Felix Dahn Am Hof Herrn Karls Vier Erzählungen I. Die Freibitte Ihrer der Frau Herzogin zu Trachenberg, Fürstin Natalie von Hatzfeld, Durchlaucht   verehrungsvoll zugeeignet   I. In dem Palatium der Langobardenkönige zu Pavia reichte der von der Königin und ihrer Tochter bewohnte Flügel bis dicht an das Ufer des Tessin, dessen Fluten auch an schwülen Sommertagen einige Kühlung der gegen den Fluß hin offenen Säulenhalle, dem Hauptgemach der Frauen, zuführten. Hier waren an einem solchen heißen Sommerabend um Ansa, die ehrwürdige Gemahlin des Königs Desiderius, und um Adalperga, deren Tochter, eine Anzahl vornehmer langobardischer Frauen und Mädchen, auch Geistliche und ein Paar weltliche »Gasindi« und Höflinge des Palatiums versammelt. Die Königin war ernst, ja sorgenvoll, so schien es, im Hintergrund der weiten Halle in ein Gespräch mit Bischöfen und älteren Vornehmen vertieft, indes die schöne Adalperga – schon feierten Lieder, nicht nur lateinische der Hofpoeten, auch langobardische im Mund des Volkes ihre Anmut, Bildung und Herzensgüte – ganz vorn auf der offenen Bogenwölbung gegen den Fluß hin an einem mächtigen Steintisch saß, dessen Mosaikplatte zahlreiche Handschriften trug; diese zu ordnen und allmählich in eine hohe eherne Amphora wegzulegen war ein junger Mann beschäftigt, dessen Kleidung ein seltsames Gemisch von Geistlichem und Weltlichem zeigte. Das edle Antlitz mit den feingeschnittenen Zügen schien gebleicht von zu anstrengender – wohl auch nächtlicher – Forschungsarbeit: aber das Auge blitzte von feuriger Begeisterung und um den schwarzen langen sutanengleichen Rock war doch der Wehrgurt mit dem Schwert gegürtet. Dagegen völlig die Tracht eines Kriegers zeigte ein ihm gar ähnlicher etwas jüngerer Mann, der sich neben ihm auf den Tisch mit den Rollen beugte und nun mit leichtem Schütteln der braunen Locken lächelnd meinte: »O Fürstin, das Latein laß ich mir noch gefallen: – hab' ich's doch sogar in diesen meinen harten Kopf hinein gehämmert: –, aber diese krausen Schnörkel, dies Griechische sogar, soll Euch mein gelehrter Bruder beibringen? Wozu? Ihr habt's doch nicht nötig zu Eurem Geschäft.« – »Was ist denn mein Geschäft, Gasind Arichis?« fragte Adalperga mit anmutiger Neugier. – »Fürstin und schön zu sein,« war die rasche Antwort. »Nicht wahr, Bruder Paulus, das findest du auch?« – Aber dem Befragten schoß es blutrot in Wangen und Stirn. Verweisend sprach er »Mit so hohen Dingen scherzt man nicht, mein Bruder.« – »Wer sagt dir, daß ich scherze? 's ist mir hoher Ernst damit. Und kundigere Männer als ich finden's auch. So mein hoher Patron und Senior Arichis ...« Da hob die Jungfrau ein wenig das schöne Haupt und sah dem Sprecher in die Augen, aber gleich blickte sie wieder in die griechische Schrift. »Was sagte der Herr Herzog von Benevent?« fragte der ältere Bruder. – »Ei, unser Herr, er, der sich wahrlich versteht auf Frauenschöne, er meinte kurz vor seiner Abreise ins Frankenreich: »Fürstin Adalperga ist das schönste Weib der Erde.« – Da errötete diese über und über; um das Gespräch abzubrechen, schob sie die Schriften zurück und auf die beiden leeren Stühle neben dem Tisch deutend, sprach sie: »Kommt, ihr Warnefridinge, da setzt euch zu mir und erzählt – ihr habt es längst versprochen! – die seltsame Geschichte eurer Sippe, eurer ›Fara‹. Man sagt, gar Wunderhaftes schmücke und verhülle sie zugleich, wie Efeuranken ein alt Gemäuer.« – »Ein treffend Bild, wahr und schön,« meinte Paulus sich niederlassend. »So schmückt und verhüllt zugleich Frau Sage auch unseres ganzen Volkes Geschichte: man kann, man soll Sage und Geschichte nicht scheiden,« schloß er sinnend, »erzählt man davon. Gern möcht' ich all' das einmal erforschen und berichten,« meinte er nachdenklich. »Freilich ist auch Bedenkliches dabei, was an die Heidengötter, die Dämonen mahnt« – und er schlug ein Kreuz über die Brust; »von denen soll man nicht viel reden.« – »Doch soll man das,« lachte der jüngere Bruder und setzte sich an die andere Seite Adalpergas. »Sind gar schöne und oft lustige Geschichten. So, wie Frikka ihrem Gemahl, Herrn Wodan ...« – »Nenn' ihn nicht, er ist der Dämonen Haupt und König,« warnte Paulus. Aber Arichis fuhr fort: »Mein Bruder ist so fromm wie ein Mönchlein! Also: wie Frikka ihren weisen Gemahl überlistete, was unserem ganzen Volk den Namen gab.« – »Ich hörte davon einmal: – aber die Frau Äbtissin, meine Erzieherin, liebte das nicht ... und doch wüßt ich's gern.« – »So hört! Das erzähle ich besser als mein ernsthafter Bruder,« fiel Arichis ein, »Findet Ihr nicht, Fürstin, er wird immer unweltlicher, immer mehr priesterlich? Umsonst dräng' ich ihn, gleich mir Gasind unseres Herzogs zu werden.« – »Nun, er trägt ja das Schwert. Habt Ihr gewählt, gelehrter Paulus, zwischen Brünne und Kutte?« – »Noch nicht. Ich schwanke.« »Nun also, tapfrer Gasind Arichis, wie war das mit der Überlistung?« – »Das war so,« hob er wieder an. »Unser Volk hieß ursprünglich – in seinen alten Sitzen an dem Elbestrom fern im Norden – die Winiler. Die Winiler hatten Krieg mit den Vandalen; diesen wollte Wodan – das barg er jedoch heimlich im Herzen – den Sieg geben. Frikka, seine Gattin, aber den Winilern. Auf ihr Fragen und Forschen erwiderte er, arglistig in den Wirrbart lächelnd: ›Ich gebe denen den Sieg, die ich morgen früh von meinem Pfühl aus zuerst sehe.‹ Das wären aber die Vandalen gewesen, die im Osten lagerten: denn nach Osten schaut Walvaters Pfühl ...« – »Erstaunlich viel weißt und fabelst du von diesem übeln Waland!« schalt Paulus. – »Aber Frikka drehte seinen Pfühl am späten Abend um ...« – »Das ist lustig,« lachte Adalperga. – »Und riet den Weibern der Winiler, um Sonnenaufgang vor ihren Männern sich aufzustellen und das aufgelöste Haar – wie einen Bart – um den Mund zu schmiegen. Das taten sie und als nun Siegvater im Morgendämmer zum Himmelsfenster hinaussah ...« – »Der wohnt aber doch im tiefsten Pfuhl der Hölle!« meinte berichtigend der Bruder. – »Rief er erstaunt: ›was sind das für Langbärte?‹ Da sprach Frikka: ›Du gabst ihnen den Namen: so gib ihnen auch den Sieg – als Patengabe‹, und küßte ihn auf den bärtigen Mund und streichelte ihm die Wange ...« – »Aber Bruder! Laß ab.« – »Hei, sie war ja seine Frau! Da ist doch nichts Schlimmes dabei, nicht wahr, Fürstin? – Und der Gott? ... Nun er tat, was schöner Ehefrau Gatte tut: er lächelte und tat nach ihrem Willen und gab uns den Sieg, und ›Langobarden‹ heißen wir seither.« – »Das ist schön, daß unser Name schon an Sieg sich knüpft. Aber nun erzählt weiter ... von eurer Sippe.« – »Fang' an, Paule. Wirst du allzu fromm oder läßt du mir das Schönste weg, fall' ich, verbessernd und ergänzend, ein.« »Also: – da die hohe Fürstin unsre Fara solcher Ehre würdigt, von ihr zu hören – mit den Langobarden, die vor mehr als zweihundert Jahren unter König Alboin aus Pannonien in dies reiche Land einwanderten, das unsre schöne Heimat ward, war auch unser Ururgroßvater Leupichis: er siedelte sich und die Seinen in Friaul an – am Ufer der Livenza – und ward Gasindus des Herzogs von Friaul. Und seither sind wir von Geschlecht zu Geschlecht getreue Gefolgen dieses Herzoghauses gewesen.« – »Ja, gar mancher unsrer Vorfahren,« fiel Arichis ein, »hat den Schild solchem Herzog getragen und ist mit ihm, auch wohl für ihn erschlagen worden!« – »Aber auch das fürstliche Haus hat Schutz und Treue unsern Vätern gewährt: ein Held dieser Sippe ist im Schirmkampf für unsre Ahnen gefallen.« – »Ja, und daß ich hier lebend sitze neben der Tochter meines Königs, wem verdank' ich das, als unsrem Herzog?« – »Wie das?« forschte Adalperga eifrig. »Hat er ... hat der Herr Herzog von Benevent –?« – »Herausgehauen hat er mich vorigen Herbst aus einem ganzen Rudel wilder Slovenen. Wir sollten sie aus dem Ostland treiben, in das sie aus der Windischen Mark eingefallen waren: bis Marianum waren sie schon vorgedrungen. Herzog Arichis schlug sie dort aufs Haupt und lustig war die jagende Verfolgung! Aber ich ward darüber allzu lustig und fiel in einen Hinterhalt im dichten Grenzwald: es waren ihrer fünf, mein Gaul stürzte –, ich war verloren; da sprengte mein Herzog heran ... –« – »Auf seinem schönen Rapphengst?« fragte das Königskind. – »Jawohl! – Schau, wie gut Ihr beschlagen seid in seinem Marstall! – Und holte mich heraus – er allein! – er blutete dann, aber er lachte dazu.« – »Und,« fuhr Paulus fort, »sie haben aus ihrem Reichtum gespendet, als wir in wilder Kriegsdrangsal alles verloren hatten, sie haben mit Rat und Tat uns geholfen allezeit. Und so sind wir ihnen denn zu Dank und Treudienst verpflichtet immerdar. Und nicht nur Pflicht, – nein, stolze Wonne wär's, für dies hohe Geschlecht das letzte Herzblut zu vergießen.« Er hatte sich in edle, in lodernde Begeisterung hineingesprochen: es ließ ihm gut; die feinen Züge, das schöne Auge verklärten sich: mit freundlichem Staunen sah's die Jungfrau, Arichis aber rief: »So gefällst du mir, Paule! Ich seh' dich doch nochmal in Helm und Brünne stolze Streiche tun für Arichis von Benevent. Denn Ihr wißt ja wohl, daß zwei Brüder des Herzoghauses von Friaul übergesiedelt sind in jenes südlichere Land und dort das Herzogtum erwarben. Und weil bei diesem Haus – jetzt von Benevent – der Name Arichis fast erblich ist, – haben auch wir, mit jenem übergesiedelt, dessen Namen gar oft geführt: so heiße ich – unwürdigermaßen! – wie jener Herzog, dessengleichen – bei Gott! – kein Held lebt im Volk der Langobarden;« – Abermals errötete Adalperga. Aber Paulus deutete das irrig – als Erzürnung: »ausgenommen, Arichis, den Herrn König Desiderius,« mahnte er. Jedoch die Königstochter meinte: »Ach, mein lieber Vater ist alt und krank und der viele Gram um dieser bösen Franken willen ...! Hat er doch um deswillen« – sie stockte ein wenig – »den Herrn Herzog, den ihr wie um die Wette lobt, in jenes Reich über die Alpen geschickt – recht lange, lange bleibt er aus, mein' ich! – zu erkunden, was etwa Schlimmes dorther droht. – Aber nun endlich zurück zu Leupichis, eurem Ahn.« »Der hinterließ, wie er starb, fünf noch ganz junge Söhne, der jüngste hieß wie er. Da brachen in das Gebiet von Friaul die greulichen Horden der Avaren ...–« – Adalperga schauderte: »Unholde sollen's sein, nicht Menschen.« – »Sie plünderten, mordeten, verbrannten, was sie erreichten und schleppten die fünf Knaben, an die Schweife ihrer Gäule gebunden, mit sich in die Knechtschaft, in die öden Steppen der Avarenringe! Die vier älteren sind dort geblieben und verschollen. Der Jüngste aber, Leupichis, hatte nie die Sehnsucht nach der Freiheit, die Hoffnung auf die Wiederkehr in die Heimat aufgegeben. Jeden Abend vor dem Einschlafen hatte er zu den Heiligen gebetet, zumal zu dem Schutzherrn unserer Fara, Sankt Sabinus zu Spoleto, ihm glückliche Heimkehr zu gewähren.« – »Wohl, wohl,« meinte Arichis. »Aber unser alter Rinderhirt, der mir die Sache – wie oft! – erzählte draußen auf der Heide, flüsterte immer dazu: ›er hat auch stets einen Wuchs Ernte-Hafer stehen lassen auf dem Felde – für Herrn Wodans Grauroß.‹« – »Nicht doch! – In einer kalten Winternacht nun, ohne Mond und Sterne, floh der zum Jüngling Herangewachsene aus der Lehmhütte, die ihm samt ein paar Ziegen sein Herr als Wohnung angewiesen hatte, nahe dem Grenzring der Avaren: er nahm nur Bogen und Pfeilköcher und etwas trockenen Ziegenkäse mit. Als er aber nun den nächsten Wald erreicht hatte, wußte er nicht, – denn die Sterne fehlten – welche Richtung er einschlagen solle auf seiner Flucht, um Langobardenland zu erreichen. Auch schien das Gestrüpp des dornigen Dickichts im Unterholz undurchdringbar: er konnte weder vorwärts noch rückwärts, ratlos blieb er stehen: er wollte verzagen. Da sah er plötzlich zu seiner Rechten zwei kleine rotgelbe Lichter funkeln, die, nah an der Erde, an ihm vorüber vorwärts schossen: es war ein Wolf, der wies ihm den Weg durch das Gestrüpp: er folgte, dankend Sankt Sabinus, der ihn gesendet.« Arichis schüttelte das kurzkrause Gelock: »Aber der alte Hirte lachte und raunte. ›Wie käme ein Heiliger zu einem Wolf? Den Wolf hat Wodan gesendet:‹ ›der Wolf ist Wodans geweihtes Weidwild‹ so sagt ein uralt Wort. Und: ›reich lohnt Wodan treuen Dienst‹ ein anderes. Er hatte wohl der Ähren für sein Grauroß nicht vergessen, – sagte der Hirt , nicht ich, frommer Bruder!« – »Wundersam war nun, wie ein paar Tage lang das Untier wirklich als Wegweiser dem Fliehenden vorantrabte, nie ihn bedrohte, nie außer Sichtweite lief, oft sich umwandte, ob Leupichis auch richtig auf dem schmalen Pfade durch das Dorndickicht folge? Aber am dritten Tage – die mitgenommene wenige Mundspeise war längst verzehrt – plagte den Ahn der Hunger, ganz erschöpft fürchtete er zu erliegen: da spannte er den Bogen, legte den Pfeil auf, den Wolf zu töten, ihn zu verzehren.« – »Das war recht undankbar von dem Ahn – sagte nämlich Grimmo der Hirt, der soviel alte Dinge, Sagen und schöne Sprüche wußte, wie nur etwa noch Willehalm sein jüngerer Bruder, viel hab ich von ihnen gelernt: – Gott lohn' es ihnen im Himmel! – Und auf dem Fleck strafte ihn Wodan: der Pfeil ging fehl, was sonst dem Ahnherrn nie geschah, er sah nur noch, wie der treue Wegweiser vorwurfsvoll umsah und verschwand, dann stürzte er todmüde zu Boden.« – »Im Traum aber erschaute er einen Mann, der stand bei seinem Haupte und sprach: ›Steh auf! Leupichis, was schläfst du? Geh dahin, wohin deine Füße gerichtet liegen: denn dort liegt Langobardenreich, wohin du trachtest:‹ das war Sankt Sabinus.« – »Er trug aber einen Schlapphut, dieser Mann,« warf Arichis ein, »und dunkelblauen Mantel und in der Hand einen Speer: so sehn die Kutten-Heiligen nicht aus.« – »Und der Ahn sprang auf und wanderte, wie ihm das Traumgesicht gewiesen und fand am Abend eine Siedelung: darin waltete eine schöne junge Mutter, die ihn aufnahm, speiste, nächtigte, den Weg wies: tief dankte er der Hausfrau.« – »›Die trug ein linnenblütenblau Gewand, klirrende Schlüssel am Gürtel, und ein golden Halsgeschmeide,‹ sagte der Hirt. Das war ...« – »Und so gelangte er in ein paar Tagen nach Friaul, an die Livenza und an das alte Stamm-Gehöft, das Allod unserer Fara: aber das sah traurig aus! Verödet lag's seit vielen Jahren, das Dach war von den Avaren abgebrannt, offen klaffte die Halle gen Himmel: Buschwerk und Gedörn füllte die Stuben: und ein gewaltiger Eschenbaum« – – »Das ist Wodans Weihebaum.« – »Ragte hoch durch die Dachlücke in die Luft. Daran hing der Ahn sofort Bogen und Köcher auf, als des Besitzes Zeichen. Und der gütevolle Herzog, der Ahn des heutigen, beschenkte ihn reich mit milder Hand, so daß er ein Weib gewinnen und unsre Fara neu begründen konnte.« – »So sind wir von Geschlecht zu Geschlecht diesem Fürstenhaus zu tiefem Dank verbunden. – Aber horch, wer kommt da?« Und Arichis wandte sich: die Doppeltüre, die in das Innere des Palastes führte, ward aufgerissen und herein trat in lebhafter Bewegung eine hohe Gestalt, klirrend in Waffen. Adalperga sprang auf: »Er! Er zurück« flüsterte sie. Der Ankömmling aber schritt durch die umgebenden Palastgroßen und Frauen auf die Königin zu, beugte tief das Haupt und sprach: »Frau Königin, soeben komm' ich an: Tag und Nacht ritt ich aus Frankenreich: schlimme Kunde bring' ich: König Karl und sein Reichstag haben – für den heiligen Vater! – den höchst unheiligen Krieg gegen uns beschlossen. Aus dem Sattel gesprungen eilte ich an das Krankenbett Eures königlichen Gemahls, zuerst ihm das zu melden. Dann aber, hohe Frau – in dieser Stunde höchster Gefahr ist es Zeit, um Waffenschutz und Waffenschirm für Euer Haus zu sorgen: jetzt – nicht früher, – wagte ich es, bei König Desiderius um die Hand Eurer Tochter Adalperga zu werben: er sagt sie zu, wenn die Mutter und die herrliche Jungfrau ...« – Da unterbrach ihn die immer noch schöne Greisin, faßte seine Hand und sprach: »Die Stunde der Werbung adelt Euch, Herr Herzog, mehr als Eures Blutes Adel und all' Euer Waffenruhm. Nehmt sie hin – seht, wie hoch sie errötet! Ich kenne ihr Herz: – Komm, Adalperga, folge diesem Herzen.« Das Mädchen schwebte gesenkten Hauptes auf die Mutter zu, die ihre Hand in die des Herzogs legte. Alle Versammelten drängten nun aus der Bogenhalle in das Innere des Palastes in heftigster Erregung. So bemerkte niemand, – auch nicht der Bruder, – daß eine schlanke Jünglingsgestalt bei dem Versuch, zu folgen, ohnmächtig auf den Estrich niedersank.   II. Wie herrlich ist der Ausblick von Monte Casino weithin über das Land, über das blühende Tal des Garigliano im Westen und Süden und die umliegenden Berge, die es vom Golf von Gaëta scheiden, aber doch zuweilen das tief blaue Meer erschauen lassen: im Osten das Tal von San Germano, dem alten »Casinum«, von seinem raschen Flüßlein Rapido, damals noch »Vinius« genannt, durchflutet und hoch überragt von den Felskämmen der Abruzzen! Ein starker Wille der völligen Weltentsagung wahrlich gehört dazu, an diesem entzückenden Fleck der Erde alles Irdische von sich zu streifen und nur noch dem Geistlichen, der Kirche zu leben. Aber keine Regung des Bedauerns, der geheimen Sehnsucht nach Rückkehr in das Leben der Welt lag auf den bleichen Zügen des jungen Mönches, der, in die schwarzen Ordensgewande Sankt Benedikts gekleidet, mit dem Rücken an der Außenseite der westlichen Eingangspforte des Klosters an die schwarz-graue Felsmauer gelehnt, traumverloren in den prachtvollen Sonnenuntergang des Frühlingstages hinausblickte: er hatte den linken Arm auf den Rücken gelegt, die rechte Hand, mit der Rückseite quer über die Stirn gehalten, suchte die blendenden Strahlen, die schon wagrecht leuchteten, abzuwehren. Lange stand er regungslos, man hätte ihn für die Statue eines Benediktiner-Mönches halten können, die, aus dem schwarzen Schieferfels gehauen, hier Wache hielt. Endlich störte ihn aus seiner Ruhe ein Geräusch, das sich von unten vernehmen ließ, von der Straße, die heute noch von Westen in höchst steiler Steigung und mit vielen Windungen um die Felsvorsprünge auf den Gipfel des Berges führt. Ein solcher Vorsprung hatte auch bis dahin unsichtbar und unhörbar gemacht den kleinen Zug, der sich nun rasch näherte. Voran zwei berittene und bewaffnete Klosterknechte: dann folgte ein reich geschirrtes Maultier, dessen kleine Silberglöcklein, bei jedem Schritt erklirrend, zuerst vernehmbar geworden: der Reiter achtete nicht all' der berauschenden Schönheit von Natur und Landschaft um ihn her: er las eifrig in der Regula Sankt Benedikts: die Sorge für den sichern Gang seines Tieres auf dem schmalen Steg, hart an dem schwindelnden Abgrund hin, überließ er einem kleinen Hirtenjungen, der, barhäuptig und barfüßig, nur mit einem braunen zottigen Lammfell bekleidet, daneben her lief, die Zügel am Gebisse haltend, und offenbar gar stolz auf solches Amt. Dahinter schwankte, mühsam von vier Männern emporgetragen, eine geschlossene Sänfte: ein dritter Gewaffneter ritt hinterdrein. Der junge Mönch schritt jetzt langsam den Kommenden entgegen: er hatte den Reiter des Maultieres erkannt: als er ihn erreicht hatte, kniete er zu dessen Rechten nieder, beugte das glatt geschorene Haupt und sprach: »Euern Segen, Herr Abt und Vater! Wie lang hab' ich sein entbehrt.« – Mit liebevollem Blick legte der Abt die Rechte auf sein Haupt: »Gott der Herr hat dich gesegnet mit reichen Gaben des Geistes und des Herzens: und eifrig hast du sie verwendet in seinem und in der Menschen Dienst. Er wird dir lohnen. Steh auf!« Im Weiterschreiten sprach nun der Mönch: »O Vater Theudemar, wie lange doch bliebt Ihr den Euern fern! Wie fehltet Ihr uns allen – und zumeist mir.« – »Ich blieb nicht länger unten in der Welt, als es die Pflicht gebot. Das sind Zeiten, mein Paulus, in denen Sankt Benedikts unwürdiger Nachfolger nicht unter den Büchern und mit Gebeten allein die Tage verbringen darf. Zwar nicht viel drang und dringt hinauf in den heiligen Frieden dieses Hauses aus dem Lärm und den Kämpfen der Welt da unten: – nur verworrene Kunde hat uns bisher erreicht von all' dem Geschehenen – aber Hilferufe Leidender, Verfolgter, Verwundeter fanden doch den Weg zu mir: so eilte ich zu helfen wo ich konnte.« Sie hatten nun das Klostertor erreicht: der Abt stieg ab, die Sänfte zu erwarten, die langsam näher kam: »Und dir, mein Sohn, hab' ich auch etwas mitgebracht, zu helfen, zu heilen, zu pflegen: du wirst es gern tun, wär' es auch ein Feind.« – »Gewiß, mein Vater. Es steht geschrieben: ›Liebet die euch hassen‹.« – »Nun,« lächelte der Abt, »diesmal wird das nicht von dir verlangt. Siehe, es ist nicht ein Feind, es ist ...« – »Mein Bruder, mein Arichis!« rief Paulus und lief auf die geöffnete Sänfte zu, aus welcher die Träger nun den Insassen hoben. »Paulus! Du hier? Du lebst?« erwiderte Arichis, sich wankend auf des Bruders Schulter stützend. – »Und du! Wie bleich! Verwundet? Schwer verwundet?« – »Ja,« sprach der Abt, »schwer. Aber Gott hat geholfen.« – »Und dieses guten Mannes Pflege,« sprach der Wunde. – »Kommt nun herein, ihr wieder Vereinten. Ins kleine Refektorium! Da wollen wir den Gast laben nach der anstrengenden Reise bis heute von Reate her. Dann mögt ihr euch erzählen, was ihr seit eurer Trennung erlebt habt: – ihr und dies Land Italia.«   III. Nach dem von klösterlicher Einfachheit vorgeschriebenen Abendessen, das sie nicht wie sonst mit der Gesamtheit der Brüder, sondern in einem schmalen, hochgewölbten, kühlen Nebenraum des Refektoriums einnahmen, wollte der Abt die Brüder allein lassen, aber beide baten ihn, zu bleiben: »Wir haben nichts Geheimes vor dir, Vater,« meinte Paulus. – »Ja, deine Seele kenne ich so klar wie den Grund kristallhellen Quells, besser kenne ich sie als du selbst! Aber dieser Kriegsmann ...« – »Bleibt, Herr Abt, und helft mir, diesen Schweigsamen zum Reden bringen. – Also hier – und als Mönch! – finde ich dich wieder, Bruder! Spurlos verschwunden warst du, verschwunden mir und allen im Palast zu Pavia, von jenem Abend an, da unser Herzog mit der Nachricht von dem Frankenkrieg eintraf. Vergeblich suchte ich, aus dem großen Saale, wohin wir alle der Königin folgten, zurückgekehrt, dich in der Säulenhalle am Tessin, im ganzen Palast, in der Stadt: – niemand wußte von dir als ein Torwart: der meinte, er habe dich erkannt, wie du in derselben Nacht, auf einem Maultier reitend, durch das Südtor die Stadt verlassen. Das war die letzte Spur all' diese Monate. Du warst also ...?« – »Ohne Aufenthalt hierhergeeilt – in den heiligen Frieden Sankt Benedikts: und in die Entsagung.« – »Und beide hat er gefunden,« sprach der Abt, »nach der ersten Beichte, die ich ihm abnahm. Ich fand nichts – in der Vergangenheit – zu vergeben, nur zu warnen für die Zukunft.« – »Ich danke, Vater!« sprach Paulus und küßte seine Hand. »Aber,« grollte Arichis, »warum mir, dem König, dem Herzog gar nichts sagen. Warum?« – »Weil ihr,« lächelte der Mönch wehmütig, »mich bestürmt hättet, zu lassen, was ich doch tun mußte. Das wollt' ich euch und mir ersparen.« – »Und so plötzlich!« – »Nicht doch! Du weißt es ja: lange schwankte ich ›zwischen Brünne und Kutte‹.« – »So sprach damals Adalperga: du hast ein gut Gedächtnis!« Paulus errötete: nach einer Weile fuhr er fort: »An jenem Abend nun kam's über mich, erkannte ich wie im hellen Blitzschlag, daß für mich nur in der Weltentsagung Friede zu finden ist. Ich eilte Tag und Nacht hierher – das Schwert warf ich noch vom Säulenaltan des Palastes aus in den Tessin! – und Abt Theudemar würdigte mich – nach der Probezeit – der Aufnahme in Sankt Benediktus Schar. Das ist alles, was ich erlebt seit jenem Abend.« – »Hm,« meinte Arichis nachdenklich, »ist nicht eben viel. Und doch: – da liegt ein Dunkel, das ich nicht durchdringe. Kaum ahn' ich ...« – »Nun aber rede du,« unterbrach der Bruder hastig, »viel hast du zu berichten!«   IV. Und Arichis hob an, nach einem herzhaften Schluck des tiefdunkelroten Weines, den die fleißigen Mönche dem sonnenbestrahlten Schieferschutt ihres Berges abgewannen und aus den Trauben Sankt Benedikts kelterten: »Ja, vielerlei hab' ich zu erzählen, aber vielleicht ist das Wenige mehr, was mein Bruder berichtet – und das Viele, was er verschwiegen hat. – Rasch auf die Verlobung unseres Herzogs folgte die Vermählung und rasch auf die Vermählung folgte der Krieg. Kaum war die junge Herzogin in das ferne und feste Benevent in Sicherheit gebracht, kaum stieß der Eidam mit seinem Aufgebot zum Heer des Königs, das die Engpässe, die ›Clusen‹, am Südabhang des Mons Cenisius sperrte, als der furchtbare Frankenkönig, der ›Karl von Eisen‹ mit seinem Heere heranzog. Und der Schreck zog vor ihm her; war es doch ein ›heiliger Krieg‹ den die Franken zu führen vorgaben – und glaubten, – Sankt Peter die Städte und Landschaften zurückzugeben, die unsre Könige ihm entrissen. Bei diesem heiligen Krieg fielen gar viele Tausende von ihrem Könige ab und traten auf des Papstes und seines Helfers Seite: die Engel des Herrn, flüsterte man in unsrem Lager, ziehen unsichtbar Herrn Karl voraus und bahnen ihm den Weg zum Siege.« – »Es muß ein wunderbarer Mann sein,« meinte Paulus nachdenklich. »Ich möchte ihn sehen.« – »Das wünsche dir nicht, Bruder! Wenigstens nicht wie ich ihn sah, als Feind, im Sturme der Schlacht. Noch heute gedenk' ich's mit Grauen. Also unser Heer lag in den verschanzten Clusen, die offene, breite Straße über den Berg sperrend. Der Herzog aber mit uns Beneventanern lagerte auf dem äußersten linken Horn in einer tiefen Schlucht: in die führte, von dem mit firnem Schnee und Eis bedeckten Felsengipfel des hohen Berges herab ein ganz schmaler, kaum mannsbreiter Klettersteig, in steilstem Anstieg drüben, in schroffstem Absturz hüben: nur Steinbock und Luchs und der verwegenste Gemsenjäger wagen sich auf den schwindelnden Pfad: hart vor dessen Mündung hatte der Herzog sein Zelt aufgeschlagen. Ich hatte etwas höher oben die vorderste Wache: mondlose Nacht war's, kurz vor Hahnenkraht, ich lehnte an einer finster schattenden Eiche: denn das verlöschende Wachtfeuer warf wechselndes Licht bis zu meiner Höhe herauf: Totenstille ringsum: nur der Steinkauz klagte zuweilen in den schwarzen Felsen über mir: da blitzte plötzlich um den nächsten Vorsprung des Gesteins helles, blendendes Fackellicht: »Feinde!« schrie ich, »Feinde! – Zu den Waffen!« wollte ich weiter rufen: ich konnte nicht! Grauen erstickte mir die Stimme: denn hart vor mir stand, im hellsten Schein zweier Fackeln, die zwei Männer dicht hinter ihm trugen, grellrot beleuchtet, ein Gewaltiger, um mehr als Haupteslänge mich überragend, ganz in funkelndes Erz gehüllt: »Vorwärts, Neffe Roland« rief er, mit furchtbar dröhnender Stimme; »drauf, Held Oliver von Viane; der Herr hat sie in unsre Hand gegeben! Sankt Peter und Sankt Denis!« Hoch blitzte ein Schwert: zersplittert wie Glas zersprang bei seinem Streich meine gute Klinge von Aquileja: derselbe Streich spaltete meine Ringbrünne und drang noch ein gar ansehnlich Ende in meine rechte Brust: – da – ich spür es noch.« Und er legte die Hand auf die schmerzende Rippe. »Ich stürzte: über mich hinweg sprangen die drei Männer: bevor mir die Sinne vergingen sah ich noch den Herzog vor seinem Zelt grimme Hiebe tauschen mit dem zur Rechten – Roland von Bretagne war's, wie ich später erfuhr – gar bald fiel der Herzog: seinen Bannerträger hinter ihm, den Gastalden von Nola, durchspeerte der andre Begleiter: – das war Herr Oliver von Viane. Dann aber sah ich nichts mehr als von dem Felspfad herab zahllose Fackeln, Helme, Speere der Franken: ›Herr Karl und Sieg‹, riefen sie: da schwanden mir die Sinne.« – »Armer Bruder,« seufzte Paulus und griff nach der abgemagerten Hand. »Das ist nicht Menschenwerk,« meinte der Abt. »Ich hörte davon raunen: ja, schon singt man im Volk ein Lied davon: Herr Karl, unfähig, die Clusen auf der breiten Straße zu stürmen, flehte zu Sankt Denis: urplötzlich stand vor ihm ein Jägersmann, der sich erbot, eine kleine erlesene Schar auf nur ihm bekanntem Felsensteig so zu führen, daß sie im Rücken der Langobarden auftauchen solle. So geschah's: aber als Herr Karl dem Jäger danken und lohnen wollte, verschwand er im Nebel der Berge. Es war der Engel des Herrn. Dem Willen Gottes muß man sich fügen.« – »Ei, das kann ich nicht! Noch nicht! Kann ich nur erst wieder das Schwert heben, wollen wir doch sehen, ob der verfluchte Engel« – beide Mönche bekreuzten sich – »verzeiht, ehrwürdiger Abt! – ihm jedesmal hilft. Aber damals freilich hat der engelhafte Jägersmann – hätt' ich ihn doch an der Gurgel! – die Schlacht, ja den Krieg entschieden.« – »Wie ging das zu?« forschte Paulus. »Wo ist der König, seine – seine Sippe, wo der Herzog? In Pavia ...?«. »Verloren ist alles. Nachdem die Franken uns im Rücken standen, – wie vor der Stirn, – waren die Clusen nicht zu halten: alles floh nach Pavia. Aber bald erschien vor der Stadt der furchtbare Herr Karl: Mangel, Hunger, Entsetzen, – der König ergab sich und sein Haus.« – »War Adalperga, ... war die Frau Herzogin ...?« – »Nein! Sie war ja in dem sichern Benevent geborgen. König Desiderius ward gefangen: er ward mit seiner Gattin in ein fränkisch Kloster abgeführt ...« – »So ist kein Reich der Langobarden mehr!« rief Paulus in tiefem Weh, sprang auf und erhob beide Hände. »Doch!« antwortete der Abt, »aber sein König heißt – Karl. Nicht eine Provinz des Frankenreichs, – ein eigen Königreich bleibt Langobardien.« – »Das – das ist ein Trost,« seufzte Paul. – »Nein, kein Trost,« knirschte der Wunde. »Und da mein Herzog lebt, – frei und in Sicherheit –, so hoff' ich, alsbald heißt Langobardiens König ... Arichis.« »Hüte dich,« warnte der Abt, scheu nach der Türe blickend. »Sogar vor meinen Mönchen: – schweige.« »Wo, wo weilt der Herzog. Er ist also frei?« fragte Paulus. – »Es gelang ihm, aus der Gefangenschaft, sobald Herrn Rolands Schwertstoß ein wenig geheilt war, zu entspringen und nach Benevent zu entkommen, Herr Karl, den dringende Sorgen nach Hause riefen, – die heidnischen Sachsen sind heerend tief ins Frankenland gedrungen – hat Frieden mit ihm geschlossen und ihn als Herzog von Benevent anerkannt, so lang Arichis sich ruhig verhalte. Wird hoffentlich nicht lange dauern.« – »Wie? Man sagt, er hat geschworen: – den Untertaneneid!« mahnte der Abt. – Arichis zuckte die Achseln: »Erzwungener Eid!« – »Gleichviel!« – sprach Paulus, »ein Eid! Gott läßt sich nicht spotten. Schon wieder sinnst du Kampf?« – »Und Vergeltung!« sprach Arichis, die Faust ballend. – »Dem Tode kaum entronnen, gewiß durch ein Wunder der Heiligen!« mahnte der Bruder. »Erzähle! Wie ging dir's nach dem Überfall, wie kamst du hierher?« – »Nicht durch ein Wunder der Heiligen, durch – einen ganz andern,« erwiderte Arichis, kopfschüttelnd und tief trinkend »Lang lag ich, wo ich gefallen war, ohne zu denken. Feind und Freund hielt mich wohl für tot. Als ich zu mir kam, war heißer Mittag: hoch stand die Sonne: ringsum alles hell – aber alles still, grabesstill. Angriff, Flucht und Verfolgung hatte beide Heere seit vielen Stunden weithinweggeführt: wohl nach Pavia zu. Ich erhob mich – nur ein Paar Tote um mich her – darunter nicht, den ich ängstlich suchte, der Herzog! Gott hierfür dankend trachtete ich nun, so schwer es ging – ich war schwach, die Wunde brannte! – möglichst verdeckt vor Franken, die etwa in der Nähe streiften, ein paar Berghöfe von Langobarden zu erreichen, die ich auf den Almen in den mittleren Höhen oberhalb unserer Zelte liegen wußte. Mühsam kletterte ich die steilen Pfade hinan: da plötzlich, hart am Abgrund, verließ mich die Kraft, der Speer, auf den ich mich stützte, entfiel meiner Hand und ich stürzte – nach der Rechten hin – tief, tief in den Abgrund.« – »Bruder, Bruder!« seufzte Paulus. – »Und unverletzt kamst du unten an?« forschte der Abt. »Ja: ich fiel auf tiefen, weichen Schnee: durch ein Wunder der Heiligen, werdet ihr rühmen. Meinethalben, – diesmal! Aber heraus, herauf aus dem schauerlichen Abgrund hat mir geholfen: – ein anderer. Denn nun ergriff mich alsbald die Angst furchtbaren Todes! Ich rutschte auf allen Vieren, oder aufrecht stehend tastete ich mit den Händen rings umher an den fast kreisrunden senkrechten Felswänden, die, – wie in einem schmalen Turm von wenig Fuß Breite – mich überall umstarrten: nirgends, nirgends ein Aufstieg aus der Abgrundtiefe, nirgends auch ein Spalt, um seitwärts zu entrinnen. Ach, unzähligemale suchte ich alles ab in meinem engen Gefängnis, vergebens strengte ich das Auge an, irgend eine Lücke zu erspähen, stundenlang: – die Sonne war hinter dem hohen Gletscher gesunken –: mich fror: vergebens auch schrie ich – gleichviel, ob Feinde mich hörten, mich fingen! – schrie, bis mir die Stimme versagte: ich sah mich gefangen, rettungslos eingeschlossen in dem schmalen Felsenkerker, nie von Menschenaugen entdeckt: – dem Verschmachten, dem Verhungern preisgegeben!« – »Bruder, lieber Bruder!« – »Warum habt Ihr nicht gebetet?« – »Oh, ich betete, frommer Abt, betete in meiner tödlichen Not heiß, wie wahrlich nie im Leben noch. Ich rief Gott an, den Herrn Christus, Sankt Peter ...« – »Auch Sankt Sabinus?