kann. Da es nicht möglich ist, Herr Graf, daß ein Menschengeschlecht leben kann ohne sich zu ergötzen, so besteht das Vergnügen der Megamikren darin, daß sie jagen, ohne das Wild zu töten, daß sie fischen, ohne den Fischen ihre Freiheit zu rauben. Dem Schwimmen ergeben sie sich mit einer von uns ungeahnten Begabung, da die Natur sie mit besonderen inneren Organen ausgestattet hat, die ihnen erlauben, wie Fische im Wasser zu atmen. Die Reichen haben Lauben in den Flüssen, die in meinem englischen Original »Fischotterbauten« genannt werden. Dort unterhalten sie einander durch sehr beredte Gebärden und mit einer ungemeinen Geläufigkeit. Pferderennen gehören zu ihren beliebtesten Vergnügungen und der edelste Sport der Begüterten ist, in ihrer freien Zeit Pferde zu zähmen und abzurichten. Sie besitzen hundert verschiedene Arten von Pferden, darunter auch fliegende, die Ihnen jedoch kaum besser als die anderen gefallen werden, denn sie haben nur die ihnen von der Natur angeborene Intelligenz. Diese unschuldigen Unterhaltungen der Megamikren werden Sie sicherlich begeistern und Ihnen die Worte entlocken: »o miseri quorum gaudia crimen habent!« Sie werden finden, daß die gelehrtesten Naturwissenschaftler Chemiker sind; alle Chemiker sind Apotheker und alle Apotheker sind gute Köche. Sie werden von einer unbeweglichen Sonne hören, der die ganze dortige Natur ihr Leben verdankt und von einem stets gleichen System, das erzeugend und wohltuend wirkt, als kleinste seiner Wohltaten den roten Regen bringt, der in seiner Farbe den Gewässern ihrer Flüsse gleicht und viermal im megamikrischen Jahr, nachdem ein Wind vorausgegangen ist, die Atmosphäre erfrischt, indem er nicht wie bei uns vom Himmel herabkommt, sondern in der Art von Springbrunnenstrahlen aus der Erde herausquillt. Sie würden dort keine verpestete oder von zu starken Winden bewegte Luft zu atmen haben und hätten nicht auf einem Boden zu wandern, der Überschwemmungen unterliegt, die die Gaben der Ceres und Flora zerstören und die hübsche Ordnung zunichte machen, die uns lächelnde, fruchtbare Felder, zartgefärbte Bäume, Blumen und Gräser in unseren Gärten zukommen lassen. Man streitet auch in jener Welt, Herr Graf, denn die Menschen sind auch dort verschiedener Meinung und wollen stets recht behalten, aber es gibt dort keine Kriege oder doch nur ganz zufällige, denen man das Widernatürliche wohl anmerkt; es ist nicht wie bei uns, wo die Kriegsvorbereitungen zu den ersten Pflichten eines Herrschers gehören, wo man einen Krieg auf eine den Megamikren ganz unbekannte freundschaftliche Weise anzuspinnen versteht, während man zum Morden bereits entschlossen ist. Eduard hat allerdings den Krieg bei den Megamikren eingeführt, aber er mußte dies tun, sonst wäre er der Gewalt zum Opfer gefallen, und ein Engländer stirbt eher, als daß er sich ergibt. Sie werden gerade daran sehen, was wirklicher, unbestrittener Edelsinn ist, dem jeder Streit fern liegt und der der Natur entsprossen ist. Sie werden sehen, wie die Bestrafung der Lüge der Triumph der Wahrheit ist, die Bestrafung der Nacktheit der Triumph der Schamhaftigkeit. So triumphiert auch die Wissenschaft über die indiskrete Neugierde, die durch freche Fragen entfacht wird. Die Schönheit jener Welt wird Ihnen erst beweisen, daß dies schöne Europa, das Sie besichtigt haben, nur ein buntes Allerlei ist, ein unfertiges, aus verschiedenartigen, wenn noch so prachtvollen, doch zueinander nicht passenden Stoffen zusammengeflicktes Kleid. Diese glücklichen Megamikren, die Ihnen nach meiner Beschreibung wohl genügend imponiert haben, sind recht kleiner Gestalt: sie sind nicht größer als eines Ihrer Beine, deshalb werden sie Megamikren oder Großkleine genannt; sie werden jedoch vor Ihren Augen an Größe gewinnen, Sie werden sich an ihre Kleinheit so sehr gewöhnen, daß Sie schließlich zu der Ansicht kommen werden, sie seien eigentlich größer als wir, und ihre Könige seien majestätischer als die unseren, obgleich die letzteren vier Ellen hoch zu sein geruhen; wenn dies wahr ist, denn ich weiß es nicht bestimmt und will niemandem zu nahe treten. Die eigentliche Majestät eines Herrschers beruht ja auf seinen Tugenden, seiner Großmut und Gerechtigkeit, denen sich die Milde paart: Qui piger ad poenas princeps, ad praemia velox, quique dolet quoties cogitur esse ferox. Die kleine Gestalt der Megamikren könnte Sie zum Nachdenken über die Größe von Adam und Eva anregen, die nach der Ansicht einiger alter Rabbiner Riesen gewesen sind; dies waren sie nun jedenfalls im Vergleich zum erst geschaffenen Menschenpaar. Sie werden auch an Hand der Heiligen Schrift über eine zur Seele sprechende Musiksprache Ihre Schlüsse ziehen können. Wir lesen (Genesis Kap. II V. 19), daß Adam allen Tieren die ihnen entsprechenden Namen gab, d. h. also nur solche, die sie richtig bezeichneten. Jene Namen und jene Ursprache sind vergangen, selbst dem Noah waren sie schon unbekannt; sonst hätte er sie den Menschen nach der Sintflut mitgeteilt. Diese schöne Sprache konnte nur eine Musiksprache sein, da wir nicht begreifen können, daß Worte, wie wir sie auszusprechen gewohnt sind, die Macht haben könnten, uns einen Begriff der Form einer uns unbekannten Sache beizubringen; ich meine aber, ein Gesang kann diese Macht haben und zwar durch die Vermittlung des sechsten Sinnes, den Adam vielleicht besaß, den er aber nach dem Willen Gottes seinen Nachkommen nicht vererbte. Die Megamikren, Herr Graf, haben Laster, die durch Mißbrauch der Leidenschaft entstehen; Sie werden aber sehen, daß dies kein Makel, sondern nur Staub ist. Alle Leidenschaften der Megamikren sind nur vorhanden, um sie glücklich zu machen: sie gleichen unseren giftigen Pflanzen, aus denen man Arzneien verfertigt; alles hängt ja nur von der guten Erziehung ab, und der Mensch versteht aus allem seinen Vorteil zu ziehen: nisi parent, imperant. Einige reiche Megamikren lassen sich vom Ehrgeiz beherrschen; sie werden aber dafür nicht verdammt, sich auf ihre alten Tage langweilen zu müssen, wie wir dies in Venedig, Rom, Neapel und Wien sehen. Auch die unrechtmäßige Liebe macht einige von ihnen unglücklich, sie trachten aber, sich von ihr zu befreien, da sie deswegen ausgelacht werden. Bei den Megamikren gibt es nur ein Geschlecht: da alle Männchen und zugleich Weibchen sind, so sind sie eben weder Männchen noch Weibchen, und wir begreifen daher, daß die Fortpflanzung nicht mehr von dem einen der beiden Individuen als vom andern abhängig ist. Sie sind alle gleich und so sind auch bei ihnen die Triebe gleich. Sie dürfen sie aber nicht als Zwitter bezeichnen, denn damit würden Sie einen sehr schmutzigen Begriff verbinden und ihnen unrecht tun; denn sie sind es in Wirklichkeit nicht, und obwohl Sie es nicht sehen werden, können Sie sich dies leicht vorstellen; denn obzwar Eduard in seinem Stil sehr züchtig ist und auf jede Weise die Schamhaftigkeit des Lesers zu schonen weiß, verhindert er doch einen klugen Menschen nicht, zu verstehen, was er zu wissen braucht. Der Körperbau eines Megamikren bietet einen Anblick, den wir schön nennen, und der die zärtlichste Liebe zu erwecken imstande ist; die Fortpflanzung ihrer Rasse ist eine angenehme Folge dieser Schönheit, obgleich sie mit dem, was ihren Reiz bildet, nichts zu tun hat. Sie werden dort drinnen auch die Armut treffen, aber sie ist nicht schmutzig, und Sie werden sie ruhig hinnehmen, da Sie merken werden, daß sie sich überall vorfinden muß, wo Reichtum herrscht, und Sie werden den Reichtum nicht verdammen, wenn Sie sehen, daß er die Belohnung für wirkliche Tugend und wirkliche Verdienste ist. Die Megamikren haben eine Seele und eine Vernunft wie wir Menschen, und sie sind wie wir mit Fleisch umhüllt; aber ihre Natur macht sie uns überlegen und ihre Sitten, die ihrer Erziehung entsprechen. Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß die übermäßig zahlreiche Familie unseres Helden Sie nicht abschrecken möge; Sie werden weder etwas Unerhörtes noch Abgeschmacktes darin finden, wenn Sie ruhig lesen und Ihrem Geist jede Voreingenommenheit fernhalten, denn Voreingenommenheit täuscht die Vernunft. Und nun muß ich Ihnen, Herr Graf, noch von den Eigenschaften der Gabe sprechen, die ich Ihnen und gleichzeitig dem Publikum übergebe. Es ist die Übersetzung eines englischen Manuskriptes; verlangen Sie aber nicht von mir, Ihnen das Original vorzuzeigen, denn ich bin nicht sehr stark im Englischen und fürchte strenge Kritik. Ich schenke Ihnen dies Werk, nicht indem ich es Ihnen widme, sondern indem ich es Ihnen als einen Wertgegenstand übergebe, auf den Sie ein Recht haben; denn um dies Werk zu schreiben, habe ich eine Zeit benützt, die nach dem mir von Ihnen verliehenen ehrenvollen Titel hätte anders benützt werden können. Die feste Überzeugung, daß das Lesen dieses Werkes Ihnen eine angenehme Zerstreuung bieten werde, gab mir den Ansporn, es binnen sechszehn Monaten fertigzumachen. Als ich beschloß, Ihnen ein Geschenk dieser Art zu machen, sah ich klar, daß ich nicht verhindern konnte, es auch der allgemeinen Kritik zu unterwerfen; somit überliefere ich es der Gnade oder Ungnade, den Launen oder Vorurteilen, dem feinen oder barocken Geschmacke des Weltalls, denn, ob das, was ich Ihnen biete, auch der Mühe wert ist, das kann ich nicht wissen, ohne zu hören, was man darüber sagen wird pro captu lectoris habent sua fata libelli . Ein Curio wird mit dem alten Terenz sagen: Ne iste magno conatu magnus nugas dixirit ; ein anderer wird behaupten, ich hätte dies Werk nur deshalb für eine Übersetzung ausgegeben, um mir einen Schlupfweg zu sichern, einen Ausweg gegenüber der Kritik der Aristarchen, die ich gerne verdienen möchte: mögen sie aber, wenn nur nicht Sie, Herr Graf, mir das sagen, was der Kardinal Hippolyte von Este dem Ariosto sagte, so will ich mich mit allem zufrieden erklären. Sie sind der einzige Mensch auf der Welt, der anfangs September des Jahres 1785 daran gedacht hat, meiner Wanderschaft Einhalt zu tun, indem Sie mir Ihre schöne Bibliothek anvertraut haben. Ich hatte es mein Lebenlang als einen Spaß angesehen, niemals den Ort zu bestimmen, wo meine Gebeine zu Staub werden sollen; denn dieser Gedanke hat mich stets empört. Dank Ihnen aber sehe ich jetzt meiner angenehmen Auflösung im böhmischen Chantilly in Ihrem Schlosse zu Dux entgegen. Ich wollte nicht, Herr Graf, Ihnen mein Buch mit einer faden Widmung anbieten, die Sie verachtet hätten; denn was ist eine Widmung. Widmungen mißfallen mir alle sogar mehr noch als Grabreden, denn diese haben wenigstens das Gute, daß sie ihre Helden nicht mehr langweilen können. Hätte ich Sie denn durch eine formelle Widmung mehr geehrt? Hätte ich dadurch meinem Buche einen größeren Ruf gemacht, mehr Absatz verschafft? Weder das eine noch das andere. Die Menschen lesen lieber Satiren als Lobreden und haben damit auch vollkommen recht: die besten Bücher sind jene, die am wenigsten gelesen, am schwersten verkauft werden: was aber nicht sagen will, daß ich damit ein Urteil über die Vorzüge des meinen abgeben möchte. In einer nach dem üblichen Brauch gemachten Zueignung hätte ich alle Ihre erlauchten Ahnen aufzählen müssen; ich hätte, ohne mich von der Wahrheit zu entfernen, ganz besonders über den berühmten Herzog von Friedland sprechen müssen. Es wäre mir nicht schwergefallen, an Hand sehr wichtiger Dokumente sein Verhalten zu verteidigen, und an seinem tragischen Ende den Heroismus seiner Tugenden zu beweisen. Was hätte ich aber damit erreicht? Ich hätte nichts Neues berichtet, wenn ich geschrieben hätte, daß sein Blut in Ihren Adern fließt, und daß sein Bildnis das einzige ist, das Ihren Augen lieb ist, das einzige Gemälde, das alle, die Ihnen nahestehen, in Ihrem Schlafzimmer sehen können. Ich hätte Ihnen vielleicht durch die Erinnerung an die traurigen Folgen seines Mutes mißfallen; denn ohne die heldenhafte Größe seiner Seele hätten Sie eine halbe Million Renten mehr gehabt, die das Recht des Stärkeren Ihrer Familie entrissen hat, die auch ohne jenen Großen ruhmvoll genug ist. Hätte ich in meiner Widmung von Ihnen gesprochen? Selbstverständlich. Wie könnte es auch anders sein? Ich hätte sagen müssen, daß Sie alle Tugenden besitzen, und Sie hätten mir dafür ins Gesicht gelacht; denn obwohl Sie den Keim alles Guten in Ihrer Seele und in Ihrem Blut haben, so wissen Sie doch selbst am besten, daß Ihnen gar nicht daran gelegen ist, vor der Welt als Muster der Keuschheit, der Bescheidenheit oder der Demut und Geduld zu gelten. Sie sind nicht dazu berufen, Ihre Güter den Armen zu schenken, noch haben Sie Neigung, als Märtyrer für die Religion zu sterben, oder den Heldentod für Ihr Vaterland zu finden. Hätte ich aber Ihre wirklichen Tugenden gepriesen, so würden Sie meinen Weihrauch verschmäht haben; denn ich hätte nur sagen können, daß Ihre Gefühle stets der Ehre entsprechen, der Sie vor allem andern huldigen und von der Sie durchdrungen sind; daß Ihr Haus mehr Ihren Freunden als Ihnen gehört; daß Fröhlichkeit überall dort herrscht, wo Sie sich befinden; daß Ihr Geist sich zu den höchsten Werken der Literatur zu erheben weiß; daß die schwersten Autoren viele von Ihren Mußestunden ausfüllen und daß Ihre Vergnügungen jene sind, die von den größten Geistern des Altertums gepriesen worden sind. Ich hätte Ihrer edlen Liebhaberei für die Pferde erwähnen müssen, und ich hätte Ihrer Kenntnisse von der Natur dieses redlichen Freundes des Menschen, dieses Beschützers der berühmtesten Kriegshelden gedacht. Es stand in meinem Belieben, vom Kastor und seinem Bruder Pollux zu sprechen, die vergöttert wurden und durch die Freundschaft mehr noch als durch Blutbande vereint waren: Castor gaudet equis, ovo prognatus eodempugnis . Ich hätte sagen können, daß das Altertum keine höhere Tugend Castors hervorzuheben wußte, jene, die ihn als unerreichbaren Pferdezähmer preist und das ihn deshalb zu den Göttern zählte mit Pollux, der das Glück hatte, der erste aller Athleten zu sein: palmaque mobilis terrarum dominos ehavit ad Deos . So sah, Herr Graf, die Tugend vor dreitausend Jahren aus; sie bestand im Mut, in der Stärke und in der kriegerischen Tapferkeit. Was Männer heutzutage emporhebt, beruht auf ganz anderen Dingen und Sie beneiden sicherlich nicht die Dioskuren um ihr Los. Sie lieben die Kinder Apollos um der Literatur willen, wie Sie andererseits die verlockende Harmonie der Lobgesänge vermeiden; aber Sie verdienen doch Lobredner, weil Sie Ihre Freunde lieben wie Augustus und Mäcenas den Horaz liebten. Ich achte und ehre Sie, Herr Graf, wie ich es muß und ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich gemeint hätte, durch diesen Brief Ihr Ansehen vermehren zu können; ich wollte dadurch nur die Gefühle aussprechen, die Sie in mir erweckt haben. Ein Name, der in ganz Europa so bekannt ist wie der Ihrige, würde vollkommen genügen, um mein Buch in der Gegenwart zu ehren; was ihm einen Platz in der Zukunft sichern kann, das hängt ja nicht von Ihnen ab; sollte ihm dies nicht gelingen, so werde ich mir selber Gerechtigkeit widerfahren lassen, ohne um feige Ausreden zu betteln. Seien Sie glücklich, und um es vollkommen zu sein, folgen Sie der strengsten und ernstesten aller Schulen, den Lehren Epikurs, der der weiseste und tugendhafteste aller Meister des Altertums war. Er wird Sie lehren, daß Sie nur dadurch glücklich werden können, daß sie sich Freuden verschaffen, dabei aber jene meiden, die es nur dem Schein nach sind, oder auch solche, die lästige Folgen veranlassen: nocet empta dolore voluptas . Wirkliche Lust darf nie schädlich werden; doch werden Sie vor kleineren Plackereien nicht zurückschrecken, wenn Sie merken, daß sie die Quellen eines wirklichen Glückes werden können; denn wir genießen die Gegenwart, indem wir dabei die Zukunft stets vor Augen behalten, selbst wenn wir rückwärts gehen. Dies war die Moral des großen Philosophen, der bis zum non plus ultra der Weisheit gelangt wäre, wenn er begriffen hätte, daß die Freuden der Götter unabhängig von der Materie sein können. Er konnte sich die geistige Substanz nicht vorstellen, weil er es nicht für möglich hielt, daß sie für Freuden empfänglich sein könnte; er konnte sich nur die von den Sinnen abhängigen Freuden vorstellen, und deshalb stellte er Gott als ein sinnliches Wesen dar. Obgleich dieser Fehler ein wesentlicher ist, ist darum doch seine Moral rein und nur darauf bedacht, den Menschen glücklich zu machen. Die besonderen Mittel nun, die Sie anwenden müssen, um die ganze Glückseligkeit zu erlernen, die das Leben des Sterblichen geben kann, die vermag niemand Ihnen anzugeben; Sie müssen sich darin an sich selbst halten, denn niemand kann besser als Sie selbst ermessen, was Sie dazu nötig haben. Bereiten Sie sich nur stets das Glück, weislich zu prüfen. Denn dies ist ein Glück und zwar ein großes. Die Ihnen angeborene Fröhlichkeit ist etwas so Wichtiges, daß Sie mit allen Mitteln trachten sollten, sie in ihrer ganzen Kraft zu erhalten; denn ich glaube sogar, daß Ihre Gesundheit davon abhängt. Wer sagen würde, daß Sie stets fröhlich sind, weil Sie gesund sind, würde sich irren; man muß Ihre Gesundheit nicht als Ursache, sondern als Folge Ihres Frohsinns betrachten; denn Heiterkeit ist eine Geistesgabe, die viel mehr Einfluß auf den Körper hat, als der Körper auf sie ausüben könnte. Ihr ganzes Wohlergehen hängt somit nur von Ihnen selbst ab, Herr Graf; Sie sind freier Herr, das höchste Glück zu erreichen und sich im Stande zu erhalten, es zu genießen und alle jene auszulachen, die das Vorhandensein dieses Glückes bezweifeln möchten. Ich habe die Ehre mit der tiefsten Ergebenheit und den innigsten Empfindungen und der hochachtungsvollsten Zuneigung mich zu zeichnen Herr Graf Dux, den 29. September 1787 als Ihr untertänigster und gehorsamster Diener Jaques Casanova de Seingalt. Einleitung Unweit des St. Georg-Kanals, in der Richtung von Monmouth saßen eine Stunde nach Sonnenuntergang beim Kamin im schönen Hause des Grafen von Bridgend zwei gute Alte, Jakob Alfred und seine Frau Wilhelmine, als sie einen schönen jungen Mann ins Zimmer eintreten sahen, der eine sehr hübsche junge Frau am Arme führte: dies geschah am 15. Februar (alten Stils) des Jahres 1615. Sobald die beiden Unbekannten einen Blick auf die Greise geworfen hatten, blieben sie stehen, aber eine Minute später riefen sie gleichzeitig aus: »Sie sind es, daran ist kein Zweifel!« Mit diesen Worten warfen sie sich den alten Leuten zu Füßen, überschütteten sie mit den zärtlichsten Liebkosungen, küßten sie und benetzten sie mit Freudentränen. Jakob und Wilhelmine waren ganz erstaunt über diesen Gefühlsausbruch ihnen ganz unbekannter Personen und entzogen sich ihm, indem sie sich erhoben. Nachdem sie mit der größten Aufmerksamkeit das schöne Paar betrachtet hatten, redete sie der ehrwürdige Greis mit folgenden Worten an: »Aber wer sind Sie denn? Wie kommen Sie dazu, uns mit so ungewohnter Zärtlichkeit zu überschütten und eigenmächtig und unbekannt unser Haus zu betreten? Woher kommen Sie? Was wollen Sie? Sagen Sie uns das rasch und befriedigen Sie unsere begreifliche Neugierde, oder entfernen Sie sich, denn wir haben bereits genug Sorgen und werden unwillkürlich mißtrauisch in diesen Zeiten, wo man die letzte Verschwörung den Katholiken in die Schuhe schiebt und unter diesem Vorwand die armen Jesuiten ausweist.« »Ich bin«, antwortete der junge Mann (und sein Gesicht drückte ehrliche Aufrichtigkeit aus) »Euer Sohn Eduard.« »Und ich«, fügte die schöne Unbekannte hinzu, »bin Eure Tochter Elisabeth.« Und wiederum eilten sie auf die alten Leute zu, um ihre zärtlichen Liebkosungen zu erneuern; doch der weise Jakob schob sie zurück und sprach zu ihnen voller Entrüstung und mit gebieterischer Stimme: »Wie traust du dich, Unverschämter, uns Unwahrscheinliches glauben machen zu wollen? Und du, Dirne, die mit ihm unter einer Decke steckt, um diesen dummen Schwindel zu bekräftigen, sag, wie willst du diese Behauptung aufrechterhalten?« Elisabeth: »Ihnen, lieber Vater, will ich nur die Wahrheit sagen; und Sie, teure Mutter, will ich bitten, uns etwas aufmerksamer betrachten zu wollen.« Wilhelmine: »Lieber Mann, ich bin wirklich außer mir. Diese zwei Menschen sind ja zwei Ebenbilder, lebende Porträts unserer beiden Kinder, die wir vor einundachtzig Jahren beweint haben, als sie mit dem Schiff Bolsey untergingen, das in Norwegen durch den Malstrom verschlungen wurde, durch diesen schrecklichen grausamen Meeresstrudel, der alle Schiffe, die sich ihm nähern, in seine Tiefen herabzieht.« Eduard: »Ganz richtig.« Jakob: »Was? Ganz richtig? Du bist entweder ein Narr ober du hältst uns für blödsinnig. Du Haft dich natürlich als geschickter Betrüger, der du bist, sehr genau über alles unterrichten lassen; denn allerdings hatten wir einen Sohn und eine Tochter, die dieselben Namen führten, die ihr euch gebt: aber selbst wenn wir nicht sicher wären, daß sie damals verunglückt sind, – wie erkühnt ihr euch, ihr frechen Menschen, euch für jene auszugeben, da ihr doch augenscheinlich nicht das Alter habt, das unsere Kinder heute hätten, wenn sie noch lebten? Du würdest fünfundneunzig und deine Schwester dreiundneunzig Jahre alt sein; nicht wahr, meine gute Frau? Und wie alt seid ihr denn? Man sieht ja, daß keines von euch älter als fünfundzwanzig ist.« Elisabeth: »Aber abgesehen von unserem Alter, erkennt Ihr, lieber Vater, unser ganzes Wesen nicht wieder?« Jakob: »Ich gebe wohl zu, daß eine überraschende Ähnlichkeit mich ganz stutzig macht und ich vor Staunen gar nicht zu mir komme; aber selbst wenn du mir das Zeichen, den Biß des Hundes, der meine arme Elisabeth am linken Ellbogen verletzt hat, vorweisen würdest, so hätte ich auch dann noch nicht die Kraft, an das zu glauben, was mein Verstand als wahnwitzig und falsch annehmen muß.« Wilhelmine: »Und mein armer Eduard hatte oben am rechten Schenkel ein großes Muttermal in Gestalt einer Ananas.« Elisabeth: »Hier, lieber Vater, ist das Zeichen, dessen Ihr Euch so gut erinnert.« Jakob: »Ich sehe es, es ist wirklich stark.« Eduard: »Und Sie, liebe, gute Mutter, schauen Sie her und sagen Sie mir, ob es nicht das Muttermal ist, von dem Sie soeben sprachen.« Wilhelmine: »Ja, ich sehe es. Oh, lieber Mann, es kann doch kein Traum sein! Wir schlafen doch nicht!« Eduard: »Ihr werdet Euch nun wohl daran erinnern, daß wir uns in Plymouth eingeschifft haben, als ganz England wegen der Abtrünnigkeit Heinrichs des Achten in Aufruhr war. Unser Oheim soll mit allen, die an Bord des Volsey waren, untergegangen sein.« Elisabeth: »Wir glauben, wir sind die einzigen, die durch einen Zufall, der an ein Wunder grenzt, dem Tode entgangen sind. Wir wissen, daß wir so alt sind, wie Sie sagen, obgleich Gott uns in eine Welt gelangen ließ, wo man die Zeit auf eine ganz andere Art berechnet; als wir aber trachteten, dies festzustellen, kamen wir bis auf einige Monate auf dieselbe Zahl.« Jakob: »Das klingt ja wie der Anfang eines Märchens. Nun wollt Ihr uns weismachen, daß Ihr einundachtzig Jahre in einer anderen Welt zugebracht habt! Das müßte allerdings so sein, denn nur in einer anderen Welt könnte es geschehen, daß die Zeit nicht die Macht besäße, Sterbliche alt zu machen.« Eduard: »Regen Sie sich nicht so sehr auf, lieber Vater, und bereiten Sie sich vor, aus unserem Munde viele Wunder zu hören, an die Ihr niemals glauben würdet, wenn nicht gerade unser junges Aussehen Euch schon darauf vorbereitete. Die Frische unserer Wangen soll Bürgschaft dafür sein, daß alles, was wir Euch erzählen werden, reine Wahrheit ist.« Wilhelmine: »Er hat recht; alles, was wir sehen, ist ja gar zu merkwürdig. Ich fühle mich schon bereit alles zu glauben, was unsere lieben Kinder uns erzählen werden, laß uns nun, mein lieber Mann, hören, was sie alles erlebt haben.« Jakob: »Frau, du faselst. Ich zähle hundertundneun Jahre und du bist hundertundsieben Jahre alt; und nachdem wir diese lange Zeit als vernünftige Menschen gelebt haben, sollen wir nun zu Narren gehalten werden und an etwas Unwahrscheinliches glauben?« Wilhelmine: »Aber, was wir sehen, das ist wahrhaft vorhanden.« Jakob: »Ich beschwöre dich, laß mich daran wenigstens bis morgen zweifeln, denn mir ist ganz wirr im Kopfe von dieser seltsamen Begebenheit.« Eduard: »Gut, Vater, bis morgen; dieser Aufschub ist ganz vernünftig; aber versprechen Sie uns, uns morgen anzuhören.« Elisabeth: »Sie werden Unglaubliches hören. Tatsachen, auf die niemals ein Bewohner der äußeren Erdfläche gekommen ist.« Voller Staunen stand der gute alte Jakob lange da und warf nur wortlos seiner Frau und den beiden Eindringlingen Blicke zu. Endlich gab er sich dem ihn überwältigenden Gefühl hin. Das Nachdenken weckte in ihm die natürlichen Empfindungen wieder und rührte ihn; er mußte weinen; seine Frau weinte mit ihm; die Unbekannten folgten ebenfalls ihrem Beispiel, und nun hätte nichts mehr ihren Gefühlsaufwallungen Einhalt tun können. Den Tränen folgte eine unendliche Herzensfreude, und ihre gegenseitigen Gefühle äußerten sich in Liebkosungen, die schließlich den braven Alten zwangen, seiner Fröhlichkeit in ungewohnter Weise Luft zu machen; er lachte aus vollem Halse. Das alte Mütterchen zog zwei Sessel ans Feuer heran und hieß an ihrer Seite die beiden merkwürdigen Wesen Platz nehmen, die sie vom Paradies herabgestiegen wähnte, denn nur dort konnte sie sich diesen Zustand von ewiger Jugend vorstellen. Ein Bauer und eine alte Frau waren Zeugen dieser Szene; die Alte war in ihrer Kindheit eine unzertrennliche Freundin der Elisabeth gewesen und mußte ungefähr deren Alter haben. Sie konnte sich nicht entschließen zu glauben, was doch ihre Augen sahen: als sie sie jung sah, obwohl sie doch alt sein mußte, erwachte in ihr ein Unwillen, der ihre Seele zerfraß; sie glaubte fest an Teufelswerk, und so ging sie, von diesem Gedanken beherrscht, hinaus, einen katholischen Priester zu benachrichtigen, der sich heimlich im Dorfe aufhielt. Unterwegs erzählte sie das Vorgefallene allen Nachbarn, denen sie begegnete; alle lachten sie aus, aber nichtsdestoweniger liefen sie alle, von Neugierde getrieben, zu Jakob Alfred. Bald überfüllten sie die ganze Wohnung. Mylord, Graf Bridgend, über diesen ungewöhnlichen Lärm erstaunt, kam mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter herunter, und traf gerade in dem Augenblick ein, als der Priester erschien. Nachdem dieser erfahren hatte, um was es sich handelte, gebot er Ruhe und sagte, diese beiden Menschenwesen könnten wohl geschickte Hexenmeister sein, denen er jedoch bald jede Teufelei austreiben werde, sobald er in Stola und Meßgewand und mit den heiligen Reliquien, die er besitze, wiederkehre; man möge sie nur bis dahin aufhalten und gut bewachen. Zwei eifrige und unerschrockene Katholiken, die sich dort befanden, versicherten ihm, sie würden sie, falls sie nicht etwa Geister wären, nicht entschlüpfen lassen. Sie stellten sich bei der Tür auf, während er zurücklief, um die Waffen zu holen, die seine Religion ihm zu gebrauchen gebot. Lord Bridgend, der weder an Engel noch an Teufel glaubte, lachte; die Mylady hatte Angst, ihr Sohn Lord Tarnton, der nicht wußte, was Teufelaustreiben bedeutete, und der von Elisabeths Schönheit entzückt war, wollte auf den frommen Pater losgehen und ihn durchprügeln, und Lady Stanhope, seine fünfzehnjährige Schwester, der Eduard besonders gefiel, war ganz betrübt zu erfahren, daß er so alt und möglicherweise nur ein schwarzes Gespenst sein könne. Die beiden Gegenstände des allgemeinen Staunens bemühten sich durch ihre bescheidene Haltung den Mut ihrer Eltern aufrechtzuerhalten und durch eine edle Unerschrockenheit deren Sorgen zu verscheuchen. Bald war der Priester mit allen seinen Geräten zur Stelle; er gab sich redliche Mühe, die vermeintlichen Schwarzkünstler zu entlarven. Da er aber kein Zeichen sah, das seine Vermutungen bestätigte, meinte er endlich, die Unmöglichkeit, ihre teuflische Abstammung festzustellen, sei im Glaubensmangel einiger anwesender Ketzer zu suchen, die ihn durch ihre Heiterkeitsausbrüche störten. Er ersuchte nun alle jene, die nicht an den Vorrang der römischen Kirche glaubten, sich zu entfernen, und man tat ihm diesen Gefallen. Er verdoppelte seine Beschwörungen und Belehrungen: als er aber sah, daß diese jungen Alten allen seinen Anstrengungen widerstanden und weder heulten noch sich auf die Erde warfen, noch auch nur ein Wort auf hebräisch sagten, da verlangte er Schreibzeug und stellte ihnen eine Bescheinigung über ihre ganz natürliche, von jedem Drucke freie Menschlichkeit aus. Er entschuldigte sich und ging seiner Wege, Eduard aber und Elisabeth empfingen die Glückwünsche der ganzen Gesellschaft, die sie auf die freundlichste Weise entgegennahmen. Graf Bridgend, der von Natur sehr neugierig war, begann die Neuankömmlinge mit allen möglichen Fragen zu überschütten, auf die beide abwechselnd antworteten; je mehr die Antworten den Fragen entsprachen, wuchs aber die Neugierde des Fragenden, da ihm alle möglichen Voraussetzungen in den Sinn kamen, die er nicht sofort aussprechen konnte. Mylord war nun der Ansicht, daß der Saal, in dem sie sich befanden, obgleich geräumig, doch nicht imstande war, die Menge zu fassen, die immer größer wurde; er entschloß sich rasch und lud die ganze Familie ein, in seiner Wohnung zu Abend zu essen. Er war um so freundlicher, als er in seiner Gier, alles zu erfahren, fürchtete, daß die übergroße Zahl der Zuhörer den Herrn Eduard veranlassen würde, nur eine den Umständen angemessene Erzählung vorbringen. Er aber wollte alles erfahren, wo sie diese vielen Jahre zugebracht hätten, als der Volsey vom Malstrom verschlungen wurde, und noch mehr interessierte ihn, wie sie sich so jung erhalten hatten. Seine Einladung wurde angenommen. Mylord beeilte sich nun, Elisabeth seinen Arm zu reichen. Eduard bot den seinen der Lady und ihnen folgten die zwei Alterchen (so nannte man nämlich Jakob und Wilhelmine), die sehr langsam gingen und zum ersten Stock stiegen. Die übrigen Leute, die im Saale gewesen waren, gingen nach Hause. Sehr gelegen kam dem Grafen Bridgend in diesem Momente Lord Karl Burgleigh, Neffe des verstorbenen Großschatzmeisters und Verwandter von Robert Cecil, Grafen von Salisbury. Dieser Edelmann liebte Lady Caroline, die man auch geneigt war ihm zur Frau zu geben. Er wohnte fast ständig auf einem seiner Güter bei Chester. Eine Viertelstunde später wurde die Gesellschaft durch die Ankunft des Admirals Howard von Nottingham erfreut, der aus Spanien kam, wo er Botschafter gewesen war. Es war derselbe, der im Jahre 1588 mit dem Vizeadmiral Drake die Flotte Philipps des Zweiten vernichtete, die dieser König so unrichtig die unüberwindliche Armada nannte. Sie bestand aus hundertfünfzig Schiffen, war mit zwanzigtausend Soldaten, achttausend Matrosen, zweitausend Ruderern bemannt und führte zweitausendsechshundert schwere Geschütze. Hocherfreut über diesen Sieg feierte die Königin ihn nach Art der Römer, indem sie eine große Zahl Medaillen zur ewigen Erinnerung an diese glorreiche Tat prägen ließ. Als man dem Admiral Eduard und Elisabeth als zwei Menschen vorstellte, die dem Schiffbruch des Volsey im Malstrom vor einundachtzig Jahren glücklich entgangen wären, empfing er sie mit Lachsalven. Er erinnerte sich, von diesem Unglück einigemale in seiner Familie reden gehört zu haben. Der Kommandant des Volsey, der ebenfalls dabei verunglückte, war sein Großonkel, der Graf von Surrey gewesen; wie sollte er da nicht lachen, als er so junge Leute vor sich sah! Sein Staunen hatte aber keine Grenzen, als man ihm sagte, es handle sich um keinen Scherz. Da war seine Neugierde der der anderen gleich. Lord Bridgend aber sprach nun zu Eduard: Mr. Bridgend: »Wir hoffen, Herr Eduard, daß Sie unsere Neugier wohl entschuldigen und befriedigen werden, ohne auch nur die kleinsten Einzelheiten auszulassen, denn bei solch einem Abenteuer muß uns doch alles interessieren. Falls eine Stunde dazu genügt, so könnten Sie schon vor dem Abendessen uns damit erfreuen.« Eduard: »Wenn Sie, Mylord, aus unserem Munde alles zu erfahren wünschen, was uns seit einundachtzig Jahren widerfahren ist, seitdem wir unsere Heimatsinsel verlassen haben, so glaube ich wohl, daß wir Sie binnen drei Wochen zufrieden stellen können, wenn Sie uns täglich drei Stunden lang anhören wollen. Einstweilen kann ich, wenn Sie wünschen, sogleich damit beginnen; ich bin natürlich stets bereit, meine Erzählung zu unterbrechen, sobald deren Weitschweifigkeit Sie ermüden sollte, oder wenn etwa Ihre Geschäfte Sie abrufen.« Mr. Bridgend: »Ich werde alle andere Beschäftigung hintenansetzen, um Ihnen zuzuhören, und Sie werden mir durch Ihre Erzählungen ein großes Vergnügen bereiten.« Lady Bridgend: »Ihre hier anwesende Schwester wird Sie an dies oder jenes erinnern können, das Sie vielleicht vergessen.« Elisabeth: »Ich werde ganz darauf bedacht sein, Mylady; wir werden nichts auslassen.« Burgleigh: »Ich vermute, Sie sind bereits ganz im Einverständnis über den uns zu erzählenden Roman; nichtsdestoweniger versichere ich Ihnen, daß ich ebenso aufmerksam zuhören werde, als ob es sich um eine wahre Geschichte handelte.« Eduard: »Alles, was ich erzählen werde, Mylord, wird nur gar zu wahr sein: Betrogen werden nur jene sein, die es nicht glauben werden.« Howard: »Genau dieselbe Antwort gebe ich allen denen, die an den Begebenheiten zweifeln, deren Zeuge ich auf meinen langen Reisen war. Aber wenn alles richtig ist, so glaube ich, daß der Mann, der diese neue Welt, von der Sie uns erzählen wollen, für England erobern könnte, mit dem höchsten Ruhm bedeckt zur Ewigkeit eingehen würde. Ich will dem König berichten. Wenn ein Geschwader von Nutzen sein könnte, würde ich sofort bereit sein, allen Gefahren zu trotzen, um die Ehre zu haben, es befehligen zu dürfen. Ich würde es aber nicht wagen, dieses Unternehmen ohne Ihre Führung, Herr Eduard, in Angriff zu nehmen; ich wäre gern bereit, mit Ihnen die Ehre des Sieges zu teilen.« Eduard: »Ihr Anerbieten, Mylord, ehrt mich ungemein; Ihr Wunsch ist edel und stolz; aber dies Unternehmen ist nicht ausführbar. Die Welt, aus der wir kommen, ist sicher, der unsrigen niemals zum Opfer zu fallen. Sie werden dies einsehen, wenn Sie meine Beschreibung hören. Erlauben Sie mir nur noch in bezug auf die Möglichkeit einer Eroberung dieser neuen Welt Ihnen offen meine Meinung zu sagen. Sie besteht aus achtzig Monarchien, zehn Republiken und aus zweihundertsechs Lehensstaaten, von denen einige so groß sind wie ganz England. Ich liebe die Freiheit dieser Welt, sei es, daß sie in ihrem Zustand erhalten bleibt, sei es, daß sie dereinst meinen Nachkommen zur Beute fällt. Ich bin den Menschen dort zu Dank verpflichtet, denn sie retteten mir vor einundachtzig Jahren das Leben und ich bin nicht der Mann, ihnen das mit solchem schnöden Undank zu vergelten. Ich wünsche ihnen alles Gute und Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich wünsche, daß meine Kinder stets mit ihnen in Frieden leben. Sagen Sie mir, ehrenwerter Lord, was haben denn die braven Megamikren Böses getan, was an England verbrochen, daß mein Vaterland sich für berechtigt halten sollte, sie zu unterwerfen, kaum daß es von ihrer Existenz gehört hat? Sie brauchen uns nicht. Wie kann aber irgend jemand das Recht haben, sich eines Staates zu bemächtigen, über den er niemals zu verfügen hatte? Ich sehe wohl ein, daß Ihnen, Mylord, dieser Gedanke von Ihrem unerschrockenen Mut, Ihrer Vaterlandsliebe, Ihrer Begierde nach dem höchsten Sieg und größtem Mut eingegeben wird. Ich sehe dies ein, doch beschwöre ich Sie, Mylord, mich zu entschuldigen, wenn ich nicht Ihrer Ansicht zu sein vermag! Ich bin in jener Welt auferzogen, wo man nicht versteht, wie es einem Menschen zum Ruhme gereichen kann, andere Menschen unglücklich zu machen. Übrigens ist die innere Welt schon deshalb nicht zu erobern, weil sie von Natur keine Grenzen und Küsten hat; man kann nur durch die Erdrinde zu ihr gelangen, und da ist sie verteidigt durch Abgründe, die Schwerkraft, durch Gewässer, Luft und Feuer. Aber selbst wenn nicht die Natur das Eindringen hindern würde, welche Macht könnte es jetzt unterjochen, da sechshunderttausend Engländer in ihr leben, die verpflichtet sind, sie zu verteidigen? Sie würden dort eine ungeheuer starke Artillerie antreffen, Sie würden dem ganzen Mut unserer Nation und einem vom Sophismus nicht angekränkelten Geist begegnen, dem Sie niemals den Gedanken klar machen könnten, daß es zu ihrem Vorteil gereichen würde, sich unterjochen zu lassen und einen anderen Herrn anzuerkennen als ihre eigenen Gesetze und Herrscher.« Burgleigh: »Ich bin wirklich betrübt, Mylord, daß diese Erklärung des Herrn Eduard Ihren Wünschen und Ansichten nicht entspricht. Sie klingt etwas wild. Es ist die Rede eines Menschen, der von unterhalb der Erde kommt. Aber trösten Sie sich: es gibt noch unbekannte Länder in unserer Welt, die sich nicht vom Fleck rühren; die können Sie entdecken gehen, sobald Sie Lust haben und können sie als guter Engländer der britischen Krone einverleiben. Diese armen Länder! Welch Unglück für sie, unbekannt zu sein! Wie können sie überhaupt existieren, ohne englisch, spanisch oder französisch zu sein! Man muß sie der Barbarei entreißen, in die sie sicherlich versunken sind. Gehen Sie nur hin, sie dem Nichts zu entreißen, und wenn Sie mich mitnehmen wollen, will ich gerne sterben oder mit Ihnen siegen.« Howard: »Ich danke Ihnen; Sie werden mich begleiten; ich nehme Ihr Ehrenwort an. Nichtsdestoweniger muß ich Ihnen sagen, daß die aufrichtige und freie Rede des Herrn Eduard mir sehr gefallen hat; er sprach zu mir als Gentleman und als Philosoph; Ihre Glosse aber hat mich eher gelangweilt. Aber sagen Sie mir, mein lieber Herr Eduard, wieso sechshunderttausend waffenfähige Engländer in jener Welt vorhanden sein können?« Eduard: »Das sind alles meine Kinder, Mylord, bis zur siebenten Generation herab, und dies hier ist meine Frau; alles andere werden Sie nach und nach erfahren. Jetzt muß ich aber Mylords Neugierde befriedigen. Krankheiten sind etwas sehr Seltenes bei den Megamikren, und noch seltener ist dort das Elend. Morgen werde ich weiter Ihre Neugierde stillen, die mich ungemein ehrt, und Sie werben der Reihe nach erfahren, womit diese Völker sich beschäftigen, worin ihre Lebensfreuden bestehen und wie sie regiert werden. Sie werden von ihren Gesetzen, Studien, Wissenschaften, Sitten und Glaubenslehren hören. Und dann werden Sie alle von Ihrem Irrtum zurückkommen, daß man den Megamikren dort einen Besuch abstatten könnte.« Bridgend: »Wir werden ja sehen! Seien Sie schon jetzt versichert, mein Freund, daß ich alles für wahr halten werde, was Sie mir erzählen wollen! erstens weil ich Sie für einen ehrlichen Mann halte, der nicht imstande ist, unser Vertrauen zu mißbrauchen, zweitens weil ich glaube, daß Sie viel zu tun hätten, wenn Sie alle diese Zustände, die den Inhalt Ihrer Erzählung bilden sollen, erst erfinden müßten, und zwar so gut erfinden, daß Sie in uns stets gespannte Zuhörer finden. Einstweilen können Sie mit Ihrer Schwester dem Beispiel der ganzen Gesellschaft folgen und schlafen gehen. Morgen werden wir alle zusammen zu Mittag essen, und dann werden Sie mit Ihrer Erzählung beginnen; Sie werden diese abbrechen, wo es Ihnen gut dünkt, und auf diese Weise werden Sie es jeden Tag halten, bis Sie fertig sind. Von morgen an wird mein Haus für jedermann geschlossen sein, selbst für Nachrichten vom Parlament, für Boten vom König, von meinem Vaterland und von meinen Verwandten. Ich will, mein lieber Freund, daß nichts imstande sei, die Liebenswürdigkeit zu unterbrechen, die Sie uns erweisen, indem Sie uns Ihre Abenteuer berichten und uns dadurch belehren und erfreuen.« Diese Anordnung fand allgemeinen Beifall, und nach dem Punsch zogen alle sich zurück. Bevor er sich schlafen legte, ließ aber Graf Bridgend zwei junge Schreiber von seiner Güterverwaltung holen und befahl ihnen, sich bereit zu halten, um im Nebenzimmer, hinter einem dünnen Teppich versteckt, alle Worte Eduards niederzuschreiben. Sie besaßen nämlich die Kunst, mit unglaublicher Geschwindigkeit alles nachzuschreiben, was ein Redner noch so schnell sprach. Einer von ihnen hätte wohl dazu genügt, doch bestellte Mylord vorsichtshalber alle beide dazu. Menschen, die diese Gabe haben, sind heutzutage in England nicht mehr selten. Der Graf gebot ihnen die strengste Diskretion, damit Eduard von ihrem Auftrag nichts erfahren und etwa seine schlichte Erzählung ändern mochte, die Mylord ganz unverfälscht zu besitzen wünschte. Aus Zartgefühl zeigte aber Lord Bridgend, als Eduard mit seiner Erzählung fertig war, diese ohne sein Wissen niedergeschriebene Arbeit vor, indem er sagte, er fühle sich nicht berechtigt, sie zu behalten und sich anzueignen. Eduard schien über den ihm gespielten Streich ganz erfreut zu sein und bat nur um eine Kopie des Niedergeschriebenen, um es eventuell dem weiteren Publikum zugänglich machen zu können, nachdem er es durchgelesen und mit etwaigen Verbesserungen versehen hätte. Dies geschah, doch wurde diese Geschichte dem Publikum niemals mitgeteilt. Ein Jahr darauf verkaufte Eduard die herrlichen Karfunkel, die er besaß, an einen Armenier, der sie für das Haus Serpos erwarb, das seine Handlungsniederlagen in Hiulpha, einem Vorort von Ispaham hatte. Nikolaus Seriman brachte sie dem Groß-Mogul, und jetzt gehören diese kostbaren Edelsteine dem Herrscher von China. Dafür erhielt Eduard eine ungeheure Menge roher Diamanten, die er an eine Gesellschaft in London um zweihunderttausend Pfund Sterling verkaufte. Er kaufte dafür ein Gut in Davonshire, das er testamentarisch einem gewissen Artur Alfred, dem Urenkel eines Bruders seines Vaters vermachte. Dieses Gut wurde vom unglücklichen Karl dem Ersten zu einer Pairschaft erhoben, und Arturs Enkel Richard Alfred führte fortan diesen Titel; er war jener berühmte Graf von Tiverton, dessen Ratschläge des Königs Leben hätten retten können, wenn das Schicksal ihm erlaubt hätte, diesen zu folgen. Das Gut bringt jetzt der Familie zwanzigtausend Pfund Sterling jährlicher Rente. Der alte Jakob, Eduards Vater, starb drei Jahre nach der Rückkehr seiner Kinder; seine Frau Wilhelmine überlebte ihn um vier Jahre. Eduard und Elisabeth blieben immer im Hause des Grafen von Bridgend, wo sie ungemein rasch alt wurden, denn bereits zehn bis zwölf Jahre nach ihrer Ankunft zeigten sich schon Spuren des Verfalles auf ihren Zügen. Da sie katholisch waren, äußerte Lady Bridgend den Wunsch, daß sie in der Schloßkapelle beigesetzt würden, wo alle Neugierigen eine Grabschrift lesen können, die berichtet, in welchem Alter beide am selben Tage starben. Es steht nicht erwähnt, daß Elisabeth drei Jahre jünger war als ihr Bruder und Mann; es ist aber nicht das erstemal, daß eine Inschrift dieser Art der Kürze wegen eine wichtige Tatsache verschweigt. Diese Grabschrift lautet: Hier ruhen die Gebeine von Eduard Alfred und von seiner Schwester und Gattin Elisabeth. Sie starben am selben Tag des Jahres 1629, im Alter von hundertundzehn Jahren. Achtzig Jahre lebten sie im Innern der Erde, wo sie auf ihre achte Generation und auf mehr als vier Millionen Nachkommen blickten. I. Großväterchen und Großmütterchen kehrten in ihre im Erdgeschoß belegene Wohnung zurück, von ihren alten Kindern begleitet, die dort auf die Welt gekommen waren. Jakob Alfred war im Alter von vierzehn Jahren als Schreibergehilfe in den Dienst des Großvaters des Grafen Bridgend getreten. Er heiratete Wilhelmine, die Tochter des Intendanten und wurde zehn Jahre später Unterverwalter der großen Güter, die sein Herr in der Grafschaft Monmouth besaß. Er hatte nur diese zwei Kinder: Eduard, der im ersten Jahr ihrer Ehe geboren wurde, und Elisabeth, die zwei Jahre später auf die Welt kam. Er konnte ihren heißen Bitten nicht wiederstehen, als sie, kaum erwachsen, sich ihm zu Füßen warfen und ihn beschworen, er möchte ihnen erlauben, mit einem ihrer Oheime eine Seereise auf dem Schiffe Volsey zu machen. Das Schiff sollte mit zwei anderen, unter dem Oberbefehl des Lord Artur Howard, Grafen von Surrey, im Polarmeer kreuzen und dort neue Länder und Seestraßen entdecken. Ein Bruder von Eduards Mutter Wilhelmine befand sich auf dem Volsey als Schiffsfähnrich. Dieses Schiff wurde bekanntlich vom Malstrom verschlungen, jenem Strudel von der Art jener, die im Altertum als »Nabel des Meeres« bezeichnet wurden. Die den Volsey begleitenden Schiffe verkündeten bei ihrer Rückkehr nach England dessen Schiffbruch. Jakob Alfred, der in seinem hundertneunten Lebensjahr stand und sehr klug und weise war, befand sich in einer Geistesverfassung, die ihn ernstlich beunruhigte; trotz allem Anschein der Wahrheit konnte er an die Möglichkeit dieses ans Wundersame grenzenden Ereignisses nicht glauben. In dieser Ratlosigkeit legte er sich schlafen, nachdem er sich von den zwei Wesen hatte küssen lassen, die ihm manchmal als seine Kinder, manchmal als Narren oder Aufdringliche vorkamen. Wilhelmine aber, deren Geist weniger kritisch war, fand sich rascher in die Lage hinein; sie blieb noch zwei Stunden mit ihnen zusammen und überschüttete sie mit Fragen; doch die ganze Nacht wäre nicht lang genug gewesen, um auf alle zu antworten. Sie ging endlich schlafen, indem sie den Tag herbeiwünschte, um alles zu hören, was Eduard zu erzählen versprochen hatte. Mit Anbruch des Tages mußte sich Eduard erheben; ihn weckte der Lärm, den eine vor den Türen versammelte Menschenmenge machte, die die beiden merkwürdigen Wesen zu sehen und zu sprechen begehrte. Das ganze riesengroße Schloß hätte diese Menschenansammlung nicht aufnehmen können. So gingen denn Eduard und Elisabeth trotz der herrschenden Kälte hinaus, zeigten sich und sprachen zu allen bis zum Mittag, bis zur Stunde, zu der beim Grafen bereits die ganze Gesellschaft sie erwartete. Schnell wurde gespeist; dann führte Mylord Eduard zu einem Lehnsessel, der unweit des Versteckes zweier Schreiber stand, die schon bereit waren, das Gehörte niederzuschreiben. Und Eduard begann seine Erzählung folgendermaßen: Richard Sharp, unser Oheim mütterlicherseits, der sein Leben auf der See verbrachte, der in verschiedenen Weltteilen unbekannte Völker gesehen hatte, kam bei jeder Anwesenheit in der Heimat auf Besuch zu seiner Schwester, unserer lieben Mutter. Dann erzählte er uns von all dem Schönen und Merkwürdigen, das er gesehen hatte, und von allen Gefahren, denen er glücklich entronnen war. Wir hörten ihm mit so großer Aufmerksamkeit und so lebhaftem Interesse zu, daß der unüberwindliche Wunsch, eine Reise mit ihm zu machen, in unsern Herzen Wurzel schlug. Wir äußerten endlich diesen Wunsch unsern Eltern mit solcher Inständigkeit, daß ihnen schließlich nichts anderes übrig blieb, als uns die erbetene Erlaubnis zu erteilen. Unser Oheim erbat dieselbe Erlaubnis von Lord Howard und nahm uns mit. Zehn Tage nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche des Jahres 1533 verließen wir Plymouth an Bord des Schiffes Volsey, das diesen Namen zu Ehren des Erziehers des Königs und späteren Kardinals trug. Wir wurden von zwei anderen Schiffen begleitet, und Lord Howard, Graf von Surrey, kommandierte diese Flotille. Er beabsichtigte neue Länder des Nordkaps zu entdecken. Als wir abfuhren, sollte eben der Erzbischof von Canterbury, Cranmer, die Ungültigkeit der Ehe des Königs Heinrich mit Katharina von Aragonien verkünden. Im ersten Monat hatten wir eine äußerst günstige Fahrt, Ende April aber wurden wir von Gegenwinden verfolgt, die uns zwangen, mehr als drei Wochen lang im Ozean herumzuirren. Mitte Mai kam endlich ein günstiger Wind und trieb uns gegen den Norden Islands zu. Im nördlichsten Hafen der Insel warfen wir Anker und gingen an Land, um uns auszuruhen und uns mit neuen Lebensmitteln zu versorgen. Wir sahen dort unweit des Meeres den Berg Hella, der ununterbrochen Flammen speit und in den ihn umgebenden Landstrichen oft Brände verursacht. Wir bemerkten, daß oft Wasserströme aus seiner Spitze flossen und daß die von ihnen überflutete Erde ganz verbrannt, mit schwarzer Asche und mit Bimssteinen bedeckt war. Wenn der Südostwind blies, den die Leute dort Sirokko nennen, dann war der Vulkan ganz still. Auf dieser Insel, wo es keinen Adel gibt, glaubt man, der Vulkan sei der Eingang zur Hölle und sie schwören darauf, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie die Teufel hineingingen, in ihren Krallen die Seelen der Verdammten haltend und sodann wieder herauskommen, um wahrscheinlich nach anderen zu suchen. Sie sagen, diese Seelen seien zum Frost verdammt, doch sei es Frost, der brenne – was physikalisch nicht unmöglich ist. Die Isländer wußten nichts von Geld und trieben nur Tauschhandel und dazu einen merkwürdigen Handel, der darauf beruhte, daß sie ihre gar nicht häßlichen Töchter auf einige Zeit für einen bestimmten Preis abtraten. Der Nutznießer aber sowohl wie der Vermieter waren darüber einig, daß diese Mädchen das Land nicht verlassen dürften, und daß die Vermieter für die zu sorgen hätten, die schwanger würden. Wir sprachen mit angeblichen isländischen Weisen, die sich rühmten, Familiengeister zu besitzen, die ihnen nachts verschiedene gute Ratschläge gäben; sie verkaufen sogar welche, wie sie auch ziemlich billig den Schiffskapitänen die ihnen nötigen Winde anbieten. Unser Lord Howard aber meinte, er brauche sie nicht. Diese Windverkäufer nennen sich große Zauberer. Sie spielen alle Schach und gebrauchen dabei statt der Springer Bischöfe; sie behaupten, dieses Spiel noch vor dem Trojanischen Kriege von einem gewissen Palamed gelernt zu haben. Am achten Tage segelten wir mit einem Südwestwind ab, der uns nach Grönland zu führte. Unterwegs sahen wir die kleinen Inseln Gundebiurnes Skeer, auf denen so viel Bären sind, daß es nicht möglich ist, dort zu landen. Nicht weit davon zeigte man uns die gräßliche Gestalt eines Ungeheuers, das bis zu den Hüften außerhalb des Wassers war; man nennt es Haffstramb; es hat einen langen spitzigen Kopf, sehr breite Schultern und unendlich lange Arme ohne Hände. Sodann zeigte man uns in demselben Meer ein Monstrum, das sie Margugner nennen, und das wir bis zum Nabel sahen; es sieht wie ein Weib aus, hat dessen Brust und lange Haare; auf den Schultern hat es zwei Stümpfe, die wie zwei Arme mit großen Händen aussehen, deren Finger durch Schwimmhäute miteinander verbunden sind; es war damit beschäftigt, Fische zu verschlingen, die es erwischte. Das dritte Untier, das die alten Matrosen auf dem Schiff uns zeigten, war der eigentümliche Hafgierdinguer, dessen drei Köpfe drei Wasserberge sind; sie bilden ein Dreieck, dessen Mitte jene verschlingt, die an ihnen scheitern. So gelangten wir in den Polarkreis. Auf dem neunundsechzigsten Breiten- und fünften Längengrad wandten wir unsern Kurs um ein Viertel gegen Osten zu. Nach drei Wochen stiller Fahrt kamen wir bei sehr flauen Winden im August ans Eismeer. Da die Luft in dieser Jahreszeit ziemlich klar ist, zeigte man uns mittels eines guten Teleskopen die beiden Bären und die sieben Sterne, die den Schweif des kleinen bilden; wir konnten ganz deutlich den letzteren sehen, der sich im Wagen des Königs David befindet und den wir Polarstern nennen; er ist nur zweieinhalb Grade vom Pol entfernt. Dieser Stern bildet eine gerade Linie mit den Hinterrädern des großen Wagens. Lord Artur sagte uns, er sei sicher, daß unsere Erde eine nach den Polen zu sich verlängernde Ellipse sei. Es war seine Absicht, die unbekannten, von den Hyperboräern bewohnten Länder zu entdecken, die an die Tartarei und das asiatische Rußland grenzen. Darum beabsichtigte er, das Nordkap zu umsegeln, um sich der Nowaja Semlja zu nähern; doch trieben starke Gegenwinde, die ununterbrochen acht Tage anhielten, uns zwischen Eisblöcke und mit ihnen bis zur norwegischen Küste zurück, wo uns Windstille aufhielt. Nun befanden wir uns zwischen der kleinen Insel Vero und den Lofoten-Inseln, auf dem 28. Grad geographischer Länge und auf 68 Grad 15 Minuten nördlicher Breite. Es war am Morgen des 28. August, als wir uns plötzlich von einem Wirbel erfaßt fühlten, der uns mit seiner Stärke unwiderstehlich in den Abgrund zog. Sofort war uns allen die Todesgefahr klar, in der wir uns befanden; einstimmig riefen alle: Malstrom, Malstrom! So heißt eine Stelle in diesem Meere, die einen Umfang von sechs englischen Meilen hat und dessen Mitte ein Felsen namens Muske bildet. Es ist ein Abgrund, der so starke Anziehungskraft nach unten ausübt, daß jeder feste Körper, der auf seine Oberfläche kommt, von ihm verschlungen wird. Im Augenblicke, als dieser Schreckensruf erscholl, befand Elisabeth sich neben mir am Oberdeck, ganz nahe der Brüstung, an die eine Kiste aus Blei angebunden war, die ein alter Marineoffizier auf allen seinen Reisen mit sich führte. Er sagte, diese Kiste möge sein Sarg sein, falls er an irgendeiner Krankheit auf See stürbe. Er behauptete, die größten Seeungeheuer würden nie imstande sein, seinen Leichnam zu fressen, wenn er in dieser Kiste eingeschlossen wäre; daher könne er unversehrt am Tage des Jüngsten Gerichts erscheinen um seinem Schöpfer Rechenschaft über seine Lebensführung abzulegen. Die Kiste war so groß, daß sie im Notfall auch zwölf Leichname hätte bergen können; jede ihrer sechs Flächen war sechs Zoll stark und der Deckel war mit vier eisernen Griffen versehen, mittels denen, trotz seiner großen Schwere, zwei Männer ihn öffnen oder schließen konnten, da er mit Scharnieren versehen war. Infolge eines mir unbekannten Zufalls stand diese Kiste offen. Vier Wochen früher hatten wir sie schon einmal offen gesehen und man hatte uns eine Art kleiner Eisengabel gezeigt, die den Deckel offen hielt, so daß ein leichter Griff genügte, um durch eine Verschiebung dieser Gabel den Deckel zu schließen; dieser fiel so genau auf die Seitenränder, daß vier Sprungfedern, die sich an den Ecken befanden, in vier dazu gemachte Löcher einschnappten und die Kiste so fest verschlossen, daß nur der Besitzer des Schlüssels sie zu öffnen vermochte. Diese Kiste war auf jeder ihrer sechs Flächen mit zwei runden Öffnungen vom Durchmesser einer Guinee versehen, alle diese zwölf Löcher waren mit acht Zoll langen Ferngläsern versehen, so daß jeder, der sich im Innern der Kiste befand, mit Leichtigkeit dieselben entfernen konnte, da sie um zwei Zoll länger waren als die Kistenwände stark waren. Das Äußere jeden Fernglases bestand aus einer metallenen Schraubenwindung und das Loch war als genau entsprechende Schraubenmutter ausgedreht; in jeder Röhre befanden sich zwei Linsen, eine an jedem Ende! Die äußeren Linsengläser waren so genau eingefaßt, daß selbst der stärkste Anprall sie nicht zerschlagen konnte. Die Kiste war an zwei von ihren inneren Seitenwänden mit je zwölf festangenagelten Saffiantaschen versehen, die alle gefüllt und gut verschlossen waren. Zwölf Flaschen, sechs mit frischem Wasser, sechs mit Branntwein befanden sich in zwölf Taschen und die zwölf andern enthielten einen Kompaß, einen Atlas, eine lateinische Bibel, zwei Paar Pistolen, Pulver, Kugeln, Messungsapparate, chirurgische Instrumente, deren Handhabung mir bekannt war, da ich medizinische Studien gemacht hatte. Tusche, eine Schachtel mit Aquarellfarben, nebst kleinen und großen Pinseln. In einer Ecke der Kiste war ein Magnet angebracht, der an Größe seinesgleichen suchte. In der allgemeinen Bestürzung, die die gräßliche Todesangst hervorrief, warfen die Matrosen sich auf die Boote, um sie ins Meer zu lassen, in der Hoffnung leichter davonzurudern und somit dem Tode entrinnen zu können, da das Schiff unrettbar verloren war. Auf den uns folgenden Schiffen sahen wir die Leute hin- und herrennen in eifrigen Bemühungen, uns irgendwie zu Hilfe zu kommen, denn sie sahen deutlich unsere Notsignale, da der Tag schon angebrochen und die Entfernung zwischen den Schiffen nicht so sehr groß war. Schon begann unser Schiff sich nur noch im Kreise zu drehen, wie ein von der Schnur losgelassener Kreisel. Und immer sich drehend, sank es immer tiefer ins Meer, als ob es überlastet wäre, oder von einer unwiderstehlichen geheimen Kraft in die Tiefe herabgezogen würde. Alles schrie und jammerte: Wir sind verloren, es gibt keine Hoffnung mehr, Gott erbarme Dich unser! – Man hatte bereits alle Kanonen ins Meer geworfen, und zwei Matrosen waren gerade damit beschäftigt, die die Kiste festhaltenden Schnüre zu zerschneiden, als einige andere, die hinter uns aus vollen Kräften an einem Seil zogen, uns, die umschlungen noch immer bewegungslos dastanden, einen so heftigen Stoß in den Rücken gaben, daß wir in die noch offene Kiste und mit ihr über Bord fielen, und dabei die sie offenhaltende Gabel berührten, so daß der Deckel zufiel und wir uns in der Kiste eingeschlossen befanden. Wir waren so ergriffen und erschrocken, daß uns nichts mehr wundern konnte. In demselben Augenblick mußten die Schnüre, die die Kiste noch festhielten, zerschnitten worden sein, denn sofort fühlten wir, wie wir in die Tiefe flogen. Wir sanken immer tiefer herab, unbeweglich, wortlos, nicht imstande, unsere Sinne zu sammeln, denken und urteilen zu können; in unserer Lage konnten wir nur den Tod erwarten, und das taten wir – nicht aus Mut, sondern weil wir eben nichts anderes erwarten und nichts dagegen tun konnten. Im ersten Augenblick, als die Kiste ins Meer flog, konnten wir noch das Tageslicht sehen, das durch die Ferngläser eindrang, aber eine Minute später befanden wir uns in voller Finsternis; unser neues Haus sank hinab ohne sich zu drehen, denn seine Schwere zog es hinab und wohl auch eine ungeahnte Anziehungskraft, die niemand zu ermitteln vermag. Wir waren so bestürzt, daß wir nicht imstande waren, miteinander zu sprechen, bis ein Anprall das Ende des Abgrundes anzukündigen schien. Wir lagen auf dem Rücken und hielten unsere Hände so fest ineinandergeschlungen, daß wir lange nachher noch Spuren davon trugen. Ich könnte Ihnen, Mylord, nicht die Länge der Strecke bezeichnen, die wir bei diesem Abstieg durchflogen, bis wir unten angelangt waren, denn es ist nicht möglich, die Schnelligkeit des Falls in einer Flüssigkeit zu berechnen, um so weniger als jene merkwürdige Anziehungskraft dabei mit im Spiele war; ich kann Ihnen aber versichern, daß ich, eine Minute bevor wir ins Meer flogen, auf meiner Uhr zehn Uhr und fünfzehn Minuten ablas. Die Kiste blieb beim Anprall auf ihrer schmalen Seite, folglich aufrecht stehen und hielt neben einem Felsen an. Zum Glück geschah dies mit der Seite, auf welcher wir unsere Füße hatten; doch hätten wir uns wohl auch sonst erheben und umdrehen können. Als wir merkten, daß wir stehen geblieben waren, und keine Bewegung mehr fühlten, kamen wir langsam zu uns. Wir wechselten ein paar Worte über die Lage, in der wir uns befanden, doch nährten wir keine Hoffnung und dachten nur, daß unser Tod um so peinlicher und langsamer und schmachvoller sein würde. Der Zufall, daß wir in die Kiste fielen, schien uns das größte Unglück, das uns hätte treffen können. Eine Minute später wurde unsere Kiste durch einen starken Stoß erschüttert: wir meinten, es sei vielleicht durch den Anprall des Schiffes geschehen, das wohl in unserer Nähe herabgefallen sei. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Tasche einen Feuerstein und eine Kerze hatte, zündete diese an und sah auf meiner Uhr zehn Uhr zwanzig, folglich fünf Minuten mehr als auf dem Schiff kurz vor dem Sturz ins Meer; wir zogen unsere Uhren auf und sahen uns die Einrichtung unserer Kiste an, doch die Kerze erlosch; ich zündete sie wieder an, doch sie erlosch abermals. Wir begannen an einem sehr unangenehmen Schweiß zu leiden, nach etwa acht bis zehn Minuten traten dazu Herzklopfen und sehr peinliche Übelkeitszustände, so daß wir alles erbrachen, was sich in unseren Mägen befand. Dies erleichterte uns, doch befanden wir uns jetzt im Schmutze und verpesteter Luft; wir hatten Atembeschwerden und waren so erschöpft, daß wir tatsächlich einschliefen. Wir erwachten von starken Bewegungen der Kiste, deren Erschütterungen uns erschreckten. Wir zitterten; nichts ist einem gleichgültig, wenn man den sicheren, unentrinnbaren Tod vor sich sieht, alles, was keine Hoffnung gibt, muß Verzweiflung erwecken. Nachdem die Kiste einigemal hin- und hergeschleudert war, bekam sie einen solchen Stoß, daß wir den Anprall an unseren Körpern spürten, und sie wurde in einen Luftabgrund geworfen; infolge unserer eigenen Schwerkraft konnten wir im Innern der Kiste dies beobachten: wir fühlten, daß wir weder anstießen noch feststanden; es schien uns, als schwebten wir in der Luft. Nach acht bis zehn Sekunden empfanden wir den Gegenstoß eines Anprallens, der so stark war, daß wir meinten, unsere Knochen wären zerschlagen und gebrochen worden. Wir wurden auf den Rücken geworfen. Da wir sicher waren, uns nicht mehr im Wasser zu befinden, zogen wir zwei Fernrohre heraus, um ein wenig Luft hereinströmen zu lassen und den Gestank zu entfernen. Wir irrten uns nicht, die uns umgebende Atmosphäre änderte sich bald, doch befanden wir uns in voller Finsternis. Gleich darauf wurden wir wieder so fürchterlich gestoßen, daß wir darauf gefaßt waren, die Kiste jeden Augenblick in Stücke gehen zu sehen; sie rollte einen Abhang hinunter und purzelte dabei so eigentümlich, daß unser Proviant und die anderen Gegenstände sicher zerschlagen worden wären, wenn nicht die Taschen, in denen sie sich befanden, mit Stricken verbunden gewesen wären. Ein Purzelbaum, der heftiger gewesen war als alle früheren, warf uns nieder und wir rollten wohl eine Viertelstunde lang in derselben Richtung, obzwar nie gleichmäßig und oft in Sprüngen, so daß wir alle Ursache hatten zu glauben, daß wir einen recht unebenmäßigen Berg herunterrollten. Sie können sich, Mylord, unsere Lage denken, doch wir vermögen nicht, sie Ihnen zu schildern: wir wußten selbst nicht, wie wir diesem Umhergeworfenwerden noch widerstehen konnten; und doch empfanden wir bei dieser Qual weder die Leibschmerzen noch die Übelkeit noch den kalten Schweiß mehr; nur waren wir ganz schrecklich schmutzig und der Kopf wirbelte uns. In diesem Herumkugeln, das uns aufeinanderwarf, lag auch viel Komik, so daß wir später, nachdem wir alles überstanden, sogar darüber lachten, doch machte uns damals das Erschreckende unserer Lage unempfindlich gegen fröhliche Bilder. Endlich hörte dieses Rutschen auf einem festen Körper auf, doch stand unsere Kiste nicht still, sie flog nur ruhiger und wir hegten die Vermutung, daß wir in den Lüften schwebten. In dieser Meinung entschlossen wir uns, noch zwei Ferngläser mehr herauszuschrauben. Die Luft erneuerte sich sichtlich und der Schmutz entfernte sich durch diese Öffnungen, aber unsere Kleider waren voll Unrat. Wir empfanden auch plötzlich eine so große Kälte, daß wir uns gezwungen sahen, drei Ferngläser wieder hineinzustecken. Wir zitterten wie im stärksten Fieber, doch hatte uns die frische Luft erfrischt und Elisabeth nahm, trotz der rollenden Bewegungen, eine Flasche aus einer der Taschen heraus und schraubte einen Korkzieher hinein; doch konnte sie die Flasche nicht öffnen; sie gab mir nun den oberen Teil derselben in die Hände und hielt den unteren fest, ich zog am Korkzieher und so gelang es uns, die Flasche zu öffnen. Sie trank zuerst daraus; es war sehr starker Branntwein; dann trank auch ich und fühlte mich hierauf viel wohler. Sie steckte die Flasche wieder in die Tasche ein, und ich nahm eine andere heraus, die leichter verschlossen war und die mir mit Wasser gefüllt zu sein schien; ich trank beinahe die Hälfte derselben mit wahrer Wollust aus und riet meiner Schwester, dasselbe zu tun. Dies stärkte uns entschieden, doch waren wir durch das stete Drehen sehr geplagt. Wir zitterten nicht mehr vor Fieber, dafür schwitzten wir sehr. Wir sprachen miteinander, suchten gegenseitig uns Mut einzuflößen und beteten zu dem Allmächtigen, er möge sich unser erbarmen. Wir tranken wiederum vom Branntwein, denn es schien uns, daß er uns wohltue und uns stärke; doch stieg er uns so sehr zu Kopfe, daß wir halb betrunken waren. Doch das war gut; denn nun fingen wir an, auf eine Rettungsmöglichkeit zu hoffen, obwohl kein Grund dazu vorhanden war; doch so ist nun einmal die menschliche Natur; aus Selbsterhaltungstrieb ans Unmögliche zu glauben gezwungen, hofft sie und grübelt nicht viel nach, um ihren Irrtum einzusehen. Ein plötzlicher und überaus heftiger Anprall hemmte endlich unsere Fahrt; er warf uns mit solcher Wucht an eine Wand der Kiste, daß wir das Gefühl hatten, die Eingeweide würden uns herausgerissen. Wäre die Kiste mit jener Seite, wo wir die Köpfe hatten, gegen den Felsen geschleudert worden, unser Schädel und unser Hirn wären zermalmt gewesen und wäre die Kiste nicht überall eine Spanne dick gewesen, sie hätte in Stücke gehen müssen. Die Kiste war im Innern sechs Fuß lang, drei Fuß breit und drei Fuß hoch; sie enthielt folglich 452 Kubikfuß Luft. Ihr Mantel mußte 464 Kubikhalbfuß Blei haben, die 751 Quintale und 68 Pfund wiegen mußten, wenn man einen Kubikhalbfuß Blei zum Gewicht von 262 Pfund annimmt. Dieser furchtbare Anprall muß uns einen Weg gebahnt haben, denn wir sahen uns aus der Dunkelheit in helles Licht versetzt; dieses Licht war rötlich und blendend; das hierdurch hervorgerufene Stechen wirkte auf unsere zum Atmen dienenden Muskeln und rief eine Art Krampf hervor; unsere Natur, die sich auch ohne unser Zutun selbst zu erhalten weiß, reagierte durch heftiges Niesen auf den zu starken Luftzufluß. Wir konnten kaum ein paar Minuten hindurch die Herrlichkeit des Lichtes bewundern; dann mußten wir so viel niesen, daß wir daran zu sterben glaubten. Als endlich unsere Sehkraft sich daran gewöhnt hatte, das überstarke Licht zu ertragen, fingen wir an, nach allen Seiten aus unseren Ferngläsern zu schauen; aber alles, was wir erblicken konnten, war eine dichte Luftschicht, die uns in Flammen zu stehen schien; wir hofften, daß sie nur ein Feuerschein sei, doch wir irrten uns. Wir schraubten vier von unseren Schrauben aus, und ließen die Löcher vier Minuten lang offen; dies gab uns die erwünschten Kräfte und frischen Mut wieder. In dieser neuen Atmosphäre durchflogen wir die Lüfte, doch ohne uns im Kreise zu drehen; aus dem steten Wechsel unserer Körperlage konnten wir aber erkennen, daß die Kiste ohne bestimmte Richtung ihren Zickzacklauf fortsetzte. Unsere Uhren zeigten dreiviertel zwölf. Während der verflossenen anderthalb Stunden hatten wir einen recht langen Weg zurückgelegt. Wir tranken wieder ein wenig Branntwein, dessen Stärke wir durch Wasser milderten; dann öffneten wir alle Flaschen und verkorkten sie nur leicht wieder; dies taten wir vorsichtshalber, wählend wir eine Feuerschicht durcheilten, die uns an ungeheurer Hitze leiden ließ. Nach einer Viertelstunde verschlossen wir die Öffnungen mit den Gläsern, doch wir mußten sie sofort wieder entfernen, da wir dem Ersticken nahe waren; wir befanden uns in einer verzweifelten Lage. Diese versengende Luft tötete uns; wir konnten weder atmen noch sprechen; wir schwammen in unserem Schweiß; die Kiste mußte auf ihrer äußeren Fläche riesig erhitzt sein, so daß wir meinten, sie müsse zusammenschmelzen; doch waren wir sicher, daß wir unsere Seelen vorher aufgeben würden. Plötzlich kam ein starker Windstoß und machte die Hitze, unter der wir so litten, trockener. Sie blieb aber ebenso stark. Wir schwitzten nicht mehr und unsere Kleider trockneten binnen zwei Minuten; ohne die Öffnungen hätte uns dieser rasche Luftwechsel getötet, denn der Rauch, welcher sichtbar der Kiste entströmte, hätte uns erstickt. Wiederum nahmen wir unsere Zuflucht zu den Flaschen; wir tranken zwei Flaschen Wasser und eine Flasche Branntwein aus. Wir sind fest überzeugt, daß wir uns ohne diese Getränke nicht am Leben hätten erhalten können. Was uns aber trotz der verwirrten Geistesverfassung, in der wir uns befanden, fortwährend in Staunen versetzte, waren die verschiedenen Schwerkraftschwankungen, die wir an den immer wechselnden Lagen der Kiste beobachteten. Manchmal lagen wir auf den Seiten, manchmal auf dem Bauch, jetzt mit den Füßen, dann mit dem Kopf nach unten; wir mußten Purzelbäume schlagen wie die Springer in Chelsea und waren nur froh, daß diese Stellungen nicht zu lang dauerten. Ich glaube, unsere Kiste muß in diesem eigentümlichen Fluidum an Gewicht bedeutend verloren haben; denn ihre Bewegungen wurden immer langsamer und unsicherer. Wir kamen uns wie ein Stück Kot auf dem Wasser vor, das manchmal obenauf schwimmt, dann wieder untertaucht, da es weder schwer genug ist, um zu versinken, noch leicht genug, um an der Oberfläche zu bleiben. Obwohl wir in dieser Feuerzone fünf bis sechs Minuten verblieben, ist es doch möglich, daß die große Strecke, die wir, irgendeinem Zentrum zustrebend, durchflogen, in senkrechter Richtung nicht einmal fünfzig Meilen betragen hat. Ein plötzlicher Wechsel in der Farbe der Luft und eine erneuerte Schnelligkeit, mit der die Kiste wieder durch die Lüfte schoß, ohne sich zu drehen, erleichterte unser Unwohlsein ungemein; die Verminderung der Hitze zeigte uns an, daß wir in eine andere Atmosphäre gelangt waren. Wir befanden uns in einem kläglichen Zustand; wir waren völlig erschöpft und kraftlos. Die Flammenluft hatte uns den Atem benommen und nichts schien schrecklicher als dieses Gefühl. Aber je weiter wir uns aus dieser unheimlichen Region entfernten, desto höher stieg unsere Lebenskraft, und unsere Organe arbeiteten wieder in gewöhnlicher Weise. Sie können sich, Mylord, die Freude, die Wonne nicht vorstellen, die ein lebendes Wesen fühlt, das schon am Sterben war und dann plötzlich eine Erleichterung empfindet, die ihm das Leben wiedergibt; diese Wonne empfanden wir. Es gibt keinen noch so elenden Zustand im Leben, daß der Betroffene nicht einer angenehmen Empfindung zugänglich wäre, die ihn die ausgestandenen Schmerzen vergessen läßt. Die Luft, durch die wir jetzt flogen, war durch jene Flammenluft erleuchtet, aus der wir herkamen und die wir hinter uns sahen. Dies gab uns wieder Mut, und wir erwarteten unerschrocken das Schicksal, das uns beschieden sein würde, wenn die Kiste auf den Grund des Abgrundes gelangte, in dem wir sie wähnten; denn da sie sich nicht mehr um sich selber drehte, so konnten wir annehmen, daß sie keine Kreisbahn beschrieb, wodurch ihre Bewegung eine ewige hätte werden können. Die Vorlesungen über Physik, die ich besucht hatte, ließen mich so urteilen. Wir flehten zum Himmel, daß wir auf festem Boden landen möchten, selbst auf die Gefahr hin, daß der starte Anprall unsere Behausung in tausend Stücke zerschlug. Unser Gebet war freilich die Bitte um ein Wunder. Je weiter wir uns von der Feuerluft entfernten, desto finsterer wurde es. Die Vermehrung der Schnelligkeit, mit der wir durch die Lüfte schossen, ließ mich annehmen, daß unsere Reise einem Ende zustrebte; es schien mir unmöglich, daß wir rascher fliegen könnten und doch war meine Meinung nicht richtig, denn unser Lauf nahm immer noch bis zum letzten Augenblick zu. Ich habe eine Schlußfolgerung gezogen, daß ein Körper, der mit der ganzen Geschwindigkeit vorwärtsstrebt, die sein Umfang zuläßt, niemals stehen bleibt und daß die Körper, die sich bewegen, ohne einem Zentrum zuzustreben, eine Kreisbahn beschreiben: folglich bewegte unsere Kiste trotz der Geschwindigkeit sich nicht immer gleichmäßig; denn ihre Geschwindigkeit war einer Vergrößerung nicht mehr fähig. Wir kamen nun in eine dunkle und feuchte Luft, dann in eine Art Regen, der bald von oben, bald von unten kam, was ohne Wind nicht geschehen konnte; unser durch diese eigentümliche Atmosphäre veränderter Lauf versetzte die Kiste in Schwankungen; ich wußte nicht mehr, ob ich angezogen oder abgestoßen wurde; dies dauerte aber kaum zwei Minuten, worauf wir uns in voller Nacht befanden; doch hinderte uns deren Dunkelheit nicht zu bemerken, daß wir uns einem ungeheuren, undurchsichtigen Körper näherten, den wir für die Erde hielten, der unsere Wünsche zustrebten. Vergebens suchten wir deren Grenzen nach rechts und nach links; wir flogen einem starken Winde entgegen, der von dem festen oder doch weniger flüssigen Körper ausging, und dem mir nicht in senkrechter, sondern in sehr schräger Richtung zustrebten; denn die Ebenen und die Felsen, die wir unter uns deutlich sahen, schienen zu entfliehen, sobald wir hofften auf sie niederzufallen. Endlich überzeugten wir uns, daß die Erde, die wir sahen, nicht unter, sondern neben uns sich befand; wir konnten somit nicht hoffen, daß sie unseren sauf hindern würde. Ebensowenig konnten wir wissen, ob wir nach dem Anprall liegenbleiben oder weiterrollen würden. Wir waren kaum hundert Schritte von ihr entfernt, als die Kiste sich um sich selbst zu drehen begann, und die Kälte, die wir fühlten, immer empfindlicher wurde. Schnell steckten wir die Ferngläser in die Mutterschrauben hinein, mit Ausnahme eines einzigen in der Richtung nach dem Winde, der uns zurücktrieb. Ich fing an zu befürchten, daß wir eine Kreisbahn beschrieben, die vielleicht unendlich sein könnte. Ich vermutete, daß wir uns im Innern unserer Erde befänden, wo ja die Finsternis eine natürliche Erscheinung wäre; ich begriff, daß das Licht, das wir gesehen hatten, von der Flammenluft ausgegangen war, von der bei uns kein Mensch eine Ahnung hat; ich konnte aber nicht wissen, ob wir in unserem Lauf die Erdkugel durchflogen hatten oder in ihr herumkreisten. Die Verzweiflung übermannte uns, als wir bedachten, daß wir rettungslos verloren waren, denn selbst, wenn unsere Kiste irgendwo aufgehalten würde, so war kaum zu hoffen, daß jemand sich finden würde, der sie öffnen konnte, denn daß unsere Erde in ihrem Innern von vernünftigen Wesen bewohnt sein könnte, schien uns unmöglich. Wieder streiften wir die Erde und zwar so nahe, daß wir jeden Augenblick meinten, an sie anzurennen, was ja gerade unser Wunsch sein mußte. Eine kleine Anhöhe wurde endlich das Hindernis, das uns plötzlich anhielt. Der Zusammenstoß war stark, aber ihm folgte kein Rückprall; im Gegenteil versanken wir in einen dichten Morast. Ein scheußlicher Gestank von Schwefel zwang uns, die Ferngläser wieder einzuziehen und die Öffnungen zu verschließen. Dies war uns sehr unangenehm, doch es mußte sein, denn wir befürchteten, daß dieser stinkende Schlamm in die Kiste eindringen konnte. Ich sprengte ein wenig Branntwein in die Kiste und dämpfte dadurch den Geruch, der uns schon den Atem benahm; die unregelmäßige Bewegung der Kiste zeigte uns dann, daß wir tiefer sanken. Ihre Bewegungen waren wie die eines bei einer Hafenmündung verankerten Schiffes, wenn das zornige Meer mit dem Winde kämpft, der dem Schiff den Eingang in den Hafen verwehren will. Nach einer Viertelstunde konnten wir nicht mehr atmen. Die gräßlichste Hitze, die man sich vorstellen kann, quälte uns zu Tode; kaum hatten wir noch die Kraft, uns teilweise zu entkleiden; es schien uns, als atmeten wir einen bitteren Rauch; eine beängstigende Geistesverfassung war noch das geringste unserer Leiden. Den sicheren Tod vor Augen sehend, überließen wir uns der Verzweiflung, und es war uns ganz gleich, was die Hauptursache unseres Todes sein würde. Die Atemnot würgte uns; wir konnten keinen Laut mehr hervorbringen, uns nicht mehr verständlich machen; wir flehten nur noch den Tod herbei, der nunmehr unsere einzige Hoffnung war; wie erbaten ihn von Gott wie eine Gnade und uns schien, daß er zu lange zögerte, uns zu erhören! Wir sagten uns das, aber unsere Worte konnten nicht mehr an unsere Gehörorgane gelangen, auch ihnen fehlte die Luft, die unsere Lungen nicht mehr auszuströmen vermochten; unser Kehlkopf hatte keine Kraft mehr, um unserer Stimmritze einen verständlichen Laut unserer sterbenden Stimme zu entlocken. In diesem fürchterlichen Zustand griffen wir zum einzigen Mittel, das die Vorsehung uns gegeben hatte: wir tranken einen tüchtigen Schluck Branntwein und dann Wasser hinterher und merkten in demselben Augenblick, daß unser Kerker ganz andere Bewegungen machte. Der Branntwein, den wir getrunken hatten, rüttelte in unseren Herzen die noch vorhandenen Lebensgeister auf, als sie uns bereits verlassen wollten. Wir betrachteten die Kiste als unser Grab, worin das Schicksal uns lebend begraben hatte, nur der jedem Menschen angeborene Selbsterhaltungstrieb ließ uns alles tun, was unser Leben ein wenig verlängern konnte. Wir berechneten dessen Länge nur noch nach unserem Vorrat an Getränken und dachten schon daran, daß wir damit sparen müßten, um so mehr, als der Branntwein uns zu Kopfe stieg, wenn wir ihn nicht mit Wasser vermengten. Die Kiste drehte sich langsam aber regelmäßig; unwillkürlich wünschten wir, es möchte rascher gehen. Wir sprachen nur mit der größten Mühe, denn das Asthma hielt noch an. Die Luftröhre hatte sich derart zusammengezogen, daß wir nur mit der größten Anstrengung ein- und ausatmen konnten und ganz mit Schweiß bedeckt waren. Die Langsamkeit, mit der wir untersanken, beängstigte uns, denn wir schlössen daraus, daß wir noch einen langen Weg zu machen hätten. Plötzlich umgab uns eine Kälte, wie wir sie noch nie erlebt hatten; wir schwitzten nicht mehr und konnten leichter atmen. Unsere ganz durchnäßten Kleider waren nach drei oder vier Minuten gefroren. So lagen wir erstarrt, unfähig uns zu bewegen und dachten, dies wären die letzten Vorboten des Todes. Während wir alle die Qualen erduldeten, begann die Kiste sich freier zu bewegen, als ob der Sumpf weniger dicht würde, und nach und nach fing sie an, sich so rasch und heftig zu drehen, daß wir uns nur mit der größten Mühe aufrecht halten konnten, indem wir uns mit dem Rücken an die Seitenwand lehnten und uns fest aneinander schmiegten; ohne diese Vorsicht wären wir so gerüttelt worden, daß uns dies das Leben gekostet hätte. Plötzlich stieß die Kiste mit einem harten Körper zusammen, der anscheinend durch diesen Anprall in Stücke ging; sodann flogen wir ganz langsam fünf bis sechs Sekunden weiter und blieben nachher unbeweglich in der Luft schweben, ohne mit irgendeinem Glied unseres Körpers die Kiste zu berühren. Wir kamen uns diesen Augenblick, der kaum zwei Minuten dauerte, wie verzaubert vor, doch es war Wirklichkeit und wir begannen schon zu glauben, wir würden ewig so bleiben müssen. Da trat ein Umstand ein, den sich sicher kein Mensch je vorgestellt haben kann. Während des kurzen Verzückungsmomentes hob sich plötzlich der große, unter meinen Füßen befindliche Magnet rasch empor, schlug gegen meinen Ellbogen und blieb an der Kiste oberhalb unserer Köpfe hängen. In diesem Augenblicke verging unser Verzückungszustand, wir hingen mit den Köpfen nach unten, der Magnet kehrte an seinen früheren Platz zurück und wir blieben in dieser Stellung, Kopf unten, Füße hoch, und sehr erstaunt, unsere Behausung plötzlich von einem roten Licht umgeben zu sehen. Ermüdet durch die unbequeme Stellung, strengten wir unsere Kräfte an, um die richtige Lage einzunehmen und uns unter den Magneten zu stellen, der jetzt sich oberhalb meines Kopfes befand. Er wurde durch eine Ursache, die uns lange unbekannt blieb, fest an das Blei gedrückt. Durch zehn von unseren Ferngläsern sahen wir die Kiste von einer roten Luftfarbe umgeben. Durch die zwei, die sich unter unseren Füßen befanden, drang kein Licht herein; dies zeigte uns, daß unsere Kiste auf festem Boden stand. Meine erste Bewegung ging dahin, eins der Löcher zu öffnen; doch wie groß war unsere Bestürzung, als wir klares Wasser zu uns eindringen sahen! Schnell schraubte ich das Fernglas wieder hinein, doch nicht ohne vorher von diesem merkwürdigen Wasser zu kosten; meine Frau äußerte denselben Wunsch und wir fanden es trinkbarer als das Wasser der Themse. Sodann stärkten wir uns wieder mit Branntwein. Alle diese Bewegungen brachten uns wieder zu uns und wir fühlten uns imstande, dem Tode noch eine Weile trotzen zu können. Doch hielten wir ihn für unentrinnbar, denn wir mußten uns auf dem Grunde eines Meeres oder Flusses befinden, und es schien keine Möglichkeit vorhanden, von dort zu entkommen. Neugierig, wie spät es sein könnte, sah ich zu meinem größten Staunen, daß es zwölf Minuten vor eins war. Wir hatten also kaum zweieinhalb Stunden alle diese Qualen ertragen, während es uns vorgekommen war, als wäre wenigstens ein Tag vergangen. Wir glaubten, daß wir unser Leben der zweimaligen Wanderung des Magneten verdankten; wir versuchten ihn von der Stelle, wo er sich jetzt befand, zu entfernen, doch alle unsere Anstrengungen waren vergeblich. Wir lagen auf einem Flußgrund, der sich nach unserer Befreiung als ein marmorharter Stein erwies. Wir fanden später unter den gelehrtesten Megamikren nicht einen, der uns hätte sagen können, daß unterhalb des Ortes, wo wir uns befanden, ein Durchlaß anzunehmen wäre, durch den wir dahin hätten gelangen können. Man sah nur lange Adern im Gestein, die jedoch nicht so aussahen, als ob sie Zeichen von einem Durchbruch wären. Doch ist es sicher, daß wir nie dorthin gelangt wären, wenn nicht dieser Grund sich geöffnet und sodann durch eine Kraft sich wieder geschlossen hätte, die wir niemals haben ausfindig machen können. Nachdem wir etwas Branntwein getrunken hatten, flößte uns die unerwartete Neuheit unserer Lage neuen Mut ein. Wir glaubten hoffen zu dürfen, daß die Vorsehung uns Mittel geben werde, uns aus dieser Lage zu befreien. Nachdem wir mit ihrer Hilfe so viele Gefahren überstanden hatten, schien die, worin wir uns jetzt noch befanden, uns nicht unüberwindlich. So denken alle »pejora passi«. Doch wenn uns das Glück hold sein wollte, so mußte es sich beeilen, denn wir waren dem Unterliegen doch schon nahe. Wäre die Kiste kleiner gewesen, so waren wir bereits tot. Wir kauerten nieder, denn wir waren nicht imstande, aufrecht zu stehen und befanden uns in einer Art von Todeskampf. Da bemerkten wir zwei rotgefärbte Wesen, die unsere Kiste drei bis viermal umkreisten. Sie näherten sich ihr, betrachteten sie aufmerksam und berührten die Ferngläser. Das hätte uns nicht erstaunt, wenn es Fische gewesen wären, doch unsere Verwunderung war groß, als wir bemerkten, daß diese kleinen Wesen uns sehr ähnlich sahen. Sie schienen Männer zu sein, doch hatten sie weibliche Brüste; auf dem Kopf hatten sie eine Art Hüte, die ihre Augen verdeckten, bis zu ihren Ohren reichten und auf der Stirn zurückgebogen waren. Die beiden Wesen verständigten sich miteinander durch Zeichen und entfernten sich dann, um jedoch bald wieder zurückzukehren, diesmal in Begleitung von einigen anderen, die ihnen ganz ähnlich sahen, doch andersfarbig waren. Sie waren alle genau eine Elle hoch. Wiederum besahen sie unsere Kiste. Um ihre Neugier noch mehr zu spannen, zogen wir die Ferngläser zur Hälfte ein, nachdem wir sie zuerst herausgestoßen hatten. Hierauf entfernten sie sich alle. Dieses Hin und Her flößte uns Vertrauen ein. Nach kaum einer Viertelstunde sahen wie uns von einer erstaunlichen Menge dieser Wesen von verschiedenen Farben umringt, nur waren keine Weißen und keine Schwarzen unter ihnen; die Mehrzahl war gefleckt. Rote wie jene, die wir zuerst sahen, waren sehr selten. Sonst waren ihre Gestalten ganz so ebenmäßig wie die unseren und sie hatten hübsche Gesichter; ihr Alter schien uns zwischen zehn und zwölf Jahren zu sein, trotz ihrer Große, die jene eines Säuglings war; ihre Haare waren kurz und teils gelockt, teils gekräuselt und wie die Haut verschiedenfarbig, die der Roten aber waren von einem sanften Grün; oberhalb der Brauen hatten alle jene bereits erwähnten Kopfbedeckungen, die in der größten Breite kaum zwei Zoll maßen; sie liefen nach den Ohren immer schmäler zu und waren, wie wir später erfuhren, ihnen angeboren, ein Knorpel von etwas größerer Steife als unsere Ohren es sind und von der Form einer halben Ellipse. Diese niedlichen Persönchen schwammen wie Fische und brauchten doch dazu weder Schwanz noch Flosse; sie schwangen ihre Händchen, purzelten und zappelten mit solcher Leichtigkeit, wie wenn das Wasser ihr wahres Element wäre; wir hatten große Furcht vor ihnen. Wir bemerkten das Staunen zweier Roter über die Händesprache eines von denen, die wir zuerst gesehen hatten. Er berührte gestikulierend die Spitzen unserer Ferngläser. Als wir merkten, worüber sie sprachen, zogen wir wieder die Ferngläser aus und ein, und dieses Wunder brachte sie auf den Schluß, daß unsere Kiste irgendein Untier sei oder lebende Wesen enthalten müsse. Die Gebärden, mit denen sie ihre Gedanken aussprachen, waren so rasch und mannigfaltig, daß wir vermuteten, dies wäre ihre Sprache, da sie im Wasser doch nicht anders reden könnten. Zwei Rote näherten sich uns, um die Bewegungen der Gläser zu beobachten. Ihr Auftreten und die Bereitwilligkeit, mit der man ihnen Platz machte, brachte uns auf die Vermutung, daß sie Vorgesetzte der anderen seien. Wie wir später erfuhren, stellten sie fest, daß die Kiste bewohnt sei und auf eine geheimnisvolle Weise aus der unendlichen Materie hervorgegangen sein müsse. Die Sache wurde für sehr wichtig und höchst beachtenswert erklärt. Als unendliche Materie bezeichnen die Megamikren das Weltall, das sie sich als einen dichten und unendlichen Sumpf vorstellen, dessen Mittelpunkt überall, dessen Peripherie nirgends ist. Nach ihrer Lehre hat sich ihre einzige Welt stets innerhalb des Weltallsumpfes bewegt und wird sich stets fortbewegen, obgleich ungleichmäßig, denn trotz ihrer Schwere kann sie nicht in einer bestimmten Richtung einem Ziel zustreben. Als die beiden Roten davonschwammen, folgten ihnen alle anderen, deren Zahl wohl auf zehntausend angeschlagen werden konnte. Ich bemerkte, daß die beiden Roten vor ihrer Entfernung jenen Teil unserer Kiste, den ich von nun an ein Dach nennen werde, sorgsam besichtigten, die Linsen unserer Ferngläser und deren Einfassung berührten und dabei fortwährend gestikulierten. Da unsere Errettung vom Ergebnis ihrer Besprechung abhing, will ich ihren Inhalt, den ich nachträglich erfuhr, als ich ihre Sprache erlernte, gleich jetzt mitteilen. Nachdem sie zu dem Schlusse gekommen waren, daß die Kiste von lebenden Wesen bewohnt sein müßte, dachten sie daran, uns die Möglichkeit zu geben, ihnen unsere Wünsche auszusprechen und ihnen mitzuteilen, durch welche Umstände wir dahin gelangt und wer wir seien. Nach dieser vernünftigen, menschlichen und ihrer Neugier entsprechenden Schlußfolgerung faßten sie den Beschluß, der uns das Leben rettete. Wir schmachteten, wir schwammen im Schweiße und konnten tatsächlich nicht mehr atmen. Einige Augenblicke später sahen wir zwei von diesen kleinen Wesen unser Dach herabsteigen in Begleitung einer ganzen Schar, die um die Kiste herumzappelte. Einer von den beiden hielt das Ende eines Strickes oder vielmehr eines Dinges, das uns wie ein Strick vorkam, aber keiner war; es war nicht dicker als ein Spazierstock, in der Länge aber mußte er bis übers Wasser reichen, denn wir sahen das zweite Ende nicht. Der Begleiter des Wesens, das den vermeintlichen Strick hielt, hatte in den Händen eine viereckige Schachtel, in der sich ein Messer, ein Hammer und einige andere Werkzeuge befanden. Er begann an einem der Ferngläser des Daches herumzuhantieren und eine Viertelstunde später gab uns dieses Glas kein Licht mehr. Wir begriffen nichts von diesen Arbeiten, doch sahen wir durch das andere Fernglas, daß die beiden Männlein sich in senkrechter Linie von uns entfernten, wobei sie immer den Strick hielten. Nichts war selbstverständlicher, als daß wir das nicht mehr Licht spendende Glas entfernten. Als wir aber das Fernglas einzogen, zogen wir auch gleichzeitig drei Klafter des Strickes mit und wir hätten noch weiter ziehen können, wenn er nicht so dick geworden wäre, daß er nicht weiter durchschlüpfen konnte. Wir meinten nun, es wäre die Absicht jener Menschenköpflein, uns hinaufzuziehen, doch war dies in Anbetracht der Schwere der Kiste unmöglich, auch hätten wir bis dahin dem Tode nicht mehr entrinnen können. Bei diesen traurigen Betrachtungen wollte ich den Strick wieder vom Fernrohr entfernen, er war aber so stark mit der Einfassung verbunden, daß mir dies nicht gelingen konnte. Ich zog nun ein Messer aus dem Etui mit den chirurgischen Instrumenten, um den Strick durchzuschneiden, da sah ich, daß es kein Strick, sondern eine Art harten Schlauches, ein richtiger Kanal war. Doch welch eine Freude empfanden wir, welch süße Tränen der Rührung vergossen wir, als wir bald merklich einen aus der Spitze dieser Pumpe hervordringenden Wind zu fühlen begannen, dessen Wirkung in einer Minute die schlechte Luft unserer kleinen Behausung reinigte und uns das freie Atmen gestattete, uns die Kräfte wieder gab, uns mit Zuversicht erfüllte, daß wir nicht elend sterben, daß wir aus unserer Kiste herauskommen und daß wir noch glücklich und zufrieden würden leben können. Wir machen uns keine spezielle Tugend daraus, daß wir niederknieten und dem Allmächtigen unseren Dank aussprachen, denn was mit uns geschah, war ein sichtliches Wunder. Wir konnten nur nicht begreifen, wieso diese Leute, die selbst keiner Luft bedurften, da sie wie die Fische lebten, hatten erraten können, was uns am meisten Not tat, denn es kam uns nicht in den Sinn, daß sie dies nur zu dem Zwecke getan hatten, um uns die Möglichkeit zu geben, mit ihnen zu sprechen, indem wir unsere Stimmen durch den Schlauch erschallen ließen. Plötzlich hörten wir eine Art Gesang, der aus dem Schlauch kam, und wir näherten diesen unseren Ohren. Von Zeit zu Zeit vernahmen wir sehr angenehme Tonfolgen, die dem Gezwitscher eines Kanarienvogels oder einer Nachtigall ähnlich war, doch verstanden wir nicht, was dies bedeuten sollte. Wir mußten nicht, was wir mit jener Musik anfangen könnten. Unsere Befreier kamen oft wieder von oben herunter, auf das Dach der Kiste; dann stiegen sie wieder empor, um uns ihre Absicht mitzuteilen, doch war dies vergebens. Es kam uns nicht einen Augenblick in den Sinn, englische Worte in den Schlauch hineinzurufen, denn es wäre ein wahnwitziger Hochmut gewesen zu glauben, daß diese Wesen unsere Sprache verstehen würden. Da wir von ihnen Musik hörten, so sang meine Schwester, die eine sehr liebliche süße Stimme hatte, einige Töne in den Schlauch hinein; aber niemand antwortete und vier Stunden vergingen, ohne daß wir etwas Neues hörten. Wir tranken ein wenig Branntwein und den Rest unseres Wassers. Das rote Flußwasser stand uns ja stets zur Verfügung. Endlich sahen wir eine Menge Menschen zu uns herabsteigen. Einige hielten Maschinen, deren Zweck uns unbekannt war. Sie versammelten sich um die Kiste und horchten aufmerksam auf die Befehle, die zwei Gelbe ihnen zu geben schienen. Die Untergebenen, die ihre Gebärden augenscheinlich wohl verstanden, begannen in die beiden gegenüberliegenden Seiten der Kiste, die den beiden Ufern des Flusses zu entsprechen schienen, Löcher zu bohren. Sie bedienten sich dabei mit großem Geschick kleiner Bohrmaschinen, mittels denen sie in Schachbrettform fünfzig Löcher in fünf Reihen machten. Diese Löcher hatten vier Zoll Tiefe in einer schiefen, von unten nach oben gehenden Richtung. Sie schraubten dann gleich lange Nägel hinein, die einen Ring als Nagelkopf hatten und befestigten an jedem Ring eine feste und dünne Schnur. Hierauf schwammen hundert Gefleckte, jeder mit dem Ende einer Schnur in der Hand, den Fluß hinauf, fünfzig gegen das rechte, fünfzig gegen das linke Ufer zu. Stellen Sie sich, Mylord, unsere Freude vor, als wir nun errieten, was sie zu tun beabsichtigten. Wie wir später erfuhren, hatten sie, an den Ufern angekommen, die Schnüre an Kräne gebunden, die sie auf den zwei gegenüberliegenden Ufern angebracht hatten und nun gleichzeitig in Bewegung setzten, und zwar so geschickt, daß wir, ohne ein einziges Mal das Gleichgewicht zu verlieren, nach zweistündiger Arbeit an die Oberfläche des Wassers gelangten. Der Fluß war hundert Klafter tief. Zu unserer größten Verwunderung traf uns ein Sonnenstrahl durch das oberhalb unserer Köpfe angebrachte Glas, das ich nun heraus schraubte; auch schob ich den uns nicht mehr nötigen Schlauch hinaus. Die genaue senkrechte Richtung dieses Sonnenstrahls bewies mir, daß in dieser Gegend, in die uns Gott gesandt hatte, in diesem Augenblick gerade Mittag war. Wir bemerkten von einem Fernrohr, das ich in meiner Hand behielt, keinen Schatten. So sagte ich meiner Schwester, wir befänden uns in der heißen Zone, unter dem ersten Breitegrad, doch könnte ich nicht angeben, ob auf der nördlichen oder südlichen Halbkugel. Auch darin erblickten wir eine Gnade der göttlichen Vorsehung, daß wir gerade bei Tagesanbruch in den Fluß hineinflogen; denn wenn dies bei fallender Nacht geschah, wären wir gestorben. Nachdem wir Gott für alle diese uns erwiesenen Gnaden gedankt hatten, stellten wir unsere Uhren auf zwölf Uhr. Es waren gerade acht Stunden verflossen, seitdem wir den Malstrom verlassen hatten; dort mußte jetzt schon Abend sein. Die Stunden genau ausrechnen zu wollen, wäre ganz unnötig gewesen, denn wir befanden uns in der Mitte derselben Erdkugel, die wir in unserer schnellen Reise durchflogen zu haben meinten. Da die Kiste bereits zur größeren Hälfte aus dem Wasser herausgezogen war, so konnten äußere Kräfte ihr nichts mehr anhaben. Das Ufer lag kaum zwei Zoll oberhalb des Flußbettes und die Mehrzahl der Schnüre war schon ganz parallel gespannt. Wir schraubten alle Ferngläser, die sich nicht mehr im Wasser befanden, heraus und betrachteten mit Verwunderung das schöne Land. Wir sahen zwar auf beiden Seiten des Flusses nur ein flaches Land sich erstrecken, das mit kurzem verschiedenfarbigem Gras bewachsen war, hie und da zerstreute Gruppen kleiner Bäume, kleine Baracken und kein einziges großes Gebäude, und doch schien uns diese Aussicht sehr hübsch, wenn auch eintönig. Sogar die zart rosig angehauchte Atmosphäre gefiel uns, und die köstlichen Klänge, die wir hörten und die uns den Lüften zu entströmen schienen, ließen uns vermuten, daß wir in den Garten der Wonne hinabgestiegen seien, den Gott dem Adam anwies, als er ihn erschaffen hatte und den man das irdische Paradies nennt; wieder vergossen wir Freudetränen und konnten vor Überschwang des Gefühls nicht sprechen: Übermaß der Gefühle nimmt dem Menschen die Fähigkeit, sie auszudrücken; aber die Huldigung, die unser Schweigen dem Allmächtigen darbrachte, war vollkommen, denn sie konnte nicht größer sein. Wäre da ein frecher Mensch gekommen und hätte gesagt, daß wir das Leben nur einem reinen Zufall verdankten, ich glaube, wir hätten ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Wir waren sicher, daß diese kleinen Wesen Mittel finden würden, uns zu befreien, nachdem sie sich schon so sehr bemüht hatten, uns aus dem Wasser zu ziehen. Unsere Zuversicht gründete sich auf die Neugierde, die sie ohne Zweifel antrieb. Eine unzählige Volksmenge bewegte sich auf den Ebenen rechts und links vom Flusse; sie waren alle nackt; meine Schwester war der Ansicht, daß es nur Engel sein könnten. Sie sprachen nicht mehr durch Gebärden; ihre Sprache war ein Gesang, der aber keinen musikalischen Regeln zu folgen schien; sie war harmonisch und glich einem Vogelgezwitscher. Acht bis zehn kleine Boote kamen nun in unsere Nähe, alles mit großen und kleinen Dauben beladen, die durch Weidenruten oder ähnliche Wanzen miteinander zu zwei, vier und sechs verbunden waren. Die niedlichen Bootsmänner, die alle von Geburt an Schwimmer waren, warfen sich ins Wasser, nahmen die Dauben und befestigten sie unter der Kiste, indem sie sehr geschickt kleine mit großen verbanden, und gebogene für das Vorder- und das Hinterteil wählten. Dies ging so flink, daß sie in weniger als einer Stunde ein Boot gemacht hatten, das vollkommen der Größe und Schwere unserer Kiste entsprach und dessen Ränder ihrer Höhe angepaßt waren. Eine gut arbeitende Pumpe entleerte das Boot vom Wasser, sodann wurden alle Nägel entfernt, von denen die Schnüre nach den Krähnen gingen. Sie hatten so genau das Maß genommen, daß die Ränder des Bootes einen Fuß über die Wasseroberfläche des Flusses herausragten. Zwölf Ruderer beförderten es in ein unweit des Ufers befindliches Bassin, von wo sie es ans Land zogen und in die Mitte der Ebene schleppten. Dort nahmen sie schnell alle Dauben auseinander, so daß die Kiste nur auf den drei letzten stehen blieb, die den Boden der Barke bildeten; das Bassin bildete einen Kreis von ungefähr zweihundertsiebzig Grad; ringsum war er von Schiffen und Booten besetzt, von denen einige sehr elegant waren. Mit Herzklopfen erwarteten wir den Schluß unseres Abenteuers. Wir überlegten, ob es geraten sei zu sprechen, doch entschlossen wir uns zum Schweigen, aus Furcht unsere Befreier zu erschrecken und vielleicht in die Flucht zu treiben. Was uns in Erstaunen versetzte, war die Sonne, deren Strahlen stets gleich senkrecht auf uns niederfielen. Einige Minuten, nachdem wir von dem uns umschließenden Boot befreit waren, das uns die Aussicht auf die herrlichen Felder versperrt hatte, sahen wir die uns umgebende Menge sich entfernen und dafür eine große Anzahl anderer Wesen, die langsam und in schöner Ordnung schritten, sich uns nähern. Alle waren nackt, mit Ausnahme von zweien, die an der Spitze marschierten, und die wir an den Ehrenbezeugungen, die man ihnen erwies, als die Führer erkannten; diese trugen blendend weiße Mäntel, die ihnen vom Rücken bis zu den Fersen herunterwallten und vorne offen waren; ein weißes Tuch umgürtete ihren Leib, von der Brust herab bis zu den Schenkeln. Diese beiden Persönlichkeiten waren rot. Sie näherten sich der Kiste, betrachteten sie mit der größten Aufmerksamkeit und besahen sich ganz besonders die Schraubenmuttern der Ferngläser. Auf einen angenehmen, gesangartigen Klang, der der Kehle eines von ihnen entstieg, näherten sich acht Gescheckte der Kiste und bildeten einen Kreis, indem jeder seine Arme um den Nacken seiner beiden Nachbarn schlang; sechs stiegen flink auf die Schultern der acht Männlein, drei andere auf jene sechs, zweie auf die der drei und einer sprang auf diese zwei; auf den letzten kletterte dann die Respektsperson im weißen Mantel und ließ sich auf unserem Dach nieder. Er mußte über so viele Menschenstufen steigen, da die Kiste inwendig sechs, nach außen aber sieben Fuß maß; ihm folgte sein Begleiter und beide legten sich auf den Bauch und schauten in die Löcher hinein. Wir bemerkten, daß sie sich zuerst mit einem klagenden Ausruf zurückwarfen und sich die Nase zuhielten. Ein Jahr später erfuhren wir, daß sie gesagt hatten: Oh! was für ein Gestank! Da sahen wir sechs von den Gesteckten von fünf- bis sechshundert Mann begleitet, die siebzig Karren zogen, von denen jeder acht Kubikfuß Kalk enthielt; sie luden ihn ab und errichteten einen Schacht, dessen vier Seiten je zwei Fuß von der Kiste entfernt waren. Bevor sie diesen Schacht so hoch geführt hatten, daß er uns jede Aussicht versperrte, sahen wir eine noch zahlreichere Menschentruppe ankommen; je zwei und zwei trugen vierhundert mit einem Stab versehene Kübel mit einer roten Flüssigkeit, die wir nicht für Wasser halten konnten, da sie wie eine halbstarre Masse zitterte. Binnen zwei Stunden wurde der Schacht bis zur Höhe unserer Kiste hinaufgeführt, und wir vermochten nichts mehr zu sehen, da vier Megamikren von der Höhe des Schachtes herabstiegen und mit Holzpflöcken alle Öffnungen unserer Kiste verstopften, mit Ausnahme jener, die sich oberhalb unserer Köpfe befanden und uns zum Atmen notwendig waren. Zwei oder drei Minuten später hörten wir ein dumpfes Geräusch, das alle Augenblicke unterbrochen wurde; dies dauerte eine Stunde. Dann hörten wir nichts mehr und blieben von tiefstem Schweigen umgeben. Stellen Sie sich, Mylord, unser Staunen und unsere angstvolle Ungewißheit vor, als eine, zwei, vier, acht, sechzehn, zwanzig Stunden vergingen, ohne daß wir etwas erfuhren, hörten oder sahen. Die Ungeduld, die Langeweile, der Hunger und die Verzweiflung bemächtigten sich unser wieder und zerrissen uns die Seele. Daß man uns völlig verlassen hätte, mußte uns unmöglich erscheinen; doch die Wahrscheinlichkeit schwindet vor der sie verneinenden Wirklichkeit. Wir waren tatsächlich verlassen und wohl für immer, denn weshalb sonst ließe man uns so lange allein? Weshalb hatte man die Öffnung unserer Fernrohre zugestopft? Wir meinten, sie hätten die beiden oberen nur aus Versehen offen gelassen. In was für eine Flüssigkeit aber hatten sie uns eingetaucht? Ob wohl unsere Vermutung sich bewahrheitete, daß sie den Brunnen mit der roten Flüssigkeit gefüllt hatten, die wir sie tragen sahen? Wenn sie uns befreien wollten, weshalb hatten sie nicht die Kiste in Stücke zersägt? Sie taten dies wohl darum nicht, weil wir ihnen Furcht eingeflößt hatten und weil sie unsere Ausdünstung fürchteten, die ihnen die Pest hätte bringen können. Wahrscheinlich hatten sie den Brunnen mit der Flüssigkeit gefüllt, um dies zu verhüten, und der rote Stoff würde wohl die Eigenschaft haben, uns mit der Kiste zu vernichten und gleichzeitig sie zu schützen. So boten wir alle unsere Erfindungsgabe auf, uns selber jede Hoffnung zu entziehen. Grübelei, die nach Gewißheit strebt, wenn es auch die eines Unglücks sein sollte, vermehrt die Trübseligkeit nicht; denn in solchen Fällen gibt es nichts Schrecklicheres als die Ungewißheit. Die Beharrlichkeit des Geistes, die die Augenscheinlichkeit eines unabwendbaren Unglückes nicht anerkennen will, ist öfter die Folge von Schwäche des Herzens, als von Stärke der Vernunft. Wir stellten aber auch Vermutungen auf, die unseren Wünschen entsprachen und uns einen Schimmer von Hoffnung gaben. Dieses Volk, sagten wir uns, wird wohl eine Religion haben und Priester, deren Rat man jetzt einholt. Sie brauchen vielleicht all diese Zeit, um den Willen Gottes von irgendeinem Orakel zu erfragen und so zu erfahren, wie sie sich dieser Bleikiste gegenüber zu verhalten haben, die in ihren Augen so groß ist wie ein Haus, und worin wir den Gebietern, die uns sahen, wie schreckliche Ungeheuer vorgekommen sein müssen. Diese Erscheinung muß alle ihre philosophischen Anschauungen erschüttert und ihren phantasievollen Theologen, an denen es auch bei ihnen sicher nicht mangeln wird, viel Stoff zu sophistischen Betrachtungen gegeben haben. Endlich sagten wir uns, daß die Neugierde hoffentlich doch den Sieg davon tragen, und daß man uns trotz aller Gegengründe am Ende doch herausziehen werde. Zwanzig oder dreißig Stunden, während denen der ununterbrochene Stand der Sonne senkrecht über unseren Häuptern mir zeigte, daß es in diesem Lande immer Tag war, genügten mir, da ich einige physikalische Kenntnisse besaß, um meiner Unwissenheit ein System anzupassen, wie dies die größten Philosophen stets getan haben. Ich sagte meiner Schwester, daß wir uns im Kerne unserer Erde befänden, und daß wir die ersten wären, die dorthin gelangt seien. Wie viele Wunderdinge könnten wir da sehen! Wenn wir nur auch wieder hinaus könnten! Wir hatten die Möglichkeit, die gelehrtesten von allen Sterblichen unserer Art zu werden; doch was hätte uns dies genützt, da wir nachher nicht imstande sein konnten, unsere Erfahrung und unser Wissen der Oberwelt mitzuteilen? Da wir nicht zurückkehren konnten, um mit dem erworbenen Lichte unsere wißbegierigen Mitmenschen zu erleuchten? Was hätten wir also mit unserem Wissen getan? Alles mußte ja mit uns wieder untergehen. Nach vierundzwanzig Stunden wandte sich unser Schicksal. Dreiundzwanzig Stunden, nachdem der Schacht errichtet worden war, überraschte uns ein Ereignis, das für uns die schlimmsten Folgen hätte haben können. Das Dach unserer Kiste begann einzustürzen; sein Zusammenbruch schritt langsam vorwärts und ließ uns das Traurigste befürchten, denn seine Schwere war viel größer, als nötig gewesen wäre, um unsere Schädel einzudrücken, und dies wäre bestimmt geschehen, wenn unsere Befreier noch eine Viertelstunde gezögert hätten, uns zu erlösen. Einer ihrer Leiter stieg auf den Schacht und sprang, wie wir später erfuhren, von dort auf unsere Kiste herab, die er, auf dem Bauche liegend, mit einem kleinen Eisen sondierte. Als er fand, daß sie genügend dünn geworden war, überzeugte er sich, daß man sie schon leicht in Stücke zerschneiden konnte, ohne sie länger zerschmelzen zu lassen. Wie ich weiter erfuhr, war diese Flüssigkeit ihr Quecksilber, dessen Wirkung jedoch der des unseren bedeutend überlegen ist; Sie wissen wohl, daß dieses flüssige Metall, in mehr oder weniger größerer Menge angewandt, alle anderen aufzulösen vermag. Nun durchbrachen sie rasch die Brunnenwand vier Zoll oberhalb des Bodens und das ganze Quecksilber floß heraus mit zehn Elfteln von dem Blei der Kiste. Sie fingen alles auf, ohne einen Tropfen zu verlieren und konnten dies um so leichter, da das Quecksilber dickflüssiger geworden war. Dann rissen sie eine ganze Seite des Schachtes nieder und sechzehn von ihnen näherten sich uns mit acht Pfählen von sechs Fuß neun Zoll Länge. Mittels dieser stützten sie das Dach ringsherum, das jetzt nur noch drei Zoll dick war, da sie die weise Vorsicht gehabt hatten, den Brunnen nur bis zur Höhe von sechs Fuß und neun Zoll mit Quecksilber zu füllen. Die Breite des nunmehr überstehenden Dachrandes betrug fünfeinhalb Zoll; dies beweist, daß das Quecksilber elf Zwölftel von der Dicke des Bleies, das Dach ausgenommen, zerschmolzen und in sich aufgenommen hatte. Als sie sicher waren, daß die Pfähle die Decke sicher stützten, die mindestens wohl zwanzig Zentner wog, brachen sie mit Hacken eine Öffnung in die Kiste, so daß wir vom Kopf bis zu den Knien zu sehen waren. Die beiden Vornehmen erschienen nun in dieser Tür und als sie unsere Gesichter sahen, die den ihrigen recht ähnlich waren, schienen sie erstaunt, doch nicht erschrocken zu sein, denn sie fanden, daß wir gutmütig aussahen. Nachdem sie uns eine gute Viertelstunde lang schweigend betrachtet hatten, sprachen sie miteinander und stimmten dann ein Lied an, das sehr freundlich klang und sicherlich etwas Bestimmtes bedeuten sollte, das wir aber nicht zu verstehen vermochten. Unser Schweigen schien sie sehr zu betrüben, und nun boten sie uns duftende Kräuter und hübsche Blumensträuße an, nach denen Elisabeth die Hand ausstreckte; ich folgte ihrem Beispiel. Dann sangen sie wieder eine wundervolle Melodie und schritten zurück, indem sie uns mit sehr zuvorkommenden Zeichen ersuchten, ihnen zu folgen. Das verstanden wir, doch wir wollten, um sie zu beruhigen, ihnen erst unsere Unterwürfigkeit und Friedfertigkeit beweisen. Als sie meinten, wir verstehen sie nicht, ließen sie den Brunnenschacht vollends niederreißen und die Kiste von allen vier Seiten öffnen. Alles geschah nach ihren Befehlen, doch im Augenblick, als man die letzten Hackenschläge oben gegen die Wand, unmittelbar unter dem Dach, führte, ereignete sich etwas Merkwürdiges und Eigentümliches, das sowohl uns wie alle anderen Anwesenden ins größte Staunen versetzte. Die Decke, an der der Magnet immer noch festhielt, löste sich plötzlich von den vier Ecken der Kiste, an der sie noch befestigt war, stieg senkrecht empor und zwar so schnell und mit solcher Gewalt, daß sie eine Minute später aus aller Augen gänzlich entschwunden war, und da man sie nicht wiederkehren sah, so waren alle sicher, daß sie sich in der Sonne verloren hatte, die der Mittelpunkt ihres Weltenraumes ist. Diese Annahme war auch ganz richtig, denn die Sache hätte sich gar nicht anders verhalten können. Dieses Ereignis beweist den Physikern unserer Welt die wirkliche, bisher verborgene Ursache der dem Magneten eigenen Neigung; es ist eine unüberwindliche Anziehung, die bei uns mit geringerer Stärke wirkt, sei es wegen der großen Entfernung von der machtvollen Wirkung des anziehenden Zentrums, sei es wegen der verschiedenen ihn davon trennenden, dazwischenliegenden Körper. Wir, die wir wußten, daß das Eisen es ist, das die Anziehungskraft auf den Magneten ausübt, haben daraus den bestimmten Schluß gezogen, daß die Sonne der Megamikren nichts anderes ist, als eine Eisenkugel oder eine Zusammensetzung der wichtigsten Bestandteile dieses Metalls, das wir vielleicht noch nicht genau kennen. Wenn die Kiste, worin wir uns befanden, im ganzen nur so viel gewogen hätte wie das Dach, das der Magnet mitnahm, so hätte der Magnet uns auf die Sonne gebracht, als wir in deren Bereich auf dem Grunde des Flusses angelangt waren. Das Blei, welches am Emporsteigen nicht mehr hinderte, wog zweitausend Pfund, doch ist es sicher, daß die Kraft des Magneten genügen mußte, achttausend Pfund zu heben; denn wie ich einige Jahre später berechnete, mußte die Kraft, die nötig war, um das Dach von den Seitenecken loszureißen, im Augenblick des Aufstieges seine Schwere um das Vierfache übersteigen. Dieses erstaunliche Phänomen brachte die bestürzte Menge zum tiefsten Schweigen. Die Physiker der Megamikrenstadt, die sich am Ort befanden, wußten sich dies auch nicht zu erklären und trauten sich nicht, irgend etwas vorzubringen, um der Pflicht ihres Berufes durch Angabe einer natürlichen Ursache gerecht zu werden; das Volk aber, das sich aus Physik gar nichts macht und nicht einmal glauben will, daß alles auf Erden eine natürliche Ursache haben muß, behauptete, es sei ein untrügliches Zeichen Gottes gewesen, der dadurch der Welt seinen Willen habe offenbaren wollen. Zwei anwesende Theologen bestätigten diese Meinung mit salbungsvoller Miene. Nun handelte es sich darum, zu erfahren, was Gott, der also zu ihnen sprach, damit sagen wollte; dies schien ihnen klar, denn wozu dient eine Stimme vom Himmel, wenn man nicht versteht, was sie bedeuten soll? Dies Geheimnis konnte nur dem Abdala bekannt sein, und so liefen sie auf der Stelle zu diesem, um sein Orakel zu hören und danach zu handeln. Dieses Ereignis hätte übrigens überall gewirkt, wo es eine herrschende Religion gibt, die von einer guten Polizei wohlweislich unterstützt wird. Unterdessen zerstückelte man die Überreste der Kiste. Als wir uns nun frei und ungehindert sahen, entschlossen wir uns, ein paar Schritte auf die Vornehmen zuzugehen, die bei diesem Anblick einen Hymnus anstimmten, der unsere Seelen erfreute. Dann sangen alle im Chor, und die zwei Herren tanzten vor uns voller Grazie. Nach ihnen tanzten alle, von den Klängen einer bezaubernden Stimme begleitet. Wären wir nicht so müde und hungrig gewesen, so hätten wir bestimmt geglaubt, am Aufenthaltsort der Seligen angelangt zu sein. Wir hätten erfahren, daß nicht die Hölle, sondern das Paradies sich im Innern der Erde befindet. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen auch sagen, daß der Tanz der Megamikren nicht von hörbarem Gesang begleitet zu sein braucht, seine Bewegungen genügen, um den Augen eine ebenso bezaubernde Harmonie darzubieten, wie es die Musik tut. Wenn die berühmten Tänzer bei uns sich einfallen ließen, ohne Begleitung einer Instrumental- oder Vokalmusik zu tanzen, sie würden uns wie Narren oder Betrunkene vorkommen. Als wir nun vor den Vornehmen standen, machten wir ihnen eine tiefe Verbeugung, wie wir die anderen sie hatten machen sehen. Dieselbe bestand aus einer Verneigung, die vom Unterleib bis zum Kopf einen Bogen beschrieb, wobei mit gerundeten Armen die Hände zum Munde gebracht und mit den mittleren Fingern die Lippen berührt wurden. Diese Begrüßung heißt Anbetung im vollsten Sinne des Wortes. Die beiden Vorgesetzten unterschieden sich von den andern nur durch ihre weißen Mäntel und durch die schönen Blumen, die in einem halbkreisförmig gelegten Kranz ihre reizenden Gesichtchen vor den Sonnenstrahlen schützten. Sie trugen auch noch als Auszeichnung vor den anderen weiße Pantoffeln, während die Roten grüne trugen, die Andersfarbigen aber sich darin an keine Regeln zu halten brauchten. Der äußere Bau ihrer Körper war, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, dem des unsrigen gleich. Nur war die Farbenverteilung merkwürdig. Die Roten hatten große, blaue Augen mit roter Regenbogenhaut und grünem Augapfel. Sie hatten grüne Lippen und grüne Zähne, und statt mit Zähnen war jeder Kiefer mit dreißig weißen Kügelchen besetzt. Diese Kügelchen waren nicht aus Knochen, sondern aus einem ziemlich starken Knorpel. Ihre Nägel waren grün wie ihre Lider und wie ihr schönes, welliges und lockiges Haar, das ihren ganzen Kopf bis zum Nacken bedeckte, wo es eine Art Wulst bildete. Als wir zuerst ihre Brüste sahen, hielten wir sie für Weiber, denn ihr Busen erhob sich unterhalb des Halses, endete ebenmäßig bei der Magenhöhle und hatte in der Mitte grüne Brustwarzen. Doch bei näherer Beschauung entpuppten sie sich als Männer. Später erfuhren wir, daß sie weder das eine noch das andere waren. Dort bei den Megamikren braucht man weder das eine noch das andere zu sein, und man hat keinen Begriff davon, daß die Menschheit in zwei Geschlechter geteilt ist. Wir haben diese Wesen Androgynen genannt, um ihnen einen Namen zu geben, der sie entsprechend bezeichnet, sowie um unsere Übersetzung an den Gattungsnamen anklingen zu lassen, den sie selber sich geben und aus den vier Vokalen AOIE besteht. Sie nennen sich auch EAIE, und dies brachte uns darauf, sie als Megamikren zu bezeichnen, um die Größe ihres Geistes und die Kleinheit ihrer Gestalt anzudeuten; doch müssen Sie nicht glauben, daß sie den platoschen Androgynen ähnlich seien; sie sind ganz anders. Man kann sie überhaupt nicht vergleichen, ihre Gestaltung ist eigentümlich und allen unseren Naturforschern ganz unbekannt. Wir haben auch an ihnen jenen Teil nicht gesehen, mittels dessen nach unserer Annahme das Kind im Mutterleibe seine Nahrung erhält; nur aus Unwissenheit haben wahrscheinlich Bildhauer und Maler an Adam und Eva dieses Zeichen abgebildet, das sie nicht haben konnten, da sie ja nicht von einer Mutter geboren waren. Wir betrachteten sie sehr aufmerksam, und sie prüften uns ebenso, als einige Diener kamen und zu unseren Füßen die Waffen niederlegten, die sie in den Taschen der Kiste gefunden hatten. Nach so vielen überstanden Mühen, und nachdem wir so viele Stunden hindurch keine andere Nahrung gehabt hatten als nur den hitzigen Branntwein, konnten wir uns begreiflicherweise kaum noch auf den Füßen halten. Ich war der Erste, der meiner Schwester den Gedanken eingab, daß wir uns auf den schönen Rasen setzen könnten, der mit buntfarbigen Kräutern bewachsen war, und dessen augenscheinliche Elastizität ein bequemes Lager verhieß. Und man konnte sich wirklich nichts weicheres wünschen; als nun einer von den Vornehmen uns auf dem Grase liegen sah, sang er einige Worte seinem Begleiter zu, der die nötigen Befehle weitergab, und wir sahen zehn oder zwölf Läufer davoneilen, die in einer Viertelstunde mit kleinen und großen verschiedengeformten Polstern zurückkehrten. Sie bildeten daraus neben uns zwei sehr bequeme Lager, wozu sie wenigstens fünfzig solche kleine Matratzen verwandten. Auf ein Wort, das man ihnen sagte, kamen zwei Gefleckte schüchtern heran, beugten sich und legten ihre kleinen Hände auf unsere Schuhe. Als sie sahen, daß wir sie gewähren ließen, wurden sie furchtlos und zogen uns dieselben herunter, worauf sie uns bis auf die schmutzigen Hemden entkleideten. Stellen Sie sich vor, Mylord, wie beschämt wir dastanden, nicht unserer Nacktheit wegen – denn sie alle waren nackt – aber des Schmutzes wegen, der den Zuschauern mißfallen und ihnen eine sehr schlechte Meinung über uns einflößen mußte. Während der ganzen Zeit dieser Beschäftigung sang und tanzte die ganze Versammlung und aus der sprechenden Harmonie verstanden wir, daß sie sich unserer Willigkeit und Unterwürfigkeit freuten, die sie nicht erwartet hatten. Als wir ausgezogen waren, gab man einen anderen Befehl und wir sahen am Rande des Bassins zahlreiche Wasserstrahlen in Bewegung gesetzt, die zwanzig Schritte im Umkreise und zehn Schritte in die Höhe schossen und niederfallend einen vollen Regen bildeten, der in der Sonne ein herrliches Farbenspiel bildete. Sie luden uns ein, von diesem Bad Gebrauch zu nehmen, und wir taten es mit wahrer Wonne. Zehn bis zwölf der herzigen Geschöpfe umkreisten uns singend, um uns von Kopf zu Fuß zu waschen, indem sie bis zu unseren Schultern emporstiegen; Sie vollzogen diese Arbeit mit dem größten Zartgefühl, wobei sie die Länge unserer Haare bewunderten, die blonden Elisabeths und noch mehr meine schwarzen, die ihnen wie ein wahres Wunder vorkamen. Ganz besonders versetzte sie in Staunen der sichtliche Unterschied zwischen meiner Schwester und mir. Sie sahen an mir, was meiner Schwester fehlte und an ihrer Brust das, was ich nach ihren Begriffen ebenfalls hätte besitzen sollen; diese Mängel ließen uns ihnen als ganz merkwürdige Wesen erscheinen. Als die Waschungen beendet waren, hörte der Regen auf und nun begannen sie uns mit der größten Geschicklichkeit mit roten, sehr weichen Tüchern abzutrocknen. Dann führten sie uns wieder zu unserer Lagerstatt, wo sie uns mit Gräsern und Blumen abrieben, deren köstlicher Geruch uns in unserer Erschöpfung stärkte. Kaum hatten wir uns ausgestreckt, als wir das Herannahen einer großen Menge hörten. Zahlreiche Menschen begleiteten einen Wagen, der von zwölf Vierfüßlern gezogen war, die zwar unseren Pferden nicht ähnlich waren, doch demselben Zweck dienten. Dieser Wagen hielt zehn Schritte vor uns an und sechs Personen, von denen jeder anderer Farbe war, entstiegen ihm. Sie näherten sich uns, währenddem sie zu einem der Gebietenden sprachen. Rings um den Knorpel, der ihre Stirn umgab und den ich von nun an Haube nennen werde, hatten sie eine durchsichtige Kugel; sie trugen ganz bunte Pantoffeln. Wie wir später erfuhren, waren es Alfakinen, die der Abdala ausgesandt hatte, um das ihm gemeldete Wunder in Augenschein zu nehmen. Diese sechs Wesen erschienen uns alt und häßlich; sie hatten schlaffe Brüste und rauhe Stimmen. Nachdem sie lange mit den Vorgesetzten und einigen anderen gesprochen hatten, wandten sie sich zu uns und redeten uns an, worauf wir uns als Antwort erhoben und sie mit einer Verbeugung begrüßten. Dann legten wir uns auf die Seite nieder, da es uns unmöglich war, auf dem Rücken liegend, das starke Licht der Sonne zu ertragen. Die Alfakinen schienen mit uns ganz zufrieden zu sein, schrieben ein Protokoll, baten die Gebieter, es zu unterzeichnen, grüßten uns und entfernten sich, vom Gesang der ganzen Menge begleitet. Wir bemerkten, daß man nicht nur unsere verschiedenen Gerätschaften, sondern auch unsere Kleidungsstücke neben uns hinlegte; wir gaben ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß wir für den Inhalt der Taschen dankbar seien; um ihnen jedoch zu beweisen, daß wir uns zur Nacktheit bekehrten, warfen wir alle unsere Lumpen weit von uns; dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn sie gaben ihrer Freude durch einen schönen Chorgesang Ausdruck. Dann näherten zwei Gefleckte sich uns und nahmen auf Befehl eines der Vorgesetzten Maß unserer Füße, um uns Pantoffeln anzufertigen. Die von uns weggeworfenen Kleider trugen sie davon, und wir haben uns nie mehr darum gekümmert, was aus ihnen geworden ist. Elisabeth war zwar besorgt, weil sie ihre Röcke weggegeben hatte, doch hat weder sie, noch haben später ihre Töchter an dem sonst gewöhnlichen Übel zu leiden gehabt, das ihr die Kleider unentbehrlich gemacht hatte. Mit großer Aufmerksamkeit besichtigten sie unsere Pistolen; sie konnten sich nicht vorstellen, wozu sie dienen könnten. Sie besahen unsere Uhren, doch schienen sie ihnen nicht sehr zu gefallen, obwohl sie deren Zweck offenbar kannten. Wir achteten bei dieser Gelegenheit auf den Tonfall ihrer Reden und prägten uns die Harmonie ihrer Sprache ein. Sie besteht nur in den sechs Vokalen: a, e, i, o, ü, u; Konsonanten haben sie gar nicht und ihr Gehörorgan ist so empfindlich, daß der Klang eines Konsonanten sie belästigt. Am meisten interessierten sie sich für die mathematischen und chirurgischen Geräte, obgleich sie nicht begreifen konnten, wozu sie wohl dienten. Unsere Miniaturbilder aus Elfenbein gefielen ihnen ganz besonders und erweckten ihr Staunen; sie betrachteten sie immer wieder, auf uns schauend und die künstlerische Ausführung bewundernd. Sie öffneten meine Brieftasche, und die darin befindlichen Papiere erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie sahen unsere Ringe, doch beachteten sie sie nicht besonders, obwohl sie nicht wertlos waren, denn wir haben sie jetzt in Venedig um fünfhundert Guineen dem Herrn Viola verkauft, einem ehrlichen Juden, der gut englisch spricht. Die Ringe, die Sie, Mylord, jetzt an unseren Fingern sehen, hat seit unserer Rückkehr noch niemand gesehen; wir zeigten sie nicht, um dem Gerede darüber zu entgehen, denn sie gelten bei Kennern für die größte Seltenheit, und ihr Wert ist unermeßlich; sie bilden in der Tat unser ganzes Vermögen, und wir wünschen einen Herrscher zu finden, der sie uns wird bezahlen können. Es sind vier Karfunkel, sie strahlen eigenes Licht aus und sind imstande, ein finsteres Zimmer zu erleuchten. Bemerken Sie auch, Mylord, daß sie sowohl oben wie unten in Facetten geschliffen sind; dadurch wird der Stein um die Hälfte kleiner, als wenn er wie die Diamanten der Oberwelt bearbeitet worden wäre. Nachdem die Gebieter unser schönes Haus bewundert hatten, berührten sie auch unsere Zähne und waren sehr erstaunt, daß sie aus Knochen bestanden. Inzwischen verschmachteten wir schon vor Durst, doch wußten wir nicht, wie wir ihnen dies sagen könnten und ebensowenig, wie wir ihn selbst stillen sollten. Endlich nahm meine Schwester eine Flasche in die Hand, führte sie an die Lippen und stellte sich sehr ungehalten darüber, daß sie leer war. Ich tat desgleichen. Daraufhin sprachen die Vorgesetzten untereinander, umarmten sich, tanzten vor uns, sangen ein hübsches Liedchen und streckten sich neben uns aus. Nie hätten wir geahnt, was ihre Absicht war, wenn sie uns dies nicht augenscheinlich gezeigt hätten. Sie küßten uns aufs zärtlichste, erfrischten unsere trockenen Lippen mit den ihrigen, die überaus zart waren und näherten dann unsere Lippen den Spitzen ihrer Brüste, wobei sie immer wieder ihre Freude bezeugten. Wir zögerten nicht einen Augenblick; doch waren Hunger und Durst nicht der wichtigste Grund, der uns dazu trieb, es galt auch, durch die Annahme dieses Freundschaftsbeweises sie von der Gegenseitigkeit unserer Gefühle zu überzeugen, und hätte es uns das Leben kosten sollen, wir hätten es angenommen, um ihnen zu zeigen, daß wir weder undankbar noch weniger höflich seien als sie, denn eine Weigerung hätte sie beleidigen und ihnen eine schlechte Meinung von uns beibringen können; sie hätten uns vielleicht verachtet und uns dann zum allermindesten Hungers sterben lassen. So sogen wir ihre Milch ein, indem wir gut aufpaßten, daß wir nicht mit unseren Raubtierzähnen ihre zarte Haut verletzten. Welch köstlicher Geschmack, welch herrliche Nahrung bietet die Milch der Megamikren, Mylord!! Sie befriedigte unseren Geschmack wie unseren Geruch und erweckte in unseren Sinnen alle Wonnen, deren wir fähig waren, alle Freude, die wir wünschen konnten in einem Maße, wie noch nie eine Speise uns je auch nur die geringste Vorstellung gegeben hatte. Diese Wirklichkeit verführte unsere Vernunft zu den unglaublichsten Phantasien. Uns dünkte, die uns bekannten Überlieferungen der Mythologie seien also doch keine Fabeln, wir seien tatsächlich im Lande der Unsterblichen und die Milch, die wir schlürften, sei der Nektar oder die Ambrosia, die auch uns die Unsterblichkeit verleihen werde, deren jene Wesen zu genießen schienen. Ein Gesang, der die Lüfte mit einer göttlichen Melodie erfüllte, schien uns diese angenehme Vermutung zu bestätigen. Nach fünf Minuten entschlüpfte unseren Lippen die Brust, der wir dieses herrliche, lebenrettende Naß verdankten, die Brust war entleert. Unsere Megamikren gaben uns wieder hundert Küsse und reichten unseren Lippen die zweite Brust, die wir wie die erste entleerten. Wir wußten ihnen unseren Dank nicht anders zu bezeigen, als daß wir sie unsererseits mit Küssen bedeckten, ehe sie uns verließen. Unsere Überraschung war aber groß, als wir zwei andere sich neben uns legen und uns dieselben Freundschaftsbeweise geben sahen, wie die ersten sie betätigt hatten; wir nahmen ihre Gaben an und dann die eines dritten, vierten und fünften Megamikren. Dieses Mahl dauerte eine Stunde und ich glaube, daß wir nie geendet hätten, wenn wir nicht zu unserem Schreck einige Tropfen Milch bemerkt hätten, die aus ihren Brüsten auf die unseren fielen, sie sahen aus wie Blut. Dieser Anblick stillte unseren unersättlichen Appetit. Wir gaben ihnen zu verstehen, daß wir vollkommen satt seien. Einige Diener boten sodann unseren lieben Ammen Kräuter und Blumen in schönen Körben an. Alle zehn nahmen sie, streuten sie über uns und rieben unseren Körper damit ein. Der herrliche Duft dieser Pflanzen erweckte in uns neue Wonne, aber der Sinn, womit wir diese am meisten genossen, war weder der Geruch, noch der Geschmack, wie man hätte glauben sollen, sondern ein sechster, den andern fünf ganz unähnlicher Sinn, welchen wir mittels unserer Nerven und unseres Blutes empfanden, auf die er durch die Berührung unserer Haut wirkte. Dieser Sinn, von dem ich Ihnen nur einen schwachen Begriff geben kann, ist bei den Megamikren die Urquelle des Nahrungssaftes, ihm verdanken sie, daß sie immer jung und gesund bis zu dem Lebensende bleiben, das die Natur ihnen vorgezeichnet hat, das jeder von ihnen kennt und das sie zu erreichen sicher sind, falls sie nicht etwa die Lebensvorschriften verachten, die man ihnen in der Zeit ihrer Erziehung beigebracht hat. Ich erfuhr, daß der letzte Augenblick ihres Lebens in einem Paroxysmus dieses Sinnes gipfelt, den wir nicht besitzen, da die ihn bildende Urquelle uns fehlt. Vielleicht würde auch unsere Religion nicht damit einverstanden sein und würde einer Freude Einhalt tun wollen, die, nachdem sie uns die Jugend erhalten hätte, schließlich unser Tod wäre. Nach den Einreibungen mußte unsere schwache Natur sich unfähig bekennen, noch mehr solche für uns ganz neue Genüsse zu ertragen. Diese Erschöpfung äußerte sich in einem tiefen Schlaf, der sich unser bemächtigte und uns so fest in seinen Banden hielt, daß die guten Megamikren alles mit uns machten, was sie wollten, ohne daß uns irgend etwas aus dem Schlummer zu wecken vermochte, der uns zwar lebend erhielt, sich jedoch aller unserer animalischen Fähigkeiten bemächtigte. Was alles währenddem mit uns geschah, dies erfuhren wir erst, als wir ihre Sprachen erlernten, und ich werde Ihnen später darüber berichten. Jetzt will ich Ihnen nur die Eindrücke schildern, die ich empfand, als ich wach wurde. Das erste, was ich erblickte, war meine Schwester, die neben mir im tiefsten Schlafe lag; ich hörte sie nicht atmen, und so glaubte ich zuerst, sie sei tot; erst nach und nach vermochte ich meine Gedanken zu sammeln. Die Erstarrung, in der ich gelegen hatte, hatte meine Sinne angegriffen und stumpf gemacht; nur langsam kam ich zu mir. Meine Sehkraft war der erste Sinn, der seine Tätigkeit wieder aufnahm und alles, was ich um mich her sah, war mir neu. Ich sah ein Zimmer und merkwürdig geformte Möbel; eine Beleuchtung, die weder vom Sonnenlicht, noch von Lampen oder Fackeln herrührte, versetzte mich in solches Staunen, daß ich mich noch weniger zurechtfinden konnte; bis ich mich alles dessen besann, was uns seit der Abreise von London zugestoßen war, verging wohl eine halbe Stunde; ich begann, an alles zurückzudenken: an die Abreise, an den Schiffbruch, an das Untertauchen, an die erlittenen Qualen, an die Welt, in die wir geraten, an den uns bereiteten Empfang und die genossene Nahrung, an die Megamikren, die sie uns gegeben hatten – mit einem Wort, an alles, was uns beide anging. Es war mir, als hätte ich einen langen wirren Traum gehabt, dessen eigentümliche Einzelheiten mir langsam wieder in den Sinn kamen. Trotz allem Nachdenken aber fand ich mich schwer zurecht; ich kämpfte mit Zweifeln, die sich in meinem Innern erhoben und mir alles als Wahn und Narrheit vorstellten. Das Erwachen meiner Schwester kam mir endlich zur Hilfe. Sie selbst hätte noch mehr Zeit gebraucht, sich zurechtzufinden, wenn ich ihr nicht geholfen hätte, sich an alles nach und nach zu erinnern; ich mußte dabei ganz vorsichtig verfahren; es gibt Fälle, wo unser Begriffsvermögen geschont werden muß, eine Überfülle von Eindrücken kann um den Verstand bringen, wie Speisestücke, die ein Schlemmer in seiner ungeduldigen Gefräßigkeit verschlingt, ihn ersticken können. Als wir schließlich uns ganz zurechtgefunden hatten, sahen wir auf unsere Uhren; sie waren jedoch stehengeblieben und wir konnten nicht wissen, seit wie lange sie nicht mehr gingen. Als mir nun merkten, daß wir aus der höchsten Not in eine Lage geraten waren, die zwar ganz eigentümlich war, aber noch sehr glücklich zu werden versprach, wurden wir wieder von Rührung übermannt, wir weinten und betrachteten dankbar Gottes Werte, vor allem anderen das schöne Licht, das unser herrliches Zimmer beleuchtete. Um die Quelle dieses Lichts zu entdecken, standen wir auf und waren entzückt, weiße Schuhe vorzufinden, die, obgleich ohne Schnallen, doch sehr gut sich an die Füße schmiegten. Der Raum schien uns parkettiert zu sein, doch als wir zu gehen anfingen, sahen wir, daß dieser hübsche Boden ein Teppich war, der unter unseren Füßen leicht nachgab. Die Beleuchtung des Zimmers, das weder Fenster noch Oberlicht hatte, kam aus den vier Wänden. Es bildete ein regelmäßiges Achteck von neun Fuß Höhe und vierundzwanzig Fuß Durchmesser; unsere nebeneinandergestellten Betten standen in einem Alkoven, den man durch Vorhänge verdecken konnte und der zwölf Fuß tief und achtzehn Fuß breit war. Das ganze Zimmer war mit kleinen Polstersesseln ausgestattet, die wir kaum hätten benützen können, es standen aber außer ihnen rechts und links Sofas darin, die acht Fuß lang und zwei Fuß breit waren, auf denen wir also auch hätten schlafen können; sie waren nur fünf Zoll hoch, da sie für Leute geschaffen waren, deren Größe achtzehn Zoll kaum überschritt. Es gab da auch ziemlich große Tische, deren Höhe ebenfalls der Größe ihrer Schöpfer und Herren entsprach und auf denen Maschinen herumlagen, die man uns später als Musikinstrumente bezeichnete. Die Beleuchtung der Zimmer kam aus vier großen Platten, die neun Fuß hoch und breit waren und die leuchteten ohne zu blenden. Sie bestanden aus jenem Glase, das wir seiner Klarheit wegen als Kristall bezeichnen und waren mit Stahl unterlegt; zwischen der Kristallplatte aber und der Stahlplatte lag eine dünne Schicht einer phosphorischen Masse, die flüssig war, wie Quecksilber. Die vier anderen Wände enthielten die Phosphormasse nicht, sondern bestanden aus vier herrlichen Stahlspiegeln, die mit den schönsten venezianischen Spiegeln hätten wetteifern können. Diese Spiegel waren neun Fuß im Quadrat und wechselten mit den Lichtwänden ab. Der Phosphor wird flüssig in der Erde gefunden, er ist das teuerste Mineral und gehört nur den Herrschern, doch bildet es nicht deren größten Reichtum. Untertanen können ihn kaufen, denn er ist nicht nur das übliche Geld wie bei uns Gold, Silber und Kupfer, sondern er ist auch Handelsware. Wir hatten unsere Uhren aufgezogen und wohl eine Stunde mit dem Beschauen der verschiedenen im Zimmer befindlichen Gegenstände zugebracht. Wir waren allein, hätten gerne jemanden gesehen, doch sahen wir weder Fenster noch Türen. Hinter unseren Betten fanden wir einen kleinen Kasten, in dem alle unsere verschiedenen Gegenstände untergebracht waren; doch hatten wir keine Kleider und waren ganz nackt. Dies machte uns verlegen; nicht daß wir an Kälte gelitten hätten oder es als Unanständigkeit empfunden hätten, uns so vor unseren Gastgebern zu zeigen; denn die Erziehung der Megamikren läßt eine solche Vorstellung nicht aufkommen, aber dieser Zustand setzte uns selber einer Versuchung aus, der wir unmöglich widerstehen konnten, da wir zusammen leben mußten. Die Natur ließ uns keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir waren ganz allein und konnten nicht etwas befürchten, was unsere Unschuld uns nicht ahnen ließ. Hätten wir es vorausgeahnt, so würden wir niemals ein Gesetz gebrochen haben, das zu achten wir geboren und erzogen waren; und wir wären vielleicht eher gestorben, als daß wir es überschritten hätten. Plötzlich waren wir Mann und Frau geworden ohne irgendwie dagegen angekämpft aber auch ohne den Wunsch geäußert zu haben, es zu werden. Können wir dadurch die Natur beleidigt haben? Es war die Natur ja gerade, die uns dazu trieb, ohne daß unser Wille dazu beitrug! Und wenn unser Wille dabei nicht im Spiele war, kann unsere Vereinigung ein Verbrechen in den Augen Gottes gewesen sein, der doch diese Natur erschaffen hat? Wenn es ein Verbrechen war, wie die Religion, in der wir geboren und aufgewachsen sind, uns möchte glauben machen, dann möge Gott uns die Gabe geben, Abscheu davor zu empfinden, damit wir es, wenn nicht bereuen, doch wenigstens betrauern können. Wenn es aber ein Verbrechen war, wie hätte ein Gott der Rache es zulassen können, daß die Wirkung dieses Verbrechens eine Fortpflanzung war, wie man sie fruchtbarer sich nicht denken kann? Diese Fortpflanzung wurde vielleicht zu unserer zeitlichen Strafe. Wenn es sich so verhält, so frage ich, ob wir uns glücklich oder unglücklich darüber fühlen sollen, daß diese vermeintliche Strafe uns nie irgendwie betrübt hat, daß wir im Gegenteil sie stets als das größte Gut betrachtet haben, nachdem wir uns unzertrennlich vereint hatten, und indem wir einer unwiderstehlichen Triebkraft und Sinnesverwirrung nachgaben, von deren Möglichkeit wir nie zuvor eine Ahnung gehabt hatten. Glauben Sie nicht, daß wir nach dieser Handlung verwirrt und bestürzt gewesen wären oder uns geschämt hätten. Sie könnten dies vermuten, aber Sie würden sich irren. Keines von diesen demütigenden Gefühlen bemächtigte sich unser, weder Reue noch Gewissensbisse trübten je die Ruhe unserer Seelen, und wir lieben einander heute geradeso wie an jenem Tage. Die Zahl unserer Nachkommen, die zur Hälfte männlichen, zur Hälfte weiblichen Geschlechts sind, überstieg bei unserer Abreise vier Millionen. Diese glückliche Nachkommenschaft stammt von vierzig Töchtern, die meine Frau während vierzig Jahren gebar und zwar jedesmal als Zwillinge mit einem Jungen zugleich. Sie war zwölf Jahre alt, als wir dorthin kamen, und war bis in ihr 52. Jahr fruchtbar. Die Zwillingsbrüder meiner Töchter wurden stets deren Ehemänner, 40 Jahre hindurch, und ich war der erste, der ihnen das Beispiel der heiligen Treue gab, die in der Ehe die Gatten einander mit Ausschluß jeden anderen Wesens sich schulden. Und so ist bei meinem Stamme in all den vielen Jahren weder das Verbrechen selbst, noch ein Verdacht oder eine Versuchung zum Ehebruch vorgekommen; denn infolge eines Vorurteils, das ich ihnen einimpfte, glaubten sie immer, ihre Verbindungen seien unzertrennbar und sogar von der Natur bestimmt, die sie zur gleichen Zeit auf die Welt kommen ließ. Ich habe mich wohl gehütet, ihnen zu sagen, daß dies in England ganz anders aufgefaßt wird, oder gar ihnen zu erzählen, daß ihre Verbindungen dort als scheußliches Verbrechen gelten würden, denn sie hätten es mir doch nicht geglaubt. Ich lehrte sie die Anbetung eines einzigen Gottes in der heiligen Dreifaltigkeit und ein natürliches Gesetz in einzelnen Vorschriften, von denen ich Ihnen berichten werde, wenn es so weit ist. Wenn also meine Söhne als Gerechte leben, so werden sie ihr Heil finden, wie von den Menschen vor der Sintflut diejenigen es gefunden haben, die ohne Todsünden gelebt haben, und wie alle jene, die in der Liebe und in der Furcht Gottes gelebt haben, bevor noch das Gesetz der Gnade gegeben war. Da ich sicher war, daß nach der Menschwerdung Christi der Weg zum Himmel nur durch die Wiedergeburt durch das Wasser und den heiligen Geist zu erlangen ist, so habe ich alle meine Kinder getauft und ihnen die Taufe der ihren für die Zukunft anempfohlen. Alle meine männlichen Nachkommen habe ich stets einen Monat nach der Geburt beschnitten und habe ihnen nahegelegt, diese meine Vorschrift zu befolgen, was sie auch getan haben und sicherlich stets tun werden. Diese letzte Vorschrift habe ich ihnen aber nicht als eine göttliche hingestellt, sondern nur als etwas zur Reinlichkeit des Menschen Nötiges. Meine Beschneidung kann eigentlich nur Einschneidung genannt werden, denn sie ist nur eine einfache Lösung des Bändchens und keine Verstümmelung; ich hielt sie für das Gedeihen der Fortpflanzung für angezeigt, sowie auch, um neue Nachkommen vor gewissen Leiden zu schützen, denen nur die Unbeschnittenen unterliegen. Während der 80 Jahre, die wir dort verblieben sind, sahen wir kein Kind sterben oder an der geringsten Krankheit leiden, wie auch alle Entbindungen stets glücklich verliefen. Eine derartige Fruchtbarkeit hat uns zuweilen mißfallen, auch hätten einige Beispiele unsere Kinder unsicher machen und dadurch ihren Stolz ein wenig bändigen können. Sie sind fest überzeugt, daß der Mensch nicht stirbt und daß ich ihnen das Gegenteil davon nur sagte, um sie zu erschrecken. Als ich ihnen als überzeugendes Beispiel die Megamikren nannte, die auch sterben und zwar im Alter von 48 Jahren nach unserer Rechnung, so meinten sie, die Sterblichkeit der Megamikren bildete keineswegs den Beweis für die Notwendigkeit des Todes der christlichen Alfredskinder. In einigen Tagen werden Sie erfahren, wie wir dort zur Herrschaft gelangten, und Sie werden sehen, daß im natürlichen Lauf der Dinge nach hundert Jahren unsere Kinder die Beherrscher der ganzen inneren Erde sein werden, die in der Tat natürlich nicht größer ist als die unsere, da sie das nicht sein kann, aber insofern bedeutender ist, da sich dort wenigstens dreißigmal so viel bewohnbare Orte befinden als bei uns, und da es keine unerforschten Gegenden, keine Meere, keine Wüsten, keine unfruchtbaren, keine unbebauten, keine infolge Kälte oder übermäßiger Hitze verlassenen Länder gibt. Ich bin in der Lage, Ihnen alle Gesetze und Sitten der verschiedenen Nationen der Megamikren und alle Erzeugnisse jener Welt zu beschreiben, denn ich habe sie mehrere Male mit meiner unzertrennlichen lieben Elisabeth durchwandert. Die Zahl der Megamikren beläuft sich auf 30 000 Millionen und bleibt dabei aus Ursachen, die ich Ihnen später angeben werde; die Zahl meiner Nachkommen wird die ihrige in hundert Jahren übersteigen, wenn nicht ein Naturgesetz ihrer Vermehrung Einhalt tut, wie ein vor 22 Jahren eingetretenes Ereignis sie um die Hälfte verringert hat. Andere von uns nicht vorausgesehene Ursachen können und werden sie wahrscheinlich noch verringern, sonst würde in 300 Jahren die dortige Welt nicht mehr imstande sein, sie zu erzeugen. Alle meine Nachkommen sprechen englisch so gut wie wir, schreiben englisch und lesen und schreiben die Sprache der Megamikren, die nur eine einzige haben. Einige Megamikren, die getrachtet haben, unsere Sprache zu erlernen, brachten es so weit, sie verstehen und schreiben zu können, aber sprechen konnten sie sie nicht, weil ihnen die dazu gehörenden Organe mangeln; denn sie sind nicht imstande, alle Konsonanten auszusprechen, sondern können nur B, M, P und F aussprechen. Alle meine Kinder wissen, so wenig wie die Megamikren, etwas vom Altwerden, von Krankheiten, von Schlafbedürfnis und von der Notwendigkeit, sich von Fleischspeisen, Fischen oder Gemüsen ernähren zu müssen. Ihre Hauptnahrung besteht in einer sehr zarten Frucht, die man verbotene Frucht nannte, die alle Megamikren verehrten und zu berühren sich nicht trauten, und die sie heute nicht mehr verehren und vor der sie sich nicht mehr fürchten. Außerdem essen sie auch verschiedene Speisen, die mit Mehl zubereitet sind, das ihr wichtigstes Nahrungsmittel ist. Die Unbeweglichkeit ihrer Sonne ist die Ursache des ununterbrochenen Tages und das Fortbestehen einer Jahreszeit, die dem angenehmsten Frühling in Europa gleich ist. Ihre Sonne muß unbeweglich und ständig sein, denn sie übt einen gleichmäßigen Druck auf die ganze sie umgebende Atmosphäre, sowie auf den ganzen Umkreis der festen Erde aus, die von ihr überall gleich weit entfernt ist. Ihr Licht ist so blendend, daß man nicht straflos in sie hineinschauen kann; eine Lähmung des Sehnervs und gänzliche Erblindung könnte die Folge davon sein. Die weise Natur hat die Megamikren davor durch die ihnen angeborene knorpelige Haube geschützt, über die sie sich also nicht beklagen dürfen. Ich bin der Ansicht, daß jene Welt der große Magnet, die Anziehungskraft ist, die es bewirkt, daß alle auf unserer gewölbten Oberfläche befindlichen Körper festen Halt darauf haben. Einige von unseren Physikern haben dies im allgemeinen vermutet, doch da keiner von ihnen der Ursache nachgehen konnte, so vermochte auch niemand bestimmt zu behaupten, daß eine im Mittelpunkt des Erdkernes befindliche abstoßende Kraft einem anderen Menschengeschlecht es ermöglicht, sich auf der Rundung eines hohlgewölbten Bodens im Gleichgewicht zu erhalten. Die vollkommen kugelförmige Gestalt dieser Hohlrundung beweist uns, daß die Entfernung zwischen uns und den Megamikren dort weniger groß ist, wo die Erde, auf der wir uns befinden, plattgedrückt ist. Die Megamikren reisen sehr selten und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens, weil ihre Religion ihnen die Neugierde verbietet; dieses Gebot ist eine sehr weise Vorsicht, wenn es sich um eine sündhafte Neugierde handelt, doch wird die Frömmigkeit überall zum Vorurteil, wenn sie sich schwacher Köpfe bemächtigt, und Schwachsinnige sind nirgends selten. Ihr zweiter Grund ist der, daß ihre Welt fast überall gleichförmig ist, so daß es sich, wie sie sagen, nicht lohnt, eine Sünde zu begehen, um sie zu besichtigen. Die einzigen, die viel reisen, sind die Geschäftsleute, deren Neugierde nie verdächtig oder auffällig ist, da ihr einziger Grund Gewinnsucht ist und in jener Welt alles ihrem Spekulationssinn dienen darf; denn die Herrscher ziehen stets Nutzen davon, wenn etwas aus- oder eingeführt wird. Sie haben für ihre Reise zu Wasser wie zu Lande die denkbarsten Bequemlichkeiten; zu Lande wird der Verkehr durch Posten vermittelt, die jeder Herrscher unterhält. Sie laufen nach allen Richtungen und haben in Entfernungen von je fünf Meilen Station, wo die Tiere gewechselt werden; zu Wasser befördern Kähne zu sehr mäßigen Preisen die Kaufleute und deren Waren, dieser Verkehr ist sehr rege, da ihre ganze Welt vielfach von Kanälen durchschnitten ist. Da ihre Erde überall gleichmäßig bevölkert und bewohnt ist, so genießen sie auch den Vorteil, überallhin auf dem kürzesten Wege gelangen zu können; sie irren sich darin nie, da sie bis zu ihrem zwölften Jahr, das unserem dritten gleichkommt, gründlich erzogen werden und während dieser Zeit, außer in der Moral auch in Geographie unterrichtet werden; außerdem gibt es keine Stadt, wo nicht auf freiem Platz ein großer Globus aufgestellt wäre, auf dem alle Orte verzeichnet sind, so daß alle, die es brauchen, sich orientieren können. Es ist nicht möglich, dort eine Reise zu machen, ohne eine Kurve auf der Hohlrundung durchzuwandern, ganz so wie es bei uns nicht möglich ist, die Wölbungen unserer Oberwelt zu vermeiden; doch verhindert das nicht, daß die Megamikren ähnlich wie wir stets in gerader Linie gehen; denn, wie jedermann weiß, ist ein Kreis nichts anderes als ein Viereck mit unendlich vielen Seiten. Man übersieht dort die ganze Oberfläche, ohne daß der Blick durch irgendeinen hervorragenden Gegenstand gehemmt wird. Die Gleichmäßigkeit ihrer Ebenen wird nur hier und da durch kleine Wäldchen angenehm unterbrochen, die aus sogenannten heiligen Bäumen gebildet werden, den Grund dieser Benennung werde ich Ihnen morgen sagen. Alle Städte, alle Landhäuser, überhaupt alle Behausungen, sind unterirdisch angebracht, mit Ausnahme der Beobachtungstüren, doch ist auch deren Erhebung nur unbedeutend, da sie zur Feststellung der Entfernungen in einer Welt, wo jeder entfernte Gegenstand höherliegt als der Standort des Beobachters, nicht nötig sind. Die ganze Fläche jener Welt ist in Maße eingeteilt, die man dort O E nennt, und die wir Top nennen werden; alle Topen sind vollkommen quadratisch und von fließenden Bächen eingefaßt; die Grenzlinien konvergieren und divergieren abwechselnd vier bis sieben Zoll, dies ist erforderlich, um die Vierecke der Topen möglichst gleich zu machen, da es unmöglich ist, die Oberfläche einer Kugel regelmäßig mit gleichen Quadraten zu bedecken. Auf größeren Straßen sind diese Bäche oder Kanäle überbaut. Jeder Top bildet ein Viereck von 100 Klaftern, folglich enthält er deren 10 000 auf seiner Fläche und in einem jeden befinden sich wenigstens acht unterirdische Wohnhäuser für sechs oder acht Paare Megamikren, die den Top bebauen; man findet nicht einen einzigen, der brach läge. Sie sehen, Mylord, mit welcher Genauigkeit und Leichtigkeit jeder Megamikre, der zählen kann, imstande ist, die Größe der Erde zu berechnen und deren Verteilung zu regeln; und zählen können dort alle. Die Häuser der Bauern sind klein und viereckig, doch haben sie drei Stockwerke, von denen jedes vier Fuß hoch ist; in ihrer nächsten Nähe befinden sich die Stallungen für das Vieh und die Scheunen und Schuppen, in denen sie die Früchte der Erde aufbewahren. Der erste Stock ist der einzige, der durch das Tageslicht erleuchtet wird, das schräg durch die kleinen Fenster eindringt; diese sind als Luftlöcher unter dem stets nur mit Balken ohne Fries versehenen Gesims untergebracht. In den Städten dagegen nimmt die Architektur einen hohen Rang ein. Man sieht große und schöne Bauten und die sogenannten Königshäuser, die sich gewöhnlich in allen Städten vorfinden, wo auch ein Abdala wohnt, sind sehr reich ausgestattet und sehr geräumig. Es sind Paläste, deren Tiefe, Länge und Breite hundert Klafter beträgt, die genau einen Kubiktop groß sind; ihre Oberflächen sind mit Höfen, Gärten, Kanälen und Wäldchen bedeckt, die alles in sich bergen, was Industrie, Wissenschaft und Luxus bieten können, um die Wünsche eines geistreichen, sinnlichen und prachtliebenden Herrschers zu befriedigen. Ein einziger solcher Palast enthält oft 10 000 Herrschaftswohnungen, die ebensoviele sehr bequeme Häuser bilden; dazu Wohnräume für 100 000 Diener, die alle voneinander getrennt sind; 100 große Säle von 8 Klaftern Höhe und 32 Klaftern Höhe im Quadrat; in diesen finden zauberhafte Konzerte statt, von denen ich Ihnen noch berichten werde. Die Tiefe kann aber nie 100 Klafter überschreiten, da dann die sumpfige angrenzende, von ihnen undurchdringlich genannte Materie beginnt, die sie vor meiner Ankunft für die den Rest der Welt bildende hielten. Es gibt dort Reichtum und Armut, Mein und Dein wie bei uns, und aus diesem Grunde befinden sich im Innern aller Städte, unterhalb der Wälle, Häuser, in denen die Armen aus Barmherzigkeit aufgenommen werden; sie sind den Häusern der Bauern ähnlich, doch ohne Stallungen und Scheunen. Diese Mitleidsgabe beruht auf einer Vorschrift ihrer Religion, nach der die Edlen und Reichen niemals dulden dürfen, daß das Elend ein Megamikrenpaar soweit bedrückt, daß sie nicht täglich wenigstens einige Stunden in diesem Raum ruhen können. Man zieht dort die Finsternis der Tagesklarheit vor; das ist ganz natürlich, denn was man immer besitzt langweilt, und das Tageslicht kostet nichts, während man Geld braucht, um die Dunkelheit herzustellen. Verbrecher werden dort stets nur zu hellen Kerkern verurteilt, wenn ihnen nicht mildernde Umstände zugute kommen. Ich habe in einigen Hauptstädten jener Welt Globen von verschiedener Größe gesehen, in die man hineingehen kann, um die genaue Abbildung der Erde zu sehen. Diese Kugeln sind durch eine runde Laterne erleuchtet, die im Scheitelpunkt an einem Seil aufgehängt ist. Diese Laterne entspricht im Verhältnis zu dem Globus der Größe der diese Erde bescheinenden Sonne. Sie ist aus Eisen verfertigt und inwendig hohl, eine Linie von ihrem Umfang entfernt mit Glas überzogen, unter dem sich Phosphor befindet. Die größten von diesen Globen gehören den Herrschern, sie haben bis zu 90 Klaftern Durchmesser und kosten so viel wie ein ganzes Königshaus. Man geht um diese Globen auf ganz schmalen Treppenwegen herum, die durch eine Menge miteinander in Verbindung stehender Spiralen um das Gebäude führen. Die Böden dieser Wege sind mit Hanfteppichen bedeckt. Die Weber, die größte Handwerkerklasse, bilden dort den zahlreichsten Stand; doch sind sie mit Ausnahme ihrer Vorsteher nicht die reichsten. Der Hanf wird als ein untergeordneter Arbeitsstoff betrachtet, da man aus ihm die Teppiche verfertigt, die die Fußböden aller Wohnungen bedecken, nur das Dach der Häuser wird aus Holz oder aus gebrannten Ziegeln gemacht. Da der Meridian der Megamikren stets und überall gleich ist, so hatten sie es nicht nötig, Breitegrade und geographische Längelinien sich auszudenken, doch haben sie sich Maße verfertigt, indem sie einen willkürlichen Punkt bestimmten, über den ich Ihnen später berichten werde. Den Durchmesser der Sonne haben sie auf eine Weise berechnet, die wenigstens nach meiner Ansicht die allereinfachste ist. Sie befestigten senkrecht ein Teleskop und neigten es dann so weit, daß sie nicht mehr die Sonne sahen, deren Körper sie hinderte, den ihnen gegenüberliegenden Ort der Erde zu sehen; nun bezeichneten sie die Stadt oder das Dorf, das sie auf diese Weise zu sehen bekamen und verfuhren dann ebenso auf der gegenüberliegenden Seite. Da ihnen die Entfernung zwischen diesen zwei Orten bekannt war, so stellten sie fest, daß die Entfernung der beiden Divergenten gleich dem doppelten des Durchmessers der Sonne war. Der Umfang der Megamikrenwelt beträgt 21 380 geographische Meilen und sein Durchmesser ungefähr 6690; somit ist dieser Durchmesser 184 Meilen kleiner als der bei uns am Äquator berechnete. Sie fanden bei der Berechnung der Sonne, daß die Enden der Divergenten 1344 geometrische Meilen voneinander entfernt waren; also berechneten sie den Durchmesser der Sonne auf 672, ihren Radius auf 336 Meilen. Die Entfernung des Mittelpunktes ihrer Sonne von ihrer Erdoberfläche muß 3395 Meilen betragen, doch sind hiervon die 336 Meilen des Radius abzuziehen, und so verbleiben 3059 Meilen, was zehn Halbmesser und 35 Meilen ausmacht. Der Durchmesser ihrer Sonne muß der 32. Teil des Umfanges ihrer Welt sein. Ein König zeigte mir einmal einen Globus, der 100 Klafter Durchmesser hatte; der Durchmesser seiner Laterne, den ich selbst gemessen habe, betrug neun Klafter und vier Fuß. Die Oberfläche ihrer Welt umfaßt 145 170 290 geometrische Meilen. Achtzig Königreiche und zehn Republiken besitzen jede ein Territorium von 110 Meilen Länge und 1100 Meilen Breite, was jedem dieser Staaten 1 210 000 Quadratmeilen Land verschafft; die übrigen drei Millionen Meilen nehmen größere und kleinere Vasallenstaaten ein, deren Zahl sich auf 216 belauft, alle diese Vasallenstaaten sind dreieckig. Es gibt keinen Vasallenstaat, der weniger als 60 000 Quadratmeilen Land und zehn Millionen Untertanen hätte; einige von ihnen haben je 50, acht andere sogar je 90 Millionen Untertanen. Diese Lehnsfürsten erkennen dem Monarchen oder der Republik, in deren Bereich sich ihre Staaten befinden, nur das Recht der Oberherrschaft zu; in allem übrigen sind sie eigene Herren, sie haben sogar ihre eigene Gesetzgebung. Alles, was ich Ihnen soeben vorgetragen habe, Mylord, ist nur reine Wahrheit; hieraus folgt die Tatsache: wenn der Durchmesser unserer Erdkugel 6874 geometrische Meilen beträgt, dann sind wir von der inneren Welt nur 92\½ Meile entfernt, und ich kann Ihnen nach meiner Erfahrung versichern, daß ich mich nur um eine Kleinigkeit in meiner Berechnung irren kann. Der Weg, den ich auf der Hinreise machte, läßt mich keine Schlüsse ziehen, denn da ich die Luft durchquerte, so war dabei jede genaue Berechnung ausgeschlossen; dafür habe ich auf meiner Rückreise sehr viel gelernt. Wenn wir so weit sind, werden Sie dies selbst einsehen; doch muß ich Sie darauf vorbereiten, daß Sie keine Anhaltspunkte finden werden, um den Weg zum Lande der Megamikren festzustellen; es bieten sich dabei Schwierigkeiten, die an physikalische Unmöglichkeit grenzen. Ich vermute, daß die Welt, aus der wir kommen, vollkommen von dem übrigen Teil der Erde abgeschlossen ist, und ich glaube sogar, daß deren glückliches physikalisches System nur dadurch sich erhält und fortbesteht, daß ihre Luft sich der unseren durch keine Öffnung mitteilen kann. Gegen die beiden Mächte, die sie so eingeschlossen halten, vermag der Mensch nicht zu kämpfen. Nachdem wir unsere Betten verlassen hatten, legten wir uns auf ein Sofa und dachten über den langen Schlaf nach, in den wir nach der ungewohnten, von unseren Gastgebern uns so freigiebig gespendeten Nahrung versunken waren. Aus der Gleichheit ihrer Gestaltungen zogen wir den Schluß, daß sie Männer sein müßten, die das Vorrecht hätten, in ihrem Busen die köstliche Milch zu bergen, die wir eingesogen hatten. Nun waren wir neugierig, auch die Frauen zu sehen, da ohne solche eine Fortpflanzung uns unmöglich erschien. Nach einiger Zeit stand ich auf, um nachzusehen, ob es keine Tür oder sonst irgendeine Öffnung gebe, aus der man hätte rufen können, und als ich neben dem Alkoven neben einem Verschlag ein sorgfältig bearbeitetes Viereck sah, das zwei Fuß groß war und in dessen Mitte sich ein Kettengriff befand, legte ich die Hand darauf und als ich ihn an mich zog, hörte ich ein angenehmes Läuten, das eine Minute lang dauerte. Das Viereck senkte sich, und wir sahen den Roten im weißen Mantel und blumenbekränzten Häubchen mit seinem Begleiter hereintreten. Sie sangen und tanzten vor uns, dann umfaßten sie unsere Füße, zogen uns zum Sofa und luden uns ein, neben ihnen Platz zu nehmen. Sie sagten uns sehr vieles, was wir leider nicht verstehen konnten, doch war uns der harmonische Klang ihrer Sprache sehr angenehm. Nachdem er uns eine lange Rede gehalten hatte, übergab er uns ein Schriftstück, worin alles, was er uns gesagt hatte, in allen Farben niedergeschrieben war. Als ich ihre Sprache erlernt hatte, übersetzte ich die Schrift ins Englische; ich kann sie Ihnen hier wiederholen, da ich sie treu im Gedächtnis behalten habe. »Als wir euch besinnungslos in den unbezwinglichen Schlaf versinken sahen, waren wir darüber nicht erstaunt, denn die Nahrung, die ihr begehrt hattet, wäre genügend gewesen, um zwanzig Kinder der Sonne zu betäuben. Wir hätten euch darauf aufmerksam gemacht, wenn wir auch nur daran hätten denken können, daß euch die Wirkung einer solchen Unmäßigkeit unbekannt wäre, oder daß ihr dieser unterliegen würdet, denn eure Natur schien ja der unseren weit überlegen und gegen eine so unglückliche Wirkung unempfindlich zu sein. Der Schlaf kann sich bei uns nur derer bemächtigen, die sich um die Fähigkeit zu denken gebracht haben, indem sie von dieser Nahrung mehr als notwendig ist zu sich nehmen. Trunkenheit ist uns durch göttliche Vorschrift verboten. Unser bürgerliches Gesetz aber bestraft sie mit Verlust der Ehrenrechte und indem es Diebstahl, an einem Schlafenden begangen, für straflos erklärt, selbst wenn der Dieb sich aller Möbel bemächtigt haben sollte. Stehlen ist bei uns nur in den Wohnungen Schlafender erlaubt; in jedem anderen Fall wird es sehr streng bestraft. Ein anderer Grund, der uns im Zaum hält und uns hindert, uns diesem Laster zu ergeben, ist der, daß der schwarze Schlaf eine so gefährliche Lähmung in unserm Blute hervorruft, daß wir merklich altern und daß die uns bestimmte Lebenszeit wesentlich verkürzt wird. Diese Lebensdauer beträgt sonst 192 Ernten. Wir haben während der Zeit eures Schlafes drei Metamorphosen der schwarzen Raupe beobachtet, um euch die nötige Hilfe angedeihen zu lassen, falls eure Trunkenheit euer Leben bedrohen sollte; als aber unsere Ärzte uns versicherten, daß euer Puls ganz normal schlage und daß jede Gefahr ausgeschlossen sei, ging ich in den Tempel und ersuchte den Abdala, das Orakel zu befragen, was ich tun sollte. Ich habe die erhaltenen Vorschriften buchstäblich befolgt. Man befahl mir, euch in meine Wohnung hinübertragen zu lassen und euer natürliches Erwachen abzuwarten. Das tat ich. Man befahl mir auch, euch zu sagen, daß Trunkenheit bei uns anstößig und lebensgefährlich sei. Ich antwortete darauf dem heiligen Herrn, daß dies mir nicht möglich sei, da ihr nicht verstehet, was die Sprache Gottes dem Geiste des Menschen sage; er bedeutete mir aber, es sei einerlei, ob ihr meine Rede und Warnung versteht oder nicht; es handele sich nur darum, daß euch dies gesagt werde und daß ich es euch schriftlich gebe – was ich hiermit tue. Er befahl mir, euch sofort die besten Sprachlehrer zu geben, damit sie euch lehren, unsere Sprache zu verstehen und zu sprechen. Er beauftragte mich auch, dem König, unserem Herrn, eure Ankunft mit allen begleitenden Umständen mitzuteilen. Ich habe jedoch nicht erst den Befehl des Abdala abgewartet, um diese Pflicht zu erfüllen, sondern sogleich, als eure Kiste ans Land geschleppt wurde, einen Kurier an den König abgesandt und einen zweiten, als ich euch außerhalb der Kiste sah. Ich soll auch euch bekanntmachen, daß ich der erste Vertreter Seiner Majestät bin und zwar als Gouverneur dieser Stadt, die eine seiner vier Grenzstädte ist, daß es zu meinem Amt gehört, über euer Tun ein Register zu führen; und daß ich euch deshalb ersuchen muß, mir, sobald ihr dazu imstande seid, mitzuteilen, wie es geschah, daß ihr zu uns kamt, wer euch hierher gesandt hat, wer ihr seid und was ihr bei uns wollt; denn trotz dem Wunder, das geschah, als das Dach eurer Kiste zum Reich der Seligen emporstieg, sehen wir es als ein sehr schlechtes Zeichen an, daß ihr unsere heilige Sprache nicht versteht. Dies beweist uns sehr klar, daß ihr nicht aus der Sonne stammt, die die Mutter aller vernünftigen Wesen ist.