Alphonse Daudet. Der Nabob. Band 1 Erstes Kapitel. Die Patienten des Dr. Jenkins. Frisch rasiert, mit lebhaftem Blick, mit lachendem Wohlbehagen auf den geöffneten Lippen, das lange, grau angehauchte Haar auf den breiten Rockkragen zurückgekämmt, stand eine vierschrötige, baumstarke und kerngesunde Gestalt an einem Novembermorgen in der Rue de Lisbonne auf der Vortreppe seines kleinen Prachthauses. Es war der berühmte Arzt Dr. Robert Jenkins aus Irland, Inhaber des Medjidje-Sterns, Ritter des hochgeachteten spanischen Ordens Karl III., Mitglied mehrerer gelehrter oder wohlthätiger Körperschaften, Vorstand und Begründer der bethlehemitischen Stiftung, kurz, Jenkins, der Erfinder der arsenikhaltigen Jenkins-Perlen, das heißt der Modearzt des Jahres 1864, der gesuchteste Mann in Paris. Er stand eben im Begriff auszufahren, da that sich im ersten Stock ein Fenster auf und schüchtern rief eine weibliche Stimme in den Hof herunter: »Robert, soll ich mit dem Frühstück auf dich warten?« O wie gütig und treuherzig war das Lächeln, welches nun plötzlich den schönen Apostelkopf des Gelehrten verklärte, und wie so sicher ließ sich an dem zärtlichen Morgengruß, den sein Auge hinaufsandte zu der trauten, weißen Erscheinung hinter den aufgeschlagenen Gardinen, jene friedlich bewußte, tiefe Gattenliebe erkennen, die durch die schmiegsamen und starken Bande der Gewohnheit einen sichern Halt gewonnen hatte. »Nein, liebe ›Frau‹« (vor der Welt betonte er nämlich gern das Gesetzliche seiner Beziehungen zu ihr und schien dabei eine innere Befriedigung zu empfinden, eine Art Rechtfertigung dem Weibe gegenüber, das ihm ein so freudiges Dasein bereitete). »Nein, heute speise ich auswärts, am Vendomeplatz.« »Ah so! Beim Nabob ...« sagte die schöne Frau Jenkins, und man hörte ihr dabei deutlich den Respekt an vor jener Figur aus »Tausend und eine Nacht«, die bereits einen vollen Monat von ganz Paris im Munde geführt wurde. Dann flüsterte sie nach einigem Zögern, so recht zärtlich, zwischen den schweren Gardinen hervor, als dürfe bloß der Doktor allein es hören: »Aber vergiß nur ja nicht, was du mir versprochen hast.« Es mußte wohl etwas gar schwer zu Haltendes gewesen sein, was ihr der Doktor versprochen, denn sofort zog sich seine Apostelstirne in Falten, das Lächeln erstarrte, und das ganze Gesicht überflog ein Ausdruck unglaublicher Härte, aber es flog nur so darüber hin. Das Krankenbett des Reichen ist für die Physiognomie eines Modedoktors eine zu gute Schule der Lüge. Mit seinem wohlwollendsten, offenherzigsten Lächeln erwiderte er, indem eine Reihe blendender Zähne dabei zum Vorschein kam: »Liebe Frau, was ich versprochen habe, wird geschehen. Aber jetzt hübsch zurück ins Zimmer und das Fenster geschlossen, damit dir der kalte Morgennebel nicht schade.« Kalt war er allerdings, der Morgennebel, dafür aber auch duftig, wie dunstgewordener Schnee, und an die Wagenscheiben geschmiegt, ließ er seinen hellen Widerschein auf das entfaltete Zeitungsblatt in den Händen des Doktors fallen. Drüben in den volkreichen, zusammengezwängten, rußigen Stadtteilen, im handel- und gewerbetreibenden Paris, gibt es diesen Frühnebel nicht, der sich in den breiten Straßenzügen festsetzt; die Hast des Erwachens und das Kreuz- und Querfahren der Bauernwagen, der Omnibusse, der schwer hinrasselnden Lastwagen haben ihn zu schnell zerteilt, zerzaust und zerstreut. Jeder Vorübergehende trägt ihn im abgeschabten Ueberzieher, im fadenscheinigen Halstuch mit fort, oder zerteilt ihn mit den plumpen Handschuhen. Er sickert in die schauernden Blusen, in die Regenmäntel der arbeitenden Armut, er vergeht unter dem heißen Atem der vielen, die eine schlaflose oder durchzechte Nacht hinter sich haben, wird eingesogen von den Hungernden, dringt in die frischgeöffneten Kaufläden, in die düstern Hinterhöfe und qualmt die Treppen empor, an Geländern und Wänden hinrieselnd, bis hinauf in die ungeheizten Dachstuben. Deshalb bleibt denn auch draußen so wenig davon zurück. In dem raumverschwenderischen Prachtviertel von Paris aber, wo Dr. Jenkins' Patienten wohnten, auf den breiten, mit Bäumen bepflanzten Boulevards und den menschenleeren Quais, lagerte der Nebel noch unversehrt Schicht auf Schicht, wie ein Gewoge von durchsichtigen Wollflocken, in dem man sich so abgeschieden, so geborgen, ja fast in Luxus gebettet fühlte, denn die träg aufgehende Sonne am fernen Horizont ergoß schon einen milden Purpurschimmer, und in dieser Beleuchtung glänzte der haushohe Nebel wie ein Musselinstoff auf Scharlach ausgebreitet. Man hätte das Ganze für einen riesigen Vorhang halten können, hinter welchem der Reichtum seinen leichten, verspäteten Schlummer genoß, für einen dichten, schützenden Vorhang, der kein andres Geräusch durchließ, als das behutsame Zudrücken eines Hausthors, das Klappern der Milchverkäufer mit ihren Blechgefäßen, das Geklingel einer scharf vorübertrabenden Herde Eselinnen und hinterdrein das kurzatmige Keuchen des Treibers, oder jetzt das dumpfe Rollen des Wagens, in dem der Doktor seine tägliche Rundfahrt machte. Der erste Besuch galt dem Palais Mora, am Quai d'Orsay, unmittelbar neben dem spanischen Botschaftshotel, dessen lange Terrassen an diejenigen dieses Prachtbaues stießen, welcher seinen Haupteingang zwar in der Rue de Lille, aber ein Seitenthor nach dem Wasser zu hatte. Zwischen zwei hohen, von Epheu überwucherten Mauern, die durch einen großartigen gewölbten Bogen miteinander verbunden waren, flog der Wagen pfeilgeschwind dahin, durch zwei dröhnende Glockenschläge angemeldet, bei welchen Jenkins aus dem Nachdenken auffuhr, in das ihn die Lektüre seiner Zeitung versetzt zu haben schien. Gleich darauf erstarb das Rollen der Räder auf der Sandfläche eines geräumigen Hofes, und der Wagen blieb, nachdem er zuvor noch einen graziösen Halbkreis beschrieben hatte, unter einer breiten, abgerundeten Marquise, an der Vortreppe stehen. Durch den Nebelflor hindurch erblickte man eine Reihe von etwa zehn Kutschen, und weiter, in einer Allee von bereits winterstarren, entlaubten Akazien wie Figuren eines Schattenspieles, einige englische Stallknechte, welche die Reitpferde des Herzogs beim Zügel hin und her führten. Alles zeugte von wohlgeordneter, festbegründeter, stilvoller, vornehmer Pracht. »Ich mag noch so früh da sein, es kommen mir doch immer andere zuvor,« dachte Jenkins, als er die Reihe der Wagen gewahrte, welcher sich der seinige nun anschloß; aber mit der Gewißheit, den Vortritt zu haben, stieg er hohen Hauptes und ruhig überlegenen Blickes jene verhängnisvollen Stufen empor, über welche tagtäglich so viele ehrgeizige Pläne, so viele Sorgen hinwanderten. Schon im hohen Vorzimmer, wo es widerhallte wie in einer Kirche, und wo, abgesehen von der permanenten Luftheizung, zwei große Kaminfeuer Licht und Leben verbreiteten, wehte einem, lau und betäubend, der Luxus dieses Prachtasyls entgegen, die Atmosphäre eines Wintergartens mit der eines türkischen Bades verschmolzen: strömende Warme voller Glanz, allenthalben weißes Getäfel, weißer Marmor, ungeheure Fenster, nichts Bedrückendes, nichts Beengendes, und dennoch eine gleichmäßige Temperatur, wie geschaffen, um ein kostbares, nervös verfeinertes Dasein zu umgeben. – Unter diesem künstlichen Sonnenschein des Reichtums taute Jenkins förmlich auf. Mit einem »Guten Morgen, Kinder!« begrüßte er den Portier mit der gepuderten Perücke und dem breiten goldgestickten Bandelier, begrüßte er die Lakaien in Kniehosen und blaugoldener Livree, die sich respektvoll vor ihm aufgestellt hatten, strich im Vorübergehen mit der Hand über das Gitter des großen Käfigs, in dem sich unter schrillem Geschrei einige Miniaturäffchen tummelten, und schwang sich dann trällernd auf die lichte Marmortreppe, welche von moosweichen Teppichen überspannt war, und die zu den Gemächern des Herzogs führte. Seit einem halben Jahr schon ging der gute Doktor in diesem Palaste aus und ein, und noch heute hatte sich in ihm die rein physische Empfindung von freier Heiterkeit, die ihn hier überkam, nicht abgestumpft. Wenn auch der Herr des Hauses der oberste Würdenträger des Kaiserreiches war, so lag gleichwohl nicht die Spur von büreaukratischem Aktenstaub und Pappdeckelmoder in der Luft. Der Herzog hatte die hohen Aemter eines Staatsministers und Konseilpräsidenten nur mit Vorbehalt seines Verbleibens im eignen Palais übernehmen zu können erklärt; im Ministerium verbrachte er täglich nur eine bis zwei Stunden, nicht länger, als die Ausfertigung der unentbehrlichen Unterschriften es erheischte, Audienzen erteilte er in seinem Schlafzimmer. Trotzdem es noch früh am Morgen war, warteten bereits viele Besucher auf Zutritt, ernsthafte und gespannte Gesichter. Präfekten mit wohlgepflegtem Teint und offiziellem Backenbart, hier im Vorzimmer nicht mehr ganz so hochfahrend wie draußen in ihrem Departement, zurückhaltende Richter mit sittenstrengen Amtsmienen, wichtig thuende Finanzgrößen und Mitglieder der Kammer, zumeist kleinstädtische protzige Repräsentanten der Eisenindustrie, neben welchen hin und wieder die schmächtige, hochhinauswollende Gestalt eines Staatsanwaltvertreters oder Präfekturrats im schwarzen Frack und in der weißen Halsbinde des Bittstellers abstach. Sitzend oder stehend, einzeln oder in Gruppen starrten sie alle mit stummen Einbrechergelüsten jene hohe Thür an, hinter welcher das Schicksal thronte, und über deren Schwelle sie demnächst triumphierend oder enttäuscht zurückkehren sollten, Jenkins schritt rasch, unter neidisch folgenden Blicken durch die Menge auf den Thürsteher zu, der mit eisiger Accuratesse, im Schmuck seiner Halskette neben der Thüre an einem Tische saß und den Doktor mit einem halb ehrerbietigen, halb vertraulichen Lächeln willkommen hieß. »Wer ist drin?« fragte Jenkins, indem er nach dem Zimmer des Herzogs deutete. Ganz leise und nicht ohne einen Anflug von Ironie flüsterte der Hausbeamte mit leichtem Augenzwinkern einen Namen, der, laut ausgesprochen, die hohe Versammlung mit Entrüstung erfüllt hatte, denn die Herren warteten bereits seit einer Stunde darauf, daß ihnen der Kostümier der großen Oper das Feld räume. Ein Geräusch von Stimmen, ein Lichtstrahl durch die Thür, und Jenkins war hinüber: für ihn lautete die Ordre nicht auf Warten. Rücklings vor dem Kamin stehend, in einem anliegenden, mit Pelz gefütterten blauen Spenzer, durch dessen Farbenschmelz die scharfen, gebieterischen Gesichtszüge noch an Feinheit gewannen, ließ der Ministerpräsident unter eigner Aufsicht ein Pierrettekostüm zeichnen, in welchem die Herzogin auf ihrem nächsten Balle erscheinen sollte, und ordnete alles mit eben demselben Ernst an, wie er einen Gesetzentwurf diktiert hätte. »Die Halskrause mit ganz kleinen Rüschen und die Manschetten nicht gefältelt. ... Guten Morgen, lieber Jenkins. Im Augenblick bin ich fertig.« Der Doktor verbeugte sich und trat ein paar Schritte durch das ungeheure Gemach, dessen Fenster auf den an den Quai stoßenden Garten hinausgingen und eine der schönsten Ansichten von Paris umrahmten: die Seinebrücken, die Tuilerieen, das Louvre und die schwarzen Baumgruppen, die sich, wie mit Tusche gemalt, vom neblig verschwimmenden Hintergrund abhoben. Die Einrichtung dieses vielbesprochenen Zimmers, wo neben den wichtigsten Fragen auch die geringfügigsten mit gleicher Gemessenheit verhandelt wurden, bestand aus einem breiten, ganz niedrigen Bett, zu dem einige Stufen führten, aus zwei oder drei kleinen Windschirmen von wunderlich mit Gold verzierter Lackarbeit, welche nebst den Doppelthüren und den dichten Wollteppichen auf eine übertriebene Furcht vor Erkältung hindeuteten, ferner aus verschiedenartigen, etwas unregelmäßig verteilten Sesseln und Sofas, sämtlich von niederer, abgerundeter Form, bequem und weichlich. An der Wand prangte ein schönes Porträt der Herzogin und auf dem Kamin die Büste des Herzogs, ein Werk von Felicia Ruys, welches der Künstlerin bei der letzten Ausstellung die Ehre einer Medaille erster Klasse eingetragen hatte. »Na, wie geht's heute morgen, bester Jenkins?« sagte die Excellenz und trat auf ihn zu, während der Kostümier seine zerstreuten Modebilder von allen Fauteuils auflas. »Wie steht's bei Ihnen, lieber Herzog? ... Sie kamen mir etwas bleich vor, gestern, in den Variétés.« »Was Sie nicht sagen! War mir wohler denn je ... Ihre Perlen wirken ja wie der Teufel. ... Ich fühle wieder eine Kraft, eine Lebensfrische in mir ... unglaublich, wenn man bedenkt, wie gebrechlich ich war, noch vor einem halben Jahre. ...« Unterdessen hatte Jenkins, ohne ein Wort zu sagen, seinen großen Kopf an die Brust der Excellenz gedrückt, da wo bei gewöhnlichen Sterblichen gemeiniglich das Herz schlägt, und lauschte einen Augenblick hin, während der Minister, in jener lässigen, abgespannten Redeweise, die für sein Genre von Vornehmheit charakteristisch war, fortfuhr: »Wer war denn gestern in Ihrer Prosceniumsloge der große Mensch mit dem gebräunten Tatarengesicht, der so geräuschvoll lachte?« »Das, Herr Herzog, war der Nabob, der berühmte Jansoulet, von dem heute alle Welt spricht.« »Daß mir das nicht gleich einfiel: richteten sich doch alle Operngucker auf ihn, und auf der Bühne die Schauspielerinnen kokettierten nur noch zu ihm hinüber. Sind Sie mit ihm bekannt, Doktor? Was steckt eigentlich hinter dem Menschen?« »Wir sind allerdings miteinander bekannt ... als Arzt und Patient.... Schönen Dank, lieber Herzog, ich bin im klaren: der Herzschlag ist ganz normal. ... Das ungewohnte Klima hatte ihm ein wenig zugesetzt, als er vor einem Monat hergereist kam ... da ließ er mich rufen, und seither hat er eine große Zuneigung zu mir gefaßt. ... Ich weiß von ihm nur so viel, daß er im Dienste des Bey von Tunis kolossal reich geworden ist. Der Bey ist eine offne, großmütige Natur, die sich in philanthropischen ...« »Beim Bey von Tunis?« unterbrach der Herzog, welcher für philanthropische Sentimentalitäten sehr wenig Sinn hatte. »Aber wie kommt's dann, daß man ihn den Nabob heißt?« »Mein Gott! Dergleichen nehmen die Pariser nicht so genau ... ihnen gilt nun einmal jeder steinreiche Fremde für einen Nabob, mag er herkommen, wo er will. Der unsrige ist übrigens für diese Rolle wie geschaffen: bronzefarbene Haut, Augen wie glühende Kohlen und dazu das unermeßliche Vermögen, von dem er – kühn darf ich's behaupten – den edelsten und einsichtsvollsten Gebrauch macht. Ihm« (und dabei schlug der Doktor den Ton der Bescheidenheit an), »ihm hab' ich's zu danken, daß ich endlich die bethlehemitische Stiftung ins Leben rufen konnte, eine Wohlthätigkeitsanstalt für Säuglinge, die von einem Morgenblatt, das ich mir eben ansah, ich glaube vom ›Messager‹, für die größte philanthropische Errungenschaft des Jahrhunderts erklärt wird.« Der Herzog warf einen zerstreuten Blick auf die hingehaltene Zeitung, Er war der Mann nicht, sich mit Reklamephrasen fangen zu lassen, und antwortete recht kühl: »Sehr reich scheint er allerdings zu sein, dieser Herr Jansoulet. Er hat das Betriebskapital zu Cardailhacs Theater vorgeschossen; Monpavon laßt sich seine Schulden von ihm zahlen, Bois-Landry richtet ihm Stallungen, der alte Schmalbach eine Bildergalerie ein; das alles kostet Geld,« Lachend versetzte Jenkins: »Uebrigens ist er sehr von Ihnen eingenommen, mein lieber Herzog. ... Mein armer Nabob, der mit der festen Absicht hergereist kam, einen Pariser Weltmann aus sich zu machen, hat nun einmal in Ihnen das vollständige Vorbild gefunden, und ich leugne auch nicht, daß es ihm sehr lieb wäre, diesem seinem Vorbild näher zu treten.« »Weiß schon, weiß schon, Monpavon hat mir ihn bereits bringen wollen.... Aber ich will abwarten, will zusehen; bei Millionen, die so weit draußen verdient worden sind, heißt es auf der Hut bleiben. ... Uebrigens verschwör' ich's ja nicht, falls er mir an einem dritten Orte begegnen sollte, im Theater oder in der Gesellschaft ...« »Zufällig hat meine Frau vor, nächsten Monat ein kleines Fest zu veranstalten, und wenn Sie uns die Ehre schenken wollen ...« »Sehr gern, lieber Doktor, und käme Ihr Nabob auch, so hätte ich schließlich nichts dagegen, wenn er mir vorgestellt würde.« Bei diesen Worten trat der dienstthuende Thürsteher in die halbgeöffnete Thür: »Der Herr Minister des Innern ist im blauen Salon, er hat nur ein Wort mit Excellenz zu sprechen. ... Unten in der Galerie wartet noch immer der Polizeipräfekt....« »Schon gut,« sagte der Herzog, »ich komme ... nur will ich diese Kostümfrage zuvor noch abthun; Sie, bester, alter Dingsda, was wird nun zu guter Letzt mit unsern Rüschen? ... Auf Wiedersehen, Doktor. ... Mit den Perlen fortfahren, nicht wahr, und weiter nichts?« »Weiter nichts,« sagte Jenkins, sich verabschiedend, und er ging, ganz strahlend vor Befriedigung, denn er hatte mit demselben glücklichen Wurf zweierlei davongetragen, die Ehre, den Herzog bei sich zu empfangen, und das Vergnügen, seinem Freund, dem Nabob, einen Gefallen zu thun. Im Vorzimmer durchschritt er eine größere Menge von Wartenden als beim Eintritt; die Dulder der ersten Stunde waren durch neue Ankömmlinge verstärkt worden; noch andre, die bleich und befangen aussahen, begegneten ihm auf der Treppe, und im Hof dauerte das Vorfahren und Anreihen der Wagen in ernsthaftem, feierlichem Tempo fort, wahrend droben, kaum minder feierlich, die Rüschen- und Manschettenfrage verhandelt wurde. »Zum Cercle!« rief Jenkins seinem Kutscher zu. Der Wagen rollte nun die Quais entlang, über die Brücken zurück, nach dem Konkordienplatz, der bereits einen andern Anblick darbot, als vorhin. Der Nebel entwich gegen das Garde-Meuble und den griechischen Giebel der Madeleine zu und ließ schon hin und wieder den schäumenden Wasserstrahl eines Springbrunnens durchschimmern, oder den Thorbogen eines Palastes, den Oberteil einer Statue und die sich wie fröstelnd an die Gitter schmiegenden Gebüsche des Tuilerieengartens. Der zwar noch nicht gelüftete Schleier war doch stellenweis zerteilt, und gab dem Blick vereinzelte Streifen des Horizonts frei, so zum Beispiel die breite Allee, die zum Triumphbogen führt, und darin in scharfem Trab hinsausende Breaks mit Herrschaftskutschern und Pferdehändlern darauf, dann wieder in langen Reihen, je zwei und zwei, auf frischen, schnaubenden Rossen, unter Hufschlag und Geklirr der Gebisse, Dragoner der Kaiserin und goldstrotzende, pelzverbrämte Guiden – das Ganze von einer noch unsichtbaren Sonne beleuchtet, in der dunstigen Luft gleich einem flüchtigen Zauberbild des morgendlichen Luxus dieses Stadtteils bald auftauchend, bald wieder gänzlich verschwindend. Jenkins stieg an der Ecke der Rue royale ab. Treppauf treppab in dem großen Klubhaus war das Dienstpersonal in Thätigkeit: hier wurden Teppiche ausgeklopft, dort die Säle gelüftet, wo der Tabaksgeruch noch in der Luft schwebte und wo in den Kaminen die kleinen Hügel von feiner, glimmender Asche in sich selbst zusammenbrachen, während auf den grünen Spieltischen, in welchen die Leidenschaften der verflossenen Nacht noch nachzitterten, die Kerzenflammen der silbernen Armleuchter mit der weißen Tageshelle rangen. Dies geräuschvolle Treiben erstreckte sich indessen nicht über das zweite Stockmerk hinaus, denn im dritten wohnten einige Cerclemitglieder zur Miete, unter andern auch der Marquis von Monpavon, bei welchem Jenkins eben vorsprach. »Was, Sie sind's, Doktor? ... Ja, zum Henker! wie spät ist's denn schon? ... Kann wirklich noch niemand empfangen,« »Nicht einmal den Arzt?« »Nein, gar niemand, grundsätzlich nicht ... aber gleichviel, treten Sie nur einen Augenblick näher, um sich die Füße zu wärmen. Ich bin in meinem Toilettenzimmer und werde frisiert. Es läßt sich ja auch so plaudern, aus der Entfernung, bis Francis fertig ist.« Jenkins kannte seinen ehrenwerten Freund, den Marquis von Monvauon, zu genau, um einen weitern Ueberredungsversuch zu machen, er trat also ins Schlafzimmer – es trug das stereotype Gepräge aller möblierten Wohnungen – und zum Kamin, wo die verschiedenartigsten Brenneisen am Feuer standen, während im Laboratorium nebenan, dessen Eingang mit einem algerischen Teppich verhängt war, Monpavon sich von seinem Kammerdiener bearbeiten ließ. Aus diesem Kabinett drang ein gemischter Geruch von Patschuli, von Coldcream und verbranntem Horn und Haar; von Zeit zu Zeit, wenn Francis ein andres Eisen holte, sah man drinnen einen ungeheuren Putztisch mit tausend und aber tausend kleinen Geräten aus Elfenbein, Perlmutter und Stahl, Feilen, Scheren, Puderquasten, Bürsten, Fläschchen, Schminknäpfe, Pomaden, alles etikettiert, geordnet, zurechtgelegt, und inmitten dieses ganzen Krams, zwischen den kleinen Metallinstrumenten und Puppenküchengeschirrchen, unschlüssig hin und her tastend, eine unbeholfene, bereits zitternde Greisengestalt, lang und hager, mit wohlgepflegten Nägeln, wie die eines japanesischen Malers. Indessen Monpavon einer der langwierigsten und vielseitigsten Morgenbeschäftigungen oblag, nämlich sein Gesicht instandzusetzen, unterhielt er sich mit dem Doktor über dies und jenes, über seine Gebresten, über die Wirkung der Perlen, die er als verjüngend rühmte. Und wie er so ungesehen aus der Ferne herüberplauderte, hätte man den Herzog von Mora zu hören geglaubt, so vollständig hatte er sich dessen Redemeise angeeignet; es waren ganz dieselben abgebrochenen Sätze, die in ein paar kaum artikulierten Zischlauten erstarben, ps, ps, dieselben eingeworfenen Vergeßlichkeitsausdrücke, wie Dingsda oder Geschichte, kurz ein aristokratisch müdes, nachlässiges Gestammel und Gelispel, welchem man die tiefste Verachtung für die plebejische Kunst des Sprechens anmerkte. Jedermann in der Umgebung des Herzogs war bestrebt, diese Manier, den geringschätzigen Ton mit einem falschen Anstrich von Einfachheit zu kopieren. Jenkins, dem die Sitzung etwas zu lange wurde, hatte sich zum Gehen angeschickt. »Adieu, ich muß fort, man wird Sie doch sehen bei dem Nabob?« »Ja, beim Dejeuner, ich habe versprochen, den Dingsda mitzubringen, na, den – wie heißt er doch gleich? Sie wissen ja schon, wegen jener berühmten Geschichte – sonst würde ich mir es gewiß ersparen. – Die reine Menagerie, dies Haus am Vendomeplatz!« Selbst der menschenfreundliche Irländer mußte zugeben, daß dort allerdings eine etwas gemischte Gesellschaft aus und ein ging. »Aber, mein Gott, man kann ja schon ein Auge zudrücken – kennt sich eben noch nicht recht aus, der arme Nabob,« »Kennt sich nicht aus und will's auch nicht lernen,« versetzte Monpavon ärgerlich; »anstatt erfahrene Leute zu Rate zu ziehen, hält er sich an den ersten besten Schmarotzer. Haben Sie die zwei Kutschenpferde schon gesehen, die ihm Bois-Landry kürzlich angehängt hat? – Ein wahrer Schund. – Und zwölftausend Franken hat er dafür bezahlt! Ich gehe jede Wette ein, daß sie Bois-Landry auf die Hälfte zu stehen kamen.« »O, pfui, einen Kavalier so zu verdächtigen!« sagte Jenkins mit der Entrüstung einer schönen Seele, die an das Böse nicht glauben will. »Und warum?« fuhr Monpavon fort, als hatte er die Einwendung überhört, »bloß weil es Pferde aus den Stallungen Moras waren.« »Ja, ja, der Herzog liegt ihm am Herzen, unserm lieben Nabob. Darum werde ich ihn auch überglücklich machen mit der Mitteilung ...« Plötzlich hielt der Doktor verlegen inne. ... »Durch welche Mitteilung denn?« Nun mußte Jenkins etwas verdutzt bekennen, daß er von der Excellenz die Erlaubnis erhalten habe, ihr seinen Freund Jansoulet vorzustellen. Noch ehe er mit dem Satze zu Ende war, kam aus dem Kabinett ein langes Gespenst hervorgeschossen mit schlaffen Zügen und buntschillerndem Haar und Backenbart, das mit gekreuzten Fausten seinen abgezehrten aber kerzengeraden Hals in einen hellseidenen Pudermantel mit violetten Tüpfelchen eingeschnürt hielt, in welchem es sich wie ein Knallbonbon in seiner Papierhülse verbarg. Das Auffallendste an dieser tragikomischen Erscheinung war die große, von Coldcream glänzende Stumpfnase und der lebhafte, stechende Blick, der sich, im Vergleich zu den schweren Augenlidern voller Fältchen, unverhältnismäßig hell und jugendlich ausnahm, ein Blick übrigens, der sämtlichen Patienten Jenkins' eigen war. Jedenfalls mußte Monpavon ungemein aufgeregt sein, um sich in einem so wenig einnehmendem Aufzuge sehen zu lassen. Seine Sprechweise war auch eine ganz andre, nicht mehr säuselnd, nicht mehr schleppend, als er jetzt den Doktor mit blutleeren Lippen anfuhr: »Halt, lieber Freund! Lassen wir die schlechten Witze beiseite – nicht! Wir stehen allerdings beide vor derselben Schüssel, aber wenn ich Ihnen Ihre Portion nicht schmälere, so verlange ich dafür ein Gleiches von Ihnen. Das mögen Sie sich ein für allemal gesagt sein lassen,« fügte er, ohne sich an Jenkins' Verblüfftheit zu kehren, hinzu. »Dem Nabob habe ich versprochen, ihn dem Herzog vorzustellen, wie ich auch Sie dereinst vorgestellt; also mischen Sie sich nicht in Dinge, die mich allein angehen!« Jenkins legte die Hand aufs Herz und beteuerte, daß er unschuldig sei: nie habe er eine schlimme Absicht gehabt.... Monpavon stehe ja mit dem Herzog auf viel zu freundschaftlichem Fuß, als daß ein Dritter... und überhaupt, wie könne man meinen... »Ich meine gar nichts,« sagte der alte Kavalier etwas beruhigt, aber sehr kühl, »ich wollte mich über den Punkt nur ganz unumwunden mit Ihnen aussprechen.« »Lieber Marquis,« und dabei streckte ihm der Irländer die weitgeöffnete Hand hin, »unumwunden spricht man sich ja stets aus unter Männern von Ehre.« »Von Ehre, bester Jenkins, ist ein großes Wort. ... Es genügt schon, wenn wir sagen: ›unter Leuten, die auf Form sehen‹« Und da jene Form, die er als einzige Grenzhüterin des Handelns anrief, ihm plötzlich die Komik der Situation zum Bewußtsein brachte, gab der Marquis dem demonstrativen Händedruck seines Freundes einen einzelnen Finger preis und verfügte sich würdevoll hinter seinen Vorhang zurück. Der Doktor, welcher es jetzt eilig hatte, setzte seine Rundfahrt fort. Einer vornehmeren Praxis hätte sich wohl keiner rühmen können: lauter fürstliche Palais mit geheizten Treppenhäusern voll Blattpflanzen und Blumen, mit ausgepolsterten, atlasstrotzenden Alkoven, in denen die Krankheit sich beinahe entschuldigte, kommen zu müssen, und die Brutalität verleugnete, womit sie den Armen aufs Siechbett niederreißt, der nur dann von der Arbeit läßt, wenn's ans Sterben geht. Krank waren sie, im Grunde genommen, nicht, diese Patienten des Doktors. In ein Spital wären sie nicht aufgenommen worden. Ihr Organismus war dermaßen erschlafft, daß ein bestimmter Sitz ihres Nebels nicht vorhanden schien und daß der zur Hilfe gerufene Arzt vergebens nach den Symptomen eines organischen Leidens geforscht hätte in diesen Körpern, wo bereits die Ruhe und Apathie des Todes ihren Einzug gehalten. Es waren erschöpfte, blutleere Menschen, deren Kraft ausgebrannt war durch ein unsinniges Leben, welches ihnen aber trotzdem noch so schätzenswert vorkam, daß sie es hartnäckig zu verlängern strebten, und eben deshalb wurden die Jenkins-Perlen so berühmt, weil sie solche abgehetzte Naturen wie durch einen Peitschenhieb aufrüttelten. »Heute abend muß ich auf einen Ball – ich beschwöre Sie, lieber Doktor,« sagte zum Beispiel eine junge, Frau, die sich auf ihrem Ruhebett kaum aufrichten konnte, mit einer Stimme, die nur noch ein Hauch war. »Soll auch geschehen, mein Kind.« Und in der That, sie ging hin und wurde schöner befunden als je. Oder es hieß: »Morgen früh, lieber Doktor, muß ich in den Ministerrat, koste es, was es wolle, selbst das Leben.« Und es ward möglich gemacht; der Betreffende feierte sogar einen Triumph diplomatischer Beredsamkeit und Ehrsucht. Nachher, ja, du lieber Gott! Nachher! . .. Aber gleichviel: bis zu ihrem Sterbetag konnten Jenkins' Patienten ausgehen, repräsentieren und dem nimmersatten Egoismus der Menge Sand in die Augen streuen. Sie starben in den Kleidern, ohne vorher aus der Gesellschaft verschwinden zu müssen. Nach einer langen Kreuz- und Querfahrt durch die Chaussee d'Antin, die Champs-Elisées, die Vorstadt St. Honoré, wo der Mode gewordene Doktor bei allem vorsprach, was nach Millionen oder nach Ahnen rechnete, stieg er an der Ecke des Cours la Reine und der Rue François I. vor einem Gebäude ab, dessen Vorderfront dem Quai zugekehrt war, und betrat im Parterre eine Behausung, grundverschieden von sämtlichen andern. Schon beim ersten Schritte ließen die Teppiche an den Wänden, die alten Glasfenster, zwischen deren bleierner Einfassung das Tageslicht gebrochen und gedämpft hereindrang, ließen der kolossale in Holz geschnitzte Heilige und gegenüber das japanische Ungeheuer mit den Glotzaugen und dem zierlich geschuppten Rücken auf den erfinderischen, eigenartigen Geschmack eines Künstlers schließen. Der kleine Bediente, welcher dem Doktor aufschloß, war weniger groß, als der arabische Windhund, den er an der Leine mitführte. »Frau Konstanze,« sagte er, »ist in der Kirche, und das Fräulein ganz allein im Atelier. Wir arbeiten seit sechs Uhr in der Frühe.« Und dabei gähnte der Knabe so jämmerlich, daß der Hund, um hinter dieser Leistung nicht zurückzubleiben, seinen hellroten, mit spitzigen Zähnen besetzten Rachen weit aufriß. Jenkins, welchen wir beim Minister so gelassen eintreten sahen, schob mit etwas unsicherer Hand den Vorhang beiseite, der die offen gebliebene Thür eines herrlichen Bildhauerateliers verdeckte. Die Rückwand desselben, durch, die abgerundete Front des Hauses gebildet, war fast ganz von einem Fenster eingenommen, und auf beiden Seiten mit Pilastern geschmückt, zwischen welchen die breite Lichtfläche rötlich durch den Nebel hindurchschillerte. Ueberhaupt war dieses Gemach eleganter eingerichtet, als die meisten derartigen Künstlerwerkstätten, in denen man sich gewöhnlich vor lauter Gipsflecken, Bossierhölzern, Lehmhaufen und Wasserpfützen unter die Maurer versetzt glauben könnte. Hier war mit der Zweckmäßigkeit eine gewisse Anmut verbunden. Zierpflanzen in allen Winkeln, an den nackten Wänden mehrere gute Gemälde und dazwischen, auf eichenen Postamenten zwei oder drei Arbeiten von Sebastian Ruys, worunter, in schwarzer Florhülle, seine letzte, die erst nach seinem Tode zur Ausstellung gelangt war. Die Herrin des Hauses, Felicia Ruys, des berühmten Bildhauers Tochter, selber schon durch zwei Meisterwerke bekannt, durch die Büsten ihres Vaters und des Herzogs von Mora, stand in der Mitte des Ateliers und modellierte an einer Figur. In anschließendem, faltenreichem Amazonenkleid aus blauem Tuch, ein Fichu von Crêpe de Chine nach Knabenart um den Hals gerollt und das weiche, schwarze Haar auf dem kleinen, an die Antike erinnernden Kopf einfach gescheitelt, arbeitete sie mit einem Eifer, der ihre Schönheit durch die ausdrucksvolle Beigabe von selbstzufriedener Aufmerksamkeit und straffer Spannung noch erhöhte. Aber damit war's mit einemmale vorbei, sowie Jenkins eintrat. »Ah, Sie sind's,« sagte sie hastig, wie aus einem Traume auffahrend. »So ist denn angeläutet worden? Ich habe nichts gehört. ...« Und der Ueberdruß, die Ermattung, welche sich jetzt auf ihren Zügen malten, ließen von allem, was eben noch diesem bezaubernden Gesicht einen so strahlenden Ausdruck verliehen hatte, nichts mehr übrig, als den Blick, einen Blick, in welchem der künstliche Glanz der Jenkins-Perlen noch durch angeborenes Feuer gehoben wurde. Wie bescheiden und sanft klang die Stimme des Doktors, als er ihr entgegnete: »So tief stecken wir also in der Arbeit, liebe Felicia? ... Das ist neu, was Sie da machen. Es scheint sehr hübsch zu sein.« Dann trat er näher zu der noch ziemlich formlosen Gruppe, in welcher sich zwei flüchtig skizzierte Tiere erkennen ließen, worunter ein Windhund, welcher mit wirklich überraschendem Schwung davonjagte. »Mitten in der Nacht ist mir's eingefallen. ... Ich habe schon vor Tagesanbruch angefangen.... Am wenigsten ist wohl mein armer Cadour davon erbaut,« sagte das Mädchen und schaute mit schmeichelndem Wohlwollen das Tier an, welches sie als Modell benutzte und dem der kleine Diener zu diesem Zwecke die Pfoten wieder zurechtzustellen suchte. Jenkins bemerkte nun in väterlichem Tone, daß sie unrecht habe, sich so zu ermüden. »Erlauben Sie,« fügte er hinzu, indem er ihr mit der Diskretion eines Geistlichen den Puls fühlte, »Sie haben gewiß wieder Fieber.« Bei dieser Berührung überkam Felicia ein Gefühl des Ekels. »Lassen Sie, lassen Sie nur.... Ihre Perlen ändern doch nichts daran. Wenn ich nicht arbeite, habe ich Langeweile, Langeweile zum Sterben oder zum Töten, meine Gedanken sind so trübe, wie der graue träge Strom da draußen.... Ekel empfinden vor einem Dasein, das man kaum begonnen, das ist hart ... so übel bin ich schon dran, daß ich meine arme Konstanze beneiden muß, die tagelang dasitzt und kein Wort spricht, aber in sich hineinlächelt, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenkt. Ich, ich habe nicht einmal ein paar freundliche Erinnerungen, um davon zu zehren ... ich habe nichts, als meine Arbeit ... meine Arbeit!« Während dessen modellierte sie mit rasender Hast darauf los, bald mit dem Bossierholz, bald mit den Fingern, die sie von Zeit zu Zeit an einem kleinen Schwamm abwischte, der auf dem hölzernen Gestell der Gruppe lag. Fast war's, als spräche sie nur Worte, die ihr der Zufall eingab und die an keinen Zuhörer gerichtet waren, so unerklärlich klang dieser Ausbruch des Jammers aus einem Munde von zwanzig Jahren, welcher im Zustande der Ruhe an ein olympisch hehres Götterlächeln erinnerte. Jenkins schien sich dadurch beunruhigt und beengt zu fühlen, wiewohl seine Aufmerksamkeit anscheinend auf das Werk der Bildhauerin gerichtet war, oder vielmehr auf diese selbst, auf die unwiderstehliche Anmut dieses Mädchens, welches durch eigne Schönheit zur bildenden Künstlerin wie geschaffen schien. »Apropos!« begann Felicia wieder, um jenen Blick der Bewunderung abzulenken, den sie auf sich lasten fühlte, »wissen Sie schon, daß ich ihn gesehen habe, Ihren Nabob? Letzten Freitag wurde er mir gezeigt in der großen Oper.« »Sie waren in der Oper am letzten Freitag?« »Ja, der Herzog hatte mir seine Loge zur Verfügung gestellt.« Jenkins wechselte die Farbe. »Da habe ich denn Konstanze bestimmt, mitzukommen, zum erstenmal nach fünfundzwanzig Jahren, denn seit ihrer Abschiedsvorstellung hatte sie das Haus nicht mehr betreten. Sie hätten sehen sollen, welchen Eindruck es auf sie machte, namentlich das Ballett. Sie zitterte, sie strahlte; ihre früheren Triumphe flackerten ihr aus den Augen. Welches Glück, solcher Empfindungen fähig zu sein! ... Wirklich eine typische Erscheinung, dieser Nabob. Sie müssen ihn einmal herbringen. Einen solchen Kopf zu modellieren, könnte mir Spaß machen.« »Was, er ist ja ganz abscheulich! Sie haben ihn offenbar nicht recht angesehen.« »Im Gegenteil, sehr genau. Er saß uns gerade gegenüber. Sein weißes Negergesicht würde sich prachtvoll ausnehmen in Marmor. Erhebt sich wenigstens über das Alltägliche, der Kopf! Uebrigens können Sie ja, da er gar so häßlich ist, nicht unglücklich drüber werden, wie im vorigen Jahre, als mir Mora Modell saß.... O, wie garstig schauten Sie damals drein!« »Nicht um zehn Lebensjahre,« murmelte Jenkins dumpf vor sich hin, »möchte ich das noch einmal durchmachen. Ihnen freilich ist es eine Zerstreuung, andre leiden zu sehen.« »Sie wissen recht wohl, daß mich gar nichts zerstreut,« versetzte sie mit dem verächtlichsten Achselzucken und vertiefte sich ohne einen weiteren Blick, ohne ein weiteres Wort in jenes stumme Schaffen, in welches sich der echte Künstler vor sich selber wie vor der Außenwelt hinüberflüchtet. Jenkins ging im Atelier auf und nieder, ganz erregt, den Mund voll Bekenntnisse, die sich nicht hinausgetrauten. Endlich, nachdem er auf zwei oder drei Aeußerungen keine Antwort erhalten, woraus er schloß, daß er entlassen sei, nahm er seinen Hut und trat zur Thür. »Also, es bleibt dabei, ich soll ihn herbringen?« »Wen denn?« »Je nun, den Nabob. Eben sagten Sie doch –« »Ja so,« unterbrach ihn das wunderliche Mädchen, dessen Launen nie von langer Dauer waren, »meinetwegen mögen Sie ihn bringen, es liegt mir übrigens nichts daran.« Und ihre schöne, traurige Stimme, die wie gebrochen klang, sowie die vollständige Apathie ihres ganzen Wesens bewiesen klar und deutlich, daß sie die Wahrheit sprach, daß ihr an nichts auf der Welt etwas gelegen war. Sehr betroffen und mit finsterer Stirn verließ Jenkins das Atelier. Aber schon vor dem Hausthor hatte er seine lächelnde, treuherzige Miene wieder angenommen, da er zu denen gehörte, die auf der Straße stets eine Maske aufsetzen. Es war inzwischen ziemlich spät geworden. Nur längs der Seine, und auch da bereits ganz zerfetzt, schwebten noch Nebelreste auf und ab und umwoben mit leichten Schleiern die Häuser des Ufers, das auftauchende Verdeck der Dampfschiffe und in der Ferne die Invalidenkuppel, die sich gleich einem vergoldeten Luftballon mit strahlensprühendem Netz am Horizont erhob. Sowohl die zunehmende Warme wie das rege Treiben auf den Straßen mies darauf hin, daß der Morgen zur Neige ging, und daß es demnächst von allen Türmen herab zwölf schlagen werde. Jenkins hatte jedoch, bevor er sich zum Nabob begab, noch einen andren Besuch zu machen, einen Besuch, welcher ihm sehr sauer zu werden schien. Aber da er's nun einmal versprochen hatte ... »Rue St. Ferdinand 68, in der Vorstadt Ternes!