« – »Gewiß, Bruder, unsern Schirmherrn. Ich gelobte ihm eine Kapelle aus all meinem Erb und Eigen zu erbauen. Vergeblich! Ich rief alle Heiligen an, deren Namen ich je vernommen. Umsonst! Umsonst! Ich ward schwächer und schwächer. Verzweifelt warf ich mich in den Schnee, ich schloß die Augen, ich dachte, sie nie wieder aufzuschlagen. Da plötzlich, in dieser furchtbaren Stille, die seit Stunden kein Laut unterbrochen hatte, kein Ton – hör' ich, hoch über mir, wie vom Himmel her, einen lauten Ruf: ich blicke empor: ein Rabe senkt sich krächzend mit regungslos ausgebreiteten Flügeln, langsam, aus Wolkenhöhe, gerade oberhalb meines Hauptes, zu mir herab: ich springe auf: es verscheucht ihn nicht: er läßt sich dicht neben mir nieder, schaut mich an mit seinen runden, klugen, schwarzen Augen, krächzt mir zu und schreitet langsam und feierlich über den Schnee hin – manchmal umblickend, ob ich ihm auch folge? – nach links hin bis vor einen halb manneshohen, dunkelgrauen Felsblock: auf dessen Oberspitze flattert er auf und ruft mich nochmal an: ich folge, ich erreiche den Block: nur ganz wenig schwebt der Vogel auf einen höheren Fels empor, wie um mir Platz zu machen: ich schaue ihm nach, ich fasse den Block mit beiden Händen, – da gibt er nach, gleitet langsam links über den Schnee und zeigt mir einen langgestreckten Spalt in der Felswand, in den von der Ausgangsseite das Licht der eben da draußen zu Golde gehenden Sonne fällt: – ein Weg, ein Ausweg! Wodan, jauchzte ich, wegweisender Wodan! Dank dir, glühenden Dank.« Der Abt schüttelte den Kopf: »Welch heidnischer Aberglaube!« – »Das war Zufall,« meinte Paulus. – »Zufall? Wie? Welche Verblendung! Ihr seid verstockt! Zu euern Heiligen-Mirakeln reicht euch viel weniger aus, um daran zu glauben! Und hier! Dem Urahn naht, Weg weisend, rettend, der Wolf, dem Urenkel ebenso der Rabe, beide des Waltenden geweihte Tiere –: und das soll Zufall sein? Ei, die Heiligen, zu denen ich schrie, stundenlang, hören mich nicht, aber der alte Schirmer unsrer Sippe, den ich nicht angerufen, rettet mich.« – »Laßt mich ihm den Wahn austreiben,« bat Paulus den Abt, der ernst verweisend den Finger hob. »Ich will ihn schon bekehren. Sprich, Bruder, das ward wirklich deine Rettung?« »Sie ward's! Höre nur! – Ich kroch, gebückt, durch den Spalt, immer dem Licht entgegen. Bald war die Enge zu Ende, die Felsen traten zu beiden Seiten zurück, ein Bergquell rieselte zur Linken herab, in dem und neben dem watete ich, mühsam, aber gefahrlos empor: so erreichte ich den Saumpfad, hoch oben, von dem ich herabgestürzt. Ziemlich nah vor mir erschaute ich einen der Almhöfe, die ich suchte: eilig – der Anblick gab mir schnelle Füße – lief ich darauf zu: da horch! Hoch ob meinem Haupte wieder der Ruf des Raben: er flog über mir, getreulich folgend, als ich die Gattertüre des Hofzauns öffnete, krächzte der treue Vogel noch mal, wandte sich pfeilschnell um sich selbst und flog stürmisch nach Westen, wo Walvater wohnt, ihm Kunde zu bringen von meiner Rettung: denn ›im Westen wölbet sich Walhall‹: so flüsterte heimlich die Mutter.« – »Es ist nicht anzuhören,« grollte der Abt. »Genug von dem Federvieh!« »Und gleich auch genug von mir. Die guten Stammgenossen in dem Gehöft nahmen den Schlachtwunden gar mildsinnig auf, labten ihn, pflegten sein, wollten ihn nicht fortlassen, bis die Wunde ganz geheilt. Das aber währte mir zu lang: mich trieb das Herz, nach unsrem Herzog zu forschen, nach Benevent zu eilen, für Frau Adalperga zu kämpfen, tat das Not.« – »Bruder, wackrer! Ach beneidenswerter!« – »Aber auf dem Wege dorthin brach die kaum geheilte Wunde wieder auf: ich blieb hilflos liegen auf der staubigen Straße: da fand mich dieser edelherzige Mönch, las mich auf und führte mich – im Sattel kann ich mich noch nicht halten – in seiner eignen Sänfte, führte mich dem verloren geglaubten Bruder zu. Dank ihm von Herzensgrund.« – »Nun wollen wir dich ausheilen!« sprach Paulus, ihm die Hand auf die Schulter legend. – »Ja, vorher bin ich ja zu nichts zu gebrauchen. Dann aber flugs nach Benevent!«   V. In Benevent, im Garten des hochgelegenen Kastells, zugleich Palatiums der langobardischen Herzoge, wandelten wenige Wochen darauf die beiden Arichis, Senior und Gasindus, in eifrigem Gespräch: nur selten achtend des schönen Ausblicks, den der prachtvoll gelegene Ort über die hohen Felsenwälle hinweg, über die ragenden Pinien und Cypressen des Burgberges hin, auf die vielfachen Windungen der beiden Flüsse, des Calore und des Tamaro, zwischen üppigen Gefilden gewährte. Der Herzog trug den Schwertarm noch in der Binde; es war aber wohl nicht nur der Wunde Schmerz und Fieber, die sein Angesicht gebleicht hatten, das, eingefallen und hager, ein finsterer Ausdruck beherrschte; er blieb oft plötzlich stehen in dem ungleichmäßigen, bald hastigen, bald zagenden Schritt, auf den Gartenwegen, dem der Gasindus zur Linken stets nachgiebig folgte. »Ja,« rief der Herr, »wenn alle, wenn nur ein paar Zehntausend dächten, fühlten wie du, Vielgetreuer! Ich würde nur so lange warten, bis dieser Arm wieder heil. Aber es ist, wie wenn ein Zauber diesem Karl alle Herzen zuwendete. Oder ist es nur schnöde Furcht? Es kann nicht sein! Schlachtbewährte Freunde, sobald sie in seiner Nähe geweilt, mahnen, bitten, beschwören mich, nie wieder das Schwert zu heben gegen diesen Mann. Das hielte mich nicht ab, bei Gott! Ich glaube nicht an diesen Zauber, nicht an seine himmlische Sendung. Glaubt er selbst daran? Vielleicht! Dann bildet er sie sich ein! Wenn jedoch dieser Wahn den meisten meiner Krieger das Schwert in die Scheide bannt, dann wirkt der Wahn wie Wahrheit: ein kleines Häuflein treuer Helden aber würd' ich nur ins sichere Verderben führen!« »Führt mich, wohin Ihr wollt, mein Herzog. Ich folge Euch gern: – auch ins Verderben.« – »Ich schwanke noch,« hob der Herzog wieder an, weiter schreitend. »Auch dich hat doch sein Anblick erschüttert?« – »Ich leugn' es nicht. Nie sah ich seinesgleichen! Aber gleichviel, Euch ...« – »Schweige jetzt. Da kommt die Herzogin: sie darf nichts erfahren von meinen Racheplänen, die sie ohnehin schon leise ahnt, mit Angst und Beben: auch ihr hat dieser Karl es angetan, den sie doch nie gesehn. Und dein frommer Bruder dort an ihrer Seite – wie eifrig sie reden! – der würde wohl ...?« – »Er ist Euch – und Frau Adalperga! – mit ganzer Seele ergeben, nicht minder als ich wahrlich: er würde für Euch – beide! – sterben ohne Besinnen. Nur eins hält ihn von unsrem Weg fern ...« – »Nun? Was? Auch Furcht vor Herrn Karl?« – »Mein Paulus kennt nicht Menschenfurcht. Nur der ... der Eidbruch ...« Der Herzog stampfte mit dem Fuß: »Pfaffengeschwätz! Kircheneid! Erzwungener Eid ist kein Eid. Ich schwor, nicht um mich, um mein Volk zu retten vor der Zertretung, in jenem Augenblick der Übermacht des Siegers. Diesen Eid zu brechen, – nicht um meinetwillen, nur um dies mein Volk aus der Fremdherrschaft zu befreien –, besinn' ich mich nicht lange. Ja, wenn es Mannes Ehre wäre, Freundschaft, Dankespflicht! Aber so! Und du – denkst du auch wie dein heiliger Bruder?« – »Ich bin Euer Gefolgsmann und folge meinem Herrn durch Recht und Unrecht: in den Tod, in den Himmel oder in die Hölle: allüberall ist mein Platz an Eurer Schildseite.« – »Wackerer! Aber still, da sind sie. – Was habt ihr, das euch so bewegt? Dieses Schreiben da?« Die Herzogin und Paulus traten nun in das rings offene runde Tempelchen, in das die breiten sich hier kreuzenden Gartenwege mündeten: – einst war es, wie die Inschrift am Altar bezeugte, den Nymphen geweiht gewesen. Während der Mönch vor dem Herzog sich tief verneigte, ließ sich die Frau auf der halbkreisförmigen Marmorbank vor dem halb verfallenen Altar nieder und reichte dem Gemahl eine kurze Pergament-Schedula: »Ja, das hat uns aufgestört aus unsrem Griechisch Lehren und Lernen. Es ist hoch wichtig für unsern frommen Freund, – auch wohl für andere,« fügte sie sinnend bei. Der Herzog nahm: »Ah, ich sehe von Abt Theudemar. ›Meinem teuern Sohn und Schüler Paulus Heil in Christo. Wichtige, lebenentscheidende Nachricht hab' ich dir zu künden: eben traf ein im Kloster, wo man dich vermutete, ein Beauftragter des großen Frankenkönigs: dieser hat durch den heiligen Vater von deiner – des noch so jugendlichen! – tiefen Gelehrsamkeit, zumal auch in der im Abendlande gar seltenen Kenntnis des Griechischen, vernommen und lädt dich durch Papst Hadrianus ein, in sein Palatium zu Aachen zu eilen, zu jenen zahlreichen Gelehrten, die er dort aus dem ganzen Abendlande um sich geschart. Eine Einladung Herrn Karls lehnt man nicht ab: sie ist Befehl‹.« – »So?« riefen wie aus einem Mund trotzig die beiden Arichis. – »Er soll's mit mir versuchen,« lachte der Gasinde. – »Am liebsten,« rief der Herzog, »käm' ich nach Aachen, ungeladen, – mit hunderttausend Helmen. Aber laß uns weiter lesen, was der weise Abt darüber zu sagen hat: ›Gleichwohl, lieber Sohn, enthalte ich mich, dich durch abtherrliches Gebot zu zwingen wie ich dich, den heftig Widerstrebenden, zuletzt flehentlich Bittenden durch Berufung auf dein Gehorsamsgelübde zwang, den Bruder nach Benevent zu begleiten und das Herzogpaar dort aufzusuchen‹« »Ei, ei, Herr Mönch,« so unterbrach der Herzog die Lesung, »das ist ja wenig schmeichelhaft für uns. Ich dächte, zumal Frau Adalperga hätte Besseres von Euch verdient. Ihr sonntet Euch gar gern in ihrem Glanz, solang sie im Glück thronte im Palast zu Pavia: aber nun, da wir im Schatten ...« – »Ja,« sprach die Frau, mit leise vorwurfsvollem Ton und einem tiefen Blick der schönen Augen, »es hätte mir fast weh getan, als ich das las.« Da zuckte es schmerzlich über des Mönches bleiches Antlitz, er zerdrückte eine Träne: seine Lippen bebten, aber er fand kein Wort: nur ganz wenig schüttelte er das Haupt. Aber der Bruder kam ihm zu Hilfe: scharf, gespannt hatte er das wehevolle Ringen des Mönches aus dem bewegten Mienenspiel erkannt und verfolgt: »Nicht also, edles Paar,« rief er jetzt lebhaft. »Nicht das – wahrlich! – ist der Grund! Keine Seele hängt treuer an euch als die meines Paulus. Aber diese Seele war krank: ist es wohl noch! Unüberwindliche Furcht vor der Welt, Scheu vor den Menschen hat ihn urplötzlich befallen: so wollte er die stille Klosterzelle am Garigliano, die volle Einsamkeit nie mehr verlassen, selbst nicht, um euch beide wieder zu sehen.« – »Du sprichst wahr,« nickte der Herzog, wieder in die Cartula blickend, »der Abt schreibt: ›Ich kenne ja aus deiner wahrhaftigen Beichte die Gründe dieser Weltscheu, deiner Vergrabung in die Einsamkeit. Aber ich mußte die giftige Pflanze der Verzweiflung an der eigenen Willenskraft an ihrer Wurzel ausreißen: du solltest auch jene Augen wieder schauen können, die du vor deiner plötzlichen Weltabkehr zuletzt gesehen: du solltest stark sein, ohne Erschütterung auch diese Menschen – auch diese! – wieder zu sehen ohne Rückfall in Welt-Furcht, in Furcht vor dir selber: du solltest alles Kranke in dir als überwunden mir darweisen und selbst empfinden.‹« Da zog ein schmerzliches Lächeln um die seinen Lippen des Mönches. Sein Bruder seufzte unhörbar: »Armer Paulus!« Der Herzog las weiter: ›Ob du aber schon so weit genesen, dich in den glänzendsten Hof des Abendlands wagen zu wollen, zu können, – das kann ich nicht wissen: das muß ich dir zu prüfen überlassen. Entscheide. Aber rasch: Herr Karl kennt keinen Aufschub. Der Bote sollte dich flugs aus dem Kloster in das Frankenreich entführen. Der heilige Geist erleuchte dich und führe dich zu der richtigen Wahl.‹ Der Herzog warf das Pergament auf den Tisch: in seinen scharfen Augen blitzte leidenschaftlich ein Gedanke auf: den wollte er wohl gern vor allen verbergen, denn er senkte die Wimpern, als er rief: »Versteht sich! du mußt dem Rufe folgen.« Hoch erstaunt sahen alle drei auf ihn: der Gasindus fand zuerst ein Wort: »Wie, Herr? Der gehaßte Karl will Euch dieses goldtreue Herz entführen und Ihr helft dazu?« – »Nun, das Herz ,« sprach Frau Adalperga innig, »wird uns wohl bleiben, auch wenn's in Aachen schlägt.« – Da warf sich der so stumme, verhaltene Mönch ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Gewandes: »Dank, hohe Fürstin, für dies Wort, für das Vertrauen: – es heilt gar viele Wunden.« Er erhob sich rasch: »Aber wie sollte ich das Menschengewimmel am Hof Herrn Karls ertragen, ich, der nur gezwungen aus der Cella sogar hierher ging?« Einstweilen hatte der Herzog seinen Gasindus am Arm ergriffen, aus dem Tempel geführt und in sein Ohr geflüstert. »Ich verstehe,« erwiderte der: »Ja, das ist ...« – »Schweig! Höre weiter! Er soll, er darf ja gar nicht merken, was wir durch ihn erkunden wollen. Aber wenn er uns alles von dort berichtet, dann ...« Und er ging mit ihm ein paar Schritte rund um den Tempel. »Also,« sprach Adalperga zu ihrem Freund und sah ihm eindringend in die Augen, »Ihr werdet nein sagen, obwohl der Herzog es wünscht?« – »Ich sage nein.« – Da erhob sie sich von der Bank, trat einen Schritt näher, legte leicht – nur einen Augenblick – die Rechte auf seine Schulter: er erbebte. »Auch, wenn ich es wünsche, wenn ich Euch darum bitte?« – »Adalp ... Frau Herzogin! Ihr mich bitten – mich!« – »Hört den Grund. Jeder Mensch soll dahin eilen, wo er seinen Freunden – und Ihr seid unser Freund, ich weiß es! – am meisten nützen kann: das ist für uns ein Freund dort: – am Hof Herrn Karls. Vernehmt, – aber schweigt gegen alle, auch gegen meinen Gemahl! es ist das erste Geheimnis, das ich vor ihm hehle! – ich ahne, ach nein: ich weiß: der Herzog sinnt auf – – Bruch mit Herrn Karl.« – »Da sei Gott vor!« flüsterte Paulus und erbleichte. »Sein Schwur!« – »Eidbruch! Auch ich zittre davor. Ich fürchte, ich kann den Rachezorn meines Gatten nicht zurückhalten, sobald er sich stark genug wähnt. Er rennt sich, – uns alle ins Verderben. Dann, dann ist mir von höchstem Wert ein Fürsprecher am Hof, ein Freund, ein Liebling des Siegers: – denn das werdet Ihr so sicher werden wie aller Menschen Liebling mit Eurem goldnen reinen Herzen.« – Des Mönches Antlitz verklärte ein edler Glanz: »Zwar wird das mir nie zuteil werden! Aber schon der Gedanke, daß Ihr daran glaubt, und daß Ihr wünscht ...! Ich verspreche Euch, vermag ich es, so rette ich Euren Gemahl aus jeder Gefahr – um jeden Preis!« Da traten die beiden Männer wieder in das Tempelrund: der Gasinde flüsterte noch auf den Stufen: »Es wäre freilich gar wertvoll. Aber er geht nicht hin.« – »Wer weiß! Wir sind alle ehrgeizig. – Nun, Paule, wie steht's? Muß ich Euch Gründe nennen? Sagt Ihr noch immer Nein?« – »Ich sage: Ja. Die Frau Herzogin hat mich bekehrt: ich gehe an den Hof Herrn Karls, weil ich – vielleicht – dort Gutes wirken kann.« – »Trefflich,« rief der Herzog mit einem triumphierenden Blick auf seinen Gefolgsmann. »Jedenfalls Besseres als in der Klosterzelle. Und ganz anderes!«   VI. »Seinem hochehrwürdigen Vater und Herrn Theudemar dem Abt, Paulus, Warnefrids Sohn, der Mönch. Hätt' ich auch nicht verbrochen, Euch, dem hohen Paar zu Benevent und meinem herzgeliebten Bruder oft und ausführlich Nachricht zu schreiben von all' dem, was ich seit unserer Trennung erlebt und erfahren im Reiche der Franken, es würde mich das Herz dazu zwingen, die Fülle, die überwältigende Fülle der Dinge, die es bewegen, die es zu sprengen drohen, vor Euch auszuschütten. Es ist eine Welt der Wunder, in der ich lebe: aber das Wunderbarste der Wunder ist er , der Unvergleichliche, der Unschilderbare: ist Herr Karl! Ich weiß, hoher Herzog, diese Worte wecken Euren Zorn: aber ich muß der Wahrheit Zeugnis geben: ja, ich muß: es ist Pflicht: denn lernt Ihr die Wahrheit über diesen Mann, den Unbezwinglichen, dann müssen Euch jene Gedanken vergehen, jene Hoffnungen siegreichen Rachekampfes wider ihn, die Euch im geheimen bewegen: – kenn' ich doch Euren trotzgemuten Heldensinn. Ich flehe Euch an, zu Eurem, Eures Hauses, unseres Volkes Heil: – gebt sie auf, jene Hoffnungen, verscheucht sie für immer, fügt Euch in das von Gott Gewollte. Ja, von Gott, nicht von jenem Sterblichen. Denn fest wie all' sein Volk, wie er selbst glaube ich: Herr Karl ist Gottes des Herrn auserkorenes Rüstzeug, seine Kirche zu beschirmen, seinen Namen auszubreiten unter den Heiden, das Reich Gottes auf Erden zu begründen: ich glaub' es, was seine Völker, was auch seine Feinde raunen: der Engel des Herrn schwebt zu seinen Häupten Tag und Nacht: von seinen Augen strahlt ein Glanz, erhaben, blendend und doch so herzgewinnend durch eine wunderbar warme Güte der Seele. Ihn schildern, das kann niemand: erleben muß man ihn! Ich sah ihn zuerst in Poitiers, wohin mein treuer Begleiter, Bischof Constantius von Chur, mich über Aosta, Lyon und Limoges zu ihm führte: der Herrscher brachte dort mit eigner milder Hand Hilfe den schwer durch Mißwachs, Hunger und Hunger-Seuche getroffenen Provinzialen: ich traf ihn in der fieberverpesteten Hütte eines armen Winzers; die Ärzte scheuten die Ansteckung, er nicht. Er richtete sich auf von dem Lager des Kranken, über das er sich gebeugt hatte, und sah mich lang an mit seinen großen, die Seele durchdringenden Augen: dann lächelte er, reichte mir die mächtige Hand und sprach: ›Mönchlein, du gefällst mir: in dir ist kein Falsch. Aber zu wenig Blut. Bring du uns dem Himmel näher, – wir wollen dich, du bleicher Geist, der Erde näher bringen.‹ Von Stund an war mein Herz, mein Geist, mein Wille sein eigen! Wir blieben in Poitiers, bis die Seuche erloschen und der mitgeführte Geldvorrat ausgespendet war, dann begleitete ich den König quer durch Gallien gegen den großen Rheinstrom hin und in seine dortigen Villen zu Metz, Diedenhofen, Düren, endlich hierher, in das große Palatium zu Aachen! Hier erst, in seiner wahren Heimat-Pfalz, ging mir das ganze Wesen des Mannes auf und seine Größe! Nicht das Gedränge der Gesandten all' der Fürsten und Völker, die seine Gunst suchen, vom heiligen Vater bis zum Sultan Arraschid zu Bagdad, von den dänischen, angelsächsischen, den asturischen Königen bis zu den Boten des Kaisers aus Byzanz, – nicht die Geschenke, die Schätzungen, welche sie huldigend ihm zu Füßen legen, erregen mein bewundernd Staunen, – nein, die väterliche Liebe, mit der er unermüdlich der Bedrängten, der Armen, der Hilflosen in seinem weiten Reiche gedenkt. In der Nacht springt er vom Lager und schreibt den Namen eines kleinen Bauern fern in den Alpen Bajuvariens am Inn oder an der Loisach, dessen Hilferuf gegen den gräflichen Unterdrücker noch nicht erhört ist, auf seine schlichte Gedenktafel von Schiefer, er , der schreckliche Schlachtenschlager, der ›eiserne Karl‹, er trägt in der Brust das gütevollste Herz. Und sein Geist! Er hat mich gewürdigt der Aufnahme in den Kreis von weisen Meistern, die seinen Hof zu einer hohen Schule machen. Hier lerne ich von dem ernsten Angelsachsen Alkuin, von dem wir ja alle zu lernen haben, hier traf ich den Landsmann Petrus von Pisa, hier den edlen Goten, den schönheitdurstigen und schönheitspendenden Theodulf von Orleans. Und mit so vielen andern noch darf ich Unwürdiger wie mit meinesgleichen verkehren! Und ganz wie einer von uns lebt und forscht und tafelt und scherzt mit uns auch der mächtigste Herrscher des Abendlands, er neckt und läßt sich necken in Prosa und Gedicht, der ›David‹ dieser Tafelrunde, wie wir ihn, jeden Titel und Hofzwang meidend, nennen müssen: wie Alkuin Horatius Flaccus ist Angilbert, des Herrschers vertrautester Rat, Homer und der junge liebenswerte Einhart – auch manche Jungfrau des Hofes findet ihn so! – heißt gar Beleseel nach dem kunstreichen Baumeister der Stiftshütte, weil der Kluge, Feine gar kunstverständig ist in allerlei Bauwerk. Der ist mir von allen der Liebste, meiner Seele der Nächste geworden. ›Wie sie wohl meinen Paulus getauft haben?‹ forscht hier mein neugierig Brüderlein. Ei seltsam genug! Am dritten Abend unsrer Tafelrunde stieß sich Freund Einhart an dem einzigen ›Ungetauften‹ in dem Kreis und bat Herrn Karl, mir einen Namen zu wählen: der sah mir ernsthaft ins Gesicht, dann lächelte er: ›nun reichlich – reichlicher als mit Fett und Muskeln! – hat ihn der Schöpfer bedacht mit der Nase. »Ovidius Naso« wollen wir ihn nennen.‹ Alle stimmten laut lachend bei und Einhart meinte: ›Aber die ars amandi müßte er wohl erst lernen, um sie zu lehren.‹ Da lachten sie alle noch lärmender. Ich aber schwieg und dachte: ist das eine Kunst? Ich meine, lieben ist nicht eine Kunst, ist eine Notwendigkeit, ein Herzenszwang. Könnte ich euch, ihr in dem Herrn Geliebten, auch nicht lieben? Ich muß, ob ich will, ob nicht! – Nicht müde wird der Herrscher bis in die späte Nacht, uns zu fragen, sich zu belehren. Und mich hat er – die hohe Fürstin hat beschämend richtig geweissagt! – gar bald tief in sein großes Herz geschlossen: auch wenn es nicht Freund Einhart und dessen gar eifrige Schülerin, die schöne Königstochter Emma, versicherten, – ich merke es mit glückseligem Dank täglich an allerlei Dingen und Worten im Ernst und Scherz. Gestern bei der Abendtafel lobte ich die persischen Äpfel, die ihm der heilige Vater als Geschenk gesandt aus seinem Garten am Tiber: als ich spät Nachts heim komme in mein Hospitiolum neben dem Palast, finde ich sechs der schönsten mit einem Zettel: ›sie seien nicht geschenkt, verkauft, je um vier Verszeilen, und beim Frühmahl müsse ich die fertig vorlesen‹. Da galt es fleißig dichten bis zur Hahnenkraht, denn Theodulf und Angilbert dichten schön, aber richten scharf. Nun, sie waren alle zufrieden, – Die hohe Fürstin gedenkt vielleicht noch der Verse, die sie mir zuweilen auftrug in Pavia: – ach, die waren doch viel besser. Wie oft gedenk ich mit Heimweh der Seele der schönen Tage am Tessin! – – * Dieser Brief wird, ich merk' es, ein ganzes Tagebuch: nun, ein solches habt ihr ja, hat zumal der Herr Herzog gewollt, und heute hab' ich das Wichtigste zu melden, was mir bisher am Hof begegnet: eine hohe Auszeichnung: manche beneiden sie mir, meint Einhart. Der König winkte mich heran in aller Frühe bei seinem Ankleiden, dem nur die Vertrautesten beiwohnen dürfen: – er gibt ihnen dann wohl Aufträge, die ihm in schlafloser Nachtstunde gekommen, – lachte mich an mit seinem sonnigen Lachen und sprach: ›Paule, mein Liebling, heute Nacht gab mir der Herr wieder einmal die Weisheit im Schlaf, das heißt im Traum: du weißt, Rothtrud, mein schön Töchterlein, ist verlobt mit Constantin, dem Sohn des Kaisers Leo zu Byzanz. Zu Ostern bring' ich sie mit großem Geleit nach Rom: von dort schifft sie sich ein nach Byzanz: so soll ein Sproß unsres Königshauses auch die Kaiserkrone tragen: bei Sankt Denis, wir sind es wert –! Würdiger als mancher dieser »Romäer« da drüben würde mancher von uns heißen: » Imperator Romanorum «. Aber genug hiervon. Nun, soll schön Rothtrud über Griechen herrschen, muß sie ihres Volkes Sprache verstehn: denn sie soll nicht, wie jene byzantinischen »Imperatrices«, die sie auf Goldgrund malen, steif, regungslos, wie lebendige Tote, nein, wie eine pflichtgetreue Königin der Franken, die emsige Hausfrau des Herrscherhofes, wie ihre Mutter, meine herzgeliebte Frau Hildigard – Gott segne sie alle Stund' und führe sie bald wieder aus ihren Mutter-Schmerzen! – soll meine Tochter da drüben walten, die Tränen der Bedrängten trocknen, ihre Klagen stillen: dazu muß sie aber diese Klagen verstehen: griechisch muß sie lernen! Nun hat zwar der Imperator auf mein dringend Verlangen – er selbst und sein Sohn waren – seltsamerweise! – gar nicht auf den Gedanken gekommen, was doch mehr ihre als meine Sache! – mir zwei feine Griechen seines Palastes geschickt – in prahlerisch prunkenden Seiden-Gewanden: nahm sie neulich mit auf die Saujagd in die Ardennen, wußte, es werde regnen – da lachte er so recht fröhlich vor sich hin – regnete auch: tüchtig wurden sie naß bis in ihre feine »romäische« Haut, die Seidenfetzen verschrumpften. – Einen Alten und einen Jungen: der Alte ist mir aber zu alt d. h. zu langweilig: wohnte neulich einer Lehrstunde bei, schlief ein nach einer halben! – auch mag ich nicht den bösen Falschblick seiner Augen; der Junge aber – Agathon heißt er – ist mir zu jung: meine Rothtrud ist gar schön! Nun schlief ich ein in Sorge darüber, wer mir wohl die beiden Griechen ersetze? Und im Traum tratest du an mein Bett, du mein Paule, mit deinem lieben, nur allzubleichen Gesicht und sprachst: »Herr König, ich kann gut griechisch. Und ich bin treu, nicht falsch. Und jung zwar bin auch ich, aber ich bin Sankt Benediktus zu eigen.« Da sprang ich vom Pfühl und schrieb quer über meine ganze Tafel und alles, was schon darauf stand – da sieh her! – »Paulus der Mönch lehrt sie griechisch!« Und so soll's werden! Wenn du willst, heißt das. Willst du? Ist dir schön Rothtrud nicht zu schön?‹ lachte er. Ich neigte mich und sprach gerührt: ›mit Freuden will ich‹. Denn Fürstin Rothtrud ist mir nicht zu schön. – – * Nun hat der Unterricht seit einigen Tagen begonnen. Ich staune: ein paar Wochen hat sie der alte Elisäus schon gequält: und was hat sie gelernt? Nichts! Gar nichts! Und dabei ist die junge Fürstin hellen Geistes, raschen Verstandes und hat ein wunderbares Gedächtnis. Aber freilich, erwäge ich ihr ganzes Verhalten bei meinen weisen Lehren, so begreif' ich ihr Nichtwissen, wenn sie's mit dem Alten ebenso getrieben hat. Sie hört mir zu, engelgeduldig: nur denkt sie einstweilen offenbar an etwas ganz anderes! Dabei lächelt sie immer vor sich hin, zuweilen mutwillig, so daß ich meinte, sie lache mich aus: aber nein, denn meist ist es ein still seliges vor sich hin Sinnen und Lächeln, ein beneidenswertes, geheimes Glück verratend. Auf Mädchenlächeln aber, auf Mädchen überhaupt versteh' ich mich gar nicht, o Fürstin Adalperga! * Am Schluß der heutigen Stunde – jetzt eben – hörte ich etwas, das gewiß den Schlüssel des Geheimnisses birgt: leider verstand ich zu wenig davon. Fürstin Emma, die den Stunden beiwohnt – sie schreibt dabei gar eifrig an den Übersetzungen ins Latein, die ihr Freund Einhart aufgibt – flüsterte der Schwester beim Hinausgehen etwas zu – ich nahm gerade in der Ecke meinen schwarzen Mantel um, aber ein wenig hörte ich doch: – es war offenbar eine Mahnung, merksamer zu sein, ihre schriftliche Aufgabe fleißiger zu machen: da antwortete Rothtrudens metallische, glockenreine, aber auch glockentiefe Stimme: ›Ach was! Lerne du nur weiter bei deinem Einhart und kümmere dich nicht um mich. Du wirst doch nicht etwa glauben, daß ich jemals den Griechenprinzen nehme?‹ Und lachend schwebte sie hinaus. – Was soll das heißen? Den König, den ganzen Hof, mich zum besten haben? * Allgütiger Gott! Dank den Heiligen, daß sie mich unwürdig Werkzeug wählten, ein schändliches Verbrechen zu verhindern! Kaum hatte ich heut' in aller Frühe mein Morgengebet vollendet, als an mein schmales Kämmerlein gepocht wurde und herein trat zu meinem höchsten Staunen meine fürstliche Schülerin, ehrerbietig gefolgt von einem gar stattlichen, schönen Herrn: ich kannte ihn gut, es ist ihr Mariskalk, Graf Rorich von Maine, einer der prächtigsten von unsren – d. h. von des Königs! – Palatinen. Die Jungfrau hob an: ›Verzeiht, mein weiser Lehrer, den Verdruß, den Euch die ungelehrige Schülerin gemacht hat. Die Schule ist aus, denk' ich: zu ihrem, aber auch zu Eurem Heil, Sprecht, Graf von Maine.‹ Und den traf ein kurzer Blick, welchen wohl andres noch als Dank durchglühte, – soviel verstehe sogar ich von Mädchenblicken. Der Graf neigte sich höfisch vor mir geringem Mönch und begann: ›Mein ganzer Dienst, all meine Treue und Sorge ist Fürstin Rothtrud geweiht und wird es bleiben mein Leben lang. Unleidlich war mir von je der Gedanke, die Herrliche dem falschen Byzanz anzuvertrauen, und einem – ich weiß es! – ungeliebten Mann. Mit Argwohn beobachtete ich von Anfang an die beiden Griechen, zumal Elisäus: mir fiel auf, daß sie, sowie ein weiterer Gesandter vom Kaiser eintraf, geheim tuschelten, sich Nachts heimlich besuchten und besprachen. Gestern nun – Ihr wißt es – kam wieder ein Bote aus Byzanz mit allerlei Schreiben – an den König, die Königin, Fürstin Rothtrud, – die offen übergeben wurden: es stand – wie gewöhnlich – nichts drin als griechischer Wind. Nach dem Nachtmahl sah ich Elisäus und Agathon durch den Palastgarten nach ihrem Hospitium schreiten, in eifrigstem Flüstergespräch, in hitziger Erregung offenbar: ich folgte ihnen leise: die mond- und sternenlose Nacht, das Dunkel der hohen Bäume verbarg mich, da hörte ich, – als Gesandter des Herrn in Byzanz hab' ich zwar nicht die Sprache schreiben oder sprechen, wohl aber ein wenig verstehen, auch etwas buchstabieren, gelernt, – wie der Alte zu dem Jungen sprach: er war des Weines voll, wankte im Gang und zitterte an den Händen: »Jetzt ist das Netz gespannt, alles verabredet! Drum gönnte ich mir ein paar Becher Falerner mehr denn heute erhielt ich, durch den Boten des Kaisers, von dem Protonotar die geheime Meldung, – hier im Gürtel barg ich sie« – er klopfte darauf – »schön Rothtrud ist schon so gut wie gefangen im Meerturm am Bosporus. Wehe diesen Barbaren!« Damit erschloß er die Haustür ihres Hospitiums: ich wollte herzuspringen, – ihn fassen: aber da sah ich in dem Licht, das aus dem geöffneten Gang strahlte, etwas Weißes auf die Erde gleiten: wie er den Schlüssel in der Gürteltasche suchte, war ihm das Schreiben herausgeglitten, so hoffte ich: und so war es. Ich raffte es auf, lief in den Hof des Palastes zurück, wo in dem Tor die Pechfackel brennt und las, – ach wollte lesen! Es waren zwar griechische Buchstaben, aber in einer Geheimschrift – von niemand zu entziffern,‹ schloß er seufzend. ›So fürchtete mein Freund,‹ fiel die Jungfrau rasch ein. ›Als er aber heut' in aller Frühe – er hat täglich mit mir auszureiten!‹ erklärte sie ein wenig errötend – ›'s ist sein Amt! – mir vom Roß herab die Rolle reichte, – da gedacht' ich, wie Ihr, gütevoller Lehrer, der Schülerin auch von jenen Geheimschriften der Griechen gesprochen, jenen, – wie heißen sie doch?‹ – »Formatae.«– ›Und wie Euer großer Lehrer – wie hieß er doch?‹ – »Flavianus!« – ›Jawohl, – Gott segne Flavianus! – Euch auch eine Anzahl solcher byzantinischer Geheimschriften entziffern gelehrt habe. Geben die Heiligen, daß diese darunter war!‹ Und sie zog aus dem Busen den zerknitterten Papyrus und reichte ihn mir mit zitternder Hand. Ich sah hinein: ›Gelobt sei der Herr‹ rief ich, ›ja, das kann ich lesen.‹ Und ich las: – und erschrak bis zum Tode: der Herzschlag stockte mir: ›das – das ist teuflisch!‹ sprach ich dann. ›Auf, zu Herrn Karl.‹ Alsbald standen wir vor ihm, der Graf wiederholte dem Staunenden seinen Bericht, der König sah in den Papyrus: ›das ist die Schrift des Protonotars,‹ sprach er. Ich aber las mit oft versagender Stimme: ›Ein Dämon muß diese Barbaren betört haben zu dem Wahne, der Basileus der Romäer werde seinen Sohn vermählen mit dem Kind dieses Räuberkönigs, der uns die schönsten Provinzen Italias entrissen. Der plumpe Bär ging in die seiner Eitelkeit gestellte Falle. Sowie das Püppchen in Byzanz gelandet, – in den tiefsten Turm mit ihr als Geisel. Und nicht eher – bei des Kaisers Haupt! – soll sie das Licht der Sonne wieder schauen, bis ihr Vater all' seinen Raub: Rom, Ravenna, ganz Italien, Istrien, Dalmatien herausgegeben hat. Droht er mit Krieg, so lachen wir: er hat ja nicht zehn Schiffe! Und schön Rothtrud hat nur eine Nase und nur zwei Augen.‹ Da stieß Herr Karl einen Schrei aus, wie ich im Leben nie gehört, nicht wie ein Mann, – wie ein edles, todwund getroffenes Tier. Dann ballte er beide Fäuste, reckte sie gen Himmel, einen furchtbaren Fluch zu stammeln: aber sieh: er fluchte nicht: plötzlich, wie blitzgetroffen, sank er auf beide Kniee, faltete die eben grimm geballten Fäuste zum Gebet und sprach: ›Herr mein Gott, ich danke dir. Ich danke dir für deine wunderhafte Gnade, mit der du mein armes Kind gerettet hast. Ich danke dir, Herr mein Gott! All' mein Leben sei dir ein Dank für diese Stunde.‹ Seht, das ist Herr Karl. * Ich konnte gestern nicht weiter schreiben, meine Seele zitterte zu stark. Ich fahre erst heute fort. Die beiden Griechen wurden gefangen gesetzt: mit der Folter bedroht, bestätigten sie alles, was der Brief enthielt. Der König wollte beide zum Tode verurteilen und hinrichten lassen: aber die Frau Königin Hildigard auf ihrem Krankenbett – sie ist ein Engel auf Erden! – erbat beider Leben als Dank für die Rettung der Tochter. So wurden sie in Fesseln nach Italien geschickt, um eingeschifft zu werden nach Byzanz, dorthin die Kriegserklärung König Karls zu tragen. Aber lange vor ihrer Ankunft, mein' ich, werden die Kaiserlichen in unsrem Vaterland die Rache Herrn Karls verspüren: er hat das ganze Heer der Franken aufgeboten von der Avarenmark bis Barcelona, von der Eider bis an den Tiber. Italiens Erde wird gar bald dröhnen unter dem Fußtritt ungezählter Scharen: bei deren Anblick wird wohl jedermann – hört ihr's? jedermann! – den Gedanken an Widerstand gegen Herrn Karl aufgeben. * In eurer Güte, hohes Herzogpaar und Herr Abt und in deiner brüderlichen Liebe, mein Arichis, werdet ihr nun vielleicht fragen, wie es in diesen gewaltigen Weltmeerwogen das Schifflein des Mönches Paulus getragen hat? Zuerst kam mir als Dank meines verdienstlosen Verdienstes eine gar liebliche Herzensfreude: am Abend desselben Tages pochte es wieder an die Tür meines Kämmerleins und herein traten wieder Fürstin Rothtrud und der Mariskalk, aber diesmal Hand in Hand: und mit strahlendem Antlitz – da war sie wirklich schön, Frau Fürstin, das sah selbst ich! – sprach sie: ›o Mönch Paulus des Warnefrid Sohn, kurze Zeit mein Lehrer, aber mein Freund alle Zeit meines Lebens, habt den Dank der Geretteten. Und verzeiht der Schülerin, daß sie so unaufmerksam war und lachte statt zu lernen. Wisset, ich war entschlossen, nie des Kaisersohns zu werden. Nach Byzanz hätten sie mich wohl führen können, aber nie in seine Arme. Denn‹ – und hier errötete sie wieder und stockte eine Weile, aber gar nicht lange – dann fuhr sie freudestrahlend fort – ›denn ich liebe einen andern: stolz sag' ich's: – diesen da! Und der lieben Mutter hab' ich's heut an ihrem Bette gestehen wollen: aber die hat gelacht und gemeint, »das weiß ich viel länger als du. Und ich habe,« fuhr die goldene Mutter fort, »heute dem Vater das Wort abgenommen, daß er nie eines meiner Mädchen ungeliebtem Manne gibt. Und er wird's halten.