« Dies, Mylord, war alles, was die Schrift uns kundgab. Bedenken Sie, daß Sie, denen ich deren Inhalt mitteilte, damit Sie unsere Geschichte leichter verstehen, jetzt mehr wissen, als wir zu der Zeit wußten, da wir die Schrift in die Hand bekamen. Morgen werben Sie erfahren, was die 192 Ernten eines Megamikren sind, was die schwarzen Raupen und deren Metamorphosen sind und was uns im Verlauf unserer Geschichte zustieß. Beide guten Megamikren küßten uns und gingen. Nachdem der Gouverneur sich entfernt hatte, traten vier Gefleckte ein und drückten auf eine Feder, worauf sich eine Tür öffnete, die in einer der vier Spiegelwände angebracht war. Wir kamen auf diesem Wege in einen durch Lampen, die mit derselben Flüssigkeit gefüllt waren, erleuchteten schönen Saal. Dieser war viereckig und an seinen vier Wänden waren unten vier marmorne Becken angebracht, deren Ränder in gleicher Höhe mit dem Fußboden sich befanden, der mit einem herrlichen Teppich in den geschmackvollsten Farben bedeckt war. Die Wannen waren oval, vier Fuß lang und breit und ebenso tief. Man lud uns ein, hineinzusteigen und in demselben Augenblick wurde Wasser aus goldenen Hähnen eingelassen und zwei Gescheckte beeilten sich, mich zu waschen, während zwei andere denselben Dienst meiner Elisabeth in einer anderen Wanne erwiesen. Dann trockneten sie uns ab und rieben uns mit Kräutern ein, deren wohlriechende Düfte wir mit Freude einatmeten. Das größte Vergnügen aber machte uns ein Dienst, dessen wir sehr bedurften und um den wir sie jedoch nicht zu ersuchen gewußt hätten. Sie kämmten uns mit hölzernen Kämmen und frisierten uns mit ungemeiner Geschicklichkeit und mit viel Geschmack. Sie ließen uns ein halbes Dutzend dieser Kämme zurück, was uns sehr angenehm war. Zwei allerliebste Gefleckte kamen nun herein, deren vielfach in allen Schattierungen gefärbte Haut uns zum Lachen reizte. Sie brachten weiße Hauben, die den ihnen angeborenen Stirnhauben ähnlich waren, legten sie auf unsere Stirn und befestigten sie hinten an unseren Haaren mit Agraffen von Diamanten, die in rotes Gold gefaßt waren. So bedienten sie uns in der vorsorglichsten Weise. Dann führte man uns in ein kleines Kabinett, wo man uns allein ließ und wo sich die äußerst sauberen unentbehrlichen Toilettenräume befanden. Sodann kamen wir in einen Saal, wo wir unsere Gastgeber an einem Tisch sitzen fanden; sie sangen zu einer Begleitung, die von verschiedenen Musikinstrumenten ausgeführt wurde. Bei unserem Eintritt standen sie auf, ohne jedoch ihr Konzert zu unterbrechen und luden uns zum Sitzen ein. Nach dem Konzert kamen zwei Gelbe und zwei Blaue hinein und legten vier Bücher auf den Tisch. Zwei von diesen waren mit buntfarbigen Zahlen beschrieben. Die anderen waren weiß und schienen unbeschrieben zu sein. Das Papier der Megamikren wird aus Gräsern hergestellt, die getrocknet, zerstampft und mit Leim versetzt, dann angefeuchtet und wiederum getrocknet werden; es ist leicht, handlich geformt und so dicht, daß es im Notfall auch in England gebraucht werden könnte. Dann brachte man ein großes Tintengeschirr, worin sich sieben Becher mit verschiedenfarbiger Tinte befanden. Die Farben waren genau die des gläsernen Prismas, worin sich das Licht bricht. Neben dem Tintenfaß lagen einige Schreibfedern aus leichtem Holz, von denen jede an der Spitze sieben kleine Trichterchen hatte, die einzeln benützt werden konnten, ohne daß man dabei mit einer der anderen das Papier berührte. Jedes Trichterchen enthielt eine der sieben Tintenfarben und war so gut damit gefüllt, daß man einen ganzen Tag hätte schreiben können, ohne aus dem Tintenfaß nachfüllen zu müssen. Nun sollten wir die erste Sprachstunde erhalten. Man begann damit, uns die auf der ersten Seite eines der Bücher befindlichen sechs Zeichen zu zeigen, von denen jedes siebenmal und immer in einer anderen Farbe dargestellt war. Diese sechs Zeichen waren die sechs Vokale der Megamikren, die das ganze Alphabet bilden und aus denen alle ihre Wörter bestehen. Einer von den Anwesenden las uns deutlich und langsam dies Alphabet vor, das aus 42 verschiedenen Stimmausströmungen bestand, nämlich sechs mal sieben, da jeder Vokal in sieben verschiedenen Tonabstufungen gesprochen wird. Das zweitemal las ich mit ihm; hierauf kam meine Frau an die Reihe; sie wurde wegen ihrer Aussprache gelobt, die man der meinigen vorzog. Die Megamikren waren ungemein erstaunt, als wir schon beim drittenmal das ganze Alphabet ohne Nachhilfe zu lesen vermochten. Es war eine Skala von sieben Noten, jedoch wie die Quart bei den Griechen und Römern verteilt. Man fing mit C an, sprang zur vierten über, dann zur siebenten, dritten, sechsten, zweiten und fünften. Diese Ordnung sollte bedeuten, daß es sich nicht um Musik, sondern um eine singende Sprache handelte. Die Farbenfolge der Schriftzeichen war im gleichen Sinne zusammengestellt. Erfreut sahen unsere Gastgeber uns an. Die Bücher wurden zugeklappt und unsere Lehrer entfernten sich sehr zufrieden. Eine Laune Elisabeths bereitete unseren Freunden eine sehr angenehme Überraschung. Sie sang nämlich plötzlich eine italienische Aria cantabile; daraufhin küßten sie sie. In ihrer Begeisterung griffen sie zu den auf dem Tisch liegenden Instrumenten, von denen eins einer Laute, das andere einer Flöte entsprach; Elisabeth sang hierzu, während ich sie mit meiner Tenorstimme begleitete. Der unzertrennliche Begleiter des Gouverneurs drückte uns seine Dankbarkeit durch den Vortrag einer Euphonie aus; so nennt man ein sehr melodisches Lied, das von einer einzigen Stimme ohne Musikbegleitung gesungen wird. Plötzlich ein Klingeln, das einen Besuch anzeigte; die Tür tat sich auf, zwei Hochrote traten ein und wurden mit großer Liebenswürdigkeit empfangen. Alle sechs gingen wir nun hinaus, auf bequemen Treppen, deren Stufen nur einen Zoll hoch waren und gelangten in einen Hof, wo ein sehr schöner offener Wagen unserer harrte. Zwölf herrliche Vierfüßler waren in drei Reihen vorgespannt. Ein einziger amarantfarbener Kutscher mit grünem Kopf hielt die Zügel in seiner Linken und bediente sich sehr geschickt mit der Rechten einer Riemenpeitsche; wenn er nach rechts wenden wollte, rief er I –A; wenn er U–A rief, wandten die Pferde sich nach links. Ein französischer Matrose sagte mir vor acht Tagen, Karrenpferde in seiner Heimat hörten genau auf dieselben Töne, nur schlugen sie dabei gerade die umgekehrte Richtung ein. Jene zwölf Tiere waren unseren schönen dänischen Windhunden von der kleineren Sorte ähnlich; sie waren vierzehn Zoll hoch, von violetter Farbe und schienen lauter Männchen zu sein. In einer Viertelstunde sehr rascher Fahrt brachte unser Gefährt uns vor die Tür der Kathedrale. Das Tor war nicht hoch, da die Gestaltung der dortigen Welt es dem Ebenmaß nicht erlaubt, durch Tore zu glänzen. Wir gingen dann eine Rampe hinunter, die sich spiralförmig wand und, soweit dies notwendig war, mit phosphorischen Laternen erleuchtet war. Die sanft absteigende Rampe zog sich fünfmal um den Tempel herum, bevor sie zu dessen Eingang führte. Der Tempel war vierzig Klafter hoch und hatte fünfzig Klafter Durchmesser; er wäre ganz kugelförmig gewesen, wenn er nicht einen flachen Boden gehabt hätte, der den fünften Teil seines Umkreises einnahm; er war aus verschiedenfarbigen Holzwürfeln regelmäßig zusammengesetzt und zwar mit solch künstlerischer Sorgfalt, daß die Fugen gar nicht zu bemerken waren. Eine leuchtende Kugel von einem Klafter Durchmesser erhellte den Tempel in der Mitte; fünfhundert gut verteilte Lampen, die oberhalb von fünfhundert Bogen angebracht waren, zeigten die Herrlichkeit des Baus und beleuchteten die Abbildungen von den fünfhundert Städten der Monarchie. In der Mitte des Fußbodens, genau unter der Leuchtkugel, befand sich eine Art Brunnen, der von vierundzwanzig kleinen, zwei Fuß von einander entfernten Säulen eingefaßt war. Nach einem kurzen Vorspiel hörten wir unterirdische Klänge einer Symphonie und gleichzeitig sahen wir vierundzwanzig Megamikren emporsteigen, deren Schulter und Brust mit einem roten, vorn offenen Mantel bedeckt waren; oberhalb der Haube hatten sie gelbe Halbmonde und an den Füßen gelbe Baboschen; sie schienen alt zu sein. Nach ihnen kamen achtundvierzig Megamikren, die alle Farben außer Weiß und Rot vertraten, aus dem Brunnen hervor; sie zeichneten sich durch runde Laternen aus, die sie auf den Köpfen trugen, in der Hand hielten sie große Papierblätter, auf denen die Musik, die sie vortragen sollten, geschrieben war. Sie umkreisten in schöner Ordnung die vierundzwanzig zuerst Erschienenen und die Musik begann; gleichzeitig öffnete sich der untere Teil der Lichtkugel und wir sahen auf einem glänzenden Halbmond einen Megamikren herabsteigen, der wie eine goldene oder vergoldete Statue aussah. Es war der Abdala. In seinen Händen hielt er oberhalb des Kopfes die beiden Spitzen eines zweiten Halbmondes, der im Durchmesser einen Fuß lang und dabei einen halben Zoll breit war; er war aus einem einzigen Rubin herausgeschnitten. Langsam wurde er herabgezogen bis er zehn Fuß oberhalb des Bodens anhielt. Er stand auf einem Becken, dessen vier Ecken an vier Schnüren hingen. Hierauf erhob sich aus dem Brunnen bis zum Becken ein mit Stufen versehener Thronsessel, auf dem der Oberpriester Platz nahm. Nun begann das große Konzert, das eine Stunde dauerte. Jeder Gesang endete mit einem Refrain, den alle Anwesenden wiederholten. Beim zweiten Refrain erlaubten wir uns, unsere Stimmen denen des Volkes beizumischen. Die Überraschung war so groß, daß wir die einzigen waren, die bis zum Schluß sangen. Der Abdala stieg wieder zur Lichtkugel empor, die Priester zogen sich unter den Klängen einer unterirdischen Orgel in den Brunnen zurück, wir aber sahen einer großen Zahl von Ministranten zu, die überall im Tempel auf goldenen Schüsseln Pflanzen und Blumensträuße von allen Megamikren einsammelten; dann wurden sie verbrannt und erfüllten den Tempel mit sehr angenehmem Geruch. Eine kurze Weile blieb der Tempel nur von der Lichtkugel erleuchtet; die fünfhundert Lampen schienen erloschen zu sein. Die Alfatinen sagten zwar nicht, daß dies ein Wunder sei, doch ließen sie das Volk bei seiner Meinung. Später erfuhr ich, daß durch einen Druck auf eine Feder alle diese Lampen mit kleinen Schildchen bedeckt wurden. Hierauf gingen alle hinaus, wir bestiegen den Wagen und kehrten nach Hause zurück. Die Straßen waren alle schön, breit, geradlinig, oben mit Teppichen verdeckt; zu beiden Seiten befanden sich Häuser und Läden. Diese Straßen sind gewöhnlich nur zwei Klafter breit und tief in die Erde hereingegraben, die ihren Boden bildet; denn sie sind nicht gepflastert; dieselbe Erde bildet die äußeren und inneren Mauern ihrer Häuser; diese Erde ist, wenn sie nicht bearbeitet wird, beinahe so hart wie Stein; nur ist sie stets sehr porös. Zwischen dem Gesims der Häuser und den Rändern der Teppiche, die die Straße von oben bedecken, bleibt nur ein freier Raum von einem halben Fuß; unter dem Gesims aber befinden sich aneinandergereihte Fenster. Die Teppiche sind mittels Schnüren in Abständen von zehn Klaftern am Gesims angebracht. Diese Vorrichtung verhindert, daß das Licht zu blendend wirkt, sowohl auf der Straße wie in den oberen Stockwerken der Häuser, die stets nur von der Dienerschaft der Reichen oder von Leuten bewohnt werden, die nicht in der Lage sind, sich Phosphor kaufen zu können. Unbedeckt sind dort nur große Plätze und Dorfstraßen. Als wir dem Wagen entstiegen, betraten wir einen großen Saal, der voll von Menschen aller Farben war. Der Gouverneur und sein Begleiter setzten sich auf eine Art von zweisitzigem Thron. Während der drei Stunden, die sie dort saßen, unterhielten wir uns damit, die Sitten dieses glücklichen Volkes zu beobachten und darüber nachzudenken. Alle Anwesenden kamen uns anzuschauen und wir bemühten uns, so zu tun, als ob wir dies nicht merkten; wir bedauerten, daß wir die über uns gemachten Witze, die sie zum Lachen anregten, nicht verstehen konnten. Ihr Lachen ist reizend und gefiel uns sehr, obgleich sie auf unsere Kosten lachten. Wir bestrebten uns, ihnen immer voller Achtung entgegenzutreten, da wir wußten, wie wichtig dies war. Während dieser drei Stunden war der Gouverneur damit beschäftigt, Prozesse zu entscheiden; denn Sie dürfen nicht glauben, daß die Megamikren das Vorrecht hätten, stets in allem gleicher Meinung zu sein, Überall, wo vernünftige Menschen sich befinden, muß die Eigenliebe auch Voreingenommenheiten und verschiedene Meinungen hervorrufen, die natürlich Streitigkeiten zur Folge haben. Nach beendigter Tagung ging der Machthalter mit uns in einen kleineren Saal. Wir nahmen vor einem Instrument Platz, auf dem zwölf Megamikren durch Anschlagen von Tasten eine so herrliche Symphonie hervorbrachten, wie sie bei uns in England ein Orchester von dreißig Instrumenten kaum hätte bieten können. Wir waren vierundzwanzig an der Zahl, die diesem schönen Konzert beiwohnten und saßen auf einem Sofa dicht vor dem Musikinstrument. Dieser Sitz war zwei Fuß breit und hatte zwölf Fuß Umfang; er diente zugleich auch für die Mahlzeiten. Diese bestanden aus fünf Gängen, die stets alle auf einmal aufgetragen wurden. Jede Schüssel enthielt eine rote Suppe, die weder flüssig noch ganz fest war; es war eine Art Brei, doch war dessen Geschmack weder dem der Bohnen, noch der Linsen, noch dem irgendeines anderen Gemüses ähnlich; es war eine Art in Wasser gekochten Mehles, dessen ganze Schmackhaftigkeit in der Zubereitung bestand. Diese Speise war weder heiß noch kalt, sondern angenehm lau; der verschiedenartige Geruch verlockte, von einer jeden zu kosten, und alle waren von köstlichstem Geschmack. Das Mehl, woraus man diese Breisuppen macht, stammt von einem runden, roten Korn, das man alle drei Monate zu gleicher Zeit mit dem Hanf erntet. Dazu werden stets drei Tage verwendet, das heißt dreimal zwanzig Stunden; am ersten Tage wird geerntet, am zweiten gesät, am dritten geht man in den Tempel. Der erste dieser Tage ist gewöhnlich der letzte ihres Jahres; der zweite ist der erste des neuen. Drei von unseren Monaten sind für sie ein Jahr, oder, was dort gleichbedeutend ist, eine Ernte. Diese drei Tage sind ihre einzigen Feste, ihr Karneval, ihre Orgien; nach vierzehn Arbeitsstunden verbringt man die anderen sechs, die sonst zum Ausruhen bestimmt sind, in Freuden; Maskeraden, öffentlichen Spielen und allen möglichen sonstigen Unterhaltungen. Während dieser drei Tage denkt man nicht an Ruhe. Jeder Megamikre ist durch eine Vorschrift seiner Religion zum Arbeiten verpflichtet; durch Arbeit werden nach ihrer Meinung Festtage geheiligt; einige Raststunden erlauben sie sich nur an Werktagen. Das Korn, woraus sie ihr Mahl zubereiten und das sie sehr sorgfältig mahlen, ist einer der drei Hauptreichtümer der Megamikren, darum werden auch dort die Grundbesitzer höher geschätzt als diejenigen, deren einziges Gut Gelehrsamkeit ist. Die Köche sind dort sehr geachtete Persönlichkeiten; sie sind zugleich Apotheker und Chemiker von Beruf, denn sie müssen nicht nur die guten Kräuter und Blumen kennen, sondern auch die Kunst verstehen, Wohlgerüche aus ihnen zu bereiten. Sie müssen auch die Bestandteile ihrer Mischungen kennen, um stets neue Speisen zu erfinden, deren Zusammenstellung ihr Geheimnis bleibt. Sie dürfen nicht einer Küche vorstehen, bevor sie dazu die Bewilligung des Ärztekollegiums erhalten haben, das dort aus sehr gelehrten und hochgeschätzten Männern besteht, und müssen sich vorher einer Prüfung der allgemeinen Botanik unterzogen haben. Dies hat nun zur Folge, daß wirklich hervorragende Köche in jenem Lande sehr selten sind, daß sie sehr teuer bezahlt werden und deshalb auch sehr reich sind. Die auf den Tischen stehenden Mehlspeisen werden mittels heißen Wassers warm erhalten, das sich in Zwischenwänden der Schüsseln befindet; alle Anwesenden bekommen vom Haushofmeister eine gleiche Portion zugeteilt und es kommt sehr selten vor, daß jemand noch um eine zweite Portion von einer ihm besonders schmeckenden Speise ersucht. Dieses Mehl ist, wenn es nicht entsprechend zubereitet wird, ganz geschmacklos und sogar ungesund, so daß selbst die Armen es nicht anders als mit billigen Kräutern gekocht essen, solche Kräuter werden ihnen oft von den Reichen als Almosen gegeben; sie bieten einen zwar genügenden, doch ziemlich unangenehmen Ersatz für die Milch. Alles Gute ist eben überall selten und deshalb auch teuer. Bei jeder Mahlzeit saugt ein jeder Teilnehmer die Milch seines Nachbars, der ihm darauf den gleichen Dienst erweist und deshalb zu seinem unzertrennlichen Kameraden wird, ohne den er sich auch nirgends zeigen würde. Wenn die Megamikren zum fünftenmal getrunken haben, kommt die Reihe an den Nachtisch. Das Mus ist ihre Speise, die Milch ihr Trunk, und wie wir Menschen ohne zu essen nicht leben können, so vermögen es die Megamikren nicht ohne zu trinken; das reine Wasser aber ist ihnen als Trunk durch eine religiöse Vorschrift verboten. Wer nach dem Mus keine Milch trinkt, setzt sich einer tödlichen Magenkrankheit aus; es unterbleibt daher niemals. Das Saugen dauert stets nur eine Minute und geschieht bei Tisch gleichzeitig; dann küssen sie sich herzlichst. Sie unterhalten sich bei Tisch genau wie es auch bei uns üblich ist. Ihre Teller sind aus Gold, aus Porzellan, aus glasierter Erde oder aus Holz; ihr Besteck besteht aus fünf Löffeln und einer Kristallflasche, die mit einer Schraube verschlossen ist; ihre Tischtücher sind von rotem Linnen, und so fein, wie wir sie nicht schöner haben könnten. Ihre Speisen können nie von einem Tag auf den andern aufbewahrt werden, denn nach sechs Stunden bildet sich auf ihnen ein Schimmel von abstoßendem Aussehen und Geschmack. Der Nachtisch besteht aus einem Körbchen mit Kräutern, das man vor jeden hinstellt; dann machen alle gleichzeitig die zugeschraubten Flaschen auf, und lassen daraus ein wenig von dem darin enthaltenen roten Pulver auf den Inhalt des Körbchens fallen, der sich sofort entzündet; eine herrliche hellblaue Flamme entsteigt ihm und erfüllt das Zimmer mit köstlichem Wohlgeruch. Nach fünf Minuten sind die Kräuter zu Asche geworden, und das Gastmahl, das eine Stunde gedauert hat, ist zu Ende. Jetzt, Mylords, nachdem Ihnen bereits die Art und Weise bekannt ist, wie die Megamikren essen, will ich Ihnen von uns berichten, die wir dabei saßen, ohne davon so viel zu wissen, wie Sie jetzt durch meine Erzählung. Vom Beginn der Mahlzeit an hielt schon die ganze Gesellschaft die Augen auf uns gerichtet, und alle sahen uns erstaunt an, als sie bemerkten, daß ich nicht nach dem ersten Mus meine Lippen an Elisabeths Brüste legte. Wir wußten nicht, wie wir uns benehmen sollten und saßen verwirrt und beschämt da, ohne zu wissen, wie wir sie befragen sollten, was doch notwendig zu sein schien. Sie begriffen nicht, weshalb ich nicht von meiner Unzertrennlichen die mir gebührende Nahrung nahm, da sie doch deren feste Behälter auf ihrer Brust sahen, obgleich sie recht klein waren, da sie ja erst zwölf Jahre zählte. Als sie aber sahen, daß an mir solche Brüste nur angedeutet waren, wurden sie ganz stutzig. Sie dachten sich nun, ich wollte vielleicht nicht an ihr saugen, da ich nicht imstande sei, ihr dies auf gleiche Weise zu vergelten. Als dieser Gedanke dem Gouverneur kam, sagte er ein Wort zu seinem Begleiter, und dieser ließ zwei blaue Megamikren eintreten, die Elisabeth liebkosten und sie dann stillten. Dann näherten sie sich mir, und da sie nicht wußten, wie sie sich verständlich machen sollten, nahmen sie meinen Kopf und legten ihn an Elisabeths Brust; sie schienen sehr gekränkt zu sein, als sie sahen, daß ich auf ihre Idee nicht einging und wohl eher wünschte, sie möchten mir denselben Dienst erweisen wie meiner Elisabeth. Der Gouverneur sprach daraufhin zu seinem Freunde, der ihm mit sehr ernster Miene antwortete, und die ganze Gesellschaft schien seiner Meinung zu sein. Ich bemerkte Betrübnis im Gesichtsausdruck einiger Megamikren. Als wir ihre Sprache erlernten, wiederholte der Gouverneur uns ihr ganzes Gespräch. Als die Megamikren uns zum erstenmal erblickten, war es nicht unsere Größe, die sie am meisten ins Staunen versetzte, auch nicht unsere Hautfarbe, und nicht unser Erscheinen in einer bleiernen Kiste, die ihnen als aus der Erde herausgewachsen zu sein schien, obgleich dieses Phänomen ihnen ganz neu und unerhört war, war das, was sie in das größte Staunen versetzte, unsere Körpergestaltung. Sie sahen, daß ich mit Ausnahme des Busens und der Stirn ihnen gleichgeformt war, nur daß ich in der Mitte des Bauches das Zeichen der Entbindung, den Nabel hatte, den sie nicht haben, da sie auf eine andere Weise als wir auf die Welt kommen. Sie konnten es nicht fassen, wie die Natur ein Wesen ohne die ihm nötigen Nahrungsbehälter schaffen konnte, da sie keine Ahnung davon hatten, daß man die Nahrung von wo anders entnehmen könnte; sie sahen auch vollkommen ein, daß ich von Elisabeth das nicht verlangen konnte, was ich ihr nicht wiedergeben konnte, und dachten darüber nach, von wo sie, die doch davon zu geben vermocht hätte, die ihr notwendige Nahrung nahm. Und dafür fehlte wiederum ihr das, was sie von mir und von ihnen deutlich unterschied. Sie urteilten also, daß sie ein Tier von einer ganz anderen Gattung als ich sein müsse. Diese Wesen, meinten sie, müssen entweder von der Natur das Privilegium erhalten haben zu leben, ohne sich von ihrer eigenen Milch zu nähren, oder sie entnehmen diese einer anderen Quelle, die uns unbekannt ist, die wir aber mit der Zeit, falls jene unter uns zu leben vermögen, zu erfahren hoffen. Es schien ihnen einfach unsinnig zu sein, annehmen zu wollen, daß wir die Absicht hegten, uns von ihrer Milch ernähren zu lassen, da es nicht möglich schien, daß täglich zehn Megamikren sich bereit finden ließen, uns aus Freundlichkeit zu stillen, oder daß die Regierung uns die Milch schenkungsweise geben wolle, oder daß wir reich genug wären, um sie uns kaufen zu können. In ihren Augen waren wir zwei monströse Wesen, denen gegenüber sie zu nichts verpflichtet waren, und die ihnen nie nützlich sein konnten. Sie konnten sich auch nicht vorstellen, daß mir unseren Durst mit ihrem roten Wasser zu stillen vermöchten, da es nur im Verein mit dem Mehl gekocht als Nahrung dienen konnte, rein getrunken dagegen ungesund, übrigens auch durch ein Gottesverbot ausgeschlossen war; ein Verbot, das niemand zu überschreiten versuchte, da er kein Vergnügen davon gehabt hätte. Denn nirgends denkt man daran, ein Gesetz zu übertreten, wenn nicht die Übertretung die Quelle einer Freude zu werden verspricht. So redeten die Megamikren untereinander und dachten über die Unmöglichkeit uns zu ernähren nach; hätten wir damals schon ihre körperliche Beschaffenheit gekannt, so hätten wir ihrer Denkungsart nur beistimmen können, und hätten wir gewußt, daß unsere Ernährung täglich zehn Megamikren zum Hungern verurteilte, so wären wir sicher weder so ungerecht gewesen, dies zu verlangen, noch so unehrlich, darauf einzugehen; aber wir ahnten ja nichts davon. Wir wußten nicht, daß sie gerade Milch zur Lebensnahrung benötigten; ebensowenig, daß, wer Milch genießt, ohne einem andern Milch wiederzugeben, verdammt ist. Allenfalls ist es erlaubt, daß jemand, der sie nicht wiederzugeben vermag, sie verkauft, oder aus Wohltätigkeit hergibt. Jene, die uns beim Herauskommen aus der Kiste gestillt hatten, waren sehr reiche Megamikren und taten es teils aus Gutherzigkeit, teils aus besonderer Freundlichkeit. Sie wären imstande gewesen, sich an diesem Tage die Milch von einem Armen zu kaufen; doch sie fasteten lieber, als daß sie Aufsehen erregten. Denn es wäre eine Sünde gewesen, sich in die Notwendigkeit zu versetzen, Milch zu kaufen, um die bloße Laune eines anderen zu befriedigen. Die Megamikren, die uns später gestillt haben, waren stets Arme, die man dafür bezahlte, oder Verurteilte, oder Begnadigte, von denen ich Ihnen noch berichten werde. Der Machthalter gab entsprechende Befehle; man schickte nach Milchgebern, die neben uns Platz nahmen und uns nach jedem Mus stillten, wozu sie fünfmal soviel Zeit brauchten wie zum Ernähren ihrer Volksgenossen. Dies verlängerte die Mahlzeit um zwanzig Minuten, was jedoch die allgemeine Fröhlichkeit nicht störte. Nach dem Räuchern rieben die Diener uns alle mit duftenden Kräutern ein; dieser Zeremonie hätten wir uns gerne entzogen, da sie uns zum Lachen reizte; doch mußten wir dem Beispiel der anderen folgen, von denen die Einreibung als fünfte Lebensbedingung betrachtet wird. Bei den Gastmählern, die man die Feste der großen Freude nennt, bei ihren entzückenden Landpartien und bei Hochzeitsfeiern, entbindet man die Diener dieser Pflicht und reibt sich gegenseitig ein, indem man die dazu erwählt, die man auszeichnen will. Es ist ein Höflichkeitsakt, wie wenn bei uns jemand auf einem Spaziergang einer Dame den Arm anbietet, wozu er seine eigene Frau nur im Notfall auserwählen wird. Die armen Leute dort reiben einander mit Feldgräsern und Feldblumen ein, die sie umsonst finden; die Reichen kaufen sie und müssen sie oft sehr teuer bezahlen, wenn es sich um besondere Pflanzenarten handelt. Deshalb blüht dort die Gärtnerei. Die teuersten Kräuter und die schönsten Blumen blühen dort ununterbrochen, nicht weil sie sich immer fortpflanzen, sondern weil die Megamikren ihr Leben zur höchsten Vollkommenheit zu bringen wissen. Um eine Blume so lange am Leben zu erhalten, wie dies erforderlich ist, muß der Gärtner die Erde stets feucht erhalten und sie regelmäßig mit dem Wasser begießen, das sich stets in der Nähe von Kräuter- und Blumenanpflanzungen befinden muß. Die dortige Erde hat die Eigenschaft, das Wasser sofort aufzusaugen. Das Stocken im Wachstum oder das Aufhören jener Bewegung, die sich bei Kräutern durch Zittern, bei Blumen durch langsame harmonische Bewegungen äußert, wird immer dem Unverstande ober der Nachlässigkeit des Gärtners zugeschrieben. Diese Lebensäußerung hört bei diesen kostbaren Pflanzen sonst nur auf, wenn sie geschnitten werden. Wir verließen den Saal und gingen in einen großen viereckigen Garten mit zwölf Alleen hinüber. Diese Alleen waren mit Teppichen überdacht, die auf Säulen ruhten, die zwar nicht von Vibourius erfunden, aber doch hübsch und gut ausgedacht waren. Neben jeder gedeckten Allee lief eine unbedeckte von derselben Breite, deren Boden ein auserlesenes Beet mit Arabesken aus Laubwerk und kleinen exotischen Pflanzen bildete, zwischen denen die schönsten Blumen emporwuchsen. Diese Alleen waren nicht wie bei uns durch Hagebuchengänge eingeengt, die den Ausblick nach rechts und links verwehren, sondern von obeliskartig zugestutzten Anazesen voller Piniennüsse begrenzt, deren köstlicher Geschmack den zahnlosen Megamikren damals unbekannt war; mit der Zeit lehrten wir sie diese Frucht schätzen und die damit zubereiteten Speisen zählten dann zu den auserlesensten. Eine besonders lange Allee, viermal so breit wie die anderen, teilte diese in zwei Teile, war unbedeckt und regelmäßig mit drei Klafter hohen Bäumen besetzt, was die größte dort erreichbare Höhe bedeutete. Menschen, von denen die größten zwanzig Zoll lang waren, mußte sie allerdings fabelhaft erscheinen. Diese Bäume nennt man die »heiligen«; sie sind mit Ausnahme der Anazos die einzigen fruchtbringenden Bäume; alle anderen bringen nur Laubwerk hervor. Diese Früchte dienen als einzige Nahrung großen Schlangen, die fortwährend auf den Bäumen leben, deren Äste und Blätter ihnen ein bequemes Lager bieten. Die Megamikren betrachteten diese Ungeheuer als ihre natürlichen Feinde, doch störten sie ihre Ruhe nicht, aus Furcht, sie könnten herunterkommen und ihren Zorn äußern, was die Vernichtung der unglücklichen Megamikren zur Folge gehabt hätte. Nur im Zorn erwiesen die Schlangen sich nämlich als Fleischfresser. Diese Bäume wurden also aus diesem Grunde besonders verehrt; die bedeutendsten Gärtner wurden dafür bezahlt, um sie durch Diener versorgen zu lassen und die mächtigen Herren ließen aus Luxuslaune ihre Landgärten von diesen Bäumen vollpflanzen. Jeder voll ausgewachsene Baum trug siebenhundertzwanzig Früchte und diese Zahl erneuerte sich bei jeder Ernte, die beiden Schlangen also, die auf dem Baum lagerten, hatten täglich zwei Früchte als Nahrung, da die Zeit von einer zur anderen Ernte hundertzwanzig Tage zu zwanzig von ihren Stunden oder zwölf von unseren Stunden beträgt. Die Schalen dieser Früchte, deren Saft die Schlangen ausgesaugt hatten, ihre Ausleerungen und abgeworfenen Häute fielen unter die Bäume und die Gärtner trugen diesen Unrat in eine mit gelöschtem Kalk gefüllte Grube, die sich zu diesem Zweck am Ende jedes Gartens befinden mußte. So sorgte man für diese Geißel, die unnütz war und doch aus Furcht und mehr noch aus Aberglauben verehrt wurde, was ich erst nach Jahren ihnen auszureden vermochte. Wenn diese Ungeheuer nach vierundzwanzig Jahren, die sechs Jahren unserer Rechnung gleich sind, starben, dann fallen sie von den Bäumen herunter und werden in dieselben Gruben versenkt. Sie sind drei Fuß lang und sechs Zoll dick; es sind gesteckte und beschuppte Reptilien, deren Köpfe den menschlichen ganz ähnlich sind, doch haben sie weder Hals noch Haare; nichts kann aber mit der Anmut ihres Blickes verglichen werben, er ist bestrickend für jeden, der sie anzuschauen sich traut. Sie haben Zähne aus weißen Knochen, die sehr scharf sind, die man aber nie sieht, da sie ihren Mund stets geschlossen halten; der einzige Klang, den sie hervorbringen, ist eine Art Zischen, das das Blut erstarren und die Zähne knirschen läßt und die Megamikren in die Flucht jagt, sobald sie es hören. Man sollte wähnen, daß die Angst vor diesen Untieren sie verhaßt machen müßte, doch ruft der ohnmächtige Haß stets Ehrfurcht hervor und führt sogar zur Vergötterung; der Grund ist der, daß der Haß Rache verlangt, die eine starke Leidenschaft ist. Wenn sie nun nicht imstande ist, das gehaßte Objekt zu vernichten, bedrückt sie den Geist, der sich ihrer entledigt, indem er sie in eine mildere Leidenschaft verwandelt, die seiner Natur und seiner Kraft besser entspricht. Das Volk war geneigt gewesen, den Schlangen einen religiösen Kultus darzubringen, doch erhoben dagegen die weisesten ihrer Theologen Einspruch, indem sie behaupteten, daß das Dogma vom guten und bösen Prinzip nur Kindern Schreck einflößen könne und eine dem Verstande widersprechende Abgötterei sei. Die Vermehrung dieses Ungeziefers geschieht durch zwei Eier, die so groß sind wie die unserer Truthähne, die sie kurz vor ihrem Tode ausbrüten. Obgleich ich ihre Körper aufmerksam beobachtet habe, bemerkte ich nie, daß sie in zwei Geschlechter geteilt waren. Der Spaziergang in diesem Garten machte uns viel Freude, wir hörten mit Entzücken dem Gezwitscher tausender von Vögeln zu, die um uns herumflogen und sangen, ohne irgendwelche Furcht vor uns zu haben, da dort ihre Freiheit nirgends gehemmt wird und man es als ein Verbrechen ansehen würde, sie zu töten. Man ist dort fest überzeugt, daß die Vögel ihre Sprache haben, und viele Megamikren erlernen sie so weit, daß sie imstande sind, mit ihnen zu reden und richtige Antworten von ihnen zu erhalten; meinen Kindern gelang dies jedoch nicht. Von diesem Garten aus gelangten wir durch ein Außentor in eine große Straße, wo die ganze Gesellschaft sich empfahl. Unsere Gastgeber luden uns sodann ein, einen schönen Wagen zu besteigen, vor dem kein Gespann sich befand. Der Gouverneur lenkte ihn selbst, indem er auf Federn drückte. Der Wagen schwang sich nach seinem Wunsch nach rechts oder links, rasch oder langsam vorwärts. Alle Reichen haben dort solche Wagen, die sie mit der größten Leichtigkeit aufziehen, wie wir dies mit unseren Uhren tun. Sie können in diesen Wagen die weitesten Reisen unbesorgt machen, denn da der Erdboden dort überall gleich ist, so unterliegt die Kraft des Wagens keinen wechselnden Einflüssen, als höchstens dem der verschiedenen Belastung; da den Besitzern aber die Tragkraft ihrer Wagen bekannt ist, so überlasten sie sie niemals. Wir fuhren über eine große Straße, zu deren beiden Seiten sich Läden befanden, die alle Arten von Handwerkern und Künstlern beherbergten. Einige waren mit Tischlerarbeiten gefüllt, sowohl in Holz verfertigten, zum Beispiel Türen, Fenstern, Fußböden, Kästen, Tischen und Täfelungen, als auch mit Gegenständen aus Zinn, zum Beispiel mit Schrauben versehenen Formen, Spritzen und allerlei dergleichen mit Ausnahme von Tafelgeschirr. Ich sah Schmiede, Schlosser, sehr viele Klempner und Läden, wo man alles zu kaufen bekam, was Zimmerleute, Wagner, Küfer und Landleute an Werkzeugen brauchen. Man fand dort Hacken, Äxte, Zangen und Gartenmesser zum Schneiden und Putzen der Bäume. Ich sah auch schöne Läden, die alles enthielten, was zur Optik gehört, was zum Schmelzen von Metallen nötig ist, was zum Anfertigen von Musikinstrumenten gebraucht wird; ich sah Messerschmiede Scheren, Federmesser und jegliche Arten von Messern anfertigen. In besonders geräumigen Verkaufsläden sah ich die auserlesensten Möbel: Sessel, Sofas, Konsolen, Betten aus Holz und Metall, Sofaüberzüge aus Leinen mit verschiedenartigen Arabesken bestickt und mit eingewebten Blumen geschmückt. In anderen Läden sah man Räder zum Schleifen verschiedenfarbiger Diamanten, die bereits von anderen Arbeitern vorgeschnitten waren. Man bearbeitete auch die sehr harten Galaktiten, die dadurch glänzend, obwohl nicht durchsichtig wurden. Zahlreich waren dort vertreten die Schuster und Korbflechter und noch zahlreicher die Verkäufer von Schüsseln und Tellern, die aus verschiedenfarbigem Porzellan, aus Holz, aus Stein verfertigt werden; von Löffeln und Strohhalmen zum Einsaugen und Essen der Breisuppen. Sehr schön waren die elegant ausgestatteten Läden der Lackierer, Kunsttischler und Kunstdrechsler, die allerlei eingelegte Arbeiten machten; geräumig die Läden der Buchhändler, die Manuskripte, Papier, Federn und Tintenfässer mit bunter Tinte verkauften. Drucker gab es aber nicht, da die Buchdruckerkunst dort unbekannt war. Wir sahen Glaser, Spiegelfabrikanten und Farbenhändler, die Farben in Stücken, in Pulver und als Flüssigkeit, mit Wasser oder Gummi versetzt, verkauften; auch Fruchtsafthändler, die auch zu Würfeln eingekochte Säfte feilboten, wodurch ihre Suppen den verschiedenen Geschmack erhielten; sie hatten solche zu allen Preisen, und die teuersten waren in goldenen Behältern verschlossen. Man sah auch Kranzbinder und sehr viele Händler mit Kräutern und Blumen. Die Glasfabrikanten zeichneten sich besonders durch die Anfertigung von Lüstern, Lampen und Leuchtern aus, die alle mit Behältern für den Phosphor versorgt waren. Die seltensten, aber auch prachtvollsten Läden waren jene, in denen man den Phosphor auf Rechnung der Königskammer im großen verkaufte. Die Geschäfte werden dort, wie bei uns, durch Tausch oder gegen Münzen abgeschlossen. Die Münzen sind dort von zweierlei Art: aus einem roten, schmelzbaren, durchsichtigen und unverderblichen Metall, wie es bei uns das Gold ist, und in Form von Kügelchen aus sehr feinem, durchsichtigen Leder, die mit Phosphor gefüllt und dann so geschickt zusammengenäht werden, daß die Flüssigkeit nie entweicht. Das kleinste dieser Kügelchen wiegt eine, das größte hundert Unzen. Eine Unze der phosphorhaltigen Flüssigkeit kostet vierundzwanzig Unzen roten Goldes und eine Unze roten Goldes kostet vierundzwanzig Unzen Silber. Eine Silber-Unze ist die geringste Münze in jener Welt. Da ich die dortigen Lebensverhältnisse gründlich erforscht habe und mich auch über die Preise der notwendigsten Eßwaren, über die Tagelöhne der Arbeiter, wie auch über die Gewerbetreibenden gebotenen Erleichterungen unterrichten ließ, so kann ich Ihnen, Mylords, versichern, daß das Leben in jener Welt nicht teuer ist und daß zum Bettler nur jemand wird, der nicht arbeiten will, was aber dort sehr selten vorkommt, denn die Megamikren scheuen die Langeweile über alles. Diese schöne Straße lief in einen geräumigen hochgelegenen Platz ein. Die scharfe Steigung hätte den Wagen zum Stehen gebracht, wenn nicht der Gouverneur durch einen Druck auf eine Feder aus den Rädern des Wagens eiserne Spitzen hätte austreten lassen, die stark genug waren, ein Rutschen zu verhindern. Dieser Platz wurde vom Flusse umströmt und war von einem tiefer liegenden bedeckten Weg umgeben, zu dem man mittels einiger Stufen gelangte. Wir gingen zu Fuß hinunter. Weite Bauplätze dehnten sich dort aus, auf denen man Schiffe verschiedener Art zimmerte, und große Schuppen, worin man Teppiche für Schiffe, Straßen und für die Böden kleiner und großer Wohnungen webte. In mehreren Magazinen machte man Kabeltaue und allerlei Seile und Schnüre. Wir besichtigten dort auch Säle, in denen man physikalische Experimente machte, Maschinen zusammenstellte, andere, wo gelehrte vom Staate bezahlte Chemiker die Jugend unterrichteten, die sich im Apothekerwesen ausbilden wollte, um dadurch die Kochkunst zu erlernen; denn es gibt dort keine Kranken, die einen Apotheker nötig hätten. Nur Professoren, die in dieser Kunst ausgebildet sind, dürfen ambulante Küchen betreiben, in denen Leute, die sich keine Köche halten können, ihr Essen kaufen. Wenn die reichen Herren dort große Einkäufe und Bestellungen in Teppichen, Barken oder Phosphor machen und nicht sofort zahlen können, so finden sie Kredit nur gegen Hypotheken, die sie auf ihre Güter, Häuser oder Gärten aufnehmen. Sie nennen den Termin, bis zu dem sie sich zur Zahlung verpflichten; wenn sie zur angesagten Zeit nicht zahlen, so verkauft das Gericht auf Antrag des Gläubigers das mit der Hypothek belastete Gut; will der Gläubiger Aufschub gewähren, so hat er das Recht, ein Prozent jährlich an Zinsen zu nehmen, doch ist es nicht gestattet, Zinseszinsen zu nehmen, und wenn auch die Schuld Jahrhunderte alt wäre. Zinsenwucher sowohl wie die Verpfändung von Einkünften ist den Megamikren durch ein kirchliches Gebot verboten, denn nichts ist ihnen so verhaßt als die Belastung von Erbschaften und Schulden. Was ein Adliger niemals verkaufen oder mit Hypotheken belasten darf, ist die Gerichtsbarkeit, denn dazu gehört die Erlaubnis des Königs, die niemals erteilt wird. Ihre Pferde und deren Erhaltung sind sehr kostspielig; sie fressen Gras, altern rasch und sterben alle an Trübsinn. Es ist das einzige Tier, das nie seine Stimme hören läßt, und diese Stummheit soll nach der Ansicht der Megamikren die Ursache ihrer hypochondrischen Laune sein. Ein Pferd lebt nie länger als achtundvierzig Megamikrenjahre; sie werden wie alle Tierleichen in Kalkgruben geworfen. Wir bestiegen den Wagen und fuhren an den Fluß, über den wir auf einer schönen und großen Fähre an das andere Ufer befördert wurden, wo ein zwölfspänniger Wagen uns erwartete. Er brachte uns in zehn Minuten zu einem kleinen Kanal, über den wir, ohne aus dem Wagen zu steigen, auf einer von zwölf Rudern fortbewegten Fähre hinübergelangten. Außer Fähren gibt es dort auch schöne Brücken, die über Flüsse und Kanäle führen; sie sind für solche Leute bestimmt, die nicht die Mittel haben, sich den Weg durch die Überfahrt in Barken abzukürzen. Wir betraten sodann einen Palast und wurden in einem Saal, der durch einen großen Kandelaber mit goldenem Fußgestell erleuchtet war, mit wohlduftendem Rauch empfangen. Dann sahen wir den Abdala eintreten, der rechts und links von zwei Alfakinen gestützt wurde. Sein ganzer Leib strahlte, wie wir es schon im Tempel gesehen hatten; diesen Glanz bewirkt eine aus phosphorischem Lack hergestellte Schminke, mit der man auch Leinwand bestreichen kann. Nachdem er eine Begrüßung an uns gesungen hatte, setzte er sich; wir blieben stehen, und der Statthalter hielt ihm eine sehr ernste Ansprache. Wie ich später erfuhr, wies er darauf hin, daß er genötigt sei, uns zu ernähren und sich um die hierzu erforderlichen Mittel an das Kirchenoberhaupt wende. Der Abdala ließ eine Glocke erklingen, worauf zwölf Alfakinen mit Priesterbinden eintraten und uns mit sich führten. Nach einer Stunde ließ man uns wieder eintreten und der Statthalter erhielt die zustimmende Antwort des Abdalas. Hierauf traten wir den Rückweg an. Wir sahen unsere Wirte erst am nächsten Tage zur Mittagsstunde wieder. Sie traten mit zahlreicher Gefolgschaft bei uns ein. Nach einem viertelstündigen Instrumentalkonzert, das stets den Mahlzeiten vorausging, setzten wir uns zu Tisch. Sie behaupteten, diese Art von Musik wirke appetitanregend. Freude erleuchtete die hübschen Gesichter unserer Gastgeber, als zehn gefleckte Megamikren hereinkamen und hinter Elisabeth und mir Platz nahmen; es waren die von Abdala zu unserer Ernährung gesandten Leute. Sie schienen sehr ängstlich zu sein, doch beruhigten sie sich, als die Anwesenden sie freundlich ansprachen. Man hatte zehn Megamikren täglich zu unserer Ernährung bestimmt und da ein Tag bei ihnen aus zwanzig Stunden besteht, von denen jede sechsunddreißig Minuten lang ist, so entsprach dieses genau unseren zwölf Stunden. Diese Bestimmung hatte der Abdala getroffen. Es war entschieden die geringste für uns notwendige Zahl von Ernährern. Zwar hatten wir uns das erstemal an derselben Megamikrenzahl berauscht; doch geschah dies, weil wir erstens beide Brüste eines jeden bis auf den letzten Tropfen geleert hatten, während man gewöhnlich die Brust nur bis zur Hälfte leert, und zweitens, weil wir damals nur gesaugt hatten, ohne Musgerichte dazwischen zu essen. Jetzt aber muß ich Ihnen, Mylords, von unseren Ammen erzählen und wie diese braven Menschen beschaffen waren, die unseretwegen hungern mußten. Die Religion aller Megamikren kennt nur ein einziges Oberhaupt. Den großen Helion oder Genius der Sonne, den Ausleger des göttlichen Willens. Sie halten ihn für unsterblich, obwohl er einen Anfang hatte. Er ist sehr mächtig, denn ihm gehört ein Königreich, und er gebietet über vier große und vier kleinere Lehensstaaten. Sein Reich war von jenem, worin wir uns befanden, um den halben Durchmesser ihres Globus entfernt. Jedes Königreich, jeder Freistaat, jeder Lehensstaat hat in seiner Hauptstadt einen nur vom großen Helion abhängigen Bischof, der sozusagen dessen Minister ist. Alle anderen Städte der Königreiche, Republiken und Lehensstaaten haben Abdalas, die den Bischöfen untergeordnet sind. Der Abdala der Stadt, in der wir uns befanden, gab dem Bischof die Nachricht von unserer wunderbaren Ankunft und berichtete regelmäßig durch besondere Boten alles, was auf uns Bezug hatte. Er hatte die wundervolle Auffahrt des Daches unserer Kiste zur Sonne empor in so lebhaften Farben geschildert, daß er nicht umhin konnte, uns die Nahrung zu liefern, deren wir bedurften, um am Leben zu bleiben; er mußte befürchten, daß der Statthalter es übernehmen würde, uns im Namen des Königs mit dem Notwendigen zu versorgen, und daß dadurch die geistliche Behörde jedes Recht auf unsere Personen verlieren würde. Ohne das Wunder der Kistensonnenfahrt wären wir ohne Zweifel der königlichen Oberhoheit unterworfen gewesen. So sah der Abdala sich verpflichtet, für uns zu sorgen, zum wenigsten bis zum Empfang der Antwort seines Bischofs. Mit Zustimmung seines Rates befahl er nun, daß von den Megamikren, die in den geistlichen Gefängnissen gehalten werden, täglich zehn ins Haus des königlichen Statthalters geschickt würden, um uns zu stillen, hierauf aber wieder an den Ort ihrer Bestrafung zurückgeführt werden sollten; dank dieser Anordnung griff unsere Ernährung die Kasse der Geistlichkeit keineswegs an. Nun aber erscheint es angemessen, Ihnen zu sagen, wie es kam, daß der Abdala eine so große Zahl von Gefangenen zu seiner Verfügung hatte. Die von Natur sehr frommen Megamikren sind schüchtern und abergläubisch, daher in allem sehr unentschlossen, stets schwankend und skrupelvoll; die Folge davon ist, daß sie sich niemals etwas Wichtiges zu unternehmen trauen, ohne vorher durch den Abdala oder dessen Vertreter das Orakel zu befragen. Der Orakelverkündiger darf die Frage erst nach zwölf Stunden beantworten, da man ihm Zeit lassen muß, den Spruch erst von Gott zu empfangen, der ihm seinen Willen nur im Traum offenbart. Der fromme Geistliche muß sich also rasch den nötigen Schlaf verschaffen; dies geschieht dadurch, daß er sich einen Rausch antrinkt, indem er eine doppelte Dosis Milch saugt. Zu diesem Zweck muß also der Hofstaat des Abbalas zu seiner Verfügung stets Ammen haben. Die Reichen, die ein Orakel wünschen, können für die Beschaffung einer armen Berufsamme zahlen; wie aber die Wünsche Mittelloser erfüllen, deren Zahl natürlich stets größer ist als die der Reichen, und die noch mehr als diese eines Rates bedürfen. Es mußte um so mehr dafür vorgesorgt werden, da zwar jeder Abdala seinen Unzertrennlichen hat, der ihm den Rausch verschaffen kann, zugleich aber auch dieser sich einen antrinken mußte, denn es besteht die unantastbare Vorschrift, daß die erhaltene Nahrung stets mit dem gleichen Maß erwidert werden soll. Wozu aber dem Unzertrennlichen einen zwecklosen Rausch verschaffen? Die stets den Armen gutgesinnte Gerichtsbarkeit sendet deshalb alle Schuldigen in die geistlichen Gefängnisse, und die Strafe besteht darin, daß sie ihre Milch den Alfakinen spenden. Diese Strafe dauert drei Tage bei leichteren, bis zu zehn Tagen bei schwereren Übertretungen, je nach dem Urteil der weltlichen Richter, die die Schuldigen ins Gefängnis schicken, oder der Alfakinen, wenn der Gefangene sich eines Vergehens gegen geistliche Gebote schuldig gemacht hat. Die Verurteilung darf niemals zehn Tage überschreiten, weil sonst der Megamikre seine Milch für immer verlieren würde und sich die zum Leben nötige Nahrung erbetteln müßte. Vermögende Schuldige entziehen sich dem Zwang, die Alfakinen ernähren zu müssen, dadurch, daß sie eine entsprechende Buße zahlen. Niemals geschieht es, daß ein Megamikre ohne seinen Unzertrennlichen ins Gefängnis geschickt wird; der letztere muß also dieselbe Schuld abbüßen wie der andere, da es nach den dortigen Ansichten nicht möglich erscheint, daß er nicht desselben Verbrechens schuldig wäre, zum wenigsten nicht darin eingewilligt hätte. Es ist ja sehr wahrscheinlich, daß der Unzertrennliche oft vollkommen unschuldig ist; doch glauben Sie nicht, daß er sich der Mitstrafe zu entziehen sucht; im Gegenteil er erträgt sie mit Ruhe und Ergebenheit; ein Beweis für die harmonische Eintracht ihrer Verbindungen. Die weltlichen Richter sind verpflichtet, alle Sträflinge in die Tempelgefängnisse einzuliefern, mit Ausnahme der Staatsverbrecher und der wegen Schulden Verhafteten. Die Alfakinen steigen in der Achtung des Volkes so hoch, indem sie behaupten, daß die Strenge des Gesetzes sie zwingt, beinahe totberauscht zu sein, um sich den schwarzen Schlaf zu verschaffen. Sie behaupten aber, daß sie sich willig opfern, um nur den Sterblichen sich nützlich zu erweisen, die ohne Erleuchtung durch ihr Orakel nur Dummheiten machen würden. Zur Kritik neigende Megamikren behaupten, daß zwar die Trunkenheit die sichtbaren Reize der Jugend bald verwische, dafür aber die Lust des Rausches die stärkste überhaupt denkbare Lust sei; sie wollen dadurch das Verdienst der Alfakinen verkleinern; diese aber lassen sie ruhig reden. Die Frommen hingegen versichern, dieses Augenblicksvergnügen sei eine wahre Bußübung seitens der Alfakinen, denn sie beraubten sich zum Wohl der Allgemeinheit des Vergnügens frommer Betrachtung – einer Seelenlust, die viel stärker sei, als das vergängliche Vergnügen, seine Vernunft im Rausch zu ersticken. Daß ihr Schlaf durchaus verdienstlich und Gott wohlgefällig sei, gehe offenkundig daraus hervor, daß das höchste Wesen ihnen in diesem Zustand seinen Willen anvertraue. Fromme Gefangene geben daher lieber ihre Milch her, als daß sie zahlen; sie glauben dadurch an der verdienstlichen Handlung der Alfakinen teilzuhaben. Aufgeklärtere meinen allerdings, es könne wohl auch eine Regung ihres Geizes sein, die die Frommen dazu treibe. Dieser Schlaf ruft nicht nur häßliche Merkmale des Alters an Gesicht und Körper hervor, sondern verursacht auch sehr oft tödliche Schlaganfälle; dies erhöht natürlich beim Volk das Ansehen der Alfakinen noch mehr, denn die Opfer dieser Schlaganfälle können nur als Märtyrer angesehen werden. Die Seele eines auf diese Weise plötzlich gestorbenen Alfakinen geht nach ihrer Meinung auf geradestem Wege zur Sonne ein, um fortan in den ewigen Wonnen der Glückseligkeit zu schwelgen. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist bei den Megamikren ebenso alt wie ihre Welt. Er bestand schon vor der Erschaffung ihres Geschlechts, aber er hat nichts mit dem platonischen System gemein, das sie sicherlich nie gekannt haben. Der Glaube an einen Gott, als an ein unsterbliches, immaterielles, unerschaffenes Wesen fällt ihrem Begriffsvermögen leichter, als der Glaube an die Seele, deren Existenz, obgleich immateriell, doch beschränkt ist und die niemals in das Nichts zurückkehren kann, aus dem sie geschaffen wurde. Sie verstehen und begreifen vollkommen die reine Spiritualität; es fällt ihnen daher nicht schwer, zu sagen, daß die Seelen der Glückseligen sich zwar in der Sonne befinden, trotzdem aber dort keinen Platz einnehmen können, da die Voraussetzung für das Einnehmen von Platz das Vorhandensein eines materiellen Körpers wäre; infolgedessen können die Seelen sich sowohl im Menschen wie sonst nur übersinnlich befinden, und da ihre Grenzen nur übersinnlich sind, so ist das Dasein der Seele viel schwieriger zu begreifen, als selbst das Dasein Gottes, dessen Unermeßlichkeit selbstverständlich ist, sobald man seine Unkörperlichkeit angenommen hat. Das Dasein der Seele ist daher, eben weil sie örtlich beschränkt ist, doppelt so schwer zu begreifen wie das Dasein Gottes. Man kann sie jedoch nur auf diese Weise folgern. Die Megamikren glauben an einen unerschaffenen, unsterblichen, einzigen, aber an Substanz wie an Allmacht aus drei Einheiten bestehenden, unsichtbaren, nicht körperlichen, sondern nur geistigen Gott, der überall ist. Da er unmöglich nicht überall sein kann, der in der Leere sowohl wie in der Fülle überall vorhanden ist, sogar in den Orten, die von der Materie ausgefüllt sind, deren Undurchdringlichkeit für ihn nicht vorhanden ist, so ist es nur folgerichtig, wenn sie annehmen, daß eine geistige Betätigung seines allmächtigen Willens das ganze Weltall mit allem, was daran materiell und immateriell ist, erschaffen und ihm Gestalt, Leben und Bewegung gegeben hat. Auf die Einzelheiten eingehend, sagen sie, Gott habe vor allem eine unermeßliche Anzahl immaterieller Intelligenzen geschaffen. Ihren Schöpfer anzuschauen, war das höchste Gut und Glück dieser Wesen, bis Gott sich entschloß, sie durch ihr Verdienst die Möglichkeit einer Teilnahme an seiner Herrlichkeit erlangen zu lassen. Zu diesem Zweck schuf er die Sonne, die durch ihr Erscheinen das Weltall verdichtete, in dem sie in gleicher Entfernung von der sie umkreisenden festen Materie eine weite Atmosphäre bildete. Diese feste Materie aber befruchtete sie, so daß die ganze von ihren Strahlen beschienene Oberfläche sich mit lebenden Wesen füllte. Unter den tausendfachen Arten von Tieren, die, dank der Sonne, die Materie erzeugte, bemerkte Gott ein rotes Paar, dessen besonders vorteilhafte Gestaltung ihm ermöglichte, alle Tugenden auszuüben, alle Wissenschaften zu begreifen, da dieses Paar in seinem Kopf ein Organ besaß, durch das es sich an die Gedanken seines Geistes erinnern und worin es alle erworbenen Kenntnisse aufschreiben konnte. Gott sah nun, daß diesem Organe nur noch die Vernunft fehlte, um Gedächtnis zu werden; außerdem besaß das Paar einen wenn auch nur materiellen Willen und einen sehr entwickelten Instinkt. Da sprach Gott: »Hier ist das glückliche Wesen, durch das ich meinen Seelen ermöglichen will, vollkommen glücklich zu werden, und hier sind die Seelen, die dieses Paar ebenfalls vollkommen glücklich machen werden. Diese Körper werde ich meinen göttlichen Intelligenzen geben, denen ich dafür befehlen werde, sie durch die Vernunft zu leiten und die Fehler zu verhindern, die sie während ihres natürlichen Lebenslaufes begehen könnten, wenn sie ihrem durch die Sinne verwirrten Willen folgten. Bleiben sie dann meinen Geboten und den ihnen von mir auferlegten Pflichten treu, dann werden sie nach ihrer Loslösung von diesen Leibern in die Ewigkeit übergehen dürfen, um an meiner Glorie teilzunehmen. Sie sollen das Erinnerungsvermögen behalten, das sie sich auf Erden während ihrer untrennbaren Vereinigung mit den sterblichen Hüllen zu ihrer göttlichen Natur hinzuerworben haben. Zugleich werde ich auch das irdische Tier glücklich machen, das dadurch unsterblich werden wird, indem es im Gedächtnis und mittels diesem sich mit der Seele eins fühlt, ohne die es mit seinem Tode zu Staub würde. Dies materielle Geschöpf wird immer lasterhafte, von seinen Leidenschaften abhängige Neigungen haben, die sich gegen seine Pflichten und gegen die ihm von mir gegebenen Gebote auflehnen werden; doch wird die Seele über ihm wachen, ihm stets die nach der kurzen Lebensfrist seiner harrende Belohnung in Erinnerung bringen und es zur Pflichterfüllung aneifern. Und das Geschöpf wird sich von der Seele beeinflussen lassen, denn wenn es sich auflehnt, werde ich der Seele unumschränkte Macht geben, es vom Bösen abzuhalten. Wenn aber die Seele, die ihr von mir gegebene Macht mißbraucht, wenn sie sich ihrer nicht bedient, um das irdische Tier auch gegen seinen eigenen Willen zu retten, wenn sie selbst den Verlockungen und bösen tierischen Neigungen unterliegt, wenn sie nicht die meisten Neigungen des Individuums, dem ich sie zugewiesen, als ihre Feinde betrachtet, so werde ich sie durch ewige Verdammnis dafür bestrafen; ihre Hölle aber wird das Gedächtnis eben jenes Wesens sein, das mit ihr gelebt hat und weiter leben wird. So wird sie sich stets erinnern, daß sie sich durch ihre schlechte Aufführung nicht nur um die versprochene Belohnung, nämlich ihren Anteil an meiner ewigen Glorie, gebracht hat, sondern auch das früher genossene Glück, mich anschauen zu dürfen, verloren hat, und sie wird mich keiner Ungerechtigkeit beschuldigen können, da ich ihr die Macht gab, die Taten und sogar die bösen Absichten des von ihr belebten Leibes zu lenken und somit ihr Heil zu finden. Die Strafe des Wesens, das den Regungen seiner göttlichen Seele widerstanden hat, wird darin bestehen, daß es durch das beiden gemeinsame Gedächtnis sich selber zur Seele geworden sieht, deren Schmerzen mitfühlt und sich selbst haßt, indem es sich als die Ursache seines ewigen Unglücks haßt. Die Höllenstrafe dieser verdammten Geister wird darin bestehen, daß diese grausam peinigenden Gedanken sie nie verlassen. Sie wirb bestehen in einer steten Sehnsucht, einer zu späten Reue und in der Vorstellung, baß sie sich selbst auf ewig in der Hölle befinden, die in der Mitte zwischen Erde und Sonne liegen wird, wo sie nichts werden sehen können und wo sie immer an die verscherzte Seligkeit denken müssen, ohne Hoffnung, sie je erreichen zu können, ihrer irdischen Güter verlustig und sogar ohne den schwachen Trost von den dort zurückgelassenen Lieben jemals etwas erfahren zu können.« Gott, – sagen die Megamikren weiter – gab der Seele alle diese Gebote während der zwölf ersten Lebensjahre des ersten Menschen, dem sie eingehaucht wurde. Ihr dies vor ihrer Absendung mitzuteilen, wäre zwecklos gewesen, da sie noch kein Gedächtnis besaß. Deshalb kann ein mit seiner Seele vereinter Megamikre sich nicht seines Daseins vor seiner Entstehung entsinnen. Das Erinnerungsvermögen des Megamikren kann nur nach seinem Tode ein wesentlicher Teil seiner Seele werden, und dann ist er mit ihr vollkommen zu einem und demselben Wesen geworden. Der Megamikre ist hienieden glücklich, wenn er sicher ist, daß die Vernunft nichts anderes als seine Seele ist; wer davon nicht überzeugt ist und ihr nicht stets blindlings folgt, der ist für die Ewigkeit verloren. Die Megamikren beten die Sonne an, weil sie in ihr den Schöpfer erkennen und weil sie glauben, daß sie ihnen aus eigenem Willen tausend Wohltaten erweist, die zu erweisen ihr von dem Allmächtigen, der sie schuf, nicht befohlen wurde. Sie ist, nach ihrer Meinung, sehr mächtig, sehr weise und von ihr empfing der erste Megamikre das Gesetz der religiösen und bürgerlichen Ordnung, obwohl die Handhabung der letzteren den weltlichen Gerichten obliegt. Sie sagen, Gott wirke unaufhörlich, der Mensch aber wisse nicht, was Er tue und wie Er handle, da Gottes Wirken nur von diesem selbst begriffen werben könne; Gott selbst würde nicht imstande sein, dem Menschen die Gabe des Verstehens ohne die Gabe des Wirkens zu erteilen; bei Gott müsse Verstehen und Wirken einerlei sein. Die Allmacht besteht nach ihnen in der Fähigkeit, alles Begreifbare und Wirkliche auch zu machen; nur was Gott nicht begreift, vermag er nicht zu machen. Es ist aber nicht mit seinem Wesen vereinbar, daß er etwas nicht begreift außer sich selber. Gott kann nicht seinesgleichen erschaffen, weil er sich selbst nicht begreifen kann, und er kann sich selber nicht begreifen, weil er nicht seinesgleichen schaffen kann. Diese Behauptung ist durchaus folgerichtig; denn nur in Gott allein ist mit dem Begreifen die gleichzeitige Vollziehung verbunden. Ob Gott sich begreifen kann oder nicht, ist für die Megamikren keine Streitfrage. Sie sagen: Um eine Sache vollkommen zu begreifen, muß man deren Entstehung begreifen: da Gott keinen Anfang hat, so ist es unmöglich, daß er sich begreift. Sie sagen, die Befolgung der Gebote Gottes sei die einzige Huldigung, die man Gott darbringen könne; denn der Mensch könne keinen Kultus erfinden, der ihm angemessen sei. Sie behaupten, Gott anzubeten, indem sie die von ihm erschaffene Sonne anbeten, und halten alle, die dies als Götzendienst bezeichnen, für Dummköpfe. Sie sagen, der Ungläubige, das heißt jemand, der sich nicht vorstellen kann, daß es einen Gott gibt, könne nicht zu den denkenden Wesen gerechnet werden. »Denkend« sei jemand nur, wenn er die Unmöglichkeit des Nichtvorhandenseins einer Ursache des Denkens fühle, diese Ursache könne aber nur Gott sein. – Sie geben allerdings zu, daß dies auf eins herauskomme: denn diese große Fähigkeit könne der Materie nur von Gott verliehen sein. Unsere zehn Milchgeber bedienten uns sehr gut und die Musgerichte waren vorzüglich. Wir aßen für zehn und brauchten zum Saugen fünfmal so viel Zeit wie ein Megamikre. Unsere Gastgeber lachten eines Tages sehr, als einer unserer Milchgeber seine Lippen an Elisabeths Brust legte und von ihr zurückgestoßen wurde. Er geriet darüber in Wut und warf ihr eine Menge Schimpfworte an den Kopf, die die ganze Gesellschaft belustigten. Zwei Wochen nach unserer Ankunft befanden wir uns mit unseren Gastgebern im Garten, als wir zu unserem Erstaunen einen großen Vogel auf uns zufliegen sahen; als er uns näher kam, merkten wir, daß es kein Vogel, sondern ein geflügeltes Pferd war. Zwei Megamikren saßen auf ihm; es hielt dicht vor dem Gartentor des Gouverneurs an, der den vornehmen Ankömmlingen sofort entgegeneilte. Neugierig folgten wir ihm. Sie stiegen ab und übergaben ihm ihr seltsames Flugtier. Er küßte dessen eine Flügelspitze und führte es sogleich in einen besonderen Stall, den er verschloß und vor dessen Tür er zwei Megamikren als Wache postierte. Sodann ging er wieder seinen Gästen entgegen, sang und tanzte vor ihnen mit seinem Unzertrennlichen. Alle vier gingen dann in ein Zimmer, wo sie länger als eine Stunde verblieben. Hierauf stiegen sie in einen geschlossenen Wagen und begaben sich zum Abdala, bei dem sie bis zur Mahlzeit blieben, zu der der Gouverneur die vornehmen Megamikren der ganzen Stadt eingeladen hatte. Wir sahen alledem zu, ohne das geringste davon zu verstehen. Doch ließen uns ihre stets auf uns gerichteten Blicke vermuten, daß wir den Gegenstand ihres Gespräches bildeten. Nach dem Mittagessen näherten sie sich uns, betasteten uns und sprangen sodann mit unseren Gastgebern in den Fluß, offenbar, um die Stelle zu sehen, wo wir in der Kiste waren gefunden worden. Als sie zurückkamen, wurden sie abgetrocknet und mit wohlriechenden Pflanzen eingerieben, wonach der Obergeometer und der Obergeograph der Stadt ihnen aufs Pferd halfen. Sie führten das edle Tier zu einer Rampe, wo sie seine Flügel losließen. Die Besucher aber flogen davon, von den Freudenrufen der ganzen Bevölkerung begleitet, die ihnen glückliche Reise wünschte und fröhliche Lieder dazu sang. Wir verfolgten sie mit den Blicken so lange, bis wir sie aus den Augen verloren. Der Flieger war ein königlicher Geheimschreiber, der mit seinem Unzertrennlichen dem Gouverneur einen uns angehenden Befehl des Königs, seines Herrn, zu überbringen hatte. Als der Abdala dem Statthalter seine Absicht mitteilte, unsere Angelegenheit dem Bischof zu unterbreiten, damit dieser sie dem großen Helion vorlege, beeilte der Statthalter sich, durch einen besonderen Eilboten sein Urteil hierüber dem König zu unterbreiten, und da der König wie alle Herrscher der dortigen Welt, geflügelte Pferde besaß, so übersandte er auf diese Art auf dem kürzesten Weg dem Gouverneur seinen Willen. Er befahl ihm, falls der Abdala uns die Nahrung verweigern sollte, uns auf Staatskosten zu verpflegen und zwar so lange, bis man das Orakel vom großen Helion bekäme. Er empfahl ihm, uns in der Sprache der Megamikren unterrichten zu lassen, um uns an den Hof zu senden, sobald wir diese erlernt hätten. Vier Tage später erhielt der Abdala durch einen Boten vom Patriarchen den Auftrag, für unsere Ernährung zu sorgen, unser Tun und Wirken scharf zu beobachten und sich sogar zu bemühen, uns in seine Gewalt zu bringen, falls der Gouverneur Lust bekommen sollte, sich unser zu entledigen. Der Statthalter erfuhr dies durch einen Spion, den er im Hause des Abdala hielt. Der Bischof sagte, er würde dem Abdala seine weiteren Befehle erteilen, sobald er den Willen des großen Helion erführe. Auf diese Antworten wartend, lebten wir gemütlich weiter, lernten die Sprache, begleiteten oft unsere Gastgeber zum Flusse, wo wir ihnen zusahen, wie sie hinabtauchten, da wir selbst diese Fähigkeit nicht besaßen. Wir lernten aber ziemlich gut, auf dem Wasser zu schwimmen, was uns sogar Vergnügen machte und wofür wir später noch Gott zu danken hatten; denn hätten wir dies nicht erlernt, so wären wir heute nicht hier, Mylords. Die reichen Herren besaßen an der tiefsten Stelle des Flusses ausgegrabene Kabinen, die sie Fischotterbaue nannten, und in denen sie oft einige Ruhestunden genossen; dies bot ihnen ein großes Vergnügen, das die Armen nicht kannten, da solche Kabinen sehr viel Geld kosteten und die Erlaubnis, sie zu bauen nur von der Regierung erteilt wurde. Es wurde mir nie gestattet, einen toten Megamikren zu sezieren. Das tut mir sehr leid; ich hätte dadurch den Mechanismus ihrer Gestaltung kennengelernt und viel Neues erfahren über ihre Fähigkeit, im Wasser zu atmen, wie auch über ihre Fortpflanzung, die ganz anders ist als die unsere. Die Fische und Vögel, die sie fangen, werden nie getötet; sie haben kleine Käfige, um darin die Vögel, kleine Teiche in ihren Gärten, um darin die Fische zu halten, und fangen sie nur zum Vergnügen. Sie reiten auch auf die Jagd; eines Tages nahmen sie uns aus Höflichkeit in einem Wagen mit, um dies anzusehen. Das Wild wurde gehetzt und sobald die Hunde es eingefangen hatten, wurden sie geherzt, die Beute aber wurde losgelassen. Ich sagte Hunde ; eigentlich waren diese jagenden Tiere keine richtigen Hunde; doch waren sie diesen durch den Instinkt verwandt. Das Wild war von verschiedener Gattung, doch so klein, daß ich es nur mit unseren Mäusen vergleichen kann. Wir konnten dieser Jagd kein Vergnügen abgewinnen, da wir zu groß waren, um ihre Pferde zu reiten, und ihnen im Wagen nicht folgen konnten; die Jagd zu Fuß aber wäre zu ermüdend gewesen. Das erste, was wir erfuhren, als uns ihre Sprache vertraut wurde, war die überraschende Tatsache, daß wir dem Volk Gegenstand des Hasses und der Angst waren. Einige Sophisten, die trotz dem Beschluß ihrer rechtgläubigen Theologen, an der Lehre vom guten und bösen Prinzip festhielten, behaupteten, wir könnten nur zwei Ungeheuer sein, die die gottesfeindliche dunkle Macht aus den Tiefen der Erde entsandt hätte; wir könnten nur Unheil verkünden, da aus unserer eigentümlichen Gestalt ersichtlich sei, daß wir nicht aus der Sonne hervorgegangen seien. Dieses Volksgerede war nicht ganz unsinnig; bei uns auf der Erde hätte man es wohl nicht besser gemacht, vielleicht noch ärger sogar. Hätte dieser Eindruck fortgedauert, so hätte dies für uns schlimme Folgen haben können, doch traten Ereignisse ein, die die Volksmeinung zu unseren Gunsten umstimmten. Die böse Meinung über uns flößten ihnen die Alfakinen ein, indem sie einigen Megamikren das Orakelurteil verweigerten; sie behaupteten, nicht genügend Milch zum Hervorrufen des schwarzen Schlafes zu haben, seitdem sie zu unserer Ernährung Milchgeber senden mußten. Dies genügte selbstverständlich, um gegen uns die ärmere Klasse und abergläubische Frömmler aufzuhetzen, die auf der ganzen Welt die gefährlichsten Menschen sind. Auch der Abdala liebte uns nicht und ließ uns während vier Ernten – was einem unserer Jahre entspricht – die Nahrung nur aus Politik zukommen, um ein Anrecht auf uns zu haben und zu verhindern, daß wir von der weltlichen Behörde abhängig würden; denn seiner Meinung nach konnte der große Helion mit dem uns bereiteten Empfang nicht einverstanden sein. »Was sollen wir,« sagte er, »mit diesen beiden Maschinen anfangen, die uns keinen Nutzen bringen und deren Erhaltung uns so teuer zu stehen kommt?« Wir sahen selbst die uns drohende Gefahr ein und hofften nur auf einen glücklichen Zufall, der das schlimmste von uns abwenden möchte. Wir begriffen sehr wohl, daß wir uns dieser Welt unentbehrlich oder doch wenigstens sehr nützlich machen mußten, um unsererseits dort glücklich sein zu können. Darum dachten wir auch darüber nach, auf welche Weise dies zu erreichen wäre. Eduard wollte nunmehr in seinem historischen Bericht fortfahren, als Mylady ihm mit einer Frage zuvor kam. Sie sagte: »Ich stelle mir vor, meine liebe Elisabeth, wie schwer es Ihnen sein mußte, die Sprache der Megamikren zu erlernen, da ja Ihre Lehrer nicht Englisch verstanden.« »Gewiß, Mylady,« antwortete Elisabeth. »Darum haben auch erst unsere Kinder sie uns vollkommen beigebracht, übrigens ist sie an sich sehr schwer. Sie bedingt ein sehr feines Gehör und eine ganz erstaunliche Übung, um alle ihre Sätze zu verstehen, die aus Wörtern zusammengestellt werden, die voneinander mehr durch den Klang als durch den Unterschied in den Vokalen erkennbar sind; deshalb muß man die Megamikren, wenn sie sprechen, aufmerksam ansehen, da die Bedeutung eines Ausdrucks auch von Gesten, vom Augenspiel und von der ganzen Physiognomie des Sprechenden abhängt. Wir erlernten sie schließlich, doch vermochten es auch unsere Kinder nicht, sie vollkommen zu beherrschen, da hierzu eine Nachtigallkehle und auch die zierliche Gestalt der Megamikren erforderlich sind, um alles mit der ihnen eigenen Grazie wiedergeben zu können. Diese Grazie in den Bewegungen ist sehr schwer wiederzugeben; kein Lehrer kann sie beibringen und sie fällt kleinen Wesen viel leichter als großen; denn an einem großen bemerkt man sofort einen noch so geringen Fehler, der bei einem kleinen Wesen überhaupt nicht zum Vorschein kommt. Die zweite Sprache der Megamikren wird von ihnen die stumme genannt: sie bedienen sich ihrer im Wasser. Diese Sprache ist in ihrer Art ganz vollkommen, da sie alles zu sagen vermag und nur Sehkraft erfordert. Wir lernten sie alle zu unserem Vergnügen und recht leicht, obwohl die Megamikren der Ansicht sind, daß sie schwerer sei als die der Kehle, während wir das Gegenteil behaupteten; sie fanden sie schwerer, weil sie weniger reichhaltig ist, und gerade darum kam sie uns leichter vor. So hatten alle beide recht.« Nach dieser Erklärung fuhr Eduard in seiner Erzählung fort: Die einzigen wahren Freunde, die wir dort hatten, waren unsere Wirte; unter dem Adel hatten wir einige, die uns sehr höflich und lieb entgegenkamen, auf die wir jedoch nicht rechnen konnten. Wir wußten nicht, daß wir in allem vom großen Helion, dem König von Heliopalu abhingen, dessen Entscheidung binnen vier Ernten ankommen sollte. Wir brachten unsere Zeit sehr angenehm zu. Von jeden zwölf Stunden hatten wir fast vier Stunden für uns allein, nämlich jene Stunden, die alle Megamikren dem Alleinsein mit ihrem Unzertrennlichen widmen. Es ist die Zeit der Ruhe, die ihnen den Schlaf ersetzt; die dauert sechs ihrer Stunden, die je sechsunddreißig Minuten unserer Zeitrechnung entsprechen. Wenn diese Ruhezeit abgelaufen ist, beginnt der neue Tag. Zwanzig Schläge, die die öffentlichen Ausrufer erschallen lassen, zeigen den Schluß des Tages und den Beginn des neuen an. Die Megamikren erscheinen nach ihrer Ruhezeit noch netter und geschäftiger, nachdem sie eine Stunde damit zugebracht haben, zu baden, sich zu kämmen, sich mit Wohlgerüchen einzureiben und ihre Gebete zu Gott zu verrichten. Wir folgten ihrem Beispiel, da wir aber nicht schlafen konnten, so beschäftigten wir uns anderweitig, wir studierten die Sprache und verfertigten Musikinstrumente, die wegen ihrer Eigenart viel Beifall fanden und für die man uns kostbare Kräuter gab. Unsere Gesundheit war ausgezeichnet. Wir konnten es nicht fassen, wie es kam, daß wir in dieser Menge von Menschen keine Greise außer den Alfakinen und weder Frauen noch Kinder sahen. Wie konnten wir ahnen, daß man dort nicht altert, daß es nur ein Geschlecht gibt, obwohl eine Art Ehe dort vorhanden ist, und daß die der Fortpflanzung vorangehende Schwangerschaft unsichtbar ist? In Zeit von einem Monat lernten wir lesen und abschreiben; nach und nach lernten wir die Benennungen der unter unseren Augen sich vorfindenden Gegenstände auswendig, sowie andere, deren Abbildungen man uns zeigte. Daneben schrieben wir die englischen Wörter und lernten auf diese Weise alle Zeitwörter für die verschiedenen Handlungen, die wir durch Gebärden wiedergeben konnten. Der Sinn ihrer Reden ließ uns die Hilfszeitwörter erraten, ebenso die Namen der Sinne, der Tugenden, Laster, Leidenschaften, ihre Art des Deklinierens und Konjugierens, die Redewendungen ihrer Komplimente, ihre Art Lob, Verweis, Tadel, Bewunderung. Durch Hände, Arme, Augen oder Mienen wurden die entsprechenden Worte begleitet. Dabei mußten wir sehr aufmerksam auf ihre Pausen achten; denn diese gaben erst den richtigen Sinn. Wir waren ganz glücklich, als es uns endlich zu verstehen gelang, daß sie keine besonderen Artikel haben, um das männliche, weibliche oder sächliche Geschlecht zu bezeichnen, und daß es weder verschiedene Namen für dieselbe Sache gab, noch Wörter, die eine doppelte Bedeutung hatten. Ihre Sprache besteht aus 29470 Wörtern. In einem Jahr erlernten wir die Bedeutung von beinahe zwanzigtausend Wörtern und konnten schon ziemlich gut schwatzen, doch begriffen wir erst nach vier Jahren die volle Bedeutung der zehntausend anderen Wörter. Wer zuerst spricht, gibt dem Gespräch und den Stimmen der ganzen Gesellschaft den Ton an und gibt dadurch schon einer ganzen Zahl von Wörtern die entsprechende Bedeutung. In einer Versammlung ist es deshalb nicht gestattet, in einem anderen Ton zu antworten; wer dies tut, will entweder beleidigen oder belustigen. Der Beleidiger wird daraufhin aus der Gesellschaft ausgeschlossen, der Lustigmacher dagegen erhält Beifall. Den Ton anzugeben, kommt dem Herrn des Hauses zu, es sei denn, daß er diese Ehre einem besonders geschätzten Gast abtreten will; die Beobachtung dieser Höflichkeitsregel ist oft Ursache, daß während der ersten Viertelstunde ein allgemeines Schweigen beobachtet wird, das dann gewöhnlich von irgendeinem besonders reizenden Unzertrennlichen durch herzliches Lachen gebrochen wird, worauf die höchstgestellte Persönlichkeit zu ihm geht und ihm unter vielen Liebkosungen und freundlichen Worten umarmt. Bei Hof kann nur der König den Ton angeben, und da kommt es oft vor, daß, wenn Seine Majestät beschäftigt ist und später erscheint, der halbe Tag vergeht, ohne daß jemand was anderes als die stumme Sprache spricht. Erscheint aber der König auch zu Mittag nicht, dann sendet er seinen königlichen Unzertrennlichen, der nur in diesem Fall allein kommend, den Ton angibt und dann eine reizende Euphonie trällernd davongeht. Neuerdings wird der Ton bei Hofe durch eine Orgelpfeife angegeben. Die innere Welt umfaßt 80 viereckige gleich große Königreiche, 10 Republiken, die ebenso groß sind wie die Königreiche, und 216 Lehensstaaten von verschiedener Größe, die zu den Königreichen oder Republiken gehören. Diese Lehensstaaten sind alle dreieckig und die größten unter ihnen übersteigen niemals ein Drittel eines Königreiches. Die 80 Monarchen sind nicht alle gleich reich und zwar deshalb nicht, weil der Reichtum der einen in wertvollen Grubenwerken besteht, aus denen man den Phosphorstoff, Metalle, Minerale und Edelsteine gewinnt; der Reichtum anderer auf den verschiedenen Gewerben beruht, die ihre Untertanen betreiben; der Reichtum wieder anderer auf den Einrichtungen, von denen das Gedeihen des Handels abhängt. Ganz gleich sind dort überall sämtliche Maße für Bodenflächen, Bauten, Stoffe, Waren und für die Zwecke der Wissenschaft. Auch der Wert des Geldes ist überall gleich, die Sprache überall dieselbe, desgleichen die Religion, die nur ein Oberhaupt hat, das einem jeden gestattet, über die Natur Gottes, über die Seele und über die Materie beliebige Ansichten zu haben, nur muß ein jeder die Gesetze und die angeführten Kultusgebote befolgen, oder wenigstens keine neuen einführen wollen. Die ganze Welt der Megamikren hat ein und dasselbe Hauptgesetzbuch; nur die Gemeindevorschriften wechseln je nach dem Staate. Es gibt ein allgemeines Volksrecht, das sich vom Naturrecht nur durch seinen Namen unterscheidet, und ein Strafrecht, das für jeden Staat in bezug auf die Strafen verschieden ist; der Begriff des Verbrechens aber ist überall gleich. Der Herrscher sorgt für die Handhabung aller Gesetze und ernennt die Beamten; er hat das Recht, Verurteilte zu begnadigen, ist aber verpflichtet, für sie zu zahlen, falls sie rückfällig werden; er hat auch das Recht, Strafen zu mildern, doch niemals, sie zu verschärfen. Er ist der oberste Richter, er kann neue Gesetze einführen und alte abschaffen, doch muß die Neueinführung wie die Abschaffung die Zustimmung der »Fünfhundert« erhalten, die sich alle zwölf Jahre versammeln. Diese Fünfhundert sind die Vertreter und Abgesandten der fünfhundert seinem Königreich angehörenden Städte, sie wohnen ständig in der Hauptstadt. An den König wird selten Berufung eingelegt; denn wenn diese abgewiesen wird, muß der Appellant nicht nur alle Kosten des Prozesses tragen, sondern außerdem noch zugunsten der Armen zahlen, was so hoch ist, wie die Summe, die man von ihm oder die er von seinem Gegner verlangte. Die Gerichtshöfe der zweiten Instanz bestehen immer aus drei, fünf oder sieben Paaren von Megamikren, da die abgegebene Stimmenzahl ungleich sein muß. Der Unzertrennliche eines Richters muß genau so wie dieser abstimmen, der seinen Spruch schriftlich abgibt, nachdem er drei Anwälte angehört hat, von denen der erste und der letzte für den Berufung Einlegenden sprechen. Die Rede des Letzten wird aufmerksam überwacht; wenn er Tatsachen anführt, die der erste nicht begründet hat, so verliert er sein Amt. Nach den Reden der Advokaten findet die Abstimmung statt, und die Mehrheit der Stimmen entscheidet. Die Richter geben ihr Urteil schriftlich ab, ohne daß ihnen Zeit gelassen wird, sich untereinander zu verständigen. In der ersten Instanz entscheidet nur und unterzeichnet ein Richter, selbstverständlich mit seinem Begleiter. Die Beredsamkeit steht bei den Megamikren in ganz besonders hohem Ansehen. Sie besteht in einer Zusammenstellung von harmonischen knappen und klaren Sätzen; in Andeutungen und Pausen; in Gesten, in freundlichem Gesichtsausdruck, in einer ungemeinen und sehr schwer lernbaren Geschicklichkeit, alle Satzbildungen zu vermeiden, die an regelrechte Musik erinnern. Solche Sätze gelten für den größten Fehler der Redekunst; denn nach der Meinung der Megamikren soll ein Redner sprechen, nicht singen; von einem, der singend spricht, nehmen sie an, daß er weder singen noch sprechen kann. Unsere Engländer, denen eine Prosa gefällt, worin von Zeit zu Zeit Halbverse vorkommen, haben einen sehr schlechten Geschmack; die Redner, die aus Gefallsucht solche Kunstgriffe anwenden, sind wie Frauen, die sich schminken und die aus Verzweiflung den Entschluß gefaßt haben, nur solchen zu gefallen, denen Ausschweifungen die Sinne abgestumpft haben. Ihre Gleichförmigkeit macht die Megamikren doch nicht monoton; ein deutlich bemerkbarer Unterschied ihrer Kehlen macht ihre Konzerte sehr anziehend und unterscheidet sogar die Musiker von den Rednern. Sie erkennen sich auch untereinander am Klang ihrer Stimmen, doch man muß dazu ein so feines Gehörorgan haben, wie sie es besitzen. Man kann bestimmt sagen, daß dort die Kunst der Musik ihren höchsten Grad erreicht hat; da sie dort alle von Geburt an Musiker find, so können Sie sich vorstellen, Mylords, zu welcher Kunst es jene bringen müssen, die sich diesem Studium besonders widmen. Die Sprache der Megamikren spricht zum Ohr wie die unsere, infolgedessen bekundet sich auch ihre Seele durch die Töne, die zu ihr gedrungen sind. Aber der Kanal, der die göttliche Harmonie ihrer Musik der Seele zuführt, ist außer dem Gehör die ganze Haut, die ihren Leib bedeckt und zwar in solchem Grade, daß Megamikren in Staatsmänteln und Ehrenkleidern diese abwerfen, um der vollkommenen Schönheit der Musik ohne Einschränkung genießen zu können und um ihr alle Wege zu der entzückten Seele zu bahnen; denn es gibt vieles, was nur die Musik ihr sagen kann, von deren sinnlicher Wirkung wir uns nur einen recht abstrakten Begriff machen können. Ein Megamikre kann einem anderen nicht ausdrücken, was seine Seele empfunden hat, denn so etwas mag niemand in Worten auszusprechen. In eine süße Verzückung versunken vergißt er, daß er nur ein Sterblicher ist und aus dieser Ekstase erwacht, muß er zugeben, daß sein innerer Genuß nur ein rein geistiger, von der Materie ganz unabhängiger gewesen sein kann. Musikverständnis ist den Megamikren ein Beweis für das wirkliche Dasein der Seele. Bemerkenswert ist, daß die Musik jener Welt ohne alle Worte ist. Musik mit Worten ist stets schlecht, denn sie macht nicht mehr den richtigen Eindruck auf die Seele, vermag nicht mehr den Gedanken des Komponisten auszudrücken; und dieser wird ausgepfiffen. Worte mit Musik zu verbinden gilt als ein noch größeres Vergehen, als wenn eine Rede an Musik anklingt. Die großen Tonkünstler, die dort die echten Dichter sind, lachten aus vollem Herzen, als ich ihnen sagte, daß unsere Sänger Lieder singen, zu denen ein Musiker die Töne als Begleitung erfunden hat; sie sahen dies als eine ganz groteske Mischung an, und fragten mich, was wir damit bezweckten, ob wir den Leib die Freuden der Seele mitempfinden lassen wollten, ob die Seele die Freuden des Leibes oder ob wir alle beide foppen wollten? Dies erschien ihnen als ein dummer Spaß, wie wenn etwa ein Megamikre die Milch seines Unzertrennlichen mit seinem Mus mischen würde, um gleichzeitig essen und trinken zu können. Sie frugen mich, ob nach unserer Meinung die Worte zur Schönheit der Musik beitrügen, oder umgekehrt? Ich antwortete ihnen: »Wenn die Musik schön ist, achtet man nicht auf die Worte, aber die herrlichsten Worte können nicht verhindern, daß eine Musik ausgepfiffen wird wenn sie schlecht ist.« Dies milderte das Mitleid, das sie für uns empfanden; sie meinten, diese Ansicht sei immerhin leidlich vernünftig. Dieser glückliche Instinkt, ihr Sinn für Harmonie, macht es ihnen unbegreiflich, daß Zwietracht und Kriege in unserer Welt viel natürlicher sein können als Eintracht und Frieden. Sie begreifen wohl, daß ein Volk sich erhebt, um sich für Beschimpfung und Beleidigung durch ein anderes Volk zu rächen, oder um Vergeltung zu verlangen, und daß es zwischen den beiden Nationen zum Kriege kommen kann, wenn der Gegner nicht nachgeben will. Aber sie verstehen es nicht, wie eine Menschenmenge gegen eine andere aufmarschieren kann, wie sie sich gegenseitig mit der größten Kaltblütigkeit überfallen können, ohne durch Haß oder Zorn dazu getrieben zu sein, ja sogar ohne zu wissen aus welchem Grund ihr Herr sie zur Schlachtbank schickt, und wie Leute, die sich auf des Herrschers Befehl niedermetzeln lassen, sogar noch stolz darauf sein können und den Tod auf dem Schlachtfeld für den schönsten halten. Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß bei uns ein Monarch das Recht hat, seine Untertanen auch gegen ihren Willen in den Krieg zu schicken, doch konnten sie nicht verstehen, wie er so grausam sein könnte, von diesem Recht Gebrauch zu machen; noch weniger, laß sogenannte Staatsgründe dafür maßgebend sein könnten, da doch die Bevölkerung die Grundlage jedes Staates bilde. Wie könne man also gerade diese Bevölkerung zur Schlachtbank schicken? Ein König – sagen sie – muß seine Untertanen als Kinder ansehen und ein Vater sendet doch seine Kinder nicht in den Tod; wenn er dies doch tut, können sie ihn nicht mehr als ihren Vater ansehen. Ich setzte ihnen dann auseinander, was Sklaverei ist, doch sie lachten mich nur aus und sagten, dies könne nur ein Hirngespinst sein. Um Sklave zu sein müsse ein Mensch überzeugt sein, daß er es sei. Es sei aber doch unmöglich, daß er auch nur einen Augenblick glauben könne, nicht sein eigener Herr zu sein; denn er müsse ja überzeugt sein, daß nur Gott allein ihm die Möglichkeit des Selbstmordes nehmen könne. Sie sagten ferner, daß kein Mensch einen anderen besitzen könne; dies sei physisch unmöglich, genau so, wie es unmöglich sei, in einen festen Globus einen anderen gleichgroßen und gleichbeschaffenen hineinzubringen. Die Gewißheit, die die Megamikren haben, daß sie nach einhundertzweiundneunzig Jahren, gleich achtundvierzig von unseren Jahren, sterben werden, könnte bei uns von diesem oder jenem als ein Unglück betrachtet werden. Ich verstehe aber nicht, wie man die Ungewißheit in der wir leben, als ein Glück ansehen kann, da wir doch sicher wissen, daß wir sterben müssen. Ja, man geht bei uns in dieser merkwürdigen Ansicht so weit, Menschen als weniger beklagenswert anzusehen, die nach langen Leiden ihr Leben enden, als solche, die eines plötzlichen Todes sterben. Man behauptet eine langwierige Krankheit erlaube einem seine Geschäfte und Privatangelegenheiten zu ordnen; ich gebe dies zu, man müßte aber doch auch zugeben, daß der Megamikre glücklich ist, weil ihn der Tod niemals überraschen kann; er vermag also, wenn sein Leben zur Neige geht, seine Angelegenheiten in vollkommener Ruhe zu ordnen. Wie kann ein klardenkender Kopf die Ungewißheit der Todesstunde als ein Glück bezeichnen und gleichzeitig den plötzlichen Tod für etwas Furchtbares halten? Die Megamikren brauchen nicht erst aus Furcht vor dem Tode ihre Angelegenheiten zu ordnen, und wir, die ihn jeden Augenblick befürchten müssen, setzen unsere Hoffnungen auf eine Krankheit. Warum sind wir dann nicht stets auf den Tod vorbereitet? Was hindert uns denn, uns stets für Kranke zu halten, wenn wir tatsächlich erst krank werden müssen, um uns die Tatsache zu vergegenwärtigen, daß wir sterblich sind? Wir haben uns selber in den unglücklichen Zustand versetzt, die Ungewißheit als einen Trost anzusehen und merken den Mangel an Logik in unserer Lebensart nicht: nämlich daß keiner von uns den Mut hat, sich bei gutem Wohlbefinden auf den Tod vorzubereiten. Unsere Feigheit geht so weit, daß wir uns freuen, der Stunde unseres Todes nicht gewiß zu sein, obgleich wir wissen, daß wir sterben müssen, während richtiges Denken zu dem Schluß führen muß, daß ein Unglück nur halb so groß ist, wenn es einem nicht unerwartet trifft. Die ihrer Todesstunde sicheren Megamikren danken Gott dafür, daß er ihnen den Zeitpunkt ihrer Auflösung nicht verheimlicht hat. Jemanden der diese Gewißheit nicht anerkennen wollte, würde man für einen Schwachkopf ansehen. Der Megamikre verbringt die ersten zwölf Jahre seines Lebens, die drei von unseren Jahren gleich sind, in einer Art Käfig, worin es ihm an nichts mangelt und worin er mit seinem Unzertrennlichen auferzogen wird und mit diesem plaudernd die Zeit verbringt. Eine Wand aus Metallstäben trennt sie voneinander oder sie werden in zwei einzelnen, nebeneinandergestellten Käfigen untergebracht. Diese beiden Wesen, sagen die Megamikren, sind durch ein Naturgesetz zu untrennbarer Gemeinschaft bestimmt. Sie verlassen diese Käfige nur, um noch enger sich miteinander zu verbinden, um womöglich eine Seele in zwei Körpern zu werden und um in der Außenwelt noch einhundertachtzig Jahre zusammen in Freiheit zu leben, von jeglicher Krankheit fern. Sechs Ernten vor ihrem Tode ziehen sie sich vor der Welt zurück und gelangen langsam ans Lebensende; in ihrer Todesstunde saugen sie ihre letzte Milch. Der selbstverständliche Wunsch, zu erfahren, wie viele Tage, Monate und Jahre wir in jener Welt verlebten, wo es nur einen ununterbrochenen Tag gibt, veranlaßte uns, schon gleich nach unserer Ankunft unsere Zeitberechnung mit der der Megamikren zu vergleichen. Hätten wir keine Uhr gehabt, so wäre uns das als ein Unglück erschienen; denn es liegt in unserer Natur, die Zeit zu berechnen; die Zeit ist der Tummelplatz der Phantasie, wie die ganze Erde der Tummelplatz unserer Körper ist, und da wir diese Neigung besitzen, so müssen wir annehmen, daß sie notwendig ist. Zum Glück besaßen wir zwei gute Uhren. Anfangs hielt ich mich bei meinen Berechnungen an die Einteilung in vierundzwanzig Stunden, bis ich erfuhr, daß dort eine andere gebräuchlich ist. Die Bewohner jener Welt sind von Natur viel genauer und sicherer in ihren Berechnungen als wir; ihre Zeiteinteilung hält sich an Wirkliches, und ist nicht gegen die Vernunft, wie augenscheinlich die unsrige, da wir das Jahr mit dem ersten Januar anfangen lassen, obwohl weder der Mond, noch die Sonne, noch die Religion uns einen triftigen Grund geben, das Jahr gerade mit diesem Tag zu beginnen. Das Jahr der Megamikren beginnt an dem Tage, an dem sie ihr Korn und ihren Hanf säen und endet mit dem Tag der Ernte. Die Zahl dieser Tage beläuft sich auf einhundertachtzig, da die Länge ihrer Tage genau die Hälfte der unseren beträgt. Ihr Jahr ist in vier Zeitabschnitte geteilt, die sie als Brände des grünen Holzes bezeichnen, und deren jeder fünfundvierzig Tage einschließt; wir betrachteten diese Zeitabschnitte als unseren vier Jahreszeiten entsprechend. Ein Brand des grünen Holzes besteht aus neun Unterabschnitten, die sie Auferstehungen nennen, und deren jede fünf ihrer Tage zu zwanzig Stunden umfaßt. Eine Stunde hat sechsunddreißig Minuten und die Sekunde ist genau gleich dem Pulsschlag ihres Blutumlaufs, so daß ihre Sekundenuhren gleichzeitig als Pulsmesser dienen. Der Brand des grünen Holzes, der ihnen zur Monatsbezeichnung dient, bezieht sich auf einen grünen Strauch, der blatt- und astlos ist und daher wie ein Baumstumpf aussieht; er ist grün. Er entsprießt der Erde am ersten Tag des Jahres und verbrennt, nachdem er in Zeit von neun Auferstehungen des schwarzen Wurmes bis zur Größe eines Megamikren emporgewachsen ist, nach einem zweistündigen allgemeinen Regen, der ihn in Brand setzt. Nachdem seine Asche erkaltet ist, wächst er an der gleichen Stelle aus derselben Wurzel wieder heraus, um nach neun Auferstehungen wieder zu verbrennen, und so geht es immer fort. Es regnet in jener Welt viermal im Jahr, doch hat dieser Regen nicht den Zweck die Erde zu tränken, sondern er dient dazu, die Luft zu erfrischen. Und dies geschieht auf folgende Weise: Drei Stunden vor Schluß des Monats erhebt sich ein schwacher Wind, der binnen einer Stunde immer stärker wird und sodann aufhört! Kaum hat er sich gelegt, so sieht man aus dem Erdboden, an allen nicht bebauten Stellen einen Nebel aufsteigen, der schließlich so dicht wird, daß die Sonne nicht mehr zu sehen ist. Hierauf entsteigt der Erde ein lauer roter Regen, der wie die Wasserstrahlen künstlicher Springbrunnen aussieht; dieser Regen dauert sieben Viertelstunden und steigt immer höher empor, um plötzlich aufzuhören, ohne daß die Wasserstrahlen auf die Erde zurückfallen. Die Luft wird immer klarer, die Sonne zeigt sich wieder und nach zehn Minuten ist die Erde wieder so trocken wie vor dem Regen. Der Regen steigt sowohl von der Oberfläche der Flüsse, wie aus den Straßen hervor, aus denen man deshalb die Teppiche vorher wegräumt. Wenn der Regen zu erwarten ist, ziehen alle Megamikren ins Freie hinaus, um ihn mit Freuden zu empfangen, und sich von ihm benetzen zu lassen. Sie genießen voller Freude und mit ausgelassener Fröhlichkeit sowohl dies entzückende Bad, wie den schönen Anblick für ihre Augen. Die Theologen der Megamikren lehren über diesen Regen, daß er der Tribut sei, den die Erde ihrem Schöpfer, der Sonne, zolle, indem sie ihm ihr Wasser zu trinken gebe. Deshalb meinen sie, die Söhne Gottes dürfen kein Wasser trinken, da dies der einzige Trunk der Sonne sei. Hieran ist auch nicht zu zweifeln, da das Wasser von der Sonne aufgesogen wird und nicht zurückfällt. Besonders fromme Leute bewohnen kleine Häuser ohne Ziegelböden, bedecken nur die Erde mit Teppichen und räumen diese weg bevor der Regen kommt, damit die Erde nicht behindert sei, ihrem Schöpfer zu huldigen. Die Bezeichnung eines Zeitraumes von fünf Tagen als Auferstehung der schwarzen Raupe rührt von einer schwarzen Raupe, die man auf den Feldern findet. Dieses Insekt wird nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei zur Raupe, und zwar zur Zeit, in der das grüne Holz sich entzündet. Binnen zwölf von unseren Stunden wird die Raupe zum Schmetterling; der Schmetterling stirbt nach zwölf Stunden; wiederum binnen zwölf Stunden zerfällt die Leiche zu Staub; nach Verlauf von weiteren zwölf Stunden bildet sich aus diesem Staub ein Ei, aus dem zur Stunde des Brandes die Raupe herauskriecht; und so weiter ins Unendliche. Daher benennen die Megamikren nach diesen Metamorphosen die Tage und zwar entsprechen diese Namen den betreffenden Phasen. So wird der erste Tag, der der Auferstehung, Raupe genannt, der zweite Schmetterling , der dritte Leiche , der vierte Staub , der fünfte Ei . Sind sie nun wohl zu bedauern, weil nicht sie unseren herrlichen Planeten haben, um ihre Tage und Stunden zu bezeichnen, wie wir die unsrigen, die von den Planeten gelenkt werden? Eigene Erfindung der Megamikren ist die Einteilung ihres Tages in zwanzig Stunden. Diese Einteilung trägt durch sachverständige Stundeneinhaltung zu ihrer Bequemlichkeit und Ordnung bei. Der Tag beginnt mit dem Schlage der zwanzigsten Stunde. Bis zur elften Stunde gehen sie ihren Geschäften nach, bis zur vierzehnten essen sie und spazieren; dann ruhen sie bis zur zwanzigsten Stunde aus. Der Schmetterlingstag und der Staubtag sind für sie traurige Tage; nur an diesen verbrennen und begraben sie ihre Toten. Am Tag des Eis werden die jungen Megamikrenpaare aus den Käfigen entlassen; folglich ist es ihr Hochzeitstag. Vornehme Herrn halten sich jedoch an diese kleinen Regeln nicht so genau und teilen ihre Ruhestunden nach ihren Launen ein. Der letzte und der erste Tag des Jahres sind, wie ich Ihnen bereits sagte, die einzigen zwei Festtage der Megamikren, am dritten Tage gehen sie in den Tempel. Am ersten Festtag wird geerntet, am zweiten wird in die seit einem Jahr brachliegende Erde die Saat gesenkt. Es gibt niemanden, der es wagen würde, sich von diesen Festtagen auszuschließen. Die Feier dieser Tage besteht eben im Ernten und im Säen. Die mächtigsten hohen Herrn, ja sogar die Könige, ernten und säen an abgelegenen Orten, wo sie von niemandem gesehen werden. Man darf ein ganzes Jahr hindurch sich jeder Arbeit enthalten, aber diese beiden Festtage müssen der Arbeit gewidmet werden. Dies geschieht zu Ehren Gottes. Die Megamikren sind nämlich der Ansicht, daß die wirkliche Ruhe Gottes in ewiger Arbeit, die Arbeit Gottes in ununterbrochener Ruhe besteht. Ich machte den Einwand, daß dies doch ein und dasselbe sei, sie verneinten es und behaupteten, es seien zwei Ideen, nicht eine. Sie zeichnen sich durch ein ungemeines, bei uns sehr seltenes Unterscheidungsvermögen aus. Am zweiten Tag des Jahres gehen sie in den Tempel um der Sonne zu huldigen. Der Schluß und Beginn des Tages wird in der ganzen Stadt durch geistliche Diener mit Trompetenschall verkündet. Ich führte an dessen Stelle Glockengeläute ein, wie Sie später ausführlich hören werden. Die Oberaufsicht über die Zeiteinteilung ist ein Vorrecht des geistlichen Oberhauptes, das diesem von den Königen niemals streitig gemacht worden ist. Wer in jener Welt vierzig Maß Korn sät, kann sicher sein, am Ende des Jahres tausend Maß zu ernten. Die Zeit- und Jahreseinteilung ist bei ihnen sehr bestimmt und nichts ist genauer als ihre Chronologie. Wie würden die Megamikren sich über uns lustig machen, wenn sie herkommen könnten! Was würden sie sagen, wenn sie sähen, daß wir in nichts übereinstimmen, daß wir verschiedene Stunden, verschiedene Monate haben, daß sich die Zahl unserer chronologischen Systeme auf mehr als über sechzig beläuft. Was nützt uns die Wissenschaft der Astronomie, auf die wir so stolz sind? Sind wir glücklicher als die Megamikren weil wir Sonnen- und Mondfinsternisse vorauszusagen verstehen? Sind die Megamikren als bedauernswerte Wesen anzusehen, weil zwischen ihnen und ihrer Sonne keine Himmelskörper sich befinden? Sie haben dadurch die Möglichkeit, ihre Zeit viel besser anzuwenden. In der Rechnung, die ich über die dort verbrachte Zeit führte, habe ich der Bequemlichkeit halber wissentlich einen Irrtum begangen. Ich nahm mit Fleiß unser Sonnenjahr mit dreihundertsechzig Tagen an. Als ich vor kurzem in Venedig war, und gerade nichts Besseres zu tun hatte, rechnete ich nach, wie groß der durch meine falsche Berechnung entstandene Unterschied wäre. Ich fand, daß es vierzehn Monate waren, während ich nur eine Differenz von elf Monaten angenommen hatte. Der Unterschied betrug einige Minuten täglich; ihn dort auszurechnen war nicht möglich, da wir weder sicher waren, daß unsere Uhren unbedingt richtig gingen, noch daß die Megamikren ihre zwanzig Stunden genau berechnet hatten. Nach Ablauf von siebenundachtzig Erdentagen seit jenem, an dem wir bei unserem lieben Gastgeber erwachten, wurden die Festtage der Megamikren gefeiert; nachdem wir ihre Sprache erlernt hatten, zogen wir den Schluß, daß wir gerade am Tage vor den Festen aus dem Fluß herausgeholt worden waren und daß man während unseres langen Schlafes diese Festtage gefeiert hatte. Wir enthielten uns auch diesmal, daran teilzunehmen. Nach und nach begannen wir, uns in der Sprache der Megamikren verständlich zu machen, man hörte uns aufmerksam zu, doch verstanden wir sie stets besser, als wir selbst zu sprechen vermochten. Eines Tages fragte der Unzertrennliche des Statthalters Elisabeth, ob mir Kinder haben könnten; sie stellte sich, als ob sie seine Frage nicht verstehe; unsere Fortpflanzung war ihnen ebenso rätselhaft wie uns die ihrige. Stellen Sie sich, Mylords, unsere Gefühle und Gedanken vor, als der wachsende Leibesumfang Elisabeths uns keinen Zweifel mehr ließ, was wir in einigen Monaten zu erwarten hätten. Wie würden wir unser Kind ernähren, wie es aufziehen können? Es war uns gleichgültig, was hiezu der Abdala, der Statthalter, das Volk sagen würden, wir konnten unsere Bedenken mit dem Satze schließen: es wird kommen, wie es Gott gefällt. Das merkwürdigste dabei war, daß wir, obwohl gute Christen und in den Vorschriften unserer Religion aufgewachsen, keine Gewissensbisse über unsere Tat verspürten; es kam uns vor, als hätten wir, indem wir Mann und Frau wurden, nur den Willen des Allerhöchsten erfüllt. Es war kein subtiles Grübeln, das in uns diesen Gedanken erweckte, es war eine aus sich selbst entspringende okkulte Kraft, die in uns dies Sicherheitsgefühl hervorbrachte. Je mehr der Umfang ihres Leibes wuchs, desto mehr erweckte Elisabeth die Neugierde aller Megamikren, die sie zu sehen bekamen. Diese Schwellung begann unsere Freunde zu beunruhigen und unsere Feinde zu erfreuen. Alle dortigen Ärzte waren sich nämlich darüber einig, daß sie von einer bei ihnen sehr seltenen Krankheit betroffen sei, die stets einen tödlichen Ausgang hat. Es war nach ihrer Meinung eine Ansammlung wässeriger Blutsäfte, die aus ihren Gefäßen austraten und hohle Stellen überfüllten, was die Schwellung zur Folge hatte; einige meinten, es wäre Hautwassersucht, andere bezeichneten es als hypogastrische Schwellung, jedenfalls griffe sie aber die Zellstoffe an und wäre ein chronisches Leiden, und darum prophezeiten sie, daß meine Frau vor dem Ende des laufenden Jahres sterben müsse. Alle Abergläubischen sahen Elisabeth mit Abscheu an, denn diese Krankheit konnte nur die Folge einer gottlosen Handlung sein: sie mußte von den verbotenen, nur den Schlangen zukommenden Früchten gegessen haben. Wenn nämlich ein Megamikre von dieser Frucht zu essen wagte, verfolgten die beiden Schlangen ihn, stürzten sich auf ihn, schnürten ihn mit ihren Leibern zusammen und spien die Quintessenz ihres Zornes in seinen Mund. Infolgedessen mußte er in weniger als drei Megamikren-Jahren an der Krankheit sterben, deren Anzeichen meine Frau trug. Solche, die an diesem gräßlichen Leiden starben, durften nach dem Tode nicht mit allen Ehren verbrannt werden, sondern sie wurden in die Kalkgruben geworfen. Ohne diese drohende Strafe wäre die Wassersucht bei ihnen wahrscheinlich weniger selten gewesen. Unsere Gastgeber glaubten fest an diese Wahrsagung, und so waren sie tiefbetrübt, sagten aber nichts, bedauerten nur meine Frau, von der sie vermuteten, daß sie die sündhafte Tat aus Unwissenheit begangen hätte. Sie bedauerten auch mich, da ich ihnen versicherte, daß die Sache nicht bedenklich wäre. Die Angelegenheit erschien ihnen schließlich so beängstigend, daß der Gouverneur das Orakel zu Rate zog. Dessen Antwort lautete: Wenn Gott es nicht angeordnet hat, daß der andere Riese, der sich wohlbefindet, an derselben oder an einer anderen Krankheit stirbt, so wird der angeschwollene Riese genesen, und zwar noch ehe der dritte grüne Strauch Feuer fängt. Es war eine klare Wahrsagung, – aber das Orakel hatte sich vorgesehen, daß es nicht falsch sein konnte. Der Prophet sagte sich: entweder wird der Riese gesund werden und ich behalte Recht, oder er wird sterben, dann muß der andere, sich jetzt wohlbefindende, ebenfalls sterben, da es nicht wahrscheinlich ist, daß er nicht dasselbe Verbrechen auch begangen hat; stirbt er jedoch nicht, nun so wird es nicht schwer sein, ihm zum Tode zu verhelfen, um die Ehre des Orakels zu retten. Diese göttliche Antwort wurde der ganzen Stadtbevölkerung mitgeteilt und nun glaubte man, daß auch ich zum Tode verurteilt sei, da niemand an eine Genesung Elisabeths glauben konnte. Hätte ich den Tod meiner Frau befürchtet, so hätte der Schluß des Orakels mein Bedenken erregt, doch ich wußte ja, daß die Niederkunft keine Krankheit ist, geschweige denn die Schwangerschaft. Gegen Ende des neunten Monats wurde ihr Umfang so stark, daß sie sich vor niemand mehr sehen ließ; unsere Gastgeber waren die einzigen, die ihr täglich einen längeren Besuch abstatteten. Sie empfing sie im Bette liegend, in dem sie sich, dem Brauch gemäß, mit einem Leintuche zudecken konnte. Die lieben Geschöpfe sahen ganz verzweifelt aus, während Elisabeth stets froh und munter war und ihnen kleine Lieder vorsang. Dies erstaunte und verwirrte sie, um so mehr, da sie ihr baldiges Ende voraussahen. Ich ging täglich allein im Garten spazieren, was alle überraschte, da Leute höheren Standes, mit Ausnahme der Alfakinen, sich niemals ohne ihren Unzertrennlichen zeigen. Oft sah ich bei diesen Spaziergängen die Schlangen auf den Bäumen, die sich bei meinem Herannahen stets rasch zurückzogen; ich bemerkte mit Freuden, daß ich ihnen offenbar imponierte, denn ich wußte, daß sie sich einem sie anschauenden Megamikren gegenüber zornig und drohend benahmen; die Megamikren waren freilich um die Hälfte kleiner als sie, ich aber um die Hälfte größer und sechsmal stärker als sie. Als ich zum erstenmal wagte, eine ihrer Früchte zu nehmen, zischten sie so laut, daß die Gärtner herangelaufen kamen und ich die Frucht rasch wegwarf. Wenn die Gärtner mich auf der verbrecherischen Tat erwischt hätten, würde das für mich üble Folgen gehabt haben. Am letzten Tag ihres Jahres kamen unsere Gastgeber von uns Abschied zu nehmen, um an den Erntefesten teilzunehmen. Wir sollten sie erst nach drei Tagen wiedersehen. Wir wünschten ihnen alle erdenklichen Freuden und Vergnügungen. Eine Stunde nach ihrer Abreise gebar meine Frau, die sich bereits in starken Wehen wand, einen Jungen und gleich darauf eine Tochter. Trotz meiner Unerfahrenheit erwies ich mich als vorzüglicher Geburtshelfer: Vernunft und Liebe waren meine Lehrmeister, ich verrichtete meine Aufgabe tadellos. Es gibt keinen leichteren Beruf als diesen, wenn die Geburt normal verläuft. Meine Elisabeth zollte der Natur ihren Tribut auf die denkbar glücklichste Weise und dies Glück blieb ihr auch während der folgenden vierzig Jahre hold. Jedes Jahr machte sie mich zum Vater von Zwillingen: einem männlichen und einem weiblichen Kinde. Ebenso gebaren meine Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen bis in die sechste Generation stets Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen; von dieser an nahm die Natur infolge eines unerwarteten Ereignisses eine andere Wendung. Meine Nachkommen haben keine Ahnung davon, daß eine Frau bei einer Niederkunft sich in Gefahr befindet. Es ist nicht leicht, unsere Gefühle zu beschreiben, als ich meine reizenden Zwillinge ihrer erschöpften Mutter zeigte; überglücklich, verzückt, vermochten wir unsere Freude nur durch Tränen auszudrücken. Unsere reinen und unschuldigen Herzen waren weit davon entfernt, Gewissensbisse wegen Blutschande zu empfinden. Die Himmelsgabe hob unsere dankbaren Seelen zu Gott empor, dem wir so herzlich und warm unseren Dank aussprachen, daß dies allein uns entsühnt hätte, wenn wir uns schuldig gewußt hätten. Aber wie hätten wir wohl wagen können, Gott für die Frucht eines Verbrechens zu danken! Ich lief in den Badesaal und wusch meine Kinder wie die geschickteste Hebamme. Die Liebe lehrte mich dies. Dann taufte ich sie mit dem natürlichen Wasser jener Welt und gab ihnen im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die uns so teuern Namen Jakob und Wilhelmine, die Namen unserer lieben Eltern, die wir nicht hoffen durften wiederzusehen. Hierauf legte ich diese Beweise unserer zärtlichen Liebe, die heiligen Siegel der Unzertrennlichkeit unseres Bundes neben ihre Mutter und deckte alle drei mit einem glänzend roten Tuch zu. Während dieser Tage sahen wir nur unsere Milchgeber und zwei Diener, die uns die Suppen auftrugen. Vor ihnen konnten wir ohne Schwierigkeit die Neugeborenen verstecken, wie es uns auch gelang, das Verschwinden des starken Umfangs meiner Frau ihnen zu verheimlichen. Nach zwanzig Stunden wurde sie von einem leichten Schüttelfrost befallen: es war die aus ihrem Blut sich in ihren Brüsten bildende Milch, und sie begann freudevoll ihre Kindlein zu stillen. Sie fühlte sich wohl genug, um ein Bad zu nehmen und wir kamen überein, daß sie sich mit unseren Gastgebern zu Tische setzen sollte. Wer beschreibt das Staunen und die Überraschung dieser beiden herrlichen Geschöpfe, unserer Schutzengel, als sie nach einer Abwesenheit von sechzig Stunden, in unser Zimmer tretend, zwei zu beiden Seiten ihrer Mutter im Bette liegende schöne Kinder erblickten, die beinahe von ihrer Größe waren! Jakob hatte mein schwarzes, gelocktes Haar, Wilhelmine das blonde ihrer Mutter. Unsere Gastgeber sahen einander an, wandten sich sodann an uns und baten uns schüchtern, ihnen zu sagen, was dies alles bedeute. Leicht und lebhaft erhob sich darauf Elisabeth, nahm ihre Kinder in ihre Arme und sagte ihnen: »Diese beiden Wesen, die sich während drei Jahren in meinem Leibe entwickelt haben, sind unsere Kinder; beglückwünschet uns! Ich reiche sie euch hiemit, küsset sie und nehmet sie unter euren Schutz.« Da küßten und herzten unsere Gastgeber sie, legten sie dann wieder aufs Bett, tanzten und sangen vor uns und überschütteten auch uns mit Ausbrüchen ihrer Freude, worauf sie uns feierlichst gelobten, unsere Kinder ebenso herzlich zu lieben wie uns. Die neugierigen Blicke, die sie auf den Leib meiner Frau warfen, sagten uns, daß sie nicht begreifen konnten, wie es kam, daß so große und starke Wesen daraus hatten hervorgehen können, ohne das geringste Merkmal zurückzulassen. Fest entschlossen, ihnen hierüber keine Aufschlüsse zu geben, taten wir, als verständen wir ihre Blicke nicht. Wir folgten darin ihrem Beispiel, da auch sie uns ihre Fortpflanzungsart streng verheimlichten. Der Statthalter fragte nun meine Frau, wie es mit der Ernährung dieser neuen Wesen sein würde, da wir von jetzt an doppelt soviel Nahrung nötig haben würden. Als einzige Antwort umarmte und küßte sie ihn, legte sich dann aufs Bett und steckte gleichzeitig ihre beiden Brüste zwischen die Lippen ihrer Kinder, die die Augen aufschlugen und gierig zu saugen begannen. Die Freude unserer Gastgeber hierüber läßt sich nicht beschreiben. Elisabeth erwies ihnen sodann die Aufmerksamkeit, die Kinder fünfmal saugen zu lassen. Diese Zeremonie gefiel ihnen ganz besonders, da sie darin unser Einverständnis mit ihrer Religion und allen ihren Bräuchen sahen, auch die Überzeugung gewannen, daß wir ebenfalls Kinder der Sonne waren, obgleich wir aus der Finsternis der Erde gekommen waren. Doch bald bemerkten wir wieder einen Schimmer von Traurigkeit in ihren Augen. Sie sahen ein paar Milchtropfen von Elisabeths Brüsten auf die roten Leintücher des Bettes fallen, und waren entsetzt. Sie bemerkten, daß die Tropfen weiß waren, folglich Blut sein mußten. Meine Frau aber beruhigte sie und machte es ihnen begreiflich, daß wir, deren Blut rot war, folgerichtig nur weiße Milch haben konnten. Entzückt über diese Erklärung, sprachen sie dann eifrig untereinander, worauf sie sich erhoben, um uns zu verlassen. Vorher aber küßten sie noch unsere Säuglinge, wobei sie wieder erschraken, als sie sie schlafen sahen, worüber wir sie wiederum beruhigen mußten. Es kam ihnen als eine wahre Offenbarung vor, daß Kinder unserer Gattung des Schlafes bedürften, daß der Schlaf, anstatt ihnen schädlich zu sein, zu ihrem Wohlergehen beitrug und sie fürs Leben stärkte. Sie gingen weg, und wir sahen sie nach zwei Stunden einen Wagen besteigen. Diese zwei Stunden hatte der Gouverneur dazu benutzt, an den König einen Boten mit einem Schreiben abzusenden, worin er mitteilte, daß die angeblich todbringende Krankheit des einen Riesen nach der Geburt zweier kleiner Riesen verschwunden sei, und daß der Riese sie mit der Milch seiner Brüste nährt. Dann fuhr er in den Tempel, um diese überraschende Neuigkeit dem Abdala mitzuteilen; um diesen zum Schweigen zu verpflichten, baten sie ihn um sein Orakel. Die hierdurch erzwungene Geheimhaltung war uns sehr lieb, da meine Frau noch der Ruhe bedurfte und die vielen Besuche sie durch die damit verbundene Verpflichtung des Tanzens und Singens übermüdet hätten. In jener Welt ist Singen und Tanzen das einzige Mittel, Freude, Fröhlichkeit, Höflichkeit, Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit und Hochachtung auszudrücken; mir war dies besonders lästig, da ich die Megamikren durch meine Stimme stets nur zum Lachen brachte, unser Tanzen aber ihre Heiterkeit noch steigerte, da wir freilich ihre Grazie nicht nachahmen konnten. Indessen sah und merkte ich, daß diese Lieder und Tänze unerschütterliche Regeln waren, wodurch sie ihre wahre Höflichkeit und die Reinheit ihrer Empfindungen ausdrückten, denn die geringste Unwahrheit ihrer Gefühlsäußerungen verriet sich sofort; sie konnten also nur Wahrheit dadurch ausdrücken und Schmeichelei konnte bei ihnen keine Wurzel schlagen. Ich verstand und sah die Weisheit dieser Vorschrift allmählich ein, obzwar sie mir selbst verhaßt und peinlich war, da es sehr demütigend ist, bei Menschen Lachen zu erregen, wenn man ganz andere Gefühle zu erwecken wünscht. Indessen erzog ich meine Kinder in dieser Sitte. Ich überzeugte mich nämlich, daß es unmöglich ist, zu lügen, wenn man aus dem Stegreif eine Sing- und Tanzmusik erfinden muß, die dem Anlaß entspricht. Wenn nämlich die Seele dichtet, muß der Leib ihren Regungen folgen. Und wenn man sich bemüht, seine Gefühle noch so sehr zu verheimlichen – die Unwahrheit kommt sofort zum Vorschein und niemand kann getäuscht werden. Die Schmeichelei gelingt nicht, denn der Angeschmeichelte merkt das Spiel und der Lügner ist entlarvt. Ich möchte wohl, daß diese Sitte in England und ganz besonders am Hofe eingeführt wäre; doch sehe ich die Unmöglichkeit ein, denn die Bewohner der oberen Welt finden gar zu leicht aus Ernstem und Gediegenem sofort alles Frivole und Leichtfertige heraus; das Gute und Nützliche aber, das in einer komischen und zum Lachen reizenden Form auftritt, finden sie nicht. Am folgenden Tag erhielt der Statthalter das gewünschte Orakel mit einem Brief vom Abdala, in dem er ersucht wurde, uns den Inhalt des Orakels Wort für Wort mitzuteilen. Es lautete: »Wenn jener Riese, der die Neugeborenen hervorgebracht hat, imstande ist, sie zu ernähren, so muß er darin die Allmacht des Helion sehen und sich ihm hiefür dankbar erweisen. Der Diener Helions erwartet ihn mit seinen Kindern am Eitage der nächsten Auferstehung. Falls er dies Gebot nicht befolgen sollte, so würde Gott ihn durch Unfruchtbarkeit bestrafen.« Als ich dies von Hochmut und Dummheit strotzende Orakel gelesen hatte, war mein Entschluß schnell gefaßt. Ich sagte meiner Frau: obwohl sie sicherlich nicht, wie diese dumme Drohung sagte, ihre Milch verlieren würde, wollten wir doch der Aufforderung Folge leisten, ja müßten es, weil man uns sonst als Undankbare und Gottlose ansehen würde. Offenbar glaubte der Abdala, dem dies alles wunderbar vorkam, daß es uns ebenso vorkommen mußte. Jedenfalls verlangte er unbedingten Gehorsam und er hätte alle Frömmler gegen uns aufgehetzt, wenn wir sein Orakel mißachtet hätten. Dies aber war keine Kleinigkeit, da der Haß der Frömmler in jener Welt unerbittlich und grausam ist. Ich sagte dem Statthalter, meine Frau würde dem Gebote willig folgen, ich würde sie begleiten und wir sähen dieses Gebot als besondere Gnade an. Äußerst zufrieden schickte der Statthalter dem Abdala einen Boten und gab ihm unsere Fügsamkeit schriftlich bekannt. Er fand Mittel und Wege, die lästigen Besuche von uns fernzuhalten, was Elisabeth besonders angenehm war, da sie sich für die angesagte Zeremonie stärken mußte. Sie fühlte sich ganz wohl, aber die ganze Stadt behauptete, sie wäre seit sechs Tagen tot, da niemand sie seit dieser Zeit gesehen hatte und man der Meinung war, unsere Milchgeber wären durch Geld bestochen, lügenhafte Angaben zu machen. Die Frauen unserer Menschenrasse sind in jener Welt von allen hier oben bei uns den Geburten folgenden Übelständen frei. Uns machte nur der fast ununterbrochene Schlaf unserer Kinder besorgt, da sie nur dann wach wurden, wenn ihre Mutter sie an die Brust legte. Als sie sie aber nach einem Megamikrenjahr entwöhnte, verließ sie plötzlich der Schlaf und sie haben in ihrem Leben nie wieder geschlafen. So war es bei allen unseren Kindern. Dreiviertel Stunden nachdem helle Trompetenklänge den Beginn des Eitages verkündet hatten, erschien Elisabeth mit mir vor dem Statthalter, die Kinder schliefen, an ihre Schultern gelehnt. Wir bestiegen einen Wagen, der für uns besonders gebaut worden war und waren in einer Viertelstunde im Tempel. Mit Mühe bahnten uns die Diener einen Weg durch die von dem wunderbaren Ereignis angezogene Menge, die sehen wollte, was sich ereignen würde. Das Volk bleibt sich überall gleich; es will alles sehen, was seine Neugier erregt und schwatzt dann darüber in dem Sinne, wie es das Ereignis sich in seiner Einbildung vorgestellt hat. Es verläßt den Schauplatz ebenso unwissend wie es ihn betrat, aber es hat nun das Vorrecht, das Gesehene einem jeden zu erzählen, der nur zuhören will. Der Abdala erwartete uns auf einem Throne, unter einem violetten Baldachin sitzend, in seiner ganzen Goldpracht, mit der Mitra und den leuchtenden Pantoffeln. Als er meine Frau sah, deren Leib schon wieder ganz normal aussah, fragte er sie, wie es denn so rasch gekommen wäre. Sie erwiderte ihm, der Umfang ihres Leibes habe sich so stark vergrößert, weil sie ihre Kinder darin getragen habe. Hierauf zeigte sie ihm die Kinder; sie teilte ihm weiter mit, daß sie sie von mir empfangen und drei Jahre lang getragen habe. Dies sei die notwendige Zeit, damit sie sich vollkommen entwickeln und genügende Kraft gewinnen könnten, um die Luft einzuatmen und das Licht zu ertragen. Der Abdala war auf eine so genaue und in der Megamikren-Sprache ziemlich gut ausgedrückte Antwort nicht gefaßt gewesen; er erhob seine Augen zum phosphoreszierenden Globus und sprach salbungsvoll: »Du hast es mir gesagt, o allwissender Helion!« Dann fügte er hinzu: »Sage mir, Riese, bist du willig, bald zwei andere Wesen zu entwickeln?« – »Ich kann darauf nichts Bestimmtes erwidern,« antwortete Elisabeth, »denn dies hängt nicht von meinem Willen ab, sondern von dem Willen Gottes, meines Schöpfers, dem ich mich stets füge.« Wieder sah er den Globus an und sagte: »Du bist der Herr über alles, was besteht.« Und weiter fragte er: »Wird auch dein Unzertrennlicher bald ähnliche Wesen zur Welt bringen?« Sie erwiderte ihm: »Ganz bestimmt nicht.« Und singend wiederholte er diese Worte: »Ganz bestimmt nicht.« Und das ganze Volk sang ihm nach: »Ganz bestimmt nicht.« Nach einer Weile fragte er sie wiederum: »Wie gedenkst du diese Wesen zu ernähren?« Sie antwortete: »Mit meinem Blute, das in meine Brüste steigt, sich in Milch verwandelt, mit der ich sie ernähren kann.« Als der Abdala diese Worte hörte, erhob er sich und sang in der Art einer Euphonie einen Vers aus einer alten Prophezeiung, die allen megamikrischen Theologen wohlbekannt war und folgendermaßen lautete: »Wenn das Blut rot wird wie Milch und sich in eine Flüssigkeit verwandelt, die weiß ist wie das Blut, dann wird man aus den Tiefen ein unbekanntes und uns mit Unheil bedrohendes Geschlecht emporsteigen sehen.« – Hundert, aus den unterirdischen Gewölben aufsteigende Stimmen sangen diese Wörter nach, die uns wirklich überraschten, da sie nicht nur prophetischen Klang hatten, sondern Wahres zu sagen schienen und uns bis ins Innerste erschütterten. Der Abdala fragte hierauf Elisabeth, ob ihre Kinder nicht vielleicht erwachen könnten, um von seiner heiligen Milch zu saugen. Meine Frau nahm die Frage ganz ruhig hin und sagte, sie wäre sicher, daß ihre Kinder diese Gnade mit größter Dankbarkeit entgegennehmen würden. Ich gestehe, Mylords, daß diese ihre Einwilligung mich sehr unangenehm berührte und ich beschuldigte innerlich meine Frau einer großen Unbesonnenheit. Sie aber übergab ganz ruhig mir die kleine Wilhelmine und näherte Jakobs Lippen den schlaffen Brüsten des Oberpriesters, an denen das Kind sofort mit fünfmaliger Unterbrechung ruhig zu saugen begann. Es lag dabei auf den Händen seiner Mutter und richtete seine schwarzen Äuglein auf den Milchspender. Wilhelmine tat sodann das gleiche, während im Tempel ein tiefes Schweigen herrschte, da niemand wußte, wie dies zu deuten wäre, ob es Gutes oder Schlechtes für uns zur Folge haben würde, für uns, die das Volk so sehr haßte und die es so gerne vernichtet gesehen hätte, da es nicht begriff, wie man uns dulden könnte. Der Abdala aber drückte mit seinen Füßen auf eine Feder, worauf eine Tür sich auftat und befahl uns, ihm durch die Tür zu folgen. Wir kamen in eine Sakristei, deren Mitte, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, ein goldenes Bassin einnahm. Er forderte uns auf, unsere Kinder bis an den Hals hineinzutauchen, wir taten es und dazu sang ein voller Chor fünf Minuten lang. Dann erschienen vier Alfakinen, die unsere armen Kleinen trockneten, abrieben und beräucherten. Die Kinder schliefen nicht, weinten nicht und machten uns dadurch wahrhafte Freude. Der Statthalter sprach hierauf mit Elisabeth, die auf seinen Rat den Abdala um die Ehre bat, seine heilige Brust küssen zu dürfen; er erwies diese Gnade sowohl ihr wie mir und entließ uns huldvoll. Sobald wir nach Hause kamen, teilte der Statthalter uns mit, daß der Abdala einen Boten in die Hauptstadt geschickt habe, um dem Bischof die näheren Umstände dieses nie dagewesenen Ereignisses bekanntzugeben. Unsere Kinder blieben einen ganzen Tag wach und wollten auch nicht einen Tropfen Muttermilch saugen. Ich erfuhr später, daß die Gnade, die der Abdala meinen Kindern erwies, indem er sie stillte, die ganze Stadtbevölkerung in solches Staunen versetzte, daß niemand, der es nicht gesehen hatte, es glauben wollte. Wie konnte sich, sagten sie, der Abdala so tief erniedrigen und seine Milch jenen zwei Ungeheuern anbieten, von denen kein Geistlicher behaupten konnte, daß sie einem der Sonne entstammenden Geschlecht angehören? Wer wie der Statthalter seine uns feindliche Gesinnung kannte, war darüber noch mehr erstaunt. Wir erfuhren später, daß der Oberpriester dies alles nur aus äußerst feiner politischer Berechnung tat. Hätten unsere Kinder zufällig die Brust des Abdala nicht angenommen, so hätte er uns für die Kinder des bösen Teufels erklärt, jedenfalls hätte dies einen greifbaren Beweis unserer Abstammung von einem anderen Geschlecht geliefert. Die abergläubigen Frömmler meinten, der ganzen Zeremonie liege ein Geheimnis zugrunde, das uns schließlich vernichten werde. Alle diese frommen Wünsche erfüllten sich zwar nicht, aber sie verfehlten nicht ihren Eindruck auf das Volk. Der Haß gegen uns stieg immer mehr und hätte uns sehr gefährlich werden können, wenn uns nicht Gott selber als Werkzeuge seiner unerschütterlichen Ratschlüsse in jene Welt gesandt hätte. Die ganze Stadt sprach nur von diesem wunderbaren Fall. Elisabeth, die man bereits für tot hielt, die wegen ihrer sterilen Brust von allen verachtet worden war, deren Körperbau als minderwertig angesehen wurde, wuchs nun zum fruchtbaren Riesen empor, der die zwei jungen Riesen zur Welt brachte, der plötzlich seinen Brüsten die zur Sättigung der beiden neuen Wesen nötige Nahrung entlockte; der die Jungen binnen drei Jahren in seinem Leibe so weit entwickelt hatte, wie die Megamikren erst nach den ersten zwölf Jahren ihres Lebens es waren. Alle diese Gründe verschafften ihr die Anerkennung des Volkes, vermehrten aber das Mißtrauen gegen mich. Sie blieben fest bei der Behauptung, was an meinem Körperbau interessant und beachtenswert sein könnte, wäre nur eine unnütze Zierde; ich wäre somit ein wahres Ungeheuer, da man auf meiner Brust keine Anzeichen meiner Ernährungsfähigkeit sähe; infolgedessen dürfte ich auch keinen Anspruch darauf erheben, ernährt zu werden und man müßte mich deshalb Hungers sterben lassen. Von der Natur zum Betteln verurteilt, konnte ich nur ein Verdammter, ein vom Schöpfer verworfenes Wesen sein, das für Verbrechen, die ich oder meine Vorfahren begangen hätten, zu solchem Elend verdammt wäre. Die Ärzte, die dies Ereignis ganz besonders aufregte, redeten ununterbrochen darüber und zogen ihre Schlüsse. Ihre Kenntnis der Natur und der Bedingungen für die Erhaltung des eigenen und die Hervorbringung neuen Lebens, veranlaßte sie folgendes zu behaupten: die Zeugungskraft Elisabeths könnte niemals ohne eine Vereinigung aktiv werden, da aber diese Vereinigung nur mit mir stattfinden könnte, so wäre es unmöglich, daß nicht auch ich dieselben Eigenschaften besäße. Diese Ansicht wurde allgemein als richtig anerkannt und man erwartete stets, daß auch mein Leib stärker würde, wie der meiner Frau es geworden war. Nur dadurch erhielt sich noch einige Achtung der Megamikren für mich, sonst hätte man mich für das verachtungswürdigste Wesen der Welt angesehen. Es ist nicht so leicht, wie man sich dies vorstellt, den Begriff von zwei Geschlechtern Gehirnen beizubringen, die stets nur ein Geschlecht gekannt haben und natürlich der Meinung sind, daß jedes lebendige Tier sich durch sich selbst fortpflanzen könne. Erst nach und nach, als sie sahen, daß ich stets den gleichen Umfang behielt, sahen sie ihren Irrtum ein und kamen zu dem Schlusse, daß die ihnen völlig unbekannte Welt, in der wir geboren seien, anderen Naturgesetzen unterliege als die ihrige. Die Nachricht von dem geschehenen Wunder verbreitete sich nach und nach in allen Städten des Königreichs, und während der Zeit die wir noch beim Statthalter verbrachten, war sein Haus stets voll von fremden Leuten, die aus weiter Ferne kamen um uns zu sehen, die Beschaffenheit und den Lebenstrieb unserer Kinder zu untersuchen, ohne jemals begreifen zu können, wie sie zur Welt kamen, wie sie schon so groß sein konnten, und wie es geschah, daß Elisabeths früher milchlose Brust plötzlich sie zu nähren imstande war, zumal da die Flüssigkeit, die sie saugten, weiß, folglich Blut war. Als Milch hätte sie ja nur rot sein können; sonst hätte man alle vernünftigen Regeln der Wissenschaft für falsch erklären müssen. Megamikren, denen wir nicht widerwärtig waren, wurden als schwachsinnig angesehen. Die zahlreichen Besuche begannen uns zu langweilen, doch belustigten uns ihre Bemerkungen und die Reden, die sie untereinander tauschten, da ihre Religion es ihnen verbot, Fragen an uns selber zu richten. Es war ihnen freilich gestattet, Wünsche zu äußern, und das taten sie auch, doch ließ ich sie reden ohne darauf einzugehen. Es war notwendig, sie in der Unwissenheit zu lassen, damit sie uns ihre Teilnahme erhielten, und diese Gelegenheit war uns erwünscht, um ihr feines Begriffsvermögen und ihre Denkungsweise kennenzulernen, indem wir auf die Methoden achteten, um Licht in die Finsternis ihrer Unkenntnis zu bringen. Wieviel Unsinn hörten wir da! Erst nach vielen Jahren teilte ich einigen, die ich dessen für würdig hielt, Einzelheiten über unsere Naturveranlagung mit. Unser Vorsatz, das strengste Schweigen über die Art und Weise unserer Fortpflanzung zu beobachten, erwies sich später als sehr weise und wir hielten darum an ihm fest. Wir legten dies auch unseren Kindern nahe und ich hoffe, daß die Megamikren darüber niemals mehr erfahren werden, und daß dieser Punkt ihnen stets gleich unklar bleiben wird. Die Pflicht, darüber zu schweigen, wird meinen Weisungen gemäß allen meinen Nachkommen an ihrem Hochzeitstage durch ihre Eltern auferlegt; ich befahl sogar, daß sie sich durch ein Gelübde dazu verpflichten sollten. Da auch den Megamikren durch ein Religionsgebot empfohlen wird, über dieses Thema zu schweigen, so trug unser Schweigen nur dazu bei, die Achtung vor uns zu erhöhen, und niemals hat ein Megamikre versucht, uns dies Geheimnis durch List als einen Beweis freundschaftlichen Vertrauens zu entlocken. Eine Vorschrift, deren Beobachtung Selbstgefühl und Ehre verlangen, wird selten verletzt. Man sollte meinen, daß ein so großes Zartgefühl die Frucht sehr guter Sitten sein müsse, und ich gestehe, daß es mir anfangs sehr widerspruchsvoll erschien, bei einem Volk, das nackt einhergeht. Man kann sich ein solches schwer als rücksichtsvoll vorstellen. Die Nacktheit der Megamikren läßt sich aber mit der unserer Wilden nicht vergleichen, sie ist die Frucht ihrer Unschuld, und verletzt daher niemals den Anstand oder die geringste Vorschrift gesellschaftlicher Sitte. Jeder, der weiß, daß die Mittel, die man oft anwendet, um den Verlockungen der Sinne zu entgehen, nur um so mehr die Einbildung erhitzen, wird es verstehen, daß die Nacktheit der Megamikren, anstatt ihrer Zurückhaltung und Schamhaftigkeit ein Hindernis zu sein, im Gegenteil diese Gefühle mächtig fördert und beschützt, da man nicht erst zur Heuchelei seine Zuflucht zu nehmen braucht. Der Megamikre erfährt das Geheimnis der ehelichen Verbindung erst in dem Augenblick, da er mit seinem Unzertrennlichen aus dem Käfig entlassen wird. Dieser Augenblick wird als Eintritt in die Welt betrachtet. Verliebter Natur wie er ist, legt er diesem Geheimnis die größte Wichtigkeit zu und diese wird durch das ihm abverlangte Gelübde noch mehr gesteigert. Er darf mit niemandem je darüber reden. Aber mit wem könnte er auch davon sprechen? Es gibt keinen Megamikren, der irgendwo ohne seinen Unzertrennlichen erscheinen würde, folglich kann er nicht verlockt werden, irgend jemandem irgend etwas diesem Unbekanntes mitzuteilen, ohne gleichzeitig daran denken zu müssen, daß er dadurch zum Meineidigen wird. Jetzt aber muß ich Ihnen, Mylords, erzählen, was so ein Megamikrenpaar eigentlich ist. Es sind zwei im gleichen Augenblicke erzeugte und geborene Wesen, dazu geschaffen, miteinander das Leben zu verbringen und gleichzeitig zu sterben. Beide wurden von einem Paar erzeugt und geboren, das unter denselben Bedingungen erzeugt und geboren wurde wie sie selbst. Diese Definition wird Ihnen rätselhaft vorkommen; deshalb muß ich sie Ihnen etwas näher erklären. Zwei Megamikren-Geschwister werden im Alter von zwölf Ernten aus ihrem Käfig herausgeholt, der ähnlich wie unsere Papageienkäfige von allen Seiten das Licht einläßt und dessen Inneres durch Metallstäbe oder Korbgeflecht oder Holzgitter in zwei Teile geteilt ist. Dort werden sie im Augenblicke ihrer Geburt untergebracht und sind nun vereinigt und doch getrennt. Sie erhalten Lehrer, die sie in Religion, Geographie, bürgerlichem, Straf- und Naturrecht unterrichten. Man bringt ihnen von allen Wissenschaften die Grundlagen bei, aber auch nicht mehr, da man sie nicht ihre Zeit verlieren lassen will, indem man sie Wissenschaften lehrt, für die sie sich niemals interessieren werden. Die Megamikren sind nämlich der Ansicht, daß ein jeder nur den Beruf richtig ausfüllen kann, zu dem er Neigung hat. Sie lassen ihnen deshalb volle Freiheit, um nach ihrer Entlassung aus dem Käfig ihren Beruf nach ihrem Gutdünken zu wählen. Man belehrt sie über alles, ausgenommen die Naturgeschichte ihrer Entstehung. Wenn sie ihre Lehrer über dies Thema befragen, das alle Kinder aller Welten stets zu interessieren pflegt, erhalten sie die Antwort, daß Neugierde ein Verbrechen sei, wenn sie die Angelegenheiten anderer betrifft. Die Geschichte ihrer Entstehung sei eine solche Angelegenheit, da sie selber nicht daran beteiligt seien. Dieser Grund muß genügen, um die Neugierde eines Kindes in Zaum zu halten, dem man vorher beigebracht hat, daß ein Verbrechen etwas Furchtbares ist. Man lehrt ihnen weiter, daß Neugierde nicht eine Leidenschaft, sondern ein Wunsch der Seele sei, die danach trachtet, sich nach Möglichkeit über alles aufklären zu lassen, was zu ihrem eigenen Wohlergehen beitragen kann, daß somit die Neugier als Wissensgier lobenswert sei, und daß sie sich von ihr wohl leiten lassen dürfen, indem sie ihren Lehrern alle nur möglichen Fragen stellen. Man unterrichtet sie in Geometrie, Mathematik und Harmonielehre, und weist sie darauf hin, daß Physik die Königin in allen Wissenschaften ist, da Chemie, Naturgeschichte, Botanik und Landwirtschaft ihr untergeordnet sind. Die Geographie wird ihnen täglich beigebracht, sie frischt ihre Geister auf, und die Kleinen sind unersättlich, stets Neues auf diesem Gebiete zu erfahren, da es die Welt betrifft, in der sie leben und glücklich sein sollen. Man zeigt ihnen ihre Erde im verkleinerten Maßstabe und erregt in ihnen den Wunsch, das Original zu sehen, das von ihrem Schöpfer, dem Vater des Lichtes, beleuchtet wird, zu dem kein Megamikrenkind den Blick zu erheben vermag, wenn es nicht die Augen mit einem Schleier beschützt, der den Glanz der Strahlen mildert. Geographie ist die einzige Wissenschaft, in der sie ohne Ausnahmen alle gleich gründlich und genau unterrichtet werden. Man läßt sie einen kleinen Katechismus auswendig lernen. Auf diesem Gebiete dürfen sie keine Fragen stellen, man sagt ihnen sogleich, die Allerweisesten wüßten nicht mehr darüber, als was in diesem Büchlein stände, und ich muß gestehen, daß es ein Kunstwerk in seiner Art ist, denn es belehrt den Geist und flößt ihm für alle kommenden Gelegenheiten die nötige Achtung vor den Religionsvorschriften ein. Eine Achtung, die sie zur Beschaulichkeit anregt und die zu starke Neugierde dämpft. Sobald die jungen Megamikren den Käfig verlassen haben, nehmen ihre Väter sie bei der Hand und führen sie zu Tisch, um sie zum erstenmal an der gemeinsamen Mahlzeit teilnehmen zu lassen. Sie sind bereits so schön und so entwickelt wie alle anderen. Bei Tisch sitzen sie ganz still und ahmen aufmerksam alles nach, was die anderen tun. Der einzige Unterschied in ihrem Betragen besteht darin, daß sie sich nicht gegenseitig Milch verabreichen können, da diese sich in ihren Brüsten erst in der sechsten bis zehnten Stunde nach ihrer Verbindung bildet. Es sei denn, daß man diese um eine Ernte hinausschiebt. Genährt werden sie einstweilen von ihren Vätern, die gerne an diesem Tag ihren Kindern zuliebe fasten. Man erweist ihnen diese Auszeichnung aber nur, wenn sie rot sind; sind sie gefleckt oder andersfarbig, dann gelten sie als Bastarde, werden verleugnet und nur von Milchgebern gestillt. Von dieser Verschiedenfarbigkeit, ihren Eigenschaften und Folgen werde ich Ihnen bei einer anderen Gelegenheit erzählen. Nach der Mahlzeit singen sie mit den anderen und tanzen zum erstenmal. Die Anwesenden sprechen über ihre Grazie und was man in dieser Hinsicht für die Zukunft von ihnen erwarten darf. Bis dahin weiß man das nämlich nicht, da den Megamikren nicht gestattet ist, den Kindern Tanzlehrer zu geben, so wenig wie man bei uns Lachen und Weinen lehrt. Der Tanz ist in jener Welt von der Art, daß man keiner Lehrer bedarf um ihn zu können, denn obwohl der Körper die Gefühle ausdrückt, so dürfen diese nur der Seele entspringen, und die Seele kann Grazie nicht erlernen. Diese beiden jungen Megamikren sind gegenseitig in einer Weise verliebt, die ich Ihnen, Mylords, gar nicht zu beschreiben imstande bin. Zusammen auferzogen wissen sie von Anfang an, daß sie dazu bestimmt sind, bis ans Lebensende beisammen zu sein. Sie sind von einer Begierde entstammt, deren Quelle in der Gattung selbst liegt, die vor der eigenen Vernichtung ebensosehr zurückschreckt, wie sie eine ununterbrochene Fortdauer begehrt. Von einer Begierde, deren Folgen ihren Absichten entsprechen müssen. Stellen Sie selber, Mylords, sich die Liebe dieser beiden Wesen vor, denn ich vermag nicht, Ihnen einen Begriff davon zu geben. Diese von der Natur bereits entflammte Liebe wird noch durch ihr Erziehungssystem gesteigert und so hoch gespannt, daß das geringste Mehr ihren Tod verursachen müßte. In diesem Zustande werden sie von ihrem Väterpaar in eine Kammer geführt, wo sie ihrem ununterbrochenen Bunde das Siegel aufdrücken sollen. Die Väter gebieten ihnen, sich nebeneinander zu setzen und lassen sie geloben, über alles zu schweigen, was zwischen ihnen beiden beim nachfolgenden Alleinsein geschehen wird. Dann wendet sich der Höhergestellte der unzertrennlichen Väter an den einen von den beiden und sagt ihm folgendes: »Du wirst das Recht der Sprache und das Vorrecht in der Geschäftsführung haben.« Der zweite der Väter sagt hierauf zum zweiten: »Du wirst für das Innere des Hauses und für die Wirtschaft sorgen, denn du bist schöner als dein Bruder.« – Dann singen sie ihnen zweistimmig: »Laßt Kinder entsprießen, edel gleich euch! Seiet eines in zwei Körpern, euch ewig zu lieben!« Die Söhne erwidern nichts darauf, da die Fähigkeit der Sprache ihnen in dem Augenblicke, in dem sie sich auf das Hochzeitssofa setzen, genommen wird. Sie kehrt ihnen erst am Anfang des folgenden Tages zurück. Nach diesem Gesang verlassen die Väter sie; sie sind sicher, daß ihre Gebote befolgt werden, da Natur und Instinkt die Jungen dazu treiben. Am folgenden Tag empfangen die Neuverbundenen den Besuch ihrer Väter, die sie zärtlich küssen und sie fröhlich und zufrieden sehen, da sie Unzertrennliche geworden sind. Besonders fromme Megamikren führen sie dann in den Tempel, wo sie zum erstenmal die Brust des Abbalas küssen. Hierauf werden sie in die Sakristei geführt, wo ein AIfakin ihnen alle Pflichten vorliest, die die Religion ihnen auferlegt, ihnen die Befolgung der bürgerlichen Tugenden ans Herz legt, und ihnen warm empfiehlt, bei allen wichtigen Angelegenheiten ihre Zuflucht zum unfehlbaren Orakel zu nehmen. Nach Hause zurückgekehrt, beziehen sie die Wohnung, die die Väter ihnen vorbereitet haben. Nach zwei Bränden des grünen Holzes bittet das junge Paar ihr Väterpaar, in ihr Zimmer zu kommen, wo die beiden Paare einander gegenüber Platz nehmen. Hierauf gibt das junge Paar dem älteren zwei Eier von der Größe unserer Hühnereier, die soeben aus ihrem Munde herausgekommen sind. Diese Eier kommen aus einer in ihrer Brust befindlichen Gebärmutter durch ein Verbindungsrohr, das zwischen Speiseröhre und der Luftröhre endet und wahrscheinlich in der oberen Mündung des Magens seinen Ursprung hat. Der Schließmuskel, den sie passieren, erweitert sich durch eine leichte Anstrengung und zieht sich sofort wieder vollkommen zusammen. Hocherfreut tragen die Väter diese Eier in das Käfigzimmer, legen sie in zwei Holzschüsselchen, die zwölfmal so groß wie die Eier sind; sie sind mit Polsterchen aus dem feinsten und weichsten Purpurhanf gefüttert und ausgelegt. Diese Schüsselchen werden in eine rote Flüssigkeit gelegt, die man in den Quecksilberbergwerken findet und die von Natur heiß ist und beständig sich auf demselben natürlichen Wärmegrad erhält, nämlich auf dem der Muttermilch, wie sie aus der Brust hervorkommt. Nach Verlauf von zwei Bränden des grünen Holzes gehen die Söhne mit den Vätern an den Käfig, decken die Schüsseln ab, finden die Eier um das Zwölffache vergrößert, untersuchen sie mit den Fingern, zerschlagen sie und entnehmen ihnen zwei kleine Megamikren. Sind diese rot, ohne jegliche Beimengung einer anderen Farbe, dann ist die Freude des Hauses ganz besonders groß und man trägt sie in den Doppelkäfig, wo man sie bis zu ihrer Reife läßt, also für eine Zeit von zwölf Ernten. Ist aber nur der eine Megamikre rot, so bringt das der Familie viele Sorgen und muß – aus Gründen, die ich Ihnen, Mylords, später erklären werde – dem Abdala mitgeteilt werden. Sind sie beide nicht rot, doch ganz gleicher Farbe, so ist man darüber weder freudig erregt noch traurig gestimmt. Solche Megamikren sind zwar von Natur aus unfruchtbar und darum unadelig, sie werden aber je nach ihrer Geistesveranlagung entweder für eine Wissenschaft oder eine Kunst oder ein Handwerk bestimmt und schon im Käfig dazu erzogen. Sind sie verschiedenfarbig gefleckt, lachen die Megamikren mit ihren Freunden darüber; sie werden zwar ebenfalls bis zum zwölften Jahr aufgezogen. Doch erhalten sie nur einen Religions- und einen Geographielehrer. Sobald sie aus dem Käfig entlassen und als Unzertrennliche obwohl Unfruchtbare nach dem Ritus miteinander verbunden worden sind, verwendet man sie zu verschiedenen untergeordneten Beschäftigungen: auf dem Lande zum Bebauen der Felder, als Knechte und Stallburschen, als Diener in den zahlreichen Ämtern, kurz zu allen Berufen, die sich für andere, deren Geist gebildet wurde, nicht eignen. Mögen sie aber rot oder von irgendeiner anderen Farbe sein – alle werden mit der größten Vorsicht angerührt und auf die Betten gelegt, die sich in jeder der beiden Nischen des Käfigs befinden. Im Verlaufe der ersten zwei Brände bedürfen die winzigen Wesen nur des Abreibens und Salbens. Sie wachsen ungemein schnell und sind nach sechs Ernten bereits zwölf Zoll lang. Bis zu diesem Alter werden sie nur von Milchgebern gestillt und bedürfen keiner Suppen; die Milch genügt ihnen. Von diesem Alter an bekommen sie auch Suppen. Auf diese Weise treten nun alle Megamikren, seien es Edle, seien es Bastarde, in die Welt ein und werden darüber belehrt, daß ihr Lebenslauf nach einhundertzweiundneunzig Ernten endet, von denen die letzten sechs Ernten kaum noch leben genannt werden dürfen, da sie in dieser Zeit wieder ganz kindisch werden. Die Megamikren leben achtundvierzig von unseren Jahren; die Glücklichsten bei uns erreichen ein Alter von siebzig Jahren. Doch werden Sie, Mylords, nicht glauben wollen, daß wir deswegen länger leben! Wenn ich vom Lebensalter eines Megamikren die zwölf Jahre oder Ernten, die er im Käfig verlebt, und die sechs letzten abrechne, die er in der sogenannten Kammer der ewigen Ruhe verbringt, so bleiben noch dreiundvierzigeinhalb Jahre, welche sie glücklich, ohne jede Krankheit, ohne jede Geistesschwäche und ohne des Schlafens zu bedürfen verleben. Wer von uns kann sich solch einer Zahl Jahre tätigen Lebens rühmen? Selten hört man von einem Menschen, der mit vierzehn Jahren sein Leben zu genießen begonnen hätte, selten auch von einem, dessen Sinne mit sechzig Jahren noch völlig frisch wären. So verbleiben uns sechsundvierzig Jahre. Von diesen muß man wenigstens sechzehn für die verschlafene Zeit abrechnen, und so bleiben nur noch dreißig Jahre, die wir bei starken Frösten, großer Hitze, Wind, Regen, Nebel verleben. Wir unterliegen Katarrhen, Zahnschmerzen, den Leiden, die wir uns durch zuchtloses Leben zuziehen, und anderen, denen wir nach Naturgesetzen ab und zu unterworfen sind, ohne daß wir wüßten, wie wir dazu beigetragen haben. Oft kommen über uns Seuchen, Hungersnot, Kriege und verschiedene andere Leiden, von denen ich in jener Welt keine Spur sah. Trotzdem danke ich Gott dafür, daß ich aus ihr wieder herausgekommen bin. In der inneren Welt gibt es, Mylords, ebensoviel ehrliche Verbindungen wie Megamikrenpaare, gleichviel, ob sie edler Abstammung oder Bastarde sind. Aber nur die Roten sind fruchtbar, bilden daher den Adel und haben das Vorrecht auf die höchsten Stellungen und Staatsämter. Jedes rote Paar erzeugt fünfzehn Megamikrenpaare, doch kommt es selten vor, daß unter allen diesen Paaren zwei rote sind. Väterpaare, die während ihres ganzen Lebens ein rotes Paar erzeugt haben, schätzen sich schon glücklich. Verzweiflung aber herrscht in jenen Häusern, dessen Häupter bis zum Alter noch kein einziges rotes Paar hervorbrachten. Ihre Güter fallen dann ihren nächsten Verwandten zu und der Haupterbe rühmt im Tempel vor allem Volk das Alter seines Stammes. Aus besonderer Gefälligkeit läßt man zu, daß das erste neue Paar jeder Ehe, auch wenn es andersfarbig ist, den Adelstitel führt. Man wollte diesen Adel als »Kleinadel« bezeichnen, doch haben die auf diese Weise ausgezeichneten Bastarde dagegen protestiert, da sie in solcher Bezeichnung eine Beleidigung sahen, und so beschloß der große Rat, sie »privilegierten Adel« zu benennen. Diese Privilegien bestehen meistens in geistlichen Würden, da es angezeigt zu sein scheint, daß die Pfründenbesitzer keine unmittelbaren Erben haben. Sie zeichnen sich durch blaues Band aus, das sie in der Art eines Gürtels unterhalb der Brust tragen; sie werden Domherrn, Äbte, sogar Abdalas, doch selten unabhängige Bischöfe, da dieses Amt eigentlich nur den Roten gebührt. Ihre Söhne aber folgen ihnen nicht als Erben. Alle anderen Nichtroten bilden das gemeine Volk. Es gibt aber unter ihnen einzelne, die sich besonders auszeichnen und trotz ihrer niederen Abstammung sich durch ihre Talente hervortun und daher sehr geschätzt werden. Bastarde, die ebenso wie ihre Unzertrennlichen einfarbig sind, erhalten ein kleines Jahrgeld, das ihnen von ihrem roten Väterpaar beim Herauskommen aus dem Käfig ausgesetzt wird; sie widmen sich dem Gerichtswesen, dem Handel oder der Wissenschaft und streben hauptsächlich danach, Mitglieder verschiedener Akademien zu werden. Die Paare, deren zwei Glieder von verschiedener, doch nur von einer Farbe sind, werden zu Handwerkern herangebildet; die Gescheckten bilden, wie ich Ihnen bereits sagte, das Proletariat. Nach den bei uns üblichen Ansichten sind eigentlich alle Megamikren adelig, da sie von Adeligen erzeugt wurden, doch gelten diese Begriffe dort nicht, da man nicht einsieht, wie ein Mensch als adelig gelten kann, wenn er nicht zumindestens von untadeligem Leibe ist; die Megamikren meinen nämlich, daß dieser eine Vorbedingung des Adels ist, daß aber die moralischen Eigenschaften nur durch Erziehung erworben werden. Alle Nichtroten und Häßlichen begehen oft Spitzbübereien. Aber es kommt äußerst selten vor, daß ein Adeliger ein Schurke ist. Man kann deshalb mit Sicherheit behaupten, daß es nur dort einen wirklichen Adel gibt, denn die Natur macht dort zum Edelmann und kennzeichnet die Auserwählten und so kommt dort nicht vor, daß einer seinen ganzen Scharfsinn darauf verwendet, das Alter seines Stammbaumes nachzuweisen, ebensowenig gibt es dort Menschen, deren Beruf es ist, genealogische Nachweise zu erfinden. Die Roten dürfen untereinander über die Höhe ihrer Abstammung nicht streiten, da es bei der Genauigkeit ihrer Genealogie keinen Streit über solche Fragen geben kann. Die Geschlechterverzeichnisse sind dort allgemein zugänglich. Ein Philosoph, von der Art derer, die bei uns jetzt so zahlreich sind und die Gleichheit aller Menschen lehren und predigen, würde dort mit seinen Theorien kein Glück haben, sondern einfach für verrückt gehalten werden. Ich will damit nicht sagen, daß so ein Philosoph bei uns unrecht haben muß, wenn wir die Menschen nur nach dem Naturstandpunkt abschätzen. Nie kommt es bei den Megamikren vor, daß ein Roter einen Bastard verächtlich behandelt. Ebensowenig, daß ein frecher Bastard sich über einen Edelgeborenen emporzuheben versucht. Sie kennen sich gegenseitig viel zu gut, als daß ein Edler solche Niederträchtigkeit, ein Mischling solche Frechheit begehen könnte. Darum hält dort gegenseitiger Friede; Ehrfurcht, Ergebenheit und Achtung vor der Obrigkeit halten ihn aufrecht. Durch dies Vorrecht der Fortpflanzung für die Roten hat die Natur der Übervölkerung Einhalt getan, die bald bedrohlich geworden wäre, wenn alle Megamikren gleich fruchtbar wären. Seit langer Zeit schon hätte ihre Welt nicht mehr für sie alle Raum gehabt. Da die Natur für alles das Gesetz aufstellt, so zu bleiben, wie es zu Anfang war, so hat die Bevölkerung stets die gleiche Anzahl. Die Ärzte behaupten, in den ersten Jahrhunderten ihrer Welt seien alle Megamikren, gleichgültig welcher Farbe, gleich fruchtbar gewesen. Dann sei es plötzlich der Wille der Sonne gewesen, diese Eigenschaft nur den von ihr bevorzugten Roten vorzubehalten. Wenn, was übrigens sehr selten vorkommt, aus dem einen Ei ein Roter, aus dem andern Ei ein Andersgefärbter hervorgeht, dann sind alle Familienmitglieder sehr traurig, denn dies bedeutet für sie das größte Unglück. Man muß sofort zwei Käfige in zwei getrennten Zimmern aufstellen und dann binnen einer Erntezeit einen Ersatz an Unzertrennlichen sowohl für den Adeligen, wie für den Bastard finden, wobei aber die besondere Fürsorge nur dem Roten gilt, da für den zweiten schließlich auch ein Gescheckter oder ein Farbiger von einer anderen Farbe gleich gut ist. Dabei verfährt man nun folgendermaßen. Man schreibt an den Abdala und macht ihm den traurigen Fall bekannt, sowie die genaue Stunde der Geburt. Der Abdala gibt dies dann allen jenen Adeligen kund, die ihm ein ähnliches Ereignis gemeldet haben. Die weiteren Verhandlungen erfolgen zwischen den beiden Familien, die sich darüber miteinander verständigen, wobei die höhergestellte die Sorge für das zukünftige Paar übernimmt. Die Verlegenheit und Trauer haben nicht hierin ihren Grund, sondern darin, daß nunmehr eine neue Familie begründet wird, und daß jedes Vaterpaar jedem Sohn ein Vermögen geben muß, das ein Viertel seiner Einkünfte beträgt. Das neue Paar bildet beim Verlassen des Käfigs die neue Familie, bezieht ein eigenes Haus und nimmt den halben Namen beider Väterpaare an, was stets seltsam klingt; es wird bei Hofe empfangen und gefeiert, bewirbt sich um gute Stellen, und erreicht alles was es will, da die Familien, denen es entstammt, sich auch für es verwenden. Man rechnet sie dort zum sogenannten Neuen Adel, doch sind mit dieser Bezeichnung, obwohl sie mißachtet wird, diejenigen, die sie erhalten, keineswegs unzufrieden, denn sie sagen, dieser neue Adel sei die Frucht zweier Familien alten Adels, deren sämtliche Ehrentitel ihnen zustehen und zufallen, ohne daß jemand dies bestreiten könne, da der König der erste sei, der dies anerkennt. Gerade diese Familien werden in kurzer Zeit sehr bedeutend und machtvoll, nur haben alle älteren Familien den Vortritt vor ihnen. Die Begründer solcher neuen Familien unterliegen aber einem Unglück, das sie zwar nach Möglichkeit zu verbergen suchen: sie können nicht zusammen sterben, da sie nicht zusammen geboren sind. Dies soll für den Überlebenden ein unaussprechlich peinigender Schmerz sein. Man pflegt ihm in dieser letzten Zeit zwei Milchgeber zu stellen. Der Geist Helions, Königs von Hellopolis, dem Reiche Nummer Eins, Oberhaupt der Religion, ist das einzige Wesen, das ohne einen Unzertrennlichen lebt. Niemand, seine persönlichen Diener ausgenommen, hat ihn gesehen, da niemand sonst würdig ist, ihn anzuschauen. Er ist rot und sieht stets jung aus, obwohl seine Geburt mit dem Weltanfang zusammenfällt, er somit nach der dortigen Zeitrechnung 32634 Jahre alt ist. Als wir in jene Welt kamen, zählte er 324 Jahre weniger. Nach diesem seinem Alter müßte somit die Erschaffung der Erde vor 8158 unserer Sonnenjahre stattgefunden haben. Nach den Berechnungen einiger unserer Chronologisten dürfte diese Jahreszahl mit der von ihnen auf Grund der Berichte des Alten Testaments angegebenen einigermaßen zusammenstimmen. Dieses wunderbare Wesen hat also einhundert Diener, denen das Glück beschert ist, es sehen und sprechen zu dürfen. Jedem von ihnen stehen fünfzig Prälaten zur Verfügung und jeder Prälat verfügt über vierundzwanzig Alfakinen, von denen jeder zwölf Untergebene hat. Dies ist der Hofstaat des großen Genius, wobei ich selbstverständlich von den am Hofe, in den Stallungen, in den Gärten und Küchen beschäftigten Dienern ganz absehe. Außerdem hat er, oder hatte wenigstens 20000 Schreiber. Ihm unterstehen 306 Bischöfe, denen 65400 Abdalas, ebensoviel Äbte und 3027000 Domherrn rechtmäßig untergeordnet sind. Nehmen Sie dazu das Doppelte dieser Zahl an Alfakinen und Dorfgeistlichen. Allen Megamikren ist es wohlbekannt, daß sie dreihundertzwanzig Millionen Geistlicher haben. Dies kann aber nicht anders sein in einer Welt, wo es so viele Farbige gibt. Somit ist der große Genius, seine unmittelbaren Untertanen miteingerechnet, Herr über fünfhundert Millionen Wesen. Ich muß Ihnen jetzt, Mylords, über das Liebeswerben der Megamikren berichten, da dies, bevor ich in meiner eigenen Geschichte fortfahre, unumgänglich notwendig ist. Sie selbst, Mylords, werden darüber urteilen, indem Sie es mit dem unseren vergleichen. Bei uns gilt sich zu verlieben als kein besonderes Unglück. Von den Megamikren aber wird es als ein solches angesehen, ausgenommen in dem sehr seltenen Fall, daß der Unzertrennliche eines Megamikren, der sich verliebt, sich ebenfalls in den Unzertrennlichen des anderen verliebt, und daß die beiden Gegenstände der Liebe diese auch erwidern. Diese doppelte Gegenseitigkeit ist dann aber auch eine ganz entzückende. Sie ist, obgleich die Welt sie bekritelt, die Quelle von tausenden von Begünstigungen für die beiden Familien, da die in solcher Vereinigung und Übereinstimmung Lebenden in allem was sie unternehmen erfolgreich sein müssen. Die Willensvereinigung ist in der Moral dasselbe, was in der Arithmetik die Zahlenvereinigung ist. Doch kommt so ein Glück in jener Welt selten vor, da hiezu die Meinungseinheit von vier Köpfen Vorbedingung ist. Ein sich verliebender Megamikre hat niemals den Mut, seine wachsende Leidenschaft zu bekennen, wenn es nicht zum mindesten der Welt kundig ist, daß er Vater eines roten Paares ist. Hat er dadurch die Zukunft seines Hauses gesichert, dann kümmert er sich nicht mehr um die öffentliche Meinung und übergibt sich der ihn übermannenden Neigung. Er wird aber stets verhöhnt, wenn das Ziel seiner Wünsche nicht die geeigneten Eigenschaften besitzt, um seiner Werbung wert zu sein. Es muß ein Unzertrennlicher sein, der dank seiner Schönheit in der ganzen Haushaltung als Leiter anerkannt wird. Er muß außerdem Vater eines roten Paares sein, sich durch Geist und Talente auszeichnen und dafür bekannt sein, daß er schon einigen andern Liebhabern den Kopf verdreht hat, oder sie wenigstens zu seiner Verfügung hat. Außerdem darf dieser schöne Megamikre nicht über sechsundneunzig Jahre alt sein. Besitzt er nicht alle diese Eigenschaften, dann wird der Verliebte durch boshafte und witzige Spottschriften, die ihn zur Verzweiflung bringen, lächerlich gemacht. Sein Liebeswerben besteht darin, daß er den Gegenstand seiner Leidenschaft zu Tisch einladet, ihm zu Ehren Feste und Konzerte gibt und besonders ihm erhabene Dichtungen widmet, für deren Verfasser er gelten muß. Er kann diese von einem Berufsdichter komponieren lassen, aber dieser bezahlte Dichter muß sehr verschwiegen sein, sonst wird er dazu verurteilt, das Zehnfache des erhaltenen Lohnes zurückzuerstatten, sobald er als Autor der Dichtung überführt wird. Eine der Regeln der Galanterie besteht darin, daß der Verliebte zu den Mahlzeiten und Festen, die er seinem Liebesgegenstande zu Ehren gibt, auch alle seine mächtigsten Nebenbuhler einladet. Diese Höflichkeit fällt ihm sehr schwer, doch muß er sich darein fügen, wenn er nicht für einen neidischen Geizhals und Feigling gelten will, der es nicht darauf ankommen lassen will, unter Nebenbuhlern ausgewählt zu werden. Wenn diese Höflichkeit ihm aber noch so sauer wird, so darf er sich dies keinesfalls merken lassen. Die Nebenbuhler dürfen nicht einmal auf den Gedanken kommen, daß er sie fürchtet. Der Gegenstand seiner Wünsche erscheint zu diesen Festen stets nur in Begleitung seines Unzertrennlichen, der seinerseits die größte Zuversicht zur Schau trägt; daß er sich geschmeichelt fühlt, ein so sehr gefeiertes Wesen sein eigen zu nennen, verzeiht man ihm. Die Liebe macht wie uns Menschen, so auch die Megamikren blind. Der Galan bedenkt weder die Schwierigkeiten, mit denen er zu tun hat noch die Unmöglichkeit, sein Ziel zu erreichen. Er hofft immer, verliert nie den Mut, dafür aber seine Ruhe. Er richtet sich zugrunde, vernachlässigt seine Geschäfte und sein Amt; er wird schlecht gelaunt und verliert die Liebe seines Begleiters, endlich auch die Achtung der Welt. Nichtsdestoweniger schätzt er sich glücklich, wenn er bei Tische an seiner Seite den Geliebten hat, der ihm alle nicht wider den Anstand verstoßenden Gefälligkeiten gewähren muß. Die Höflichkeit gebietet solches einem offenkundigen Liebhaber nicht zu verwehren. Diese Gefälligkeiten sind: unzählige Küsse, Begleitung seiner Lieder, geistreiche, mit ihm allein geführte Gespräche, hübsche, durch ihre Zweideutigkeit herausfordernde Antworten und Nichtachtung gegenüber den Bemerkungen der Nebenbuhler, und die Gefälligkeit, von ihm nach der Mahlzeit duftende Kräuter und kostspielige Blumen anzunehmen, sich damit von ihm einreiben zu lassen und dafür auch ihn einzureiben. Diese Abreibung kann aber nur mit Zustimmung des Unzertrennlichen des geliebten Wesens geschehen, der sich erheben, sich zum Unzertrennlichen des Liebhabers setzen und diesen ersuchen muß, sich von ihm den gleichen Dienst erweisen zu lassen. Dann schwimmt der Verliebte in Wonne, stellt sich aber, als erwidere er nur seinerseits die Liebkosungen des anderen, den nur Eitelkeit dazu trieb, um von der ganzen Tischgesellschaft Beifall zu ernten. Er macht aber so, als wenn er es nur aus Gefälligkeit tue, um sich sicher zu zeigen. Weit davon entfernt, eifersüchtig zu sein, sei er sehr erfreut, die Zufriedenheit seines Gastgebers zu erregen. Über die Vorzüge, die einen schönen Megamikren liebenswert erscheinen lassen und ihm zahlreichere Liebhaber verschaffen als anderen, kann ich Ihnen nur sagen, daß wir zwar öfters Gelegenheit hatten, die besonderen Geisteseigenschaften einiger von ihnen anzuerkennen, doch daß wir niemals vermochten, jene seinen Züge, die die Besonderheit der Schönheit ausmachen, zu unterscheiden. Die Schönheit hat in jener Welt ihren Sitz nicht nur, wie bei uns, in den Gesichtszügen. Dies kommt bei uns wahrscheinlich davon, daß diese der einzige Teil sind, den wir sehen und ungehindert betrachten können. Die Schönheit eines Megamikren ist nicht auf einzelne Teile seines Körpers beschränkt; sie erstreckt sich von den Füßen bis zum Scheitel. Sein Gesicht aber gilt nur dann als schön, wenn es den edlen Charakter seines Trägers kennzeichnet. Der Gesichtsausdruck, sagen sie, ist der Spiegel der Seele. Ist er häßlich, dann offenbart er eine häßliche Gesinnung und ein schlechtes Herz. Erstaunlich ist die Beobachtungsgabe der Kenner, die der Physiognomie des Menschen besondere Studien zuwandten. Sie finden Häßliches, wo alle nur Schönheit sehen, und Schönheit in dem, was die große Menge als häßlich bezeichnet. Die materielle Schönheit, die das Auge beurteilt, besteht in den Formen und Verhältnissen, die man auch bei Nichtroten findet und lobend anerkennt, wobei man aber stets bedauert, daß ihnen die richtige Farbe fehlt. Gestehen wir ruhig zu, Mylords, daß wir nicht richtig urteilen, wenn wir eine Frau schön nennen, von der wir nur Augen, Mund und Umriß der Gestalt gesehen haben, während vielleicht alles andere abscheulich ist. Dieses andere hat aber doch viel zu sagen. Es gibt viele Frauen, die die Ungerechtigkeit dieser Auffassung wohl erkennen, obwohl sie sich nicht darüber zu beklagen wagen. Diese möchten recht gerne bei uns den Brauch der Megamikren, nackt zu gehen, eingeführt sehen und wäre es nur, um den Eitlen Schach und Matt zu bieten, die durch die Reize einer hübschen Larve einen unverdienten Sieg davontragen. Der Körperbau der Megamikren ist in den allgemeinen Verhältnissen dem unseren gleich, doch ist der Hals ein wenig stärker, ebenso auch die Wade, die sich durch besondere Feinheit beim Fußgelenk und Schmalheit nach dem Knie zu auszeichnet. Ihr Leib ist ebenmäßiger, ihre Brust gewölbter und der ganze Oberkörper ist voll und rund, so daß man weder Aderknoten noch Muskeln, noch Knochen hervorstehen sieht. Wir kamen allmählich dahin, diese Einzelheiten der Schönheit zu unterscheiden und anzuerkennen, doch konnten wir die Schönheit der Gesichtszüge nur im großen und ganzen bemerken. Wir fanden die Megamikren hübsch, doch vermochten wir oft gar nicht einige von ihnen voneinander zu unterscheiden. Wir fanden, daß sie einander ganz ähnlich sähen. Als wir ihnen dies sagten, lachten sie uns aus vollem Halse aus. Sie sagten, gerade jene hätten keine Spur von Ähnlichkeit miteinander. Große Heiterkeit erregte es in der guten Gesellschaft, wenn ein grüner oder gelber oder andersgefärbter Megamikre sich in einen Roten verliebt, ihm dies offenkundig bezeugt und von keiner noch so unsinnigen Ausgabe zurückschreckt, um das von ihm geliebte Wesen zu verführen. Die Roten verschmähen es nicht, sich von ihm einladen und bewirten zu lassen. Sie laden ihn auch wieder ein und feiern ihn überall. Da diese Gefärbten ihrer Naturanlage gemäß belanglos, übrigens manche von ihnen ganz reizend sind, so sollen sie, wie man behauptet, oft Eroberungen machen. Genaueres aber erfährt man darüber nie; denn in der dortigen Welt ist Verschwiegenheit die erste Tugend. Die Grünen sind besonders hübsch und nach unserem Geschmack noch verführerischer als die Roten. Ihre Haare, Augenbrauen, Lippen, Zunge und Nägel sind zart und rosenrot. Ihre Augen mit weißem Apfel, roter Regenbogenhaut und glänzend grünen Pupillen sind reizend geschnitten und so verführerisch, daß man ihren Blicken nicht widerstehen kann. Sie sind sehr begabt und zeichnen sich besonders in der Mechanik und in der Poesie, das heißt im Gesang aus. Die Roten behaupten, die Grünen seien nicht aufrichtig und dies verrate sich in ihrem Tanzen. Sie tanzen denn auch ungern. Es kommt oft vor, daß reiche Rote besonders hübsche andersfarbige Paare unterhalten, mit denen sie die Stunden der Ruhe in ihren Flußhütten verbringen. Aber darüber hält niemand sich auf, es liegt kein Grund vor, darüber zu klatschen, denn jeder kann sich nach seinem Gutdünken belustigen, wenn er mit seinen Vergnügungen niemandem ein Leid antut. Die Zeit nahte heran, in der die uns betreffende Antwort des heiligen Königs von Heliopolis eintreffen mußte. Es nahte auch die Zeit, daß unsere Kinder entwöhnt werden mußten, und der Gedanke, wie wir sie weiter ernähren sollten, machte uns viele Sorge und Unruhe. Täglich ging ich eine bis zwei Stunden in den Gärten spazieren, um mich meinen traurigen Gedanken hinzugeben. Meine Frau hatte dem Abdala gesagt, sie nähre ihre Kinder mit ihrem Blut und hatte ihn durch diese vorbeugende Antwort zum Schweigen gebracht. Es rückte aber die Zeit heran, daß sie ihr Wort nicht mehr halten konnte. Vor meinen Augen hatte ich stets die Bäume, deren Früchte ich nicht ohne Begehrlichkeit ansehen konnte. Ob mich mein Appetit oder ihre Schönheit antrieb, genug, ich mußte meine Blicke von ihnen abwenden, wenn mich nicht eine unwiderstehliche Begierde dahin bringen sollte, sie von den Bäumen herunterzureißen. Ich konnte nicht annehmen, daß sie giftig waren, und da ich vermutete, daß sie schmackhaft und nahrhaft wären, so konnte ich mich nicht entschließen, sie nur aus dem einzigen dummen Grund nicht anzurühren, weil sie einem Gezücht als Nahrung dienten, dessen Vorhandensein meiner Ansicht nach nur ein Unglück war und gegen dessen Wut mein Mut mich ganz gleichgültig machte. Von diesen Gedanken verfolgt streckte ich eines Tages die Hand nach den schönsten der vor mir hängenden Früchte aus und riß sie ab. Die beiden Schlangen wichen zischend zurück. Ich beachtete ihr Zischen nicht, sondern widmete meine ganze Aufmerksamkeit nur der Frucht, die ich in der Hand hielt und die zweimal so groß war, wie die schönste Feige unserer Gegenden. Die Schönheit verführt. Sie werden es folglich begreifen, Mylords, daß ich hineinbiß, um ihren Geschmack zu kosten: der Pöbel sagte zwar, die Frucht sei giftig, unsere guten Gastgeber aber hatten dies nie behauptet. Da sie köstlich schmeckte, bediente ich mich meiner seit einem Jahr untätig gebliebenen Zähne, um ihre Schale zu knacken, worauf ich die ganze Frucht aß. Die Schale warf ich unter den Baum und griff dann, ungeachtet des Gezisches der Schlangen, nach einer zweiten Frucht. Wäre ich meinem Appetit gefolgt, so hätte ich ein halbes Dutzend gegessen, ich erinnerte mich aber gar zu wohl noch des Schlafes, in den wir vor einem Jahr nach dem Genuß der Megamikrenmilch versunken waren und ließ es für diesmal bei der einen Frucht bewenden. Ich fürchtete auch, daß ich gesehen werden könnte, und ich mußte mich hüten, in eine unangenehme Geschichte verwickelt zu werden. Ich wickelte die zweite Frucht in mein rotes Taschentuch und schritt der unserer Wohnung am nächsten liegenden Gartentür zu. Ich begegnete zwei Gefleckten, die das Zischen der Schlangen gehört hatten und herangelaufen kamen, um nach der Ursache zu forschen. Als sie mich sahen, beruhigten sie sich. Sie glaubten, daß mein Anblick die Schlangen aufgeregt habe. Hätten sie geahnt, worum es sich handelte, ich wäre nicht so leichten Spiels davongekommen. Rasch stieg ich in unsere Zimmer herab, erzählte meiner Frau, was vorgefallen war und legte die mitgebrachte Frucht vor sie hin. Lange sann sie nach, von der Überraschung überwältigt. Dann sah sie mich lächelnd an und meinte: »Diesmal ist es aber nicht Eva, die ihrem Mann die verbotene Frucht anbietet.« Sie nahm die Frucht und aß sie mit Lust und Begier, bis die Schale ganz entleert war, die sie dann wegwarf. Sie ließ mich ruhig reden, während sie aß und erwiderte schließlich nur: »Ich will und muß alles mit dir teilen, was dir Böses oder Gutes geschieht.« Dann sagte sie, wir seien ja in Gottes Hand und es wäre unrecht, auf seine Vorsehung nicht zu vertrauen. Seitdem meine Frau ihre Kinder stillte, litt sie Hunger, da man trotz dem Familienzuwachs unsere Nahrungsportion nicht vermehrt hatte. Sie war denn auch bedeutend abgemagert. Wir wandten uns nicht mit einer Bitte an unsere Gastgeber; denn obwohl wir sicher waren, daß sie hierfür gesorgt hätten, so trugen wir doch Bedenken, ihre Gefälligkeit und Zuvorkommenheit zu sehr auszunützen. Sechs Stunden nach diesem Frühstück erschienen unsere Milchgeber und wir merkten, daß ihre Milch uns nicht so unumgänglich notwendig war wie sonst. Wir waren satt, und dies freute uns sehr, da wir nun wußten, daß es uns an Nahrung nicht mehr mangeln konnte. Am folgenden Tag ging ich wieder in den Garten, indem ich dafür sorgte, von den Gärtnern gesehen zu werden, damit das Zischen der Schlangen sie nicht überraschte. Ich aß eine Frucht und brachte zwei Früchte meiner Frau mit. Die Gärtner wunderten sich, wie wenig ich mir aus dem Zischen der Schlangen machte. Nachdem ich zehn Tage lang meiner Frau täglich die köstliche Speise gebracht hatte, fühlte sie sich bereits so wohl, daß sie sich entschloß, ihre Säuglinge zu entwöhnen und zwar gerade am letzten Tag des Megamikrenjahres. An demselben Tag wurde sie wieder schwanger, wie ich nach neun Monaten genau berechnen konnte. Ich warf stets die Schalen der von meiner Frau genossenen Feigen unter die heiligen Bäume und holte mir die Früchte aus allen Nachbargärten, die stets allen Menschen zugänglich waren. Wir hatten von unseren Gastgebern die Erlaubnis erhalten, allein speisen zu dürfen; nach dem Mahl entfernten unsere Milchgeber sich. Wir ließen stets ein wenig von jedem Gericht für unsere Kinder zurück, die wir damit nährten. Den fehlenden Milchtrank ersetzten wir durch fünf Feigen. Jedes erhielt zwei und eine halbe. Diese sättigten sie vollkommen. Sie waren gesund und bedurften nie mehr in ihrem Leben des Schlafes. Dies bewies uns, daß die Nahrung der Schlangen vollkommen auch die unsere sein konnte, und daß diese Früchte uns die Megamikrenmilch ersetzen konnten, deren notwendige Beschaffung uns mit der Zeit in eine gefährliche Lage bringen mußte. Die notwendige Geheimtuerei fiel uns aber schwer. Sie war uns peinlich, wir fühlten uns nicht glücklich und sahen voraus, daß sie nicht lange fortdauern konnte. In diesen Tagen kehrten die Boten zurück, die man zum heiligen Hof entsendet hatte. Sie brachten dem Abdala von seinem Bischof das Orakel des Oberhauptes, das über unser Schicksal entscheiden sollte. Der höchste Ausleger der Gebote der Sonne übertrug die ganze uns betreffende Angelegenheit dem weltlichen Herrscher, in dessen Königreich wir uns befanden. Er befahl aber dem Abdala, uns nichtsdestoweniger zu beobachten und darauf zu sehen, daß nichts Religionswidriges aus unserer Freundschaft mit den Kindern Gottes entstehe, wodurch Unruhen hervorgerufen werden könnten. Hocherfreut über diesen Beschluß eilte der gute Statthalter auf der Stelle zu uns, um ihn uns mitzuteilen und uns zu beglückwünschen, daß wir nicht der Kirchengewalt unterstellt würden. Dies konnte uns nur dann zustoßen, wenn wir auf irgendeine Weise gegen die Religion sündigten. Dies befürchtete er jedoch nicht, da er in unserem Benehmen niemals etwas dergleichen bemerkt hatte. Er sandte sodann einen Flieger an seinen Hof und ersuchte um die nötigen Weisungen, ob er die uns vom Abdala gestellten Milchgeber zurückschicken und auf welche Weise er uns in die Hauptstadt befördern sollte, da wir bereits ihre Sprache so weit beherrschten, um uns verständigen zu können. Der Monarch antwortete nicht sogleich. Er wollte sich zu allererst vergewissern, ob er nicht, indem er sich unser annehme, seine Würde und Ehre den Verleumdungen der Alfakinen preisgäbe. In der Megamikrenwelt vermögen Thron und Altar nur auf Grund gegenseitigen Entgegenkommens und gegenseitiger Rücksichtnahme in gutem Einverständnis zu bleiben. Die Religion will glauben machen, daß die Monarchen nur dazu erschaffen sind, um sie aufrecht zu erhalten und die Monarchen geben dies zu, aber nur in Worten. Das ist der Kirche die Hauptsache, weil sie ihre eigene Schwäche und wohl auch die ihres Anspruchs einsieht. Sie ist damit zufrieden, öffentlich anerkannt und nicht zurückgewiesen zu werden. Die Könige sind der Ansicht, daß es ihre erste Pflicht sei, ihre Untertanen zu beglücken und zu verhindern, daß das Wirken der geistlichen Obermacht diese Glückseligkeit trübe und vor allem, daß nichts in ihre königlichen Rechte zu weit eingreife. Dies tun sie und danach handeln sie, ohne je darüber zu sprechen oder zu schreiben. Sie vermeiden auf diese Weise Streitigkeiten mit einer Macht, die nur die Feder als Waffe hat und die stets siegen muß, wenn man ihr Gelegenheit gibt, sich dieser Waffe zu bedienen. Ihr Sieg ist durch die Stimmenmehrheit gesichert, die stets zu ihren Gunsten sein muß, da sie das Volk für sich hat. Obgleich dieser Sieg gewöhnlich keine reellen Vorteile bringt, so bietet er doch Gelegenheit, die Könige der Ungerechtigkeit anzuklagen, und wenn die Kirche nicht mehr erreichen kann, so weiß sie es so einzurichten, daß dies genügt. Auf diese Weise halten dort die Herrscher durch Verstellung die geistliche Macht im Zaum, was ihnen nicht gelingen würde, wenn sie offen gegen sie aufträten. Die Hauptstadt war von der Grenzstadt, in der wir uns befanden, fünfhundertfünfzig englische Meilen entfernt. Gewöhnliche Boten brauchten zwölf Tage, um hin- und zurückzureiten. Doch konnte man nicht wissen, wie lange das königliche Ministerium sie zurückbehalten würde. Der Abdala schickte uns nach wie vor unsere Milchgeber zu, und ich versorgte weiterhin meine Kinder mit den verbotenen Früchten. In diesen Tagen ereignete sich in schweres Unglück, das für uns sehr unangenehme Folgen hatte. Zwei violette hundertzwanzig Jahre alte Megamikren wurden von zwei Schlangen erfaßt und erdrosselt. Dies geschah im Garten des Grubendirektors, der unmittelbar an den unsrigen grenzte; ich hatte oft Früchte daraus gestohlen. Groß war die Bestürzung der ganzen Stadtbevölkerung über dieses Unglück. Ein solches hatte sich nach den Staatsregistern nur einmal vor achthundert Jahren ereignet. Die Väter der Unglücklichen, die ihre Kinder sehr geliebt hatten, obwohl es Bastarde waren, wendeten sich an das Orakel. Dieses linderte ihren Schmerz, indem es erklärte, die Schlangen seien in Zorn geraten, weil man in ihrem Garten die Pflege der Bäume vernachlässigt habe. Man frohlockte, daß die Megamikren diesen Tod ohne ihre Schuld erlitten hätten. Das Andenken der Toten wurde dadurch gereinigt. Die kirchliche Gerichtsbarkeit, in deren Bereich die Schlangen-Angelegenheit fiel, machte dem Direktor einen Prozeß. Sie verhörte Zeugen, wobei sie stets darauf bedacht war, alle jene auszuschließen, die zugunsten des Angeklagten hätten sprechen können. Dies ist bei allen geistlichen Gerichtshöfen jener Welt eingebürgerter Brauch, da man der Meinung ist, daß man Zeugen, die für einen Angeklagten entlastend sprechen könnten, bei einem Kriminalprozeß nicht brauchen kann. Die Triftigkeit dieser Gründe ist augenscheinlich! Man fand, daß der Garten des Grubendirektors tatsächlich nicht genügend gut gepflegt war, doch nahm man als Entlastungsgrund an, daß der Direktor infolge seiner vielen Geschäfte keine Zeit gehabt habe, an seinen Garten zu denken. Da aber ein Garten doch gepflegt und in Ordnung gehalten werden muß, ging das Urteil dahin, daß der Garten meistbietend versteigert werden sollte. Der dritte Teil der dadurch erhaltenen Geldsumme solle den betrübten Vätern als Entschädigung zufallen. Ein Sechstel der übrigen zwei Drittel sollte zur Deckung der Prozeßkosten dem Gericht eingeliefert werden. Der Direktor verlangte Gehör, man schlug ihm diese Bitte jedoch mit der Begründung ab, daß ja nur seine Nachlässigkeit gerichtet und bestraft werde. Diese aber sei augenscheinlich und offenbar, da sie von dem stets unfehlbaren Orakel als solche bezeichnet worden sei. Dieser unbarmherzige Beschluß regte alle reichen Herren der Stadt und alle Gutsbesitzer ungemein auf. Die Oberaufseher der Kräuter- und Gemüsegärten, die eine Zunft bildeten, bekamen Angst. Denn wenn ein ähnlicher Fall in ihrem Bezirk – in der Stadt oder außerhalb derselben, wo sich auch Schlangen befanden – vorkam, so hätte dies auch ihnen einen Prozeß seitens der geistlichen Gerichtsbarkeit zugezogen, die sich sodann der Besitzungen bemächtigt hätte, und wenn auch nur aus dem einzigen Grund, um diese zu bewirtschaften. Die Sache wurde als eine besonders wichtige Angelegenheit hingestellt, da der Zorn der Schlangen das Leben aller Megamikren bedrohen konnte. Dies traf auch zu, als wir in jene Welt kamen. Die Verehrung der Schlangen beruhte auch auf einer Prophezeiung, die so alt war, wie ihre Welt selbst und folgendermaßen lautete: »Das Glück der Megamikren wird enden, wenn sie durch schlechte Behandlung ein Volk von anderer Rasse aufgebracht haben; ein Volk, das größer und stärker ist als sie und durch sie ernährt wird.« Man behauptete, daß mit jenem Volk nur die Schlangen gemeint sein können, da sie diese ernähren, indem sie die Bäume, die ihre Nahrung liefern, immer neu anpflanzen. Man vermehrte nach diesem Urteil die Zahl der Gartenknechte, wo sie nicht genügend erschien und gab besondere Befehle in bezug auf die Bewachung der Bäume aus. Drei oder vier Tage später, als wir allein zu Hause waren, erhielten wir den Besuch zweier schöner Roten, die uns voller Anmut und Höflichkeit begrüßten, doch ohne die üblichen Äußerungen von Fröhlichkeit und Zufriedenheit, die auf gute Nachrichten schließen lassen. Wir erhoben uns und boten ihnen mit größten Achtungsbezeigungen Sessel an. Der Wortführer der beiden hielt uns nun folgende Rede: »Wir sind, o Ihr großen Wesen, jene beiden glücklichen Sterblichen, die zuerst das Bleihaus entdeckten, in dem Gott Euch hierher sandte. Wir sind die einzigen Erben unseres alten Namens, kaum vor sechs Jahren aus dem Käfig entlassen. Unsere sämtlichen noch lebenden Väter, Großväter und Urgroßväter würden uns nach der vollen Strenge des Gesetzes bestrafen lassen, wenn sie erführen, weshalb wir zu Euch gekommen sind. Doch wir lieben Euch und die Freundschaft trieb uns hierher, um Euch vor einem Euch bedrohenden Unglück zu warnen, dem ihr, wie wir hoffen, dank dieser Warnung, entgehen könnt. Der Obergärtner des Großarchivars der Stadt kam gestern zu unserem Großvater, dem Vorsitzenden des Kriminalgerichtes, und beschwor, daß der unfruchtbare Riese einige Früchte von einem der Bäume genommen, worüber die Schlangen sich durch starkes Zischen mit Recht beklagt hätten. Unser Großvater ließ die Aussage zu Protokoll nehmen, den Eid des Obergärtners eintragen und zeigte dies Euer Verbrechen auf der Stelle dem Abdala an, der der allein zuständige Richter darüber ist. Möge Gott, der Euch vor vier Jahren hierher sandte und der uns auf den Grund des Flusses schickte, um Euch das Leben zu retten – möge derselbe Gott Euch jetzt erleuchten, damit Ihr mit Vorsicht handelt!« Nach dieser Ansprache küßten sie uns und gingen. Wir waren wie vom Blitz getroffen, doch verloren wir weder Kopf noch Mut. Vor allen Dingen teilten wir das Gehörte dem Gouverneur mit, den ich durch die ausführliche Beichte meines Vergehens erstaunte. Er dachte eine Weile nach, wechselte ein paar Worte mit seinem Unzertrennlichen und beschloß dann auf der Stelle, mich auf Grund meines Geständnisses dem Abdala anzuklagen. Mein hochgeschätzter Gastgeber war ein guter Kriminalist und Rechtskenner. Er wußte, daß er zwar nicht lügen konnte, daß es ihm aber frei stand, Tatsachen zu verschweigen, die meine Sache verschlimmert hätten. Indem das Orakel des Großen Genius uns dem König unterstellte, hatte es sich des Rechtes begeben, uns zu richten. Unser Freund hatte als königlicher Statthalter das Recht, mich vor dem Abdala anzuklagen, gleichzeitig aber mich als Gefangenen seines eigenen Hauses zu erklären, für den er sich mit seiner Person verbürgte. Auf diese Weise glaubte er, mich vor dem Urteil des Abdala schützen zu können, da er selber als Ankläger auftrat. Er teilte uns diesen seinen Entschluß und festen Vorsatz mit, den wir nur bewundern konnten, küßte uns, fuhr in den Tempel, verklagte mich vor dem Abdala und erklärte, daß er mich als Gefangenen der Kirche in seinem eigenen Hause halte. Der Abdala erwiderte ihm darauf, daß er dies Recht nur in dem Fall gehabt haben würde, wenn er zuerst mein Verbrechen angezeigt hätte. Da dies jedoch nicht der Fall sei, gehöre die Untersuchung der Angelegenheit und das Urteil darüber zu seiner eigenen Machtbefugnis. Um ihm zu beweisen, daß er mich zu spät angezeigt habe, ließ er ihm den bereits geschriebenen Befehl vorlesen, daß seine Häscher sich zum Statthalter begeben sollten, um sich meiner zu bemächtigen und mich in das Gefängnis der Inquisition zu führen. Der Statthalter antwortete, die Häscher würden den Weg umsonst gemacht haben, da er mich ihnen nicht ausgeliefert hätte. Nach der Entscheidung des Großen Genius unterstehe ich dem König. Der Abdala aber berief sich auf dasselbe Orakel, das ihm befehle, darüber zu wachen, daß die Riesen in ihrem Verkehr mit den Megamikren nichts Religionswidriges begingen. Dies sei nun tatsächlich geschehen. Übrigens, so schloß er, reicht die Gerichtsbarkeit des Königs nicht so weit, um verhindern zu können, daß die Kirche im Falle von Religionsverbrechen einschreite. Dies zu tun, sei also jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit. Der Statthalter erklärte, er glaube, durchaus nicht berechtigt zu sein, mich auszuliefern. Er verlange daher die Entscheidung des mittleren Gerichtes. Worauf der Abdala wieder antwortete, das stehe in seinem Belieben. Der Statthalter ließ nun sofort seine Berufungsschrift aufsetzen und gab diese dem Abdala bekannt, der die Versammlung des Kollegiums auf den folgenden Tag berief. Dieses Kollegium bestand aus elf Paaren roter Megamikren, lauter hervorragenden Rechtsgelehrten, die ihr Urteil schriftlich abzugeben hatten. Sie erfuhren den Gegenstand der Verhandlung erst durch die Advokaten, als sie sich bereits im Gerichtssaal eingefunden hatten. Die Mehrheit der Stimmen entschied, und es war ihnen verboten, während der Abstimmung sich miteinander zu beraten. Jede streitige Rechtsfrage unterlag diesem Gerichtshof, der das Privilegium besaß, daß es gegen sein Urteil keine Berufung an ein höheres Gericht gab. Die Rechtsgelehrten hörten die Gründe des Statthalters an, der sie ihnen eine Stunde lang auseinandersetzte und seine Beweise vorbrachte. Der fiskalische Anwalt des Tempels sprach sodann ebenfalls eine Stunde lang und der Anwalt des Königs verwandte ebensoviel Zeit darauf, dessen Rechte zu wahren. Binnen einer Viertelstunde gab jeder Richter in Anwesenheit der streitenden Parteien schriftlich sein Urteil ab, das von den Unzertrennlichen mit unterschrieben wurde. Der Sekretär des Kollegiums las daraufhin die elf Meinungen vor. Sechs von diesen stimmten für den Abdala und gaben ihm die Macht, mit mir meinem Vergehen gemäß zu verfahren. Die fünf anderen urteilten, daß er zwar das Recht habe, mich in seinem Gefängnis zu halten, doch nur als Pfand, bis man das Orakel von Heliopolis erfahre, das entscheiden müsse, ob ich eines Verbrechens tatsächlich schuldig sei. Denn was für die Megamikren als Vergehen gelte, dürfe vielleicht in bezug auf uns Riesen nicht als ein solches betrachtet werden. Diese fünf Richter wurden zu der üblichen Geldbuße verurteilt, die sie in der vornehmsten Weise zahlten, ohne von der Unrichtigkeit ihres Urteils deshalb überzeugt zu sein. Sie sagten sich aber zu ihrem eigenen Trost, wenn bei einer Abstimmung nur ein so geringer Stimmenunterschied stattfände, seien die in der Minderheit gebliebenen ohne Zweifel die Weisesten gewesen. Diese Ansicht teilte auch ich. Der Statthalter ließ nun dem Abdala sagen, er selber werde mich dem geistlichen Gefängnis einliefern. Doch nur unter der Bedingung, daß man mich bis zur Rückkehr des an den König gesendeten Eilboten gut ernähren lasse. Der Abdala, durch seinen Erfolg hochmütig gemacht, antwortete, er werde seine Leute mit den entsprechenden Befehlen senden, und der Schuldige müsse ihm ohne jegliche Bedingungen ausgeliefert werden. Der Statthalter war gezwungen, nachzugeben. Unser Freund kam mit diesen traurigen Nachrichten erst zu uns, nachdem er in zwei Stunden einen sehr langen und ausführlichen Bericht an den König ausgefertigt und abgeschickt hatte. Gleichzeitig schrieb er auch an des Königs ersten Minister, den er beschwor, Seine Majestät zu bewegen, ihm seine Befehle durch ein Flugpferd zu senden. Sei es aber, daß der König dieser Bitte nicht Folge leisten wollte, sei es, daß der Minister ihm den Brief nicht vorlas – die Antwort lief erst nach drei Fünftagen «in. Aufrichtig betrübt kam sodann der Statthalter zu uns, denen inzwischen sein Unzertrennlicher Gesellschaft leistete. Er berichtete mir alles und bat mich, ich möge mich in mein Schicksal fügen, der König werde mich nicht im Stich lassen, und bis dahin werde er bestens für meine Frau und meine Kinder sorgen. Als Elisabeth diese Worte hörte, konnte sie sich nicht der Tränen enthalten. Auch mir wurde es schwer, nicht laut zu weinen. Sie sagte dem Gouverneur, als meine Mitschuldige sei sie von mir unzertrennlich, aber sein freundliches Anerbieten in bezug auf unsere Kinder nehme sie gern an. Ich fühlte mich nicht stark genug, ihrem Willen zu widersprechen, und versicherte unserem Gastgeber, daß wir in diesem Unglück uns noch glücklich schätzten, unsere Kinder in ihren Händen lassen zu können. Ich enthüllte ihnen sodann, daß wir unsere Kleinen mit den verbotenen Früchten genährt hätten, was sie mit Grauen hörten. Der Unzertrennliche fragte, weshalb denn meine Frau sie nicht weiter stille, worauf Elisabeth ihm antwortete, sie sei guter Hoffnung. Dadurch habe ihre Milch die nahrhaften Bestandteile verloren und könne den Säuglingen nur schädlich sein. Am Ende der dritten Ernte werde sie niederkommen. Diese vertrauensvolle Mitteilung war unseren Freunden angenehm und sie hofften, mit der Zeit noch mehr darüber zu erfahren. Sie umarmten uns, versicherten uns immer wieder ihrer Zuneigung und versprachen unseren Kleinen die gewissenhafteste Sorgfalt zu widmen. Der Unzertrennliche nahm sie an sich und blieb allein bei ihnen, um uns seine Liebe deutlich zu beweisen. Der Statthalter sagte mir nun, es würde ihm sehr unangenehm sein, wenn die Häscher bis vor sein Haustor kämen, und bat uns, lieber mit ihm bis zum Oberprofossen zu gehen, dem er uns überliefern werde. Wir willigten ohne weiteres ein und bestiegen seinen Wagen, der uns in einer Viertelstunde zum Tempel brachte. Dort übergab er uns und verließ uns nach herzlichen Umarmungen. Vier Gescheckte kamen nun, fesselten uns und brachten uns in eine Gefängniszelle, die uns sehr unbequem war. Sie war durch Tageslicht erhellt, da sie sich ganz oben im Hause befand und auf einen öffentlichen Platz hinausging. Die Zelle war nur vier Fuß hoch, sechs Fuß breit und ebenso lang, und ihr hölzerner Boden mußte uns als Bett dienen. Wir waren gezwungen, die ganze Zeit entweder hockend oder liegend zu verbringen. Wir hatten weder Matratzen noch Bücher, noch Schreibzeug, auch war uns der Trost versagt, Besuche zu empfangen. Einmal täglich kamen fünf häßliche Gefangene, um uns zu stillen, und man brachte uns dazu fünf Musgerichte, die sehr widerlich schmeckten, die wir jedoch essen mußten, weil uns sonst der Hungertod drohte. Die Elenden überhäuften uns mit den gröbsten Beschimpfungen und Flüchen, weil wir ihre Milch bis auf den letzten Tropfen aussaugten. Wir hatten nur einen Kamm und ein Leinentuch. Die Gefangenen in diesen grausamen Gefängnissen dürfen nicht einmal eine Uhr besitzen und jegliches Möbelstück wird ihnen verwehrt. Unser einziger Trost war, daß wir beisammen waren und miteinander sprechen konnten. Meine Frau flößte sogar den unerbittlichen Häschern Respekt ein, da es allgemein bekannt war, daß sie bei mir blieb, obwohl sie dies nicht nötig gehabt hätte, wenn sie ihre Mitschuld dem Abdala verschwiegen hätte. Sie können sich wohl vorstellen, Mylords, wie lang uns die Zeit dort werden mußte. Die begreifliche Unruhe über das uns erwartende Schicksal trat vor der um unsere Kinder zurück. Es schien uns, als hätten wir ein Unrecht begangen, ihnen das Leben zu geben, und wir sahen diese trübselige Zeit als eine Strafe hierfür an. Wir waren dem unumschränkten Willen und der abergläubischen Grausamkeit eines auf seine Rechte eifersüchtigen Prälaten und dem Haß eines von ihm beeinflußten Volkes überliefert, das uns als Ursache der Erdrosselung der beiden Megamikren durch die Schlangen ansah. So konnten wir auf kein Mitleid eines Richters hoffen, der wahrscheinlich durch unsere Verurteilung den Zorn dieser Ungeheuer zu beschwichtigen glauben mußte, vor denen die ganze Stadt zitterte. Wir fragten uns, wie unsere Kinder ohne uns fortkommen sollten, was man aus ihnen in einer Welt machen würde, wo sie, ohne die Erziehung, die nur wir ihnen zu geben vermochten, nur arme, von allen verachtete Bettler werden konnten. O Gott! wir fürchteten, wir würden sie niemals wiedersehen! Wenn sie mannbar geworden sind, wird vielleicht ein großer Herr sich den Luxus leisten, sie sich fortpflanzen zu lassen, und so wird ein Geschlecht entstehen, das sich selber als eine Schmach empfinden und niemals begreifen wird, wie es inmitten einer solchen Rasse von Zwergen zu Sklaven herabsinken konnte! Diese gräßlichen Gedanken verließen uns nur, um einer unsere Vernunft überwältigenden Langeweile Platz zu machen. In wahnsinniger Undankbarkeit gegen Gott bedauerten wir, aus der Bleikiste entkommen zu sein. Alle Leiden erschienen uns in Anbetracht der jetzt erlittenen gering. So ist der Mensch, Mylords, stets und überall. Der Schmerz, der ihn im Augenblick überwältigt, scheint ihm immer der allergrößte zu sein; alle anderen schätzt er geringer ein, als den, den er gerade erduldet. Er bildet sich ein, jeder Wechsel werde ihm zum Vorteil sein. Dies liegt daran, daß ein leidendes Wesen immer mehr seinen Verstand einbüßt. Das Leiden der Langeweile zerfleischte unsere Seele. Als wirkliches Unglück empfanden wir auch die Unmöglichkeit, zu schlafen. Wir bildeten in unserem Fieber uns ein, daß das ununterbrochene Tageslicht daran schuld sei. Wir verfluchten den lichtbringenden Planeten, um einen Augenblick darauf, verwirrt unseren Irrtum einsehend, wie Wahnsinnige zu weinen. Doch die Tränen beruhigten uns und erleichterten unsere Qualen. Das Erscheinen der fünf Eumeniden , deren Milch uns am Leben erhielt, war der einzige Anhaltspunkt für unsere Zeitberechnung. Der Mensch will rechnen, deshalb könnte man ihn als rechnendes Tier bezeichnen. Wir begriffen jetzt den Grund der Benennung der Furien als Eumeniden. Zu Beginn des Staubtages der dritten Auferstehung, nachdem wir dreizehn Tage unter Qualen verlebt hatten, von denen ich Ihnen wohl nur einen schwachen Begriff geben konnte, trat ein graubraun gefleckter Megamikre bei uns ein und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wir konnten dies nur wie Tiere, auf allen Vieren kriechend, tun. Aber auch als wir bereits in dem höher gebauten Gange waren, vermochten wir uns nicht zu erheben und aufrecht zu stehen. Der Graubraune befahl vier anderen, ein Zimmer zu öffnen, in das wir uns schleppten. Dort befand sich ein großes Bad, worin viele verschiedenfarbige Megamikren sich tummelten. Der Häscher sagte uns nun, daß wir baden dürften. Als daraufhin alle sich badenden Gefangenen Reißaus nahmen, mußten wir laut lachen. Ein schwergeprüfter Geist vermag mit ungemeiner Schnelligkeit von der tiefsten Traurigkeit zur vollkommenen Ruhe überzugehen, in der die ersten seinem Nachdenken sich darbietenden Gegenstände ihn mit besonderer Macht beeinflussen. Ein ins bewegte Meer geworfener Stein beunruhigt dessen Wellen nicht, wie anders aber wirkt ein in ein stilles Wasserbecken geworfener Kiesel. Er bildet einen Kreis, der sich bis an den Rand in neuen Kreisen ausdehnt. Diese Flucht der Badenden erregte unsere Heiterkeit und wir waren froh, dadurch zu merken, daß wir noch diese köstliche Gabe besaßen, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Nach einem halbstündigen Bad hatten wir bereits die Kraft, bis zu einem Sofa zu gehen, wo man uns sehr unangenehme Kräuter gab, um uns damit zu trocknen und abzureiben. Eine Regung von Mitleid, das wohl aus Hochmut hervorging, bewog den Megamikren, uns ein Räucherpulver geben zu lassen, das zwar schlecht war, aber uns doch wohltat. Dann führte man uns hinaus und wir fanden im Hof einen offenen Karren, in den man uns in Begleitung von zwei Paaren einsteigen ließ. Sie nahmen vor uns Platz. Vier Gescheckte saßen hinten, zwischen den Wagenrädern. Der Graubraune hatte keinen Unzertrennlichen und saß auf einem Polstersessel hinter dem Kutscher. Acht Pferde waren vor den Karren gespannt und zogen uns im Schritt durch die Stadt, dann aber im Trabe auf der Landstraße. Eine wütende Menge begleitete uns bis vor die Stadt mit Geschrei, Flüchen und Verwünschungen. Wir ließen sie erst zurück, nachdem die Pferde schneller zu laufen anfingen. Fünfmal wechselte man die Pferde, um uns schließlich vor einem Wirtshaus aussteigen zu lassen. Man führte uns in einen Saal voller Megamikren, die nach der Färbung eine üble Gesellschaft waren. Der Graubraune rief einen Gelben, der uns erwartet hatte, herbei und forderte ihn auf, Zeuge seiner Worte zu sein. Diese lauteten: »Ihr seid vom heiligen Abdala aus Alphapoli für immer aus seinem Sprengel verbannt; sollten wir Euch jemals dort erblicken, so würden wir Euch bis zu Eurem Lebensende ins Gefängnis werfen, aus dem Ihr jetzt herauskommt!« Hierauf entfernte er sich mit seiner ganzen Sippschaft. Kaum war er hinaus, so erklärte der gelbe Megamikre, der als Zeuge angerufen worden war: »Ich befehle Euch, im Namen des heiligen Abdala von Gammapoli, Euch in seinem Sprengel bei Vermeidung lebenslänglicher Kerkerstrafe vom Tage des Schmetterlings an niemals mehr zu zeigen.« Wir ersuchten den Wirt um eine Kammer zum Ausruhen. Er fragte, ob wir ihn bezahlen könnten, und drehte uns den Rücken, als wir dies verneinten; dabei sagte er, es stehe uns frei, uns wo anders Herberge zu suchen. Wir gingen nun hinaus und schlugen die Landstraße ein. Die ganze Schurkenbande war über das Vorgefallene so entsetzt, daß keiner daran dachte, uns zu verfolgen. Nun waren wir sozusagen in Freiheit, aber wir waren arm wie Kirchenmäuse, ohne Heim und ohne unsere Kinder, und dazu verdammt, entweder Hungers zu sterben, oder uns von den Früchten zu nähren, die längs der Straße an den Bäumen hingen, und die die Ursache unseres Unglücks waren. Unser Hunger war noch nicht so groß, um uns zu zwingen, allem zu trotzen und nach ihnen zu greifen. Wir getrauten uns nicht, umzukehren, um unsere Kinder zu holen, denn der Gedanke an den Kerker machte uns zittern. So empfahlen wir uns der Vorsehung Gottes und gingen den eingeschlagenen Weg weiter. Wer uns sah, flüchtete vor uns in die nebenliegenden Topen Topen, aufgemauerte, kugelförmige, in Indien als Reliquienbehälter dienende Hügel. Wir durchschritten einige Dörfer, ohne irgendwie belästigt zu werden und ohne selber jemanden zu belästigen. Als wir nach fünfstündiger Wanderung sehr müde in einen Weiler kamen, da erscholl das Trompetensignal, das den Tagesschluß ankündigte. Wir brauchten Nahrung und Ruhe, hatten aber keinen Mut und konnten uns weder das eine noch das andere verschaffen. Im Augenblick, als die Trompete erscholl, begegneten wir einem roten Paar, das dem Flusse zuschritt und nicht vor uns zurückwich. Wir grüßten sie und sie erwiderten den Gruß aufs höflichste. Wir waren von Müdigkeit und Hunger ganz erschöpft. Das Paar blieb vor uns stehen, wir waren sicher, daß sie uns Nahrung und Wohnung gegeben hätten, doch um dies zu erlangen, hätten wir sprechen, unsere Armut bekennen, mit einem Wort, betteln müssen. Dazu konnten wir uns nicht entschließen. Wir schritten auf ein Anazosenwäldchen zu, das drei Topen weit vor uns lag, und beschlossen uns dort unter den Bäumen auf den Bauch zu legen, um den Sonnenstrahlen zu entgehen, die wir nicht mehr ertragen konnten. Wir waren ganz froh, daß es keine Feigen und keine Schlangen dort gab, denen wir offen den Krieg hätten erklären müssen, wie wir dies einige Jahre später tun mußten. Ich brach von einer Anazose einen der Zapfen ab, von denen sie voll hing, ich zerschlug ihn mit einem Kieselstein und fand darin viele gelbe Kügelchen, die ebenfalls hart waren und die ich nun auch zu zerschlagen versuchte. Sie enthielten eine Samenmilch von grüner Farbe wie unsere Pistazien und vom Geschmack unserer Pinienkerne. Wir fanden sie ganz genießbar, wenngleich die Schalen hart waren; aber wir hatten ja gute Zähne. Niemals hatten wir von dieser Fruchtsorte gehört. Wir begriffen, daß sie von den Megamikren offenbar nicht roh gegessen wurden, doch mußten ihre Köche herrliche Gerichte daraus herstellen können. Uns schmeckten sie so gut, daß wir drei Stunden darauf verwandten, uns mit ihnen zu sättigen. Das Zerknacken der beiden Schalen beanspruchte aber auch viel Zeit. Diese Nahrung und fünf bis sechs Stunden Ruhe gaben uns unsere Kräfte wieder und wir beschlossen, dies zu benützen, um aus dem Sprengel von Gammapoli, aus dem wir ebenfalls verbannt waren, herauszukommen. Wir hofften, daß man uns nicht überall so unbarmherzig hinauskomplimentieren würde. So kehrten wir denn wieder auf die Hauptstraße zurück. Wir waren kaum eine Stunde gewandert, als wir hinter uns einen großen Lärm hörten, der uns veranlaßte uns umzusehen, um die Ursache zu ergründen. Wir sahen eine sehr schnell fahrende Postwagenreihe und dachten uns hinter den Bäumen einer Tope zu verbergen, da uns bereits das Gefühl, daß wir Ausgestoßene seien, beherrschte. Schweres Unglück pflegt sogar die stärksten Seelen zu erniedrigen. Wir versteckten uns so gut wir konnten, doch wie groß war unser Staunen, als wir sahen, daß die Wagen – es waren ihrer zwölf – an der Stelle anhielten, wo wir die Straße verlassen hatten, dann stiegen zwei Rote aus dem ersten Wagen aus. Sie liefen um die Tope herum und spähten nach rechts und links. Es war unser lieber Statthalter mit seinem Unzertrennlichen, die wir von weitem nicht erkannt hatten, da wir sie stets nur in ihren Mänteln sahen, diese durften sie jedoch nur dann tragen, wenn sie auf ausdrücklichen Befehl des Königs reisten, deshalb waren sie jetzt beide ganz nackt. Elisabeth war die erste, die ausrief: »Sie sinds!« Sie stürzte hervor, lief ihnen entgegen, ich ihr nach. Sie bemerkten uns sofort und liefen auf uns zu. Sie fielen uns in die Arme und vermochten anfangs, sei es aus Freude, sei es von dem schnellen Lauf, atemlos kein Wort hervorzubringen. Schnell trugen wir sie zum Wagen, aus dem sie ausgestiegen waren und glaubten vor Glück närrisch zu werden, als wir in dem Wagen Jakob und Wilhelmine in den Armen von vier Grünen sahen, die sie auf purpurnen Polstern hielten. Elisabeth fiel in Ohnmacht und ich hielt mir den Kopf, damit nicht dasselbe mit mir geschehe. Der Statthalter befahl den vier Grünen, in einen andern Wagen zu steigen, hieß uns einsteigen und übergab uns die Kindlein, dann befahl er den Postillonen, am besten Gasthaus der nächsten Stadt anzuhalten. Wir gelangten in einer halben Stunde dorthin. Während dieser Zeit blieben wir sprachlos. Wir küßten nur unsere Kleinen, die uns lächelnd ansahen und benetzten sie mit unseren Tränen. Wir hatten ja nicht mehr gehofft, sie jemals wiederzusehen. Sobald wir uns allein mit dem Gouverneur und seinem Gefährten in einem schönen von Phosphorlicht erleuchteten Saal befanden, berichtete er uns folgendes: »Man kann sich, meine lieben Freunde, nichts Grausameres, nichts Unmenschlicheres und Unwürdigeres vorstellen, als die Art und Weise, wie der Abdala Euch behandelt hat. Der geringste Achtungsbeweis, den er dem König schuldete, mußte darin bestehen, Eure Verurteilung bis zur Ankunft des königlichen Boten zu verzögern, um so mehr, da dieser ihm auch von seiten des Bischofs Weisungen und Befehle überbringen konnte. Er behandelte Euch mit einer unerhörten Strenge, denn es ist sonst Brauch, daß den zur Verbannung Verurteilten erlaubt wird, vor dem Verlassen der Stadt nach Hause zu gehen, um ihre Papiere zu holen, oder was ihnen sonst notwendig sein mag. Er gab somit der ganzen Stadt einen richtigen Begriff nicht seines Eifers und seiner Gerechtigkeit, sondern seines Hasses. Er behandelte Euch im Kerker auf die denkbar grausamste Weise, da er Euere Nahrung um die Hälfte verringerte und Euch sogar die Wohltat des Bades versagte, die selbst den größten Verbrechern alle fünf Tage gewährt wird. Ich erfuhr dies alles erst gestern, eine halbe Stunde nachdem Ihr die Stadt verlassen hattet und ich kann Euch nicht beschreiben, mit welcher Betrübnis ich darüber nachgrübelte, daß die Verzögerung der Ankunft des vom Hofe erwarteten Boten mich zur Untätigkeit verdammte. Ohne den Willen des Königs zu kennen, durfte ich keinen Schritt tun, der Euch irgendeine Erleichterung hätte verschaffen können. Ich konnte mich nicht einmal persönlich zum Abdala begeben, noch ihm meine Beschwerden und Anklagen bekanntgeben, ebensowenig durfte ich von ihm eine Abschrift des gegen Euch ergangenen Ausweisungsbefehles verlangen, um sie an den Hof zu senden. So überließ ich mich der Sorge und Traurigkeit, als ich endlich fünf Stunden nach Eurer Abreise den Boten mit den Befehlen meines Herrn und Königs empfing. Seine Majestät gab mir bekannt, daß der Abdala nicht die Macht besitze, Euch zum Tode – wie wir die lebenslängliche Kerkerstrafe nennen – zu verurteilen. Er könne Euch nur entweder zur Verbannung aus seinem Sprengel verurteilen, nachdem er Euch höchstens für die Zeit eines Brandes im Gefängnis behalten habe, oder er müsse Euch nach einem Jahr Kerkerhaft begnadigen. Der Monarch befahl mir, Euch in diesen beiden Fällen an seinen Hof zu senden, und zwar nicht als Schuldige, sondern als vornehme Leute, die er in seiner Nähe zu haben wünsche. Er fügte hinzu, er sei sicher, daß sein Befehl rechtzeitig ankomme, da nicht anzunehmen sei, daß der Abdala sich so übereilen könne, ohne einen triftigen Grund zu haben. So werde Eure Verbannung also kaum vor Ablauf des Brandes erfolgen. Sobald ich diesen Befehl erhielt, ließ ich es mir nicht nehmen, mich mit meinem Unzertrennlichen, um die Stunde der großen Audienz zum Abdala zu begeben. Meine Würde gebot, daß mich der Abdala vor allen anderen nach meinen Wünschen fragte. Ich antwortete ihm, ich sei gekommen, um ihm öffentlich eine von unserem Herrscher empfangene Depesche vorzulesen. Dies tat ich denn auch. Der Abdala antwortete, der Inhalt dieser Depesche gehe ihn nichts an, es sei meine Sache, die Befehle meines Herrn zu befolgen und auszuführen. Ich verlangte darauf die Ausfolgerung des Verbannungsbefehles. Wenn darin nicht der Ort angegeben wäre, bis zu welchem seine Bevollmächtigten uns begleiten sollten, müsse er mir dies sofort persönlich mitteilen, da ich entschlossen wäre, Euch nachzureisen, um Euch an den Hof zu bringen. Der Abdala schien über mein Drängen sehr erstaunt zu sein, doch gab er zu, daß er mir die Abschrift des Urteils nicht vorenthalten könnte. Seine Bevollmächtigen hätten den Auftrag erhalten, Euch das Verbannungsurteil an der Grenze des Sprengels von Gammapoli bekanntzugeben. Dieser Umstand bewies mir seinen Haß noch deutlicher, da solche gerichtliche Übergabe stets eine weitere Ausweisung zur Folge hat. Ich konnte nur mit Mühe mich enthalten ihm zu sagen, daß die Schlangen gewiß seinen Eifer anerkennen müßten, denn wenn sie selber ein Urteil über Euch hätten aussprechen sollen, hätten sie kaum grausamer handeln können. Ich kehrte in mein Haus zurück, gab Befehl, hundert Postpferde auf der bestimmten Strecke bereitzuhalten und nahm hundert Diener mit, um sie Euch zur Verfügung zu stellen. Jedes Paar von ihnen sollte Euch alle zehn Tage nähren. Ich ließ die Wagen bereithalten und bereitete mich selbst vor, Euch mit zehn Dienern Eure Kinder zu bringen, damit Ihr über dieselben verfügen könnet, denn es ist Euch nach dem Befehl des Königs nicht erlaubt worden, Eure Kinder an den Hof mitzubringen. Ich rate Euch, sie uns anzuvertrauen, erstens, weil ich nicht glaube, daß Ihr in dieser Welt bessere Freunde haben könnt als uns; zweitens, weil wir Eure Kinderchen herzlich liebgewonnen haben. Wir werden sie aufs sorgfältigste pflegen und werden sie Euch senden, sobald Ihr den Wunsch äußert. Jetzt erzählt uns, bitte, alles, was mit Euch seit dem Verlassen des Gefängnisses bis zu unserem glücklichen Wiedersehen geschehen ist. Ich fuhr aus der Stadt drei Stunden vor Anfang des Tages ab, und hätte Euch vielleicht nicht entdeckt, wenn nicht ein Edler erster Klasse, ein vertrauter Freund von mir, mir gesagt hätte, daß er Euch gesehen hat.