« rief er, indem er in seinen Wagen sprang. Joe, der Kutscher, nahm an dieser Weisung dermaßen Anstoß, daß er sie sich zweimal wiederholen ließ, und selbst das Pferd, das kostbare Tier mit dem funkelnden Geschirr, schien etwas zu zaudern bei der Zumutung eines Abstechers in ein so entferntes, dem kleinen aber glänzenden Schauplatz von Jenkins' Thätigkeit so vollkommen unebenbürtiges Revier. Gleichwohl erreichte der Wagen ohne weiteres Hindernis, am Ende einer kleinstädtisch aussehenden, unvollendeten Straße, das äußerste Haus, ein fünfstöckiges Gebäude, das zur Rekognoszierung des Terrains ausgeschickt zu sein schien, so vereinzelt stand es da zwischen leeren Bauplätzen, die demnächst in Angriff genommen weiden sollten, und solchen, auf denen eine Menge Abbruchmaterial herumlag, wie hingestreute Quadersteine, halb in der Luft schwebende Fensterladen und angefaulte Bretter mit gelockerten Beschlägen, kurz das Totengebein eines ganzen niedergerissenen Stadtteils. Ueber dem Eingang schaukelten unzählige Plakate hin und her, und an dem Hausthor selber prangte ein großer, über und über bestaubter Photographieschaukasten, vor dem Jenkins eine Zeitlang stehen blieb. Ob der berühmte Arzt etwa so weit herausgefahren war, um sich ein Dutzend Porträts machen zu lassen? Fast hätte man auf die Vermutung kommen können, bei der Aufmerksamkeit, die er den fünfzehn oder zwanzig Bildern widmete, welche eine und dieselbe Familie in verschiedenen Stellungen, Gruppierungen und Situationen darstellten, einen alten Herrn, der eine Ledermappe unter dem Arm trug und bis ans Kinn in einer hohen weißen Halsbinde steckte, und um ihn herum eine Schwalbenbrut von jungen Mädchen in bescheidenem Putz und geflochtenem oder gelocktem Haar. Das eine und andre Mal hatte der alte Herr auch nur mit zweien seiner Töchterchen Modell gestanden, oder es war auch eine von den jungen hübschen Gestalten einzeln aufgenommen, auf eine abgebrochene Säule gestützt und über ein Buch hingeneigt, in ungezwungenem, selbstverlorenem Sinnen. Aber alles in allem waren es bloß Variationen über ein feststehendes Thema und in der ganzen Sammlung kam kein andrer Herr vor, als der Alte mit der weißen Halsbinde, und kein andres weibliches Wesen, als dieses Herrn zahlreiche Töchter. »Atelier im fünften Stock,« besagte eine Aufschrift über dem Rahmen. Mit einem Seufzer aufschauend, berechnete Jenkins die Entfernung, die ihn von dem kleinen Balkon dicht bei den Wolken droben trennte; dann trat er in den Thorweg, wo er mit einer weißen Halsbinde und einer majestätischen Ledermappe zusammentraf – also offenbar mit dem alten Herrn aus dem Schaukasten. Dieser antwortete auf eine Anfrage des Doktors, daß Herr Maranne allerdings über fünf Treppen wohne, »aber,« fügte er mit einladendem Lächeln hinzu, »es sind keine hohen Stockwerke.« Auf diese Aufmunterung hin klomm der Irländer die engen, nagelneuen Stiegen empor, deren Absätze kaum geräumiger waren als die einzelnen Stufen; jedes Stockwerk hatte nur einen Eingang, und durch die durchschnittenen Fenster sah man auf das Pflaster eines düsteren Hofes hinab und in das unfertige Treppenhaus eines Nachbargebäudes hinüber. Kurz, es war eine jener abscheulichen modernen Wohnstätten, wie sie von Bettelspekulanten dutzendweise hergestellt werden, und deren Hauptübelstand darin besteht, daß infolge der dünnen Wände die verschiedenen Parteien ein kommunistisches Zusammenleben über sich ergehen lassen müssen. Vorläufig brachte dies indessen keine großen Unbequemlichkeiten mit sich, da bloß das vierte und fünfte Stockwerk bewohnt waren, gerade als ob der Zuzug der Insassen vom Himmel aus stattgefunden hätte. Ueber vier Treppen, bei einer Thür, auf deren Messingschild Herr Joyeuse ein »Bureau für schriftliche Arbeiten« ankündigte, vernahm der Doktor ein Geräusch von lachenden oder plaudernden Silberstimmen und hüpfenden Mädchenschritten, welches ihn bis zum photographischen Atelier hinauf begleitete. Jene kleinen Winkelgewerbe, die zu der Außenwelt in keiner Beziehung zu stehen scheinen, gehören mit zu dem Ueberraschendsten in Paris; man fragt sich unwillkürlich, wie sich's von dergleichen leben läßt, und was für eine sorgsame Vorsehung zum Beispiel hier, mitten unter den Bauplätzen einer Rue St. Ferdinand, einem fünf Treppen hoch nistenden Photographen zu Kunden und dem unter ihm hausenden Buchhalter zu Aufträgen verhelfen mag. Bei Jenkins rief diese Betrachtung ein mitleidiges Lächeln hervor, als er, wie ein angeklebter Zettel vorschrieb, »ohne anzuklopfen« oben eintrat – eine Erlaubnis, von der wohl kein übertriebener Gebrauch gemacht wurde. Ein großer junger Mann mit Augengläsern, welcher, die Füße in eine Reisedecke eingewickelt, an einem kleinen Tische saß und schrieb, sprang hastig auf, den Besuch zu empfangen, den er, da er kurzsichtig war, nicht gleich erkannte. »Guten Morgen, André,« sagte der Doktor und streckte ihm seine biedere Hand entgegen. »Herr Jenkins! ...« »Du siehst, ich bin der gute Kerl, wie immer. Dein Betragen gegen uns, dein hartnäckiges Fernbleiben vom Elternhause machen mir zwar eigentlich die größte Zurückhaltung zum Gesetz, aber deine Mutter hat darüber geweint – und da bin ich.« Während er so sprach, ließ er den Blick in dem armseligen kleinen Atelier umherschweifen, dessen Oberlicht die nackten Wände, die wenigen Möbel, einen ganz neuen photographischen Apparat und einen gleichfalls neuen kleinen Ofen aus Eisenblech, der noch nie im Feuer gestanden, verzweifelt kritisch beleuchtete. Die eingefallenen Wangen, der spärliche Bart des jungen Mannes, dem das helle Auge, die hohe schmale Stirn und das lange, zurückgeworfene Haar ein verklärtes Aussehen gaben, das alles trat bei dem grellen Lichte auffallend hervor, so auch die herbe Willenskraft in jenem lauernden Blick, der, kalt und fest auf Jenkins gerichtet, von vornherein allen Gründen und Beteuerungen des Doktors einen unüberwindlichen Widerstand entgegensetzte. Aber der gute Jenkins that, als ob er nichts davon bemerke. »Du weißt es ja, lieber André, von dem Tage an, wo deine Mutter meine Frau geworden, habe ich dich als meinen eignen Sohn angesehen. Meine Stellung, meine Praxis wollte ich dir einstmals überlassen, wollte deinem Fuß in einen goldnen Steigbügel helfen und hatte mich glücklich geschätzt, dich auf einer Laufbahn voranschreiten zu sehen, die der Menschheit Segen bringt. ... Da plötzlich, ohne nur zu sagen weshalb, ohne dich um den Eindruck eines solchen Bruches auf die Außenwelt zu kümmern, hast du dich von uns abgewendet, deine Studien im Stich gelassen, eine ganze Zukunft aufgegeben, um dich in, was weiß ich, welche verrannte Existenz hineinzustürzen und ein lächerliches Gewerbe zu ergreifen, die gewöhnliche Zuflucht und Ausflucht aller Herangekommenen.« »Ich habe es ergriffen, um mein Leben zu fristen. So kann ich wenigstens in Ruhe abwarten.« »Abwarten? Was denn? Deine literarische Berühmtheit?« entgegnete Jenkins mit einem geringschätzigen Seitenblick nach den beschriebenen Papierschnitzeln auf dem Tische. ... »Aber das führt denn doch zu gar nichts und deshalb mache ich dir folgenden Vorschlag: Die Gelegenheit ist dir günstig und reißt die Thür des Glückes förmlich vor dir auf. Die bethlehemitische Stiftung ist ins Leben getreten; mein schönster philanthropischer Traum hat eine greifbare Gestalt gewonnen. Soeben haben wir, behufs unsrer ersten Niederlassung, eine prachtvolle Villa in Nanterre angekauft. Die Verwaltung dieses Hauses, die Stelle eines Direktors habe ich, als meinem andern Ich, dir zugedacht, ein fürstliches Dasein, ein Gehalt, das dem eines ersten Ministerialbeamten gleichkommt, und dazu noch das wohlthuende Bewußtsein, dich der großen menschlichen Familie nützlich zu erweisen. Nur ein Wort von dir, und ich nehme dich mit zum Nabob, zu dem großmütigen Manne, welcher die Kosten unsres Unternehmens deckt. Willst du?« »Nein,« erwiderte der andre mit einer Schärfe, die Jenkins verblüffte. »Da haben wir's. ... dachte ich mir doch schon unterwegs, daß du es ausschlagen würdest. Aber mich konnte das nicht abhalten, denn meine Parole heißt: ›Thue Recht, auch ohne Hoffnung auf Erfolg.‹ Und ich bleibe meinem Wahlspruche treu. Also gut: dem ehrenvollen, würdigen, ersprießlichen Dasein, das ich dir in Aussicht stelle, ziehst du ein abenteuerliches Leben ohne Ziel und ohne Würde vor. ...« André schwieg, aber sein Schweigen sprach deutlich genug. »Nimm dich in acht ... du kennst die Tragweite deines Entschlusses; er wird uns auf immer voneinander trennen; doch das war ja von jeher dein Wunsch. – Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen,« fügte Jenkins hinzu, »daß ein Bruch mit mir auch den Bruch mit deiner Mutter nach sich zieht. Wir sind eins, sie und ich.« Der junge Mann erbleichte, und eine Sekunde lang schien er zu schwanken, dann preßte er die Worte hervor: »Wenn es meiner Mutter beliebt, mich hier aufzusuchen, so wird mir das eine große Freude sein, aber meinen Entschluß, Ihr Haus zu meiden und mit Ihnen nichts gemein zu haben, steht unabänderlich fest.« »Und wirst du mir wenigstens erklären, warum?« Eine ablehnende Gebärde versicherte den Fragenden des Gegenteils. Diesmal überkam den Irländer eine unverkennbare Wallung des Zornes. Seine Gesichtszüge nahmen einen heimtückischen, grimmigen Ausdruck an, der auf jeden, welcher bloß den guten, treuherzigen Jenkins kannte, überraschend gewirkt hätte; nichtsdestoweniger hütete er sich wohl, in einer Auseinandersetzung weiterzugehen, die er vielleicht ebensosehr befürchtete, wie er sie herbeiwünschte. »Adieu,« warf er vor sich hin, indem er auf der Thürschwelle noch flüchtig über die Schulter zurückblickte, »und lassen Sie sich's nie beifallen, ferner noch auf uns zu rechnen.« »Niemals,« lautete die feste Antwort des Stiefsohnes. Und jetzt, als der Doktor dem Kutscher zurief: »Nach dem Vendomeplatz,« schüttelte das Pferd mit stolzer Gebärde seine funkelnde Kinnkette, wie wenn es verstanden hätte, daß sein Herr zum Nabob fahre, und flog von dannen, daß die Räder des Wagens wie ebenso viele Feuerräder schwirrten. »Der weite Weg und solch ein Empfang! ... Dem epochemachenden Manne diese Behandlung von seiten eines herumzigeunernden Skribenten! ... Das hat man davon, wenn man Gutes stiften will. ...« So ungefähr lautete das Thema des langen Monologes, in welchem Jenkins seinen Zorn ausließ; dann plötzlich rüttelte er sich auf: Pah, wozu? Und auf dem Trottoir des Vendoméplatzes glättete sich rasch das letzte Sorgenfältchen auf seiner Stirn. Allenthalben, bei allgemeinem Sonnenschein, schlug es Mittag. Dem Nebelschleier entstiegen, wach und munter, begann das Paris des Reichen sein vorwärtshastendes Tagewerk. Die Schaufenster in der Rue de la Paix erglänzten, die Herrschaftshäuser auf dem Platze schienen sich stolz in Positur zu setzen zum Empfang der Nachmittagsbesuche, und am äußersten Ende der weißen Arkaden der Rue de Castiglione, im klaren Glänze der winterlichen Sonne ragten die Statuen im Tuilerieengarten schauernd und wie vom Frost gerötet zwischen den jämmerlich entblößten Baumgruppen empor. »Schnell, Herr Doktor, sie sitzen schon alle bei Tische,« sagte der lange frechblickende Bursche in nagelneuer Livree, welcher den epochemachenden Mann am Hausthor empfing. Zweites Kapitel. Ein Dejeuner am Vendôme Platz. Diesen Morgen saßen kaum zwanzig Gäste im Speisezimmer des Nabob, einem Zimmer, dessen geschnitzte Eichenmöbel erst vor kurzem in Bausch und Bogen aus irgend einem großen Tapeziergeschäft bezogen worden waren, das zugleich auch alles übrige geliefert hatte, die Ausstattung der vier ineinanderlaufenden Salons, in deren lange Flucht man durch eine offne Thür blickte, die Deckenverzierungen, Kronleuchter und Kunstgegenstände, ja sogar das auf den Kredenztischen prangende Silbergeschirr und das darum beschäftigte Dienstpersonal. Das Ganze machte so recht den Eindruck eines Haushaltes, wie ihn ein kolossal reicher Parvenü, der es mit dem Genießen eilig hat, unmittelbar nach dem Aussteigen aus dem Eisenbahncoupé aus der Erde stampft. Trotzdem um den großen Tisch herum kein Frauenkleid, nichts Farbiges, das Auge Erheiterndes zu sehen war, boten die Anwesenden dennoch keinen eintönigen Anblick, so verschiedenartig und bunt waren die Gäste zusammengewürfelt, unter denen sich Elemente aller Gesellschaftsklassen, Vertreter aller Stämme Frankreichs, Europas, ja der ganzen Welt, Leute von allen Stufen der sozialen Leiter befanden. Da war zunächst der Herr des Hauses, eine Art Riese mit kurzem Halse und sonnverbrannter, vergilbter, lederartiger Haut; die kleine, in dem aufgedunsenen Gesichte verschwindende Nase, das gleich einer Astrachanmütze über die niedrige, störrische Stirn sich kräuselnde dichte Haar, die buschigen Brauen und die darunter hervorlauernden Pantheraugen gaben ihm das grimmige Aussehen eines Kalmücken, eines von Krieg und Raub lebenden Halbwilden. Glücklicherweise wurde die ungeschlachte Häßlichkeit dieses Gesichtes, das vor lauter Originalität aufhörte, gemein zu erscheinen, durch die untere Partie mit den dicken, wulstigen Lippen, die ein Lächeln von wahrhaft herzgewinnender Güte umspielte, völlig ausgeglichen, ins Gegenteil Verwandelt, zum Ausdruck eines heiligen Vincent de Paulo verklärt. Die niedrige Abkunft des Nabob verriet sich indes auf andre Weise, durch die Stimme nämlich, die schnarrende, belegte Stimme eines Rhôneschiffers, die dem harten südlichen Accent einen Grundton von Plumpheit gab – und durch die breitgedrückten, gedrungenen, haarigen Hände mit dicken Fingern und kurzen Nägeln, die, auf das weiße Tischtuch hingestemmt, mit verhängnisvoller Beredsamkeit von ihrer Vergangenheit sprachen. Ihm gegenüber saß der Stammgast dieses Tisches, der Marquis von Monpavon, aber ein Monpavon, der dem angestrichenen Gespenst von vorhin keineswegs ähnlich sah, ein stattlicher, dem Alter nach schwer zu schätzender Mann mit breiter, imponierender Nase, der in majestätischer Haltung ein untadelhaftes von der weitausgeschnittenen Weste umrahmtes, weißes Hemd zur Schau trug, welches bei den fortwährenden Anstrengungen des Inwohners, sich recht stramm vorzudehnen, jedesmal knackte und mit dem Geräusch eines sich aufblasenden Puters oder eines radschlagenden Pfauen anschwoll. Einem alten, noch sehr einflußreichen Geschlecht entsprossen, aber durch Spielschulden und Spekulationen heruntergekommen, war Monpavon als Freund des Herzogs von Mora mit einer Generalsteuereinnehmerstelle erster Klasse bedacht morden. Unglücklicherweise hatte er jedoch aus Gesundheitsrücksichten den schönen Posten aufgeben müssen, was indessen – die Gesundheitsrücksichten nämlich – von wohlunterrichteter Seite stark angezweifelt wurde, und so lebte er denn seit einem Jahre in Paris, um, wie er versicherte, nach erfolgter Genesung sein Amt wieder anzutreten, obwohl von obenerwähnter Seite die Behauptung ausging, daß dieser Wiederantritt niemals stattfinden werde und daß es sogar hoher Protektionen bedurft hatte ... Doch gleichviel, hier war er der Löwe der Tischgesellschaft, das ließ sich schon aus der Art und Weise entnehmen, wie er von den Domestiken bedient und vom Nabob zu Rate gezogen wurde; dieser redete ihn nämlich immer, wie in einem Stücke der Komédie française, mit »Herr Marquis« an, allerdings weniger aus Ehrerbietung, als um sich selber im Abglanz dieses Titels zu sonnen. Voller Geringschätzung für seine Umgebung sprach der Herr Marquis wenig, und dann nur sehr von oben herunter, als müsse er sich erst zu denjenigen herablassen, die er mit seiner Konversation beehren wollte. Von Zeit zu Zeit richtete er über den Tisch hinüber an den Nabob einige hingeworfene, für die Anwesenden sehr rätselhafte Worte: »Gestern traf ich auch mit dem Herzog zusammen, er sprach viel von Ihnen, betreffs jener Angelegenheit, Sie wissen schon die Geschichte, nun ja, wie heißt es nun gleich ...« »Wirklich? Er hat von mir gesprochen? ...« Und dabei blickte der gute Nabob mit einer lächerlichen Kopfbewegung strahlend ringsum, oder schaute mit der salbungsvollen Miene einer Betschwester drein, die den Namen Gottes anrufen hört. »Seine Excellenz würde es gerne sehen, wenn Sie sich bei der ... ps ... ps ... ps ... bei der Geschichte beteiligten ... nun ja.« »So? Hat er Ihnen das gesagt?« »Fragen Sie nur den Gouverneur ... der hat's mit angehört.« Der so Bezeichnete, ein gewisser Paganetti, war ein bewegliches kleines Männchen, dessen Anblick förmlich ermüdend wirkte durch die unglaubliche Raschheit, mit welcher sein Gesicht binnen einer Minute den Ausdruck wechselte. Er leitete ein ausgedehntes finanzielles Unternehmen, die Territorialkasse von Korsika, und war eben durch Monpavon neu eingeführt worden, weshalb er auch am Tische einen Ehrenplatz einnahm. – Dem Nabob zur Linken, in einem Rocke von orientalischem Schnitt, bis oben zugeknöpft, saß ein Greis mit einer Unmasse von Fältchen im Gesicht und mit militärisch zugestutztem weißen Schnurrbart. Es war dies Brahim Ben, der tapferste General der Regentschaft in Tunis und der Flügeladjutant des verstorbenen Bey, an dessen Hofe der Nabob seine Reichtümer gesammelt hatte. Von den großartigen Heldenthaten dieses Kriegers berichteten, außer den Runzeln und anderweitigen Denkzeichen einer ausschweifenden Vergangenheit, die schlaff herabhängende Unterlippe, die versengten, geröteten Augen ohne Wimpern, kurz der ganze Kopf, der an die Angeklagten in den bei verschlossenen Thüren zu verhandelnden Prozessen erinnerte. – Die übrigen Gäste hatten sich einfach so hingesetzt, wie es der Zufall und der Moment ihres Eintreffens gefügt hatten. Denn der Zutritt stand jedem offen, und tagtäglich wurde für dreißig Personen gedeckt. Da war denn auch Cardailhac, der vom Nabob über Wasser gehaltene Theaterdirektor, durch seinen Witz fast ebenso berühmt als durch seine Fallimente, ein wunderbarer Tranchierkünstler, welcher beim Zerlegen eines Rebhuhnes gleichzeitig das Bonmot ausheckte, das er dann jeder Portion auf dem dargereichten Teller mitgab. Da er sich indessen auf seine Tranchierkunst doch noch besser verstand, als auf gute Einfälle, war ihm die neue Mode, den Braten schon zerschnitten » à la Russe«, auftragen zu lassen, insofern verhängnisvoll geworden, als ihm jetzt ein Vorwand fehlte, um sich stillschweigend zu sammeln. Dann ward auch allgemein behauptet, daß er abnehme. Im übrigen Pariser Vollblut und, wie er sich selber dessen rühmte, Dandy bis an die Fingerspitzen; dabei am ganzen inneren Menschen von Vorurteilen nicht einmal so viel, wie auf eine Nadelspitze geht, weshalb ihm denn auch das Kunststück gelang, Brahim Ben, der ihm zuhörte, etwa wie man ein schlechtes Buch durchblättert, die pikantesten Mitteilungen über die Damen seines Theaters zu machen und sich zu gleicher Zeit in ein theologisches Gespräch mit seinem andern Tischnachbar einzulassen, einem jungen, hageren Dorfgeistlichen aus dem Süden mit stark geröteten Wangen, einer Spitznase und einem Teint so schwarz wie seine Soutane, der, von Ehrgeiz geschwollen, in gönnerhaftem, priesterlich selbstbewußtem Ton von Guizot sagte: »Wir sind mit ihm zufrieden, sehr zufrieden; er verhilft der Kirche zum Sieg!« – Neben diesem Priester mit den blendenden Bäffchen prangte der alte Schwalbach, der berühmte Bildhändler, mit seinem stellenweise wie schmutzige Wolle ins Gelbliche spielenden Prophetenbarte und seinem in allen Farben schillernden Rocke, in dem ganzen verwahrlosten Aufzuge, den man teils der Kunst zuliebe an ihm duldete, teils weil es, zu einer Zeit, wo die Bildermanie bereits Millionen in Umlauf setzte, für geschmackvoll galt, den maßgebenden Vermittler jener Eitelkeitskrämerei bei sich zu sehen. Schwalbach schwieg, er begnügte sich, mit seinem ungeheuren runden Monocle Rundschau zu halten und über die kuriosen Menschenzusammenkoppelungen an diesem in seiner Art einzigen Tische in den Bart zu lächeln. Da saß zum Beispiel Herr von Monpavon – und es war komisch, zu beobachten, wie sich sein Naserümpfen bei jedem dorthin gerichteten Blick steigerte – ganz nahe bei dem Sänger Garrigos, einem Landsmann von Jansoulet, der, auch als Bauchredner geschätzt, den Figaro im südlichen Dialekt darstellte und im Nachahmen von Tierstimmen seinesgleichen suchte. Etwas weiter gewahrte man noch einen Landsmann von Jansoulet, Namens Cabassu, einen untersetzten, vierschrötigen, kleinen Mann mit einem Stierhalse und mit einer Armmuskulatur à la Michelangelo, ein Mittelding zwischen einem Marseiller Friseur und einem Jahrmarktathleten, der seines Zeichens Masseur, Hühneraugenoperateur und nebenbei auch ein wenig Zahnarzt war und der, beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt, mit dem Selbstgefühl eines Quacksalbers dasaß, den man morgens empfangt, und der um alle kleinen Gebrechen und sonstigen häuslichen Mißstände des Gastgebers weiß. Die Reihe dieser untergeordneten Persönlichkeiten, die sich aber wenigstens mit irgend einer Spezialität begnügten, fand ihren Abschluß in Herrn Bompain, der als des Nabobs Sekretär, Haushofmeister und Vertauensmann sämtliche inneren Angelegenheiten unter sich hatte. Ein Blick auf die feierlich versimpelte Erscheinung, auf den verschwommenen Dorfschulmeisterkopf mit ungeschickt aufgestülptem Fes war genügend, um zu erkennen, was für einem Subjekt Geldinteressen wie die des Nabobs anheimgegeben waren. Endlich kamen noch, um die Lücken auszufüllen, die Vertreter der Levante hinzu, Tunisier, Marokkaner, Aegypter, Asiaten und, diesen exotischen Elementen beigemischt, eine einheimische bunte Zigeunerbande von abgehausten Adligen, zweifelhaften Industriellen, schmarotzenden Zeitungsschreibern, abenteuerlichen Erfindern und ohne einen roten Heller zugereisten »Landsleuten« aus dem Süden, mit einem Worte, alles, was von diesem großen Reichtum angezogen wurde, wie lecke, hilfsbedürftige Fahrzeuge oder im Dunkeln umherflatternde Möwen vom Schimmer eines Leuchtturmes. Aus Güte, aus Großmut duldete der Nabob solch zusammengewürfeltes Volk an seinem Tische, auch aus Schwäche und weil er mit einer gänzlichen Unkenntnis der Verhältnisse eine große Leichtlebigkeit verband, weil von seinem frühern Heimweh etwas in ihm zurückgeblieben war, etwas von jenem Mitteilungsbedürfnis, aus welchem er draußen in Tunis, in seinem prächtigen Palaste am Bardo, alles aufgenommen hatte, was von Frankreich hergefahren kam, vom kleinsten Kaufmann, der einen Ballen Pariser Waren ausschiffte, bis hinauf zum berühmten Klaviervirtuosen und zum Generalkonsul. Es wäre unmöglich gewesen, zu sagen, wo man sich eigentlich befand, hätte man als Uneingeweihter diese verschiedenen Aussprachen, die fremdartig betonten, teils abgerissenen, teils überstürzten Worte gehört und die Gegensätze in den Physiognomiken beobachtet: die einen brutal, barbarisch, pöbelhaft, andre hypercivilisiert, Boulevardgesichter welk und weich wie überreife Birnen; – Gegensätze, die auch bei der Dienerschaft vertreten waren, unter welcher der gestern noch in irgend einem Hotel beschäftigte Kellner mit seinem Badergehilfenkopf und seiner unverschämten Miene hin und her huschte zwischen glänzenden Aethiopiern, die unbeweglich wie Riesenkandelaber aus schwarzem Marmor dastanden. Sicherlich hätte man sich eher an jeden andern Ort versetzt geglaubt, als mitten ins pulsierende Herz, in den Brennpunkt des modernen Pariser Lebens, an den Vendomeplatz. Ebenso fremdartig wirkte der Anblick der Tafel mit ihren ausländischen Speisen: die Safran- und Sardellensaucen, die komplizirten Gewürze, die türkischen Leckerbissen, die mit gebackenen Mandeln garnierten Hühner; das alles zusammen mit der banalen Einrichtung, dem vergoldeten Getäfel, dem schrillen Lärm der neuen Klingeln erinnerte an die Table d'hote irgend eines großen Smyrnaer oder Kalkuttaer Hotels oder auch an den Speisesaal eines großen transatlantischen Dampfers. Eigentlich hätte die Mannigfaltigkeit der Gäste, der Passagiere hätte ich bald gesagt, dem Mahle einen lebhaften, geräuschvollen Charakter verleihen sollen; aber weit gefehlt. Alle aßen mit wortkarger Nervosität, jeder den andern verstohlen beobachtend, und aus dem Blick selbst der Weltläufigsten unter ihnen, derjenigen, die sich am ungezwungensten zu bewegen schienen, starrte die Befangenheit eines bohrenden Hintergedankens, eine fieberhafte Unruhe; sie sprachen, ohne zu antworten, und hörten zu, ohne auch nur ein Wort von dem zu beachten, was zu ihnen gesagt wurde. Da ging die Thür des Speisesaales plötzlich auf, »Ach! da kommt ja Jenkins,« rief der Nabob ganz vergnügt. »Willkommen, Doktor, willkommen! ... Wie geht's denn, alter Kamerad?« Ein summarisches Lächeln für die Gäste, ein kräftiger Händedruck für den Gastgeber, und Jenkins setzte sich diesem gegenüber neben Monpavon, vor das Gedeck, welches genau wie bei einer Table d'hote, ohne besondern Befehl eiligst herbeigeschafft worden war. Diese Figur stach, neben all den fieberhaft befangenen Menschen, doch wenigstens ab, durch den zufriedenen Sinn, die offne Heiterkeit, jenes gesprächige, verbindliche Wohlwollen, welches die Irländer gewissermaßen zu den Gascognern Englands macht. Und dann noch der gesunde Appetit; mit welcher Hingabe, mit welch ungetrübter Gewissensruhe arbeitete er, immer weiterredend, mit seinen zwei Reihen blendender Zähne. »Nun haben Sie's gelesen, Jansoulet?« »Was denn?« »Wie? Sie wissen noch nichts? Sie haben noch nicht gelesen, was im Messages über Sie geschrieben steht, heute morgen?« Unter dem tiefen Braun seiner Wangen errötete der Nabob wie ein Kind: »Wirklich im ›Messager‹ wird von mir gesprochen?« sagte er mit freudestrahlenden Augen. »Zwei volle Spalten, ich begreife nicht, daß Ihnen Moëssard seinen Artikel nicht zu lesen gibt.« »Mein Gott,« sagte der bescheidene Verfasser, »es ist ja kaum der Rede wert.« Mosësard war ein blonder, geschniegelter kleiner Journalist, ziemlich hübsch, aber von jenem abgelebten Aussehen, das Nachtkellnern, Komödianten und Dirnen eigen ist, und das teils vom konventionellen Gesichterschneiden, teils vom fahlen Gaslicht herrührt. Er galt für den bezahlten Liebhaber einer sehr leichtsinnigen Exkönigin. – Das wurde, wo er erschien, jedem ins Ohr geflüstert und verhalf ihm in seinen Kreisen zu einer vielbeneideten, schimpflichen Berühmtheit. – Jansoulet bestand darauf, den Artikel zu lesen, um endlich zu erfahren, was über ihn geschrieben werde. Leider hatte Jenkins sein Blatt beim Herzog liegen lassen. »Gleich gehe einer hin und hole mir den heutigen ›Messager‹,« sagte der Nabob zu seinem hinter ihm stehenden Lakaien. »Das braucht es nicht,« intervenierte Moëssard, »ich muß das Ding noch bei mir haben.« – Und mit der Ungeniertheit eines Reporters, der im Bierhause, wo er Stammgast ist, zwischen dem ersten und zweiten Seidel seine vermischten Nachrichten hinschmiert, zog der Zeitungsschreiber ein dickes Portefeuille voll Notizen, Stempelbogen, Ausschnitten aus Journalen und Briefchen auf Atlaspapier mit Devisen hervor, die er, seinen Teller zurückschiebend, auf den Tisch ausstreute, um die Korrektur seines Artikels herauszufinden. »Da!« und er reichte Jansoulet das Blatt hin; aber Jenkins protestierte. »Nicht so ... vorlesen!« Da alles beistimmte, behielt Moëssard seine Korrektur in der Hand und gab laut und vernehmlich den Artikel zum besten: »Die bethlehemitische Stiftung und Herr François Jansoulet.« Daß dieser lange Dithyrambus über die künstliche Ernährung des Säuglings von Jenkins inspiriert war, ließ sich an gewissen abgedroschenen, dem Irländer besonders sympathischen Redensarten erkennen, wie die »lange Märtyrergeschichte der Kindheit« oder das »Söldnertum der Ammenbrust« oder die »Mutterstelle vertretende Ziege«. Den Schluß bildete nach einer pompösen Schilderung der prachtvollen Anstalt in Nanterre, eine Lobrede auf Jenkins und die Verherrlichung des Nabobs: »O, Francis Jansoulet, du Wohlthäter der Kindheit«. ... Es wäre wirklich lohnend gewesen, den Aerger und die Entrüstung der Tischgesellschaft zu beobachten: »Ist das ein Intrigant, dieser Mossard ... nein so eine schamlose Lobhudelei«, und dabei verzerrte jeden Mund dasselbe neidische, geringschätzige Lächeln. Das Fatalste an der Situation bestand aber darin, daß man klatschen und sich entzückt stellen mußte, denn die Geruchsnerven des Herrn vom Hause waren für dergleichen Weihrauch noch nicht abgestumpft, und er faßte sowohl den Artikel, wie den dadurch hervorgerufenen Beifall sehr ernsthaft auf. Sein breites Gesicht strahlte bei jedem Worte. Wie oft hatte er draußen in der Fremde von einem solchen Lobgesang der Pariser Blätter geträumt, daß auch er etwas gelte in der Gesellschaft, der ersten unter allen, auf die sich, wie auf eine Sonne, die Augen der ganzen Welt richten. Jetzt war aus dem Traume Wahrheit geworden; er betrachtete die große Tafelrunde, die Ueberbleibsel des kostbaren Mahles, den getäfelten Speisesaal, der wohl ebenso hoch war, wie die Dorfkirche seiner Heimat, und lauschte dem dumpfen Geräusch des unter ihm hinrollenden und herumwimmelnden Pariser Treibens, mit dem tiefinneren Bewußtsein, bald als wichtiges Triebrad in die Thätigkeit dieser tausendgliedrigen Maschine einzugreifen. Und während er sich so im Wohlbehagen des Nachtisches und im Rhythmus der an ihn gerichteten Triumphhymne wiegte, entrollte sich durch ein Widerspiel der Gegensätze die Vergangenheit vor ihm, seine elende Kindheit, seine abenteuerliche, nicht minder erbärmliche Jugend, die Tage voll Hunger, die obdachlosen Nächte.... Dann plötzlich, als die Vorlesung zu Ende war, steigerte sich seine überströmende Herzensfreude zu einem jener Ausbrüche, die den Südländer oft zu lautem Denken zwingen, und indem er das offenherzige Lächeln seiner dicken Lippen über die Gäste gleichsam ausschüttete, rief er: »Ach, meine lieben, lieben Freunde, wie glücklich ich bin und wie stolz! ...« Erst vor sechs Wochen war er in Paris angekommen; abgesehen von zwei oder drei Landsleuten, kannte er die, die er seine Freunde hieß, kaum seit gestern und das nur, weil er ihnen Geld geliehen hatte. Deshalb machte dieser unmittelbare Gefühlsausbruch auch einen ziemlich sonderbaren Eindruck, aber Jansoulet war zu ergriffen, um dergleichen wahrzunehmen, und fuhr fort: »Wenn ich nach dem, was ich eben gehört, hier in dem großen Paris, umgeben von allem, was es an berühmten Namen, an hervorragenden Geistern besitzt, an die elterliche Bretterbude zurückdenke, jawohl, in einer Bretterbude bin ich geboren; mein Vater handelte mit alten Nägeln an einem Eckstein in dem Marktflecken St. Andéol ... wenn's hoch kam, hatten mir täglich unser Stück Brot und jeden Sonntag eine Schüssel Fleisch. ... Cabassu weiß davon zu erzählen, der hat mich damals schon gekannt, der soll nur sagen, ob ich lüge. ... Ja, ja, ich kann ein Lied davon singen, vom Elend!« Und mit plötzlich aufwallendem Selbstgefühl reckte er den Kopf in die Höhe und atmete den Trüffelduft ein, womit die schwüle Luft geschwängert war. »Ich kann ein Lied davon singen und zwar vom echten Elend und von andauerndem, auch die Kälte hat mir zugesetzt und der Hunger, der wirkliche bittre Hunger, müßt ihr wissen, der betrunken macht, der den Magen zusammendreht, der dem Menschen einen Kreisel im Kopfe herumtreibt und die Sehkraft anpackt, als würden einem die Augenhöhlen mit Austernmessern ausgeräumt. Tagelang habe ich zu Bett gelegen, weil ich keinen Rock hatte zum Ausgehen, und selbst dann konnte ich noch von Glück sagen, denn manchmal hatte ich nicht einmal ein Bett. Bei allen Gewerken habe ich ums liebe Brot angeklopft, und so sauer ist mir's geworden, so schwarz und so hart war's, jenes Brot, daß ich jetzt noch einen bittern, schimmeligen Nachgeschmack davon verspüre. Und so ging's weiter bis in mein dreißigstes Jahr, jawohl, meine lieben Freunde, mit dreißig Jahren – und ich bin immer noch keine fünfzig – war ich noch derselbe Hungerleider, ohne einen Heller, ohne Zukunft, mit der armen Mutter auf dem Gewissen, die mittlerweile Witwe geworden war und in ihrer Bretterbude da drunten langsam verkümmerte vor Not, während ich ihr doch nichts geben konnte. ...« Bei Jansoulets Schilderung seiner Lage war der Gesichtsausdruck der Gäste recht beachtenswert; einige schienen unangenehm davon berührt, am unangenehmsten Monpavon, dem dieses Heraushängen des Hungertuches entsetzlich geschmacklos und ganz und gar unpassend vorkam, weshalb auch jetzt der Schwung seiner Nase an Hoffart etwas zugenommen hatte. Cardailhac, der skeptische Feinschmecker und abgesagte Feind aller Rührszenen, zerlegte stieren Blickes, wie hypnotisiert, eine an der Gabel aufgespießte Frucht in möglichst dünne Streifchen, beinahe so dünn wie Cigarettenpapier. Der Gouverneur hingegen zeichnete sich durch sein Mienenspiel voll platter Bewunderung und durch obligate Naturlaute der Verblüfftheit oder des Mitgefühles aus, indessen um des Kontrastes willen, bei dem nicht weit von ihm sitzenden Haudegen, Brahim Ben, die Vorlesung nach einem so üppigen Mahle ein Mittagsschläfchen bewirkt hatte; der Alte schlief und der Mund unter dem weißen Schnurrbart stand weit offen, das Gesicht aber glühte, weil ihn seine verschobene Militärhalsbinde würgte. Der Ausdruck der meisten aber war der der Gleichgültigkeit oder Langeweile. Was in aller Welt konnte auch, ich bitte Sie, diesen Menschen daran liegen, wie Jansoulet im Marktflecken St. Andéol seine Jugendzeit verbracht, wie er gelitten, sich abgeschunden? Um solcher Ammenmärchen willen hatten sie sich doch nicht herbemüht. Die scheinbar teilnehmenden Züge, die mit Nachzählen der Schnörkel an der Decke oder der Brotkrumen auf dem Tischtuche beschäftigten Blicke, die aus Furcht vor dem Gähnen zusammengepreßten Lippen verrieten die allgemeine Ungeduld über die so unzeitig vorgetragene Jugendgeschichte. Doch unverdrossen schwelgte der Nabob weiter im Rückblick auf seine vergangenen Leiden, wie der wohlgeborgene Seemann in den Erinnerungen an gefahrvolle Irrfahrten und Schiffbrüche auf fernen Meeren. Dann kam die Wendung zum Guten an die Reihe, der wunderbare Zufall, der ihn plötzlich in die Bahn des Glückes hineingetrieben. »Ich irrte nämlich gerade auf dem Marseiller Hafendamme umher mit einem ebenso zerlumpten Kameraden, der sich dann auch beim Bey bereicherte, und nachdem ich als Bruder und Compagnon alles mit ihm geteilt, mein bitterster Feind geworden ist. Ich darf ihn schon nennen, warum nicht; der Name Hemerlingue ist ja weltbekannt. Jawohl, meine Herren, der Chef des großen Bankhauses Hemerlingue und Sohn' war damals zu arm, um sich bei einem Hökerweibe für zwei Sous Feigen zu kaufen. ... Von der Wanderlust angeduselt, die dort in der Luft liegt, gerieten mir auf den Einfall, auf und davon zu gehen und unser Fortkommen drüben im sonnigen Süden zu suchen, weil uns das Abendland so roh zurückstieß. Aber wohin zunächst? Wir machten es, wie zuweilen die Matrosen, wenn sie nicht wissen, in welcher Kneipe sie ihre Löhnung durchbringen wollen; da heftet man nämlich ein Stück Papier an seinen Hut, bringt diesen an seinem Stocke zum Drehen, und wenn er wieder stillsteht, folgt man der Richtung des Papieres. Für uns deutete der Magnet auf Tunis ... Acht Tage darauf stieg ich mit einem halben Louisdor in der Tasche ans Land, und jüngst kam ich zurück mit fünfundzwanzig Millionen.« Dieser Schluß zündete ringsum wie ein elektrischer Schlag, daß es aufblitzte in allen Augen, sogar in denen der Dienerschaft. Cardailhac lispelte ein anerkennendes »Teufel auch« und Monpavons Nase nahm einen menschenfreundlichen Ausdruck an. »Ja, Kinder, fünfundzwanzig flüssig gemachte Millionen, das nicht einmal miteingerechnet, was in Tunis zurückgeblieben ist, meine zwei Paläste am Bardo, meine Schiffe im Kanal von Gouletta, meine Diamanten und Pretiosen, was alles in allem gewiß das Doppelte ausmacht. Und ihr wißt ja,« fügte er mit seinem guten Lächeln und seiner pöbelhaft schnarrenden Stimme hinzu, »wenn man auch mäht, das Gras wächst wieder nach.« Die ganze Tischgesellschaft sprang wie ein Mann von den Stühlen auf: »Bravo ... ah ... bravo!« »Pompös!« »Sehr patent – in der That, sehr!« »Das hat Hand und Fuß!« »Und so ein Mann ist noch nicht Abgeordneter?« »Muß es werden oder ich will ein Narr heißen,« rief der Gouverneur darein, und in der Raserei der Bewunderung ergriff er, da er seinen Enthusiasmus gerade nicht besser geltend zu machen mußte, des Nabobs dicke, haarige Hand und führte sie unwillkürlich an die Lippen. ... Gleich oben hinaus, diese Korsen! – Da alles schon auf den Beinen war, setzte man sich nicht mehr nieder und freudetrunken gab Jansoulet das Zeichen zum Aufbruch. »Zum Kaffee jetzt, meine Herren!