« Und all' das sag ich Euch, Mönch Paulus, unter allen am Hof ganz allein, weil ich weiß, es erfreut Euch, wenn Ihr auch gar nichts davon habt, denn Ihr habt ein ...‹ da sagte sie was von meinem Herzen. ›Mein Vater kann und wird Euch lohnen mit Ehren und Gütern‹ – als ob Sankt Benedikts Schüler das annehmen dürfte! aber die Glückliche dachte nicht daran! – ›ich aber lohn' Euch so.‹ Und eh' ich mich's versah, faßte mich die Hochgewachsene an beiden Schultern und küßte mich mitten auf die Stirn. Ich beichte, Vater Theudemar, aber es geschah ohne, ja wider meinen Willen. Und es ist der erste Weibeskuß, den ich, seit die Mutter starb, empfangen. ›Aber,‹ fuhr sie fort, ›neben diesem weltlichen Mädchendank – der Graf ist nicht eifersüchtig, nicht, Rorich? – nehmt hier ein heilig Andenken: zierlich in Gold gefaßt einen Splitter vom Kreuze Christi. Harun Arraschid hat ihn mir geschickt: der gute Heide meinte, das Kleinod bringt Glück in der Liebe. Nun, das braucht es uns nicht noch zu bringen – nicht, Herr Mariskalk? – und Euch darf es nichts der Art bringen! – aber Alkuin lehrt, es gibt Kraft der Entsagung und die kann ein Mönch brauchen.› Da trat Graf Rorich vor, gab mir die Hand und sprach: ›Und, Mönchlein, willst du mal einem Wunsche nicht entsagen, – hier ist ein Schwert, das soll dir ihn erkämpfen. Und ein treu ergebener Wille, der dir gerne dient.‹ * Und Herr Karl, so werdet ihr jetzt wohl fragen – wie hat er den Zufall – nicht wahrlich das Verdienst! – des Mönches belohnt? Hört nur, wie überreich! Früh am andern Morgen ließ er mich rufen. Ich hatte kurze Zeit auf ihn zu warten in einem Empfangsaal, den ich noch nie betreten: da sah ich denn jenes angebliche Wunderwerk, das ihm, wie die Leute fabeln, Gott der Herr selbst aus seinem Himmel durch zwei Engel hat heruntertragen lassen: nämlich auf hohem Gestell von Alabastron eine mächtige Goldscheibe, darstellend den ganzen Erdkreis, mit allen Meeren und Strömen – die aus Silber! – mit allen Inseln und Gebirgen, allen Ländern mit ihren wichtigsten Städten – diese aus allerlei Perlen und Edelsteinen: so fand ich gleich Pavia, – wie suchte ich es! – Benevent, Friaul, Aachen. Diese Scheibe wirkt das Wunder, – so flüstern die Leute, – daß, wo immer in einem Ort seines Reiches die Mark vom Feinde verletzt oder auch im Innern Aufruhr erhoben wird, da – an dieser Stelle, – ein leises Klingen von Innen heraus ertönt, so daß Herr Karl sofort, ehe die Feinde das für möglich halten, die Gefahr erkennen und seine raschen ›Scarae‹ dahin werfen mag. So erklären es sich die Menschen, daß er jede Gefahr in seinem weiten Reich so rasch entdeckt, so rasch und unfehlbar abwendet. Aber die Sage mag eine Warnung sein für alle, die Erhebung planen gegen Herrn Karl: wie ich so einsam neben der Scheibe stand, war mir, ich höre aus ihr ein leises Klingen: – aus der Gegend von Benevent. – – – Alsbald sprangen die Doppeltüren des marmorgetäfelten Saales auf und herein schritt aus dem Innern des Palastes gerade auf mich zu Herr Karl, aber nicht allein, gefolgt von gar vielen Geistlichen und Weltgroßen des Hofes: ich erkannte den wackern Helden Gerold von Bayern, – den Bruder der Königin, – den Markgrafen Roland von Bretagne, des Königs Neffen, und den von ihm unzertrennlichen Vizecomes Oliver von Viane, den Markgrafen Erich von Friaul, den Grafen Wilhelm von Orange, Bischof Arn von Salzburg. Dann alle die trauten Genossen unserer ›Akademia‹, wie uns Meister Alkuin neulich taufte: ihn selbst, Einhart, Angilbert, Petrus, Theodulf und die andern: der Graf von Maine lächelte mir zu und legte den Finger auf den Mund: – unnötige Sorge! Als sich der Halbkreis hinter ihm geordnet hatte, sprach Herr Karl und sein Auge leuchtete mich an, daß in das meine die Träne der Rührung trat: ›Sohn Warnefrids, Paule, mein Liebling: all diese meine Getreuen wissen, welch großen Dank ich und mein Haus dir schulden. Nie kann ich dir vergelten. Aber alle Welt soll wissen und vor allem mein Hof und mein Reich, wie tief ich solche Dankespflicht empfinde. Dem Mönch darf ich nicht Allod, nicht Beneficium bieten, nicht Gold noch köstlich Gewaffen noch weltlich Amt in Hof oder Reich: lebst und webst du doch im Geistlichen, in der Kirche: aber in diesem deinem kirchlichen Stand stehst du mir lang schon viel zu niedrig! auf meinen Wunsch wird dich der gute Herr von Salzburg – siehst du, dort steht er! – gar geschwind mit rascher Häufung der niedern Grade zum Diakonus weihen an meiner Stiftskirche zu Aachen, und ›Paulus Diakonus‹ soll fortab dein Ehren-Name lauten, von deinem König dir verliehen. Doch mehr: gern möcht' ich dich für immer um mich haben: dein Abt Theudemar gibt dich gewiß aus seinem Kloster frei, verlangen wir das beide: und so sollst du – bei deiner Jugend noch unter meinem Archicapellanus – mein Capellanus werden und fortab dienen, leben und wohnen in der Capella meines Palatiums. Sprich, willst du das, mein Sohn?‹ Mich überwältigte fast die Rührung: ach, neben dem Dank für soviel Güte ward das Heimweh so übermächtig in mir, die Sehnsucht nach euch, ihr Hohen und Lieben, in der Heimat, die Sehnsucht nach meiner stillen Zelle am Garigliano, nach dem gütigen, weisen Abt, nach dem treuen Bruder, ja auch nach den Pinien und Cypressen des Schloßgartens von Benevent, daß meine ganze Seele erschrak bei dem Gedanken, mein Leben lang von dort, von euch verbannt zu sein: so faßte ich mir ein Herz – es war nicht leicht, so reiche Güte auszuschlagen! – und sprach: ›Nein, Herr König! Ich danke dir vom Grund der Seele: aber meine Stätte ist nicht hier, nicht in Glanz und Lärm der Welt, sie ist in meiner Heimat, in meinem Kloster, in meiner Zelle: dorthin laß mich zurückkehren: dort will ich ein großes Werk, das Werk meines Lebens schreiben: du und Fürstin Rothtrud ihr braucht mein Griechisch nicht mehr.‹ Ein leicht Gewölk flog über seine klare Stirn, doch freundlich sprach er: ›Ich hab's gefürchtet, denn ich kenne deine stille Seele. Ein großes Werk? Ich ahne: du sprachst davon. Mag's sein! Aber die Flucht von mir hinweg wird wohl nicht eilen. Den Capellanus schlugst du aus –: so erbitte dir irgend eine andere Gnade von mir: denn den Diakonat gibt dir die heilige Kirche. Wähle! Wünsche!‹ ›Herr König, ich habe keinen Wunsch.‹ ›Wohl, jetzt, für dich. Aber – nach deines Herzens Art! – etwa für andere.‹ Ich sann nach: da fiel mir ein, wie's mich erschüttert hatte, als ich jüngst – von ungefähr war ich dazu gekommen auf dem Marktplatz von Aachen – einen zum Tod Verurteilten – wegen infidelitas – zum Galgen schleifen sah: er sträubte sich mit allen Kräften, er wand die Glieder in seinen Ketten, die Todesangst stand auf seinem Gesicht: – es war grauenhaft! ›Wohlan, Herr König,‹ rief ich kurz entschlossen, ›so gewährt mir eine Freibitte, wie sie bei mir daheim in Langobardien zuweilen Abten oder Äbtissinnen verliehen wird.‹ ›Freibitte? Für wen? Von was?‹ ›Für einen Verurteilten: – vom Tode.‹ Der König stutzte einen Augenblick: er sann nach: ›Hm,‹ meinte er, ›sonderbar. Recht sonderbar! Aber nein doch: echt christlich, und echt priesterlich. Auch das ist ganz mein Paulus, drum gefällt's mir. So sei's! Aber höre,‹ lächelte er, drohend den Zeigefinger hebend, ›nur einmal! Und nur einen! Dein Erbarmen wär' im stande, einen ganzen Schlachthaufen treubrüchiger Sachsen freizubitten. Nur ein Leben! Und nun, nimm hier, vor seinem ganzen Hof, deines Königs Dank!‹ Und er schritt an mich heran und küßte mich auf beide Wangen. Mir schwindelte. Ich entzog mich dem Händedruck der andern, eilte in mein Kämmerlein, warf mich auf die Knie, dankte inbrünstig Gott und weinte, weinte, weinte. Ach, meine Seele, meine undankbare Seele, war nicht hier: – in heißer Sehnsucht war sie bei euch.«   VII. Als der Herzog von Benevent den langen Brief – Abt Theudemar hatte ihn selbst gebracht – laut zu Ende gelesen, warf er ihn unmutig auf den runden Marmortisch des kleinen Gartentempels und winkte Arichis, ihm ins Freie zu folgen. Adalperga nahm das Schreiben sorglich auf: sie wischte die feuchten Augen und sprach zu dem Abt: »Was für ein Herz!« – »Ja, wahrlich! – Und wenn Ihr es erst kenntet wie ich.« – »Wer so gut ist, der muß doch glücklich sein, nicht, ehrwürdiger Vater?« – »Wohl, wohl, edle Frau, das sollte so sein. Allein ... Ihr seid so gut wie Paulus und doch ...« »Ich wäre ganz glücklich, quälte mich nicht die Sorge um den Herzog. Ach, und um das Kind unter meinem Herzen, das in so schwerer Zeit in die Welt hineinwachsen soll. Aber vielleicht war es ohne Grund oder doch ist es jetzt ohne Grund: unser Paulus hat mir in diesem Brief eine Last von der Seele genommen. Habt Ihr beachtet seine wiederholte, scharfe Warnung an den Herzog? – Jetzt – nachdem er das ganze Heer des Reiches auf dem Wege nach Italien weiß, – jetzt kann doch mein Gemahl nicht an Empörung denken?« »Wir wollen's hoffen,« erwiderte der Bischof. »Es wäre Wahnsinn. – Aber gebt mir Urlaub, hohe Frau, ich muß noch heute den Rückweg in mein Kloster antreten: es darf nicht verwaist stehen: wirre Gerüchte von Unruhen, von Ansammlung Gewaffneter – ziemlich in der Nähe – schwirren durch die Luft: da darf der Vater nicht den Söhnen fehlen. Schreibt dem lieben Diakon, schreibt ihm bald: und schreibt – selbst: Ihr wißt nicht, wie ihm das wohl tun wird.« »Gern,« sprach die Frau, sich erhebend. »Obzwar ich nicht verstehe, was der Fromme und Viel-Gelehrte hat von dem Brief einer sorgenschweren Frau.«   VIII. Mit hastigen, ungleichen Schritten durchmaß der Herzog die schmalen Gartenwege, zuweilen blieb er stehen und riß an einem Zweig, der den Pfad verengte; ernst, schweigend schritt Arichis neben ihm her. Außer Hörweite von dem Tempel, sprach der Fürst: »Diese törichten Warnungen! Sie kommen zu spät: sie machen nur wirr, sie umwölken den Blick und können doch nichts mehr ändern.« – »Und doch hattet Ihr ihn an den Frankenhof zu gehen gedrängt, gerade weil ... –« – »Ja, weil ich hoffte aus seinen Briefen rechtzeitig zu erfahren, was dort geplant werde: ein Späher, ohne Wissen, wider Willen, sollte er mir sein! Nun schreibt er erst jetzt, nachdem hier alles bereit, ja mehr als bereit ist. Das ganze Frankenheer im Anzug: – – und ich kann nicht mehr zurück.« – »Wirklich nicht? Es wäre gut.« – »Das weiß ich allein. Meinst du, ich bin so tollkühn, jetzt – jetzt gerade! – freiwillig loszuschlagen, nachdem ich das erfahren? Das bedeutet dreißigfache Übermacht. Wir sind verloren.« – »Seht Ihr das ein, Herr, warum dann ...?« – »Weil ich muß, sag' ich dir! Die Ehre gebeut, hörst du? Die Ehre! Das gilt Männern mehr als ein – erzwungener! – Eid auf morsche Knochen.« – »Ja,« sprach der Gefolge, »die Ehre ist das Höchste, so lehrte auch der Vater. Aber wie bindet sie Euch dazu, gerade jetzt ...?« »Merk' auf! Allein war ich zu schwach, ich habe deshalb mich mit Herzog Hrodgaud von Friaul fest verbündet, – mit dem Bruderkuß der Ehre! – loszuschlagen auf seinen ersten Ruf. Auch von meinen Nachbarn von Spoleto, von Melfi, Asculum, Bovinum hab' ich feste Zusage, zu mir zu stoßen: soll ich all' diese Getreuen, die auf meine Ehre und Waffentreue bauen; schnöde im Stich lassen? Lieber sterben!« – »Gewiß. Freilich bleiben wir auch mit diesen vereint gar schwach. Und an die Griechen in Neapel, in Capua, denkt Ihr doch wohl nicht!« – »Nein, bei Gott, jetzt nicht mehr! Ich hatte an sie schreiben wollen: aber ehrlos war's, nach solcher Niedertracht des Kaisers Hand zu fassen. Nicht mit Neidingen zusammen gehen: – auch nicht zum Siege! Laß mich das Wort der Ehre halten und d'rüber untergehen. Du aber: – rette dich! – Flieh zu deinem Bruder: du bist nicht wie ich gebunden an Hrodgaud.« – »Aber an Euch, Herr, mit jeder Herzensfaser. Auch der Gasinde hat seine Ehre: – sie heißt die Treue. An Eurer Schildseite steh und falle ich.«   IX. In der folgenden Nacht erreichte Benevent ein Bote des Herzogs von Friaul: er überbrachte das verabredete Zeichen: zwei Schwungfedern des Steinadlers. Sofort brach der Herzog auf, so schwer es ihm ward, jetzt Frau Adalperga zu verlassen, die ihrer Schmerzensstunde entgegensah. Die Bewegung begann: aber gar bald kam sie zu Ende: es ward kaum gekämpft. Die näher wohnenden Verschworenen, der Herzog von Spoleto, die Grafen von Melfi, Asculum, Bovinum und andere erschraken bei der Nachricht von dem Anzug des gewaltigen Frankenheeres, sie griffen gar nicht zu den Waffen: die einen eilten nach Rom zu Papst Hadrian, dort ihre Unschuld zu beteuern, die andern suchten zu diesem Zweck Herrn Karl selbst jenseit der Alpen auf. Nur Hrodgaud von Friaul, trotzig und treu, trotzig gegen Karl, treu gegen Arichis, hatte losgeschlagen: gegen ihn zogen die Bayern, geführt von des Königs Schwager, dem ruhmreichen Gerold: bei dem ersten Zusammenstoß an der Livenza fiel der Herzog, tapfer fechtend: Treviso und Cividale ( Forum Julii ) wurden erobert: damit war der Krieg in Friaul zu Ende. Gleichzeitig wandte sich ein zweites, stärkeres Heer – Franken, Alamannen und Burgunden – gegen den Herzog von Benevent: es zog, geführt von Sigwin von Brabant, Ruodhart, dem Grafen vom Argengau am Bodensee, und Trudulf von Orleans gegen Benevent: auf zwei Straßen von Rom aus: von Nord nach Süd und von West nach Ost. Der Herzog hatte sein Banner und den Befehl über die Scharen seiner linken Flanke Arichis anvertraut. Aber beide Schlachthaufen kamen kaum zum Gefecht: von erdrückender Übermacht unter Sigwin bei Telesa und unter Ruodhart bei Bovinum angegriffen, warfen die meisten, zumal die Italier, die Waffen weg und flohen: die beiden Arichis versuchten allein mit ihren wenigen langobardischen Gefolgen Widerstand. Verwundet, vom Gaule gerannt, auf der Erde liegend, hielt der Gasinde zuletzt noch mit den Zähnen das Tuch des Banners fest, dessen Schaft zerhauen war: erst als er vor Blutverlust ohnmächtig geworden, konnte er gebunden werden. So hatte es ihm nichts geholfen, daß er am Tage des Aufbruchs von Benevent dem Altar von Sankt Sabinus zu Spoleto öffentlich eine Wachskerze so lang wie er selber, und in der Nacht vor dem Gefecht Wodan heimlich ein Roßopfer gelobt hatte, um Sieg und frohe Heimkehr! Dem Herzog aber ward der Helm zerschroten von dem Schlachtbeil des Grafen Ruodhart, dann ward der Betäubte gefesselt: beide Gefangene wurden über die Alpen in das Frankenreich geschickt, während das feste Benevent, der Verteidiger entblößt, sich der Schar Trudulfs von Orleans ohne Schwertstreich ergeben mußte. Fürstin Adalperga ward in der eignen Burg in ehrenvolle Haft genommen. Es war das Verdienst des Papstes und seiner eifrigen Fürsprache, aber auch die Folge der eignen staatsmännischen Weisheit Karls, daß der raschen Niederwerfung des Aufstandes nur wenige Strafurteile – Verbannung und Vermögen-Einziehung – folgten: man wollte die Menge der Bevölkerung, die nur den Führern gefolgt war, durch Milde gewinnen. Vor allem sollte ja die ganze Frankenmacht in der Halbinsel sofort zu dem Krieg gegen die Byzantiner verwendet werden, was mit solchem Erfolg geschah, daß alsbald kaiserliche Gesandte um Frieden baten, der nur unter beträchtlichen Landverlusten und anderer Genugtuung gewährt ward. Aber jenen Führern freilich war der Untergang fest zugedacht. Herr Karl war furchtbar zornig über die Empörung, so kurz nach feierlich beschworenen Verträgen: »da wäre ja kein Fertigwerden,« meinte er grimmig, »müßte man jedes eroberte Land wieder und wieder erobern. Ich habe noch gar vielfach anderwärts zu tun für den Herrn Christus, als immer wieder in meinem Langobardien: so in Sachsen, in Spanien, in Avarien, dann gegen Dänen und Wenden. Kann nicht immer wieder von vorn anfangen am alten Fleck! Jenen Hrodgaud hat der Schwerttod vor dem Galgen geschützt: aber dieser Beneventaner und sein hartnäckiger Bannerwart und Feldhauptmann, – wie heißt er doch? – die sollen zur Abschreckung dienen für andere.« Er verwies beide vor das Pfalzgericht zu Chur, wo er damals Hof hielt, dem italischen Kriegsschauplatz näher zu sein. Das Verfahren war kurz genug: die Angeschuldigten waren in handhafter Tat gewaffneten Hochverrats ergriffen, überführt und geständig, vorher den Treueid geschworen zu haben: die Anklage und das einstimmige Urteil gingen auf Tod am Galgen. Das alles war so ganz klar, rechtgemäß und in Ordnung, daß nicht einmal die Verurteilten ein Wort dagegen einzuwenden hatten. Der Tag der Urteilsfällung – Karl hatte selbst den Vorsitz geführt – war auch aus andern Gründen aufregend gewesen: von manchen Seiten her waren in geistlichen und weltlichen Dingen ernste Vorkommnisse, Schäden, Gefahren gemeldet worden: »Meine goldene Scheibe hätte heute den ganzen Tag singen dürfen,« grollte er, als er gegen Mitternacht die vertrauten Räte entließ, mit denen er gearbeitet, sowie die Cancellarien und Notarien, denen er diktiert hatte. »In Italien ist für den Augenblick – wer weiß, auf wie lange? – Ruhe, die Byzantiner haben ihre reich verdienten Hiebe. Aber jenseit der Pyrenäen bestürmen die Heiden mein Saragossa, der Patriarch von Jerusalem und Freund Harun sind höchst verschiedner Meinung über ihre Rechte an der heiligen Grabeskirche, und ich soll entscheiden: habe große Lust, sie mir allein zuzusprechen! Die Dänen sind aus dem Danewirke vorgebrochen und haben geheert bis über die Eider, die Tschechen in Bojohemum haben – wie gewöhnlich! – bayrisch Vieh gestohlen, der heilige Vater hadert mit dem Erzbischof von Ravenna um Zollrechte und mit mir um den Ausgang des heiligen Geistes auch vom Sohne, die Avaren wollen, ich soll den Erbstreit unter ihren Chanen entscheiden, – Teufelssöhne sind's alle! – in Alamannien ist großes Viehsterben, meine Villiei in Aquitanien haben mich, wie ich finde, jahrzehntelang betrogen, und auf Korsika und den Balearen sind afrikanische Seeräuber gelandet. Von all' dem werd' ich heut' Nacht wohl träumen! Wenn ich nur erst träumen, das heißt schlafen, kann! Deshalb, hört ihr, Ostiarii, sorgt, daß ich nicht geweckt werde vor hellem Tagesschein, – ja vor der achten Stunde nach Mitternacht! – mag kommen, mag gemeldet werden, wer und was da will. Und wenn der heilige Vater die Tochter Harun Arraschids heiraten wollte: – er soll warten bis morgen Mittag. Wer wacht im Vorsaal?« – »Graf Rorich von Maine.« – »Ist gut. Der ist recht: der meint es treu mit König Karl und seinem Schlaf. So! Leuchte voran, Lucernarius! Gute Nacht, ihr Herren all'! Jetzt will ich lange schlafen!« * Aber nicht gar lange sollte dieser Schlaf währen. Nach einer Stunde etwa hörte der König sich beim Namen rufen, einmal, zweimal, dreimal. »Bei Sankt Denis,« schrie der Schlaftrunkene, auffahrend aus dem schlichten Lager von Fellen, »wer hat sich erfrecht, mich aufzustören? Den soll der üble Waland ... wie, Ihr, Graf Rorich? Wie könnt Ihr's wagen? Liegt Euch nichts an meiner Gnade, meinem Wohlergehn?« – »An beiden mehr als an meinem Leben. Deshalb stehe ich hier: denn um Eure Gnade gilt's und Euer wahres Wohl.« – »Hm, Mann, du sprichst aus tiefstem Ernst: bist ja ganz verstört. Was ist? Wer will mich sprechen?« – »Paulus Diakonus, des Warnefrid Sohn.« – »Der? Der sitzt ja fern in Aachen.« – »Er ist viele Tage und Nächte hergeritten ohne Zaum zu ziehn.« – »Was will er?« – »Sein Bruder Arichis ist zum Tod verurteilt.« – »Der Bannerheld? Sehr von Rechts wegen!« – »Der Diakon erfuhr erst kürzlich, daß jener, – daß beide Arichis hier angeklagt sind.« – »Nun, und?« – »Herr König, gedenkt Ihr nicht? ... Seine Freibitte ...« Da fuhr Herr Karl mit beiden Beinen hurtig aus dem Bette: »ah, Sankt Denis, 's ist wahr. Nun will er ihn ... Höre mal, Rorich,« schalt er, immer noch verdrießlich, »hatte das denn solche Eile? Mich wecken! Gib mir die Schuhe, dort – unter dem Bett stehen sie. Und jetzt den Gürtel. Und den Mantel. – Warum solche Eile.« – »Ihr habt befohlen, Euch erst um acht Uhr zu wecken.« – »Nun, ebendrum! Konnte der Diakon nicht bis dahin warten?« – »Nein, Herr König.« – »Du bist sehr kühn. Warum nicht?« – »Herr, Ihr hattet befohlen beide vor sechs Uhr zu hängen.« – »Ah, ja freilich! Hattest recht, Graf von Maine. Da eilte es. Aber doch, woher nahmst du den Mut, gegen mein Verbot – –?« – »O König Karl: – er hat Eure Tochter gerettet. Und ich habe ihm meine Hilfe versprochen fürs ganze Leben.« – »Bist ein ganzer Kerl,« er klopfte ihm auf die Schulter. »Und er hat ja die Freibitte, 's ist sein Recht. Sollte ich wünschen, er wäre um sechs Stunden zu spät gekommen? Pfui, nein, nein! Wenn das Frau Hildigard gehört hätte! Schließlich war der eigensinnige Bannerwart doch nur ein allzutreuer Gasindus. Was liegt an dem Ungefährlichen? Mag er leben! Laß den Mönch herein.« – »O Dank, Dank, Herr. Ihr seid ...« – »Still, ich weiß schon, was ich bin. Führ ihn ein.« – »Gleich. Aber entsetzt Euch nicht,« – »Warum? Wovor?« – »Vor ihm. Er sieht aus, wie sein eignes Gespenst.« – »Armer Paulus! Herein mit ihm, und dann laß uns allein.«   X Der Mönch wankte über die Schwelle, offenbar nur mühsam hielt er sich aufrecht. Der König trat ihm entgegen bis in den matten Schein der Hängampel: »Mensch,« rief er, »du siehst aus wie eine Leiche. Bist du krank?« – »Nur müde. Ich kam nicht aus dem Sattel – Tag und Nacht – von Aachen bis hierher. Jede Eurer Villae gab mir frische Pferde. Ich aß mein Brot im Reiten.« – »Ja warum? Eilte es so?« – »Es eilte. Ihr hört es, Herr Karl.« Da schallten aus dem Hof herauf dumpfe Hammerschläge auf hartes Holz. Der König trat an die durch einen Vorhang geschlossene Fensterluke: bei Fackelschein zimmerten sie da unten – –. Er riß den Vorhang wieder zu. »Ich erfuhr erst, nachdem die Anklage erhoben war, daß es dein Bruder. Übrigens gleichviel: er mußte angeklagt, mußte verurteilt werden. Du kommst nun wohl wegen deiner Freibitte?« – »Wegen der Freibitte.« – »Nun gut: mein Wort ist heilig: will dich nicht lange bitten, nicht warten lassen.« Er schritt an einen Tisch mit Schreibgerät, ergriff Pergament und Feder und schrieb, vorgebeugt, im Stehen. »Arichis heißt er, nicht? Wie ... wie der andre?« – »Arichis.« – »Da, nimm!« Er reichte ihm den beschriebenen Zettel: »Geh' damit zu dem Pfalzgrafen, der diese Woche das Siegel führt: es ist Adalhard: – zeig' ihm das: er soll es siegeln und – nun, was starrst du? ich schrieb doch richtig: ›Arichis, Warnefrids Sohn, der Gasindus, ist begnadigt‹. Er heißt ja doch Arichis?« »Herr, den andern bitte ich frei, den Herzog.« – »Oho,« rief der König und warf die Feder von sich. »Das nicht, das geht nicht! Gedenke: nur einen! « – »Nur einen .« – »Und du bittest den Fremden frei und läßt den Bruder sterben?« – »Und lasse den Bruder sterben!« stöhnte Paulus und hielt die Hand gegen die nächste Säule. – »Ist's dein echter Bruder, von Vater und Mutter?« – »Mein echter, lieber, lieber Bruder.« Nun trat Herr Karl dicht an ihn heran und sah ihm scharf in die Augen: »Warum tust du das? Sprich,« – er faßte ihn bei den Schultern. »Sag' die Wahrheit. Warum rettest du – mit dem Blut des Bruders! – diesen Herzog?« – Paulus zitterte und bebte: »Weil ich es versprochen habe.« – »Wem? Diesem eidbrüchigen Herzog?« – »Nein!« – »Wem, sage, wem?« – »Ach, seinem Weibe!« ächzte Paulus und preßte die Stirn an die Säule. Der König trat einen Schritt zurück: »Einem Weibe! « wiederholte er langsam, vor sich hinnickend. – »So, so! Dieser Herzogin!« Nun trat er wieder näher: »Und wo, wo ist Frau Adalperga? In Benevent?« – »Nein, im Himmel!« schluchzte der Mönch und sank kopfüber, mit flutenden Tränen, in einen Faltestuhl vor der Säule. »Hm –, armer Mönch!« sprach Karl zu sich selbst; dann laut: »Gestorben? Wann? Wie? Ich weiß nichts davon.« – »Der Bote, der es melden sollte, suchte Euch in Aachen: ich erhielt die Nachricht dort gleichzeitig mit der von der hier drohenden Verurteilung: ich übernahm es, sie Euch hierher zu bringen.« – »Wie starb sie?« – »Nachdem sie ihr erstes Kind geboren.« – »Nun,« meinte Karl, »ich sehe, es geht dir nah. Aber, nachdem sie nicht mehr auf Erden weilt – deines Bruders Leben ...?« Da sprang Paulus auf: »Soll ich der Toten das Wort brechen, das ich der Lebenden gegeben? Herr König Karl, so denkt Ihr nicht!« – » Was , was hast du ihr versprochen?« – »Sie ahnte Gefahr – ahnte alles, was kam: – ich versprach alles, was ich bei Euch etwa vermöchte, einzusetzen, um jeden Preis ihren Gatten zu retten. Hört Ihr? Um jeden Preis! Ich halte Wort.« – »Ja, wahrlich. Frau Adalperga hatte einen treuen Freund an dir.« – »Sie hat ihn noch – im Himmel wie auf Erden – bis ans Ende.« Der König faßte seine Hand: »Du bist wacker, Warnefrids Sohn. Vieles an dir versteh' ich erst jetzt.« – »Mein armer Bruder – darf ich ihn sprechen? Ich muß ihm 's sagen, daß ich ihn retten konnte und nicht gerettet habe. Er wird sprechen: ›Paule, du hast recht getan‹.« – »Komm, wir wollen zusammen zu ihm gehn. Denn ich schenke dir sein Leben – zu dem des Herzogs hinzu.« – »Mein großer König.« – »Still! – Aber Ruhe muß ich haben vor diesen beiden Arichis: der Eid versagte: vielleicht bindet sie die Ehre, die Ehrenpflicht des Dankes?« – »Die bindet sie, dafür verbürg' ich mich.« – »Gut! Und dann folgst du mir wieder nach Aachen, mein Ovidius, zu Horatius und Belsezeel und all' den andern.« – »Nicht, o mein gnädiger König. Ich gehe zurück in mein Kloster. Ich kann – nach diesen Tagen – die Welt nicht mehr ertragen. Ich lebe und sterbe ... in der Einsamkeit. Ich muß.« – »Hm, ich kann's – jetzt – begreifen! Aber ein Geist wie du – müßig liegen?« – »Nicht doch! Ich sprach Euch früher schon von einem großen Werk, das ich in Gedanken schon lange wälze: am Hofe kam ich – und käme ich – nie dazu.« – »Was – was willst du schreiben?« – »Die Geschichte meines Volkes, der Langobarden, was die Sage davon flüstert, was die Annalen davon verzeichnet haben.« – »Ein schön, ein edel Werk, wert, ein Leben wie das deine auszufüllen! Du tust recht daran. Aber wie wirst du, zwiegespalten zwischen König Desiderius und König Karl, zwischen Benevent und Aachen ...« – »Nein, Herr König. Ich werde weder Euch loben noch jenen tadeln. Ich schließe mit der Glanzzeit meines Volkes: lang vor unserer Gegenwart schließ' ich die Pforte meines Werkes.« – »Gut, gut! Davon halt' ich dich nicht ab: Hab' ich doch meine Freude an den alten Heldenzeiten und ihren Sagen. Nun, komm', laß uns die beiden Gefangenen besuchen: 's ist löblich Werk, sagt der Apostel. Und von uns beiden, mein' ich, heut' erst recht. Dann kehre heim in deines Klosters Frieden.« II. Der Liebe Maß Der Freifrau von Heldburg   verehrungsvoll zugeeignet   I. »Komm, kleine Frau Königin,« sprach Herr Karl in dem dämmerigen, nur von einer hangenden Ampel erhellten Schlafgemach im Palast zu Aachen, und er lupfte Frau Hildigard wie eine Feder mit dem rechten Arme auf seinen Schoß, »komm, laß uns noch eins plaudern vor dem Schlafengehen.« – »Na, Lieber, ich muß doch nach den Kinden sehen.« – »Die schlafen ruhig in ihren Bettlein, behütet von ihren Schutzengeln. Dafür sind die von Gott dem Herrn beamtet: wie meine Grafen von mir: weh ihnen – den Engeln und den Grafen! – muß man sie strafen. – Mein Schutzengel aber – verzeih'n es die Heiligen, ist es sündhaft zu sagen! – mein Schutzengel bist du, kindjunge Frau!« »Ich?« lächelte sie anmutvoll und schlang beide Arme zärtlich um seinen breiten Nacken. »Wozu bin ich dir nütz'? Vierzehn Winter zählte ich kaum, als du mich fortführtest aus Schwabenland, wie der Adler ein Täublein.« »Nun, hab' dich aber nicht zerrissen. Und seither hast du mir Jahr um Jahr ein prächtig Kind gebracht –, Gott lohn' es dir! Und hast mir aus deinem Kinderherzen manch guten Rat geschöpft, – immer zur Milde. Nie hat mich's gereut, wenn ich dir folgte: nicht vom besten meiner Räte, kaum von Held Gerold, deinem Bruder, mag ich das Gleiche rühmen, du holder Archikapellan in blonden Flechten.« Und er beugte das mächtige Haupt auf die Zarte herab und küßte das weizengelbe Haar, das sie in reichen aufeinandergetürmten Flechten wie eine Krone auf dem Haupte trug, während das übrige nach alamannischer Sitte, auf dem Wirbel zurückgekämmt, auf das flachsblütenfarbige Linnengewand der Schultern flutete. Nun faßte er sie mit beiden Händen unter den Schultern, schutzte sie ein wenig in die Höhe und ließ sie sänftlich wieder auf seine Kniee gleiten: sie erreichte von dem hohen Armsessel aus nicht den Estrich mit den Sohlen. »Ich hab' dich lieb, Herr Karl: – das ist alles, was ich kann.« – »Doch nicht! Du kannst viel mehr: du gibst mir Friede: mehr als Papst und Metropolitan, verzeih' mir's beide! Sieh, in der Kirche, wann ich vor dem Altar kniee, – mitten im Vaterunser – ärger noch während der langen, – oft allzulangen! – Predigt kommen mir die weltlichen, die zornigen Gedanken über allerlei, über diese halsstarrigen Sachsen, die Christ-Verhaßten ...« – »Nit, nit!« bat die Schwäbin und strich leise mit der schmalen Hand die Zornfalte zwischen seinen Brauen hinweg. – »Über meine treulosen, pflichtlosen, gewalttätigen, rechtbrecherischen Herzöge und Grafen ...« – »Jetzt laß die einmal in Ruh für heut' Nacht! Jetzt kannst du sie doch nit grad' bannen: s'ist spät.« – »Aber wenn du,« fuhr er fort, »mit deinem leisen, doch silberhellen Stimmlein – wie des Rotkehlchens! – mir zum Guten, zum Verzeihen redest, dann kann ich nur auf deine Worte lauschen, die mir wie aus dem Himmelreich ertönen. Meinen Schutzengel und Sankt Denis meinen Schutzheiligen da droben hab' ich noch nie zu sehen gekriegt: statt dessen schau' ich in deine himmelblauen Äugelein. Ich schlafe friedlich, ich träume Liebes, hab' ich zuletzt noch dein leis Gelispel gehört.« Und er drückte sie sanft an die Brust. »Und heute kann ich's besonders brauchen, daß dein Wort beschwichtigend wie Sternenschein auf meine Seele träuft. Sie haben mich heute wieder ...« – »Fürchtig geärgert! Hab's schon gemerkt; 's ist allweil so, wenn so viele Boten einreiten in den Torhof, von früh bis spat. Oft ball' ich's Fäustelein in der Tasch', trabt schon wieder so einer daher; 's ist einmal zuviel, dein Geschäft.« – »Ja, ja,« sprach der König, mit dem Rücken der Hand über die Stirne streichend, »von Jerusalem bis Barcelona, vom Danewirk bis Benevent, ... irgendwo brennt es immer.« – »Und du? Du mußt nun einmal überall blasen, wo's brennt, wenn's auch dich kein bißchen nit brennen tut.« – Er lächelte: »Kleine Rebellin! Du hast recht. Aber ich muß: es läßt mich nicht anders.« – »Schlimmer noch als solche Boten verzürnen und verdüstern dich – und das ist noch ärger! – manche Leut', die du bei dir am Hof hast. Nit alle raten dir zum Guten.« – »Sankt Peter weiß!« grollte er. »Schau', da hat mir heut' während des ganzen Abendschmauses – vom Hasen bis zu den Äpfeln! – Abt Romanus von Farfa ...« – Da warf die junge Frau die kirschroten Lippen auf und fuhr hastig mit beiden Händen an die Stirn, die schweren Flechten höher hinaufzuschieben: »Schon gar nit ein kleines Stücklein mag ich ihn, den schwarzen Walen, Verzeih' mir's Sankt Gallus: – der Abt ist ein g'weihter Mann; aber arg weltlich.« – »Nun,« lachte Karl, »das sind gar viele von ihnen. Und mein Herr Großvater – der mit dem Hammer – und mein Herr Vater und nicht zum wenigsten meines Herrn Vaters Sohn, – wir haben alle drei dazu geholfen, sie zu verweltlichen. Ist doch viel feiner mit ihnen regieren, als mit den plumpen Laien.« – »Du, du! Mein Bruder Gerold, ist der vielleicht nit recht?« fragte sie drohend. – »Ja doch, du beste aller Schwestern, der ist treu wie Gold und ...« – »Gescheit ist er auch. Dem hat der Himmelvater auch mein Teil Verstand dazu gegeben.« – »Ei, ei, auf Herrn Gerold könnt ich eifersüchtig werden, – Der Abt hat in einem fort in mich hinein geredet,« – »Hab's gesehen. Ich dürft' nit so lang plauschen.« – »Er ist so zäh wie geschmeidig. Hat er sich was in seinen schlauen schwarzhaarigen Kopf gesetzt, – immer wieder kommt er darauf zurück mit seiner singenden Stimme.« – »Wie ein Sing-Schnak! Oft verscheucht fliegt er immer wieder an, und zuletzt sticht er doch.