« Wir fühlten uns wie neu belebt, als wir diese Erzählung hörten, obwohl uns der Bescheid bezüglich unserer Lieblinge herzlich betrübte. Wir berichteten ihm das Erlebte und merkten, daß er ganz erstaunt und verwirrt war, als er hörte, daß wir den Samen der Anazosen gegessen hätten. Er sagte uns, ein Megamikre würde sich nie getrauen ihn zu genießen, weil er nachweislich lebensgefährliche Koliken verursache. Er meinte aber, es sei wohl möglich, daß diese Früchte Riesen wie wir, die um so vieles kräftiger wären als sie, nicht schädlich wären. Ich brauchte nicht erst im Alleinsein mit Elisabeth zu beraten, ob wir das Anerbieten unserer Freunde in bezug auf unsere Kinder annehmen sollten, denn sie dachte ebenso vernünftig wie ich. Dieses Angebot war eine göttliche Fügung für uns. Der Freundschaft des Statthalters, seiner Großmut und Beständigkeit konnten wir sicher sein. Wir sagten ihnen, daß wir unsere Kinder als Pfand unseres Vertrauens in die treuen Hände legten, die sich ihnen entgegenstreckten. Wir vertrauten ihnen auch an, daß die Enkelkinder des Präsidenten des Kriminalgerichtes ebenfalls unsere guten Freunde seien und berichteten ihm, welch großen Beweis ihrer Zuneigung sie uns gegeben hatten. Unsere Gastgeber waren hocherfreut über diese Enthüllung eines so wichtigen Ereignisses und faßten die größte Zuneigung zu jenem höchst achtungswerten Paare. Bisher hatte der Statthalter sich auf das diskreteste jeder Frage enthalten. So stark ist die Wirkung ihrer Religionsvorschriften. Wir empfanden eine wahre Freude, als der Statthalter uns sagte, der für uns bestimmte Wagen mit erhöhtem Dache enthalte auch all unser Hab und Gut mit Ausnahme jener Sachen, die man der Bleikiste entnommen hätte. Er hieß dann eine Kassette kommen, die unsere Uhren, Ringe, Bilder, Geldtaschen und alle Gegenstände enthielt, die wir zum Malen und zum Anfertigen von Musikinstrumenten brauchten. Dann stellte er uns zwölf farbige, doch nicht gefleckte Megamikren vor, die auf der Reise für uns sorgen und uns an den Hof bringen sollten. Er überreichte uns auch Empfehlungsbriefe an die mit ihm befreundeten und höchstgestellten Herren der Hauptstadt, deren Tugenden und Höflichkeit er uns pries. Er sprach uns dann viel vom König und dessen hervorragenden Eigenschaften und empfahl uns dringend, das von uns verübte Verbrechen nicht wieder zu begehen. Man würde dies als Staatsverbrechen ansehen, da es die Vernichtung des ganzen, von diesen Ungeheuern abhängigen Menschengeschlechtes zur Folge haben könne. Er beschrieb uns den König als einen zuvorkommenden, großherzigen, hochgebildeten Menschen, den seine Untertanen vergötterten. Er sei glücklich, da er im Alter von zwölf Jahren zum Throne gelangt sei. Jetzt zähle er erst siebzehn Jahre. Die ersten Früchte seiner ehelichen Verbindung seien zwar ein Bastardenpaar, doch habe er genügend Zeit vor sich, um hoffen zu können, daß die Sonne ihm in den folgenden vierzehn Niederkünften ein Nachfolgerpaar geben werde. Seine Reichtümer seien unermeßlich, da seine Familie bereits seit 3200 Jahren den Thron inne habe. Daß man uns auf die edelste Weise behandeln werde, könnten wir schon aus der Art schließen, wie wir jetzt zu Hofe befördert würden. Er versprach uns oft Nachrichten über unsere Kinder zukommen zu lassen und bat uns, ihm zu schreiben. Ferner riet er uns, nur dem König das Geheimnis zu enthüllen, welchen Weg man einschlagen müsse, um die merkwürdige gewölbte Welt zu entdecken, von der wir uns so viel erzählt hatten. Kurz vor der Trennungsstunde hielt er uns noch folgende Ansprache: »Wenn ich bedenke, meine lieben Freunde, daß Ihr, um in unserer Welt glücklich zu werden, einer festen Niederlassung bedürft, so stimmt mich dies stets traurig, da mir eine solche Niederlassung für Euch unmöglich erscheint. Ihr müßt genährt werden und könnt niemanden wiedernähren, folglich müsset Ihr diese Gefälligkeit von hiezu willigen Wesen erhalten, oder sie erkaufen. Ihr seid aber weder reich genug, um sie zu bezahlen, noch so gemein, um sie von Mitleidigen anzunehmen. Könnt Ihr auf die Großmut der reichen Adeligen Euch verlassen? Großmut ist zwar eine dauernde Tugend, doch wechselt sie gerne ihren Gegenstand. Wenn Ihr selbst großmütig seid, so werdet Ihr Euch eines stillen Widerwillens bei dem Gedanken nicht enthalten können, daß Ihr dazu verdammt seid, immer wieder deren trübseliger Gegenstand zu sein. Eure Fortpflanzung wird Eure Erhaltung noch mehr erschweren. Bedenkt, daß unser Menschengeschlecht das Eure nicht kennt, daß niemand weiß, woher Ihr kommt, daß Ihr uns in keiner Weise nützlich seid und daß man nicht voraussetzt, daß Ihr dies je werden könntet. Unsere Theologen bemühen sich nachzuweisen, daß Ihr nicht unsere Brüder sein könnt und daß Ihr mit Eurer Beschaffenheit nur Ungeheuer sein könnt, die Gott zu uns gesandt hat, um unsere Welt dafür zu strafen, daß sie fortfährt, in der Sünde zu verharren und die Tugend geringzuschätzen. Ich selbst, das muß ich Euch gestehen, halte es ebenfalls für unwahrscheinlich, daß eine Menschenrasse, der Gott die einfachste Wohltat vorenthalten hat, von ihm geliebt sein könnte. Wenn aber nachgewiesen ist, daß Gott Euch nicht liebt, wie könntet Ihr voraussetzen, daß seine Kinder Euch willkommen heißen? Ihr könnt nur gefürchtet sein. Meint Ihr aber, daß das Gefühl der Furcht unsern König bewegen könnte, Euch Wohltaten zu erweisen? Ich sehe leider mit Bitterkeit im Herzen voraus, daß man Euch bald verabschieden wird. Dies Unglück zu verhüten, besitzt Ihr nur ein Mittel: Ihr müßt alle Eure Geistesgaben aufbieten darüber nachzudenken, womit Ihr Euch unserer Welt nützlich und notwendig machen könntet. Dann wird es der Politik nicht schwer fallen, der Religion Schweigen aufzulegen und sie sogar zu bewegen, für Euch zu sprechen. Auf Wiedersehen! Ich fühle mich erleichtert, nachdem ich Euch meine Ansichten offenbart habe. Ich wünsche, daß Ihr unter uns geliebt und geachtet leben können werdet. Schreibt mir bald und wenn Ihr auch an allem zweifelt, so glaubt doch stets an unsere Freundschaft und unwandelbare Zuneigung.« Wir brachen in Tränen aus, erhoben uns, drückten das edle Paar an unsere Herzen und bedeckten sie mit Hunderten von Küssen, um ihnen unsere Zärtlichkeit und Dankbarkeit zu beweisen. Sie baten uns, unsere Kinder mit eigenen Händen in ihre Arme zu legen und sodann abzureisen. Dies taten wir voll Herzlichkeit, obgleich Schmerz und Trauer uns überwältigte. Wir entfernten uns voll Liebe und Dankbarkeit gegen diese vier Wesen, von denen zwei die beiden anderen an ihren Brüsten hielten und sie nach Herzenswunsch saugen ließen. Dieser Anblick stillte zwar etwas unsere Verzweiflung, trotzdem waren wir wie vernichtet. Wir gingen zwei Treppen hinauf, traten auf die Straße und bestiegen den auf uns wartenden Wagen. Der setzte sich sofort mit unserem ganzen Gefolge in Bewegung. Während unserer weiteren Reise ereignete sich nichts Erwähnenswertes. Täglich ruhten wir sechs Stunden in Gasthäusern aus. In acht Tagen kamen wir in die Hauptstadt des Reiches Neunzig, die von der Grenzstadt, aus der wir kamen, fünfhundertfünfzig englische Meilen entfernt ist. Bei den Megamikren reist man, Mylords, auf die denkbar bequemste Art. Die Hauptstraßen sind herrlich. Gasthäuser findet man überall in einer Entfernung von zehn zu zehn megamikrischer Meilen, deren jede vierhundert Klafter unseres Maßes entspricht. Man trifft in denselben stets bereitgehaltene Postpferde, für die man je nach der Schnelligkeit der Fahrt bezahlt. Die größte Schnelligkeit kostet sehr viel, da die Pferde dabei ihr Leben einbüßen. Sie durchlaufen aber dann auch in einer Megamikrenstunde zwanzig englische Meilen. Wir hatten es nicht so eilig und fuhren täglich siebzig Meilen. Der Eindruck, den auf uns die Hauptstadt Polianopoli machte, war gewaltig. Sie ist vollkommen mathemathisch angelegt, so daß die Ärmeren an der Stadtmauer wohnen, der Königspalast aber, von herrlichen Gärten und Anlagen umgeben, genau die Mitte einnimmt. Die ganze Stadt hat mehr als zwei Millionen Einwohner. Bei unserer Ankunft in einem der Palasthöfe kamen uns vierundzwanzig Farbige entgegen, die den ausdrücklichen Befehl hatten, die herbeigelaufene Menge zurückzudrängen. Man war voll Erstaunen, daß es Menschen unserer Art gab, herzugeströmt. Sie führten uns durch einige Stockwerke bis zum Eingang in einen Saal hinab, wo sie sich zurückzogen. Vier Rote empfingen uns aufs höflichste und stellten uns einem Paare vor, in welchen wir den König und seinen Unzertrennlichen erkannten. Die Hauben dieses Paares waren mit Edelsteinen so reich besetzt, daß sie wie Feuer erglänzten. Sie saßen auf einem breiten Sofa, in einen Schleier gehüllt, der von ihrem Busen bis zu ihren Fußsohlen herunterwallte und ein grünschillernder Goldmantel ließ nur ihre Schultern entblößt. Der eine des Paares saß weiter zurück, er hatte einen glänzenden Federbusch oberhalb der Haube, der zweite lag nachlässig am Rande ausgestreckt. Beide betrachteten uns mit der größten Aufmerksamkeit, während der ganze Hofstaat unbeweglich schweigend dastand, uns aber auch nicht aus den Augen ließ. Auf einen Wink des Königs erklangen die Töne einer Instrumentalmusik, deren Harmonie unsere Herzen mit Freude und Mut erfüllte. Als die Symphonie verklungen war, flüsterte der König einem Hochroten ein Wort zu, worauf derselbe in ernstem und würdevollem Ton an uns folgende Ansprache hielt: Sie können versichert sein, Mylords, daß die Reden, die ich Ihnen jetzt mitteile, wörtlich so sind, wie sie aus dem Munde der Redner kamen; denn ich schrieb sie mir auf, sobald ich allein war, und ich habe sie dann so viele Male wiedergelesen, daß sie sich unverwischbar meinem Gedächtnis eingeprägt haben. »Ihr stehet hier vor dem König, der Herr über Eure Personen und Eure Leben ist. Er befiehlt Euch, mit Genauigkeit und vollkommener Wahrheit auf folgende Fragen zu antworten: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Weshalb seid Ihr zu uns gekommen? Wer hat Euch hierher gesandt? Welchen Weg habt Ihr zurückgelegt? Wann gedenkt Ihr abzureisen? Welchen Weg wollt Ihr dazu einschlagen? Wie kommt es, daß Ihr nicht selber für Euren Unterhalt sorgen könnt? Warum tragt Ihr nicht die zu Eurer Ernährung nötige Milch bei Euch? Wie könnt Ihr Nahrung beanspruchen, wenn Ihr nicht imstande seid, diese dem Geber auf gleiche Art zurückzuerstatten? Verehrt Ihr einen Gott? Und ist der Gott, den Ihr verehrt, derselbe, der Euch erschaffen hat? Was für eine Religion habt Ihr? Wie viele Jahre habt Ihr bereits gelebt? Wie viele Jahre habt Ihr noch zu leben? Was erhofft Ihr, wenn Euer Leben auf dieser Welt geendet hat? Wer ist der Mensch, den Ihr als Euren Herrn anerkennt? Wie habt Ihr zwei Kinder zur Welt gebracht? Wer von Euch beiden hat sie erzeugt? Wievielen werdet Ihr noch das Leben geben? Wer wird dieselben ernähren? Wie werdet Ihr Euch uns dankbar erweisen können für den Euch bereiteten freundlichen Empfang? Warum habt Ihr unsere Gebote übertreten, indem Ihr die verbotenen Früchte aßet? Warum habt Ihr dadurch den Zorn Gottes auf ein Volk herabgerufen, das Euch so gut behandelte?« Sofort nachdem er zu reden aufgehört hatte, übergab ein Megamikre mir ein Blatt, worauf alle diese Fragen aufgezeichnet waren, die er während der Rede niedergeschrieben hatte. Dies erlaubte mir alle zu beantworten, ohne mich der Verlegenheit auszusetzen, alle diese Fragen im Gedächtnis behalten zu müssen. Derselbe Megamikre, der die Schnellschrift vollkommen beherrschte, schrieb auch meine Antwort nieder. Sie lautete: »Als Feind der Lüge schwöre ich beim Gott, der mich erschaffen hat, dem Monarchen, in dessen Gegenwart ich mich hier befinde, nur wahrheitsgetreue Antworten zu geben. Wir sind zwei Sterbliche, von gleichen Vätern geboren, die auch so wie wir gebaut sind, und wir haben uns zu Unzertrennlichen gemacht. Wir kommen von der gewölbten Oberfläche derselben Welt, deren Höhlung ihr bewohnt. Dort sind wir geboren. Sie ist von der Eurigen im Durchschnitt zweihundertzwanzig Eurer Meilen entfernt. Wir kamen hierher, nicht aus eigenem Willen; denn niemand bei uns weiß, daß das Innere des Globus bewohnt ist, noch weniger, wie man hierher gelangen kann, obwohl alle wissen, daß das erste wie das zweite wohl möglich ist. Ein Unglücksfall brachte uns hierher. Wir fielen in eine Bleikiste, die in die Tiefen unseres Meeres sank. Auf dem Grund des Meeres öffnete sich die Erde und verschlang uns. Dann flogen wir durch einen neuen Luftraum, kamen in eine Flammenzone, darauf in eine gemäßigte Luftschicht, von wo wir in ein Schlammeer versanken, das nach und nach immer weniger dicht und schließlich ganz wässerig wurde. Dann schlug unsere Kiste auf einen festen Körper auf, brach durch und blieb auf dem Grunde eines roten Flusses liegen. Die Megamikren, die uns emporzogen, können mit Recht sich rühmen, uns das Leben gerettet zu haben. Der uns hierher gesandt hat, kann nur Gott sein, der uns und Euch erschaffen hat; denn es ist nicht möglich, daß es mehrere Götter gibt. An eine Rückkehr in unsere Welt können wir nicht denken, da wir den Weg nicht kennen. Sollte er Euch bekannt sein, dann laßt es uns wissen, und wir werden Euch zu ewigen Dank verpflichtet sein. Allerdings können wir hier nicht für unsere Nahrung sorgen. Aber Gott der Allmächtige hat eingesehen, daß wir zum Leben keiner Milch bedürfen. Deshalb sagte er unserem ersten Vater, den er schuf, er gebe ihm die soeben erschaffene Erde, die alle ihm notwendigen Nahrungsmittel hervorbringen werde. Da uns somit die ganze Erde zur Verfügung stand, so konnten wir auf derselben nirgends Hunger leiden. Auch wir nähren uns dort wie Ihr von Körnern, Gemüsen, Gräsern und einer Unzahl köstlicher Früchte, die wir nicht zu verschonen brauchen, um sie Tieren als Nahrung zu lassen. Wir würden eine solche Rücksichtnahme als einen Mangel an Achtung vor Gott ansehen, da wir nur Gott allein zu verehren und zu achten haben. Auch würden wir dies als einen Eingriff in unsere unbestreitbaren Rechte ansehen, da wir in erster Reihe die Herren alles dessen sind, was die Erde hervorbringt. Die Erde betrachten wir als unsere Mutter, wie wir in Gott unseren Vater sehen. Die Erde hätte ohne ein Gebot Gottes niemals den Menschen hervorgebracht. Darüber befiehlt er uns die Erde zu beherrschen und zu unterwerfen, falls sie sich nicht folgsam erweisen sollte. Dies kann nichts anderes bedeuten, als daß wir unsere Nahrung von überall nehmen dürfen, woher es uns beliebt. Zur Fortpflanzung unserer Gattung schuf Gott zwei Wesen, denen es ihm beliebte verschiedene Gestaltung zu geben, indem das eine, wie ich zum Zeugen, das andere, wie mein Unzertrennlicher, den sie hier sehen, zum Empfangen erschaffen wurde. Nur diesem Letzteren wurde das Vorrecht zuteil, in seinen Brüsten die zum Ernähren der Neugeborenen nötige Milch hervorzubringen, die diesen so lange gereicht wird, bis sie imstande sind, sich von dem zu ernähren, was die Muttererde in Fülle bietet. Wir sind weit davon entfernt, von Euch eine Milch zu begehren, die wir Euch unglücklicherweise nicht ersetzen können. Wir können Euch für die Milch nur dankbar sein, denn ohne Eure Großmut hätten wir sterben müssen, in einer Welt, deren Gesetze uns verbieten, uns dessen zu bemächtigen, was uns bisher stets offen zur Verfügung stand. Wir hätten es uns nie im Leben träumen lassen, daß es eine Welt geben könnte, in der wir gezwungen wären, abscheuliche Tiere zu beneiden, deren Herren mehr für sie sorgen würden als für uns, trotzdem wir gleich diesen Menschen von Gott eine unsterbliche und vernünftige Seele erhalten haben. Es wird uns ewig unbegreiflich bleiben, daß es in Eurer Welt den Schlangen besser geht als unseresgleichen, trotzdem Ihr selbst diese Schlangen als Eure Feinde anseht und Eure göttliche Religion sie verflucht. Dies ist für uns ein unbegreiflicher Widerspruch. Wir beten einen Gott in der Dreifaltigkeit an. Einen Gott, der immateriell, unerschaffen, unsterblich, allmächtig, wohltätig ist. Der alle Tugenden in sich schließt und der Schöpfer aller Gestalten, alles Sichtbaren und Unsichtbaren ist. Unser Kultus ist rein, wie er selber ihn uns anbefohlen hat. Unsere Religion ist in den Hauptpunkten der Moral der Euren gleich. In einigen Punkten müssen unsere Religionen selbstverständlich verschieden sein, da bisher niemals zwischen Euch und uns eine Verständigung stattfand. Diese könnte jetzt, mit Hilfe Gottes, der Quelle des Friedens, recht wohl zustandekommen. Wir lieben Gott unseren Herrn und fürchten ihn nur infolge dieser Liebe. Denn wir sind der Meinung, daß es natürlich ist, den zu fürchten, den man liebt, dagegen aber widernatürlich den Gegenstand, der einem Furcht einstößt, nur deshalb zu lieben. Vor zweiundsechzig Ernten kam ich zur Welt. Ich kann Euch aber nicht sagen, wie lange ich noch leben werde, da Gott uns diese Gewißheit vorenthalten hat. Kein Sterblicher bei uns weiß, wie lange er leben wird. Man kann in jedem Alter sterben. Ich vermag Euch hierüber nur soviel zu sagen, daß Menschen, die über vierhundert Ernten alt werden, sehr selten sind, und daß solche, die zweihundertachtzig Ernten alt werden, sich nicht beklagen können, zu kurze Zeit gelebt zu haben; denn in diesem Alter sind bei uns alle Menschen schon alt. Wir hoffen nach einem im Diesseits zugebrachten Leben im Jenseits vor Gottes Angesicht ewig selig fortzubestehen. Wir wissen aber auch, daß wir zu ewigen Qualen ohne Aussicht auf Erbarmen verdammt sein werden, wenn wir durch unsere Laster solche Strafen verdient haben. Gute Werke werden belohnt, jedoch nur dann, wenn sie aus einem gläubigen Herzen heraus getan werden. Denn Gott verdammt alle jene, die sich auf ihre stolze Vernunft verlassen und den uns offenbarten erhabenen Mysterien nicht blindlings glauben. Unser König ist ein Edelmann und so gestaltet wie ich, manchmal aber so wie mein Unzertrennlicher. Er ist Beherrscher eines schönen Reiches, das einen Teil unserer Welt ausmacht. Er regiert wie Sie, Sire, auf Grund des Erbrechtes, und wenn er ohne Nachkommen stirbt, ist das Volk berechtigt, sich einen anderen Herrscherkönig zu wählen, der den Schwur leisten muß, nach den bereits bestehenden Gesetzen zu regieren. Die beiden Kinder, die wir in Alphapoli zurückließen, werden wahrscheinlich so groß wie wir werden, wenn sie unser Alter erreicht haben. Sie werden bis zu ihrer achtzigsten Ernte wachsen, wie dies auch mit uns hier der Fall war. Auch wir sind seit unserer Ankunft in Eurer Welt um drei Zoll gewachsen. Ich habe die Kinder in meiner Eigenschaft als Mann erzeugt und mein Unzertrennlicher hat sie als Weib in ihrem Leib zur Reife gebracht, indem sie sie drei Ernten lang in sich trug. Es ist sehr wahrscheinlich, daß mein Unzertrennlicher alle vier Ernten Kinder gebären wird, doch können wir dessen nicht sicher sein. Sicher ist uns nur, daß wir sterben werden, wenn unsere Stunde gekommen ist. Bezüglich der Ernährung unserer Kinder muß ich gestehen, daß wir nur auf die Vorsehung Gottes vertrauen können. Derselbe Gott, der ihre Erzeugung zuließ, wird sie auch nicht Hungers sterben lassen. Zur Vergeltung für die Schuld, mit der wir Euch verpflichtet sind, können wir Euch nur unser Leben und alle unsere Geistesfähigkeiten anbieten. Wir sind bereit, Euch alle unsere Kenntnisse mitzuteilen, die Euch im allgemeinen oder im besonderen auf dem Gebiete des Handelswesens, der Finanzen, des Rechtswesens, der Wissenschaften und Künste nützlich sein könnten, und wir werden uns glücklich schätzen, wenn es uns gelingen könnte, zum Ruhm des großmütigen Monarchen beizutragen, der uns jetzt anhört. Hätten wir glauben können, daß wir durch den Genuß der geheiligten Früchte, die wir als unser Eigentum betrachteten, den göttlichen Zorn auf unsere Wohltäter herabbeschwören könnten, so hätten wir den Tod solchem Verbrechen vorgezogen. Wir geloben, ohne besondere Erlaubnis dies nicht wieder zu tun. Ich erlaubte mir aber, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Frucht eine uns besonders zusagende und unserer Natur am meisten entsprechende Ernährung bildet. Erweist mir die Gnade und stellt mich vor eine Versammlung Eurer weisesten Theologen, und ich verpflichte mich, Ihnen nachzuweisen, daß wir uns von dieser Frucht nähren dürfen, ohne dadurch Gott oder die Natur zu beleidigen. Ich werde Ihnen begreiflich machen, daß das Vorhandensein der Schlangen auf Erden der Gottheit ganz gleichgültig ist. Gott hat in der schönen, von ihm erschaffenen Welt auch Böses erschaffen, dessen Vertilgung er dem erfinderischen Sinn des mit Vernunft begabten Wesens anheimgab, dem er diese Erde schenkte. Berücksichtigt, daß die Schlangen nicht zu denken vermögen, nicht ihren Schöpfer kennen, ihn nicht anbeten, und daß sie nicht nur Euch und der Natur gänzlich unnütz sind, sondern auch, wie Ihr selbst zugabt, Eure ärgsten Feinde sind.« Dies war, Mylords, meine ganze Verteidigungsrede. Ich schloß sie damit, daß ich mit meiner Baßstimme Elisabeth begleitete. Wir sangen ein schönes Duett vom Meister Harris, dessen Melodie dem königlichen Paar ganz besonders gefiel. Man erwies uns sofort die Höflichkeit, uns darauf mit einer Vokalmusik zu antworten. War das eine Musik, o Gott! Dann forderte man uns auf, uns zurückzuziehen, und führte uns in ein etwas höhergelegenes Gemach, in welchem wir jede erdenkliche Bequemlichkeit fanden, und auch unsere armseligen, aber uns teueren Habseligkeiten wiederfanden. Ein äußerst höflicher Megamikre, der uns dorthin führte, benachrichtigte uns, daß Seine Majestät hundert Ernährer zu unseren Diensten beordert hatte. Jene, die uns auf der Reise bedienten, habe er zurückgesandt und sie für den Dienst unserer beim Statthalter gebliebenen Kinder bestimmt. Er sagte uns auch, die Köche hatten Befehl erhalten, uns täglich fünf Musgerichte von der besten Güte aufzutischen, und die Küchenmeister würden uns mit wohlriechendem Pulver und mit den kostbarsten Kräutern und Blumen zu Einreibungen versorgen. Wir hatten nicht sobald eine Entscheidung bezüglich meiner auf die gestellten Fragen gegebenen Antwort zu erwarten, da man sich wegen der darin enthaltenen wichtigen Religionsfragen sicherlich nach Heliopalu werde wenden müssen, um zu erfahren, wie der Große Genius darüber denke. Schließlich teilte uns unser Begleiter auch mit, daß uns bei Todesstrafe verboten sei, die geheiligten Früchte zu berühren. Als wir allein waren, beglückwünschten wir uns zu unserer Schicksalswendung. Ich war mit meiner dem König gegebenen Antwort sehr zufrieden, da ich mich nicht der geringsten Lüge anzuklagen hatte. Da ich sonst nichts zu tun hatte, schrieb ich sie gleich nieder. Dann grübelten wir darüber nach, wodurch wir uns, wenn nicht unentbehrlich, so doch wenigstens nützlich machen könnten. Unsere Milchgeber bedienten uns vortrefflich und die Speisen waren vorzüglich. Zehn von unseren Ernährern mußten alle zehn Tage fasten. Wir waren tatsächlich bettelarm, nur daß wir nicht zu betteln brauchten. Doch werden ja Bettler, die zu einem Hofe gehören, nicht mit diesem Namen belegt; ja sie vergessen sogar, daß er ihnen eigentlich zukommt. Ich brachte die Zeit mit schreiben zu und meine Frau machte sich eine Mandoline, die sie dann allerliebst spielte. Sieben Monate waren verstrichen; wir hatten nie um die Erlaubnis gebeten ausgehen zu dürfen, und es nahte die Zeit der Niederkunft Elisabeths. Wir wurden nur traurig, wenn wir an unsere Kinder dachten, doch wußten wir sie ja in guten Händen. Ich hatte dem Statthalter noch nicht geschrieben, denn ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, seinen Freunden die erhaltenen Empfehlungsbriefe zu übergeben. Dies hätte uns viele Besuche zugezogen und solche wünschten wir nicht. Ich urteilte, es sei besser, wenn man anfangs wenig von uns höre und spreche. Unsere Lage schien Gutes zu versprechen, doch wollten wir uns nicht zu früh freuen. Wir fürchteten die Neider und wußten, wie sehr man sich an einem Hofe vor Hinterlistigen in acht nehmen muß. Wir wollten die Niederkunft meiner Frau abwarten und gedachten uns erst nach derselben zu zeigen. Einstweilen unterhielten uns unsere sehr lustigen und witzigen Gescheckten aufs beste. Eines Tages wurden wir durch einen Besuch angenehm überrascht, den wir nie erwartet hatten. Wir sahen in unseren Saal mit Sang und Tanz die beiden lieben edlen Megamikren eintreten, denen wir das Leben und die Freiheit verdankten, die als erste unsere Kiste im Flusse entdeckten und die uns später von der beim Abdala gegen uns erhobenen Anklage verständigten. Nach den freudigsten Begrüßungen sagten sie uns, der Statthalter sei nach unserer Abreise ihr vertrauter Freund geworden und habe sich in Gemeinschaft mit ihrer Familie bemüht, ihnen ein sehr einträgliches Amt am Hofe zu verschaffen. Sie seien vor einer Fünftagewoche angekommen und bereits eingerichtet. Diese Erzählung war rasch gemacht, doch erschien sie uns sehr lang, denn wir waren ungeduldig. Als sie fertig waren, fragten wir sie, wie sich der Statthalter (diesen nannten wir aus Höflichkeit zuerst) und unsere Lieblinge befänden? »Der Statthalter befindet sich ganz wohl und Eure Kinder noch wohler. Sie sind das Entzücken seiner ganzen Familie, man nennt sie die kleinen Riesen. Aber, meine Lieben, es fehlt viel daran, daß sie Riesen seien! Ich muß Ihnen da die unerfreuliche Tatsache mitteilen, daß sie nicht wachsen und immer noch beinahe ebenso groß sind, wie bei Eurer Abreise. Übrigens befinden sie sich vollkommen wohl, da sie hundert Milchgeber haben, die ihnen von der Großmut des Königs gehalten werden.« Das schöne Paar war ein wenig betroffen, als es uns auf diese ernste Nachricht hin lachen sah. Aber es wurde ganz fröhlich, als es von uns hörte, daß die Natur an uns Riesenmenschen sehr langsam arbeite und daß unsere Kinder erst nach sechzig Ernten unsere Größe erreichen würden. Sie waren ja erst vier Ernten alt! Das Megamikrenpaar erbot sich, unsere Briefe dem Statthalter zu senden, und auch für uns die von ihm erhaltenen den betreffenden Edelleuten zu übergeben. Doch baten wir, bis zur Niederkunft meiner Frau damit zu warten, deren Zustand nicht mehr erlaubte, die bei den Megamikren übliche Begrüßungsart auszuführen. Sie sagten uns auch, daß unsere bescheidene Zurückgezogenheit uns am Hof das Lob aller Weisen eingebracht habe, auch das des Königs, dem wir sehr wohl gefallen hatten. Meine Antwort auf die mir gestellten Fragen sei in den Händen der ganzen Gesellschaft, man lese, studiere, kommentiere sie und sie habe auch dem Statthalter ganz besonders gefallen. Dieser wisse, trotzdem er ganz ohne Nachricht von uns selbst sei, doch von allem genau Bescheid. Sie teilten uns auch mit, daß der Bischof auf Befehl des Königs meine Antwort nach Heliopalu gesandt habe und daß man ein entscheidendes Orakel von dort erwarte, um bezüglich unserer Niederlassung entsprechende Maßregeln zu treffen. Man verspreche sich für den Fortschritt des Königreiches und für das allgemeine Wohl viel Gutes von unseren erläuternden und lichtbringenden Ansichten. Die Ankunft zweier Menschen wie wir müßte epochemachend sein; ein solches Ereignis müsse die Regierungszeit des Monarchen rühmlich auszeichnen, dessen Staat von der Sonne zum Schauplatz dieses Ereignisses auserwählt worden sei. Die Niederlassung dieses Paares am königlichen Hof erfreute uns sehr. Sie schien von der besten Vorbedeutung für uns zu sein und flößte uns Mut und vertrauensvolle Hoffnung ins Herz. Wir waren sicher, daß der Statthalter dem Paar die Anstellung zu dem Zweck verschafft hatte, um uns dort Freunde zu sichern. Wir fühlten uns fortan nicht mehr so einsam wie zuvor. Nach glücklich abgelaufener Zeit brachte meine Frau einen blonden Jungen und ein dunkelhaariges Mädchen zur Welt. Ich taufte sie und meine Frau begann sie nach zwei Tagen zu stillen. Einen Monat später äußerte der König den Wunsch, die Neugeborenen zu sehen, und so wurden wir ihm zum zweiten Male vorgeführt. Die Majestäten herzten und küßten unsere Kleinen und freuten sich sehr, als sie sahen, wie Elisabeth sie mit weißer Milch stillte, die sie jedoch Blut nannten, obwohl wir ihnen versicherten, daß unser Blut rot sei. Sie lachten dazu und meinten, dann müsse eben unser Blut Milch sein. Und diese Behauptung fand volle Zustimmung seitens eines dort anwesenden Ärztepaares. Dieses behauptete, die Sache könne sich nur so verhalten. Wenn unsere Milch Blut sei, könne unser Blut nur Milch sein. Einer von ihnen sagte sogar, er würde dies erraten haben, auch wenn ich es ihm nicht gesagt hätte. Ich antwortete ihm, die Farbe habe nichts zu sagen, da sie ja keine Eigenschaft sei. Er irre sich, denn unsere Milch sei nicht Blut, sondern Milch. Wenn sich die Sache nicht so verhielte, hätte ich dasselbe Recht zu behaupten, daß die Milch der Megamikren Blut wäre, was ich aber weder sagen noch glauben könnte. Der Physikus erwiderte daraufhin, meine Behauptung sei ein Sophismus, weil meine Voraussetzung falsch sei. Die Farbe sei tatsächlich eine Eigenschaft und wer dies leugne, kenne nicht einmal die Anfangsgründe der Farbenlehre. Ich machte ihm eine tiefe Verbeugung und antwortete ihm, ich sei bereit, meine Behauptung vor der Versammlung seines ganzen Kollegiums aufrechtzuerhalten und ich hoffe, daß mir diese Gelegenheit geboten werde, damit ich alle Gegner meiner Meinung zum Schweigen bringen könne. Der König sagte dem Physiker, es sei sein Wunsch, daß diese Angelegenheit öffentlich verhandelt werde und beauftragte ihn, das Nötige anzuordnen. Diese Disputation fand kurz darauf statt. Eduard trägt dabei eine Ansicht vor, die ungefähr der Newtonschen Theorie entspricht. Ich glaube, sie wäre zu Goethes Zeiten interessant gewesen, aber ich unterdrücke den Abschnitt, weil er jetzt kein allgemeines Interesse mehr haben kann. Dann erhob sich der König und sagte meiner Frau, er werde die Ernährung ihrer Kinder auf sich nehmen, sobald sie sie nicht mehr säugen könne. Dann zog er sich unter den Klängen einer Symphonie zurück. Unser Freund übergab nun die von uns mitgebrachten Empfehlungsbriefe an ihre Adressen. Die Empfänger machten jetzt ein viel größeres Wesen daraus, als sie dies getan hätten, wenn wir ihnen die Briefe gleich nach unserer Ankunft zugestellt hätten. Factaque non apto tempore multa nocent. Es schien ihnen, wir hätten ihrer nicht bedurft; früher würden sie das Gegenteil angenommen haben. Sie müssen wissen, Mylords, daß in jener Welt große Herren sich nur um solche kümmern, die nichts brauchen. Besuche häuften sich nun so zahlreich, daß wir schließlich nur die Stunden der Ruhe für uns hatten. Auf diese Weise lernten wir alle hervorragenden Persönlichkeiten kennen. Man wußte wohl, daß wir beim König gut angeschrieben waren, und schätzte sich darum glücklich, uns, wie man das dort nennt, den Hof machen zu dürfen. Man staunte allgemein über unser zurückgezogenes Leben in einer so schönen Stadt, nach welcher Fremde von weither gereist kamen, um sie zu besichtigen. Wir waren aber entschlossen, nicht früher auszugehen, ehe wir gehört hatten, welchen Eindruck unsere Antwort am Hofe von Heliopalu gemacht habe. In dieser Zeit erfand ich ein Mittel, um die Abmagerung Elisabeths während des Stillens zu verhindern. Es wäre unschicklich gewesen, mehr Milch als sonst von den Ernährern zu saugen. Meine Frau hätte sich geschämt dies zu tun, auch hätten sie wohl darüber gemurrt. Ich fragte unseren Freund, ob es gestattet wäre, daß ich Früchte der Anazosen bekäme, sie hätten uns auf der Flucht köstlich gemundet und uns gar keine Magenbeschwerden verursacht, wie es nach der Behauptung des Statthalters bei den Megamikren der Fall ist. Er antwortete mir, man verkaufe sie an die Färber, die sie verbrannten, um aus ihrer mit Alkalien gesättigten Asche einige besonders schöne Schattierungen zum Färben von Teppichen zu erhalten. Diese Früchte kosteten nur eine Kleinigkeit. Als ich ihm darauf sagte, daß ich ihm sehr verpflichtet wäre, wenn er mir eine Anzahl besorgen wollte, sandte er noch am selben Tag einen Sack voll von den Kugeln, die ich als Piniennüsse bezeichnet habe, zu. Ich ließ sofort eine gewisse Menge zerstoßen und den Samen herausnehmen. Diesen Samen ließ ich kochen und erhielt durch Verreibung einen köstlichen dicken Saft. Drei Unzen von diesem Saft, mit lauem Wasser verdünnt und früh am Tage genossen, bildeten das Frühstück meiner Frau und später aller meiner Töchter während der Zeit des Stillens. Außerhalb dieser Epoche genossen, verursachte derselbe Trank ihnen Magenbeschwerden, und so enthielten sie sich desselben. Wir nahmen ihn nur, wenn wir von den Megamikren zu wenig Milch bekamen. Bei uns Männern rief er zwar keine Magenbeschwerden, aber eine andere Wirkung hervor, die ich als sehr gefährlich ansah, indem ich nämlich vermutete, daß sie meine Kinder hauptsächlich zum Lachen reizen würde. Infolgedessen verbot ich mit der Zeit diesen Dicksaft allen Männern meines Stammes. Und Sie werden weiter hören, daß ich mich sogar gezwungen sah, diese Verordnung zu einem religiösen Gebot zu erheben. Leider mußte ich die Erfahrung machen, daß dies Verbot die Lust, den Dicksaft zu genießen, nur vermehrte, da er, verboten, nur um so köstlicher mundete. Das Verbot wurde nur deshalb eingehalten, weil man es nicht übertreten konnte, ohne daß die Spuren des Vergehens am Körper sichtbar wurden. Das Gefühl der Beschämung wirkt auf den Menschen stärker als die Stimme des Gewissens. Anfangs kostete mir diese Samenmilch nur einen halben Schilling das Pfund. Ich brauchte also in den drei Monaten, während welcher meine Frau ihre Kinder nährte, nur zwölf Schillinge dafür auszugeben. Mit der Zeit aber wurden die Anazosen sehr teuer. Eine für drei Monate ausreichende Menge kostete bei meiner Abreise hundert Guineen nach unserem Gelde. Das Orakel von Heliopalu kam vier Ernten, nachdem man dem Großen Genius meine Antworten geschickt hatte. Meine Kinder waren bereits entwöhnt und Elisabeth zum dritten Male schwanger. Der König befahl uns zu sich und ließ uns in seiner Anwesenheit folgendes vorlesen: »Die Riesen werden ihre göttliche Sendung durch ein Wunder beweisen, worüber das königliche physikalische Kollegium urteilen wird. Dies Wunder soll derart sein, daß es unserer Welt Hoffnung macht, daß die Riesen ihr nützlich werden können. Sie werden beweisen, daß alles, was sie über ihre Welt erzählen, wahr ist, und wie es kommt, daß diese Welt nur so wenig weit von unserer Erdfläche entfernt ist. Sie werden dem geheiligten Kollegium der Theologie erklären, wie Früchte, die eine ihnen nicht gehörende Erde hervorbringt, ihr Eigentum sein können. Man wird von ihnen eine ausführlichere Erklärung über ihre Religion verlangen, ohne sie jedoch zu zwingen, Mysterien zu enthüllen. Denn es ist Gottes Wille, daß man die Pflichten achtet, welche andere Menschen der Gottheit gegenüber haben und über die zu schweigen ihnen vielleicht geboten ist. Wenn die Riesen sich verpflichten können, die Schlangen dahin zu bringen, daß sie nicht zischen, wenn man sich der verbotenen Früchte bemächtigt, dann dürfen sie sich diese Flüchte aneignen. Von diesem Augenblick an wird ihnen aber bei Strafe verboten, die Milch der Megamikren zu saugen. Unser heiliger Sohn, der Bischof von Polianopoli, wird dem Theologenkollegium vorsitzen, wenn die Riesen vor diesem erscheinen werden. Gegeben in Heliopalu, im 32322. Jahre unserer Regierung.« Man übergab mir dieses Orakel und sagte mir im Namen des Königs, daß ich völlig freie Hand hätte, es zu beantworten, wenn es mir beliebte. Der königliche Großtonmeister dirigierte sodann eine von einem herrlichen Orchester ausgeführte wunderbare Dichtung. Während der Musik gab er nur Zeichen und lenkte so das Orchester. Es war das Erhabenste, das man sich vorstellen kann, doch vermochten wir über diese Erhabenheit nur durch die bis in unsere Seelen eindringende göttliche Harmonie zu urteilen. Die Megamikren begriffen sie mit ihrem Verstande. Durch königliche Freigebigkeit wurden an die ganze Versammlung Blumen verteilt. Dann fuhren wir nach Haus. Wir fanden bei uns den Groß-Gärtner, der uns um eine Abschrift des Orakels bat, um diese dem Statthalter zu schicken. Ich übergab sie ihm, und er sagte uns, wie sehr es ihn betrübe, daß man von uns Unmögliches verlange. Elisabeth antwortete ihm darauf, es sei für unsere Freunde noch kein Grund und kein Recht zu verzweifeln, da wir doch selbst noch hofften. Diese Antwort heiterte ihn auf und er lud uns für den nächsten Tag zu Tisch ein. Er beglückwünschte uns zu der Dichtung, die unsere ganze Geschichte enthalte und die dem Großtonmeister unsterblichen Ruhm verschaffen werde. Wir ersuchten ihn, uns die Freude zu machen und sie uns in Worten ausgedrückt hören zu lassen. Da lachte er herzlich und sagte: »Ihr verlangt Unmögliches von mir. Denn wenn das, was diese Dichtung ausdrückt, in die Alltagssprache übersetzt werden könnte, dann wäre sie nicht mehr der Ausdruck des Erhabenen. Geradeso unmöglich sei unser Verlangen zu erfüllen, wie es unmöglich ist, Gold in Blei umzuwandeln. Die Götter können, wenn sie wollen, wie Menschen sprechen, niemals aber vermögen Menschen die Sprache der Götter zu reden .« Dies leuchtete uns ein und wir lachten selbst über unsere dumme Bitte. »Es ist wirklich schade,« fügte er hinzu, »daß die Seele der Riesen nicht die Fähigkeit besitzt, etwas durch Dichtung zu lernen.« Mit diesem eigentümlichen Kompliment entfernte er sich. Das Gastmahl beim Groß-Gärtner war prachtvoll. Er hatte alle eingeladen, an die wir vom Statthalter empfohlen waren. Einer der Gäste war der Bruder des Weihbischofs, der in der Mitte seiner Jahre stand. Er selber war jung und folglich auch sein Erbe. Er war sicher, nach dem Tode seines Bruders Bischof zu werden. Doch mußte der regierende Bischof vor dem Weihbischof sterben, was dem Naturgesetz nach auch eintreffen müßte. Leider war der würdige Herr Weihbischof, nachdem er die Sicherheit hatte, Nachfolger des gegenwärtig regierenden Bischofs zu werden, zu eifrig im Erteilen von Orakeln gewesen. Er tat nichts anderes mehr, als sich betrinken und schlafen. Man war daher um sein Leben besorgt, da man voraus sah, daß ein Schlaganfall demselben vor dem Tode des regierenden Bischofs ein Ende machen werde. Der zum Erben bestimmte Bruder des Weihbischofs, mit welchem wir speisten, war aus diesem Grund sehr besorgt, da ein solcher Unglücksfall ihn um das Recht der Nachfolge gebracht hätte. Der König sollte bereits einen anderen Weihbischof in Aussicht genommen haben. Wir hatten uns eben von Tisch erhoben und wurden eingerieben. Die Wohlgerüche hatte man noch nicht verteilt, als ein blauer Bote (Blau ist die Farbe der Trauerbotschaften) dem Gast die Nachricht vom Ableben seines Bruders, des Weihbischofs brachte. Wie ein Blitzschlag wirkte diese Kunde auf ihn und seinen Unzertrennlichen. Wir eilten alle auf sie zu, um sie mit den üblichen Vernunftsgründen und Redensarten zu trösten, die man stets in solchen Fällen in allen denkbaren Welten in Bereitschaft hält. Das betrübte Paar verabschiedete sich sofort von der ganzen Gesellschaft unter den Klängen eines Trauergesanges. Doch ließen alle Anwesenden es sich nicht nehmen, dem Paar zu folgen und ihm auch weiter beizustehen, da es in jener Welt nicht gestattet ist, Unglückliche sich selbst zu überlassen, unter dem bei uns üblichen Vorwand, daß ein zärtliches Herz nicht stark genug sei, Schmerzensausbrüche eines Freundes mitanzusehen. Der Groß-Gärtner sagte uns, der Anstand erlaube uns nicht, zurückzubleiben. So folgten wir der ganzen Gesellschaft und kamen in einer Viertelstunde in das Haus des Verschiedenen, wo alle Gesichter Verzweiflung und Schmerz ausdrückten. Sechs Ärzte: zwei grüne, zwei amarantrote und zwei narzißgelbe, alle königliche Hofärzte umringten den Kranken und untersuchten den Körper, der noch nicht ganz tot war. Sie erklärten den Anwesenden in wissenschaftlichen Ausdrücken, die niemand verstand, die Todesanzeichen, die sie an dem absterbenden Körper bemerkten und die kein Wiederaufleben erhoffen ließen. Alle Verwandten und Freunde des Sterbenden saugten sich Milch ab und spritzten diese aus ihrem Munde auf den unbeweglich liegenden Weihbischof. Sein Unzertrennlicher rieb ihn unter heißen Tränen überall ab. Die Ärzte waren bereits darüber einig, daß der Weihbischof binnen einer Stunde eine Leiche sein werde. Sie schienen in der Tat recht zu haben. Ich fragte meinen Freund, ob es mir gestattet sei, mich ebenfalls um den Kranken zu bemühen, er bejahte es und ermutigte mich sogar es zu tun, falls ich etwas erreichen zu können hoffte. Entschlossen, meinen Gedanken auszuführen, ersuchte ich meine Frau dort zu bleiben und, falls man meine Abwesenheit bemerken würde, zu sagen, daß ich sogleich zurückkommen würde. Ich bestieg schnell den Wagen, war in einer Viertelstunde zu Hause, nahm trockene Blumen und mein chirurgisches Besteck mit, empfahl unsere Kinder den treuesten von unseren Milchgebern und befahl ihnen, sie zu stillen, falls ich in acht Stunden noch nicht zurück wäre. Dann kehrte ich wieder zu der um den Sterbenden sich bemühenden Gesellschaft zurück. Die betrübten Anwesenden hatten meine Abwesenheit und Rückkehr gar nicht bemerkt. Ich sagte meiner Frau, welche Anordnungen ich bezüglich der Kinder gegeben hätte, und hörte dann aufmerksam den Erklärungen der weisen Ärzte zu. Der amarantrote betastete den Körper an fünf Stellen und rief dann seine Kollegen heran. Diese betasteten und behorchten ihn ihrerseits und verlangten dann mit traurigen Gesichtern nach Schreibzeug. Dies sagte alles und der Unzertrennliche zerstoß in Tränen. Das von allen sechs Ärzten unterschriebene Schriftstück war ein Totenschein. Zwei anwesende Theologen beauftragten hierauf sechs Alfakinen, die schweigsam und bescheiden in einer Ecke des Saales standen, den Verstorbenen als heiligen Märtyrer zu ehren. Diese Apotheose kam dem Verstorbenen zu, da er durch heilige Trunksucht seinen Tod gefunden hatte. Hätte ihn nicht dieser Eifer für das Verkünden von Orakeln beseelt, so wäre er am Ende seines natürlichen Lebens gestorben. Die Ärzte wollten sich eben zurückziehen, da sie nichts mehr zu tun hatten, als ich bescheiden hervortrat, und um die Erlaubnis den Leichnam besehen zu dürfen bat. Erstaunt und bestürzt fragte der Unzertrennliche des angeblich Gestorbenen die Ärzte, ob er meiner Bitte Folge leisten dürfe. Sie antworteten, es sei kein Grund vorhanden, dies irgend jemandem abzuschlagen. Ich näherte mich dem Körper und begann diesen überall fest abzureiben, mit besonderem Nachdruck dort, wo ich erwarten konnte, einen Pulsschlag hervorzurufen. Nachdem ich mich eine Viertelstunde auf diese Weise vergeblich bemüht und bereits das Gefühl hatte, umsonst gearbeitet und mich nur lächerlich gemacht zu haben, verspürte ich einen leichten Aderschlag in der Ellenbeuge des angeblich Toten. Ohne irgend jemandem etwas hiervon mitzuteilen, wandte ich mich an die Verwandten und bat, man möge mich mit dem Körper allein lassen, solange es nötig sei, um ihm die vollkommenste Gesundheit wiederzubringen. Denn es könnte sein, daß er noch nicht ganz tot wäre. Die Ärzte sahen mich spöttisch an, der Familie aber war es, als hörte sie eine Stimme vom Himmel. Der Bruder des Halbtoten fragte die Theologen, ob dieser Bitte Folge geleistet werden könnte. Sie antworteten, die Sache sei so einfach und gleichzeitig so folgenschwer, daß es eine Sünde sein würde, mir diese Bitte abzuschlagen. Sie fragten dann die Ärzte, ob etwas zu hoffen wäre. Jener Arzt, der die Ansicht vertreten hatte, daß die Farbe eine Eigenschaft sei, antwortete ihnen: »Schwache Seelen trösten sich oft dadurch, daß sie das Unmögliche erhoffen.« Nach diesem Spruch entfernte er sich mit seinen Kollegen. Die ganze Gesellschaft sang darauf einen schönen Lobgesang und entfernte sich. Ich verlangte kochendes und kaltes Wasser, Laugenwasser, Tücher, Essig und einige Schüsseln. Dann schloß ich mich mit meiner Frau ein, nachdem ich gesagt hatte, man möchte nur dann kommen, wenn ich läuten würde. Elisabeth sah mich mit größtem Staunen an. Sie war nicht ohne Grund besorgt, daß ich mich zu weit verpflichtet hätte. – Doch ich hatte mit solchen Betrachtungen keine Zeit zu verlieren. Die Megamikren wußten nichts vom Aderlaß und dessen heilsamen Wirkungen bei mehreren Krankheiten. Sie hatten die Möglichkeit auch nie in Erwägung gezogen, da nach ihrer Annahme das Blut der Sitz der Seele ist. Den Leib eines Toten zu verwunden, erschien ihnen sogar als eine Entheiligung; man dürfte ihn nur verbrennen. Ich zog meine chirurgischen Instrumente hervor, stellte eine Schüssel, Tücher und eine Binde zurecht und zündete die am stärksten riechenden Kräuter an, und hielt den Nacken des Leichnams in deren Rauch. Gleichzeitig rieb ich ihm die Schläfen ein. Bald fühlte ich einen auf die Wärme des Räucherwerks reagierenden Pulsschlag am Halse. Ich legte nun den Körper auf die eine Seite, legte ein Leintuch zurecht und ließ meiner Frau die zur Aufnahme des Blutes bestimmte Schüssel halten. Vergebens bemühte ich mich aber, durch starkes Reiben die Halsader hervortreten zu lassen, die ich schlagen wollte. Entschlossen, alles zu versuchen, um den mir überlassenen Körper zu beleben, ließ ich nicht ab, bis ich den Pulsschlag wieder fühlte, sofort zeichnete ich die Stelle mit einem grünen Farbstift an. Ich nahm die Lanzette zwischen die Finger und stach senkrecht ein wenig ein. Eine kleine Menge Blut floß heraus. Die Blutung hörte aber schon nach einer Minute auf. Vielleicht enthielt die Ader nicht mehr. Zufrieden mit diesem Ergebnis wusch ich die Wunde aus. Die Haut zog sich so gut zusammen, daß kein Merkmal zurückblieb. Elisabeth goß das Blut weg und wusch die Schüssel aus. Hierauf stellte ich die Füße des Kranken in die gut erwärmte Lauge, und nach einer halbstündigen Anwendung dieses Hautreizmittels bemerkte ich einen leichten Pulsschlag hinter dem linken Ohr. Da die Lethargie immer noch nicht wich, so versuchte ich es aufs Geratewohl und machte den Einschnitt an der Stelle, wo ich unter dem Finger den Puls verspürte. Die Menge des abfließenden Blutes war ungefähr gleich groß wie beim ersten Versuch. Ich erschrak aber ernstlich, als der Kranke darauf eine gute Viertelstunde lang kein Lebenszeichen mehr gab. Ich fürchtete, ihn getötet zu haben. Nachdem ich ihn aber wiederum abgerieben und eingeräuchert hatte, ließ ich ihn ein paar Stunden vollkommen ruhn. Bei einem neuen Versuch verspürte ich wieder denselben Puls und ein Stahlspiegel, den ich vor seinen Mund hielt, wurde angehaucht. Da stieg wieder meine Hoffnung. Die reine Vernunft sagte mir, daß ich nichts anderes mehr zu tun brauchte, als beim Körper zu wachen, ihn einzureiben und weiter anzuräuchern. Nach zwei weiteren Stunden setzte der Puls wieder aus. Ich verstärkte die Einreibungen und verspürte wieder die Pulsschläge in der Ellenbeuge. Nun wußte ich nicht, was ich weiter tun sollte. Ich war nicht imstande, zu beurteilen, ob ein Aderlaß an der zweiten Halsader nützlich oder tödlich sein könnte. In diesem Zweifel entschloß ich mich, doch einzustechen. Ich tat es dort, wo ich den Pulsschlag spürte; doch wartete ich nicht, bis das Blut zu fließen aufhörte. Als ich bemerkte, daß ich der Ader ebensoviel Blut entnommen hatte, wie an den beiden ersten Stellen, legte ich den Finger auf die kleine Öffnung. Ich mußte nun das Blut durch einen festanschließenden Umschlag stillen, denn kaum hob ich den Finger ab, so floß das Blut sofort wieder. Meine Frau schnitt eine Locke ihrer langen Haare ab, bereitete eine Kompresse, legte ein trockenes Tuch darüber und band es mit den Haaren fest. Wir beschlossen, ununterbrochen beim Kranken zu bleiben, ihn einzureiben und ihn nicht zu verlassen, bis wir sicher wären, daß er gestorben wäre oder, falls er wieder aufkommen sollte, erst dann die anderen zu rufen, wenn wir den Verband abnehmen könnten. Nach einer Stunde bemerkten wir zu unserem Trost, daß der Kranke langsam zu atmen begann. Seine Brust wurde wärmer, es fehlte nur noch, daß er die Sinnesfähigkeiten wiedererlangte, die die Lethargie noch lahmlegte. Meine Frau sagte mir, es käme ihr vor, als hätten seine Lippen die Spitze ihrer Brust berührt, während sie ihn eingerieben habe; sie war aber schwanger und die Wirkung ihrer Milch hätte nur schädlich sein können. Sie hatte aber ein wenig Anazosendicksaft in einer Schachtel bei sich. Ich dachte, daß eine ganz kleine Gabe desselben dem Kranken nichts schaden könnte, zumal da der Saft von besonderer Güte war. Schnell verdünnte ich eine halbe Unze davon mit lauem Wasser und ließ ihn diese Flüssigkeit durch einen Tuchzipfel saugen. Nach diesem Trunk schlief er ganz sanft ein. Nach drei Minuten brach ein leichter Schweiß aus, diesem folgte ein heftigerer Schweiß über den ganzen Körper. Zwei Stunden ließ ich ihn in diesem Zustand liegen. Der Pulsschlag war im ganzen Körper gleichmäßig gut. Ich nahm den Verband vom Arm und sah, daß nur eine kaum merkbare Spur zurückgeblieben war. Er öffnete die Augen, meine Frau gab ihm einen Kuß, den er erwiderte; sie sang ihm vor und er schlief wieder ein. Ich erachtete jetzt den Kranken außer Gefahr, bald mußte er voll erwachen. Ich gab ihm noch stärkere Kräuter zu riechen und rieb seine Schläfen ein. Dieses Mittel erwies sich als entscheidend. Er öffnete die Augen, sah uns aufmerksam an und sagte, er habe von uns reden gehört; er fragte, was wir da machten und schloß wieder die Augen. Elisabeth erzählte ihm ganz leise, er sei sehr krank gewesen, und wir seien seit ungefähr dreizehn Stunden bei ihm, um ihm seine Gesundheit wiederzugeben. »Wo ist denn meine andere Hälfte?« fragte er mit schwacher Stimme. Jetzt schien uns der Augenblick gekommen zu sein, alle zusammenzurufen. Ich wickelte meine Instrumente in ein Tuch ein und Elisabeth setzte sich auf den Bettrand und herzte ihn. Ich stand neben ihnen. Die ersten, welche erschienen und dieses Bild sahen, waren der Erbe mit seinem Unzertrennlichen und der Unzertrennliche des Kranken. Erwarten Sie nicht von mir, Mylords, eine Beschreibung des Staunens und der Freudenausbrüche der drei braven Wesen. Sie standen erst unbeweglich da, ihre Augen starr auf den Gegenstand ihrer Liebe und Zärtlichkeit gerichtet. Als sie ihn aber fragen hörten, weshalb sie ihn verlassen hätten, da warfen sie sich auf ihn und überschütteten ihn mit Küssen, da sie aus übergroßer Freude nicht zu sprechen vermochten. Dann aber trieb ihr Herzensimpuls sie sich von ihm loszureißen und auf uns zuzufliegen und uns mit Küssen der Dankbarkeit zu bedecken. Plötzlich entwanden sie sich unseren Armen und fielen platt vor uns nieder. Wir hoben sie auf, um ein solches Vergehen gegen Gott zu verhüten, denn es war eine Anbetung, die sie nur dem großen Aeiou , dem Herrn der Sonne, erwiesen, wenn der Bischof dessen erhabenen Namen einmal im Jahr im Tempel aussprach. Ich sagte ihnen, wir seien nur schwache Sterbliche, und das Wiederaufleben des Weihbischofes sei nur einer besonderen Gnade Gottes, des Schöpfers des Weltalls zu verdanken. Der Unzertrennliche des Auferstandenen zog nun an drei Ringen und setzte dadurch den großen Glockenschlag in Bewegung, den man im ganzen Hause hörte. Im Nu war der Saal von all denen erfüllt, die sich im Hause befanden: Diener und Freunde, alle erschienen. Es war die fünfte Stunde des Tages. Die unbeschreibliche Freude verursachte eine Aufregung, der wir nicht standhalten konnten. Alle Diener liefen aus eigenem Antrieb, die unerhörte Neuigkeit in der ganzen Stadt zu verbreiten, und die beiden nächsten Anverwandtenpaare gingen persönlich, dem König und Bischof den Vorfall mitzuteilen. Es handelte sich um ein Wunder, an welches keine von diesen hochgestellten Persönlichkeiten geglaubt haben würde, wenn es ihnen von einer anderen Seite gemeldet worden wäre. Da mein Werk vollbracht war, so wollte ich gehen; zum Abschied aber sprach ich folgende Worte: »Der Weihbischof, den die Ärzte gestern als tot verließen, braucht zu seiner vollkommenen Gesundung nur eine entsprechende Diät zu befolgen. Wir erbitten als die von uns wohlverdiente Belohnung nur folgendes: Ihr werdet das Geschehene nur als eine Gnade des Gottes ansehen, den wir anbeten und der uns alle erschaffen hat. Liebet in uns die Werkzeuge seiner Großmut. Und du, Weihbischof, höre auf meine Worte! Während der ganzen Zeit deiner Rekonvaleszenz befolge die von deinen Ärzten dir vorgeschriebene Diät. In einer Fünftagewoche wirst du deine Kräfte vollkommen wiederhergestellt sehen. Doch merke dir folgendes: Derselbe Gott, der dir das Leben wiedergegeben hat, befiehlt dir durch meine Stimme, bei Todesstrafe in deinem Leben niemals wieder zu schlafen, es sei denn, daß der Große Genius von Heliopalu das Gegenteil befiehlt.« Nach diesen Worten küßte ich ihn und meine Frau tat desgleichen. Hierauf grüßten wir die ganze Versammlung, die uns bis zum Wagen begleitete, indem sie im Chore Danksagungen sang, die man im Tempel am zweiten Tag jedes Jahres sang. Nach Hause zurückgekehrt, besprachen wir noch lange diese uns von der ewigen Vorsehung erwiesene Gnade und dankten Gott aus vollem Herzen dafür. Wir zweifelten nicht mehr an einer gesicherten Zukunft in der Megamikren-Welt und ich sah nun, auf welche Weise ich dem Orakel des Heliopalu zu antworten hatte. Nachdem wir gut gegessen hatten, ruhten wir gut aus, froh, keine Besuche empfangen zu müssen. In der ersten Stunde des nächsten Tages sahen wir unseren Freund, den Groß-Gärtner, ankommen. Er kam uns zu beglückwünschen und uns zu erzählen, was sich nach unserer Abfahrt zugetragen hatte. Ich wiederhole seine Worte: »Kaum wart Ihr weggefahren, als die Ärzte, Theologen und Alfakinen alle auf einmal hereinkamen. In gleicher Zeit kam auch ich an. Die erstaunten Ärzte näherten sich dem Kranken. Nachdem sie ihn aufmerksam angeschaut und sich überzeugt hatten, daß er es war, beglückwünschten sie ihn und küßten seine Brust. Man las ihnen Ihre Rede an den Kranken vor und sie ordneten im Sinne derselben eine entsprechende Diät an, bei deren Befolgung Hochwürden bereits in der nächsten Auferstehungszeit bereits wird ausgehen können. Sie zogen sich dann in eine Ecke des Saales zurück, sprachen miteinander, und erklärten dann laut: ›Die Riesen haben ein Wunder vollbracht!‹ Die anwesenden Alfakinen, von denen einer ein Protonotar war, verlangten daraufhin ein Protokoll über das vollbrachte Wunder aufnehmen zu dürfen. Sie wollten dieses Aktenstück dann beglaubigen und es dem Bischof vorlegen. Doch die Theologen widersetzten sich dem, indem sie behaupteten, die Ärzte könnten sich irren. Sie hatten vielleicht aus ihnen selber unbekannten Gründen den noch lebenden Megamikren als tot bezeichnet. Auf diese Anklage erhob sich der amarantrote Präsident des Ärztekollegiums und erklärte mit starker Stimme, seine Kollegen hätten sich unmöglich irren können, denn sie hätten den Weihbischof erst nach völliger Stockung des Pulses, ohne die geringste Bewegungsmöglichkeit weder in den festen noch in den flüssigen Bestandteilen des Körpers, verlassen. Er schloß seine Rede mit einer Aufforderung an die Theologen, den Ärzten vor dem König Satisfaktion zu geben. Sie hätten ihnen die schmachvolle Verdächtigung eines Betruges angetan, eine Beleidigung, die ein königliches Kollegium sich nicht gefallen lassen könnte. Durch eine solche Anklage werde ihre Ehre und Frömmigkeit angetastet. Die ganze Versammlung war über die freche Dreistigkeit der Theologen empört und gab den Ärzten recht. Der Protonotar war im Begriffe den Akt aufzustellen, als der älteste der Theologen sich diesem zum zweitenmal widersetzte, indem er darauf bestand, sich vorerst zu überzeugen, ob nicht etwa dies Wunder ein Werk des mächtigen Geistes UOIEA wäre. Diesen Namen gibt man dem Gotte der Finsternis, dessen Existenz einst von einer jetzt mit dem Kirchenbann belegten Sekte behauptet wurde. Diese Sekte hatte man für gänzlich erloschen gehalten. Der böse Geist müßte seinem Wesen nach ein Feind unseres Schöpfers AEIOU sein. Der alte Ketzer verlangte sogar, daß Ihr vor der Versammlung der Theologen erscheinen müßt, um Euch einem strengen Examen zu unterwerfen. Die Ärzte, die sich über die Theologen und den Gott der Finsternis ein wenig lustig machten, sagten, sie mischten sich in dergleichen nicht ein, da ihr Kollegium sich rühme, nur an die Existenz des Greifbaren zu glauben. Sie versicherten der ganzen Gesellschaft, daß ihre Fakultät Eurem Verdienst volle Anerkennung zu zollen bereit sei und entfernten sich dann. Der Protonator nahm nun ein Protokoll über den Einspruch der Theologen auf, ließ dasselbe von den Anwesenden unterzeichnen und verabschiedete sich ebenfalls. Die Theologen verblieben noch eine gute Stunde und hielten den Scheltworten der ganzen Familie des Kranken stand, die sich auch ihrerseits beleidigt fühlte. Der Kranke selbst sagte mit schwacher Stimme, er könne das ihm wiedergeschenkte Leben nur als Gnade des Großen Helion anerkennen. Er wolle lieber sterben, als daß er sein Wiedererwachen als eine Tat des Gottes der Finsternis anerkennen würde, an dessen Existenz er im übrigen gar nicht glaube. Nachdem er dies gesagt hatte, verständigte er sich mit seinem Unzertrennlichen, der sogleich zum Bischof sandte und diesen um ein Orakel ersuchte. Im Augenblick, als die Theologen weggehen wollten, trat ein ganz gelber Megamikre mit blauen Backen ein, der ein Stäbchen in der Hand hielt, und übergab ihnen ein Schriftstück, das sie auf Ansuchen des königlichen Ärztekollegiums vor den Gerichtshof des Königs rief. Ich ging sodann zum Hofe und weiß daher, wie der König und alle einflußreichen Leute über das von Euch gewirkte Wunder denken. Man hebt Euch zur Sonne empor, und der ganze Hof erwartet nur Wundervolles von Euch zu hören, sobald Ihr auf das letzte Orakel von Heliopalu antworten werdet.« Mit diesen Worten schloß der Groß-Gärtner seinen Bericht, als ein schöner Amarantroter mit grünen Backen sich uns melden ließ und hereintrat. Er ersuchte uns, einen uns genehmen Tag zu bestimmen, an welchem wir vor dem Kollegium der Ärzte erscheinen möchten. Wir wählten einen Tag der nächsten Fünftagewoche, unterzeichneten das Schriftstück und entließen ihn. Zehn Minuten später meldete man uns einen Veilchenblauen, der uns ein Schriftstück überreichte, das uns, bei freier Wahl des Tages, vor das Kollegium der Theologen berief. Wir wählten den Staubtag der folgenden Fünftagewoche. Dann erhielten wir eine Menge Besuche von den Edelsten der Stadt, die wir alle annehmen mußten, da die Roten das Vorrecht genießen, überall, außer beim König und Bischof, unangemeldet und zu jeder Stunde erscheinen zu dürfen. Nur die Stunden der Ruhe müssen auch von ihnen respektiert werden. Diese beiden Vorladungen verursachten mir keine Sorgen. Im Gegenteil, sie boten mir genügendes Material zu der Antwort, die ich noch dem Großen Genius schuldete. Ich bedurfte keiner Frist, um mich für das Erscheinen vor den Kollegien vorzubereiten, da ich nur auf die an mich gestellten Fragen zu antworten hatte und ich außerdem auch wußte, daß es für die Ärzte Ehrensache sein mußte, meine Tat als Wunder zu bezeichnen. Ich zweifelte auch nicht, daß es mir gelingen würde, die abergläubischen Bedenken der Theologen zu besiegen. Denn nachdem sie die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich den Ärzten gegenüber eine böse Geschichte einzubrocken, konnten sie nichts anderes tun, als sich weise und vorsichtig zurückzuziehen. Eine Art der Kampfführung, die die Kirche stets anwendet, wenn sie sich nicht sicher fühlt. Auch um sich nicht mit dem ganzen Hof zu verfeinden, mußten sie trachten, unsere Verzeihung sich zu erobern. In der ersten Stunde des festgesetzten Tages ließ uns der Großstallmeister des Königs anzeigen, daß im großen Schloßhofe ein zwölfspänniger Wagen zu unserer Verfügung bereitstehe. Der Anstand erlaubte mir nicht, vor einem Kollegium ohne meine Frau zu erscheinen; so fuhren wir also beide hin und wurden sofort empfangen. Bei unserem Erscheinen und auf unsere achtungsvollen Grüße erhoben sich alle Mitglieder des Kollegiums und luden uns ein, auf eigens für uns angefertigten Sesseln Patz zu nehmen. Nachdem alle sich gesetzt und ein Kanzlist sich zum Schreiben bereitgemacht hatte, richtete der stehengebliebene Sekretär des Kollegiums folgende Fragen an uns: »Geehrte Riesen! Das Kollegium der Ärzte ersucht Euch zu erklären, ob Ihr den Weihbischof geheilt oder von den Toten auferweckt habt.« Ich antwortete: »Wenn er nicht gestorben war, dann haben wir ihn gesund gemacht. War er aber tot, dann haben wir ihn lebendig gemacht.« Der Sekretär verkündete darauf: »Atque, war er tot, ergo haben die Riesen gesagt, haben auferweckt. Schreiben Sie, Kanzlist: Die Riesen befragt, ob sie den Bischof geheilt oder auferweckt haben, haben geantwortet, daß sie ihn von den Toten erweckt haben. Anders kann es sich ja auch gar nicht verhalten. Wollen Sie die Güte haben, meine Herren, sich ins Nebenzimmer zu begeben.« Wir befolgten diese Weisung. Nach einer Stunde brachte man uns ein langes Schriftstück und räucherte uns mit Kräutern ein, worauf wir zurückfuhren. Zu Hause bemerkten wir, daß das Schriftstück eine weitschweifige Bescheinigung des von uns vollbrachten Wunders war. Es war in Furchenzeilen geschrieben und lautete folgendermaßen: »Wir, königliches Kollegium der Professoren der Physik und Heilkunde, durch unsere Studien und Erfahrungen Kenner der Naturkräfte und im Besitze der zur Unterscheidung lebender und toter Wesen erforderlichen Eigenschaften, erklären hiemit dem König, unserem Herrn, sowie dem großen Stellvertreter Gottes, dieser Hauptstadt des neunzigsten Reiches, dem ganzen Königreich und allen denen, die diese Bescheinigung lesen werden, daß die edlen Riesen Eduard und Elisabeth Alfred auf eine uns unbekannte Weise das Wunder vollbracht haben, binnen dreizehn Stunden den edlen Megamikren, Weihbischof Ai-Eu-Ju-Jo, wieder lebendig gemacht und in den Besitz aller seiner Sinne gesetzt zu haben, nachdem sechs Mitglieder unseres Kollegiums das vollkommene Aufhören jeder Atmung festgestellt hatten.« Das Kollegium ließ tausend authentische Abschriften dieser Erklärung anfertigen. Fünfhundert davon wurden in der Stadt verteilt und die übrigen fünfhundert an alle Städte des Königreiches gesandt. Am folgenden Tage erhielt das Ärztekollegium vom Kollegium der heiligen Theologen eine formelle Erklärung, daß die beiden Theologen nicht bevollmächtigt gewesen seien, die Ehrlichkeit oder das Wissen der sechs Professoren, die den Tod des Weihbischofs festgestellt hätten, zu bekritteln oder anzuzweifeln. Das Theologenkollegium erklärte den Ärzten, daß die beiden Ketzer nicht nur von der Mitgliedertafel gestrichen, sondern auch als Ignoranten gebrandmarkt worden seien. Damit war den Ärzten die vollkommenste Genugtuung geleistet. Sie zogen daher die Vorladung vor das Königsgericht zurück, ohne jedoch dadurch meinen etwaigen Klagen und Ansprüchen Eintrag tun zu wollen. Nachdem uns eine Abschrift dieses Protokolls vorgelegt worden war, ließen wir einen Notar kommen und von diesem eine rechtskräftige Verzichtleistung unsererseits mit folgender Klausel aufstellen: »Wenn die Wiedererweckung des Weihbischofs zum Leben als Wunder zu bezeichnen ist, so darf man als Vollbringer dieses Wunders nur Gott anerkennen, in uns, Eduard und Elisabeth Alfred, aber nur die schwachen Werkzeuge seiner hohen und göttlichen Macht sehen. Demnach hat der Zweifel der beiden Theologen nicht die beiden Riesen, sondern Gott beleidigt, und so haben sie nur gegen Gott das begangene Unrecht zu sühnen. Sollten die Theologen aber nur die Absicht gehabt haben, die beiden Riesen zu beleidigen, dann um so besser für sie. Denn unsere Religion befiehlt uns, nicht nur jede uns angetane Beleidigung zu verzeihen, sondern sogar Gott zu bitten, er möge den Beleidigern verzeihen und ihnen die nötige Zeit geben, ihr Unrecht einzusehen und wiedergutzumachen.« So wurde diese Angelegenheit erledigt und unsere großmütige Erklärung verschaffte uns ewige Ehre. Sie wurde im großen Schloßhofe in der Vorhalle des Stadttempels angeschlagen und in die Denkwürdigkeiten der Ärzteakademie eingetragen. In der ganzen Stadt hatte man nunmehr einen hohen Begriff von unserer Religion, deren Vorschrift, den Feinden zu verzeihen, allen Denkern erhaben und göttlich erschien. Mittlerweile erhielt der Weihbischof das Orakel, das verkünden sollte, ob er Gott ober dem Feinde Gottes seine Auferstehung verdanke. Es lautete: »Wenn es tatsächlich eine Macht der Finsternis gibt, so kann sie nur der Macht Gottes feindlich sein. Es ist aber nicht möglich: daß der zum Weihbischof Erwählte ihr sein Leben verdanke, es sei denn, daß er auf diese mehr Hoffnung gesetzt hätte als auf die des großen Helion.« Die Bestimmtheit dieses Orakels gab den Ausschlag. Wir wurden gleichsam als zwei göttliche Menschen angesehen und die Stimmung des Theologenkollegiums konnte uns nur günstig sein. An dem Tage, an dem wir vor dem Kollegium der Theologen zu erscheinen hatten, wurden wir verständigt, daß die Versammlung in der Kathedrale stattfinden werde, da der Bischof den Vorsitz zu führen hatte. Wir wurden in eine geräumige Sakristei hineingeführt und eine Viertelstunde später erschien der Bischof. Er setzte sich auf einen Thronsessel, das Haupt mit dem Albogalerus geschmückt, uns aber wurden auf besonderen Ehrenplätzen Sessel angewiesen. Ein Redner erhob sich und sprach uns folgendermaßen an: »Wir wissen, o bewunderungswürdige und geehrte Riesen, daß Ihr binnen dreizehn Stunden den edlen Ai-Eu-Ju-Jo, den erwählten Nachfolger des Bischofs unseres Reiches, den Armen des Todes entrissen habt. Wir sind sicher, daß dieser unerhörte Fall sich nur durch den Willen Gottes, unseres Schöpfers, ereignet hat, wie Ihr das ja auch offenkundig dargetan habt. Um sicher zu sein, daß das, was Ihr vollbracht habt, tatsächlich ein Wunder war, genügt es uns, die eidliche Bestätigung der weisen und hochgeschätzten Ärzte zu haben, daß sie den Körper erst verlassen als er kalt, steif und beinah unbiegsam war, und als jegliche Bewegung, Lebensäußerung, Atmung und Blutzirkulation aufgehört hatte. Dieselben Ärzte getrauen sich nicht zu entscheiden, ob die Seele des Megamikren bereits sich vom Körper losgelöst hatte oder nicht, da ihre Weisheit, wie sie zugeben, nicht so weit zu reichen vermag. Sie urteilen vollkommen richtig. Da sie nicht erfassen können, wie die geistige Seele sich an die Materie anschließen, sich mit ihr vereinigen kann, um so weniger können sie erfassen und verstehen, wie sie sich von derselben trennen kann. Wir aber, deren Begriffsvermögen, Gott sei Dank und Ehre, eher die Natur der Seele erkennen kann, wir wissen, daß sie nur im Körper eines lebenden Megamikren verweilen kann. Wir wissen also auf Grund sicherer Kenntnis folgendes: Wenn Gott zugelassen hat, daß Ihr einem Toten Bewegungsfreiheit wiederzugeben vermocht habt, so hat er auch erlaubt, daß die Seele in ihren Körper zurückgerufen wurde, da diese Seele augenscheinlich noch nicht zur Vereinigung mit Gott gekommen war. Hätte sich die Seele schon mit Gott vereint, dann wäre der Körper sicherlich in Fäulnis übergegangen und dann hättet Ihr ihn nur durch ein noch größeres Wunder wiederbeleben können. Ihr habt also, o große Wesen, die Göttlichkeit Eurer Sendung bewiesen, wie dies der große Beherrscher der Hierarchie befohlen hatte, und dieses Wunder macht Euch notwendigerweise aller Welt teuer und schätzbar. Wir erwarten und erhoffen daher auch noch neue Wohltaten. Wenn Ihr uns also nun noch einen sicheren Beweis für die Existenz einer Welt vorbringt, die sich, wie Ihr erklärt, auf der äußeren Oberfläche unserer Erde befindet, die somit eine Hohlkugel sein müßte, so habt Ihr unser Verlangen befriedigt. Ihr werdet uns auch sagen, wie Ihr das Recht besitzen könnt, Euch von allem zu ernähren, was die Erde hervorbringt, während es doch offenbar ist, daß Euch nicht die ganze Erde gehört. Sodann werdet Ihr, soweit es Euch beliebt, das heißt, wenn Ihr dies für erlaubt haltet, die große Gefälligkeit haben, uns die Mysterien Eurer Religion zu enthüllen und uns zu sagen, auf welche Art und Weise Ihr die von Euch angebetete Gottheit ehrt. Selbstverständlich wollen wir auf Euch in dieser Beziehung, wie ja das heilige Orakel unzweideutig gesagt hat, keinen Zwang ausüben, da jede Religion ihre Mysterien haben kann, die vor allen nicht daran Beteiligten geheimgehalten werden müssen und sollen. Wenn Ihr uns dann noch beweist, daß die geheiligten oder, was dasselbe ist, verbotenen Früchte die für Euch angemessene Nahrung sind, so werden sie Euch von der geistlichen Behörde freigegeben werden und wir wollen hoffen, daß die weltlichen Behörden Euch gegenüber ebenso zuvorkommend sein werden. Übrigens ist dies natürlich Eure eigene Sache. Nur auf eins müßt Ihr bedacht sein und uns dafür bürgen: daß die Schlangen nicht zischen, während Ihr die Früchte von den Bäumen pflückt. Wahrscheinlich werden wohl die Schlangen nicht mit den von Euch uns vorgebrachten Gründen einverstanden sein und kaltblütig zusehen, daß jemand sich der Früchte bemächtigt, die sie stets als ihr Eigentum betrachtet haben.« Damit hörte er auf zu sprechen und ich erhob mich, um folgendes zu antworten: »Gibt es, o sehr heiliges Kollegium, einen gewisseren Beweis von der Existenz der Welt, die mich erschaffen hat, als meine Anwesenheit an diesem Ort? Ihr Bewohner des weiten Inneren dieser Kugel, aus welchem nie einer von Euch oder von Euren Vorfahren sich je entfernt hat, Ihr würdet unrecht haben, ich gebe es zu, einem Eurer Mitbrüder Glauben zu schenken, wenn er Euch gesagt hätte, daß es eine Sphäre gebe, deren äußere Oberfläche bewohnt ist. Doch gebet zu, daß es ein ähnliches Unrecht ist, jenem Glauben zu schenken, der Euch sagt, es gebe außer Eurem Bereiche nur Kot und Finsternis. Die gesunde Vernunft hätte von Euch verlangt, daß Ihr stets sagtet: davon wissen wir nichts! Jetzt aber, o hochweises Kollegium, sind zwei ebenso vernünftige Wesen wie Ihr gekommen, um Euch zu überzeugen, daß das Licht auch wo anders als bei Euch erstrahlt. Ihr seid sicher, daß diese Wesen nicht hier geboren wurden, folglich müssen sie an einem andern Ort zur Welt gekommen sein. Und zwar an einem Ort, wo man sehen kann, denn sie haben Augen, wo man sich nährt und sich vermehrt, denn Ihr habt Euch überzeugt, daß wir der Nahrung bedürfen und daß wir Familienväter geworden sind. Ich glaube auch, daß Ihr uns für Wesen haltet, die wie Ihr eine vernünftige Seele haben, denn Ihr habt Euch aus unseren Reden überzeugt, daß unsere Ideen und Begriffe von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Möglichem und Unmöglichem, von Vergangenheit und Zukunft, von Gleichheit und Verschiedenheit, von Materie und Geist mit den Eurigen übereinstimmen. Erlaubt mir nun, Euch zu ersuchen, aus dem Ebengesagten selbst die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es eine Welt auf der äußeren Oberfläche des Erdballs geben müsse, selbst wenn wir Euch das Gegenteil sagen würden. Ihr dürftet uns für Lügner halten, wenn wir Euch gesagt hätten, daß wir von einem anderen Himmelskörper kommen. Da alle, die im Weltall herumschwirren, durch so weite Luftstrecken getrennt sind, daß man nicht imstande ist, diese zu durchmessen. Unsere gewölbte Erdfläche ist aber von der Eurigen nur ungefähr zweihundertzwanzig Eurer Meilen entfernt. Wir können uns darin nicht irren, da wir den Durchmesser unserer Erde kennen, und hier den Durchmesser Eurer Welt erfahren haben. Ihr müßt selber zugeben, daß wir somit nur um die Hälfte des Unterschiedes zwischen den beiden Wölbungen voneinander entfernt sein können. Unsere Religion, o heilige Väter, verbietet uns die Lüge, und wir würden sehr unklug handeln, wenn wir gerade jetzt Gottes Unzufriedenheit auf uns herabbeschwörten, wo wir seiner bedürfen, damit er Euch uns gegenüber menschliche und großmütige Gedanken einflößt. Was das Recht anlangt, uns von allen Früchten zu ernähren, die die Erde hervorbringt, und die wir als unserer Natur entsprechend erachten, so kann ich Euch nur sagen, daß die Erde unsere Mutter ist, und daß es ein Naturgebot gibt, welches der Mutter die Pflicht auferlegt, ihre Kinder zu ernähren und den Kindern das Recht gibt, diese Nahrung zu nehmen, falls die Mutter sie ihnen verweigern sollte. Gott ließ uns durch die Stimme eines Propheten, der die Heiligkeit seiner Sendung durch Wunder bestätigt hat, bekannt geben, daß er nach der Erschaffung der Welt sich entschlossen habe, ein Wesen zu schaffen, das ein so schönes Geschenk zu erhalten wert sei. Zu diesem Zweck nahm er Erde und formte aus ihr einen dem meinigen ähnlichen Körper. Dieser Körper wurde durch eine uns geheim gebliebene göttliche Kunst zu Fleisch und Knochen. Er nannte es Mann, und um in ihm sein eigenes Ebenbild zu schaffen, hauchte er ihm eine unsterbliche Seele ein. Nachdem Gott den Mann erschaffen hatte, sah er, daß dieser zur Fortpflanzung einer Frau bedürfe. Er bildete daher eine so, wie mein Unzertrennlicher eine ist. Als beide erschaffen waren, gebot er ihnen sich zu vermehren und sagte ihnen: »Zu Eurer Ernährung wird alles, was die Erde hervorbringt, Euer sein; ich übergebe sie Euch.« Dies muß ungefähr vor 30000 Jahren geschehen sein. Doch ist es möglich, daß ich mich um 2000 oder 3000 Jahre irre, denn die Chronologie liegt bei uns sehr im argen. Alle bei uns vorhandenen Menschen stammen von diesem vom Schöpfer geschaffenen Paar ab. Ihre Zahl ist auf fast 2000 Millionen gestiegen; bei dieser Zahl ist es dann geblieben, und sie verringert sich nicht, noch vermehrt sie sich. Im Augenblick, wo einer irgendwo stirbt, wird ein anderer geboren. Trotz allem Wissen kam es niemandem von den Bewohnern der Oberwelt in den Sinn, daß diese Erdkugel ein so blühendes Inneres bergen könnte, das von einem anderen Menschengeschlecht bewohnt ist, dessen Tugenden, Sitten und reine Moral meine Bewunderung und Verehrung erwecken. Ich erlaube mir aber Euch zu sagen: wenn einer von Euch meinen Mitmenschen Nachricht von dieser Welt bringen und als Angehöriger derselben Wunderdinge von ihr erzählen würde, so würde man anfangs ihm nicht sehr trauen, schließlich aber ihm doch Glauben schenken. Denn bei uns liebt man das Wunderbare so sehr, daß man gerne darauf eingeht, ohne dabei viel die Vernunft zu befragen. Wir haben also, sehr weises Kollegium, aus sehr triftigen Gründen geglaubt, daß wir uns von den Früchten ernähren können, die nur zur Erhaltung einer verfluchten, Euch feindlichen Tierrasse dienen, die nichts von Gott weiß und Euch in keiner Weise nützlich ist. Im Gegenteil, sie gibt Euch doch sogar von Zeit zu Zeit Beweise ihres Hasses, indem sie Unschuldige erdrosselt oder vergiftet. Wie dem auch sein mag, wir werden diese Früchte nur unter den von Euch festgesetzten Bedingungen anrühren. Wir sind hier unter Eurem Schutz und so soll es uns ferne sein, daß wir aus freiem Willen Euch Verdruß verursachen. Über unsere Religion und unseren Gottesdienst kann ich Euch wahrscheinlich mit der Zeit vieles mitteilen. Einstweilen aber kann ich Euch nur sagen, daß wir Gott mit einem reinen und einfachen Kultus anbeten, und daß dieser Gott, den wir anbeten, lieben und fürchten, nur derselbe unsterbliche, geistige und allmächtige Gott sein kann, der auch Euch erschaffen hat. Wir versprechen auch, alle unsere Kenntnisse zu Eurem Vorteil zu verwenden. Wir werden bemüht sein, das zeitliche Wohlergehen dieser Welt zu vermehren, in die Gott uns auf einem Wege von unüberwindlicher Schwierigkeit sandte, und wir werden die hier herrschende Religion stets achten. Ich werde mein Recht auf die geheiligten Früchte so lange nicht ausüben, bis ich darüber ein Orakel von Heliopalu erhalte. Die Bedingung, das Zischen der Schlangen zu verhindern, ist sehr hart. Doch hoffe ich, daß man diese entweder aufheben wird, oder daß mir die ewige Vorsehung ein Mittel eingeben wird, die Früchte zu pflücken, ohne daß das Zischen die Bewohner der Megamikrenwelt ängstigen wird. Zum Schluß erlaube ich mir, den heiligen, in dieser erlauchten Versammlung den Vorsitz führenden Bischof, vor dem ich mich in tiefer Ehrfurcht beuge, um eine Gnade zu ersuchen, welche den Ruhm des wohltätigen Planeten, der Quelle Eures Lichtes, ganz besonders aber unsere Ehre, die Unschuld unserer Herzen und die Reinheit unserer Gewissen angeht. Ich beschwöre Eure Heiligkeit, vorbehaltlich der Zustimmung des Königs, anzuordnen, daß das königliche Kollegium der Physiker innerhalb eines Jahres seine Ansicht über das Bleidach der Kiste, aus der man uns befreit hat, kundgibt. Dieses Dach hat sich im Augenblick, da wir vor allen versammelten Megamikren erschienen, in senkrechter Linie erhoben und ist unbestreitbar zur Sonne emporgestiegen. Dies ereignete sich vor vielen Zeugen, die es bestätigen werden. Der hochwürdige Abdala jener Stadt müßte es leicht durch gute Gründe als wahr erweisen können. Ich bitte weiter, daß nach Veröffentlichung dieser Dissertation Ihr, weises Kollegium, dieselbe in theologische Erwägung ziehen wollt und dann Eure Schlüsse bekanntgebt. Sodann erbitte ich über diese Sprüche den Orakelspruch Eurer Heiligkeit, und dann einen des unfehlbaren Stellvertreters Gottes, dem ich mich unterordnen werde.« Der Bischof übergab meine Anregung der Erwägung seiner Berater, die sie für richtig und fromm ansahen, worauf er auf der Stelle seine Verordnung diktierte. Man händigte mir eine Abschrift davon ein. Das Schriftstück wurde der königlichen Kanzlei gesandt. Von hier wurde es erst dem Physikerkollegium zugestellt, da der Bischof in dieser Sache ohne Genehmigung des Königs nichts machen durfte. Wir kehrten in unsere Wohnung zurück, wo wir so viele Besuche empfangen mußten, daß wir schließlich an die Mittel zu denken begannen, wie wir uns diese Last erleichtern könnten. Nicht genug, daß alle Edlen der Stadt sich rühmen wollten, uns gesprochen zu haben, so kamen sogar zahlreiche Fremde aus den entferntesten Städten des Königreiches. Wir holten darüber den Rat unseres Freundes, des Groß-Gärtners, ein. Der sagte uns, wir dürften uns den Besuchen der Roten nicht entziehen, ohne ihnen dadurch eine nie zu verzeihende Beleidigung anzutun, die sie für immer meinem Hause fernhalten würde, so daß sie es selbst auf Einladung nie wieder betreten würden. Wir seien aber berechtigt, bekanntzumachen, daß wichtige Beschäftigungen uns zwängen, unsere Tür vier Tage in der Fünftagewoche vor allen zu verschließen. Am fünften Tage aber stehe sie allen Edlen offen, wenn sie uns mit ihren Besuchen beehren wollten. Um die Fremden und Farbigen brauchten wir uns nicht zu bekümmern, da sie uns nur von anderen vorgestellt werden konnten und vorher angemeldet werden mußten. Über unsere adelige Abstammung konnte kein Zweifel entstehen, obgleich unsere Hautfarbe nicht rot war. Unsere Fruchtbarkeit bewies unseren Adel. Ein europäisches Jahr später sprach ich hierüber mit dem König, und ich will Ihnen, Mylords, gleich jetzt von dieser Unterredung berichten. Der freundliche Herrscher war sehr erstaunt, als er eines Tages von mir hörte, daß bei uns alle Geschöpfe zur Fortpflanzung fähig sind. Dann, sagte er, müssen ja bei Euch alle Edelleute sein, oder Ihr habt keinen richtigen Begriff vom Adel. Über diese, vom König als unumgänglich angesehene Schlußfolgerung brachte ich in einem zweistündigen Gespräch alles vor, was ich nur zu sagen vermochte, um ihn zu überzeugen; doch ich verlor meine Zeit umsonst. Er wollte nicht einsehen, wie ein anderer als Gott der Schöpfer eines wahren Adelsstandes sein könnte, wie ein zeugungsfähiger Mensch unadlig sein könnte, wie eine Null, ein Dummkopf, ein Schurke adlig sein und als adlig geachtet sein könnte, und sich selber einbilden dürfte, es zu sein. Die stärkste seiner Einwendungen war aber solcher Art, daß ich mich in ein wahres Labyrinth verirrte, als ich sie zu widerlegen versuchte. Der König sagte mir nämlich: »Wenn alle Menschen bei Euch fruchtbar sind, dann kann ja Eure Welt die unzählige Bevölkerung, welche die Folge der allgemeinen Fruchtbarkeit sein muß, nicht beherbergen.« Ich trug ihm alle wahren Gründe vor, die es bewirken, daß die Zahl der Bevölkerung bei uns stets dieselbe bleibt. Diese Gründe erschienen ihm aber falsch, ungeheuerlich abgeschmackt und unwahrscheinlich. Oft mußte ich Ausflüchte machen und das sah dann aus, als ob ich löge oder mir widerspräche. Als ich ihm vom Zölibat sprach, schrie er auf und lachte. Dann meinte er, mich um Entschuldigung bittend, dies könnte doch nur eine Fabel sein. Ich sagte ihm, einige von diesen im Zölibat lebenden hätten allerdings Beischläferinnen. Als ich ihm weiter erklären mußte, daß sie von diesen Konkubinen nur Bastarde haben könnten, schien er beinahe überzeugt zu sein. Leider mußte ich ihm weiter sagen, daß diese Bastarde nicht nur fruchtbar, sondern oft auch hervorragend tugendhaft wären, sich in Wissenschaft und Kunst auszeichneten, daß es Mittel gebe, sie zu legitimieren und daß einige von ihnen auch adlig seien. »Adlig!« rief er aus. »Sie sagten mir doch, daß die Gesetze ihnen ungünstig seien. Wie können sie nun als Bastarde behandelt werden und sich selber für solche halten, da sie doch im Besitz solcher Eigenschaften überzeugt sein müssen, daß sie edler sind als viele, deren Adel anerkannt ist? Jedenfalls ist dabei Euer Zölibat kein Grund zur Entvölkerung.« Wie hätte es mir gelingen können, Mylords, dem Kopfe eines zwar geistreichen, doch nicht vorurteilsfreien Königs Gründe verständlich zu machen, welche von Bräuchen abhängen, die wir selber nicht begreifen würden, wenn wir nicht darin aufgewachsen wären? Ich mußte nun von denen sprechen, welche Keuschheit geloben. Er fragte nach Gründen und war sehr erstaunt. »Wie könnt Ihr«, sagte er, »glauben, ein Gott wohlgefälliges Gelöbnis zu tun, wenn Ihr ihm versprecht, seinem allerersten Gebot ungehorsam zu sein?« Ich sagte ihm, die Befolgung dieses ersten Gebotes sei eine der größten Wonnen des Menschen. Da nun die Absicht eines Gelübdes dahin gehe, ein Opfer darzubringen, so opfere also der Mensch seinem Gotte das Liebste. »Es ist richtig,« sagte er, »dies soll der wahre Charakter einer Gabe sein, doch erfordert dies zweierlei: erstens, daß die Gabe dem, der sie empfangen soll, ebenso teuer ist, wie dem Gebenden. Und zweitens, daß man die Gabe völlig gibt, und das Gegebene nicht zurücknimmt. Denn anders zu handeln hieße sich über den Empfangenden lustigmachen. Ihr werdet aber doch nicht der Ansicht sein, daß man sich ungestraft über Gott lustigmachen kann.« Ich antwortete ihm, die Erde sei in dem Augenblicke, als der Schöpfer dem Menschen befahl dieselbe zu bevölkern, unbewohnt gewesen. Als sie aber dann genügend bevölkert worden sei, habe er als Heiliger Geist zu den Menschen gesprochen und ihnen gesagt, heiraten sei gut, nicht heiraten aber noch besser. Der König antwortete mir daraufhin, diese Worte könnten nur bedeuten, daß die Vernichtung des Menschengeschlechtes Gott wohlgefällig wäre, denn wenn alle es hätten bessermachen wollen, so würde keine Befruchtung mehr stattgefunden haben. Der Grund, daß die Erde genügend bevölkert sei, müsse falsch sein, da ich ihm früher erzählt hätte, daß ein bedeutender Teil unserer Erde noch gänzlich unbewohnt sei. Er fragte mich weiter, ob diejenigen, die dieses eigentümliche Keuschheitsgelübde täten, es auch streng einhielten. »Sie müssen keusch bleiben,« erwiderte ich, »denn die Gesetze lassen ihre Verheiratung nicht zu.« »Kann denn«, fragte der König wieder, »dieses Gelübde nur durch die Heirat gebrochen werden?« »Es kann auch, Sire, durch Konkubinat gebrochen werden.« »Ja, das hörte ich schon. Doch dürfen sie keine Erben haben.« »Entschuldigen Sie, Sire, sie können Bastarde haben, die ihre Ansprüche auf einen Teil der Erbschaft, und manchmal auf die ganze erheben können.« »Wieso?« fragte er weiter, »besteht denn nicht das Gelübde der Reinheit darin, sich nur der Ehe zu enthalten und nicht auch der Tat, welche die Fortpflanzung bewirkt? Sie versprechen also ihrem Gotte, keine legitimen Kinder zu haben, und behalten sich dabei das Recht vor, Bastarde zu erzeugen? Zieht denn Gott die Bastarde vor? Woher wißt Ihr das?« »Entschuldigen Sie, Sire, das Gelübde der Keuschheit ist ein Gott gegebenes Versprechen, sich jeder fleischlichen Vermischung zu enthalten.« – »Wie können sie denn dann dasselbe übertreten, ohne hierfür bestraft zu werden?« »Sie übertreten es heimlich,« erwiderte ich. »Gut,« meinte er nun, »somit werden die Bastarde nicht als ihre Kinder anerkannt?« »Entschuldigen Sie, Sire, sie sind es, aber eben nur als Bastarde. Die Bestrafung des Verbrechens aber überläßt man Gott. Da sie nicht gegen Menschen, sondern gegen Gott sich vergangen haben.« »Und Eure weltliche Gerichtsbarkeit«, fragte er weiter, »nimmt sich nicht der Sache Eures Schöpfers an? Doch ich vermute, daß diese Duldsamkeit ihre guten Gründe haben mag. Sie nimmt wahrscheinlich an, daß die göttliche Weisheit dieses Gelübde, dessen Widersinn abstoßend ist, nicht angenommen haben kann. Wenn aber Gott es nicht annimmt, dann ist es sicherlich ein Unsinn und ein Mißbrauch, und daher null und nichtig. Die Übertretung kann dann nur eine Sünde in der Einbildung sein, was freilich auch ein Verbrechen wäre. Ich erinnere mich, daß Ihr mir erzähltet, Eure weltliche Gerichtsbarkeit bestrafe Gotteslästerung mit dem Tode. Diese ist doch ebenfalls ein Vergehen gegen Gott, und beleidigt die Menschen gar nicht. Dies beweist, daß die weltliche Gerechtigkeit der Ansicht ist, Gott habe das Gelübde nicht angenommen.« »Das ist es nicht,« erwiderte ich, »denn man betrachtet stets diese Gelübde als angenommen, doch urteilt man bei uns über Verbrechen, die aus Schwachheit der menschlichen Natur hervorgehen, weniger streng als über andere.« »Wie kann man also, da man diese Schwachheit der menschlichen Natur kennt, ein so unvorsichtiges Gelübde zulassen, das den, der es tut, in die Möglichkeit versetzt, es zu brechen? Wenn Ihr aber zugebt, daß das Keuschheitsgelübde der Fortpflanzung keine so großen Hindernisse in den Weg legt, welches sind denn die Gründe, die ihr Einhalt tun?« Ich sprach ihm nun von den Kriegen, von der Pest, von der Sterblichkeit im zartesten Kindesalter und von den Ehen, die im Durchschnitt kaum vier Erben erzeugen. Der Krieg erschien ihm als etwas Ungeheuerliches, als ständiger Zustand gänzlich unannehmbar. Er bedauerte die Unsicherheit, in welcher wir bezüglich der Fruchtbarkeit einer Ehe sind, und noch mehr die Verwüstungen der Pest. Ganz erschrocken und tiefgerührt hörte er zu, als ich ihm von den Erdbeben und ihren traurigen Folgen erzählte. Schließlich fühlte er nur Mitleid mit unserer Welt, und meinte, sie müsse ein Verbannungsort sein, an den uns Gott zur Strafe für irgendeine sehr böse Tat geschickt habe; denn es sei ausgeschlossen, daß die Güte Gottes ein Menschengeschlecht habe schaffen können, um es solch eine Welt bewohnen zu lassen. »Ich würde bei Euch nicht wohnen wollen, selbst wenn man mir die Herrschaft über die ganze Welt anböte. Dort, wo sich die Erde öffnet, um lebende Wesen zu verschlingen, wo die Luft schlecht wird, wenn sie zu viele Lungen erfrischen soll, so daß sie die Wesen tötet, die sie einatmen. Dies alles könnte mich beinahe zu dem Glauben bringen, daß Eure Atmosphäre sich von Menschen ernähren muß, und daß sie nur infolge von Überernährung schlecht wird. Wenn Ihr mir nicht gesagt hättet, daß der erste Mensch von Gott erschaffen wurde, so hätte ich gedacht, er entstehe auf irgendeine Weise aus einer eigentümlichen Vereinigung Eurer Luft mit Eurer Erde.« Ich bedauerte nun, daß ich diesem weisen König, ohne eine Unvorsichtigkeit zu begehen, unsere heilige Geschichte von der Sünde Adams nicht erzählen konnte: Wie er zur Strafe aus dem schönen Ort verbannt wurde, wo Gott ihn zuerst untergebracht hatte. Ich hätte dabei zuviel gewagt. Ein megamikrischer Physiker sagte mir einmal, er glaube nicht, daß der Megamikre, um zu leben, erst von den Händen Gottes habe geformt werden müssen. Er bewies mir dies damit, daß doch die Fische die Kinder des Wassers sind. Er hatte in seinem Garten ein Marmorbecken, das mit destilliertem Wasser gefüllt war. Und nach zwei Ernten sah er es voll von kleinen Fischen. – Ich wollte, bevor ich an den Hof von Heliopalu schrieb, die Abhandlung des Physikerkollegiums abwarten. Ich brachte meine Zeit damit zu, Experimente mit Schwefel, Salpeter und Kohle zu machen, die, wie ich wußte, die einzigen Bestandteile des Schießpulvers sind. Ich beschloß, solches zu verfertigen, und Sie werden später hören, wie mir dies gelang. Als die Zeit gekommen war, gebar meine Frau wieder ein Zwillingspaar. Ein Kind männlichen und ein Kind weiblichen Geschlechts, die ich auf den Namen Adam und Eva taufte. Dies war unser drittes Kinderpaar. Das zweite hatte ich Richard und Anna genannt. Wir teilten ihre Geburt dem König und dem Bischof mit. Der König ließ uns sagen, er werde uns nach einem Jahr wieder hundert neue Milchgeber zur Verfügung stellen. Zugleich machte er uns ein Haus in der Stadt zum Geschenk. Das Haus hatte einen schönen Garten und dreißig vollkommen eingerichtete Gemächer. Zwei Monate nach der Niederkunft meiner Frau erschien bei uns der Weihbischof mit seiner ganzen Familie, die aus zehn roten Megamikren bestand. Es waren lauter reizende Geschöpfe; nur er selber trug infolge seiner heiligen Ausschweifungen an Gesicht und Brust die traurigen Spuren des Alters. Er tanzte und sang als erster. Beides gelang ihm ziemlich schlecht. Dafür war der zu unserer Ehre aufgeführte Tanz seiner Begleitung entzückend. Er sagte, er sei uns, denen er das Leben verdanke, ganz und gar ergeben und seine Familie hege dieselben Gefühle für uns. So versicherte er uns seiner beständigen Freundschaft. Nach dieser Vorrede bat er uns, ein Andenken seiner Dankbarkeit annehmen zu wollen. Bei diesen Worten trugen vierundsechzig Megamikren eine glänzende Kugel in den Saal herein. Es war eine Abbildung ihrer Welt, in gewölbter Form, mit genauer Einteilung in die viereckigen Reiche und der zweihundertsechzehn dreieckigen Lehensstaaten, die eigens dazu da zu sein schienen, um mit ihren Dreiecken die neunzig Vierecke auf der Oberfläche der Kugel zu vereinen. Es war ein Kunstwerk. Dieser Globus, dessen Durchmesser acht Fuß betrug, stand auf einem zwölfteiligen Sockel aus massivem roten Golde, der einen Durchmesser von zwölf Fuß hatte und vier Fuß hoch war. Zwölf ein Zoll hohe Stufen liefen um denselben herum. Auf diesem Sockel, rechts vom Globus, war die Statue Elisabeths, links die meine angebracht. Die ihrige war achtzehn, die meinige war zwanzig Zoll hoch. Beide waren aus einem alabasterähnlichen, durchsichtigen, aderlosen Marmor verfertigt. Zwischen unseren Statuen sah man die des Weihbischofs aus rotem Gold, fünf Zoll hoch. Sie stellte ihn dar, wie er auf einem Bett aus blaßgelbem Gold saß und in seiner erhobenen Rechten einen regelmäßig zwanzigflächig geschliffenen Karfunkel hielt, den er betrachtete. Dieses ganze herrliche Werk war von einer Vollendung in der Modellierung, wie die schönsten altgriechischcn Bildhauergruppen. Dieses Geschenk überraschte und erfreute uns ungemein und wir sprachen dem Weihbischof unseren Dank dafür aus, so gut wir konnten. Aber wir fühlten uns innerlich beschämt, dies wunderbare Werk annehmen zu müssen, oder unhöflich zu erscheinen. Ein Mensch, der das Geschenk eines Reichen abschlägt, beleidigt diesen, da er sich den Schein gibt, als ob er sich über ihn erheben wolle. Das Werk, das den Wert eines Vermögens hatte, wurde vorerst an einer Seitenwand des Saales angebracht. Wir sangen und tanzten vor dem Bischof, so schön wir konnten, und stellten ihm unsere zuletzt geborenen, vierzehn europäische Monate alten Kinder vor. Sie waren bereits so groß wie er. Meine Frau stillte sie dann fünfmal in seiner Anwesenheit. Der Bischof fragte mich, ob sie fruchtbar wären. Als ich ihm sagte, daß es bei uns nur selten Wesen gäbe, die infolge eines organischen Fehlers unfruchtbar seien, da rief er aus: »Glückliches, von Gott begnadetes und erwähltes Geschlecht, das die Eigenschaft besitzt, nur Edelkinder zu erzeugen!« Dann sagte er, unter tausend Entschuldigungen, daß er eine Bitte an mich habe. »Ich habe mich«, sagte er, »ans Orakel gewendet, um zu erfahren, wo sich meine Seele im Augenblicke, als ich tot war, befand, und das Orakel befahl mir, mich mit dieser Frage an dich zu wenden. Ich begreife, daß ein Schlafender sein Denkvermögen verliert, da er mit Leib und Seele schläft, doch sobald er tot ist, muß die freigewordene Seele ihrer selbst bewußt werden. Ich kann dir aber schwören, daß ich ohne jegliches Bewußtsein war, und erst als du mich erwecktest, kam mir dasselbe wieder. Es war mir, als hättest du mich aus dem Nichts oder aus einer tiefen Lethargie herausgeholt. Sei so freundlich, mir deine Lehre hierüber mitzuteilen, wenn dir dies gestattet ist. Sage mir auch, welchem von Euch beiden meine erste Begrüßung zu gelten hat, denn Ihr seid ja so sehr voneinander verschieden, und obwohl ich weiß, daß der von Euch, der die Kinder stillt, derselbe ist, der sie geboren hat, so ist es mir doch unbekannt, ob dies als ein Vorzug gilt, oder eine Bürde ist. Somit ersuche ich Euch, mich darüber zu belehren.« Ihm sofort, so vom Fleck weg zu antworten, schien mir nicht das Richtige. Ich erwiderte ihm, daß ich ihm meine Antwort im Laufe einer Fünftagewoche zukommen lassen werde. Nach gegenseitigen wiederholten Bekräftigungen unserer Gefühle verabschiedete sich die ganze Gesellschaft. Wir begleiteten sie bis zum Hoftore, was dort als größte Ehrenbezeigung gilt. Die Nachricht von dem herrlichen Geschenk verbreitete sich in der ganzen Stadt. Der dankbare, ebenso reiche wie fromme Prälat ließ es ohne Rücksicht auf die Kosten als Dankbezeugung für die von Gott erhaltene Gnade anfertigen, und die Arbeit so geheim halten, daß niemand, auch seine Familienmitglieder nicht, etwas davon erfahren hatten. Der Groß-Gärtner war der erste, der, mehr aus Freundschaft als aus Neugierde, kam, um uns zu dem Haus, das uns der König gegeben, wie zu dem Globus, den wir vom Weihbischof zum Geschenk erhalten hatten, seinen Glückwunsch auszusprechen. Den Globus besah und bewunderte er fortwährend. Er meinte, daß die Ausführung des Werkes das Doppelte des Materialwertes gekostet haben müsse, und daß er den Preis auf 500000 Unzen schätze. Um Ihnen, Mylords, eine Idee von der Höhe dieser Summe zu geben, will ich Ihnen als Beispiel sagen, daß dieselbe, auf Zinsen angelegt, genügt hätte, um in jener Welt zehn Familien zu erhalten, welche so leben würden, wie man bei uns lebt, wenn man 3000 Pfund Sterling jährlich auszugeben hat. Eine solche Großmut erstaunte uns, da der Auferstandene für einen Sonderling galt. »Jetzt braucht Ihr niemanden mehr,« sagte unser Freund, »Ihr habt jetzt ein Vermögen.« Er hatte recht, nur hätten wir dazu den Globus verkaufen müssen, und nichts lag uns ferner als dieser Gedanke. Im Laufe des ganzen Tages war unser Haus voller Gäste. Am folgenden Tag überraschte uns der König mit seinem Besuch. Er kam ohne Hofstaat, nur von seinem Unzertrennlichen begleitet. Es kann bei den Megamikren nie vorkommen, daß man jemanden weder in einem zu nachlässigen Anzug noch in irgendeiner unanständigen Positur antrifft, in der man sich nicht zeigen könnte, denn jede Wohnung hat ein Zimmer, das von niemandem betreten werden darf und nur für Besuche eingerichtet ist. Das königliche Paar sang, aber ohne zu tanzen, und als wir ihm unseren Dank aussprechen wollten, unterbrach es uns, indem es die Arme öffnete und den Mund spitzte. Das bedeutete: Sprecht nichts, sondern küsset uns! Um diese erhabene Gunst zu empfangen, hätten wir niederknien müssen, doch ließen sie uns hierzu keine Zeit. Beide streckten sich auf dem Sofa aus. Die andern Megamikren pflegten uns an den Hals zu springen, um uns die Mühe des Bückens zu ersparen. Nachdem der König und sein Begleiter unsere Kleinen hatten saugen sehen, bewunderten sie den Globus und meinten, der Weihbischof verdiene für seine Freigebigkeit eine Krone. Sie fragten uns dann schüchtern, ob wir auch auf seine Auferstehung hätten hoffen können, wenn wir ihn erst am zweiten Tage nach dem Tode gesehen hätten. Ich antwortete ihnen, obgleich ja bei Gott kein Ding unmöglich wäre, so würden wir selber von unseren Belebungsversuchen nichts erhofft haben, wenn wir an seinem Körper schon Verwesungsspuren gesehen hätten. Der König dankte mir für diese Antwort und bat mich, diese seine Neugier nicht übelzunehmen. Ich erzählte ihm von den beiden Fragen, welche der Bischof mir gestellt hatte, und von meinem Versprechen, dieselben schriftlich zu beantworten. Der König meinte hierauf, wer das Schriftstück zu lesen bekommen werde, der müsse sich glücklich schätzen. Dies genügte, um mir begreiflich zu machen, daß er es gerne lesen möchte, dann entfernte er sich, indem er uns nochmals versicherte, wie glücklich er wäre uns zu besitzen und bat uns, ihn nicht zu begleiten. Sie brauchen sich nicht zu wundern, Mylords, daß in jener Welt, wo Neugierde sogar als Sünde galt, auch der König sich in bezug auf ganz unschuldige Fragen so zurückhaltend zeigte. Jede Frage verlangt eine Antwort, und diese muß wahr sein, denn die Lüge ist eine Todsünde. Wenn also die Antwort eine Lüge ist, so hat jener, der durch seine Frage die Sünde veranlaßt hat, zweifach, nämlich durch Neugierde und durch Lüge gesündigt. Dies möge Ihnen, Mylords, einen kleinen Begriff von der Moral der Megamikren geben. Tags darauf erhielten wir einen Brief von den beiden unglücklichen Theologen, die das Vorhandensein des Wunders angezweifelt und hierfür ihre Würde verloren hatten. Sie baten uns um eine Audienz, wir bestellten sie auf den Verpuppungstag. Sie erschienen pünktlich, tief beschämt, die Abzeichen ihrer früheren Würde als Ausleger der Mysterien nicht mehr tragen zu dürfen. Sie schienen verwirrt zu sein und sangen uns ihre Reue und Betrübnis in den traurigsten Tönen. Wir antworteten ihnen, ohne zu singen, wir wußten, daß ihr Vorgehen weder aus Bosheit noch aus Haß geschehen wäre, sondern lediglich eine Folge ihres Eifers gewesen wäre. Von dieser Wahrheit überzeugt, nähmen wir ihnen nichts übel, sondern würden sehr erfreut sein, wenn wir ihnen irgendwie behilflich sein könnten. Auf dies entgegenkommende Anerbieten sagten sie uns, nur unsere Befürwortung vermöchte sie wieder in den Rang einzusetzen, den sie vor dem unglücklichen Ereignis besessen hätten. Durch diesen großmütigen Akt aber könnten wir den Schandfleck von ihnen nehmen. Für die Zukunft versicherten sie uns ihrer Hochachtung, Ergebenheit und ihrem Gehorsam. Ohne uns Zeit zur Antwort zu lassen, ließen sie vier Gescheckte eintreten, die vier gleich große Bände trugen. Einer von den Theologen sagte uns, dies wäre ein Geschenk, das sie uns anzunehmen bäten. Sein Vater, ein sehr gelehrter Roter, habe ihm diese Bücher bei seinem Tode vermacht; sie seien wertvoll und einzig in ihrer Art. Nur der Große Genius besitze in seinem Geheimarchiv die Originale dieser Abschriften. Sein Vater habe ihn bei der Übergabe dieser Bücher gebeten, niemanden eine Abschrift davon nehmen zu lassen und diese Pflicht auch demjenigen aufzulegen, dem er sie schenken oder vererben würde. Diese Bücher seien nämlich die Geschichte ihrer Welt von deren Erschaffung bis zum Regierungsende des Urgroßvaters des herrschenden Königs. Kaum hatte er zu sprechen aufgehört, so begann sein Kollege zu sprechen, indem er mir ein Schriftstück mit folgenden Worten übergab: »Dies«, sagte er, »ist meine Ansicht in bezug auf das Dach Eurer Kiste, das vor allen Menschen zur Sonne emporstieg. Ich beschwöre Euch, es zu lesen und mir zu erlauben, morgen wiederzukommen, um zu erfahren, ob Ihr mir gestattet, es zu veröffentlichen.« Ohne dieses Schriftstück, das der zweite mir überreichte, indem er mir sagte, er sei jener, der das Vorhandensein eines bösen Gottes, eines Feindes des guten Gottes, habe gelten lassen, hätte ich die Annahme der Bücher verweigert; Die Neugierde aber trieb mich dazu, die Abhandlung des ketzerischen Theologen zu lesen, und ich sah ein, daß ich das eine nicht annehmen konnte, wenn ich das andere ablehnte. Ich dankte ihnen also und sagte dem Verteidiger des Dachfluges, ich würde ihn am nächsten Tag erwarten. Ich sprach auch den Wunsch aus, ihre Adressen zu besitzen, um sie verständigen zu können, falls ich ihnen etwas über ihre Angelegenheiten mitzuteilen hätte. Nachdem sie weggegangen waren, blätterte ich in den Folianten, und fand viel höchst Interessantes darin. Ich war entzückt, Besitzer der geheimen Weltgeschichte der Megamikren geworden zu sein. Wir begannen hierauf, darüber nachzudenken, wie wir diesen armen Theologen zur Wiedererlangung ihrer Würde verhelfen könnten. Wie wurde es mir aber zumute, als ich die Schrift über den Flug des Daches unserer Kiste las! Es wäre schwer gewesen, eine größere Sammlung von Verrücktheiten zusammenzubringen. Der Theologe meinte, dieses Wunder allein hätte genügt, um uns anbetungswürdig zu machen. Da die Sonne ungeduldig gewesen sei, uns zu sehen, müde der Langsamkeit, womit die Megamikren sich um unsere Befreiung bemühten, habe sie sich entschlossen, das Werk auf eine außerordentliche Weise zu beschleunigen. Mit Recht könne man behaupten, die Sonne sei die erste gewesen, die uns einen würdigen Empfang bereitet habe. Dieses müsse daher ihren Kindern als Beispiel dienen, wie sie uns zu ehren hätten. Augenscheinlich sei unser Erscheinen in ihrer Welt eine besondere Gnade der Sonne, denn indem sie das Dach zu sich emporgehoben, habe sie am besten bewiesen, daß sie uns erwartet, und daß sie selber von Gott unsere Sendung erbeten habe. Er schäme sich für die Megamikren, daß sie nicht die Stimme des Schöpfers erkannt, und seinen Willen nicht erfüllt hätten, den er durch solch ein Wunder bekundet habe, daß sie im Gegenteil uns einer Kleinigkeit wegen verfolgt hätten, die man gar nicht hätte beachten sollen, da schon die Gastfreundschaft erfordere, daß man uns als Herren über alles betrachte. Sogar das Oberhaupt der allgemeinen Religion müsse uns als seine Vorgesetzten anerkennen und sich unseren Weisungen unterordnen, falls wir der Ansicht wären, daß ihre Gottesverehrung einer Verbesserung bedürftig wäre. Könige sollten uns um eine neue Gesetzgebung ersuchen, und zu unserer Ernährung dürften keine Bastarde, sondern müßten Adelige vom höchsten Range bestimmt werden. Die lange Schrift enthielt sogar noch viel stärkere Sachen. Wir dankten Gott, daß dieser unvernünftige Fanatiker die Vorsicht gehabt hatte, sie uns vor der Veröffentlichung zu zeigen. Sie hätte uns vernichten können, denn man würde uns gesagt haben, daß wir selbst sie diktiert hätten. Der Verfasser, der ein Meisterwerk geschaffen zu haben meinte, erschien bei uns am folgenden Tag, Ich empfing ihn ziemlich höflich, gab ihm das Schriftstück zurück, und ließ ihn schwören, daß er nicht nur über dasselbe mit niemandem sprechen werde, sondern auch, daß er zu Hause das Original und alle Notizen darüber sofort verbrennen werde. Nur unter dieser Bedingung versprach ich ihm mein Möglichstes zu tun, um seine Begnadigung zu erwirken. Er war höchst erstaunt über einen solchen Befehl, den von mir zu erhalten er nicht vermutet hätte. Schwor mir aber gehorsam zu sein, und gestand mir, daß er diese Abhandlung dem Groß-Gärtner vorgelesen habe, um dessen Rat zu hören, da er wisse, daß dieser unser Freund sei. Er habe unserem Freunde, dem die Schrift sehr gefallen, auch eine Abschrift geben wollen. Er habe sie jedoch nicht angenommen und ihm zur Pflicht gemacht, sie niemandem ohne unsere Zustimmung zu zeigen. Diesen Rat habe er befolgt, denn er habe schon selber geahnt, daß unsere Tugendhaftigkeit uns nicht gestatten werde, unsere Zustimmung zur Veröffentlichung zu geben. Infolgedessen bedauere er sehr, uns darum gebeten zu haben. Ich bat ihn mir zu sagen, wie er der Ansicht habe sein können, daß wir dem Weihbischof das Leben namens des bösen Geistes wiedergegeben hätten, während doch seine Schrift bezeuge, daß er uns als Lieblinge der Sonne ansehe. Mit der demütigsten Miene meinte er, daß die Unglücksfälle, die die Menschen während ihres zeitlichen Lebens verfolgen und vernichten, gleichzeitig auch den Geist erleuchteten, indem sie ihren Hochmut dämpften. Ich gebot ihm, dem Groß-Gärtner alles Vorgefallene mitzuteilen, und er entfernte sich. Die folgenden Tage vergingen ruhig, am vierten aber, dem Besuchstage, mußten wir während mehr als acht europäischer Stunden die Besuche aller Edlen empfangen, die unseren Globus zu sehen wünschten. Dieser Qual verdankte ich jedoch eine sehr glückliche Idee, mit welcher meine Frau, der ich sie sofort mitteilte, völlig einverstanden war. Ich gedachte dem großen Tempel der Hauptstadt durch einen in der Hofkanzlei zu registrierenden Schenkungsakt den Globus zu weihen. Es schien mir aber geraten zu sein, diesen Wunsch erst schriftlich dem König zu unterbreiten. Der Monarch erwiderte nur durch ein eigenhändiges Schreiben, in welchem nur folgende Worte standen: »Ihr wolltet, daß Ich der erste sei, Eure Seelengröße zu bewundern.« Diese bündige Antwort sagte alles. Wer eine Tat bewundert, muß sie gestatten und billigen. Ich schrieb die Urkunde und sandte sie an die Hofkanzlei, wo sie gesetzmäßig eingetragen wurde. Von dieser Eintragung ließ man mir zwei, mit dem großen Staatssiegel versehene Abschriften zukommen. Ich behielt die eine und sandte die zweite an den Bischof, indem ich vierundsechzig von meinen Milchgebern beauftragte, den Globus auf einem mit vierundzwanzig Pferden bespannten Karren in den Haupttempel zu schaffen. Der Globus wurde mit einem schönen roten Teppich bedeckt. Hier der Wortlaut meiner Widmung: »Eduard und Elisabeth Alfred, Christen und Unzertrennliche, auf der äußeren Erdfläche dieser Welt geborene Brüder, widmen der Glorie Gottes, ihres Schöpfers, dieses Denkmal seiner göttlichen Gnade und der Großmut des Ai-Eu-Ju-Jo, derzeitigen Weihbischofs. Sie wünschen, daß dieses Geschenk in der Kathedrale aufgestellt wird, und zwar so, daß es stets von allen gesehen werden kann. Aus diesem Grund soll es auch nie verhüllt werden dürfen. Auch soll es nicht gestattet sein, daß der ihm angewiesene Platz, ohne besonderen Befehl des Großen Genius, Monarchen von Heliopalu, und ohne die Zustimmung des Königs des Reiches Neunzig gewechselt wird. Das durch diese Gruppe dargestellte historische Ereignis geschah im neunten Jahre des Aufenthaltes der Riesen in dieser Welt, und die Schenkung an Gott fand im dreizehnten Jahr, zur Zeit der glorreichen Regierung des Au-Ai-Au-Eiu, des Einunddreißigsten, statt. Der Globus soll auf einer Erhebung von drei Fuß Höhe, auf einer viereckigen Marmorplatte aufgestellt werden, in welche diese Widmung eingegraben werden soll.« Der Bischof bestätigte mir den Empfang dieser Urkunde und teilte mir in einem Briefe mit, daß er selber dem Großen Genius die Nachricht von meinem Gott so wohlgefälligem Geschenk bekanntgeben werde. Er versicherte mir, daß das Denkmal am zweiten Tag des folgenden Jahres der allgemeinen Besichtigung und Verehrung dargeboten werden solle und ersuchte mich um die Erlaubnis, es bis dahin verhüllt lassen zu dürfen. Der Groß-Gärtner war bei uns, als ich diesen Brief erhielt. Er kam zu uns, um uns seine Freude darüber auszusprechen, daß wir die Vergötterung des Theologen nicht gutgeheißen hatten, und um uns zu unserer Großmutstat zu beglückwünschen, die das Stadtgespräch bildete. Man war sich darüber einig, daß ein solches Geschenk niemals früher dagewesen wäre und daß es unverständlich sei; man habe noch nie gesehen, daß eine klardenkende Person ihr ganzes Vermögen bei Lebzeiten Gott opfere. Dies heiße gewissermaßen die Vorsehung herausfordern. Der Weihbischof und seine Familie seien besonders erstaunt. Diese Schenkung, von Menschen gemacht, die ohne die Großmut des Königs hätten hungern müssen, würde also keineswegs von allen Denkenden als heroische Tat angesehen. Praktische Leute sagten, wir müßten verrückt sein. Der Groß-Gärtner machte uns auch noch auf die bescheidenste Art und Weise darauf aufmerksam, daß wir dem Bischof einen offiziellen Besuch schuldig seien, da er die Höflichkeit gehabt hatte, seine Zustimmung zur Aufstellung des Denkmals zu geben, ohne auf die diesbezügliche Genehmigung vom Hofe von Heliopalu zu warten. Da ich diese Ansicht vollkommen teilte, ließ ich mich dem Bischof durch dessen Großzeremonienmeister anmelden, der mir den Empfangstag bekanntgab. Der König lobte diesen Schritt und riet mir, mich mit meinen vier Kindern zum Bischof zu begeben. Am bestimmten Tage war der große Schloßhof voller Neugieriger, zwischen denen man sogar einige Rote sah. Wir bestiegen einen schönen Wagen mit erhöhtem Dach, der ganz mit Phosphor überzogen war. Ich saß zur Linken meiner Frau, die auf einem sehr weichen Kissen die Säuglinge hielt. Richard und Anna saßen uns gegenüber, zwischen zwei roten Megamikren, zwei Edlen vom Hofstaate des Königs, die uns auf dessen Befehl begleiteten. In drei anderen schönen, dem unseren folgenden Wagen saßen vierundzwanzig andere Adlige, von denen jeder vier berittene Diener mitfühlte. Die Zahl meiner Diener belief sich auf dreihundert, von denen nur einhundert zu Fuß gingen. Vor uns ging ein Zug Klarinettespieler, hinter uns eine vielinstrumentige Musikbande, die auf goldenen Trommeln, Trompeten und Waldhörnern spielte, so oft die vorderen eine Pause machten. Der Zug bewegte sich sehr langsam vorwärts. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete uns, hielt die Straßen besetzt und erfüllte die Luft bei unserem Herannahen mit Freudenrufen. Der Bischof, der einen so feierlichen Besuch nicht erwartet hatte und den man hiervon nicht hatte verständigen dürfen, hatte keine Zeit mehr, sich vorzubereiten, um uns entsprechend empfangen zu können. Nichtsdestoweniger kam er uns bis zur Tür des großen Empfangssaales entgegen, von einer großen Menge verschiedenfarbiger Megamikren geleitet, die den verschiedenen Würdenträgern der Geistlichkeit zugeteilt waren. Er setzte sich dann auf einen Thron, der einen Halbkreis bildete und dreiunddreißig Plätze hatte, von denen die sieben mittleren höher waren als die anderen. Von diesen sieben erhöhten Sitzen aber war der mittlere noch wieder höher als die drei zur Rechten und zur Linken. Für den Bischof war nur ein Platz bestimmt, da er das Vorrecht hatte, ohne seinen Unzertrennlichen in der Öffentlichkeit erscheinen zu dürfen. Meine Frau wurde zu seiner Rechten, ich zu seiner Linken placiert. Elisabeth hielt ihre schlafenden Säuglinge auf den Armen, neben mir standen meine beiden anderen Kinder, die über den ungewohnten Ort und Anblick erstaunt sich ganz still verhielten. Als erste Begrüßung und Freundlichkeitsbetätigung erklang ein äußerst melodisches Vokal- und Instrumentalkonzert mit einem Präludium, das uns zur Seele sprach. Ihm folgte ein Duett, das fünfmal von einem den Schlußvers singenden Chor unterbrochen wurde, und das das Orchester begleitete. Die dritte Wiederholung des Schlußverses sangen meine Kinder mit, was den Prälaten und die ganze Versammlung in Staunen versetzte und uns herzlich rührte. Als die Kleinen Tränen in meinen Augen sahen, kletterten sie bis zu meinem Hals hinauf und umarmten und küßten mich, was dem Bischof und seinem Hof den reizendsten Anblick bot. Nach dem Konzert hielt er uns eine halbstündige Ansprache und lobte uns, daß wir das Denkmal Gott geweiht hätten. Diese Widmung bezeuge klar, daß die Opfernden keinen anderen Ruhm erstrebten, als den, der ihnen durch die Schenkung selbst zuteil geworden ist. Er lobte den Weihbischof wegen des in unsere Tugend gesetzten Vertrauens. »Gott«, meinte er, »müßte ihm die Zuversicht eingegeben haben, daß die Riesen diesen Schatz in den Tempel senden würden, da es ja der Allerhöchste war, dem er seine Rückkehr zum Leben verdanke. Doch war es seine Pflicht, das Denkmal den von Gott zur Ausführung des Wunders bestimmten Werkzeugen zu schicken.« Des weiteren verurteilte der Bischof in seiner Ansprache die Theologen. Er tat das mit einem Euphemismus, dessen die Megamikren sich mit einer ungemeinen Geschicklichkeit zu bedienen wissen, um allem, was traurig und verabscheuungswürdig ist, eine lichtere Note zu verleihen. Jeder gewandte Redner versteht solches auch bei uns zu tun, doch gelingt es in keiner Sprache so gut, wie in der der Megamikren, die besonders zur Figur der Aposiopose geeignet ist. Nach dieser Höflichkeitsrede fragte der Bischof meine Frau, warum ihre Kindlein schliefen und ob sie schöne Augen hätten. Als einzige Antwort begann sie, sie mit fünfmaliger Unterbrechung zu stillen, und die Kleinen tranken, ohne ihre Augen vom Bischof abzuwenden. Ich benützte diese Gelegenheit, um seine Gnade für die ihrer Würde entkleideten Ausleger der Mysterien zu bitten. Er antwortete mir, ich sei der einzige, dessen Fürsprache er diese Bitte nicht abschlagen könne. Sie dürften die Begnadigung jedoch nicht vor dem Tag der feierlichen Aufstellung meines Globus und ohne öffentliche Buße erhoffen. Es erschienen nun viele Diener mit Körben voll Blumen, die sie an die Anwesenden verteilten: uns aber überreichten sie die wertvollsten. Jeder zündete sein Körbchen an, und der herrliche, ihnen entsteigende Duft bildete den sogenannten Hochgenuß des großen Hofes. Der Bischof erhob sich dann und verkündete laut, uns stünden die großen und kleinen Eingangstore zu ihm offen. Die letzteren öffnen zu dürfen, galt als besonderes Vorrecht, da man dann, ohne sich anzumelden, eintrat. Nur der König besaß dies Privilegium von Rechts wegen. Eine kurze Melodie kündigte unsere Verabschiedung an. Durch den Zeremonienmeister darauf aufmerksam gemacht, ersuchten wir noch den Bischof um die Gnade, seine heilige Brust küssen zu dürfen, was er uns mit der größten Zuvorkommenheit gestattete. Dieser heilige Kuß war uns übrigens keineswegs zuwider, da der brave Prälat niemals in seinem Leben sich mit Orakelerteilungen abgegeben hatte. Wir kehrten in derselben Marschordnung nach Hause zurück und ich schrieb sofort an die beiden Theologen und forderte sie auf, sich am vierten Tag des neuen Jahres bei mir einzufinden. Auf die beiden Fragen des Weihbischofs antwortete ich nunmehr folgendes: »Gott hat Euch, o edler und hochwürdigster Herr, eine unsterbliche Seele und einen sterblichen Körper verliehen. Bei Eurer Geburt hat er Eure Seele mit der dichten und undurchsichtigen Materie des Körpers umgeben. Wie diese Vereinigung der geistigen Seele mit dem materiellen Körper stattfindet und wie dieser wesentliche und unsterbliche Geist sich dann von derselben Materie wieder loslöst, dies ist ein göttliches Wunder, das nur Gott, der es bewirkt, kennt. Es bleibt dieser Vorgang sowohl unserer wie auch Eurer Lehre ein Geheimnis. Ein bewegungsloser Körper, dessen sämtliche Sinne nicht nur teilweise, sondern vollkommen untätig und unempfindlich sind, dessen Blut nicht mehr kreist, der nicht mehr atmet, wird als tot bezeichnet. Doch wird dieser Tod erst dann als festgestellt angesehen, wenn die Verwesung anfängt. Dann erst kann man annehmen, ist die Seele genötigt, sich vom Leib zu trennen. Das Aufhören des Lebens ist somit nicht die Folge des Entfliehens der unsterblichen Seele, sondern die wahre Ursache desselben. Auf diesem Grundsatz fußend, dachte ich, als ich an Eurem Körper noch kein Anzeichen der Verwesung bemerkte, daß Ihr noch nicht vollkommen tot seiet, und somit in einem Zustand, daß Ihr mit Gottes Hilfe wieder lebendig werden könntet, da die Seele Euch noch nicht verlassen hatte. Die Ursache, daß Ihr, ins Leben zurückgerufen, nicht imstande waret, Euch das Geschehene zu vergegenwärtigen, liegt in Eurem organischen Gedächtnis, das durch die tödliche Lethargie, die sich Eurer bemächtigt hatte, lahmgelegt wurde. Hätte Eure Seele sich bereits vollkommen vom Körper losgelöst, und hätte ich aus Verwesungsmerkmalen darauf schließen können, so hätte ich es nicht gewagt, Gott um Vollbringung eines so widersinnigen Wunders anzuflehen. Denn welchen Sinn hätte es gehabt, Gott zu bitten, einem gestorbenen Körper die Seele wiederzugeben? Übrigens werdet Ihr selber zugeben, daß es ein schlechter Dienst gewesen wäre, Eure Seele dem Zustand der Glorie entreißen zu wollen, der stets den vergänglichen Gütern vorzuziehen ist, die wir während unseres Lebens nur mittels unserer Sinne genießen. Wenn Ihr meint, daß Ihr einem von uns wegen des verschiedenen Körperbaus den Vorrang zu geben habt, so habt Ihr darin vollkommen recht. Man gibt ihn in unserer Welt dem Mann, und der bin ich. Als Gott, nachdem er die Welt und alle Tiere geschaffen hatte, meinen ersten Vater aus Erde formte, war es sein Wunsch, ihn nach seinem Ebenbilde zu schaffen. Zu diesem Zweck hat er ihm eine unmaterielle und des Denkens fähige Substanz verliehen. Ohne diese hätte der Mensch nur einen Instinkt wie die Tiere besessen. Nachdem Gott ihn in einer mir ähnlichen Gestalt geschaffen hatte, sah er, daß mein Urvater eines Unzertrennlichen bedürfte, der ihm entsprechen könnte. Er nahm nun ein Teilchen seines Leibes als Hefe und formte ein Wesen, das wir Weib nennen. Beide Individuen waren äußerlich wie innerlich so weit verschieden, wie dies notwendig war, damit sie ihren Zweck richtig erfüllten. Dieser Unterschied mußte sein, da der Mann-Mensch dazu da war seinesgleichen zu zeugen, und der Weib-Mensch um den Keim zu empfangen und zur Reife zu bringen. Gott befahl diesem Paar sich zu vermehren und sagte ihm: ›Die Erde gehört euch, und alle Früchte, die sie erzeugt gehören euch, und ihr sollt euch von ihnen nähren.‹ Gott gab dem Weib eine unsterbliche Seele, gleich jener, die er dem Manne einhauchte. Nach diesen unbestreitbaren Tatsachen, welche der größte aller heiligen Schreiber uns mitgeteilt hat, sagt man bei uns: der Mann ist aus Erde, das Weib aus dem Körper des Mannes erschaffen. Der Mann ist ein Sohn der Erde, das Weib eine Tochter des Mannes. Der Mann ist der Ruhm Gottes, das Weib ist der Ruhm des Mannes. Der Mann wurde zuerst geschaffen, er besitzt die Gabe, selbst schaffen zu können. Das Weib ist die Beförderin der Fortpflanzung unserer Gattung; der Mann ist stärker, und er trägt nicht die Last des Gebärens. Das vernünftige Weib hat ihm nie den ersten Platz abgestritten, sie weiß, daß Gott sie erschaffen hat, damit sie dem Manne diene, und daß ihr deshalb die Milde beschert wurde, die bei ihr die Leidenschaften und die jähzornigen Empfindungen überwiegt, damit sie die Zornausbrüche des Mannes dämpfen könne, zu denen er von Natur mehr neigt als sie. Der Mann aber, in dessen Interesse es liegt, von seiner unzertrennlichen Genossin geliebt zu werden, hütet sich wohl, ihr seine Überlegenheit fühlen zu lassen. Er ist ihr gegenüber sanft, zuvorkommend, gefällig, mitleidig, und befolgt damit das Gebot seines Schöpfers, der dem Paar, sobald es zu hören vermochte, sagte: › Ihr werdet ein Leib sein! ‹ was eine vollkommene Übereinstimmung und gegenseitige Nachgiebigkeit voraussetzt. Einer Eurer Theologen sagte mir, daß Ihr nach der Schöpfung das Gebot erhalten habt: › Seid zwei Körper mit einem Willen! ‹ Ich gebe zu, daß dieses Gebot die Absicht des Schöpfers noch klarer ausdrückt. Ich will hoffen, o sehr weiser und edelster Herr, daß meine Beantwortung Eurer Fragen Eure Wünsche erfüllt. Ich habe nur die reinste Wahrheit niedergeschrieben. Ich bin stets zu Ihren Diensten bereit und zeichne mich, als tiefsten Verehrer Ihrer Tugenden Eduard Alfred, Christ.« Diese Antwort, von der ich dem König eine Abschrift sandte, war dem Weihbischof sehr angenehm und befriedigend, obwohl sie ihm reichlich Anlaß hätte geben können, seine Theologen über die Rechtgläubigkeit meiner Schlüsse zu befragen. Alles was ich tat und schrieb, wurde sofort nach Heliopalu gesandt. Der Bischof versäumte nie, diese ihm von der Kanzlei des großen Oberpriesters besonders aufgetragene Pflicht zu erfüllen. In jenen Tagen ließ der herrschende Bischof den Spruch veröffentlichen, den die theologische Fakultät über den Sonnenflug des Daches unserer Kiste erlassen hatte, und schickte mir eine Abschrift desselben, samt einer dazu gehörenden Abhandlung des Physikerkollegiums. Er schickte mir auch sein Orakel, durch das er erklärte, in dieser Angelegenheit sei der Große Genius allein Schiedsrichter. »Gott«, sagte dieses Orakel, »bedient sich zur Belehrung der Menschen in so wichtigen Angelegenheiten keiner anderen Organe, als der Stimme des höchsten Stellvertreters des Helion.« Hier nun der Inhalt des Schriftstückes des Physikerkollegiums: »Wir können Ursachen nur dann erforschen, wenn wir die Wirkungen beobachtet haben, und wir können dieselben Ursachen nur gemäß den mit unseren Systemen zusammenhängenden Grundsätzen feststellen. Daß ein Teil der Kiste, die aus Blei oder ihm ähnlichen Stoff bestand und deren Gewicht nach der Aussage vereidigter Sachverständiger etwa viertausend Pfund betrug, vor den Augen des geschätzten königlichen Statthalters und einer großen Menschenmenge zur Sonne hinaufflog, ist eine unbestrittene Tatsache. Unsere Ansicht hierüber konnte sich nur aus der Prüfung des Phänomens ergeben und wir kamen zu der Überzeugung, daß es natürlich sein kann, und zwar aus folgenden Gründen: Das Dach ist zur Sonne emporgestiegen, weil diese es angezogen hat. Diese Anziehung konnte nur durch eine Sympathie stattfinden. Da jedoch Sympathien nur gegenseitig sein können, so kann man bestimmt behaupten, daß, wenn die Kiste der Riesen größer oder stärker gewesen wäre als die Sonne, das Dach die Sonne zu sich angezogen hätte. Zwei sich frei bewegende, gleich starke, voneinander getrennte Körper müssen, sobald sie ihre gegenseitige Anziehung empfunden haben, sich miteinander vereinigen, indem beide schleunigst in gerader Linie den halben Weg zurücklegen. Dies ist geradeso natürlich und selbstverständlich, wie uns bei einigen anderen Körpern die gegenseitige Abstoßung natürlich erscheint. Die physische Ursache dieser Anziehung muß eine diesen Körpern innewohnende Kraft und Fähigkeit sein, sonst müßte eine äußere Kraft ihnen diesen Antrieb geben. Wir kennen aber weder diese Kraft noch deren Mittel, wir sehen sie nicht und können sie nicht annehmen, da wir sie nicht für notwendig erachten. Wir haben bisher nicht gewußt, daß die Sonne außer ihrer bekannten göttlichen Fähigkeit auch in bezug auf die Anziehungskraft noch neue Möglichkeiten besitzt. Daß sie die feuchten Teile der Luft emporzieht, vermögen wir zwar nicht zu sehen, doch sind wir wohl zu dieser Annahme berechtigt. Wer sonst, als die Sonne, sollte viermal im Jahr den Regen, nachdem er gezwungen wurde, an die Oberfläche der Erde und der Flüsse emporzusteigen, zu sich emporziehen. Zum erstenmal haben wir nun in dieser Welt die Anziehungskraft unseres wohltätigen Planeten auf einen festen und sehr schweren Körper festgestellt. Dies ist eine Entdeckung, mittels deren wir andere werden machen können, wenn uns Gott die hierzu notwendige Erleuchtung gibt. Die Theologie wird uns vielleicht auf Wahrheiten hinweisen, zu denen emporzusteigen uns unsere Wissenschaft nicht gestattet.« Des weiteren, Mylords, lasse ich nun hier die Beschlüsse der theologischen Fakultät folgen, welche stets »Schlußfolgerungen« genannt werden: »Der Hauptfehler aller Physiker ist aller Welt bekannt. Nachdem sie durch das Studium der Natur einige den Ungebildeten unbekannte Ursachen entdeckt haben, ist ihr Hochmut so weit gestiegen, daß sie sogar das als natürlich annehmen wollen, was sich durch die von ihnen selbst angeführten Gründe als übernatürlich erweist. Mit gekünstelter Bescheidenheit geben sie zu, daß der Aufstieg der viertausend Pfund schweren Bleikiste zur Sonne nur unter der Voraussetzung natürlich sein kann, daß man im Planeten einen Magnetismus annimmt, wie jener es ist, den man in bezug auf Feuchtigkeit und Regen kennt. Es wird also ihrer Meinung nach als sicher angenommen, daß unser wohltätiger Planet die Ausdünstungen, ohne daß sich sein Wille dabei bekundet, zu sich emporzieht und zwar einzig und allein durch eine ihm innewohnende Wirkung seiner Materie auf diese Ausdünstungen. Wir wollen gerne zugeben, daß es, um ein Wunder anzuzweifeln, notwendig ist, die Sache als natürlich darzustellen. Warum aber hat denn die Sonne, falls die Anziehung des Daches der Kiste eine ihrer Materie natürliche Eigenschaft ist, nicht die anderen Stücke Blei, aus denen die Kiste zusammengefügt war, mit emporgezogen, da doch diese ebenfalls ihren Strahlen ausgesetzt und noch dazu weniger schwer waren? Wir staunen, daß die vom Physikerkollegium verfaßte Schrift, in welcher Harmlosigkeit unter der biedersten Sprache sich geltend zu machen bestrebt ist, die Widerlegung dieses weisen und wichtigen Einwurfes unterläßt. Weniger scheinbare Bescheidenheit und etwas mehr Religiosität würde diesen Gelehrten gut anstehen. Sie sind nur in bezug auf ihre Systeme dogmatisch. Wir sind der Ansicht, daß der Aufstieg des oberen Bleiteiles der Kiste der Riesen ein Wunder war. Und wenn dies auch eine natürliche Wirkung einer uns bisher unbekannten, zum erstenmal tätigen Ursache gewesen wäre, so folgern wir daraus nur dieses: Wenn Gott es zugelassen hat, daß dies Phänomen vor den Augen der Menschen sich ereignet, so wollte er ihnen dadurch nur seinen Willen offenbaren. Bitten wir voller Demut seine göttliche Majestät, uns hierüber aufklären zu wollen, und ehren wir einstweilen ganz besonders jene beiden Wesen, die bereits den Augenblick ihrer Ankunft durch ein so außerordentliches Ereignis bemerkenswert machten, die einen Toten erweckten, und die eine Moral und Denkungsart bekundet haben, welche in bezug auf das höchste Wesen der unseren gleich ist, wie auch ihre Religion in den uns von ihnen offenbarten Punkten mit der unseren übereinstimmt. Es ist wahr, daß wir von ihrer Existenz nichts wußten, und dieselbe sogar für unmöglich hielten. Die Vernunft gebietet uns aber, sie um so höher zu schätzen, da sie herkamen, um uns zu beweisen, daß wir nicht alles wissen. Vielleicht werden sie uns beweisen, daß wir uns noch in vielen anderen und vielleicht wichtigeren Ansichten irren. Bemühen wir uns, ihre Freundschaft zu erwerben, um sie geneigt zu machen, uns zu belehren.« Sie sehen daraus, Mylords, daß wir uns kaum noch mehr wünschen konnten, um glücklich zu sein. Hätten wir auch noch die Erlaubnis erhalten, uns von den Früchten zu ernähren und hätten wir nicht mehr käufliche Seelen um Nahrung betteln müssen, dann wäre unsere Zufriedenheit vollkommen gewesen. Wir hofften eine weitergehende Erlaubnis aus Heliopalu zu erhalten, wenn der große Helion meine in jenen Tagen verfaßte Antwort und alle anderen Nachrichten über uns erhalten hätte. Ich schrieb dem Bischof einen Danksagungsbrief und beschwor ihn, die Güte zu haben, alle uns angehenden Angelegenheiten dem Großen Genius zukommen zu lassen und ihn um sein Orakel zu ersuchen. Ich teilte ihm gleichzeitig mit, daß ich dem Großen Genius demnächst antworten würde und daß der König ihm mein Schriftstück durch seinen am heiligen Hof beglaubigten Minister übergeben lassen würde. Ich bat ferner, ihm eine Abschrift meiner Antwort übersenden zu dürfen, da mir sehr daran läge, daß ihm alle meine Absichten bekannt blieben. Dem großen Oberpriester der Megamikren-Religion schrieb ich folgendes: »Wir, Eduard und Elisabeth Alfred, christlicher Religion, Bruder und Schwester, Mann und Weib, versichern Euch, o heiliger Genius, folgendes: Als Ihr durch Euer Orakel zum Beweise der Heiligkeit unsrer Sendung die Vollführung eines Wunders verlangtet, glaubten wir fest, daß nur Gott, der Alleinherrscher der Natur, dies tun könnte. So überließen wir uns in diesem Gedanken vollkommen seinem heiligen Willen und fühlten uns glücklich, als er uns zu Werkzeugen seiner unwiderruflichen Beschlüsse zu machen geruhte. Indem wir uns nun der ewigen Vorsehung des Herrn aller Herren der Erde überließen, gelang es uns, den Weihbischof seiner Familie lebend und vollkommen gesund wiederzugeben, nachdem sein Tod festgestellt worden war. Dies ist Eurer Heiligkeit ja durch den Bericht des Bischofs dieses Reiches mitgeteilt worden. Dieses Ereignis hat unsre Mission bestätigt und gekennzeichnet und uns selbst überzeugt, daß wir hier nicht zu unserem Unglück oder durch einen Zufall, sondern auf Befehl Gottes herkamen, dessen Ziel uns aber noch unbekannt ist. Eurer tiefen Weisheit und hohen Einsicht wird es jedoch vielleicht nicht verhüllt bleiben. Zum Beweise, o heiliger Vater, daß alles, was wir über das Vorhandensein unsrer Welt gesagt haben, keine Erfindung ist, können wir nur wiederholen, was wir bereits darüber vor der theologischen Fakultät unter Vorsitz des Bischofs ausgesagt haben. Vor demselben hochgeschätzten Kollegium haben wir auch unsre Ansicht verteidigt, daß es unser Recht war, uns von den geheiligten Früchten zu ernähren. Doch wollen wir Eurer Heiligkeit unsre Meinung darüber noch ausführlicher vorlegen. Wir werden unser Recht wahren, wenn man uns einen Garten mit heiligen Bäumen als unbeschränktes Eigentum gibt. Das Zischen der Schlangen wird den Megamikren ganz gleichgültig sein. Warum sollten sie sich auch über das Zischen dieser bösen Ungeheuer beunruhigen, wenn dasselbe für sie keine bösen Folgen haben wird? Dafür verbürgen wir uns aber. Möge Euren Kindern unsere Versicherung zur Beruhigung gereichen, daß wir uns niemals anderer Früchte bemächtigen werden, als jener, die auf unseren eignen Bäumen wachsen werden. Es hieße Widernatürliches verlangen, daß die Schlangen kein Zeichen ihres Zornes geben sollen, wenn sie sehen, daß man sich ihrer gewöhnlichen Nahrung bemächtigt. Von uns zu verlangen, daß sie nicht zischen sollen, hieße so viel, als uns sagen: Wir gestatten euch, euch von diesen Früchten unter der Bedingung zu ernähren, daß die Schlangen es euch aus freien Stücken erlauben. Dies ist aus dem Grund unmöglich, daß die Ungeheuer keine vernünftigen Menschen, sondern wilde Tiere sind, die man nur aus Aberglauben und Gott lästernder Ungerechtigkeit existieren läßt. Die heiligen Mysterien und das geheiligte Zeremoniell unserer Religion können wir nur Euch selber, heiliger Vater, oder einem von Euch ernannten Stellvertreter mit ruhigem Gewissen enthüllen. Es ist Gottes Wille, daß einer so reinen Seele wie der Eurigen keine der Wahrheiten geheim bleibt, die den Sterblichen bekannt sind. Wir wollen einstweilen unsere Zeit dazu anwenden, unser Wissen zum Nutzen Eurer Kinder zu gebrauchen und dadurch die Gnade, um die wir Euch ersuchen, zu verdienen. Wir beten den ewigen Schöpfer an, der alles was existiert, erschaffen hat, und knien vor Eurer Majestät und bitten um Euren väterlichen und göttlichen Segen. Wir flehen Euch an, uns mit Nachsicht als Eure ergebensten Kinder ansehen zu wollen, solange es Gott gefallen wird, uns als Untertanen Eurer Macht hier zu belassen.« Der König sandte diesen Brief seinem Minister in Heliopalu, indem er ihn beauftragte, denselben dem Großkanzler des heiligen Monarchen zu übergeben. Er erteilte ihm ausführliche Verhaltungsmaßregeln, die alle seiner Fürsorge und Güte für uns entsprangen. Nach vierzehn europäischen Monaten erhielten wir die Antwort auf unser Schreiben, über welche ich Ihnen, Mylords, zu seiner Zeit berichten werde. An dem Tag, an welchem Elisabeth die Kinder entwöhnt hatte, waren wir in das schöne und vom König geschenkte Haus eingezogen. Wir besaßen auch einen großen Garten, doch hielt der Bischof, trotz aller Zuneigung, die er für uns hatte, sich für verpflichtet, uns vier von seinen Gärtnern zu schicken, die über die Sicherheit der Schlangen zu wachen hatten. Der Groß-Gärtner sagte uns, der König könne sich über diese Vorsichtsmaßregel des Bischofs keineswegs beleidigt fühlen, da dieser nur seine Pflicht tue und so lange tun werde, bis wir Besitzer eines Gartens seien, der keiner Kontrolle der megamikrischen Kirche unterliege. Am zweiten Tag des neuen Jahres fand die Inauguration des Globus im Haupttempel mit großem Pomp und in Gegenwart einer zahllosen Menschenmenge statt. Auf den Antrag des Bischofs wurden die beiden Theologen vom theologischen Kollegium begnadigt und in ihre früheren Ämter eingesetzt. Am vierten Tag des neuen Jahres kamen sie, mir dafür zu danken und ich versäumte meinerseits nicht, dem, der mir die vier Bände ihrer Weltgeschichte geschenkt hatte, meinen wärmsten Dank auszusprechen. Das Lesen derselben bot mir in den Ruhestunden einen wahren Genuß. Dreißig europäische Jahre verwandte ich darauf, dies seltene Werk, das ich dort zurücklassen mußte, zu übersetzen und mit Kommentaren zu versehen, und ich versichere Ihnen, Mylords, dies Werk ist die einzige Sache, die ich bedauere, dort zurückgelassen zu haben. Keine unserer kostbaren Möbel, alle meine Reichtümer, meine dort erworbene Macht und Bedeutung, nichts erweckt meine Sehnsucht, als nur dies eine Werk, das zu vermissen mich ernstlich betrübt. Im übrigen bin ich nicht einmal um meine Kinder besorgt, die ich alle in der blühendsten Gesundheit zurückgelassen habe. Mit der Unmöglichkeit sie wiederzusehen, haben wir uns längst schon abgefunden. Als wir nun Besitzer eines so schönen und geräumigen Hauses waren, richteten wir uns mit aller Bequemlichkeit darin ein. Ich wies den Dienern den obersten Teil desselben zu, nahm für mich den folgenden Stock und bestimmte für meine Frau eine Wohnung im dritten Stockwerk, das mit dem tieferliegenden, das meine Kinder bewohnten, verbunden war. Meine Frau richtete sich ein Laboratorium zum Verfertigen von Essenzen und eine Werkstatt für ihre Musikinstrumente ein. Ich wohnte beim Garten, zu welchem ich eine kleine Treppe emporsteigen mußte. Ich wandelte einige Kammern in Laboratorien um und richtete im obersten Stock eine geräumige, gedeckte, aber dem Tageslicht zugängliche Schmiede ein, unter welcher, der Amboße wegen, sich keine bewohnten Räume befanden. Von den dreihundert Dienern und Milchgebern, die wir hatten, behielten wir nur dreißig, die sich so abwechselten, daß ein jeder neun freie Tage hatte. Zehn andere Paare besorgten die Küche und die übrigen Wirtschafts- und Hausarbeiten; alle wurden vom König bezahlt. Die von meiner Frau verfertigten Mandolinen wurden bald zum bevorzugten Instrument der Megamikren aller Klassen. Alle, die solch eine besaßen, schätzten sich glücklich. Wir verschenkten sie nur. Doch waren die hierauf erhaltenen Gegengeschenke zwanzigmal soviel wert, als das Instrument. Meine Frau verwandte unsere begabtesten Ernährer zur Anfertigung der Instrumente. Die von ihr Erwählten waren sehr stolz darauf und entzückt, dies Handwerk erlernen zu dürfen. Einige von ihnen baten später um ihre Entlassung, eröffneten Läden und wurden in kurzer Zeit reich. Die Vornehmen wollten aber nur solche Mandolinen haben, die Elisabeth selbst verfertigt hatte und die ihren Namenszug trugen, den zu fälschen niemand sich herausnahm. Die uns für Mandolinen gemachten Geschenke bestanden in wertvollen Möbeln, in Metallen, Diamanten, Hanfteppichen, Stahlspiegeln, Leuchtern, Hand-Leuchterchen und in phosphorgefüllten Lüstern. Ein altes Buch, das der Unzertrennliche des Gouverneurs meiner Frau geschenkt hatte, lehrte sie aus den wohlriechendsten Blumen deren Essenzen auszuziehen. Durch eine langsame Gärung entzog sie den einfacheren Blumen ihren Duft in flüssiger Form. Ein Tropfen davon genügte, um einen Megamikren, der sich damit die Hände einrieb, ganz zu parfümieren. Jede dieser Essenzen hatte eine besondere Eigenschaft. Elisabeth arbeitete selbst in ihrem Laboratorium eingeschlossen. Sie regulierte das Feuer, verkittete die Retorten, verteilte, klärte, füllte und versiegelte die Fläschchen und schrieb die Namen und Eigenschaften der Essenzen auf die Etiketten. Alle bestanden aus einem Mischmasch, dessen Bestandteile niemand erraten konnte. Ein Elixier zum Beispiel verschaffte eine dem Schlaf ähnliche Ruhe dem Körper und dem Geiste, man konnte aber dieselbe ohne jegliche Sinnesbetäubung genießen. Ein anderes verhinderte das Einschlafen, wenn jemand aus Lasterhaftigkeit zuviel getrunken hatte. Ein anderes gab Kraft, noch ein anderes stärkte das Gedächtnis, ein anderes wieder vermochte die Beredsamkeit eines Redners zu steigern. Doch am meisten gesucht und verlangt waren jene, die die Stimme süßer oder stärker oder heller oder wohlklingender machten. Sehr geschätzt waren auch jene Essenzen, welche die Lustigkeit erregten, Mut einflößten und Traurige aus den sie überwältigenden Gefühlen aufrütteln und beruhigen konnten. Und denken Sie nicht etwa, Mylords, daß bei all diesen Tränken ein Betrug obwaltete. Sie verschafften stets die gewünschte Wirkung. Das Elixier, das am meisten Glück machte und allein genügt hätte, um uns reich zu machen, war der Megenthos . Diesen Namen gab ich ihm, und seine Wirkung trat in keiner Weise vor jenen zurück, über die einige Schriftsteller uns belehren, und welche man als fabelhaft bezeichnet. Er vermochte die Gemütsart des Menschen in vollstem Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, es war ein unfehlbares Mittel gegen Langeweile und Traurigkeit. Wir beschenkten damit den König, den Bischof, den Weihbischof und den Groß-Gärtner, der sich dafür bereit erklärte, eine Kiste mit allen Arten unserer Essenzen dem Statthalter zu senden, den wir in einem Danksagungsbrief ersuchten, uns mit einer günstigen Gelegenheit unsere ältesten Kinder zuzusenden. Denn obwohl es damit noch ein bis zwei Jahre Zeit gehabt hätte, erschien es uns doch besonders wichtig, sie selber zu erziehen. Wir waren nun sehr reich, aber wir wären sehr arm gewesen, wenn wir für unsere Ernährung selbst hätten sorgen und die Miete unseres schönen Hauses hätten zahlen müssen. Die Möbel allein hätten den Wert von 60000 Unzen überstiegen. Außerdem muß man den Lohn für jeden unsrer Diener zu fünfzig Guineen jährlich, unsere Tafelfreuden zu 500 Guineen veranschlagen. Die Miete für unser Haus hätte etwa 1000 Guineen im Jahr betragen. Woher hätten wir uns 20000 Guineen verschafft, um leben zu können? Dabei war der Unterhalt unserer Ältesten noch nicht mit eingerechnet, die auf Kosten des Königs in Alphapol lebten. Die Stunde, zu welcher wir saugen mußten, war uns stets eine tiefe Demütigung. Dazu kam noch die Frechheit einiger von den käuflichen Seelen, die für ihre Dienste als Milchgeber nicht genügend bezahlt zu werden behaupteten. Ebenso war es für mich demütigend, wenn ich dem König eine neue Schwangerschaft meiner Frau ankündigen mußte. Das ganze Jahr war ich mit ganz anderen Versuchen beschäftigt als meine Frau. Ich hatte mich nämlich entschlossen, Pulver zu verfertigen, da ich es für das einzige Mittel hielt, die verbotenen Früchte pflücken zu können, ohne daß man die Schlangen zischen hörte. Es blieb mir eben nichts anderes übrig, als sie zu töten. Durch die Vermittlung des Groß-Gärtners verschaffte ich mir verschiedene Arten Schwefel, die jedoch alle weiß waren, dann roten Salpeter, da es keinen anderen gab, und viel graue Koble. Ich begann damit meine Experimente zu machen. Über das Schießpulver und seine Zusammensetzung war mir weiter nichts bekannt, als daß dies seine drei Bestandteile waren. Mein hier anwesender Vater hatte mir dies einmal gesagt. Hätte ich das nicht gewußt, so hätte ich es nie verfertigen können. Den besten Salpeter fand man an den Wölbungen von Kellergeschossen, die an Flüsse grenzten. Lange und große Geduld, Arbeit und Ausdauer hatte ich nötig, um Herr dieser Errungenschaft zu werden, doch gelang es mir schließlich. Sieben Erdenjahre dauerten diese mit steter Gefahr verbundenen Bemühungen. Doch endlich erreichte ich mein Ziel und danke Gott dafür aus vollem Herzen. Wie viele Experimente zerstörten vor dem die Hoffnungen meiner Arbeit! Doch ich verzweifelte nie. Sobald ich das Richtige erreicht zu haben glaubte, zündete ich es an und das Pulver brannte auch gut, aber langsam. Ich versuchte die Dosis des einen oder anderen Bestandteiles zu vergrößern, die Kraft des Pulvers verringerte sich aber nur dadurch. Auch wenn ich die einzelnen Dosen verringerte, nahm die Wirkung des Pulvers nicht zu. Meine liebe Frau, die wegen meiner Versuche um meine Gesundheit bangte, versuchte mich von diesem Vorsatz abzulenken. Doch ich konnte mich dazu nie entschließen. Ich hätte dann auf jegliche Hoffnung verzichten müssen, und ein Mensch wird dann unglücklich, wenn er zu hoffen aufhört. Am meisten besorgt war ich, daß einer von den drei Stoffen in der Megamikrenwelt unwirksam sein könnte, doch meine Angst schwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß sie derselben Natur waren wie bei uns. Nach 100000 von Proben und Versuchen glückte mir eine Zusammenstellung, in die ich gerade am wenigsten Vertrauen gesetzt hatte. An einer glühenden Kohle entzündete sie sich ungemein rasch und mit starker Rauchwirkung. Ich hätte mir beinahe das Gesicht verbrannt, da ich auf diese Wirkung gar nicht gefaßt war. Meine Freude war unbeschreiblich. Ich hatte mir die angewandte Dosis aufgeschrieben und erneuerte das Experiment, das bestens gelang. Dieses Pulver hatte eine blaßrötliche Farbe. Besonders erstaunt war ich aber, als ich eine Pistole gegen ein Brett abfeuerte und es keinen Knall gab. Ich betrachtete dies als ein Wunder und würde es noch als ein solches ansehen, wenn mir nicht vor vier Monaten ein Sachverständiger im Arsenal von Venedig gesagt hätte, daß dergleichen auch bei uns ohne Schwierigkeit gelingen kann. Als ich zu diesem Resultat kam, war ich bereits Besitzer von mehr als 1000 Pistolen aller Kaliber, die ich von meinen Schmieden hatte verfertigen lassen, welche mit der größten Geschicklichkeit alles von mir Gewünschte aus Eisen machten. Niemand konnte ahnen, was ich mit diesen Maschinen anfangen wollte. Niemand kannte weder deren Zweck noch deren Handhabung. Die Schmiede mußten naturgemäßerweise neugierig sein, doch fragten sie mich nie danach. Später werde ich noch auf all dieses zurückkommen. Zur bestimmten Zeit wurde meine Frau von unserem vierten Kinderpaar entbunden, das ich Robert und Pauline nannte. Drei Monate später stellte der König uns wieder 100 neue Milchgeber zur Verfügung. Fünf Monate nach ihrer Geburt erhielten der Bischof und der König das Orakel aus Heliopalu und einen an mich gerichteten Brief, den man mir mit einer Abschrift des Orakels übergab. Der Große Genius sagte, die Heiligkeit unserer Mission sei durch die vollbrachten Wunder, durch unsere heroischen Taten und unsere Moral bestätigt worden. Man schulde uns infolgedessen, wenn nicht göttliche, so doch die höchsten menschlichen Ehrenbezeigungen. Die verbotenen Früchte samt den Bäumen der uns gehörenden Gärten seien unser Eigentum. Unser Recht darauf sei unbestreitbar und er sei sicher, daß wir Mittel und Wege finden würden, seine Kinder nicht durch das grauenhafte Zischen der verfluchten Rasse, die sie bewache, erschrecken zu lassen. Er befahl, man möge uns betreffs der hierzu anzuwendenden Mittel volle Freiheit lassen. – Die Folge dieses Befehls war, daß der Bischof die Wächter aus unserem Garten abrief. Der Brief des Großkanzlers des Großen Genius lautete: »Der Große Genius hofft, daß Ihr nach Abhaltung des Jahrhundertfestes, zu dem der Bischof für Euch einen Thron im Haupttempel zu errichten beauftragt ist, mit Eurer ganzen Familie zu ihm kommt. Er stellt Euch hiermit den Lehensstaat Eins zur Verfügung, der 1375 Meilen von der Hauptstadt entfernt ist, und in welchem Ihr als Alleinherrscher frei und unabhängig leben werdet, da er Euch diesen Lehensstaat mit Erbrecht in Eurer Familie bis ans Ende der Welt verleiht. Nach den Feiertagen wird der Bischof Euch das Diplom darüber aushändigen. Diesen Befehl erhielt der Große Genius von Gott selbst und führt ihn hiermit aus, indem er mich beauftragt, Euch die Versicherung seines besonderen Wohlwollens und seiner steten Gnadenbereitschaft mitzuteilen.« Dieser Brief setzte uns in Staunen. Ich sah mich also zum Fürsten erhoben. Mehr Glück und Reichtum hätte ich mir kaum träumen können. Ich durfte jedoch nichts annehmen, ohne vorher die Zustimmung des Königs erhalten zu haben, dem ich so vieles zu verdanken hatte und der mich als seinen Untertanen betrachten konnte. Meine Frau war nicht weniger überrascht, doch sagte sie nichts und dachte nur viel nach. Wir entschlossen uns, am folgenden Tag zu Hofe zu gehen und ersuchten daher um eine geheime Audienz. Als ich eben im Begriff war, dem ersten Staatssekretär einen Brief mit der Bitte um Angabe einer Stunde für die Audienz abzusenden, kam ein Edelmann im Auftrage des Bischofs, um uns in aller Form dessen Besuch für die zweite Stunde des folgenden Tages anzusagen. Nach dieser Mitteilung sang und tanzte er und entfernte sich, ohne unsere Antwort abzuwarten. Ich sandte den Brief nicht ab, und da bereits die elfte Stunde erklang, so speisten wir und verbrachten die Ruhestunden mit Überlegungen, wie wir uns bei dieser Angelegenheit zu verhalten hätten. Kaum hatte die zwanzigste Stunde geschlagen, ja die Tempelklänge, welche den neuen Tag ansagten, waren noch nicht verklungen, so erschienen zwölf vom König abgesandte Edelleute, um im Auftrag Seiner Majestät den Bischof bei uns zu empfangen. Der ganzen Stadt war sein bevorstehender Besuch bei uns bereits bekannt. Eine große Zahl Diener brachte vom Hofe alles, was zur Errichtung eines Thrones für den Bischof notwendig war. Der König schickte uns auch Musikanten und fünfzig Körbe der teuersten Wohlgerüche zum üblichen Diopasma. Tausend königliche berittene Leibgardisten bildeten Spalier in unserer Straße, um Seiner Eminenz freien Weg zwischen der Menschenmenge bis zu unserer Wohnung offenzuhalten. Wir schauten diesem ganzen Getriebe wortlos zu und ließen alles geschehen, um so mehr, da all dies wie selbstverständlich getan wurde und niemand ein Wort an uns richtete. Schlag zwei Uhr ersuchte der Zeremonienmeister des Königs uns, sich mit ihm zur Eingangstür unseres Hauses zu begeben, um dort den hohen Besuch zu empfangen. Wir taten das denn auch. Tanzend und singend geleiteten wir ihn bis zum Throne, worauf ein Konzert erklang, das aber nur eine Viertelstunde dauerte. Sodann sprach der Bischof uns mit folgenden Worten an: »Ich bin vom Großen Genius beauftragt, Euch zum Jahrhundertfest in den Haupttempel einzuladen, wo ein ähnlicher Thron für Euch errichtet sein wird wie der, der vor einhundertvierzig Jahren für den König des zweiundsiebzigsten Reiches errichtet wurde. Nach der Feier werde ich Euch das Diplom übergeben, das Euch, zum Beweis der Zuneigung unseres Herrn, als herrschende Fürsten des Lehensstaates Eins einsetzt. Ich werde Euch auch 200000 Unzen übergeben und Ihr werdet dann im Tempel die große Philelie anstimmen und sie mit allen Anwesenden zu Ende singen. Diese nur dem König zukommenden Ehrenbezeigungen sind ein weiterer Beweis der Gnade des Großen Genius.« Der Zeremonienmeister sagte uns, daß wir als einzige Antwort nur zum Danksagungsgesang zu tanzen hätten, und der bischöfliche Sekretär übergab mir den schriftlichen Wortlaut der Ansprache. Wir tanzten und sangen und geleiteten Seine Eminenz nach den üblichen Räucherungen bis zu ihrem Wagen, dabei ununterbrochen tanzend und singend. Ganz erschöpft und außer uns kamen wir in unsere Zimmer zurück. Doch wir erlangten nach kurzer Zeit unsere Denkfähigkeit wieder. Der Brief des Ministers, der Empfang, das Zeremoniell des Besuches, die Ansprache des Bischofs, diese neue Wendung unseres Schicksals, das uns plötzlich aus abhängigen Bettlern zu Herrschern machte, all das war so unerwartet und unvorbereitet über uns gekommen, daß es uns einfach betäubt hatte. Aufmerksam lasen wir die Ansprache des Bischofs. 200000 Unzen, meinte meine Frau, das ist mehr als der Metallwert des Globus, den wir dem Tempel geschenkt haben. Ein Lehensstaat ist ein Geschenk, das man nicht erwidern kann, und es gehört zu denen, die man nicht zurückweisen kann. Der Verstand verbietet es einem ja auch. Meine Frau hatte vollkommen Recht. Ein solches Geschenk ließ sich durch gar nichts vergelten und die Vernunft hätte uns die Annahme desselben geboten, wenn nicht der Preis gewesen wäre, den man dafür von uns verlangte. Das Diplom und die erwähnte Geldsumme sollten uns erst nach unserer Teilnahme am Jahrhundertfest übergeben werden und wir hatten die Pflicht, vor der ganzen Versammlung die Philelie anzustimmen. Dies alles schien dem Großen Genius nicht gleichgültig zu sein, da er es voraus verlangte. War es denn aber uns gleichgültig? Es hieß unseren Glauben verleugnen. Der Psalm, den man Philelie nannte, sagte etwas, was wir nicht fühlten, was unseren Ansichten widersprach, was wir positiv falsch nennen mußten. Hätte uns die Herrschermacht glücklich gemacht, wenn wir uns durch den steten Vorwurf unseres Gewissens im Innersten erniedrigt fühlen mußten? Hätten wir uns danach ebenso lieben und achten können? Kann man noch lieben mit dem Gefühl, daß man ein Verbrecher, ein Feigling, ein Verleumder, ein Verräter ist? Und hätten wir denn ohne gegenseitige Liebe glücklich sein können? Ich glaube es nicht! »Es handelt sich also darum, meine Liebe,« sagte ich zu meiner Frau, »unser Glück zu verkaufen. Sage mir, ob du glaubst, daß die Herrschaft über die Welt genügen könnte, um uns für diesen Verlust zu entschädigen? – Was sagt denn dieser Psalm. Er lautet folgendermaßen: ›Wir beten dich an, o unsterbliche Sonne! Du bist es, o sichtbarer Gott, der uns auf den Befehl des unsichtbaren und unbegreiflichen Gottes aus dem Nichts emporgezogen hat, der uns am Leben erhält. Du, der unter der glänzendsten und strahlendsten Gestalt, unter der schönsten Form unbeweglich inmitten der herrlichen Welt stehst, die du erschaffen hast. Du, Sonne, die du durch dein strahlendes Licht, das kein sterbliches Auge jemals anzusehen vermochte und nie vermögen wird, uns die Unbegreiflichkeit deiner Natur offenbarst, erhöre und erfülle die Bitten, die wir an dich, an diesem Beschauungstag, einmal im Jahrhundert dir zusenden. Vergib uns unsere Sünden und gib uns die Tugenden, deren wir bedürfen, um sie nicht wieder zu begehen. Bedenke, daß unsere unsterblichen Seelen ein Teilchen deiner unsterblichen Wesenheit sind und daß, wenn du sie nach diesem kurzen Leben unglücklich werden läßt, die Unsterblichkeit, die du ihnen zur Erlangung der Seligkeit geschenkt hast, ihnen zur größten Qual gereichen wird. Bedenke, daß sie aufhören werden dich zu lieben und dein unheilvolles Geschenk verfluchen werden. Bedenke auch, daß du ihre Verdammnis nicht zulassen kannst, ohne einem Teil deines Selbst einen ewigen Schandfleck aufzudrücken.‹« Meine Frau hörte still zu, dachte nach, vergoß einige Tränen und sagte schließlich: »Wir werden an der Jahrhundertfeier nicht teilnehmen. Wir werden nicht die Vasallen jenes Herrn werden, der uns im Tempel einen Thron errichten ließ. Wir würden ja unglücklich werden. Die Religion läßt sich nicht verleugnen, denn kein Schatz, keine Würde der Welt vermag sie zu ersetzen. Ein Glaubensloser könnte das Geschenk des Großen Genius annehmen und dabei glücklich sein, aber ist wohl der Zustand eines glaubenslosen Menschen beneidenswert?« Besuche kamen und dauerten den ganzen Tag fort. Alle mächtigen Höflinge, sogar der Minister des Königs, kamen uns zu begrüßen. Traurig, niedergedrückt, müde vom achtstündigen Tanzen und Singen, setzten wir uns zu Tisch. Die Ruhestunden vergingen, ohne daß wir fähig gewesen wären, miteinander zu sprechen. Den folgenden Tag um die zweite Stunde gingen wir zu Hofe. Der König empfing uns mit seinem Unzertrennlichen. Kaum, daß wir bei ihm eingetreten waren, sagte er uns: »Wir werden zum Jahrhundertfest uns alle vier in einem Wagen zusammen hinbegeben, und der ganze Hofstaat wird uns folgen.« Ich antwortete ihm: »Sire, wir sind der uns vom Großen Genius und von Eurer Majestät erwiesenen Gnade unwürdig. Wir können an der Feier nicht teilnehmen.« »Ihr könnt es,« erwiderte der König, »da nur ich Euch an der Teilnahme hindern könnte.« »Die physische Macht«, sagte ich, »ist kein Beweis für die moralische Macht. Sie kann letzterer nur widersprechen, und die moralische Macht kann sich nur erhalten, wenn sie auf die physische Macht verzichtet. Wir können keinen Götzendienst treiben. Die Worte der Philelia zu wiederholen, hieße für uns einen solchen Götzendienst begehen, selbst wenn wir den Worten in unserem Innern eine widersprechende Deutung geben würden. Ein Ehrenmann kann nur die Religion haben, zu der er sich auch durch äußeren Kultus bekennt. Eine innere Abgötterei kann trotz widersprechendem äußeren Kultus getrieben werden, doch die äußere Handlung kann die wirkliche Religion nicht unbefleckt lassen, da diese keine Lüge dulden kann. Sire, wir vermögen nicht zu lügen, und alles, was die Philelia enthält, erscheint uns von unserem Standpunkt aus als eine Lüge. Wir werden an dem Jahrhundertfest nicht teilnehmen.« Nie habe ich so bestürzte Megamikren gesehen, als das Königspaar es nach diesen Worten war. Der König schritt lange schweigend auf und ab, und sah nur zuweilen seinen Unzertrennlichen an. Einige Male blickte er mich an und seine Augen schienen zu sagen: du bist mir unbegreiflich. Schließlich wandte er sich an mich und sagte, daß wir uns vom Tempelbesuch nur unter der Bedingung freimachen könnten, daß wir unsere Bedenken in bezug auf das hohe Lied bekanntgeben und dem Großen Genius mitteilen müßten. Nur dieser vermochte unsere Skrupel zu billigen. Wir sollten sie dem Orakel unterbreiten und es anrufen. »Schreibet ihm, und sendet Eure Antwort durch die Vermittlung des Bischofs, nachdem Ihr sie vorher mir vorgelegt habt.« Nach diesen Worten verließ er uns tiefbetrübt und wir kehrten nach Hause zurück. Hier die Antwort, die ich dem Bischof zur Beförderung nach Heliopalu geschickt habe: »An Euch, o heiligster und weisester Genius, Herr und Oberhaupt der in dieser Welt herrschenden Religion, wenden wir uns, um Euch zu ersuchen, Euer Orakel möge die Schwierigkeiten ebnen, die aus der uns auferlegten Pflicht entstehen, im Tempel einen Psalm an die Sonne richten zu müssen, die von Euch und allen Megamikren als Schöpfer anerkannt wird. Habt Erbarmen mit uns, erleuchtet uns mit Euren Lehren, höret nicht auf, uns zu segnen und an unsere Untertänigkeit zu glauben. Entweder werden wir Euere Lehrsätze und Ansichten anerkennen, oder Ihr selbst werdet unsere Gründe als stichhaltig ansehen. Ihr werdet von uns nicht die Übertretung unserer Glaubenslehre verlangen, der selbst bei drohender Lebensgefahr zu gehorchen wir geschworen haben. Unsere Gründe: Erstens: Wir dürfen die Sonne weder als »unsterblich« noch als »Gott« bezeichnen, da wir sie nur als Gottes Schöpfung betrachten können und es uns nicht bekannt ist, daß Gott ihr die Unsterblichkeit verlieh. Zweitens: Wir dürfen nicht sagen, daß die Sonne uns aus dem Nichts emporgezogen hat, da wir wissen, daß unser erster Vater von Gott erschaffen wurde. Wir können auch nicht sagen, daß diese Welt von der Sonne erschaffen wurde, da wir fest daran glauben, daß Gott selbst sie gemacht hat. Auch können wir sie nicht um die Vergebung unserer Sünden anflehen, da wir nicht durch sie die Sonne erregt zu haben glauben, sondern den Zorn Gottes. Drittens: Wir glauben auch nicht, daß unsere Seelen ein Teilchen der Sonne oder ihrer Ausstrahlungen sind. Nicht sie ist es, von der wir Vergebung und Mitleid nach dem Tode erhoffen und Bestrafung fürchten. Alles was wir erhoffen und befürchten, hängt nur vom immateriellen Gott ab, der sich selbst und dann erst Euch mit allem, was existiert, erschaffen hat. Wir flehen Gott an, er möge Euch in der Beurteilung unserer Ansichten uns gegenüber wohlwollend stimmen, wie wir es durch die Unschuld unserer Herzen und die Reinheit unserer Gedanken zu verdienen glauben.« Dies war meine Antwort, welche der König genehmigte und über welche er dem Bischof tiefstes Schweigen bis zum Entschluß des Großen Genius befahl. Diese Antwort kühlte unser Verhältnis zum Großen Genius bedeutend ab und dies dauerte zehn europäische Jahre fort. Ziemlich still verlebten wir diese Zeit und trachteten, uns in den erwählten Kunstfertigkeiten immer mehr zu vervollkommnen. In der Antwort, die ich dem Großkanzler des Oberpriesters sandte, dankte ich untertänig für die uns vom Großen Helion gemachte Schenkung, die anzunehmen ich mich, wegen meiner Weigerung in betreffs der Anstimmung der großen Philelie, nicht für würdig halten könne. Ich fügte hinzu, daß ich nichtsdestoweniger Gott danke, weil ich ihm durch diese unerhörte Weigerung meine Ergebenheit beweisen könne. Ich erfülle damit nur meine Pflicht und diese zöge ich allen Gütern der Erde vor. Einen Monat später wurde das Jahrhundertfest gefeiert und die ganze Stadt erzählte sich die abenteuerlichsten Geschichten über unser Fernbleiben. Dies war uns jedoch ganz gleichgültig. Die Zahl unserer Besucher verringerte sich. Nur der Groß-Gärtner blieb. Unser treuer Freund kam oft zu uns, er war aber sehr betrübt, daß wir nun nicht zu Fürsten erhoben würden. Im Stillen mißbilligte er unsere Handlungsweise, doch war er zu vorsichtig, um seine Gedanken zu verraten. Sechs Monate nach diesen Feierlichkeiten gebar Elisabeth das fünfte Zwillingspaar, das ich Wilhelm und Therese nannte. Sie entwöhnte sie am ersten Tag unseres sechsten Jahres. Acht Tage später erschien unser lieber Freund, der Groß-Gärtner, bei uns, mit unseren lieben ältesten Kindern Jakob und Wilhelmine. Groß war unsere Freude. Sie waren nun vier Jahre und drei Monate alt, doch waren sie bereits so entwickelt, wie bei uns Kinder von neun Jahren. Ein Brief des Statthalters rührte uns herzlichst. Er beschrieb uns seine und seiner Familie Betrübnis im Augenblicke, als sie sich von den kleinen Riesen trennen sollten. »Sie waren«, so schrieb er, »unser Glück und alle unsere Freunde vergötterten sie.« Wir dankten ihm aus tiefstem Herzen für alles Gute, das er ihnen getan, und schickten ihm herrliche Geschenke. Jakob und Wilhelmine waren außerordentlich schön. Er war braun, sie blond, beide alabasterweiß mit herrlich roten Wangen. Die armen Kleinen, die stets nur mit Megamikren verkehrt hatten, sahen uns ganz erstaunt an und zogen sich ängstlich vor uns zurück, als wir ihnen entgegentraten. Wir aßen sie förmlich mit unseren Küssen auf und erstickten sie mit Liebkosungen. Wir redeten sie englisch an, da wir vergaßen, daß wir, um uns verständlich zu machen, sie in der ihnen eigen gewordenen Sprache anreden müßten. Erst in der Gegenwart ihrer jüngeren Geschwister wurden sie unbefangener. Binnen einem Jahr lernten sie vollkommen englisch sprechen, lesen und schreiben. Meine Frau wurde ihre Lehrerin und brachte ihnen auch das, was wir die »christliche Lehre« nannten, bei. Dies ist ein ganz kurzer Katechismus, auf den ich noch zurückkommen werde. Wir benachrichtigten den König von der Ankunft der »kleinen Riesen« und baten ihn um Erlaubnis, sie ihm vorzustellen. Er ließ uns die Stunde bekanntgeben, zu welcher er sie holen lassen werde. Der Anblick dieser beiden reizenden kleinen Wesen entzückte das königliche Paar, um so mehr, als sie in allem bewandert zu sein schienen. Ganz unbefangen sprachen sie mit den Majestäten, belustigten sie und verdienten ihre Bewunderung durch ihre einfachen und naiven Anschauungen und Beobachtungen. Sie sagten ihnen ohne jegliche Scheu, daß sie hungrig seien und berührten dabei die königlichen Brüste. Wir stürzten hinzu, um die Kinder unter tausend Entschuldigungen zurückzuweisen, doch die guten Fürsten ließen sie gewähren und lachten über diese kindliche Offenheit. Vor unserer Verabschiedung bat der König uns, ihm die Kleinen öfter zu schicken. Er würde sie jedesmal durch einen seiner Edelleute holen lassen. Wiederum gebar Elisabeth ein Zwillingspaar und ich nannte sie Theodor und Franziska. Da wir bereits reich genug waren, um für uns selbst sorgen zu können, dachten wir daran, den König von der Erhaltung unserer Ernährer zu befreien, umso mehr, da diese bei uns verschiedene Handwerke erlernten und wir deshalb so viele, wie uns nötig waren, um billiges Geld haben konnten. Der König gestattete es uns und ließ uns dafür jedes megamikrische Jahr eine Pension von 10000 Unzen auszahlen. Zu Beginn des siebenten Jahres unseres Aufenthaltes richtete meine Frau zwei Wohnungen, die an die ihrige grenzten, für unsere Kinder ein. Sie brachte in ein neben meinen Wohnräumen befindliches Zimmer unsere beiden ältesten Knaben, die sie nicht mehr mit ihren Schwestern zusammenlassen wollte, da sie bereits anfingen, sich in sie zu verlieben. Ich war völlig damit einverstanden und zu Neujahr eines jeden Erdenjahres vermehrte sich die unter meiner Aufsicht stehende Jungenschar um ein Mitglied. Elisabeth lehrte ihren Töchtern die von ihr ausgeübten Kunstgewerbe und ich unterrichtete meine Söhne in der Schmiedekunst und der Verarbeitung von Salpeter und Schwefel, aus welchen wir Pulver verfertigten. Wir gingen selten aus, da wir von der Bevölkerung nicht mehr so hoch geachtet wurden wie früher, seitdem sie erfahren hatte, daß wir uns geweigert hatten, in den Tempel zu gehen, um nicht der Sonne bei dem Jahrhundertfest huldigen zu müssen. Diese vier Jahre verbrachten wir so still, daß man beinahe nicht mehr von uns sprach. Doch erschien uns die Zeit nicht lang, da unsere Beschäftigungen und die Erziehung unserer Kinder uns völlig in Anspruch nahm. Nur der Groß-Gärtner kam noch uns besuchen und speiste einmal in jeder Auferstehungszeit mit uns. Man sprach nicht mehr über unsere Angelegenheit am Hofe von Heliopalu und wir gingen zu Hofe, nur wenn der König uns berief, was äußerst selten vorkam. Meine ältesten Kinder, die ungemein rasch wuchsen, gingen öfters hin, doch nie aus eigenem Antrieb. In diesen Jahren kamen Heinrich, Karl und David zur Welt und ich nannte ihre Zwillingsschwestern: Judith, Barbara und Johanna. Zu Beginn meines zehnten Aufenthaltsjahres kündigte ich Jakob und seiner Schwester Wilhelmine an, daß ich sie am ersten Tage des folgenden Jahres vermählen werde. Auf Drängen meiner Frau entwarf ich ein diesbezügliches Gesetz, das auch von meinen Nachkommen genau innegehalten wurde, bis ich mich gezwungen sah, es teilweise zu ändern. Der Neujahrstag der Riesen wurde zum einzigen Tag bestimmt, an welchem zu heiraten gestattet war. Die Vermählten mußten Zwillinge und zur Zeit der Hochzeit neun Jahre und drei Monate alt sein. Sie waren dann schon so entwickelt, wie man es hier mit vierzehn Jahren ist. Dieser Tag war der Gedächtnistag an jenen, an dem wir beim Statthalter erwachten. Wir berechneten unser Jahr zu 720 megamikrischen Tagen, was genau 36o von unseren Tagen gleichkam. So kam es, daß alle Frauen unseres Geschlechts stets am gleichen Tage entbunden wurden und nie einen anderen Geburtshelfer hatten als ihren Gatten. Die schönsten Einrichtungen lassen sich in einer Welt erreichen, in der sie die Natur durch unveränderliche Regelmäßigkeit unterstützt. Als der Bischof starb und unser Freund, der Auferstandene, seine Stelle einnahm, riet der König uns, ihm einen offiziellen Besuch zu machen. Er war der Ansicht, daß ich mich bemühen müsse, von dem uns zugeneigten treuen Bischof eine besondere Unterredung zu erreichen, um unsere Angelegenheit am Hofe zu Heliopalu zum Abschlüsse zu bringen. Er bewies uns, daß für unsere sichere Versorgung notwendigerweise uns die Ernährung mit den verbotenen Früchten, trotz dem Zischen der Schlangen, gestattet werden müsse; sonst würde unsere Existenz immer bedenklicher und schließlich doch unmöglich werden. »Eure Familie«, sagte er uns, »vermehrt sich unaufhörlich. Was werdet Ihr in hundert Ernten machen, wenn Ihr mindestens 3000 Nachkommen haben werdet? Ihr werdet Hungers sterben müssen, da Ihr keine Megamikren mehr finden werdet, die willig wären, Euch zu stillen, oder sie werden solche Preise dafür verlangen, daß Ihr sie, auch wenn Ihr noch so reich sein würdet, nicht zahlen könntet. Wie würdet Ihr es anfangen, 150000 Milchgeber halten zu können? Woher würdet Ihr sie nehmen wollen?« Dies war buchstäblich die Wiederholung des uns ununterbrochen quälenden Gedankens, doch durfte und konnte ich meine Weigerung, den Psalm an die Sonne zu singen, nicht widerrufen. Ich war aber auch noch nicht im Besitze des Mittels, das Zischen der Schlangen zu verhindern, wenn ich mich ihrer Früchte bemächtigen wollte. Der König sorgte dafür, daß unser Besuch beim Bischof mit fürstlicher Pracht stattfand, und wir wurden auch wie Fürsten empfangen. Der würdige Herr verdankte uns das Leben und hatte uns durch sein Geschenk bewiesen, wie sehr er an demselben hing. Er liebte uns aufrichtig, hatte für uns eine tiefe Verehrung und hielt uns für machtvoller, als wir es in Wirklichkeit waren. Mit Betrübnis sah er infolge der Bedingung aus Heliopalu sich lahmgelegt und an der Zuwendung vieler Wohltaten, die er uns zugedacht hatte, verhindert. Er hielt diese Bedingung für unrecht und meinte, wir hätten so viele Zeugnisse von der Religiosität unseres Geistes abgelegt, die an unserm Edelmut nichts zu zweifeln und zu wünschen ließen. Er verdammte auch den Eigensinn, womit man uns den Genuß der Früchte, solange als die Schlangen noch zischten, verweigerte. Er war der Ansicht, daß man sie ruhig hätte zischen lassen sollen. Einige Tage später sagte er mir bei einer geheimen Unterredung, er hoffe, daß der Große Genius schließlich auf der Bedingung für unsere Ernährung, sowie auf der Forderung, das hohe Lied im Tempel anzustimmen, nicht weiter bestehen werde, wenn der König seinen Gesandten in Heliopalu beauftragen würde, diese Angelegenheit in seinem Namen mit dem Großkanzler des göttlichen Monarchen zu erörtern und zum Abschluß zu bringen. Er sagte mir auch, es gelte nicht zu bitten, sondern gute und triftige Staatsraison hierfür vorzubringen. Ich teilte die Ansicht des Bischofs dem König mit und er antwortete mir in seiner Güte, daß er bereit sei, alles für uns zu tun, ich möge ihm nur die Beweisgründe angeben, die er dem Großen Genius unterbreiten solle, und ihm also sagen, wieso die Staatsinteressen es verlangten, daß er sich um unsere Angelegenheiten kümmere. Ich dankte dem König für sein Wohlwollen und sprach die Hoffnung aus, ihm in kurzer Zeit triftige und beachtenswerte Gründe angeben zu können. Wir verbrachten diese Zeit in erfolgreichen Arbeiten für unsere besonderen Gewerbe. Die von meiner Frau fabrizierten Essenzen fanden immer mehr Beachtung. Zu dieser Fabrikation allein benötigten wir 500 Megamikren, da wir nicht nur die Hauptstadt und das Reich, sondern auch nahe und ferne Länder damit versorgten. Dorthin brachten sie Zwischenhändler und verkauften sie sehr teuer. Die Bestellungen mehrten sich so, daß ich um den Garten herum Magazine und Laboratorien zur Destillation und zur ordentlichen Aufstellung der verschiedenen Fläschchen bauen lassen mußte. Dieser Artikel allein brachte uns jährlich über 100000 Guineen ein. Der Unterricht unserer Kinder lag uns auch sehr am Herzen. Mit vier Jahren konnten sie bereits lesen, doch kostete es uns eine unendliche Mühe, ihnen das richtige und saubere Schreiben der Megamikrensprache beizubringen. Die sieben Farben zwangen den Schreiber, die Feder auf eine ganz eigene Art zu handhaben, die sich nur nach langen Zeitverlusten und mit mühevollen Versuchen erlernen ließ. Auch für Megamikren war dies eine schwer zu erlernende Kunst. Deshalb waren die Schreiber dort sehr teuer und man mußte auf bestellte Schriftstücke und Abschriften stets sehr lange warten. Außerdem machte die Furchenschrift den Gebrauch noch mühsamer. Dies brachte mich auf den Gedanken und zu dem Entschluß, die Schreibart ganz zu ändern, und es dahin zu bringen, daß die ganze Welt, von unserer Hauptstadt angefangen, nur dieser sich bediene. Nachdem ich mir die neue Methode angeeignet hatte, beschloß ich mit meiner Frau, daß unsere Kinder fortan nur so schreiben sollten. In kurzer Zeit erlernten sie diese Schreibweise, die auf folgendem beruhte: Auf einem viereckigen und länglichen megamikrischen Papierblatt zeichnete ich drei parallele, um ein Zwölftel eines Zolls voneinander entfernte, horizontale Linien, mit einem Abstand von je einem drittel Zoll zeichnete ich drei andere, und so weiter bis zum Ende des Blattes. Diese drei Linien dienten mir dazu, die Buchstaben dazwischenzuschreiben, ohne genötigt zu sein, sie erst durch Farben erkenntlich zu machen und zu unterscheiden. Es war also etwas Ähnliches wie unsere Notenschrift. Das A zum Beispiel, anstatt rot gezeichnet zu werden, wurde unterhalb der untersten Linie geschrieben. Auf der untersten Linie selbst schrieb man jene Buchstaben, die sonst orangefarben erschienen, in den ersten Zwischenraum gehörten die gelben, auf die Mittelzeile die grünen, im zweiten Zwischenraum kamen die sonst blauen, auf der obersten Linie standen die indigofarbenen und über denselben die violetten. Diese Schreibart gefiel den farbigen Kindern des Königs sehr. Sie kamen uns oft besuchen und schrieben kleine Briefchen an unsere Kinder, die ihnen in einer Viertelstunde darauf antworteten, was sonst mit Verwendung der Farbfeder eine volle Stunde Zeit erfordert hätte. Diese Schrift lief wie die englische von links nach rechts. Die Furchenschrift wurde abgeschafft. Der König fand die neue Schreibart hübsch, einfach und nachahmenswert und begann, sich ausschließlich nur dieser Schrift zu bedienen. Auch die Höflinge sahen sich gezwungen, sie zu erlernen. In weniger als zwei europäischen Jahren war sie von allen Stadtbewohnern angenommen, die Alfakinen ausgenommen, die erst viel später, nach Einholung der Orakelaussprüche, sich zu derselben bekehrten. Die Berufsschreiber sahen sich gezwungen, ihre alte Schreibart aufzugeben und die bei ihnen bestellten Schriftstücke um einen achtmal geringeren Preis anzufertigen als früher. Dafür gewannen sie an Zeit und Bestellungen, so daß sie dabei nicht zu kurz kamen. Die von ihnen erhobenen Klagen waren also unzutreffend, ihre an uns gerichteten Verwünschungen ungerecht. Ich bereitete jedoch einen Schlag vor, der sie wirklich hart treffen und mich für die früheren unberechtigten Anklagen rächen sollte. Da hatten sie dann allerdings allen Grund, mir nie verzeihen zu wollen. Von der neuen Schreibart wirklich und ohne Entschädigung betroffen wurden die Verkäufer der vielfarbigen Tinten. Sie richteten infolgedessen an den König eine Bittschrift, in der sie um Gerechtigkeit gegen uns flehten, worüber der König nur herzlich lachte. Sobald ich meine neue Schreibmethode mit Beifall aufgenommen sah, wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit der Papiermacherei zu. Die Papiermühle, die ich in Lincoln beim Mylord Bridgend, Ihrem Großvater, gesehen hatte, war mir noch im Gedächtnis. Mit der Bewilligung des Königs kaufte ich in der Nähe des Flusses ein Landhaus. Beschleunigte den Lauf des Wassers durch ein Wehr und baute dort eine Mühle, die ich durch das Wasser treiben ließ. In dem Hause richtete ich alle Räume zweckmäßig ein. Ich hatte eine Faulbütte, in welcher die Lumpen zersetzt wurden, ein vom Wasser bewegtes Stampfwerk, das die mit Schneidemessern versehenen Stampfen enthielt, und überhaupt alles, was zum Papiermachen nötig ist. Kaum gab ich bekannt, daß ich alle alten und zerrissenen Hanffetzen kaufte und dafür ein wenig mehr bezahlte als die Maurermeister, die sich derselben zur Verstärkung der Häuserfundamente bedienten, so brachte man mir davon eine Menge in allen Farben. Aber alle waren der Größe nach so übereinstimmend, daß sie nicht sortiert zu werden brauchten. Ich ließ nur die Stücke zertrennen und die allerfeinsten beiseite legen. Die Faulbütte befand sich im zweiten Stock. Binnen einer Ernte hatte ich ein Papier, das sich als vorzüglich und tadellos erwies. Diese Fabrikation kostete mir ungeheuer viel Arbeit, erforderte viel Geduld und viel Geld, doch war ich sicher, daß sie sich in kurzer Zeit rentieren würde. Ein in meinem Dienst stehender Megamikre erbot sich, mir das Alleinrecht des Einkaufens der Lumpen zu verschaffen und versicherte mir, daß ich sie auf diese Weise zu einem besonders niedrigen Preise werde erwerben können. Ich tat aber gerade das Entgegengesetzte. Um mir die notwendige Quantität zu sichern, ließ ich bekanntmachen, daß ich die Lumpen um ein Fünftel über den gewohnten Preis bezahlte. Den schlechten Berater entließ ich sofort. Später erfuhr ich, daß dieser Mensch sich rot zu färben verstanden hatte, und zwar so gut, daß man ihn für einen Edelmann hielt. Eine Zeitlang gelang ihm dies, doch schließlich machte er bankrott, man arretierte ihn, und als man ihn ins Bad steckte, sah man zur allgemeinen Bestürzung, daß er einen blauen Kopf, einen buntscheckigen Körper und gelbe Arme hatte. Sein Unzertrennlicher blieb aber rot und niemand begriff etwas davon, zumal da sie edle Kinder hatten. Von meiner Papierfabrikation teilte ich anfangs niemandem etwas mit. Sogar der König, der mich in jener Zeit wohl zwanzigmal besuchte, erfuhr nichts und er war so edel und tugendhaft, seine Neugier nicht merken zu lassen, doch sagte er mir später, er habe bestimmt etwas Derartiges erwartet. Die aufgenommenen Arbeiter führten meine Befehle aus, ohne zu verstehen, woran sie arbeiteten. Meine vier ältesten Söhne waren stets in der Fabrik und überwachten die Arbeit nach meinen Weisungen. Als mein Papier tadellos war, schrieb ich an Seine Majestät, daß ich ihr ein kleines Geschenk machen möchte. Als Antwort ließ mich der König durch einen Hofwagen abholen. Ich begab mich mit Jakob (Elisabeth stand vor ihrer Niederkunft) zu ihm. Jakob war noch keine neun Jahre alt, doch bereits so entwickelt, wie ich es gewesen war, als ich in jene Welt kam. Als ich dem König mein Papier vorlegte, das sehr blaßrötlich, sehr fein und herrlich glänzend war, mußte ich ihm zuerst sagen, was es sei. Der Monarch nahm es schweigend, betrachtete es, schrieb darauf und war von der Güte und Schönheit sehr überrascht. Ich sagte ihm, daß es nur an ihm liege, mein Papier in Mode zu bringen, und versicherte ihm, daß es binnen zehn Jahren einer der bedeutendsten Zweige des Handels in seinem Reiche sein werde, da die ganze Welt es werde haben wollen. Des Erfolges sicher, vergrößerte ich die Fabrik, vermehrte die Zahl der Faulbütten, der Stampfen, der Mühlen und, sobald ich mit großen Lumpenvorräten versehen war, verdoppelte ich die Zahl meiner Arbeiter. Das neue Papier brach sich rasch Bahn. Ich bestimmte seinen Preis und eröffnete in der Fabrik selbst eine Verkaufsstelle. Bald sah ich aber, daß diese sich zu weit vom Mittelpunkte der Stadt befand, und der König, als ob er meine Gedanken erriete, gab mir einen großen Laden in der Hauptstraße, den ich mit Ware füllte. Einer meiner Megamikren, dessen Geschicklichkeit und Gewissenhaftigkeit mir bekannt waren und für den man mir bürgte, setzte ich als Leiter des ganzen Verkaufes im großen und im kleinen ein. Mittlerweile war meine Frau bereits von ihrem zehnten Zwillingspaar, Simon und Faustine, entbunden und es kam der Tag von deren Entwöhnung. Es war der letzte Tag unseres zehnten Aufenthaltjahres. Am darauffolgenden Tag vermählte ich Jakob mit seiner Schwester Wilhelmine, in die er so verliebt war, daß ich um seine Gesundheit besorgt war; denn die Fabrik nahm uns so sehr in Anspruch, daß ich ihm nicht täglich gestatten konnte, seine Mutter in der Stadt zu besuchen. Nach seiner Verheiratung übergab ich ihm die Oberaufsicht über den Verkauf in meinem Laden und bestimmte zu seinem Unterhalt ein Zehntel des ganzen Gewinnes. Ich wollte, daß die Heirat meines ältesten Sohnes mit dem größtmöglichen Aufwand stattfinde. Ich gab daher allen meinen Freunden bekannt, daß das Jahr unserer Religion an diesem Tag beginne, daß es aus vier Ernten bestehe und daß an jedem dritten Tag jeder vierten Ernte von nun an wenigstens eine Hochzeit stattfinden werde. Ich hatte dies auch dem König mitgeteilt. Der Monarch freute sich über den Zuwachs unseres Vermögens und die Früchte unserer geschickten Kunstfertigkeiten. Doch bemitleidete er uns auch im stillen, da er wohl einsah, wie bedauernswert wir in bezug auf unsere Ernährung waren. Er verlor aber seine Zeit nicht. Er sandte dem Großen Genius zwölf Kisten von unserem Papier und eine Kiste mit den von meiner Frau verfertigten Essenzen, die er bei uns bestellen ließ, ohne uns ahnen zu lassen, daß er selbst der Käufer derselben sei. Er benachrichtigte seinen Gesandten in Heliopalu von allem und beauftragte ihn, mit dem Großkanzler des Großen Genius darüber zu verhandeln und ihm klarzulegen, daß das Wohl des Reiches unsere feste Ansiedelung erheische, die aber eine sehr unsichere sein würde, so lange wir gezwungen blieben, unsere Nahrung den Megamikren abzukaufen. Er sagte ihm, die Errichtung der Papierfabrik sei nur ein kleiner Beweis unserer Talente, und es sei nicht ratsam, uns fallen zu lassen, noch uns aufs Äußerste zu treiben. Er trug ihm auf, die Aufmerksamkeit des Großen Genius auf den Zuwachs unserer Familie zu lenken, die sich zwar langsam vermehrt habe, von nun an aber sehr schnell wachsen werde, so daß die uns mit der Zeit notwendig werdende große Zahl der Ernährer zu einer Schande der Kinder der Sonne ausarten und zu einem skandalösen Beispiel werden würde; denn alle Welt wisse, daß die Bastarde der Hauptstadt ihre Milch den Fremden verkaufen müßten, die doch nichts sehnlicher wünschten, als die Erlaubnis zu erhalten, sich von einer Frucht nähren zu dürfen, die ihnen ihren Religionsvorschriften gemäß mit gutem Recht zukäme. Den Megamikren aber könne aus dieser Erlaubnis kein Nachteil erwachsen. Am ersten Tag des Jahres kam zur Hochzeit Jakobs die auserlesenste Gesellschaft aus der Hauptstadt in unser Landhaus. Der Bischof, den ich mit meinem schönsten Papier beschenkt hatte, sandte seinen Protosymellen, der König schickte mir seinen ersten Koch, seinen Küchenchef und seine Musik und äußerte den Wunsch, daß das Fest auf seine Kosten gefeiert werde. Er gab mir schriftlich den guten Rat, die Neuvermählten am darauffolgenden Tage dem Bischof vorzustellen, und ich befolgte seine Weisung. Das Fest war herrlich. Es waren vierundzwanzig Tische zu vierundzwanzig Gedecken und an jedem saß ein Paar Farbiger, denen die Roten aufs höflichste entgegenkamen; diese ehrenwerten Bastarde waren Gelehrte, reiche Geldleute und Beamte der geistlichen Körperschaften. Das Brautpaar saß zwischen meiner Frau und mir, die übrigen Mitglieder unserer Familie mußten zu Hause bleiben und auch diese Regel wurde später zum Gesetz erhoben und gehörte zu unserem Ritus. Meine 1400 Papierfabrikarbeiter wurden ebenfalls bewirtet und bekamen stets für diesen Tag ihren Lohn ausbezahlt, ohne daß sie zu arbeiten brauchten. Dies war das erste von mir gestiftete Fest; andere führte ich mit der Zeit noch ein. Im Augenblick, als wir uns zu Tisch setzen wollten, erschien der hellrote Zeremonienmeister des Königs mit seinem Unzertrennlichen, sang und tanzte und übergab mir einen roten Mantel, der mir bis zu den Fersen herabwallte, mit Ärmeln, die bis zu den Ellbogen reichten; am Halse wurde er mit einer Diamantschnalle geschlossen. Einen ähnlichen Mantel übergab er meiner Frau, nur waren dessen Ärmel blau. Der Zeremonienmeister hielt uns eine schöne Ansprache, in der er uns im Namen seines Herrn die schmeichelhaftesten Sachen sagte und hüllte uns selbst in diese Ehrenzeichen ein, die uns der Gunst des Königs versicherten. Meine Frau bekam außer dem Mantel auch die große Eromide, die ebenso blau war wie die Ärmel des Mantels. Dies war eine Art Tunika, wie die Kardinale sie bei großen Gelegenheiten unter dem Meßgewand tragen, nur mit dem Unterschied, daß sie unterhalb des Busens anfing, die halben Füße verdeckte und auf beiden Seiten aufgeschlitzt war. Diese Eromide, die ich so nenne, weil sie weder die Arme noch die Schultern berührte, war aus dem feinsten Linnen angefertigt und meiner Frau besonders sehr lieb, weil sie ihren Leib verhüllte, der, wenn sie schwanger war, einen keineswegs schönen Anblick bot. Der liebenswürdige Megamikre nahm unsere besten Danksagungen höflichst an und entfernte sich sodann. Singend und tanzend geleiteten wir ihn bis zum Ausgangstor. Ermüdend war es für uns, die nun folgenden Beglückwünschungen der ganzen Gesellschaft entgegenzunehmen. Der Groß-Gärtner sagte mir heimlich, diese Auszeichnung erhebe uns in den hohen Adel; wir hätten von nun an bei Hofe den Vortritt vor allen anderen Edelleuten. Es ist mir nicht möglich, Ihnen, Mylords, die lustige Stimmung zu beschreiben, die an unserem Tische, an welchem wir mit dem Brautpaar saßen, herrschte. Die Komplimente, die die Megamikren meinen armen Kindern machten, waren solcher Art, daß sie die Heiterkeit aller Tischgenossen erregten, aber das junge Paar zur Verzweiflung brachten, weil sie sie entweder nicht verstanden oder sich nicht trauten, auf diese einzugehen. Obwohl es ihnen sonst an Geist nicht fehlte, fühlten sie sich so überglücklich, daß es ihnen nicht möglich war, mit Geistesblitzen den Anwesenden zu imponieren Sie schauten sich von Zeit zu Zeit an, sahen uns dann und die ganze Gesellschaft an, die sich vergebens bemühte, sie zum Reden zu bringen. Sie spürten keinen Hunger und aßen nichts, sie ersehnten nur das Ende der Mahlzeit, wie sie mir später lachend anvertrauten. Zum Schlusse der Mahlzeit kamen die Einreibungen an die Reihe und ich sah voraus, daß der in jener Welt übliche Brauch die Galanterie zu weit führen könnte. Wir hatten darüber bereits mit meiner Frau gesprochen und ich versprach ihr in dieser Angelegenheit, die sie sehr beunruhigte, beschwichtigend einzugreifen. Ich übernahm es, an die bereits von den sehr starken, auserlesenen Wohlgerüchen angeregte Gesellschaft eine kleine, wohlgewählte und überdachte, ehrerbietige Rede zu halten. Sie rief die gewünschte Wirkung hervor. Kurz und bündig sagte ich ihnen folgendes: »Göttliche Versammlung aller Tugenden, sehr edle und sehr gelehrte Megamikren! Ich sehe mich gezwungen, Euch um die Erlaubnis zu bitten, an diesem Tag des Glückes an einem Brauch unserer Welt festhalten zu dürfen, den unsere Vorfahren stets beobachtet haben. Jede Reibung ist bei uns an einem Hochzeitstage nicht nur den Neuvermählten, sondern der ganzen Familie verboten!