« rief er, indem er die Serviette von sich warf. Sofort drängte man sich in geräuschvoller Fröhlichkeit nach den Salons, in deren weiten Räumen Gold und wieder nur Gold die Stelle von Licht, Pracht und Schmuck vertreten mußte; Gold strahlte, sonnenhaft blendend, von den Plafonds, Gold floß in Streifen, Stäbchen, Arabesken, kurz in allen möglichen Formen an den Wänden nieder, beim Rollen eines Fauteuils oder beim Oeffnen eines Fensters blieb einem eine Spur davon an den Händen zurück und selbst die senkrechten Falten der Portieren und Gardinen hatten etwas metallisch Steifes und Schillerndes, als wären auch sie in diesem Paktolus gebadet worden. Aber diese Räume hatten nichts Persönliches, nichts Trauliches, nichts liebevoll Ausgedachtes, nichts, was sie vom frostigen Luxus einer Hoteleinrichtung unterschied. Was aber den Eindruck einer Nomadenwirtschaft, einer provisorischen Einrichtung noch erhöhte, das war die Vorstellung des Wandelbaren, welche dem aus fernliegenden Quellen geschöpften Vermögen anhaftete, wie eine Unsicherheit oder eine Drohung. Der Kaffee wurde in orientalischer Manier, mitsamt dem Satz, in kleinen Tassen mit silbernen Filigranverzierungen serviert. Die Gäste gruppierten sich um den dampfenden Mokka und schlürften ihn hastig hinunter, indem sie einander gegenseitig überwachten. Vor allem galt es, dem Nabob aufzulauern, und man verbrühte sich die Zunge, um ja bei der ersten günstigen Gelegenheit über ihn herzufallen, ihn in einen Winkel dieser Riesengemächer mit fortzuziehen und dort endlich ein Darlehen durchzusetzen. Das und nichts andres sehnten sie schon seit zwei Stunden herbei, das war der Zweck ihres Besuches, das ihre fixe Idee und deshalb hatten sie bei Tische mit jener starren, bloß scheinbaren Aufmerksamkeit dagesessen. Jetzt aber genug des Zwanges und der Spiegelfechterei! Ist es doch in diesem Kreise von sonderbaren Existenzen männiglich bekannt, daß in dem überbürdeten Leben des Nabobs für vertrauliche Audienzen nur diese Nachmittagsstunde übrig bleibt, und da jeder zu Worte kommen will, weil jeder hier ist, um vom goldnen Vließ, das sich so gemütlich selbst zu Markte trägt, seine Handvoll Wolle auszurupfen, so wird eben nicht mehr zugehört; man ist ganz bei der Sache. Der gute Jenkins eröffnete den Reigen. Er hat seinen Freund Jansoulet in eine Fensternische entführt und legt ihm den Kostenüberschlag der Niederlassung in Nanterre vor. Ein tüchtiger Brocken, das weiß Gott, hundertfünfzigtausend Franken für den Ankauf, ferner eine beträchtliche Summe für Einrichtung, Personal, Bettzeug, Ziegenherde, Equipage des Direktors und sonstiges Fuhrwerk, um die Kinder an der Bahn abzuholen.... Allerdings viel Geld, aber wie gut sollen sie's dafür haben, die lieben Kleinen, welch eine Wohlthat für Paris, für die ganze Menschheit; die Regierung wird nicht umhin können, ein so uneigennützig dargebraches, philanthropisches Opfer mit einem Bündchen ins Knopfloch zu belohnen.... Die Ehrenlegion zum 15. August.... Dieses Zauberwort gibt Jenkins gewonnenes Spiel, Mit jener fröhlichen Fettstimme, die fortwährend klingt, als riefe sie ein Frachtschiff durch den Nebel an, wird Bompain herbeicitiert. Der Mann mit dem Fes reißt sich von den Liqueurflaschen los und durchschreitet majestätisch das Gemach; nach kurzem Hin- und Hermurmeln entfernt er sich und kommt mit einem Schreibzeug und einem Heft zurück, dessen lösbare Blätter fast von selbst unter den Fingern wegfliegen. Es ist doch etwas Schönes um den Reichtum, auf dem Knie unterschreibt Jansoulet einen Check von zweimalhunderttausend Franken so leichthin, wie er einen Louisdor aus der Tasche gezogen hätte. Ueber ihre Tassen hinwegschielend, verfolgen die andern diese kleine Szene mit wütenden Blicken. Dann im Moment, wo Jenkins lächelnd und leichten Schrittes, den verschiedenen Gruppen noch seinen Gruß zuwinkend, abgeht, faßt Monpavon den Gouverneur beim Arm: Jetzt! ... Und auf den Nabob losstürzend, reißen ihn die beiden mit sich fort zu einem Diwan hin, auf den sie ihn niederziehen, um ihn zwischen sich festzuklemmen mit einem gleißenden, feinen Lächeln, das soviel bedeutet, wie: So, was wollen wir ihm jetzt thun? – Geld herausklopfen, zum Henker! So viel Geld wie nur immer möglich, sonst machen wir die »Territorialkasse« nie mehr flott, die seit Jahren festgefahren und schon bis an die Mastspitzen im Sande versunken ist, eine prächtige Spekulation, dieses Wiederflottmachen, falls die beiden Herren wahr sprechen, denn die versunkene Kasse strotzt von Goldbarren und sonstigen Kostbarkeiten, vom tausendfältigen Reichtum eines jungen Landes, das jedermann im Munde führt, aber niemand kennt. Mit diesem unvergleichlichen Unternehmen hat Paganetti von Portovecchio die monopolisierte Verwertung sämtlicher Erwerbsquellen von Korsika bezweckt, als da sind: Eisenschwefel- und Kupferbergwerke, Marmorbrüche, Korallenfischerei, Austernzucht, eisen- und schwefelhaltige Wasser, unermeßliche Chuja- und Korkeichenwälder – eine Verwertung, die durch ein durchgehendes Eisenbahnnetz und eine Dampfschiffverbindung zu erleichtern wäre, das ist jenes gigantische Unternehmen, vor welches sich Paganetti eingespannt hat. Nachdem dasselbe schon beträchtliche Kapitalien verschlungen, wird nun der neu Hinzugekommene, der Arbeiter der letzten Stunde, den ganzen Nutzen daraus ziehen. Während der Korse mit seinem italienischen Accent unter dem überschwenglichsten Gebärdenspiel die glänzenden Vorteile des Geschäftes aufzählt, stimmt Monpavon mit überzeugtem Kopfnicken vornehm und würdevoll bei und läßt, wo es ihm geraten scheint, von Zeit zu Zeit den Namen des Herzogs von Mora mit unterlaufen, dessen Zugkraft sich beim Nabob noch stets bewährt hat. »Aber kurz und gut, wie viel müßte man zuschießen?« – »Millionen!« antwortet Monpavon mit der stolzen Zuversicht eines Mannes, der um eine anderweitige Ansprache nicht verlegen ist. »Jawohl, Millionen, aber dafür ist es auch ein prächtiges Geschäft, meint Seine Exzellenz, mit dem sich ein Kapitalist zu einer hervorragenden, selbst politisch bedeutsamen Stellung emporschwingen dürfte.« »Bedenken Sie nur gefälligst, Korsika, ein Land, das finanziell brach liegt! ... Zum Generalrat könnte man's dort bringen, zum Abgeordneten. ...« Den Nabob überläuft's und Paganetti hat gefühlt, daß es an der Angelschnur bereits zupft. »Abgeordneter,« ruft er, »versteht sich. Ich brauche nur zu wollen: ein Wink von mir und die ganze Insel liegt Ihnen zu Füßen.« Und nun bricht er in einen betäubenden Redefluß aus und schließt, nach einer Aufzählung der Stimmen, die ihm zu Gebote stehen, der Bezirke, die sich bei seinem Aufruf erheben werden, mit den Worten: »Sie schießen ihre Kapitalien zu, ich führe Ihnen ein ganzes Volk in die Arme.« Das Geschäft ist durch, »Bompain, Bompain,« ruft der Nabob. Er ist begeistert, er fürchtet nunmehr, das Ding weggeschnappt zu bekommen, und um Paganetti, der aus seinen Geldbedürfnissen kein Hehl gemacht, zu binden, beeilt er sich, an die Territorialkasse eine Abschlagssumme zu zahlen. Hierauf abermaliges Auftreten des Mannes mit der roten Kappe und dem bewußten Heft, welches er salbungsvoll an die Brust drückt, wie ein Chorknabe, der das Evangelium auf eine andre Seite des Altars hinträgt, und neue Uebergabe eines von Jansoulet unterschriebenen Blattes, das vom Direktor zwar mit gleichgültiger Miene eingeschoben wird, dann aber eine plötzliche Umwandlung in seiner ganzen Haltung bewirkt. Der eben noch so demütige, platte Paganetti wirft sich beim Abgehen in die Brust, wie einem Manne geziemt, den viermalhunderttausend Franken wieder ins Gleichgewicht gebracht haben, und Monpavon, hochtrabender noch als sonst, steigt ihm nach, überwacht ihn mit mehr als väterlicher Fürsorge. »Das wäre wieder einmal ein gutes Geschäft,« denkt der Nabob, »jetzt will ich meinen Kaffee trinken;« aber es schneiden ihm ihrer zehn den Weg ab, der Flinkste und Geschickteste unter ihnen, der Theaterdirektor Cardailhac, schnappt nach ihm und zieht ihn in ein entlegenes Gemach fort. – »Nur auf ein Wort, mein Bester! Ich muß Ihnen die Situation unsers Theaters klar legen« – jedenfalls eine sehr verwickelte Situation, denn da kommt schon wieder Herr Bompain gegangen und wiederum fliegen ein paar Blätter aus dem blauen Heft. Wer kommt jetzt wohl an die Reihe? Zunächst Moessard, der Journalist, der sich seinen Artikel im »Messager« bezahlen läßt, damit der Nabob doch auch erfahre, was es kostet, in den Morgenblättern als »Wohlthäter der Kindheit« gepriesen zu werden. Dann der Geistliche aus der Provinz, welcher ein Baukapital für seine Kirche begehrt und mit der Ungeschliffenheit eines »Peter von Amiens« Sturm läuft auf die Checks. Da kommt der alte Schwalbach heran mit der kleinen Nase und dem großen Barte und zwinkert geheimnisvoll mit den Augen und fängt mit seinem echtesten deutschen Accent zu flüstern an. – Eine Perle hat er entdeckt für die Galerie seines Auftraggebers, einen Hobbema aus der Sammlung des Herzogs von Mora, aber es sind ihrer schon etliche, die danach hinschielen, und es wird schwer halten. ... »Ich will ihn haben um jeden Preis,« sagt der Nabob, durch den Namen des Herzogs schon wieder geködert, »diesen Hobbema muß ich bekommen ... hören Sie, Schwalbach, zwanzigtausend Franken sind Ihnen gewiß, wenn Sie mir den Vogel herabschießen.« »Ich werde mein möglichstes thun, Herr Jansoulet.« Und im Weggehen berechnet der alte Schelm, daß die Zwanzigtausend des Nabobs, addiert zu den Zehntausend, die ihm der Herzog versprochen, falls er ihm das Bild vom Halse schaffen sollte, einen ganz netten Gewinn ausmachen werden. Während die Glücklichen also vorübermarschieren, stehen die andern immer noch lauernd herum und kauen sich, rasend vor Ungeduld, die Nägel zu schänden, denn alle sind sie ja mit gleicher Absicht hergekommen. Vom guten Jenkins an, welcher den Zug eröffnet hat, bis zum Masseur Cabassu herunter, der ihn schließt, entführen sie alle den Nabob in ein abgelegenes Gemach, doch wie weit sie ihn in dieser Flucht von Empfangssälen auch fortschleppen mögen, es findet sich überall irgend eine indiskrete Glasfläche vor, auf der sich die Umrisse des Herrn vom Hause und das Mienenspiel seines breiten Rückens abspiegeln, und eine Beredsamkeit entwickelt dieser Rücken – wunderbar! Zuweilen bäumt er sich entrüstet auf: »Oha, das geht denn doch zu weit!« oder er bricht in komischer Resignation zusammen: »Wenn's durchaus sein muß, in Gottes Namen!« Und dabei immer, in irgend einem Winkel, als obligate Staffage, der Fes Bompains ... Kaum ist der letzte fort, so beginnt eine neue Serie; nachdem die großen Fische im wilden Kampf ums Dasein ihre Brocken erjagt, schwimmen die Gründlinge heran zur Nachlese. So zieht denn durch diese goldig schimmernden Räume ein unaufhörliches Hin und Her, ein Geräusch von auf- und zugemachten Thüren, ein durch dieses kolossale Vermögen und diese unglaubliche Zugänglichkeit aus allen Ecken und Enden von Paris und Umgegend hergelenkter Golfstrom schamloser, gewerbsmäßiger Ausbeutung. Bei diesen kleineren Beträgen, dieser fortwährenden Verteilung kam nicht mehr das Checkbuch zur Verwendung, sondern eine Mahagonikommode, die der Nabob zu diesem Zwecke in einem seiner Salons stehen hatte. Dieses abscheuliche Möbel, in dem sich die Ersparnisse einer Portierlaufbahn verkörperten, und das Jansoulet abergläubisch in Ehren hielt wie einen Spielertisch, war das erste Stück Hausrat, das er eingekauft, als es ihm möglich geworden war, eine eigne Wohnung zu beziehen. Es enthielt in seinen drei Schubladen immer zweimalhunderttausend Franken in barem Geld, und aus dieser Hilfsquelle pflegte er an den Tagen zu schöpfen, wo er große Audienzen erteilte. Er setzte dann einen gewissen Stolz drein, so recht plump im Silber und Gold herumzuwühlen, seine Taschen damit vollzupfropfen und es daraus hervorzuziehen, wie die Viehhändler auf dem Markte, indem er mit einem eigentümlichen, ordinären Handgriff die Rockschöße auseinander hob, »um ja tief genug in den Haufen hineinzulangen«. – In der kleinen Kommode hinterließ die heutige Geldausteilung jedenfalls entsetzliche Lücken. Als nach all dem geheimnisvollen Hin- und Herflüstern, nach den mehr oder minder verblümten Geldforderungen, nach den unvermuteten Besuchen und triumphierenden Abgängen, der letzte Klient abgefertigt und die Kommode wieder zugeschlossen war, hatte es bereits vier geschlagen, und schon brach jene frühe Dämmerung der Novemberabende herein, die bei Licht sich so unendlich lang hindehnen. Die Bedienten trugen das Kaffeegeschirr und die Liqueurflaschen ab und schafften die offenstehenden halbleeren Cigarrenkistchen fort. »Endlich einmal Ruhe« murmelte der Nabob vor sich hin, indem er erleichtert aufatmete. Aber nein, er ist noch nicht allein: dort drüben in einem Winkel, wo es schon dunkelt, tauchen die schwarzen Umrisse eines verspäteten Bittstellers auf, der mit einem Briefe in der Hand herantritt. »Noch einer!« Und sofort, ohne sich zu besinnen, fuhr der arme Mann mit seiner ausdrucksvollen Viehhändlergebärde nach der Tasche. Aber ebenso unwillkürlich prallte der Besucher mit so entschieden beleidigter Miene zurück, daß der Nabob seinen Irrtum einsah und sich nun die Mühe gab, den jungen Mann zu betrachten, der vor ihm dastand in einfacher, aber untadelhafter Kleidung, noch ganz bartlos, mit mattem Teint und regelmäßigen, für sein Alter beinahe zu ernsten und abgeschlossenen Zügen; dieser Ausdruck und dazu das blaßblonde, dicht gekräuselte Haar, welches an eine gepuderte Perücke erinnerte, gaben ihm das Aussehen eines jungen bürgerlichen Abgeordneten aus der Zeit Ludwig XVI,, etwa eines zweiundzwanzigjährigen Varnave. Die Physiognomie kam dem Nabob, wiewohl er sie zum erstenmal sah, nicht völlig unbekannt vor. »Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte er und trat, nachdem ihm der junge Mann seinen Brief überreicht hatte, ans Fenster, um ihn zu lesen. »Schau, schau, von meiner Mama,« sagte er. Und das klang so beglückt, dies Wort »Mama« kam mit einem so jugendlichen herzlichen Lächeln über das ganze Gesicht heraus, daß der junge Mann, den die ordinäre Erscheinung des Emporkömmlings anfangs abgestoßen hatte, sich jetzt sympathisch zu ihm hingezogen fühlte. Halblaut überlas der Nabob die paar Zeilen, deren grobe, fehlerhafte und unsichere Schriftzüge zu dem großen extrafeinen Papier und der Ortsangabe »Schloß Saint-Romans« keineswegs stimmten. »Mein lieber Sohn, diesen Brief überbringt Dir der Erstgeborene des Herrn von Géry, des früheren Friedensrichters in Saint-Andéol, der immer so freundlich mit uns war. ...« »Ich hätte Sie gleich erkennen sollen, Herr von Géry,« unterbrach sich der Nabob: »Sie sehen Ihrem Vater ähnlich. ... Bitte, nehmen Sie doch Platz.« Dann las er den Brief zu Ende. Seine Mutter verlangte nichts Bestimmtes von ihm und empfahl ihm nur, mit Rücksicht auf das viele Gute, was die Familie von Géry früher an ihnen allen gethan, den nunmehr verwaisten Herrn Paul, der auch noch für seine zwei jüngeren Brüder zu sorgen hatte und in Paris sein Glück versuchen wollte, nachdem er in der Heimat seine Prüfungen bestanden. Sie bat Jansoulet inständigst, ihm an die Hand zu gehen, denn er könne es gar zu gut brauchen, der arme Kleine. Die Unterschrift lautete: »Deine Mutter Françoise, die das Heimweh nach Dir hat.« Diesen Brief von der alten Frau, die er sechs Jahre nicht mehr gesehen, die altbekannten vaterländischen Redewendungen, die grobe Handschrift, aus der ihn ein angebetetes Gesicht anschaute, ganz verbrannt und voller Runzeln und Risse, aber doch so freundlich blickend unter der bäuerischen Haube – das alles war dem Nabob zu Herzen gegangen. Seit sechs Wochen, seitdem er wieder in Frankreich war, mitten unter seinen Uebersiedelungsstrapazen, schon hineingerissen in den Strudel der Weltstadt, hatte er noch keinen Gedanken gehabt für die liebe Alte; und nun, beim Anblick dieser Zeilen, stand sie plötzlich vor ihm da. Er starrte eine Zeitlang vor sich hin, auf den Brief, der zwischen seinen plumpen Fingern zitterte, und sagte dann, als es wieder ruhiger in seinem Inneren geworden: »Ich bin aufrichtig erfreut, Herr von Géry, daß sich mir eine Gelegenheit bietet, die Güte, welche die Ihrigen für meine Eltern gehabt, ein klein wenig zu vergelten. Von heute an nehme ich Sie zu mir, wenn es Ihnen recht ist. Sie sind unterrichtet und, wie mir scheint, auch begabt: Sie können mir von großem Nutzen sein. ... Ich habe tausenderlei Pläne, tausenderlei Geschäfte. ... Man bringt mich mit einer Unmasse von großen industriellen Unternehmungen in Verbindung ... da brauche ich schon jemand, der mir aushilft, der mich im Notfall auch vertreten kann. Zwar hab' ich bereits einen Sekretär und Verwalter, den braven Bompain, aber der Aermste findet sich in Paris nicht zurecht, er ist wie vor den Kopf geschlagen, seitdem wir hier sind. Sie können allerdings einwenden, daß auch Sie aus der Provinz hereingeschneit kommen, aber das thut nichts. ... Wenn man gebildet ist wie Sie, ein flinker, geschmeidiger Südländer, hat man's gleich los, wie es hier zugeht. Uebrigens mache ich mich anheischig, Ihnen das beizubringen, und so werden Sie, dafür steh' ich Ihnen gut, sich in wenigen Wochen auf dem Boden der Boulevards ebenso sicher bewegen, wie ich selber.« Ach, es war wirklich rührend, anzuhören, wie er in seinem Marseiller Jargon von der Sicherheit und Sachkenntnis sprach, mit der er sich auf dem Pariser Boden bewegte, der arme Mann, der's zeitlebens nicht über den ABC-Schützen hinausbringen sollte. »Also abgemacht, nicht wahr? Sie sind mein Sekretär; ich setze Ihnen ein Jahresgehalt aus, über das wir uns gleich verständigen wollen, und gebe Ihnen die Mittel an die Hand, in kurzer Frist Ihr Glück zu machen.« Da der junge Mann so mit einem Mal aller Sorgen des frisch angekommenen Bittstellers und Neulings überhoben, sich nicht zu rühren getraute, um nicht aus einem Traume zu erwachen, fügte der Nabob mit sanfter Stimme hinzu: »So, jetzt setzen Sie sich zu mir her und erzählen Sie mir von meiner Mama!« Drittes Kapitel. Aus den Memoiren eines Bureaudieners. Ein einfacher Streifblick auf die Territorialkasse. Ich war eben mit meinem bescheidenen Morgenimbiß fertig. Was von meinen kleinen Vorräten übrig geblieben, hatte ich wie gewöhnlich in den Geldschrank des Sitzungssaales eingeschlossen – ein diebfestes Meisterstück der Schlosserei, das ich nun bald vier Jahre lang, seitdem ich bei der Territorialen angestellt bin, als Speisekammer benutzte – da stürzt plötzlich der Gouverneur herein mit rotem Kopf und funkelnden Augen – er hatte wohl stark getafelt – und redet mich, nachdem er einige geräuschvolle Atemzüge gethan, in seinem Italienerkauderwelsch gröblich an. »Aber da stinkt's ja zum Umfallen, Herr Passajou!« So schlimm war's nun nicht, nur muß ich gestehen, daß ich allerdings ein paar Zwiebeln gedünstet hatte, um ein Stück Kalbfleisch damit zu garnieren, das mir Fräulein Seraphine, die Köchin vom zweiten Stock, der ich jeden Abend die Abrechnung ins Reine schreibe, mit heruntergebracht hatte. Ich will dem Gouverneur die Sache erklären, er aber wird fuchswild: Es habe keinen Sinn und Verstand, sagte er, Geschäftsräume so schändlich zu verpesten, und es sei doch mehr als Luxus, für volle zwölftausend Franken am Boulevard Malesherbes Lokalitäten mit acht Fenstern vorn heraus zu mieten, bloß um Zwiebeln drin zu rösten.... Kurz ich weiß gar nicht mehr, was er mir in seinem Jähzorn eigentlich nicht alles gesagt hat. Mich hat es natürlicherweise verdrossen, so flegelhaft angefahren zu werden. Gegen Leute, die man nicht bezahlt, sollte man, weiß der Teufel, zum mindesten höflich sein, und so hab' ich ihm denn zur Antwort gegeben, es sei das allerdings recht mißlich, doch wenn die Territorialkasse berichtigen würde, was sie mir noch schuldig ist, nämlich den rückständigen Lohn für vier Jahre nebst den siebentausend Franken, die ich für den Gouverneur persönlich ausgelegt, und zwar für Wagen, Zeitungen, Cigarren und amerikanischen Grog – dann könnte ich wie andre honette Menschen in der nächstgelegenen Garküche frühstücken und wäre nicht darauf angewiesen, in unserm Versammlungslokal mir die paar armseligen Brocken mundgerecht zu machen, die ich der Mildthätigkeit benachbarter Köchinnen verdanke. Verstanden? Zu dieser Antwort hatte ich mich durch eine Anwandlung von Entrüstung fortreißen lassen, die jedem, der meine Stellung hier irgendwie kennt, recht entschuldbar vorkommen wird. Ueberdies hatte ich ja nichts Unanständiges gesagt und war in der Wahl meines Ausdrucks aus den meinem Alter und meiner Bildung entsprechenden Schranken keineswegs herausgetreten, Notabene: Andern Ortes muß in diesen Aufzeichnungen bereits erwähnt worden sein, daß ich von meinen vollendeten fünfundsechzig Lebensjahren über dreißig bei der philosophischen Fakultät von Dijon als Pedell zugebracht habe. Daher auch meine Liebhaberei für Aufzeichnungen und Denkschriften, sowie meine Errungenschaften auf dem Gebiete des akademischen Stiles, Errungenschaften, deren Spuren sich im Verlauf dieser Arbeit noch vielfach bemerkbar machen werden. – Ich hatte mir also dem Gouverneur gegenüber die größte Zurückhaltung auferlegt und mich auch nicht einer einzigen jener Schimpfreden bedient, die er selber hier, wie im Tagelohn, von jedermann schlucken muß, von den beiden Censoren, Herrn von Monpavon, der ihn, so oft er herkommt, scherzweise »Blume von Mazas« nennt und Herrn von Bois-Landry, vom Cercle des trompettes , der, grob wie ein Stallknecht, ihm beim Weggehen regelmäßig zurief: »Zurück jetzt in deine Bettlade, du Wanze!« – bis herunter zu unserm Kassierer, der, in meinem Beisein, ihm mit einem Faustschlag aufs Hauptbuch wohl schon hundertmal erklärt hat, mit dem Zeug da drin könne er ihn ins Zuchthaus stecken lassen, wenn es ihm beliebe. Aber gleichviel, die Wirkung meiner schlichten Entgegnung auf den Direktor war eine überraschende. Er ist ganz gelb in den Augen geworden und hat, zitternd vor Wut – so eine böse italienische Wut – die Worte ausgestoßen: »Passajou, Sie elender Kerl, wenn Sie nur noch ein Wort sagen, jage ich Sie auf und davon.« Ich war wie festgenagelt vor Verwunderung. Mich auf und davon jagen, mich! Und mein seit vier Jahren rückständiger Lohn und meine siebentausend Franken Auslagen? ... Aber, als könnte er mir die Gedanken vom Gesichte ablesen, erwiderte der Gouverneur, es würden nunmehr alle Rechnungen, auch die meinige, beglichen. »Sagen Sie den Herren,« setzte er hinzu, »daß ich Sie in meinem Kabinett erwarte, um ihnen eine große Neuigkeit mitzuteilen.« Sprach's und ging, die Thür hinter sich zuschlagend, von dannen. Ein verteufelter Mensch! Man mag ihn noch so genau kennen, ihn und seine Lügen und sein Komödienspiel – immer weiß er's wieder so einzurichten, daß man paff ist von seinem blauen Dunst. Ausgezahlt, mir, mein Geld! ... Ich war so ergriffen, daß mir die Kniee wankten, als ich mich entfernte, um das Personal zusammenzurufen. Vorschriftsmäßig beläuft sich dieses Personal der Territorialkasse, den Gouverneur und den schönen Moëssard als Chefredakteur der »Vérité financière« mit inbegriffen, auf unser zwölf, von welchen indessen über die Hälfte fehlt. Vor allem Herr Moëssard; seitdem die Vérité eingegangen ist, also seit zwei Jahren, hat er den Fuß nicht mehr über unsre Schwelle gesetzt. Er soll zu Ehren und zu Reichtümern gekommen sein, und eine Liebschaft mit einer Königin haben, mit einer wirklichen Königin, die ihm Geld gibt, soviel er nur will. ... O, dieses Paris, ist das ein Sodom! Die andern fragen von Zeit zu Zeit an, ob es nicht zufällig etwas Neues bei uns gibt, und da es das nie gibt, so vergehen oft Wochen, ohne daß sie wieder vorsprechen. Nur vier oder fünf Getreue, lauter arme Knaben wie ich, lassen sich's nicht nehmen, jeden Morgen um dieselbe Stunde regelmäßig herzukommen, aus Gewohnheit, aus Langeweile, aus Ratlosigkeit. Aber unsre Beschäftigungen sind ganz unbüreaumäßig ... erstens muß man doch, mit Vernunft, sein Dasein fristen, und dann ist es auch nicht jedermanns Sache, sich von Sessel zu Sessel, von Fenster zu Fenster zu wälzen und auf das Boulevard hinauszuschauen (acht Fenster vorn heraus); so sucht man denn seine Zeit zu verwerten, so gut es eben geht. Ich, wie Sie wissen, führe die Wirtschaftsbücher Fräulein Seraphines und noch einer Köchin aus dem Hause und schreibe nebenbei an meinen Denkwürdigkeiten, die mich ebenfalls nicht unerheblich in Anspruch nehmen. Unser Ausläufer, der draußen die Gelder einzukassieren hätte ... Gott, hat der bei uns ruhige Tage! – strickt Filet für eine Jagd- und Fischereirequisitenhandlung. Von unsern zwei Kopisten schreibt der eine, der kalligraphisch Begabtere, für eine Theateragentur Stücke ab, der andre erfindet kleine Kinderspielsachen, die zu Neujahr für einen Sou von Hausierern an den Straßenecken feilgeboten werden, und bringt es damit wahrhaftig so weit, daß er jedesmal das Verhungern auf zwölf Monate hinausschiebt. Der einzige, welcher sich nichts verdient, ist unser Kassierer, denn er würde sich dadurch für entehrt glauben. Er ist sehr stolz, läßt sich nie zu einer Klage herab und hat nur die eine Furcht, daß man meinen könne, es fehle ihm an frischer Leibwäsche; deshalb beschäftigt er sich von früh bis Abend in seinem Bureau bei verschlossenen Thüren mit der Herstellung papierner Vorhemden, Kragen und Manschetten. Er hat es darin zu einem hohen Grade von Vollkommenheit gebracht, so daß seine stets blendende Wäsche wirklich täuschen könnte, wenn man es nur nicht bei der geringsten seiner Bewegungen, ob er nun gehe oder sich setze, knacken hörte, als hätte er eine pappdeckelne Schachtel verschluckt. Leider springt aus all dem Papier für seinen Magen nichts heraus, und er ist Ihnen so mager, aber so mager, daß man sich fragt, was ihn eigentlich am Leben erhält. Unter uns gesagt, hab' ich ihn im Verdacht, daß er zuweilen meiner Speisekammer einen Besuch abstattet. Es ist ihm dies ein Leichtes, da er, als Kassierer, die Kombination weiß, vermittelst welcher sich der Geldschrank öffnen läßt, und so glaub' ich schon, daß er, wenn ich den Rücken kehre, in meinen Mundvorräten ein klein wenig fouragiert, aber ich lasse darüber keine Bemerkung fallen. Dazu dauert er mich zu sehr. Eigentlich sind dies für ein großes Bankgeschäft ganz unglaubliche Zustände; dennoch habe ich mich in meiner Schilderung streng an die Wahrheit gehalten, und in Paris wimmelt es von dergleichen Gründungen. O, wenn meine Denkwürdigkeiten jemals im Druck erscheinen sollten! ... Aber genug davon, ich nehme den unterbrochenen Faden meiner Erzählung wieder auf. Als er uns in seinem Kabinette vollzählig versammelt sah, sprach der Gouverneur mit feierlicher Stimme: »Meine Herren und werten Freunde, die Zeit der Prüfungen ist überstanden. Die Territorialkasse tritt in eine neue Phase der Wohlfahrt und des Glanzes.« Hierauf unterhielt er uns von einer prachtvollen »Combinazione«, es ist dies sein Lieblingsausdruck, und wie einschmeichelnd weiß er einem das Wort aufzutischen, einer »Combinazione« unter Mitwirkung des stadtbekannten, in allen Blättern besprochenen Nabobs. Die Territorialkasse sei demnach in der Lage, ihre Getreuen schadlos zu halten, die Selbstverleugnung zu belohnen und sich der überflüssigen Elemente zu entledigen (das von den überflüssigen Elementen war wohl auf mich gemünzt). Zum Schluß hieß es: »Setzen Sie Ihre Quittungen auf, morgen werden sämtliche Rückstände berichtigt.« Weil er uns aber leider nur zu oft mit ähnlichen Vorspiegelungen eingelullt, ging die Wirkung dieser Rede verloren. Ja, früher zog so was immer; da hüpfte man bei der Ankündigung einer neuen »Combinazione« unter Freudenthränen in den Bureaus herum, fiel sich, wie Schiffbrüchige beim Anblick eines Segels, in die Arme und brachte dann pflichteifrigst für den andern Tag sein Conto zu Papier. Am andern Tage aber war von einem Gouverneur nichts zu sehen, am darauffolgenden Tage wieder nicht: er hatte eine kleine Reise unternehmen müssen. Endlich, während noch alles ganz außer Rand und Band, mit lechzender Zunge dastand, voller Wut, daß einem der Mund wieder einmal umsonst wässerig gemacht worden, stürzte er gewöhnlich herein, brach auf einem Fauteuil zusammen, indem er das Gesicht in die Hände vergrub, und rief, ehe man noch Zeit gefunden, ihn anzureden: »Bringt mich um, ihr jämmerlich Betrogenen, bringt mich nur um! Fehlgeschlagen ist sie, die Combinazione, fehlgeschlagen!« Und dann schrie er und schluchzte und fiel auf die Kniee und raufte sich das Haar und wälzte sich auf dem Teppich herum, jeden von uns beim Vornamen rufend, er möge doch aus Erbarmen ihm das Leben nehmen, um seiner Frau und seiner Kinder willen, die er zu Grunde gerichtet. Einer solchen Verzweiflung gegenüber fühlte man sich entwaffnet, ja noch mehr: man wurde zu guter Letzt selber ganz weich, denn solange ein Theater besteht, hat es gewiß keinen Komödianten gegeben, der sich mit ihm messen könnte. Damit hat es nun freilich seine guten Wege. Das Vertrauen ist hin, und wie er diesmal ging, sah ihm alles mit einem Achselzucken nach. Aber trotzdem war ich, daß ich's nur gestehe, eine Zeitlang schwankend geworden: mir so zuversichtlich mit meiner Entlassung zu kommen, und dann jener Hinweis auf den steinreichen Mann, den Nabob. »Von dem allen glauben Sie ein Wort?« hat der Kassierer zu mir gesagt. »Armer Passajou, Sie bleiben nun einmal zeitlebens ein Kind. Aber denken Sie an mich: mit dem Nabob wird es genau so gehen, wie mit Moëssard seiner Königin.« Damit begab er sich zu seinen Papierkragen zurück. – Um die Anspielung auf Moëssard zu würdigen, muß man wissen, daß dieser zur Zeit, wo er seiner Königin den Hof machte, dem Gouverneur versprochen hatte, falls aus dem Courschneiden etwas würde, Ihre Majestät zu einer Kapitalanlage bei der Territorialen zu bewegen. Von dieser neuen »Combinazione« waren wir alle in Kenntnis gesetzt worden und hatten natürlich das größte Interesse, sie möglichst bald gelingen zu sehen, da wir ja dann zu unserm Gelde kamen. Zwei Monate hindurch erhielt uns die Geschichte in atemloser Spannung. Man zerbrach sich die Köpfe; man suchte die Entscheidung aus Moëssards Gesichtern herauszulesen; alles fand, daß die Dame doch gar zu viel Umstände mache, und unser Kassierer mit seinem klugen und gesetzten Wesen antwortete, wenn wir uns bei ihm erkundigten, sehr ernsthaft hinter seinem Drahtgitter: »Nichts Neues« oder »Die Sache nimmt ihren sichern Verlauf,« damit gab sich jedermann zufrieden. »Es wird schon gehen,« »es geht ja vorwärts, halten wir unsre Abrechnung in Bereitschaft,« sagte der eine zum andern, wie wenn sich's um ein ganz natürliches Geschäft gehandelt hätte. ... Nein, so was kann man wahrhaftig nur in Paris erleben. ... Es macht einen oft ganz wirbelig im Kopfe, auf Ehre! ... Das Ende war, daß Moëssard eines schönen Morgens nicht mehr zu uns ins Bureau kam. Seine Zwecke hatte er zwar, aller Wahrscheinlichkeit nach, erreicht, nur war er nicht mehr der Meinung, daß seine gute Freundin ihre Kapitalien der Territorialkasse anvertrauen solle. Jetzt sagen Sie selbst: ist das rechtschaffen gehandelt? Wie rasch sich übrigens der Sinn für Rechtschaffenheit abnutzt, das ist wirklich kaum zu glauben. Wenn ich bedenke, daß ich, Passajou, mit meinem weißen Haar, Ehrfurcht gebietendem Aeußern, meiner makellosen Vergangenheit – dreißig Jahre im akademischen Dienst – mich daran gewöhnen konnte, unter all den Nichtswürdigkeiten, all den Schwindeleien so hinzuleben wie der Fisch im Wasser! ... Da drängt sich einem denn doch die Frage auf, was ich eigentlich hier zu schaffen habe, weshalb ich bleibe, weshalb ich überhaupt hergekommen bin. Wie ich kam? Mein Gott, ganz einfach so: Vor vier Jahren, also zu einer Zeit, wo meine Frau schon tot und meine Kinder verheiratet waren, hatte ich gerade meine Pedellfunktionen mit dem Ruhestande vertauscht, als mir beim Zeitunglesen rein durch Zufall folgendes Inserat in die Augen stach: »Büreaudiener gesetzten Alters gesucht. Das Nähere bei der Territorialkasse, Boulevard Malesherbes 56. Gute Zeugnisse Hauptbedingung.« Vor allem muß ich bekennen, daß das moderne Babel von jeher etwas Verlockendes für mich gehabt hat. Zudem fühlte ich mich körperlich so rüstig, daß ich wohl darauf rechnen durfte, mir noch zehn Jahre hindurch eine Kleinigkeit zu verdienen, vielleicht sogar ein recht schönes Stück Geld, wenn ich mein Erspartes in dem betreffenden Bankgeschäft unterbrächte. Ich schrieb also hin und legte, außer den besten Referenzen, den schmeichelhaftesten Attesten des ganzen Professorenkollegiums, meine Photographie bei, und zwar die von Crespon am Marktplatz, auf der ich in Amtstracht abgebildet bin, frisch rasiert, unter meinen buschigen weißen Brauen lebhaft blickend, mit meiner Stahlkette um den Hals und mit meiner Verdienstmedaille: »Gleich einem römischen Senator auf dem kurulischen Stuhle« hatte damals unser Dekan, Herr Chaluette, gesagt. (Notabene: Derselbe behauptete gleichfalls, ich hatte eine große Ähnlichkeit mit dem verstorbenen König Ludwig XVIII., nur sei ich weniger stark.) Mit umgehender Post wurde mir geantwortet, daß mein Aeußeres dem Gouverneur zusage. ... Hätte auch mit dem Teufel zugehen müssen, wenn es ihm nicht zugesagt hätte: eine imposante Erscheinung wie ich schon gleich im Vorzimmer, das ist eine prächtige Lockspeise für die Aktionäre! ... Kurzum, ich könne jeden Tag meine Stellung antreten. Warum zog ich meinerseits nicht auch Erkundigungen ein? Ja, das ist leicht gesagt! Freilich hätt' ich es thun sollen, aber vor lauter Zeugnissen, die ich aufzuweisen hatte, kam ich gar nicht auf den Gedanken, selbst nach einer Garantie zu fragen. Wo wäre übrigens mein Mißtrauen geblieben beim Anblick dieser prachtvollen Einrichtung, der ragenden Zimmerdecken, der überwältigenden Geldschränke, der mannshohen Spiegel? Und nun gar noch die volltönenden Prospektphrasen, diese Millionen, die ich in der Luft herumschwirren hörte, diese kolossalen Unternehmungen und märchenhaften Gewinste. ... Ich war geblendet, fasciniert! Nebenbei bemerkt, hatte das Haus damals auch einen ganz andern Anstrich als jetzt. Die Geschäfte gingen allerdings schon schlecht genug – schlecht waren sie von jeher gegangen – und die Zeitung erschien nur noch in unregelmäßigen Zwischenräumen, aber der Gouverneur hatte just eine kleine »Combinazione« ausgeheckt, die es ihm möglich machte, den Schein zu wahren. Er hatte nämlich – man höre und staune – eine patriotische Sammlung veranstaltet, um aus deren Ertrag dem General Paolo Paoli, oder wie jener große Mann aus seiner Heimat sonst heißen mag, ein Denkmal zu errichten. Nun sind die Korsen freilich nicht reich, dafür aber aufgeblasen wie die Truthähne, und so flossen denn der Territorialen die Gelder reichlich zu. Leider war das Glück von kurzer Dauer: in einem Zeitraum von zwei Monaten war die Statue aufgezehrt, bevor sie noch das Licht der Welt erblickte, und der alte Tanz mit den Protesten und Vorladungen ging wieder los. Jetzt bin ich das gewohnt, doch anfangs war mein Provinzlergemüt von den bedrohlichen Stempelbogen und den handelspolizeilichen Gestalten, die sich vor unsrer Thür herumtrieben, peinlich genug berührt. Im Hause selbst beachtete man dergleichen nicht mehr. Man mußte, daß im letzten Augenblick immer noch ein Monpavon oder ein Bois-Landry erscheinen würde, um die Gerichtsvollzieher zu besänftigen, denn alle jene Herren müssen, da sie sich bedeutend mit uns eingelassen haben, darauf bedacht sein, dem Bankrott vorzubeugen, und so hält er sich über Wasser, unser Schelm von Gouverneur. Die andern wollen eben, wie die unglücklichen Spieler, ihr Geld wiedergewinnen, und wären nicht im mindesten erbaut, wenn die sieben Aktien, die sie von uns in Händen haben, auf den bloßen Makulaturwert herabgedrückt würden. Uns allen hier im Hause, groß wie klein, geht es auch nicht besser, vom Hausbesitzer an, dem wir noch von zwei Jahren die Miete schuldig sind und der uns unterdessen gratis beherbergt, weil er sonst gar nichts hätte, als das Nachsehen, bis auf uns arme Bedienstete herunter, und insbesondre auf mich, der mit siebentausend Franken Erspartem und einem rückständigen vierfachen Jahreslohn drinsteckt. Auch wir wollen unser Geld wiedergewinnen, und deshalb bin ich von hier nicht fortzubringen, obwohl wir, trotz dem vorgerückten Alter, mein vorteilhaftes Aeußeres, meine Bildung und die Sorgfalt, die ich von jeher auf meine Kleidung verwendet, schon zu einer neuen Stellung verholfen hätten. Da kenne ich zum Beispiel eine höchst ehrenwerte Persönlichkeit, einen Herrn Joyeuse, Buchhalter bei Hemerlingue und Sohn, dem großen Bankhaus in der Rue St. Honors, der sagt, so oft wir einander begegnen, regelmäßig: »Aber Passajou, armer Freund, wie kannst du nur in der Räuberhöhle bleiben? Deine Beharrlichkeit ist vom Uebel, denn schließlich wirst du doch keinen Heller mehr herausbringen. Zu uns solltest du kommen, ich würde dir für ein stilles Plätzchen sorgen. Dein Gehalt wäre freilich kleiner als jetzt, deine Einnahmen hingegen viel größer.« Ich fühle wohl, daß er recht hat, der brave Mann! Aber wie sehr ich auch mit mir selber ringe, ich kann's nun einmal nicht über mich gewinnen, zu gehen, obgleich es wahrhaftig nicht heiter ist, das Leben, das ich hier führe in diesen großen, alten Sälen, wo sich kein Besuch mehr blicken läßt, und jeder von uns sich stumm in seinen Winkel drückt – natürlich: man kennt sich ja längst so durch und durch, daß keiner etwas Neues vorzubringen weiß. Bis vor einem Jahre hatten mir wenigstens noch Sitzungen des Verwaltungsrates und Generalversammlungen der Aktionäre mit stürmischen, lärmenden Debatten – wahre Indianerschlachten, die bis zur Madeleinekirche widerhallten. Auch kamen allwöchentlich einige Menschen, um voller Entrüstung zu fragen, was denn eigentlich aus ihrem Gelde geworden sei. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich unser Gouverneur in seiner ganzen Größe. Leute, sage ich Ihnen, die sich anfangs so rasend gebärdeten wie mordgierige Wölfe, hab' ich nach einer Viertelstunde zu Lämmern umgewandelt aus seinem Kabinett zurückkehren sehen, zufrieden, voll Vertrauen und um einige Banknoten leichter, denn der Hauptwitz bestand eben darin, solche Unglückliche, anstatt bezahlt, erst recht angepumpt zu entlassen. – Jetzt rührt sich's nicht mehr unter den Aktionären der Territorialkasse. Ich denke mir, daß sie tot sind oder sich in ihr Schicksal ergeben haben. Der Verwaltungsrat tritt nie mehr zusammen, außer auf dem Papier: für ein Scheinprotokoll solcher fingierten Sitzungen habe ich zu sorgen; es lautet immer gleich, und ich brauche es am Ende jeden Vierteljahres nur von neuem abzuschreiben. Wir würden das reinste Einsiedlerleben führen, käme nicht ab und zu ein Subskribent aus den Wäldern von Korsika hereingeschneit, um sich nach den Fortschritten des Paoli-Denkmales zu erkundigen, oder wohl auch ein biedrer Leser der schon vor mehr als zwei Jahren entschlafenen »Vérité financière«, um sein Abonnement zu erneuern und mit schüchterner Stimme anzufragen, ob es denn nicht möglich wäre, ihm das Blatt etwas regelmäßiger zuzusenden. Es gibt einmal Leute, deren Zutrauen geradezu unverwüstlich ist. Gerät nun ein solch argloses Wesen unter uns ausgehungerte Meute, dann wehe dem Aermsten! Er wird umringt, umklammert, man streitet sich förmlich um seine Unterschrift, und wenn er Widerstand leistet, wenn er weder zum Paoli-Denkmal noch zu den korsischen Bahnen beisteuern will, greifen unsre Herren zu dem, was sie – o meine Feder errötet vor dem Bekenntnis – sie greifen zu dem, was sie »das Abladerstückchen« heißen. Es wird dabei folgendermaßen verfahren: Ein zu diesem Zweck in den Bureaus eigens bereitgehaltenes Kollo, eine wohlverwahrte Kiste, kommt in Gegenwart des Fremden, angeblich als Fahrpostsendung an. »Zwanzig Franken Porto« sagt derjenige von uns, der das Ding hereinbringt (zwanzig Franken oder auch dreißig, je nach dem Aussehen des Opfers). Sofort wühlt jeder in seinen Taschen: »Zwanzig Franken Porto hab' ich nicht.