« – Karl lachte: »'s ist wahr, mit einem Stich endet er immer, wenn auch nicht in meine Haut. Jetzt liegt er mir tagelang in den Ohren, ich soll ...: aber das ist auch eine Tugend von dir: – fast übermenschlich für ein Weiblein! daß du gar nicht neugierig bist.« – »Kein Stücklein nit! Eure Sachen sind meist öd. Oder fürchtig scharf und wild.« – »Nun, diesmal geht's um eine verliebte Geschichte,« – er sah sie verschmitzt an. – »Wer? Wie? Wo? Was? Wieso?« – »Schau, schau, Kleine! Ja, die Liebessachen, die brennen euch Frauen.« – »Ei, 's ist unser Geschäft. Und ich helfe gern allen, die da treulich lieben.« – »Das weiß Sankt Denis! Nur allzu eifrig, – Nun rat' einmal, wer ist's?« Gar ernsthaft zog Frau Hildigard die sanft geschwungenen blonden Brauen in die Höhe und legte den Zeigefinger an das kurze, ein klein wenig stumpfe Näslein: »Laß mich ein wenig sinnieren! Der Abt? Der darf ja nit selber! Aber er hat einen Neffen, den Grafen von Reims, Herrn Florentius. Ein schönes Stück von einem Welschen, das muß man sagen! Gar höfisch und fein in seinem dunkeln Kraushaar.« – »Und eine scharfe, rasche Klinge! Hei hat er die Avaren zugerichtet! Ihm allein dank' ich den stolzen Sieg dort an der Donau, wie man mir vom Schlachtfeld aus schrieb.« – »Ich mein', es war noch ein anderer dabei, nit? Herr Rothari von Montfalcon, dort im Friaul?« – »Ja,« nickte Herr Karl, »auch ein tapfrer junger Degen. Aber Florentius entschied und gewann den Tag.« – »Laß mich nur noch ein wenig nachdenken! Der Graf von Reims, wann war der doch zuletzt am Hof? Ei, zu Ostern, zugleich mit der verschwundenen Langobardin – wie hieß sie? Richtig: Adalgardis! Das war die hoch herrlichste von meinen Edeljungfrauen.« – »Glaub's gern,« unterbrach Herr Karl, nickend. »War doch ihre Mutter, Clementina von Tarent, die schönste Römerin über all Italien. Von der hat sie das herrliche dunkelbraune Haar geerbt und, hochgewölbet über den goldbraunen langobardischen Augen, die dunkeln, stolz geschweiften Brauen, ›Gloria Italiae‹ hieß die Mutter ...« – »Ei, so heißt ja auch die prächtige Rose, die dir der heilige Vater geschenkt hat. Und auch die Tochter könnte also heißen. – Wie war es doch? Ja, sie blieb am Hofe bis sie an das Sterbebett gerufen ward ihres Vaters, des Herzogs Adalrich von Friaul ...« – »Des alten Trotzkopfs!« grollte der König. »Wenig Liebe trug er mir bis an sein Ende. Als Gast lud ich seine Tochter, – aber als Geisel hielt ich sie hier fest.« – »Du viel Arger!« – »Der stolze Herzog! In seinem verstockten Herzen hielt er immer noch nicht mich, hielt den Mönch Modestus in meinem Kloster Marmoutiers dort an der Loire für seinen und aller Langobarden Herrn und König.« – »Ein treuer Held! Du solltest ihn drum loben.« – »Ei,« lachte Herr Karl, »mir ist's lieber, sind die treuen Helden mir getreu.« »Ich hab's!« rief die Frau lebhaft. »Gar arg schön tat der schmucke Welsche der Schlanken, Und nun ist sie die reichste Erbin in Friaul. Und der Abt ist aufs Geld, wie der üble Höllenwirt auf eine arme Seele. Und nun soll sie gewiß seinem Neffen sich vermählen, die arme Adalgardis.« – »Arme? Warum? Was ist an meinem Grafen von Reims auszusetzen? Jung, schön, gescheit, edelsinnig, höfisch, wie's euch Weibern, tapfer, wie es mir gefällt, ... warum soll sie ihn nicht nehmen?« – »Warum? Weil sie ihn nicht liebt.« – »So? Weißt du das gewiß, du Herzenskundige?« spottete er. – »Ja, das weiß ich.« – »Hat sie dir's gesagt, die Kecke?« – »Keck ist die nit, kein Stücklein nit. Edelgemut, hochgemut, meintwegen trotzgemut. Nichts hat die Herbe, Verhaltene mir vertraut. Aber darauf versteh' ich mich: gar nichts von euren Plänen und Listen, doch auf Mädchenherzen gründlich! Und wie die Vielschöne dieses Grafen Werben, das unablässige, eifrig beflissene, gar nicht zu bemerken schien, wie sie stets, wann er ihr Auge suchte, an ihm vorbei, in die weite, weite Ferne schaute, als ob sie dort was – oder etwa gar wen? – mit der Seele suche,– das hat mir klar gezeigt, –: die will ihm nix, gewiß nit.« Karl zog sie näher an sich: »Was doch die Schwabenmädchen gescheit sind! Nun ja: du hast recht: er hat um sie geworben – durch den Abt –: sie hat Nein gesagt.« – »Das g'freut mich.« – »Warum?« – »Ein rechtes Mädel muß tapfer Nein sagen, ist's ihr nicht ums Ja.« – »Nun mich freut's nicht. Denn nun plagt mich Romanus Tag für Tag, ich soll ...« – »Nun? Was noch? Sie hat Nein gesagt: also ist's aus.« – »Meinst du, gar weises Näslein? Ich bin auch noch da.« – »Ja, Dank sei Sankt Gallus! Und viel kann Herr Karl mit Schwert und Königstab. Aber ein Mädchenherz zwingen, daß es liebe, – das kann er nit, mit seinem höchsten Königsbann.« – »Ah was, lieben! Aber vermählen kann ich auch die Trotzigste.« Da ließ die kleine Frau beide Arme von seinem Halse gleiten und sprang von seinem Schoß herunter auf ihre Füße: »Nein, Herr König, das kannst du auch nicht. Nicht mehr!« – »Wa ... was schwatzest du da?« sprach er ganz erstaunt. – »Die Wahrheit! Wenig kümmer' ich mich – du weißt es! – um eure Gesetze und Capitularien: – ich mein', es werden ihrer fast zu viele: man kann gar nicht alle merken ...« – »So scheint es,« meinte der König kleinlaut, »nach ihrer mangelhaften Befolgung!« – »Aber eins hab' ich mir scharf gemerkt, weil's mich am meisten gefreut hat.« – »So? Was für eines?« – »Abschreiben hab' ich mir's lassen von Freund Einhart, dem arg lieben Buben, mit seinem zierlichen Gekritzel. Dies Gesetz geht mich am nächsten an, die Königin der Franken, die Schützerin der Mädchen und der Witwen in diesem Reich.« – »Was für ein Gesetz?« – »Das von dem letzten Reichstag zu Diedenhofen, das abgeschafft hat jenes abscheuliche Recht, das die bösen Merowingen von den noch viel böseren römischen Imperatoren gelernt und geerbt, die Hand freier Jungfrauen und Witwen gegen deren Willen zu vergeben. Das ist das beste Gesetz, das du jemals verkündet hast, viel besser als die blutigen gegen die armen Sachsen ...« – »Du! das hat dir Meister Alkuin eingeblasen.« – »Ich laß' mir nix einblasen. – Jenes Recht war greulich Unrecht, Gewalt war's und Unrecht, Entweihung war's. Denn Ehe sonder Liebe« – sie erschauerte – »ist Sünde, ist ein Greuel vor Gott und Menschen, ist Schändung an Leib und Seele. Lieber dreimal sterben!« Und noch viel schöner war sie nun in ihrem edeln Zorn als vorher in ihrer kindlichen Heitre. So schien es wohl auch Herrn Karl: gar liebevoll ruhte sein Blick auf ihr, wie sie hochaufgerichtet im vollen Schein der Häng-Ampel vor ihm stand mit blitzenden Augen. »Drum,« schloß sie, »sollte dich der zuwidere Pfaff nit plagen mit Unmöglichem.« – »Unmöglich? Warum? Ein Gesetz kann man aufheben.« Ganz erschrocken trat sie einen Schritt von ihm zurück: »Das ...? Das wenn du tust ...! Ah, das tust du ja nit.« – »Ich habe große Lust.« – »Dann ... dann kriegst du im ganzen Leben keinen Kuß mehr.« – »Bah, nicht einen Tag hieltest du das aus!« lachte er, sprang auf vom Stuhl, griff die Widerstrebende mit beiden Armen und setzte sich wieder, sie auf seinen Schoß niederdrückend. »Merk auf, Kleine: ich habe dem Abt für seinen Neffen nach dem Avarensieg reichen Lohn versprochen: Adalgardis ist der Lohn, den Romanus verlangt.« – »Ein Mädchenherz ist ...« Er verhielt ihr den Mund mit der Hand und fuhr fort: »In jenem Friaul gärt es noch immer. Graf Florentius ist mir treu ergeben: ich muß wünschen, daß er dort reich und mächtig walte und jene widerstrebenden Langobarden niederhalte. Das große Erbe der Herzogstochter ist dazu wie geschaffen und ...« »Du darfst sie nicht zwingen, Karl,« sprach die Frau ernst feierlich, »wenn je du in meinen Armen gefühlt, was Eheliebe ist. Du darfst es nicht! Hör' auf mein warnend Wort.« »Ja, lieber Schutzengel, ich versprech' es dir: ich werde sie nicht zwingen. Aber vielleicht tut sie's doch noch freiwillig. Ich hoffe darauf. Und nun laß uns schlafen gehn.« »Guten Schlaf, du Lieber, hast du durch jenes Wort verdient.« »Und auch das hat mir mein Schutzengel eingegeben.«   II. In der gleichen Stunde dieser schwülen Sommernacht tauschte fern in dem Garten der Herzogsburg von Friaul, zu Cividale, ein andres Paar leise, aber heiß erregte Worte. Der Vollmond goß sein silbern Licht auf die tief dunkelgrünen, fast schwarzen Wipfel der hohen Pinien und Cypressen, die den schmalen Pfad zu den in seinem weißen Quadergestein hell erschimmernden Schloß umsäumten: auf der obersten Stufe der Porphyrtreppe standen links und rechts zwei Marmor-Statuen noch aus der heidnischen Zeit, da der Bau ein Römer-Kastell gewesen: Eros und Anteros waren es: ernst, bedeutungsvoll blickten sie auf das unten wandelnde Paar herab. Die schlanke Jungfrau war nicht um eines Haares Breite kleiner als der hochgewachsene Mann im braunen Reitermantel, der, während sie langsam auf- und niederschritten, den rechten Arm zärtlich um die stolze Gestalt geschlungen hatte, die nun stehen blieb und die linke Hand wie hemmend, abmahnend auf seine Schulter legte. »Noch einmal,« sprach sie eindringlich, ernst, bittend, »noch einmal, Geliebter, fleh' ich dich an: laß ab! Es wird dein Verderben, dein Tod, dies tollkühne Wagnis. Ach nein: nicht das Wagnis, – deine Liebe zu mir: ich, ich selbst werde dein Verderben.« – »Und wenn, so sei's willkommen, weil für dich,« erwiderte er und zog sie enger an sich. »Hast du vergessen den alten Spruch: So sind bestimmt des Mannes Lose: Nur höchstem Mut wird höchster Preis; Am Abgrund blüht die Alpenrose Und dicht beim Tod das Edelweiß! Ein Schwächling, ein Feigling, der nicht sein Leben, sein alles setzt an seine Liebe. Wär' ich es wert, daß dein herrlich Herz sich mir zugewandt, dürfte ich es wagen, den Blick zu Adalgardis, der Krone aller Jungfraun, zu erheben, könnt' ich bei dieser Wahl zweifeln oder zögern? Der einzige Weg, der zu dir führt, ich sollte zögern, ihn zu beschreiten?« – »Ach, ich fürchte, am Ende dieses Weges findest du nicht mich, sondern das Grab. Bedenke doch! Mein Vater hat dir ja nicht den Eid abgenommen, diesen Versuch zu wagen, nur ...« – »Nur unser Verlöbnis hat er an die Bedingung geknüpft, daß ich es versuche. So bin ich doch in der Ehre gebunden: ich muß es wagen! Gelingt es oder scheitert es, – erst dann darf ich deine Hand erfassen.« – »Du wirst aber das Scheitern nicht überleben! Und dann ... dann fällt dein Blut auf meine Seele.« – »Ach, dem Kühnen ist Frau Saelde hold! Oder mißtraust du meinem Mut, meiner Kraft, meinem Schwert?« – »Wie könnt' ich dich lieben, wärst du nicht ein Held? Das ist das Maß des Weibes, welchen Mann sie liebt, und nicht niedrig wahrlich schätz' ich mich ein, lieb' ich Held Rothari von Montfalcon.« – »Und deiner Liebe Maß, du Herrliche? Sie ist unermeßlich,« – »Dank für dies Wort, Geliebter! Stets will ich des gedenken!« Und sie blieb, ergriffen, begeistert stehn und küßte ihn – sie selber – auf den Mund: Eros und Anteros schauten feierlich im Mondenglanz hernieder auf das junge Paar. »Aber,« fuhr sie fort, »bedenke: gegen wen hebst du Willen, Hand und Schwert? Gegen Herrn Karl, den Beherrscher der halben Welt! Ich fürchte ihn.« – »Ich fürchte nur eines: dir entsagen müssen.« – »Man raunt,« fuhr sie mit leisem Schauer fort, er ist des Herrn Christus auserlesen Rüstzeug, ein Schutzengel umschwebt und schützt ihn Tag und Nacht.« – »Ei,« lachte der Jüngling, »ich will ihm ja nichts zuleide tun. Treue hab' ich ihm nie geschworen: klüglich wußte dein Vater, mein Ohm und Muntwalt, der mich zu solchem Beginnen ausersehn, mich immer außer Landes zu schaffen, kamen seine Königsboten in unser Friaul, alle schwurmündig Gewordenen zu vereiden und ihre Verzeichnisse einzusenden: ich schwor ihm nie! So brech' ich ihm die Treue nicht, brech' ich seinen Willen. Aber da seien die Heiligen vor, daß ich das Schwert hebe gegen sein gewaltig Angesicht! Das wird nie nötig, hoff' ich. Deines Vaters Auftrag muß vollführt sein, bevor Herr Karl im fernen Aachen davon ahnt: sonst freilich! – – Aber bange nicht! Alle Vorkehrungen, alle Verabredungen sind genau getroffen: in einer nur den Eingeweihten lesbaren Geheimschrift – der Formata von Ticinum – hat der Arme Kenntnis von meinem Plan erhalten, in der gleichen Schrift schrieb er zurück: – in einem ausgehöhlten Pfeilschaft war der Zettel geborgen, den mir ein treuer Bote überbrachte: danach wird er bereit sein um Mitternacht des beredeten Tages: meine Gefährten, Waffengenossen im Avarenkrieg und Vassen deines Vaters, sind kühn und verschwiegen: es muß gelingen! Und ist es gelungen, du Heißgeliebte, ... schon liegt das Schiff bereit im Hafen von Tergeste, das uns nach Byzanz führt! Dann ...« – »Werd' ich dein Weib, selig über alle Maßen. Scheiterst du aber blutig ...« – »Ich weiß, nie wirst du eines andern. Das ist undenkbar! Eher fallen vom Himmel die ewigen Sterne. Ein Kloster! Über dich verfügt dein Muntwalt, der gute Bischof von Treviso. Viel gutes mag eine Äbtissin ...« – Aber das schöne Mädchen lächelte seltsam, wie es ihm, leise das Haupt schüttelnd, in die Augen sah: »Nein, Geliebter, nicht lebendig tot, wann dein blühend Leben ...! Sorge nicht um mich: im Leben wie im Tode folg' ich dir.«   III. Wenige Tage darauf, in einer dunkeln Sturm- und Regennacht – selten trat der Mond aus dem zerrissen vorbeijagenden Gewölk hervor – hielt eine kleine Reiterschar in einem Tannenwäldchen südöstlich von dem Mönchskloster Sancta Crux, das weit entfernt von der nächsten Grafenstadt an dem Flüßlein Rapidus auf freiem Felde lag. Den etwa zwölf Gäulen waren die Eisen verkehrt auf die Hufe genagelt. Ganz lautlos saßen oder standen die wohl Gewaffneten. Nun winkte der Führer – ein hochgewachsener Jüngling – die dunkelblonden Locken fluteten aus der Sturmhaube auf den braunen Reitermantel über seine Schultern – zweien der Reiter, ihm zu folgen: sie führten ein viertes, sorgfältig gesatteltes Roß am Zügel mit: sie ritten langsam, geräuschlos an den äußersten nordwestlichen Saum des Tannichts, von wo sie die schwer und schwarz schattenden Mauern des nahen Klosters erkennen konnten. Der Führer spähte eine Weile nach oben gen Himmel: ziemlich lange: denn die ziehenden Wolken verhüllten meist Mond und Sterne. Endlich flüsterte er: »Da! der Heerwagen wendet abwärts! Und seht, plötzlich erlischt auch das Licht in der höchsten Zelle des Klosterturms, dicht unter dem Dach: die Mitternacht ist da! Jetzt gilt's. Ihr haltet vor der Mauer: bin ich nicht gleich zurück, so flieht rasch zu den andern und rettet euch in die Heimat. Das Kloster ist sturmfrei und zweihundert erlesene Scharmänner bewachen den Gefangenen. Also nichts von Gewalt. Vorwärts!« Bald hielten die drei Reiter vor einer Ecke der Klostermauer, wo diese am niedrigsten ragte. Der Führer gebot flüsternd den beiden, sein Pferd fest und kurz am Zügel zu halten: das treue Tier stand ganz ruhig, als er sich nun aus den Bügeln hob und auf den Sattel stieg: jetzt faßte er mit beiden Händen die zackigen Zinnen der Mauer, hob sich so auf deren Krone und spähte scharf in den dunkeln, baum- und strauchreichen Klostergarten hinab. Da sah er aus einem dichten Rainweidengebüsch eine schwarze Gestalt auf den helleren weißsandigen Schmalpfad treten und langsam auf die Mauerecke zu schreiten: jetzt schlug der Mönch – denn nun ward bei flüchtigem Mondblick seine Benediktiner-Kapuze sichtbar – zweimal leise in die Hände. »Er ist's!« frohlockte der Jüngling im Herzen, knüpfte ein langes Seil, das er aus dem Wehrgurt zog, fest um eine Zinnenzacke und glitt lautlos daran hinab. Er ging noch ein paar rasche Schritte dem Mönch entgegen, der mitten im Wege stehen geblieben war: er schien ängstlich zu zögern, er sah sich um, ob ihm niemand gefolgt sei ... – »Kommt, Herr König,« mahnte der Jüngling leise, »rasch! Alles ist sicher. Ihr zuerst zieht Euch an dem Seil hinauf. Ich harre hier, bis Ihr drüben und drunten seid bei den Pferden. Kommt, Herr König Desiderius!« Einen Schritt noch trat ihm der Mönch entgegen: dann rief er plötzlich: »Noch stehn die Toten nicht auf! Hierher, Herr Gerold! Greift den Verräter.« Damit haschte er den Befreier am Mantel. Wohl fuhr die Hand des Überraschten an den Schwertgriff, wohl zog er die gute Klinge halb heraus, aber weiter kam er nicht: ein Gewaffneter sprang klirrend hinter einem breiten Eschenstamm hervor und eine gewaltige Faust umklammerte eisern seine Rechte. Zugleich sprangen die Pforten des Klosters auf und heraus drangen bei hellem Fackelschein zahlreiche Speerträger. »Gebt Euch in Güte, jung Rothari,« sprach sein Überwältiger. »Wir sind vierzig gegen einen,« – Der sah sich rings von Lanzen umstarrt: »Euch geb' ich mich, Herr Gerold von Bayerland. – Wo aber ist ...?« Er trat einen Schritt vor in das helle Licht der Fackeln: »Romanus!« rief er. »Wo ... wo ist König Desiderius?« – »In der Hölle,« höhnte der Abt, die Kapuze zurückschlagend. »Noch vor Euch hat ihn der Teufel abgeholt.«   IV. Bald darauf standen zu Aachen in Herrn Karls Schreibgemach im Erdgeschoß vor diesem Herr Gerold, der »Präfekt« von Bayern, und Romanus, der Abt von Farfa. Der König durchmaß immer wieder den schmalen Raum mit ein paar seiner mächtigen Schritte, bald vor dem einen, bald vor dem andern seiner Unterredner Halt machend. »Wie gesagt,« grollte der Kriegsmann, verdrießlich mit dem Rücken der Rechten die Schläfe reibend, die der jahrzehntelange Druck des Helmes weithin enthaart hatte, »mir fehlt in dieser Stunde, bei diesem Handel hier bitter meine Frau Schwester. Die Kleine würde Euch, Herr Karl, alles viel klarer zeigen – in besserem Licht! – und Euch das Richtige in den Mund streichen, glatt wie Honigseim.« Lächelnd legte der Herrscher die Hand dem Graubart auf die Schulter: »Schau, schau! So bekannt ist schon im Reich der Franken, wie dieses blonde Kind mit dem König anfängt, was es will? Gut, daß sie zu Sankt Denis gepilgert ist bei Paris, ein Gelübde zu lösen: so bin ich doch ein paar Tage wirklich König. Aber berichtet nun genauer wie all' das kam: – gemäß dem Zweck, den der Keckling angestrebt und je nach den Mitteln, die er gebraucht, muß ich sein Urteil, seine Strafe bei dem Pfalzgericht beantragen.« – »O je, Herr Schwager! Das Pfalzgericht, das heißt Herr Karl. Das weiß man schon. Was Ihr dort sagt, sagen alle nach.« – »Das ... das darf man – vielleicht – denken, aber nicht sagen. – Nun alles hübsch der Reihe nach. Beginne du, Abt: du kennst den Anfang, mein Schwager hat nur das Ende gemacht.« Der schwarzhaarige und schwarzäugige Priester, dessen häufig zuckende Züge gar klug, aber wenig Vertrauen erweckend aussahen, legte die schmale, weiße Hand auf die Brust und hob an: »Daß ich die reine Wahrheit ...« – »Beim Strahl!« unterbrach polternd Gero, »versteht sich von selbst! Man lügt Herrn Karl nicht an!« – Gereizt fuhr der Alte fort: »Nun also, – nach des Präfekten Gebot! – ohne Beteuerung. Ihr wißt, von Gott erleuchteter Herr König, noch immer grollen Euch in meiner Heimat Italia, zumal im reichen Friaul, gar viele Langobarden um das, was Ihr dem Mönch Modestus angetan.« – »Eia,« meinte Karl, »seitdem er so heißt, hab' ich ihm nichts mehr zuleide getan.« – »Nun,« lachte Gerold und stieß das lange Schwert, das er im Wehrgurt trug, ein wenig auf den Estrich, »Ihr warft ihn von seinem Thronsitz zu Pavia und stecktet ihn in eine enge Klosterzelle: wenig gefiel's ihm und seinen Getreuen.« – »Vor allem: seiner Treuesten und Mächtigsten einem: Adalrich, dem Herzog von Friaul.« – »Ein wackrer Held!« rief der Kriegsmann dazwischen. »Hätten sich alle die Langbärte so tapfer geschlagen, wie der Ticinum verteidigt hat, – wir wären nicht sobald mit ihnen fertig geworden.« – »Sein Geschlecht, dem königlichen verschwägert, war schon vermöge seines großen Reichtums ...« – »Ja, der sticht dem in die Nase,« brummte Gero. – »Eine Hauptstütze dieser heimlichen Rebellen. Der alte Herzog nahm es sich schwer zu Herzen ...« – »Siech ward der Treue vor Gram!« unterbrach der Präfekt. – »Daß sein geliebter König in einem Kerker, wie der Greis meinte ...« – »War nicht viel anders,« rief Gero, die Schultern hebend. – »Getrennt von Weib und Kindern sein Leben vertrauern müsse. Ihn zu befreien war sein einziger, sein heißer Wunsch.« »Jawohl!« rief Karl, unwillig vor ihm stehen bleibend, »und ihn wieder auf den Thron zu heben hinter den starken Mauern von Ticinum und mir einen neuen Langobardenkrieg zu entzünden.« – »Natürlich!« hetzte der Abt, nickend. – »Nein, mit Verlaub!« rief Gerold. »Das ist nicht natürlich: nicht wahr ist's! Ich werd's beweisen!« – »Ruhig, Schwager! Wird dir schwer werden! Weiter, Abt!« – »Ihn selbst hemmten Alter und Krankheit, den Gefangenen zu befreien. Aber sein Brudersohn, der junge Rothari von Montfalcon ...« – »Der richtige Bergfalk!« sprach der Krieger. – »Dem man die Fänge beschneiden muß!« drohte der König. – »Der schien dazu so recht geschickt. Und da der junge Fant in die schöne Adalgardis vergafft ist ... – der Frevler, in seine nächste Base! Nie würde die heilige Kirche solche Ehe verstatten.« Der Alte blies leise durch den wallenden Bart: »Phüh! Hat's schon gar oft verstattet – gegen ein gut Stück Geld oder Rebland.« – »Ja, ja,« lächelte der König, »viel ist ihnen feil, den frommen Herrn. Sie dürsten nach Wein, doch mehr nach Gold, Land und Macht.« – »Also da der Kühne um der Tochter Hand warb, machte der Sterbende zur Bedingung des Verlöbnisses, daß der Neffe versuche, den Mönch zu befreien: auch wenn es scheitere, solle er die Braut heimführen.« – »Aus der Hochzeit wird nichts,« grollte der König, rascher ausschreitend. »Alsbald machte sich der Frevler auf den Weg: eine Bande von Helfershelfern war leicht geworben. Einer aus ihnen fand wiederholt Eingang in dem obzwar stark von Euern Scharleuten besetzten Kloster: als Fischer verkleidet hat er wiederholt den frommen Brüdern für die Fasttage seinen Fang verkauft.« – »Die frommen Brüder wissen so genau, was für ihren Gaumen gut ist auf Erden wie was für ihre Seele im Himmel,« meinte Gerold. »Die Lachse des Rapidus sind die fettesten in deinem Reich, Herr Schwager.« – »So ward dem Mönch ein Brieflein, in den Fischkiemen verborgen, zugesteckt, geschrieben in der Geheimschrift der Cancelei zu Ticinum, die der Alte den Neffen gelehrt hatte.« – »Eia,« rief der König, »aber wir haben sie auch lesen gelernt, diese langobardische Geheimschrift.« – »Glücklicherweise.« – »Durch dein Verdienst, Romanus, ich erinnere mich jetzt.« – »So verabredeten die Verschworenen ...« – »Sie haben nicht geschworen,« widersprach der Präfekt. – »Das ist ihr Glück. Sonst ...!« drohte der Herrscher. – »Tag, Stunde, Ort und Art der Befreiung.« – »Aber, bei Sankt Denis, wie kamst du dahinter, schwarzer Schlaukopf?« – »Ist keine Kunst,« murmelte der Kriegsmann, »schnüffelt man in den Kleidern der Toten.« – »Durch Gottes Fügung, du Rüstzeug des Herrn, ja, durch Gottes Finger.« – »Wie soll ich das verstehn? Ein Miraculum ...?« – »Nichts anderes – zu Euren Gunsten haben die Heiligen schon manch' Wunder getan.« – Andächtig, tief gläubig, dankbar nickte König Karl mit dem Haupt. »Kurz vor dem beredeten Tage – Sankt Laurentius sollte es sein – erkrankte plötzlich der Mönch an einem Anfall seines alten Herzleidens und starb. Die erschrockenen Brüder benachrichtigten sofort mich, ihren Abt, – denn deine Frömmigkeit, o von Gott Erleuchteter, hat mir außer Farfa auch dies Coenobium verliehen – den sie in dem nahen Orleans als Euren Sendboten tätig wußten, zugleich mit diesem gefeierten Helden ...« – »Nicht ausstehen können wir uns beide,« zürnte im stillen Gerold. »Was hat mich der falsche Pfaff' zu loben? Bloß damit er nicht aus der Übung kommt im Lügen!« – »Sofort eilte ich an das für deinen Staat so wichtige Totenbett. Ich überzeugte mich, daß der Gefangene nicht selbst Hand an sich gelegt: sonst hätt' ich die Leiche unter dem Galgen verscharren lassen,« – »Und ich, sobald ich nachkam, prüfte, ob ihn nicht fremde Hand getroffen. Schlimm wäre das gewesen für meines Königs Ehre im Gerede der Menschen.« – »Ich durchsuchte dabei auch seine Kutte, ob er nicht Gift darin geborgen. Da knisterte etwas unter meinen tastenden Fingern, eingenäht in die Kapuze: flugs trennte ich die Naht auf und fand darin zwei Zettel, die den ganzen Anschlag enthielten,« – »Der Unvorsichtige!« meinte der König. »Wozu verwahrte er sie?« – »Wohl, sie genau dem Gedächtnis immer wieder einzuprägen; auch hielt er ja die Schrift für unentzifferlich. – Sobald ich gelesen, traf ich meine Maßregeln – ganz im geheimen.« – »Jawohl, ganz hinter meinem Rücken!« grollte der Alamanne. – »Gewiß! Denn Held Gero wäre in seinem Ungestüm sofort offen gen Montfalcon ausgezogen, wobei ihm der Verräter leicht entwischen mochte.« – »Welch' Unglück dann!« schalt jener. – »Höre, Schwager,« zürnte der König, hart vor ihm stehen bleibend, »du tust gerade, als sei dir leid, daß du ihn ergriffen.« Gero zuckte die Achseln und brummte in den breiten Bart, der ihm bis auf die Brünne wogte. Karl verstand davon nur: »Die Flucht war ja schon vereitelt.« – »Nein, nein!« fuhr der Abt in scharfem Tone fort, »auf handhafter Tat des Verbrechens mußte ich den Hochverräter ergreifen. So rief ich erst kurz vor jener Mitternacht die Scharmänner unter die Waffen und forderte erst jetzt meinen tapfern Mit-Boten auf, im letzten Augenblick das Netz, das ich allein gestellt, über dem schuldigen Haupte zusammenzuziehen, wozu er als weltlicher Königsbote verpflichtet war. Das Ende weißt du, gottgeliebter Herr und Herrscher.« »Äbtlein,« sprach Karl, Halt machend, »du hast dich wieder einmal verdient gemacht um dieses Reich der Franken. Fordere deinen Lohn.« – Da funkelten die schwarzen Augen, aber streng verhalten sprach die singende Stimme: »Ich tat nur meine Pflicht; so verlange ich keinen Lohn.« – »Das ist das erste Wunder, das ich erlebe,« meinte Gerold staunend. – »Nur ...« – »Aha! jetzt kommt des Rätsels Lösung.« – »Nur an ein Versprechen wage ich demütig zu erinnern, das du, Sankt Peters Liebling, vor geraumer Zeit einem andern gegeben hast.« Karl furchte leise die Brauen: »Florentius,« dachte er. »Aber nein, ich halte dir Wort, Hildigard.« »Nach dem Avarensieg,« fuhr der Abt fort, »meinem Neffen. Und wie die Heiligen nunmehr in ihrer Weisheit und Güte alles gestaltet haben, nun ist ja ein Haupthindernis weggefallen, das zumal bei der Frau Königin – ich weiß! – entgegenstand ...« – »Auch das weiß der Spürhund,« murmelte deren Bruder, und auch der König staunte. – »Sie erachtet es ihres Amtes,« fuhr Romanus fort, »die Freiheit der Jungfrauen und Witwen bei der Gattenwahl zu schützen und ...« – »Und wohl steht dies meiner Schwester an, der Königin in diesem Reich der Franken!« – »Fern sei's, das zu bestreiten. Aber jetzt haben die Heiligen selbst jeden Zweifel gelöst. Die Beneficien weiland Herzogs Adalrich sind wegen seines Hochverrats – denn er hat den Neffen zu dieser infidelitas angestiftet – der Krone heimgefallen: du, Herr König, kannst sie leihen oder zu eigen schenken, wem du willst. Aber auch die Allodien, all' sein Erbe kannst du einziehn.« – »Soll ich eine Waise berauben?« zürnte Herr Karl, »Die Waisen beschützen gebietet meine Königspflicht.« Und Gerold nickte eifrig dazu. – Aber der Priester zuckte die schmalen Achseln: »Bei wie vielen Sachsen hast du das getan!« – »Ja, die Sachsen! Diese gottverhaßten Heiden! Nicht nur mir, dem Herrn Christus haben sie die oft beschworne Treue gebrochen ...« – »So sei's darum,« gab jener geschmeidig nach. »Aber der Hochverräter Rothari! Auch all sein Eigen ist verfallen. Die Einziehung begleitet stets die Hinrichtung.« – »Hinrichtung?« rief der Präfekt. »Was spricht er da?« Auch der König machte Halt in seinem Wandeln und sah den Ankläger stutzend an. »Was ich sage? Die Wahrheit und das Recht. Ist's etwa nicht infidelitas , was der Langobarde verbrochen?« – »Nein! Mit Vergunst, Herr König, laßt einmal – zur Abwechslung! – mich reden. Dieser Schriftgelehrte hat mir die aufgestöberten Zettel vorgelesen: sie bestätigen, sie erheben über jeden Zweifel die Versicherung, die mein Gefangener mir gegeben: nicht das war der Zweck, Desiderius wieder auf den Thron zu heben, nur, ihn aus dem Klosterkerker zu befreien: der gebrochene Mönch hat ausdrücklich geschrieben, für immer hab' er dem Königsstab entsagt: er sei kronmüde, weltmüde: er wünsche nur, sein Leben in Freiheit zu beschließen: schon war das Schiff gemietet, das ihn zu Tergeste aus deinen Reichen nach Byzanz zu seinem Sohn Adelchis bringen sollte.« Karl warf einen scharfen Blick auf den Abt: »Ist das wahr? Steht das in den Briefen?« – Romanus schwieg. – Aber Gerold fuhr fort: »Ei, ich sage ja, er hat mir's selbst draus vorgelesen. Ich – ich kann besser fechten als lesen, und vollends Geheimschrift ...« – »Gleichviel,« unterbrach der Priester. »Auch Befreiung eines Gefangenen ist infidelitas , weil Bruch des Treue-Eides.« – »Den aber hat der Bub nie geschworen!« rief der Präfekt dazwischen. – »Was? wirklich?« forschte der König eifrig. Das machte großen Eindruck auf ihn: denn erst dieser Eid begründete – nach seiner freilich falschen Auffassung – die Treuepflicht. – »Wahr und wahrhaftig!« versicherte der Präfekt. »Laß die Schwur-Listen von ganz Friaul nachsehen –, du wirst seinen Namen nicht darin finden. Sein Oheim ...« – »Der alte Fuchs!« zürnte Karl.– »Hat ihn stets außer Landes geschafft, wann wir Sendboten kamen.« – »Das ändert viel,« sprach der Herrscher nachdenklich. – »Alles, Schwager! Gedenke, wie du vor kurzem jene Thüringe nicht strafen wolltest – konntest –, weil sie dir nie geeidet. Und doch hatten Graf Hardrad und die Seinen sich in Waffen gegen dich erhoben: der gute Bub hat nur aus Mitleid gehandelt.« – »Und aus Liebe,« sprach Karl zu sich selbst. »Wie würde das Frau Hildigard verwerten!« – »Gleichviel!« wiederholte der Abt: »Einen Staatsgefangenen befreien ...« – »Hat er das getan? Wo ist er denn, der Befreite? – Und nun kommt die Hauptsache, Herr König, pass' gut auf! – Die ganze Welt rühmt ›Herrn Karls Recht‹: das heißt: seine weise Gerechtigkeit im Richten und Urteilfinden: schon gehn davon Sagen und Märlein im Volk. Und ein wenig rühmt sich dessen auch Herr Karl selbst!« – »Kann's nicht leugnen,« schmunzelte der. »Nun, wohlan, gib Antwort, du gerechter Richter! Vor wenigen Monden hatte dein Pfalzgericht eine seltsame Tat zu richten: der Forstwart Frikko von Hagenau ...« – »Ah, ich gedenke!« – »Fand seinen Todfeind, den Grafen Wilbert vom Saarburggau, im Wasgenwald am Saum des Tannichts in der Mittagsschwüle eingeschlafen, wie er wähnte. Er schlich hinzu und stieß ihm sein Weidmesser mitten ins Herz. Aber der arme Graf war – so stellte sich später heraus: dein Pfalzarzt, der kluge Jude Alexander, hat's bewiesen – schon vorher mausetot gewesen: auf der Wolfsjagd hatte ihn ein Gehirnschlag niedergestreckt. Die Jäger jedoch des so zweimal Gestorbenen waren hinzugelaufen, bevor der Mörder seine Waffe aus der blutenden Wunde hatte ziehen können: so ward er gegriffen auf handhafter Tat. Der Sohn des Grafen klagt vor dir um Mord: und du ...« – »Ich sprach den Angeklagten frei. Wie kann man einen Toten töten?« – »Eia, Herr Karl, und wie kann man einen Toten befreien?« Der König stutzte: »Höre,« sprach er dann, »Schwager, du wirst mir zu feinsinnig hier am Hof: ich muß dich wieder ausschicken, Tschechenschädel spalten.« – Zornig fiel der Abt ein: »Das sind Spitzfindigkeiten! Der Entführer wollte doch den Lebenden entführen.« – »Und jener Forstwart wollte doch den Lebenden ermorden!« erwiderte der Herrscher. »Nein, damit, Pfäfflein, kommst du nicht durch! Laßt mich jetzt allein. Ich muß mir's überlegen.« – »Was ist da noch zu überlegen?« drängte der Kriegsmann. »Jung Rothari ist nicht schuldig.« – »Doch,« entgegnete der König ernst. »Und gerade diese Pläne haben aufs neue gezeigt, wie wichtig es ist, in jenen Landen den Grollenden, Unverlässigen Reichtum und Macht zu nehmen und sie Treuverlässigen zu geben. Soll jenes Mädchen, die Tochter eines Unversöhnten, die weiten Güter ihres Vaters ...? Nein! Es dämmern mir allerlei Gedanken auf. Der wackere Florentius soll jenes Erbe gewinnen und – ohne Zwang! – der schönen Jungfrau Hand. Dein Schützling aber, du listiger Rechtsverschieber, soll – gerade dann! – doch – vielleicht! – am Leben bleiben. Aber all' das ist noch nicht reif, nicht klar. Laßt mich allein!«   V. Am folgenden Morgen drang der Präfekt von Bayern eilfertig in das Schlafgemach Karls, wo dieser, wie er pflag, gleich nach dem Aufstehn und dem Frühbad, während des Ankleidens mit einigen seiner vertrautesten Räte Staatsgeschäfte erledigte. »Jetzt, Herr König,« rief der Schwager schon auf der Schwelle, »darf ich in meine Ostmark zurückeilen: bin hier nicht mehr nötig als Anwalt des Langobarden! Denn jetzt ist seine beste Fürsprecherin gekommen.« – »So ist Hildigard zurück?« rief Herr Karl, und seine Augen leuchteten. »Wo steckt sie? Warum ...?« – »Nein, eine andere. Die ist – mein Schwesterlein in Ehren! – beinahe noch schöner.« – »Das gibt's nicht. – Aber ich ahne! Adalgardis ...