« Ich brauchte nichts mehr zu sagen. Sie klatschten mir Beifall, lachten viel und begnügten sich meinem Wunsche gemäß mit Küssen, die man ihnen nicht verbieten konnte, die aber, wie ich merkte, dem jungen Paar lästig fielen, da beinahe 600 Eingeladene anwesend waren. Nach einem reizenden Konzert, einer herrlichen Dichtung, deren Schöpfer, der Meister der Phonik, zuweilen mitsang und die nur wir leider nicht verstanden, schlug man uns einen Spaziergang im Garten und eine Besichtigung der Papierfabrik vor. Trompetenklänge kündigten die Stunden der Ruhe an und alle entfernten sich, ohne sich zu verabschieden; dies war dort Sitte, sobald die Gästezahl hundert überstieg. Wir führten das Brautpaar in ihr neues Zimmer, wo wir es umarmten und mit tausendfachen Segenswünschen allein ließen. Hierauf zogen wir uns in unsere Wohnung zurück, wo wir uns im Alkoven ausruhten, nachdem wir unsere neuen Schmuckkleider abgelegt hatten. Ich stand im fünfundzwanzigsten Lebensjahre und trug bereits einen langen Bart, da ich mich, trotz den Bitten meiner Frau nicht entschließen konnte, mich zu rasieren. Mit der Zeit erkannte ich die Vorteile, die die Barttracht mir brachte, so daß ich mich entschloß, sie nicht nur beizubehalten, sondern zum Gesetze zu machen, daß der älteste Sohn jeder Familie den Bart solle wachsen lassen. Alle anderen Alfrede begannen am ersten Tage ihres fünfzehnten Lebensjahres sich zu rasieren und taten dies dann täglich. Diese Vorschrift war und blieb stets in hohen Ehren und wurde streng beobachtet. Mit dem Klang der Trompete, die den neuen Tag ankündigte, erschienen vor uns die Neuvermählten, die vor Glück und Zufriedenheit strahlten; sie überschütteten uns mit Liebkosungen und wir fanden, daß sie wieder zu sich gekommen waren. Wir hüllten uns in unsere Mäntel und gingen alle vier zu unserem Freunde, dem Bischof, der uns zu der vom König erhaltenen Auszeichnung beglückwünschte, die uns allerorts die höchste Achtung verschaffte. Er sagte uns, er habe nicht eine Stunde gezögert, diese Neuigkeit dem Großen Genius mitzuteilen. Er umarmte das junge Paar aufs innigste, was sie erwiderten, und überschüttete sie mit allen Segen und Segenswünschen, die seine Frömmigkeit ihm eingab. Er ersuchte meine Frau, ihm eine bestimmte Essenz zu schicken, die nach seiner Ansicht die Eigenschaft besaß, ihm eine sanfte Betäubung zu verschaffen, in welcher er auf Wunsch ein Orakel geben konnte, ohne bis zur Berauschung Milch trinken zu müssen; meine Frau sandte sie ihm umgehend. Er hieß uns in den Tempel eintreten, wo zwei von seinen Geistlichen uns zu Plätzen führten, die nunmehr für uns bestimmt waren, wie wir zu unserem Erstaunen hörten, da man uns hiervon nicht benachrichtigt hatte. Diese Sitzplätze bestanden aus zwölf Sesseln, die im Halbkreis zu beiden Seiten des von uns geschenkten Globus standen. Dort sitzend, konnten wir den Anwesenden nur den tiefsten Respekt einflößen und diese Vorsichtsmaßregel war sehr angezeigt, da nach unserer Weigerung, den Psalm an die Sonne zu singen, unsere Religion allgemein verdächtig erschien. Kaum sah man uns dort in den Mänteln, als die Nachricht von unserem Nachgeben sich verbreitete und man als sicher annahm, daß wir bei der nächsten Gelegenheit mit den anderen das hohe Lieb singen würden. Vom Tempel begaben wir uns zum König, um ihm unseren Dank auszusprechen und um uns der vornehmen Welt in unseren Mänteln zu zeigen. Alle Minister und der ganze Adel machten uns Platz, obwohl wir mit einem in den bescheidensten Tönen gesungenen Liedchen auftraten. Die Neuvermählten zeichneten sich durch ihren Tanz aus. Sie nahmen die Glückwünsche des königlichen Paares und aller Würdenträger entgegen, die abwechselnd bald Jakob, bald Wilhelmine ansprachen, worauf diese in feinem Hofton antworteten. Sie waren die einzigen von unseren Kindern, die stets die Megamikren-Sprache besser beherrschten als die englische. Vom Hofe fuhren wir zu dem Hause, das ich dem jungen Paare bestimmt hatte. Es war dasselbe, worin das Papiergeschäft sich befand; meine Frau hatte ihnen darin eine schöne Wohnung einrichten lassen. Ich rief den Megamikren, den ich als Leiter des Geschäftes eingesetzt hatte, und stellte ihm meinen Sohn als meinen Bevollmächtigten vor, den er als meinen Oberaufseher anzuerkennen und dem er jeden Tag über alles Bericht zu erstatten habe. Der Megamikre begrüßte ihn, ging in seine Wohnung und ich sagte meinen Kindern, sie seien nun selbständig in ihrem Heim, ich gebe ihnen zehn vom Hundert des Gewinnes vom Papierabsatz zu ihrem Unterhalt und lasse ihnen vollkommene Freiheit, indem ich mir nur vorbehalte, ihnen von Zeit zu Zeit Ratschläge zu geben. Jakob antwortete mir, dies sei ein Recht, das dem Besitzer niemals bestritten werden könne. Es folgten wieder Segenswünsche und es flossen einige Tränen der Rührung. Wir trennten uns, Elisabeth fuhr in unser Haus in der Stadt und ich kehrte in die Fabrik zurück. Nachdem ich so lange gewohnt gewesen war, nackt herumzugehen, fühlte ich mich anfangs durch den Mantel belästigt, doch gewöhnte ich mich bald an denselben. Die Papierfabrikation war nicht meine einzige Beschäftigung. Einen großen Teil meiner Zeit nahmen meine Schmieden in Anspruch; die von mir bereits verfertigte Zahl der Waffen war überraschend groß und alle waren sehr schön, tadellos gearbeitet und ohne Zweifel besser, als man sie hier macht, da der mit Zinn gegossene Stahl mir ein Metall für die Läufe gab, das den stärksten Experimenten Widerstand hielt, selbst wenn sie bis zur Mündung geladen waren. Meine Frau war die einzige, der der Zweck dieser Waffen bekannt war; die Neugierde der Megamikren mußte sehr groß sein, doch kam es niemals vor, daß man mich darüber befragte. Ihre anständige Gesinnung ging sogar so weit, daß sie nicht einmal den Mechanismus der Waffen sich näher ansahen, aus Furcht, man möchte sie für neugierig halten. In diesem Jahr gelang es mir, endlich ein tadelloses Pulver zu entdecken. Ich verwahrte es in einem besonders dazu in einem Winkel meines Gartens gebauten Turme, wo es jeder Gefahr fern war. So fremd mir das Feld der Pyrotechnik war, so gelang es mir doch, durch große Geduld und immer neue Versuche ein Pulver herzustellen, wie man sich ein besseres weder wünschen noch herstellen könnte. Ich weiß aber nicht, ob es möglich wäre, hier ein gleich gutes zu erzeugen; die Bestandteile sind nämlich von ganz verschiedener Güte. Die Kohle ist bei den Megamikren graublau und gänzlich frei von Alkalien, der Schwefel ist weiß und der Salpeter rot, doch würde ihre Farbe bedeutungslos sein, wenn sie nicht von deren Qualitäten abhängig wäre. Ich befreite den Salpeter vom Salzgehalt, indem ich ihn löste und zum Gerinnen brachte, so daß er wie Kristall aussah. Mit ebensolcher Sorgfalt befreite ich den Schwefel von allen seinen fremdartigen Bestandteilen, denn die Qualität des Pulvers wird verringert, wenn der nachlässige Arbeiter irgendeine der Natur des Schwefels fremde Materie an ihm haften läßt. Indem ich diese drei Ingredienzen in einem großen Mörser zusammenmischte, unterließ ich es nie, sie mit einer Essenz wohlriechender Kräuter zu befeuchten, die ich durch Gärung säurehaltig machte; mein Pulver wurde dadurch nicht nur von dem abstoßenden Geruch befreit, der vielen Leuten Übelkeit verursacht, sondern duftete sogar sehr angenehm. Indem ich nun meine Masse durch ein Sieb trieb, bildeten sich kleine weiße Kügelchen, welche starkgepreßte Luft enthielten und dadurch mein Pulver im höchsten Grade explosiv machten. Ein von mir gemachter Versuch bewies mir, daß jedes Pulverkügelchen sich zum zweitausendfachen Volumen seiner Größe ausdehnte. Wollte ich meinem Pulver etwas von dieser Kraft abnehmen, so fügte ich ihm eine winzige Gabe Kohlenpulver hinzu. Vier Pfund meines Salpeters, ein Pfund Kohle und neun Unzen Schwefel waren die Dosis, welche die Wirkung meines Pulvers unfehlbar machte. Ich nahm dabei an seiner, obgleich augenblicklich erfolgenden Wirkung drei Momente wahr. Der erste ist die Entzündung der Kohle, der zweite die des Schwefels und der letzte die des Salpeters, der sich nicht entzündet, sondern zerschmilzt. Die Erfindung des Pulvers beweist das Göttliche des menschlichen Geistes; ich weiß zwar, daß zur Entdeckung der Eigenschaften seiner Bestandteile viel der Zufall beigetragen hat, doch würden wir nie das Pulver gehabt haben ohne das Wissen, den tiefen Beobachtungssinn, die Geduld, das Studium und die Ausdauer, die dem schaffenden Geist zur Seite standen, das Ziel zu erreichen, das er sich vorgesetzt hat. Ob diese Erfindung das Glück oder Unglück der Menschheit vermehrt hat, ist eine andere Frage; sollte aber das Pulver sogar die Vernichtung der ganzen Welt verursachen, so bleibt es nichtsdestoweniger ein Wunderwerk der Macht des menschlichen Geistes. Seitdem ich die Notwendigkeit einer festen Niederlassung in jener Welt für mich und meine Nachkommenschaft ins Auge gefaßt hatte, erkannte ich, daß nur die geheiligten Früchte unsere natürliche Nahrung werden konnten, somit ist es wohl begreiflich und natürlich, daß ich an die Mittel und Wege dachte, wie das Gezücht zu vernichten wäre, das sich von ihnen ernährte. Ich konnte meine Hoffnung nur auf Schußwaffen setzen und war deshalb eifrig bemüht, mir eine möglichst große Menge von solchen zu verschaffen. Ich lernte das Eisen Härten und so fein bearbeiten, daß nach sechs Jahren kein Schmied es mit mir aufnehmen konnte. Doch meine Nachkommen, von denen jetzt etwa 200000 Schmiede von Beruf sind, brachten es in dieser Fertigkeit noch weiter und überboten mich. Es ist eine wahre Freude für einen Vater, in den Künsten, die er selbst betrieben und seinen Söhnen beigebracht hat, sich von diesen überholt zu sehen; nur ein schlechter Vater könnte darum neidisch sein. Nachdem es mir gelungen war, die neue Schreibart mit nur einer Tinte in Mode zu bringen, und als mein Papier an Güte dem besten europäischen gleich war, begann ich, an die Einrichtung einer Druckerei zu denken. Diese Kunst war mir unbekannt, doch hatte ich ebensowenig über die anderen Sachen gewußt, deren Vollführung mir bereits gelungen war. Einen Begriff hatte ich davon, es genügte mir zu wissen, daß es eine mögliche Sache war. Ich rechnete auf meine Intelligenz und Vernunft, die meine Erfahrung erleuchten und leiten sollten, und auf meine Geduld, die mich am Erfolg nicht verzweifeln lassen würde. Wer nichts unternimmt, dem kann auch nie etwas gelingen. Ich glaube jedoch, daß ich meine Zeit umsonst verloren hätte oder daß meine Bemühungen erfolglos geblieben wären, wenn ich nicht vorher die Schreibart mit einer Farbe eingeführt hätte. Um in sieben Farben zu drucken, hätte man jedes Blatt siebenmal unter die Presse legen müssen und man hätte somit zum Drucken beinah ebensoviel Zeit verwenden müssen wie zum Schreiben, wo eben die Raschheit der Vervielfältigung die Anwendung der Druckerei so nützlich macht. Da ich nur einfarbigen Druckes mich zu bedienen brauchte, so war ich voll guter Hoffnung, widmete mich dieser Arbeit mit dem Vorsatze zu siegen und zweifelte nicht an dem Erfolg. Diese Druckerei aber, Mylords, kostete mir mehr Mühe als die Zusammensetzung des Pulvers, denn obwohl das letztere mehr Zeit in Anspruch nahm, so bot es mir eine Zerstreuung; bei der rein materiellen Einrichtung der Druckerei aber stellte die böse Langeweile meine Geduld auf die härteste Probe, da diejenigen, die meine Befehle auszuführen hatten, kein meinen Belehrungen entsprechendes Begriffsvermögen besaßen. Machte ich ihnen darüber Vorwürfe, so antworteten sie mir, ich müßte eben meine Belehrungen ihrem Begriffsvermögen anpassen; ich sah ein, daß sie recht hatten, wurde ruhiger und verdoppelte meine Geduld. Ich begann meine ersten sechs Buchstaben so zu gießen, daß sie als Gießform dienen konnten; ich machte große, punktierte, verschiedenartig akzentuierte Buchstaben, alle gleich tief und gut ausgehöhlt. Zuerst machte ich eine kleine Modellpresse, Linien, Formrahmen, Kanteln, Setzschiffe, mit Schrauben versehene Winkelhaken und etwa zehnmal mußte ich meine Versuche mit der Druckfarbe wiederholen, ehe ich das Richtige traf. Sodann war es mir ungemein schwer, den Arbeitern das Setzen begreiflich zu machen. Später vermochten sie als Drucker nicht anders als umgekehrt zu lesen. Sie würden es nicht glauben, wie oft meine Arbeit mißlang, ehe mir z. B. das Licht aufging, daß man das Papier befeuchten muß, ehe man es unter die Presse legt. Trotz hundertfachen Schwierigkeiten und falschen Griffen gelang es mir aber schließlich in meinem Zimmer, auf der Handpresse eine kleine Rede zu drucken. Ich erreichte mein Ziel, nachdem ich zur unumstößlichen Überzeugung gelangt war, daß ein Ungeduldiger nie etwas im Leben erreichen wird, daß aber im Gegenteil ein Mensch, der auszuharren versteht, alles zu erreichen vermag, was überhaupt hinieden erreichbar ist. In dieser Zeit gebar meine Frau ihr elftes Zwillingspaar, Johann und Thekla. An demselben Tag erlebten wir die Freude, daß meine Tochter Wilhelmine auch ein Zwillingspaar zur Welt brachte, ein Kind männlichen und ein Kind weiblichen Geschlechts, das eine dunkelhaarig, das andere blond, die Jakob taufte und ihnen unsere Namen: Eduard und Elisabeth gab. Ich besuchte die junge Mutter, die ich bei bester Gesundheit traf. Dieses Ereignis zeigte mir den natürlichen Gang meiner Nachkommenschaft an. Am ersten Tag meines zwölften Aufenthaltjahres vermählte ich Richard mit Anna und das Fest, das ich bei dieser Gelegenheit veranstaltete, war nicht minder glänzend als das erste. Mit Jakob nahm auch Wilhelmine, die am Tage zuvor ihre Kleinen entwöhnt hatte, an dem Hochzeitsmahl teil, bei dem sie in Schönheit strahlte und mehr noch durch ihren Geist glänzte. Man neckte sie mit der Verlegenheit, in der sie vor einem Jahr da saß, und sie war die erste, darüber zu lachen, wobei sie sich ganz witzig zu verteidigen wußte. Bald wurde sie von der ganzen Stadt vergöttert. Ich brachte mein zweites Kinderpaar ebenfalls in dem Hause unter, worin sich das Papiergeschäft befand. Sie bezogen eine für sie eingerichtete Wohnung und ich bestimmte zu ihrem Unterhalt ein zweites Zehntel der Einkünfte des Geschäftes. Richard wurde Teilhaber, Jakobs Mitarbeiter, dessen Arbeit als Oberaufseher sehr aufreibend war. Der König war über diese Einrichtung höchst erfreut; er sah in diesem sich von Tag zu Tage vergrößernden Handel einen Vorteil für die Finanzen seines Staates und für eine bedeutende Zahl seiner Untertanen, die sich dabei ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Vorteil des Staates beruhte auf dem Ausfuhrzoll. Man zahlte nicht viel, aber die große Zahl der Sendungen glich die Billigkeit der Taxe aus. Eine Gebühr, deren Einführung den dortigen Königen schändlich erschienen wäre, ist das bei uns übliche Wegegeld, das man als Verstoß gegen den Begriff der Freigebigkeit der Könige betrachten und das einzuführen die Monarchen als demütigend ansehen würden; sie wollen von ihren Völkern als genügend reich und großmütig betrachtet werden, um die Landstraßen auf ihre Kosten zu erhalten, anstatt den Reisenden diese unbillige Last aufzubürden. Sie sehen ihr Reich als ihr Haus an, in welches der Besitzer wohl das Recht hat, den Eintritt nach seinem Belieben zu verwehren, es doch niemals aber zulassen kann, daß ein Fremder sagt: Ich kann hineingehen, wann ich will, denn ich habe bezahlt. Die durch meine Fabrik vor dem Ruin stehenden Fabrikanten des früher gebrauchten Papiers richteten an den König eine Bittschrift, in welcher sie ihn um die Aufrechterhaltung aller ihrer Privilegien ersuchten, wonach nur Angehörige ihrer Zunft Papier fabrizieren durften. Auf Grund dessen baten sie Seine Majestät, uns die Papierfabrikation zu untersagen. Eine Woche später sandte der König ihnen ein Dekret, mittels dessen er ihnen gestattete, ein dem unseren ähnliches Papier zu fabrizieren, und gleichzeitig erließ er an meine Fabrik ein strenges Verbot, ein Papier, wie es die Megamikren verfertigten, zu erzeugen. Diese beiden Dekrete belustigten die ganze Stadt, doch die alten reichen Fabrikanten und die Wiederverkäufer wurden unsere Feinde. Ungefähr um diese Zeit erhielten der König und der Bischof das uns betreffende Orakel aus Heliopalu. Der Große Genius gestattete unsere feste Ansiedlung in seiner Welt und somit den Genuß der geheiligten Früchte, sogar trotz dem Zischen der Schlangen, doch müßte diese Erlaubnis noch von der Versammlung der 500 Abdalas des Reiches bestätigt werden. Die denselben zur Erörterung vorgeschlagenen drei Fragen lauteten: Erstens: Ist es statthaft, daß in der Sonnenwelt eine mit der Gabe der Vernunft begabte Menschenrasse sich ansiedelt, welche die Sonne nicht als Herrn der Welt, in der sie zu wohnen wünscht, anerkennen will. Zweitens: Darf man dieser Menschenrasse den Eintritt in den Haupttempel an den Beschauungstagen gestatten, an welchen die Söhne Gottes die Philelie singen, ohne daß die neue Rasse ihre Stimmen mit denen der Anwesenden vereint? Drittens: Darf man ihnen erlauben, sich von den geheiligten Früchten zu nähren, die seit dem Beginn der Welt den Schlangen als Nahrung dienten und diesen als Eigentum überlassen wurden; dürfen sie trotz dem Zischen der Schlangen, das die Kinder der Sonne hören könnten, die Früchte von den Bäumen pflücken? Die Einberufung dieses Reichskonzils war nur vom Monarchen abhängig und der Große Genius hätte sie nie vorgeschlagen, wenn nicht der königliche Gesandte in Heliopalu das große Interesse seines Herrn an unserer Angelegenheit ganz besonders hervorgehoben hätte. Der König ließ dem Bischof, unserem Freund, durch seinen Minister mitteilen, daß im Laufe von zwei Ernten das zum Beherbergen von 500 Abdalas nötige Gebäude bereit sein werde, daß das Konzil seine Beratungen am vierten Tag der vierten Ernte beginnen könne und daß er dem Konzil eine Dauer von vier Ernten bestimme. Der Bischof nahm diesen Befehl mit großer Genugtuung entgegen, da er die besten Gründe zur Hoffnung hatte, daß die Konzilväter die Wünsche des Königs berücksichtigen würden. Er schickte ein Rundschreiben an alle Abdalas des Reiches und der König ließ an alle Statthalter seiner 500 Städte schreiben und beauftragte sie, den Abdalas ihre Reise möglichst leicht und bequem zu machen. Sobald ich erfahren hatte, wann das Konzil abgehalten werden sollte, faßte ich meine Entschlüsse, wie ich mich zu verhalten hätte. Entweder waren die Beschlüsse für mich günstig, dann nährte ich mich in aller Gemütsruhe von den geheiligten Feigen, ohne mich um das Zischen der Schlangen zu kümmern; oder das Konzil fällte seinen Spruch gegen mich, dann hatte ich genügend Pulver und Schußwaffen, um alle diese Bestien, die auf meinen Bäumen saßen, niederzuschießen und wir hätten für unsere damalige Zahl genügend Früchte zum Lebensunterhalt gehabt. Die vier Monate Frist benutzte ich dazu, mein Arsenal an doppelläufigen Pistolen zu vermehren und die Gebote unserer Religion, unsere Gebete und einen Anbetungskultus niederzuschreiben, um den Zweck unserer Anbetung klarzumachen. Diese Schrift sandte ich zuerst dem Bischof, indem ich ihn bat, sie dem ganzen Konzil vorzulegen, sobald es sich versammele. Ich dachte auch daran, den Papierhandel noch blühender zu machen. Wir hatten eine große Zahl Bestellungen außerhalb des Reiches und ich sah ein, daß die Errichtung einer Fabrik in einer der vier Grenzstädte uns von großem Nutzen sein könnte. Ich teilte meine Meinung dem König mit, der mir antwortete, auch er habe bereits daran gedacht, doch sei er der Ansicht, daß jetzt nicht die geeignete Zeit sei, mich aus der Hauptstadt zu entfernen. Ich erwiderte ihm daraufhin, mein Sohn Adam besitze so viel Geschäftssinn, daß ich sicher sei, man könne ihm an meiner Stelle die Einrichtung der Fabrik überlassen. Er könne mit seiner Schwester reisen, sobald sie miteinander verheiratet wären, was in einer Ernte, am Anfang meines dreizehnten Aufenthaltjahres stattfinden sollte. Zu dieser Zeit gebar meine Frau das zwölfte Zwillingspaar, das ich Matthias und Katharine nannte. Ich fragte den König, wo nach seiner Meinung die Errichtung einer neuen Fabrik am geratensten wäre und er antwortete mir: da es sich um eine der vier Grenzstädte seines Reiches handle, sei die mir bereits bekannte die beste hierzu; der Statthalter sei ja ein Freund unseres Hauses und werde schon aus Neigung zu uns alle königlichen Befehle um so williger ausführen. Entzückt über diesen Rat sang ich dem König eine Danksagung, die seine Heiterkeit hervorrief, da es mir nie gelang, die zahlreichen feinen Schattierungen der Megamikren-Sprache zu erlernen, noch mit meiner starken Stimme die Übergänge im Gesang zart genug zu machen. Sofort begann ich alles zu dieser Reise Nötige zu veranlassen. Ich teilte meinem Sohn Adam meinen zu seinen Gunsten gefaßten Entschluß mit und er fügte sich gerne meinen Anordnungen, obwohl es ihm doch schwer fiel, sich von uns zu trennen. Ich gab ihm alle notwendigen Instruktionen, alle Zeichnungen, deren er bedürfen könnte, und 100 uns ergebene Megamikren, die nicht nur ihn und seine Frau ernähren sollten, sondern auch mit ihrer erprobten Geschicklichkeit alle seine Anordnungen leicht begreifen und ausführen konnten. Vier von ihnen waren tüchtige hydraulische Architekten und vorzügliche Mechaniker. Ich versicherte ihm, daß es ihm an Betriebskapital nicht mangeln werde und legte ihm nahe, seine Hauptaufmerksamkeit der genauen Buchführung zuzuwenden und sich in allen wichtigen und folgenschweren Angelegenheiten an den Gouverneur zu wenden, dessen Ortskenntnisse seiner Güte, seiner Ehrlichkeit und der Freundschaft, die er mir und meiner ganzen Familie entgegenbrachte, gleichzustellen seien. Ich sicherte ihm ein Viertel der Einkünfte der Fabrik zu, was ihn in wenigen Jahren reich machen mußte. Eva, seine hübsche, blonde Schwester, hörte alle meine Weisungen mit an und schmiegte sich weinend an ihre Mutter, da sie an den Abschied von ihr dachte. Meiner Frau redete ich Mut zu, obwohl ihr das Herz brach, da sie diese Tochter ganz besonders lieb hatte. Ich sagte meinem Sohn ferner, die Zeit nahe heran, wo unsere Lage sich ändern müsse, indem das Konzil uns die Erlaubnis, uns trotz dem Zischen der Schlangen mit den Früchten zu ernähren, geben oder versagen werde. Ich versprach ihm darüber meine genauesten Weisungen mitzuteilen, die er buchstäblich auszuführen habe; ich empfahl ihm bis dahin die größte Vorsicht und verbot ihm, sich an den geheiligten Früchten zu vergreifen, indem ich ihm als abschreckendes Beispiel erzählte, wie es uns dabei ergangen war. Ich befahl ihm, mir jede Pentamaine mit einer Tinte zu schreiben, diese Schreibart dem Gouverneur und der ganzen Gesellschaft zu unterbreiten und nicht zu gestatten, daß seine Untergebenen sich einer anderen bedienten, da eine der größten Wohltaten für jene Welt von dieser Verhaltungsregel abhinge. Ich dachte dabei an die Einführung der Buchdruckerkunst, die überall hingreifen müßte, aber nicht die Welt beherrschen konnte, bis nicht die vielfarbige Schrift abgeschafft war; dies war leicht zu erreichen, obwohl stets jeder neuen Tat die Vorurteile im Wege stehen. Sie hindern oft die einfachsten und nützlichsten Erfindungen, sich Bahn zu brechen, da in den Augen eines Abergläubischen nichts auf der Welt leicht und einfach ist. Lange verharrten die Geistlichkeit und ihre Anhänger in der Meinung, daß die Sonne, die ewige Mutter der Farben, als Lichtspenderin dieser neuen Schreibweise unhold sein müsse. An demselben Tage gebar meine Frau ihr zwölftes, Wilhelmine ihr zweites, Anna ihr erstes Zwillingspaar, von dessen beiden stets eins blond, eins braunhaarig und jedes von anderem Geschlecht war. Vier Tage später äußerte der König den Wunsch, ich möge ihm Adam und seine schöne Zukünftige vorstellen; er war mit ihren gescheiten und einsichtsvollen Anschauungen sehr zufrieden, die weit über ihr zartes Alter hinausgingen. Er sagte mir, ich brauche meinem Sohn nur die nötigen guten Weisungen und alle ihm unentbehrlichen Arbeiter und Dienstleute zu geben und er selber werde alle Kosten und Zurüstungen ihrer Reise auf sich nehmen. »Er wird«, sagte er, »einen Brief mitnehmen, den ich eigenhändig dem Statthalter schreiben werde, und er wird alle ihm zum Bau nötigen Mittel und ein Wohnhaus erhalten. Ich werde dies heute noch dem Statthalter bekanntgeben; er wird Reisemarschälle bekommen, die ihn jeder Sorge entheben werden.« Alles dies geschah und wurde pünktlichst ausgeführt. Sie fuhren drei Tage nach ihrer Hochzeit ab, von unseren Segenswünschen und Tränen begleitet. Es wäre zwecklos, Ihnen, Mylords, die Freude des Gouverneurs zu beschreiben und den von ihm erhaltenen Brief zu wiederholen. Er teilte mir mit, daß alle Befehle, die er zu allererst vom König erhielt, noch vor der Ankunft des jungen Paares ausgeführt wurden, daß er ein großes Haus am Ufer des Flusses gekauft und alle nötigen Anordnungen getroffen hätte, damit es während des Baues der Fabrik nie am nötigen Geld mangele. Über die neue Schreibweise sagte mein lieber Freund mir nichts, doch bediente er sich derselben, womit er seine Meinung klar genug offenbarte. Nach der Abreise der Neuvermählten errichtete ich in sechs Monaten eine Druckerei, wie sie herrlicher in keiner Stadt Europas zu finden ist. Sie hatte 500 Druckpressen und wurde von 5000 Megamikren bedient, die als Setzer, Arbeiter bei den Pressen, der Kasse, der Druckschwärzefabrikation, in den Papierlagern und bei der Korrektur beschäftigt waren. Die Anstalt bestand aus zwanzig Sälen, die alle mit Tageslicht erleuchtet waren. Dem König war mein Projekt unbekannt, er sah stets ruhig zu, wie das ihm unbegreifliche Gebäude entstand und äußerte mir gegenüber nicht ein Wort, das auf seine Neugier hätte schließen lassen, wozu das Gebäude dienen sollte. Diese stoische Ruhe täuschte mich jedoch nicht und die Abwesenheit jeder Neugier blieb mir unwahrscheinlich. Ich fühlte, daß dem König mein Benehmen rücksichtslos erscheinen mußte, und ich beurteilte es selbst so, doch mußte ich bei diesem Verhalten verbleiben. Das Gelingen wichtiger Sachen hängt von ihrem Gang ab und sie mißlingen, wenn der Leiter nicht den vorgezeichneten Weg einhält. Sobald man der Kraft eines beabsichtigten Schlages sicher ist, muß man seines Erfolges sicher sein, doch muß man alles ins Werk setzen, um den Stoff, den er treffen soll, wohl vorzubereiten. Hier lag der Erfolg an der gutgehüteten Überraschung und ich kann Ihnen versichern, Mylords, daß mir dies wunderbar gelang. Aus diesem Grunde wartete ich die dreizehnte Niederkunft meiner Frau ab, deren Zwillinge ich Ludwig und Charlotte nannte, und behielt während des ganzen Jahres meinen vierten Sohn Robert bei mir, um ihn in alles, was die Druckerei anbelangte, einzuweihen, damit er imstande wäre, die Leitung und Oberaufsicht darüber zu übernehmen, falls ich mich dieser Tätigkeiten entledigen wollte. Am ersten Tage meines vierzehnten Aufenthaltjahres sollte er heiraten. Drei Tage nach der Entbindung Elisabeths versammelten sich die 500 Väter zum Konzil; in geschlossenem Konsistorium hielten sie ihre Sitzungen zweimal in jeder Fünftagwoche und das Ergebnis derselben blieb für alle ein Geheimnis; man wußte nur, daß sie äußerst stürmisch verliefen. Die uns gesicherte Gunst des Königs war allen Menschen bekannt, doch würde diese Gewißheit auf die Beschlüsse der Abdalas keinen Einfluß gehabt haben, wenn nicht die königliche Großmut sie geblendet hätte. Seine Majestät trug die Kosten ihrer Reise und versorgte die Tische des Konklave aufs reichhaltigste; außerdem waren diese geistlichen Herren sicher, daß sie, wenn ihre Beschlüsse den Wünschen des Monarchen entsprächen, weitere große Beweise seiner Großmut zu erwarten hätten. Mein Sohn Robert, den ich drei Tage vor Adams Abfahrt getraut hatte, war nach sechs Monaten imstande, geradesogut wie ich die Druckerei zu leiten. Ich brachte ihn mit seiner Frau in einer herrlichen, an die Druckerei angrenzenden, mit Phosphor erleuchteten Wohnung unter. Eine Ernte nach dem Schluß des Konklaves wurde das erste Dekret publiziert, dessen Inhalt uns vollkommen zufriedenstellen konnte. Es lautete: »Obgleich diese Menschenrasse, deren Existenz uns unbekannt war, nicht den Helion als ihren Vater anerkennt, so soll dies kein Hindernis ihrer Ansiedelung in dessen Welt sein. Helion hat ihr seine Neigung bewiesen, indem er das Dach der Kiste, in welcher sie eingeschlossen war, zu sich emporzog.« Zu Beginn der dritten Ernte publizierte das Konzil das zweite Dekret folgenden Inhalts: »Der Eintritt in den Tempel wird der neuen, vernunftbegabten Menschenrasse zu jeder Zeit gestattet, ausgenommen an den Tagen, an denen man die Philelie singt.« Gegen Ende derselben Ernte ersuchte das Konsistorium den König um die Verlängerung des Termines der Sitzungen um eine Ernte, was ihm bewilligt wurde. An einem schönen Morgen benutzte ich die erste Tagesstunde, um mich im Vorzimmer des Königs einzufinden; ich wurde sofort unangemeldet zu ihm eingelassen; dieses Privilegium und einige andere verdankte ich meiner Auszeichnung. Ich kam allein, da meine Frau im achten Monat der Hoffnung war. Der König empfing mich sehr freundlich und meinte, er freue sich, mich zu sehen, da er gerade mit seinem Unzertrennlichen von mir spreche. Er gab mir einen soeben erhaltenen, mit einer Tinte geschriebenen Brief des Gouverneurs zu lesen, der ihm die tadellose Instandsetzung der Fabrik mitteilte und Adam sehr lobte, der als Leiter derselben sich bereits alle Herzen erworben habe. Ich dankte Seiner Majestät für die mir erwiesene Gnade, ohne ihr zu sagen, daß ich dies alles bereits wußte, da Adam mir am Ende jeder Fünftagwoche einen langen Brief schrieb. Es ist nicht notwendig, Herrschern stets so genaue Antworten zu geben, wie wir sie anderen geben möchten, besonders wenn wir sie dadurch verstimmen könnten. Sogar die heilige Schrift sagt uns: »coram rege noli videri sapiens«, und es ist der heilige Geist, der uns diesen Rat erteilt, ein Beweis, daß man die Politik eine göttliche Weisheit nennen kann: sie erlaubt die Lüge nicht, meint aber, daß man die Wahrheit nicht zu sagen braucht, wenn man es für bequemer hält. Seine Majestät sprach mir weiter von den Dekreten des Konzils, die er der ganzen Welt bekannt machen wollte, und sagte mir, daß seit einigen Tagen 10000 Schreiber daran arbeiteten. Ich antwortete bescheiden, daß ich der Ansicht wäre, daß diese Ausgabe, falls sie dem König nicht besonders angenehm sei, überflüssig wäre. Der König erwiderte: »Weit davon entfernt mir angenehm zu sein, ist dieser Schreiberluxus mir sehr lästig, doch ist mir diese Ignorantenbande notwendig. Wenn ich ein Edikt, irgendeinen Befehl publizieren will, dann übergibt mein Minister die Kopie desselben meiner Kanzlei, wo sie im Skribentensaal einer solchen Zahl von Schreibern diktiert wird, wie Kopien benötigt werden. Nachdem das Edikt geschrieben ist, wird es den Revisoren zur Korrektur übergeben, doch findet man auch dann noch Fehler. Es ist ein kostspieliger Jammer, dem nicht abgeholfen werden kann.« Ich bat den König, mir zu gestatten, den Schreibersaal, falls dies kein Verbrechen wäre, zu besichtigen. »Sollte es ein Verbrechen sein,« antwortete der König, »so lasse ich Euch morgen vom Konzil entsühnen!« Mit diesen Worten nahm er mich zwischen sich und seinen Unzertrennlichen. Wir stiegen drei Stockwerke empor und gelangten in einen schönen Saal. Derselbe war rund, hatte achtzig geometrische Schritte Durchmesser, war vierundfünfzig Fuß hoch und enthielt zwanzig Reihen Pulte. Er konnte tatsächlich 10000 Sitzplätze fassen. In der Mitte des Saales war eine runde, fünfundzwanzig Fuß hohe Tribüne, von welcher aus der Minister diktierte. Das zur Beleuchtung des großen Saales nötige Licht entströmte der Tribüne und den Logen. Der Saal war prachtvoll. Ich bat nun den König, mir eine Gnade zu erweisen, und ehe ich den Satz beendete, war sie bereits gewährt. So sprach ich zum König: »Ernennen Sie mich, Sire, zu Ihrem Hauptkopisten und ich verspreche Ihnen vier Dinge: erstens, daß alle, die mit einer Tinte schreiben können, meine Schrift klar und leserlich finden werden; zweitens, daß alle Kopien derselben Hand entstammen werden; drittens, daß sie fehlerlos sein werden, sofern das Original keine Fehler hat, und viertens, daß ich mich verpflichte, von dem Edikt, wenn es nicht mehr als vier Seiten in Folio einnimmt, Eurer Majestät 10000 Kopien an dem Tage zu liefern, der der Übergabe des Originals an mich folgt, aber ich mache Euere Majestät darauf aufmerksam, daß fortan Ihre 10000 Schreiber völlig überflüssig sein werden.« Höchst erstaunt warf der König einen Blick auf seinen Unzertrennlichen; dann sah er mich ernst an, ohne ein Wort zu sagen. Nach drei Minuten sprach er: »Ihr seid bereits mein Hauptkopist, da ich, bevor ich Eure Bitte hörte, sie Euch schon gewährt habe; doch wisset Ihr denn auch, um was es sich handelt? Und habe ich selber richtig begriffen, zu was allem Ihr Euch mir gegenüber verpflichtet habt?« Kaltblütig wiederholte ich ihm alles und nun antwortete er: »Vom Standpunkt der Vernunft scheinen Eure Versprechungen ganz absurd zu sein, ich will jedoch meine Vernunft mit Füßen treten und meine Ehre für sicher halten, indem ich sie Euch anvertraue. Heute früh soll mein Minister mir ein Edikt vorlegen, das ich gestern entworfen habe. Es bezieht sich auf Religion, Polizei und Ihre Angelegenheiten und ich wünsche, daß 500 Kopien davon dem Konsistorium zugeschickt werden, da es dazu angetan ist, den Eifer der Väter anzuspannen und ihre Bereitwilligkeit, meine Wünsche zu erfüllen, zu mehren; 1000 sollen in der Hauptstadt publiziert und 500 sollen in die 500 Diözesen meines Reiches geschickt werden. Alles muß in einer Pentamaine fertiggestellt sein. Was werden Sie mir jetzt darauf erwidern?« – »Ich will Eurer Majestät versichern, daß ich morgen die gewünschten 2000 Kopien überbringen werde, wenn mir Eure Majestät heute noch ein mit einer Tinte deutlich geschriebenes Original zuschicken lassen wollen.« Den Gesichtsausdruck des Königs kann ich Ihnen unmöglich beschreiben. Wir waren noch im Saal, als der Minister, ein Blatt in der Hand, eintrat. Der König nahm es, las es durch und sagte zum Minister mit eisiger Kälte: »Es ist gut. Ich selbst werde an die 2000 Kopien denken. Gehen Sie.« Durch diesen Lakonismus äußerst betroffen, zog der Minister sich zurück, schwer gekränkt, da er der Alleinbefehlende im Saale der Schreiber war und die merkwürdige Sprechweise des Königs ihn vermuten ließ, daß er in Ungnade gefallen sei. Dann übergab der König mir das Blatt, legte seinen rechten Arm um die Schulter seines Unzertrennlichen und entfernte sich, mir einen bedeutungsvollen Blick zuwerfend. Wie auf Flügeln getragen lief ich in die Druckerei. Ich ließ zu allererst zweitausend Bogen befeuchten und beschloß, die für das Konsistorium bestimmten 500 Edikte in 24° zu drucken und sie in Form kleiner Hefte zu falzen. Ich verwandte hierzu vier Setzer und zwei Pressen. Zum Drucken der 1500 Plakate, die auf einem Blatt gedruckt werden mußten, stellte ich die doppelte Zahl von Setzern und Pressen an. Bei jeder Presse stellte ich drei Megamikren an, einen zum Abziehen der Blätter, den zweiten zum Auftragen der Druckfarbe, den dritten zur Aufnahme der Blätter. Ich wählte die teuerste blaue Drucktinte, die auf meinem zartrosa Papier am schönsten glänzte, und ich schmückte jedes Edikt mit dem Wappen des Königs, das sehr sorgfältig und zart in Kupfer gestochen war. Sobald die Konzepte entworfen und zusammengestellt waren, ließ ich die Bogen den Korrektoren übergeben, die sämtlich von Beruf Gelehrte waren. Der zweite Probedruck wies noch Fehler auf, der dritte, den ich meinem Sohn unterbreiten ließ, obwohl der Leiter hierfür verantwortlich war, wies noch vier Fehler auf; um ganz sicher zu gehen, verlangte er einen vierten Probedruck, der tadellos ausfiel, obwohl er, um von dessen Vollkommenheit überzeugt zu sein, den Korrektoren eine halbe Unze für jeden aufgefundenen Fehler versprochen hatte. Nach neunstündiger Arbeit sah ich die 1500 Kopien und die 500, in 24° auf Seilen zum Trocknen aufgehängt, was zwei Stunden in Anspruch nahm; in zwei weiteren Stunden falzte man die 500 Büchlein. So kam der Schluß der zur Ruhe bestimmten Zeit heran, welche die fiktive Nacht der Megamikren ist. In sechzehn Stunden war also das Werk vollbracht. Ich ließ den Arbeitern für die Nachtarbeit den sechsfachen Tageslohn auszahlen. Dies ist dort Vorschrift. Zufrieden, wie es ein Ehrenmann in einem solchen Fall nur sein kann, ruhte ich bis zur zweiten Stunde aus, sandte meine Diener mit dem in ein großes Tuch eingewickelten Paket voraus, bestieg dann meinen Wagen und begab mich ins königliche Vorzimmer, von wo ich meine Leute wegschickte. Als der königliche Unzertrennliche, den wir hier Königin nennen würden, mich erblickte, sagte er mir voller Güte: »Ihr seid wohl gekommen, um eine Zeitverlängerung zu erbitten, was Euch der König, dessen Gutmütigkeit Ihr kennt, sicher gestatten wird.« Als einzige Antwort verneigte ich mich tief vor ihm und, da im selben Augenblick der König eintrat, sagte ich ihm, ich hätte im Vorzimmer ein Paket zurückgelassen, das ich ihm zu Füßen legen möchte. Er ließ es bringen, auspacken und schickte dann alle weg. Es ist ein besonderes Vergnügen, wenn man jemanden überrascht und gleichzeitig erfreut sieht. Der König las das große Blatt, während sein Unzertrennlicher das Büchlein durchsah. Die Schönheit des Druckes, der Farbe, des Papiers, des Wappens gefiel ihnen überaus und sie fanden die in Buchform gedruckten Edikte ganz besonders hübsch, doch stieg ihre Überraschung aufs höchste, als sie sahen, daß alle dieselbe Handschrift trugen. Ernst und verwundert sahen sie bald sich, bald mich sprachlos an. Endlich ergriff der König das Wort: »Um meiner Vernunft willen muß ich Euch fragen: ist dies ein göttliches Werk?« – »Nein, Sire, es ist ein menschliches und ich lade Eure Majestät höflichst ein, sich hiervon zu überzeugen und selber zu sehen, wie es zustande gebracht wurde und wie es auch weiter stets gemacht werden wird, da ich die Ehre habe, Eurer Majestät Hauptkopist zu sein.« Nun konnten die Majestäten ihre königliche Würde nicht mehr aufrecht halten; sie umarmten und küßten mich trotz meinem Bart; sie waren einfach trunken vor Freude. Der König ließ seinen Minister rufen und sagte ihm im kältesten Ton: »Hier haben Sie mein Dekret in 500 Büchlein für die Väter des Konzils und hier 1500 Plakate, von denen 1000 für meine Stadt, 500 für mein ganzes Reich bestimmt sind. Ich wünsche, daß sie heute noch zweckmäßig verwendet werden.« Der Minister, der ein übernatürliches Werk zu sehen glaubte, erwiderte, er könne sich vor einem Werke Gottes, des Allherrschers, nur verneigen. »Ganz wohl,« sagte der König, »doch müssen Sie wissen, daß dies die Arbeit eines Menschen ist. Ich entlasse hiermit alle meine 10000 Schreiber und alle Revisoren; sie müssen sich anderweitig Beschäftigung suchen. Es ist mein Wille, daß dies noch heute früh geschieht und daß Sie durch meinen Kanzler ein Patent ausfertigen lassen, durch welches ich den Schreibersaal dem edlen Riesen Eduard Alfred, meinem ersten Staatssekretär, unterstelle.« Der Minister entfernte sich, indem er sich die Pakete nachtragen ließ. Der König sagte mir hierauf, er werde am folgenden Tag, um vier Uhr, zu mir kommen. Ich fuhr zuerst in die Druckerei, um dort alles bestens in Ordnung bringen zu lassen, und beauftragte Robert, meiner Frau zu sagen, sie möge sich mit allen unsern Kindern zu der bestimmten Stunde bei mir einfinden und meine verheirateten Kinder samt ihren Kindern ebenfalls in die Druckerei bestellen. Ich wollte dem König diesen hübschen Anblick geben. So geschah es auch. Alle männlichen Familienmitglieder standen hinter mir, alle weiblichen hinter Elisabeth, die sehr froh war, ihren starken Leib unter ihrem Cromide verhüllen zu können, ein Vorrecht, das ihre drei verheirateten Töchter leider nicht hatten. Wilhelm machte in unserer Gegenwart der Therese, die er am Neujahrstag heiraten sollte, ein graziöses Kompliment. Er glänzte durch seine Begabungen für die Schmiedearbeit, besonders in Stahl. Der König erschien zur angesetzten Stunde. Was zu allererst seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war der eigentümliche Bau der Säle, in denen die Pressen sich befanden. Ich baute sie auf dem für den ersten Stock ausgehöhlten Terrain empor, wie ich es für meine Schmieden tat, deren Amboße auf starken Fundamenten ruhen mußten; ebenso hätten meine Pressen mit der Zeit den Fußboden eingedrückt, wenn sich unter ihnen Hohlräume befunden hätten. Aus diesem Grunde war auch die Druckerei wie die Schmiede von Tageslicht beleuchtet. Alles, was ich den Majestäten zeigte, rief deren höchste Bewunderung hervor, doch war meine Zufriedenheit besonders groß, als Robert, ohne mir vorher ein Wort davon gesagt zu haben, dem königlichen Paar ein zwölfzeiliges Gedicht vorlegte, das ein Lobgesang auf sie war. Es war nur reine Musik, für deren Autor er galt, da der größte Dichter der Stadt, der es gemacht hatte und dafür bezahlt worden war, sich nie getraut hätte, sich dessen zu rühmen, weil er seine Indiskretion mit einer schweren Geldstrafe hätte büßen müssen. Dies alles erfuhr ich von Robert selbst, den ich, obgleich seine Keckheit mich erfreute, zurechtwies, indem ich ihm mit Güte sagte, ein junger Mann wie er solle nie verschmähen, meinen Rat einzuholen. Der Hauptcharakterzug aller meiner Nachkommen ist Mut, der sich bis zur höchsten Kühnheit emporschwingt, ohne jedoch zu Tollkühnheit zu werden. Der König fand die Musik herrlich, seine Freude aber wurde besonders groß, als er ihn Typen nehmen und zusammensetzen sah, doch natürlich umgekehrt, so daß das Lied für einen Uneingeweihten nicht leserlich war. Seiner Sache sicher, unterließ es Robert, eine Korrektur zu lesen, und legte es in die Presse, machte hundert Abzüge, ließ sie trocknen und übergab sie dem König. Dies alles geschah in anderthalb Stunden. Ich muß bekennen, daß ich zwar den edlen Mut meines Sohnes bewunderte, aber doch befürchtete, daß in dem Liede Druckfehler enthalten sein könnten. Ich tadelte ihn innerlich, wenn ich auch nicht wagte, ihn zu verurteilen. Ich atmete erst wieder auf, als ich die Sicherheit gewann, daß das Blatt keine Fehler enthielt. Besonders schön daran war, daß der liebenswürdige Mensch sich zu seinem Geschenke an den Monarchen einer Phosphordruckfarbe bedient hatte, die zwar sehr kostspielig, aber ganz neu und prachtvoll war. Ins höchste Staunen versetzte er mich aber, als ich ihn sagen hörte: »Majestät, ich erlaube mir, um eine Gnade zu bitten.« Ich sah meine Frau an, die wie eine Statue da stand. Eine Gnade!... »Sprecht,« erwiderte der König, »sie wird Euch gewährt werden.« – »Gestatten Eure Majestät, daß ich zur großen Freude meines ehrwürdigen Vaters Eduard oberhalb der Eingangstür eine große Tafel mit den Worten: »Königliche Druckerei« anbringe.« Der König antwortete: »Ich werde mich freuen, wenn durch diese Tafel die ganze Welt erfährt, daß diese Druckerei mir gehört, doch sollt Ihr hiermit gleichzeitig wissen, daß Ihr mein königlicher Drucker und mein Sekretär seid, daß Euch der ganze Grund und Boden gehört, auf welchem die Druckerei errichtet ist, und daß Ihr außerdem jede Ernte 1000 Unzen erhalten werdet.« Nach diesen Worten sang meine ganze Familie, von allen meinen Megamikren begleitet, im Chor das soeben gedruckte Lied. Der König war vom Gesehenen und Gehörten aufs höchste erfreut und befahl 2000 Unzen unter meine Leute zu verteilen. Meine erste Druckschrift machte in der Stadt das größte Aufsehen. Jeder urteilte darüber je nach seinen Ideen, Grundsätzen und Vorurteilen; die größten Dummheiten aber sagte darüber nicht das stets nur überall gleich unwissende und vorurteilsvolle Volk, sondern fast der ganze Klerus, der darauf beharrte, in meinen Druckschriften Wunder zu sehen. Der Bischof, unser Freund, der als einziger das Vorrecht hatte, täglich die Kirchenversammlung verlassen zu dürfen, ließ mich zu sich rufen und bat mich im besten Glauben, ihm zu verraten, woher die wunderbare Schrift käme. Ich verheimlichte ihm nichts und sagte ihm, ich würde den König um die Erlaubnis bitten, ihm alles zeigen zu dürfen. Der König antwortete mir, er wisse keinen Grund, weshalb und warum er mir verbieten wolle, meine Druckerei nach meinem Belieben zu zeigen. So wurde der Bischof zufriedengestellt und war nun imstande, dem Klerus und dem ganzen Konzil die Sache als etwas zwar göttlich Sinnreiches, aber doch ganz Natürliches darzustellen. Meine Frau brachte ihr vierzehntes Zwillingspaar zur Welt: Leopold und Sophie, und an demselben Tag wurden alle meine verheirateten Töchter gleichfalls entbunden. Drei Monate nach der Heirat Wilhelms mit seiner Schwester Therese wurde das vierte und letzte Dekret der Väter bekanntgemacht. Es lautete: »So wie uns das sichtbare Wesen, das den Riesen Alfred das Leben gab, unbekannt ist, ebenso unbekannt ist diesen das unsere; die Quelle des Lichtes wild sie erleuchten, einstweilen befiehlt uns Gott den Frieden zu lieben und nach unseren Kräften unangetastet zu erhalten. Die Moral der Riesen gleicht der unseren und ist sogar in etlichen Punkten strenger als diese. Dies muß sie achtungswert in unseren Augen machen und sie müssen uns würdig erscheinen, daß ihnen unsere Wahrheiten offenbart werden. In den einundsechzig Jahren, die sie nunmehr unter uns wohnen, war ihr Benehmen in jeder Hinsicht tadellos, abgesehen von dem Verbrechen, das sie in Alphapoli begangen und abgebüßt haben, das aber nur ihrer Überzeugung zuzuschreiben ist, daß sie berechtigt seien, sich von allem, was die Erde, ihre Mutter, hervorbringt, nähren zu dürfen. Der sehr heilige Genius von Heliopalu scheint diese Tatsache für möglich anzusehen, indem er ihnen die Erlaubnis gegeben hat, sich von den geheiligten Früchten zu nähren. Warum könnten auch die Riesen nicht Kinder der Erde sein, während wir Kinder der Sonne sind? Das heilige Konzil kann sich somit nur dem unfehlbaren Orakel des Großen Genius unterordnen und die Auslieferung der Früchte anerkennen; doch beharren wir auf der Bedingung, daß das gräßliche und erschreckende Zischen der vermaledeiten Rasse nie zu den Ohren der Kinder der Sonne dringen darf. Keine noch so hohe Macht der Riesen wird es je erreichen können, daß man nicht einen Schrei haßt, der alle, die ihn hören, erzittern und erschauern läßt. Die Riesen sollen also ihre Maßregeln treffen und an die Mittel denken, wie sie die Schlangen dazu bewegen können, ihre Nahrung gutwillig mit ihnen zu teilen, oder sie schweigend nehmen zu lassen, trotz allem Zorn, den sie werden empfinden müssen, wenn sie sich der Früchte beraubt sehen. Sollten die Riesen auf keine der angegebenen Weisen, unter denen zu wählen ihnen freisteht, die Bedingung erfüllen können, so werden sie vom versammelten heiligen Nationalkonzil ersucht, folgendes zu bedenken: Wenn ihre Vermehrung in derselben Weise wie jetzt ein Jahrhundert lang fortschreitet, werden die Kinder der Sonne berechtigt sein, selbst gegen Bezahlung ihnen Nahrung zu verweigern; auch die Macht der Kirche würde niemanden zwingen können, ihnen gegen seinen Willen Nahrung abzugeben. Somit würden dann die Riesen gezwungen sein, entweder Hungers zu sterben, oder unsere Welt zu verlassen, oder den Schlangen den Krieg zu erklären, was das schwerste Unglück für uns bedeuten würde. Das heilige Konzil ersucht das Oberhaupt der Riesen, im Laufe eines Brandes des grünen Holzes eine entsprechende Antwort auf dieses heilige Dekret zu geben, das durch die Gnade Gottes und des Heiligen Stuhles der allgemeinen Religion unfehlbar und unwiderruflich ist.« Sogleich nach der Publizierung dieses Dekretes stattete ich dem Bischof mit meiner Frau einen Dankbesuch ab und veröffentlichte eine Epistel, worin ich allen Vätern, die ein paar Tage darauf, vom König reich beschenkt, in ihre Diözesen abreisten, meinen Dank aussprach. Obwohl das letzte Dekret dem Wunsch des Königs nicht vollkommen entsprach, mußte er es doch als vernünftig und folgerichtig ansehen. In Zeit von zwei Fünftagwochen ließ ich alle Dekrete des Konzils drucken und erließ eine Kundmachung, wie ich mich den Beschlüssen gegenüber verhalten würde. Ich machte aus dem ganzen ein Duodezbändchen, verteilte 4000 Exemplare desselben in der Hauptstadt und versandte 6000 an alle Städte des Königreiches. Vorher aber ging ich zum König, las ihm das ganze Büchlein vor und erbat seine Erlaubnis zur Veröffentlichung desselben. Der Schluß meiner Erklärung lautete: »Zufolge der heiligen und väterlichen Ratschläge, die das heilige Konzil mir in seinem letzten, geschätzten Dekret gab, bin ich entschlossen, mich der für mich und meine Rasse entsprechenden, natürlichen Nahrung zu bemächtigen und die Schlangen im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes außerstande zu setzen, die Kinder der Sonne durch ihre Schreie zu erschrecken. Ich gebe hiermit dem ganzen Volke bekannt, daß ich mit Erlaubnis des Beherrschers dieses Reiches, mit Vollmacht des Großen Genius von Heliopalu und der Versammlung der 500 Väter, mich mit meiner Familie von der uns natürlichen Speise ernähren werde, als deren Herrn mich die Muttererde einsetzte. Ich verpflichte mich auf Glauben und Ehre, daß kein Zischen der verfluchten Untiere, unseres gemeinsamen Feindes, die Megamikren beunruhigen wird, und ich bestimme zum ersten Tag, an welchem ich mich dieser Nahrung bedienen werde, den ersten Tag der dreiundsechzigsten Ernte meines glücklichen Aufenthaltes in diesem Reich. Dieser Tag soll von nun an bei uns als großer Festtag angesehen werden, an welchem sowohl die Herrschaften wie die Diener sich jeder Arbeit enthalten sollen. Allen Megamikren, die mich bis dahin genährt haben, danke ich hiermit, verabschiede sie und hebe den Lohn auch jener auf, die sich mir bis an ihr Lebensende verpflichtet haben. Ich gebe ferner hiermit allerorts bekannt: falls nach dem erwähnten Tag ein junger oder erwachsener Riese sich herausnehmen würde, selbst gegen Bezahlung, Megamikrenmilch zu genießen, so würde ich ihn in Acht und Bann tun, wozu ich das Recht habe; da ich nach Gottes Willen das sichtbare Haupt unserer Religion bin. Diese Exkommunikation soll jedoch nur dann die bösen Folgen eines Fluches haben, wenn es sich um ein bewußtes Vergehen handelt; denn das Saugen als Scherz, als gesellschaftliches Kompliment, als Höflichkeit, wird stets ohne weiteres gestattet.« Welche Wonne für mich, Mylords, als ich die Freude und Überraschung des liebenswürdigen Königs und seines Unzertrennlichen sah! Er beherrschte sich aber soweit, mich über die Art meines Verhaltens nicht zu befragen, obwohl ihm sicherlich hundert Fragen auf der Zunge schwebten; auch ich mußte meine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, ihm nichts zu verraten, da ich ihn aufrichtig liebte und doch schweigen mußte. »Ihr bittet«, sagte er mir, »mich um die Erlaubnis, einen Plan auszuführen, für dessen Erfüllung und Vollbringung ich gerne eine Million in Gold bezahlen würde. Gehen Sie, mein Lieber, und mögen Sie sich bei dem Gedanken an die tausendfachen Redereien ergötzen, die meine Untertanen hierüber machen werden, und das Erstaunen des Hofes von Heliopalu, wenn in zwei Ernten ihn diese Nachricht erreicht.« Nach Hause zurückgekehrt, ließ ich meine Erklärung verteilen und berief nebst meiner Frau unsere verheirateten Söhne Jakob, Richard, Nobert, Wilhelm sowie Theodor, der zu Neujahr heiraten sollte, zu einer Beratung zusammen. Ich schloß die Frauen von dieser Konferenz aus, da es sich um ein Geheimnis handelte und sie dasselbe wohl nicht aus Bosheit, doch aus Gutherzigkeit, Schwäche oder Leichtsinn hätten verraten können. Es handelte sich um eine zu bedeutende Sache; übrigens war es nicht notwendig, sie ihnen mitzuteilen, und dieser Grund gab bei einer so wichtigen Angelegenheit den Ausschlag. Als meine lieben Söhne vor mir standen, sprach ich folgendes zu ihnen: »Unsere Religion, meine lieben Kinder, verlangt, daß wir nicht lügen; doch dieses Gebot zwingt uns nicht, alle Wahrheiten zu enthüllen, um so weniger, wenn eine solche Offenbarung uns in ein Unglück stürzen könnte. Daß ich nur euch zu mir berief, und selbst eure lieben Frauen von dieser Unterredung ausschloß, geschieht deshalb, weil ich euch ein höchst wichtiges Geheimnis mitzuteilen habe. Ihr müßt mir schwören, eher zu sterben, als es irgend jemandem zu verraten. Schwöret nun, indem ihr eine Hand auf unsern hier liegenden Hagiograph legt, daß ihr nicht durch Enthüllung dieses Geheimnisses unser aller Untergang herbeiführen werdet, und merkt euch, daß ihr durch einen Verrat Eidbrüchige werden würdet und daß ein Meineidiger nach diesem Leben von der Teilnahme an der Glorie Gottes, der ihn erschuf und ihm eine unsterbliche Seele gab, ausgeschlossen ist.« Sie schworen alle und hörten mir aufmerksam zu. Ich aber sprach weiter: »Zwei Stunden, bevor der morgige Tag beginnt, werdet ihr euch hier einfinden und werdet euch in meiner Gegenwart üben, mit den Pistolen auf zwei Scheiben zu schießen, die achtzehn Fuß von euch und zwölf Fuß von der Erde entfernt sind. Diese beiden Scheiben werden sechs Zoll Durchmesser haben und ihre Mittelpunkte werden zwei Fuß voneinander entfernt sein. Ich werde euch zu diesem Zwecke doppelläufige Pistolen geben, die nur ein Schloß, einen Hahn, eine Zündpfanne und ein Zündloch haben. Dieses führt in einen Lauf, der sich aber in zwei Röhren spaltet, deren Mündungen in einer Ebene liegen. Diese beiden Läufe mit gemeinsamer Pulverladung müssen sich also gleichzeitig gegen die Ziele entladen, auf die ihr sie gerichtet habt. Ihr werdet von heute an bis zum Tage vor Beginn der nächsten Ernte euch zu diesem Zwecke täglich zur selben Stunde einfinden und eure Übungen mit dem Trompetenklang, der den Beginn des neuen Tages ankündigt, unterbrechen. Jeder von euch wird vier Pistolen und eine Patronentasche bekommen und wird die Waffen vor dem Weggehen auf den großen Tische des Gartensaales legen, dessen Schlüssel ich bei mir habe. Auf dem Tische werden Zettel mit euren Namen liegen und jeder wird seine Waffen neben seinem Zettel niederlegen, da es von großer Wichtigkeit ist, daß nicht die Waffen des einen mit denen eines anderen verwechselt werben. Ihr werdet eure Pistolen mit einer Ladung Pulver laden, da dieses nur die untere Höhlung des Laufes einnehmen und ausfüllen soll. Ihr werdet aber die Pistole mit zwei Ladungen von je drei Kugeln, eine Ladung für jeden Lauf, laden. In euren Patronentaschen werdet ihr Kugeln und die nötigen Maße finden. Sobald ich mich überzeugt habe, daß ihr soweit eingeübt seid, mit euren Kugeln stets gleichzeitig die beiden Scheiben zu treffen, dann werden wir gleichzeitig die zwölf Schlangen niederschießen, die sich auf den sechs Bäumen des kleinen Gartens bei meiner Werkstatt befinden. Im Gartenhaus werden Tragbahren vorhanden sein, auf denen wir die toten und von den Bäumen heruntergefallenen Schlangen in die Kalkgruben tragen können, die sich in diesem Garten wie in allen megamikrischen Gärten vorfinden, in welche die nach vierundzwanzig Ernten eines natürlichen Todes gestorbenen Schlangen hineingeworfen werden. Ihr habt wohl bemerkt, daß die Schlangen sich stets nebeneinander und ihre Köpfe stets parallel in der gleichen Entfernung halten, in der ihr die Scheiben nebeneinander sehen werdet. Ihr müßt nun darauf achtgeben, daß ihr aus einer Entfernung von achtzehn Fuß auf die Tiere schießt, was ihr durch ein wenig Übung rasch erlernen und ausrechnen könnt. Sobald die Schlangen tot sind, werden wir uns von den geheiligten Früchten zu ernähren beginnen und werden dann dabei bleiben. Wir müssen so handeln, um sicher zu sein, daß die Schlangen nicht zischen, wenn wir die Früchte pflücken. Die Gärtner werden selbstverständlich bald sehen, daß auf den Bäumen keine Schlangen mehr sind, doch werden sie nicht wissen, daß wir sie getötet haben, und noch weniger, daß wir sie in den gelöschten Kalk geworfen haben, aus welchem ihre Körper niemals wieder auftauchen werden. Außerdem werden wir den Garten so lange verschlossen halten, bis wir in allen unseren Besitzungen den Schlangen den Garaus gemacht haben, man wird nur durch die Werkstatt herausgehen können, doch werde ich den Dienern befehlen, diesen Ausgang überhaupt zu verwehren. Haben wir alle unsere Häuser von den Schlangen gesäubert, dann kümmere ich mich nicht mehr darum, wenn die ganze Stadt erfährt, daß es keine Schlangen mehr bei uns gibt. Sind unsere Besitzungen von den Schlangen befreit, so sind wir der Nahrung für fünf Jahre sicher. Inzwischen werde ich neue Gärten erwerben, die wir dann wieder von den Untieren säubern werden. Nach der Erfahrung, die wir im kleinen Garten machen, werden wir das Haus in der Stadt, dann den Garten der Papierfabrik und schließlich den der Druckerei von den Bestien befreien. Dies war, meine Kinder, der Entschluß, den ich notwendig nach dem, was das Konzil in seinem letzten Beschluß in bezug auf das Zischen der Schlangen verkündet hatte, fassen mußte. Übrigens mache ich mir um ihre Vernichtung keine Gewissensbisse, da ich Herr bin über alles, was mir gehört, und auch der Große Genius erklärt hat, daß ich mit den Schlangen tun darf, was ich will, wenn nur niemand ihr Gezisch hört. Daß ich mich dabei zurückhalten muß, ist nur durch einen Glaubensartikel der Megamikren bedingt, der ihnen verbietet, irgendein Lebewesen des Lebens zu berauben, und durch einen zweiten, noch abergläubischeren, der verbietet, einem anderen Körper Blut zu entziehen. Deshalb ist die strengste Geheimhaltung unseres Vorgehens unumgänglich notwendig, sonst könnte uns der Klerus sehr unangenehme und lästige Scherereien machen und wir sind noch nicht mächtig und zahlreich genug, um uns ihrer Macht widersetzen zu können; auch muß ich noch einen König schonen, der uns liebt, und dem ich um keinen Preis Grund zu Sorgen geben möchte.« Nach dieser Rede küßten unsere Söhne uns die Hand, versicherten uns ihres Gehorsams und ihrer Ergebenheit und entfernten sich. Allein mit meiner Frau zurückgeblieben, sah ich sie besorgt und nachdenklich. »Darf ich wissen,« fragte ich sie, »was deine Seele beunruhigt?« –»Ja, leider muß ich dir bekennen, mein Lieber,« erwiderte sie, »daß ich nicht imstande wäre, diese elenden Würmer zu töten, die sich uns gegenüber keiner Schuld bewußt sind und die mit ihrem sanften menschlichen Blick so zu bezaubern wissen, daß ich nicht sicher bin, ob unsere Kinder den Mut haben werden, sie zu erschießen. Könnte man sie töten, ohne sie anschauen zu müssen, dann würde ich sorglos sein; und doch hängt die Sicherheit des Treffens vom guten Zielen auf ihre schönen Köpfe ab. Ich bin sicher, daß ich in Ohnmacht fallen würde, wenn ich mir diesen Zwang auferlegen wollte. Sieh sie dir gut an, mein Lieber, und du wirst in ihren Augen einen Zauber, eine Anziehungskraft bemerken, die eine übernatürliche Macht zu verraten scheinen.« Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, küßte sie und sagte ihr, daß ein einziger Gedanke all die angebliche Anziehungskraft der Schlangenaugen zerstöre, nämlich, daß sie mit derselben bezaubernden Miene von Zeit zu Zeit ihre Bäume verließen, um einige unschuldige Megamikren zu erdrosseln. Der sanfte Blick dieser Ungeheuer belehre den Menschen, wie gefährlich es ist, einer Neigung zu folgen, für die man keinen anderen Grund angeben kann als ein bezauberndes Gesicht. Meine Söhne kamen pünktlich in den Garten der Werkstatt, wo wir die Schießübungen begannen und wohin ich eine große Kiste Waffen und alle hierzu nötigen Vorräte, auch die Scheiben in der nötigen Höhe und Entfernung angebracht hatte. Ich übergab ihnen die Pistolen. Diese waren achtzehn Zoll, ihre Läufe aber zwölf Zoll lang. Sie bestanden aus einem Stück; ihre Läufe waren so gebohrt, daß der Mittelpunkt der einen Mündung von dem der anderen Mündung fünfzehn Linien entfernt war. Die beiden Ladungen wurden gleichzeitig abgefeuert und schlugen auf achtzehn Fuß Schußweite zwei Fuß voneinander entfernt ein. Die Schußweite mußte aber genau achtzehn Fuß und die Entfernung der Ziele genau zwei Fuß sein. Waren die beiden Ziele einander näher, so mußte die Schußweite verringert, umgekehrt mußte sie vergrößert werden. Wenn der Schütze genau zielte und ein festes Handgelenk hatte, konnte er nicht fehlschießen. Er mußte genau in die Mitte zwischen beide Scheiben halten, dann saßen die beiden Schüsse bestimmt in der Mitte der Scheiben. Meine Kinder brauchten, um die Schlangen zu töten, diese nicht anzusehen, sondern mußten genau in die Mitte zwischen die beiden Köpfe zielen. So begannen wir also unsere Übungen, die wir ein Vierteljahr nach unserer Zeitrechnung fortsetzten. Wir hätten uns übrigens so viele Mühe gar nicht zu geben brauchen. Kaum berührte man den Drücker, die Pistole gerade vor sich haltend, so schlugen die sechs Kugeln geräuschlos, drei in die eine, drei in die andere Scheibe ein. Was mich bei diesen Schießproben besonders erfreute, war die Leichtigkeit, womit meine Söhne begriffen, in welcher Entfernung sie schießen mußten, je nachdem ich die Entfernung der Scheiben voneinander vergrößerte oder verkleinerte. Waren die Scheiben zwei Fuß voneinander entfernt, so war der Schütze bei einem Abstand von achtzehn Fuß seines Schusses sicher, war der Abstand der Scheiben verschieden, jedoch immer in gleicher Höhe, so mußte man die Entfernung zu schätzen wissen. Dies verstanden meine Kinder ausgezeichnet. Als der Tag der Ausführung da war, begab ich mich mitten in der Ruhezeit mit meinen Kriegern in den kleinen Garten; jeder stand mit einer Pistole bewaffnet vor mir. Ich sprach zu ihnen: »Meine lieben Söhne, nach zweiundsechzig Ernten ist endlich die Zeit gekommen, da wir uns von der Demütigung, von unseren Dienstboten ernährt zu werden, befreien können. Wir werden dadurch eine ungeheure Geldsumme ersparen können, die in der letzten Zeit 10000 Goldunzen in jeder Ernte betragen hat. Es wird uns endlich freistehen, uns mit dieser Frucht zu ernähren, mit der keine andere an köstlichem Wohlgeschmack sich vergleichen läßt, doch nur unter der Bedingung, daß die Megamikren nicht das Zischen der Schlangen hören, wenn wir uns der Früchte bemächtigen. Das von mir erwählte Mittel ist das einzige, dies zu verhindern. Es ist ausgeschlossen, daß die Schlangen, von je drei Kugeln am Kopfe getroffen, noch Kraft und Zeit zum Zischen finden. Wir sind sechs, und außer den Pistolen, die wir hier in der Hand haben, sind noch sechs andere Pistolen für alle Fälle bereit, obwohl ich diese Vorsicht für überflüssig halte. Vorwärts also, jeder stelle sich unter seinen Baum und ziele auf die Bestien, und sobald ich Feuer! rufe, sollen alle auf einmal schießen. Der Sieg ist uns sicher, denn für uns ist die Vernunft wie die göttliche Vorsehung, um deren Beistand wir jetzt bitten wollen." Wir knieten nieder und sagten unser tägliches Gebet, worauf ein jeder sich auf seinen Platz begab. Es bereitete mir eine große Freude, meine Kinder so voller Eifer zu sehen. Sie fühlten sich durch die Notwendigkeit, um des lieben Lebens willen die Megamikrenmilch saugen zu müssen, sehr gedemütigt, um so mehr, als sie oft Unverschämtheiten von den sie ernährenden Dienern zu hören bekamen, die uns frech antworteten; sie wußten wohl, daß ihre Milch uns viel notwendiger wäre, als ihnen unser Gold, und die uns oft durch Drohungen zwangen, ihren Lohn zu erhöhen. Meine Söhne waren daher entzückt, vor einem Ereignis zu stehen, das den Beginn eines glücklicheren Lebens bezeichnen sollte. Jeder stand vor einem Baum; es waren deren sechs, wie wir, und es war nie vorgekommen, daß auf einem Baum sich mehr als zwei Schlangen befunden hatten. Mit ihrer Fortpflanzung verhielt es sich nämlich folgendermaßen: Nachdem sie vierundzwanzig Ernten gelebt haben, geben die Schlangen je ein Ei von sich, das aus ihrem Schlund in der Größe eines Straußeneies herauskommt. In neun Fünftagewochen wächst dieses Ei bis zur Größe eines Kinderkopfes, birst und die Schlange kommt heraus. Sofort danach sterben die alten Schlangen und fallen unter ihren Baum, von wo die Gärtner sie in die Kaltgrube schaffen. Die Jungen wachsen in zwei Ernten zur Größe der Gestorbenen empor und sterben wie jene nach vierundzwanzig Ernten. Als sie uns sahen, zogen die Schlangen sich, wie gewöhnlich, ein wenig zurück, doch verfolgten sie uns mit ihren Augen, deren sanfter Blick schwächere Seelen empfindsam stimmen konnte. Ich stand vor dem letzten Baum zu meiner Rechten; den letzten Baum zu meiner Linken hatte ich Theodor zugewiesen, der noch keine vollen neun Jahre alt war, seine Brüder standen vor den anderen. Als ich sie alle bereit sah, rief ich: »Feuer!« und sah im selben Augenblick, ohne daß unsere Schüsse das geringste Geräusch gemacht hätten, alle zwölf Untiere von den Bäumen fallen und meine Kinder auf mich zulaufen. Rasch holten wir die Tragbahren und trugen die Leichen in die Grube. Am meisten Arbeit machte uns das Entfernen der Blutflecken von den Stellen, wo die Bestien hingefallen waren. Ihr Blut war ebenso rot wie das unsere; dies war den Megamikren gänzlich unbekannt, da es in 30000 Jahren ihrer Zeitrechnung kein einziges Mal vorgekommen war, daß eine Schlange verwundet wurde. Wir bedeckten die Blutflecken mit Erde, wuschen die Tragbahren rein und trugen sie an Ort und Stelle zurück. Sodann musterten wir die Bäume durch und fanden ein aus Blättern gebildetes Nest, das auf zwei Ästen an den Stamm angelehnt war und worin sich zwei Eier befanden, die bereits dreimal so groß als Straußeneier waren. Wir warfen sie sofort in den Kalk. Dann umarmte ich meine Söhne und befahl ihnen, sich am nächsten Tag zu derselben Stunde im Garten der Papierfabrik einzufinden. Dieser Garten hatte von vierundzwanzig Bäumen zwei Alleen, zwischen welchen ein Haus stand. Ich brauchte somit nur zwölf Bäume in zwei Teile zu scheiden, da wir nur sechs auf einmal säubern konnten; ich befürchtete das Zischen der sechs zurückgebliebenen Schlangenpaare, wenn sie die fallenden Leichen ihrer Mitschlangen bemerkten; ich mußte deshalb diese sechs Bäume so verdecken, daß sie von den sechs anderen aus nicht gesehen werden konnten. Zu diesem Zweck befahl ich meinen Dienern, zwei Gestelle in der Mitte der Alleen zu errichten und sie mit sechs Reihen Latten zu beschlagen; ich ließ diese mit Papierbogen bedecken, unter dem Vorwande, daß ich die Qualität der letzteren durch den Einfluß der Luft verbessern wolle. Die dicht beieinander stehenden Latten ließen sich so gut mit Papier behängen, daß die Aussicht auf die zweite Hälfte der Allee vollkommen verdeckt wurde. Um Sie, Mylords, nicht mit zu großer Ausführlichkeit zu langweilen, sage ich Ihnen nur kurz, daß wir auch diese achtundvierzig Schlangen glücklich aus dem Wege schafften, bevor die Trompete erscholl, worauf wir sehr zufrieden, obgleich sehr müde, nach Hause gingen. Meine Vorsicht, uns mit dreifachem Waffenvorrat zu versehen, erwies sich glücklicherweise als unnötig, alle Schüsse trafen, dank der Güte meines Stahls, der beim Aufschlagen des Hahns reichlich Feuer sprühte, denn das Feuer kommt nicht aus dem Stein, wie der große Haufe glaubt. Am folgenden Tag säuberte ich den Garten der Druckerei und am letzten den meines Hauses in der Stadt, wo meine Frau sich überwand, bei der gefahrlosen Erekution anwesend zu sein; sie bewunderte das ordnungsmäßige Vorgehen und den pünktlichen Gehorsam meiner Söhne, die sie hierfür herzlich umarmte und segnete. Sie sagte mir, die Schlächterei sei deshalb gelungen, weil die Schießenden nicht gezwungen gewesen seien, zwischen die Augen der Schlangen zu zielen, was es ihnen sonst sicherlich unmöglich gemacht hätte, auf sie zu schießen. Ich fand, daß sie recht haben könnte. Ich überdachte nun die Mittel und Wege, wie ich meinem Sohne Adam zu Anfang des kommenden Jahres dieselben Vorteile verschaffen könnte. Sie werden bald hören, wie mir dies gelang. Am 1. August gab ich ein großes Gastmahl, wobei ich und meine Kinder zum erstenmal vor allen Eingeladenen je fünf Früchte aßen, während die Megamikren säugten. Dies war das zweite Fest, das ich einfühlte. Ich hatte bei Tische alle meine Kinder und Enkelkinder um mich, selbst die jüngsten, welche erst neun Monate alt waren. Wir waren vierundvierzig; wäre Adam mit uns gewesen, so wären wir fünfzig gewesen. Sechs Tische zu vierundzwanzig Gedecken standen vor dem unseren und es saßen daran die erlesensten unserer Freunde, die uns schweigend zusahen und meine Macht bewunderten, da sie bereits von den Gärtnern wußten, daß diese nicht das leiseste Zischen gehört hatten. Man sah nicht mehr um uns die Ernährerbande, die ich an demselben Morgen davongejagt hatte, sondern an ihrer Stelle nur einfarbige Diener, lauter begabte Menschen, denen ich den doppelten Lohn bezahlte. Dies konnte ich leicht tun, da ich seit diesem Tag 50000 Pfund Sterling jährlich weniger ausgab. Elf Diener trugen uns in elf Körben 220 Feigen auf, die sie auf meinen Befehl eine Viertelstunde ehe wir uns zu Tisch setzten gepflückt hatten; sie erzählten allen, daß sie meinem Auftrag zufolge sich zitternd den geheiligten Bäumen genähert hätten, in der Furcht, sich eines Verbrechens schuldig zu machen, daß sie jedoch bald Mut gefaßt und alle Bedenken aufgegeben hätten, als sie auf den Bäumen keine Schlangen mehr gesehen. Diese Tatsache rief ein solches Staunen hervor, daß die sonst bei allen Festen herrschende Fröhlichkeit dadurch beeinträchtigt wurde. Eine Art von neuem Respekt, von sehr ernsten Gedanken begleitet, dämpfte sie. Der sich meinen Gästen bietende Anblick ließ sie einen gänzlichen Umschwung nicht nur im Moralischen, sondern auch im Physischen ihrer Welt voraussehen. Sie sahen uns als Wesen von einer unbegreiflichen Veranlagung an. Am folgenden Tag ging ich zum König, jedoch ohne meine Frau; denn ich hatte ein Gesetz aufgestellt, das den schwangeren Frauen verbot, in den drei letzten Monaten ihre Häuser zu verlassen, ausgenommen am ersten Tag des Vierteljahrs zum Feste der Nahrung. Ich bat den König um die Erlaubnis, fünf meiner Söhne nach Alphapoli schicken zu dürfen, um ihren Bruder Adam zu unterrichten, wie er sich von den geheiligten Früchten und von den Zapfen der Anazesen nähren könnte, welch letztere ich seit längerer Zeit besaß. Gleichzeitig teilte ich ihm einen Plan mit, der meiner Meinung nach zur Hebung des Handels in seinem Reich bedeutend beitragen könnte. Ich sagte ihm, falls er damit einverstanden wäre, könnten meine fünf Söhne mit Adam in den drei anderen Grenzstädten je eine Papierfabrik und Druckerei errichten. Hierdurch würde dieser nützliche Handel vermehrt und der Versand erleichtert werden, der bereits so rege war, daß meine Papierfabrik und die in Alphapoli nicht mehr alle von auswärts einlaufenden Bestellungen ausführen konnten. Diese gingen von den entferntesten Reichen ein, weil das Papier nicht nur von der besten Qualität, sondern auch billiger war als das alte. Ich bat ihn auch, bereits im Fach unterrichtete Megamikren aussenden zu dürfen, um in mehr als fünfzig Städten seines Reiches, die beständig darum ersuchten, Druckereien zu errichten, und ersuchte ihn um seine Zustimmung, im Büro seiner Finanzen mich als Erfinder des Druckes eintragen zu lassen und dadurch meine Rechte zu wahren. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß dies Recht, wenn es königliches Recht geworden wäre, die Steuereinnahmen um ein bedeutendes erhöhen würde und zwar ganz einfach dadurch, daß man auf jede Druckschrift eine kleine Steuer legte, die jeder gerne zahlen würde, da durch die Einführung der Druckerei jedes Schriftstück viel billiger werde. Ich erlaubte mir aber, ihm zu raten, alle Druckschriften von Zensoren, die die Druckereien zu bezahlen hätten, überwachen zu lassen. Diese Zensoren sollte der König aus den Reihen der von Seiner Majestät entlassenen Revisoren der Schreiberei auswählen. Der König hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu und sagte mir dann, er könne mir für alles, was ich ihm sage, nur dankbar sein; meine Söhne dürften sich in allen Grenzstädten seines Reiches niederlassen und seine Gouverneure würden ihnen dabei an die Hand gehen. Er werde meinen Söhnen die nötigen Weisungen zukommen lassen und ihnen auch offene Briefe an alle seine Schatzmeister mitgeben. Er fand meinen Plan bezüglich der Druckereien äußerst beachtenswert und sagte, er werde zu Zensoren solche ernennen, die sich mit einem von mir unterschriebenen Zeugnis vorstellten, worin ich ihre Begabung für solches Amt bestätigte. "Auf diese Weise", sagte er, "werden sie Euch, der ihren Ruin heraufbeschwor, verzeihen können, da sie nichts anderes gelernt hatten und nicht wissen, wovon sie leben sollen. Laßt mich auch Euch zu Eurer neuen Lebensstellung beglückwünschen. Die Schlangen werden nicht zischen, da sie verschwunden sind, wie man in der ganzen Stadt mit allen möglichen Kommentaren erzählt. Man sagt: Wenn Euch dies Wunder gelungen sei, so haltet Ihr dies auch schon vor zweiundsechzig Jahren bewirken können. Bevor Ihr jedoch Euch hierzu entschlossen, hättet Ihr alle anderen Mittel zur Erlangung der Nahrung versucht, die Euch nach der Vorschrift Eurer Religion gebührte; man lobt und bewundert eure Klugheit und Vorsicht und der Hof von Heliopalu wird äußerst verwundert sein über diese Nachricht, die ihm ein neues Beispiel Eurer Macht vorführt, die weit über die Macht aller Sterblichen hinausgeht. Alle Welt staunt und fragt sich, nachdem sie das Verschwinden der Schlangen festgestellt hat, wohin diese wohl geraten sein könnten? Und da man darüber im unklaren ist, so befürchtet man allgemein, die Schlangen könnten sich noch irgendwie an meinem Reiche rächen wollen.« Der König bemerkte meine Verlegenheit und sprach, um mich derselben zu entheben, sogleich lächelnd weiter: »Denkt nur nicht, daß ich die Meinung jener Dummköpfe teilen könnte, und seid versichert, daß mein Geist sich nicht im mindesten beunruhigt, die Schlangen könnten sich an uns rächen. Solange Ihr hier seid, werde ich mich vollkommen sicher fühlen, denn ich haßte diese Untiere von jeher, habe sie nie gefürchtet und würde mich für den glücklichsten aller Herrscher halten, wenn man sagen könnte, daß die Schlangen sich auf der ganzen Welt, außer in meinem Reich, befinden. Ja, mein Lieber, ich betrachte diese Epoche als die glorreichste meiner Regierung; sollte aber Eure Macht, die Schlangen zu entfernen, sich nur auf Eure eigenen Bäume erstrecken, so braucht Ihr nur ein Wort zu sagen und ich mache Euch zum Besitzer aller Bäume, die mein Eigentum sind. Ich hoffe, Ihr habt nicht gedacht, ich könnte Euch darob zürnen oder deshalb beunruhigt sein; Ihr würdet unrecht haben. Als der Bischof dies Wunder erfuhr, kam er ganz erschrocken zu mir, um meine Meinung darüber zu hören; ich verheimlichte ihm meine Denkungsart ebensowenig wie die Freude, die ich darüber empfand; es gelang mir, seine Bedenken zu zerstreuen, und er sandte an seinen Hof einen Eilboten mit dem Bericht über dies Wunder; denn ein solches ist es unstreitbar, oder wir sind die Unwissendsten aller Lebenden. Mein Minister, der zwar ein Ehrenmann, aber furchtbar abergläubisch ist, kam, mir seine Angst vor der nächsten Zukunft mitzuteilen, doch ich antwortete ihm: wenn es wahr wäre, daß unsere Religion diese Untiere verfluche und als unsere einzigen Feinde betrachte, dann müßten wir es als eine Gnade Gottes ansehen, daß er uns vernunftbegabte Wesen gesandt hätte, die die Macht besäßen, uns von ihnen zu befreien. Die Erhaltung der Schlangen in unserer Welt sei nur ein schmählicher Beweis von der Schwäche unseres Geistes, der sich von elendem Aberglauben im Bann halten lasse.« Ich vermochte auf diese Rede nichts zu antworten, da die sich drängenden Gefühle mich der Sprache beraubten. Ich warf mich auf die Knie vor diesen engelhaften Wesen, dankte ihnen für das mir geschenkte Vertrauen und versicherte ihnen, ich würde gerne mit meinem Leben meine und meiner Familie Ergebenheit beweisen und würde ohne ihre Erlaubnis niemals ihr Reich verlassen. Sie sangen mir ein göttliches Duett, das Wonne in meine Seele goß, obwohl ich es nicht verstehen konnte. Als ich im Begriff war, mich zu entfernen, übergab der König mir ein Schriftstück und sagte mir, ich möge es zu Hause lesen; sein Unzertrennlicher aber überreichte mir ein Päckchen mit den Worten, es enthalte ein Geschenk für meine Frau. Sobald ich nach Hause kam, war es mein erstes, meiner lieben Frau das Paket zu übergeben und das Schriftstück zu lesen. Es war ein Dekret des Kollegiums der Thesmotheten, dessen Oberhaupt der König war; es erklärte alle meine Häuser als frei von dem Aufsichtsrecht, das der Regierung über alle Privathäuser zustand. Das vom königlichen Unzertrennlichen meiner Frau gemachte Geschenk bestand in einem aus der königlichen Kanzlei hervorgegangenen, vom König unterzeichneten Diplom. Sie las es für sich durch und rief von Dank überwältigt: »Laß rasch, rasch einspannen, ich will zu ihren Füßen sterben, ich darf nicht einen Augenblick zögern, mein Tod nur kann den Grad meiner Empfindungen bezeichnen!« Ich verstand nichts von diesem Ausbruch und begann das Schriftstück zu lesen. Sie lief unterdessen wie närrisch in der Wohnung herum, fiel auf die Knie, dankte dem wahren und allmächtigen Gott und sogar der Sonne für die ihr erwiesene Gnade. Das Dekret enthielt für alle jetzt und künftig lebenden weiblichen Riesen das Recht, die Cromide zu tragen, und zwar vom Alter von sechsundzwanzig Ernten an bis an das Ende ihres Lebens. Diese Cromide verlieh ihnen gleichzeitig den Adelstand, wodurch sie am Hofe und überall den Vortritt vor ihren Männern hatten. Es war eine schöne und edle Handlung, doch fand ich die Verzückungen meiner Frau ein wenig übertrieben; ich küßte sie und meinte, es würde wohl früh genug sein, wenn sie dem königlichen Unzertrennlichen nach ihrem Wochenbett dafür danke. Meine Kälte erzürnte meine schöne bessere Hälfte und sie rief: »Ist es möglich, daß du die Tragweite dieser Wohltat nicht ermessen kannst? Ich schwieg bis jetzt, aber diese allgemeine, unanständige, abscheuliche, unsinnige Nacktheit war das Unglück meines Lebens. Jetzt bin ich nun glücklich und wünsche mir nichts mehr und ich will meinen wärmsten Dank diesem menschlichen Engel aussprechen, den Gott erleuchtet haben muß, da ich meine Sorge niemandem verriet. Ich bitte dich, mein Lieber, laß sofort alle meine Töchter holen, sie sollen Zeuginnen meiner Freude sein und mich alle zu Hofe begleiten, um sich mit mir diesem guten Geist zu Füßen zu werfen; denn ein guter Geist ist es ganz sicherlich!« Ich erfüllte ihren Wunsch und eine Stunde später waren meine Töchter um ihre zärtliche Mutter versammelt. Ich bestellte sofort die vorschriftsmäßigen Cromiden: hellblaue für die Mädchen, während die verheirateten Frauen die Farben nach ihrem Geschmack wählten; keiner jedoch außer meiner Frau war gestattet, den Mantel zu tragen. Die Ansprache, die meine Frau an sie hielt, belustigte mich sehr. Wilhelmine, Anna, Pauline und Therese waren die verheirateten; Franziska, Judith und Silvia Mädchen, von denen die letztere als Jüngste gerade in das vom Diplom vorgeschriebene Alter von sechsundzwanzig megamikrischen Jahren eintrat, vor welchem ein Mädchen nicht würdig war, dieses Gewand zu tragen, das europäische Koketterie nicht hübscher hätte erfinden können. Meine Frau sprach also zu ihnen: »Meine lieben Töchter! die Sterblichen, die nach Gottes Vorschriften leben, glauben fest, in seiner göttlichen Vorsehung die Belohnung ihrer guten Werke zu finden. Soeben wurde uns durch die Güte des Herrschers eine Wohltat erwiesen, die alles übersteigt, was wir uns hätten wünschen können, und ich bin überzeugt, daß sie euch ebenso wie mich mit der größten Dankbarkeit erfüllen wird. Ihr werdet mit mir zu Hofe gehen, um dem König und ganz besonders seinem Unzertrennlichen für dies Geschenk zu danken, dessen geringster Vorzug darin besteht, daß es alle unserer Familie entstammenden Frauen adelt und ihnen dadurch die Achtung aller Megamikren sichert.« Nach dieser Ansprache, die die höchste Neugierde meiner Töchter erweckte, las sie ihnen das Diplom vor und fragte Wilhelmine, ob sie sich je eine größere Wohltat habe träumen lassen. »Das nicht, Mama,« antwortete sie, »aber – ich bitte dich vielmals um Entschuldigung – ich verstehe nicht, worin die Bedeutung dieses Geschenkes liegt, das mir nur als ein Luxusgegenstand erscheint. Adelig sein ist viel wert, doch liegt mir nichts daran, adeliger zu sein, als mein Mann. Denn ehrgeizig bin ich, Gott sei Dank, nicht.« – »Aber, meine Liebe, ist denn dir nicht das Vorrecht sehr angenehm, den ganzen Leib mit der Cromide verhüllen zu dürfen?« – »Das schon, besonders wenn ich in anderen Umständen bin; aber dies ist ja doch recht belanglos!« Meine Frau ist zu gescheit, als daß sie noch weiter auf die Sache eingegangen wäre! Sie hatte sich von ihrer Begeisterung überwältigen lassen und kam erst wieder zu sich, als die naiven Antworten unserer Töchter ihr die Wahrheit in klarerem Lichte zeigten. Nun beruhigte sie sich und sah mich lächelnd an. Sie fragte auch die anderen und merkte, daß alle derselben Ansicht waren wie ihre älteste Schwester. Silvia, die jüngste, aber sagte: »Meine gute Mama, ich werde diese Cromide aus Gehorsam tragen, weil ich sehe, daß dir daran liegt, aber sie wird mir sehr unbequem sein.« Wir mußten über ihren Ausspruch herzlich lachen. Tatsache ist es, daß diese Cromide mit der Zeit in meinen Töchtern einen bösen Sinn für Koketterie entfachte, der bei nackt gehenden Völkern ausgeschlossen ist. Da ich auch meinem Sohn Adam die Mittel verschaffen mußte, daß auch er sich von den Früchten nähren könnte, dachte ich viel und ernst nach und wurde wankelmütig durch schwarze Gedanken, die mich überwältigten und die mir Furcht einflößten. Folgenschwer und peinlich wäre die Verlegenheit gewesen, in welche ein Zischen beim Abschießen uns gebracht hätte. Ich konnte nicht vollkommen sicher sein, daß die Schlächterei, trotz der Geschicklichkeit meiner verheirateten Söhne, die ich hinsenden wollte, ohne Fehlschuß gelingen würde, wenn ich nicht dabei wäre. Außerdem durfte auf keinen Fall verraten werden, daß wir das Zischen der Schlangen dadurch verhinderten, daß wir ihr Blut vergossen; denn ihre Tötung wäre allen verabscheuungswürdig erschienen. Nichts konnte leichter geschehen, als daß einer von den Gärtnern zufällig in den Garten kam und die Schützen auf der Tat ertappte, oder sah, wie die Schlangen in die Gruben getragen wurden. Dabei mußte der Anblick des roten Blutes bei den Megamikren die Überzeugung hervorrufen, daß die Schlangen unsere Verwandten wären und daß wir derselben Rasse entstammten. Dann wäre es mit dem Frieden aus gewesen, da es nicht mehr möglich gewesen wäre, den Unwissenden und Beschränkten, deren Geist vom Aberglauben beherrscht war, Schweigen zu gebieten, zumal in Alphapoli, wo die Geister noch furchtsamer waren und wo noch der liebe Abdala regierte, der uns in den Kerker geworfen hatte, woran wir noch jetzt mit Grauen dachten. Alle diese Gedanken bewogen mich, ein Mittel zu suchen, die Schlangen ohne Blutvergießen zu vernichten, da sie nun einmal getötet werden mußten, nicht nur, um ihr Zischen zu hindern, sondern auch unserer Sicherheit wegen. Es handelte sich darum, sie nicht dort leben zu lassen, wo wir unsere Nahrung fanden. Diese Betrachtungen und Grübeleien nahmen meine ganze Zeit bis zur Niederkunft unserer Frauen ein. Sie gebaren alle, wie gewöhnlich, glücklich und am gleichen Tage Zwillingspaare, von denen ich das meinige, fünfzehnte, Andreas und Esther nannte. Ich will Ihnen jetzt, Mylords, von dem schweren Unternehmen berichten, das auszuführen ich mehr Geduld brauchte, als ich von Ihnen verlange, um davon zu hören. Wählend ich an der Zusammenstellung des Pulvers arbeitete, mußte ich vielfache Versuche mit Schwefel anstellen; denn ich schrieb das Mißlingen der Pulverherstellung der nicht genügend guten Zubereitung des Schwefels oder Salpeters zu. In meinem Dienste standen geübte megamikrische Chemiker, die in der Metallurgie, im Bergwesen, im Analysieren mineralhaltiger Erden, in der Erkenntnis ihrer nützlichen und unbrauchbaren Bestandteile große Erfahrung hatten. Ich befand mich einmal mit zweien von ihnen in einer Schwefelgrube, von wo ich einige Schwefelstücke von verschiedener Farbe mitnahm, sowie auch einige Stücke eines rötlichen Stoffes, der kein Schwefel war. In meinem Laboratorium angelangt, bekam ich Lust, ein Stück der rötlichen Substanz in einem Schmelztiegel aufs Feuer zu stellen; der anwesende Diener warnte mich vor diesem Versuch, indem er sagte, diese Materie sei nicht entzündbar, die ihr entsteigenden Dämpfe würden mich augenblicklich ums Leben bringen, wenn ich sie einatmete. »Es ist ein unbeeinflußbarer Stoff,« meinte der Megamikre. »Sie würden ihm nie seine Säuren entziehen können, nicht einmal durch hundert Sublimationen. Sie können dieselben nur vermehren: es ist das Gift, das alle Metalle angreift, selbst Silber und gelbes Gold; denn nur das rote Gold widersteht ihm. Wenn er Metalle zu vergiften vermag, um wieviel leichter gelingt ihm dies bei Pflanzen und Tieren. Jeder feste Stoff, der nicht entzündbar ist, aber sichtbar raucht, kann nur lebentötend wirken, denn das Feuer ist das erste Belebungsmittel in der Natur und kann, wenn es sich in einem Körper befindet, nur durch die Flamme sein Vorhandensein bekunden. Die Giftigkeit der Flüssigkeiten könnt Ihr durch ein anderes Mittel feststellen: seht sie durch ein gutes Mikroskop an und wenn Ihr keine Bewegung, nicht die leiseste Zirkulation darin bemerkt, so ist es ein Beweis, daß die Flüssigkeit ein Gift ist, denn der Mangel an Bewegung bekundet das Nichtvorhandensein lebender Wesen, und dies ist ein Zeichen, daß die Flüssigkeit nicht das göttliche Feuer birgt, das das Hauptprinzip des Weltlebens ist. Hat etwas dies Lebensprinzip nicht, dann kann es nur eine Quelle des Todes sein, denn eine Mittelstufe zwischen Leben und Tod gibt es nicht. Laßt mich Euch noch sagen, daß die Bewegung, die Ihr in klaren Flüssigkeiten bemerkt, in denen Ihr keine Tiere seht wie im Wasser, nichtsdestoweniger durch Lebewesen hervorgerufen wird, die jedoch so klein sind, daß kein Mikroskop der Welt sie zu entdecken vermöchte. Diese Bewegung läßt sich aber nur durch das Vorhandensein von Lebewesen erklären. Leben ist weiter nichts als Bewegung, die Ursache dieser Bewegung kann nur das innere Feuer der Natur sein, die als Ganzes auch ein ungeheures Lebewesen ist, und da alles Existierende nur die Wirkung einer Ursache ist, so wollen wir als erste Ursache einen unbegreiflichen Gott anbeten, der die Quelle aller Quellen ist und dessen ewige Quelle nur in ihm selber liegen – nur ihm selber bekannt sein kann.« Dies war, Mylords, die gedankentiefe Rede dieses weisen Megamikren, der bis zu seinem Tode bei mir verblieb. Er war ein Bastard des Bischofs; sein Kopf war sonnenblumengelb, sein ganzer Körper apfelgrün; sein Unzertrennlicher war violettrot. Er gab mir in bezug auf Chemie Aufschlüsse, die unserer Welt noch gänzlich unbekannt sind und die ich veröffentlichen zu können hoffe, denn welchen Wert hätte die Wahrheit, wenn sie nicht offenbart würde? Ich wollte mich durch ein Experiment von der Wahrheit dessen, was mir der Megamikre sagte, überzeugen. Ich legte ein Stück von diesem bösartigen Stoff in ein Schüsselchen und stellte es aufs Feuer; dem ersten ihm entsteigenden Rauch setzte ich zwei Vögel aus, die auf der Stelle tot niederfielen. Ich glaube, daß diese Materie nichts anderes als unser Arsenik ist; denn ein Venetianer beschrieb mir gleiche Wirkungen von Arsenikdämpfen. Über die Kraft dieses Stoffes nachdenkend, kam ich zu der Überzeugung, daß er mir zum Töten der Schlangen nützlich sein könnte; sie würden zum Zischen weder Kraft noch Zeit genug haben und wir hatten dann weder die Mühe, sie zu begraben, noch brauchten wir über die Art ihres Todes Rechenschaft abzulegen, denn dazu konnte man uns nicht zwingen; übrigens hätte niemand sich je getraut, uns hierüber zu befragen. Ich begann nun darüber nachzudenken, wie ich mir eine bedeutende Menge dieser Dämpfe verschaffen könnte, und dies gelang mir ziemlich leicht auf folgende Weise: Ich legte in einen Schmelztiegel eine entsprechende Quantität des roten tauben Gesteins und bedeckte den Tiegel mit einer Glocke, deren Rauminhalt zwanzigmal so groß war wie der des Schmelztiegels. Am Rande dieser Glocke befanden sich in gleicher Entfernung vier drei Zoll lange, offene Hähne, deren Spitzen einen halben Zoll schräg abwärts gebogen waren. Der untere Rand der Glocke schloß sich dicht an den Tiegel an, so daß die Luft weder hinein- noch herauskommen konnte als durch die vier Öffnungen der Hähne. Ich verband mit diesen Hähnen vier hermetisch verschlossene Pumpen. Jede von diesen Pumpen war achtmal so groß als die Glocke. Jede von ihnen hatte einen Kolben, der, um möglichst leicht zu sein, innen hohl war und an dessen Ende sich ein Kettchen befand, woran ein einzelner Mensch ihn an sich ziehen oder zurückschieben konnte; zog man den Kolben heraus, so blieb sein Ende doch immer noch in der Pumpe stecken. Nachdem ich dies alles zusammengebracht und mich wohl versichert hatte, daß keiner meiner Diener den von mir verfolgten Zweck ahnen konnte, rief ich meine vier verheirateten Söhne, stellte einen jeden an eine Pumpe und ließ sie auf Kommando langsam den Kolben an sich ziehen. Nun stellte ich den Schmelztiegel mit Arsen auf glühende Kohlen und sobald sich Dämpfe zu entwickeln begannen, setzte ich das kleine Kohlenbecken unter die Glocke und den Schmelztiegel darauf, so daß er sich vollkommen an die Glocke anschloß. Die Hähne ohne Saugheber, da solche nicht nötig waren, waren bereits mit den Pumpen verbunden. Ich ging dabei sehr umsichtig vor, um nicht von den Dämpfen erstickt zu werden. Es ist jene schreckliche Aporrhoea, deren Zusammensetzung noch niemand festgestellt hat. Die Glocke hatte außer den vier Hähnen in ihrem oberen Teil ein mit einem Ventil versehenes Rohr, das ich nach meinem Gutdünken mittels eines langen Stäbchens öffnen oder schließen konnte. Diese Rohrspritzen schlössen sich somit an die Glocke an, die den Tiegel bedeckte, und ich beobachtete das offene Ventil, um mich durch die aufsteigenden Dämpfe zu überzeugen, daß die Glocke bereits voll von denselben war. Sobald ich dies merkte, befahl ich meinen Kindern, den Kolben möglichst langsam und vorsichtig anzuziehen, und schloß das Ventil. Ich überzeugte mich, daß die Sache vorzüglich gelang und daß unmöglich die Luft eindringen konnte, es wäre zwecklos gewesen, meine Söhne den Kolben stärker anziehen zu lassen; sie hätten sich umsonst bemüht: ohne die Dämpfe wäre es ihnen nie gelungen, den Kolben zu bewegen, da die Luft auf keine Weise in die Glocke dringen konnte, wenn man nicht etwa mittels einer Luftpumpe die Glocke entleerte. Wählend sie die Kolben anzogen, öffnete ich für einen Augenblick das Ventil, doch schloß ich es sofort wieder, als ich den Dampf ausströmen sah, wovon die Spritze voll war. Ich wußte nun, daß meine Spritzen unmöglich noch Luft außer dem Dampf einsaugen konnten. Als vier Kolben soweit herausgezogen waren, wie es überhaupt möglich war, brauchte ich meinen Kindern nicht zu sagen, daß sie aufhören sollten, da auch sie merkten, daß die Spritzen voll waren. Ich öffnete nun die Fenster des Laboratoriums und zog die Kohlenpfanne unterhalb der Glocke hervor, desgleichen den Schmelztiegel, den ich mit einer Zange vom Feuer nahm und löschte. Das verlöschte Arsenik dampfte nicht mehr, dann schraubte ich die Spritzen von den Hähnen los und verstopfte sie mit Pech. Zum Schlusse blieb mir nur noch übrig, meinen Söhnen das strengste Schweigen aufzuerlegen, da unsere Ehre und unser Leben davon abhingen. Ich schloß mein Laboratorium zu und jeder ging seinen Geschäften nach. Als ich mich nun im Besitz der Dämpfe sah, richtete ich alle meine Gedanken auf das Mittel, die Köpfe der Schlangen damit so zu treffen, daß sie ersticken, bevor sie ihr Zischen ausstoßen könnten; sie mußten die Dämpfe einatmen, um sofort tot zu sein. Hierüber fing ich erst an nachzudenken, als ich im Besitze der Dämpfe war. Ich hatte die Ausführung zunächst als möglich angenommen, aber nur theoretisch, ohne klaren Begriff, wie ich mich des Mittels bedienen sollte. In dieser Weise ging ich stets vor. Um mein Ziel zu erreichen, hielt ich an dem Grundsatz fest, mich in die Notwendigkeit zu versetzen, vorwärts zu gehen. Hatte ich mich einmal auf etwas eingelassen, so ließ ich nicht mehr davon ab. Wer bei wichtigen und schwierigen Unternehmungen zuerst einen fertigen Plan des Werkes entworfen, alle Schwierigkeiten aus dem Wege geschafft sehen will, der erreicht niemals etwas und bleibt schließlich auf halbem Wege stehen, da jede unvorhergesehene Schwierigkeit, jedes Hindernis ihn verwirrt und um seinen ganzen Mut bringt und zwar nur deshalb, weil er darauf nicht gefaßt war. Solche unfruchtbaren Geister sind nicht imstande, auf der Stelle einen Ausweg zu finden. Der Mann, dem alles gelingt, muß ein vorzüglicher Rechenmeister sein, der dem Zufall soviel einräumt, wie notwendig ist: es ist der mutige Mensch. Mut ist kein wilder Herzensdrang, der den Menschen oft in den Abgrund stürzt, sondern eine Eigenschaft der Seele, die voller Vertrauen und Entschlossenheit dem Zufall und den Gefahren trotzt und vorwärts schreitet. Ich hatte einen genügenden Vorrat an Gewehren von drei, vier und fünf Fuß Länge und verschiedenem Kaliber, alle mit einem Lauf, aber mit zwei zylindrischen, divergierenden Bohrungen, die, wie meine Pistolen, gleichzeitig zwei tödliche Schüsse abzugeben vermochten. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mich meiner vier Fuß langen Gewehre von halbzölligem Kaliber zu bedienen, sah ich, daß ich sie nur dann mit der tödlich wirkenden Aporrhoea laden könnte, wenn ich diese in Zylinder füllte, deren Durchmesser dem Kaliber meiner Gewehre gleich war. Zu diesem Zweck verwandte ich die äußerst feine Haut, deren man sich im Handel zur Verfertigung der Phosphor-Kügelchen bediente, die, wie ich Ihnen bereits erzählte, im inneren Handel der Megamikren als Geld dienten. Ich ließ einige megamikrische Schneider holen und diese verfertigten mir im Laufe von vier Fünftagwochen über 1000 fußlange Schläuche, die sehr fest genäht und an dem einen Ende offen waren, zwecks Einführung des Stoffes, den ich Hineinzutun gedachte, was nach der Meinung der Megamikren nur der kostbare Phosphor sein konnte. Im Besitze der leeren Schläuche füllten ich und meine vier Söhne dieselben mit dem Dampf, wozu wir, zehn Stunden täglich arbeitend, einen Brand brauchten. Ich war höchst erfreut, daß meine Söhne auf diese Weise die Handhabung eines Mittels erlernten, das meine eigene Erfindung war und dessen sie sich auch nach meinem Tode würden zu bedienen wissen. Ich nahm einige bereits den Löchern der durch Ventile verschlossenen Spritzen angepaßte Saugheber und ließ am anderen Ende des Hebers mit einem leichten Kitt die Naht der umgestülpten Wursthülle bestreichen. Sobald die Wurst an der Spritze haftete, drückte Jakob ein wenig den Stempel an und sofort sah ich den Schlauch vollgeblasen; er konnte nur mit dem giftigen Dampf gefüllt sein. Ich nahm die Wurst ab und schloß sie mittels desselben Kittes; auf diese Weise behandelte ich alle vorhandenen Würste, deren Vorrat auf lange Zeit ausreichen mußte. Die 1000 Würste hatten kaum den achten Teil einer Pumpe entleert, woraus man auf die Größe der Pumpen schließen kann. Nun dachte ich an die Mittel, die Kraft der Aporrhoea zu erproben. Meiner Meinung und Berechnung nach mußte ihre Wirkung unfehlbar sein; doch hatte ich beim Anfertigen des Pulvers bereits gelernt, daß die boshafte Erfahrung sich oft ein Vergnügen daraus macht, die Berechnungen des schärfsten Verstandes Lüge zu strafen. So ist nun der Mensch: er kann denken, urteilen, Schlüsse ziehen und seine Seele mit allen Spitzfindigkeiten ermüden, die sein Geist ihm vorstellt, und er kann trotzdem nie seiner Sache sicher sein, solange ihn nicht die Erfahrung belehrt hat. Um diese Erfahrung zu gewinnen, wollte ich allein meine Versuche machen. Allein im Garten der Druckerei, zwei Stunden vor dem Beginn des Tages, versorgte ich mich mit drei oder vier Gewehren und acht bis zehn Würsten, stellte zwei Ziele zwei Fuß voneinander in gleicher Höhe von zwei Klaftern auf. Diese Ziele waren zwei Drahtkäfige mit je sechs Vögeln. Ich lud eins meiner Gewehre mit Pulver und steckte zwei Schläuche ein, die ich vorher mit Kampferfett eingerieben hatte. Dann stellte ich mich in einer Entfernung von achtzehn Fuß auf und legte das Gewehr an, doch mußte ich erst noch neun Fuß zurückgehen, um gut zielen zu können. Die drei Richtkörner meines Gewehres lagen erst richtig, als ich mich in einer Entfernung von siebenundzwanzig Fuß befand. Dies ließ mich am Gelingen meines Versuches zweifeln, denn ich fürchtete, daß die Haut der Wurst zu rasch vom Pulver verbrannt werde und der Dampf nicht mehr bis zu meinem Ziel gelangen werde. Meine Zweifel erwiesen sich aber als unbegründet, die Schnelligkeit, womit das Pulver den Schlauch verbrennt, ist gleich jener, die es zum Durchlaufen des Raumes bis zum Ziel braucht; sollte dabei ein Unterschied sein, so ist er so klein, daß er ganz belanglos bleibt. Nach dem Schuß lief ich zu den Käfigen und sah die Vögel anscheinend tot darin liegen. Genau senkrecht unterhalb der Käfige lagen die verbrannten Wursthäute. Ich mußte mich überzeugen, ob die Vögel tot oder nur betäubt waren. Ich nahm sie deshalb aus dem Käfig heraus, legte sie aufs Gras und ging aus dem Garten, dessen drei Türen ich verschloß, nämlich die ins Haus, die auf die Straße führende und die, durch welche die Gärtner von ihren Kammern aus in den Garten gelangen konnten. Diese dritte Tür befand sich nur in unseren Häusern seitdem wir keine Schlangen mehr beherbergten. Die Gärtner hatten seitdem bei mir keine anderen Rechte mehr als solche, die ich ihnen freiwillig einräumte; sie erwarteten stets, daß ich mindestens die eine Hälfte von ihnen entließe, oder daß ich ihren Lohn auf die Hälfte herabsetzte. Ich tat keines von beiden und meine Gärten waren die schönsten und bestgepflegten der Hauptstadt. Die Megamikren sind im allgemeinen gutmütig, doch die Gärtner und die Milchgeber sind unglaublich freche Kerle. Wir ertrugen ruhig ihre Unverschämtheiten, aber die göttliche Vorsehung rächte uns; sie erlöste uns von der Tyrannei der Milchgeber und dämpfte die Frechheit der Gärtner. Am folgenden Tag sah ich alle zwölf Vögel an derselben Stelle tot liegen; ich warf sie in die Grube. Aber dieser Versuch genügte mir noch nicht. Ich mußte mich überzeugen, ob ich mit meinen Schläuchen auch die Schlangen zu töten vermochte; ich hatte ja nur Vögel des Lebens beraubt. Ich wußte aber nicht, wie ich dies machen sollte, da wir ja keine Schlangen mehr in unseren Gärten hatten, und meine Macht gegen die auf fremden Bäumen hausenden Schlangen auszuüben, war mir nicht gestattet. Da beschloß ich, das Recht auszunützen, das mir mein Diplom der Thesmotheren zubilligte. Ich durfte bei Versteigerungen gegen bare Zahlung liegende Güter erwerben. Ich beauftragte nun einen Sachwalter, bei der nächsten Versteigerung am Tage des Schmetterlings ein kleines Landhäuschen, eine Meile von der Stadt, für mich zu kaufen. Mein Befehl wurde ausgeführt; ich besichtigte es und fand zwei kleine Gärten, deren jeder mit vier Bäumen bepflanzt war. Ich kehrte am folgenden Tag mit meinen vier Söhnen dorthin zurück, ließ eine Kiste mit Gewehren und Munition hintragen und schickte die vier Gärtner in die Stadt. Sobald wir allein waren, verständigte ich meine Söhne über mein Vorhaben und lud vor ihnen die Gewehre, deren Handhabung ich ihnen zeigte. Hierauf schossen wir gleichzeitig aus einer Entfernung von siebenundzwanzig Fuß und die Schlangen fielen tot zu Füßen der Bäume nieder. Sofort begaben wir uns in den zweiten Garten und in einer halben Stunde war alles erledigt. Nun schickte ich Robert in die Druckerei, um die Gärtner zu holen, die ich unter irgendeinem Vorwand dorthin geschickt hatte, zeigte ihnen, als sie kamen, die sechzehn toten Schlangen und befahl ihnen, diese in den gelöschten Kalk zu werfen. Sie sagten mir, von Schreck überwältigt, es sei ihnen verboten, meinen Befehl auszuführen ohne ein eidliches Zeugnis der Nachbargärtner zu haben, daß diese kein Zischen gehört hatten. Ich antwortete ihnen, sie möchten nach den Gesetzen handeln, und fuhr mit meinen Söhnen zu meiner Frau, da ich nur in ihrer Gegenwart zu diesen sprechen wollte. Ich sagte ihnen, auf diese Weise würden wir von nun an die Schlangen vertilgen; am achten Tag unseres neuen Jahres würde ich sie alle, mit allem Notwendigen versehen, nach Alphapoli senden, um durch dieses Mittel Adam in den Besitz der neuen Nahrung zu setzen und um meine anderen Aufträge auszuführen. Ich legte ihnen wiederum die größte Geheimhaltung und die geschickteste Ausführung ans Herz, damit sie nicht gesehen würden und alle Vorsichtsmaßregeln träfen, um sicher zu sein, daß die Schlangen tot niederfielen, bevor sie zischen könnten. Elisabeth sagte ihnen, sie werde für die Zeit ihrer Abwesenheit ihre Familien zu sich nehmen, und ich fügte hinzu, daß ein jeder mit seiner geliebten Frau reisen dürfe; sie sollten diese Nachricht ihren Frauen mitteilen, ohne jedoch das Geheimnis der Schlangentötung zu verraten. Sie versprachen uns pünktlichsten Gehorsam und gingen nach Hause. Als wir allein waren, beglückwünschte meine Frau mich zu meiner neuen Vertilgungsmethode, machte mir aber einige Vorwürfe über die Geheimnistuerei ihr gegenüber. Als sie dann ein wenig nachgedacht hatte, lachte sie und fragte mich, was ich mit dem kleinen Häuschen machen wolle. Ich erwiderte ihr, ich hätte es nur erworben, um den Versuch anzustellen und hätte sonst keine Verwendung dafür. »Dann schenk es mir,« bat sie. – »Sehr gerne, mein Engel, doch wirst auch du nichts damit anzufangen wissen.« – »Das ist Nebensache,« erwiderte sie, »willst du es mir schenken oder nicht?« – »Aber ja, herzlich gerne; heute noch wirst du den Übertragungsakt erhalten.« Drei Stunden später händigte ich ihr den Akt ein und am folgenden Tag ging ich in der ersten Stunde zum König. »Ich freue mich sehr, Euch zufrieden zu sehen,« sagte er zu mir, »Ihr scheint ja meine armen Untertanen um den Verstand bringen zu wollen. Alle waren schon überzeugt, daß die Schlangen sehr wütend, aber doch ohne Zischen Euere Gärten verlassen hätten und fest entschlossen wären, sich an der fremden Rasse zu rächen, die sich ihrer Nahrung bemächtigt hätte. Man behauptete, diese Rache werde in erster Linie meine Familie und den gesamten Klerus treffen. Man sagte, niemand würde Euch in seinen Schutz nehmen wollen, Ihr müßtet zu Entschädigungen, Bußen, Gefängnis und was weiß ich noch, verurteilt werden. Nun hat das alles sich geändert! Die sechzehn toten Schlangen, an denen keine Wunde zu sehen war, haben die Denkungsart all dieser Klugschwätzer gewandelt und alle Welt hat eine heilige Scheu vor Eurer Macht. Der Bischof ist überzeugt, daß Gott Euch zwecks Vertilgung der Schlangen hierhergeschickt hat; er sandte einen Boten nach Heliopalu, denn was Ihr gestern vollbracht habt, ist etwas Großes und Bedeutungsvolles. Seitdem die Welt besteht, hat man noch nie eine Schlange anders als ihres natürlichen Todes sterben sehen. Wenn Ihr die Macht habt, alle Schlangen dieser Welt auf diese Weise zu töten, dann rate ich Euch, dies dem Großen Genius in klaren Worten bekanntzugeben, und ich zweifle nicht, daß er Euch seine Zustimmung dazu geben und daß man Euch göttliche Ehren erweisen wird, denn was Ihr vollbringt, geht über die Macht eines Sterblichen hinaus.« Ich verneigte mich tief vor dem König und sagte ihm, ich vollbringe dies alles auf ganz natürliche Weise, obgleich ich dabei der göttlichen Gnade und Hilfe mir wohlbewußt sei; übrigens würde ich nichts getan haben, wenn ich nicht seiner königlichen Zustimmung sicher gewesen wäre. »Wenn die Sache sich so verhält,« antwortete er mir, »dann erlaube ich, daß Ihr in meinem Reiche alles tut, was Euch gefällt; denn wenn von Eurem Willen es abhängt, so bin ich sicher, daß Ihr niemals etwas wollen werdet, was auf meinen Ruhm den leisesten Schatten werfen könnte.« Ich küßte seine Hand und sagte ihm, daß meine fünf Söhne sich zur Reise nach Alphapoli und von dort nach den anderen Grenzstädten vorbereiteten, und daß sie in der zweiten Fünftagwoche der nächsten Ernte abreisen sollten. Er sagte mir, in seiner Kanzlei sei alles zur Ausfolgung der Vollmachten bereit und alles solle auf seine Kosten geschehen; auch wollte er die Stunde der Abreise der fünf schönen Riesenpaare wissen, um in einem seiner Landhäuser, zwei Meilen von der Stadt, meine Reisenden zu erwarten und mit ihnen zu frühstücken. Ich ging nach Hause, um alles Nötige vorbereiten zu lassen. Ich füllte einen Wagen mit Geschenken für den Statthalter: Essenzen und kostbaren Möbeln, einen zweiten Wagen belud ich mit Waffen und Munition: Pulver, Hautschläuche und Kugeln. Eine Kiste füllte ich mit fünfzig sehr geschmackvollen Exomiden, die meine Frau für die verheirateten Töchter hatte anfertigen lassen; ich legte dazu hundert Ränzel hinein, die nach meinen Angaben fertiggestellt waren; man konnte in sie für eine Fußwanderung alles hineintun, was man brauchte. Eine sehr nützliche Erfindung meiner Frau, ein Zeugnis ihres Geistes und Herzens, bestand in einem Topf mit 200 eingemachten Früchten, die unsere Söhne vor dem Hunger bewahren sollten. Sie hatte aus der Samenmilch der Anazosen ein Mus bereitet, das die Feigen frisch erhielt. Dies war eine sehr wichtige Erfindung, die sich auf Reisen äußerst nützlich erwies; wir hätten sonst nämlich Schlangen töten müssen, die anderen Leuten gehörten, und das hätte uns in viele böse Geschichten verwickelt. Der Neujahrstag wurde mit größter Pracht von uns gefeiert. Ich gab ein Bankett mit reichbesetzter Tafel und wir speisten zusammen mit den Megamikren, indem wir unsere Feigen aßen, während sie sich säugten. Wir genossen geradezu eines neuen Lebens, da wir die Ernährerbande los waren. Ich machte Theodor und Franziska glücklich, die vor Liebe fast wahnsinnig zu sein schienen. Zu jener Zeit trug sich ein lustiges Ereignis zu, das ich Ihnen, Mylords, berichten will, da ich hoffe, daß es Sie unterhalten wird. Ein Gerichtsdiener des Königs brachte mir eine Vorladung. Der König bestimmte mich zum Schiedsrichter in einem Prozeß, der am folgenden Tag vor dem Hofgericht entschieden werden sollte. Der Gerichtsdiener wartete auf meine Antwort, ob ich annehme oder nicht. Ich sagte ihm, ich schätze die mir von Seiner Majestät erwiesene Ehre sehr hoch und werde nicht ermangeln, mich zur angegebenen Stunde im Gerichtssaal einzufinden. Ich kam, und sobald ich den großen Sessel eingenommen hatte, sagte mir ein Advokat, sein Klient habe auf einer Versteigerung ein vorher von ihm besichtigtes Haus gekauft und 1000 Unzen dafür bezahlt. Sechs Stunden später habe er, bei genauer Besichtigung des Hauses, bemerkt, daß auf den Bäumen keine Schlangen sich befänden; deshalb verlange er vom Verkäufer, ihm das Geld zu ersetzen und das Haus zurückzunehmen. Der Anwalt des Verkäufers wies darauf hin, daß der Käufer das Haus vor dem Kauf besichtigt habe und deshalb mit seiner Klage abgewiesen werden müsse. Der Käufer appellierte an den König und behauptete, die geschlossene Vereinbarung sei durch Überraschung zustande gekommen. Als der Anwalt des Verkäufers sah, daß ich das Urteil aussprechen sollte, schien er seiner Sache sicher zu sein und gab sich nicht einmal die Mühe, weiter zu sprechen, sich auf meine Entscheidung verlassend. Dieser Prozeß kam mir merkwürdig vor, da ich als sicher annahm, daß Schlangen sich überall dort befanden, wo es Bäume gab; und nun sprach man von einem Garten, der keine Schlangen hatte und von einem Menschen, der auf das Vorhandensein der Schlangen Wert legte. Es galt aber, ein gerechtes Urteil zu fällen und nicht über Nichtigkeiten nachzudenken. Ich entschied in folgender Weise: »Das Haus soll noch einmal versteigert werden und wenn sich kein Käufer dafür findet, dann muß der Verkäufer das empfangene Geld zurückerstatten. Wird das Haus um eine geringere Summe, als der Kaufpreis betrug, verkauft, dann muß der Verkäufer den Mehrbetrag zurückerstatten; wird es teurer verkauft, so soll der Mehrertrag dem ersten Verkäufer zugute kommen. Der Schlangenfreund aber wird in jedem Fall zum Tragen der Prozeßkosten verurteilt.« Als ich am nächsten Tag mit den Vorbereitungen zur Reise meiner Söhne beschäftigt war, kam der Bevollmächtigte des im Prozeß Unterlegenen mit einem Advokaten und einem Makler zu mir. Ich sah zu meinem Befremden, daß er nach kurzer Begrüßung meiner Frau 4000 Unzen in Banknoten auszahlte und sie ersuchte, eine Quittung auszustellen mit der besonderen Erwähnung, daß 3000 Unzen der Mehrertrag für das Haus wären, das der Makler für einen Unbekannten gekauft habe. Ich sah meine Frau an, die nur mit Mühe sich des Lachens enthalten konnte. Sie stellte die Quittung aus und gab großmütig hundert Unzen dem Bevollmächtigten und hundert andere für den Schlangenfreund, der die Kosten des Prozesses zu zahlen hatte. Wie der Bevollmächtigte uns sagte, hatten sich, sobald mein Urteil dem Publikum bekanntgeworden war, Kauflustige für das Haus so zahlreich eingestellt und so hartnäckig für dasselbe gekämpft, daß die Versteigerer schon glaubten, die Sache werde sich endlos hinziehen. Das Ausgebot begann mit 500 Unzen, aber bald war man um zehn Unzen steigend auf 2000 gekommen; schließlich rief ein anwesender Roter, der bis dahin still zugehört hatte, »5000«, worauf alle zurücktraten und das Haus dem Roten zugeschlagen wurde, der für diesen Preis ein reizendes Haus hätte kaufen können. Es war ein sehr reicher Herr, der auf diese Weise der Welt dartun wollte, daß er kein Liebhaber der Schlangen war. Kaum halten sie sich entfernt, so fing meine Frau herzlich zu lachen an und ich mußte desgleichen tun, obwohl ich ihr gerne einige Bemerkungen gemacht hätte; das Geschäft war aber bereits abgeschlossen und ich konnte nicht böse darüber sein, daß sie 5000 Unzen verdient hatte. Ich sah, daß wir damit sehr gute Geschäfte machen konnten, doch wußte ich nicht, ob es erlaubt war und wie der König sich dazu verhalten würde. Wie sollte ich mir den Streich deuten, den der König mir gespielt hatte, indem er mich zum Schiedsrichter in dieser Sache ernannte? Ich mußte mir Gewißheit verschaffen und ging am folgenden Tag zu Hofe. Der König empfing mich sehr gnädig und sagte mir, er finde es merkwürdig, daß ich ein Haus verkaufe, dessen Besitzer ich kaum drei Tage lang gewesen sei; ich antwortete ihm, ich hätte es erworben, um es meiner Frau zu schenken; diese hätte es aber, nicht wissend, was sie damit anfangen sollte, und ohne mir ein Wort davon zu sagen, für denselben Preis verkauft, den ich dafür bezahlt hätte. Der unerhörte Gewinn sei nur die Folge eines Zufalls. Er fragte mich, ob ich mit meiner Wahl zum Richter in dieser Angelegenheit zufrieden sei, und hörte mit Staunen, daß ich keine Ahnung davon gehabt hätte, daß es sich um mein Haus handelte und daß ich ein ganz anderes Urteil gefällt hätte, wenn ich dies gewußt hätte. »Wie hätten Sie besser entscheiden können?« rief er, »alle Welt findet Ihr Urteil sehr weise.« Ich antwortete, ich würde das Geld zurückgegeben und das Haus für mich behalten haben. Als der zur Abreise meiner Söhne bestimmte Tag kam, wählte ich hierzu die für den König bequemste Stunde, da wir die Ehre haben sollten, von ihm bewirtet zu werden. Wir alle kamen hin, ausgenommen die zehn Jüngsten, die vor kurzem erst entwöhnt worden waren. Das Frühstück war von Musik, Tänzen, Wohlgerüchen und angenehmer Unterhaltung begleitet. Der ganze Hof äußerte einstimmig sein Entzücken über die Schönheit der Eromiden meiner verheirateten Töchter; diese waren alle von verschiedenen Farben und Sie können, Mylords, gewiß niemals in Europa oder Asien ein Kleidungsstück gesehen haben, das eine hübsche Figur und zwei schöne Hüften besser hervortreten ließe. Sie trugen dazu elegante Stiefelchen, die bis zur Hälfte der Waden reichten, wo die Eromide schloß, und Häubchen, die, statt einen Teil der Reize des Gesichtes zu verhüllen, dieselben noch hervortreten ließen. Ihr herrliches Haar rief die Bewunderung aller Megamikren hervor, die von soviel Schönheit begeistert, die jemals zu genießen sie nicht hoffen durften, den Altar anbeteten, auf welchem sie zur Schau gestellt war. Am Schluß des Frühstücks sagte der König meinen Söhnen viele Liebenswürdigkeiten und sie fuhren ab. Der Anblick der fünfzehn, mit je zwölf Pferden bespannten Wagen gefiel dem König sehr. Ich sandte mit meinen Kindern vier Paare Megamikren, die sehr begabt und ehrenhaft und mir ganz ergeben waren; nichtsdestoweniger riet ich meinen Söhnen, sie nie in unsere Geschäftsgeheimnisse einzuweihen. Wer unnötigerweise ein Geheimnis einem anderen anvertraut, und wäre es seinem eigenen Vater, der ist ein Schwächling, jeder Urteilskraft bar und verdient ausgelacht zu werden, wenn er sich beklagt, daß der andere ihn verraten hat. Meine klugen Söhne entledigten sich bestens der ihnen von mir gegebenen Aufträge und ich erhielt drei Fünftagwochen nach ihrer Ankunft in Alphapoli die Nachricht, daß Adam und seine ganze Familie keiner Ernährer mehr bedurften und daß Robert ein Haus gekauft hatte, um eine Druckerei darin zu errichten, die in zwei Ernten betriebsfähig war. Der Statthalter bewunderte unser ganzes Geschlecht, aber unbeschreiblich ist die Freude, die er empfand, als er die von ihm aufgezogenen Kinder Jakob und Wilhelmine wiedersah. Den Abdala besuchten meine Kinder nicht und es fiel mir nicht ein, ihnen dies zu befehlen. Es genügt, denen, die uns ein Leid, ein Unrecht zugefügt haben, zu verzeihen, und das Gebot, das sie zu lieben gebietet, will nur sagen, daß wir ihnen bei Gelegenheit Gutes tun sollen; denn das Gesetz kann nichts befehlen, was der Natur des Menschen zuwiderläuft. Ihnen unsere Geringschätzung zu zeigen, ist kein Verbrechen. Im Verlaufe von vier unserer europäischen Jahre errichteten meine Kinder Papierfabriken und Druckereien in den vier Grenzstädten des Reiches, vertilgten die Schlangen in den von ihnen erworbenen Häusern und setzten überall geschickte und zuverlässige Megamikren als von ihnen abhängige Leiter ein. Meine Frau sandte Wilhelmine die Zubereitungsvorschrift für das zur Konservierung der Früchte notwendige Mus, das für Reisen unentbehrlich war, da sie von einer Grenzstadt zur anderen 800 Meilen zu reisen hatten. In der Mitte des zwanzigsten Jahres meines Aufenthaltes in jener Welt, viereinhalb Jahre nach ihrer Abreise aus der Hauptstadt, kehrten meine Söhne ruhmvoll zurück. Sie hatten sich allerorts Liebe erworben und das Glück vieler Familien gemacht, die in den neuen Tätigkeiten einen bequemen Erwerb fanden. Als sie abreisten, waren sie nur fünf Ehepaare und sie kehrten in der Zahl von sechsundsiebzig zurück, da sie auch Adam mitbrachten, der bereits vierzehn Kinder hatte; alle anderen waren mittlerweile von ihren pünktlichen Ehehälften mit je acht Sprößlingen beschenkt worden. Bei ihrer Ankunft waren alle im sechsten Monat guter Hoffnung. Meine eigene Familie hatte sich in dieser Zeit im gleichen Verhältnis vermehrt und ich hatte mein siebentes Kinderpaar Heinrich mit Judith vermählt, das achte, Karl mit Silvia, das neunte, David mit Johanna, und das zehnte, Simeon mit Faustine. Mein sechzehntes, siebzehntes, achtzehntes und neunzehntes Kinderpaar nannte ich: Cäsar und Rosa, Daniel und Luise, Paul und Klementine, Lorenz und Lukrezia. Sie waren in fünfzehn Wagen abgereist und kehrten in vierundvierzig zurück. Ich kaufte ihnen zwei Häuser in der Stadt und ein großes Landgut, wo sie bequem sich niederlassen konnten. Mit Hilfe meiner fünf Söhne Heinrich, Karl, David, Simeon und Johann, den ich am ersten Tag des neuen Jahres trauen sollte, befreite ich diese Häuser von den Schlangen, wozu ich mich des wie immer unfehlbar wirkenden giftigen Rauches bediente. Wir wurden auf diese Weise um sechzig Bäume reicher. Meine Frau übergab den Heimgekehrten ihre Kinder, die sie übernommen hatte, und die ihr viel Arbeit gemacht hatten. Der König wünschte die fünf Mutvollen zu sehen, die in seinem Reiche so viele nützliche Anstalten errichtet hatten, und erhob sie in den Adelstand, indem er einem jeden von ihnen die Auszeichnung des roten Mantels und ein Jahrgeld von 2000 Unzen gewährte. Wir waren alle reich, denn alle von uns errichteten Anstalten arbeiteten auf unsere Rechnung, und wir erhielten im ganzen jährlich über 40 000 Unzen vom König, was ungefähr nach hiesigem Gelde 150 000 Guineen ausmacht. Drei Monate nach ihrer Ankunft wurden alle meine verheirateten Töchter entbunden und meine Frau schenkte mir unser zwanzigstes Kinderpaar: Stephan und Irene. Sodann verlebten wir zehn europäische Jahre in vollkommenem Frieden, von der Gnade des Königs ausgezeichnet, von den Mächtigsten geschätzt und geachtet, und es ereignete sich während dieser Zeit nichts Nennenswertes. Der natürliche Tod entriß uns unseren Freund, den Bischof, doch sein Erbe und Nachfolger, dessen Sie sich wohl noch erinnern, empfand für uns die gleichen freundschaftlichen Gefühle. Während dieser Zeit beschenkte meine Frau mich mit zehn Kinderpaaren. Die Zahl der sich Vermählenden wuchs von Jahr zu Jahr und am Neujahrstag unseres einunddreißigsten Aufenthaltjahres traute ich außer meinen Kindern Julius und Antoinette elf andere Paare, von denen eines meine Urenkel, die Enkel Jakobs, die Kinder seines ältesten Sohnes waren. Zu Beginn dieses Jahres waren wir bereits 922, von denen 178 verheiratet waren. Diese Jahre verbrachten wir keineswegs müßig; jeder hatte seine wichtigen Beschäftigungen. Ich hatte meine Schmieden bedeutend vergrößert und über hundert meiner Kinder arbeiteten in denselben an der Fertigstellung aller Arten von Schußwaffen, deren Erfinder ich war. Auf Grund verschiedener Proben und Experimente fand ich eine tadellose Metallverbindung mit Zinn, die ich zum Schmelzen von Gewehrläufen verschiedenen Kalibers benützte. Ich goß drei Glocken, die ich dem König schenkte und die allgemeine Bewunderung fanden. Der Monarch ließ nach meinen Weisungen einen Turm errichten, worin sie aufgehängt wurden. Die stärkste hörte man fünfzig megamikrische Meilen in der Runde, die mittlere fünfundzwanzig und die kleinste in der ganzen Hauptstadt. Diese kleinste war es auch, die am öftesten im Dienste des Königs verwendet wurde, da er von nun an, anstatt durch Eilboten alle seine Hofräte zu einer Sitzung zusammenzurufen, ihnen mittels Glockenklanges Tag, Ort und Stunde, zu welcher sie sich einfinden sollten, bekanntgab. Ebenso wurden die bisher Schluß und Beginn des Tages ankündigenden Trompeten abgeschafft und die königliche Glocke nahm deren Stelle ein. Mit der Zeit wurde das Amt eines Oberaufsehers des Glockendienstes eine sehr wichtige Stelle; der König selber ernannte ihn; nur ein roter Megamikre, der bereits Staatsrat war, durfte dazu vorgeschlagen werden; er war für jedes Glockensignal verantwortlich, weshalb die ihm unterstellten Glöckner besonders treue und gewissenhafte Menschen sein mußten. Der Glockenklang wurde somit als die Stimme des Königs angesehen, die respektiert und befolgt werden mußte; es wäre ein großes Verbrechen gewesen, sie zwecklos erschallen zu lassen. Chemie und Geometrie waren die Lieblingswissenschaften meiner Kinder; einige meiner Töchter und Enkelinnen beschäftigten sich, gleich meiner Frau, mit chemischen Analysen zwecks Anfertigung von Essenzen, die eine wichtige Einnahmequelle für mehrere von unseren Familien waren, dem Steueramt aber auch Geld einbrachten, da die Handelspolitik der Megamikren dahin arbeitet, daß der Monarch der Einfuhr volle Freiheit gewährt und nur die Ausfuhr mit Steuern belegt. Ich werde Ihnen, Mylords, demnächst eine Rede wiederholen, die mir der König in bezug darauf hielt und auf die ich nichts zu erwidern vermochte, da ich seine Meinung teilen mußte; denn seine ganze Beweisführung war unwiderleglich. Der Papierhandel wurde zum wichtigsten Handelszweig und die Druckereien waren nicht imstande, alle Aufträge zu befriedigen. Die Farbenschrift wäre ganz in Vergessenheit geraten, wenn der Klerus alles, was sich auf die Religion bezog, in einfarbige Schrift hätte übertragen lassen; dies ließ aber das Vorurteil nicht zu. Beinahe zu derselben Zeit, als ich die Glocken goß, fiel es mir ein, für jedes unserer Jahre einen Kalender zu drucken, den ich den »Christlichen Kalender« nannte. Er umfaßte zwölf unserer Monate oder 720 megamikrische Tage und jeder Tag war mit einem Frauen- und einem Männernamen bezeichnet, die ich aber nicht »heilig« bezeichnen wollte, da mich dies in zu lange Erklärungen verwickelt hätte, um die Neugierde meiner Kinder zu befriedigen. In diesen Kalendern suchten meine Söhne nach Namen für ihre Neugeborenen. Ferner waren darin außer unseren täglichen Verrichtungen auch die der Megamikren verzeichnet, deren Metamorphosen, Brände des Grünen Baumes, Regentage, Ernten, Festtage und die zwischen ihnen und uns bestehenden geschäftlichen Verbindungen. Anfangs war dieser Kalender eine unbedeutende Kleinigkeit; mit der Zeit aber gewann er durch Zugaben und Artikel an Umfang und Interesse und wurde so begehrt, daß alle unsere fünf Druckereien über zwei Millionen Exemplare davon abdruckten, von denen die Hälfte außerhalb des Reiches verkauft wurde. Zu Beginn meines einunddreißigsten Jahres und nach der Trauung meines einundzwanzigsten Kinderpaares Julius und Antoinette eröffnete ich zwei große Seminare: die Kleinschule und die Großschule. Es waren zwei nebeneinanderstehende Landhäuser, in denen unsere Kinder erzogen und deren Gärten nach meiner Idee ausgeführt wurden. In der Kleinschule befanden sich die Kinder bis zur Vollendung ihrer zwölften Ernte. Die Großschule hatte zwei Abteilungen, das Andreion und das Parthenon. In der ersten wurden die Knaben, in der zweiten die Mädchen bis zu ihrem achten christlichen Jahr untergebracht, wonach sie in Wohnräume kamen, die ich das Ephebeion nannte und für die Erwachsenen bestimmte. Im Ephebeion waren ebenfalls zwei Abteilungen da, die die beiden Geschlechter streng voneinander bis zu ihrer Vereinigung trennen mußten, in einer Welt, wo die Natur beredt spricht und ihren Willen durchsetzt. Die Abteilung der Mädchen nannte ich Gynekeion. Die Oberaufsicht der Kleinschule überließ ich Johann und Thekla, die der Großschule Matthias und Katherine. Ich behielt mir die Oberaufsicht des Andreion im Ephebeion vor und überließ meiner Frau die des Parthenon und Gynekeion. Ich führte genaue Vorschriften ein; jede Familie hatte ihr besonderes Quartier. Man trug dorthin die Kinder, sobald sie entwöhnt waren. Zur Bedienung dieser wichtigen Institutionen wählte ich ganz besonders tüchtige Megamikren. Die Insassen des Ephebeion verließen dieses nach fünf Ernten, um zu heiraten, doch genossen die männlichen einige Freiheiten während der vier letzten Ernten und durften uns in Begleitung zweier Diener besuchen. Die Mädchen durften erst am Hochzeitstag die Anstalt verlassen, doch hatten sie einige Privilegien schon im Parthenon, sobald sie die Exomide erhielten: sie traten sodann ins Gynekeion ein. Ich war stets ganz besonders darauf bedacht, die bei den jungen Männern sich entwickelnde Neigung zu einer Wissenschaft zu beobachten, um sie sicher zu leiten und in der ihnen sympathischsten ausbilden zu lassen. Ich setzte die strengsten Strafen auf die Lüge, doch ließ ich zwei sehr weise Megamikren entscheiden, ob die Tat eine Lüge war oder es nicht war, da die Frage manchmal sehr kompliziert wurde wegen einer zweiten Vorschrift, nicht alle Wahrheiten ohne Notwendigkeit und ohne richtigen Anlaß auszusprechen. Schwere Strafen waren auch für den Eigensinn bestimmt, doch mußten auch hierüber zwei Richter entscheiden, ob es sich um Trotz oder Charakterfestigkeit handelte. Andere Strafen waren für die Furchtsamkeit beantragt, soweit sie keine Vorsicht war. Auf Reinlichkeit wurde strenge gehalten und da gab es keine Ausnahmen: ein Kind, das schmutzig war oder nicht ordentlich gebadet hatte oder seine Haare vernachlässigte, wurde verhöhnt. Als ich merkte, welche Abneigungen die Megamikren gegen das Spucken hatten, belegte ich es mit einer Geldbuße und keines meiner Kinder spuckte seitdem mehr, was den Megamikren, die ihren köstlichen Speichel verschlucken, sehr gefiel. Überlautes Reden, Zornausbrüche, Gesichterschneiden beim Sprechen wurden bestraft. Kleinere Strafen wurden angesetzt für Gähnen, unschickliches, unbändiges Lachen und für Weinen. Jede Pentamaine gab es schmeichelhafte Belohnungen für alle jene, die sich durch gute Führung besonders hervorgetan hatten. Die Religion nahm meine Gedanken viel in Anspruch. Der in den Händen aller meiner Kinder sich befindende Katechismus enthielt ein reines, makelloses Gesetz; es fehlte uns aber der Kultus, das äußere Zeremoniell, und dazu war ein Tempel notwendig. Wären wir nur Seelen, so wären diese Äußerlichkeiten unnötig gewesen, wir haben aber auch Sinne, auf die wir alles beziehen und auf die gewirkt werden muß, um zur Wahrheit zu gelangen. Sieben Jahre vor diesem einunddreißigsten Jahr hatte der Große Genius sich an den König gewandt und seinen Wunsch ausgesprochen, in Heliopalu eine große Papierfabrik, eine geräumige Druckerei für einfarbige Schrift und nach seinem Wunsch verteilte Glocken zu haben. Der König sprach mit mir darüber und ich antwortete, ich sei jetzt und immerdar stets bereit, jeden seiner Wünsche zu erfüllen, und könne ihm versichern, daß meine Kinder von denselben Gefühlen beseelt seien. Der Herrscher sagte mir nun, das Reich des Großen Genius bilde den Zenit des seinigen; man könnte somit die Luft in gerader Linie durchmessen, um dorthin zu gelangen, wenn es möglich wäre, ein Loch in die Sonne zu machen, die man durchfliegen müßte; wegen der ungeheuren Entfernung könnte daher die Errichtung solcher Fabriken dort den Handel seines Reiches, den ich zu solcher Blüte emporgehoben hätte, keineswegs beeinträchtigen. Er setzte für meine Nachkommen die größten Hoffnungen darauf, falls ich den Großmächtigen in Heliopalu für mich gewinnen könnte. Wenn ich ihm die Durchführung dieser Angelegenheit überlassen wolle, werde er die größten, alle meine Wünsche und Erwartungen übersteigenden Vorteile für mich herausschlagen. Ich erwiderte ihm, daß ich mich vollkommen auf sein Herz verlasse. Sieben Jahre nach dieser Unterredung ließ mich nun der König in meinem einunddreißigsten Jahr zu sich rufen und gab mir ein Dekret des Großen Genius zu lesen. Es lautete wie folgt: »Im 32436. Jahr unserer Regierung. Wir, der Große Genius des Helion, Herrscher und einziger Bevollmächtigter des Willens des Allerhöchsten, Kaiser des ganzen Klerus, Oberhaupt aller Häupter der Religion des unsterblichen Gottes, alleiniger Machthaber seiner Kirche, König des Reiches Heliopalu und seiner großen und kleinen Lehnsstaaten, geistlicher Herr in allen Reichen, Republiken und Lehnsstaaten dieser Welt, wollen, daß dieses Dekret unwiderruflich sei, rufen Gott als Bürgen an und wollen, daß alles, was wir beschließen, befehlen und zugunsten des christlichen Riesen genehmigen, unserem ersten Minister vorgelegt wird, bevor zwanzig Jahre seit diesem Datum verflossen sind, und daß es dann unterzeichnet, bestätigt und fortan wörtlich befolgt wird. Artikel I. Der christliche Riese, der sich unserem ersten Minister mit einem Beglaubigungsschreiben des Königs des Neunzigsten Reiches, unseres geliebten Sohnes, und mit diesem Dekret oder einer beglaubigten Abschrift desselben vorstellen wird, erhält binnen eines Brandes des Grünen Holzes die Belehnung mit dem Lehnsstaat Eins, der an der Grenze unseres Reiches, rechts vom ewigen Wind liegt. Er wird dort fortan mit allen Vorrechten eines unabhängigen Herrschers regieren, wird alle Einkünfte des Lehensstaates genießen, neue Gesetze einführen, alte abschaffen können, neue Bauten errichten und alle alten, die er erwerben sollte, niederreißen können, Geld prägen, die Religion nach seinen Anschauungen und nach seinem Glauben beobachten dürfen, unter der Bedingung, daß der unsrige niemals von ihm weder in seinen Mysterien, noch in seinem Kultus in seiner Disziplin und in seinen Privilegien gestört oder gehindert wird. Artikel II. Wir befehlen unter Androhung unseres Fluches allen unseren Kindern, Söhnen der Sonne, ihn für ihren Herrscher und zeitlichen Herrn anzusehen, ihm zu gehorchen und seinen Pächtern die von ihm festgestellten Taxen zu zahlen. Artikel III. Wir beschließen, daß alle möblierten und unmöblierten Häuser samt ihren Gärten, die dem ohne Erben verstorbenen Lehnsfürsten gehört hatten und die uns durch das Aussterben seiner Familie zugefallen sind, ihm auf ewige Zeiten zuerkannt werden und zwar mit dem Recht, dieselben nach seinem Tode dem, welchen er dazu auserlesen wird, als Freilehen und Freigut zu überlassen, und wir versprechen seinen testamentarischen Willen mit aller unserer weltlichen und geistlichen Macht befolgen und durchführen zu lassen, falls die der bevollmächtigten Riesen nicht genügen sollte. Artikel IV. Sobald der christliche Riese diese Belehnung übernimmt, wird er auch Besitzer eines entsprechenden Hauses in unserer Hauptstadt werden, das vierundzwanzig eingerichtete Wohnungen und einen großen Garten mit zweiundneunzig Bäumen hat und am Ufer des Flusses gelegen ist. Pflichten des Lehnsfürsten: Artikel I. Der christliche Riesenfürst hat binnen acht Ernten nach der Übernahme auf unsere Kosten in einem von ihm zu erwählenden Hause eine Papierfabrik zu errichten, die unser Eigentum sein wird und ebenso groß und schön wie jene der Hauptstadt des Neunzigsten Reiches sein soll; im Verlauf weiterer sechzehn Ernten hat er auf unsere Kosten eine Papierfabrik in jeder unserer vier Grenzstädte zu errichten. Der Nutzen und Ertrag dieser Fabriken wird uns zukommen, alle Verwaltungskosten dagegen werden auf unsere Rechnung kommen. Artikel II. Im Verlaufe derselben acht Jahre wird er auf unsere Kosten eine Druckerei in unserer Hauptstadt errichten, deren Leitung er übernehmen und solange behalten wird, bis er als Direktoren und Bevollmächtigten Untertanen von uns wird einsetzen können, die er selbst wählen und hiezu bestimmen wird, da die Druckerei und deren Erzeugnisse ebenso wie die Papierfabrik unser Eigentum sein werden. Artikel III. Er wird eine einmalige Abfertigung von 500000 Unzen erhalten, unter der Bedingung, daß er in unserer Hauptstadt und an einem uns gehörenden Orte eine Glockengießerei errichtet, um uns mit Glocken jeglicher Größe zu versorgen, deren von ihm zu bestimmender Preis ihm nach dem Gewicht von unserem Großschatzmeister ausbezahlt werden wird. Die Zahl dieser Glocken und deren Größe werden wir nach unserem Willen bestimmen. Artikel IV. Der Riesenfürst wird in seinem Lehen Druckereien und Gießereien, jedoch keine Papierfabriken errichten können und wird nichts, was über sein Lehngut in unser Reich gebracht oder aus unserem Reich weitergeschickt wird, besteuern dürfen. Artikel V. Sollte der Lehnsfürst alle hier erwähnten Bedingungen und Verpflichtungen nicht erfüllen, so werden wir alles für ungültig erklären und alle Schenkungen, Hoheits- und Vorrechte, die ihm dies im übrigen unwiderrufliche und unantastbare Dekret zuerkennt, für nichtig erklären.« Mein erster Gedanke beim Lesen dieses Dekretes galt dem König, seinem Wohltätigkeitssinne, seiner Freundschaft, seinen Tugenden, seiner Beständigkeit und seiner Klugheit. Da er mir von dieser Sache vor achtundzwanzig megamikrischen Jahren gesprochen und sie seitdem nie wieder erwähnt hatte, so glaubte ich, daß er dieselbe nicht nur vernachlässigt, sondern einfach vergessen hatte und daß er ganz froh war, daß ich ihn nie daran erinnert hatte. Nun sah ich mich durch dies Dekret als freier, unabhängiger Fürst mit einem großen, meiner Familie als Erbschaft zugesicherten Vermögen, doch unter der Bedingung, mich dafür von einem Wesen entfernen zu müssen, wie ich es ähnlich wiederzufinden niemals hoffen konnte. Der Gedanke an die Notwendigkeit, einen Aufenthaltsort verlassen zu müssen, dessen Herrscher durch Tugenden ausgezeichnet war, die in einem Menschen vereinigt zu finden sehr schwer ist, stimmte mich sehr traurig und eine zu späte Reue und Befürchtung bemächtigten sich meiner. Ich mußte mich aber schließlich meines Schweigens schämen; so sagte ich dem König, daß meine Dankbarkeit sich in Worten nicht ausdrücken lasse und daß ich ihn als ein über der Menschheit stehendes Wesen verehre. Ich beschwor ihn, mir die Zeit einer Ernte zu einer Antwort zu geben und mir zu gestatten, eine Abschrift des Dekretes mit nach Hause zu nehmen. Der König erfüllte huldvoll meine Bitten. Zu Hause angekommen, berichtete ich alles meiner Frau; sie las das Dekret und lobte meine Bitte, erst in einiger Zeit darauf antworten zu müssen. Das uns angebotene Glück war sehr groß, doch nirgends hätten wir einen solchen König finden können. In dieser Zeit ereignete sich bei uns etwas sehr Folgenschweres, das des Erzählens wert ist. Meine Frau hatte seit zehn Jahren im Dienste ihres Essenzen-Laboratoriums ein hochgelbes Paar gehabt, dessen Talente und Charakter über jedem Lob erhaben waren. Das wichtigste Wesen dieses Paares, das sie sehr lieb gewann, wurde nach und nach auf dem rechten Auge blind. Das war ein Unglück, das die Megamikren manchmal traf, und wer auf dem einen Auge blind war, erblindete mit der Zeit auch auf dem anderen. Das Leben wurde den armen Opfern dieser Krankheit zur Qual und diese Qual war noch größer für Unbemittelte. Die Krankheit war angeblich unheilbar, da es sich noch nie ereignet hatte, daß ein Blinder seine Sehkraft wiedererlangte. Die Trauer des Megamikren und mehr noch die Betrübnis meiner Frau erregten meine Aufmerksamkeit. Ich verstand mich weder auf Augenkrankheiten noch auf den Mechanismus des Auges; ich erinnerte mich nur, gesehen zu haben, wie ein Okulist in Lincoln dem Baronet Friedrich Atkins die Sehkraft durch Entfernung des grauen Stares wiedergab. Ich erinnerte mich auch eines blinden Lords, dessen schöne Augen sehend zu sein schienen und den man als unheilbar blind bezeichnete, da seine Blindheit eine Folge der Zerstörung des Sehnervs war. Der graue Star war, soviel ich wußte, ein dichter Schleier, der sich auf der Linse ansammelte und sie undurchsichtig machte; um ihn zu beseitigen, muß man die verdickten Säfte entfernen. Mein Vorsatz stand fest, ich verheimlichte ihn aber vor allen. Ich wußte, daß der Mechanismus des menschlichen Auges jenem der Tiere gleich ist. Nun hatte ich in meinem Landhaus eine Art Schweine, welche die Bauern sich halten, da sie die Eigenschaft haben, die Erde mit ihren Rüsseln zu durchwühlen und aus derselben einen Samen herauszuziehen, der einen herrlichen Duft hat und den man sehr teuer verkauft. Ich fand nichts Unrechtes dabei, wenn ich, um Experimente zu machen, einige von diesen Tieren um eins ihrer Augen brächte. Ich sah mir das Auge des Megamikren genau an und bemerkte einen undurchsichtigen Körper, der in dessen Mitte herumschwamm. In den Augenwinkeln sah ich Narben von einer Tränensackentzündung, die meine Frau durch Auflegen einer würzigen Essenz geheilt hatte. Ich ging nun folgendermaßen vor: Zwei meiner Söhne: Heinrich, mein siebenter, und Ludwig, mein dreizehnter, waren sehr geschickt, ernst und fleißig; ich wählte sie und vertraute ihnen meinen Plan an, indem ich sie zur Hilfeleistung bei meinen Versuchen aufforderte. Ich war fest entschlossen, den Megamikren nur dann zu operieren, wenn ich meines Wissens ganz sicher wäre. Ich fand, daß man den kleinen Tieren die Hornhaut öffnen, einen kleinen Teil der Kristallinse entfernen, die Wunde heilen und sich sodann überzeugen mußte, ob sie nach Heilung der Wunde wieder sehen konnten. Entweder machte ich sie blind und dann hätte ich niemals den Megamikren operiert; oder sie wurden geheilt, und dann konnte ich die Operation wagen. Vor langer Zeit schon hatte ich nur zu meinem Vergnügen die Zahl meiner chirurgischen Instrumente bedeutend vermehrt; ich hatte dabei auch einen richtigen Augenspiegel; ebenso Nadeln von jeder Größe und Form: gerade, gebogene, mit spitziger, doppelter Schlangenzunge, sehr scharfe und mit Goldgriffen versehene, die gleichzeitig ihren Behälter bildeten. Ich schloß mich nun mit meinen zwei Söhnen in einem Gartenzimmer ein, das von der Sonne erleuchtet war und wohin ich drei Schweine geschafft hatte. Ich gab eins davon Heinrich zu halten, der zu meinen Füßen saß, und befahl Ludwig die Kinnbacke festzuhalten und das Auge mittels des Spekulum offenzuhalten. Ich nahm eine scharfschneidende Nadel und stach den Augapfel des Tieres eine halbe Linie unterhalb des äußeren Kreises der Iris; ich durchstach die Bindehaut, die undurchsichtige Hornhaut und die Traubenhaut des Auges und sah ein wenig Flüssigkeit entfließen, zog die Nadel zurück, band die Augen des Tieres zu, legte Kompressen auf, ließ es laufen. In anderthalb Stunden machte ich an allen drei Tieren dieselbe Operation, jedoch mit kleinen Unterschieden in bezug auf die Richtung der Öffnung und die Tiefe der Wunde. Ich schrieb mir jedesmal die Art meiner Operationseingriffe auf und bezeichnete die Schweine entsprechend. Ich ließ sie nun eine Fünftagwoche in Ruhe, indem ich ihnen die gewöhnliche Nahrung gab, und ohne ihnen während dieser ganzen Zeit den Verband abzunehmen. Nach dieser Zeit untersuchte ich sie und sah, daß nur jenes blind war, dem ich eine zu tiefe Schnittwunde gemacht hatte, wodurch wahrscheinlich die glasartigen Säfte ausgeflossen waren. Dies erfreute mich ungemein. Am folgenden Tag machte ich dieselbe Operation an drei anderen Schweinen und sah sie nach einer Woche sehend und gesund, ohne daß man die geringste Beschädigung am operierten Auge bemerken konnte. Ich bat nun meine Frau, mir den blinden Hochgelben zu schicken, dessen Auge ich in einem Zimmer bei natürlichem Licht, jedoch ohne direkte Sonnenstrahlenbeleuchtung ansehen wollte. Ich ließ ihn sich setzen, nahm eine Lupe in die Hand und sah vor seinem Augapfel ein schwimmendes Häutchen, das den Zugang des Lichtes verwehrte. Ich urteilte, daß dieses nur im wässerigen Saft schwimmen konnte; mit der Zeit erkannte ich sogar, daß der graue Star nichts anderes ist, als der wässerige Saft selbst, dessen klebrige Teile sich verdickt haben und sich in der Kristallinse, unweit der Traubenhaut, festsetzen. Ich sagte nun dem Hochgelben: Wenn er mich machen ließe, hoffte ich, ihm die Sehkraft wiedergeben zu können. Er antwortete mir, er schätze sich glücklich, daß ich meine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt habe, und er wolle sich allem fügen, was ich mit ihm zu machen gedenke, denn er habe völliges Vertrauen zu mir. Ich sagte ihm, es sei mein Wunsch, daß sein Unzertrennlicher der Operation, die ich mit ihm vornehmen müsse, nicht beiwohne und er dürfe ihn erst zwanzig Stunden nach derselben wiedersehen und während dieser Zeit keine Nahrung zu sich nehmen. Er versprach mir, in allem folgsam zu sein. Ohne viel Zeit zu verlieren, ließ ich in Gegenwart meiner Frau meine zwei Söhne holen und alles Notwendige vorbereiten, um ihm sofort nach der Operation Binden auf beide Augen zu legen, da ich der Ansicht war, daß man die leiseste Bewegung sowohl des kranken als auch des gesunden Auges verhindern müsse. Nachdem ich ihn entsprechend hingesetzt hatte, legte ich ihm eine Binde auf das gesunde Auge, denn ich wollte nicht, daß er zusah, was ich machte und wie ich dies tat. Ich ließ Ludwig den Augenspiegel anlegen und sagte dem Megamikren, er solle unverwandt seine Nasenspitze anschauen, sonst könnte meine Operation mißlingen. Er war sehr geduldig und folgsam. Ich stach in den Augapfel, aber nicht tief, sondern verlängerte die Öffnung bis zu zwei Linien; bei der Hornhaut traf meine Nadel auf den grauen Star, den ich unwillkürlich einfädelte und der noch stärker sich umwickelte, als ich die Nadel zurückziehen wollte. Als ich den Star so wider Erwarten ganz auf meiner Nadel sah, verlor ich meine Geistesgegenwart nicht, sprach kein Wort, zog den Star heraus und legte ihn auf einen Teller. Dann wusch ich das Auge aus, das zwei bis drei Tropfen weißen Blutes und kein Wasser von sich gegeben hatte. Ich drückte ihm das Lid zu und legte ihm einen mit einer öligen, ganz spiritusfreien Essenz getränkten Umschlag auf das kranke und auch einen auf das gesunde Auge, eine Binde darüber und entzog ihm ein wenig Blut aus der Halsader auf der Seite des operierten Auges. Dann sagte ich ihm, er müsse zwanzig Stunden in meiner Ruhekammer verbringen, ohne zu jemandem zu sprechen. Meine Frau versprach ihm, seinen Unzertrennbaren zu beruhigen und ihm Milch zu verschaffen; zwanzig Stunden später führte ich letzteren zum Kranken, der sich wohlfühlte und nur Milch genoß. Er erschrak nicht, als er ihn mit der Binde auf den Augen sah, auch wurde er nicht böse, als ich ihm nicht erlaubte, die Augen des Kranken anzusehen. Nach zwanzig weiteren Stunden führte ich den Megamikren aus dem Zimmer heraus, gab ihm einen großen Löffel einer beruhigenden Essenz und entfernte die Binden in Gegenwart meiner Frau und meiner Söhne. Ich legte ihm die Hand auf das gesunde Auge und ließ ihn einen farbigen Brief lesen; er tat dies ohne Schwierigkeit und erfüllte unsere Herzen mit Freude; nun ließen wir den Unzertrennlichen kommen, der vor Glück und Dankbarkeit uns alles mögliche unzusammenhängende und unverständliche Zeug sagte und sich über dies Wunder gar nicht beruhigen konnte. Ich untersuchte nun auch das gesunde Auge näher und sah, daß es bereits den sogenannten imaginären Star hatte; es war eine Gesichtsschwäche, die ihn auf allem, was er anschaute, Flecken sehen ließ; die Luft schien ihm trüb zu sein und sein Augapfel war weißlich. Ich sagte ihm, ich würde auch dieses Auge heilen, sobald der Star reif wäre und befahl ihm, noch zwei Tage lang die Augen unter Kompressen zu schonen. Auf diese Weise wurde ich nun in einem Augenblick, wenn nicht zum Okulisten, so doch zum Wundermenschen, zum Bezwinger der Natur, den die Sonne zur Beglückung ihrer Kinder geschickt hatte. Das Volk sagte: Man muß glauben, daß der Gott der Riesen ein Freund des unseren ist, da sie uns Gutes tun; und wenn er ein Freund des unseren ist, so muß auch der unsere Freundschaft für ihn empfinden, und wenn die Sache sich so verhält, dann muß der Große Genius die Riesen auszeichnen und ihre Weigerung, die Philelie zu singen, nicht übelnehmen, da sie gewiß dadurch nur eine ihnen auferlegte Pflicht erfüllen. Diese Sache fing erst nach vier Tagen an, bekannt und besprochen zu werden, als der geheilte Hochgelbe im Tempel zur Feier der Ernte sich zu Füßen des Globus aufstellte, wo unsere Statuen standen, um sich allen Leuten zu zeigen. Der Bischof sah ihn, beschaute seine Augen, verhörte die Zeugen seiner teilweisen Blindheit und fühlte sich veranlaßt, ein feierliches Danksagungslied anzustimmen, um dieses Wunder, diese seltene Heilung, wie sich seit der Auferstehung des verstorbenen Bischofs keine wieder ereignet hatte, gebührend zu feiern. Mein Megamikre brauchte nicht einmal eine Brille zu tragen, er sah vorzüglich. Der König wünschte ihn zu sehen und ließ ihm eine Pension aussetzen. In einer Unterredung unter vier Augen fragte Seine Majestät mich, ob ich imstande sei, allen Blinden die Sehkraft wiederzugeben; ich antwortete ihm, ich könne mich dazu erst nach einer Untersuchung der Augen des Kranken verpflichten. Er sagte mir, meine Leistung werde nicht ohne Folgen bleiben und ich werde viel zu tun bekommen. Ich erwiderte ihm, ich würde stets nur nach seinem Wunsch handeln, worauf er zu mir sagte, er würde mir niemals etwas befehlen, was mir nicht Freude machen könnte. Einstweilen übten meine Kinder sich im geheimen an den Schweinen. Meine Frau wurde in dieser Zeit zum einunddreißigstenmal entbunden und die Zeit, in welcher ich dem König meinen Bescheid geben sollte, war abgelaufen. Ich bat ihn um Rat, ob ich das Lehen selber übernehmen sollte oder mich durch einen Bevollmächtigten vertreten lassen dürfte. Er antwortete mir: »Es steht Euch frei, Euch durch irgend jemanden vertreten zu lassen und sogar jenes Land nie zu betreten. Das Dekret des Großen Genius ist ein Diplom, das Euch zum Herren eines dreieckigen Lehens einsetzt, welches 200000 Quadratmeilen umfaßt und das Ihr nach Eurem Gutdünken einem von Euren Nachkommen überlassen dürft. Das Lehen fällt an seinen Herrn nach völligem Erlöschen Eures Stammes zurück, das heißt also, wenn es nicht einen einzigen Riesen mehr auf dieser Welt geben wird, da sie ja alle in geradester Linie von Euch abstammen. Euer Lehen ist das erste unserer Welt und das schönste der acht größten, von denen vier durch mich vergeben werden, es ist jenes, das die größte Zahl Adeliger hat und mehr Bergwerke besitzt, als alle anderen. Ihr werdet sehr reich werden. Die Lehensfürsten sind meistens jüngere Söhne oder Nachkommen der jüngeren Söhne von königlichen Häusern. Es kann auch vorkommen, daß ein Bastard Lehnsfürst wird, indem er das Lehen kauft oder sich dasselbe verdient, nach seinem Tode aber muß dann das Lehen an seinen Herrscher zurückfallen, da Bastarde nicht zeugen und Seitenverwandte werden bei uns nie als Erben anerkannt. Drei regierende Fürsten meiner größten Lehen haben keine Nachfolger, doch können sie noch welche vor ihrem Tode bekommen: zweie von ihnen sind älter als ich.« Ich dankte dem Monarchen für die gütigen Belehrungen und ging zu meiner Frau, um mit ihr, der ich alles Gehörte mitteilte, den entgültigen Entschluß zu fassen. Wir beschlossen die Schenkung des Lehens nur durch Prokura anzunehmen und als meine Vertreter unsere fünf ältesten Söhne Jakob, Richard, Adam, Robert und Wilhelm mit ihren ganzen Familien zu schicken. Es handelte sich um eine bedeutungsvolle Ansiedlung, um einen großen Staat, den Fortuna und die Politik in unsere Hände legten. Aus Armen, die dem Hungertode nahe waren, wurden wir nun reich und Herrscher über ein Land, das viel größer war als Großbritannien, zehnmal mehr Einwohner hatte und hundertmal reicher war als dieses. Wie hätten wir in solchem Glück nicht die Gnade Gottes erkennen sollen? Ich glaube nicht, daß das Elend mehr geeignet sei als der Wohlstand, um in einem guten Menschen die höchsten Tugenden zu erwecken. Was der König vorausgesagt hatte, geschah. Der Hochgelbe wurde in alle Häuser eingeladen, wo es Blinde und Einäugige gab. Man wollte ihn sehen, ihn befragen, die ganze Geschichte von ihm hören und war hocherfreut zu erfahren, daß ich ganz einfach nach meinem Gutdünken sein Auge behandelte, ihm eine Binde aufgelegt und ihm nur zwei Tage im Dunkeln zu bleiben befohlen hatte. Man fing an, mich mit Besuchen zu überhäufen, doch meine Leute erhielten Auftrag, mir niemanden zu melden, und diejenigen Roten, die ich nicht kannte, trauten sich nicht von ihrem Vorrecht Gebrauch zu machen. Um mein Haus von dieser wahren Belagerung zu befreien beschloß ich, 2-3000 Kundmachungen zu drucken, die folgendermaßen lauteten: »Der edle christliche Riese Eduard Alfred läßt den Megamikren, Untertanen S. M. des Königs des Neunzigsten Reiches, bekanntgeben, daß er mit Hilfe Gottes, des Schöpfers der ganzen Welt, solchen Blinden die Sehkraft wiederzugeben bereit ist, die sich vorher einer Untersuchung unterziehen, denn die Blindheit hängt von verschiedenen Ursachen ab, die sich nicht alle beheben lassen. Bei der Operation darf sonst niemand anwesend sein, nicht einmal der Unzertrennliche. Zu diesem Zwecke wird der Riese sich am Staub- und am Schmetterlingstage morgens im großen Saale des Papierpalastes aufhalten. Jeder Megamikre, der sich zwecks Untersuchung dort einfindet, muß auf einem Zettel seinen Namen, Rang, Beruf und seine Adresse aufgeschrieben mitbringen, die er dem ersten megamikrischen Direktor der Papierfabrik zu übergeben hat, falls der Zettel nach der Untersuchung vom Riesen unterzeichnet worden ist. Da es aber der schwachen Urteilskraft des Sterblichen nicht gegeben ist, alle möglicherweise eintretenden Ereignisse vorauszusehen, so erklärt der Riese hiermit, daß er seine Hand an die Augen keines Megamikren, sei es eines Adligen, sei es eines Bastards, legen wird, der sich nicht mit zwei beglaubigten Zeugnissen einfindet, von denen das eine von der bischöflichen Kanzlei die Befreiung des Überbringers von jeder geistlichen Zensur bestätigen muß, das zweite vom Präsidium des Physikerkollegiums ausgestellte erklären muß, daß die Krankheit vom Kollegium als unheilbar erkannt wurde; denn falls sie heilbar ist, überläßt der Riese die Heilung des Kranken dem Kollegium. Der erwähnte edle Riese läßt gleichzeitig bekanntgeben, daß er an einem Tage nur eine Operation vornehmen wird und daß der Kranke sich verpflichten muß, bei ihm vierzig Stunden nach der Operation allein zu bleiben, oder auch noch länger, wenn der Riese dies für notwendig erklärt. Es wird ihm während dieser Zeit nicht gestattet sein, irgend jemanden zu sehen, außer seinem Unzertrennlichen, der mit Erlaubnis des Riesen kommen wird, um ihn zu nähren. Der Riese erklärt, daß er weder Geld noch irgendwelche Geschenke annehmen wird. Die Freude, die er empfinden wird, indem er die Sehkraft so vielen Lebewesen wird wiedergeben können, wird ihn genügend für seine Mühe entlohnen, denn obwohl die Kranken einer anderen Menschenrasse als er angehören, so liebt er dieselben nichtsdestoweniger ebenso wie seine eigenen Kinder, denn die beiden Rassen können trotz ihrer verschiedenartigen Gestaltung nur das Werk eines und desselben Gottes sein.« Zwei Tage nach der Veröffentlichung dieser Kundmachung sah ich zwanzig Megamikren in meinen Saal eintreten, unter denen sieben Rote waren. Drei Rote wurden sofort abgewiesen: einer, weil seine beiden Augen von einer dichten Materie bedeckt waren, die mir keinen Einblick in das Auge gestattete; der zweite, weil er so schöne und bewegliche Augen hatte, daß ich ihn nicht für einen Blinden gehalten, wenn er mir dies nicht gesagt hätte; ein dritter, weil er Albugo hatte. Die vier anderen erhielten von mir die Nachricht, daß ich sie sehend machen würde, sobald sie mir die in meiner Kundmachung erwähnten Zeugnisse brächten. Von den Farbigen und Gefleckten wies ich nur drei ab, die vielleicht ein geschickterer Arzt als ich hätte heilen können. Unter den zur Operation Angenommenen befanden sich ein Mitglied des Physikerkollegiums und ein Chirurg. Heinrich und Ludwig waren stets anwesend und sahen meine Untersuchungen aufmerksam mit an. Ich beauftragte sie, die Charakterveranlagungen und Eigenschaften von fünf Mitgliedern der fünf ersten Zwillingspaare, meiner Enkel, genau zu studieren und sie zu den Experimenten an den Schweinen heranzuziehen, vorher aber sie Geheimhaltung ihren Vätern schwören zu lassen, die sich dann mit mir verständigen sollten. Am folgenden Tag untersuchte ich eine ebenso große Zahl Kranker und fand, daß nur zehn heilbar waren. In der darauffolgenden Woche stellte sich als erster ein schöner Roter mit seinem reizenden Unzertrennlichen ein, der mir seine blinde Ehehälfte vorstellte und dann mein Herz durch ein Lied erweichte, das zum erstenmal meine Seele rührte. Ich könnte Ihnen nicht sagen, wie es kam und was ihr Lied zu meiner Seele sprach, nur meine Seele, nicht meine Zunge könnte Ihnen einen Begriff davon geben. Nach dieser kurzen Arie übergab er mir die zwei Attestate, küßte seine Ehehälfte und verschwand ohne mir Zeit zu lassen, ihn zum Abschied zu grüßen. Nachdem der Unzertrennliche weggegangen war, las ich die Attestate, auf die ich sehr begierig war. Das der heiligen Kanzlei war, wie Sie sich leicht denken können, jenen ähnlich, die bei uns die Pfarrer einem jeden, der nicht im Kirchenbanne ist, auszustellen pflegen, das des Physikerkollegiums aber verdient wiedergegeben zu werden. Es lautete: »Wir, königliches Physikerkollegium, bestätigen hiemit, daß der Edle Megamikre *** blind ist und daß seine Krankheit bis auf unsere Tage für unheilbar erklärt wurde, da es bis zu unserer Zeit niemals vorkam, daß irgendein Künstler die Sehkraft einem solchen Blinden, wie es der Edle Träger dieses Attestates ist, wiedergegeben hätte. Wir verneinen aber nicht die Möglichkeit, daß eine Heilung durch eine erfahrene Person herbeigeführt werden kann. Wir stellen nur fest, daß Gott bis jetzt nicht gestattet hat, daß uns diese bedeutungsvolle Operation bekanntgegeben werde und daß wir deswegen diese Krankheit als unheilbar bezeichnen müssen.« In diesem Augenblicke trat meine Frau ins Zimmer und war bei der Operation anwesend, die bestens gelang. Ehe ich meinen Megamikren ins dunkle Zimmer brachte, überzeugte ich mich, daß er sah. Er hatte nichts von der Operation gemerkt, weder daß ich ihm aus der Halsader Blut entzog, noch daß ich sein Auge unter der Iris öffnete und noch weniger, daß ich seinen Augen zwei feste und klebrige Körper entzog, die ich, wie auch in Zukunft stets, sofort wegwerfen ließ. Am folgenden Tag kam der Unzertrennliche zu derselben Stunde, um den Kranken in meiner Gegenwart ein wenig saugen zu lassen, und ich sagte dem Kranken, er möge ihm seinen Zustand beschreiben; der zärtliche Freund fiel vor Rührung in Ohnmacht, als er ihn sagen hörte, er habe bereits das Licht gesehen; ich brachte ihn zu Sinnen, indem ich ihm die Schläfen mit einer kostbaren Essenz einrieb. Er entfernte sich, nachdem er an mir emporgesprungen war, meinen Hals umschlungen und mir Küsse gegeben hatte, die bei uns für unanständig gegolten hätten. Ich sagte ihm, ich erwarte ihn am folgenden Tag. Er kam pünktlich. Ich ließ den Kranken genügend Nahrung zu sich nehmen, entfernte die Binden, ließ ihn einen Brief lesen, legte ihm wieder die Binde um und sagte dem Unzertrennlichen, ich überlasse den Sehenden nun ihm, in Zukunft werde er seine Augen vollkommen gebrauchen können, nur müsse er noch drei Tage lang die Binde tragen und enthaltsam leben, sonst könnte er wieder erblinden und würde dann unheilbar sein. Ich brauchte nichts mehr zu sagen, um sicher zu sein, daß das Paar mir gehorsam sein werde. Der Unzertrennliche warf sich trunken vor Glück in die Arme seines Freundes und zwar so hastig, daß er sogar mich zu grüßen vergaß. Die höchste Dankbarkeit ruft oft Wirkungen hervor, die als Undank erscheinen könnten. Die Operation des grauen Stares wurde nun meine Hauptbeschäftigung, worüber ich oft recht in Sorgen war, da ich niemals ganz ruhig sein konnte. Eine Kleinigkeit konnte die Operation mißlingen lassen und eine mißlungene hätte genügt, um mich um den ganzen Ruf zu bringen, den die gutgelungenen mir eingebracht hatten. Mein Gewissen beunruhigte stets die Angst, einen Heilbaren durch einen Mißgriff unheilbar blind zu machen. Ich machte mir die peinlichste Vorsicht zum Grundsatz; ich erkundigte mich nach dem Alter des Patienten und schickte ihn weg, wenn er über 130 Jahre alt war; ich operierte nur solche, bei denen der Star vollkommen reif und gut sichtbar war. Das Gelingen gewisser chirurgischer Operationen hängt mehr vom Charakter des Operierenden, als von seiner Kenntnis des Mechanismus des kranken Teiles ab. Beim Starstechen muß der Betreffende vorsichtig, behutsam und jung sein, eine ruhige Hand, ausgezeichnete Augen, eine richtige Urteilskraft haben, er muß alles beobachten und bemerken und besonders auf das Schleifen seiner Instrumente achtgeben, da das geringste Rostfleckchen verhängnisvoll werden könnte. Sie können sich nun vorstellen, Mylords, wie sehr ich auf meine Schüler achtgab und welche Unmenge von Lehren ich ihnen vorgepredigt habe. Auf meinem Landgut hatte ich nach Verlauf eines Monats lauter einäugige Schweine. Meine Söhne hatten an ihren Gehilfen eine gute Wahl getroffen, sie waren nun sieben an der Zahl, sie übten sich unaufhörlich und waren von ihrer Tätigkeit ganz entzückt, es kam ihnen vor, als hätte ich sie Wunder wirken gelehrt. Ehe unser Jahr um war, hatte ich bereits neunzehn Roten die Sehkraft wiedergegeben und über 300 Andersfarbige als heilbar bezeichnet. Ich sah voraus, daß ich längere Zeit nur Rote in Behandlung haben werde, denn um ein Zeugnis der Physiker zu erlangen, bedurfte es vieler Bitten, und den Adligen gab man stets den Vorzug. Ich fing an, Heinrich und Ludwig zu erlauben, in meiner Gegenwart Operationen an Buntscheckigen zu machen, und als ich mich überzeugte, daß sie keinen einzigen Fehlgriff taten, überließ ich ihnen alle Farbigen zur Behandlung. Dadurch wurde meine Arbeit um vieles erleichtert und ich beschleunigte das Glück eines Landes, das nur dafür Sinn zu haben schien, so daß die Tempel voller Dankesgaben waren und wir vom Volke für anbetungswürdig erklärt wurden, für mächtiger als der Große Genius. Die Leute meinten, er hätte uns seinen Rang abtreten und die Göttlichkeit unserer Mission besser anerkennen müssen, die bereits von langer Dauer zu sein begann; denn das große Ereignis unserer Ankunft in jener Welt hatte bereits vor 124 Jahren stattgefunden. Während dieser Zeit hatte die dortige Sonne aus uns zweien 1000 gemacht. Sie hatten vollkommen recht zu behaupten, daß die Sonne all dies gewirkt hätte, denn ohne ihren Einfluß hätten wir gewiß nicht leben, geschweige denn uns vermehren können. Als ich Heinrich und Ludwig in der Gegenwart meiner Frau die Erlaubnis gab, alle Megamikren außer den Roten operieren zu dürfen, und ihnen klarmachte, daß ein einziger Fehlgriff unseren Untergang bedeuten könne, da erwiderten sie mir nichts, sondern warfen sich in Tränen zu unseren Füßen, ergriffen unsere Hände und baten uns um unseren Segen. Dieser Anblick rührte uns so, daß auch wir uns der Tränen nicht enthalten konnten; wir umarmten sie weinend und überhäuften sie im Namen Gottes mit allen möglichen Segenswünschen. Lange Zeit hindurch gestattete ich ihnen aber nur solche zu operieren, die ich für heilbar erklärt hatte. Diese Erlaubnis spornte die fünf jungen Schüler an, deren Fleiß nun bis zum höchsten Grade stieg. In weniger als einem europäischen Jahr waren sie alle ihrer Sache sicher. Ich hatte bereits zu Neujahr meines zweiunddreißigsten Jahres Gottfried mit Justine, mein zweiundzwanzigstes Zwillingspaar getraut, als ich zum König ging, um ihm meinen endgültigen Entschluß betreffs des Angebotes des Großen Genius bekanntzumachen. In kurzen Worten sagte ich ihm, daß ich in vollständigem Einvernehmen mit meiner Frau mich entschlossen habe, mich nicht von Seiner Majestät zu entfernen, solange Gott mir die Gnade erweisen werde, vor seiner königlichen Person erscheinen zu dürfen, und daß es uns unmöglich sei, auch nur den Gedanken zu fassen, einen Monarchen zu verlassen, dem wir unser ganzes Glück, unseren und unserer Familie Reichtum, Unterhalt und Leben verdankten. Da nun aber für uns unerschütterlich feststehe, daß wir unmöglich ein solches Glück, wie die so ehrenvolle Schenkung des Lehens zurückweisen könnten, so hätte ich mich entschlossen, die Schenkung durch Prokura anzunehmen, hätte zu meinen bevollmächtigten Vertretern meine fünf ersten Kinderpaare samt ihren ganzen Familien bestimmt und würde sie mit allem Nötigen versehen, um die mir auferlegten Bedingungen zu erfüllen. Es sei mein Wunsch, daß alle meine fünf Söhne den Titel Philarch und Ethnarch meines Lehens führten, das ich in fünf Statthalterschaften für sie einzuteilen gedächte. Jakob, mein ältester, sollte als ihr Oberhaupt den Titel Megaphilarch führen und ich würde ihm die Oberaufsicht über alles und meine besondere Vollmacht geben. Ich vertraute dem König sodann meine weiteren Pläne an: jeder von ihnen solle in eine Stadt ziehen, die ich zur Hauptstadt des betreffenden Landesteiles ernennen wolle. Ich gedenke ihnen Jahrgelder auszusetzen, denn Jakob solle nur mein Verwalter sein und werde mir stets über die Verwendung meiner Einnahmen Rechenschaft abzulegen haben. Nachdem ich ihm dies mündlich gesagt hatte, gab ich ihm meine Erklärung auch schriftlich, indem ich ihm noch sagte, daß ich sie alle hinsenden wollte, sobald ich aus Heliopalu die Genehmigungs-Urkunde meiner Anordnungen vom Großen Genius erhalten hätte. Nach dieser Erklärung sahen sich der König und sein Unzertrennlicher mehrere Minuten lang schweigend an, worauf der unvergleichliche Monarch folgende Worte zu mir sprach: »Da Ihr, mein lieber Eduard, ein Mensch seid, der volle Handlungsfreiheit hat, so kann ich Euch nur sagen, daß Ihr ein Wesen seid, das unsere volle Bewunderung verdient. Was ich für Euch getan habe, geschah nur aus Dankbarkeit für die Wohltaten, durch welche Ihr meine Regierung ewig denkwürdig, meine Untertanen glücklich gemacht habt, so daß meine Person verehrt wird, wie man nie auf der Welt einen Monarchen ausgezeichnet und verehrt hat. Der Adel meines Reiches hat auf Vorschlag des Adels meiner Hauptstadt einstimmig beschlossen, mir eine Galaktit-Trophae mit acht goldenen, nach der Natur gemachten Statuen zu errichten und sie im Haupttempel neben Eurem Globus aufzustellen. Diese Statuen sollen mich und meinen Unzertrennlichen auf einem Acori-Throne Acori: ein auf dem Grunde der Flüsse des Protokosmos vorkommender Baum, ein blaues Korallengewächs, das bei den Megamikren ebenso selten vorkommt wie bei uns (Casanova). sitzend darstellen, in die Sonne schauend, die Euch die Macht über die menschliche Sehkraft übersendet, welche Ihr mit Eurem Unzertrennlichen darauf meinem Reiche gebt. So rächt sich nun mein Adel an Euch, dem uneigennützigsten der Menschen, der den Sterblichen, die er mit den Gaben Gottes überhäuft, nicht einmal gestattet, Euch Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben, die doch stets nur sehr gering sein könnten im Vergleich zu der unschätzbaren Wohltat, die Ihr meinen Untertanen erweist. Ich will hoffen, daß Ihr uns gegenüber nicht an denselben Bedingungen festhalten werdet. Ihr würdet uns dadurch betrüben. Ihr müßt von uns das annehmen, was wir Euch mit Zustimmung des Staates zu geben beabsichtigen. Letzterer sind wir ganz sicher, da Ihr ja von allen meinen Untertanen angebetet werdet. Euer Entschluß, uns nicht zu verlassen, ist das köstlichste Geschenk, das Ihr uns machen könntet, und wenn wir uns vor unserer Reise in die Ewigkeit zur Ruhe zurückziehen, werden wir kaum die von Euch vollbrachten Wunder als vorübergehende eitle Dinge betrachten und noch schwerer glauben können, daß auch Ihr dem Tode unterworfen und als Sterbliche anzusehen seid, nachdem wir gesehen haben, daß die Natur sich Euch unterwirft. Ich werde Euren Entschluß sogleich nach Heliopalu durch einen Eilboten mitteilen und werde eigenhändig einen Brief an den Großen Genius beifügen. Laßt mich für die Reise Eurer fünf Familien sorgen, Ihr braucht mich nur im letzten Augenblick vom Zeitpunkt der Abreise zu benachrichtigen.« Die Anspielung des Königs an seinen Tod und die ihm vorangehende Weltentsagung schnitt mir ins Herz. Ich glaubte selber im Augenblick sterben zu müssen und vermochte nur noch mich weinend vor ihm und seinem Unzertrennlichen auf die Knie zu werfen. Ich war kaum seit einer Stunde wieder zu Hause, als ein königlicher Sekretär mir im Namen des Monarchen sieben Diplome und sieben Mäntel mit Diamantschließen für meine sieben okulistischen Schüler überbrachte. Die Mäntel waren indigofarbig, reichten bis zu den Kniekehlen und hatten lange gelbe Ärmel; jedem Träger derselben wurde ein Gehalt von 1000 Unzen angewiesen. Ich übergab zwei von den Mänteln Heinrich und Ludwig und sagte meinen fünf Enkeln, daß sie die ihrigen erhalten sollten, sobald sie von mir zu Ministern ernannt würden. Sie gingen nach Hause, entzückt, am darauffolgenden Tag am Hofe zu erscheinen. Die Kundgebung, wodurch ich den Megamikren-Bastarden mitteilte, daß ich meinen Söhnen erlaube, ihnen die Sehkraft wiederzugeben, erfreute allgemein. Sie waren bereits sehr betrübt, da sie befürchteten, daß die Behandlung der roten Blinden mir keine Zeit übriglassen werde, mich ihrer anzunehmen. Meine Anzeige stimmte sie immer fröhlicher, da sie sich nun glücklicher schätzen konnten, als es die Adeligen waren, denn ich operierte nur zwei in jeder Fünftagwoche, während meine Söhne in derselben Zeit sechs operierten, da die Mühe der Untersuchung ihnen durch mich abgenommen wurde. Am folgenden Tag fand großer Empfang bei Hof statt und wir hatten den Vortritt vor dem ganzen Adel; den schönsten Anblick gab es aber, als dreißig rote Paare Spalier bildeten, uns in ihre Mitte nahmen und uns ein göttlich schönes Lied vorsangen. Die um uns versammelten Paare waren lauter solche, die ich sehend gemacht hatte. Auf des Königs ausdrücklichen Wunsch erwiesen sie mir diese Ehre; aber sie taten das zu ihrer eigenen großen Genugtuung, da sie nicht wußten, auf welche Weise sie mir sonst ihre Dankbarkeit ausdrücken könnten. Ich gestehe, daß ich mich geschmeichelt fühlte. Unter diesen Paaren befanden sich mehrere ganz junge, die von der Blindheit betroffen dem Leben keinen Reiz mehr abzugewinnen wußten; nun hatte ich sie glücklich gemacht, und was hätten sie nicht getan, um mir dies zu sagen und zu beweisen! Der König sprach meine Kinder sehr gnädig an und sagte denen, die noch nicht den Mantel trugen, er sei sicher, daß auch sie sich ihn bald verdienen würden. Wir waren mit unseren Patienten beschäftigt, ich im großen Saal meines Hauses und meine Söhne in dem der Druckerei, als ich eines Tages, während ich aufmerksam die Augen eines Adeligen beobachtete, Heinrich kommen sah, einen schönen Gelben mit sich führend, den ich bereits als heilbar bezeichnet hatte. Diesen Gelben hatte sein Unzertrennlicher zu Heinrich gebracht, ihm die notwendigen Zeugnisse übergeben und sich sodann entfernt. Meine Aufträge streng befolgend, begann Heinrich vor allem die Zeugnisse zu lesen. Das der kirchlichen Behörde war in der gewöhnlichen Formel abgefaßt, das des Physikerkollegiums aber erschien ihm merkwürdig, sowohl seiner Kürze wegen, wie auch wegen des Tones, der frech klang und auf eine Art ausgelegt werden konnte, die meine Operation entwertete. Dieses Zeugnis lautete: »Wir Unterzeichnete etc. bestätigen dem edlen christlichen Riesen Eduard Alfred, daß es nicht unmöglich ist, dem Megamikren N. N. die Sehkraft wiederzugeben, da seine Krankheit keine unheilbare ist.« Ich schrieb mir dies kurze Zeugnis ab und schrieb unter das Original folgende Worte: »Wenn die Augenkrankheit des Megamikren N. N. vom gelehrten Kollegium der Physiker im Gegensatz zu allen anderen, die sich mit ihren Bescheinigungen bis zum heutigen Tag eingestellt haben, als heilbar erkannt worden ist, so tut der edle christliche Riese Eduard Alfred dem weisen Kollegium kund und zu wissen, daß er demselben die Ehre der Heilung des Megamikren überläßt, denn es wäre unschicklich, daß ein Fremder sich dessen Rechte aneignete und Operationen vollführte, die den Dank und die Bewunderung der ganzen Welt erwecken, wenn dieselben Operationen die Geschicklichkeit der angestellten Professoren zu Ehren bringen können, sobald sie diese Krankheit als heilbar erkannt haben.