« – »Ich auch nicht.« – »Ich auch nicht.« – Verwünschter Zufall! Man läuft an die Kasse – verschlossen! Man sucht nach dem Kassierer – ausgegangen, »Rasch, rasch, ich hab's eilig,« dröhnt die Stimme des Abladers dazwischen, der draußen im Vorzimmer schon ungeduldig wird. (Notabene: Die Stimme des Abladers ist mir zugeteilt worden wegen meines ausgiebigen Organs.) Was thun? Die Kiste wieder forttragen lassen? Na, das wird den Gouverneur schön verdrießen! ... »Ich bitte, meine Herren, wollen Sie mir vielleicht erlauben?« fragt dann das arglose Opfer ganz verschämt, indem es sein Portemonnaie herauszieht. »O, mein Herr, zu gütig, wirklich. ...« Nun gibt der Fremdling seine zwanzig Franken her, wird zur Thür hinauskomplimentiert, und er ist noch kaum draußen, so wird schon unter einem wahren Banditengelächter die Frucht des Verbrechens geteilt! ... Pfui, Herr Passajou, pfui! So tief zu sinken und in Ihren Jahren! ... Mein Gott, als ob ich's nicht selber empfände, nicht recht wohl fühlte, daß es meiner Ehre weit zuträglicher wäre, diesen Sündenpfuhl zu verlassen, mich loszureißen von diesem Pestherd. Aber ach, darf ich denn alles preisgeben, was ich hier zugesetzt habe? Nein, das wäre Wahnsinn. Es ist im Gegenteil dringend notwendig, daß ich dableibe und aufpasse und nicht von der Stelle weiche, um mir wenigstens einen eventuellen Glücksfall zu nutze zu machen. Dann aber ... o dann ... auf meine Ehrenmedaille, auf meine dreißig akademischen Dienstjahre sei's geschworen: »Wenn eine ›Combinazione‹, wie jetzt die mit dem Nabob, es mir jemals ermöglichen sollte, meine rückständigen Gelder einzutreiben, dann mache ich mich, ohne mich auch nur eine Minute zu bedenken, schleunigst nach meinem hübschen kleinen Weinberg drüben bei Monbars auf, von meinen Spekulationsschwächen für ewige Zeiten geheilt.« Doch diese Hoffnung ist leider Gottes kaum mehr als eine Ausgeburt der Phantasie, so sind wir an hiesigem Platze verbraucht, abgehaust und verschrieen mit unsern außer Kurs gesetzten Aktien, unsern Papierkorb-Obligationen und all der Lügen- und Schuldenlast, die uns immer tiefer und tiefer in den Abgrund zieht. (Notabene: Unsre Passiven belaufen sich gegenwärtig auf drei Millionen und fünfmalhunderttausend Franken, was uns, nebenbei bemerkt, keine großen Sorgen macht; diese drei Millionen Schulden erhalten uns sogar am Leben, aber ein kleiner Posten von hundertfünfundzwanzig Franken, den wir beim Hausmeister für Briefmarken, Gas und dergleichen ausstehen haben, der jagt uns einen ganz andern Schrecken ein.) Und unter diesen Umständen will man uns glauben machen, eine Finanzgröße, ein Mann wie jener Nabob, und käme er auch geradewegs aus Hinterindien, oder meinetwegen aus dem Monde, sollte hirnverbrannt genug sein, sein Geld in eine solche Lumpenwirtschaft hineinzustecken? Warum nicht gar! Da hört doch alles auf, und den Bären mögen Sie einem andern aufbinden, als mir, verehrtester Herr Gouverneur! Viertes Kapitel Zum erstenmal in der großen Welt »Herr François Jansoulet! ...« Der mit stolzer Betonung von dem meldenden Diener hinausgeschmetterte plebejische Name dröhnte durch Jenkins' Empfangssäle wie ein Zimbelschlag oder wie jene Tamtams, die in Zauberkomödien das Erscheinen irgend eines phantastischen Wesens ankündigen. Die Kronleuchter verloren an Glanz, denn aller Augen flammten auf bei dem verlockenden Ausblick auf die orientalischen Schätze, auf den Gold- und Perlenregen, der aus den magischen Silben des gestern noch unbekannten Namens niederprasselte. Da kommt er, der Nabob, der Reichste unter den Reichen, das neueste Pariser Schaugericht, gewürzt mit jenem Reiz des Abenteuerlichen, der unter blasierten Menschen ein so dankbares Publikum findet. Alles wendete den Kopf; die Unterhaltung stockte, und es entstand ein Gedränge und Gedrücke nach der Thür hin, ein Zusammenlauf, wie am Hafendamm, wenn ein Schiff mit einer Ladung Gold einläuft. Selbst Jenkins, der im ersten Salon sich einigen neu angekommenen Gästen widmete, brach, trotz aller Liebenswürdigkeit und Selbstbeherrschung, das Gespräch ab und flog den Millionen entgegen: »O, wie freundlich, wie freundlich von Ihnen! ... Meine Frau wird so glücklich sein, so stolz. ... Kommen Sie, ich muß Sie gleich zu ihr führen.« Und in der Hast, im Gefühl gekitzelter Eitelkeit, zog er Jansoulet so rasch mit sich fort, daß dieser keine Zeit fand, seinen Begleiter, Paul von Géry, vorzustellen, den er heute zum erstenmal in die große Welt führte. Der junge Mann war indessen herzlich froh, daß es so abgelaufen. Er schlüpfte rasch in die Menge von schwarzen Fracks, die bei dem Zuströmen neuer Gäste weiter zurückwogte. Er ging darin unter: es erfaßte ihn jenes unsägliche Grauen, das jeder junge Mann aus der Provinz beim Betreten eines Pariser Salons empfindet, namentlich wenn er intelligent und fein angelegt, folglich nicht mit dem Panzer der rohen Naturen, mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen gewappnet ist. Der geborene Pariser, der seinen ersten Frack und Claquehut schon mit sechzehn Jahren in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft spazierengetragen hat, kennt sie freilich nicht, jene aus Eigenliebe, Schüchternheit und Roman-Erinnerungen zusammengesetzte Ein solcher Märtyrer war Paul von Géry. Drüben in der Heimat hatte er bei einer frommen, melancholischen alten Tante in größter Zurückgezogenheit gelebt, und als Student war er von zwei oder drei Appellräten in Schutz genommen worden, in deren altertümlichen, trübselig verblichenen Salons er mit ehrwürdigen Schattengestalten Whist spielte; es war ja von jeher beschlossen, daß er in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte, dessen Andenken in den betreffenden juristischen Kreisen noch immer in Ehren gehalten wurde. Für den jungen Mann war also dieser Abend bei Jenkins etwas ganz Neues. Aber gerade seine Unkenntnis der Dinge machte ihn bei der angeborenen Anstelligkeit des Südländers zum scharfsichtigen Beobachter. Von dem Orte aus, wo er zufällig stand, wohnte er dem merkwürdigen, um Mitternacht noch nicht abgeschlossenen Aufmarsch von Jenkins' Gästen bei, unter welchen sich sämtliche Patienten des Mode gewordenen Arztes befanden: die Spitzen der höheren Gesellschaft, zumeist politische und finanzielle Kapazitäten, Bankiers, Abgeordnete, einige Künstler, alles Invaliden des Pariser High-Life mit fahlem Gesicht und glänzendem Auge, von Arsenik infiziert wie naschhafte Mäuse, aber unersättlich im Genuß des Giftes wie im Genuß des Lebens. Durch den offenstehenden Salon und das große Vorzimmer, in welchem die Thüren ausgehoben worden waren, erblickte man im reichsten Blumenschmuck das Treppenhaus, auf dessen Stufen die langen Schleppen hinflossen, deren seidene Last die Büsten der Damen zurückzubeugen schien, als sie beim zierlichen Heraufsteigen allmählich sichtbar wurden, bis sie sich, oben angelangt, in ihrem vollen Glanze entfalteten. Die ankommenden Paare erinnerten unwillkürlich an Schauspieler, die auf die Szene hinaustreten, und zwar in doppelter Hinsicht, denn auf der letzten Stufe ließ jeder sein Stirnrunzeln, seine Sorgenfältchen, seine Ermüdung, seinen Aerger, seine Trauer zurück, um ein heiter lächelndes, unbefangenes Gesicht zur Schau zu tragen. Die Männer schüttelten einander treuherzig die Hand und tauschten überschwengliche Freundschaftsbeteuerungen aus, indessen die Damen unachtsam vor lauter Selbstbeachtung, in courbettierenden Bewegungen grüßten, oder voll nervöser Grazie, mit Augen und Schultern kokettierend, einander kleine verbindliche Antworten zulispelten: »Ach danke, danke tausendmal! ... Sie sind wirklich die Güte selbst. ...« Hierauf trennten sich die Paare, denn eine Soirée ist heutzutage keine jener anmutigen, durchgeistigten Zusammenkünfte mehr, bei welchen weibliche Feinfühligkeit Männern von Charakter, von tiefem Wissen, ja selbst von Genie eine teilnehmende Huldigung ablockt, es ist ein beengendes Gewühl, in welchem den Damen, die wie im Harem abgesondert dasitzen und miteinander zwitschern, nur noch die eine Unterhaltung übrig bleibt, schön zu sein oder zu scheinen. Paul von Géry war bereits in des Doktors Bibliothek, im Wintergarten und im Billardzimmer, das zugleich Rauchzimmer war, umhergeirrt! Der steifen, trockenen Gespräche satt, die ihn hier, mitten im Glanz eines flüchtigen Festes, wie ebenso viele Mißtöne berührten – ihn selber hatte jemand, ohne ihn nur anzusehen, nach den heutigen Börsennachrichten gefragt – näherte er sich dem großen Salon, dessen Eingang durch eine gestaute Flut von schwarzen Fracks belagert war, ein Gewoge von ausgestreckten Köpfen, die alle in das weitläufige Gemach hineinschauten, in dessen reicher Ausstattung sich der sowohl dem Herrn wie der Frau vom Hause eigene künstlerische Geschmack äußerte. Auf dem hellen Grunde der Wanddraperieen ein paar alte Bilder, auf einem monumentalen Kamine eine schöne Marmorgruppe von Sebastian Ruys, »die Jahreszeiten«, und dahinter, wie um eine krystallreine Wasserfläche gewunden, die teils kräftig hervortretenden, teils schlank und in zartestes Laubwerk auslaufenden Zweige des bronzenen Spiegelrahmens. Auf niedrigen Sitzen waren die Damen so dicht gruppiert, daß die glänzenden Farben ihrer Toiletten fast ineinander zerflossen, sie bildeten gleichsam einen riesenhaften Blumenkorb, aus welchem der Schimmer der nackten Schultern und das Feuer zahlloser Diamanten hervorleuchtete, die in den dunkeln Haaren wie Tautropfen, in den blonden mit blitzenden Reflexen erglänzten. Und überallhin strömte jener berauschende Wohlgeruch, jenes süße, verschwommene Summen, das aus Von seinem Winkel aus betrachtete Paul von Géry mit Bewunderung diese niedere, glatte, von herabquellendem Haar beschattete Stirn, die weitgeschlitzten tiefblauen Augen – abgrundblaue Augen – und den Mund, dessen reine Linien, sobald er zu lächeln aufhörte, einen Ausdruck von Abgespanntheit und Schlaffheit annahmen, Einzelheiten, deren Gesamtwirkung auf ein schroffes, vielleicht einzig und auch einsam dastehendes Ausnahmewesen schließen ließ. Als er in seiner Nähe zufällig ihren Namen – Felicia Ruys – nennen hörte, da begriff er die wunderbare Anziehungskraft dieses Mädchens, der Erbin des väterlichen Genies, deren junger Ruhm, verklärt durch den Nimbus ihrer Schönheit, schon bis in seine Provinz gedrungen war. Während er, von der geringfügigsten ihrer Bewegungen gefesselt, dem rätselhaften Zuge in dieser schönen Gestalt nachgrübelte, wisperte es dicht hinter ihm: »Da sehen Sie nur, wie sie freundlich thut mit dem Nabob! Ei, wenn jetzt der Herzog schon da wäre ...« »Der Herzog von Mora wird erwartet?« »Gewiß. Seinetwegen wird das Fest gegeben, um eine Begegnung mit Jansoulet zu vermitteln.« »Und Sie meinen, daß der Herzog und Fräulein Ruys wirklich ... ?« »Leben Sie denn im Monde.... Ein stadtbekanntes Verhältnis ... datiert von der Ausstellung her.... Hat ja eine Büste des Herzogs dort gehabt.« »Aber die Herzogin? ...« »Mein Gott! Sie hat schon Schlimmeres schlucken müssen.... Ah, jetzt wird Frau Jenkins etwas singen!« Im Inneren des Salons entstand eine Bewegung und an der Eingangsthür ein stärkerer Andrang. Die Unterhaltung verstummte auf einige Zeit, und Paul von Gern atmete wieder auf. Ihm hatte das eben Vernommene das Herz zusammengepreßt. Er fühlte sich mitgetroffen, befleckt durch jenen schmutzigen Ausfall auf das Ideal, zu dem sich ihm diese herrliche, unter dem Sonnenstrahl der Kunst aufgeblühte Mädchengestalt verklärt hatte, deren Zauber ihm so tief zu Gemüte ging. Er wandte sich ab und trat etwas beiseite, denn es wäre ihm gräßlich gewesen, noch weitere Nichtswürdigkeiten anzuhören. Frau Jenkins' Gesang that ihm wohl, ihre Stimme, die in den Pariser Salons sehr bewundert wurde, hatte trotz ihrer Klangfülle nichts Theatralisches an sich, sondern machte mehr den Eindruck einer von Naturtönen getragenen Improvisation. Die Dame selbst, die mit ihren vierzig bis fünfundvierzig Jahren immer noch schön zu nennen war, hatte prachtvolles aschblondes Haar und feine etwas unbestimmte Züge mit einem Ausdruck großer Herzensgüte. Ihre Toilette verriet den kostspieligen Geschmack einer Frau, die noch nicht darauf verzichtet hat, zu gefallen. Und so war es auch in der That, denn sie und der Doktor, den sie vor etwa zehn Jahren als Witwe geheiratet hatte, schienen noch immer in den Flitterwochen ihres Doppelglückes zu wandeln. Während sie ein russisches Volkslied vortrug, eine jener echt slavischen Melodieen voll Wildheit und einschmeichelnder Schwermut, strahlte Jenkins' Gesicht von naivem, unverhohlenem Stolz, und sie suchte ihn ihrerseits, so oft sie sich wieder zurücklehnte, um wieder Atem zu schöpfen, über das Notenblatt weg mit dem Blicke und lächelte ihm schüchtern und sehnsuchtsvoll zu; auch dann, als sie unter allgemeinem Murmeln der Bewunderung und des Entzückens zu singen aufhörte, war es wirklich rührend anzusehen, mit welch feinem Takt sie ihrem Manne verstohlen die Hand drückte, als wolle sie sich, mitten in ihrem großen Triumph, einen Winkel warmhalten für heimliches Glück. Beim Anblick dieses zärtlichen Paars fühlte sich der junge Géry wieder mit der Welt versöhnt. Aber da hörte er von neuem – und doch war es nicht mehr die Stimme von vorhin – ganz in der Nähe ein Geflüster: »Wissen Sie schon, daß man behauptet, Jenkins sei mit seiner Frau nicht verheiratet?« »Ei was! Unsinn!« »Sie können sich darauf verlassen. Es soll allerdings irgendwo eine Frau Jenkins geben, aber eine andre, als die man uns vorzeigt. – Uebrigens werden Sie wohl selber bemerkt haben ...« Das Weitere war nicht mehr hörbar; Frau Jenkins war lächelnd und grüßend herangetreten und der Doktor, welcher einen vorübergehenden Aufwärter angehalten hatte, brachte ihr mit der Geschäftigkeit einer Mutter, eines Impresario und eines Verliebten zugleich, ein Glas Bordeaux.... Diese Aufmerksamkeit – so unauslöschlich bleiben die Flecken der Verleumdung sitzen – diese Aufmerksamkeit machte jetzt auf Paul von Géry den Eindruck des Übertriebenen, er fand darin etwas Absichtliches, eine Berechnung, und auch in der Art, wie die Frau einige dankende Worte hinflüsterte, glaubte er eine ängstliche Unterwürfigkeit wahrzunehmen, die nicht mit der Würde, mit der stolzen Zuversicht der glücklichen Gattin übereinstimmte. Aber das ist ja etwas Scheußliches, diese große Welt, sagte der Kleinstädter mit einem Schauder des Entsetzens zu sich selbst. Und all' die lächelnden Gesichter kamen ihm vor wie lauter Zerrbilder. Scham beschlich ihn und Ekel, Dann plötzlich sträubte sich's in seinem Innersten: Nein, nein! Unmöglich! Doch gerade, als wollte sie den Aufschrei beantworten, hob hinten die Lästerzunge ganz ungeniert wieder an: »Schwarz auf weiß geben kann ich's Ihnen nicht. Ich wiederhole nur, was mir gesagt worden. ... Ei, da ist ja die Baronin Hemerlingue.« »Ein Teufelskerl, dieser Jenkins, ganz Paris hat er in der Tasche.« Die Baronin hielt ihren Einzug am Arme des Doktors, der ihr entgegengestürzt war und der, wie sehr er auch sein ganzes Mienenspiel in der Gewalt hatte, etwas verwirrt und verlegen aussah. Der Gute hatte nämlich den Plan ausgeheckt, bei Anlaß dieser Abendgesellschaft seinen Freund Hemerlingue und seinen Freund Jansoulet miteinander zu versöhnen, denn der Bruderkrieg zwischen seinen beiden reichsten Gönnern bereitete ihm eine Menge Verlegenheiten. Der Nabob hatte von Herzen eingewilligt. Er hegte gegen seinen früheren Intimus keinen Groll. Das Zerwürfnis war nur durch Hemerlingues Heirat mit einer Favoritin des verstorbenen Beys herbeigeführt worden, durch eine bloße Weibergeschichte, meinte Jansoulet, über die er herzlich gern Gras wachsen sah, denn sein übersprudelndes Temperament empfand jede Zwistigkeit als eine Last. Allein von seiten des Barons schien die Annäherung nicht gewünscht zu werden, da, trotz seines gegebenen Versprechens, seine Frau zu des Doktors größtem Verdruß ohne ihn herkam. Die Baronin, eine hochaufgeschossene, schmächtige Gestalt, mit Augenbrauen wie Rabenfedern und ebenso schwarzem Haar unter einem diamantenstrotzenden Kopfputz von Gräsern und Aehren, hatte in ihrem Ansehen etwas so Jugendliches und Verschüchtertes, daß man sie statt ihrer dreißig Jahre auf zwanzig geschätzt hätte. Etwas beengt in der Pariser Toilette, machte sie mit ihren von langen Wimpern überschatteten bleichen Wangen und dem durchsichtigen Teint, der ja allen von der Außenwelt lange abgeschlossenen Frauen eigen ist, weniger den Eindruck einer ehemaligen Odaliske als den einer Klosterfrau, die, von ihren Gelübden entbunden, ins Leben zurückkehrt, und diesen Vergleich bestätigte sie noch durch ein religiös salbungsvolles Wesen in ihrer ganzen Haltung, durch ein gewisses feierliches Einherwandeln mit niedergeschlagenen Augen, anliegenden Ellbogen und gefallenen Händen, lauter angelernten Manieren aus den streng katholischen Kreisen, in denen sie sich seit ihrer Bekehrung und ihrer vor kurzem erfolgten Taufe bewegte. – Was konnte sich die profane Neugierde wohl Interessanteres wünschen, als diese fromme Christin mit der Haremvergangenheit, die eben von Jenkins in Begleitung einer erdfahlen, bebrillten Meßnerfigur eingeführt wurde; es war dies Hemerlingues Rechtsanwalt le Merquier, Abgeordneter von Lyon, welcher die Baronin stets begleitete, wenn sich der Baron wie heute abend »etwas angegriffen fühlte«. Als die drei in den zweiten Salon eintraten, ging der Nabob schnurstracks auf sie zu, in der Meinung, hinterdrein das breite, gelbliche Gesicht seines alten Kameraden auftauchen zu sehen, dem er verabredetermaßen die Hand bieten sollte. Sowie die Baronin ihn erblickte, wurde sie noch blasser als gewöhnlich, ein Blitzstrahl zuckte unter ihren langen Wimpern hervor, ihre Nasenflügel bebten weitgeöffnet, und als Jansoulet sich vor ihr verbeugte, schritt sie hoch erhobenen Hauptes rasch an ihm vorbei, indem von ihren dünnen Lippen ein arabisches Wort fiel, das für jedermann dunkel war, außer für den armen Nabob, der die Beleidigung wohl verstanden hatte, denn als er sich aufrichtete, hatte sein gebräuntes Gesicht die Farbe eines Ziegelsteines, der eben aus dem Ofen kommt. So blieb er eine Zeitlang stehen, die dicken Fauste krampfhaft geballt, mit zorngeschwelltem Munde, bis Jenkins auf ihn zueilte; und dann sah Géry, welcher dem ganzen Auftritte aus der Ferne gefolgt war, wie sich beide in ein erregtes Gespräch vertieften. Der Versuch war mißlungen, der kunstvoll zusammengeklügelte Versöhnungsplan scheiterte an Hemerlingues entschiedenem Widerstreben. Wenn nur der Herzog jetzt käme, oder sollte der auch nicht Wort halten? Es war schon spät. Eben hatte sich, direkt von der Vorstellung in der Oper kommend, in Pelz und Kapuze noch vorsorglich vergraben, die Wauters eingefunden, um Mozarts Arie der Königin der Nacht vorzutragen, und der Minister fehlte noch immer, trotz seiner festen Zusage, trotzdem ausgemacht worden war, daß ihn Monpavon im Cercle abholen sollte. Der gute Jenkins sah des öfteren nach der Uhr, indem er zerstreut dem musikalischen Perlenregen applaudierte, der ihn auf dreitausend Franken zu stehen kam, und der zwecklos war wie das ganze teure Fest, falls der Herzog ausblieb. »Seine Excellenz, der Herzog von Mora!« dröhnte es plötzlich herein, und anstatt sich, wie beim Eintritt des Nabobs, in rücksichtslosem Gedränge vorzuwälzen, bildete jetzt die ehrerbietige Neugierde unter erwartungsvollem Gemurmel auf dem Wege des Ministers Spalier. Wie dieser verstand es kein zweiter, vor der Welt zu repräsentieren, durch einen Salon mit Würde und zur Tribüne mit einem Lächeln hinzuschreiten, geringfügigen Dingen einen ernsthaften Anstrich zu geben und das anerkannt Wichtige obenhin zu behandeln. Diese paradoxe Vornehmheit bildete den Kern seiner Lebensführung. Der Feinheit und dem Ebenmaß seiner Erscheinung verdankte er es, daß er trotz seiner sechsundfünfzig Jahre noch ein schöner Mann war; seiner modischen Eleganz verliehen die stramme, fast militärische Haltung und die stolzen Züge den Charakter der Männlichkeit und er bewegte sich mit vollendetem Anstand im schwarzen Frack, den er heute, Jenkins zu Ehren, mit einigen jener großen Sterne geschmückt hatte, die er sonst nur bei offiziellen Gelegenheiten strahlen ließ. Der Schimmer der Brustkrause, der weißen Halsbinde, der mattsilbernen Orden und das sanft ins Graue hinüberspielende spärliche Haar hoben die Blässe des Gesichtes noch hervor, welches an Fahlheit all' die fahlen Physiognomieen übertraf, die sich bei dem Irländer zusammengefunden hatten. Es war auch entsetzlich, wie der Mann auf sich loshauste: politische Strapazen, die Spielwut in sämtlichen Abstufungen, vom Pharao bis zur Börsenspekulation, der Ruf eines Don Juan, der um jeden Preis behauptet werden mußte; das alles stempelte ihn so recht zum Patienten dieses Arztes, und so that er denn nur seine Schuldigkeit, wenn er in fürstlichem Schmuck bei dem Erfinder jener geheimnisvollen Perlen erschien, die seinem Blick einen so hellen Glanz und seinem ganzen Wesen eine so wunderbare, fast jugendliche Schnellkraft gaben. »Gestatten Sie mir, lieber Herzog,« begann Monpavon in feierlich aufgeblasener Haltung« ... Aber dieser Versuch, die sehnlich erwartete Vorstellung des Nabob zu bewerkstelligen, mißlang, denn Seine Excellenz hatte in der Zerstreutheit gar nichts gehört und bewegte sich nach dem großen Salon weiter, unter dem Einfluß einer jener elektrischen Strömungen, welche die Monotonie der großen Welt zuweilen unterbrechen. Während er noch voranschritt und der schönen Frau Jenkins seine Aufwartung machte, konnte man allenthalben bei den Damen ein leises Hinneigen bemerken, ein holdes Lächeln, gewinnende Mienen, den Wunsch zu gefallen. ... Er aber hatte nur für eine Augen, für Felicia, die mitten in einer Gruppe von Herren stand, mit denen sie sich unterhielt, als befände sie sich in ihrem Atelier, und ihn, ruhig eine Eislimonade schlürfend, herankommen sah. Sie nahm seine Begrüßung mit völliger Unbefangenheit entgegen, und trotzdem sich die Herren diskret zurückzogen, trotz dem, was Paul von Géry über ein angebliches Liebesverhältnis gehört hatte, schien zwischen den beiden weiter nichts als eine Kameradschaft des Geistes, eine harmlos heitere Vertraulichkeit zu bestehen. »Ich habe Sie besuchen wollen, mein Fräulein, als ich nach dem Bois de Boulogne fuhr.« »Ist mir ausgerichtet worden. Sie waren sogar im Atelier.« »Jawohl, und habe mir die brillante Gruppe angesehen, meine Gruppe.« »Na, und ... ?« »Sehr schön, der Windhund läuft wie besessen, und der Fuchs reißt ganz brillant aus, nur habe ich nicht recht verstanden ... Sie sagten doch, es sei unser beider Geschichte?« »Eben.... Raten Sie nur weiter! Es ist eine Fabel aus ... Rabelais lesen Sie wohl nie, Herr Herzog?« »Gott behüte! Ist mir denn doch zu roh.« »Ach ich, ich habe mich hineingelesen.... Gilt zwar für unfein, wie Sie wissen, für sehr unfein. ... Meine Fabel ist also aus Rabelais geschöpft. Hören Sie nur: Bacchus hat einen wunderbaren Fuchs erschaffen, der schlechterdings nicht zu erjagen ist, und Vulkan hat seinerseits einem von ihm gebildeten Hunde die Zauberkraft verliehen, alles Wild einzufangen. Nun, sagt mein Autor, trug sich's einmal zu, daß der Hund und der Fuchs aneinandegerieten, Sie können sich's vorstellen, was das für ein Wettrennen gab, toll und – endlos. Geradeso, lieber Herzog, hat, wie mich dünkt, das Schicksal uns, mit den widersprechendsten Eigenschaften ausgerüstet, einander gegenübergestellt. Sie, dem die Götter Macht verliehen haben, alle Herzen zu gewinnen, und mich, deren Herz sich niemals fangen läßt.« Sie sagte ihm das so recht ins Gesicht hinein, halb lachend, aber aufrecht und wie gewappnet in ihrem weißen Gewande, das all' seine geistreichen Angriffe von ihrem inneren Wesen abzuwehren schien. Er, der Bezwinger, der Unwiderstehliche, begegnete in ihr die erste von so kühnem, eigenwilligem Schlage, und er suchte sie mit allem magnetischen Zauber der Verführungskunst zu umstricken, indessen ringsum das steigende Gemurmel des Festes, silberhelles Lachen und das Rauschen der Atlasroben und der Perlschnüre dieses Duett weltmännischer Leidenschaft und jugendlicher Ironie begleiteten. »Aber was thaten die Götter,« hob er nach kurzer Pause wieder an, »um sich mit Ehren aus der Affaire zu ziehen?« »Sie verwandelten die beiden Läufer in Stein.« »Oho, die Losung lasse ich mir nicht gefallen, und müßte ich's auch mit allen Göttern aufnehmen, mein Herz werden sie mir nicht versteinern.« Bei diesen Worten sprühte ihm aus den Augen eine Flamme, die jedoch beim Gedanken an die beobachtende Menge alsbald wieder erlosch. Und beobachtet wurden sie ununterbrochen, von keinem Menschen aber so scharf wie von Jenkins, der voll nervöser Ungeduld um sie herumschlich, als verübelte er's Felicia, daß sie die Hauptperson des Abends für sich allein behalte. Lächelnd bemerkte das Mädchen dem Herzog: »Gewiß wird man sagen, daß ich Sie in Beschlag nehme.« Und dabei zeigte sie ihm Monpavon, der erwartungsvoll neben dem Nabob stand, von welch letzterem die Excellenz mit dem unterwürfig bittenden Blick eines großen, gutmütigen Bullenbeißers aus der Ferne betrachtet wurde. Da fiel denn dem Staatsminister der Anlaß seines Erscheinens wieder ein. Er verabschiedete sich bei dem Mädchen und ging auf Monpavon zu, der ihm endlich seinen ehrenwerten Freund, Herrn François Jansoulet, vorstellen konnte. Die Excellenz verbeugte sich, der Parvenu bückte sich bis zum Boden, dann begann ein kurzes Gespräch. Ein merkwürdiger Gegensatz, diese zwei Gestalten: der stämmige, durch und durch plebejische Jansoulet mit seiner Lederhaut und dem breiten, gewölbten Rücken, den der orientalische Hofschranzen-Hokuspokus für immer gekrümmt zu haben schien, mit seinen kurzen, dicken Händen, an denen die hellen Glacéhandschuhe platzten, mit der südlichen Ueberschwenglichkeit in den Gebärden und in der Betonung der Wörter, die er wie gesprengte Felsblöcke hervorstieß – und, ihm gegenüber, der geborene Kavalier und Weltmann, der, eine Verkörperung der Eleganz, geschmackvoll bis in die kleinste seiner spärlich hingestreuten Bewegungen, seine abgerissenen Sätze mit vornehmer Nachlässigkeit hingleiten ließ, indem er den Ernst seiner Züge durch ein halbes Lächeln milderte und seine tiefe Verachtung für Mann und Weib unter den Formen einer unerschütterlichen Höflichkeit verbarg. Und doch war gerade jene Verachtung eine Hauptursache seiner Erfolge. In einem amerikanischen Salon wäre dieser Gegensatz nicht so störend gewesen. Des Nabobs Millionen hätten dort das Gleichgewicht hergestellt, wenn nicht gar die Wagschale zu seinen gunsten niedergedrückt. In Paris aber hat der Reichtum noch immer nicht den Vorrang, und um sich davon zu überzeugen, brauchte man nur mitanzusehen, wie zuvorkommend der Zufallskrösus vor dem vornehmen Mann hin und her zappelte, wie schranzenhaft er ihm, in Ermangelung eines Hermelinmantels, seinen schwerfälligen Geldstolz vor die Füße breitete. Von der Ecke aus, in die er sich gedrückt hatte, betrachtete Paul von Géry den ganzen Vorgang mit lebhaftem Interesse, wußte er doch, welch' großen Wert sein Gönner auf diese Annäherung legte. Da brachte das Ungefähr, welches diesen Abend hindurch seiner Debütanteneinfalt so grausam mitspielte, mitten im Gewoge der Privatgespräche, aus dem gewöhnlich jeder das für ihn Wichtige richtig heraushört, ihm schon wieder einen kleinen Dialog zu Ohren: »Es ist doch bei Gott das Geringste, was dieser Monpavon für ihn thun kann, daß er ihm nach so vielen schlechten Bekanntschaften auch zu ein paar guten verhilft. Wie Sie wohl wissen werden, hat er ihm noch vor kurzem Paganetti mit seiner ganzen Bande auf den Hals geladen.« »O weh, da wird er gar rein ausgezogen.« »Ei was, nicht mehr als billig, ihn so und so viel wieder herausschwitzen zu lassen von allem, was er da drunten bei den Türken zusammengestohlen hat.« »Sie glauben also wirklich? ...« »Ha, ob ich es glaube; habe darüber ganz bestimmte Daten und zwar aus dem Munde des Bankiers, der die neueste tunesische Anleihe vermittelt hat, Baron Hemerlingue.... O, der weiß Ihnen Histörchen zu erzählen vom Nabob! Stellen Sie sich vor ...« Und nun ging's los, lauter Schandthaten: Fünfzehn Jahre hindurch habe Jansoulet den verstorbenen Bey in niederträchtigster Weise ausgebeutet. Man könne sowohl Namen von Lieferanten anführen, wie auch einzelne in ihrer Dreistigkeit ganz unerhörte Musterstreiche, z.B. die Geschichte von einer Spielfregatte – jawohl von einer Spielfregatte, wie es Spieluhren und Spieldosen gibt – welche Fregatte er für zweimalhunderttausend Franken angekauft und für volle zehn Millionen an den Mann gebracht – oder die Geschichte von einem Thronsessel, der dem Bey zwei Millionen gekostet, dessen Herstellungspreis aber, wie aus den Büchern eines Tapeziers aus der Vorstadt St.Honoré zu ersehen war, sich nicht ganz auf hunderttausend Franken belief, eine Geschichte, deren Komik darin gipfelte, daß der Herrscherstuhl, infolge einer Geschmackveränderung des Souveräns, noch bevor er ausgepackt worden, in Ungnade fiel und in seiner fest zugenagelten Kiste bis auf den heutigen Tag auf dem Zollamte in Tripolis stehen geblieben ist; und abgesehen von solchen schamlosen Kommissionsaufschlägen, die sich bis auf die kleinste Spielwarensendung erstreckten, wurden noch andre gravierende Anklagepunkte betont, die indessen geradeso feststanden, denn sie stammten aus derselben Quelle. Man sprach von einem Spezialharem mit lauter Europäerinnen, den der Nabob außer dem Serail für Seine Hoheit ganz wundervoll eingerichtet, und ein Mann, wie der Nabob, müsse dergleichen doch loshaben, da er ja schon früher vor seiner Abreise nach dem Orient hier in Paris in der sonderbarsten Weise sein Leben gefristet als Wiederverkäufer von Theaterkontremarken, als Geschäftsführer eines vorstädtischen Tanzetablissements und eines andern noch anrüchigeren Lokales. ... Und nun löste sich das Geflüster in ein unterdrücktes Gelächter auf, wie Männer lachen, die unter sich dergleichen Geschichten auskramen. Die erste Empfindung des jungen Provinzlers, als er diese niederträchtigen Verleumdungen vernahm, war die, sich umkehren zu sollen mit dem Ausruf: »Das ist erlogen!« Einige Stunden zuvor hätte er's auch ohne Bedenken gethan, doch in dieser Atmosphäre war ihm bereits das Mißtrauen des Skeptikers geläufig geworden, und so hielt er denn an sich und hörte zu bis ans Ende, ohne sich von der Stelle zu rühren und ohne sich selber zu gestehen, daß der Wunsch jetzt in ihm aufdämmerte, über seinen Gönner ins klare zu kommen. Unterdessen saß der ahnungslose Held dieser Schandchronik, der Nabob, ganz gemütlich mit dem Herzog von Mora beim Ecarté in einem kleinen blauen Salon, in welchem das gedämpfte Licht zweier Lampen eine friedliche Stimmung verbreitete: der Sohn eines Vaters, der mit altem Eisen handelte, am Spieltisch ganz allein mit dem obersten Würdenträger des Kaisers – o, Zauber der Millionen! Jansoulet konnte dem venetianischen Spiegel fast nicht glauben, in dem er sein freudestrahlendes Gesicht neben dem erhabenen Haupte mit dem breiten Scheitel erblickte, auch gab er sich, um der großen Ehre auch einigermaßen wert zu sein, alle erdenkliche Mühe, möglichst viele Tausendfrankenscheine mit Anstand zu verlieren, und hielt sich trotzdem für den gewinnenden Teil, denn er war ja stolz, sein Geld in jene aristokratischen Hände übergehen zu sehen, die er bis in ihre kleinsten Bewegungen beim Ausspielen, beim Abheben oder beim Aufnehmen der Karten studierte. Um ihren Tisch sammelte sich ein Kreis von Zuschauern, aber in der respektvollen Entfernung von zehn Schritten, wie sie bei der Begrüßung eines Prinzen vorgeschrieben sind. Das waren die Zeugen des Triumphes, den der Nabob wie im Traume feierte, wie berauscht von den feenhaften Klängen, die, durch die Entfernung gedämpft, an sein Ohr schlugen, von dem Gesange, der in abgebrochenen Sätzen wie über eine Wasserfläche zu ihm herüberdrang, vom Dufte der Blumen, der zu Ende eines Pariser Balles so eigentümlich die Luft erfüllt, wenn zu vorgerückter Stunde sich alle Zeitbegriffe verwischen und die Ermattung nach durchwachter Nacht die von dieser ganzen Atmosphäre überreizten Nerven zu einem Taumel des Genusses anregt. Die rüstige Natur eines civilisierten Wilden, wie Jansoulet, war für solch ungewohnte, zugespitzte Eindrücke nur um so empfänglicher und er mußte sich förmlich zusammennehmen, um dem physischen Aufjubeln seines ganzen Wesens nicht mit einem freudigen Hurra oder sonstwie Luft zu machen, durch eine unpassende Wort- oder Gebärdenbewegung, nicht unähnlich einem großen Gebirgshunde, den man durch das Einatmen einer gewissen Essenz zum epileptischen Wahnsinn bringen kann. – »Der Himmel ist klar und das Pflaster trocken ... Wäre es Ihnen recht, mein lieber Junge, wenn wir den Wagen vorausschickten und zu Fuß nach Hause gingen?« sagte Jansoulet beim Fortgehen zu seinem Begleiter. Diesem war der Vorschlag sehr willkommen; er sehnte sich selber nach einem Gange in frischer Luft, um die Lügen und Niederträchtigkeiten dieser sozialen Komödie abzuschütteln, die in seiner Brust eine eisige Kälte hinterlassen hatte; denn alles Blut hatte sich von seinem Herzen nach den Schläfen gedrängt und tobte ihm dort hörbar in den geschwollenen Adern. Er wankte nur so einher wie jene Unglücklichen, die, nachdem ihnen der Star gestochen worden, vor der eignen wiedererworbenen Sehkraft erschrecken und sich nun nicht mehr getrauen, einen Fuß vor den andern zu setzen. Aber die Operation war auch in gar zu brutaler Weise an ihm vollzogen worden! Die große Künstlerin mit dem ruhmvollen Namen, die keuschblickende, unnahbare Schönheit, deren bloßer Anblick ihn ergriffen hatte wie eine Vision, war also weiter nichts als eine Hetäre; Frau Jenkins, diese ehrfurchtgebietende Erscheinung, so mild und zugleich so stolz in ihrem ganzen Wesen, maßte sich die Stellung einer Gattin nur an; jener gefeierte Mann der Wissenschaft mit dem offnen Blick und der herzgewinnenden Freundlichkeit entblödete sich nicht, der Welt das Schauspiel eines schamlosen Verhältnisses zu geben – und die Pariser Gesellschaft nahm, trotzdem sie darum wußte, keinen Anstoß und strömte seinen Festen zu! Und nun gar dieser Jansoulet, der so gütig, so großmütig an ihm gehandelt, dem er zu so herzlichem Dank verpflichtet, war einer Gaunerbande anheimgefallen, und selbst ein Gauner, dem nur recht geschah, wenn auch er, systematisch ausgebeutet, seine Millionen »wieder herausschwitzen« mußte. War es möglich? Wieviel sollte er davon für wahr halten? Ein Seitenblick auf den Nabob, der mit seiner vierschrötigen Gestalt fast die ganze Trottoirbreite einnahm und den die Last seiner Geldsäcke zu beugen schien, ließ Paul von Géry in dem schwerfälligen Gange seines Gönners urplötzlich etwas Niedriges, Gemeines entdecken, das ihm zuvor nicht aufgefallen war. Richtig! Er war ja ganz Marseiller Abenteurer, aus jenem Uferschlamme geformt, wie ihn die unzähligen Bummler und Nomaden auf allen Quais der Hafenstadt breittreten; gutmütig, freigebig – nun ja, nach Dirnen- und Diebesart. Und nun war dem jungen Manne, als ob der Goldstrom, der durch die prunkvollen, verrufenen Gemächer am Vendomeplatze einherwogte und seinen Gischt an den Wänden hinaufspritzte, allen Abschaum und allen Unflat seiner unlauteren, morastigen Quelle mit sich wälzte. Aber dann blieb ihm, Paul von Géry, keine andre Wahl, als sich aufzumachen und aufs schleunigste den Ort zu verlassen, wo sein einziges Erbe, sein ehrlicher Name, auf dem Spiele stand. Ganz recht, aber da unten, daheim die zwei kleinen Brüder, wie sollten die zu ihrem Schulgelde kommen? Wer sollte den bescheidenen häuslichen Herd zusammenhalten, der durch den Erwerb des Aeltesten, des Familienoberhauptes, so unverhofft wieder aufgerichtet worden? Dies Wort Familienoberhaupt versetzte ihn sofort in einen jener Seelenkämpfe zwischen Eigennutz und Gewissen, wobei dieses rücksichtslos, stetig, mit ehrlichen Stößen angreift, wahrend jener, mit künstlichen Finten fechtend, zurückweicht. Unterdessen spazierte der gute Jansoulet mit weiten Schritten neben seinem jungen Freunde einher, ohne den Konflikt, dessen Veranlassung er war, auch nur zu ahnen, und sog voller Wonne die frische Luft ein. Niemals hatte er sich in solchem Maße seines Lebens gefreut; von dieser Soirée bei Jenkins, die ja für ihn sein erstes Auftreten in der großen Welt gewesen, war ihm ein Eindruck zurückgeblieben, wie von ragenden Ehrenpforten, von herbeigeströmten Volksmassen, von einem Siegeseinzug über ausgestreute Blumen – der klarste Beweis, daß die Wesenheit der Dinge im Auge des jeweiligen Beschauers liegt. Der Nabob war vom Herzog beim Abschied aufgefordert morden, sich seine Bildergalerie anzusehen, was nichts mehr und nichts weniger zu bedeuten hatte, als daß ihm die Thüren des Palais Mora binnen acht Tagen offen stehen würden, und Felicia Runs war bereit, seine Büste zu modellieren, so daß man erwarten konnte, bei der nächsten Kunstausstellung den Kopf des Nagelhändlersohns von derselben großen Künstlerin in Marmor gemeißelt zu sehen, deren Name auch unter dem Brustbilde des Staatsministers prangte. Und nun sage man selbst, ob solche Erfolge seine kindliche Eitelkeit nicht vollauf befriedigen mußten! So hingen sie denn beide ihren düsteren oder heiteren Gedanken nach und schritten in sich gekehrt und selbstvergessen fürbaß, bis der stille, in bläuliches, kaltes Licht gebadete Vendomeplatz unter ihren Schritten erdröhnte, bevor sie auch nur ein Wort miteinander gewechselt. »Schon!« sagte der Nabob. »Ich würde ganz gern noch etwas weiter gehen. Ist es Ihnen auch recht?