« – »Getroffen! Sowie sie im fernen Friaul durch die geflüchteten Gefolgen des Geliebten Gefangenschaft erfuhr, eilte sie, Tag und Nacht, ununterbrochen, über Berg und Tal hierher, deine Gnade anzuflehen. Heute Nacht kam sie hier an; ihr Muntwalt, Bischof Wernfrid von Cividale, in den Tagen seiner Weltlichkeit mein wackerer Waffenbruder, hat sie begleitet. Er weckte mich vor Hahnenkraht. Deine Gnade ...« – »Ob die ihr werden wird,« unterbrach Karl sehr ernst, »das liegt in ihrer eigenen Hand. – Du aber mach' nun wirklich, daß du heimkommst nach Bayerland! Gestern Abend spät kamen von dort her üble Briefe. Wieder einmal sind sie stehlend, raubend, sengend und mordend eingebrochen, deine schlimmen Nachbarn von Böheim her ...« – »Die Tschechen?« rief der graue Held, und alles Blut schoß ihm zu Kopf. »Dieses Erzdiebsgesindel! Arbeiten können und wollen sie nicht, aber stehlen können sie wie die Meisterdiebe. Nun wartet, ihr Stülpnasen, ich komme! Leb' wohl, Herr König! Grüße mein Schwesterlein, He, hollah, mein Hengst, mein Hengst!« Und er stürmte hinaus. »Den wär' ich los,« lachte Herr Karl vergnüglich vor sich hin, »Und Frau Hildigard ist noch nicht zurück: halt' sie nur noch ein Weilchen fest vor deinem Altar, Sankt Dionys!« Da hob ein Türwart den Vorhang des Gemaches und meldete: »Der ehrwürdige Herr Bischof von Cividale und seine Mündel bitten dringend um Gehör.« – »Eilt es der schönen Braut so sehr? Ei, sie weiß noch gar nicht, wessen Braut sie ist, – Gleich nach meinem Frühstück führe mir die beiden zu: aber nicht hierher, auch nicht in den Empfangsaal: – in den Pfalzgarten! Ich muß nach meinen Edelrosen sehn. Der Gewittersturm dieser Nacht hat sie gewiß arg getroffen. Ich muß sie aufrichten.«   VI. Nachdem das Unwetter der Nachtstunden sich ausgetobt, breitete ein strahlender Sommermorgen seine Klarheit, seinen Frieden über Stadt und Pfalz und zumal über den schönen, sorglich gepflegten Garten, der, in römischem Stil angelegt, von hohen Steinmauern umfriedet, das Palatium auf den drei der Stadt abgewendeten Seiten weithin umgab. Auf den zierlich geschlungenen, mit weißem, rotem und gelbem Sand bestreuten Pfaden, welche die vom Regen erfrischten Wiesen- und Blumen-Beete durchschnitten, wandelte langsam die mächtige Gestalt: – siebenmal maß er den eigenen Fuß. Der riesenhafte, breitbrustige und breitschultrige Mann beugte gar sorglich das mächtige Haupt hernieder auf die Stockrosen, die, aus den grünen Rasenstreifen ragend, auf beiden Seiten den schmalen Gartenweg begleiteten. Leise kopfschüttelnd band er die vom heftigen Regen und Sturm der Nacht niedergedrückten mit weißgelbem Bast, dessen er einen dicken Knäuel im breiten Gürtel trug, in beflissener Mühung an dem Stock wieder auf: nicht leicht ward es den großen Händen, den derben, an Schwertgriff und Schildriem gewohnten Fingern die erforderlichen dünnen Schleifen und Knötlein zu schürzen: aber er ließ nicht ab: drei- und viermal versuchte er es von neuem, bis es gelungen war. Wohlgefällig betrachtete er nun sein Werk an einer hochragenden, prachtvollen, dunkelroten Rose, aus deren zusammengesponnenen Herzblättern er säuberlich mit zwei gespitzten Fingern eine Spinne zog, die er auf den Sand warf und mit dem schweren Fuße zertrat: nun band er ihren herabgesunkenen Zweig auf und sprach väterlich, wie zu einem Kinde: »Nein, gloria Italiae , schöne Tochter Welschlands, dir soll kein Leid bei mir geschehen, weder von Gewittersturm noch von häßlichem Geziefer.« Und er zerriß das Gewebe der Spinne.   VII. Da knarrte die Türe, die aus dem Hofe des Palatiums in den Garten führte, und das erwartete Paar näherte sich Karl, der sich auf das Geräusch hin gewendet hatte. Gar verschieden war der beiden Schritt. Stürmisch strebte die Jungfrau voran: ihr schwarzer Schleier, ihre dunkelbraunen Locken flogen im Morgenwind. Ihr Muntwalt, der Bischof, konnte ihr kaum folgen: er haschte sie an dem schwarzen Seidenmantel, der die Schlanke und Hohe in dem enganliegenden schwarzen, lang nachschleppenden Gewand umhüllte. »Langsam, Kind!« mahnte er. »Um Gott! Nur keinen Ungestüm! Er ist bei aller Herzensgüte leicht erzürnlich. Und dann, – dann ist er schreckbar, der Herr Karl. Nur keinen Widerspruch! Und vergiß nicht! – sobald du zu bitten beginnst, –: auf die Knie'!« – »Herzog Adalrichs Tochter knieet nur vor Gott!« erwiderte sie, warf das Haupt in den Nacken zurück, riß sich los und eilte dem Bischof weit voraus gerad' auf den König zu. Der musterte scharf die Heranstürmende: mit kundigem Blick maß er das erglühende Antlitz, die stolze hochbusige Mädchengestalt: er war ein vielerfahrener Kenner von Weibesschöne und er hatte auch diese Langobardin gut im Gedächtnis: allein so, so hatte er sie nie gesehen, wie sie jetzt edelste Bewegung verklärte: »Weiß Gott, das Weib ist wunderschön,« sprach er vor sich hin. »Schwer ist es, ihr Nein sagen. Aber erst – erst die Probe. Wo, wo endet ihrer Liebe Maß? Wird sie bestehen? – Und schau' nur, welcher Hochmut in diesen Zügen! Schlecht steht er der Flehenden.« Er furchte leise die Brauen. »Warte, der soll dir vergehen.« Er verschränkte die Arme, fest in den dunkelblauen Mantel gehüllt, auf der Brust, und blieb regungslos, wie aus Fels gehauen, stehen, das unbedeckte Haupt ein wenig erhoben. So ließ er die Eilende herankommen. Er hatte erwartet, als sie nun dicht vor ihm stand, die königliche Gestalt zu seinen Füßen sinken zu sehen: aber Adalgardis blieb stehen: nur die rechte Hand hob sie, weit geöffnet, gegen sein Antlitz empor und nicht leise bat sie, laut, recht laut rief sie: »Gnade, Gnade Herr König!« Der sah ihr schweigend in die goldbraunen Augen. Nun war der Bischof heran: – die gedrungene Gestalt, die gutmütigen, wohlwollenden Züge hatten immer noch mehr vom ehemaligen Kriegsmann als vom Priester: »O König Karl,« sprach er, »du bist mir immerdar ein guter Herr gewesen, so wirst du auch jetzt ...« – Aber da traf ihn ein Blick ...: er verstummte. – Auch die Langobardin hatte den Blick gesehen: sie trat einen Schritt zurück. »Jungfrau Adalgardis, was hast du mir zu sagen?« – Nicht zornig, nicht drohend, aber streng, rauh wie Erz, kam das heraus. Jedoch das Mädchen hatte sich gefaßt: »O Herr König, ... ich habe ja schon alles gesagt ... das eine Wort: ›Gnade‹.« – »So? Weiter nichts? – Keine Begründung? Keine Entschuldigung?« das klang schon herber. – »Wie kommst du, ein Mädchen dazu, für den Verbrecher zu bitten? Warum?« – »Ihr wißt ja: weil ich ihn liebe.« – »So? Und mit welchem Recht?« – »Ich bin seine Braut.« – »So? So?« zürnte jetzt Karl und strich mit der Hand über den leis ergrauten Bart, seine wachsende Erregung bemeisternd. »Ei, ei, Herr Muntwalt: seid schon so lang' Bischof und kennt immer noch so schlecht die Canones? Immer noch besser Speerwerfen, eh? Ihr habt Eure Mündel ihrem Vetter verlobt?« – »Nicht ich, Herr König: ihr Vater.« – »So, so, so? Der? « Leichte Röte stieg in seine Wangen. – »Ja,« sprach das Mädchen fest. »Kurz vor seinem Tode.« – »Ah, ich weiß, ich weiß jetzt,« nickte er finster, »Unter einer Bedingung, nicht?« – »Ja. Aber sie ist erfüllt, die Bedingung.« – »Freilich,« ergänzte der König, noch immer zurückhaltend, aber mit unheimlicher Ruhe. »Er sollte ja nur versuchen – einmal versuchen! – den Gefangenen zu befreien. Wohlan: er hat's versucht. Und daß es mißlang, – das – das war nicht seine Schuld.« – »Gewiß nicht,« sagte das Mädchen. – »Ah, Verwegene, Wahnwitzige,« brach es aus des Königs Mund und zornig trat er gegen sie heran: seine grauen Augen loderten drohend. Der Bischof wollte sie am Arm zurückziehen: aber sie blieb stehen. »Hohn? Eitel Hohn mir ins Angesicht? Wahrlich, Langobardin, du lügst nicht!« – »Niemals. ›Immer die Wahrheit‹ lehrte mich der Vater.« – Karl hatte sich wieder in der Gewalt; kühl, gelassen sprach er: »Wohl, so höre denn die Wahrheit so tapfer wie du sie sagst. Die Verlobung ist gegen der Kirche Verbot, sie ist nichtig. – Übrigens,« – er hielt inne, blickte sie durchdringend an und schloß zögernd: – »jede Verlobung löst der Tod.« – »Herr König!« schrie sie auf und wankte zurück, »Ihr werdet ihn nicht morden?« – »Nein, aber hinrichten.« Eiskalt ward das gesprochen. Sie fuhr mit einer Bewegung, deren Zweck beiden Männern unverständlich blieb, an die Öffnung ihres Busengewandes: da stockte die Hand: »Nein,« hauchte sie vor sich hin, »noch nicht: noch atmet er.« Alle Farbe war aus dem vor kurzem noch so hoch erglühten Antlitz gewichen: sie öffnete weit den Mund: aber die Stimme versagte ihr. Alle drei schwiegen. »Und,« wagte der Bischof, tief erschrocken, endlich zu fragen, »für welches Verbrechen?« – Der König ließ sich jetzt gemach auf eine Gartenbank nieder, die, neben jener Edelrose, im Grase stand: »Das will ich Euch sagen, Bischof von Cividale,« antwortete er ganz langsam. »Ein Fürsprech – klüger sprach er für ihn als diese Tollkühne!« und abermals verdüsterte sich seine Stirn – »mein eigner Schwager hat ihn in manchen Stücken geschickt verteidigt: mit dem Treubruch ist es nichts, weil er mir Treue nie geschworen, – das ward gestern erhärtet aus den Listen – mit dem Befreiungsversuch ist es nichts, weil der Mönch schon vorher gestorben war ...« – »Also!« rief Adalgardis hoch aufatmend. – Und der Bischof sprach mit feuchten Augen: »Gott und Sankt Martin segne dich, Freund Gerold.« – »Er konnte ihn doch nicht retten,« sprach Karl langsam das Haupt schüttelnd. – »Was hat er sonst verbrochen? Nichts!« rief das Mädchen; fast drohend klang die Stimme. Aber das erzürnte Herrn Karl aufs neue: er sprang auf und hob die Rechte: »Geschöpf! Man streitet nicht mit mir.« – Er atmete nun und hielt inne: dann setzte er sich langsam wieder. »Er hat das Schwert gezückt – halb aus der Scheide! – wider einen Sendboten des Königs.« – Da erbleichte Herr Wernfried: »Der Unselige!« stöhnte er. »Er ist verloren. Darauf steht der Tod: – nach anderer noch grausamerer Pein.« – Aber das Mädchen gab noch nicht nach: »Das geschah in Notwehr.« – »Schau, wie rechtskundig sie plötzlich alle sind, – zu sein glauben! Nein, Rabulistin: der ergriffene Verbrecher hat das Recht der Notwehr nicht. Rothari hat das Leben verwirkt. Er stirbt.« – Da stürzte die Jungfrau, wie vom Blitze niedergeschlagen, ihm zu Füßen und reckte beide Arme flehend zu ihm empor: »O Gnade, Gnade! Begnadige ihn, Herr König.« Eine leise Befriedigung flog über seine Züge: unmerkbar nickte er auf sie herab. – Er ließ sie eine Weile knieen, bevor er langsam sprach: »Erhebe dich, Herzog Adalrichs Tochter.« – Da schnellte sie auf, hob die heißen, tränenlosen Augen gen Himmel und flüsterte: »Vater, Vater verzeih ...: es geschah für ihn!« – Der König hatte den Rückfall in den Trotz wohl bemerkt: er war aufs neue gereizt. »Herr Bischof,« sprach er, »Ihr würdet wohl daran tun, Eures Mündels, – des Hochverräters Kindes! – Hochflug herabzudrücken. – Du aber, Adalgardis, höre deines Königs gnädig Wort.« Sie öffnete hoffend die Lippen. »Ob jung Rothari lebt oder stirbt, – ich leg's in deine Hand.« – »In meine?« jubelte sie. »O so lebt er, lebt.« »Ich – hoffe es: aber ... ich weiß doch noch nicht,« sprach er zögernd mit prüfendem Blick in ihre Augen. – »Höre mich ruhig an: unterbrich mich nicht wieder, rate ich! das macht mich wild, wilder als mir lieb. Jene Verlobung also ist nichtig: deine Hand ist frei. Das Wohl des Reichs verlangt, daß diese Hand und deines Vaters reiches Allod – die Beneficien sind verwirkt – eines verlässigen und verdienten Mannes werde.« Sie warf den Kopf in den Nacken und schüttelte die dunkeln Locken, aber auf eine warnende Bewegung des Bischofs fing sie einen trotzigen Ausruf auf den Lippen. »Ich könnte dich nun zwingen ...« – »Nein, das könnt Ihr nicht mehr!« kam es nun doch heftig zum Ausbruch. Herr Karl zog die Brauen stark zusammen, aber sie achtete des nicht und fuhr fort: »Rothari hat es gesagt: – ein neu Gesetz ...« – »Schweig, Unsinnige!« herrschte er sie an. »Du redest ihn und dich in das Verderben. Ich will dich nicht zwingen, weil ... nun, weil ich nicht will. Frei sollst du dich entscheiden. Merke Wohl: Du wirst des Grafen Florentius Weib oder Rothari stirbt.« – »Nie! Niemals! Nimmerdar!« Der König erhob sich und maß sie mit langem, prüfendem Blick: doch war dieser Blick auf die Trotzende diesmal nicht ungnädig, nicht zürnend: »Du hast gewählt,« sprach er dann gelassen und schritt an ihr vorbei, dem Palaste zu. Da faßte sich Herr Wernfrid ein Herz und trat ihm in den Weg: »Geduld, Herr Karl! Laß ihr Bedenkzeit! Ich gelobe dir, ich will in sie dringen, bis sie nachgibt. Denn was ist schließlich die Liebe zwischen Mann und Weib? In ein paar Jahren verblüht sie, – der tote Rothari aber bleibt tot. Schad' um sein junges Leben! – Kind, Graf Florentius ist ein wackerer, ja – ich kenne ihn gut! – ein edler Mann. Und bedenke: Rotharis, Leben! Du kannst ihn retten und du willst nicht? Geht das über deiner Liebe Maß?« Der König war stehen geblieben, die Ringende scharf musternd, die mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin starrte, die beiden Hände an die beiden bleichen Schläfe gepreßt. »Meiner Liebe Maß?« wiederholte sie tonlos. »Die Liebe – meine Liebe! – kennt kein Maß.« – »Du bist schuld – du allein –: die Liebe zu dir hat ihn dahin gebracht.« – »Ja, ja, ich, ich allein, ich Unselige.« – »Und bedenke,« fuhr der Bischof näher tretend, fort: »nicht in freudiger klirrender Schlacht, nicht Speertod, schimpflicher Tod, Galgentod ...« – »Ah,« stöhnte sie. »Und alles um meinetwillen.« – »Und vorher: ... die rechte Hand! ... Und Blendung ...« – »Halt, halt! Ich tu's. Ich tu's« schrie sie schrill auf und verzweifelnd, sinnlos, bewußtlos stürzte sie auf das Antlitz nieder auf den Rasen unter der Rose. Der Bischof ließ sich neben ihr nieder, hob ihr Haupt in die Höhe und legte es auf seine Kniee: ihre Augen blieben geschlossen: »Ihr habt's erreicht, Herr König,« sprach er vorwurfsvoll. »Sie hat Ja gesagt.« Herr Karl warf noch einen Blick auf das edle, jetzt so verstörte Antlitz: dann wandte er sich und schritt langsam dem Paläste zu: aber er schien nicht zufrieden: denn er schüttelte leise das Haupt.   VIII. Nicht lange darauf ward der Vorhang eines kleinen einfenstrigen Gemaches in einem Nebengebäude der Pfalz heftig aufgerissen und herein stürmte mit dem gellenden Ruf: »Rothari!« eine schwarze Gestalt. »Geliebte! Du hier?« erwiderte der Jüngling, wandte sich rasch von dem Fenster, durch das er sehnsuchtvoll hinausgeblickt hatte auf die grünen Wipfel der Gartenbäume, und fing die Wankende, Sinkende auf in seinen Armen. Aber wie erschrak er, als er die Verstörung in dem marmorbleichen Gesicht, das unaussprechliche, versteinte Weh in den starrenden Augen wahrnahm. »Adalgardis! Was ist dir geschehen? Oder bangst du so sehr um mich? Ohne Grund! Getrost! Du siehst, ich bin wohlbehalten. Der gütevolle König ...« – Die Jungfrau fuhr zusammen. – »Nahm mir nur das Wort ab, nicht zu entspringen. Dann wurden mir die Fesseln gelöst, ich ward hierher geführt: du siehst, nicht Schloß noch Riegel, – nur dieser Vorhang – sperrt den Ausgang. Und Herr Gerold hieß mich, bevor er abritt, gutes Mutes sein: er habe meine Sache geführt mit siegendem Erfolg und ...« – »O Rothari, Rothari!« antwortete sie schluchzend, warf sich an seine Brust und ihre Tränen fluteten, – »Bei allen Heiligen! Fasse dich! Was droht dir? Oder mir? « – »Weh, uns beiden!« – »Wie? Woher? Warum kamst du?« »Ich eilte hierher, durch meine Bitten dein Leben zu retten: ah, es ist gerettet!« – »Dank, Dank dir, du Vielgetreue. Heißen Dank! Ja, ich hänge am Leben, mit aller Macht des Wunsches, zäh, gierig: ich leugne es nicht. Es wäre doch hart, grausam in der Vollbrust der Jugendkraft« – er schauerte – »sterben.« Da machte sie sich los von seinem Halse, bog sich zurück und sah ihm tief in die Augen: über ihre todestraurigen Züge flog ein seltsamer, hellerer Schimmer: »So lebst du gern, mein Geliebter?« forschte sie dringend, mit wehmutweicher, rührender Stimme. »So ist es wirklich wahr? Dich vom Tode loskaufen, – es ist nach dem Wunsch deines Herzens?« – »Aber gewiß doch! Leb' ich doch nicht allein, – nein, mit dir, für dich. Erfüllt ist mein Versprechen: tot liegt der arme König: kein Mensch mehr kann ihn befreien, den Toten im finstern Grabe! Du bist jetzt meine Braut, – bald mein süßes Weib ...« – »Oh!« seufzte sie und sank auf den Schemel unter dem Fenster. Der Jüngling kniete neben ihr und faßte die beiden kalten Hände: »Was, ... was ist dir? Was kann uns drohen?« – »Das Untragbare. Höre! Höre alles! Du bist – du warst dem Tode – dem schimpflichen, dem grausamsten Tode« – sie erbebte – »verfallen.« – Er erbleichte: »Du ... du sagtest doch ...?« – »Ja, der König hat dir das Leben geschenkt ...« – »Nun also!« – »Aber gegen einen Preis ...« – »Jeden! Was soll ich zahlen?« – »Nicht du! – Ich.« – »Du? Die Unschuldige?« – »Ja, ich! – Ich versprach's.« Sie sprang auf. »Ich mußte! Ich muß. Du wirst frei und ich ... ah,« schrie sie auf, »ich werde des Grafen Florentius Weib.« Da warf sie sich mit ausgestreckten Armen auf das Pfühl des Gefangenen, das Gesicht in den Kissen vergrabend. »Nie! Niemals! Nimmerdar! Nein, lieber zehnmal sterben!« schrie Rothari wild, daß die Wände dröhnten. Er sprang hinzu und rüttelte sie unsanft auf: mühsam erhob sie sich. – »Das? Das hast du versprochen? Nie hast du mich geliebt.« – »Ich glaube doch,« hauchte sie und schloß die Augen. – »Das ist nicht die wahre Liebe«: rief er überlaut, »Hier endet und wendet der Liebe Grenze. Für mich sterben, ... das hätt' ich verstehen können ...« »O wie gern! Aber mein Tod rettet dich nicht!« – »Aber das? Nein! Und du konntest wähnen – auch nur einen Augenblick glauben! – ich werde das Opfer annehmen?« – »Armer Freund! Annehmen? Du wirst nicht gefragt. O schilt nicht! Es zwang mich das Entsetzen. Denke doch nur: das Diebesholz, der Galgen! Und diese liebe, liebe Hand!« Sie umfaßte wie schützend seine Rechte mit beiden Händen. »Und diese lichten Augen! O Grauen!« Und sie verstummte vor Weh. Allein er konnte nur immer wieder das Eine denken, fragen: »Und du hast es wirklich versprochen? – »Ich gab mein Wort.« – »Du darfst's nicht halten!« schrie er, faßte sie ungestüm an beiden Schultern und sprach ihr dicht in das Antlitz: »Unselige! Unsinnige! Du weißt ja nicht, ahnst ja nicht, was du damit getan. Was weiß, was ahnt ein Mädchen, eine Jungfrau wie du von der Ehe! Wisse denn: Ehe sonder Liebe ist des Weibes äußerste Schmach. Das Brautbett ohne Liebe ist das Bett der Dirne!« – »Halt!« rief sie und tastete an der Wand, sich zu halten, »Welche Worte!« – Jedoch der Verzweifelte fuhr fort: »Denke doch! Lerne, was dir droht. Nicht deine Seele kann er dir nehmen: aber dieser Leib, dieser herrliche, einem Tempel gleich heilige, dieser keusche, jungfräuliche Leib, – er wird des ungeliebten Mannes von jedem Haar deines Hauptes an. Dulden mußt du, wie ein gebunden Schlachtlamm, alles, was immer die schonungslose Glut seines Verlangens begehrt, ihm lassen, ihm geben alles, was mir gehört, mir allein. Denk' dich – o denk' dich mit ihm allein – hinter verriegelter Tür – allein mit ihm in dem dämmerdunkeln Brautgemach – fühl' es, wie er dich trotz allem Sträuben in die Arme zwingt, wie er dir den Schleier vom Haupte zerrt und den Gürtel von den Hüften, denk deine Ehre geschändet ...« – »Nein! Nein!« schrie sie wild auffahrend und auf den Eingang zu fliegend. »Hör' es! König Karl! Ich tu's nicht. Ich kann's nicht. Rein oder tot. Lieber stirb, mein Geliebter, gleich mir. Nach mir!« Und nun hart vor dem wallenden Türvorhang stehend, riß sie aus dem Busengewand einen kleinen Dolch und zückte ihn hoch, bevor Rothari hinzuspringen konnte.   IX. Hell blitzte die schmale Klinge: aber sie erreichte nicht die wogende Brust. Aus dem Vorhang trat Herr Karl, haschte ihre Faust, entwand ihr mit ehernem Griff die Waffe und steckte sie in seinen Gurt. »Halt, rasche Jungfrau,« sprach er ernst, aber ruhig, ohne Zorn. »Lebe.« »Aber nicht geschändet, Herr König!« – »Und du, meine Adalgardis, du konntest glauben, auch nur einen Augenblick hätt' ich deine Ehre überlebt? Nutzlos, bei Gottes Treue hättest du sie geopfert.« – »Schilt sie nicht zu hart darum,« mahnte der König, »sieh, wie gebrochen sie auf das Bett dort sinkt. In jenem Augenblick, da ich so schwer sie prüfte, wußte sie nicht mehr, was sie sprach, was sie tat: so überschritt sie denn der Liebe Maß. – Und so hast du,« sprach er nun gütevoll, an sie herantretend, »so hast du, trotzig Kind, wirklich geglaubt, König Karl werde dich mit dem Tod des Geliebten bestrafen dafür, daß du ihm Treue hieltst? Eia, ich hätte Frau Hildigard nicht mehr in die Augen schauen können. Mich schmerzte es tief in der Seele, als du riefst: ›ich tu's‹. Und froh schlug mir das Herz hinter diesem Vorhang, – wie gern gewährte ich deine Bitte, ihn allein zu sprechen! – als ich hörte, wie ihr beide – er zuerst und dann so tapfer auch du – den Tod wähltet statt des Bruches der Treue. Das wird eine Ehe, wie Frau Hildigard sie will. Ja, ja, glaubt es nur. Ich selber setze die Erlaubnis durch bei meinem Freund Papst Hadrian: er schuldet mir noch mehr als das an Dank. Du bist frei, Langobarde.« Da sanken beide – auch die stolze Adalgardis – vor Herrn Karl auf die Kniee: »O mein König,« rief Rothari, »wie bist du groß und gut. Woher all diese Gnade?« »Steht auf, dann sollt ihr's hören. Nicht mir allein: – diesen beiden habt ihr viel zu danken.« Er trat an den Vorhang und schlug ihn zurück. »Frau Königin!« rief das Mädchen. »Florentius!« rief Rothari. Die beiden traten herein, ein freudiges, ein schönes Lächeln auf den Lippen. »Wie ... wie kam all das?« forschten die Liebenden. »Das kam so,« erklärte mit holdseliger Freundlichkeit die Königin. »Auf dem Rückweg von Sankt-Denis traf mich nahe vor Aachen – dieser wackre Held, der auf dem Wege war, spornstreichs hierher zu eilen, um ... nun redet Ihr, Graf.« »Um eine Lüge aufzudecken und ein Unheil zu verhüten,« sprach mit edelm Ausdruck der dunkeläugige Romane, den jede Schönheit seiner Rasse zierte. Mein Oheim war von hier nach Reims gereist, mir seinen Plan und dessen, wie er beteuerte, sicheres Gelingen mitzuteilen, mich zur Mitwirkung zu mahnen. Beim Bau dieses Plans hatte er nur einen festen Grund« – er zögerte, dann kam es anmutvoll heraus ... »die tiefe, echte Liebe, die ich für diese edle Jungfrau trage: ihre Hand wäre die Krönung all' meiner höchsten Wünsche gewesen. Als er mir nun aber enthüllte, – enthüllen mußte – mit welchen Mitteln er mir diese Hand zuwenden wollte, da rief ich zornig: nie nehm ich ein Weib, dessen Herz eines andern ist, das sich opfert, meinen tapfersten Waffengenossen, den Montfalcon, zu retten. Und – so fragte ich staunend – wie kann der König um jener Befreiungs-Wagnis willen den Helden töten, dem er den herrlichsten Sieg verdankt? Da mußte denn mein Ohm gestehn, er habe damals in seinem gleich auf dem Schlachtfeld verfaßten Bericht an den König nicht dem wahren Sieger, Rothari, sondern mir das Verdienst der Entscheidung zugeschrieben.« »Ja,« unterbrach der Herrscher, »nun wissen wir's: du, junger Bergfalk, tatst damals den Siegesflug, Du hast den Reiterangriff der Langobarden befohlen und geführt, der die stark schwankende Schlacht entschied: dafür steh' ich tief in deiner Schuld – schon lang. Der Abt aber, der König Karl belogen, ist schon unterwegs in die leere Zelle des Mönchs Modestus.« »Der brave Bub, der Florentius da,« fiel die Königin ein, »ist kein Falsch nit an ihm. Er bat mich, ihm beizustehen, dem Liebespaar zu Hilf zu eilen. Nu, er hat mich nit lang bitten müssen! Wir trabten hierher, was nur die Rößlein springen konnten. Und mein Mann« – hier traf den ein zärtlicher Blick – »der Herr König, sprech' ich – ich muß ihn loben! – der war auch gar bald herum geredet. Warum? Ich mein' allweil, es war ihm schon leid, daß er dem schönen Mädchen so hart geredet hat.« »Ja, und König Karl wird's gut machen,« schloß dieser. »Rothari, Herr Herzog von Friaul, du schwörst mir jetzt Treue und wirst sie mir, ich weiß es, fortan wacker wahren.« »Bis zum Tod, mein König.« »Zur Hochzeit schenk ich dir all die verwirkten Güter. – Du aber, schöner Trotzkopf, kennst du noch diese Rose?« Er griff in den Brustlatz seines Wamses. »Sie stand dabei, als du so schwer littest: es wäre alles nicht so scharf geworden, – ich wollte nur das Maß der Liebe prüfen – hättest du mich nicht immer wieder durch Stolz und Widerspruch gereizt –.« »Ja, den kann er halt einmal nit vertragen,« lächelte Frau Hildigard. »Nimm jetzt dafür, diese Rose zum Pfande meiner königlichen Huld für alle künft'gen Tage. Ich habe selbst sie aufgerichtet nach dem Gewittersturm und sie gelöst aus häßlichem Gespinst: da nimm sie hin, die gloria Italiae! « III. Einhart und Emma Frau Henriette von Mikulez-Radecki   freundschaftlich zugeeignet   I. »Und kurz: ich mag nicht, kleine Frau Königin!« sprach Herr Karl und stand – ziemlich lebhaft! – von der Bank auf, die in dem Palastgarten zu Aachen neben einer gar schönen Hochrose stand: » gloria Italiae « hieß sie und war vom heiligen Vater aus Rom geschickt. »Und wenn ich nicht mag  ...« – »Dann magst du nicht,« lächelte die zarte Frau, die erwachsene Töchter hatte und doch noch so mädchenhaft zu schauen war. »Das weiß man im Abend- und im Morgenland. Und niemand,« seufzte sie drollig, »weiß es besser als ich.« – »Ja, dir geht's schlecht unter meinem Gewaltzwang,« lachte er. »Aber komm, steh' auch auf und laß uns wandeln: zum langen Sitzen, auch unter den Strahlen der sinkenden Sonne, ist's doch schon zu kühl in diesem Herbstmond: – in sechs Wochen wird der Herr geboren: – gestern Nacht hat's schon ein fein Schneelein geschneit, eine Neie, – schlimm für die Sauen, gut für den Weidmann.« Frau Hildigard erhob sich und hing sich an seine Seite, die Hand auf seine Schulter hebend, wie er die Gartenpfade dahin schritt: auf einen seiner lang ausholenden Schritte kamen immer anderthalb gehüpfte ihrer Füßlein. »Wenn ich nun doch einmal nicht mag,« wiederholte er im Gehen. – »Ich hab' ja gar nichts gesagt! Du rennst nur deine eigenen Gedanken kampflich an.« – »Gegen diesen König von Northumberland – wie heißt er doch? Ich habe so viele Könige im Kopf!« – »Eardulf.« – »Ist ja gar nichts einzuwenden. Nur, daß sein Königreich da drüben liegt, jenseit des Wassers, im Nebel des Westens, und nicht in einem Tagritt von Aachen aus zu erreichen. Nun meinte er zwar, sie werde doch nicht einsam sein auf dem fernen Eiland der Angeln, da ihre Schwester Bertha dem Königssohn von Mercia, Egfrid, sich vermählen werde.« Da lächelte die Mutter, schritt aber tapfer weiter: »Die ist auch noch nicht drüben!« – »Ja, ja! Was würde mein Herr Kanzler Angilbert dazu sagen, ihr gar warmer Freund! Und nun vollends Emma, unsre Jüngste, unser Nesthäkchen! Glaub's gern, daß sie ihm gefiel! Aber die gäb' ich am liebsten gar nicht her.« – »Nun, darauf darf sie sich just nichts einbilden! Hast noch keines hergegeben unserer Mädel. Ich versteh's: die Mutter wird alt, und Herr Karl muß junge Schönheit um sich haben.« Er drückte sie an die breite Brust, neigte sich tief herab und küßte sie auf den blonden Scheitel: »Es reicht noch bei dir! – Kurz, Emmalein bleibt. Wie viele liebe Gesichter, Männer und Weiber, seh' ich nicht mehr um mich her. Roland liegt unter den Felsen von Ronceval, Erich in der Steppe der Avaren!« Ein Gewölk der Trauer zog über die hohe, klare Stirn. – »Nicht daran denken, nicht!« mahnte die Frau. »Sie wandeln im Licht des Herrn, die treuen Helden!« – »Ja, aber auch Lebende miss' ich schwer. Paulus der Diakon, des Warnefrid wackrer Sohn, ist mir ins Kloster entronnen. Und denke nur: neuer Verlust droht. Des Allerliebsten!« – »Nicht Einharts?« Sie blieb erschrocken stehen. »Sag' nein!« – »Einharts,« nickte er, sie weiter führend. – »Wer, wer darf's wagen, ihn dir – dir! – streitig zu machen? Denn ablocken kann ihn dir niemand! Freiwillig verläßt der uns« – sie verbesserte sich rasch: – »läßt er seinen König nicht. Wer kann?« – »Er! Er, der alles kann: viel mehr als ich!« – »Den möcht' ich sehen!« rief Frau Hildigard und blickte dem Gatten freudig und stolz ins Antlitz. – »Hast ihn schon gesehen,« lachte Herr Karl. »Am gelben Tiber!« – »Der heilige Vater? Der?« eiferte sie, »der soll doch nur schon ganz zufrieden sein mit dem, was du alles für ihn getan hast gegen Langobarden, gegen Byzantiner, gegen ...« – Herr Karl schüttelte das mächtige Haupt: »Der heilige Vater ist nie zufrieden!« – »Diesen lieben Buben aber soll er uns hübsch lassen! Von Herzen mag ich ihn.« – »Hab' noch kein Weiblein gesehen, das ihn nicht mag, den ›Feinen‹, wie wir alle ihn nennen.« – »Wie gelehrt bei so jungen Jahren, wie geschickt. Wie gelehrt – nochmal sag' ich's! – und doch nicht langweilig! Du lachst? Du, das ist selten! Neulich – ihr kamt aus eurer Pfalz-Schola – einer, – nun, ich will ihn nicht nennen! – es ist der Höchstgelahrten einer –! hält mich an vor meinem Wäsche-Schrein, denke nur!« – »Verbrecherisch! Im heiligsten Tun!« – »Endlos hielt er mich auf mit weisen Reden. Glücklich entkommen klag' ich mein Leid Herrn Theodulf ...« – »Eia, dem schönen Goten, Bischof und Poet von Orleans!« – »Der meinte: ›Langweilig, Frau Königin? Dafür ist er doch Professor! Und noch dazu des Königs geheimer Rat.‹ Aber,« fuhr sie ernsthaft und eifrig fort: »Einhart darfst du mir nicht fortlassen! Nein, nein, was würde Emma sagen? Sie hat immer ganz glühende Wangen nach den Lehrstunden in Ovid. Und was will denn der Papst mit ihm?« – »Nun, nicht Ovid lesen, eifrig Mütterlein! Paulus der Diakon hatte den Freund in Rom so hoch gerühmt: nun soll er in der Cancelei Sankt Peters ...« – »Nein, nein!« – »Ja, wenn die Frau Königin der Franken mit dem Füßlein stampft, muß auch Sankt Peter nachgeben. Emma bleibt: – wenigstens ganz in der Nähe. Ich habe eine Überraschung für sie,« schmunzelte er, »und für dich vielleicht heut' Abend noch. Und Einhart bleibt auch: für den hab' ich auch eine, reich an Ehren. Aber leichte Schneeflocken schweben herab: – zart ist mein holdes Weiblein: – komm ins Haus.«   II. Für den Abend dieses Tages hatte die Königin dem Seniskalk Audulf nur »kleine Tafel« angesagt: das heißt außer der königlichen Familie sollten nur ein paar der vertrautesten Freunde teilnehmen und nicht in der großen Festhalle, in dem kleinen Speisesaal waren die Tische gedeckt. Als die höchst einfache Mahlzeit – am Spieß gebratene Hasen, Herrn Karls Lieblingsspeise, wurden an den Jagdlanzen selbst hereingetragen, – zu Ende ging, tat er seinen dritten und letzten Trunk – Elsässer, Sigoltsheimer, – schob den Goldbecher zur Seite, legte sich behaglich in dem hirschledernen Faltestuhl zurück und sprach mit seinem freundlichsten Blick: »Eia, Jungferlein Emma und Meisterlein Einhart, Vielfeiner, schon gar lange, deucht mir, währen eure Lehrstunden. Heute wollen wir nun mal sehen, wie weit ihr es gebracht habt miteinander. Was ist es doch, das ihr – von Ovid – zusammen leset?« – »Die Verwandlungen, Vater,« erwiderte der zierlichen, elbischen Emma silberhelles Stimmlein: sie war in allen Stücken der anmutreichen Mutter Ebenbild. – »Mit der Kunst zu lieben – ars amandi – sind sie wohl schon fertig,« flüsterte Graf Rorich von Maine der üppig schönen hochbusigen Rothtrud zu, neben welcher der gutmütige Seniskalk ihm – wie immer – den Platz zugewiesen hatte. – »Still, du Vielschlimmer,« kam es leis, aber zärtlich zurück. »Es sind nicht alle Leute im Palast so arg wie wir.« – »Und so glücklich.« – »Ah, das Kind! Den Vater schlüge der Schlag, dächte er dergleichen,« – »Und doch: ›Liebe dringt zu Tage‹: 's ist ein alt Mahnwort.« »So, die Verwandlungen?« lachte der König. »Horatius Flaccus – das heißt der fromme Meister Alkuin! – meinte neulich, das sei ein Zauberbuch: wer viel darin lese, werde selber verwandelt. Hüte dich, Töchterlein: so hold wie du bist, könntest du dich nur verschlechtern! Freund Audulf, laß das Büchlein bringen. Und wann die andern fort sind ... sonst beschämt ein Schnitzer meine Kleine zu arg und sie spotten gern, die bösen, alten Schwestern ...« – »Oho!« riefen da Rothtrud, Bertha und Gisela wie aus einem Munde. – »Ja, sie unterdrücken mir mein armes Nesthäklein, wie die schlimmen Schwestern das Aschenbrödel: aber vielleicht kriegt dafür auch mein Aschenbrödel den schönen Prinzen! Komm zu mir, Kleine.« Und als sie zu ihm getrippelt war, lupfte er sie auf sein Knie: »Noch leichter als die Mutter! Ist's möglich? Und doch trägt das Kind schon dicke Zöpfe – und was für schöne hellgoldige! – als wenn's ein ausgewachsenes Mädchen wäre.« – »Bin doch volle sechzehn Winter, Vater!« – »Ihr andern geht nun alle. Vergeßt mir nicht das Nachtgebet: die Heiligen behüten euern Schlummer. Auch all' ihr Diener geht, wir bedürfen euer nicht mehr. Einhart bleibt, ich habe noch mit ihm zu reden. Und auch mit dir, weiß Röselein. Da bringt der Buchwart schon das Buch. Frau Königin, rück' näher zu mir her. Nun zeige, Kind, was du gelernt hast bei diesem jungen Weisen. Weiß Gott, eure Jahre zusammengelegt erreichen nicht die vierzig. Und doch schon so gelehrt – alle beide. Nun, Einhart, fang' an!