« Ich ließ sofort den Unzertrennlichen des Blinden holen, übergab ihm mein Schriftstück und sagte ihm, das Physikerkollegium selbst werde seinen unglücklichen Kameraden heilen. Der Unzertrennliche trug sofort mein Schreiben zum Kollegium. Mittlerweile verfaßte ich eine Kundmachung, worin ich der Bevölkerung das soeben Vorgefallene samt dem Zeugnis der Physiker und meiner Antwort darauf mitteilte und bekanntgab, daß ich mich fortan gezwungen sähe, meine Operationen einzustellen, worüber jedoch niemand ungehalten sein dürfte, da man nun wüßte, wohin man sich in Zukunft wenden müßte, um Heilung einer Krankheit zu suchen, die das Kollegium nicht für heilbar erklärt haben würde, wenn er sie nicht zu heilen verstände. Ich ließ diese Kundmachung noch an demselben Tage drucken und anschlagen, so daß weder die Verleumdung noch die Bosheit Zeit hatten, der reinen Wahrheit etwas anzuhängen noch sie zu schmälern. Beachten Sie dabei, Mylords, daß alle Welt wußte, daß ich niemanden ohne Vorlegung der zwei Attestate operierte und daß ich auf dem des Physikerkollegiums bestand, um mich dagegen zu schützen, daß sie jemals eine von mir vorgenommene Operation ins Lächerliche ziehen könnten. Am nächsten Tag kam mein Sohn Wilhelm, den ich mit der Oberaufsicht der Druckerei beauftragt hatte, und brachte mir ein Schriftstück, das ihm soeben zugeschickt worden war, mit dem Ersuchen, 2000 Exemplare davon abzudrucken. Er brachte es mir, da ich mir die Durchsicht und Zensur jedes unter die Presse kommenden Schriftstückes vorbehalten hatte und da er überzeugt war, daß ich es nicht zu drucken gestatten würde, weil er den Ton verletzend fand. Es lautete: »Wenn der edle christliche Riese Eduard Alfred durch ein einfaches, natürliches Verfahren den unglücklichen Blinden ihre Sehkraft wiedergibt, so muß er zugeben, daß diese Krankheit keine unheilbare ist, und daß somit die Physiker, die das ihm so sehr mißfallende Zeugnis für den Gelben N. N. unterzeichneten, Unrecht täten, wenn sie diese Krankheit als unheilbar bezeichneten. Die Physiker waren somit vollkommen berechtigt das zu schreiben, was der edle Riese selbst durch seine Operationen bestätigt, und er ist im Unrecht, wenn er verlangt, daß ein Arzt, der eine Krankheit als heilbar erkennt, diese auch selbst heilen müsse, während die Heilung davon abhängt, daß die Operation von der sicheren Hand eines geschickten Chirurgen ausgeführt wird. Eben hierum handelt es sich in dem vorliegenden Falle.« Ich fand diese Antwort scharf, hart und verletzend, doch ziemlich gut ausgedacht. Ich ließ meinen Sohn reden, schrieb mein Imprimatur darunter und befahl ihm, auf der Stelle in die Druckerei zu fahren und den Druck des Schreibens zu beschleunigen. Mein Sohn wollte mich bewegen, wenigstens gleichzeitig meine Antwort auf dies freche Schreiben drucken zu lassen; ich benützte diese Gelegenheit, um ihm eine kleine Lehre zu geben. Ich sagte ihm, diese Antwort der Physiker dürfe vor ihrer Publikation niemandem außer dem Zensor bekanntwerden, und wenn ich sie gelesen hätte, so sei es kraft meiner Befugnisse als Zensor geschehen, deren ich mich nicht in meinem Geschäfte bei persönlichen Streitigkeiten zu meinen Gunsten bedienen dürfe. Die einfachste Moral verbiete jede Hinterlist, und meine Antwort gleichzeitig mit jenem Schreiben zu drucken, wäre eine solche Hinterlist gewesen. Ich sagte ihm weiter, der Mensch müsse oft die Kraft haben, das, was seine Leidenschaft entfache, von der allgemeinen Pflicht zu trennen, die sein Amt ihm auferlege, selbst gegen sein eigenes Interesse, selbst zu seinem Schaden, sobald er das von ihm zu fällende Urteil als gerecht erkenne. Ich sagte ihm, ich würde antworten, aber diese Antwort noch verzögern, um ihr jede Bitterkeit zu nehmen, denn Bitterkeit schade dem Schreiber beim Lesen. Ich machte ihn auf das Verletzende und Anzügliche im Schreiben der Physiker aufmerksam und zeigte ihm, daß der Stil allein schon genüge, um von allen gerechtfühlenden Lesern verurteilt zu werden. Mein Sohn merkte sich diese Belehrung sehr wohl. Meiner Ansicht nach hängt vieles von der Art und Weise ab, wie man den jungen Leuten die Begriffe der Moral beibringt, um sie in ihren Seelen feste Wurzeln fassen zu lassen. Gelegenheit, Belehrung, Beispiel. Ich ließ also die Antwort der Physiker drucken und veröffentlichte zwanzig Stunden später die meinige. Sie lautete: »Der edle christliche Riese Eduard Alfred gibt zu, daß ein Professor der Physik vielleicht nicht zu vollbringen vermag, was er selbst auf Grund seiner Studien für vollbringbar erkennt; um aber der Welt zu beweisen, daß er sich nicht irrt, muß er seine Behauptung durch Ausführung über jeden Zweifel erheben. Der Vorrang, den das Kollegium der Physiker vor dem der Chirurgen hat, beweist geradezu, daß dies seine Pflicht ist. Dies hat der Riese durch seine Kundmachung den Ärzten begreiflich machen wollen. Da die blinden Untertanen des Königs von dem Physikerkollegium als heilbar anerkannt worden sind, haben sowohl der König wie dessen Untertanen das Recht vom Kollegium der Physiker zu verlangen, daß es ihnen Persönlichkeiten beschafft, welche die genannte Krankheit zu heilen imstande sind. Der Riese ergreift mit Freuden diese Gelegenheit, um für das Volk diesen wichtigen Vorteil zu erwirken. Um dies sicher zu erreichen, stellt er von Stund an seine Operationen ein. Er wird entzückt sein, wenn er die Kenntnis derselben unter den kundigen Megamikren verbreitet sieht und es wird ihm zur Freude gereichen, sich selber als die Ursache dieser Weltbeglückung ansehen zu dürfen. Das Physikerkollegium wird ihm hiefür Dank schulden, denn wenn er nicht den Ansporn gegeben hätte, so würde eine dem Menschengeschlecht so nützliche Operation noch immer unbekannt sein. Das wird das Kollegium zugeben.« Das Ereignis wurde sogleich zum Gespräch der ganzen Stadt; in allen Kreisen wurde nur diese Frage besprochen und alle gaben zu, daß meine Beweisführung vollkommen richtig sei. Die Blinden aber waren voller Entrüstung, als sie eine Fünftagwoche vorübergehen sahen und die Physiker weder auf meine letzte Kundmachung antworteten, noch den Blinden versprachen, ihnen die Sehkraft wiederzugeben. Sie verständigten sich untereinander und forderten das Kollegium durch ein Schreiben auf, sie von einer Krankheit zu heilen, die sie als heilbar erklärt hätten. Das Kollegium schickte ihnen das Schreiben mit der kurzen Antwort zurück, daß dies die Chirurgen anginge, an deren Kollegium sie sich wenden müßten; sollte aber denselben die Ausführung dieser Operation unbekannt sein, so würde dem Kollegium das zwar sehr leid tun, aber dann wäre eben nichts dagegen zu machen. Die megamikrischen Chirurgen konnten nur Kontusionen durch Einreibungen und Auflegung von Kataplasmen heilen, die sie aus mehreren Arten Wolfsmilch verfertigten, deren Alaungehalt dem verletzten Teil das Wasser entzog, das nach ihrer Ansicht innere Wasserblasen hervorrief; die Kataplasmen wirken auch bei uns von Natur wasserziehend, aber den Megamikren ist nur ihre äußerliche Anwendung bekannt. Außerdem konnten sie nur noch Klistiere geben, wenn die Ärzte solche vorschrieben, verrenkte Glieder einrichten, Nägel und Haare pflegen. Ihre Hauptleistung bestand darin, ein gebrochenes Bein so zu heilen, daß der Megamikre wieder gehen konnte. Die Blinden begriffen nicht, wie die Physiker, die ihnen durch ihr freches Zeugnis solch ein Leid angetan hatten, nicht einsehen wollten, daß sie nun verpflichtet wären, ihnen die Sehkraft wiederzugeben. Sie beschlossen, um die Erlaubnis nachzusuchen, das Physikerkollegium vor das königliche Tribunal zu rufen; dies wurde ihnen gestattet. Die Physiker erschienen mit einer von allen Mitgliedern des Kollegiums unterzeichneten Erklärung, daß die betreffende Krankheit heilbar wäre und daß ich somit kein Recht hätte zu verlangen, daß man sie als unheilbar bezeichnete. Das königliche Tribunal äußerte sich dahin, daß das ganze Kollegium abzusetzen wäre, wenn es nicht binnen einer Ernte imstande wäre, Augenärzte beizustellen, die dieselbe Operation wie der Riese, und zwar selbstverständlich unentgeltlich machen könnten. Die Blinden hatten mittlerweile von den durch mich Geheilten die Namen jener Physiker erfahren, welche sie in ihren Bescheinigungen als unheilbar bezeichnet hatten. Als sie nun feststellten, daß dieselben jetzt die Erklärung, daß sie heilbar wären, unterzeichnet hätten, ließen sie sie vor das große geistliche Tribunal berufen, bei dem der Bischof den Vorsitz führte. Die Blinden verlangten die Bestrafung der Physiker, die sich der großen Lüge schuldig gemacht hätten; zum Beweis legten sie zwei Atteste vor, von denen das eine das Gegenteil des anderen aussagte. Eine Lüge wird in jener Welt, wenn sie als der Allgemeinheit schädlich anerkannt ist, mit lebenslänglichem Kerker bestraft. Die Physiker, die sich jetzt am Rande eines Abgrundes sahen, mußten in einem an das heilige Tribunal gerichteten Schreiben gestehen, daß sie zwar bei der Ausstellung der Atteste, welche die Blindheit als unheilbar bezeichneten, dieselbe als ein nicht zu heilendes Leiden angesehen hätten, daß sie jedoch später, nach genauen Untersuchungen des Auges zu der Ansicht gekommen wären, daß es sich um eine heilbare Krankheit handelte und daß man sie somit weder in bezug auf das eine noch auf das andere Attest der Lüge beschuldigen dürfte. Auf Grund dieser Erklärung hielt sich der Bischof für verpflichtet, das Kollegium von der Beschuldigung der Lüge freizusprechen. Aber der Beschluß des königlichen Tribunals brachte die Physiker in Verzweiflung und die ergrimmten Blinden erwarteten mit Ungeduld den Ablauf der vorgeschriebenen Zeit. Das Kollegium der Physiker mußte unter allen Umständen die Entehrung und die damit verbundene Amtsenthebung vermeiden: sie sahen nun ein, daß sie eine Dummheit begangen hatten, indem sie die Erklärung unterschrieben, die ihre beiden Kollegen gerettet hatte. Alle Welt meinte, sie müßten sie zugrunde gehen lassen oder einen anderen Ausweg finden. Sie versuchten alles, um die Chirurgen hierzu zu bewegen; doch die Chirurgen ließen eine Erklärung drucken, in welcher sie die Physiker als Ignoranten und Betrüger bezeichneten und ihnen das an den Blinden begangene Unrecht vorwarfen, indem sie durch ein beleidigendes Attest den Gesandten Gottes, der vor kurzem dies Wunder an einem Mitglied ihres Kollegiums vollbracht, ergrimmt hätten. Die Chirurgen sind stets und überall froh, wenn sie den Ärzten etwas anhängen können: sie halten sich selber für Ärzte, wie die Violinspieler in einem Orchester sich für selbständige Musiker halten. Dieser Streit unterhielt die Stadt wie ein Lustspiel, das durch die Schnelligkeit interessant wurde, womit dank der Buchdruckerei ein Plakat dem anderen folgte. Zwei Brände waren verflossen, der dritte ging zur Neige und noch immer gab es kein Anzeichen, daß das gefährdete Kollegium einen Ausweg gefunden hätte, und das Volk bereitete sich schon darauf vor, ihnen ein possenhaftes Begräbnis zu veranstalten, als man in meine Druckerei ein Schriftstück zum Drucken brachte, dessen Inhalt folgendermaßen lautete: »Der Arzt Aaau-Eooo-Eiiio läßt jedermann bekanntgeben, daß er am dritten Tag der neuen Ernte in dem von der Sonne erleuchteten Saal seines Hauses mit der ersten Stunde nach dem täglichen Glockenklang allen denen die Sehkraft wiederzugeben anfangen wird, die der edle Riese Eduard Alfred für heilbar erklärt hatte. Es wird dem Publikum gleichzeitig bekanntgegeben, daß er die Operation nicht im geheimen, sondern in Anwesenheit von sechs Paaren, außer dem Unzertrennlichen des Kranken, ausführen wird; er verspricht drei Operationen in jeder Pentamaine auszuführen.« Diese Kundmachung ließ alle verstummen. Unser Freund, der Groß-Gärtner, kam am folgenden Tage zu uns, um uns mitzuteilen, daß er von dem erwähnten Arzt eine Einladung erhalten habe, mit seinem Unzertrennlichen unter den sechs Zuschauerpaaren zu sein; er freue sich sehr darüber, da er dadurch das Vergnügen haben werde, gleich nach der Operation zu uns zu kommen und uns über das Gesehene zu berichten. Ich erwiderte ihm, mir werde dies sehr angenehm sein, und ich wünsche nicht nur, sondern hoffe, daß dem Arzt das Werk gelinge, da ich nicht einsehen könne, weshalb nicht ein Mensch das vollbringen solle, was einem anderen gelungen sei, wenn er nur selber fühle, daß er es zu tun imstande sei. Ich fügte hinzu, es werde mich um so mehr freuen, da ich hierdurch, ohne daß mein Verdienst darum geschmälert werde, einer schweren Last befreit sein würde und zwar gerade zu einer Zeit, wo ich für Dinge von besonderer Bedeutung zu sorgen habe. Dies war meine Ansicht, doch mißfiel mir die Unruhe Heinrichs und Ludwigs, über die ich eigentlich nur lachen konnte; sie trauten sich nicht, mir etwas zu sagen, doch ich las in ihren Seelen und brachte sie zum Reden, um die Sache klarzustellen. Heinrich sagte mir bescheiden und schüchtern, er wünsche, daß der Arzt keinen Erfolg haben möge, und Ludwig meinte, er verdiene für seine Frechheit bestraft zu werden. Ich antwortete ihnen mit einer Belehrung, die sie sich wohl fürs ganze Leben merkten. Ich ließ ihnen die ganze Niedrigkeit und Grausamkeit einer solchen Hoffnung einsehen und ich hörte nicht auf, ihnen dies vorzupredigen, bis ich sie vor Scham bis über die Ohren erröten sah. Sie baten mich um Verzeihung und sagten, sie teilten nun ganz meine Meinung. Sobald die erste Operation vollzogen war, brachte nicht der Groß-Gärtner mir die Nachricht, sondern mein Sohn Wilhelm kam und reichte mir ein Blatt, das ihm soeben in die Druckerei gesandt worden war, mit dem Auftrag, bis zum nächsten Tage 1000 Abzüge herzustellen. Es lautete folgendermaßen: »Der gelbe Megamikre N. N. wurde in Anwesenheit der Edlen namens Soundso operiert und bezeugte die Wiedererlangung seiner Sehkraft dadurch, daß er sie alle erkannte. Die Operationen werden auch weiterhin unentgeltlich durch denselben Arzt an allen Tagen, außer am Leichnam- und Eitag, ausgeführt.« Ich unterzeichnete rasch und befahl meinem Sohne, den Druck möglichst zu beschleunigen, um dem Arzt in drei Stunden seine 1000 Kundmachungen zuzustellen, weitere 5000 Abzüge aber auf meine Kosten überall anschlagen zu lassen. Vier Stunden später waren die Anzeigen an allen Straßenecken der Stadt zu sehen. An den folgenden Tagen hatten alle Operationen denselben guten Erfolg. Eine Viertelstunde nach Wilhelm erschien der Groß-Gärtner und beglückwünschte mich zu diesem Ereignis im Sinne meiner Äußerungen. Er erzählte mir folgendes: Der Arzt hieß den Blinden sich setzen und dann durch einen jungen Megamikren seinen Kopf fest und sein Auge offenhalten, worauf er vor ihm stehend eine Nadel in sein Auge hineinführte, die er gleich danach wieder herauszog, um eine andere mit runder Spitze in dieselbe Öffnung hineinzuführen. Mit dieser schob er einen dichten Körper beiseite. Dies erschien ganz wunderbar, da der Professor jenen Gegenstand so in eine Ecke des Auges schob, daß man nichts von ihm sah. Gleich darauf operierte er auf die gleiche Weise das zweite Auge mit demselben Erfolg und die Anwesenden hörten zu ihrer Überraschung den operierten Megamikren die von ihm gesehenen Personen nennen. Dann legte er Umschläge und eine Binde auf und schickte ihn zum Ausruhen in ein anderes Zimmer. Die mir erzählten Umstände dieser Begebenheit überraschten mich sehr, doch ließ ich nichts davon merken. Sobald ich allein war, berief ich meine Söhne und meine fünf Enkel zu mir und sagte ihnen, auf welche Weise die Operation vom Arzte ausgeführt worden sei. Ich sagte ihnen auch, es sei die allererste Pflicht des Menschen, auf seine Selbsterhaltung und seine Ehre bedacht zu sein; dies sei der Grund, weshalb ich ihnen befohlen habe, die Art des Starstechens streng geheimzuhalten. Zwar gebiete uns die strenge Moral, uns über den guten Erfolg der Operation des Arztes zu freuen, doch nötige sie uns nicht, ihm die Mittel zu enthüllen, durch die wir unser Ziel erreicht hätten. Ich sagte ihnen weiter, die vollbrachte Operation sei allerdings von den Anwesenden als glücklich vollbracht bezeichnet worden, wir aber wüßten ja, daß man zur Hebung des Stares den vor dem Augapfel liegenden undurchsichtigen Körper gänzlich entfernen müsse. Wir müßten daher am guten Ausgang zweifeln, da er weder seinen Patienten zur Ader gelassen, noch den Star aus dem Auge herausgenommen, sondern ihn nur mit der stumpfen Nadel weiter beiseite geschoben habe, nachdem er das Auge zuvor mit einer anderen Nadel geöffnet habe. Ich erklärte ihnen, daß diese zweifache Verletzung des Auges die Heilung desselben erschweren werde; sie könne die das Auge umgebende Haut beschädigen, die wässerigen Säfte ausfließen lassen, die Kristallinse zu sehr erweitern und noch andere Schäden anrichten; der schädliche und hinderliche Körper werde vielleicht nicht an der Stelle bleiben, an die er verschoben worden sei; es sei somit sehr wohl möglich, daß er an die frühere Stelle zurückkehre. Die Unterlassung der Blutentziehung, die ich als Vorbeugungsmittel gegen eine Entzündung anwendete, welche ich für gefahrvoll hielte, könnte dem Megamikren nicht nur sein Auge, sondern sogar sein Leben kosten. Da nun alles festgestellt sei, so müßten wir vollkommenes Schweigen beobachten; sollten wir um unsere Ansicht gefragt werden, so müßten wir mit großer Zurückhaltung und ohne die dem Operateur schuldige Achtung zu verletzen nur antworten: »Wir wünschen, daß die Zeit den Erfolg und die Weisheit des weisen Operateurs bestätige.« Meine Kinder waren über die Ehre, die ich ihnen durch diesen Vortrag erwies, hocherfreut, sie erhielten dadurch eine wichtige Belehrung und erfuhren gleichzeitig meine Meinung über diese Angelegenheit. Der König ließ mich zu sich rufen und ich beeilte mich, seine Befehle in Empfang zu nehmen. Er beglückwünschte mich zu allererst dazu, daß ich nun in Zukunft nicht mehr durch die lästigen Operationen in Anspruch genommen werde und dankte mir als dem Urheber des Glücks, daß nun in kurzer Zeit die ganze Welt sich dieser nützlichen Entdeckung erfreuen würde. Dann fragte der König mich, ob ich mit dieser Operation, deren Verlauf mir wohl bekannt sei, einverstanden sei. Ich antwortete ihm: es sei mir als unwissendem Sterblichen nicht möglich zu erkennen, ob Gott zugelassen habe, daß die Natur denselben Zweck auf verschiedenen Wegen erreiche; und wenn dies der Fall sei, so könne ich das System des Arztes weder anerkennen noch tadeln; anerkennen könne ich es nicht, weil es von dem meinigen gänzlich abweiche, tadeln könne ich es nicht, da alle Welt sage, daß die Operation geglückt sei; ich schloß mit der Äußerung, man müsse noch abwarten. Der König sah daraufhin verständnisvoll und zufrieden erst seinen Unzertrennlichen und sodann mich an und begann vom Glück der Megamikren zu sprechen, denen es beschieden sei, meine Untertanen zu werden. Im Laufe der folgenden Pentamaine wurde bekanntgemacht, daß die drei Operationen glücklich gelungen seien, und man sprach davon, daß der große Arzt nunmehr auch drei Rote vom höchsten Adel operieren werde. In diesen Tagen brachte man in die königliche Druckerei eine gelehrte Abhandlung, deren Einleitung mir zwar sehr frech vorkam, der ich jedoch ohne Zögern mein »Imprimatur« gab. Sie lautete: »Der Mensch, dem Gott die Gnade erteilt, der Menschheit Gutes zu leisten, soll sich für diese göttliche Gnade dankbar erweisen, indem er das ihm erwiesene Vorrecht den anderen mitteilt. An diesen Grundsatz haltend, gibt der dem Kollegium angehörende Physiker Aaau-Cooo-Ciiio der Bevölkerung bekannt, daß seine an den Augen der Megamikren aller Stände ausgeführten Operationen niemals im geheimen gemacht werden. Die Geheimhaltung kann der Operation nicht nützlich sein und kann nur zur Quelle von Irrungen werden, da sie verdammenswürdige Neugier erregen und die menschliche Schwäche in böse Lüge ausarten lassen kann. Diese Wahrheit ist unzweifelhaft und somit, sich auf dieselbe stützend, sieht derselbe Professor sich veranlaßt, dem Publikum den Bau des Auges zu erklären, damit es sich überzeugt, daß er nicht ohne Grund die Blindheit einiger Megamikren in dem bereits allen bekannten Attest als heilbar bezeichnet hatte, worauf die edlen christlichen Riesen ihre Operationen einstellten. Das Auge ist aus Weichteilen zusammengesetzt. Gott hat es in einer kegelförmigen Knochenhöhlung untergebracht, die man Augenhöhle nennt. Der wichtigste der Weichteile ist der Augapfel, die anderen sind außerhalb oder innerhalb angebracht. Zu den äußeren gehören die Augenbrauen, die Wimpern, die Tränensäckchen, die Tränenkarunkel; zu den inneren: die Muskeln, das Fett, die Tränendrüse, die Nerven, die Blutgefäße. Der bedeutendste Weichteil ist der Augapfel, der aus mehreren Teilen zusammengestellt ist, welche eine Art von geschlossener Schale bilden, welche aus der Zusammensetzung verschiedener häutiger Schichten, die man Häutchen nennt, gebildet ist. Die anderen mehr oder weniger flüssigen Teile sind in Kapseln oder zwischen den anderen, sie umgebenden Häutchen eingeschlossen. Das äußerste Häutchen, welche die ganze Hochwölbung des Augapfels bildet, ist die Hornhaut; ihr folgt die Gefäßhaut des Augapfels und letzterer ein netzförmiges Häutchen. Die Nebenhäutchen bilden das sehnige und das verbindende Häutchen. Die Kapselhäute bestehen aus der Glas- und Kristallinse. Der Augapfel hängt mit der Augenhöhle mittels des optischen Nerves zusammen. Die rückwärtigen Teile des Augapfels, der Sehnerv und die Muscheln, sind von einer Fettschicht umgeben, die den ganzen Boden der Augenhöhle ausfüllt. Es gibt drei Arten Säfte: wässerige, glasige und kristallinische; die ersten befinden sich zwischen den einzelnen Häuten; die glasigen sind in der häutigen Kapsel eingeschlossen und nehmen über dreiviertel des Umfangs des Augapfels ein; die kristallinischen Säfte sind eigentlich eine gummiartige, kleistrige Masse, die linsenförmig, nach innen mehr wie nach außen gewölbt und mit einem sehr feinen Häutchen überzogen ist. Die stärkste Haut des Auges ist die Hornhaut; sie enthält alle Teile, aus denen der Augapfel zusammengesetzt ist. Man teilt sie in undurchsichtige und durchsichtige: die undurchsichtige ist hart wie Pergament, sieht aus, als ob sie gegen die hintere Mitte ihrer Wölbung zu vom optischen Nerv durchstochen wäre; ihre Dichtigkeit ist von Schicht zu Schicht in sehr schräger Richtung von Blutgefäßen und Nerven durchbrochen. Die durchsichtige Hornhaut ist von einer großen Anzahl unmerklicher Poren übersät, denen ein unaufhörlicher Tau entströmt, der sehr fein ist und sich nach und nach verflüchtigt. Die Gefäßhaut des Augapfels liegt an der undurchsichtigen Hornhaut und wird Traubenhaut des Auges genannt; sie ist durchsichtig; ihr vorderer Teil wird dort, wo sich die Öffnung befindet, deren ungefähre Mitte der Scheidewand durchstochen ist, als Augapfel oder Pupille bezeichnet, die vordere Schicht dieser Scheidewand ist die Regenbogenhaut. Der größte Teil der wässerigen Säfte befindet sich in einem Raume, welcher zwischen der durchsichtigen Hornhaut und der Traubenhaut liegt; dieser Raum ist mit dem Augapfel durch einen sehr schmalen Raum verbunden, der zwischen die Traubenhaut und die Kristallinse eindringt: diese beiden Räume sind die Behälter der wässerigen Säfte. Die sehr klaren und durchsichtigen glasigen Säfte sind in einer feinen, durchsichtigen Kapsel verschlossen, die den größten Teil des Umfanges der Augenkugel einnimmt, das heißt beinahe den ganzen Raum, der der Ausdehnung der Netzhaut entspricht, eine ganz kleine Stelle hinter der Traubenhaut ausgenommen, in welcher sich die Kristallinse befindet. Der Verlust dieser glasigen Säfte bringt den unwiederbringlichen Verlust des Auges mit sich. Die wenig feste Kristallinse ist klar wie Kristall und befindet sich in einem Grübchen des inneren Teiles der glashellen Säfte. Die Kristallinse ist kein eigentlicher Saft, sie ist es nicht infolge ihrer leichten Handhabung, der Möglichkeit sie zu betasten und sogar durch besonderes, wiederholtes Zusammendrücken mit den Fingern, nachdem sie aus ihrer Kapsel entfernt wird, aufzulösen. Die wässerigen Säfte sind eine helle klare Flüssigkeit, eine seröse, sehr wenig klebrige Lymphe, die im Gegensatz zu den glashellen und kristallenen keine besondere Kapsel haben. Sie nehmen den ganzen zwischen der Hornhaut und der Traubenhaut befindlichen Raum ein, sowie auch den zwischen der Traubenhaut und der Kristallinse und der Öffnung der Pupille. Diese zwei Behälter mit wässerigen Säften sind verschieden groß: der vordere zwischen der durchsichtigen Hornhaut und der Traubenhaut liegende ist der größere; der Hintere, welcher zwischen der Traubenhaut und der Kristallinse verborgen ist, ist besonders nach der Pupille zu, dort wo die Traubenhaut die Kristallinse beinahe berührt, sehr schmal. Die Augenhaut, die man gewöhnlich als das Weiße im Auge bezeichnet, entsteht durch die sehnenartige Ausdehnung von vier Muskeln. Sie ist nach dem Rande der Hornhaut zu sehr dünn; endet dort überall gleichmäßig und wird sozusagen von der Hornhaut absorbiert. Um einem Blinden die Sehkraft wiederzugeben, durchsteche ich zwei Linien von der Regenbogenhaut entfernt die Bindehaut, die undurchsichtige Hornhaut und die Traubenhaut, stoße dort auf den dichten Körper, der den Patienten am Sehen hindert, schiebe denselben unter die Pupille und meine Operation ist beendet. Ich will hoffen, daß das Kollegium für Chirurgie sich nun entschließen wird, anzunehmen, daß dieses Amt ihm obliegt, daß es Schüler hiezu erziehen und Nutzen ziehen wird aus den Lehren die unser Kollege ihnen stets zu geben bereit ist, und daß sie es nie unterlassen werden, ihn als ihren Meister anzusehen und zu schätzen.« Ich sah mich veranlaßt, ein kleines Schriftstück zu veröffentlichen als Antwort auf diese Dissertation, dessen Tonart alle Welt als unverschämt bezeichnete. Ich erwiderte nur kurz folgendes: »Der edle Riese Eduard Alfred hat die Dissertation des weisen Physikers gelesen und wünscht, dessen Weisheit bewundernd, die Zeit möge die Tadellosigkeit seiner Operationen bestätigen, und er möge sich dadurch für immer die Verehrung breitester Schichten der Bevölkerung erwerben. Was den Grundsatz des Verfassers anbelangt, diese Art Operationen streng abgesondert und nicht vor Zeugen zu machen, so sagt er ihm hiemit, daß weise Gelehrte zum Wohle der Allgemeinheit so zu handeln verpflichtet sind, wie ihnen dies ihre Urteilskraft und ihr Verstand eingeben, doch müssen sie gerade deshalb, weil sie als weise gelten wollen, sich nicht über solche erheben wollen, die anderer Meinung sind als sie. Der christliche Riese ist der Ansicht, daß der Operateur so wichtige Operationen in der größten Ruhe und Stille ausführen muß, und diese beiden Bedingungen können schwerlich bei einer großen Anzahl von Zuschauern erfüllt werden. Er meint weiter, daß es ganz unrichtig wäre, diese Operation als eine leichte darstellen zu wollen, erstens weil sie es nicht ist, zweitens weil dies einige kühne Zuschauer ermutigen könnte, die Operation, welcher sie zugesehen haben, selber in unbesonnener Weise ausführen zu wollen, wodurch sie einen unschuldigen Blinden gänzlich um seine Augen bringen könnten; drittens weil man in der Welt der Riesen Menschen, die solche Operationen öffentlich veranstalteten, für Marktschreier oder Scharlatane halten würde. Der christliche Riese findet, daß jede Ostentation einen Betrug oder wenigstens Hochmut bekundet. Er behauptet, die moralische Sicherheit, daß der Betreffende zweckentsprechend und ohne Furcht vor einem Rückfall operiert wird, soll die Belohnung einer solchen Arbeit sein. Öffentlichkeit ist nicht günstig für die Operation und kann durchaus nicht zur guten Wirkung des obengenannten Grundsatzes beitragen, der übrigens der einzige jedes wissenschaftlichen Arztes sein sollte.« Sie können sich ja gar nicht vorstellen, Mylords, wie hoch bereits der Fanatismus zugunsten dieses Physiker-Operateurs gestiegen war. Seine Abhandlung war in allen Händen; die Zahl derer, die sich mit meiner kurzen Antwort näher beschäftigten, war sehr gering. Man sprach unverhohlen darüber, daß es ein Unrecht sei, einen so achtungswerten Kollegen so hart zu behandeln, daß es ein anderes Unrecht von mir gewesen sei, über diese Krankheit, die nun nachweislich heilbar sei, ein Zeugnis zu verlangen, das sie als unheilbar bezeichnen sollte. Dieser Wunsch bezeuge einen übermäßigen Hochmut. Dies gab mir einen neuen Beweis, wie ungerecht der stets undankbare Pöbel urteilt, indem er die Umstände vergißt oder nicht beachtet, die das Wesentliche der Frage bilden; ich hatte ja nie verlangt, daß man die Krankheit als unbedingt unheilbar bezeichnen solle. Ich muß Ihnen bekennen, Mylords, daß mich diese Analyse eines der wichtigsten Teile des menschlichen Körpers sehr erfreute, denn ich sah nicht nur, daß sie richtig war, da ich sie bei einigen Zerlegungen der Augen von Schweinen bestätigt gefunden hatte und weil ich in derselben dieselben Behauptungen aufgestellt sah, die unsere englischen Gelehrten in ihren anatomischen Vorträgen vertreten; wie konnten aber diese Doktrinen in einer Welt bekannt sein, deren Religion die Anatomie verbot? Dieser Gedanke bewog mich, Nachforschungen anzustellen. Unter den Büchern, die der Theologe mir geschenkt hatte, befand sich eins, dessen Titel schon mich interessierte; ich hatte bereits einiges darin gelesen, lauter Artikel, die auf tiefe Gelehrsamkeit schließen ließen, doch hatte ich es nicht weiter gelesen, um mich nicht von der Übersetzung der Weltgeschichte lenken zu lassen. Dieses Buch, dessen Titel: »Analekten des Protoplaste« war, belehrte die Megamikren über Bodenkultur, unterwies sie in den Anfangsgründen der Chemie, berichtete über die verschiedenen Arten von Heilkräutern, die die Erde hervorbringt, und schloß mit einem Kapitel, dessen Titel den Inhalt genau angab: »Analyse des Körpers des Megamikren.« Als ich die Abhandlung des Physikers las, kamen diese »Analekten« und der Titel des Kapitels mir in den Sinn und ich nahm das Buch wieder einmal zur Hand. Ich fand darin die vollständige Anatomie des Körpers eines Megamikren. Der Verfasser, der nur der Große Genius sein konnte, begann das Kapitel mit folgenden Worten: »Eine Neugier, die dir, o Mensch, nicht verwerflich erscheinen dürfte, wäre es, wissen zu wollen, wie du gebaut bist, doch würde sie dann in deine Hände einen Leichnam legen, was deiner Natur wiederspräche und dich nötigen würde, diesen Leichnam eines Gutes und Rechtes zu berauben, dessen Mißachtung unserem göttlichen Schöpfer nicht gefallen könnte. Begnüge dich also mit dem, was mir Gott dir mitzuteilen gestattet, um deine Dankbarkeit zu erregen, und sei fest überzeugt, daß du nur die reine Wahrheit liesest, von der du bei Gelegenheit wirst Nutzen ziehen können. Mir wurde sie von dem offenbart, der um zu wissen, wie der Mensch gebaut ist, keiner Anatomie bedarf.« Nach dieser majestätischen Einleitung kam die Beschreibung des menschlichen Körpers, seiner festen und flüssigen Bestandteile, seiner Nerven, seines Blutes, der wunderbaren Funktionen des Blutumlaufs, der Lunge, der Sinnesorgane, der Blutgefäße, der Muskeln, der Fasern. Bei der Beschreibung des Auges angelangt, berichtete der Verfasser alles das, was der Physiker Wort für Wort abgeschrieben hatte, und schloß mit einer Lobrede auf die immaterielle Seele, die ein Kunstwert für sich ist. Von den vielen Dingen, die er sagt, entnehme ich nur ein kleines Beispiel: »Das Auge, meine lieben Kinder, gibt euch einen sicheren Beweis der tatsächlichen Existenz eines immateriellen Geistes, der im Auge seinen Hauptsitz hat: dies müssen wir glauben, denn wenn nicht dieser Geist und die ihm entstammende Vernunft vorhanden wären, würde das Auge trotz seinem kunstvollen Mechanismus keinen Gegenstand sehen, und wenn ihr die Gestaltung des Auges in Erwägung zieht, so wird es euch selbst diese Wahrheit offenbaren. Seine Form, seine Flüssigkeiten, seine Zellen und deren Verteilung in Höhlungen und Wölbungen stellen ein kleines Fernrohr dar, wie es einer eurer Handwerker angefertigt hätte, um irgendeinen Gegenstand näher oder besser besehen zu können. Würde aber dieses Fernrohr, trotz seinem Mechanismus, der so gut den der Natur wiedergibt, irgend etwas aus sich selbst sehen können, wenn das menschliche Auge nicht hinter ihm sich befände? Es würde nichts sehen. Das Auge sieht und sieht aus sich selbst heraus; somit muß es von seiner Substanz belebt werden, die nur immateriell sein kann, da sie nicht von den Sinnen abhängt. Wo befindet sich nun dieselbe? Sie ist im ganzen Auge vorhanden, ohne daß man sagen könnte, sie wäre das Auge selbst. Das Auge selbst bestätigt euch diese Vermutung. Es zeigt euch seinen Mechanismus, ihr könnt es untersuchen und euch überzeugen, daß in einem so geformten kleinen Fernrohr die sich euch darbietenden Gegenstände zwar gut widerspiegeln würden, doch würdet ihr alles umgekehrt, die Menschen mit dem Kopfe nach unten, mit den Füßen in der Luft sehen. Setzt das Fernrohr auf die Augen und ihr werdet alles in der richtigen Lage sehen: nicht ihr Organ also ist es, das steht, sondern die immaterielle Substanz, die es belebt und das richtig sieht, was durch eine materielle Substanz gesehen in einer dem Auge ähnlichen Maschine sich in verkehrter Lage widerspiegeln würde: Dies verhält sich so und nicht anders. Somit können wir das Auge als das sehende Organ, nicht als Materie ansehen, denn eine des Geistes bare Materie kann nichts empfinden, was sie der nicht vorhandenen Vernunft mitteilen könnte, und ebenso kann der Geist ohne Mitwirkung einer materiellen Maschine etwas Materielles weder empfinden noch sehen; dies bezeugt den ganzen Unterschied zwischen Geist und Materie: zwischen beiden liegt ein ähnlicher Abgrund wie zwischen der Tat und dem Willen. Naturen, die man physikalisch entgegengesetzte nennen könnte, sind so beschaffen, daß man dem Schöpfer nichts an seiner Allmacht schmälert, wenn man sagt, Gott selber könne nicht bewirken, daß die eine zur anderen werde.« Diese megamikrischen Analekten waren alt wie deren Welt, wenn man der Einleitung des Manuskriptes Glauben schenken wollte. Wie auch die Sache sich verhielt, so blieb es jedenfalls sicher, daß ihr Verfasser heimlich die Anatomie des Megamikren studiert hatte und daß er nur auf Grund dieses Studiums über die Organisation des menschlichen Körpers zu sprechen imstande war. Ich konnte mich nicht enthalten, dem König davon zu sprechen und zwar als Erzähler, nicht als Frager. Ich fragte ihn, ob es mir gestattet sei, diese so wichtigen Doktrinen, die augenscheinlich niemand kenne, drucken zu lassen, da die Beschreibung des Auges, die der Arzt publiziere, alle Leser überrascht habe. Der König antwortete mir, die Werke des Protoplasten befänden sich nur im Besitz des Großen Genius, den Gelehrten wären nur deren Titel bekannt, und wenn die Physiker sie kennten, dürften sie sich dessen nicht rühmen; wer sie dessen verdächtigte, wird sich einer Sünde schuldig machen. Wenn ich sie wirklich besäße, so müßte auch ich aus zwei Gründen darüber schweigen: erstens, weil man es mir nicht glauben und mich der Lüge zeihen würde; zweitens, weil man, falls man mir etwa doch glaubte, mich dem Bischof anzeigen könnte, der dies dem Großen Genius mitteilen müßte; der Große Genius aber würde sich an mich wenden und mir sofort die Manuskripte abverlangen. Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu fragen, welchen Zweck diese Geheimhaltung wohl hätte. Er behauptete, in den Büchern wären Wahrheiten offenbart, welche die Menschen nicht wissen sollten, da sie sie mißbrauchen könnten. Ich erwiderte darauf nichts, war aber nicht wenig erstaunt, als ich einige Zeit darauf, durch eine besondere Gnade des Königs von ihm selbst in seine geheime Bibliothek eingeführt, dort alle Werke des Protoplasten und besonders auch die Analekten in schönen Einbänden fand. So weit geht die Zurückhaltung und Vorsicht, welche die Megamikren sich in Reden und Schweigen auferlegen. Nach Verlauf von zwei Bränden erreichte der Ruf des Physikers den höchsten Grad; er wurde zum Himmel erhoben. Er hatte bereits über fünfzig Blinde sehend gemacht, unter denen sich auch neun Rote befanden. Da trat ein trauriger Fall ein, der ihm verhängnisvoll wurde: Ein junger, sehr reicher Flachsgrauer wurde plötzlich wieder blind. Man leugnete es, aber der folgende Tag brachte zwei gleiche Fälle. Ein Blauer, dessen grauer Star nur in einem Auge reif war, hatte seine Zustimmung gegeben, sich auf beiden Augen operieren zu lassen, da der Professor ihm sagte, daß er Gefahr laufe, auch das zweite Auge zu verlieren. Der Unglückliche sah sich nun nach vier Pentamainen vollständig blind. Ein Roter bekam eine Entzündung, die man zwar heilte, doch starb er an einem Krebs, der sich entwickelte. Jeder Tag brachte neue Fälle von Geheilten, die nun wieder blind wurden; der Skandal nahm immer mehr zu, die Blinden sahen sich zugrunde gerichtet durch einen Dummkopf, einen Betrüger (so wurde er jetzt bezeichnet) und wandten sich an die Gerichtsbarkeit. An einem Tage wurden gleichzeitig zwei Klagen eingereicht, die sowohl Mitleid wie Heiterkeit hervorriefen; die eine lief beim königlichen Tribunal, die andere beim bischöflichen ein. Ein Prozeß wurde beantragt, Zeugen wurden verhört und die Klagen mehrten sich täglich, da alle operierten Megamikren, außer zweien oder dreien schlechter sahen als zuvor. Der Physiker erließ eine dumme Kundmachung und erbot sich, die schlecht Geheilten nochmals zu operieren; als Antwort wurde er beschimpft und mit Schmähungen überhäuft, doch ließ ich diese Erwiderungen nicht zum Drucken zu. Aber die Erbitterten wollten sich nicht einschüchtern lassen und ließen Schreiber arbeiten. Eine Fünftagwoche später sprach das geistliche Tribunal sich dahin aus, daß es den Physiker mit dem Kirchenbann belegte und ihm ein für allemal Operationen auszuführen verbot. Das königliche Tribunal verurteilte ihn zu lebenslänglichem Gefängnis und bedrohte das Kollegium als mitschuldig mit allgemeiner Amtsenthebung, falls sich innerhalb eines Brandes niemand meldete, um die Verteidigung des Schuldigen vor den königlichen Räten zu übernehmen. Es ist in jenem Lande Brauch, daß ein Angeklagter, der eines Verbrechens beschuldigt wird, sich weder in eigener Person noch durch einen bezahlten Advokaten, noch durch einen Verwandten oder Freund verteidigen darf, da man annimmt, daß alle diese Personen durch Freundschaftsbande oder durch besondere Interessen beeinflußt seien. Der Verteidiger darf nur ein Feind oder ein durch den Anwalt der Gegenpartei als gleichgültig Bezeichneter sein. Die vorgeschriebene Frist war beinahe schon abgelaufen und noch hatte sich niemand als »Tröster« des Schuldigen gemeldet. So wird der Verteidiger in der Megamikrensprache bezeichnet. Eines Tages besprachen wir diese Frage in Anwesenheit von Heinrich und Ludwig und den fünf Lehrlingen. Mein Enkel Sebastian, ein Sohn Jakobs, siebzehn Jahre alt, von großem Eifer für die Augenoperationen erfüllt, war sehr betrübt, da er durch diese Ereignisse um seine schönsten Hoffnungen, nämlich Augenarzt zu werden, gebracht zu werden glaubte, nachdem er diesem Fache bereits viel Zeit gewidmet hatte, unzählige Schweineaugen studiert, herausgenommen und geheilt hatte. Um mehr Erfahrung zu sammeln, hatte er viele unbarmherzig blind gemacht und bei diesen Experimenten erkannt, daß alles verloren war, sobald die glasigen Säfte aus ihrer Kapsel ausflössen; er entfernte die Kristallsäfte und merkte, daß das Auge imstande war, sie wieder zu ersetzen, und selbst wenn es dies nicht mehr vermochte, noch mit Hilfe eines Linsenglases sehen konnte, das ersetzte auf diese Weise die Kristallinse. Er hatte sich gerade in der letzten Zeit überzeugt, daß man zwar den grauen Star beiseiteschieben, niemals aber an einer bestimmten Stelle des Auges fixieren konnte. Voller Freude hörte ich stets den Berichten über seine Versuche zu, doch am meisten erfreute er mich eines Tages, als er mir sagte, diese Operation sei so schwer, daß kein Sterblicher sie ohne Gottes Hilfe vollbringen könne. Es bedingte, sagte er, eine große Vorsicht des Operateurs, der dabei sehr geschickt, mit tadellosen Augen, ruhiger Hand und genauer Kenntnis der von ihm mit der Nadel zu behandelnden Teile begabt sein müßte. Im Feuer seiner Rede ließ er den Ausruf entschlüpfen, er hoffe, daß ich ihm helfen werde, seine Begabung nicht brach liegen zu lassen, sondern den Megamikren durch sie Nutzen zu bringen, um so mehr, da es nach der allgemeinen Ansicht ausgeschlossen zu sein scheine, daß der verklagte Arzt einen »Tröster« finden werde, um ihn zu verteidigen. »Du hoffst also, mein lieber Sebastian,« sagte ich ihm, »daß dieser arme Operateur niemand finden wird, der seine Verteidigung übernimmt?« – »Ich hoffe es nicht, ehrwürdiger Vater, da dies Gefühl der christlichen Nächstenliebe widersprechen würde, doch sehe ich es voraus, und ohne mich dessen zu freuen, glaube ich, daß es mir gestattet ist, darüber nicht betrübt zu sein, daß diese Gelegenheit meiner Begabung, die Ihr zu fördern versprächet, förderlich sein wird.« – »Deine Antwort, mein Kind, ist gut, und dies Gefühl ist vollkommen mit der vom Christen verlangten Tugend vereinbar, doch solltest du es der Welt zeigen, daß du diese Ansicht nicht nur mit Worten, sondern im Herzensgrunde vertrittst, da die Bosheit der Menschen leicht daran zweifeln könnte.« – »Was soll ich denn tun?« fragte er eifrig; »ich bin zu allem bereit. Soll ich es durch eine Kundmachung bekanntgeben? Befehlet, Großvater.« – »Eine gedruckte Erklärung würde, mein Sohn, nur belächelt werden; es gilt nicht zu reden, noch weniger zu schreiben: man müßte viel mehr tun.« – »Ich wüßte nicht was, Großvater.« Als ich ihn erwidern hörte: ›ich wüßte nicht was,‹ und ihn nachdenken sah, sagte ich ihm gütig: »Ja, mein Kind, man muß viel mehr tun. Du mußt noch heute zum königlichen Gegenanwalt gehen und dich bei ihm eintragen lassen als Anwalt, als Tröster des angeklagten Arztes, den die ganze Welt verlassen hat.« Diese Worte riefen die höchste Bestürzung sowohl bei Sebastian wie bei allen anwesenden Mitgliedern meiner Familie hervor; nur meine Frau, die stets ihre Gefühle zu beherrschen verstand, verriet nicht, was in ihrer Seele vorging. Niemand unterbrach das Schweigen Sebastians, das aber nur drei Minuten dauerte. Dann erhob er sich, warf sich vor mich auf die Knie, küßte meine Hände und bat mich und sodann auch Elisabeth um unseren Segen. Dann näherte er sich seiner geliebten Frau, küßte sie, reichte ihr den Arm und entfernte sich rasch mit ihr. Diese stumme Handlung sagte uns genug und das Stadtgerede am folgenden Tag berichtete uns nichts Neues, da wir bereits in der Seele des lieben Jungen gelesen hatten. Er war sofort zu seinem Vater gegangen, ihn um seinen Segen zu bitten, und erschien dann allein beim Gegenanwalt der angeklagten Partei, der über dies unerwartete Ereignis überrascht, sogleich den vierten Tag, den Schmetterlingstag, der kommenden Fünftagwoche für die Verhandlung ansetzte. Dieser vom König bestellte Gegenanwalt wird Paradox genannt und in vollem Sinn des Wortes bedeutet Paradox mit Recht: »berufsmäßige Verneinung«, da dieser Königsanwalt oft gegen seine eigene Ansicht zu sprechen und zu urteilen gezwungen ist. Nachdem Sebastian diese vorgeschriebenen Schritte getan hatte, entfernte er sich, um seine Rede vorzubereiten. Am folgenden Tag unterzeichnete ich die Druckbewilligung für eine Kundmachung des königlichen Tribunals, die sofort veröffentlicht wurde. Sie gab dem Publikum bekannt, daß am angegebenen Tage im großen Saale des Gerichts der edle christliche Riese Sebastian Alfred, Sohn Jakobs, den angeklagten Physiker Aaau-Eooo-Eiiio öffentlich verteidigen werde. Mein Sohn Jakob schien über den von Sebastian gefaßten Entschluß in Sorge zu sein, als er aber meine Frau und mich in der freudigsten Stimmung sah, wagte er es nicht, uns von seinen Befürchtungen zu sprechen. Etwas später erhielt ich im Auftrag des Oberhofmarschalls 210 Karten für ebensoviel Plätze in der großen Adelsloge, die 1000 Plätze enthielt, was mich sehr angenehm berührte, da Sie sich wohl denken können, Mylords, wie sehr mir daran lag, daß Sebastian von seinen älteren und gleichalterigen Verwandten gehört werde, denen seine tapfere Handlung nur ein lobenswerter Ansporn sein konnte. Diese Aufmerksamkeit des König bewies mir, daß der Entschluß meines Enkels Seiner Majestät gut gefallen hatte. Noch eine interessante Neuigkeit verbreitete sich in der Stadt, nämlich daß das Physikerkollegium den Gerichtshof um hundert Plätze auf der Bank der Angeklagten ersucht hatte, um in dieser Eigenschaft der Verteidigungsrede des edlen Riesen als Tröster beizuwohnen; diese Bitte wurde sogleich bewilligt. Alle anderen Sitzplätze wurden jenen Adligen zugewiesen, die sie sich zu erwerben verstanden hatten; außerdem wurden in dem ungeheuren Saal amphitheatralische Stehplätze für 18 – 20000 Megamikren errichtet und diese Plätze denen zugeteilt, die sich als erste darum bewarben. Ich teilte meine Karten allen meinen verheirateten Kindern zu, deren Zahl sich auf 208 belief; ich erlaubte, daß auch die Frauen mit ihren Männern des schönen Schauspiels genössen, obzwar sie sich alle in den letzten Monaten der Schwangerschaft befanden: dieses Ereignis verdiente jedoch durch eine Ausnahme von den gewöhnlichen Vorschriften gefeiert zu werden. Meine Familie bestand damals aus 1100 Menschen. Der König war über alles aufs genaueste unterrichtet und hatte mir gerade die Kartenzahl für alle meine Nachkommen, meine Frau und mich zugesandt. Seitdem Sebastian seinen Namen beim Amt hatte eintragen lassen, hatte er sich vor niemandem mehr sehen lassen, und in seinem eigenen Haus erschien er nur zu den Mahlzeiten, bei denen er kein Wort sprach. Die ganzen drei Tage verbrachte er in seinem Arbeitszimmer, ganz und gar von seiner Aufgabe in Anspruch genommen. Er schien der Ansicht zu sein, daß er mich nicht zu Rate ziehen solle, weil ich ihn hiezu nicht aufgefordert hatte, und dies Selbstvertrauen gefiel mir ungemein. Er sagte mir später: als er gemerkt, daß ich ihn für fähig ansehe, alles allein zu vollbringen, habe er mich um nichts mehr befragen wollen, damit ich ihn nicht für unfähig halte, die Sache allein durchzufechten. Obwohl erst siebzehn Jahre alt, war er bereits fünf Fuß, neun Zoll hoch, braun, hübsch, ebenmäßig gebaut, hatte eine schöne Stimme und eine wundervolle Rednergabe. Sein Gesichtsausdruck war edel, zuvorkommend, freundlich-lächelnd und er verstand sich in wenigen Worten klar auszudrücken; er besaß auch die Gabe wuchtigen Ausdrucks, doch vermied er bei seinen Beweisführungen starke Worte nach einem Grundsatz, den unsere Religion anriet: man solle nicht überzeugen, sondern zu überreden suchen. In der ersten Stunde des festgesetzten Tages gingen wir zu Jakob, bei dem alle sich versammeln sollten. Alle 210 trafen dort ein. Ich fand Sebastian ernst, schweigsam und bescheiden; nachdem ich ihn herzlich umarmt hatte, gab ich ihm meinen Segen und wir gingen hierauf zu Fuß in den königlichen Palast. Vor dem Gebäude fanden wir alle Blinden der Stadt versammelt, die, von ihren Unzertrennlichen bei der Hand geführt, auf uns warteten, um uns zu folgen und uns mit Lobrufen, Segenswünschen und Liedern zu feiern, deren süße Harmonien unsere Seelen rührten. Die zahlreich versammelte Bevölkerung begrüßte uns mit Hochrufen, nannte uns die Gesandten Gottes und empfahl sich unserer Huld. Beim großen Eingangstor des Palastes trafen wir die hundert Physiker mit ihren Unzertrennlichen, die bei unserer Ankunft mit gesenkten Köpfen in zwei Reihen standen und die Arme auf der Brust, unterhalb der Medaille des Kollegiums gekreuzt hielten. Als letzter und am tiefsten gebeugt stand der arme Augenarzt, der zum Zeichen seiner großen Trauer sich von Kopf bis Fuß mit allen überhaupt vorhandenen Farben hatte anstreichen lassen. Dieser Anblick war so komisch, daß wir Mühe hatten, uns des Lachens zu enthalten. Man führte uns zu unseren Plätzen, Sebastian ließ seine Frau neben ihrer Mutter sitzen und begab sich auf den dem »Tröster« bestimmten Platz. Sodann nahmen alle Richter ihre Plätze ein und man schloß die Türen des übervollen Saales. Das königliche Paar trat durch eine kleine, hinter den Richtersitzen befindliche Tür ein und ließ sich auf dem Throne nieder. Der König war bei allen Sitzungen der höchsten Instanz der erste Richter, doch enthielt er sich gewöhnlich der Teilnahme. An diesem Tage handelte es sich aber um eine zu seltene Begebenheit, als daß er nicht hätte anwesend sein sollen. Sobald der König Platz genommen hatte, wurde Sebastian durch einen Gerichtsdiener hiervon verständigt und betrat die offene Tribüne. Zu seiner Linken saß der unglückliche Augenarzt auf einem Armesünderstühlchen, rechts vor ihm an einem Tisch saßen der königliche Staatsanwalt und der Parador-Advokat; wir Riesen alle in der großen Loge, in der sich außer uns 400 Paare vom höchsten Adel befanden. Die hundert Physiker waren im Verschlag für die Angeklagten untergebracht. Die vierzig Richter, lauter Rote, saßen in einem Halbkreis, alle mit Halsketten geschmückt, hinter den Richtern sah man auf zwei Gerüsten eine große Zahl Adliger sitzen, die zum Hofstaat des Königs gehörten; 1000 andere befanden sich hinter der Tribüne der Advokaten. Sebastian begann seine Rede damit, daß er den Richtern die Entstehung der ganzen Sache vortrug, wobei er alle Schriftstücke vorlesen ließ. In anschaulicher Weise charakterisierte er seinen Klienten; er bewies, daß dieser die Krankheit erst dann heilbar genannt hatte, als seine Studien sie ihm als solche zeigten; er sagte, die theoretische Anatomie des Auges, die der Arzt publiziert habe, sei ein Beweis seiner Gelehrsamkeit, und er schloß mit der Erklärung: wenn jener mit seinen Operationen keinen Erfolg gehabt habe, so sei dies eine Folge von Umständen, die er nicht habe vorhersehen können; das hohe Gericht brauche nur seinen Eifer in Betracht zu ziehen, um ihn freizusprechen, denn habe nur auf Grund der von ihm gemachten Beobachtungen über den Mechanismus der Augen operiert. Er sagte weiter, die Medizin sei eine Wissenschaft, der niemand sich widmen würde, wenn die Gesetzgeber die Ärzte für jeden etwa vorkommenden Unfall verantwortlich machen wollten, und mit einem Unfall, der sogar dem Kranken sein Leben kosten könnte, müsse man doch rechnen. Er machte darauf aufmerksam, daß die Verurteilung des Physikers den Untergang der ganzen Physikerfakultät zur Folge haben würde und daß sodann im ganzen Lande kein Megamikre mehr zu finden sein werde, der sich der Medizin widmen, oder welchen das geschickteste Mitglied des chirurgischen Kollegiums mit der geringsten an einem menschlichen Körper zu vollführenden Operation zu beauftragen sich getrauen würde. Er schilderte das Unglück und die Schande der ganzen Nation, wenn sie sich ohne das Kollegium befände und wenn dies alle Nachbarstaaten erfahren würden, da doch die Mitglieder derselben in 1000 Fällen Beweise ihrer Gelehrsamkeit geliefert hätten und somit ebenso nützlich wie notwendig gewesen wären. Er zeigte, daß die Blinden nur aus Rachegefühl die Verurteilung des Arztes verlangten, daß aber Rache die Gottheit beleidige, da nur dieser das Recht zukäme, Rache zu üben; daß die Kinder der Sonne, die Gott in ihren täglichen Gebeten um Vergebung der Sünden bäten, der Barmherzigkeit Gottes nicht mehr würdig wären, sobald sie mitleidslos gegen einen ihrer Brüder vorgehen könnten, der sie ohne böse Absicht erbittert hätte, da er nicht hätte ahnen können, daß seine zu ihrem Nutzen unternommene Tätigkeit so böse Folgen haben würde; daß diese Rache von allen rechtlich denkenden Wesen roh bezeichnet werden würde, sobald sie die Sache näher betrachteten und einsähen, daß die Person, an der man sich rächen wollte, sich kein Vergehen hätte zuschulden kommen lassen; denn ohne bösen Willen gäbe es kein Verbrechen. Man würde sagen, der Physiker wäre so schwer bestraft worden, weil er den Blinden die Sehkraft wiedergegeben, die sie nach vier Pentamainen vielleicht durch eigenes Verschulden wieder verloren hätten; denn das Gericht könnte nicht sicher sein, daß die geheilten Megamikren nichts begangen hätten, was ihre Wiedererkrankung hätte zur Folge haben können. Er schloß seine Rede mit der Versicherung, er sei der Ansicht, daß der edle Riese, sein Großvater, wohl niemals einen Megamikren würde in Behandlung genommen haben, wenn man ihm gesagt hätte, daß er im Falle des Nichterfolges sich eines schweren Verbrechens schuldig mache. Hiermit schloß er, stieg bescheiden die Stufen von der Rednerbühne herab, machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung nach der Mitte zu, dann eine nach rechts und nach links und setzte sich wieder auf seinen Platz. Der Paradox-Advokat bestieg nun die Tribüne, um seine Gegenrede zu halten. Er begann seine Ansprache mit einer Lobrede auf die Vorzüge, Talente und Eigenschaften des Riesen, der den Angeklagten habe vertreten wollen, und kam sodann zur Frage des schuldig oder nichtschuldig. Er bestätigte die Behauptung, daß das Gesetz nur den Ärzten gestatte, ungestraft Menschen zu töten und Experimente zu machen, die den armen Kranken oft das Leben kosteten. »In diesem Falle aber«, sagte er, »ist offenbar der Physiker nicht wegen der Vollführung seiner Operationen, die für die Operierten so folgenschwer und sogar tödlich ausfielen, verklagt worden, sondern wegen einer früheren Ursache, die ein neidischer Geist, unerhörter Hochmut, tollkühne Einbildung hervorgerufen haben und die ihm die Feder in die Hand drückten, um ein höhnisches, boshaftes, freches Attest zu schreiben, das einer seiner Kollegen mit unterzeichnete, obwohl beide wußten, daß es dem wohltätigen edlen Riesen Eduard Alfred würde vorgelegt werden. Der Angeklagte war sich der Folgen dieses Schrittes wohlbewußt, da einem Physiker die Tatsache nicht unbekannt sein kann, daß ein Stoff Gegenstoff erzeugt. Der Riese, über diese neue Zeugnisformel und den frechen Lakonismus des Schreibens erstaunt und beleidigt, stellte seine göttlichen Operationen ein und machte den Grund seines Entschlusses dem Publikum bekannt, das seine Gründe als gerecht ansehen mußte. Kann man, o durchlauchtigster König, o weiser und mächtiger Gerichtshof, ohne die Vorsehung Gottes zu beleidigen, behaupten, daß die Söhne der Sonne, die sich heute in diesem bedauernswerten Zustand befinden, es ebenfalls wären, und daß der an der Operation durch diesen Arzt Gestorbene auch gestorben wäre, wenn er durch den Riesen operiert worden wäre, dem keine einzige seiner Operationen mißlungen ist? Der Angeklagte ließ sich durch den glücklichen Ausgang seiner Operationen verblenden, durch den Beifall des leichtsinnigen, wankelmütigen Publikums ermutigen, das immer dem Neuen nachläuft, das wohl von Natur aus dankbar ist, aber durch eine Überraschung oder wegen seines schwachen Gedächtnisses oft undankbar wird. Der triumphierende Physiker fühlte sich sicher und bildete in seinem Wahn sich ein, daß er nun offen die ihm unbequeme Maske ablegen könne. Nach Ruhme gierig entschloß er sich, den Bau des menschlichen Auges zu beschreiben; aber in der Einleitung glaubte er diejenigen demütigen zu dürfen, denen er einen dem seinigen gleichen, gemeinen Charakter zutraute. Er bewies dadurch, welch schlechter Physiker er ist, da er hätte wissen müssen, baß die Natur jeden Menschen mit einer anderen Denkungsart begaben kann, ebenso wie sie 100 000 Menschen 100 000 verschiedene Gesichter geben kann. In dieser Einleitung voll pedantischer Professorengelehrsamkeit greift er den sehr verständigen Grundsatz der Geheimhaltung an, die bei der großen Operation beobachtete Zurückhaltung, die achtungswerte Lehre eines fremden Meisters, den Gott uns aus ungeahnten Welten sandte, eines übermenschlichen Wesens, das bereits die Heiligkeit seiner Sendung nachgewiesen hat. Wir dachten, der weise Riese werde den frechen Beleidiger keiner Antwort würdigen; wir dachten, er werde so handeln wie die Politik unserer Welt diesen oder jenen von uns zu handeln bewegen hätte, der seines Rechtes sicher zuweilen das verachtet, womit der Feind ihn zu treffen glaubte; es kam anders: die Riesen bezeugten weder Verachtung noch Hochmut. Der edle Eduard, der Reinheit seiner eigenen Absichten sich bewußt, veröffentlichte eine Antwort, in welcher er die Notwendigkeit der Geheimhaltung so klarlegt, daß der Begriffsstutzigste einsehen mußte, wie leicht durch eine Kleinigkeit eine schwere Operation mißlingen konnte. Wer war so blind, um nicht in dieser seiner bescheidenen, kurzen, starken und gelehrten Antwort die Prophezeiung zu bemerken? Er sagte, der glückliche Ausgang der Operation könne erst durch die Zeit bestätigt werden; er drohte mit dem, was leider bereits eingetreten ist und was er lieber nicht erfüllt gesehen hätte. Dies beweist die heroische Großmut, womit er unter der schönen Gestalt eines seiner Kinder hier auftritt, um vor Seiner Majestät seinen neidischen Feind zu verteidigen, der ihn an seiner Ehre bedrohte und sein vorsichtiges Handeln ins Lächerliche ziehen wollte, ja es sogar als verbrecherisch bezeichnete. Ein Physiker, den ich dort sitzen sehe, der im vorigen Jahr blind war und jetzt dank dem Riesen Gottes Licht sehen kann, ist ein Unmensch, der im Einvernehmen mit allen Mitgliedern des Kollegiums das Attest unterschrieb, durch das man einen Schuldigen entlasten wollte. Was der edle Sebastian gottesfürchtig von der Rache sagt, ist eine von Gott selber ausgehende Lehre; doch er möge mich entschuldigen, wenn ich beweisen werde, daß er damit im Unrecht ist. Die Verurteilung eines Schuldigen ist keine menschliche Rache, sondern göttliche Bestrafung eines Vergehens gegen das Gesetz, das die Ausrottung derer bestimmt, die dem allgemeinen Wohl schädlich sind. Weder Haß noch Rache für erlittene Ungerechtigkeit bilden den Anlaß der Bestrafung, sondern unsere Pflicht, die Tugend aufrechtzuerhalten und mit vernichtenden Beispielen jene abzuschrecken, die sonst später geneigt sein möchten, Ähnliches zu tun.« Der Staatsanwalt verließ die Tribüne und der königliche Ankläger fragte laut Sebastian, ob er nichts mehr zu sagen hätte. Mein Enkel erhob sich nun, nahm seinen zitternden Klienten bei der Hand, hieß ihn stehenbleiben und den Kopf erheben und sprach nur folgende kurzen Worte: »Hier, o König, steht vor Euch einer Eurer Untertanen, der als Unschuldiger erhobenen Hauptes Eure Majestät um seine Freisprechung bittet und als Schuldiger (hier drückte er ihm eigenhändig den Kopf herunter, hieß ihn niederknien und sodann sich auf den Bauch legen) sich vor Eurer Majestät und der ganzen beleidigten Nation niederwirft und um Gnade für sich und das ganze Kollegium steht, das ebenso untertänig zu Füßen Eurer Majestät, mit bitterem Schmerz und aufrichtiger, in ihren Herzen brennender Reue, in Tränen zerfließend um Gnade bittet.« Es war ein seltsames, ganz ungewohntes Schauspiel, das ganze Kollegium auf der Erde liegen zu sehen. Händeklatschen erscholl im ganzen Saal und gab den Richtern den Wunsch des Publikums bekannt. Die Gerichtsdiener riefen daraufhin der Menge zu, den Saal zu verlassen. Sie tat es sofort und als die letzten kehrten wir in derselben Ordnung, wie wir gekommen waren, nach Hause zurück. Jakob lud uns alle zu Tische ein, was mir besonders angenehm war, da ich begierig war, mit meinem braven Sebastian zu sprechen, der nicht mehr wußte, wie er alle Beglückwünschungen und Lobsprüche abwehren sollte. Er hatte sehr gut gesprochen, doch seine Idee, das ganze Kollegium sich auf den Bauch werfen zu lassen, wurde allgemein als wunderbare Eingebung bezeichnet. Man meinte, sonst hätte die Rede des Staatsanwalts alle Stimmen für sich gehabt. Arzt und Kollegium wären alle bereits verloren gewesen. Eine Stunde später brachte ein Hofgerichtsdiener uns eine Abschrift des Urteiles der königlichen Richter. Es lautete: »Wir sprechen den Physiker Aaau-Eooo-Eiiio und das ganze Kollegium der Physiker, dessen Mitglied er ist, von dem Verbrechen und der verbrecherischen Absicht frei. Wir erklären gleichzeitig, daß jedes als Arzt wirkendes Mitglied dieses Kollegiums, gleichviel ob es unentgeltlich oder gegen Bezahlung bei inneren oder äußeren Erkrankungen Hilfe leistet, für den Erfolg seiner Bemühungen nicht zur Verantwortung gezogen werden darf.« Das war alles, was das Urteil sagte; wie wir später hörten, hatte keiner von den Räten dagegen gestimmt. Über den Ausgang dieser Angelegenheit hoch erfreut, speisten wir im Garten unter einem großen Teppich an einem großen Tisch, der dreiviertel eines Kreises bildete, und ließen das Haus für alle Besucher offenhalten, von denen als erster unser alter Freund der Groß-Gärtner kam. Ich war mit dem Verhalten Sebastians sehr zufrieden, der mit Bescheidenheit alle Komplimente entgegennahm. Ich setzte große Hoffnungen auf ihn und er erfüllte sie. Als der Tag zur Neige ging, begaben wir alle uns nach Hause. Am folgenden Tag erfüllte das Physikerkollegium seine Dankespflicht, indem es eine feierliche Abordnung zu mir, eine zweite zu Sebastian sandte; sie bestanden aus je fünf Mitgliedern, von denen jedes den Präsidententitel führte. Sie hielten an uns Ansprachen im Namen der ganzen Fakultät und händigten mir drei Diplome mit drei Medaillen des Physikerkollegiums ein. Eine war für mich, die beiden anderen waren für Heinrich und Ludwig bestimmt. Dies bewies uns, wie sehr bescheiden die Physiker nun geworden waren. Den Diplomen fehlte nur die Unterschrift des Königs, aber man wußte, daß es uns nicht schwer fallen würde, dieselbe zu erlangen. Der unglückliche Augenarzt erschien erst am nächsten Tage bei Sebastian; die bunte Bemalung war bereits abgewaschen. Mein Enkel umarmte ihn herzlich und versicherte ihm, er sei ihm zu gar keinem Dank verpflichtet, da er selber nur meinen Willen befolgt habe; es sei ihm aber eine wahre Freude gewesen, ihm nützlich sein zu können. Dann kam Aaau-Eooo-Eiiio zu mir und echte Reue malte sich in seinen Zügen. Ich liebkoste ihn und meine Frau sagte ihm, sie hätte mit großem Interesse seine Beschreibung des Auges gelesen, worauf er ihr gestand, mehr als zehn Pferde blind gemacht zu haben, um die Anatomie des Auges zu beobachten; es sei übrigens seine Absicht, weitere Studien an Tieren zu machen. Meine Frau bemerkte daraufhin witzig, sie wolle zugeben, daß er vielleicht an Tieraugen Beobachtungen machen könne, die auf das menschliche Auge anzuwenden seien; er könne sich aber vielleicht doch irren, indem er den Bau des Pferdes dem des Menschen gleichstelle. »Ihr müßtet – schloß sie – in Eurem Kollegium die Anatomie des Megamikren einführen.« Diese Aufforderung erfüllte ihn mit Entsetzen; er grüßte uns ehrfurchtsvoll, sang und entfernte sich rasch. Bald begann man von allen Seiten mich mit Bitten zu bestürmen, ich möchte mich wiederum der Blinden annehmen, die jetzt beklagenswerter seien als zuvor, da sie von niemand Heilung erhoffen könnten. Ich sah ein, daß ich mich nicht lange bitten lassen durfte. Ich ließ veröffentlichen, daß mein Haus alle Tage allen jenen Megamikren offenstehe, die nach der an ihnen vorgenommenen Operation des Physikers wiederum erblindet seien. Ich berief zu diesen Untersuchungen meine Söhne, die bereits Augenärzte waren, und die Schüler. Ich untersuchte drei Megamikren und sah deren Augapfel voller rötlicher Linien, woraus ich schloß, daß der Arzt mit seiner Nadel die Kapsel der glasigen Säfte beschädigt hatte, und so mußte ich sie zu meinem Bedauern als unheilbar fortschicken. Fünf andere waren in einem bedauernswerten Zustand. Die am Rande der Hornhaut sich befindende Wunde war krebsartig entzündet; einige hatten sich eine Tränensack-Entzündung zugezogen, die ich durch eine würzige Essenz beseitigte. Ich schrieb ihnen äußerliche Augenheilmittel vor und beauftragte Heinrich, sich aller dieser Kranken anzunehmen und sie durch eine zweckentsprechende Diät und Auflegung von Umschlägen mit beruhigenden Flüssigkeiten langsam zu heilen. Bei allen anderen stellte ich die Möglichkeit der Heilung durch eine neue Operation fest, da nur der graue Star ihre sonst schönen Augen wieder umflort hatte. An den folgenden Tagen untersuchte ich wiederum mehrere andere Farbige und Rote, operierte sie und ließ von meinen Söhnen alle operieren, die ich für heilbar erklärt hatte. Sobald die Antworten des Großen Genius einliefen, legte ich dem König meinen Plan bezüglich der Absendung meiner Kinder nach Heliopalu vor. Der heilige Hof hatte alle meine Vorschläge angenommen und erwartete mit der größten Ungeduld meine oder meiner Vertreter Ankunft. Ich berechnete, daß ich eines vollen europäischen Jahres bedurfte, um alles zu dieser Reise vorzubereiten, und setzte als Termin für dieselbe den achten Tag des vierunddreißigsten Jahres meines Aufenthaltes in jener schönen Welt fest. Meine Frau war die einzige, die in meine Pläne eingeweiht war; der König sagte mir, ich brauche ihm nur die Zeit der Abreise bekanntgeben; er werde alles den Reisenden unterwegs Notwendige veranstalten und vorbereiten lassen. Ich bat ihn um die Erlaubnis, ein Grundstück neben meinem Landhause, wo ich Seminare hatte, kaufen zu dürfen und einen Bau darauf zu errichten, da ich meine Seminare infolge des steten Familienzuwachses erweitern und vergrößern mußte. Er antwortete mir, er werde mir diese Erlaubnis schriftlich geben. Diese Erlaubnis war eine herrliche Schenkung. Er machte mich zum unbeschränkten Herrn des weiten Grundstückes, das hundert Topen lang und breit war, also 10000 Topen Fläche hatte und auf welchem ich bis zu hundert Klaftern tief bauen konnte. Außerdem sandte er mir als Belohnung für meine seinen Untertanen erwiesenen Wohltaten, von denen 300 Blinde sich bereits des Lichtes wieder erfreuten, 300 Anweisungen auf 1000 Unzen der phosphorischen Materie, zahlbar bei Sicht durch den Großschatzmeister in den betreffenden königlichen Gruben. Am selben Tag übersandte der König meinen Söhnen, den Augenärzten, ein Dekret, durch welches einem jeden von ihnen ein Gehalt von 2000 Unzen jährlich angewiesen wurde. Die Schar der Blinden verminderte sich; übriggeblieben waren nur jene, die ich als unheilbar bezeichnet und weggeschickt hatte. Heinrich und Ludwig hatten alle anderen geheilt. Eines Tages wurde ich auf die liebenswürdigste Art vom König gefragt, ob es mir angenehm sei, wenn er an unserem Neujahrstag teilnehme und ob ich dies nicht als eine indiskrete Neugierde ansehen werde. »Nein, Sire,« antwortete ich, »und als Beweis will ich Eurer Majestät aufrichtig sagen, daß ich eben im Begriffe war, Eure Majestät kniefällig zu bitten, mir die Gnade zu erweisen, mich mit hundert Paaren Eurer Höflinge an diesem Tag beehren zu wollen.« »Diese Einladung,« erwiderte der König, »die Ihr mir, wann es Euch beliebt, öffentlich vortragen werdet, wird verhindern, daß die Boshaften meinen Wunsch erraten, einige Eurer Sitten und Einrichtungen kennenzulernen.« Als einzige Antwort verneigte ich mich tief vor ihm. Diese Bemerkung belehrte mich, daß niemand ahnen sollte, daß der König selbst mich aufgefordert hatte, ihn zu bitten, eines unserer Feste mit seiner Anwesenheit zu beehren. Nicht einmal meiner Frau sagte ich etwas davon, so daß sie einige Bedenken äußerte, als ich sie ersuchte, mit mir zu Hofe zu gehen, um den König einzuladen. Ich bat um eine Audienz und begab mich zur Zeit des allgemeinen Empfanges mit meiner Frau in den Palast. Ich überreichte dem Zeremonienmeister des Königs meine Bittschrift, die er sofort Seiner Majestät einhändigte. Der König las sie, lächelte, zeigte sie seinem Unzertrennlichen, unterschrieb sie und gab sie wieder dem Zeremonienmeister, der sie mir in Anwesenheit des ganzen Hofes überreichte. Daraufhin richtete der König das Wort an mich und sagte laut, es werde ihn freuen bei einer ihm unbekannten Feier anwesend zu sein. »Ich bin soeben«, sagte er, »eingeladen worden, in meiner eigenen Hauptstadt einem Feste beizuwohnen, das der Fürst des ersten Lehens des heiligen Königreichs Heliopalu geben wird, das zu beherrschen er keine Eile zeigt.« Ich erwiderte ihm ebenso laut: solange es von mir abhänge, in seinem Reiche als sein Untertan leben zu dürfen, werde niemand vermögen, mich zum Verlassen desselben zu bewegen; nach dem Lehen werde ich einige von meinen Kindern absenden, um es in meinem Namen und für mich zu verwalten. Ich würde diese mir vom Großen Genius erwiesene Ehre sogar abgelehnt haben, wenn es sich um eine Schenkung gehandelt hätte, die man abschlagen dürfe. »Ich glaube, Sire, wenn die Herrscher von Gott selbst zum Regieren bestimmt sind, werden sie dadurch schon zu seinem Vorbild und übernehmen einen Teil seiner Vollmacht, somit wäre ihnen etwas abzuschlagen Ungehorsam; wenn es mir jedoch gestattet bleibt, über meine eigene Person zu verfügen, so will ich lieber den Untertanen Eurer Majestät gleichgestellt bleiben.« – »Von nun an«, antwortete der König, »werde ich Euch also als einen fremden Fürsten betrachten, dem es beliebt, in meinen Staaten zu wohnen, und als solchem werden Euch die gebührenden Ehren erwiesen.« Ich sah, in welche Aufregung dieses Gespräch den ganzen Hof versetzte; sie sprachen leise untereinander und das Gemurmel wurde allgemein, da niemand wußte, was in bezug auf uns zwischen dem Großen Genius und dem König abgemacht worden war. Sogar meiner Familie blieb es ein Geheimnis, von dem nur meine Frau etwas wußte. Am nächsten Tag schickte der König mir ein Diplom, durch das er allen verheirateten Riesen den roten Mantel mit Ärmeln bis zum Ellbogen verlieh, der den in direkter Linie von einem Feudal-Prinzen jenes Landes Abstammenden zukommt. Sie können sich, Mylords, das Erstaunen meiner Kinder vorstellen, als sie plötzlich von solchem ihnen in den Schoß fallenden Glück und Reichtum erfuhren; es war für sie eine gute Lehre, als sie hörten, daß dies Lehen bereits seit zweiundeinhalb Jahren mir bestimmt war und daß ich trotzdem niemandem etwas davon gesagt hatte. Am meisten interessierte die Nachricht meine fünf Ältesten, als ich in einer Beratungssitzung, zu der ich sie berief, ihnen mitteilte, sie sollten sich darauf vorbereiten, Poliarcopoli für immer zu verlassen, um nach Heliopalu zu ziehen, wo sie als meine Vertreter im Leben eingesetzt werden und unter der Führung Jakobs, den ich zu meinem Großetnarchen ernannte, regieren sollten. Von dem Augenblick an, wo der König mich vor allen als Lehnsfürsten von Heliopalu anerkannt hatte, wurde ein Wachposten vor allen Toren meiner Häuser sowohl in der Stadt wie auf dem Lande und vor den Seminaren aufgestellt. Alle unsere Güter, bestehend aus Läden, Fabriken von Papier, Essenzen, Musikinstrumenten und Druckereien wurden öffentlich versteigert und die Leitung derselben wurde von einigen Megamikren übernommen, die bereits große Geschäftstüchtigkeit in diesen Zweigen bekundet hatten. Es wäre lächerlich gewesen, regierende Fürsten mit dem Geschäftsgang ihrer Läden beschäftigt zu sehen; lächerlich, sie als Herren derselben zu wissen, die aus denselben Nutzen zogen, und noch lächerlicher, sie als Direktoren derselben zusehen, Rechnungen kontrollierend, doch nicht lächerlich als Oberleiter für die Erhaltung aller Anstalten zu sorgen, mit denen der allgemeine Handel verbunden war. Das einzige, was ich weder im großen noch im kleinen veräußern ließ, waren meine Laboratorien, meine Pulverfabriken und meine Schmieden, in denen meine Kinder selbst am Amboß arbeiteten, wobei ich ihnen mit dem besten Beispiel voranging. Wenn Jupiter Meister des Donners ist, so muß sein Sohn Vulkan es für eine Ehre halten, daß er als einziger das Recht hat, den Donnerteil zu schmieden. Jupiter aber darf es nicht unter seiner Würde finden, selber Hand an die Arbeit zu legen. Meine wichtigste Beschäftigung bestand in jenem Jahr in der Verwendung des weiten Grundstückes, dessen Herr ich geworden war; ich wollte das ganze in einen Park für meine angrenzenden Seminare umwandeln. Ich begann damit, es durch alle Gärtner der benachbarten Dörfer mit Bäumen bepflanzen zu lassen. Ich ließ alle 4 Klafter einen Baum einsetzen und brauchte dazu 10000 Bäume, die meine Kinder in kurzer Zeit durch Vergiftung der Schlangen reinigten. Die Schlangen ließen sie in 64 Kalkgruben werfen, welche ich in 4 Reihen von je 16 zu graben befahl. 25000 gestreifte Megamikrenpaare verwendete ich dazu, 100 Ausschachtungen herzustellen, um dort 10000 viereckige zu je 100 durch 4 Straßen voneinander getrennte Häuser einzubauen. In der Mitte ließ ich nach meinen Zeichnungen einen viereckigen Palast bauen, der 4 Topen ins Geviert maß, 100 Klafter tief war und 20 Stockwerke enthielt, die alle gut mit Zuglöchern versehen waren. Diese 20 Stockwerke von 40 Klaftern Breite waren turmartig aufgebaut; sie bildeten im ganzen 8 Türme, so daß mein Palais 640 Wohnungen enthielt, von denen jede 20 Paare beherbergen konnte. Dies von mir entworfene und ausgeführte Projekt ergab eine schöne, von uns selbst errichtete Stadt, in welcher Megamikren nur als fremde Gäste wohnen durften. Ich nahm dafür von der großen Handelsgesellschaft eine Anleihe von 20 Millionen Unzen zu 1 Prozent auf und ließ diese auf mein Lehen eintragen. Ein kleiner Kanal lief, 2 Klafter breit, in gerader Linie bis an die Grenzen meines Grundstücks; 1 Klafter von demselben ließ ich eine Straße entlang laufen, die ich mit 100 Häusern begrenzte, welche 50 Klafter breit waren und von denen jedes einen 50 Klafter großen Garten hatte. Ich errichtete in denselben Plätze für Ballspiele bei Tagesbeleuchtung, die jedoch durch Teppiche gedämpft war; unterhalb dieser Säle waren andere mit Billards, mit Phosphorbeleuchtung und mit allen erforderlichen Utensilien wie Billardstöcken und Bällen aus Acori ausgestattet. Diese Ball- und Billardspiele wurden die Lieblingserholungsspiele meiner Kinder in den Seminaren, aber auch die Megamikren, die davon bisher keinen Begriff gehabt hatten, ergaben sich denselben mit fanatischem Eifer. Um eine andere Idee, die mir kam, auszuführen, ließ ich im Mittelpalast zwei Theater bauen; ein großes und ein mittelgroßes; die Ausstattung des ersten verschob ich noch auf eine andere Zeit und begann zunächst an dem zweiten zu arbeiten. Ich ließ es in der halben Tiefe des Palastes in einer Ecke desselben einrichten. Die Form des Parterres war ein halbes Eirund, 40 geometrische Schritt lang und ebenso breit; ein für das Orchester bestimmter Raum verlängerte es um 3 Schritt, ohne seine Breite zu verringern. Hinter dem 4 Fuß hohen Orchesterplatz begannen die stufenartigen Sitze, die bis zu 8 Fuß auf eine Länge von 70 geometrischen Schritt hinaufstiegen. Der ganze von diesem Theater eingenommene Platz war ein Rechteck von 50 Schritt Breite und 120 Schritt Länge. Von außen gemessen hatte es 60 Schritt Breite und 153 Schritt Länge. Die Höhe vom Boden des Orchesters bis zur Decke betrug nur 16 Fuß. Am Ende des Ovals war das Parterre so hoch erhoben wie das entgegengesetzte Ende des Theaters. Unter dem durchbrochenen Boden des Orchesters ließ ich Gewölbe bauen, um den Klang der Stimmen in alle Logen gleich gut gelangen zu lassen. Diese Wölbungen waren in Form von Vasen aus verschiedenen Metallsorten gebaut. Das ganze Parkett war wie eine amphitheatralische römische Arena gebaut, deren breite Sitzstufen mit Schemeln zum Aufstellen der Füße versehen waren. 1000 Megamikrenpaare konnten bequem darauf Platz nehmen. Ich ließ 15 Logenreihen machen, von denen 6 1\½ Fuß hohe für uns, 9 2\½ Fuß hohe für Megamikren bestimmt waren. Die Decke war gewölbt. Die erste Reihe, das heißt die niedrigstgelegene, war um 4 Fuß höher als das Ende des Parketts. Die Logen für die Megamikren waren 6 Fuß breit, so daß 4 Personen bequem in der vorderen Reihe sitzen konnten und 8 andere konnten auf 2 höher angebrachten Schemeln dahinter Platz nehmen. Ich hätte 60 solche Logen haben können, wenn ich nicht zu beiden Seiten nach dem Orchester zu 2 6 Fuß hohe, 12 Fuß breite Balkons gebaut hätte. Diese beiden Balkons waren für den König bestimmt und ich schloß an jeden derselben ein Ruhezimmer an. Die königliche Loge befand sich in der Mitte aller Logen und nahm der Breite wie der Länge nach den Platz von 24 Logen ein, somit erhielt ich in dieser Reihenhöhe nur 44 andere Logen. Ein großer Kronleuchter mit 200 Phosphorarmen erleuchtete den ganzen Raum. Außerdem befand sich vor jeder Loge ein Leuchter und 8 Atticurg-Säulen, von denen 4 auf der einen, 4 auf der anderen Seite der Balkone das Theater beleuchteten. Die Bühne war außer diesen Säulen noch von den Kulissen aus mit Phosphorlicht erleuchtet. Die Atticurg-Säulen, welche 4 Fuß Durchmesser hatten, dienten auch dazu, die Breite der Bühne zu verringern, so daß dieselbe auf diese Weise 20 Schritt breit wurde; die Entfernung zwischen den Säulen betrug 1\½ Schritt. Meine gutbezahlten Arbeiter verließen die Arbeitsstätte nie und so wußte niemand, was ich aus diesem großen, kostspieligen Gebäude machen wollte, und niemand traute sich an mich in dieser Angelegenheit die geringste Frage zu stellen. Es war meine Absicht, dem König am Neujahrstage ein von meinen Kindern dargestelltes Lustspiel zum besten zu geben. Ich hatte bereits die Idee zu einem solchen Stück, doch mußte es erst geschrieben werden. Die Ball- und Billardspiele, die meinen Kindern so viel Freude machten, erregten nach und nach die Neugierde und wurden später die Leidenschaft des ganzen Adels. Diese Spiele, die meinen Jungen und meinen Mädchen Geschicklichkeit und Gewandtheit beibrachten, erhöhten auch ihre Gesundheit. Die Megamikren ersahen darin die gleichen Vorteile und so mußte ich ihnen die Gefälligkeit erweisen, ähnliche Spiele, die ihrer Größe angemessen, zu verfertigen. Ein Megamikre hat an Körpergröße wie an Stärke gerade ein Zwölftel eines Riesen und wiegt zwölfmal weniger. Meine Zwillinge wogen bei ihrer Geburt beide zusammen zehn Pfund und waren jeder einen Fuß und drei Zoll lang. Die Megamikren waren bald ihren Lehrern an Geschicklichkeit in diesen Spielen überlegen. Von allen Roten, die mich ersuchten, bei ihnen Ball- und Billardspiele einzurichten, berücksichtigte ich in erster Reihe die Bitte des Staatskanzlers, der bei Hofe wohnte und dessen Garten an einen jener Gärten grenzte, zu denen nur der König den Schlüssel besaß, der den Garten des Kanzlers selbst ohne Wissen desselben betreten konnte. Ganz besonders aus diesem Grunde ließ ich in diesem Garten einen vergitterten, gedeckten Gang nebst dem Ballspiel und einem Billardspiel tadellos ausführen. Kurze Zeit darauf verlangte der König vier solche Spiele bei sich zu haben, an denen er sich mit seiner Familie belustigte. Diese Familie bestand aus Oheimen und Großoheimen, lauter roten Prinzen, von denen jedoch keiner nach ihm die Krone erben konnte, da sie von keinem ältesten Sohne erzeugt waren; dies ist das einzige Gesetz, das ich in jener Welt als ungerecht und tatsächlich jeglicher legitimen Begründung entbehrend ansehen mußte; es lebten auch am Hofe viele Bastarde, die ohne jegliche Beschäftigung ihren Unterhalt hatten, nur weil sie vom König oder einem der Prinzen abstammten. Sie nahmen höchstens geistliche Ämter an, waren jedoch zu dem eines Bischofs nicht zugelassen, da diese Stelle nicht von einem Adeligen besetzt werden durfte. Alle diese Bastard-Prinzen liebten das Nichtstun mehr aus angeborenem Vorurteil als aus wirklicher Faulheit und kamen täglich in meine Seminare zur Zeit der Erholungsstunden, um mit unseren Kindern zu spielen. Meine Kinder gaben aber diese Spiele stets von dem Augenblick an auf, wo sie heirateten, und zwar nicht wegen irgendeines Verbotes, sondern weil es ihnen unziemlich schien, sich noch an Spielen ihrer Kindheit zu belustigen und Gefallen daran zu finden. Gelegentlich der Einrichtung dieser Spielplätze kam mir ein glücklicher Gedanke in den Sinn, den man später als eine sehr weise Vorsicht bezeichnete. Als ich beim Staatskanzler das Ballspiel einrichtete, bat ich den König, ein Gesetz zu erlassen und durch Druck zu veröffentlichen. Es sollte bei hoher Strafe und Ungnade verboten werden, daß ein Megamikre sich am Ballspiel beteilige, ohne mit einer Stahlmaske versehen zu sein, wie sie in den Schmieden der Riesen verfertigt werden. Dies Gesetz wurde angeordnet, verlautet und strengstens befolgt und ich ließ meine Schmiede eine große Zahl solcher Masken anfertigen. Ich sicherte mich dadurch vor der Betrübnis, die ich gefühlt hätte, wenn ein Unfall geschehen wäre, und vor der steten Angst, daß ein solcher eintreten könnte. Ich wäre verzweifelt gewesen, wenn ein zu starker Schlag die kleine Kugel ins Gesicht eines Megamikren geschleudert und ihn eines Auges beraubt hätte. Ein solches Unglück hätte mir den Haß des Unzertrennlichen und tausend Verwünschungen eingebracht, deren Quelle mir keineswegs angenehm gewesen wäre. Die von mir erfundenen Masken waren halbkugelförmige Netze aus Draht mit festen Maschen, gut dem Gesicht angepaßt und hinten am Kopf an den Nacken anschließend; sie waren äußerst leicht und schützten den Spieler vor etwaigen ungeschickten Ballschlägen. Mein Stahl war so rein, daß er weder härter noch elastischer hätte sein können; er war vom Gesichte des Trägers gute vier Linien entfernt und so durchsichtig und so glänzend, daß er das Gesicht nur verschönte. Diese Masken brachten große Einnahmen für meine Schmieden, die in ein paar Jahren Millionen davon verkauften. Sie wurden mit der Zeit zu einem Luxusartikel, seitdem ich den Stahl damaszieren und mit Gold einlegen ließ. Ich erließ hierauf ein besonderes politisches Gesetz, was mir zustand, da es nur meine Familie betraf, welches das Gegenteil des vom König nur für die Megamikren angeordneten war: ich verbot allen Riesen des Ephebeion, Andreion und Parthenon, sich beim Ballspiel der Masken zu bedienen. Ich tat dies aus zweierlei Gründen. Erst wünschte ich die Megamikren glauben zu machen, daß ich mehr um sie als um meine eigene Familie besorgt sei; zweitens sollten meine Kinder geschickter und aufmerksamer spielen lernen; denn sie hätten, der Furcht vor den raschen Schlägen der hin- und zurückgeworfenen Bälle enthoben, weniger sorgsam gespielt. Diese Bälle waren kleine Knäuel aus einem so festen Stoff, daß sie den getroffenen Spielern bedeutende Quetschungen zufügten. Als mit der Zeit alle Adeligen und reichen Megamikren Ball- und Billardspiele bei sich eingerichtet haben wollten und mir diese Gefälligkeitsleistungen lästig zu werden anfingen, erließ ich eine öffentliche Erklärung, daß ich jedem megamikrischen Berufsarchitekten gestatte, solche einzurichten. Dies erwarb mir allgemeinen Dank und ganz besonders war der König von meinem Großmutsakt angenehm berührt, denn es gab ein strenges Gesetz, das bei Geldstrafe jedem Künstler oder Handwerker verbot, irgend etwas mechanisch auszuführen, was von einem anderen erfunden war und allgemeinen Beifall sich erobert hatte. Ausnahmen waren nur gestattet, wenn der Erfinder etwas freigab oder die Erlaubnis einem anderen verkaufte. Dies war der Grund, weshalb meine, allen zugute kommende Erlaubnis mir allgemeine Achtung erwarb. Viele Megamikren wurden bald vorzügliche Architekten für Ball- und Billardspiele und so entledigte ich mich einer mir lästigen Bürde. Die Ballspielplätze bestanden aus einem länglichen Viereck, das von dunkelblau angestrichenen Mauern umgeben, von Teppichen bedeckt, mit Holzboden und mit einem Gitter auf der Seite der Zuschauer versehen war. Es war nur beim Lichte der den Platz schräg erleuchtenden Sonne zu spielen gestattet. Im Gegensatz dazu waren die Billarde in Sälen untergebracht, die mit Phosphor beleuchtet waren. Die Megamikren erlangten im Billardspiel die größte, überhaupt mögliche Geschicklichkeit, doch waren auch unter ihnen die ganz vollkommenen, sogenannten Spieler erster Klasse selten. Sie lachten, wenn man von Zufallsstößen sprach, indem sie behaupteten, daß so etwas nur einem Unwissenden oder Ungeschickten passieren könnte, da die Billardkugel unmöglich anders als in der ihr vom Spielenden angewiesenen Richtung und mit der entsprechenden Kraft in den Beutel laufen könne; Regeln der ersten und die Stärke der zweiten müsse aber der Spieler zu berechnen wissen. Dies hinge selbstverständlich sehr viel von der vollkommenen Rundung der Kugel, von der Tadellosigkeit des Billardtisches und der Feinheit und Gleichheit des Tuches ab, doch waren dies lauter leicht erfüllbare Bedingungen. Bald begannen die Megamikren dabei auch Wetten zu machen, die einige um ihr ganzes Vermögen brachten. Der Staat konnte diesen Verlusten gegenüber nicht gleichgültig bleiben; da jedoch dieses Spiel jeden Betrug ausschloß, so wußte man nicht, wie man es verbieten sollte, zumal die Menschen in jener Welt der Ansicht sind! »quit opus libertate si volentibus luxu perire non licet?« Es ist den Megamikren gestattet, mit dem, was ihnen gehört, zu tun was sie wollen. Der König rief seine Räte zusammen und äußerte ihnen seinen Wunsch; man möge dem Unfug Einhalt tun, ohne jedoch das Spiel zu verbieten und ohne die Höhe der zu wettenden Summen zu bestimmen. Er gab seinen Räten eine Ernte Zeit, um darüber nachzudenken; nach Ablauf dieser Zeit aber müsse ein Mittel gefunden sein oder er werde die Räte absetzen. So lautete der ihnen vom König mitgeteilte Befehl. Ich gestehe Ihnen, Mylords, daß ich Lust zum Lachen verspürte, als ich die Nachricht von diesem königlichen Befehl vernahm, der mir so paradox vorkam, daß ich ihn für unausführbar hielt und die Abdankung der Räte als unausbleibliche Folge ansah; ich irrte mich aber. Ich erlaubte mir eines Morgens Seine Majestät in aller Ehrfurcht auf die Unausführbarkeit seines Wunsches aufmerksam zu machen. Der König schwieg daraufhin eine Weile, sah lächelnd seinen Unzertrennlichen an und sagte mir sodann freundlich: »Ich muß Euch über den Grund meines Lächelns aufklären, sonst könntet Ihr es ganz falsch deuten und übelnehmen. Die bereits erfolgte Ausführung meines Befehls beweist, daß dieser nicht absurd war; das Mittel ist gefunden, Ihr werdet es bald veröffentlicht sehen; doch muß ich Euch sagen, was Euch wohl unbekannt ist, wie ich wenigstens glauben muß: Ein König unserer Welt kann nicht, wenn er nicht ausgelacht werden will, eine moralisch unausführbare Sache irgendwem anbefehlen, und erst recht nicht seinen Ministern, denn diese würden, über ihre Entlassung erbost, sich dadurch rächen wollen, daß sie den Grund ihres Sturzes allgemein bekanntgäben. Ihr könnt Euch nun leicht denken, wie beschämend für einen König solch ein Mißgriff wäre. Die Weisheit des Königs beruht daher in bezug auf dieses Kapitel auf zwei Grundsätzen: sich entweder auf den Geist und das Wissen seiner Minister zu verlassen oder stets darauf bedacht zu sein, nichts anzuordnen, was undurchführbar wäre oder was man widerrufen müßte. Ich habe bis jetzt noch nie etwas befohlen, ohne vorher nicht nur die Ausführbarkeit, sondern auch den Nutzen geprüft zu haben; denn wenn die Ausführung zwecklos wäre, würden meine Minister selber heimlich ihr möglichstes tun, die Nutzlosigkeit noch klarer bloßzulegen, da sie im Grunde nur das gern sehen, was von ihnen selber ausgegangen ist. Aus dem Gesagten erseht Ihr nun, daß ich stets sicher sein muß, nur etwas anzuordnen, was ›recht und billig‹ ist, wie bei uns das ›Tadellose‹ bezeichnet wird. Von dem Standpunkte ausgehend, daß Irren menschlich ist und daß auch ich mich irren kann, habe ich an meine Seite zwei Berater berufen, deren Titel Euch sicherlich befremden wird, da so etwas den Herrschern Eurer Welt wohl ferne liegt. Diese Berater, die ich schätze und liebe, denen ich stets zum Danke verpflichtet bin und die ich niemals genügend belohnen zu können glaube, führen den bedeutungsvollen Titel ›Intime‹. Mit ihnen berate ich im geheimen jede Angelegenheit, ehe ich die Durchführung im vollzähligen Ministerrat befehle, und wir halten grundsätzlich darauf, die anzuordnende Sache, sobald wir sie als ›recht und billig‹ befunden haben, mit Klauseln zu versehen, die sie solchen als unausführbar erscheinen läßt, die in ihrer Oberflächlichkeit nicht imstande sind, den Kern derselben zu ergründen. Die Folge hievon ist die Überraschung bei der Ausführung des scheinbar undurchführbaren Befehls und mir persönlich bereitet sie eine stille kleine Freude, die ich mir gönnen zu dürfen glaube, um so mehr, da es dem armen Menschenverstand zur Belehrung dienen kann, der immer geneigt ist, sogleich als unmöglich zu bezeichnen, was sich sehr wohl ausführen läßt, hinterher aber, wenn er die Sache durchgeführt sieht, ungerechterweise behauptet, man hätte es längst schon machen sollen.« Diese Antwort des Königs brachte mich zum Schweigen und ich bedauerte tief, meine Meinung geäußert zu haben. Nichtsdestoweniger dankte ich dem König für die gütige Aufklärung und sagte ihm, unsere Herrscher hätten auch geheime Räte, nur daß sie sich gerade aus diesen am allerwenigsten machten. Am Ende der Ernte erfuhr ich als erster das ausfindiggemachte Mittel, das man versiegelt meinem Sekretär zum Druck überbrachte. Die Verordnung lautete: »Es wird allen Megamikren hiemit gestattet, öffentliche Billards zu halten oder solche zum Privatgebrauch zu besitzen, doch wird nur um bares Geld und mit gleich guten Spielern zu spielen erlaubt: infolgedessen wird es nie vorkommen können, daß ein Spieler dem anderen etwas vorgibt. Zuwiderhandelnde und solche, die im geheimen besondere Abmachungen treffen sollten, werden den für schwere Vergehen bestimmten Strafen unterliegen, sobald Anklage erhoben und ihre Schuld nachgewiesen wird.« Diese Anordnung erreichte den angestrebten Zweck. Jene, die gleich gute Spieler waren, spielten nie miteinander, was eigentlich merkwürdig erschien; sie fanden wohl das Spiel langweilig, da es meistens unentschieden blieb. Das Verbot, auf Wort zu spielen, trug noch mehr dazu bei; man konnte nur wenig verlieren und so blieb dies Spiel ein richtiger Zeitvertreib. Bevor ich meine Kinder über die am Festtage stattfindende Theatervorstellung belehrte und verständigte, überlegte ich die Notwendigkeit, auf dem Wege nach Heliopalu wenigstens achtzehn in gleicher Entfernung voneinander stehende Häuser zu kaufen, um meinen Kindern das Recht zur Tötung der Schlangen und die damit verbundene Ernährungsmöglichkeit zu verschaffen, da das Eingemachte, das sie hätten mitnehmen können, nicht ausreichen konnte. Zum Ankauf dieser Besitzungen bedurfte es aber der Erlaubnis der Herrscher der zu passierenden Staaten und dies war ohne Protektion unerreichbar; ich sah mich also gezwungen, dem König meine Bitte vorzulegen, und seine freundliche Antwort lautete folgendermaßen: »Als ich Euch, mein lieber Eduard, sagte, daß ich die Sorgen der Reise auf mich nehmen wollte, hätte ich ein recht leichtsinniges Versprechen gegeben, wenn ich nicht in erster Reihe an die Ernährung Eurer Kinder gedacht hätte. Ihr wäret nur für einen Zeitraum von vier Pentamainen vorzusorgen imstande, es handelt sich aber um eine vielleicht bis zu 360 Tagen dauernde Reise. Wisset nun, daß ich für Euch Häuser erworben habe, von denen Eure Kinder unterwegs alle drei Wochen eins antreffen werden. Zu diesem Zwecke sind vierundzwanzig Häuser notwendig und ich habe meine Minister bereits beauftragt, in allen von Euren Angehörigen zu passierenden fremden Staaten jene Häuser für sie zu erwerben. Die Strecke von hier bis Heliopalu beträgt ungefähr 27000 Meilen, somit werden die Reisenden nie über 1200 Meilen zu reisen brauchen, ohne unterwegs auf ein Haus zu treffen, worin sie sich ausruhen können. Ihr könnt Eure Kinder beauftragen, in denselben je drei Tage zu ruhen, da sie trotzdem noch immer binnen weniger als zwei Ernten nach Heliopalu gelangen werden.« So groß war die Güte dieses Königs. Nun begann ich an die Theatervorstellung zu denken und meine Kinder zur Darstellung meiner Stücke einzuüben. Ich hatte zwei auf englisch geschrieben und ließ sie nun von einem Sohne Roberts in die megamikrische Sprache übersetzen, da er nach Aussage der literarisch gebildeten Megamikren stilistisch außerordentlich begabt war. Das eine Theaterstück bestand aus drei Akten und war ernsten Inhalts, das zweite war ein einaktiges Lustspiel. Ich werde Ihnen, Mylords, den Inhalt derselben angeben, wenn ich von der Vorstellung erzähle. Am 1. Oktober unserer Zeiteinteilung gebaren alle unsere Frauen, wobei die meine mir Friedrich und Berta, mein dreiunddreißigstes Zwillingspaar, schenkte. Ende desselben Monats war mein Theater beendet und bis Mitte Dezember hatte ich bereits bei geschlossenen Türen meine beiden Stücke eingeübt und mich überzeugt, daß alle Darsteller ihre Rollen vollkommen beherrschten. Aus Vorsicht stellte ich einen Souffleur am gewöhnlichen Platze auf, wie dies bei uns üblich ist, doch mit der Weisung, sich nur dann hören zu lassen, wenn einer der Darsteller steckenbleiben sollte; ich hatte aber meinen Kindern das Beschämende eines solchen Eingreifens des Souffleurs so tief eingeprägt, daß derselbe niemals in Anspruch genommen wurde. Ich erbat mir vom König für diesen Tag 1000 seiner Gardisten, um sie nach meinem Gutdünken aufzustellen, sowie die Erlaubnis, zur Feier nach dem Mahle 8000 Adlige und 1000 Bastardenpaare einladen zu dürfen. Der König hörte mit Staunen die großartige Zahl der Eingeladenen nennen und antwortete mir, daß Gardisten zu meiner Verfügung ständen, er sähe aber nicht ein, wie sie zur Beaufsichtigung der Gespräche von 20 000 Megamikren im Freien notwendig sein könnten. Ich erwiderte ihm, die 9000 Paare würden erst für nach halb elf Uhr eingeladen werden und keines derselben würde in der Lage sein, mit irgend jemandem von seinem Hofstaat zu sprechen. Ich teilte ihm auch mit, die Vermählungsfeier werde um halb neun Uhr beginnen, und der einzige, der sie mit seiner Anwesenheit beehren solle, werde Seine Majestät mit seinem Hofstaat sein. Auch versicherte ich ihm, daß alle Festlichkeiten mit Eintritt der Ruhestunde beendigt sein würden. Nachdem ich im Kreise auf Holzsäulen ebensoviele Teppiche gespannt hatte, als ich Tische angeordnet hatte, ging ich unverzüglich an die Zurüstung der verschiedenen Tafeln. Ende des ersten Bandes 2. Band Die Tafel des Königs zu vierundzwanzig Gedecken, die nur an der äußeren Reihe aufgelegt waren, befand sich zwei Fuß höher als die anderen Tafeln: eine Tafel zu fünfzig Gedecken für die Neuvermählten, eine andere von fünfzig für ihre Väter und Mütter und zwei zu je fünfzig für die Großen des Hofes, die der König mitbringen sollte. Für die Ehrenplätze an seiner eigenen Tafel hatte der König bestimmt: den Bischof, fünf Botschafter, seine vornehmsten Minister, die roten Prinzen, seine Oheime und außerdem mich und meine Frau. Die Botschafter waren der des Großen Genius, den man den Paranymph nannte, und die der vier Nachbarkönige. Zwei von den fünfzig Neuvermählten waren meine Kinder, achtundzwanzig meine Enkel und zwanzig meine Urenkel. An einer anderen Tafel mit hundert Gedecken seitwärts von diesen Mitteltafeln war für den Hof, unter denen auch der Groß-Gärtner sich befand, und für Leute gedeckt, die zur näheren Umgebung des Königs gehörten. Seine Majestät kam zur festgesetzten Stunde, und nachdem er sein Lob darüber ausgesprochen hatte, daß sie in weniger als vier Ernten soviel geleistet hätten, setzte er sich zu Tisch, und alle nahmen die für sie bestimmten Plätze ein. Alle aßen im tiefsten Schweigen; man vernahm nur von Zeit zu Zeit die Stimme des Herrschers, wenn er ein Wort an irgend jemanden richtete, dem er eine besondere Huld erweisen wollte; dieser antwortete darauf nur mit stummen Verbeugungen, wie es in jener Welt Brauch ist. Das Mahl dauerte anderthalb Stunden. Als ich den Augenblick gekommen sah, erhob ich mich und bat den König um Erlaubnis, eine Zeremonie zu vollziehen, ohne welche meine Kinder sich niemals Mann und Frau würden nennen können. Der König erhob sich und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel, doch rührte niemand sich von seinem Platz. Meine Frau stellte sich hinter die Knienden, Reinhold und Egeria, die ich zuerst vermählte. Die anderen achtundvierzig knieten ebenfalls nieder, hinter ihnen standen ihre Väter und Mütter und legten die Hände auf das Haupt, von welchem sie die Kappe abgenommen hatten. Paarweise vermählte ich sie nun alle, indem ich auf englisch die schöne Formel sprach, deren Sie sich vielleicht erinnern; nach mir wiederholte meine Frau sie in megamikrischer Sprache, was aller Welt ungemein gefiel. Alle Neuvermählten begaben sich hierauf in schön geordnetem Zuge zu Ihren Majestäten, um ihnen die Hände zu küssen, und diese beglückwünschten sie mit huldvollsten Worten. Einunddreißig Paare mannbarer Riesen; die an diesem Tage als Zöglinge in das Ephebeion eintraten, um bis zu ihrer Verheiratung ein europäisches Jahr zu verbringen, traten in geordnetem Zuge vor und küßten dem Königspaar die Hand, das ihnen ein Kompliment über das Glück machte, das sie nach Ablauf eines Jahres erwarte. Einen Augenblick darauf hatte es die angenehme Überraschung, eine Schar von 560 Riesenkindern zu sehen, die ebenfalls im Zuge herannahten, dem Königspaare die Hand küßten und die ganze Gesellschaft durch ihre naiven Bemerkungen erheiterten, indem sie dem König und seinem Unzertrennlichen viele Liebkosungen erwiesen, wie Leuten, die nur halb so groß wie die kleinsten Riesenkinder waren und daher nach ihrer Meinung bald unter ihnen stehen mußten. Die jüngsten von diesen Kindern waren drei Jahre und drei Monate alt. Die übrigen 638, die dieses Alter noch nicht erreicht hatten, waren im Seminar geblieben. Der König bat nun seinen Unzertrennlichen, den Neuvermählten das Hochzeitsgeschenk zu machen, das die Prinzen des Königlichen Hauses zu erhalten pflegten. Nachdem er seinem Obersthofmeister ein Wort gesagt hatte, reichte dieser ihm fünfzig Ordensbänder mit dem kostbaren Karfunkel, den die Megamikren den Stein des Lichtes nennen, und der König selber hing sie ihnen um den Hals. Die Einreibungen und Räucherungen unterblieben, da der Brauch solche bei einem Hochzeitsmahl nicht zuläßt. Ich wußte, daß das Theater bereits voll war, und sagte daher Seiner Majestät, eine Unterhaltung, die drei und eine halbe Stunde dauern werde, erwarte ihn in einem benachbarten Saal. Ich führte ihn nun mit seinem ganzen Gefolge eine um ein ganzes Theater herumführende Treppe von 1000 zollhohen Stufen herab, die ganz und gar mit Teppichen bedeckt waren. Kaum hatte der König das Theater betreten, so sah er zur Rechten und zur Linken Korridore, die durch Phosphorlaternen beleuchtet waren. Er stieg eine kleine Treppe empor, die beiden Flügel einer Tür öffneten sich und er sah sich in seiner schönen Loge, die, wie ich bereits sagte, in Höhe und Breite den Raum von vierundzwanzig Megamikrenlogen einnahmen. Bei seinem Eintritt begann das Orchester die Ouvertüre zu spielen, während welcher er überrascht das Gebäude betrachtete und die große Menschenmenge sah, die alle Logen und das ganze Parterre füllte. Jenseits des Orchesters war eine große Leinwand in der Mitte von acht phosphorstrahlenden Säulen. Er begriff nicht, was dies bedeutete, fragte mich aber natürlich nicht, weil dies gegen den Brauch der Megamikren gewesen wäre; doch glaubte er mich nach dem Grunde fragen zu dürfen, warum seine Garden im Kreise um einen Platz vor dem Orchester herumständen, wo er nur Lehnsessel bemerkte. Ich antwortete, dieser Kreis sei ebenfalls für ihn bestimmt, wie die Loge, in der er sich augenblicklich befinde und die beiden leeren Balkone auf der rechten und auf der linken Seite des Theaters. Er wandte sich nun zu dem Botschafter und sagte ihm, seine Kavaliere würden ihm auf dem Balkon, wo sie die Musik besser hören könnten, Gesellschaft leisten, während er selber mit seiner Familie in der Loge bleiben würde. Er glaubte nun nicht, daß es sich nur um Musik handle. Alle meine Kinder mit Einschluß der Seminaristen saßen auf den oberen Rängen, die ich für sie hatte einrichten lassen. Auf diesen ließ ich auch alle Gescheckten unterbringen, die sich an einer der vier Treppen einfanden, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Der König rühmte die herrliche Wirkung der Musik in diesem Riesengebäude, das die Harmonie nicht verringere, sondern vermehre. Plötzlich ging der Vorhang auf. Alle Welt war von dem unerwarteten schönen Anblick überrascht und rief laut Beifall; aber ein tiefes Schweigen folgte diesem Lärm, als man auf der Bühne einen großen Roten erblickte. Dies war dem Anschein nach ein Megamikre, der sich ganz allein befand und aus seinen Truhen eine Menge Gefäße, Metalle und Banknoten hervorzog. Es war ein Geizhals, die Hauptperson der Komödie; ein gescheckter Alchimist, der ein Gauner war, hatte ihn verführt, indem er ihm Hoffnung machte, daß er ihm den Stein der Weisen verschaffen werde; der Geizige hatte zu diesem Zweck bereits große Ausgaben gemacht und man sah in diesem ersten Akt, wie er dem Alchimisten alle aus seinen Truhen hervorgeholten Schätze gab, um einen neuen Versuch anzustellen, der nach der Behauptung des Spitzbuben das Werk krönen würde. In demselben ersten Akt erklärte der Unzertrennliche des Geizhalses den Alchimisten für einen Betrüger, worüber der Geizhals sehr böse wurde. Er war Vater eines roten Paares, das er müßig herumlungern ließ, weil er sich nicht entschließen konnte, eine gewisse Summe auszugeben, die notwendig war, um ihnen ein vornehmes und einträgliches Amt zu verschaffen. Dieses Paar machte, immer noch in demselben ersten Akt, seinem Vater die heftigsten Vorwürfe; er antwortet ihnen aber darauf nicht, sondern versichert nur, in wenigen Tagen werde er der reichste Edelmann des Königreiches sein und dann werde er sie glücklich machen. Im zweiten Akt bringt der Alchimist dem Geizhals dreißig Unzen Gold, die, wie er sagt, bei einer mißlungenen Operation auf dem Grunde eines Schmelztiegels geblieben sind. Der Geizhals bewundert die Gewissenhaftigkeit des Alchimisten, nimmt das Gold und schließt es ein. Seinem Kinderpaar ist es gelungen, ein Haus zu entdecken, worin der Alchimist alle seine Schätze verborgen hält; sie dringen in dieses Haus gerade in dem Augenblick ein, als er die Vorbereitungen zu seiner Abreise trifft. Sie setzen ihren Vater davon in Kenntnis, der ihnen jedoch antwortet, dies könne nur eine Verleumdung sein. Als sie ihn aber fragen, ob er nicht gerne alles wieder haben möchte, was er auf Veranlassung des Alchimisten bereits ausgegeben habe, da antwortet er, besseres könne er gar nicht verlangen. Seine Kinder sagen ihm nur: wenn er ihnen zusichere, ihnen das nötige Geld für den Kauf eines Amtes zu geben, wollen sie sich verpflichten, ihm alle bereits ausgegebenen Summen wieder zu verschaffen; er müsse ihnen aber ein Schriftstück in aller Form darüber ausstellen. Der Geizhals überlegt sich, daß ihm eine solche Verpflichtung niemals etwas schaden könne, und stellt daher einen Schein in der gesetzlich vorgeschriebenen Form aus. Hinter ihrem Rücken aber lacht er sie aus, denn er ist überzeugt, daß der Alchimist ein armer Mann und an Tugenden reich ist. Der dritte Akt beginnt mit einem Auftritt zwischen dem Geizhals und dem Betrüger, der neue Summen von ihm verlangt. Er weiß nicht, wo er diese hernehmen soll, und ist in Verzweiflung darüber. Der Goldmacher sucht ihn zu ermutigen und der Geizhals sagt ihm in seinem Herzenskummer, man behaupte, er habe alle Summen, die er ihm gegeben habe, für sich behalten. Der Alchimist verteidigt sich wie ein Tartüff und es gelingt ihm, den Geizhals so umzustimmen, daß er ihm noch seine Diamanten gibt, wobei er sagt: nachdem er ihm diese Steine gegeben habe, bleibe ihm nichts mehr für seinen Lebensunterhalt, wenn es ihm nicht gelinge, das Projektionspulver herzustellen. Der Betrüger entfernt sich mit dem Entschluß, am nächsten Morgen auszurücken; die Kinder aber werden durch ihre Spione rechtzeitig benachrichtigt und melden es ihrem Vater. Dieser will immer noch nicht daran glauben, begibt sich aber auf dringende Aufforderungen nach dem Hause des Betrügers und erkennt sein früheres Eigentum. Nun ist er überzeugt von der Schurkerei des Alchimisten, der in demselben Augenblick verhaftet wird und alles gesteht. Als der Geizhals sich wieder im Besitz aller seiner Schätze sieht, sagt er seinen Kindern, er werde selber in aller Muße daran denken, ihnen ein gutes Amt zu verschaffen; aber die Kinder zwingen ihren Vater auf gerichtlichem Wege, seine Verpflichtung zu erfüllen. Der Gauner, dem alles wieder abgenommen worden ist, wird zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Dieses Lustspiel gefiel; mehrere Züge von dem Geiz und der Dummheit des Betrogenen wurden herzlich belacht. Ein dummer gescheckter Lakai hatte für den Alchimisten die größte Verehrung. In seinem Gespräche mit dem Unzertrennlichen des Geizhalses lag viel Komik. Auch ein Arzt, den der Geizhals holen ließ, als ihm auf die Nachricht vom abermaligen Mißlingen eines Experiments unwohl wurde, der ihm viel Geld kostete, erregte große Heiterkeit, indem er mit Fachausdrücken um sich warf, von dem der Kranke kein Wort verstand. Als das Stück zu Ende war, fiel der Vorhang und das Orchester spielte die Apophonie, als von jedem Megamikren verstandenes Zeichen, daß das Fest zu Ende sei und es für sie nun Zeit war, nach Hause zu gehen. Großes Vergnügen hatte ein Chorgesang gemacht, den alle Schauspieler unmittelbar vor dem Fallen des Vorhanges ertönen ließen, und worin sie den König um Entschuldigung baten, wenn ihr Spiel ihm nicht so viel Vergnügen gemacht haben sollte, wie es ihr Wunsch gewesen wäre. Ich sagte nun dem König, es stehe in seinem Belieben, sich auf die Bühne zu begeben. Er starb beinahe vor Neugier, aber er würde niemals gewagt haben, mir dies zu sagen. Er hatte die Gnade, mit allen Schauspielern, die sämtlich männlichen Geschlechts waren, zu sprechen. »Ich bemerke,« sagte er zu mir, »daß Ihr bei diesem Schauspiel alle Eure weiblichen Nachkömmlinge ausgeschlossen habt.« Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn weder Zeit noch Ort waren geeignet, ihm die Gründe dieser Maßregel zu erklären. Als wir aber eines Tages miteinander allein waren und die Rede auf dieses Thema kam, konnte ich ungezwungen mit ihm sprechen und sagte ihm, ich könne nicht recht begreifen, weshalb die Megamikren im allgemeinen gegen die männlichen Mitglieder seines Geschlechtes höflicher und liebenswürdiger seien, als gegen die weiblichen. »Ich weiß nicht,« antwortete der König mir, »wie Natur und Erziehung Euch in Eurem Lande denken lassen und aus welchen Antrieben Eure Handlungen hervorgehen; wenn ich aber die Natur der denkenden Wesen unserer Welt prüfe, so kann ich Euch sagen, daß die weiblichen Riesen, obgleich sie das Vorrecht haben, in jeder vierten Ernte die erste Nahrung der Riesen in ihren Brüsten zu tragen, uns doch nicht mehr interessieren können als die männlichen Riesen, und zwar aus einem Grunde der Vernunft wie aus Anlaß eines natürlichen Gefühls. Die Vernunft sagt uns, von einem aus zwei verschiedenen Hälften bestehenden Körper die edlere Hälfte vorzuziehen. Die edlere Art der männlichen Riesen ergibt sich aber deutlich aus der praktischen Verwendung ihrer Geschicklichkeiten und aus ihrer stärkeren Moral; auf diesen beiden Gebieten sind sie den weiblichen Riesen unbedingt vorzuziehen. Das natürliche Gefühl treibt dazu an, die männlichen Riesen mehr zu lieben, weil tatsächlich ihr Anblick und ihre äußere Erscheinung mehr zu ihren Gunsten einnehmen und mehr Vergnügen machen. Die männlichen Riesen scheinen mehr dazu geschaffen zu sein, Lust zu erregen als Lust zu empfangen; die weiblichen Riesen dagegen erscheinen mehr geeignet, Lust zu empfangen als zu erregen. Da Natur und Vernunft im Einklang stehen, so neigen sie die Wage zugunsten der männlichen Riesen, denn unsere eigene Lust muß uns wichtiger sein, als diejenige, die wir vielleicht empfinden können, indem wir sie in anderen erregen. Um vollkommen zu sein, muß allerdings die Lust gegenseitig sein.« Ich konnte nicht gut weiterfahren, um Aufklärungen über ein Gebiet zu erlangen, das mir damals fremd sein mußte. Das Thema war etwas heikel; übrigens war die Antwort des Königs vielsagend genug. Nachdem der König und seine Höflinge auf der Bühne alles Bemerkenswerte gesehen und mir unendliche Komplimente gemacht hatten, sagte Seine Majestät, sie habe niemals in ihrem Leben ein Vergnügen empfunden, wie das ihr durch mein Schauspiel bereitete. Die Glocke läutete zur Ruhestunde und die ganze Menge entfernte sich, nachdem sie den Herrscher hatte abfahren sehen. Die vielen Geschäfte, die ich mir hatte aufbürden müssen, damit meine Schauspielaufführung gelänge, hatten mich nicht daran verhindert, an die Reise meiner fünf ältesten Söhne mit allen ihren zahlreichen Familien zu denken, die im Laufe der folgenden Fünftagwoche abreisen sollten. Sie waren mit allem versehen, um die Künste und Gewerbe zu betreiben, die ich im Königreich eingeführt hatte; indessen hatte ich doch es für angebracht gehalten, einige von meinen Geheimnissen keinem außer meiner Frau anzuvertrauen, darunter auch das Verfahren, den Arsenikdampf zu sammeln. Meine Frau hatte die Vorschriften für die Anfertigung aller ihrer Essenzen unserer ältesten Tochter Wilhelmine gegeben; ich selber füllte ihre Kisten mit kleinen Modellen aller Maschinen, die für die Papierfabrikation, die Buchdruckerei und verschiedene hydraulische Anlagen notwendig waren. Mehr als dreißig von ihnen waren jetzt ebenso geschickt wie ich im Schmelzen von Metallen und im Gießen von tadellosen Glocken aller Größen. Sie hatten bei sich fünf gute Augenärzte, darunter meinen lieben Sebastian, den ich aufs zärtlichste liebte. Ihre Gesamtanzahl betrug 910; hiervon gehörten 248 Jakob, 208 Richard, 176 Adam, 150 Robert und 128 Wilhelm an. Sie hatten eine gleiche Zahl Dienstboten bei sich, die sehr notwendig waren wegen der großen Zahl von Kindern, die sorgfältig gepflegt werden mußten. Ich füllte ihnen fünfzig Kisten mit Waffen aller Größen, fünfundzwanzig mit Pulver und fünfundzwanzig mit Giftdampfschläuchen, die ich meinen fünf Philarchen anvertraute. Diese Titel erhielten sie nämlich als Oberhäupter ihrer Stämme. In mehreren Kisten nahmen sie alles mit, was sie als persönliches Eigentum an Phosphormöbeln und kostbaren Teppichen besaßen. Ferner füllte ich ihnen eine große Kiste mit Buchdrucklettern, da ich voraussah, daß sie deren bedürfen würden, und gab ihnen hundert Ballen Papier mit. Als ich am übernächsten Tage nach dem Schauspiel dem König die Anzahl der lebenden Wesen und ihrer Gepäckstücke mitteilte, lächelte er und gab mir einen Brief zu lesen. Ich erblickte die Abschrift des Befehls, den er an alle Posthäuser auf dem graden Wege nach Heliopalu gerichtet hatte. Er befahl Pferde für 400 Wagen, auf denen sich 910 Riesen und 1000 Dienstboten nebst allem erforderlichen Gepäck befinden würden. Als er mich ein wenig überrascht sah, sagte er mir, die Religion verbiete zwar den Megamikren, Fragen zu stellen, aber sie verbiete ihnen nicht, an die Bedürfnisse ihrer Freunde zu denken und diese zu erraten und ihnen nützlich zu sein. Er könne rechnen, und nachdem ich ihm gesagt habe, daß ich die Familien meiner ersten fünf Kinderpaare in mein Lehen Nummer Eins schicken wolle, habe er nicht nötig gehabt, mich weiter zu befragen, um die Anzahl der Personen zu wissen, die ich schicken würde. Er habe für meine Familien den Weg durch die acht Staaten gewählt, deren Könige seine Freunde seien. Übrigens wären noch fünfzehn andere Straßen ebenso gut und schön und auch genau ebenso lang. Dies ergab sich natürlich aus den geometrischen Verhältnissen der dortigen Welt, da Ausgangspunkt und Ziel die beiden Pole derselben bilden. Seine Majestät zeigte mir auf einem kleinen Globus, der auch im Saal stand, daß meine Karawane noch auf sechzehn Wegen ihre Reise hätte machen können, ohne dieselbe um mehr als etwa fünfzig Posten zu verlängern. Die Grenzstadt, durch die meine Kinder reisen mußten, war die, worin mein teurer Freund, der Statthalter, noch immer wohnte, da er nur einige Jahre älter als der König war. Ich war entzückt, bei dieser Gelegenheit meinem ersten Freunde den größten und wichtigsten Teil der Abkömmlinge der beiden glücklichen Geschöpfe zu zeigen, die er vor dem Tode bewahrt hatte. Mit der größten Freude erfüllte diese Gelegenheit auch meine Söhne Jakob und Adam: den ersten, weil er vom Statthalter aufgezogen worden war, den zweiten wegen des Aufenthalts, den er in jener Stadt genommen hatte, als ich ihn dorthinschickte, um die Papiermühle einzurichten. Ich empfahl meinen Kindern und besonders meinem Sohn Jakob Wachsamkeit, gute Ordnung, Pünktlichkeit und vor allem Freigebigkeit; denn diese ist das wichtigste Mittel, dessen der Mensch sich bedienen muß, um sich beliebt zu machen. Ich sagte ihm dabei aber, die Freigebigkeit müsse im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln stehen und man müsse daher genau rechnen; von diesem genauen Rechnen dürfe aber nur er allein wissen; denn sobald man etwas davon merken könnte, würde man es Geiz nennen. Ich machte ihm klar, daß Wirtschaftlichkeit eine Tugend ist, die gerade in der richtigen Mitte zwischen Verschwendung und Geiz liegt; da es nun sehr schwierig sei, gerade die richtige Mitte zu finden, müsse man das Zünglein der Wage lieber ein bischen nach der Seite der Verschwendung ausschlagen lassen, um sich den Anschein von Großmut zu geben. Jakob bedurfte dieser kleinen Lektion, denn seine Liebe zur Sparsamkeit war wirklich ein bißchen zu stark. Ich befahl ihm, meine Schätze nicht zu schonen, um Seminare, Häuser, Theater und vor allen Dingen Tempel zuerst in den fünf Hauptstädten meines Lehens bauen zu lassen. Ich gab ihm den Grundriß meiner Tempel, deren Erbauung übrigens noch nicht eilte, denn der Zeitpunkt für die Einsetzung der Riesenreligion war noch um einige Jahre entfernt. Ich wies ihn an, das Schreiben mit einer Farbe in Aufnahme zu bringen und mein ganzes Lehen mit Druckereien zu füllen. Ich legte ihm ans Herz, eifrig auf meine Rechte zu halten, dafür zu sorgen, daß die Lebensmittel niemals teurer würden und meinen Untertanen alle Vergnügungen zu verschaffen, die ohne Belästigung für andere zu haben seien, vor allen Dingen aber dafür zu sorgen, daß ihr Handel sich entwickle, und ihnen zu diesem Zweck vollkommene Freiheit zu lassen. Ich empfahl ihnen, untereinander vollkommene Eintracht zu bewahren und die geschicktesten Megamikren in ihren Dienst zu nehmen, sobald dies notwendig sei, dabei aber niemals mit dem Gehalt zu knausern; denn ein tüchtiger Mensch werde niemals zu teuer bezahlt. Ich schrieb ihnen vor, bei jeder Gelegenheit die größte Achtung vor der Geistlichkeit an den Tag zu legen. Der König hatte mir von einem Brief gesprochen, worin der König des Reiches Siebenundachtzig ihn gebeten habe, sein Fürwort einzulegen, daß ich durch einen der Augenärzte unter meinen Kindern einen jungen Megamikren von vornehmem Hause, die Hoffnung seiner ganzen Familie, wolle operieren lassen. Da ich der Geschicklichkeit meiner fünf Schüler sicher war und beschlossen hatte, mir die Freundschaft womöglich aller Herrscher jener Welt zu gewinnen, so sah ich, daß ich nicht übel daran tun würde, wenn ich die Reise meiner fünf Familien um zwei Monate verlängerte. Man hatte diese auf sechs Monate berechnet; aber wenn sie auch acht Monate hätte dauern müssen, so wären die Frauen doch noch rechtzeitig in Heliopalu angekommen, um ihre Niederkunft in aller Ruhe und Bequemlichkeit abzumachen. Ich gab daher dem König statt einer Antwort nur das Plakat, das ich beschlossen hatte, drucken zu lassen. Es lautete folgendermaßen: »Die edlen christlichen Riesen, die sich nach Heliopalu begeben, werden sich zehn Tage lang in der Hauptstadt jedes Königreichs aufhalten, durch welches ihre Reise sie führen wird. Sie tun dies nur, um den vom König des Reiches Siebenundachtzig ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen, daß sie sich den Untertanen der mit ihm befreundeten Könige nützlich erweisen möchten. Die Riesen ergreifen diese Gelegenheit, um jenen Herrschern auf folgende Weise gefällig zu sein: Sofort nach der Ankunft in jeder Hauptstadt wird der Führer der Riesen sich in Begleitung von fünf Augenärzten in den Palast begeben, um Seiner Majestät die Hand zu küssen. Er wird die Blinden, die der König ihnen wird vorstellen lassen, untersuchen, um festzustellen, ob sie heilbar sind. Die Untersuchung wird solange dauern, bis sich eine Anzahl von sechs Heilbaren ergeben hat, diese werden an sechs aufeinander folgenden Tagen operiert werden. Drei Tage nach der letzten Operation werden die Riesen ihre Reise fortsetzen.« Die Veröffentlichung dieser Ankündigung machte dem König große Freude; meinen lieben Kindern brauchte ich keine weitere Weisung zu geben, als was bereits darin enthalten war. Ich sagte ihnen jedoch mündlich, sie möchten niemals eine Operation vornehmen, ohne alle miteinander zu untersuchen und zu beraten, und nur dann, wenn sie einstimmig der Meinung wären, daß ein glücklicher Ausgang sehr wahrscheinlich wäre. Ferner sagte ich ihnen, sie möchten sich auf acht Tage in der Grenzstadt aufhalten und unserm Freunde, dem Gouverneur, zu Gefallen sechs Megamikren, die er ihnen vorstellen werde, das Augenlicht wiedergeben. Auch befahl ich Jakob, mir über die Ergebnisse aller dieser Operationen stets sofort zu berichten; denn unwillkürlich war ich doch ein bißchen unruhig darüber. Ich empfahl ihnen Schweigen, obgleich die Sache ja kein Geheimnis mehr war. Das ganze Kollegium der Physiker hatte entschieden, daß wir die Blinden durch Herausziehung des Stars heilten; denn anders könne es nicht sein. Aber nach dem, was vorgefallen war, hüteten sie sich, selber einen Versuch zu machen; sie zitterten alle bei dem bloßen Gedanken daran. Und wenn sie übrigens den Mut gehabt hätten, die Operation vorzunehmen, so würden sie niemanden gefunden haben, der den Mut gehabt hätte, sich ihren Händen anzuvertrauen. Ich empfahl Jakob, in Heliopalu am ersten Tage unseres Jahres stets ein prachtvolles Fest zu geben, dazu die Blüte des Adels einzuladen und in derselben Weise wie ich die fünfzehn Vermählungen der dreißig jungen Riesen seiner fünf Stämme vorzunehmen, zu deren Oberhaupt ich ihn ernannt hatte, ohne jedoch deshalb auf die väterliche Oberhoheit zu verzichten. Ich meldete dem König, daß alles bereit sei, und der Tag der Abreise wurde festgesetzt, weil Seine Majestät sich nach einem Landhause begeben wollte, um sich am Anblick eines so schönen Zuges zu erfreuen. Im Laufe des Gespräches sagte er mir, er erinnere sich stets mit Vergnügen der schönen Schauspielaufführung, die ich für ihn veranstaltet habe. Sein Unzertrennlicher fragte mich, ob ich es wohl auf mich nehmen würde, die königlichen Prinzen nebst einigen Freunden vom Hofe in der Schauspielkunst zu unterrichten. Ich antwortete ihm, ich würde das sehr gerne tun, und es würde mir nicht einmal die geringste Schwierigkeit machen, in seinem Palast ein Theater wie das meinige zu erbauen und dazu noch ein kleines, das nur 1000 Paare fassen würde, um Aufführungen im Familienkreise zu veranstalten. Ferner sagte ich ihm, am ersten Tage meines nächsten Riesenjahres würde ich ihm ein neues Schauspiel bieten. Sie sprachen mir ihre größte Dankbarkeit dafür aus und der König bat mich, ich möchte ihm alle Eintrittskarten überlassen, die er diesmal gerne selber verteilen wollte; er lasse mir jedoch die Logen der Riesen für mich, meine Kinder und alle diejenigen, die ich einzuladen wünsche. Ich versprach nun dies alles und bat ihn, mir die Wahl des Platzes zu überlassen, wo ich das Theater für ihn an seinem Hof bauen wolle. Ich bestimmte dazu einen Platz in seinem kleinen Park, in den er sich durch einen Korridor seines Palastes begeben konnte, ohne das Haus zu verlassen. Dort hatte ich Raum genug, um den Bau nach meinem Plan auszuführen. Ich versicherte ihm, daß er diesen in weniger als drei Ernten werde beendigt sehen. So kam der Tag der Abreise heran, ein Tag der Tränen für alle, besonders aber für mich und für meine Frau. Nun versammelte ich alle Auswanderer auf meinem Landgut, von wo aus ich sie wollte abreisen sehen. Ich übertrug auf meinen ältesten Sohn Jakob vor ihnen allen meine ganze Autorität und verlangte, daß sie ihm Treue und Gehorsam schworen, bis ich selber in meinem Lehen eintreffen würde, wo sie mich binnen kurzem sehen würden. Unser Freund, der Groß-Gärtner, war bei diesem rührenden Auftritt zugegen und sah sie abreisen. In jedem Wagen saßen Mann und Frau und zwei Megamikren, die die Kleinen hielten, welche vor noch nicht einer Woche entwöhnt worden waren. Die Seminaristen saßen selbviert in einem Wagen, aber die Knaben von den Mädchen getrennt. Ich bestieg mit meiner Frau, dem Groß-Gärtner und seinem Unzertrennlichen eine offene Kalesche, um sie den halben Weg bis zur ersten Post zu begleiten. Wenn ich nicht so vorsichtig gewesen wäre, durch einen öffentlichen Anschlag die Bevölkerung vom Anlaß dieser Reise in Kenntnis zu setzen, so glaube ich, das Volk, das uns vergötterte, würde sie nicht haben reisen lassen. Sie fuhren unter den Zurufen einer ungeheuren Menge Menschen ab, von denen sie viele überfahren haben würden, wenn sie nicht ganz langsam gefahren wären. An dem Ort angekommen, wo ich von ihnen Abschied nehmen wollte, ließ ich haltmachen; ich ging zu jedem Wagen, um sie noch einmal zu küssen und zu segnen. Wir folgten ihnen mit den Augen, bis wir sie nicht mehr sahen; dies dauerte eine Stunde, obwohl sie sehr schnell fuhren. In jener Welt sieht man eine Kutsche bis zu einer Entfernung von achtzehn englischen Meilen, ohne dazu ein Fernrohr nötig zu haben; noch weniger braucht man an einem erhöhten Ort zu stehen; denn je weiter der Gegenstand entfernt ist, desto höher befindet er sich. Als wir zurückfuhren, ließ der König, der den Zug von einem kleinen Landhause aus gesehen hatte, uns bitten, auszusteigen, als wir vor seiner Tür waren. Das Königspaar war allein. Der Unzertrennliche sagte meiner Frau hundert Dinge, um sie zu trösten und ihre Tränen zu trocknen. Seine Majestät war so gnädig, uns in ihrem eigenen Wagen nach Hause zu bringen. Nach der Abreise meiner schönen Karawane übergab ich einer Anzahl meiner Kinder die Ämter, die bisher von den Ausgewanderten versehen worden waren. Ich hatte den Plan entworfen, am ersten Tag unseres nächsten Jahres dem König das Schauspiel eines Feuerwerks zu bieten und wählte daher unter meinen Söhnen alle diejenigen aus, an denen ich in zehn Jahren meiner Versuche auf diesem Gebiet Begabung dafür entdeckt hatte. Ich hatte sehr glückliche Experimente gemacht, doch gelang mir das volle Eindringen in diese Kunst erst im Laufe dieses Jahres. Mein zwölfter Sohn, Mathias, und dessen Sohn Josef hatten sich der Feuerwerkerei mit solcher Hingebung gewidmet, daß ich des Gelingens meines Planes sicher war. Ich ließ in meinem Park an einer Stelle, wo die Ausschachtungen bereits gemacht worden waren, ein Theater herstellen, wie kein europäischer Baumeister es jemals ersonnen hat. Die größte Aufgabe für den, der in jener Welt bauen will, verursacht das Ausheben des Erdreichs. Dieses muß nämlich auf das freie Feld geschafft und dort vollkommen eben ausgebreitet werden. Dies wird natürlich erhöht, aber das darf nicht sichtbar sein. Ich mußte die Erde daher sehr weit fortschaffen lassen, denn die Felder in der Nähe der großen Stadt waren schon hoch genug infolge der Schachtungen, die man seit so vielen Jahrhunderten vorgenommen hatte. Die Megamikren verstehen sich ausgezeichnet auf diese Erdarbeiten. Es sind ebenso viele Arbeiter für das Ausheben wie für die Fortschaffung des Erdreiches vorhanden. Diese geschieht durch Karren. Ein Kubikklafter Erde erfordert drei Karren von einem Kubikklafter Inhalt, weil die lose Erde soviel mehr Raum einnimmt. Infolgedessen kann jemand, der ein Haus bauen will, sich in einer Viertelstunde ausrechnen, was es ihm kosten wird. Aber wenn er dies schon weiß, so ist deshalb die Ausgabe für ihn nicht geringer. Die Fortschaffung des Erdreichs erstreckte sich auf mehr als zwanzig Wegstunden in die Runde. Ich gab ein Vermögen dafür aus. Ein Würfel von 100 Klafter Seitenlänge enthält eine Million Kubikklafter, welche drei Millionen Karren füllen. Ich hatte nur 20 000 Karren; es waren also 150 Reisen erforderlich, um solche Mengen Erdreich fortzuschaffen. Ich sah aber, daß ich, um in jener Welt die größten Erfolge zu erzielen und meine ganze Nachkommenschaft glücklich zu machen, weiter nichts nötig hatte, als die größte Ehrfurcht vor uns zu schaffen, indem ich die Megamikren in Staunen setzte. Das höchste Erstaunen mußte aber ein schönes Feuerwerk hervorrufen; ein höheres, als es mir bis jetzt gelungen war zu erregen. Das Theater für dieses Feuerwerk, das ich im Dunkeln veranstalten wollte, hatte eine Tiefe von achtzig Klafter oder 400 Fuß. Es bildete einen Zylinder, dessen innerer Umfang 352 Klafter, während der äußere Umfang des Theaters vierzig Klafter mehr betrug, weil er nämlich nicht rund, sondern quadratisch war. Der Durchmesser betrug ungefähr 116 Klafter. Das Gebäude hatte vierundvierzig gleichweit voneinander entfernte Türen und vierundvierzig Treppen, die zu ebener Erde etwa fünf Klafter breit waren. Sie waren ungefähr vier Klafter voneinander entfernt. Das ganze Theater enthielt 48232 Logen zu je zwölf Plätzen, es bot also bequem Platz für 578784 Personen, von denen 40800 Riesen sein konnten. Ich brachte unsere eigenen Logen im unteren Teil des Theaters unmittelbar unter dem elften Rang an, der für den König bestimmt war. Wenn man in jener Welt ein Feuerwerk im Freien hätte veranstalten können wie in der unsrigen, so würde ich mir eine Ausgabe von elf Millionen Goldunzen erspart haben, die uns dies Riesengebäude kostete, an dem ich mehr als 200000 Megamikren arbeiten ließ. Von meinen Arbeitern wußte keiner, was ich da machen ließ; sie glaubten, es werde ein neues Schauspielhaus, obgleich sie nicht begriffen, wie diejenigen etwas würden sehen können, die sich hinter den Schauspielern befänden. Aber diese Zweifel und dieses Nichtwissen beunruhigte sie lange nicht so sehr wie der beständige Lärm, der aus den unteren Gewölben empordrang, in denen die Riesen an etwas – aber man wußte nicht woran – arbeiteten, und zu denen kein Megamikre jemals zugelassen wurde. Man sprach in der ganzen Hauptstadt nur noch von diesen Geräuschen und alle Welt zitterte, da keiner eine Ursache wußte und jeder eine erfand. Den meisten Anklang fand die Mär, daß wir beschlossen hätten, uns einen Weg zur Rückkehr in unsere alte Heimat zu bahnen. Man traute uns alles zu und bedauerte sehr, daß man uns bald verlieren werde; aber man befürchtete auch, die ungeheure Aushöhlung, die wir machen wollten, müßte das größte Unglück über ihre eigene Welt bringen; denn Gott allein könnte wissen, welche Wirkung eine solche Öffnung auf ihre Luft und ihre Flüsse ausüben könnte. Vielleicht würden diese in dem Schlund verschwinden, vielleicht würde durch diesen ein Schlamm eindringen, der die Kinder der Sonne in kurzer Zeit ersticken müßte. Als wir so eifrig an der Arbeit blieben und uns so geheimnisvoll benahmen – denn wir sprachen mit keinem Menschen je ein Wort darüber und niemand wagte uns darüber zu befragen – da entschlossen endlich die Furchtsamen, Abergläubischen und Intriganten sich dazu, das Kollegium der Physiker aufzufordern, binnen einer Fünftagwoche zu erklären, ob eine Öffnung in der Oberfläche ihrer Welt für die Erhaltung derselben verhängnisvoll werden könnte oder nicht. Diese Schrift, von deren Einreichung ich ebensowenig wußte wie von ihrem Gegenstand, setzte das Physikerkollegium in Verlegenheit und Unruhe; denn das allgemeine Gerücht verhehlte ihnen weder die Reden, die über uns im Umlauf waren, noch die starken Gründe, die annehmen ließen, daß wir tatsächlich darauf aus seien, eine solche Öffnung herzustellen. Ihre Wissenschaft sagte ihnen, daß durch eine solche Öffnung alles zugrunde gehen mußte. Aber wie hätten sie es wagen können, diese Erklärung abzugeben, von der sie ja wußten, daß sie durch den Druck vervielfältigt werden mußte? Mußten sie nicht befürchten, dadurch ein ähnliches Unheil heraufzubeschwören, wie das, welchem sie vor wenig Jahren mit knapper Not entgangen waren? Der Jahrespräsident sah sich gezwungen, seine Meinung zu erklären, und wußte, um sich dem zu entziehen, keinen anderen Rat, als dem Vorsitz für ewige Zeiten zu entsagen. Hierüber sehr bekümmert, mußte das Kollegium einen neuen Vorsitzenden wählen. Als die Stimmen gezählt wurden, fanden sie zu ihrer Überraschung, daß die Wahl auf mich gefallen war! Sie werden sich, Mylords, erinnern, daß ich seinerzeit als Mitglied gewählt worden war. Man überbrachte mir sofort diese Nachricht durch eine Abordnung von fünf Mitgliedern mit Pauken und Trompetenschall. Die Nachricht überraschte mich und mißfiel mir; denn eine solche Ehre war nicht nach meinem Geschmack. Aber ich mußte sie annehmen und auf der Stelle vom Führer der Abordnung eine Ansprache an mich halten lassen. Ich antwortete ihm in wenig Worten, ich würde am nächsten Tage allein im Kollegium erscheinen, um meinen Dank abzustatten. Meine Frau stand nämlich unmittelbar vor ihrer Niederkunft. Am nächsten Tage ging ich hin und man denke sich meine Überraschung, als der erste Schriftführer der Fakultät mir die erwähnte Zuschrift vorlegte. Ich sah sofort, was im Werke war. Es gelang mir, ein Lachen zu unterdrücken; ich schrieb meine Antwort nieder, las sie laut vor und ließ sie von sämtlichen Mitgliedern unterschreiben. Hierauf wurde sie in die Hofbuchdruckerei geschickt. Das ganze Kollegium war voller Freuden! Mein Gutachten aber lautete folgendermaßen: »Das Kollegium der Physiker ist einstimmig der Meinung seines Vorsitzenden, des edlen christlichen Riesen Eduard Alfred, daß durch eine Öffnung in der Oberfläche unserer Welt die zu ihrer Belebung notwendigen Flüssigkeiten entschwinden und daß gleichzeitig fremde und für unsere Atmosphäre schädliche Stoffe durch dieselbe eindringen würden. Ein jeder derartiger Abfluß oder Zufluß würde eine Gewichtsveränderung zur Folge haben, die unser ganzes System über den Haufen werfen könnte, da es so, wie es ist, vollkommen ist.« Damit schloß die Sitzung und das ganze Kollegium spendete mir die höchsten Lobsprüche wegen meiner unfehlbaren Entscheidung. Als ich wieder zu Hause war, erregte ich bei allen meinen lieben Feuerwerkern herzliche Heiterkeit über meine Neuigkeit. Aber sie blieben so verschwiegen wie zuvor und arbeiteten unermüdlich an der großen Maschine, die nach einer Ernte fertig und mit dem ganzen Feuerwerk ausgerüstet sein mußte. Der Riesenlärm, ohne welchen ihre Arbeiten nicht zu machen waren, dauerte also fort. Der Lärm wurde dadurch verursacht, daß sie mit starken Hammerschlägen die Raketen laden und daß sie harte Stoffe in eisernen Mörsern zerstampfen mußten. Wir hatten Eile und trieben die Arbeiten so vorwärts, daß wir sogar einige von den Ruhestunden mit zu Hilfe nahmen. Wir arbeiteten nur in den unterirdischen Gewölben: in dem einen wurden die Stoffe zerkleinert, gesiebt, gemischt; in einem andern machte man Patronen, schnürte sie ab, klebte sie und ließ sie trocknen; in einem dritten wurde das Pulver nebst andern brennbaren Stoffen in glasierten irdenen Töpfen aufbewahrt, die wir gut zudeckten, damit der Inhalt nicht durch die Luft verdorben würde. In anderen Räumen hatten wir Pulver, Kohle, Salpeter, Eisenspäne, Schwefel, Sägemehl, Kampfer, Quecksilber, viele verschiedene Sorten Harz, endlich alle möglichen Arten von Sieben, von ganz groben bis zu den allerfeinsten. Alle diese unterirdischen Gewölbe standen untereinander in Verbindung und der Zutritt war allen Megamikren verboten. Man begann es sehr eigentümlich zu finden, daß wir nach der vom Kollegium veröffentlichten Erklärung ruhig weiterarbeiteten. Mein Frau schenkte uns in diesem Jahr Dionys und Eugenie, unser vierunddreißigstes Zwillingspaar. Die ganze Stadt zeigte sich von der Veröffentlichung des Physikerkollegiums befriedigt, weil man wußte, daß die Erklärung von mir herrührte. Die Ängstlichen hielten den Mund. Als man aber merkte, daß die unterirdischen Geräusche nicht nur nicht aufhörten, sondern jeden Tag immer noch stärker wurden, da zog man daraus nicht den Schluß, daß es sich also nicht um eine Öffnung handle, sondern man sagte: ich tue eben einfach, was ich wolle und mache mich ganz unverhohlen über alle Welt lustig. Sie glaubten, es sei keine Zeit mehr zu verlieren, und wandten sich darum unverzüglich an das Gericht des Bischofs und an das des Königs. Ich wurde vor beide geladen. Sobald der Protosynzelle des Bischofs mich sah, fragte er mich, warum ich denn fortfahre, eine Öffnung in die Erde zu machen, nachdem ich doch meine Meinung dahin ausgesprochen habe, daß es zu einer Katastrophe führen werde. Ich antwortete ihm, ich machte keine Öffnung und hätte niemals daran gedacht, eine zu machen. »Was macht Ihr denn«, fragte er, »heimlich vor aller Welt in Euren unzugänglichen Kellergewölben?« »Diese Frage«, antwortete ich ihm, »scheint mir aus unerlaubter Neugier hervorzugehen; infolgedessen versage ich mir, darauf zu antworten.« Diese Antwort ärgerte den Groß-Richter; ich verzog den Mund, stand auf und ging. Am nächsten Tag ging ich zum König, der mich auf das huldvollste empfing. Er war von seinen Ministern umgeben, die sich sofort erhoben, um sich zu entfernen, er sagte ihnen jedoch, daß sie bleiben möchten. Er sprach mit mir über sein kleines Theater, das bereits fertig war (worauf ich sofort zurückkommen werde) und über mehrere andere gleichgültige Dinge. Als er die Glocke zur großen Audienz läuten hörte, entfernte er sich. Ich sah klar und deutlich, daß der König mit mir nicht über die schwebende Angelegenheit sprechen wollte und auch nicht wünschte, man könnte etwa glauben, daß er mit mir darüber gesprochen hätte. Ich ging also am nächsten Morgen vor Gericht, wie mir befohlen war, und der Groß-Richter sagte mir: Der König sei gewiß, daß seinem Reiche niemals das geringste Unglück durch irgendeine noch so unbedeutende Handlung meinerseits widerfahren werde; er wolle daher durchaus nicht wissen, welches die Ursache des Geräusches in meinen von keinem Megamikren jemals betretenen Gewölben sei. Aber er beauftrage mich, seine guten Untertanen, die nun einmal Angst hätten, zu beruhigen; und Seine Majestät sei überzeugt, daß ich mit leichter Mühe ein geeignetes Mittel finden werde. Ich antwortete ihm, dem Gebot des Königs werde Gehorsam geschehen. Ich begab mich nun zu meinem Sohn Theodor und diktierte ihm eine Mitteilung, die sofort angeschlagen wurde und den vollen von mir gewünschten Erfolg hatte. Ich erklärte: ich sei bereit, mein ganzes Knabenseminar als Geiseln zu stellen; in meinem Hause trotz meinen Vorrechten eine von drei Führern des Megamikrenvolkes befehligte Wache aufzunehmen und mein ganzes Seminar dem Henkerstod auszuliefern, sobald den unterirdischen Geräuschen das geringste Unheil folge. Zum Schluß erklärte ich, diese Geräusche würden kaum noch drei Brände dauern, und dann würde die ganze Stadt über die Ursache dieser Geräusche entzückt sein, da ihre Wirkung nach dem einstimmigen Urteil das Menschengeschlecht beglücken werde. Diese Erklärung machte dem König das allergrößte Vergnügen und beschwichtigte alle Welt. Das war gut; denn sonst hätte sich aus Aberglauben und Angst leicht ein Aufruhr entwickeln können. Die Beschäftigung mit meinem großen Theater und mit meinem Feuerwerk verhinderte mich nicht, in demselben Jahr auch das kleine Theater für den König fertigzustellen. Es war vor der Niederkunft meiner Frau, Töchter und Enkelinnen fertig. Ich wählte im Bezirk des königlichen Palastes ein gleichseitiges Viereck von vierzig Klaftern aus und umgab den Platz mit einem Baumgang von vier Klaftern Breite. Ich ließ von 16000 Megamikren die Erde ausheben und durch 8000 Karren 32000 Kubikklafter Erdreich fortschaffen. Hierzu war nicht einmal die Zeit eines Brandes erforderlich. Ich machte dieses kleine Theater nur zwanzig Klafter tief und umgab es auf allen Seiten mit Alleen von Bäumen, die eine Klafter voneinander entfernt standen. Die Umpflanzung kostete viel Arbeit; ich gebrauchte 4000 Gärtner dazu; sie kostete deshalb auch viel Geld, weil ich alle Stämme so krumm biegen ließ, daß die Bäume ein dichtes Dach bildeten. Ich verwandte nur Bäume, die schon von Schlangen gesäubert oder aus gesäuberten nachgewachsen waren. Das tat ich, ohne den König zu fragen; aber ich wußte längst, daß er die Schlangen nicht liebte. Dieses kleine Theater, das ein wahres Juwel war, kostete dem König zwei Millionen Unzen. Diese Ausgabe veranlaßte eine ehrerbietige Vorstellung von seiten seines Obersthofmeisters, der ihm seine Eingabe in meiner Gegenwart überreichte. Der König und sein reizender Unzertrennlicher gaben sich den Anschein, die Anzeige sehr wichtig zu finden, sagten ihm jedoch dann ganz kühl: alle, die das Theater gesehen hätten, schätzten die Baukosten auf fünf Millionen Unzen. Er sprach den Wunsch aus, ich möchte den Prinzen seiner königlichen Familie das Schauspiel: Der Stein der Weisen einstudieren. Ich sagte dies gerne zu. Die Vorstellung verlief aufs allerbeste. Nur die vornehmste Welt war zu der Vorstellung eingeladen. Die Zuschauer beschränkten sich auf die Zahl von 600 ohne das Königspaar, die königliche Familie und die Geheimräte. Man erklärte mein Theater für ein Kleinod. Man bewunderte den Bauplan, besonders in bezug auf die kleinen Logen und die geheimen Ausgänge, und die geschmackvolle, dabei unaufdringlich reiche Ausschmückung. Bei allem verschwenderischen Putz blieb doch die Symmetrie stets gewahrt. Besonderes Vergnügen hatte der König an den vergitterten Logen, in denen nur ein einziges Paar Platz fand, das zwar sehen, aber nicht gesehen werden konnte. Nur der König wußte, wer in den Logen war, denn die besonderen Eintrittskarten für diese kleinen Logen wurden nur von ihm allein vergeben. Nach dem Ende der Theatervorstellung folgte die ganze Gesellschaft dem König nach dem Baumgang, der rings um das Theater herumführte. Er ging sechsmal rund herum. Da die Bäume sich gegeneinander neigten, so wurde das Sonnenlicht gedämpft und es herrschte eine grünrote Dämmerung, die dem Auge unendlich wohltat. Alle Spaziergänger sahen nach dem Laubgewölbe empor und keiner wagte zu glauben, daß tatsächlich nicht ein einziges Schlangenpaar auf allen diesen vielen Bäumen sei. Da der König sich nicht darüber äußerte, so wagte niemand ein Wort davon zu sagen. Jeder genoß schweigend die Schönheit einer solchen Promenade. Der König ging den ganzen Weg zwischen mir und seinem Unzertrennlichen und sprach von weiter nichts als von den Bräuchen unserer Riesenwelt, wobei er kunstvoll seine Neugierde zu verbergen wußte, indem er sie in die Form von Betrachtungen kleidete. Es war meine Sache zu erraten, was er zu wissen wünschte, und ihn durch meine Antworten zufriedenzustellen. Als die Glocke der Ruhestunden erscholl, zog er sich sehr befriedigt zurück. Drei Tage darauf mußte er Wachen um das Theater stellen lassen, weil mehr als 20000 Neugierige sich herzudrängten. Gegen Ende des Tages wurden nur noch Adlige zugelassen, da zu dieser Stunde der Herrscher erwartet wurde. Der Spaziergang erregte fanatische Verwunderung; der Bischof, der ihn sehr oft benutzte, hatte die Promenade Seelenruhe genannt. Dieser Name blieb. Unsere Anhänger nannten uns Spender göttlicher Gnaden, Vorläufer der allgemeinen Glückseligkeit. Diejenigen aber, deren Interessen wir durch unsere Neuerungen geschädigt hatten, konnten uns nicht ausstehen und sagten alles mögliche alberne Zeug gegen uns. Nur die Alfakinen verhielten sich abwartend, seitdem der Große Helion uns zu Fürsten gemacht hatte. Am Tage nach der Theatervorstellung erhielt ich einen Brief von Jakob aus einem Königreich, das im letzten Drittel seines Reiseweges lag. Der Brief enthielt Angelegenheiten, von denen ich dem König Kenntnis zu geben für angebracht hielt. Der Herrscher des Königreichs Zweiundzwanzig bat nämlich Jakob um die Gnade, sämtliche Gärten seines Hofes von den Schlangen zu säubern. Er zeigte ihm ein Orakel des Großen Genius, der ihm erklärte, der Heilige Hof habe gegen seinen Wunsch durchaus nichts einzuwenden, sofern die Riesen ihm diesen Gefallen tun wollten. Jakob schrieb mir, er hätte einen großen Fehler zu begehen geglaubt, wenn er dem Herrscher seinen Wunsch abgeschlagen hätte; 160 von meinen Kindern hätten daher in acht Tagen 6000 Schlangen vergiftet. Aus Dankbarkeit hätte der König ihm und allen Riesen das Bürgerrecht in seinen Staaten auf ewige Zeiten verliehen. Er hätte ihm eine Fläche von 100 Topen ins Geviert geschenkt mit der Erlaubnis, eine Riesenstadt nach seinem Belieben darauf anzulegen. Als ich meinem König diesen Vorfall mitgeteilt hatte, sprach er folgendes: »Die Briefe, die ich von meinen Gesandten aus allen Staaten unserer Welt erhalte, sagen mir alle dasselbe in betreff des Lehens, zu dessen Fürsten der Große Genius Euch gemacht hat. Alle Welt sagt, Euer Erscheinen unter uns sei eine göttliche Sendung zu dem Zweck, die Schlangen gänzlich auszurotten. Sie sagen, Gott habe sich entschlossen, den Megamikren diese große Wohltat zu erweisen, damit sie dankbar seien, ihre Sitten ändern und keine Sünder mehr seien. Zu dieser Besserung habe die Furcht sie bisher nicht bewegen können. Ich muß sagen, daß mir diese Schlußfolgerung ziemlich gelungen erscheinen würde, wenn es mir möglich wäre, das Megamikrengeschlecht für so sündhaft zu halten, wie man immer sagt. Sehe ich mir aber seine Fehler und Verirrungen an, so kann ich es nur für schwach halten. Ihr, mein lieber Freund, seid so kühn, aber auch so weise gewesen, um mein Theater eine Allee von 320 heiligen Bäumen ohne Schlangen herumzuführen. Ich hatte das Vergnügen, in Euch einen Menschen zu erkennen, der meine Denkungsart gründlich kennt und damit rechnet. So besitze ich jetzt eine Promenade, die mein ganzes Leben lang meine Wonne sein wird, da ich niemals eine andere benutzen werde. Ich sehe voraus, daß Eure Kinder nach und nach alle Schlangen in unserer Welt ausrotten werden. In 400 Jahren wird es hier keine einzige mehr geben. Diese Ausrottung wird stets als ein Wunder angesehen werden, zumal da niemand begreift, wie Ihr dies Gezücht töten könnt, ohne daß man an den Leichen jemals ein Zeichen bemerkt, woraus man auf die Art ihres Todes schließen kann. Man sieht sie leblos, weiß aber nicht, wie sie das Leben verloren haben.« Ich antwortete dem König, es werde für ihn kein Geheimnis mehr sein, wenn er mir die Schlangen seines kleinsten Landhäuschens überantworten wolle. Wenn er sich ohne jedes Gefolge zu einer ihm passenden Stunde dort einfinden wolle, so könne ich ihm zusichern, daß ihm nicht die geringste Gefahr drohen werde. Ich bat ihn noch, mir einen Tag vorher Bescheid zu geben, damit ich mich allein an den betreffenden Ort begeben und einige Vorbereitungen treffen könne. Der Herrscher bezeichnete mir sofort das Haus und befahl dem Verwalter desselben, mich nach meinem freien Belieben gewähren zu lassen. Nachdem ich dem Königspaar gesagt hatte, es möge sich für den nächsten Tag bereithalten, empfahl ich mich und ging nach jenem Hause. Mir war nicht ganz leicht zumute im Gefühl der Verantwortung, die ich übernommen hatte. Ich fand ein kleines Lusthäuschen, zu welchem von einem großen Schloß aus eine schöne Allee von allen möglichen Bäumen führte. Am Lusthäuschen selber erblickte ich sechs heilige Bäume. Ich ließ nun sofort meine fünf ältesten Söhne holen und sagte ihnen im tiefsten Geheimnis, am nächsten Morgen werde das Königspaar der Vernichtung der Schlangen beiwohnen; wir müßten diese selbsechst auf einmal tot zu Boden strecken. Wir gingen nach Hause und ich schickte unverzüglich eine gut verschlossene Kiste mit allem erforderlichen Schießgewehr nach dem Lusthäuschen hinaus. Zwei Stunden vor dem vom König mir angegebenen Zeitpunkt war ich an Ort und Stelle und schickte sechs Gärtner fort. Sie entfernten sich traurig in der festen Überzeugung, daß sie bei ihrer Rückkehr ihr hochverehrtes Herrscherpaar nicht mehr wiedersehen würden. Allein geblieben gingen wir in das Gärtchen und luden sechs doppelläufige Gewehre mit sechs Giftschläuchen und sechs Pistolen mit Kugeln, um auf alles gerüstet zu sein. Dann umgürteten wir uns mit unseren Patronentaschen. Wir sahen den König und seinen Unzertrennlichen in einem geschlossenen Wagen ohne Pferde und Kutscher sehr schnell heranfahren. Wir eilten ihnen entgegen, um den Wagenschlag zu öffnen, und ich übergab den Majestäten sofort zwei mit Kugeln geladene Pistolen mit doppelten Läufen von sechs Zoll Länge. Ich schnallte ihnen eigenhändig eine sehr hübsch gearbeitete Patronentasche um, worin sich Kugeln und Pulver befanden. Ohne ihnen Zeit zu Fragen zu lassen, sagte ich ihnen unaufgefordert, die Maschinen, die sie in der Hand hielten, wären Blitze, die den Feinden der menschlichen Ruhe und Sicherheit den Tod schleuderten. Um sie zu töten, brauchte man die Waffe nur in grader Richtung auf die Stelle zu halten, die man treffen wollte, und mit dem Zeigefinger den Abzug zu berühren. Ich zeigte ihnen den Abzug und beschrieb den Schuß, der dann erfolgen würde. Ich sagte ihnen: ich sei überzeugt, daß sie der Waffen nicht bedürfen würden und daß ich sie ihnen nur aus Vorsicht für alle Fälle gäbe, damit sie sich verteidigen könnten, wie Gott es den Menschen geboten, wenn sie sich Feinden gegenüber sähen. Als ich überzeugt war, daß sie mich vollkommen verstanden hatten, stellte ich sie an das Ende des Baumganges, wo wir unsere Gewehre hatten. Ich ergriff zwei von diesen und stellte mich dem ersten Baum gegenüber auf, indem ich mein zweites Gewehr vor mich hin auf den Boden legte. Der König hatte sich nur um einen Schritt von mir entfernt. An das andere Ende des Baumganges stellte ich den Unzertrennlichen in gleicher Entfernung von einem meiner Söhne auf; dieser tat sofort genau das, was er mich hatte machen sehen. Sodann schickte ich meine anderen vier Söhne jeden zu seinem Baum. Ich legte mein Gewehr an und sagte dem König, er solle genau auf unsere Bewegungen achtgeben, sobald er mich das Wort Feuer! rufen höre. Als ich sah, daß alle meine Söhne richtig standen und daß unsere Schüsse nicht fehlgehen konnten, feuerten wir. Ich wandte mich sofort zu dem Königspaar und alle meine Söhne traten zu uns. Unsere zwölf Feinde lagen bereits tot unter den Bäumen, ohne daß sie auch nur ein einziges Zischen hatten von sich geben können. Ich führte das Königspaar langsam durch das ganze Gärtchen und zeigte ihm die bewegungslosen zwölf Ungeheuer. Sie machen sich, Mylords, kaum einen Begriff, wie leid es mir tat, das Königspaar aufgeregt und fast entsetzt zu sehen, als ich ihm die beiden kleinen Pistolen gab. Aber es gibt Anlässe und Augenblicke, wo man grade gegen diejenigen grausam sein muß, die man am meisten liebt. Als sie aber die Schlangen tot sahen, kamen sie sofort wieder zu sich. Vor allen Dingen umarmten sie einander sehr zärtlich; dann sangen und tanzten sie und kletterten an mir empor. Doch legten sie vorher ihre Pistolen nieder – eine Aufmerksamkeit, die ich unwillkürlich bewundern mußte. Sie gaben mir unzählige Küsse trotz meinem Bart, der für die empfindliche zarte Haut eines Megamikrenkönigspaares sehr hart und stachelig sein mußte; denn ich stand am Ende meines neunundvierzigsten Jahres. Ich bat sie nun um Verzeihung dafür, daß ich ihren Mut auf eine so harte Probe hätte stellen müssen. Sie antworteten mir mit bescheidenem Stolz; dann aber ergriff der König das Wort und fragte mich, ob es mir erlaubt sei, seine Wißbegierde nicht als eine unziemliche Neugier anzusehen? Er wünschte zu wissen, ob die Vernichtung und Ausrottung der Schlangen uns von unserer Religion durch eine ganz besondere Vorschrift geboten sei und welches der Anlaß zu einer Feindschaft sei, die er wohl im Lande der Megamikren begreifen könne, die jedoch in unserer Welt seltsam erscheinen müsse, da wir ja dort nicht wie hier auf die von den Schlangen verteidigte Nahrung angewiesen seien? Ich antwortete ihm: »Ich kann Eurer Majestät keinen besseren Bescheid geben, als indem ich die Überlieferung unserer Heiligen Schrift anführe – eine Überlieferung, die uns schon im zartesten Kindesalter so in Fleisch und Blut übergeht, daß wir sie unser Lebenlang nicht vergessen können. Und ich erzählte ihm die biblische Schöpfungsgeschichte und die Austreibung des ersten Menschenpaares aus dem Paradiese. Der König hatte meine Erzählung aufmerksam angehört und als ich fertig war, sagte er mit einem bedeutungsvollen Blick auf seinen Unzertrennlichen: »Ihr habt mir bereits früher gesagt, daß nach Eurer Meinung unsere Megamikrenwelt jener Garten Eden sei, aus dem Eure Voreltern vertrieben wurden. Wie nun? Sind dann die Früchte, die Ihr hier esset, von jenem Baume des Lebens? Und werdet Ihr nicht ewig leben, wenn Ihr von diesen Früchten esset? Dann aber würde selbst unsere große Welt in berechenbarer Zeit für Euch Riesen zu klein werden.« Ich konnte ihm auf diese sehr kluge Bemerkung nur mit einer stummen Verbeugung antworten. Der König und sein Unzertrennlicher hoben nun ihre Waffen wieder vom Boden auf; sie umklammerten den Kolbenhals, wie ich es ihnen gezeigt hatte, und hielten ihren Zeigefinger weit genug vom Abzug entfernt. Sie fragten mich, welchen Gebrauch sie von den Waffen machen sollten, worauf ich erwiderte: eben das wolle ich ihnen auf der Stelle zeigen. Da ich mich auf ihre Frage schon vorbereitet hatte, so befahl ich meinen Söhnen, aus dem Lusthäuschen eine Kiste hervorzuholen, in der sich zwei aus Pappe gepreßte Schlangen befanden; diese waren so wundervoll bemalt, daß sie tatsächlich von natürlichen nicht zu unterscheiden waren. Ich nahm sie aus der Kiste und setzte sie nebeneinander auf eine kleine Erhöhung. In einer gewissen Entfernung stellte ich das Königspaar auf und sagte zuerst dem König, er möchte nach den Augen der ihm gegenüber befindlichen Schlange zielen und den Abzug berühren, sobald er bemerkte, daß er die genaue Richtung hätte. Er tat es und das Pistol ging völlig geräuschlos los, denn mein weißes Pulver verursachte keinen Knall. Er war erstaunt, als ich ihm das Loch zeigte, das seine Kugel in das Auge des Schlangenbildes geschlagen hatte. Nachdem ich den Unzertrennlichen ebenfalls hatte schießen lassen, ließ ich sie selber laden und lehrte sie den Hahn spannen. Als ich sie sehr erfreut darüber sah, daß sie all dieses Neue kennengelernt hatten, steckte ich selber ihnen die Pistolen in ihre schönen Jagdtaschen und bat sie, alles zum ewigen Angedenken als Geschenk von mir anzunehmen. Niemals sah ich Freude so lebhaft und so deutlich ausgeprägt wie auf den Gesichtern des liebenswürdigen Paares. Sie wußten gar nicht, wie sie mir ihre Gefühle ausdrücken sollten. Sie drückten die Gewehre, die sie für Wundermaschinen hielten, gegen ihre Brust und der König sagte mir, er lege höchsten Wert auf dieses Geschenk, da er wisse, daß kein einziger Megamikre außer ihm einen solchen Schatz besitze. Er versicherte mir zugleich, er werde mir seine Dankbarkeit beweisen. Schüchtern setzte er dann hinzu: die getöteten Schlangen trügen ja gar kein äußeres Kennzeichen der Wunden, die ihren Tod verursacht hätten; und er war sehr überrascht, als ich ihm sagte, die Wunden könne man nicht sehen, da die langen Gewehre, mit denen ich sie erlegt habe, nicht mit Kugeln, sondern mit vergifteter Luft geladen gewesen seien, die ihnen das Leben genommen habe, sobald es in ihre Lungen eingedrungen sei. Ich zeigte ihnen dann die verbrannten Häute meiner Schläuche, die noch unter den Bäumen rauchten, und sagte ihnen: darin sei die vergiftete Luft eingeschlossen gewesen. Er sagte mir, ganz außer sich vor Erstaunen: er glaube nicht, daß gewöhnliche Menschen so etwas leisten könnten. Das glückliche Paar kehrte nach dem großen Schloß zurück, nachdem es mir nochmals überschwänglich gedankt hatte. Wir legten alles wieder in die Kisten und begaben uns nach Hause. Indem ich mich fortwährend mit meinem großen Fest beschäftigte, das nunmehr bald stattfinden mußte, verfiel ich auf den Gedanken, vor meinem Feuerwerk eine Oper aufführen zu lassen. Sie werden sich erinnern, daß der König mich ersucht hatte, ihm allein alle Eintrittskarten zu überlassen und nur die großen Logen für mich und meine Familie zu behalten. Ich schrieb meine Oper in englischer Sprache und mein Sohn Lorenz übersetzte sie ausgezeichnet in die Landessprache: die Musik schrieb der größte Dichter der Stadt. Es machte mir viel Mühe, einen passenden Stoff zu finden, da unsere Mythologie dort ganz unbekannt ist, also die Megamikren völlig kalt gelassen haben würde. Ich mußte einen Stoff wählen, der ihren Sitten entsprach und zugleich doch heroisch war. Ich fand einen solchen schließlich dank ihrer ausgezeichneten Ikonographie; sie haben nämlich alle Abstrakta personifiziert, ja sogar die verschiedenen Unterbegriffe der Begriffe. Der König des Reiches Neunzig, der in allem so glücklich war und es zu sein verdiente, hatte das Alter seiner vorletzten Fortpflanzung erreicht, ohne jemals ein rotes Paar erzeugt zu haben, das ihm auf dem Throne folgen konnte. Alle Kinder, die er bei zwölf Geburten gehabt hatte, erwiesen sich beim Verlassen des Eies als Bastarde; wenn auch diesmal die vom ganzen Volk heißersehnten roten Sprößlinge ausblieben, beruhte die allerletzte Hoffnung auf der letzten Niederkunft, die aber zuweilen überhaupt ausblieb, so daß also nicht sicher damit zu rechnen war. Das ganze Reich war daher natürlich in trauriger Stimmung, am meisten das königliche Paar; aber die Würde der Krone erlaubte diesem nicht, darüber zu klagen, ja nicht einmal von seinem Kummer etwas merken zu lassen. Niemand wagte also mit dem Königspaar ein Wort darüber zu sprechen. Aus dieser Sachlage schöpfte ich meinen Stoff. Die Bühne stellte den Aufenthalt der Seligen dar; die Dekoration war über alle Begriffe herrlich. Sie bestand aus einem Säulenrund, das sich bis in den Hintergrund erstreckte. Jede Säule war mit Blumen bemalt und mit dem schönsten Firnis überzogen; alle Blumen waren von Phosphor. Den Hintergrund bildete eine Sonne mit blendenden Phosphorstrahlen. Mein Drama sollte drei Megamikrenstunden dauern und bestand aus drei Akten. Da es gesungen werden sollte, so mußte ich die Mitwirkenden unter denen von meinen Töchtern, Enkelinnen und Urenkelinnen auswählen, die als die besten Sängerinnen galten. Ich verließ mich in dieser Hinsicht auf das Urteil ihrer Musiklehrer. Wegen der Zartheit ihrer Stimmen zog ich sie den Knaben vor, die darüber sehr betrübt waren. Durch ihre Brüste glichen sie den Megamikren, im übrigen verbargen geschickt geschlungene Tücher ihr Geschlecht. Eine schöne rote Schminke, mit der ihr ganzer Körper eingerieben war, ließ sie als adlige Megamikren erscheinen, worauf sie sich übrigens nichts einbildeten, da man sich nichts Schöneres denken konnte, als deren blendend weiße Haut, die dem allerschönsten Hochrot weit vorzuziehen war. Allerdings mußten die Megamikren hierin natürlich anderer Ansicht sein, für die die schönste Farbe der Welt nur die rote sein konnte. Die ganze Stadt und das ganze Reich wußte, daß die zuletzt von dem Königspaar gelegten beiden Eier im Brützimmer waren; man kannte die Stunde, in der sie gelegt worden waren, und infolgedessen auch die Stunde, in der die Kleinen unfehlbar ausschlüpfen mußten. Ebenso wußte jedermann, daß der König 152 Jahre alt war. Die Hoffnung, die man noch hegte, war sehr schwach; aber die Liebe der Untertanen stärkte diese Hoffnung, die sich in den heißesten Segenswünschen äußerte. Diesen Stoff griff ich also auf, da ich sicherlich keinen andern hätte finden können, der die Untertanen des Reiches Neunzig mehr interessierte. Den Höhepunkt meiner Oper bildete ein Orakel, das mitten aus der Phosphorsonne mit herrlicher Stimme hervorgesungen wurde. Es lautete: »Das königliche Paar wird nicht unzufrieden sich in die ewige Ruhe zurückziehen.« Hierauf erscholl ein Gesang mit Orchesterbegleitung; die Sonne wich wieder nach dem Hintergrund zu zurück, die Mitwirkenden verließen die Bühne, der Vorhang fiel. Diese Oper war zum ersten Tage unseres fünfunddreißigsten Jahres fertig. Ich hatte mehrere sorgfältige Proben gehalten und war daher meines Erfolges völlig sicher. In meinem großen Theater war das Gerüst für das Riesenfeuerwerk vollkommen fertig. Acht Tage vorher begab ich mich zu Seiner Majestät und meldete, daß alles für mein Neujahrsfest bereit sei. Ich sagte dem König, nach der Mahlzeit, die er mit dem von ihm bestimmten Gefolge bei mir einzunehmen gedenken wolle, werde er sich in das kleine Theater begeben und dort alle von ihm Eingeladenen finden. Nach der Vorstellung werde er mit seinem ganzen Gefolge in das große Theater hinübergehen und dort mit eigenen Augen die Ursache des aus meinen unterirdischen Gewölben dringenden Lärms sehen, worüber die große Stadt sich so sehr geängstigt habe. Ich bat ihn, Eintrittskarten zum großen Schauspiel an den Adel und das Volk austeilen zu dürfen. Er sagte mir: wenn ich noch freie Plätze hätte, möchte ich ganz nach meinem Belieben darüber verfügen. Er war überrascht, als ich ihm sagte, die freien Plätze würden 500000 Megamikren fassen. Er sah seinen Unzertrennlichen daraufhin mit einem sehr ausdrucksvollen Blick an. Sobald ich wieder zu Hause war, ließ ich Plakate drucken, durch die ich allgemein bekanntmachte, daß ich am ersten Tage des neuen Riesenjahres um 12 1/2 Uhr dem König in einem neuen großen Theater auf meinem Landgut ein Fest geben würde. Wer die Ehre haben wolle, als Zuschauer zugelassen zu werden, könne sich Eintrittskarten in den Häusern aller Riesen und bei den von mir namhaft gemachten Adligen besorgen, an den Toren meines Parks dagegen werde man niemanden ohne Eintrittskarte durchlassen. Ich sandte 2000 Karten jedem mir bekannten Adligen; dem Groß-Gärtner aber 4000. Der große Tag kam heran. Ich hätte meiner Oper keinen glücklicheren Erfolg wünschen können. Der Eindruck, den das Orakel auf den König und seinen Unzertrennlichen machte, war so stark, ihre Rührung so tief, daß ich mir selber Vorwürfe machte, sie in solche Gemütsbewegung versetzt zu haben. Aber ich hatte einen guten Verteidiger in der menschlichen Natur. Der König sagte mir einige Zeit darauf selber, der Vorgang auf der Bühne habe ihn so fortgerissen, daß er tatsächlich geglaubt habe, ich könne das Orakel nur auf höhere Eingebung ausgesprochen haben. Er sowohl wie sein Unzertrennlicher seien von Stund an fest überzeugt gewesen, daß die aus den Eiern hervorschlüpfenden Kinder nur rot sein könnten. Der Eindruck des Feuerwerks aber war geradezu überwältigend. Man muß bedenken, daß ein solches in jener Welt nur in einem dunklen Raum möglich ist, der eigens hergestellt werden muß; außerdem war ja aber das Pulver dort gänzlich unbekannt. Man kannte kein anderes Licht als das der Sonne und des Phosphors. Der Bischof sandte eine Beschreibung des großen Wunders nach Heliopalu; er ließ sie auch drucken und über die ganze Megamikrenwelt verbreiten. Dieser von einem sehr scharfsinnigen und gewandt schreibenden Megamikren verfaßte Bericht war für uns Riesen im höchsten Maße merkwürdig. Ich habe ihn ins Englische übersetzt und werde ihn Ihnen, Mylords, mitteilen, wenn Sie es wünschen. Jetzt will ich weiter nichts sagen, als daß der Verfasser nicht log; denn er glaubte, die Wahrheit zu sagen, indem er nur beschrieb, was er gesehen hatte; in Wirklichkeit aber beschrieb er nur den Augenschein. Was er als »Augenzeuge« erzählte, war unglaublich; aber man mußte es glauben. Auf diese Weise sind für uns auch mehrere Ereignisse der alten Geschichte unglaublich und doch sind diese nicht weniger wahrhaftig als meine Oper und mein Feuerwerk. Von allen Geschöpfen hat nur der Mensch das Vorrecht, nicht die Wahrheit zu sagen und dabei doch nicht zu lügen. Am zweiten Tage nach dem Feste war im königlichen Palast ein großes Gedränge vornehmer Besucher: die ganze königliche Familie bis zu den entferntesten Anverwandten hatte sich eingefunden, dazu waren die fremden Botschafter, der Bischof, die Minister und alle Großen des Reiches erschienen. So wollte es bei diesen Anlässen der Brauch. Um fünf Uhr sollten die Eier sich öffnen, sie lagen in ihren Schüsseln unter einem schönen Thronhimmel auf drei herrlichen Kissen, die man auf einen großen Tisch gelegt hatte. Der König und sein Unzertrennlicher hielten sich dem Brauch gemäß in einem Gemach auf, wo sie anscheinend in allerbester Stimmung mit den Höflingen plauderten, die nicht ihrem Amt gemäß bei der Geburt zugegen sein mußten. Wenn die Neugeborenen Bastarde waren, verlangte die Etikette, daß alle Anwesenden mit heiterstem Gesicht dem Königspaare eine Verbeugung machten und sich hierauf entfernten, ohne ein Wort zu sagen. Waren die Neugeborenen rot, so traten die Staatsminister, der Bischof an der Spitze und von den Botschaftern begleitet, vor das Königspaar und überreichten die Kinder. Der König, der auf einem niedrigen Throne sitzt, nimmt sie in Empfang und läßt die Schüsseln zu seinen beiden Seiten stellen. Die ganze Gesellschaft singt im Chor den großen Glückwunschhymnus, tanzt und entfernt sich. Das Erscheinen der Neugeborenen ist jedoch für den König keine Überraschung. Der Premierminister, der im Nebengemach am nächsten bei den Schüsseln mit den Eiern sich befindet, steht nämlich auf einem Brett, das auf einen Druck seines Fußes eine kleine Statue in der einen Ecke des königlichen Kabinetts bewegt. Der König hält seine Augen unverwandt auf diese kleine Statue gerichtet, die ihm die wichtige Kunde gibt. Zur bestimmten Stunde, um fünf Uhr, öffneten die Eier sich. Die ausgeschlüpften Kleinen waren tadellos rot, wie die genaueste Untersuchung ergab. Helle Freude – und ich glaube, sie war aufrichtig – strahlte von den Gesichtern aller Anwesenden. Als der König die kleine Statue sich drehen sah, flüsterte er dem Groß-Gärtner ins Ohr: »Geht schnell zum Fürsten Eduard und sagt ihm, daß ich zwei Rote habe und ihn morgen in der ersten Stunde erwarte.« Eine Viertelstunde darauf brachte der Bischof mit dem feierlichen Gefolge die beiden Kinder und überreichte sie dem König mit den Worten: »Eure Nachkommenschaft, Sire, ist unsterblich.« Wir glaubten, wir würden vor Freude sterben, als wir diese so ungeheuer wichtige Nachricht erhielten, und gaben dem lieben Überbringer wohl hundert Küsse. Binnen einer Stunde war die Neuigkeit in der ganzen Stadt bekannt und erregte überall ungeheuren Jubel. Die Geburt wurde meiner unbegrenzten Macht zugeschrieben und zwar nicht nur von den Dummen und Abergläubischen, sondern auch von den Klugen und Weisen. Ich sandte dem Groß-Almosenier des Bischofs 100000 Unzen in Gold zur Verteilung unter die Armen; ich bat um Verschwiegenheit; aber diese Vorsichtsmaßregel war zwecklos: alle Welt wußte, wer der Geber war. Am nächsten Tage begab ich mich zum König; das glückliche Paar ließ mir keine Zeit, meinen Glückwunsch auszusprechen. Sie waren allein, flogen mir in die Arme und überschütteten mich mit Liebkosungen. Ich mußte mich zwischen sie setzen und der König zu meiner Rechten sprach folgendes, während der Unzertrennliche sich auf meinen linken Oberschenkel setzte, um seinen teuren Gatten besser hören zu können: »Was Ihr, mein teurer Freund, in den 136 Jahren vollbracht habt, die Ihr jetzt bei mir seid, das ist eine beständige Kundgebung der außerordentlichen Gewalt, mit welcher Gott Euch begabt hat. Mein ganzes Königreich – und wir beiden zu allererst – sind überzeugt, daß Ihr alles könnt, was Ihr wollt. Ich besitze so starke Beweise Eurer Klugheit und Eurer Tugenden, daß ich gewiß bin, Ihr werdet alle glücklich machen, die Euch eine starke Zuneigung einflößen. Da ich nun diese Wahrheit kenne, so ist es klar ersichtlich, was ich tun muß. Ihr seid ein Geschöpf, das unserm Megamikrengeschlecht an Größe, an Kraft, an Kenntnissen und an anderen körperlichen und moralischen Eigenschaften überlegen ist. Ihr seid das achtungswerteste aller Wesen, indem Ihr als auswärtiger Fürst in meiner Hauptstadt wohnt und dort Ausgaben macht, wie niemals und nirgendwo ein Herrscher sie gemacht hat, da Ihr das Leben eines Privatmannes den Wonnen und tatsächlichen Vorteilen selbständigen Herrschens vorzieht. Welcher Grund kann Euch hierzu bewegen? Jedes denkende Wesen kann sich nur einen einzigen vorstellen: Was Euch hier festhält, ist Eure Zuneigung zu uns. Ihr habt erkannt, daß Ihr uns nur glücklich machen könnt, indem Ihr Euch niemals von uns entfernt. Wir haben Euch dies niemals sagen dürfen; Ihr habt niemals einen Lohn verlangt für alle die Wohltaten, die Ihr über unsere Untertanen ausgeschüttet habt, und nicht nur über diese, sondern auch über mich selber, zum Ruhm meiner Regierung und meiner Familie und zu meinem vollkommenen Glück. Ich liebe, achte und verehre Euch und Ihr seid das einzige Wesen auf der Welt, in das ich nächst Gott meine ganze Zuversicht setze. Und so gebietet mir denn schon allein die gesunde Vernunft, folgendes für Euch zu tun: Ich muß Euch ein Zeichen meiner Dankbarkeit geben, das Eurer und meiner würdig ist, und muß Euch einen triftigen Anlaß bieten, den Aufenthalt bei mir, dem Euch dem Anschein nach von Gott bestimmten, indem der Große Genius das prachtvolle Geschenk machte, vorzuziehen. Mein großes Lehen 216 ist frei; ich bin der Herr es zu verleihen, wem ich will; niemand verdient es mehr als Ihr und meine Wahl entspricht, dessen bin ich sicher, der Meinung meines ganzen Adels und den Wünschen aller meiner Untertanen. Ihr werdet ein Volk glücklich machen, dessen Vater Ihr sein werdet, und Ihr werdet Beherrscher eines Landes, das halb so groß ist wie mein eigenes Reich. Es ist von allen Lehen unserer Welt das einzige, das außer Phosphor und rotem Golde auch Diamantenfelder, andere Edelsteine, unermeßliche Schätze an Halbedelsteinen und halbedlen Metallen und dazu die kostbaren Acoribäume auf dem Grunde eines Flusses enthält. Ihr werdet zu Beginn der nächsten Ernte mit diesem Reich belehnt werden und könnt dann sofort selber dorthin gehen oder einen Regenten schicken. In zwölf Monaten werden meine Kinder erwachsen sein; dann werden meine Stände zusammentreten und ich hoffe, Ihr werdet dann in ihrer großen Versammlung sehen, daß alle meine Untertanen genau ebenso über Euch denken wie ich. Euch empfehle ich das Paar, das Gott mir geschenkt hat, wie Ihr es mir in dem Orakel Eurer göttlichen Oper verkündet habt. Meine Kinder werden, bevor sie zur Herrschaft gelangen, noch einige Jahre lang Eure Lehren vernehmen können und ihre Regierung wird alle Wünsche meines Volkes erfüllen und dieses vollkommen glücklich machen.« Wie hätte ich auf eine solche Rede überhaupt etwas antworten können? Ich ergoß meine Dankbarkeit in heißen Tränen über seine Hände. Dann schwor ich ihm, ich würde ihn niemals verlassen und würde mit Rat und Tat wie ihm selber so auch den neugeborenen Prinzen dienen, wenn es mir jemals gelingen sollte, deren Huld zu verdienen. Zwei Monate später erhielt ich einen Brief von Jakob, der mit seiner ganzen Karawane glücklich in Heliopalu angekommen war. Alle Frauen waren bei der Ankunft im achten Monat schwanger. Der ganze Stamm war in einem bequemen Palast untergebracht, zu welchem vier Gärten gehörten, die sie bereits gesäubert hatten. Er hatte die Urkunde der Belehnung erhalten und am Tage darauf hatte der Erste Minister ihn besucht und ihm gesagt, der Große Genius wünsche hohe Glockentürme als sein Eigentum in allen Städten der Welt zu besitzen, um durch den Klang der Glocken in dringlichen Fällen seinen Willen in Zeit von einem Tage der ganzen Welt mitteilen zu können. Der Minister hatte gefragt, wie viele Türme man bauen müsse und wieviel Zeit erforderlich sei, um das Glockenzeichen von Heliopalu bis zur größten Entfernung der Megamikrenwelt weiterzubefördern, wenn die Glöckner überall pflichtgetreu aufpaßten. Jakob schrieb mir, er habe sich zur Beantwortung dieser Fragen eine Frist von vier Ernten ausgebeten. Mit dieser eigentümlichen Neuigkeit begab ich mich am nächsten Tag in der ersten Stunde zum König. Über den Plan mußte der Herrscher lachen. »Er ist wunderschön!« rief er, »und wäre auch ausführbar, soweit die ungeheuren Mittel in Betracht kommen, die dazu erforderlich wären, denn die Reichtümer des Großen Genius sind in der Tat unermeßlich. Er ist aber nicht ausführbar, weil kein Herrscher, bei mir selber angefangen, ihm trotz seiner Göttlichkeit erlauben wird, Türme in Ländern zu errichten, die ihm nicht gehören.« Nach dieser Bemerkung gab er mir einen Brief, den der Große Genius eben für mich gesandt hatte. Er erlaubte mir, das Siegel zu brechen, um den Brief zu lesen, der folgendermaßen lautete: »Wir, der Große Helion, Dolmetscher und Vollstrecker des Willens Gottes, König von Heliopalu und der ganzen Welt, erlauben dem hochedlen und ehrwürdigsten christlichen Riesen Eduard Alfred, Herzog unseres Lehens Eins, alle Bäume von Schlangen zu säubern, einerlei, ob sie ihm gehören oder nicht, vorausgesetzt jedoch, daß im letzteren Fall der Eigentümer damit einverstanden sei, sowie daß er im allgemeinen die Erlaubnis des für den betreffenden Ort zuständigen Bischofs ober Abdalas erhalten habe. Dies gilt für ihn wie für jeden seiner Nachkommen. Wir befehlen, daß keine Klage erhoben werde, falls bei der Säuberung ein Zischen dieses verfluchten Gewürms hörbar werden sollte; denn wir wissen, daß es eine besondere Gnade des Allerhöchsten ist, wenn unsere Welt davon befreit wird. Darum haben auch unsere Söhne sich solcher Gnade durch Beobachtung der Gesetze und durch gute Werke würdig zu erweisen. Wir erlauben unserem vielgeliebten Fürsten, diesen Brief bekannt zu machen und senden am gleichen Tage Mitteilung hierüber an unseren Sohn, den Bischof des Reiches Neunzig.« Kaum hatte ich diesen Brief zu Ende gelesen, so trat der Kanzler ein und übergab dem König einen Brief des Bischofs, den Seine Majestät las und hierauf mir zeigte. Der Brief lautete: »Durch den Mund des Großen Helion erlaubt Gott Eurer Majestät, alle Eure Häuser und Eure Gärten, so es Euch gefällt, von den Riesen durch beliebige Mittel von den Schlangen säubern zu lassen. Wir erklären uns bereit, diese Erlaubnis jedem zu erteilen, der uns darum bitten wird.« Der Barcalon war wie außer sich. Er war ein Ehrenmann, aber von unendlichen Vorurteilen befangen. Der König sagte ihm mit sehr kühler Miene: »Ich befehle Euch, sofort diesen Brief des Bischofs in die königliche Druckerei zu schicken und 100000 Exemplare davon abziehen zu lassen – täglich l0000. Diese ganze Auflage werdet Ihr über die Megamikrenwelt verbreiten, nachdem Ihr 10000 in meiner Hauptstadt habt anschlagen lassen.« Hierauf bat der König mich, ich möchte mich doch sofort mit dem Groß-Gärtner verständigen, um mir die Zahl und Lage aller königlichen Gärten angeben zu lassen. Sodann möchte ich mich nach meiner Bequemlichkeit so einrichten, daß man möglichst bald sagen könnte: »Der König hat weder in den Städten noch auf dem Lande bei seinen Häusern ein einziges Paar Schlangen mehr. Sein Glück ist daher vollkommen.« Ich versprach ihm, daß man in sehr kurzer Zeit dies solle sagen können. Der Groß-Gärtner gab mir am nächsten Tage das Verzeichnis aller Orte, wo der König Schlangen hatte. Dann umarmte er mich und gab mir eine Erlaubnis des Bischofs in betreff seiner eigenen Gärten. Ich sagte ihm mit Freuden zu, daß ich diese von dem Gewürm befreien wolle. Ich überließ diese Sache meinen Söhnen, die mit ihren Kindern sich sofort auf die Jagd nach dem verfluchten Ungeziefer machten und viel Spaß dabei fanden. Aus Vorsicht befahl ich jedoch meinen Söhnen, alle Gewehre stets selber zu laden, und die Kiste mit den Giftschläuchen vertraute ich nur Theodor an. Ich sagte ihnen, sie sollten sich nicht darum kümmern, wenn irgendein Gärtner sie bei dieser Jagd sehe; es genügte mir, wenn sie nach Möglichkeit das Zischen der Schlangen verhinderten. Die Jagd ging so glatt vonstatten, daß bis zur neuen Ernte der König, der Groß-Gärtner und andere Edle, denen ich gefällig sein wollte, nicht eine einzige Schlange mehr in ihren Gärten hatten. Zum maßlosen Erstaunen aller Abergläubischen und zum größten Vergnügen des Königs, bat der Bischof mich durch einen sehr liebenswürdigen Brief, auch seine Gärten von dem Gewürm zu säubern. Als ich diesen Brief dem König zeigte, sagte er mir, ich müsse ihm antworten, daß ich ihm nicht ohne eine besondere Erlaubnis der bischöflichen Kanzlei meine Dienste widmen könne. Der Bischof brachte mir diese persönlich nach meinem Landhaus und lachte herzlich über den Spaß. Ich erließ nun eine Anzeige, die alle Welt überraschte, aber schließlich mir die Herzen aller Megamikren und besonders der Gärtner gewann. Ich machte bekannt, daß jeder Riese dem von ihm bestimmten Gärtner zehn Obolen für je zehn Feigen zahlen werde und daß nur die von den Riesen bezeichneten Gärtner berechtigt seien, die Feigen von den Bäumen zu pflücken. Da wir reich geworden waren, so war es eine Notwendigkeit für uns, daß wir von niemandem gehaßt wurden. Die weisesten Megamikren erklärten dann auch meine Bekanntmachung für ein Meisterstück meiner Politik, wie sie sich ausdrückten, und der König machte mir ein Kompliment darüber. Ich schrieb Jakob, er solle dieselbe Verordnung auch in meinem Lehen bekanntmachen; er gehorchte mir jedoch erst, nachdem er sehr kluge Einwendungen gemacht hatte, auf die ich hätte hören sollen. Indessen werden meine Nachkommen sich vielleicht mit der Zeit von dieser drückenden Verpflichtung freimachen und für mich hat es ja keinen Zweck mehr, noch daran zu denken. Ich sandte meinem Sohn auch genaue Vorschriften für die Zusammensetzung des Metalls der Glocken, die der Große Helion gießen zu lassen wünschte. Mein König wollte diesen Plan jedoch niemals ernst nehmen und war unerschöpflich in Witzen darüber. Als ich eines Tages bemerkte: »Aber der Plan ist doch vom Großen Genius!« rief der König: »Das ist unmöglich! Er ist von irgendeinem der Minister, der ihn dem Großen Helion erst vorlegen wird, wenn er die Ausführbarkeit für sicher hält. Ich finde die Glocken, deren Guß mir übrigens sehr schwierig zu sein scheint, ausgezeichnet für den Dienst innerhalb einer Stadt und ich sehe voraus, daß meine Statthalter sie in allen Provinzstädten einführen werden. Als allgemeines Benachrichtigungsmittel ist die Glockensprache zwar denkbar, aber sie wird stets ein Traum bleiben.