« Und während sie nun noch zwei- oder dreimal um den Platz herumgingen, ließ er die unermeßliche Freude seines Herzens stoßweise in abgerissenen Sätzen hervorbrechen: – »Mir ist so wohl! ... Eine herrliche Luft! ... Donnerwetter, nicht für hunderttausend Franken möcht' ich sie hergeben, die heutige Soirée. ... Wirklich ein grundguter Mensch, dieser Jenkins. ... Und Felicia Runs ... ist Ihnen diese Art von Schönheit sympathisch? Ich für mein Teil schwärme dafür. Und erst der Herzog, ... ist das ein nobler Kavalier, und dabei so einfach, so leutselig! ... Schön, schön, dieses Paris! Nicht wahr, mein Sohn?« »Für mich zu kompliziert,« antwortete Paul mit dumpfer Stimme, »Mir graut davor.« »Ja, ja, ganz begreiflich,« meinte der andre mit gottvollem Dünkel. »Sie haben sich noch nicht eingewöhnt, aber das gibt sich im Handumdrehen, mein Sohn, verlassen Sie sich drauf. Sehen Sie mich nur an, wie ich schon nach dem ersten Monat hier zu Hause bin.« »Sie freilich, Sie kannten ja Paris von früher her, und wo man schon einmal gelebt hat ...« »Ich? Keine Spur! Wer hat das gesagt?« »Also nicht? Ich meinte eben nur,« erwiderte der junge Mann, und sofort bestürmte ihn ein ganzes Heer von Gedanken. »Was haben Sie denn eigentlich diesem Baron Hemerlingue gethan, daß er Sie so tödlich haßt?« Bei dieser Frage stutzte der Nabob, denn der Name, der so unvermutet in seine freudige Stimmung hineingeschleudert wurde, gemahnte ihn an den einzigen ärgerlichen Zwischenfall des Festes. Dann sprach er in wehmütigem Tone: »Ihm wie allen übrigen habe ich stets nur Gutes erwiesen. Im Elend haben mir beide miteinander angefangen, gemeinschaftlich sind wir gewachsen und gediehen, und als er sich auf seinen eignen Flügeln emporschwingen wollte, habe ich ihn stets nach besten Kräften unterstützt. Durch mich sind ihm zehn Jahre hintereinander die Lieferungen für die Flotte und die Armee zugewendet worden. Daher stammt fast sein ganzes Vermögen, Und nun vernarrt sich dieser froschblütige Baron eines schönen Tages dummerweise in eine Odaliske, die auf Betreiben der Mutter des Beys aus dem Harem gejagt worden war. Das Weibsbild, schön und ehrgeizig, wußte sich in die Ehe hineinzuschmuggeln; für Hemerlingue war aber nach dieser sauberen Heirat der Aufenthalt in Tunis selbstverständlich unmöglich geworden. Man hat ihm die Meinung beigebracht, ich hätte den Bey veranlaßt, ihn aus der Regentschaft auszuweisen; daran ist kein wahres Wort. Ich habe im Gegenteil von Seiner Hoheit verlangt, daß der junge Hemerlingue, ein Sohn aus erster Ehe, in Tunis verbleiben durfte, um die schwebenden Geschäfte zum Abschluß zu bringen, während der Vater in Paris sein Bankhaus gründete. Und wie wurde mir die Gutthat vergolten? Als nach meines armen Mohammeds Tode sein Bruder, der Muschir, auf den Thron kam, haben mich Hemerlingues, die nun wieder in Gunst standen, beim neuen Herrscher ohne Unterlaß verlästert. Zwar macht mir der Bey noch immer ein freundliches Gesicht, allein mit meinem früheren Ansehen ist es vorbei. Aber trotz alledem, wie übel mir Hemerlingue auch mitgespielt hat und jetzt noch mitspielt, war ich heute abend bereit, ihm die Hand zu reichen, und der Wicht läßt mich nicht nur abfahren, sondern obendrein durch sein Weib beschimpfen, eine boshafte Bestie, die mir's nie vergeben kann, daß ich ihr in Tunis mein Haus verschloß. Wissen Sie, was sie vorhin im Vorbeigehen zu mir gesagt hat? Dieb und Hundesohn ... o, sie nimmt kein Blatt vor den Mund, die Odaliske! Und so mußte ich denn, wenn ich meinen Hemerlingue nicht von alters her als einen Hasenfuß aus dem ff kennte ... . Aber nein, Unsinn! ... Lassen wir sie nur reden, und lachen wir sie aus! Was können sie mir denn anhaben? Mich abtakeln drüben beim Bey? Ist mir egal, mit Tunis habe ich nichts mehr zu schaffen und ich will möglichst bald den Rückzug antreten mit Sack und Pack. Es gibt ja doch in der großen Welt nur eine Stadt, nur einen Aufenthalt: Paris, das einladende, gastfreie Paris, das keine Faxen macht und jedermann, wenn er nur ein gescheiter Kopf ist, vollauf Fahrwasser zu großen Leistungen bietet – und, frei heraus, ich, lieber Géry, ich will nun einmal Großes leisten. Ich habe das Krämerleben satt. – Zwanzig Jahre hindurch habe ich für den Gelderwerb gearbeitet; jetzt verzehrt mich ein wahrer Heißhunger nach Ehre, nach Ansehen, nach Berühmtheit, ich will eine Rolle spielen in der Geschichte meines Vaterlandes, und für mich wird das auch nicht schwer halten. Mit meinem riesigen Vermögen, meiner Geschäfts- und Menschenkenntnis, mit dem, was sich da drinnen in meinem Schädel regt, kann ich's zu allem bringen und ich strebe nach den höchsten Zielen. Darum« – und des Nabobs Worte paßten wie eine Antwort zu dem heimlichen Gedankengange seines jungen Gefährten – »darum hören Sie auf mich, mein lieber Junge, lassen Sie nie von mir ab, sondern bleiben Sie getreulich mit mir an Bord. Mein Takelwerk ist fest. Kohlen hab' ich alle Schiffskammern voll. Mein Wort darauf, wir werden ein gut Stück Weg zurücklegen und schnell! Sie sollen sich wundern ... .« So phantasierte der naive Provençale mit einem Aufwande von ausdrucksvollen Gebärden in die Nacht hinein, indem er, während sie lebhaft um den Platz schritten, der sich mit seiner majestätischen Einfassung von stummen, verschlossenen Palästen in der Oede gleichsam ausdehnte, von Zeit zu Zeit nach der Erzfigur der Napoleonssäule hinaufblickte, als nehme er ihn zum Zeugen, den Emporkömmling der Emporkömmlinge, dessen Verewigung hier im Mittelpunkte von Paris jedem Ehrgeiz eine Berechtigung und allen Hirngespinsten den Schein der Ausführbarkeit zu geben schien. Dem Jünglingsalter wohnt eine Warmfühligkeit inne, ein Bedürfnis nach Begeisterung, das bei der leisesten Berührung rege wird, und so fühlte denn Paul von Géry, während er dem Nabob zuhörte, seinen Verdacht mehr und mehr schwinden und die frühere Zuneigung, mit einer Zuthat von Mitleid, auferstehen. ... Nein, der Mann war auf keinen Fall ein Schurke, wohl aber ein armer Bethörter, dem das Glück zu Kopfe stieg, wie einem, der jahrelang nur Wasser getrunken, der starke Wein. Jansoulet, mitten in Paris sich selbst und lauter Feinden und Blutsaugern überlassen, kam ihm wie ein goldbeladener Wanderer vor, der bei Nacht und ohne Waffen durch einen unsicheren Wald geht, und nun hielt es der Schutzbefohlene für ein verdienstliches Werk, über seinen Beschützer unbemerkt zu wachen, diesem blinden Mentor ein hellsehender Telemach zu werden, ihn die Sumpflöcher mit eignen Augen schauen zu lassen, ihn gegen das Raubgesindel zu verteidigen, kurz und gut, ihm zur Notwehr behilflich zu sein gegen das Geschmeiß von wilden, nächtlichen Wegelagerern, die sein ahnungsvoller Blick um den Nabob und seine Millionen herumschleichen sah. Fünftes Kapitel Die Familie Joyeuse Kein Morgen des Jahres verging, an welchem nicht Schlag acht Uhr in einem neuen Hause und beinahe unbewohnten Stadtviertel von Paris das munterste Zwitschern, Rufen und Kichern von silberhellen Stimmen über die öde Treppe hinschallte: »Papa, vergiß meine Noten nicht!« »Und die Wolle für meine Stickerei, Papa!« »Und die frischen Semmeln, Papa!« Und von unten herauf tönte jetzt auch die Stimme des Papas: »Du Yaja, bring mir doch schnell meine Mappe!« Richtig, seine Mappe hat er liegen lassen. Und nun wimmelte es und tummelte sich treppauf, treppab – lustige verschlafene Köpfchen mit zerzaustem Haar, das man sich unterwegs in der Eile zurechtstrich, bis schließlich, übers Geländer hinausgelehnt, eine Anzahl junger Mädchen einem kleinen, rotbäckigen, säuberlich gekleideten und ausgebürsteten Herrn, dessen unscheinbare Gestalt zu guter Letzt in den Windungen des Stiegenhauses verschwand, noch schallende Abschiedsgrüße nachschickten. Herr Joyeuse hatte den Weg zum Büreau angetreten. Sofort flatterte das Völkchen zu seinem Taubenschlage im vierten Stock zurück, und kaum war die Thür ins Schloß gefallen, so sammelte man sich an einem offnen Fenster zu einer neuen Gruppe, um dem Papa noch ein wenig nachzuschauen. Der kleine Mann kehrte sich um, Kußhände flogen hinüber und herüber, dann ging das Fenster zu und ruhig war's wieder in dem einsamen neuen Hause; nur die Plakate tanzten wie toll im Zugwinde der lückenhaften Straße, als wären sie fröhlich geworden mit den Fröhlichen. Jetzt kam noch der Photograph aus dem fünften Stock die Treppe herab, um seinen Schaukasten an das Hausthor zu hängen – immer die gleichen Bilder: der alte Herr mit der weißen Halsbinde und um ihn herum die Töchter in den verschiedensten Gruppen – und wenn der wieder oben war in seinem Atelier, hatte sich der ganze kleine Morgenrumor in eine solche Stille aufgelöst, daß die Vermutung nahe lag, der Papa und seine Mädchen seien bis zum Abend als lachende lebende Bilder in den Holzrahmen hineingebannt worden. Von der Rue St. Ferdinand bis in sein Bureau bei Hemerlingue und Sohn hatte Herr Joyeuse gute dreiviertel Stunden, die er mit steifem Halse und unbeweglichem Kopfe zurücklegte, als fürchtete er, die schöne Schleife, die ihm seine Tochter geknüpft, und der Hut, den sie ihm aufgesetzt, könnten sich um einen halben Zoll verschieben; ja wenn ihm sogar bei einer Treibhaushitze seine Aelteste, besorgt und vorsichtig wie immer, den Rockkragen aufgekrempelt hatte, um ihn vor den verwünschten Windstößen an der Straßenecke drüben zu schützen, schlug ihn Herr Joyeuse auch nicht eher zurück, bis er in sein Büreau trat, gerade wie der Verliebte, der eben seine Angebetete verlassen hat, sich nicht zu rühren wagt, um den berauschenden Duft des Zusammenseins noch möglichst lange an sich zu behalten. Seitdem vor einigen Jahren der brave Mann Witwer geworden, lebte er ausschließlich seinen Kindern, hatte keine andern Gedanken mehr als sie und ging ganz in jenen blonden Köpfen auf, die ihn wie Engelscharen auf einem Himmelfahrtsbilde umflatterten. Um diese »jungen Damen« drehte sich all sein Dichten und Trachten; zu ihnen kehrte er immer wieder zurück, wenn auch oft auf großen Umwegen, denn Herr Joyeuse besaß eine unerschöpfliche, wunderbare Phantasie, wahrscheinlich infolge seines kurzen Halses und seiner kleinen Statur, die dem Umlaufe seines hitzigen Blutes einen ungenügenden Spielraum boten. Aus seinem Gehirn schwirrten die Gedanken so schnell wie Spreu vom Siebe. Solange er bei der Arbeit saß, wurden sie noch durch das Hantieren mit bestimmten Zahlenbegriffen zusammengehalten, aber draußen entschädigte er sich um so reichlicher für jene Konzessionen an die unerbittliche Logik. Wenn er seinen gewohnten Weg ging über die Straßen, mit deren geringfügigsten Einzelheiten er vertraut war, hatte seine Einbildungskraft gewonnenes Spiel, und dann heckte er eine solche Menge von abenteuerlichen Gedanken aus, daß der Stoff für zwanzig Feuilletonromane ausgereicht hätte. Kam Herr Joyeuse zum Beispiel das Faubourg St. Honoré herauf – natürlich auf dem Trottoir rechts, denn anders that er's nicht – und fuhr ihm eine Waschfrau vom Lande mit ihrem schweren Karren und ihrem Kinde darin im scharfen Trabe entgegen, so rief der gute Mann, wenn der Kleine, der auf den Leinwandbündeln hockte, sich nur um eine Idee seitwärts neigte, voller Schrecken: »Das Kind! Geben Sie doch ja auf das Kind acht!« Aber seine Stimme verlor sich im Rasseln der Räder und seine gute Absicht im Geheimregister der Vorsehung. Der Karren fuhr weiter. Eine Zeitlang schaute er ihm noch nach, dann setzte er seinen Weg fort. Und nun entspann sich von diesem Ausgangspunkte aus eine ganze, reichhaltige dramatische Handlung. Das Kind ist herabgefallen. ... Schon gerät es unter die Räder. ... Da stürzt Herr Joyeuse hinzu und entreißt das hilflose Wesen der Todesgefahr. ... Doch dabei wird er selber von der Deichsel mitten in die Brust getroffen. In Blut gebadet bricht er zusammen. Jetzt sieht er, wie man ihn unter einem großen Volksauflaufe in die nächste Apotheke bringt. Man holt eine Tragbahre und er wird nach Hause geschafft. ... Plötzlich hört er das herzzerreißende Geschrei seiner Töchter, seiner Lieblinge, die ihn so wiederfinden müssen. Und dieser Verzweiflungsschrei schnitt ihm dermaßen in die Seele, so deutlich, so erschütternd vernahm er ihn: »Papa, lieber Papa!« daß er ihn auf offner Straße zum großen Erstaunen der Vorübergehenden mit heiserer Stimme selber ausstieß und dadurch aus seinem beklemmenden Märchentraum erwachte. Oder um noch einen Beleg für die Schöpferkraft dieser Phantasie zu liefern: Eines Tages fährt Herr Joyeuse mit dem Omnibus nach seinem Bureau, denn es regnet, es friert... ein wahres Hundewetter! Das unansehnliche, winzige Männchen sitzt, mit seiner Mappe auf den Knieen, einem kolossalen Kerl mit plumpem Gesicht und beängstigender Muskulatur gegenüber und hat die Beinchen eingezogen, um den zwei wuchtigen Pfeilern, die jenen Riesenbau stützen, aus dem Wege zu gehen. Das Rollen des Wagens und das Plätschern des Regens gegen die Fensterscheiben unterstützen Herrn Joyeuse in seinem dichterischen Brüten und auf einmal bemerkt sein verwundertes Vis-a-vis, der Koloß, der im großen und ganzen recht gutmütig drein schaut, daß der kleine Mann die Farbe wechselt und ihn zähneknirschend mit grimmigen, mörderischen Blicken anstarrt, ... Jawohl ... thatsächlich mit mörderischen Blicken, denn eben jetzt träumt Herr Joyeuse einen gräßlichen Traum: Ihm gegenüber, neben dem brutalen Ungetüm, sitzt eine seiner Töchter und der Elende faßt sie unter der Mantille um die Taille, ... »Die Hand weg, mein Herr!« ... hat Herr Joneuse schon zum zweitenmal gerufen, und der Kerl hat bloß höhnisch dazu gelacht. Jetzt will er Elise gar noch küssen, ... O, der Schurke! ... Und zu schwach, um seine Tochter anders zu verteidigen, zieht Herr Joyeuse, schäumend vor Wut, sein Messer aus der Tasche, bohrt es dem Verruchten tief in die Brust und begibt sich dann erhobenen Hauptes, in dem stolzen Bewußtsein, sein Vaterrecht gewahrt zu haben, zur nächsten Polizeistation, um sich anzuzeigen. »Eben habe ich in einem Omnibus einen Menschen erstochen, ...« Bei diesem düsteren Geständnisse, welches er sehr vernehmlich, wenn auch nicht im Polizeibüreau ablegt, bringt der Klang der eignen Stimme den Unglücklichen wieder zur Besinnung; die perplexen Gesichter der Passagiere verraten ihm, daß er laut gesprochen haben müsse, und da der Kondukteur eben hereinruft: »St. Philippe, Pantheon, Bastille – aussteigen!« hat er nichts Eiligeres zu thun, als sich unter allgemeiner Verblüfftheit ganz verdutzt aus dem Staube zu machen. Infolge dieser chronischen Ueberreiztheit seiner Phantasie hatte Herr Joneuse etwas Wunderliches, fieberhaft Verstörtes an sich, das mit seiner sonstigen Erscheinung, mit der korrekten Comptoiristenhülle, in grellem Widerspruche stand, er durchlebte ja täglich so und so viele Scheinexistenzen. Und zahlreicher als man glaubt, ist es vertreten, jenes Geschlecht der wachenden Träumer. Wenn unverbrauchte Kräfte, heroische Anlagen in einen zu engen Wirkungskreis zusammengesperrt werden, dann ist der Traum das Ventil, durch welches sich alle die bedrohlich glühenden und rumorenden Elemente in dahinjagenden Bildern Luft machen. Ist die Vision vorüber, so fühlen sich die einen noch ganz glückselig, die andern aber durch den plötzlichen Rückfall in die platte Alltäglichkeit niedergeschmettert und außer Fassung. Zu diesen letzteren gehörte Herr Joyeuse, der sich fortwährend in Höhen verstieg, aus denen man nicht mehr herunterkommen kann, ohne durch die Schnelligkeit der Beförderung etwas unsanft niedergesetzt zu werden. Eines schönen Morgens entspann sich nun in der Phantasie unsers Einbildungsmenschen, als er zu gewohnter Stunde, in gewohnter Weise aus dem Hause gegangen war und eben um die Ecke der Rue St. Ferdinand bog, folgender kleiner Roman: Die kalte Witterung oder vielleicht auch eine hölzerne Bude, die drüben auf dem Zimmerplatze aufgeschlagen wurde, lenkte seine Gedanken auf die Sylvesternacht und Neujahrsgeschenke hin, und sofort pflanzte sich als erster Absteckpfahl einer schwindelnden Aneinanderreihung der Begriff Gratifikation in seinem Geiste auf. Am 31. Dezember bezogen nämlich alle Commis von Hemerlingue und Sohn doppeltes Monatsgehalt, und bekanntlich baut man in bescheidenen Haushaltungen auf derartige glückliche Eventualitäten tausenderlei ehrgeizige und verlockende Pläne. Da will man Geschenke machen oder sich ein neues Stück Mobiliar anschaffen oder einen Notpfennig in der Schublade zurücklegen für ganz unvorhergesehene Ereignisse. Auch bei Herrn Joyeuse ging es bescheiden genug her. Seine Frau, eine geborene von St. Amand, hatte, vom Hochmutsteufel geplagt, den kleinen Beamtenhaushalt auf einen verhängnisvollen Fuß gebracht, und selbst jetzt, drei Jahre nach ihrem Tode, wo doch Großmütterlein so umsichtig wirtschaftete, hatte nichts erspart werden können, so schwer trug sich's noch an jener Vergangenheit.... Sofort stellte sich der gute Mann vor, die diesjährige Gratifikation werde größer ausfallen wegen des Zuwachses an Arbeit, welche die tunesische Anleihe mit sich gebracht, zumal die Prinzipale mit besagter Anleihe ein sehr schönes, ja sogar zu schönes Geschäft gemacht hatten, über das sich Herr Joyeuse einstens dahin zu äußern gewagt, daß dieses Mal der Türke doch etwas gar zu glatt geschoren worden sei. – Jawohl, wir bekommen unzweifelhaft das Doppelte, dachte der Einbildungsmensch im Weitergehen, und schon sah er, wie er am Schluß des Monats mit seinen Kollegen die kleine Treppe hinaufstieg, um Hemerlingue ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Dieser verkündete die frohe Nachricht, dann behielt er noch Herrn Joyeuse unter vier Augen bei sich, und siehe da! der Prinzipal, sonst so kalt, so verschlossen, mit seiner gelblichen Fettschicht gewappnet, als stecke er in einem Ballen Rohseide – dieser Prinzipal schlug jetzt einen freundschaftlichen, väterlich teilnehmenden Ton an und wollte wissen, wieviel Töchter Joyeuse denn besitze. »Ihrer drei, Herr Baron, das heißt eigentlich ihrer vier. Ich bin oft ganz konfus, die älteste ist eben schon so vernünftig.« Und der Baron fragte weiter nach ihrem Alter. »Alice, meine Aelteste, ist zwanzig, Herr Baron. Dann haben wir noch die achtzehnjährige Elise, die sich auf das Lehrerinnenexamen vorbereitet, Henriette geht in ihr sechzehntes Jahr, Easa oder Yaja steht erst im vierzehnten.« Diesen Spitznamen fand Herr Baron über alle Maßen erheiternd und erkundigte sich jetzt auch nach den Existenzmitteln einer so interessanten Familie. »Einzig und allein mein Gehalt, Herr Baron; früher hatte ich allerdings einiges zurückgelegt, aber das Krankenlager meiner armen Frau, die Erziehung der Kinder ...« »Schon gut, lieber Joyeuse; Ihr Einkommen reicht nicht aus und deshalb erhöhe ich es auf monatlich fünfhundert Franken.« »Zu viel, Herr Baron, zu viel!« sprach Herr Joyeuse ganz laut in einen Stadtsergeanten hinein, der eben vor ihm stand und das herumfuchtelnde Männchen nun mit mißtrauischen Blicken maß, doch der arme Einbildungsmensch ging traumselig weiter; er sah, wie er nach Hause eilte, wie er seinen Töchtern die Neuigkeit mitteilte, wie er sie abends, zur Feier dieses Freudentages, alle ins Theater führte.... O, Gott, wie hübsch nahmen sie sich doch aus, die jungen Damen, vorn in der Loge wie ein Strauß von Rosenknospen. Tags darauf halten auch richtig zwei junge Männer um die Hand der zwei Größten an. – Leider brachten es die Freier nicht über die Anonymität hinaus, denn eben kam Herr Joyeuse unter dem Thorbogen des Palais Hemerlingue zu sich, just vor der Thür, über welcher in goldener Inschrift »Kassa« zu lesen war. – Immer und ewig der Alte, kicherte er in sich hinein, indem er, den perlenden Schweiß von seiner Stirn wischend, den Parkettboden der ineinanderlaufenden ebenerdigen Bureaus betrat, hinter deren verschwiegenen Fenstergittern sich die Goldstücke bei der gedämpften Beleuchtung zusammenzählen ließen, ohne durch ihren Glanz das Auge zu ermüden. Wohlgemut begrüßte Herr Joyeuse Ueber die kleine Wendeltreppe, welche er vorhin in Gedanken so flott hinaufgestiegen war, verfügte er sich in das Kabinett seines Prinzipals, ein enges, sehr hohes Zimmer, dessen Einrichtung nur aus grünen Vorhängen und einigen ungeheuren, dem entsetzlichen Umfang des Hausherrn entsprechenden Lederfauteuils bestand. Keuchend vor Feistigkeit und so gelb, daß sein rundes Gesicht mit der gebogenen Nase – der reine fettsüchtige Eulenkopf – im Hintergrunde dieses feierlichen, verdüsterten Gemaches eine Art Schimmer verbreitete, saß an einem Pulte, dem nahezurücken ihn sein Schmerbauch verhinderte, der Chef, jenen dicken maurischen Krämern nicht unähnlich, die in ihren kleinen feuchten Hofräumen hinmodern. Unter den schweren Augenlidern, die er nur mühsam offen hielt, erglänzte sein Blick eine Sekunde lang, als der Gerufene eintrat; er winkte ihn zu sich heran und richtete langsam und gemessen, seiner Atemnot durch Zwischenpausen Rechnung tragend, anstatt der Frage: »Wieviel Töchter besitzen Sie denn, Herr Joyeuse?« folgende Ansprache an ihn: »Joyeuse, Sie haben sich erlaubt, über unsern jüngsten Vertrag mit Tunis in Gegenwart Ihrer Kollegen abfällig zu urteilen.... Jeder Versuch, sich verteidigen zu wollen, ist unnütz. Ihre Aeußerungen sind mir Wort für Wort hinterbracht worden, und da ich dergleichen von seiten eines Untergebenen unmöglich dulden kann, eröffne ich Ihnen hiermit, daß Sie vom Letzten dieses Monats ab aus dem Geschäfte entlassen sind.« – Ein Blutstrom schoß Herrn Joyeuse in die Wangen, dann zum Herzen zurück und wieder in den Kopf hinauf, in welchem er mit jedem Male unter tobendem Ohrensausen eine tumultuarische Bilder- und Gedankenhetze hervorrief. ... Die Töchter... was soll aus ihnen werden? ... Gerade um diese Zeit sind die offnen Stellen am seltensten.... Und zugleich mit dem kommenden Elend sah der Aermste in seiner Phantasie sich selbst, wie er sich vor Hemerlingue auf die Kniee warf, wie er ihn anflehte, wie er ihm drohte, wie er ihm in einem Anfall von verzweifelter Wut an die Kehle sprang.... Das alles stürmte über sein Antlitz hin, wie eine Windsbraut, die einen See aufwühlt, er selber aber stand unbeweglich da, bis ihm bedeutet wurde, daß er sich entfernen könne, worauf er hinauswankte, an sein Tagewerk bei der Kasse. Als er abends heimkam, schwieg er über das Vorgefallene, er brachte es nicht übers Herz, die strahlende Heiterkeit, die Lebenssonne seines Hauswesens zu trüben, und der bloße Gedanke an die großen Thränen in den hübschen, leuchtenden Augen seiner Töchterchen war ihm unerträglich, um so mehr, als er zu den schwachen und furchtsamen Naturen gehörte, die alles auf morgen verschieben. So verschob er denn seine Mitteilung zunächst auf den letzten November, angeblich in der Hoffnung, Hemerlingue möchte sich zu guter Letzt doch noch anders besinnen, als ob er ihn nicht zur Genüge gekannt hätte, den Eigenwillen jener klebrigen, an seinen Goldklumpen festgesogenen Molluske. Dann, als ihm sein Monatsgehalt ausgezahlt worden, und er seinem Nachfolger das Pult überließ, an welchem er so lange Zeit gestanden, hoffte er, in Bälde anderswo unterzukommen und das Unglück wieder gut zu machen, ohne vorher davon sprechen zu müssen. Er stellte sich also jeden Morgen, als ginge er ins Geschäft, und ließ sich gewohntermaßen ausrüsten und geleiten, immer mit der großen Ledermappe unter dem Arm, um auf dem Heimwege die vielen Aufträge der jungen Damen zu besorgen. Dazu fehlte es dem armen Manne leider nicht an Zeit, wenn er auch, in Anbetracht der höchst problematischen Einkünfte dieses Monats dies und jenes geflissentlich vergaß; hatte er doch jetzt tagtäglich einen ganzen, nicht enden wollenden Tag vor sich, den er zu Kreuz- und Querzügen nach einer Anstellung verwendete. Wohl war er mit den besten Empfehlungen an die besten Firmen versehen, aber in diesem schrecklichen, kalten, lichtarmen Monat Dezember, der so viel Arbeit und so viel Ausgaben mit sich bringt, sind Prinzipal und Commis aufs Abwarten angewiesen. Man geduldet sich bis zum Jahresschluß und schiebt alle Aenderungen, Verbesserungen und Umgestaltungen seiner Existenz bis Januar, bis nach dem großen Ruck in den neuen Zeitabschnitt auf. Ueberall, wo Herr Joyeuse vorsprach, nahmen die Gesichter plötzlich einen kühleren Ausdruck an, sobald er mit dem Zwecke seines Besuches herausrückte. »So, Sie sind nicht mehr bei Hemerlingue und Sohn? Ei, wie kommt denn das?« Er berief sich nach besten Kräften auf eine Laune des Prinzipals, Hemerlingues Bosheit war ja stadtbekannt, aber aus Den ganzen Monat hindurch war er einer jener kläglichen, gestikulierenden, vor sich hinmurmelnden Pflastertreter, denen jeder Anprall gegen Vorübergehende einen nachtwandlerischen Ausruf entreißt: »Versteht sich, das habe ich von jeher gesagt, zweifeln Sie daran ja nicht, bester Herr.« Wenn man an solchen Menschen vorübergeht, möchte man beinahe lachen, fühlte man sich nicht unwillkürlich zum Mitleid umgestimmt durch die Bewußtlosigkeit dieser unglücklichen Opfer einer fixen Idee, dieser Blinden, die von ihrem Traume an einer unsichtbaren Leine hin und her gezogen werden. Das Peinlichste war noch, daß Herr Joyeuse, wenn er nach solchen langen qualvollen Tagereisen, vor lauter Unthätigkeit ermattet, nach Hause kam, die Komödie der Heimkehr von der Arbeit aufführen und so und so viel Neuigkeiten auskramen muhte; Stadt und Comptoirklatsch, mit dem er seine jungen Damen von jeher unterhalten hatte. In allen kleinbürgerlichen Familien gibt es einen Namen, der öfters genannt wird, den man in stürmischen Zeiten anruft, der in alle Wünsche, in alle Zukunftspläne, ja sogar in die Spiele der von seiner Wichtigkeit durchdrungenen Kinder verflochten wird, einen Namen, dem man die übernatürliche Rolle einer zweiten Vorsehung oder noch besser, eines spiritus familiaris nach Art der Laren zuteilt. Es ist dies stets ein Prinzipal, ein Fabrikbesitzer, ein Bauherr, ein Minister, kurzum, der Mann, in dessen mächtiger Hand das Glück und die Existenz des häuslichen Herdes ruhen. Bei der Familie Joyeuse war es Hemerlingue und immer wieder Hemerlingue. Wohl zehn- oder zwanzigmal des Tages kam der Name im Gespräche der jungen Damen vor, die ihn mit jedem Vorhaben, mit den unbedeutendsten Einzelheiten ihrer Mädchenträume in Verbindung brachten: »Ja, wenn Hemerlingue wollte. ... Das hängt alles von Hemerlingue ab ...« Und mit welch reizender Vertraulichkeit redeten die jungen Dinger von jenem Geldprotzen, den sie nie zu Gesicht bekommen hatten! Ein ewiges Hin- und Herfragen, ob er mit dem Papa gesprochen, ob er gut oder schlecht aufgelegt gewesen. ... Ach, so haben wir ja alle, samt und sonders, mag uns das Schicksal in noch so bescheidene und gedrückte Verhältnisse zwängen, selber wieder noch bescheidenere, gedrücktere arme Wesen unter uns, denen wir groß erscheinen, für die wir Götter sind, und denen wir als solche gleichgültig, geringschätzig und grausam begegnen. Nun stelle man sich vor, welche Marter es für Herrn Joyeuse sein mußte, über den Elenden, der ihm nach zehn Jahren treuer Pflichterfüllung so barbarisch den Abschied gegeben hatte, noch allerlei Geschichten und Anekdoten zu erfinden. Dennoch führte er seine kleine Komödie so durch, daß er jedermann vollkommen damit täuschte. Aufgefallen war nur die Thatsache, daß der Papa jeden Abend sich mit einem wahren Heißhunger an den Tisch setzte. Kein Wunder, denn mittags aß der arme Mann nichts mehr, seitdem er seine Stelle verloren hatte. So verging ein Tag nach dem andern, aber Herr Joyeuse hatte noch immer kein Unterkommen gefunden, das heißt, bei der Territorialkasse hätte er schon eintreten können, allein er schlug das Anerbieten ab, da er die Geschäftsführung sämtlicher Winkelbanken der finanziellen Halbwelt im allgemeinen und die der Territorialkasse insbesonders zu genau kannte, um jemals den Fuß in diese Spelunke zu setzen. »Wenn ich Ihnen aber versichere,« sagte Passajou zu ihm, denn er hatte, als er wieder einmal mit ihm zusammentraf und ihn ohne Beschäftigung sah, dem guten Manne vorgeschlagen, sich bei Paganetti anstellen zu lassen, »wenn ich Ihnen versichere, daß es jetzt mit rechten Dingen zugeht! Wir sind reich. Es wird bar bezahlt. Ich selber bin ausbezahlt worden. Da sehen Sie nur diese Pracht!« Der alte Büreaudiener trug in der That eine neue Livree, und unter dem Rocke mit den versilberten Knöpfen war ihm das Wänstlein majestätisch angeschwollen. Gleichviel; Herr Joyeuse widerstand der Versuchung, auch als Passajou, die blauen Glotzaugen aufreißend, ihm behutsam die vielversprechenden Worte zuflüsterte: »Der Nabob ist mit beteiligt.« Selbst dann hatte Herr Joyeuse noch den Mut: »Nein« zu sagen-, lieber verhungern, als in ein anrüchiges Geschäft eintreten, dessen Bücher er vielleicht einmal vor Gericht als Sachverständiger zu untersuchen haben würde, – Er trieb sich also nach wie vor herum, war aber dermaßen entmutigt, daß er sich um keine Stelle mehr bewarb, und da er seine Zeit doch einmal außer Hause verbringen mußte, blieb er vor den Auslagen auf den Quais stehen oder lehnte stundenlang an der Brustwehr des Ufers und sah dem Wasser und dem Ausladen der Schiffe zu. So wurde einer jener Müßiggänger aus ihm, die man bei Straßenaufläufen in der vordersten Reihe gaffen sieht, die sich bei einem Platzregen unter die Hausthüren flüchten, die sich an den rauchenden Kesseln wärmen, in denen unter freiem Himmel Asphalt für die Trottoirs bereitet wird, und die schließlich vor lauter Ermattung auf eine Bank der Boulevards niedersinken. Nichts thun! Gibt es ein wirksameres Mittel, sein Leben zu verlängern? Die kurzen Büreaustunden dehnten sich jetzt bei leerem Magen unter Gähnen und nichtigen Phantasieen zu einem endlosen, abspannenden Bummelfrondienst aus! es ist ja so schwer, die Zeit totzuschlagen, die verfluchte Zeit, die nicht selber sterben will! – Wenn indessen Herr Joyeuse zu müde oder die Witterung gar zu grausam war, wartete er ausnahmsweise am Ende der Straße, bis die jungen Mädchen ihr Fenster wieder geschlossen hatten, schlich sich dann die Häuser entlang wieder zurück, eilte die Treppen hinauf, huschte, indem er den Atem anhielt, an der Thür seiner Wohnung vorbei und suchte seine Zuflucht droben bei André Maranne, dem Photographen, dem er sein Leid geklagt hatte und bei dem er jene wehmütige Teilnahme fand, wie ein armer Teufel sie dem andern entgegenbringt. Lange Stunden verplauderte er dann flüsternd mit dem Freunde, denn in dieser Abgeschiedenheit wurden sie gar selten durch einen Kunden gestört, oder er las an seiner Seite oder er hörte dem Regen zu, der an die Scheiben schlug, und dem Winde, der heulend wie auf hoher See, draußen auf den Bauplätzen die alten Thüren und Fensterrahmen der abgebrochenen Häuser gegeneinander stieß. Unter dem Atelier aber vernahm er allerlei wohlbekannte, für ihn bezaubernde Laute, kleine Lieder, die der Befriedigung über eine gelöste Aufgabe entflatterten, die Klavierstunde, die Großmütterchen gab, und das Ticken des Metronoms, kurz ein köstliches Durcheinander, das ihm im innersten Herzen wohlthat. – Er lebte dann unter seinen Lieblingen, ohne daß diese seine Nähe auch nur geahnt hätten. Eines Tages, da Herr Joyeuse in Marannes Abwesenheit als treuer Wächter des Ateliers und des neuen Apparates dasaß, vernahm er ein zweimaliges Klopfen gegen die Zimmerdecke des vierten Stockes, zwei abgesonderte ganz deutliche Schläge und hernach ein Rascheln wie von laufenden Mäusen. Die freundnachbarlichen Beziehungen zum Photographen rechtfertigten schon solchen Verkehr nach Gefangenenart, aber was hatte diese mutmaßliche Anfrage zu bedeuten und wie war sie zu beantworten? Herr Joyeuse klopfte aufs Geratewohl ebenfalls zweimal, womit die Unterhaltung zu Ende war. Als André Maranne zurückkehrte, klärte sich's auf. Die Sache verhielt sich einfach so: Die jungen Damen, die den Nachbar erst abends zu sehen bekamen, erkundigten sich zuweilen im Laufe des Tages nach seinem Befinden, und ob er mit dem Zuspruch des Publikums zufrieden sei. Das vorhin gegebene Signal hieß: »Machen Sie heute gute Geschäfte?« und Herr Joyeuse hatte, ohne es zu wissen, mit richtigem Instinkt geantwortet: »Nach Umständen leidlich.« Obwohl der junge Mann bei dieser Auseinandersetzung ganz rot geworden war, schenkte ihm Herr Joyeuse nichtsdestoweniger Glauben, nur ward ihm bei diesem häufigen Verkehr der Parteien um die Wahrung seines Geheimnisses bange, und fortan versagte er sich, was er seine Abstecher auf das Gebiet der bildenden Künste zu nennen pflegte. Aber wozu? Schon kam die Zeit, wo seine Notlage nicht mehr verschwiegen werden konnte: der düstere Monatsschluß rückte unter den erschwerenden Umständen einer Jahreswende heran. Schon erschien Paris im Festgewande der letzten Dezemberwochen. Fast alle volkstümlichen Feste, wie zum Beispiel der Karneval mit seinen Lustbarkeiten, sind nach und nach in Abgang gekommen; aber den Neujahrstag hält Paris noch in Ehren. Von Anfang Dezember an ergießt sich eine wahre Sündflut von Kindertand über die Stadt. Karrenweise werden vergoldete Trommeln, Schaukelpferde und allerlei Dutzendspielwaren feilgeboten. In den gewerbtreibenden Straßen, namentlich in den großen alten Gebäuden des Marais mit ihren hallenartigen, majestätisch mit Flügelthüren ausgestatteten Kaufladen wird durch alle fünf Stockwerke die ganze Nacht hindurch mit Flor, Blumen und Rauschgold hantiert, werden auf glasierte Schachteln Etiketten aufgeklebt, die tausend und abertausend verschiedenen Spielwaren sortiert, gezeichnet und verpackt, mit denen Paris einen so ausgedehnten Handel treibt, nachdem es ihnen den Stempel seines Geschmackes aufgedrückt hat; überall riecht es nach frischem Holz, nach Oelfarben, nach Glanzfirnis, und im Staub der Mansardenzimmer, auf den elenden Treppen, auf denen das Volk allen möglichen Straßenschmutz zurückläßt, über welchen es hinweggeschritten, liegen Späne von Rosenholz herum, Atlas- oder Samtabfälle und Flitterteilchen – lauter Ueberreste des prächtigen Krames, an denen sich geblendete Kinderaugen meiden sollen. Dann putzen sich die Schaufenster der Laden heraus. Hinter den glänzenden Spiegelscheiben flimmert wie ein funkelnder Strom der Goldschnitt der Bücher unterm Gaslicht; die verführerischen Seidenstoffe mit ihren schweren Falten bieten sich in allen Nuancen dar, indessen die schön frisierten Verkäuferinnen, die zum Schmuck ihrer Halskrause ein buntes Bändchen umgelegt haben, die Ware mit zierlich erhobenem kleinen Finger an den Mann zu bringen suchen, oder die Moirétüten mit einem Perlenregen von Bonbons füllen. Aber im Gegensatz zu diesem behäbig eingebürgerten hinter dem Bollwerk seiner prunkvollen Auslagen warmsitzenden Großhandel taucht nun auch der Kleinhandel auf mit seinen improvisierten, allen Winden preisgegebenen Bretterbuden, deren doppelte Reihe die Boulevards in einen Jahrmarkt verwandelt, und gerade darin besteht die Hauptanziehung, die Poesie der Weihnachtszeit. Im Madeleineviertel elegant, auf dem Boulevard St. Denis spießbürgerlich, und gegen den Bastilleplatz zu mehr für das sogenannte niedere Volk eingerichtet, passen sich diese kleinen Holzbuden den Anforderungen ihrer Lage an und bringen ihre Absichten auf Gewinn mit den mehr oder minder gefüllten Portemonnaies ihres Publikums in Einklang, Zwischendrein kommen dann noch die fliegenden Tische mit ihrer Unmasse von Sächelchen, einem wahren Wunder der kleinen und kleinsten Pariser Industrie, zerbrechlich und unansehnlich aus nichts zusammengezaubert und gerade infolge dieser Leichtigkeit in die große Luftströmung der Mode zuweilen mit hineingezogen – und endlich, zur Vervollständigung dieses wandernden Zwischenhandels, die Trottoirs entlang, auf ihren Kreuz- und Querzügen von der vorüberfahrenden Wagenreihe gestreift und beinahe Sonst pflegte Herr Joyeuse sich jener Menge anzuschließen, die mit Paketen im Arm und dem Geld in den Taschen klappernd geschäftig hin und her wogt. In Begleitung Großmütterchens, mit welchem er nach Neujahrsgeschenken für seine jungen Damen auf die Suche ging, machte er eine Station um die andre bei jenen kleinen Handelsleuten, die der geringste Käufer in Aufregung bringt, weil ihnen die Routine des Geschäftes fehlt, und die sich dennoch von dieser kurzen Spanne Zeit einen außerordentlichen Gewinn versprechen. Und dann war's ein Gerede und ein Erwägen, eine endlose Unentschlossenheit in diesem wunderlichen, stets über den gegenwärtigen Augenblick und seine Erfordernisse hinausschießenden Gehirn. Ach! in diesem Jahre gab's dies alles nicht. Melancholisch irrte Herr Joyeuse inmitten der allgemeinen Lustbarkeit umher, in dieser rührigen Umgebung doppelt müßig, doppelt verdüstert, und ließ sich herumpuffen und beiseite stoßen, wie jedem geschieht, der dem Treiben thätiger Leute im Wege steht. Er hatte fortwährend Herzklopfen vor lauter Seelenangst, denn seit einigen Tagen machte Großmütterchen abends bei Tische bedeutungsvolle, recht durchsichtige Anspielungen auf die Neujahrsgeschenke, weshalb Herr Joyeuse vermied, mit ihr allein zu bleiben, und ihr auch untersagt hatte, ihn nach Schluß des Bureaus abzuholen. Aber trotz aller Bemühungen nahte – das fühlte er nur zu wohl – der Moment, wo die Heimlichkeit aufhören und das quälende Rätsel gelöst werden mußte. – War gewiß eine recht böse, böse Sieben, jenes Großmütterchen, weil Herr Joyeuse es gar so fürchtete? Ach, nicht im geringsten, bloß etwas streng, mit einem lieblichen Lächeln, das den Schuldigen sofort wieder amnestierte; Herr Joyeuse aber war nicht nur von Hause aus ein Hasenfuß, sondern noch obendrein durch seine zwanzigjährige Ehe mit einer pantoffelschwingenden »Geborenen von« auf immer eingeschüchtert und gebrochen, jenen Sträflingen gleich, die nach abgesessener Haft unter polizeilicher Aufsicht bleiben; er konnte sich sein Sklaventum zeitlebens nicht mehr abgewöhnen. Eines Abends saß die Familie Joyeuse wieder in ihrem kleinen Salon beisammen, dessen Einrichtung aus dem Schiffbruch früherer Größe gerettet worden war: zwei gepolsterte Fauteuils, viel gehäkelte Garnituren, ein Klavier, zwei Lampen mit grünen Cylinderhütchen und ein Glasschrank voll Nippsachen. Bei dem Unbegüterten kommt der Familiensinn am meisten zur Geltung. Aus Sparsamkeitsrücksichten wurde in der ganzen Wohnung nur ein Feuer und eine Lampe angezündet, die allen Beschäftigungen und Zerstreuungen als Sammelplatz diente, eine behäbige, große Tischlampe, deren alter Schirm mit den Nachtszenen und den hineingestochenen schimmernden Pünktchen für jedes der jungen Wesen einst ein Gegenstand kindlicher Bewunderung und Freude gewesen war. Vier Mädchenköpfe, die sich von der Dunkelheit des Zimmers sanft abhoben, blond oder braun, fleißig oder vor sich hinlächelnd, neigten sich dem traulichen, herzerwärmenden Lichtstrahl zu, und dieser, der sie bis über die Augen hinauf beleuchtete, schien den Glanz ihrer Blicke, den Jugendschimmer ihrer klaren Stirne mit seiner Flamme zu nähren, schien sie hegen und bewahren und schützen zu wollen vor der kalten Zugluft der finsteren Straße, vor bösen Geistern und vor bösen Menschen, vor Grauen und Elend, kurz, vor allem Unheimlichen, was in solch einer Winternacht draußen umgeht in einem abgelegenen Stadtteil von Paris. Wie Vögel auf einem hohen Baumwipfel, nistet die Familie Joyeuse zusammengeschmiegt und warmgeborgen da droben im öden Haus, in ihrem Stübchen, im säuberlichen, behaglichen Daheim, Es wird genäht, gelesen, ein wenig geplaudert. Kein andres Geräusch als ein Aufflackern des Lichtes, ein Knistern des Feuers und hin und wieder ein Ausruf des Papas, der etwas abseits, in der Dunkelheit sein ängstliches Gesicht und die tollen Sprünge seiner Phantasie dem kleinen Kreise zu entrücken sucht. Eben stellt er sich vor, daß er, durch eine Einwirkung von oben, aus der jammervollen Klemme, in die er geraten ist, gerettet wird, gerade jetzt, wo er vor der unabänderlichen Notwendigkeit steht, Großmütterchen noch heut oder spätestens morgen alles zu bekennen. Hemerlingue, dem das Gewissen schlägt, übersendet ihm, wie jedem, der an der tunesischen Anleihe mitgearbeitet hat, eine Neujahrsgratifikation, Sie wird ihm von einem langen Lakaien eingehändigt: »Das schickt Ihnen der Herr Baron.