«   III. Der Jüngling – er zählte zweiundzwanzig Jahre und mit Grund hieß er der Feine am ganzen Hof – erhob sich von seinem Sitz am untersten Tafelende und stellte sich mit dem aufgeschlagenen Pergament so an des Königs Seite, daß die Jungfrau – unter dem hellen Schein der drei Hängampeln gerade über ihrem Haupt – bequem hineinblicken konnte. Freundlich ruhten der Königin Augen auf der schlanken Gestalt des jungen, hochgeborenen Edelings, – sein Vater wie die Vorfahren waren Grafen im weinfrohen Maingau – auf den feingeschnittenen Zügen, deren Weiße das reiche dunkelbraune Gelock noch hob. Das seelenvolle Auge adelte ein Ausdruck scheuer Bescheidenheit, zarter, inniger Zurückhaltung: ohne es zu ahnen war der »jungfräuliche Knabe«, wie sie ihn nannten, der Liebling aller Frauen. »Er ist rein wie ein Mädchen,« dachte Frau Hildigard, »wie ich war, bis ...« »Wir sind noch ziemlich im Anfang,« begann der Lehrer, ein wenig verlegen. »Die Fürstin hat immer so viel zu fragen ...« – »Nun ja, ich muß doch alles gründlich nehmen, nicht? Ich lese nicht weiter, bis ich das Gelesene voll verstanden.« – »Recht, mein Töchterlein! Prinzessin Pflichtgetreu sollte man dich nennen.« Und er strich ihr zärtlich über den blonden Scheitel. – »So stehen wir erst beim neunzigsten Vers des ersten Buches,« erläuterte Einhart. Und er las nun langsam den lateinischen Text, den die Schülerin sofort Zeile um Zeile auf Deutsch, das heißt auf Uferfränkisch, wie das Haus der Karolingen sprach, wiedergab. In Versen würde ihre Übersetzung etwa so gelautet haben: »Erst war die goldene Zeit: ein Geschlecht von Menschen, das willig, Ohne Gesetz und Zwang und Bewachung, übte das Rechte. Unbekannt war Strafe wie Furcht, noch drohte kein Richter. Noch umgürteten nicht hochragende Mauern die Städte, Noch kein schmetterndes Horn rief, keine Drommete zum Kampfe, Noch erglänzte kein Helm und kein Schwert und ...« »Hört auf!« lachte Karl. »Gar langweilig muß sie gewesen sein, eure goldne Zeit! Da ist mir unsere eiserne lieber trotz mancher Bosheit meiner lieben Untertanen. Was hätt' ich zu tun, wenn ich nicht Gesetze erlassen, Urteile finden, Schlachten schlagen dürfte? – Laßt's genug sein! Die Kleine versteht's ja schon ganz gut. Sie muß belohnt werden!« Damit hob er sie von seinem Knie, stellte sie gerade vor sich hin und nahm ihre beiden Wangen in seine beiden Hände: »Nun merk' auf: erste Belohnung: du sollst nicht in das nebelfeuchte Eiland der Angelsachsen, brauchst nicht König Eardulf von Northumberland zu heiraten.« Das Mädchen lachte: »Vielen Dank, lieber Vater. Aber das ist keine Belohnung.« – »Wie so?« fragte er erstaunt. – »Den hätt' ich doch nie geheiratet.« – »O kleine Rebellin!« Das kam etwas ungehalten heraus. Die Mutter, ein wenig hinter seinem Stuhle sitzend, legte den Zeigefinger an den Mund und bedeutete mit hochgezogenen Brauen, nicht so offen zu trotzen. Aber der Vater zürnte schon nicht mehr: »So schlimmtrotzig du bist, – ich mag dich nicht entbehren. Drum hab' ich dir drei wackre Helden, in Krieg und Rat erprobte Männer, die mein Palatium oder doch mich nie verlassen, – zur Auswahl ausgesucht: einen Herzog, einen Pfalzgrafen und einen Marschalk: du kennst sie alle: einem von den dreien wirst du vermählt: morgen wirst du mehr hören und entscheiden: zu Weihnachten ist die Hochzeit.« Da erschrak die Königin, aber noch viel mehr erschraken Emma und Einhart. Jene faßte sich zuerst: »Aber Vater! Sie ist ja noch ein Kind!« – »Ist sechzehn Jahre. Als du so alt warst, hattest du mir schon zwei, – ja zwei! – Knaben geboren. Ist dir's schlecht bekommen?« – »Dreizehn Jahre zählte ich, als ...! Du hattest mich gezwungen!« – Da lächelte er verschmitzt: »Nicht daß ich wüßte! Vielmehr kamst ...« »Karl!« Das ward so feierlich, so todesernst, so drohend gerufen, daß er ganz erschrocken auf seinem Stuhle herumfuhr, ihr Gesicht zu sehen. Das trug den Ausdruck höchsten Ernstes, ja tiefer Gekränktheit. »Nun, nun! Sei gut! Ich ... Sei nur gut.« Und er griff nach ihrer Hand, die sie nur zögernd gewährte. Einstweilen hatte sich Emma von ihrem Schrecken erholt: aber nun traten ihr Tränen in die Augen: »Vater! Das wirst du nicht ... Ich kann nicht. Ich kann ja doch nicht. Nie!« – »Das hat schon manches Jungfräulein gesagt, das später enkelreiche Großmutter ward. Nicht bitten! Es hilft nichts. – Aber auch der Lehrer muß seine Belohnung haben. – Erschrick' nicht, Feiner: du sollst nicht heiraten! Nein, höre und freue dich. Seit dich mir Abt Baugulf aus Kloster Fulda mit reichem Lob an den Hof gesandt, – denn Mönch oder Priester wolltest du nicht werden – hast du all dies Lob mehr als bewährt: zumal aber hast du gar Wunderbares geleistet in allem, was Bauwerk, was Kunstwerk jeder Art anlangt. Wie schön hast du zuletzt die Kirche der Gottesmutter hier am Palast vollendet: ein Wunderwerk ist sie zu schauen.« – »Keine Kunst, darf man durch die Gnade des Herrschers dazu die schönsten Säulen aus Rom und Ravenna kommen lassen!« meinte der Jüngling. – »Ein Stümper nicht, nur ein Meister weiß sie so zu verwenden! Wohlan, ich schaffe für dich ein neues Reichsamt, das soll nur dem Erzkanzler nachstehn: Reichsoberbaurat bist du von Stund an: mein Archi-Architekt! (Kann man das sagen? Muß Alkuin fragen!) Und du sollst entwerfen und leiten alle Bauwerke, die ich ausführen lasse in meinem weiten Reich. Fang' morgen an und entwirf mir den Plan einer Rheinbrücke bei Mainz, gleich gut für mein Heer und meine Kaufleute brauchbar, also fest und breit. – Aber, bei Sankt Denis, Männlein, Feinlein, was ist dir? Bist ja leichenblaß, zitterst! Hat dich die Ehrung so überrascht, daß du nicht ein Wort des Dankes findest? Nun, erhalte dir solch bescheidenen Sinn! Und jetzt gute Nacht! Komm, Hildigard!« Er faßte ihre Hand und schritt mit ihr die paar Stufen hinauf, die im Hintergrund des Saales zu einer Erhöhung leiteten, aus der die Türe in das Innere des Palastes, zu den Schlafräumen in dem – einzigen – Oberstockwerk führte. Dabei wandten sie dem jungen Paare den Rücken: so sahen und hörten sie nicht, wie die beiden sich ungestüm an den Händen faßten und rasch ein paar Worte flüsterten: dann fuhren sie scheu auseinander: Emma eilte der Mutter nach die Stufen hinauf, während der Jüngling langsam, gesenkten Hauptes, tief traurig dem Hauptausgang am andern Ende des Saales zuschritt.   IV. Zu dem Palatium zählte man eine Menge von Häusern, die, eine kleine Stadt für sich, getrennt von dem vicus Aachen, bildend, um das Hauptgebäude verstreut lagen. Aber auch dies Hauptgebäude, der »Palas«, barg hinter seinen hohen Steinmauern eine ganze Anzahl abgeschlossener, streng viereckiger Höfe. Der umfangreichste war der Brunnenhof, so benannt nach dem Hauptbrunnen des Palastes dicht neben den Steinstufen, die, von einem vorspringenden gewölbten Ziegeldach überragt, zu der Eingangstür der Frauengemächer führten, in denen die Königstöchter mit ihren Palastjungfrauen schliefen – das war im Süden –, während die Königin das Schlafgemach des Gatten, gerade gegenüber im Norden, teilte. Zwischen beiden waren im Osten in kleinen Einzelgemächern die, wie wir sagen würden, »Zivilbeamten« des Hofes untergebracht, – indes gegenüber, im Westen, die kriegerischen Palatine wohnten; all' diese Gemächer lagen in dem Oberstock: die Räume des Erdgeschosses dienten Wirtschaftszwecken. – Man hielt frühe Stunden ein dazumal: das Leben in dem Palast erwachte in der hellen Jahreszeit bei dem ersten Morgenstrahl: jetzt, im November, noch vor Tagesanbruch. So ging man denn auch früh in der Nacht schlafen. Daher brannte auch in dieser Nacht ein paar Stunden nach dem Abendschmaus nur noch in dem einen oder andern der zahlreichen Gemächer, deren Fenster in den »Brunnenhof« blickten, hier und da ein einsam spätes Licht. Dunkel lagen die Frauengemächer des Südflügels, dunkel das Schlafgemach des Königspaares: auch die kriegerischen Palatine, ritt-, jagd- und dienst-müde, schliefen alle: auf der Seite der »Schreiber«, wie man sie zusammenfassend nannte, im Osten glomm nur aus einem Fenster noch der matte Schimmer einer Ampel. Still war's in dem weiten Raum: die speertragenden Wachen standen nicht in diesem Innenhof, draußen vor den geschlossenen Toren, in den Säulengängen vor dem Palast. Hier war nur vernehmbar das eintönige Gießen des Brunnens in seine weite dunkelrote Porphyrschale: es wirkte einlullend in seiner Eintönigkeit. Kein andrer Laut: auch in den Lüften nicht: ein schwacher Windhauch nur schob die grauweißen, schwer herabhängenden Wolken langsam von Südwest nach Nordost. Dunkelheit wechselte dabei mit grellem Licht: denn wann der Vollmond manchmal hinter dem langsam ziehenden Gewölk hervortrat, dann strahlten die breiten weißen Pflastersteine des Hofes seinen Glanz grell blendend wieder. – Der Türmer auf dem »Uhrturm« des nächsten Hofes hatte eben mit dem Holzhammer auf eine mächtige Halbkugel von Erz die zwölf Schläge der Mitternacht getan, – tiefes Dunkel waltete jetzt ringsumher –, da glitt eine schlanke Gestalt, in einen weitfaltigen grauen Mantel gehüllt, aus der ganz leise geöffneten Eingangstüre des »Frauen-Flügels«, und hielt einen Augenblick auf der obersten Stufe, den ganzen Hofraum, soweit es die Finsternis verstattete, überspähend. Dann huschte sie lautlos, wie ein Gespenst, die Stufen hinab, lief, ohne anzuhalten, ohne auf- oder umzusehen, nach rechts, – gen Osten – schräg über den Hof gerade auf die »Schreiber-Pforte« zu. Sie schob die nur angelehnte sacht zurück, schlüpfte hindurch und stand nun vor der Steintreppe, die in den oberen Stock führte, von dem flackernden Licht einer Pechfackel in eiserner Öse unstät beleuchtet. Sie flog die Stufen hinauf, erreichte einen langen Gang mit zahlreichen nach Westen gerichteten Türen, wandte sich hier nach links, zählte drei solcher Cellen-Türen von der Treppe an und hielt vor der vierten. Diese tat sich geräuschlos nach innen auf: sie schwebte über die Schwelle – und sank um.   V. Allein im Sinken umfingen sie zärtlich zwei Arme und ließen sie sacht auf eine an der Wand stehende, mit weichen Fellen bedeckte Truhe niedergleiten: hier lehnte sie den Hinterkopf an die Mauer und schloß die Augen: zum Springen klopfte ihr Herz. Da schob Einhart den mit Pergamenten, Winkelmaßen, Zirkeln bedeckten Tisch zur Seite, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und küßte den Saum ihres Gewandes. »Emma, Geliebte!« flüsterte er dann. »Wie soll, wie kann ich dir danken für diese ... diese Großtat der Liebe! Du – du Königskind! – kommst zu mir! Durch die Nacht, durch das Grauen, trotzend der Gefahr, der Schmach der Entdeckung, des Königs furchtbarem Zorn. O wie soll ich je vergelten! Und warum ...?« – »Weil ich dich liebe!« hauchte sie, die sich nun erholte und zärtlich über das braune Gelock des vor ihr Knieenden strich. Jetzt sprang er auf, eilte an das – einzige – Fenster und schob von innen den völlig deckenden Holzladen vor: »Man kann von drüben, von den Palatinen-Zimmern deutlich bis auf die Truhe sehen: ich fand das gestern, Graf Rorich besuchend. So! Nun sind wir sicher.« Er flog wieder auf sie zu, ergriff ihre Hand und küßte sie: »O habe Dank für dieses Wagnis! Nie hätte ich es dir zugemutet.« – »Es mußte sein,« erwiderte sie, die Hand zurückziehend. »Sonst wär' es wahrlich nicht geschehen. Es ist das letzte – wie das erste – Mal! O wie pocht mir das Herz. Aber wir mußten bereden – heute noch, vor Morgen, – deshalb flüsterte ich es dir zu! – was nun zu tun gegen des Vaters schrecklichen Plan. Ach, er liebt mich so zärtlich! Wie Unrecht ist es, was ich jetzt tue! Unrecht gegen ihn und gegen die Mutter, die engelreine, engelgute!« – »Geliebte, es soll deine einzige Heimlichkeit sein. Hat der König den gedrohten Zwang aufgegeben, dann ...« – »Dann gestehen wir alles von dieser Nacht! Aber doch ..., ich schäme mich so arg, daß ich hier bin.« Und sie verhüllte das Köpflein im Mantel. »Nein! Laß meine Hand!« – »Es mußte doch sein! Du sagst es ja selbst. Wie gern wär' ich, dir diesen Gang zu sparen, zu dir geeilt!« – »Unmöglich! In dem Frauenhaus zur Nacht ein Mann! Fest zwar schläft Anastasia, die alte Bajula, in dem Bett dicht neben dem meinen: – mich hörte sie nicht entschlüpfen und nun schläft sie wohl fort, bis ich wieder in den Kissen liege. Aber dich, unser Sprechen hätte sie doch wohl gehört. Und auch in der Lateinstunde geht es nicht mehr von heut' an. O wie selig waren wir da zu zweien! Da zuerst ist all' das so leise, leise, aber immer wärmer in mir aufgewacht! Die tief geheime, süße, süße Herzensfreude an deiner Stimme, deinem Auge – welch heißer Schauer ...« – »O du Geliebte!« – »Nicht! Nicht mich berühren – hier – bei dir! – zur Nacht! Bitte, nicht! Rein muß alles sein und bleiben an dieser meiner argen Nachtfahrt. Aber wir sind nicht mehr allein mit Ovid! Die Mutter – sollte sie etwas ahnen? – hat von morgen ab dazu die Bajula an meine Seite befohlen. Und wir mußten doch einig werden: – noch vor Morgen. Höre denn: nie laß ich von dir, mein Einhart, im Leben und im Tod. Nie werd' ich eines andern. Eher sterb' ich.« – »O Königskind, was tust du für mich!« – »Was ich muß, weil ich dich liebe.« – »Und du weißt es: ich brauch' es nicht zu schwören: du bist die Seele meiner Seele: nie bin ich von dir zu scheiden!« – »Ich wußt' es, ich weiß es. Aber höre weiter: ich ertrage sie nicht mehr, diese feige, unwürdige Heimlichkeit: laß uns das Geschick, das uns droht, was es sein mag, rasch herbeiführen und offen: willst du? Ja, du hast den Mut deiner Liebe. Auch das wußt' ich. So wollen wir morgen vor die Mutter hintreten und ihr alles gestehn!« – »Ja; ist's doch nur ein einz'ger Kuß!« – »Ihre Fürbitte beim Vater hoffe ich, denn du bist ihr gar wert. Aber, täusche dich nicht, Geliebter: er ist oft unerbittlich. Und sein Zorn kennt keine Schranken. Vielleicht – ja wahrscheinlich! – sehn wir uns morgen zum letzten Mal: er reißt uns auseinander – für immer.« – »Gleichviel. Du hast recht. Ein Ende dieser Heimlichkeit!« – »Gut, mein Freund. Und nun – laß mich fort!« Sie erhob sich von der Truhe. – »Schon? Schon jetzt? O weile noch!« – »Nein! Keinen Augenblick länger als nötig, als unerläßlich war. Aber laß mich erst zum Fenster hinausspähen, öffne den Laden ein wenig! –, ob's dunkel, ob's leer ist da unten.« Er schob den Laden sacht zurück – da rief er: »Oh all ihr Heiligen! Was ist das? Taghell! Der Vollmond! Aber das nicht allein: Schnee! Fußhoher, dichter Schnee. Während wir sprachen –! Schnee überall,« – »Was tut's? Ich scheue die Nässe nicht!« – »Aber Kind! Deine Fußspuren! Du hast das kleinste Füßlein im Palast. Man wird, man muß erkennen, wer in der Nacht von der Schreibertür nach dem Frauenflügel ...« – »O Gott! Was tun wir?« – »Komm nur hinab. Die kurze Strecke trag' ich dich auf meinen Armen,« – »Nein, nein, nein,« rief sie, scheu, erschrocken vor ihm zurückweichend bis an die Wand des Gemaches. »Rühr' mich nicht an! Du darfst nicht!« – »Nur auf den Armen ... die paar Schritte!« – »Nein! Eher lauf ich zur Mutter hinüber, wecke sie, sage ihr alles.« – »Beileibe nicht: vor den Ohren des Königs! – Halt! Da kommt mir ein andrer Einfall: ich wate dir voraus durch den Schnee bis an den Brunnen: du dicht hinter mir: in jede meiner großen Fußstapfen setzest du die zierlichen Schuhe: so gibt es nur eine – eines Mannes – Spur von meiner Tür bis an den Brunnen: das fällt nicht auf: oft wird vor Tag dort für uns Wasser geholt: von dem hohen Brunnenrand aber bist du mit einem Sprung auf den Eingangsstufen eurer Türe: auf denen liegt kein Schnee: das Dach überragt sie. Komm, Geliebte!« Und er faßte sie an der Hand, führte sie leise auf den Zehen aus dem Gemach über den Gang, die Treppe hinab, zur Haustür hinaus und dann so wie geplant durch den Schnee: freilich das Mondlicht und der weiße Widerstrahl beleuchteten den ganzen Hof, so hell wie Taglicht: aber in dem ganzen weiten Raum – das war nun auch genau zu erkennen – weilte kein Mensch. So gelangte die Jungfrau sicher wieder in das Frauenhaus. In der Türe zog sie die Schühlein aus, eilte die Treppe hinauf und schlüpfte in die Kissen, unbemerkt von der alten Bajula.   VI. Aber nicht unbemerkt von andern Augen hatte das Paar den Schnee durchstapft! Von Herrn Karl war nach ein paar Stunden der Schlaf gewichen, wie ihm das oft geschah. Dann pflegte er sich vom Lager zu erheben, ganz sacht, um Frau Hildigard nicht zu wecken, und bei dem Licht der Häng-Ampel zu lesen: – immer wieder im »Gottesstaat« Sankt Augustins – oder auch auf einer Schiefertafel allerlei flüchtige Gedanken in kurzen Worten festzuhalten, um sie am Morgen wieder zu überlegen, auch etwa mit seinen Räten zu erörtern. So hatte er auch diese Nacht getan. Er trat ans Fenster, durch das der Vollmond jetzt helleres Licht herein goß, als die Ampel von der Decke her verbreitete. Allmählich entsank Tafel und Griffel seinen Händen auf das Fenstersims und sinnend, halb träumend sah er empor zum Himmel, in das nun schon fern hinziehende Gewölk, in den immer sieghafter hervortretenden Mond, der, widergestrahlt von der weißen Schneedecke, fast blendenden Glanz verbreitete. »Der erste Schnee, der bleibt! Wie friedevoll, wie feierlich! Wie sanft gleicht er alle Unterschiede aus! Gleichmäßig legt er seine weiche, stille Decke unten auf die Pflastersteine, oben auf die runden Tor-Bogen wie auf die spitzzackigen Zinnen. Gleich: – friedevoll: – still! Ein weißes Vorbild von dem dunkeln Tode. – Und der Mond, der volle. So scheint er jetzt auch herab auf Ronceval, auf Erichs Grab in der Steppe, auf jene vielen Sachsengräber an der Aller. War's wohlgetan? Ja, denn nicht für mich, für den Herrn Christus. Ich tät's nochmal! – Und so scheint der Mond jetzt auch auf Rom und auf Sankt Peter. Ob wohl auch – zu dieser Stunde – auf Jerusalem und meine Kirche dort, und zu Bagdad auf Freund Haruns Palast? Weiß nicht! Muß morgen den Feinen fragen. Der Bub' weiß alles! Da drüben wacht er und forscht, der Unermüdliche, seine Ampel brennt noch: durch den halb offenen Laden strahlt ihr Licht! – Ei, was ist das? Aus dem Schreibertor stapft in den Schnee ein Mann – so spät! Er wendet sich um: ah, 's ist Einhart! Und nun – aus der Tür – eine zweite Gestalt – mantelverhüllt – ein Weib offenbar. Welche Sitten! Einhart! Aber wer, welche Nachtdirne ...? Sie schaut umher – die Kapuze fällt: ah Emma, Emma! – Hildigard, Frau, wach auf!« Er schrie gellend: – »Rasch hierher – ans Fenster! Du mußt es selber sehen, – sonst glaubst du's nie! Da schau: Emma und Einhart! Sie kam aus seiner Tür. Ah, bei Gottes Zorn, sie sollen's büßen!«   VII. Und sie büßten schwer. Mit Mühe hatte die Mutter den Zornwütigen abgehalten, sofort in der Nacht Lärm zu schlagen, beide Liebende in Haft zu nehmen. Endlich sah er ein, daß er das Ärgernis, die Schande dem Palast – und den Eltern! – füglich sparen könne: das junge Paar ahnte ja nichts von Gefahr, dachte nicht an Flucht. Aber sobald das Leben im Hause erwacht war, – ruhelos, rastlos, war Herr Karl all' diese Stunden hindurch tobend, knirschend, stöhnend durch das Gemach geschritten, während Frau Hildigard leise weinte, – befahl er dem Seniskalk Audulf, Einhart in dessen Gemach für verhaftet zu erklären und einen Scharmann vor die Türe zu stellen mit dem Befehl, ihn, wolle er entweichen, niederzustoßen, »Die Bajula jedoch, die alte Kupplerin ...« – »Aber Karl!« seufzte die Frau. »Das glaubst du selbst nicht von ihr!« – »Oder schläfrige Schnarch-Muhme! Hinunter mit ihr in den Strafkeller der Mägde! Die Nachtfahre aber bleibt eingesperrt in ihrem Gemach: – du gehst nicht zu ihr.« – »Nicht also! Die Mutter gehört zum Kinde, jetzt mehr als je. Ich bin mit schuldig: wie konnt' ich soviel Jugend, soviel Schönheit sich allein überlassen! Zu spät kam mir die Vorsicht. Ich büße mit, was ich mit gefehlt.« * Die Geschäfte des Tages brachte auch dieser schlimme Tag. Der König erledigte sie finster, stumm: seine Gedanken, seine Schmerzen weilten nur bei dem einen . Schweigend wiederholte er sich immer wieder die Worte: »Mehr als alle meine Kinder hab' ich sie geliebt, mehr als alle Freunde – nach Roland! – ihn . Wie hab' ich ihn geehrt, überschüttet mit Gunst und Ehre! Nun wartet, beide!« Er hatte eine Weile daran gedacht, das Pfalzgericht zu versammeln, öffentlich als Ankläger aufzutreten – der Pfalzgraf hätte an seiner Statt den Vorsitz übernommen – und ein Strafurteil wegen Verletzung der Palastzucht zu beantragen. Von diesem Zorngedanken, der sein Haus im ganzen Reich und draußen bei Freund und Feind würde verunehrt haben, kam er bald selbst zurück. Aber unerbittlich, unwiderruflich hatte er beschlossen, das Paar für immer zu trennen und schwer zu strafen. Um fest zu bleiben, hatte er sogar – gegen seine Art! – seiner Gattin wiederholte Versuche, ihn zu sprechen, mit allerlei Vorwänden von Geschäften abgewiesen. Zum Mittagmahl war er nicht erschienen, sondern mit ein paar Jägern ausgeritten in den nahen Rheinwald und hatte dort nach rasendem Rennen einen hastigen Jagdimbiß eingenommen. Spät am Nachmittag zurückgekehrt, fand er der Königin schriftliche Anfrage vor, was er beschlossen habe? Er schrieb unter ihre Zeilen kurz: »Trennung für immer. Einklosterung. Er geht als Mönch in mein neues Kloster zu Hamburg, den heidnischen Dänenkönig Sigfrid zu bekehren und dessen grimme Jarle: noch keiner ist wiedergekehrt von diesem frommen Werk. Und sie geht auf Lebenszeit in das strengste Kloster meines Reichs und an dessen andere Ecke: zur heiligen Cäsaria nach Arles. Willst du mich heute noch sprechen, mach' ich zur Bedingung, daß du keine Fürbitte wagst.« Dann siegelte er selbst das Schreiben und schickte es ihr aus seinem Arbeitsgemach, wo er sich in Papstbriefen und Kapitularien-Entwürfen vergrub.   VIII. Nach einigen Stunden – schon waren die Wachskerzen in den hohen Bronze-Leuchtern entzündet – ließ sich die Königin melden und trat ein. Er verharrte in dem Sitz an dem Urkundentisch, wo er ihr den Rücken zukehrte, ohne umzuschauen. »Du weißt,« sprach er in rauhem Ton, »unter welcher Bedingung ...: komm nicht, um zu bitten.« »Nein, ich komme, um Abschied zu nehmen.« So erschreckend ernst, so grabesfeierlich kam das heraus in der geliebten Stimme – sonst so andern Klanges! –: – es zog Herrn Karl herum in seinem Schreibstuhl: er sah ihr ins Antlitz – und da, da riß es ihn empor. Entsetzt sprang er auf: »Hildigard! Du siehst aus als wärest du gestorben!« »Ich bin gestorben. Für die Welt und zumal, o Karl, für dich. Ich lebe nur noch Gott, der Reue, der Buße. Leb wohl, Herr Karl. Ich hab' dich sehr geliebt. Ach – allzusehr. Dies goldne Ringlein, – es umschloß all' mein Glück! Da ... da!« Die Stimme versagte ihr unter Tränen. Sie streifte den Ehering vom Finger, küßte ihn und legte ihn leise auf den Urkundentisch. »Leb wohl!« Sie wankte zur Türe. »Halt!« rief Herr Karl, sie am Arme haschend. »Welcher Wahnsinn! Wo – wohin willst du?« – »Wohin ich gehöre: ins Kloster! Nach Arles: zur heiligen Cäsaria.« – »Was ... was fällt dir ein?« – »Das Notwendige. Du hast mein Kind – o fürchte nicht, daß ich bitten werde! – dazu verurteilt! nicht schelte ich dein Urteil. Sie hat ihren Geliebten aufgesucht, heimlich zur Nacht: zwar einmal nur, zum erstenmal: es sollte auch das letzte Mal sein.« – »Ah, wer weiß!« lachte er grimmig, – »Ich weiß: meine Tochter belügt mich nicht. Sie wollten sich besprechen gegen deinen – plötzlichen – Heiratsbeschluß und heute noch wollten sie sich mir entdecken.« – »Ah, glaubst du?« Er zuckte die Achseln. – »Nein: ich weiß: solche Verzweiflung täuscht nicht. Und nicht ein Kuß ist geküßt worden in dieser Nacht. Nein, Karl, zweifle nicht: es wäre deiner unwürdig: schau dem Kind ins Auge.« – »Und wenn! – Und wenn auch all das wahr wäre ...« – »So bleibt es Unrecht und du kannst es strafen, strenge strafen.« – »Nun also!« – »Aber dann strafe gerecht – wie Herrn Karls Ruhm ist vor aller Welt! – wie die Tochter – – die Mutter.« – »Wie? Was meinst du damit?« Da trat sie einen Schritt näher und sah ihm tief in die Augen: »Hast du vergessen? So ganz vergessen? Freilich, viele Jahre sind's: da war in Schwabenland am Neckar ein Mädchen erwachsen – ach nein, ein Kind kaum aufgeknospt! – dreizehn Jahre alt. Und da kam ein Gewaltiger und sah das Kind und er fand Wohlgefallen an dem Kind. Und er wollte, er ›mußte‹ die Kleine haben. Und die Eltern, hochgeehrt und hochbeglückt, sagten freudig Ja. Und sie – die Kleine?« – Da traten Tränen in die hellen Augen: »Wie hätte sie nicht Ja sagen sollen? Ihn nicht lieb haben, nicht den Gewaltigen anbeten in ihrem kindlichen Herzen? So ward sie seine Braut. Das war vor Weihnachten, in drei kurzen Monaten, zu Ostern, sollte die Hochzeit sein. Aber ...:« sie stockte, sie errötete über und über, griff nach der Lehne des Stuhles, endlich fuhr sie fort: »Aber der Wilde, Ungeduldige, Heißbegehrende, – er konnte, wollte nicht einmal so kurze Zeit warten, nicht warten, bis dieser Ehering ... Und sie? Ach, er ruhte nicht, bis ihm das Kind den Willen tat. In dem Schloß der Eltern ging's nicht an: da ... da ging sie heimlich zu ihm. Nicht einmal – o nein, wochenlang! Der Schnee fiel damals wie heute, wann sie sich nachts zu ihm in das Tannicht stahl, in die Jagdhütte. Und oh – es blieb nicht beim Kuß ...« – Da brach sie aufschluchzend ab und verbarg die Augen in den Händen. »Hildigard! Vorwurf nach so vielen Jahren!« Gleich richtete sie sich wieder auf: »Vorwurf? Nein! Aber trifft mein Kind, mein unschuldig reines Kind um ach! so viel geringere Schuld so schwere Strafe, so muß ich sie teilen. Ehrlos wär' ich sonst. Leb wohl, mein Karl!« Da stürmte er auf sie zu, schloß sie inbrünstig in die Arme, küßte ihre Stirne, Augen und Mund und rief: »Hildigard, geliebtes Weib! Vergib! Vergib für damals und für heut'. Ich mach' es gut. Nimm, bitte, nimm den Ring zurück, – den Ring, der all mein Glück! Und eile zu ihr. Ich gehe zu ihm. Morgen, morgen soll die Hochzeit sein!« IV. Herrn Karls Recht Frau Klara von Hase   freundschaftlich zugeeignet   I. Hoch, herrlich und freudig hielt Herr Karl, der Kaiser, Hof in seiner Pfalz zu Aachen. Ja, auch freudig, trotz der großen Aufgaben, die von allen Himmelstrichen her auf sein Haupt gehäuft – oder von ihm selbst herangezogen – wurden: denn Herr Karl war größer als sie alle. Und seine all' überwindende Lebenskraft und Lebensfreudigkeit brach durch jene Lasten immer wieder wie Springquell durch Schutt und Geröll: beim hallenden Horn der Jagd zumal vergaß er rasch und völlig die Sorgen der Herrschaft: er liebte das edle Weidwerk. So hatte er denn auch an einem Frühtag des von ihm so benannten »Winnemanoth« – des Mais – »den ganzen Palast,« Männlein und Weiblein, Laien und Geistliche, Palastgesinde und Palastgäste geboten und geladen zu einem großen Jagen auf all' das zahlreiche und mannigfaltige Wild, das sich damals noch in den Wäldern, Sümpfen und Heiden östlich von Aachen gegen den Rhein hin barg. Sieghaft hatte die Morgensonne bald nach ihrem Aufstieg die silbergrauen Nebel des Flußgeländes durchbrochen: trillernd grüßten sie, immer höher steigend, die Lerchen. Schon lange hatte in dem von hohen Mauern und geschlossenen Toren rings umhegten Palasthof die große Menge der geladenen Jagdgäste sich geschart: die edeln Rosse stampften und scharrten, ungeduldig des Aufbruchs, die klugen, »Wild gehrenden« Hunde jeder Art, von den mächtigen »Bären-Stellern« zu den schlanken »Hirschjägern« und den schwimmkundigen »Bieberern« und »Otterern« gaben hell Geläut und zerrten die jungen Meutewärter vorwärts gegen die Tore hin. Zahlreich saßen schon im Sattel die Großen des Palastes, Kronvassen, Grafen: aber auch gar mancher Bischof, mancher Abt, den von dem kanonischen Jagdverbot ein höherer Amtsbruder entbunden hatte: oder wohl auch die eigene fröhliche Weidlust. Diener, Jäger jeder Jugend, jedes Alters füllten den Hof; zumal auch die Falkner, auf silberner, aber mit weichem Wolltuch überzogener Stange die noch gekappten edeln Jagdvögel tragend, den Wanderfalk von Island oder den scharfen Blaufuß von dem flandrischen Falkenwert: schrill gellte der den Kampfruf hervor. Plötzlich schmetterten in das Wiehern und Scharren der Rosse, das Gebell der Rüden, das Schwatzen und Lachen der Jäger hinein zwei hallende Hornstöße von der obersten Stufe, der Balustrade der Porphyrtreppe des Hauptgebäudes: auf flogen von innen die Flügel der Doppeltür: über die Schwelle trat eine gewaltige Heldengestalt, um Hauptes Länge alle überragend: Herr Karl. Freundlich grüßend schritt er die Stufen hinab: da verstummte alles, auch der Hengste Gewieher und der Rüden Gebell. Hinter ihm drein wogte aus dem Innern des Palastes eine blendende Fülle von jugendlicher Schönheit: Herrn Karls wunderherrliche Töchter, die schönsten Mädchen – so rühmte man – in seinem weiten Reich, gefolgt von ganzen Scharen edler Jungfrauen, die auch – denn die Herrinnen hatten ja keinen Vergleich zu scheuen – aus den hübschesten Adelstöchtern am Hofe gekoren wurden: so huldreich wie vornehm dankten sie den jungen Palatinen, die ihnen, die Stalldiener zurückdrängend, eifrig die Hände unter die Sohlen hielten und ihnen so auf den Rücken der Pferde halfen, welche sie, wie Männer reitend, kräftig mit den Schenkeln umspannten. Herr Karl aber schwang sich ohne Hilfe auf den starken friesischen Eisenschimmel, der ihn mit freudigem Wiehern begrüßte, hob die Rechte, rief laut schallend »Hallhà, Hallhà!«, das Tor des Palastes drehte sich in seinen schweren Angeln und hinaus ins Freie brauste der laute, farbenprächtige, der freudige Zug.   II. Nicht als Jäger, nur als Begleiter des Jagdzugs hatten sich angeschlossen zwei Geistliche, welche die eigne Gewandung und die Ehrerbietung des Gefolges als hohe Kirchenfürsten erkennen ließen. Nur den Anfang des Rittes machten sie mit auf ihren Maultieren: als die Sonne höher stieg, bogen sie im Eingang des Waldes links ab zur Seite in einen schattigen Talgrund, wo an dem Ufer eines silberhellen Baches die achteckigen Zelte von buntgestreiftem Linnen aufgeschlagen waren: hier sollte nach vollendetem Weidgang das Jagdmahl die Zurückkehrenden erwarten. Der eine, der Dunkelhaarige, Schlanke, ließ sich von den Reitdienern aus dem Sattel helfen, der Blonde, Breitbrustige wies die diensteifrigen Hände zurück und schwang sich, trotz seines reifen Alters und der weißen Haare, leicht auf die Erde: »Nein,« lachte er, »alleweile reicht's noch vom Eselsrücken herab: vor kurzem war's auch vom Kampfhengst herunter nicht zu hoch. – Kommt nun, ehrwürdiger Bruder, – dorthin, in das zweite Zelt. In dem wollen wir die Rückkehr des Herrn Kaisers abwarten. Einstweilen kann ich Euch, Bruder Theodulf, gar manches, nach dem Ihr fragtet, beantworten, – vertraulicher hier, als in dem Palast, wo zehn horchen, wann einer spricht, – So, herein in das Zelt! Da ist ein Faltestuhl für Euch – ich, alter Jäger, sitze lieber auf des Herrgotts grünem Waldmoos.« Damit ließ er sich auf den weichen Rasen niedergleiten. »Nun, ihr Akoluthen, geht nur. Macht, daß ihr hinauskommt. Und draußen, – nicht horchen! Ihr hört durch die Wände, aber ich sehe durch sie.« Als nun die Bischöfe allein waren, rief der ältere mit herzgewinnender Stimme, während die frischen blauen Augen freundlich auf den Genossen leuchteten: »Willikumm, Herr Theodulf! Mögt Ihr alles hier am Hofe finden, was Ihr sucht.« Der Begrüßte, dessen dunkle Farben, feingeschnittene Züge und zierliche Gliedmaßen Beimischung romanischen Blutes bezeugten, antwortete der bajuvarischen Ansprache auf Lateinisch: »O Herr Arno, schon hab' ich unsagbar mehr hier gefunden als ich gesucht. Ich bin geblendet von all' dem Glanze des Palastes. Aber am meisten doch ...« – »Von ihm , von Herrn Karl! Ja, den muß man erst gewöhnen,« nickte Bischof Arno. – »Aber wie kommt's, daß Ihr erst jetzt den Hof aufsucht, doch lange schon dem Kaiser wert?« – »Ich fand viel Arbeit vor in meinem Bistum Orleans: geistliche und – weltliche! Diese hat mir des Kaisers eigner Sohn, Herr Ludwig, gar leidig gemehrt.« – »Da steht Ihr nicht allein,« lachte der Bischof. »Aber neben der vorgefundenen und aufgedrängten Arbeit macht Ihr Euch selbst viel andere – im Dienst der Musen: man rühmt Euch den ersten ›Poeta‹ der Zeit.« Der Belobte winkte ab mit der kleinen, feinen Hand und lächelte: »Und wär' es wahr, – so wär's recht wenig. Was sind wir alle, selbst Abt Angilbert, gegen Vergil!« – »Das laßt nur nicht Freund Alkuin hören,« lachte der Bajuvare. »Der ist mir fast allzu fromm geworden, er bereut all' die Zeit, die er auf diese sündigen Heiden gewendet.« – »Nun, ich bereue sie nicht. – Es mag in meinem halb römischen Blute liegen.« – »Ihr seid doch Gote?« – »Ja, von der Schwertseite! Aber ... eine alte Sage unsres Hauses nennt flüsternd meinen Ahn Roderich, den letzten Gotenkönig, und meine Ahnfrau Domina Cava, die schöne Römerin.« – »Oh ich weiß! Man singt noch manch Lied von dieser heißen Liebe. Sie war so heiß, sie konnte die geistliche Segnung gar nicht abwarten. Der junge Gotenkönig pflückte sie gar rasch, die schönste Blüte von Toledo.« – »Mag sein: 's war Sünde, schwere Sünde! Vielleicht aber rührt daher des späten Enkels Freude an, – wie sag' ich nur? – am Glanz des Schönen!