« Zu Anfang unseres Aprilmonats gab der König mir eigenhändig meine Bestallung als Herzog des Lehens Nummer 216, das noch größer war als das Lehen Eins des Großen Genius. Ich sandte sofort meinen sechsten Sohn Theodor mit seiner ganzen Familie dorthin. Sie waren 130 an der Zahl. Zehn erwachsene Söhne waren in der Kenntnis aller unserer Künste erzogen worden. Ich rüstete sie mit allem aus. Ich gab Theodor den Titel meines General-Statthalters. Er hatte mir von allen Rechenschaft abzulegen und sollte alles so einrichten, daß ich, wie in meinem Lehen Eins, fünf Statthalterschaften einrichten konnte. In Zeit von drei Riesenjahren richtete er eine Buchdruckerei ein, baute ein großes Seminar und ein kleines Theater, worin er die Kinder vor dem Adel auftreten ließ. Er wurde wegen seiner Güte und Weisheit allgemein angebetet; seine Frau machte zu ihrem Vergnügen Essenzen, die sie an solche verschenkte, die sie auszeichnen wollte. Er säuberte alle mir gehörenden Gärten von den Schlangen und außerdem viele Gärten der vornehmsten Adligen, die gern in seine Häuser und Gärten kamen, um Billard und Ball zu spielen. Stets meine Ratschläge einholend, wußte er auf geschickte Weise die Steuern zu vermindern und dabei die Finanzämter so vorteilhaft und klug an reiche Leute zu verkaufen, daß er mir nach sechs Ernten dreißig Millionen Goldunzen schicken konnte, mit denen ich meine Schulden bezahlte. Er traf alle Einrichtungen für die andern vier Statthalterschaften so vortrefflich, daß meine vier nächsten Söhne, als ich sie in das Lehen sandte, alles bereit und fertig fanden. Während der nächsten drei Jahre erlebte ich nichts besonders Berichtenswertes. Ich widmete mich hauptsächlich meiner Artillerie, die mir viel Geld kostete, aber auch mein Hauptvergnügen war. Ich besaß eine ungeheuere Menge Feuerwaffen. Mein Stolz waren meine Kanonen aus Silber mit einem Zusatz von Zinn. Das Kupfer taugt in jener Welt nichts und ist daher dort noch billiger als Eisen. Mein Landgut ließ ich unterdessen zu einer wahren Stadt ausbauen, die 50000 Riesenfamilien fassen konnte. Am 1. Oktober erhielt ich mein achtunddreißigstes Zwillingspaar und am letzten Tage meines neununddreißigsten Megamikrenjahres vermählte ich Alexander und Eleonore. Dann nahm ich vom König Urlaub auf acht Monate, um vor der Niederkunft meiner Frau wieder zurück zu sein. Ich hatte mich entschlossen, nicht nur mein neues Lehen mit eigenen Augen zu besichtigen, sondern auch meinen siebenten, achten, neunten und zehnten Sohn mit ihren ganzen Familien dorthin zu geleiten. Ich benachrichtigte Theodor, damit er alle Anordnungen träfe, uns gut zu empfangen. Ich brauchte an der Grenze des Reiches Neunzig nur einen Fluß zu überschreiten, um in meinem Lehen zu sein. Alles war zum 15. Januar bereit. Wir waren 672 in mehr als 400 Wagen; denn wir hatten zahlreiche Megamikren bei uns, die ansehnliche Stellungen bekleideten und die wir daher nicht hinaufsteigen lassen und auch nicht auf den Gepäckwagen befördern konnten. In elf Tagen legten wir in aller Bequemlichkeit 860 englische Meilen zurück. Um in meine Hauptstadt zu gelangen, mußte ich mehr als dreißig von meinen Städten und mehr als 800 große Dörfer berühren. Überall begrüßten Abordnungen mich mit der größten Freude. Überall fand ich Blinde, die sich mir vorstellen ließen, um meine hilfreiche Hand anzuflehen; ich versprach allen, sie auf meine Kosten in die Hauptstadt kommen zu lassen, um sie zu operieren, und ich hielt ihnen Wort. Theodor kam mir mit seiner Frau und dem ältesten Kinderpaar entgegengereist. Meine Hauptstadt war durch ihren Handel sehr reich. Am Zusammenfluß zweier Ströme gelegen, bot sie den reichen Kaufleuten bequeme Verbindungen nach allen Richtungen. Die adligen Familien waren so reich wie die des Königreiches Neunzig, sie waren aber verhältnismäßig viel zahlreicher. Die Bevölkerung zählte 500000 Paare. Sofort nach meiner Ankunft machte der Bischof mir einen Besuch, den ich mit Vergnügen erwiderte, denn ich fand in ihm einen geistreichen Mann von vortrefflichen moralischen Ansichten. Mein Palast war groß, aber doch nicht groß genug; da er aber an der Stadtmauer lag, konnte ich ihn vergrößern, ohne irgend jemandem lästig zu fallen. Ich baute auch zwei prachtvolle neue Seminare. Ich war erstaunt, wie Theodor in so kurzer Zeit so viel hatte leisten können. Ich wählte unter meinem Adel das vornehmste, aber wenigst begüterte Paar und machte es mit sehr reichlichem Gehalt zu Gesandten bei meinem König; sodann bildete ich einen Ministerrat, der aus lauter Megamikren bestand. Dadurch gewann ich mir die Herzen aller Adligen, die bereits gefürchtet hatten, unter der neuen Herrschaft von allen Hofämtern ausgeschlossen zu werden. Ich erfreute die Herzen der Schreiber und Gärtner durch meine beiden Gesetze, daß in den Buchdruckereien nur Schreiber beschäftigt werden dürften und daß zehn Anzeigen zehn Obolen kosten sollten. Außerdem bildete ich eine Leibgarde von 20000 Gescheckten, die ich genau ebenso stellte wie die Leibgarde meines Landgutes im Reiche Neunzig. Ich legte den Grundstein zu einem christlichen Tempel ohne einem Menschen etwas über die Bestimmung des Gebäudes zu sagen. In fünf Jahren war dieses fertig. Sechs Monate verwandte ich darauf, die anderen vier Statthalterschaften zu bereisen; ich legte den Grundstein zu einem Tempel in jeder Hauptstadt und benannte diese nach dem zum Statthalter bestimmten Sohn. Dann besuchte ich meine reichen Bergwerke. Ich war bezüglich ihres Reichtums vollkommen befriedigt; aber ich fand, daß sie mir infolge fehlerhafter Verwaltungseinrichtungen doch nicht genug einbrachten. Hier schuf ich sofort Abhilfe durch entsprechende Weisungen an meinen Sohn Theodor. Nachdem ich meine vier anderen Söhne mit ihren Familien in ihre Statthalterschaften gesandt hatte, kehrte ich nach der Hauptstadt des Reiches Neunzig zurück, wo ich alles unverändert fand. Meine Frau und die anderen Frauen standen unmittelbar vor der Niederkunft. Ich erhielt Briefe aus meinem Lehen Eins, wo alle meine fünf ältesten Söhne ihre Statthalterschaften bereits angetreten hatten. Jakob hatte in Heliopalu zwei von seinen Söhnen als Gesandte zurückgelassen, die zugleich als Sachverständige den Guß der Glocken leiteten. Der König empfing mich nach meiner Heimkehr sehr huldvoll und hörte mich mit Vergnügen die Schönheiten meines Lehens beschreiben, das er niemals gesehen hatte. Drei Wochen darauf gebar Elisabeth unser neununddreißigstes Zwillingspaar, das ich auf die Namen Gottfried und Agnes taufte. Am ersten Tage des vierzigsten Jahres vermählte ich Albert und Klothilde. Während des ganzen Jahres geschah nichts Besonderes. Am 1. Oktober gebar meine Frau Tankred und Clorinde, mein vierzigstes und letztes Zwillingspaar. Den glücklichen Abschluß dieser Lebensperiode feierte ich erst am ersten Tage des Jahres 42, als ich sah, daß meine Frau nicht schwanger geworden war. Am Neujahrstage 41 vermählte ich Hugo und Klondine, am Neujahrstage 42 Veit und Rosa. Diese Vermählung vollzog sich besonders feierlich zu Ehren meiner Frau, die ihre glorreiche Laufbahn als Weib beendigt hatte. Ich gab dem König und den fremden Fürsten ein großes Gastmahl; hierauf folgten Oper und Feuerwerk. Meine Frau sagte, sie sei jetzt Mann geworden und wünschte einen Tempel für unseren Gottesdienst errichtet zu sehen. Ich war jedoch der Meinung, daß wir mit unserem Kultus in einem ernsteren Lehen beginnen müßten, und zwar in dem bei Heliopalu. Wir hätten dorthin reisen müssen; aber die Ehre gebot mir, meinen König nicht zu verlassen. Er mußte noch fünfzehn Ernten leben, aber nur neun von diesen noch herrschen. Wir konnten uns also nicht entschließen, vor dem Jahre 50 oder 51 unserer Rechnung die Reise anzutreten. Unterdessen legte ich den Grundstein zu einem prachtvollen Tempel auf meinem Landgut, das zur Riesenstadt geworden war und auch so genannt wurde, da es nur von uns bewohnt wurde. In diesem selben Jahre 42 teilte ich meine Familie in vierzig Stämme und in diesem verhängnisvollen Jahre verlor ich meine drei besten Freunde nächst dem König – Schätze von unermeßlichem Wert. Von diesen drei Freunden, die ich nie vergessen werde, ging der Statthalter zuerst. Sechs Stunden, bevor er von der Welt Abschied nahm, schrieb er mir einen langen Brief; er schloß mit der Bitte, ihm nicht zu antworten, da er diese Antwort nicht mehr erhalten würde. Als zweiter zog der Bischof sich zurück; er hatte uns viel Freundschaft erwiesen durch die Briefe, die er zu unseren Gunsten nach Heliopalu geschrieben hatte. Ganz unerwartet für mich verschwand der Groß-Gärtner, von dem ich geglaubt hatte, er sei nicht älter als der König. Er hatte im Fluß unsere Kiste entdeckt und wir mußten in ihm den Urheber unseres ganzen Glückes sehen. Endlich nahte die Zeit, da auch der König seine schöne Laufbahn endigen mußte; er wußte es natürlich, war aber darum nicht traurig oder träumerisch; er sagte mir heiteren Antlitzes, er scheide sehr zufrieden aus dem Leben, nachdem er das Glück seiner Untertanen vermehrt und seine Regierung durch ein einzigartiges Ereignis berühmt gemacht habe, von dem man in Ewigkeit sprechen werde. Er sagte mir, die letzten sechs Megamikrenjahre, die er mit seinem Unzertrennlichen in der Zurückgezogenheit des ewigen Friedens verbringen werde, müßten von den köstlichsten Erinnerungen angefüllt sein, in denen sie unaufhörlich schwelgen würden, so daß sie den Augenblick ihres Abganges aus der Welt kaum erwarten könnten. Das Königspaar verbrachte die letzten acht Jahre seines Megamikrenlebens in immerwährenden Freuden; fast jeden Tag sah es mich und immer hatte es das junge Prinzenpaar bei sich. Dessen erstes Nachkommenpaar war indigoblau ausgefallen; aber deswegen war niemand traurig; denn sie waren ja noch so jung. Während dieser zwei Erdenjahre überhäufte der König mich mit Geschenken. Wenn Megamikren, hoch oder niedrig, sich aus der Welt zurückziehen, um die letzten sechs Ernten in dem Gemach des ewigen Friedens zu verbringen, ist es Brauch, ihnen kein Beileidskompliment zu machen. Ja, man spricht überhaupt nicht darüber, wenn sie nicht selber davon anfangen, was sehr selten vorkommt. Ich verbrachte den ganzen letzten Tag mit dem Herrscher im heitersten Gespräch. Eine halbe Stunde vor dem verhängnisvollen Augenblick sagte er zu mir, er sei überzeugt, daß ich für seinen Sohn immer die gleiche Freundschaft hegen werde wie für ihn. Hierauf wandte er sich zu dem jungen Prinzenpaar und sagte ihnen, sie sollten in mir stets den Schutzengel ihres Geschlechtes sehen und in allen Lagen auf meinen Rat und meine Weisheit rechnen. Ein Tränenstrom, den ich zurückhalten mußte und der mich fast erstickte, verhinderte mich, ihm zu antworten. Sie standen auf, um die letzten Augenblicke mit ihren Kindern zu verbringen. Als ich ihre Hände ergreifen wollte, um sie ihnen zu küssen, fielen sie mir um den Hals und überschütteten mich mit Liebkosungen. Mit schmerzzerrissenem Herzen ging ich nach Hause; ich war ganz verzweifelt, weil, wie ich wußte, die Etikette mir gebot, am nächsten Tage bei Hofe zu erscheinen. Die Kronprinzen werden ohne jedes Zeremoniell Könige, sobald die Regierenden sich zurückziehen. Sie halten Hof, geben aber keine Feste oder Gastmäler und es finden keine Vergnügungen statt. Eine Fünftagwoche nach Ablauf der sechs Ernten erscheinen alle Großen, um ihnen zu huldigen, und die Feste beginnen wieder. Der König war trotz seiner Jugend ernst, sehr zurückhaltend und wortkarg; sein Unzertrennlicher war die Fröhlichkeit selber und nach dem Ausspruch aller Höflinge die vollendetste Schönheit des ganzen Reiches. Als ich eines Tages mit dem König allein war, glaubte ich ihm sagen zu können, daß ich mich glücklich schätzen werde, wenn er geruhen wolle, eine Oper und ein Feuerwerk als Huldigung anzunehmen. Der Unzertrennliche tat einen Freudensprung, aber ein kurzer Blick des Königs ließ ihn erstarren. Einen Augenblick darauf küßte ihn der König und der Friede war wieder geschlossen. Hierauf sich zu mir wendend, sagte er: ich dürfte nicht daran zweifeln, daß er die größte Freude haben werde, wenn ich ihm zwei Brände vorher Mitteilung von den geplanten Festen machen wolle. Ich antwortete ihm: ich würde das Fest am ersten Tage meines Jahres 46 veranstalten; bis dahin waren noch fast zwei volle Ernten. Um diese Zeit schrieb ich Jakob, daß er mich im Jahre 51 in Heliopalu sehen würde, von dort würden wir nach meinem Lehen reisen, um die Tempel einzuweihen, die, wie ich hoffte, inzwischen nach meinen Angaben und Plänen fertiggestellt wären. Alle meine Tempel hatten vier Portale, eins an jeder der vier Seiten. Sie standen vollkommen frei und auf Erhöhungen, die sich fünfzehn, zwanzig und sogar dreißig Klafter über die Ebene erhoben. Fünf Monate vergingen sehr schnell. Vornehme Freunde erschienen zu den angekündigten Festen in sehr großer Zahl. Es war allgemein bekannt, daß in der Hauptstadt alle Lehensfürsten des Reiches unter einfachen Adelsnamen weilten, ferner auch die vier Nachbarkönige, die bereits das Schauspiel gesehen hatten. Diesmal waren sie aber mit ihren ganzen Familien gekommen. Auch der Lehensfürst einer Republik war anwesend, dessen Lehen 22000 Meilen von uns entfernt lag; auch fünfzehn oder sechzehn Adlige dieser selben Republik waren erschienen. Der König war entzückt über diesen großen Menschenzusammenfluß, der in der Megamikrengeschichte ohne Beispiel war. Ich vollzog an diesem Festtage achtunddreißig Trauungen und der König speiste mit uns, begleitet von allen fremden Fürsten, deren Inkognito von aller Welt respektiert wurde. Ich behandelte sie wie einfache Edelleute. Meine Oper schloß wieder mit einem Hymnus an den auf der Bühne dargestellten Sonnenball. Als die herrliche Musik schwieg, erlosch auch die Sonne mitten auf der Bühne und das ganze Theater wurde dunkel, was ich auf einfache Art bewirkte, indem ich alle Phosphorleuchten durch mehrere große Leinwandflächen verdeckte. Diese Dunkelheit dauerte nur eine Minute, wie auch alle Zuschauer nicht anders erwartet hatten; ganz unerwartet aber sah man plötzlich ein wunderschönes Feuerwerk aus demselben Sonnenball hervorbrechen, der wie man jetzt bemerkte, innen hohl war. Auf einmal sah man inmitten des leeren Raums zwei Statuen von natürlicher Megamikrengröße; sie waren so ähnlich, daß jeder sofort die Apotheose des verstorbenen Königspaares erkannte. Der Beifall war ungeheuer. Der König dankte mir mit lauter Stimme und gestattete diesmal seinem Unzertrennlichen, seiner Begeisterung in überschwänglichen Worten Ausdruck zu geben. Obwohl ich sehr reich war, würde ich mich doch zugrunde gerichtet haben, wenn ich derartige Feste öfter hätte geben wollen. Für dieses letzte entschädigte der König mich allerdings in reichem Maße. Als ich zu ihm ging, um ihm für seine reichen Geschenke zu danken, sagte er mir, vier fremde Herren wünschten mit mir zu sprechen, um mich um eine Gunst zu bitten; sie hätten sich an ihn gewandt, doch hinge alles nur von mir allein ab. Ich antwortete: Da Seine Majestät selber mir ihren Wunsch ankündigte, so könnten sie im voraus sicher sein, daß ich nichts verweigern würde, was zu erfüllen in meiner Macht stände. Hierauf lud er mich nebst meiner Frau und vier Paaren meiner Kinder auf den übernächsten Tag zum Essen ein, indem er mir sagte, die vier Fremden mit ihren Unzertrennlichen würden mit uns speisen. Zu Hause angekommen, ließ ich die königliche Einladung den vier ältesten der noch bei mir verbliebenen Paare übermitteln; denn da die Wahl mir überlassen worden war, glaubte ich die ältesten bevorzugen zu müssen. Es waren Johannes und Thekla, Mathias und Katharina, Ludwig und Karoline, Leopold und Sophie. Wir begaben uns in fünf Wagen zum König nach seinem Landhause und schickten unsre Bedienten heim. Wir ließen nicht mehr unsre Feigen in die Häuser bringen, in die wir eingeladen waren; denn die ausgezeichneten Megamikrenköche wußten die Früchte wunderbar zuzubereiten und wir fanden überall Feigengerichte in reicher Menge. Sie fanden ein Verfahren, aus dem Fleisch der Früchte Säfte von hundertfach verschiedenerlei Art herzustellen; alle aber waren köstlich. Diese Neuerung mißfiel mir anfangs, wie ich offen gestehen muß, als wir aber einmal Geschmack daran gefunden hatten und bemerkten, daß die Früchte in den neuen Zubereitungen uns nur noch besser bekamen, da verschafften wir uns ebenfalls Köche, die in diesem Fache Hervorragendes leisteten. Allerdings wurde bei uns von da an die Lust am guten Essen zu einer Leidenschaft. Die Feinschmeckerei würde, glaube ich, auch hier in England die Hauptleidenschaft sein, wenn unsere Köche die für ihre Kunst erforderlichen wissenschaftlichen Kenntnisse in demselben Maße besäßen wie die Megamikrenköche. Ihre Kunst und Wissenschaft besteht darin, die aus Früchten, Kräutern und Blumen gepreßten Säfte im richtigen Verhältnis zu mischen; hierdurch werden ihre Austern so köstlich wohlschmeckend. In ähnlicher Weise verstanden sie auch unsere Feigen so zuzubereiten, daß sie zwar nicht ganz flüssig waren, aber sich doch schlürfen ließen. Als ich aber sah, daß auch die Megamikren, die anfangs mißtrauisch gegen die neue Speise gewesen waren, immer mehr Geschmack an unseren Feigen fanden und sie bei allen ihren Mahlzeiten auftragen ließen, da verursachte dies mir wirklich Unbehagen und Besorgnis, denn schließlich eigneten sie sich dadurch die für uns bestimmte und notwendige Nahrung an. Unsere Vermehrung machte ungeheure Fortschritte, und infolgedessen hätten die Feigen sehr teuer werden können. Außerdem mußte ich befürchten, daß die ungewohnte Speise den Megamikren Krankheiten erregen oder zum mindesten ihre Gesundheit beeinträchtigen könnte. Für solche üble Folgen würde man uns allein verantwortlich machen. Mit den Feigengerichten wurde bald ein so üppiger Mißbrauch getrieben, daß ich es für nötig hielt, mit dem Bischof persönlich darüber zu sprechen. Er sagte mir voller Bitterkeit, auch ihm seien diese Ausschreitungen bereits gemeldet worden und man müsse denselben unbedingt Einhalt tun. Die Sache sei von der höchsten Wichtigkeit, denn diejenigen, die an der neuen Nahrung Geschmack fänden, pflegten sich mit unverzeihlicher Gierigkeit an ihr dermaßen zu sättigen, daß sie sich nicht mehr gegenseitig die Milch abzusaugen brauchten. Da aber die Megamikrennatur gebieterisch erfordere, daß die Milch abgesaugt würde, so müßten die Schwelger sich zu diesem Zweck Arme kommen lassen, die sonst berufsmäßig Milchgeber wären; diese machten nun viele Witze darüber, daß sie, die sonst für Geld ihre Milch hergäben, jetzt dafür bezahlt würden, daß sie sich von anderen nähren ließen. Der Bischof sagte mir ferner, die Ärzte hätten ihm erklärt, daß die neue Nahrung mit der Zeit die Gesundheit des ganzen Megamikrengeschlechtes beeinträchtigen müßte. Er beendigte seine sehr vernünftigen Auseinandersetzungen mit der Bitte, ich möchte doch auf Abhilfe sinnen und ihm Vorschläge unterbreiten; er werde sich ebenfalls damit beschäftigen. Einstweilen ließ ich ein Verbot drucken, das meinen Gärtnern bei Strafe der Entlassung den Verkauf von Feigen an Megamikren untersagte. Das Mahl mit den vier Fremden war sehr heiter. Wir waren zwanzig bei Tisch; für uns Riesen gab es Feigengerichte, die allerdings als solche nicht kenntlich waren, doch berührte von den Megamikren kein einziger diese Gerichte. Hätten aber die Gastgeber einen einzigen Bissen gekostet, so würden freilich alle Megamikren davon gegessen haben. Der Leibkoch des Königs war ein großer Chemiker, ich erkannte aus meinen Gesprächen mit ihm, daß niemand sich so wie er auf Küchenpharmazie verstand. Ich war erstaunt über seine Kenntnisse in Chemie und Botanik; er hatte ein Gehalt, das 10000 englischen Guineen entsprach, und setzte den königlichen Rechnungsführern für die von ihm verwandten Zutaten die Preise ganz nach seinem Belieben an. Er erzählte mir, die Zubereitung der an jenem Tage uns Riesen vorgesetzten Feigengerichte – die sämtlich von verschiedenem Geschmack und von verschiedener Färbung waren – habe dem König mehr als 1000 Goldunzen gekostet. Nach dem Essen wurden wohlriechende Kräuter in großem Überfluß herumgereicht. Sie wurden aber nur zum Räuchern benutzt; der Abreibungen enthielt man sich unsertwegen. Als wir dann in den Garten gingen, sagte einer von den vier Fremden mir: die vier Herrscher der an das Reich Neunzig angrenzenden Königreiche wünschten jeder einen von meinen Stämmen in ihr Land aufzunehmen, und wenn dieser Gedanke mir nicht zuwider sei, so werde man einen schriftlichen Antrag an mich richten. Da ich wußte, daß die vier Fremden die Könige selber waren, so antwortete ich sofort, ich würde den Königen, die mir solche Ehre erwiesen, meine vier zahlreichsten Stämme geben, deren Häupter sie bei Tische selber gesehen hätten; ich sei bereit, meine Einwilligung schriftlich zu erklären, und bezüglich der Bedingungen werde ich dem König, meinem Herrn, meine Blankounterschrift geben. Zugleich sagte ich jedoch, daß meine Stämme erst nach zwölf Ernten zum Aufbruch bereit sein könnten; so lange Zeit brauchte ich noch, um alle ihre Talente vollkommen auszubilden. Der König des Reiches Neunzig gab seine Zustimmung zu diesem Abkommen und sagte mir, er nehme meine Blankounterschrift an, nicht um nach seinem Ermessen die Bedingungen festzusetzen, sondern um die Bürgschaft für die Erfüllung derselben zu übernehmen; er selber werde nur im Einvernehmen mit mir unterschreiben. Der Megamikre, der mit mir gesprochen hatte, dankte mir mit sehr zufriedener Miene und wir fuhren alle nach der Stadt zurück, um die Vorstellung im Hoftheater zu besuchen; die Zuschauer bestanden nur aus den Vornehmsten von den Fremden und von den einheimischen Adligen; denn das Theater faßte nur zwölfhundert Personen. Ich befahl meinen Kindern, mit niemandem über diese Sache zu sprechen, aber die drei Jahre eifrig zu benutzen, um die geschicktesten Angehörigen ihrer Stämme in allen unseren Künsten vollkommen auszubilden. Drei Monate nach der Abreise der vier Könige empfing ich von der königlichen Depeschenkanzlei die vier Verträge, die alle völlig gleichlautend waren. Offenbar wollten sie mir dadurch bemerkbar machen, daß sie sich untereinander verständigt hatten: Das Oberhaupt des Stammes erhielt in der Hauptstadt einen Palast als freies Eigentum. Dieser Palast enthielt 1000 herrschaftliche Megamikrenwohnungen. Der Besitzer konnte ihn nach seinem Belieben ausbauen. Die Riesen erhielten sämtlich volles Bürgerrecht; ein Gebiet von 100 Topen ins Geviert, drei Meilen von der Hauptstadt entfernt, war ihr Eigentum. Ihnen wurde eine königliche Herrschaft zugewiesen, welche jährlich 100000 Goldunzen einbrachte. Sie hatten das Recht, auf ihrem freien Gebiet und innerhalb der genannten Herrschaft nach ihrem Gutdünken Tempel zu erbauen, um den Kultus der sogenannten christlichen Religion auszuüben. Der König las mir diese Bedingungen vor und gab mir dann meine Blankounterschrift zurück, indem er sagte, es sei meine Sache, meine Gegenbedingungen selber festzusetzen; er behalte sich nur das Recht vor, mir seinen Rat zu erteilen. Ich versicherte ihm, ich würde die mir gewährte Freiheit nicht mißbrauchen, und ging nach Hause. Dort versammelte ich die vier Kinderpaare um mich und schrieb im Einverständnis mit ihnen folgendes nieder: die Riesen würden an den Höfen der vier Könige genau so leben, wie sie stets am Hofe des Reiches Neunzig gelebt hätten und würden dort dieselben Künste und Gewerbe treiben mit Ausnahme des Papiermachens. Von jedem dieser vier gleichlautenden Verträge wurden drei beglaubigte Abschriften angefertigt; je eine davon wurde den Königen gesandt, die zweite in der königlichen Kanzlei hinterlegt, die dritte erhielten meine Söhne, die Philarchen. Ich verbrachte diese drei europäischen Jahre in der vollkommensten Ruhe. Am sechsten Tage des Jahres 47 brachen meine vier Stämme auf, begleitet von unseren Segenswünschen. Jeder Stamm hatte wegen der Umwege eine Strecke von 1300 Meilen zurückzulegen. Der Stamm Johannes zählte 640 Angehörige, der Stamm Matthias 530, der Stamm Ludwig 438, der Stamm Leopold 362. Dieser einzige Tag verminderte also die Zahl der bei uns anwesenden Riesen um 1970. Zu Beginn des Jahres 50 vermählte ich Tankred und Clorinde, mein letztes Zwillingspaar; ich ließ jedoch keine Einladungen dazu ergehen, denn gerade an diesem Tage sollten zwei königliche Eier sich öffnen, es war also großes Hoffest. Ich beeilte mich mit der Vermählungsfeier und begab mich mit meiner Frau in den königlichen Palast. Ich nahm Andreas und Lothar mit, ein sehr vornehmes Paar, das ich den Höflingen bekannt zu machen wünschte, da es in meiner Abwesenheit während der Reise nach Heliopalu den ersten Rang in meiner Sippe einnehmen mußte. Mein Landgut war eine schöne Stadt geworden, die in der Megamikrenwelt einzig in ihrer Art war, denn sie war die einzige, wo alles nach europäischen Maßen für uns Riesen gebaut war. Der König und sein Unzertrennlicher trugen die größte Gleichgültigkeit zur Schau; dies erforderte, wie ich schon bemerkt habe, der gute Ton. Sie gingen hin und her, plauderten mit uns und mit ihren Hofleuten über lauter Dinge, auf die man nur mit Verbeugungen oder zustimmenden Gebärden zu antworten brauchte. Er sprach Andreas seinen Glückwunsch dazu aus, daß er jetzt nach der Abreise seiner Brüder den ersten Rang einnehme. Dann wandte er sich zu mir und sagte, er glaube mir ein Kompliment darüber machen zu müssen, daß ich mich jetzt um meine häuslichen Angelegenheiten nicht mehr zu bekümmern brauche, da ich alle meine Kinder vermählt habe und daher die Sorge um ihre Familien ihnen allein überlassen könne. Während er mit mir sprach, hielt er seine Augen auf die Ecke geheftet, in der das Geburtssignal sich befand. Er glaubte, dies unbeobachtet zu tun – eine Einbildung, der merkwürdigerweise alle Könige sehr oft sich hingeben. Plötzlich sagte er in zärtlichem Ton seinem Unzertrennlichen, er habe Lust sich zu setzen. Sie setzten sich beide auf den kleinen Thron, natürlich erriet alle Welt sofort, was los war. Aber niemand verzog eine Miene oder sagte ein Wort. Eine Viertelstunde darauf traten der Bischof, alle Minister und die fremden Gesandten ein und überreichten dem Königspaar die Zeugen des Fortlebens seines Geschlechtes in Gestalt von zwei kleinen Roten, die man neben den König auf den Thron legte. Nachdem er die Huldigungen und Ehrfurchtsbezeugungen aller Anwesenden empfangen hatte, zog der König mit seinem Unzertrennlichen sich zurück. Die Zeit war herangekommen, meine längst geplante Reise nach Heliopalu und meinem Lehen Nummer Eins anzutreten. Ich versammelte meine noch bei mir gebliebenen sechsundzwanzig Söhne mit ihren Frauen, meinen Töchtern, um mich, nahm Andreas bei der Hand und befahl den anderen, in ihm mein zweites Ich zu sehen. Meine Frau gab Esther die Oberaufsicht über das Parthenon und machte Rosa, die Gattin Cäsars, zur Vorsteherin ihres Essenzenlaboratoriums. Ich übergab Cäsar meine Schmieden und Daniel die Leitung der Druckerei. Paul wurde Oberaufseher über das ganze Feuerwerkswesen, Lorenz erhielt meine Pulvermagazine und Laboratorien zur Verwaltung. Stefan Julius und Gottfried blieben Leiter der Geschütz- und Glockengießereien; die Gußmetalle, die ich ihnen übergab, hatten einen Wert von mehr als elf Millionen Goldunzen. Leon blieb mein Schatzmeister; eine Anzahl sehr tüchtiger Megamikren besorgten unter seiner Aufsicht die ganze Buchführung. Nachdem ich noch einige andere Anordnungen getroffen hatte, reiste ich eines schönen Morgens mit meiner Frau ab, ohne meinen Kindern ein Wort zu sagen und vermied auf diese Weise einen zärtlichen und tränenreichen Abschied. [Casanova beschreibt nun sehr ausführlich die Kultusvorschriften, die Eduard Alfred für die nach seinem Sinn etwas zurechtgemachte »christliche« Religionsübung erläßt, die Einweihung und Einrichtung seiner christlichen Tempel usw. Da alle diese Dinge schon vorher beiläufig von ihm behandelt worden sind, übergehe ich sie in dieser Bearbeitung und wende mich zu Ereignissen, die für den »Staat« (so muß man bereits sagen) der christlichen Riesen im Megamikrenlande von großer Bedeutung wurden.] Im Monat Juli des Jahres 53 kamen meine Frau und ich mit unserem kleinen Gefolge wieder in der Hauptstadt des Reiches Neunzig an; wir wurden auf meinem Landgut, das sich bereits zu einer schönen Stadt entwickelt hatte, mit großem Jubel empfangen. Ich fand alles in guter Ordnung und teilte mit meiner Frau die Herzensfreude, zu sehen, daß der Gottesdienst bereits nach den von mir erlassenen Regeln ausgeübt wurde. Ich ließ in meinem Lehen Eins 28490 christliche Riesen zurück. Mein ältester Sohn, Jakob, hatte in seiner Hauptstadt 654 Ehepaare; Richard hatte in der seinigen 549, Adam 461, Robert 385, Wilhelm 320. Der ganze Rest befand sich in den Seminaren. Der zweite und dritte Sohn Jakobs waren mit ihren Familien als Botschafter beim großen Helion in Heliopalu; der zweite hatte bereits 549 männliche Nachkommen, davon 89 verheiratete; der dritte 461 männliche Nachkommen, davon 76 verheiratete. Im Jahre 54 reiste ich mit meiner Frau nach meinem Lehen 216, indem ich wiederum Andreas an der Spitze meiner sechsundzwanzig Männer im Reiche Neunzig zurückließ. Ich hatte beschlossen, vierzig Megamikren-, also zehn europäische Jahre in diesem Lehen zu bleiben. Wir vergossen Freudentränen, als wir den blühenden Zustand sahen, worin unser Lehen dank der ausgezeichneten Verwaltung Theodors sich befand. Alle seine Nachkommen waren hervorragend gut erzogen. Die Einrichtungen, die Theodor auf allen Gebieten der Verwaltung getroffen hatte, waren ganz ausgezeichnet. Er legte mir genauste Rechnung ab und wies nach, daß ich trotz den großen Ausgaben über ganz gewaltige Kapitalien verfügen konnte. Ich bezahlte nicht nur sofort alle meine Schulden bei den Bankiers der Hauptstadt des Reiches Neunzig, sondern kaufte auch in dessen Gebiet Ländereien, deren große Einkünfte hinreichend waren, um meine sechsundzwanzig Stämme dort zu unterhalten, deren Kopfzahl sich alljährlich durch die Fortpflanzung um ein Fünftel vermehrte. Am ersten Tage des Jahres 55 weihte ich den Tempel ein und machte Theodor zum Patriarchen. Ich ließ zu diesem Tage meine anderen vier Söhne und deren Frauen aus ihren Residenzen nach der Hauptstadt des Lehens kommen. In demselben Jahr ernannte ich zwei von Theodors Söhnen zu Botschaftern beim König des Reiches Neunzig, ich gab ihnen dieselben Weisungen wie Jakobs beiden Söhnen für den Hof in Heliopalu. Sie reisten sofort mit ihren Familien ab; die des ältesten bestand aus 461 Paaren, die des zweiten aus 385. Sie erhielten Wohnung in einem großen Palast, den ich für sie gekauft hatte und der für die Kopfzahl der Botschafterfamilien stets ausreichen mußte, da der ältere von ihnen alle drei Jahre abgelöst wurde. Zu Anfang des Monats Februar schickte ich Heinrich, Karl David und Simeon auf ihre Statthalterposten zurück, nachdem ich Heinrich befohlen hatte, für den nächsten Jahrestag alle Anordnungen zur Tempelweihe zu treffen. An diesem Tage fand ich mich meinem Versprechen gemäß in Heinrichs Hauptstadt ein. Ich weihte den Tempel, machte Heinrich zum Exarchen und vollzog vierundsiebzig Trauungen. Beim Hinausgehen aus dem Tempel sagte ich zu Heinrich, daß es nach meiner Berechnung sechsundsiebzig Paare hätten sein müssen. Er antwortete mir: zwei von seinen Enkelpaaren seien seit acht Tagen nicht nur nicht vermählungsfähig, sondern schwebten geradezu in Lebensgefahr. Ich war über diese Nachricht höchst erstaunt. Seit fünfundfünfzig Jahren, die ich jetzt in der Megamikrenwelt war, hatte ich niemals, auch nur von dem geringsten Unwohlsein sprechen hören. Wie mußte also eine solche Meldung auf mich wirken! »Was ist das für eine Krankheit?« fragte ich, »warum habt ihr sie vor mir geheimgehalten?« »Ihr seid erst gestern angekommen und habt Euch sofort zurückgezogen, nachdem Ihr die Befehle für die Tempelweihe ausgegeben hattet. Heute früh aber vor dem Fest erschien es mir nicht angebracht, Euch eine Mitteilung zu machen, die Euch hätte aufregen können.« Ich warf einen Seitenblick auf meine Frau und es schien mir, als ob sie ihm recht gäbe. »Die Krankheit meiner vier Enkel«, fuhr Heinrich fort, »ist mir unbekannt. Judith bot alles mögliche auf, um sie zu überreden, einige Tropfen von einer gewissen Essenz zu nehmen; aber sie wollten nicht. Ich kann Euch weiter nichts sagen, als daß alle vier dieselbe Krankheit haben, denn die Symptome sind bei allen die gleichen. Seit acht Tagen haben sie nicht die mindeste Nahrung zu sich genommen; alle unsere Fragen sind vergeblich. Sie vergießen stromweise Tränen und verfallen in Zuckungen, die eine halbe Stunde dauern. Hierauf schlafen sie ein. Wenn sie erwachen, ist ihr Gesicht feuerrot und sie sind so schwach, daß sie nicht sprechen können.« Ich beschloß sogleich, mich persönlich von dem Zustand der Kranken zu überzeugen und ließ einen Wagen kommen. Ich war so niedergeschlagen, daß ich während der Fahrt kein Wort sprach. Meine ganze Sicherheit und mein ganzer Stolz waren mit einem Schlage ausgelöscht und ich sandte ein Stoßgebet nach dem andern zum Himmel. So, meine Herren, hatte dies plötzliche Unglück auf meine Seele gewirkt! Ich habe bemerkt, daß eine plötzlich unterbrochene Kette des Glücks auch den stärksten Geist bei dem geringsten Fehlschlag in Schrecken setzt. Wir stiegen im Ephebeion aus dem Wagen und betraten ein Zimmer, in dem ich den Jüngling schlafend fand. Seine Großmutter saß bei ihm und sein Vater stand daneben. Ich fragte, wo seine Mutter wäre, und meine Tochter Judith sagte mir, daß sie sie soeben verlassen hätte. Sie säße am Bett der Zwillingsschwester des armen Knaben, den ich hier schlummern sähe. Ich näherte mich ihm, ich fühlte ihm den Puls und erkannte, daß er in heftigem und krampfartigem Fieber lag. Ich bat Heinrich, mich zu dem andern im anstoßenden Zimmer zu führen, und empfand einen tödlichen Schmerz, als ich ihn sich in Krämpfen windend sah. Meine Frau sagte kein Wort, sie war totenbleich. Ich ließ mich in den Parthenon führen, – auch dort dasselbe Bild! Diese vier Besuche ließen mich vor Schreck erstarren, denn ich wußte nicht, was dabei zu tun wäre. Ich empfand bei dieser Gelegenheit nur das Gefühl meines Nichts. Fieber, Krämpfe, Zuckungen, Entkräftung, – ich konnte mich nicht erinnern, irgendwann einmal etwas über diese Krankheiten gehört zu haben. Einen Augenblick schauerte ich vor Schrecken, als meinen betrübten und verwirrten Geist der Gedanke durchzuckte, sie zur Ader zu lassen. Ich hielt das für eine Eingebung meines bösen Genius, der mich in Verzweiflung zu stürzen versuchte, indem er mich zu ihrem Henker werden ließ. Alle sahen mich in tiefe Gedanken versunken, – niemand wagte mich anzureden und mit meiner Frau war es ebenso bestellt. Sie, die soviel Vertrauen zu ihren Tränkchen hatte, traute keinem von ihnen die Macht zu, den armen Geschöpfen ihren Zustand zu erleichtern. Es schien mir dennoch, als hätte mich Gott gerade in diesem Augenblick hergesandt, um sie zu retten. Es wurde mir klar, daß, als Heinrich mir am Abend vorher das Unglück berichtet hatte, ich weder den Kopf noch die Kraft noch die geistige Ruhe gehabt hatte, um die notwendigen Maßnahmen zu treffen. Gott, sagte ich mir, hat mich deshalb nicht einen Tag früher hierherkommen lassen, weil er das große Werk der Religionsstiftung durch nichts unterbrechen lassen will. Auch in der Krankheit dieser Unschuldigen ist ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung verborgen, das ich noch nicht erkennen kann. Gott will etwas von mir. Dein Wille, o Herr, geschehe und gib, daß dein Knecht allem entsage, was ihn von deinen heiligen Gesetzen trennen könnte! Ich will den Blitzstrahl anbeten, den deine Hände entsenden, aber gewähre mir die Gnade, daß, wenn ich den furchtbaren Todesengel das Schwert über diese vier geliebten und unschuldigen Häupter zücken sehe, auch ich meinen Geist aufgeben möge, ja, daß ich hier im Ephebeion mein Grab finde! – Ich befahl alsdann, daß Heinrich und seine Frau ihren Geschäften nachgehen und mich mit Elisabeth dort lassen sollten. Man sagte mir, daß Eustachius, einer der Kranken, nicht mehr schliefe, aber ruhig wäre. Ich ging nun in sein Zimmer und bat seine Eltern, uns mit ihm allein zu lassen. Sie gingen weinend hinaus; denn Eustachius war ihr ältester Sohn. Der arme Knabe sah mich mit seinen matten Augen an und küßte mir und meiner Frau die Hände. Nachdem wir ihn zärtlich geküßt hatten, sagte ich ihm, daß Gott mich ausdrücklich hergesandt hätte, um ihn dem Leben zurückzugeben, daß er zu seines Schöpfers Ruhme und seiner Familie zur Ehre leben sollte. Doch würde ich nichts für ihn tun können, wenn er mich nicht durch sein volles Vertrauen unterstützen würde. Er drückte meine Hände, sah mich mit einem überirdischen Blick an und seufzte tief. Umsonst bat ich ihn, mir zu antworten. Er vermochte nur meine Hände zu drücken und zu küssen. Nun sagte ich ihm, daß ich ihm nur dann helfen könnte, wenn ich aus seinem eignen Munde hören würde, daß er mir die Kraft dazu zutraute. Er antwortete, er würde mir in allem, was ich anordnen würde, gehorsam sein. Ich machte ihm dann ein erfrischendes Milchgetränk zurecht, das er zu meiner großen Freude wenn auch mit Anstrengung herunterschluckte. Da ich alle vier beobachten wollte, hatte ich befohlen, mich sofort und als Ersten zu benachrichtigen, sobald sie ohne Krämpfe erwachten. Ich mußte also Eustachius verlassen, um mich zu seinem Vetter Hilarius zu begeben. Ich fand ihn im gleichen fieberhaften Zustand. Auch hier beschränkte ich mich darauf, ihm gut zuzureden und ihn darauf hinzuweisen, daß Gott mich zu seiner Rettung hergesandt hätte. Ich brachte ihn ebenfalls dazu, das erfrischende Milchgetränk zu sich zu nehmen, und es gelang mir, ihm die Worte zu entreißen, daß er seine ganze Hoffnung auf mich setzte. In vier weiteren Stunden besuchte ich nun die Mädchen, die ich aber viel kränker wie die Knaben fand. Ich konnte sie nicht zum Sprechen bewegen, doch verstanden sie, was ich sagte, und tranken, was ich ihnen reichte. Ursula, Eustachius' Schwester, verfiel vor meinen Augen in Krämpfe. Es war mir nicht entgangen, daß ihre Augen krampfhaft zuckten, als ich, um sie zu trösten, davon sprach, daß die Krankheit kein Grund wäre, um ihre Heirat zu hindern, denn ich hätte das Recht, ihre Ehe an jedem beliebigen Tage des Jahres einzusegnen. Als ganz junger Mensch hatte ich einmal etwas über krankhafte Zustände bei Frauen gelesen, die man als Nymphomanie bezeichnet. Doch wußte ich nicht, wie ich mich dabei verhalten sollte, war übrigens meiner Sache auch nicht ganz sicher. Heinrich kam und bat mich, etwas zu genießen. Ich sah ein, daß er recht hatte, aber ich wollte meine Kranken nicht verlassen. Da kam mir ein guter Gedanke, den ich sofort ausführte. Ich ließ alle vier Kranken in ihren Betten in dasselbe Zimmer tragen und dort an einem kleinen Tisch für Elisabeth und mich decken. Hier nahmen wir also unser Mittagsmahl ein, ohne die Kranken jedoch aus den Augen zu verlieren. Ich redete ihren Eltern zu, sich zur Ruhe zu begeben und uns mit den Kindern allein zu lassen. Im Nebenzimmer hatte ich alles, dessen ich bedurfte, bereitstellen lassen. Obwohl man uns ein bequemes Ruhebett hingestellt hatte, konnten wir davon keinen Gebrauch machen, denn bald bekam der eine, bald der andere Krampfanfälle, so daß wir fortwährend beschäftigt und beunruhigt waren. Da ich für diese Krankheit keine geeignete Arznei wußte, beschränkte ich mich darauf, die Kranken genau zu beobachten, alle Symptome zu studieren und ihre geringsten Bewegungen, Veränderungen wie auch den kleinsten Fortschritt zu überwachen. In der ersten Morgenstunde schickte mir Heinrich ein Briefchen, worin er bat, mit seiner Frau und den Eltern der Kranken hineinkommen zu dürfen, was ich gestattete. In diesem Augenblick schlief nur Anna, des Hilarius einzige Schwester. Die andern waren ruhig. Zwar hatte das Fieber eine schier tödliche Höhe erreicht, doch schienen sie weniger bedrückt. Auf die Frage, ob sie mit ihrem Zusammensein einverstanden wären, antworteten sie, indem sie sich zufrieden anlächelten und uns die Hände küßten. Nachdem ich ihnen alles berichtet hatte, was sich in der Nacht ereignet hatte, schickte ich sie wieder aus dem Zimmer und bat sie, erst wiederzukommen wenn ich sie rufen ließe. Ich war mir darüber klar, daß die Krämpfe im Grunde genommen nur unwillkürliche Bewegungen und gewaltsame Zusammenziehungen der Muskeln waren, die nur die Folge nervöser Erregungen sein konnten. Diese mußten von den Blutgefäßen des Gehirns herkommen, denn meiner Meinung nach wurzeln alle äußeren Bewegungen im Gehirn, da sie doch in gesundem Zustande vom Willen abhängen würden. Wenn also, sagte ich mir, die Krankheit im Gehirn ihren Sitz hat, so müssen die Kinder große Gemütsbewegungen durchgemacht haben, durch die der ganze Organismus in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Das schien mir noch die zutreffendste Erklärung zu sein, denn weder die Umgebung noch die Ernährungsverhältnisse konnten die Schuld an der Erkrankung tragen. So gut und richtig nun aber auch meine Betrachtungen sein mochten, sie halfen mir doch nicht, das passende Heilmittel zu finden. Wo sollte ich aber den verborgenen Schlupfwinkel finden, wo Gott und die Natur eine wirksame Arznei für Gehirnkrankheiten wachsen ließen? Aber schließlich, wenn die Krankheit durch seelische Aufregungen hervorgerufen war, dann konnte sie auch nur durch seelische Beeinflussung geheilt werden. Erst, wenn es mir gelang, die Ursache der Verzweiflung der Kinder zu ergründen, die ihnen vielleicht selbst nicht klar war, konnte ich einen heilsamen Einfluß auf sie ausüben. Die Besserung ihres Zustandes schrieb ich der Nahrungsaufnahme und der Tatsache zu, daß sie nun alle vier in einem Zimmer vereint und in meiner ständigen Gesellschaft waren. Die Krämpfe und das Fieber ließen nach. Als ausgezeichnete Speise für sie erwies sich ein Mus aus einer Art Äpfeln, die meine Frau einmal entdeckt hatte. Sie wuchsen wild an kleinen Sträuchern, die im ganzen Land verbreitet waren. Der Boden des Protokosmos ist ganz und gar von Kriechpflanzen überwuchert, die man nicht wie bei uns als Alchimelech bezeichnen kann, denn sie machen die Erde fruchtbar. Übrigens war, sobald der Krampf sich zu lösen begann, der Puls sehr stark, hart und beschleunigt. Ich fühlte ihnen, während ich von ihrer Heirat sprach, den Puls und merkte, wie er doppelt schnell schlug. Nachdem ich dies zweimal beobachtet hatte, wurde es mir ganz klar, daß die heftige Krankheit ihre Ursache in einem verfrühten Liebesgefühl, in der Ungeduld, sich zu verheiraten, gehabt haben mußte. Ich hütete mich jedoch, diese Beobachtung zu wiederholen, denn das Fieber stieg und die Krämpfe begannen aufs neue. Fast fürchtete ich, ihnen dadurch, daß ich sie zusammengebracht hatte, geschadet zu haben, denn die Erregung konnte verhängnisvoll für sie werden. Ich fragte darum jedes von ihnen, ob sie lieber wieder in ihr Einzelzimmer zurückkehren möchten, doch bekam ich von allen die gleiche Antwort. Sie sagten, eine Trennung würden sie nicht überleben. Der vierte Tag verging ohne Krämpfe, doch trat ein beständiges und krampfhaftes Gähnen auf. Auch das Fieber hielt an, ebenso eine erschreckende Schläfrigkeit. Sie waren sehr abgemagert und so schwach, daß sie nicht auf der Seite liegen konnten. Zwar hatte das Fieber die Krämpfe vertrieben, aber dabei war es auch geblieben und ich wußte nicht, wie und woher ich in einer Welt, die kein Fieber kannte, ein Gegenmittel dafür finden sollte. Ich entschloß mich daher, ihnen den Extrakt einer bitteren Wurzel zu geben, denn ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß alles Bittere gegen Fieber wirksam sei. Um sie aber nicht etwa zu vergiften, erprobte ich alles, was ich ihnen gab, zunächst an einer Amphibienart. Meine Frau zog den Extrakt aus der Wurzel und es hatte den Erfolg eines guten Abführmittels. Es dauerte nicht eine Woche, so war das Fieber verschwunden. Doch blieben ein große Mattigkeit und Traurigkeit zurück, verbunden mit einem förmlichen Widerwillen gegen jegliche Nahrung. Die dadurch hervorgerufene Entkräftung allein konnte tödlich werden. Da Liebe die Ursache der Krankheit war, wunderte ich mich sehr darüber, daß weder Eustachius noch Ursula das mindeste Interesse füreinander zeigten. Ein Bettschirm stand zwischen den vier Betten und trennte sie von Hilarius und Anna. Mir kam ein Gedanke. Ich wollte herausfinden, ob es vielleicht die Abneigung wäre, einander zu heiraten, die sie so krank gemacht hatte. Da Hilarius kräftiger wie Eustachius war, versuchte ich es zuerst mit ihm. Ich fragte ihn, ob er nach seiner Genesung gern sofort mit Anna vermählt werden möchte, oder ob er die Heirat lieber bis zum Anfang des Jahres 57 aufgeschoben haben wollte. Er antwortete mir, die Krankheit machte ihm den Aufschub erwünscht. Als ich Anna dieselben Fragen vorlegte, erwiderte sie, sie dächte genau wie ihr Bruder. Danach begab ich mich zu Ursula und Eustachius und erhielt dieselben Antworten. Elisabeth erzählte mir, daß die Mütter der Kinder ihr folgendes gesagt hätten: Weit davon entfernt, zu glauben, daß eine Liebesleidenschaft der Grund zu ihrer Schwermut sein könnte, hatten sie im Gegenteil bemerkt, daß sie seit dem Jahr, das sie im Ephebeion zubrachten, niemals ein Wort miteinander gewechselt hätten, obwohl sie alle Fünftag vorher Gelegenheit hatten, sich zu sehen und zu sprechen. Daraus schloß ich, daß die vier Kinder nur gegen die Person der ihnen bestimmten Lebensgefährten eine Abneigung haben mußten. Ich redete ihnen daher ganz sanft zu und versicherte ihnen, daß ich keinen innigeren Wunsch hätte, als sie wiederhergestellt zu sehen. Da ich nun sähe, daß sie einen Aufschub der Vermählung wünschten, so verspräche ich ihnen, sie sollten erst Mann und Frau werden, wenn sie selbst mich darum bäten. Da sie übrigens alle vier gleichgesinnt waren, so ließ ich den Wandschirm entfernen und sagte ihnen, sie sollten in ihrem gegenseitigen Anblick Trost und Mut finden ... Ich sah, wie sie einander gerührt mit den Händen Grüße zuwinkten, aber ich hielt das für Höflichkeit und Freundschaft. Nach drei Stunden hatte ich dann die große Befriedigung, daß sie etwas Fleischbrühe und ein Gläschen Feigenlikör zu sich nahmen. Ich sagte nichts, wunderte mich aber im stillen, daß Eustachius, der für seine Schwester Ursula, deren Bett zu seiner Linken stand, niemals ein Wort übriggehabt hatte, Anna, deren Bett sich zu seiner Rechten befand, ein kleines Kompliment machte, auf das diese sehr höflich antwortete, obwohl sie mit ihrem Bruder Hilarius niemals gesprochen hatte. Ich hatte meine stille Freude daran und verlegte mich nun weiter aufs Beobachten. Nachdem Hilarius mit Eustachius ein paar Worte gewechselt hatte, fragte er Ursula nach ihrem Befinden. Sie erwiderte, daß sie dank meiner Sorgfalt und Güte bald ihre frühere Gesundheit wiedererlangt haben würde. Ich hatte Mühe, mein Entzücken zu verbergen, und meiner Frau ging es um kein Haar anders, doch hüteten wir uns wohl, unser Schweigen zu brechen. Am andern Morgen fand ich meine Kranken schon etwas wohler, auch hatten sie ein wenig besseren Appetit. Wir versuchten, sie miteinander ins Gespräch zu bringen, doch waren sie noch so schwach, daß sie nur wenige Worte miteinander wechselten. Unter dem Vorwand, an ihre Tochter Wilhelmine zu schreiben, teilte mir meine Frau in einem Brief alle ihre Beobachtungen mit. Hilarius hatte sich vier Kopfkissen bringen lassen, um aufrecht sitzen zu können, und Ursula hatte es ebenso gemacht. Nun blickten diese beiden sich unverwandt an und Eustachius und seine Base Anna, deren Betten nebeneinander standen, taten ungescheut dasselbe. Ich erhob mich nun und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, angeblich um mir etwas Bewegung zu verschaffen, in Wirklichkeit aber, um sie unauffällig zu beobachten. Es war buchstäblich so, wie meine Frau mir geschrieben hatte. Die beiden Paare liebten sich! Es war nicht diese Neigung, die ich ungewöhnlich, wenn auch nicht merkwürdig fand, obwohl in meiner Nachkommenschaft zum ersten Male etwas derartiges vorkam. Auffallend war mir nur die Übereinstimmung und Gleichartigkeit dieser Leidenschaften. Diese zwei Paare waren die ersten Kinder zweier Ehen, die Heinrich vor zehn Jahren hatte schließen lassen. Mit der Genesung der armen Kinder ging es nun mit Riesenschritten aufwärts. Sie aßen am andern Tage regelrecht zu Mittag und ich veranstaltete ihnen zu Ehren in ihrem Zimmer ein kleines Konzert. Dazu lud ich Heinrich und Judith und ebenso die Eltern meiner Kranken ein. Während des ganzen Konzerts, wo sie sich wohl unbeobachtet wähnten, hing Eustachius mit den Blicken an Anna, während Hilarius seine Augen nicht von Ursula wandte. Ohne Heinrich meine Vermutungen, die mir schon zur Gewißheit geworden waren, mitzuteilen, fragte ich ihn, ob die Eltern irgendwelche Zuneigung bei den Kindern beobachtet hätten, da sie die frühere Abneigung gemerkt hatten. Nach drei Tagen kam Heinrich sehr niedergeschlagen zu mir. Er sagte, es wäre leider nicht zu bezweifeln, daß die beiden Paare sich gegenseitig liebten. Er wäre untröstlich über dies Unglück, denn er wüßte nicht, wie dem abzuhelfen wäre. Er könnte sich diese schrecklichen Verbindungen nur mit Schauder vorstellen. Nun tröstete ich ihn damit, daß es auf Erden kaum ein Übel gäbe, das nicht zu heilen wäre. Diese Angelegenheit versprach ich ihm persönlich zu ordnen, worauf er meine Hände küßte und wieder guten Mutes ward. Anfang Februar waren meine Kranken wieder völlig wohlauf. Im Einverständnis mit meiner Frau nahm ich sie mit auf eine Reise, die ich durch Heinrichs ganzen Bezirk machte. Wir besuchten sechzig Städte und Heinrich und seine Gattin Judith begleiteten uns stets. Die Reise dauerte bis zum Ende des Jahres. Während dieser Zeit verloren nun die Kinder alle Scheu vor uns und zeigten offen, daß sie sich liebten. Heinrich und Judith verloren kein Wort über die Angelegenheit, denn sie sahen, daß ich ganz einverstanden war. Doch verstanden sie mich nicht, denn wie Heinrich mir gesagt hatte, fanden sie solche Ehen schrecklich. Anfang Dezember rief ich meine sechs Reisegefährten in mein Zimmer und hielt ihnen folgende Ansprache, die ich mir vorher ausgearbeitet hatte. »Der Neujahrstag des Jahres 57 nähert sich, meine lieben Kinder, und ich werde morgen aufbrechen, um diesen Tag in Karls Hauptstadt zu verleben. Das ganze Jahr werde ich damit zubringen, seinen Bezirk zu bereisen und alles mit meinen eignen Augen zu prüfen. Im Jahre 58 werde ich dann bei David und im Jahre 59 bei Simeon sein. Gegen Ende dieses Jahres verspreche ich, euch zu besuchen. Auch ihr, Heinrich und Judith, werdet morgen abreisen, um bereits in drei Tagen mit diesen beiden blühenden Paaren, die ich dem Tode entrissen habe, in eurer Hauptstadt einzutreffen. Ihr müßt dann eure Vorbereitungen für die Feier des Neujahrstages treffen, aber an Stelle von neunundachtzig werdet ihr einundneunzig Ehen einsegnen. Auch diese vier Kinder, deren Hochzeit im vorigen Jahre nicht gefeiert werden konnte, werdet ihr vermählen, doch soll Eustachius nicht Ursulas sondern Annas Gatte werden, während Hilarius Ursula heimführen soll. Denn Gott will nicht, daß Ehen ohne Liebe geschlossen werden, sondern nur die, deren gegenseitige Liebe verrät, daß die Natur sie füreinander bestimmt hat, sollen sich vermählen. Aber das genügt noch nicht, drum hört mir aufmerksam zu! Gleich wenn ihr in eurer Hauptstadt angekommen seid, ruft die Eltern der Kinder zu euch und teilt ihnen meine Entschlüsse mit. Sagt ihnen, daß vom Neujahrstage 58 an zwischen ihren Familien eine beständige Verbindung bestehen soll. Die Liebe, die diese beiden Ehen stiftet, ist mir ein Zeichen Gottes. In diesen beiden Familien soll es nun hinfort so gehalten werden, daß nicht Zwillingsbruder und -schwester einander heiraten, sondern Vetter und Base. Ihr werdet, das weiß ich, bei den Eltern keinen Widerstand finden, und ihr alle werdet die Gesetze der Vorsehung, die mein Mund euch kundtut, preisen. Am Neujahrtage werdet ihr also unsern jungen Paaren hier den Segen erteilen, und ihr werdet mir zu Karl Nachricht geben, wie die beiden Familien diese Neuigkeiten aufgenommen haben.« Das war alles, was ich ihnen sagte. Heinrich und Judith schienen völlig versteinert, doch die vier Kinder warfen sich mir zu Füßen und sagten, sie fänden keine Worte, mir ihr Glück zu schildern. Ich meinerseits war hocherfreut, vier Menschenkinder mit so leichter Mühe glücklich gemacht zu haben, und dies um so mehr, als die Vorurteile meiner Erziehung mich eine Ehe zwischen Vetter und Base viel passender finden ließen wie eine solche zwischen Geschwistern. Nach vier Tagen traf ich bei Karl ein und nach weiteren vier Tagen teilte mir Heinrich durch einen Kurier mit, daß die Häupter der beiden Familien meine Anordnung nicht nur mit Ergebung sondern mit Freude begrüßt hätten, denn sie empfanden diese schönen Verbindungen als Auszeichnung gegenüber den andern. Nachdem ich am Stiftungstage meinen Pflichten nachgekommen war, bereiste ich mit meinem Sohn, dem Statthalter, seinen ganzen Regierungsbezirk, um alles in Augenschein zu nehmen. Der 5. Oktober war ein denkwürdiger Tag, denn er brachte mir eine große Überraschung. Heinrich teilte mir in aller Kürze mit, daß sowohl Ursula wie Anna entbunden worden waren. Aber während sonst stets ein Zwillingspärchen – Knabe und Mädchen – geboren wurde, hatte Ursula nur einem Söhnchen und Anna nur einem Töchterchen das Leben gegeben. Dieses Ereignis hatte meinen armen Heinrich ganz überwältigt. Der ganze Stamm war in Aufregung, denn sie alle faßten das als eine Strafe Gottes auf. Besonders bitter empfand er es, daß sowohl die Wöchnerinnen wie überhaupt die ganze Jugend des Ephebeions anstatt das verhängnisvolle Ereignis zu beklagen, sich darüber freuten. Er hielt das für ein Zeichen beginnenden Sittenverfalls in seiner Familie und unterbreitete alles meiner Weisheit. Von mir nur wollte er wissen, wie er sich zu verhalten hätte, denn Heinrich war der beste Sohn der Welt. Ich befahl dem Kurier, nach dem Mittagessen wiederzukommen, und nachdem ich die Sache eingehend mit meiner Frau besprochen hatte, schrieb ich folgende Zeilen: »Mein lieber Heinrich! Die beiden Entbindungen, die Du mir mitteilst, werden sowohl von mir wie von Deiner lieben Mutter als etwas angesehen, wofür ihr alle Gott zu Ehren am Neujahrstage ein Dankfest mit der schönsten Musik des ganzen Stammes veranstalten sollt. Bei dieser Gelegenheit sollst Du Deinen Kindern und Kindeskindern als meinen und Deinen Willen verkündigen, daß die neugeborenen Riesenkinder, sobald sie das Reifealter erreicht haben, die Ehe miteinander eingehen sollen. Wir küssen Dich und unsere liebe Judith und ich sende Dir den Segen des Allerhöchsten, als dessen Werkzeug ich mich fühle.« Nachdem wir allein waren, sprachen wir noch lange über das merkwürdige Ereignis. Wie sinnreich und gesetzmäßig wirkte doch die Natur! – Wir konnten ebenso die Freude der Jugend wie den Kummer der Eltern verstehen, die das Ereignis nur als schlechte Vorbedeutung auffaßten. Meine Kinder waren über alle natürlichen Vorgänge nur insoweit unterrichtet, als es mir beliebt hatte, sie aufzuklären, und ich hatte mich vollkommen auf das ihnen Notwendige beschränkt. So glaubten sie denn, daß es nichts Richtigeres und Natürlicheres geben könnte als das, was sie in unserer Familie erlebten, so daß sie nur die Ehe zwischen Zwillingen als etwas Vollkommenes und Wahres betrachteten. Ebenso begreiflich aber fanden wir die Freude der jungen Generation an diesem Ereignis. Nach kurzer Prüfung hatten die Jünglinge erkannt, wieviel reizvoller es sein mußte, eine Base wie eine Schwester zu heiraten, denn dadurch gewannen sie gewissermaßen etwas, was ihnen vorher noch nicht gehörte, und nach solchen Dingen verlangt das menschliche Herz. Die Mädchen dagegen freuten sich, daß die neue Verbindung sie von der Last befreite, zwei Kinder zu gebären und zu ernähren. Eins schien ihnen genug, um ihnen den Ruf der Fruchtbarkeit zu erhalten, worauf sie viel Wert legten. Alle Zöglinge des Ephebeions müßten zwar das Vorrecht dieser beiden Familien mit einigem Neid betrachten, doch konnten sie sich mit der Hoffnung trösten, einst dasselbe zu erreichen. Was mich anbelangt, so machte mir das alles nur Freude, denn es bedeutete für mich eine wichtige Entdeckung. Die Fruchtbarkeit meiner Nachkommen begann mich nämlich schon zu beängstigen, doch wußte ich kein Mittel dagegen. Nun aber gab Gott selbst mir ein solches in die Hand, so daß ich die Vermehrung auf die Hälfte einschränken konnte. Ich durfte mich sogar der Hoffnung hingeben, daß Gottes heiliger Wille, wenn die Zeit gekommen wäre, die Fruchtbarkeit noch mehr einschränken würde. Dabei mußte ich an das Wort eines großen italienischen Dichters denken: »Tarde non furon mai grazie divine!« – »Göttliche Gnaden kamen nie zu spät!« Nach fünf Tagen schon erhielt ich wieder einen Brief von Heinrich. Ein besonders schneller Kurier hatte ihn mir schon innerhalb achtunddreißig Stunden überbracht. Ich öffnete das Schreiben unter heftigem Herzklopfen, das ich zeit meines Lebens nicht überwand. Heinrich dankte mir zuerst, daß ich ihn würdig befunden hatte, meine Befehle auszuführen und meine Gesetze zu verkünden. Alle seine Kinder und Kindeskinder, auch die, die im Rufe besonderer Weisheit stünden, wären durch meine erhabene Lehre wieder vollkommen beruhigt. Er bat mich dann, ihm durch den gleichen Kurier, also auf die allerschnellste Weise, Antwort zukommen zu lassen, denn er bedürfte meines Rates und meiner Entscheidung in einer sehr dunklen Angelegenheit. Sämtliche Zöglinge des Ephebeions hätten ihm nämlich eine Eingabe überreichen lassen, die von dem größten Megamikren-Arzt des Ortes verfaßt und von ihnen allen unterzeichnet wäre. Sie erklärten darin kategorisch, daß sie sich nicht mehr mit ihren Zwillingsschwestern vermählen wollten, wohl aber mit der Base, deren Bruder ihre Zwillingsschwester heiraten würde, so wie es bei Eustachius und Hilarius der Fall gewesen wäre. Heinrich sah in dieser Eingabe vor allem das Verbrechen des Ungehorsams und hob hervor, wie sehr es der Vermehrung des Stammes schaden würde, wenn eine einmalige Erlaubnis zur Regel erhoben würde. Bei mir stünde nun die Entscheidung. Übrigens teilte er mir am Schluß des Briefes noch einen Umstand mit, der mein höchstes Interesse erregte. Bisher waren alle Frauen meines Geschlechts von Zwillingen entbunden worden, deren jeder einen Fuß und einen Zoll lang war, während das gemeinsame Gewicht zehn Pfund betrug. Die beiden neugeborenen Riesenkinder aus den Vettern- und Basenehen jedoch waren jedes einen Fuß acht Zoll groß und wogen jedes acht Pfund. Darüber war ich hocherfreut. In meiner Antwort machte ich ihm zunächst klar, daß die Eingabe der Ephebeionszöglinge nicht vom Ungehorsam diktiert wäre, vielmehr bereitete sich auf diese Weise ein Gott wohlgefälliges Naturgesetz vor. Ich befahl ihm, die 200 Jünglinge, deren Vermählung am nächsten Neujahrstage stattfinden sollte, mit ihren Eltern im Ephebeion zu versammeln und ihnen folgendes als meinen unabänderlichen Willen zu verkündigen. Von nun an verbot ich für Heinrichs ganzen Stamm die Geschwisterehen. Dafür setzte ich die Ehen zwischen Vettern und Basen als die allein Gott wohlgefälligen und gesetzlich zulässigen ein. Übrigens bestimmte ich noch, daß diese Ehen immer von Gleichaltrigen und immer innerhalb der beiden Familien geschlossen werden sollten, in denen sie angefangen hatten. Das Jahr 58 verbrachte ich bei David, den ich zum Statthalter beförderte. In der ersten Hälfte des Jahres 59 hielt ich mich dann bei Simeon auf. Da nun meine vier anderen Söhne, als sie von dem neuen Gesetz, das ich für Heinrichs Stamm erlassen hatte, Kenntnis bekamen, mich durch Eilboten anflehen ließen, ihnen die gleiche Gunst zu gewähren, so ließ ich dem ganzen Geschlecht der Riesen verkündigen, daß fortan die Geschwisterehen verboten, die Ehen zwischen Vettern und Basen aber zum Gesetz erhoben wären. Von meinem Lehen Heliopalu aus sandte ich dies Gesetz an den Patriarchen Jakob mit dem Befehl, es am Neujahrstage 60 in Kraft treten zu lassen. Ich sandte es ferner an meine Stadt Alfrede, an die Hauptstadt des Reiches Neunzig, an meine Gesandten und an Johann, Matthias, Ludwig und Leopold, die, wie man sich erinnern wird, in den vier Königreichen die herrschaftlichen Güter bewohnten. Viel Vergnügen bereitete mir übrigens eine Schmähschrift, die der Präsident der naturwissenschaftlichen Hochschule meiner Hauptstadt verfaßt hatte. Er war ein Megamikre mit einer Hautfarbe wie Milchkaffee. Wenn ich über dieses Pamphlet auch lachen mußte, so konnte ich mir andrerseits nicht verhehlen, daß es einige richtige Beobachtungen enthielt, z. B. daß ich die Gleichalterigkeit der Ehegatten aus nationalökonomischen Gründen zum Gesetz gemacht hatte. Im Monat Juni erschien ich plötzlich und unerwartet mit meiner Frau beim Statthalter Heinrich und seiner Gemahlin. Es machte mir großes Vergnügen, ein Vierteljahr bei ihnen zuzubringen, um mich an dem Glück meiner beiden jungen Paare zu erfreuen und die beiden Riesenkinder zu bewundern, die wirklich ungewöhnlich groß zu werden versprachen. Mitte Oktober traf ich im Königreich Siebenundachtzig ein, wo wir unsern Sohn Johann ausgezeichnet untergebracht fanden. Unsere Tochter Thekla führte uns ihre Neugeborenen vor und sagte, daß sie im nächsten Jahr ihr letztes Wochenbett zu überstehen hoffte. Sie erwähnte noch, daß alle jungen Mädchen glückselig wären, durch mein neues Gesetz zur Hälfte von einer so drückenden Verpflichtung befreit zu sein. Ich hörte ein leises Neidgefühl aus ihren Worten heraus, und wenn Thekla, die doch schon fast am Ende ihrer Laufbahn angelangt war, schon so empfand, was sollten da erst diejenigen sagen, die vor weniger als Jahresfrist ihre Brüder geheiratet hatten. Zwar trugen sie ihre Last geduldig, doch erleichterten sie sich wenigstens durch Aussprechen, wie einst der heilige Hiob, von dem sie übrigens nichts wußten. Johann erzählte uns zu unserer großen Freude, wie mannigfaltige Gnaden und Ehren er von dem König empfing. Er führte uns in seinen Tempel, sein Theater, seine Seminare, und als wir in sein Ephebeion kamen, ließ ich all die Jünglinge herbeirufen, um die Gattinen kennenzulernen, die man ihnen erwählt hatte. Ich vergoß Freudentränen, als ich die glücklichen Paare sah. Die jungen Leute liebten ihre Schwestern von ganzem Herzen, aber sie wollten doch bei weitem lieber ihre Basen heiraten. Den jungen Mädchen verbot ihr weibliches Schamgefühl, sich so offen auszusprechen. Ich küßte sie alle herzlich und versprach ihnen, die Trauungen selbst zu vollziehen. Johann stellte uns am andern Morgen dem Barcalon vor, der uns eine halbe Stunde darauf zum König führte. Das Königspaar empfing uns mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Man sprach viel von meinem neuen Gesetz, das zwar die Zahl meiner Nachkommenschaft auf die Hälfte einschränken würde, aber dennoch allgemeine Bewunderung fand. Dann ließen wir uns beim Erzbischof melden und wurden am nächsten Morgen zur Audienz befohlen. Er empfing uns zwar sehr freundlich, doch als ich ihn zum Feste der Religionsstiftung einlud, lehnte er das unter einem höflichen Vorwand ab. Von Johann erfuhr ich, daß er sehr fromm wäre, doch meinem Stamm nicht besonders wohlgesinnt, weil dieser mehr als 50000 Bäume von den Schlangen gesäubert hatte. Der fromme Prälat erwiderte meinen Besuch nicht. Mein Sohn erzählte mir, daß der König vor versammeltem Hofe seinen Unwillen darüber ausgedrückt hätte. Er machte dem Erzbischof den Vorwurf, daß er nicht bedacht hätte, welch ein Wundertäter der Riese Eduard wäre. Er wäre doch der Vater von 200000 Riesen und schon 300 Jahre alt. Auch wäre er der Summepiskopus seiner Religion und Herr zweier großer Lehen. Der Neujahrstag 60 verlief ungetrübt, das Stiftungsfest war ganz prächtig, und während des dreiviertel Jahrs, das ich dort zubrachte, ereignete sich nichts Bemerkenswertes. Ich stellte noch fest, daß die Natur sich nicht verleugnete, indem alle meine Urenkelinnen nur von einem Kinde entbunden wurden, und zwar brachten sie immer entweder einen Knaben oder ein Mädchen zur Welt. Dann reiste ich innerhalb zwanzig Tagen nach der Hauptstadt des Königreichs Achtundachtzig und traf Matthias und Katharina bei bestem Wohlsein an. Ich besuchte auch hier den Hof und ward mit großen Ehren empfangen. Dann beförderte ich meinen Sohn zum Statthalter und vermählte selbst sein ganzes Ephebeion gemäß meinem neuen Gesetz. Gegen Ende des Jahres reiste ich wieder ab und zwar nach der Hauptstadt von Neunundachtzig zu Ludwig und Charlotte, die vor Freude über unsere Ankunft fast außer sich gerieten. Am Neujahrstage 52 setzte ich Ludwig zum Statthalter ein und verlebte bei ihm neun weitere Monate unter immer neuen Festen. Sein Theater war das Entzücken des Königs, der den ganzen Stamm mit Ehren überhäufte. Anfang Dezember siedelte ich dann zu Leopold über. Sein schönes Seminar verdiente unsere höchste Anerkennung und seine Gießhäuser waren sehenswert. Er hatte übrigens für 600000 Unzen Schulden gemacht, die ich ihm aber bezahlte. Gerade als ich bei ihm war, berief der Große Genius ein ökumenisches Konzil in Heliopalu und zwar zwölf Jahre nach dem Datum des Urbitorbe. Die Teilnehmer des Konzils sollten sich gegen Mitte unseres Jahres 65 in Heliopalu einfinden. Man lud dazu alle Erzbischöfe der Welt und vor allem mich ein, ebenso meine beiden Söhne, die Patriarchen. Kein Mensch hatte eine Ahnung, aus welchem Grunde das Konzil einberufen wurde. Ich wunderte mich besonders darüber, daß meine Gesandten, die ich einzig und allein für solche Zwecke mit großen Kosten am Heiligen Hofe unterhielt, mir nicht früher etwas davon mitgeteilt hatten. Das große Konzil sollte acht Jahre dauern. Am Neujahrstage 63 weihte ich den Tempel ein und ernannte Leopold zum Statthalter. Am 8. Januar traf ein Eilbote ein, der mir einen Brief von Jakob brachte. Er schrieb mir, er hätte mich nicht eher von dem Konzil benachrichtigen können, weil er erst jetzt die Gründe dafür erfahren konnte. Der Hauptgrund war ein Ereignis, das der Große Genius nicht vorhergesehen hatte, obwohl bei uns schon ein kleiner Geist genügt hätte, um zu erkennen, was daraus entstehen mußte, wenn man im eignen Lande Fremde eine Religion frei ausüben ließ, die schöner war wie die eigene. Tatsache war, daß in meinem Lehen Heliopalu und in der Stadt Heliopalu selbst die Eingeborenen in Scharen unsere Gottesdienste besuchten und Tausende von ihnen die Taufe begehrten. Das war der Erfolg unserer schönen Liturgien, unserer Sitten und unserer klaren schlichten Gesetze. Ihre eignen Tempel verödeten in allen Städten, wo wir uns niedergelassen hatten. Die eingeborenen Christen beteten die Sonne nicht mehr an, sie gaben kein Geld mehr dafür aus, Orakel zu befragen; sie kamen zu uns, bei denen sie kostenlos Rat erhielten, und dadurch hatten wir den Zorn der gesamten Geistlichkeit auf uns gezogen. Der Heilige Hof wurde von klageführenden Erzbischöfen bestürmt, er antwortete ihnen durch sehr dunkle Orakelsprüche und tat nichts in der Sache, weil er sich nicht zu helfen wußte. Der Erzbischof meiner Hauptstadt begab sich endlich in Person an den Heiligen Hof und gab der Meinung Ausdruck, daß er bereits in zwanzig Jahren ein Hirte ohne Herde sein würde, wenn keine Gegenmaßregeln ergriffen würden. Bei diesem beunruhigenden Stande der Dinge berief der Große Genius ein allgemeines Konzil, zu dem er uns weniger ein - als vor lud. Ich entschied mich dafür, mit Jakob und Theodor hinzugehen, doch hatte ich nicht etwa nötig, mich zu beeilen. Ich nahm vier geschickte Augenärzte aus Leopolds Stamm mit mir, die den blinden Herzog der Republik Achtzig heilen sollten. Er war mir nämlich vom König des Reiches Neunzig empfohlen worden. Ich hatte nämlich Lust, diese Republik, die berühmteste von den zehn in dieser Welt noch übriggebliebenen Republiken, kennenzulernen. Ich brauchte zwanzig Tage, um die Hauptstadt der Republik zu erreichen. Um dort etwas zu essen zu bekommen, mußte ich einen ganzen Gasthof kaufen. Inzwischen ernährten wir uns von Feigenkompott, das wir mitgenommen hatten. Es gab wunderschöne Bauten in dieser großen Stadt. Auch war sie eigenartig und merkwürdig, sowohl was die Regierung als auch was die Denkart ihrer Bürger nicht nur, sondern die des ganzen Volkes betraf, und dadurch unterschied sie sich von allen andern Städten. So trugen z.B. alle Gelehrten Brillen, selbst wenn sie ausgezeichnet sahen. Die Edlen des Rates trugen eine Toga, ähnlich wie einst die Römer, und niemand, wer es auch sei, ließ sich in den Straßen ohne einen langen Mantel sehen. In den Häusern des Adels waren im Vestibül unzählige Gedenksteine aufgestellt, auf denen die Taten und Namen berühmter Vorfahren verzeichnet waren. Es waren Halbsäulen aus Galazith und anderen halbedlen Steinen. Prahlerische Inschriften auf viereckigen Marmorplatten sah ich überhaupt nicht. Man bediente sich ihrer nur für die Namen der Übeltäter und Geächteten. Die Uhren zeichneten sich durch ein Zifferblatt mit hundert Stunden statt deren zwanzig aus. Der Zeiger mußte also seinen ganzen Lauf vollenden, ehe eine Pentamaine vorüber war. Mit der einundzwanzigsten Stunde begann der Tag des Schmetterlings, mit der einundvierzigsten der Tag des Leichnams, mit der einundsechzigsten der Tag des Staubes, mit der einundachtzigsten der Tag des Eis, und mit der hundertsten Stunde war die Pentamaine zu Ende. Ich habe niemals ergründen können, wodurch sie zu einer um soviel klareren Zeiteinteilung gekommen waren wie alle andern in ihrer Welt. Ihr besonderes Steckenpferd war die Beredsamkeit, – sie sprachen überhaupt nur in Enthymemen. Der erste Satz war immer ein Paradox, der zweite erklärte den Sophismus und gerade diesen zweiten Satz erhoben sie stets zum Axiom. Sie waren mit großem natürlichen Verstande, leichter Auffassung und gewandter Ausdrucksweise begabt. Dazu kam, daß sie sich selbst sehr hoch einschätzten und allen, die ihnen mit Gegengründen kamen, eine ungeheure Verachtung entgegensetzten. Sie waren verwegen, aber nicht mutig, denn sie gaben ein Unternehmen leicht auf, wenn sie keine Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang hatten. Es fehlte ihnen an Beständigkeit. Sie waren Starrköpfe, auch da, wo es sich gar nicht verlohnte, und die einzige Art, sie zum Schweigen zu bringen, war, wenn man sie unsicher machte. Ihre unglaublich schlechte Erziehung hatte in ihnen einen geradezu impertinenten Hochmut großgezogen, den sie ganz offen zur Schau trugen. Als Republikaner waren sie natürlich von großer Verachtung gegen das Königtum erfüllt und waren sich selbst nicht klar darüber, daß ihre sogenannte Freiheit nichts weiter wie ein Zerrbild, – nämlich Gesetzlosigkeit und Willkür war. Ihre Staatsform war ebenso alt wie die Welt, in der sie lebten, und sie waren sehr stolz darauf, daß sie daran festgehalten hatten. Wer immer die Schäden der Regierung erkannte und sie zu bessern suchte, wurde als Revolutionär betrachtet. Diese verhaßten Rebellen suchte man dann zum allgemeinen Gespött zu machen, doch ertrugen sie das mit wahrhaft stoischer Ruhe. Wagte es einer dieser Geächteten, Widerstand zu leisten, so verschwand er eines Tages und wurde nie wieder erblickt. Die Furcht ließ alle verstummen. Niemand erkannte, daß zwar das Götterbild der Freiheit noch vorhanden war, daß aber die Göttin selbst längst entflohen war. Die Staatsräte hatten alle Gewalt in Händen. Sie wurden Konservatoren genannt und konnten ohne Gerichtsverfahren jedes Urteil, das sie zu fällen beliebten, vollziehen lassen. Sie fühlten sich verpflichtet, aufs strengste einzugreifen, sobald die Verfassung, die ihrer Meinung nach ein wahres Palladium war, von jemand angegriffen wurde. Sie glaubten nämlich, daß mit dem Untergang ihrer Verfassung auch der Untergang ihrer Republik kommen müßte. Im übrigen hingen sie eigensinnig am Alten und waren jedem Fortschritt unzugänglich. Auch in ihrer Redekunst fand sich keine Spur demosthenischen oder ciceronischen Geistes, sondern ihre Reden waren äußerst langweilig und pedantisch. Was ihre Religion anbetraf, so bestand sie in leeren äußerlichen Formen, die auf ihren Lebenswandel nicht den mindesten Einfluß hatten. Zwar verachteten sie die Priester nicht geradezu, doch freuten sie sich darüber, wenn diese sich selbst verächtlich machten. Hauptsächlich aber gefielen sie sich darin, allen Anordnungen des Großen Genius Widerstand entgegenzusetzen, um dadurch die Unabhängigkeit ihrer Republik darzutun. Eigentlich war die Republik ein reiches Land, – die schlechte Verwaltung hatte es dahingebracht, daß sowohl die einzelnen wie auch die Allgemeinheit unter dem Druck der Armut seufzten. Handel und Wandel lagen darnieder, denn die Gesetzgebung war nicht dazu angetan, den Wettbewerb anzuspornen. Genau so war es um die Landwirtschaft bestellt. Die Minister waren beschränkte Köpfe, die das Heil einzig und allein in der Sparsamkeit fanden. Sie konnten nicht ernten, wo sie nicht säten, und sie säten nicht, weil sie befürchteten, der Ernte verlustig zu gehen. Ihr Hochmut führte sie dazu, einen ungeheuren Luxus zu treiben, der weit über ihre Verhältnisse ging. Das ging so weit, daß Söhne, deren Väter gestorben waren, diese für zahlungsunfähig erklären ließen, um dadurch der Verpflichtung zu entgehen, deren Schulden zu bezahlen. Zwar war es verboten, Landbesitz an die Gläubiger zu verpfänden, doch fand man Mittel und Wege genug, um dieses Gesetz zu umgehen. Auf dem Wege der Bestechung war einfach alles erreichbar, weshalb man verarmten Adligen hohe Ämter gab, durch die sie Geld erpressen konnten. Ich lernte alle, die irgendwelchen Ruf genossen, bald kennen, wurde in alle Intrigen eingeweiht und war in kurzer Zeit bis ins einzelne über alles unterrichtet. Die Jugend dieses Landes war den schamlosesten Ausschweifungen ergeben, während die Alten ihre Lasterhaftigkeit heuchlerisch zu verbergen wußten. Angeblich erholten sie sich auf diese Weise von ihren schweren Regentenpflichten. Ihrer Meinung nach waren sie dem Staate so unentbehrlich, daß sie sich in ihrem Privatleben einfach alles erlauben konnten. Doch sahen sie mit größter Kleinlichkeit darauf, die Jugend im Stande der Unschuld zu erhalten, besonders sollte ihr alles, was die Fortpflanzung anbetraf, verborgen bleiben. Die eingeborenen Bastarde hatten, wenn sie aus den Eiern schlüpften, weder Käfige noch Wächter, die Roten hatten auch keine Käfige, wohl aber Wächter, und diese hatten strengen Befehl, aufzupassen, daß keine unpassenden Vertraulichkeiten zwischen ihnen vorkamen. Doch verheirateten sich diese Unzertrennlichen, indem sie sich von Herzen verachteten; Scham war ihnen ein ganz unbekannter Begriff. Ebensowenig waren sie einander treu, – ja, sie brüsteten sich öffentlich mit dieser Untreue, angeblich, um sich über niedrige Eifersucht erhaben zu zeigen. Das Familienleben war daher im allgemeinen äußerst unglücklich. Die Erziehung der Jugend lag hauptsächlich in den Händen von Tänzern. Allerdings waren sie meistens nüchtern, doch nur aus Todesfurcht und Altersschwäche. Auch bedienten sie sich in Konzerten eines vom Erzbischof verbotenen Reizmittels, das in Verbindung mit der Musik sie völlig berauschte. Über dies Verbot des Erzbischofs machten sie sich einfach lustig. Die Regierung der Republik lag in den Händen der Aristokratie. Man hätte meinen sollen, daß alle Willkür dort verhaßt gewesen wäre, und man tat auch so, als glaubte man das. Aber schon allein das Gesetz, das bei Todesstrafe verbot, über Staatsangelegenheiten zu sprechen, bewies das Gegenteil. Alle betrachteten sich gegenseitig mit äußerstem Mißtrauen, wie es einer so sittenlosen Verfassung entspringen mußte. Für Spione wurden Unsummen ausgegeben, und das Land bedurfte ihrer ja auch. Wie konnte es aber hier Glückliche geben, wo einer immer zum Verräter am andern ward! Es gab dort nur falsche Freunde und geheime Feinde. In jeder Gesellschaft mußte man in beständiger Angst schweben, auch nur den Mund aufzutun, denn man konnte nie wissen, ob nicht ein bezahlter Spitzel dabei war, der aus jedem harmlosen Wort ein Verbrechen zu machen verstand. Die Regierung dieses Landes mußte ihre eignen Räte mehr fürchten wie die benachbarten Fürsten, obwohl auch diese alle ihr feindlich gesinnt waren. Trotz ihrer Schwäche zeigte die Republik diesen nicht das geringste Entgegenkommen, sie brüstete sich vielmehr mit ihren Vorrechten. Kam ein neues Gesetz heraus, so wurde es gleich mit dem Zusatz verkündet, daß Übertreter die Todesstrafe träfe. Das Verdienst wurde nie anerkannt. Im Gegenteil; es war geratener, seine Verdienste zu verbergen. Wenn es wahr ist, daß das Einfachste auch das Vollkommenste ist, so war dies Land, wo alles möglichst verwickelt war, außerordentlich weit von der Vollkommenheit entfernt. Doch die Macht der Gewohnheit ließ das unwissende Volk nicht nur seine Ketten nicht fühlen, sondern es betete seine Tyrannen noch förmlich an. Dies Land, von dem ich Ihnen, meine Herren, eine so wenig verlockende Schilderung entwerfe, verstand es dennoch, den Schein seines alten Glanzes aufrechtzuerhalten. Trotzdem es mehr und mehr verarmte, entwickelte es bei festlichen Anlässen eine verschwenderische Pracht. Bei Besuchen fremder Fürsten wurde stets Befehl gegeben, nichts zu sparen. Auf diese Weise suchten sich die Staatsräte über ihre schlechten Finanzen zu täuschen. Sie machten neue Schulden, nur um fremde Fürsten prunkvoll aufnehmen zu können. Innerlich wurden sie dabei fast von Groll zerfressen, doch war ihr Hochmut noch stärker wie ihr Geiz und half ihnen, ihre Mißstimmung zu verbergen. Zehn Tage nach meiner Ankunft wurde ich von dem Gesandten des Königreichs Neunzig, wie auch von dem des Großen Genius, dem Herzog, der gleichzeitig das Oberhaupt der Republik war, vorgestellt. Er saß auf einem Thronsessel inmitten seiner Räte und Barcalons, als er mich mit meiner Frau und unsern Kindern empfing. Meine Frau und ich erhielten Sessel ohne Armlehnen, meine Kinder mußten auf Schemeln Platz nehmen. Es schien, daß der blinde Fürst mir einige besonders verbindliche Worte sagte, doch verstand keiner von uns seine Sprache. Am andern Morgen sandte man uns zwei Edle, die in höherem Alter Senatoren werden sollten, angeblich, um uns überall Zutritt zu erwirken und für unsere Unterhaltung zu sorgen. In Wirklichkeit sollten sie uns heimlich beobachten und über alles, was sie ausspionierten, Bericht erstatten. Man glaubte mir nämlich nicht, daß ich nur aus Wißbegierde und um dem Herzog das Augenlicht zurückzugeben hierhergekommen wäre; vielmehr schob man mir geheime politische Gründe unter, die ermittelt werden sollten. Die Unzertrennlichen dieser beiden Abgeordneten waren schöne Geschöpfe, die uns durch ihre Munterkeit sehr erheiterten, während die Abgeordneten selbst sehr einsilbig blieben. Während der Feste, die man uns gab, blieben die Unzertrennlichen immer an unserer Seite, denn während die Abgeordneten damit beschäftigt waren, Befehle zu erteilen, mußten sie sie ja bei uns lassen. Die so liebenswürdigen Geschöpfe amüsierten sich damit, alle ihre republikanischen Bräuche ins Lächerliche zu ziehen. Sie machten sich weidlich lustig über ihre würdevollen Unzertrennlichen und waren überhaupt sittenlose Geschöpfe, die sich ein Vergnügen daraus machten, unpassende Fragen an uns zu stellen. Wenn wir über diese Schamlosigkeiten erröteten, so brachte sie das keineswegs in Verwirrrung, – im Gegenteil, es erhöhte ihr Vergnügen. Nach ihrer Auffassung war Neugier ein Laster, das nur bei wichtigen Dingen erlaubt war. Doch hielt es schwer, solche Dinge in einer Welt zu finden, in der ihnen alles wie ein Spiel erschien. Der Herzog ließ mir zuerst sagen, daß er meinen Besuch zu einer mir genehmen Stunde erwidern würde. Ich entgegnete darauf, daß ich ihn im Gegenteil zu jeder von ihm gewählten Stunde aufsuchen würde. Sein Bote, der ein echter Roter zu sein schien, lud mich dann auf die zweiundsiebzigste Stunde ein. Der Tag der Pentamaine war der des Staubes, es mußte also die zwölfte Stunde dieses Tages sein. Ich ging mit meiner Frau und den Augenärzten hin und fand ihn in Gesellschaft seiner Gemahlin, seines ältesten roten Zwillingspaars und zweier seiner Räte. Meine Söhne waren schon vorher dagewesen und ich fand ihre Meinung bestätigt: die Blindheit war heilbar. Ich setzte für die Operation die erste Stunde des kommenden Tages fest. Aber als er hörte, daß wir dabei allein sein müßten, bat er mich um Aufschub. Er wollte mir eine Stunde angeben lassen, die ihm wie mir gleich genehm wäre. Ich war recht erstaunt, daß er so gar keine Eile hatte. Am nächsten Morgen hörte ich, daß er mich weder empfangen noch ohne seine Räte zu mir kommen könnte. Er hatte die Erlaubnis der großen Konservatoren seiner Republik nachgesucht, war aber von allen dreien abschlägig beschieden worden. Der arme Fürst mußte nun an den Rat der Siebzehn, dessen Mitglied er war, appellieren. Es wurde nur eine Stimme zu seinen Gunsten abgegeben, und das war seine eigene, was uns sehr komisch erschien. Ich konnte durchaus nicht einsehen, warum der weise Rat den Fürsten blind erhalten wollte. Er mußte nun eine Eingabe an den Senat richten. Ein Senator beantragte, sie abzulehnen, und verbreitete sich drei Stunden darüber. Dann hielt ein blinder Senator eine vierstündige Gegenrede, auf die der erste nochmals das Wort ergriff. Dann erst schritt man zur Abstimmung. Da man zu keiner Einigung gelangte, wurde die Sitzung auf den nächsten Tag vertagt. An diesem Tage trat wieder ein blinder Senator mit so viel Wärme für die Sache ein, daß zwei der Senatoren ihre Ansicht änderten und die Eingabe nun wenigstens zur Verlesung kam. Der Herzog erbat in dieser Eingabe, mich ohne Begleiter aufsuchen zu dürfen, um von seiner Blindheit geheilt zu werden. Nun kam es zur Abstimmung. Ein Senator schlug vor, durch Ballotage, die man »die große Angst« nannte, die Entscheidung herbeizuführen. Auch sollten die dreizehn blinden Senatoren ausgeschlossen werden, da sie parteiisch für den Herzog wären. Die Sache wurde tatsächlich so entschieden und die Eingabe wurde abgelehnt. Im ganzen waren es 216 Senatoren. Zugunsten des Herzogs wurden 188 Kugeln abgegeben, zu seinen Ungunsten 28. Da das Gesetz »der großen Angst« nun bestimmte, daß wenigstens [7/8] notwendig waren, wurde die Eingabe abgelehnt. Der Herzog ließ mich nun wissen, daß er sein Gesuch nun zweimal wiederholen könnte. Sollte der Senat darauf bestehen, ihm die erbetene Gunst zu versagen, so wollte er sich an den großen Rat wenden. Ich muß gestehen, Mylords, daß ich empört, ja geradezu zornig war. Ich fand das ebenso unerhört wie unglaublich. Mit lauter Stimme protestierte ich gegen solch Verfahren, doch meine Abgeordneten bewahrten eisiges Schweigen, während ihre Unzertrennlichen sie mit den unverschämtesten Sticheleien zu reizen versuchten. Ich ging nun mit mir selbst zu Rate und beschloß, die dreizehn blinden Senatoren in Begleitung der Abgeordneten aufzusuchen. Zehn waren zu heilen und ich entschied mich dafür, sie zu operieren. Gleichzeitig bat ich den Herzog, die erneute Eingabe an den Senat noch aufzuschieben, bis ich die Blinden geheilt hätte. Dies geschah in Zeit von weniger als drei Pentamaines, und zwar waren außer mir nur meine Augenärzte an dem guten Werk beteiligt. Am Tage, als der Fürst die zweite Eingabe einreichte, begaben die Geheilten sich in den Senat. Die gleiche Ballotage fand statt und entschied diesmal zugunsten des Fürsten. Es gelang mir, dem Herzog das Augenlicht zurückzugeben, und aus Dankbarkeit, weil ihm nichts Besseres einfiel, setzte er beim großen Rat meine Aufnahme in den Adelsstand durch, allerdings mit der Einschränkung, daß der Adel nicht erblich war. Der Groß-Kanzler selbst überreichte mir das Diplom. In feierlicher Audienz dankte ich dem Herzog und dem großen Rat und dann nahm ich Abschied. Auch von meinen Abgeordneten und ihren niedlichen Unzertrennlichen verabschiedete ich mich dankend und schenkte jedem von ihnen 10000 Unzen Goldes. Die reichen Geschenke der zehn geheilten Senatoren hatte ich abgelehnt, doch wollten sie mir an Großmut nicht nachstehen. Sie kauften ein Grundstück, auf dem sie einen Palast errichten und einen Garten mit 200 Bäumen anlegen ließen. Die Besitzurkunde sandten sie mir zu. Ich hatte mich bereits dafür entschieden, gegen Ende des Monats abzureisen, als mir mein Sekretär einen Edelmann meldete, der mich durchaus unter vier Augen sprechen wollte. Seinen Namen wollte er nur mir selbst nennen. Ich ließ ihn eintreten und er überreichte mir zunächst ein Schreiben des Ministers und Staatssekretärs des Reiches Neunzig, das ihn im Namen des Königs bei mir legitimierte. Dann machte er mir folgenden Vorschlag: »Ich bin beauftragt, Durchlaucht, Euch im strengsten Vertrauen folgenden Vorschlag des souveränen Herzogs des Lehens Zweihundertzwei dieser Republik zu unterbreiten. Der Herzog, dessen Familie seit vierzehn Generationen im Besitz des Lehens ist, hat keinen Erben. Er kann auch nicht mehr auf Nachkommenschaft hoffen, da ein Unglücksfall ihm seinen Unzertrennlichen geraubt hat. Er will nun einem Eurer Stämme ein Gebiet überlassen, dessen Besitzer er ist. Es wohnen 1000 edle Familien dort und er will auf jede Bedingung eingehen, die Ihr ihm vorschreiben werdet, während er gar keine Bedingungen stellt. Der Gesandte meines Herzogs am hiesigen Hof weiß nichts von meiner Mission und Ihr würdet mich überglücklich machen, wenn Ihr das Anerbieten meines Herzogs annehmen würdet.« Ich nahm das Schreiben in Empfang, ließ ihm eine Erfrischung reichen und ersuchte ihn, am andern Morgen wiederzukommen. Nachdem ich die Sache mit meiner Frau besprochen hatte, sah ich, daß ich nichts riskierte, wenn ich dem Herzog meine Vorschläge machte. Ich übergab also am nächsten Tage dem Unterhändler ein Schreiben und schob meine Abreise noch bis zu seiner Rückkehr hinaus. Ich schlug dem Herzog vor, ihm einen Stamm von mindestens 400 Verheirateten zu senden und forderte für ihn freie und gesetzliche Besitzrechte an dem Grund und Boden, mit dem Recht, dort Tempel und Häuser zu erbauen. Ebenso verlangte ich, daß dem Stamm im ganzen Lehen das Bürgerrecht eingeräumt würde. Ich meinerseits verpflichtete mich, in seinem ganzen Staat alle Einrichtungen und Verbesserungen einzuführen, die meine Nachkommenschaft in den von ihr bewohnten Ländern eingeführt hatte. Auch versprach ich ihm, mich persönlich an seinen Hof zu begeben und die bindenden Abmachungen zu treffen, sobald sein Beauftragter mir die einleitenden Bedingungen unterzeichnet zurückbrächte. Schon zwanzig Tage später hielt ich die Genehmigung meiner Bedingungen in Händen. Sie waren mit dem Privatsiegel des Fürsten versehen; denn er wollte nicht, daß die Sache vor der Zeit seinem Ministerrat bekannt würde. Der Unterhändler reiste mit dem Auftrag ab, für mich ein Haus zum Preise von 10000 Unzen zu erwerben. Den Kaufpreis gab ich ihm in Anweisungen auf die große Bank der Republik. Dem Herzog schrieb ich, daß ich ihm in fünf bis sechs Pentamaines meine Aufwartung machen würde. Drei Tage nach der Abreise des Megamikren machte mir einer der ältesten und angesehensten Senatoren einen Besuch. Er kam in der siebenundneunzigsten Stunde, d. h. drei Stunden nachdem der Tag des Eis vorüber war. Ohne sich auch nur im geringsten wegen der unpassenden Stunde, die er für diesen Besuch gewählt hatte, zu entschuldigen, redete er mich folgendermaßen an: »Wir wissen, daß Ihr fast zu schnell mit dem Herzog von Zweihundertzwei einen Vertrag schließen wollt. Nach dem Tode des Herzogs fällt uns das Lehen zu, da er weder Nachkommen hat, noch solche erhoffen kann. Durch seine Verschwendungssucht hat er ungeheure Schulden gemacht, die nach seinem Tode durch Verkauf seiner Allodialgüter gedeckt werden sollen. Dazu gehört auch das Gebiet, das er Euch angeboten hat. Ihr seht also, mein lieber Vizeherzog, wieviel Ihr dabei aufs Spiel setzen würdet. Wir sind fest davon überzeugt, daß Ihr ihm kein Gehör geschenkt hättet, wenn Ihr recht berichtet gewesen wäret. Dadurch, daß wir Euch diese Mitteilung machen, wollen wir Euch den Beweis unserer aufrichtigen Freundschaft geben. Ich gehöre zum Rat der Siebzehn, und da ich Eure Charaktereigenschaften wie Euren Geist bewundere, habe ich mich gern dieser Aufgabe unterzogen. Wir wissen, daß die Verhandlungen noch nicht zum Abschluß gekommen sind. Nehmt also unsern Rat an und tretet zurück, ehe es zu spät ist. Wir würden es sehr bedauern, wenn Euch gerade in unserm Lande solch ein Mißgeschick träfe.« Nachdem er seine kleine Ansprache beendet hatte, wandte er sich an meine Frau, um mir Zeit zu lassen, meine Antwort zu überlegen. Er nahm eine Arzneiflasche vom Tisch, und während er sie hin und her drehte, fragte er nach ihren Eigenschaften. Die ganze Sache hatte mich doch überrascht. Es sollte alles im tiefsten Geheimnis vor sich gehen und nun war es bereits bekannt. Eines der Häupter der Republik kam selbst zu mir, um mir abzuraten und teilte mir auch die Gründe dafür mit. Es konnte ja wahr sein, was der Senator von dem Prinzen erzählte, und niemand war da, um mir das Gegenteil zu beweisen. So antwortete ich ihm denn ohne Zögern ungefähr folgendes: »Ich bin Ihnen, Herr Staatsrat, zu größtem Dank verpflichtet, daß Sie sich selbst der Mühe unterzogen haben, mir diese Mitteilungen zu machen, die von einem schmeichelhaften Interesse Ihrer hohen Behörde für meine Person zeugen. Ohne Ihre dankenswerten Aufklärungen hätte ich, wie ich gestehen muß, diese für mich wichtige Angelegenheit wahrscheinlich allzu schnell abgeschlossen. Ich möchte nun aber nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und diese Verhandlungen etwa voreilig abbrechen. Ich werde mich daher persönlich an Ort und Stelle begeben und mich dort eingehend über alles unterrichten. Sehe ich mich dann veranlaßt, die Verhandlungen abzubrechen, so werde ich das Ihrem Rat zu danken haben.« Mit dieser Antwort schien der Senator sehr einverstanden zu sein, und dies um so mehr, je weniger er es in Wirklichkeit war. Wäre er in Wahrheit zufrieden gewesen, so hätte er sich kühl und gleichgültig gezeigt. Das ist nämlich die Art dieser vornehmen Republikaner. Sie bilden sich ein, undurchdringlich zu sein, aber sie sind sehr leicht zu durchschauen. Sie verfügen zwar über viel Verstand, doch sind sie nicht gebildet genug, um ihn in der rechten Weise anzuwenden. Ehe der Senator aufbrach, teilte er uns noch seinen Namen mit und forderte uns auf, ihn zu besuchen. In den Ruhestunden würden wir ihn stets zu Hause antreffen. In dieser Zeit pflegte er nämlich Besucher zu empfangen. Ich schrieb nun an den Barcalon des Königs des Reiches Neunzig und bat ihn, nachdem ich ihn von allem unterrichtet hatte, mir einen zuverlässigen Mann zu senden, der mich in der Hauptstadt des Lehens erwarten sollte. Von ihm wollte ich dann volle Klarheit haben und seinen Rat befolgen. Ich bat noch, daß er diesen Beamten gleich dem Sekretär, der ihm den Brief überbrächte, mitgeben möchte. Wenige Tage darauf sandte ich dem Statthalter Leopold seine Augenärzte zurück, die ihre Zeit dazu verwendet hatten, einer Anzahl Blinden unentgeltlich das Augenlicht wiederzugeben. Wir erwiderten nun den Besuch des alten Senators, der uns aufs gastlichste aufnahm und uns sein ganzes, zwar sehr großes, aber unschönes Haus zeigte, auf das er nichtsdestoweniger sehr stolz war. Als besondere Merkwürdigkeit führte er uns in eine Art Hof, der durch die bogenförmige Öffnung zwischen zwei Mauern gebildet wurde. Er pries dies als ein Stück geradezu göttlich schöner Baukunst und hob hervor, daß es auch besonders durch sein Alter noch bemerkenswert wäre. In dieser Weise renommierte er dann weiter, am meisten mit den Gedenktafeln seiner Ahnen, deren Taten bis in graue Vorzeit zurückreichten. Als wir uns verabschiedeten, sagte er, wir brauchten den beiden Abgeordneten nichts von diesem Besuch zu erzählen. Fünf Wochen später erhielt ich einen Brief meines Sekretärs, in den ein Schreiben des Barcalons des Königs von Neunzig eingeschlossen war. Der Sekretär teilte mir mit, daß er im Begriff wäre, mit dem ihm für mich vom Minister mitgegebenen Ratgeber abzureisen. Der Minister schrieb, daß er genau nach der Vorschrift des Königs handelte, indem er mir den fähigsten Beamten des Auswärtigen Amts zur Verfügung stellte. Ich setzte nun meine Abreise für den Tag des Staubes fest, obgleich er zu den Unglückstagen zählte. Vier Stunden vorher kam der alte Senator. »Ich will Ihnen nur glückliche Reise wünschen,« sagte er, »und überreiche Ihnen gleichzeitig das Abschiedsgeschenk der Republik, das einem Manne Ihrer Verdienste gebührt.« Mit diesen Worten überreichte er mir eine farbig ausgeführte Urkunde mit dem Großsiegel der Republik. Ich las, daß man mir ein umfangreiches Territorium für den Stamm Cäsars zum Geschenk machte, den ich eigentlich zu ihrem Lehnsfürsten hatte ziehen lassen wollen, und zwar zu den gleichen Bedingungen, wie ich sie dem Fürsten vorgeschrieben hatte, ja, zu meinem Erstaunen stimmte alles wörtlich mit dem Kontraktentwurf überein, den ich dem Fürsten gesandt hatte. Das merkwürdigste aber war, daß sie auf Cäsar verfallen waren, denn ihn hatte ich tatsächlich für die neue Ansiedelung bestimmt, da Andreas, das Haupt des fünfzehnten Stammes, von mir dazu ausersehen war, Statthalter und Gouverneur meiner Stadt Alfredopolis zu werden. Aber wie konnten sie Pläne kennen, die außer mir nur meiner Frau bekannt waren? Das bestätigte mir, daß politische Prophezeiungen stets auf Wahrscheinlichkeitsschlüssen beruhen. Übrigens ließ die Schlußklausel das ganze Geschenk illusorisch werden, ich sollte mich nämlich verpflichten, auf das mir vom Herzog angebotene Gebiet zu verzichten. Ich versicherte ihn meiner Ergebenheit und Dankbarkeit und versprach, ihm von der Hauptstadt des Lehens aus zu schreiben. Nachdem er mich nochmals ermahnt hatte, Wort zu halten, verabschiedete er sich, und fünf Stunden darauf verließen wir die schöne Stadt. Innerhalb zwölf Tagen erreichten wir unser Ziel, wo mich mein Sekretär mit zwei schönen Grünen erwartete. Es war der vom König gesandte Ratgeber mit seinem Unzertrennlichen. Mein Haus war viel schöner, als ich es für die 10000 Unzen, die ich dafür ausgeworfen hatte, hatte erwarten können. Besonders die innere Einrichtung überraschte mich durch ihren erlesenen Geschmack. Sie allein mußte schon das Doppelte gekostet haben. Als der Unterhändler mir eine halbe Stunde später den Kaufkontrakt überreichte, willigte ich lächelnd ein, das kostbare Geschenk anzunehmen, und bat ihn, mich für den nächsten Tag zur Audienz anzumelden. Mit meiner Frau und allen meinen Leuten, die ich zur Furchtlosigkeit erzogen hatte, verbrachte ich eine Stunde im Garten, wo ich achtundvierzig Schlangen erschlug, gegen deren Zischen ich längst abgehärtet war. Ich hatte mich daran gewöhnt, keine mir lästigen Rücksichten mehr zu nehmen. Der Fürst dieses Lehens war ein prunkliebender Verschwender. Bereits im zartesten Alter zur Regierung gelangt, hatte er natürlich einen Unzertrennlichen mit denselben Neigungen und zwar bevorzugten beide alle kostspieligen Vergnügungen. Der Tag seiner Thronbesteigung wurde alljährlich aufs prächtigste gefeiert und alle, die neue kostspielige Unterhaltungen erfanden, wurden seine Günstlinge. Er hatte von seinen Vorfahren ungeheure Reichtümer geerbt, aber er hatte es fertiggebracht, nicht nur seinen Barbesitz vollständig zu verschwenden, sondern man sagte ihm sogar nach, daß er Landbesitz verpfändet hätte. Die Hauptaufgabe seiner Minister bestand darin, immer neue Mittel und Wege zu ersinnen, um Geld zu beschaffen, damit er seiner wahnsinnigen Verschwendungssucht frönen konnte. Seine Untertanen waren seine Gläubiger und durch ihn reich geworden, denn ihnen flossen seine Gelder zu, – alle seine Einkünfte waren ihnen verpfändet, um damit rückständige Schulden und Zinsen zu begleichen. Die Sittenverderbnis war hier noch viel schlimmer wie in der Hauptstadt der Republik. Mit schamloser Frechheit machten sich hier alle Arten der Ausschweifungen breit, – weder religiöse Vorschriften noch die Gebote der Ehre spielten hier die geringste Rolle. Die Ehre war ja nach hiesigen Ansichten überhaupt ein illusorischer Begriff. Auch die Scham wäre etwas ganz Rückständiges, ein kindisches Vorurteil der Unwissenheit. Wer einen einwandfreien Lebenswandel führte, wurde mit Hohn und Spott überschüttet, verdienstvolle Männer wurden lächerlich gemacht und zogen sich am besten in die Verborgenheit zurück. Die Richter waren bestechlich, Willkür war an der Tagesordnung, Erpressung war direkt erlaubt und die Heiligkeit der Ehe durchaus nicht respektiert. Selbst die Priester, die doch äußerlich einen gewissen Anstand bewahren müßten, hatten längst die Maske abgeworfen. Sie hatten es aufgegeben, dies Land noch bessern zu wollen, und lebten nun genau so sittenlos wie alle andern. »Worauf sollten wir denn Rücksicht nehmen?« fragten die Alfaquins, »es kommt ja doch nichts dabei heraus.« Sie waren bei allen Festen die Ausgelassensten, spotteten am ruchlosesten über den Orakelglauben und die, die noch daran festhielten. In solchem Lande mußte natürlich schon das zum Leben Notwendige teuer sein, geradezu unerschwinglich aber waren alle Luxusgegenstände und Vergnügungen. Das Handwerk wurde verachtet, man mußte freilich arbeiten, um zu leben, doch sind die Lasterhaften immer Müßiggänger, die nicht arbeiten wollen. Nun gab es hier überhaupt nur Lasterhafte. Was also konnte daraus entstehen? Jedermann war dem Glücksspiel ergeben und das wäre noch nicht das schlimmste gewesen. Aber man beschränkte sich nicht darauf, das Glück walten zu lassen, sondern huldigte dem Falschspiel, wodurch ganze Familien an den Bettelstab gebracht wurden. Den Unzertrennlichen des Prinzen hatte ein Schlaganfall getroffen, als den Eiern ein Pärchen entschlüpft war, wovon eins rot, das andere gelb war. Acht Tage darauf war er verschieden. Der Rote wäre nun dem Herzog in der Regierung gefolgt, wenn man für ihn einen Unzertrennlichen aus ebenso erlauchtem Geschlecht hätte ausfindig machen können. Aber eine solche Verbindung hatte niemals stattfinden können. Keiner wußte, was aus dem Kinde geworden war. Die Feinde des Herzogs sagten, daß er ihn der Republik für eine große Summe ausgeliefert hätte, und diese hätte ihn dann ermorden lassen. Niemand aber wagte es, den fürstlichen Vater nach der Wahrheit zu fragen, obwohl er allein hätte Auskunft geben können. Ich selbst erfuhr es erst lange Zeit danach und werde später noch einmal darauf zurückkommen. Übrigens war der Herzog eine ungewöhnlich liebenswürdige und hochgebildete Persönlichkeit. Man konnte gar nicht verbindlicher und zuvorkommender sein wie er: er empfing mich nicht nur völlig wie seinesgleichen, sondern wie ein König eine Gottheit empfangen würde. Während der ersten neun Tage meiner Anwesenheit wurden immer neue Feste gefeiert. Es schien, als hätte er den Homer gelesen, und wollte daher erst am zehnten Tage anfangen, von Geschäften zu sprechen. Er stellte uns alle Großen seines Hofes vor und wir mußten beständig an den kleinen intimen Soupers teilnehmen, die er veranstaltete. Dazu wurden nur sechs oder sieben auserwählt schöne Megamikren zugezogen, doch mußten sie ohne ihre Unzertrennlichen erscheinen, die sich anderswo auf die gleiche Weise vergnügen konnten. Der Fürst wollte uns eben alles bieten, was in seiner Macht stand, – er war äußerst erstaunt, als wir davon keinen Gebrauch machten, die Megamikren aber waren sehr erzürnt, denn sie glaubten sich von uns verachtet. Im Vollbewußtsein ihrer Reize überschütteten sie uns oft mit den verführerischsten Zärtlichkeiten und brachten uns dadurch in die äußerste Verlegenheit. Ich nahm meine Zuflucht dazu, alles ins Scherzhafte zu ziehen, aber meiner Frau war die Sache keineswegs zum Lachen, denn auf dem Gebiet verstand sie keinen Spaß. Die erste Unterredung mit dem Fürsten dauerte drei Stunden. Er weihte mich vertrauensvoll in alle seine Angelegenheiten ein, ja, er gab mir sogar eine Aufstellung seiner Schulden, ebenso wie die aller Einkünfte seines Lehens, der verpfändeten sowohl wie auch seiner Allodialgüter, über die er freier Herr war. Er zeigte mir auch den Diamantenschatz, den er noch besaß, und erzählte mir, daß er seinen Kredit verloren hätte, weil er alle Domänen verpfänden mußte und schon seit sechzehn Jahren nur ein Viertel der Pacht erhielt. »Ich kann«, sprach er, »meiner natürlichen Veranlagung nach mit einem Alter von neunzig Jahren rechnen und Ihr werdet auch in meinem Gesicht nicht die geringste Spur eines lasterhaften Lebens finden, das etwa die Lebenszeit verkürzen könnte. Auch Mörder fürchte ich nicht, denn meine Gläubiger schützen diese Befürchtung nur vor. Niemand würde bei meinem Tode Eurem Stamme seinen Besitz streitig machen können, denn gleich nachdem ich ihn Euch übertragen habe, werde ich dafür sorgen, daß ihn meine früheren Schulden nicht belasten.« Ich dankte dem Fürsten für sein Vertrauen und bat ihn, einen Bevollmächtigten zu ernennen, der die Angelegenheit zum glücklichen Ende führen könnte. Mein kluger Ratgeber war ganz damit einverstanden und in zwei Verhandlungen war alles abgeschlossen. Ich sah mir das für meine Nachkommen bestimmte Gebiet an. Es war groß und reichbevölkert, auch war es malerisch am Ufer eines der Nebenflüsse eines großen Stroms gelegen, wodurch meine Kinder gleich eine vorteilhafte Handelsstraße hatten. Mein Sekretär mußte nun mit einem außerordentlich höflichen Schreiben dem alten Senator die Schenkungsurkunde zurücksenden, von der ich nun ja doch keinen Gebrauch machen konnte. Nachdem ich mich dann von dem Herzog aufs herzlichste verabschiedet hatte, erreichte ich in drei Pentamaines meine Stadt Alfredopolis, wo ich meinen Ratgeber mit einem Geschenk von 10000 Unzen entließ. Es war nun der 24. Dezember herangekommen und ich entschloß mich, den Tempel einzuweihen und Andreas zum Statthalter zu ernennen. Die Stadt mußte mit der Zeit ganz berühmt werden, einmal, weil wir sie bewohnten, und dann war sie ja überhaupt der Ort unserer ersten Niederlassung. Von hier aus hatte sich mein Geschlecht ausgebreitet. Am nächsten Morgen machte ich mich pflichtschuldigst auf, um mit meiner Frau dem König und den Prinzen meine Aufwartung zu machen. Sie empfingen uns aufs liebenswürdigste und erklärten sich bereit, unsere Einladung zum Feste der Religionsstiftung anzunehmen. Auch den 456 Trauungen von Vettern und Basen, die ich an diesem Tage vollziehen sollte, wollten sie beiwohnen. Wir hatten am Fest einen großen Zulauf vom Adel. Andreas hatte mich gefragt, ob er trotz der Gegenwart des Königs auf Englisch predigen sollte. Ich bestimmte nun, daß die Predigten immer in englischer Sprache stattfinden sollten, mit Ausnahme der Gottesdienste, denen der König beiwohnte. Dies Gesetz wurde als Inschrift in allen Gotteshäusern angebracht. Mitte Januar kehrte mein Sekretär aus der Hauptstadt der Republik zurück und überbrachte mir ein Schreiben des Senators, in das ein Brief des Herzogs eingeschlossen war. Er betonte, wie sehr die Republik die Würde meines Vorgehens bewunderte, auch hatte sie es mir hoch angerechnet, daß ich nicht, wie ich ursprünglich wollte, den Stamm Cäsars, sondern den siebzehnten Stamm mit Daniel als Oberhaupt dem Herzog versprochen hatte. Sie sandten mir nun eine neue Urkunde, die alles bestätigte, was die erste enthalten hatte. So berief ich denn Cäsar und Rose wie auch Daniel und Luise zu mir, erzählte ihnen von den ihnen von mir bestimmten Niederlassungen und setzte ihre Abreise auf Anfang März fest. Sie sollten sich zu diesem Zeitpunkt mit ihren Familien bereit halten. Ich weihte dann alle beide zu Mitstatthaltern ein und beauftragte sie, Tempel zu bauen, die, sobald sie fertig waren, nach meinem Ritus eingeweiht werden sollten. Nach dem großen Konzil versprach ich sie dann zu besuchen. Ich wies sie dann noch darauf hin, daß in dem Lande, wo sie sich ansiedeln sollten, eine allgemeine Sittenverderbnis herrschte, von der sie sich aber rein erhalten müßten. Einige Tage später begab ich mich zum Könige, um ihm die Abreise der beiden Stämme mitzuteilen. Ich unterrichtete ihn bis ins einzelne über die ganze Angelegenheit, und er beglückwünschte mich und erklärte, die beiden Stämme würden gewiß sehr befriedigt sein, in ein Land einzuwandern, das ihnen Gelegenheit zu so vielen Vergnügungen geben würde. Er ließ auch einige Bemerkungen über das bevorstehende Konzil fallen und gab der Zuversicht Ausdruck, daß ich bei demselben nicht fehlen würde. Darauf erwiderte ich, daß ich dazu vorgeladen wäre, aber auch ohnedies gern hingehen würde, um die Interessen meiner Religion wahrzunehmen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der König, daß meine Söhne sich ein Vergnügen daraus machten, die Eingeborenen zu taufen und ihnen Tempel zu erbauen. Wenn man das vorausgesehen hätte, daß die Eingeborenen um der Lehre willen vom alten Glauben abtrünnig werden würden, dann hätte man mich gewiß nicht zum Fürsten ernannt. Ich erwiderte, der große Geist hätte das unfehlbar voraussehen müssen und auch vorausgesehen. Übrigens hätte er sich ja mit allen meinen Glaubensartikeln und Gesetzesvorschriften einverstanden erklärt und so zweifelte ich nicht daran, daß auch er eines Tages noch mit dem ganzen heiligen Hof die Taufe begehren würde. Bei diesen Worten, die ich mit größter Bescheidenheit vortrug, sah das königliche Paar sich ganz bestürzt und erstaunt an. Der König ließ seine Augen mit dem Ausdruck größter Ehrerbietung eine kleine Weile auf mir ruhen, dann sagte er: »Ich sehe, teurer Herzog, von wie unendlicher Wichtigkeit dies Konzil sein wird, bedeutsamer als alles, was bisher in der Geschichte unseres Landes verzeichnet ist. Ich weiß es Euch Dank, daß Ihr meinem Geiste Erleuchtung gegeben und mich befähigt habt, an diesem großen Werk teilzunehmen.« Zur gleichen Zeit machte ich eine große Entdeckung. Es wandelte mich nämlich die Lust an, in meinem Palast einen Globus aufzustellen, um meinen Kindern einen Begriff von der Gestalt der Erde zu geben. Mit Hilfe der Karten, die ich in meinem Atlas hatte, gelang es mir, meinen Globus tatsächlich zu konstruieren. Er war aus Holz und hatte einen Umfang von einunddreißig Fuß. Ich überzog ihn mit Glas, das ich mir aus einer Art Sand, den ich mit alkalischen Salzen mischte, selbst hergestellt hatte. Zwischen das Glas und das Holz legte ich eine Schicht Phosphor und zwei meiner äußerst geschickten Enkel zeichneten nun nach meinen Angaben alles hinein. Der Globus erhob sich auf einem schönen Sockel, der achtzehn Fuß im Durchmesser maß. Ringsum waren Stufen, auf denen nun jedermann zum Globus hinansteigen und sich nach Herzenslust alles ringsum besehen konnte. Übrigens war der Sockel noch mit vier goldnen Bildsäulen geschmückt, die in natürlicher Größe das Königs- und das Thronfolgerpaar darstellten. Ich beschloß, diese Statuen noch mit Edelsteinen in allen Farben zu verzieren, die ich mit einer Art Glaserkitt befestigte. Ich verfügte nämlich über einen verschwenderischen Überfluß aller Arten von Metallen, ferner besaß ich eine Unmenge von Edelsteinen, als da sind: Diamanten, Berylle, Topase, Smaragde, Saphire, Rubine und Granaten. Die Augen der Bildsäulen waren aus Karfunkeln. Als ich eines Tages in meiner kleinen Schmiede einen gläsernen Stab schmolz, rieb ich diesen, um ihn abzuschleifen, an einem viereckigen Stück Asphalt, das mir zugleich als Tisch diente. Ich wollte kostbare Edelsteine hineinsetzen. Während ich es dann mit einem kleinen Kissen abrieb, flog zu meiner unliebsamen Überraschung plötzlich ein kleiner Haufen Pulver in die Luft, den ich tags zuvor etwa sechs Schritte von mir entfernt hingelegt hatte. Ich hatte nämlich die Absicht, ein neues Parfüm in Verbindung mit Schwefel auszuprobieren. Ich war fast besinnungslos vor Schreck und dankte Gott, daß ich nicht eine größere Menge des gefährlichen Pulvers dort hingelegt hatte. Um die Ursache des Unfalls zu ergründen, nahm ich das Papier, in dem das Pulver sich befand, in die Hand und wollte einen Eisenstab davon entfernen, dessen anderes Ende zufällig mit meinem Glase in Verbindung stand. Aber kaum hatte ich ihn berührt, als ich im ganzen Körper das Gefühl hatte, von tausend Nadeln zerstochen zu werden. Diese Erscheinung wiederholte sich, so oft ich den Stab berührte, und mir gingen hunderterlei einfältige Gedanken durch den Kopf, weil ich doch keine Ahnung vom elektrischen Strom hatte. Ich versank in tiefes Nachdenken, in das jeder verfällt, der eine überraschende Naturerscheinung ergründen will. Doch was ich auch dachte, die Erfahrung ließ es mich immer wieder verwerfen. Ich hatte zufällig den Stab in die Nähe des Schmiedefeuers geworfen, und als ich ihn wieder zur Hand nahm, verspürte ich keinerlei Stechen mehr. Das schien mir wiederum sehr merkwürdig. Es fiel mir nun ein, daß ein Ende des Stabes, als das Pulver sich entzündete, ganz in dessen Nähe lag, wählend das andere sich fest gegen die Asphaltplatte stemmte. Ich gab ihm nun die vorige Stellung zurück und begann wieder zu reiben, während ich mit der andern Hand das entgegengesetzte Ende berührte. Sofort hatte ich wieder die Empfindung, von Nadeln zerstochen zu werden. Ich stellte nun fest, daß durch das Reiben auf dem Glas auf eine mir unverständliche Weise Funken erzeugt wurden, die sich dem Stabe und durch diesen jedem, der ihn berührte, mitteilten und ihm ganz empfindliche Schläge versetzten. Acht bis zehn Tage brachte ich nun in der Einsamkeit zu, stellte Versuche an, schmiedete Pläne und verwarf sie wieder. Es mußte doch eine Ursache für den von mir beobachteten Vorgang geben und den wollte und mußte ich ergründen. Ich fürchtete weder die Stärke Akräons, noch die Rache des Pentheus, ich war entschlossen wie Ödipus, als er das Rätsel der Sphinx zu lösen unternahm. Ich versuchte nun den Stab allein, d. h. auf einer unbedeckten Marmorplatte, zu reiben und verspürte nicht die geringste Wirkung. Ich rieb andere Metalle dagegen, aber es geschah nichts. Nur mit Edelsteinen, die in bunter Fülle dort umherlagen, erzielte ich die beabsichtigte Wirkung. Ich schloß daraus, daß alle diese Körper eine Funken erzeugende Kraft besitzen müßten, die sich naheliegenden empfindlichen Gegenständen mitteilte. Ich besorgte mir Eisen, denn es mußte Eisen, nicht Stahl sein, und beobachtete die Wirkung an meinem längsten Stab. So kam ich schließlich zu der Ansicht, daß die Luftschwingungen schon genügten, um das Phänomen hervorzurufen. Um mich zu vergewissern, erdachte ich ein Rad, das, wenn es mit Heftigkeit gegen das Glas gedreht wurde, die Wirkung einer Funkenquelle hatte. Diese bezeichnete ich als Strom, denn er teilte sich dem Nachbarkörper mit, ohne die Luft zu entzünden. Die kleinen Zwischenräume schalteten seine Wirkung keineswegs aus. Wenn ich mein Rad zwei- oder dreimal drehte, so hatte ich genügend Elektrizität erzeugt, um meinen Stab ganz damit zu laden. Nun hing ich an einem Hanffaden ein Blatt Papier direkt vor dem Ende des Stabes auf, doch ohne daß es den Stab berührte. Das Papier fing nicht etwa zu brennen an, wurde aber angezogen und abgestoßen. Mit einem Goldplättchen machte ich dieselbe Erfahrung. Die abstoßende Kraft war aber stärker wie die anziehende. Ich war doch neugierig geworden, meine Entdeckung noch weiter zu verfolgen. Daher führte ich einen langen Messingdraht an meinem ganzen Park entlang und zog ihn mehrfach im Kreise rund um eine Fläche von etwa 2000 Schritt. Durch hölzerne Pflöcke, die ich in gewissen Abständen aufstellte, verhinderte ich, daß er den Erdboden berührte. Dann befestigte ich eine Glasröhre an meinem Rad und ließ es von einem meiner Enkel direkt an einem Ende des Messingdrahtes in Bewegung setzen. Im Augenblick, als das Rad sich zu drehen begann, fühlte ich den elektrischen Schlag am entgegengesetzten Ende und diesmal konnte ich mich nicht täuschen, denn ich sah die Funken sprühen. Natürlich beabsichtigte ich aus dieser Entdeckung möglichste Vorteile zu ziehen, doch wollte ich vorher noch ein anderes Experiment vornehmen. Fünf Meilen von meinem Garten entfernt erbaute ich einen kleinen Turm. Auf seiner Spitze brachte ich eine Bleikugel an, darüber kam eine Lage Schwefel und dann eine Glasröhre. Nun setzte ich das Rad mit dem Messingdraht dicht daneben und befestigte das andere Ende des Drahtes an einer gleichen Vorrichtung, die ich auf dem Kuppeldach meines Tempels angebracht hatte. Beiden gegenüber hing ich Goldplättchen auf. Dann verglich ich meine Uhr, mit der meines Enkels und stellte sie auf die Sekunde genau ein. Er ist äußerst intelligent und so betraute ich ihn damit, genau auf die Bewegung der Goldplättchen aufzupassen. Fünf Sekunden, nachdem er sie angezogen und abgestoßen sähe, sollte er mit aller Kraft das Rad drehen. Ich selbst hielt mich am andern Ende des Messingdrahts auf und zur verabredeten Sekunde drehte ich das Rad mit aller Macht. Fünf Sekunden später sah ich meine Goldplättchen bald angezogen, bald abgestoßen. Ich war äußerst zufrieden, hierdurch festgestellt zu haben, daß die Elektrizität selbsttätig in Bewegung war, ohne daß für den Fortgang dieser Bewegung ein bestimmtes Zeitmaß notwendig wäre. Die Schnelligkeit des elektrischen Funkens mußte geradezu der des Gedankens, zumindest aber der des Lichtes gleichkommen. Das Ergebnis all der gehabten Mühen befriedigte mich derartig, daß ich mir das Vergnügen nicht versagen konnte, die Sache mit einem der größten Naturwissenschaftler des Jahrhunderts zu besprechen. Ich veranlaßte ihn, mit mir die Möglichkeit eines vorhandenen unsichtbaren Funkens und dessen wahrscheinliche Eigenschaften zu erwägen. Mit Vergnügen stellte ich dabei fest, daß in der Welt der Megamikren diese Wissenschaft ganz unbekannt war. Ich beschloß nun, in Gegenwart des Königs den jungen Prinzen gewissermaßen ein Geschenk mit meiner Entdeckung zu machen, da sie sich geradezu leidenschaftlich für die Naturwissenschaften interessierten. Eines Morgens ließ ich mich bei dem Könige melden und zwar zu einer Stunde, die er mit den Prinzen zu verbringen pflegte. Das königliche Paar küßte sie gerade und rühmte ihren Gehorsam. Mit großer Wärme stimmte ich in das Lob dieser schönen Tugend ein und bemerkte, welche Freude es doch den Vätern bereiten müßte, wenn ihre Söhne ihre Befehle ohne Zeitverlust ausführten, selbst wenn sie fünf oder sechs Meilen von ihnen entfernt wären. Sie alle brachen natürlich in ein großes Gelächter aus, da ihnen diese Art des Gehorsams unmöglich schien. Ich blieb ganz kaltblütig und sagte nur, daß ihre Freude auch mir Vergnügen machte. Dies könnte mich aber nicht verhindern, ihnen einen Beweis für meine Behauptung zu liefern, vorausgesetzt, daß Seine Majestät den Prinzen gestatten wollten, am andern Morgen einen Spaziergang nach dem kleinen Jagdhaus zu unternehmen, wo sie von ihm einen Befehl erhalten sollten, der sie im selben Augenblick, wo er ihn ausspräche, erreichen sollte. Sie waren starr vor Staunen. »Ihr dürft euch wundern,« sagte der König, »doch dürft ihr nicht zweifeln, denn er kann alles, was er will.« Zu mir sagte er noch, daß seine Kinder sich gewiß glücklich preisen würden, so raschen Gehorsam zu lernen. »Wie aber«, fuhr er fort, »sollten sie wohl meine Befehle sofort ausführen können, wenn ich ihnen z.B. den Auftrag geben würde, dies Rauchparfüm anzuzünden? Das Parfüm befindet sich hier, sie aber sind dort, wie könnten sie doch einen Befehl ausführen, den sie mich nicht einmal aussprechen hören?« – »Und doch«, entgegnete ich, »wird der Befehl vier Sekunden, nachdem Eure Majestät ihn ausgesprochen haben, ausgeführt werden!« – »So gestehet wenigstens, mein teurer Eduard, daß das ein Wunder wäre!« – »Nein, Eure Majestät, es gibt keine Wunder, denn alles beruht auf Naturgesetzen. Es handelt sich in diesem Falle nur darum, Euren Willen durch die Drehungen eines Rades auszudrücken, das ich Euch morgen in aller Frühe herbringen werde. Sorgt nur dafür, daß die Prinzen dann dort sind. Sie sollen nicht einmal wissen, zu welcher Zeit uns die Lust anwandeln wird, das Raucherparfüm zu entzünden, doch verbürge ich mich für ihren augenblicklichen Gehorsam. Geben Sie nur Befehl, daß man mir bis morgen ungehindert überall Zutritt gewährt, ebensowohl hier wie im kleinen Jagdhause.« – »Darauf könnt Ihr zählen,« sagte der König und verabschiedete sich dann mit den Worten: »Also auf Wiedersehen morgen!« Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mit meinem Enkel nach dem kleinen Jagdhause zu gehen, wo ich meine neue Vorrichtung anbrachte. Den Draht ließ ich von da aus durch die Dienerschaft bis zum Observatorium des königlichen Schlosses ziehen und verband ihn von dort durch ein kürzeres Stück Draht mit einer zweiten ganz gleichen Vorrichtung, die ich im Zimmer des Königs anbrachte. An dem Goldbehälter des Räucherparfüms befestigte ich dann einen andern kurzen Messingdraht, dessen anderes Ende ich auf den Fußboden des Zimmers herabhängen ließ. Nachdem ich dann meinen Enkel genau instruiert hatte, sandte ich ihn mit Tagesanbruch zum kleinen Jagdhause, während ich selbst mich in die Gemächer des Königs begab. Es war genau 1 Uhr, als er sein Zimmer betrat und mir mitteilte, daß die Prinzen sich bereits im Jagdhause befänden. Ich erklärte ihm nun, was er tun müßte, sobald ihn die Lust anwandelte, das Rauchparfüm brennen zu sehen. Nachdem er Rad und Röhre einer kurzen Prüfung unterworfen hatte, wobei er sich davon überzeugte, daß sie nicht mit dem Parfüm in Verbindung standen, packte ihn die Ungeduld, so daß er, wie ich es ihm gezeigt hatte, das Rad zu drehen begann. Nun brachte ich das herabhängende Ende des Messingdrahts an den andern und schon zwei Sekunden später sahen wir die Kräuter in der goldnen Schale in Flammen aufgehen. Ebenso erfreut wie erstaunt umarmte er seine Gemahlin und rief lachend: »Wer hat nun das Rauchparfüm entzündet, wir oder die Kinder? Wenn es das Werk der Prinzen ist, so wollen wir ihnen sofort entgegengehen und sie für ihren pünktlichen Gehorsam loben. Wenn das aber wirklich ein natürlicher Vorgang ist, so müßt Ihr, teurer Eduard, die Freundlichkeit haben und unser naturwissenschaftlicher Lehrer werden, denn Euch gegenüber müssen wir alle unsere Unwissenheit bekennen. Doch jetzt wollen wir zuerst zu dem kleinen Jagdhause gehen!« Ich bat ihn, zuerst zum Observatorium heraufzusteigen und den großen Konduktor anzusehen, der auf Holzpflöcke aufgespannt, seinen Befehl weitergegeben hatte. Wir bestiegen dann einen offnen Wagen und waren in weniger als in einer Stunde beim kleinen Jagdhaus angelangt. Übrigens hatte er auf diese Fahrt keinen Diener mitgenommen. Nun küßte er seine kleinen Prinzen und einer von ihnen fragte, ob das Parfüm auch wirklich gebrannt hätte. »Wie,« sagte der König, »habt ihr denn meinen Befehl nicht empfangen?« – »Doch,« erwiderten sie, »und wir haben ihn in der dreißigsten Sekunde der gleichen Minute ausgeführt. Wir sind überglücklich, daß Eure Majestät mit uns zufrieden ist, doch haben wir nur ganz maschinenmäßig gehorcht. Wir haben nämlich, sobald die Goldplättchen, die hier aufgehängt sind, sich zu bewegen begannen, das Rad viermal gedreht. Und das war alles! Es ist also nur das Verdienst des guten Riesen, der uns das gelehrt hat.« – »Was,« rief der König lachend, »auch ihr habt ein Rad gedreht?« – »Jawohl,« erwiderten die Prinzen, »doch sind wir trotzdem um nichts weiser.« – Der König, dem es ebenso ging, mußte über diese Antwort herzlich lachen. Er sagte, sie brauchten sich nur an mich zu wenden, um weise zu werden. »Gewiß, meine lieben Prinzen,« sagte ich nun, »ich will euch gern vor meiner Abreise nach Heliopalu eine Elektrizitätsmaschine zeigen. Dadurch werdet ihr den elektrischen Strom kennenlernen, der durch Reibung in Tätigkeit gesetzt werden kann. Empfindlichen Körpern teilt er sich mit, ohne die Luft, die er durchfliegt, zu entzünden, und ohne irgendwelchen Zeitverlust durcheilt er ungeheure Räume. So unglaublich euch das nun auch erscheinen mag, – ihr sollt selbst die Probe darauf machen. Nähert jetzt auf Daumesbreite euere Finger diesem Draht!« – Nun ließ ich die Prinzen, von demjenigen ausgehend, der seinen Finger dicht an der Glasröhre hatte, eine Kette bilden, dann drehte ich das Rad und alle auf einmal empfanden den elektrischen Schlag. Ich sagte ihnen nun, daß sie selbst bei einer Entfernung von hundert Meilen den prickelnden Schmerz verspürt haben würden. Das bewiese, daß dieser Funken immateriell wäre, gewissermaßen die Seele der lebendigen Natur. »Nun fangen wir an, etwas zu begreifen,« sagte der König. Die Prinzen aber, die eine Ahnung ergriff, was diese Wissenschaft alles bedeuten konnte, betrachteten mich mit zärtlichen Blicken. »Nun, meine lieben Kinder,« sprach der König, »dürft ihr euren Lehrer küssen.« Da sprangen sie mir jubelnd an den Hals und bedeckten mein Gesicht mit Küssen. Nun fragte mich der König, warum nicht alle festen Gegenstände den Funken weiterleiteten, und ich erwiderte ihm, daß dies von der Zusammensetzung ihrer Oberflächen abhinge, die sie verhinderte, sich mit Elektrizität zu laden. Ich sagte ihm, die ungeheure Schnelligkeit des Funkens bewiese, daß er überall vorhanden sein müßte. Doch schiene er zu schlummern, bis er durch Reibung erweckt würde. Man könnte also nicht sagen, daß er den Raum durcheilte, denn er wäre ja überall vorhanden. Sogar da, wo das Licht nicht eindringen könnte, existierte er. Nun bemerkte der König, daß die Prinzen mit dieser Vorführung alle Professoren der naturwissenschaftlichen Hochschule beschämen könnten, deren Hochmut nahezu unerträglich war. Ich bot nun dem König an, die Prinzen alles zu lehren, was ich von der Elektrizität wüßte. Da fragte der König, ob ich die Mühe nicht scheute, noch zwei weitere Schüler zu unterweisen. Ich küßte seine Hand und bat ihn, eine Stunde festzusetzen und ebenso ein Zimmer des königlichen Schlosses zum Laboratorium zu bestimmen. »Zur Stunde des Vergnügens,« rief da der König aus, »denn ein größeres Vergnügen gibt es ja gar nicht. Auch werde ich mein eigenes Zimmer für experimentierende Physik als Laboratorium hergeben! Wenn meine Kinder dann alles begriffen haben, werde ich alle Professoren und das ganze Auditorium der naturwissenschaftlichen Hochschule zu einer öffentlichen Versammlung berufen und die Prinzen sollen dann den Professoren folgende Fragen vorlegen. ›Wenn der elementare Funken überall vorhanden ist, warum ist er weder Glut noch Flamme?‹« Nachdem er noch einige weitere Fragen genannt hatte, schloß er mit den Worten: »Wenn meine Professoren dann hundert Dummheiten geantwortet haben werden (denn natürlich werden sie irgend etwas erwidern), werde ich meine Elektrizitätsmaschine hereinbringen lassen, und wenn ihre Unwissenheit offen am Tage liegt, werde ich die Experimente ausführen. Was sie dann hinterher sagen werden, wird mir erst das größte Vergnügen bereiten.« Ich machte dem König mein Kompliment über die ausgezeichnet erdachten Fragen, die mir bewiesen, daß er die Sache vollkommen begriffen hätte. Am andern Tage begannen wir den Unterricht, der aus Experimenten und Vorträgen zusammengesetzt war. Wir entdeckten dabei, daß ein nasser Strick den Messingdraht vollkommen ersetzte. Nach einem Monat mußte ich jedoch den Unterricht abbrechen, da ich meine Reise nicht länger hinausschieben konnte. Sie war die längste, die ich in dieser Welt überhaupt unternehmen konnte. Durch den naturwissenschaftlichen Unterricht schloß sich die königliche Familie immer enger an mich an und ich mußte wirklich lachen, wenn ich überlegte, daß ich ja eigentlich genau so unwissend war wie sie. Nur hatte mir der Zufall zu einer Entdeckung verholfen, die mich in den Ruf eines Genies brachte. Nachdem ich dem lieben Andreas, der das Haupt der vierundzwanzig in dieser Stadt wohnenden Stämme blieb, meine letzten Aufträge erteilt hatte, nahm ich Abschied vom Könige. Er küßte mich und überreichte mir mit eigner Hand eine Urkunde, die meine Stadt Alfredopolis als unabhängiges Fürstentum erklärte, – eine Gunst, nach der ich schon lange trachtete, um die ich ihn aber nie zu bitten gewagt hatte. In zehn Tagen erreichte ich die Hauptstadt meines Lehens und wurde dort von meinen Söhnen, den vier Statthaltern, wie von dem Patriarchen Theodor erwartet. Dort erhielt ich auch Briefe von meinen Söhnen Cäsar und Daniel, die sich über ihre neuen Gebiete mit großer Zufriedenheit aussprachen. Theodor war bereits zur Abreise gerüstet und ich wollte mich nicht aufhalten. So besuchte ich denn nur noch die Seminare und betrachtete mit großer Freude die neugeborenen Nicht-Zwillinge. Die ältesten waren kaum vier Jahre alt, aber groß, schön und verständig, wie Zehnjährige hier bei uns. Das Ephebeion regte mich wieder stark zum Nachdenken über die menschliche Natur an. Nach dem neuen Gesetz der Vettern- und Basenehen, wodurch die Geschwisterehen verboten wurden, hatte sich bei meinen Kindern eine ganz neue Weltanschauung entwickelt. Solange der Zwilling seine Zwillingsschwester heiratete, hatten der natürliche Liebestrieb und der Wunsch, ihn zu befriedigen, die Jünglinge des Ephebeions vollkommen ausgefüllt. Sie dachten gar nicht daran, gefallen zu wollen, denn sie hatten ja nicht nötig, um ihr Glück zu bangen, auch hatten sie kein anderes Interesse, als ihr eigenes Vergnügen. Doch nun strebten die Jünglinge wie die Mädchen danach, einander zu gefallen, denn sie wollten, daß Vetter wie Base gleichermaßen ihre Ehe mit Freuden begrüßen möchten, sobald sie die gegenseitig bestimmten Lebensgefährten auf ihren Spaziergängen trafen. Ihre Umgangsformen wurden dadurch immer vollkommener, ihr Betragen zeigte nicht den kleinsten Fehler mehr. Sie wetteiferten darin, durch ihr Benehmen das höchste Lob zu verdienen. Auch erschien es ihnen, obwohl sie das nicht aussprachen, doch als etwas Besonderes, daß sie dazu erwählt waren, ein neues Geschlecht zu zeugen, das dem Vorhergehenden körperlich und daher gewiß auch geistig überlegen wäre. So rechnet unser armseliges Gehirn, ehe es von der gebieterischen Erfahrung abgeschliffen worden ist. Denn es passiert weit häufiger, daß in einem kleinen Körper ein großer Geist wohnt, als das Umgekehrte der Fall ist. So hat einmal jemand von einem großen schönen Manne, der sich sonst durch nichts auszeichnete, gesagt: non est in tanto corpore mica salis! In allen meinen Stämmen stieß ich bei den bereits vor dem Jahre 60 vermählten Frauen auf eine gewisse Traurigkeit, doch sah ich keine Möglichkeit, ihr abzuhelfen. Erst das Jahr 100 konnte sie von ihrem Kummer befreien. In prächtigem Zuge reisten wir ab und erreichten innerhalb viereinhalb Monaten das große Lehen Heliopalu, wo ich mich an dem Wirken der weisen Regierung erfreuen konnte. Meine vier Söhne konnte ich vorerst nicht begrüßen, denn da der Neujahrstag 65 kurz bevorstand, hielten sie sich in ihren Bezirken auf, Jakob hatte schon vier Statthalter und Gouverneure blühender Städte. Er hatte ein bestimmtes Alter vorgeschrieben, um seine Kinder zu Gesandten zu ernennen, und hatte das vierzigste Jahr dafür festgesetzt. Mit dreiundvierzig Jahren mußten sie zurückkehren. Ich wurde nun Zeuge davon, mit welchem Eifer sich die Megamikren zur Taufe drängten, ich sah und hörte alles und war entschlossen, alles zu unterstützen, was mir recht und billig erschien, und allem die Stirn zu bieten, ein gehorsames Werkzeug der göttlichen Vorsehung, die die Stoiker jedenfalls mit dem Ausspruch meinten: fata, viam invenient! Am letzten Tage des Jahres versammelte ich im Ephebeion 1690 Vettern und Basen, deren Ehen ich am nächsten Tage persönlich einsegnete. Wir hörten eine Predigt vom Patriarchen Jakob und waren ganz außerordentlich erbaut davon. Ja, meine Frau und ich konnten, so lächerlich es erscheinen mag und uns auch selber erschien, unsere Tränen nicht zurückhalten. Doch wenn wir es auch gekonnt hätten, so hätten wir das nicht gewollt, denn diese Tränen bedeuteten für uns eine unaussprechliche Wonne, die rein seelischer Natur war. Wir brachen dann nach Heliopalu zum großen Konzil auf, wohin uns als außerordentlicher Gesandter Jakobs fünfzehnter Sohn mit seiner ganzen Familie begleitete. Den sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten ernannte ich zu Verwaltungsbeamten, denen ein Rat von Megamikren zur Seite stehen sollte. Ich konnte das ruhig tun, denn er war aus erprobten Leuten zusammengesetzt. Wir waren auf 2600 Personen angewachsen, als wir uns auf die Reise begaben, und dabei sind die Diener noch nicht einmal mitgerechnet. Ende Januar trafen wir in Heliopalu ein und meine Gesandten benachrichtigten sofort den großen Barcalon davon. Am 1. Februar weihte Jakob den Tempel ein, den man uns vor der Stadt zu errichten erlaubt hatte. Er fand dort 800 gut vorbereitete Megamikren und taufte sie, ohne sich die geringsten Sorgen darum zu machen, daß eigentlich diese Massentaufen den Grund zur Einberufung des Konzils gegeben hatten. Mir gefiel seine Unerschrockenheit. Ende März waren alle Teilnehmer des Konzils versammelt und nun wurde ein besonders heiliges Gesetz erlassen, daß die erste Beratung am 1. Oktober stattfinden würde. Ich verbrachte diese sechs Monate damit, mit meinen beiden Söhnen, den Patriarchen, Erläuterungen meiner Sittenlehre und meiner Glaubensartikel zu verfassen, von denen ich voraussah, daß sie einen Gegenstand der Beratungen bilden würden. Am letzten Septembertage begaben wir uns in den Riesenpalast, den wir nun innerhalb zweier europäischer Jahre nicht verlassen durften. Unsere Verbindung mit der Außenwelt wurde nur durch die Dienerschaft aufrechterhalten, die wir hin- und herschicken durften, wie es uns beliebte. Das Riesengebäude bestand aus 420 Einzelwohnungen von 6 Zimmern. Dort wohnten nämlich die Lehrer. Ein Fluß durchschnitt das Grundstück, auch gab es 4 Gärten mit je 96 Bäumen. Es stieß direkt an die Stadtmauer und stand durch einen unterirdischen Gang mit dem Allerheiligsten Palast in Verbindung. Der Saal, in dem das Konzil abgehalten wurde, überraschte uns durch seine prächtige Ausstattung. Alles darin war aus Phosphor, Gold, Edelsteinen und wundervollem Marmor. Nur die Beisitzer des Konzils hatten Zutritt, doch durften sie ihre Unzertrennlichen nicht mitbringen. Stimmberechtigt waren 90 Erzbischöfe der Königreiche und Republiken, 216 der Lehen, 13 Räte des Großen Genius und der Vorsitzende. Außerdem waren 78 Protokollführer ernannt. Alle Anwesenden waren Rote, denn diejenigen, die von Natur andersfarbig waren, hatten sich künstlich rot geschminkt. Das war nämlich ein Vorrecht der hohen Geistlichkeit. Die Sitzungen fanden immer an den ersten Tagen der Pentamaines statt und um zwölf Uhr durfte jeder Beisitzer sich in sein Privatgemach zurückziehen, wo sich sein Unzertrennlicher aufhielt. Alle Teilnehmer saßen auf ganz gleichen Lehnsesseln. Der Große Genius hatte seinen Aufenthalt in einer prächtigen Loge und war den Blicken der anderen durch einen kostbaren Vorhang entzogen. Von dort konnte er alles sehen. Eine prächtige, mit Karfunkelsteinen besetzte Kugel hing inmitten des Saales von der Decke herab. Die Priester erschienen alle im Ornat, in weißer und grüner Farbe. Jedes einzelne Haupt war von einem Heiligenschein umgeben. Wie sie das machten, ist mir unerfindlich geblieben, – Tatsache aber ist, daß er deutlich zu sehen war. Mir ist das nur von Gestirnen bekannt, daß sie solchen »Hof« haben. Auch die zwölf Räte waren in prunkvolle Gewänder gehüllt, doch erreichten sie nicht ganz den Glanz der ersten. Der große Vorsitzende aber wurde durch einen regelrechten Strahlenkranz, wie ihn unsere Maler den Heiligen verleihen, kenntlich gemacht. Er eröffnete das Konzil mit einer wohldurchdachten Rede und führte darin aus, daß eigentlich das Konzil, das vor 4000 Jahren stattgefunden hatte, das letzte hätte sein sollen. Leider aber habe sich die Menschheit nicht gebessert, sondern sei immer mehr in Sünde verstrickt worden. Er ermahnte uns, Herz und Geist von allen selbstsüchtigen Gedanken zu reinigen, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Die Stimmenmehrheit würde Gottes Stimme sein. Alle, die den künftigen Gesetzen widerstrebten, ehe man sie noch verkündet hätte, sollten reuig umkehren und eingestehen, daß sie bisher im Unrecht gewesen wären. Über diese Gedanken verbreitete er sich in einer mehrere Stunden währenden Rede. Rede und Gegenrede lösten sich fast ununterbrochen ab. Besonders heftig wurde über die Orakel debattiert. Nach sechsundsechzig Sitzungen kam man endlich zu einem Beschluß, der am nächsten Tage öffentlich als Gesetz verkündet wurde. Er lautete folgendermaßen: »Gottes Wille wird den Megamikren nur durch Vermittlung des Großen Genius kundgetan. Es ist recht und gut, die Erzbischöfe und Abdalas über zukünftige Dinge zu befragen. Zuwiderhandelnde trifft die Strafe der Exkommunikation!« – In einem andern Punkte dagegen erfocht ich einen kleinen Sieg. Folgender Satz wurde gleichfalls als Gesetz verkündet: »Gott will, daß seine Kinder ihm durch ihre Liebe für alle seine Güte danken. Es ist nicht sein Wille, sie durch giftige Schlangen in Furcht und Schrecken zu erhalten. Alle Schlangen hat Gott dem Zorn der Riesen preisgegeben!« Besonders aber sprach ein Zwischenfall zu meinen Gunsten. Einer der vornehmsten Priester hatte sich in den Debatten derartig leidenschaftlich erregt, daß er schwer erkrankte. Die eingeborenen Ärzte standen ratlos an seinem Krankenlager und hatten ihn bereits aufgegeben. Dies war um so schlimmer, als der Kranke mit fast allen vornehmsten Würdenträgern des Landes verwandt war. In dieser höchsten Not griff ich ein und es gelang mir, im Verein mit meiner Frau den Kranken zu heilen. Alle seine Angehörigen waren nun außer sich vor Freude. Besonders aber sein Unzertrennlicher wußte sich in Dankbarkeit gar nicht genug zu tun. Er betrachtete mich geradezu als ein mit göttlicher Kraft begabtes Wesen. Und den andern ging es, glaube ich, kaum anders. Inzwischen näherte sich das Konzil seinem Ende. In der Schlußsitzung wurden alle Beschlüsse nochmals verlesen, darunter auch ein Gesetz, daß die Taufe bei Todesstrafe verboten wäre. Doch focht das weder mich noch meine Kinder an, denn unsere Bezirke waren vollkommen unabhängig, der Große Genius hatte dort nichts zu sagen. Bei meiner Rückkehr in die Hauptstadt erwartete mich ein geradezu beispielloser Empfang, dergleichen wohl selbst einem Könige noch nie zuteil geworden war. Das Jahr 68 war inzwischen herangekommen. Ich ernannte diejenigen meiner Söhne, die das betreffende Alter erreicht hatten, zu Statthaltern und reiste bald darauf ab. Ende Juni traf ich in der Hauptstadt meines zweiten Lehens ein und auch dort wurde ich mit den höchsten Ehren empfangen. Ich reiste schon nach vierzehn Tagen wieder ab, denn es zog mich nach meinem Fürstentum. Dort empfing mich Andreas. Er hatte mir zu Ehren ein prachtvolles Feuerwerk veranstaltet, das aber durch den herrlichen Sonnenschein viel von seiner Wirkung verlor. Dann gab ich Paul und Klementine, die ich für den König von Einundachtzig bestimmt hatte, meine Anweisungen und entließ sie nach diesem Königreich, nachdem ich ihnen zuvor noch ein Schreiben für den Erzbischof mitgegeben hatte. Diesem versprach ich darin meinen Besuch für das nächste Jahr. Ich hatte Paul vor der Abreise noch zum Bischof geweiht. Sie waren erst eine Woche in ihrer neuen Heimat, als alle Verheirateten entbunden wurden. Die bemerkenswerteste Tat dieses Jahres war, daß ich meine fünfzehn jüngsten Stämme in Gruppen von je drei und drei in meinem Lehen verteilte. Ich sandte sie im November auf die Reise, die Mütter trugen ihre Säuglinge an der Brust. Das war also eine Auswanderung von 6080 Menschen und es wäre ohne mein neues Gesetz die doppelte Anzahl gewesen. Andreas blieb das Haupt von acht Stämmen, also einer Bevölkerung von ungefähr 30000 Riesen, und das war schließlich eine genügende Anzahl. Zu dieser Zeit erhielt ich einen Brief von Jakob, der mich fragte, ob er vier der Nachbarkönige von Heliopalu, die ihn darum gebeten hatten, Stämme bewilligen dürfte. Ich riet ihm, meiner Methode zu folgen, und ihnen mit Ausnahme des ältesten die vier folgenden Stämme zu senden. Doch sollte er, dem als Patriarch dies Recht zustand, die Stammeshäupter zu Statthaltern ernennen. Meine Erlaubnis war für ihn vom größten Wert, denn seine Familie umfaßte 110000 Personen. Jetzt verließ ich endlich das Fürstentum, um mich an den Hof zu begeben. Ich vermag den Empfang, der mir dort zuteil wurde, nicht zu schildern. Der König begrüßte mich in öffentlicher Ansprache und dankte mir dafür, daß ich auf dem großen Konzil die Religion der Megamikren von allen Flecken gereinigt hätte. Alle Welt sollte mich als den Großen Genius betrachten, der meine Gestalt angenommen hätte. Er schloß, ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lasten, mit den Worten: »Nun wollen wir miteinander fröhlich sein, und Ihr sollt sehen, ob wir in Eurer Wissenschaft schon Fortschritte gemacht haben.« Ich wurde nun in ein Laboratorium geführt, das wirklich aufs beste eingerichtet war. Der König berichtete mir dann, daß die Prinzen sich vor dem ganzen Kollegium der naturwissenschaftlichen Hochschule ausgezeichnet hätten, denn außer ihnen ahnte niemand etwas von der elektrischen Kraft. Sie kamen sich daher jetzt selbst wie kleine Gelehrte vor. Zu Beginn des Jahres 69 erhielt ich Nachrichten von meinen Söhnen aus der Republik sowohl wie aus deren Lehen. Cäsar war ganz außer sich über die Sittenverderbnis der Republikaner, denn dadurch wurde auch sein Stamm zu Ausschweifungen verführt. Gerade die schönsten und vornehmsten Megamikren hatten es sich in den Kopf gesetzt, mit einem Riesen in intimer Freundschaft zu leben, und die dazu gehörigen Unzertrennlichen waren noch nicht einmal eifersüchtig, weil sie sich auf andere Weise schadlos hielten. Aber nicht nur die Roten sondern auch die Andersfarbigen hatten es darauf angelegt, die Riesen zu verführen. Umsonst eiferte Cäsar in den Gottesdiensten gegen diese Sünden, alle seine strengen Verbote erreichten nichts gegenüber diesen Versuchungen. Das schlimmste aber war, daß im Jahre 67 zehn Frauen nicht schwanger geworden waren, und im Jahr darauf waren es sogar schon dreizehn. Auch in diesem laufenden Jahr fürchtete er, daß viele dies Unglück haben würden, und fragte mich, was er tun sollte, um dem Übel zu steuern. Die armen Frauen kamen sich geradezu entehrt vor, sie weinten unaufhörlich und weigerten sich auszugehen, weil sie sich schämten. Sie waren ganz verzweifelt, daß sie nicht die Macht hatten, den ihnen angetanen Schimpf blutig zu rächen. Zwar fanden die Unzertrennlichen unsere Frauen sehr schön, doch wirkten sie gar nicht auf ihre Sinnlichkeit. Nur Roses Klugheit war es zuzuschreiben, daß es bisher noch nicht zu einem öffentlichen Skandal gekommen war. Nun aber war auch sie am Ende ihres Könnens angelangt und ein offener Skandal bereitete sich vor. Merkwürdig war es, daß Daniel mir ganz dasselbe berichtete, nur waren die Einzelheiten anders. Daniel war nämlich ein äußerst geistreicher Lustspieldichter. Er hatte ein kleines Theater erbaut und der Herzog war ganz entzückt von den außerordentlich gelungenen Aufführungen, die Daniel veranstaltete. Nach einem Jahr lud der Fürst die Schauspieler zu einem intimen Souper ein. Da er sich aber heftig bald in diesen, bald in jenen jungen Riesen verliebte, wurde ihm die Anwesenheit der hübschen Unzertrennlichen bald lästig. Er soupierte also nur noch mit meinen armen jungen Riesen, die von dem Herzog mit Geschenken überschüttet wurden. Damit waren nun aber ihre Frauen keineswegs einverstanden. Sie waren geradezu rasend vor Zorn, daß sie nicht mehr schwanger wurden, und auch hier stand man kurz vor dem offenen Skandal. Er fragte mich nun um Rat. Sollte er das Theater ganz aufgeben? Oder sollte er eine Aussprache mit dem Herzog herbeiführen? Denn die Riesen blieben allen seinen Ermahnungen und Vorwürfen gegenüber völlig verstockt und gleichgültig. Sie sagten, er sollte ihnen doch verbieten, an den Hof zu gehen. Ganz sicher würden sie ihm gehorchen. Dann hatte er noch einen andern großen Kummer. Einer seiner Sohne hatte sich bisher bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, denn er verfügte über ungewöhnliche Geistesgaben. Dieser verbrachte nun seit sechs Monaten alle Ruhestunden sowohl wie die ersten Stunden des Wiedererwachens außerhalb seines Hauses und niemand konnte ergründen, wohin er ging. Seine Frau die er zärtlich liebte, beklagte sich nicht über ihn, denn dazu gab er ihr keinen Anlaß. Doch verzehrte sie sich vor Kummer darüber, daß er sie nicht für würdig hielt, seine Geheimnisse zu teilen. Auf ihre Fragen hatte er nur erwidert, wenn er auch zugeben müßte, daß er zu unpassender Stunde geheime Besuche machte, so wäre er sich doch keiner Schuld bewußt. Schuldig würde er erst werden, wenn er sein Geheimnis preisgäbe, denn er hätte sein Wort gegeben, zu schweigen, bis die betreffende Persönlichkeit selbst ihm Erlaubnis gäbe, zu sprechen. Am Schluß des Briefes sprach er die düstersten Befürchtungen für die Zukunft aus. Natürlich stimmten mich diese Nachrichten äußerst nachdenklich, Elisabeth aber war ganz verzweifelt. Es galt, in beiden Stämmen der eingerissenen Sittenlosigkeit zu steuern. Da konnten Briefe nichts ausrichten, ich mußte schon persönlich zum Rechten sehen. Erst an Ort und Stelle konnte ich die geeigneten Maßnahmen treffen. Die Frauen der schuldigen Christen waren zu Nullen herabgesunken. Natürlich war das nicht buchstäblich zu verstehen, aber es beunruhigte mich doch sehr. Es hätte mich sehr betrübt, wenn die Fortpflanzung auf diese Weise eingeschränkt worden wäre, – das wäre gleichzeitig das Ende von Religion und Sittlichkeit, des häuslichen Friedens und der Harmonie zwischen den Ehegatten, kurz, der Untergang allen Familienglücks und der menschlichen Art überhaupt gewesen. Wir entschlossen uns daher, hinzureisen, machten aber vorher noch einen Abstecher zu Paul und Clementine, um zu sehen, wie sie sich im Königreich Einundneunzig eingelebt hatten. Der Erzbischof nahm uns mit größter Herzlichkeit auf und stellte uns seinem Bruder, dem Könige vor, der uns mit Liebenswürdigkeit überhäufte. Mein Stamm hatte gerade mit den Bauten begonnen, und ich beglückwünschte mich zu der Weisheit, mit der mein Sohn über die ihm von mir zum Bau des Tempels und der Seminare bewilligten Summen verfügte. Nach drei Wochen reiste ich ab; ich nahm meinen Weg über zwei Lehen und erreichte die Hauptstadt der Republik im strengsten Inkognito. Cäsar und Rose suchten mich sofort auf und blieben vier Stunden bei mir. Dreiundzwanzig junge Männer im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren, darunter zwei seiner eigenen Söhne, hatten sich einem unordentlichen Lebenswandel ergeben, wir hatten gerade den Monat März und Cäsar glaubte Grund zu der Annahme zu haben, daß in diesem Jahr über vierzig junge Frauen in der Blüte ihrer Jahre nicht schwanger werden würden. Er unterrichtete mich nun von allen Maßnahmen, die er getroffen hätte, um den Ausschweifungen der jungen Männer ein Ziel zu setzen, die er aufs tiefste beklagte, denn sie wurden ganz stumpf und träge und waren zu nichts mehr zu gebrauchen. Nur in der Gesellschaft ihrer Verführer, der Megamikren, lebten sie wieder auf. Er sah nur zwei Möglichkeiten vor sich, – entweder zur Negierung seine Zuflucht zu nehmen, oder aber den Megamikren trotz ihres Ranges den Zutritt zu sich zu untersagen. Ich war mit keinem dieser Vorschläge einverstanden. Nun schlug ich Cäsar vor, am nächsten Tage mit den dreiundzwanzig Schuldigen und deren Frauen zum Mittagessen zu mir zu kommen und mich handeln zu lassen. Diese kleine Mittagsgesellschaft von fünfzig Personen war keineswegs heiter. Ich richtete ausschließlich an die Frauen das Wort. Sie gaben sich die größte Mühe, sich nichts merken zu lassen, konnten aber doch ihre Traurigkeit nur schlecht verbergen. Nach Tisch nahm ich dann die dreiundzwanzig Missetäter ohne die Frauen ins Gebet. Ich sagte ihnen etwa folgendes: »Ihr habt das fünfte Gebot übertreten und Gott hat euch in seiner unendlichen Barmherzigkeit ein Zeichen seines Zorns gegeben. Er hat den Leib eurer Frauen verschlossen und nur eine aufrichtige und augenblickliche Reue kann euch von seiner Ungnade retten! Wenn ihr von euren bösen Wegen umkehrt, so verspreche ich euch im Namen Gottes, daß er euch verzeihen und eure Frauen wieder fruchtbar machen wird. Doch weiß ich nicht, wie lange er euch noch auf dies Zeichen seiner göttlichen Vergebung warten lassen wird. Solltet ihr aber halsstarrig auf euren bösen Wegen beharren, dann würde ich nicht mehr wie ein Vater euch ins Gewissen reden, sondern dann müßte ich euch exkommunizieren! Ihr hättet dann zu unsern Gottesdiensten keinen Zutritt mehr, dürftet weder bei euren Frauen noch überhaupt in unsern Häusern wohnen und müßtet abgesondert von uns leben. Ihr hättet diese öffentliche Schande dann völlig verdient, das wißt ihr auch selbst. Bedenkt, daß ihr die ersten meines Stammes seid, die solchen Kummer, solche Schande über uns gebracht haben. Aus christlicher Barmherzigkeit nur habe ich diesmal noch Nachsicht mit euch, darum sollt ihr auch am 1. April eure Frauen und Familien ins Gotteshaus begleiten dürfen. Aber am 1. Mai würde ich euch unweigerlich ausschließen, wenn ihr euren lasterhaften Lebenswandel weiter fortzusetzen wagtet. Jetzt werdet ihr mit euren Frauen nach Hause gehen und ohne meine Erlaubnis keinen Schritt aus dem Hause tun! Sollten eure Freunde, die Megamikren, euch aufsuchen, so dürft ihr sie zwar in Gegenwart eurer Frauen höflich empfangen, doch dürft ihr euch nicht etwa mit ihnen zurückziehen. Sollten sie euch zum Ausgehen auffordern, so werdet ihr das ablehnen und ihnen sagen, daß ich hier bin und es euch streng verboten habe. Jetzt könnt ihr gehen!« Sie küßten mir beschämt die Hand und schlichen dann ganz verwirrt hinaus. Ich erfuhr, daß sie am nächsten Tage drei Besuche bekommen hatten, doch hatten sie sich streng an meine Befehle gehalten. Auch die folgenden Tage blieben sie gehorsam zu Hause. Am 1. April hielt ich selbst die Predigt, der sie mit ihren Frauen beiwohnten. Sie sahen mit keinem Blick nach der Tribüne hin, wo Cäsar mir die dreiundzwanzig reizenden Närrchen zeigte, die sie verführt hatten. Am Nachmittag kamen dann die dreiundzwanzig Frauen und baten mich, ihren Gatten zu verzeihen und ihnen wieder Freiheit des Ausgehens zu gestatten, denn sie wären ganz zerknirscht und von aufrichtigster Reue erfüllt. Ich erhörte ihre Bitten und sagte, daß ich von der Bekehrung ihrer Gatten ganz überzeugt sein würde, sobald ich von Cäsar hörte, daß die Frauen guter Hoffnung wären. Am nächsten Tage gingen sie denn auch wirklich aus. Ich ließ sie von einigen Gelbbunten beobachten, aber sie hatten nur einen Spaziergang unternommen. Am übernächsten Tage aber vergaßen sich die beiden ersten Schuldigen doch wieder. Sie fuhren im Wagen bis zu dem großen Flusse, wo ihre Freunde, die Megamikren, sie schon erwarteten. Dann waren sie plötzlich verschwunden, als ob die Erde sie verschlungen hätte. Erst sechs Stunden später kehrten sie wieder nach Hause zurück. Sicherlich hielten sie sich die ganze Zeit in einem verborgenen Schlupfwinkel am Flußufer auf. Nun faßte ich einen raschen Entschluß, den ich aber nur Cäsar mitteilte. Ich hieß sie mit ihren Frauen und einem meiner Sekretäre einen Wagen besteigen, setzte mich selbst mit meiner guten Frau in einen andern und erreichte innerhalb zwölf Tagereisen das Lehen des herzoglichen Verschwenders, wo wir Daniel und Luise freudig überraschten. Ich befahl dem Pförtner, den Gefangenen ein behagliches Zimmer anzuweisen, und machte sie darauf aufmerksam, daß mein Türhüter strengen Befehl hätte, sie nicht ausgehen zu lassen. Den Nachmittag brachte ich mit Daniel und Luise zu, die mir ihr Herz ausschütteten. Auch hier war die Sittenlosigkeit erschreckend und fing schon an, meinen Stamm anzustecken. Neun Frauen waren nicht schwanger geworden und die schuldigen Gatten verspotteten die armen Wesen noch. Die Ärmsten waren ganz außer sich, denn der ganze Stamm kannte ihr Unglück. Die Schuldigen aber erblickten darin nicht etwa eine Strafe Gottes. Schon hatte sich der böse Geist der Eifersucht, der doch bisher in meinem Stamm ganz unbekannt war, dort eingenistet und in den Herzen der Frauen Wohnung genommen. Ich mußte Mittel und Wege finden, um dem Unglück entgegenzuarbeiten, sonst wäre in der Zeit von wenig Jahren mein ganzer Stamm der Sittenlosigkeit anheimgefallen. Meine Religion wäre damit ebenso wie mein guter Ruf der Lächerlichkeit preisgegeben worden. Der Herzog war sich gar nicht bewußt, daß seine, wie er glaubte, so harmlosen Vergnügungen in meinem Stamm zu so ernsten und bedauerlichen Folgen führten. Ich konnte daher hoffen, daß ein offenes und ernstes Wort von mir genügen würde, um ihn tun zu heißen, was Ehre und Anstand geboten. Ich hatte ihn als so gerecht und einsichtsvoll kennengelernt, daß ich glaubte, ihm fehle weiter nichts wie ein ehrlicher Ratgeber, der seine Fehler nicht beschönigte. So entschloß ich mich denn zu diesem bedenklichen Schritt, jedoch nicht, ohne vorher alles reiflich erwogen zu haben. Vor allem hatte ich mich genau über die Charaktere der Missetäter unterrichtet. Es handelt sich eigentlich mehr um einen unbesonnenen Streich. Ich konnte freilich nur mit großer Vorsicht zu Werke gehen und mußte eine günstige Stunde abwarten, um mit dem Herzog zu sprechen. Nichts ist ja so schwierig und heikel, als einem Fürsten ins Gewissen zu reden. So war ein Monat vergangen. Wohl hatte ich den Herzog verschiedene Male gesehen, doch hatte ich mich bemüht, ihm meinen Kummer zu verbergen, obwohl er mir geradezu am Herzen fraß. Endlich aber riß mir die Geduld. Ich pflegte den Aufführungen beizuwohnen, und als er mich nun auch zu seinen kleinen Abendessen einlud, entschloß ich mich, hinzugehen. Ich wollte mich mit eigenen Augen davon überzeugen, was dort vor sich ging, denn alle Welt schilderte mir diese Abende als den Abgrund menschlicher Verworfenheit. Man darf aber derartigen Gerüchten nie Glauben schenken, es sei denn, daß man sich selbst von ihrer Richtigkeit überzeugt hätte. Ich ging also mit meiner Frau hin, doch sahen wir leider nichts besonders Verwerfliches. Wahrscheinlich hielt unsere Gegenwart sie zurück. Ich fragte die Frauen der Übeltäter, warum sie denn nicht von ihrem Recht Gebrauch machten und sich mit ihren Männern zu Tische setzten. Sie erwiderten, daß sie erst immer mitgegangen wären. Es hätte sie auch niemand fortgewiesen, doch hätten sie dort, wie ihnen jedermann zu verstehen gegeben hätte, eine so mitleiderregende Rolle gespielt, daß sie von selbst darauf verzichteten, wieder mit hinzugehen. Sobald der Fürst des Zwanges müde ward, den ihre Gegenwart ihm auferlegte, ließ er betäubende Düfte im Zimmer aufsteigen. Dann begann er zu singen und die Geladenen mußten nach dieser Melodie tanzen. Im Rhythmus dieser Tänze wurden dann Handlungen vorgenommen, an denen sie sich weder beteiligen, noch deren Anblick sie ertragen konnten. Im schönsten Tanz wurde dann plötzlich ein allgemeiner Aufbruch in Szene gesetzt, man tanzte trotz der späten Stunde in die Gärten bis zum Flußufer und alle stürzten sich dann ins Wasser. Die Männer konnten freilich schwimmen, darum machte ihnen das weiter nichts aus. Die Frauen konnten einmal nicht schwimmen und dann waren die Vergnügungen, die im Wasser vor sich gingen, derartig, daß sie sich dagegen empören mußten. Sie hatten sich daher entschlossen, nie mehr hinzugehen. Ich beauftragte nun Elisabeth damit, die jungen Frauen auszuforschen, ob die Gatten denn ihren ehelichen Pflichten nachkämen. Das war hier ebenso der Fall wie in der Hauptstadt. Ich kam also zu dem Schluß, daß die Fruchtbarkeit meiner Nachkommen nicht von ihrem Zusammenleben, sondern von ihrer ehelichen Treue abhing. Denn in dieser Welt ist alles viel zarter organisiert wie in der unsern und die Natur will dort auch in ihren materiellsten Funktionen stets vom Gefühl unterstützt werden. Doch tröstete ich mich damit, daß auf diese Weise die eheliche Untreue nie verborgen bleiben konnte, daß es also das erstemal sein mußte, daß meine Kinder solche Sünde begingen. Obwohl ich mir selbst nicht klar darüber war, ob das nun mehr Gutes oder Schlimmes bedeutete, beschloß ich doch, mir diese Erkenntnis zunutze zu machen und mich ihrer gewissermaßen als Gegengift zu bedienen. Ein besonderes Ereignis kam mir dabei zu Hilfe. Einen Monat nach unserer Abreise bekam ich einen Brief von Cäsar, worin er mir folgendes mitteilte: Ein Sekretär des Rats der Siebzehn hatte ihn aufgesucht und ihn im Namen der drei Vorsitzenden gefragt, wo die beiden Riesenpaare wären, die man nirgends mehr sähe. Er antwortete, daß ich sie mit mir genommen hätte. Darauf entgegnete der Sekretär, man sollte sie sofort zurückberufen, oder aber die übliche Strafe auf sich nehmen, denn sämtliche Stammesangehörige seien Bürger der Republik und keiner von ihnen habe das Recht, sich ohne Erlaubnis des Rats der Siebzehn zu entfernen. Übrigens verweigerten letztere ja die Erlaubnis dazu niemals. Cäsar schloß mit den Worten, daß es seiner Meinung nach das beste wäre, die beiden Paare zurückzusenden. Dieser Brief überraschte mich sehr. »Wie«, sagte ich zu meiner Frau, »sollten wir denn unser natürliches Recht als Oberhäupter unseres Geschlechts verloren haben? Sollen etwa unsere Kinder nicht mehr Herr darüber sein, mit Erlaubnis ihrer Eltern zu gehen und zu kommen wie es ihnen beliebt? Das ist ja ein ganz tyrannisches und barbarisches Gesetz! Die Republik hat sich stark verrechnet, wenn sie glaubt, daß ich mich solcher Willkür unterwerfen würde! Warum hat sie denn diese widerwärtige Bedingung nicht in unsern Vertrag aufgenommen? Wie können meine Söhne zu Bürgern erklärt werden, wenn sie dann nicht einmal mehr Anspruch auf die allergeringsten Rechte freier Männer haben?« Als ich noch diese zornigen Betrachtungen anstellte, kam ein Kammerherr des Herzogs, um mich zu ihm zu bitten. Ich ging sofort hin und fand ihn ganz allein. Er empfing mich unter vier Augen und gab mir zunächst ein Schreiben des Ministeriums der Republik, worin ihm mitgeteilt wurde, daß zwei Riesenpaare, Bürger der Republik, sich ohne Erlaubnis entfernt hätten und sich dem Vernehmen nach in seinem Lehen aufhielten. Er wurde daher aufgefordert, sie gemäß seiner Lehenspflicht sofort zurückzusenden. Der Prinz erwartete nun traurig und aufmerksam meine Entscheidung. Ich sagte, daß doch laut der Stiftungsurkunde mein Stamm in der ganzen Republik das Bürgerrecht genösse. »Aber das ist es ja gerade, was Euch ins Unrecht setzt,« entgegnete er ganz bekümmert, »wenn das nicht wäre, könnte man Euch weder zwingen, sie zurückzusenden, noch sie mit Gewalt zurückholen, wenn sie sich im guten weigerten. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht zu einer mir so verhaßten Maßregel zwingen werdet!« – »Aber das ist ja unerhört,« rief ich nun ärgerlich, »daß ein Privilegium die Lage derer, die es besitzen, verschlechtern soll! Man hat mich also mit dem Ausdruck ›Vorrecht‹ gewissermaßen überrumpelt, denn von vornherein ging die Absicht dahin, mich diesem unverschämten Gesetz zu unterwerfen.« – »Das mag ja sein,« erwiderte er, »doch da man nun einmal von beiden Seiten diese Vereinbarung getroffen hat...« – »Nein,« unterbrach ich ihn, »das habe ich nie vereinbart!« – »Doch, doch,« erwiderte er, »denn es ist in dem Privilegium, das Ihr, ohne es zu prüfen, angenommen habt, enthalten. Ihr hättet Euch vorher davon überzeugen sollen, welche Verpflichtungen Ihr damit übernahmt, und es dann erst unterzeichnen!« – »Nun,« entgegnete Ich, »ich bin wirklich überrascht von dieser Auffassung und jeder Ehrenmann würde genau so denken wie ich! Ich protestiere! Ich verzichte auf die ganze Schenkung! Keinesfalls werden meine Kinder in die Hauptstadt zurückkehren!« – Der Herzog ergriff meine Hände und beschwor mich, diesen Schritt doch noch bis zum nächsten Tage reiflich zu überlegen. Ich sollte auch bedenken, welchen Schwierigkeiten ich ihn durch solche schroffe Entscheidung aussetzen würde. Er rief dann den Oberintendanten der Lustbarkeiten hinein und befahl ihm, das Theater bis auf weiteres abzusagen. Im höchsten Grade erregt, begab ich mich nach meiner Wohnung. Ich wollte den ganzen Tag über niemand sehen und besprach die Sache nur mit meiner Frau, die über sehr viel gesunden Menschenverstand verfügte und mir nicht ohne guten Grund riet, die beiden Paare wieder zu ihrem Stamm zurückzusenden. Ich widersprach sehr energisch und führte alle möglichen Gründe ins Feld. »Wie, ich sollte mich einer solchen Willkür unterwerfen?! Ich würde ja dadurch dem Laster Tür und Tor öffnen und mich selbst aufs tiefste demütigen! Wenn ich mich solchem ungerechten Gesetz unterwürfe, so würde ich ja alles Ansehen einbüßen! Der Herzog würde mich zu nichts zwingen können, denn ich fürchte mich nicht vor den Megamikren, Zehntausenden von ihnen könnten wir uns erwehren.« Meine Frau ließ mich ruhig reden. Sie widerlegte meine Gründe gar nicht, sondern, ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, blieb sie hartnäckig bei ihrer Meinung: die beiden Paare sollten in die Hauptstadt zurückkehren. Schließlich wog dieser immer wiederkehrende Satz mehr als alle Vernunftgründe, denn er kam aus dem Munde eines Wesens, das ich über alles liebte. Das ist wieder ein Beweis dafür, daß die Frauen eigentlich nur dieser einen Waffe bedürfen, um zum Siege zu gelangen, – es sei denn, daß sie zu der geistreichenden Art gehörten, die es liebt, mit Vernunftgründen zu operieren und damit den Gegner nur reizt, aber niemals überzeugt. Am nächsten Tage ließ ich mich wieder bei dem Herzog melden und versprach ihm, in einer Woche meinen Sekretär mit den beiden Paaren nach der Hauptstadt zurückzusenden. Er sollte sie zunächst meinem Sohn Cäsar übergeben und dieser würde dann der Republik ihre Rückkehr mitteilen. Ich bat dann den Herzog, mir meine anfängliche Schroffheit nicht übel auszulegen, worauf er mich umarmte und meine weise Mäßigung pries. Dies wirkte von seiner Seite ein bißchen komisch, doch freute ich mich, als er darauf anspielte, daß ich die jungen Riesen wohl zur Strafe für ihre Ausschweifungen mit mir genommen hätte. So brachte er selbst mich ganz unauffällig auf das Thema, über das ich schon längst mit ihm sprechen wollte. Ich unterrichtete ihn nun bis ins einzelste darüber, was mich dazu bestimmt hätte, die jungen Leute aus der Hauptstadt zu entfernen. Ich schilderte ihm ihre Ausschweifungen und deren traurige Folgen, den Kummer der Familie, die Verzweiflung der Frauen und deren beginnende Unfruchtbarkeit. Dann stellte ich ihm vor, welch Verbrechen das gegen die Religion bedeutete, den furchtbaren öffentlichen Skandal, den großen Kummer, den mir das alles bereiten mußte, und während ich ihm das alles genau auseinandersetzte, hütete ich mich wohl; ihn merken zu lassen, daß ich ja zu ihm gekommen war, um demselben Übel zu steuern. Der Herzog, der im Grunde seines Herzens eine edle und für alles Gute empfängliche Natur war, war von dieser Erzählung tiefbewegt. Es war ihm, wie ich wußte, ganz genau bekannt, daß seine Lieblinge mit ihren Frauen in Unfrieden lebten, und auch, daß die Frauen unfruchtbar waren, war ihm keineswegs verborgen. Zwar hielt er das für eine vorübergehende Sache, wie ich ja schließlich auch, aber ich hielt es keineswegs für nötig, ihm das zu sagen. Nachdenklich ging er im Zimmer auf und nieder und endlich fragte er mich, ob ich wohl glaubte, daß die Frauen wieder fruchtbar werden würden, sobald ihre Gatten zur ehelichen Liebe und Treue zurückkehrten. Ich erwiderte, daß das natürlich von Gottes Gnaden allein abhinge. Darauf dürften sie erst hoffen, wenn sie Zeichen aufrichtiger Reue gegeben haben würden. Darauf umarmte er mich nochmals und zog sich dann zurück. Ich berichtete meiner Frau genau, was wir gesprochen hatten, und ließ dann durch Daniel all die jungen Missetäter – aber ohne Ihre Frauen – zum Mittagessen bei mir einladen. Auch die beiden aus Cäsars Stamm wurden von mir zur Tafel befohlen. Feierliches Schweigen herrschte während des ganzen Mahles. Aber als dann die Speisen wieder abgetragen waren, redete ich ihnen ganz energisch ins Gewissen. Zunächst kündigte ich den beiden aus Cäsars Stamm an, daß sie mit ihren Frauen nach der Republik zurückkehren sollten. Durch ihre Schuld allein wären die armen Frauen zu Nullen herabgesunken, wie es ja bei allen der Fall wäre, die gegen das fünfte Gebot unserer Religion und damit auch gegen die eheliche Liebe und Treue gesündigt hätten. Ich wies sie darauf hin, daß sie der zeitlichen und ewigen Verdammnis anheimfallen müßten, wenn sie auf ihren bösen Wegen beharrten. Auch würden sie der allgemeinen Verachtung anheimfallen: wenn mit den fortschreitenden Jahren die Stämme ihrer Brüder sich durch immer neue Heiraten weiter ausbreiten würden, würden sie kinderlos dem Aussterben ausgeliefert sein. Nur aufrichtigste Reue und Gottes große Barmherzigkeit vermöchten noch einmal dem Unglück zu steuern und ihren verzweifelten Gattinnen die Fruchtbarkeit wiederzuschenken. »Geht nun mit ihnen in Begleitung aller eurer hier gleichfalls anwesenden Vettern zu den Häuptern des Stammes und kommt dann übermorgen in den Tempel, wo ich selbst am 1. Juni das Stiftungsfest abhalten werde. Dann werft euch Gott zu Füßen und bittet ihm auf Knien euren Ungehorsam ab! Hütet euch aber wohl, daß der Statthalter Cäsar niemals wieder Anlaß haben möge, euch zu exkommunizieren!« so schloß ich. In Tränen ausbrechend, fielen sie mir zu Füßen und Elisabeths Tränen mischten sich mit den ihrigen. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatten, sprach ich den Segen über sie. Am Tage nach dem Stiftungsfest sandte ich sie dann zu Cäsar zurück, den ich in einem besonderen Schreiben bat, sie freundlich aufzunehmen und mit Milde zu behandeln, da sie ja solche aufrichtige Reue bezeigten. Nun kam alles so, wie ich es wünschte. Die jungen Männer kehrten auf den Pfad der Tugend zurück, doch wurden ihre Frauen nicht guter Hoffnung, so sehnlichst es die Männer auch erhofften. Die Furcht, ohne Nachkommen zu bleiben, erwies sich als das beste Mittel, um meine Stämme vor Ausschweifungen zu bewahren, denn sie alle hatten den Ehrgeiz, Oberhaupt und Stammvater zu werden. Die Würde eines Statthalters dünkte sie erstrebenswerter als die eines Königs. Während der elf Jahre, die ich dort verlebte, brachten es die unfruchtbar gewordenen Frauen nicht auf dreihundert, und in einer Bevölkerung von drei bis vier Millionen bedeutet das herzlich wenig. Nach dieser Unterredung war bereits ein Monat verstrichen und zu meiner Freude blieb alles ruhig. Der Herzog hatte die Theatervorstellungen einstellen lassen und vergnügte sich jetzt mit Jagdausflügen, Fischen, Schwimmen, Reiten. Auch wohnte er schönen Konzerten und Tanzaufführungen bei. Seine Edlen lud er zu kleinen soliden Gastmählern ein. Daniel folgte nun meinem Rat und reichte dem Fürsten ein Lustspiel ein, das aus fünf Akten bestand und in seiner charakteristischen Art einen jungen Gecken schilderte, der mit seinen Torheiten eine starke komische Wirkung erzielte. Der Fürst las es und reichte es mit dem Bemerken zurück, daß es ihm so gut gefallen hätte, daß er es gern aufgeführt sehen möchte. Es wurde also gegeben, die Schauspieler ernteten größten Beifall, wurden aber nicht zur Tafel befohlen, und das war für mich ein großer Triumph. Fünf oder sechs Wochen darauf, als ich alles in bester Ordnung sah, auch durch Nachrichten von Cäsar über die Führung seiner jungen Männer beruhigt war, beschloß ich, nach Alfredopolis aufzubrechen. Doch wollte ich vorher noch eine Unterredung mit Albert, dem Gatten Kassandras, herbeiführen. Trotz seiner langen geheimen Besuche in den Ruhestunden war sie guter Hoffnung geworden. Sie war seine Kusine, und ich wollte ihn gern kennenlernen. Er war Daniels Onkel und siebzehn Jahre alt. Er war dunkel, sechs Fuß groß und hatte ein sanftes, ernstes Gesicht. Er war sehr still, ein großer Musikfreund und Mathemathiker. Auch hatte er eine wahre Leidenschaft für die Feuerwerkskunst. Er hatte sogar auf englisch eine äußerst gescheite Abhandlung über die Verwendung des Schießpulvers geschrieben und sie auf seine Kosten drucken lassen. Ich hatte sie gelesen und geradezu bewundernswert gefunden. Ich lud ihn nun zum Mittagessen ein. Wir waren nur vier Personen. Bald fand ich heraus, welchen ausgezeichneten Charakter seine Gattin und Kusine hatte: sie war eine blendend schöne und sehr heitere Blondine. Nach dem Mittagessen sprach ich ihnen scherzend meine höchste Anerkennung aus, daß sie so einträchtig miteinander lebten. Doch fügte ich hinzu, daß das Hauptverdienst dabei wohl der Frau zuzuschreiben sei, da sie keinerlei Heimlichkeiten vor ihrem Gatten hätte. Er erwiderte, daß er zwar ihre Überlegenheit nicht bestreiten wollte, doch hätte auch er keine Geheimnisse vor ihr. »Ja, weiß sie denn, wo du deine Ruhestunden zubringst,« fragte ich nun. »Sie würde es wissen,« sagte er, »wenn es mein Geheimnis wäre. Doch bin ich einer dritten Person gegenüber zum Schweigen verpflichtet.« Kassandra bemerkte noch, daß sie von der Wichtigkeit dieses Geheimnisses vollkommen überzeugt wäre, so daß sie sich keineswegs der Neugier schuldig machen wollte. Nun wollte ich natürlich nicht etwa hinter einem Weib zurückstehen. Ich wechselte also das Thema und fand den jungen Mann in jeder Beziehung sehr wohl unterrichtet. Vor meiner Abreise trafen Briefe von meinem elften Sohn Johann ein, der als Haupt seines Stammes in der Nachbarschaft der Hauptstadt des Reiches Siebenundachtzig wohnte. Auch Theodor und Andreas schrieben mir in dergleichen ziemlich wichtigen Angelegenheit. Andreas teilte mir aus Alfredopolis mit, daß seit der öffentlichen Bekanntmachung seitens des Konzils mehrere reiche Familien aus der Hauptstadt ausgewandert wären, um sich in meinem Lehen niederzulassen. Sie wollten um ihrer Bekehrung zum Christentum willen nicht in die Sklaverei geraten. Um dieser Auswanderung einen Damm entgegenzusetzen, hatte der König öffentlich verkünden lassen, daß unter seiner Regierung die kirchlichen Strafen ebensowenig vollstreckt werden sollten, wie es den Priestern jemals eingefallen wäre, diejenigen zu bestrafen, die sich gegen die bürgerlichen Gesetze vergangen hätten. Er ließ am Schluß dieses Manifestes allen seinen Untertanen völlige Gewissensfreiheit zusichern. Die Priesterschaft protestierte aufs erregteste gegen dieses Manifest, das sie als höchst gottlos bezeichnete, und man erwartete nun aufsehenerregende Nachrichten aus Heliopalu, da der Große Genius doch solchem Frevel nicht gleichgültig gegenüberstehen konnte. Johann teilte mir dann weiter mit, daß der König ihn gebeten hätte, ein Edikt zu erlassen, worin er allen Megamikren, die getauft werden wollten, die Taufe zusagte und ihnen gleichzeitig zusicherte, daß sie dieserhalb keiner Bestrafung ausgesetzt sein würden. Johann hatte dies Ansinnen aber abgelehnt, weil es sich nicht mit der Abmachung in Einklang bringen ließ, worin wir dem Großen Genius versprochen hatten, niemals einen Megamikren aufzufordern, sich taufen zu lassen. Der Minister hatte ihm daraufhin den Befehl aufs neue zustellen lassen mit dem Bemerken: die Megamikren wissen zu lassen, daß ihnen keine Strafe drohe, sei doch nicht als »Aufforderung« zu bezeichnen. Darauf hatte Johann geantwortet, es wäre Sache des Königs, die Megamikren zu beruhigen. Er könnte in der Angelegenheit nichts tun, denn er wollte auch den bösen Schein vermeiden. Im übrigen stünde in allen religiösen Fragen einzig meiner Autorität die Entscheidung zu, darum würde er nun mir die Sache unterbreiten. Damit hatte sich der Minister einverstanden erklärt und so hatte man denn einen Eilboten zu mir entsandt. Ich schrieb ihm mit dem gleichen Boten zurück, daß ich in Person dort eintreffen würde, um die Meinungsverschiedenheit beizulegen. Ich war sofort entschieden, denn es war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, zu der man ihn verführen wollte. So nahm ich denn meinen Abschied vom Herzog, und innerhalb zweiundzwanzig Tagen, also Anfang August, traf ich bei Johann ein. Am nächsten Morgen schon ließ ich eine Audienz beim König nachsuchen. Er empfing mich in Gesellschaft des Premierministers, wie ich es schon vorausgesehen hatte. Ich kam sofort auf die fragliche Angelegenheit, und nachdem ich dem alten König alles haarscharf auseinandergesetzt hatte, legte ich ihm mein Abkommen mit dem Großen Genius vor. Ich machte ihm klar, daß ich diesem so wenig wie meinem eigenen Gott und Herrn mein Versprechen brechen könnte, und sollte mich das auch das Leben kosten. Daraufhin hielt wieder der König eine kleine Rede, die darauf hinauslief, daß es doch völlig in meinem Belieben stünde, ihm diesen Dienst zu erweisen. Ich gab mit tiefbetrübter Miene und tiefer Verneigung die Wahrheit dieser Behauptung zu. Darauf entließ uns der König sehr gnädig und wir zogen uns in unseren Palast zurück. Dieser Widerstand schien mir unbesieglich. Doch hatte ich mich nun einmal entschlossen, nicht nachzugeben. Johanns Stamm umfaßte übrigens ungefähr 19000 Personen. Acht Tage später berief mich der König zu einer neuen Konferenz. Er sprach lange und aufrichtig mit mir über die ganze Angelegenheit und bat mich schließlich, ihm einen guten Rat zu geben. Einerseits wollte er den Großen Genius nicht durch einen Gegenbefehl erzürnen, andrerseits aber wollte er doch auch gern der Auswanderung seiner Untertanen gern ein Ziel setzen. Wir kamen nun überein, daß ein Eilbote zum Großen Genius nach Heliopalu gesandt werden müßte, um in dieser Sache seinen Rat zu erbitten. Ich selbst aber wollte ein Manifest erlassen, daß während vier Jahren keine Megamikren getauft werden könnten. Dieser Rat gefiel ihm sehr wohl. Er dankte mir warm und sandte zunächst den Boten nach Heliopalu. Johann erzählte mir in jenen Tagen, daß ein Lehnsfürst des Königs vor zwei Jahren angekommen sei, für den man ihn konsultierte, um ihm das Augenlicht wiederzugeben, das er vor zwanzig Jahren verloren hatte. Der Besuch fand in Gegenwart von vier Augenärzten statt; zwei von ihnen waren seine Söhne. Auf Grund des Urteils von drei Ärzten hatte man den Prinzen als unheilbar entlassen; der vierte jedoch hielt ihn für heilbar. Dieser Arzt war aber der jüngste und so hatte Johann das Risiko nicht eingehen wollen, die Operation gegen die Meinung der drei anderen vornehmen zu lassen. Da der beklagenswerte Prinz erfahren hatte, daß ich in der Hauptstadt weilte, kam er, um sich untersuchen zu lassen, und ich ließ ihn mir von Johann vorstellen. Bei der Untersuchung fand ich einen weitvorgeschrittenen grauen Star, ich wollte jedoch noch die Meinung meiner Enkel hören, die mir noch nicht bekannt geworden war, um zu wissen, ob sie das Leiden ebenfalls für grauen Star hielten. Kniend küßten sie mir die Hände und alle sagten nur ihre Meinung. Auch der Jüngste verbarg seine Ansicht nicht, sondern trug mir in bescheidenen Worten vor, was ihn dazu veranlaßt hätte, diese, seinen Kollegen entgegentretende Meinung zu äußern. Er erschien mir klüger als alle andern, andererseits gefiel mir auch die vorsichtige Haltung der anderen. Ich betonte, daß ich derselben Meinung sei wie der jüngste der Ärzte, dagegen hielt ich es für geraten, daß die Operation nur von demjenigen ausgeführt werden dürfte, der die längste Erfahrung und die größte Geschicklichkeit nachweisen könnte. Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als sich etwas Sonderbares ereignete. Der jüngste der Ärzte ergriff die Hand seines Onkels, des Augenarztes und Sohnes des Johann, und sprach: »Dies ist der geschickteste von uns allen, somit wird er die Ehre haben, den Prinzen zu operieren.« Der Erwählte trug eine bescheidene Haltung zur Schau, machte nicht viel eitle Worte, sondern sprach nur, nachdem er sich vor mir, meiner Frau und Johann tief verneigt hatte, seinen Kollegen freundschaftlich zunickend, folgendes: »Wenn ich mich diesmal nicht sicher im Erfolg fühlen sollte, so würde ich mir überhaupt nichts mehr zutrauen können. Ich bin bereit.« – Ich betrachtete meine Frau, die durch so viel Tugend zu Tränen gerührt war, während ich selbst mich zwingen mußte, meine Bewegung zurückzuhalten. Daraufhin ordnete ich an, daß die gesamte Familie des Prinzen hereinkommen möchte, und machte jenen die Mitteilung, daß die Operation am folgenden Tage vorgenommen werden würde. Der Operateur befreite den Prinzen in meiner Gegenwart von zwei verknorpelten, elastischen und harten grauen Starhäutchen. Er fiel vor mir aufs Knie, um meine Hand zu küssen, ich aber zog ihn zärtlich an meine Brust. Elisabeth tat desgleichen und ihre Tränen benetzten ihn. Acht Tage später, nachdem der Prinz sehend geworden war, lud er uns zum Mittagessen ein; beim Nachtisch erbat er sich von mir als Gnade einen meiner Stämme, was ich ihm natürlich gewährte. Ich schrieb an Andreas, er möge alles vorbereiten, damit der Stamm hierherreise. Es war derjenige von Laurentius und Lukretia, meines neunzehnten Sohnes. Die Stämme, die ich von Alfredopolis verpflanzt hatte, fühlten sich glücklich, denn meine Stadt war nur von Riesen bevölkert und die Gesellschaft der Megamikren war dort nicht häufig zu treffen. Gegen Ende des Jahres nahm ich vom Könige und meinem Stamme Abschied, um mich innerhalb vierzehn Tagen nach der Hauptstadt meines Lehens zu begeben. Daselbst wurden mir durch Theodor sämtliche edlen Roten vorgestellt; die zum Christentum Bekehrten waren aus dem Nachbarkönigreich herübergekommen, um sich bei mir niederzulassen. Ich äußerte auch den Wunsch, er möge mir die reichen Kaufleute vorstellen, die durch den Aufschwung des Handels den Wohlstand meiner Staaten erhöht hatten. Ich gewährte ihnen Privilegien, und nachdem ich meine anderen vier Gouvernements besichtigt, die Ansiedlung der vierzehn Stämme in Augenschein genommen und alles in Ordnung gefunden hatte, verließ ich mein Lehen, wo ich Freude und Zufriedenheit in aller Herzen zurückgelassen hatte. Im Februar kam ich in Alfredopolis an, wo Andreas ein Feuerwerk anläßlich des freudigen Ereignisses vorbereitet hatte. Der königliche Prinz hatte vom Himmel zwei schöne Rote erhalten; ihm wurde hierdurch die Gewißheit, daß während dreier Generationen die Krone seinem Hause nicht verloren gehen könnte. Tags darauf begab ich mich zu ihm, um ihm meine Hochachtung auszusprechen, desgleichen den Prinzen, die mir elektrische Maschinen zeigten, womit man sich durch Zeichen, Glocken und Leitungen, die nach allen Richtungen gingen, verständigen konnte. Es war mein Wunsch, daß die Geburt der Prinzen durch ein dreitägiges Fest gefeiert würde. Für den ersten Tag war Oper angesetzt, für den zweiten Schauspiel und gymnastische Spiele; Feuerwerk stand endlich auf dem Programm des dritten Tages. Nach den Festtagen ließ ich Laurentius, den ich zum Statthalter des schönen Stammes ernannte, zurückkehren. Ich erklärte deshalb Stephan zum Ältesten, ebenso Julius, der in diesem Jahre sein letztes Zwillingspaar haben sollte. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine sehr interessante Nachricht von meinem Sohne Daniel. Er schrieb, daß Albert und Kassandra fünf Tage vor Absendung des Briefes verschwunden seien, der ganze Stamm sei darüber entrüstet und die Familie untröstlich. Er hatte seinem Vater einen Brief geschrieben, der ihm vier Tage nach seiner Abreise durch einen Lastträger überbracht worden war. In diesem Briefe empfahl er ihm seine Familie mit dem Hinweis, daß er dahin gehe, wohin zu gehen ihn Ehre und Religion verpflichteten. Daniel sagte mir, daß er mit viel Geld abgereist sei und außerdem vier Diamanten von großem Werte mit sich genommen hätte; diese letzteren habe er von einem seiner Vetter entliehen, der ein Günstling des Prinzen gewesen war. Er schrieb mir, daß er von dieser Flucht vorerst sämtliche Häupter der in den Nachbarreichen angesiedelten Stämme in Kenntnis gesetzt habe, um die Flüchtigen zu entdecken und zur Rückkehr zu zwingen. Nach Heliopalu habe er noch nicht geschrieben, um mir die Entscheidung darin zu überlassen. Die Nachricht traf mich nicht allzu tief. – Albert war vorsichtig, klug und fromm, er besaß Geistesgegenwart, hatte seine Frau bei sich und war schließlich mit Geldmitteln gut versehen; was konnte er da zu fürchten haben? Welche Notwendigkeit lag vor, ihn mit unseren Sorgen zu beunruhigen, ihm mit unseren Nachforschungen lästig zu fallen? Ein unangebrachter Eifer könnte in diesem Falle womöglich dazu führen, ihn in seinen Unternehmungen und Plänen, die gewiß nur gut und löblich sein konnten, zu behindern. Wir hatten durchaus keinen Grund, schwarzseherisch zu urteilen, sondern eher Veranlassung, seine Gründe zu respektieren. Unverzüglich schrieb ich deshalb meinen sämtlichen Söhnen, sie möchten, in welchem Zustande sie Albert auch entdecken sollten, ihm Achtung und jegliche Hilfe erweisen, deren er vielleicht bedürfen sollte. Ich war mir mit meiner Frau darüber einig, daß man in einem solchem Falle nichts anderes tun könne, als sich darauf beschränken, Gott für ihn zu bitten. Auf meinen Befehl wurde in allen Kirchen für ihn gebetet und dies gab die Veranlassung dazu, daß man annahm, ich sei in das ganze Rätsel eingeweiht. Es ergab sich hieraus für mich eine Sache, die weittragende Folgen hatte. Hieraus lernte ich, daß man Gott im stillen anrufen und sich davor hüten sollte, seine Frömmigkeit öffentlich zur Schau zu tragen. Alles war schön in meiner Stadt Alfredopolis, die Häuser, die Gärten, die Kais an den Flüssen, das prächtigste waren jedoch meine Schmieden und die Metallager, sowie meine Artilleriewerkstatt, die mich ein Vermögen kostete. Diese Werkstatt bestand aus zwölf kleinen Inseln, die von Laufgräben umgeben waren, die längs des Kanals liefen und meine Rüstkammern enthielten. Ich hatte die Faustkampfspiele abgeschafft. In mehreren Sälen hatte ich 200000 Flinten, ebensoviel Pistolen, außerdem eine Menge gußeiserne Kanonen verschiedenen Kalibers aufgestapelt. Dieses Gußeisen war meine Erfindung und ich hatte es verschiedentlich ausprobiert. Es bestand aus fünf Teilen Silber und einem Teil Zinn, das ergab eine vorzügliche Mischung. Ich besaß davon 1000 Stück, von denen 300 vierundzwanzig Pfund wogen, Zu allen übrigen Kanonen kleineren Kalibers hatte ich Munition und viele Tausend Kugeln von Eisen und Blei aufgespeichert, dazu die nötigen Transportwagen, um meine Geschütze an jeden beliebigen Ort fahren zu können. In dem letzten großen Magazin hatte ich zwei Lager weißen und blauen Pulvers, insgesamt mehr als 10000 Zentner. Was bei dieser verschwenderischen Ausrüstung wunderbar erscheinen mag, ist, daß ich keinesfalls an Krieg dachte, zumal man sich in jener Welt weder vorstellen kann wo, noch wie Krieg entstehen könnte. Ich schuf meine Artillerie einzig aus dem Grunde, weil es mir schön erschien, weil es in Europa nur Fürsten erlaubt war, eine solche zu besitzen, weil ich reich war und die Waffen liebte. Diejenigen, welche diese großen Maschinen sahen, bewunderten ihre Form und die Kostbarkeit ihres Materials; sie kannten den Zweck nicht, dem sie dienen sollten, und wagten nicht, mich darüber zu befragen. Ich selbst war damit zufrieden, etwas geschaffen zu haben, was niemand mich gelehrt hatte. – Ich glaube, wenn es in jener Welt ein großes Meer gegeben hätte, so würde ich es unternommen haben, die größten Schiffe zu bauen und dies mehr zu meinem Vergnügen, als in der Absicht, mich dieser Schiffe zu bedienen. In diesen Tagen schrieb mir Theodor als einzige Neuigkeit, die sich inzwischen in der Hauptstadt meines Lehens, sowie im Stamme ereignet hätte, daß acht Frauen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren in diesem Jahre nicht niedergekommen seien. Doch versicherte er mir, daß zwischen den Ehegatten das beste Einvernehmen bestände und die Frauen ihm selbst die Versicherung gegeben hätten, daß kein Grund vorläge, sich über die Gatten zu beklagen. Ich ließ ihm den guten Glauben und dachte mir mein Teil. Jakob schrieb mir von meinem Lehen in Heliopalu, daß er vier seiner Stämme den vier Königen, deren Staaten an das Gebiet des Großen Genius grenzten, überlassen habe. Er hatte sich auf diese Weise von mehr als 10000 Seelen befreit, die dieselben Privilegien genossen, wie sie jenen bewilligt worden waren, die ich selbst bei dem benachbarten König des Reiches Neunzig untergebracht hatte. Diese Nachricht erfreute mich, denn ich ersah daraus, daß meine Religion sich durch meine Nachkommen ausbreitete. Nach dem Stiftungsfest am Neujahrstage 71 nahm ich vom Könige Abschied und reiste nach meinem Lehen in der Absicht, dortselbst drei Jahre zu bleiben. Ich fand meine Untertanen zufrieden vor, eine Ausnahme bildete nur die Geistlichkeit. 