« Diese Worte hat unser Einbildungsmensch ganz laut ausgesprochen, und die hübschen Gesichtchen schauen zu ihm herüber, es setzt ein Gelächter, einen kleinen Tumult ab, über welchen der Unglückliche jählings wieder zu sich selber kommt. O wie reut's ihn jetzt, daß er mit dem Geständnis so lange gezögert und die trügerische Zuversicht um sich her verbreitet hat, die nun mit einem Schlag in Trümmer gehen muß. Hätte er seine Kritik über das Geschäft mit dem Bey nicht für sich behalten können? Jetzt macht er sich sogar einen Vorwurf daraus, daß er eine Anstellung bei der Territorialkasse verschmäht hatte. Mit welchem Recht denn hatte er sie verschmäht? Ein trauriger Familienvater das, welcher nicht einmal die Kraft besitzt, für der Seinen Glück zu sorgen und einzustehen! Und angesichts der vom Schatten des Lampenschirmes umrahmten lieblichen Gruppe, deren friedlicher Anblick einen so schroffen Gegensatz bildet zu dem Aufruhr in seinem Innern, ergreift ihn eine bei seiner schwachen Natur so unwiderstehliche Reue, daß ihm sein Geheimnis schon auf der Zunge liegt und sich eben unter einem Anfall von Schluchzen Bahn brechen will, als plötzlich, und diesmal in Wirklichkeit, ein kräftiges Anläuten die Gesellschaft aufschreckt und ihn nicht zu Wort kommen läßt. Wer in aller Welt konnte um diese Stunde noch bei ihnen vorsprechen? Seitdem die Mutter gestorben, lebten sie ja ganz für sich und gingen sozusagen mit niemand mehr um, André war's nicht, denn wenn der auf einen Augenblick herunterkam, klopfte er als gern gesehener Hausfreund ohne Umstände an die Wohnungsthür. Endlich, nach einer erwartungsvollen, durch eine lange Unterredung draußen auf dem Vorplatz ausgefüllten Pause, brachte die alte Magd, deren Dienstjahre bei der Familie mit denen der Lampe genau zusammenstimmten, einen völlig unbekannten Mann herein, welcher beim Anblick der um den Tisch gruppierten vier Herzblättchen stehen blieb, wie festgebannt vom Zauber dieses Bildes. Wenn auch infolgedessen sein erstes Auftreten ein verschüchtertes und etwas linkisches war, so setzte er doch den Zweck seines Besuches vortrefflich auseinander. Da er sich in der Buchhaltung unterrichten lassen wollte, sei er durch einen gemeinschaftlichen Bekannten, durch den guten alten Passajou, an Herrn Joyeuse gewiesen worden. Einer seiner Freunde habe sich bei großartigen Spekulationen, bei einer bedeutenden Kommanditgesellschaft beteiligt, und dem möchte er beim Anlegen seiner Kapitalien, überhaupt der ganzen Geschäftsführung behilflich sein, sei aber als Advokat im Finanzwesen und allem, was drum und dran hängt, wenig bewandert. Ob es also Herrn Joyeuse nicht etwa möglich wäre, ihm einige Monate hindurch wöchentlich drei oder vier Stunden zu widmen. »Gewiß, mein Herr, o gewiß,« stotterte Papa Joyeuse, den der unerhoffte Glücksfall ganz betäubte. »Ich nehme es schon auf mich, Sie binnen einigen Monaten mit den nötigen Spezialkenntnissen auszurüsten. Wo sollen die Lektionen gegeben werden?« »Wenn es Ihnen recht ist, hier,« sagte der junge Mann, »denn es wäre mir sehr wünschenswert, wenn man von meinen Vorübungen nichts erführe. Nur würde ich unendlich bedauern, sollte mein Erscheinen jedesmal einen allgemeinen Aufbruch veranlassen.« Gleich bei den ersten Worten des Fremden waren nämlich die vier Lockenköpfchen unter diskretem Wispern davon gerauscht, und es sah recht öde aus in dem Salon, seitdem die Lampe ihren großen, weißschimmernden Lichtkreis auf den nunmehr verlassenen Tisch warf. Herr Jonyeuse, der gleich stutzig wurde sobald es sich um seine Töchter handelte, erwiderte hierauf, daß sich die jungen Damen jeden Abend um diese Zeit zurückzögen, und aus dem entschiedenen Tone dieser kleinen Aufklärung ließ sich etwas heraushören, wie: Junger Mann, wenn ich bitten darf, bleiben wir bei unsern Lektionen. Man kam nun über bestimmte Tage und bestimmte freie Abendstunden überein. Was die weiteren Bedingungen anbelangte, möge es der junge Herr ganz nach Belieben halten. Der junge Mann schlug ein Honorar vor, und dem alten Joyeuse schoß das Blut in die Wangen, denn die Summe entsprach genau seinem Gehalte bei Hemerlingue, »Nicht doch, das ist ja zu viel.« Aber der andre hörte schon nicht mehr; er biß sich verlegen auf die Lippen und suchte nach Worten, als hätte er etwas noch recht Schweres vorzubringen; dann sagte er plötzlich kurzgefaßt: »Das hier wäre also für den ersten Monat.« »Aber bester Herr...« Allein der junge Mann bestand darauf. Es verstehe sich doch von selbst, daß er, der Unbekannte, vorausbezahle. Offenbar hatte ihm Passajou einen Wink gegeben. Herr Joyeuse fühlte das auch heraus. »Danke, danke,« murmelte er vor sich hin und war so ergriffen, daß er umsonst nach Worten rang. Das Leben, ja das Leben war ihm auf ein paar Monate wieder geschenkt, die gehörige Zeit, sich umzuthun und ein Unterkommen zu finden; seine Herzblättchen mußten keinen Mangel leiden, mußten nicht einmal auf ihre Neujahrsbescherungen verzichten.... O, die gütige Vorsehung! »Nächsten Mittwoch also, Herr Joyeuse.« »Nächsten Mittwoch, Herr –, Herr –« »Géry, Paul von Géry.« Und als sie sich trennten, waren beide geblendet und entzückt, der eine von dem unvermuteten Eingreifen des Retters, der andre von dem bezaubernden Bilde, das er im Fluge erschaut hatte, von den vier Mädchen um den Tisch mit Büchern, Heften und Nähzeug, von einem Bilde sittenreinen, arbeitsamen Familienlebens. Paul von Géry hatte ein neues, ein herrliches, mutbeseeltes Paris entdeckt, welches von dem andern, das er zuerst kennen gelernt, himmelweit verschieden war – ein Paris, von dem kein Zeitungsreporter und kein Feuilletonist jemals spricht und das ihn an sein Provinzstädtchen erinnerte, nur mit dem reizvollen Zusätze der Steigerung, die der Friede solch einer verschönten Heimstätte durch die lärmende, tobende Umgebung erfährt. Sechstes Kapitel Felicia Ruys »Und Ihr Sohn, Jenkins, was haben Sie mit dem angefangen? Warum ist er bei Ihnen unsichtbar geworden? War ein netter Junge, wirklich.« – Felicia sagte das in einem barschen, geringschätzigen Tone, den sie fast immer anschlug, wenn sie mit dem Irländer sprach. Sie arbeitete dabei an der eben entworfenen Büste des Nabobs, indem sie ihr Modell zuweilen in die gewünschte Stellung brachte, das Bossierholz einmal beiseite legte, dann wieder zur Hand nahm und die Finger hurtig an ihrem Schwämmchen abwischte, während draußen der lichte Frieden eines Sonntagnachmittags durch das große Fenster der Rotunde hereinschien. Jeden Sonntag empfing Felicia ihre Besuche, insofern von Empfangen die Rede sein kann, wenn man einfach seine Thüre offenstehen und die Leute zwischen Kommen und Gehen ein wenig niedersitzen läßt, ohne deswegen von seiner Arbeit aufzuschauen oder auch nur ein begonnenes Gespräch zu unterbrechen, um die Eintretenden zu begrüßen. Es waren dies zumeist Künstler – feine Köpfe mit blondem Bart, unter denen hin und wieder die weiße Mähne eines alten Romantikers, eines Kameraden von Sebastian Ruys hervorstach – ferner Weltmänner und Kunstfreunde, Bankiers, Wechselagenten und ein paar junge Stutzer, welche sich mehr der schonen Bildhauerin als der Bildhauerei zuliebe einfanden, um dann abends im Klub sagen zu können: »Heute war ich auch bei der Ruys.« Mitten unter diesen Leuten bewegte sich, in schweigende Bewunderung versunken, die ihm mit jedem Tage etwas tiefer zu Herzen drang, Paul von Géry und forschte nach dem Geheimnisse der schönen Sphinx. Wenn er zuschaute, wie sie in dem hochroten, faltigen Kaschmirkleide mit Spitzenbesatz so tapfer in ihrem Thone herumwühlte, und wenn er über ihrer fast bis zum Halse hinausgesteckten Arbeitsschürze den kleinen, stolz erhobenen Kopf betrachtete, diesen durchsichtigen Teint, den oft, wie durch einen Schleier hindurch, ein Lichtstrahl des Geistes oder des Genies flüchtig belebte – dann fiel ihm wieder ein, was er über sie hatte sagen hören: immer wieder rang er, beängstigt und bezaubert, umsonst nach einer festen Ueberzeugung, immer wieder gelobte er sich, fortan wegzubleiben, und war doch jeden Sonntag da – so unvermeidlich wie die kleine Dame mit grauem gepuderten Haar und rosigen, von einem Spitzenfichu umrahmten Wangen, die, einem etwas verblichenen Pastellbild ähnlich, mit der Unbeweglichkeit eines Fakirs, die Hände im Schoß und sanft vor sich hinlächelnd, stets an derselben Stelle in einem mäßig beleuchteten Erker saß. Der menschenfreundliche Jenkins mit seinem offenherzigen Gesichte, seinen schwarzen Augen und seiner Apostelmiene ging von einem zum andern, allbekannt und allbeliebt. Auch er fehlte bei keinem Empfangstage und legte dadurch wahrlich keine geringe Geduldprobe ab, denn gerade ihn bedachte Felicia mit allen schnippischen Ausfällen sowohl der Künstlerin wie des Weibes. Aber er schien es nicht zu bemerken und setzte mit unerschütterlich lächelnder Seelenruhe und Nachsicht die Besuche bei der Tochter seines alten Freundes Ruys fort, den er so sehr geliebt und bis zu seinem letzten Atemzuge gepflegt hatte. Diesmal mußte ihn Felicias Nachfrage nach seinem Sohn äußerst unangenehm berührt haben, denn er antwortete mit gerunzelter Stirn und einem unverkennbaren Ausdruck übler Laune: »Was aus ihm geworden ist, weiß ich um kein Haar besser als Sie. Er hat sich ganz von uns losgesagt. Es ist ihm zu langweilig bei uns. Er hält nur bei seinem Zigeunervolke aus.« Felicia sprang so heftig auf, daß jedermann zusammenfuhr. »Das geht denn doch über den Spaß,« rief sie mit durchbohrendem Blicke und zornbebenden Lippen. »Reden wir einmal vernünftig, Jenkins. Was nennen Sie Zigeunervolk? In dem Spitznamen liegt, nebenbei gesagt, Poesie, und eigentlich sollte er eine Vorstellung von langen, sonnigen Irrfahrten in uns wachrufen, von kühler Waldesrast, von Erstlingsbeeten, die der Zufall bietet, und einem frischen Trunk unter freiem Himmel. ... Aber all diese Poesie habt ihr in ein Schimpfwort verkehrt, und wem wollt ihr das Brandmal aufdrücken? Einigen langhaarigen armen Teufeln, die in zerrissenen Stiefeln für Unabhängigkeit schwärmen, die in einem fünften Stock mit knurrendem Magen das Blau des Himmels nachmalen wollen oder nach einem Heim suchen, während es in ihre Dachkammer hineinregnet – jener aussterbenden Gattung von Halbnarren, die aus Abscheu vor den konventionellen, hergebrachten Simpeleien der menschlichen Gesellschaft mit gleichen Füßen über die Schranken hinweggesprungen sind? ... Aber seien wir doch aufrichtig, das ist ein Zigeunervolk aus Olims Zeiten, die Zigeunerei, wie sie im Buch eines Henri Murger steht, und die in die Totenkammer eines Spitals führt, zum Schrecken der Kinder und zur Beruhigung der Eltern – die alte Geschichte von Rotkäppchen, das vom Wolf gefressen wird. Die Geschichte hat ausgespielt, schon lang, schon lang, und Sie wissen so gut wie ich, daß es heutzutage nichts Hausbackeneres gibt, als unsre Künstler, die Geld machen, um nur ja dem ersten Besten gleichzusehen. ... Und doch fehlt es uns nicht an echtem Zigeunervolk, unsre ganze moderne Gesellschaft wimmelt davon und Ihre Kreise, Jenkins, zumeist. Diese Zigeuner tragen es allerdings nicht auf der Stirn geschrieben und deshalb flößen sie auch keinem ein Mißtrauen ein, aber in Bezug auf die Zweifelhaftigkeit und Zerfahrenheit der Existenz geben sie jenen, die Sie in so wegwerfendem Tone als »Wilde« bezeichnen, wahrhaftig nichts nach. O, wenn man müßte, was oft so ein schwarzer Frack, das feierlichste unter euern modernen Kleidungsstücken, alles für Niederträchtigkeiten, für abenteuerliche oder ungeheuerliche Dinge zudeckt.... Bei Ihrer Soirée, Jenkins, Hab' ich mir den Spaß gemacht, sie zusammenzuzählen, all die Ritter des höhern – Glückes.« »Felicia, nimm dich in acht,« sagte die rosige und gepuderte kleine Dame ganz leise, ohne sich zu rühren. Aber Felicia fuhr unbekümmert fort: »Was ist denn so ein Monpavon, bester Doktor, und ein Bois-Landry und selbst von Mora und ... ?« Schon wollte sie sagen: »Und der Nabob?« Aber sie hielt an sich und sagte bloß: »Und so viele andre? Ihnen würde es wahrlich gut anstehen, es zu verlästern, das Zigeunervolk! O, göttlicher Jenkins, Modedoktor, was sind denn Ihre Patienten samt und sonders, wenn nicht Zigeuner der Industrie, Zigeuner der Finanzen, Zigeuner der Politik, anrüchige Schwindlernaturen? Und je höher man hinaufschaut, desto zahlreicher sind die Exemplare, weil die Großen ungestraft sündigen können und der Reichtum der übeln Nachrede den Mund stopft.« Das alles sagte sie in großer Aufregung, mit schneidender Härte und mit einem Zug von grimmiger Verachtung um die bebenden Lippen. Jenkins half sich mit gezwungenem Lachen durch und bemühte sich, die Sache in scherzhafter Weise hinzunehmen: Da seht mir nur den Hitzkopf an. Und dabei blickte er ängstlich und flehentlich zum Nabob hinüber, als wolle er ihn um Gnade bitten für alle die paradoxen Ungezogenheiten. Aber voller Stolz, der schonen Künstlerin Modell zu stehen, und im Vorgefühl der ihm dadurch erwiesenen Ehre, nickte Jansoulet, ohne auch nur die mindeste Empfindlichkeit zu zeigen, im Gegenteil beistimmend mit dem Kopfe: »Sie hat recht, Jenkins,« sagte er schließlich, »sie hat recht. Das wirkliche Zigeunervolk sind wir. Sehen Sie zum Beispiel mich, sehen Sie Hemerlingue an, zwei der größten Glückspilze von Paris! Wenn ich bedenke, wie wir angefangen und in welchen Sümpfen wir unser Fortkommen gesucht haben! ... Hemerlingue, der frühere Marketender, und ich, der ich, um nicht zu verhungern, Kornsäcke abladen half im Hafen von Marseille. ... Welcher Glücksstöße hat es nicht bedurft, um die große Billardpartie zu gewinnen! Und so karamboliert sich heute jedes Vermögen zusammen. ... Donner und Wetter! Schauen Sie sich einmal um in den Säulengängen unsrer Börse nachmittags zwischen drei und fünf! Ach, bitte um Verzeihung, mein Fräulein! Ich habe die Untugend, beim Sprechen immer in der Luft herumzufuchteln und bin schon wieder aus meiner Pose gekommen. Bin ich so nun wieder recht?« »Lassen wir's gut sein,« sagte Felicia, indem sie mit der Gebärde eines verwöhnten Kindes ihr Bossierholz hinwarf. »Ich mache Feierabend.« Ein absonderliches Mädchen, diese Felicia: echtes Künstlerblut, ihr Vater war ja ein genialer, unbändiger Künstler gewesen, ein Vertreter der unverfälschten Romantik. Ihre Mutter hatte sie nie gekannt, denn sie war die Frucht einer jener flüchtigen Liebschaften, die plötzlich in das Junggesellenleben des Künstlers hineinflatterten, wie Schwalben in eine stets offen stehende Thüre, und die gleich darauf wieder davonflogen, weil sich unter diesem Dache kein Nest bauen ließ. Diesmal hatte die Davonfliegende dem Künstler, der damals ein Vierziger sein mochte, ein schönes Kind hinterlassen. Sebastian Ruys hatte es als seine Tochter anerkannt und großgezogen, und dieses Kind wurde die Freude seines Lebens, er hing mit einer wahren Leidenschaft an ihm. So war Felicia bis in ihr dreizehntes Jahr bei ihrem Vater geblieben und ließ einen lieblichen, jugendfrischen Ton anklingen in jenem Atelier, wo sonst nur Müßiggänger und Modelle sich herumtrieben und große Windhunde auf die Diwans hingestreckt lagen. Es war ihr ein eigner Winkel eingeräumt worden für ihre künstlerischen Spielereien mit einer vollständigen mikroskopischen Einrichtung, einem Tischchen, einem Wachsvorrat, und der alte Ruys rief dem Eintretenden oft zu: »Paß auf! Bring dort nichts in Unordnung, Das ist der Winkel der Kleinen.« So kam es denn, daß »die Kleine« mit zehn Jahren kaum lesen konnte, aber mit ihrem Handwerkszeuge ganz meisterhaft umzugehen wußte. Am liebsten hätte Ruys sie immer bei sich behalten; sie war so bequem zu beherbergen, da sie ja schon von Kindesbeinen an in die große Verbrüderung aufgenommen worden, aber es war ein wahrer Jammer, zu sehen, in welchen Verhältnissen das Mädchen heranwuchs, unter ungenierten Hausfreunden, ewig neu zuströmenden Modellen und Erörterungen über eine sozusagen rein physische Kunst; sogar bei den lärmenden Sonntagsgelagen saß sie mit am Tische, neben fünf oder sechs Frauenzimmern, die alle vom Vater geduzt wurden – Schauspielerinnen, Tänzerinnen oder Sängerinnen, die beim Dessert mit aufgestemmten Ellbogen Cigaretten rauchten und die für jene kräftigen Anekdoten, an denen der Herr vom Hause seine Freude hatte, schon ganz abgestumpft waren. Glücklicherweise stößt dergleichen bei einem Kinde auf den passiven Widerstand der Arglosigkeit, an deren Schmelz aller Schmutz abgleitet. Felicia wurde zwar ein lärmendes, ungestümes, ungezogenes Kind, blieb aber von den Dingen, die sich über dem beschränkten Horizonte ihrer kleinen Seele abspielten, unberührt. – Jedes Jahr brachte sie im Sommer ein paar Tage bei ihrer Pate zu, bei jener Konstanze Cremnitz, die so lange von ganz Europa als die Tänzerin par excellence bewundert worden war, und die sich schließlich in Fontainebleau zur Ruhe gesetzt hatte. Der Besuch des kleinen Wildfangs brachte jedesmal in das friedliche Leben der alten Theaterprinzessin eine Aufregung, von der sie sich dann ein Jahr lang wieder erholen mußte. Der Schrecken, den ihr das Kind mit seinem waghalsigen Klettern, Herumspringen oder Reiten, kurz, mit allen Ausbrüchen seines unbändigen Naturells einjagte, rief eine gemischte Empfindung von Entzücken und von Entsetzen in ihr hervor: eine Empfindung von Entzücken, denn sie war in Felicia ganz vernarrt; Felicia war das einzige, was der armen alten Diva außer Dienst nach dreißigjährigem Pirouettenschlagen im glitzernden Lampenlichte an verwandtschaftlichen Beziehungen übrigblieb – und eine Empfindung von Entsetzen, denn ganz erbarmungslos wirtschaftete der Wildfang bei der Tänzerin herum in den säuberlichen, geputzten Zimmern, die gerade so parfümiert waren, wie früher ihre Garderobe in der großen Oper, und eine Sammlung von Andenken an alle Bühnen der Welt enthielt. Konstanze Cremnitz vertrat in Felicias Kinderleben allein das weibliche Element, Sie war freilich nur eine oberflächliche, beschränkte Natur, die geistig immer und ewig in ihren fleischfarbenen Trikots steckenblieb, aber sie hatte doch eine gewisse kokette Ordnungsliebe und eine geschickte Hand, die sich aufs Sticken, aufs Nähen verstand und in jedem Winkel eines Zimmers die leichte Spur ihrer Geschäftigkeit zurückließ. Sie ganz allein machte sich's zur Aufgabe, den milden Sprößling zurecht zu bringen und in diskreter Weise die Jungfrau zu erwecken in diesem absonderlichen Wesen, auf dessen Schultern alles – Mantel oder Pelz – was die Mode auch Elegantes aushecken mochte, entweder zu steife oder zu abenteuerliche Falten warf. Und wieder war es die Tänzerin, die, als Felicia ihr dreizehntes Jahr erreicht hatte, dem väterlichen Egoismus des Bildhauers gegenüber auf einer notwendigen Trennung von dem völlig verwahrlosten Kinde bestand und noch obenein die Verantwortung für die Wahl eines passenden Unterkommens auf sich nahm. Diese Wahl siel, nicht ohne Absicht, auf ein zwar opulentes, aber bürgerlich solides Pensionat, ganz draußen in einer sehr luftigen Vorstadt, in einem großen altertümlichen Gebäude mit einer hohen Gartenmauer und hohen Bäumen. Etwas wie ein Kloster, nur ohne klösterlichen Zwang und ohne klösterliche Mißachtung vernünftiger Lehrgegenstände. Es wurde sogar recht ernsthaft gearbeitet im Bellinschen Institut. Bloß an hohen Feiertagen durften die Schülerinnen ausgehen und kamen sonst in keine andre Berührung mit der Außenwelt, als wenn sie Donnerstags in dem hübschen kleinen Baumgarten oder in dem großen Sprechsaal mit den geschnitzten und vergoldeten Thürverzierungen den Besuch ihrer Angehörigen empfingen. Felicias erstes Erscheinen erregte zwar in der klosterartigen Erziehungsanstalt einiges Aufsehen und ihre Toilette nach dem Geschmack der österreichischen Tänzerin, die bis zur Taille herabwallenden Locken und das Nachlässige, Knabenhafte in ihrer ganzen Haltung riefen ein nicht eben wohlwollendes Staunen hervor, aber eine Pariserin findet sich in allen Kreisen und Lebenslagen rasch zurecht: einige Tage nach ihrem Eintritt nahm sich keine ihrer Mitschülerinnen so vorteilhaft aus, wie sie in dem vorgeschriebenen glatten Kleid – eine strenge, harte Vorschrift zu einer Zeit, wo die Mode auf den Flügeln unzähliger Volants in die Breite strebte – keiner stand die kleine schwarze Schürze so gut, an der die Kokettesten die Uhr anzuhängen pflegten, und keiner die ordonnanzmaßige Frisur mit den zwei Flechten, die, wie bei den römischen Bäuerinnen, im Nacken zusammengesteckt waren. Die friedliche Thätigkeit einer geregelten Existenz sagte sonderbarerweise dem überaus lebhaften und reich begabten Mädchen zu, und zwar gerade weil bei ihm die Lernbegierde mit einem jugendlich heiteren Mitteilungsdrang gepaart war, dem in der geräuschvollen Lustbarkeit der Erholungsstunden Genüge geschah. Felicia wurde bald beliebt. Unter all den wohlhabenden Töchtern von etwas hochnäsigen Großindustriellen, von Pariser Notaren oder von adligen Landwirten: in dieser Welt im kleinen, die nach Maßgabe des Reichtums in verschiedene Kasten und Abteilungen zerfiel, nahm sie infolge des wohlbekannten väterlichen Namens und der Achtung, die man in Paris dem gefeierten Künstler entgegenbringt, eine vielfach beneidete Sonderstellung ein, deren Glanz noch erhöht wurde durch ihre Erfolge als Schülerin, durch ihr hervorragendes Talent im Zeichnen und endlich durch ihre Schönheit, einen Vorzug, der selbst Mädchen in ganz jugendlichem Alter schon imponiert. Es that ihr unendlich wohl, in dieser reineren Atmosphäre ihre Weiblichkeit aufknospen zu lassen, zu ihrem Geschlechte zurückzukehren, zur Ordnung und zur Pünktlichkeit in einem andern Geist angehalten zu werden, als früher durch jene gutmütige Tänzerin, deren Küsse und Umarmung stets ein wenig nach Schminke und verschrobener Ballettmimik schmeckten. So oft jetzt der alte Ruys seine Tochter besuchte, war er ganz entzückt zu bemerken, daß sie immer mehr ein Fräulein wurde, daß sie sich wie ein solches zu bewegen und beim Kommen oder Gehen jene anmutige Reverenz zu machen wußte, die in allen Schülerinnen des Bellinschen Instituts die Sehnsucht nach einer lang hinrauschenden Schleppe wachrief. Zuerst kam er öfters, dann seltener, weil er's zu eilig hatte mit all den übernommenen Bestellungen, auf deren Honorar er Vorschüsse erhoben, um die Löcher auszufüllen, welche seine leichtfertige Lebensart hervorgerufen – und schließlich trat die Krankheit dazwischen, eine hartnäckige Blutleere, die ihn so herunterbrachte, daß er wochenlang weder ausgehen noch arbeiten konnte. Nun wollte er sein Kind wiederhaben, und aus dem schattigen, segenbringenden Institut heraus wurde Felicia ins väterliche Atelier zurückgerissen, wo sich noch immer die alte Sippschaft herumtrieb, nur war mit dem Siechtum ein neuer Gast hinzugekommen: Dr. Jenkins. Das schöne, aufrichtige Antlitz, das freimütige, heitere Wesen des damals schon beliebten Arztes, der von seinem Wissen so wenig Aufhebens machte, trotzdem ihm doch Wunderkuren gelangen, und dazu noch die Aufopferung, mit der er den Vater pflegte – das alles flößte dem Mädchen eine tiefe Achtung ein, und so ward ihr Jenkins ohne weiteres ein Freund, ein Vertrauter, ein milder und fürsorglicher Ratgeber. Wenn oft jemand im Atelier, meistenteils der Vater selber, ein etwas zu derbes Wort oder einen zweifelhaften Witz fallen ließ, runzelte der Irländer die Stirn, schnalzte mißbilligend mit der Zunge oder lenkte Felicias Aufmerksamkeit ab. Er lud sie auch häufig ein, den Tag über bei seiner Frau zuzubringen, und suchte es überhaupt nach Kräften zu verhüten, daß sie wieder der Wildfang von ehedem würde oder gar etwas Schlimmeres, denn sie war ja der bedrohlichsten und zugleich der traurigsten Verlassenheit preisgegeben, der sittlichen Vernachlässigung; aber vor diesem Schlimmeren schützte sie weit mehr noch als das untadelhafte weibliche Vorbild, welches sie in Frau Jenkins fand, die Kunst, die ihre reichangelegte Natur für das Schöne und Wahre begeisterte, die, von einem klaren, fruchtbaren Denken unterstützt, unter einem leisen Aufschauern der Nerven in ihre Hand überging und Felicia mit der Sehnsucht beseelte, etwas zu vollenden, ihr inneres Schauen zu verkörpern. Den ganzen Tag über arbeitete sie an ihren Skulpturen und verkörperte ihre Phantasiegebilde mit jenem glücklichen Instinkt der Jugend, welcher Erstlingswerken einen so frischen Reiz verleiht. Das bewahrte sie vor dem Heimweh nach dem Bellinschen Institut, dessen leichtes, wohlthätiges Joch sie getragen hatte wie eine freie Novize den Schleier, und bewahrte sie zugleich vor den verfänglichen Ateliergesprächen, die sie bei dem völligen Aufgehen in ihrer Arbeit überhörte. Dieses aufblühende Talent erfüllte Ruys mit Stolz. Während er mit jedem Tage schwächer wurde und bereits ins Stadium des Selbstbetrauerns eintrat, tröstete er sich mit Felicias Fortschritten über den eignen Untergang. Der Meißel, der seiner Hand entfiel, wurde neben ihm wieder aufgenommen mit männlicher Kraft und Sicherheit, gemildert und vergeistigt durch den Zauber einer edlen Frauenseele. Ein sonderbares Gefühl, diese doppelte Vaterschaft, ein sich Ueberdauern des Genies, das vom Scheidenden zum Kommenden flüchtet, wie jene schönen Vögel im Märchen, die am Vorabend eines Todesfalles vom bedrohten Haus auf ein weniger düsteres hinüberfliegen. In der letzten Zeit nahm Felicia, die bereits eine große Künstlerin, sonst aber noch immer ein Kind war, ihrem Vater die Hälfte der Arbeit ab, und man konnte nichts Rührenderes sehen als dies Zusammenwirken von Vater und Tochter in einem Atelier und vor einer Gruppe. Friedlich lief es indessen nicht immer ab. Felicia war wohl ihres Vaters Schülerin, aber schon bäumte sich ihre Eigenart gegen eine despotische Bevormundung auf. Sie hatte jene verwegenen Einfälle der Anfänger, jenes feine Ahnungsvermögen der jungen Talente und, im Gegensatz zu Sebastian Ruys' überlieferter Romantik, einen Hang zum Realismus, ein unsrer Zeit entsprechendes Verlangen, diese alte glorreiche Fahne auf irgend einem neuen Gebäude aufzupflanzen. Darob entspannen sich oft furchtbare Wortgefechte, ästhetische Ringkämpfe, aus denen der Vater besiegt, durch die Logik seiner Tochter gebändigt hervorging. Der letztere schüttelte dann staunend den Kopf über die Hast, mit welcher die Jungen voraneilen, indessen die Alten, welche ihnen die Bahn gebrochen, am Ausgangspunkt festsitzen. Solange Felicia an seinen Kompositionen arbeitete, war sie nachgiebig, bei eignen hingegen schroff bis zum Aeußersten. So wurde z. B. das erste Werk, das sie öffentlich ausstellte und das im Salon von 1862 so viel Glück machte, »Der Kegelschieber«, für das Künstlerpaar ein Gegenstand heftiger Auftritte und derartiger leidenschaftlicher Meinungsäußerungen, daß Jenkins sich ins Mittel legen und beim Fortschaffen des Gipsabgusses zugegen bleiben mußte, weil Ruys gedroht hatte, das Werk in Trümmer zu schlagen. Aber diese Szenen abgerechnet, welche mit der beiderseitigen Herzensgesinnung nichts gemein hatten, hingen die zwei in schwärmerischer Liebe aneinander mit dem Vorgefühl und nach und nach mit der grausamen Gewißheit einer baldigen Trennung. Da plötzlich ereignete sich in Felicias Leben etwas Schreckliches: Eines Abends nahm Jenkins sie, wie früher schon oft, zum Diner mit sich nach Haus. Frau Jenkins war zwar mit ihrem Sohn auf zwei Tage verreist; doch des Doktors Alter und seine sozusagen väterlichen Beziehungen zu Felicia gaben ihm das Recht, auch in Abwesenheit seiner Frau solch ein junges Geschöpf bei sich zu behalten, das mit seinen fünfzehn Jahren, wenngleich aufgeblüht wie ein schönes, frühreifes Judenmädchen aus dem Orient, doch noch für ein halbes Kind galt. Bei Tisch herrschte die heiterste Stimmung und Jenkins war liebenswürdig und herzlich wie immer. Dann traten sie in des Doktors Studierzimmer und ließen sich auf den Diwan nieder. Auf einmal, mitten in einem vertraulichen, ganz freundschaftlichen Geplauder über ihren Vater, sein Befinden, ihrer beiden Werke, war es Felicia plötzlich, als gähne zwischen ihr und diesem Menschen ein jäher, eiskalter Abgrund; fast in demselben Moment fühlte sie eine brutale Umarmung wie von einer Fauntatze. Jenkins war total umgewandelt, ein verstört blickender, stammelnder, blöd auflachender Unhold. Für eine andre als Felicia, für ein unwissendes Mädchen im gleichen Alter wäre eine so durchaus unerwartete brutale Ueberrumpelung verhängnisvoll geworden; sie, das arme Kind, wurde dadurch gerettet, daß sie nicht unwissend war, was hatte sie nicht alles erzählen hören am Tisch ihres Vaters, und dann noch die Kunst, das Atelierleben ... genug, sie gehörte nicht zu den arglosen ihres Geschlechtes. Sie begriff also gleich, was die Umarmung zu bedeuten hatte, rang sich los, sprang auf und rief, da ihre Kräfte nicht ausreichten, um Hilfe. Darüber erschrak er, ließ ab, und so stand sie denn frei und aufrecht da, er aber siel unter Thränen vor ihr auf die Kniee und flehte um Verzeihung: ein Anfall von Wahnsinn habe ihn hingerissen, sie sei ja so schon und er außer sich vor Liebe, monatelang habe er mit sich gekämpft, aber jetzt sei's vorüber und nie, nie mehr ... o, nicht einmal den Saum ihres Kleides werde er jemals berühren. ... Sie antwortete nicht und strich sich Haar und Kleid wieder glatt, mit zitternden Fingern, wie eine Verrückte. Nur fort, augenblicklich wollte sie fort, ganz allein. Er gab einer Magd Befehl, mit ihr heimzufahren. »Vor allen Dingen reinen Mund gehalten!« raunte er ihr, während sie den Wagen bestieg, ins Ohr. »Es wäre der Todesstoß für Ihren Vater.« Und so kannte er sie, der Elende, so fest verließ er sich auf die bindende Kraft jener Warnung, daß er tags darauf wiederkam mit offenem, treuherzigem Gesicht wie immer, als wäre gar nichts vorgefallen, Felicia beobachtete in der That ihrem Vater und jedermann gegenüber hartnäckiges Schweigen, aber von der Zeit ab ging eine Veränderung mit ihr vor, etwas wie ein Ausbruch ihres Stolzes in Form von Launen und blasierten Stimmungen. Ihr Lächeln bekam einen Beigeschmack von Abscheu und zuweilen warf sie ihrem Vater in einer Aufwallung des Zornes einen verächtlichen Blick zu, wie um ihn zu tadeln, daß er nicht besser über sie gewacht. »Was sie nur haben mag?« sagte der alte Ruys, und Jenkins schrieb mit ärztlicher Autorität alles dem Alter und der physischen Entwickelung zu. Er selber vermied es einstweilen, das Mädchen anzusprechen, und überließ es der Zeit, jenen häßlichen Eindruck zu verwischen, denn er gab sein Spiel noch nicht verloren; fester denn je verharrte er bei seinem Vorsatz, mit der rasenden Verliebtheit eines Siebenundvierzigjährigen, mit aller Wut einer unheilbaren, verspäteten Leidenschaft, die sich vollauf an ihm rächte, an dem Heuchler. Der sonderbare Gemütszustand Felicias machte dem alten Ruys ernstlichen Kummer, der indessen von kurzer Dauer war; denn plötzlich brach der Mann in sich zusammen und erlosch, mit einem Schlag, wie alle, die von dem Irländer behandelt wurden. Das letzte, was er sagte, war: »Jenkins, ich lege Ihnen mein Kind ans Herz.« In diesen Worten lag eine so schauerliche Ironie, daß der Doktor an der Seite des Sterbenden unwillkürlich erbleichte. Felicia war mehr betäubt als trostlos. Zur Bestürzung über den Tod, der sie zum erstenmale und zugleich aus so geliebten Augen anstarrte, gesellte sich noch die Empfindung einer grenzenlosen Verlassenheit, lauter Nacht und Gefahren. Einige Freunde des Bildhauers versammelten sich zu einem Familienrat, um zu beschließen, was aus dem unglücklichen Mädchen ohne Verwandtschaft, ohne Vermögen werden sollte. Fünfzig Franken hatte man auf einem Möbel in einer Schale gefunden, in welche Sebastian Ruys seine Barschaft zu legen pflegte, und die vielen Geldbedürftigen von alters her bekannt war, denn sie hatten ihr stets ohne irgend welches Bedenken zugesprochen. Im übrigen nichts, wenigstens in klingender Münze nicht, nur noch ein recht luxuriöser Künstlerhausrat, Raritäten aller Art, ein paar wertvolle Bilder und einige verlegte Schuldscheine, die mit knapper Not eine Unmasse von Rückständen deckten. Man schlug eine Versteigerung vor. Felicia erwiderte darauf, ihr sei alles gleich, ob man verkaufe oder nicht, nur solle man sie um Gotteswillen in Frieden lassen. Aber die Versteigerung unterblieb, den plötzlich erschien die Pate, die gute Cremnitz, sanft und ruhig wie immer und sprach: »Geh nicht darauf ein, mein Kind, behalte die Sachen: deine alte Konstanze hat fünfzehntausend Franken Zinsen, die dir von jeher zugedacht waren. Statt nach meinem Tode sollen sie dir gleich jetzt zu gut kommen; das ist der ganze Unterschied. Ich ziehe zu dir her ... o, ich will dir nie unbequem werden, darüber mache dir keine Sorgen! Du arbeitest an deinen Statuen weiter und ich führe die Wirtschaft. Bist du's zufrieden?« Sie brachte das alles so zärtlich vor mit ihrem kindlich klingenden, freundlichen Accent, daß das Mädchen tief davon ergriffen ward. Sie fühlte einen Riß in ihrem steinernen Herzen und unter heiß überströmenden Thronen stürzte, ergoß sie sich förmlich in die Arme der Tänzerin: »Ach Pate, wie bist du gut! ... Ja, ja, geh nie mehr von mir! ... Bleibe, bleibe! ... Mir graut und ekelt vor dem Leben, vor so viel Lüge und Heuchelei!« ... Nun machte sich die alte Dame ein mit Samt und Seide gefüttertes Nest zurecht in dieser Behausung, die einer Lagerstätte von Reisenden glich, welche Schätze aus aller Herren Länder mit sich schleppen – und die zwei grundverschiedenen Wesen begannen ihr Zusammenleben. Konstanze hatte dem lieben Wildfang kein kleines Opfer gebracht, als sie aus ihrem friedlichen Fontainebleau nach Paris übersiedelte, vor dem sie einen wahren Schrecken empfand. Von dem Tage an, wo die Tänzerin, die einst zur Befriedigung ihrer verschrobenen Launen fürstliche Reichtümer unter ihren Händen zerrinnen ließ, vom Abglanz ihrer Apotheosen noch geblendet, aus ihren Theaterhimmeln wieder herniederstieg ins praktische Leben und ihr kleines Vermögen, ihr bescheidenes Hauswesen zusammenzuhalten versuchte, war sie von allen Seiten in der frechsten Weise ausgebeutet und mißbraucht worden, man hatte ja so leichtes Spiel mit dem armen, unerfahrenen Schmetterling, der in der Wirklichkeit ratlos herumflatterte und sich an lauter unbekannten Schwierigkeiten wundstieß. Jetzt, nach ihrer Uebersiedelung zu Felicia, fühlte sie eine noch weitaus schwerere Verantwortlichkeit auf sich lasten infolge des Vergeudungssystemes, welches in echt künstlerischer Verachtung des Mammons der Vater eingeführt und die Tochter von ihm angenommen hatte. Und auch noch in andres mußte Konstanze sich erst finden; ganz unerträglich war ihr im Atelier der stete Tabaksrauch, jene für sie undurchdringliche Wolke, in welcher die Gespräche über Kunst, der ungenierte Gedankenaustausch, zu einem wirbelnden lärmenden Etwas verschwammen, wovon sie unfehlbar Migräne bekam. Vor allem war ihr die Künstlersuada zuwider. Sie verstand sie nicht recht, teils weil sie Ausländerin, teils weil sie als Theatergottheit von jeher mit veralteten Komplimenten, mit Artigkeiten aus der Zopfzeit gespeist worden war, und entsetzte sich nun fortwährend über alle die paradoxen Tollheiten und Aufschneidereien, wie sie in der freien Atmosphäre des Ateliers gedeihen. Sie, die stets nur in den Fußspitzen Geist besessen hatte, fühlte sich dadurch eingeschüchtert, auf das Niveau einer Anstandsdame herabgedrückt. Wenn die freundliche Alte still und lächelnd mit dem Strickzeug im Schoß in einem Winkel der verglasten Rotunde dasaß, wie eine Bürgersfrau auf einem Bilde von Chardin, oder wenn sie an der Seite ihrer Köchin die lange Rue de Caillot heraufgetrippelt kam, wo der nächste Markt lag – wer hatte da ahnen können, daß das Mütterchen durch den Zauber seiner Pirouetten und Luftsprünge einmal Fürsten und Prinzen, die ganze Geburts- und Geldaristokratie in Schwärmerei versetzt hatte? In Paris gibt es eine Menge von solchen erloschenen, ins Alltagsleben herabgefallenen Gestirnen, Einige von diesen Berühmtheiten, diesen Triumphatoren von ehedem verzehren sich in ohnmächtiger Wut; die andern hingegen schwelgen stillselig in der Vergangenheit, all die genossenen Freuden ihres Ruhmes mit unaussprechlichem Wohlbehagen wiederkäuend; sie verlangen nichts als Ruhe und schweigsames Dunkel, um sich zu sammeln und zu erinnern. Sterben diese Größen einmal, so ist man ganz verwundert zu erfahren, daß sie noch gelebt. Zu diesen letzteren Glücklichen gehörte Konstanze Cremnitz. Aber welche wunderbare Künstlerwirtschaft führten diese zwei großen Kinder! Sie warfen in einen Topf Unerfahrenheit und Ehrgeiz, den Frieden einer abgeschlossenen Existenz und die Fieberhast eines ringenden Voranstürmens, kurz alle Gegensätze, die auch schon äußerlich hervortraten bei dieser gelassenen, an eine verblichene Rose erinnernden Blondine, durch deren hellen Teint und Anzug immer noch ein Abglanz von bengalischem Lichte durchzuschimmern schien, und andrerseits in den regelmäßigen Zügen jener Brünette, die ihre Schönheit fast immer in dunkle, einfach herabwallende Stoffe hüllte, als wolle sie in ihrem Aussehen eine gewisse Männlichkeit zur Schau tragen. Durch Zufälligkeiten, Launen und Unkenntnis der gewöhnlichsten Dinge geriet das gemeinschaftliche Hauswesen in die peinlichste Unordnung: dann suchte man durch Entbehrungen aller Art, Entlassung von Dienstboten, lächerlich übertriebene Einschränkungen aus den Geldverlegenheiten herauszukommen. Einen solchen kritischen Moment hatte Jenkins einmal benutzt, um in diskreter, verblümter Form seine Hilfe anzubieten, aber sein Vorschlag war von Felicia mit Verachtung zurückgewiesen worden. »Es ist nicht recht von dir,« meinte Konstanze, »daß du den armen Doktor so unglimpflich behandelst. Eigentlich hatte sein Vorgehen doch gar nichts Kränkendes an sich. Ein alter Freund deines Vaters ...