« – »Hm,« lächelte Herr Arno, »die Freude daran hätten andere Leute wohl auch. Aber Ihr könnt dieses Teufelszeug, das man schön nennt, nicht nur genießen, – auch selbst schaffen.« – »Ach, schlecht! – Aber mich daran berauschen, – ja! Ein fruchtreiches Tal, lachend im Sonnenschein, ein Heiligenbild auf Goldgrund am Rand einer Handschrift; der Bau Herrn Karls – und Einharts! – an der Marienkapelle dort neben dem Palast, der Klang der römischen Orgel darin: – sie entzücken mich. Aber auch – wovon ich anhob! – der Glanz, die Lebenspracht an diesem Hof! Wie sie da aufbrachen zur Jagd, die Mädchen, die Männer, Herrn Karls herrliche Töchter, ihre Jungfrauen, die Palatine, ihre Tracht, die prachtvollen Rosse, die ...« – »Ja, ja,« schmunzelte der Bayer, »'s ist schön. ›Argschön‹ sagt man bei uns an der Salzach. Manchmal zu schön, murren manche Leute.« – »Kann etwas auf Erden auch zu schön sein?« – »Ei, das kommt darauf an. Ich kann viel davon vertragen, – andre nicht. Da ist König Ludwig ...« – »So? Nun im Vertrauen: gerade gegen den zu klagen und wie er waltet in seinem Aquitaine«, – deshalb kam ich her. Wir haben Güter dort: er sollte doch einsehen, daß Thron und Reich beruhen auf den kleinen Freien, die sein weiser Vater schützt: er aber unterdrückt unsere Freibauern, verschenkt sie als Eigene an ...« – »An seine Schmeichler und Aussauger. Auch hier am Hof: da ist der Abt Castinus ..., nun, findet sie selbst heraus. Ich mag sie nicht angeben. Aber König Ludwig und seinen Nächsten, rat' ich, deckt sie nicht auf, Eure Freude an dem ›Schönen‹, wie Ihr sagt, an sündiger Weltlust, wie jene schelten. Und leider! muß man zugeben: an diesem Hof geht's manchmal allzu – nun, man darf schon sagen: allzu lustig zu. Habt Ihr schön Rothtrud gesehen, des Kaisers älteste Tochter, auf ihrem Rappen und an ihrer Seite den Grafen Rorich von Maine?« – »Ja! Welch prächtig Reiterpaar!« – »Und auch sonst ein Paar! – Und Bertha, die blonde, üppige, des Vaters stolzes Ebenbild?« Theodulf nickte freudig: »Und an ihrer Linken Abt Angilbert von Saint Riquier. Sie sprach so geheim zu ihm von Sattel zu Sattel, als wollte sie ihm beichten!« – »Nicht nötig!« lachte Herr Arno. »Er kennt ihre süßesten – nein, wohl ihre einzigen – Sünden: er hat sie mitgesündet.« – »Ei, ei! – Und was sagt der Herr Kaiser hierzu?« – »Nichts sagt er! Verheiraten will er seine schönen Töchter nicht und sie hergeben, weil er – wie Ihr, Herr Poeta! – sich gern an ihrem Glanze sonnt. Und die Wahrheit ist: es fehlt seit dem Tode von Frau Hildigard, – des einzigen Weibes, das er wahrhaft geliebt! – den Mädchen die Mutter, dem Palast die Zucht der Hausfrau. So treiben es denn Pfalzfräulein und Palatine so, – nun so unbefangen, daß die heilige Mutter Kirche ihre beiden sonst so scharfen Augen zudrücken muß: denn mit ihrem größten, aber etwas eigenwilligen Sohne darf sie's nicht verderben. Ich, ich sag' ihm wohl zuweilen die Wahrheit, aber mit mehr Zorn als Erfolg. So läßt er's am Hofe gehen wie es geht. Und es geht recht lustig! Denn dem Beispiel der Töchter – Herr Karl sieht an ihnen nur die Schönheit! – folgen gar viele ihrer Edelmädchen. So daß König Ludwig – der ist nun wieder allzufreudenfeindlich! – ein Kapitular durchsetzte beim Kaiser, ...« – »Ah, ich weiß: ›über die Zucht im Palaste‹.« »... Wonach ein Palastfräulein, das, unverlobt, geheimen Verkehrs überführt wird mit einem Geliebten, auf Lebenszeit ins Kloster wandert, dem all ihr Gut verfällt, wie der Buhle vermöncht wird. Da ging laut Wehklagen durch unsre Palast-Täublein! Gar manches Kloster aber freut sich vielmehr der holden Sünderinnen als der Unsträflichen und segnet das Kapitular und Herrn Ludwig.« Bischof Theodulf zuckte die Achseln. »Ja freilich, Poesie und Unzucht sind zweierlei. – Aber sagt, ist es wahr, daß König Ludwig von seinem Vater verlangt hat, der solle die alten Sagen ins Feuer werfen, die er sorgfältig hat aufzeichnen und sammeln lassen?« – »Ja, verlangt hat er's einmal. Aber er tut's gewiß nicht wieder! Herrn Karls Zorn zweimal reizen, – das wagt nicht der eigne Sohn. Und ohnehin ist wenig Liebe lebendig zwischen Vater und Sohn: allzugroß und stark ist jener, allzuklein und schwach dieser. Er hat kein Mark. Er läßt sich leiten, ohne Leitung kann er nicht einen Schritt gehen. Ein Glück, daß der Himmel Herrn Karl zwei andere Ehe-Söhne gegeben hat ...« – »Den gleichnamigen, Karl, den tapfern, und Pippin, den klugen Feldherrn,« nickte Theodulf. – »Wehe dem Reiche, stürben sie vor dem Kaiser.« – »So schwer wird uns der Herr nicht strafen! Ich kenne den Sohn Karl gut: er pflegte im Herbst bei uns an der milden Loire der Wunden, die er im Sommer bei seinem Sieg über eine Slavenhorde in Böhmen davongetragen: Eure Nachbarn sind's, Herr Bajuvare: die Tschechen.« – »Verschlage sie der Donner; die Viehdiebe, die stumpfnasigen!« rief Herr Arno zornig. Dann bekreuzte er sich und sprach: »Heiliger Hrudpert, bitt' für mich! – Verzeiht auch Ihr mir Sünde und Ärgernis, Herr Amtsbruder!« – Aber der lachte und fuhr fort: »Der Wunde hatte bei sich einen jungen Helden, den liebte und lobte er gar sehr.« – »Ja, ja,« nickte der Bischof von Salzburg, »den Grafen Heertrost von Verdun!« – »Ein junger Adler! Der war auch getroffen worden von einer Wurfkeule jener Räuber, als er den Kaisersohn mit seinem Leibe deckte und ihm den schwankenden Sieg erkämpfen half. Herzlich dankte ihm der junge Karl und er liebt ihn wie einen Bruder.« – »Wohl wärmer als – Herrn Ludwig! Ist auch leichter.« – »Und reich dankte dem Helden der Vater, gab ihm in jungen Jahren – gleich nach jenem Sieg – die Grafschaft und die Feste von Verdun! Ich meine, ich sah ihn unter den Jägern?« – »Ja, neben einer vielschönen Jungfrau ... Aber horch! Vom Rhein her tönen die Hörner! Die Weidgäste kommen zurück. Wenigstens die Frühesten! Auf, ihnen entgegen!«   III. Während, wie Bischof Arno richtig erkannte, die meisten Jägerinnen und Jäger die Zelte aufsuchten, fehlten doch gar manche, die Jagdeifer oder Verirrung vom gebahnten Wege noch fern hielten. Zu diesen zählte wohl auch ein junges Paar, das sich mit ganz erstaunlichem Fleiße der edeln Falkonierung hingegeben hatte. Gar bald, nachdem man sich den Altwässern des Rheines genähert hatte, in denen Reiher und andere Stelzer und Wasservögel in Menge fischten, hatte ein gar stattlicher junger Palatin, den Fürstin Bertha mit schalkhaftem Lächeln eine ihrer Pfalzjungfrauen »zu behüten« beauftragt hatte, dem Falkenträger den Jagdvogel abgenommen und ihn wie alle Begleiter an die Zelte zurückgeschickt. Der Weg an die besten Reiherstände führte in das dichteste Ufergebüsch, wo Erlen und Weiden in undurchdringbares Schilf übergingen, zuweilen auf der Landseite überragt von uralten Eichen. Eine gute Strecke vom verschwindenden Pfad ab rheinwärts trabten noch der weiße Zelter der Jungfrau und das Braunroß des Reiters: nun waren beide ganz von Busch und Baum umhegt: nichts regte sich: nur aus dem Uferschilf klang herüber der melodische Ruf des scheuen Rohrsängers. – Da hielt der Reiter beide Pferde an und nach einem langen, vorsichtig spähenden Blick nach rückwärts sprang er ab, setzte den bekappten Falken auf das Moos, warf seinen dunkelgrünen Jägermantel über ihn und eilte stürmisch zurück an die Seite des weißen Paßgängers: hier ließ er sich auf ein Knie nieder und hob beide Arme zu der Reiterin empor, die sich anmutig, aber sehr scheu, zu ihm niederneigte, daß die Wellen des blonden Haares aus dem blauen Seidenband ihrer Stirn zu ihm herabfluteten. »Endlich!« flüsterte er hinauf. »Endlich allein, Milta! Nun laß uns – einmal! – zum Abschluß kommen. Wie lang ersehn' ich diesen Augenblick! Die Merker, die Späher im Palast sind ja überall. Noch immer harr' ich auf dein letztes, dein bindendes Wort, Deinen Muntwalt hoff' ich zu gewinnen: freilich wann? Siech liegt der Alte im fernen Bordeaux. Aber was kümmern und was helfen mich alle Muntwalte des Frankenreiches! Dein Ja, dich muß ich gewinnen! Und so bitte ich dich und frag' ich dich, Milta: ... ich darf ja wohl hoffen, du bist mir – ein klein wenig! – gut. Aber ist es dir todesernst wie mir? Was auch kommen, hemmen, drohen mag, willst du dich mir verloben? Jetzt – in dieser Stunde – im Angesicht von Gottes heller Sonne? Bist du meine Braut vor Gott von Stund an? Soll's auch dein Muntwalt hören? O sprich, sprich! Laß mich nicht qualvoll harren! Die Stunde drängt: wir müssen zurück! O sprich!« Und er sprang auf und schlang die beiden Arme um den schlanken Leib. – Da beugte sich das schöne Mädchen noch tiefer herab und drückte leise, ganz leise einen Kuß auf seine Stirn: »Ja,« flüsterte sie, »Heertrost, mein Trautgesell, dein bin ich, dir anverlobt vor Gott und seiner Sonne.« – Nun bog er ihr Haupt herab und küßte sie dreimal auf den Mund: »Verlobt und verbunden für immerdar,« sprach er feierlich. »Horch! Was war das?« rief sie, erschrocken sich aufrichtend. »Dort – bei der Eiche ... der Donarseiche – nein, Sankt Hubertuseiche muß man jetzt sagen.« – »Jawohl, ein Fußtritt ... es knackt in den Zweigen,« sprach Heertrost scharf hinblickend. »Aber es war nur ein Hirsch ... ein weißer, sieh ... da bricht er flüchtig durch die Weiden,« – »Nun komm, rasch zurück,« mahnte Milta. »Noch dürfen sie nichts merken, bis du meinen Muntwalt ...« – »Wohl! Aber wann, wo seh' ich dich wieder? Und allein?« Einen Augenblick sann sie nach: dann sprach sie: »Ja, manches ist noch zu bereden: du mußt zu meinem Muntwalt eilen, mußt ihm einen Brief meines Vaters geben: – ich hab' in der Truhe im Palast einen Brief, darin er – kurz vor seinem Tod – meinen Ehebund mit dir ihm empfahl. Deshalb – den Brief muß ich dir geben, – muß es ... für einmal! ... heimlich sein. Dann nie wieder!« – »Schon recht! Aber wann, wann?« – »Nächsten Sonntag Nacht hab' ich in dem Saal vor dem Schlafgemach der Fürstin Bertha die Nachtruhe ...« – »Nun, aber die Fürstin?« – Da lächelte die Jungfrau und errötete ein wenig: »Sie wird uns in jener Nacht erst ganz spät stören. Sie ... sie betet dann in Abt Angilberts Kapelle.« – »Gott geb' ihr lange Andacht!« lächelte Heertrost. »Noch einen Kuß! Nun komm, Herr Falke: leicht war heut' dein Beizwerk.« Und er hob den Mantel, warf ihn über die Schultern, setzte den Vogel mit dessen »Händen« auf die rechte Faust, sprang in den Sattel und eilfertig sprengten beide auf dem kaum wahrnehmbaren Pfad durch das Weidengebüsch auf die Jagdstraße zurück. Alles war still an dem Ort des glücklichen Verlöbnisses: der Rohrsänger sang noch immer fort: und jetzt freute sich hoch in den Lüften auch eine trillernde Lerche der Sache. Auch einsam schien es hier. Aber es schien nur so. Nachdem der Hufschlag der beiden Pferde verklungen war, trat hinter dem breiten Stamm der Eiche ein Mann hervor: der nickte leise vor sich hin mit dem Haupt. Dann folgte er langsam den eilenden Rossen.   IV. Nachdem das Weidmahl in den Zelten beendet war, setzte sich der ganze Zug der Reiter und Fußgänger wieder in Bewegung und kehrte nach Aachen in das Palatium zurück. Offenbar absichtlich verlangsamte den Schritt seines reichgeschirrten, mit Purpurquasten am Kopfe geschmückten Maultieres ein höherer Geistlicher, den seine Ordenstracht als Abt eines Benediktiner-Klosters, das glänzende Schwarz der Augen aber und des Haares, sowie die olivenbraune Hautfarbe als Romanen aus Südgallien erkennen ließen. Seinen Rittgenossen, der auf mächtigem Rapphengst rascher vorwärts drängte, haschte er jetzt mit der Rechten an dem braunen Jägermantel und bedeutete ihm mit kaum merklich gehobenem Finger, die nächsten Berittenen vorüber und voraus zu lassen. Bald zählten sie so zu den letzten des Zuges, der nun aus dem Jagdwald hervor auf die alte, noch gut erhaltene Römerstraße von Düren nach Aachen gelangte. Der Abt sah vorsichtig zurück: dann begann er: »Hier kann niemand horchen, wie in der Pfalz. Und Geheimnis ist notwendig, soll's gelingen. Freund Wintrio aus Schwabenland, getreuer und eisenfester Schirmvogt nicht meines Klosters, nein, Sankt Severins selbst ...« Bei diesem Namen schlug der waffenklirrende, hünenhafte Reiter ein ungefüges Kreuz über den breiten Ringpanzer der Brust und sprach andächtig: »Der möge mir im Jenseit vergelten, was ich alles diesseit des Grabes für ihn getan – 's ist recht viel! – und noch tun werde mit Schwert und Speer, gibt er mir recht langes Leben. Amen.« – »Das wird er sicher tun: die Heiligen sind weder vergeßlich noch undankbar.« – »Dafür sind's Heilige,« brummte der Riese in seinen breiten, rotbraunen Bart. »Wäre auch ganz abscheulich – gar nicht heilig! – von ihnen, wollten sie – beispielshalber! – vergessen, wie ich die frechen Seeräuber, die Araber, aus Sankt Severins Weingärten an der Garonne vorigen Herbst vertrieb. Noch schmerzt der Pfeilschuß – mit heidnischem Widerhaken! – in der Hüfte.« – »Die Wunde wird Euch reich vergolten, – noch im Diesseits.« – »Ist mir auch lieber. Denn was ich drüben eigentlich verlangen soll, – unter all den Seraphen und dem Harfenzupfen – das ist mir wie ein Nebel auf dem Bodensee.« – »Man wird das für Euch wählen.« – »So? Wenn's mir dann nur taugt!« – »Aber nun merkt auf! Was ich Euch neulich zuraunte als Vermutung, – heute ward mir's gewiß. Die beiden – sie lieben sich, in sündiger weltlicher Liebe.« – »Hm, kann's ihnen nicht verdenken, allen beiden. Der Bub' ist frisch und das Maidle, – na, ich wär' ihm auch nicht feind, Herr Abt Castinus.« – »Mag Euch Sankt Severin solch' sündige Wallung vergeben! Was kümmert seinen Klostervogt ein hübsches Lärvlein? Wollt Ihr die reichen Güter dieser Damicella dem Heiligen als Allod und – merkt fein auf! – Euch selbst als Vogteigut gewinnen? Wollt Ihr? Oder soll der Bräutigam all' das unter ihrem Kopfkissen finden am Morgen nach der Hochzeit?« – »Ist mir schon lieber, der Heilige und ich teilen uns darein. Sind prachtvolle Jagdwälder – kenne sie ja! – wimmeln von Rot- und Schwarz-Wild. Und der Wein auf den sonnigen Hügeln der Garonne – whiff!« Er schnalzte mit der Zunge und strich die bärtigen Lippen. – »Und obenein – hinterher auf Sankt Severins Fürbitte – die ewige Seligkeit.« – »Ja ..., aber die eilt nicht.« – »Nun, die Fürbitte könnt' Ihr brauchen, mein' ich, tapferer Vogt. Küssen sonder Ehering, jagen am heiligen Sonntag, saufen und fluchen an allen Tagen, ein bischen Totschlag aus Jähzorn ...« – »Hört auf!« bat der Starke gar kläglich. »Ich weiß das ja: alles! Und noch mehr!« – »Nun also! Helft, die beiden überführen: dann verfällt – nach dem neuen Kapitular – das ganze Erbe des schuldigen Pfalzfräuleins dem monasterium loci  ...« – »Was ist das für ein Ding?« – »Dem jenen Gütern nächst gelegenen Kloster.« – »Ah, und das sind wir: Vogt Wintrio, Abt Castinus und ...« fügte er ganz erschrocken bei ... »vor allem Sankt Severinus von Bordeaux.« – »Aber dazu müßt Ihr wachen und sie greifen auf handhafter Tat. Ich habe ja – leider! – jede Nacht Klausurzwang in dem Flügel der Priesterwohnungen des Palastes. Euer Hospitium aber – eine Fügung Gottes! – liegt gerade gegenüber den Schlafkammern der Fürstinnen und ihrer Pfalzjungfrauen. In einer der nächsten Nächte wird – ich glaube des sicher zu sein! – der Tauber einfliegen bei dem schmucken Täublein: er muß aber auch wieder zurück: dann stellt Ihr ihn mitten in dem Pfalzhof, mit Gerüste, so laut wie möglich. Und ich klage dann, gestützt auf Euer Zeugnis, vor dem Hofgericht.« Verdrießlich fuhr der Hüne mit den Knöcheln der Rechten quer über die breite Stirn und strich die aus dem Jagdhut hereinhängenden Haare zur Seite: »Oh je! Ein schlecht Geschäft für meines Vaters Sohn! Ich tauge besser zum Dreinschlagen als zum Auflauern. Auch bin ich schlafsam. Bleibt der Tauber lange beim Täublein, – leicht fallen mir darüber die schweren Augen zu.« Ungeduldig grollte der Abt: »Wollt Ihr die Weingüter verschlafen? Und die ewige Seligkeit dazu und Sankt Severins Gnade, dem Ihr sein Recht verschnarcht? Gut: Dann muß ich einen andern! ... Herr Karl ersetzt gar geschwind Vögte, deren Eifer einschläft.« – »Neina, nein! Seid doch nicht gleich so scharf wie Wespenstachel. Ich will's ja tun! Nur betet, daß mich der heilige Geist – oder auch sonst irgend jemand – wach erhält. Zumal Sankt Severin! Der kann doch auch mal was tun für sein Kloster. Ist doch nur ein ganz schwach Wunderlein für einen so starken Heiligen. – Aber nun: Trab! Sonst trinken sie uns das Beste vorweg vom Nacht-Trunk in der Pfalz. Trab!«   V. Am folgenden Morgen brach Herr Karl auf aus dem Palast und begab sich mit kleinem Gefolge nach ...? Ja, das wußte niemand zu Aachen. Er liebte es, gleich seinem Freund Harun Arraschid, plötzlich, überraschend, bald hier, bald dort in seinem Reich aufzutauchen und, sein eigener Königsbote, sich von den Zuständen in den Provinzen, von der Verwaltung zu unterrichten durch Augenschein. Auch nahm er gern fern von Aachen und dem Hof die Berichte seiner Sendboten aus entlegenen Marken entgegen, deren Anklagen dann den Ungewarnten auf dem Reichstag plötzlich vorzuhalten. So erfuhr auch diesmal niemand zu Aachen Ziel oder Dauer der Reise. Zu seiner Vertretung im Palast hatte er den einzigen anwesenden seiner drei Söhne bestellt, König Ludwig, der aus seinem Aquitanien herbeigerufen war, sich gegen mancherlei Anklagen seiner Untertanen zu verteidigen. Das Erste, was der Sohn nach dem Abritt des Vaters tat, war, daß er die für die nächsten Tage geplanten Feste absagte und seinen Schwestern mündlich empfahl, während der Abwesenheit des Kaisers sich still in ihren Gemächern zu halten, diese nur behufs geistlicher Übungen in den Kapellen des Palastes zu verlassen. Nach dieser Ansprache warf die stolze Rothtrud das reich flutende rotbraune Haar in den Nacken und blitzte ihn an mit zornigen Augen: »Mir hat Alexander Zacharias, der weise Arzt, befohlen, jeden Tag ein paar Stunden zu reiten: wohl zur Bändigung meines Blutes,« lachte sie: »Mein comes stabuli hat vom Vater den Auftrag, mich dabei treulich zu begleiten. Kommt rasch, Herr Graf von Maine! Die Gäule wiehern und scharren ungeduldig im Hof. Auf und davon, zu Roß und zu Feld! Wer will uns einholen? Ihr nicht, Herr Bruder!« Die hochbusige Bertha, des Vaters Ebenbild im blonden wellig rieselnden Haar sah dem Erzürnten, der die schmalen Lippen kniff und der ungestüm hinaus Rauschenden in ohnmächtiger Erbitterung nachschaute, spöttisch lächelnd in das fahle, schon so früh faltenreiche Gesicht, machte ihm eine zierliche Verbeugung und lächelte fein: »Gestrenger, beinah' heiliger Herr Bruder, König und Gebieter! Du weißt, dein Wunsch ist mir Befehl. Ich wollte nur Sonntags meine Andachts-Übungen mit dem ehrwürdigen Abt von St. Riquier betreiben: aber nun, gehorsam deiner Mahnung, will ich, solang der Vater fern, den frommen Abt jeden Abend in seiner Hauskapelle aufsuchen.« Und mit seltsam seligem Lächeln schlüpfte sie hinaus. Heftig fuhr Herr Ludwig auf und runzelte die Stirn: »Wartet nur,« raunte er heiser, »ihr kecken Katzen. Sobald er die Augen geschlossen, der Alte, der euch maßlos verzog, wandert ihr mir flugs ins Kloster. Alle! Aber der Alte ... sie sagen's alle: er ist ja viel jugendlicher als ich! Es dauert lange ... Wer weiß, wie lange noch? ...« Da erschrak er über seinen eigenen häßlichen Gedanken, schlug mit der Hand ein Kreuz über die schmale Brust und flüsterte: »Ach, das vierte Gebot! Sankte Martine! Vergiß, vergib. Ich schenke dir die drei Höfe der Krone zwischen Tours und Loire, die du jüngst im Traumgesicht von mir begehrt. Sie seien dein! Aber vergib, vergib!«   VI. Die Nacht des Sonntags war herangekommen. Der fast gefüllte Mond flutete durch leichtes Gewölk und verbreitete sein mildes Licht auf den geräumigen, rings ummauerten Hinterhof des Palastes. Eintönig goß der mächtige, in ein braunes Marmorbecken mündende Brunnen in der Mitte des weiten Vierecks, das auf drei Seiten gewölbte Bogengänge umgürteten: auf der vierten, der Südseite, ward die Hofmauer in der Mitte unterbrochen durch eine eiserne Gitterpforte, die in den stundenlangen parkähnlichen Garten führte, dessen hohe Baumwipfel, dichtes Niedergebüsch überragend, ihre Schatten über die Mauer bis auf das Hofpflaster warfen. Und mit dem Mondlicht und mit dem Wipfelschatten drang aus dem Garten auch herein das heiß werbende Lied der Nachtigallen: liebevoll schützte ihre Nester Herr Karl, scharf ahndete er die Nachstellung: »mein Pfalzfriede muß auch die Pfalzvöglein decken,« meinte er. Aber sonst war alles still: nur Bronnenrauschen und Nachtigallenlied. Denn es ging gegen Mitternacht: schon ziemlich lange war es, daß der Wart des »Uhrturms« elf Schläge getan mit dem Schlägel von Cedernholz auf ein kunstvoll getriebenes bauchiges Bronze-Becken arabischer Arbeit: – ein Geschenk Haruns »für den großen Sultan des Abendlandes«. Nach elf Uhr mußte gemäß Herrn Ludwigs neuestem Pfalzgebot alles Leben ruhen in diesen weiten Bauten: auch die meisten Öllämplein in den zahlreichen Gemächern erloschen: nur in den Kapellen glimmte fort »das ewige Licht«. So war es auch dunkel in der Kammer, wo Vogt Wintrio einsam Wache hielt: er hatte gar nicht Licht gemacht an dem schönen Mai-Abend: »Herr Mond,« hatte er zu sich gesprochen, als er bei Einbruch der vollen Dunkelheit sich hinter dem dicken Pfeiler des einzigen Fensters auf einen weichen, breiten Stuhl gleiten ließ, »Herr Mond zeigt mir deutlich genug den ganzen Hof und die Tür, die da drüben in den Bau der Edeljungfrauen führt. Und – ein Stockwerk über dem Erdgeschoß – ein gewisses schmales Fenster. Man braucht da drüben nicht zu merken, daß hier üben jemand so merksam wacht. Ja, ja: ›wachsamem Wächter hilft der Himmel‹, 's ist ein gut alt Wort.« So lobte er sich selbst, behaglich sich reckend. Dann griff er nach dem Silberhumpen, der neben dem Stuhl auf niederem Marmortischlein stand und schenkte ihn voll aus der hohen ehernen Amphora daneben: es war nicht das erste Mal! Verächtlich schob er zur Seite einen mächtigen irdenen Henkelkrug auf dem Estrich: »Brr! Eitel elend Quellwasser! Der übernüchterne Aquitanier trinkt nur »gemischt« und meint, schwäbische Männer sind auch so kastinisch und kasteilich. Wäre Schade um den köstlichen Tropfen, den dunkelroten, fast schwarzen. ›Von der Garonne!‹ ließ er bedeutungsvoll sagen durch den Akoluthen, der den Trank brachte. Er will mir die Rebgüter dort im Süden durch die Gaumenprobe empfehlen, mich zur Wachsamkeit zu mahnen. Nun, soll nicht dran fehlen! Zwar eigentlich,« gähnte er, »warum mein heiliger Abt wohl darauf besteht, ich soll den guten Buben erst bei seinem Rückgang abfangen? Es wäre doch viel heiliger, ich ließe ihn gar nicht erst hinein zu dem süßen Jungfräulein. Und dann brauchte ich nicht so widernatürlich lang wach zu bleiben. Denn ist er einmal drin, wird's ihm nicht eben eilen mit dem Scheiden. Ah, der beneidenswerte Schlingel.« Damit lehnte er das schwere Haupt zurück an die Lehne des Stuhls. Und abermals gähnte er: »Gähnen darfst du, Wintrio, Guter, soviel du willst. Aber nur nicht ... einschlafen. Bei Leibe nicht! Denn der Abt ... und die Weingärten ... und die Jagdwälder ... und die ewige Seligkeit! ... Ich bin ja auch ganz wach: das da ist mein Fenster ... und das da drüben ist ... Ich weiß noch alles ... nur nicht einschl...«   VII. Und der Mond stieg und stieg. Der Brunnen goß nach wie vor. Auch die Nachtigallen sangen noch: aber seltener. Da ward an dem Kammerfenster gegenüber dem Vogt eine schlanke Jünglingsgestalt sichtbar, die vorsichtig den ganzen Hof überblickte und sich dann rückwärts in das Gemach bog: »So muß ich wirklich schon fort? Wirklich? Du meinst, Fürstin Bertha kann jeden Augenblick zurückkommen? Daß die Pforte jetzt unten gesperrt ist? Bah, ich springe, Du meinst, wegen deines Muntwalts sei ja nun alles beredet? Ob ich auch deines Vaters Brief habe? Ja, hier im Gürtel. Nun sei alles in Ordnung? Nun ja, morgen reite ich ab nach Bordeaux, ach, zu langer Trennung. Und schon gehen? Kaum daß ich ein paar Küßlein ... Viele, meinst du? Ich hab' sie nicht gezählt. Ach Liebe heischt ganz Andres noch! Aber, ich gehe ja schon. Leb wohl, mein Lieb!« Ein Sausesprung von dem Fenster herab in den Hof: der Sprung war leicht, unhörbar: aber das Schwert! Klirrend fuhr dabei die schwere Klinge aus der Scheide und schlug hell tönend auf die Granitplatten des Pflasters. »Wehe!«, klagte das Mädchen, sich weit aus dem Fenster beugend, »hast du dich verletzt?« Aber statt der Antwort scholl da eine verschlafene Stimme aus dem Fenster gerade gegenüber: »Hei, hei, heio! Verfluchter Schlaf! Hineinschlüpfen sah ich ihn nicht – aber heraus! Und jetzt hab' ich ihn!« Und rascher als man dem Rundlichen zugetraut hätte, war er die wenigen Stufen hinab, zur Tür hinaus, schon stand er im Hof: »Halt! Halt Dieb! Diebio!« Damit lief er über das Viereck des Hofs dem Flüchtling nach, der, einen Augenblick niederknieend nach seinem Sprung, das Schwert aufgerafft hatte und nun eiligst der Gartentür zurannte: hier säumte er ganz kurz: dann riß er sie auf und war draußen verschwunden. Wohl war jetzt auch der Verfolger zur Stelle: mächtig riß er an der eisernen Türklinke: aber umsonst! Der Fliehende hatte flugs den Schlüssel von innen abgezogen und nun das Schloß von außen gesperrt. Voll Ingrimms rüttelnd an dem festen Eisen sah der Vogt, durch das Gitter spähend, einen Schatten in dem dichten Rainweidengebüsch draußen verschwinden. »Entwischt! Beim Bodensee! Aber ich sah ihn vor ihrem Fenster am Boden knieen und hörte sie zu ihm herunterrufen: ich kann's beschwören, Sankt Severin!«   VIII. Früh am andern Morgen stand der Vogt vor seinem Abt in dessen »cubiculum« und erstattete Bericht über seine nächtliche Wache und Verfolgung – mit mancher Verschweigung. Mit schlauem, ein wenig schuldbewußtem Augenblinzeln trachtete er über seine Verschlafenheit hinwegzugleiten: – mit wenig Erfolg! Der seelenkundige Priester – und in diesem Fall war gar nicht viel Beichterfahrung vonnöten! – der, lebhaft erregt, in dem schmalen Gemach auf und niederging, warf, so oft er den Erzähler kreuzte, einen ärgerlichen, mehr als mißtrauischen Blick auf ihn. Endlich sprach er, kopfschüttelnd, hart vor ihm stehen bleibend: »Ich verstehe bloß nicht, – oder nur allzugut! – weshalb Ihr den Verführer nur herausspringen, nicht auch hineinschlüpfen saht?« Aber auf diese Frage hatte sich der wackere Vogt vorbereitet, so lang er – wieder! – wach war: so antwortete er ganz geschwind und keck: »Das kam, weil ich über etwas sehr scharf nachdachte –: vermutlich gerade bei seinem Einschlüpfen.« – »Über was, wenn man fragen darf?« forschte Castinus mit einem spöttischen Zucken der Mundwinkel. – »Über die Tugenden eines guten Wächters. – Und übrigens – mit Verlaub! –, wenn ich beschwören kann, daß ich einen habe heraus kommen sehen, wird das hohe Gericht wohl annehmen müssen, daß vorher einer hinein gegangen war.« Das schien doch einleuchtend. Aber der Abt war nicht zufrieden: »Könnt Ihr – oder wollt Ihr! – also wirklich nicht beschwören, daß er – gerade der! – es war? Der Mond schien doch hell genug! Und dafür spricht, wie die Canones sagen, die »praesumtio «.« – »Die Frechheit – denn das heißt doch das lateinische Wort? – geht aber doch nicht so weit, daß ich einen Kerl, den ich nur im Rücken gesehen habe, im Gesicht soll erschaut haben. Ein Schwur ist kein Mausedreck – mit Achtung äbtlicher Würde zu sagen. Eitel schwören, – das tut meines Vaters Sohn nicht, heiliger Herr. Nicht für alle Rebgüter Galliens. – Obwohl jener Nachttrunk gar süffig war.« Der Abt machte Halt in seinem eifrigen Auf- und Niedergehen und sann nach. »Es wird reichen, sollt' ich meinen. Wenigstens vor Herrn Ludwig. Der ist mir gewogen: stets folgt er meinem Rat: (denn irgend eines Rat muß er nun einmal folgen!). Und er kann es nicht ausstehen, das weltliche Treiben seiner Schwestern und ihrer Pfalzfräulein. Dank den Heiligen, die Herrn Karl entführt haben – » a la buon' hora « sagt man bei uns an der Garonne. Aber Eile tut Not: das Pfalzgericht muß entschieden haben, bevor er zurück. Kommt sofort mit zu König Ludwig.«   IX. Noch bei klimmender Sonne – bevor sie die Mitte des Tages erstiegen – trat das Königsgericht zusammen. Seine Dingstätte war der andre, dem Pfalzgarten entgegengesetzte, der nördliche Hof des Palastes, der, erheblich größer, ebenfalls viereckig, wie der ganze umfangreiche Pfalzbau, von Mauern umhegt, durch sein Tor auf die große Hauptstraße in das Städtlein führte, das größtenteils aus zu dem Palast gehörigen Gebäuden, aus nur wenigen Privathäusern von Kaufleuten und unsteten Handwerkern bestand. Zehn Stufen aus prachtvollem dalmatinischen Marmor führten zu der breiten Balustrade hinan, die sich vor den drei Eingangstüren des Hauptgebäudes von Osten nach Westen zog, ausgiebigen Raum gewährend für den Richterstuhl des Herrschers in der Mitte, gerade vor dem breiten Haupttor, während auf beiden Seiten daneben vor den schmäleren Türen rechts und links die mit weichen kostbaren Hüllen bedeckten Holzbänke für die Urteilfinder aufgestellt waren. Zahlreiche geistliche und weltliche Große hatten sich schon eingefunden, zum Teil noch im Hof unten vor den Stufen hin und wieder wandelnd, zum Teil bereits ihre Plätze auf den Urteilbänken einnehmend oder suchend. Zu diesen zählten auch die Bischöfe von Salzburg und von Orleans. »Seht,« sprach jener, »gar rasch sollt Ihr selbst ein klein Gefecht erleben aus dem großen Kampf der widereinander flutenden Strömungen an diesem Hof: hier die allzuscharfe, mönchische Strenge und Herr Ludwig, – dort die allzuweltliche Lebensfreude und Herr Karl. Die Angeklagte – ist ein gar hold Geschöpf nicht wahr? Ich zeigte sie Euch auf dem Jagdritt. Und nicht leicht werd' ich Arges von ihr denken: ihr Vater, der wackere Seniskalk Audulf, war (neben Markgraf Roland, der bei Ronceval liegt) Herrn Karls liebster Held: man sagt, er habe dem Kaiser einmal das Leben gerettet dort in Sachsenland: das bleibt der Tochter unvergessen: denn der große Karl hat ein dankbares Herz! – Schlimm ist's für sie, daß nun Herr Ludwig ihr Richter.« – »Nun, aber nicht er hat das Urteil zu finden, nur das Ding zu hegen. Das Urteil fällen wir . Und hart müßt' es kommen, bis ich hinter diesen reinen Zügen Unreines verhohlen glaubte. Bei allen drei Grazien und neun Musen ... –« – »Das sind zwölf gute Eidhelferinnen,« lächelte Arno. – »Als Ihr sie mir – als die Schönste nach den Karlstöchtern – zeigtet auf ihrem weißen Rößlein, da hat sie noch viel wärmer als dem Bischof von Orleans dem Poeta Theodulf gefallen.« Der Salzburger schüttelte das ehrwürdige Haupt: »Mir ist bang um das Mädchen! Was Habgier leisten kann – mönchische: die ist ärger als laienhafte – das wird geleistet gegen sie. Ich kenn' ihn, den Abt von Sankt Severin, diesen echten Welschen. Wenig – Gott verzeih' mir's! – lieb' ich ihn. Wäre die Schlanke nicht so reich, – nichts kümmerte ihn ihr Wandel bei Tag oder Nacht. Aber kommt nun! Setzen wir uns! Da wogt schon die Stufen hinan das Gedräng der palatinischen Urteiler, Laien und Priester. Da seht: – dort aus der rechten Pforte des Palastes schreitet Herr Baltfried, im weißen Bart, der greise Pfalzgraf, die vorbereitete Urkunde in der Hand und das große Siegel; aus der Linken da drüben Hitherius, der Archikapellan, mit seinem Schreibervolk, das ihm die Urnen mit den Kapitularien trägt. Nur Herr Ludwig fehlt noch: – er kommt zu spät, wie immer und überall. Wann ist der je zu rechter Zeit gekommen!« – »Wo steckt er?« – »In der Pfalzkapelle.« – »Was treibt er dort? Er betet?« – »Ja, wie vor jedem Geschäft. Und das ist ja höchst wohlgetan. Aber dann rutscht er auf den Knieen alle Altarstufen ab und das ist – nun, aufhaltsam für die andern.« – »Aber wo sind Ankläger, Angeklagte, Zeugen, Fürsprech?« – »Wartet nur! – Seht Ihr da unten rechts und links vom Haupttor, – dem Ausgang auf die Heerstraße – die beiden schmalen Türme ...? Aber still! König Ludwig hat ausgekniet: er kommt.« Ein Trompetenstoß erklang aus dem Inneren des Palastes: alle Bänke der Urteiler füllten sich nun rasch, rechts die der Geistlichen, links die der Laien. Jetzt öffnete sich das Mitteltor: Ludwig erschien in königlicher Tracht, mit starkem Gefolge von Geistlichen und Palastbeamten. Er schritt aus dem weitgeöffneten Doppeltor der Mitte, begrüßte die Versammlung mit flüchtigem, unstätem Blick und bestieg den Richterstuhl seines Vaters gerade vor dem Portal – mit unsicherem Schritt. »Nur eine Sache,« begann er klangloser Stimme, – »aber eine dringende und arge! – hat heute das Pfalzgericht zu entscheiden. Die üppig aufwuchernde Zuchtlosigkeit hier am Hof hat – wie euch allen bekannt – strenge geistliche und weltliche Gesetze notwendig gemacht. Aber die drohende Strafe hat nicht abgeschreckt. Der Vater aller Sünde« – hier bekreuzte er sich und gar manche in der Versammlung folgten seinem Beispiel – »läßt nicht ab, die Seelen – was sag' ich? – das Blut, die Sinne der Jugend zu entzünden und zu verführen. Wohlan, schwer wie die Schuld, soll auch die Strafe sein.« Unwillig flüsterte Bischof Theodulf seinem Nachbar in das Ohr: »Ist die Angeklagte denn schon überwiesen oder geständig und verurteilt? Der Richter wird ja zum Ankläger!« – »Geduld, Freund! 