10 – 12000 Geistliche waren auf die Mildtätigkeit angewiesen; sie dachten nicht daran, Christen zu werden, denn mein Gesetz schloß sie von allen Dienstleistungen im Tempel aus. Sie kannten keinen anderen Beruf, ja, sie hatten das Gelübde getan, keinen zu betreiben, ich konnte ihnen somit in keiner Weise Unterstützung zuteil werden lassen, obgleich sie mir leid taten. Der Erzbischof war nur noch mit den auswärtigen Angelegenheiten beschäftigt, verzehrte seine Renten, und da er wußte, daß die anderen Abdalas der Diözese oder aber meine Söhne in der Eigenschaft als Statthalter seinen Platz einnehmen würden, so sagte er mir, daß er sich entschlossen hätte, alles der Vorsehung anheimzustellen, nachdem er dem Großen Genius alles geschrieben hätte, was letzterer wissen müßte, daß mit dem Tage, wo ich in der Lage wäre, christliche Statthalter in allen Städten meines Lehnes einzusetzen, auch nicht der geringste Schatten der alten Religion zurückbleiben würde, und dieser Tag könne nicht mehr fern sein. Ich verbrachte das Jahr damit, daß ich alles prüfte, was zur Förderung guter Ordnung für mich von Interesse sein könnte. Was die neue Rasse meiner Nachkommen aus Ehen zwischen Vettern und Basen anbetraf, so waren die Männer sechs Fuß hoch, die Frauen nahezu fünfeinhalb. Sie zeichneten sich durch blendende Schönheit aus und die zu Zwillingen Geborenen hatten allen Grund sie zu beneiden. Viele meiner Söhne waren aus Ehen hervorgegangen, die vor dem Jahre 60 geschlossen waren, weshalb sie als Zwillinge geboren waren. Sie verliebten sich in die Schönheiten und äußerten ihre Wünsche, fanden bei mir aber keine Gegenliebe, denn die schönen Mädchen waren für die schönen Männer, ihre Vettern, bestimmt. Ich erließ deshalb ein Gesetz, welches neunundzwanzig europäische Jahre gelten sollte und die Unabänderlichkeit des für die Eheschließungen aufgestellten Gesetzes vom Jahre 59 bestätigen sollte. Ich wählte diese Dauer von neunundzwanzig Jahren, da ich mir sagte, daß es im Jahre 100 in meiner Rasse keine Zwillingsgeburten mehr geben würde, im übrigen sah ich ein, daß man es zulassen müsse, der ehelichen Liebe Opfer zu bringen. Gott weiß, was daraus werden mag. Meine neuen Geschöpfe waren Riesen, auch in bezug auf Seele und Geist, dazu kam, baß sie über außergewöhnliche Körperkraft verfügten. Ihr einziger Fehler bestand darin, daß sie sich als weit über den zu Zwillingen Geborenen stehend betrachteten. Für ihre Väter hatten sie nur geringe Verehrung, und wirkliche Hochachtung nur vor mir und Elisabeth, als den Begründern der gesamten Rasse. Diese Geschöpfe brauchten viel mehr Nahrung, als die zu Zwillingen Geborenen, man gab sie ihnen jedoch sehr gern. Es war Mitte Juni des Jahres 72, ich befand mich allein im Park und war angelegentlich damit beschäftigt, den Plan zu einem Wohnhaus daselbst aufzuzeichnen, als ein Gelbbunter sich vor mir auf die Knie warf, indem er mir einen Brief überreichte. Ich fragte ihn, wie er denn in den Park gekommen sei. Er antwortete, daß er ein mit Zinn beladenes Lasttier bei sich habe und dem ihm erteilten Befehl zufolge sagte er aus, ich hätte das bei seinem Herrn bestellt. »Wer ist denn dein Herr?« – »Nachdem Ihr den Brief gelesen habt, mögt Ihr mich über alles befragen,« war seine Antwort. Erstaunt über diese Zurückhaltung, öffnete ich den Brief, der englisch geschrieben und mit »Albert Daniel Alfred, der Christ«, unterzeichnet war. Der Inhalt des Briefes lautete folgendermaßen: »Schreibet mir, hochehrwürdiger Vater, die genaue Zeit, zu welcher Ihr heute allein im Park Eures Palastes weilen werdet, und gebet Euren Wachen Befehl, daß sie zu der von Euch angesetzten Stunde einen Wagen zu Euch hereinlassen, der mit zehn Pferden bespannt und mit zwei großen Koffern beladen sein wird, lasset das Abladen durch die nämlichen fünf Mann besorgen, die den Wagen führen, endlich bitte ich Euch, Lager für Pferde und Mannschaft vorbereiten zu wollen. Ihr werdet von mir selbst persönlich das erfahren, was ich dem Papier nicht anvertrauen kann. Der Buntgefleckte, der Überbringer dieses Briefes ist, wird im rechten Auge eine gelbe, im linken eine jonquillenfarbene Pupille haben. Ich bitte Euch, an den Boten keinerlei Fragen zu richten, lasset ihn sich seiner Bürde entledigen und sendet ihn mit ein paar Antwortzeilen zurück!« Ich konstatierte, daß seine Pupillen die angegebene Färbung hatten, und forderte ihn auf, mir samt dem Lasttier zu folgen. Alsdann befahl ich ihm, abzusatteln, und zwar in einem Lagerraum, zu dem ich den Schlüssel besaß. Auf ein Stück Papier schrieb ich »vierzehnte Stunde« und sandte damit den Boten zurück. Ich forschte nicht nach, was in dem Sack enthalten sein mochte, aber ich ging sofort zu meiner Frau, um ihr die Sache zu erzählen, denn in meinem ganzen Leben habe ich niemals ein Geheimnis vor meiner Frau gehabt. Das geheimnisvolle Benehmen Alberts ließ keine Mutmaßungen zu, es erweckte Interesse, das war alles. – Ich erteilte meine Befehle und begab mich zur angesetzten Stunde an den bezeichneten Ort, nur von meiner Frau begleitet. Zehn Minuten darauf sahen wir einen mit zehn Pferden bespannten Wagen langsam auf uns zukommen. Die fünf Megamikren, die neben den Pferden daherschritten, luden die Koffer ab und wir waren nichts weniger als erstaunt, aus einem derselben Albert, aus dem zweiten Kassandra heraussteigen zu sehen. Nachdem sie uns die Hand geküßt hatten, sagten sie, daß es sich darum handele, sie an einem Orte unterzubringen, wo sie vor der Neugierde geschützt seien, und wo ihnen drei Räume zur Verfügung ständen. Ich führte sie in ein kleines möbliertes Haus, das hundert Schritt von hier gelegen war, und zu dem auch eine Stallung gehörte. Da schon alles zur Ruhe gegangen war, konnten wir unbemerkt dorthin gehen, gefolgt von vier Dienern, was mir außergewöhnlich erschien. Zwei Diener waren zurückgeblieben, um auf die Pferde zu achten. Albert bat uns noch um eine halbe Stunde Geduld, damit sie erst ein Bad nehmen könnten. Da alle seine Wünsche mir wichtig waren, zeigte ich ihm die Baderäume, die zu den drei Zimmern gehörten, und wir ergingen uns einstweilen im Gemüsegarten. Kaum war die halbe Stunde verstrichen, so sahen wir zu unserer Überraschung Albert und seine Frau in Begleitung von vier schönen Roten erscheinen. Wir begrüßten sie in der üblichen Art, und er stellte uns zunächst das erste Paar vor. Den Namen, den er dabei nannte, hatten wir noch niemals gehört. Als er uns das zweite Paar vorstellte, sagte er: »Dies ist das Thronfolgerpaar des Lehens, wo unser Stamm lebt!« Ohne weitere Fragen nahmen wir nun alle auf das herzlichste auf. Meine Frau zerstäubte ein wahrhaft königliches Parfüm im Saal und dann fing Albert an zu erzählen, nachdem er erst unsere Erlaubnis dazu eingeholt hatte. Geschichte des Erblehnsfürsten der Republik. Bald nach der Ankunft unseres Stamms im Lehen hatte ich einen Artikel über Mathematik in megamikrischer Sprache veröffentlicht, der zum Anlaß wurde, daß die Persönlichkeit, die Ihr hier vor Euch seht, meine Bekanntschaft zu machen wünschte. Es war der Minister der öffentlichen Wasserstraßen im ganzen Lehen. Schon nach kurzer Zeit erkannte ich seine edlen und großen Eigenschaften und schloß mich innig an ihn an. Er schenkte mir seine Freundschaft und nun verbrachten wir ganze Stunden miteinander, tief in unsere geometrischen Probleme vertieft. Eines Tages teilte er mir mit, daß ein Fürst, der gleichermaßen durch seinen Charakter wie durch die Standhaftigkeit, mit der er sein Unglück ertrug, sich auszeichnete, meine Bekanntschaft zu machen wünschte. Er versicherte mir, daß ich selbst viel Freude an dieser Bekanntschaft haben würde, denn der Prinz teilte unsere Leidenschaft für Mathematik. Dann sagte er mir noch, daß es sich hierbei um ein großes Geheimnis handelte und daß die Cristenz des Prinzen selbst verborgen bleiben müßte. Ich schwor ihm tiefste Verschwiegenheit und nun stellte er mir den Prinzen vor. Er ist jetzt mit seinem Unzertrennlichen hier, den er damals noch nicht hatte. Bei ihm verbrachte ich jede Woche nahezu zwanzig Stunden und gab dadurch unserm Stamm soviel Gelegenheit zum Klatschen, dem Statthalter Daniel, unserm guten Vater, jedoch soviel Grund zur Sorge und Beunruhigung. Als nun der Minister der öffentlichen Wasserstraßen merkte, welch großes Interesse ich dem Prinzen entgegenbrachte, er aber auch genau wußte, daß ich nie nach seiner Geschichte fragen würde, erzählte er mir eines Tages von selbst seine merkwürdigen Schicksale, im Einverständnis mit ihm selbst. »Dieser liebenswürdige und charaktervolle Fürst, mit dem uns eine so innige Freundschaft und ein so tiefes Interesse für die uns allen so teure Wissenschaft verbindet, ist der Sohn eines regierenden Lehensfürsten der Republik. Er hatte bei seinem Eintritt in die Welt das Unglück, einen Unzertrennlichen mitzubringen, den ein gelber Fleck in der Magengegend zum Bastard stempelte. Einige Tage später hatte auch ich das Unglück, daß von einem Pärchen, mit dem ich beschenkt wurde, das eine sich als Bastard erwies. Ich faßte das aber vielmehr als ein Glück auf, denn ich sagte mir, nun würde mein Roter zum Unzertrennlichen des Prinzen erhoben werden, dem es erst dadurch ermöglicht würde, seinem Vater in der Regierung zu folgen. Ich war der einzige, der ihm zu einem Unzertrennlichen verhelfen konnte, weil ich gleichfalls als einziger in direkter Linie von dem erlauchten Ahnenpaar abstamme. Dieser Sohn nun, der zur Herrschaft bestimmt war und unsern Prinzen glücklich gemacht hätte, wurde mir durch einen Schlaganfall entrissen. Ich kann Ihnen jetzt nicht mehr über diesen Todesfall sagen, der es mit sich bringt, daß mit dem Tode des regierenden Herzogs das Lehen wieder an die Republik fällt. Wenn ich jünger wäre, würde ich selbst der Erbe sein. Anstatt daß nun der Herzog für seinen armen Roten einen Unzertrennlichen, der gleichfalls mit einem Bastard aus dem Ei geschlüpft wäre, gesucht hätte, um ihn wenigstens zum Erben seiner Allodialgüter zu machen, ließ er alles gehen, wie es ging. Die Hauptsache war ihm, daß er in seiner unseligen Verschwendungssucht nicht gestört würde. Lieber ließ er dem Prinzen seinen natürlichen Bastard mit dem Recht, ihn zu verstoßen und einen beliebigen andern zu wählen. Doch von diesem Vorrecht hat der Prinz niemals Gebrauch gemacht. Er ist ein großer Freund der Wissenschaften und hat selbst seinen Vater gebeten, ihn fern vom Hofe leben zu lassen auf dem Gute, das er ihm geschenkt hat. Noch niemals hat der Prinz Lust empfunden, es zu verlassen. Er fühlt sich hier sehr glücklich und vor allem unabhängig. Die achtzig Edelleute, die seinen Hofstaat bilden, sind lauter Fremde, denen das Geheimnis seiner Geburt vollkommen unbekannt ist. Übrigens bewegen sie sich auch niemals über die Grenzen des Guten hinaus. Ich bin der einzige, der in das Geheimnis eingeweiht ist, und habe Erlaubnis vom Herzog selbst, mit seinem unglücklichen Sohn zu verkehren, den ich wie mein eignes Kind liebe.« Ich dankte dem Minister, den Ihr gleichfalls hier seht, für sein Vertrauen und empfand die größte Genugtuung, als der Prinz, dem die Offenheit und Wahrheitsliebe auf dem Gesicht geschrieben steht, mir sagte, meine Freundschaft machte ihn wunschlos glücklich. Es war eine Woche nach eurer Abreise, als ich den Minister tiefbetrübt und in Nachdenken versunken antraf. Ich liebte ihn innig und hätte ihn gern getröstet, doch wagte ich nicht, ihn nach seinem Kummer zu fragen. Ich heuchelte daher eine gleichgültige Miene, die mir oft gar nicht gelingen wollte. In vier bis fünf Tagen, als seine Traurigkeit immer zunahm, kam es so weit, daß wir stundenlang schweigend beieinander sitzen konnten. Sein Herz sagte ihm schließlich, daß es grausam wäre, mich nicht an seinem Kummer teilnehmen zu lassen, und so offenbarte er mir eines Tages das folgende: »Es ist überflüssig, teurer Albert, Ihnen Stillschweigen über das, was ich Ihnen jetzt enthüllen will, noch eigens anzuempfehlen, denn Sie werden von selbst zu dieser Einsicht kommen. Zwar kennen Sie die Geschichte unseres gemeinsamen Freundes, des Prinzen, doch sind Ihnen die Umstände des Todes meines armen Sohnes noch unbekannt. Doch muß ich Ihnen jetzt alles genau mitteilen, wenn ich Sie in meinen Kummer einweihen soll. Wenige Tage, nachdem der Prinz dem Ei entschlüpft war, wohnte ich mit meinem Unzertrennlichen dem Zerbrechen unserer beiden Eier bei. Zu unserer unbeschreiblichen Freude entdeckten wir ein tadellos rotgefärbtes Kind. Das andere war behaart wie ein Ziegenbock, aber das kümmerte uns wenig, denn der kleine Rote mußte ja der Unzertrennliche des kleinen Prinzen werden und somit einst zur Herrschaft gelangen. Ehe wir zum Herzog gingen, suchten wir den Erzbischof auf, natürlich in Gesellschaft der vom Gesetz vorgeschriebenen Zeugen, die bei Todesstrafe tiefstes Schweigen bewahren mußten. Zu den Rechten des Erzbischofs gehört auch dies, daß er über derartige Verbindungen das alleinige Bestimmungsrecht hat und seiner Entscheidung nicht widersprochen werden darf. Man muß sich daher möglichst beeilen, ihn zu benachrichtigen, denn wer zuerst kommt, hat natürlich den Vorrang. Der Erzbischof selbst benachrichtigt dann die beiden Väter, zwischen deren Kindern die Verbindung geschlossen werden soll. Als wir eintraten, war er gerade im Gespräch mit dem Gesandten der Republik begriffen, doch als er uns mit den Zeugen kommen sah, befahl er ihm, sich ins Nebenzimmer zurückzuziehen. Er entfernte sich auch sofort, doch habe ich leider Grund zu der Annahme, daß er den unberufenen Lauscher gespielt und sich zum Mitwisser unseres Geheimnisses gemacht hat. Urteilen Sie selbst! Wir überreichten dem Erzbischof unsere Erklärung auf zwei von uns unterzeichneten Scheinen, wofür er uns eine Bescheinigung ausstellte. Er überhäufte uns mit Glückwünschen zu dem freudigen Ereignis, und während er uns noch zur Tür begleitete, bemerkte er, daß es auf der ganzen Welt keine Familie gäbe, die uns unsere Rechte streitig machen könnte. ›So ist also‹, rief er mit erhobener Stimme, ›die Republik nun endgültig um die Hoffnung betrogen, daß das Lehen ihr wieder anheimfallen könnte.‹ Dann sagte er noch, daß er selbst dem Herzog die Freudenbotschaft bringen und ihm die glücklichen Eltern vorstellen wollte. Doch sollten wir ihm zuvor den Neugeborenen bringen, damit wir erst feststellen könnten, ob die Reise seiner Gesundheit auch keinerlei Schaden zufügen könnte. Wir waren sehr schlecht beraten, als wir auf seine Wünsche eingingen. Dann gelobten wir uns gegenseitig Schweigen und verließen ihn. Kurz darauf lieferten wir ihm unsern kleinen Schatz aus. Er sagte, daß der kleine Rote zu unserer Beruhigung dicht an seinem Bett schlafen sollte. Die Stunde der Abreise zum Herzog wollte er uns brieflich mitteilen, er freue sich schon darauf, ihm dies kostbare Geschenk zu überbringen, und zwar sollte das schon in der nächsten Woche geschehen. Wir kehrten ein wenig unzufrieden mit diesem Aufschub nach Hause zurück, doch hüteten wir uns, das den Erzbischof merken zu lassen, denn Sie wissen ja selbst, wie überempfindlich diese Herren sind! Am Tage darauf begab sich der Erzbischof auf seinen Landsitz und erst fünf Tage später kamen in seinem Auftrag zwei Alfaquins, die uns in einem goldenen Kästchen die Asche unseres Lieblings, unseres Herzens, unserer Seele, unseres Lebens und unserer Hoffnung überbrachten. So war denn das Teuerste, was wir auf Erden besaßen, dahin. Er schrieb uns, daß unser Kind ganz plötzlich am Schlage verschieden sei. Er selbst wäre davon so erschüttert, daß er glaubte, er könnte nicht drei Tage mehr leben. Dies Ereignis war nun das allgemeine Tagesgespräch und der Herzog wollte von mir selbst alle Einzelheiten wissen. Wie er mir sagte, wurde er durch dies Unglück stärker wie alle andern betroffen, denn ich wäre verpflichtet gewesen, den Kleinen ihm und nicht dem Erzbischof zu übergeben. Im weiteren Verlauf seiner grausamen Vorwürfe verbot er mir dann noch, je wieder vor seinem Angesicht zu erscheinen. Der Erzbischof war, wie alle Welt sagte, untröstlich über diesen Verlust. Er wurde krank und starb vor Kummer, denn er erklärte sich selbst als den einzig Verantwortlichen für dies große Unglück. Aber erst, als er bereits tot war, empfanden wir Mitleid mit ihm. Man sagte, daß er tatsächlich gestorben wäre, weil er sich soviel Vorwürfe machte, denn er durfte den Kleinen keineswegs mit sich auf das Landgut nehmen, sondern er mußte ihn sofort dem Herzog übergeben. Doch ersparte man auch uns die Vorwürfe nicht, man verdammte uns mit erhobener Stimme, daß wir, um uns bei ihm lieb Kind zu machen, den Kleinen ihm übergeben hätten. Es war dreißig Jahre nach diesem Ereignis, mein teurer Albert, und wir hatten uns schon mit unserem Schicksal abgefunden, da bekam ich einen Brief, in den ein zweiter eingeschlossen war. lesen Sie ihn und sagen Sie selbst, ob ich nicht ein Recht habe, tiefbetrübt zu sein! Derjenige, der ihn mir übersandte, ist ein Notar. Er teilte mir mit, daß kürzlich ein Alfaquin gestorben wäre, dessen gesamte Habe man versteigern mußte, um seine Schulden zu bezahlen. Zwischen seinen Habseligkeiten fand sich der eingeschlossene Brief, der an mich adressiert und mit dem heiligen Wappen gesiegelt war. Er mache sich ein Vergnügen daraus, ihn mir zu übersenden. Ich lese Ihnen den Brief wörtlich vor, er ist von dem Erzbischof unterzeichnet, der angeblich vor Kummer gestorben war: ›Mein Herr! Ich fühle, daß ich sterben muß, denn man hat mich wahrscheinlich vergiftet. Doch kann ich ohne Eure Verzeihung nicht vor Gottes Richterstuhl erscheinen. Vergebt mir, ich flehe Euch an, das abscheuliche Verbrechen, das ich begangen habe! Ich bin ein Feigling und Verräter und habe vor vier Tagen Euer kleines Kind an den Gesandten der Republik verkauft. Euer kleiner Roter ist am Leben, so schwor er mir wenigstens bei seinem Leben. Die Asche, die man Euch sandte, war von einem andern Kind. So schickt denn diese betrügerischen Aschenreste in die Grüfte, wo man das gewöhnliche Volk beizusetzen pflegt!‹ Nicht wahr, nun werden Sie mir meinen Kummer vergeben? Zwar will ein kleines Fünkchen Hoffnung sich in meine Seele schleichen, mein Sohn lebt vielleicht noch. Wenn aber der unselige Erzbischof vom Minister vergiftet worden ist, wie es tatsächlich den Anschein hat, wie sollte er dann wohl mein Söhnchen verschont haben?! Wenn die Republik sich den Anspruch auf das Lehen sichern wollte, dann hatte sie am Tode meines Kindes ein viel größeres Interesse als an dem des Erzbischofs. Es ist wahr, der Henker selbst hat einen Eid darauf geschworen, daß man das Kind eines natürlichen Todes sterben lassen wolle. Aber wer könnte doch an die Schwüre eines Giftmörders glauben? Wir kennen ja die schrecklichen politischen Prinzipien dieser Republik, die jedes Verbrechen gestattet, sofern es nur dem Staate Nutzen bringt. Ja, wenn es einen wirklichen Gewinn für die Republik bedeutet, dann verliert es sogar den Namen des Verbrechens. Der Minister kann sich meines Sohnes nur bemächtigt haben, um der Republik die Rückgabe des Lehens zu sichern. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß er ihm um seines Eides willen das Leben geschenkt haben sollte! Aber selbst wenn er noch lebte, was könnte ich tun? Wo mag er sein? An wen könnte ich mich wenden, um das zu erfahren? Soll ich dem Herzog dieses unerhörte Verbrechen anzeigen? Oder soll ich tiefstes Schweigen über alles bewahren? Soll ich zum Minister gehen, der noch hier lebt, und ihn fragen, was aus meinem Sohn geworden ist? Dann würde ich erst recht das Leben meines unglücklichen Sohnes gefährden, wenn er überhaupt noch am leben ist. Dann wäre er durch meine Schuld dem Tode verfallen. Ich fühle ja, ich müßte irgend welche Schritte tun, aber ich möchte sie nachher nicht zu bereuen haben! Können Sie mir nicht einen Rat geben, teurer Albert? Oh, tun Sie es!« Alle diese meiner eigenen Natur so fremden Ruchlosigkeiten, deren ich bisher kein Wesen für fähig gehalten hätte, entsetzten mich im höchsten Grade. Ich konnte mir nicht denken, daß ich dem Minister sollte irgendeinen Rat geben können. Mein Vater hatte mir einst ein Trauerspiel zu lesen gegeben, darin kamen auch furchtbare Missetaten vor. Doch hatte ich das für dichterische Erfindungen gehalten. Aber was war das im Vergleich zu dem Furchtbaren, das mir mein armer Freund eben berichtet hatte! Nur zu sehr begriff ich seinen entsetzlichen Kummer. Da er mich um Rat gebeten hatte, mußte ich auch einen Rat finden, – wie hätte ich ihn ohne Trost seiner furchtbaren Verzweiflung überlassen können! Ich sagte, daß ich mir zwar nicht denken könnte, daß man seinen Sohn am Leben gelassen hätte. Sollte man aber diesen großen Fehler begangen haben, so müßten wir Mittel und Wege finden, um ihn zu entdecken. Um ihn dann wieder zu bekommen, müßte man allerdings über die Sache das tiefste Schweigen beobachten. Im allgemeinen wäre ich der Meinung, daß die ihm zugegangene Nachricht ihn eher trösten wie betrüben sollte. Auf alle Fälle versprach ich ihm, ernstlich über den Fall nachzudenken. Es gelang mir, ihn durch meine Worte ein wenig zu beruhigen, und dann gingen wir zum Prinzen und beschäftigten uns mit unsern Logarithmen. Von allen Angehörigen des sechzehnten Stammes hatte mein Onkel Tolomäus, Cäsars siebenter Sohn, mir stets besondere Freundschaft entgegengebracht. Bei ihm hatte ich den ersten Mathematikunterricht genossen und wir waren tiefbetrübt, als wir erfuhren, welche Bestimmungen Ihr über unsere beiden Stämme getroffen hattet, und daß wir also nun für immer scheiden sollten. Ich stand mit diesem mir so teuren Oheim in regstem Briefwechsel und wir teilten uns alles mit, was uns zustieß oder uns bewegte. Wir bedienten uns zu diesem Zwecke einer Geheimschrift, die nur wir beide kannten. Zwar ist ja schließlich jede Geheimschrift zu entziffern, aber immerhin hätten wohl 1000 Gelehrte fünfzig Jahre mit eiserner Beharrlichkeit sich in dies Problem vertiefen müssen, ehe es ihnen gelungen wäre, unsere Geheimschrift zu entziffern. Ich schrieb also an diesen Oheim, daß der Gesandte der Republik am Hofe seines Herzogs, der schon seit fünfzig Jahren diesen Posten innehatte, dem Rat der Siebzehn einen Roten überantwortet hätte, der, wenn man ihn nicht ermordet hätte, als Staatsgefangener gehalten würde. Da ich annahm, daß der Gesandte ihn erst im Reifealter auf die Reise geschickt haben würde, gab ich ihm diesen Zeitpunkt ungefähr an. Ich sagte ihm dann noch, daß er mir den denkbar größten Dienst erweisen würde, wenn er den Aufenthaltsort dieses gefangenen Megamikren entdecken könnte. Er selbst würde sich dazu beglückwünschen, wenn er erst wüßte, um was es sich hier handelte. Indem ich ihn dann noch bat, sich der gleichen Geheimschrift zu bedienen, schloß ich meine Zeilen. Er schrieb mir zurück, die Sache wäre allerdings nicht so einfach wie der pythagoreische Lehrsatz. Doch wollte er tun, was er könnte. So lange ich nicht den Namen des Gefangenen zu wissen wünschte, glaubte er immerhin noch an die Möglichkeit, ihn zu entdecken. Seinen Namen jedoch würde er nicht ermitteln können. Bald darauf erhielt ich einen zweiten Brief von ihm. Er erzählte mir darin, daß der Unzertrennliche des Oberstaatsanwalts sich in einen jungen Riesen verliebt hätte, den er häufig besuchte. Eines Tages, als er ihn dort wußte, sagte er sich gleichfalls dort zum Mittagsessen an und lernte in ihm einen großen Schwätzer kennen. Darauf hätte er ihn dann seinerseits zum Mittag eingeladen, ihm auch einen Besuch mit seinem Neffen gemacht und diesen gebeten, den verliebten Megamikren zu veranlassen, ihn seinem Unzertrennlichen, dem Oberstaatsanwalt, vorzustellen. Dieser höchst fanatische Megamikre schien von der Bekanntschaft meines Onkels Tolomäus sehr befriedigt zu sein, er bildete sich nämlich ein, ein großer Wasserbaumeister zu sein, und dankte seinem Unzertrennlichen wiederholt, daß er ihm die Bekanntschaft eines so berühmten Riesen vermittelt hätte. Im dritten Briefe schrieb mir Tolomäus dann, daß er die Rede auf die Staatsgefangenen gebracht hätte. Bei dieser Gelegenheit erzählte ihm der Staatsanwalt von einem jungen Roten von hervorragender Schönheit, der in einem der festesten Kerker der Republik verborgen gehalten würde. Dieser junge Megamikre kenne nicht einmal seinen eignen Namen, und Gott und Welt, Leben und Tod seien ihm völlig fremde Begriffe. Vor zwanzig Jahren war dieser schöne Gefangene ihm von einem Sekretär der Staatskonservatoren übergeben worden. Alles war höchst geheimnisvoll zugegangen und er wußte nur, daß der Wagen, der ihn nach der Hauptstadt der Republik brachte, von der Hauptstadt des Lehens gekommen war. Der Gefangene wurde von einem verbrecherischen Wärter, der ihm als Amme diente, begleitet. Dieser Wärter bekam geringere Nahrung wie der Gefangene, der gut verpflegt wurde. Von außen hatte er das Gefängnis gesehen, doch hineinzukommen, war eine bare Unmöglichkeit. Übrigens hatte er bei der Einlieferung festgestellt, daß der Gefangene kaum das Reifealter erreicht haben konnte, er hatte das an seinen Brüsten gesehen, die bei einem Roten erst nach einem Jahr, vom Beginn der Säugezeit an gerechnet, weiß werden. Ich schrieb nun an meinen teuren Oheim, daß seine Weisheit mir tatsächlich durch diese Ermittelungen einen ungeheueren Dienst geleistet hätte. Doch bat ich ihn nun vorsichtshalber, seine Intimität mit dem Oberstaatsanwalt möglichst wieder zu lösen, wie ich ihn auch ersuchte, die Freundschaft zwischen dessen Unzertrennlichem und dem jungen Riesen nach Möglichkeit einzuschränken. Auch diese Wünsche, schrieb ich ihm, lägen mir sehr am Herzen. Ich übertrug nun die Briefe in gewöhnliche Schrift und gab sie dem Minister zu lesen. Er geriet vor Freude fast außer sich und faßte neue Hoffnung. Doch leider befand sich sein anderes Ich zur Zeit gar nicht wohl und das dämpfte seine Freude. Er zeigte mir ein kleines Buch, darin er den Geburtstag seines Sohnes verzeichnet hatte. Dort bewahrte er auch den Schein des verbrecherischen Erzbischofs auf, den ihm dieser bei der Einlieferung ausgestellt hatte. Wir waren fest davon überzeugt, daß wir in dem geheimnisvollen Gefangenen den Sohn des Ministers finden würden. Doch bat ich den mir so teuren Megamikren, nichts zu unternehmen, was ich nicht geraten und gebilligt hätte, denn sonst lief mein ganzer Plan Gefahr, zu scheitern. Meine Schritte durften nur vom Verstande, nicht aber vom Gefühl geleitet werden, die überdies eigentlich immer sich im Widerspruch befinden. Der Minister unterwarf sich willig meiner Führung, da er, wie er sagte, sich keinen besseren Berater wünschen konnte. Ich brauchte nicht lange Zeit zur Überlegung, sondern schrieb dem Herzog einen kurzen Brief, daß ich ihm eine Sache von größter Wichtigkeit mitzuteilen hätte und ihn daher um eine Unterredung ohne Zeugen bäte. Daraufhin sandte mir der Fürst ein versiegeltes Briefchen, das nur die Worte enthielt: »Morgen, am Tage des Staubes, werde ich um die fünfzehnte Stunde in meinem Fischotterbau an der Schleuse mit den drei Öffnungen sein!« – Dieser Fischotterbau war hundert Klafter tief und bestand aus einem Gemach, von dem die dritte Schleuse das Wasser fernhielt. Vier schwarze Karfunkelsteine leuchteten dort und die Luft trat durch Luftschächte von einem kleinen Hofe des herzoglichen Palastes ein, der jedermann unzugänglich war. Auf diese Weise war ein ganz verborgener und geheimer Schlupfwinkel entstanden. Ich war gerade bei dem Minister und legte die Bescheinigung des Erzbischofs wie auch die Briefe meines Onkels sorgfältig in ein wasserdichtes Kästchen. Dann forderte ich den Minister, dem ich das Briefchen des Herzogs zeigte, auf, mich zu begleiten, obwohl er nicht vor dem Herzog erscheinen durfte. Am nächsten Morgen warfen wir uns bei der Schleuse ganz nackt in die Fluten und fanden den Herzog gleichfalls ganz nackt vor. Sein Geheimpetschaft war mit einer goldenen Kette an seinem Hals befestigt. Er war höchlichst überrascht, mich mit dem Minister erscheinen zu sehen, doch ließ ich ihm gar keine Zeit, etwas zu äußern. Ich erzählte ihm in aller Kürze die ganze Geschichte und legte ihm die Briefe vor. Dann bat ich ihn, mir die nötigen Vollmachten auszustellen und mir die Erlaubnis zu geben, seinen Sohn mit mir zu nehmen. Dieser würde sein Nachfolger auf dem Throne werden, selbst wenn es mir das Leben kosten sollte, und niemals würde irgend jemand erfahren, daß ich mit Wissen des Herzogs gehandelt hätte. Nach einer Viertelstunde hatte sich der Herzog soweit gesammelt, um mir zu antworten. Er sprach: »Ich überlasse Ihnen alles, tun Sie, was Sie für gut halten. Meiner weitestgehenden Unterstützung und tiefsten Dankbarkeit dürfen Sie sich stets versichert halten! Im übrigen müssen Sie in der Hauptstadt der Republik mit allergrößter Vorsicht zu Werke gehen, denn selbst die Kieselsteine haben dort noch Ohren. Sie werden auf Schritt und Tritt von Spionen umgeben sein! Sie wissen, daß ich meinen Sohn niemals besuche, obwohl ich ihn zärtlich liebe und seinen Charakter bewundere. Ich wollte meinen Schmerz nicht immer aufs neue aufwühlen und jetzt muß ich erst recht vermeiden, ihn zu sehen, damit ich nicht etwa Argwohn errege! Sie müssen ihm sagen, daß ich alles weiß, und daß ich Ihnen sein Leben befohlen habe, das mir von dieser Stunde an teurer wie mein eignes ist. Sie, teurer Albert, stehen im Begriff, mir für meine letzten Lebensjahre ein Glück zu verschaffen, wie ich es noch nicht gekannt habe, und ich flehe Gott an, Sie zu behüten, denn wenn Ihr großes Unternehmen mißlänge, so würde ich der Verzweiflung zum Raube fallen. Ich hänge jetzt mein Geheimpetschaft um Ihren Hals. Wenn mein Sohn das sieht, wird er wissen, daß er Ihnen in allen Dingen gehorchen soll. Dies Siegel wird mir die Echtheit und Unverletztheit Ihrer Briefe verbürgen; sein Ebenbild wird wiederum Ihnen das gleiche gewährleisten! Mein teurer Minister, du warst bisher so unglücklich wie ich, komm jetzt und küsse mich!« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von uns, indem er auch mich noch umarmte. Wir weihten nun den Unzertrennlichen des Ministers in das Geheimnis ein und ich machte beiden klar, daß wir in der folgenden Woche, und zwar in Gesellschaft des Prinzen, abreisen müßten. Wenn sie mich nach meinem Plan fragten, wußte ich nicht, was ich sagen sollte, denn ich hatte keinen. Das einzige, was ich bisher beschlossen hatte, war, daß wir unerkannt nach der Hauptstadt der Republik gelangen mußten. Es ist ja richtig, daß man erst eine Sache überlegen und dann handeln soll. Doch in diesem Falle gab es nur die Möglichkeit, Schritt für Schritt vorwärtszugehen. Nur der Zufall konnte mir zu Hilfe kommen; und wenn ich erst lange zögern wollte, so konnte ich überhaupt nichts erreichen. Der Prinz, den Ihr hier vor Euch seht, war natürlich äußerst überrascht, als ihm der Minister und ich alle diese ihm bisher noch unbekannten Einzelheiten seines Lebens mitteilten. Er sah uns sprachlos an, aber in seinem Gesicht arbeitete eine mächtige Bewegung. »Wie,« sagte er, »mein Unzertrennlicher lebt, wie ich selbst lebe, und wir sind nicht zusammen!! Wer sollte uns denn hindern, uns zu vereinigen? Das spricht ja allen Naturgesetzen Hohn! Solange wir nichts voneinander wußten, mochte es noch hingehen. Aber wenn erst der eine von der Existenz des andern unterrichtet ist, dann würde er den Tod einem Leben ohne seinen Unzertrennlichen vorziehen! Ich bete deinen Sohn an,« wandte er sich nun an den Minister, »und ich werde ihn aus der Gefangenschaft befreien und ihn dem Leben zurückgeben. In meinen Armen soll er seines Lebens erst froh werden. Der Riese Albert wird uns helfen und wir werden ihm in allen Stücken gehorsam sein. Wagt er sein Leben, so wollen auch wir das unsre aufs Spiel setzen, und wenn uns das Unternehmen gelingt, dann weiß ich nur zwei Dinge, die ihn entschädigen können. Das eine ist das Bewußtsein, daß wir ihm unser Glück verdanken, das andere, daß wir hinfort in ihm unsern Herrn und Meister sehen werden. Weiter habe ich nichts zu sagen!« – Hier unterbrach Albert seine Erzählung, um den Prinzen und den Minister um Entschuldigung zu bitten, wenn er seine Worte sowie die ihm gemachten allgemeinen Versprechungen wiederholte. Er gab ihnen die Versicherung, daß er nichts fordere und dessen nur Erwähnung täte, um mir einen Begriff von ihren Tugenden zu geben. Der Prinz bat ihn, mich über alles zu informieren und keinen Umstand zu beleuchten zu vergessen. Jener fuhr deshalb in seinem interessanten Bericht fort. Der Prinz hatte sich durch seine kleine Ansprache selbst aufs höchste begeistert. »Wir werden somit in vier Tagen abreisen, mein Prinz,« sprach ich zu ihm, »saget mir nur, ob Ihr über erprobte treue Diener verfügt.« – »Seit zweiundzwanzig Jahren«, antwortete er, »habe ich nur den Minister und seinen Unzertrennlichen gesehen, desgleichen meine Diener, mit denen ich stets zufrieden gewesen bin; jedoch habe ich bisher niemals Gelegenheit gehabt, sie auf ihre Treue hin zu erproben. Ich weiß, daß sie gerne bei mir bleiben, ich glaube auch, daß sie mich lieben, sie erwarten mit Recht alles Glück von mir. Ich weiß, daß ich sie alle hierlassen könnte und daß es nicht nötig ist, ihnen die Wahrung eines Geheimnisses erst ausdrücklich zu befehlen. Es genügt vielmehr, wenn ich ihnen sage, sie sollten während der Zeit meiner Abwesenheit zu niemand über meine Person sprechen, ich wollte meine Tage damit verbringen, das mir noch Fremde in der Welt, die Bergwerke, Verbindungen der Flüsse und all die Schönheiten, die ich nur erst vom Hörensagen kenne, in Augenschein zu nehmen. Dabei verstünde es sich natürlich von selbst, daß ich sie bei meiner Heimkehr für ihre Treue belohnen würde. Ich werde mich jedoch hüten, ihnen zu sagen, daß mein Vater von meiner Reise unterrichtet ist, andererseits liegt für mich kein Grund vor, sie durch eine Lüge vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Ihre Religion legt ihnen die Pflicht auf, nichts zu wissen, weder das eine noch das andere. Meine Edelleute, meine Alfaquins, meine Musikanten, Physiker und Geometer vertragen sich ziemlich gut miteinander.« – Ich sagte ihm nunmehr, daß ich nichts weiteres benötige und ihn bäte, sich für mich zu der Stunde bereitzuhalten, die ich ihm in vier bis fünf Tagen angeben würde, denn ich beabsichtigte nicht, mich vor der Abreise nochmals bei ihm sehen zu lassen. Ferner bedeutete ich ihm, daß es nicht nötig sei, daß er sich nochmals zum Minister begäbe, den er im Augenblick der Abreise bei mir finden würde. Mit fester Stimme antwortete er, daß er sich an meine Vorschriften halten werde. Ich begleitete den Minister nach Hause, nachdem ich sein zweites Ich über alles informiert hatte. Er meinte, daß man ganz ohne Dienerschaft reisen und jener überhaupt keine Veranlassung geben solle, Vermutungen über Ziel und Zweck der Reise anzustellen, damit es vollkommen verborgen bleibe, daß sie mit mir reisten. Der Unzertrennliche antwortete, daß es aller Welt bekannt sei, daß sie Familienangelegenheiten in dem sehr entfernt liegenden Königreich Dreiundzwanzig zu erledigen hätten. Die Ankunft eines falschen Kuriers könnte dazu beitragen, den angestrebten Zweck zu erreichen; sie aber würden ihrem Hausmeister in der harmlosesten Weise sagen, er möge das Hauswesen bis zu ihrer Rückkehr in guter Ordnung halten. Er hielt es für ratsam, mit der Post vor aller Augen abzureisen; nachdem er dann drei oder vier Poststationen gefahren sei, wollte er Pferde kaufen und seinen Wagen bespannen lassen, der ihn dann an den Platz führen sollte, wo ich auf ihn warten würde. Ich stimmte diesem Plane, der mir ausgezeichnet erschien, bei und dann trennten wir uns, nachdem ich ihnen noch gesagt hatte, daß sie tags darauf ein Briefchen erhalten würden, worin ihnen schriftlich Tag, Ort und Stunde des Treffpunktes bezeichnet werden sollte. Zuerst begab ich mich nunmehr in das kleine Haus, das mir mein Vater überlassen hatte und in dem ich niemals irgendwelchen Besuch empfing. Ich bewahrte daselbst meine mathematischen Werkzeuge, meine Bücher und Manuskripte auf und hatte dort auch eine kleine Druckerei. Ich hatte zwei buntgefleckte Diener, deren Zuverlässigkeit ich wiederholt erprobt hatte; derjenige, den ich Euch an der Färbung der Pupillen bezeichnete, war einer davon. – Ich ließ zwei Kisten von sechseinhalb Fuß Länge bauen. Diese Kisten waren in der Mitte geteilt und bildeten so zwei Räume, wovon der eine für meine Frau, der andere für mich vorgesehen war. Für diejenigen, welche die Kisten öffneten, erweckte es den Anschein, als seien dieselben mit Papieren angefüllt. Ferner waren in diesen Kisten rechts und links Nischen eingebaut, in denen ich meine Nahrung, meine Pistolen, Munition, meine Wäsche, mein Geld und meine Papiere mit allem nötigen Schreibzeug unterbringen konnte. Schließlich waren vier Luftschächte und ein notwendiger Ausgang in diesen Wohnkisten vorgesehen. Ich schrieb meinem Vater, er möge bis zu meiner Rückkehr auf meine Familie Obacht geben; hierbei hatte ich mich jedoch darüber vergewissert, daß mein Brief erst nach meiner Abreise eintreffen würde. Ich lieh mir Geld, sowie für eine große Summe Diamanten von einem meiner Vettern, ohne ihm natürlich etwas von meinem Geheimnis zu verraten, denn dies ist das einzige Mittel, sich seines Schweigens zu versichern. Ich schrieb in unsrer Geheimschrift an meinen getreuen Tolomäus, er möge mir ein Haus bezeichnen, das an einem Wege läge, wo ein mit zehn Pferden bespannter, mit zwei Kisten beladener und von fünf Dienern gefolgter Wagen ungesehen in der fünfzehnten Stunde passieren könnte; in dem Hause müßte Stallung und Raum für drei Herrschaften sein. Ich bat ihn, mir die Antwort durch die Post der meinem Wege am nächsten gelegenen Hauptstadt zu senden. Diesen Brief schickte ich per Post, ein Duplikat davon auf einem anderen Wege. Dann kaufte ich zehn Pferde und schrieb an den Prinzen, er möge allein zum Schwimmen an der Stelle ans Ufer kommen, wo er das Gerüst einer blauen Mühle In einer Höhe von ungefähr acht Fuß erblicke, dies alles zu einer Stunde, die ich ihm bezeichnete. Ebenso verfuhr ich mit dem Herrn Minister, der, da er im Wagen saß, uns schwimmend nicht hätte einholen können. Ich bezeichnete ihm Ort und Stunde, wo er ein Ruderboot ohne Bemannung vorfinden werde. Durch einen kleinen Kanal würde er an unseren Garten gelangen können, wo ich mich aufhielt. In die beiden Kisten tat ich alsdann Blei, entsprechend dem Gewicht meiner Frau und dem meinigen, und sandte diese Kisten nunmehr aufs Zollamt. Hier öffnete man sie, sah nichts als Papier und schloß sie wieder zu. Dann versiegelte man sie, wog sie ab und stellte eine entsprechende Beglaubigung darüber aus. Nachdem nun die Kisten vom Zoll zurückgekommen waren, öffnete ich erst seitwärts die eine und ließ Kassandra eintreten, dann die andere, in die ich mich selbst einschließen ließ, nachdem ich zuvor die drei adelgeborenen Persönlichkeiten durch verschiedenfarbige Lacke in Buntgescheckte umgewandelt hatte. Dies war so vorzüglich gelungen, daß sogar die zwei Diener es erst auf der ersten Raststation bemerkten. Als wir dann aus der Stadt heraus waren, verließen die drei Maskierten den Wagen, was den wachsamen Dienern gefährlich erschien; als sie aber bemerkten, daß die Betreffenden angemalt waren, beruhigten sie sich. Ich konnte mich also auf ihre Verschwiegenheit verlassen. Nach vierzehn Tagen erreichten wir die Grenze des Lehens, denn wir kamen nur in kleinen Tagereisen vorwärts und mußten immer die gleichen Pferde benutzen. Wir rasteten ausschließlich in ländlichen Gehöften, wo wir eine zehnstündige Ruhepause machten. Ich konnte mit Vergnügen konstatieren, daß Kassandra sich ebenso wohl befand wie ich und der Aufenthalt in der Kiste uns in keiner Weise unbequem wurde. Wir schliefen darin fast ebenso gut wie in unseren Betten und hatten sie durch doppelte Kissen aus Flachs ausgepolstert. An der Grenze des Lehens wurden die versiegelten Kisten respektiert, an der Grenze der Republik dagegen wurden sie geöffnet und gewogen. Der Herr Minister verfuhr gnädig mit jenen Leuten und nachdem er angeordnet hatte, daß neue Siegel angebracht wurden, fertigte er uns ziemlich schnell ab, da ja kein Grund zum Argwohn vorlag. Das beste Mittel, sich die Zollbeamten geneigt zu machen, ist, daß man den größten Respekt vor ihnen zur Schau trägt. Ist man ihnen gegenüber jedoch hochfahrend und impertinent, so tun sie ihr möglichstes, um den Reisenden zu schikanieren. Am achtzehnten Tage kamen wir in der Stadt an, wo wir im Postbureau den Brief des Tolomäus vorfinden sollten. Diese Stadt lag zwanzig Meilen von der Hauptstadt entfernt. Bei einem Bauernhause hielten wir an. Es war zwei Ortschaften vor dem betreffenden Platze gelegen. Der Herr Minister begab sich in Begleitung eines Buntgefleckten dorthin und brachte mir den Brief. Tolomäus schrieb mir, daß er alle Tage einen Diener an das Tor schicken werde, durch das ich kommen würde, auf diese Weise wäre ich sicher, ihn zu treffen. Ich hatte alle Signalements gegeben und er versicherte mir, daß er den Wagen an den bestimmten Ort führen werde, ich brauche mich um nichts zu kümmern, sondern mich nur führen lassen. Ferner bekundete er, daß ich ihn selbst dort vorfinden werde und er meinen zweiten Brief auch erhalten habe. Da wir durch den Übergang über einen Fluß ungefähr eine Stunde verlieren würden, so fuhren wir um fünf Uhr ab und kamen dadurch zur bestimmten Zeit in der Hauptstadt an. Nach Abfertigung im Zollamt setzte unser Wagen seinen Weg fort. Kaum hatten wir hundert Schritt zurückgelegt, als ein gelber Megamikre – es war der, den Tolomäus gesandt hatte – dem Prinzen im Übermut eine Ohrfeige gab mit den Worten: »Kamerad, du brauchst mir nur zu folgen und ich versichere dir, du wirst trotz der späten Stunde mit mir zu Abend essen!« Der Prinz war über diese drastische Art, seine Zuneigung zu bezeigen, zwar etwas erstaunt; als er aber die Sache begriff, lachte er, und wenn er später daran zurückdachte, amüsierte es ihn stets von neuem. Der Wagen folgte nunmehr dem Führer, der aus einer anderen Pforte der Stadt gekommen war und nach siebzehn Stunden bei einem kleinen Hause anhielt, dessen Tür man nach unserem Eintreten vorerst verschloß. Der Herr Minister gab mir daselbst zuerst das Zeichen, daß er Tolomäus bemerke. Ich öffnete nunmehr mein Gefängnis und er war mir beim Heraussteigen behilflich. Wir umarmten uns, bevor ich jedoch ein Wort sprach, öffnete ich die Kiste, in der sich meine Frau befand, die Tolomäus alsdann in die Arme schloß. Währenddessen trugen meine Buntgescheckten und der Gelbe dafür Sorge, daß der Wagen in der Remise und die Pferde im Stall untergebracht würden; mein Onkel aber lud uns ein, ins Haus zu kommen. Als er sah, daß meine angeblichen Diener Miene machten, uns zu folgen, sagte er in englischer Sprache zu mir, ich möge ihnen befehlen, oben zu bleiben. Ich rief die Diener zusammen und sagte meinem Onkel, daß es Rote seien und einer von ihnen der erbberechtigte Prinz des Republiklehens wäre. Nachdem jener ein Bad genommen, überzeugte sich mein Onkel von der Wahrheit dieser Behauptung und ich stellte ihm nunmehr die anderen, bereits demaskierten Personen mit Namen vor. Ein vorzüglich erfrischender Wohlgeruch stärkte uns derart, daß wir, ohne Ermüdung zu spüren, unsere ganze Geschichte erzählen konnten, die ich fest und klar mit den Worten schloß, daß es unsere Absicht sei, den hochgeborenen Gefangenen aus der grausamen Tyrannei zu befreien, die ihn eingeschlossen hielt, und daß der Grund für unsere Vorsicht einzig darin zu suchen sei, daß wir alles vermeiden wollten, was unsere Freunde irgendwie hätte in Gefahr bringen können. Aus diesem Grunde hätten wir auch bei unserem Wege durch die Republik aufs peinlichste alles vermieden, was ein Mißlingen dieses großen Unternehmens hätte veranlassen können. Tolomäus sagte, daß die Sache ihn äußerst interessiere und von seiner Seite alles geschehen würde, was uns unser Vorhaben erleichtern könnte. Vor allem sei es äußerst wichtig, daß wir uns versteckt hielten, was an dem Orte, wohin er uns zu führen gedenke, leicht ausführbar sei. Er sagte uns, daß der hochwürdige Statthalter von Euch selbst den Befehl erhalten habe, mir behilflich zu sein, wenn ich durch seinen Ort kommen sollte; ich hatte also nichts zu befürchten. Tags darauf gingen wir mit einer Barke über den Fluß; die Ruderer waren unsere eigenen Diener und Tolomäus bezeichnete uns den Ort, wo der vornehme Gefangene untergebracht sein sollte. Wir stiegen fünfzig Schritt zu dem Gefängnis herunter, und da es bereits zu vorgeschrittener Stunde war, so kehrten wir mit unseren vornehmen Buntgescheckten zu Fuß nach Hause zurück; auf diese Weise lernten wir endlich den Weg kennen. Dies war auch notwendig. Als wir zu Hause saßen, sagte er mir, daß zufolge meines weisen Rates die intime Freundschaft mit dem Oberstaatsanwalt recht frostig geworden sei. Dieser Megamikre, meinte er, sei der Hüter aller Staatsgefangenen der Republik. Er war für sie verantwortlich, bekümmerte sich aber nicht um sie, da es seit einer beträchtlichen Zahl von Jahrhunderten niemals vorgekommen war, daß ein Gefangener aus seiner Haft entwichen war. Hieraus zog der Oberstaatsanwalt den Schluß, daß dies überhaupt eine Unmöglichkeit sei. Tolomäus sagte mir, daß er, um ihn überhaupt aus seiner Reserve herauszubringen, die gegenteilige Ansicht vertreten habe. Hierdurch aufgestachelt, hatte der Oberstaatsanwalt, um ihn von seiner Meinung zu überzeugen, Tolomäus in sein Boot genommen und sie waren an jene Stelle gefahren, von wo aus er ihm den Ort zeigen konnte, an dem die wichtigsten Gefangenen untergebracht waren. Bei dieser Gelegenheit gab er ihm auch eine ausführliche Beschreibung der inneren Einrichtung dieser Gefängnisse. Es war ein viereckiges Erdgeschoß, bestehend aus drei Stockwerken, deren jedes sechzehn viereckige Verließe von zwei Fuß Höhe enthielt. Alle waren voneinander getrennt, vier Fuß breit und ebenso lang. Die Verließe waren durch eine kleine Phosphorlaterne erhellt, mit Ausnahme derjenigen, die sich im obersten Stockwerk befanden und in die das Tageslicht durch eine kleine vergitterte Öffnung fiel. Der Fußboden jedes Stockwerks war zwei Fuß dick und bestand aus Ziegeln, die mit Hanf verbunden waren. Die vier Zellen in der Mitte des Karrees waren von einer zwei Fuß hohen Galerie umgeben, welche mit den Türen sämtlicher sechzehn Zellen in Verbindung stand. Diese Galerie war in Kreuzgänge geteilt, deren jeder sechsundzwanzig Fuß lang war, die Mauer der Gefängnisse aber war einen Fuß stark. An der Vorderseite jeder Zelle befand sich ein zwei Fuß breites vergittertes Fenster von einem Fuß Höhe, demnach mußten die vier mittleren Zellen je vier haben. Die vier an den Enden des Vierecks gelegenen Zellen hatten nur zwei Fenster, die acht andern mußten endlich drei Fenster haben, da ihre vierte Wand auf den Gang mündete, der sämtliche Zellen einschloß. Die vier Eckzellen hatten nur zwei Fenster, weil nur zwei ihrer Wände auf die Galerie mündeten, die beiden anderen stießen an den Laufgang. Die Front dieses Vierecks lag längs des Flusses. Die andere Seite hatte eine kleine Tür, die auf einen zwanzig Fuß breiten Hof mündete, der alle drei Seiten des Vierecks umschloß. Zu diesem Hofe gelangte man durch eine kleine Tür am untersten Ende der Stadtboulevards und jedermann, der durch diese Straße ging, konnte die Tür sehen, doch wagte niemand, sie näher in Augenschein zu nehmen, denn zwölf mit Hellebarden bewaffnete Megamikren bewachten sie Tag und Nacht und wurden zu zweit alle Stunden abgelöst. Der Sohn des Ministers, den Ihr hier seht, befindet sich in dem linken Eckgefängnis, demjenigen also, welches auf den Fluß zu liegt und im tiefsten Teil des Gebäudes, nämlich im dritten Stockwerk, untergebracht ist. Tolomäus zeigte sich nunmehr dem Oberstaatsanwalt gegenüber davon überzeugt, daß dieses Gefängnis unzugänglich sei, falls sich nicht noch ein anderes Stockmerk darunter befände. Man antwortete ihm, daß dies nicht der Fall wäre, und da die ganze Erzählung so eingehend an Ort und Stelle geschehen war, man sich außerdem im Kahn dem Gefängnisblock gegenüber befunden hatte, so glaubte Tolomäus sicher zu sein, daß er den Ort nicht vergessen hätte und die Stelle bestimmt wiederfinden würde. Der Wall, von dem aus man den Gefängnishof sehen konnte, wurde von einem Posten bewacht, der niemand vorbeiließ. Das ganze Heer der Wachen bestand aus 216 Bastarden sämtlicher Farben. Es war eine der 24 Kompanien, die zusammen immer eins der 5 Regimenter der Republik bildeten. Diese Regimenter aus 5424 Infanteristen standen unter dem Befehl eines Generals, dem 24 Obersten unterstellt waren. Von diesen hatte wieder jeder 6 Hauptleute unter sich, die ihrerseits ihre Befehle an je 3 Leutnants erteilten. Sämtliche Offiziere dieser 5 Regimenter waren Bastarde; den Edlen erschien der Dienst als ihrer Würde nicht angemessen. Die vier anderen Regimenter, die die Republik unterhielt, standen in Garnisonen an den vier Grenzen des Reiches. Diese Regimenter waren dazu berufen, Gewalt vor Recht zu setzen, was sie Souveränität nannten. Hierdurch unterschieden sie sich von den anderen Herrschern, die sich im Falle von Rechtsstreitigkeiten an fünfzehn Richter wenden, von denen jeder einer unparteiischen Macht unterstellt war. Sie sagten, daß die Klugheit es nicht zuließe, das als vollkommen legitim erkannte Recht der Unsicherheit eines Urteils auszusetzen, das, wenngleich von gelehrten rechtschaffenen und unparteiischen Richtern gefällt, dennoch unrichtig sein könnte. Die Republik war durch den Widerstand, den sie dem heiligen Stuhle von Heliopalu leistete, schon längst in den Bann getan worden. Das aber focht sie wenig an und ihr Erzbischof war gar nicht böse darüber, daß er dadurch in Religionsangelegenheiten freie Hand behielt. Sie hatte sehr erfinderische und geschickte Theologen eingesetzt, die jedesmal, wenn die Republik es verlangte, den Beweis für die Richtigkeit ihrer Meinung durchzuführen verstehen, auch wenn diese Meinung derjenigen des Hofes von Heliopalu widersprechen sollte. Aus all diesem werdet Ihr ersehen können, daß die Republik das Gesprächsthema der ganzen Welt bildete, und man gern gesehen hätte, sie wäre monarchistisch geworden. Es fehlte nicht an Bürgern alter, ehrgeiziger und reicher Familien, die sich gern die souveräne Macht angeeignet hätten, die Regierung hielt sie jedoch von allen öffentlichen Ämtern fern, die sie vielleicht für ihre Zwecke hätten mißbrauchen können, und bewachte ihre Schritte aufs sorgsamste. Der Oberstaatsanwalt, der ein böser und unwissender Despot dieses Prinzips war, unterhielt sich mit meinem Onkel Tolomäus über Politik, um ihn glauben zu machen, daß er ein tiefer Denker sei. Eines Tages fragte ihn dieser mit den äußerlichen Zeichen großer Ehrerbietung, weshalb die Republik nicht lieber alle Staatsgefangenen sterben ließe, anstatt sich die Mühe aufzuladen, immer an sie denken zu müssen, indem man sie leben ließe. »Was sagt Ihr da,« meinte der Oberstaatsanwalt, »die Regierung ist die Milde selbst, die wird niemals die Kinder der Sonne zum Tode verurteilen, solange es Gott nicht selbst befiehlt. Die Gefängnisse sind Einrichtungen des Mitleids, der Barmherzigkeit und Milde!« – »Wenn Ihr jenen Roten, der seinen Namen nicht kennt, seht, was sagt Ihr ihm,« fragte ihn mein Onkel, »und was sagt er Euch!« – »Nichts,« antwortete der Oberstaatsanwalt, »denn ich habe mich mit meinem Eide verpflichtet, dem Befehl der Konservatoren zu gehorchen. Es steht Todesstrafe darauf, den Gefangenen zum Sprechen zu veranlassen oder ihn anzureden. Ich darf niemandem sagen, daß ich einen Gefangenen wie diesen habe.« »Mein Herr,« sagte mein Onkel, »für diesen Posten ist ein Mann von ganz besonderer Klugheit erforderlich, und ich sehe daraus, daß die Regierung ihre Leute sehr gut kennt und nur solche in ihren Dienst stellt, die wirklich dazu geeignet erscheinen.« »Sie machen mir Komplimente,« erwiderte der Oberstaatsanwalt, »ich tue nur meine Pflicht, bin sehr gewissenhaft und korrekt; im übrigen können Sie davon überzeugt sein, daß von meiner Seite alles geschieht, um den Gefangenen ihr Los zu erleichtern. Alljährlich sehe ich einmal nach meinem roten Namenlosen, um beim Schatzmeister den Schwur ablegen zu können, daß ich ihn lebend vorgefunden hätte. Der Schatzmeister gibt mir dann das Geld, das ich zur Beschaffung von Nahrung für den Gefangenen brauche. Der einzige, dem es erlaubt ist, mit dem Gefangenen zu sprechen, ist der Sekretär der Konservatoren; dieser begleitet mich alle vier Jahre, um den Gefangenen zu sehen, er fragt ihn dann, ob es ihm auch an nichts fehle, ob sein Wärter, der ein taubstummer Bastard ist, freundlich zu ihm sei usw., aber der junge Rote ist so dumm, daß er ihm keine Antwort gibt.« Diese Unterhaltung meines Onkels mit dem Oberstaatsanwalt bot allerlei Fingerzeuge für den Plan, den ich ihm dann acht Tage nach unserer Ankunft mitteilte und der von Erfolg gekrönt war. Mein Enkel Albert fuhr also in seiner Erzählung fort. Wie ich so in der Umgebung und in der Nähe des Gefängnisses umherstreifte, bemerkte ich ein alleinstehendes kleines Haus, vierzig bis fünfzig Schritt vom Bollwerk entfernt. In dieses Häuschen sah ich einen Buntgescheckten mit einem anscheinend ziemlich schweren Rucksack und zwei Schuhen in der Hand eintreten. Ich nahm an, daß es ein Schuhmacher sei. Zu meinem Gefährten sagte ich, daß, wenn es mir möglich würde, in den Besitz des Häuschens, das nur klein und billig sein konnte, zu gelangen, ich alle Hoffnung hätte, meinen Plan zur Befreiung des Gefangenen zur Ausführung zu bringen. Zuerst mußte man demnach den Buntgescheckten unter irgendeinem plausiblen Vorwand aufsuchen, um ein Bild vom Innern des Hauses und seiner vermutlichen Tiefe zu bekommen, vor allem jedoch um zu erfahren, wem es gehörte und welche Schritte für den Ankauf zu unternehmen wären. Es war der Herr Minister, der diese Aufgabe übernehmen wollte und sich mit dem Prinzen, nachdem sie gut angemalt worden waren, zu dem Bewohner des Häuschens begab, der tatsächlich ein armer Schuster war und dort mit seinem Unzertrennlichen, sowie zwei anderen Bunten, die als seine Gehilfen arbeiteten, lebte. Beim ersten Besuch kauften sie gewöhnliche Schuhe und bestellten zwei weitere Paar, die der Schuhmacher in acht Tagen liefern sollte. Während der letztere dem Prinzen und dem Unzertrennlichen des Ministers Maß nahm, forderte der Unzertrennliche des Schuhmachers den Minister auf, sein hübsches Haus zu besichtigen. Es hatte vier Klafter Tiefe und besaß drei Stockwerke, deren oberstes siebeneinhalb Fuß hoch war und natürliches Tageslicht hatte. Eine sehr dünne asphaltierte Decke trennte es von der dritten Etage. Die beiden unten gelegenen Stockwerke waren durch phosphorierende Leuchter erhellt, die man hinaustrug, wenn man zur Ruhezeit vollkommene Finsternis haben wollte. Die völlige Dunkelheit bedeutet für die Megamikren, besonders die Handwerker unter ihnen, das köstlichste Wohlsein. Ohne daß der Unzertrennliche des Schuhmachers besonders gefragt zu werden brauchte, erzählte er, daß das Haus ihnen gehöre, und daß sie reich wären, wenn der Edle, ihr Vater, dessen Namen er ebenfalls nannte, nicht drei rote Paare gehabt hätte, die ihm viel Geld kosteten, sehr ehrgeizig waren und sie natürlich nicht leiden mochten; deshalb hatten sie auch ihren Vater davon zurückgehalten, daß er ihnen etwas Gutes zukommen ließ. Dies war also das Ergebnis des ersten Besuches. Am übernächsten Tage, als er die schon fertigen Schuhe abzuholen kam, äußerte er, daß ein ähnliches Haus wie dieses ihm sehr passen würde. Er sei nämlich Optiker und zur Ausübung dieses Handwerks brauche er einen taghellen Raum, um darin seine Gläser zu putzen. Der Schuhmacher meinte darauf, daß das Haus nicht teuer wäre, er habe es bei der Versteigerung für 600 Unzen erworben und sei bereit, es ihm gegen Zahlung dieser Summe zu überlassen. Der Minister erwiderte darauf, daß ein Hausankauf nicht so ohne weiteres vollzogen werden könne; man müsse in solchem Falle erst die Verkaufsvollmachten prüfen und sich vergewissern, ob der Verkäufer auch keine Hypotheken auf das Grundstück aufgenommen habe. Er sagte dies in geschäftsmäßig frostigem Tone, der Schuhmacher aber antwortete eifrig, daß er ihm die Urkunden zeigen wolle und daß er, bei der Gnade der Sonne, niemandem etwas schuldig sei. Wenn er zum Verkauf bereit sei, so geschähe das nur seinem Unzertrennlichen zuliebe, der gerne auf dem Lande wohnen möchte. Der Minister verhielt sich nachdenklich. Er antwortete nichts, sondern nahm das eine Paar Schuhe und ging mit dem Bemerken fort, daß er das andere Paar morgen holen werde. Tags darauf, als er wieder beim Schuhmacher war, zeigte dieser ihm die Urkunden und die notarielle Bestätigung, daß das Haus schuldenfrei wäre. Der Minister sagte nun, daß er das Haus samt der Einrichtung kaufen und mit dem Notar sprechen wolle. Der Schuhmacher erklärte sich bereit, ihm auch die Möbel abzulassen, und die Kaufangelegenheit wurde schon in den ersten Tagen der folgenden Woche erledigt. Er zahlte dem Schuhmacher in Gegenwart des Notars 820 Unzen und wurde unter einem gewöhnlichen Namen Besitzer des Hauses. Wie es im Kontrakt vorgesehen war, verließ der Schuhmacher das Haus am letzten Tage der Woche, um aufs Land zu ziehen. Nachdem ich nun Herr des Hauses war, erforschte ich vor allem, ob tiefunterkellerte Gebäude zwischen dem Häuschen und dem Flußufer, auf das die Gefängnisse mündeten, lägen; ich konnte mich leicht davon überzeugen, daß dies nicht der Fall war. In zweiter Linie mußte ich mir über die Richtung und Entfernung Klarheit verschaffen, um danach die Länge des Verbindungsganges bestimmen zu können. Mein Haus war nur eine gute Diagonale von dem Gefängnis-Bollwerk entfernt; es kam also darauf an, den Bau mit größter Genauigkeit durchzuführen, um auch tatsächlich dahin zu kommen, wo ich hinwollte. Die hohen Wälle der Stadt und die große Menge der Beobachter hinderte mich, meine Maßnahmen auf gewöhnlichem Wege zu treffen. Ich sah mich deshalb zu einer List gezwungen. Jeden dritten Tag des neuen Monats begeht das Volk mit allerlei Spielen; unter anderem war das Vogelspiel beliebt, das folgendermaßen vor sich ging: Man pflanzte am Ufer des Flusses eine Stange auf, an deren Spitze man einen Vogel mittels einer Schnur von ein Fuß Länge befestigte, jedoch so, daß ihm genügend Bewegungsfreiheit blieb, daß er ständig hin- und herflattern konnte. Vom andern Ufer des Flusses schossen Megamikren, die sich für geschickte Schützen hielten, Pfeile auf ihn ab. Der Besitzer der Stange und des Vogels, der das Spiel veranstaltete, mußte beide an denjenigen abgeben, dem es gelang, den Vogel zu treffen. Wer sich an dem Spiel beteiligen wollte, mußte eine kleine Münze zahlen. Oft kam es vor, daß der ganze Tag verging, ohne daß einer den Vogel getroffen hatte, dann kehrte der Besitzer vergnügt und mit seiner Tageseinnahme zufrieden heim; aber es geschah bisweilen auch, daß man seinen Vogel gleich zu Beginn des Spieles traf. Dann war er gezwungen, seinen Platz dem Sieger zu überlassen und mußte unter dem Gespött des Volkes abziehen. Der Sieger mußte nun seinerseits das Spiel für die anderen Schützen weitergehen lassen. Ich sagte also zu meinem getreuen Buntgescheckten, er müsse zum Festspiel des dritten Tages gehen; dazu würde ich ihm eine riesige Stange und einen prächtigen Vogel schenken. Er war hocherfreut und dankbar, daß ich ihm zu diesem Vergnügen verhelfen wolle. Hierauf ließ ich mich von meinem Buntgescheckten und seinem Unzertrennlichen im Kahn spazieren rudern. Nach einiger Zeit stieg ich dort ans Land, wo ich das erstemal in Gesellschaft von Tolomäus gewesen war, und überzeugte mich davon, wieviel Fuß der Gefängnishof von diesem Platze entfernt war. Nachdem ich dies genau wußte, kehrte ich mit meinem Kahn nach Hause zurück. Ich sagte dem Prinzen, daß ich mich auf ihn allein verlassen müßte, wenn es gälte, eine Maßnahme zu treffen. Alsdann berichtete ich ihm, daß ich von dem Platze aus, wo ich das Boot verließ, bis an die Grenze des Gefängnishofes 42 Fuß gemessen hätte, und daß nach Aussage des Staatsanwalts zu Tolomäus der Gefängnishof 20 Fuß Breite haben sollte, während die Gänge 2 Fuß maßen. Hieraus war zu schließen, daß unser Gefangener 90 Fuß von dem Orte, an dem ich ausgestiegen war, entfernt sein mußte, d.h. also 42 Fuß bis zum Hof, 20 Fuß Hofraum, 2 Fuß Laufgang oder Gefängnisgalerie, endlich 26 Fuß Gefängnisse. Da der Oberstaatsanwalt ihm gesagt hatte, daß der Gefangene in der Eckzelle der gegenüberliegenden Seite eingekerkert sei, so ergab sich das genaue Maß von 90 Fuß. Es erschien mir nunmehr erforderlich, daß das, was ich mit eigenen Augen bemessen hatte, vom Fluß aus nochmals kontrolliert würde. Hierzu war der Prinz als Megamikre und Geometer trefflich geeignet und ich konnte mich auf ihn verlassen. Um der Gefahr einer Beobachtung zu entgehen, mußte diese Messung mittels Meßstab unter Wasser vorgenommen werden. Am folgenden Tage gingen wir an diese Arbeit. Nachdem der Prinz an jener Stelle, wo man an den Fluß herankommen konnte, untergetaucht war, sah ich ihn nach kurzer Zeit schwimmend an jener Stelle auftauchen, an die ich mit meinem Kahn gerudert und die 90 Fuß entfernt war. Der Prinz hielt die Hand gegen das Flußufer und sagte: »Diese Hand bildet die Senkrechte zu dem Grad von 90 Fuß, darauf könnt Ihr Euch verlassen!« – Ich begab mich darauf an den bezeichneten Ort und grub ein so großes Loch, daß ich es mit Sicherheit am andern Tage wiederfinden mußte. Am selben Tage ließ ich durch meine Buntgefleckten Stangen suchen, von denen ich dann eine sehr hohe und gerade auswählte. Sie hatte 42 Fuß Höhe und ich machte mir daran ein Zeichen in der Höhe von 2 Fuß; desgleichen am unteren Ende der Stange. In diesem Abstand sollte sie in den Erdboden gerammt werden. Ich rief meinen Buntgefleckten, zeigte ihm die Stange und gab ihm an, bis zu welcher Tiefe sie eingepflanzt werden sollte, wobei ich ihn anwies, darauf zu achten, daß das Maß genau eingehalten werde. Ich begab mich selbst mit ihm an den Platz am Ufer und zeigte ihm das Loch, das ich gegraben hatte. Alsdann gab ich ihm zu verstehen, daß die Stange auf dem Platz am Ufer, vollkommen senkrecht zu jenem Loche, aufgepflanzt werden sollte. Er versprach, sich genau nach meinen Vorschriften zu richten und tags darauf wurde die Stange errichtet. Er begann diese Arbeit in der ersten Tagesstunde. Der Prinz nahm sie in Augenschein und bestätigte mir, daß die Stange vollkommen senkrecht zu dem Loche errichtet worden sei. Jetzt begab ich mich zu meinem Häuschen und machte mir im Keller senkrecht ein Zeichen, von wo aus ich den Gang anlegen wollte. Als ich mich lang auf die Erde legte, konnte ich von dieser Stelle aus die Spitze der am Flußufer aufgepflanzten Stange erkennen. In geringem Abstande von mir hatte ich eine zweite, kleinere Stange errichtet, die sich genau auf der Linie zwischen meinem Auge und der großen Stange erhob. Ich erhob mich alsdann vom Boden und stellte fest, daß die kleine Stange genau 42 Fuß von meinem Beobachtungspunkte entfernt stand. Die Höhe dieser Stange betrug 8 Fuß, wurde also von der großen um 40 Fuß überragt. Hiernach bestimmte ich die Länge meines bedeckten Ganges auf 110 Fuß, wo ich sicher zu sein glaubte, an das Flußufer zu stoßen. Ich nahm das Maß von 110 Fuß, weil ich nicht an das ausgemauerte Flußufer stoßen, sondern mich unter dasselbe hindurch zu dem Gefängnis durcharbeiten wollte, um durch den Fußboden hineinzugelangen. Der Fußboden lag 10 Fuß tiefer als der Erdboden, ich begann deshalb meinen Gang zu 17 Fuß Tiefe auszubauen, um aufrecht darin gehen zu können. Selbst für den Fall, daß ich meinen Gang in einer Tiefe von 10 Klafter begonnen hätte, wäre ich doch sicher gewesen, die Richtung nicht zu verlieren; nichts ist bei den Megamikren so gut ausgebildet, wie der Sinn für Geometrie. Für unser Werk war Geduld und Genauigkeit erforderlich, deshalb machten wir uns gleich an die Arbeit. Vor unserer Tür standen zwei Wagen mit je vier Pferden und unsere Buntgescheckten hatten die Aufgabe, die ausgeschachtete Erde fortzufahren, um sie auf die benachbarten Felder zu verstreuen. Wir verfügten über vier Buntgefleckte, zur persönlichen Hilfeleistung ließen wir jedoch nur den Gelben zu, für dessen Treue Tolomäus sich verbürgt hatte. Für die Ausschachtung waren wir nur vier Mann, denn meine Frau befand sich bereits in vorgeschrittener Schwangerschaft. Wir arbeiteten mit Hacken, Schaufeln, Spaten und Äxten, wir verwendeten zwei Fuß lange Bretter und Träger, hatten überhaupt alles Rüstzeug, dessen wir bedurften. Mein Gang wurde sechs Fuß hoch und zwei Fuß breit. Wir schachteten täglich sechsunddreißig Kubikfuß Erde aus, wodurch mein Gang um drei Fuß Länge täglich wuchs. Am sechsunddreißigsten Tage fand ich, daß die festgesetzte Länge des Ganges erreicht war, und ich war sicher, daß ich von der vorgesteckten Richtung nicht abgekommen sei. Fünfzig Holzbretter stützten die Erde, die wir über uns hatten. Der ganze Flächeninhalt der Ausschachtung betrug 1272 Kubikmeter Erde, die unsere getreuen Arbeiter nach und nach auf die benachbarten Felder abgetragen hatten. Es blieb mir jetzt eigentlich nichts mehr zu tun, als den Boden zu durchbrechen; zuvor wollte ich jedoch nochmals mit Tolomäus Rücksprache halten, und zwar an einem Orte unterhalb des Flusses, wo einem niemals jemand begegnete. Nachdem ich ihm die näheren Umstände der Ausschachtung des Ganges erzählt hatte, war er ganz meiner Meinung, daß man jetzt daran gehen sollte, den Gang nach oben durchzubrechen, den Gefangenen zu entführen und ihn in das Haus zu bringen, das er uns zur Verfügung stellen wollte. Hier sollten wir uns mindestens einen Monat ganz ruhig verhalten und alles mit der gewohnten Umsicht einrichten. Er sagte mir, es sei ganz unnötig, mich nochmals zu vergewissern, ob ich auch nicht aus der Richtung gekommen sei; nur schwache Geister hätten nötig, sich wiederholt von der Richtigkeit dessen zu überzeugen, was doch augenscheinlich sei. Wenn mein Bericht in allen Punkten zuträfe, sei es ja ganz unmöglich, daß das Ende meines Ganges anderswohin auslaufen könnte, als eben auf den beabsichtigten Ort im Gefängnis. Anders sei es nur dann, wenn der Oberstaatsanwalt ihm etwas vorgelogen hätte; dies sei jedoch nicht anzunehmen, nachdem die Abmessungen, die wir unter Wasser vom Gefängnisblock aufgenommen hätten, vollkommen mit seinen Angaben übereinstimmten. Wir beschlossen also den Durchbruch. Diese Aufgabe fiel mir ganz allein zu, denn erstens hätte ich meine Gefährten, die sich an der Entführung beteiligten, dadurch nur aufs Schafott bringen können und zweitens genügte ein Mann vollkommen, um das Loch durchzubrechen und langsam und geräuschlos sich emporzuarbeiten. Ich nahm nur eine Hacke mit eiserner Spitze mit mir, die mir dazu dienen sollte, ein rundes Loch von etwa einer Elle Durchmesser zu hauen, mehr war nicht nötig. Nach zweistündiger möglichst geräuschloser Arbeit traf meine Hacke auf einen Widerstand, der jedoch nicht nach Gestein klang, sondern weich wie Holz war. Jetzt unterbrach ich meine Arbeit und wir räumten die Erde fort und trugen sie in Körben hinaus. Ein Holzboden – das gab mir zu denken. Mit Axt und Feile konnte ich hier nicht vorgehen, weil diese Werkzeuge zuviel Geräusch verursachten und ich ja nicht wußte, zu welcher Tageszeit die Wächter den Gefangenen das Essen brachten. Ein Geräusch mußte also auf alle Fälle vermieden werden, wenn ich nicht das endgültige Gelingen meines Vorhabens – in das Gefängnis einzudringen und den Gefangenen zu befreien – zweifelhaft machen wollte. Endlich kam mir der Gedanke, den Fußboden durch ein ätzendes Wasser, das man hier aus Borar gewinnt, abbrennen zu lassen. Diese Lösung ist eine Art Salpeter, das sich in den Bergwerken von den Metallen absondert, dort eingesammelt wird, um daraus die besagte Lösung zu gewinnen, die selbst die härtesten Steine schmelzen läßt. Ich schrieb also meinem Onkel, er möge mir von diesem Wasser senden und auch einen großen Schwamm beifügen. Nachdem ich diese Utensilien erhalten hatte, machte ich mich gleich daran, den Schwamm in die Flüssigkeit zu tauchen, bis er recht gut vollgesogen war; dann hielt ich ihn gegen die runde Öffnung des Holzbodens. Ich konnte mit den Blicken verfolgen, mit welcher Geschwindigkeit das Holz weggefressen wurde, und als ich den Spaten ansetzte, fiel es wie Staub zu meinen Füßen. Dann tränkte ich den Schwamm von neuem und fuhr in derselben Weise fort. Inzwischen fand ich es sehr lobenswert, daß der Prinz sowie der Herr Minister und sein Unzertrennlicher sich damit beschäftigten, den Gang um zwei Fuß in der Höhe zu erweitern. Dieser Ausbau konnte nicht von Schaden sein, sondern konnte mir die Sache nur erleichtern. Am ersten Tage erweiterten sie meinen Gang um zwei Fuß und hoben acht Kubikfuß Erde heraus. Als ich tags darauf den Schwamm entfernte, konnte ich bemerken, daß er ganz mit Holz bedeckt war, das wie verfault aussah. Mit Leichtigkeit konnte ich das zernagte Holz abnehmen und zwei neue Bretter einschieben, da die Stützen zu kurz geworden waren. Meine drei Arbeiter hatten an jenem Tage den Gang wieder um einen Fuß verlängert und konnten nach meiner Berechnung nicht mehr weit vom Fluß entfernt sein, höchstens noch einen Fuß. Ich gab ihnen also den Rat, recht vorsichtig zu Werke zu gehen, da sie andernfalls Gefahr liefen, den ganzen Gang unter Wasser zu setzen. Am nächsten Tage fand ich den Balken wieder um einen halben Fuß fortgefressen und hielt es nun für ratsam, mittels einer vorzüglichen Bohrmaschine einen kleinen Raum freizulegen. Nachdem ich den Bohrer angesetzt und bei wiederholten Stichproben nur zermalmtes Holz zu Tage gefördert hatte, setzte ich den säuregetränkten Schwamm von neuem an und entfernte mich. Genau um zwölf Uhr kamen meine Gefährten mit der Nachricht, daß sie in einer Länge von drei Fuß an die Mauer gestoßen seien und deshalb ihre Arbeit abgebrochen hätten. Der Prinz hatte mit einem langen Schraubenbohrer die Mauer an verschiedenen Stellen untersucht und gefunden, daß sie zwei Fuß stark war. Als er den Bohrer herauszog, drang Wasser durch die Löcher in den Gang ein, doch konnten diese Öffnungen leicht verstopft werden. Eine Gefahr war somit nicht vorhanden und er war hocherfreut, mir bestätigen zu können, daß ich mich in meinen Berechnungen auch nicht um einen Zoll geirrt hatte. Daraus, daß ich mich in der Längenberechnung nicht getäuscht hatte, war zu schließen, daß auch die Richtung stimmen mußte, denn sonst wäre die Längslinie entweder zu lang oder zu kurz geworden. Natürlich war meine Freude groß. Nachdem ich am anderen Morgen meine Vorrichtung an der Decke entfernt hatte, brauchte ich nur eine halbe Stunde, um ein Loch zu bohren und die Schraube herauszuziehen. Durch das Loch sah ich einen schwachen Lichtschein fallen. Ich legte mein Ohr darauf, aber kein Geräusch bekundete, daß auf der anderen Seite ein lebendes Wesen zu finden sei. Ich setzte den Schwamm an, nahm ihn nach fünf Stunden jedoch wieder fort, denn es war nur noch ein halber Zoll fortzunehmen, und das Werk war getan. So geschah es auch. Bevor ich aber vorging, legte ich mich bis zu der Stunde auf Posten, wo man dem Gefangenen Nahrung bringen würde. Diese Stunde mußte ich durchaus kennen, um jeden Zwischenfall zu vermeiden. Die schlug zwei Stunden vor Tagesanbruch; ich hörte eine Tür öffnen, vernahm Schritte und dann wurde die Tür wieder geschlossen. Hieraus folgerte ich nunmehr, daß man die Gefangenen immer zu derselben Zeit mit Nahrung versehen würde und hatte, wenn mich nicht alles täuschte, neunzehn Stunden zur Ausführung meines Planes vor mir. Zu meinen Gefährten aber sagte ich, daß ich nunmehr darangehen wollte, den Durchbruch zu riskieren, sie aber sollten dann hindurchschlüpfen, weil sie dazu ausersehen seien, den Roten zu entführen. Ich selbst würde auf dem Posten sein und Obacht geben, daß kein unvorhergesehener Zwischenfall einträte. Dann sollten sie mir den Roten herausreichen, damit ich ihn in meinen Armen aufnähme. Wie ich ihnen so meine Befehle gab und mir die Sache nochmals genau überdachte, kam mir plötzlich ein glücklicher Gedanke. Ich bat den Prinzen, das Loch, das er zugestopft hatte, wieder zu öffnen, was er auch, ohne nach dem Grunde zu fragen, sofort tat. Nach der eintretenden Wassermenge konnte ich berechnen, daß in weniger als zwanzig Stunden der Raum von hundert Kubikfuß gefüllt sein mußte. Das war mir gerade recht. In einer Viertelstunde war mein Loch bereits fertig und ich bemerkte einen Roten und einen Gelbbunten, die beide starr und unbeweglich das Loch anstaunten. Nun ergriff ich den Prinzen mit beiden Händen und stellte ihn hinein. Er reichte mir den Roten heraus, den ich seinem guten Vater übergab, und dann umarmte ich den Prinzen. Dann bat ich sie, den Befreiten zu Kassandra zu führen und zu mir zurückzukehren. Wir nahmen dann zuerst die Pfeiler fort, die die Bretterdecke meines Verbindungsganges stützten. Dann verbrachten wir zehn volle Stunden damit, das Loch wieder mit Erde zu füllen, wodurch den Fluten ein unüberwindlicher Damm entgegengesetzt wurde, so daß mein Haus nicht vom Wasser gefährdet wurde. Zwei Stunden genügten, um den reizenden und erstaunten Roten in einen Gelbbunten zu verwandeln, und dann sandte ich sie nach unserem ersten Nachtquartier. Mein Häuschen hatte ich verschlossen, nachdem ich mein gesamtes Eigentum fortgenommen hatte. Ich bestieg nun mit meiner geliebten Kassandra ein Boot und eine halbe Stunde darauf trafen wir bei den uns sehnsüchtig erwartenden Freunden ein. Ich benachrichtigte augenblicklich meinen Oheim, der es weise vermieden hatte, mich zu besuchen. Der Gelbe vermittelte unsern Briefwechsel. Schon eine Woche nach diesem Ereignis wurde Kassandra nur mit mir als einzigem Beistand von einem Kindchen entbunden. Unsere Freunde hatten nichts bemerkt, bis sie den Säugling an ihrer Brust sahen. Nun blieben wir zwei Jahre lang unerkannt dort wohnen. Auf die Treue unserer Diener konnten wir uns blind verlassen, und dann wußten sie ja auch nicht, welch wichtige Persönlichkeit der Gefangene war. Tolomäus schrieb mir am andern Tage, daß am Tage des Staubes man bei Tagesanbruch bemerkte, daß Wasser in das eine Gefängnis eingedrungen war, wodurch zwei Gefangene von geringer Bedeutung ertrunken waren. Erst als das Wasser schon zu den Fenstern hinauslief, bemerkten es die Wachen, sonst wäre das ganze Gefängnisgrundstück der Überschwemmung zum Opfer gefallen. Man hatte auch die Stelle entdeckt, wo der Fluß den Damm durchbrochen hatte, und hatte die Öffnung wieder sorgfältig verstopft. Dann ging man daran, das Gefängnis wieder auszutrocknen. Die folgenden Tage hörten wir nichts mehr über die Sache. Wir waren uns vollkommen klar darüber, daß sie unseren Gang gefunden haben mußten und also auch wissen mußten, daß der Rote befreit worden war. Doch wurde hierüber strengstes Schweigen beobachtet und wir konnten daraus ersehen, mit welchem Geheimnis der Rat der Siebzehn seine Nachforschungen stets umgab. Natürlich mußten wir ungeheuer auf der Hut sein, um nicht entdeckt zu werden. Tolomäus hatte den Oberstaatsanwalt ein paar Tage darauf getroffen und wurde von ihm in ein langwieriges Gespräch über Wasserbaukunst verwickelt. Doch berührte er die fragliche Angelegenheit in dem ganzen langen Gespräch mit keinem Wort. Nach einiger Zeit schrieb Tolomäus mir, daß er einige Frachtsendungen von Waren sowohl nach der Republik wie nach dem Königreich Neunzig abgesandt hätte. Er war selbst zum Zollamt gegangen, doch hatte er bei der Revision nichts Verdächtiges bemerkt. Später teilte er mir noch mit, der Gang, den ich von meinem Häuschen aus gegraben hatte, wäre wieder verschüttet worden, natürlich von der Regierung, die auch das Gerücht aussprengen ließ, die Bewohner wären ertrunken. Unsere Erben wurden öffentlich aufgefordert, ihre Ansprüche geltend zu machen, sonst würde das Haus beschlagnahmt werden. Ich schrieb nun an Tolomäus, daß wir nach hier abreisen würden, sobald er es für gut hielte. Und nun will ich Euch von unserm neuen Freunde, der durch und durch Naturkind war, sprechen. Er war gar nicht erstaunt gewesen, als der Rote in sein Gefängnis stieg, denn er hatte ja nichts zu wünschen, nichts zu hoffen und nichts zu fürchten. Darum wunderte er sich auch über nichts. Die Naturgesetze waren ja etwas ihm völlig Unbekanntes. Erst als er zu meiner Frau geführt wurde, verwunderte er sich sehr, denn sie erschien ihm übermenschlich groß und erregte seine Furcht. Doch besprengte sie ihn mit einem köstlichen Parfüm, das ganz unbekannte und sehr angenehme Empfindungen in ihm hervorrief. Die nächsten zehn Stunden dienten dann dazu, daß sie versuchte, ihm die allerelementarsten Begriffe beizubringen, doch mußte ihn ja zunächst alles einfach überwältigen. Er kannte kaum seine eigene Sprache, die er ja nur von seinem erbärmlichen Wärter hatte lernen können. Alle menschlichen Verhältnisse und Ordnungen waren ihm völlig fremd, wie auch die Worte Gefangenschaft, Freiheit, Unabhängigkeit ihm nur leere Begriffe bedeuteten. Als wir nach Beendigung unserer Arbeiten ins Zimmer traten, schenkte er nur mir ein wenig Aufmerksamkeit, denn den Prinzen und seine Eltern hielt er für Gelbbunte, also ganz untergeordnete Personen, wie etwa die Gefängnisbeamten, die ihm seine Nahrung überbracht hatten. Als ich ihn selbst in einen Gelbbunten verwandelte und dazu ein paar freundliche Worte sprach, glaubte er zuerst, ich wollte ihm irgendeine Auszeichnung zuteil werden lassen. Sehr erstaunt war er, als wir ihm dann Schuhe anzogen und er nun zum erstenmal in seinem Leben neben sechs Gefährten einhermarschierte. Beim Mittagsmahl wurde er von dem Prinzen gesäugt und ließ es auch zu, daß dieser bei ihm dasselbe tat. Er wunderte sich, daß wir Feigen aßen, die er noch nie gesehen hatte. Auch ahnte er nichts von Gärten und Schlangen. Für den nächsten Tag hatte ich eine allerliebste Überraschung vorbereitet. Der Minister und sein Unzertrennlicher wie auch der Prinz nahmen bei Tagesanbruch ein Bad, wonach sie sich sorgfältig kämmten und parfümierten. In ihrer wahren roten Hautfarbe erschienen sie dann wieder im Saal, wo wir sie mit dem liebenswürdigen Gefangenen erwarteten. Man hätte ihm bitteres Unrecht getan, wenn man seine reizend naiven Fragen als unziemliche Neugier bezeichnet hätte. Nur auf diese Weise konnte er ja ein Wesen wie andere werden. Seine Eltern und sein künftiger Unzertrennlicher erschienen nun im leuchtendsten Rubinrot. Zuerst erschrak er, denn er hatte geglaubt, außer ihm selbst gäbe es nur Gelbbunte auf der Welt. Dann aber eilte er auf den Prinzen zu und schloß ihn mit einer solchen Leidenschaft in die Arme, daß wir Mühe hatten, die beiden wieder zu trennen. Es ist also durchaus nicht so, daß die Natur aus sich heraus spricht, denn dann hätte er zuerst zu seinen Eltern gehen müssen. Vielmehr ist das erotische Gefühl stets das allerstärkste, was zwei Wesen zueinander treibt, stärker wie Eltern- und Kindesliebe. Als der Prinz sah, daß sein nunmehriger Unzertrennlicher sich ein wenig beruhigt hatte, führte er ihn seinen Eltern zu und sprach: »Sieh hier diejenigen, die dir das Leben gegeben haben! Umarme sie und laß dich von ihnen küssen!« – »Wie,« rief der Entführte, »ihnen habe ich das Leben zu danken, wäre also gar nicht ohne sie? Freilich bin ich überglücklich, sie zu sehen, und dies um so mehr, als mir erst in diesem Augenblick das Leben wie ein Geschenk erscheint.« – Mit diesen Worten warf er sich aufs neue an den Hals des Prinzen, der ihn mit Tränen in den Augen seinen Eltern in die Arme legte. Auch sie konnten nur schluchzend mit dem neugewonnenen Sohne sprechen und wir alle mußten vor Rührung weinen. Jetzt aber stellte der Entführte eine Frage, die bewies, daß sein Geist sich rapide entwickelte. »Sagt mir doch,« so sprach er, »warum Ihr mich mit dieser verhaßten Farbe bestrichen habt, die ich nur an meinem verbrecherischen Wärter sah, wo doch auch Ihr, wie ich sehe, im schönsten Rot prangt?« Daraufhin erzählte ihm nun sein Vater die ganze Geschichte. Das war nun freilich ein schwieriges Beginnen, denn die Persönlichkeit, von der die Geschichte handelte, hatte ja von nichts die geringste Ahnung. Ich konnte nur aufrichtig die große Weisheit bewundern, mit der der Herr Minister es verstand, sich seinem Sohn verständlich zu machen, der ihm ganz hingerissen lauschte. Es handelte sich ja nicht darum, die Neugier des Zuhörers zu befriedigen, sondern man mußte ihm überhaupt erst alle Begriffe veranschaulichen und geben. Alles mußte ihm doch erklärt werden: seine Geburt, die Umstände, die den Prälaten dazu verführten, ihn zu verkaufen, das Interesse, das die Republik daran hatte, seine Existenz zu leugnen, und dasjenige, das den Vater seines Unzertrennlichen so großen Wert auf seine Existenz legen lassen mußte. Man mußte ihm also ein umfassendes Bild der Natur- und Menschheitsgeschichte mit allen Lastern der Menschen, dem Geiz und der Herrschsucht der Fürsten entrollen, um ihm einen Begriff von den Staatsrechten und den Überschreitungen zu geben, die von der Politik ohne jegliche Furcht, jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden, ausgeübt wurden. Er mußte ihm ferner erklären, daß ein Naturgesetz die Megamikren nach 192 Jahren sterben ließ, um ihm hierdurch verständlich zu machen, welches Interesse der regierende Prinz daran hatte, sich einen Nachfolger zu sichern; auch vergaß er nicht, ihm verständlich zu machen, was ein Jahr bedeutete und in welchem Alter er selbst stände. Schließlich vergaß er nicht, ihm mit aller Geschicklichkeit zu erklären, daß die Nachfolge des Sohnes im Erbe des Vaters ein natürliches Gesetz sei, da man annahm, daß die Väter in ihnen wieder aufleben, sich erneuern, sich also in den Wesen, denen sie das Leben geben, wiederfänden. Die Neuschaffung des Lebens geschähe durch die Vereinigung mit dem Unzertrennlichen, den ihm die Natur verliehen habe. Bei dieser Gelegenheit belehrte er ihn über die bevorzugte Stellung der Roten, die zum Edelstand berufen waren, weil sie die Zeugungsfähigkeit besaßen, während die Megamikren anderer Farben infolge ihrer Unfruchtbarkeit Unedle und Bastarde genannt wurden. Er mußte ihm dann die Vorrechte der Edlen erläutern und viele andere Dinge mehr. Ich habe Euch gesagt, daß er ihm in kurzen Zügen seine Geschichte erklärte, dennoch brauchte er zu dieser Erzählung im ganzen vier Monate, wobei er täglich vier bis fünf Stunden sprach. Es war also schon mehr eine moralphilosophische Vorlesung zu nennen. In den ersten Tagen hatte ich große Schwierigkeit, ihm verständlich zu machen, daß ein Unterschied im Körperbau zwischen mir und meiner Frau, sowie zwischen uns und ihnen bestände, und es war für ihn eine große Überraschung, als er erfuhr, daß wir eine andere Art Menschen seien und eine andere Welt bewohnten, von der die Megamikren keine Ahnung hatten, ehe wir zu ihnen gekommen waren. Dann sagte ich ihm, wie wir uns von zweien auf mehr als eine Million reicher und machtvoller Wesen von fürstlichem Geblüt innerhalb eines Zeitraumes von 290 Jahren ausgebreitet hätten. Der jugendliche Prinz, der aufmerksam zuhörte und mich niemals unterbrach, konnte sich hier einer Frage an seinen Vater nicht enthalten. Diese Frage überraschte uns sehr und gab uns einen Einblick in seinen klugen Geist. »Mein Vater,« sprach er, »Ihr müßt die Güte haben, mir zu erklären, warum diejenigen, die die beiden Riesen aus einer andern Welt haben kommen sehen, sich der Pflicht entzogen haben, diese sterben zu lassen, was sie meiner Ansicht nach hätten tun sollen, zumal sie sahen, daß jene keine Bastarde waren.« Über diese Frage war die ganze Gesellschaft sehr erstaunt und wurde dadurch in eine gewisse Verlegenheit mir und meiner Frau gegenüber versetzt. Ich jedoch konnte mich nicht enthalten, den Frager in meine Arme zu schließen und ihm hundert Küsse zu verabfolgen, während Kassandra aus vollem Halse lachte über die Naivität und Aufrichtigkeit dieses klugen Naturkindes, das durch keine Erziehung verdorben war. Mein armer Megamikre verstand meine Liebkosung nicht recht, zumal er uns eigentlich das Todesurteil gesprochen hatte. Sein Vater gab ihm also den nötigen Aufschluß, sprach ihm von Religion und Gastfreundschaft und niemals habe ich eine so hohe Intelligenz gefunden, wie sie der Prinz besaß. Ich konnte meine Bewunderung ruhig zum Ausdruck bringen, er tat, als spräche ich von einem anderen, alles war ihm noch fremd und so lief ich keine Gefahr, seine schöne Seele mit Hochmutsgedanken zu verdunkeln, denn er wußte sehr wohl, daß es eine ganz ungeheuer große Anzahl von Dingen gab, die er noch zu lernen hatte. Endlich schrieb mir Tolomäus, daß es an der Zeit wäre, uns an einen Ort zu begeben, wo wir in allergrößter Sicherheit wären. Ich solle mich daher vorbereiten, in ein oder zwei Tagen unter denselben Umständen abzureisen, unter denen ich angekommen war. Doch sollte ich anstatt des Papiers Bücher für die Ausfüllung meiner Kisten verwenden, weil in dem Ort, dahin ich gehen sollte, selbst Papier fabriziert und niemals solches eingeführt würde. Um von der Hauptstadt der Republik hierherzugelangen, mußten wir eine ebenso lange Reise machen wie vom Republiklehen nach der Hauptstadt. Ich schrieb ihm, daß ich ihm meinen Sohn anvertrauen würde, bis daß ich zu ihm zurückkehrte. Er beauftragte seinen Gelben, daß er ihm meinen Sohn noch am gleichen Tage mit einem Boote holte, und gab mir die Versicherung, er wolle das Kind wie sein eigenes halten. Darauf wünschte er uns glückliche Reise und meinte, es sei die größte Unvorsichtigkeit, die er begehen könnte, wenn er uns besuchen käme. Er beglückwünschte mich, daß ich von nun an wieder von Eurem Rat geleitet werden würde. So reisten wir ab, nachdem wir den Gelben für seine Treue durch 4000 Unzen belohnt hatten, die für ihn ein großes Vermögen bedeuteten. Zwei Stunden vor der Abreise erhielt ich noch einen Brief von Tolomäus, worin er mir mitteilte, daß der Oberstaatsanwalt verschwunden sei und niemand wisse wohin er sich gewendet habe. Er betonte, daß dies Ereignis bekunde, daß die Republik trotz seines Stillschweigens auf die Sache aufmerksam geworden sei und deshalb die größte Vorsicht geraten sei, um vor unangenehmen Überraschungen in bezug auf den kostbaren Schatz, den zu heben er mir behilflich gewesen, geschützt zu sein. Mit diesen Worten schloß Albert seinen Bericht und gab auch mir damit die Überzeugung, daß die äußerste Vorsicht geboten sei. Mein größtes Vergnügen bestand darin, mich mit dem Ex-Gefangenen zu beschäftigen. Es war erstaunlich, was für Talente er besaß; wenn ich ihm etwas erklärte, so überraschten mich seine Antworten und Bemerkungen und ich sah mich zu den größten Hoffnungen berechtigt. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, nach ungefähr acht Monaten hatte er nicht nur Lesen, Schreiben, Musizieren, Geometrie, Geographie und Geschichte gelernt, er begann sogar sich mit Philosophie zu beschäftigen und entwickelte im Anschluß daran recht kluge Gedanken. In Fragen der Religion hielt er sich an das Hauptsächliche, ohne sich in Einzelheiten oder Übertreibungen zu verlieren. Er wollte ja auch kein Theologe werden, um über die Notwendigkeit der Spiritualität und die Wahrhaftigkeit eines Gottes zu schreiben, über die Natur des Mysteriums und über die Verständlichkeit der Notwendigkeit aller Dinge, anstatt über die Dinge selbst, die, weil sie Rätsel sind, eben nicht verstanden werden sollen. Niemals habe ich unter meinen Megamikren einen lebhafteren Geist, der doch dabei geduldig war, allen Dingen nachzuforschen, gefunden, und je mehr Geistesnahrung ihm zugeführt wurde, um so wissenshungriger wurde er. Gott hat in unsere Seele die Keime für alle Wissenschaften gelegt, aber bei diesem Megamikren war diese Gabe vielleicht derart konzentriert, daß es zwanzig Jahre elenden Gefängnisses bedurfte, um diese Keime in der völligen Abgeschiedenheit zur vollendeten Reife zu bringen. Nach zwei Jahren bereits veranlaßte er den Herzog, ein Gesetz zu schaffen, das die Gesetze aller Theologen oder Physiker für falsch erklärte, die bei Prüfung der Phänomene diejenigen Erscheinungen als Wunder erklären wollten, die auf Bewegungen der Materie – Natur genannt – zurückzuführen seien. Diejenigen Gelehrten aber, die solche Erscheinungen Naturkräften zuschrieben und damit natürlich das Wirken der Allmacht verminderten, sollten keine andere Strafe erleiden, als ihren Namen auf einer Tafel vermerkt zu finden, die man die Schwätzertafel nannte. Dieser große Geist wäre also der Welt verloren gegangen, wenn man ihn nicht aus dem Gefängnis befreit hätte, wo eine nichtswürdige Politik ihn gefangen hielt. Ohne die Möglichkeit der Entfaltung nützen die größten Geistesgaben nichts, ebenso wie die Materie ohne Bewegung nichts bedeutet. Seine Väter wollten das Zusammenleben des Prinzen mit seinem Unzertrennlichen nur dann gestatten, wenn sie ihn im Lehen dem regierenden Fürsten vorgestellt hätten und jener die Genehmigung zur Unzertrennlichkeit erteilt habe. Infolge dieses Hindernisses wurden sie im höchsten Grade ineinander verliebt. Als ich ihn über seinen Seelenzustand während der Gefangenschaft befragte, äußerte er, daß ihm sein Dasein als eine unerträgliche Last erschienen sei, und er sei dennoch erstaunt darüber gewesen, denn eigentlich sei doch das Leben ein kostbares Geschenk; es sei aus dem Nichts hervorgegangen und etwas müsse doch die Veranlassung dazu gewesen sein. Wenn er so seinen Gedanken nachgehangen hatte, war ihm zum Schluß immer der Trost gekommen, es müsse ja doch endlich auch mal ein Ende haben, wenn er aufhöre zu sein. Er fühlte, daß ihm viele Dinge fehlten, ohne sich darüber klar zu sein, was. Aus dem Bedürfnis, sich von der Milch des Gefährten zu nähren, wie jener von der seinen, schloß er, daß er nur die Hälfte eines Ganzen sei und daß diese ihm fehlende Hälfte sicherlich nicht das taubstumme Wesen sei, das er immer vor Augen hatte. Dieses Wesen war ihm widerwärtig, während er das Empfinden hatte, daß er es lieben müßte, wie sich selbst, sofern es seine zweite Hälfte wäre. Er fügte hinzu, daß er derartige Gedanken im übrigen stets als Narrheit zurückgewiesen habe, als eine Ausgeburt der Langeweile. Nachdem ich meinen Gast zehn Stunden allein gelassen, um ihm die nötige Ruhe zu gönnen, und vor allem auch dem weisen Albert, der sieben Stunden hintereinander gesprochen hatte, wollte ich nunmehr mit ihnen zu Mittag speisen. Nach dem Essen sagte ich zu Albert und Kassandra, ich hätte mir die Sache so überlegt, daß ich sie beide unter dem Schutze zweier Diener, die ich ihnen mitgäbe, nach Hause schicken, den edlen Roten aber und die getreuen Buntgescheckten solange bei mir verbergen würde, bis Gott mir einen guten Rat senden würde und ich auch die Meinung des Herzogs gehört hätte, die mir Albert schriftlich mitteilen sollte, nachdem er ihm persönlich die ganze Angelegenheit berichtet hätte. Da ich jedoch niemandem in meinem Hauswesen Verdacht einflößen wollte, so teilte ich Albert meine Idee mit und sagte ihm, er müsse mit Kassandra acht Stunden nach den zwanzig Meilen von meiner Hauptstadt entfernt gelegenen Ort gehen. Meine Pferde würden sie dahin bringen, er solle sie aber verkaufen und die Post benutzen, um mit einem Umweg von zehn bis zwölf Meilen ganz öffentlich bei mir anzukommen. Nachdem dieser Vorschlag Zustimmung gefunden, bestimmte ich den Tag und bezeichnete ihnen sogar die Stunde der Ankunft am 1. August. Da sollten sie scheinbar zum erstenmal bei mir eintreffen; wir würden dann um vier Uhr in den Tempel gehen und der heiligen Handlung beiwohnen. Auf diese Weise würde ihre Ankunft vor meinen vier Statthaltern offiziell sein und alle Welt würde sie mit derselben Freude begrüßen, mit der ich sie empfangen hatte. In aller Öffentlichkeit würden sie dann zu sagen haben, daß sie Lust gehabt hätten, eine Reise zu machen, und da sie diese ohne die Erlaubnis des Erzbischofs Daniel angetreten hätten, so seien sie gekommen, zu meinen Füßen Schutz zu erbitten in der Hoffnung, ich werde ihnen ein völliges Verzeihen erwirken. Da man meinen Vorschlag ausgezeichnet fand, so wurde die Sache auch so ins Werk gesetzt. Albert reiste mit seiner Frau in aller Stille ab und traf pünktlich am 1. August in der Kirche ein. Die Szene seines Erscheinens wurde glänzend durchgeführt und die Neuangekommenen wurden erst bei mir, dann bei allen vier Statthaltern gefeiert. Nach acht Tagen sandte ich sie in meine anderen vier Provinzen, wo ich sechzehn Stämme hatte, die ihnen nach Belieben Feste gaben. Als er dann zurückkam, wünschten wir ihnen gute Fahrt und begleitet von zwei Dienern fuhr er mit seiner Frau zu seiner Familie zurück. Dort traf er acht Tage vor der Niederkunft meiner sämtlichen Töchter ein. Daniel war durch einen Brief verständigt worden, worin ich ihm über alles genügend Aufschluß gab. Er empfing ihn freundschaftlich und hielt es für notwendig, ihn dem Prinzen zu zeigen, der von seinem damaligen Verschwinden unterrichtet sein mußte. Der Herzog, den Albert im geheimen schon von allem unterrichtet hatte, empfing ihn sehr gnädig, und nachdem er einige allgemeine Fragen gestellt hatte, äußerte er den Wunsch, über die Einzelheiten der Reise Näheres zu erfahren. Zu diesem Zwecke gingen sie in den kleinen Garten, wo sie ungestört waren, und hier erzählte er dem Prinzen die ganze Geschichte. Er schrieb mir darauf, der Prinz sei hoch erfreut darüber, daß ich die Aufgabe übernommen hätte, für die Sicherheit seiner Kinder zu sorgen, und daß er sich freuen werde, sie in seine Arme zu schließen, um sie am gleichen Tage vor versammeltem Hofstaat als unzertrennlich zu erklären. In der mir aufgegebenen Geheimschrift antwortete ich ihm, daß ich über geeignete Mittel nachsinnen werde, die seinem Wunsche Erfüllung brächten. Ich würde ihm die Maßnahmen erst dann mitteilen, wenn ich sie als vollkommen sicher erkannt hätte, denn vor allem mußte darauf geachtet werden, daß sie nicht noch in letzter Stunde in die Hände ihrer Feinde fielen, deren List mehr zu fürchten sei als ihre Gewalt, besonders da jene sich zu allen Mitteln berechtigt glaubten, sobald es gilt, einen Zweck zu erreichen. Zur selben Zeit schrieb mir der Patriarch Jakob, daß die Könige des Neunten, des Einundzwanzigsten, Vierundzwanzigsten und Fünfzehnten Reiches sich an ihn mit der Bitte um je einen Stammhalter gewendet hätten. Er erwarte deshalb meine Befehle, woher er die Gewünschten nehmen solle. Hierauf antwortete ich ihm, er möge seine Brüder, die Statthalter, in meinem Namen anweisen, nach Ablauf des Jahres 74 diejenigen aus ihren Familien zu entsenden, deren Statthalter der Jüngste wäre. Nach dem großen Fest am ersten des Jahres 72 beschloß ich, dem Wunsche des Herrschers im Republiklehen Folge zu geben, bevor ich jedoch darauf zu sprechen komme, in welcher Weise dies geschah, muß ich Euch erst ein Ereignis berichten, welches verschiedene Folgen nach sich zog. Anfang November hatte ich von Daniel einen Brief erhalten, worin er schrieb, daß der Herzog ihm seine sämtlichen Lehensgüter zur Erneuerung des Kontraktes am Jahresschluß angeboten hätte. An diesem Zeitpunkt war der erste Kontrakt auf zwanzig Jahre abgelaufen und dem Prinzen stand es frei, die Güter einem neuen Besitzer abzutreten, wenn es ihm vorteilhafter erschien, wobei dieser eine Summe von 150 Millionen zu zahlen hatte, die zu ein Prozent verzinst wurden. Die Gesellschaft zahlte die Zinsen dieser Summe von den Einkünften der Güter, während der Überschuß dem Prinzen zugute kam. Da der Gesellschaft in der Leitung jedoch ganz freie Hand blieb und sie dem Prinzen keine Berichte vorzulegen brauchte, so erzielte sie einen recht beträchtlichen Gewinn durch Ausbeutung seiner Untertanen. Sie ließ durch ihren Bevollmächtigten alle Ein- und Ausfuhrzölle erhöhen, desgleichen die Brücken- und Wegegelder, was von sichtbar ungünstigem Einfluß auf die Handelsfreiheit war und zahlreiche Familien in Notstand brachte. Der Überschuß, den die Gesellschaft an den Prinzen zu zahlen hatte, betrug nur drei Millionen, während sie selbst die hohe Summe von fünfzehn Millionen einheimste. Zu ihrer Entschuldigung führte sie einen ziemlich plausiblen Grund an, indem sie sagte, es könne ihn jeden Tag die große Starrsucht befallen, und in diesem Falle ginge sie sofort nicht nur der Pachtgüter verlustig, deren sich die Republik vor allem entledigen würde, sondern auch der 150 Millionen, die nicht hypothekarisch eingetragen waren. Ich hatte vorerst durch Expreßboten meinem Sohne Daniel den Befehl zugehen lassen, diese Angelegenheit im geheimen mit dem Prinzen zu verhandeln, und zwar in der meinerseits angegebenen Form. Diese schloß zwei unumgängliche und unabänderliche Bedingungen in sich. Die erste bestand darin, daß der Statthalter Daniel berechtigt sei, alle Änderungen, die ihm ratsam erscheinen sollten, in allen Zoll- und Steuerangelegenheiten vorzunehmen. Ferner hätte er das Recht, zu bestimmen, was für die Ein- und Ausfuhr zulässig und was verboten sei. Die zweite Bedingung bestand darin, daß sein Vertrag erst mit dem Erlöschen der Familie des Herzogs ablaufe. Schließlich setzte ich in den Kontrakt noch hinein, daß der neue Großpächter dem Herzog eine Morgengabe von fünfzig Millionen darzubringen habe, die am Tage des Vertragabschlusses der Schatzkammer zu überweisen sei. Mit demselben Boten sandte ich ihm 200 Millionen in Wechseln auf alle Bankiers des Lehens. Dies war mir ein leichtes, indem ich die Hälfte dieser Summe von meinen Bankiers abhob – zahlbar in zwanzig Monaten – ein Viertel aus meiner Schatzkammer und das andere Viertel in Sichtwechseln auf mein Lehen bei Heliopalu. Außerdem befahl ich Daniel, daß er im geheimen bei sich 1000 Manifeste drucken lasse, die er zum Aushängen bereithalten sollte, und zwar für den der Kontraktunterzeichnung folgenden Tag, falls die Gesellschaft die Vollziehung drei Tage hinausziehen sollte, wozu sie ja berechtigt war. Wenn sie innerhalb dieser drei Tage dem Prinzen dieselben Bedingungen zugestände, wie sie der neue Pächter ihm gewährte, so solle sie den Vorzug haben. Der nach meinen Angaben abgefaßte Kontrakt wurde nunmehr dem Herzog vorgelegt, der den neuen Pachtvertrag vorerst veröffentlichen ließ. Drei Stunden später ließ Daniel sein Manifest herausbringen, welches besagte, daß der neue Pächter und Statthalter der Riesen alle Einfuhrzölle auf die in die Staaten eingeführten Waren abschaffen würde, was die Ausfuhrzölle beträfe, so behalte er sich das Recht vor, dieselben zu prüfen und herabzusetzen, sofern er es für ratsam erachte. Außerdem erließe er alle Brücken- und Wegesteuern für sämtliche durchgehende Waren, sofern sie dem vom Herzog aufgestellten Tarif unterliegen. Im übrigen stelle er sich unter den Willen des Herrschers, um ihm über die Einkünfte der Güter Bericht zu erstatten und den Überschuß an die Schatzkammer abzuführen. Nach Abzug aller Spesen ergäbe sich, daß die besagten Güter mehr als ein Prozent abwürfen. Er schrieb mir, daß dies Manifest alle Welt in Erstaunen versetzt habe, alle Welt war auf den Beinen und die Kaufmannschaft bezeugte ihm ihre Ehrerbietung. Die Gesellschaft mußte daraufhin stillschweigen und er erhielt somit den Pachtvertrag zuerteilt. Kaum hatte ich diese angenehme Nachricht erhalten, als ich meinen vornehmen Buntgefärbten befahl, sie möchten per Schiff abreisen, um sich nach einer Stadt meines Lehens zu begeben, die 100 Meilen von meiner Hauptstadt entfernt war. Dort angekommen, sollten sie sich vor allem demaskieren, indem sie in dem Flusse ein Bad nähmen und sich dann als vornehme Herren in einem der besten Gasthäuser einlogierten. Daselbst sollten sie dann eine schöne Karosse kaufen, dazu acht Diener nehmen und mir dann offiziell einen Besuch machen, wobei sie mir einen Brief zu überreichen hätten. Dieses Projekt wurde ganz planmäßig ausgeführt. Am 20. Januar des Jahres 73 sah ich den prächtigen Zug nahen, der mir die schönen Roten brachte, die mir dann durch meinen Sohn Luzian vorgestellt wurden. Ich tat natürlich so, als seien sie mir völlig unbekannt und las den mitgebrachten Brief mit der augenscheinlich größten Aufmerksamkeit durch. Darauf erwies ich den Roten die größten Ehrenbezeugungen, wie sie Monarchen nicht ehrfurchtsvoller bezeugt werden können. Darüber waren alle meine Stämme sehr erstaunt. Ich hatte Albert durch Geheimschrift dahin verständigt, daß ich das Paar dem Herzog zuführen würde und daß dies in prächtigem Aufzuge und in aller Öffentlichkeit geschehen sollte. Er möge dem Herzog also die Nachricht heimlich zukommen lassen, damit er Daniel erlaubte, ihm meinen Besuch vor allem Volk anzukündigen. Ich schrieb nun an den Statthalter, daß ich aus persönlichen Gründen dazu entschlossen sei, dem Herzog einen Besuch abzustatten, und daß in meinem Gefolge ein herzoglicher Prinz und der Prinz von Alfredopolis sich befänden, die ich dem Herzog vorzustellen wünschte. Er ließ mir darauf sagen, daß er alle Vorbereitungen zum festlichen Empfange getroffen habe. Meiner Anordnung gemäß mietete Daniel die schönsten Häuser, die er ausfindig machen konnte, um meinen edlen Hofstaat darin unterzubringen. Außer dem Staat Zweihundertdreizehn, meinen Ministern und Sekretären für die kirchlichen Angelegenheiten hatte ich 2000 Söhne und Enkel mit ihren Frauen, sowie 4000 Diener in allen Farben, die hinter den 1000 Wagen mit je zwei Pferden aufgestellt waren. Diese ganze Anordnung wurde dem Herzog bekanntgegeben. Daniel schrieb mir, daß er ganz außer sich vor Freude sei. Vier Tage vor meinem Eintreffen sandte ich einen Boten an ihn mit der Ankündigung, daß ich am 15. Februar um drei Uhr eintreffen würde. Am 5. Februar sandte ich meine Vorreiter aus, die die für die Wegerast nötigen Befehle erteilen sollten. Am 7. reiste ich ab und hatte folgende Anordnung getroffen. 450 Wagen fuhren mir voraus, ebensoviel bildeten mein Gefolge. In den Wagen waren 2000 Riesen mit ihren Frauen, erstere mit Karabinern, letztere mit Pistolen bewaffnet; sie waren nackt bis auf einen Gürtel und trugen Schaftschuhe und Rucksäcke. Wagen bildeten den eigentlichen Zug, in dem sich meine edlen Roten, sowie die Minister befanden. Im mittelsten Wagen saß ich mit dem Erbprinzen und dem obersten Minister nebst seinem Unzertrennlichen. Die Prinzen saßen im Fond des Wagens zwischen mir und Theodor, das andere Paar saß zwischen meiner Frau und meiner Tochter Franziska. Ich hatte den geraden Weg gewählt. Da das eine Ende meines Lehens, das von der Hauptstadt am weitesten entfernt war, an den Fluß stieß, so brauchte ich das Gebiet meines Stammes im Republikstaate nicht zu berühren. Ich hatte innerhalb meines Lehens 400 Meilen zurückzulegen und 300 in dem anderen, das nicht so groß wie das meine war. Ich wechselte die Pferde innerhalb meines Gebietes nur zwanzigmal, da ich zwanzig Meilen mit denselben Pferden fuhr. Ich machte viermal je zwei Stunden halt, damit wir uns etwas ausruhen und Speise zu uns nehmen konnten. Bei jedem dieser Rastpunkte fand ich 1900 Zelte errichtet, in deren jedem eine Tafel mit sechs Gedecken aufgestellt war und Diener uns mit gefüllten Feigenkörben erwarteten. Die erste der Sehenswürdigkeiten, die sich mir dann bot, war eine prächtige Brücke, die über den Strom führte, der unsere Lehen trennte. Sie war durch viele tausend Barken zusammengefügt, die eine feste Verbindung zwischen beiden Flußufern schufen, denn sie war 500 Schritt breit und durch eiserne Träger gestützt. 10000 Bauern hatten diese Brücke in wenigen Tagen erbaut. Meine Vorreiter sowie die Nachhut überschritten zu Fuß diese prächtige Brücke und auch wir stiegen aus, um den schönen Teppichen, die den Boden bedeckten, Ehre zu erweisen. Nachdem wir die Brücke passiert hatten, gingen die Arbeiter wieder daran, sie hinter uns wieder abzubrechen. Nachdem wir so in das Lehen des Herzogs gelangt waren, fanden wir durch seine Diener alles aufs beste vorbereitet. Es waren hier doppelt so viele Rastplätze vorgesehen, wo wir aufs herrlichste bewirtet wurden. Der Herzog hatte Daniel gebeten, er möge 2000 Riesen aussenden, damit sie alle Schlangen töteten, die sich am Wege, auf dem ich herankäme, finden sollten. Ich hatte geglaubt, der Herzog würde sich über die Unkosten, mit denen ich die Reise ins Werk setzte, etwas verwundern, ich hatte mich aber getäuscht, denn er selbst hatte alle Vorbereitungen mit dem glänzendsten Aufwand in Szene gesetzt. Um ein Uhr morgens fand ich bei der vorletzten Rast den ganzen breiten Weg mit Baldachinen überdeckt, die aus kostbaren Teppichen bestanden und rechts und links von Säulen getragen wurden. Am letzten Baldachin begrüßten mich im Auftrage des Herzogs zwölf edle Paare. Sie waren zu Pferde und gaben mir nun zu beiden Seiten das Geleit. Auf halbem Wege kam mir alsdann Daniel mit seiner Frau, beide an der Spitze von 200 Paaren des Stammes entgegen. Sie stiegen ab, ich ließ meinen Zug halten und dankte ihnen, ohne jedoch selbst abzusteigen. Daniel beauftragte ich dann, meinen Reisemarschall anzuweisen, wo ich in der Stadt Quartier nehmen sollte; einer der edlen Megamikren jedoch, die mir zu Pferde das Geleit gaben, sagte, daß der Herzog mich in seinem großen Garten, eine Meile von der Stadt entfernt, erwarte; mein Reisemarschall sei bereits verständigt. Wir kamen also beim Garten an und alle Wagen, die meine Vorhut bildeten, fuhren ein. Dann sah ich den Herzog, gefolgt von den Ersten des Hofstaates, zu Fuß aus dem großen Portal des Schlosses treten und auf mich zukommen. Ich stieg zuerst aus dem Wagen, gefolgt von meinen sieben Begleitern, und neigte mich zum Gruße vor dem Herrscher tief zur Erde. Er aber empfing mich mit geöffneten Armen und erwies dieselbe Ehre meiner Frau, alsdann Theodor und seiner Gefährtin. Ich nahm nun seinen Sohn an die eine Hand, dessen Unzertrennlichen an die andere und sprach zum Herzog: »Hier ist der Prinz, Euer Sohn!« – »Ich sehe mit Freuden, daß er von seiner Reise zurückgekehrt ist,« antwortete er, indem er ihn mit ebensoviel Würde wie Zärtlichkeit umarmte. Laut aber fragte er ihn nach seinem Unzertrennlichen. »Hier ist er,« sprach der Prinz, »doch ist er noch nicht mein Unzertrennlicher!« – »Von diesem Augenblick an ist er es,« entgegnete der Herzog, »und er wird es bis zu seinem letzten Augenblicke bleiben.« Mit diesen Worten zog er beide an sein Herz. Nachdem er ihre beiden Hände ergriffen hatte, sprach er zu dem Minister und seinem Gefährten: »Ich freue mich und danke Euch, daß Ihr in Eurem totgeglaubten Sohne den legitimen Erben meines Thrones wiedergefunden habt.« Darauf stellte er sie dem gesamten Hofstaat in Gegenwart des Gesandten der Republik vor und jedermann drängte sich heran, um ihnen die linke Hand zu küssen, obgleich das unerwartete Ereignis allgemeines Erstaunen verursacht hatte. Der Minister der Republik küßte ihnen nicht die Hand, da dies gegen die Etikette verstoßen hätte, aber er bezeugte ihnen auch so die größte Ehrerbietung, indem er seinerseits der Freude über diese glückliche Wendung Ausdruck verlieh. Der Sohn des Ministers, den der Herzog selbst bei der Hand hielt und den ich nicht aus den Augen ließ, bemerkte bei diesem Kompliment, daß er in dem Minister der Republik einen Todfeind hätte, und daß jener es gewesen sei, der den Erzbischof vergiftet hatte; daß er selbst nicht gestorben, war anscheinend auf göttliche Vorsehung zurückzuführen. Indem er ihn ansah, sprach der Minister, daß sein Herz voller Freude sei, das schönste Paar unter der Sonne glücklich zu sehen. Die Antwort des jungen Prinzen war liebenswürdig, aber zurückhaltend. Darauf wandte sich der Herzog an seinen Reichskanzler, um den Tatbestand ordnungsmäßig in Akten festlegen zu lassen. Es erfolgte nunmehr die festliche Einladung zum folgenden Tage, wozu auch der Bischof geladen werden sollte. Er sagte seinem ersten Minister ein paar Worte ins Ohr, worauf jener verschwand. Dann ergriff er meine Hand und lud mich ein, ihm in die bedeckte Allee des Gartens zu folgen. Hier sagte er mir, daß er mir nicht genug für alles danken könne, was ich für ihn getan, und daß alles, was er besäße, mir gehöre. Er selbst werde abreisen, um ohne Gefolge seine Kinder nach Hause zu bringen. Am nächsten Tage sahen wir uns bei Hofe wieder, der nie zuvor so zahlreich versammelt gewesen und wo man an nichts anderes dachte, als das außergewöhnliche Ereignis zu feiern, ohne die Sachlage zu kennen, die man sich auf irgendeine Art zusammenreimte. Was den Vertreter der Republik betraf, so hatte er bereits dem ersten Minister befohlen, daß er an seinen Gesandten schreibe, um dem Staatskabinett die Tatsache mitzuteilen, die alle zuvor getroffenen Kombinationen über den Haufen warf. Der Herzog hatte seine Kinder an die Hand genommen und war, gefolgt von dem Minister, in seinen Hofwagen gestiegen, um mit ihnen zum Palast zu fahren, wo sie nunmehr nur als erbberechtigte Prinzen herauskommen würden. Ich machte nun meinerseits der Versammlung meine Verbeugung und stieg mit Daniel und Luise in meinen Wagen. Nach zehn Minuten langten wir in der Stadt an, die wir durchfahren mußten, um zu unseren Wohnungen zu kommen. Ich fand diese in einem prächtigen Palast, in dem ich mich mit meinen Gefährten behaglich einrichtete. Meine 2000 Riesen-Wächter wurden anderwärts untergebracht. Tags darauf begab ich mich zu Hofe, wo der Erzbischof den ehelichen Bund des glücklichen Paares segnete, dessen Thronfolge im herzoglichen Lehen bestätigt wurde. Die glänzenden Feste will ich nicht weiter beschreiben, sondern nur sagen, daß sie fünf Wochen währten. Ich glaube nicht, daß man die Festlichkeiten jemals abgebrochen hätte, wenn nicht ernsthafte Dinge in die Erscheinung getreten wären, die alle Aufmerksamkeit forderten. Der herzogliche Gesandte hatte ihm geschrieben, daß er dem Befehl gemäß der Oberherrschaft der Republik Kunde von dem freudigen Ereignis gegeben, jedoch keine Antwort darauf erhalten habe. Im August waren zwei neue Prinzen den Eiern entschlüpft und zur Freude des ganzen Volkes waren es zwei prächtige Rote... Dies gab wiederum Anlaß zu Festlichkeiten. Während dieser Tage sah sich der Gesandte der Republik in sein Land zurückberufen und erbat öffentlich eine Abschiedsaudienz, die ihm auch bewilligt ward. Er überhäufte den Herzog mit Komplimenten und Danksagungen für die Auszeichnungen, die ihm während seines langen Aufenthalts am Hofe zuteil geworden, und äußerte sein Bedauern über die Abberufung. Schließlich verkündete er die Ankunft eines neuen Gesandten, der sein Nachfolger werden sollte. Die Geburt der beiden Enkel des Herzogs war ein Beweis für die Gleichheit des Alters ihrer Eltern, denn wenn auch nur ein Monat Altersunterschied zwischen den Unzertrennlichen bestanden hätte, so wäre das genügend gewesen, um ihre Fruchtbarkeit zu verhindern. Kurze Zeit darauf erfuhr der Herzog, daß die Republik fünf neue Hellebarden-Regimenter ausgerüstet habe, die den Befehl hatten, die Grenze zu bewachen, wo die alten wohnten, die sich wiederum mit all den anderen in andern Städten vereinigen sollten. Dies gab mir zu denken. Ich schrieb zuerst nach Alfredopolis und gab Andreas genaue Anweisung, er möge meine sämtlichen Stämme in mein Lehen schicken, mit Ausnahme seines Stammes, der aus 15000 männlichen Wesen bestand, außerdem noch meine gesamte Artillerie. Mein Befehl wurde ausgeführt und im Oktober hatte ich in meinem Lehen außer meiner gesamten Artillerie fünfundzwanzig Stämme, die aus mehr als 300000 Riesen bestanden, wovon 60000 vollständig gerüstet meiner Befehle harrten. Gegen Ende des Jahres erhielt der Herzog von seinem Gesandten einen Expreßbrief per Boten. Der Brief besagte, daß die Republik dem Herzog zwölf Ministerial-Senatoren, begleitet von zwei Sekretären, einem vom Senat, dem andern vom Rat der Siebzehn, senden würde, niemand wisse Genaueres, nur soviel sei gewiß, daß 24000 bewaffnete Megamikren sie begleiteten und der Oberst Befehl habe, nur den beiden Sekretären zu gehorchen. Dieses Heer müsse schon in der Grenzstadt nahe beim Lehen sein. Der Fürst gab mir den Brief, nachdem er ihn gelesen hatte und fragte mich um Rat. Ich erwiderte ihm, man müsse die Gesandten und alle diejenigen, die als Friedensboten kämen, empfangen, die bewaffnete Macht dagegen dürfe man nicht zulassen. Er sandte darauf an die betreffende Grenzstadt entsprechende Befehle. Am vierten Tage des neuen Jahres der Riesen brachte ein Bote dem Herzog die Nachricht, daß eine Armee der Republik an der Grenze des Lehens stände und der Statthalter demnach alle Übergänge geschlossen habe, sodaß das Heer zum Stillstand gezwungen worden sei. Gleichzeitig seien aber zwei Offiziere zu Pferde am Grenzbaum erschienen, und da sie ihn zu sprechen verlangten, habe er geglaubt, sie anhören zu müssen. Darauf hatten die Offiziere ihn gefragt, aus welchem Grunde den Truppen der Republik der Durchzug verweigert würde, und er hatte ihnen geantwortet, daß es seine Pflicht sei, jede bewaffnete fremde Macht zurückzuweisen. Einer der beiden Offiziere äußerte darauf, daß er ja an derselben Grenze auch den 8000 bewaffneten Riesen den Durchzug erlaubt hätte, worauf ihm geantwortet wurde, daß sie laut herzoglichen Befehls freien Weg gehabt hätten. Der Offizier sagte nunmehr, er habe seinerseits von seinem Herrscher die Ordre, sich nicht zurückweisen zu lassen, weshalb er mit Gewalt vorgehen würde. Mit diesen Worten ritt er davon. Eine Stunde später erschienen die Truppen. Sie zogen den Grenzbaum hoch, zerbrachen die Tore und jagten die Wächter durch abgeschossene Pfeile in die Flucht. Dann zogen sie in die Stadt ein. Nach den Truppen folgten vierundzwanzig Wagen, die wiederum vierundzwanzig Lastwagen im Gefolge hatten und sich in der Stadt wie in einer Garnison häuslich niederließen. Dies setzte den Fürsten nicht wenig in Erstaunen und er befragte mich um meine Meinung. Ich fragte ihn erst, ob ihm eine gleich starke Macht zu Gebote stände, worauf er mir antwortete, daß selbst für den Fall, daß es so sei, er nicht die Absicht habe, ein Gemetzel heraufzubeschwören. »Dann werdet Ihr Euch also allem unterziehen, was man Euch befiehlt,« erwiderte ich, »Ihr werdet ruhig mitansehen, daß man Euch, Eurer Familie und Euren Untertanen Gewalt antut!« – »Ich werde mich an das Gericht der Fünfzehn wenden«, sprach der Prinz, »alle Herrscher der Welt werden zusammenstehen, und die Republik wird gezwungen werden, mir Schadenersatz zu bieten.« – »Sehr gut,« entgegnete ich, »doch inzwischen wird die Republik Mittel finden, sich Eurer Person ebenso zu entledigen wie Eurer Erben, von denen Ihr vielleicht nichts mehr zu hören bekommt. Außerdem fragt es sich auch, ob in einem so dringenden Falle das bedächtige Vorgehen des Rats der Fünfzehn am Platze sein dürfte. Ihr seid zwar für die Zurückhaltung und setzt volle Zuversicht in Eure gerechte Sache, ich aber glaube, daß das gerade in dieser Sache nicht ratsam ist, und wenn kein anderer Grund vorliegen sollte, so dürftet Ihr diese Haltung schon deshalb nicht einnehmen, weil die Republik sie von Euch erwartet. Wir dürfen niemals das tun, was unsere Feinde bei uns voraussetzen.« Der Prinz bat mich nunmehr, nach vier Stunden das Mittagessen mit ihm und seiner Familie einzunehmen. Ich sagte zu. Die fragliche Angelegenheit war sehr bedenklich; denn selbst wenn er dem natürlichen Recht gefolgt und Waffengewalt mit Waffengewalt zurückgeworfen hätte, so besaß er nicht l000 Söldner, die sich bei Gelegenheit für ihn hätten töten lassen. Diejenigen aber, die nicht dafür bezahlt wurden, glaubten sich nicht dazu verpflichtet aus dem einzigen Grunde, weil jener ihr Fürst und sie seine Untertanen waren. Ich wußte auch keinen Rat, was für ihn nützlich sein würde. Ich selbst war ein Fremder und es gab keinerlei Differenz zwischen mir und der Republik. Ich konnte mich also in die Sache nicht einmischen, solange ich nicht selbst angegriffen wurde. Dies hätte ich nicht ungern gesehen, aber es schien dafür keine Absicht zu bestehen. Trotzdem hielt ich das Vorgehen der Republik für unklug, wenn sie ihren Plan nicht vollkommen durchführen würde. Ich wurde mir bald darüber klar, daß ich nicht lange so ruhig die Dinge würde mitansehen können. Bei der Mittagstafel saß der Prinz zwischen seinen Erben, ihm gegenüber stand sein erster Minister. »Ich bin über meine Unentschlossenheit sehr ärgerlich,« sprach er, worauf ich ihm antwortete, daß die Weisesten sich bisweilen in einem Entschlusse nicht sofort klar seien. Meiner Ansicht nach sei die Republik nur so ungestüm in ihrem Vorgehen gewesen, um uns zu irgendwelchen falschen Maßnahmen zu treiben. In diesem Augenblick wurde dem Minister ein Brief überbracht, der einen zweiten für den Herzog enthielt. Dieser las ihn gleich. Das Schreiben kam von einem Statthalter der dreißig Meilen von der Grenze entfernten Stadt. Er schrieb, daß eine große republikanische Armee in die Stadt eingezogen sei und sich dort niedergelassen hätte, so daß die eingeschüchterten Bewohner sich genötigt sahen, ihre Häuser zu räumen. Dann berichtete er von den beiden Offizieren und achtundvierzig Wagen, die drei Stunden früher die Stadt passiert hätten, um sich in die Hauptstadt zu begeben. »Seht Ihr,« meinte der Prinz, »das ist ein Heer, das nicht weiter vorrückt, nachdem es einen Ansturm gemacht, den man für feindlich halten konnte; es läßt uns wenigstens Zeit zum Überlegen.« Lächelnd antwortete ich ihm, daß dieser Aufenthalt des Heeres etwas Licht in das Rätsel bringe und ich die Hoffnung hätte, daß es nicht weiter vordringen würde. Nach Aufhebung der Tafel wollte er großen Empfang abhalten und zeigte die beste Laune, worüber die Großen des Reichs sehr erstaunt waren, da alle Welt wußte, daß ein bewaffnetes Heer gegen die Hauptstadt heranrückte. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Tages erschien ein Edelmann und kündete dem Prinzen zwei bewaffnete blaue Offiziere an, die eine Audienz beim Prinzen erbaten, nachdem sie ein Einführungsschreiben der Republik vorgelegt. Der Herzog fragte mich, ob es mir Vergnügen machen würde, sie anzuhören, in diesem Falle werde er sie in einem Zimmer empfangen, wo ich sie beobachten könnte, ohne selbst gesehen zu werden. »Dieses Vergnügen werde ich nicht haben,« entgegnete ich, »und meiner Meinung nach dürfte Eure Hoheit es auch nicht haben, denn Ihr solltet und müßt sogar«, fuhr ich fort, »die beiden verhaften und ins Gefängnis werfen lassen, wenn Ihr die Macht dazu habt.« Dieser Rat erstaunte ihn nicht. Ziemlich ruhig meinte er, daß er nur über 800 Mann verfüge, diese aber seien tapfer und wirklich treu. Dann stellte er mir mit größter Höflichkeit anheim, mich zurückzuziehen. Nach einer Viertelstunde jedoch suchte er mich auf und teilte mir mit, was geschehen sei; »aber«, fuhr er fort, »was werde ich morgen den Senatoren sagen, die sicherlich eine Audienz nachsuchen werden?« »Nichts einfacher als das,« erwiderte ich, »Ihr werdet sie nicht in Eure Hauptstadt hereinlassen, und da Ihr über 800 Leibeigne verfügt, so lasset die Sekretäre, Senatoren, Diener, Kutscher und überhaupt alle ins Gefängnis werfen. Wenn Ihr das tut, so könnt Ihr sicher sein, daß Ihr eine Lösung gefunden habt, die die schlausten Köpfe der Republik nicht gefunden haben.« – Im ersten Augenblick konnte der Fürst sein Erstaunen nicht verbergen, dann aber ging er, um die nötigen Befehle zu geben. Als er zurückkam, sagte er mir, sein Wachthauptmann habe nur 200 Mann genommen, um sich mit ihnen ans Stadttor zu begeben, wo die Senatoren ankommen sollten. »Aus diesem Vorgehen«, meinte der Prinz, »wird mir niemand einen Vorwurf machen können, nachdem die Republik mir in dieser Weise entgegengetreten ist.« Mit Tagesgrauen trat am nächsten Morgen der Herzog in mein Zimmer und sagte, daß alle Abgesandten der Republik im Gefängnis und außer Herren und Dienern nahezu 300 Gefangene gemacht worden seien. Die Gefängnisse wären in gutem Zustande, auch hätte er befohlen, die Senatoren mit guter Nahrung zu versehen, sie aber nicht mit Wohlgerüchen zu waschen. Sein Gesandter, der Befehl hatte, den Hof ohne Abschied zu verlassen, sobald die Armee den Grenzpfahl gesprengt hätte, kam vierzehn Tage später an und sagte, daß in der Hauptstadt der Republik nur eine Stimme darüber herrsche, daß das Erscheinen des Erbfolgerpaares ein elender Betrug sei, der aus politischen Gründen inszeniert worden wäre. Alle Welt erhob ihre Stimme gegen den Herzog Eduard, der das falsche Paar vorgestellt und sich damit gegen die Republik gewendet habe, von der er bisher nur Freundschaftsbeweise genossen habe. Man sprach es offen aus, daß nach diesem Verrat man unbedingt den Tod des regierenden Fürsten fordere, um das Lehen zu konfiszieren. Hierzu besitze die Republik das Recht durch die Macht, die Gott ihr verliehen habe. Drei europäische Monate waren nach der Gefangennahme der Senatoren verstrichen, ohne daß sich etwas Neues ereignete. Die Armee hatte sich in der Stadt festgesetzt, während nach Mitteilung Cäsars die Senatoren täglich Zusammenkünfte abhielten, jedoch zu keinem Beschluß kommen konnten, da beständig Opposition herrschte. Endlich gegen Ende Mai erfuhr der Herzog, daß das feindliche Heer sich vorwärts bewege, und in den letzten Tagen des Monats erschienen drei Berittene mit der unangenehmen Kunde, daß die drei Grenzstädte vom Feinde eingenommen seien, der sich mit je 8000 Megamikren darin festgesetzt habe. Die Eindringlinge hatten die durch meinen Sohn eingesetzten Verwalter fortgejagt, dafür ihre Beamten geschickt und sich der Zoll- und Stadtkassen bemächtigt. Gleichzeitig erfuhren wir, daß die Republik eine große Armee von 50000 Megamikren zusammenbrächte. Die mehr als tausend Anschlagzettel an sämtlichen Straßenecken beunruhigten den Herzog ein wenig. Es wurde angedroht, das ganze Lehen mit Feuer und Schwert zu vernichten, wenn der Herzog nicht sogleich die Maskierten herausgäbe, die der christliche Herzog Eduard vorgestellt hätte. Die Republik hätte niemals zu diesem unwürdigen Mittel des öffentlichen Aufrufes gegriffen, wenn der Herzog nicht die Gewaltmaßregel angewendet hätte, sämtliche Abgesandte der Republik gefangenzunehmen. Die Beschlagnahme der Zölle und Stadtkassen war eine ernste Sache, dies konnte sich Daniel als absoluter Herr des Zollwesens nicht verhehlen. Ich durfte ihm nicht erlauben, diese unkluge Handlung der Republik stillschweigend zu dulden. Ich sandte ihm daher ein paar Zeilen für Cäsar, wonach er die Freilassung seiner inhaftierten Beamten forderte. Nach zwei Wochen erhielt er die Antwort, der Stadthalter Daniel möge sich vom Herzog entschädigen lassen. Nun verlor ich die Geduld und sandte in meinem Namen einen meiner Staatsräte, einen roten Megamikren mit einem Schreiben ab, worin ich erklärte, daß ich für die Sache meines Sohnes eintreten würde. Die Antwort erhielt ich durch meinen eignen Boten überbracht. Sie hatte denselben Wortlaut wie derzeit die an Cäsar erteilte. Ich wußte nun, daß die Republik bei Einnahme der Stadt auch alle Kaufläden in Beschlag genommen, die Boote ihren Eigentümern entführt und nicht einmal diejenigen verschont hatte, die zum Stamme Daniels gehörten. Auch hieraus war dem Stamme Cäsars großer Schaden entstanden und er schilderte mir eingehend die unglücklichen Folgen dieser gewaltsamen Übergriffe. Ich schrieb ihm, er solle durch den Gerichtshof die Herausgabe alles Eigentums der Riesen fordern, die nicht als Untertanen des Herzogs zu betrachten seien, andernfalls er sich alle ihm nötig erscheinenden Maßnahmen vorbehalten müsse. Am folgenden Morgen war ein Sekretär der Siebenzehn bei ihm, um ihn zu veranlassen, seine Forderung zurückzuziehen, die beim Senat große Entrüstung hervorgerufen habe. Ich ließ diesem, ohne einen schriftlichen Beleg zu geben, mitteilen, daß dem Statthalter Daniel der uneingeschränkte Besitz des Lehens nach dem Ableben des Herzogs zugesichert sei, daß er jedoch mit seinem gesamten Stamme ausziehen wolle, um eine Stadt zu übernehmen, die ihm die Republik mit allen Einkünften anbieten sollte. Die Republik schloß hieraus, daß, wenn Daniel das Anerbieten annehmen würde, ich im gleichen Moment aufhören würde, die Interessen des Herzogs zu vertreten. Ich sah, daß dem tugendsamen Statthalter Daniel dieser Brief sehr unangenehm war. Er bat mich, ihn nicht dem Herzog zu zeigen, und er hatte Recht darin. Die wahre Tugend hält sich im Verborgnen und sollte niemals auf diejenige anderer pochen. Der Herzog liebte und schätzte Daniel, welcher Grund lag also vor, ihn zu belehren, daß er ihn auch zu fürchten hatte?! Es wäre Daniel ein leichtes gewesen, 1000 mit Karabinern bewaffnete Riesen an die Grenze zu schicken, er konnte sich jedoch zu keinem Massenmord entschließen und ich hütete mich wohl, ihn anders zu stimmen. Er folgte jedoch meinem Rate, als ich glaubte, ein Mittel gefunden zu haben, das die Republik auch ohne Blutvergießen zur Vernunft bringen würde. Das Jahr 75 war schon vorgeschritten und die Republik belegte weiter alle Einkünfte des Lehens in Beschlag, während sie sich im übrigen vollkommen ruhig verhielt. Ihre Armee von 50000 Mann stand an den Grenzen meines Lehens und derjenigen des Herzogs. Ich sah ein, daß man irgend etwas unternehmen mußte, um jene aus ihrer Reserve herauszulocken. Die Veranlassung zu dem Vorhaben mußte Daniel selbst geben, dem alle Einkünfte seines Besitztums abgeschnitten waren. Ich befahl ihm, an der Spitze von 500 Paar Riesen als meine Garde nach der Hauptstadt des Lehens auszuziehen und dem Bischof Theodor meinen Befehl zu überbringen. Dieser würde ihm eine genügend große Heeresmacht mit Geschützen zur Verfügung stellen, um damit eine befestigte Stadt einnehmen zu können. Auch die 20000 Megamikren meiner Garde sollten Daniels Befehl unterstellt sein. Das ganze Heer würde auf flachen Booten eingeschifft, um nach einmonatlicher Fahrt vor der Festung der Gold- und Phosphorminen ans Land gesetzt zu werden. Dort sollten sie sich festsetzen und die Stadt belagern. Wenn sie sich nicht ergäbe, müßte sofort das Bombardement begonnen werden. Ich sagte ihm, daß ich ihn wahrscheinlich besuchen würde, inzwischen müßte er sich mit dem Verlust seiner Zolleinkünfte abfinden. Die Order wurde sehr geheim gehalten. Seiner Frau überließ er die innere Polizeiverwaltung und seinem ältesten Sohn das geistliche Amt in der Diözese. Nachdem er alles angeordnet hatte, reiste er mit dem vierten Teil meiner Garden ab. Ich schrieb an Cäsar, daß er am Neujahrstage des Jahres 76 allen Stämmen befehlen sollte, sich in seinem Lande aufzuhalten, ihnen aber Besuche zu erlauben. Meinem Freunde, dem Herzog, gegenüber hielt ich alles geheim, nachdem ich ihn gebeten hatte, mir wegen des Kriegsunternehmens völlig freie Hand zu lassen. Er lebte deshalb ruhig und zufrieden mit seinen lieben Söhnen im Schlosse und dachte zum größten Erstaunen seiner Untertanen nur daran, Feste zu geben. Auf mein Anraten erließ er für zehn Jahre die allgemeinen Abgaben und ich lieh ihm die Summe von 20 Millionen. Er zeigte mir verschiedene Briefe seiner Spione in der Hauptstadt der Republik. In dem einen war gesagt, daß die Republik es sehr gemißbilligt habe, daß der Statthalter Daniel beim Auszug mit seinen 500 Paar Riesen ohne Erlaubnis des Statthalters der Lehensgrenzstadt ausgezogen sei, eine Brücke überschritten habe, ohne den Zoll zu entrichten und dergleichen. Der andere Brief besagte, man wisse, daß der nämliche Statthalter sich mit 5000 Riesen eingeschifft habe, und da der Flußlauf zu den Staaten der Republik führe, so habe sie die Hälfte ihrer neuen Armee angewiesen, in das Lehen des Erzherzogs einzumarschieren. Zum Herzog sagte ich, daß Daniel große Eile gehabt hätte, fortzukommen und daher nicht einmal Abschied nehmen konnte, und fügte hinzu, daß ich wohl mit Recht glaubte, hoffen zu dürfen, daß die 25000 Mann sich hüten würden, in mein Lehen einzufallen; inzwischen sollte er sämtliche Statthalter der 200 Städte seines Lehens anweisen, auf meine Kosten Volksbelustigungen zu veranstalten und alle diejenigen aus seiner Umgebung zu verbannen, die sich als Schwarzseher zeigten und zur Sparsamkeit mahnten. Über seine Antwort mußte ich lachen, als er meinte, ich sollte eine Schule für Staatsräte einrichten, da ich nur angenehme Ratschläge gäbe, deren Ausführung Freude bereitete. Anfang März des Jahres 76 zeigte mir der Herzog den Brief eines Spions, der ihm eine äußerst aufregende Nachricht mitteilte. Die Regierung hatte durch Eilboten erfahren, daß ein Heer von 5000 nur männlichen Riesen auf dem Wasserwege vor der Bergwerksfeste der Republik eingetroffen sei und ein Teil der Geschütze in den Schiffen aufgestellt, die anderen in der Umgebung der Festung aufgepflanzt worden seien. Dieses Heer, das vom Herzog Eduard ausging, sollte unter dem Befehl des Statthalters Daniel stehen. »Ist diese Nachricht wohl glaubwürdig?« fragte mich der Herzog. »Ja, Hoheit,« antwortete ich ihm, »ich habe sie Euch nur deshalb noch vorenthalten, weil ich Euch nicht im Vergnügen stören wollte.« – »Ihr wisset gewiß das Gegenteil,« sagte er, indem er mich umarmte, »ich bitte Euch, Euch keinen Zwang in der Durchführung Eurer Pläne aufzuerlegen. Die Bergfeste der Republik, die uneinnehmbar scheint, vom Lande und vom Wasser aus durch 5000 Riesen aus der anderen Welt angegriffen, ist eine so erstaunliche Nachricht, daß ich einen endlosen Krieg voraussagen möchte.« Das war seine Ansicht; die Republik jedoch fürchtete mich nicht, wie man glauben machen wollte. Im April sandte mir Theodor eine sehr folgenschwere Botschaft, die mich zwang, sofort einen Entschluß zu fassen. Bevor ich aber dazu komme, muß ich Ihnen, meine Herren, ein Bild von den Gewässern und Kanälen jener Welt entrollen. Die innere Welt hat vier Hauptflüsse, die alle gleich lang und breit sind, sie kreuzen sich an beiden Polen und haben wechselseitigen Lauf und Gegenlauf. Die Geographen müssen deshalb ihre Quellen an beiden Polen bestimmen. Nur die Königreiche Heliopalu und Neunzig haben den Vorzug, von allen vier Flüssen bewässert zu werden. 72 Reiche haben einen Fluß in mehreren Lehen und 16 Reiche haben 4 Kanäle, die von den Flüssen abzweigen. Diese 64 Kanäle besitzen verschiedene Ausdehnung, doch sind sie alle schiffbar. Sie haben keine rasche Strömung und es sind an den erforderlichen Stellen Schleusen vorgesehen. Die Kanäle machen viele Biegungen und ziehen sich gleich einem weiten Netz über das ganze Reich. Aus den Kanälen zweigen sich wieder eine Unmenge kleiner Bäche ab. Die Naturforscher dieser Welt kennen die verschiedenartigen Abweichungen jeden Wasserlaufs und bestimmen genau die Zeiten der Ebbe und Flut, sie wissen alle Einzelheiten hierüber, die ich selbst zu lernen mir niemals Mühe gegeben habe. Die Geistlichen behaupten, daß alle Kanäle Menschenwerk seien, die großen Ströme und Hauptkanäle aber seien vor Jahrhunderten von der Sonne selbst geschaffen. Theodor schrieb mir also, daß, nachdem die Republik erfahren hatte, daß Daniel die Bergfeste belagert hielte, sie ihre gesamte Heeresmacht auf die andere Seite meines Lehens geworfen habe. Dann hatte sie einen Nebenkanal, der ihren Staat von dem meinen trennte, abgeschlossen, wodurch das Wasser, das nicht ablaufen konnte, in mein Gebiet Überschwemmungsgefahr brachte, die mit jedem Tag stieg und in spätestens einem Monat alles unter Wasser gesetzt haben würde. Ferner besagte der Brief, daß der Statthalter Simon, dessen Sohn sich in dem bereits überschwemmten Gebiete befände, ihm gesagt habe, daß er keinen Rat, sondern schleunigste Hilfe brauche. Die Bauern seien gezwungen gewesen, ihre Häuser zu verlassen, in vier anderen Städten sei es ebenso. Ich sah, daß keine Zeit zu verlieren war. Am gleichen Tage noch ließ ich 200 Megamikren ausreisen, die mir an jeder Station 500 Pferde beschaffen sollten, und schickte Albert in aller Eile zum Herzog, um ihm den eben erhaltenen Brief zu zeigen, der mein plötzliches Fortgehen entschuldigen mußte. Ich reiste also mit 100 Paaren meiner Garden, mit meiner Frau und mit Albert und Kassandra ab. Dem Sohne Daniels hatte ich befohlen, dem Prinzen einen Besuch abzustatten und ihm in kurzen Worten zu sagen, daß in der Hauptstadt 2000 Riesen seines eigenen Lehens wären, außerdem 1400 Riesen meiner Garde, was einem Heer von 200000 bewaffneten Megamikren gleichkam. Ich reiste mit hundert meiner Garden und deren Frauen und Dienern ab. Wir fuhren mit größter Geschwindigkeit und waren nach sechzig Stunden an der Grenze. Hier stellte ein Offizier der Republik seine ganze Garde in Reihen vor der Barriere auf. Ich ließ meine Wagen vorrücken und forderte den Offizier auf, seine Garden zurückzuziehen und den Schlagbaum zu öffnen, worauf er kurz erwiderte, er tue seine Pflicht, indem er dem Befehl des Obersten folge. Es stände mir frei, jenen aufzusuchen. »Wenn Ihr mich nicht durchlaßt,« rief ich, »werde ich Euch alle auf der Stelle töten.« Bei diesen Worten ließ er seine Soldaten in Reihen antreten, rief einen Befehl und sie pflanzten seitlich ihre Hellebarden auf, beim zweiten Befehl nahmen sie die Armbrust von der Schulter und legten die Pfeile an. Daraufhin ließ ich meine Leute ebenfalls in Reihen antreten. In dem Augenblick als sie alle den Karabiner anlegten, rief ich »Feuer!« und sah zu meinem Bedauern viele Megamikren auf den Boden gestreckt, während die anderen die Flucht ergriffen. Nun ließ ich den Schlagbaum geschwind öffnen, eine Brücke schlagen und beim zweiten Posten begegnete mir ein Bote Theodors mit einem Brief. Er teilte mir mit, daß die Überschwemmung auf einen anderen Kanal seines Lehens übergegriffen habe und auch das Reich Neunzig in Überschwemmungsgefahr brächte. Diese Nachricht ging mir sehr zu Herzen. Ich hätte gewünscht, meine Reise mit Windeseile fortsetzen zu können, und kam nach dreieinhalb Tagen an. Wir hatten uns keine Ruhe gegönnt und ließen uns erst jetzt etwas zu essen geben. Während der sechs Tage hatten wir nur etwas Brühe genossen, um keine Zeit zu verlieren. Ich schrieb an den König von Neunzig und teilte ihm mein Verhältnis zur Republik mit, und daß Ehre und Tugend mich dazu zwängen, nicht zurückzuweichen. Diesen Brief sandte ich durch einen Enkel Theodors, der auch Andreas meine Befehle bringen sollte. Er sollte durch öffentliches Manifest ankündigen, daß jedermann, der sein Hab und Gut durch die von der Republik veranlaßte Überschwemmung verlieren würde, auf meine Kosten entschädigt werden sollte. Alsdann ließ ich durch meine Boten sämtliche Pferde requirieren, die sie auf dem Wege fanden; desgleichen sollten alle Schiffe beschlagnahmt werden, die der Feind in den Häfen liegen hatte. Ich schrieb an Simon, er solle mit meinen Mitteln nicht sparen und alle meine bäuerlichen Untertanen veranlassen, sich an die Arbeit zu machen, um durch Aufziehen der Schleusen eine weitere Ausbreitung der Überschwemmung zu verhindern; ich selbst begab mich zu der großen Schleuse, die sich am anderen Ende des Kanals im Republikstaate befand und den Kanal abschloß. Ich entschloß mich nunmehr, selbst an die Zerstörung der Schleuse zu gehen, und nahm zu diesem Vorhaben meine geschicktesten Leute vom Brunnenbau mit mir. Durch einen Boten befahl ich Andreas, er möge 3000 Riesen, eingeteilt in drei Korps, aussenden. Jedes dieser Korps unterstellte ich einem Befehlshaber, der gleichzeitig Ältester war, und sandte sie gegen die Städte der Republik mit dem Befehl, bei Widerstandleistung volle Gewalt zu brauchen. Aus meinem Lehen entsandte ich zu Wasser drei weitere Korps von 1000 Riesen, damit sie sich der Grenzstädte der Republik bemächtigten, indem sie bei Tagesgrauen über die Grenze gingen, ohne jedoch die Hauptstadt zu berühren. Meinen sämtlichen Korps der Riesen folgten 6000 Megamikren, meine mit Hellebarden und Pfeilen bewaffneten Untertanen. Nachdem ich diese Befehle erteilt hatte, begab ich mich an meine Grenzposten mit 1000 Mann und sechs Kanonen. Dann ließ ich das ganze Heer einschiffen und kam nach kurzer Zeit bei der Republikschleuse an. Hier sah ich mehr denn 30000 Mann meiner Leute damit beschäftigt, die Schleuse hochzuziehen. Diese Arbeit war jedoch zu langwierig und deshalb ließ ich meine Geschütze gegen das Werk des Feindes richten. Auf diese Weise hatte ich innerhalb eines Monats die ganze feindliche Schleusenanlage so durchlöchert, daß nunmehr das aufgestaute Wasser sich wieder zu gleichmäßiger Fläche auf die andere Seite der Republik verteilen konnte. 12000 Megamikren lagen zur Verteidigung bereit. Einer Hälfte meines Heeres hatte ich befohlen, ihre Karabiner zu laden und zwar mit blauem Pulver, ohne Kugeln. Das blaue Pulver verursachte ein anderes Geräusch als das Hellrosa, jenes war geräuschlos; ich aber wollte meine Gegner nur erschrecken, während die andere Hälfte meines Heeres schußbereit stand und meine Befehle erwartete. Alle Megamikren, die sich uns vorher an der Grenze gegenübergestellt hatten, waren getötet worden, ehe sie Zeit hatten, Pfeile gegen uns abzuschießen. Ich ließ nun meine 1000 Mann in zwei Reihen vorrücken, wovon die erste Reihe jene Waffen trug, die nur mit Pulver geladen waren. Der Feind schickte mir eine Linie von 1000 Megamikren entgegen, denen zwölf weitere Linien folgten, alle hielten ihre Bogen gespannt. Als ich mich dem Heere der Republik auf fünfundzwanzig Schritt nahe sah, gebot ich »Feuer!« und sah im Augenblick die ganze feindliche Linie zu Boden gestreckt, während die nachfolgenden sowie die Offiziere eiligst die Flucht ergriffen. Ich befahl nun meiner Mannschaft, an die Zerstörung der Schleuse zu gehen, was in sechs Stunden geschehen war, da wir keinerlei Werkzeuge besaßen, die die Arbeit beschleunigt hätten. Als ich sah, wie das Wasser jetzt wieder seinen gewohnten Lauf nahm, lenkte ich meine Schritte zu dem Orte, den mir meine Geographen und Ingenieure als denjenigen bezeichnet hatten, wo eine zweite Schleuse zerstört worden sei. Diese war zwei Tagereisen von hier entfernt und die Republik befand sich nunmehr in der größten Bedrängnis, da all ihr Land gegenüber dem meinen nicht nur überschwemmt war, sondern diese Überschwemmung sich voraussichtlich dem Staate des Königs von Achtundsiebzig mitteilen würde, wodurch die allergrößte Beunruhigung und Verzweiflung verursacht wurde. Das Gesetz, dem Feinde soviel Schaden wie möglich anzutun, hatte mich bewogen, diesem klugen, aber grausamen Plan zu folgen. Wenn wir auch nicht an Schlafen dachten, so mußten wir doch essen und etwas Rast halten, denn wir waren sehr ermüdet. Auch hatte ich das schöne Alter von neunzig Jahren. Alle Bauernhäuser waren verlassen, man sah keine Menschenseele. In einer Entfernung von zwei Meilen sah ich eine Kuppel und schloß daraus, daß wir dort ein gutes Quartier finden würden. Wir machten uns auf den Weg, fanden aber alle Zugänge verschlossen. In dem Augenblick, als meine Kinder auf meinen Befehl daran gehen wollten, sich durch Äxte den Zugang zu erzwingen, wurde das große Tor geöffnet und ich sah zwei schöne Rote an der Spitze von hundert Dienern, die mit auf der Brust gekreuzten Händen vor mir erschienen. Das schöne Paar sang und tanzte und bot mir Gastfreundschaft an. Nachdem ich, so gut wie ich konnte, gesungen und getanzt hatte, fragte ich, ob in ihrem Schlosse eine bewaffnete Macht wäre, worauf man mir lachend antwortete, man habe das Schicksal des 12000 Mann starken Heeres vorausgesehen und daher die Tore vor den Flüchtenden verschlossen. »Dies«, sprach der Rote, indem er auf vier schöne rote Paare wies, »sind meine Kinder und meine Familie, mein Vater ist schon seit einem Jahre zur ewigen Ruhe eingegangen und ich bitte Gott, daß kein Waffenlärm seine Ruhe stören möge!« – Ich bat nunmehr den Besitzer, die Türen zu verschließen, und gebot meinen Leuten, die Waffen abzustellen, dann sagte ich zu dem Edelmann: »Hier stelle ich Euch von meinen 200000 Söhnen 1000 vor. Ich selbst bin 360 Jahre alt und habe niemals über Ungehorsam der Meinen zu klagen gehabt. Von heute ab ist es jedoch anders geworden. Ich hatte ihnen befohlen, die Feinde nur zu erschrecken, nicht aber zu töten, sie aber haben Tausende getötet!« – Ein Statthalter, einer der Söhne Heinrichs und Judiths, der mein erster Flügelmann war, sagte mir, daß die erste Reihe unter seinem Befehl gestanden habe und daß er nur Pulver zu laden befohlen habe, so daß die Megamikren nur betäubt, nicht aber tot sein könnten. Dies hielt ich nicht für wahrscheinlich. Der liebenswürdige Edelmann sandte sechs Leute zu Pferde nach der Schleuse, die bei ihrer Rückkehr bestätigten, daß sie daselbst nur Hellebarden, Äxte, Bagagen und 100 Fahnen gefunden hätten. Diese Nachricht erfreute uns sehr. In kürzester Zeit waren zahlreiche Ruheplätze und Tische errichtet, an einem derselben nahm ich mit meinen ersten Offizieren und mit der Familie des Edlen Platz. Zuvor hatte er mich jedoch gebeten, meinen Leuten das Vergnügen der Schlangenjagd zu gewähren, da alle Bäume rings um das Schloß damit beladen wären. Diese Verfügung brachte die 400 Gärtner zur Verzweiflung. Sie wünschten den Krieg, die Riesen und die Großmut ihrer Herren zu allen Teufeln und prophezeiten das Ende der Welt. Wir saßen mit unserem Gastgeber in fröhlicher, von geistvollen Gesprächen belebter Tafelrunde. Doch niemals war vom Krieg oder von Geschäften die Rede und es wäre eine Unhöflichkeit meinerseits gewesen, hätte ich das Gespräch darauf gelenkt. Ebenso unhöflich wäre es gewesen, nach ihren Namen, Titeln und ihrem Stand unziemliche Neugierde an den Tag zu legen. Im Innern des Palastes sah ich Säle, wo die Wappen des höchsten Adels zur Schau gestellt waren. Unter anderem deuteten Kronen darauf hin, daß drei Herzöge aus der Familie hervorgegangen sein mußten. Der Hof des schönen Palastes war mit Ehrengrabmälern und Trophäen geschmückt. Am folgenden Morgen reisten wir ab, nachdem wir beim Frühstück mit Wohlgerüchen besprengt worden waren, die gewiß viel teurer waren, als das prächtige Mahl vom Tage zuvor. Einer meiner Ingenieure behauptete, der Edelmann sei der Sohn eines Senators, der vor 100 Jahren die republikanische Hauptstadt verlassen hätte, um nie dahin zurückzukehren, weil man ihn einst von einer Wahl ausgeschlossen hatte. Ferner meinte er, jener besäße eine große Partei, und in den augenblicklichen Wirren der Regierung sei es nicht unmöglich, daß diese sich auf meine Seite schlüge. Nach einer Marschstunde kamen wir in eine Stadt, deren Gouverneur ich befahl, mir 200 Wagen und 2000 Pferde innerhalb vier Stunden zu beschaffen, widrigenfalls die ganze Stadt in Flammen aufgehen sollte. Mit dieser Ausrüstung kam ich dreißig Stunden später bei der anderen Schleuse an. Hier fand ich keinen Widerstand und ließ sie sofort zerstören. Zu meinem Ingenieur äußerte ich, die Republik werde auf diese Weise und zu ihrem eignen Schaden lernen, Krieg gegen die Riesen zu führen. Da ich nochmals den ganzen Republikstaat durchziehen mußte, sah ich mich veranlaßt, in kleinen Tagesreisen vorzurücken, um die Pferde nicht zu ermüden. Bei diesem Zuge begegneten mir 1000 Riesen vom Stamme Ludwigs und Karolines, deren Statthalter mir sagte, daß er sich in einer schönen Stadt der Republik niederzulassen beabsichtige. Dort wolle er sich als Gegenmaßnahme der Kontore bemächtigen. Hierzu hatte ich nun freilich keine Erlaubnis gegeben, ließ ihm aber dennoch freie Hand. Er sagte, daß in einer Entfernung von 120 Meilen ein Heer vom Stamme Johanns und Teklas sich verborgen habe, da ein Übergang über den Fluß mit Booten unmöglich sei. Dies war wieder etwas, wozu ich keinen Befehl gegeben hatte, aber ich ließ den Dingen ihren Lauf. Auch von Matheus' und Katharinas Stamm, wie demjenigen meines vierzehnten Sohnes Leopold sollte ich bald Nachricht erhalten. Sie wollten gleichfalls auswandern. Ich wünschte ihnen gute Reise mit dem Befehl, unter den Megamikren kein unnötiges Blutbad anzurichten. Mitte Dezember traf ich bei der Bergfeste ein und wurde daselbst mit allen erdenklichen Ehrenbezeugungen empfangen. Im Lager fand ich sämtliche Frauen aus den Vettern- und Basenehen, die auf dem Wasserwege eingetroffen waren, um sich ihren Gatten anzuschließen, jede von ihnen mit einem pausbäckigen Kindchen. Theodor hatte dies selbständig veranlaßt, ich konnte ihm jedoch darob nicht zürnen. Am ersten Tage besichtigte ich alles und fand, daß ich, wenn die Beschießung von der Flußseite aus erfolgen sollte, niemals zum Ziel kommen konnte. Die Festung war von einem 1500 Fuß hohen Wall umzogen und trug in gleichen Abständen 15 Türme, deren jeder 24 Fuß Höhe besaß, während die der Mauern 12 betrug. Die Verteidiger in den Festungstürmen waren somit in Sicherheit und konnten ihre Geschütze bequem auf die Belagerer richten. Die innere Festung hatte 12 Klafter Tiefe, die Bergwerke bis zu 100, die Lager und Wohnräume bis zu 40 und 50. Dies war die einzige befestigte Stadt, die die Republik besaß, und man nannte sie bisher mit Recht die Uneinnehmbare. Infolge ihres Handels war die Stadt die Quelle alles Wohlstandes, besonders da sie außerdem viele Goldminen besaß. Ich beschloß, die Stadt von der Landseite aus anzugreifen, da die Flußseite meinen Kanonen nur vier Fuß Felsen als Zielscheibe bot. Selbst bei Wegräumung dieses Hindernisses wäre keine Möglichkeit gewesen, ungehindert einzudringen, denn dahinter befanden sich dieselben Wälle wie auf der Landseite. Die Pfeile der Verteidiger hätten ein übriges getan, um meine Leute zurückzuscheuchen. Auf solche Weise hätte ich viele meiner Kinder opfern müssen, ich hatte mir aber vorgenommen, die Festung zu erobern, ohne ein einziges Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Doch hatte ich zur Ausführung dieses Planes Leute, Artillerie und vor allem Bomben und Feuerwerk nötig. Ich sandte meine Boten in mein Lehen und erhielt Ende März des Jahres 77 vierzig Kanonen, zehn Mörser, eine große Menge Feuerwerk, 50000 Eisenkugeln und soviel blaues Pulver, wie ich nötig hatte. Diese ganze Ladung erhielt ich per Schiff in Begleitung von 5000 Riesen und 20000 Megamikren. Ich zog nunmehr einen Kreis um die Festung, um sicher zu sein, daß niemand mehr heraus- oder hineingehen könne. Mein Kreis umfaßte sechs englische Meilen. Der Übergang sowie die Annäherung feindlicher Schiffe wurde durch bewaffnete Boote unmöglich gemacht. In weniger als zwei Monaten hatte ich sämtliche 15 Türme niedergelegt; Anfang Juli sah ich, daß in der Nähe des einzigen Festungstores eine Öffnung von 50 Fuß gerissen worden war. Nun konnte ich ungestört vordringen und Besitz ergreifen. 10000 meiner buntgefleckten Untertanen begannen im selben Monat noch die Forträumungsarbeiten. Ich hatte nicht mehr nötig, Kanonen gegen die Festungswälle zu richten, denn nach der Niederlegung der 15 Türme hatte sich kein lebendes Wesen mehr dort blicken lassen. Bevor meine 100000 Megamikren die Steinmassen, die den freien Eingang verwehrten, wegschafften, sandte ich Manifeste in die Stadt, daß ich fest entschlossen sei, sie binnen weniger Tage in Besitz zu nehmen. Ich verkündete indes, daß ich niemandem sein Eigentum nehmen oder seines Amtes entsetzen, sondern vielmehr die Einkünfte um ein Fünftel erhöhen werde. Ich selbst wolle nur den Besitz der Festung und den der Republik gehörenden Bergwerke. Es würde sich also niemand zu beklagen haben. Dies alles geschähe jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß weder die Megamikren, meine Untertanen, noch die die Feste belagernden Riesen irgendwelche Kränkung erlitten. Für den Fall, daß auch nur einer meiner Leute von den Einwohnern durch Pfeile oder sonstwie verletzt oder getötet würde, sähe ich mich gezwungen, die gesamte Einwohnerschaft ohne Ausnahme hinschlachten zu lassen. Vierzehn Tage später ließ ich über den Festungsgraben eine Brücke schlagen und hielt meinen Einzug. Ich hatte 3000 Riesen vorausgeschickt, die die Wälle besetzt hielten. Dann zog ich ein, gefolgt von meiner Frau und 100 meiner mit Äxten und Flinten bewaffneten Garden. Ich ließ ausrufen, daß alle Megamikren, die mich nicht als Herrscher anerkennen wollten, die Festung verlassen und an einen beliebigen anderen Ort gehen sollten, ihre Habe müßten sie jedoch zurücklassen. Andererseits sollten diejenigen, die mir Treue geloben und mich als ihren Herrn anerkennen wollten, im Besitze ihrer Habe und ihrer Ämter bleiben, auch sollten ihre Einkünfte sich um zwanzig Prozent erhöhen. Die nächsten acht Tage verbrachte ich damit, den Bestand an edlen Metallen und Steinen, sowie des in den Lagern angesammelten Phosphors aufzunehmen. 6000 Beamte mit ihren Familien leisteten mir den Treueid. Ich erklärte sie als Kriegsgefangene. Der einzige, den ich seines Amtes entsetzte, war der Festungsgouverneur. Ich kam dadurch in den Besitz eines ihm gehörenden Lagers, gab ihm jedoch die Zusicherung, daß er mit Friedensschluß alles zurückerhalten sollte, selbst wenn ich einen Teil der Republik annektieren würde. Dies zu tun hatte ich mir vorgenommen, sofern die Republik nicht ihr Unrecht einsehen und mich für die Kriegskosten entschädigen würde. Ich ließ die Kanonen hereinfahren und in der Nähe der Wälle aufstellen. Zwölf Geschütze größten Kalibers und mehrere Mörser ließ ich außerhalb der Festung. Dann lichtete ich eine aus 3000 Riesen bestehende Garnison ein. Ich ernannte einen Ältesten, und da ich entschlossen war, nach der Hauptstadt zu gehen, befahl ich dem Megamikren-Gouverneur, sich mir anzuschließen. Die ganze Expedition ging unter dem Namen des Statthalters Daniel, der das Oberkommando über das Heer hatte. 100000 disziplinlose Megamikren, die allerdings unter dem Befehl eines Offiziers standen, waren in mein Lehen eingefallen. Theodor hatte mir geschrieben, daß er infolge meines Befehls, kein Blut zu vergießen, meine Untertanen angewiesen habe, die Feinde zu beherbergen und zu verpflegen, daß sie aber strenges Gericht halten sollten, wenn jene sich an ihrer Habe vergriffen. Ferner sagte er mir, daß er Posten vor meinen Kontoren aufgestellt und angedroht habe, daß jeder füsiliert werden sollte, der es wagen würde, in die Kontore einzudringen. Dieser Hinweis habe die Feinde so erschreckt, daß sie aufs Feld geflüchtet seien, wo sie jetzt den Bauern viel Schaden verursachten. Ich wiederholte meinen Befehl, alles Blutvergießen zu vermeiden und meinen Untertanen mitzuteilen, daß ich sie nach dem Kriege für alles entschädigen werde. Ich begab mich nun zur Hauptstadt, deren ich mich bemächtigen wollte, und beabsichtigte, die Mitglieder der Regierung gefangen zu setzen, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihnen Vernunft beizubringen. Zur selben Zeit schrieb der Sohn des Statthalters Daniel letzterem, daß 10000 weitere Megamikren in das Lehen eingefallen seien und alle beraubten, die sich nicht verteidigen wollten oder konnten. Gerade als ich mich auf den Weg machen wollte, wurde mir ein Brief vom Patriarchen Jakob überbracht. Er schrieb mir, daß der Minister der Republik in Heliopalu eine Eingabe an den Großen Genius gemacht habe. Somit habe man sich also unter den Rat der Geistlichkeit gestellt und von dieser Absolution erhalten. Drei Tage später sei das Orakel befragt worden. Man habe um kräftige Abwehr gegen die Riesen gebeten, die 100 Megamikren getötet hätten, um sich den Übergang über eine Grenze zu erzwingen. Die Folge davon war, daß der Große Genius uns in den Bann tat; desgleichen alle Megamikren, die mit uns in Handelsbeziehungen standen, falls wir nicht sofort den Herzog verlassen und der Republik eine angemessene Entschädigung zahlen würden. Diese Mitteilung wurde in allen meinen Niederlassungen veröffentlicht. Ohne mich beirren zu lassen, zwang ich durch meine Megamikren sämtliche Bauern im Umkreise von 100 Meilen, mir Wagen und Pferde für mein gesamtes Heer zu liefern. Für gute Bezahlung erhielt ich alles, was ich wollte. Bevor ich abreiste, hatte ich die Wälle der Burgfeste wieder instand setzen lassen. Statt die Türme aufzubauen, ließ ich eine Brustwehr für die Füsiliere errichten, damit sie vor etwaigen Pfeilen der Gegner geschützt seien. Einen großen Wagen hatte ich für den Gouverneur und dessen Familie bestimmt. Er war ein Edler, der die Feste seit 110 Jahren befehligte. Obgleich aus vornehmem Hause, war er arm geboren und hatte sich niemals vorgedrängt. Durch das Gehalt, das er von der Republik bezog, war er nicht reich geworden, wohl aber durch die guten Revenüen und eine große Industrie. Da er voraussah, daß man ihn nicht an denselben Posten zurückversetzen würde, erbat er sich von mir die Gnade, sein Mobiliar auf sechs Wagen verladen lassen zu dürfen. Er schenkte meinen Versprechungen, daß sein Vermögen bei mir vollkommen sicher sein sollte, keinen Glauben. Wie er so mit seiner zahlreichen, prächtigen Familie bittend vor mir erschien, sah ich, daß mein augenblickliches Zögern in ihm die Hoffnung erweckte, mein Herz würde ihm die Gnade gewähren, von der mein Verstand nichts wissen durfte. Ich lehnte sein Gesuch kurz ab. Anfang Juli waren wir unterwegs. Die Hauptstadt lag 450 Meilen entfernt. Ich hatte meine Reise auf 32 Tage verteilt, da ich nur 6000 Wagen und 40000 Mann hatte. Meine Vorhut von 2000 Riesen und meine Nachhut in gleicher Stärke marschierten zu Fuß mit 6000 Megamikren aller Farben. Ein Heer von 50000 meiner megamikrischen Untertanen folgte. Ein weiteres Korps von 50000 war zum Einfall in die Republikstaaten bestimmt worden. Man kann sich nichts Imposanteres vorstellen als den Zug meines Heeres, dessen Spitze meine gesamte Artillerie und das schöne Schützenregiment bildeten. Dabei herrschte eine ausgezeichnete Disziplin, denn jeder der Krieger war sich seiner Würde und seines Platzes bewußt, ebenso wie es bei einem Ballett auf jeden einzelnen ankommt. Die einzelnen Regimenter unterschieden sich in den Farben. Sie trugen bis zum halben Bein Gamaschen, ein Schild bedeckte von der Hüfte abwärts noch Dreiviertel der Schenkel, über ihre linke Schulter ging bis unter den rechten Arm ein Tragband, worin sie ihre Patronen trugen. Auf der anderen Seite waren sie mit einer Art und einem kleinen Tornister ausgerüstet. Jeder trug eine hübsche kleine Kappe, die im Nacken festgeknotet war, und bis auf das Haar, das sie entweder in schönem Schweif zusammengenommen oder nach dem Geschmack des Regiments arrangiert hatten, waren sie alle von gleicher Größe, alle blond oder alle braun und alle jung. Jedem Regiment ging eine Abteilung megamikrischer Musiker voraus, so daß die ganze Armee in flottem Marschtempo dahinzog. Der Krieg, der für mich, für Daniel und alle Ältesten etwas sehr Ernstes bedeutete, war für die einfachen Soldaten ein wahrer Vergnügungszug. Sie waren beständig auf der Schlangenjagd, die sie ohne Aufenthalt rechts und links von den Bäumen warfen, ohne jedoch dabei aus der Marschordnung zu kommen. Überall, wo wir Rast machten, trafen wir gewinnlüsterne Megamikren, die uns tausende gefüllter Feigenkörbe anboten. Die Feigen waren schon sehr teuer geworden, so daß alle, die Bäume besaßen, die Augen aufhielten und ihren Gärtnern das Recht entzogen, sich der Früchte zu bemächtigen. Ich dachte schon daran, Abhilfe zu schaffen, als Gott mich aus dieser Welt fortrief. Jakob wird jedoch das fortführen, wozu mir keine Zeit mehr blieb. Nach achtundzwanzigtägigem Marsch erreichte ich eine prächtige Stadt, die fünfzig Meilen von der Hauptstadt entfernt lag. Ich beschloß, eine Woche daselbst zu bleiben, und gab Daniel entsprechende Befehle. Besonders meinem Fußvolk wollte ich diese Rast gönnen, denn in diesen achtundzwanzig Tagen hatte es 400 Meilen zurückgelegt. Im Augenblick, als der Befehl zum Lagern gegeben wurde, sandte mir ein Roter, der ein prächtiges Gefolge hatte, durch einen orangefarbenen Megamikren einen Passierschein von Cäsar, um in aller Sicherheit vor mir erscheinen zu können. Nachdem dieser hohe Beamte sich vor mir wie vor einem Herrscher verneigt hatte, stellte er sich als Gouverneur der Stadt vor, der von der Regierung den Befehl habe, mich als befreundeten Fürsten zu empfangen und mir alle Ehren zu erweisen. Er wies alsdann darauf hin, daß der Passierschein noch für drei Senatoren gelte, die die Republik zu mir entsende. Als die Senatoren dann eine Audienz erbaten, antwortete ich, daß ich sie gerne anhören würde. Sie erwiderten, daß sie sich am anderen Tage um drei Uhr im großen Saale des Rathauses einfinden würden, wo ich wie ein König empfangen werden sollte. Darauf ließ ich ihnen mitteilen, daß ich nicht nach Ehre trachtete, sondern die Senatoren in meinem Quartier empfangen würde. Nachdem ich in der Stadt untergebracht und meine Garden im großen Hofe aufgestellt waren, befahl ich, die Senatoren samt ihrem Gouverneur vorzuführen. Ich empfing sie in Gesellschaft meiner Frau sowie Daniels und dessen Gattin. Mit den vier Megamikren, die alle ohne ihren Unzertrennlichen waren, kamen zwei nicht vollkommen Rote. Dies waren zwei Staatssekretäre, die von der Regierung abhängig, von den Senatoren aber unabhängig waren. Als der Gouverneur sich zurückgezogen hatte, sprach einer der drei Senatoren folgendes zu mir: »Wo, hochgeschätzter Erzbischof, sind Eure alten Grundsätze und die freundschaftlichen Gefühle, die Ihr für unsere Republik hegtet, geblieben? Worauf sind Eure kriegerischen Maßnahmen zurückzuführen, die niemand von uns verschuldet zu haben weiß. Ihr fügt unserem Staate das erdenklich größte Unglück zu, da wir nicht vorbereitet waren, Eurem Angriffe zu begegnen. Ihr zerstört alles, Eure Heere besetzen die Städte und unterbinden den gesamten Handel, Ihr habt die Festungsmauern in Schutt gelegt, der entsetzliche Lärm muß bis in die Gefilde des Schöpfers gedrungen sein. Die einzige Gnade, die Ihr den Megamikren gewährt, ist, daß Ihr jedes Blutvergießen verboten habt. Jene armen Geschöpfe, die Ihr so mißhandelt, haben doch einst Euer Leben gerettet und dienen Euch heute als Sklaven. Welche Absicht habt Ihr nun mit uns? Wollt Ihr uns ausrotten wie die Schlangen? Der Große Genius mißbilligt Euer Vorgehen. Wo ist die Furcht und die Liebe zu Gott, die Reinheit Eurer Religion, die Nächstenliebe, die Dankbarkeitspflicht? Wie vereinigt sich Euer Vorgehen mit der göttlichen Moral, die Ihr verkündet und als Grundlage der Kultur, mit der Ihr unsere gesamte Schöpfung beglücken wolltet, bezeichnet habt? Wir hätten das Recht besessen, hundert Eurer Söhne zu töten, als wir die entsetzliche Nachricht erhielten, daß hundert Megamikren bei Erfüllung ihrer Pflicht von Euch an der Grenze getötet wurden. Wir aber haben Euch respektiert und bis heute hat nicht ein einziger Pfeil die Haut Eurer Riesen geritzt. Diese Zurückhaltung hat Euch aber nicht beruhigt, Ihr ziehet heute mit blinkenden Waffen gegen unsere Stadt. Was wollt Ihr von uns? Wollt Ihr es darauf ankommen lassen, daß wir zu einer Verzweiflungstat schreiten und Euren ganzen sechzehnten Stamm grausam verderben? Wir haben dies noch nicht einmal in Erwägung gezogen, – Religion und Menschlichkeit verbieten es uns. Wo aber sind nun Eure Grundsätze? Wir bieten Euch den Frieden an und sind bereit, Euch für alles Schadenersatz zu geben, wir werden unsere Heere aus Euren Gebieten zurückziehen, Eurem siebzehnten Stamme Ersatz zahlen und dem Erzbischof Daniel das erbliche Lehen erteilen. Die einzige Bedingung, die wir dagegen stellen, ist, daß er mit seinem gesamten Stamme das Lehen des rebellischen Herzogs verläßt und inzwischen die Herrschaft über eine ganze Stadt als Zufluchtsort übernimmt. Zu Eurem Ruhme wollen wir das schändliche Bündnis zerstören, das Euch an den nichtswürdigen Prinzen knüpft. Um uns, Gerechtigkeit zu tun, müßt Ihr Euch von ihm lossagen. Wir haben von seiner eignen Hand die Abdankung und das Geständnis der Unmöglichkeit der Existenz eines legitimen Thronfolgers.« – Mit diesen Worten legte der Senator die farbige Niederschrift seiner Rede auf den Tisch nieder. Ich nahm eine Feder zur Hand und nachdem ich geschrieben hatte, tat Daniel dasselbe. Dann reichte er das Schriftstück den Senatoren. Der Wortlaut war folgender: »Zu meinem größten Kummer habe ich mich zu den besagten Maßnahmen gezwungen gesehen. Die Ursache dazu werde ich nur dann veröffentlichen, wenn die Republik selbst mich dazu zwingen würde. Das Recht Unschuldiger ist gekränkt worden, die Ungerechtigkeit hat triumphiert und daher war ich genötigt, das Unternehmen meines Sohnes, der bisher keinen Erfolg hatte, zu unterstützen. Er hat sein Leben der größten Gefahr ausgesetzt, um das vierte Gebot unserer Religion zu befolgen. Die Republik hat sich seinem Werke widersetzt, sie hat ihre Truppen ausgeschickt, die die Habe meines Sohnes, des Statthalters Daniel, sich aneigneten. Da er vergebens um Entschädigung einkam, sah ich es für meine Pflicht an, seine Partei zu ergreifen. Man hat jedoch selbst meine Einmischung mißachtet und mich mit einer schändlichen Zumutung beleidigt. Da man auch mit meinen armen Megamikren kein Mitleid hatte, war ich gezwungen, ihnen zu Hilfe zu kommen und das Pulver gegen jene Unglücklichen zu richten, die sich mir in den Weg stellen sollten. Hundert Opfer mußten für die Ungerechtigkeit büßen und sollten der Republik als Warnung dienen. Ich werde den Krieg nicht eher abbrechen, als bis ich einen vollständigen Sieg herbeigeführt habe. Meinen gesamten Schatz und alle meine Kräfte will ich an die Lösung dieser Aufgabe setzen. Hierbei vertrete ich Gottes Sache, der der Vater der Unschuldigen ist und die Gerechtigkeit gegen alle Übergriffe und Verbrechen des Ehrgeizes schützt. Die Bedingungen, unter denen mir die Republik den Frieden anbietet, verursachen mir Entsetzen, ich selbst biete ihnen jedoch Frieden unter folgenden Bedingungen: Die Republik hat sofort sämtliche Truppen aus den Staaten, die ihr nicht gehören, zurückzuziehen. Sie hat alle, die durch den Durchzug des Heeres in ihren Rechten und Gütern geschädigt worden sind, zu entschädigen. Sie hat die Familie des Herzogs ihres Lehens als rechtmäßige Erben des Thrones anzuerkennen. Dagegen werde ich meinerseits alle Truppen zurückziehen und von keinerlei Entschädigung sprechen. Ich werde alle Beschlagnahmungen aufheben, die infolge dieses unglückseligen Krieges getroffen worden sind. Die Ehre, die ich Euch, den edlen Senatoren erweise, besteht darin, daß ich annehme, Ihr seid über die Ursache des Krieges im unklaren, Ihr könnt sie nicht kennen als Senatoren einer oligarchischen Regierung. Ich gebe für die Antwort zwanzig Tage Frist, um dann entweder in mein Lehen zurückzukehren oder meinen Zug auf die Stadt fortzusetzen. Die Bergwerke werde ich nicht eher an die Republik zurückgeben, bevor diese sich mit meinen Friedensbedingungen in allen Teilen einverstanden erklärt hat.« – Danach zogen die Gesandten mit trauriger Miene ab. Ich hielt es für gut, den Gouverneur der Festung mit seiner Familie in die Stadt zu senden. Seine Diskussionen konnten mir nur nützlich sein. Als ich ihm die Erlaubnis dazu gab, fiel er beinahe vor Dankbarkeit auf die Knie. Ich gab ihm wiederholt die Versicherung, daß all sein Eigentum ihm ungeschmälert bleiben sollte. Die folgenden zwanzig Tage verbrachte ich in aller Ruhe, wies jede Lustbarkeit ab, die der Gouverneur mir zu Ehren veranstalten wollte, und achtete darauf, daß mein Heer sich in jeder Weise einwandfrei aufführte. Das einzige, was mich in diesen Tagen beschäftigte, war ein Brief von Jakob. Der gute Patriarch, der zurzeit alle meine Rechte und Ämter versah, schrieb mir, daß die Riesensöhne aus den Vettern- und Basenehen es als Unrecht empfunden hätten, daß man sie mit Mädchen ihres Alters verheiraten wollte, die sie oftmals nicht liebten, während sie eine andere ihres Alters liebten und wiedergeliebt wurden. Er sagte mir, daß es ihm in diesem Jahre noch gelungen sei, die Aufsässigen zur Vernunft zu bringen. Doch am Neujahrstage unseres Jahres 78 werbe er in große Verlegenheit kommen, da er in diesem Zeitabschnitt mehr als 10000 Erwachsene haben werde, die in verschiedenen Altersstufen seien und die allesamt eine Eingabe unterzeichnet hätten, mit denen die Ehe schließen zu dürfen, die sie liebten und von denen sie geliebt würden. Er fügte noch hinzu, daß in den andern Gebieten meines Lehens derselbe revolutionäre Geist herrsche, so daß er ein Unglück voraussähe, wenn diese Heiraten nicht zugelassen würden. Ich sandte sofort in meine sämtlichen Gebiete Eilboten, die eine neue Verfügung an meine Statthalter bringen sollten. Ich befahl also, daß künftighin keine Ehe ohne die Zustimmung beider Parteien geschlossen werden dürfe. Um allen Erwachsenen zu ihrem Recht zu verhelfen, ließ ich ihnen sogar die Freiheit, unter den Stämmen verschiedener Abkunft zu wählen. Um endlich zu zeigen, daß mir diese Wünsche nicht mißfielen, erließ ich ein Gesetz, daß jeder Erwachsene, der seine Base aus erster Linie heiraten wollte, hierzu nur gegen Zahlung eines Lösegeldes an die Kirche die Erlaubnis bekäme. Endlich schuf ich noch ein ökumenisches Gesetz, das das Aufgebot vorschrieb. Ich befahl, daß alle Erwachsenen, bevor sie sich vermählten, acht Monate mit einem vom Vater ernannten Begleiter auf Reisen gehen mußten. Ebenso mußte die Einwilligung des Statthalters nachgesucht werden. Auf diese Weise konnten Mann und Frau erst im Alter von elf Jahren und drei Monaten die Ehe eingehen. So glaubte ich die Schönheit und Fruchtbarkeit meiner Nachkommen zu erhöhen, da tatsächlich die Paare im Alter von neun Jahren und fünf Monaten noch nicht genügend entwickelt waren. Am zwanzigsten Tage meines Aufenthaltes in der Stadt ließen sich zu meiner Überraschung Cäsar und seine Frau bei mir melden. Cäsar sagte mir in wenigen Worten, daß er an der Spitze von sechs Senatoren käme, ohne zu wissen, was sie mir vorschlagen wollten. Der erste Weise der Republik habe ihn gebeten, diese Mission zu übernehmen, und es würde ihm eine besondere Ehre sein, zu den Friedensverhandlungen beitragen zu dürfen. Er sagte ferner, daß die Senatoren meine Antwort beim Gouverneur erwarteten. »Nach dem Essen will ich sie empfangen,« sagte ich zu meinem Sohne, »du sollst dabei sein, denn ich darf dich nicht wie einen einfachen Anführer behandeln!« – Unter den sechs Senatoren erkannte ich die drei früheren und ebenso die Sekretäre. Ich ließ Cäsar an meiner Rechten Platz nehmen, da er älter war als Daniel. Einer der drei neuen Senatoren war der Sprecher. »Wir sind leider gezwungen zu melden, hochehrwürdiger Großherzog, daß wir den Krieg fortsetzen müssen, so sehr wir alle einen dauernden und guten Frieden wünschen. Der sehr geschätzte Statthalter, Euer Sohn, kann Euch die Versicherung geben, daß wir acht Konferenzen gehalten haben und erst in letzter Stunde zur Einigung gekommen sind, infolge der Widersetzlichkeit einiger Mitglieder, die weder Eure Tugend noch Eure Kraft kennen. Es handelt sich ja nicht um den Entschluß eines einzelnen Herrschers, sondern den einer Republik, die aus vielen gleichen Gliedern besteht, deren jedes das Recht hat, seine Ansicht zu äußern. Wir sind überzeugt, daß, wenn Ihr uns nicht wenigstens zwei Monate gewährt, wir alle Kraft und alle Mittel, die Gott uns verliehen, anwenden müssen, um uns gegen Euch zu wehren, wenngleich wir davon überzeugt sind, daß Eure Kraft uns in jeder Weise überlegen und wir die Opfer sein werden. Dann werden wir jedoch wenigstens als Herrscher sterben und die Zerstörung unserer Republik nicht einen Tag lang überleben. Bedenkt, hochwürdiger Herr und mächtiger Fürst, das Unglück, die Verluste, den Tod unzähliger Megamikren, den Ihr alsdann verschuldet. Verzweiflung und Rache würden uns zwingen, sämtliche Verbindungskanäle in unserem Staate abzusperren und die Hälfte unseres Reiches zu überschwemmen, um das Eure zu verwüsten. An diesem Zerstörungswerke würden 10 Millionen Bauern arbeiten, die Ihr daran nicht hindern könnt, trotz Eurer 100000 Riesen und des Nachschubs, den Ihr innerhalb von vier Jahren von Heliopalu kommen lassen könntet. Treibt es nicht zum Äußersten, sondern überlegt alles im allseitigen Interesse! Sind doch alle Herrscher verpflichtet, ihrer Macht gewisse Grenzen zu setzen. Wenn Ihr dennoch zu dem Entschluß gekommen sein solltet, uns alle zu vernichten, so beklaget hernach nicht Euren Sieg. Wäre es nicht besser, anstatt den Tod von 100000 Millionen Eurer Rasse zu verschulden, einen vollständigen Frieden zu schließen und einen Teil Eurer Rechte an Gott abzutreten? Ihr würdet damit ein Volk, das Gott unter Eure Macht gegeben hat, vor entsetzlichem Elend bewahren, das in seiner Unschuld nicht einmal die Ursache unseres Streites weiß. Überlegt Euch unseren Vorschlag in Ruhe. Inzwischen erbitten wir einen Waffenstillstand, damit die Feindseligkeiten während unserer Verhandlungen aufgehoben sind. Ernennt einen Bevollmächtigten, der in unserer Hauptstadt verweilen kann, um die Frist nach Möglichkeit abzukürzen.« Hiermit überreichte er mir die schriftliche Urkunde. Unsere drei Frauen waren von dem Gehörten sehr gerührt und weinten heiße Tränen. Ich selbst war nicht weichherzig, trotzdem aber muß ich gestehen, daß die Schilderung der Schrecken der Zerstörung mir Furcht und Entsetzen einzuflößen begann... Ich überlegte nur eine Minute, dann schrieb ich als Antwort: »Ich gewähre den Waffenstillstand unter einer Bedingung, an der ich unbedingt festhalten muß. Die Republik soll verpflichtet sein, aus meinem Lehen die dahin entsandten 10000 Megamikren zurückzuziehen, dabei sollen nur solche Wagen mitgenommen werden, die für das Rüstzeug der Offiziere unbedingt erforderlich sind und sich einer Kontrolle unterwerfen. Ich bewillige der Republik zwei Wochen Bedenkzeit und bemerke gleich, daß ich keine Bedingung zu meinen Lasten annehmen werde. Um die Friedensverhandlungen zu erleichtern, steht der Republik in meiner eignen Person ein bevollmächtigter Unterhändler zur Verfügung; der Stadtpalast wird wohl groß genug sein, um meinen Hofstaat und meine Leibgarde von 500 Riesen darin unterzubringen.« Nachdem ich den Senatoren diese kurze Antwort vorgelesen hatte, ließ ich Wohlgerüche herbeitragen. Der Minister sagte mir, er wolle jetzt abreisen, um in sieben Stunden in der Hauptstadt zu sein. Cäsar ging mit ihnen und ich gab ihnen bis zur Treppe das Geleit. Zehn Tage später kam Cäsar mit zwei anderen Senatoren zurück, gefolgt von denselben Sekretären. Sie überbrachten mir ein Dekret des Senats, wonach der Waffenstillstand zu den von mir gestellten Bedingungen angenommen wurde. Ich unterzeichnete das Duplikat für die Gegenpartei und die Gesandten reisten wieder ab. Nur ein Sekretär blieb zurück, um mich in den für mich bestimmten Palast zu führen, falls der meinige nicht groß genug sein sollte. An Daniel erteilte ich den Befehl zum Ausmarsch für den folgenden Tag. Beim Abschied äußerte der Sekretär den Wunsch, mir vier Worte im geheimen sagen zu dürfen. Ich antwortete, er solle mir die Worte ins Ohr flüstern und deutete dabei auf einen Tisch, den er besteigen solle. Darauf sprach er, ich könne in der Hauptstadt meinen Einzug mit fürstlichem Gefolge und mit meinen 500 Garden halten. Sein Befehl sei, mich bis zum Paläste zu geleiten, jedoch nicht mit einer ungeheuren Heeresmacht, der etwa Pulverdampf vorauszöge, der die Mauern der Stadt dem Erdboden gleich machen würde. Hierauf habe er am Vorabend nicht hingewiesen, da dies gegen seine Instruktion sei und er auch glaubte, mir mit dieser Voraussetzung Unrecht zu tun. Ich antwortete ihm, daß er mich beleidige, wenn er es nicht in Erwägung gezogen hätte, und ich im übrigen wenig nach seiner Zustimmung frage, sondern reiste, wie es mir beliebte. Er verabschiedete sich, um dem Senat diese Antwort zu bringen. Meine Absicht war jedoch, die Stadt ohne meinen Hofstaat nicht zu betreten. Am vierten Tage hielt ich zwei Meilen vor der Stadt an und forderte 5000 Bauern auf, Zelte für mein Heer zu errichten. Ich befahl meinen Leuten, sich in jeder Beziehung wie friedliche Freunde aufzuführen und hatte eine Parade für den vierten Tag angesetzt. An Cäsar schrieb ich, er solle alle Edlen zu dieser Parade einladen und selbst mit den Ältesten seines Stammes als Zuschauer erscheinen. Ich ließ Tribünen errichten, auf denen mehr als 500000 Megamikren Platz fanden, ebenso Pavillons, wo unsere Frauen die Edlen empfingen. Nach der Parade ließ ich durch die Artillerie sämtliche Geschosse abfeuern. Dies ohrenbetäubende Geräusch ließ den Gästen die Haare zu Berge stehen. Zu dem prächtigen Schauspiel waren mehr als 1000 edle Mitglieder der Regierung anwesend, während ihre schönen Unzertrennlichen in den Pavillons durch reiche, farbige Megamikren bewirtet wurden. Am folgenden Tage zog ich in die Stadt ein, begleitet von meinen Generälen und gefolgt von meinem Hofstaat, sowie meiner Garde und einer Dienerschaft von 2000 Megamikren. Ich ließ mich in dem von der Regierung mir angewiesenen großen und prächtigen Palaste nieder, wo ich lange Zeit nichts anderes zu tun hatte, als Besuche zu empfangen und den Stamm meines klugen Cäsars kennenzulernen, der aus 21095 Köpfen bestand. Vier Wochen später erhielt ich aus meinem Lehen die Nachricht, daß die 100000 Megamikren, die die Häuser geplündert hatten, nackt und mit leeren Rucksäcken ausgezogen seien, dagegen befänden sich im Lehen meines lieben Herzogs noch 25000 Mann der Republik, welche die Zölle Daniels mit Beschlag belegt hätten. Man müsse jedoch Geduld haben und sie bis zum endgültigen Friedensschluß dort belassen. Als Vergeltung dafür hatte ich 16000 Riesen in der Republik stehen, war Herr über acht Städte, besaß die Bergfeste und stand mit meinem Heere vor den Toren der Hauptstadt. Ich befahl Theodor die Zurückberufung der 100000 Megamikren meines Milizheeres, die in den Feldern der Republik zurückgeblieben waren. Dies brachte mir den Dank des Senats ein, der mir zwei Abgesandte schickte. Das schmeichelte mir so, daß ich beschloß, mir jene zu noch größerem Danke zu verpflichten. Ich schrieb dem Herzog, er möge die ganze Gesandtschaft von zwölf Senatoren, die er damals ins Gefängnis werfen ließ, dem braven Albert überlassen. Daniel dagegen erteilte ich Befehl, jenem zu schreiben, mit den Gefangenen das Lehen zu verlassen und sie mir persönlich vorzustellen. Acht Tage darauf teilte mir ein Sekretär des Senats mit, daß die Besprechungen im großen Sitzungssaale stattfänden. Ich möge zu den Verhandlungen dort erscheinen in Begleitung von zwei Sekretären, jedoch ohne die schönen Unzertrennlichen, die laut gesetzlicher Bestimmung hierbei nicht zugelassen würden. Die erste Besprechung war auf den ersten Tag der letzten Woche des Monats angesetzt. Genau eine Woche zuvor erschien Albert bei mir in Begleitung von 100 Riesen seines Stammes. Bei ihm befanden sich die zwölf Senatoren mit ihren Unzertrennlichen und der Hofstaat. Um 4 Uhr wurden sie mir von Daniel vorgestellt; es war in dem Augenblick, als ich von einer großen Menge Edler umgeben war, die zum Frühstück eingeladen worden waren. Ich ordnete zuerst an, daß die Senatoren aus den Wagen stiegen, um mir vorgestellt zu werden. Dann empfing ich sie wie Fürsten und stellte sie sämtlichen Anwesenden vor. Nach dem Frühstück sprach ich laut und für alle vernehmlich zu ihnen, daß sie frei seien und zu ihren Familien zurückkehren dürften. Der Gesang, der den Tanz der Freigelassenen begleitete, als ich ihnen die Begnadigung verkündete, erhöhte meine Freude. Am folgenden Tage ernannte ich Daniel und Albert zu meinen Sekretären bei der abzuhaltenden Konferenz und teilte dem Rat meinen Beschluß mit. Ich wußte wohl, daß ihnen Alberts Wahl mißfallen würde, da jener den Prinzen aus dem Gefängnis befreit hatte. Bei der ersten Sitzung war ich sehr erstaunt, daß man ihr den Namen einer Besprechung gab, während alles wortlos vor sich ging. Ich sah mich im Kreise des Rates der Siebenzehn, in deren Mitte ihr Herzog thronte. Drei Rote saßen weiter unten an der großen Tafel, wo sämtliche Schreibutensilien standen, sowie sechs nicht vollkommen Rote, die bald standen, bald sich setzten und von einem Tisch zum andern gingen. Man wies mir den Platz an einem Tische an, meine Sekretäre saßen etwas weiter unten. Bei meinem Eintritt hoben die Siebenzehn kaum die Köpfe, um mir für meine tiefe Verbeugung zu danken. Der erste, der das Schweigen unterbrach, war ein Sekretär, der mit lauter und klarer Stimme ein Schriftstück vorlas. Diese Vorlesung währte drei Stunden. Man sprach darin über die Geschichte des Feudalrechts, des Lehnsrechts, endlich über das Familienrecht. Danach kam die Geschichte des gegenwärtigen Krieges, der seinen Ursprung in der Vorstellung zweier Megamikren am Hofe des Vizeherzogs Eduard hatte, zur Sprache. Diese beiden Roten wären vom Herzog selbst als rechtmäßige Erben des Thrones bezeichnet worden. Man gab vor, den Beweis für die Unwahrheit hierfür erbringen zu können, da es unmöglich sei, ein legitimes Paar aufzuweisen, nachdem der Tod des Sohnes vom Minister erwiesen war, und der regierende Herzog selbst von dieser Tatsache überzeugt, die Bestimmung getroffen habe, daß nach seinem Tode sein Lehen mit allen Rechten an die Republik fallen sollte. Nach dieser Ausführung kam man auf die Begleiterscheinungen des Krieges zu sprechen und suchte ein schlechtes Licht auf die Art der Hilfe zu werfen, die die Riesen dem prinzlichen Paare geleistet hatten, und die jetzt die Republik dazu zwängen, ihre Ehre zu opfern, um zum Ruhme Gottes und zum Wohle der unschuldigen Untertanen einen guten Frieden zu schließen. Man schloß mit den Worten, daß der weise Ratschluß der Siebenzehn bestimmen würde, unter welchen Bedingungen dieser Frieden geschlossen werden sollte. Man hoffe dadurch, daß man diese Verhandlungen in Gegenwart dessen führte, der all dies veranlaßt hätte, jener bestimmt werden würde, den Beweis seiner Tugenden, seiner Frömmigkeit und seiner angeblichen Freundschaft für die Republik zu erbringen!