« »Der eines Menschen Freund? O, der Tartüff!« Und Felicia, die sich nur mit Mühe zurückhielt, gab ihrem Grolle eine ironische Wendung, indem sie Jenkins nachahmte, sie drückte mit einer halbkreisförmigen Bewegung die Hand aufs Herz, blies die Backen auf und sagte mit einer tiefen, pustenden Stimme voll heuchlerischer Salbung: »Seien wir Menschen! Seien wir gut! ... Wohlthun ohne auf Dank zu hoffen, das ist das einzig Wahre.« Die Kopie war so täuschend, daß Konstanze wider ihren Willen vor Lachen Thränen vergoß. – »Aber gleichviel, zu hart bist du doch. Am Ende wird er noch wegbleiben.« Felicia anwortete mit einem ungläubigen, wegwerfenden Kopfschütteln. Und wirklich, er kam immer wieder, voller Sanftmut und Liebenswürdigkeit, und seine zurückgehaltene Leidenschaft war nur dann vielleicht wahrzunehmen, wenn er in Eifersucht geriet. Die alte Tänzerin überhäufte er mit Aufmerksamkeiten, und ihr sagte, trotz aller Einwendungen, sein sanftes Wesen zu, denn er hatte ja die Manieren aus ihrer Jugendzeit, aus jener Zeit, wo ein Mann die Frauen mit einem Handkuß ansprach und mit einem Kompliment über die Rosen auf ihren Wangen. Eines Morgens, als Jenkins auf seiner Rundfahrt bei der Bildhauerin vorsprechen wollte, fand er Konstanze allein und müßig im Vorzimmer. »Sie sehen, lieber Doktor, ich stehe auf Posten,« sagte sie ganz gelassen. »Wieso auf Posten?« »Ja, Felicia will ungestört arbeiten, und weil die Dienstboten lauter Eseleien anrichten, stehe ich selber Schildwache....« Und da der Irländer einen Schritt nach dem Atelier that, rief sie: »Nein, nein, bleiben Sie da! Sie hat mir eingeschärft, keine Seele hineinzulassen.« »Aber ich, ich werde doch ...« »Um Gottes willen, nein! Ich mag nicht Ihretwegen ausgescholten werden.« Jenkins wollte sich eben wieder zurückziehen; da hörte er plötzlich, durch die Vorhänge hindurch, Felicia hell auflachen und stutzte: »Ja, ist sie denn nicht allein?« »Nein, der Nabob ist bei ihr. Er sitzt ihr für seine Büste.« »Und deshalb so geheimnisvoll? Das ist doch sonderbar,« sagte er und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Er schaute grimmig drein, hielt aber an sich. Endlich kam's zu einem Ausbruch. Es sei über alle Begriffe unpassend, zu dulden, daß sich ein Mädchen mit einem Manne so einschließe; er müsse sich wundern, daß eine so gesetzte und ergebene Freundin das nicht von vornherein eingesehen habe; das fordere ja alle möglichen Vermutungen geradezu heraus. – Die alte Dame starrte ihn ganz erstaunt an: Als ob Felicia ein Mädchen wäre wie andre Mädchen! Und dann der Nabob, ein so gesetzter und häßlicher Mann, was laufe sie denn bei dem für Gefahr? Uebrigens wisse Jenkins gar zu wohl, daß Felicia nie einen Menschen zu Rate ziehe und daß sie stets nur nach ihrem eignen Kopfe handle. »Nein, nein, das geht nicht an, das darf ich nicht dulden,« sagte der Irländer und eilte zum Atelier, ohne die Tänzerin weiter zu beachten, welche die Arme gen Himmel hob, als wolle sie Gott zum Zeugen anrufen, daß sie unschuldig sei an dem, was jetzt kommen werde. Aber anstatt schnurstracks einzutreten, machte Jenkins ganz sachte die Thür auf und schob die dahinterhängende Draperie ein wenig beiseite, gerade genug, um, wenn auch aus ziemlich großer Entfernung, denjenigen Teil des Ateliers überblicken zu können, wo der Nabob eben Modell saß. Jansoulet, ohne Halsbinde und mit aufgeknöpfter Weste, plauderte halblaut, ziemlich erregt mit Felicia, die ihm flüsternd aber in scherzhafter Weise Antwort gab. Die Sitzung war offenbar recht lebhaft. Jetzt schwiegen beide, dann rauschte Felicias Kleid, sie trat zu ihrem Modell hin und schlug ihm mit einer ungenierten Handbewegung den Hemdkragen rundum zurück, wobei sie die braune Haut seines Aethiopierkopfes streifte, der mit halbgeschlossenen Augen vor Wohlbehagen schmunzelte, wie ein Faun, welcher im Schlafe gekitzelt wird – und das kühne Profil des Mädchens beugte sich über diese merkwürdige Physiognomie, um die Linienverhältnisse zu prüfen. Plötzlich, mit einem heftigen, unwiderstehlichen Griff, erhaschte der Nabob ihre zarte Hand, und preßte sie an seine dicken, zuckenden Lippen. Jenkins sah das alles wie durch eine rote Wolke. Das Geräusch, welches er nun beim Eintreten machte, brachte die beiden wieder in ihre normale Haltung und im hellen Tageslichte, das seine lauernden Katzenaugen blendete, sah er das Mädchen voller Entrüstung, vor Staunen starr vor sich stehen, »Wer ist hier? ... Wer hat sich erlaubt?« rief sie, wahrend der Nabob mit umgestülptem Kragen, wie versteinert, in monumentaler Ruhe auf seinem Modellpodium sitzen blieb. Ziemlich verlegen und verdutzt ob der eignen Keckheit, stammelte Jenkins einige entschuldigende Worte: Er habe Herrn Jansoulet eine sehr dringende und wichtige Mitteilung zu machen, die keinen Verzug dulde. Er wisse aus bester Quelle, daß am 16. März einige Orden verliehen werden sollten. ... Sofort lebte die momentan erstarrte Physiognomie des Nabobs wieder auf: »Ei der Tausend!« ... Und er sprang vom Sessel. Die Neuigkeit war auch verteufelt interessant: Herr von la Perrière, ein Sekretär der Kaiserin, hatte von dieser den Befehl erhalten, das bethlehemitische Asyl zu inspizieren, und Jenkins wollte den Nabob abholen, um ihn zu besagtem Sekretär in die Tuilerien zu führen, damit man sich über Tag und Stunde des Besuches ins Einvernehmen setze, eines Besuches, der für Jansoulet das Ehrenkreuz bedeute. »Auf der Stelle geh' ich mit, lieber Doktor, kommen Sie!« Jetzt war er nicht mehr ärgerlich über den lästigen Eindringling. Fieberhaft knüpfte er sich die Halsbinde fest. In der Aufregung des Momentes hatte er den Ueberfall von vorhin bereits vergessen. Vor seinem Ehrgeiz trat alles übrige zurück. Während die beiden Herren das und jenes noch halblaut besprachen, stand Felicia unbeweglich da, mit zitternden Nasenflügeln, mit Verachtung auf den Lippen; ihr verächtlicher Blick schien sagen zu wollen: Wird's bald? Ich warte! Jansoulet entschuldigte sich: ein überaus wichtiger Besuch zwinge ihn, die Sitzung zu unterbrechen. »Gehen Sie, gehen Sie. ... Ich bin schon so weit, daß ich auch ohne Modell weiter arbeiten kann.« »Gewiß,« bemerkte der Doktor. »Die Büste ist ja so gut wie fertig. Eine schöne Leistung,« setzte er mit Kennermiene hinzu. Mit diesem Kompliment glaubte er seinen Rückzug gedeckt zu haben und wollte sich schon auf und davon machen, als ihn Felicia in heftigem Tone zurückrief: »Sie, Doktor, bleiben, mit Ihnen habe ich noch ein Wort zu reden.« Er sah ihrem Blicke an, daß er nachgeben mußte, um einen Ausbruch in Gegenwart des Nabobs zu vermeiden, »Sie erlauben doch, lieber Freund? Das Fräulein hat mir noch etwas mitzuteilen. Drunten hält mein Wagen, Wenn Sie einstweilen einsteigen wollten. ... Ich komme gleich nach.« – Als sich die Thür hinter dem schwerfälligen Tritte des Abgehenden geschlossen hatte, schauten die zwei einander fest in die Augen. »Entweder,« begann Felicia, »sind Sie betrunken, oder Sie sind verrückt, sonst hätten Sie es nicht wagen können, sich so zu benehmen. Was? Sie entblöden sich nicht, mich in gewaltthätiger Weise zu belästigen, wenn ich für niemand zu sprechen bin. Wozu? Mit welchem Recht?« »Mit dem Recht einer verzweifelten, unüberwindlichen Leidenschaft. ...« »Halt, Jenkins, davon will ich nichts hören. Ihre Gegenwart wird zwar geduldet, aus Mitleid, aus Gewohnheit, weil mein Vater Ihnen gut war, aber reden Sie mir nie wieder von Ihrer – Liebe« (und dieses Wort Liebe sprach sie ganz leise aus, wie etwas, dessen man sich schämt) »niemals, oder ich werde für Sie unsichtbar, ja selbst wenn ich sterben müßte, um Ihnen ein für allemal aus dem Wege zu gehen.« Ein Kind, welches über einem Fehltritte ertappt wird, duckt nicht demütiger unter, als Jenkins, wie er nun antwortete: »Sie haben recht. Ich hätte es unterlassen sollen.... Ich war verblendet, außer mir.... Aber warum finden Sie auch solch ein Wohlgefallen daran, mir das Herz zu zerreißen?« »Als ob ich nur immer an Sie dächte!« »Ob Sie an mich denken oder nicht, ich bin einmal da und sehe zu. Sie thun mir entsetzlich weh mit Ihrer Koketterie.« Bei diesem Vorwurf röteten sich ihre Wangen ein wenig. »Kokett? Ich? Gegen wen denn?« »Gegen das da,« sagte der Irländer, indem er auf die stattliche grinsende Büste hindeutete, »Der Nabob. ... Warum nicht gar!« sagte Felicia mit erzwungenem Lachen. »Keine Lüge, Felicia! Halten Sie mich denn für blind, für unfähig, mir Ihr Thun und Lassen zusammenzureimen? Bleiben Sie nicht oft und lange mit ihm allein? Ich hab's mit angeschaut, da vorhin. ...« Er sprach mit halber Stimme, als wäre ihm der Atem ausgegangen. ... »Worauf haben Sie's denn eigentlich abgesehen, Sie wunderbares, grausames Kind? Sie haben die schönsten, bedeutendsten Männer zurückgestoßen. Der kleine Paul von Géry verschlingt Sie mit den Augen, und Sie beachten ihn nicht. Selbst der Herzog von Mora vermochte nicht, bis in Ihr Herz vorzudringen, und so ein grundhäßlicher, ordinärer Mensch, dem gar nichts an Ihnen liegt, dem ganz andre Dinge im Kopfe herumgehen als Liebe ...? Sie haben ja gesehen, wie er davongelaufen ist, der Tölpel! ... Wo soll denn das alles hinaus? Was versprechen Sie sich von ihm?« »Ich will ... ich will ihn heiraten – so, jetzt wissen Sie's,« Und kaltblütig, in gelinderem Tone, als fühlte sie sich dem Manne, den sie so tief verachtete, durch dieses Geständnis näher gerückt, setzte sie ihre Beweggründe auseinander. Sie habe einen Hang zum Luxus, zur Verschwendung, ordnungswidrige Angewöhnungen, denen durch nichts beizukommen sei, und die sie unfehlbar an den Bettelstab bringen müßten mitsamt dieser guten Cremnitz, welche sich ruinieren lasse, ohne eine Silbe darüber zu verlieren. Noch drei, oder höchstens vier Jahre, und dann die Katastrophe: entweder die Künstlermisere, die Notbehelfe und die Schuldenmacherei in Fetzen und ausgetretenen Hausschuhen, oder der Liebhaber, die Versorgung auf Kosten der Freiheit und der Ehre. »Warum nicht gar?« sagte Jenkins. »Solange ich noch da bin! ... Wo denken Sie hin?« »Alles lasse ich mir eher gefallen als Ihre Hilfe,« rief sie, indem sie den Kopf in die Höhe reckte. »Nein, was mir not thut, was ich haben will, das ist ein Gatte, der mich vor den andern und vor mir selber beschützt, der mich bewahrt vor all dem schwarzen Zeug, welches mir bange macht, wenn ich allein bin, vor all den Abgründen, vor deren Anziehungskraft ich mich nicht immer ganz sicher fühle – jemand, der mich liebt, während ich arbeite, und der meine arme, alte, todmüde Theaterfee von ihrem Vorpostendienste ablöst. Der Betreffende sagt mir zu, gleich auf den ersten Blick habe ich auf ihn reflektiert. Er sieht allerdings häßlich, aber auch gutmütig aus; dabei ist er unsinnig reich, und reich sein in diesem Maßstab, das stelle ich mir kurzweilig vor.... Ich muß mir freilich denken, daß seinem Vorleben gewiß irgend ein Makel anhaftet, dem er seine Stellung verdankt, so viel Gold kann nicht lauter gemünzte Rechtschaffenheit sein, aber sagen Sie selber, Jenkins, die Hand aufs Herz, an das Sie so häufig appellieren, bin ich für einen Ehrenmann eine besonders verlockende Partie? Sehen Sie sich um unter all den jungen Leuten, die es für eine unschätzbare Gnade halten, mich besuchen zu dürfen: welchem wäre es jemals eingefallen, um meine Hand zu werben? Keinem einzigen, und Paul von Géry ebensowenig wie den andern. Ich reize, doch ich schrecke zugleich ab, und mich nimmt das auch wahrlich nicht wunder. Was läßt sich denn erwarten von einem Mädchen, welches aufgewachsen ist wie ich, ohne Mutter, ohne Familienleben, so zusammengewürfelt mit meines Vaters Modellen und Maitressen – und was für Maitressen? Du lieber Gott! ... Ohne einen andern Schutz als den eines Jenkins? ... O, wenn ich bedenke, wenn ich bedenke! ...« Und aus jenen schon ferngerückten Zeiten stiegen Erinnerungen in ihr auf, die ihren Groll noch um einen Ton höher stimmten: »Also gut, ich bin meiner Seel' einmal ein Kind abenteuerlicher Verhältnisse, und just deshalb ist jener Abenteurer der Mann, wie er für mich paßt.« »Dann müssen Sie eben abwarten, bis er Witwer geworden ist,« versetzte Jenkins mit großer Ruhe, »und das Warten dürfte Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach etwas lang werden, denn sie sieht recht gesund aus, seine Frau aus der Levante.« Felicia wurde leichenblaß. »Verheiratet ist er?« »Nun freilich, und hat auch einen ganzen Haufen Kinder. Die ganze Sippschaft ist vor ein paar Tagen in Marseille gelandet.« Eine Minute lang stand sie wie niedergeschmettert da, mit zuckenden Lippen, und starrte ins Leere. Die feuchtglänzende Büste des Nabobs ihr gegenüber, der breite Kopf mit der Plattnase und dem sinnlichen, gutmütigen Munde schrie förmlich vor Lebenswahrheit. Sie betrachtete einen Augenblick ihr Werk, dann trat sie hin und kippte mit einer Gebärde des Abscheus das hohe hölzerne Gestell um. Die glänzende fettige Büste stürzte zu Boden, wo sie als unförmlicher Schmutzklumpen liegen blieb. Siebentes Kapitel. Jansoulet daheim. Verheiratet war Jansoulet bereits volle zwölf Jahre, aber er hatte seiner gesamten Pariser Umgebung nach der Gewohnheit des Orients, wo man über dergleichen nicht zu reden pflegt, kein Sterbenswörtchen davon gesagt. Plötzlich erfuhr man, daß die gnädige Frau erwartet werde, und daß für sie, ihre Kinder und Frauen Quartier gemacht werden müsse. Der Nabob mietete den ganzen zweiten Stock des Hauses am Vendomeplatz, dessen Bewohner mit einer nabobmäßigen Entschädigungssumme abgefunden wurden. Zu gleicher Zeit wurden auch die Stallungen erweitert und das Dienstpersonal verdoppelt. Dann begaben sich eines Tages Kutscher und Wagen zum Lyoner Bahnhof, um die Gnädige abzuholen, die samt einem Gefolge von Negerinnen, Gazellen und Mohrenknaben mit dem Extrazuge von Marseille angedampft kam. Sie traf in einem entsetzlich derangierten Zustande ein, völlig erschöpft und abgespannt von der langen Eisenbahnfahrt, der ersten in ihrem Leben, denn sie hatte Tunis, wohin sie in frühester Kindheit gebracht worden, noch nie verlassen. Vom Wagen aus trugen zwei Neger sie in ihre Wohnung hinauf, vermittelst eines Armsessels, welcher fortan für solche schwierige Ortsveränderungen stets unten im Hausflur in Bereitschaft stand. Frau Jansoulet konnte keine Treppe steigen, weil ihr davon schwindlig wurde, und wollte sich auch nicht im Aufzug hinaufbefördern lassen, weil die Maschinerie unter ihrer Körperlast ächzte. Sie that überhaupt keinen Schritt. Ihr Körper war dermaßen aufgedunsen, daß man unmöglich ihr Alter genauer als zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren schätzen konnte. Sie hätte ein ziemlich hübsches Gesicht gehabt, wären nicht alle Züge verschwommen gewesen. Mit ihrem erloschenen Blicke unter Augenlidern, die wie Muscheln zuklappten, mit ihren aufgeputzten Toiletten – lauter Exportware – den Diamanten und Juwelen, mit denen sie im Geschmack der indischen Götzen beladen war, konnte sie für ein Prachtexemplar jener verpflanzten europäischen Weiber gelten, die man Levantinerinnen nennt. Es ist das ein sonderbares Geschlecht von feisten Kreolinnen, die nur noch der Sprache und der Kleidung nach mit unserm Weltteil zusammenhängen, sonst aber ganz dem Einfluß der betäubenden orientalischen Atmosphäre erlegen sind, deren giftiger, opiumgeschwängerter Hauch alles schlaff und stumpf macht, vom Zellgewebe der Haut bis auf die Kleidertaillen und selbst bis auf die seelischen Eigenschaften, auf die Denkkraft. Diese Levantinerin war die Tochter eines ungeheuer reichen Belgiers, der in Tunis den Korallenhandel betrieb und bei welchem Jansoulet als neuer Ankömmling einige Monate lang angestellt gewesen war. Damals war Fräulein Afchin ein allerliebstes zehnjähriges Püppchen mit berückendem Teint und Haar und von strotzender Gesundheit. Oft holte sie in der großen, vergoldeten, von Maultieren gezogenen Karosse den Vater vom Comptoir ab, nach seiner schönen Villa in der Umgegend von Tunis, und die flüchtige, vom Luxus umgebene Erscheinung dieses kleinen Dinges mit dem ausgeschnittenen Kleide und den glänzenden Schultern hatte dem Abenteurer dermaßen in die Augen gestochen, daß seine Wahl auf dasselbe fiel, als er ein reicher Mann, ein Günstling des Beys geworden war und mit dem Gedanken umging, sein eignes Haus zu gründen. Das Kind war mittlerweile zu einem plumpen, schwerfälligen, blassen Mädchen herangereift, dessen ohnehin schon recht spärlich zugemessener Verstand sich im Dusel einer Siebenschläferexistenz noch dichter umwölkt hatte; der Trägheit ihres flämischen Blutes hatte sich durch den Genuß der Rosenölkonfituren und des opiumhaltigen Tabaks die orientalische Apathie zugesellt, und so war denn dank der Fahrlässigkeit ihres Vaters, der nur seinem Geschäfte lebte, die Perle der Levantinerinnen aus ihr geworden, ein ungezogenes, naschhaftes, sinnliches, anmaßendes Geschöpf. Aber Jansoulet sah nichts von alledem. Für ihn war sie und blieb sie auch bis zu ihrer Ankunft in Paris ein höheres Wesen, eine Dame aus der feinsten Gesellschaft, ein Fräulein Afchin eben. Er redete sie respektvoll an, in einer etwas gebückten, schüchternen Haltung, versorgte sie mit Geld, ohne es nur nachzuzählen, befriedigte ihre kostspieligsten Launen, ihre albernsten Marotten, alle Grillen eines durch Nichtsthun und Langeweile aus Rand und Band geratenen Odaliskenhirnes. »Sie war eine geborene Afchin« und mithin ein für allemal entschuldigt. Innigere Beziehungen bestanden zwischen den beiden nicht: er war immer in der Kasbah oder im Bardo, um dem Bey aufzuwarten, oder ging seinen Geschäften nach, sie brachte den ganzen Tag im Bette zu, mit einem Perlendiadem auf dem Kopfe, das dreimalhunderttausend Franken wert war und von dem sie sich nie trennte. Es war das reine Haremleben: sich dumm rauchen, sich im Spiegel betrachten und herausputzen in Gesellschaft einiger andrer Levantinerinnen, deren liebster Zeitvertreib darin bestand, ihre an Körperfülle wetteifernden Arme und Beine mit der Halskette abzumessen; nebenbei gab sie Kindern das Leben, um die sie sich weiter nicht kümmerte, die sie nicht einmal in Schmerzen gebar, weil man sie bei jeder Niederkunft chloroformierte. Janfoulet aber sagte gleichwohl mit stolzem Bewußtsein! »Ich habe eine geborene Afchin zur Frau!« Erst unter dem abkühlenden Einfluß des Pariser Himmels fing der Nabob an, enttäuscht zu werden. So wie er mit sich selbst darüber einig geworden, hier festen Fuß zu fassen, Leute bei sich zu sehen und Feste zu geben, hatte er seine Frau hercitiert, um sie an die Spitze seines Hauswesens zu stellen, aber als er diese Ausstellung von schreienden Stoffen, von Bijouterieen des Palais Royal und alles, was noch drum und dran hing, ankommen sah, machte sie ihm etwa den Eindruck einer Königin Pomare im Exil. Jetzt hatte er eben wirkliche Damen der feinen Gesellschaft gesehen und stellte Vergleiche an. Den großen Ball, den er zur Feier des Ereignisses geplant, gab er wohlweislich auf. Uebrigens wollte Frau Jansoulet selber ungestört bleiben. Zu ihrer natürlichen Trägheit gesellte sich nunmehr das Heimweh, das, gleich bei ihrer Ankunft, durch einen frostigen, gelbgrauen Nebel und den rieselnden Regen in ihr wachgerufen wurde. Mehrere Tage hindurch verließ sie das Bett nicht, wies sogar jegliche Hilfeleistung ihrer Frauen zurück und weinte wie ein Kind, indem sie behauptete, man habe sie nach Paris geführt, um sie unter die Erde zu bringen. Mit einem Gestrüppe von ungekämmten Haaren um ihr Diadem, heulte sie in einem fort in die spitzenbesetzten Kopfkissen hinein, bei verschlossenen Fenstern und Gardinen – Tag und Nacht brannten die Lampen – und schluchzte in abgebrochenen Lauten: »Ich will wieder heim, wieder heim!« In der That, ein kläglicher Anblick bei dieser Katafalkbeleuchtung: die auf den Teppichen herumstehenden halb ausgepackten Koffer, die scheuen Gazellen und die hingekauerten Negerinnen, welche die Nervenzuckungen ihrer Herrin anstaunten, winselnd und mit stieren Augen, wie jene Hunde, die auf Polarreisen irrsinnig werden, weil sie die Sonne nicht mehr sehen! Doktor Jenkins, den man zu diesen Jammerszenen herbeirief, erzielte mit seinen honigsüßen Manieren und seinen väterlichen Redensarten gar keinen Erfolg. Die Levantinerin wollte von den stimulierenden Arsenikperlen durchaus nichts wissen und der Nabob war ganz verzweifelt. Was sollte er thun? Sie mit den Kindern nach Tunis zurückschicken? Das ging kaum an; er war dort entschieden in Ungnade gefallen. Die Hemerlingues triumphierten und ein letzter Schimpf hatte das Maß vollgemacht. Jansoulet war nämlich vor seiner Abreise vom Bey beauftragt worden, durch die Pariser Münze neue Goldstücke im Werte von einigen Millionen prägen zu lassen, diese Bestellung ward ihm aber plötzlich entzogen und auf Hemerlingue übertragen. Vor aller Welt beleidigt, gab Jansoulet den Stoß ebenso offenkundig zurück, er bot seine sämtlichen Besitztümer feil, sein Palais am Bardo, ein Geschenk des verstorbenen Beys, seine Landgüter, lauter weißer Marmor mit wundervollen Gärten, seine Handelslokalitäten, die geräumigsten, prächtigsten in der ganzen Stadt, und zu guter Letzt, um seine Auswanderung in recht eklatanter Weise zu betonen, ließ er Frau und Kinder durch den intelligenten Bompain nach Frankreich bringen. Nach einem so auffälligen Bruche konnte er schwerlich mehr zurückkehren. Er suchte das seiner geborenen Afchin auch begreiflich zu machen, aber sie antwortete nur mit einem anhaltenden Gewimmer. Er wollte sie trösten, zerstreuen, doch welches Vergnügen konnte sich Bahn brechen zu einer so unmenschlich apathischen Natur? Und wenn er auch eins fand, den afrikanischen Himmel konnte er der Armen doch nicht herzaubern, und die Halle mit den Marmorplatten, wo sie lange Stunden hindurch in süßem, kühlendem Hindämmern dem Plätschern des Wassers in den drei übereinander liegenden Becken der großen Alabasterfontaine zu lauschen pflegte, und den vergoldeten Kahn mit dem Purpurzelt, in dem sie nach Sonnenuntergang von acht flinken, kräftigen marokkanischen Ruderern auf dem schönen See El-Baheira spazieren gefahren wurde. Wie prunkvoll die Wohnung am Vendomeplatz auch sein mochte, den Verlust solcher Herrlichkeiten konnte sie nicht ersetzen, und tiefer denn je ging die Levantinerin in ihrer Trübsal unter, bis es einem dienstbaren Geiste gelang, sie wieder ans Land zu ziehen. Es war dies ein starker, untersetzter, nach Knoblauch und Pomade riechender Mensch, Namens Cabassu, breitschulterig, schwarz und haarig bis um die Augen herum, der sich auf seinen Visitenkarten »Professor der Massage« titulierte und der Pariser Serailgeschichten und sonstigen Schnickschnack zu erzählen wußte, kurz Dinge, die dem Auffassungsvermögen der Gnädigen entsprachen, so daß sie, nachdem er einmal hergekommen war, um sie zu massieren, ihn wiedersehen wollte, ihn für sich behielt. Seine übrigen Kunden mußte er nun aufgeben und avancierte dafür mit einem Jahresgehalte, das eines Senators würdig gewesen wäre, zum Spezialartisten der stattlichen Frau, zu ihrem Pagen, ihrem Vorleser, ihrem Leibwächter. Jansoulet war so entzückt, seine Gattin endlich zufriedengestellt zu sehen, daß er die groteske Komik einer solchen Intimität gar nicht herausfühlte. Man konnte Cabassu auf der Fahrt nach dem Bois de Boulogne in der kolossalen Prachtkalesche neben der Lieblingsgazelle sehen, man sah ihn in den Theaterlogen hinter der Levantinerin, welche, durch die Behandlung des Baders aus ihrer Erstarrung aufwachend, nunmehr mit dem festen Vorsatz, sich zu amüsieren, aus ihrer Zurückgezogenheit heraustrat. Sie bekam eine Liebhaberei für das Theater, besonders für derbe Possen und Melodramen. Ihre natürliche Unempfindlichkeit wurde durch das unnatürliche Lampenlicht gekitzelt, galvanisiert. Am meisten stand Cardailhacs Theater in ihrer Gunst, denn dort war der Nabob wie zu Hause, von ihm lebte ja das ganze Personal, vom ersten Kontrolleur bis zur letzten Logenschließerin herab. Dafür hatte er aber auch einen Schlüssel zur Verbindungsthür zwischen dem ersten Rang und der Bühne und hinter seiner Loge einen orientalisch dekorierten Salon mit einer in der Form eines Bienenkorbes gewölbten Decke, kamelhaarenen Diwans und einer kleinen maurischen Laterne um die Gasflamme; wenn die Zwischenakte sich in die Länge zogen, ließ sich dort eine kleine Siesta halten. Der Direktor hatte eben gegen die Frau seines Protektors galant sein wollen. Und er that des Guten noch mehr, dieser affenschlaue Cardailhac; so wie er die Liebhaberei der geborenen Afchin fürs Theater wahrnahm, redete er ihr mit aller Gewalt ein, daß sie auch ein tieferes Verständnis dafür habe, und ersuchte sie schließlich, in verlorenen Momenten einen kritischen Kennerblick in die eingereichten Stücke zu werfen, ein probates Mittel, die Geschäftsverbindung fester zu knüpfen. Ach, ihr armen Manuskripte, die ihr, mit dünnen Fäden der Hoffnung geheftet, von ehrgeizigen Träumen getragen, in blauem oder gelbem Umschlag hinausfliegt, wer kann wissen, welche Hände euch aufs Geratewohl durchblättern, was für plumpe, unberufene Finger euch den Reiz der Neuheit abstreifen, jenen duftigen Blütenstaub des frischentfalteten Gedankens, und was für ein Richter euch verdammt?! Wenn Jansoulet, bevor er in die Gesellschaft ging, zuweilen hinaufstieg zu seiner Frau, lag sie rauchend, mit zurückgelehntem Kopfe, unter Manuskriptenbündeln auf ihren Diwan hingestreckt, und Cabassu las ihr, den Rotstift schwingend, mit schnarrender Stimme in südfranzösischem Bänkelsängertone irgend ein dramatisches Produkt vor, welches er bei der geringsten Ausstellung der Dame unbarmherzig zusammenstrich und verstümmelte. Auf den Fußzehen, mit einem Wink, der so viel hieß, wie: »Laßt euch ja nicht stören,« trat der gute Nabob herein, hörte zu und betrachtete seine Frau mit einem mehr als beifälligen Nicken des Kopfes: »Erstaunlich, wirklich!« Da er von Litteratur absolut nichts verstand, wurde ihm wenigstens nach dieser Richtung hin die Ueberlegenheit seiner geborenen Afchin wieder klar. Sie habe, wie Cardailhac behauptete: »theatralischen Instinkt.« Dafür fehlte ihr leider ein andrer Instinkt, der der Mutterliebe, denn mit ihren Kindern beschäftigte sie sich nie, das überließ sie fremden Händen und begnügte sich, den Kleinen, die einmal im Monat zu ihr gebracht wurden, zwischen zwei Zügen aus der Cigarette, ihre schlaffen, welken Wangen hinzuhalten, ohne jene eingehende und liebevolle Sorge für ihr Wohlergehen an den Tag zu legen, in welcher sich der physische Zusammenhang zwischen Mutter und Kind gleichsam fortsetzt, so daß einer echten Mutter vom geringfügigsten Weh eines ihrer Kinder das Herz blutet. Es waren drei dicke, schwerfällige Knaben von elf, neun und sieben Jahren, die vom Vater die gutmütigen schwarzen Samtaugen, von der Mutter den wächsernen Teint und die verfrühte Körperfülle geerbt hatten, alle drei unwissend wie Herrensöhnchen aus dem Mittelalter. In Tunis hatte Herr Bompain ihre Studien geleitet, hier aber wollte ihnen ihr Vater die Wohlthaten einer Pariser Erziehung angedeihen lassen, und so waren sie im teuersten, im »feudalsten« Institut untergebracht worden, im College Bourdaloue, dessen wackere Patres weniger bestrebt waren, ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als vielmehr weltmännische Manieren und guten Ton. Auf diese Weise bildeten sie lauter kleine Ungeheuer heran, lächerlich würdevolle und jammervoll altkluge Ignoranten, die sich geschämt hätten, wie Knaben zu spielen, weil ihnen jede kindliche Ursprünglichkeit abhanden gekommen war. Trotz der bevorzugten Stellung, die sie in Anbetracht des ungeheuren Vermögens ihres Vaters dort einnahmen, fanden die drei Kleinen an dieser Treibhausexistenz wenig Gefallen, sie waren auch gar zu verlassen. Sogar ihre Mitschüler, die Kreolen, hatten Bekannte, die sich ihrer annahmen, und empfingen Besuche, sie aber wurden nie in das Sprechzimmer gerufen. Von ihren Angehörigen ließ sich niemand blicken, nur trafen zuweilen ganze Ladungen von Backwerk, ein Platzregen von Leckereien für sie ein. Der Nabob hatte unterwegs die Vorräte eines Konditors rein ausgeplündert und zu seinen Söhnen hinschleppen lassen, in einer jener Herzenswallungen, die, mit der Prahlsucht eines Negers verschmolzen, all sein Thun und Lassen kennzeichneten, und so hielt er's auch mit dem Spielzeug, immer zu prunkhafte, unpraktische Sachen, Schaustücke, die ein Pariser niemals kauft. Doch was vor allen andern Dingen den drei Kleinen die Achtung ihrer Mitschüler und Lehrer sicherte, war ihr goldstrotzendes Portemonnaie, welches bei den Sammlungen zu milden Zwecken und zu einem Namenstagsgeschenk für einen der Professoren stets offen stand, wie auch bei den Wohlthätigkeitsbesuchen, jener berühmten Spezialität des College Bourdaloue, die in seinem Prospektus so verlockend, auf zartfühlende Gemüter so imponierend wirkte. Die Patres hatten nämlich innerhalb ihres Institutes eine kleine Gesellschaft zum heiligen Vinzenz von Paulo gestiftet, nach dem Vorbild der großen, und diejenigen Zöglinge, welche dieser Gesellschaft angehörten, begaben sich in kleinen Abteilungen und selbständig wie Erwachsene der Reihe nach wöchentlich zweimal mitten in die bevölkertsten Vorstädte, um die Armen zu unterstützen und zu trösten. Sie sollten dadurch zur praktischen Nächstenliebe erzogen werden, zu der Kunst, die Leiden und Bedürfnisse des Volkes wahrzunehmen und auf seine stets etwas abschreckenden Wunden den Balsam guter Worte und christlicher Ermahnungen zu träufeln. Die Massen durch die Vermittlung der Kleinen tröstend zu erbauen und den Unglauben durch die Jugend und Einfalt der Apostel zu entwaffnen, das war der Zweck der Gesellschaft, ein übrigens total verfehlter Zweck, da diese gesunden, wohlgekleideten und wohlgenährten Kinder nur an voraus bestimmte Orte geschickt wurden, wo sie lauter besser situierte, zuweilen zwar kränkliche, aber immer ganz reinliche Leute vorfanden, die schon regelmäßig durch die reichen Kirchenstiftungen unterstützt wurden. Niemals gerieten sie in eine jener Ekel erregenden Spelunken, wo der Moder an den Wänden und die tiefen Falten auf den Stirnen von Hunger, Trauer und Verkommenheit, kurz, von jedem physischen und moralischen Elend erzählen. Ihr Besuch kam so wenig unerwartet, wie der eines Fürsten, der in eine Wachtstube tritt, um die Suppe der Mannschaften zu kosten; man ist eben davon benachrichtigt worden und hat die Suppe für einen königlichen Gaumen gewürzt. – In gewissen Büchern zur Erbauung der Jugend sieht man häufig einen kleinen Kommunikanten abgebildet, schön frisiert, mit der Schleife um den Arm und der Wachskerze in der Hand, der an dem Schmerzenslager eines armen, die Augen himmelwärts verdrehenden Alten steht und ihm zuspricht. Just nach ganz derselben Schablone wurden die Wohlthätigkeitsbesuche inszeniert und aufgeführt. Die abgezirkelten Bewegungen der kurzarmigen Miniaturprediger wurden durch die schielende Unnatur auswendig gelernter Worte ergänzt, und die possierlichen Ermahnungen und Erörterungen im Traktatchenstil, die sie mit der krähenden Stimme heiserer junger Hähne »aus vollem Herzen spendeten«, durch rührselige Segenswünsche und klägliche, winselnde Faxen erwidert, wie von Bettlern an den Kirchenthüren beim Ausgang der Vesper. Waren jedoch die jungen Leute wieder draußen, dann brach die Lustbarkeit los in der Dachkammer, unter johlendem Gelächter umtanzte man die zurückgelassenen Liebesgaben, stieß den Armsessel, auf dem man eben noch den Kranken gespielt, beiseite und goß das Tränklein ins Feuer, in eine unter der Asche höchst kunstvoll verborgen gehaltene Glut. Wenn die Kleinen einen Tag bei ihren Eltern zubrachten, wurden sie dem Manne mit dem Fes, dem unentbehrlichen Bompain anvertraut. Mit Bompain gingen sie dann nach den Champs-Elysees in ausgesuchter Toilette: englische Jacketts, kürbisförmige Hüte nach der neuesten Mode – mit sieben Jahren! – und hundslederne Handschuhe mit einem Spazierstöckchen dazu; oder sie fuhren mit Bompain, der eine ganze Ladung Proviant mitnahm, in offnem Wagen zum Pferderennen mit einem zusammengerollten grünen Schleier um den Hut und der aufgesteckten Eintrittskarte daran, jenen liliputanischen Pantomimenfiguren nicht unähnlich, deren Komik auf dem Mißverhältnis zwischen den großen Köpfen, den kurzen Beinchen und den zwerghaften Armbewegungen beruht. Man trank und rauchte, daß es ein Jammer war. Zuweilen konnte sich der Mann mit dem Fes kaum mehr aufrecht halten und brachte die Kinder in einem erbärmlichen Zustande heim – und doch hatte sie der Nabob lieb, »seine Kleinen«, besonders den Jüngsten, der ihn mit seinem langen Haar und seinem geschniegelten Wesen an die kleine Afchin erinnerte, wie sie einst in ihrer Karosse vorgefahren kam, aber sie waren noch in dem Alter, wo die Kinder der Mutter gehören und wo nichts, weder der feine Schneider, noch die mustergültigen Lehrer, noch die patente Erziehungsanstalt, noch die eigens für solche Miniaturmännchen gesattelten Ponies Ersatz bieten für die aufmerksame, sorgfältige Pflege im traulich-warmen heimischen Nest. Diese Pflege konnte ihnen ein Vater nicht angedeihen lassen, und ihr Vater hatte noch obendrein so viel zu thun! Ihm machten tausenderlei Dinge zu schaffen. Die Territorialkasse, die Einrichtung der Bildergalerie, die Einkäufe im Tattersall mit Bois-Landry, die Besichtigung dieser oder jener Rarität bei Kunstliebhabern, die mit Schwalbach in Verbindung standen, stundenlange Verhandlungen mit Pferdehändlern, Bereitern, Antiquitätenhändlern, kurz die vielseitigen, zeitraubenden Angelegenheiten eines Emporkömmlings, der den Kavalier spielt. So schliff er sich mit jedem Tage etwas mehr ab und wurde überall heimisch, in Monpavons Klub, im Konversationszimmer der großen Oper, hinter den Coulissen, dabei gab er noch immer seine wohlbekannten Junggesellenfrühstücke; es war dies die einzige Form geselligen Verkehrs, die sich mit seinen häuslichen Verhältnissen vertrug. Wirklich, ein bewegtes Leben, trotzdem ihm Paul von Géry die schwerste Last, die Abfertigung der Antrag- und Bittsteller, abgenommen hatte und nun an seiner Stelle all die verwegenen und verrückten Erfindungen, all die tragikomischen Zumutungen eines großstädtischen Bettelwesens über sich ergehen ließ, das so gut seine Organisation hat wie ein Verwaltungszweig, und dessen zahlloses Heer von Vertretern sich Zeitungen hält und das Adreßbuch auswendig kann. Da kam die junge und doch schon verblühte Dame, welche die Kleinigkeit von hundert Louisdor verlangt mit der Drohung, sich sofort ins Wasser zu stürzen, wenn ihr nicht willfahrt wird, und die wohlbeleibte, freundliche, ungenierte Matrone, die bereits unter der Thür anfängt: »Sie kennen mich nicht, mein Herr, und auch ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber die gegenseitige Bekanntschaft wird bald gemacht sein. Nehmen Sie gefälligst Platz und hören Sie mir zu. ...