's ist so seine Art. Er muß geleitet sein – von irgend jemand! – Jetzt leitet ihn Castinus!« »Führt den Ankläger, seinen Zeugen und die Angeklagte vor!« gebot der König. Je zwei Fronboten eilten rechts und links die Stufen der Palasttreppe hinab an die beiden Türmlein, erschlossen sie, führten die dort Harrenden heraus, die Marmorstiege herauf und wiesen dem Abt und dessen Vogt ihre Stellung zur Rechten, der tief verschleierten Milta zur Linken den Platz vor dem Richterstuhl an. »Klage, Kläger!« sprach der König. – Castinus trat einen Schritt vor, erhob die Rechte und sprach feierlich: »Ich klage.« – »Wer klagt?« fragte der Richter. – »Sankt Severin der Heilige, der da sitzet im Himmel zur Linken Gottes des Vaters neben den Heiligsten der Heiligen. Er klagt um sein eigen. Denn sein eigen ist das Kloster an der Garonnebrücke bei Bordeaux, sein eigen sind alle Rechte und Forderungen und Ansprüche des Klosters, dessen unwürdiger Vertreter ich bin, Castinus, des Castus Sohn aus Arcachon, kononisch gewählter Abt, aber nur durch der Heiligen Gnade, nicht kraft eigenen Verdienstes.« – »Was verlangt der Heilige durch dich?« – »Das ganze Erbe und Eigen, Grundgut und Fahrgut des Palastfräuleins der Fürstin Bertha, Milta, Tochter weiland Herrn Audulfs des Seniskalks. Und außerdem verlangt ich, daß die Sünderin auf Lebenszeit eingeschlossen werde in dem Sankt Severin nächsten Nonnenkloster, dem der heiligen Cäsaria von Arles zu Bordeaux, als dessen Vertreter ich bestellt bin von der Äbtissin Angelika kraft dieser Vollmachtsurkunde. Hier, nehmt.« – »Das Pfalzgericht kennt dich als Abt jenes Klosters. Und die Vollmacht ist – ich seh' es – richtig gesiegelt. – Aber auf welch' Gesetz berufst du dich?« – »Ihr kennt es gut, Herr König! Denn Ihr selbst, von frommen Priestern unterstützt, habt es auf dem widerstrebenden Reichstag zu Diedenhofen durchgekämpft.« – »Jawohl,« erläuterte leise Bischof Arno dem Goten, »gegen Herrn Karls Widerstand, bis er diesem gar arge Dinge vorgebracht.« – »Nach diesem Kapitular über die Zucht im Palast,« fuhr der Ankläger fort, »verfällt einer Palastjungfrau, deren Sündenschuld bewiesen ...« – Da richtete sich die Verschleierte hoch auf. – »Vermögen dem diesen Gütern nächst gelegenen Mönchskloster: – dies aber ist das Sankt Severins – und sie selbst wandert in das nächst gelegene Nonnenkloster, hier das der heiligen Cäsaria. Nun klage ich diese Milta dort, Audulfs Tochter, der Sündenschuld an.« – »Und ihren Buhlen?« forschte Ludwig. – »Würde ich anklagen mit gleicher Klage und gleicher Strafheischung: – meinem – will ich sagen: Sankt Severins – Kloster würde er samt seinem Gut verfallen –, könnt' ich ihn vor dem Gericht überführen: aber stark, wie meine Vermutungen, meine Verdachtsgründe sind, – fern sei's, für den Heiligen ohne zwingenden Beweis zu klagen.« – Erleichtert atmete das Mädchen hoch auf. – Ludwig bemerkte das: »Vielleicht,« hob er weicheren Tones an, »entdeckt ihn uns ein Geständnis der Angeklagten: das würde unser Verfahren abkürzen und« – sprach er nachdrucksam, – »die Strafe erheblich mildern. Sprecht, Milta, des wackeren Vaters unselig Kind, seid Ihr schuldig oder unschuldig, sündig oder rein?« Da schlug sie den Schleier zurück: auch die Männer, denen ihre Schönheit längst bekannt war, staunten über die Hoheit jungfräulicher Herrlichkeit, die jetzt ihre Züge verklärte: ein leiser Ausruf der Bewunderung hauchte durch die Reihen, als sie, die Linke auf den Busen legend, die Rechte hoch erhebend Herrn Ludwig fest in die Augen sah und mit lauter Stimme sprach: »Bei Gott, ich bin rein.« – »Das sieht jeder, der nicht blind,« meinte Bischof Theodulf zu dem Salzburger. Der aber hob sich vom Sitz und rief: »Herr König, gebt mir Urlaub zum Wort.« Unwillig wandte sich Ludwig ihm zu und nickte schweigend Willfährde. »Ich muß den Gang des Rechtes schelten, Herr Richter. Die Angeklagte ist uferfränkischen Stammes: so lebt sie nach uferfränkischem Recht. Dies Recht fordert, – und Euer Vater will's streng gewahrt wissen: Herrn Karls Recht ist sein Ruhm, noch mehr Herrn Karls Schwert! – daß ein Weib nicht ohne Fürsprech vor Gericht erscheinen darf. Nun ist der Muntwalt dieser Jungfrau – ja, Jungfrau , Herr Abt, spart Euer Hohnlachen bis zum Beweis der Schuld! – ihr Muntwalt ist der greise Bischof Benedictus von Bordeaux, der gelähmt auf dem Siechbett liegt seit lange: der Herr Kaiser, so mildherzig wie großherzig, hat längst beschlossen, ihr einen anderen Muntwalt zu bestellen: er sprach mir wiederholt davon. Doch ist's – meines Wissens – bis heute nicht geschehen. Wohlan: nicht soll die Unschuld Fürsprechs darben am Hof Herrn Karls. Und findet sich kein anderer, will ich selbst ...« Da zog Milta rasch aus dem Gürtel ein klein versiegelt Pergament: »Verzeiht, hochehrwürdiger, gütevoller Herr. Tief dank' ich Euch! – Doch schickte mir meine Herrin, Fürstin Bertha, heute früh in meine Haft dies Breve: ich soll es erst hier öffnen und verlesen, wann es meinen Fürsprech zu benennen gilt: sie selber, meine Gebieterin, wählt ihn – so ließ sie sagen – für mich.« – »Das ist ihr gutes Recht nach Pfalzgebrauch, da der Herr Kaiser fern,« sprach Bischof Arno und setzte sich. – »Öffnet denn und lest,« gebot Ludwig ungehalten. Milta erbrach das Siegel und las: »Mein gestrenger Herr Bruder! Dicht hinter deinem Richterstuhl hängt jener Glockenstrang, an dem jeder ziehen darf, bei Nacht wie Tag, der Recht sucht bei Herrn Karl. Das dankbare Volk raunt, sogar ein armer Wurm, eine Blindschleiche, deren Nest eine Giftkröte eingenommen, habe dereinst sich um diesen Glockenstrang geschlungen und ihn gezogen, während unser Vater gerade beim Nachtmahl den Becher zur Lippe hob: nicht trank er, bis er dem Blindwurm zu seinem Rechte verholfen und die giftige Kröte zertreten. Ich, des Kaisers Tochter, ziehe jetzt an diesem Strang und heische Recht, Herrn Karls Recht. Scheue den Vater, kehrt er heim.« Ludwig griff hastig mit der Rechten in die Armlehne seines Richterstuhls. Milta fuhr fort zu lesen: »Ich ernenne kraft meines Rechtes zu meiner Jungfrau Fürsprech ...« Da stockte sie, erbleichte und wankte. – »Nun, wen?« fragte Ludwig gespannt. – »Den ... den –« mit Lispeln nur und leise kam's heraus – »den Grafen Heertrost von Verdun.« – »Ah, das ist aber stark!« lachte ein lauter Mund: er war des Vogtes. – »Schamlos! Frech!« zischte der Abt. – »Je nun,« meinte der Vogt, immer noch lachend, »die Fürstin weiß ja nicht, wer's war.« – »Gewiß weiß sie's!« kam's giftig zurück. – »Nun, dann denkt sie, – und mit Recht! – den geht's am nächsten an.«   X. Noch hatte sich das Gesurre der halb verhaltenen Stimmen der Urteiler auf den Banken nicht gelegt, da begann im Hof am Fuße der Freitreppe, unter den jungem Männern, die, den Umstand bildend, zunächst nicht urteilten, lebhafte Bewegung: einer aus ihrer Mitte drängte die Stufen hinan. Widerwillig begann der König: »Ja, das ist ihr Recht – ihr bedenklich Pfalzrecht! – über ihre Mädchen. Wir wollen dafür sorgen, – nächstens! – daß es abgeschafft wird.« – »Aber noch gilt es!« rief Bischof Arno ungeduldig. – Unfreundlich streifte ihn Ludwigs Blick: »Wartet, hochwürdiger Herr, bis der Richter Euer Richtwort fragt. Also der Graf von Verdun! Er weilte am Hof noch gestern. Fronboten, geht und ladet ihn,« – »Nicht nötig!« rief da eine frische Stimme. »Hier steht er.« Und die letzten Stufen hinauf sprang aus jenem durcheinanderwogenden Knäuel eine hohe Jünglingsgestalt, vom Wirbel bis zur Sohle gewaffnet, ohne Mantel: kein Stück der nächtlichen Kleidung trug er: in nichts glich er jenem Flüchtling im Mondschein. Als er auf der obersten Stufe – gleich hoch mit Milta – erschien, flogen die Blicke unter Helm und Stirnbinde suchend einander zu: nur zwei Blicke: aber zuversichtlich hob jetzt das Mädchen das Haupt. »Eia, Herr Graf! Schon vor dem Gericht?« forschte der König mißtrauisch, »Wer hat Euch – vor uns! – hierher berufen?« – »Die Fürstin Bertha.« – »Könnt' mir's denken! Ihr übernehmt die Fürsprache?« – »Und alles, was sie bringt.« – »Nun, er hat alle Ursach',« meinte Herr Wintrio. »Wohlan,« – so wandte sich der Richter an den Abt – »Kläger, deine Klage haben wir gehört. Die Angeklagte dürfte nun durch Unschuldseid mit Eidhilfe sich reinigen: denn sie ist frei, und war – bisher! – unbescholten. Allein du hast mir gegenüber behauptet, sie sei auf frischer Tat gesehen und die Tat sei mit Gerüste verfolgt. Beharrst du darauf vor dem Gericht?« – »Jawohl!« – »Wer hat die Tat gesehen? Wer Gerüste erhoben? Du selbst?« – »Nein. Aber dieser freie, unbescholtene, Pfalzkundige Mann: Herr Wintrio, der Vogt meines Klosters.« Aller Augen wandten sich auf den, wie er auf den Ruf des Richters vor diesen trat: allerlei Urteile wurden laut: spöttische Zweifel an seiner Schlauheit, Anerkennung seiner Geradheit, Bewunderung seiner kriegerischen Manneskraft. – »Ja, ja,« meinte lobend auch Herr Theodulf, »bei der letzten Landung der arabischen Seeräuber – da, im Südwesten bei Narbonne, – hat er allein, obwohl pfeilwund, vier erschlagen, die sich auf ihn warfen.« – »Kenn' ihn. 's ist ein starker Schwab – vom Bodensee, aus Buchhorn im Linzgau: sind die Gröbsten. Und Stärksten. Möchte lieber mit dem großen Bergbären von Gastein – den wir immer noch nicht haben! – ringen als mit dem,« bestätigte der Salzburger. »So sprecht, Herr Vogt,« mahnte der König. »Aber bedenkt wohl, Ihr müßt jedes Wort vertreten: mit Eurem Eid oder ...« – »Mit meinem Schwert,« schloß der Hüne ruhig. »Schon all' recht. – Also: diese Nacht wachte ich: bei ... bei einem guten Trunk: aber: ich wachte! – an meinem Fenster, das auf den Gartenhof blickt. Es war heller Mondenschein. Da sprang ein Mann im Mantel aus dem Fenster dieses – sehr schönen – Kindes. Das heißt: den Sprung selbst sah ich nicht: aber er kniete im Hof vor ihrem Fenster und sie, sich weit herausbiegend, rief: ›Wehe, hast du dich verletzt?‹ Er raffte vom Boden etwas auf – wohl eine entglittene Waffe – und eilte auf die Gartenpforte zu. Ich folgte ihm auf der Ferse – mit dem Diebesgerüste –: denn ich dachte, er habe der Jungfrau was gestohlen ...« – Hier hielt er, verschmitzt lächelnd, inne.– »Elender!« rief Heertrost und griff ans Schwert. – Aber Wintrio fürchtete sich nicht und fuhr, immer noch lächelnd, fort: »Er war dünner und leichter, deshalb rascher als ich: so kam er vor mir an und durch das Gartengittertor, das er hinter sich verschloß.« – »Wer war's?« forschte Ludwig eifrig. – Herr Wintrio wiegte das breite Haupt auf den breiten Schultern hin und her: »Ja, wer war's? Ist leicht gefragt, schwer gesagt! Ich hab' ihn nicht von Angesicht gesehen. Und die Gestalt barg der Mantel. Ich hab' meine starke Vermutung. Aber, beim Bodensee, ich muß ja nachher schwören. Und ein Schwur ist ...« Hier traf ihn ein warnender Blick des Abtes. »Nun, kein Mummenscherz, wollen wir höfisch sagen. – Aber ich rief, ich schrie ›Diebio‹, die Leute liefen aus dem Palast in den Hof zusammen: so klag' ich auf Gerüste. Leugnet das schöne Geschöpflein das Gerüste?« – »Das kann die Angeklagte nicht: es ist pfalzkundig,« fiel der Richter zuvorkommend ein. »Ich hab' es selbst gehört in meinem Betgemach, ich wachte dort und las in Lactantius, da schlug das Geschrei an mein Ohr, viele Palatine liefen auf dem Hof zusammen. So ist sie durch Zeugnis dieses Unbescholtenen überführt und durch Gerüste und so ...« – »Ich bitt' um Urlaub des Wortes,« sprach Bischof Theodulf, sich erhebend. »Zeugnis auch wackeren Mannes mag niedergelegt werden durch – Kampf.« – »Jawohl,« rief Heertrost freudig, einen Schritt vortretend. »Und da der Jungfrau Muntwalt geistlich und siech, ist der Kampf des Fürsprechs Recht und Pflicht. Ich heische Kampfgericht.« »Komm nur an, du junges Hähnlein,« brummte Herr Wintrio und blies wie weiland Gott Donar in seinen breit wallenden roten Bart, »mit der nackten Hand zerdrück' ich dir die Gurgel.« Aber Castinus der Abt war nicht zufrieden mit diesem Gang der Sache. Er schien des Sieges des Hünen nicht so sicher wie dieser: so ließ er in der Eile alle Möglichkeiten einer anderen Wendung des Gerichtsverfahrens durch seine Gedanken ziehen, während Miltas Blicke angstvoll auf der schlanken, jugendlichen Gestalt des Geliebten verweilten. Der aber fuhr fort: »Dieser Jungfrau Reinheit ist bestritten von Wintrio, dem Vogt: ich aber, Heertrost, Graf von Verdun, des Herzogs Heerwart Sohn, ziehe ihre Reinheit an mein Schwert und heische – nochmal! – Kampfgericht.« – Unwillig sprach König Ludwig: »Wenig erfreut mich solcher Kampfgang. Er hat heidnischen Schmack: fromme Christen, wie Bischof Agobard von Lyon, lehren, das heißt Gott versuchen. Aber noch ist's nicht verboten in dem Reich der Franken. So frag' ich alle Urteiler des Pfalzgerichts: wie dünket euch um diesen Kampf, den der Fürsprech heischet?« Da erhoben sich alle von den Bänken und alle Laien und fast auch alle Geistliche sprachen feierlich: »Recht ist nach dem Recht der Franken, daß hier Kampf gekämpft werde.« – »Also im Namen Gottes und der Heiligen: – Kampf! Ihr Fronboten, entwappnet beide Kämpfer. Denn, ich glaube – wie ich euch beide kenne – Lohnkämpfer wollt ihr nicht mieten?« – »Nein!« riefen aus einem Mund die beiden Gegner, banden die Helme ab, reichten sie den Fronboten und halfen diesen bei dem Abschnallen der Brünnen und der Schwertgurte. Milta aber erbleichte. »Herr Hadamer, Herzog von Brakbant,« fuhr Ludwig fort, »Euch als Mariskalk übertrag' ich des Kampfes Hegung: besser als ich kennt Ihr solch blutig Werk.« – Da erhob sich von dem ersten Platz auf der vordersten Bank zur Linken eine mächtige Heldengestalt im eisengrauen Haar und Bart, klirrend in seinen Waffen, neigte sich dem König und sprach dann mit lauter Stimme, des dröhnenden Befehlworts in der Heerschar gewohnt: »So heg' ich das Kampfding. Herbei, ihr Wigwarte. Verteilt mir Sonne, Staub und Wind da unten im Hofe. Und reicht den beiden Kämpen zwei Frankenschwerte, gleich lang, gleich breit, gleich scharf: zwei Lindenschilde, gleich hoch, gleich breit, gleich dick: dort, in der Kammer der Kampfwaffen, – in dem Torturm – liegen sie bereit. Und meßt ihnen den Schrittraum ab da unten auf dem Pflaster des Hofes – ich werd' euch dabei helfen.« – Und er schritt die Stufen hinab. Da sprach der König: »Milta, Ihr habt den Kampf mit anzusehn. Es ist Euer Recht.« – Da erhob sie flehend beide Hände mit dem Schleier gegen den Richterstuhl: »Nein, nein! Sein Blut ... kein Blut soll fließen um meinetwillen. Ich will gern ins Kloster gehn und als mein Erbe soll ...« – »Wie?« rief da Heertrost in flammendem Zorn. »Und der Palast und alles Volk der Franken soll Euch für schuldig halten? Mißtraut Ihr meinem Arm? Nicht Ihr habt, ich, an Eures Muntwalts Statt, ich, Euer Fürsprech, habe zu wählen. Und ich wähle den Kampf.« Und hastig ergriff er den Knauf des scheidelosen Langschwerts, das ihm der Kampfwart reichte. – »Eilt's Euch so heiß, zu sterben?« sprach drüben der Riese, in aller Ruhe den starken Arm durch den Oberriemen des ihm dargebotnen Schildes zwängend. Nun maß der Mariskalk unten im Hofraum – gerade vor dem Richterstuhl oben – drei lange Schritte zur Rechten, drei zur Linken ab, stellte an beiden Enden je einen der Lanzenträger, der » satellites «, des Palastes, befahl ihnen, ihre Speere quer vor sich zu halten, weiteres Zurückweichen zu verwehren und rief: »Herbei zum Kampf vor Gott und seiner Sonne! Wer hinter diese Speere weicht, ist sieglos. Nun drauf, und Gott schütze das Recht!« Schon wandten sich die beiden Kämpfer der Freitreppe zu, hinabzusteigen, da rief der Abt ein schrilles »Halt!« das beide fesselte. »Herr Richter,« fuhr er fort, hoch die hagere Gestalt aufrichtend und dicht vor Ludwigs Stuhl tretend, »ich schelte nicht Euer Urteil auf Kampf: ich stimmte dafür, wie fast alle. Allein ich schelte die Kampf frage . Nicht wegen Jungfrauschaft oder Sündenfall dieses Mädchens hab' ich geklagt: was zwischen ihr und ihrem Gast geschehn in jener Mond- und Nachtigallen-Nacht –: (schwerlich freilich haben sie nur ihr Schlafgebet zusammen verrichten wollen!), das weiß die heilige Jungfrau, der Unkeuschheit Rächerin: nicht wir wissen darum, nicht ich, der Ankläger, nicht mein Zeuge – (– eher vielleicht der Herr Fürsprech! –). Aber das ist auch ganz gleichgültig! Denn was sagt das Kapitular, aus dem ich klage? Hört!« Er zog ein Pergamentblatt aus der Sutane. »Das nimmt er wohl mit ins Bett?« grollte Bischof Arno. Castinus aber las mit scharf betonender Stimme: »Capitulum sieben: wenn eine Pfalzjungfrau nächtlicherweile Besuch eines Mannes (ausgenommen die vor ihrem Muntwalt verlobte Braut den Bräutigam) ohne Zeugen in ihrem Gemach empfängt, dann soll sie« – und so weiter, wie gerichtbekannt. Das also, – der nächtliche Besuch ohne Zeugen – das allein ist der Rechtsgrund meiner Klage und das Erfordernis des Vergehens. Nicht um Verführung, nicht um Sündenfall handelt es sich, junger Herr Fürsprech: nur darum, ob ein Mann Nachts allein bei ihr war. Nun merkt wohl auf: wollt Ihr das leugnen? Wollt Ihr dagegen kämpfen?« Gewaltig war die Wirkung dieser Worte. Theodulf und Arno erschraken: ebenso die vielen Laien, die dem schönen Mädchen Neigung oder dem jungen Helden Freundschaft trugen: aber des Abtes Genossen winkten einander verständnisfreudig zu. Wintrio ließ den Schild fast ganz vom linken Arme gleiten: gleichmütig sprach er: »nun kommt's doch nicht zum Schädelspalten: denn so frech ist niemand, zu leugnen, was ich gesehn.« Milta war tief erschrocken: sie hüllte sich dicht in ihren Schleier: sie wankte: sie stützte sich auf die Marmorbrüstung der Balustrade. Aber durch Heertrosts Hirn und Herz flutete in diesen qualvollen Augenblicken ein wirrer Widerstreit, eine wilde Sturmflut von Gedanken und Gefühlen. Sein erster Antrieb war gewesen, allen Rechtsstreit aufzugeben, Milta zu ergreifen und mit ihr, Schwert in Faust, aus dem Hof sich durchzudrängen, durchzuschlagen: schon dachte er an sein rasches Roß im nahen Pferdestall, an das Davonjagen, Milta vorn im Sattel ... aber gleich ließ er den wahnsinnigen Einfall fahren: einer gegen ein paar hundert! Dann faßte ihn die Verzweiflung. Aber nein! Nein! Er konnte nicht der Geliebten entsagen, ihr jung blühend Leben dem Kloster preisgeben. Nun wollte er sich dem König zu Füßen werfen, alles gestehen, Miltas Reinheit nochmal beschwören, des Richters Gnade anflehn: heiß bewegt forschte er in Ludwigs Antlitz: aber da sah er in diese kalten seelenlosen Augen, mit dem mitleidbaren Ausdruck, sah in diese von Glaubenswahn verzerrten Züge: – ach, hier war Gnade nicht zu finden für jugendlich wallendes Blut, für Liebe, für Wagnis und Abenteuer! Jetzt ließ er die Blicke auf die Ankläger schweifen: er sah das überlegene siegbewußte Hohnlächeln des Abtes, er sah, er hörte das rohe, gröbsten Verdacht bekundende Lachen des Vogtes: – – da schoß ihm der feurige Zorn, der Mannestrotz blutheiß ins Gehirn, alles andre verglühend: nur eins konnte er noch fühlen, denken, wollen: niederschlagen muß ich diesen frechen Vogt.« »Wohlan, Herr König,« rief er, zitternd vor Zorn, »auch in dieser Wendung bestreite ich die Anklage. Ich kämpfe gegen sie. Kommt – lacht nicht! beim Strahl, das Lachen soll Euch vergehen. Kommt, Vogt Wintrio,« Und mit zwei Sätzen sprang er sausend die Stufen hinab auf den abgesteckten Kampfplatz. So hörte er nicht das leise Bitten Miltas unter ihrem Schleier hervor: »O Geliebter, halt! Halt ein! Du willst Gott versuchen! Du mußt ja erliegen!« Aber der Jüngling, bis zum Wahnsinn entflammt, hörte, dachte das nicht: dachte nicht an ein Gottesurteil in dem Kampf, nur an den Kampf selbst: »Kommt doch endlich, Herr Wintrio,« schrie er von unten herauf, drohend das Schwert reckend. Groß war der Eindruck dieser neuen Wendung auf alle: zu Gunsten des Paares schlug die Stimmung bei den allermeisten um: sie glaubten nicht an die Möglichkeit, der Graf, den sie als wacker kannten und ehrten, könne gegen besser Wissen den Kampf aufnehmen, auch wenn sie wie viele gerade in ihm den Nachtgast, obzwar in aller Ehrbarkeit, vermutet hatten: jetzt glaubten sie das nicht mehr, meinten vielmehr, er bestreite jenen Nachtbesuch in bestem Glauben. Tief bekümmert flüsterte Arno dem Goten zu: »Der Unselige! Das ist der Wahnsinn, den ihr ›Poetae‹ Liebe nennt.« – »So glaubt Ihr, er war's selbst? Frevelhaft! Arg frevelhaft! Aber er glaubt vielleicht nicht an eine Offenbarung Gottes im Gerichtskampf, so wenig wie unser gelehrter Bruder Agobard. Und auch ich meine, Gott versuchen ist ...« – »Da seht, Wintrio steigt behäbig die Stufen hinab, schmunzelnd, als ging's zu einem Weingelag. Jetzt ist er unten.« – »Die Fronboten weisen beiden ihre Standorte an.« – »Jetzt neigen sie sich dem König.« – »Schon hebt der Mariskalk ... halt, der Abt, was schreit er?« Schreiend in der Tat durchdrang dessen schriller Ruf das Gesurre der vielen halb verhaltenen Stimmen, in welchen die Erregung der Urteiler nach Ausdruck suchte. »Halt, haltet noch, ihr Kämpfer. Höre mich, Herr König und Richter. Das Weltliche, das Kampfliche hat der Mariskalk genau nach dem weltlichen Kampfrecht gewiesen. Allein noch fehlt ein geistlich Erfordernis der heiligen Kirche: ohne das wäre der Kampf frevle Sünde.« – »Was fehlt denn noch?« rief Heertrost ungestüm, den Arm senkend, den er schon zu grimmem Streich erhoben. – »Ja, was. fehlt denn noch?« fragte auch der König Ludwig. Alles harrte gespannt der Antwort. » Der Eid! « sprach Castinus mit drohender Stimme. – »Der Eid? Welcher Eid?« forschte der Richter. – »Der Eid jedes der beiden Kämpfer, daß er an die Wahrheit seiner Behauptung glaube. Ist's nicht also, Herr Pfalzgraf Baltfried, Ihr, der Ihr ergraut seid in der Rechtfindung dieses Königshofs? Sprecht, ich heische Recht und Rechtweisung!« – »So ist's bei Gott dem Herrn, dem Richter auf dem höchsten Stuhl,« sprach der alte Held, mit dem Haupte nickend, daß der Silberbart auf die Brünne flutete, – »Ich wußt' es ja!« fuhr der Ankläger sieggewiß fort: »So wird Vogt Wintrio schwören, daß er in gutem Glauben die Anklage mit dem Schwerte führt, Graf Heertrost aber wird schwören, daß er nicht weiß und nichts glaubt von jenem Nachtbesuch bei Milta. Ist's nicht so, Herr Pfalzgraf?« – »So ist's, bei Gott dem Herrn. Das ist das Recht der Franken.« – »Wohlan,« sprach der König, »so bringt sie herbei aus der Kirche des Palastes, die höchsten Heiligtümer des Reiches: die Cappa Sankt Martins und das Holz vom Kreuze Christi und die Blutstropfen ...« »Nein, nein! Bringt sie nicht! Ich schwöre nicht falsch! 's ist wahr! 's ist alles wahr! Ich selber war bei ihr!« schrie da eine verzweifelte Stimme und wie vom Blitz getroffen stürzte Heertrost bewußtlos auf das Antlitz nieder. Ein herzzerreißend Stöhnen rang sich aus Miltas Brust: »Ja, ja. Es ist wahr! Und ich, ich bin sein Verderben!« Und sie bedeckte beide Augen mit den Händen. Die Fronboten hoben den Ohnmächtigen auf und legten ihn auf die unterste Stufe, den Rücken gegen die vorletzte gelehnt. – Wintrio, in all' seiner Derbheit doch erschüttert, warf Schwert und Schild zur Erde und brummte: »Das war ein Gottesurteil: da braucht's keine Hiebe mehr. Fast tun sie mir leid, die jungen Kinde!« – König Ludwig aber sprach: »Ein seltsam Geschlecht, unsre Franken! Kämpfen wollte der Kecke auch mit schlechtem Gewissen, – aber das Schwören scheute er doch! – Wohl: geständiger Mund spart Beweis. Gestandene Schuld – von beiden gestanden – steht fest im Gericht. Und nicht minder – nach den klaren Worten des Kapitulars! – die Strafe: nicht schwer zu finden ist sie, und zu verlesen aus dem Gesetz gemäß der Klagheischung des ehrwürdigen Herrn Abtes. Aber nicht nach einer Abschrift erkennen wir: Archicapellanus Hitherius, holt die Urschrift aus dem Palastarchiv und verlest daraus nochmal das siebente Kapitel, 's ist zwar überflüssig,« schloß er, das glatt geschorne Kinn selbstgefällig streichelnd, »ich weiß das ganze Kapitular auswendig: hab ich's doch selbst ersonnen und geschrieben.« – »Ich hab' es gleich mitgebracht,« erwiderte der Alte. »Hatte mir doch der Kläger mitgeteilt, aus welchem Gesetz er klage. Hier ist die Urschrift.« Und er öffnete den gewölbten Deckel einer der hohen doppelhenkeligen Bronze-Urnen, die zu seinen Füßen standen, beugte sich vor und griff hinein mit suchender Hand: – – – aber plötzlich hielt er inne und richtete sich, aufhorchend, empor. Ebenso lauschten gespannt alle Anwesenden: von der Straße her, die draußen längs der Hofmauer nach der Stadt führte, scholl der laute Hufschlag eines Reiterzugs, der nun hart vor dem geschlossenen Hoftor hielt. Hell schmetterten vor dem Tore drei schallende, stolze Trompetenfanfaren.   XI. »Der Kaiserruf!« sprach, erwachend aus seiner Betäubung, Heertrost und sprang flugs auf die Füße. – »Ja ... der Kaiser!« wiederholte Ludwig und räumte, verschüchtert, den Richterstuhl. – »Der Kaiser! Kaiser Karl zurück!« so brauste es durch die Reihen. – »Das ist ein Hoffnungsstrahl!« meinte Theodulf. Aber Arno zuckte die Achseln: »Ich wüßt' nicht, wie!« – »Auch nicht im Weg der Gnade?« – »Nein! – Im Zorn über die freilich schlimmen Dinge, die ihm der Sohn zur Begründung seines Gesetzantrags zugetragen, hat Herr Karl geschworen, in solchen Fällen nie mehr begnadigen zu wollen. Bei Sankt Denis hat er's geschworen.« – »Dann: – armes Liebespaar! Wie gern hülf' ich ihnen! Ovid würde ...« – »Ja, in Eurer Fabelwelt! Doch wir sind hier im harten Reich der harten Franken. Da ... horch!« Geräuschvoll sprangen die beiden Flügel des starken Tores nach innen auf: man sah des Kaisers eisengrauen Hengst, das mächtige Tier: der vornehme Comes stabuli selbst führte es ab. Und schon eilte Herr Karl in den Hof, lebhaften, ja ungestümen Schrittes: die Gefolgen vermochten kaum, ihm nachzukommen, wie er den weiten Raum durchmaß. Schon stürmte er die Stufen der Treppe hinan, der Mantel, der doch lang und schwer, sauste bei der raschen Bewegung: über sein Antlitz aber flammte jenes helle Rot, das seinen unheildrohenden Zorn verkündete. Mit einem raschen Blick umfaßte er Heertrost, der schon vor ihm die Stufen hinaufgeflogen war und sich neben Milta gestellt hatte, ihre Rechte fassend, während sie das Haupt auf seine Schulter neigte, wie eine vom Hagel gestreifte Blume. Aber nun traf – in längerem Verweilen – das blitzende Auge den Sohn, der nicht ohne Scheu neben dem leeren Richterstuhl stand, während die Urteiler sich wieder auf den Bänken niederließen. Wenig Freude hatte der Vater von je an dem so ungleich gearteten Sohn: – das wußten Palast und Reich schon lange: aber selten doch ließ er seine Mißbilligung so offen hervorbrechen wie jetzt. Er warf sich auf den Stuhl, daß der dröhnte, und rief mit lauter Stimme: »Was für Dummheiten gehen hier vor? Wenig zufrieden, Herr Sohn, bin ich mit all' Eurem Walten. Wie draußen in Eurem Königreich Aquitanien – allzufrüh hab' ich's Euch anvertraut! – so hier! Ja, ja, in Aquitanien. Ihr denkt, ich kann nicht dort gewesen, so fern im Süden, in den wenigen Tagen? Aber Aquitanien war bei mir: das heißt meine treuesten Vasallen dort und meine Sendboten, die ich hingeschickt hatte. Wo ich war? In Lüttich. Die Villa dort zu untersuchen? Jawohl! Aber dorthin kamen auch – auf dem Wege hierher – von mir beschieden, Eure Ankläger und meine Sendboten. Bitter klagten über Euch die besten Leudes aus Aquitanien. Und jedes Wort bestätigten meine klugen Sendboten, der Seniskalk Alberich und Bischof Egino von Konstanz. Ihr habt die Krongüter dort zwischen Rhone, Tarn und Garonne vergeudet, verschleudert, mit beiden Händen an Eure Günstlinge und Schmeichler: – oder soll ich richtiger sagen, an Eure Leiter, bei denen Ihr in Gunst steht? Freie Bauern habt Ihr als Halbfreie, als Unfreie verschenkt. Begreift Ihr nicht, daß ein freier Bauer sein Gewicht in Gold wert ist für dieses Reich der Franken? Wisset denn: all' Eure Vergabungen aus Krongut in den letzten zwei Jahren hab' ich für nichtig erklärt.« Da erbleichte der König, er fuhr zusammen, er wollte sprechen: »Diese Demütigung ...« »Schweigt! Sie war notwendig: erst das Reich, dann mein Sohn. Soll die Kaiserkrone zuletzt betteln gehen im eignen Land dort an dem Rhone? – Und hier! Was treibt Ihr hier für Sachen! Bei Sankt Denis, schlecht füllt Ihr an meiner Statt diesen Richterstuhl! Woher ich's weiß? Eia, meine Tochter Bertha – klüger ist sie – und mutiger dazu! – als mancher, der mit Schwerte geht – erfuhr oder erriet, daß ich heute zurückkehren würde von Lüttich: sie ritt mir entgegen: – gar prächtig sitzt sie zu Roß! – traf mich auf der Heerstraße bei Herlinghem, erzählte mir aus dem Sattel, was hier ins Werk gesetzt werde und sausend – der Zorn ist der beste Sporn! – flogen wir hierher. Gerade noch kam ich zu recht, – so scheint's! – bevor ›Herrn Karls Recht‹ gebeugt wurde durch Falschurteil. Schweigt, Abt Castinus, ich weiß alles. Sei getrost, du junges Paar: es soll euch nichts geschehen. Deinem Vater, Mädchen, Herrn Audulf, dank' ich's Leben dort in Sachsenland, in Frau Muthgards Hof: er war bis zum Tode getreu. Und dir, Heertrost, dank' ich das Leben meines besten Sohnes. Herr Archikapellan, her mit dem Gesetz. Habt Ihr's endlich gefunden? Was steht da? Könnt ihr alle nicht lesen? Von Vogt Wintrio verlang' ich's nicht: dafür kann der Schwab desto fester dreinschlagen! Aber der Kläger! ein Abt, und mein Herr Sohn, der Richter! Nun, Herr Abt, wenn Ihr denn durchaus reden müßt – sonst sprengt's Euch, scheint's – was wollt Ihr sagen?« Da zeigte der Priester jenen Mut, wie ihn die »kämpfende Kirche« ihren begabtesten Söhnen anerzieht: den Mut, alle staatliche Macht nicht zu fürchten, vielmehr geheim im Herzen recht gründlich zu verachten. Und so trat dieser Abt dem flammenden Zorn des Allgefürchteten so kühl und kühn entgegen, wie in diesem Augenblick nicht viele in dieser Versammlung von Kriegshelden würden gewagt haben: er neigte sich tief und sprach dann: »Ich vermag nicht, zu begreifen, von Gott gekrönter Kaiser, wie diesen beiden Schuldgeständigen geholfen werden mag, nachdem Ihr Begnadigung ausgeschlossen – unter Eurem Eide! Dieser Eid aber ...« – »Wird gehalten,« sprach Herr Karl ruhig, aber sehr grimmig, »auch ohne Eure Mahnung. Die beiden bedürfen der Gnade nicht: denn sie können nicht verurteilt werden. Horcht auf! Was steht da in Kapitel sieben? ›Ausgenommen Bräutigam und Braut, die vor dem Muntwalt der Braut verlobt.‹« Da ging eine Bewegung des Staunens durch die Menge, die sich freilich aus Scheu vor dem Herrscher nur in leisen Ausrufen hervorwagte: aber am meisten staunten Heertrost und Milta. – »Diese beiden aber sind Bräutigam und Braut. Wie? Was wollt Ihr einwenden, Herr Abt! Ausdauernd seid Ihr, das muß man sagen.« – »Es gilt Sankt Severins Recht, nicht meines, Herr Kaiser. Und der Fels, auf den der Herr Christus seine heilige Kirche gebaut hat, erbebt nicht vor dem Zorn der Mächtigen dieser Welt. Denn es steht geschrieben ...« – »Kürzt diese Predigt! Ich kenne sie. Von Rom her. Dort predigen sie's noch schärfer! Laßt die Pforten der Hölle: – passen nicht auf Kaiser Karl! Zur Sache!« – »Wohl mag dieses Liebespärchen sich heimlich Liebe und Treue versprochen, sich also ›verlobt‹ haben, wie die Leute sagen: aber ›man verlobt sich nicht im Winkel‹, sagt Euer Frankenrecht. Und verlobten sie sich vor dem Muntwalt der Braut, mit dessen Zustimmung? Herr Kaiser, das glaubt Ihr selbst nicht! Ihr Muntwalt ist Bischof Benedictus: er ist fern von hier: alt und krank liegt er auf seinem Siechbett zu Bordeaux. Nicht vor ihm, nicht mit seiner Zustimmung ...« – »Er war ihr Muntwalt, du rechtskluger Abt! Aber eben weil er fern und alt und siech, ist ihr vor kurzem ein andrer Muntwalt bestellt worden.« Hoch auf horchte das Paar. Aber der Abt gab nicht nach: »und von wem?« – »Von mir, wie sich von selbst versteht, dem Muntwalt aller, die des Muntwalts darben. Und vor diesem von mir bestellten Muntwalt haben die beiden erklärt: – gebt acht, ihr Kinder, ob ich's richtig wiederhole: – der Jüngling fragte: ›Willst du, Milta, was auch kommen, was drohen, was hemmen mag, dich mir verloben, jetzt, in dieser Stunde, im Angesicht von Gottes heller Sonne? Bist du meine Braut vor Gott und Menschen von Stund an?‹ Sie aber antwortete: ›Ja, dein bin ich, Heertrost, mein Trautgesell, deine Braut, dir anverlobt vor Gott und seiner Sonne.‹ ›Verlobt und verbunden für immerdar,‹ schloß der Bräutigam. Und der Muntwalt stand dabei und stimmte zu – von ganzer Seele.« – »Das war damals ... auf der Jagd,« hauchte Milta, tief errötend. – »Im tiefsten Walde – vor der Donars-Eiche,« flüsterte Heertrost: »Wir waren doch ganz allein! Kann er wirklich , wie das Volk raunt, hören und sehen in die Ferne?« »Dann – mit Urlaub, Herr Kaiser,« – stammelte der Ankläger, »nur noch eine Frage.« – »Jetzt fragt, soviel Ihr wollt.« – »Und wer , wer ist der Muntwalt, vor dem das geschah?« – »Das bin ich selbst. Vor mir ward das Verlobungswort gesprochen. Vor Sankt Hubertus Eiche, bei der ich pürschte auf einen weißen Hirsch. Und ich stimmte zu mit Freuden. Zu Ende ist das Gericht. Das ist Herrn Karls Recht.« Und er sprang auf vom Richterstuhl. Da warf sich das Paar ihm zu Füßen und küßte seine Hände.