« Nach dieser Vorlesung legte ein anderer Sekretär ein Buch unserer Religion und eine Schwurformel vor, die er uns zu lesen gab. Hiernach war der Eid abzulegen, sämtliche Verhandlungen geheimzuhalten. Wir legten dies Gelübde ab, nachdem die Formel laut verlesen worden war. Nach dieser Formalität legte er mir das Heft, aus dem er vorgelesen hatte, zur Unterschrift vor. Ich sah, daß kaum so viel Platz frei war, um meinen Namen hinzusetzen, und fragte ihn deshalb, wo ich unterschreiben sollte. Er meinte, es sei genügend Platz vorhanden, um meinen Namen zu schreiben. Dies genüge, denn die Unterschrift solle ja nur besagen, daß ich die Vorlesung mit angehört und alles verstanden hätte, was das Manifest enthielte. Ich entgegnete darauf, daß nach meinen Grundsätzen eine Unterschrift nur dann geleistet werden könnte, wenn Zustimmung und Genehmigung erfolge, dies sei aber in einigen Punkten meinerseits nicht der Fall, und daher müßten einige Berichtigungen, Einschränkungen und Abänderungen gemacht werden, die im übrigen kaum mehr als eine kleine Schriftseite beanspruchen würden. Er heftete darauf an das letzte Blatt eine Verlängerung, auf die ich folgendes schrieb. »Ich habe alles gehört und verstanden, was vorstehendes Manuskript enthält und unterschreibe es. Dagegen protestiere ich gegen die Unwahrheiten, die hier als wahre Tatsache hingestellt werden. Ich würde diese Lügen nur vor einem neutralen Schiedsgericht beweisen; bis dahin halte ich es für meine Pflicht, diese Kenntnis für mich zu behalten und mit Waffengewalt für den Schutz der Unschuld einzutreten. Indem ich so handele, fühle ich mich zum Vertreter des göttlichen Willens berufen, der mir die Macht verliehen hat, um Unrecht und Verbrechen zu bekämpfen.« Mit lauter Stimme las ich dann das Geschriebene vor und gab das Heft dem Sekretär zurück, der es zitternd in Empfang nahm. Es entstand allgemeiner Aufruhr, eine Tür ward geöffnet und durch diese verließ ich mit meinen Kindern den Saal. Cäsar begab sich nun zu mir und fragte, ob wir wohl auf Frieden hoffen dürften. Ich antwortete, ich hätte schwören müssen, nichts darüber zu äußern. Mein Sohn konnte sich nicht erwehren, zu lächeln und mir zu antworten, daß trotz des Eides am folgenden Tage die ganze Stadt es wissen würde. Tatsächlich kam er nach zwanzig Stunden wieder, um mir das zu verkünden, was ich geschworen hatte, niemand wissen zu lassen. Er sagte, ein grüner Megamikre, der öfters zu ihm käme und nichts von der Regierung halte, habe ihm anvertraut, was er auf öffentlichem Platze von verschiedenen Seiten gehört habe. Sein Gewährsmann, der Grüne und er selbst hatten kein Schwurgelübde abgelegt, daher glaubten sie, mit Recht sprechen zu dürfen. Am Tage der Parade hatte ich die Bekanntschaft eines sehr liebenswürdigen Senators in mittleren Jahren gemacht. Er sprach ohne Rückhalt über alles, was ihm erlaubt schien, stets in einer vornehmen Art und gab auch den ernsten Dingen eine scherzhafte Färbung. Man sah ihn niemals mit seinem Unzertrennlichen, weil er ihn nicht liebte. Dies sprach er ganz freimütig aus und gab auch die Gründe an, die ihm das Leben erschwerten, wenn er ständig mit ihm zusammen sein sollte. Er hätte ihm gern große Fehler verziehen, aber die Lächerlichkeiten, womit jener ihn langweilte, konnte er ihm nicht verzeihen. So forderte jener beispielsweise besondere Aufmerksamkeit, weil er angeblich von etwas leuchtender roter Färbung sei, weil er die Ökonomielehre besser zu kennen vorgab, weil er behauptete, die erste kleine Untreue nur deshalb begangen zu haben, weil nach seiner Überzeugung der andere es zuerst gemacht habe. Er wollte als Weiser gelten, war ein ausgesprochener Egoist und all dies mußte dem liebenswürdigen Senator recht lästig fallen und seinen Stolz kränken, den er in seiner besseren Hälfte, die ihm durch Staat und Gewohnheit zuerteilt war, nicht wiederfand. Der Senator bespöttelte die wichtige Miene, mit der andere seines Standes sich hervortun wollten; er selbst drängte sich nicht zu den Ämtern, die seinen Fähigkeiten gewiß ein reiches Feld erschlossen hätten, sondern verhielt sich ruhig. Allen, die seinen Weg kreuzten, begegnete er heiter. Sie wurden mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, wenn sie zu ihm kamen, und konnten den Geschmack und Kunstsinn der ganzen Einrichtung bewundern. Der Senator pflegte alle schönen Künste, hatte für alle Wissenschaften und Vergnügungen Verständnis, die mäßig genossen, zum Glück beitragen. Er war Präsident einer Akademie, die aus Auserwählten bestand, die man die »Eutrapelie« nannte. Niemand tat sich in diesem Kreise so hervor wie er. Er liebte Luxus und Pracht, wußte dabei aber maßzuhalten, denn er war nicht reich. Man bewunderte die Richtigkeit seiner Urteile, alles was er unternahm, war gut und grenzte ans Geniale. Dabei war er durchaus nicht prüde, sondern liebte die kleinen Frivolitäten, Witze und pikanten Histörchen, die zu des Lebens Würze beitragen. Fremdartige Sitten interessierten ihn ungemein. Daher wollte er von allen Megamikren Aufschluß über ihre Religionen und Gebräuche haben, um sein Wissen zu bereichern. Dieser Mann, den ich soeben geschildert habe, wollte meine Bekanntschaft machen. Er begegnete mir mit soviel Hochachtung, daß es mir schwer fiel, ihn für einen Republikaner zu halten. Zu meinem Erstaunen begrüßte er mich auf englisch. Ich weiß nun, daß ein Megamikre nicht imstande ist, die Konsonanten auszusprechen, wie kam es, daß er es konnte? Äußerst überrascht antwortete ich ihm ebenfalls englisch, da er jedoch nicht folgen konnte, fing er an zu lachen, bat mich um Verzeihung und zeigte mir, daß er einen kleinen Kiesel im Munde hatte, ohne den es ihm nicht möglich gewesen wäre, die Worte zu formen. Die griechische Geschichte hatte er jedoch nicht gelesen, um diese Kunst von Demosthenes zu erlernen. Der liebenswürdige Megamikre gewann meine Freundschaft und ich forderte ihn auf, seine Mußestunden bei mir zu verbringen. Davon machte er auch Gebrauch mit dem seltenen Talent, just die rechte Stunde zu wählen. Ich sah ihn fast jeden Tag. In dem Augenblick, als ich aus dem Munde Cäsars erfuhr, was in unserer sonderbaren Konferenz vor sich gegangen war, fand ich ihn bei meiner Frau, die die Geselligkeit sehr liebt. Lachend sagte ich ihm, daß der Friede gesichert scheine, obgleich man sich immerhin noch zweifelhaft zeigen müsse, da das Gelübde des Schweigens die ganze Angelegenheit im Dunkeln lasse. Ich fragte ihn darauf, ob es schon vorgekommen sei, daß man diesen Eid gebrochen habe. »Das kommt oft vor,« erwiderte er; »wenn die Senatoren eine wichtige Sache besprechen, ohne auf die Gegenwart der Diener Rücksicht zu nehmen, die dann, ohne böse Absicht, dem erstbesten weitererzählen, was sie von ihren Herren gehört haben. Bald spricht dann die ganze Stadt davon. In die Geheimnisse der Siebzehn einzudringen ist dagegen schwerer, weil bei ihnen schärfere Satzungen gelten, bei den Senatoren ist es bedeutend leichter, weil diese nur den kleinen Eid abzulegen haben.« »Der Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Eide erscheint mir etwas sonderbar,« bemerkte ich. »Habt ihr zwei Götter, einen großen und einen kleinen? Ich verstehe nicht, wie man beim Gelübde des Stillschweigens eine kleinere oder größere Verpflichtung des Einhaltens auf sich nehmen könnte.« »Ihr habt recht,« erwiderte er, »aber trotzdem besteht nun einmal ein gewisser Unterschied in der Form. Das kleine, beispielsweise, ist gebräuchlich und die Macht des gewöhnlichen Empfindens ist geringer als die des außergewöhnlichen. Ein Gelübde ohne Racheschwur ist natürlich weniger wirkungsvoll als ein solcher mit. Das kleine Gelübde gilt für die Allgemeinheit, das große für jeden einzelnen, es bedroht ihn mit Todesstrafe und Einziehung seines Vermögens. Dies ist zwar schrecklich, aber es bewirkt wenigstens, daß jeder es als seine Pflicht ansieht, Schweigen zu bewahren. Im übrigen glaube ich, daß die, die die Geheimnisse des Senats ausplaudern, nicht die Senatoren selbst sind, sondern solche Leute, die ein feines Ohr besitzen und an den Türen des Saales horchen, wo wir mit lauter Stimme alle laufenden und wichtigen Angelegenheiten besprechen.« Ich sagte ihm, die Klugheit müsse fordern, daß man mit leiser Stimme an Orten, die den Lauschern nicht zugänglich seien, Beratungen pflege. Dies ginge in Staaten, wo der Beschluß von einem einzelnen abhänge, sei aber unmöglich in einer Republik durchzuführen, wo jedem das Recht der freien Meinungsäußerung zusteht. Ehrgeiz entspringt am seltensten dem Eifer für das Wohl des Vaterlandes, sondern mehr der Eigenliebe, die vom Ruhm des Sieges träumt. Dazu kommt, daß viele unter uns nur reden, um sich die Gelegenheit zum Sprechen nicht entgehen zu lassen, und daher stets die entgegengesetzte Meinung wie die andern haben. Für sie ist der Augenblick, sich einer Verfügung zu widersetzen, sobald sie sehen, daß der Senat sie anzunehmen entschlossen ist. Diese Oppositionspartei macht sich ein Vergnügen daraus, die Räte, die sie im Grunde verachtet, anzugreifen, auf der anderen Seite wollen sie sich als klug und auf das Volkswohl bedacht zeigen, um sich dadurch zu wichtigeren Ämtern vorzudrängen. Wir haben auch solche, die nur widersprechen, um den Beschluß zu verzögern und den Senat tagelang hinzuhalten. Ich hörte einmal jemand von dieser Gegensatzpartei sagen: »Ich kenne keineswegs, hochgeschätzter Rat, die Materie, die jene Ministerialvorlage zum Grunde hat, welche Eure Weisheit billigen soll, und ebensowenig wie ich kennt sie einer der Anwesenden. Aber es wird hierbei gehen wie mit allen Vorlagen, die auf Grund der Unkenntnis einfach angenommen werden. Gestattet mir deshalb, daß ich mich dem Beschluß widersetze, solange der Minister uns nicht völlige Klarheit über das Ganze gegeben hat, wehe ihm, wenn er selbst es nicht wissen sollte!« – Weiter sagte der Schmäher nichts, aber man applaudierte seiner edlen Gesinnung. Hätte der Minister dies unbeachtet gelassen und ihm nicht geantwortet, so hätte er sicher die ganze Partei gegen sich gehabt, selbst wenn das Dekret die Abdankung des Senates betroffen hätte. Der Minister war somit zur Aufklärung gezwungen, hielt einen Vortrag von vier Stunden, aber ein anderer Gegner nach Art des ersten steht auf, weist alle Argumente zurück und schließt endlich mit den Worten: »Ich gestehe, daß der Minister die Behauptung, ich sei der Unwissendste aller Anwesenden, nicht aufrechterhalten kann. Da ich ihn aber gezwungen habe, seine Gründe darzulegen, hoffe ich, daß meine Ausführungen Euch gezeigt haben, welches Unglück dadurch verhütet wird, denn Ihr seid nur hier, um das zu tun, was alle Stimmen wollen, wenn sie von der Vorzüglichkeit des Vorschlages überzeugt sind. Deshalb solltet Ihr die Gegenpartei hochschätzen. Dankt Gott, daß die interessierte Partei ihr Stillschweigen nicht erkauft hat. Eure Minister verachten sie mit Recht, denn ohne sie könnten sie tun, was ihnen beliebte. Sie wären stets bei Euch in Gnaden, indem sie mit größter Geschicklichkeit die Angelegenheit beschleunigten, die Ihr Euch nun bequemen müßt, hier auf unbequemen Banken zu beraten!« – »Mir scheint,« sprach ich darauf, »daß diese zweite Art viel anmaßender ist als die erste,« worauf er meinte, in einer Republik müßten alle Glieder die Freiheit haben, ihre Meinung zu äußern. Er versicherte mir, daß im Grunde genommen diese Opposition doch zweckmäßig sei, da sie dem Despotismus der Machthabenden Zügel anlege. Jedenfalls sei sie aber die Ursache, daß manche gute Sache unterbliebe oder zu spät geschehe. Damit sprach er eine Wahrheit aus, die aller Welt bekanntwerden müßte, daß nämlich das Regiment in einer Hand liegen muß, wenn es gute Früchte bringen soll. Ich fragte ihn darauf, zu welchem Zwecke man mich mit dem Rate der Siebzehn verhandeln ließe, statt mit dem Senat. Er meinte, der Senat selbst müsse in wichtigen Sachen den Rat der Siebzehn befragen, um sich einerseits das Stillschweigen zu sichern, andererseits um darüber Gewißheit zu haben, daß binnen kurzem ein Entschluß gefaßt werde. Denn dieser Krieg, so schloß er, habe so vieles für und wider sich, daß sämtliche Mitglieder des Senats ihre Meinung dazu äußern mußten. Jedoch können zwanzig Jahre vergehen, ehe sie zu einem Beschluß kommen. »Alle Welt behauptet, Ihr hättet unrecht. Wenn schon die Verwicklung der betreffenden Angelegenheit ein öffentliches Geheimnis ist, so müssen unsere greisen Räte ebenso unterrichtet sein, wie Ihr. Unser Minister, der sich sechzig Jahre in dem Lehen aufgehalten hat und uns, da er alles weiß, jetzt nützlich sein könnte, ist leider plötzlich gestorben. Im übrigen hatte man ihn zu Beginn der Unruhen abberufen.« – »Ist er tot?« unterbrach ich seine Rede. »Ja,« antwortete er, »und die Reichsverweser, die vor dreißig und vierzig Jahren am Ruder waren, leben nicht mehr. Derjenige, der weiß oder wissen sollte, wie die Sachen stehen, befindet sich seit vier Jahren in den Gefilden des ewigen Friedens, wo man nicht wagen darf, ihn zu stören, wenngleich die Republik seinen Ausspruch nötig hätte, um nicht dem Untergange entgegenzugehen.« Ich dachte darüber nach, daß es doch möglich sei, daß der gesamte Senat und sogar die Siebzehn den wahren Grund dieser Geschichte nicht kannten und mich deshalb mit Recht für gewalttätig und ungerecht halten mußten. Ich befragte ihn, ob die Reichsverweser wenigstens die Taten ihres abscheulichen Despotismus aufzeichneten. Er antwortete, das läge in ihrem Belieben. »Ich bin sicher,« fuhr er fort, »daß sie gegenwärtig Millionen dafür gäben, um zu erfahren; ob sie die beleidigende Antwort, die Ihr geschrieben habt, veröffentlichen dürfen.« – »Das dürfen sie!« entgegnete ich in einer plötzlichen Eingebung. Darauf umarmte er mich und ging fort. Am folgenden Morgen um elf Uhr wurde ich durch einen seltsamen Anblick überrascht. Durch eine lebhafte Volksbewegung war ich aufmerksam geworden und forderte meine Frau auf, mir auf die Terrasse zu folgen, um zu schauen, was es gäbe. Gegenüber der großen Tür meines Palastes sahen wir inmitten des weiten Platzes einen Megamikren, künstlich buntgefärbt, erdrosselt und mit entstelltem Gesicht aufgehängt. Zu seinen Füßen stand die Inschrift, daß diese Strafe wegen Hochverrats über ihn verhängt worden sei. Im ersten Augenblick waren wir alle sprachlos über dies außergewöhnliche Schauspiel und suchten vergeblich nach dem Grunde, weshalb man gerade diesen Ort dazu gewählt hatte. Inmitten der Menge erkannte ich meinen Sohn Cäsar und Tolomäus, die in ihrem Wagen unweit der Leiche hielten und mit zwei Roten zu Pferde sprachen. Nach einer halben Stunde ritten diese fort und Cäsar kam zu mir. »Was bedeutet dies alles?« war meine erste Frage. »Alle Welt sagt,« antwortete er, »daß es Euch oder den Siebzehn gelte, und diese Vermutung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man den Platz berücksichtigt, den man zu dieser schrecklichen Schaustellung wählte. Es scheint, daß man besonders Euch damit einen Akt der höheren Gerichtsbarkeit vor Augen führen wollte.« Wir stiegen herunter, und nachdem ich mehrere Briefe, die Familienangelegenheiten betrafen, durchgelesen hatte, erschien mein Freund, der liebenswürdige Senator, und forderte uns zum Essen auf. »Lasset einen schönen Megamikren Eurer Sippschaft holen,« bat ich ihn, »damit er neben Euch mit uns zu Mittag speise, denn die Riesen haben keine Brust für Euch und ihnen ist es auch untersagt, Nahrung von Euch zu nehmen.« – »Ich werde die meine einem bunten Feinschmecker anbieten,« sagte er, »welcher in meinen Diensten steht und die seine jedem beliebigen überläßt. Ich habe mich leicht dem Geschmack unserer vornehmsten Leckermäuler angepaßt, die die prächtigen Früchte den in Milch gesottenen Schlangen der Megamikren vorziehen, welche, obgleich ausgezeichnet, keinen anderen Vorzug haben, als den der Schale, aus der sie hervorgehen.« – »Was Ihr mir da sagt, freut mich sehr,« antwortete ich ihm, »tut ganz, was Euch beliebt.« – »Ich kann Euch sagen,« fuhr er fort, »daß ich die Satzungen der Religion schweigend respektiere und meine äußeren Handlungen nach den Vorbildern richte, die dafür maßgebend sind. Unser Bischof ißt ganz öffentlich Feigen. Wißt Ihr nicht, daß nach dem letzten großen Konzil und nach den Verfügungen, die Ihr vom großen Helion selbst überbracht habt, die Denkweise der Megamikren eine ganz andere geworden ist. Vermutet man doch, Ihr selbst seiet der Große Genius, ja, man behauptet, daß am Ende der 30 oder 40000 Jahre, die es Euch beliebte verborgen zu bleiben, Ihr die Absicht gehabt hättet, inmitten der Megamikren zu erscheinen mit einer geistigen Machtausrüstung, die nächst Gott Euch zu dem mächtigsten Wesen der Schöpfung erhoben habe.« Um das Gesprächsthema abzubrechen, warf ich dazwischen, daß die Kühnheit seines Bischofs mich in Erstaunen setzte und ich gern seine Bekanntschaft machen würde. Das wünscht er gerade, gab er mir zur Antwort, jedoch ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine gewisse Vorsicht Fremden gegenüber geboten. »Um diesen Vorzug ohne Furcht genießen zu können, will ich vorher die Erlaubnis der Konservatoren einholen, was wir sehr leicht erreichen werden. Denn sie wollen, wie ich glaube, Gewißheit haben, daß man mich nicht in den Rat der Siebzehn wähle.« – »Sollte ich am Ende der Grund sein, daß man Euch davon ausschließt,« fragte ich ihn, »das würde mir sehr leid tun, nachdem ich erfahren habe, daß die bedeutendsten Männer der Aristokratie diesem Rate angehören.« – »Und wenn er gar aus lauter Genies bestände,« antwortete er, »so würde ich doch alles tun, um nicht dazu zu gehören.« – »Wie? weshalb?« – »Nun, weil ich mir gelobt habe, während meines kurzen Lebens auch nicht das geringste meiner Vergnügen eitlem Ehrgeiz zu opfern. Man kann nur Mitglied des Rats sein, wenn man sich alle möglichen Beschränkungen auferlegt, deshalb halte ich es für närrisch, ihm beizutreten. Im übrigen hat man immer nur mit unangenehmen Dingen, Bestrafungen und dergleichen zu tun. Wenn ich auch das Verbrechen verabscheue, so habe ich doch durchaus nicht den Wunsch, den Henker zu spielen. Ich möchte viel lieber ein Amt haben, bei dem ich die wahren Verdienste kennenlernen und entsprechend belohnen dürfte. Doch das ist ein vergeblicher Wunsch, denn nirgends hat die Rechtslehre ein solches Amt vorgesehen, sie sagen, die brave Tat belohnt sich selbst, das ist schon wahr, aber würde eine derartige Einrichtung nicht noch mehr zur Tugend anspornen?« – »Aus welchem Grunde,« fragte ich, »wären die Siebzehn denn ungehalten, Euch zu ihrem Mitglied zu zählen.« – »Ich werde es Euch sagen«, entgegnete er, »und als aufrichtiger Philosoph fürchte ich nicht, von Euch geringer geschätzt zu werden. Man sagt von mir, ich besäße Geist, man weiß, daß ich studiert habe, man fürchtet, ich sei unternehmend und könnte vorteilhafte Neuerungen begünstigen, all dies ist jedoch den anderen unbequem. Sie haben eine hohe Stellung gewonnen, indem sie der Welt niemals Gelegenheit gaben, weder in Gutem noch in Schlechtem von ihnen zu sprechen. Sie haben niemals Reisen unternommen und verdammen alles Fremde. Nach außen tragen sie den Mantel der Sanftmut, wollen gern geistreich erscheinen, im Grunde sind sie aber ganz haltlos. Diese Leute haben noch eine andere Eigenschaft, die sie sehr empfehlenswert macht, sie sind nämlich von einer riesigen Sparsamkeit, wenn es sich darum handelt, Gelder für die öffentliche Wohlfahrt auszusetzen. Trotzdem sind diese Leute sehr geachtet, und wenn einmal ein Verdacht auf sie fallen sollte, so übergehen sie es mit stillschweigender Nichtachtung. Sie wissen sehr wohl, daß es im Charakter unseres Volkes liegt, nur die für schuldig zu halten, die sich verteidigen; im übrigen haben sie ein kurzes Gedächtnis und vergessen selbst unbestrafte Verbrechen schnell.« Nach dieser Erörterung befragte ich ihn über die Bedeutung des auf dem Platze aufgehängten Megamikren. »Wie,« sagte er, »Ihr wißt nicht, was aller Welt bekannt ist? Obgleich man den Unglücklichen entstellt hat, weiß man dennoch, daß es einer der Drei ist, den Ihr am unteren Ende des Gerichtsrates der Siebzehn gesehen haben müßt.« »Und wodurch,« fragte ich weiter, »kann er den Staat verraten haben?« »Man nimmt an,« erwiderte er, »daß Eure Antwort daran schuld ist.« »Es ist doch unrecht,« bemerkte ich, »eine Hinrichtung auf eine Vermutung zu stützen, das kann es auch kaum sein, denn ein Verbrechen wird doch nicht in einem Tage abgeurteilt.« »O,« meinte er darauf, »in solchen Fällen geht der Strafe keine Anklage voraus, das kann später noch geschehen, für das Gericht genügt es, daß das Verbrechen augenscheinlich vorliegt.« »Ja, aber die Beweisführung kann doch erst durch die Anklage erbracht werden, und wenn das Urteil vorausgenommen wird, ist auch ein späterer Prozeß unnütz.« »Verzeihung,« unterbrach mich bescheiden der Senator, »aber das ist gar nicht so lächerlich. Der Richter will eben seinen Spruch vor sich selbst rechtfertigen, dies ist er der Gerechtigkeit und der abgeschiedenen Seele des Verstorbenen schuldig, denn durch Auslöschung seines Lebens ist die Schuld getilgt und der Schuldige wieder unschuldig geworden, wenngleich seine Nachkommen anders darüber denken sollten.« »Ist er denn ein Edler, daß Ihr von Nachkommen sprecht,« fragte ich. »Er ist Edler zweiter Gattung,« antwortete er, »denn er ist mattrot, wäre er ein Edler erster Gattung gewesen, so hätte er nicht so ohne weiteres abgeurteilt werden können.« Er gab mir dann noch weitere Erläuterungen hierzu, woraus ich ersah, daß alle unter einem despotischen Willen standen. »Es ist erwiesen,« meinte er endlich, »daß diese Einrichtung das ewige Fortbestehen unserer Herrschaft gewährleistet.« – »Ich wünsche es schon,« erwiderte ich darauf, »doch glaube ich in der Geometrie nicht genügend bewandert zu sein, um eine derartige Ausführung einleuchtend zu finden.« Der vorsichtige und kluge Senator antwortete hierauf nicht und wir setzten uns an die Tafel, die für vierzehn Personen gedeckt war und an der er, Cäsar, Daniel, Tolomäus, Albert und ich mit meiner Frau und einem zehnjährigen Riesen, der seine Base geheiratet hatte, Platz nahmen. Den jungen Ehemann, der den Namen Leo trug, hatte ich zum Essen eingeladen, um ihm für ein englisches Gedicht, das er mir gewidmet hatte, zu danken. Seine Gefährtin war ihm ebenbürtig, sie hatte mehr Gefühl als Verstand und war eine Schönheit. Unser Senator war die Seele des Gastmahles. Er sagte der Jungvermählten, die meine Enkelin in vierter Generation war, die reizendsten Komplimente und brachte uns mit seinen Versuchen, englisch zu sprechen, in heiterste Laune. Während der ganzen Zeit, die ich in der Stadt weilte, ging mein Heer auf die Schlangenjagd. Daniel erzählte mir, daß die Riesen, die sie töteten, überall sehr gefeiert wurden. Der liebenswürdige Senator war mir während der langweiligen Zeit, die ich in der Hauptstadt zubringen mußte, ein angenehmer Gesellschafter. Er gab uns häufig kleine Feste in einem kleinen Hause, das er als vorzüglicher Architekt selbst hatte bauen lassen. Er hatte es ganz nach seinem Geschmack ausgestattet, und wenn es auch nicht von Reichtum glänzte, so war es doch mit gutem Geschmack, sauber und mit allen Bequemlichkeiten eingerichtet. An seiner Tafel saßen stets zwei bis drei Megamikren aller Farben, deren Geist den der edelsten Roten überragte. Diese reizenden Geschöpfe hatten sich fast alle mit ihrem Unzertrennlichen entzweit. Acht Tage vor Ablauf des Waffenstillstandes erschienen in feierlichem Aufzuge vor mir zwei Senatoren, um eine Verlängerung von sechs Monaten zu erbitten, was ich ihnen gewährte. In dieser Zeit hatte ich erfahren, daß der Staat eine Fünfzig-Millionen-Anleihe nötig hatte und der kleine Rat mit allen Mitteln darauf sann, wie diese Anleihe zu beschaffen sei. Unserem lieben Senator gegenüber tat ich die Äußerung, daß ich bereit wäre, der Republik diese fünfzig Millionen durch die Handelsgesellschaft zu leihen, wenn sie dem Stamme der Riesen zwei Landstriche in der Größe des von ihnen jetzt innegehabten überlassen und Cäsar das Prinzendiplom mit dem Erbfolgerecht verleihen wollten. Ferner müßten sämtliche Riesen volle Bewegungsfreiheit genießen und von der Regierung der Republik unabhängig sein. Ich sagte, daß, wenn die Regierung meinen Vorschlag billigte, ich mit keinem anderen als ihr unterhandeln würde. Da mein Vorschlag ihm gefiel, erbat er ihn schriftlich und reiste dann ab. Drei Tage vor Ablauf des Waffenstillstandes erklärte er mir, daß alles in Ordnung sei, wenn ich meine Zustimmung geben könnte, daß im Falle des Auslöschens von Cäsars Stamm die gesamte Herrschaft wieder an die Republik zurückfallen und damit als Lehen bezeichnet werden sollte. Ich hatte diese Schwierigkeit nicht vorausgesehen, stimmte jedoch zu, ohne mich eines Lächelns erwehren zu können. Am folgenden Morgen erschien unser Freund mit dem Großschatzmeister der Republik, zwei Senatoren und dem Großkanzler, sowie zwei Notaren, um die Unterschrift vollziehen zu lassen. Cäsar war anwesend und wurde feierlich mit Land und Titeln belehnt, während ich einen Wechsel über fünfzig Millionen ausstellte. Vier Tage später wurde ich zu einer weiteren Zusammenkunft eingeladen, wo ich sah, daß außer dem Herzog sämtliche Glieder des Rates neu gewählt waren. Man las mir einen Friedensvertrag vor und darin war nicht eine einzige Klausel, die meinen Absichten entsprochen hätte. Ich nahm eine Feder zur Hand, und da der Saal schlecht beleuchtet war, trug man zwei Phosphorfackeln herbei, während ich die Worte schrieb: Der Friede kann einzig und allein unter folgenden Bedingungen geschlossen werden: I. Die Republik hat dem Bischof Daniel seine Zölle wiederzugeben nebst allen Einkünften, die vor dem Einfall in seinem Besitz waren. II. Die Republik hat aus dem Lehen ihre gesamten Truppen herauszuziehen und der Herzog wird gleichzeitig sämtliche Militär-Gefangenen freigeben. III. Sie wird in die Hauptstadt des Prinzen zwölf Senatoren entsenden, um durch sie das Paar als rechtmäßige Thronfolger mit dem Erbfolgerecht anerkennen zu lassen. IV. Sie hat die Beschlagnahme sämtlicher Schiffe sowie der den Untertanen des Herzogs gehörenden Warenlager aufzuheben; sie hat diesen alles zurückzuerstatten, was ihnen vor dem Kriege gehörte, und ihre Privilegien zu bestätigen. V. Die Truppen der Riesen sollen freien Ausgang aus den Staaten der Republik haben. Der allerchristlichste Vizeherzog der Riesen wird der Republik die Bergfeste zurückgeben mit allem, was darin war, als er sie in Besitz genommen, er wird die Truppen und Geschütze daraus zurückziehen, jedoch ist er nicht verpflichtet, die Türme neu aufzurichten. Der alte Gouverneur der Feste wird mit allen Rechten wieder eingesetzt werden. Ein Schreiber des Rates las meine fünf Bedingungen, von denen Daniel die Kopie erhielt, mit lauter Stimme vor. Ich machte keine Schwierigkeit, eine dritte Verlängerung des Waffenstillstandes zu gewähren. Eine Woche später wurde ein Platz im Rate der Siebzehn frei und ich erfuhr, daß der Senator, unser Freund, dafür gewählt worden sei. Er machte ein recht trauriges Gesicht, so daß ich mich enthielt, ihm zu der Ernennung zu beglückwünschen. Er sagte mir, es sei ihm vor allem betrübend, daß er während der Zeit, da dies Amt ihn in Anspruch nähme, uns nicht mehr aufsuchen könnte, worauf ich ihn bat, den Frieden zu beschleunigen, dessen Bedingungen er sehen würde. Darauf umarmten wir uns und er verließ uns. Am ersten Tage des Jahres 79 veranstaltete ich den großen Tempeldienst ohne Eheschließungen, da ich den Termin zugunsten einer zweijährigen Reise für alle Erwachsenen hinausgeschoben hatte. Mitte Juni wurde ich zu einer Besprechung eingeladen. Ich sah meinen Senator dort, der mich mit versteinerten Zügen betrachtete. Ein Sekretär verlas meinen Friedensvertrag, der mit keinem Worte abgeändert worden war. Der einzige Zusatz, den man gemacht hatte, und den ich nicht gut umgehen konnte, bestand darin, daß man forderte, daß die zwölf Senatoren samt dem neuen Minister das Thronfolgerpaar erst acht Monate nach Erfüllung sämtlicher im Vertrag gestellten Bedingungen als legitim anerkennen sollten. Die vertragschließenden Parteien hätten sich dabei zu verpflichten, diese Bedingungen innerhalb zweier Monate zu erfüllen. Darauf überreichte man mir den auf Pergament geschriebenen, mit allen erforderlichen Unterschriften versehenen Vertrag, sowie die Kopie der Vollmacht, die der Senat zwecks Friedensschluß dem Rate der Siebzehn erteilt hatte. Als ich daheim angekommen war, sandte ich vor allem Albert zum Herzog mit einer Kopie des Friedensvertrags. Elf weitere Riesen sandte ich als Boten an meine anderen Niederlassungen, um ihnen die frohe Botschaft und meine Befehle verkünden zu lassen. Die Republik hielt alle ihre Verpflichtungen genau ein, und nachdem ich die Bergfeste durch Daniel hatte übergeben lassen, schickte ich alle meine Riesen nach Hause. Die Frauen und Kinder kehrten auf dem Wasserwege heim. Der Herzog des Republik-Lehens tat mir durch Eilboten kund, daß er dem Staatskabinett die Mitteilung zu machen wünsche, daß er eine besondere Gesandtschaft, bestehend aus drei roten Paaren entsandt haben wolle. Ich übernahm es gern, dies zu verkünden, und wünschte dabei, mein lieber Senator möge zu dieser außerordentlichen Gesandtschaft gewählt werden, um aus dem Rate der Siebzehn herauszukommen. Er wurde wirklich gewählt und bekundete mir sein Vergnügen, einen Fürsten kennenzulernen, der so viel von sich reden gemacht habe, besonders aber das Thronfolgerpaar. Das einzige, was ihm etwas unangenehm erschien, war die Aussicht, vierundzwanzig Jahre mit seiner Familie zu verbringen. Ich lud ihn zu einem großen Festessen mit weiteren zwölf Paar Roten nach seiner Wahl ein. Er mußte dort mit seinem Unzertrennlichen erscheinen, den ich neugierig war, kennenzulernen. Der Charakter dieses schönen Megamikren, den der Senator nicht als seine Hälfte liebte, war schon dazu angetan, Gefallen zu erregen, doch sah ich auch, daß er niemals einem Unzertrennlichen mit den Eigenschaften jenes anderen angenehm sein könnte. Ich entsandte Daniel in das Lehen, indem ich ihm versprach, ihn mit der großen Gesandtschaft aufzusuchen, allein Gott hatte mich zu einer Reise von bedeutend größerer Wichtigkeit ausersehen. Den Rest des Jahres und die Hälfte des folgenden verbrachte ich damit, Feste zu geben und zu besuchen und Cäsar im Zusammenschluß der drei Landstriche zu einer einzigen Stadt zu unterstützen. Überall begegnete man mir mit ausgesuchter Höflichkeit, und wenn man mich auch nicht liebte, so lag kein Grund vor, mich zu hassen, denn ich hätte sie ja schließlich den Frieden weit teurer erkaufen lassen können. Mein liebenswürdiger Senator hatte für die dramatische Kunst eine noch größere Leidenschaft als für die Baukunst. Er hatte mir öfter von einem hübschen Theater erzählt, das er auf einem ihm gehörenden schönen Landgut erbaut hatte, welches sechzig Wegstunden von der Hauptstadt entfernt war. Er sagte mir, er habe auf dieser Bühne in mehreren von ihm selber verfaßten Stücken gespielt und werde sich für den glücklichsten aller Megamikren halten, wenn ich mich entschließen könnte, ihm das große Vergnügen zu machen und zwei Ernten mit ihm auf seinem Landgut zu verbringen. Er sprach mit mir so oft und mit solcher Beredsamkeit hierüber, daß ich wirklich Lust zu diesem Besuch bekam. Ich entschloß mich, mit meiner Frau, mit Tolomäus und dessen Frau und zehn oder zwölf Knaben seines Stammes hinzugehen. Bis zur Abreise der Gesandtschaft müssen noch drei Ernten vergehen; wenn ich daher zwei Ernten bei dem Senator verbrachte, konnte ich noch rechtzeitig nach der Hauptstadt zurückkehren, um mit unserem Freunde und mit den zwölf anderen Senatoren, die nach einem Artikel des Friedensvertrages die rechtmäßige Erbfolge des Herzogs anerkennen sollten, nach dem Lehen abzureisen. Wir verließen die Hauptstadt am 10. Januar unseres 81. Jahres nach meiner Ankunft in jener Welt, deren Sitten, Religion, Natur und vielleicht auch Ruhe und Glück zu ändern ich geboren war. Der Anstand verlangte, daß der Senator seinen Unzertrennlichen mit seiner ganzen Familie, auch den von ihm zärtlich geliebten Bastarden mitnahm. Wir brauchten elf Stunden, um auf seinem Landgut und in seinem schönen Hause anzulangen, wo wir sehr bequem untergebracht wurden. Nach einigen Tagen ging dieser prächtige Mensch allein mit mir und meiner Frau auf einer großen Wiese am Ufer eines Kanals spazieren. Er sagte mir, der ganze Grund und Boden, den wir auf vier Meilen in der Runde sähen, gehöre ihm und sei ein Schatz, der ihn zum reichsten Herrn der Republik machen würde, wenn er ihn ausbeuten könnte. Es sei eine ganze Ansammlung von Minen roten Goldes; aber um diese auszubeuten, müsse man die Ader finden, und für die Ausgrabungen und die unterirdischen Stollen müsse man Summen ausgeben, die er nicht besitze. Er ließ uns in eine Art Höhle von neunzig Klaftern Tiefe eintreten, die sein Großvater mit Aufwand großer Kosten erweitert habe, und in der die mit Kieseln vermischte Erde den deutlichsten Beweis lieferte, daß sie mit dem kostbaren Metall geschwängert war. Wir sammelten etwas von dieser Erde in ein Tuch und untersuchten sie noch am gleichen Tage in einem dem Senator gehörenden Laboratorium, worin sich eine Mühle befand. Wir gewannen durch Vermischung mit Quecksilber an reinem Golde den sechzehnten Teil des Gewichtes der gemahlenen Masse und dabei war es noch nicht mal die Hauptader. Nach dieser wichtigen Entdeckung entschloß ich mich, meines Freundes Glück zu machen, so weit dies von mir abhinge. Ich dachte darum ein möglichst großes Stück Erdreich in die Luft zu sprengen, denn auf diese Weise würde ich sicherlich an irgendeiner Stelle die Goldader finden. Ich teilte meinen Plan dem Senator mit. Dieser antwortete mir, er sei sehr glücklich, daß die Angelegenheit mich interessiert habe, und überlasse es mir, vollkommen nach meinem Willen alles zu tun. Ich sagte ihm, er brauchte sich um weiter nichts zu bekümmern, als mir Bauern zu verschaffen, die bereit seien, meine Befehle auszuführen, und ich schrieb sofort an den Prinzen Cäsar, er möge mir auf Karren alles grüne und blaue Pulver schicken, das er besitze, und schleunigst neues anfertigen. Er schickte mir am fünften Tage Pulver genug, um dreißig Quadratmeilen Erdreich in die Luft zu sprengen. Zunächst machte ich am Eingang der Grotte einen halbkreisförmigen Gang von hundert Schritten Länge und zwei Klaftern Tiefe nach der Seite, wo ich die wagerechte Abweichung beobachtet hatte; dieser Minengang diente mir zugleich als Versuch; denn ich war in meinem Alter von fünfundneunzig Jahren ein völliger Neuling in dieser Art von Arbeit. Mein Gang war eine Klafter breit und zwei Fuß hoch. Es war ein außerordentliches Werk: ich beabsichtigte in einem Nu ungefähr 200 Kubikklafter Erde zu beseitigen. Da ich mir bewußt war, von diesen Sachen nichts zu verstehen, so verließ ich mich auf einen Versuch, denn ich hatte durch Experimentierung schon viel schwierigere Sachen zustande gebracht. Der ganze Gang sollte als Mine dienen; ich lud ihn mit 4000 Pfund Pulver in gleichmäßiger Verteilung und brachte am Eingang eine Lederröhre von anderthalb Zoll Durchmesser an, die mit Pulver gefüllt war; den Gang schloß ich an beiden Enden mit großen Steinen, um eine seitliche Entladung zu verhindern; dagegen ließ ich in die Decke des Ganges eine Anzahl kegelförmiger Öffnungen bohren, um dadurch zu erreichen, daß die Wirkung des Pulvers sich nach oben hin richtete. An das freigebliebene Ende der Lederröhre, die eine ganz enge Öffnung hatte, befestigte ich eine Papierlunte von 1000 Doppelschritten Länge, denn ich wagte die Mine nur aus einer Entfernung von einer Meile anzuzünden. Nachdem ich alle diese Vorbereitungen getroffen hatte, zündete ich die Lunte an, die das Feuer in einem Augenblick an die Lederröhre brachte. Die Mine flog mit einem furchtbaren Krach auf und gewährte uns einen interessanten Anblick: 200 Kubikklafter Erdreich flogen im Halbkreise in die Luft und bildeten nach dem Niederfallen einen Haufen, der sechsmal größer war als der vorher eingenommene Raum. Die ganze Gesellschaft war bei diesem Versuch anwesend. Es war gut, daß wir uns in so großer Entfernung gehalten hatten; denn die Sprengwirkung war sehr bedeutend und ich erkannte, daß ich mit der Hälfte des Pulvers das gleiche Ergebnis erzielt haben würde. Eine Minute nach der Explosion wurden wir durch eine Art Regen von kleinen Steinen belästigt und ein sehr dichter Staub nötigte uns, den Ort in schnellem Lauf zu verlassen. Der Himmel blieb während einer guten Viertelstunde trübe, aber dann war alles wieder heiter und ruhig. Ich hatte den Senator gebeten, mir alle Bauern zur Verfügung zu stellen, die er aus den benachbarten Dörfern hatte kommen lassen. 20 000 Mann schafften in weniger als einer Fünftagewoche den ganzen halbkreisförmigen kleinen Berg fort, der durch die Sprengung entstanden war. Die Untersuchung ergab viel Erde und Kiesel mit Spuren gediegenen Goldes, aber kein Anzeichen, daß die Hauptader getroffen war. Aber in der Zeit von einem Monat gelang es mir, durch Ausgrabungen und durch die Sprengung kleiner Minen in einer Tiefe von zehn Klaftern einen halbkreisförmigen Raum von achtzig Klaftern Durchmesser zu entdecken, der nach meiner Überzeugung zur Hauptgoldader gehören mußte. Die ganze Familie des Senators war voller Freuden und ich selber fühlte mich sehr befriedigt. Die Republik wurde allerdings Eigentümerin der Minen, aber die Hälfte des Erträgnisses gehörte auf ewige Zeit dem Senator und seinen Nachkommen. Ich ließ neue Minen in der Richtung auf die Ader zutreiben, und zwar teils in senkrechter, teils in wagerechter, teils in schräger Richtung. Was ich entdeckt hatte, war bereits sehr bedeutend und genügte vollständig, um dem Senator sehr großen Reichtum zu sichern; und wenn ich auf diesen gehört hätte, so hätte ich das Bergwerk in dem Zustande gelassen, in den ich es bis dahin gebracht hatte; denn der Goldreichtum war so groß, daß die Mine tausend Jahre lang mit reichem Ertrage bearbeitet werden konnte. Aber mein Werk erschien mir unvollkommen. Ich wollte es krönen, indem ich von der Tiefe der Höhle nach der Oberfläche zu arbeiten ließ, um festzustellen, ob das beobachtete Ende des Golderzganges unten dasselbe sei wie oben. In wenigen Tagen kamen die Arbeiter zwölf Klafter aufwärts mittels eines Ganges von mehr als achtzig Klaftern, denn die Ader verlief in Windungen. Gleichzeitig ließ ich von oben arbeiten und man hatte von dort bereits achtzig Klafter tief gegraben und nach meiner Meinung gerade die dickste Stelle der Ader erreicht, da stieß man auf so harten Fels, daß man ausweichen mußte, um wieder Erdreich zu erreichen. Dasselbe begegnete den Leuten, die von unten her arbeiteten. Die obere Ausgrabung befand sich jedoch nicht senkrecht über dem unteren Gange, sondern die seitliche Entfernung betrug mehr als sechzig Klafter. Durch einen sehr engen Erdgang, der wegen des anstoßenden Gesteines nicht erweitert werden konnte, trafen die Arbeiter in einer Tiefe von achtundzwanzig Klaftern auf eine unregelmäßig gebildete Felsenkammer. Ich konnte nicht zu ihr gelangen; da ich sie aber untersuchen wollte, entschloß ich mich, den Weg zu erweitern, was durch Sprengungen leicht möglich war. Ich schätzte den Rauminhalt der Kammer auf acht Kubikklafter, und da ich nur fünfundzwanzig bis dreißig Klafter Felsgestein sprengen wollte, so teilte ich 1000 Pfund Pulver in eine Kufe und brachte an dieser eine Sprengröhre an. Ich ließ meine Kinder und die Familie des Senators eine zwei Meilen entfernte Anhöhe besteigen, von der aus sie den prachtvollen Anblick sehr gut mußten sehen können und nach meiner Meinung vor den Sprengstücken des Gesteins vollkommen sicher waren. Die Pulverlunte machte ich zwei Meilen lang nach der entgegengesetzten Richtung hin; ich selber wollte sie in Brand setzen. Nachdem ich also alle meine Angehörigen, die mir blindlings gehorchten, an einen sicheren Ort gebracht hatte, begab ich mich ganz allein nach der Stelle, wo ich die Lunte entzünden wollte. Kaum aber hatte ich fünfzehn Schritte gemacht, so kam meine Frau lachend mir nachgelaufen und sagte mir, sie wolle mich nicht allein dorthin gehen lassen, obgleich mehr als zwanzig Megamikren mich an dem Ort erwarteten. Sie nahm also meinen Arm und in langsamem Gehen kamen wir in zwei Stunden bei der Zündstelle an, wo ich sofort die Pulverlunte in Brand setzte. Ich blickte nach der Stelle hin, wo ich große Felsblöcke in die Luft fliegen sehen mußte, und wunderte mich bereits, als nach einem furchtbaren unterirdischen Donner, der von einem heftigen Stoß des unter mir befindlichen Erdbodens begleitet war, ich plötzlich platt auf den Bauch fiel. Ebenso ging es meiner Frau, die meinen Arm noch nicht losgelassen hatte. Gleichzeitig flog der ganze Boden, auf dem wir ausgestreckt lagen, in einem Stück in die Luft; er nahm uns mit so ungeheurer Geschwindigkeit mit sich, daß durch den Luftdruck uns sicherlich die Brust zerquetscht worden wäre, wenn wir statt auf den Bauch auf den Rücken gefallen wären. Das Emporfliegen der großen Felsplatte, auf der wir lagen, kann etwa fünf Sekunden gedauert haben; ich fühlte, wie die Schnelligkeit allmählich nachließ, und öffnete die Augen in demselben Augenblick, da die Platte, die den Höhepunkt erreicht hatte, senkrecht wieder herunterfiel. Ich sah, daß die Oberfläche der Platte etwa drei Klafter im Geviert messen konnte; über ihre Dicke vermag ich nichts zu sagen. Ich schloß sofort die Augen und hielt mir mein Taschentuch vor Mund und Nase. Die Bewegung, die ich verspürte, als wir fielen, war im Beginn ebenso langsam, wie die Bewegung bei Schluß des Emporsteigens gewesen war; aber die Schnelligkeit steigerte sich in ungeheurer Weise und wurde so groß, daß ich das Gefühl hatte, wie wenn ich überhaupt nicht mehr auf der Platte läge. Der Fall dauerte sicherlich um ein Drittel länger als der Aufstieg: ein sicheres Zeichen, daß die Linie, die wir beim Fall zurücklegten, mindestens doppelt so lang war wie die des Aufstiegs. Ich muß annehmen, daß in dem Abgrund, in den unser Felsenbett hineinfiel, ein fester Körper den Stoß auffing; denn wir wurden plötzlich in die Luft geschleudert und die Platte zersprang beinahe zu Staub. Wir flogen jedoch nicht sehr hoch, sondern fielen sofort wieder, wobei meine Frau mich fortwährend umschlungen hielt. Bei diesem neuen Fall war unsere Platte nicht mehr vorhanden; die zurückgelegte Linie war bedeutend länger als die des Emporsteigens nach dem Aufschlagen der Platte. Sie muß länger gewesen sein, denn wir brauchten mehr Zeit dazu. Als wir zwei Drittel dieses neuen Falls zurückgelegt hatten, bemerkten wir, daß wir nicht mehr auf dem Bauch, sondern umgekehrt auf dem Rücken lagen, denn der Luftdruck verhinderte uns am Atmen; wir waren jedoch sicher, daß wir uns bei dem Fall durch die Luft nicht herumgedreht hatten. Unser Fall verlangsamte sich – eine ganz erstaunliche Erscheinung, da er nach dem Gesetz immer schneller werden mußte. Einen Augenblick darauf erkannten wir, daß die von uns zurückgelegte Linie eine aufsteigende sein mußte, denn plötzlich fielen wir wieder, ohne daß wir an einen festen Körper angestoßen hätten. Wir befanden uns in einer Umgebung von sehr dichtem, mit Steinchen vermischtem Staube, bis wir von einer dicken Flüssigkeit aufgehalten wurden, was mir damals unbegreiflich erschien. Wir hatten ein Gefühl, wie wenn wir in einen sehr feinen Sand versänken. Es war wirklich Sand, doch dauerte dies zum Glück nur einen Augenblick, denn wir wären erstickt. Wir waren jetzt vollkommen unbeweglich und benutzten triebmäßig unsere Arme und Hände, um uns aus diesem dichten Staub oder feinen Sand hervorzuarbeiten, der uns am Atmen hinderte. Wir strengten alle unsere Kräfte an, um so schnell wie möglich aufstehen zu können oder wenigstens den Kopf frei zu machen. Es gelang uns vollkommen; aber wir wagten noch nicht, mit vollen Zügen zu atmen. Der Boden, auf den wir fielen, konnte uns nicht das Rückgrat zerbrechen, denn im Anfang war er dickflüssig, dann nach und nach so elastisch wie eine mit Werg oder mit Roßhaar gefüllte Matratze, und dann erst wurde er härter und schließlich ganz hart. Das Unbegreiflichste war für uns in diesem Augenblick, daß wir nicht auf dem Bauch, sondern auf dem Rücken lagen. Wir fühlten etwas auf uns herabrieseln, was dem dicken Staub glich, der beim Einreißen einer alten Mauer aufsteigt. Das Herabrieseln dieses Staubes kann nur vier oder fünf Sekunden gedauert haben, genügte aber schon, um unsere Körper mit einer vier Zoll dicken Schicht zu bedecken. Wir wären verloren gewesen, wenn wir nicht bereits unsere Köpfe freigemacht gehabt hätten. Als das Herabrieseln völlig aufhörte, überzeugte ich mich, daß wir unbeweglich auf dem Boden lagen und daß von keiner Seite auch nur das geringste Geräusch zu hören war; ich entfernte mein Taschentuch, das ich bisher vor Mund und Nase gehalten hatte, und öffnete die Augen; ich schloß diese aber sofort wieder und hielt mir auch das Taschentuch wieder vor, da sich noch zu viel Staub in der Luft befand. Auffallend war mir, daß ich in dem Augenblick, als ich die Augen öffnete, einen hellen Schein sah. Acht oder zehn Sekunden später machte ich wieder einen Versuch und fühlte, daß die Luft sich atmen ließ; es war höchste Zeit, denn das Einatmen der Luft durch das Taschentuch wurde sehr ermüdend. Nach zehn oder zwölf Atemzügen fand ich mich ruhig und frisch gestärkt; ich öffnete abermals die Augen und betrachtete aufmerksam eine Art Licht, das ich zu meinem Erstaunen sah. Ich schlang meinen rechten Arm um meine Frau, und dabei verschwand das Licht, was mich außerordentlich überraschte. Indessen erkannte ich nach kurzem Nachdenken, daß das Licht von dem großen Karfunkel ausging, der sich in der Agraffe ihres Mantels befand. Da die Luft wieder natürlich geworden war und nichts mich mehr am Atmen noch am Sehen verhinderte, rief ich meine geliebte Frau, die mich an meiner Linken immer noch eng umschlungen hielt, bei ihrem Namen an. Sie erfüllte meine Seele mit köstlicher Freude, als sie mit vollkommen klarer Stimme fragte: »Wo sind wir?« Ich versuchte ihr so gut wie möglich zu erklären, was nach meiner Meinung mit uns vorgegangen war. Meine Frau antwortete mir, unser Zustand sei viel weniger verzweifelt, als derjenige, in dem wir uns vor einundachtzig Jahren befunden hatten; denn wir befänden uns auf festem Grunde, könnten ungehindert atmen, hätten zum Glück Licht bei uns und brauchten durchaus nicht jede Hoffnung aufzugeben, an das Tageslicht zu gelangen. Bei diesen Worten drehte sie sich um, ich folgte ihrem Beispiel und wir begannen den uns bedeckenden dichten Staub von uns abzuschütteln. Hocherfreut waren wir, als wir bemerkten, daß wir die Beleuchtung von vier Karfunkeln hatten; wir würden sechs gehabt haben, wenn wir nicht in dem Abgrund unsere Kappen verloren hätten, an denen sich die beiden größten Karfunkel befanden. Wir entschlossen uns, aufzustehen, und taten dies, obgleich nicht ohne Furcht und nicht ohne Schwierigkeit. Wir kamen gleichsam aus einer Nische hervor, denn wir sahen im Sand die Abdrücke unserer Gestalt. Wir gingen eine halbe Stunde lang sehr mühsam über den bereits geschilderten sehr dichten Staub hinweg und kehrten um, als wir sahen, daß der Weg abwärts führte und daß der Boden schlammig wurde. Als wir wieder an der Stelle waren, von der wir ausgegangen waren, hörten wir in dem drückenden Schweigen eine klagende Stimme, die uns erschreckte oder doch wenigstens überraschte. Wir blieben stehen und lauschten einen Augenblick mit gespannter Aufmerksamkeit. Da hörten wir klar und deutlich in Megamikrensprache die Worte: »Habt Erbarmen mit mir!« Ich dachte mir sofort, es könne nur einer der Megamikren sein, die sich bei der Lunte befunden hatten; er mußte auf dieselbe Weise gerettet worden sein wie wir. Ich sagte dem Unglücklichen, den ich nicht sah, er möchte versuchen, zu uns zu kommen, denn wir bemerkten ihn nirgends. Er antwortete, er sei verschüttet und es läge ein großes Gewicht auf ihm; nur sein Kopf sei frei. Wir begannen sofort ihn zu suchen und entdeckten ihn auch bald, indem wir dem Klang seiner Stimme folgten. Wir räumten eine Menge Sand zur Seite und zogen ihn hervor. Es war ein buntgescheckter Bauer, der uns sehr überraschte, als er, anstatt uns zu danken, sich auf den Rücken warf – dies ist bei den Megamikren die Stellung der ehrfürchtigsten Anbetung – und ein Dankgebet an die Sonne richtete, die ihm Gnade geschenkt habe. Diese Handlung demütigte und beschämte uns; denn wenn wir dieses Gefühl in unseren Herzen gehabt hätten, so hätten wir ein Dankgebet nicht versäumt und es wäre nicht nötig gewesen, daß ein Heide zu unserer Beschämung uns ein so schönes Beispiel von Frömmigkeit gab. Augenblicklich machten wir es wie er, ohne zu knien, ohne uns hinzuwerfen, aber mit einem tiefinnerlichen Gebet con le ginocchia della mente inchine , Wörtlich: mit den gebeugten Knien des Geistes, d. h. im Geiste knien. wie es sich dem Schöpfer gegenüber mehr geziemt als das Gestammel aller Nationen. Nachdem der Megamikre der von ihm verehrten Gottheit gedankt hatte, eilte er auf uns zu und küßte uns hundertmal die Füße. Nach unseren Uhren war es sieben Uhr; wir verbrachten vier Stunden damit, auf zwanzig Schritte in der Runde den ganzen Schult wegzuräumen, um womöglich irgendeinen anderen Megamikren zu finden und ganz besonders den Unzertrennlichen des Gescheckten, der uns versicherte, er habe neben ihm hinter unseren Füßen während aller unserer Flüge durch die Luft gelegen. Als wir nach langer Nachforschung unsere Bemühung aufgeben wollten, da wir überzeugt waren, daß der Unzertrennliche unterwegs verloren gegangen sei, fand der arme Megamikre ein Bein und rief uns heran. Wir eilten herzu und fanden, nachdem wir den Schutt weggeräumt hatten, einen Toten. Wir waren tiefbetrübt, daß er zu seinem Schmerz seinen Unzertrennlichen erkannte, und wir vergaßen unser eigenes Unglück, um nach Kräften den verwaisten Megamikren zu trösten. Wir begannen nun aufs Geratewohl in entgegengesetzter Richtung wie bei unserem ersten Versuch zu wandern. Da wir uns in dichter Finsternis befanden, durften wir nicht hoffen, uns unter freiem Himmel zu befinden; wir glaubten in einer ungeheuren Höhle zu sein, deren Wölbung wir nicht sehen konnten, da das Licht unserer Karfunkel zu schwach war. Der Boden, auf dem wir wanderten, war zu unserem Erstaunen sehr eben. Wir gingen weiter, ohne zu wissen wohin; nach zwei Stunden setzten wir uns auf die Erde, weil wir uns ermüdet fühlten. Die Luft war weder warm noch kalt. Obgleich wir einer Todesgefahr entgangen waren, kannten wir unseren traurigen Zustand gut genug: keine lebende Seele war zu erblicken; wir wußten, daß wir verhungern mußten. Es war natürlich, dies zu wissen; es war aber auch natürlich, daß die gleiche Vorsehung, die uns bei der Explosion der Mine vorm Tode bewahrt hatte, uns aus diesem Abgrund herausführen und uns Nahrung finden lassen würde; denn aus eigenen Kräften konnten wir uns nur sehr kümmerlich helfen. Wir konnten uns allerdings bewegen, aber kamen wir damit auch wirklich von der Stelle? Unmöglich konnten wir hoffen, vorwärts zu kommen, wenn wir nicht emporstiegen; wir bemerkten aber nur Ebene. Der Gescheckte hatte Mut und viel gesunden Verstand. Er sagte uns, er wünsche uns einen Dienst zu erweisen, bevor er sterben müsse, denn er sei ja glücklicher als wir, indem er den wesentlichen Teil seiner Nahrung bei sich trage; mit diesem könne er sich fünfzig bis sechzig Tage lang am Leben erhalten, obgleich er keine Zukost habe. Er erbot sich, die Höhle in einer dritten Richtung zu untersuchen, während wir uns ausruhten. Wir billigten seinen Einfall und ich gab ihm einen Karfunkel als Leuchte mit, indem ich ihn bat, er möchte immer achtgeben, uns nicht aus dem Gesicht zu verlieren; dies mußte ihm leicht sein, da das Licht unserer Karfunkel ihm stets den Ort anzeigte, wo wir auf ihn warteten, sobald er uns etwas Gutes zu melden hätte, oder wenn er uns aus dem Gesicht verlieren müßte: in diesem Fall sollte er sofort umkehren. Nachdem er diese Vorschriften angehört hatte, entfernte er sich. Was hätten wir ohne die Hilfe unserer Karfunkel gemacht? Wir würden nicht gewagt haben, uns zu rühren, denn die Finsternis konnte nicht schwärzer sein, als sie war. Wir wären des grausamsten Todes gestorben: wir wären verhungert. Keine Spur von einer menschlichen Wohnung war zu erblicken und wir hofften auch keine zu finden, denn es lag außerhalb aller Wahrscheinlichkeit, daß an einem solchen Ort vernunftbegabte Wesen sein könnten. Wir erwarteten kein anderes Lebewesen zu finden als Insekten, von denen wir weder Hilfe noch Licht erwarten konnten. Wie konnten wir annehmen, daß es Bewohner an einem Ort gebe, wo kein Licht, keine Kräuter, keine Früchte, kein Wasser, überhaupt kein Pflanzenwuchs vorhanden waren? Indessen waren wir sicher, daß wir uns im Schoße unserer heimatlichen Erde befanden und daß wir von der Oberfläche der Erdkugel nur zweiundneunzig geographische Meilen in senkrechter Richtung entfernt sein konnten. Nun konnten wir doch nicht hoffen, durch das Wasser und das Feuer hindurchzukommen, die nach der Überzeugung aller unserer Naturforscher sich im Innern unserer Erde befinden müßten. Wir waren in tiefer Seele betrübt, da wir bei reichlicherem Nachdenken uns sagen mußten, daß wir unmöglich an die Oberfläche der Erde gelangen konnten; wir waren ja selber auf dem Wege in die Welt der Megamikren in unserer Kiste durch Flammen, durch zackige Felsenabgründe und durch schlammige Meere gekommen. Wir erblickten im Geist unsere Kinder in der Megamikrenwelt, wie sie in Verzweiflung wären; aber hierum bekümmerten wir uns am wenigsten und durften es auch nicht. Nur aus dieser furchtbaren Höhle herauszukommen, ein Wunder zu finden, um emporzusteigen und England wiederzusehen, damit beschäftigten sich einzig und allein unsere Gedanken. Unser Megamikre war bereits zwei Stunden fort. Wir hatten unsere Karfunkel uns mitten auf unsere Stirn gebunden und brachten diese der Richtung zu, in der er fortgegangen war. Das Licht seines Karfunkels bemerkten wir nur von Zeit zu Zeit, wenn er sich umdrehte. Wir seufzten in düsterer Traurigkeit. Schließlich bemerkten wir in großer Entfernung einen Lichtfunken, der nicht mehr verschwand und immer in derselben Richtung blieb. Wir schlossen daraus, daß unser Megamikre zurückkehrte. Nach unserer Schätzung war er sechs englische Meilen entfernt, und in dieser Annahme täuschten wir uns nicht, denn er brauchte drei europäische Stunden, um uns wieder zu erreichen. Wir waren prachtvoll gekleidet, mit so reichem Schmuck, wie hier auf Erden nur ein König ihn tragen könnte, denn an unseren Mänteln und Gewändern befanden sich Diamantschnallen. Wenn wir noch unsere Kappen gefunden hätten, so würden wir einen wahren Schatz nach England gebracht haben, denn die Steine, mit denen sie besetzt waren, waren von außerordentlicher Größe und vom reinsten Wasser. Endlich kam unser Gescheckter heran und sagte uns, nach einer Wanderung von zwölf oder vierzehn Megamikrenmeilen durch eine vollkommen gleichförmige und unfruchtbare Ebene sei er an das Ufer eines Teiches mit ruhigem Wasser gekommen, dessen Oberfläche zwei Ellen unterhalb des Erdbodens stehe. Er habe sich nicht durch die Farbe des Wassers erschrecken lassen, das merkwürdigerweise nicht rot, sondern blau oder grün sei, sondern sei hineingesprungen. Bei dem Schein seines Karfunkels habe er zahlreiche Fische gesehen, sie seien nicht geflohen und er habe sie berührt, habe aber nicht gewagt, sie zu ergreifen, weil er gefürchtet habe, sich an ihren scharfen Flossen zu verletzen. Er sei wieder an das Ufer geschwommen und habe da allerlei zusammengerafft. Und dies Allerlei zeigte er uns, indem er seinen Schnappsack vor uns ausleerte. Diese Erzählung interessierte uns sehr. Wir untersuchten beim Schein unserer vier Karfunkel alles, was er uns mitgebracht hatte, und wir sahen Muscheln von verschiedenen Formen, die mir bekannt, und von anderen, die mir völlig fremd waren. Wir verzichteten auf die langen, spitzen und spiralförmigen, weil wir nicht wußten, wie wir sie zerbrechen sollten. Als ich aber Muscheln von der Form unserer Miesmuscheln und große kugelige, die ich für Austern hielt, bemerkte, zog ich mein Messer und öffnete eine Miesmuschel, deren Wasser ich trank. Ich fand es ausgezeichnet, wie auch das von einer der kugelförmigen Muscheln, in der ich wirklich eine Art Auster fand. Die Miesmuschel wie die Auster waren köstlich zart und schmeckten sehr angenehm. Unbedenklich aß ich nun die Muschel und die Auster in mehreren Bissen; denn sie waren sechsmal so groß wie unsere englischen. Ich reichte auch meiner Frau davon, die ebenso unbedenklich aß wie ich. Wir würden nicht so kühn gewesen sein, die Auster zu essen, wenn wir sie nicht von England her gekannt hätten. Vergebens bot ich meine ganze Beredsamkeit auf, um unseren Megamikren-Freund zu bewegen, mit uns zu essen. Ich sagte ihm, er werde Hungers sterben; er antwortete mir, dann werde er zur Sonne eingehn. Ich versetzte, dies sei nicht möglich, denn wir befänden uns außerhalb der Welt des großen Helion. Als er dies hörte, warf er sich zu Boden und begann zu jammern und solche Tränenströme zu vergießen, daß wir das größte Mitleid mit ihm hatten; aber wir wußten nicht, was wir dabei machen sollten. Wir aßen Miesmuscheln und Austern, bis wir keine mehr sahen. Unser Gescheckter fragte uns, ob er hoffen könne, seine Seele zu retten, wenn er Christ werde. Diese Frage rührte uns. Daß ich nicht aus freien Stücken mich bereits erboten hatte, ihn zu taufen, rührte daher, daß ich niemals einen Megamikren aufzufordern pflegte, sich taufen zu lassen; außerdem glaubte ich nicht, daß die Taufe zum Seelenheil notwendig sei. Ich wandte mich also nun dem armen Geschöpfe zu und fragte ihn, ob er von unserer Religion unterrichtet sei; zu unserem Erstaunen sagte er unser Gesetz und unsere Glaubensartikel her. Er sagte mir, der von dem Großen Genius geschleuderte Bannfluch habe ihn davon abgehalten, um die Taufe zu bitten. Ich fragte ihn, zu welcher Familie er gehöre, und er sagte mir, er sei der ältere Bruder meines lieben Senators. Unter Tränen prüfte ich ihn im Katechismus und fand ihn sehr bewandert. Meine gute Frau schluchzte so, daß ich glaubte, sie werde ersticken. Der Megamikre trocknete unsere Tränen mit unseren feinen Tüchern und fragte uns, warum wir weinten. Meine Frau antwortete ihm, wir weinten vor zärtlicher Freude bei dem Gedanken, daß er sich sein Seelenheil sicherte. Zugleich bat sie ihn, zu bedenken, daß die neue Religion, zu der er sich nunmehr bekennen wolle, ihn verpflichte, an die Erhaltung seines Lebens zu denken und Nahrung zu sich zu nehmen. Er antwortete: »Lehrt mich, wie ich es anfangen kann, mich ohne Nahrung zu nähren.« Wir wußten nicht, was wir ihm antworten sollten, und gingen nach dem Teich, da ich ihn nicht ohne Wasser taufen konnte. Wir würden den Weg nicht gefunden haben, wenn er nicht mit einem Löffel, den er in seinem Schnappsack gehabt hatte, Zeichen gemacht hätte. Ohne das Licht unserer Karfunkel und ohne diesen Megamikren wäre ich nicht nach England gekommen. Unterwegs fragte er mich, ob der Fluch des Großen Genius bis in eine andere Welt wirke, wo die Sonne selber keine Macht habe. Erstaunt über diese ebenso einfache wie vernünftige Frage antwortete ich ihm als Philosoph: Wenn die Sonne Gott sei, werde der von ihm gefürchtete Fluch in alle Welten dringen, denn Gott sei überall; da aber die Sonne nur ein Geschöpf sei, so habe er nichts zu befürchten. Wir kamen in zwei Stunden an den Teich, wo ich ihn taufte; ich nannte ihn meinen Sohn und schenkte ihm den Karfunkel. Er überschüttete uns mit unzähligen Liebkosungen, nachdem wir ihn abgetrocknet hatten, und machte die geistreichsten Bemerkungen über das Geschenk des Karfunkels: »Mein Bruder, der Senator, der einzige adelige Sohn meines Vaters, besitzt nicht einen einzigen Stein von diesem Wert, und ich gelange in dessen Besitz in einem Augenblick, da er mir nicht einmal fünf Schüsseln Gemüse verschaffen kann, um mich einen einzigen Tag zu nähren. Ich kann ihn nicht einmal testamentarisch irgend jemandem hinterlassen: ich bitte Euch daher, den Stein wiederzunehmen, wenn ich tot sein werde, und versichere Euch, meine Seele wird ihre Freude dran haben, wenn anders sie imstande ist, sich von dem abzulenken, was in der anderen Welt Gottes Glorie ist.« Diese Unterhaltung tröstete uns etwas in unserer großen Betrübnis. Ich wollte das Wasser dieses Sees oder Teiches oder Flusses kosten – ich wußte nicht, was für ein Gewässer es eigentlich war – und fand den Geschmack ekelhaft, so daß ich es sofort wieder ausspuckte. Es war für uns ein großes Unglück, daß wir kein Wasser hatten; denn der Durst quälte uns. Wir waren bereits sechs Stunden ununterbrochen immer am Ufer des Sees entlang gewandert und waren so müde, daß wir uns nicht mehr auf den Beinen halten konnten, sondern uns zu Boden werfen mußten. Wir dachten, das Wasser des Sees, ob gut oder schlecht, werde uns jedenfalls für den Augenblick erfrischen. Wer von Durst gequält wird, bildet sich ein, irgendeine Flüssigkeit und wenn es selbst Gift wäre, werde doch den Durst löschen. Aber das Wasser mußte erst geschöpft werden und wir hatten ja keinen Topf, kein Glas, keine Schüssel. Da füllte der Megamikre seine hohlen Händchen und wir tranken, ohne uns um den Geschmack zu bekümmern; aber eine Minute darauf überfiel uns eine heftige Übelkeit, die erst aufhörte, als wir nichts mehr im Magen hatten. Hinterher waren wir unglaublich schwach. Wir lagen ausgestreckt bewegungslos und besinnungslos am Ufer des Teiches; so schliefen wir ein und wachten erst nach zwölf Stunden wieder auf. Unser Megamikre, der nicht geschlafen hatte, äußerte seine Befürchtungen wegen unseres langen Schlafes; wir beruhigten ihn darüber und erklärten ihm, daß wir im Gegensatz zu den Megamikren regelmäßig das Bedürfnis zu schlafen hätten. Zu unserer großen Überraschung fühlten wir uns kräftig und vollkommen gesund. Ohne Durst, ohne bitteren Geschmack im Munde, waren wir imstande, weiter zu wandern; aber zu unserer Bekümmernis sahen wir, daß unser Gefährte sehr schwach war. Wir nötigten ihn mit Gewalt, sich abwechselnd von mir und meiner Frau tragen zu lassen, denn wir mußten so bald wie möglich feststellen, wo der See mündete. So wanderten wir sechs Stunden, bis die Müdigkeit uns zwang, wieder haltzumachen. Wir entschlossen uns, etwas zu essen, selbst auf die Gefahr hin, daß hinterher der Durst uns nötigen würde, von dem Seewasser zu trinken. Am Ufer des Sees sitzend, baten wir den Gescheckten, uns wieder einen Vorrat von den Muscheln, wie das erstemal, zu besorgen. Er sprang sofort in das Wasser und kam gleich darauf mit einer großen zweischaligen Muschel und bat mich, diese zu öffnen, um nachzusehen, ob der Inhalt eßbar sei; denn in diesem Falle könne er uns leicht so viele bringen, wie wir nur wünschen könnten, und zwar Muscheln, die viermal so groß wären, wie sein Kopf. Ich öffnete die Muschel sofort und fand darin ein sehr weiches Tier, das wie ein Schwamm aussah und sich nach allen Seiten hin gleichmäßig bewegte. Ich fühlte mich nicht versucht zu essen, aber meine Frau sagte mir, die beiden schönen Schalen könnten uns als Schüsseln dienen: sogleich hatte sie einen prachtvollen Einfall, den sie sofort auszuführen beschloß, aber ohne ihn mir mitzuteilen. Sie rief den Megamikren zu sich heran und begann ihm die Brust leerzusaugen und die Milch in die Muschel fließen zu lassen, sobald ihr Mund voll war. Mit großer Geschicklichkeit saugte sie so viele Milch ab, daß sie ihm in den Muschelschalen fünf Portionen reichen konnte, die er mit den Zeichen der größten Dankbarkeit zu sich nahm. Eine Stunde später fand er sich so gut genährt, wie wenn er die Milch seines eigenen Unzertrennlichen erhalten hätte. Er sagte uns, er wisse wohl, daß dies das einzige Mittel sei, um ihn vielleicht nun noch eine Ernte lang am Leben zu erhalten; aber er habe nicht gewagt, uns dies zu sagen, weil es nicht unserer Würde entspräche, ihm diesen großen Dienst zu leisten. Elisabeth versicherte ihm, daß sie es sehr gerne jeden Tag tun werde. Diensteifrig machte er sich auf, uns etwas zu suchen, damit wir eine gute Mahlzelt halten könnten. Ich sagte ihm, er würde mir einen Gefallen tun, wenn er mir die größte Muschel brächte, die er entdecken könnte; nur müsse es eine zweischalige sein, denn mit den kegelförmigen oder spitzen könnte ich nichts anfangen. Er begann zu tauchen und brachte uns in weniger als einer halben Stunde in drei oder vier Füllungen seines Schnappsackes so viele Muscheln, daß zwölf Personen davon hätten satt werden können. Außerdem brachte er uns sechs Fische, die er mit den Händen zu greifen gewagt hatte, weil sie keine Stacheln hatten. Ich bin nicht in der Lage, diese Fische zu benennen; der Form nach waren sie von allen uns bekannten verschieden; sie hatten, was nicht weiter zu verwundern ist, da sie in vollständiger Dunkelheit lebten, keine Augen. Der Megamikre sagte mir, er würde mir eine prachtvolle Muschel gebracht haben, wenn er stark genug gewesen sei, sie zu tragen; sie sei aber doppelt so groß wie mein Kopf. Ich fragte den Gescheckten, ob der See sehr tief sei, und da antwortete er mir, die Tiefe betrage keine zwanzig Ellen, so war ich rasch entschlossen. Ich ließ mir Haare und Bart von meiner lieben Frau in ein Tuch einwickeln und sagte dem Gescheckten, er möchte mit mir bis an die Stelle schwimmen, wo ich durch senkrechtes Tauchen die Muschel finden würde. Dies geschah. Wir hatten drei Karfunkel bei uns, die im Wasser ebenso hell leuchteten wie im Licht; sobald ich die schöne Muschel sah, nahm ich sie in den Arm und schwamm mit dem anderen an das Ufer. Sobald ich abgetrocknet war, machte ich mich daran, sie zu öffnen. Dies gelang mir auch, wenngleich mit vieler Mühe; denn so schwach auch der Schließmuskel war, so war doch die Muschel selbst so hart wie Stein. Auf diese Weise setzte ich mich in den Besitz von zwei schönen Näpfen, von denen jeder mehr als sechs Pfund Wasser enthielt. Das innere der beiden Schalen war so blank und glatt wie das schönste japanische Porzellan. Ich setzte mich nun an den Rand des Sees und machte zwei kleine Betten von Tang, den ich in reichlicher Menge am Ufer fand; auf dieses stellte ich meine beiden Muscheln. Dann begann ich Austern und Miesmuscheln zu öffnen und legte die halb in ihnen enthaltenen Tiere in die eine Schale, nachdem ich ihr Wasser in die andere gegossen hatte. Als ich sah, daß ich reichlich zwei Schoppen hatte, lud ich meine Frau zum Mahle ein; wir aßen Muscheln und Austern und tranken dazu von Zeit zu Zeit einen Schluck, bis wir uns satt fühlten. Die Fische hätten eine bessere Nahrung gegeben, aber ich hätte sie kochen müssen und dazu fehlte mir Brennstoff. Wir hatten zwar alle drei eine Dose mit Brennpulver, daß man bei den Megamikren stets bei sich trägt, um die Räucherkräuter anzuzünden. Aber in diesem Augenblick nützte uns das Brennpulver nichts, weil ich nur Seetang hatte; ich versuchte zwar diesen anzuzünden, aber vergeblich: er wollte nicht in Brand geraten. Unser Getränk war übrigens köstlich: es wäre aber noch bekömmlicher gewesen, wenn es einen weniger harten Geschmack gehabt hätte. Es tat uns leid, daß unser lieber Freund fasten mußte; ich hätte Mehl haben müssen, um ihn zu ernähren, aber ich sah kein Korn und wußte auch keine Möglichkeit zu ersinnen, eine Mühle herzustellen. Wir überließen uns einem sanften Schlummer, der gut vier Stunden dauerte; beim Erwachen fühlten wir uns kräftig genug, um unsere Reise fortzusetzen, unsere beiden Schalen nahmen wir mit; die toten Fische, mit denen wir nichts anzufangen wußten, warfen wir in den See zurück, wo jedenfalls größere Fische sie verspeist haben werden. Wir marschierten zehn Stunden lang, ohne etwas Neues zu sehen, immer am Ufer des Sees entlang. Es blieb der gleiche Boden, das gleiche Schweigen; diese Eintönigkeit brachte uns zur Verzweiflung. Wir mußten Berge sehen: jeder Schritt, den wir in der Ebene machten, schien uns verloren zu sein und war es auch wirklich; denn vorwärts konnten wir nur kommen, wenn wir emporstiegen. Der See mußte aber doch einmal ein Ende und das Wasser mußte eine Quelle haben. Beides am Fuße eines Gebirges zu finden, war unser Sehnen. Die Natur sagte uns, daß wir uns durch ein wenig Nahrung neue Kräfte erwerben müßten, und unser Gescheckter ging daher wieder auf die Jagd. Der Wunsch, mir Feuer zu verschaffen, veranlaßte mich, einen neuen Versuch mit dem Seetang zu machen: ich hoffte, ihn in Brand setzen zu können, wenn ich das Feuer von unten wirken ließ. Ich machte also mit einer Art Sand, den ich aufraffte, einen halbkreisförmigen Ofen, legte auf diesen den Seetang und darunter das Brennpulver. Der Seetang gab nur einen dichten Rauch von sich, aber zu meiner großen Überraschung sah ich den Sand sich entzünden. Der Megamikre sagte mir, dieser Sand sei Naphtha in Pulverform. Das Pulver hatte einen unangenehmen Geruch beim Verbrennen, aber das Feuer war so stark, daß es vom Wasser nicht gelöscht, sondern im Gegenteil nur noch mehr angefacht wurde. Es war das sogenannte griechische Feuer. Kaum hatte ich diese Entdeckung gemacht, so bat ich unseren Freund, mir Fische von der Art der in den See zurückgeworfenen zu holen. Ich baute mir einen neuen Ofen, diesmal nicht von dem brennbaren Sand, sondern von einem dicken Lehm, den ich in einiger Entfernung vom Seeufer fand und in meinen Händen herbeitrug. Ich legte das Naphthapulver in die Mitte des Ofens, wie man es sonst mit Holz tut. Und dann öffnete ich so viel Austern und Muscheln, daß ich mit ihrem Wasser eine von meinen Schalen beinahe ganz ausfüllte. Ich stellte diese auf die Ränder des Ofens und zündete den Sand an, dessen Flamme das Wasser in der Schale in weniger als einer Viertelstunde zum Kochen brachte. Der Megamikre hatte mir zwei schöne Fische ohne Stacheln gebracht, die ich in einem Augenblick ausnahm: ich fand in dem einen eine Menge Rogen, in dem anderen Milch, die ich beide beiseite legte. Als ich sah, daß meine Fische gar gekocht waren, legte ich sie in die andere Schale und tat in die Brühe die Eier und die Milch: die Eier gingen auseinander und die Milch gerann. Wir hielten eine köstliche Mahlzeit; besonderes Vergnügen machte es uns, daß der Megamikre zehn oder zwölf Löffel voll von diesen Fischeiern als Zwischengericht zu seiner eigenen Milch aß, die meine gute Frau ihm in der kleinen Muschelschale reichte, nachdem sie sie ihm abgesaugt hatte. Hocherfreut waren wir, als wir nach einigen Stunden sahen, daß diese Nahrung unserem lieben Kleinen keinen Schaden getan hatte; aber leider war unsere Hoffnung vergeblich: die Nahrung entsprach doch nicht seiner Natur und bald mußten wir sehen, daß er jeden Tag magerer wurde. Wir mußten uns also darauf vorbereiten, ihn zu verlieren. Der Magen der Megamikren ist so eingerichtet, daß sie nur Speisen verdauen können, die beinahe flüssig sind; die aus Mehl und Kräuterresten bestehenden Fischgerichte sind die einzige Speise, die sie außer der Milch ihrer Unzertrennlichen vertragen können. Wir verfielen nach dieser Mahlzeit in einen süßen Schlummer. Nach zehn Stunden erwachten wir und nahmen unsere Wanderung wieder auf, die wir wieder zehn Stunden lang ohne jede Unterbrechung fortsetzten, da wir ein Gemurmel hörten, das aus weiter Ferne an unsere Ohren drang und immer stärker wurde. Wir waren ungeduldig, zu sehen, was dieses Geräusch zu bedeuten habe, und erlaubten uns daher keinen Augenblick Ruhe, als bis wir an einer Quelle angelangt waren, die dieses Geräusch verursachte. Es war ein ziemlich kräftiger, aber nicht sehr wilder Wasserfall. Mit besonderer Freude sah ich, daß das Wasser von einer Anhöhe herabkam, die sich unmittelbar am See erhob. Gott sei gelobt, sprach ich zu meiner Frau, wir werden jetzt das Steigen beginnen; wir müssen aber tüchtig essen und ordentlich ausruhen. Denn die Anstrengung des Steigens wird viel größer sein als bisher unsere Wanderung in der Ebene. Wir setzten uns also an das Ufer des Sees und aßen wie beim vorigen Mahle nach Herzenslust. Unser Kleiner brachte uns zehn oder zwölf Fische, die ich sofort abkochte; sie sahen ähnlich aus wie Krebse. Der Megamikre sagte uns, es seien viele von dieser Sorte im See; die vorigen Male habe er uns aber keine mitgebracht, weil er sie jedesmal mit ihrem Unzertrennlichen beschäftigt gesehen habe; er nannte sie demgemäß »schamlose Fische«. Ich fand es eigentümlich, daß auch wir aus der Oberwelt ein Schaltier haben, das fast immer im Begattungsakt getroffen wird; es heißt infolgedessen Alpheste, was dasselbe bedeutet wie das Megamikrenwort für »schamlos«. Wir fanden die Fische köstlich, ebenso das Wasser, das unser Megamikre uns von der Quelle holte. Nachdem wir uns mit Speise und Trank erfrischt hatten, überließen wir uns einem langen Schlaf. Nach unserem Erwachen dachten wir vor allen Dingen daran, uns mit so vielen Lebensmitteln zu versehen, wie wir nur irgend tragen konnten; denn wir mußten befürchten, daß wir im Gebirge keine Nahrung mehr finden würden. Ich füllte die großen Taschen unserer Mäntel mit einer Menge Naphtha, mit Alphesten und mit so vielen Muscheln, wie hineingingen. Es tat mir vor allen Dingen leid, das ausgezeichnete Wasser zurücklassen zu müssen, da wir durchaus nicht sicher waren, daß wir anderes trinkbares Wasser finden würden. Ich war fest entschlossen, unter keinen Umständen wieder umzukehren. Wir begannen zu steigen und nach kaum zwei Stunden hörten wir nicht das geringste Geräusch mehr. Wir gingen langsam, waren aber trotzdem bald so ermüdet, daß wir ausruhen mußten; wir versuchten uns wieder zu kräftigen, indem wir etwas aßen. Nach diesem Frühstück marschierten wir zehn Stunden lang, während welcher wir nur von Zeit zu Zeit einen Augenblick stehenblieben, um Atem zu schöpfen. Der Weg wurde bald sehr steil, das Erdreich war vollkommen unbewachsen; wir wanderten in einer natürlichen Höhle, deren Wölbung bald sehr hoch war, bald aber auch so niedrig, daß wir uns bücken mußten, um vorwärts gehen zu können. Völlig erschöpft machten wir halt, als wir an ein kleines Fleckchen ebenen Erdreichs von etwa sechs Ellen im Geviert kamen. Ein Bächlein mit recht gutem Wasser floß unmittelbar vorbei; beim Scheine von vier Fackeln, wie kein Monarch der Oberwelt sich rühmen kann, sie zu besitzen, nämlich unserer Karfunkel, öffnete ich Austern und Muscheln in genügender Menge. Hierauf brachte ich Wasser zum Kochen und kochte einen schönen Fisch, den wir aßen. Die Brühe tranken wir hinterher, nachdem Elisabeth auch den Megamikren gespeist hatte. Nachdem wir zehn Stunden geschlafen hatten, machten wir uns frischgekräftigt wieder auf den Weg; leider waren unsere Beine an den Knöcheln geschwollen und wir hatten keine Schuhe mehr, denn die bisher von uns getragenen waren auf dem felsigen Erdreich, über das unser Weg führte, bereits zerrissen. Schenkel, Arme und Rücken schmerzten uns dermaßen, daß wir sie nicht bewegen konnten, ohne jeden Augenblick unwillkürlich zu stöhnen. Das größte Unglück war für uns, daß wir ohne Schuhe auf den spitzen Steinen marschieren mußten; denn wir konnten leicht voraussehen, daß dies bald verhängnisvolle Folgen haben würde. In diesem kläglichen Zustand hatten wir trotzdem die Kraft, elf Erdentage zu wandern. Aber wie sahen wir aus, als wir zum elften Nachtlager uns ausstreckten! Unsere Beine waren furchtbar angeschwollen, die Fußsohlen ganz zerrissen und blutig; wir mußten befürchten, daß unsere offenen Wunden brandig würden. Es war verhältnismäßig noch das geringste Unglück, daß wir als ganze Nahrung für uns nur noch wenige gekochte Fische und etwa ein Dutzend Austern besaßen. Unser Freund, dem meine Frau zweimal täglich seine Milch reichte, hielt sich noch am besten aufrecht; aber er war sehr abgemagert. Wir aßen das Wenige, was wir noch hatten. Bevor wir uns ausstreckten, um uns, wenn möglich, einen süßen Schlummer zu verschaffen, warf ich einen Blick auf meine Füße und Beine und auf die meiner Frau und sah mit Verzweiflung, daß es uns unmöglich sein würde, unseren Weg fortzusetzen, wenn die Entzündung nicht zurückging. Wir hätten auf der Stelle sterben müssen. Meine Frau konnte nichts anderes tun, als daß sie unsere Taschentücher mit einer köstlichen Essenz tränkte, die sie bei sich hatte; mit diesen umband sie die Stellen, wo uns die Gefahr am größten schien. Als wir erwachten, war die Entzündung vollkommen verschwunden; die Schrammen waren vernarbt, wir fühlten uns vollkommen kräftig. Nur die Fußsohlen waren noch voll von blutigen Stellen. Hierbei war aber nichts zu machen; wir mußten weiter wandern auf die Gefahr hin, daß wir tot niedersinken würden. Wenn unser Schicksal es so bestimmt hatte, so mußte es sich erfüllen. Wir waren sicher, in diesen elf Tagen mindestens 220 englische Meilen bergaufwärts gemacht zu haben. Wir mußten uns infolgedessen mindestens 30 Meilen in senkrechter Richtung höher befinden als die Stelle, von der wir ausgegangen waren. Ich war der Meinung, wir müßten der gütigen Vorsehung auch selber helfen, uns zu retten; solange wir noch einen Atemzug hätten, müßten wir daher vorwärtsgehen, um so hoch zu kommen, wie es überhaupt möglich wäre. Wenn wir nur höher kamen, war ich befriedigt; der Gedanke, daß wir immer abwärts gehen müßten, machte mich schaudern. Hundertmal sagte ich dem Megamikren, wenn er mich darauf aufmerksam machte, daß wir abwärts gehen müßten, um vorwärtszukommen, weil wir sonst umkehren müßten: so lange wir emporsteigen, kommen wir auf unserer Wanderung vorwärts, denn deren Ziel ist nur der Gipfel des Berges, an welchem wir die Öffnung der Grotte finden werden. »Vorwärts!« rief ich aufspringend; »wir gehen so lange, wie wir noch einen einzigen Schritt machen können, und wenn wir Hungers sterben müssen!« Während der ersten Viertelstunde unserer neuen Wanderung waren die Schmerzen in den Fußsohlen fast unerträglich; aber wir kamen doch vorwärts, wenngleich sehr langsam, und als unsere Füße erst warm geworden waren, ließen auch die Schmerzen nach. Nachdem wir einen kleinen Umweg gemacht hatten, wozu uns der Berg nötigte, sahen wir alle drei ein Licht, das wie ein Stückchen farbigen Himmels aussah, der sich oberhalb einer großen Anhöhe erstreckte. Dieser überraschende Anblick machte uns Mut und ich sah bei dieser Gelegenheit, daß der Mut wirklich Kräfte gibt, die man bisher nicht gehabt hat. Je höher wir stiegen, desto glänzender wurde das Licht und breitete sich immer weiter aus. Wir hatten jetzt keine Furcht mehr, daß wir umkommen müßten. Man braucht wirklich nur ein Licht, um in der größten Not neue Hoffnung zu fassen. Mein Nachdenken sagte mir, daß dieser Schein, den ich sah, nicht der Himmel unserer Oberwelt sein könnte; denn wir wagten nicht zu hoffen, daß wir der Oberwelt bereits so nahe wären. Was konnte es also sein? Licht ist es; und Licht kann nur eine gute Bedeutung für uns haben. Wenn Gott es will, so werden wir entdecken, woher dieses Licht stammt. Nach vier Stunden wurde dieser rötliche Lichtschein so stark, daß wir unserer Karfunkel nicht mehr bedurften. Meine Frau hoffte, es sei das Tageslicht; der Megamikre aber glaubte, er käme wieder in seine Megamikrenwelt zurück. Ein furchtbares donnerndes Geräusch traf unsere Ohren, aber immer nur in Zwischenräumen. Ich sah hinter mir völlige Dunkelheit; zur Rechten und zur Linken erstreckten sich hohe Wölbungen ohne Ende und vor mir sah ich den Lichtschein, wenn ich meine Augen erhob. Nachdem wir 200 Schritte steil emporgestiegen waren, mußten wir uns ausruhen; da wir aber nicht mehr das Geringste zu essen hatten, so begriff ich, daß wir uns nur sehr kurze Zeit aufrechterhalten könnten, denn wenn unsere Fußsohlen wieder abgekühlt wären, hätten wir den Weg nicht weiter fortsetzen können. Die Tränen meiner Frau zerrissen mir das Herz, obwohl ich nicht weniger litt als sie; ich glaubte aber gegen uns selbst grausam sein zu müssen. Sobald ich bemerkte, daß die Ruhe uns behagte, sprang ich auf und erklärte ihr, wir dürften uns nicht von unserer Weichlichkeit verführen lassen, weil wir sonst sicherlich verhungern würden. »Dort oben auf dem Berge«, rief ich aus, »werden wir Leben oder Tod finden: die Quelle dieses Lichtes ist ganz gewiß nicht in einer Höhlung des Gebirges.« Ein neues Unglück, das die schlimmsten Folgen hätte haben können, hätte uns beinahe allen Mut geraubt und uns vollständig zur Verzweiflung gebracht. Seit drei Stunden hatte die Luft sich abgekühlt; die Kälte wurde immer grimmiger und wir litten unter ihr so sehr, daß wir es kaum noch aushalten konnten. Der Megamikre war so erschöpft, daß er sich zur Erde sinken ließ und nicht weitergehen konnte; ich mußte ihn auf meinen Arm nehmen. Außerdem sahen wir zu unserer Linken einen unermeßlichen Abgrund, aus dem ein orkanartiger Wind herausblies, der unsere Leiden vermehrte, weil er die Kälte noch empfindlicher machte. Andererseits half er uns aber auch auf unserer Wanderung, weil er von hinten wehte und uns auf diese Weise vorwärtstrieb. Plötzlich waren wir am oberen Ende der furchtbaren Bergkletterei angelangt; wir sahen uns am Rande einer großen Ebene, die ganz mit Gräsern und Kräutern bedeckt war; zugleich erblickten wir rechts von uns in einer Entfernung von ungefähr drei englischen Meilen eine Flamme, die etwa hundert Schritte breit sein mochte. Die Höhe dieser Flamme betrug anscheinend ungefähr fünfzig Schritte; in Wirklichkeit mußte sie viel bedeutender sein, denn sie kam aus einer Höhlung des Berges hervor. Bei dem Schein dieser Flamme sahen wir über uns das unermeßliche Gewölbe, dessen Ende nicht abzusehen war. Es entsprach vollkommen den Beschreibungen, die man uns in unserer Jugend von der Hölle gemacht hatte. Wir sprachen darüber untereinander, aber ohne Angst; wirkliches Leiden benimmt oft die Furcht vor eingebildeten Gefahren. Als wir ein Stück Weges in dieser Ebene zurückgelegt hatten, hörte der Wind auf und auch die Kälte war nicht mehr zu spüren. Wir setzten uns in das Gras. Kaum hatte der Wind aufgehört, ließ der grollende Donner, den wir vorher schon vernommen hatten, sich abermals hören. Er war aber unregelmäßig, wie die Flamme selber, die bald höher aufflackerte, bald in sich zusammensank. Wie es uns schien, warf das Feuer feste Körper von beträchtlichem Umfang aus: wir sahen diese von allen Seiten emporsteigen und in den Krater zurückfallen. Der Hekla auf der Insel Island, den wir vor einundachtzig Jahren gesehen hatten, war im Vergleich zu diesem Vulkan nur ein Strohfeuer. Während wir bei diesem Anblick wie betäubt saßen, hatte unser kleiner Freund im Busen meines Mantels seine natürliche Wärme wiedergewonnen. Er sagte uns, er fühle sich kräftig genug, um sich auf den Weg zu machen und nachzusehen, ob er nicht irgendwelche Nahrung entdecken konnte. Wir entließen ihn mit unseren besten Segenswünschen. Unsere Füße waren ganz blutig; die Schmerzen kaum noch erträglich. Während der anderthalb Stunden, die unser kleiner Freund fort war, trat in unsere Wunden der Brand. Die Angst schnürte uns fast die Herzen zusammen. Nachdem der Wind aufgehört hatte, war die Luft warm geworden, war aber so von Schwefeldunst erfüllt, daß wir dachten, der Gestank werde uns töten. Außerdem wurde uns eine furchtbare Angst eingejagt bei dem Anblick einer Menge von großen und kleinen Schlangen, die mit entsetzlichem Zischen um uns herumkrochen und uns oft ganz nahekamen. Ich hatte zwei Pistolen mit Pulver und Kugeln bei mir; diese konnten mir aber nichts nützen, denn die Schlangen waren zu zahlreich. Meine Frau, das arme Weib, schien in Ohnmacht gefallen zu sein. Plötzlich kehrte unser Megamikre ganz atemlos zurück und warf sich in meine Arme. Er sagte uns, er fliehe vor drei Schlangen, die er gesehen habe; sie seien allerdings nicht ein Zehntel so groß wie die heiligen Schlangen in seiner Welt, aber die sähen ganz ähnlich so aus wie diese und zischten auch ebenso; wir möchten uns doch ja vor ihrer berechtigten Wut und Rache in acht nehmen. Ohne mich um meine Schwester zu bekümmern, suchte ich zunächst den guten Kleinen zu beruhigen. Ich versicherte ihm, erstens könnten nur denkende Leben Rachepläne schaffen. Zweitens könnten die Schlangen, die er gesehen hatte, nicht wissen, daß ich die heiligen Schlangen getötet hätte. Die Schlangen, die wir hier sehen, wären nicht bösartig; wir müßten uns nur in acht nehmen, daß wir nicht auf sie träten. Das Zischen sei weiter nichts als ihre Sprache. Um ihn zu beruhigen, tat ich denn auch, wie wenn ich über das Zischen der Schlangen lachte, die um uns herumkrochen; meine gute Frau war mutig genug, es über sich zu gewinnen, daß sie ebenfalls über die Schlangen und ihr Zischen lachte. Dies genügte, um dem guten Kleinen das Leben wiederzugeben. Er zitterte wie Espenlaub, aber unsere Reden nahmen ihm jede Furcht. Das war gut, denn es war für uns sehr notwendig, daß seine kleine Seele im Gleichgewicht blieb. Wir leerten nun seinen Schnappsack, der mit allerlei Kräutern von verschiedener Art angefüllt war. Ich betrachtete aufmerksam fünf oder sechs duftige Pflanzen; ihr lieblicher Geruch sagte mir, daß sie eßbar seien. Eine von diesen glich unserm Fenchel, den ich einmal in England gegessen hatte. Ich zog mein Messer hervor, um eine von den Pflanzen zurechtzumachen. Dies gelang mir auch ganz gut; als ich sie aber zum Munde führen wollte, da sah ich etwas Furchtbares! Großer Gott, welch ein Augenblick! Meine ganze Seele schauderte zusammen. Ich saß neben meiner Frau im Grase. Der Megamikre stand aufrecht zwischen meinen Beinen. In diesem Augenblick sah ich nur vier Zoll von meinem Knie entfernt eine Schlange, die mich erhobenen Hauptes mit flammenden Augen ansah, während ihre heftige Zunge aus dem Rachen hervorragte. Die Schlange war nicht dicker als ein dicker Aal, aber sie war mindestens zwei Klafter lang. Ein Gefühl des Ekels, das ich nicht zu erklären vermöchte, machte mich bewegungslos und raubte mir die Sprache. Ich hielt die Fenchelwurzel einen Zoll breit von meinem Munde entfernt unbeweglich in meiner Hand; dabei klopfte mir das Herz, wie wenn es mir aus dem Leibe springen wollte. Meine Frau, die wegen unseres vor ihr stehenden Megamikren die Schlange nicht sehen konnte, fragte mich überrascht wegen meines Zögerns: »Hast du etwa Angst, die Wurzel könnte giftig sein?« Mit diesen Worten nahm sie mir den Fenchel aus der Hand und führte ihn zum Munde. Sie zerkaute die Wurzel und versicherte mir, sie sei köstlich. Ich griff plötzlich in die Tasche meines Mantels, um eine Pistole zu ergreifen. Ich verwandte keinen Blick von dem scheußlichen Reptil. Meine Frau nahm den Rest des Fenchels, schnitt davon ein Stück ab, das sie mir in den Mund steckte. In dem Augenblick, als sie wieder ein Stück abschneiden wollte, näherte der Megamikre sich ihr und sie sah die Schlange. Bei diesem Anblick stieß sie einen so furchtbaren Schrei aus, daß der Gescheckte ihr in den Schoß fiel und die Schlange entfloh. Ohnmächtig sank meine Frau auf mich. Ich fand in ihrer Tasche ein Büchschen mit einer Essenz, die sie besonders liebte, und rieb ihr die Schläfen damit ein. Hierauf ließ ich sie daran riechen und bald darauf kam sie wieder zur Besinnung. Ich sagte zum Megamikren, der ganz verzweifelt war, weil er glaubte, er habe Gift gebracht: sie sei nur infolge der Schmerzen ihrer wunden Fußsohlen in Ohnmacht gefallen. Kaum war sie zur Besinnung gekommen und sah die Schlange nicht mehr, so fragte sie mich, ob ich das scheußliche Tier gesehen hätte. Ich sagte ihr die ganze Wahrheit und sagte ihr offen, daß ich große Angst gehabt hätte. Zugleich aber erklärte ich ihr: wir müssen den Entschluß fassen, vor diesem verfluchten Gewürm keine Furcht zu haben, sondern nur ernstlich daran denken, unsere Gesundheit wiederzuerlangen und vor allem ein Mittel zu finden, um in Zukunft unsere Fußsohlen zu schützen. Denn es sei wohl möglich, daß wir noch nicht den dritten Teil des Weges bis zur Oberfläche unserer Welt zurückgelegt hätten. Wir wandten uns mit unseren Gebeten an Gott, dessen Mitleid wir anflehten, um uns aus aller Qual zu befreien. Niemals hatten wir inbrünstiger und mit glühenderem Eifer gebetet. Ich kam aus einer Welt, wo ich der Erste, wo ich sozusagen Herr der Natur gewesen war; und nun sah ich mich in der Welt, wo ich geboren war, als ein armseliges, jämmerliches Geschöpf. So ist der Mensch! O du Senator, was hast du angerichtet! Wir aßen den ganzen Fenchel, der vorhanden war; und nachdem wir unserm lieben Freund seine Nahrung gegeben hatten, begann ich auch alle anderen Pflanzen zu untersuchen. Ich fand darunter grüne Bälle in der Größe von Weintrauben. Wir erkühnten uns, sie auszusaugen, und wagten am nächsten Tage sogar, sie ganz und gar zu essen. Sie waren süß. Wir aßen sie jedoch nicht mehr, als wir merkten, daß sie abführend wirkten, wenn auch nur leicht; die Frucht hatte einen harzigen Saft, der dem der Purgierwinde glich. Verschiedene Latticharten und andere Pflanzen ließ ich unberührt, da wir nach der Versicherung unseres Megamikren sehr reichlich Fenchel zur Verfügung hatten. Ich sah auch eine kleine Pflanze mit einer Zwiebel, die sehr saftig war; sie war aber nach meiner Meinung zu klein. Ich fragte daher unsern Pflanzensammler, ob er nicht auch größere von der Sorte gesehen hätte, und er zeigte mir vier Schritte von uns entfernt eine Pflanze, die so groß war wie er selber. Es war eine Szilla, ein Liliengewächs. Nach der Höhe der Pflanze zu rechnen, mußte ihre Zwiebel doppelt so groß wie mein Kopf sein. Sie ist die saftreichste aller Lilienzwiebeln; ich füllte unverzüglich unsere Muschelschalen mit ihrem Saft. Ich kostete diesen, trank aber nur sehr wenig, denn ich weiß, daß es eines der stärksten harntreibenden Mittel ist, die die Natur aufzuweisen hat. Der Saft schmeckte fast wie Wein; ich wollte wissen, ob er uns als Getränk dienen könnte, und ließ zu diesem Zweck meine Schalen stehen, um erst abzuwarten, welche Wirkung das Getränk auf uns ausübte. Elisabeth besprengte unterdessen einige Lattichblätter mit ihrer Essenz und verband unsere Füße mit diesen Blättern und mit Schnupftüchern. Unser Freund ging wieder auf die Jagd nach Pflanzen; er hatte sich fest vorgenommen, unter keinen Umständen auf eine Schlange zu treten. Er brachte uns bei seiner Rückkehr eine Menge Fenchel und auch viele Körner und sagte uns, in der Richtung nach der großen Flamme höre in einer Entfernung von einer Viertelstunde der Pflanzenwuchs gänzlich auf; der Boden sei mit einem Staube bedeckt, der wie Schwefel aussähe, und er habe darin Löcher gefunden, die mit rauchendem Wasser angefüllt gewesen seien; sie hätten einen Durchmesser von etwa zwanzig bis dreißig Ellen. Auf der Wiese habe er einen Brunnen mit kaltem Wasser gefunden, das ihm aber bei einem Versuch sehr unangenehm geschmeckt habe. Sodann zeigte er uns in geringer Entfernung eine kleine Anhöhe, die nicht mit Pflanzen bewachsen war; auf dieser konnten wir uns ausstrecken, ohne Furcht, von den Schlangen behelligt zu werden. Der gute gescheckte Megamikre erschien uns als ein Schutzengel in menschlicher Gestalt. Ich sah die kleine Erhöhung und beschloß sofort, daß wir uns dort niederlassen wollten, nachdem wir uns aus Gras und Kräutern ein Bett gemacht hatten, auf das wir die Muschelschalen mit dem Saft der Lilienzwiebel stellten. Wir krochen auf Händen und Knien bis zur Anhöhe, da wir nicht gehen konnten; denn die Wunden auf den Fußsohlen schmerzten so entsetzlich, daß wir bei einem Versuch, aufrechtzugehen, hätten sterben können. Der Boden der kahlen Anhöhe war nicht weich zu nennen; es war ein harter Sitz, aber wir zogen ihn dem Ort, wo wir bisher gewesen waren, doch vor, weil wir dort immer Angst gehabt hatten, daß eine Schlange uns überfallen konnte. Meine Frau zitterte vor Angst und ich muß gestehen, daß auch ich nicht mutiger war als sie; mit irgendwelchem Aberglauben hatte diese Furcht bei mir aber sicherlich nichts zu tun; eine unüberwindliche Abneigung mußte meine Gefühle beherrschen. In weniger als einer halben Stunde sahen wir uns plötzlich von mehr als zwanzig großen Schlangen umringt; sie krochen um die kleine Anhöhe herum und sahen uns mit ihren giftigen Augen an. Wir hüteten uns aber, sie durch Bewegungen mit unserem Mantel oder durch Werfen mit Erde zu erschrecken, denn wir hatten Angst, wir könnten sie dadurch nur noch mehr reizen, meine Frau fragte mich, ob ich nicht vielleicht meinte, daß sie recht laut schreien solle, da doch auf ihren ersten Schrei hin die Schlange sich davongemacht habe; ich bat sie aber, dies lieber nicht zu tun. Wir beschlossen, ganz stille zu sein und die Schlangen einfach nicht anzusehen. Das war auch gewiß das beste, was wir tun konnten. Wir sahen den Megamikren auf uns zukommen, aber nicht über die Wiese, sondern von einer andern Seite her. Er sagte mir, man müsse sorgfältig vermeiden, das Gras zu betreten; denn überall seien Schlangen, er habe sogar sechs, sieben und acht Schlangen miteinander verschlungen gesehen. Er war ganz erstaunt, daß wir inmitten dieses ganzen Gezüchtes so ruhig waren; schließlich nahm unsere zuversichtliche Miene auch ihm jede Furcht. Er brachte uns Fenchel, neue Kräuter und eine schöne Lilienzwiebel von anderer Farbe; da ich den Saft derselben sofort versuchen wollte, bat ich ihn, eine von unseren Muschelschalen zu leeren. Er nahm die Schale in seine beiden Hände und goß das Wasser fort, so weit er nur konnte. Bei diesem Guß zischten alle diese scheußlichen Schlangen und stürzten sich auf den Ort, auf den das Wasser gefallen war. Wir atmeten auf, es war für uns eine wichtige Entdeckung und ich beschloß, wohl achtzugeben, daß ich immer einige Schalen mit Wasser zur Hand hätte. Hierauf drückte ich den Saft der Lilienzwiebel aus und fand, daß der Saft beinahe ebenso schmeckte wie der andere. Wir fühlten, daß die Augenlider uns schwer wurden, und beschlossen, trotz der Schlangen zu schlafen, nachdem wir unsern Freund gebeten hatten, während unseres Schlummers sich nicht von uns zu entfernen. Wir freuten uns, als er uns unaufgefordert sagte, er würde die Schlangen, wenn sie uns zu nahe kämen, mit Wasser bespritzen. Wir schliefen acht Stunden lang so gut, wie wir es nur in den besten Betten hätten tun können. Kaum waren wir erwacht, so untersuchten wir unsere Wunden: wir fanden, daß etwas Flüssigkeit ausgetreten war, aber wir fühlten uns viel besser und die Anschwellung unserer Beine hatte sich bedeutend vermindert. Wir wickelten sie wieder in andere Lattichblätter ein und nahmen andere Taschentücher, die der Megamikre uns inzwischen gewaschen hatte. Nachdem Elisabeth ihm seine gewöhnliche Nahrung gereicht hatte, aßen wir selber Fenchelwurzel und tranken einen tüchtigen Teil Lilienzwiebelsaft; denn da wir keine harntreibende Wirkung desselben verspürt hatten, so mußte dieser Saft ein recht gutes Nahrungsmittel sein. Nachdem unser kleiner Freund etwa eine Stunde lang allerlei recht vernünftige Gedanken über unsere Welt und die seinige ausgesprochen hatte, machte er sich wieder auf eine kleine Entdeckungsreise. Zwei Stunden später sahen wir ihn mit einer Wurzel zurückkehren, die er aus der Erde gegraben hatte. Es war eine Trüffel, die ich an ihrem ausgezeichneten Geruch als besser erkannte, als die Trüffel unserer Oberwelt. Sie war so groß wie meine Faust, weiß mit blauen Punkten und roten Äderchen. Ich schälte eine Art Rinde ab, mit der sie bedeckt war, und wir aßen sie mit der größten Lust, indem wir dazu unseren Lilienzwiebelwein tranken. Als der Kleine sah, daß wir Lust hatten zu schlafen, machte er uns ein prächtiges Ruhebett aus Kräutern zurecht, auf welchem wir wieder ausgezeichnet schliefen. Bei unserem Erwachen sagte er uns lachend und in bester Laune: in den zehn Stunden unseres Schlummers habe er mehr als vierzig Schlangen verscheucht, die manchmal zu zweien und zu dreien auf uns losgegangen seien. Sie hätten sich aber entfernt, wenn er Wasser ausgeschüttet oder Gras geworfen hätte; infolgedessen habe er zuletzt immer nur mit Gras geworfen. Ich dankte ihm für seine treue Wacht und belehrte ihn über die wirkliche Natur unseres Schlafes, den er als Megamikre natürlich nicht begreifen konnte; ferner sagte ich ihm, daß wir ja den Weg nicht wüßten, den wir zu gehen hätten, soviel sei aber sicher, daß wir immer emporsteigen müßten und zwar wahrscheinlich noch lange Zeit; wir müßten jedes Herabsteigen vermeiden, denn wir könnten gewiß noch nicht mehr als den dritten Teil unserer Wanderung zurückgelegt haben. Sodann nahmen wir unsere Wundverbände ab und fanden, daß die Wunden viel besser aussahen: es war fast gar keine Flüssigkeit mehr ausgetreten. Wir umwanden unsere Füße von neuem mit Blättern, die wir mit der Essenz besprengt hatten, und nahmen dann unsere gewöhnliche Nahrung zu uns. Unter den Pflanzen, die unser Freund uns gebracht hatte, war auch eine, die wir in den ersten Tagen nicht beachtet hatten; am vierten Tage aber untersuchten wir sie genau. Es war ein kleiner Strauch, der etwa sieben oder acht lange, dünne und sehr biegsame Zweige hatte, die aber dabei sehr stark waren; sie hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Weidenruten. Ich dachte, mit Geduld, Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit würden wir vielleicht aus diesen Zweigen Stiefel für uns drei herstellen können. Nachdem ich meinen Gedanken meiner Frau und unserm kleinen Freunde mitgeteilt hatte, machten wir uns sofort an die Arbeit. Diese gelang besonders dem Megamikren, der bald mit der seinigen fertig war und uns dann bei der unsrigen half. Wir machten drei Paar Schuhe für jeden von uns; besonders die Sohlen waren ausgezeichnet gearbeitet. Wenn man diese Fußbekleidung auch nicht gerade Stiefel oder Schuhe nennen konnte, so waren sie doch weich, schmiegsam und genau nach dem Fuß gearbeitet. Wir hofften, daß drei Paare für jeden auf die ganze Dauer unserer langen, furchtbaren Wanderung ausreichen würden. Wie dankten wir Gott dafür! Es war uns, wie wenn wir dieses Geschenk unmittelbar von des Höchsten Gnade erhalten hätten. So ist der Mensch, wenn er große Gefahren überstanden hat und noch größere Gefahren für die nächste Zukunft fürchtet. Am zwölften Tage unserer Rast wehte ein heißer Wind von der Flamme her auf uns zu; der Geruch des Schwefels war so stark, daß ein heftiges Erbrechen uns überfiel. Der Megamikre, der sich nicht erbrechen konnte, bekam so starke Leibschmerzen, daß er zu Gott flehte, er möchte ihn sterben lassen. Nach drei oder vier Stunden hörte der Wind auf und aus dem Vulkan schossen Feuergarben wie Raketenbündel empor. Der Ausbruch war ungeheuer heftig, dauerte aber nur wenige Stunden. Zu unserer Überraschung sahen wir aus dem Vulkan einen Wasserstrom sich ergießen, der in weniger als fünf Stunden die ganze Ebene bis an die höher gelegene Kräuterwiese überschwemmte. Das Wasser, das der Vulkan auswarf, schien uns zu brennen. Infolge des Erbrechens bekam meine Frau heftiges Kopfweh, von dem sie aber bald durch ein reichliches Nasenbluten erleichtert wurde. Das Blut füllte den vierten Teil einer großen Muschelschale. Zu unserer Überraschung trank unser gescheckter Megamikre mit einer wahren Wonne in fünf Absätzen das ganze noch warme Blut. Er dankte dafür meiner Frau und dem lieben Gott, da er diese Speise köstlich fand. In der Tat erlangte er durch sie eine Kraft, von der er uns am nächsten Tage einen vollgültigen Beweis lieferte. Er war nämlich volle acht Stunden auf einer neuen Entdeckungsreise. Wir waren bereits in großer Sorge, als wir unseren Freund zurückkehren sahen, merkwürdigerweise gerade in einem Augenblick, als eine auffallende Naturerscheinung unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ich habe noch nicht erwähnt, daß die Überschwemmung uns von dem unangenehmen Anblick der gräßlich zischenden Schlangen befreite: sie waren alle im Wasser verschwunden. Die Erscheinung, worüber wir uns wunderten, bestand darin, daß die Flamme des Vulkans so weit geschwunden war, daß wir den Gipfel des feuerspeienden Berges deutlich erkennen konnten; das ganze Gewölbe über unsern Häuptern war jetzt mit Rauch und Qualm angefüllt. Unser Freund sagte uns, er sei lange gewandert und auf seinem Wege mehrere Male umgekehrt; leider habe er niemals einen Weg gefunden, der nach oben führte, sondern nur mehrere, die abwärts gingen, und zwar in furchtbare Höhlen mit steilen Abhängen. Diese Nachricht war sehr betrübend, denn wir befanden uns jetzt wieder wohl und wollten gerne weitermarschieren; ein neues Ereignis aber befreite uns vollständig von diesem Kummer. Plötzlich erlosch nämlich die Flamme gänzlich: nur unsere vier Karfunkel leuchteten uns noch. Wir hatten beschlossen, unter allen Umständen uns auf den Weg zu machen; aber dieses neue Ereignis benahm uns den Mut. Wir schliefen ein und nach drei Stunden scheuchte ein furchtbares Donnern unter uns uns aus dem Schlaf empor. Vier Minuten später begann die Ebene, in deren Mitte wir uns befanden, dermaßen zu schwanken, daß wir auf den Rücken fielen. Wir umarmten uns und empfahlen unsere Seelen der Barmherzigkeit Gottes. Der Megamikre hockte zwischen meiner Frau und mir. Das furchtbare Schwanken des Bodens dauerte nur zwei Minuten; aber nach weiteren drei Minuten sahen wir mehrere Feuer, die aus der die Schwefelebene bedeckenden Flut emporstiegen. Das furchtbare Donnern wiederholte sich; vier heftige Stöße warfen uns umher; nach dem letzten Stoß aber hörten wir nicht weit von uns ein Zusammenstürzen von Felsen, wie wenn die ganze Höhle zusammenbräche. Wir hielten uns eng umschlungen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, ja ohne zu atmen; ich glaube, wir alle drei warteten auf den furchtbaren Augenblick, da die Erde sich öffnen würde, um uns zu verschlingen. Vierhundert Schritte hinter uns öffnete sich plötzlich der Boden; wir drehten uns um und sahen eine große Flamme emporzüngeln und bei ihrem Schein ein ungeheures Gewölbe. Wir sahen aber auch, daß die Flamme nach oben einen Ausgang fand. In dieser Richtung also mußte unser Weg liegen. Bei dem Schein dieser neuen, von der Natur angezündeten Fackel sahen wir, daß die Schwefelebene und die Wiese vollständig verschwunden waren: alles war von dem Abgrund vollständig verschlungen. Von der Wiese war nur der Randstreifen übrig, der sich bis zu unserer kleinen Anhöhe erstreckte; wir waren vom sicheren Tode errettet worden. Da wir zum Aufbruch entschlossen waren, packten wir alle unsere Sachen zusammen und machten uns auf den Weg. Wir wünschten sehnlichst, so bald wie möglich einen Berg zu finden; denn jeder Weg, den wir zurücklegten, ohne emporzusteigen, konnte uns offenbar nur verlorene Mühe kosten. Im Feuerschein des Vulkans wanderten wir zwei und eine halbe Stunde lang immer auf Grasboden; unser kleiner Freund, der vor uns herlief, sammelte alle Fenchelstauden, Trüffeln und Lilienzwiebeln, die er unterwegs fand. Wir hatten an diesem furchtbaren Ort dreizehn Tage verbracht; mehrere Male hatte der Tod uns aus unmittelbarer Nähe bedroht; aber wir hatten doch unsere Gesundheit wiedererlangt; wir hatten jetzt Schuhe und unser Mut war gestiegen, nachdem wir so vielen Gefahren entronnen waren. Zu meinem größten Schmerz mußte ich mich an einer Stelle, die noch von einem schwachen Dämmerlicht erhellt war, überzeugen, daß wir einen steilen Weg abwärts gehen oder umkehren mußten. Zum Umkehren konnten wir uns nicht entschließen, wir mußten also vorwärts wandern. Nach einer Stunde waren wir nicht nur in völliger Finsternis, sondern befanden uns auch in einem Gewölbe, das nur zwei Fuß breit über unseren Köpfen sich befand, wie wir beim Schein unserer Karfunkel deutlich erkennen konnten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Gebete an das höchste Wesen zu richten und immer weiter zu wandern. Bald wurde der Weg eben und ziemlich breit. Nach einiger Zeit fühlte ich von links her einen leisen Luftzug; dort mußte eine Schlucht vorhanden sein und ich beschloß, diese zu untersuchen, obgleich der Weg abwärts führte. Der Megamikre ging uns voran. Zwei Stunden später kam er uns wieder entgegen; er war umgekehrt, damit wir nicht etwa einen anderen Weg einschlügen. Er sagte uns, in einer Entfernung von zweihundert Schritten erweitere sich die Grotte und führe nach aufwärts. Diese Botschaft verlieh uns neuen Mut und neue Kraft. Wir kletterten fünf Stunden unaufhörlich über steile Felsen, bis wir so müde waren, daß wir uns hinwerfen mußten, um uns auszuruhen. Fünfzehn Tage lang stiegen wir unaufhörlich aufwärts; während dieser Zeit gingen uns die Nahrungsmittel völlig aus. Dabei hatten wir fortwährend viel Hunger und Durst gelitten, weil wir niemals eine fruchtbare Stelle fanden. Unsere Weidengeflechtschuhe taten uns ausgezeichnete Dienste; am zwölften Tage mußten wir sie allerdings wegwerfen, aber wir hatten doch zum Glück jeder noch zwei Paare. Unsere Fußsohlen waren heil; die Füße waren freilich noch ein wenig geschwollen, eine Wirkung der großen Anstrengung; aber wir befanden uns sehr gut. Am sechzehnten Tage traten wir die Wanderung mit dem Bewußtsein an, daß wir vor Hunger umkommen würden, wenn wir nicht irgendwelche Nahrung fänden; denn wir hatten tatsächlich nur noch eine einzige Lilienzwiebel. Nachdem wir sechs Stunden lang fortwährend gestiegen waren, fanden wir, daß die Steigung fast unmerklich geworden war; der harte Felsboden war in feuchtes, fruchtbares Erdreich übergegangen. Der Megamikre, der immer vor uns herlief und ganz gewiß um ein Drittel mehr Weges zurücklegte als wir, weil er fortwährend Abstecher nach rechts und nach links machte, um alles zu sehen, zeigte uns eine Muschel, die er auf der Erde gefunden hatte: es war eine Schnecke, aber sechsmal so groß wie die Schnecken unserer Oberwelt. Als ich mich an die Stelle begab, wo er sie gefunden hatte, sah ich mehrere andere von derselben Größe. Wenn man essen muß, findet man alles gut; trotzdem konnten wir nicht einen Augenblick daran denken, uns von diesen Tieren zu nähren, ohne sie zu kochen. Wir ließen uns auf den Boden niedersinken, und während der Gescheckte auf eine Entdeckungsreise ausging, schliefen wir vor Traurigkeit und Erschöpfung ein. Zwei Stunden später weckte er uns auf, indem er uns seine kleine Muschelschale mit Wasser gefüllt darbot. Begierig setzte ich sie an die Lippen und ich fühlte eine unbeschreibliche Freude, als ich das Wasser gut fand; den Rest trank meine Frau. Der Kleine sagte uns, dieses Wasser komme aus dem Felsen, der 500 Schritte weiter aufwärts zu sehen war. Wir begaben uns sofort dahin. Das Wasser sprudelte zwischen zwei Steinen hervor; die Wassermenge war sehr gering, aber sie war genügend, weil der Quell unaufhörlich floß. Ich füllte sofort eine meiner Schalen damit und wir tranken uns nach Herzenslust satt; dann ruhten wir zwei Stunden aus. Wir mußten aber weiter wandern, da wir jede Hoffnung aufgeben mußten, in der Nähe irgend etwas Brennbares zu finden, um die Schnecken kochen zu können, die wir überall fanden. Nachdem wir noch drei Stunden gestiegen waren, wozu wir wahrscheinlich nur deshalb imstande waren, weil das Wasser unsere Kräfte etwas belebt hatte, warfen wir uns zu Boden, da wir vollständig erschöpft waren und keinen Schritt weiter tun konnten. Der harte Felsen erschien uns so weich wie Daunen. Seit einer halben Stunde hörten wir deutlich ein Geräusch, konnten aber nicht genau unterscheiden, aus welcher Richtung es käme; das Gewölbe war ziemlich hoch und wir brauchten deshalb nicht unruhig zu sein, aber von Zeit zu Zeit kamen mit Donnergepolter Steine heruntergerollt, die uns erschreckten. Da wir völlig kraftlos waren, streckten wir uns der Länge nach aus und verließen uns auf unsern Freund. Zwei Stunden darauf kam er wieder und sagte uns, wir müßten unbedingt umkehren, denn zwei Wegstunden weiter nehme das Gebirge plötzlich ein Ende, oder vielmehr es verschließe das Gewölbe; auf der Zwischenstrecke sei weder nach rechts noch nach links irgendwo ein Weg zu entdecken. Nun glaubten wir, unser Tod sei unvermeidlich. Eine halbe Stunde lang lagen wir wie betäubt, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Da sahen wir den Megamikren, der bereits abwärts gegangen war, wieder umkehren, um uns zu sagen, daß hundert Schritte zurück ein anderer Weg aufwärts führe, den wir nicht bemerkt hätten. Wir standen auf und gingen auf diesem Wege drei Stunden lang sehr steil aufwärts; alle paar Schritte mußten wir uns ausruhen. Wären wir nicht aller Kräfte beraubt gewesen, so hatten wir die Höhe in weniger als einer Stunde erreicht. Unmittelbar vor dem Ziel, als wir ganz verzweifeln wollten, meldete der Megamikre uns, die Ebene auf der Höhe sei sehr groß und enthalte einen See. Ich glaube, wenn ich auch nur fünfzig Schritte noch weiter hätte machen müssen, als wir die Ebene erreicht hatten, ich hätte es nicht gekonnt; meine Frau befand sich in demselben Zustand. Wir streckten uns auf dem Grase am Seeufer aus und sahen beim Schein unserer Karfunkel Sträucher, die überall wuchsen; im Wasser war eine gewisse Bewegung zu bemerken. Unser Megamikre schöpfte ein wenig in seine Muschel und ich fand es etwas trübe, aber anscheinend noch trinkbar. Ohne uns ein Wort zu sagen, sprang der Kleine ins Wasser und brachte uns zwei Fische, die von ganz andrer Form waren als irgendein Fisch auf der Oberwelt. Sie hatten keine Augen, wahrscheinlich weil sie in der ewigen Finsternis unten keine brauchten. Unser Führer brachte uns hierauf einen großen Krebs, den ich in zwei Stücke schnitt, um ihn kochen zu können. Dann baute er uns eine Art von Ofen oder Herd und brachte uns dürre Zweige, die ich mit großer Mühe endlich in Brand zu setzen vermochte. Ich kochte die Fische; wir konnten sie nicht essen, denn sie waren lederartig zäh, aber sie gaben eine ganz leidliche Brühe und ihre Milch war sogar ausgezeichnet. Hierauf kochte ich den Hummer, denn das war der Krebs, und wir fanden ihn köstlich. Wir blieben an dieser Stelle vier Tage, um neue Kräfte zu sammeln; während dieser ganzen Zeit mußten wir beständig ein großes Feuer unterhalten, denn es war kalt. Sehr unbequem wurden uns an diesem See gewisse Vögel, die sehr unregelmäßig im Zickzack flogen und uns mehreremal ins Gesicht flogen, wodurch sie uns einen heftigen Schmerz verursachten. Der arme Megamikre kauerte beständig zwischen uns beiden, nachdem ein Vogel ihm ins Gesicht geflogen war, so daß er sofort auf den Rücken fiel. Ich griff einen dieser Vögel, der gegen meine Brust anflog; ich zerschmetterte ihm den Kopf und untersuchte ihn genau. Er hatte keine Augen, war so groß wie ein Fasan und hatte rote Füße; sein Schnabel war sehr lang, das Gefieder kräftig: beim Fliegen krächzten diese Vögel fortwährend wie Dohlen; wahrscheinlich gaben sie sich durch ihr Geschrei Zeichen, um einander auszuweichen. Ich nahm die Dohle aus und kochte sie; wir fanden das Fleisch sehr hart, da aber der Geschmack gut war, so nahm ich an, daß der Vogel nur alt sei. Ich hatte in großer Menge weißes und blaues Pulver und schoß mehrere von diesen Dohlen, sobald sie in meine Nähe kamen; denn bei dem schwachen Licht, das mir zur Verfügung stand, konnte ich sie in der Ferne nicht deutlich genug unterscheiden. Dies war aber wichtig für uns; denn die jungen, die man leicht an ihrem Gefieder erkennen konnte, waren sehr gut zu essen; die Brühe war sogar ganz ausgezeichnet. Als wir weiter marschierten, nahmen wir zwölf gekochte Dohlen mit. Unser Freund, der in diesen vier Tagen mehrere Ausflüge unternommen hatte, um einen guten Aufgang zu entdecken, riet uns, den Weg links liegen zu lassen und zwei Stunden weit abwärts zu steigen, um einen neuen Aufstieg zu benutzen, der nach seiner Behauptung ganz ausgezeichnet war. Die Entdeckungen, Worte und guten Ratschläge dieses einzigen Geschöpfes waren für uns geradezu Orakel geworden, denen wir mit einer Art von Aberglauben vertrauten. Wir konnten nicht anders, als in ihm das Werkzeug der göttlichen Vorsehung zu erblicken; denn ohne ihn hätten wir trotz unseren Karfunkeln niemals durch bloßen Zufall die Wege gefunden, die uns zur Höhe emporführen mußten. Daß wir aufwärts gehen mußten, um überhaupt herauszukommen, war klar; es war aber durchaus nicht sicher, daß wir am Ende unseres Weges auch wirklich einen Ausgang nach der Oberwelt finden würden; vielleicht konnte dieses Ende versperrt sein! Ich war nicht einmal ganz sicher, daß die Strecke, die wir zurückzulegen hatten, in senkrechter Richtung neunzig Meilen betrüge; denn meine Annahme beruhte auf der Kenntnis des Durchmessers der inneren Welt, die vollkommene Kugelgestalt halte, während doch die Gestalt unserer Erde an den Polen abgeplattet und daher an einer anderen Stelle ausgebuchtet sein muß. Wir wußten ja aber selbstverständlich nicht, wo wir uns befanden. Wir wanderten siebzehn Tage lang unaufhörlich weiter; von Zeit zu Zeit fanden wir gutes Quellwasser; wir nährten uns, aber sehr sparsam, von den Vögeln, die wir bei uns hatten. Zuweilen gingen wir abwärts; diese Abstiege waren jedoch stets sehr kurz im Vergleich zu den großen Höhen, die wir überwanden. Erst am achtzehnten Tage machten wir halt, weil wir nichts mehr zu essen hatten; außerdem waren wir auch sehr ermüdet. Wir mußten uns entscheiden, ob wir einen engen und sehr niedrigen Weg einschlagen sollten, der abwärts führte; aus diesem Gang schlug uns ein feuchter Wind entgegen, der uns heiß vorkam. Es schien mir unmöglich zu sein, daß die Oberfläche unserer Erde noch sehr weit entfernt sei. Wir hatten sicherlich mehr als 1200 Meilen zurückgelegt und trugen bereits das dritte Paar unserer Weidenschuhe. Unser Megamikre verließ uns, um zu untersuchen, ob der niedrige und enge Weg einen guten Ausgang habe, der wieder aufwärts führe. Wir waren in einer entsetzlichen Unruhe, als er sehr lange ausblieb. Nach neun Stunden glaubten wir, er sei verloren; damit wären auch wir verloren gewesen; denn obgleich wir gesund waren, waren wir doch fünfundneunzig Jahre alt und ein solches Alter machte sich immerhin bemerkbar; sicherlich konnten wir die Strapazen nicht durchmachen, die er beständig ertragen hatte, um uns zu dienen. Endlich erschien er und sagte uns, er sei die ganze Zeit am Ufer eines Sees entlang gewandert, der sehr reich an Fischen und Muscheln sei; vergeblich aber habe er einen Ausgang gesucht. Er habe sich daher entschlossen, die Breite des Sees zu untersuchen und sei hinübergeschwommen. Das ganze jenseitige Ufer sei mit trockenen Pflanzen bewachsen, die sehr gut als Brennstoff dienen konnten; außerdem beginne dort ein Aufstieg, wenngleich unter einem sehr niedrigen Gewölbe. Wir müßten uns entschließen, über den See hinüber zu schwimmen; sonst sei nichts zu machen. Ich fragte meine Frau auf englisch, ob sie glaube, schwimmen zu können; ich wußte, daß sie in ihrer Jugend es gelernt hatte. Sie antwortete mir, sie werde sich an mir festhalten und sei überzeugt, daß das Wasser sie tragen werde. Wir machten uns auf den Weg und marschierten bis an das Ufer dieses Sees, wo wir uns niederließen, um uns auszuruhen und das letzte Stückchen unsrer letzten Dohle zu essen. Wir sahen am anderen Ufer die Luft von lauter Feuerfunken erfüllt, die unbeweglich zu sein schienen; sie schwebten aber in ganz geringer Höhe über der Erde. Meine Frau gab wie gewöhnlich dem Megamikren seine Milch zu trinken; hierauf zogen wir uns unverzüglich ganz nackt aus und legten sogar unsere Schuhe ab. Wir mußten aber an ein Mittel denken, um unsere Sachen uns zu erhalten; denn diese waren uns durchaus notwendig. Unser kluger Kleiner wußte Rat: er tat zunächst unsere Schalen, die das Wichtigste von allem waren, in ein großes Taschentuch und bat um einen zweiten Karfunkel, den ich ihm sofort gab, ohne ihn auch nur nach dem Zweck zu fragen. Er sagte uns, wir möchten auf ihn warten, und ging ins Wasser, indem er das Paket auf seinem Kopfe hielt. Anderthalb Stunden später erschien er wieder mit einem langen Stock in der Hand und mit einem einzigen Karfunkel. Er zeigte uns jenseits des Sees ein kleines Licht: dies war der Karfunkel, den er neben dem Paket befestigt hatte, um sicher zu sein, daß wir die Stelle nicht verfehlen könnten. Der Stock, den er mitbrachte, war ein dürrer Ast von ziemlich bedeutender Länge, den er von irgendeinem Baum abgebrochen hatte. Er sollte dazu dienen, um auch unsere Mäntel und Wämser, seinen Schnappsack mit unseren Pistolen, Dosen und Essenzfläschchen, sowie unsere Jagdtaschen hinüber zu befördern. Diese Sachen mußten am oberen Ende des Stocks befestigt werden, damit sie nicht naß wurden; da er aber fand, daß sie zu schwer waren, so machte er zwei Pakete daraus. Das zweite legte er an unserem Ufer nieder, indem er den einen Karfunkel daran befestigte, um auf diese Weise es wiederfinden zu können. Er sagte uns, die Luft auf dem jenseitigen Ufer sei von fliegenden Karfunkeln erfüllt, die sich aber sehr langsam bewegten. Ich dachte mir sofort, daß dies wohl Leuchtkäfer seien. Ich sagte aber kein Wort, denn ich war ganz sprachlos vor Bewunderung über den außerordentlichen Verstand des herrlichen kleinen Mannes. Er ging ins Wasser und hieß uns ihm folgen; in der Hand hielt er seinen langen Stock mit dem Paket, den Karfunkel hatte er oben an seinem Kopf befestigt, so daß wir ihn nicht aus den Augen verlieren konnten. Auch wir konnten ihm nicht aus dem Gesicht kommen; denn der vierte Karfunkel war an meinem Zeigefinger befestigt. Wir folgten ihm ohne alle Schwierigkeiten; meine Frau schwamm zwar nur mit der linken Hand, da sie mich nicht loslassen wollte, aber es ging ausgezeichnet und sie machte mir nicht die geringste Unbequemlichkeit, denn sie wußte sich ihrer Beine beim Schwimmen ebenso gut zu bedienen wie ich. In einer knappen Stunde waren wir am anderen Ufer des Sees. Unser guter Freund lud das Paket von seinem Stock ab, stürzte sich wieder ins Wasser und kam anderthalb Stunden später mit dem ganzen Rest unseres Gepäcks und mit dem Karfunkel zurück. Wir empfingen ihn mit den zärtlichsten Liebkosungen. An diesem Ort konnten wir uns so recht erholen, denn das Wasser war sehr trinkbar, wir hatten Brennholz in Fülle und dazu alle möglichen Fische und Muscheln. Besonders auffallend war uns, daß die Fische dieses Sees Augen hatten. Reichlich mit Vorräten versehen, marschierten wir nach vier Tagen weiter. Ich war fest überzeugt, daß die Oberfläche unserer Erde nicht mehr so weit entfernt wäre, daß wir nicht in acht Tagen dorthin gelangen würden. Die angeblichen fliegenden Karfunkel, deren Menge geradezu ungeheuer war, waren Skarabäen, wie sie im Westen von Asien vorkommen. Sie sind außerordentlich leuchtkräftig und fliegen, aber so langsam, daß sie in der Luft zu schweben scheinen, ohne sich zu bewegen. Am fünften Tage sahen wir nach einem zehnstündigen Marsch vor uns ein Loch, das in einen langen, sehr niedrigen Gang führte, worin ich nur gebückt gehen konnte. Der Megamikre wollte diesen Gang untersuchen, ich hielt ihn aber davon ab, indem ich ihm sagte: wir seien müde und müßten erst etwas essen; hierauf müßten wir schlafen und nach unserem Erwachen könnten wir sehen, was zu tun sei. Meine Frau gab ihm seine Nahrung; er hatte nur noch die Haut auf den Knochen. Er erwartete ruhig seinen Tod und sagte selber, dieser werde nur noch wenig Tage auf sich warten lassen; er sterbe aber zufrieden, wenn er vorher noch das Licht unserer Welt sehen könnte, wo wir Wesen von unserer Art treffen würden. Am nächsten Tage marschierten wir eine halbe Stunde lang durch einen sehr engen, unregelmäßigen und niedrigen Gang, der etwas abwärts führte; am Ende desselben sahen wir zu unserm großen Erstaunen uns oben auf einer verfallenen Steintreppe, deren Stufen aber noch deutlich zu erkennen waren. Wir konnten unsere Füße auf diese stellen. Mit einiger Schwierigkeit gelang es uns, diese Treppe hinabzusteigen. Unten fanden wir ein Ziegelpflaster unter einem Dach; dieses wurde von Balken gehalten, die aber so morsch waren, daß sie jeden Augenblick einzustürzen drohten. Es war offenbar ein großer Saal, der zu einem Gebäude gehörte, das von der Erde verschlungen sein mußte. Wir gingen weiter und fanden zwei Türen, von denen die eine von Steinen versperrt war, die zu den Mauern eines eingestürzten Hauses gehörten. Wir gingen durch die andere Tür und fanden ein Gemach mit Tischen, Holzstühlen und Lehnsesseln, die mit Leder gepolstert waren. Wir sahen auch Schränke und Säulen, die zu einem Bett gehört hatten; die Matratzen desselben würden wir ebenfalls gesehen haben, wenn sie nicht ganz mit Schutt bedeckt gewesen wären. Wir gingen vorsichtig durch dieses Gemach und kamen an ein Fenster, aus dem ich hinausstieg, als ich sah, daß ich draußen festen Fuß fassen konnte. Sonst hätten wir nämlich umkehren müssen, was ich nur mit großem Widerstreben getan haben würde. Es kam mir vor, wie wenn ich mich in einem kleinen Hof befände, der durch eine Tür mit zwei Flügeln verschlossen war. Ich trat durch diese ein und sah große Bücher, deren Papier fast ganz zu Staub zerfallen war. Ich bemerkte jedoch auf einigen Blättern Schriftzeichen, die ich als gotische erkannte. Ich las sie, ohne ihren Sinn begreifen zu können, obgleich ich in den sechs Zeilen, die noch vorhanden waren, ganz sicherlich acht oder zehn englische Wörter fand. Dies alles waren sichere Anzeichen, daß wir in unmittelbarer Nähe von der Oberfläche unserer Erde waren, daß wir uns aber in einem verschütteten Gebäude befanden. Wir gelangten in ein anderes Zimmer, dessen Fußboden völlig zerstört war; wir konnten jedoch die Tür erreichen und sahen uns nun vor einer anderen Treppe. Wir sahen uns in einem Brunnen mit einem so niedrigen Gewölbe, daß wir gebückt gehen mußten, um vorwärts zu kommen. Ich hielt unseren Megamikren an der Hand und wir kamen wieder an eine Tür, durch die wir in einen Gang traten, der eine Viertelstunde lang steil aufwärts führte. Oben angelangt, sahen wir abgestorbene Bäume; über uns war ein niedriges, unregelmäßiges Gewölbe, das höchstens zwei Klafter hoch war. Nach diesem anstrengenden Marsch vernahmen wir ein Geräusch, das immer stärker wurde, je weiter wir vorwärts kamen. Schließlich kamen wir an die Stelle, von der dieses Geräusch ausging: es waren kleine Wasserfälle, die zum Teil Gräben füllten, während andere über die Ebene hinflossen. Mit einer Überraschung, die uns ein starkes Herzklopfen verursachte, sahen wir ein Licht, das wir ganz deutlich unterschieden, obwohl es nur schwach und in großer Entfernung schimmerte. In drei Viertelstunden waren wir in einem leeren Wasserbecken angelangt, über dessen Mitte das Licht senkrecht oberhalb unserer Köpfe stand! Es kam uns vor, wie wenn wir auf dem Boden eines ausgetrockneten Teiches gingen. Das Licht fiel durch ein Loch ein, das in der Deckenwölbung sich befand; es war unregelmäßig rund und der größte Durchmesser betrug höchstens zwei geometrische Schritte, also ungefähr drei Meter. Einige Schritte weiter kamen wir an einen großen Haufen von Muschelschalen; als ich auf diesen hinaufgestiegen war, stieß ich mit dem Kopf oben gegen das Gewölbe an. Natürlich war aber jetzt das Loch zwanzig Schritte reichlich von mir entfernt. Mit größter Sehnsucht sah ich nach diesem Loch, durch das ein trübes Dämmerlicht fiel: es mußte sich sicherlich auf der Oberfläche unserer Erde befinden. Wir dankten Gott, daß wir am Ende unserer Wanderung waren; aber wir mußten erst das Loch erreichen und dazu sah ich durchaus kein Mittel. Wir waren allem Anschein nach in einem großen Brunnengewölbe ohne Wasser. Da wir das Bedürfnis hatten, etwas zu essen, so setzten wir uns am Fuß des Muschelschalenhügels nieder und nahmen einige Austern zu uns. Der Megamikre füllte eine unserer Schalen mit Wasser, das wir sehr gut fanden; nachdem wir unser leichtes Mahl beendigt hatten, sahen wir aber kein Loch und kein Licht mehr und legten uns in großer Traurigkeit schlafen. Nach unserem Erwachen sagte der Megamikre uns, wir könnten aus der Höhle nur herauskommen, wenn wir durch das eingestürzte Haus wieder zurückgingen; wir befänden uns in einer riesigen Grotte, die keinen anderen Ausgang hätte. Ich machte mich schon bereit, wieder umkehren zu müssen, da sah ich plötzlich das Loch wieder. Es waren zehn Stunden vergangen, seitdem wir es zuletzt gesehen hatten; unsere Uhren waren ausgezeichnet und gingen ganz genau; nachdem ich kurze Zeit mich mit meiner Frau beraten hatte, kamen wir überein, daß die Dunkelheit des Loches nur von der Nacht herrühren könne. Wir entschlossen uns daher, den ganzen Tag an Ort und Stelle zu verbringen, um zu sehen, ob nach Ablauf von vierzehn Stunden das Licht wieder verschwinden werde. Es verschwand in der Tat und ich war daher gewiß, daß es das Licht unserer Oberwelt war. Ich konnte nicht erraten, in welchem Lande unserer Erde wir uns befänden; aber dies war für uns ziemlich gleichgültig. Die Hauptsache war, hinauszukommen, und ich würde geglaubt haben, fünfzig Schritte von London entfernt zu sein, selbst wenn ich mich am Südpol befunden hätte. Wir erhoben mehrere Male unsere Stimmen und riefen laut, in der Hoffnung, daß man uns oben hören und zu Hilfe kommen werde; aber diese Hoffnung war vergeblich. Nachdem wir wieder eine leichte Mahlzeit zu uns genommen hatten, schliefen wir ein. Fünf Stunden darauf erwachten wir schon wieder, da wir an mehreren Stellen unserer Grotte ein verstärktes Geräusch des Wassers hörten. Unser Freund sagte uns, die kleinen Wasserfälle seien bedeutend stärker geworden. Als nach vier Stunden das Licht wieder erschien, da sahen wir, daß das Becken überschwemmt wurde. Wir zogen uns auf den Gipfel des Muschelberges zurück, der eine kleine Insel geworden war. Wir konnten nicht mehr daran denken, ohne große Gefahr die Höhle zu verlassen; ich gab daher auch jeden Versuch auf. Nach meiner Meinung konnte uns kein größeres Glück begegnen, als wenn die ganze Grotte vollständig mit Wasser angefüllt werde und bis an den Rand des Loches reichte. Ich durfte darauf hoffen, denn die Grotte reichte höher hinauf als das Loch, das sich gerade an der niedrigsten Stelle des Gewölbes befand. Wenn das Wasser über den Muschelhaufen hinaufstieg, mußten wir das Loch schwimmend erreichen können, denn die Entfernung betrug nur zwanzig Schritte. Wenn wir aber die Wände des Loches erreichen konnten, so durfte ich hoffen, daß wir auch würden hinaufklettern können. Gegen Abend war das Wasser so hoch gestiegen, daß es an der Stelle, wo wir saßen, uns bis an die Waden reichte. Niemals haben Menschen heißer zu Gott gefleht, als wir darum, daß er eine vollständige Überschwemmung der Grotte senden möge. Wir aßen etwas, aber ohne jeden Appetit. Unser lieber Freund war entzückt, daß er sich über etwas freuen durfte, was ihn sonst zur Verzweiflung gebracht haben würde; da er aber sah, daß wir die völlige Überschwemmung nicht fürchteten, sondern sie im Gegenteil herbeiflehten, so wünschte auch er sie. Er sagte mir, nachdem er zu den Wasserfällen geschwommen war, die Überschwemmung werde sicherlich eine vollständige sein, denn die Wasserströme seien viel stärker geworden. Alle Augenblicke schwamm er unter das Loch und berichtete uns dann, er sehe einen bläulichen Himmel, an dem Rauch vorüberziehe. Dieser Rauch bestand aus Wolken, die er natürlich nicht kennen konnte. Er sagte uns, er habe ungeheuer große Vögel gesehen; und es machte uns die größte Freude, als er uns später berichtete, ein großer Vogel sei in der Luft vom Blitz getroffen worden, den er deutlich gesehen habe. Wir schlössen daraus, daß auf der Erde über uns Jäger sein mußten, daß also das Land keine Wüste sein konnte. Fünf Stunden nach dem Verschwinden des Lichtes schliefen wir wieder ein; aber das Wasser, das bei Tagesanbruch bereits den Gipfel unseres Muschelhügels erreicht hatte, nötigte uns, an unsere Sicherheit zu denken. Die Ränder des Loches, das ich nicht mehr sah, waren von der Oberfläche des Wassers nur noch zehn Zoll entfernt; es war also keine Zeit mehr zu verlieren: wir mußten unseren Entschluß fassen und uns der Vorsehung anvertrauen. Der Megamikre schwamm zu dem Loch, klomm an der Wand empor und meldete uns nach fünf Minuten, das Loch sei vier Ellen hoch; der Fels sei an der einen Seite zerklüftet und es sei ihm gelungen, bis oben hinaufzuklettern und ins Freie zu gelangen. Er habe eine weite Ebene gesehen; in kurzer Entfernung von dem Loche habe er Jäger gesehen, die zu Pferde verschiedene wilde Tiere, größere und kleinere, verfolgt hätten. Einige von diesen Tieren hätten auf dem Kopf zwei Bäume gehabt. Diese Nachricht machte uns große Freude: wenn Hirsche dort waren, waren wir also nicht in Afrika und die berittenen Jäger waren ein Zeichen, daß wir an einem Ort in Europa oder Asien uns befanden, wo eine reiche Gesellschaft vorhanden sein mußte. Unsere Neugier war so groß, daß wir beinahe gar nicht mehr daran dachten, daß wir noch die größten Schwierigkeiten haben mußten, aus dem Loch heraus zu gelangen. Während wir uns darüber unterhielten, brachte der Megamikre nach und nach alle unsere Sachen nach dem Loch; wir saßen vollkommen naß auf unserm Muschelhaufen. Gegen Abend sprang ich in die Flut und schwamm unter dem Wasser, um das Loch zu untersuchen. Es war halb sechs Uhr, und wenn wir in Europa waren, so mußten wir uns nach meiner Berechnung im Monat April oder im Monat August befinden. Ich sah sofort die Unmöglichkeit ein, durch Klettern aus dem Loch heraus zu gelangen. Dieses war eine Art von Brunnen, dessen Wände überall Unregelmäßigkeiten aufwiesen; die Vorsprünge waren jedoch so gering, daß man sich nicht an sie anklammern konnte. Mit einem Seufzer kehrte ich zu meiner lieben Gattin zurück und berichtete ihr, was ich gesehen hatte und was ich mit Recht befürchten mußte. Der herrliche Megamikre bat mich, in seiner Sprache ihm zu sagen, was ich meiner Frau mitgeteilt hätte; als er alles gehört hatte, sagte er mir, das Loch sei weit genug, daß wir uns auf der Oberfläche des Wassers ausstrecken könnten. In dieser Stellung könnten wir bleiben, bis das wachsende Wasser uns an die Oberfläche der Erde mit emporhöbe. Ich wußte dies wohl selber, aber ich befürchtete auch, daß, in einer solchen Stellung auf dem Wasser zu bleiben, nur für eine sehr kurze Zeit möglich sein würde. Wir saßen die ganze Zeit zusammengekauert auf dem Muschelhaufen; als es acht Uhr war, berührten unsere Köpfe bereits das Gewölbe, da wir uns hatten aufrichten müssen; wir hatten keine Minute mehr zu verlieren. Wir schwammen daher unter dem Wasser bis zu dem Brunnen, ohne auch nur einen einzigen Atemzug zu tun. Als wir unterhalb des Loches waren, berührte der Kleine unsere Köpfe und wir hoben diese aus dem Wasser empor. Unsere vier Karfunkel gaben uns genügendes Licht in der dichten Finsternis, die der sehr trübe Himmel noch dichter machte. Unser erster Versuch bestand darin, daß wir einige Steine packten, um unser Gewicht zu vermindern; meine Frau hing auf der einen, ich auf der anderen Seite des Brunnens. Wir konnten uns eine Viertelstunde lang in dieser Weise halten, weil in dem Wasser unser Körpergewicht sehr vermindert war. Plötzlich begann es zu regnen. Unsere Lage wurde dadurch sehr unangenehm, aber trotzdem mußten wir über eine Bemerkung des Megamikren lachen: »Der Regen«, sagte er, »kommt von der Sonne her, anstatt in der Richtung auf sie zu fallen; ich sehe aber die Sonne nicht; wenn sie anderswo ist, wie kann sie uns den Regen schicken?« Es war nicht der Ort und die Zeit, ihm Unterricht in der Physik zu geben. Der Regen wurde zu einem Wolkenbruch und dauerte die ganze Nacht hindurch; er war so heftig, wie wir ihn in England höchstens zwei- oder dreimal jedes Jahr sehen, wo er aber dann höchstens eine halbe Stunde dauert. Als wir müde waren und uns kaum noch an der Felswand halten konnten, versuchten wir uns auf dem Wasser auf den Rücken zu legen. Wir fanden es jedoch unmöglich, die Kraft aufzubringen, die dazu gehörte, um beständig über Wasser zu bleiben. Da kam der Megamikre uns zu Hilfe, indem er tauchte und mein Gesäß, wie das meiner Frau, mit je einer Hand unterstützte. Er versicherte uns, dies mache ihm nur sehr geringe Mühe; denn wir könnten höchstens zehn Pfund wiegen. Wir hatten keinen Anlaß, an seinen Worten zu zweifeln; denn wir wußten, daß er lieber gestorben wäre, als daß er eine Lüge gesagt hätte. Aber der Gedanke wurde uns peinlich, daß der ausgezeichnete Kleine unter uns gewiß doch leiden müßte. Nach zwei Stunden wollten wir wieder die Vorsprünge an der Brunnenwand anfassen, aber wir fanden sie nicht mehr und der Megamikre sagte uns, das Wasser sei bereits bis ungefähr auf die Hälfte des Brunnens hinaufgestiegen; wir würden an der einen Seite Vorsprünge finden, an denen wir uns viel bequemer halten könnten. Der Megamikre stieg aus dem Brunnen heraus und sah nach meiner Uhr, die ich genau gestellt hatte; es war zwei Uhr morgens. Das Wasser in dem Brunnen war so hoch gestiegen, daß es nur noch zwei Fuß und vier Zoll vom Rande entfernt war. Er sagte mir: wenn ich mich aufrichten und Wasser treten könnte, so würde er mir einen solchen Stoß unter die Füße geben, daß ich den Rand des Brunnens erreichen und mich hinaufziehen könnte. Ich tat dies sofort und die Wirkung trat auch in der Tat ein: ich vermochte mit beiden Händen und der Brust den Rand des Brunnens zu erreichen, worauf es nicht mehr schwer war, ein Bein nach oben zu bringen und mich allmählich aufzurichten. Ich drehte mich sofort um, legte mich auf den Bauch und forderte meine Frau auf, mir ihre Hände zu reichen. An diesen zog ich sie aus dem Loch heraus. E quindi uscimmo a riveder le stelle. Unsere Seele erhob sich zu Gott, während wir zugleich auf die Knie fielen, um dem Allmächtigen die reinste Huldigung unserer Dankbarkeit darzubringen für die vielen Wunder, die er uns erwiesen hatte, um uns so oft dem nahen Tode zu entreißen. Freudentränen stürzten aus unseren Augen; sie waren die wahre Quintessenz der Freude unserer Herzen. Im strömenden Regen auf der Erde sitzend, konnten wir nicht daran denken, uns abzutrocknen: wir hatten keine Wäsche oder Tücher, womit wir dies hätten tun können; auch unsere Mäntel waren vollkommen getränkt von dem wohltätigen Wasser, das Gott uns vom Himmel gesandt hatte, um uns das Leben zu schenken. Wir konnten dieses Wasser nur segnen, aber es war uns doch angenehm, von seinem Überfluß uns zu befreien. Wir banden daher die Tücher los, die wir uns um den Kopf gewickelt hatten, und drückten sie aus. Dann rangen wir unsere Haare aus und hüllten unsere Leiber in die Tücher; wir mußten laut lachen, als unser Megamikre mit der ernstesten Miene uns die beiden Muschelschalen auf den Kopf setzte; aber er hatte recht, denn sie bedeckten uns in diesem Augenblick besser, als wenn wir die besten Hüte aus der Fabrik von Kensington gehabt hätten. Wir stiegen etwa hundert Schritte aufwärts, da der Brunnen sich in der Tiefe einer Schlucht befand, und setzten uns nieder, als wir sicher glaubten, nicht mehr von der Überschwemmung erreicht werden zu können, die natürlich bald eintreten mußte, wenn das Wasser in derselben Weise und mit der gleichen Schnelligkeit weiterstieg, und wenn der sintflutartige Regen nicht aufhörte. Kaum drei Stunden später war es heller Tag und wir sahen uns in einem schönen Wiesengrund, der hier und dort mit Bäumen aller Arten bestanden war. Die Ebene dehnte sich unermeßlich weit aus; später erfuhr ich, daß sie an der Stelle, wo wir uns befanden, etwa drei englische Meilen breit war bei einer Länge von zehn Meilen. Auf dieser breiten Fläche sah ich zehn oder zwölf überschwemmte Stellen; ich glaubte, die Überschwemmung müßte vom Regen herrühren; dies war aber nicht richtig, denn wie ich später erfuhr, kam das Wasser aus andern Brunnen empor, die viel tiefer als das Loch waren, aus dem wir an die Oberfläche gelangt waren. Ich sah an den noch nicht überschwemmten Stellen Vierfüßler, die nach einem nicht fernen, sehr dichten Walde zu fliehen schienen. Diese Vierfüßler waren Hirsche, Wildschweine, viele Wölfe, auch einige Bären, die mit langsamen Schritten gingen und von denen einige stehen blieben, um uns zu betrachten; sie kamen jedoch uns nicht so nahe, daß wir Furcht zu haben brauchten. Ich beschloß, nach dem Rande dieses Tales zu gehen, aus dem in spätestens vierundzwanzig Stunden ein großer See werden mußte, wenn das Wasser von unten und der Regen vom Himmel in derselben Weise andauerten. Wir kleideten uns an und nach einer halbstündigen Wanderung mit verschiedenen Umwegen, die wir machen mußten, um die überschwemmten Stellen zu vermeiden, machte ich bei einem Brunnen halt, aus dem das Wasser grade eben hervorzusprudeln begann. Ich blieb eine Zeitlang stehen, um eine große Unzahl von Fischen verschiedener Arten zu betrachten, die aus dem brodelnden Wasser hervorkamen: es machte den Eindruck, wie wenn das Wasser kochte, es war jedoch ganz kalt. Ich bemerkte Forellen, Schleie, Karpfen und sehr dicke Aale. Ich würde lange Zeit dieses schöne Schauspiel betrachtet haben, das die Natur mir bot, aber das Wetter war zu schlecht, außerdem sah ich, daß das Wasser immer stärker empordrang und ich befürchten mußte, das höher gelegene Erdreich nicht mehr rechtzeitig erreichen zu können. »Wo sind wir?« sagte ich zu meiner guten Frau. »Was ist dies für ein Land, dem wir unsere merkwürdigen Gestalten zeigen werden? Und welcher Nation gehören die Bewohner dieses Landes an?« Am Ende der Senkung kamen wir an Erdreich, das sich ungefähr vier Schritte über dem Boden erhob; wir trafen dort einen schmalen Weg, der wie ein richtiger Uferweg aussah. In ziemlich weiter Entfernung sahen wir ein großes Dorf und machten uns dorthin auf den Weg. Es war eine ärmliche Stadt, von der der See den Namen hat. Ich sah bebautes Ackerland und rechts und links Bauernhäuser; eine große Sehnsucht hatte ich aber, endlich Menschen zu sehen. Obgleich unsere Mäntel und Wämser vom Regen vollständig durchtränkt waren, hatten wir sie doch angezogen, um nicht die ersten Leute, denen wir begegnen würden, abzuschrecken; denn wir waren doch in der Lage, sie um einen Zufluchtsort bitten zu müssen. Endlich trafen wir auf drei Männer, die mit einem jungen Burschen uns entgegenkamen. Trotz dem Regen trug jeder von ihnen eine Flinte; ihre Kleidung bestand aus groben grauen Tuchröcken, die von einem Gürtel zusammengehalten wurden und ihnen bis an die Knie reichten; sie trugen große Stiefel, die aus Fellen mit den Haaren gemacht waren, dazu große Hüte; ihre Schnurrbärte waren sehr lang, die Haare hatten sie im Nacken zusammengebunden. Sobald wir sie herankommen sahen, setzten wir uns am Fuß eines Baumes nieder; unsere Hände hielten wir gekreuzt über der Brust, der Megamikre stand zwischen uns aufrecht in derselben Haltung. Ich war so vorsichtig gewesen, alle unsere Ringe in die Taschen zu stecken; außerdem hatten wir die Säume unserer Mäntel eingebogen, so daß man die Agraffen mit den Edelsteinen nicht sehen konnte. Unsere Kleidung, mein Bart, die Gestalt des vollkommen nackten Megamikren und die beiden Muscheln, die wir auf dem Kopf trugen – dies alles war danach angetan, die Neugier zu erwecken. Wir sahen durchaus nicht furchterregend aus, aber wir erweckten auch kein Mitleid, sondern man mußte nur über uns lachen. So kam es denn auch. Die Leute blieben vor uns stehen und lachten immer lauter, je mehr sie uns betrachteten. Wir begrüßten sie nur durch Neigungen des Kopfes, als sie uns ansprachen; denn von der Sprache, in der sie uns anredeten, verstanden wir kein Wort. Ich sprach mit ihnen englisch, lateinisch und ein paar griechische Wörter, die ich kannte. Dies waren die einzigen Sprachen, die ich verstand. Sie verstanden aber kein einziges Wort von dem, was ich sagte. Besonders erstaunt waren sie über den Megamikren, den sie ohne den geringsten Zweifel für ein hübsches kleines Tier hielten. Nachdem wir sie untereinander hatten reden lassen, beschloß ich, mich ihnen durch Gebärden verständlich zu machen. Es gelang mir auch, ihnen begreiflich zu machen, daß wir Unterkunft und Nahrung verlangten, wofür wir bezahlen würden. Wir fragten sie, wohin wir gehen müßten, um dies zu finden. Einer von ihnen wandte sich zu dem jungen Burschen, den sie bei sich hatten; dieser nahm einen Befehl entgegen und entfernte sich. Bis zur Rückkehr dieses Burschen machte einer von den drei Männern unserm Megamikren freundliche Lockzeichen, wie wir Menschen es mit kleinen Hunden machen, die wir nicht anzurühren wagen. Ich bemerkte, daß sie uns für Scharlatane hielten. Der Bursche kam mit zwei andern Männern und einer Frau zurück, die nur die Neugier zu uns geführt zu haben schien. Ich ließ den Megamikren tanzen und das große Kompliment singen und sah, daß dies großen Eindruck auf die Leute machte; die Frau aber war ganz entzückt und geradezu außer sich, als er auf meinen Befehl zu ihr herantrat und ihr die Hand küßte. Sie wagte es nun, ihn zu liebkosen. Alle diese Menschen interessierten sich nur für ihn und kümmerten sich gar nicht darum, daß wir nötig hatten, Nahrung und ein Obdach zu finden, wo wir unsere Kleider trocknen könnten. Meine Gattin machte der Frau durch Gebärden klar, was wir nötig hätten, und machte dabei zugleich die übliche Fingerbewegung, um ihr anzudeuten, daß wir bar bezahlen wollten. Nachdem die Frau einige Worte zu ihrem Begleiter gesagt hatte, schickte sie den Burschen nach dem Städtchen; eine Stunde darauf kehrte er mit einem Priester zurück. Diesem sagte ich in lateinischer Sprache alles, was notwendig war; da er mir aber nicht antworten konnte, sagte er der Gesellschaft einige Worte und entfernte sich, um nach abermals einer Stunde mit zwei Kapuzinern zurückzukehren, die Latein verstanden. Nun konnte ich mich endlich erklären und einer von den beiden Mönchen antwortete ziemlich höflich auf alle meine Fragen. Er sagte mir, man könnte mir wohl ein Obdach verschaffen, wir müßten jedoch bezahlen; die Leute wollten aber sicher gehen, daß sie auch wirklich Bezahlung erhalten würden, und wir mußten ihnen deshalb Geld zeigen. Hierauf löste meine Frau von ihrem Halse ein kleines Brillantenkreuz in roter Goldfassung und gab dieses Kreuz dem Kapuziner in die Hand. Er prüfte es und sagte sehr höflich zu uns, er verstehe sich auf solche Wertsachen nicht. Dann sprach er in seiner Sprache mit dem Priester und das Ende ihres Gespräches war, daß der Priester sich entfernte. Wiederum nach zwei Stunden kam er mit zwei Männern zurück, von denen der eine, wie ich später erfuhr, der Apotheker, der andere der Arzt des Ortes war. Dieser sagte, er verstehe sich auf Diamanten. Das Kreuz in der Hand haltend, richtete er mehrere Fragen an uns. Auf seine Frage, wer wir seien, erklärte ich ihm, wir seien Engländer, die von Bengalen kämen; wir wären auf der Reise nach Konstantinopel, unsere Bedienten hätten uns beraubt und hilflos in einem Walde gelassen. Zufällig wären wir an diesen Ort gekommen, nachdem wir mehrere Tage zu Fuß gewandert wären. Wir wüßten nicht, wo wir wären. Besonders dies zu erfahren war für uns sehr wichtig, damit ich mich danach richten konnte; denn ich hatte die Aufgabe, ihm einen völligen Roman zu erzählen. Der Arzt sagte mir, wir seien in Niederkrain und die Stadt, die wir in der Nähe sähen, heiße Zirknitz. Er fragte mich, was für ein Tier unser guter Freund sei; ich antwortete ihm, er sei ein Mensch und Christ; er stamme aus einem erst kürzlich entdeckten Lande in der Südsee. Ich schloß mit den Worten, wir brauchten Unterkunft und Kleidung und Nahrung; über alles andere könnten wir am nächsten Tage sprechen, denn es regnete in Strömen und die Nacht drohte bereits hereinzubrechen. Er sagte mir, unser seltsamer Aufputz mache uns verdächtig; er wolle nicht leugnen, daß auch er selber nicht ganz frei von Verdacht sei; aber die Menschlichkeit erlaube ihm nicht, uns auf offener Straße zu lassen. Nur könne er weiter nichts tun, als uns ein Nachtlager in seinem Hause zu geben. Er werde den Kapuziner, der am nächsten Tage nach der großen Stadt Laibach gehen wolle, beauftragen, das Kreuz dort zu verkaufen; natürlich nur, wenn die Steine echt seien, wie er übrigens selber glaube. Ich erklärte mich mit allem einverstanden und wir machten uns endlich auf den Weg nach der Stadt. Der brave Mann wies uns ein ärmliches Kämmerchen an; aber er hatte kein anderes und seine Frau, die uns sehr übel empfing, war nicht einmal damit einverstanden, für uns eine Matratze herzugeben. Ich sagte dem Doktor, wir bäten nur um etwas Stroh; vor allen Dingen aber brauchten wir ein Feuer, gutes Wasser, gutes Fleisch, Mehl und Reis. Nachdem ich ihm versichert hatte, er werde mit uns sehr zufrieden sein, bat ich, mit dem guten Kapuziner sprechen zu dürfen, der das kleine Kreuz nach Laibach bringen sollte. Der Kapuziner kam mit dem Priester, der ihm einen Empfehlungsbrief an einen Juden geben mußte, welcher nach seiner Behauptung bereits Diamanten an den Erzherzog verkauft habe. Ich sagte dem Priester, er möge einen Kaufmann veranlassen, uns Hemden und Kleider zu schicken; er verstand dies jedoch nicht. Der Kapuziner erklärte, er werde selber dafür sorgen, wenn das Kreuz genügenden Wert habe. Ich fragte ihn, wie es möglich sei, daß ein Priester der lateinischen Sprache nicht kundig sei; er antwortete mir, der Priester sei ein Fremder, nämlich ein Slawonier; die slawonischen Priester aber könnten gelehrte Männer sein und auch würdige Diener Gottes, ohne Latein zu verstehen. Denn sie hielten ihren Gottesdienst in illyrischer Sprache und alle ihre heiligen Bücher seien in dieser Sprache geschrieben. Nachdem alle wieder gegangen waren, ließ der brave Arzt in mein Zimmer alles von mir Gewünschte bringen. Er ließ mir auch ein Feuer anzünden, vor dem wir allein blieben und unsere Kleider trocknen konnten. Unser bis zum Gerippe abgemagerter Megamikre ließ uns keine Hoffnung übrig, daß wir ihn noch retten könnten; denn das letztemal, als Elisabeth ihm die Milch abgesaugt hatte, waren kaum noch zwei Unzen vorhanden gewesen. In diesem Augenblick konnte sie nicht einmal mehr einen einzigen Tropfen aus seinem Busen hervorsaugen; sein Busen selber war sogar verschwunden, denn sobald die Quelle, die früher durch ihn ihren Ausweg gefunden hatte, versiegt war, brauchte die Natur auch die Kanäle nicht mehr zu erhalten. Wir waren in der größten Betrübnis. Ich ließ alle Töpfe, die man mir gebracht hatte, auf das Feuer setzen, und kochte besonders Milch mit Reis. Ich ließ diesen drei Stunden kochen, da ich noch einige Hoffnung hatte, unseren kleinen Engel durch diese Nahrung wieder zu Kräften zu bringen; denn sie enthielt in der Tat zwei Substanzen, die den Hauptbestandteilen der Megamikrennahrung ähnlich waren. Der Kleine, der die Sanftmut selber war, nahm die Nahrung in unserer Gegenwart zu sich, sagte uns aber sofort, mit ihm sei es aus, denn ein Megamikre könne nicht am Leben bleiben ohne die Flüssigkeit, die die Voraussetzung seines Daseins sei. Er war vollkommen bei Besinnung und sprach mit der größten Ruhe von der Glorie des Jenseits; er versicherte uns, er sterbe zufrieden, da er überzeugt sei, uns bei unserer großen Wanderung von Nutzen gewesen zu sein. Wir konnten unsere Tränen nicht zurückhalten. Wir selber hielten ein vortreffliches Mahl von den Speisen, die wir gekocht hatten, besonders von dem köstlichen Fleisch, das uns eine herrliche Brühe lieferte. Den Wein wagten wir nur mit reichlichem Wasser vermischt zu trinken. Wir waren erstaunt über unsern guten Gesundheitszustand; denn wir hatten vierzig Stunden lang kein Auge zugetan und uns während dieser Zeit immer im Wasser oder im Regen befunden. Wir wurden am Morgen von dem Arzt aufgeweckt, der uns sagte, es habe bereits acht Uhr geschlagen. Wir hatten die ganze Zeit geschlafen, aber es kam uns vor, wie wenn wir nur einen Augenblick die Augen geschlossen hätten, so tief und ruhig war unser Schlummer gewesen. Wir baten unsern Wirt, uns neue Nahrungsmittel wie am vorhergehenden Tage zu besorgen; zugleich sagten wir ihm, unser kleiner Begleiter werde sterben, weil er keine für ihn passende Nahrung bekommen könnte. Natürlich lachte der Arzt über meine Behauptung; denn ein solches Urteil zu fällen, könnte nur ihm als Gelehrten zukommen. Nachdem er dem Kranken den Puls gefühlt hatte, hielt er einen gelehrten Vortrag, der mit vielen Fachausdrücken gespickt war. Ich brachte ihn aber zum Schweigen, indem ich ihm sagte, das sterbende Geschöpf sei von einer Natur, wie Hippokrates sie überhaupt nicht geahnt habe. Er verstummte vollends, als ich ihm erklärte: er habe vor seinen Augen einen Kranken, der niemals schlafe, dessen Blut weiß sei und der von seiner eigenen Milch sich nähre. Ein solches Geschöpf müsse einen Magensaft haben, der von dem unsrigen vollständig verschieden sei; die ganze Bildung der inneren Teile müsse von der unsrigen abweichen, denn er sei aus einem Ei geboren, das durch einen Kanal gelegt worden sei, der sich zwischen Speise- und Luftröhre befinde. Dieser Kanal gehe von einer Gebärmutter aus, welcher die Natur ihren Platz in der Nähe des Zwerchfells angewiesen habe. Mein lieber Doktor hielt mich nun für einen Visionär oder im günstigsten Fall für einen gelehrten Betrüger, von dem er sogar annehmen wollte, daß er über größere Kräfte verfüge als er selber. Da er seine eigene Scharlatanerie nicht mit der meinigen messen wollte, so lächelte er fein und sagte mir: was ich ihm da erzählt habe, sei ebenso unterhaltend wie interessant. Hierauf brachte er das Gespräch auf ein anderes Thema und sagte mir, die Kapuziner seien vor Tagesanbruch mit drei Briefen und dem Kreuz abmarschiert; auch habe der Stadthauptmann an den Gouverneur in Laibach über meine Person, meine Begleiter und unsere ganze Erscheinung ausführlich berichtet; er habe nicht nötig gehabt, mich zu sehen oder mit mir zu sprechen; dies habe er für gänzlich überflüssig gehalten, als man ihm gesagt habe, ich spreche nur Latein. Denn er habe sein Latein vergessen, weil er bereits vor sehr langer Zeit seine Studien beendigt habe. Hierauf betrachtete der Arzt mit großer Aufmerksamkeit unsere Uhren, von denen die eine aus rotem, die andere aus gelbem Gold gemacht war. Er bewunderte besonders die gelbe, indem er mich fragte, ob sie von Gold sei; als ich diese Frage bejahte, stellte er sich, wie wenn er das Werk bewunderte, und bat mich, ich möchte ihm doch erlauben, sie einem mit ihm befreundeten Liebhaber solcher Sachen zu zeigen. Ich gab ihm natürlich diese Erlaubnis. Die sogenannte Stadt war ein Haufen von dreihundert schlechten Häusern; es befand sich nicht einmal ein Uhrmacher in ihr, doch war ein Goldschmied vorhanden, der sich für die Arbeit des Uhrwerks nicht interessierte, aber gerne gewußt hätte, ob sie wirklich von Gold sei. Mein guter Arzt hörte mit Freuden, daß sie einen Goldwert von vierzig Gulden besäße; er war viel höflicher, als er mir die Uhr zurückbrachte; ich sah, daß er jetzt nicht mehr an dem Wert seines Kreuzes zweifelte. Er war gut und ein anständiger Mensch und ich schätzte ihn auch nicht geringer wegen seiner Zweifel; denn der Zweifel entspringt oft nur der Vorsicht und kann niemals einen Menschen entehren, wenn er darüber nicht die Höflichkeit außer acht läßt. Was ich dem braven Mann über unseren Megamikren gesagt hatte, hatte ihn mißtrauisch gemacht und er glaubte, er würde um die sechs Gulden geprellt werden, die er bis zur Rückkehr der drei Kapuziner für uns auslegen mußte. Er hatte recht und ich hatte unrecht, ihm etwas zu sagen, was jeden Menschen in Erstaunen setzen mußte, besonders aber einen Halbgelehrten; denn diese Leute glauben immer nur das, was sie in den Büchern irgendeiner Autorität gelesen haben. Ich sagte ihm, das Gold der anderen Uhr sei bedeutend mehr wert als das gelbe Gold, weil es eben rotes Gold sei. Hierüber lachte er und sagte mir, er wisse in der Alchimie ganz gut Bescheid. Nun erkannte ich, daß ich den Mund halten mußte. Ich fragte ihn nach dem Datum und war außerordentlich überrascht, als er mir antwortete, wir schrieben den 21. August des Jahres 1614. Am selben Tage des Jahres 1533 fielen wir in die Kiste, die mit uns im Strudel des Maëlstromes verschwand. Mußten wir da nicht glauben, daß alles, was uns zustieß, von Gottes eigener Vorsehung ausging? Gott erweist den sterblichen Menschen Gnaden, ohne die Ordnung der Natur umzustoßen, und der Mensch muß diese Gnaden als Wundertaten anerkennen, obgleich sie natürlich sind. Schon der einzige Umstand, daß wir an demselben Jahrestage in den Abgrund stürzten und wieder befreit wurden, diese Welt verließen und wieder in sie zurückkehrten, mußte uns genügen, um unsere Herzen in Dankbarkeit dem Allerhöchsten gegenüber zerfließen zu lassen. Wir hatten außerdem noch tausend andere Gründe. Mag man mich deshalb für abergläubisch halten, das wird meine Seelenruhe nicht stören. Solange wir noch leben, werden wir am 20. August in stiller Betrachtung die Vorsehung Gottes anbeten. Ich bat durch unseren Doktor den Apotheker, er möchte mir alles schicken, was er an aromatischen Kräutern habe, die bei der Verbrennung angenehm riechende Dämpfe gäben. Er schickte mir indische Aloe, festen und flüssigen Borax, arabische Myrrhen und mehrere Harze. Ich verbrannte diese im Zimmer, um durch die wohlriechenden Dämpfe unserm herzgeliebten Megamikren das Leben zu erhalten. Aber alles war vergeblich. Er konnte keine einzige von den ihm gereichten Speisen verdauen und es wurde jeden Augenblick schlimmer mit ihm. Da der Regen aufgehört hatte, so hatte ich nach meinem Aufstehen gleich in der Frühe erkannt, daß es einen sehr schönen Tag geben würde. Ich ging zu meinem Megamikren und fragte ihn, ob er nicht unsere Sonne sehen wolle, die bald erscheinen würde, um dreizehn Stunden lang unsere ganze Halbkugel zu beleuchten. Ich versicherte ihm, er könne die Sonne ansehen, ohne damit ein Verbrechen zu begehen. Er ging mit mir hinaus und eine Viertelstunde darauf hatte ich das Vergnügen, sein Erstaunen zu sehen, als er unser schönes Gestirn aufgehen sah. Zur Mittagsstunde wünschte er die Sonne wieder zu sehen und richtete bei dieser Gelegenheit sehr zufrieden über den Anblick mehrere Fragen an mich, auf die ich ihm aber nicht eingehend antworten konnte, denn es war zu spät, ihm das alles zu erklären: er war dem Tode nahe. Am sechsten Tage waren die beiden Kapuziner wieder da. Sie betraten meine Kammer und meldeten mit Namen und Titeln zwei vornehme Herren an, die ich mit allen Zeichen der Achtung empfing. In demselben Augenblick erschien auch der Arzt. Es waren der Graf Eckemberg, der Gouverneur von Kroatien, und Graf Prainer, Kommissarius des Kaisers Matthias. Sie sagten mir, der Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen, führe sie zu mir. Ich nannte ihnen sofort meinen Namen, mein Vaterland und sagte ihnen, wie alt ich sei. Ich brauchte ihnen allerdings mein Alter nicht zu sagen; aber ich kam aus einer Welt, in welcher über allem majestätisch die Wahrheit thronte. Graf Eckemberg erwies mir die Ehre, mir in ausgezeichnetem Englisch zu antworten und mir ein Kompliment darüber zu machen, daß ich die Tante Karls V. habe kennen müssen, die Heinrich VIII. verstoßen habe, um Anna Boleyn zu heiraten. Ich sagte ihm, ich habe nicht bei Hofe gelebt, wisse aber, daß König Heinrich den Entschluß, Katharina zu verstoßen, bereits gefaßt habe, bevor er Anna Boleyn gekannt habe. Denn Kardinal Wolsey verhandelte auf Befehl des Königs mitsamt den Ersten wegen der Vermählung seiner Schwester, der Herzogin von Angoulême. Ich wüßte dies aus dem eigenen Munde des Kardinals Campeggio, der seine Zustimmung zur Heirat Heinrichs VIII. standhaft verweigerte, indem er den Grund, daß Katharina nicht seine Frau sein könne, weil sie die Witwe seines Bruders sei, für nichtig erklärte. Als der Graf sah, daß ich besser Bescheid wußte als er selber, hielt er es für besser, nichts weiteres darüber zu sprechen, und ließ die Frage meines Alters, welchem allerdings mein Aussehen nicht entsprach, unerörtert. Er zog aus seiner Tasche das Kreuz und die Diamanten, die er aus der Fassung hatte nehmen lassen, und fragte mich, ob ich mit 6000 Gulden zufrieden sein würde. Er versicherte mir, man habe sie auf 1000 Gulden höher geschätzt als Diamanten von derselben Größe vom reinsten Wasser, weil die Arbeit außerordentlich gut sei; denn sie seien mit doppelten Facetten geschliffen, wodurch mehr als ein Drittel der Steine der Schönheit derselben aufgeopfert worden sei. Er sagte ferner, er möchte mich um eine Freundlichkeit bitten, nämlich ihm, falls ich meine Diamanten um diesen Preis nicht verkaufen wolle, den Preis des Metalls zu nennen, aus dem das Kreuz angefertigt sei; denn er wünsche dieses selber zu besitzen und sei bereit, mir dafür das Doppelte zu bezahlen, was es kosten würde, wenn es von Gold wäre. Ich antwortete ihm ohne Umschweife, es sei rubinrotes Gold, und wenn er dieses Stück zu besitzen wünsche, so zeige mir dies, daß er Kenner sei; dies ermutige mich dazu, ihm die Fassung als Geschenk anzubieten. Ich sei mit 6000 Gulden vollkommen zufrieden. Er drückte mir mit großer Anmut die Hand, steckte das Kreuz und die Diamanten in seine Tasche und zählte mir augenblicklich die ganze Summe in Gold auf. Hierauf sagte er mir, mit diesem Metall werde er ganz Europa in Erstaunen versetzen. Unser Doktor, der sich angeblich auf Alchimie verstand, nahm nun meine Uhr in die Hand und sagte, sie bestehe aus demselben Metall; sie könne aber nur einen Liebhaberwert besitzen, denn aus der Farbe ersehe man, daß sie nicht aus Gold bestehe, das doch das kostbarste aller Metalle sei. Ich lächelte nur, der Graf aber machte sich über seine Rede lustig, so daß der gute Doktor ganz rot wurde. Nachdem der Graf meine Uhr untersucht hatte, sagte er, er würde 2000 Gulden dafür geben. Ich tat aber, wie wenn ich dies nicht hörte. Er fragte nun, ob er wissen dürfe, welcher Zufall uns in dieses Land geführt habe. Ich erzählte ihm hierauf die Fabel, die ich mir vorgenommen hatte, überall zu verbreiten; weil er jedoch ein vornehmer Herr war, so durfte ich meine Erzählung nicht allzu kurz fassen. Ich berichtete also folgendes: Auf der Reise nach Indien scheiterte in der Südsee unser Schiff bei einem Sturm an einer Korallenbank, die 400 Meilen jenseits von Madagaskar liegt. Die ganze Besatzung außer mir und meiner Frau kam um; uns gelang es mit Hilfe einer Planke, uns an die Küste einer großen Insel zu retten, die auf keiner Karte verzeichnet steht. Wir wurden von sehr freundlichen Menschen gut aufgenommen und sie erwiesen uns alle Hilfe, die wir nur wünschen konnten. Sie nahmen uns mit sich in eine sehr volkreiche Stadt mit einer republikanischen Verfassung, wo alles zum Leben Notwendige im Überfluß vorhanden war. Seehandel treiben sie durchaus nicht, weil sie desselben nicht bedürfen, um reicher zu werden; denn sie besitzen reiche Minen von allen Metallen, sogar viele Diamanten. Ihre Felder bringen in großer Fruchtbarkeit alles hervor. In ihrem Lande gibt es alle Tiere, besonders auch Schafe mit herrlicher Wolle. Sie haben Fabriken und Werkstätten von aller Art. Dort auf dieser Insel befindet sich auch das Bergwerk, worin das Gold gefunden wird, das Sie hier gesehen haben; die Bearbeitung der Diamanten ist dort in dieser Weise üblich. Die Gerechtigkeit wird von ihnen mit der größten Strenge gehandhabt; dafür sind aber ihre Gesetze sehr milde und über deren Auslegung kann niemals ein Zweifel bestehen, denn ihre Worte widersprechen niemals ihrem Denken. Außerdem haben sie auch nur sehr wenige Gesetze und ihr kleines Gesetzbuch besitzt jedermann. Es ist in griechischer Sprache abgefaßt, denn in jenem Lande kennt man keine andere. Während ich mich dort aufhielt, wurde ein junger Kaufmann angeklagt, falsche Münzen geprägt zu haben. Die Behörde fand bei ihm viele Goldstücke, die bei der Probe als falsch erkannt wurden; er wurde zum Tode verurteilt. Der junge Mensch erschien vor den Richtern und sagte ihnen, er sei keineswegs schuldig, er verlange im Gegenteil die Rückerstattung aller falschen Münzen und seines Prägestocks. Er verlange von ihnen, daß sie ihm eine Entschädigung bezahlten, auf Grund eines von ihm angerufenen Gesetzes, dessen Worte folgendermaßen lauteten: Jeder Bürger kann in seinem Hause tun, was er will; unter der Voraussetzung, daß seine Handlungen keinem Menschen weder an seinem Leben, noch an seinem Nutzen, noch an seiner Freiheit, noch an seiner Ehre schaden. Er sagte den Richtern, seit zehn Jahren arbeite er zu seinem Vergnügen daran, diese Medaillen herzustellen, die sie mit Unrecht Münzen nennten; denn er habe sie niemals in Umlauf gebracht. Sie könnten ihn daher nicht eher bestrafen, bevor sie ihn dieses Verbrechens schuldig fänden. Die Richter vermochten keinen einzigen Kläger aufzustellen und mußten ihm daher alles zurückgeben und außerdem noch eine starke Entschädigung auszahlen. Ich bat die Insulaner, sie möchten mir erlauben, auf meine Kosten ein Boot bauen zu lassen, das mit zwei Segeln auf die hohe See fahren könnte; außerdem Menschen zu bezahlen, die auf den Höhen Wache hielten, um mir zu melden, sobald sie Schiffe in einer gewissen Nähe entdeckten. Sie fanden mein Verlangen sehr billig. Eines schönen Tages wurde mir gemeldet, ein Schiff sei in einer Entfernung von zehn Meilen von der Insel durch die Windstille zurückgehalten. Ich kam an Bord dieses Schiffes und wurde von dem Kapitän, der ein Engländer war und nach dem Kap der guten Hoffnung segelte, sehr gut empfangen. Am Kap der guten Hoffnung beschaffte ich mir den Megamikren, den sie hier sehen, leider liegt er jetzt im Sterben. Vom Kap kamen wir nach Holland, wo ich den kleinen guten Kerl in der christlichen Religion unterrichten und taufen ließ. Von Holland reiste ich nach Danzig, um dort von einem mir gehörenden Handlungshause Gelder einzuziehen. Hierauf reiste ich zu meinem Vergnügen mit zwei Bedienten nach Venedig; sie dienten mir treu auf der Reise durch Pommern, Brandenburg, Sachsen und Böhmen. In Bayern aber beraubten sie uns in einem Walde unserer ganzen Habe. Wir blieben hilflos in diesem ungeheuren Walde zurück, ohne etwas anderes als unser Leben und das, was wir in unseren Taschen hatten, gerettet zu haben. Nach einer langen Wanderung schliefen wir eines Abends vor Müdigkeit ein und wachten auf, als plötzlich das Wasser die ganze Ebene, in der wir uns befanden, überschwemmte. Wir trafen auf wackere Leute, die uns den Arzt vorstellten, der uns gütig Gastfreundschaft gewährte. Wir gedenken nun nach Venedig weiterzureisen, wo wir uns von irgendeinem Handlungshause das Geld werden auszahlen lassen, das wir zur Fortsetzung unserer Reise nach Konstantinopel und weiter nach Giulta, einer Vorstadt von Ispahan bedürfen, wo wir ein Haus und Geschäft besitzen. Dies ist der Roman, den wir erfunden hatten und den ich erzählte, unbekümmert darum, ob man ihn mir glaubte oder nicht. Wir hätten die Neugier zu sehr erregt, wenn wir ihnen über unsere Lage die Wahrheit gesagt hätten. Wir behielten uns jedoch vor, unsere Erlebnisse in unserer Heimat niederzuschreiben; denn wenn ein Mensch Wahrheiten, die er weiß, niemandem mitteilen kann, so ist er unglücklich. Mein kleiner Roman wurde wunderbar, aber auch interessant gefunden. Der Graf, der mir ruhig zugehört hatte, richtete drei oder vier kluge Fragen an mich, die mir zeigten, daß er mir wohl hätte Einwendungen machen können, wenn ihm nicht die Höflichkeit geboten hätte, diese für sich zu behalten. Indessen sagte er mir folgendes: »Es ist überraschend, daß das reiche Land, aus welchem Ihr kommt, seine Freiheit behaupten kann; noch überraschender aber, daß die Leute so einfach jemanden abreisen lassen, der dieses Land kennengelernt hat, denn die Herren müssen doch sehr eifersüchtig auf ihre Freiheit sein und es kann ihnen nicht unbekannt sein, daß alle Fürsten dieser Welt ein unbestreitbares Recht haben, für sich Länder in Besitz zu nehmen, die bisher keinen Herrn haben. Sobald Ihr Eure Geschäfte in Persien abgemacht habt, werdet Ihr wohl Eure Entdeckung dem König Jakob von England mitteilen. Offenbar werdet Ihr auf diese Weise den Ruhm erwerben, der Krone von Großbritannien einen so schönen neuen Edelstein einzufügen. Darum gestattet mir, Euch dazu Glück zu wünschen sowie mir selber, daß ich Eure Bekanntschaft gemacht habe. Ich gestatte mir sogar, Euch den Rat zu geben, daß Ihr Euch beeilt; denn zur Stunde schon muß Holland daran denken, Euch zuvorzukommen. Ein unbekanntes und so reiches Land, das nicht weit von Madagaskar liegt, muß für jede handeltreibende Nation, die über eine starke Flotte verfügt, von großem Interesse sein.« Hierauf sagte der Kapuziner mir, er habe mir Tuch, Leinwand, Hüte, Strümpfe und Stiefel bringen lassen. Er ließ den Kaufmann, einen Juden, sofort damit eintreten. Der Graf sagte mir: da die Leute meine Sprache nicht verständen, würde er mir gerne bei allen Einkäufen als Dolmetscher dienen; ich war ihm für seine Gefälligkeit sehr dankbar. In weniger als einer halben Stunde kaufte und bezahlte ich alles, was wir brauchten, und gab dem Arzt die ganze Leinwand, um uns vor allen Dingen in größter Eile Hemden anfertigen zu lassen. Das Tuch gab ich Schneidern, um jedem von uns einen Anzug und einen guten Mantel zu machen. Der Graf wandte nun seine ganze Aufmerksamkeit dem Megamikren zu, der seine volle geistige Lebhaftigkeit und seine Vernunft bewahrt hatte, obgleich er beinah schon ein Leichnam war; seine Augen funkelten so lebhaft wie zuvor. Der Doktor, der mir vielleicht eine Falle stellen wollte, sagte dem Herrn Grafen in seiner Sprache alles, was ich ihm vom Megamikren erzählt hatte. Ich erzählte ihm darauf viel mehr in englischer Sprache und der Graf wie der kaiserliche Kommissar waren aufrichtig betrübt, als ich ihnen sagte, das wundervolle Geschöpf habe kaum noch vierundzwanzig Stunden zu leben, da es seine Milch verloren habe. Der Graf nahm den Kleinen in seine Arme und untersuchte seine Stirnkappe, die Zähne, die getigerte Haut und gab ihm hundert Küsse, die er erwiderte. Dann sang zur großen Überraschung der Herrschaften unser Kleiner mit einer wahren Nachtigallenstimme eines jener wundervollen Lieder, die zwar nur einem Megamikren bis in die Seele dringen können, die aber auch die unsrigen entzücken. Der Arzt konnte sich nicht enthalten, zu behaupten, er würde ihn am Leben erhalten haben, wenn ich ihm erlaubt hätte, ihm ausgezeichnete Pillen zu geben. Graf Prainer nahm der Arzt beiseite und sprach mit ihm einige Worte; gleich darauf lud der Doktor uns ein, bei ihm mit den beiden hohen Herren zusammen zu speisen, die ihm diese Ehre erweisen wollten. Wir konnten natürlich eine solche Einladung nicht abschlagen. Der Arzt gab uns ein großartiges Festmahl: gutes Wild, ausgezeichnete Fische und einen sehr guten Wein aus der Umgegend, den er Refosco nannte. Gegen Abend sagte eine Magd dem Arzt, man glaube, daß das kleine Geschöpf, das ich in meiner Kammer gelassen habe, tot sei; der Doktor übersetzte mir diese Meldung. Ich bat die Gesellschaft um Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen, und eilte zu unserm kleinen Engel, den ich unbeweglich mit geschlossenen Äugen liegen sah; er war aber noch nicht tot, sondern sein Puls ließ sich in der Armbeuge noch fühlen, nachdem ich ihn einigemale sanft gestreichelt hatte, sagte er mir: er sterbe und bitte mich, seinen Leichnam zu verbrennen. Ich sagte ihm, er möge sich um diese Sachen nicht beunruhigen, sondern nur Gott wegen seiner Sünden um Vergebung bitten und als Beweis dessen einem Priester, den ich kommen lassen werde, um ihm die ewige Seligkeit zu sichern, die Versicherung geben, daß er als Christ sterbe. Gerade in diesem Augenblick trat die Gesellschaft mit dem Priester ein; ich bat den Grafen, ihm zu sagen, daß der Sterbende römisch-katholischer Religion sei – ich konnte nichts anderes sagen – so daß er auf mein Wort hin ihm die Absolution geben könne. Der Priester erwiderte, er müsse von dem kleinen Geschöpf einen Beweis seiner Reue sehen und müsse von ihm versichert werden, daß er auch Religion habe. Ich sagte ihm, er würde ihm durch Zeichen sagen, daß er an Gott glaube und werde ihm darauf dreimal die Hand drücken, um damit die Absolution zu erlangen. Der Priester war damit zufrieden. Auf die Frage des Pfarrers nach dem Wesen Gottes, die ich dem Megamikren übersetzte, zeigte er von der rechten Hand erst einen Finger, darauf drei Finger. Auf die Frage, daß er seine Sünden bereue, gab er ihm die Hand und drückte er die Hand des Priesters dreimal, worauf er sie küßte. Dann schloß er die Augenlider, die er nicht wieder öffnete. Der Auftritt rührte alle Anwesenden. Ich sagte dem Doktor, ich wünsche, daß der Leib des lieben Geschöpfes einbalsamiert werde und daß man ihm aus dem besten Stein ein Grabmal errichte. Zum Sarge solle man das teuerste Holz nehmen, das man in der Gegend finde; außerdem solle man zu seiner Beerdigung sämtliche religiöse Gemeinschaften der Gegend einladen und überhaupt das Begräbnis mit größtem Pomp, den die Kirche erlaube, veranstalten. Ach, wie groß war unser Schmerz! Wie hätten wir auch nicht für dieses Wesen, dem wir das Leben verdankten, die größte Liebe empfinden sollen? Wir beweinten ihn bitterlich und beweinen ihn noch jetzt, sooft wir an ihn denken. Ich gab dem Arzt die Inschrift, die auf den Stein gemeißelt werden sollte; sie war ganz einfach, in lateinischer Sprache, und die Neugier konnte durch nichts anderes als das Wort »Megamikre« erregt werden, das man dort in jenem abgelegenen Winkel kaum beachten wird. Die Beerdigung kostete mich ungefähr 800 Gulden; außerdem gab ich 200 Gulden dem Pfarrer, um Messen zu lesen, und ebensoviel dem Kapuzinerkloster zu demselben Zweck. Ferner ließ ich 1000 Gulden zurück, um das Grabdenkmal zu errichten. Acht Tage später waren unsere Kleider und Mäntel fertig und wir machten uns zur Abreise bereit. Die beiden Grafen verließen uns keinen Augenblick; sie wollten uns durchaus in ihrem sechsspännigen Wagen nach Laibach bringen. Dieses Anerbieten lehnte ich dankend ab. Als wir Abschied nahmen, war alle Welt betrübt; denn, nachdem ich dem Arzt und Apotheker, den Schneidern, Näherinnen alles bezahlt hatte, verteilte ich noch hundert Gulden unter die Bedienten und schenkte dem Doktor eine schöne Dose von gelbem Gold; er glaubte mit dieser besser zu fahren, als der Graf, dem meine Frau eine Dose von rotem Golde schenkte. Er nahm diese voller Freude unter der Bedingung an, daß wir von ihm einen zweispännigen Wagen annehmen möchten, den er in Laibach habe. Ich bat den Grafen, uns freundlich zu gestatten, daß wir in Laibach keinen Menschen sähen, und lehnte auch dankend den Bedienten ab, den er uns mitgeben wollte. Ich bat ihn nur um die einzige Gnade, uns bis Görz von vier Berittenen begleiten zu lassen, die von dort wieder umkehren sollten, ohne über uns mit irgendeinem Menschen gesprochen zu haben. Nachdem ich mich rasiert hatte, sah ich vollkommen jung aus. Allmählich gewöhnten wir uns wieder an die europäische Kleidung. Als wir in Görz ankamen, hatte ich 700 Zechinen in meiner Börse. Ein Graf Cobenzl, dem wir einen Brief vom Grafen Eckemberg überbrachten, empfing uns auf die vornehmste Weise; er war gelehrt, in allen Wissenschaften sehr unterrichtet, sprachliebend und dabei persönlich sehr einfach. Er war sehr neugierig, ohne indessen seine Wißbegierde zu verraten, und es tat mir aufrichtig leid, daß ich ihm die Wahrheiten, die zu wissen er verdient hätte, nicht mitteilen konnte. Er gab uns zwei Berittene mit, die uns bis Udine brachten, nachdem wir uns vergewissert hatten, daß wir uns Unannehmlichkeiten aussetzen würden, wenn wir nach Triest gingen, um von dort uns zur See nach Venedig zu begeben. Denn die Republik lag damals im Kriege mit den Uskoken und daher mittelbar mit dem Erzherzog Ferdinand, der diese unter der Hand begünstigte. Der merkwürdige Graf Cobenzl gab uns einen Empfehlungsbrief an den Dogen Marc Antonio Memmo, mit welchem zusammen er auf der Schule gewesen war. Am 15. September kamen wir in Venedig an, wo wir eine sehr gute Herberge fanden. Wir brachten dort einen ganzen Monat zu, ohne jemanden zu sehen. Nur ein wackerer englischer Kaufmann nahm uns sehr freundlich auf, ohne uns nach unserer Herkunft oder unserem Namen zu fragen; er besorgte uns den Verkauf der Diamanten unserer Agraffen für 8000 Zechinen. Unsere Karfunkel zeigten wir keinem Menschen. Wir kleideten uns auf englische Art und überbrachten unseren Empfehlungsbrief an den Dogen Memmo, der uns einen ausgezeichneten Empfang bereitete. Nach vier Wochen reisten wir mit einem Bedienten ab und erreichten ohne Unfall Bologna; von dort ritten wir über die Apenninen auf Maultieren nach Florenz, wo wir in unserem Gasthof einen englischen Kapitän kennenlernten, der am nächsten Tage nach Livorno reiste, wo sein Schiff segelfertig lag, um auf geradem Wege nach London zu fahren. Wir benutzten diese Gelegenheit und kamen mit sehr günstigem Winde in achtundzwanzig Tagen in unserem teuren Vaterlande wieder an. Zu unserer großen Freude trafen wir wider alles Erwarten unsere guten Eltern noch am Leben. Damit waren alle unsere Wünsche erfüllt und damit ist auch unsere Geschichte aus.