« Und der abgehetzte Geschäftsmann, der – was zuweilen die Wahrheit ist – am Vorabend eines Bankrottes uns beschwört, ihm die Ehre zu retten, und aus dessen Brusttasche schon etwas vorsteht, wie das Pistol des Selbstmörders – zuweilen ist es wirklich nicht bloß ein großes Pfeifenfutteral – und dann wieder die aufrichtige, aber durch ihren unklaren Ausdruck ermüdende Not, Leute, die nicht einmal ordentlich sagen können, wie wenig Talent sie besitzen, ihr Brot zu verdienen. Zu diesen direkten Betteleien kamen solche, die ein vornehmeres Aussehen hatten und unter der Firma: Wohlthätigkeit und Philanthropie auftraten, Unterstützungen aller Art, Aufmunterung nach Brot gehender Künstler, Sammlungen für Krippen, Kirchen, Besserungshäuser, milde Stiftungen, Volksbibliotheken und endlich, in weltlicher, verlockenderer Gestalt, die Konzerte und Benefizvorstellungen, Eintrittskarten in allen Farben, natürlich reservierte Plätze oder erster Rang. Da der Nabob derartige Anträge ein für allemal genehmigt wissen wollte, war es wenigstens ein Fortschritt, daß er sie nicht mehr persönlich erledigte. Geraume Zeit hindurch hatte er diese gleisnerische Ausbeutung geradezu groß gezogen. Ein Konzertbillet irgend einer Zitherschlägerin aus dem Zillerthale oder eines Trommelflötisten aus dem Languedoc, das in den Tuilerien oder beim Herzog von Mora auf zehn Franken geschätzt worden wäre, honorierte er mit einem Fünfhunderter. Es gab Tage, wo Paul von Géry nach solchen Audienzen einen unsäglichen Ekel empfand; seine jugendliche Rechtschaffenheit bäumte sich auf, und er rückte dann mit Reformversuchen heraus, aber schon beim ersten Worte spiegelte sich in den Zügen des Nabob jener Ueberdruß, der schwache Naturen anwandelt, wenn man sie vor eine Entscheidung stellt, oder er antwortete mit einem wuchtigen Achselzucken: »Wir leben einmal in Paris, liebes Kind, Sie brauchen nicht irre zu werden. Lassen Sie mich nur gewähren. Ich weiß schon, wohin ich steure und was ich will.« Dazumal wollte der Nabob zweierlei; einen Sitz in der Kammer und das Kreuz der Ehrenlegion. Das waren in seinen Augen die zwei ersten Stufen zu dem hohen Ziele, dem sein Ehrgeiz zustrebte. Der Sitz in der Kammer war ihm gesichert, weil er an der Spitze der Territorialkasse stand; wie oft hatte ihm Paganetti von Portovecchio nicht gesagt: »Wenn wir erst so weit sind, wird ganz Korsika sich erheben wie ein Mann und Ihnen seine Stimme geben!« Nur genügte es nicht, die Wähler für sich zu haben, es mußte auch ein Mandat frei werden, und gegenwärtig waren die Volksvertreter für Korsika vollzählig. Allerdings wäre vielleicht einer von ihnen unter besondern Umständen gern zurückgetreten, z.B. der alte Popolasca, welcher schon so gebrechlich und infolgedessen seiner Aufgabe so wenig gewachsen war, daß er sich fast immer beurlauben lassen mußte. Wenn auch etwas heikler Natur, so war die Angelegenheit doch nichts weniger als aussichtslos, da der gute Mann außer einer zahlreichen Familie und vielen Ländereien, die so gut wie nichts abwarfen, nur noch sein Palais in Bastia besaß, in welchem er sich von Polenta nährte, und weil er in Paris sich mit einem Absteigequartier in einem Gasthofe achtzehnten Ranges begnügte. Wem es auf hundert- oder zweihunderttausend Franken nicht ankam, der konnte mit dem ausgehungerten Tribunen schon handelseinig werden, welcher, als ihm Paganetti auf den Zahn gefühlt, weder ja noch nein gesagt hatte, weil er zwischen dem Reiz der großen Summe und seinem kindischen, parlamentarischen Ehrgeiz schwankte. Bei dieser Lage der Dinge stand eine Entscheidung tagtäglich bevor, und dann war der Erfolg der Wahl fast eine mathematische Gewißheit, denn durch den Herzog von Mora konnte man auf die Unterstützung der Regierung zählen, und andrerseits fing der Name Jansoulet in Korsika bereits an, populär zu werden infolge alles dessen, was er für die Insel that, für ihren Bergbau, ihren Eisenbahnverkehr, ihr Forstwesen. Was die Ehrenlegion anbelangte, so war die ganze Sachlage eine noch günstigere. Unzweifelhaft hatte die bethlehemitische Stiftung auf die Tuilerien einen verteufelten Eindruck gemacht und es wurde dort nur noch Herrn von Perrières Besuch und sein Bericht erwartet, der ja nicht anders als vorteilhaft ausfallen konnte, um für den 16. März – einen gnadenreichen kaiserlichen Gedenktag – Jansoulets ruhmgekrönten Namen in die Liste der Bevorzugten einzutragen. Bis zum 16. März war kein ganzer Monat mehr. ... Was würden sie alle für Gesichter dazu machen? Der dicke Hemerlingue, der sich noch immer mit seinem Nishamorden begnügen mußte, und der Ben, dem man versichert hatte, daß die Pariser Gesellschaft Jansoulet in Acht und Bann erklärt habe, und drunten in St. Andséol das alte Mütterchen, das von jeher so stolz gewesen auf ihres Sohnes Erfolge! ... Verlohnte sich's dafür nicht, einige hunderttausend Franken geschickt zu vergeuden und vor die Raubvögel auszustreuen auf jenem Wege zum Ruhm, den der Nabob wie ein Kind betreten hatte, ohne zu bedenken, daß er noch kurz vor Erreichung des Zieles in Stücke gehackt werden konnte? Waren denn diese äußerlichen Erfolge, diese Triumphe und dieses teuer erkaufte Ansehen keine Entschädigung für alle sonstigen Enttäuschungen des Orientalen, der, dem europäischen Leben wiedergewonnen, nur einen Harem besaß, wo er eine Häuslichkeit haben wollte, und, wo er eine Frau suchte, bloß eine Levantinerin fand? Achtes Kapitel. Die bethlehemtische Stiftung. »Bethlehem!« Warum überkam jeden ein Frösteln, wenn er den trauten heiligen Namen in goldenen Buchstaben droben über dem Gitterthore glänzen sah? Vielleicht lag's an der melancholischen Umgebung, an jener düsteren Ebene zwischen Nanterre und St. Cloud, deren langgedehnte wagerechte Linien durch nichts unterbrochen werden, als durch einige Baumgruppen und die Rauchsäulen der Fabrikschlote, vielleicht auch an dem Abstande zwischen dem ärmlichen Städtchen und der großartigen Anstalt, dieser Villa im Stile Louis XIII,, deren Quaderbau aus Steincement rosig dalag zwischen den entlaubten Bäumen des Parkes und den großen, von Algen grün überwucherten Weihern; so viel ist gewiß, daß sich jedem, der hier vorüberging, die Brust zusammenschnürte – und wie wurde einem erst ums Herz, wenn man eintrat. Eine dumpfe, unerklärliche Stille lastete auf dem Hause, und die Gesichter, die an den Fenstern erschienen, nahmen sich unheimlich aus hinter den altertümlichen, grünlichen Rundscheiben. Wehmütig meckerten die in den Alleen weidenden Ziegen zu ihrer ebenfalls verdrießlichen Hüterin hinüber, die dem Besucher mit trübseligem Blick nachsah: über dem Ganzen schwebte etwas wie die Trauer eines gemiedenen Ortes. Und doch war hier ein freundlicher Landsitz gewesen, wo noch vor kurzem tüchtig geschmaust wurde. Allenthalben hatte die Phantasie des berühmten Tenoristen, von dem Jenkins das Gut erstanden, theatralisch dekorative Schöpfungen hinterlassen; hier ein großes Bassin mit einer Brücke und einem Kahn, der sich jetzt, am Ufer verfaulend, mit dürren Blättern anfüllte, dort einen epheuumrankten Pavillon im Grottenstil. Hatte tolle Geschichten erlebt zu der Zeit des Tenoristen, dieses muschelverzierte Gartenhaus! Dafür erlebte es jetzt um so traurigere, seitdem ein Lazarett daraus geworden. Im Grunde genommen, war die ganze Anstalt nichts andres als ein großes Lazarett, denn kaum waren die Kinder da, so erkrankten sie und siechten einem sicheren Tode entgegen, wenn ihre Eltern sie nicht schleunigst unter ihr schirmendes Dach zurücknahmen. Der Pfarrer von Nanterre kam so häufig mit den Sterbesakramenten nach Bethlehem und der Schreiner lieferte so viele kleine Särge hin, daß es in der ganzen Umgegend ruchbar wurde, und daß die entrüsteten Mütter, die einen blühenden Säugling im Arme trugen, die Musteranstalt mit geballter Faust verwünschten, allerdings nur von fern, um ihn ja nicht die Luft des fluchwürdigen Hauses einatmen zu lassen. Und darum war diese Jammerstätte so herzbeklemmend anzusehen, denn wo die Kinder hinsterben, da kann keine heitere Stimmung aufkommen, da hat man kein Auge für die sprießenden Knospen und die nistenden Schwalben und das Wellenspiel des rieselnden Baches. So viel stand fest: in der Theorie nahm sich Jenkins' Schöpfung vortrefflich aus, aber in der Praxis stieß sie auf Schwierigkeiten, die ihre Lebensfähigkeit in Frage stellten. Und doch, weiß Gott, mit welchem Uebereifer hatte man bis in die geringfügigsten Einzelheiten hinein für alles gesorgt, mit welchem Aufwand an Geld und Personal! Obenan ein ausgezeichneter, aus den Pariser Spitälern hervorgegangener Praktikus, Herr Pondevez, und Frau Polge, eine Frauensperson für die häuslichen Angelegenheiten, ferner so und so viele Kindermädchen, Nähterinnen, Krankenwärterinnen, dann eine Menge von mustergültigen Einrichtungen, von der ausgiebigen Wasserleitung nach dem neuesten System an bis zum Omnibus, der mit dem Kutscher in Livree und den schellenbehangenen Pferden am Bahnhof von Rueil die Ankunft der verschiedenen Züge zu erwarten hatte, und endlich die prächtigen Ziegen, seidenhaarige, milchstrotzende Ziegen aus Tibet. Organisiert war alles in bewundernswerter Weise, aber ein Stein des Anstoßes war da, über den alles strauchelte: Diese künstliche Ernährung, wie sehr sie auch durch die Reklame herausgestrichen und empfohlen wurde, sagte nämlich den Kindern nicht zu. Es kam eine eigentümliche Verstocktheit über sie, als hätten sie, allerdings nur mit einem Blick, denn sprechen konnten sie ja nicht, die armen Würmchen, und die meisten sollten es auch niemals lernen, als hatten sie einander die Losung gegeben: Wißt ihr was, heute rühren wir die Ziegeneuter nicht an. Und wirklich, sie tranken nicht, sie zogen es sogar vor, Kind für Kind hinzusterben, nur um nicht zu trinken. War denn der kleine Jesus in seinem Stalle zu Bethlehem von einer Ziege genährt morden? War's nicht im Gegenteil eine weiche, volle Frauenbrust gewesen, an die er sich anschmiegte, und an der er einschlief, wenn der Durst gelöscht war? Wer hat je von einer Ziege gehört, die neben den Oechslein und Eselein der Legende gestanden hätte in jener Nacht, da die Tiere sprachen? War's nicht eine Lüge, den Namen Bethlehem an dieses Haus zu schreiben? Anfangs hatte die unverhältnismäßige Sterblichkeit den Direktor erschreckt, denn dieser Pondevez war zwar ein gestrandetes Wrack des Quartier latin, ein Student im vierzigsten Semester, unter dem Spitznamen Bompon in allen Schnapskonditoreien des Boulevard St. Michel zur Genüge bekannt, aber es war kein hartherziger Mensch. Da er also die Mißerfolge der künstlichen Ernährung wahrnahm, suchte er ohne weiteres vier oder fünf kräftige Ammen aus der Umgegend aus, und sofort waren die Kleinen wieder bei Appetit. Doch diese Anwandlung von Humanität hätte ihn beinahe um seine Stelle gebracht. »In unsrer Anstalt Ammen?« fuhr ihn Jenkins bei der nächsten Wochenbesichtigung zornentbrannt an. »Sie sind wohl nicht bei Sinnen! Und die Ziegen, und die Rasenplätze und meine Neuerung, und die Broschüren, die davon handeln, was soll aus dem allem werden? Sie stoßen ja mein System um, Sie stehlen ja unserm Protektor das Geld aus der Tasche!« »Aber, verehrtester Herr Doktor,« wagte der Student zu bemerken, indem er mit der Hand durch seinen langen roten Bart fuhr, »wenn sie einmal von dieser Kost durchaus nichts wissen wollen. ...« »Nun, so mögen sie fasten, doch die Grundidee der künstlichen Ernährung darf nicht angetastet werden. ... Das ist die Hauptsache, merken Sie sich das und schaffen Sie mir die verwünschten Ammen ab! Wir geben unsern Kindern Ziegenmilch, im äußersten Notfall auch Kuhmilch, aber mehr kann ich nicht bewilligen.« Und mit seiner gewöhnlichen Apostelmiene setzte er hinzu: »Wir stehen hier, um eine große philanthropische Wahrheit darzulegen, und müssen ihr zum Siege verhelfen, selbst wenn es einige Opfer kosten sollte. Danach richten Sie sich!« Pondevez widersprach nicht mehr. Alles in allem hatte seine Stellung manches für sich: Die kurze Entfernung von Paris ermöglichte seinen Bekannten aus dem Quartier latin einen Sonntagsausflug nach Nanterre, oder dem Direktor einen Abstecher in seine früheren Stammkneipen. Frau Polge, die von Jenkins immer »unsre intelligente Aufseherin« genannt wurde, und die er auch in der That hergesetzt hatte, um jedem, vor allem aber dem Direktor auf die Finger zu sehen – Frau Polge war auch nicht so schroff, wie sich's etwa vermuten ließ, und ging einigen Gläschen Kognak und einer rechtschaffenen Partie Piquet nicht aus dem Wege. Pondevez gab also den Ammen den Laufpaß und bemühte sich, alles, was da kommen konnte, möglichst kaltblütig hinzunehmen. Und es kam auch, leider Gottes – der reine bethlehemitische Kindermord. Hierauf holten die wenigen anständigen Eltern, die sich durch die Annoncen hatten verführen lassen, Arbeiter oder Geschäftsleute aus den Vorstädten, ihre Kleinen wieder ab, und es blieben nur noch die Unglücklichen in der Anstalt zurück, die man unter den Hausthüren und auf freiem Felde aufgelesen oder aus den Spitälern hergeschafft hatte, und die schon von der Geburt ab allen Schmerzen geweiht waren. Als jedoch die Sterblichkeit immer noch zunahm, blieben auch solche Pfleglinge aus, und der Omnibus, der zum Bahnhofe fuhr, kam jetzt immer federleicht zurückgeholpert, wie ein leerer Leichenwagen. Wie lange konnte es so weitergehen? Wie lange brauchten die fünfundzwanzig oder dreißig, die noch übrig waren, um nachzusterben? Mit dieser Frage beschäftigte sich eines schönen Morgens der Herr Direktor oder, wie er selber sich umgetauft hatte, der Totenkontrolleur Pondevez, als er nach dem Frühstück Frau Polge und ihrer ehrwürdigen Tuffenfrisur gegenübersaß und ihre geliebte Partie mit dieser Matrone spielte. »Jawohl, beste Frau Polge, was wird dann aus uns? So kann's nicht mehr lange zusammenhalten. Jenkins hat sich ganz festgebissen, und die kleinen Bursche sind halsstarrig wie Droschkengäule – kurz und gut, sie werden uns zu Grunde gehen, alle. Der kleine Rumäne zum Beispiel – Coeurfünf, Frau Polge – kann jeden Augenblick den Geist aufgeben ... natürlich, wenn sich so ein armer Wurm volle drei Tage die Speiseröhre trocken legt. ... Jenkins mag sagen, was er will, Kinder sind nicht wie Gartenschnecken, durch Fasten bekommen sie kein besseres Fleisch. Nicht ein einziges bringen wir durch, es ist wirklich zum Verzweifeln. Das Krankenzimmer ist überladen wie ein Frachtschiff. ... Eine verfluchte Situation, sage ich Ihnen! ... Fünf und vier Aß macht neunzehn. ...« Hier wurde der Redner durch ein zweimaliges Anläuten am Gitterthore unterbrochen. Es war der Omnibus, der vom Bahnhofe zurückkam und mit ungewohnter Wucht über den Sand hinrasselte. »Merkwürdig!« sagte Pondevez. Es ja jemand drin!« Wirklich, der Wagen fuhr diesmal mit einiger Grandezza an der Freitreppe vor und der Mann, der nun ausstieg, sprang mit einem Satze die paar Stufen hinauf. Es war ein Eilbote von Jenkins mit der erschütternden Nachricht, daß in zwei Stunden der Doktor eintreffen werde mit dem Nabob und einem Herrn aus den Tuilerien, die Anstalt zu besichtigen. Er lasse sehr bitten, bis dahin alles bereitzuhalten. Die Ereignisse hatten sich so überstürzt, daß es ihm unmöglich gewesen sei, zu schreiben, aber er rechne darauf, daß der Herr Pondevez für das Notwendige sorgen werde. »Das Notwendige. ... Der hat gut reden,« murmelte Pondevez ganz bestürzt. Die Lage war in der That kritisch. Der wichtige Besuch fiel gerade in die schlechteste Zeit, in eine Zeit, wo das Ziegensystem bereits in Brüche ging; der arme Bompon stand ratlos da und zerrte und biß an seinem Barte herum. »Nun meinetwegen!« sagte er plötzlich zu Frau Polge, deren langes Gesicht noch langer geworden war zwischen ihren Tuffen. »Es bleibt keine andre Wahl, wir müssen die Krankenabteilung ausräumen und unsre Patienten in den Schlafsaal hinüberschaffen. Es wird ihnen weder besser noch schlimmer gehen, wenn sie einen halben Tag in ihrem früheren Quartier zubringen. Die mit den Hautausschlägen stecken wir in irgend einen Winkel, sie sehen gar zu garstig aus; werden sie nicht vorzeigen. ... Und nun, Achtung! Alle Mann auf Deck!« Ein Alarmsignal mit der Mittagsglocke und dann ein plötzliches Durcheinanderrennen von Beschließerinnen, Mägden, Kranken- und Kinderwärterinnen, ein Eilen und Drängen aus allen Thüren, auf den Treppen, über die Höfe, ein Kreuzfeuer von Befehlen, ein Rufen und Schreien, über welches jedoch das Getöse eines allgemeinen Scheuerns die Oberhand behält, ein Wassergeplätscher, als ob das Haus in Flammen stünde. Diese Vorstellung einer Feuersbrunst wird noch obendrein durch das Gewimmer der kranken Kinder vervollständigt, die man aus den warmen Bettchen hob, jene heulenden Tragkissen und flatternden Decken, die man durch den feuchten Park trägt. Endlich nach zweistündigen übermenschlichen Anstrengungen ist das Haus von oben bis unten für den bevorstehenden Besuch hergerichtet, das ganze Personal an seinem Posten, der Heizapparat in Thätigkeit und die Ziegenherde auf den Rasenplätzen malerisch zerstreut. Frau Polge hatte sich in ihr grünseidenes Kleid und der Direktor in eine Toilette geworfen, die, wenngleich minder unordentlich als die gewöhnliche, dennoch zu einfach war, um einen Vorbedacht auch nur im entferntesten vermuten zu lassen; jetzt mag der kaiserliche Sekretär nur kommen. Eben fährt er mit Jenkins und Jansoulet vor. Ein Lakai in der rot und goldnen Livree des Nabobs hilft ihm aus der Prachtkarosse, während Pondevez mit meisterhaft geheucheltem Staunen herbeistürzt. »Ach, Herr Jenkins, ist das eine Ehre, eine Ueberraschung!« Hierauf Begrüßung, Komplimente, Händeschütteln und Vorstellung. Mit freier Brust, in wallendem, weit zurückgeschlagenem Paletot, strahlt der aufrichtige Jenkins sein freundlichstes, herzlichstes Lächeln aus, doch zuckt ihm eine vielsagende Falte auf der Stirn. Klarer als irgend wer, ist er sich der Notlage seiner Schöpfung bewußt und sieht unwillkommenen Zwischenfällen mit Bangigkeit entgegen. Wenn dieser Pondevez nur alle Maßregeln getroffen hat! ... Einstweilen läßt sich's übrigens gut an, der etwas opernhafte Charakter des Anwesens und die weißen Tiere im grünen Grase haben Herrn von la Perrière entzückt, der mit seinen naiven Augen, seinem weißen Kinnbarte und dem beständigen Wackeln des Kopfes eigentlich selber einer dem Pflock entlaufenen Ziege gleicht. »Hier, meine Herren, die Hauptsache, die Nursery,« sagt im Vorzimmer der Direktor, indem er die massive, schwere Mittelthür öffnet. Die Herren folgen ihm ein paar Stufen hinab und betreten einen ungeheuren, mit Fliesen belegten, niedrigen Saal, die ehemalige Küche der Villa. Dem Eintretenden fällt zuerst ein hoher altertümlicher Kamin aus roten Ziegeln auf, unter dessen Mantel sich zwei Steinbänke gegenüberstehen und dessen Giebel das ausgehauene Wappen des Tenoristen – eine kolossale Lyra mit quer darüberliegender Notenrolle – trägt. Der Totaleindruck ist überraschend, nur weht uns ein abscheulicher Luftzug an, der, wenn man noch den kalten Fliesboden und die mangelhafte Beleuchtung durch die ebenerdigen Kellerfenster hinzurechnet, uns um der Kinder Wohlergehen bange macht. Aber, mein Gott, die Nursery hat an diesen ungesunden Ort hin verlegt werden müssen, weil man die eigensinnigen Wärterinnen vom Lande nicht dazu bringen kann, ihre unreinlichen Stallgewohnheiten abzulegen, eine Thatsache, deren Berücksichtigung jedem unbedingt gerechtfertigt erscheint, der die großen auf den Steinplatten verdunstenden Milch- und sonstigen Pfützen sieht und den scharfen, aus allen möglichen Bestandteilen zusammengesetzten Geruch atmet, der uns gleich beim Eintreten im Halse reizt. – Der Kindersaal mit den dunklen Wänden ist so groß, daß ihn die Besucher anfangs für leer hielten, doch im Hintergrunde macht sich eine meckernde, wimmernde, unruhige Gruppe bemerklich. Dort sitzen auf Strohmatten, den Säugling im Arme, zwei Bäuerinnen mit harten, rohen, erdfahlen Gesichtern, zwei sogenannte Trockenammen, auf die der Name vortrefflich paßt, und vor jeder steht eine große Ziege und hält mit ausgespreizten Hinterfüßen ihre Zitze hin. Der Direktor scheint angenehm überrascht. »Sieh da! Das trifft sich ja ganz prächtig, meine Herren, dort nehmen zwei von unsern Kindern eben ein kleines Frühstück ein; schauen wir zu, wie sich Ammen und Säuglinge miteinander vertragen.« Was soll das? Der Mensch ist ja toll! denkt Jenkins voller Entsetzen, aber der Direktor ist im Gegenteil recht klug und hat das selber kunstvoll inszeniert; er hat nämlich zwei geduldige, sanftmütige Tiere und zwei Ausnahmskinder herausgesucht, zwei kleine Wüteriche, die um jeden Preis leben wollen und nach jedweder Nahrung den Schnabel aufreißen, wie junge Raben im Neste. »Treten Sie nur näher, meine Herren und überzeugen Sie sich.« Sie trinken, trinken wirklich, die kleinen Engel. Der eine hat sich unter den Bauch einer Ziege geduckt und hingeschmiegt und spricht ihr so wacker zu, daß man das Gluck-Gluck der warmen Milch bis in seine Beinchen hinuntergurgeln hört, die vor lauter Behagen an der Mahlzeit hin und her strampeln. Bei dem andern, ruhigeren, der träg daliegt, bedarf's einiger kleiner Aufmunterungen von seiner bäuerlichen Wärterin. »So trink, trink doch, du Racker! ...« Endlich, als wäre er plötzlich zu einem Entschlüsse gekommen, fängt er so eifrig zu saugen an, daß das Weib, von einem so außerordentlichen Appetit überrascht, sich zu ihm niederbeugt und dann in ein Gelächter ausbricht. »O, der Schelm, hat der's hinter den Ohren! An seinem Daumen lutscht er jetzt, anstatt an der Ziege.« »Ja, das hat er ausgeheckt, der Engel, um seine Ruhe zu haben. ...« Der Zwischenfall wirkt jedoch nicht nachteilig. Herrn von la Perrière belustigt vielmehr die Bauernschrulle, daß ihnen das Kind einen Possen habe spielen wollen. Er ist von der Nursery ganz entzückt. ... »Auf Ehre, ent–ent–entzückt,« wiederholt er mit wackelndem Kopfe, indem er zwischen hallenden, mit Hirschgeweihen dekorierten Wänden die große Treppe hinansteigt, die zum Schlafsaal führt. Dieses weite, sehr helle und luftige Gemach, das eine ganze Front des Hauses einnimmt und eine Menge Fenster hat, enthält in gehörigen Zwischenräumen lauter Wiegen mit weißen, wolkenduftigen Vorhängen. Ueber den breiten Durchgang in der Mitte schreiten Weiber, mit Stößen von Weißzeug auf den Armen oder mit Schüsseln in der Hand, ab und zu, Beschließerinnen und Wickelfrauen. Hier ist der erste Eindruck auf die Besucher ungünstiger, weil des Guten zu viel gethan wurde. Das viele schneeweiße Musselin, der gewichste Parkettboden, der das Licht reflektiert, und die blanken Scheiben, durch die der Himmel voll Trauer über diese Zustände hereinschaut, heben die ungesunde Magerkeit und Blässe dieser leichenfahlen Kleinen zu sichtlich hervor. Die Nettesten sind, ach! erst sechs Monate und die jüngsten kaum vierzehn Tage alt, und doch liegt schon auf all den Gesichtern, auf diesen Embryonen von Gesichtern, ein grämlicher Ausdruck, ein verzerrter, greisenhafter Zug, ein verfrühter Schmerz, der die kleinen, kahlen Stirnen so runzlig aus den Spitzenhäubchen mit ihrer ärmlichen Spitzengarnitur herausschauen laßt. ... Was fehlt ihnen? Was haben sie denn? Mein Gott! Alles, was Kinder des Elends und des Lasters mit auf die Welt bringen können – und überdies sterben sie Hungers. Trotzdem man ihnen Löffelvoll Milch und Zuckerwasser mit Gewalt eingießt, trotzdem man sie verstohlenerweise hin und wieder aus einer Saugflasche trinken läßt, schwinden sie vor Entkräftung hin. Diesen vor der Geburt schon erschöpften Wesen thäte eben die frischeste, stärkendste Nahrung not; vielleicht könnten die Ziegen sie ihnen bieten, aber sie haben es einmal verschworen, die Ziegen nicht anzurühren – und deshalb ist es im Schlafsaal so still und schaurig, darum keine ungeduldig geballten Fäustchen, keine jener kleinen, lauten Zornausbrüche, bei denen das Kind sein hellrotes, festes Zahnfleisch sehen läßt und die Kraft seiner Lunge prüft, höchstens ein leises Stöhnen wie von einem ängstlichen Seelchen, das sich in dem kranken, kleinen Körper wendet und wendet, ohne eine Stelle zu finden, wo seines Bleibens wäre. Jenkins und der Direktor, die den schlimmen Eindruck des Schlafsaales auf ihre Gäste wahrgenommen haben, suchen Leben in die Situation hineinzubringen, indem sie sich recht laut in einem gemütlich unbefangenen, selbstgefälligen Tone unterhalten. »Sagen Sie einmal, beste Frau Polge,« beginnt Jenkins, indem er der Aufseherin kräftig die Hand schüttelt, »läßt sich's gut an mit unsern kleinen Pfleglingen?« »Wie Sie sehen, Herr Doktor,« antwortet sie und deutet auf die kleinen Bettchen. Sie schaut unheimlich drein in ihrem grünseidenen Kleide, diese lange Frau Polge, die Perle der Kinderfrauen; durch sie kommt die Stimmung des Bildes erst recht zum Ausdruck. ... Aber wo ist denn der Herr Geheimsekretär hingeraten? Ach, da steht er vor einer der Wiegen, die er mit wackelndem Kopfe trübselig betrachtet. »Donner und Doria,« sagt der Direktor ganz leise zu Frau Polge, »er hat sich den Wallachen herausgesucht.« Der kleine blaue Zettel, der, wie's in Spitälern Brauch ist, über der Wiege hängt, gibt die Nationalität des Kindes an: »Aus Rumänien.« Ein verwünschter Zufall, daß der alte Herr gerade auf den aufmerksam geworden ist. Ach, wie kümmerlich liegt das seitwärts geneigte Köpfchen auf den Kissen da, mit schiefgerückter Haube, zusammengekniffenen Nasenflügeln, halbgeöffnetem Munde und kurzem, keuchendem Atem, dem Atem der Neugeborenen und auch der Sterbenden. »Ist er krank?« fragte der Herr Geheimsekretär voller Teilnahme den hinzutretenden Direktor. »Nicht die Spur,« gab der Unverschämte zur Antwort und, indem er sich über die Wiege beugt, liebkost er den Kleinen schäkerhaft mit dem Finger, rückt ihm das Kopfkissen zurecht und sagt mit kräftiger, vor lauter Zärtlichkeit etwas polternder Stimme: »Nanu, Alterchen!« Aus seiner Erstarrung wach gerüttelt und gleichsam auftauchend aus den Schatten, die es schon umwallen, schlägt das Kind die Augen auf, schaut die zu ihm hingeneigten Gesichter mit trübseliger Gleichgültigkeit an und versinkt dann wieder in einen Traum, der ihm besser gefällt als das Leben; die gerunzelten Händchen krampfen sich zusammen; noch ein unmerklich hingehauchter Seufzer und – der Rest ist Schweigen! Wer vermag zu sagen, wozu er auf die Welt gekommen, dieser kleine Mensch, der zwei Monate lang litt und dann heimging, ohne von der Welt etwas gesehen, etwas begriffen zu haben, und ohne daß man von ihm auch nur den Klang seiner Stimme gehört? – »Er ist so blaß,« murmelt Herr von la Perrière, der selber ganz bleich geworden ist. Auch der Nabob hat die Farbe gewechselt, als hätte ihn ein eisiger Hauch angeweht. »Das kommt vom Reflex,« fällt der Direktor mit möglichster Unbefangenheit ein, »wir sehen ja alle ganz grün aus.« »Jawohl, wirklich wahr,« sekundiert ihm Jenkins. »Der Reflex vom großen Weiher. ... Da sehen Sie nur, Herr Geheimsekretär ...« Und er zieht ihn mit sich ans Fenster, um ihm den großen Weiher mit den hineinhängenden Weiden zu zeigen, während Frau Polge die zurückgeschlagenen Gardinen des Kinderbettchens über den ewigen Traum des kleinen Rumänen hastig herunterläßt. Um diesen üblen Eindruck zu vermischen, muß nun die Besichtigung der Anstalt schleunigst fortgesetzt werden. Herr von la Perrière wird rasch in ein prachtvolles Waschhaus geführt mit Dampfheizung, Trockenöfen, Thermometern und ungeheuren Schränken aus gewichstem Nußbaumholz voll wohlsortierten, dutzendweise zusammengebundenen Häubchen und Jäckchen. Sowie das Weißzeug ausgebügelt ist, wird es von der Beschließerin gegen eine numerierte Marke der betreffenden Magd eingehändigt, die es an einem kleinen Schalter in Empfang nimmt. Es herrscht hier augenscheinlich eine musterhafte Ordnung und alles in diesem Raume, auch der frische Wäschegeruch, macht den Eindruck ländlicher Gesundheit. Er enthält Weißzeug für fünfhundert Kinder, so viel nämlich kann die bethlehemitische Stiftung aufnehmen und nach diesem Maßstabe ist auch alles eingerichtet worden: die ungeheure Apotheke mit den glänzenden Glasgefäßen und ihren lateinischen Aufschriften und den marmornen Mörsern in jedem Winkel; die Bäder mit den großen steinernen Reservoirs, den blanken Wannen, dem riesigen hunderröhrigen Douche-Apparat, gewöhnliche und aufsteigende Douchen, regen- oder strahlförmige, milde oder kräftige, und die Küchenräume mit den prächtigen, wie Orgelpfeifen abgestuften Kupferkesseln und den Sparherden mit Kohlen- und Gasheizung. Jenkins hatte eben etwas Mustergültiges herstellen wollen und es ist ihm das nicht schwer geworden, denn es stand ihm Kapital genug zur Verfügung, um im großen Stil zu arbeiten. Auch macht sich allenthalben das wachsame Auge, die eiserne Faust unsrer intelligenten Aufseherin geltend, welcher ein öffentliches Lob zu spenden der Direktor sich nicht versagen kann. Dieses Lob entfesselt einen Sturm gegenseitiger Anerkennung: Herr von la Perrière, von der Einrichtung der Anstalt höchlich erbaut, gratuliert dem Doktor zu seiner verdienstvollen Schöpfung, der Doktor macht seinem Freunde Pondevez auch sein Kompliment, und dieser bedankt sich wieder beim Herrn Geheimsekretär für die Ehre des Besuches. Der Nabob stimmt in diesen Chor von Glückwünschen mit ein und richtet an jeden ein paar verbindliche Worte, aber es nimmt ihn immerhin ein wenig wunder, daß ihm selber nicht auch etwas Schmeichelhaftes gesagt worden, da man doch einmal im Zuge war. Allein, ihm steht das Allerschmeichelhafteste bevor, das Dekret im Moniteur vom 16, März, das jetzt schon in Flammenschrift vor seinen Augen aufblitzt und ihn nach seinem Knopfloch hinzuschielen veranlaßt. Dieser Austausch von Artigkeiten findet auf dem Wege über den weiten Korridor statt, der von dem biedermännischen Tonfälle der Lobsprüche widerhallt. Da plötzlich werden die Besucher im Weitergehen und im Weiterreden durch einen Höllenlärm unterbrochen. Man hört ein rasendes Maunzen, ein Gebrüll und Geheul wie von Wilden am Marterpfahl, einen losgelassenen Orkan von Naturlauten, den das Echo der dröhnenden Wölbung noch verstärkt, verlängert, verzehnfacht. Es steigt und fällt, verstummt und hebt dann mit einer fabelhaften Einstimmigkeit wieder an, ... Der Herr Direktor wird unruhig, wirft einen fragenden Blick zu Jenkins hinüber, rollt die Augen voller Ingrimm und sagt schließlich, diesmal nicht ohne einige Befangenheit: »Nur weiter, meine Herren, ich weiß schon, was das ist.« Er weiß es freilich, aber Herr von la Perrière möchte es gleichfalls wissen, und ehe ihn Pondevez zurückhalten konnte, drückt er die schwere Thür auf, hinter welcher dieses schauderhafte Konzert hervortönt. In einem schmutzigen Loche, das bei der allgemeinen Säuberung leer ausging, weil man wahrlich nicht die Absicht hatte, es sehen zu lassen, liegen am Boden auf einer Reihe von Matratzen etwa zehn kleine Ungeheuer, unter der Obhut eines leeren Stuhles mit einem angefangenen Strumpfe darauf und einer kleinen Kanne mit abgebrochener Schnauze voll siedenden Glühweins, die auf einem qualmenden Holzfeuer steht. In diesen abgelegenen Winkel hat man die Aussätzigen, die Ausgestoßenen gesteckt und ihrer Wärterin dabei eingeschärft, sie einzuwiegen, zu beschwichtigen und sie um jeden Preis am Schreien zu verhindern: aber das einfältige, naseweise Bauernweib hat alles im Stich gelassen, um den schönen Wagen im Hofe drunten zu betrachten. Ueber ein kurzes sind nun die kleinen Schorfköpfe ihrer horizontalen Lage überdrüssig geworden und haben ein kräftiges Tutti angestimmt, denn sie, wunderbarerweise, sind wohlauf; ihr Uebel bewahrt und ernährt sie. Wie Maikäfer, die auf dem Rücken liegen, zappeln die einen, sich mit Händen und Füßen abarbeitend, während andre, die auf die Seite gefallen sind, sich vergeblich bemühen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, indem sie ihre eingewickelten steifen Beinchen in die Höhe strecken. Beim Aufgehen der Thüre stellen sie ihr Krabbeln und Rumoren unwillkürlich ein, aber das Bärtchen, das an Herrn von la Perrières Kinn hin und her wackelt, flößt ihnen Vertrauen und Mut ein; so geht denn der Spektakel wieder von neuem los und hätte beinahe des Direktors erläuternde Worte übertönt: »Abgesonderte Kinder – Hautausschläge – ansteckende Krankheiten.« Einer weiteren Auskunft bedarf's für Herrn von la Perrière nicht; weniger heroisch als Bonaparte bei seinem Besuche im Pestlazarett zu Jaffa, prallt er nach der Thür zurück und murmelt, da er in seiner ängstlichen Verwirrung nicht weiß, was er vorbringen soll, mit einem unbeschreiblichen Lächeln vor sich hin: »Ga–ganz aller– liebst, die Kleinen!« Nach der Besichtigung sitzen sie nun alle im ebenerdigen Salon bei einem kleinen Imbiß, den Frau Polge bereit gehalten hat. Der Keller der bethlehemitischen Stiftung ist in einem guten Zustande und die scharfe Luft der Hochebene, das viele Gehen und Treppensteigen haben den alten Herrn aus den Tuilerien mit einem Appetite gesegnet, wie er sich dessen schon lange nicht mehr erfreute. Er wird ganz gemütlich und idyllisch, plaudert und scherzt, und beim Aufbrechen erhebt er noch das Glas, um mit wackelndem Kopfe »ein Hoch auf Be–Bet–Bethlehem« auszubringen. Nachdem alle in erhöhter Stimmung mit ihm angestoßen, fahren die Besucher in der Karosse durch die lange Lindenallee davon, welche in dem rötlichen und kalten Lichte der strahlenlosen Sonne daliegt. Hinter ihnen versinkt der Park wieder in seine unheimliche Stille; schon lagern sich schwarze Schattenmassen in den Gehölzen, die sich nach und nach über das Haus, die Alleen und zuletzt die Rasenplätze ausbreiten. Bald laßt sich nur noch die ironische Inschrift über dem Gitterthore unterscheiden und dort drüben an einem Fenster des ersten Stockes ein rötlich flimmernder Fleck, die Flamme der Wachskerze bei der Leiche des kleinen Rumänen. »Auf Antrag Sr. Excellenz des Ministers des Innern ist durch kaiserliches Dekret vom 12. März 1865 Dr. Jenkins, dem Begründer und Vorstand der bethlehemitischen Stiftung, für seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Philanthropie das Ritterkreuz der Ehrenlegion verliehen worden.« Dem armen Nabob schwamm's vor den Augen, als er früh morgens, am 16. März, diese paar Zeilen im »Moniteur« fand. Also Jenkins und nicht er selber? War's denn auch wirklich möglich? Um sich zu versichern, daß es keine Sinnestäuschung gewesen, überlas er die Notiz noch zweimal. Es summte ihm in den Ohren und die Buchstaben tanzten vor ihm herum, alle doppelt und von roten Ringen umflossen, als hätte ihn das grelle Sonnenlicht geblendet. So bestimmt rechnete er auf sein rotes Band, und so zuversichtlich hatte noch gestern abend Jenkins zu ihm gesagt: »Wir sind im reinen«, daß ihm auch jetzt noch war, als müsse er sich geirrt haben. Aber nein, da stand es schwarz auf weiß: Dr. Jenkins. Es war ein schwerer, empfindlicher Schlag, bedeutungsvoll wie eine erste Warnung, und um so grausamer, als der, den er traf, schon seit Jahren verlernt hatte, einen Mißerfolg über sich ergehen zu lassen, weil er über dem Lose gemeiner Sterblicher zu thronen pflegte. Mit einem Male wurde des Nabobs besseres Ich mit dem Mißtrauen bekannt. »Nun,« sagte er zu Paul von Géry, der jetzt wie gewöhnlich ins Zimmer trat und ihn überraschte, wie er noch ganz erschüttert die Zeitung in der Hand hielt, »haben Sie's schon gelesen, ich stehe nicht in der offiziellen Liste.« Mit verschwollenen Zügen, wie ein Kind, das mit Thränen kämpft, bemühte er sich, zu lächeln, dann aber fügte er mit jener Aufrichtigkeit, die jeden so sehr für ihn einnahm, plötzlich hinzu: »Es stimmt mich recht herunter. ... Ich hatte gar so fest darauf gerechnet.« Bei diesen Worten ging die Thür auf und Jenkins, der atemlose, vor Aufregung stotternde Jenkins stürzte herein: »Es ist niederträchtig, geradezu himmelschreiend! ... Es kann nicht sein ... es darf nicht sein! ...« Und nun drängten sich die Worte in milder Unordnung auf seine Lippen, als wollten sie alle zu gleicher Zeit hervorströmen; er schien deshalb auch auf eine erschöpfende Darlegung seiner Gedanken zu verzichten und warf ein kleines Saffianfutteral und einen großen Brief, beide mit dem Stempel der Ordenskanzlei versehen, auf den Tisch: »Da nehmen Sie mein Kreuz und mein Diplom! Was meinem Freunde gehört, mag und darf ich nicht behalten.« Im Grunde war damit so viel als nichts gesagt, denn hätte sich Jansoulet mit Jenkins' rotem Bande schmücken wollen, so wäre er ganz einfach wegen unbefugten Tragens des Ordens bestraft worden; aber einem theatralischen Knalleffekt mutet man ja nicht zu, logisch zu sein. Genug, daß es zwischen den beiden zu einem edlen Wettstreit kam, welcher damit endete, daß Jenkins die Gegenstände wieder zu sich steckte, unter dem Vorbehalt, Protest zu erheben, ... sich an die Presse zu wenden! ... Der Nabob mußte ihn sogar noch beschwichtigen: »Nur keinen Lärm schlagen, Sie Unglücksmensch! ... Sie würden ja alles verderben für ein andermal.... Wer weiß, ob nicht nächstens, am 15. August? ...« »O, was das betrifft,« rief Jenkins, ihm den Gedanken vom Munde wegschnappend und dabei den Arm ausstreckend wie die schwörenden Horatier auf dem Bilde von David – »mit meiner Ehre stehe ich dafür ein.« Damit ließ man die Sache beruhen. Beim Frühstück sprach der Nabob von andern Dingen und war bei Laune, wie immer; dieser gute Humor verleugnete sich auch den ganzen Tag über nicht. – Für Paul von Géry war dieser Auftritt eine Offenbarung gewesen, jetzt kannte er den wahren Jenkins und hatte den Schlüssel zu Felicias ironischen Ausfällen und verhaltenem Zorn dem Doktor gegenüber. Er ging nun, allerdings erfolglos, mit sich zu Rate, wie er den ihm teuer gewordenen Gönner über so viel Heuchelei wohl aufklären könne. Und doch hätte er wissen sollen, daß der Südländer, trotz aller Ueberschwenglichkeit, in seiner Verblendung und Verranntheit nie weit genug geht, um den warnenden Einflüssen der Ueberlegung ganz unzugänglich zu werden. – Im Laufe des Abends schlug der Nabob ein elendes kleines Notizbuch mit abgewetzten Ecken auf, worin er seit zehn Jahren über seine Millionen Buch führte, indem er mit einer Hieroglyphenschrift, die jedem andern als ihm selbst unverständlich war, seine Einnahmen und Ausgaben eintrug. Nachdem er sich eine Zeitlang in die Zahlen vertieft hatte, blickte er plötzlich wieder auf: »Lieber Paul,« sagte er, »Sie wissen wohl nicht, was ich thue?« »Allerdings nicht.« »Ich berechne eben« – und der seiner Rasse eigne schalkhafte Blick bespöttelte die Gutmütigkeit seines Lächelns – »ich berechne eben, daß ich viermalhundertdreißigtausend Franken geopfert habe, um Jenkins das Ehrenkreuz zu verschaffen.« Viermalhundertdreißigtausend Franken! – Doch, das war noch nicht alles. ... Ende des ersten Bandes.